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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Die dreizehn Bücher der deutschen Seele - -Author: Wilhelm Schäfer - -Release Date: January 1, 2017 [EBook #53856] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE DREIZEHN BÜCHER *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des Buches. - - - - - Wilhelm Schäfer - - Die dreizehn Bücher der deutschen Seele - - [Illustration] - - - - - Ein Verzeichnis der Werke - von - Wilhelm Schäfer - findet sich am Schluß - dieses Bandes - - - - - Die dreizehn Bücher - der deutschen Seele - - von - - Wilhelm Schäfer - - - Albert Langen / Georg Müller München - - - - - 131. bis 140. Tausend - Copyright 1922 by Georg Müller Verlag Aktiengesellschaft, München - Printed in Germany - - - - -Eingang - - -Deutscher, der du die Geschichte deiner Herkunft hören willst, bemerke -zuvor, wie alles Geschichtete entseelt ist, Stein und Staub für die -suchenden Sinne. - -Ob du den Berg der Geschehnisse anschneiden könntest bis auf die Sohle, -daß du die Zeitalter im Querschnitt ihrer qualvollen Verschiebungen -geschichtet sähest, du würdest keine Heimat für deine Seele finden, -weil die Schlacke des Gewesenen nur oben die dünne Ackerkrume deiner -Gegenwart trägt. - -Dies aber bedenke danach als das Wunder der Seele, wie alles in ihre -Brunnentiefe versank, was je deine Gegenwart war; und nichts ging -verloren, ob du es zehnmal vergaßest, weil dein Bewußtsein nur die -blinkende Oberfläche ist, die Schaubilder der Welt zu spiegeln, aber -die kreißenden Ströme des Lebens sind in der Tiefe. - -Die kreißenden Ströme sind in der Tiefe, wo dein Lebensraum ist, darin -alles versank, was deine Vergangenheit war, und alles vorbestimmt ist, -was deine Zukunft sein wird. - -Wohl können dir von deiner Jugend berichten, die damals um dich -waren; sie sahen den Säugling, wie er sich satt trank an der Mutter -und mählich stark wurde zu den ersten Schritten: abgesondert aber und -unerreichbar ihren Blicken saß deine Seele im Brunnen ihrer Herkunft, -darin dein Dasein zu allen Stunden dem ewigen Leben verbunden blieb. - -Ob der Lichtschein deiner Erinnerungen immer blasser ins Dunkel seiner -Tiefe tastet, wo selbst die Ahnungen sich zuletzt bescheiden müssen, du -hast keine andere Beglaubigung als den Brunnquell deiner Seele: was dir -widerfahren mag, das fühlst du sicher, wird hier allein und nicht im -Tageslicht der andern gewogen. - -Nicht anders dir als deinem Volk, in dessen blinkender Oberfläche du -für einen Augenblick bist, wieder in seinen Lebensraum zu versinken: -nur in seiner, nur in deiner Seele kann es die ewigen Wasser steigen -und versinken sehen; alle andere Gegenwart ist ihm fremd, alle andere -Vergangenheit muß ihm tote Geschichte für die Messung der Wissenschaft -bleiben! - - - - -Das Schuldbuch der Götter - - -Er - -Im Anfang war Er, der himmlische Gott; die Erde grünte in Seiner Sonne. - -Im ewigen Gleichmaß kam Er zu schauen die Schönheit Seiner Geliebten, -die im blinkenden Glanz der Gewässer, im stummen Stand der reifenden -Halme, in den Untiefen schwellender Kelche die Seligkeit Seiner -lustwandelnden Liebe genoß. - -Wenn Sein Himmel die Erde umspannte mit Bläue, wenn Sein Auge den -Himmel durchsonnte mit Licht, das Meer und die Berge beschüttend mit -wärmendem Feuer, wenn der Mittag stand über der Welt, daß sie den Atem -anhielt, erschauernd in Fülle: dann war Seine Stunde. - -Stark und selig im Gang Seiner steigenden Bahn ließ Er den Morgen -erröten, Er trank den Tau aus dem Gras, daß Blätter und Halme -kristallisch funkelten, ihrem Glück Seinen Boden zu bauen. - -Wonnig und warm ließ Er den Abend abschwellen zum Segen der Nacht; Sein -Geleucht blieb zurück in der Lohe und wartete still im Glanz Seiner -Gestirne! - -Und wie den Tag hielt Er das Jahr in unverrückbarer Schwebe: Er ließ -die Sehnsucht der Erde blühen im Schaum des Frühlings, Er begoß -ihre Träume mit zärtlichem Regen, Er ließ ihre Brüste schwellen in -himmlischer Nahrung und ihren Leib schwer werden im Segen der Frucht. - -Er war Gott, und die Welt war im Gang Seiner Tage geordnet, Mond und -Sterne standen in Seinem Gedächtnis, über allem Tun thronte Sein ewiger -Wille, über allem Sein lag der Blick Seiner Sonne. - - -Die Götter - -Aber Himmel und Erde kamen ins Wanken; Wolken stiegen vom Abgrund, das -zärtliche Auge verhüllend; die Wasser begannen zu strömen, und alle -Sonne versank. - -Stärker als Er schien die entfesselte Kraft und höher als Liebe der -Aufruhr: Ymir, das rauschende Naß, erfüllte die Welt; Seine Söhne, die -Reifriesen, herrschten über dem Abgrund. - -Aber aus Urgebrausdunkel kamen die Mächte: Urluft, Urwasser, Urfeuer; -sie hoben das Erdenrund wieder und schieden Midgard vom Meer. - -Noch irrten die Sonne, der Mond und die Sterne planlos umher, sie -setzten sie ein in die ewigen Bahnen: dann schien die Sonne auf Midgard -und ließ wachsen das erste Grün. - -Als sie gingen am Strand, fanden sie Bäume dastehen und weckten -Menschen daraus: Urluft gab die suchende Seele, Urwasser die wachsamen -Sinne, Urfeuer den flackernden Geist. - -Sie hießen nun Götter: Wodan, Hoenir und Loki genannt von den Menschen; -sie legten der Welt den Richterspruch auf ihres neuen Gesetzes und -fingen das goldene Zeitalter an ihrer heiteren Spiele. - -Sie kannten nicht Schuld und Schicksal; aber die Urgebraustöchter kamen -aus Ymirs Geschlecht, die weitaus gewaltigsten Weiber: Urd war die -älteste Schwester genannt, der Herkunft heilige Norne; Verdandi die -zweite, des Werdenden Mahnung; die dritte der Zukunft drohende Schuld. - -Sie schnitten die Runen, warfen die Lose und sagten im Werden, Sein und -Vergehen das Schicksal voraus; sie saßen am Brunnen des Lebens, die -Wurzeln zu gießen am Welteschenbaum, daran das Sein der Götter nur ein -Ast war im ewigen Leben der Welt. - - -Der Kampf mit den Vanen - -Aber Er war nicht tot; aus unendlichen Fernen blinkte Sein Gold und -entzückte die Gier der Götter nach Seinem gleißenden Glanz; sie schufen -den lichtscheuen Schwarm der albischen Geister und Zwerge, das Gold zu -erlisten für ihre Burg, die sie bauten ins Asgard. - -Die aus dem Urdunkel kamen und aus dem Kampf mit den Riesengewalten, -die hoch gestiegenen Götter sagten der himmlischen Herkunft Urfehde an. - -Da wurde die Walstatt laut vom Kampf der alt- und neuen Gewalten; Vanen -hießen die Kämpfer des Himmlischen da, und Asen die Urdunkelsöhne: -die Erde barst und der Abgrund erbebte, als Vanen und Asen um die -Herrschaft rangen der neugewordenen Welt. - -Aber der brausende Sturmwind entwand der leuchtenden Fülle das Schwert, -und müde schwand in die himmlische Ferne der Gott, Wodan, der wehenden -Unrast die Welt überlassend. - -Nun kam Er nicht mehr, zu schauen die Schönheit Seiner Geliebten; -abgelöst von der ewigen Fülle ging sie ein in die Schuld und das -Schicksal der asischen Götter, denen Wodan Allvater war. - -Freya und Fro, die lieblichen Kinder der Vanen, wurden den Asen -vergeiselt; die im ewigen Licht spielten, spürten den Wind und die -Wolken um Asgard, und die Schicksalsansagung der Nornen. - - -Wodan - -Die Asen sandten Hoenir als Geisel und gaben ihm Mimir zur Seite, den -Weisen aus Urwassertiefe, daß er ihn heimlich beriete; Hoenir aber war -blöde, darum erschlugen die Vanen den Mimir und sandten sein Haupt den -Asen zurück. - -Wodan sprach seinen Zauber über dem Haupt, daß es nicht wese, und -hütete seiner im Brunnen an Ygdrasils Wurzeln, des Welteschenbaums. - -Täglich ging er hinunter zum Wasser, die Weisheit Mimirs zu wecken, und -setzte dem klagenden Haupt sein Auge zum Pfand: so saß er einäugig da -im Rat der asischen Götter, der ihr Notsorger und Wahrsager war. - -Scharf spähte sein Auge trotzdem wie keins in Walhal, und höhere -Weisheit ward ihm als einem der Götter; auf seinen Schultern saßen -die Raben Gedank und Gedenk, ihm täglich Kunde zu bringen von allem -Ereignis der Welt. - -Auch hieß er der Wanderer, weil er im Wind unterwegs war; wo die Räder -der Wolkenlast rollten, wo die Bäume sich bogen im Sturm und die Wellen -schäumten wie Rosse, war Wodan im flatternden Mantel. - -Denn nicht mehr im ewigen Gleichmaß die Tage zu füllen, war der -Götter und Wodans Geschick; im elementarischen Aufruhr zur Herrschaft -gekommen, in Schuld und Schicksal den Vanen verschworen, von der Rache -der Riesen bedroht, im Bangen um Ygdrasil, dem von drei Ästen schon -einer verdorrt war: hielt Unrast ihr Dasein, und Wodans Allvaterteil -war die Sorge. - -Heller war es um ihn, wenn er ausritt zum Kampf auf Schleifner, dem -achtfüßigen Schimmel; dann war der Allvater wieder der Riesenbezwinger, -dann sauste der Speer durch die Wolken, dann wankten die Berge und -sprangen die Fluten, dann war die göttliche Lust in ihm wach, sich -selber noch einmal zu wagen, statt grübelnd um kommende Tage sein -Schicksal zu schauen. - -Darum liebte Wodan die kampfkühnen Krieger mehr als die langlebigen -Greise; die walkürischen Jungfrauen holten sie heim aus der blutigen -Schlacht, Walküren auf windschnellen Rossen. - -Fünfhundertundvierzig Türen hatte Walhal, und der Weg ging hinein durch -den Hain der goldenen Blätter; da hielt allabends Wodan das Mahl, die -walkürischen Jungfrauen kredenzten den Wein nach fröhlichem Speerwurf. - -Denn nicht Ruhe war dort, wie auf Erden die Ruhe nicht wohnte; der -Hahnenruf rief die Helden zur Schlacht, und die Sonne lief ihre -leuchtende Spur über den krachenden Speeren: ewiges Leben war ewiger -Kampf, und ewiger Kampf war das Heil für den Mann, den Wodan heimholte. - -Ewiges Heil und ewige Pflicht; denn einmal stieg der Tag über Walhal, -da der Nornenspruch sich erfüllte, da Unheil zum andernmal Midgard -bedrohte, Midgard und Asgard mit all seinem Glanz und all dem -selbstherrlichen Glanz der starken Urdunkelsöhne. - - -Frigga - -Die aber Seine Geliebte war, die ewige Mutter des Lebens, sie war die -Gattin Wodans geworden und die spinnende Hausfrau in Asgard. - -Sie saß am Wocken und spann dem Dasein das wärmende Kleid; sie trug die -Schlüssel am Gürtel und teilte mit Wodan den goldenen Hochsitz, wenn er -als sorgender Hausvater Umschau hielt über den Kreis seiner Gewalt. - -Darum war ihr die Spindel geweiht, und am Himmel stand ihr Wocken den -Menschen als köstliches Sternbild, daß Ordnung und Fleiß im Reich der -Götter die segnende Hausmutter hätten. - -Auch kam sie gern auf die Erde zurück, hielt in Bergen, Brunnen und -Waldgewässern heimliche Wohnung, die Keime des irdischen Lebens zu -pflegen, und hatte den Kinderbrunnen in Hut als ihr liebstes Geheimnis. - -In den zwölf Nächten aber des innersten Winters, wenn Wodan seine -Sturmfahrten tat, über Berge und Bäume, über Dächer und Dumpfheit der -Menschenwelt hin, fuhr Frigga mit ihm als brünstige Windsbraut. - -Und hatte die Holden mit sich, die Seelen der Toten, die aus dem Dunkel -der Tiefe aufstiegen und hinter ihr her als wütende Jagd die zwölf -Nächte durchstürmten. - -Denn Urmutter war sie der Tiefe, daraus alles Leben kam im Geheimnis -seiner Geburt und dahinein alles wieder versank im Geheimnis des Todes: -aus dem Dunkel zu flattern für eine flüchtige Stunde und wieder zu -warten im Schoß der ewigen Zeugung. - - -Freya und Fro - -Freya und Fro hießen die friedlichen Kinder der Vanen, Heilzeugen -himmlischer Herkunft, vergeiselt den schuldvollen Asen: ihr Teil war -die fruchtbare Fülle der Felder im hellichten Segen der Sonne. - -Auf einem Eber ritt er durchs Korn, Fro, der freudige Jüngling; -es dunkelte nicht um sein goldborstiges Tier, so hell lag um die -glückhaften Läufe das Licht seiner frohen Erscheinung. - -Nicht Waffengeklirr war um ihn und nicht der Kampfruf der Krieger: der -Karst war geweiht und die Kelter gesegnet, wo seine Sonnenglanzfährte -die Erde bestrich. - -Glück war die Gabe, und fröhliche Feier die Gunst seiner göttlichen -Einkehr, wenn er aus Alfheim niederkam zu den Menschen, wenn ihn Gesang -der harrenden Herzen empfing, auf blumenbestreuten Wegen, mit Kränzen -und dankreichem Opfer. - -Huldreicher aber als Fro war Freya die Schwester, holder als alle -Erscheinung; ihre Gunst hob Göttern und Menschen das Herz in die Sonne. - -Keinem der Asen hielt sie als Gattin die Kammern in Zucht, keine -dienende Pflicht zwang die rosigen Finger an Kunkel und Kumme: -strahlengekrönt von der Sonne ging ihre Schönheit auf in den Tag, ruhte -am Mittag im Glück ihrer selbst und sank mit der Pracht ihrer Glieder -hin in den glühenden Abend. - -Dann hielten sich Himmel und Erde verzückt in den Armen, und die Wolken -glühten vom Schaum ihrer rosigen Brust, daran der Schmuck Brisingamen -hing, das köstlichste Kleinod der Welt. - -Das gläubige Glück der Morgenröte galt ihr und die rauschgoldene Glut -des Abends: Mond und Sterne tranken das Licht ihrer Liebe und trugen es -glückselig hin durch das schwarze Geheimnis der Nacht. - -So hielten die Vanengeschwister den Glanz uralten Glücks in den Gärten -der Götter; sie waren den Asen vergeiselt im schuldvollen Kampf um das -Gold und blieben dem Himmelsgott eigen im Licht ihrer schuldlosen Tage. - - -Donar - -Donar hießen sie Wodans rothaarigen Sohn, den stärksten der Götter -im Kampf mit den Riesen, Zermalmer den furchtbaren Hammer, damit er -die Berge zerbarst und im Wetterstrahl seines Zorns die Elemente -durchzuckte. - -Zwei Böcke zogen den rollenden Wagen, darin er hochgereckt stand mit -feurig lohendem Bart und mit blitzfunkelnden Augen, zwei Böcke mit -zackigen Sprüngen. - -Und wenn er sprach in den feurigen Bart, im Ungestüm seines Zorns, wenn -er den Hammer warf, daß er krachend einschlug mit weißglühenden Funken: -dann hielt ihm keiner der Götter stand, und furchtsam verkroch sich die -Kreatur, bis sein Bocksgespann donnerrollend verscholl. - -Auch die Reifriesen spürten den Hammer, wenn er die Winterfahrt machte -in ihr eisiges Reich; dann hielt er den zuckenden Kraftgürtel um die -Lenden geschürzt, aber so fern seine tollkühne Fahrt in die kalte -Dunkelheit führte, der Frühling brachte ihn wieder nach Asgard, den -Göttern zur Lust, die längst in Ungeduld harrten. - -Fünfhundert Zimmer und viermal zehn waren in Blitzeblinks Bau, wo er -die Sommerrast hielt seiner sausenden Fahrt; da saß er zuhöchst in der -Halle, und der Blitz seiner zornigen Augen zuckte hin über Asgard, daß -die Reifriesen ihm seinen Einbruch nicht trotzig vergalten. - -Und hielt mit eisernem Handschuh den Hammer, daß kein Verrat das -Vorrecht der Asen gefährde: wie Er, der Himmelsgott, tat im Gleichmaß -ewiger Schönheit, hielt Donar das Recht über dem Abgrund in der Kraft -seiner Faust und in der Furcht seiner Strafe. - - -Loki - -Lieb und willkommen war Loki, als Wodan dem Wandergesellen der Frühe -die Blutspur beschwor; fremd ging der lüsterne Spötter in Asgard, und -die Asen trauten ihm wenig, der ihrer Zwietracht listig die Zankäpfel -brachte. - -Sie mochten sein meidiges Dasein nicht missen, holten sich Rede und -Rat in vieler Gefährnis; aber sein züngelndes Wort spielte frech mit -dem Feuer, keinen der Stolzen in Asgard verschonend; er hielt mit dem -Riesengeschlecht, wenn es ihm paßte, und verhöhnte die Asengewalt. - -Als ob er der Nornen Nothelfer wäre, klüglich verkleidet als -Schalksnarr, und heimlicher Schildhalter verdrängter Vanengewalt: so -hielt er das Glück der Götter in Atem und hing ihrem sorgenden Zweifel -das göttliche Schellenspiel an. - -Der Dämon der Ränke und ruchlosen Rede aber schwoll auf und wurde -dreifach Gestalt im Mißwachs der feindlichen Brut: - -Hel hieß die finstere Fürstin der Toten, die bei den kalten Strömen -der Unterwelt hausend das Ende der Taten empfing; da hielten sie alle -den schweigsamen Einzug, die abgeschieden vom leiblichen Dasein ins -Schattenreich kamen, Menschen wie Götter, im Schicksal der letzten -Erfüllung. - -In den Tiefen des Meeres, rund um den Teller der Erde geringelt, -schwoll ihrer Schwester der schelfernde Riesenleib auf, der gewaltigen -Midgardschlange: Urfeindin dem asischen Göttergeschlecht, und allen -Glanz Asgards unentrinnbar umschließend. - -Stärker als Geri und Flecki, die wachsamen Wölfe Wodans, war Fenris, -der dritte der fahlen Geschwister; noch lag er gefesselt, ein Schwert -stak ihm quer in dem feurigen Rachen. - -Aber einmal riß er sich los, dann half Wodan die Weisheit Mimirs nicht -mehr, noch Donars zorniger Hammer; dann sank Asgard hin mit dem Übermut -seiner Götter. - - -Baldur - -Näher als alle asischen Götter stand Baldur den Kindern der Vanen: -der blühende Frühling war sein und das steigende Licht, wie Fro die -schwellende Reife und ruhende Schwebe des Sommers gehörte. - -So licht war sein Wesen, so lieblich die Wohlgestalt, daß alle Götter -ihn liebten und gern seiner Sonnenlust Zuschauer waren, wenn er im -Blütenkleid spielte. - -Aber dunkle Träume betrübten den Hellen, und traurig ritt Wodan -hinunter zum Brunnen, Kunde zu holen, daß Baldur, dem trautesten Sohn, -früh zu sterben im Schicksal der Nornen bestimmt sei. - -Frigga, die bangende Mutter, nahm allen den Schwur ab, tot- und -lebendigen Dingen, den Tieren und Bäumen, Feuer, Wasser und Stein: daß -keines Baldur ein Leid antäte, und alle schwuren den Eid aus Liebe mit -Eifer. - -Als danach die Götter kurzweilten in Asgard, stand Baldur mitten im -Kreis; alle warfen, stachen und schossen nach ihm: aber nichts konnte -ihm Leides antun, der lächelnd abwehrte, als Sieger im Scherzspiel der -Götter. - -Den leidigen Loki verdroß der lockige Lächler; listig verkleidet als -Weib entlockte er Frigga das bange Geheimnis, daß der Mistelstrauch -allein nicht in Baldurs Liebesbann sei. - -Da gab er dem blinden Hödur den Zweig der Mistel zur Hand, den Bruder -zu werfen im Scherzspiel; der Zweig traf hart, er durchbohrte den -lockigen Lächler und warf die lichte Gestalt hinunter in Nebelheims -Nacht. - -Als Baldur lag im Kreis der erschrockenen Götter, durch Lokis Arglist -gefällt, da wußte nicht einer zu klagen; stumm standen sie da und -erstarrt, die starken Asen in Asgard, daß nun das Sterben begänne, daß -ihrem Dasein für immer das Frühlingsglück fehle, für immer das heitere -Spiel. - -Auf seinem Schiff legten sie Baldur die Scheite; alle Götter wohnten -dem Leichenbrand bei, den Donar mit seinem Hammer entzückte; seine -lohende Glut sank in die flutende Ferne, als er nordwärts fuhr und -langsam den Blicken entschwand. - -Seitdem brennen die Feuer am Sonnenwendtag, von den Bergen lodernd bis -Mitternacht; Baldur, das steigende Licht und der schwellende Frühling, -fährt hinunter zur Hel; die Scheite werden entzündet, dem Toten den -Abschied zu leuchten. - - -Baldurs Beweinung - -Indessen das Schiff mit dem Leichenbrand Baldurs nordwärts nach -Nebelheim fuhr, ritt Hermut hinunter zur Hel, der schnelle Sohn Wodans, -den Bruder zu lösen und wiederzubringen nach Asgard. - -Neun Nächte lang ritt er durch traurige Täler bis an den Strom und die -Brücke aus glitzerndem Gold, wo die rauhe Riesenmaid wachte, daß keiner -aus Nebelheim wieder nach Midgard entkäme. - -Und als er eindrang in das Reich der kalten Urströme, sah er Baldur den -Bruder sitzen, zuhöchst in der Halle, vom Golde der Tiefe umglitzert, -im Reich der Hel noch immer der herrliche Mann. - -Gruß und Gedächtnis gab er dem Bruder und harrte am Morgen der -finsteren Fürstin, daß sie ihn ließe, den Fürsten des Frühlings, in -seinen Saal Weitglanz zurück. - -Und so bat der göttliche Bote im Weh der klagenden Welt, daß er die -Finstere rührte: wenn alles Wesen weine um Baldur, was tot und lebendig -wäre, und keines die Träne versage, solle der Fürst wiederkehren nach -Weitglanz, den Frühling zu bringen. - -Fröhlich der freundlichen Kunde sandte Wodan Botschaft in alle Weiten -der Welt, um Baldur zu weinen, daß ihm aus Tränen die Wiederkehr würde, -aus Tränen der Trauer die Gunst der Gewährung. - -Da weinten die Götter und weinten die Riesen, die Menschen und alles -Getier, da weinten die Bäume mit tropfenden Blättern und die Blumen mit -silbernem Tau, da weinte die Erde tief in den Brunnen, das blinkende -Erz und die zackigen Felsen im Schnee: Baldur zu lösen, den Fürsten des -Frühlings. - -Schon ritten die Boten mit fröhlicher Kunde hinunter zur Hel, als -sie das Riesenweib fanden, hockend in greulicher Höhle: Wo hatte ich -Nutzen von ihm, dem weißnackigen Neuling der Asen? Behalte darum Hel, -was sie hat! - -Da weinten zum andernmal Götter und Menschen, die Bäume und Blumen, die -Brunnen und Steine der Erde; daß die Wiederkehr Baldurs verwirkt war; -das Glück der Gewährung starb in den Tränen der Trauer. - -Wodan aber, der Allwisser, wußte, daß Loki das Riesenweib war, Loki der -Allesbeschließer, und daß nun dem asischen Dasein die Dämmerung kam: -aus dem Groll der Götter scholl der Schuldruf der Rache. - - -Die Rache - -Loki der Leugner entging den grollenden Göttern mit List: in einem -Wasserfall saß er in Lachsgestalt und spottete ihrer Verfolgung. - -Aber Wodan von seinem Hochsitz erspähte den Falschen; eilig kamen die -Götter und flochten das Netz, den Fisch in den Maschen zu fangen. - -Als er sich aufschnellte über dem Wasser, den Schnüren noch zu -entgehen, ergriff ihn Donar mit grimmiger Hand und hielt den -Entgleitenden fest am schuppigen Schwanz. - -Da mußte der Leugner sein Dasein bekennen; in eine Höhle brachten sie -ihn, fesselten ihm Schultern, Lenden und Knie hart ans Gestein, wie sie -den Fenriswolf banden, den Bruder der Hel und der Midgardschlange, sein -böses Gezücht. - -Sie hängten den Giftwurm auf ihm zu Häupten, daß der ätzende Saft, ins -Angesicht träufelnd, ewige Qual dem Spötter bereite: aber Sigune hielt -ihrem Gatten die Treue; mit einer Schale stand sie dem Steinlager bei, -die Tropfen zu fangen; nur, wenn sie eilte, die volle Schale zu leeren, -traf Loki das sengende Gift. - -Dann bebte die Erde, so qualvoll zuckten die Glieder und bäumten sich -auf in der Fessel; rüttelnd durch alles Gestein ging der Grimm des -gemarterten Leibes, und alle Kreatur fiel in Furcht, daß einmal die -Fessel zerspränge. - -So war die Herrschaft der Götter im elementarischen Haß ihrer Herkunft -zerfallen; noch hielten Wodans wachsame Waltung und Donars drohender -Hammer die asische Walstatt: der Femspruch der Nornen stand nahe vor -seiner Erfüllung. - - -Götterdämmerung - -Drei Winter werden der Welt nicht zum Frühling, die Sonne verliert -ihre Kraft; kalt wehen die Winde von Nebelheim her, in die Blüte fällt -Schnee und Hagel über den Mißwachs: auf den kahlen Feldern der Erde -ist Krieg; Krankheit, Hunger und Furcht fressen die Menschenwelt leer. - -Da kommt die Wolfsbrut der Riesen ans Ziel; den Mond und die Sonne -fallen sie an mit gierigen Zähnen, daß der selige Saal bespritzt wird -mit Blut. - -Die Sterne sinken vom Himmel, die Erde erbebt in der schwarzen Nacht, -daß die Berge umfallen und das Meer einbricht ins stöhnende Land: da -wird von den Fesseln Loki befreit; hohnlachend ruft er die Brut, den -Göttern zur Rache. - -Hel, die finstere Fürstin der Tiefe, rüstet das Schiff Nagelfahr, aus -den Nägeln der Toten gefügt und mit dem Neid der glücklos Entseelten -befrachtet. - -Der Fenriswolf reißt sich los, rotglühend den weltweiten Rachen und die -Augen düster im Brand; über die Lefzen fließt ihm das triefende Feuer, -aus den Nüstern fahren ihm Flammen. - -Wutentfacht wälzt die Midgardschlange sich her in unbändiger Wildheit; -aufschäumt das Meer und begräbt die Erde in seinen rauschenden Abgrund: -als sie das Gift ihrer Gründe ausspeit, entzünden sich Wasser und Luft, -nach Asgard hinauf spritzt die kochende Glut. - -Der Himmel birst, und Muspilheims Söhne aus Süden kommen im Feuer -gefahren, Surtur vorauf, das Schwert in der Hand, weißglühend wie nie -eine Sonne. - -Da bricht unter den Füßen der feurigen Riesen die Fährte des Himmels, -die Brücke der seligen Farben schmilzt hin in der Lohe; nur noch die -Burgen auf Asgard halten ihr stand. - -Durch Heimdalls warnenden Hornruf geweckt sind die Götter sorgend -versammelt; Wodan reitet hinunter zum Brunnen, Mimirs Weisheit zu -wecken, aber das Haupt bleibt ihm stumm; die Weltesche Ygdrasil wankt -in den Wurzeln. - -Grimmig ziehen sie aus in den Kampf, den letzten der gramvollen -Götter, Wodan und Donar voraus mit dem tödlichen Speer und dem -alles zermalmenden Hammer, hinter den Zürnenden her der Einherier -unübersehbare Scharen. - -Wohl schwingt der greise Allvater den Speer, aber das glühende -Wolfsmaul verschlingt ihn samt seiner Waffe; rächend stößt Widar, -der Sohn, seinen Stahl durch den gähnenden Rachen dem Untier ins -schwarzblutige Herz. - -Der Midgardschlange zerschmettert Donars Zermalmer das Haupt, aber hoch -spritzt der glühende Geifer des sterbenden Tiers, sengt und verbrennt -den stärksten der Asen. - -Heimdall, den warnenden Wächter, trifft Lokis listige Waffe; der Treue -fällt noch im Sterben den leidigen Leugner der Götter; indessen Surturs -weißglühendes Schwert Fro, den freudigen Jüngling, heimholt ins Feuer. - -Dann steht er allein auf der Walstatt der Götter, Surtur der Sieger aus -Süden, und zückt mit der zischenden Glut seines Schwertes den Brand aus -der Wohnung der Vanenbezwinger. - -Bis an die höchsten Ränder der Welt züngeln Muspils gierige Flammen; -die aus Urgebraus kam, aus dem rauschenden Naß durch die Scheidung der -elementaren Mächte: die Welt der schuldvollen Götter brennt hin in der -letzten Entscheidung. - - -Wiederkunft - -Einmal wird die Lohe verlöschen; aus dem gestillten Meer hebt die Erde -von neuem ihr Antlitz gegen den Himmel. - -Die Flut wird kühl und verrinnt; im grünen Kleid wie zuvor prangen die -Täler und Berge; auch blühen die Blumen im Gras. - -Denn die Sonne steht wieder im Blau; ungesät wachsen Halme und Ähren; -im Holz des Welteschenbaums haben sich Leben und Leblust gerettet, die -Ahnen künftiger Menschheit. - -Baldur ist heimgekehrt aus dem Verhängnis der Hel, und Hoenir kam -wieder, die Geisel der asischen Götter: Vanen- und Asenkinder vereint -spielen im Gras mit den goldenen Tafeln, wie vormals die Väter. - -Schuld und Schicksal beschatten nicht mehr die ruhelos drängenden Tage; -nach ewigem Gleichmaß schreiten die Stunden im Glanz der neuen Gestirne. - -Der im Anfang war und ewig sein wird, der Starke, kam wieder von oben: -in unverrückbarer Schwebe hält Er dem Dasein das Recht über dem ewigen -Abgrund. - - - - -Das Buch der Könige - - -Die blonden Räuber der Frühe - -Rund um das Mittelmeer lagen die uralten Gärten; den Reifriesen fern -und nicht zu nah den glühenden Mächten, brachten sie Blüte und Frucht -in lässiger Fülle. - -Korn und Früchte, Honig und Wein wuchsen den Händen mühelos zu, das -Vieh ging wohl auf der Weide, die Fischer holten singend den reichen -Fang. - -Wie der Wind ging, trieb er die Schiffer an günstigen Strand; vom -Morgen- zum Abendland säumte die Brandung blühende Küsten; heiter und -hoch am zärtlichen Himmel hielten Rosenwolken die trübe Nebellast fern; -die stahlblaue Flut sah selten gefährliche Stürme. - -Bräunliche Kinder der Sonne fühlten sich üppigen Göttern in günstiger -Nähe, ernteten singend den Segen und hielten sie gnädig gestimmt durch -reiche Gaben. - -Da kamen von Norden schwertfahrende Völker; Weiber, Kinder und Vieh -im Troß ihrer reisigen Habe, wandernde Städte, allabends gerüstet mit -Wällen und Ketten um ihre Wagenburg. - -Wegkundige Späher fanden die Tore im Rand der Gebirge, berittene -Scharen flossen ins Land wie Frühlingsgewässer und bahnten dem Fußvolk -den Weg, das mit Schwertern, Schilden und drohenden Helmen bewehrt die -furchtsamen Völker bezwang. - -Denn größer und stärker waren die Männer als alle Mittelmeerkrieger, -blauäugig, blond, nackten Leibes im Schnee und im kalten Gewässer: -Riesen der nordischen Nebel, die den Reichtum der Gärten mit -Schwertschlag erwarben und die Gunst ihrer Sonne lachend genossen. - -Bis an die südlichen Küsten wurden die Völker gedrängt, flüchtend auf -eiligen Schiffen, auf felsigen Inseln von ihren Göttern verlassen das -Dasein zu retten, indessen die Räuber fröhlich die Ernte einbrachten. - -Noch gab es nicht Hellas und Rom, und die Ilias lag noch im Schoß -zukünftigen Schicksals, als die Väter der Griechen und Römer die -Schwertherren der uralten Mittelmeergärten wurden, als die Sonne -Homers zu scheinen begann in den Kranz der olympischen Götter. - - -Die olympischen Götter - -Von Norden kamen die blonden Räuber der Frühe, aus Nebelnächten -unendlicher Wälder und von den kalten Meerküsten. - -Es ging eine Sage der Heimat mit ihnen von der versunkenen Insel -Atlantis, wo der Sonnengott wohnte in blühenden Gärten und wo das Leben -im Licht lag, bevor die Reifriesen kamen und die alles verschlingende -Sintflut. - -Denn einmal gingen sie nicht auf den Straßen der Fremde, einmal wohnten -sie froh in der eigenen Freiheit und Er stand im Segen der Fülle: Sein -Kleid war die Bläue des Himmels, Sein Auge die strahlende Sonne. - -Nun saßen sie wieder an sonnigen Küsten; aber der Gott ihrer Herkunft -hielt sich verhüllt in himmlischen Fernen, indessen der elementarische -Aufruhr das streitbare Geschlecht der Götter erhöhte. - -Die aus Nebel und Not ihrer Flucht in die lässige Fülle der -Mittelmeergärten gelangten, malten das Bild des göttlichen Daseins mit -lockenden Farben, malten es aus mit dem Glanz ihres irdischen Glücks, -mit dem schuldvollen Tun ihrer menschlichen Schwächen. - -Auf dem olympischen Freudensitz saßen bei Mahl und Trank die -glückreichen Götter; die gleich den Menschen Schwertherren waren, -rühmten sich ihrer Taten und Listen und bestritten einander den Rang -ihrer himmlischen Geltung. - -Wohl hießen sie Zeus den Vater und Fürsten der Göttergewalt, aber die -Fülle selbstherrlicher Macht hing verstrickt in menschlichen Trieben; -Hera, die Herrin des Hauses, war seiner Treue nicht froh. - -Im Schalkspiel sinnenfroher Verkleidung trieben die ungebändigten -Wünsche der Götter die Abenteuer der Erde, sie hoben die Lust ihrer -Laster ins himmlische Licht und die Tracht ihrer Tugend. - -Gnade und Groll ihrer Laune verkehrten den Menschen die Tage aus -flüchtiger Freude in trostlose Trauer; aber sie standen im Schicksal -wie sie als kurze Tyrannen. - - -Die Griechen - -Jahrhunderte gingen den Schwertherren hin; ihr Glück prahlte laut in -den Gärten; die Könige bauten Burgen auf klippigen Küsten, der Ruhm -ihrer Taten blähte die Segel kielfester Schiffe. - -Troja hieß die Burg und die Stadt über dem Meer, die sie gemeinsam -berannten; zehn Jahre lang lagen sie da im Schutz ihrer Schiffe, -hoben die Schwerter und Schilde der Helden im Ruhm ihrer Sänger und -bestritten den Göttern die Ehre. - -Da wurde Ajax die starre Kraft, Achilles die rasende Stärke, Odysseus -die biegsame List, Nestor die weise Erfahrung: da trat der olympische -Himmel der Götter ins Schaubild menschlicher Taten. - -Da hieß die Stärke und Schönheit des menschlichen Leibes die Tugend, da -wurde das sterbliche Leben im Kampf unsterblich erhöht. - -Aber die Freiheit des Mannes konnte den Göttern nicht trotzen; denn -Götter und Menschen standen im Schicksal, Schuld und Vergeltung hielten -der Tat die Gewichte der ewigen Geltung. - -So wurde das Unrecht der Macht erhöht in das Recht ihrer Geltung, so -traten die blonden Räuber der Frühe ein in den Lohn ihrer Tugend. - -Sparta hieß ihre Schwertherrenstadt, ohne Burg und Wälle gebaut im -lakonischen Bergland, nur von den Schilden und Schwertern geschützt, -und in der Zucht harter Gesetze. - -Da hatten die blonden Räuber der Frühe das Land geteilt nach dem -Recht der freien Gemeinde, da gab es nicht Reichtum noch prahlenden -Glanz; und König sein hieß, der freien Gemeinde das Schwert und den -Richterstab hüten. - -Da war der Männerstolz: Körper und Geist stark und gesund im Dienst des -Staates zu halten; da war die Ehre der Frau: dem Mann beizustehen als -freie Gefährtin, dem Staat ihre Kinder stark und gesund zu gebären. - -So stand die spartanische Sitte freiwillig im Stachelkleid harter -Gesetze, so wurde die Stadt ohne Burg und Wall im lakonischen Bergland -die Trutzburg griechischer Freiheit. - -Bis ihre Sitte den Stachel der Ehre, ihr Gesetz den Stolz der freien -Erfüllung traurig verlor, bis der spartanische Staat der freien -Gemeinde lasterhaft lässig und feig Tyrannen gehorchte. - -Athen hieß die uralte Königsburg der Pelasger, die nach der Trutzburg -die helle Hauptstadt der Griechen, die prunkreiche Wiege des -Abendlandes wurde. - -Nahe dem Meer hing die Stadt der stolzen Akropolis an; die marmornen -Tempel und Treppen der Burg traten weithin ins Licht, wie ein Turm über -den Dächern hob das Erzbild der Göttin die goldene Lanze. - -Auch in Athen war die Freiheit im Schatten der Götter, aber sie liebte -die Gärten der heiteren Gunst, sie liebte den mondlichen Schein -marmorner Hallen, sie liebte den Markt und das Massengedränge, sie -liebte die Schönheit mehr als die Stärke, und die Lust mehr als die -Zucht. - -Darum schwankte das Schicksal Athens in der Schärfe des Schwertes, -und einmal verbrannte das persische Heer die Dächer der schimmernden -Pracht: aber die Brunnen der Lebenslust brachten den Brand zum -Verlöschen, und herrlicher hob sich die Hoheit der Hallen über dem -heiteren Schaubild der Stadt. - -Sie schlug sich frei aus der persischen Plage, und Perikles kam, der -Meister der Herrschermacht; er baute den Marmorschrein der alten -Königsstadt neu und gab den Giebeln die Bildnerei marmorner Leiber. - -Er gab den Bildnern, Dichtern und Weisen Griechenlands Weite und Raum, -der Menschheit den Traum der Wahrheit, Schönheit und Güte zu bilden. - -Der Morgen ging ein in den Abend, als die morgenländische Weisheit nach -Griechenland kam, als der düstere Stein der Weisen hell und heiter zu -funkeln begann. - -Da wurden die blonden Räuber der Frühe Schatzhalter der ewigen Dinge, -aus Tiefen der Ahnung wuchs ihnen Vergangenheit zu, über den Abgrund -zukünftiger Zerstörung, im Schutt langer Vergessenheit der menschlichen -Seele aus göttlicher Herkunft das Kleinod zu retten. - - -Die Römer - -Rauschgolden verging die Sonne der Griechen im Abendrotglück -Alexanders, der lateinische Mond stieg auf mit glänzender Scheibe; auf -dem Markt von Athen standen römische Wachen, im Spottbild der Gaukler -starb ruhmlos Sparta. - -Rom hielt das Zepter des Abendlandes über den Mittelmeergärten, über -dem persischen Glück und dem messianischen Traum der Hebräer, über dem -pharaonischen Altar und über der greisen Jugend der Griechen. - -Eine Wölfin, heißt es, habe die blonden Räuber der Frühe gesäugt, die -den Völkern am Tiber die neue Schwertherrschaft brachten: eine hungrige -Wölfin fraß Länder und Städte und wurde die Herrin der Mittelmeergärten. - -Stärker als alle Mächte im Morgen- und Abendland war der stolze -Römergedanke, über den Königsglanz, über despotische Willkür für immer -Vernunft und Willen der freien Gemeinde als Ordnung des Staates zu -stellen. - -Sinnbild und Wächter der freien Gemeinde und Hüter des Staates war der -Senat der würdigsten Männer; er gab dem Krieger das Schwert und dem -Priester den Stab, dem Richter das Beil und dem Konsul die Toga. - -Da galt die Stärke und Schönheit des Leibes nicht mehr allein, nicht -mehr das heitere Spiel genießender Sinne und kühner Gedanken: über dem -bunten Dienst seiner selbst stand das Gebot der Gesamtheit. - -Gefährliche Tierheit war aller persönlicher Schein, Sinn war allein -im Charakter: karg blieb er in Worten, schlicht im Gewand, streng und -gemessen in seiner Haltung, groß allein war die Tat. - -Zucht war die Tugend des römischen Bürgers, aber die Zucht war das -Glück; denn die freie Erfüllung der Pflicht war mehr als Gehorsam, und -das Glück der Römergesinnung war mehr als die Pflicht. - -So war der Bürger von Rom und so war die Geltung, daß ihm die bunte -Vielheit der Mittelmeervölker gehorchte: als Römer geboren, hieß -Gebieter im Abend- und Morgenland sein. - -Bis im römischen Weltbürgersaal Macht nur noch Macht war, bis der -persische Adler das Feldzeichen der römischen Schwertherrschaft wurde, -bis Cäsar der freien Gemeinde das Rückgrat zerbrach, bis Augustus den -Prunkmantel der römischen Kaisermacht trug. - - -Das Land der neblichten Wälder - -Die aber die Kundschaft der kühnen Räuber nicht fanden, die an den -kalten Meerküsten blieben und in der Nebelnacht unendlicher Wälder: -ihnen malte kein lässiges Glück das Schaubild üppiger Götter. - -Streitbar und stark blieb Wodans Geschlecht im Kampf mit den Riesen und -Alben der kalten Meeresküste, rauh war der Tag, mager die Feldfrucht -und mühsam der Wildfang. - -Stürme und Sterne der Winternacht hielten das Jahr in der Strenge, kurz -war die Wende des Sommers und karg das wärmende Licht seiner Sonne; -Kälte und Nässe hingen dem Frühling das Nebelkleid um, früh kam der -Herbst mit den Frösten. - -Aber in Wetter und Wind standen die schweigenden Wälder, das -Quellengeheimnis zu hüten; Wiesen und Felder, getränkt von rieselnden -Bächen, gaben dem Fleiß ihre Frucht; das wilde Getier hielt Mut und -Freiheit in Atem. - -Nicht Städte und steinerne Höfe gab es im Land der neblichten Wälder -und keine Tempel den Göttern, nachbarlich fern standen die Häuser im -Schatten schützender Bäume, aus Balken gefügt und bedacht mit Stroh, -gleich moosigen Zelten. - -Wie die Vögel in der Luft und die Fische im Wasser, so waren die -Menschen im Wald; sein Regen umrauschte ihr Dasein, sein Dunkel -verschlang ihren Schritt, sein Frühling trieb ihre Knospen, sein -Winter verschneite den Schlaf der wartenden Tage. - -Aber Er war noch wach in der Herkunft aus lichtreicher Weite, heilige -Bräuche und stolze Gemeinschaft hielten dem Mann das Dach seines Hauses -vor Frevel geschützt; das Kriegsschwert stak in der Erde, bis Sein -Gebot es den Männern gab, die Schärfe zu zeigen. - -Ob sie Ihn Ear oder Ziu, Tyr oder Zywaz, Thys oder Thingsu nannten: Er -hielt das Recht ihres Daseins über dem ewigen Abgrund. - -Wo der uralte Wald die grüne Lichtung umgrenzte, tief in den Gründen -wurden die weißen Rosse gehütet im heiligen Dienst Seiner Macht; Seine -Priester lasen die Zeichen auf heiligen Stäben und hielten den weißen -Rossen die Zügel, wenn sie den Bannkreis Seiner heiligen Wohnung -umschritten. - -Dann eilten sie, Blumen zu streuen, und singend kamen die Kinder; -dem Wagen entgegen schwoll Freude und Festklang; die Waffen waren -verschlossen, kein Krieg durfte sein; für einen Tag ging die Zeit der -neblichten Wälder die unvergessenen Wege. - -Für einen Tag blühte die Heimat aus uralten Freuden, der Frieden -spannte den Himmel blau und hell übers Land, das Feld lag in Sonne, wie -einer Braut strich zärtlicher Wind der blühenden Wiese die Wangen. - -Uralt und heilig stand über dem neblichten Tag die helle Herkunft der -Dinge und hielt die Menschen umfangen im Netz ihrer starken Gesetze. - -Der Schritt des Lebens war tapfere Tat, und mit den Waffen zu sterben, -sein fröhlichster Ruhm; aber das Wort war ein Schwur über dem Schwert, -und stärker war keiner geschützt mit Waffen, denn der als Gast in ein -Haus kam. - - -Der kimbrische Schrecken - -An der kalten Meerküste begann der Malstrom zu mahlen, der die -Springflut germanischer Völker über das Abendland brachte, über das -Schwertreich der Römer und über die Ernte der Mittelmeergärten: die -Kimbrer waren sein frühester Schrecken. - -Mit Wagen, Herden, Greisen und Kindern, im Wuchs der riesigen Leiber -halb nackt, mit Speeren, Schilden und Hornzier der Helme gleich Tieren -der neblichten Wälder gerüstet: so kamen die kimbrischen Völker ins -römische Land der Taurisker. - -Als ob die Götter den Furchtbaren hülfen auf dem Feld von Noreja, fiel -ein Gewitter über die Schlacht, donnernd zum dröhnenden Schildruf der -Kimbrer; die Feldkunst der stolzen Kohorten erlag der Speerkraft von -Norden: mit den Läufern nach Rom lief der kimbrische Schrecken. - -Aber die Kimbrer wichen zurück in die Wildnis und wandten sich -westwärts ins gallische Land, weil sie Weide und Land, nicht Streit -suchten. - -Da hielten die Heere der Konsuln die Tore bewacht im Gebirge; zum -andernmal schlug der kimbrische Schrecken den Römern das Schwert aus -der Hand, aber noch immer mieden die Sieger das Land der Kohorten. - -Elf Jahre lang irrten sie landsuchend hin im Lebensumstand der Wagen -und Herden, mühsam hinüber ins spanische Land und mißlich zurück in die -östlichen Berge, bis sie das Alpentor fanden. - -Ihre Knaben waren Krieger geworden und Mütter die Mädchen, als ihnen -die Täler Tirols den Eingang erschlossen, als sie im sonnigen Südland -der Alpen endlich die Weide der langen Wanderschaft fanden. - -Einen Herbst, einen Winter und Frühling saßen die Kimbrer da im Kanaan -ihrer Kundschafter, das Landsucherglück zu genießen; dann traf sie das -Schwert der Vergeltung in der Schlacht auf den raudischen Feldern. - -Am Gürtel mit Ketten verschränkt, sanken die kimbrischen Männer der -römischen Übermacht hin; die Weiber der Wagenburg warfen die Speere -und hetzten die Hunde, aber der dröhnende Schildruf verhallte, der -kimbrische Schrecken starb im Schlag der römischen Schwerter. - -Die raudischen Felder tranken das Blut der nordischen Leiber; Weide und -Wohnsitz zu suchen, kamen sie her aus dem kalten Jütland, nun gingen -sie ein durch das Joch in die Mittelmeergärten und dienten als Sklaven, -wo sie als Freie zu hausen gedachten. - -Kein schöneres Schicksal war ihnen vergönnt als dieses: Bienenschwärme -zu sein, die keine Imkerhand einbrachte, und die nach kärglichem Sommer -im kahlen Winter verdarben. - - -Die Stachelschnur der Kastelle - -Wo der steile Bogen der Berge die römischen Gärten beschützte, wo -der Zackenrand eisiger Gipfel den Mittelmeerhimmel bekränzte, wo das -schäumende Wasser schrecklicher Schluchten sich staute in grünblauen -Seen: kam die Stärke des Stromes, abzuscheiden das Land der neblichten -Wälder. - -Bis in die Sümpfe der kalten Meeresküste zog das grüne Gewässer des -Rheines der römischen Herrschaft die gallische Grenze gegen die freien -Germanen. - -Wohl scholl der Hornruf hinüber, und dreimal baute Cäsar die Brücken, -sein Schwert in die Wälder zu tragen: aber das unermeßliche Schweigen -bot seinem Beutezug Halt, in der grünen Finsternis lagen die Gründe -germanischer Freiheit behütet. - -Erst Drusus, dem Jüngling gelang, was der Strom und die Wälder dem -Cäsar verwehrten: fünfmal zog er als Kundschafter aus und trug den -gierigen Adler der römischen Weltmacht tief in das weglose Waldland. - -Am sandigen Ufer der Elbe tat er sein Wahrzeichen auf, dreihundert -römische Meilen weit im herbstroten Land der Cherusker, der tiefer als -jemals ein Römer in Wodans Wolkenreich kam. - -Aus der schweigsamen Tiefe der unabsehbaren Wälder, so heißt es, und -aus dem Grauen des nahenden Winters trat eine Riesin vor ihn, uralt und -Unheil weissagend dem prahlenden Jüngling. - -Sein Übermut lachte des raunenden Weibes, aber sein Roß stürzte hin auf -der Rückfahrt, sie hoben ihn auf mit gebrochenen Beinen. - -Dreißig Tage lang trugen die Krieger dem Jüngling die Bahre, durch -Sturm und Regen der Wildnis die mühsame Weite zurück, wo sie im Sommer -mit Hörnerschall ritten: nur seine Leiche brachten sie heim, im -Standlager zu Mainz dem Stolzen das steinerne Grabmal zu bauen. - -Dann taten die Römer dem Strom die Stachelschnur an ihrer trotzig -bewehrten Kastelle; von den grünblauen Seen hinunter zur kalten -Meerküste stand ihre Wacht am Strom und am Rand der düsteren Wälder. - -Schwer hing die Frucht und süß schwoll die Rebe zur Linken im Hügelland -gallischer Sonne; dunkel und drohend dehnte sich rechts die dürftige -Wildnis, der Nebel hing grau über unermeßlichen Weiten. - -Die gallische Morgengabe cäsarischer Macht wurde reich im Gewinn -emsiger Gärtner; über den Strom scholl der krachende Speer und der -Schildruf trotzig anschweifender Scharen. - - -Arminius - -Als das Gebot des Kaisers Augustus ausging, die Welt der römischen -Herrschaft zu schätzen, kam als Geisel ein Jüngling nach Rom, aus dem -Stamm der Cherusker und Segimers Sohn, der ein Fürst seiner Sippe im -Weserland war. - -Sein Oheim Segestes hatte dem Kaiser ein Hilfsvolk gestellt, darin der -Sohn Segimers Söldnerdienst tat; ihm boten die Römer das Bürgerrecht -an, in den römischen Ritterstand hob der Kaiser den Jüngling. - -Als er heimkehren durfte in das Land seiner Väter, wo sein Oheim -Segestes dem Statthalter Varus in Unterwürfigkeit diente, sah er Dinge -geschehen am Volk der Cherusker, die ihm verräterisch schienen und -seinen Zorn reizten. - -Denn als Bundesgenosse, nicht als Besiegter hatte das Volk an der -Weser den Römern Einlaß gewährt; Varus aber ließ Strafen verhängen von -römischen Richtern, Rutenbündel und Beil bedrohten das Recht und die -Herkunft der freien Gemeinde. - -Dem Kaiser bauten die Römer im Land der Cherusker Altäre; und was den -Freien zu hüten heilige Pflicht war, der Wahrspruch der wehrhaften -Männer, wurde von Varus verspottet. - -Dem Unrecht solcher Gewalt mit List zu begegnen, ließ Segimers Sohn die -Jünglinge der Cherusker heimlich die Blutspur beschwören. - -So sehr war der Hochmut des Römers verblendet, daß er des warnenden -Segestes lachte, als er im Schwall und Hörnerklang seiner Kohorten das -Sommerlager verließ. - -Regenstürme stöhnten im Wald und die Bäche brachen ins Land, als die -Bäume anfingen, Wurfspeere zu regnen, als die Cherusker, von kundigen -Führern nächtlich geleitet, den gepanzerten Heerwurm anfielen, als der -prahlende Schall und der Notruf der Hörner hinstarb im Schildruf der -Völker. - -Am dritten Abend erlag der gepanzerte Leib den zornigen Bissen, der -Statthalter Varus sank in sein eigenes Schwert; nur die Reiter der -Nachhut entrannen, den Schrecken des Teutoburger Waldes ans gallische -Ufer zu tragen. - -Als die Weiden grün wurden im Weserland und der Holderbusch blühte, -schreckte kein Hörnerschall mehr das befreite Volk der Cherusker; die -Lieder gingen von Segimers Sohn, wie sie von Wodan, Donar und Saxnot -und den Helden der Götterzeit sangen. - -In Rom aber schritt, von Segestes dem Vater an ihre Feinde verraten, -Thusnelda, die Gattin des Kühnen, als Sklavin die Gasse der Gaffer; und -auch den Herrlichen fällt der Neid mit dem Mordstahl der Tücke. - -Im siebenunddreißigsten Jahr seines siegreichen Lebens fiel Segimers -Sohn, der sein Volk aus der römischen Knechtschaft befreite und dem -Land der Wälder und Wiesen der herrlichste Held war. - -Wohl sangen die Lieder noch lange ihm nach, den die Römer Arminius -nannten, aber sein deutscher Name verscholl im Sang der rühmenden Sage. - -Da klingt er hell, wie ein Frühlingstag steht mit Blüten und blankem -Gewässer, da wird Segimers Sohn und Segimunds Schwäher, der treulos -verratene Held in der Arglist der Sippe, Segifried, Siegfried geheißen. - - -Der Pfahlgraben - -Wo der Strom seinen Lauf in den Altwässern suchte, sein flaches -Gewässer den gallischen Gärten kein Schutz war, wo der Wald sich -vorschob im schwarzen Gebirge, hoch über dem Rhein die sumpfigen -Quellen der Donau zu tragen: da bauten die Römer das Bollwerk des -Zehntlandes ein. - -Sie warfen die Stachelschnur vor mit klug gestellten Kastellen und -säumten sie ein in den Wall, der mit Türmen, Gräben und Pfählen -geschützt über die waldigen Kämme des Taunus zum braunen Gewässer des -Mains und über das steinichte Hochland nach Norikum lief. - -Eine Stadtmauer mit Toren und Türmen, länger als fünfhundert Meilen, -durchquerte den Wald und die Wildnis vom Rhein bis zur Donau; acht -Kaiser bauten daran in mehr als zweihundert Jahren, und der sie am -stärksten bewehrte, dem fiel sie in Trümmer. - -Eher als eine Mauer war es ein Deich, gegen die Springflut gebaut -und harmlos an windstillen Tagen, wenn durch die Schleusen das dünne -Gewässer des täglichen Grenzverkehrs floß. - -Dann wagten römische Händler die Fahrt ins germanische Waldmeer, wo -nur selten der Krieg das Tagwerk der friedlichen Bauernwelt störte, wo -die Gastlichkeit fröhlicher Brauch und die Treue gegen den Gast eine -heilige Pflicht war. - -Sie sahen das seltsame Fachwerk der Häuser, die sauber gefärbten Fächer -im schmuckvoll gefügten Gebälk, sie sahen die Säle der Fürsten mit -hölzernen Hallen rundum, die Balken geschnitzt und die Bretter bemalt -mit vielverschlungenen Bändern. - -Sie sahen die Jugend spielen im Hof unter Bäumen, nackten Leibes in -Wind und im Regen und ihrer Gliederkraft froh; sie sahen die Mütter -Feldarbeit tun im Kreis der lachenden, singenden Mägde. - -Sie sahen die Männer heimkehren, müde der mühsamen Jagd in den Wäldern, -sahen sie sitzen im Schmuck ihrer Waffen zum Rat der Gemeinde, sahen -sie richten und dem Gesetz die Waage mit Freimut und Unbeugsamkeit -halten. - -Sie sahen ein Bauerngeschlecht sein einfaches Tagewerk tun, sahen -es sorgsam gefügt in Sippen und Gauen und fest in der Pflicht der -Gemeinschaft, sahen es fröhlich und stark und stets gerüstet zum Kampf, -wenn das Kriegsschwert die Mannschaft der Dörfer aufrief zum Volksheer -der Stämme. - -Sie sahen die Fürsten geehrt im Glanz der Edlen und Freien, sie sahen -die Jünglingsschar trotzig und waffengeübt und lüstern des Tages, da -der Krieg Heldenruhm brachte. - -Sie sahen die Frau als freie Genossin des Mannes, und sahen, wie Treue -um Treue, Reinheit und Stolz ihr Ehrenkleid waren. - -Sie sahen die Brandung unbändiger Kraft gemeistert in Zucht und -Gehorsam und ahnten den Tag, da die Springflut anstürmte und der Deich -mit der Stachelschnur seiner Kastelle zu dünn war für die Gewalt. - - -Tacitus - -Als Tacitus seine Germania schrieb, mit warnenden Worten zu sagen, was -für ein Land hinter der Stachelschnur seiner Kastelle Rom unbekannt sei -und was für ein Volk darin wohne: war Domitian, der feige Prahler und -Wüstling, römischer Kaiser. - -Der Weltherrschertraum des Augustus, weit und glücklich begonnen, hatte -zur Wirklichkeit Neros geführt; über dem Recht der freien Gemeinde hing -das Schwert der Tyrannen, der Senat trug den Purpur der Kaisergewalt. - -Die Kaisergewalt war der Kriegsknecht: mit gallischen Söldnern kam -Cäsar nach Rom, den Senat zu bekriegen, in allen Provinzen der -römischen Weltmacht waren die Legionen des Kaisers geworben, die aus -dem Volksheer der Römer die Herrschaft der Kriegsknechte machten. - -Ein Krake war das Weltreich der römischen Kaiser, soweit die Greifarme -der Legionen reichten, fraß er die Länder leer von Persien bis nach -Britannien, aber der Bauch saß am Tiber. - -Der Bauch saß am Tiber und wurde kraftlos an seinen eigenen Gliedern: -Zucht war die Tugend des römischen Bürgers gewesen, aber die -Kaisergewalt hatte die Tugend beschattet und hatte dem Laster Paläste -gebaut. - -Tacitus war kein Kriegsmann, wie Cäsar in Gallien war und hatte nicht -eigenen Ruhm zu verkünden; er war nur ein Römer der alten Zeit, der dem -Sittenverfall seiner Tage den Spiegel germanischer Einfachheit vorhielt. - -Er sah die Tugend und sah die Laster der Deutschen, aber er sah auch -die Einfalt der Sitten, die Nähe der starken Natur und die Waltung der -Herkunft. - -Freiheit und Ehrfurcht, die Schlüssel der Menschheit, sah er in -einfachen Händen; wie Kinder die Dinge tapfer und gläubig tun, sah er -die Deutschen, indessen die Römer in greiser Lüsternheit gingen. - -Er wollte dem Sittenverfall seiner Tage den Spiegel vorhalten und war -ein Römer der alten Zeit; aber das Spiegelbild zeigte die kommende -Stunde: fröhliche Stärke der Jugend gegen das grausame Alter. - - -Die Springflut - -Das kurze Schwert, den runden Schild und Gehorsam ihrem König brachten -die Goten mit über das Wasser, als sie den alten Völkerweg fanden, von -Schweden hinunter ans Schwarze Meer und hinüber zum Pontus. - -Da wurde das alte Skythenland wach im Lärm der Wagen und Pferde, weit -in die Stille der östlichen Steppen floh der Hufschlag der Bogenreiter, -Völker bedrängten die Völker, Länder wurden lebendig und der Wald kam -ins Wandern. - -Markomannen, Vandalen und Alemannen, Burgunder und Langobarden wichen -dem gotischen Königsvolk aus und strömten landsuchend hinein ins -Tiefland der Donau, bis der Völkerkessel voll war zum Rand und überfloß -in die römischen Gärten. - -Vierzehn Jahre lang lag er zu Feld, Mark Aurel, der die Feder liebte -und das Schwert nicht hinlegen konnte, in Mühsal und Mißmut den -Markomannen zu wehren; als er den Sieg endlich sah, nahm ihm der Tod -den kargen Gewinn aus der Hand. - -Unaufhörlich danach warf die Brandung flüchtender Völker Spritzwellen -hinein in die Gärten, bis die Stachelschnur riß; über den römischen -Deich rauschte das deutsche Gewässer. - -Schon waren die Alpentore gesprengt, als die Hauptstadt der Welt sich -selber zum Schutz die neue Ringmauer baute; wie zur Königszeit war das -herrische Rom wieder die Burg am Tiber. Achthundert Jahre lang hielt -sie die Völker im Zwang ihres siegreichen Schwertes, nun krachte von -Norden der Speer und warf ihr den Staub vor die Füße. - -Noch kreisten die römischen Adler über den Mittelmeergärten, noch lagen -die Legionen schwer auf dem Morgenland, noch hielten die Standlager -Wacht am Strom und schützten die gallische Ernte; aber die stolze Blöße -des römischen Hauptes zog wieder den Eisenhelm an. - - -Ermanerich - -Von der Weichsel zur Wolga reichten die Waffen des gotischen Königs, -und die Völker des Pontus brachten Ermanerich Lösegeld dar. - -So hieß er der Reiche, als er nicht mehr ausreiten konnte zur wehenden -Schlacht; zehnhundert Goten, rühmt die Sage, saßen im Saal, wenn er -trank aus dem goldenen Becher und den Liedern lauschte der Amelungen, -seines den Göttern entstammenden Geschlechts. - -Trotz seinem Alter dachte er noch, Schwanhild die schöne zu freien, -und sandte Randwer den Sohn ins roxolanische Reich, ihm Schwanhild -die weiße zu holen; aber Randwer der feine hob seine Augen auf zu der -Jungfrau, die seine Mutter zu heißen bestimmt war. - -Nicht lange, so war die Liebe dem König verraten; da zerriß er den -Bart, der wie der Schweif seines Schimmels war, und schwer vergalt -er den beiden die Schande: am Galgen hing ihm der Sohn, die Pferde -schleiften die schöne Schwanhild. - -Die ihre Brüder hießen, ritten zur Rache in seine Burg; obwohl der -Goten zehnhundert dasaßen, über die Leichen der Scharwächter schritten -sie ein mit zornigem Schwertschlag und trafen ihn, mitten im Saal, der -sie spöttisch begrüßte. - -Sie wurden mit Steinen geworfen und starben im Zorn seiner Mannen; aber -dem Amelungen schmeckte kein Wein mehr, er siechte hin an den Wunden. - -Das aber, heißt es, geschah zu der Zeit, da die hunnischen Reiter -einbrachen ins gotische Land mit unermeßlichen Scharen; der unter -Kühnen König war, mußte brach liegen und die Boten abwarten der dritten -verlorenen Schlacht. - -Als er die Brandfackeln flammen sah in der Nacht, hielt er das Schwert, -zu schwer seinen Händen, und warf sein Herz in die Schärfe, daß kein -sterblicher Mann sich zum andernmal rühme, sein Schwert mit dem Blut -des Amelungen gerötet zu haben. - - -Alarich - -Als die Westgoten dem römischen Kaiser Söldnerdienst taten, wurde -Alarich König, aus dem Baltengeschlecht, das ist der Kühnen. - -Er sah sein verschlagenes Volk untergehen in den östlichen -Mittelmeergärten, darin es klüglich verteilt war, von Mösien über den -Hellespont hin bis weit ins syrische Land. - -Er aber wollte Volkskönig sein gleich seinen Vätern und dem -verschlagenen Volk ein Vaterland finden; denn nur, was das Schwert -hielt, war noch Besitz, als mit der Eifersucht törichter Knaben in Rom -und Byzanz das wankende Weltreich zerbrach. - -Kühner als vormals die Kimbrer ging Alarichs Fahrt, durch keine Habe -behindert als durch das Schwert und die Zelte des Lagers: bald stand -er mitten in Griechenland, Hellas und Sparta hörten wieder den -Schwertschlag und die blonden Räuber der Frühe. - -Stilicho der Vandale, der dem Kaiserknaben in Rom die Steigbügel hielt, -kam mit Schiffen und großer Kriegsmacht, den Kühnen zu fangen: aber -der Neid von Byzanz öffnete listig die Falle und wies der gotischen -Heerschar das dalmatinische Küstenland an. - -Seitdem züngelte Alarichs Schwert scharf zwischen Rom und Byzanz; -an der steinichten Schwelle der römischen Gärten sah er die Lockung -reicher Landschaften vor seiner Tür. - -Das Wasser war dünn im Isonzo, bald stand er am Po und einmal am -gallischen Tor im ligurischen Bergland. - -Da mußte Stilicho Lösegeld leisten, Norikum bot er als Bündnispfand -an: so wurde das gotische Heervolk wieder landeigen und Alarich König -im neuen Westgotenland; doch gab er den Schlüssel der römischen Gärten -nicht aus den Händen. - -Als der Knabenkaiser dem Kanzler die Treue mit Arglist vergalt, als -Stilicho den Henkertod fand, trug er sein Schwert verwegen vor Rom, und -schimpflich mußte der stolze Senat den Abzug der Goten erkaufen. - -Mehr als ein Jahr lang lag er im Feld, dem das römische Heer von -Ravenna den Rückzug verlegte: ein Straßenkönig im fremden Land, mit dem -Schwert sein Zeltlager schützend. - -Weder Land noch Frieden war zu gewinnen vor der Burg von Ravenna, zum -andernmal zog er nach Rom, und diesmal erfuhr die Stolze das Schicksal, -so mancher feindlichen Stadt von der römischen Schwertmacht bereitet. - -Die seit achthundert Jahren keinen Feind kannte, sah durch Konstantins -prahlenden Bogen den König der Goten einreiten: aber kein Rausch der -Stunde verwirrte Alarichs Blick, daß dies für sein kühneres Trachten -ein kurzer Triumph war. - -Drei Tage lang ließ er die Seinen das Siegerglück kosten, dann nahm er -die Hitzigen hart in die Hand: Karthago, die Kornkammer Roms, sollte -der Preis seiner Fahrt und die Burg für sein Königtum sein. - -Schon hatten kalabrische Schiffer ihm eine Flotte gerafft, als die -kochenden Strudel herbstlicher Stürme die Schiffe zerschellten; vom -Fieber verzehrt wichen die Seinen verzagt nach Cosenza zurück: da -stillte der Tod dem Balten den unsteten Herzschlag. - -Im Sumpffiebertal von Cosenza starb im vierzigsten Jahr seines Lebens -der König der Goten, der seinem Volk kein Vaterland fand, der die -gotischen Männer im dürren Gestein der kalabrischen Küste zurückließ. - -Landfahrend in der Fremde todfeindlicher Länder, konnten sie keinen -Grabhügel wölben, kein Gedächtnis der Trauer dem grausamen Tal, daraus -sie morgen schon schritten, das Schwert in der Hand. - -Sie gruben ihm nächtlich ein Grab im Busento und senkten den König mit -Schmuck und Schwert in den schweigsamen Grund. - -Als die Sonne aufging im steinichten Tal, darin sie heimatlos standen -und ihres Daseins nur durch das Schwert in der trotzigen Hand -versichert, flossen die Wellen schon wieder den emsigen Lauf, mit -schäumendem Schleier den Schlaf zu hüten, der den schwertfahrenden -Männern Losung und Ziel ihres kurzen Straßenglücks war. - - -Die Hochzeit von Narbonne - -Als Alarich der Kühne schlafen ging im kühlen Steingrund des Busento, -ließ er die Seinen schiffbrüchig auf einer Fahrt zurück, die für die -Ebbe ihres Rückzugs gefährlicher als für die hingeschäumte Flut war. - -Doch führte die verwegene Kriegerschar als Geisel die junge -Kaiserschwester mit, die schon im dritten Jahr die Irrfahrt ihres -Lagers teilte: Placidia, von Athaulf, dem Schwager Alarichs, als -Gemahlin begehrt und ihm zugetan. - -Sie war den schlimm Verschlagenen ein Amulett: mit hundert Listen der -Gefahr ausweichend, schob sich ihr Lagerdasein in Winkelzügen verwegen -nordwärts, Rom und Ravenna rasch vermeidend, bis sie im zweiten Sommer -die Alpen überschritten, die Tür ins Freie zu gewinnen. - -Da schlugen sie den Sarus, dann den Jovinus, die in Gallien abtrünnige -Gewaltherrn waren, und boten sich der schwankenden Gewalt des Kaisers -als Schildhalter an. - -Denn Athaulf der Gote, der des Kaisers Schwester zur Gemahlin begehrte, -erfüllte klug und klar, was Alarich im Trotz nicht zwingen konnte: das -Schwert der Goten sollte halten, was den schwachen Händen der Römer -entglitten war. - -Als Athaulf mit der Placidia Hochzeit hielt, schien in die dunkle -Zwietracht der Zeit ein zager Sonnenstrahl, von den Goten in Narbonne -prunkvoll gefeiert: die Blonden huldigten der braunen Königin. - -Ob es für Athaulf ein kurzer Traum war, ein halbes Jahr nach seiner -Hochzeit mit dem Tod bezahlt: der weise Wallia kam und baute den Traum -treu in die Wirklichkeit. - -Das Ränkespiel der Höfe von Ravenna und Byzanz ging ruchlos weiter mit -Mord und Mörderlisten: das Reich der Goten hielt den Sonnenstrahl in -Pflege, bis er aus Gallien nach Spanien hinüber in einen breiten Sommer -gewachsen war. - -Das tolosanische Reich war es genannt, der Ruhm seiner Macht und -Schönheit rief die Gesandten von Morgenland her, und stärker stellte -kein Fürst dem Frieden das Schwert vor die Tore, als Eurich der Große, -König der Goten, tat. - -Von der Loire bis zum Tajo hielt seine mächtige Hand die Unrast der -Völker gebändigt; auch ließ er die Tafeln der gotischen Herkunft -schreiben als Recht und Gesetz des tolosanischen Westgotenreiches. - -Dreihundert Jahre hielt es reich und räumig den Völkerstürmen stand, -und war dem Islam noch ein Garten, darin die Märchen seiner Künste -blühten wie nie im Morgenland. - -Und wurde das Wunderland der ritterlichen Tugend, die früheste -Freistatt der Bildung, und hielt das Gotenrecht lebendig durch tausend -Jahre. - - -Geiserich - -Wild und weit hat die Vandalen die Völkerflut verschlagen und ihre -Mühsal vom wasserreichen Waldland der Oder ins Morgenland gebracht; die -unter Godegisel in Gallien einbrachen, ritten die Grenzen Geiserichs ab -am Rand der Libyschen Wüste. - -In Andalusien saßen sie wartend und sahen am blauen Meertor die -Kornkammer Roms, das wiedererbaute Karthago: Seefahrer wurden sie -da, die gleich den Goten Schwertkämpfer waren, und kamen mit flinken -Schiffen hinüber, als die Karthager sie riefen. - -Da löste das Schwert der Vandalen den Fluch von Karthago und stach dem -römischen Stolz in die hilflosen Glieder, da wurde Hannibals Heimat zum -andernmal Herrin der Meere. - -Denn Geiserich, das ist Speerfürst, nahm das karthagische Land, -verwildert durch Aufruhr und Kirchengezänk, in harte Verwaltung, und -war auf der Burg von Karthago der Seefahrerkönig, den keiner bezwang. - -Und als ihn Eudoxia rief, den gemordeten Kaiser und Gatten zu rächen, -vergalt er den Römern den Brand von Karthago; mit seinen Schiffen fuhr -er hinein in den Tiber und ließ sich durch Leo, den drohenden Bischof, -nicht schrecken. - -Und ließ die gedemütigte Herrin der Welt sein Siegerrecht fühlen; -wie vorzeiten die römischen Schiffe den Raub heimbrachten aus dem -zerstörten Karthago, vergalt er Gleiches mit Gleichem und trotzte -lachend dem Fluch der römischen Priester. - -Und hielt seinen Horst an der klippigen Küste, und blieb in den -Mittelmeergärten der Seefahrerkönig, den keiner bezwang, bis er -heimging im Alter, versammelt zu den Vätern im Waldland der Oder: - -Der als Knabe mit über den Rhein geritten war und als würdiger Greis -auf der Burg von Karthago, geliebt von den Seinen, das Abenteuer seines -reisigen Lebens reich und rund gespiegelt sah in der Mittelmeerbläue. - - -Die Hunnenschlacht - -Als Etzel, Heerfürst der Hunnen, ausritt von Ungarn ins gallische Land, -kam die große Sturzwelle der Völker, alles ersäufend in ihrer Bahn, was -die Flucht ins Gebirge versäumte. - -Wie Rabenflug war der Ritt seiner Scharen, und rascher kaum rannte der -Schrecken vor ihnen her, als der Hufschlag der struppigen Pferde. - -Da half nicht Schwert und nicht Schwur, der berittenen Unzahl zu -wehren: so unaufhaltsam schwoll das Gewässer der hunnischen Reiter ins -Land, daß schon im Sommer die ersten Sturzwellen um Orleans schäumten. - -Dann rückte der Heerbann der Westgoten an, mit dem römischen Kriegvolk -vereint der hunnischen Flut zu begegnen: vor ihrem Wall wich das -schwarze Gewässer zurück, gleich einem See das weite Becken der -katalaunischen Felder mit dem Gewimmel der Pferde und den Wagenburgen -der Hilfsvölker füllend. - -Anders als sonst eine Schlacht war diese, da Goten und Goten, Franken -und Franken einander bekämpften, durch Etzels Willen geschieden in Land -und in Flut. - -Aëtius aber, der römische Feldherr, war Geisel bei Etzel gewesen und -kannte die hunnischen Listen: er hielt den Damm seiner Völker mit -unbeweglichen Flanken und ließ vom Morgen zum Abend die Flut der Reiter -anschäumen, bis die Brandung erlahmte und der Schaum blutig gerann. - -Als schon die Dämmerung sank, kamen die gotischen Mauern ins Schreiten, -gewaltige Torflügel drehten sich ein, bis das Blutmeer der hunnischen -Reiter in beiden Flanken gedämmt war. - -Da half den Hunnen die Unzahl der Hufe nichts mehr, die Nacht hob den -gotischen Kriegern die Sterne: das schwarze Gewühl mußte zurück in die -Hürde der Wagenburg weichen. - -Drei Nächte noch kämpften, so heißt es, die Toten die grausige Schlacht -in den Lüften, bis das Blut abfloß in den Bächen der katalaunischen -Felder. - -Die Lebendigen warfen das Los der Waffen nicht mehr: der gotische Damm -stand im Westen, die hunnische Flut fiel zurück in den Osten, daraus -sie, die abendländische Welt zu ersäufen, im Frühjahr geflossen war. - -Im zweiten Jahr nach der Hunnenschlacht holte Etzel die blonde Hildico -heim und starb in der Brautnacht: das Gewässer der hunnischen Scharen -gerann, sein Schrecken blieb im Gedächtnis der Völker das Grundwasser -unheimlicher Sagen. - - -Burgund - -Von der Weichsel her wehten die gotischen Stürme das Volk der Burgunder -gegen den Rhein, wo sie in Worms die Königsburg hatten und den kurzen -Traum ihrer Geltung. - -Im Kreis starker Helden hielt Gundikar Hof, der die burgundische Insel -im Strudel feindlicher Völker stark und besonnen geschützt hielt; -Alemannen und Franken mußten ihn dulden, die Römer fragten nach seiner -Freundschaft. - -Aber die hunnischen Horden kamen von Osten; den burgundischen Hochmut -zu heilen, lenkten die Römer sie listig nach Worms: hart hielten -die Helden das Schwert und hell den fröhlichen Mut, aber die Hunnen -ersäuften den Mut und das Schwert im Blut der unbemessenen Scharen. - -Als Gundikar fiel und die todwunden Leiber all seiner Helden dem König -den Grabhügel wölbten im Brand seiner Burg, ging das burgundische -Sommerglück aus. - -Vom Rhein zur Rhone führten die Römer den klagenden Rest der Greise, -Mütter und Kinder: die ein Königsvolk waren, dienten dem römischen -Schwert mit dem Mut ihrer mannbaren Knaben. - -Aber das Schwert war nicht verrostet, und mählich wuchsen die -Knaben; als die Blutbäche rannen der katalaunischen Felder, standen -burgundische Männer im Heerbann der Sieger und riefen Gundovich Heil, -dem König der neuen Geschlechter. - -Zum andernmal wurde Burgund die Insel im Strudel feindlicher Völker, -Lyon blühte hoch im Stolz der heldischen Herkunft, Franken und Goten -zum Trutz mitten im gallischen Land, bis es sein Winterglück, kurz wie -der Sommer, verlor. - -Kein Schicksal aber löschte Burgund den deutschen Namen aus im bunten -Schwertlauf der Tage: die Sage behielt Gundikars Gold, die Trübsal und -Treue starker Trabanten, Schwert und Fiedel in Blut und Brand, hart und -hell im Gedächtnis. - - -Dietrich, Theodemirs Sohn - -Das schwarze Gewässer der hunnischen Sintflut war verronnen, und die -Sonne fing wieder an zu scheinen auf das Geschlecht der Amelungen, als -Ereliva den Dietrich, das ist Volksfürst, gebar. - -Aber der Ostgotenkönig war hörig geworden, ohne Land und Burg in -Pannonien Söldling der römischen Grenzwacht; siebenjährig gab er den -Knaben als Geisel gegen Byzanz; Theodemir, der selber Geisel bei Etzel -gewesen war, dem König der Hunnen. - -Edelinge gab er ihm bei, dem Knaben die Lieder der Heimat zu singen, -und Hildebrand, daß er ihn lehre, den Jagdspeer zu werfen und das -Schwert der Helden zu halten. - -Und mußte seiner entbehren, bis der Jüngling einritt im achtzehnten -Jahr, mit hellerem Blick und härterer Hand, als einer im Heervolk der -Goten. - -Da sah er das ärmliche Dasein der Seinen und wie sie ein Söldnervolk -waren, indessen der Westgotenkönig Toulouse und Toledo ruhmreich -regierte. - -Einundzwanzig Jahre war Dietrich alt, da ihn die Goten als König -ausriefen; das geschah aber zu der Zeit, da Zeno, der Kriegsmann, den -Helm in Byzanz mit dem Stirnband des Kaisers vertauschte und flüchtig -vor seinen Feinden die Feldmacht der Goten anrief. - -Da kam den Amelungen wieder das Kriegsschwert Zius zur Hand; wie zu -Ermanerichs Tagen klangen die Schilde gewaltig, bis Dietrich im Kranz -seiner Recken und Mannen als Sieger einritt in das gedämpfte Byzanz. - -Zeno der Schlaue wollte ihn fangen mit Ehren und Gold und einem ehernen -Standbild, er aber wollte König heißen, nicht Feldherr, Schwertmacht -der eigenen Burg und Schildhaber der eigenen Herrlichkeit sein, -wartend, wer seiner bedürfe. - -Das Knäblein hießen die Spötter den letzten Kaiser von Rom; Odoaker -der rugische Söldling, König in Rom und Ravenna hielt ihn gefangen im -goldenen Käfig: Odoaker zu beugen, bot Zeno die Gotenmacht auf. - -Da wurde der Pfeil in den Köcher gelegt, da sangen die Mannen und saßen -die Recken im Sattel, weil Dietrich, der Fürst der Stärke, den Feldzug -befahl. - -Denn keine Heimkehr stand ihnen im Sinn, als sie im Herbst die -julischen Alpen durchritten, als sie das felsige Tor am Isonzo -erzwangen, als sie den Boden Cäsars betraten, mit Odoaker, dem -rugischen Feind, um die römische Erbschaft zu streiten. - -Drei Schlachten schlugen die Starken im Norden: der Alpenrand scholl -im Schlag ihrer Waffen bis in die ligurischen Berge, bevor sie den Po -überschritten, Odoaker in seiner Burg zu Ravenna, den Fuchs in der -Höhle zu fangen. - -Aber die Sümpfe ersäuften die Mannen und der Damm lief schmal, darauf -die Mauern und Türme der starken Kaiserburg standen; kein Hornruf -reichte hinüber; die Segel der Schiffe blähten sich auf, den Belagerten -Nahrung zu bringen. - -Da half dem Goten das Fußvolk nicht mehr, nicht halfen die Rosse der -Recken; drei Jahre lang mußten sie liegen und lauern im Sumpfland -der Küste: längst war Rom in Dietrichs Gewalt und immer noch trotzte -Ravenna. - -So mußte Arglist erreichen, was Kühnheit und Kraft nicht erzwangen, der -Fuchs und der Löwe schlossen den Bund, aber der Mord fraß die Treue: -als Dietrich einritt in die Burg von Ravenna, lag Odoaker im Blut, von -den Goten treulos erschlagen. - -Durch Meintat ging aus, was mit ehrlichem Schwertschlag begann am -Isonzo; so hell die Sonne danach den Amelungen umsäumte, sie löschte -die Blutspur nicht aus auf dem Schild und den Vogelschrei der -Vergeltung. - - -Dietrich, der Gotenkönig - -Manche Hand war hart wie seine, die Macht zu greifen und zu halten; er -aber hob den Sieg der Stärke hinauf ins Gesetz und den Ackerpflug aus -der Schwertspur. - -Wo wüster Acker war und aus den Spalten des zerschlagenen Rechts das -Unkraut wucherte, fing ein Garten wieder an zu grünen, weil er, der -Gotenkönig, behutsam sein Gärtner war. - -Er spielte den Römern nicht noch einmal den Cäsar vor, blieb in Ravenna -und war kein prahlender Augustus; auch dehnte er die Grenzen seiner -Macht nicht weiter aus, als er mit Recht erfüllen konnte, und zweimal -nur in dreiunddreißig Jahren zog er ins Feld. - -Wie er dem Frankenkönig schrieb: denn der siegt nachhaltig, der alles -zu mäßigen weiß! so hielt er Maß mit seiner Stärke. - -Als Sohn der Gewalt gekommen, war er ihr strenger Richter, und seiner -Ordnung Sinnbild war, daß er im Gotenreich zur Nacht kein Stadttor -schließen ließ. - -Was noch an Bauwerken der alten Welt erhalten war, ließ er nicht -weniger schützen als, was in seiner Gunst entstand, im Geist der alten -Schönheit planen: Standbilder schmückten wieder die Straßen Roms, den -Großen zum Gedächtnis, und nirgend prahlte vor der alten Pracht die -seine. - -Kein Schwert war stark genug im Abendland, an seine Macht zu rühren; -wohl aber kamen die Gesandten der Könige und Völker, Rat und -Richtspruch anzuhören; auch lockte seine Friedenssonne die Künstler -und Gelehrten an, dem Königshof in Ravenna den Glanz und die Pracht zu -geben, die seinem Ruhm gebührte. - -Die er als Bauleute berief, ihm einen Königshof zu bauen für seinen -Thing und Reichstag, meisterten die Kunst, Marmor zu schneiden; auch -gab es griechische Steinmetze und solche, die noch den Bildguß kannten. - -So kam der Bau zustande, den er des Reiches redendes Zeugnis und seiner -Herrschaft schmuckvolles Antlitz nannte. - -Acht Pfeiler trugen das Kuppeldach, mit tönernen Röhren rund überwölbt, -acht Nischen nahmen dem Raum die Nähe der Mauern, acht Säulengestände -rundum führten ihn zierlich ins Breite. - -Eine Waldlichtung innen aus wächsernem Marmor, glühend im Glanz -farbiger Gläser, mit Steinmetzwerk nach außen reich überstreckt, -den Tempelhallen der Römer zum Trotz in sich selber verschränkt mit -ragender Kuppel: so stand der Wunderbau da, desgleichen nicht in der -Welt war. - -Da hielt der König der Goten den Thing, wenn die wohlregierte Gewalt -des Reiches die Großen zur Rechenschaft sandte; im schmuckvollen Torbau -grüßten die Steinbilder amelungischer Ahnen sein stolzes Geschlecht. - -Da fanden die vielverschlagenen Schwerter sich in die gotische Heimat -zurück, im Glanz der Stunde und Stätte ein glückhaftes Märchen, wenn -der starkweise Dietrich den staunenden Römern die Herrscherhand zeigte, -der den Goten Volkskönig war, vielen ein Vater, den Gerechten und -Weisen ein gütiger Freund. - - -Dietrich von Bern - -Unsere Milde und Huld verwirft die Gewalttätigen! So hatte Dietrich die -Macht verriegelt ins Recht, und Rom sah die Tage der alten Zucht wieder. - -Er hatte das römische Volk bewahrt vor jeder Bedrückung, im Ehrenkleid -saß der Senat, in den römischen Sitten fing wieder die Tugend an, die -Tat zu bestimmen. - -Weisheit und Stärke hatten den Zwiespalt der Völker beschwichtigt, als -ihn das Priestergezänk wachschrie zum blutigen Haß. - -Denn Dietrich beugte sich nicht vor dem Bischof der Römer, er ließ die -Bibel Wulfilas schreiben mit Silber auf Pergament, purpurn gefärbt, -er baute der Gotengemeinde den eigenen Dom in Ravenna: so galt der -gotische König den römischen Priestern als Ketzer. - -Die Kaiserin von Byzanz, die eine Buhldirne war und eine Betschwester -wurde, Theodora steckte zuerst die Fackel der Rechtgläubigkeit an; ihr -Warnung zu sagen, sandte der König den Bischof Johannes von Rom nach -Byzanz. - -Aber die sonst den Kreis ihrer Ämter mit Eifersucht maßen, die -Patriarchen in Rom und Byzanz fanden sich einig der gotischen -Feindschaft. - -So mußte Dietrich, der starkweise König erfahren, daß ein Tropfen Haß -zäher leimt als ein Faß voll Liebe: der Argwohn des Alters zückte den -Zorn seiner Enttäuschung, daß ihm ein tückisches Volk die Duldsamkeit -danklos vergalt. - -Da wurde Dietrich von Bern der Held der deutschen Sage, der im -schneeweißen Alter auszog, unholdes Gezücht zu erschlagen: sein Zorn -zerbrach den Senat, und der tückische Bischof von Rom büßte im Kerker; -Haß gegen Haß war zwischen Goten und Römer gestellt. - -In Byzanz die Buhldirne lachte ihm Hohn, daß er sein glückhaftes Reich -der Gerechtigkeit selber zerschlug mit zorniger Faust: der dem Frieden -das Schwert und dem Recht die Waage zu halten Volksfürst der Goten und -König über Rom war, bis ihm die Falschheit zuletzt an den Hals fuhr. - -Im zweiundsiebzigsten Jahr seines Lebens legten die Goten Dietrich -von Bern in sein steinernes Grab zu Ravenna; mit seiner herrlichen -Seele für ein Jahrtausend und mehr floh die Duldsamkeit aus der -abendländischen Welt. - -Seine Asche zerstreute die römische Rache im Wind, und seinen Namen -löschten sie aus im Gedächtnis der Schrift -- wie danach der schielende -Abt von Reichenau schrieb -- als einer Pest von endlosem Schaden; aber -kein Haß konnte die riesige Steinplatte heben, die ihm sein stolzes -Grabmal bewölbte. - -Der Teufel selber, so ging die eifrige Rede der römischen Priester, -habe den Ketzer von seinem letzten Weidgang geholt, auf dem Rappen der -Hölle als wilder Jäger zu reiten. - -Die gläubige Sage schmückte sein Bild wie keines im deutschen -Gedächtnis, sie tat ihm die Brünne Wodans an, sein Schimmel holte den -herrlichen Helden hinauf nach Walhal. - - -Der Kampf um Rom - -Dietrich war tot, und Amalasuntha, die Tochter regierte das Reich für -den Enkel, den sie Athalarich nannte: aber der Stammhalter des Starken -war schwach, und der Wurm fraß dem Steckling die zärtlichen Wurzeln. - -Amalasuntha ging römisch geziert und der gotischen Sitte abwendig; -als der Knabe ihr starb, gab sie die Hand und den Thron Theodat, dem -Amaler, der hündischen Sinnes und den gotischen Großen verhaßt war. - -Theodat brachte die Tochter des Starkweisen um und gedachte, in Rom den -Kaiser zu spielen: das aber geschah zu der Zeit, da Byzanz den Belisar -sandte, das Blatt der blonden Herrschaft zu wenden. - -Dem drohenden Unheil zu wehren, riefen die wehrhaften Männer den -Vitiges aus, aber das Blatt war zu Ende; wie Odoaker vordem, hielt -Vitiges nun die Burg von Ravenna, und Belisar stand in den Sümpfen, bis -zum andernmal Meineid die Stärke besiegte, und Odoaker gerächt war. - -Da grüßten die steinernen Ahnen vergeblich Dietrichs Geschlecht; Byzanz -hielt den Thing in der Halle, und römische Priester streuten die Asche -des Königs ins Meer, den Samen der gotischen Pest. - -Aber die Geister der Rabenschlacht ritten herbei im Unheil der Tage, -der Ruf ihrer Rache riß aus den Rippen der Not das blutige Gotenherz: -ein Nordlicht wie keines hing seinen blutigen Schaum über die -Mittelmeergärten. - -Mit den betrogenen Recken brachte Belisar Vitiges heim nach Byzanz, -seine Flotte ging schwer mit den gotischen Schätzen; aber die Not stand -in den Bergen, Totila, Ildebalds Sohn auf den Schild ihrer trotzigen -Stärke zu heben. - -Neun Jahre lang war Totila König, und Dietrichs Waffen hatten nicht -härter geklungen, da er die Rabenschlacht schlug: ohne Burg und -Bestallung spannte der Jüngling den Bogen, die Städte sperrten ihm -trotzig die Tore. - -Rom und Ravenna holte er heim in mühsamen Kriegen, Neapel und Mailand -fielen noch einmal der Gotenmacht zu; er ließ den falschen Senat sein -Königsrecht fühlen und gab dem römischen Bischof den Trank der Demut zu -kosten. - -Aber der Kampf ging um Rom, und Byzanz warf sein Schwert in die Waage -der römischen Priester: der Lindwurm hob seinen schuppigen Leib, und -der Frieden fuhr in die Hölle. - -Der Wohlstand der Städte starb hin in den Bränden, und die Standbilder -Roms versanken im Schutt, die Felder fanden nicht Frucht noch Saat, -die Straßen starrten im Staub der Rosse und Wagen, das Gebirge lag im -Geschrei der flüchtigen Scharen, Hunger und Seuchen fraßen das Land -leer. - -Neun Jahre lang war Totila König, dann nahm der Tag von Taginäa ihm -Krone und Schwert aus der sterbenden Hand. - -Gleich Türmen, heißt es, standen die gotischen Recken im Wall ihrer -tapferen Mannen, die Bogenschützen aus Morgenland warfen Sturmwolken -schwirrender Pfeile über sie hin. - -Totila fiel und sechstausend Goten tranken ihr Blut mit dem König; das -Morgenland fraß mit sengender Glut das Gebälk der nordischen Türme; das -gotische Glück glühte sein Abendrot aus in der Lohe. - -Ein Lavastrom glomm spät in der Nacht am Vesuv; Teja, der letzte König -der Goten, schürte den schaurigen Brand, bis alles versank in Asche. - -Tausend, heißt es, fanden den Weg aus der letzten Vernichtung; das -Schwert in der Hand und den blutigen Schaum ihres Untergangs brachten -sie heim aus den Mittelmeergärten. - -Das Abenteuer der gotischen Frühe war aus; die das Königsvolk waren der -germanischen Welt, die den frühesten Kaisertraum träumten, die blonden -Schwertherren der römischen Gärten sahen das blaue Land von den Bergen, -darin sie flüchtig und fremd der fränkischen Königsmacht dienten. - - -Die Alemannen - -Wo der Zackenwall der Kastelle das leere Zehntland umzäunte, wo das -rote Gestein im braunen Gewässer des Mains sein Spiegelbild sah, vom -hercynischen Wald hinüber zur Donau warfen die suebischen Völker der -römischen Wacht den Speer in die Flanke. - -Alemannen hießen den Römern die streitbaren Männer, die aus den -weglosen Wäldern ritten, mit eckigem Schild und langem Schwert die -Flüsse durchschwammen, trutzlachend dem römischen Helm das geringelte -Blondhaar zu zeigen. - -Die Stachelschnur riß: in die zerstörten Kastelle wehte der Schnee -kalter Stürme, in den Weiden und Wäldern wuchsen die Dörfer der Sueben, -der deutsche Pflug ging wieder im römischen Zehntland. - -Über dem Rhein auf der Mauer des Schwarzwaldes hielten sie Wacht -und sahen den Wasgenwald jenseits im Abend das fruchtbare Stromland -beschatten. - -Sie sahen im Süden den schimmernden Schneekranz der Berge über dem -blauen Waldrücken des Jura, und ihre Kundschafter priesen das Land der -blaugrünen Seen. - -Sie ließen nicht ab von der lockenden Schau und sprengten die -steinernen Riegel am Rhein; sie fuhren hinüber auf Schiffen und Flößen, -sie fanden vom Hegau hinunter den See im Hügelgebreite. - -Alisazas, die in der Fremde Sitzenden, hießen sie die, denen die Fahrt -an den Wasgenwald glückte; aber sie füllten mählich das Stromland und -bauten die Heimat der alemannischen Volksschaft hinüber ins Elsaß. - -Tief in die Schluchten der schäumenden Bäche drangen sie ein im Land -der blaugrünen Seen: da fiel die stolze Burg des Augustus, Vindonissa -sank hin im Sumpfland der Aare, Aventicum wurde berannt, und durch die -helvetische Prunkstadt der Römer ritten die suebischen Krieger. - -Wohl hob die Heermacht der Römer noch einmal die eiserne Hand, den -lachenden Räubern zu wehren; bei Straßburg und Colmar trafen sie den -blonden Übermut schwer: aber die eiserne Hand wurde lahm von den -eigenen Schlägen. - -Von der Rhone zum Rhein, von Alisaz bis in den Wald der Boheimer -wohnten die streitbaren Männer und hielten das reiche Land in der Hand. - -Heervölker kamen und schwanden, Schlachten wurden geschlagen, und die -Strohdächer ihrer Dörfer verbrannten; einmal beugten die fränkischen -Herren die trotzigen Nacken: die alemannische Volkschaft hielt ihren -Boden und wuchs mit dem Korn der sorgsamen Felder, mit dem Vieh der -saftigen Weiden, mit dem Wein der sonnigen Hügel sacht in die Fülle. - - -Die Gepiden - -Alboin, Audoins Sohn, hatte Thorismund, Thorisins Sohn erschlagen im -Kampf ihrer Völker und hatte die Langobarden befreit von der Übermacht -der Gepiden. - -Darum lagen die Großen Audoin an, daß er den Retter des Volkes und -Sieger als Tischgenoß nähme; aber die Sitte gebot, ein anderer König -müsse dem Königssohn die Waffen darreichen, ihn würdig zu machen zum -Mahl. - -Vierzig der Jünglinge rief Alboin da und zog in Thorisins Land; der -nahm ihn auf im Gram seines Alters und hieß ihn sitzen mit Ehren, wo -Thorismund saß im Saal der Gepiden. - -Aber sein Herz hielt den harten Anblick nicht aus und sein Mund sprach -mit Seufzen: Wehe, der Platz ist mir teuer, aber den Mann, der da -sitzt, sehe ich schwer! - -Da schalt ihn Kunimund, Thorisins anderer Sohn, für seinen -erschlagenen Bruder und schmähte die Jünglinge Alboins Stuten um ihrer -weißen Schuhriemen willen. - -Aber Alboin, Audoins Sohn, hob seine zornige Hand von der Tafel und -wies gegen Westen und sprach in der Burg seiner Feinde: Draußen im -Asfeld spürte dein Bruder, wie Stuten ausschlagen können. - -Da wurde der Wein verschüttet, die Waffen räumten den Tisch und -traten zum Tanz und rissen die Kluft in den Saal, da Alboin stand im -Schwertkranz der Seinen, und waren Tausend um Vierzig. - -Aber der König sprang auf im Zorn, und die Treue hielt wie ein Turm der -Sitte das schirmende Dach: Wehe dem Mann, der seinem Gast treulos den -Wein verschüttet, und wehe dem Schwert, das seinem Schwur den Frieden -nicht hält! - -Und holte die Waffen Thorismunds her von der Wand und gab sie Audoins -Sohn, und hielt mit wehrenden Händen den Saal still und gab dem Gast -seinen Spruch als Hausherr und König. - -Und hieß ihn gehen in Frieden und hielt ihm den Königsbann bis an die -Grenze, der seinem Volk der bitterste Feind und seinem Blut böse zuleid -war, weil er ihm Thorismund, seinen Sohn, draußen im Asfeld erschlug. - - -Die Langobarden - -Noch einmal schien über die Mittelmeergärten das Glück der alten -Gestirne, aber das Morgenland glühte düster hinein, und der Kaiser war -in Byzanz: sein Exarch regierte das römische Reich in Ravenna, der -Senat war zerbrochen, der römische Papst saß allein in den Trümmern der -ewigen Stadt. - -Zum andernmal zeigte das Schwert der nordischen Völkerentfaltung das -lockende Ziel: der langobardische Trotz ging lachend den Weg der -Kimbrer und Goten, Machthaber der römischen Erbschaft zu bleiben. - -Sie hatten das Volk der Gepiden dienstbar gemacht im verlassenen -Ostgotenland und waren die Starken geworden im Stegreif der östlichen -Völker, als die Kundschafter Alboin lockten, die kühne Heerfahrt noch -einmal zu wagen. - -Über den Birnbaumerwald brachen sie ein in den Mai der römischen Gärten -und schafften im Sommer so fleißige Ernte, daß sie schon warm im Nest -von Verona die Winterrast hielten. - -Da stand noch die räumige Burg Dietrichs von Bern und die steinerne -Brücke; die blonden Langbärte füllten die Stadt mit dem Lärm ihrer -Wagen und Weiber. - -In der Burg aber saß der lachende König der Stärke und tat seinen -Spruch, daß dies nur der Rest vor Ravenna und der Steigbügel wäre, ins -Reich der römischen Pfaffen zu reiten. - -Rot rann der Wein in der Burg zu Verona und rief den Übermut wach -der tapfer bestandenen Taten; Alboin tat seinen Trunk aus dem -silbergerandeten Schädel und bot ihn der Königin dar: sie kannte den -Becher, die Tochter des toten Gepiden, sie gab dem König Bescheid und -schwur seinem Frevel heimliche Rache. - -Der ihr den Vater erschlug und sie zwang zu dem greulichen Trunk aus -dem silbergerandeten Schädel, sah den Abend nicht mehr in der Kammer -Dietrichs von Bern; sein Waffenträger Helmichis gab ihm den letzten -Bescheid, der dann zur Nacht mit der Königin ritt auf der Flucht nach -Ravenna. - -Sie klagten um Alboins Tod und schwuren ihm blutige Rache; aber sie -taten den Ritt nicht nach Ravenna und Rom; sie säumten ihr Reich im -Schneekranz der Alpen und füllten das fruchtbare Tiefland, das nun die -Lombardei hieß. - -Sie ließen Ravenna und Rom, ließen Kaiser und Papst den Zank um die -Geltung; sie saßen am Freitisch Dietrichs von Bern, aßen und tranken -und hatten die Fülle, wo die Goten den Becher der Bitternis tranken. - - -Hengist und Horsa - -Seefahrer waren die Sachsen, die an der kalten Meerküste saßen; aber -ihr Meer war nicht blau, und keine lässige Fülle dehnte ihm wohlig den -Strand; donnernd sprangen die Wogen und fraßen sich gierig hinein in -das Flachland der Küste. - -Sand und Sümpfe trugen die Spuren der Stürme; die Reifriesen raubten -dem Frühling die Blüte und rissen dem Herbst die Frucht von den Bäumen; -der Wind webte wüst aus der Wolkenwand; die neblichten Lüfte lasteten -kalt auf den Weiden. - -Wenn die Flut kam, standen die Häuser im schmutzigen Schaum, und wenn -sie verebbte, schwamm das kärgliche Grün ihrer Hügel gleich Inseln im -weglosen Sand. - -Faul lagen die bauchigen Leiber der Schiffe im Schlamm, schief an den -schwärzlichen Pflöcken; aber die Flut riß sie auf im schaufelnden Tanz -und warf um die zackigen Hörner der Schiffe das schäumende Zügelband -ihrer Wellen. - -Dann lachte das Herz, das Ruder fiel ein und riß in die jagende Flut -die Wundmale krallender Tatzen, dann jauchzten die Schiffe hinaus an -die stählerne Wand, sturmvogelfrei im Wechselgesang der wallenden -Wolkengehänge. - -Häuptlinge waren die Herren der Hügel, die mit Sassen und Knechten die -kühnen Meerfahrten wagten; der Raub war ihr Recht, der Kampf an den -Küsten der nördlichen Länder die Lust ihres Lebens. - -Gleich einer Schüssel gefüllt mit den Gaben der lustreichen Landschaft -lagen die britischen Küsten den Sachsen dicht vor der Tür; und lange -schon fuhren die Kühnen hinüber, bevor der britische König sie dingte, -den Pikten und Skoten zu wehren. - -Hengist und Horsa hießen die sächsischen Helfer; die hörnigen Schiffe -trugen den Hall ihrer Waffen, die Feinde zu schrecken; aber der -britische König hatte den Bock zum Gärtner gemacht. - -Herren wurden aus Helfern, und Widersacher dem Wohlsein britischer -Tage; die hörnigen Schiffe schliefen am Strand, indessen die -sächsischen Männer die Macht auf den Straßen des Britenlandes fanden. - -Sie hielten das Schwert und prüften die Schärfe und lachten der -schwächlichen Christengesänge, sie setzten sich breit in den Stuhl der -britischen Herkunft. - -Anglia hießen sie prahlend das Land, weil sie sächsischen Stammes, doch -Angeln genannt in der Heimat und stolz ihrer Vetterschaft waren. - - -Chlodevech - -Ein Eber lief aus von den Franken und brach in die gallischen Felder: -Chlodevech, Childerichs Sohn, den die salischen Großen im fünfzehnten -Jahr seines hitzigen Lebens kürten als ihren König. - -Die merowingische Stirn stand ihm steil zu Gesicht und die Borsten des -Ebers -- so sprach die Sage -- wuchsen ihm stachlig den Rücken entlang: -dem Knaben brannte das Herz nach Ruhm und Gewinn raubreicher Fahrten. - -Noch aber hielten Burgunder, Alemannen und Goten das gallische Gatter -zu eng für den fränkischen Eber, zornmutig schnob er hinein, die -rostigen Ketten zu sprengen. - -Bei Zülpich hielt das alemannische Schwert der fränkischen Streitaxt -stand; schon mähte es fröhlich die Ernte: da rief der Eber den -römischen Christengott an und beugte den borstigen Nacken, daß er ihm -hülfe. - -So wurde der König der Franken Christ; die Kirche hielt ihm die Taufe -zu Reims mit dem Prunk ihrer besten Gewänder. Dreitausend Franken -beugten das Knie und sangen dem König zur Messe, und hoben das bärtige -Antlitz gen Morgen, wo im Weihrauch und Wechselgesang lateinischer -Priester das Kreuz auf dem düsteren Hochaltar stand. - -Chlotilde, die Gattin des Königs, hielt lächelnd das Taufbecken hin: -die Chlodevechs Trotz und den grausamen Sinn seiner Großen mit sanfter -List lenkte, hing das fränkische Schwert ans römische Kreuz und -schenkte dem Papst den allerchristlichsten König. - -Da war dem fränkischen Eber bald das Tor im Süden geöffnet, eifrige -Bischöfe brachten heimlich den Schlüssel und wirkten ihm Wunder -entgegen; die Hündin zeigte dem landfremden Eber nächtlich die Furt, -und feurige Zeichen gaben ihm Fährte. - -Als die blutige Streitaxt des Ebers den König der Goten erschlug in -der Schlacht, hatte die göttliche Waltung den Wahrspruch der Kirche -gehalten. - -Wohl schloß der Heerbann Dietrichs von Bern dem fränkischen Eber -zuletzt noch das Gatter, aber das gallische Land war den Goten -verloren; über Toulouse und Bordeaux hing die Streitaxt der Franken, -Chlodevech streute das Silber und Gold seines Raubes dem fränkischen -Volk auf die Gasse und tat das römische Prunkgewand an. - -Steil stand ihm die merowingische Stirn zu Gesicht, und die Borsten des -Ebers wuchsen ihm stachlig den Rücken entlang: noch gab es Fürsten der -Franken, die ihm nicht untertan waren; er brachte sie lachend um und -schonte den Letzten nicht seines eigenen Geschlechts. - -Und als er sie alle versammelt hatte in der Gruft seiner Väter, stand -er klagend davor und jammerte laut, unter Fremden ein Fremdling zu -sein, und senkte tückisch den borstigen Nacken, ob sich nicht einer -verriete, den sein blutiger Blick noch nicht fand. - -Er trug als freidiger Unhold das Kreuz in den grausamen Händen, und -war der Kirche ein treuer Knecht und ihrem starken Mirakel; er wurde -begraben in heiliger Gruft, und die lateinischen Lieder sangen um ihn, -der dem römischen Papst die Steigbügel hielt im germanischen Norden. - - -Brunhilde - -Die Blutspur Chlodevechs rann in den Bach merowingischer -Mördergeschichte; unholde Frauen hielten den Haß in blutigen Schalen, -riesengroß wuchs ihr grausames Bild im Gedächtnis der fränkischen -Völker. - -Zwei Schwestern kamen aus Westgotenland, Königsfrauen in Franken -zu sein und Gattinnen feindlicher Brüder, Chilperich und Sigibert -geheißen. - -Galswintha die Gute wurde erwürgt in Paris; König Chilperichs Buhlin, -Fredegunde, rühmte sich frech ihrer Tat; Brunhilde, die Schwester in -Metz und Sigiberts Königin, erhob ihren Zorn und rief den König zur -Rache. - -Da mußte sich Chilperich beugen und Buße geloben dem stärkeren Schwert -seines Bruders; Fredegunde aber, die freche Magd auf dem Thron, fällte -Sigiberts Stärke. - -Heimtückisch hoben die Großen Chilperichs den siegreichen Sigibert -auf den Schild und das Volk in Paris lief ihm zu, aber das Gift ihrer -Schwerter gab ihm heimlich den Segen. - -Da trank Brunhilde den Becher der Bitterkeit leer, da wurde Sigiberts -Königin krank im Blutrausch der Rache: - -Die eigenen Großen entführten ihr grausam den einzigen Knaben und -ließen sie treulos in Chilperichs Hand; der hielt die Stolze höhnisch -gefangen, und die in Metz Königin war, mußte in Meldis Klosterdienst -tun. - -Aber Merovech, Chilperichs Sohn, entbrannte in Liebe zu ihr und half -der Feindin des Vaters zur Flucht aus dem Kloster: als Merovechs Frau -kehrte sie heim in Sigiberts Land nach gramvollen Jahren. - -Die eigenen Großen aber erschlugen ihr grausam den Gatten; da blieb -sie, Gattin nicht mehr und nicht mehr liebende Frau, nur Königsmutter -in Metz, das zärtliche Reis ihrer Liebe, König Sigiberts Sohn zu hüten -im Haß der Geschlechter. - -Die fränkischen Herren mußten die Hand des gotischen Weibes erfahren: -sie traf den Trotz und dämpfte den Frevel, sie hielt ihrem Knaben den -Horst und trug die Furcht ihrer Stärke ins Land wie ein kreisender -Adler. - -Dreißig Jahre lang kam ihr das Königsschwert nicht aus den herrischen -Händen; als Sigiberts Sohn starb, hielt sie den Enkeln das Reich und -blieb als Greisin die unbeugsame Mutter des Landes. - -Aber die Enkel kamen in Streit und die Krone ertrank im Blut ihrer -Kriege; wohl hob Brunhilde den blutigen Reif Sigiberts ihrem Urenkel -auf, doch waren der Raben zuviel um den einsamen Horst ihres Alters. - -Sie riefen Chlotachar her, Fredegundens streitbaren Sohn: die lahmen -Flügel der Gotin taten den letzten Flug ihrer Flucht, aber die Späher -fanden die Spur und fingen den Vogel im steinichten Jura. - -Sie banden der gotischen Greisin die Glieder mit Stricken und hetzten -das Roß, Brunhilde zu schleifen: da löschte der Sohn Fredegundens den -Haß seiner Mutter im Blut und zerfetzten Gebein ihrer Feindin. - -Die Blutspur Chlodevechs rann im Gerinnsel des sterbenden Weibes; -riesengroß wuchs ihr Bild im Gedächtnis der Völker, aus uralten Tiefen -brachte die Sage Brünne und Helm, die unholde Frau in Wodans Reich zu -geleiten. - - -Gudrun - -Der gotische Königssohn Hermingild freite Ingunthis, Brunhildens -liebliche Tochter; aber Godswintha, Brunhildens Mutter, war seinem -Vater Leovigild im Alter noch einmal Gattin geworden. - -Godswintha holte dem Stiefsohn die Enkelin selber ins Haus; aber -Ingunthis war fränkisch und fromm, ihr galten die Goten als Ketzer. - -So neigte dem Hermingild bleich und schlank eine Lilie zu; Godswintha, -die Großmutter, sah die Wurzeln in Dornen und Unkraut. - -Das Alter war häßlich und grausam, die Jugend war schön und gerecht: -sie ließ sich schmähen und schlagen und trug die Lilienstirn stolz mit -dem Dornenkranz ihrer Leiden. - -Leovigild aber, der Vater, wollte nicht Zwietracht und Zank im Hause -des Königs, er bannte das böse Zerwürfnis und sandte den Sohn als -Statthalter nach Sevilla. - -Da saß Ingunthis, die schöne im andalusischen Land und heilte die -Lilienstirn im zärtlichen Wind ihrer Wochen; die Kirche bot Balsam und -Weihrauch und weihte das Dornenkränzlein zur himmlischen Krone. - -Die geistlichen Boten kamen und gingen im Eifer bischöflicher Sendung, -der Heilquell kirchlicher Gnaden brach auf: da wurde das Knäblein -römisch getauft, und Hermingild konnte nicht länger als Ketzer die -Lilienfrau kränken. - -Er trank aus den Händen der frommen Ingunthis das Gift der Empörung, -er wurde der Kirche gehorsamer Sohn und brach dem Vater und König die -Treue. - -Drei Jahre lang schlugen die gotischen Waffen im Zeichen des Kreuzes; -aber Leovigilds Hand griff hart in die römischen Dornen: auf der Burg -Osser gefangen, lag ihm der weinende Sohn zu Füßen, der um den Glauben -der schönen Ingunthis in Bitterkeit kam. - -Der König war stark und sein Herz stand nicht still, das Blut seiner -Väter zu bitten; aber der Sohn trug die Krone der Lilienstirn stolz -und beharrlich, bis ihm das Beil des Gerichts den Sühnetag seiner -himmlischen Leidenschaft brachte. - -Da sangen die Messen, und um sein blutiges Haupt webte die Kirche den -leuchtenden Kranz der heiligen Märtyrerkrone; Ingunthis aber die schöne -floh fern über See. - - -Karl Martell - -Der Wüstensturm kam und wehte die Glut gegen den Westen; der Halbmond -stand über dem Morgenland, und mächtig wurde das Schwert des Kalifen an -den südlichen Mittelmeerküsten. - -Als Tarik ans Tor des Herkules kam, rief König Roderich den Heerbann -der Westgoten auf; aber lässig lag das lustreiche Land, und längst war -das Schwert Eurichs des Starken verrostet. - -König Roderich fuhr in den Kampf mit acht weißen Zeltern; sieben Tage -lang standen die Sänger bereit, den Sieg zu empfangen; aber am achten -Tag war der König im Schilf des Flusses verschwunden. - -Am Palmsonntag zog Tarik ein in Toledo; die Glocken klangen nicht mehr -von den Türmen, arabische Rosse gingen die Straßen der gotischen Stadt, -und auf der Königsburg wehte das grüne Tuch des Propheten. - -Die Rosse stäubten die Straßen und fanden die Krippen der Ställe -gefüllt; die Schiffe kamen und gingen am Herkulestor; unaufhörlich -drangen die maurischen Scharen ins Westgotenland. - -Abd ar-Rahmân kam, und die Furcht seines Wüstenvolks fiel über die -Franken; aber Karl, der Hammer genannt und Hausmeier des Königs, hielt -den Zermalmer Donars zur Hand, und als er ihn warf, zuckte der Blitz in -die Wolke der Wüste. - -Wie eine Mauer von Eis -- so heißt es -- standen die nordischen Männer -in Muspilheims Feuer, der Halbmond brannte zu Asche, und hoch in den -Himmel ragte das Kreuz, als Karl Martell, das ist der Hammer, die -Wüstengefahr bannte. - - -Pipin der Kleine - -Hausmeier hießen die Franken den Kanzler des Königs; seinen Hammer hob -Karl in Theuderichs Namen; aber der König war nur der Siegelring seiner -Hand, und als ihm Theuderich starb, ließ er den Thron und die Krone -leer im Palast und ritt allein auf das Maifeld. - -Auch ließ er das Reich seinen Söhnen, als ob es sein eigenes wäre; er -ließ es stark und gerundet und hatte den neidischen Groll der Großen -zerschlagen mit seinem Hammer. - -Karlmann und Pipin hießen die Söhne; sie holten den Childerich her -aus dem Dunkel unnützer Tage und hoben ihn auf den Thron; sie führten -Kriege und mehrten das Reich und hielten den König im goldenen Käfig. - -Aber Karlmann verdrossen die Dinge der Welt, er tauschte das Kleid mit -der Kutte und ließ dem jüngeren Bruder den Teil seiner Macht: so wurde -Pipin allein Hausmeier im Frankenreich und hielt den Hammer des Vaters. - -Sie hießen ihn Pipin den Kleinen, doch groß war die Gewalt seiner -kurzen Gestalt: Alemannen, Burgunder, Bayern, Friesen und Sachsen -mußten dem Zornigen büßen, und klein blieb der Trotz seiner Großen. - -Da hob er den Blick auf den Thron und sah den Childerich sitzen, -gebeugt von der Last seiner Krone; er nahm ihm das Gold von der -grämlichen Stirn, er ließ ihm das Haupthaar scheren und tat den -Geschorenen still in ein Kloster. - -Ihm aber mußten die Großen ein neues Königskleid reichen, und die -Kirche brachte das Öl, ihn prunkvoll zu salben, der ihrer Geltung im -Abendland ein Schwert und ein treuer Türhüter war. - -Sie hießen ihn Pipin den Kleinen und freuten sich seiner Stärke, sie -sahen das Schwert bei der Krone, aber sie hörten den Schwur auf das -Kreuz; sie sangen das Lied auf den König der Franken und lauschten der -römischen Orgelgewalt. - - -Karl der Große - -Die fränkische Zeit war erfüllt, das Buch der Könige lag mit blutroten -Siegeln beschlossen, das Reich trat ein in den Gang der Geschichte, und -Karl, Pipins gewaltiger Sohn, war sein Kaiser. - -Der Rhein war die Heimat der Franken gewesen, bevor sie groß wurden im -gallischen Glück; am Rhein saß wieder der fränkische König, der die -Krone über alle Völker Germaniens trug. - -Sie hatten Weide und Wohlstand gesucht, sie waren mit Schiffen gefahren -und auf Kamelen geritten, sie hatten die römischen Gärten besessen und -Königreiche gegründet im Morgen- und Abendland. - -Sie hatten das Bienenschicksal der Kimbrer verkehrt in den gotischen -Hochmut, sie waren Schwertherren gewesen an der Theiß, am Tiber und -Tajo: aber die lässige Fülle machte die Schwerthand faul; das Blut der -Mittelmeervölker trank die Kraft ihrer Glieder. - -Nun war die nordische Springflut verrauscht in den römischen Gärten, -und der Rest ihrer Gewässer füllte den fränkischen See: Alemannen, -Burgunder, die gallischen Goten, Langobarden und Bayern, Friesen und -Sachsen zwang das gewaltige Schwert des fränkischen Königs in seinen -Heerbann. - -Gewaltig wie Etzel und Dietrich war Karl und hielt das Abendland hart -in der Zucht seiner stolzen Gedanken; aber nun herrschte kein Hunne -über germanische Schwerter, kein Gote war fremd in der römischen -Feindschaft: deutsch waren die Völker karolischer Macht, und deutsch -war der König. - -Am Rhein hinauf und hinunter hielten die Pfalzen das Schwert und die -Waage seines Gerichts; sein Stuhl stand zu Aachen im Rheinfrankenland: -da saß er im Glanz seiner eigenen Macht, da war er Hausherr der Heimat -und König im Kreis seiner Recken. - -Wie vormals nach Rom und Byzanz, so ritten nun die Gesandten vom -Morgenland her in den Nebel der nordischen Nächte; sie fanden den -Herrscher des Abendlandes gehen in leinener Kleidung, sie sahen ihn -reiten und jagen wie jeden seiner Getreuen, und wie er den kleinen -Dingen des Tages sein Antlitz treulich zukehrte. - -Sie sahen ihn schwimmen im lustigen Schwall seiner Freunde und Diener -und hörten ihn lachen beim Mahl, fröhlich besorgt um das Wohl seiner -Gäste. - -Sie suchten staunend Prunk und Gepränge und brachten das Bild seiner -Menschlichkeit heim, die frank und frei in germanischer Sitte unter -den Männern der Mann, unter den Helden des Krieges im Frieden der -friedlichste war. - -Hoch aber ragte hinaus über die Dächer der Hallen, frei unter dem -fränkischen Himmel, das Reiterbild Dietrichs von Bern, der seines -Herrschertums höchster Ahnherr und seiner Tafelrunde der rühmlichste -Held war. - -Sie hatten das eherne Bild zu Schiff von Ravenna gebracht, durch das -blaue Herkulestor, von der sonnigen Mittelmeerküste hinein in das -graue Gewässer der Nordsee, bis es dem fränkischen Königsstuhl als -Wahrzeichen vorstand. - -Sie hatten auch Säulen und kupferne Gitter genommen von Dietrichs -ruhmreicher Halle und hatten die Kuppel gewölbt nach ihrem sinnreichen -Vorbild. - -Aber das Kreuz stand darauf, und was den Goten Thingstätte war, das -wurde den Franken zur Kirche; denn Karl hieß König und Herr seiner -Völker von Gottes Gnaden; er führte das Schwert seiner gewaltigen -Macht, der Kirche und ihrer göttlichen Sendung in Demut zu dienen. - -Wodan und Donar ritten die wilde Jagd nächtlicher Träume; aber der Tag -stand im Kreuz, und die Wirklichkeit war in den Dienst Gottes und in -die Lobpreisung seiner ewigen Allmacht gelegt. - -Deutsch war der König, deutsch war das Wort und das Linnen der -fränkischen Kleidung, deutsch war das Haus, aber der Stuhl von Sankt -Peter stand geborgen darin und geehrt als Burg Zion. - -Eine Kugel galt ihm die irdische Welt; die untere Wölbung war sein im -Zorn und Zank irdischer Taten; hoch aber darüber gewölbt stand der -Himmel der Kirche, dem er in Demut mit deutschem Schwert Schutzherr und -Schirmvogt war. - - -Die Nibelungen - -Als Leo, der Papst, dem König der Franken in Rom den Purpur umhängte, -als wieder ein römisches Reich war im Schoß der katholischen Kirche, -sangen die päpstlichen Knaben in Rom den Göttern Walhals die Messe. - -Wodan, die wehende Unrast lag in Sankt Peter begraben, aber der Spuk -seines Daseins sank in die nordischen Seelen wie Heimweh. - -Die Glocken bellten den Sieg des Gekreuzigten aus von den Kirchen und -Klöstern, und manche wurden von römischen Mönchen mit in die deutsche -Wildnis gebracht. - -Aber der Wind Wodans nahm den ehernen Schall in die herrische Hand; -er stieß ihn hoch an den Felsen, daß er heulend zerbrach; er warf die -jammernden Stücke hinein in die trotzig schweigenden Wälder. - -Wo die Füße der Ewigkeit gingen in der Waltung natürlicher Mächte, -wo der Donner wohnte im Horst der Wolken und Wetter, wo die Sterne -der Nacht heimlich ihr Strahlengebind wuschen im Abgrund der toten -Gewässer: hielt Wodan zornig Gericht und sandte die Sturmgeister aus in -die Ahnungen einsamer Nächte, die Ungetreuen zu schrecken. - -Der König der Juden hing kalt am Kreuz seiner Leiden: aber die Räder -rollten im Wetter, Donar stand hoch mit dem Hammer und warf die -zackigen Blitze, Freya sank mit der Abendröte hinunter zur Nacht, -Baldurs Scheite lohten im Sonnenwendfeuer, und in den heimlichen -Gründen saß Frigga, die Brunnen des Lebens zu hüten. - -Die aber der Götter Lieblinge waren, hielten das Mahl im Ruhm ihrer -herrlichen Taten; die Sänger stiegen die goldenen Stufen hinunter zum -Brunnen der heiligen Herkunft, sie holten das Mahnwort der Sage herauf -und die Wundersucht ihrer Lieder. - -Sie sangen dem männlichen Mut das Lob seiner Macht, und der Stärke den -Stolz ihrer Stunde; sie gaben dem Leben das Schwert in die Hand und -lachten der knieenden Demut; sie hießen die Stärke gesund, die Schwäche -verächtlich; sie taten der trotzigen Tat das Königskleid an und dem -Zweifel das Narrengewand. - -Sie sangen von Siegfried, dem kühnen Bezwinger der Drachen und Alben; -die holdeste Frau war sein Preis, aber die treulose List seiner Sippe -warf den Herrlichen hin; aus Liebeslust wurde die blutige Not im Haß -der Geschlechter. - -Sie sangen von Etzel, dem König der Hunnen, und wie er die blonde -Hildico freite, Siegfrieds verratene Frau; aber der schwarze Zwingherr -der Welt starb in der blutigen Brautnacht. - -Sie sangen von Schwanhild und Randwer, wie sie den Wein verbotener -Liebe genossen, dem greisen König zur Schande; die Rosse Ermanerichs -schleiften die schöne Schwanhild, und Randwer, der Sohn, büßte die -Gunst seiner Mutter am Galgen. - -Sie sangen von Dietrich, dem starkweisen König der Goten, wie er die -Rabenschlacht schlug und wie ihn der Schimmel Wodans heimholte, als -wilder Jäger zu reiten in höllischen Nächten. - -Sie sangen von Brunhild, der heldischen Frau und ihrer furchtbaren -Feindin, wie sie den Männern zum Trutz ihre Burg hielt und wie sie den -Stolz büßte. - -Sie sangen das schmähliche Leid der schönen Ingunthis, wie die -schneeweißen Hände Magdarbeit taten in bitterer Kälte; klagend stand -sie am Meer und sah nach den Schiffen. - -Sie sangen von Gundikars Burg und dem Übermut seiner Recken, von seiner -schmählichen Schuld und dem unendlichen Blutstrom der Sühne; sie sangen -von Hagen, dem finsteren Helden blinder Gefolgschaft; sie gaben dem -Spielmann Volker den Preis der fröhlichen Kunst, lachend zu leben und -lachend zu sterben. - -Die Lieder liefen ins Land wie schäumende Bäche, sie suchten und fanden -ihr Bett im Strom, der die Taten und Leiden, den lachenden Trotz und -die standhafte Stärke germanischer Frühe hinein ins Urgebraus trug, -in das rauschende Naß Ymirs des Riesen, in die donnernde Brandung der -kalten Meerküste. - -Da fuhr das Totenschiff Baldurs hinein in den Norden asischer Herkunft, -da hellte die Lohe den nächtlichen Himmel, da wurde Siegfried der -Erbe des göttlichen Jünglings, da kam dem Cherusker der Glanz in die -Locken, da hob er die Kraft und das gleißende Gold aus den Höhlen der -Albengeschlechter. - -Da band die Sage den Heldenbericht ein in den Kampf der Asen und Vanen; -da fanden der Trotz und die Kraft, der Mut und die Treue der nordischen -Männer ihr strahlendes Gleichnis. - -Das Schuldbuch der Götter tat seine Blätter zum andernmal auf im -Schicksal der Menschen. - - - - -Das Buch der Kirche - - -Jesus von Nazareth - -Als der Kaiser Augustus zu Nola in Campanien den Tod sterben mußte, der -das Vorrecht der Gewaltigen auslöscht wie das Unrecht der Geringen, -ging Jesus von Nazareth erst in die Jünglingsjahre: aber noch war -Tiberius nicht in den Polstern seines grausamen Alters erstickt, da -hatte das Kreuz von Golgatha schon den Zimmermannssohn zum Messias -erhöht. - -Das prahlende Glück Cäsars und der Glanz des Augustus hatten dem -wölfischen Weltreich die blutige Tollheit des julischen Tyrannen -gebracht: die Lehre des Nazareners ging auf wie Blumen, heimlich in die -Gärten der Greuel gesät. - -Das erste Lot aber seiner Lehre war dies: dem Kaiser gehört euer Leib -und alles, was seine Notdurft verlangt, er kann ihn behängen mit -goldenen Ketten und kann ihn braten auf glühendem Rost; Gott aber -gehört eure Seele und alles, was ihre Sehnsucht vermag, er kann die -goldenen Ketten zur Last und den glühenden Rost zum Lustlager machen! - -Denn der, den sie Messias, das heißt den Gesalbten, nannten, kam nicht -gegürtet mit einem Schwert, sein Reich zu raffen: er ging als Pilger -über die Straßen und Märkte des jüdischen Landes, lächelnd von Liebe -und Weisheit, und säte den Samen der Freiheit in furchtsame Herzen. - -Und weckte Gott aus den Seelen der Menschen, daß er stark würde in -jedem, des irdischen Daseins zu lächeln. - -Denn das zweite Lot seiner Lehre war dies: Gott ist kein böser -Tyrann, über euch thronend in den Wolken, durch Opfer und gute Werke -versöhnbar, Gott ist der ewige Geist aller Dinge, und jedem, der ihn in -Wahrheit erkennt, wird er ein liebender Vater. - -Darum brauchte Jesus von Nazareth nicht das Bußgeschrei der Propheten -noch die Gottesfurcht ihrer Priester: sein himmlischer Vater ließ seine -Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten, er ließ regnen über -Gerechte und Ungerechte, weil allen sein Himmel der Liebe geöffnet war. - -Allen, die gläubig der Gotteskindschaft zur ewigen Allmacht eingingen, -die solches Wunder dem sterblichen Menschen erwies und ihn aus -der Notdurft und sündigen Furcht seines Leibes zur Freiheit der -unsterblichen Seele erlöste. - -Denn das war das dritte Lot seiner Lehre: das Reich Gottes ist nahe -herbei gekommen; es ist der Himmel des Herzens in euch, Reinheit und -Demut sind seine Pforten, gläubige Liebe zum Vater hält seine Burg, und -tätige Liebe den Brüdern gibt ihm die ewigen Waffen. - -Als aber Jesus, der Zimmermannssohn, der dieses lehrend über die -Straßen und Märkte des jüdischen Landes ging, sich selber als -Liebespfand der Allmacht geopfert hatte, als mit dem Hosiannageschrei -und dem Kreuzestod der Umkreis seines irdischen Daseins umrissen war: -da blieb der Kreuzestod in den Herzen seiner geflohenen Jünger und -hatte das Lächeln der Liebe und Weisheit in den Schmerz des Opfers -verkehrt; und grausam ging durch die frohe Botschaft der Riß von -Golgatha. - - -Paulus - -Die seine Lehre hörten und ihm als Jünger folgten, waren Fischer und -Findlinge der Einfalt; sie glaubten treulich, daß ihr Meister der -Messias aus dem Geschlechte Davids wäre und warteten in Demut der -verheißenen Wiederkunft. - -Sie hielten sich abseits vom Tempel in der Gemeinde und lebten -gemeinsam aus einem Eigentum; sie waren Juden und gedachten, das Gesetz -und die Propheten zu erfüllen. - -Es kam ihnen aber ein Teppichweber zu mit Namen Saul aus Tarsus -in Kleinasien und römischer Bürger, der in Jerusalem die Schrift -studierte, Rabbi zu werden. - -Glühender im Geist als sie und im Gewissen wühlend, hob er das Sinnbild -der Versöhnung aus dem uralten Passahbrauch der Juden: er hieß Jesus -das Opferlamm Gottes und den Glauben an den gekreuzigten Gott die -Erlösung aus Sündenschuld. - -Was eine Lehre der Liebe und der Weisheit in Galiläa war, das wurde -Glut des Glaubens, die das Gebälk des jüdischen Gesetzes und das -Tempeldach feurig durchbrach. - -Denn Saulus kannte die Wehen der Griechenweisheit und wie die -aufgerührte Welt nach einem Wahrspruch brannte: ihm waren die Mauern -Jerusalems zu finster und die Grenzen Judäas zu eng für seine Sendung. - -Er nannte sich Paulus und trug die Fackel seiner Botschaft von -Antiochien nach Zypern, von Troas nach Mazedonien hinüber und fragte -nicht, ob Juden oder Heiden daran entbrannten. - -Es war nicht sein stolzester Tag auf dem Markt von Athen, da die -Griechen den Juden von Tarsus einen Lotterbuben nannten; aber da sprach -er sein Wort von Gott, in dem wir leben, weben und sind. - -Zwischen den Standbildern ihrer gestorbenen Götter, wo das Stichwort -der Stoiker galt von der menschlichen Seele als Absenker Gottes, blies -er dem blutleeren Balg ihrer Lehre den Atem seines glühenden Glaubens -ein und hob ihn auf den leeren Altar, der dem unbekannten Gott wartend -dastand. - -Als er dann wiederkam zu den zürnenden Jüngern, die seinen heidnischen -Gläubigen den Eingang in ihre Gemeinschaft verwehrten, schnitt er die -Nabelschnur ab von der mosaischen Mutter: der Kreuzestod Christi sei -die Erlösung auch vom Gesetz der jüdischen Thora. - -Es war die Geburt der christlichen Kirche, als Paulus sich so vor den -Jüngern Jesu bekannte; nicht mehr die Lehre der lächelnden Liebe und -Weisheit gab seinem glühenden Glauben den Grund: der gekreuzigte Gott, -auferstanden vom leiblichen Tod und herrlich gen Himmel gefahren, war -das Wunder seiner Verkündung und die Gotteskindschaft der Seele sein -Gnadenbeweis. - -Aber nun galt der Apostel, der dreizehnte neben den Zwölfen, nicht -mehr als Jude; als er dennoch einging zum Tempel, machten die Jünger -einen Aufruhr um ihn und wollten ihn steinigen, bis ihn der römische -Hauptmann der Wache den zornigen Händen entriß. - -Seitdem berief sich der Jude aus Tarsus als römischer Bürger, der -Christenapostel ging ein in die Stadt, die das alternde Haupt der alten -Welt war und durch seinen Glauben die neue Herrschaft gewann. - -Das Reich der Seele wollte mächtig werden in der Wirklichkeit der -Leiber, das Buch der Richter des neuen Bundes begann das stolze Kapitel -der römischen Kirche. - - -Das Kreuz über den Gräbern - -Als Paulus einging in Rom, war Nero, die Natter des Lasters, Kaiser der -wankenden Welt, das Blut seiner Verbrechen stank in den Straßen der -steinernen Stadt. - -Ihm war der Jude aus Tarsus nicht wert, seiner brünstigen Lehre zu -achten; als aber Rom brannte sieben Tage und Nächte, indessen der -lustvolle Kaiser dem Schauspiel Verse zusprach, mußten die Nazaräer -dem römischen Volk als Brandopfer dienen, und Paulus sank mit in die -glühende Asche. - -Die dem fressenden Feuer entgingen in den Schlupfwinkeln der -schwälenden Stadt, hielten heimlich zu seiner Lehre: der Kaiser konnte -den irdischen Leib mit goldenen Ketten behängen und konnte ihn braten -auf glühendem Rost; Gott aber gehörte die himmlische Seele, er konnte -die goldenen Ketten zur Last und den glühenden Rost zum Lustlager -machen. - -Sie hatten nicht Schulen noch Tempel, ihr Heiligtum wurde in Höhlen -gehütet: wo die Gräber der Gemarterten waren in engen Grüften, stimmten -sie frühmorgens die Lobgesänge an und gingen hinaus in den Tag und den -Tod, verzückte Pilger der ewigen Seligkeit. - -Sie gaben den Armen ihr Geld und den Reichen das frohe Geheimnis der -Botschaft, sie säten die Hoffnung in Herzen, die alles verloren und -nichts zu gewinnen hatten, sie machten die Tore des irdischen Todes -weit auf in die himmlischen Gärten und waren standhaft im Leid, die -ewige Lust zu gewinnen. - -Ob der Kaiser Trajan, von den Römern der Weise genannt, sie als -Rebellen verfolgte, weil ihre Lehre den Kaiser und Knecht, den Bürger -und Sklaven gleichmachte vor Gott: die irdischen Blutstrafen wirkten -der Nachfolge Christi das himmlische Ehrenkleid. - -Viele Kreuze wuchsen dem einen auf Golgatha nach, die Gräberwelt ihrer -Höhlen zu füllen, indessen ihr Himmel sich mit den Bildern der heiligen -Blutzeugen schmückte. - -Das Reich Gottes baute die Räume im Jenseits mit ihren seligen Freuden -und gab dem irdischen Jammertal seine brünstigen Träume: vom Lohn der -Leiden im jüngsten Gericht, vom Paradies als dem ewigen Vaterhaus der -gläubigen Seele. - - -Das Schaumgold der Kirche - -Die aber im Heer des Kaisers dienten als seine Knechte, Mietlinge des -blutigen Handwerks aus allen Ländern der römischen Welt, hörten die -Botschaft der Christen einfältig wie vormals die Fischer und hörten sie -gern als Nachbarn des Todes und als Enterbte der Götter. - -Lange bevor Konstantins List das Kreuz zum Feldzeichen machte, ging -bei den Legionen der Christengott um: darum gewann Helenas Sohn die -Schlacht vor den römischen Toren und zog ein in die Stadt des Augustus -als Schutzherr der Christen. - -Das Kreuz besiegte den römischen Adler; wo die Tempel der Götter -verfielen, wurden den Heiligen Kirchen gebaut, Kirchen über den -Gräbern: die Lehre des Galiläers stieg hoch in der Gunst der Gewalt, -das Gottesreich aber wechselte seine Gestalt. - -Der Kaiser, der klüglich das Kreuz an seine Staatsherrlichkeit klebte, -blieb Oberpriester der römischen Götter aus furchtsamer Vorsicht, -und taufen ließ er sich erst, als er starb, sündenrein vor den -Christengott, als christlicher Kaiser bevorzugt in seinen Himmel zu -kommen. - -Auch war er ein Sohn des Morgenlandes -- durch Helena, seine jüdische -Mutter -- und dem römischen Bürgertum fremd; er legte das asiatische -Stirnband seines Despotentums an und machte Byzanz zur Hauptstadt der -römischen Welt. - -Wie die Sonne der Griechen mit Alexander rauschgolden im Morgenland -unterging, so schwand der Vollmond römischer Weltbürgerschaft mit -Konstantin hin in die hängenden Gärten. - -Darum war es Byzanz, wo der Kaiser im Weihrauch prunkender Messen die -Lust seiner Allmacht genoß, wo die höfische Geltung der Kirche die -christlichen Hirten zu Weltherren machte. - -Höfischer Pomp und der Weihrauch zeremonieller Gebräuche, die -Rauschgläubigkeit wundersüchtiger Scharen, das Mirakel und der tönende -Schwall himmlischer Freudenverheißung: mit Ornat und Krummstab fiel -es über die christliche Lehre, die Liebe und Weisheit des lächelnden -Mundes erstickend im Schaumgold kirchlicher Feste. - - -Simeon aus Sesam - -Rund um die Küsten der greisen Griechenwelt lagen die Länder der -paulinischen Lehre; Zweifler an den Marmorgöttern hörten die Botschaft -seines gekreuzigten Gottes und die Grübler der uralten Logoslehre. - -Das Morgenland fing wieder an zu glühen, das vor dem Götterhimmel der -Griechenwelt ins Dunkel der Mysterien versunken war; und wo das Wort -der neuen Lehre hinfiel auf den verdorrten Boden, da knisterte der nie -gelöschte Brand. - -Sie ließen die geheimnisvollen Flämmchen des Zoroaster spielen, die -neue Wahrheit und die alten Widersacher aus Licht und Finsternis zu -deuten, sie schürten mit den Zangen der Spitzfindigkeit und fingen das -Gezänk der Deutung an. - -Und waren eifrig, von der Gemeinde die Wissenden zu scheiden, und -legten um die Einfalt der Botschaft den Priestermantel der Erwählung: -im Namen dessen, der die Fischer lehrte und den die Priester -kreuzigten, den Klerus vom Laienvolk zu lösen. - -Auch sonderten sich manche ab nach alter Weise des Morgenlands, sie -gingen abseits in die Wüste und suchten das Geheimnis der Erwählung in -den Schlupfwinkeln ihres unreinen Geistes. - -Sie leerten ihre Lüste aus und füllten das Gefäß mit Fasten und -Verzückung und wähnten, dem Reich Gottes näher zu sein, als die mit -Treue den Tag bestanden. - -Den sie bei Antiochien bestaunten, ein Hirt mit Namen Simeon aus Sesam, -stand dreißig Jahre lang auf einer Säule, den Wallfahrern ein Wunder, -und lehrte: Jesus habe teil an seiner Torheit, daß er dastände gleich -einem Kranich, der seiner Flügel überdrüssig geworden wäre. - -Eudoxia die Kaiserin, so heißt es, hieß einen Turm daneben bauen mit -offenem Dach, das hallende Gespräch des Heiligen zu hören: so wähnten -in der Wüste ein Hirt und eine Kaiserin der Stimme aus Nazareth zu -dienen, die traurig mit den Traurigen und fröhlich mit den Fröhlichen -im Volk gegangen war. - - -Augustinus - -Ein reicher Jüngling aus Tagaste lebte seinen Sinnen in Karthago, bis -ihn der Geist schalt, daß er gleich einem Tier der Täglichkeit den Trog -leer fräße. - -Der mit bunten Kleidern auf der Gasse ging, fing an zu suchen in den -Schriften, daß ihm der Geist ein besseres Futter fände: so wurde -Augustinus ein Schüler der Griechenweisheit und suchte sein Glück so -gierig in den Schriften, wie seine Sinne die Brunst genossen hatten. - -Als er ein Mann geworden war und selber für einen Meister der Weisheit -galt, kam er ins Abendland, in Rom und Mailand zu lehren: der Zweifel -aber, gieriger als seine Sinne, wollte ihm alle Wahrheit fressen. - -Bis er die Schriften des Paulus fand und daraus die Einfalt zu glauben -lernte; der als ein Meister der Weisheit im Abendland Ruhm zu ernten -gedachte, kam als ein Schüler der Demut zurück nach Karthago, sein Herz -in der Stille der Wüste zu kühlen. - -Da trat der sündige Mensch vor Gott und rang wie Jakob mit ihm um -Erlösung, da stand vor dem glühenden Dornbusch des Glaubens der -Zweifel, sein letztes Reis zu verbrennen, da riß eine Seele den Brunnen -der Wüste auf, ihr Menschengesicht im Spiegel der Tiefe zu schauen. - -Sie holten ihn auf den Stuhl des Bischofs von Hippo, Hirt und Herold -der Kirche zu werden wie keiner; so wurde der Kirche der Mund der -Inbrunst geschenkt und der paulinischen Lehre der hitzigste Streiter. - -Als ewige Erbschaft war an die Schwelle der Menschheit die Sünde Adams -gestellt, die Gnade Gottes allein vermochte den erbsündigen Menschen -aus der Verdammnis zu lösen. - -Die Gnade Gottes war der Kirche gegeben; sie war das Reich Gottes auf -Erden über der Macht der weltlichen Staaten; bis das Weltgericht kam -und das bunte Scheingewand der Welt in Flammen verzehrte, hielt sie der -erbsündigen Seele die Gnadentür offen. - -So sprach Augustinus, der Bischof von Hippo, der Kirche den -Gnadenschatz zu, so sank der Stachel der Erbsünde ein in die -Christengemeinde, mit ewiger Verdammnis die furchtsamen Herzen zu -schrecken und mit der Verheißung des Himmels zu locken. - - -Nicäa - -Was zu den Hirten von Bethlehem kam als himmlisches Licht, Gott -in der Höhe zu Ehren, der Erde zum Frieden und den Menschen ein -Wohlgefallen, war eine schwelende Brandfackel geworden der christlichen -Rechtgläubigkeit. - -An die dreihundert Bischöfe samt ihrem geistlichen Heerbann hielten -Konzil zu Nicäa, den Punkt zu erzirkeln, wo zwischen der göttlichen -Natur des Erlösers und dem menschlichen Dasein des Zimmermannssohnes -sein Wesen als kirchlicher Lehrbegriff stände. - -Noch war das düstere Wunder paulinischen Glaubens nicht unter Dach, -noch stand das Opferlamm Gottes nicht auf dem Altar der beschworenen -Glaubensartikel, noch war die Dreifaltigkeit nicht im Lehrgebäude der -Kirche gesichert. - -Gottgleich oder gottähnlich, so stritten die Priester mit Zirkeln und -Zangen um den Zimmermannssohn; und hitziger hatten die Juden nicht -vor Pilatus gestanden, als nun die Christen vor Konstantin, der ihrem -Konzil den Prunk des Kaisers umhängte. - -Die gestern noch selber Verfolgten verdammten den Arius da, weil er -das göttliche Wunder allein in der Lehre und nicht im Mirakel des -gekreuzigten Gottes erkannte; sie hießen ihn einen Ketzer, und Christus -siegte als Gottes einiger Sohn im Zankbeschluß seiner Priester. - -Als die Bischöfe danach auseinander fuhren mit dem Heerbann ihrer -Meinung und Lehre, den Hellespont hinüber ins Abendland, und auf -mancherlei Schiffen und Wegen ins Morgenland, fuhr der Zank mit nach -Haus, die Christenheit zu zerspalten. - -Bis Theodosius, von der Kirche dankbar der Große genannt, für die -arianischen Ketzer den Rost glühend machte: im Namen des Dulders der -Liebe, der im Haß der jüdischen Priester den Kreuzestod fand. - - -Wulfila - -Ein Psalm, der vor dem Tag verscholl, gesungen aus Traum und Wachen, -bevor das wilde Kriegswerk der Völkerwanderung begann, ein Klagelied -aus dem Brunnquell der deutschen Sprache: das war die Gotenbibel des -Wulfila. - -Sie sollte der Psalter des deutschen Evangeliums werden und ist der -Sargdeckel geworden der germanischen Frühzeit, weil aus der fröhlichen -Botschaft der Haß des geistlichen Lehrstreites Giftblumen blühte. - -Der sie den Westgoten schrieb, zwölfhundert Jahre vor Luther den -Deutschen die Schrift zu schenken: Wulfila war arianischer Bischof; und -Arianer, das hieß der römischen Kirche ein Ketzer und schlimmer als -Heide zu sein. - -Sie saßen im Tiefland der Donau, vom schwarzen Schrecken der Hunnen -verdrängt, als Grenzwacht des Kaisers geduldet, und hörten die -Botschaft der himmlischen Ferne: - -Gott war gekommen, der über den Göttern von Ewigkeit war, den Menschen -das glückhafte Reich des Friedens zu bringen, da wieder Gerechtigkeit -wurde, sonniges Land und selige Freiheit den grausam Enterbten. - -Denn Wulfila hatte die Worte der Botschaft in ihre Sprache gebracht: -da klangen die uralten Laute den uralten Sinn, da war die ewige -Herkunft der Dinge, da war ihr himmlischer Vater und sandte Surtur, -den herrlichsten Sohn seiner Stärke, die Seinen zu sammeln aus Not und -Bedrängnis. - -So lauschten die Goten dem Wulfila und konnten nicht ahnen, daß sie -der Glaube betrog, daß sie die fröhliche Botschaft ins Fegfeuer des -Ketzertums brachte. - -Arianer und römische Kirche: so war der Kampf angesagt bis aufs Messer; -die Goten und alle germanischen Völker der großen Wanderschaft hatte -ihr gläubiges Herz gegen die römische Schneide gestellt. - - -Der Pontifex maximus - -Pontifex maximus hießen die Römer den obersten Priester, und Konstantin -selber behielt das heidnische Amt trotz dem Kreuz seiner Fahnen. - -Nicht lange aber, so hob der römische Bischof das glänzende Stirnband -aus dem Brandschutt der Götter, als Papst und Statthalter Christi -wieder der Pontifex maximus, im römischen Weltreich der Hohepriester zu -sein. - -So wurde Rom noch einmal das Herz der mittelmeerländischen Welt; -denn der Kaiser war fern in Byzanz und sein Glanz blickte düster ins -Morgenland, indessen der Norden hell wurde im Junglicht germanischer -Kraft. - -Der erste Gregor, der Große genannt, Präfekt und Römer von Reichtum und -Rasse, bevor er sein Haupt schor, gab dem römischen Titel die römische -Geltung zurück, das zerfallene Reich Cäsars erneuernd als Macht seiner -Priester. - -Er sandte das Pallium aus, wie vormals der Kaiser die purpurgesäumte -Toga, er ließ seine Legionäre schulen im Orden der Benedektiner. - -Fegfeuer und Seelenmesse, Bilderdienst und der bunte Heiligenhimmel: -das Rüstzeug der Kirche hob seine cäsarische Hand auf, der von Herkunft -ein Römer, aus frommer Neigung ein Priester und der berufene Pontifex -maximus war. - -Der Kaiser war fern in Byzanz, das langobardische Schwert hing dicht -über Rom; in Gallien aber beugten die ersten Germanen das Knie vor der -Kirche: die Franken waren die Feinde der Goten, sie sollten gegen die -Langobarden die römische Leibwache sein. - -Vom römischen Scharfblick geführt, staatskundig und stetig im -Schachspiel steigender Macht, weitblickend aus Nöten der Nähe, brachte -die Kirche den Handel ans Ziel, Pipin den Kleinen als König der Franken -zu salben. - -Stephan der Papst kam selber ins gallische Land, reitend auf einem -Maultier, wie Samuel der Priester vor Saul kam, drei Meilen weit ins -Lager der streitbaren Franken von Pipin dem König am Zaum eingeführt. - -Er gab ihm die heilige Salbung und brachte sie heim, die Pipinsche -Schenkung, die ihn, den Hirten der Christengemeinde, zum Fürsten des -römischen Kirchenstaats machte: eine Schrift nur, ein Pergament in den -Falten des Priestergewandes. - -Aber der Pontifex maximus hatte den Heerbann der Franken gesehen und -harrte getrost ihres Schwertes. - - -Winfried - -Sie haben Winfried, den englischen Mönch, Apostel der Deutschen -genannt; als aber Winfried herüber kam zu den heidnischen Friesen --- vierhundert Jahre nach Wulfilas Predigt -- waren die Franken, -Thüringer, Alemannen und Bayern schon Christen; nur die sächsischen -Völker verehrten noch Saxnot, den Gott ihrer Väter. - -Die arianischen Goten, Vandalen, Burgunder hatte die römische Mühle -zermahlen, ihre Könige waren verschollen in den Schlupfwinkeln der -Sage; noch boten die Langobarden ihr Trutz, aber schon blühte das -Frankenreich, der Kirche gehorsamste Tochter. - -Dreimal zog Winfried nach Rom, der ein frommer Held seines Glaubens, -ein feuriger Herold der päpstlichen Macht war: Gehorsam gegen Rom zu -verkünden, war der heimliche Sinn seiner Sendung. - -Darum sanken ihm Ehren auf das silbrige Haar; Legat und Erzbischof war -er und Primas der deutschen Bischöfe, treu und milder Verwalter des -Hauses, dem er die Balken fügte mit Klugheit und Eifer. - -Denn Pipin der Kleine war nicht nur der Kirche gehorsamer Sohn; der -Hausmeier brauchte den römischen Segen, seinem König die Krone zu -nehmen; wie der Papst seines Schwertes bedurfte, den Langobarden zu -wehren. - -Mittelsmann ihrer Machthändel war Winfried der Weise; er schlichtete -klug und ohne kleinliche Ränke, war Kanzler der Kirche und der früheste -Kurfürst am Rhein; er liebte das Land seiner Wahl, der englische Mönch, -und suchte der Ordnung zu dienen, deren mildester Meister er war. - -Weil ihm die anderen Bischöfe seine Ehren mißgönnten, zog er im Alter -tapfer hinaus, noch einmal hinaus zu den heidnischen Friesen; der -friedliche Meister des Lebens fand seinen Tod wie ein Held, als ihn die -trotzigen Friesen bei Dokkum erschlugen. - -Als sein Leichnam stromauf kam durch das rheinische Land, klagten -viele um einen Vater, und manche Glocke, die seine Hand weihte, gab -ihm bis Fulda das Sterbegeläut; nur wenige sahen, was seine milde -Geschäftigkeit hinterließ. - -Ein Netz hing geflochten für den Nachfolger Petri, den größten Fischzug -zu tun: das Morgenland war an den Islam verloren, in Eifersucht wachte -Byzanz; im nordischen Land der Germanen war der Kirche ein Acker -gepflügt, andere Dome zu tragen, als die im römischen Land. - -Das Mittelalter begann, das der neuen Welt Wunder sein sollte; die -Sterbeglocken zu Fulda läuteten seinen Beginn. - - -Widukind - -Während die gotischen Völker das Glück und den Fluch der römischen -Erbschaft fanden, während die Franken im gallischen Land dem römischen -Papst die Steigbügel der neuen Weltherrschaft hielten, hatten die -Länder der Weser die Volksschaft der Väter bewahrt. - -Frei wie zu Tacitus Zeiten hielten die sächsischen Gaue den Thing und -das Weistum, und sprachen Recht im Schwertzeichen Saxnots, bis Karl der -fränkische König das Kreuz über sie brachte. - -Gleich Drusus, dem Römer drang er von Süden ein durch das hessische -Waldland, raubend und brennend; und wo das Schwert des trotzigen Blutes -satt war, schwangen die Mönche den Weihrauch und sangen die römische -Messe. - -Die Eresburg fiel, die Irminsul wurde zerstört, den heiligen Hain fraß -das Feuer, so wurde im Namen des Kreuzes fränkische Mark, was ein -Jahrtausend lang sächsisches Freiland war. - -Die Mönche sangen zur Messe, die Grafen hielten Gericht im Namen des -fränkischen Königs und beugten das uralte Recht der Sachsengemeinde. - -So war dem Franken der Sprung in den sächsischen Sattel geglückt: aber -dann bäumte das Roß, und der Ritt begann, rauchend von Brand und Blut -dreier Jahrzehnte. - -Wie vormals Armin, Segimers Sohn und Fürst der Cherusker, war -Widukind Herzog von Sachsen; dreizehn Jahre lang bot er der -fränkischen Zwingherrschaft Trotz, freudig und flüchtig im Wechsel -des Waffenglücks, ein Meister der List und ein Nacken unbeugsam, das -Unglück zu tragen. - -Denn ob er Fritzlar verbrannte und Fulda bedrohte, daß die Mönche -flohen mit Winfrieds Leiche, ob er vorstieß bis an den Rhein: die -fränkische Feldkunst warf das Ungestüm seiner Kriegshaufen nieder, und -immer grausamer dämpfte Karl den sächsischen Trotz. - -Bis der Tag an der Aller kam, wo ihrer viertausendfünfhundert -geschlachtet wurden -- Edlinge des sächsischen Volkes, die sich -freiwillig stellten -- daß der Bach sich färbte im Blut und das Feld -faul wurde im Gestank der edelsten Leiber. - -Noch einmal rief da der Grimm die Waffen Saxnots zuhauf; bei Detmold -kam es zur Schlacht, die dem gewaltigen Karl das Schwert stumpf machte, -aber den Sachsen das ihre zerbrach. - -Widukind beugte den Nacken vor dem fränkischen Christ! Drei Tage lang -sangen die Priester Danklieder in Rom, weil der Herzog der Sachsen zur -Taufe nach Gallien ging. - -Den Franken gelang, was dem römischen Adler mißglückte, sie blieben -Zwingherrn im Weserland, besiegelt im Kapitular der sächsischen -Knechtschaft, mit Blut geschrieben zu Paderborn und aller Gesetze -furchtbarstes: - -Des Todes soll sterben, wer die Fasten nicht hält, wer sein Kind der -Taufe verbirgt; des Todes soll sterben, wer sich selber der Kirche -verweigert; des Todes soll sterben, wer einen Leichnam verbrennt nach -germanischem Brauch! - -Aber der Hund fraß wieder, was er ausspie: noch manchmal stand Saxnot -auf in den Herzen der Seinen, bis er für immer zur Hölle fuhr, der -uralte Lichtgott der Deutschen, verdammt von den römischen Mönchen. - -Zu Tode gehetzt von der slawischen Meute der Wenden, denen der -fränkische Räuber das sächsische Elbland hinwarf als Beute, zu -Tausenden aus ihrer Heimat geschleppt, für immer getrennt von Weib -und Kindern, verraten von treulosen Grafen: so wurden die Sachsen zu -Christen gemacht, im Namen der lächelnden Liebe. - -Bis endlich drei Bistümer blühten im Weserland, zu Bremen, zu Münster -und Paderborn: drei Hochkreuze des allerchristlichsten Königs, drei -Leichensteine auf dem Kirchhof des sächsischen Volkes, drei Krummstäbe -über dem Nacken germanischer Freiheit. - - -Carolus Augustus - -Als Karl, der Frankenkönig, sein Sommerlager hielt zu Paderborn im Land -der Sachsen, kam Leo, der Papst, als ein Flüchtling zu ihm. - -Den hatten die Römer am hellen Tag aus einer Prozession gerissen, -halbtot geschlagen und gefangen aus Rom fortgeführt: mit List entwichen -und die Mühsal der Alpenfahrt nicht scheuend, rief der Pontifex maximus -den Frankenkönig als seinen Schirmherrn an. - -Es fand sich danach, daß der Statthalter Christi der Unzucht und des -Meineids beschuldigt war; so hielt der Frankenkönig feierlich Gericht -in Rom und strafte die Ankläger hart, als sich der Papst mit seinem Eid -zu reinigen vermochte. - -Das aber geschah vor Weihnachten, als es achthundert Jahre her war, daß -Maria im Stall von Bethlehem ihr Knäblein gebar: nun stand das Kreuz -auf tausend Kirchen, und statt der Hirten kamen die Großen der Welt an -seine Krippe. - -Als in der Christmesse das Heergefolge des Frankenkönigs sich durch die -Römer drängte und Karl, der Schwertgewaltige, in Andacht kniete vor -dem Altar der Peterskirche, da krönte ihn der Papst, und die Lateiner -stimmten ein in den bestellten Ruf: - -Carolus Augustus, dem von Gott gekrönten friedenbringenden Cäsar der -Römer, Leben und Sieg! - -Es war ein Franke, den sie zum Kaiser riefen, ein Franke, der morgen -Rom schon wieder den Rücken kehrte; aber so verkehrte sich das -Angesicht der Welt: - -Roma die vielerfahrene ließ ab vom Morgenland und huldigte dem Starken, -der von Norden in ihre Netze kam, ließ Syrien und Ägypten, Kleinasien -und Byzanz, weil sie die Herrin bleiben wollte in der neuen Zeit, wie -in der alten. - -Der Frankenkönig aber, der sonst in einem Wams von Otterfell ging -und als Patricius der Römer den Seinen fremd dastand in römischen -Gewändern: er fühlte die Krone auf seinem Haupt von Gottes Gnaden -und staunte, das Reich Gottes sei doch von dieser Welt, weil er sein -Herrscher und der treue Diener der Priesterlehre war. - - -Der gläserne Grund - -Als Karl der Große begraben lag in seinem Münster zu Aachen und Ludwig -der Fromme, sein Sohn, Herrscher des Frankenreichs war, von Karl zum -Kaiser gekrönt mit eigener Hand, stand vor dem Königsgebäude noch immer -das eherne Reiterbild Dietrichs von Bern aus Ravenna. - -Denn der die Stämme der Sachsen, Alemannen, Bayern und Langobarden in -harten Kriegen bezwang, war Uferfranke und deutschen Geblüts: seine -Sprache war deutsch, auch trug er sich fränkisch und legte nur zweimal -in Rom das Prachtgewand römischer Kaisermacht an. - -Wie sein Münster in Aachen gebaut war nach gotischem Vorbild, und -wie er die deutsche Predigt verlangte, so ließ der Kaiser die Lieder -aufschreiben von Siegfried, Dietrich und Hildebrand und die uralten -Göttergesänge. - -Aber sein Sohn von der schwäbischen Hildegard zeigte niemals lachend -die Zähne und wäre lieber ein Mönch, denn ein Kaiser gewesen; er warf -die Lieder der Deutschen, vom Vater mit Eifer und Ehrfurcht gesammelt, -ins Feuer, schaudernd vor dem Abgrund der heidnischen Herkunft. - -Da brannte sie hin, die heilige Sprache, uralt und glanzvoll gefügt. - -Die Riesenleiber der Götter und Helden flackerten auf in den -Schattenbildern der Sage, spottend der kindischen Torheit: aber das -Wort sank hin in die Asche, das ihrer Taten volkstümliches Kleid war -und Seelenhort der germanischen Frühe. - -Wohl sprachen die Männer des Volkes deutsch wie zuvor, aber nun hatte -ihr Wort keine Schrift mehr; die Bildung in Klöstern und Schulen -schrieb fremdes Latein: einer gemähten Wiese gleich lag die Volksseele -da mit abgeschnittenen Halmen und wucherndem Unkraut. - -Unermüdlich aber aus den Schleusen der Klöster und Kirchen lief das -lateinische Gewässer hinein und gefror zum gläsernen Grund, darunter -der Spuk der germanischen Seele, auf die Märzstürme wartend, den -Winterschlaf hielt. - - -Die schwarzen Mönche - -Schwärmer und Schelme der Müßigkeit kamen vom Morgenland, Schaffner -Gottes zu werden nach abendländischer Losung. - -Denn Benedikt, der auf dem Monte Cassino das Mutterhaus der -abendländischen Klöster baute, gab dem Gebet die Arbeit, der Verzückung -den Fleiß an die Hand. - -Die Weltflucht entsagte dem Nutzen, doch nicht der nützlichen Leistung; -der Überdruß vornehmer Römer sprang in die Flut der lautlosen Tat, die -aus dem Nichtstun in Ehren erlöste. - -Als danach die schwarzen Mönche ins Nebelland der deutschen Urwälder -kamen, wurden Sankt Gallen, die Reichenau, Hersfeld, Fulda und -Wessobrunn die Standlager entsagungsvoller Mühsal, bevor in den -Klostergärten der Wohlstand spazieren ging. - -Dann freilich wuchs ihr Reichtum sich aus zu grünen Inseln, die aus der -Tannenwildnis die Sonne saugten und die Wärme stahlen: der Frühling -blühte über sie mit anderem Licht, der Sommer reifte Garben wie nie -zuvor, und wenn der Herbst kam, hingen die Spaliere von Trauben und -Birnen schwer. - -Der Sonnensegen flog durchs Land, im Klosterhof zu rasten, ein -Wundervogel, der nach der Glocke flog und ahnungsvoll inmitten -schwarzer Wälder die grünen Inseln fand. - -So wurden Pfründen, wo der Atem der harten Rodung keuchte; Laienbrüder -buken das weiße Brot und dienten dem Behagen, das in dem Täfelwerk -wohnlicher Kammern auf breiten Stühlen saß. - -Die Metten nahmen dem Gebet die Arbeit sacht aus der Hand, und Gott war -zärtlich geschützt, wenn er im Kreuzgang trockenen Fußes spazieren ging. - -Und fing auch wieder an, die Kunst zu lieben, den Klang der Orgel und -den bunten Psalter; lustreiche Farben malten ihm das Haus, und Gläser -glühten Feuerglanz im Tageslicht der Fenster. - -Auch las er gern in alten Schriften und dachte sich neue Taten aus; er -ließ das Wunder blühn mit Rosenranken, daran die Heiligen sich ritzten, -ihr Blut zu tropfen: doch war kein Schmerz in ihnen und keine Not um -sie, weil die Legende die Himmelsleiter hielt. - - -Die Legende - -Aus Blutbächen rann das Geheimnis der christlichen Lehre ins römische -Reich; glühende Roste, gemarterte Leiber, heiße Bekenner und heimliche -Gräber webten den Teppich der kirchlichen Herkunft mit brünstigen -Farben. - -Der Heiligen Leben und Leiden malte im Glauben verachteter -Christengemeinden die Bilder der Ahnenverehrung; der Heiligen -himmlischer Fürspruch half den zagenden Herzen in einen tapferen Tod. - -Um ihre Särge wuchsen die Kirchen der Wallfahrt, und um ihr Gedächtnis -wand die dankbare Liebe den Kranz der Legende: ihre Leiden blühten -darin mit blutroten Rosen, dornige Ranken ins messianische Wunder zu -flechten. - -Als aber die Blumen der Lehre, heimlich gesät in die Gärten der Greuel, -friedlich aufgingen im Abendland, als die Kirche selber den Garten -bestellte, war die Legende nicht still: und ging aus dem blutigen -Düster morgenländischer Herkunft ein in die Landschaft der Wälder und -Wiesen. - -Nicht mehr zur Schlachtbank führte der Heiligen Leiden, aber das -rankende Wunder blieb um ihr Leben, nur wurde es grün und statt der -blutroten Rosen blühten die Himmelsschlüssel einfältiger Tugend. - -Den heiligen Martin drängte sein Herz, der frierenden Blöße des -Bettlers den Mantel zu teilen, den Hasen zu schützen vor den scharfen -Zähnen der Hunde. - -Da war noch einmal das Paradies der Heiligen hold geöffnet: das Wild -des Waldes diente ihm treulich, die Vögel der Luft und die Fische des -Wassers brachten ihm Nahrung gleich dem Elias, Gewitter und Hagel -gingen demütig zur Seite, wenn der Heilige kam. - -Und als den verschwundenen Bischof, den heiligen Wolfgang, die Schar -seiner Freunde fand in der Wildnis, ihn heimzuführen nach Regensburg: -da hob sein Kirchlein sich hinter ihm her, dem täglichen Freund der -Einöde zu folgen treu wie ein Hund; bis ihm der heilige Wolfgang -weinenden Herzens den Abschied gebot. - -Die brünstigen Farben verblaßten, Marter und Buße vergingen im -goldgrünen Geheimnis der Wälder, der Wüstensand wurde gütiger Schnee, -und Moos wuchs auf den steinigen Wegen, die Seele begann ihr trauliches -Spiel um die fremden Gestalten: als die Legende vom Morgenland mit -staubigen Schuhen in den tauigen Grund der Wiesen und in den Schatten -der deutschen Wälder gelangte. - - -Der Heliand - -Zu Schanden geschlagen war das sächsische Volk durch die Faust des -fränkischen Königs, seine Götter waren gewichen ins nordische Land, wo -die Wahrzeichen Wodans und Donars noch standen und Saxnot die Seinen -beschützte. - -Der Gott der lateinischen Mönche war nicht der Gott der sächsischen -Seele, und der gekreuzigte Sohn der Maria blieb ihrem Blut fremd, -bis ein Sänger der Sachsen daraus den Heliand machte, aller Könige -kräftigster und der schönsten Frau herrlichstes Kind. - -Da wurde er Wort der Waltenden, ging ein in die Höfe der Freien und -hielt den Thing aus dem Recht seiner edlen Geburt. - -Der Waltende selber kam aus dem Weistum, der Königssohn aus dem Himmel -trat in den Mittelraum ein, im Kranz seiner Degen ewige Weisheit zu -künden. - -Denn der den Heliand sang im Stabreim uralter Gesänge, war anderen -Blutes als Paulus, der römische Jude: Nachfahre der Jünger in gläubiger -Einfalt, kein grübelnder Geist weltfeindlicher Lehre. - -Ihm tönte die Stimme der Liebe und Weisheit wieder, die Menschen zu -lösen vom Leid, doch sprach sie deutsch und klang zu den Mannen und -Degen. - -In den Schlag der Schwerter sprach der Walter der Welt, der Söhne -stärkster aus Bethlehemsburg stand auf als Schutzherr der Menschen -gegen die grimmige Hel: - -Und als der Fürst in die Hände des römischen Herzogs kam durch den Haß -der jüdischen Großen, da zitterte Satan vor seinem Tod, daß er die -Menschen erlöse. - -Er mochte die Herzogin listig verleiten, daß sie ihn losbäte von ihrem -Gemahl, die Waltung der ewigen Weisheit zu stören; der Landeswart -aber wollte sterben am Kreuz und leiden als der Geringste, daß seine -Wiederkunft offenbar würde den Zweiflern und Zagen als Zeugnis seiner -göttlichen Sendung! - -So brachte ein Sänger der Sachsen den Heliand deutsch in die Welt, aus -Walhal geboren als göttlicher Held gegen Hel, die des Satans Mutter und -Urfeindin der göttlichen Herrlichkeit war. - -Kein Opferlamm mehr, im Tempel zur Schlachtbank geführt, als -Versöhnungsopfer die Sünde zu sühnen nach jüdischem Priestergesetz: -ein König der Weisheit und Stärke, urkräftig aus ewigem Recht, kündete -seine Wiederkunft an. - - -Die Heliandsburgen - -In Worms, in Speyer, in Mainz und in Köln stand ihre Steingewalt -auf aus dem mannhaften Glauben der Zeit, den Lindwürmern gleich -der salischen Sagen mit schuppigem Rücken und kräftig umgürtet im -steinernen Knochengerüst. - -Keine Tempel der Griechen mit marmornen Säulen und keine römischen -Hallen, Bethlehemsburgen des Heliand und Waltungsstätten der -Wiederkunft, Trutzburgen tapferer Hoffnung aus kläglicher Knechtschaft -und Sicherheit starker Vergeltung. - -Urtief glühten die Augen der kreisrunden Fenster, und wehrhaft hielten -die Pfeiler der kommenden Macht das Gewölbe, steinern umgürtet und mit -Knäufen von Weltschwertern geschmückt. - -Wohl hüteten steinerne Schranken den Chor und das Schauspiel der Messe: -aber einmal kamen gewaltige Schritte, in den Himmel wuchsen die Hallen -mit den fünfhundertvierzig Türen Walhals; vorbei war die Knechtschaft -der Kühnen, vorbei das Genäsel lateinischer Priester. - -Wie draußen der Rhein floß durch Tage und Nächte, als ob es Pulsschläge -der Ewigkeit wären, wie die Wolken wanderten über die höchste Erhebung, -wie die Stürme brausten in den schwärzesten Nächten, wie die Träume der -alten Zeit gingen von Wodan und Thor, den hallenden Nachfahren Zius, -wie Segifried, Dietrich von Bern, Hildebrand und der grimmige Hagen: so -hielt die wehrhafte Haltung romanischer Dome Wacht über das Land für -Heliands Wiederkunft. - - -Cluny - -Das Reich Gottes war nicht von der Welt dieser Kirche, darin die -Priester nach Pfründen jagten und die Klöster Schatzkammern klüglich -gepflegter Wundersucht waren. - -Zum andernmal ging seine Lehre auf wie Blumen, heimlich gesät in die -Gärten der Greuel; aber nun geisterte sie nicht mehr in Grüften und -tönte nicht mehr von den Säulen selbstseliger Mönche. - -Der Norden trat in die Erbschaft der römischen Christenheit ein und -brachte den Mut germanischer Sittlichkeit mit; der Heliand kam, der -Walter aus Bethlehemsburg in den Mittelraum, den Tag in ewige Tiefen zu -tauchen. - -Das Wort sank wieder in Gott und gebar die demütige Tat und die -Inbrunst des ewigen Lebens, die aller irdischen Freuden glückhafter -Untergrund war. - -Das Kyrieleis der lateinischen Messe stahl sich fort in den deutschen -Gesang der ländlichen Weisen; die Seele fing an, der himmlischen -Tröstung zu trauen, das Lächeln der Weisheit und Liebe kam in den Segen -der Pflicht. - -Ein burgundischer Grafensohn, Berno, der Abt von Cluny, zwang die -üppigen Klöster zurück in die strengen Gelübde, daß sie wieder des -frommen Fleißes bewahrte Werkstätten, Zuchthäuser der Kirchenzucht -wurden; und Heinrich der Dritte, der salische Franke, brachte die -Kirchenreform der schwarzen Mönche von Cluny in den unholden Streit der -römischen Stola. - -Er gab der geschändeten Kirche den Bischof von Bamberg als heiligen -Vater und noch vier andere Päpste danach von germanischer Herkunft. - -Leo der Neunte, den die Kirche den Heiligen nennt, ein Grafensohn aus -dem Elsaß, dem Kaiser verwandt und seiner Strenge in Milde verbunden, -wurde zu Worms auf dem Reichstag der Deutschen gewählt und zog im -Pilgerkleid ein in das spöttisch wartende Rom. - -Türhüter nur und Verwalter war er im Weinberg des Herrn, kein -prahlender Fürst in Sankt Peter, kein Pontifex maximus mehr, gleich -Winfried die Mühsal schwieriger Fahrten nicht scheuend. - -Dreimal kam er nach Deutschland hinüber, das nun das reichste -Kirchengut war, dreimal in seinen sechs Jahren, nach den Knechten der -Kirche zu sehen. - -Sie wurden nicht alt in der römischen Sonne, die deutschen Päpste des -Kaisers, zwölf Jahre nur hielten die fünf den heiligen Stuhl: aber sie -hoben den Fischerring aus dem römischen Unrat und gaben ihn blank an -den Starken, der seinen rothaarigen Kopf über alle Päpste erhob und die -Kirche zurück führte in die Absichten cäsarischer Weltmacht. - - -Canossa - -Hildebrand hieß er wie der grimmige Waffenmeister Dietrichs von Bern, -rothaarig war er und eines Zimmermanns Sohn im toskanischen Land: -Gregor der Siebente, der streitbar gewaltige Papst, der das Gottesreich -wahrmachen wollte als irdische Herrschaft der Priester über dem Kaiser -und allen Fürsten der christlichen Welt. - -Wie der Mond sein Licht von der Sonne, so nähme der Kaiser vom Papst -die Gewalt; allein der Papst als Statthalter wäre von Gott. - -So trüge die Kirche zwei Schwerter; das geistliche führe sie selber, -das weltliche liehe sie aus an den Kaiser und seine Fürsten: Verflucht -aber sei, wer das Schwert aufhalte, daß es nicht Blut vergösse! - -Das war die Lehre der Liebe nicht mehr und nicht mehr die weise -Scheidung, Gott und dem Kaiser zu geben, was Gott und dem Kaiser -gehörte: der Pontifex maximus selber wollte Augustus der Christenheit -werden, das Mönchtum von Cluny sollte sein Schildhalter sein. - -Er nahm dem Priester die Ehe und der Fürstengewalt die Belehnung der -geistlichen Ämter: er baute die Kirchenmonarchie, darin der Messias -ewiger Herrscher und der Papst als Statthalter Christi der Völker- und -Fürstenregent war. - -Der Kaiser war noch ein Knabe, der Papst eine geprägte Gestalt, als -Gregor der Siebente Heinrichs des Vierten Zuchtmeister wurde, als der -Pontifex maximus dem Kaiser das Herkommen kündigte, als der Kampf der -römischen Kirche mit dem deutschen Schirmherrn begann. - -Ein Knabe als Kaiser, das Reich ein Streitfeld rebellischer Fürsten, -an den Wurzeln versehrt im Aufruhr der Sachsen; ein Knabe als König, -hochfahrend, leichtfertig, übel beraten: da wagte der Papst den Riß -durch den Vorhang der Welt. - -Sein Bannstrahl verbrannte dem Kaiser das Kleid, weil er die Fürsten -- -unlustig und treulos -- des Eides entband; im Büßerhemd, barfüßig im -Schnee, kam Heinrich der König vor ihn zu Canossa, den Bannstrahl zu -löschen. - -Da lag dem toskanischen Mönch der salische Trotz zu Füßen, der -Schirmherr der Kirche im Staub vor dem Statthalter Christi, der Mond -weltlicher Macht des Lichtes der Sonne bedürftig. - -Es war im vierten Jahr seines Amtes, als dem streitbar gewaltigen Papst -so Stolzes gelang; aber im elften Jahr kam Heinrich als Sieger nach -Rom: er hatte die treulosen Fürsten gezüchtigt und ließ sich krönen -von Clemens dem Papst, den er sich selber als Schirmherr der Kirche -ernannte. - -Ob ihn normannische Hilfe befreite aus schmählicher Haft: Hildebrand -starb im Exil; das zuckende Herz des römischen Weltrichtertraums liegt -in Salerno begraben. - -Die Sonne sank unter in brandiger Glut, und der Mond stieg grell in den -Raum; die Lehre der Liebe und Weisheit ging auf den Straßen bei Tag und -bei Nacht, sie sah den Mond und die Sonne im Wechselspiel steigen, sie -wußte beide in Gottes Hand und traute den ewigen Sternen. - - -Die Kreuzzüge - -Der Wüstensand hatte die Lehre Christi verweht, und die Palmen -Mohammeds wuchsen im Morgenland: Kalif und Kaiser hatten die Nähte der -Welt mit scharfem Schwert aufgetrennt. - -Als der Gottesstaat in der Christenheit Macht werden wollte, war er -landfremd und seinem Heiligtum fern: Jerusalem war in die Hände der -Türken gefallen, am Tor der Zionsburg hielten Ungläubige Wacht. - -Aber dann kam der Cid, und der Ruhm seiner Taten sang von dem Ritter, -der die kastilischen Christen aus maurischer Herrschaft befreite: das -römische Traumglück schwoll auf, die verlorene Hälfte der Welt neu zu -gewinnen, im Abend- und Morgenland wieder die alte Roma zu heißen. - -Ein Jahrtausend war die Christenheit alt, da sie aufstand im Zeichen -des Kreuzes, da die Kirche des Friedens als Schwertmacht zu gelten -verlangte; der Einsiedler Peter von Amiens ritt vor ihr her auf dem -Esel, einen verdorrten Ölzweig des heiligen Landes in der fanatischen -Hand. - -Noch einmal schienen die Völker Europas zu wandern: raubfahrende Haufen -zuerst, durch die Länder hinbrausend wie Heuschreckenschwärme, die -Juden erschlagend; danach die Heere der Ritter mit unendlichem Troß und -der bunten Vielheit der Trachten. - -Ein Tropfen Tollheit fiel in den Trank und schäumte auf in den Lüsten -der drangvollen Zeit; den Rittern winkte der Ruhm himmlischer Minne, -den Fürsten Ländergewinn, Abenteuer den Knechten und Raub dem Gelüst -zuchtloser Scharen: allen der Ablaß jeglicher Schuld. - -Zweihundert Jahre lang schäumte der brünstige Wahn, der Friedrich, -den schwäbischen Rotbart, im Saleph ertränkte, den Deutschen das -Reichsschwert entwand und Rom von dem lästigen Schirmherrn der Kirche -befreite. - -Denn nun war der Statthalter Christi selber Herr der Heerscharen -geworden, er hielt dem Gottesstaat die Schärfe des Schwertes, er -schüttelte den Baum, daran die Könige des Abendlandes hingen als reife -Früchte. - -Als Innocenz Machtfürst der Christenheit und Reichsverweser Gottes war, -ging Gregors Traum in Erfüllung: da hießen Bischöfe Landvögte seiner -Botschaft und Könige Büttel der römischen Befehle. - -Da zuckten die Blitze seines Bannstrahls und trafen in die Kronen, da -rauschte das päpstliche Gewitter Hagel und Sonnenschein ins Abendland. - -Da stand die Sonne im Mittag, und der Mond war verblichen; die neue -Roma reckte sich im Glanz der dreifachen Krone. - - -Die Hunde des Herrn - -Der Gottesstaat der Priester tat seinen Willen kund, daß Sakrament -und Seligkeit Machtmittel seiner Herrschaft wären, Glaube und -Glaubensgehorsam das einzige Bürgerrecht. - -Aber nicht im Gesetz machthabender Priester, nicht im Mirakel der -Messe, nicht im Schaumgold kirchlicher Feste war die Verheißung der -Lehre; sie suchte noch immer auf Märkten und Wegen, und weil sie im -gleißenden Mittag der Kirche die ewigen Sterne nicht fand, ging sie den -nächtlichen Gang der Beschwörung. - -Wie die ersten Christen in Rom das Geheimnis der Grabkammern hatten, -verzückt und der Wahrheit gewiß, so fing in den Nächten der neuen -Priestergewalt das unterirdische Geleucht heimlicher Schatzgräber an. - -Einfältig im Tun des heiligen Franz, des selig Verzückten, der im Leid -die Nachfolge Christi, im Spott den Honig der Duldung und in der Armut -den Reichtum Gottes genoß. - -Zwiespältig im Trachten grübelnder Geister, mit den zuckenden Flämmchen -des Zoroaster das Dasein zu deuten: feindlich beide der Kirche, die den -Prachtmantel der Weltmacht umhing. - -Die guten Leute von Albi hieß sie das Volk, die der Kirche standhaft -den Dienst aufsagten, obwohl sie dem Herrn von Toulouse, ihrem Grafen, -willig untertan blieben: sie traf der Bannstrahl zuerst und die -Kreuzpredigt des spanischen Mönches, der sich Dominikus nannte. - -Was gegen die Türken mißlang, das mußten die Albigenser erfahren: die -Kreuzfahrer rissen das Kreuz von der Schulter und nähten es vorn auf -die Brust, brennend und plündernd, die Ketzer totschlagend gleich -Wölfen, fielen sie ein in das blühende Land der alten Westgoten und -hielten im Namen der Kirche das Ketzergericht ab. - -Die Scheiterhaufen brannten im Priesterstaat; Menschenwahnwitz dachte, -auf Gottes Stuhl zu sitzen, und wußte nicht, daß wer um seinen Glauben -leidet, der ist ein Heiliger vor Gott, und wer ihn schlägt, schlägt -Gott. - -Und wo die Städte brannten, begannen die weißen Mönche das peinliche -Gericht: sie hatten einen Hund im Wappen, der in den Zähnen das Licht -der Lehre als eine Fackel trug. - -Die Völker sahen die Fackel und sahen die Scheiterhaufen brennen und -hießen die Dominikaner im Weckruf der Wahrheit: die Hunde des Herrn. - - -Die Stedinger - -Die Stedinger wohnten im Gestade der Weser als freie Bauernschaft -und waren freie Friesen seit mehr als tausend Jahren; sie hielten -am uralten Weistum der Gaugemeinden fest und wehrten sich der -Lehnsmannschaft der Junker und der Priester. - -Und als der Bischof von Bremen sie mit dem Kirchenbann belegte, da -lachten sie, weil sie der fremden Mönche nicht bedurften, um fromm zu -sein: sie stellten eigene Prediger an und ließen die Glocken läuten -trotz seinem Bann. - -Der Bischof brauste an mit seinem Harst und Troß der junkerlichen -Herren; die wehrhaften Bauern aber hielten Stich, sie warfen seinen -Hochmut in die Hecken und schlugen ihm samt vielen Rittern den eigenen -Bruder tot. - -Da dem geschlagenen Bischof sein Helm nicht half, nahm er den grünen -Hut und sprach die Bauern des ketzerischen Aufruhrs schuldig. - -Konrad, der Ketzermeister, ließ seine Hunde los, der Papst hieß einen -Kreuzzug predigen, und wie zuvor in Frankreich zog ein Kreuzheer ins -Friesenland, dem Gottesstaat zu dienen mit Brand und Mord. - -Tammo von Hunthorpe, Bolke von Bardenfleet und Detmar von Damme taten -den Schwur der Dreimänner; sie riefen den Gaubann der Stedinger auf, -erschlugen den Grafen von Oldenburg samt zweihundert Rittern und jagten -das Kreuzheer mit Spott durch die Sümpfe. - -Da wurden die Stedinger vogelfrei; der sich König der Deutschen nannte, -der Sizilianer Friedrich der Zweite, gab die Acht zu dem Bann: mit -Bullen und mit Kreuzpredigten rafften die weltgeistlichen Herren ein -unmäßiges Heer, die Stedinger Freiheit zu fangen. - -Auf allen Straßen der norddeutschen Länder ritten die Reisigen an auf -gepanzerten Rossen, vierzigtausend gezählt mit den Knechten, im Namen -Christi zur Ketzerjagd. - -Viertausend Ritter lagen erschlagen bei Altenesch; aber wo einer fiel, -standen neun wieder da, und ihre gepanzerten Rosse zerstampften das -Fußvolk der Bauern. - -So gingen die Stedinger ein in den Gottesstaat kreuzfahrender Henker, -als Ketzer verbrannt, gleich tollen Hunden erschlagen; sie büßten den -Bann der kirchlichen Mächte und schmeckten die irdische Acht; sie -webten mit blutigen Fäden ihr Bild in den Teppich der Freiheit. - - -Der Kinderkreuzzug - -Immer noch raste das Fieber des heiligen Grabes und schäumte die Flut -seiner Heere und Horden hinüber ins Morgenland. - -Aber längst hielt Saladins mächtige Hand Jerusalems Tore geschlossen, -nur an den steinigen Küsten des heiligen Landes ging der Kampf um die -ärmlichen Burgen. - -Die eiternde Wunde der Kirche zu heilen, ließen die Päpste das Blut der -Ritterschaft strömen und schlugen den brünstigen Wahn mit Ruten, bis er -im kläglichen Kreuzzug der Kinder sein irres Spottbild aufsteckte. - -Knaben und Mädchen von Mönchen geführt, irrten in weinenden Scharen -nach Süden, das heilige Grab zu befreien; Torheit und Tollheit hielten -einander die Hände, Wundersucht blies ihrem traurigen Bund die gellende -Pfeife. - -Ein Hirtenknabe brachte sie mit von den Bergen, wild lockte ihr -gellender Ruf in den Tälern, und Tausende liefen ihm zu, im Wahn der -verwilderten Welt zu verderben. - -Als Akka fiel, die letzte Kreuzfahrerfeste im heiligen Land, war das -Fieber der Christenheit aus: der Türkensäbel zerschnitt, was das -Schwert der Christenheit flickte, das Mittelmeer schied wieder die -Hälften der Welt, Halbmond und Kreuz, den Morgen vom Abendland. - -Immer noch standen und wuchsen die Dome in Speyer und Worms, in Mainz -und in Köln; aber es waren die Heliandsburgen nicht mehr: der Starke -fuhr aus dem irdischen Glauben der Zeit zum andernmal auf in den Himmel. - -Die seiner Wiederkunft harrten, waren betrogen: die tiefe Enttäuschung -der Seelen fing an, ihn schmerzvoll zu suchen; die weltflüchtige -Inbrunst der Gotik begann. - - -Die Scholastik - -Das Märchen des irdischen Daseins saß im Schoß der kirchlichen Gnade -geborgen, mit Wundern verankert, im Glauben ewiger Verheißung gesichert. - -Gott war im Himmel und sah die Menschen auf Erden, die Sterne standen -im ewigen Licht, und die Sonne wanderte stolz ihre Bahn: alles war -weislich geordnet, dem Menschen Morgen und Abend zu bringen und das -Geschick seiner irdischen Prüfung. - -Den Jüngern die göttliche Herkunft zu zeigen, fuhr Jesus auf in den -Himmel; die Toten ruhten im Grabe, aufzustehen wie er, wenn die -Posaunen zum Weltgericht riefen. - -Die Erde war groß und der Himmel darüber gewölbt im unendlichen Raum, -die Seele war klein und saß im Gefängnis der Sinne; sie harrte in Demut -des leiblichen Todes, da sie eingehen würde zum ewigen Licht: aber der -Zweifel suchte die sichtbare Welt nach Gewißheiten ab und fragte den -Geist nach Beweisen. - -Denn die Welt war alt, als Jesus von Nazareth kam: Götter waren -gestürzt und irrten ihr unholdes Dasein zwischen Himmel und Erde; -uralte Lehren des Morgenlandes hatten den Samen des Satans gestreut und -dem Glauben die Netze gespannt, darin sich der Zweifel verfing. - -Eines war not und eines die Wahrheit, Tausendes aber war falsch und -führte hinaus aus dem Lichtkreis der kirchlichen Lehre. - -Darum hielt die Scholastik der Kirche den Schatz der Gnade gerüstet mit -Schwertern und Schilden; was die Kirchenväter dachten und schrieben, -war in ihre wehrhafte Obhut getan. - -Da standen sie alle die tausend Fragen, in das Licht der einen Antwort -gestellt, da waren die listigen Schlingen des Satans spitzfindig -gelöst, da hing die Grübelsucht unseliger Geister im eigenen Fürwitz -verstrickt. - -Alles war klüglich geordnet im kirchlichen Wohnhaus der Wahrheit, -Glauben und Wissen hielten dem Geist und der Seele die Schaukel in -sicherer Schwebe: - -Gott war im Licht, der Satan im ewigen Abgrund; zwischen Himmel -und Hölle glaubten und dachten Scholasten sich eins, gesichert im -Gleichgewicht ewiger Hoffnung. - - -Die gotischen Dome - -Waren es Priester oder war es die Sendung der christlichen Lehre, daß -sie dem menschlichen Dasein das Antlitz verkehrte? daß sie die Erde zum -Jammertal machte und den Himmel schmückte mit seligen Farben? - -Daß sie der Tugend den Lohn und dem Laster die Strafe jenseits verhieß, -daß sie dem ewigen Leben ein Schaubild irdischer Wünsche vormalte, Gott -mit dem Prunk der sinnlichen Scheinwelt behängte? - -Daß sie den Himmel mit Heiligen füllte als Fürsprecher selbstischer -Bitten, daß sie die Jungfrau Maria zur Königin krönte und Petrus zum -Torwart bestellte, daß sie vergriffene Münzen heidnischer Götter mit -neuen Legenden beschrieb? - -War es die Wundersucht morgenländischer Mönche oder war es die deutsche -Seele, die den Sinn der christlichen Sendung allein im Sinnbild -begriff, das göttliche Wunder mit der Mär des greifbaren Daseins -verhüllend? - -Im Morgenland starb der Erlöser am Spruch des Propheten, im Abendland -wurde er König der christkatholischen Welt; diesseits der Alpen allein -wuchsen die Heliandsburgen und die gotischen Wundergebilde. - -Nicht Kaiser und Könige bauten die Dome der gotischen Zeit und nicht -mehr der mannhafte Glaube: Prunkhäuser im Gottesstaat, Schatzkammern -der kirchlichen Vögte, Torhallen der himmlischen Sehnsucht und -Opferstätten schmerzvoller Inbrunst. - -Darum standen die Pfeiler nicht mehr gegürtet als wehrhafte Recken, -die Steingewölbe zu tragen: gleich Bäumen der himmlischen Gärten wuchs -ihre Schlankheit hinauf in das schwebende Dach ihrer Zweige. - -Auch glühten die Augen nicht mehr aus dunklen Höhlen der massigen -Mauern: gleich himmlischen Tüchern aus Regenbogen gewebt standen -die gläsernen Wände im Licht; die Heiligen schritten herein auf den -farbigen Strahlen, vom Goldglanz des Himmels umsäumt. - -Wenn der Orgel Hosiannagewalt einbrach in die flehenden Stimmen der -Knaben und der Klang schwoll im Raum, wenn sich Farben und Töne -umfingen, im Wohllaut unirdischer Inbrunst die schlanken Pfeiler -umschwebend; dann war nicht mehr Stein und war nicht mehr Dach, dann -hob das Wunder den Raum, daß er singend hinein fuhr in das Meer der -Verzückung. - -Und schmerzvoll fand sich die Seele zurück in den Tag und sein -knöchernes Licht, wenn die drängende Menge ausströmte über die -steinernen Treppen, wenn die Gasse sie aufsog in die Wirklichkeit -irdischer Häuser. - -Da stand der Dom mit dem Maßwerk staubig verglaster Fenster, mit den -geschwungenen Rücken der Streben und dem unübersehbaren Steinwerk der -Pfeiler und Krabben bis in die dämonischen Fratzen der Wasserspeier -hinauf, und die Kreuzblume blühte hinein in den Himmel der Wolken und -Sterne: die Gralsburg inmitten der sündigen Stadt und ihrer sorgenden -Plage. - -Wohl blieben die Tore für die entzauberte Seele geöffnet; aber nur -einmal fand sie den Eingang, wenn die schwarzen Männer den Sarg -eintrugen zum letzten Gebet: dann war die Wirklichkeit tot mit dem -unnützen Schwall ihrer Tage. - -Alles war unnütz und eitel und das irdische Dasein nur das Gefängnis -erbsündig geborener Leiber: die Seele schrie auf nach Gott als der -ewigen Lust und schmachtete hin im Durst der Verzückung. - - -Der schwarze Tod - -Alles war unnütz und eitel; dann kam der schwarze Tod und brannte die -Länder leer mit dem Saft seiner Seuche: das große Sterben begann seine -Mahd in den Äckern der Mönche und Messen, es schnitt die Trauben der -Erde und warf ihre Tracht in die Kelter des göttlichen Zorns. - -Da schwollen die Grundwässer an und gerannen im Schaum der -brünstigen Gier; der gelästerte Leib trat ein in das Lustreich der -Liebesverwandlung und trank der ewigen Freude den irdischen Lustbecher -leer. - -Der Sternenhimmel brach nieder, und Gott war erloschen; die Lust -schrie zum Laster, die Lehre des Zimmermannssohns ritt aus der Stadt -auf dem Esel der Schande: die Fastnacht der Gotik taumelte hin über -Leichen zum Aschermittwoch des jüngsten Gerichts. - -Priester mit Kreuzen und Fahnen vorauf, Männer, Weiber, Kinder bis -auf den Gürtel entblößt, Gesänge der Seligkeit singend mit sündigen -Mündern, trunken und toll im brünstigen Wahn der Entsühnung: so zogen -sie ein in den Leichengestank und die Lustgier entvölkerter Städte. - -Sie schwangen die Geißeln mit Stacheln und bleiernen Kugeln und -schlugen den mageren Leib im Takt der Bußgesänge; sie warfen sich hin -in den blutigen Staub und schrieen das dreifache Weh der sündigen -Menschheit. - -Bis eine gellende Stimme der schluchzenden Stille den heiligen Brief -vorlas, durch einen Engel zur Erde gebracht, vom Weltrichter Christus -zur rechten Hand Gottes den Geißelbrüdern geschrieben. - -Wahnwitz und wütende Gier, die Wollust verirrter Geschlechter und die -Geilheit entwurzelter Leiber blühten das Tollkraut der Wundersucht auf -im Gifthauch der Pest: Walpurgisnächte der Hexen und höllischen Geister -kündeten den kommenden Mai der evangelischen Lehre. - - - - -Das Buch der Kaiser - - -Kaiser und Kirche - -Mancherlei Völker wohnten im Abendland, und Könige herrschten nach -ihrer Stärke; aber die Kirche kannte nicht Grenzen der Sprache noch -Grenzen des Schwertes, sie ging auf den Wegen der eigenen Macht und -hatte sich selber den Schirmherrn gesetzt. - -Sie war die römische Weltmacht in neuer Gestalt, aber sie war es von -Gott: Statthalter Christi hießen die Priester den Papst, der das Reich -Gottes auf Erden regierte. - -Durch ihre Gunst war der Kaiser über die Völker und ihre Könige -eingesetzt; er war die Hand, ihr das irdische Schwert als Schirmherr zu -halten, sie war das Haupt der göttlichen Weisung. - -Sie war das Haupt, und er war die Hand -- aber die Rechnung war falsch: -als die Kirche den König der Franken als Kaiser ausrief, rief sie sich -selber den Herrn. - -Sie war das Weib, und er war der Mann; sie konnten einander in Freiheit -gehören und in der christlichen Liebe einander untertan sein: aber die -erste Stunde des Streites schrie nach der Stärke. - -Der Streit der Stärke begann, als Karl seinen Sohn im Dom zu Aachen -sich selber die Krone nehmen und aufsetzen hieß; der Streit der Stärke -hob sich gewaltig in Hildebrands Zorn; er schien für die Kirche -gewonnen, als Innocenz die Kronen Europas verschenkte. - -Aber der Streit ging um die Stärke, nicht um den Bettel der Tage; er -ging im Namen des Reiches, das nicht von dieser Welt war. - -Der Streit hob das Banner der Kirche über den römischen Zank und über -die Eifersucht von Byzanz; er hielt der Statthalterschaft Christi das -Siegel der ewigen Gleichung bewahrt unter den sterblichen Händen seiner -Verweser. - -Der Streit gab dem Starken von Norden das Panzerhemd einer höheren -Sendung, als Mehrer der Hausmacht zu werden; er hielt dem -Reichsschwert die uralte Herkunft lebendig, unter den irdischen Waffen -das Kriegsschwert Zius zu sein. Ein Bogen war über den abendländischen -Himmel gespannt vom Kaisersaal nach Sankt Peter, ein Bogen des -Schicksals, glühend in anderen Farben, als die Erde sie blühte. - -Der Bogen stand grell im geballten Gewölk, von Blitzen zuckten -die Berge, Brandsäulen stiegen steilauf, die Ernte lag vom Hagel -zerschlagen: der Bogen stand als ein himmlisches Tor, der bangen Erde -den ewigen Eingang zu leuchten. - -Mancherlei Völker wohnten im Abendland, und Könige herrschten nach -ihrer Stärke: der König der Deutschen war Kaiser, der Turm des Reiches -stand über den Dächern der Staaten, und über den Fahnen der Völker -wehte die Kaiserstandarte. - - -Das Lügenfeld - -König der Franken war Karl, Kaiser der Kirche, Schwertherr im -Abendland; der Mantel seiner gewaltigen Macht sank auf den Sohn; aber -die Schultern Ludwigs des Frommen waren zu schwach, ihn zu tragen. - -Eine Kugel galt Karl dem Großen die Welt, die untere Wölbung war sein -im Zorn und Zank irdischer Taten; hoch aber darüber gewölbt stand der -Himmel der römischen Kirche, dem er in Demut mit deutschem Schwert -Schutzherr und Schirmvogt war. - -Aber der Himmel sank auf die Erde, als Ludwig der Fromme das Schwert -aus der Hand gab; von Priesterhänden geführt, im Zank seiner Söhne -verflucht und verleitet, trug er die goldenen Säume der Kirche mühsam -ins Alter. - -Im dritten Jahr der Regierung schreckte ihn Unheil, das Reich zu -vererben; unmündigen Knaben gab er das Zepter: Lothar die Macht und die -Krone, Ludwig die bayrischen Länder, Pipin die spanische Mark. - -Aber sein Leben löschte nicht aus, wie er meinte, und Judith, die Frau -seines Alters, hielt ihrem Knaben den Docht seiner Liebe lebendig: -Alemannien schenkte er ihm, das Herz seiner Länder; aber er nahm es den -andern. - -Die Söhne kamen zuhauf, und Bruderstreit stand um den Thron im Aufruhr -der Grafen; die Kirche mischte die Machtgier der geistlichen Großen -hinein, statt zu schlichten. - -Da hing dem karolischen Reich der Mantel in Fetzen, die goldenen Säume -der Kirche schleiften im Blut, ein gehetzter Hirsch war der Kaiser. - -Das Lügenfeld hießen die Leute im Elsaß den Plan, wo sie ihn alle -verließen, die Schwerter der Grafen samt den Schwüren der geistlichen -Großen, wo die Söhne dem Vater das Königskleid nahmen, wo die Kirche -dem Kaiser das Büßerhemd brachte. - -Da wurde der Schirmherr der Kirche ein Schächer der Schuld; Ludwig der -Fromme kniete als weinender Greis im Staub seiner Sünden: - -So tief verstrickte den Sohn karolischer Macht die menschliche -Schwäche, so gierig brach aus dem Streit der Enkel die lahme Gewalt, -so ungetreu waren die Großen und Grafen, so kläglich mißlang der erste -Streit um die Stärke. - -Aber die Söhne Ludwigs des Frommen wurden des Lügenfriedens nicht froh, -über der Schmach und über dem Sarg ihres Vaters brannte der Bruderhaß -weiter. - -Bis der Tag von Fontenoy den Mantel karolischer Reichsmacht für immer -zerriß: der Tag der blutigen Rechnung für Lothar, den Kaiser; der Tag -der Trennung für deutsche und gallische Franken. - -In Verdun beschworen die Söhne den Frieden der lahmen Gewalt: Lothar -der Kaiser behielt die Länder der Mitte, Lotharingen geheißen, indessen -drüben Frankreich und hüben Deutschland entstand. - -Die goldenen Säume der Kirche hingen verloren am dürftig geschnittenen -Band; der Schirmherr der Christenheit wurde der eigenen Nöte nicht -Herr; Lothar, der fränkische Kaiser, vermochte der Kirche das Schwert -nicht zu halten. - -Ludwig, der Deutsche genannt, sein stärkerer Bruder, wurde mächtig als -Herr über Sachsen. - - -Stellinga - -Wo das ebene Land den Bergen die neblichten Wälder abnahm, wo das -braune Gewässer in Sand und Meer den mühsamen Altersweg suchte, wo -der Wind der kalten Meerküste unendliche Weiten mit grauer Wolkenlast -füllte: wohnte die uralte Bauernschaft sächsischer Völker. - -Die da landeigen saßen auf einsamen Höfen, hatten keinen Herrn gekannt -als sich selber; sie hatten der freien Gemeinde, dem Weistum und Recht -der eigenen Herkunft die Treue gehalten, bis sie die Freiheit der Väter -verloren. - -Sie sahen die fränkischen Grafen im Land den fremden Königdienst tun, -sie brachten der Kirche den Zehnten mit Murren und stellten dem König -den Heerbann mit Seufzen. - -Sie fühlten die Herkunft verraten von ihren eigenen Großen, die um Gold -und fränkische Ehren ins feindliche Heerlager gingen; sie sahen sie -schalten als Grafen des fränkischen Königs und warfen den Haß, wie -Steine den Hunden. - -Aus Grafen des Königs waren Grundherren geworden, aus Äbten der -Klöster Pachthalter, denen die Freien von gestern als Hörige dienten; -aber die Gaugemeinschaft der Freien hob trotzig das Recht aus böser -Vergangenheit auf. - -Als Ludwig der Deutsche das sächsische Schwert im fränkischen -Bruderkampf brauchte, als die Edelinge ausritten mit Knechten und -Knaben, dem fränkischen Zank ihr Blut in die Fremde zu bringen: fing in -den einsamen Höfen der Haß an zu knistern, bis rundum im sächsischen -Land die Kriegsfeuer brannten. - -Durch Sand und Moor brachten die nächtlichen Boten das Bannwort der -freien Gemeinde, von den Hartbergen hinunter zur roten Erde zuckte -der Blinkfeuerschein die Stunde der Rache: die Stellinga kam, die -sächsische Herkunft aus fränkischer Lehnsschaft zu retten. - -Aber es war nur ein Brand in den Ställen: Ludwig, der Deutsche genannt, -dämpfte ihn schwer; mit seinen Reitern und Knechten vereint ritten die -sächsischen Grafen das Fußvolk der Stellinga nieder. - -Da lernten die sächsischen Bauern, wie einst ihre Großen, den trotzigen -Nacken zu beugen; das Herdfeuer erlosch in den einsamen Höfen; nur -in den innersten Nächten, wenn Saxnot die Seinen als Flüchtling -heimsuchte, glühte sein heimlicher Brand. - - -Die fränkische Ohnmacht - -Der fränkische König trug die Krone der Deutschen, aber die Großen und -Grafen hielten das Schwert in der Hand: Sachsen, Schwaben und Bayern -hoben den eigenen Herzog gegen die rheinischen Franken; das deutsche -Königtum wurde das Schwertspiel ihrer Machthändel. - -Und wurde ein Mißbrauch der Kirchengewalt, als Ludwig das Kind König -der Deutschen genannt war, indessen Hatto, der Bischof von Mainz, mit -Härte und List gegen die Grafen und Großen das Schwert der Königsgewalt -führte. - -Ein Bogen war über den abendländischen Himmel gespannt vom Aachener -Kaisersaal nach Sankt Peter; aber der Kaisersaal war verfallen, und auf -dem Stuhl von Sankt Peter saß das römische Laster. - -Laien- und Kirchengewalt rissen einander die Macht aus den Händen; -wie einmal im Lande Pipins die Hausmeier herrschten, so wollten die -fränkischen Bischöfe tun: der König sollte die Krone tragen, die Kirche -wollte regieren. - -Aber die stolzen Herzöge ließen den Krummstab nicht gelten; die -trotzigen Grafen hoben das Schwert gegen ihn, weil kein Schirmherr der -Kirche sie dämpfte. - -Als Ludwig das Kind starb, riefen die Bischöfe Konrad, den fränkischen -Grafen, als König der Deutschen; er sollte der Kirche sein starkes -Schwert leihen; aber sein Königtum blieb eine Fahne ohne Gefolgschaft. - -Normannen und Ungarn raubten und brannten im Land, und Konrad konnte -den Räubern nicht wehren, wie er den Stolz der Herzöge, den Trotz der -Grafen nicht zu beugen vermochte! - -Von seinem Sterbebett hieß er die Krone dem Mächtigsten bringen: -Heinrich, dem Herzog von Sachsen, der ihm und den Bischöfen der zäheste -Feind und unter den Großen der unbotmäßigste Trotz war. - -So fiel die Krone der Deutschen aus fränkischer Ohnmacht der -sächsischen Übermacht zu; aber sie kam an die Kraft und an den -ständigsten Stamm der Germanen. - - -Heinrich der Finkler - -Die Sage hat Heinrich den Finkler genannt, weil er beim Vogelfang -war, als ihm die fränkischen Reiter die Reichskleinodien brachten: -ein Finkler blieb Heinrich von Sachsen Zeit seines Lebens, klug und -bedächtig die Schlinge zu legen, rüstig im Wald seiner Heimat und wenig -geneigt, nach fremden Händeln zu reiten. - -Als der Bischof von Mainz ihn zu salben kam wie Konrad den Franken, -wehrte er ab und verbarg den Spott in der Demut, solcher Ehre nicht -würdig zu sein; denn Heinrich war Herzog von Sachsen aus eigener -Herkunft und wollte nicht König der Deutschen als Diener der -fränkischen Kirchenmacht werden. - -Er ließ die Herzöge schalten, weil sie die Träger der Stammesgewalt -waren; wie sie in Bayern, Schwaben und Franken über dem Trotz der -Grafen die starke Schwertherrschaft hielten, so war er Herzog -der Sachsen, und König der Deutschen allein durch die Stärke des -sächsischen Stammes. - -Sein Schwert war scharf wie sein Spott, aber er hielt es klug in der -Scheide, so listig die Kirche ihn lockte; als er es zog, galt es das -sächsische Land zu befreien von der Tributpflicht an Ungarn. - -Wie nach dem Winter der Tauwind, so kam ihre Raublust in jedem Sommer -gefahren, die Ernte in Deutschland zu holen: noch immer die hunnischen -Scharen auf kleinen behenden Pferden, mit Bogen und Pfeil der Schwerter -und Streitäxte spottend. - -Neun Jahre lang gab er Tribut, lauernd des Tages, da er gerüstet sein -würde, mit anderer Münze zu zahlen; neun Jahre lang ließ er burgfeste -Plätze im Sachsenland bauen, mit kluger Berechnung verteilt, daß sie -die Ernte der Landschaft zu bergen vermöchten. - -Er hob den streitbaren Mann in den Sattel, die Listen und Künste der -Ungarn zu lernen: wie sie mit einzelnen Scharen einschwenkten, das -Fußvolk zu fassen, wie sie mit hurtiger Wendung dem Feind die Flanken -einritten. - -Als sie zum zehntenmal kamen, Tribut und Treugeld in Sachsen zu holen, -war Heinrich gerüstet: einen toten Hund hieß er zum Hohn den Hunnen -hinwerfen. - -Und als die schwarzen Scharen den Rachezug ritten, ließ er sie listig -ins Land hinein und hatte die Fallen gestellt, daß sie ihm blindlings -einliefen. - -So blutig traf er die Räuber aus Ungarland, daß die Gestäupten fortan -und für immer das Sachsenland mieden. - -Heinrich der Finkler heißt ihn die Sage, der ein anderer König der -Deutschen war, als die Könige vor ihm: er suchte kein Glück auf der -Straße, er hielt sein Land und sein Volk, wie ein Hausherr den Alltag -und Sonntag der Seinen mit kluger Besonnenheit leitet. - -König der Deutschen war er wie Ludwig der Franke, aber er blieb der -gekrönte Herzog von Sachsen: seine Besonnenheit baute das sächsische -Haus, darin das herrlichste Königsgeschlecht der deutschen Kaisermacht -wohnte. - - -Mathilde - -Heinrich der Finkler hatte der Kirche gespottet, weil er als Herzog -von Sachsen, nicht als Lehnsmann der fränkischen Priester König der -Deutschen sein wollte; aber Mathilde, die Königin, diente der Kirche -mit Eifer. - -Sie war eine Sächsin aus edlem Geschlecht, Widukund selber hieß ihrer -Sippe der ruhmreiche Ahnherr; aber sie war eine Christin, wie der -Sänger des Heliand Sachse und Christ war. - -Nicht einem Himmel der Priester mit blasser Weltflucht zu dienen, war -ihre Frommheit: Frau und Mutter blieb sie und sparsame Beschließerin -ihres Hauses, bis Heinrich der Finkler, gesättigt seines reisigen -Lebens, in Memleben starb. - -Dann freilich ging sie ins Kloster, doch nicht um zu büßen und bang ihr -Seelenheil zu besorgen: trauernd um ihren Gatten blieb sie die sorgende -Mutter des sächsischen Landes. - -Sie sah die harte Herrengewalt und wie das niedere Volk seufzte, sie -sah die Roheit der Sitten und wie die ruchlosen Händel der Grafen die -Höfe der Bauern verbrannten, sie sah die Bischöfe selber das wilde -Waffenwerk tun: sie aber wollte dem Evangelium demütig dienen. - -Sie baute Klöster rund um die sächsische Burg, sie legte den Teppich -der Heiligen aus und trug das Kreuz in die Hütten: sie gab der -kirchlichen Sendung in Sachsen die Einfalt und Stärke der ersten -Christengemeinde. - -Heinrich der Finkler baute das Haus, darin die sächsische Kaisermacht -wohnte; sie gab ihm die Sitten. - - -Otto, Sohn der Mathilde - -Ihm war eine reiche Wiege bereitet: Kraft und Ehre standen dem Sohn -Heinrich des Finklers zu Häupten, Liebe und Zucht lagen dem Knaben -Mathildens zu Füßen, der edlen Fürstin in Sachsen. - -Als sie ihn krönten zu Aachen im Kaisersaal, war Otto ein Jüngling; -aber die Sterne der Macht standen ihm zu, und er ließ die Sterne -freudig gewähren. - -Die Herzöge kamen, das Erzamt der Krönung zu üben; die Kirche brachte -das Öl, ihn zu salben; die Schwerter der Grafen hielten die Ehrenwacht; -das drängende Volk sah den Glücklichen sitzen im Prunkmantel -karolischer Herrschaft. - -Aber das böse Jahrhundert karolingischer Händel hatte der großen Gewalt -die kleinen Gewalten geboren: die ihm die Erzämter dienten, mußten erst -seinen Willen erfahren, nicht nur im prunkvollen Fest seiner Krönung -König der Deutschen zu heißen. - -Denn noch waren die Deutschen kein Volk; aus dem Streit der Stämme -waren die Händel der Großen geworden, aus dem Neid der Sippen der -Stegreif machtlüsterner Grafen: die Ohnmacht des Reiches stak in der -Vielheit lahmer Gewalt. - -Der Herzog von Sachsen mußte sich erst Gehorsam erzwingen, als König -und Herr der deutschen Stämme im Recht seiner Krone zu schalten. - -Das eigene Blut warf ihm den bösesten Trotz vor die Füße: Heinrich, -der jüngere Bruder, bestritt ihm die Erbschaft, weil er ein rechter -Königssohn war, und Otto war noch der Sohn des Herzogs von Sachsen. - -Drei Jahre lang trotzten die Schwerter am Rhein und in Schwaben, -in Sachsen und Bayern; alle Gewalt der Großen und Kleinen, die dem -sächsischen Königtum feind war, verband sich dem Aufruhr des Bruders; -Friedrich, der Bischof von Mainz, trug die Fackel. - -Denn die fränkische Priesterschaft blieb der Todfeind der neuen -Sachsengewalt; die Kirche ließ keine Königsmacht gelten, der sie nicht -selber der mächtige Hausmeier war. - -Wie ein Seefahrer seine Schiffe kühn an der fremden Küste verbrennt, -ließ Otto dem tapferen Billung sein Herzogtum Sachsen, wider den -Hochmut der Herzöge, wider den Trotz der Grafen und wider die -Feindschaft der Kirche das deutsche Königtum zu erringen. - -Drei Jahre lang klangen die Schwerter im Bruderstreit, wie sie um -Siegfried und Hagen, um Dietrich und Odoaker klangen; aber der -Siegespreis sollte das trotzige Bruderherz sein. - -Denn nicht mehr schürten Brunhild und Kriemhild den Brand mit dem Haß -ihrer unholden Seelen: Mathilde, die sächsische Mutter, wollte das -trotzige Blut ihres Leibes in Liebe erlösen. - -Und weil ihre Liebe nicht abließ, gelang ihr zuletzt die Versöhnung: -Heinrich, der hochfahrende Sohn der sächsischen Königsmacht, beugte -sich seinem stärkeren Bruder, der ihm großmütig verzieh. - -Aber der König hatte das Schwert, nicht das Herz seines Bruders -bezwungen; und mehr als die Schärfe weckte der Großmut den Haß: -Meuchelmord sollte den Streit der sächsischen Brüder beenden. - -Als dem König der Anschlag entdeckt war, wallte sein Zorn: in strenge -Haft kam Heinrich, der Bruder; alle Verschworenen büßten den Mörderplan -vor dem Henker. - -Da endlich siegte Mathilde, die sächsische Mutter: als Otto der König -im Kreis seines starken Gefolges zu Frankfurt am Main die Christmesse -hörte, war Heinrich entflohen aus seiner Haft, aber nun fand er den Weg -nicht mehr zu den Feinden. - -Weinend warf sich der trotzige Jüngling dem König zu Füßen; Otto vergaß -die harmvollen Jahre und küßte den Bruder; er brach seinen Groll mit -zärtlicher Liebe und gewann sich den treuesten Freund. - - -Otto der König - -Im vierzigsten Jahr seines reisigen Lebens ritt Otto hinaus aus dem -Tor seiner Väter; der im Ruhm seiner Stärke der mächtigste Fürst im -Abendland war, zog über die Alpen, Adelheid die lombardische Erbin zu -freien und selber die Mitgift zu holen. - -Er brachte Adelheid heim und grüßte den Papst aus der Ferne; er ließ -die Mitgift zurück und war schon zum Winter wieder in Sachsen, weil ihm -der Nordwind bedenkliche Botschaft zuwehte. - -Wohl stellte der Ruhm seiner Stärke eine Mauer um seine Macht, aber -der Groll gedemütigter Großen lag in Trümmern davor; während Otto der -König das Glück seiner Tage genoß, scharrten eifrige Hände sein Unheil. - -Noch einmal hob der Aufruhr der lahmen Gewalt die treulosen Schwerter; -Slawen und Ungarn, die Erbfeinde kamen, gerufen von seinen Feinden; die -Grenzmarken brannten. - -Aber den König hob keine Furcht in den Sattel; sicher und rascher als -ihre bösen Bedenken ritt er den Aufruhr der Fürsten zuschanden: das -böseste Jahr seiner Gefahr gab ihm den günstigsten Sieg. - -Denn nun kam endlich der Tag, da ihm die Reichsfahne wehte, da auf dem -Lechfeld Sachsen und Franken, Schwaben und Bayern vereint den Erbfeind -bestanden. - -Da half den hunnischen Räubern nicht mehr die Masse der reitenden -Scharen, nicht mehr die hurtige List und nicht mehr die Kunst ihrer -Waffen: die Deutschen besiegten den Schrecken und wollten die Plage des -Reichs einmal beenden. - -Sie trieben das schwarze Rattengezücht in die Enge, sie schlugen es tot -und brannten die Nester aus, wo sich die Reste versteckten; und waren -so schnell und scharf, sie zu verfolgen, daß ihnen kaum einer entrann. - -Als die Sieger vom Lechfeld heimritten, die Großen und Grafen im Jubel -der Völker, trug ein langbärtiger König die Krone: in Aachen belehnt -mit der Ehre, im Ruhm seiner Taten bewimpelt, im Glanz seines Glückes -bewährt, war Otto König der Deutschen und Herrscher in all ihren -Ländern. - - -Otto der Kaiser - -Was in Aachen nur Festglanz gewesen war und prunkender Schein, war -auf dem Lechfeld Wahrheit geworden: Otto war König der Deutschen und -hielt seinen Hof auf den Pfalzen des Landes, er saß zu Gericht über die -Großen und Grafen, und alle Schwerter des Reiches mußten ihm Heerfolge -leisten. - -Aber der König dachte zurück an die Zeit der Verschwörung, da ihn die -Großen und Grafen verrieten, auch die seines Bluts waren; er sah, -daß die Hausmacht der Fürsten dem Königtum feind war, und daß ihre -Selbstherrlichkeit wider die Landesgewalt lockte. - -Der ihm am treuesten half, und der ihm am sichersten beistand in den -vergangenen Nöten, war Bruno, der dritte und jüngste der Brüder, -Erzbischof in Köln; so wuchs seinen Sorgen und Plänen ein anderes -Königtum zu als seinem Vater, gebaut mit den Balken der Kirche: - -Der Bischof verdankte sein Amt der Kirche, aber sein Lehen der -Königsgewalt; er war nicht in die Herrschaft geboren und brauchte den -Schirmherrn gegen die Großen und Grafen. - -Kirche und Krone vereint konnten die Fürstengewalt brechen; Kirche -und Krone konnten einander den ewigen Bund schwören; Kirche und Krone -konnten die Wurzeln geeinigter Macht in die Herzen der Völker versenken. - -So dachte Otto der König, der selber durch seine Mutter Mathilde den -Lehren von Cluny zugetan war; so grub das sächsische Schwert einen -neuen Brunnen des Rechts für die deutsche Königsgewalt. - -Denn Otto der Sachse war nicht mehr wie Karl der Franke Zwingherr der -Deutschen, er hatte kein Herzogtum mehr und hielt keinen eigenen Hof -wie jener in Aachen; er war gewählt durch die Fürsten und Völker der -Deutschen und konnte als Wahlkönig nicht mit dem eigenen Schwert allein -regieren. - -Aber die Kirchengewalt, die er brauchte, stand in Sankt Peter -verankert, so wurde von neuem der Gottesstaat wach und der alte -Kaisergedanke. - -So zog der König der Deutschen zum andernmal über die Alpen; er ließ -seiner Mutter Mathilde den Sohn -- als Knabe in Aachen gekrönt -- er -nahm in Pavia die lombardische Krone als eigenes Lehen; er ließ sich in -Rom als Kaiser der Christenheit salben. - -Er trat in das freche Gezücht der Markgräfinnenbrunst und hing die Brut -an den Galgen; er setzte den Lasterpapst ab und zwang dem römischen -Hochmut sein Kaiserrecht auf, der Kirche den Papst zu ernennen. - -Da ging der Gottesstaat in eine neue Wirklichkeit ein; denn der Kaiser -war Herr, nicht der Papst. - -Er legte kein römisches Prunkgewand an in Sankt Peter; wie er im -deutschen Kleid unter den römischen Priestern dastand, war er der -Schirmherr der Kirche aus eigener Geltung: der Papst, durch seine Macht -eingesetzt, brachte demütig das Öl, ihn zu salben. - - -Die Ottonen - -Wie eine gewaltige Burg standen die Berge der Hart im sächsischen Land; -Heinrich der Finkler hatte Mauern und Tore gebaut, nun wuchsen Dächer -und Zinnen über den Sälen ottonischer Macht. - -Frauen kamen, die Säle zu schmücken: Mathilde, die sächsische Mutter -Otto des Großen, Adelheid, die lombardische Gattin, Theophano, die -griechische Sohnesfrau. - -Heilig und mild war Mathilde; sie hielt in das lärmende Leben der Söhne -die Mahnung der sächsischen Herkunft; Mutter war sie den Armen und -Schwester den Schwachen, bis sie, vom Schicksal gesegnet, schlohweiß -und beweint von den Sachsen, die letzte Lagerstatt fand. - -Höher hob Adelheid ihre stolze Stirn in die Welt; sie liebte den Glanz -und den glühenden Tag, sie trug die Krone ihr Leben lang und hielt die -Zügel der Herrschaft gern in den Händen. - -Sie schmückte die sächsische Burg und hing die Fahnen der Kaisermacht -aus; sie baute den Gärten die Lauben und ließ die Springbrunnen der -höfischen Feste quellen; sie ritt auf dem Zelter dem König zur Seite -und hielt den Sachsen das lockende Bild fürstlicher Herrlichkeit vor. - -Theophano aber, die Griechin, trat in den sächsischen Tag, wie der -Morgenstern still und beständig die Nacht überdauert; Klugheit und -Schönheit standen ihr bei als zarte Vasallen der Bildung. - -Sie las in den Schriften der Weisen und liebte das Frauengemach; sie -sang dem König zur Laute und saß auf dem Söller, die Sterne zu deuten; -sie hob den Schleier vergangener Dinge und wies den staunenden Sachsen -die Schatten versunkener Schönheit. - -So wurden die Säle der sächsischen Burg von Frauenhänden geschmückt, -aber im inneren Hof stand die Kapelle und hielt dem Altar das -schirmende Dach: im Herzen der Burg war dem Priester warme Wohnung -bereitet. - -Frauen und Priester warfen einander den Faden; aber nun webten nicht -mehr lateinische Mönche den Teppich der Kirche. - -Wie Bruno draußen in Köln, Otto des Großen hilfreicher Bruder, wie -Williges, eines Wagners Sohn und gewaltiger Bischof von Mainz, so -blieben Meinwerk von Paderborn und Bernward von Hildesheim mit ganzem -Gemüt im sächsischen Herkommen. - -Das Schwert stand ihnen nicht schlechter zur Hand als der Psalter: aber -sie liebten den Frieden und wußten ihn zu gebrauchen; sie hörten den -Spott der rheinischen Franken über die sächsische Roheit und rührten -Hände und Herzen, dem Spott zu begegnen. - -Sie hießen die Mönche, Schule zu halten; sie pflegten die Künste -und waren Schatzhalter der Bildung; sie mehrten den Reichtum der -Kirche, aber sie stellten ihn auf in schönen Gebilden; sie kannten -die Schönheit der alten Welt und waren tüchtig und treu in ihrer -sächsischen Einfalt, sie neu zu gestalten. - -Ob der Sohn und der Enkel Otto des Großen als Jünglinge starben, -verzärtelte Schwarmgeister der neuen Zeit: Frauen und Priester hielten -das Reich behutsam in Händen; sie zehrten von seiner gewaltigen Macht, -aber sie zehrten mit Anmut und Würde und bauten der sächsischen Burg -einen Garten. - -So webte die Zeit der Ottonen am neuen Wunder der Welt, so fing im -sächsischen Land, von Frauen und Priestern geholt und gehütet, die -nordische Bildung ein neues Zeitalter an. - - -Der Weltuntergangskaiser - -Als Otto der Große starb, war Otto der Zweite, sein Sohn, noch ein -Jüngling; aber als sie den Sohn in den römischen Marmorsarg legten, war -Otto der Dritte, der Sohnessohn, noch ein unmündiges Kind. - -Sie krönten das Kind, die Herzöge dienten ihm bei der Tafel und wehrten -Heinrich dem Zänker, sich selber die Krone zu raffen; Frauen und -Priester hielten das Knäblein in zärtlicher Hut, bis es in eigenen -Schuhen zu gehen vermochte. - -Aber die Schuhe waren von feinerem Leder, als es die sächsischen Gerber -zu walken verstanden, sie waren mit goldenen Fäden gestickt und paßten -nicht auf die Straße. - -Als Otto der Dritte das Reichsschwert aufhob, sah er die bunten Steine -am Griff mehr denn die Schärfe; er war dem Sachsentum fremd und sehnte -sich nach der südlichen Sonne der Mutter. - -Das Wunderkind hatten ihn früh die Frauen geheißen; und glühender war -keine Seele ins Wunder gestellt, als da sich Theophanos Sohn als Kaiser -der Christenheit krönen und huldigen ließ: die göttliche Vollmacht -kam in die zärtlichsten Hände; die Würde des Abendlands war in die -fiebrigen Wünsche des Knaben gelegt. - -Alexander dem Herrlichen gleich sollte die Bahn seines Lebens -anschwellen zum Ruhm, und höher als irdischer Ruhm sollte der Sinn -seiner Sendung Himmel und Erde erfüllen. - -Denn Otto, der Knabe, war Kaiser geworden, als das Jahrtausend der -Wiederkunft Christi erfüllt war; mit heiserer Stimme und weinenden -Augen rief sich das Abendland den kommenden Untergang zu. - -Buße und brünstige Hoffnung brach aus den Brunnen der Tiefe; -Wirklichkeit war nur noch ein wächserner Schein vor dem Licht der nahen -Erlösung; das Leben warf seine Schatten der Ewigkeit hin; hinter den -Tagen dröhnte das Weltgericht die Posaune. - -Das Weltgericht stand vor der Tür, und Otto, der Knabe, hielt dem König -des Himmels das Schwert seiner irdischen Herrschaft bereit. - -Das Irrlicht der Tage riß den hitzigen Knaben hin zu hohen Gebärden und -warf ihn zurück in den Taumel lüsterner Taten: im Münster zu Aachen -stieg er mit Fackeln hinein in die Karlsgruft und stand mit flackernden -Händen vor der Leiche des Kaisers. - -Aber die Uhr schlug ihre Stunde wie sonst; die Sterne standen in -spöttischer Ewigkeit über der Stadt und über den zitternden Herzen: das -tausendste Jahr fing seinen Stundenweg an gleich seinen Brüdern; das -Wunder blieb aus; der Mantel der Größe hing leer um den fröstelnden -Knaben. - - -Heinrich der Heilige - -Otto der Dritte, der sich als Herrscher der Christenheit fühlte wie -keiner, starb auf der Flucht vor dem Aufruhr der Römer; mühsam wurde -sein Leichnam geborgen, daß er im Münster zu Aachen die prunkvolle -Lagerstatt fände. - -Heinrich der Heilige kam auf den Thron, durch Williges wacker geleitet; -der letzte sächsische Kaiser brachte sein Schwert bescheiden zurück in -die irdische Geltung. - -Denn Theophanos brünstiger Sohn war nur noch Kaiser von Rom und nicht -mehr König der Deutschen gewesen; er hatte den Bogen gebeugt, der über -dem Abendland stand: Rom allein sollte im Gottesstaat herrschen, als -Knecht der Apostel wollte der Kaiser Schildhalter der Kirchenmacht sein. - -Heinrich aber, der Urenkel Mathildens und Enkel von Heinrich, dem -trotzigen Bruder Otto des Großen, blieb der sächsischen Herkunft als -Landeswart treu. - -König der Deutschen wie Otto, gab er sein bayrisches Herzogtum Heinrich -von Luxemburg hin, das Haus seiner Macht mit den Balken der deutschen -Kirche zu bauen. - -Aber das Haus stand im Reich, nicht in Rom; Bamberg, sein Bistum, -machte er blühend und reich wie eines in Deutschland; da wuchs auch -der reisige Dom, der den Ruhm seiner Taten mit steinernem Gewölbe kühn -überspannte. - -Die Kirche hat ihn den Heiligen geheißen, aber der Heilige war kein -büßender Mönch; gleich seinen sächsischen Ahnen wußte er wohl sein -irdisches Schwert von der himmlischen Sehnsucht zu scheiden, und keiner -der Sachsen saß soviel im Sattel wie er. - -Wie Heinrich der Finkler dem Sachsengeschlecht das deutsche Kaiserhaus -baute, war Heinrich der Heilige sein treuer Beschließer. - -Hundert Jahre lang hatten die Sachsen regiert; sie hatten das Reich aus -der Willkür der Fürsten gerettet; sie hatten ihm Stärke, Ordnung und -Schönheit gebracht; sie hatten die Kaiserstandarte über die Fahnen der -Völker erhoben. - - -Der siebente Heerschild - -Als Heinrich der Heilige begraben war in seinem Bistum zu Bamberg, -kamen die Deutschen zur Königswahl: bei Oppenheim lagen sie hüben und -drüben am Rhein, und die Heerschilde teilten die Plätze nach ihrer -Geltung: - -Der Heerschild des Königs mit seinem Banner, der Heerschild der -geistlichen Großen, der Heerschild der Herzöge, der Heerschild der -Grafen, der Heerschild der Bannerherren, der Heerschild der Ritter. - -Sechs Heerschilde hielten dem kommenden König die Macht und gaben dem -Reich ihren Willen; das Fußvolk stand kläglich daneben. - -Denn das Ritterschwert war die unterste Geltung im Stand der Vasallen; -nur wer dem König Heerfolge tat, galt noch im Reich der Großen und -Grafen. - -Aber schon grüßten die Dächer von Mainz und Worms ins Wahlfeld herüber; -um die Burgen der Großen und um den geschützten Gewinn ihrer Märkte -wuchsen die Städte, wie Rom und Ravenna mit Mauern und Toren; Bürger -wurden genannt, die darin wohnten. - -Wo eine Stadt war, wurden die Wege rundum lebendig von Wagen, Schiffe -kamen zu Tal, und fleißige Schaffner füllten die Keller und Speicher. - -Was der Bauer mühsam dem Boden abrang, floß über im Wohlstand der -Städte und wurde Macht in den Händen der Großen, die den Markt hielten. - -Noch saß die Bischofsgewalt auf der Burg als Herr der Märkte und -Münzen; ihr Zollbaum am Tor strich den gefüllten Wagen den Überfluß ab: -aber schon bauten Gilden und Zünfte das Zeughaus der Bürgergemeinschaft. - -Schon sahen die Vögte des Kaisers mit wachsamer Sorge den steigenden -Glanz; sie sahen die Wagen und Schiffe und sahen die Einkünfte -schwellen. - -Konrad, der salische Franke, den sie bei Oppenheim wählten, weil er -ein Urenkel Konrad des Roten, Eidam Otto des Großen war, ging nicht -im ottonischen Purpur der Priester und Frauen; er kam als irdischer -Kriegsmann und wollte dem Reich ein starker Haushalter werden. - -Er sah im Reichtum der Großen die fleißige Arbeit der Kleinen und -stellte das Königsschwert mitten hinein in den Tag der Pfalzen und -Märkte, die fleißige Arbeit zu schützen. - -Er gab den kleinen Vasallen das Erbrecht der Lehen, die Macht der -Großen zu brechen; er gab den Bürgern der Städte den siebenten -Heerschild, das Glück der geistlichen Höfe zu nützen. - -Da war in den Glanz der Großen und Grafen ein schmaler Schatten -gestellt: noch schien die Gunst der Sonne ihnen breit ins Gesicht; aber -der Mittag kam, dem siebenten Heerschild den Schatten zu stärken. - - -Heinrich der Dritte - -Mit Konrad dem Zweiten begann das salische Kaisergeschlecht seine -stolze Entfaltung; vier Kaiser nur gab es dem Reich, und ging unter, -vom Schicksal umwittert: aber es spannte den Bogen über das Abendland -höher als alle Geschlechter; und keiner war stärker in Rom, obwohl er -im Reich blieb, als Heinrich der Dritte, der mächtigste Kaiser. - -Sie hießen ihn Heinrich den Schwarzen, weil er dunkel von Angesicht -war, Konrads gewaltigen Sohn, der über die Päpste regierte und Ritter -der Christenheit wurde wie keiner. - -Als Knabe gekrönt, Herzog von Bayern und Schwaben, dazu burgundischer -König, trat er als Jüngling die Erbschaft Konrad des harten Haushalters -an und war keine schwächere Hand, den Großen und Grafen die Zügel zu -halten. - -Er war keine schwächere Hand: Böhmen und Ungarn spürten die Stärke, und -Otto der Sachse hatte sein Schwert nicht strenger gezeigt als Heinrich -der salische Franke, da er dem römischen Hochmut die deutschen Päpste -einsetzte. - -Aber ihn plagte das Kirchengewissen; der über Könige herrschte und -hinter dem päpstlichen Stuhl stand als Lehnsherr und Richter, strafte -sich selbst mit der Geißel. - -Denn immer noch brannte die Buße von Cluny im Abendland, immer noch -sahen die Augen der Zeit mit Furcht und brünstiger Hoffnung das -Weltgericht kommen, wie es die Kirche am Ende der Tage verhieß. - -Immer noch hielt der Kaiser dem König des Himmels das irdische Schwert; -aber nun irrte kein Schwärmer und Schwelger durchs Abendland hin wie -Otto, Theophanos Sohn; nun ritt der Mann in den Tag, mit Tod und Teufel -zu streiten. - -Heinrich den Schwarzen hießen sie ihn, der dunkel von Angesicht war, -dunkel außen und innen; nur seine Tat sprang hell in den Tag, als er -dem römischen Lindwurm das Lästerhaupt abschlug, als er den frommen -Freund und Grafen von Egisheim auf den Stuhl von Sankt Peter setzte. - -Und staunend standen die Völker, als auf der Kanzel zu Konstanz der -Kaiser sich selber als sündig bekannte, als er mit ehrlichem Wort -seinen Feinden den Königsbann löste, als er die Großen und Grafen im -Namen Christi verwarnte, von ihren blutigen Händeln zu lassen. - -Zum erstenmal trat auf die Streitmauer der Macht die Stimme des -strengen Gewissens; Kaiser und Kirche sprachen aus einem Mund; das -Kriegsschwert lag auf dem Priesteraltar in christlicher Demut. - -Es war kein Rausch der Stunde, daß solches geschah; Heinrich der Dritte -hielt seinen Schwur im Blutrauch flammender Kriege: er wollte das Reich -und wollte es mit Gewalt und war den Großen und Grafen ein gewaltiger -Richter; aber er nahm seinen Willen hart ins Gewissen, weil er das -Gottesreich glaubte. - -Und als ihm der Tod kam, zu früh für das Reich solcher Prägung, war ihm -das Sterbebett noch einmal die Kanzel, das eigene Dasein zu bekennen -und unerbittlich zu richten: die letzte Hand seines starken Lebens gab -er vor Gott seinen Feinden. - -Er starb in Bodfeld, der sächsischen Pfalz, die sich der salische -Franke erbaute, und wurde begraben in Speyer; Victor, der Papst und -Freund, stand ihm bei und gab der Leiche den Segen. - -Da war der Bogen einmal zur Höhe gespannt; da stand die Ehe in Frieden; -Wort und Tat hielten einander die Hände; das Weltreich der Kirche war -Wahrheit geworden im Hause des Kaisers. - -Aber die Rechnung war falsch; Victor der Papst war gesonnen, die -Herrschaft zu erben, und Hildebrand war sein Berater: der Streit um die -Stärke stand vor der Tür. - - -Kaiserswerth - -Als Heinrich, der Kaiser und Richter der Christenheit starb, war -Heinrich der Knabe schon König der Deutschen; Agnes die Mutter führte -die Herrschaft für ihn, und Victor der Papst gab ihr selber das erste -Geleite. - -Zum andernmal hielten Frauen und Priester das Reich in den Händen; nun -war es nicht mehr Mathilde, heilig und mild, nicht mehr Meinwerk der -frohe und Bernward der feine: die Welt war düster geworden im Schatten -von Cluny. - -Die Kaiserin war eine fromme Frau, doch fremd im feindseligen Land der -Sachsen, sie ließ sich unbedacht leiten von Launen und Leuten, der -Knabe war klug und wild, und die der Mutter im Ohr lagen, schmeichelten -seinen Gelüsten. - -Anno, der zänkische Bischof von Köln, sah den Bischof von Augsburg -allein am Königshof gelten; er sah die Ehren und Güter verschwinden und -wollte den Knaben selber besitzen. - -Sie saßen zu Kaiserswerth und hielten am Rheine ein heiteres Mahl, -Mutter und Sohn mit den Fürsten; sein Schiff zu beschauen, ließ Anno -den Knaben verlocken: der Knabe kam fröhlich; aber als sie ihn hatten, -fuhren die Knechte davon. So fing sich Anno den kostbaren Vogel und -holte ihn heim in den finsteren Käfig der kölnischen Burg. - -Nun stand es ihm zu, Güter und Ehren im Namen des Königs zu nehmen und -spenden; aber der Knabe war klug und wild und trotzte dem scheltenden -Zänker. - -Auch weil ihm die anderen Großen den Knaben bestritten, wurde Anno des -Raubes nicht froh; er mußte das Unrecht mit ihnen teilen; jeder wollte -ein Jahr lang den goldenen Käfig halten. - -Adalbert aber, der Bischof von Bremen, der ihn von dem Kölner bekam, -wußte das Pfand klüger als Anno zu nützen. Er gab dem Königsknaben den -Königssinn seiner Herkunft und Zukunft zu schmecken; er ließ ihn den -Stolz hochgreifender Pläne erfahren und malte in seine hochmütige Seele -die lockenden Bilder zukünftiger Größe. - -Der Knabe war klug und wild und trank den Honigseim gern: aus -zänkischer Enge in die Verführung lockender Weite gestellt, sah er den -Himmel kommender Macht zu seinen Häupten gespannt. - -So wurde Heinrich der Vierte König der Deutschen; mit fünfzehn Jahren -nahm er den Reichsapfel anders zur Hand, als ihn sein Vater sterbend -hinlegte. - -Neun Jahre lang hatten die Großen und Grafen mit dem Reichsapfel -Fangball gespielt; nun kam ein Knabe, hochmütig und frech, ihn auf den -Gipfel des Ruhmes zu tragen. - - -Der Aufruhr der Sachsen - -Heinrich der Jüngling hielt seinen Hof zu Goslar in Sachsen; da stand -die steinerne Burg seines Vaters, der salischen Herrschaft die Tore zu -hüten, da waren die Säle und Kammern ottonischer Pracht, und aus den -Gruben im Rammelsberg kam der silberne Reichtum geflossen. - -Aber wo Heinrich der Dritte die Bußgeißel schwang, hob Heinrich der -Vierte das Trinkhorn der Freude: Jungmännerlärm schrie durch die Säle; -in den Kammern hatte die Lust ihr Lager. - -Bald ging ein Raunen und Murren im Reich, die Warnung kam an mit -sorgender Miene und drohenden Worten; aber der Jüngling maß die Mienen -und wußte die Worte, und wies die Warner höhnisch nach Haus. - -Auch war er als König geboren und spann seine Pläne früher und weiter, -als seine Plager es merkten. - -Noch lachten die sächsischen Herren der Torheit des Knaben, da hatte -er schon den Ringwall der Harzburg gebaut; wie die Treibjagd das Wild -umstellt, wuchs rund um die Hart der Kranz fester Burgen. - -Er wollte ein anderes Reich als das der geistlichen Großen, Herzöge und -Grafen: der König allein sollte Herr sein, wie Karl im Frankenreich -König und Lehnsherr war; die sächsische Burg der Ottonen sollte der -Sitz seiner Königsmacht werden. - -Aber den Sachsen war es die Zwingburg der salischen Herrschaft; -sie mußten den Bauvögten Frondienste tun und seine fremde -Dienstmannenschaft nähren; sie sahen die Fesseln der sächsischen -Freiheit geflochten und haßten den herrischen Jüngling, der sie zu -flechten befahl. - -Bauern und Ritter schwuren die Blutspur; als Heinrich den polnischen -Feldzug ausrief, kam die Empörung der Sachsen gegen die Harzburg -gezogen: da war der Übermut aus und der Jungmännerlärm; wie ein Dieb in -der Nacht mußte der König sich retten. - -Wohl rief er die Großen und Grafen zum Rachekrieg auf: sie hielten ihr -Heervolk im Feld, aber sie halfen ihm nicht; die heimlichen Boten kamen -und gingen, bis ihn die letzten verließen. - -Krank und gemieden und seiner Königsmacht ledig kam Heinrich der -Jüngling ins Land seiner salischen Väter zurück; da aber geschah ihm -das Wunder. - -Die Bürger von Worms hatten dem Bischof von Worms die eigenen Tore -verschlossen: sie boten dem Flüchtling den Schutz ihrer Mauern und -gaben dem Jüngling wieder ein Schwert in die Hand. - -Der siebente Heerschild trat in den Tag, der Bürger hob seinen Trotz im -Namen des Königs gegen den eigenen Bischof. - -So wurde Heinrich der Vierte aus Not und Bedrängnis ein Volksfürst: -König und Bürger fingen im Reich der Großen und Grafen ein anderes -Brettspiel an. - -Noch hielt der Winter die Wälder im Rauhreif, die Mühlen der Werra -standen im Eis: da hatte Heinrich ein Heer, und die Fürsten mußten ihm -folgen gegen die Sachsen. - -Schneestürme machten die Rosse blind, das Schwert fror fest in der -Scheide, der König mußte den Krieg und die Rache mit Handschlag -beenden; aber nun war er kein Flüchtling mehr. - -Noch hatte der Tauwind den Frost nicht gebrochen, als Heinrich schon -wieder in Goslar den Königshof hielt. - -Als danach der Grimm der Sachsen die Harzburg zerstörte, als sie die -Kirche nicht schonten und die Gebeine der salischen Gräber verstreuten: -mußte das Reichsheer der Fürsten ihm folgen, und Gregor der Papst -durfte die Frevler nicht schützen. - -An der Unstrut traf den sächsischen Aufstand das Schwertgericht blutig; -die Ritter konnten sich retten in ihre östlichen Burgen, das Fußvolk -der Bauern mußte es büßen. - -So wurde der salische Heinrich Herr über die Sachsen und König der -Deutschen: die Großen mußten ihm dienen, weil ihm der siebente -Heerschild gehörte; die Grafen versteckten den Trotz, weil ihnen das -Königsschwert gedingter Dienstmannenschaft drohte. - - -Der Streit um die Stärke - -Ein Königtum war aus dem Reich der Großen und Grafen geworden; freier -als jemals ein König der Deutschen schien Heinrich der Vierte über den -Völkern zu stehen, als er den Streit um die Stärke begann. - -Hildebrand hatte als Gregor der Siebente den Stuhl von Sankt Peter -bestiegen; der seinem büßenden Vater ein finsterer Freund war, wurde -dem Sohn ein furchtbarer Feind. - -Er sagte dem König die Lehensgewalt auf über die geistlichen Großen und -gab ihm drohende Botschaft nach Goslar, der Kirche zu geben, was ihr -vor dem Kaiser gehöre. - -Stolz seines Sieges und seiner Sache gewiß, gab Heinrich der Jüngling -dem finsteren Mann in Sankt Peter selbstherrliche Antwort: Heinrich, -König nicht durch Anmaßung, sondern durch göttliche Bestimmung, an -Hildebrand, nicht Papst, sondern falschen Mönch! - -Auch mußten die deutschen Bischöfe in Worms ein stolzes Gericht über -Hildebrand halten; aber Hildebrands Zorn blies ihnen Feuer ins Haus: -die Kirche verfluchte den Schirmherrn, der Papst sprach über den Kaiser -den Kirchenbann aus. Da war der Schirmherr der Kirche ein Schwert ohne -Hände, da saß er nackt auf dem Thron in der Furcht seiner Völker, da -fiel der Eid von ihm ab, der die Treue gelobte, da war der siebente -Heerschild listig durchlöchert. - -Zu Tribur taten die Großen und Grafen den Spruch; nur wenn er den -Bannfluch zu lösen vermöchte, könne Heinrich König der Deutschen und -Herr seiner Dienstmannen bleiben. - -Aus dem Traum seiner Herrlichkeit kläglich erwacht, war Heinrich zum -andernmal Flüchtling; aber nun hielt ihm der Bischof von Worms die Tore -verriegelt, und die Bürger wehrten ihm nicht. - -Unmögliches mußte der König tun, die Krone zu retten; er tat es mit -harter Berechnung. - -Nur Berta die Frau, sein Kind und ein Knecht kamen zur Romfahrt mit -ihm; wo seine Väter den stolzen Siegeszug ritten, ging Heinrich der -Vierte im Winter den bitteren Bußgang. - -Schon war der Reichstag in Augsburg bestellt, wo der Richter des neuen -Bundes Saul zu verwerfen gedachte, um David zu salben; schon harrte -Gregor in Mantua des versprochenen Fürstengeleits, als ihn die Kunde -von Susa erreichte: Heinrich sei über die Alpen gekommen, von den -lombardischen Städten trotz seinem Bann als König empfangen. - -Da mußte Gregor zurück in die Burg von Canossa; die Sonne entwich in -die Wolken der Gräfin Mathilde und ihrer schützenden Kriegsmacht. - -Aber Heinrich kam barhäuptig im Büßergewand vor das Tor der steinernen -Zuflucht; und ob ihn Gregor zweimal im Grimm der durchkreuzten Pläne -verschmähte: Heinrich kam wieder am dritten Tag, barfüßig im Schnee, -der gestern noch König war, den Bannstrahl zu löschen. - -Da lag dem toskanischen Mönch der salische Trotz zu Füßen, der -Schirmherr der Kirche im Staub vor dem Statthalter Christi: aber es -war nicht der Mond, des Lichtes der Sonne bedürftig, es war nur ein -Jüngling im Büßerhemd, der seiner Sünden ledig zu sein von dem heiligen -Vater begehrte. - -So brannte das päpstliche Richtergewand im eigenen Bannstrahl zur -Asche: die Fessel fiel ab, und dann war Heinrich zum andernmal König; -die Macht der lombardischen Städte stand als eine Mauer um ihn. - -Der auf den Reichstag als Richter der Welt zu kommen gedachte, wich -hinter die römischen Mauern zurück in den Schutz der Hadriansburg. - -Aber die Großen und Grafen in Tribur hatten den eigenen Spruch treulos -vergessen und Rudolf von Schwaben zum König der Deutschen gewählt. - -Ihm zu begegnen, kam Heinrich im Frühjahr anders nach Deutschland -zurück, als er im Winter gegangen war: er hatte sein Königsschwert -wieder; hinter ihm stand die lombardische Macht und vor ihm die Treue -der rheinischen Städte. - -Drei Jahre lang lag er im Feld und war ein Meister im Unglück; in -blutigen Schlachten besiegt, wieder im Bann und bei den Frommen -verflucht, hielt er den Trotz in der Faust und das Herz in der Hoffnung: - -Bis Rudolf von Schwaben, bei Merseburg siegend, die Hand und das Leben -verlor -- die Hand, die Heinrich Treue gelobte und treulos das Schwert -hob -- bis der König den tapferen Friedrich von Staufen als Eidam -gewann. - -Immer noch standen viel Schwerter im Feld gegen ihn, als Heinrich das -römische Haupt seiner Widersacher zu treffen gedachte; unholder als -vorher im Winter zog er nach Rom und hatte ein Panzerhemd an, den -Streit mit Gregor zu schlichten. - -Und ob ihn das Unglück zum andernmal hinhielt, drei Jahre mit Kämpfen -und Nöten gefüllt, sein Herz war Stahl und sein Mut ein wehendes Feuer, -bis er das Tor von Sankt Peter gewann. - -Sieben Jahre waren vergangen, seitdem er im Büßerhemd stand; sein Leben -war Lärm und die Welt ein Wirrsal gewesen: nun riefen die Römer ihm -Heil, weil wieder ein Kaiser der Christenheit war. - -Normannen holten Gregor aus Rom in den Schutz ihrer Schwerter; der -sizilianische Erbfeind der Kirche bot ihrem geschlagenen Haupt das -letzte Exil. - -Nie hatte ein härterer Feind gerungen, als Hildebrand war; Heinrich, -der unstete Jüngling, war mannhaft geworden, als Gregor, der Greis in -Salerno, verbittert den Tod empfing. - - -Der Gottesfrieden - -Als Gregor der Siebente starb, war der Haß nicht gestorben; er ritt auf -den Straßen von Sachsen nach Rom, er lauerte auf den Burgen der Großen -und Grafen und brannte der Kirche im Dachstuhl. - -Es ging um das Reich, und es ging um die Stärke: hie Kaiser, hie -Kirche! hie Priester, hie Laiengewalt! aber das Schwert trug der Ritter -hüben und drüben! - -Er schlug die Schlacht, er hetzte den Hirsch, er hielt die Meute im -Jagdgrund; und wenn die Jagd der Großen und Grafen aus war, ritt er -selber auf Beute. - -Was auf den Feldern gesät war, was in den Ställen gedieh, was auf -den Wegen und Wässern mit Wagen und Schiffen hereinkam, was auf den -Speichern und Märkten als Wohlstand des Landes begehrt war, fiel unter -sein Schwert. - -Und als es im neunten Jahr war, daß Bauern und Bürger im blutigen Krieg -den Segen des Tagwerks entbehrten, daß Armut und Kummer den Wohlstand -des Landes verschlangen, daß um ein Trugbild der Macht Dörfer und -Städte verdarben: geschah es, daß sich die Kirche auf ihren Ursprung -besann. - -Aber nicht Rom und der Papst, ein Bischof sandte die Taube, den Ölzweig -zu bringen, ein Bischof im lothringischen Land; den Gottesfrieden -hießen sie ihn, und so war seine Botschaft: - -Von Freitag zu Montag in jeglicher Woche, von Fastenbeginn bis über den -Sonntag nach Pfingsten, vom ersten Advent bis über Dreikönigen dürften -nicht Fehde sein; und wer den Gottesfrieden nicht hielt, war verflucht -an Leben und Eigen. - -Sie kam von Frankreich geflogen, die Taube der Sintflut, wo sie im -Streit der Großen den Boden zu ruhen nicht fand; in Lüttich wurde die -Stätte bereitet, und bald war der Kaiser ihr Schutzherr. - -Heinrich, der König der Bürger und Bauern, nahm ihren Ölzweig zur Hand; -da mußten die Großen und Grafen ihm folgen: so war in der Sintflut der -Zeit dem Frieden die erste Freistatt bereitet. - -Noch war der Haß nicht gestorben und Heinrich der Vierte ging seinen -Leidensweg weiter bis an sein gramvolles Alter: aber der Taube von -Lüttich hielt er die Treue, und gab in Zorn und Bedrängnis den Ölzweig -nicht aus der Hand. - - -Der Kaiser des Volkes - -Klug und wild war der Knabe, hochfahrend der Jüngling, unbeugsam und -rastlos der Mann, den das Volk als Vater verehrte, da er ein Greis war; -aber das Schicksal fuhr seinen Wagen mit lockeren Rädern, und als er im -Gleichmut des Alters zu fahren gedachte, scheuten die Rosse. - -Er hatte den mächtigen Papst nach Salerno gebracht und hatte die -trotzigen Sachsen gedämpft, aber die Burg seines Königtums ging ihm -verloren; so zäh seine Hand das Königsschwert hielt, den Traum von -Goslar träumte sein Alter nicht mehr: sein Hoflager ging um in den -Ländern der Großen und Grafen, wie es die Herkunft gebot. - -Aber ihm fiel eine Burg zu, die nicht aus Steinen gebaut war; -Dienstmannentreue hielt ihr das Tor, und die Liebe des dankbaren Volkes -war ihre gewaltige Mauer. - -Die Ritter hatten vom Schwert gelebt, wie der Bauer vom Pflug, sie -waren im Scharlach mit goldenen Sporen geritten und hatten den -Wohlstand geerntet: nun siechte der nützliche Krieg hin, und der Mangel -kroch in die Burgen. - -Die Großen und Grafen sahen den Aufruhr beginnen und die Vasallen den -Glanz ihrer Tage verblassen, indessen die Bürger und Bauern sich in der -Kaisergunst sonnten. - -So fuhr das Alter des Kaisers durch Liebe und Haß den schmalen -Königsweg hin, als ihm die Feindschaft der Ritter die Rosse wild -machte, als ihm der römische Haß die Räder zerbrach. - -Zum viertenmal kam der Bannfluch von Rom, als Paschalis Papst war, -Gregors gelehriger Schüler; der Donner hatte den Blitz verloren und -rollte nur hin, aber den Feinden des Kaisers kam er zur richtigen -Stunde. - -Sie kannten die Herrschsucht des Sohnes, und wie er die Geltung des -Vaters mühsam ertrug; sie wußten den Bannfluch klüglich zu leiten, daß -er im Treubruch des Sohnes den bösen Spalt fand. - -Weihnachten stand vor der Tür, als Heinrich der Sohn das Hoflager -heimlich verließ, von Fritzlar nach Bayern zu fliehen, wo ihn die -Feinde des Königs fröhlich empfingen; und die Vasallen strömten der -neuen Herrengewalt zu. - -Am Regenfluß standen sich Vater und Sohn gegenüber im Schutz ihrer -Scharen, aber hüben und drüben stiegen die Ritter vom Roß; wieder -gingen und kamen die heimlichen Boten, bis Heinrich der Vater den -Verrat der Vasallen erkannte und heimlich entwich. - -Ein Hoftag der Großen und Grafen in Mainz sollte den Kaiser des -Volkes absetzen; aber die Bürger standen auf für sein Recht, und ein -stadtkölnisches Heer zog heran, den Mantel des Kaisers zu schützen: da -mußten Falschheit und Frevel dem herrischen Sohn helfen. - -In Koblenz lag er dem Vater zu Füßen, Abbitte leistend und Treue -gelobend; der Kaiser zog arglos mit ihm und ließ sich von Bingen nach -Bökelheim locken; aber es war eine Falle, und statt auf dem Hoftag in -Mainz mit den Großen und Grafen zu rechten, saß er in einer Waldburg -gefangen. - -Sie wollten in Mainz ein stolzes Gericht über ihn halten, aber sie -wagten es nicht vor den Bürgern; so war es draußen in Ingelheim, wo -sie den Greis, höher an Wuchs und Würde als einer der Fürsten, in die -Schmach ihrer Anklagen brachten. - -Da konnte die Kirche sich rächen an ihrem stolzen Verächter; da fand -der Grimm der Vasallen die Grafen und Großen bereit, den Kaiser der -Bürger und Bauern zu dämpfen; da ließ der Sohn es geschehen, daß -rechtlose Richter Heinrich dem Vierten das Königskleid nahmen. - -Sie wiesen dem todwunden Geier die karolische Pfalz in Ingelheim -an; aber noch einmal hob er die mächtigen Flügel: Heinrich der -Vierte entfloh seiner Haft, und als der frevelnde Sohn mit seiner -Vasallenmacht kam, ihn zu fangen, wiesen die Bürger von Köln und -Lüttich ihm blutig die Tore. - -Schon mußte der Sohn sich bequemen, andere Botschaft zu senden, da -brachte ihm ein Gesandter den Ring und das Schwert seines Vaters und -sein letztes Vermächtnis: wie er geboren war, starb Heinrich der Vierte -als König, kein Haß trübte dem Greis die letzte Verpflichtung. - -Otbert der Bischof von Lüttich ließ seinen Leib in der Kirche begraben; -das Volk jammerte laut um seinen Vater und Freund; aber der Haß seiner -Feinde strafte den Bischof und gönnte der Leiche nicht ihren Frieden. - -Als sie den Sarg des Gebannten hinaus auf die Maasinsel brachten, kamen -die Bauern herbei aus den Feldern, warfen das Korn über den Sarg und -streuten die Erde des Grabes auf ihre Acker, daß Korn und Acker geweiht -wären. - -Daß ihm der Vater nicht draußen läge gleich einem Hund, hieß Heinrich -der Sohn die Leiche im steinernen Sarg hinauf nach Speyer geleiten, und -er gab ihr den Platz im Dom nach der Reihe der salischen Kaiser. - -Aber noch durfte Heinrich der Vierte nicht versammelt sein bei seinen -Vätern; zum andernmal trugen die zornigen Hände der Kirche den Sarg des -Gebannten hinaus, daß er die Gruft nicht entweihe. - -Der mit dem Frevel in Kaiserswerth zänkisch begann, der in Canossa -lichterloh brannte, mit üblen Gerüchen in Ingelheim schwelte: der Haß -seiner Feinde ließ seine Asche nicht ruhen und schmähte sein stolzes -Gedächtnis. - -Das Volk behielt Heinrich, den Vater und Freund und sein grausames -Schicksal treu und traurig im Herzen. - - -Der Sieg der Fürsten - -Der Kampf, den Heinrich der Vierte sein Leben lang kämpfte, war traurig -verloren; sein Sarg in Speyer blieb draußen am Dom als gramvolles -Bildnis gestorbenen Volkskönigtums stehen. - -Die Fürsten hatten den finsteren Sohn ihres Feindes vorzeitig zum König -gemacht, und der Papst war ihrem Frevel Nothelfer gewesen; seiner -Fesseln nicht froh tat Heinrich der Fünfte die Romfahrt anders als -seine Ahnen. - -Die Großen und Grafen traten ihm bei, und die Vasallen strömten ihm zu -in unübersehbaren Scharen: der Gottesfrieden hatte sie müßig gemacht, -nun gab es fröhliche Fahrt. - -Nie hatte das lombardische Land mehr Ritter und Lanzen gesehen als -in dem hochmütigen Herbst, da Heinrich der Fünfte die lombardische -Städtemacht dämpfte; und als er im Winter nach Rom kam, stand Paschalis -wartend, die mächtige Hand zu ergreifen. - -Immer noch hielt der Streit der Belehnung die Kirche in Zorn; aber dem -Papst wie dem Kaiser waren die deutschen Bischöfe zu mächtig, und -heimlich wurden die Stricke geflochten, die mächtigen Hände zu binden. - -Und so war die Lösung, die Kaiser und Papst in Heimlichkeit fanden: -der Papst allein sollte Herr der Bischöfe sein, aber sie sollten der -weltlichen Geltung im Reich des Kaisers entsagen, all ihr Lehensgut -sollte wieder dem Reich und dem Kaiser gehören. - -Das war die christliche Scheidung; sie teilte den Mächten das Reich, -gab Gott und dem Kaiser, was Gott und dem Kaiser gehörte. - -Als aber der Papst in Sankt Peter die heimliche Gleichung offenbar -machte, da sprangen die Bischöfe auf im Tumult und zwangen den Papst -und den Kaiser, den heimlichen Strick ihrer weltlichen Macht zu -zerreißen. - -Seitdem stand Heinrich der Fünfte nicht mehr in der Gunst der -geistlichen Großen; sie wollten die Weltfürsten bleiben und zwischen -dem Papst und dem Kaiser die eigenen Machthändel treiben: wie Heinrich -der Fünfte den Vater verriet, so war er nun selber verraten. - -Wilder denn je ging der Streit um die Macht, und die Vasallen saßen -im Sattel das ganze Jahr; der Gottesfrieden ging unter im Lärm ihrer -Schlachten, denn nun war kein Kaiser des Volkes mehr da, ihn zu halten. - -Wohl lenkte Heinrich der Fünfte klüglich zurück in die Bahn -seines Vaters; er ließ mit goldenen Lettern am Dom zu Speyer die -Bürgerfreiheit ansagen: aber dem Finsteren blieb das Herz des Volkes -verschlossen. - -So kam in Würzburg der klägliche Tag für den Kaiser: hie Papst, hie -Kaiser stand auf den Fahnen der Heere; aber die Fürsten stiegen vom -Roß hüben und drüben, den Streit zu beenden und auf dem Streitfeld die -Zelte der eigenen Herrschaft zu bauen. - -Da wurde ein anderer Strick geflochten, Kaiser und Papst die Hände zu -binden; da schrieben die Räte der Fürsten das Konkordat, das auf dem -Reichstag zu Worms den Streit der Stärke zudeckte: - -Der Papst belehnte den Bischof mit Ring und Stab als Zeichen der -geistlichen Würde, der Kaiser gab ihm das Zepter als Zeichen der -weltlichen Fürstengewalt. - -Ein halbes Jahrhundert lang hatte der Streit dem Kaiser den Atem -genommen, ein halbes Jahrhundert lang hatte das Feuer die Völker -gebrannt, nun dämpften die Fürsten die glühende Asche. - -Heinrich der Fünfte blieb er genannt, König der Deutschen und römischer -Kaiser: wo seine Väter die Schutzherren waren, nahm er nun selber die -Krone, Reichsapfel und Zepter als Lehen der Kurfürstengewalt. - -Das Reich der Kaiser war tot; als die Bürger und Bauern Deutschland -den Mantel des einigen Königtums brachten, riß ihn die Herrschsucht der -Fürsten in Fetzen. - - -Die goldenen Tage der Kirche - -Das Jahrhundert der salischen Herrschaft war aus, und wieder lagen die -Heerschilde am Rhein, dem Reich einen König zu küren: hüben die Sachsen -und Bayern, drüben die Franken und Schwaben. - -Der mächtigste Fürst war Friedrich von Staufen, Herzog in Schwaben und -Schwager Heinrichs des Fünften; er hatte die salischen Güter geerbt und -war seiner Wahl sicher. - -Aber die Kurfürsten hatten das Königtum nicht geschwächt, daß Friedrich -von Staufen es wieder stärke; sie wußten den Wahlgang listig zu stören -und hoben Lothar von Suplinburg auf den Schild, Herzog von Sachsen und -Todfeind Heinrich des Fünften. - -Sechzig Jahre war Lothar alt, als die geistlichen Großen dem Graukopf -die Krone aufsetzten: als Söldner gekrönt, blieb er ihr williges -Werkzeug; und als er ein schlohweißer Greis war, krönte der Papst ihn -dem heiligen Norbert zuliebe als Kaiser. - -Auch ließ er ein Bild malen, wie er dem König gnädig die Krone verlieh; -und so war die stolze Legende: Vor die Tore Roms kommt der König, -beschwört die Rechte der Stadt, wird Vasall des Papstes und empfängt -von diesem die Krone. - -Es waren die goldenen Tage der Kirche in Deutschland, da Lothar der -Graukopf die Krone demütig und diensteifrig trug, da der König den -heiligen Norbert von Xanten als Bischof nach Magdeburg rief. - -Norbert der Bischof hatte als Mönch in Frankreich den Orden der -Prämonstratenser gegründet und brannte in düsterer Inbrunst, der Kirche -das kostbare Kleid und den Klöstern den weltlichen Wohlstand zu nehmen. - -Gebet und Arbeit gab er den Mönchen wieder zur Hand, daß sie -- wie -Cluny es lehrte -- Werkstätten des frommen Fleißes und Zunfthäuser der -Kirchenzucht würden, statt üppige Pfründen der Weltlust zu sein. - -Zum andernmal schlugen die Mönche die Standlager entsagungsvoller -Mühsal auf in den neblichten Wäldern; wo eine Wiese war, wuchsen -die weißen Gebäude; Gärten, von Mauern gegürtet, und Feldergebreite -drängten hinein in das weglose Dickicht. - -Die grauen Zisterzienser wetteiferten treulich mit den weißen -Prämonstratensern und wußten zierliches Maßwerk zu bauen; vom Rhein -hinüber weit in den Osten und hoch hinein in den Norden trugen sie -Kreuz und Kelle und mehrten das Kirchenland. - -Und was die Mönche begannen, brachten die Bauern zu Ende; uraltes -Hofrecht wurde lebendig, neue Weide zu schaffen; fleißige Rodung gewann -aus den neblichten Wäldern die Sonnenplätze der Dörfer. - -Es waren die goldenen Tage der Kirche in Deutschland, als die grauen -Mönche die schwarzen ablösten, als sie den himmlischen Gärten die -irdischen Vorwerke bauten, als sie im Eifer nützlicher Arbeit und -frommen Gebetes den Prunkmantel römischer Herkunft vergaßen. - - -Der heilige Bernhard - -Als Lothar, der greise Dienstmann der Kirche, verschied, stand Heinrich -der Stolze, sein Eidam, Herzog von Bayern und Sachsen, der Krone am -nächsten; um Pfingsten sollte die Wahl sein. - -Alberto aber, der hitzige Bischof von Trier, wollte nicht leiden, daß -wieder ein mächtiger König die goldenen Tafeln der Kirche zerbräche; er -gab die Krone Konrad von Staufen als Ostergeschenk, da brauchten die -Heerschilde nicht auf das Pfingstfest zu reiten. - -Konrad, der Dritte genannt, war Kriegsmann und nannte geringe Erbschaft -in Franken sein Eigen, da seinem Bruder Friedrich von Staufen das -Herzogtum Schwaben gehörte; er mußte der Kirche willfährig sein gegen -die Macht Heinrichs des Stolzen. - -Aber die Kirche war nicht mehr das römische Reich; der Papst saß -bedrängt in Sankt Peter, indessen Bernhard, der Mönch von Clairvaux, -die Christenheit lenkte. - -Ein neuer Apostel hielt wieder das Kreuz, von Wundersagen umdichtet: in -der Macht seiner Rede ein Paulus, und ein Prophet, wie Jesaias war. - -Der Stern von Bethlehem stand neu über dem Abendland: wie er den -Weisen aus Morgenland schien, so glühten die Mönche im Licht der neuen -Verheißung. - -Der Tag der Verheißung brach in der Wirklichkeit an und war kein -Weltuntergang mehr, weil nun Maria die Königin hieß; ihr hielten die -Mönche den Himmel gespannt mit den Schnüren brünstiger Liebesgewalt. - -Und weil es das Abendland wollte, sollte das Morgenland wieder die -irdische Heimat der christlichen Menschheit werden: Maria hatte den -Heerbann befohlen, sie würde -- so war es den Mönchen verheißen -- die -siegreiche Weltkönigin sein. - -Weihnachten war im Dom zu Speyer, als Bernhard dem König die -Kreuzpredigt hielt: wie Moses den Quell, zwang sein gewaltiges Wort -den Schwur aus den Seelen; das Volk weinte in seliger Lust, als -Konrad, der Kriegsmann der Kirche, knieend die Fahne der Himmelskönigin -nahm. - -Nie war die Lust auf den irdischen Straßen so selig gegangen, nie hatte -die Sehnsucht der Seelen so brünstig gebrannt, nie hatte das Kreuz so -glühend gelockt wie nun auf den Fahnen, da sich das Abendland aufhob, -das Morgenland zu befreien. - -Vom Abendland aber zum Morgenland ging der Weg weit über Byzanz und -über Nicäa hinauf in die Steinwüsten der Türken: gewaltig waren die -Ritter gerüstet zur Schlacht, aber der Troß war zu groß, sich in der -Wüste zu nähren. - -Als der Durst nicht aufhörte, Roß und Reiter zu plagen, als die -Glut der Steine das Leder zu dörren begann, als in den Nächten der -Fieberdurst kam, als Seuche und Not den gepanzerten Lindwurm des -Abendlandes fraßen, siegte grausam das Morgenland. - -Die Wespen der türkischen Reiter fielen in Schwärmen über den -schwerfälligen Leib und stachen ihn zornig zu Tode; ein Leichenfeld -wurde die Straße von Doryläum zurück nach Nicäa: die Himmelskönigin -hatte die Ihren verlassen, nur wenige sahen das Meer wieder. - -Ein Klageschrei irrte ins Abendland heim, wie seinen Ohren noch keiner -geklungen war: die Ritterblüte der Länder lag in der Wüste verdorrt, -das Wunder hatte gelogen. - -Das Wahnreich der Mönche sank hin; aus den Trümmern der himmlischen -Herrlichkeit hob sich der grimmige Zweifel der Erde. - - -Heinrich der Löwe - -Indessen der Kirche in Deutschland die goldenen Tafeln zerbrachen, weil -sie den Berg der Verheißung nicht fand, war ihr der zäheste Gegner -gewachsen. - -Heinrich den Stolzen hießen sie seinen Vater, Herzog in Bayern und -Sachsen, der Konrad dem Staufer die kärgliche Geltung bestritt; stolz -war auch der Sohn, aber sein Stolz hielt der Stärke die Hand. - -Er war noch ein Knabe, als Konrad, den staufischen König, der Tod -Heinrichs des Stolzen aus schwerer Bedrängnis befreite; aber der Knabe -war früh bei der Hand, die reiche Erbschaft zu halten. - -Als Heinrich Jasomirgott mit seiner Mutter das Herzogtum Bayern bekam, -ging er grollend nach Sachsen, weil er dem Stiefvater nicht die Hand -seiner Mutter, wohl aber das Land seiner Väter bestritt. - -Zum andernmal hielt ein Knabe und Jüngling den sächsischen Hof, aber -nun war es der eigene Herzog, kein landfremder König; stark wie zur -Zeit der Ottonen wuchs die sächsische Mauer um ihn. - -So stark war die sächsische Mauer, daß Heinrich dem Kreuzzug des -heiligen Bernhard ausweichen konnte, statt in das Morgenland gegen die -näheren Feinde im Osten, die Wenden, zu ziehen. - -Als Konrad wiederkam mit dem kläglichen Rest seiner Macht, war Heinrich -im Haushalt des Reiches stark und selbstherrlich geworden; Kirchen- und -Königsmacht fanden die sächsische Grenze gesperrt. - -Noch war Heinrich ein Jüngling, aber schon hieß er der Löwe, und wo er -die Tatze hinlegte, hob sich nicht leicht eine Hand, ihn zu stören: die -Grafen und geistlichen Großen im Sachsenland mußten sich fügen, wie es -der mächtige Landesherr wollte. - -Aber er war kein Gewaltherr der Willkür; im sächsischen Weistum waren -die Wurzeln des uralten Rechts sorgsam bewahrt, auf dem heiligen Boden -der Herkunft standen Wahrspruch und Richtschwert; Heinrich der Herzog -war Richter und Hüter, wie es die Herkunft gebot. - -Er ließ der Kirche das Amt ihrer geistlichen Sendung, aber der -Bischofsmacht hielt er die Zügel; und als er Lübeck neu baute, gab er -der Stadt einen Bischof, ihre Geltung zu mehren, aber auch einen Rat, -im Namen des Herzogs sich selbst zu verwalten. - -Er machte die Herkunft lebendig und zerbrach den Deckel lateinischer -Bildung: er war ein deutscher Fürst und ließ der Kirche das Morgenland, -dem König die römischen Händel, weil er im eigenen Bienenstock die -Waben des sächsischen Wohlstands baute. - -Und als dem welfischen Löwen der staufische Vetter und Freund seiner -Jugend, Friedrich der Rotbart, im Alter das Rückgrat zerbrach, blieben -Dank und Liebe der deutschen Seele in Liedern und Sagen lebendig, sein -trotziges Standbild mit Efeu und wilden Rosen umrankend. - - -Friedrich von Schwaben - -Konrad, der klägliche Staufer, war tot, und Heinrich der Löwe saß im -Sattel der sächsischen Stärke, da waren die geistlichen Großen in Not; -sie mußten, dem Welfen zu wehren, den Einzigen wählen, der seiner Macht -widerstand: Friedrich, den jungen Herzog von Schwaben. - -Judith, die Schwester Heinrichs des Stolzen von Bayern, war seine -Mutter gewesen; staufisch- und welfischen Blutes gleichviel, stand er -mitten im Streit der Geschlechter. - -Er hielt seinen ersten Hoftag in Sachsen, auch sprach er dem Vetter -und Freund die bayrische Erbschaft zu; denn Gertrud die Mutter des -Löwen war tot, und Heinrich stand mit dem Schwert in der Hand gegen -Jasomirgott, sein Recht und sein Land von dem Stiefvater einzufordern. - -So blieb der Staufer klüglich im Schatten des Starken, und niemand im -Reich konnte wagen, dem Bund der beiden zu trotzen; Rom aber mußte -erfahren, daß Friedrich von Schwaben ein fleißiger Schüler des Löwen -war. - -Der verhaßten Kaisermacht ledig, hatte der Papst den Hochmut der -römischen Bürger erfahren: von seinem Stuhl in Sankt Peter vertrieben, -von der normännischen Hilfe übel bedrängt, rief er von neuem den -Schirmherrn der Kirche. - -Friedrich von Schwaben eilte nicht sehr, dem Bedrängten zu helfen; -als er mit Heinrich dem Löwen endlich die Alpenfahrt machte, lockte -lombardischer Reichtum ihn mehr als das Salböl des Papstes. - -Er sah im fruchtbaren Herbst die reichen Felder gebreitet, er sah die -blühenden Städte im Kranz ihrer Gärten, er sah die Schiffe und Wagen -der Kaufleute fahren und sah sie wohnen im Reichtum. - -So wurde nach sechshundert Jahren in einem Staufer der Traum Alboins -wach, das lombardische Land als Wiege der Macht zu besitzen: statt -Wanderkaiser der Deutschen Italiens Schwertherr zu sein. - -Aber die Wiege war wehrhaft geworden, seit Alboin in der Burg Dietrichs -von Bern sein lachendes Siegesmahl hielt; trotzig standen die Städte -der Lombardei, mauerumgürtet, und Mailand, die mächtige, war ihre -starke Bastei. - -Friedrich der Staufer nahm die lombardische Krone; die stolzen -Geschlechter von Mailand mußten sich seiner Schwertgewalt beugen; er -dämpfte den Aufruhr der Römer und ließ sich von Hadrian krönen: aber -die Schar seiner Ritter reichte nicht aus, das Abenteuer zu halten. - -Schon stand sein Rückweg gefährlich -- Otto von Wittelsbach brach -die gesperrte Etschklause auf -- und kaum war der letzte Hufschlag -verschollen, da schlossen die Städte um Mailand den Bund ihrer -Freiheit, und Rom sandte heimliche Botschaft. - - -Barbarossa - -Als Friedrich der Rotbart zum andernmal kam, hatte sein Kanzler Rainald -von Dassel -- der listig gewaltige Mann -- das Reichsheer reisig -gemacht; aus allen Pässen kam es herab in die ronkalischen Felder: das -Abenteuer des Staufers war eine Heerfahrt des Kaisers geworden. - -Wie Karl die Sachsen mit Krieg überzog, brach der Staufer ein ins -lombardische Land; und wie sich der Sachsentrotz wehrte bis zur -Vernichtung, so ungebeugt hoben die Städte aus Blut und Brand das -Banner der Freiheit. - -Einmal war Mailand gestäupt und die Bürger der Stadt mußten im Hemd zum -Büßergang kommen, ein bloßes Schwert auf dem Nacken; einmal war Mailand -zerstört, wie Jerusalem war, da Titus die Juden wegführte. - -Einmal stand Friedrich der Rotbart als Sieger vor Rom, Alexander den -Papst zu verbannen; einmal fraß ihm das Fieber sein Heer -- auch -Rainald von Dassel, den listig gewaltigen Kanzler -- daß er nur in -böser Gefahr den Rückweg nach Deutschland gewann; einmal war er so -grausam geschlagen, daß er den Schild und die Fahne verlor, und von den -Seinen vermißt war. - -Aber er stand wieder auf, und was sein Schwert nicht vermochte, mußte -die List ihm gewinnen: den lombardischen Städtebund um den Sieg zu -betrügen, beugte er sich vor der mächtigen Hand Alexanders. - -Sein Rotbart war grau und das lombardische Land eine Wüste geworden, -als ihm der Tag von Venedig endlich den Frieden einbrachte: er mußte -den Städten vielerlei Freiheit beschwören, aber sie nahmen den Staufer -an aus der Hand des Papstes als ihren Kaiser und Herrn. - -So war er reich und mächtig geworden, der arm und im Schatten des -Starken sein Abenteuer begann; als er im Schatten der Kirche endlich -gewann, stand Heinrich der Löwe allein in der Sonne: da war die -Freundschaft zerbrochen. - -Wie die lombardischen Städte gegen den Staufer, so hatten die deutschen -Bischöfe den Bund gegen den Herzog von Sachsen und Bayern beschworen; -nun hatte der Staufer den Schatten gewechselt: so kam ihre Stunde. - -In der staufischen Pfalz zu Gelnhausen wurde die Haut des welfischen -Löwen verteilt, und die Bischöfe nahmen sich reichlich; der letzte -Herzog der Deutschen wurde verbannt, das letzte Stammland zerstückelt. - -So machte Friedrich von Staufen das mißglückte Königtum Heinrichs des -Vierten wahr, aber die Burg seiner Macht stand jenseits der Alpen, das -Reich war verraten. - -Barbarossa war nun der Rotbart genannt, der Herr des lombardischen -Landes; fünf Kronen trug er auf seinem silbernen Haar und hieß wieder -Kaiser der Christenheit wie Karl der fränkische König: aber ihm hielt -keine Aachener Burg das Herz der Heimat gerüstet. - - -Das Maifeld in Mainz - -Herrlicher war nie ein Maifeld gewesen, als da Barbarossa in Mainz -seinen Söhnen die Schwertleite hielt; die Lombardei war gewonnen, und -Heinrich der Löwe lag auf der Strecke; prahlend kamen die geistlichen -Herren und alle Vasallen, das Glück ihrer Tage zu feiern. - -Die Mauern von Mainz waren zu eng für die festlichen Massen; so war -vor den Toren die Zeltstadt gebaut, geschmückt mit dem Maibaum des -Kaisers, mit den Wimpeln der Großen und Grafen und der unermeßlichen -Farbenpracht ihrer Völker. - -Das Abendland bestaunte die staufische Macht und sah den Himmel der -Deutschen gespannt über dem siegreichen Kaiser und über dem Sohn, der -seine Macht und Herrlichkeit erbte. - -Fünf Kronen trug sein silbernes Haar und wollte die sechste im Heiligen -Lande gewinnen, als er, der Greis, im Jubel der Völker das Kreuz nahm. - -Er hatte als Jüngling den Kreuzzug Konrads mitgelitten und kannte die -Wüstengefahr; wie ein Hausvater seine Tage bestellt, ließ er das Reich -seinem Sohn, sich selber der Kirche zu weihen. - -Noch einmal schäumte das Abendland gegen das Morgenland auf; aus -Frankreich, England und Deutschland kamen die Ritter mit ihren Knappen, -dem Kaiser zu folgen, der als Greis die kühne Fahrt wagte. - -Klüger als Konrad und besser gerüstet, gelang ihm der mühsam -gefährliche Ritt durch die Wüste; schon war Ikonium sein und das -cilicische Gebirge gewonnen, als der Kaiser im Saleph ertrank. - -Wie der staufische Jüngling sein Abenteuer auf fremder Erde begann, so -sank er dem Reich hin in der Fremde; mit seiner greisen Rittergestalt -war die deutsche Herkunft der Staufer gestorben: Heinrich der Sechste, -der Sohn seiner Macht, ging nach Palermo. - - -Der Sohn der Macht - -Heinrich, der staufische Jüngling, hatte die ältliche Erbin des -normännischen Goldes gefreit; die Völker kamen nach Mailand, die -staufische Macht zu bestaunen, als der Kaisersohn mit Konstanze, der -Königstochter von Sizilien, die prahlende Hochzeit hielt. - -Die Kaisermacht spannte den Bogen über den Stuhl von Sankt Peter -hinüber; von der kalten Meerküste bis in die südlichen Mittelmeergärten -reichte die Schwerthand der Schwaben. - -Nordsturm fiel über die sonnigen Küsten, darin Blüte und Frucht -erfroren, als das normännische Seeräuberglück an den Sohn der -staufischen Macht kam. - -Sein Herz war hart und sein Mund blieb verschlossen; wo Friedrich der -Rotbart mit fröhlicher Grausamkeit ritt, stand Heinrich der Sechste mit -finsterer Strenge. - -Den Zermalmer hießen sie ihn, der alles zertrat, was seinen grausamen -Weg hemmte; aber als er den Hammer ins Morgenland hob, sprang ihm sein -gläsernes Herz. - -Es war im siebenten Jahr, daß Barbarossa sein Vater im Saleph ertrank, -als auch der Sohn der staufischen Macht die Heimkehr versäumte: seinen -Marmorsarg stellten sie auf im steinernen Dom von Palermo. - -Schirmherr der Kirche und Schwertherr der abendländischen Völker -zu sein, war die Sendung der Kaiser gewesen: der Streit um die -Stärke hatte den Bogen gespannt; als er im Rauschglanz staufischer -Machtherrlichkeit über Sankt Peter hinaus ging, zerbrach er. - - -Der Sizilianer - -Als Heinrich der Sechste gestorben war, fern und fremd wie er lebte, -war Friedrich, der Sohn der Konstanze, ein Kind. - -Den Staufern die Macht in Deutschland zu halten, nahm Philipp von -Schwaben, der Sohn Barbarossas, die Krone; aber der Bischof von Köln -krönte den Sohn des welfischen Löwen. - -So standen die Söhne im Haß ihrer Väter, und der Papst schürte den -Brand: hie Waibling, hie Welf! wurde der Wahlspruch der Großen; hie -Welf, hie Waibling der Schlachtruf der Ritter, die über das Reich den -neuen Bürgerkrieg brachten. - -Da wuchs die Saat der staufischen Weltherrscherträume üppig und geil -ins Kraut, da war von der goldenen Ernte allein das Unkraut geblieben, -indessen der Papst Innocenz den Weizen der Kirche in vollen Scheuern -einbrachte. - -Otto dem Welfen lachte das Glück, als Philipp von Schwaben durch Otto -von Wittelsbachs Mörderhand fiel; aber indessen war Friedrich der Sohn -der Konstanze mündig geworden, und päpstlicher Eifer sandte den Großen -und Grafen im Reich den sizilianischen Knaben als König. - -Den Pfaffenkaiser hießen sie ihn, der als Friedrich der Zweite in -Aachen die Krone der Deutschen aufsetzte; aber der eigene Sendling des -Papstes wurde die Brut, die zu verderben danach die Kirche den Zorn des -Himmels mit allen Zungen herabschrie. - -Innocenz selber war Vormund des Knaben gewesen, der machtherrliche -Papst, der die Kronen Europas verschenkte; aber der Schüler lernte das -Schachspiel der Kirche, dem Schwert mit List zu begegnen; er war ihr -eifrigster Lehrling und wurde ihr Meister. - -Als es zum andernmal hieß: hie Kaiser, hie Kirche! war der Kaiser die -List, und der Papst stand im Zorn, dem spöttischen Spieler mit Fluch -und Verdammnis das Brett zu verwirren. - -Aber der Sizilianer gab lachend die Ewigkeit hin, die Gegenwart zu -behalten; und höher als jemals ein Herrscher hob er sein spöttisches -Haupt in die Räume, wo der Menschengeist Gott in den Grenzen des -irdischen Daseins verleugnet. - -Der sich als Fürst in Palermo die sarazenische Leibwache hielt, der -mit arabischen Weisen das Rätsel des Lebens befragte und im Prunk des -Morgendlands wohnte, trug die Krone der Christenheit nur um die Macht -und den Glanz ihrer Herrscherfülle. - -Das Reich der Deutschen gab er danach dem Sohn zu regieren, der in den -Ränken der Großen ein törichter Knabe und seinem Vater ein kläglicher -Nachahmer war. - -Der Kaiser der Christenheit saß in Palermo; er kam nur ins Reich, wie -ein Kaufherr nach seinen Schafen sieht. - -Sechs Kronen trug sein spöttisches Haupt; er war dem normännischen -Staat ein König, mächtig und klug wie keiner, aber das Reich lag -im Schatten: Fremdherrschaft war die staufische Macht dem Volk der -Deutschen geworden. - -Als er starb, der Sizilianer aus dem Geschlecht der Staufer, das der -zornige Papst ein Otterngezücht nannte, da rollten die Kronen hin, da -blieb von der Kaisermacht nur noch ein römischer Schatten, da rissen -die Raben das Reich auseinander, da wurden die Ritter Herren der Straße -und ihre Knechte die Plage des Bürgers. - - -Konradin - -Die letzte Fackel der Staufer sank jäh in die Nacht, als Manfred, der -Bastard des Sizilianers, gegen Karl von Anjou in Sizilien Land und -Leben verlor; aber ein Irrlicht hob sich in Deutschland, noch einmal -den Weg der Fackel zu flattern. - -Konradin hießen sie ihn, den letzten Erben der Staufer, und er war noch -ein Knabe, als ihn die Sendlinge nach Sizilien riefen, Karl von Anjou, -dem Franzosen, das normännische Reich zu bestreiten. - -Ein Knabe hob seine Augen auf zu den Taten der Väter: wo sie mit -gewaltigem Kriegsvolk zogen, kam die ärmliche Schar seiner Ritter. - -Tollkühn und töricht war der Plan, abenteuerlich seine Gestaltung; -aber das gleißende Glück rollte dem Knaben die bunte Kugel vorauf, und -mancherlei Volk lief ihm zu im toskanischen Land. - -Als er nach Rom kam, fiel ihm ein flüchtiger Glanz auf die -fiebrige Stirn: Frauen und Männer führten den Knaben aufs Kapitol, -blumengeschmückt, und die Straßen prahlten mit Fahnen, als ob er den -Sieg und der staufischen Macht die Wiederkunft brächte. - -Als aber der Tag kam, da die Haufen sich maßen, hob das staufische -Ungestüm wohl den Feind aus dem Sattel, schon stürmten die Ritter dem -Fußvolk voraus zur Verfolgung: doch war die Flucht eine List: aus dem -Hinterhalt brachen die feindlichen Reiter und gewannen leichtlich das -Treffen. - -Friedrich von Baden, der treue Freund, brachte den Knaben nach Rom und -gedachte, ein Schiff für die Flucht zu gewinnen; aber ein Ring, den -sie gaben, verriet die staufische Herkunft dem Frangipani, der die -Flüchtlinge fing und seinen Fang Karl von Anjou kostbar verkaufte. - -Auf dem Markt von Neapel mußten die beiden den schimpflichen Henkertod -leiden, da beugte der Knabe den Nacken, und das Volk kam zu weinen, da -floß das Blut leer, das der staufischen Träume noch einmal voll war. - -So ging das Irrlicht von Schwaben aus im normännischen Land, wo -die Fackel längst schon erlosch: das Abenteuer der staufischen -Weltherrenträume fand in der flackernden Fahrt des Knaben sein -klägliches Sinnbild. - - -Der Kyffhäuser - -Als Konradin seine Knabenfahrt machte, stand im Reich das Unkraut der -staufischen Saat in der Blüte: ein Fremder war König geworden, Richard -der Reiche von England hatte die Krone der Deutschen gekauft. - -Die sich des Reiches Kurfürsten nannten, nahmen das englische Geld -und riefen dem Reich einen König aus, der über dem Wasser wohnte und -viermal in fünfzehn Jahren mit einem Schiff kam, nach seiner Herrschaft -zu schauen. - -Sie ließen ihn krönen zu Aachen und fühlten nicht ihre Schande, daß sie -im alten Kaisersaal saßen und unten schlief Karl, der seinen Großen und -Grafen ein anderer König und Kaiser der Christenheit war. - -Aber sie hatten den Herrn, der ihrem Eigennutz paßte, sie waren die -Meute und wollten nicht länger dem Pfiff und der Peitsche gehorchen; -wo ein Wild war, fielen sie ein und waren in Wald und Weide frei von -der Koppel. - -Wald und Weide im deutschen Land, Weinberge und Felder gehörten der -Faustmacht des Tages; und was auf den Wegen und Wässern zur Stadt fuhr, -galt vogelfrei dem, der es raffte: der König war weit und die Burg war -nah, dahin sie den Raub brachten. - -Da wurde dem Mann der freien Gemeinde sein letztes Recht und die letzte -Hufe genommen, da wurde der Bürger der Pfeffersack für den Ritter, da -riß die lahme Gewalt die Ohnmacht des Reiches in Stücke. - -Als Richard der Reiche von England dem Reichsschatz zu Aachen die neuen -Kleinodien schenkte, waren Mantel und Krone, Reichsschwert und Zepter -prunkvoll verziert, aber kein Kaiser war da, sie zu tragen. - -Sehnsüchtig sahen die Augen des Volkes nach Süden, ob nicht der -Sizilianer zum andernmal käme, wie er vorzeiten kam, über die lahme -Gewalt der Großen und Grafen die Stärke und über das Unrecht der Tage -das Recht der Herkunft zu bringen. - -Noch stand die Kyffhäuser Pfalz, wo er zum letztenmal Hof hielt; er war -nicht wiedergekommen und es hieß, er sei tot: aber -- drum krächzten -die Raben, die um den Turm seiner Kaisermacht flogen -- verborgen im -untersten Saal saß er und schlief, das Schwert breit auf den Knien. - -Denn um sein Dasein war immer die Sage gewesen: als Ketzer verflucht -von der Kirche, samt seinem untreuen Sohn von den Großen verraten, kam -er wieder aus Süden und war ein Fürst der Stärke wie keiner. - -Das Glück und der Reichtum hingen an ihm, und wenn er den Reichstag -abhielt, wuchs über Nacht die alte Herrlichkeit wieder. - -Der Kaiser blieb aus, aber das Wunder sank in die Hoffnung: verborgen -im Kyffhäuser saß er und schlief, indessen die Raben von Rom den Turm -seiner Pfalz in ewiger Sorge umflogen, daß seine Stunde zum andernmal -käme, daß wieder ein Schwert die Zwietracht zerschlüge, daß wieder ein -Kaiser der Kirche den Schirmherrn erwiese. - - - - -Das Buch der Bürger - - -Der Sachsenspiegel - -Der Bogen des Kaisers war über Länder und Zeiten gespannt, aber das -Volk stak im Tagwerk; der Morgen stieg und der Abend sank, das Frühjahr -schwoll an und der Herbst losch hin; der Mond lief sich voll und leer -in der Sternenbahn, dem Dasein der Menschen die ewige Gleichung zu -halten. - -Ruhm brachten die Reisigen heim und die Kaufleute köstliche Waren; aber -sie alle zu nähren, stand die Saat zur Ernte: von der kalten Meerküste -bis an den Schneekranz der Berge hielt der Bauer die Scholle lebendig, -darüber der Bogen des Kaisers im Himmelslicht glänzte. - -Der in den einsamen Höfen nach Urvätersitte dem Gesinde vorstand, war -der Freie der alten Gemeinde, ihm galten die Weistümer noch aus der -heiligen Herkunft. - -Im Namen des Schwertes war die Herrschaft des Kaisers geworden und im -Zeichen des Kreuzes die Kirche; aber Kaiser und Papst konnten das Recht -nicht beugen, das im Herkommen stand. - -Als Friedrich der Kaiser fern war in Palermo, als Dienstmannenübermut -und städtischer Trotz die Gewalt der Großen und Grafen bedrängten, als -Willkür am Werk war, den Rechtsgrund im Reich zu zerreißen, wurde im -sächsischen Land die Herkunft lebendig. - -Eike von Repgow, ein Schöffe in Anhalt, hob den Stuhl des Gerichts an -den Tag: er schrieb dem sächsischen Mann in der Sprache der Väter sein -Recht aus der freien Gemeinde gegen den Zwang der unrechten Gewohnheit. - -Da man zuerst Recht setzte -- schrieb Eike von Repgow -- war noch kein -Dienstmann, und Jeder war frei, als unsere Vorderen her zuland kamen; -denn die Unfreiheit geht wider Gott, ihm ist der Arme so nah wie der -Reiche. - -Kaiser und Papst halten die höchste Macht, sie können Gewalt mit Gewalt -überziehen; aber das Recht steht über dem Königsschwert und über dem -Krummstab, und die Gewohnheit des Unrechts kann die heilige Herkunft -nicht beugen. - -Den Sachsenspiegel hießen sie Eike von Repgows wehrhaftes Weistum; aber -die Freien kamen vom Rhein und aus Schwaben, aus Bayern und Franken, -in seinen Spiegel zu schauen: so wurde im Reich das Recht, so wurde im -Richter der freie Mann wieder lebendig. - - -Huld und Treue - -Einmal war Jedermann Bauer und Krieger gewesen, Herr seiner Hufe und -Knecht seines Schwertes, wenn ihn die Hundertschaft rief. - -Aber der fränkische Königsdienst lag lästig und hart auf den Hufen, so -nahm der Bauer sein Eigen als Lehen von Einem, der ihm die Heerpflicht -ablöste. - -Der ihm sein Eigen als Lehnsherr ablöste, mußte für jede Hufe den -Königsdienst leisten, drum nahm er Reiter in Pflicht, denen das Schwert -besser zur Hand war. - -So wuchs auf Freienmannsland der Lehnsbaum breit in die Äste: der -Lehnsherrenast trug in der Mitte die Krone, der Ritterast hielt ihm zur -Rechten den Wettersturm ab, der Bauernast aber zur Linken trug ihm die -Früchte. - -Vasallen wurden genannt, die gegen Zins- oder Schwertpflicht ein Lehen -annahmen; aber das Schwert hielt frei, und der Zins machte hörig: der -Reiter zur Rechten wurde ein Ritter, der Bauer zur Linken sank in die -Fron. - -Der König war oberster Lehnsherr, wer Reichslehen hatte, hieß sein -Vasall; die Großen und Grafen gaben zu Lehen, sie waren Vasallen und -Lehnsherren zugleich bis zu den Rittern hinunter: so war das Reich ein -gewaltiger Turm der Lehnsherrenschaft, gebaut auf dem Wohlstand der -Scholle, gekrönt mit dem goldenen Zepter. - -Aber der Turm war kein Lohnbau; nicht die Bezahlung hielt seine Quadern -mit kupfernen Klammern gefügt, Stein stand bei Stein in der Pflicht, -vom Bauern hinauf bis zum König. - -Huld und Treue waren die Klammern, Huld und Treue der alten -Gefolgschaft; Treue dem Lehnsherrn, Huld dem Vasallen: wie sich die -Jünglinge einst die Blutspur beschworen, so nahmen die Lehnsleute -einander in heilige Pflicht. - -Die Kirche lockte mit seliger Hoffnung und drohte mit ewigen Strafen; -Huld und Treue stellten das irdische Dasein auf eigene Geltung; der -Mann gab das Wort, und das Wort hielt den Mann; Himmel und Hölle -konnten ihm nicht den Schwertriemen lösen. - - -Der Ritter - -Der als Reiter zum Königsdienst ritt, den nannten sie bald einen -Ritter, und einen Knappen den Knecht, der ihm die Waffen darreichte. - -Aber der Ritterdienst hob seinen Stand über den Freien, kein Knecht -durfte ihm danach Knappendienst tun. - -Er wohnte nicht mehr im schlichten Gehäus der Gemeinde; er baute den -einsamen Horst seiner Burg mit Mauer, Tor und Turm; er ritt auf den -Straßen in eiserner Wehr, Helmzier und Schildzeichen hieß er sein -Wappen. - -Nur wer rittergebürtig war, durfte noch Ritter werden; sieben Jahre -lang hieß er das Jungherrlein, sieben Jahre lang ging er als Page, -sieben Jahre lang trug er dem Herrn als Knappe die Waffen: dann hob ihn -die Schwertleite auf in den Ritterstand. - -Den Ritterschlag nahm er zum Zeichen, daß seine Ehre nun keinen Schlag -mehr erdulde; denn Ritter sein hieß nicht mehr, um Lehen Königsdienst -tun: Ritter sein hieß der Christenheit selber den Waffengang reiten, -und wie der Kaiser ihr Schirmherr war, so war der Ritter ihr Streiter. - -Er ritt auf den Wegen des Abendlands und kam aus dem Morgenland -wieder, von Schlachtfeld zu Schlachtfeld trug er die Lanze: siegen gab -fröhliche Tage; aber verlieren gab keine Schande, wenn der Schild rein -blieb. - -Denn reiten und stechen war seine redliche Kunst; wie ihn sein -Lehnsherr rief, so tat er die Fahrt und gab sein Leben darein; die -Treue allein war sein Teil an dem Handel und daß er untadelhaft -standhielt. - -Reiten und stechen war seine Kunst, sie redlich zu meistern sein Ruhm, -sie treu und tapfer zu üben die Ehre: die Ehre stand über dem Helm als -sein Stern; aber ein Kranz sank aus den Sternen, wenn er zum fröhlichen -Stechen einritt in die Schranken. - -Der Herold rief und das Volk staunte sehr, den rühmlichen Helden zu -sehen; wie ihn die Wahl rief, wagte er fröhlich das Spiel und gab sein -Leben darein, der stärkste und kühnste im Zweikampf zu sein und den -Kranz einzuholen. - -Denn die dem Sieger den Kranz auf das bloße Haupt gab, war die -holdselige Frau; reiten und stechen war seine Kunst, sie redlich zu -meistern sein Ruhm, sie treu und tapfer zu üben die Ehre: aber der -Herrin unwandelbar zu gedenken, das gab der Kunst und dem Ruhm und der -Ehre die blaue Blume zur Hand. - -Tod und Teufel zum Trutz als Streiter der Christenheit reitend, war er -der Himmelskönigin treuer Vasall: sie neigte in seliger Huld seinen -Taten das Angesicht zu; sie gab ihm den Kranz, wie sie ihm einmal auf -blutigem Feld den Balsam der Ewigkeit brachte. - -Walhal war leer; Walküren kamen nicht mehr, auf Wodans Roß den Helden -zu holen; Jesus war blutend und blaß in den Himmel gefahren, wartend -des Tages, da seine Posaune das Weltgericht rief: die Himmelskönigin -saß auf dem Thron, im süßen Wunder der Liebe den Ritter nicht zu -vergessen. - - -Minnegesang - -Der Ruhm des Ritters hing seinen Prunkmantel um, daß er den Frauen der -Höfe gefalle; der Prunkmantel war mit den Säumen künstlicher Lieder -bestickt und gewirkt auf dem Goldgrund der Minne. - -Der Sänger hob wieder die Harfe, von Helden zu sagen; aber nun hallte -es nicht mehr im Stabreim uralter Gesänge, auch saßen die Männer nicht -mehr beim Mahl, den Sänger zu hören: höfische Sitte hatte den künstlich -verschlungenen Reim in die Worte und in den Saal die tolosanischen -Gebräuche der edlen Frauen gebracht. - -Die gestern noch ritten und stachen, standen nun selber in reichen -Gewändern und sangen den Frauen die Minne: zierliche Sprüche, die -nach der Frauengunst zielten, gemessene Reime, die um den Beifall der -Tönemeister rangen. - -Der Minnegesang war das Schildzeichen höfischer Zucht und das Siegel -des Ruhmes geworden; die Könige selber durften die Kunst nicht -verschmähen. - -Aber die Frauengunst wollte nicht immer den eigenen Preisgesang hören; -der ihr den Spruch sagte, sollte der Held sein oder von Taten der -Helden berichten: hinter der maßlichen Kunst stand die Brandung des -Lebens und wollte die schäumende Lust der Schicksalsgewalt spüren. - -Da wurde im Minnegesang wach, was unter der gläsernen Decke mönchischer -Bildung den langen Winterschlaf hielt: Siegfried und Dietrich von -Bern, Brunhilde, die unholde Frau, und Etzel, König der Hunnen, der -die blonde Hildico freite, Randwer der feine, die blasse Ingunthis und -Gundikars todwunde Mannen. - -Aufstanden die Helden der Vorzeit im Gedächtnis der Sage, die riesigen -Leiber zogen das Rittergewand an, Kreuzfahrer mischten die tollkühne -Fahrt in das Königsgefolge, Huld und Treue standen als ewige Sterne. - -Huld und Treue fand Heinrich der arme Ritter, als ihm die Magd -herzinnig ihr Leben hingeben wollte, mit ihrem Blut das seine zu -heilen, das an der Miselsucht krank war; reiner Wille vermochte das -Wunder der Gnade zu zwingen. - -Huld und Treue hielten der glückreichen Gralsburg die Tore behütet, -und Parzival kam aus dem Wald, das Glück der Erwählung zu finden; aber -der Knabe versäumte das Zeichen und mußte durch Zweifel und Schuld den -weiten Weg reiten, bevor er die Tore zum andernmal fand. - -Huld und Treue wurden von Tristan verraten, als ihm Isolde den -Liebestrank reichte -- Randwer der feine hob seine Augen zur schönen -Schwanhild, die er dem König zu freien gesandt war -- der König war -greis, und Tristan war jung; er trank sein Schicksal sehenden Auges und -büßte in schmerzlicher Süße die Schuld. - -Huld und Treue streuten Gudrun, dem Königskind, Gold auf den Weg, da -sie in langer Gefangenschaft Magddienste tat; an der kalten Meerküste -stand sie, die Wäsche zu waschen, als endlich die Schiffe der Heimat -die schmerzliche Wartezeit krönten. - -Huld und Treue senkten die Wurzeln hinein in die dunkelsten Gründe, -als Hagen, der treue, Siegfried, den treulosen traf; denn Siegfried -der helle war hürnernen Leibes und in den Trug der albischen Mächte -verstrickt; Hagen der finstere fand den Haß in der Huld und den Verrat -in der Treue. - -Huld und Treue brannten im Blutrausch der Rache, als die Burgunder ins -Hunnenland ritten; Erzbildern gleich saßen die treuen Vasallen, Hagen -und Volker, am Tor der Vernichtung und hielten Gunther dem König die -letzte Wacht. - -Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und Wolfram von Eschenbach -hießen die Meister im Minnegesang; ihr Ruhm hing hoch an den Höfen, -und fleißige Hände schrieben die Handschrift der rühmlichen Mären auf -vielerlei Blätter mit ihren gepriesenen Namen. - -Der aber Brunhild, Kriemhild und Gudrun das höfische Prunkgewand gab, -der die Urwelt germanischer Sage aus der Vergessenheit löste, blieb im -Dunkel der Tage. - -Übergroß wuchs seinen zierlichen Worten die uralte Schattenwelt zu; -er nahm und gab dem Schuldbuch der Götter Gedächtnis im Schicksal der -Menschen und sank in Vergessenheit, indessen sein Lied die Flügel -gewaltig aufhob, daß aller Minnegesang tief unter ihm blieb. - - -Walter von der Vogelweide - -Zierliche Reime hielten zärtliche Worte umrankt und waren im Goldgrund -der Minne züchtig gemalt mit höfischen Farben, als Reimar, der alte, -Walter, dem Jüngling, den Minnegesang lehrte. - -Aber der Jüngling aus armem Rittergeschlecht lernte anders zu singen -und sagen als sonst ein höfischer Junker; von der Vogelweide war er -genannt und bessere Weide als Brosamen fand er sein Leben lang nicht. - -Früh war die Straße sein Saal und der Wald seine Kammer, auf allen -Wegen des Abendlands sah er das fahrende Volk; da hörte er harschere -Töne als die der höfischen Sitte. - -Die Vögel sangen ihm Lieder, die Bäche pochten den munteren Takt, und -der Wind in den Bäumen rauschte den Harfenton: eine braune Dirne im -Arm, das war eine hellere Minne, als nach der Herrin zu schmachten. - -Und Walter wußte der helleren Minne die Lieder zu singen wie keiner; -Wald und Wiese wurden lebendig, wo ihm das Wort aus dem Mund sprang, -und die Liebe fing an zu lachen, wo sein Lockruf ertönte. - -Als Otto den Welfen der Bann traf -- dem der Papst selber zur Macht -verhalf, da er ihn brauchte, und den er verfluchte, da er ihm leid war --- vergaß Herr Walter die Maße der höfischen Zucht; da sprang ihm der -Zorn in die Kehle, und Rom hatte nicht solche Sprüche gehört, wie die -von der Vogelweide. - -Denn mehr als ein christlicher Ritter war Walter ein Mann von deutschem -Geblüt; jach war sein Zorn, und sein Wort zückte schärfer als -manchermanns Schwert. - -Als seine Sprüche dem treulosen Rom um die Ohren sprangen, von -fahrenden Schülern und frechen Rittern gesungen, da schlug die Stunde -schrill in den Morgen, da trat in den Kampf der Schwerter und Listen -die neue Gewalt, da wurde in Ehren und Zorn der deutsche Geist wach. - -Da wurde Herr Walter, der Mann ohne Burg und Land, eine Stärke, der die -Fürsten und Herren im deutschen Land zag oder zornig den Gruß gaben. - -Und als er grau war, gab ihm der Staufer Friedrich der Zweite, der -Todfeind der Kirche, in Würzburg ein Lehen; da saß die singende Seele -der Deutschen im Alter und sagte der Zeit ihre Klage. - -Das Feld war umbrochen, der Wald war verhauen, Weisheit, Alter und Adel -hatten den Sitz an die Torheit verloren, das Recht hinkte sehr, die -Scham war in Trauer, im Siechtum die Zucht, als Walter, der Weiser und -Sänger der Deutschen, den Tod nahen fühlte. - -In seinen Leichenstein waren vier Löcher gehauen, Brosamen den Vögeln -zu streuen, daß sie kämen zur täglichen Weide und daß ihr Gesang dem -Grab die Fröhlichkeit gäbe, die Walter im seßhaften Alter wehmütig -suchte, weil seine fahrende Jugend so übervoll davon war. - - -Die Bürgerschaft - -Der Turmbau der Lehnsherrlichkeit war auf den Wohlstand der Scholle -gegründet; keine Burg stand anders im Land, als daß ein Ritter den -Überfluß dessen verzehrte, was der Bauer dem Boden abrang. - -Aber das Reich war noch immer das Land der neblichten Wälder: mühsam -und zäh ging der Pflug in der Rodung, indessen die Fähnlein der -Reichsritterschaft beutegerecht durchs Abend- und Morgenland zogen. - -Das Reich war arm und ein Bauernland, karg und voll Krieger, bis ihm -der Kaufmann die Arme freimachte, bis in den Städten der Handel den -Reichtum, der Reichtum aber das stolze Gewerk der Bürgerschaft brachte. - -Die Bürgerschaft wuchs an dem Lehnsherrenbaum, wie der Efeu am -Eichenstamm wächst, und stand noch im üppigen Grün, als der Stamm -ausgehöhlt und der rechte Ast schon verdorrt war. - -Fremd und fein im Bereich der Bauern und Ritter schien ihr ummauertes -Dasein dem Freienmann; aber die Mauern hielten der kommenden Freiheit -die Tore gerüstet. - -Der Bauer sank in die Fron, und der Ritter wurde sein Herr; der hörige -Mann in der Stadt hob seinen Stand in den Stolz einer neuen Bedeutung: -Stadtluft macht frei! stand über dem Tor, aber der Bürger machte sich -selber die Luft. - -Und als er frei war, nahm er die schönen Dinge der Freiheit anders zu -Hand als der Ritter; der Ritter war Einer im Kreis seiner Burg, er aber -war in den Mauern der Stadt die Gemeinschaft. - -Er konnte mit hundert Händen das Seinige halten, mit hundert Augen und -Ohren das Dasein bewachen; er konnte verhundertfacht fühlen und wollen -und über die einzelne Tat das Richtmaß gemeinsamer Täglichkeit stellen. - -So wuchsen Gassen mit Giebeln und Brunnen, so wuchsen Rathäuser -steinern und stolz, so wuchsen Kaufhallen mit zierlichen Lauben, -so wuchsen die bunten Stuben der Zünfte und der prunkende Saal der -Geschlechter. - -So wurden Schulen, die Kinder zu lehren, und Krippen der Wissenschaft, -so wurden Bauhütten mit Zirkel und Richtscheit, so wurden Werkstätten, -die schönen Gewerke und hohen Künste zu üben. - -So wurden die Städte Lebensgewalten, so kam die Bildung der -Bürgerschaft zu, so wurde der deutschen Seele neue Wohnung bereitet. - - -Die Zunft - -Im Anfang hieß Bürger Insasse einer Burg sein; Hörige hatten im -Dienst eines Großen ihr Handwerk zu üben und durften im Schutz seiner -Torwächter wohnen. - -Als danach die Burg eine Stadt hieß, weil aus dem Troß der Großen -ein Hof und aus den Insassen eine Bürgerschaft wurde, hielten die -Handwerker treulich die Schranken der Herkunft in Ordnung. - -Eine Zunft hießen sie da den Kreis jeglichen Handwerks und schlugen -den Zirkel um seine Gebräuche: die freie Gemeinde der Herkunft war -die Gemeinschaft des Standes geworden, die alte Zucht hatte ein -Alltagskleid angezogen, die Tapferkeit war in die Werkstatt gegangen. - -Der Dachdecker hob seinen Spitzhammer, der Schmied seine Zange, der -Zimmermann seine Stoßaxt im zünftigen Stolz; denn Dachdecker, Schmied -oder Zimmermann sein, hieß in der Zunftehrbarkeit stehen. - -Die Zunftehrbarkeit hielt Werkzeug und Arbeitsgebrauch heilig; wie die -Schwertleite den Ritter, so machte der Zunftbrief den Meister; Geselle -und Lehrling waren ihm Knappe und Page, und die Zunftstube war der Saal -seiner Ehre. - -Da stand die Zunftlade mit dem Zunftrollenpergament -- die -Bundeslade im Tempel der Juden stand so geehrt -- da wurde die Zunft -beschworen und der Zucht das Gericht gehalten, da war die Ehrbarkeit -selbstgenügsam zu Haus. - -Da wurde das Werk der fleißigen Hände geehrt, da wurden der Stolz und -die Freude der ehrlichen Arbeit behütet, da stand die Kunst, etwas zu -können, so hoch in der Gunst wie die Redlichkeit selber. - -Denn nur auf ehrliche Arbeit durfte der Meister den Wohlstand gründen; -Todsünde war Gewinn aus Handel und Zins, tauschen und täuschen galt -gleich vor der Zunft. - -Stuben der Selbstgenügsamkeit standen im Schatten der höfischen Hallen, -bescheidene Hände hielten dem Ritter den Steigbügel hin: aber die Zucht -gab der Sitte die Tür, hier wie dort war der Mann noch ein Wort, die -Ehrbarkeit war die redliche Magd der Ehre. - - -Die Gilde - -Tauschen und täuschen galt gleich vor der Zunft; aber im Rathaus stand -die Waage, den Pfennig zu wiegen, in den Gewölben boten die Händler -römische Seide und englisches Tuch feil: wo es der Zunft wohlging, -hatte der Kaufmann den Wohlstand bereitet. - -Denn die Stadt hielt den Markt für die Landschaft; Bauern und Ritter -kamen zu kaufen, was Acker und Weide nicht gaben. - -Schiffe brachten den Wein und Wagen das Tuch zu Gewändern, Saumtiere -trugen Gewürz und feine Gewebe, auch köstliche Steine und Silber: die -Gaben des Wohlstandes gingen dem Händler mit reichem Gewinn durch die -Hände. - -Für die Marktsicherheit sorgte der Stadtherr, aber draußen im -Land war das Gut der Schiffe und Wagen gefährdet: unrechte Zölle, -diebische Herbergen, gewalttätige Räuber lagen ihm auf, und schlechte -Marktknechte brachten den Händler um seinen Gewinn. - -So mußte der Stand dem Einzelnen helfen: den Zünften der Handwerker -gleich hatten die Händler den uralten Geschlechterverband lebendig -gemacht in den Gilden; die hielten der Waage daheim das Recht und den -Nutzen und reichten mit silbernen Händen hinein in die Fremde. - -In Wisby auf Gotland, in Nowgorod weit in der östlichen Kälte, in -Venedig und London standen die stolzen Häuser der Gilde, und über das -Reich war das Netz ihrer Geltung gebreitet. - -Den Kaufmann des Kaisers hießen sie draußen den Gildegenossen; und wie -der Ritterstand Ehre und Ruhm eintrug, so war der Kaufmann des Kaisers -im Abendland ehrlich geachtet. - -Der Ritter trug Lanze und Leben im Dienst der Lehensgewalt: sein Stand -war mächtig, weil ihm der Einzelne Ehre und Tapferkeit zutrug; der -Kaufmann saß in der Gilde geborgen, wo er auch war: der Einzelne galt -in der Welt, weil ihm der Stand Schutz und Geltung verschaffte. - -Der Ritter diente der Ehre, der Kaufmann dem Nutzen; aber die Gilde war -auch ein Reis der freien Gemeinde: Huld und Treue zwangen den Pfennig, -dem Taler der Gilde redlich das seine zu halten; und das Wort war ein -Mann, auch im Nutzen. - - -Walpod - -Walpod, ein wohlhabender Bürger in Mainz, sah mit Zorn, wie die Großen -und Grafen das Reich in Unfrieden hielten, und wie die Hände der Ritter -zum Raub lose waren; denn der staufische Traum war geträumt, und keine -Kaisermacht hielt das Unrecht in Schranken. - -Er rief die Bürgerschaft auf, selber ihr Recht in die Macht zu stellen; -so schwuren sich Mainz und Worms den Bund, dem Oppenheim beitrat, Raub -und unrechten Zöllen zu wehren. - -Als der von Bolanden den Städten hohnlachte, sandten sie einen -Hauptmann nach Ingelheim, den Räuber in seiner Burg zu fangen. - -Die Grafen ritten zuhauf, ihm zu helfen; aber der Bischof von Mainz -trat der Bürgerschaft bei: wie starkes Gewölk kamen die Heerhaufen der -Städte von Norden und Süden über den blinkenden Hochmut der Grafen -gezogen. - -Von Basel bis Köln stand die rheinische Bürgerschaft auf, den siebenten -Heerschild zu stärken: da mußte der Hochmut der Herren und Ritter den -Bürgern in Mainz den Landfrieden schwören. - -So stark wurde die Hand der Städte, daß sie die Fürsten und Bischöfe -zwangen von Basel bis Köln, dem rheinischen Bund beizutreten: sein -Banner und Schild stand auf den Straßen des Stromes hinauf und -hinunter, Raub und unrechten Zöllen die Schärfe des Schwertes zu zeigen. - -So stellten die rheinischen Städte Gewalt gegen Gewalt; so gab der -Bürger Walpod von Mainz den Zünften und Gilden das Faustrecht, dem -Faustrecht der Ritter und Grafen zu wehren. - -So war dem siebenten Heerschild der Schatten geschwollen; er fiel in -den fröhlichen Raub und die Händel der Ritter, als ob die Bürgerschaft -selber die Kaisermacht wäre. - - -Die Hansa - -Seit Heinrich dem Löwen war Lübeck die Fürstin der nordischen Länder; -durch Friedrich den Sizilianer zur freien Reichsstadt erhoben, ließ sie -den zweiköpfigen Adler über der kalten Meerküste flattern. - -Lübisches Recht galt in den Städten der Ostsee, lübische Gilden hatten -bis Bergen hinauf die stolzen Kaufhallen gebaut. - -Lübeck, Wisby und Riga schlossen zuerst den Bund des gemeinen Kaufmanns -gegen den dänischen König und wußten ihr Recht mit dem Schwert trotz -Kaiser und Fürsten zu wahren. - -Hansa, das ist Schar, hießen sie ihre Gemeinschaft, und so glückte -dem lübischen Rat die Geltung der Schar, daß die Gesandten der Könige -kamen, mit ihm zu verhandeln. - -Aber danach war Waldemar König der Dänen, den sie Atterdag nannten; er -trat dem hansischen Hochmut die Haustür ein: Wisby auf Gotland ging der -Hansa verloren, die hansische Flotte wurde bei Helsingborg bitter zur -Demut genötigt. - -Fünf Jahre lang lag der hansische Hochmut darnieder, bis Winrich von -Kniprode ihn wieder weckte: mit kluger Verhandlung und zündender Rede -brachte der starke Deutschordensmeister die Städte der Ostsee noch -einmal zusammen, das preußische Schwert an die Geltung der Hansa zu -wagen. - -So kam über Nacht die hansische Tagfahrt in Köln zustande: -siebenundsiebzig Städte beschworen der Hansa den Bund; so übergroß -wuchs die Macht der Kontore, daß Waldemar den Kampf nicht mehr wagte. - -Im Frieden zu Stralsund wurde den Dänen die hansische Rechnung gemacht; -die Kaufleute zwangen den König, mit gutem Silber zu zahlen, und waren -hochmütig genug, nicht handeln zu lassen. - -Seit dem Tag von Stralsund wehte die hansische Flagge über den -nordischen Meeren; sie kam herein in den Hafen, wie der Fürst ins -Gefolge, wie der Mond in den Sternenplan steigt. - -Die hansischen Herren ließen dem Kaiser das Reich und den Fürsten -die Ritter: sie blähten die Segel im Wind und hingen die Wimpel der -Schiffahrt aus an den stolzen Rathäusern. - -Die Welt war weit und der Reichtum stand in hundert Höfen gestapelt: -die Hansa brachte ihn ein von den kältesten Küsten; Wikingerlust im -Bürgerkleid saß in den reichen Kontoren, die Sagen tollkühner Fahrten -standen vergüldet im hansischen Glück. - -Dem Abenteuer der Staufer verbrannten im Süden die Flügel, das -Abenteuer der Hansa trug Schnabel und Krallen des Reichsadlers noch -manches Jahrhundert. - - -Rudolf von Habsburg - -Als Richard der Reiche gestorben war, suchten die Kurfürsten lange, -einen König der Deutschen zu finden; und als sie ausgesucht hatten -unter den Fürsten und keinen fanden, wählten sie einen Grafen, Rudolf -von Habsburg geheißen. - -Er hatte dem Sizilianer klug und beständig gedient und war mit -vielerlei Fahrten nützlich ins Alter gekommen, als die Kurfürsten ihn -auf den Königsthron setzten. - -Seine Macht war nicht groß, aber er hatte sein Gut beharrlich vermehrt -und galt als Feldhauptmann viel; Friedrich von Zollern, der geschäftige -Burggraf von Nürnberg, trug ihm die Gunst derer zu, die gleich ihm ein -Königslehen besaßen. - -Als sie ihn krönten zu Aachen in altertümlicher Weise, ritten die -Grafen und Ritter in fröhlichen Scharen zum Fest, im Kaisersaal prahlte -das Glück ihrer Stunde. - -Sie dachten gegen die Fürsten ein neues Brett zu gewinnen, aber -der Habsburger hatte gelernt, sich selber zu dienen; wie er als -schwäbischer Graf mählich zu dem Seinen gekommen war, saß er als König -im Sattel. - -Mancherlei Mächte hielten dem Reich das Streitroß geschirrt; er mußte -mit kluger Beständigkeit warten und mit der Krone Feldhauptmann bleiben. - -Er mußte dem Papst in Demut geloben, dem staufischen Kaisertraum zu -entsagen; er mußte den Städten den Landfrieden schwören und mußte den -Fürsten das Schwert ihrer Händelsucht lassen. - -Als er dem trotzigen König von Böhmen sein deutsches Königsrecht wies, -blieben die Großen und Grafen daheim, und wenig Ritter zogen mit ihm, -die Schlacht auf dem Marchfeld zu schlagen. - -Der Habsburger aber gewann die Schlacht mit dem Zollern, und der stolze -König von Böhmen lag tot auf dem Marchfeld: der Feldhauptmann war Herr -in der Ostmark und säumte nicht, seine Söhne reich zu belehnen. - -So war er selber ein Großer an Hausmacht geworden; aber sie zu -behalten, mußte der Habsburger Feldhauptmann bleiben: das Feldlager war -seine Burg und der Krieg mit den Kleinen sein tägliches Handwerk. - -Um seine hagere Gestalt war kein Glanz, und die Krone saß schlecht auf -dem Graukopf: die Kaiserpracht blieb mit den Staufern verschwunden, -kein römisches Reich spannte fortan den Bogen der Macht über die Völker. - -Aber die Bürgerschaft hatte das Schwert ihrer Ordnung, und das Volk -war dem Habsburger günstig gesinnt, der die Raubritter aufhing und in -schnurrigen Späßen als derber Spaßvogel umging. - - -Die Eidgenossen - -Als Rudolf von Habsburg noch schwäbischer Graf war, hielt er zu Altdorf -Gericht im Namen des Kaisers; denn die Waldstätten hatten den Brief des -Sizilianers, der ihnen die Reichsfreiheit beschwor. - -Rudolf von Habsburg war stark und gerecht, aber Albrecht, sein -einäugiger Sohn ritt stolz in den Tag; er dämpfte den Hochmut der -rheinischen Kurfürsten und lachte der trotzigen Bauern. - -Er setzte den Waldstätten Ritter als Vögte; der Landammann durfte der -freien Gemeinde nicht mehr im Namen des Königs Recht sprechen. - -Aber die Waldstätten schwuren den Bund auf dem Rütli: Werner -Stauffacher aus Steinen bei Schwyz, Walter Fürst aus Uri und Arnold von -Melchtal in Unterwalden kamen zur Nacht auf die heimliche Wiese und -schwuren im frühen Tag, keine Burg und keinen Vogt in ihrer Freiheit zu -dulden. - -Am Neujahrstag brachen die Berge ins Tal; mit Streitaxt und -Morgenstern kamen die Bauern hinab in die Täler, die Burgen zu -brechen: da wurden die Waldstätten frei von der habsburgischen Plage. - -Sie schwuren noch einmal den Bund und nannten sich Eidgenossen; sie -priesen den tapferen Schützen, der dem bösen Landvogt zu Küßnacht den -Pfeil in das Herz schoß, und die Gewässer rauschten die Sagen vom -wackeren Tell. - -Aber zum Mai kam Albrecht der König geritten; das Gerücht seiner -drohenden Rache ging in den Waldstätten um, als Johann von Schwaben, -der Neffe, den harten Habsburger erschlug. - -Da blies das Hifthorn der Habsburg den blutigen Mai, aber die -Waldstätten grüßten das Frühjahr mit Freuden, denn nun war Heinrich von -Luxemburg König, den Habsburger Hochmut zu dämpfen. - -Sieben Jahre lang ging die Freiheit ins Land, bis Heinrich von -Luxemburg starb, bis Leopold, der Herzog von Österreich, mit -gepanzerten Rittern kam, die Eidgenossen in seine Hausmacht zu zwingen. - -Aber die Waldstätten hatten die Wachen sorglich gestellt; als die -gepanzerten Ritter gen Morgarten kamen, über den Ägerisee ins -Schwyzerland einzubrechen, hatten die Bauern dem Habsburger Wolf die -Falle bereitet. - -Felsblöcke brachen ins Tal und schlugen blutige Quellen, der Morgarten -wurde ein rauchender Anger, der See ein rauschendes Grab für den -Hochmut der eisernen Ritter. - -Zehnmal sieben Jahre gingen der Freiheit ins Land, und Wenzel war -König, als wieder ein Leopold kam, die Eidgenossen zu zwingen; aber nun -war die Bauernschaft mächtig und die Städte standen ihr zu. - -Bei Sempach ritten die Österreicher an, Luzern zu berennen, und -das Streitfeld war frei, die Hengste zu tummeln; das Fußvolk der -Waldstätten hatte nach Urväterbrauch den Keil aufgestellt. - -Die Ritter stiegen vom Roß, der drohenden Spitze des Keils mit ihren -Panzern zu wehren: eine Mauer von Eisen stand vor den Bauern, mit -Speeren gespickt, da mußte die Spitze stumpf werden. - -Arnold von Winkelried aber machte sie scharf: gleich einer Garbe band -er die Spieße in seinen sterbenden Leib und brach eine Gasse, darin -sich der Keil gewaltig einbohrte. - -Da hatten die Streitäxte Arbeit, die eisernen Bäume zu fällen; der Tag -war heiß, und von den Streichen der Bauern getroffen, erstickten die -Ritter in ihren Eisengehäusen. - -Leopold selber, der Herzog, sank in den Haufen, die fliehenden -Lanzenknechte mähte der Morgenstern hin: so mußte der Wolf dem Stier -den Weidgang lassen. - - -Die deutschen Ordensritter - -In Zank und Schimpf ging das Grab und das Heilige Land den -Ordensrittern verloren; aber der Hochmeister Hermann von Salza brachte -ihr Schwert über die heidnischen Preußen, da mähten die Ritter dem -schwarzen Kreuz ihrer Weißmäntel eine fröhliche Ernte. - -Indessen die Kurfürsten in Aachen Rudolf von Habsburg die Krone -aufsetzten, bauten sie schon ihre feste Burg an der Nogat; als König -Albrecht, sein Sohn, durch Mörderhand fiel, war ihre Zwingherrschaft so -sicher gegründet, daß der Hochmeister selber ins preußische Land kam, -in der Burg an der Nogat zu wohnen. - -So wurde die Burg ein gewaltiges Schloß, Marien zu Ehren genannt, die -Gralsburg der schwarzweißen Ritter. - -Denn nun war der Hochmeister Reichsfürst geworden wie keiner: nicht -Bischofs- noch Bürgergewalt galten im Preußenland, die Weißmäntel -ritten den Zügel der Zucht, und wie sie Gehorsam gelobten, verlangten -sie ihn. - -Sie waren die eiserne Hand, der Hansa im Osten die Waage zu halten; -Kurland, Livland und Estland, die reiche Küste der Ostsee, zwangen sie -ein in den Ring ihrer Herrschaft und hielten den Ring in hartnäckigen -Kriegen. - -Denn herrschen und kämpfen war ihre Lust, weil es ihr Dienst und das -Gelübde der Ordenspflicht war, über die Heiden das Kreuz und das -Schwert zu bringen. - -Als Winrich von Kniprode Hochmeister war, der gewalttätige listige -Mann, stand ihre Schwertbrüderschaft höher in Geltung als sonst im -Reich eine Macht; als er der Hansa den Frieden von Stralsund erzwang -gegen den Atterdag, wehte die schwarzweiße Fahne stolz auf der Burg an -der Nogat. - -Da wurden die Säle der festen Marienburg weit, da hielten die Säulen -dem Remter der schwarzweißen Ritter die Decke kunstreich gespannt, da -waren die Höfe und Hallen geschmückt mit dem Reichtum des preußischen -Landes wie das maurische Königsschloß der Alhambra. - -Aber schon wehte der polnische Wind Sandwellen in ihre Gärten; der -Eidechsenbund der Preußen weckte den Haß und den Widerstand gegen die -Willkür der landfremden Ritter; und als der Tag von Tannenberg kam, -wurde das schwarzweiße Banner rot im Blut der verlorenen Schlacht. - -Wohl konnte Heinrich von Plauen die Burg an der Nogat noch einmal mit -Tapferkeit halten; aber das Glück der schwarzweißen Ritter hatte die -Zucht welk gemacht für das Unglück: im blutigen Remter der Marienburg -hielten die polnischen Sieger das Nachtmahl. - - -Die Feme - -Saxnot war tot, und die freie Gemeinde lag unter dem Rasen, darüber die -Rosse der Ritter im Übermut gingen; aber die einsamen Höfe der Roten -Erde hielten das Herdfeuer wach, und die Wissenden waren beständig. - -Die Gewalt hob das Schwert und das Gold in den prahlenden Tag, nur das -Recht war stärker als Gold und Gewalt; wie der ewige Himmel hinter -den rastlosen Wolken stand seine Herkunft hinter dem Tag und der -schweigenden Nacht. - -Draußen im Feld unter Bäumen war der steinerne Freistuhl gestellt; da -hielt der Freigraf Gericht, ihm war der Blutbann des Königs gegeben, -und die Freischöffen saßen ihm bei im uralten Femrecht der freien -Gemeinde. - -Da stand die Klage gelöst aus den bunten Kleidern der Welt, da war der -Ritter ein Schelm, und der Bauer hob seine Hand über ihn, wenn seine -Sache gerecht stand; denn jeder war frei im Gericht, wie er dem Recht -untertan war. - -Da wurde der Faden der Schuld abgewickelt Mann gegen Mann; und wie der -Mann vor den Schöffen dastand, so war sein Schicksal verwirkt. - -Denn nicht um die kleinen Dinge hatte die Feme den steinernen Stuhl -aufgestellt, Tod und Leben sahen sich hart ins Gesicht, und der Strick -war die Buße der Feme. - -Wer die Ladung an seiner Tür fand, dem half nicht Gold und Gewalt; sein -Dasein war fürder versiegelt, bis ihm die Feme das Siegel ablöste. - -Der Freispruch der Feme löste das Siegel, oder der Strang schnürte es -zu; dann lag ein Dolch bei dem Leichnam: Strick, Stein, Gras, Grein -stand als Zeichen geschrieben, daß hier ein Femspruch vollstreckt war. - -Um die Wissenden aber hatte der Eid das Geheimnis gelegt: die heilige -Feme halten zu helfen und zu verhehlen vor Weib und Kind, vor Vater und -Mutter, vor Feuer und Wind, vor allem, was die Sonne bescheint und der -Regen benetzt. - -Die Welt war des Unrechts voll, und die Gewalt ritt über die Straßen: -aber ein Arm griff aus der schweigenden Erde, den Frevler zu packen. - -Der Griff war hart und schnürte die Kehle zu, aber er kam aus dem -Recht, und das Recht war im heiligen Boden der Herkunft lebendig wie -das Korn in der Scholle. - -Saxnot war tot, und die freie Gemeinde lag unter dem Rasen, darüber die -Rosse der Ritter im Übermut gingen; die einsamen Höfe der Roten Erde -hielten das Herdfeuer wach, und die Wissenden waren beständig. - - -Der gemeine Mann - -Die Zunftehrbarkeit hielt dem Handwerk den Zirkel geschlossen, aber die -Zunftstuben wurden im Streit um die Macht die Brutnester der Empörung. - -Denn die Macht in der Bürgerschaft war der Rat der reichen -Geschlechter; sie waren die stolzen Ritter der Stadt, und wie der -Burgherr den Bauer in Hörigkeit brachte, so hielten die reichen -Geschlechter die Zünfte im Zwang ihrer Steuerbedrückung. - -Aber als die Städte groß wurden und die Zünfte viel Volk waren, wollten -sie selber im Rat sein und in der Bürgerschaft gelten. - -Hitzige Meister und scharfe Gesellen hängten die Fahnen der neuen Zeit -aus; die Selbstherrlichkeit der Geschlechter wurde bestritten, aus den -Zunftstuben trat der gemeine Mann auf die Straße. - -Er kannte das feine Waffenspiel nicht, er hatte nur seine Fäuste; aber -die Fäuste waren in täglicher Arbeit gehärtet, und die Fäuste waren die -Masse. - -Rösselmann hieß der Schultheiß in Colmar, der die Ratsherrlichkeit -der Geschlechter zuerst durch die Stadttore jagte und den Zünften das -Regiment gab. - -Den Rat wieder zu bringen, kam der König selber vor Colmar geritten; -aber er mußte die Stadt mühsam berennen, ehe das Schwert seiner Ritter -und Knechte der trotzigen Bürgerschaft Herr war. - -Dem Schultheißen schlug der Henker das Haupt ab; aber der Hände blieben -zuviel in den Zünften, sie alle zu stäupen. - -In Worms und Köln, in Ulm und Speyer, in Münster und Lübeck blieben -die Zunftstuben die Brutnester der Empörung; und eher ruhte die -Bürgerschaft nicht im Streit um die Macht, bis die Zünfte im Rat waren. - -Es wurde viel Gut vertan, und viel Blut floß in dem Streit; über der -Bürgerschaft hingen die blitzenden Wolken von einem Gewitter ins neue; -die Sonne der Zeit schien grell auf die Städte, und die Blumen des -Wohlstandes wuchsen darin üppig und wunderlich hoch: der gemeine Mann -in den Zünften wollte davon seinen Teil haben. - - -Die braunen Brüder - -Als die Zünfte den Streit um die Macht anfingen, waren die Mönche des -heiligen Franz nach Deutschland gekommen, eine Heuschreckenplage den -geistlichen Großen, die Seele des Volkes zu fressen. - -Die Predigt von Cluny war kleinlaut geworden, der Reichtum der Kirche -hatte die Lehre der Einfalt und Strenge getrost überstanden; er gab dem -Adel treffliche Pfründen und den Bürgern die rauschende Flucht seiner -Feste. - -Nun kamen die braunen Kutten des heiligen Franz, gegürtet mit einem -Strick, barfuß und bettelnd, und brachten die fröhliche Botschaft der -Armut. - -Das Himmelreich war in der prahlenden Welt ein verborgener Garten: die -aus den Sälen und Söllern des Wohlstandes kamen, fanden die Tür nicht, -wohl aber die in den Kleidern der Armut einfältig gingen; denn eher -ging ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher ins Himmelreich -kam. - -Jesus von Nazareth ging wieder um auf den Märkten und Gassen, lächelnd -zu lehren und liebend zu helfen denen, die mühselig und beladen waren: -aber den Händlern im Tempel warf er zornig den Wechseltisch um. - -Der Bischof prahlte auf seiner Burg, die Kaufleute brachten ihm Pelze -und köstlichen Wein, sie nahmen Zins von den Zünften und taten groß vor -dem Volk: nun kamen die braunen Kutten und klagten den Reichtum an. - -Sie waren selbst eine Zunft und die allergeringste, sie hielten dem -Wohlstand der Städte den Bettelsack hin, sie sprachen die Worte der -Straße und trugen die tägliche Not: so war die christliche Lehre zum -andernmal wiedergeboren, aber nun klopfte sie sacht an die Tür der -irdischen Wohnung. - -Die Kirche hatte den Kreuzzug gepredigt und war mit blinkenden Rittern -im Morgenland kläglich mißraten; die Barfüßer brachten das Wort in den -Alltag des Abendlands, das Wort und die Tat ihres demütigen Lebens. - - -Albertus Magnus - -Aber die Kirche hatte der braunen Einfalt die weiße Klugheit gesellt; -indessen die Barfüßer den Bettelsack hielten, lehrten die Dominikaner -das Kirchengeheimnis der göttlichen Dreiheit. - -Die weißen Brüder hatten kein Eigentum, wie die braunen, und mußten -sich von den Abfällen des städtischen Wohlstands nähren; aber sie -gingen nicht auf die Straße und hielten zu den Geschlechtern. - -Denn ihr Teil war die Lehre und Wissenschaft von den Dingen, darin -der Kirchenglaube als Schatzhalter stand; sie brauchten die Stille -gesicherter Stuben, und nur der Kampf gegen die Ketzer rief sie ans -Licht. - -Sonst saßen sie über den Schriften und suchten mit Eifer und Scharfsinn -den Glaubensgrund ab; sie hielten dem zweifelnden Geist das Rüstzeug -der Kirche blank und lehrten die geistlichen Schüler, das Rüstzeug zu -gebrauchen. - -Sie hießen ihn Albert den Großen, obwohl er kein Fürst oder Bischof, -nur ein Lehrer und Mönch war: Albert von Bollstädt, von Herkunft -ein schwäbischer Grafensohn, der bei den Dominikanern in Köln die -Wissenschaft lehrte. - -Juden und Araber hatten dem Meister das Wunder der Wirklichkeit -aufgeschlossen: er kannte den Lauf der Gestirne und die magischen -Kräfte des Mondes. - -Er wußte das tote Geheimnis der Steine zu wecken und sah den Kreislauf -der Säfte in allem lebendigen Dasein, er konnte die Kraft der Natur mit -mancherlei Künsten ans Tageslicht locken. - -So viel und bunt spielte die Macht seines Geistes die Wunder der -Wirklichkeit vor, daß er ein Zauberer hieß; und als er ein schlohweißer -Greis war, woben die seltsamen Sagen ihm selber ein Wunderkleid: der -Teufel, so hieß es, habe die feinsten Fäden gesponnen. - -Aber die Königin Jungfrau des Himmels hielt ihre huldreiche Hand -über ihm, denn der Zauberer hatte der Kirche das künstliche Rüstzeug -gefunden: aus dem Altertum stieg Aristoteles auf, der Priesterstaat zog -in die Wohnung der griechischen Weltweisheit ein. - -Der Geist der Scholastik fing an, die heidnischen Räume wohnbar zu -machen für die kirchliche Selbstherrlichkeit: Albertus Magnus hatte -den Einzug geleitet; der dem Volk ein Zauberer schien, war der Kirche -sicher genug, ihn heilig zu sprechen. - - -Die fahrenden Schüler - -Wo eine Schule stand, liefen die Schüler zu, und wo eine Schule berühmt -war, kamen sie viel; als Albert der Große in Köln lehrte, konnte die -Stadt die Scharen der Scholaren kaum fassen. - -Eine Burse hießen die Schüler das Haus, wo sie Unterkunft fanden; -hunderte summten da ein und aus, und die mönchische Ordnung konnte die -Zucht nicht mehr halten. - -Sie waren weither gewandert und brachten in Kleidern und Sitten den -Straßenstaub mit; unterschlüpfend in Klöstern und Pfarrhöfen, bettelnd -bei Bürgern und Bauern tauchten sie ein in den unreinen Strom der -fahrenden Leute. - -Auch fanden viele das Ufer nicht mehr: ohne Hoffnung, je eine Pfründe -zu finden, der Ordnung entwöhnt, dem Wein und der Straßenliebe -verfallen, zogen die lärmenden Scharen durchs Land und suchten die -Stadt heim, wenn der Winter die Wege verschneite. - -Goliarden hießen sie dann und waren die Füchse der fahrenden Leute; wo -der Bettel versagte und der Diebstahl gefährlich war, half ihre List, -Speise und Trank zu gewinnen. - -Sie hatten alle einmal die Messe bedient, das Mirakel war ihnen -geläufig; sie wußten die Wundersucht höhnisch zu stillen und hielten -sich selber zum Spott das Beispiel der Kirche vor Augen. - -Sie waren die Schnapphähne des Zweifels und wußten den Unglauben am -Bratspieß zu wenden; sie sangen dem fahrenden Volk lateinische Lieder, -aber das Faß stand unter den Füßen Mariens, die himmlische Liebe -verlief sich in irdische Löcher. - -Der Kirche gefiel ihre freche Art nicht, sie kehrte mit scharfem Besen -die Bursen und machte den fahrenden Schülern die Türen der Klöster -und Pfarrhöfe zu: aber die Straßen waren zu weit, und zuviel Scheunen -standen daran. - -Sie blieben die Füchse des fahrenden Volkes und mischten ihr schwarzes -Kleid in die scheckigen Lumpengewänder; sie hingen der geistlichen -Würde den Straßenlehm an und waren dem Kirchenbetrieb ihrer Tage ein -frech und verwegenes Schalkspiel. - - -Das Volkslied - -Unter der Linde war Tanz, und die fahrenden Schüler krähten ihr -schnödes Latein; aber der mit der Fiedel wußte den Burschen und Mädchen -andere Lieder zu singen. - -Die Jungfrau Maria kam nicht darin vor, auch nicht die zierlichen -Seufzer der Minne: ein Spaßvogel sang in gewürzten Reimen, wie er die -Mädchen am Rhein, in Sachsen, in Schwaben und Bayern zur Liebe geneigt -fand. - -Das Lied war frech, und die Worte mußten den Tönen mitlaufen, aber -die Täglichkeit lockte darin, und alle sangen den Reim, so sprang die -Fiedel ins Blut. - -Der Spielmann wußte noch andere Reime: von einem Geizhals, der sich -mit Geld ein leckeres Weibchen einfangen wollte, von einem Knaben, den -seine Buhlin betrog, von einer Spröden, die nie ihr Vergißmeinnicht -fand. - -Aber die kannten sie schon unter der Linde, Burschen und Mädchen sangen -die Reime, wenn sie am Abend in Reihen verschränkt die Straßen des -Dorfes abgingen; denn die Lieder der Fahrenden waren Feldblumen, die -überall hingestreut überall Wurzeln schlugen. - -Feldblumen und Blumen aus Urväterherkunft in Gärten gepflegt; denn -immer noch blühte die Zeit, die vor dieser war, und die Seele des -Volkes war heimlich getreu ihr Gärtner. - -Dietrich und Hildebrand ritten die klirrenden Fahrten, und Siegfried -sank in sein Blut, Schwanhild die schöne und Randwer der feine büßten -die Liebe, Brunhild und Kriemhild kühlten die Rache. - -Die fahrenden Spielleute kannten die alten Sagen und wußten die neuen, -sie hielten die Reime und Töne lebendig, sie flochten die Rosen des -Tages ein in den Kranz, der im Herzen des Volkes immergrün war. - -So wurde aus alten und neuen Gesängen das Volkslied, von Burschen und -Mädchen gesungen, wenn sie am Abend in Reihen verschränkt die Straßen -des Dorfes abgingen. - -Was der Seele des Volkes Gutes und Böses geschah, was in den Brunnen -des Mitleids hinein fiel und was auf den rosigen Wolken der Mitfreude -schwamm, hoben die zärtlichen Hände des Liedes ins ewige Dasein. - - -Die Meistersinger - -Aber die Straße wurde dem fahrenden Volk nur gestattet, Kaufleute kamen -mit Wagen und reisigen Knechten, Ritter zogen zu Hof, und Fürsten zur -Jagd mit lautem Gefolge. - -Auch saßen zur Herberge abends die Zunftgesellen da, die auf der -Wanderschaft waren, mit feierlich stolzen Gesichtern; sie hielten sich -fern von dem fahrenden Volk und hatten die eigenen Lieder. - -Die Singschulen der Zünfte lehrten die Ehrbarkeit loben; und wie die -Höfe den Minnesang, so pflegten die Meister das Preislied des ehrsamen -Handwerks. - -Denn die Zucht war das Schrittmaß der Zunft, wie das Springseil der -fahrenden Leute die Lust war. - -Sie hielt dem edlen Gesang peinlich das Tönegericht, sie lehrte die -Worte im Reim künstlich verschlingen, sie stimmte die Laute, daß sie -bescheiden im Mittelmaß blieb, und hieß das Gefühl in der Ehrbarkeit -bleiben. - -Gesellen- und Meisterstück gab sie zu singen, und über der Zunftlade -standen die Regeln geschrieben, mit denen Frau Musika Hausordnung hielt. - -So war die Singkunst im Rahmen rühmlicher Künste zünftig geehrt und im -Richtspruch der Meister peinlich geordnet. - -Aber das Lied stieg in den Tag wie die Lerche, es lachte der lehrsamen -Meister und lachte der täglichen Tugend. - -Mit feierlich stolzen Gesichtern sangen die Zunftgesellen der Herberge -ihren Preisgesang vor, indessen die Burschen und Mädchen in Reihen -verschränkt singend den Abend abgingen und in den Büschen der fahrenden -Leute die Nachtigall lockte. - - -Der Schwank - -Das Lied stieg in den Tag wie die Lerche, aber der Schwank saß mit den -fahrenden Leuten in rauchigen Schenken, wenn irgendwo reiche Rast war. - -Er sah das umzirkelte Dasein der sorgsamen Bürger und sah die Plage -der Bauern, wie sie seitab von der Straßenfreiheit der fahrenden Leute -dasaßen, gesichert vor Unbill. - -Wetter und Wind zauste sie nicht in den Stuben, sie schliefen in Betten -und waren geschützt vor den Hunden: aber sie sahen den Himmel nur durch -die Fenster und kannten die Lust nicht, wie das wilde Getier, frei von -Sorgen und Sachen, auf ihren Läufen zu sein. - -Solcher Ehrbarkeit tat der Spott fahrender Leute ein Narrenkleid an: -Schilda hieß er die Stadt seiner Schwänke, wo sie mit ihren Ratsherrn -und Zünften selbstgerecht saßen und allem natürlichen Wesen entfremdet -ihr Winkelgewerk hatten: - -Die Schildbürger wollten ein Rathaus bauen und hatten die Fenster -vergessen; daß der finstere Raum hell sei, schleppten sie Licht in -Säcken herbei. - -Die Schildbürger wollten das Gras auf der Stadtmauer abweiden lassen -und legten der Kuh den Strick um den Hals; als dem gehängten Tier die -Zunge heraus hing, brümmelten sie, daß es den Grasgeruch schmecke. - -Die Schildbürger säten Salz auf den Acker, und als die Brennesseln -aufgingen, spürten sie an den gebrannten Händen, wie stark das reifende -Salz ihrer Saat sei! - -So zog der Schwank der fahrenden Leute dem Bürger das Narrenkleid an; -einer aber von ihnen ging aus, die Beschränktheit mit allerlei Possen -frech zu verhöhnen. - -Eulenspiegel war er geheißen, wo ein Schabernack spielte, hielt er -die Pritsche, und wo er lachte, lachte das Volk mit; denn wo sein -Schabernack saß, hatten ihm Dummheit und Bosheit der Bürger selber die -Tür aufgetan: - -Wenn er den Wirt mit dem Klang seines Geldes bezahlte oder als -Schneidergesell die Ärmel wortwörtlich an den Rock werfen wollte, wenn -er in Erfurt den Esel zu lehren versprach oder in Nürnberg die Kranken -gesund machte: hatten die also Gefoppten sich selber zum Spott den -Schaden verdient. - -Es war die lustige Rache der fahrenden Leute an ihrem Todfeind, dem -Bürger, der sie und die Menschennatur mit seiner Ordnung beschränkte; -aber ihr Schicksal wuchs über den Schwank und den Schabernack trotzig -hinaus, als der Doktor Faust seine Himmel- und Höllenfahrt machte. - -Denn da brach der Trotz durch die Schranken; die Menschennatur mit Lohn -und Strafe zu schrecken, hatte die Kirche Seligkeit und Verdammnis über -die furchtbaren Seelen gebracht: - -Aber der fahrende Mann beugte sich nicht vor Himmel und Hölle, er -wollte sein Erdenteil haben; den göttlichen Mächten zu trotzen, die -seine Menschennatur für ihre Zwecke mißbrauchten, schloß er den Pakt -mit dem Teufel. - -Da machte der Schwank die Tore des Schicksals breit auf, da trat der -fahrende Mann hadernd vor Gott, daß er den Feigen und Furchtsamen -hülfe, statt mit den Kühnen und Ketzern zu sein. - - -Die Bauhütte - -So waren die Städte der Bürger gebaut: rund um das Weichbild der Stadt -lief der Wehrgang auf starker Mauer, durch Zinnen gedeckt und an den -Toren mit Türmen und steinernen Treppen gestaffelt. - -Spitzige Giebel standen der Gasse entlang, hüben und drüben, und -grämliche Tore sperrten die Höfe; die steinerne Halle am Markt trug dem -Rathaus die schmuckreichen Säle. - -Breit schwang sich der zackige First über die Giebel der Gassen, aber -gleich einer Tanne ragte der Münsterturm über das Buschwerk der Dächer. - -Weit aus der Ferne grüßte das steinerne Wunder den nahenden Wanderer; -sein blaues Gespinst wuchs in die Nähe hinein mit ragenden Massen und -stand mit Pfeilern und Pforten, mit Nischen und Narben zuletzt als -fleißiges Menschenwerk da. Stein war geschichtet auf Stein, Maßwerk auf -Maßwerk gezirkelt, die zackige Schnur seltsamer Krabben war sorglich -gemeißelt, Standbilder priesen den Steinmetz und seine kunstreichen -Hände. - -Seitwärts im Schatten, unter der steinernen Brandung standen die Hütten -der Bauleute geduckt; da pochten die Hämmer und klirrten die Eisen, da -wurden auf breiten Brettern und Tischen die Risse gezirkelt, standfest -und kühn den steinernen Wuchs zu planen. - -Denn nun war der Turm nicht mehr die ragende Last runder Gewölbe, wie -eine Garbe wurden die Halme dünn und gebrechlich zur Stärke gebunden, -Halme aus zierlich behauenen Steinen, die steinerne Blume des Kreuzes -zu tragen. - -Die Bauleute waren Steinmetze geworden, und ihre Bruderschaft galt -über den Zünften; die Bauhütte hütete Zirkel und Richtscheit als hohes -Geheimnis. - -Strenge Gebräuche und seltsame Zeichen hielten der Steinmetzenkunst -uralte Weisheit lebendig: aus dem Morgenland war sie gekommen, durch -den blutigen Wechsel der Zeiten heimlich gehütet, aber das Abendland -brauchte sie neu im Zeichen des Kreuzes. - -Im Zeichen des Kreuzes hielten die Hallen die Vierung, aber das Kreuz -auf dem Turm war eine Blume geworden; himmlische Sucht und irdische -Lust gaben einander die Hand im Geheimnis hoher Vollendung, das in der -Bauhütte stolz und streng behütet war. - - -Die Schilderzunft - -Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, sprach -das Gebot; aber die Heiligen standen in Stein an den Pforten, und am -Hochaltar hing, hölzern ans Kreuz geschnitzt, der Erlöser. - -Auch waren Gewölbe und Wände bemalt mit den Bildern der kirchlichen -Gnade; die heiligen Gestalten gingen in farbig getönten Gewändern, und -die tröstlichen Zeichen der Himmelsverheißung schmückten die Felder der -Vierung. - -Tief aber glühten die Tafeln mit goldenen Gründen, darauf im Troß ihrer -englischen Knaben die Himmelskönigin selber das bunte Farbenkleid trug. - -Sie hielt das Kind auf dem Schoß und war ihm die lächelnde Mutter, wie -sie der sündigen Menschheit die huldreiche Fürsprecherin war. - -Ein Schild hießen sie solch eine Tafel, künstlich auf Goldgrund gemalt, -und alle Schilder der Ritter waren in bunten Wappen gewirkt nicht so -schön wie das Schild mit dem Bild der holdseligen Jungfrau. - -Die kölnischen Meister der Schilderzunft kannten zuerst das köstliche -Wunder, einem Spiegelbild gleich die süße Erscheinung zu malen, mit -sauberem Pinsel auf eine Tafel von Holz; aber der Augenstern stand -leibhaftig darin und lächelnd der liebreiche Mund. - -Sie lockten das himmlische Wunder hinein in den staunenden Tag; -Wirklichkeit wurde den Sinnen, was in den Worten der Priester und im -Prunk ihrer Gesänge die gläubigen Herzen ahnend erfüllte. - -Kunstreiche Meister und ihre Gesellen hoben das Werk ihrer Hände hoch -in den Ruhm; die Schilderzunft kam ins Glück, als sie dem Himmel die -Farben und seinem ewigen Glanz einen Schimmer zu stehlen vermochte. - - -Der Genter Altar - -Aber die Wirklichkeit wollte den Tag, und der ewige Sinn sank im -Wechsel der Sinne. - -Die himmlische Ferne verschwand in der irdischen Nähe, und irdische -Augen begannen sie warm und froh zu betrachten. - -Gott saß im Himmel und hörte die englischen Heerscharen singen, aber -der Mensch ging im Menschengewand, die Erde blühte mit irdischen -Blumen, und wo eine Stadt war, füllte das Tagwerk die Gassen. - -Ein Bürger zu Gent wollte der Kirche Sankt Bavo einen Schilderschrein -stiften, und Hubert van Eyck kam aus Brügge, die Tafeln zu malen: - -Gott Vater thronte als König des Himmels in einsamer Stille, nur -das Lamm bot sich der gläubigen Anbetung dar, darüber die Taube des -Heiligen Geistes die ewige Glorie strahlte. - -So dachte Hubert van Eyck den Altar zu malen; er hatte die Tafeln mit -sehnsüchtiger Andacht gestellt, da ließ ihm das Siechtum den Geist und -die Hände ermatten. - -Jan aber, sein jüngerer Bruder und Helfer, malte den Bilderschrein -fertig; er kannte das Werkstattgeheimnis, mit zarten Lasuren die Gründe -leuchtend zu machen, daß sie in gläserner Helle und frischer Farbigkeit -standen. - -Aber er liebte den Tag und die Wirklichkeit, und wo seinen Bruder die -Sehnsucht der Ferne verzehrte, stand er getrost in der Nähe und sah das -einzelne gern. - -Er malte die Wiesen mit blühenden Blumen und malte den Himmel im -zärtlichen Blau, er malte die Falten im Felsgestein und malte das Laub -an den Bäumen. - -Er malte den Reitern reiche Gewänder und ließ die Rosse stolzieren im -Schmuck der Schabracken; er malte den singenden Engeln schwellende -Lippen und gab dem Notenpult köstlichen Zierat. - -Er malte Gott Vater im Prunkgewand seines Weltkönigtums; und daß seinen -Tafeln die Herkunft des Fleisches nicht fehle, stellte er Adam und Eva -hinein in gänzlicher Nacktheit. - -Alles war naheste Wirklichkeit, mit fröhlichem Eifer betrachtet; alles -war irdisches Glück, mit frohen Augen genossen; alles war sinnlicher -Glanz, aus köstlichen Farben geflossen. - -So zog das himmlische Dasein in Gent ein weltliches Bürgerkleid an; -so fand sich die Kunst in den Tag, als Jan van Eyck in Sankt Bavo den -frommen Altar seines Bruders zum fröhlichen Bilderschrein machte. - - -Der Spiegel der Wirklichkeit - -Was in Sankt Bavo zu Gent geschah, wurde Saat allerorten: überall -waren Bürger aus Wohlstand in Reichtum geraten und wollten Gott und -sich selber zu Ehren den Kirchenschmuck mehren; überall hatte die -Schilderzunft fröhlich zu schaffen. - -Einen Altar zu stiften, wurde der Ehrgeiz des Bürgers, und seine Tafeln -zu malen, das Meisterstück in der Zunft. - -Wohl gab die Kirche allein die Legende, aber die Bilderkraft sprang aus -der Schau und dem fröhlichen Tun des täglichen Lebens: die heiligen -Männer und Frauen des Morgenlands mußten die Kleider und Sitten des -Abendlands tragen. - -So wurde die Herkunft der Christenlegende zum andernmal tapfer -ins Deutsche versenkt: die Wälder und Wiesen der Heimat sahen die -Jüngerschar schreiten, und die Burg des Herodes stand bei dem Münster -der gotischen Stadt. - -Aber so wurde die Heilige Schrift auch der Spiegel, in bunten Bildern -das Leben der Bürger zu fassen, so wurden die kostbaren Schreine der -Kirchen die treuesten Hüter der eigenen Wirklichkeit. - -Da ritt der heilige Georg im blinkenden Panzer des Ritters, da wurde -Lazarus wach auf dem Kirchhof der Kreuze, da stand das Bett der Maria -behäbig an der getäfelten Wand, da war die Krippe im Stall nach -heimischer Sitte aus Balken gefügt. - -Wohl wuchsen auch Palmen, und Löwen waren den Heiligen treu, aber sie -blieben fremd und verscheucht, indessen das heimische Gewächs und -Getier sich unbesorgt breitmachte. - -Bäuerlich fränkische Häuser, städtische Gassen und Stuben boten dem -Bauer und Bürger den Vorwand des heiligen Lebens, unbekümmert und -selbstgefällig ins Bilderdasein zu treten. - -Sie waren linkisch, dem kirchlichen Schauspiel zu dienen, die Glieder -fanden nur selten die rechten Gebärden, und die Gesichter wurden der -heiligen Handlung nicht froh: aber sie taten ihr Werk mit Eifer, und wo -sie das Marterzeug brauchten, verstanden sie seinen Gebrauch. - -Nicht einer der Zunft hatte die fröhliche Meisterhand wieder, die den -Altar von Sankt Bavo zum Spiegel irdischer Glückseligkeit machte; es -war ein linkisch verstiegenes Dasein, grausam und vielmals verzerrt, -und mehr eine Fratze als ein schönes Abbild der Welt. - -Aber es war in die blühende Pracht gläserner Farben gegossen, und seine -bunte Vielfältigkeit stand stark und verzückt im Licht der gläubigen -Einfalt. - - -Der Altar von Isenheim - -Der Bilderschrein hatte den Bürger ins Schaubild gestellt, -Alltäglichkeit war das Gewand der heiligen Handlung geworden, da hob -sich im Zorn eine Zauberhand, dem Himmel das Seine zu geben. - -Matthias Grünewald hieß der mächtige Meister, Hofmaler des Bischofs von -Mainz und ein Franke vom roten Main, der im Kloster zu Isenheim, droben -im Elsaß, den Hochaltar malte. - -Dem heiligen Vater der Mönche und Schutzherrn der Tiere, Antonius -sollte der Altar geweiht sein; aber der Meister wollte den Urgrund -aufreißen und im Mirakel die Quellen der brünstigen Heiligkeit zeigen. - -Gott war in Schmerzen geboren und war gekreuzigt als Mensch, um aus der -Nacht des irdischen Todes aufzuerstehen und strahlend zurück in den -Himmel zu fahren. - -Da waren die Tafeln zu klein, zu kläglich die Kleider der Täglichkeit, -da mußten die Brunnen der Tiefe aufbrechen mit feuriger Fülle, da mußte -das ewige Sein den glasigen Schein der irdischen Dinge durchleuchten. - -Und so war die dreifache Tiefe des Altars gebaut: draußen die Tafeln -von Golgatha, drinnen die Herrlichkeit Gottes, und erst, wenn die -inneren Flügel aufgingen, kam der Heilige selber, dem der Altar gemalt -war. - -Gramvolles Dunkel lag auf der Welt, nur Golgatha stand in beinerner -Helle, als ob ein Blitz den Himmel durchbräche, den gekreuzigten Gott -zu beleuchten. - -Aber kein göttlicher Dulder hing an dem Holz, ein gemarterter Mensch -und ein blutrünstiger Leib der Verwesung. - -Ein Schrei ging aus von den Frauen und verzagte im Abgrund; nur -Johannes der Täufer stand da mit dem Lamm, der sündigen Menschheit das -göttliche Opfer zu weisen. - -Gewaltig war so der Deckel des Buches gebildet, der mitten wie -Torflügel aufging, der schluchzenden Seele die Herrlichkeit Gottes und -das Wunder seiner Geburt offenbarend: - -Vier Tafeln ragten wie eine im Morgenrot glühende Wand vor den Augen -der gläubigen Christen; Orgelgewalt und Gesang der Mönche schwanden hin -in der Fülle farbiger Stimmen, wie ein Menschenruf übers Meer klingt. - -Der Tempel der himmlischen Mutter stand in der Mitte, aus Licht und -Farbe gebaut, und Lobgesang schwoll aus den englischen Räumen; die -Jungfrau saß selig versunken davor mit dem Kind in der blühenden -Landschaft, darüber Gott Vater im Himmel die Augen der Liebe aufmachte. - -Zur Linken wurde der Jungfrau das Wunder der Gnade verkündigt, zur -Rechten fuhr hell aus dem Kerker des Grabes der Heiland: ein glühender -Ball brach in die Sterne der Nacht, darin die Lichtgestalt des Erlösers -von allen Feuern des Himmels beglänzt war. - -So übermächtig war der Glanz und das Glück der im Morgenrot glühenden -Flächen, daß danach die Farbe nichts mehr vermochte: wenn sich die -inneren Flügel auftaten, standen die Heiligen stumm als geschnitzte -Figuren inmitten der grellen Erscheinung. - -Nur auf den inneren Flächen der letzten Torflügel hatte der Meister das -Glück und das Grauen der Weltentsagung gemalt: wie das Getier der Wüste -dem heiligen Antonius diente, und wie das Höllengezücht ihn versuchte. - -Erde und Hölle sprachen ihr Wort nach dem Himmel: die Erde lockte -mit üppiger Landschaft; die Hölle schrie das grelle Getön ihrer -scheußlichen Leiber; aber der Himmel stand hinter den Flügeln mit -seinem ewigen Glück. - -So war der Altar des fränkischen Meisters gebaut, darin der himmlische -Zorn den Alltag verscheuchte: die Tiefe der brünstigen Seele brach auf -und war kein schönes Abbild der irdischen Glückhaftigkeit mehr, weil -das ewige Wunder nicht mehr den eitlen Traum der Täglichkeit weckte. - - - - -Das Buch der Freiheit - - -Meister Eckhart - -Der aus Steinen den gotischen Wunderwald machte, ließ aus dem heiligen -Hain der erschütterten Herzen eine neue Gläubigkeit blühen. - -Wie das Geflecht der Gurten und Rippen, das Laubwerk der Knäufe und -Sockel die lateinische Messe mit gotischer Inbrunst umfing, so wuchs in -der nordischen Seele der Gral der christlichen Sendung. - -Die Kirche hat ihn als Ketzer verdammt, den Meister Eckhart von -Köln, der unter den Christen der naheste Jünger des Herrn, der -Gotteskindschaft des Zimmermannssohns seligster Nachfolger war: - -Dominikaner und Prior des Predigerordens in Erfurt, Straßburg und -Frankfurt; aber die Fackel im Maul seines Hundes war kein brennendes -Feuer, nur leuchtendes Licht seiner in Gott weißglühenden Seele. - -Darum verdammte er nicht und hielt seine Kutte nicht keuscher als sonst -ein irdisches Kleid; er tat dem Leben kein Büßerhemd an, ging in den -Himmel zu allen Stunden und sprach in den Wahn der weltflüchtigen Zeit -sein weisestes Wort, daß gute Menschen das Leben lieb hätten. - -«Nie würde ein Mensch, der Durst hat, so sehr zu trinken begehren, wenn -nicht etwas von Gott darin wäre. - -Dasein und Jungsein ist eins in der Ewigkeit; denn sie wäre nicht ewig, -wenn sie neu werden könnte. - -Was der Mensch liebt, das ist der Mensch: liebt er einen Stein, so ist -er ein Stein; liebt er einen Menschen, so ist er ein Mensch; liebt er -Gott -- nun zage ich, weiter zu sprechen, ihr könntet mich steinigen -wollen!» - -So sprach der Meister Eckhart von Köln, lächelnd von Liebe und -Weisheit, wie weiland der Herr, und hielt nicht ein, auch dies noch zu -sagen, daß alle Liebe der Welt auf Eigenliebe gebaut sei: «Ließest du -die, du hättest die Welt gelassen!» - -Und ging auf den Straßen und Märkten wie Jesus im jüdischen Land; -denn da die Lehre zum andernmal Wort ward, zerbrach ihr Frühling den -gläsernen Grund des lateinischen Winters, aufquellend im Brunnen der -eigenen Sprache. - -Seine Predigt war deutsch und scheute sich vor der Alltäglichkeit nicht -und hob aus dem Staub der Straße die Bilder des ewigen Lebens: «Sie -fragen, was in der Hölle so brennt? Ich sage, das Nicht brennt in der -Hölle, und sage ein Gleichnis: - -Nimm eine brennende Kohle zur Hand! sprächest du da, die Kohle brennt -mich, du tätest ihr Unrecht; denn hätte die Hand die Feuernatur der -brennenden Kohle in sich, sie schmerzte nicht: so ist es das Nicht -deiner Hand, was sie brennt! - -Daß die Seelen von Gott geschieden sind durch ein Nicht der Natur, ist -ihre Hölle; denn hätten sie göttliches Wesen in sich, was könnte sie -brennen? Darum, wollt ihr vollkommen sein, so müßt ihr frei werden vom -Nicht!» - -In der Klosterkirche zu Köln stand der Mann mit dem weißen Bart vor dem -Ketzergericht der christlichen Kirche; der naheste Jünger des Herrn war -verklagt, und der Hohepriester des neuen Bundes zerriß den Rock im Rat -seiner Richter. - -Aber Gott nahm den Greis fort aus den Händen der Torheit und schenkte -den Priestern die Schuld des zwiefachen Kreuzes. Er gönnte dem Meister -der Demut, in Frieden zu sterben, und ließ der Gotteskindschaft des -Zimmermannssohns seligsten Nachfolger eingehen ins ewige Licht. - - -Suso - -Den sie als Bruder Seuß kannten von Schwaben bis nach Franken und -dem die Gläubigen zuliefen wie vormals Johannes am Jordan, war eines -Ritters Sohn aus Überlingen, der früh ins Kloster und als Jüngling nach -Köln zum Meister Eckhart kam. - -Da lernte er das Glück der Abgeschiedenheit und übte es so brünstig, -daß er wohl zwanzig Jahre in seiner Zelle zu Konstanz blieb mit -selbstgewählten Bußen, obwohl dem Knaben der Seewind und die -Frühlingsblumen des Wunders holdeste Erscheinung waren. - -Er tötete die Stunde, trank Lust aus Leid und lernte Gott lieben, bis -ihm der Sinne Untergang der Wahrheit Aufgang wurde. - -Dann endlich zog der Bruder Seuß mit grauem Bart aus seiner Wabe hinaus -ins Menschenland, den Honig der ewigen Weisheit den Wartenden zu -bringen. - -So süß war seine Lehre und so beseligt sang sein Mund das Lob der -ewigen Weisheit, wie nie die Stimme eines Predigers gesungen hatte. - -Die nicht den Sinn verstanden, fühlten doch den Klang, der wie der Sang -der Knaben, wie die farbigen Fenster und wie der Duft der Veilchen im -Frühjahr war. - -Darum hörten den Bruder Seuß die Frauen gern, hellhöriger als die -Männer und dem Geheimnis der Brunnentiefe näher; sie liebten ihn schon, -wenn seine Stimme gleich einer Nachtigall anschwoll im sursum corda der -heiligen Messe. - -Dann raffte er die Kreatur um sich aus allen Elementen, die bunten -Vögel und die sanften Rehe, die stummen Fische und die stillen Falter, -auch das Gewürm der Erde, das Laub und Gras der Wälder und der Wiesen, -den Gries im Meer und alle Tropfen, die der Tau den Wiesen frühmorgens -funkeln ließ, das Gestäube im letzten verirrten Sonnenstrahl und alle -Glut der Berge; und schwollen an im Chor von tausend Tönen und fielen -ein mit ihm: Empor zu Gott! - -Er aber war nicht lässig in solcher Lust, er ließ die Stimme steigen -gleich einem Strahl, ließ ihn zerstäuben und die Tropfen perlen, und -jeder Tropfen sank in ein Herz; da wurden wach, die träge schliefen, -und schraken auf, die in den Tönen die Bilder ihrer Wollust schmeckten, -und traten in den Kreis der Kreatur und brachten ihren Tropfen dem -Bruder Seuß, daß er ihn trüge: Empor zu Gott! - -Auch die Gerechten, die dasaßen mit ihrer säuerlichen Pflicht und -zwischen Gott und Kreatur den Hochmut ihrer Werke hatten, sie fühlten -seinen Tropfen rinnen und zerschäumen in ihrer kalten Brust; das Herz -brach auf und schäumte sein rotes Blut und wurde leicht von seiner Last -der harten Menschenheit, und wurde Lust der Kreatur und flog der Stimme -zu, der Stimme und dem Strahl: Empor zu Gott! - - -Der Gottesfreund - -Was Eckhart, der naheste Jünger des Herrn, in Straßburg und Köln von -der Ewigkeit lehrte, war nicht vergangen, weil es im Brunnen der -eigenen Sprache Quellwasser blieb statt dem Latein der Scholasten. - -Gottesfreunde hießen sie droben am Rhein die heimlichen Künder der -Lehre; wie vormals die Jünger hielten sie abseits der Kirchengemeinde -die frohe Botschaft lebendig, und wie die Jünger lebten sie zwischen -Verfolgung und heimlicher Duldung ihr Dasein in Christo. - -Die Hoffnung des Himmels, die Furcht vor der Hölle gaben der Kirche -die Zügel, aber stärker als Hoffnung und Furcht war das Gewissen; und -lange schon stand es bereit, vor Gott und der Menschheit das Recht und -die Pflicht des evangelischen Daseins zu fordern. - -Der aber ihr Meister war, kam und ging im Geheimnis: den großen -Gottesfreund aus dem Oberland hießen sie ihn, Name und Herkunft blieben -verborgen; kaum anders, als Jesus den Jüngern erschien, trat er hinein -in den Kreis seiner Freunde als hohe und frohe Erscheinung. - -Als Tauler in Straßburg, der Dominikaner, um seiner Redekunst willen -berühmt war, bat ihn der Gottesfreund einst um eine Predigt, wie sich -die menschliche Seele am höchsten und nächsten zu Gott aufschwingen -möge? - -Da wetzte der Meister sein Rüstzeug gelernter Scholastik und tat -sich groß mit den Künsten der vierzigsten Beschauung und mit den -vierundzwanzig Stücken, durch die der Geist erleuchtet würde vor Gott. - -Aber der Gottesfreund lächelte nur und nannte es pfäffische Künste, -den Wein mit Hefe zu mischen; denn Jesus der Zimmermannssohn habe zur -Einfalt der Jünger geredet und solche Künste der Schriftgelehrten -verachtet. - -Darüber fiel der gelehrte Mönch in Trauer und Trübsinn und verlor alle -Freude an seiner scholastischen Kunst, sodaß die Brüder sein Alter für -schwachsinnig hielten und die Beichtkinder seiner lachten. - -Zwei Jahre lang blieb er verstört und forschte viel in der Schrift und -suchte Gott in der Demut, da ihn sein Hochmut nicht fand. - -Als er dann wiederkam auf die Kanzel, ein tief geläutertes Gemüt, -war er den Klugen völlig ein Spott, weil er kein Wort zu sprechen -vermochte, nur bitterlich weinte. - -Da trat ihm zum andernmal heimlich der Gottesfreund bei: Das war die -beste Predigt vor Gott und deine Berufung, sein Wort zu verkünden! weil -du selber den Weg zur Demut fandest, sei getrost, ihn den andern zu -weisen! - -So tat der Gottesfreund dem Dominikaner den Mund wieder auf; durch -seine Lippen, nicht mehr lateinisch verkünstelt, floß fürder das Labsal -des Wortes: Tauler, der evangelische Prediger stand auf der Kanzel zu -Straßburg, der die Einfalt und Gnade gleich einem Becher den Dürstenden -darbot. - -Der aber das Wunder vermochte, der Gottesfreund schwand in die Ferne, -aus der er kam, denen, die seiner bedurften, weise und wahrhaft und -stark zu erscheinen. - - -Die gemeinsamen Brüder - -Er war weder Priester noch Mönch, Gerhart Groot von Deventer; er hatte -studiert in Paris wie andere Jünglinge auch, Theologie und kanonisches -Recht, selbst die magischen Künste, und dachte behaglich zu leben von -seinen Pfründen als Kanonikus oder Magister. - -Da fand ihn das Wort von dem Einen, was not tut; er verbrannte die -magischen Bücher, legte den silbernen Gürtel und das sarmatische -Pelzwerk ab und ging in ein Kloster -- doch ohne Gelübde -- den Zweck -seines Daseins zu finden aus dem Gewissen. - -Als er ihn fand in der Schrift, zog er hinaus wie vormals die Jünger, -der reichgewöhnte in ärmlicher Kleidung, nur im geringsten bedürftig, -und fing an zu lehren im plattdeutschen Wort seiner Heimat. - -So wurde der reiche Jüngling und stolze Magister ein dienender Mann der -Einfalt; Priester und Laien hörten ihm zu und staunten der einfachen -Rede und ihrer schlichten Gewalt, bis ihm der Bischof von Utrecht im -Namen der Kirche zu lehren verbot. - -Er hätte Freunde gehabt bis nach Rom, der Weisung zu trotzen; aber er -folgte in billiger Demut dem Bischof, zog heim nach Deventer, statt der -Großen die Kleinen zu lehren -- wo das Salz noch nicht dumm war -- und -wurde ein Lehrer der Jugend, wie keiner vor ihm. - -Da hingen ihm Jünglinge an und taten wie er, halfen ihm lehren, nahmen -nicht Lohn und lebten gemeinsam; nicht mit dem Leinensack bettelnd, -tätig und treu im Stegreif der Stände und demütig dienend, wo Hilfe und -Pflege not war: nur im Genuß einfacher Freuden dem Weltleben fremd und -im Gewissen der gotteinigen Seele. - -Bald wurden der Brüder zuviel in Deventer, wo sie mit Gerhart dem -mildreichen Meister gemeinsam ihr Eigentum hatten; so zogen sie aus -in das Land und die Länder, lehrten die Jugend und lebten den Eltern -ein Vorbild, daß Gott im täglichen Wirken, nicht nur im Kirchendienst -fröhlich zuhaus sei. - -Der aber ihr Meister blieb, Gerhart Groot aus Deventer, starb wie er -lebte: einen Freund schlug die Pest, er pflegte ihn heil und starb an -der Seuche, starb heiter und gütig im Kreis seiner Freunde. - -Er ließ den schwächlichen Leib im vierundvierzigsten Jahr seines -Lebens, aber die Brüderschaft blieb und blühte das Lächeln der -evangelischen Weisheit in furchtsame freudlose Seelen. - -Bis ihrer Tausende saßen im deutschen Land, Lehrer der Jugend und -Brüder eines in fröhlicher Armut und selbstloser Arbeit gemeinsamen -Lebens. - - -Konzil in Konstanz - -Während im Norden die neue Gläubigkeit glühte, wuchs in den päpstlichen -Gärten das Tollkraut der Zwietracht: drei Päpste regierten zugleich -und verdammten einander, und der das Konzil nach Konstanz berief, der -Neapolitaner Johann, war ein Seeräuber von Herkunft und Sitten. - -In Konstanz sollte das Schmelzfeuer der Christenheit sein und wurde -ein Jahrmarkt der Kirchenverderbnis: dreihundert Fürsten und Bischöfe -samt dem Troß der Prälaten und Äbte, Grafen und Ritter, kamen an mit -dem reisigen Volk ihrer Knechte, Roßbuben, Spielleute und bauten ihr -Zeltlager rings um die staunende Stadt. - -Alle Zungen Europas schollen im Seewind; Mönche, Gaukler und Dirnen -der abendländischen Welt begingen die Gassen, die Heuschreckenschwärme -fahrender Leute begafften die lustreichen Feste, indessen die Kardinäle -den drohenden Völkern ein neues Kirchengewand zu nähen versprachen. - -Es war ein schönes Turnier, das die Konstanzer sahen, draußen im Bühl -vor den Toren der Stadt; aber der Vogel im Käfig, der Seeräuberpapst -flog aus unterdessen; er ließ der bestürzten Stadt das verwirrte Konzil -und dem Kaiser die Sorge zurück, den gefährlichen Geier zu fangen. - -Der zollernsche Burggraf von Nürnberg ritt auf die Jagd und holte -ihn ein, das Konzil zerbrach ihm sein päpstliches Siegel und Wappen; -aber der Jahrmarkt der Kirche ging weiter und hatte sich schon sein -frechstes Schaustück bestellt: - -Im festen Schloß Gottlieben, wo der Bischof von Konstanz den gestäupten -König der Kirche mit geistlichen Ehren bewachte, saß auf dem steinernen -Turm ein anderer Vogel im Käfig: Johann Hus, der böhmische Rektor aus -Prag und evangelische Priester, der aus der Schrift die Kirchenreform -an Haupt und Gliedern verlangte. - -Der Kaiser gab ihm freies Geleit und hieß den Ketzer verbrennen: im -Münster zu Konstanz saßen die Fürsten um Sigismund und sahen dem -Schauspiel zu, wie die hohenpriesterlichen Knechte dem Ketzer die -Kleider der Kirche abrissen, wie sie den Blutzeugen Christi mit einer -Narrentracht höhnten und seine Seele dem Teufel befahlen. - -Sie kehrten die Asche des Ketzers zuhauf und streuten sie aus in den -Rhein, sie grüßten das Kreuz und sangen zur Messe, sie wählten Martin -den Fünften zum Papst, und der Kaiser führte dem Statthalter Christi -den Zelter. - -Sie zogen den Jahrmarkt des Kirchenkonzils mit Zeter und Zank und -festlichen Fahnen noch hin bis ins dritte Jahr. - -Und sahen die Flammen nicht draußen im Bühl vor den Toren der -lustreichen Stadt, die lohende Flamme der Lehre, und hörten die Asche -nicht flüstern im Rhein, die Asche der tapferen Treue. - -Sie webten den Wahn ihrer Macht in den gleißenden Tag und hießen sich -Christen; sie kannten die Leiden des göttlichen Dulders und sahen den -Teufel nicht in den Fratzen der kirchlichen Henker. - - -Die schwarze Kunst - -Die Krämerwaage dem Bürger, der Karst dem geplagten Bauer, das Schwert -dem Ritter, dem Priester das Wort und den Mönchen die Schrift: so war -die Ordnung der Welt, und das Wort im Schrein der heiligen Schriften -gab der Kirche die Schlüsselgewalt. - -Bevor die Kirche dem Ketzer den Holzstoß ansteckte, verbrannte sie -zuerst seine Schriften; denn blieben die Blätter vom Teufel mit Tinte -beschrieben, so war der Ketzer nicht tot: das Unkraut blühte neu aus -der schwarzen Saat, und der Samen wucherte weiter im kirchenfeindlichen -Wind. - -Es ging aber in Mainz ein Knabe den grübelnden Weg seiner Jugend, der -dem geistlichen Vorrecht der Schrift die Schranken zerbrechen und dem -ängstlich behüteten Wort den Käfig aufmachen sollte. - -Johann Gensfleisch hieß er, vom Gutenberg, aus Mainzer -Bürgergeschlecht, der als Jüngling nach Straßburg kam und dort seine -heimliche Werkstatt aufmachte. - -Er kannte den Holzschnitt, wie er dem Bild und der Schrift einen -Prägestock machte, auf hundert Blättern zu drucken, was der -Holzschneider einmal aus seiner Platte heraus schnitt. - -Er sägte das Holz mit dem Wort auseinander und hieß die einzelnen -Buchstaben Lettern; er setzte die Lettern im Wörter zusammen, wie er -sie brauchte, und druckte die Schrift. - -Aber die vielen Lettern zu schneiden, war mühsam, auch zerbrach ihm -das winzige Holz in der Presse; so nahm er Metall, und weil der -Metallschnitt mühsamer war, dachte er seine Lettern in Formen zu gießen. - -Das aber war eine fremde Kunst, die er nicht kannte, so mußte Jürgen -Dritzehn ihm helfen; und während das Basler Konzil die Kirchenreform an -Haupt und Gliedern verlangte, raubte das heimliche Handwerk der Männer -in Straßburg der Kirche die Schrift. - -Als sie in Unfrieden fielen, ging Gutenberg wieder nach Mainz, wo er -den Fust, einen reichen Bürger bereit fand, den Druck einer Bibel zu -wagen. - -So trat der hitzige Traum seiner Jugend schön in den Tag: mit Gold und -Farben bunt wie eine kostbare Schrift stand der Druck seiner Lettern -sauber und klar auf den Blättern, und waren hundert Bücher, wo sonst -nur ein einziges war. - -Aber der Lohn wollte dem unsteten Mann nicht kommen, auch diesmal -verschwand ihm der Segen des Werkes im Streit: von Mißgeschicken -bedrängt, von Schimpf und Schulden beschattet, als Flüchtling -schlechter Prozesse und Mietling schäbiger Pfründen trug sein -fieberndes Leben die Pläne goldener Ernten ins leer geplünderte Alter. - -Was in Straßburg mit Jürgen Dritzehn begann und in Mainz mit Fust und -Schöffer dem mißlichen Mann sein Bürgerdasein verwirkte, das hörte -mit Albrecht Pfister nicht auf: sie halfen dem seltsamen Meister -die Werkstatt zu rüsten und klagten die Werkzeuge ein, wenn sie das -Handwerk verstanden. - -So starb er selber in Armut zu Eltville am Rhein, der dem Goldschmied -Fust und seinem Schwiegersohn Schöffer die Goldquellen der schwarzen -Kunst hinterließ; doch wie seinen Händen das Gold, zerrann das -Geheimnis den Erben in hundert Schlupfwinkel der abendländischen Welt. - -In Rom, Paris und Venedig schlugen deutsche Gesellen die schwarzen -Werkstuben auf; bald hielten die Messen Europas gleich Ballen -vlämischen Tuchs und lombardischen Seidenbandrollen gedruckte Bibeln -und Heilsbücher feil. - -Da waren sie nicht mehr allein in den Zellen, die neuen Gedanken hinter -fiebrigen Stirnen, die schwarze Kunst half ihnen fort in die Köpfe und -Herzen. - -Krähenvögeln gleich flogen die Druckschriften aus in die Städte -und Häuser der Bürger; und schon pfiff in der Andacht der heiligen -Bücher die Spottdrossel kommender Zweifel und lachte der kirchlichen -Schlüsselgewalt. - - -Die Humanisten - -Das tausendjährige Reich der Kirche ging zu Ende; blaß und müde glühten -die Verzückungen der Seele, und roter blühte die Saat der Sinnlichkeit: -der Gottesstaat der Priester blieb den verheißenen Segen schuldig, die -Erde trieb geschäftig die alte Fruchtbarkeit. - -Wohl waren ihre Tage als Jammertal geschmäht: aber Kaiser und -Kurfürsten zogen in den Krieg um Gold und Macht der Erde, Städte -wurden groß und reich im Handel, auf den Meeren gingen ihre Schiffe -und auf den Straßen ihre Wagen mit dem Gut der Erde, Rathäuser wurden -Prunkhallen der Erdenbürgerschaft. - -Auch die das Jenseits priesen, waren diesseits wohl zuhaus: in -Pfründen und Kapiteln saßen sie und sorgten für ihr Teil; denn das -Gelübde der Armut sperrte nicht die Schleusen, daraus der bürgerliche -Reichtum in die Keller und Kammern der Klöster floß. - -Die aber mühsam den Acker pflügten und sonst im heißen Tagwerk standen, -sie sahen sich betrogen um die Ernte für einen Lohn, der nicht von -dieser Welt war; und immer kühner hob die Frage das spöttische Gesicht, -wieviel an diesem Zustand Gottes Wille oder kluge Lenkung geistlicher -Hände wäre. - -Durch den verschlissenen Teppich der Scholastik wurde der Boden -wieder sichtbar, darüber ein Jahrtausend mönchischer Weltflucht -sinnenfeindlich ging: Belladonnen blühten aus dem Unkraut der Ruinen, -und Götterbilder hoben die Marmorleiber aus der verschütteten -Vergangenheit. - -Sie fanden ihre Tempelpracht zerstört, die Schönheit ihrer Glieder -war zerbrochen; aber Mars und Venus reichten die verstümmelten Hände -dem neuen Zeitalter hin: bestürzt und staunend sah die Menschheit die -herrliche Gebärde. - -Da tönten Stimmen wieder, die längst verklungen schienen; die Sprache -Ciceros klang marmorkühl aus der Versunkenheit, den Götterbildern -gleich an Gliederpracht, und war die Sprache einer Zeit, da weder -Bischöfe noch Mönche, sondern Bürger den Staat bestimmten und das -Brevier noch nicht das Brot der Bildung war. - -Und wie die Marmorbilder nach ihrer Griechenheimat wiesen, so auch die -alten Schriften: Hellas stand auf in Rom; noch einmal fragte Sokrates -die listigen Fragen, und Platon gab ihm weise Antwort. - -Die aber im Gehäus der mönchischen Scholastik dem ewig-jungen -Fragespiel entzückt zuhörten, sie glaubten gern, daß nun die Tür ins -Freie geöffnet wäre. - -Als ob sie Totes wiedererwecken und Gewesenes zum andernmal gebären -könnte, so wurde die Zeit trächtig vom Altertum. - -Da dachte wieder ein Erdenmensch zu werden, der nur ein Prüfling für -den Himmel gewesen war; er ließ die Heiligen und den Christ und fand -sich selber in der Welt als Wagenlenker seines Schicksals; er maß die -Bahn mit seinen Rossen und ließ die Räder rollen zum selbstgesteckten -Ziel. - -So wurden wieder Heiden in der Welt, und reiche Florentiner glaubten, -noch einmal Bürger Roms und Günstlinge der Götter zu sein. - -Sie redeten die Sprache Ciceros und hörten Platon und bauten sein -Reich der schönen Menschlichkeit, sie sammelten mit Gold und List die -Schriften der alten Heidenwelt und schrieben sie ab mit zierlicher -Bemalung, wie vormals die frommen Mönche die Heiligenleben schrieben. - -Und rafften um ihr Dasein einen Glanz, der unbesorgt von dieser Welt -war, und setzten sich in ihre Dinge aus eigener Machtvollkommenheit, -und wagten ihre Seele an jede Lust und schafften sich in Tat und Trutz -und schöner Edeltierheit die Seligkeit der Erde. - -Und sahen einen Papst in Rom, der vor den Römern noch einmal den -Augustus spielte und ihrer Welt Prunkhalter war auf Petri Stuhl; und -glaubten -- wie die Knaben den Flaum der Freiheit fühlen -- daß dies -die Morgenröte einer aus dumpfer Furchtsamkeit und blinder Sucht -erlösten Menschheit wäre. - - -Johann Reuchlin - -Als Lorenzo, der Prächtige genannt, seinen Musenhof hielt, kam mit dem -Grafen Eberhard ein junger Schwabe nach Florenz, der solcher Dinge -ungewohnt den Reichtum und die Bildung der Medicäer scheu und selig -genoß, als ob er wirklich in den Garten Platons gekommen wäre. - -Er fand die Fürstin ihre Töchter lehren und die Knaben glühen im Glück -der Wissenschaft, er lauschte dem Lorenzo im Gespräch der tiefen Dinge -und sah den Traum der Bildung in einer Wirklichkeit erfüllt, die reich -und reif als Ernte der neuen Menschlichkeit schien. - -Als er heimkam in das Land der bürgerlichen Städte und der händelnden -Fürsten, war Johann Reuchlin ein Humanist, wie all die anderen -Schmetterlinge im Junglicht der alten Welt: sie hatten ihre Flügel in -den Goldstaub des Altertums getaucht, da die verschmähte Erde noch im -Glanz der Bildung verklärt war. - -Johann von Dalberg, pfälzischer Kanzler und Bischof von Worms, tat -seine Tür auf, die Schwärmer zu schützen; er holte sie als Lehrer nach -Heidelberg, hielt sie als seine Hausgenossen und ließ sie Feste feiern -in seinem Garten zu Ladenburg. - -Und ob es karg war und einsames Männerwerk, kein Florenz der Frauen, -ob sich im Stubeneifer der Goldstaub verlor: Johann Wessel und der Abt -Trittheim, Agricola, Pirkheimer, Eitelwolf von Steine, sie alle, die -der Geist nicht ruhen ließ im neuen Wind, sie fanden in Heidelberg den -Ankerplatz für ihre Fahrten. - -Auch jene, die sich -- wie Conradus Celtis, vormals Konrad Pickel -- -Wundervögel glaubten, wenn sie den Schopf mit fremden Federn schmückten -und ihren Namen lateinisch oder griechisch wohlklingend machten, -die den deutschen Mund von neuem mit Cicero verstopften und aus der -Weisheit den Dünkel der Gelehrsamkeit quetschten. - -Den Leuchter aber der neuen Wissenschaft trug Johann Reuchlin, der -sich auf griechisch Capnio, das heißt ein Räuchlein nannte; er war als -Bundesrichter in Schwaben von den Ständen und Städten gleich geehrt und -hieß des Kaisers Freund, obwohl er eines Boten Sohn und Singknabe des -Markgrafen von Baden gewesen war. - -Ihm gab Gesundheit rote Wangen und Wohlgestalt; er liebte, was gesittet -und würdig war, und rüstig pflegte er den Ruhm, Maß und Milde aus -Weisheit zu besitzen im Lehren und im Tun: so geriet sein Leben wohl, -bis ihm der Pfefferkorn haßblütig in seine Asche blies. - -Als der getaufte Jude dem Kaiser anlag, die Bücher der Hebräer als -christenfeindlich zu verbrennen, und Reuchlin innig abriet, derlei -zu tun, da fuhr ihm freilich der Zugwind der Zeit in das gepflegte -Silberhaar. - -Hoogstraten, der Kölner Ketzermeister, ließ die Meute los, daß die -Hunde des Herrn den Freund des Kaisers als ketzerisch verbellten: da -achtete der mild gelehrte Mann den Scheiterhaufen gering und hielt der -Meute den »Augenspiegel« vor. - -Und zitterte danach vor seinem eigenen Mut, als ihm die Kölner das -tapfere Buch verbrannten, und schrieb besorgt um einen faulen Frieden. - -Doch trat die schwarze Kunst dazwischen; ob sie in Köln sein kühnes -Buch ins Feuer warfen, die Drucker brachten tausend Bücher für eines -auf den Tisch, und jedes Buch rief einen Mann. - -Die Zunft der Humanisten zog aus für ihren Vater, die Jugend ihrer -Schulen bot den Kutten das Trutzgesicht. - -Johann Reuchlin aber, der solchen Aufruhr ganz wider Willen rief, er -rettete sein Silberhaar mitsamt der Würde und dem Gleichmaß gelehrter -Meinung in ein umhegtes Alter; und lächelte erlöst, als danach der -Mönch von Wittenberg die Meute auf sich zog und starb erschrocken, als -Blitz und Donner die neue Zeit anriefen, der seine Wohlgestalt nicht -mehr gewachsen war. - - -Maximilian - -Es war ein Bischof und Kurfürst in Mainz, Berthold der weise und -strenge; der wollte als Kanzler ein anderes Reich, denn daß die Willkür -im Namen des Kaisers regierte. - -Gesetz und Verantwortung sollten das Reich mit dem Kaiser verbinden; -Fürsten und Stände sollten nicht länger im blutigen Streit ihrer -Machthändel bleiben; der Kaiser sollte Verweser der Reichsmacht, nicht -mehr die oberste Willkür sein. - -Max aber der Kaiser, der letzte Ritter genannt, ritt in das Frührot -der Zeit mit güldenem Panzer und glühender Tartsche, als ob der -staufische Kyffhäusertraum noch einmal Wirklichkeit wäre. - -Er hatte Marie, die Tochter des kühnen Burgunders gefreit und war nach -der reichen Erbschaft in Flandern geritten; er hatte dem König von -Frankreich Streit angesagt wie ein Turnier und hatte die spanische -Krone gewonnen. - -Das Abenteuer war seine Lust, über der Lust aber stand als sein Stern -die Habsburger Hausmacht; der Reichtum der Stände und Städte im Reich -sollte ihm seine Ritter bezahlen, die fürstlichen Herren sollten -Vollstrecker und Zierat ungehinderter Kaisergewalt sein. - -Berthold der Kurfürst war stolz und beständig und Max der Kaiser ein -launischer Herr, sein Kyffhäusertraum war durch den Kanzler gehindert: -in Lindau und Worms auf dem Reichstag standen die Fürsten, Stände und -Städte hart gegen ihn. - -Aber sein Habsburger Hochmut beugte sich nicht, mehr als die Wohlfahrt -des Reiches galt ihm die eigene Hausmacht; kaum daß er den pfälzischen -Feldzug gewann, wies er den Ständen sein Siegesrecht vor: als Berthold, -der strengweise, starb, hatte der Kanzler sein Spiel gegen den -selbstherrlichen Kaiser verloren. - -Über dem Reich lagen die Schatten kommenden Unheils, der Bauer stand -auf und die Bürgerschaft grollte: im güldenen Panzer mit glühender -Tartsche ritt Max, der Kaiser, ins Frührot der Zeit, als ob der -staufische Kyffhäusertraum noch einmal Wirklichkeit wäre. - -Die Humanisten hießen ihn Freund, und die Fahrenden lobten ihn laut, -weil ihn die Unrast plagte wie sie und weil er, seinem böhmischen Vater -ungleich, die Schäbigkeit haßte. - -Von Flandern bis Rom, von Wien nach Burgund staubten die Straßen von -seinen Fahrten, und wo sein Rittertum galt, füllte der Dampf seiner -Rosse die Gassen; das Gold lag nicht locker in seinen Händen, aber -reich wurden die Ehren gegeben, wie er sich selber zu ehren verstand. - -Den Theuerdank hieß er die Ruhmrede eigener Taten, prächtig gedruckt -und mit prahlenden Bildern geziert; da war das ringende Leben der -Völker nur eine Bühne, darüber der Kaiser sein wieherndes Roß ritt. - - -Die Fugger - -Der Sohn eines Webers war nach Augsburg gekommen, zu weben und Handel -mit Leinen zu treiben; eines Ratsherrn Tochtermann wurde er bald, saß -selber im Rat und in der Zunft bei den Zwölfen. - -Den reichen Fugger hießen sie schon seinen Sohn, aber der Reichtum -saß nicht mehr am Webstuhl; sie waren Händler geworden, die Fugger in -Augsburg, und Herren des Handels von Lübeck bis nach Venedig. - -Über den Brennerpaß brachten die Wagen der Fugger den Handelsgewinn -des Morgenlands her, Gold und Gewürze, Seide und Sandelholz; über den -Brennerpaß gingen die Schätze des Nordens, Pelze und Bernstein; wo ein -Handelsplatz war, standen ihre Kontore, und wo ein Handelsgewinn war, -hielten die Fugger das goldene Becken. - -Jakob, der Zweite genannt, hielt Hof wie ein Fürst; immer noch kamen -die Wagen von Norden und Süden nach Augsburg, Ware zu tauschen, aber -die goldene Schreibstube der Fugger war die Goldwaage des Reiches -geworden. - -Nicht mehr die Kaufleute allein kamen als Kunden der Fugger, Grafen -und Fürsten brauchten Silber und Gold und brachten dafür ihre Rechte: -so wurde Jakob der Fugger ein Bankherr, Zins und Segen des Bergbaus -gemächlich zu ernten. - -So wurde Jakob der Fugger ein Ritter; denn keiner lief ihm so eifrig -zu wie Max, der Habsburger Kaiser: das Gold seiner Fahrten und seiner -Pracht floß aus den Quellen der Fugger, so hing er dem Hüter der Quelle -das Adelskleid um. - -Aus Webern wurden die wahren Herrscher der Zeit, weil sie das jüdische -Amt der Goldwaage erbten; tauschen und täuschen galt einmal gleich vor -der Zunft, und der Zins war des Teufels: aus dem Boden des redlichen -Handwerks wuchsen die Fugger geil in das Kraut der Geschäfte. - -Sie zahlten dem Kaiser den Feldzug mit Talern und nahmen dem Volk -seinen Pfennig dafür; sie wurden Reichsgrafen genannt und hatten das -fürstliche Recht, silber- und goldene Münzen zu schlagen; sie wohnten -in Schlössern und ließen die Reichsadler wehen über dem Prunk ihrer -Tage. - - -Albrecht Dürer - -Als Wohlgemut Meister der Nürnberger Schilderzunft war, brachte ein -Goldschmied seinen Knaben zu ihm in die Werkstatt, weil der mit Eifer -und Tränen zur Malerei wollte. - -Albrecht Dürer war er genannt, hielt fleißig die Lehre, obwohl die -wilden Gesellen des Meisters den zärtlichen Lehrling mit Hochmut und -Schabernack plagten. - -Nach seiner Lehre zog Albrecht Dürer gen Colmar, wo Martin Schongauer -Meister der Stichelkunst war; er fand den Meister nicht mehr am Leben, -aber er blieb als Geselle in Colmar, Straßburg und Basel und lernte -so trefflich zu zeichnen, daß Menschen, Tiere und Bäume auf seinen -Blättern leibhaftig dastanden. - -Daß er selber in Nürnberg Meister der Schilderzunft würde, rief ihn der -Vater endlich zurück und hatte ihm auch schon die Hausfrau gesucht aus -gutem Geschlecht. - -Aber der Sohn hob an zu ringen um reicheren Ruhm; er ließ die Frau und -die Werkstatt und fuhr nach Venedig, begierig, die welschen Meister zu -sehen und was sie mehr als die Deutschen vermöchten. - -Da sah er mit Staunen, wie gut sie den Bau des menschlichen Körpers und -die Gesetze der Räumlichkeit kannten: rechte Körper recht in den Raum -zu stellen nach ihrer Bedeutung, das schien ihm danach die Richtschnur, -ein Meister zu werden wie sie. - -Aber er war kein Wechsler, er mußte zurück in die Nürnberger Werkstatt -und mußte durch Mühsal die Wegspur suchen, wo jene mit lächelnder -Leichtigkeit gingen. - -Als er daheim war, fing er mit Holzschnitten an -- Heiligenbilder -machten sie so für die Messen, Bilder geschnitten in hölzerne Platten -und abgedruckt auf geschöpftes Papier -- er aber schnitt die vierzehn -Blätter der Offenbarung Johannis. - -Da thronte inmitten der sieben Leuchter Christus hoch in den Wolken, -seine Hand blitzte Sterne, aus dem Mund ging das zweischneidige -Schwert; da kämpften die Geister im Himmel, und Michael traf den -teuflischen Drachen; da ritten die grausigen Reiter zu viert durch die -brausende Luft, den vierten Teil der Menschheit vernichtend. - -Wirr wie der Troß dieser Träume waren die Striche: zerknitterte Wolken -mit schäumenden Rändern, geringelte Locken, zackige Faltengewänder, -flatternde Engel und wehende Bäume füllten den schwarzweißen Raum -seiner Blätter. - -Da war noch einmal die gotische Welt, der Altar von Isenheim glühte -hinter den Strichen; aber die Sehnsucht des Nürnbergers war auf die -Klarheit gerichtet: wie der Mond aus Gewölk wollte das Werk seiner Hand -in den Sternhimmel steigen. - -Der Sternhimmel stand, und der Mond stieg tapfer hinauf in die ewigen -Räume, aber das krause Gewölk hing ihm an; bis der Tod seine Hand still -legte, rang Albrecht Dürer um Klarheit und blieb in den Wolken der -neblichten Wälder gehindert. - -Rechte Körper recht in den Raum zu stellen nach ihrer Bedeutung, das -blieb seine Satzung: aber die Körper sperrten sich sehr, und der Raum -schwand im Gedränge der Vielheit, bis seinem Alter das Bild der Apostel -gelang. - -Dem evangelischen Wort gleich im Aufruhr der Tage standen sie da und -füllten den Rahmen mit einfacher Größe: alles war recht, Körper und -Raum und Bedeutung, nur das Gewand der Empfindung war auf welsche Weise -gefärbt. - -Zwischen den Zeiten war seiner Seele die Weite verschüttet, Herkunft -und Hingang rangen in all seiner Kunst um die Stärke, weil ihm kein -Füllhorn der Gegenwart Überfluß schenkte. - -Niemals gelang ihm der Guß aus der glühenden Schmelze, wie er dem Altar -Grünewalds Inbrunst, Grauen und Seligkeit gab. - -Aber wie Jakob zwang er den Segen, als er den Stichel ansetzte, die -deutschesten Blätter in Kupfer zu graben. - -Den Ritter zuerst, wie er hinaus ritt von seiner Burg, Tod und Teufel -zum Trotz den Kampfritt zu wagen: da saß er selber zu Roß und war ein -Sinnbild der Zeit, die mit gepanzerten Fäusten dem Geist wider die -falschen Gewalten das Wegrecht zu zwingen gedachte. - -Aber der Geist war in die Fesseln der Frage verstrickt; mit lahmen -Flügeln der Melancholie saß die Mutter der Dinge und konnte der Faust -des Ritters nicht folgen, weil ihre forschenden Augen den Irrweg -erkannten: so war das zweite Blatt seiner Stiche. - -Aber das dritte war dies: im engen Gehäus saß der Greis und schrieb -seine Blätter; da war der Tod nur noch ein Schädel, der im Abendlicht -zwischen den Büchern und Kissen -- der Arbeit und Ruhe -- dem Dasein -gehörte; Reinecke Fuchs und der Löwe, Klugheit und Herrschergewalt -lagen im Schlummer zu seinen Füßen, indessen die gläubige Einfalt ihr -Tagewerk machte. - -Drei Blätter in Kupfer gestochen: aber die alte und neue Zeit, Herkunft -und Eingang des Geistes, waren darin mit deutscher Seele geschrieben. - - -Hans Holbein - -Als Albrecht Dürer in Nürnberg die Melancholie machte, kam Holbein nach -Basel, Sohn eines Malers in Augsburg und selber schon seiner Sache -gewiß. - -Ihm war die Weite nicht mehr verschüttet, und keine Wirrnis der Fragen -hielt ihm den Willen gefesselt; er wollte das Werk seiner kunstreichen -Hände, wie eine Schwalbe den Flug will. - -Den rechten Körper recht in den Raum zu stellen, brauchte er Augen -und Hände, nicht aber das Richtmaß schwieriger Gedanken, weil er ein -Glückskind der Sinnenwelt war. - -Wohl mochte sein Silberstift zart und beharrlich die Dinge umschreiben, -aber zeichnen und malen war ihm wie trinken und essen, und gern hielt -er der Farbe ein lockeres Mahl. - -Das leuchtende Fleisch seiner Hand und Stirn, der rostige Pelz und das -dunkle Tuch einer Schaube, der weiße Saum zierlicher Spitzen, die rote -Glut des Brokats und der Perlenschaum im Geschmeide: alles tauchte sein -Pinsel hinein in den glasklaren Grund seiner Farbe. - -Als er in Basel sein großes Madonnenbild malte, klangen die Farben -wie Glocken; da war die farbige Fülle des Genter Altars von neuem -leibhaftig geworden in einer einzigen Tafel. - -Aber die Basler Bürgerlichkeit war zu karg für die Pracht und die -Fülle; Erasmus, sein spöttischer Gönner und Freund, half ihm nach -England: da wurde Hans Holbein der Maler des Königs und seiner reichen -Hofhaltung. - -Denn Max, der Kaiser, war tot; kein Fürst und kein Fugger konnte dem -Reich den Königshof bauen, der über der Notdurft des Tages der Kunst -eine Stätte bereiten, der den prahlenden Reichtum zur edlen Zier -hinlenken sollte. - -Machtgier und Habsucht hielten das Gold in schäbigen Händen, und wenig -fiel ab von den Tischen, daran die Bürgerschaft längst übersatt saß. - -Nur die Kaufleute drüben im Stahlhof wurden von Holbein gemalt; die -Erbherren der Hansa brachten die Tafeln als köstliches Gut zurück aus -der Fremde. - - -Erasmus - -Ein blasses blondhaariges Männchen, Sohn einer läßlichen Liebe zu -Rotterdam, aus klösterlicher Jugend mühsam befreit und in Paris den -kahmigen Wein scholastischer Wissenschaft trinkend, hatte sich selber -Erasmus, das ist der Ersehnte, genannt. - -Vorzeitig aus dem Nest gefallen, grämlich begönnert und auf die Gunst -seiner Gaben gestellt, fand er beizeiten den sauren Witz; und wo die -Humanisten mit Bienenfleiß die Waben bauten, war er die Wespe an den -Früchten. - -Ob sie in Frankreich oder England hingen, in Florenz oder in Basel, -sein Vaterland war überall, wo sich gescheite Köpfe an seiner witzigen -Vernunft erfreuten, wo die Poetenschulen der Humanisten ihm Weihrauch -schwangen. - -So war Erasmus viel und fehl erfahren, als er sein Büchlein vom Lob der -Torheit drucken ließ, das bald wie keines auf den Messen Europas hing. - -Aus Überdruß geboren und im Spott getauft, hielt Moria, die Torheit -selber, dem Abendland dreist ihren Spiegel vor. - -Alle Stände ließ sie ihr Zerrbild sehen, die jungen und die alten -Gecken am Gängelband der Frauen, Gelehrte und Rhetoren, Schulmeister, -Fürsten, die das Volk betrogen, und das Volk selber, das sich willig -betrügen ließ. - -Alle mußten dem lachenden Leser erst ihren Bocksprung machen, bis mit -den Kutten das große Fastnachtsspiel der Torheit begann: - -Die Theologen mit den gebleichten Fahnen ihrer Spitzfindigkeit, die -dreisten Bettelmönche und die Possenreißer der Kanzel, Bischöfe und -Prälaten im Fett der Pfründen, der Statthalter Christi selber mit der -dreifachen Krone, im Troß der Schreiber, Stallmeister, Advokaten die -Schafe der Kirche scherend. - -Kein Sittenprediger aber schliff der Torheit den Spiegel so blank, -ein Schalksnarr nur, der viel zu listig war, den Spiegel selber der -Fastnacht hinzuhalten, und viel zu lustig im Geklingel seiner Schellen, -als daß nicht alle der dreisten Späße lachten. - -Da hatte die Kirche die Tollheit kreuzfahrender Völker bestanden und -hatte den Kampf mit dem Kaiser gewonnen, sie hatte die Ketzer verbrannt -und den Reichtum der Länder in ihre Klöster getan: nun lockte ein -listiges Männchen zu Basel den Leviathan hervor. - -Ein Jahrtausend war er zur Weide gegangen, die Abendländer zu fressen; -als er sich hinlegen wollte, um zu verdauen, stak ihm die Distel im -Hals, daß er sich würgte. - -Da sahen sie alle die Ohren und hörten die Stimme und lachten das -Ungetüm aus, weil der Leviathan doch nur der Esel war. - - -Ulrich von Hutten - -Er war mit siebzehn Jahren dem Stift in Fulda entlaufen und als Scholar -ein Fahrender geworden; doch auf den hohen Schulen in Deutschland und -Italien hieß Ulrich von Hutten längst ein Poet. - -So blank war sein Latein in Reime gebracht, daß sich die Humanisten -allerorten des abenteuerlichen Jünglings gern annahmen, wenn er in -schlechten Kleidern und zerrissenen Schuhen an ihre Tür zu klopfen kam. - -Catilina habe von Cicero, so hieß es, keine schärfere Schmach -erfahren, als der Herzog in Württemberg von ihm erfuhr, da Hutten die -Ritterschaft aufrief, den Mord an seinem Vetter Hans zu rächen. - -Den hatte der Herzog auf der Jagd treulos erschlagen, weil die Frau -des Ritters die Buhlin des Herzogs war; Ulrich von Hutten ruhte nicht -mit seiner Feder, schärfer als alle Schwerter seiner Sippe, bis er den -Herzog von Land und Fürstentum brachte. - -Noch aber war der Kranz auf seiner trotzigen Stirn nicht welk -- -der Kaiser selber ließ ihn zum Dichter krönen, und die Tochter des -gelehrten Ratsherrn Peutinger in Augsburg band ihm den Lorbeer -- als -Ulrich von Hutten sich eines größeren Gegners vermaß. - -Weil sich das Kölner Pfaffentum an Reuchlin vergriffen hatte, -flatterten aus Mainz die Briefe der Dunkelmänner in die Welt, den -Humanismus an seinen Lästerern zu rächen; und jedermann erkannte, daß -Hutten ihr frecher Spottvogel war. - -Es war dies aber zu der Zeit, als Luther den christlichen Adel -deutscher Nation fürs Evangelium aufrief; der Mönch in Wittenberg -schrieb Deutsch und kein Latein der Humanisten: da mußte auch der -Ritter deutsche Antwort geben. - -Denn nun hieß Ulrich von Hutten kein Landfahrer mehr; er war dem -Reichsritter Sickingen auf seine Ebernburg gefolgt und hatte die Faust -gefunden, seine Fackel zu halten. - -Als das Gesprächsbüchlein Herrn Ulrichs von Hutten gedruckt erschien, -da ritt der deutsche Ritter ins römische Revier, so gegen Tod und -Teufel gewappnet, als ob der Kupferstich des Meisters Albrecht Dürer -Erscheinung geworden wäre. - -Sie hatten eine Druckerpresse auf ihrer Herberge der Gerechtigkeit, -die beiden Ritter, davon der eine vordem ein landfahrender Humanist, -der andere ein kaiserlicher Feldhauptmann gewesen war: nun hielten sie -Halbpart als Herz und Hand der deutschen Ritterschaft. - -Nun träumten sie den frühesten Traum des deutschen Reiches gegen Rom: -ein Reich wie vormals auf den Stand der Freien so auf den Ritterstand -gegründet, der hinter sich das Volk und vor sich ohne Fürsten- und -Bischofsgewalt den Kaiser der Deutschen habe. - -Aber Max, der Kaiser, ritterlichem Ruhm rechtschaffen zugewandt, war -in den zuckenden Blitzen der neuen Zeit gestorben; und Karl der Fünfte -schleppte die Last der halben Welt auf seinem Rücken. - -Er war in Spanien daheim und kannte Deutschland nur als Wallburg seiner -Weltherrschaft; auch brauchte er für seinen Krieg in Frankreich die -Fürsten und den Papst nötiger als deutsche Ritter. - -Der Sickingen schlug los, schon krank und grämlich von der Gicht, aber -die Hand war nicht so stark, wie sie das Herz gedacht hatte: all seine -Burgen wurden ihm berannt, mit seiner Feste Landstuhl fiel Franz von -Sickingen seinem Todfeind, dem Bischof Greiffenklau von Trier, tödlich -verwundet in die Hände. - -Der hitzige Morgentraum der deutschen Reichsritterschaft war -ausgeträumt, als Luthers Tag anfing. - -Die Reichsritterschaft zu wecken, war Ulrich von Hutten vergeblich nach -Schwaben ausgeritten; weil er nicht mehr heimreiten konnte, stieg er -ab vom Roß, aus einem Ritter gegen Tod und Teufel ein Landfahrender zu -werden, wie er vormals war, nur daß ihn jetzt die Hunde der Päpstlichen -hetzten. - -Da war auch dem Erasmus in Basel die Bekanntschaft zu bedenklich; -häßlich aus der Stadt verwiesen, todkrank und seines Lebens satt, trat -Ulrich von Hutten mit schlechten Kleidern und zerrissenen Schuhen bei -dem Prediger Zwingli in Zürich an. - -Der nahm den schlimm Gehetzten in Güte auf und gab ihn dem Johannes -Schneck in Pflege, der auf der Insel Ufenau im blauen Zürichsee -Pfarrhalter und heilkundig war. - -Nur vierzehn Sommertage fraß die Krankheit noch an dem Lebensrest, -darin die Glut der Zeit wie Zunder brannte; dann starb Ulrich von -Hutten, der fürwahr ein Fahrender, ein Reiter ohne Roß, ein Herz ohne -Hand, und einmal ein Ritter gegen Tod und Teufel war. - -Als der deutschen Freiheit Verfechter aber ritt sein geharnischtes -Bildnis auf dem Gesprächbüchlein noch lange durch die Hoffnung der -Herzen mit seinem Trutzwort: Ich hab's gewagt! - - -Der Mönch von Wittenberg - -Das Lob der Torheit lachte in den Späßen des Erasmus; der Humanismus -zahlte den Scholasten den letzten Schimpf; Leo der Medicäer war Papst, -und Kaiser Maximilian, der letzte Ritter, starb als die unruhvolle -Spindel verblaßter Herrlichkeit: da schlug zu Wittenberg in Sachsen die -Stunde der neuen Zeit. - -Ein Mönch hob seinen Hammer, das Mauerwerk zu prüfen, darauf im Namen -Christi die stolze Gralsburg der Kirche gebaut war; ein Augustiner rief -im Gottesstaat der Priester die Losung der deutschen Seele aus; ein -Bergmannssohn aus Sachsen trat in den Rat der Fürsten, das Reich von -Rom zu lösen. - -Er hatte Welt und Würde abgetan nach harten Jünglingsjahren und -schmerzensreich in seiner Zelle um Gott gerungen, bis sein Gewissen den -Trost der Schrift, sein Glaube den Gnadenquell der Liebe fand. - -Von seinem Orden als Lehrer nach Wittenberg gesandt, fand seine Predigt -das Ohr des Volkes, und die Inbrunst seiner Lehre zog viel Schüler an, -als ihm der Ablaßhandel Predigt und Lehre störte. - -Sie schlugen ihre Buden auf gleich Kirmesleuten, mit Höllenpein und -Fegfeuer das Christenvolk zu schrecken, mit gotteslästerlichem Witz -die Gläubigen zu betrügen, daß sie für einen Groschen den Ablaß ihrer -Schuld und die Vergebung ihrer Sünden kauften. - -Als aber Tetzel sein Marktgeschrei in Jüterbog anhob, so daß dem -Doktor Martin Luther seine Beichtkinder in Wittenberg die Ablaßzettel -brachten: da schwoll dem Doktor der gottbemühte Geist im Zorn um diesen -Seelenhandel. - -Er schlug seine Thesen an die Schloßkirchentür, mit jedem in der Welt -zu streiten: daß die samt ihren Meistern zum Teufel führen, die durch -den Groschen für einen Ablaßbrief vermeinten, der Seligkeit versichert -zu werden. - -Es sollte nur eine Streitschrift sein, dem Ablaßhandel zu begegnen, -aber es wurde eine Botschaft Gottes daraus; denn wie Gewässer von den -Bergen, so fing die Hoffnung an zu rinnen, daß hier ein Herold des -Heliands die Wiederkunft verkünde. - -Noch schien dem Medicäer der Handel nur Mönchsgezänk; Rom drohte -mit dem Finger, die Dreistigkeit zu dämpfen: es sandte Cajetan, den -Kardinal, und danach Miltitz, den Kammerherrn; und was der eine -hochmütig in die Grube warf, das scharrte der andere mit Taubenklugheit -wieder aus. - -Schon schien der Trotz des Mönches in Milde eingepackt, da sprang der -Schwabe Johann Eck dazwischen mit seiner Feuerzange. - -Der hielt sich für den Kirchenvater der neuen Zeit, und er gedachte, -mit Gelehrsamkeit den Mönch zu packen, als er den Kühnen nach Leipzig -rief, ihm Antwort zu geben auf seine frechen Thesen. - -Da focht die fauchende Scholastik den letzten Hahnenkampf; durch -zwanzig Tage sprangen die Kämpfer an und ließen Federn, bis der Schwabe -zerrupft abfuhr nach Rom, sich einen neuen Dorn zu schärfen. - -Der Bannstrahl, der den Salier barfüßig nach Canossa brachte und der -dem Hohenstaufen das Henkerbeil zückte, der die Stedinger ausbrannte -und den Scheiterhaufen in Konstanz flammen ließ: mit dem traf nun der -Medicäer den Mönch in Wittenberg. - -Seines Sieges sicher brachte der Schwabe selber die Bannbulle mit; doch -war indessen der Doktor Luther hoch in der Gunst gestiegen, und seine -Sendschreiben hatten den deutschen Zorn gezückt. - -Nicht mehr dem Tetzel galt der Zorn und nicht mehr dem Ablaßhandel, -den Kutten nicht und nicht mehr den Ketzerrichtern, dem Wohlleben der -Bischöfe und der Priesterverderbnis: er galt der dreifachen Krone der -römischen Kirchengewalt. - -So konnte der Mönch in Wittenberg wagen, was Jesus von Nazareth tat, -da er im Tempel die Tische der Wechsler umwarf und seinen Wehruf über -Jerusalem sprach. - -Ein Wintertag klang in den Schritten der Männer und Schüler, die ihm -vor das Elstertor zum verwegenen Hochgericht folgten; ein Wintertag -füllte den Himmel mit frostkaltem Licht, als sie den Holzstoß -ansteckten, daß die zuckenden Flämmchen sich einten zur Flamme, die -steil und stolz auf dem Opferaltar stand. - -Da trat er vor in den Kreis, Magister und Mönch in der Kutte und -Machthaber der ewigen Gleichung; da warf er die päpstliche Bulle hinein -in das Feuer, das uralte Sinnbild der Entsühnung, und sprach das Wort -aus Josua: Weil du den Heiligen des Herrn betrübt hast, so betrübe und -verzehre dich das ewige Feuer! - -Der gerichtet war im päpstlichen Spruch, stand richtend vor seinen -Richtern; nicht ihren Irrtum allein verwarf er, er verwarf ihren -Grund im Gesetz: mit der Bulle verbrannten die Bücher der kirchlichen -Herkunft, verbrannte im Holzstoß des eifernden Doktors das kanonische -Recht der römischen Kirche. - -Nie hatte einer so Kühnes gewagt, seitdem es römisches Kirchentum -gab; die Flammen fraßen sich fröhlich hinein in die Schrift des -tausendjährigen Reichs; eine gläubige Schar stand dem Tollkühnen bei -auf dem Rand der brennenden Welt. - - -Der Reichstag zu Worms - -Auf einem Rollwagen fuhr er zum Reichstag, und das Volk lief ihm zu, -der so Kühnes vermochte, die Städte holten ihn ein mit Reitern, und -die Räte begrüßten ihn vor den Toren: gleich einem Schatz von Hand zu -Hand weitergereicht, fuhr Martin Luther durchs deutsche Land in zwölf -Reisetagen. - -In Eisenach wurde er krank, und die Raben vom Kyffhäuser flogen herbei, -seine Kühnheit zu warnen; aber er hob den widerspenstigen Leib in den -Willen und verscheuchte die unholden Vögel. - -Wenn sie ein Feuer machten von Worms bis hierher, ich müßte hindurch; -und wenn soviel Teufel da wären wie Ziegel auf den Dächern, ich wollte -hinein! - -Ein Frühlingstag tat sich auf aus dem neblichten Morgen, als er -einzog durch das drängende Volk der brausend erfüllten Stadt: kein -Hosiannahgeschrei, staunende Furcht und hitzige Hoffnung stritten um -ihn; aber in seiner Herberge kamen und gingen die Ritter bis in die -Nacht, das deutsche Gewissen mit Schwert und Handschlag zu grüßen. - -Dann stand der Mönch am anderen Morgen allein in der bänglichen Stille, -wo die Brandung verstummte und die Strudel der schweigenden Ehrfurcht -den Kaiser umkreisten. - -Er sah das Jünglingsgesicht blaß wie seines und beinern vor den -purpurnen Tüchern; denn Fackellicht füllte die Halle mit dem -schwelenden Spiel rötlicher Lichter und raunender Schatten. - -Vor die Fürsten und Stände des Reiches war er gerufen, aber er stand -vor dem Schlagbaum der Kirche, die nichts als den Widerruf wollte. - -Die Stimme der gläubigen Seele traf an das Ohr der römisch-deutschen -Entscheidung; sie hob die flatternden Flügel, über den Schlagbaum zu -fliegen, und in die kreisende Stille scholl ihr bänglicher Ruf. - -Bis sie die Häupter der Fürsten und geistlichen Herrn und das beinerne -Antlitz des spanischen Jünglings umschwebte, der die Krone der -Habsburger trug: da waren der Ohren zu wenig, trotzdem es Tausende -hörten, da war der Reichstag das Reich. - -Ein todblasser Mönch ließ seine zuckende Seele aus dem römischen Käfig -den ersten Flügelschlag tun: im Gewissen allein war Gott, nicht in der -Fürbitte bemalter Heiligenbilder, nicht im Ablaß abgewogener Bußen, -nicht im blinkenden Gold und im Sühnegesang lateinischer Messen, nicht -in den Listen und Lüsten päpstlicher Schlüsselgewalt. - -Der Heliand wachte auf in den Herzen der Hörer; sie sahen die -schwebende Stimme und fühlten die nahenden Schritte im Schlag der -schwingenden Flügel: der in den Himmel gefahren war aus dem Hader -enttäuschter Hoffnung, der Heliand kam wieder herab auf die Erde. - -Aber der spanische Jüngling, der deutschen Sprache unkundig, verstand -nicht die Stimme; er sah nur den Mönch vor dem Schlagbaum der Kirche; -er wollte den Widerruf hören, weil er den Papst samt den Fürsten und -Knechten der Deutschen für seine Machthändel brauchte. - -Wie einst der Landpfleger tat, wusch er die Hände im silbernen Becken; -aber Friedrich der Weise von Sachsen, der treue Eckart des Reiches, gab -seinen Schützling nicht preis, und die Schwerter der Ritter hielten -geheime Wacht, daß dem deutschen Gewissen kein römisches Unrecht -geschähe. - -So brannte kein Holzstoß in Worms wie vormals in Konstanz; bei -Nacht und Nebel entwich Aleander, Roms listenreicher Legat, aus der -störrischen Stadt, indessen der Mönch durch das festliche Volk, von -Rittern und Knappen geleitet, als Sieger nach Wittenberg fuhr. - -Wohl flogen die unholden Vögel krächzend um seinen Wagen, die -Reichsacht lief hinter ihm her, den Ketzer zu fangen; aber Kirche und -Kaiser vereint vermochten dem Kühnen nichts mehr, weil der Heliand -gewaltigen Schrittes umging im Reich und die deutsche Seele ihm zulief -in unübersehbaren Scharen. - - -Die deutsche Bibel - -Sie taten dem Mönch ein Junkerkleid an mit Sporen, Gürtel und -Schwert, indessen sein Rollwagen leer aus dem bangen Geheimnis des -Thüringerwaldes nach Wittenberg kam. - -Auf der Wartburg saß Luther in gütiger Haft, Feinden wie Freunden -verborgen -- und die Raben flogen vergebens -- den Deutschen die Bibel -zu schenken. - -Da wurde dem Baum der römischen Kirchenverderbnis die Axt an die Wurzel -gelegt: wohl blühte die heilige Schrift von Demut und Güte und von der -barmherzigen Liebe, aber kein Schaumgold der dreifachen Krone lag auf -den Zweigen, nicht Klöster und Mönche gab es darin, nicht Ablaß und -Fegefeuer, nicht Seelenmessen und Bann, Kreuzzüge und Ketzerverbrennung. - -Auch hatten scholastische Mönche noch nicht den Irrgarten verklügelter -Deutung um den Baum des Lebens gezirkelt mit künstlich verschorenen -Hecken und listig verriegelten Türen. - -Noch war das Reich Gottes inwendig und nicht im Ornat gottesstaatlicher -Großen: Gott kam ins Kämmerlein gläubiger Einfalt, statt in den -Schatzkammern prunkender Dome als ewiges Irrlicht zu wohnen; und im -Gewissen allein quoll der Brunnquell göttlicher Gnade. - -Da war der Heiland der Sohn einer Magd, im Stall und in Armut geboren; -er suchte auf Märkten und Straßen des Landes das Volk, statt in den -Räumen der Reichen zu rasten. - -Da war das Wort noch die Saat, in gläubige Seelen gesät, und die Lehre -kein Priestergeheimnis, im Weihrauch rauschender Messen zum geistlichen -Schauspiel gemacht. - -Da war Gott noch ein Geist, wohnend im reinen Gewissen, und wer ihn -anrief in Wahrheit, den machte er selig und stark in der Seele, aus der -leibhaftigen Notdurft den Weg der Allmacht zu finden. - -Da kam die Seele zu Gott wie ein Kind, dem Vater vertrauend in -lächelnder Liebe, und sprach in einfachen Worten mit ihm wie die Jünger -zu Jesus, und glaubte das Gleichnis der Gnade und bewegte den Sinn -gleich Maria im feinen, gläubigen Herzen. - -So stand das Wort in der Schrift und war in den Sarg der lateinischen -Sprache gelegt; der Junker Jörg auf der Wartburg zerbrach den gläsernen -Deckel, er weckte den Scheintoten auf und hieß ihn wandeln im Tag der -deutschen Beseelung. - -So wurde der Heiland geboren, wo der Heliand starb; kein Königssohn -mehr mit Recken und Degen: der Mühseligen Freund und der Beladenen -Tröster, lächelnd von Liebe und Weisheit, urvertraut im Klang und Sinn -der eigenen Sprache. - -So kam im deutschen Gewissen die christliche Freiheit zur Welt, -gottselig eins im Trachten und Tun, im Denken und Dichten des ewigen -Daseins, und tapfer im irdischen Tagwerk. - -Die dreifache Krone prahlte im Glanz des Augustus; die Humanisten -holten den Hades herauf; der Zimmermannssohn ging ein in die Häuser und -Hütten, die Heimat der Seelen zu künden: Jesus von Nazareth wurde im -deutschen Gewissen der Heiland der Welt. - - -Philipp Melanchthon - -Er war ein Großmutterkind; denn sein Vater, des Pfalzgrafen -Waffenschmied Schwarzerd in Bretten, starb früh; aber die Großmutter in -Heilbronn war die Schwester von Reuchlin: so wuchs der bläßliche Knabe -im Griechentum auf und nannte sich selber Melanchthon. - -Mit dreizehn Jahren Student, mit siebzehn Magister, galt er ein Wunder -frühreifen Geistes; als ihn der Kurfürst von Sachsen nach Wittenberg -rief, war seine Gelehrsamkeit berühmt an den Schulen wie die des -Erasmus. - -Er war in Hellas zuhaus, als ob er gestern aus dem Garten Platons -gegangen und durch einen Zauber in Schwaben aufgewacht wäre; aber die -Kraft und Schönheit des griechischen Leibes war nicht mit durch den -Zauber gekommen. - -Als er in Wittenberg ankam, schmächtig und schüchtern, war Luther -erschrocken, daß dies der von Reuchlin gepriesene Lehrmeister wäre; -bald aber sah er den reichen Geist im kargen Gehäuse: wie einen -jüngeren Bruder gewann er ihn lieb, zärtlich besorgt und ehrlich -bewundernd. - -Denn Philipp Melanchthon war nicht erwacht, daß er ein griechischer -Träumer aus Schwabenland bliebe; ihm hielten die fremden Gewänder der -Sprache den Geist nicht verhüllt, und wo Platon lebendig war, konnte -das graue Gespinst der Scholastik nicht bleiben. - -Er hatte in Leipzig dem Hahnenkampf zugehört, da Luther und Eck mit -den Worten der Kirchenväter einander bestritten; aber er kannte den -Urtext und sah das Quellwasser der alten Berichte im Kirchengebrauch -getrübt und unrein gemacht. - -Und weil ihm Luthers gläubige Kraft Entschlossenheit gab, nahm er den -Text der heiligen Schrift als Gesetz, die Lehren der Kirche und ihre -Gebote ernst und besonnen zu prüfen. - -Wie der Gärtner einen verwilderten Baum mit kundigen Händen erneut, die -geilen Triebe dem Fruchtreis zuliebe beschneidet, den Krebs und die -Flechte ausrottet, so kam sein Messer, den üppigen Wildwuchs der Kirche -zu lichten. - -Wo aber die Krone zu kahl wurde, gab Luther ein Edelreis her von seinem -paulinischen Glauben. - -So wirkten die Männer in Wittenberg gut ineinander, der mutige Mönch -und der milde Magister: inbrünstiger Glaube und starkes Gewissen gingen -der Schärfe und Freiheit des Geistes zur Hand, Griechen- und Deutschtum -ließ der erschütterten Christenheit den neuen Lebensbaum wachsen. - - -Ulrich Zwingli - -Er kam von den Bergen im Toggenburg; wie das weiße Gewölk im blauen -Himmel der Heimat, wie die saftgrünen Matten und die hurtigen Quellen, -indessen die reinen Firnen die zackige Ferne begrenzen: so aus dem -Jungbrunnen war seine Seele gestiegen. - -Sein Vater war Ammann; wie Abraham einst hatte er Weiden und Vieh und -Raum, acht Söhnen das Ihre zu geben; aber er war auch ein Schweizer, -der in der Eidgenossenschaft die trotzige Freiheit der Väter bewahrt -sah: ihm dankte der Sohn den aufrechten Nacken. - -Als er mit jungen Jahren schon Pfarrer in Glarus war, zog er tapfer -hinaus mit dem Haufen der Glarner; bei Marignano deckte sein -Pfaffenkleid nicht weniger Mut als ein Harnisch. - -Aber er sah den Reislauf mit Grimm und wie die Schweizer ihr Blut um -schäbiges Gold auf den fremden Markt brachten; er rief den Stolz der -reichen Geschlechter, und als sie nicht auf ihn hörten, ging er mit -feuriger Rede ans niedere Volk. - -Darüber kam er in Streit mit den Großen, er mußte die Pfarre in Glarus -verlassen, als kleiner Vikar in Einsiedeln neu zu beginnen: aber da -fand er das Schrittmaß, sein Leben größer zu schreiten. - -In Einsiedeln las er die heiligen Schriften, wie sie Erasmus von -Rotterdam ans Licht gebracht hatte; so zog seine Predigt das reine -Gewand des Evangeliums an. - -Als ihn die Züricher danach als Prediger holten -- im -dreiunddreißigsten Jahr seines hurtigen Lebens -- war Ulrich Zwingli -ein Jungmann im Priestergewand, wie Saul war, da Samuel den Hirten als -König in Kanaan salbte. - -Indessen Luthers gewaltiges Wort das deutsche Gewissen wachrief, -indessen Hutten mit glühender Feder das Reich gegen Rom hetzte, ging -Zwingli den aufrechten Gang des Schweizers zu praktischen Zielen: - -Er wollte den Staat als Christengemeinschaft, aber die Schrift, -nicht die Kirche sollte der Macht Rechtfertigung geben; wie in der -Urväterzeit alemannischer Herkunft sollte die freie Gemeinde sich -selber Gesetz und Geltung bedeuten. - -So wurde der Sohn des Ammanns aus Toggenburg im Predigerrock Träger der -Staatsgewalt. - -So wurde in Zürich der rauschende Prunk der römischen Kirche vor die -Türe gekehrt; so mußten die Klöster Schulen und die Chorherrn Lehrer -sein; so wurde das Münster, von Messe und Weihrauch und Wallfahrt -gereinigt, der Saal der Gemeinde, und der Priester war nur noch ihr -Sprecher. - -So sank die Hülle des Morgenlandes hin von der neuen Christengemeinde; -die deutsche Seele blieb tapfer dabei, die christliche Erbschaft zu -halten, aber sie wollte der Lehre die eigene Ordnung, Haltung und Würde -geben. - -So wurde in Zürich der evangelischen Freiheit die erste Stätte -bereitet; Basel und Bern traten der Mutigen bei; und dies war der -kühne Traum Zwinglis, daß die Eidgenossenschaft trotz Fürsten- und -Kirchengewalt rundum das Freiland christlichen Menschentums würde. - -Aber die Bauernschaft in den Bergen wollte dem Beispiel der Bürger -nicht folgen, und die Gewaltherren der Reisläuferschaft in Zug und -Luzern, Unterwalden, Uri und Schwyz ergriffen heimlich die Habsburger -Hand, mit fremder Söldnermacht gegen die Städte zu ziehen. - -Da wurde der Bund der Väter gebrochen, da kamen die Eidgenossen zum -Krieg, den die evangelischen Bürger gegen die katholischen Waldstätten -bei Kappel kläglich verloren. - -Zwingli, das Wort, blieb der Tat treu und zahlte mit seinem kostbaren -Leben; bei seinem Häuflein erschlagen, lag er im blutigen Anger, bis -seine Feinde das klare Antlitz erkannten und seinem Leichnam das -Ketzergericht hielten. - -Gevierteilt, verbrannt, als Asche verstreut in den Wind: ging der -edelste Schweizer ein in das reine Gedächtnis. - - -Der Bauernkrieg - -Kaiser und Kirche hatten einander bestritten, aber sie waren die -starken Machthalter der Welt; nun sahen die Völker die Stärke schwach -werden, und aus den Tiefen der Unterdrückung hob die Freiheit die -drohenden Fäuste. - -Was in Zürich durch Zwingli geschah, konnte im Reich nicht werden: -hart lag die Bischofs- und Fürstengewalt auf dem Bürger, der Bauer war -höriger Untertan seines Ritters. - -Ihm konnte die Freiheit in Christo nicht in sein unfreies Dasein -leuchten, ihm mußte die Predigt von Wittenberg die Schwarmgeister -irdischer Hoffnung wecken: Karlstadt und Münzer waren seine Propheten, -sein Evangelium wurde der Aufruhr. - -Indessen der Junker Jörg auf der Wartburg die deutsche Bibel zu -schreiben begann, war Karlstadt in Wittenberg mächtig geworden: er -sah die Kirchengebräuche an als Wohnung des Teufels und war mit Eifer -dabei, sie zu zerstören. - -Messe und Klosterdienst, Beichte und Bilderverehrung, das Eheverbot und -die Geltung des geistlichen Standes griff er mit hitzigen Schriften und -heftigen Predigten an. - -Auch kamen nach Wittenberg Männer, aus Zwickau vertrieben, die glaubten -und lehrten in hitziger Einfalt die Freiheit der Seele, die selber und -immer in Gott sei und weder der Schrift noch einer lehrbaren Deutung -bedürfe, um selig zu werden. - -Der gefährlichen Predigt zu wehren, zog Luther sein Junkergewand aus; -Bann und Reichsacht zum Trotz kam er zurück, sein mächtiges Wort gleich -einem Damm vor das leckende Feuer zu werfen. - -Ihm mußten die Zwickauer Schwärmer aus Wittenberg weichen; aber die -hart Vertriebenen nahmen den Feuerbrand mit, sie zogen hinaus in die -süddeutschen Länder: bald fingen die Dörfer in Thüringen, Franken und -Schwaben hell an zu brennen. - -Da fraß die Lehre der Freiheit das faule Gebälk der Obrigkeit nieder, -da griff die Gleichheit vor Gott die irdische Hörigkeit an, da rief -der Schwarmgeist den Bauer zur Bruderschaft auf, sein Menschenrecht zu -erzwingen. - -Die zwölf Artikel hieß das Gelübde, darauf sie den Bund schworen, -darauf die Bauern den Krieg gegen die Fürsten und Ritter begannen. - -Sie wollten nicht länger leibeigen bleiben und nicht mehr den Zehnten -bezahlen; wieder wie einst sollte das Land der freien Gemeinde gehören; -Holz, Fischfang und Jagd sollten für jedermann frei sein; das Recht -sollte wieder im deutschen Herkommen stehen statt in der römischen -Rechtssatzung; auch wollten sie selber die Prediger wählen. - -Wo es am meisten verschüttet war, stand Menschenrecht auf; der alte -Bundschuh wurde lebendig, den die Ritterfaust niederschlug; noch einmal -sein Blut an die Freiheit zu wagen, war der Bauer bereit, und die -Bürgerschaft rief ihm zu, daß seine Sache gerecht sei. - -Schwarz, rot und weiß war die Fahne, die Hans Müller von Bulgenbach -trug, als er in Waldshut die blutige Kirchweih begann; bald wehte sie -siegreich in Schwaben: die Herren mußten sich beugen, und wer sich -nicht beugte, den jagten die Bauern durch ihre Spieße. - -Da fiel die Furcht der Vergeltung in reiche Gemächer: Fürsten und -Bischöfe schworen, die zwölf Artikel zu halten; als auch in Franken -die schwarzrotweiße Fahne von den Kirchen und Rathäusern wehte, stand -hinter dem Aufruhr ein neues Reich und wollte Wirklichkeit werden. - -Ein neues Reich, auf den Willen des Volkes statt auf die Willkür -der Fürsten und Herren gegründet: wohl sollten die Stände bestehen, -aber nicht Vorrechte haben; die Geistlichen sollten die Hirten der -Christengemeinde, nicht mehr die weltlichen Herren der Kirchenmacht -sein. - -So war der Plan, und die verschüttete Freiheit des Volkes hob ihre -Fäuste, ihn zu erfüllen; aber die Schwarmgeister mischten die Brunst -ihrer unreinen Machtgier hinein. - -Thomas Münzer hieß der unselige Mann, der sein blutiges Wahnreich in -Thüringen träumte, der mit dem Schwert Gideons kam, Fürsten und Pfaffen -den Reigen der Rache zu tanzen. - -In Mühlhausen hielt er gleich einem König der Juden Gericht über die -Heiden; wo seine grausamen Haufen erschienen, rauchte das Blut der -erschlagenen Leiber im Brand der Klöster und Burgen. - -So sah Luther die Saat aufgehen im Unkraut; er wollte die christliche -Freiheit allein im Gewissen, nun schrie sie Gewalt und war Aufruhr: zum -andernmal schwoll ihm der Zorn, und wie er den Ablaß der Kirche mit -groben Worten verdammte, verdammte er nun den Aufruhr der Bauern. - -Totschlagen gleich tollen Hunden hieß er die Bauern; und wie seine -mächtige Stimme erschallte, so hoben die Fürsten das Schwert: Philipp -von Hessen und Truchseß von Waldburg kamen mit Harnisch und großem -Geschütz gegen den Aufruhr gezogen. - -Sie fanden die Haufen der Bauern uneins im Streit ihrer Führer; durch -die erfahrene Feldkunst der Herren einzeln geschlagen, mußten sie -überall weichen: so wurde das harte Wort aus Wittenberg wahr. - -An ihren Dörfern wurde der Brand der Klöster und Burgen gerächt, an -ihren Leibern das Blut der erschlagenen Ritter; hundert mußten ins Gras -um einen, und ehe der Henkertod kam, hatte die Folter gequält. - -So ging der Bauernkrieg aus unter dem Galgen; die aber das Blutgericht -überstanden, wollten nicht mehr das Wort von Wittenberg hören: die -Freiheit in Christo war ihnen ein höhnischer Traum, davon sie die -grausame Wirklichkeit sahen. - - -Marburg - -Als die Bauern im Reich ihre Freiheit begruben, war Zwingli noch -Meister in Zürich; aber dem zornigen Luther galt er ein Schwärmer wie -Karlstadt und seine Zwickauer Gesellen. - -Gleich diesen hielt er das Abendmahl in der Gemeinde, dem Herrn zum -Gedächtnis; sie brachen das Brot und tranken vom Wein, wie Jesus den -Jüngern befahl, sie waren des Wortes gewiß und seiner tiefen Bedeutung. - -Aber sie wollten nicht länger im Wunderglauben der Kirche beharren, -daß sie das Brot und den Wein in den Leib und das Blut des Erlösers zu -verwandeln vermöchte: sie sahen ein Sinnbild und ließen das Liebesmahl -gelten, aber sie glaubten kein Sakrament mehr. - -Mit polternden Worten fuhr Luther in ihre Meinung und fachte Streit an, -wo Einigkeit notwendig war; denn noch stand die römische Kirchenmacht -willens, die Ketzer zu verbrennen, und die Habsburger Hand drohte, dem -Willen mit ihrer Macht beizuspringen. - -Manche Fürsten und viele Städte waren der neuen Lehre geneigt, doch -der Reichstag zu Speyer gab ihrer Gunst den bösesten Abschied: der -spanische Kaiser hatte den Papst gefangen und Rom plündern lassen, aber -er war der gehorsame Sohn der Kirche geblieben und wollte die Ketzer -ausrotten. - -Philipp, der Landgraf von Hessen, sah die Gefahr und wollte ein Bündnis -der Schwerter, die evangelische Lehre zu schützen; daß ihre Bekenner -nicht schwach durch Uneinigkeit wären, lud er die feindlichen Brüder, -Luther und Zwingli, samt ihrem geistlichen Heerbann nach Marburg. - -Da saßen sie einmal zusammen im Saal seines hochragenden Schlosses, die -einzelnen Männer der Predigt; sie wollten redlich den Hader bezwingen, -aber die Schlupfwinkel des Glaubens boten der Zwietracht zuviel -Verstecke. - -Zwingli der weiteste war am meisten geneigt: Lehre und Tat in der -Christengemeinde galten ihm mehr als Wortgläubigkeit; Luther der Mönch -und Magister brachte die Füße nicht aus dem Glauben der Schrift. - -Das ist mein Leib! so standen die Worte vor ihm auf der Tafel mit -Kreide geschrieben; er ließ sich nichts deuteln und nehmen, weil ihm -das Wunder der Gottmenschlichkeit Christi mehr als die Lehre, weil ihm -der Glauben höher als alle Vernunft galt. - -So war das Lächeln der Liebe und Weisheit in Zorn und Eifer verkehrt; -über der tiefen Einfalt der Lehre stand das paulinische Kreuz, und über -dem Kreuz des Erlösers hatte die Kirche ihr kühnes Gewölbe gebaut: -Luther blieb brünstigen Glaubens darin, und Zwingli zagte, es zu -verlassen. - -Sie konnten einander die Hände nicht geben und gingen mit Hast -voneinander: noch war die Lehre im Schrein des Wunderglaubens begraben, -noch hing der Erlöser am Kreuz, weil Juden und Judengenossen die -göttliche Botschaft des Zimmermannssohns nicht verstanden. - - -Die Wiedertäufer - -Die aber wähnten, die Botschaft des Zimmermannssohns zu besitzen, -brannten im heimlichen Feuer; Wiedertäufer hieß sie das Volk, weil sie -die Taufe der Kinder verwarfen: nur, wer mit Wissen und Willen getauft -sei, könne des heiligen Geistes teilhaftig werden. - -Denn Jesus erlöse nur den zur christlichen Freiheit, der seiner Lehre -in Einfalt nachfolge; wer das Mirakel des Opferlamms lehre, mache nur -einen Abgott jüdischer Herkunft aus ihm. - -Sie wurden verfolgt und heimlich geduldet und führten noch einmal das -stündliche Dasein der ersten Christengemeinde; sie saßen heimlich -zusammen in ihren Handwerkerstuben und sandten Apostel hinaus mit -seltsamen Zeichen. - -Das knisternde Feuer der Lehre wurde gedämpft rundum im Reich, aber die -zuckenden Flämmchen sprangen gleich Irrlichtern fort; von Lübeck bis -Basel, von Salzburg bis Leyden wuchs das Geheimnis der Täufer. - -Ein Bürger von Münster, Knipperdolling geheißen, kam wieder heim aus -der Fremde, als Rottmann lutherischer Prediger war; um seines Glaubens -willen verwiesen, brachte er seltsame Freundschaften mit. - -Jan Matthys hieß einer und kam aus Leyden, wo er ein Bäcker gewesen, -aber Prophet und Apostel geworden war; ihnen trat Rottmann der Prediger -bei: so wurden in Münster die Wiedertäufer eine Gemeinde. - -So stark waren sie bald, daß sie den Rat an sich brachten; da wurde -Knipperdolling Bürgermeister, aber Jan Matthys blieb sein Prophet, dem -er und der Rat in Demut gehorchten. - -Münster, die Bischofsstadt in Westfalen, hielt ihre Tore den -Wiedertäufern geöffnet: da strömten sie zu aus dem Dunkel böser -Verfolgung und hießen die Stadt ihre Burg Zion. - -Aber noch gab es Bürger in Münster, die der neuen Herrlichkeit -ungläubig waren, auch zog der Bischof heran, die Stadt zu berennen: ihm -wurden die Ungläubigen -- ihrer Habe beraubt -- entgegen gesandt. - -Als die Landsknechte des Bischofs dann die Tore belegten, war Münster -in Wahrheit die Burg und die Stadt der Wiedertäufer geworden; mit -Mauern und Gräben stattlich gerüstet, zog sie den stachligen Ring um -die Täufergemeinde, die nun allein in der Welt war. - -Doch ließen die Tapferen sich nicht mit Waffengewalt schrecken; -indessen die reisigen Völker des Bischofs die Mauern spähend umritten, -lebten sie treulich nach ihrer Lehre: sie gaben ihr Eigentum her und -lebten gemeinsam, sie nannten sich Brüder und Schwestern und taten ihr -Tagwerk im Amt der Gemeinde. - -Jan Matthys, ihr Meister, gab die Gesetze; der ein Bäcker gewesen und -ein Apostel geworden war, saß nun als Fürst unter den Seinen, die der -feurigen Kraft seines Geistes willig gehorchten. - -Aber das Glück verließ ihn, als er bei einem Ausfall tollkühn -voraussprang; der Meister wurde erschlagen, und der Geselle kam, durch -den Willen des Volkes erhoben, an seinen Platz. - -Jan Bockelson war er geheißen, ein Schneider und Schenkwirt aus Leyden -und gleich seinem Meister ein Schwarmgeist des Wortes; ihm aber war es -zu wenig, Prophet und Apostel zu heißen; er wollte, ein rechter König, -auf seinem Thron in Pracht und Herrlichkeit sitzen. - -So wurde die Tollheit in Münster Ereignis: an einer goldenen Kette -trug Jan, der Schneider und König, die goldene Kugel als Zeichen; denn -die Welt sollte sein werden, der auf dem Stuhl Davids endlich das -Gottesreich brachte, das Kaiser und Papst nicht vermochten. - -Wie er an Weisheit sich Salomo gleichhielt, so sollte auch Salomos -Pracht um ihn sein; Knipperdolling der Statthalter sorgte mit scharfem -Schwert, daß ihn das Murren des Volkes nicht störte, als er dem üppigen -Davidssohn gleich sein Lager mit Weibern und Saitenspiel füllte. - -Indessen der König die Freuden des Thrones genoß, ging in den Gassen -der Mangel; denn immer noch hielten die Haufen des Bischofs die Tore -belagert, und langsam zog der Gürtel sich enger, weil endlich die -Fürsten von Hessen, Sachsen und Köln dem Bischof Hilfsvölker sandten. - -Wohl schlugen die Täufer tapfer den ersten Überfall ab; als aber der -bittere Hunger den Mangel ablöste, als täglich die gläubige Hoffnung -enttäuscht auf ein Wunder harrte, als endlich Verdruß und Verrat dem -Feind einen Schleichweg aufmachte: da sank dem Schneider und Schenkwirt -aus Leyden sein Königreich hin. - -Grausam mußten die Täufer den Traum ihrer Davidsburg büßen; wie -Jerusalem fiel, sank Münster in Asche und Blut; der sich den König der -Welt nannte, hing im eisernen Käfig außen am Kirchturm, den Menschen -zum Spott und den Vögeln zum Fraß. - - -Die Landeskirche - -Indessen die Schwarmgeister der Schrift so blutiges Schicksal -entfachten, blieben die Männer in Wittenberg treulich dabei, dem -Glauben das Wohnhaus zu bauen. - -Kaiser und Kirche waren die Mächte der alten Welt; von beiden verworfen -durch Acht und Bann, stand Luther im Leeren: die Schrift in der Hand -und der Landesherr über ihm waren seine Gewalten. - -Friedrich der weise Kurfürst von Sachsen schätzte den Mönch und seinen -Magister, obwohl er sich selber bedachtsam zurückhielt; das sächsische -Land stand schon im neuen Bekenntnis, da war er noch streng in der -Kirchenpflicht, und erst auf dem Sterbebett nahm er das Abendmahl. - -Der aber das sächsische Land und die Männer von Wittenberg erbte, -Johann der Bruder Friedrichs des Weisen, bekannte sich frei zu den -Ketzern der Kirche; ihm wurde Luther vertraut, und er hörte auf ihn. - -Er machte, daß Luther den Schutz seiner Gemeinde in die Landesgewalt -stellte, daß er die Kutte der Kirche auszog für einen fürstlichen -Predigerrock. - -Mensch sein auf Erden hieß einer Obrigkeit untertan sein; konnten die -Gläubigen nicht mehr der römischen Kirche gehorchen, so mußte die -Landesgewalt die Predigt behüten, der Landesherr selber stellte die -höchste Kirchengewalt vor. - -So bauten die Männer in Wittenberg abseits der Kirche dem evangelischen -Glauben das Wohnhaus; Johann der Kurfürst von Sachsen wurde der -Hausherr des gläubigen Geistes, wie er dem irdischen Leib die Obrigkeit -war. - -Was aber in Sachsen geschah, wurde auch sonst im deutschen Land als -sächsisches Kirchenrecht gültig: der Landesherr erbte die Kirchengewalt -und erntete die Güter der Kirche. - -Wittenberg blieb dem Schwarmgeist zum Trutz die Werkstatt des -evangelischen Glaubens; er hatte die Freiheit des Christenmenschen -gegen die Kirche entfesselt, aber daß sein Gewissen nicht Irrwege -ginge, band er es wieder im Wort der Schrift. - -Die Männer von Wittenberg mußten nicht mehr mit großen Gebärden -Unmögliches tun; sie wirkten gemeinsam an ihrer amtlichen Pflicht und -konnten den Feierabend wohl mit Fröhlichkeit füllen. - -Luther, der todblasse Mönch auf dem Reichstag und die Stimme des -deutschen Gewissens, war selber ein Hausherr geworden, der seinen Tisch -gern mit Gästen besetzt sah und seiner Frau Käte samt ihren Kindern die -Armut und Härte der eigenen Jugend heiter vergalt. - -Er wurde nicht mild wie alter Wein, sein kränklicher Leib schaffte ihm -harte Beschwerden, auch war seine Streitlust geneigt, streitsüchtig zu -werden; der ein Apostel gewesen war, die rufende Stimme und der Held -seines Volkes, ging in der Täglichkeit unter. - -Aber so tat er das schwerste: die Flügel des Geistes hatten gewaltig um -seine Stunden gerauscht, als er die Zelle verließ, aber der todblasse -Mönch hatte den Mann, nicht den Aufruhr gerufen; nun war er selber -ein Jünger und Protestant, die Täglichkeit mit Hörnern und Zähnen zu -packen, statt sie im Groll zu zerschlagen oder nach heiliger Sitte sie -hadernd zu lassen. - - -Kopernikus - -So stand in der Bibel am Anfang: Gott schied am ersten Tag Licht von -der Finsternis, am zweiten Tag Erde und Wasser, am dritten hieß er die -Erde bewachsen mit Gras und fruchtbaren Bäumen, aber am vierten Tag -ließ er die Lichter am Himmel steigen, der Erde zu leuchten: die Sonne, -den Mond und die Sterne. - -Die Sonne, der Mond und die Sterne dienten der Erde, ihr den -strahlenden Tag und die schimmernde Nacht im unermüdlichen Kreislauf zu -bringen; aber die Erde diente den Menschen, und der Mensch diente Gott, -der über den irdischen Wolken sein Himmelreich hatte. - -Zwar hatte Pythagoras anders gelehrt: Heftig hieß er das helle Feuer, -um das sich Sonne und Erde, der Mond und die Sterne in ewigen Kreisen -bewegten. - -Ptolemäus aber, der kluge Ägypter, half der Bibel mit seiner einfachen -Lehre wieder zum Recht: die Erde war wieder die ruhende Mitte der Welt -im kreisenden Kranz der Gestirne. - -So war für ein Jahrtausend und mehr der Glauben der Kirche in den -Beweisen der Wissenschaft sicher gebettet; Sterndeuter hießen, die -an den Höfen der Großen das Schicksal der Menschen aus dem Stand der -Gestirne zu lesen vorgaben, ihnen waren es Nebenörter der Welt, von -Dämonen bewohnt. - -Indessen aber der Mönch in Wittenberg das Gewissen wachrief gegen die -Kirche, saß ein Domherr zu Frauenburg nächtlich allein, die Bahn der -Gestirne zu prüfen. - -Ihm war eine Kunde der alten Lehren gekommen, und als er damit die -Rätsel des Himmels absuchte -- wie die Lichter wohl stiegen und sanken -im irdischen Tag, wie aber die Bahnen in großen Gezeiten sich hoben und -senkten -- fand er die Wahrheit im Wahn seltsam verhüllt: - -Der leuchtende Sonnenball stand mitten im Kreislauf seiner Planeten; -und die den Menschen der ruhende Mittelpunkt schien, die Erde war -selber nur ein Planet und mußte die jährliche Bahn um die Sonne als -Kugel abrollen, indessen der Mond als getreuer Trabant sie zwölfmal -umkreiste. - -Als er dem Erdball so einen Platz und Rang im Himmelsgewölbe anwies, -waren die Rätsel der Jahreszeiten, war der Stillstand und Wechsel im -Lauf der Planeten gedeutet. - -Aber nun stand der Erdball in der ewigen Unrast des Himmels nicht mehr -als Zuschauer da, nun war er selber hineingerissen in den unendlichen -Raum und in den ewigen Kreislauf, nun war er selber ein Gestirn, der -Sonne demütig untertan. - -Dann aber war der Anfang der Bibel auch nur ein jüdisches Märchen, ein -menschliches Sinnbild der göttlichen Schöpfung, das vor der Wahrheit -kindlich und eitel dastand. - -Denn nun tat die Schöpfung erst ihre Unendlichkeit auf; ein kleiner -Planet, ein winziger Ball, die riesige Sonne umkreisend, ein glimmendes -Fünkchen im Weltraum: das war die Erde, die sich die Einfalt der -Menschen als einzigen Wohnraum der göttlichen Gnade ausdachte. - -Ein Gebrause kam in die Welt und dann eine grausame Stille, weil Gott -aus dem irdischen Himmel entwich und in die Unendlichkeit einging. - - - - -Das Buch der Zwietracht - - -Loyola - -Zur selben Zeit, da Luther der Mönch ein Junkergewand trug auf der -Wartburg, lag ein spanischer Junker mit Namen Loyola an beiden Füßen -verwundet und las die Legenda. - -Er war ein tapferer Kriegsmann gewesen, nun sah er den Mut der heiligen -Männer auf andere Dinge gewandt als Lanzenstechen und Schwerthieb; er -wurde der irdischen Händel von Herzen satt und wollte wie jene ein -Ritter der Jungfrau Maria heißen. - -Als seine Füße geheilt waren, trug er die Waffen in mühsamer Wallfahrt -zum Gnadenbild der göttlichen Frau; er aber ging in die Wildnis und -wohnte den Heiligen gleich in einer Höhle, den Leib und die Seele in -brünstiger Marter zu üben. - -Und als er kein Junker mehr war, nur noch ein bärtiger Mönch, zog er -als Pilgrim ins heilige Land; aber die Mönche des heiligen Landes -schickten ihn heim als einen unnützen Schwärmer. - -Daß er gelehrt sei zu reden wie sie, ging er in eine Schule und schämte -sich nicht, mit seiner Einfalt unter den Knaben zu sitzen. - -Er war schon grau an den Schläfen, als er zum andernmal auszog mit -seiner Verzückung, dem spanischen Volk sein Erlebnis zu sagen; aber die -Priester nannten den närrischen Ritter bald einen Ketzer und sperrten -ihn ein. - -So ließ er mit Grimm die spanische Heimat und zog nach Paris, an den -Brüsten scholastischer Weisheit zu trinken. - -Da blieb er lange und wurde Magister; aber nun fand er Genossen seiner -Verzückung: Streiter Gottes wollten sie sein, ohne Waffen, nur mit der -Kraft und Einfalt des gläubigen Geistes gerüstet und streng im Gehorsam. - -So wurde der Orden Jesu gegründet; aus gläubiger Einfalt und hitzigem -Eifer blühte die Rose von Jericho wieder: nicht das Gewissen mit -seinen Schlupfwinkeln der Seele, der Geist des Gehorsams gegen die -Kirchengebote allein sollte die Jünger verpflichten. - -Da war den Männern in Wittenberg der Gegner gewachsen; gegen die -Freiheit des Christenmenschen baute die Kirchenzucht ihre Schranken. - -Alles zur größeren Ehre Gottes, stand auf den Fahnen, aber Gott war die -Kirche; sie stellte dem Zweifel die Frage, ob er im Trotz seine eigene -Seligkeit wagen oder im Glauben des kirchlichen Gnadenschoßes sicher -sein wollte. - -Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben! sagte die -Schrift; die dem Kriegsmann der Kirche nachfolgten, trugen den Stahl -des biegsamen Wortes als Panzerhemd unter dem spanischen Priestergewand. - -Sie gaben die große Verderbnis der Kirchenweltlichkeit zu, aber -sie haderten nicht mit der Kirche um der menschlichen Schwäche im -Priesterkleid willen; sie waren Ritter des Geistes und bauten dem -Glauben kunstreiche Brücken zu einer anderen Kirche, die hinter dem -Schein Wirklichkeit war. - -Auch gingen sie nicht mit dem Bettelsack auf die Gassen; sie fanden die -Türen der reichen Gemächer, darin die Landesgewalt auch nur ein Mensch -war; sie schwiegen dem Volk, aber sie wußten den Fürsten geschickt von -den Pflichten und Rechten der christlichen Herrschaft zu sprechen. - -Sie kamen als Gärtner der Jugend: wo das Holz sich verjüngte und wo die -Stämme noch schwank waren im Saft, setzten sie klug ihre Stäbe. - -Der spanische Kaiser ging kläglich ins Kloster, weil seine -Weltherrschaft wankte, sie aber kamen ins Reich mit ihren spanischen -Hüten; und wo er mit all seinem Kriegsvolk nichts gegen den Brand der -Ketzer vermochte, nahmen sie klug und behutsam das fürstliche Holz aus -dem Feuer. - - -Calvin - -Als Zwingli bei Kappel den Glaubenstod fand, Eidgenosse und Kriegsmann -trotz seinem Predigerrock, führte in Genf schon Calvin, der fromme -Franzose, sein strenges Kirchenregiment. - -Er wollte die Christengemeinde wie Zwingli; Zucht und Eifer der -Gläubigen sollten dem Staat das wahre Bürgertum bringen: der -paulinische Glauben der ersten Christengemeinde zog das Jahrtausend der -Papstherrlichkeit aus. - -Alles, was in den kirchlichen Räumen und Bräuchen Erbschaft des -Morgenlandes war, sollte dem Sinn der gläubigen Brüderschaft weichen, -statt einem prunkvollen Tempel sollte die Kirche ein schmuckloses -Gemeindehaus sein. - -Sie tünchten die Wände weiß und räumten den Hochaltar aus; sie nahmen -dem Chor den lateinischen Priestergesang fort und ließen die ganze -Gemeinde das Kirchenlied singen; sie saßen beim Abendmahl fromm -miteinander, dem leidenden Herrn zum Gedächtnis. - -Sie nannten sich Reformierte und achteten streng, daß ihrer -Christengemeinschaft nichts beigemischt sei, was nicht in der heiligen -Schrift als Gottes Gebot stände. - -So war es in Genf, in Zürich und Bern, in Basel und Straßburg; aber die -Männer in Wittenberg blieben mit Eifer lutherisch; hatte der Meister -mit großen Worten gepoltert, so zankten seine Gesellen. - -Melanchthon in seinem ermatteten Alter wollte die Geister versöhnen, -aber sie schalten ihn lau; als er dahinging in bitterer Klage über -die geistliche Zanksucht, schied das Bekenntnis die Streitlager der -Protestanten für immer. - -Calvinisch hießen die einen, lutherisch die andern, und hätten sich -eher Ketzer geschmäht, als daß sie die Bruderhand fanden. - -Die aber im Gnadenbereich der römisch-katholischen Kirchengewalt -blieben, hielten das dritte Konzil in Trient, Kirchenverderbnis und -Ketzerei miteins auszurotten; und wie der Hund die verlaufene Herde -umbellt, so kamen die Jünger Jesu ins Reich, den Streit nach ihrer -Weise zu schlichten. - - -Die spanische Hand - -Maximilians einziger Sohn, Philipp der Schöne genannt, war spanischer -König geworden: mit Karl, seinem bläßlichen Sohn, kam das Schlingseil -der habsburgischen Hausmacht zurück und wollte das Abendland binden. - -Als ob noch einmal die alte Kaisermacht wäre, trug der spanische -Jüngling die Kronen Europas, eifrige Lobredner sangen den Ruhm seines -Reiches, darin die Sonne nicht unterging. - -Denn seiner Macht hatte der Westen das Wundertor aufgeschlossen: die -alte Welt hatte die neue entdeckt, und Spanien münzte das Gold aus, das -Columbus, der kühne Seefahrer, fand. - -Das Märchen der indischen Goldländer trat in den spanischen Tag ein; -unübersehbaren Reichtum brachten die Schiffe herüber, als Ferdinand -Cortez mit seinen Soldaten ins Sonnenland Mexiko kam. - -Wie Wölfe brachen die eisernen Männer des Abendlandes ein in das -Weideland friedlicher Völker, das Goldfieber brannte die Herzen der -Christenheit leer; Europa, das Raubtier, begann der Welt seine Krallen -zu zeigen. - -Aber die Kirche wußte die Krallen zu nützen, ihr wuchs aus dem Gold -die spanische Hand, dem evangelischen Aufruhr der Völker den Nacken zu -beugen. - -Karl, der letzte Schirmherr der Kirche, entfachte noch einmal den -Kampf um die Stärke, als sich der Papst dem König von Frankreich gegen -den Kaiser verband; er ließ das Gelüst seiner Landsknechte gehen, und -wie seit Geiserich nicht mehr, wurde die ewige Stadt gebrannt und -geplündert. - -Aber Philipp der Zweite, sein Sohn, war nur noch spanischer König, kein -Schirmherr der Kirche, nur noch ihr grausam gehorsamer Diener; wo der -spanische Hut kam, hatte das Gold der Neuen Welt auch die spanische -Hand stark gemacht, im Dienste der Kirche zu reiten. - - -Die Geusen - -Wo das geteilte Gewässer des Rheins durch Sand und Sümpfe mühsam ins -Meer sucht, von Friesland hinüber bis Flandern, hatten sich Friesen und -Flamen ein breites Dasein gebaut, mit Häfen und Städten im Niederland, -und wurden die lachenden Erben der Hansa. - -Karl der kühne Burgunder hatte die Länder mit eisernen Fäusten gehalten -und Max der Habsburger war nach der reichen Mitgift geritten; Karl -seinem spanischen Enkel waren sie schon das Land seiner Herkunft; -Philipp der Zweite ließ sie durch seine Schwester als spanisches -Erbland regieren. - -Aber das Niederland hing der calvinischen Lehre mit Eifer und -Zuversicht an; als die spanische Hand durch strenge Edikte die Ketzer -ausrotten wollte, schwuren die Edlen des Landes zu Breda den Bund, mit -ihrem Blut dem schändlichen Brauch der Ketzergerichte zu trotzen. - -Die Geusen hießen sie bald, weil sie als spöttisches Zeichen den -Bettelsack trugen; noch brauchten sie keine Gewalt, aber das flämische -Volk, zu trunkenen Taten geneigt, ließ seinen Zorn an den Bildern der -Kirche wüst und lästerlich aus. - -Den Aufruhr zu dämpfen, sandte der König den finsteren Alba ins -Niederland; da mußten die Grafen Egmond und Hoorn zuerst auf den Block. - -Sie kamen, den Herzog von Alba zu grüßen, und glaubten als Ritter des -goldenen Vlieses vor Unbill geschützt zu sein; aber der Finstere fing -sie mit lächelnder List: sie waren die Sprecher des Volkes gewesen und -mußten den leichtgläubigen Mut unter dem Henkerbeil büßen. - -Und Tausende folgten den edlen Herrn, der Blutrat des Herzogs kam über -das Land, und die Wehklage wollte nicht enden; zum andernmal konnten -die Hunde des Herrn das große Ketzergericht halten, wie es vorzeiten -den Stedinger Bauern in Friesland geschah. - -Aber das Leid hob aus der Tiefe des Volkes die rächende Hand: aus der -Verborgenheit kamen und in die Verborgenheit schwanden die Geusen, -dazwischen war eine kühne Tat und eine blutige Rache. - -Sie trugen ihr graues Gewand und kamen auf flinken Schiffen; wo die -spanische Hand schwach war, stach ihr Dolch zu, und wo sie stark wurde, -verschwand er; sie waren die mutige Seele des Volkes, das sich aus -weichlichem Wohlstand, durch Schande und Schrecken tollkühn erhob. - -Noch war es kein Krieg, bis Wilhelm von Nassau, der schweigsame -Oranier, wieder ins Land kam; klüger als seine Freunde Egmond und -Hoorn, war er dem Herzog nicht leichtfertig ins Garn gegangen; nun -brachte er Kriegsvolk, den Geusen zu helfen. - -Die Geusen erkannten ihn gern; und ob das launische Glück im blutigen -Schicksal hin- und herüber sprang, der Schatten des Herzogs wich -langsam zurück, bis er verdrossen die Länder verließ. - -Aber die spanische Hand blieb im Land, und Wilhelm der schweigsame Held -wurde grau in den Schlachten; er kannte nicht Übermut und Verzagtheit, -er war die stete Geduld und der unbeugsame Wille: als er im sechzehnten -Jahr des nimmersatten Krieges durch Mörderhand fiel, waren Holland, -Seeland, Utrecht und Friesland befreit. - -Moritz, der Sohn des Oraniers, nahm das Schwert auf und wurde nicht -matt; wie sein schweigender Vater ein Meister der Staatskunst, war er -ein Meister des Krieges: gegen die spanische Übermacht hob er den Ruhm -seiner Schlachten. - -Als Philipp hinsiechte und starb, war die spanische Weltmacht verronnen -mit all ihrem Gold aus der Neuen Welt, nur um die Länder der Maas ging -immer noch Krieg, und wie eine Seuche fraß das Mordwerk der Geusen den -spanischen Widerstand leer. - -Kaum einer noch lebte von denen, die ihn begannen; und wie eine Sage -erzählten die Greise von glücklichen Zeiten, da Frieden im Niederland -war. - -Im zweiundvierzigsten Jahr, daß Alba der finstere Herzog ins Niederland -kam, sanken die spanischen Waffen; sie hielten Flandern und das -brabantische Land, aber die sieben Provinzen nördlich der Maas hatten -die Freiheit errungen. - -Durch die spanische Hand ging dem Reich uraltes Stammland verloren: -an der Mündung wie an den Quellen des Rheins saßen nun freie Völker, -indessen die Fürstengeschlechter im Reich einander das Futter abfraßen. - - -Donauwörth - -Im Niederland hatten die Ketzer gesiegt, im Reich war die Kirche wie -Schnee im Frühjahr geschwunden; aber die Jünger Jesu warfen den Samen -nicht in den Wind: schon stand die heimliche Saat dicht vor der Ernte, -als Max, der bayrische Herzog, zu Donauwörth den ersten Wagen in seine -Scheuer einbrachte. - -Eine Reichsstadt war Donauwörth, und die Bürgerschaft hatte längst -ihren Tag in die deutsche Predigt gestellt; nur der Abt zum heiligen -Kreuz hielt das Kloster der Benediktiner, dicht vor der Stadt. - -Aber nach Dillingen war es nicht weit, wo die Jesuiten ihre deutsche -Pflanzschule hatten; die Nachbarschaft stärkte dem Abt den katholischen -Rücken, und was das Kloster seit Jahren nicht wagte, den prunkvollen -Umzug der Kirche begann es nun wieder. - -Sie trugen die Fahne zuerst nur gerollt und mieden die Straßen am -Markt, aber der Eifer von Dillingen wetzte den Mut und die Hoffnung auf -stärkeren Beistand: die Fahne des heiligen Kreuzes entrollt, mit vollem -Gepränge und lautem Gesang, so kamen die Mönche in die Straßen der -evangelischen Stadt. - -Wie sie vor Zeiten mit frommer Fröhlichkeit taten, geschah es nun -wieder; doch knieten die Männer und Frauen nicht mehr, wo sie kamen: -mit grollenden Mienen sahen sie längst verspottetes Tun ihr Tagwerk -durchkreuzen, vergessener Zorn eiferte los und fuhr mit Fäusten darein. - -Es war kein Bauernkrieg mehr, es war nur ein böser Tumult in den -Gassen, zornige Männer und hitzige Mönche balgten sich um die Fetzen -der Fahne, indessen die Frauen und Kinder erschrocken den letzten -Gesang überschrieen. - -Kein Landesfürst galt in der Reichsstadt seit zweihundertfünfzig -Jahren, ihr einziger Herr war der Kaiser; aber die Jesuiten in -Dillingen wiesen dem Abt vom heiligen Kreuz die Wege nach Prag. - -Da kannten sie längst die heimlichen Türen und wußten das Ohr des -lichtscheuen Kaisers rascher zu finden als seine Bürger: so wurden die -Frevler geächtet, und Max, der Herzog von Bayern, zog eilig heran, den -Spruch zu vollstrecken. - -Die Stadt gehörte zum schwäbischen Bund, aber der Herzog lachte -dazu: sie sollten ihm erst die Batzen bezahlen für all sein bemühtes -Kriegsvolk! - -Er hatte den lang begehrten Vogel gefangen und tat den Käfig nicht -wieder auf; Rudolf, der lichtscheue Kaiser in Prag, sah nach den -Sternen. - -Da wurden die Städte und Fürsten gewahr, daß ein anderer Wind wehte, -was heute einem geschah, konnte morgen manchen geschehen: calvinisch -oder lutherisch war gleich vor der römischen Kirche, die drohend den -Arm hob, sie alle als Ketzer zu treffen. - -Sie ließen der Kanzel den Predigerzank, aber die Schwerter schlossen -den evangelischen Bund der Fürsten und Städte, einander die Freiheit -des Glaubens zu halten. - -So stand der bayrische Herzog allein vor den Herren von Hessen und -Sachsen, Brandenburg und der mächtigen Pfalz, und der Kaiser in Prag -sah nach den Sternen; da rief er die geistlichen Kurfürsten auf, das -katholische Schwert gegen den Bund der Ketzer zu schärfen. - -Union und Liga hießen die Bünde des kommenden Streites: sie ballten -die Mächte gegeneinander, sie teilten das Reich und das Volk und lagen -als drohende Wolken des Unheils über dem deutschen Land, bereit, das -Gewitter zu bringen. - - -Der Schwur von Loreto - -Im selben Jahr, da Philipp von Spanien starb, tat vor dem heiligen Haus -in Loreto ein Habsburger Jüngling den Schwur: mit Gefahr seines Lebens -jegliche Ketzer aus seinem Land zu vertreiben. - -Er war ein Vetter des Kaisers und regierte in Graz den südlichen Teil -der habsburgischen Länder; weil aber Rudolf, der Kaiser in Prag, samt -seinem Bruder Matthias kinderlos war, reiften die Kronen der Vettern -ihm zu. - -So hob sein Schwur der katholischen Kirche das Schwert wieder auf, das -Philipp sterbend hinlegen mußte; die Jünger Jesu hatten gesorgt, daß -die Schneide gehärtet, daß der Habsburger Hochmut zum andernmal mit der -Inbrunst der Kirche gestärkt war. - -Wo der Schwur Ferdinands galt, deckte er Duldung und Frieden zu; -als ihm sein Vetter Matthias die böhmische Krone abtrat, war sein -Erbland gereinigt: Gut oder Glauben, hatte sein Schwert die Untertanen -gefragt, und die den Glauben der Bibel wählten, waren aus ihrer Heimat -vertrieben. - -Aber die Böhmen hatten von Rudolf den Freibrief ertrotzt, zu glauben, -zu predigen und Kirchen zu bauen, wie ihre Lehre gebot; Matthias mußte -danach den Freibrief beschwören, auch Ferdinand sollte ihm Siegel und -Unterschrift geben. - -Er hatte die Jünger Jesu gefragt, ob er mit gutem Gewissen bestätigen -könnte, was er gleichwohl nicht zu halten gedächte: sie sagten ihm -Ja, und Ferdinand gab dem Freibrief Siegel und Unterschrift wie seine -Vettern. - -Als dann in Braunau und Klostergrab Kirchen gebaut wurden, hieß er sie -schließen; darüber ergrimmten die böhmischen Herren in Prag und kamen -hadernd ins Schloß, wo die Räte des Kaisers Matthias als Statthalter -saßen. - -Sie warfen die Räte samt ihrem Schreiber zum Fenster hinaus, sie riefen -das böhmische Land auf und rafften ein Heer, gleich ihren hussitischen -Vätern meineidige Kaisergewalt durch ein Volksgericht zu begleichen. - -Sie standen vor Wien, als Kaiser Matthias starb und Ferdinand Hausherr -der Habsburger wurde; schon hatten die Läufer den Aufruhr in seine -Länder getragen: kaum daß er vermochte, nach Frankfurt zu fahren, die -deutsche Krone zu holen. - -Die Kurfürsten hatten die Wahl getätigt und standen im Dom, den Kaiser -nach altem Brauch auf den Altar zu heben, als ein Reiter aus Prag -die Absetzung brachte; die böhmischen Stände hätten statt seiner den -Pfalzgrafen Friedrich als König gewählt. - -Ein Stück aus dem Domgebälk brach nieder neben dem Altar, fast hätte -sein Sturz den Kaiser erschlagen; die Furcht kommenden Unheils fiel in -das drängende Volk. - - -Der Winterkönig - -Noch war der mächtige Herzog von Bayern Schwertherr der Liga, nicht -Kurfürst, und Ferdinand mußte von Frankfurt nach München; auch war es -eher ein Bittgang, denn daß er als Kaiser befahl. - -Aber was beiden zunutz war, mußte geschehen: indessen Friedrich der -Pfalzgraf mit seinem Hoflager nach Prag fuhr, einen Winter lang König -zu spielen, rüstete Max der Herzog im Namen der Liga ein mächtiges -Heer, und als es Sommer war nach dem Winter, stand er in Böhmen. - -Da hatte Friedrich, der pfalzgräfische König, mehr an die Pracht seiner -Kleider denn an die Waffen gedacht; auch waren die pfälzischen Prediger -eifrig gewesen, die Böhmen calvinisch zu machen. - -Sie hatten die Kirchen geräumt und die Wände gesäubert, sie hatten aus -Prag ein neues Streitlager gemacht, den Götzendienst der Lutherischen -selbstgerecht zu verdammen. - -Schon stand der Feind dicht vor der Stadt, als endlich das böhmische -Heer in nasser Novembernacht auszog: am weißen Berge bei Prag wurde es -grausam geschlagen, in einer Mittagsstunde zerrann dem Winterkönig sein -Glück. - -Er saß nach pfälzischer Sitte zu Tisch, indessen ihm Tilly, der -Feldherr der Liga, das Schwert aus der Hand und die böhmische Krone vom -Kopf schlug; nun raffte er eilig das Seine und ging auf die Flucht, -sein unrühmliches Leben zu retten. - -So hatte der Habsburger wieder das seine, die böhmischen Bürger und -Bauern mußten den Herren in Prag die falsche Königswahl büßen. - -Der Kaiser nahm den böhmischen Freibrief und zerschnitt ihn mit eigener -Hand; wie ein Gärtner die Knechte ausschickt, Unkraut zu jäten, so -sandte der Orden Jesu die spanischen Hüte ins böhmische Land und in -alle österreichischen Länder. - -Gut oder Glauben, so hieß noch immer die Frage des Schwertes: Tausend -und Tausende wählten den Glauben, ließen die Heimat und ließen das Haus -ihrer Väter, das Land der Verheißung zu finden; aber auf Erden war es -die Fremde und bittere Armut. - -Der Schild und das Schwert der katholischen Liga stand vor dem Kaiser, -und hinter ihm hob sich der römische Schatten: Glück und Ende des -Winterkönigs in Prag war nur der spöttische Anfang, nun kam der Ernst -über Deutschland und wollte zum bitteren Ende. - - -Die Pfalz - -Der mächtige Herzog von Bayern hatte dem Kaiser das Schwert nicht eher -geliehen, als bis er den Lohn kannte: die Pfalz fiel ihm zu mit dem -Kurhut, und spanisches Kriegsvolk mußte ihm helfen, daß er das Pfand -in der Hand hielt. Spanisches Kriegsvolk und englische Söldner rissen -einander die Dörfer und Städte der Pfalz aus den Händen; denn Friedrich -der Pfalzgraf war Eidam des englischen Königs: England und Spanien -brachten den eigenen Machthandel über die Pfalz. - -Indessen der Winterkönig geächtet, der böhmischen Krone wie seines -Kurhutes verlustig, sein törichtes Leben in Holland hinbrachte, rief -englisches Gold dem bösen Krieg die Klopffechter auf. - -Den tollen Mansfeld hießen sie ihn, der mit allerlei Volk den -verlorenen Krieg durch die deutschen Landschaften schleppte; Freund -oder Feind, sie mußten ihn nähren; wo er von dannen zog, hatte die -eiserne Faust manches gerafft und vieles zerstört. - -Als seine Haufen herzogen, von Tilly verfolgt, als sie den Tanz -des Krieges begannen mit listigen Sprüngen, einander suchend -einander auswichen und auf den Überfall lauernd Dörfer und Städte -brandschatzten: bekam auch die Pfalz den böhmischen Winter zu schmecken. - -Und blutiger Schwertschlag wurde der Tanz, als Christian, Prinz von -Braunschweig, seine wilden Gesellen dem tollen Mansfeld beibrachte; -seit Sickingen hatten die Landesgewalten nicht mehr einen solchen -Verächter erfahren. - -Er war noch ein Jüngling und hatte nach längst verschollener Sitte die -Winterkönigin zur Herrin erkoren; er trug ihren Handschuh am Helm; -alles für Gott und für sie, stand auf den Fahnen. - -Zu Paderborn fand er im Dom zwölf Silberapostel, er prägte Taler daraus -und hieß sie in alle Welt hingehen: Gottes Freund und der Pfaffen -Feind, stand auf den Talern; und wer nicht für ihn war, war wider ihn. - -Sie hätten dem Winterkönig sein Land bis zur Hölle gehalten, er -selber aber entließ sie; so wurde die Pfalz frei von der Plage, so -wurde die Fackel des Krieges nach Norden getragen, wo sie von neuem -lichterloh brannte, weil danach der König von Dänemark antrat, sein -Klopffechterglück zu versuchen. - -Die Pfalz wurde frei von der Plage, aber nun kam der bayrische Herzog -mit Eifer und Strenge, das calvinische Land wieder katholisch zu machen. - - -Wallenstein - -Der Schwur von Loreto hatte dem Habsburger Erbland gegolten; über die -Pfalz kam er ins Reich, und Ferdinand wollte noch einmal Schirmherr der -Christenheit heißen. - -Aber das Reich der Habsburger war nicht mehr die Kaiserstandarte über -den Völkern; Frankreich und England hielten ihm seine Tore im Westen -gesperrt, im Osten drohten die Türken. - -Kein Maifeld am Rhein stellte die Heerschilde auf um den Kaiser, daß er -den Bogen der Stärke über das Abendland spannte: Ferdinand war in der -Hofburg zu Wien das Flackerlicht seiner Mönche. - -Da saß die Spinne im Netz, die Ketzer zu fangen, aber die Fäden hatte -die Liga gespannt: der mächtige Herzog in Bayern gebot, und Ferdinand -mußt ihm seine Dienste teuer bezahlen. - -Als darum Wallenstein kam, dem Kaiser ein eigenes Heer anzubieten, gab -er dem düsteren Mann gern eine Vollmacht, sich von dem Herzog zu lösen. - -Es war ein böhmischer Edelmann ärmlicher Herkunft, aber er hatte im -Dienst des Kaisers reiche Güter in Böhmen erlistet, war Graf und Fürst -seiner Herrschaft Friedland geworden und galt als guter Soldat, der -seinen Söldnern reichen Raub gönnte. - -Als seine Trommel im Reich scholl, reicheres Werbegeld und reichere -Beute verheißend, lief das Kriegsvolk ihm zu; bald stand dem Kaiser ein -Heer zu Feld, stärker als das aller Fürsten. - -Da mußte der stolze König der Dänen auf seine Insel entweichen, da -wurde der tolle Mansfeld gejagt wie ein Wild bis nach Ungarn, da konnte -der Pfaffenfeind mit dem Handschuh der Königin keine Silbertaler mehr -prägen. - -Da wurde die Hofburg Herr über den Bund der evangelischen Fürsten, da -kam die römische Hand und strich ein halbes Jahrhundert und mehr aus -dem Dasein des Reiches. - -Die Bischöfe kehrten zurück in den Besitz ihrer weltlichen Macht; -alles, was einmal Kirchengut war, mußten die Fürsten und Städte der -römischen Hand überlassen. - -Der Schwur von Loreto hatte der Kirche die Fäden von neuem gespannt; -die Jünger Jesu standen bereit, den letzten Fang zu beginnen. - - -Stralsund - -Was nicht mehr gewesen war, wurde durch Wallenstein wahr: der Kaiser -hielt wieder die Macht über die Fürsten; aber der Kaiser saß in der -Hofburg zu Wien, und der das Schwert führte im Namen des Kaisers, war -seine eigene Stärke. - -Er hieß nun Herzog von Friedland und nannte Mecklenburg sein; ihn -schierten die Händel der Geistlichen nicht und nicht die Sorgen der -Kirche, er ging den Schritt der Gewalt und wollte ein anderes Reich als -das der Pfaffen und Fürsten. - -Stärker als alle Kurfürstenmacht war einmal die Hansa gewesen: nun -wollte der Kaiser die Hansa bedeuten, ihm sollten auch wieder die -Städte und Häfen der Ostsee gehören, und die im Norden selbstherrlich -Könige hießen, sollten in seiner Pflicht sein. - -Er legte in alle Häfen Besatzung, den Norden zu zwingen; aber Stralsund -war der Schlüssel, und Stralsund trotzte dem Herzog des Kaisers; als -er die Insel Dänholm vor ihren Toren besetzte, wagten die Bürger den -Handstreich und brachten sie wieder in ihre Hand. - -Und wenn sie mit Ketten am Himmel hinge, sie müßte herunter! prahlte -der Herzog; aber die Bürger von Stralsund hatten die Taten der Geusen -vernommen: so hitzig sein Kriegsvolk die Wälle berannte, sie hielten -ihm stand. - -Denn der sonst hinter den Wällen der böseste Feind war, der Hunger -konnte die Stadt nicht bezwingen; höhnisch vor seinen kurzen Kanonen -gingen und kamen die schwedischen Schiffe, Brot und Waffen, Pulver und -Kriegsvolk zu bringen. - -Soviel die Wälle zu verbergen vermochten, warfen die Dänen und Schweden -Truppen hinein; Stralsund war in Wahrheit der Schlüssel des Nordens, -die Könige hielten dem Kaiser das Schloß mit dem Schlüssel gesperrt. - -So ging dem Herzog von Friedland sein harter Schwur fehl; er hatte -die Länder gekehrt mit eisernem Besen von Ungarn bis Jütland, er war -über Fürsten und Völker mit seinem Kriegsvolk gekommen: an der kalten -Meerküste mußte sein Stolz die Schranken erkennen; und wie es Alba -geschah vor den Geusen, so wich der Schatten Wallensteins zurück vor -Stralsund. - -Das aber war zu der Zeit, da die Kurfürsten der Liga den Tag in -Regensburg hielten: sie wollten den Hochmut des Herzogs nicht -länger ertragen und zwangen den Kaiser, sich selber den starken Arm -abzuschneiden. - -Der Friedländer wäre mächtig genug gewesen, den Fürsten zu trotzen, -aber Seni, sein Sterndeuter, hatte ihm andere Dinge geweissagt; so ging -er mit lächelnder Miene nach Böhmen in seine stolze Verbannung, wartend -des Tages, da sie zum andernmal seiner bedürften. - -Denn schon war an der rügischen Küste der schwedische König erschienen, -Kaiser und Kirche zum Trotz sein Schwert an die Bibel zu wagen. - - -Magdeburg - -Lutherische Prinzen regierten seit langem die reiche Bischofsstadt an -der Elbe, sie hießen Verweser und hatten der geistlichen Würde entsagt, -die weltliche Macht zu behalten; aber der letzte Verweser, Christian -Wilhelm von Brandenburg, wurde vom Kaiser geächtet: ein Bruder des -Kaisers sollte wieder katholischer Erzbischof in der Ketzerstadt sein. - -Kaum standen die Schweden in Pommern, so schlich sich der Prinz -heimlich zurück in die Stadt und stärkte die Hoffnung der Bürger, -daß nun die Tage der evangelischen Freiheit nach langer Bedrängnis -anbrächen. - -Als aber Tilly, der Feldherr der Liga, Botschaft bekam, zog er mit -großer Kriegsmacht heran; die reiche Ketzerstadt an der Elbe sollte das -Schwert des Kaisers erfahren, bevor ihr der König zu helfen vermöchte. - -Da hatte der Prinz in Eile die Wälle gerüstet, und ein erfahrener -Kriegsmann, Dietrich von Falkenberg, kam aus dem Lager der Schweden; -denn Tilly war ein gewaltiger Feldherr mit Listen und raschen Zügen. - -Indessen der Kurfürst von Brandenburg, sein bänglicher Schwager, dem -schwedischen König verwehrte, durch seine Länder zu ziehen, zog Tilly -den eisernen Ring um die Stadt immer enger; der Hunger fing an, ihm zu -helfen, auch ging das Pulver aus für die Geschütze: ein wütender Sturm -sollte Magdeburg zwingen. - -Von allen Seiten liefen sie an, Feuerkugeln fuhren in glühenden Bogen, -die Dächer zu zünden; schon stürzte ein Turm auf dem Wall, aber er -legte sich nicht in den Graben, dem stürmenden Feind die Brücke zu -bauen: die feurigen Krallen und eisernen Zähne konnten die Wälle nicht -packen. - -Da sollte die Kriegslist den letzten Trumpf wagen, bevor sie abzogen; -ein Trompeter kam in die Stadt, den blutigen Streit zu begleichen: -schon sah die Wacht auf den Wällen die Schanzen geräumt und glaubte die -nahende Hand des Königs zu spüren. - -Durch endlose Wachen ermüdet und froh der nahen Befreiung, ließen die -Bürger die Wälle, endlich einmal zu schlafen: da drangen die Söldner -Pappenheims ein und weckten die arglosen Schläfer. - -Es war nur ein kurzes Erwachen: sie waren Rebellen und Ketzer, nun fiel -das Schwert über sie her; Männer, Frauen und Kinder mußten mit ihrem -Blut den Schwur von Loreto bezahlen. - -Und über das Schwert kam das Feuer; seit Trojas und Jerusalems Fall -- -frohlockte die Kunde nach Wien -- hatte die Welt kein Schauspiel wie -dieses gesehen; drei Tage lang fraßen sich Mord und Brand satt in der -Ketzerstadt, bis ihre blühende Breite ein Brandhaufen und Schindanger -war. - -Wehklage schwoll aus dem angstvollen Herzen der protestantischen Welt; -sie sah ihr Schicksal beschlossen, und die Enttäuschung fing an, den -schwedischen König laut zu verwünschen. - -Dietrich von Falkenberg lag unter den rauchenden Trümmern begraben, den -Prinzen von Brandenburg fingen die Söldner lebendig; er wurde in Wien -wieder katholisch und lebte noch lange sein wohlbehütetes Leben. - - -Gustav Adolf - -Den Schneekönig hießen sie ihn in der Hofburg des Kaisers: er würde -bald schmelzen, wenn er den Norden verließe; auch wurden die Schweden -Goten genannt, der römische Spott war darin über die neuen Barbaren. - -Aber der schwedische König kam in das Reich, wie ein Seefahrer seine -Segel auf Sturm stellt: er prüfte den Anker und sah nach den Sternen; -er wußte das Wagnis, aber er kannte sein Schiff und kannte die Kunst, -es zu lenken. - -Wie es vorzeiten geschah, als Dietrich, der starkweise, Ravenna und -Rom zu gewinnen gedachte, waren die schwedischen Männer ein Volk und -Schwert gegen die Söldner des Kaisers. - -Tilly, der Feldherr und Sieger in hundert Schlachten, sah die Stärke -des Königs; aber er sah auch, wie Argwohn und Zweifel der Fürsten dem -Schweden die Schritte verstellten: er dachte ihn langsam zu schwächen, -bevor er ihn finge. - -Als aber Magdeburg sank und als die Brunnen der evangelischen Wehklage -aufbrachen, entbrannte dem König der Zorn: herrisch und hart zwang er -die Fürsten von Sachsen und Brandenburg in seinen Gehorsam. - -Und als er Tilly im Breitenfeld stellte, teilte er klüglich die Seinen -ab von den Sachsen, daß ihre Furcht nicht seine Schweden verwirre: die -Sachsen liefen bis Eilenburg; als aber Tilly den Flüchtenden folgte, -nahmen die Schweden ihn scharf in die Zange. - -Der Feldherr und Sieger in hundert Schlachten mußte dem König das Feld -überlassen, als er glaubte, es zu gewinnen; kaum, daß er den Rest -seiner Söldner nach Halberstadt brachte. - -Schon sahen die Priester und Pfründner der Hofburg das blaugelbe Banner -vor Wien; aber der schwedische König strauchelte nicht in der Gunst -seiner Stunde. - -Er sandte das sächsische Heer nach Böhmen, das Tor des Kaisers in Prag -zu bedrängen; er aber äugte hinüber zum Rhein, wo die Kurfürstenmacht -noch immer dem Reich das Krönungsgewand hielt. - -Denn mehr als ein günstiger Frieden blühte dem König der Schweden -aus seinem Sieg: Wien war Byzanz, er aber wollte, wie vormals der -starkweise Dietrich, das Reich der Goten anders aufrichten. - -Die Herbstnebel näßten das Land, als er die neue Heerfahrt begann; aber -Weihnachten fand ihn schon warm in Mainz, wo er das kurfürstliche Nest -mit seinem Schwedenvolk füllte. - -Er war den uralten Weg der Sachsen gezogen, er hatte in Würzburg das -fränkische Maintor gesprengt und hatte die Furt der Franken gefunden: -wie die salischen Herrn und die Staufer ließ er das Banner der -blaugelben Macht über dem Maifeld der Reichsherrlichkeit wehen. - -Und als ihn Tilly von neuem ins Feld rief nach Franken und Bayern, -ließ er den Kanzler Oxenstjerna im goldenen Mainz, der schwedischen -Herrschaft am Rhein den Krönungsmantel zu halten. - -Noch lag der Schnee auf den fränkischen Bergen, als ihm die Glocken von -Nürnberg zu läuten begannen; Tore und Herzen hatte die Reichsstadt dem -Schutzherrn der evangelischen Freiheit weit aufgetan. - -Hier hielt kein Bischof und Fürst seinen Zipfel der Kaisergewalt fest, -hier war der siebente Heerschild des Reiches im Bürgerkleid und grüßte -den starken Verwalter. - -Fester und fröhlicher, als er den Feldzug begann, stieß er nach Süden, -den mächtigen Herzog in Bayern zu fassen, der für die römische Macht -im Reich das listige Schwert und gegen den Kaiser in Wien die stolze -Selbstherrlichkeit war. - -Er traf ihn am Lechfeld gelagert; so stark hatte Tilly, sein greiser -Schildhalter, die Schanzen gestellt, daß die Getreuen dem König den -Angriff abrieten: er aber hatte über die Ostsee Brücken geschlagen und -wollte nicht weichen vor einem steinichten Alpengewässer. - -Die Lose waren geschüttelt, und das Glück fiel dem Mutigen zu, -indessen Tilly, den zweifelnden Greis, eine Stückkugel traf: als der -Schildhalter fiel, waren die Schanzen noch stark wie zuvor, aber der -Kurfürst floh mit den Seinen, weil ihn der Mut und der Glaube verließen. - - -Lützen - -Seni, der Sterndeuter, hatte dem Herzog von Friedland kühne Dinge -geweissagt, nun kam die Erfüllung: die Fürsten im Reich und ihr Kaiser -mußten den Tag von Regensburg büßen. - -Der Herzog hatte sein Haus in Prag wie einen goldenen Käfig um seine -Wünsche gehalten, von bösen Schmerzen geplagt und abergläubisch den -Sternen verschworen, schien er der Welthändel satt. - -Er ließ den Gesandten des Kaisers mit Ungnade an; die pfäffischen -Feinde der Hofburg mußten den bittersten Spott seiner gichtigen -Rachlust erfahren, bevor er im Rollwagen aufstand. - -Eine Katze spielt mit der Maus, so nahm der Herzog den Habsburger -Hochmut in die Krallen: als er den Feldherrnstab aufhob, war der Name -des Kaisers nur noch das Siegel, die Macht hielt der Herzog allein in -den gichtigen Händen. - -So hatte die Zeit das Spiel der Mächte gewandelt: der Habsburger mußte -dem Herzog von Friedland den Prunkwagen ziehen, der Winterkönig war ein -Schaustück des Schwedenlagers geworden. - -Verwegen den eigenen Zielen verschworen, standen die neuen Spieler im -Feld: sie hoben den Arm und kreuzten die Degen; aber sie stießen nicht -zu, weil sie einander erkannten. - -Der Herzog kehrte das böhmische Land rein von den Sachsen und ließ den -hochmütigen Kurfürst von Bayern drängen und betteln, daß er ihm hülfe; -erst als sich der stolze Kriegsherr der Liga demütig nach Eger bemühte, -kam er nach Bayern. - -Der König hatte um Nürnberg sein festes Lager geworfen, der Herzog -legte sich auf die Berge von Zirndorf davor, ihn zu belauern: zehn -Wochen lagen sie da voreinander, und eher wären die Wälder gewandert, -als daß der Herzog dem König aus seinem Fuchsbau herauskam. - -Der Hunger fiel ein hier und dort, und Seuchen fraßen die Heere: der -Herzog rührte sich nicht; und als der König verbissen und wild den -Sturm wagte, wies er ihn blutig zurück. - -Sie hatten einander gespürt und gingen geschwächt auseinander; als aber -der Herzog ins Sächsische fiel, Winterquartier zu erlangen, war der -König noch stark, ihm zu folgen. - -Zum andernmal lagen sie da mit dem Nürnberger Spiel bei Naumburg und -Weißenfels hart aneinander; zum andernmal stieß der König zu, als der -Herzog die Pappenheimischen Reiter elbabwärts sandte. - -Bei Lützen bekam er den Friedländischen Stier bei den Hörnern zu -packen; so hart griff er ihn an, daß ihm das gewaltige Tier in die Knie -brach: aber das spitzige Horn durchbohrte ihm selber die Brust, bevor -er Viktoria rief. - -Zwei Kugeln trafen den König, als er im Nebel zu hitzig ins Treffen -geriet; die eine zerriß ihm den Arm, und als ihn sein Page noch -rückwärts zu lenken gedachte, durchbohrte die zweite den Rücken. - -Die Schlacht war den Schweden gewonnen; als Pappenheim kam mit dem -Hagelsturm seiner Reiter, konnte der Herzog das Lützener Feld nicht -mehr erzwingen; aber der König lag unter Leichen begraben. - -Der Starke von Norden war in die bängliche Stille gekommen, ein Hornruf -und Schwertschlag wie keiner im Schlachtlärm der Zeit. - -Den Schneekönig hießen sie ihn; im Blut seiner Goten war er -geschmolzen, aber das blaugelbe Banner flatterte hoch: Bernhard von -Weimar riß es im Flug seiner Taten über die deutschen Gefilde, bis ihm -die Fetzen hingen. - - -Der Herzog von Friedland - -Die Sonne sank unter im Feld, und der Mond stand allein über Lützen, -blutrot im schwarzen Gewölk: sie hatten gekämpft um den Tag, nun kam -die Nacht mit zerrissenen Schatten. - -Ein König hatte den Kaisertraum gläubig im Tag seiner Taten empfangen, -nun war es ein bleicher Glanz der Gestirne, von dem Sterndeuter brütend -bewacht und von dem Herzog abergläubisch gehütet. - -Er war als böhmischer Edelmann in den Schein der Allmacht gekommen, -Böhmen und Prag verhießen dem Herzog die kommende Krone; als er das -Feld bei Lützen verlor, wich er zurück, die böhmische Heimat zu halten. - -Indessen Bernhard von Weimar den Sieg der blaugelben Fahne ins -Frankenland trug, als Herr von Würzburg und Bamberg ein neuer -Reichsfürst zu werden von schwedischen Gnaden; indessen der Kurfürst -von Bayern sich schlimmer bedroht sah als je durch den König: hielt -sich der Herzog in Böhmen, bis er, Mähren zu schützen, nach Schlesien -kam. - -Da hatten die Schweden und Sachsen die leichte Beute geteilt; er kam -sie zu strafen und hätte sie hart zu treffen vermocht mit zwiefacher -Übermacht: aber er wollte dem klüglich berechneten Spiel nicht selber -die Trümpfe ausbrechen, er wollte im Gleichmaß der feindlichen Mächte -der Unentbehrliche bleiben. - -Und als er danach bei Steinau den Grafen von Thurn fing, den böhmischen -Todfeind des Kaisers, und als in der Hofburg zu Wien schon die Folter -bereit war, ließ er den Ketzer und Rebellen laufen und hatte nur Spott -für die Pfaffen. - -Die Boten kamen und gingen, als ob er den Krieg mit der Feder statt -mit dem Schwert zu gewinnen gedächte; sie gingen nach Schweden und -Frankreich mehr als nach Wien, und niemand sprach näher vom Frieden, -als der für den Krieg bestellt war. - -Aber er hatte die Karten zu listig gemischt; als er am Stich war, -traute ihm keiner: so ging ihm der Einsatz samt dem geweissagten -Kronengewinn kläglich verloren. - -Die Allmacht des Herzogs zu dämpfen, rief der Kaiser ein spanisches -Heer ihm zu Hilfe; da mußte der listige Spieler Farbe bekennen, aber -nun war es zu spät, sie zu halten: als ihm zu Pilsen seine Getreuen den -Schwur leisten sollten, hielt schon Verrat den Verrat bei den Händen. - -Seines Amtes entsetzt und vogelfrei als Verräter, kam er nach Eger, -noch immer ein Fürst der Gewalt, abgöttisch geehrt und gefürchtet; er -wollte sich offen den Schweden zuwenden, aber der kleine Verrat kam dem -großen zuvor. - -Es war ein Gastmahl in Eger, da wurde dem künftigen König von -Böhmen getrunken, und der Meuchelmord lauerte hinter der Tür; als -die Lustigkeit satt war, brachen die Mörder hervor und stachen die -trunkenen Schwertbrüder Wallensteins nieder. - -Ihn selber fanden sie wehrlos im Schlaf; er hatte den Abend mit Seni -verbracht, den drohenden Stand der Gestirne zu deuten, nun trat der -schwarze Beschluß durch die krachende Tür in seine Wirklichkeit ein. - -Er war durch den Lärm geweckt noch ans Fenster getreten, als er die -Hellebarde vor seiner Brust sah; wortlos mit offenen Armen nahm er sie -auf: im Tod noch ein finsterer Meister. - -Dreitausend Seelenmessen hieß der Kaiser in Wien dem Wallenstein lesen, -und hängte das Gold an die Mörder; auch floß eine Habsburger Träne dem -Schicksal, das ihm so grausam und tückisch zu handeln befahl. - - -Bernhard von Weimar - -Als Wallenstein starb, stand der große Krieg still, aber der kleine -Krieg wollte Deutschland verderben; Faust und Feuer und Raub hatten ein -wildes Geschlecht gezüchtet; schon krähte der Hahn nach dem Morgen, -aber noch hielt die gramvolle Nacht dem bösen Gezücht den Morgenschlaf -hin. - -Über dem Haß der Parteien hatten noch Sterne gezittert, nun starben sie -hin im Grauen der Helle: der aber den Schaft der blaugelben Fahne hielt --- einen Stumpf nur mit Fetzen behangen -- den Prinzen Bernhard von -Weimar riß seine Fahrt noch ins Morgenrot hin. - -Er hatte das sächsische Feld bei Lützen gehalten und war wie ein Feuer -im Wind zur bayrischen Donau gefahren, er hatte das fränkische Land -mit seinen Siegen erfüllt und war der Herzog des Landes um Bamberg und -Würzburg geworden: aber die Schlacht bei Nördlingen nahm ihm den Ruhm -und das Land; seit Breitenfeld wurde kein Heer so geschlagen. - -Oxenstjerna, der schwedische Kanzler, hatte mit eiserner Stirn den Tod -seines Freundes, des Königs, erfahren; nun stand er zum andernmal leer -vor dem Glück: die Schwedenherrschaft im Reich war aus; hoch stieg der -Kaiser. - -Der Kurfürst von Sachsen streckte zuerst die unrühmlichen Waffen, ihm -folgten geschwind die kleineren Fürsten: der Frieden zu Prag gab den -Ländern der Elbe die Hoffnung zurück, daß wieder dem Bauer sein Pflug, -dem Bürger sein redliches Handwerk gehöre. - -Aber noch war die Zuchtrute der Zeit nicht gesättigt, nun blieb der -Schwede als Feind, wo er als Freund kam; was ihm die Fürsten und Städte -im Reich nicht mehr gaben, das bot ihm Frankreich mit listiger Hand, -und Oxenstjerna zögerte nicht, es zu nehmen. - -Elf Jahre ging noch der höllische Krieg: Schweden, Franzosen, Spanier -rissen sich um den Raub mit dem Kaiser; aber der Raub war das Reich und -der Kaiser die römische Kirchengewalt. - -Da ließ auch Bernhard von Weimar den blaugelben Stumpf und machte den -Pakt mit dem Todfeind der Habsburger Macht: französisches Geld half -ihm, ein Heer auszurüsten, Elsaß und Hagenau -- stand in dem Pakt -- -sollten sein Lohn sein. - -So stieg noch einmal sein Ruhm, aber nun trug er die eigene Fahne; -und als sie zum andernmal Sieg trug, als ihm das Elsaß gehörte, als -Breisach ihm zufiel und der Oberrhein sein war: da wurde der deutsche -Herzog dem Kanzler von Frankreich und Kardinal Richelieu zu großmächtig. - -Er sollte für Frankreich, nicht für sich selber, dem Kaiser das Land -abgewinnen; den Trotz zu betören, trug er dem Prinzen die Hand seiner -Nichte als Siegespreis an. - -Aber Bernhard von Weimar lachte der Ehre, wie Dietrich gegen Byzanz -lachte; die hessische Landgräfin war ihm geneigt: von Basel bis Marburg -sollte -- so ging sein Traum -- sein neues Herzogtum reichen, und -sollte die Trutzburg des deutschen Evangeliums sein. - -Er war die Faust und das Herz, die Trutzburg zu halten, aber der Tod -fiel ihn an wie ein räudiger Hund: sein Arzt gab ihm Gift, so sagte er -selber; Breisach ist unser! rief fröhlich der Kardinal. - -Elsaß zu halten, doch nie das Reich zu verraten; so ging das Testament -Bernhards von Weimar an seine Brüder: aber Geld und Gewalt der -Franzosen hielten den Raub fest, als die Faust und das Herz nicht mehr -schlugen. - - -Das Ende - -Älter als die Jünglinge der Menschen war schon der Krieg, da Bernhard -von Weimar die Faust und das Herz seiner Taten zum Sterben hinlegte, -und über der Wiege saß manche Mutter, die selber den Frieden nicht -kannte. - -Bernhard von Weimar war noch ein Held der Hoffnung gewesen; die nach -ihm kamen, waren Soldaten, sie kannten nichts als Soldatenglück und -Soldatengewalt: - -Banner, der Schwede, üppig und wild und verwegen und allen Lastern -fröhlich vertraut; mitten im Winter kam er vor Regensburg, den Kaiser -mitsamt dem Reichstag zu fangen, aber die Donau ging über Nacht in -Tauwetter auf. - -Torstenson dann, von der Podagra übel geplagt, aber sein Lehnstuhl fuhr -schneller durchs Reich als die Reiter des Kaisers; bei Breitenfeld -schlug er sie scharf, wie sein König dem Tilly tat, und seine Scharen -streiften vor Wien. - -Johann von Werth, der in Jülich Bauernknecht war und ein spanischer -Reitersmann wurde; keine Stadt im Reich, die seine Tollheit nicht -kannte. - -Wie sie einander hinjagten, heute am Rhein und morgen am Lech, wie sie -Heuschrecken gleich in die Länder einfielen, wie sie die klägliche -Bürger- und Bauernschaft plagten: das war nicht mehr Krieg, das war nur -noch Ritt um den Raub und um die Winterquartiere. - -Und wie die Herren, so wurden die Knechte: wo ihrer zwölf waren, tat -sich der dreizehnte auf als ihr Meister; denn plündern und rauben -nährte den Mann nur noch abseits der Straße. - -Längst säte der Bauer nur mehr die Felder versteckt in Wäldern und -Sümpfen; und was in den Städten noch Bürgerschaft hieß, hielt das -zerlöcherte Sieb, aus dem Schlamm der wilden Heervölker den traurigen -Satz zu gewinnen. - -Wohl hatten Sachsen und Brandenburg Frieden gemacht mit dem Kaiser, -aber der Schwede hohnlachte dazu, ihn zu halten; denn längst mit dem -König war seine Zucht und Frommheit gefallen. - -Schlimmer als je galt das Faustrecht, wüster als je lag der Acker, -bitterer als je war die Armut, wilder das Elend, heißer Hunger und -Seuche; von Zucht und Sitte war nur ein schmutziger Rest, vom Wohlstand -des Reiches nur noch die Sage geblieben. - -Als dann Turenne, der Mordbrenner, kam, und Wrangel, der Schwede, ihm -half, die Pfalz auszukehren, als Max, der stolze Kurfürst von Bayern, -dem Kaiser abfiel im Stillstand von Ulm: da war der Schwur von Loreto -am Ende. - - -Der Frieden zu Münster - -Der Frieden kam, wie ein Feuer sich selber die Stätte leer frißt; der -Hunger der Länder hing sich dem Wagen der Kriegsvölker an, und vor den -Toren der Stadt saß wartend die Seuche. - -Sieben Jahre lang siechte der Krieg hin, so hatten die räudigen Hunde -der Macht sich verbissen; der Reichstag von Regensburg sollte sein Ende -bedeuten, aber der Schwur von Loreto wollte noch immer Machthalter -bleiben. - -Dann wurde in Hamburg das Ränkespiel anders beschlossen: in Münster und -Osnabrück sollten die beiden Heerlager der Räte und Vollmachten sein; -aber drei Jahre vergingen, bis die Perücken der feindlichen Völker sich -alle einfanden. - -Und vier Jahre lang wurden die Akten gewendet, vier Jahre lang zankten -die Räte sich um den Rang ihrer hohen Personen, vier Jahre lang -schrieben die Federn sich stumpf an spitzen Prämissen: bis endlich der -Troß der Gesandten in Münster einfuhr, mit schwarzer Tinte das Blut der -Völker zu sühnen. - -Der Kaiser hatte das Spiel verloren, aber das Reich mußte die Schulden -bezahlen: Schweden nahm Pommern, Rügen und Bremen, Frankreich das Elsaß -samt Metz, Toul und Verdun; die Schweiz und das Niederland gaben für -immer dem Reich ihren Abschied. - -So hatte der Schwur von Loreto ein Aas aus Deutschland gemacht, Fremden -zum Fraß, und hatte dem heiligen römischen Reich deutscher Nation den -Tag abgeschnitten. - -Denn nun waren die Fürsten die Herren; sie durften Bündnisse schließen -ohne den Kaiser, sie konnten in Frankreich, England und Schweden den -Trotz stärken gegen den Kaiser: das Reich war keine Reichsherrlichkeit -mehr. - -Kirche und Kaiser waren das Herz und die Hand der christlichen -Weltmacht gewesen und hatten den Bogen gespannt über die Völker: nun -saß der Kaiser zwar noch in seiner Hofburg, aber das Reich gehörte den -Fürsten. - -Katholisch, lutherisch und reformiert konnte der Landesherr sein, wie -er wollte; nur einen anderen Glauben als seinen brauchte er bei dem -Untertan nicht zu dulden. - -Frieden auf Erden hatte die Botschaft versprochen und hatte den -wildesten Krieg über Deutschland gebracht; als gläubiger Christ hüben -und drüben war der deutsche Mensch in die Zwietracht geraten, daß er -dem Bruder die Glaubensgründe bestritt: in Konfessionen geschieden -hatte das deutsche Volk die Einheit der Seele verloren. - - - - -Das Buch der Fürsten - - -Versailles - -Ein scharfer Keil in der Habsburger Macht war das Land der Franzosen: -von Flandern hinauf nach Burgund und drüben in Spanien bot ihm das -Habsburger Weltreich die Flanken. - -So war es geworden, als Philipp der Schöne hinüber nach Spanien freite, -so wirkte es doppelt, als Karl, der spanische König, zurück in das -Reich kam, Kaiser der Deutschen zu werden. - -Viermal führte er Krieg mit Franz dem Ersten von Frankreich, daß ihm -der Keil nicht die Flanken zersprenge; viermal nahm er den Keil in die -Zange und konnte ihm doch die Schärfe nicht brechen. - -Was aber Franz mit grimmigen Kriegen begann, vollbrachte mit List -Richelieu: die Kaisergewalt starb hin an dem Schwur von Loreto, -indessen der Kardinal den Feinden der Kirche beistand, die Flanken der -Habsburger Macht einzustoßen. - -Der Frieden zu Münster gab den Franzosen am Rhein, was der Kaiser -verlor: das Reich war leer und zerschlagen, sie aber standen im Glück -ihrer Stunde, und Ludwig der Vierzehnte kam, die abendländische Uhr auf -sich einzustellen. - -Er war noch ein Jüngling, als er im Jagdrock, die Peitsche keck in der -Hand, ins Parlament kam, das Fürstenwort seiner Zeit auszusprechen: Der -Staat, das bin ich! - -Die Fürstenmacht hatte den Krieg gegen den Kaiser gewonnen, und Ludwig -der Vierzehnte lehrte die Fürsten, ihr Siegerrecht auszukosten. - -Der Staat war der König: Stände und Standesherrn, Bürger und Bauern -waren ihm untertan und mußten dem König gehorchen als untertänige -Diener; er war die Sonne, alles Licht im Staat kam von ihm, und alles -war sein von Gottes Gnaden. - -Seine Soldaten marschierten im Namen des Königs, seine Minister waren -das Räderwerk höchsteigener Pläne, seine Beamten plagten den Untertan. - -Daß seine Allmacht sichtbar würde dem eigenen Volk der Franzosen und -den Völkern des Abendlandes, ließ er sich draußen, weit vor den Toren -der Hauptstadt Paris die neuen Lustgärten bauen: das Schloß und den -Park von Versailles. - -Die starre Flucht seiner Fenster und der umgitterte Hof wiesen der -stolz anlaufenden Straße den Rücken, das Antlitz war nach den Gärten -gekehrt, die in unendlicher Weite über den breiten Terrassen ihr grünes -Schaubild der blauen Ferne vorlegten. - -Wachen und Gitter und blinkende Fenster sperrten den Eingang und -reizten die Neugier; aber drinnen, von hundert Schranken behütet, hielt -der Hof seine rauschenden Feste. - -Da sprangen die Wasser, da lockten die hellen Terrassen den Blick in -die weiten Alleen, da schritten die Seidengewänder die breiten Treppen -hinauf und hinunter, da hielt die rauschende Pracht vor sich selber den -Atem an. - -Denn irgendwo drinnen wohnte der König und war in den schimmernden -Schalen wie eine Perle geschützt; durch den Marmorsaum herrischer -Hallen, unter den wuchtigen Decken prahlender Säle führte der zögernde -Schritt hinein ins Geheimnis der Macht. - -Aber kein Fuß durfte ihn gehen, der nicht von hoher Geburt und durch -die Gnade des Königs bestimmt war; denn wie die Macht seiner Heere, so -war die Pracht seines Hofes allein auf die Gunst seiner Augen gestellt. - -So sahen die Fürsten Europas die Sonne der neuen Herrschergewalt: kein -Schwertkaiser mehr, der im Harnisch vor seinen Rittern durchs Stadttor -einritt nach ruhmvollen Taten, kein Richtkaiser mehr, der auf dem -Marktplatz den goldenen Stuhl hatte. - -Reiten und richten war eine Pflicht im Tagwerk der Diener geworden, -der König gab nur die Gunst ihrer Stunden; sein Dasein war aus der -Wirklichkeit fort in das freche Theater der fürstlichen Allmacht -gegangen. - - -Alliance du Rhin - -Ein halbes Jahrtausend und mehr hatte das Reich am Rhein seine -Heimat gehabt; nun saß der Kaiser im Osten, dem Ohr und den Händen -der geistlichen Kurfürsten fern, indessen die Gnadensonne von Westen -reichen Glanz über ihr Fürstengewand schien. - -Denn nun kam die Zeit, da die Fürsten des Reiches Abgötter -bourbonischer Herrlichkeit wurden, da die Pracht von Versailles die -Höfe betörte, da die Kurfürsten den rheinischen Trutzbund schwuren -gegen den Habsburger Kaiser. - -Sie liebten als Priester Pracht und Gepränge und wollten als Fürsten -Hof halten, wie Ludwig der Vierzehnte Hof hielt in Versailles; aber -die Hofburg in Wien war der fürstlichen Pracht und fröhlichen Weltlust -verschlossen. - -Auch hatte der Kaiser die Fürsten und Stände betrogen; ein Reichstag -sollte -- so stand es im Frieden von Münster -- die neue Verfassung -beschließen; aber die Hofburg wollte die Krone aus eigener Vollmacht -beerben, die Kurfürsten sollten dem Habsburger Erbkaisertum nur noch -den Prunkmantel halten. - -Als darum der dritte Ferdinand starb, mochten die Kurfürsten am Rhein -seinen Sohn Leopold nicht mehr erwählen; Kaiser im Reich und am Rhein -sollte Ludwig der Vierzehnte heißen, weil er im Abendland längst der -mächtigste König und für die Fürsten das Götterbild ihrer Macht war. - -Mehr als ein Jahr lang zogen sie kläglich die Wahl hin, die Gunst und -das Gold von Versailles strömten die Fülle über den Rhein; aber der -bängliche Kurfürst von Bayern verdarb das französische Spiel: die -rheinischen Herren mußten in Frankfurt den Habsburger krönen. - -Aber am andern Tag saßen sie da um die Gunst und das Gold von -Versailles und schwuren den Bund mit dem König von Frankreich; drei -Kurfürsten mit ihren Trabanten versagten dem Kaiser die Treue und -verrieten den Rhein und das Reich an den Todfeind der Habsburger Macht. - -Denn nicht nur heimlich stand Ludwig der Vierzehnte Pate, er selber -trat mit in den Rheinbund; die Gnadensonne von Versailles lag auf den -fürstlichen Händen, als sie den treulosen Pakt unterschrieben. - - -Straßburg - -Eine Reichsstadt war Straßburg seit Urvätertagen, und deutsches Leben -hatte dort seine vornehme Werkstatt gehabt; als der Kaiserglanz -noch am Rhein seinen Auf- und Untergang hatte, stand es im Mittag -reichsdeutscher Macht. - -Eckhart der Meister und Tauler der Prediger, Murner und Brant fanden in -Straßburg Ohren und Herzen, die schwarze Kunst Gutenbergs hütete hier -ihr erstes Geheimnis. - -Auch als das Gewitter um Luther und Zwingli schwarze Sturmwolken -brachte, hielt Straßburg die Reichsfreiheit hoch und war dem Bund der -evangelischen Fürsten eine wehrhafte Stütze. - -Jakob Sturm, sein Stättmeister, stand stolz unter den Fürsten des -Reiches; kein Herzog und Bischof konnte am Oberrhein wagen, Straßburger -Bürgerrecht anzutasten. - -Als Frankreich danach im Frieden zu Münster das Habsburger Erbland -im Elsaß bekam, blieb Straßburg wie eine stolze Bastei der alten -Reichsherrlichkeit stehen. - -Sein Münster, durch Erwin von Steinbach herrlich erhoben, hielt seine -Hallen der evangelischen Lehre geöffnet; und ob durch die Tore die -Gunst von Versailles prahlend herein ritt, die Bürgerschaft ließ sich -nicht locken. - -Nur die Geschlechter äugten sehr nach der welschen Sonne; und der -Bischof Franz Egon von Fürstenberg hielt der Sonne den Spiegel: er -wollte die Messe im Münster lesen, und Straßburg die Reichsstadt sollte -ihm wieder als Bischofsstadt untertan sein. - -Er legte die Schlinge, und als sie mit List und Bestechung bereit war, -zog die Gewalt zu; es war im September, da die Kaufleute mit ihren -Knechten die Messe in Frankfurt bestritten, als das Heer der Franzosen -vor Straßburg erschien. - -Mitten im Frieden sahen die Bürger blanke Geschütze auf ihre Tore -gerichtet; der Kaiser saß fern in der Hofburg, und viel zu stark stand -das welsche Volk vor den Wällen. - -Auch waren im Magistrat zuviel Augen betört durch das Gold und die -Gunst von Versailles; am dritten Tag ritten die Reiter der Lilie mit -Hörnergeschmetter ein in die Gassen: keinen Schuß und Mann hatte den -König von Frankreich die deutsche Reichsstadt gekostet. - -Und als nach einem Monat die Sonne selber die Stadt und das -Münster beschien, stand der Bischof davor aus einem deutschen -Fürstengeschlecht, den neuen Herrn zu begrüßen, und lästerte laut mit -dem Wort, das Simeon sprach, als er im Tempel das Knäblein begrüßte: - -Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden einfahren; denn meine -Augen haben den Heiland gesehn! so sagte ein deutscher Fürst und -Bischof dem König von Frankreich, als er in Straßburg als Räuber einzog. - - -Die Erbschaft der Liselotte - -Die Fürsten Europas waren vervettert, aber den Zank um die Erbschaft -mußten die Völker bezahlen. - -Ludwig des Vierzehnten Mutter war Anna von Österreich und seine Frau -eine Tochter des spanischen Königs: der Todfeind von Habsburg war -selber dem Hause versippt; auch hatte der Bruder des Königs Liselotte, -die Schwester des Pfalzgrafen, zur Frau. - -Die deutsche Prinzessin am Hof zu Versailles war ein drolliges -Weibsbild; aber sie wurde der pfälzischen Heimat die Quelle unsäglicher -Leiden. - -Als Karl, ihr Bruder, kinderlos starb und die von Pfalz-Neuburg -rechtmäßig die Erbschaft antraten, ließ sie den mächtigen Schwager ihr -Erbteil vom Reich für Frankreich einfordern. - -Das aber war zu der Zeit, da die Türken Belgrad verloren, da der -allerchristlichste König seinen besten Mithelfer bedrängt sah: dem -Halbmond gegen das siegreiche Kreuz des Habsburger Feindes zu helfen, -fing er den pfälzischen Krieg an. - -Aber das Reich war besser gerüstet, als da er Straßburg einsteckte; -Melac, sein Feldherr, konnte die Pfalz nicht behalten. - -Wo aber die Sonne des Königs von Frankreich nicht scheinen durfte, -brauchte die Frucht nicht zu reifen, brauchten die Scheuern und Häuser, -die Schlösser und Kirchen der Pfalz nicht mehr zu stehen. - -Der König will es! so hieß die Mordbrennerlosung; der König will es, -daß Heidelberg in eine Öde gestellt sei, daß die Dörfer der Bergstraße -brennen, daß die Straßen im Winter mit flüchtenden Menschen gefüllt -sind, daß ihrer viele erfrieren! - -Der König will es, daß Speyer und Worms die Mordbrennerwut schlimmer -erfahren, daß die salischen Dome mit brennenden Dächern in Brandhaufen -stehn, daß den Leichen der Kaiser in ihren Gräbern Schande geschieht! - -Der König will es, daß eine brennende Wüste von Speyer bis Trier den -Glanz seiner Sonne grausam umgrenze, daß die grüne Frucht auf den -Feldern untergepflügt werde! - -Melac! so riefen die Pfälzer danach ihre Hunde und hätten sie besser -Liselotte getauft, die sich im höfischen Glanz von Versailles der -glücklichen Jugendzeit freute, da sie im Schloßgarten zu Heidelberg -Kirschen und Kuchen verzehrte. - -Indessen so böses Mordbrennertum den rheinischen Winter und Frühling -bedrängte, zogen die Heere der Fürsten zögernd zu Hilfe, und als sie -bei Fleurus im Niederland endlich ausholten zum Schlag, fielen sie -schlimm in den Degen der Welschen. - -Zum zweitenmal konnten die Mordbrennerscharen den Rhein überschreiten, -und diesmal sank Heidelberg hin: in Trümmer zerbrach das herrliche -Schloß, und düster lag über der Stadt der schwelende Rauch ihrer Brände. - -Der aber König der Mordbrenner war und der Schwager der Liselotte, von -ihrer Prinzessinnenseele fröhlich bewundert, er ließ auf die brennende -Stadt eine Schaumünze prägen, als ob Brandstiftung auch noch ein -Zeichen fürstlichen Gottesgnadentums wäre. - - -Die Türken vor Wien - -Der Schwur von Loreto hatte das Reich leer gebrannt, aber noch immer -kam der Glaubenskrieg nicht zur Ruhe: ein törichter Aufruhr ehrgeiziger -Junker gab auch in Ungarn der Ketzerverfolgung endlich das Schwert und -das Feuer zur Hand. - -Vierhundert Pfarrer wurden gleich Dieben gefangen, und die sich des -Widerrufs weigerten, wurden im Namen des Königs auf die Galeere -gebracht. - -Aber da fing dem Kaiser in Wien das eigene Haus an zu brennen; Graf -Tököly rief die Türken ins Land, und Kara Mustapha kam mit dem -unendlichen Völkergewirr seiner Scharen, den Halbmond gegen das -gleißende Kreuz von Habsburg zu tragen. - -Zum zweitenmal standen die Türken vor Wien, und ihr gewaltiges Lager -war eine brausende Springflut rings um die zitternde Stadt. - -Die Jesuiten mit ihrem gehorsamen Zögling waren nach Passau geflohen; -so wild war der Zorn des Volkes auf sie, daß ihrer viele das Leben -verloren, und nur verkleidet konnte der Kaiser die schimpfliche Flucht -wagen. - -Graf Starhemberg hieß der mutige Mann, der auf den zerschossenen Mauern -der Stadt noch standhielt, als in der Bürgerschaft schon das Entsetzen -an keine Rettung mehr glaubte. - -Die Burgbastei war gesprengt, nur die eine Nacht noch konnte die Stadt -den Sturm überstehen: wie Heimdals Horn die Asen aufrief, so sandte der -Stephansturm den Hilferuf seiner Raketen hinaus in die Nacht. - -Lange schon standen die Fürsten am Kahlenberg, aber sie waren zu -schwach, den Sturm auf das gewaltige Lager der Türken zu wagen, bis -Johann Sobieski, der tapfere König der Polen, sein starkes Heer brachte. - -Die türkischen Sturmleitern standen am Morgen bereit, aber wie Doggen -den Panther anfallen, so brachen die Polen und Deutschen vereint in das -Lager und ließen nicht ab, bis das Wild gefällt war. - -Zehntausend Türken lagen erschlagen, und ein verspätetes -Kreuzritterglück holte die Schätze des Morgenlandes heim; denn ein -unendlicher Troß hatte Kara Mustaphas Heer begleitet, und was sich -nicht selber zu retten vermochte, war Beute. - -Die Glocken läuteten Sieg vom Stephansturm wie niemals zuvor, und -Johann Sobieski, dem Retter, wurden die Wege mit Blumen bestreut; auch -der Kaiser war wiedergekommen, aber er konnte den Wahlkönig der Polen -nicht in der Hofburg empfangen, weil er kein fürstliches Blut hatte. - -Draußen im Lager von Ebersdorf wurde mit höfischem Umstand eine -Begegnung zu Pferd vorbereitet; der Kaiser war gnädig, sein Hütchen zu -lüpfen und einige Worte -- peinlich bemessen -- dem König zu sagen. - -Höher als Wien, seine Hauptstadt, galt ihm der Habsburger Hochmut, und -über dem Glück der Entscheidung, die das Abendland von der Türkengefahr -befreite, stand den Schranzen der Hofburg der höfische Brauch. - - -Holland - -Die sieben Provinzen im Niederland hatten mit Spanien Frieden gemacht, -sie hießen nun Holland nach ihrer stärksten Provinz und waren ein -Freistaat, obwohl die oranischen Prinzen Statthalter blieben. - -Sie nahmen im Frieden zu Münster Abschied vom Reich, ein Volk der -freien Gemeinde zu sein wie einmal die Väter; Handel und Handwerk, -Wohlstand und Weltlust hatten im Schutz ihrer starken Flotte geblüht, -indessen das Reich sich selber zerstörte im Krieg um den Glauben. - -Seit den Tagen, da Rom Republik war, hatte kein Bürgerstolz den Staat -so in Ordnung gehalten, wie die Brüder de Wit das holländische Glück -hielten. - -Rundum begann die Fürstenselbstherrlichkeit ihre Throne zu bauen, sie -aber deckten das Dach der Bürgerfreiheit mit blitzblanken Ziegeln und -wurden die Zuflucht aller Verfolgten. - -Der Bürger wurde sich selber das Ziel seiner Wünsche, seine -Fröhlichkeit schmeckte den Sonntag der werktätigen Woche, sein Stolz -sah den Reichtum der Welt auf breiten Schiffen ankommen, sein Trotz sah -das Stadttor von wehrhaften Wächtern behütet -- aber draußen im Land -säte der Friede das Korn in die Furchen. - -Und wie die Häuser behäbiger Bürgerschaft, wie ihre Kleider und Sitten, -so wurde die Kunst in Holland: sie brauchte nicht mehr die Säle der -Fürsten und Herren mit dem falschen Prunk ihrer Taten zu füllen, sie -malte dem Dasein des Bürgers das Schaubild. - -Bürger und Bauern sahen sich selber geschildert mit ihrem täglichen -Umstand; das Vieh auf der Weide, das leckere Wildbret des Händlers, der -helldunkle Raum ihrer Höfe, alles wurde behaglich auf saubere Tafeln -gemalt, und die fröhliche Wolkenlast ihrer Landschaft. - -So trat in Holland die Kunst aus den Kirchen und Höfen neu in die -Wirklichkeit ein. - - -Rembrandt - -Das Land war reich und seines eigenen Daseins fröhlich das Volk, daraus -noch einmal ein Großer aufstand, uraltes Geheimnis der Seele neu zu -verkünden. - -Rembrandt hieß er und war der Sohn eines Müllers in Leiden; er lernte -das Handwerk der Schilderkunst, aber nicht Bürger und Bauern zu -schildern lag seiner funkelnden Seele im Sinn. - -Sie war aus dem Dunkel zu rasch in den Tag geboren, nun sah sie -nichts als das Licht an den Dingen, das siegreiche Licht und seinen -unheimlichen Bruder, den Schatten. - -Alles was war, wurde dem Auge in Licht geboren; der dämmrige Raum und -die weithin schimmernde Ferne, die Menschen darin und die Bäume: alles -war angetan mit einer Krone von Licht und mit dem Schleppengewand -seiner Schatten. - -Alles war Wunder, was den Augen Wirklichkeit hieß, und wurde -Erscheinung im Märchenkleid seiner Beleuchtung. - -Und wenn die Seele die staunenden Augen zumachte, war das Wunder -nicht aus: dann standen die Räume inwendig gleich so im zarten -Helldunkelgeheimnis, schritten Gestalten ihr zu, magisch umleuchtet -oder zu dunklen Gruppen gespenstisch vereinigt vor den schimmernden -Gründen. - -Und waren nicht mehr die Menschen des Tages; als ob die Seele ein -Zauberglas wäre, durch Zeit und Raum alle Fernen des irdischen Daseins -zu spiegeln, so kamen sie an aus der alt- und neuen Geschichte, aber -zumeist aus der Bibel: - -David und Saul und die heroische Esther, die Erzväter und der -geblendete Simson; und hatten die Kleider an, wie sie die Juden in -Amsterdam trugen, faltenfarbige Gewänder und buntes Geschmeide. - -So war der Sohn des Müllers in Leiden, der als ein Meistergesell der -Schilderkunst nach Amsterdam kam, ein Märchenprinz seiner Augen, und -hatte die Hände geübt, die Zauberkünste des Lichts aus den Raumtiefen -der staunenden Seele auf seine Tafeln zu bringen. - -Da liefen ihm bald die Ratsherren zu und die reichen Kaufleute, sein -Wunder mit gnädigen Worten und auch mit silbernem Kauf zu belohnen; und -Saskia trat aus der Lichtflut sonniger Träume lächelnd und lockend in -seine Wirklichkeit ein. - -Sie wohnte mit ihm und hieß seine Frau, und es wurde ein glühendes -Glück um den Sohn des Müllers aus Leiden in seinem kostbaren Haus, -darin sich die Pracht und die Schönheit jubelnd und inniger fanden als -in dem prunkenden Schloß zu Versailles. - -Er malte die Männer und Frauen der Stadt auf seine Tafeln; so reich -war sein Glück, daß er die derben Gesichter und weißen Halskrausen -leuchtend damit übergoß. - -Aber wenn ihn der funkelnde Reichtum ganz überschäumte, dann malte -er Saskia; und nie stand die sinnenfrohe Jugend so glühend im Glück, -wie er das liebe Gesicht und die Hände, den selig gebeugten Nacken in -bernsteingoldener Lichtflut verklärte. - -Sechs Jahre nur währte die glühende Hochzeit, dann starb ihm das -jubelnde Licht in die Dunkelheit hin; aus allen Raumtiefen krochen -die Schatten heran und wollten sein eigenes Licht heimholen in ihren -dunklen Bereich, wo Saskia war. - -Der Tod war das dunkle Geheimnis, darin sich jede Flamme und jeder -Lichtstrahl verirrte: aber der Tod war auch die unendliche Weite, -daraus sich das irdische Leben im Licht seiner Augen endlich abgrenzte. - -Das war die Zeit, da Rembrandt die Schützengenossenschaft malte, die -im Sonnenschein auszog zur festlichen Freude, und die eine ängstliche -Insel des Lichts in der brandenden Dunkelheit, eine Nachtwache wurde. - -Der Gram saß mit ihm, und bald kam die Sorge als dritte dazu, er konnte -die derben Gesichter und weißen Halskrausen nicht mehr besonnen; der -ein Märchenprinz war, konnte nicht mehr seine Schulden bezahlen. - -Es war ein Hammer in Amsterdam, der klopfte zum ersten, zum zweiten und -dritten, und als er zum drittenmal klopfte, war es sein kostbares Haus -und alles Geschmeide und all das edle Gewand, das Saskia trug. - -Hendrikje hieß sie, die tapfere Magd, die dem darbenden Mann alles -zubrachte, was sie besaß: ihre schaffenden Hände, ihre dienende Treue -und furchtsame Liebe und ihren gesunden Leib. - -Sie lebten zusammen, die Magd und der Meister, und ihre Beharrlichkeit -hielt ihm die Kammer, darin er mit schwerer Hand und suchenden Sinnen -seine letzten Tafeln und Leinwände bemalte. - -Das Licht war eine düstere Glut in seinen Augen geworden und seinem -Bruder, dem Schatten, unheimlich verwandt: Berge und Bäume und all die -vertrauten Gestalten der Bibel tauchten nun auf aus der dunklen Tiefe, -wie ein Feuer bei Nacht brennt. - -Wie ein Zauberer gespenstische Zeichen ausschreibt, so jagte sein -Pinsel die Farben groß ineinander, fremd für die Ratsherren und reichen -Kaufleute und nicht mit gnädigen Worten und silbernem Kauf belohnt. - -Arm und fast schon vergessen starb Rembrandt, der ein Märchenprinz war -und sein Alter am Leuchtturm des Schicksals verbrachte. - -Noch einmal hatte ein Großer uraltes Geheimnis der Seele verkündigt, -nun kam der französische Tag, die Fürsten und Völker mit seinem -gleißenden Glanz zu betören. - -Das jubelnde Licht und die düstere Glut seiner jungen und alten Stunden -blieb einsam lebendig, wie eine Seele nicht stirbt und ein Stern nicht -versinkt. - - -Der große Kurfürst - -Der Kurfürst von Brandenburg war vor dem Kaiser ein Sperling, aber er -war in Holland erzogen und hatte im Haag den Habsburger Zorn ohnmächtig -gesehen, weil ihm ein tüchtiges Volk mit Klugheit und Kraft die Tür -wies. - -Auch war der Prinz von Berlin der Eidam des Statthalters geworden, so -fiel ihm ein Schein der oranischen Macht zu, neue Kerzen in Brandenburg -anzubrennen; denn schlimmer als eines hatte sein Land die Leiden des -Krieges erfahren. - -Weitab vom Rhein, hinter den Städten der Hansa, mit kärglicher -Wüste und künstlichen Grenzen, in Sand und Sümpfen von Slavien lag -sein verzipfeltes Kurfürstentum: germanisches Vorwerk und mühsames -Ansiedlerland. - -Kolonisten, aus Frankreich vertrieben und Bauern aus Holland, durch -Freiland und mancherlei Gunst angelockt, mußten das Land von der Havel -zur Warthe notdürftig füllen, das durch den langen Krieg menschenleer -war. - -Der Staat, das bin ich! so hatte der Jüngling in Frankreich die Losung -des Fürsten gesprochen; daß sie dem Kurfürsten in Brandenburg wahr -werde, mußte sein schlimm verwüstetes Land erst ein Staat und er selber -sein Herr werden. - -Allerlei Völker, Städte und Stände waren ihm untertan und wollten -regiert sein nach ihren Rechten; er aber wollte sein Herrschergewand -nach eigenem Maß nähen und warf das Flickwerk der Herkunft ins Feuer. - -Kein Fürst nahm seinen Städten und Ständen mehr Freiheit und Herkunft, -als Friedrich Wilhelm in Brandenburg tat, den sie danach den großen -Kurfürsten nannten. - -An der sumpfigen Spree in Berlin stand seine düstere Burg, den Trotz -der eigenen Bürgerschaft blutig zu dämpfen; alles, was er besaß, war -ihm bestritten, und nur sein immer gerüstetes Heer gab ihm die Macht, -es zu halten. - -Wohl baute auch er sein Versailles draußen in Potsdam, aber es blieb -nur ein rüstiges Landschloß, und den Lustgarten davor hielt die Havel -ängstlich begrenzt. - -Vor dem Kaiser war er ein Sperling, vor dem König von Frankreich nur -eine zornige Biene; aber er wurde nicht lässig, die Waben zu bauen, bis -Ordnung und Wohlstand in Brandenburg schüchtern begannen. - -Als Turenne nach der Pfalz auch Holland mit Krieg überzog, bekam der -König von Frankreich den Stachel zu fühlen: mit seinem trefflichen -Heer sprang der Kurfürst dem Oranier bei und rastete nicht, bis den -Franzosen endlich der Reichskrieg erklärt war. - -Aber Ludwig, der Hofmeister der Fürsten, hetzte ihm listig die Schweden -ins Land; so mußte die zornige Biene eilig nach Hause. - -Die reitenden Boten hatten kaum seine Ankunft gemeldet, da fiel ein -Handstreich schon über die Schweden in Rathenow her; und als er die -Hauptmacht bei Fehrbellin fand, griff er sie an, wo sie stand, und -jagte sie in die märkischen Sümpfe. - -Die Schweden mußten den Einbruch teuer bezahlen, Pommern samt Rügen -ging ihnen verloren; als sie im Winter durch Livland in Preußen -einbrachen, kam der Kurfürst mit Schlitten über das Kurische Haff und -jagte die Scharen bis Riga. - -Da war der Sperling ein Sperber geworden, der kleine Kurfürst von -Brandenburg hatte allein die schwedische Großmacht geschlagen. - -Ob er den Schweden noch einmal Pommern und Rügen hergeben mußte, weil -ihn der Kaiser im Frieden verließ: Ludwig, der listige Rechner, hatte -die Stärke erkannt und sandte ihm heimliche Botschaft. - -Zwischen Wien und Versailles stand er nun schlagfertig da; im Handel -der Großen galt er kaum mehr denn ein hitziger Klopffechter, aber sie -mußten ihm seine Verträge halten. - -Was Sachsen einst war, war Brandenburg durch ihn geworden: die -protestantische Schutzmacht im Reich, die Hoffnung aller Vertriebenen -und der Anwalt aller Bedrohten. - -Mehr Untertanen gewann er durch Gunst als durch Kriege, und Landesvater -hießen sie ihn, denen der Kurfürst in Brandenburg nach bitterer -Verfolgung ein evangelischer Kirchenherr war. - - -August der Starke - -Den deutschen Simson hießen die Lobredner ihn, weil er so stark war: -Hufeisen zerbrach er wie Holz, und das wildeste Pferd wurde schwach -unter seinen gewaltigen Schenkeln. - -Er war nur ein Prinz aus Kursachsen, wo sein Vater, der Kurfürst, sich -täglich betrank und sein Bruder, der Kurprinz, Sybilla von Neitschütz -als lockeres Liebchen genoß. - -So ging er wie alle Prinzen auf Reisen, und an den Höfen Europas war -bald von dem unbändigen Jüngling die Rede, der die Frauen und Pferde -wie keiner zu bändigen wußte, und der die Laster der höfischen Welt -lachend genoß. - -Sein Bruder starb an den Blattern, so wurde August, der Starke -geheißen, Kurfürst in Sachsen und sollte daheim in Dresden regieren; -aber er zog in den Türkenkrieg als prahlender Feldherr des Kaisers, und -als ihm das rauhe Handwerk nicht paßte, blieb er in Wien, bequemeren -Ehrgeiz zu pflegen. - -Johann Sobieski, der tapfere König in Polen, war tot, und August der -Starke wollte sein Nachfolger werden. - -Er brauchte viel Geld, die Gunst der polnischen Großen zu kaufen, auch -mußten die Höfe in Wien und im Reich ihm willfährig sein: so gab er den -Fürsten sächsisches Erbland dahin und nahm die silbernen Taler dafür. - -Auch mußte er seinen lutherischen Glauben abschwören; wofür seine Väter -Not und Verfolgung litten, er warf es hin wie einen verschlissenen -Mantel. - -So wurde August der Starke König in Polen, und Dresden stand ihm wohl -an, darin zu regieren; denn nun war der rauschende Glanz um ihn, gleich -seinem Abgott in Frankreich die Majestät seines Hofes zu spielen. - -Die Sachsen mußten es teuer bezahlen, daß ein polnischer König ihr -Kurfürst war, Schulden und Nöte bedrängten das ärmliche Land, indessen -zu Dresden die höfische Üppigkeit anschwoll. - -Frauen und Pferde waren noch immer die Liebe August des Starken, aber -nun prangte die Krone an ihrem Kleid und Geschirr: Feste und Jagden -hielten dem lüsternen König das Jahr in der Schwebe und der unendliche -Umstand kostbarer Bauten. - -Den deutschen Simson hießen die Höflinge ihn, der sein Leben in -Lust und Liederlichkeit hinbrachte, und ein vergoldetes Reiterbild -stellten sie ihm auf den Markt, der das sächsische Haus um die stolze -Vergangenheit und sein Land um die Zukunft betrog. - - -Der König in Preußen - -Der Sohn des großen Kurfürsten war nur ein schwaches Gewächs; aber sein -Ehrgeiz brannte die flackernde Flamme, König zu heißen, statt nur ein -Kurfürst des Reiches zu sein. - -Kurfürst des Reiches hieß er in Brandenburg; als Herzog in Preußen -jedoch war er dem Kaiser nicht untertan, dort saß er aus eigenem -Thronrecht. - -Herzöge in Preußen waren die Hohenzollern, seitdem Albrecht von -Brandenburg, der letzte Hochmeister, das Ordensland Preußen zum -weltlichen Fürstentum machte und seinem Hause vererbte. - -Aber der Kaiser konnte dem Herzog in Preußen den Königstitel verwehren, -weil er ein Reichsfürst war: sieben Jahre lang mußte der Kurfürst von -Brandenburg an der Hofburg in Wien Bittsteller sein, bevor seine Stunde -kam. - -Der Kaiser brauchte Soldaten zum spanischen Erbfolgekrieg und -Friedrich der Kurfürst mußte ihm für die preußische Krone mehr als die -reichsfürstliche Heerfolge leisten. - -So kam der Prinz Eugen zu den preußischen Truppen, die bei Turin, bei -Höchstädt, in Flandern und Frankreich tapfer den Ladestock hielten; und -der Dessauer fluchte dazu seine Schwüre. - -Die Schwüre und Flüche störten den Kurfürsten nicht, als er in -Königsberg die bebende Hand nach der Krone ausstreckte; er war -in Scharlach gekleidet mit Knöpfen aus Diamant, deren jeder ein -stattliches Bürgerhaus wert war. - -Juweliere und Schneider hatten das ihre getan, aus ihm einen König -zu machen; auch ließ er sich salben mit Öl und hatte zwei Bischöfe -ernannt, die sonst ehrsame Prediger in Königsberg waren, daß sie den -kirchlichen Pomp an ihm übten. - -Das Volk aber konnte die Freuden des Tages wie bei der Kaiserkrönung -in Frankfurt genießen: der Weinbrunnen floß, und der Ochs am Spieß bot -seine gebratenen Lenden den lüsternen Mäulern dar. - -Der Sohn des großen Kurfürsten war nur ein schwaches Gewächs; aber der -Hermelin deckte die kränklichen Schultern, als er im Glanz der neuen -Königskrone zurück nach Berlin kam. - -Da hatte ihm Schlüter die düstere Burg an der Spree mit Höfen und Sälen -erweitert, daß sie ein Königsschloß war ohnegleichen in Deutschland: -die Pracht kam vor der Macht; aber als die preußische Macht danach kam, -wollte sie nicht in der Pracht wohnen. - - -Prinz Eugen - -Der Frieden zu Rijswijk hatte den kläglichen Krieg um die Erbschaft der -Liselotte beendigt, aber er war nur ein Stillstand im Erbstreit der -Fürsten, ein Notdach, das schwarze Gewölk zu erwarten, das über dem -Abendland hing. - -Denn Karl, der spanische König, war krank, ohne Erben; die Sippe der -Habsburger stand lauernd am Bett, seinen Tod zu erwarten: Wien und -Versailles hielten die Schwerter bereit, das Blut ihrer Völker an die -spanische Erbschaft zu wagen. - -Der König von Spanien starb, und wie das Getier des Waldes über ein -brechendes Wild, so brachen die Heere ins Land; bald war Europa vom -Kriegslärm erfüllt und voll vom Ruhm des Prinzen Eugen. - -Er war ein Prinz von Savoyen und Feldherr des Kaisers; seitdem er bei -Zenta die große Türkenschlacht schlug, hing seinen Fahnen der Sieg an. - -Vierzehn Jahre lang hielt der spanische Erbfolgekrieg den Prinzen im -Sattel: er schlug die Franzosen zuerst bei Cremona, er traf sie bei -Höchstädt im bayerischen Donautal schwer und schlug sie zum drittenmal -hart bei Turin. - -Er ritt nach Neapel und lag vor Toulon, er kämpfte in Holland und -Flandern, von der blutigen Walstatt zu Malplaquet fuhr er nach -Frankreich und brach dem König das prahlende Lille aus dem Stachelkranz -seiner bewaffneten Plätze. - -Er war ein Herzog, wie einmal die Helden der Völker Herzöge waren; wo -es am heißesten herging, war er zu finden, und so viel Kugeln trafen -den Kühnen, daß kein Musketier böser vernarbt war als er. - -Der Prinz Eugen hieß er bei Großen und Kleinen, sein Name allein war -eine flatternde Fahne, wo er sein Lager hielt, liefen Reiter und -Fußvolk ihm über. - -Und als der blutige Krieg um die spanische Herrschaft endlich ausging, -nicht gut für das Reich und den Kaiser, weil ihm das englische -Ränkespiel zuletzt den Sieg aus der Hand nahm: machte er selber den -Frieden zu Rastatt und war ein kluger Staatsmann, wie er ein kühner -Feldherr gewesen war. - -Zwei Jahre lang saß er in Wien, und war schon grau und dachte der Ruhe -zu pflegen, als ihn die Türkengefahr noch einmal ins Feld rief. - -Er hatte als Jüngling vor Wien nach dem ersten Lorbeer getastet, bei -Ofen und Belgrad die ersten Wunden empfangen, bei Zenta den feurigen -Ruhm seines Namens gefunden: nun zog der Graukopf gegen den alten -Feind, sein Leben zu krönen. - -Der blutige Krieg um die spanische Erbschaft hatte ihm einen fremden -Dienstmantel umgehängt, nun war er wieder daheim, und siegesgewiß kam -das Heer, mit dem Prinzen Eugen zum letztenmal gegen die Türken zu -fahren. - -So war der Sieg bei Peterwardein die Ehrenschrift seines Ruhmes und -der Sturm auf Belgrad das Siegel; als er dann wieder nach Hause kam, -standen die Türen der Hofburg weit auf, aber das Volk von Wien herzte -den Namen des Prinzen wie eine Liebe. - -Max, der ruhmvolle Kaiser, war durch die Straßen geritten, und -Wallensteins Sänfte hatte den Prunk seines düsteren Daseins getragen: -aber der Prinz Eugen war der Türkenbezwinger, er hatte den Halbmond -gebannt, daß wieder die Sonne auf Wien schien. - -Wie einer sein Glück in der Welt macht und danach die Zinsen daheim -fröhlich genießt, so lebte der Prinz sein Alter in Wien, sein Haus -reich und schön zu bestellen. - -Den Belvedere hieß er den feinen Palast, darin er gepudert und zierlich -gekleidet die alternden Tage hinbrachte, schöne Dinge zu sammeln und -kluge Menschen zu hören, Musik und eine stolze Geliebte als Greis zu -genießen. - -Der seine Mannheit auf den Schlachtfeldern Europas hinbrachte, -hauchte sein zärtlich umhegtes Leben aus wie ein Windspiel; in seinem -prunkreichen Bett starb Eugen, dem das Glück von Wien zufiel, obwohl er -ein Prinz von Savoyen war. - - -Die fürstlichen Schlösser - -Das war die Zeit der fürstlichen Schlösser; nicht mehr die Burgen -der Ritter von einst, auf waldigen Bergen, im sumpfigen Wasser, -mit moosigen Mauern und plumpen Türmen befestigt: Prunkstätten der -höfischen Hoffahrt und fürstlichen Willkür standen sorglos im offenen -Land. - -Wasserkünste und Lauben, aus Buchs künstlich geschnitten, gezirkelte -Wege und breite Terrassen mit Lorbeerkugeln bestellt, marmorne Götter -und Faune, hängende Gärten und heimliche Brücken ahmten das Bild von -Versailles abgöttisch nach. - -Und wie die Gärten dienten die Schlösser dem Abgott der Fürsten: Der -Staat, das bin ich! so stand ihr prahlendes Wesen mitten in Armut und -mühsamer Arbeit. - -Der Winzer pflegte den Weinberg, der Bauer bestellte die Felder, der -Bürger versuchte sein redliches Handwerk zu treiben, wie es in alter -Zeit war: aber dem kläglich zerbrochenen Dasein der Deutschen war ein -fremder Prunkmantel angetan. - -Längst sprachen die Fürsten und Herren französisch, französische -Kleider und Sitten hielten den Hof hochmütig fern vom verachteten Wesen -der Bürger und Bauern. - -Und Höfe gab es in Deutschland, als ob das Reich der Eulenhorst -fürstlicher Herrlichkeit wäre; Länder und Länderchen hielten die -Grenzen peinlich gehütet, damit überall eigene Fürstenmacht sei. - -Auch waren die adligen Herren dem Hof und den Höfchen gelehrige -Schüler; kein Dorf stand im Reich, das nicht sein Krähennest hatte, und -wer nicht fürstlicher Untertan war, hieß ihrer Herrschaft leibeigen. - -Untertan sein aber hieß, der fürstlichen Allmacht demütiger Diener, mit -Leib und Blut der höfischen Zwingherrschaft verfallen sein. - -So war die freie Gemeinde in Sonntag und Werktag geschieden: indessen -Bürger und Bauern den mühsamen Trott der Werktage gingen, saß in den -Schlössern der ewige Sonntag zu Tisch. - -Blinkende Gläser und dampfende Schüsseln, seidene Kleider und stolze -Perücken, lüsterne Tänze und Spiele, faule Tage und fleißige Nächte -füllten die Säle und Hallen der Schlösser, indessen draußen die Arbeit -und Plage den schweren Stundenschlag hatten. - -Leichtsinn und Laster nahmen der ehrlichen Arbeit den Lohn; Frechheit -und Faulheit fraßen den Trog leer, den die verachteten Hände der Bürger -und Bauern mühselig füllten. - -Gott war nach Frankreich gegangen, und die sein Priesterkleid trugen, -dienten ihm gern in der Fremde; Fürsten und Pfaffen glänzten im Glück -der welschen Erhöhung, die Seele der Deutschen saß stumm und verachtet -im Turm der Bedrängnis. - - -Der Soldatenkönig - -Indessen die Fürsten und Höfe in Deutschland verwelschten, indessen der -Troß ihrer Minister, Mätressen, Pferde und Jäger den mageren Wohlstand -der Länder verzehrte, wurde in Preußen, so hieß es, ein geiziger -Grobian König. - -Hermelin und Krone hielt er für unnützen Zierrat, der Soldatenrock war -sein tägliches Kleid und der Krückstock sein Zepter; er schnitt dem -prunkenden Hofstaat des Vaters die Goldlitzen ab und wohnte wie ein -Landedelmann draußen in Potsdam. - -Soldaten, Bürger und Bauern: mehr brauchte er nicht für das Land, nur -Prediger noch und Schulmeister, daß sie dem Untertan Zucht und Sitte -beibrächten und den rechten Gehorsam. - -Der Staat, das bin ich! galt auch für ihn; aber sein Wille war keine -Willkür sondern Dienst am Gesetz, dem er der oberste Richter sowohl wie -der unterste Büttel war. - -Wie Peter der Große, sein russischer Nachbar und Freund, hielt er vom -Galgen mehr als von sonst einer Weisheit; Männer und Frauen eigenhändig -zu prügeln, wo er sie ungehorsam fand, galt ihm keine Schande für einen -König. - -Künste und Wissenschaft schienen ihm Laster und Torheit; Gesangbuch und -Bibel, mehr brauchte es nicht, und wen die Musik lockte, der mochte ein -Kirchenlied singen. - -So war der preußische Königshof keine Stätte, sich bunt und leicht zu -vergnügen; seine Stunden gingen im Trommeltakt, und sein Abendgenuß war -eine Wachstube mit Tabak und Bier und saftigen Späßen. - -Aber der König im Soldatenrock, der seinen Stock als Überredung -gebrauchte und der seinem Untertan kein anderes Recht gab, als zu -gehorchen, tat seine Pflicht so treu und genau, wie er sie selber -verlangte. - -Sie lachten seufzend und liefen erschrocken davon, wenn er sich nahte; -aber sie sahen den Staat trefflich bestellt; und wo in den anderen -Ländern die Löcher der Schuldenlast faulten, wuchsen bei ihm die -silbernen Haufen der Taler. - -Denn der König von Preußen, den die anderen Fürsten für einen geizigen -Grobian hielten und der in Potsdam wie ein Landedelmann wohnte, war ein -kluger Haushalter und ein Meister gerechter Verwaltung. - -Es gab keinen kargeren Dienst als in Preußen, aber es gab auch keine -höhere Ehre: wie der Soldat den Rock des Königs trug, so hielt der -Beamte sein Siegel. - -Der Staat des Soldatenkönigs war wie eine Kaserne verwaltet; aber der -Bürger und Bauer kam zu dem Seinen, indessen Minister, Mätressen, -Pferde und Jäger den kargen Wohlstand der Länder rundum verzehrten. - - -Der Gutsherr von Rheinsberg - -Der preußische König, sein Land mit dem Krückstock regierend, wollte -den Sohn nach seinem Bilde erziehen; der aber hing an den Schößen der -Mutter, die eine welfische Fürstin und heimlich dem höfischen Prunk -zugetan war, wie der König ihn haßte. - -Auch war der Kronprinz ein kränkliches Kind, dem alles soldatische -Wesen leid war; verstohlen die Flöte zu blasen und die Bücher -französischer Dichter zu lesen, rief seiner Sehnsucht ein anderes -Königreich wach, als das der König regierte. - -Als danach der Prinz am sächsischen Königshof weilte, sah er die -Freuden der Welt leichtfertig verschüttet, davon er in Preußen nur -sparsam zu kosten bekam; er trank sich voll daran, und hätte die Hand -eher abgeschnitten, als daß er sie hieß, nicht nach dem Lustbecher zu -greifen. - -Aber der Stock des preußischen Königs schonte sein eigenes Blut nicht; -ob es der Thronerbe war, er mußte mit Schlägen die Lust und den Trotz -büßen, und der Hof sah zu, wie dem Kronprinzen solches geschah. - -Der Schmach und der Zucht zu entweichen, rief der Prinz seine Freunde -Katte und Keith und dachte, nach England zu fliehen; aber er wurde -ergriffen und wie ein Verbrecher nach Preußen zurück auf die Festung -gebracht. - -Küstrin hieß der düstere Ort, wo Katte, den Freund, vor seinen Augen -das Richtschwert ereilte; ein Turm am Wasser im festen Schloß war dem -Kronprinzen ein hartes Gefängnis, bis er sich beugte. - -Als seines Vaters treu gehorsamer Diener und Sohn saß er danach bei den -Akten der Kammer; als seines Vaters treu gehorsamer Diener ließ er sich -eine Gemahlin auswählen, die er nicht kannte, und die ihm fremd blieb -Zeit seines Lebens. - -In jeder Stunde bewacht und bemißtraut, an der dünnen Schnur hängend, -die ihm die Schere der Ungnade täglich durchschneiden konnte, wurde der -Kronprinz ein Zögling mißtrauischer List und kalter Verstellung, bis er -in Rheinsberg die Meisterschaft lernte. - -Da hatte der König dem Prinzen ein Schloß aufgemacht, weitab von der -Hauptstadt, daß er als Landedelmann lerne, ein einfaches Leben mit -seiner Gemahlin zu führen. - -Mitten in Wiesen und sumpfigen Wäldern, mit einer steinernen Halle zum -See lag das schlanke Gebäude in der Einsamkeit da, ein Gutsherrenhaus -für den Jäger und Landwirt: aber der Prinz machte Versailles zum Trotz -das neue Wunder Europas daraus. - -Wohl gab es allerlei Höfe, wo sich der Geist in Nebengemächern -aufhalten konnte, auch hielten die Fürsten sich Künstler, mit -prahlenden Leinwänden und Marmorbildern den Glanz ihrer Herrschaft der -staunenden Nachwelt zu zeigen: aber hier war der Geist selber zu Haus, -und die Kunst ging den eigenen Weg, ihm zu dienen. - -Wie ein Jagdherr fröhliche Freunde versammelt, so rief der preußische -Kronprinz die Seinen nach Rheinsberg: sprühender Witz und spöttische -Laune, helle Musik und freie Gespräche saßen zu Tisch und kreisten sich -aus in zierlichen Tänzen. - -Fürstlich allein war der Geist; kein höfischer Zwang, kein starres -Gepränge hing ihm den staubigen Prunkmantel um: und eher hätte in -Rheinsberg ein Frosch in die Zimmer gefunden, als daß die stelzende -Würde hinein kam. - -Soldaten und Pfarrer, Gelehrte und Dichter und Künstler waren die Gäste -des Gutsherrn, aber ihr Amt und die Würde hing mit den Mänteln und -Mützen am Nagel; nur was der Mann war kraft seiner Bildung, durfte im -Schimmer der Kerzen sein Angesicht zeigen. - -Der Menschengeist hob in Rheinsberg sein freies Gesicht gegen die -staubigen Mächte; was in der Jugend Europas zu brennen begann, saß mit -dem Prinzen am Feuer; und ob er die Sprache Ludwig des Vierzehnten -sprach, hinter den Worten stand doch der Geist, anderer Taten gewärtig. - -Einen Musenhof hießen sie bald das Gutsherrenhaus in der Mark und einen -Medici seinen gastlichen Herrn; die aber in hitzigen Nächten sein -großes Auge gewahrten und seinen Zorn funkeln sahen, ahnten, daß andere -Dinge in seinem Feuerkopf brannten, als ein Beschützer der Dichter und -Denker und Künstler zu sein. - - -Der König - -Dreimal brach Friedrich, der König von Preußen, den Frieden; sein -Recht war nicht rein, und die Habsburger hießen es Raub, daß er sich -Schlesien nahm: aber der Ruhm seiner freien Gesinnung, die Kraft seiner -Taten, seine Standhaftigkeit in der Not und seine Klugheit im Glück -machten ihn groß vor den Völkern. - -Ein alter Erbstreit um Schlesien schien durch die Jahre geschlichtet, -als Friedrich die Not der Hofburg benutzte, den Streit auf die Spitze -des Schwertes zu stellen. - -In Wien war der letzte Habsburger Kaiser gestorben, und seine Tochter -Maria Theresia sollte die Erbin der österreichischen Fürstenmacht sein, -aber die Höfe bestritten der Tochter das Recht zu regieren: Bayern, -Sachsen, Frankreich und Spanien sagten der Hofburg den Erbfolgekrieg an. - -Schneller als einer war Friedrich von Preußen zur Hand; er stand im -ersten Jahr der Regierung und brannte mit Inbrunst auf seine Stunde: im -Herbst war der Kaiser gestorben, zu Weihnachten schon war Schlesien in -seiner Gewalt. - -Seine Kassen waren mit silbernen Talern gefüllt, und das preußische -Heer kam aus der strengen Zucht seines Vaters: Österreich allein, -bedrängt und verschuldet, konnte sich seiner schnellen Schläge nicht -wehren; Maria Theresia mußte im Frieden zu Breslau Schlesien lassen. - -Der König von Preußen hatte die Gunst der Stunde kaltblütig genützt, -aber nun war sein Schicksal verstrickt; was er gegriffen hatte, mußte -er halten, das preußische Dasein hing an dem Raub. - -Maria Theresia wehrte sich tapfer all ihrer sonstigen Feinde, und -Friedrich wußte, wie sie um Schlesien weinte: der Frieden von Breslau -war für die Hofburg nur erst ein Stillstand, bevor der zweite -Waffengang kam. - -Im zweiten Gang schlugen die Waffen schon schärfer; als Friedrich in -Böhmen einrückte, ließen Franzosen und Bayern, auf die er gehofft -hatte, ihn kläglich im Stich; der eben noch Jäger war, hörte nun selber -die Hunde bellen. - -Schon bliesen die Habsburger Halali, weil sie den König in Böhmen -eingekreist hatten; er aber wußte die harte Bedrängnis in Sieg zu -verkehren, indem er die feindlichen Heere nach Schlesien lockte, wo -er die ruhmreiche Schlacht bei Hohenfriedberg mit einem tollkühnen -Nachtmarsch gewann. - -Es war sein erstes Soldatenstück, weil er mit seinem gerüttelten Heer -mitten in starker Übermacht stand: aber schon hatte der König im -Unglück gelernt, das Glück zu versuchen: nun sah er, daß es dem Mutigen -beistand. - -Noch aber konnte er seinen Gewinn nicht lässig heimtragen, bei Soor in -den böhmischen Bergen stand sein Glück auf der Schneide; erst als der -alte Dessauer dem König bei Kesselsdorf Luft machte, gab Habsburg den -zweiten Gang auch verloren. - -Der Frieden von Dresden beschwor den Frieden von Breslau; Maria -Theresia mußte zum andernmal Schlesien lassen, zum andernmal ritt der -König von Preußen als Sieger nach Haus. - -Aber es war ein härteres Spiel und ein kühnerer Einsatz gewesen, keine -Gunst der Stunde hatte ihm leichten Gewinn und Lorbeer gelassen: er -hatte auf Tod und Leben gerungen und hatte das Schicksal erkannt, wie -es nur seinem Meister Kühnes zu tun gestattet. - - -Der Spötter von Sanssouci - -Es war im fünften Jahr seiner Regierung, als Friedrich der König in -seine Hauptstadt zurück kam; er hatte den preußischen Staat vermehrt um -eine reiche Provinz, er hatte den Ruhm des Sieges gekostet, aber er war -noch immer der Gutsherr von Rheinsberg. - -Er wollte sein Fürstentum anders als sonst die Fürsten genießen, emsige -Tätigkeit innen und außen sollte den Tag füllen -- denn König hieß ihm -als oberster Diener des Staates die Unruhe aller Pflichträder sein -- -aber der Abend sollte ihm selber gehören. - -Sanssouci hieß er sein helles Lustschloß bei Potsdam, das ihm der -heitere Knobelsdorff baute, der Hausgenosse von Rheinsberg; gleich -einem Abendgewölk stand es da auf den grünen Terrassen. - -Nicht wie Versailles hielt es sein Angesicht abgewandt: über die roten -Dächer von Potsdam, über die blinkende Havel und ihre schwarzgrünen -Wälder führte der Blick in sein fleißiges Land. - -Da war er der König des Geistes, dem seine Tafel ein anderes galt als -ein Tisch mit leckeren Genüssen, da war er der witzige Hausherr, der -seine Gäste verblüffte im kühnen Spiel der Gedanken, da war er der -Spötter von Sanssouci. - -Keiner von seinen Freunden in Rheinsberg war ihm geblieben, und seine -Gemahlin, die dort noch die anmutige Hausfrau war, durfte die Schwelle -von Sanssouci nicht überschreiten; wo Friedrich, der König, sich wohl -fühlte, war er Franzose. - -Der seinen Staat genau nach den barschen Hausväterplänen des -Soldatenkönigs regierte, blieb seinem eigenen Volk fremd in der Seele, -wie je ein Fürst seinem Volk fremd war. - -Voltaire, der Meister boshaften Witzes, stand als der Stern seiner -Bildung über dem Ehrgeiz des Königs, und Sanssouci wurde die lockende -Insel im Osten für alle französischen Geister, die in Paris keinen -Ankerplatz fanden. - -Als Voltaire selber zu Gast kam, als er in Sanssouci saß, fürstlich -geehrt durch die Freundschaft des Königs, war das zierliche Schloß über -den schlanken Terrassen die Gralsburg der Zeit und ihrer spöttischen -Laune geworden. - -Sanssouci war, wenn sie zur Tafel dasaßen im kreisrunden Saal, von -Kerzenlicht hell überschüttet, wenn sie mit funkelnder Rede und -dolchblanken Witzen einander die Grenzen bestritten. - -Da konnte der König sich selber und einen mühsamen Tag für flüchtige -Stunden vergessen, da konnte der Spötter von Sanssouci, boshaft und -wild und seines Witzes vermessen, den Übermut zeigen. - -Manch boshaftes Wort ging seinen blitzschnellen Weg an die Höfe, bis es -das richtige Ohr fand; was er an bitterer Feindschaft danach zu fühlen -bekam, hatte der König in Sanssouci keck übernommen. - -Im preußischen Volk ging die Sage von seinen seltsamen Nächten, wo er -um witzige Worte die Schlachten nicht weniger heiß als um Schlesien -schlug, wo er auf blankem Parkett mit ledernen Stiefeln stand, zärtlich -die Flöte zu blasen, wo der König im Kreis seiner Franzosen ein Mensch -war, indessen sie nur den scharfen Herrn und kargen Sachwalter zu sehen -bekamen. - -Ein Fremdling im eigenen Land, verzaubert in fremdes Wort und Werk und -fremde Wertschätzung, saß Friedrich in Sanssouci; wo ein funkelnder -Geist die letzte Erfüllung fand, war sein Volk nicht zu Hause. - - -Der Kriegsherr - -Als Friedrich zum drittenmal auszog, den Frieden zu brechen, hatte sich -rings um das preußische Glück der Kreis seiner Feinde geschlossen: -Frankreich und Österreich, Rußland und Sachsen und Schweden standen im -Bündnis gegen den König; und mehr als Schlesien sollte es gelten. - -Elf Jahre lang hatte die Hofburg heimliche Fäden geflochten, im -zwölften sollte das Netz den frechen Spötter von Sanssouci fangen: aber -der König bekam warnende Kunde aus Holland und hieb in die Maschen. - -Wohl fing er bei Pirna das sächsische Heer und konnte in Böhmen -eindringen, aber der Feldmarschall Daun stand besser gerüstet; bei -Kolin schlug er dem König das Glück und das Schwert aus der Hand. - -Indessen der siegreiche Feind ihm Schlesien nahm, mußte Friedrich nach -Sachsen zurück, den kläglichen Rest seiner Kriegsmacht zu sammeln. - -Da kam schon Soubise mit der Reichsarmee an, und das Glück lachte den -stolzen Franzosen, den schweißenden Fuchs zu fangen; bei Roßbach hatten -sie ihre Falle gestellt, aber der Fuchs biß sich durch, ehe sie dachten. - -So zornig schlug seine Rute unter die Hasen, daß sie zu laufen begannen -von Sachsen bis an den Rhein; und ob es die Reichsarmee war, die mit -den Franzosen davon lief: das Gelächter sprang schadenfroh hinterdrein -und der Jubel, daß der französische Übermut so zu Fall kam. - -Und als der König den Atem nicht anhielt, als er -- ein todwundes Wild --- in dreißig Tagen sein kärgliches Heer von Sachsen nach Schlesien -führte, den Schlag gegen die Habsburger Hauptmacht zu wagen, als er das -Schalksspiel von Roßbach bei Leuthen feierlich krönte: da staunte die -Welt, daß wieder ein Kriegsherr und Held war. - -Aber noch waren zwei Jahre erst von den sieben des Krieges bestanden, -und schwer trug das Land an den Leiden: zweimal mußte Berlin Lösegeld -zahlen, und als der Tag von Kunersdorf kam, schien alles zu Ende. - -Das letzte Heer war geschlagen, die besten Führer waren gefallen, -Mangel und Mutlosigkeit saßen beim Feuer, kein Lied klang mehr aus den -Zelten. - -Ein ganzes Jahr lang wollte das Unglück nicht weichen, bis endlich bei -Liegnitz wieder ein Sieg kam; aber es war nur ein Loch in den Maschen, -und die Übermacht blieb. - -Der König war matt und von Schmerzen geplagt; schlug er den Feind hier, -standen ihm dort drei neue: der rasch begonnene Krieg konnte im bösen -Siechtum nicht sterben. - -Da sah die Welt, daß der König ein Held und ein Mann war: standhaft und -stolz zog er die Lose, und nahm das schwärzeste hin, wie ein Held das -Schicksal hin nimmt, um es zu meistern. - -Bis endlich des Blutes genug war und aus den Bränden so vieler -Zerstörung der blasse Frieden zurück kam: in Hubertusburg mußte Maria -Theresia zum drittenmal Schlesien lassen. - -Die großen Mächte Europas mußten den König von Preußen als Sieger -anerkennen; sie hatten Berge gewälzt, ihn zu verschütten, aber immer -noch stand der Sieger von Roßbach und Leuthen. - -Aber nun war es nicht mehr der heitere Gutsherr von Rheinsberg und -nicht mehr der Spötter von Sanssouci: als er zum drittenmal heimkam, -hager, gebeugt von der Gicht und den unsäglichen Leiden, ließ er dem -Sieg das Tedeum blasen und singen; er aber saß in dem hölzernen Stuhl -und hielt sein Auge allein auf den Jammer gerichtet, und seine Getreuen -sahen ihn weinen. - - -Der alte Fritz - -Als Friedrich wieder in Sanssouci saß, hatte das Alter ihn hart -berührt, sein Rücken war steif, und seine gichtigen Beine hatten -zu tanzen verlernt; wie sein zorniger Vater ging er nun selber am -Krückstock, aber ihm mußte das Holz redlicher dienen. - -Sein Spott war scharf wie die Klinge geworden, mit der er bei Roßbach -und Leuthen den Feind aus dem Felde schlug; mehr wußten die großen -Augen zu blitzen, als daß sein schmaler Mund lachte. - -Den Philosophen von Sanssouci hatten ihn seine Freunde aus Frankreich -geheißen; nun waren sie fort; und die den einsamen König daher -reiten sahen, grau und gebeugt, kannten nur seine Taten, nicht seine -Schriften, ihnen war er der alte Fritz. - -Er hatte im Krieg den Schlaf verlernt, nun war sein Tag lang, und in -der frühesten Frühe kam schon die Sorge nach Sanssouci; aber sie saß -nicht im Stuhl, mit schlaffen Händen zu warten, sie war die Sorge der -schaffenden Pflicht und des rastlosen Fleißes. - -Wie ein Gutsherr das Seine fest in der Hand behält -- wohl gehen die -Knechte hinaus in die Felder, die Mägde besorgen den Stall und auf den -Vorwerken sitzen Verwalter, aber er reitet hinaus, ehe sie denken, und -läßt sich das Kleinste nicht reuen, weil er im Kleinen den Wohlstand -bedingt sieht -- so sah der König in Sanssouci das preußische Land als -sein Eigentum an. - -Bauern und Bürger waren ihm sein Gesinde und die adligen Stände seine -Verwalter; er ritt in ihr Tagwerk hinein, zu loben und schelten, wie er -es fand, er führte das Hauptbuch und saß an der Kasse, und wehe, dem -sie nicht stimmte. - -Daß seine leeren Staatskassen wieder voll würden, nahm er den Städten -die Zölle und ließ aus Frankreich Zollpächter kommen, die ihr Geschäft -mit harter Findigkeit trieben. - -Und ob die Bürgerschaft klagte und heimlich den König samt seinen -Zöllnern verwünschte: er ließ sie klagen und schimpfen, soviel sie -mochten, aber er nahm ihren Schimpf und die Klage nicht an. - -Denn der in der schaffenden Sorge zu Sanssouci saß, kannte den Staat, -aber sein Volk war ihm fremd; er hatte im Krieg den Adel brauchen -gelernt und half ihm mit silbernen Talern; er lobte den Bauern, wie ein -Gutsherr klug sein Gesinde zu loben versteht; er schätzte den Wohlstand -der Bürger, der ihm die Steuern bezahlte. - -Wohl ließ er jedem das Seine und seinen Glauben dazu, wohl nahm er den -Dreispitz und nickte von seinem Pferd, wenn sie ihm jubelnd zuliefen, -der ihrer Liebe und Ehrfurcht der alte Fritz und der preußische Ruhm -blieb: aber er konnte die Liebe mit keiner Liebe entgelten und war im -Alter mit Kälte, was er in seiner Jugend mit Hitzigkeit wurde, ein -harter Menschenverächter. - -Der Liebling des Volkes schrieb seine Bücher französisch, weil er -die deutsche Sprache nicht anders zu sprechen vermochte, als sie -ein Feldwebel sprach; seiner hochmütigen Lebensluft blieb jeder als -Untertan fremd, weil er ein König und Feldherr wie keiner, aber ein -Fürst seiner Zeit war. - -So hing ihm der Ruhm seiner freien Gesinnung, seines funkelnden Geistes -und seiner Kriegstaten an wie ein geliehenes Kleid; er war der oberste -Diener des Staates, aber nicht seines Volkes. - -Einsam und bitter ins Abendrot blickend von seiner hohen Terrasse, -starb Friedrich, der König von Preußen; nur noch sein Windspiel war um -ihn, als er die großen Augen zu Sanssouci schloß, um die Messerspur -seiner Lippen den grausamen Zug der Menschenverachtung. - - -Maria Theresia - -Sich selber und Habsburg die Kronen zu retten, mußte die Tochter des -Kaisers acht Jahre lang den Erbfolgekrieg führen, bevor ihr das Erbteil -im Frieden zu Aachen anerkannt wurde. - -Sie war nur eine Frau; denn Franz, ihr Gemahl, das Franzl geheißen, -zählte nicht einmal in Österreich; aber sie hatte ein tapferes Herz, -und ihre freundliche Schönheit rührte die Liebe der Völker. - -Auch war sie klug und entschlossen und wußte zu geben, wo sie zu -nehmen vorhatte: als sie in Ungarn erschien, bedrängt und genötigt, um -Beistand zu bitten, war ihre Hand nicht leer; die Magnaten dankten der -jungen und schönen Königin, daß sie so klug in der Not war. - -So wurde Ungarn das Herz ihrer Länder; hier war sie gewählt und -gekrönt, hier konnte ihr keiner das Recht zu herrschen bestreiten, hier -fand sie den Mut und die Macht, die anderen Kronen zu halten. - -All ihre Feinde bezwang sie, zuerst die Puppe der Pompadour, den -Kurfürsten Karl Albert von Bayern, den die Mätresse des Königs von -Frankreich als Kaiser in Frankfurt ausrufen und aushalten ließ. - -Nur Friedrich, dem preußischen König, mußte sie Schlesien lassen; -zweimal verlor sie den Krieg, nicht aber den Zorn auf den Räuber und -den glühenden Wunsch ihrer Rache, das preußische Unkraut zu vernichten. - -Elf Jahre lang ließ sie die Saat mit Ungeduld wachsen: die Kaiserpuppe -der Pompadour starb in Erbärmlichkeit hin, Franz, ihr Gemahl, wurde -als Kaiser gekrönt, und Kaunitz, ihr kluger Minister, kam sacht in das -Spiel. - -Er machte den Frieden zu Aachen als Sieger, aber er ließ den Franzosen -klüglich den Ruhm, aus Edelmut zu verzichten; er saß als Gesandter in -Frankreich und knüpfte die Fäden in stiller Geduld, bis das unmögliche -Band gewebt war, bis die Tochter des Kaisers mit der Pompadour einen -Pakt schloß. - -Nur Frauenhaß konnte so fremde Fäden verschlingen; als die Zarin als -dritte dazukam, gereizt durch den Spötter, als die drei Großmächte noch -Schweden und Sachsen in ihren Rachebund nahmen: da schien die Tochter -des Kaisers am Ziel. - -Aber der Spötter in Sanssouci hatte nur scheinbar getändelt, der -Fuchs brach aus, ehe die Jäger den Bau umstellten, und aus der listig -bereiteten Jagd wurde die siebenjährige Plage des Krieges. - -Sieben Jahre vergeblicher Hoffnung und harter Enttäuschung machten -Maria Theresia alt; als ihr Franzl zu kränkeln begann, mußte sie -hoffnungslos den Frieden von Hubertusburg unterschreiben. - -Der Spötter von Sanssouci hatte gesiegt; der ihrer katholischen -Frommheit der Ketzer und ihrem Frauenstolz eher der Teufel denn ein -Menschenkind war, konnte als Sieger heimreiten, indessen ihr nur die -Tränen um Schlesien blieben. - -Der grausame Krieg und die Hoffnung so vieler Jahre gingen Maria -Theresia schmerzlich verloren, aber sie war in der schlimmen Bedrängnis -die Mutter des Landes geworden. - -Sie hatte kein Sanssouci, wo sie in fürstlicher Laune dem Untertan -fremd blieb; sie war eine Frau und allzeit zärtlich besorgt, und hielt -ihre Brust der Menschlichkeit warm. - -Sie stärkte den Bauernstand gegen die adligen Herren, sie sorgte für -Schulen und baute Spitäler; wo eine Not war, kam ihre Hilfe, und wo -ein unmenschlicher Brauch quälte, wie bei der Folter, schnitt sie das -Unrecht der Herkunft ab. - -Eine fleißige Schaffnerin saß in der Hofburg und ging durch die Straßen -von Wien, Ordnung zu halten; eine Mutter und weiße Matrone lächelte auf -dem Thron und nahm die Liebe des Volkes als Dank. - -Und als ihr der Tod kam, der um den einsamen Spötter in Sanssouci -hüstelnd herum ging, war ihren Völkern das eigene Blut abgestorben: -wie Kinder weinten am Sarge Maria Theresias Männer und Frauen, ihr -schmerzvolles Begräbnis hatte ein Bürgerkleid an. - - -Joseph der Zweite - -Ein silberner Mond schien über Wien und das österreichische Land, da -Maria Theresia Hausfrau und Kaiserin war; aber ihr hitziger Sohn ging -auf in der Frühe als ein sehr starker Komet. - -Er sah den Stern von Sanssouci strahlen, und schon dem Jüngling -entbrannte der Ehrgeiz, sein grelles Gefunkel zu überglänzen: was -Friedrich als König in Preußen dem Volk schuldig blieb, das wollte -Joseph der Zweite im Reich als Kaiser bedeuten. - -Fröhlicher als sonst eine Krönung wurde die seine in Frankfurt -gefeiert; der schlanke Jungmann, leutselig und licht gegen -jedermann, gefiel der staunenden Menge; nur die Fürsten und Räte der -Reichsherrlichkeit krausten die Stirnen. - -Sie sahen den Ehrgeiz auf andere Dinge als auf den Glanz der -Reichskleinodien gerichtet, sie hörten den Habsburger Hochmut in -seiner Leutseligkeit knistern und waren besorgt, das Reich möchte -wiederkommen. - -Als der Kaiser dann hitzig anfing, den Staub auszuklopfen, als er dem -Reichshofrat und dem Lindwurm des Reichskammergerichts hart auf den -Leib rückte, als das Gespenst eines klaren gemeinsamen Reichsrechtes -die Hüter des Lindwurmes erschreckte: fing heimlich und boshaft der -Widerstand an. - -Der scheckige Reichsmantel war aus den Lappen und Flicken der Fürsten -und Fürstchen geschneidert; als Joseph der Kaiser ihn nach dem -prunkvollen Umstand der Krönung anziehen wollte, rissen die Nähte. - -Er mußte mit seiner Gerechtigkeit warten, bis ihm die eigenen Erbländer -gehörten, die seine Mutter noch immer als Hausfrau regierte. - -Er stand im vierzigsten Jahr, als sie starb, nur ein Jahrzehnt blieb -seinem hitzigen Tun; als ob er den frühen Tod spürte, ließ er den -Kehrbesen nicht aus der Hand, der Staub wirbelte hoch und manche Gasse -wurde rein, wo er sich regte. - -Er hob die Leibeigenschaft auf, daß der Staat im Recht der freien -Gemeinde statt in der Willkür reicher Machthaber stände; er sah nach -den Schulen der Armen und daß die reichen Grundherren mit an den -Lasten des Staates trügen, dem sie den Genuß ihres sorglosen Daseins -verdankten. - -Er tat, was nie ein Habsburger wagte, er sagte der Kirche die Hörigkeit -auf. - -Wo eine üppige Weide, ein prangender Weinberg, fruchtbares Feld war, -wo fleißiges Bauernvolk schaffte, hatten im Habsburgerland die Klöster -sich breit aufgetan; er ließ sie schätzen und schließen, wo ihr -Dasein nur eine Pfründe für den fürstlichen Abt und wo die Schar der -Bettelmönche nur eine Landplage war. - -Als er das Letzte zu tun nicht zagte, als Joseph der Zweite im Erbland -Ferdinands das kühne Toleranzedikt gab, das jedem Christen die -Kirchenform seines Glaubens freistellte: da ging ein Seufzer durch -Österreich, daß nun der Antichrist käme. - -Der Papst fuhr selber nach Wien, den Kaiser zu warnen; der nahm ihn -auf, wie es dem Statthalter Petri gebührte, aber er wollte seinen -Völkern Gerechtigkeit tun und folgte allein seinem Gewissen. - -So legte er selber die Wurzeln der Habsburger Macht bloß; als er danach -aus all seinen Kronländern einen Staat machen wollte, fehlten der -Hofburg die eifrigen Hände, die Habsburg stark gemacht hatten. - -Böhmen und Ungarn wollten den Habsburger dulden als Träger der eigenen -Kronen, aber niemals Österreich untertan sein; als er die Herkunft zu -zwingen begann, säte er selber die Drachensaat der Empörung. - -Im brabantischen Land fing sein Mißgeschick an, wo die Schwester -Christine als Statthalterin spöttisch regierte: wie die sieben -Provinzen Philipp von Spanien den Gehorsam aufsagten, so taten ihm nun -die andern, als er die Landesverfassung aufhob. - -Der Staat, das bin ich! sagte auch Joseph der Zweite und wollte den -Völkern Gerechtigkeit bringen; aber sie waren das Unrecht gewohnt und -wollten lieber darin verharren, als der Herkunft der Väter ungetreu -sein. - -Wie Karl der Fünfte einst in St. Just legte der sterbende Kaiser die -Zügel der Herrschaft hin; die Kronländer für Habsburg zu retten, zerriß -er mit fiebernden Händen die neuen Gesetze. - -Nur unter den Armen in Wien, die er aus Willkür und Unrecht befreite, -blieb sein Bild rein im Gedächtnis: seine Mutter hatte das Land in der -alten Ordnung gehalten und starb mit Liebe gesegnet, er wollte die neue -Gerechtigkeit bringen und siechte im Haß hin. - - -Die Pompadour - -Die zierliche Frau eines Zöllners hatte den König von Frankreich -gefangen, wie ihn die Hofdamen fingen; als seine Gier ihres Leibes satt -war, ließ sie den König getrost seinen weiteren Lüsten, aber den Hof -und die Macht ihrer Stellung behielt sie klug in der Hand, sodaß sie -die heimliche Königin wurde. - -Sie hieß nun Marquise von Pompadour, und die Großen der Welt mußten -nach ihrer Gunst gehen, die eine geborene Fisch und eine Zöllnersfrau -war. - -Denn anders als sonst eine Königin war diese zierliche Frau; sie kannte -die wirklichen Mächte der Welt und wußte, daß Macht haben allein ihr -kluger Gebrauch sei. - -In dieser Klugheit wußte sie trefflich die Fäden zu flechten; und weil -der König von Frankreich ein blödes Tier, sie aber ein handfestes -Weibsbild war, so hielt sie das Land vor böseren Dingen bewahrt. - -Auch stand ihr zierliches Bild gut in dem Rahmen, den ihr die Kunst -der galanten Zeit gab; denn nun war der höfische Prunk zum köstlichen -Zierat geworden, den sie das Rokoko hießen. - -Der Altsilberglanz chinesischer Seiden, die zärtliche Kühle des -Porzellans, die launischen Formen und Farben der Teller und Kannen -waren im Abendland Mode geworden, darin es fremd gespiegelt ein neues -Gesicht fand. - -Die gläsernen Leuchter weißgoldener Säle ließen auf blumigen -Seidengewändern kristallisches Licht spielen; Stühle und Tische standen -mit zierlich gebogenen Beinen auf blankem Parkett; Rahmen von Altgold -hielten gleich Ranken die Ränder verschnörkelter Spiegel; auf dem -Marmorkamin blinkten die Silberfiguren der Standuhr. - -Alles war hell und kühl wie ein Frühlingstag, darin die Damen auf -Stöckelschuhen spazierten; alles war leicht und verschnörkelt wie die -Scherze, damit die spitzengeschmückten Herren die Herzen der Damen -gewannen. - -So war die Welt, darin die Marquise von Pompadour Königin spielte; -so war der Traum von Versailles, darin der Adel des Abendlands -leichtsinnig lebte; so war der Hof, darin der König faul und verachtet -sein Dasein hinbrachte. - -Als die Pompadour starb und die rote Dubarry dem alternden König ins -Bett kam -- die eine Dirne war und eine Gräfin wurde -- brach der -Untergrund all dieser Zierlichkeit durch: das Laster legte die Maske -der Wohlerzogenheit ab und war nur noch freche Gemeinheit. - -Das war die Zeit, da der Neffe des Menschenverächters in Sanssouci sein -verächtlicher Nachfolger wurde, da die Fürsten in Deutschland sich eine -Pompadour hielten, da die adligen Herren auf Kosten der Bürger und -Bauern einen fröhlichen Himmel auf Erden genossen. - -Aber schon blies der kalte Wind in die fröhlichen Lichter; als Ludwig -der Fünfzehnte in seinen Lüsten verdarb und Ludwig der Sechzehnte den -Namen des Königs von Frankreich wieder ehrlich machen wollte, war es zu -spät für den redlichen Eifer. - - -Maria Antoinette - -Als die Habsburger Prinzessin nach Frankreich fuhr, Gemahlin des -Dauphin zu werden, war sie fast noch ein Kind; sie machten ein -Feuerwerk in Paris, ihr zu Ehren, es wurde ein großes Unglück daraus, -und viele Menschen verbrannten: der Brandgeruch blieb in den Kleidern -der blonden Prinzessin. - -Die Tochter Maria Theresias hatte die ehrbaren Lehren der Mutter im -Sinn, aber ihr Köpfchen stand nach den Freuden der Jugend: sie wollte -gut und gerecht sein und eine tapfere Königin werden, ihr eigener Tag -aber sollte der fröhlichen Laune gehören. - -In Trianon draußen die schelmische Schäferin spielen, schien ihr viel -schöner und freier, als in der starren Pracht von Versailles Königin -sein. - -Aber die Zeit war vorüber, da die Könige Blindekuh spielten; indessen -die Königin harmlose Fröhlichkeit naschend in Trianon ging, hing an -den Gittern der Groll, und die Not zählte die Stunden, die der Königin -sorglos verflogen. - -Der Staat war in Schulden, und drückende Steuern hielten die Last nicht -mehr hin; das Land war leer, und das Volk sah mit Grimm den prahlenden -Reichtum, indessen ihm längst das Nötigste fehlte. - -Auch war das niedere Volk nicht mehr verlassen: kühne Schriften gingen -ins Land und glühende Herzen riefen nach einer anderen Gerechtigkeit, -als daß nur einer das Leben genoß, indessen Hunderte seufzten. - -Was in dem Himmel der Priester verheißen war -- die selber die Erde -genossen -- das sollte wahr werden in der irdischen Wirklichkeit; in -den Gassen der Städte und draußen im Acker waren die Flüche und Fäuste -bereit, das verheißene Reich zu erzwingen, wo Freiheit und Gleichheit -und Brüderlichkeit waren. - -Ein Diamantenhalsband ging übel verloren: die Königin habe den Schmuck -mit Liebesstunden bezahlt und Rohan, so hieß es, ihr zärtlicher Freund, -müsse die Falschheit der Königin öffentlich büßen. - -Eine Schwindlerin hatte der Welt den üblen Spaß angerührt; wie der -Brandgeruch an der blonden Prinzessin blieb nun der wilde Verdacht an -der Königin haften: der Groll an den Gittern entbrannte zum Haß. - -Da war das harmlose Spiel in Trianon aus, die fröhliche Schäferin mußte -die leidvolle Königin spielen; die Lehren Maria Theresias wurden wach, -aber nun war es zu spät, ihrer zu achten. - -Die gläsernen Leuchter der Fürsten waren herunter gebrannt, kein Diener -kam mit den Kerzen; es wurde dunkel im Schloß zu Versailles; nur über -der brodelnden Nacht von Paris lag wieder der fahle Schein des Brandes. - -Als danach der Tag kam, hatte der Brand den Traum von Versailles -verschlungen, in der Wirklichkeit wurde die Königin wach: ein Fallbeil -stand zu Paris, ihr den blonden Kopf abzuschlagen. - - -Mozart - -Ein Wunderkind kam nach Wien; ein Knabe aus Salzburg, Mozart geheißen, -spielte der Kaiserin auf dem Klavier, und alle die Herren und Damen -Maria Theresias staunten, wie solch ein Kind schon ein Zauberer wäre, -mit seinen Tönen den süßen Genuß der Gefühle zu lenken. - -Und wie in Wien, geschah es in London, im Haag, in Paris: überall -staunte das Kerzenlicht um den Knaben aus Salzburg, der das Klavier -gleich einem Großen zu meistern verstand. - -Lärmender Beifall und lockender Ruhm war um den Knaben, aber der -strenge Vater ließ ihn nicht locker in der Zucht seiner Kunst: Beifall -und Ruhm sollten seiner Musik nicht die Quellen verschütten. - -Vor den Herren und Damen der Höfe zu spielen, war nur ein -Gauklergewerbe; aber den Menschenseelen Gesang und dem Wohllaut -der Geigen, Flöten und Hörner harmonische Fülle zu geben, hieß ein -Musikmeister der Ewigkeit sein. - -So wurde das Wunderkind Mozart ein Jüngling und Mann, der seiner Musik -den echten Zauberstab hielt; so wuchsen dem Rosenjahrhundert der -Pompadour Flügel, in den Himmel der Töne zu fliegen. - -Als Maria Theresia starb, rief Joseph, ihr schwärmender Sohn, Mozart -nach Wien, daß er sein Kammermusikus würde; doch hatte der hitzige -Schmied kühner Herrscherpläne kein Ohr, das Wunder der Töne zu hören. - -Indessen der Kaiser den Blasebalg zog, das störrische Eisen der -Herkunft zu schmieden, indessen sein Hof ein kühner Gedankenplatz -war, indessen die Stadt an der Donau, unbesorgt solcher Gedanken, die -Fröhlichen lockte mit reichen und rauschenden Festen, saß Mozart in -mancher Bedrängnis. - -Er hatte die schöne Konstanze gefreit, und sein Klavier stand nicht -still, um die Gulden zu spielen, die seine Frau fröhlich verbrauchte; -auch waren die welschen Musiker dem Neuling aus Salzburg feind, und den -Höflingen galt er als eine Marotte des neuerungssüchtigen Kaisers. - -Aber in blinkenden Nächten, von den Plagegeistern der Tage, von Sorgen -und Süchten umlauert, riß seine Seele die Sterne vom Himmel und barg -ihre ewige Tröstung in seiner Musik. - -Als sie in Wien die Hochzeit des Figaro spielten, das fröhliche Stück -von dem frechen Barbier im Perlengewand Mozartscher Töne, da flog dem -Zauberer aus Salzburg anderer Beifall und Ruhm zu, denn da er als -Wunderkind am Klavier die Herren und Damen der Höfe mit flinken Fingern -entzückte. - -Da hörte das leichtgeschürzte Jahrhundert den gläsernen Ton seiner -Schalmei, da war die Marquise von Pompadour seine schelmische Göttin -geworden; der Zauberer hielt ihr das Schellenband hin, mit schlanken -Beinen hinüber zu springen. - -Ihm aber, der ihr und der Zeit mit seiner hellen Musik das Schellenband -hielt, ihm lagen schon andere Töne im Ohr: aus der Tiefe stieg die -Vergeltung mit steinernen Schritten; der Boden barst und die Zeit -versank mit ihren Lüsten und Lastern, mit ihrem Gelächter und gläsernen -Glück in den Abgrund, als Mozart den Don Juan schrieb. - -Nie hatte die Kühnheit heller geprahlt, als da der freche Verführer -Himmel und Hölle zum Trotz sein Champagnerlied sang; nie hatte die -Ewigkeit so ihren Donnermund aufgetan, als da der steinerne Gast den -Lästerer holte. - -So rief er der Zeit den Tag seines Zorns und war doch ihr eigenstes -Kind; zwischen Himmel und Hölle tapfer ein Mensch zu sein, ließ Mozart -zuletzt die Zauberflöte erklingen. - -Da hing die irdische Liebe gläubig der eigenen Glückseligkeit an, -Schuld und Bedrängnis vermochten nicht, ihren Weg zu beschatten: -wie die Sonne am Mittag schritt ihre Allgewalt über die Ströme und -finsteren Wälder, über die Felsen und Abgründe in seligen Tönen hinüber. - -Als Mozart der Menschheit solche Musik schrieb, hatte der Tod sein -Herz schon berührt; noch konnten die fiebernden Hände sein Requiem -schreiben, dann sank er selber hinein in die ewige Ruhe. - -Er war ein Kind seiner Zeit wie keiner: alles, was sie zu lächeln -vermochte, lächelte er; als ob die Erde ein Blühegarten der Freude, -als ob der Mensch aller Blüten und Freuden Nutznießer wäre, so machte -Mozart, der Meister des Wohllauts, Musik. - - - - -Das Buch der Propheten - - -Hans Sachs - -Zu der Zeit, da Dürer sein köstliches Schilderwerk malte, da die -Ratsherrn, Humanisten und Zunftmeister die wachsamen Hüter der -Bürgerschaft waren, da es noch Stadtfreiheit gab gegen die Frechheit -der Fürsten, saß in seiner Schuhmacherwerkstatt zu Nürnberg der -fröhliche Meister Hans Sachs. - -Er hatte als Jüngling den Meistergesang fleißig geübt und war auf der -Wanderschaft eifrig gewesen, die neuen Weisen zu lernen: nun galt er -als Meister der Singschule, wie er ein Schuhmachermeister war. - -Der aber im Meisterlied seinen Mund auf alle Töne zu spitzen verstand, -hielt der Natur Augen und Ohren geöffnet, auch saß ihm ein fröhliches -Weib auf der Diele, das ein anderes Mundspitzen übte. - -So war der Meister Hans Sachs ein rechtschaffener Mann, der von den -Sachen der Welt mancherlei wußte; als er in redlichen Reimen davon zu -erzählen begann, mußte das zierhafte Meisterlied erschrocken die Ohren -zuhalten. - -Keifende Weiber und krätzige Bauern, fahrendes Volk und schlimme -Gesellen, alles was um den Meister Hans Sachs gemeine Wirklichkeit war, -ließ er in spaßhaften Reimen spazieren. - -Aber der Spaß wurde fröhlicher Lärm, und die Frechheit sah manchmal -hinein, wenn er sein Fastnachtsspiel machte; da konnten die Spitzbuben -recht die Bauern betrügen, die Dummen konnten von Herzen gemein und die -Völler betrunken sein. - -Wenn dann der Meister Hans Sachs mit dem warnenden Finger hinzu kam, -merkten die Zuschauer wohl, daß er schalkhaft mitlachte. - -Der so fröhlich die Täglichkeit sah, wußte, so war es immer gewesen: -die Guten und Bösen, die Dummen und Schlauen, die Vornehmen und die -Gemeinen füllten die Erde wie kalt und warm, wie Regen und Dürre, wie -Flamme und Rauch; wo sie einander am hitzigsten trafen, war das Leben -am liebsten geschäftig. - -So las er die alten Berichte und sah das Leben nur als das Gestern an, -darin das Heute geschah; und alles Heute war sein, ob es Salomo, Kaiser -Karl oder die schöne Melusine genannt war. - -Aber der reichste Schatzhalter war ihm die Bibel: gleich Bilderbogen -zog er die alten Judengestalten und ihre Handlungen ab, angemalt mit -den Farben, die ihm die eigene Täglichkeit schenkte, und mit der -fröhlichen Weisheit unterschrieben, die der Schuhmachermeister darin -fand. - -So emsig suchte sein Eifer, daß ihm keiner entging, von Adam bis -Archelaus; alle mußten aus seiner fröhlichen Feder neu in die Welt -spazieren, und alle mußten zu Nürnberg im fränkischen Land noch einmal -Wirklichkeit sein. - -Er wurde in Fröhlichkeit alt und war noch als Greis ein fleißiger -Schaffner, nur die Schuhmacherwerkstatt verließ er, an seinem -Schreibpult zu sitzen. - -Und als ihm im achtzigsten Jahr seines Lebens die Sprache versagte, saß -er noch immer an seinem Pult und las in den Büchern, die er kaum noch -verstand. - -Nur in den Augen war noch das fröhliche Leben geblieben, und wer als -Gast in seinen Altenteil trat, dem nickten sie schelmisch zu. - - -Das Kirchenlied - -Als der große Krieg unsägliches Leid auf das deutsche Land legte, als -der Reichtum der Bürger in Armut versank, als die fröhliche Flur leer -wurde wie die fleißige Werkstatt und auf den Straßen nur noch das Elend -dem Hunger begegnete, als der Menschengeist seiner blutigen Tat satt -war, sang eine Stimme der Seele Trost und Erbauung. - -Luther hatte das Lied von der festen Burg gläubig gesungen, es war die -Fahne des evangelischen Glaubens gewesen, und manche trotzige Faust -hatte die Fahne geschwungen; nun lag sie verkohlt unter dem Brandschutt. - -Aber die Stimme der deutschen Seele hob wieder an, die alten Weisen -mit neuen Worten zu singen; und ob sie zitternd sang und mit Tränen: -Gott war wieder darin, und sein gesungener Trost fand wieder Ohren und -Herzen. - -Spitzfindigkeit, Wortgläubigkeit und Sittenhochmut hatten der -evangelischen Lehre ein neues Kirchenkleid angetan, darin die -Landesobrigkeit die Papstgewalt war; aber das Kleid war zerrissen, nur -das Lied blieb wie ein Licht in der Nacht. - -Wenn die Gemeinde beisammen saß, es zu singen, wenn das schwellende -Wort sich in den Orgelton legte, dann kehrte die gläubige Seele in ihre -Heimat zurück. - -Befiehl du deine Wege! sang ihr Wiegenlied den Kindern und Alten; und -wo ein Grab den Sarg in das schwarze Loch nahm, stand die Stimme dabei: -Jesus meine Zuversicht! trotz Tod und Betrübnis zu singen. - -So kam es, daß die deutsche Seele den lauten Jammer und die leise -Klage, den Trotz und die Verzagtheit überwand, daß sie an den Gräbern -der stolzen Vergangenheit und im Elend der bittersten Gegenwart den -Heldenmut fand, noch mitten im Krieg: Nun danket alle Gott! mit -gläubigem Herzen zu singen. - - -Bach - -Eine Hütte am Brunnen der Wüste, so nahm das Kirchenlied die -Flüchtlinge des Krieges unter sein Dach; aber Gott sandte den Meister, -der deutschen Seele noch einmal Zion zu bauen. - -Der von allen Meistern der Kunst der gewaltigste war, der aus der -Seelengewalt noch einmal die Schöpfung vollbrachte, der einzige, der -seinen Turm in den Himmel zu bauen vermochte: er wurde den Deutschen, -wie einmal der jüdische Zimmermannssohn, in Niedrigkeit eingeboren. - -Johann Sebastian Bach war eines Ratsmusikers Sohn, der durch die Gunst -der Ratsherren sein unfreies Gewerbe in Eisenach trieb; aber Vater und -Mutter starben dem Knaben, den danach sein Bruder in Ohrdruf aufzog. - -Als Singknabe in Lüneburg mußte er schon im fünfzehnten Jahr sein -kärgliches Brot selber verdienen; als Geiger und Organist in Weimar, -Arnstadt, Mühlhausen und Köthen trug er sein mühsames Tagwerk nach -Leipzig, wo er Musikmeister hieß und an der Thomaskirche den Kantor -vorstellte. - -So kärglich und mühsam, wie er sein irdisches Dasein begann, so -kärglich und mühsam ging es zu Ende; bis er grau wurde und starb, mußte -der übergewaltige Mann den Krämern in Leipzig den Kirchenchor leiten. - -Einmal im Alter fiel eine Ehre der Welt auf ihn, als ihn der König von -Preußen nach Sanssouci rief, weil er der Vater von seinem Kammermusikus -war; er durfte dem Spötter die Orgel vorspielen und auf dem Klavier -seine Flöte begleiten. - -Sonst blieb sein Dasein im Schatten des Kleinbürgertums, darin der -Meister mit seiner Hausfrau und Kinderschar untergeschlüpft war. - -Wenn Johann Sebastian Bach in der Thomaskirche in Leipzig den Choral -spielte, dann sang die Gemeinde ihr gläubiges Wort in die Orgel und -wußte nicht, warum ihr die Seele im Gesang so übergewaltig anschwoll. - -Aber der Meister konnte nicht eine Stimme begleiten, ohne daß ihm die -Brunnen der Tiefe aufbrachen, darin die gewaltigen Ströme stark und -brausend nach Freiheit begehrten. - -Eine Stimme allein war eine Taube, die kläglich flatternd den Raum nach -den andern absuchte; erst wenn der Baß ein Paar daraus machte und wenn -die Brut der Mittelstimmen dazukam, daß sie zu Vieren mit gleichem -Flügelschlag selig dahin schwebten, jede auf eigenen Flügeln und doch -gemeinsam im Flug: dann konnte sie fliegen. - -Dann glaubte die fromme Gemeinde, das Lied gewaltig zu singen, weil -ihre Stimmen sich in der Melodie fanden; aber stärker als ihre Stimme -war der Baß in der Orgelgewalt, er trug den singenden Ton durch Höhen -und Tiefen, und daß er beruhigt in seinem starken Arm läge, deckten die -Mittelstimmen ihn weich und warm zu. - -Die Melodie war nicht mehr das Wort und das Lied der singenden Seele -allein, aus der Tiefe des Raumes kam ihr die starke Gottesgewalt zu, -und daß sie nicht über das Wunder so starker Begleitung erschräke, -schwebten die Engel harmonisch dazwischen. - -Erde und Himmel waren vereint, wenn die Orgel des Meisters den starken -Viergesang machte; ob er brausend anschwoll oder im sanften Gesäuse -wohlig dahin schwebte, die Seele war nicht mehr allein. - -Keine Donnergewalt fiel ihren Sang an, und keine selige Flöte hieß ihn -verstummen, der Sang war in Gott und Gott in ihm, weil jenseits von -Zeit und Raum die Harmonie in der Ewigkeit schwebte. - -Auch wenn der Meister die Stimmen der Orgel allein in den Raum sandte, -gingen sie nicht wie Fremdlinge hin über die Ohren der Leute; jede -stieg aus der Erde der Toten ans Licht, und jede fuhr in den Himmel, -die staunende Seele auferstand mit. - -Und ob es schwingende Geigen und blasende Hörner, ob es Schalmeien -und Flöten, Fagott und Klarinetten, ob es ein Saitenklavier oder ein -menschlicher Stimmenchor war: immer entzückte der Meister das starke -Geheimnis, daß eine Stimme Antwort im Raum, starke Begleitung und -seliges Glück in der Gemeinsamkeit fand. - -Aber das Wunder wurde Erscheinung, wenn er den ganzen Heerbann der -Stimmen aufriß, wenn das große Orchester den hundertstimmigen Chor nahm -und gegen die Orgelgewalt herrlich anstürmte: dann baute der Meister -noch einmal die Schöpfung über dem ewigen Abgrund. - -Sünde und Schicksal, Schuld und Versuchung, das dunkle Leid und die -blitzende Lust sanken zurück in die Allmacht, daraus sie kamen. - -Wohl brandete die Hölle und wohl traf der Tod, aber ihr Sieg und sein -Stachel lagen beschlossen in Gottes allgütiger Hand; tiefer als Trauer -und Furcht, höher als Freude und Hoffnung trugen die Flügel der Gnade -und Liebe die Seele in Ewigkeit hin. - -So war der Meister und so war seine Musik, und die seine Schöpfergewalt -spürten, ahnten nicht das Geheimnis, daß in den Tönen bereits das -Himmelreich war, das ihre Gläubigkeit jenseits erhoffte. - - -Die Pietisten - -Blut und Verwüstung des Krieges hatten die Herzen der Harten nicht -zu erweichen vermocht: in Wittenberg saßen die Pfaffen nicht anders -als vormals in Rom, die geistliche Herrschsucht hatte ein neues -Kirchenkleid angezogen. - -Ein Prediger kam aus dem Elsaß nach Frankfurt, Jakob Spener -geheißen, und anderen Geistes, als ihn der Hochmut der lutherischen -Kirchenobrigkeit kannte. - -Er hatte das Theologengezänk und die Wortgläubigkeit an den Schulen -erfahren und wußte, daß andere Dinge als Liebe und Freiheit den Gang -der Kirche und ihrer Pfarrer bestimmten; er aber wollte eher der -Unmündigen einer denn der lieblose Knecht kirchlicher Rechtgläubigkeit -sein. - -Er schlug keine Thesen an eine Schloßkirchentür, er band keinen Aufruhr -der Geister an seine Sendung, auch war er kein härener Täufer, nach -Buße zu schreien: er zündete nur das vergessene Licht an und wartete -still, ob es den Wanderer riefe. - -Christ sein hieß ihm, die Wiedergeburt seiner Seele erleben, wie es -den Jüngern geschah, als sie Jesum erkannten; und wer ein Gläubiger -solcher Wiedergeburt war, brauchte die Priester und Schriftgelehrten -des Lehrkirchentums nicht. - -Die Liebe war in der Dürre vertrocknet und die Freiheit im Katechismus -gefangen, als Spener, der Schwärmer in Christo, sein zaghaftes Licht in -Frankfurt ansteckte; aber die evangelischen Seelen im Land, die danach -seufzten, strömten dem blassen Schein zu. - -Wie es der ersten Christengemeinde geschah, erwachte das Leben der -Liebe in den Winkeln: kein loderndes Feuer, kein krachender Brand, nur -eine heimliche Glut, aber Deutschland stand seltsam durchleuchtet. - -Die Rechtgläubigkeit schrie, und die Obrigkeit strafte; Wittenberg trat -auf den Plan, die Irrlehre zu verdammen: aber die hochmütigen Herren -der Kirche hatten das Herz des evangelischen Volkes verloren. - -Die Gläubigen hießen sich selbst die Erweckten und wurden zum Spott die -Pietisten genannt; sie trugen den Spott mit Geduld und die Verfolgung -mit Eifer: bald waren der Stundenbrüder so viel, daß die Kirchen leer -standen. - -So hatte Spener, der Schwärmer in Christo, die Lehre des Nazareners -noch einmal erweckt; aber das Lächeln der Liebe und Weisheit war nicht -auf den Lippen, nur in den Augen blinkte die blasse Verzückung der -Nachfolger Christi, indessen die Aufklärung schon auf den Straßen in -stolzen Karossen dahinfuhr. - - -Die Aufklärung - -Der Menschengeist hatte den Himmel der Priester und ihre Hölle -geglaubt, ein Jammertal war ihm die Erde geworden; nun wollte er selber -kraft seiner Vernunft das Schicksal gestalten und wollte nicht länger -dem Glauben der Priester am Gängelband gehen. - -Die Erde war seine Wohnung, und alles, was seine forschenden Augen -aus ihren Fenstern erkannten, hieß er Natur: Natur war Wasser und -Luft, Feuer und Erde, Natur war das Gewächs und Getier, Natur war der -unermeßliche Himmel mit seinen Sternen, Natur war der Mensch mit seinen -Sinnen und Süchten. - -Natur aber hieß, im eigenen Gesetz dasein: Naturgesetz war die Bahn -der Gestirne und alle Waltung der Kräfte, Blühen und Welken, Leben und -Sterben stand darin beschlossen, und keine Willkür konnte sich abseits -erfüllen. - -Galilei hatte der kühne Pisaner geheißen, der gleich dem Genuesen -Columbus hinaus fuhr, die Neue Welt zu entdecken, der Himmel und Erde -in das Gesetz der Natur stellte. - -Zur selben Zeit, da Seni der Sterndeuter Wallensteins log, stand -Galilei als Greis in Rom vor den Priestern und mußte, sein Leben zu -retten, den Widerruf schwören. - -Aber die Tage der Kirche waren gezählt, und ein anderer Ketzer -war dies, als die mit der heiligen Schrift in der Hand gegen die -Kirchenverderbnis aufstanden; die Wissenschaft kam mit dem Rüstzeug -ihrer Beweise, der Menschengeist wollte mit seiner Vernunft -Naturgewißheiten sehen, statt an das Mirakel der Priester zu glauben. - -Denn alle Verheißung der Kirche hatte gelogen, statt Frieden auf Erden -war blutiger Zank um die Lehre der gläubigen Völker gekommen; Vernunft -und Natur konnten kein Glück im Himmel verheißen, aber sie prahlten, -dem Menschen die sichere Wohnung auf Erden bauen zu können. - - -Christian Fürchtegott Gellert - -Es war ein schwächliches Predigerkind aus Hainichen und sollte selber -ein Prediger werden; aber sein schlechtes Gedächtnis und seine -Schüchternheit machten dem Armen die Kanzel zum Schrecken. - -Auch war er heimlich der Poesie zugetan und hielt einen rundlichen -Reim lieber im Sinn als eine polternde Predigt: so wurde er Lehrer in -Leipzig und las mit zärtlicher Liebe über die Schönheit. - -Sie war keine strahlende Göttin für ihn, und den Pegasus liebte er -nicht, der seinen Reiter mit rauschenden Flügeln in die olympischen -Lüfte hinaufriß; ihm war die Schönheit ein sauberer Garten hinter dem -Haus, mit reinlichem Sand auf den Wegen, von Buchsbaumhecken umhegt. - -Da pflegte er seine bescheidenen Blümchen: Schneeglöckchen, Aurikeln -und rotbraunen Goldlack, Reseda und blaues Vergißmeinnicht, vielfarbene -Astern im Herbst, und für den Winter die haltbaren Strohblumen. - -Und wußte wohl, daß den Blumen allein kein häuslicher Garten gehöre, -daß allerlei Kräuter und Suppengrün, reichlich Salat und ein wenig -Kohl, Gurken, Erbsen und Bohnen, an Stangen gesteckt, samt krausen -Mohrrübenbeeten für einen Haushalt vonnöten, und daß ein reifender -Kürbis ebensowohl ein behaglicher Anblick sei als auch eine -schmackhafte Nahrung. - -Denn der Professor der hausbackenen Schönheit war selber ihr Dichter: -Oden und geistliche Lieder, Fabeln mit frommer Moral, Schäferspiele -sogar und sein Roman von der schwedischen Gräfin hielten sich ängstlich -dem Flügelroß fern. - -Ein bißchen Aufklärung und ein bißchen Erweckung; der kleinste -Zuschnitt des Lebens mit erlaubter Vernunft und erlaubten Gefühlen fand -seinen empfindsamen Sprecher. - -So lehrte, lebte und schrieb Christian Fürchtegott Gellert in Leipzig -und war der demütigen Jugend der liebe Gott selber im Schlafrock; -die Fürsten sandten ihm Geld, die Bürger Schinken und Holz, daß sein -kränklicher Körper im Winter gewärmt und ernährt sei. - -Und als er tot war, flossen die Tränen um ihn wie nie um einen -Dichter in Deutschland, Denkmäler zeugten der Nachwelt für seine -Verehrung; seine Fabeln blieben im Mund der genügsamen Jugend und seine -geistlichen Lieder im Kirchengesangbuch. - - -Klopstock - -Zu der Zeit, da der Gutsherr in Rheinsberg seinen Freunden französische -Verse vorlas, weil seine fürstliche Bildung den Weg zur eigenen Sprache -nicht fand, wuchs in Schulpforta ein Jüngling, Klopstock geheißen, der -diesen Weg strenger als einer der Dichter vor ihm zu gehen bereit war. - -Er hieß noch ein Schüler der unteren Klassen, aber schon tastete -er stolz nach dem Ruhm, seinem Volk den Messias zu schreiben, der -übermenschliches Leben und göttliches Tun in deutschen Versen berichten -und eine erhabene Dichtung sein sollte, wie es die hohen Gesänge der -Griechenwelt waren. - -Tief erkannte der Jüngling, daß Worte zu reimen und Sprache zu dichten -zweierlei wäre, und daß der Vers kein Silbengeklapper sein dürfe, -sondern der hohe Hinschritt stolzer und schöner und liebreicher Worte. - -Als die drei ersten Gesänge gedruckt waren, ohne den seltsamen Namen -des Jünglings, war ihre Wirkung, als ob im nüchternen Alltag wieder ein -Priester dastände, den Göttern zu opfern, aber sein Opfergott war der -Messias. - -Da schnaubte das Flügelroß Feuer, das in den Fabeln von Christian -Fürchtegott Gellert unpäßlich war; einsame Herzen fühlten die stolzen -Gesänge als die Wiedergeburt der deutschen Dichtung. - -Bald war der seltsame Name des Jünglings bekannt, und Bodmer, der brave -Professor, rief ihn nach Zürich, daß er im Kreis begeisterter Freunde -als Ehrengast weile. - -Sie hatten den Sänger wie seine Gesänge erwartet und waren erschrocken, -den brausenden Jüngling zu haben, der seine verlassene Fanny in -hundert Tollheiten verschmerzte und in der peinlichen Zucht der -Zürchergeschlechter ein Feuerbrand war. - -Er fuhr auf dem See mit bekränztem Becher, er stand auf dem Uto mit -wehenden Haaren, und als ihm der mahnende Zuruf bänglicher Freunde -zuviel war, lief er hinaus in die Berge, im Aufruhr der großen Natur -sein Herz zu versöhnen. - -Daß er sein heiliges Werk frei von den Sorgen des Tages vollende, -berief ihn der dänische König; und während Voltaire, der Franzose, -fürstlich geehrt bei dem Spötter von Sanssouci saß, war Klopstock, dem -Deutschen, in Kopenhagen die dänische Freistatt bereitet. - -Aber ihn band keine Laune fürstlicher Freundschaft; als der Franzose -mit Feuer und Schwefel aus Sanssouci abfuhr, kam Klopstock nach -Hamburg, seine Cidli heimzuführen. - -So sicher war ihm das Dasein durch dänische Gunst bis in sein hohes -Alter bereitet, daß er nicht einen Tag sorgte und, wie ein Priester -geehrt, seinen Dichterstand trug. - -Er ging in sein fünfzigstes Jahr, als endlich die letzten Gesänge von -seinem Messias erschienen; ein Vierteljahrhundert hatte die rauschenden -Flügel müde gemacht, und manches, was einmal stolzer Schritt war, ging -nun auf Stelzen; doch wie ein Dom über den Häusern stand sein Messias. - -Und während sein Name im Zweifel der Frommen langsam gefror, hatten ihm -seine Oden wärmere Freunde gewonnen. - -Da war ein höheres Priestertum als die blasse Verzückung der Pietisten, -da war die reine Luft hoher Berge, darin die Gedanken gleich seligen -Wolken über dem blauen Hügelfeld standen, da war die große Schönheit -der Natur in Silber gespiegelt. - -Und wie die Gesinnung rein und erhaben, so war die Kunst der Sprache -vollendet, weitab vom Gleichklang des Reimes ließ sie die Worte stark -und schön klingen nach ihrer Bedeutung. - -Er alterte früh, der solch ein Dichter der reinen Erhabenheit war, und -als er im Alter zusah, hatte die Jugend sich dreimal zu anderen Dingen -gewendet, so daß er der Zeit fremd und seines Ruhmes verdrossen die -Augen zumachte. - -Sein Grab aber in Ottensen wurde ein heiliger Ort und ein Tempel der -Geister, die in der bunten Vielfältigkeit und in der täglichen Torheit -der Sprache das Schaubild der Ewigkeit suchten. - - -Der Hainbund - -Hoch über den Alltag hin und heilig im Morgenlicht ihrer Sendung waren -die Verse Klopstocks gewandelt: im griechischen Silbenfall fremd, fromm -und deutsch im Selbstgefühl ihrer Würde und im Bardenton ihrer Sprache. - -Denn ob es Ossian war, der keltische Sänger, der darin wiederklang, ob -der Traum des Dichters nur einen Olymp im Nordlicht vorstellte: er -trat in den gezirkelten Garten französischer Bildung als der erhabene -Hochklang der deutschen Vergangenheit ein. - -Und was ein Irrtum des Dichters seine Bardieten nannte, die Oden -germanischer Herkunft, das wurde ein heiliges Feuer der Jugend, daraus -sie den Stolz und die Liebe der eigenen Sprache und ihrer reichen -Geschichte wiedergewann. - -Es war ein blaßblauer Herbsttag, da der Jünglinge fünf aus Göttingen -den ehrwürdigen Eichenhain fanden, da sie den heißen Freundschaftsbund -schworen, da sie mit Eichenblättern bekränzt sich selber die Barden der -deutschen Erneuerung nannten. - -Denn nicht nur zu dichten war ihr Traum; sie wollten, wie es der -Meister war, Sendlinge sein einer neuen Gesittung: die deutsche Seele, -von ihren Höfen und Herren treulos vergessen, sollte im Bürgertum -wiedergeboren und sollte dem deutschen Volk wieder die Schicksalsmacht -sein. - -Als den Jünglingen danach das Wunder geschah, daß Klopstock der Meister -selber in ihrer Mitte dasaß, den sie wie keinen Menschen verehrten, -als sie ihm Treue gelobten in seine herrlichen Augen, und an dem Klang -seiner Stimme beglückt dem Edelwort lauschten, da saß die Seele der -Deutschen am Tisch, ihre Wiedergeburt zu feiern. - -Sie trugen alle im Sinn, Dichter zu werden, aber nur einem hatten -die Musen das Herz berührt: Hölty war er geheißen, ein Jüngling der -heiteren Schwermut und süßen Liebe. - -Aber ihm stand schon die Grenze gesteckt; wo er mit Freunden -schwärmerisch ging, war ein Schatten allen sichtbar dabei. - -Eine Handvoll Frühlingsblumen zu pflücken und sie auf den Weg der -Freundschaft zu streuen, war ihm vergönnt, dann blieb sein Schatten -allein. - -Den Hainbund hatten die Jünglinge ihre helle Freundschaft genannt und -mit Eichenlaub ihre Hüte bekränzt; als Hölty dahin war, hingen die -Kränze verdorrt an seinem einsamen Hügel. - -Aber was ihren flüchtigen Bund so hoch und heilig entflammte, blieb in -der Welt: die deutsche Seele war wieder wach und wollte sich endlich -vollenden. - - -Lenore - -Als die zärtlichen Freunde in Göttingen den Hainbund hatten, lebte da -ein Student, Bürger geheißen, schon nicht mehr jung, in Schulden und -schlimmere Dinge verstrickt, aber der Reimkunst mächtig wie keiner von -ihnen. - -Venus und Bacchus hießen die Götter in seinem unsteten Leben; wo -Klopstock erhaben hinschritt, lief er auf läßlichen Wegen der -Leidenschaft nach. - -Aber die Freunde hielten ihn fest und fackelten nicht, bis sie dem -unseligen Mann, von seinen bösesten Schulden befreit, als Amtmann in -Altengleichen noch eine Tür ins Dasein aufgemacht hatten. - -Da schrieb er den Freunden zum Dank und sich selber zum Ruhm die -hämmernden Strophen seiner Lenore. - -Sie waren zart und empfindsam, die Göttinger Freunde, sie standen im -Alltag wie Blumen im Korn; ihm aber sprang aus der Seele des Volkes ein -Nachtgespenst zu. - -Lenore stand, ein geschlagenes Herz, hadernd vom Morgenrot bis in die -Nacht, weil ihr der Liebste nicht wiederkam aus der Schlacht; aber im -gleißenden Mondlicht kam er aus Böhmen geritten, die Braut in sein Bett -heimzuholen. - -Eine Stunde vor Mitternacht klopfte er an, und hundert Meilen mußten -sie reiten in der selben Nacht; aber schnell reiten die Toten: als es -zwölf Uhr schlug auf dem Turm, sprang die Kirchhofstür auf vor dem -schnaubenden Roß, und ein Leichenstein stand, wo die hadernde Seele ihr -Hochzeitsbett suchte. - -Seitdem der Sänger Kriemhildens Rache beschwor, hatte der Mond nicht -so grausig geschienen: aus dem Bodensatz uralter Herkunft rissen die -hämmernden Strophen die Seele des Volkes ans Licht. - -Der ein schlimmer Student in Göttingen war und durch die Sorge der -Freunde sein klägliches Amt hatte, war über Nacht der Mund seines -Volkes geworden, und mehr als die Namen der Freunde, mehr als der Name -sonst eines Dichters, wurde der seine genannt. - -So schienen dem unseligen Mann die Türen weit aufgetan, aber ihm -waren die Füße verstrickt; wo er den Schritt hinsetzte, ging seine -Leidenschaft mit, bis er selber an seinen Leichenstein kam. - -Als Gottfried August Bürger in Göttingen starb, schloß sich ein Buch, -darin kein Blatt rein beschrieben und vor den Augen der Menschen -schuldenfrei war: der auch die dunklen Mächte in seiner Hand hält, band -es in Gnade, daß Schlimmes und Gutes klar vor der Vergessenheit stand. - - -Lessing - -Klopstock der Sänger hatte der deutschen Seele die Herkunft gesungen, -und die Jünglinge im Hainbund waren sein zärtlicher Nachhall gewesen; -Lenore, die hadernde Braut, war durch den Mondschein der Herzen -geritten: aber die Höfe und Herren merkten nicht, was aus der Seele des -Volkes ans Licht kam. - -Sie sahen noch immer nach Westen und ahmten die Sprache und Sitte -französischer Zierlichkeit nach und blieben die Puppen der Pompadour, -bis Lessing den Sängern und Schwärmern beisprang mit dem geschliffenen -Schwert seines Verstandes und mit dem männlichen Mut seiner Meinung. - -Er war das elfte Kind des Pfarrers in Kamenz und sollte die Theologie -in Leipzig studieren, wo Gellert der frommen Moral den Hausgarten -bestellte; aber der junge Gelehrte, halb noch ein Knabe und halb schon -ein gefährlicher Geist, fand es gescheiter, tanzen, reiten und fechten -zu lernen und der witzige Freund der Schauspieler zu heißen. - -Eine andere Kanzel schien ihm die Schaubühne und der Menschengeist eine -andere Gemeinde, denn daß ein Pfarrer dastand mit seiner Predigt. - -Und wie der Jüngling in Leipzig sein Freibeuterdasein begann, unstet -und arm, von schwacher Gesundheit: so bot er dem Alltag sein helles -Sonntagsgesicht, das ein früher Tod vor dem Alter Klopstocks bewahrte. - -Der König von Preußen stand noch im schlesischen Feld, aber die Namen -von Roßbach und Leuthen hatten geklungen, als Lessing den Klang in sein -Herz nahm, dem preußischen Ruhm das lustige Loblied zu blasen. - -Minna von Barnhelm hieß er sein Stück, und es war nur der Alltag, mit -dem sich darin ein stolzer Major des Königs herum schlug; aber der -trotzig erbitterte Mann war ein Sonntagskind wie sein Dichter und -führte die fröhliche Braut heim. - -Seit Hans Sachs war es nicht mehr geschehen, daß die Zeit auf den -Brettern ihr eigenes Spiel sah, daß der Alltag sich selber zur Schau -stand und staunend bedeutendes Tun in seinen Taten erkannte. - -Wo das lustige Stück auf den Brettern erschien, kam das Vertrauen des -eigenen Daseins zurück; wie Friedrich der König bei Roßbach hob Lessing -der Dichter den Stolz und Spott des deutschen Bürgertums auf gegen das -Welschtum der Höfe und adligen Herren. - -Der aber den Brettern dies treffliche Spiel gab, war kein Dichter der -tönenden Harfe; mehr als ein klingendes Wort galt ihm der scharfe -Gedanke: Wahrheit und Klarheit fegten die Luft rein, wo Lessing am Werk -war. - -Den Staub auszuklopfen und durch zerbrochene Scheiben in dumpfe Stuben -frische Luft einlassen, in frömmelnder Enge und gegen den Dünkel -gelehrter Schulmeister der Freimut zu sein, war seine Lust; und eher -hätte der Hund den Hasen gelassen, als daß Lessing der Unredlichkeit -Raum ließ. - -Wie sein Geist wachsam und mutig, so war seine Sprache hell und stark -im Gelenk; seit Luther hatte der deutsche Mund nicht mehr so bündig -gesprochen. - -Aber die Not des Herzens war Freiheit der Vernunft geworden, und über -den Tiefen der brünstigen Seele schritt der Menschengeist hin, Himmel -und Hölle zum Trotz den irdischen Weg zu versuchen. - -Da galt es nicht mehr den Papst und nicht mehr die römische Kirche; ein -Pastor Goetze in Hamburg war Lessing wichtig genug, die Unduldsamkeit -zu bestreiten, damit der Mensch, jenseits der Kirchengebote und über -dem Katechismus, wieder das Maß seiner Dinge bedeute. - -Pietisten und römischen Priestern den Spiegel der duldsamen Weisheit zu -halten und über den Kirchengewölben dem Menschengeist selber den Tempel -zu bauen, schrieb er -- schon grau an den Schläfen und schon beschattet -vom Tod -- sein mildes Vermächtnis. - -Nathan den Weisen hieß er das lehrhafte Spiel seines Alters, und als -die uralte Weisheit des Morgenlands ließ er den Christen, Juden und -Türken das scherzhafte Märchen von ihren drei falschen Ringen erzählen: -aber es war das Abendland, das darin den Geist der Duldsamkeit fand. - -Zu Wolfenbüttel starb Lessing, indessen der Spötter von Sanssouci -vereinsamt ins Abendrot starrte; der König erkannte die Bruderhand -nicht, die ihm der Menschengeist reichte, weil er die Sprache des -eigenen Volkes noch nicht verstand. - - -Herder - -Zu der Zeit, da Lessing Minna von Barnhelm ausschickte, die eigene -Gegenwart lieben zu lernen, liefen die Deutschen in Riga einem Prediger -zu namens Herder, Sohn eines Kantors in Mohrungen und fast noch ein -Jüngling, der an der Domschule lehrte. - -Anders als sonst Wort und Weisung der Bibel wurde sie Bild und -Gleichnis in seinem Mund; denn tiefer als eins ihrer Wunder war dies, -daß die Seele selber den Heiland gebar, daß Himmel und Hölle nur Bilder -der eigenen Tiefe vorstellen. - -Hamann, der Magus im Norden, war dem Adepten, der so an der Domschule -in Riga die ewigen Kerzen aufsteckte, in Königsberg Meister und -Lehnsherr gewesen. - -Verhangene Weisheit und grell aufspringende Gedanken, geheimnisvolle -Nächte und blinkendes Irrlicht hatten die Zauberwerkstatt des seltsamen -Mannes erfüllt, daraus Herder den Talisman nahm. - -Die römische Mutter war dem Abendland Weltmutter gewesen, sie hatte den -blonden Kindern des Nordens den Saal des Augustus und danach die Kirche -über dem Stuhl Petri gebaut, und Luther der Ketzer hatte an ihren -Brüsten gesogen. - -Der Magus im Norden lehrte die weitere Weisheit der Mutter, daß auch -die Wölfin nur ihrem Wurf angehöre; Christ sein im Abendland, hieß in -den Stunden der Menschheit die jüngste Gegenwart sein. - -Die Menschheit war die unendliche Fülle der Seele, die in den Völkern -und Zeiten zum ewigen Dasein erwachte; nur wer die stumme Natur als die -ewige Mutter und im Geist den Vater erkannte, der wurde ein Mensch und -ging als Kind Gottes erlöst in seine Allgegenwart ein. - -So war die Lehre des Meisters in dunklen Sprüchen verhüllt, aber der -Jüngling wußte sie zu erhellen: alles Leben wuchs aus den heiligen -Tiefen, und die Vergangenheit war sein behutsamer Gärtner; was sie als -Dichtung behielt im Dasein der Völker, war blühende Blume im ewigen -Dasein. - -Die älteste Urkunde der Menschheit hieß Herder danach die Bibel; er -nahm die heilige Schrift aus dem Kirchengewölbe und trug sie hinaus in -die Weiten der Wolken und Winde, dem Menschengeist die blauen Fernen -der Heimat zu weisen. - -Da waren die Völker nicht mehr die gemeine Masse, darüber die Bildung -hochmütig hinging, sie waren die bunten Beete im Garten Gottes auf -Erden, und was ihre Seele in Liedern, Sagen und Märchen bewahrte, hieß -er die Stimmen der Menschheit. - -Als er die Stimmen der Völker in Liedern heraus gab, fing für das -Abendland ein neuer Augenblick an: die Christenheit wurde zur -Menschheit erweitert, und Herder war ihr Prophet. - - -Götz - -Als Herder seufzend in Straßburg saß, daß ihm Jungstilling, der Arzt, -seine Fistel kuriere, kam ein Student zu ihm, Wolfgang Goethe geheißen, -ein Frankfurter Ratsherrensohn und schon eines jungen Dichtertums voll. - -Da wurde der kluge Adept dem brausenden Jüngling ein strenger -Lehrmeister: Stauwehre und Dämme baute er ihm und wies seinem -stürmischen Eifer die Richtung: - -Daß hinter dem ragenden Münster und seiner krausen Gestaltung mehr als -ein Baumeister stünde, daß es ein Wahrzeichen alter Reichsherrlichkeit -sei, und daß die rechte Betrachtung an ihm das Portal in eine große -Vergangenheit fände. - -Von Shakespeare, dem britischen Dichter, sprach er dem Jüngling, und -daß sein freies Geäst über den Hecken und künstlich geschorenen Kronen -der allzuklugen Franzosen wie ein Urwaldgewächs schwanke. - -Herder saß hinter verhangenen Fenstern, sein Auge zu heilen, Goethe -lief rasch und waghalsig hinauf auf den Turm und sah die Giebel und -Gassen der alten Reichsstadt im Abendrot brennen und brausen. - -Und als er der alten Zeit voll war, als ihn die wilde Romantik des -britischen Dichters bedrängte, beschwor er aus einer fränkischen -Chronik den stegreifen Ritter und schrieb sein Stück von dem Götz mit -der eisernen Hand. - -Da wurden sie wieder geweckt, die Ritter der alten Reichsherrlichkeit, -die Bretter donnerten von ihren eisernen Schritten, der Kaiser ritt -wieder ins Maifeld, die sieben Heerschilde hielten Wacht, wo jetzt die -Zöpfe demütiger Bürger den welschen Zierat der Fürsten bedienten. - -Der Spötter von Sanssouci geriet in Zorn über das Stück und hieß es -geschmacklos; aber die Jugend schwoll daran auf und schäumte über, als -ob jeder Student der Mann mit der eisernen Hand und jeder Bürger ein -Nürnberger Pfeffersack wäre. - - -Werthers Leiden - -Indessen der Ruhm und der Lärm seines Götz mit der eisernen Hand -Goethe den Jüngling umschwärmten, kam er nach Wetzlar und sollte -am Reichskammergericht Rechtspraktikant werden; wo Schönheit und -brausendes Leben sein sollte, war Staub und Papier. - -Im Elsaß hatte sein Herz gefährlich gebrannt, als er Friederike, die -Tochter des Pfarrers in Sesenheim liebte, in Frankfurt fing er zum -andernmal Feuer: so kam die Krankheit auch über ihn, die wie der -Tauwind im Abendland die jungen Gemüter weich machte. - -Ein Genfer Uhrmacherssohn, Rousseau geheißen, hatte das welke Laub von -Versailles auf einen Haufen gekehrt und aus dem Kehricht hochmütiger -Bildung der Allmutter Natur ein Opferfeuer gemacht. - -Alles -- so ging seine Lehre -- kam gut aus den Händen des Schöpfers, -und alles mußte entarten, wenn sich der menschliche Hochmut vermaß, -die Natur zu verleugnen: alle Bildung samt ihren Künsten hatte die -Menschheit darum nicht so glücklich gemacht wie den Wilden sein Feuer. - -Es war die alte Lehre der Einfalt, aber die Einfältigen brauchten -sie nicht; und die den bittersüßen Trunk tranken, weil er so feurig -gemischt war, tranken sich krank statt gesund an der Sehnsucht. - -Die Empfindsamkeit kam in die Welt und war ein gefährliches Gift für -die zärtlichen Herzen; als Goethe, der Dichter des Götz, daran krank -war, schrieb er die Leiden des jungen Werther und schrieb sich selber -gesund. - -Lotte hieß er das liebliche Wesen, das für den empfindsamen Werther das -Lockbild reiner Natur war; ihr zu entsagen vermochte er nicht, sie zu -besitzen war ihm verwehrt: so kam aus reiner Quelle trübes Gewässer. - -An seiner empfindsamen Liebe zu leiden, wurde dem Jüngling Genuß; alle -Schmerzen riß er sich auf und alle Launen des Unglücks rief er heran, -bis nur noch der Tod die Wollust der Leiden auslösen konnte. - -Er glaubte an seiner Liebe zu sterben, aber sie war nur der Mantel, den -seine Empfindsamkeit umhing; er pries die Einfalt, weil er am Überdruß -krank war; er löckte den Stachel der Liebe, weil er den Brand und die -Fäulnis der Wunde genoß. - -Noch hatte kein Buch der deutschen Sprache solche Wirkung getan: -Werther zu lesen, Werther zu leiden und Werther zu sein, wurde die Mode -empfindsamer Herzen; der Himmel sank hin und die Hölle brach auf und -ertranken in Tränen. - -Goethe, der Dichter des Götz und der brausenden Jugend, wurde der -seufzende Herold der Zeit; mehr Kränze als je einem Helden wurden von -zärtlichen Händen geflochten, den Abgott zu schmücken. - -Und niemand kannte den heimlichen Schatz, den der Jüngling aus -Frankfurt in seiner Lade bewahrte, niemand wußte, daß der gepriesene -Dichter in seinen Liedern ein Königssohn war. - -Da waren nicht seufzende Worte und launische Leiden gehäuft, da hatte -das zärtliche Gift nicht an der Kraft der Seele gerührt, da war ein -Jungmännerherz vom Blut des Lebens erfüllt, da war ein Mund, wirkliche -Leiden und Freuden zu sagen, da war ein Dichter, das Höchste wie das -Geringste in Schönheit zu wagen. - - -Weimar - -Karl August, der junge Herzog in Weimar, lud Goethe, den Dichter des -Götz und des Werther, zu Gast; aus der fürstlichen Laune wuchs eine -lange Liebe und eine Blutsbrüderschaft. - -Der Herzog war allzu behutsam erzogen, Goethe der Günstling sollte -ihn erst den rechten Lebensgenuß lehren; aber der Dichter wurde dem -Jungherzog Führer und Freund und wußte die fürstliche Tollheit sacht in -die Pflicht umzulenken. - -Als aber die Freunde zuerst ihr Feuerwerk brannten, als sie die Tage -mit Trunk, Jagd, Narrheit und Maskerade hinbrachten, machten die Bürger -von Weimar drei Kreuze, wenn sie den Namen Goethe aussprachen. - -Und als der Herzog den landfremden Doktor aus Frankfurt zum Minister -machte, rangen die geheimen Räte die Hände, daß nun das Land mit dem -leichtsinnigen Herzog an den Teufel verkauft sei. - -Aber der landfremde Doktor wußte die hitzigen Rosse zu lenken; als sie -am wildesten schnaubten, griff seine Hand fest in die Zügel. - -Das Land des Herzogs war klein und kläglich verwaltet, die Lässigkeit -schlechter Beamten machte dem neuen Minister das Amt schwer, auch blieb -der Widerstand gegen den landfremden Doktor geschäftig. - -Ihn zu besiegen ging Goethe allein mit dem Herzog auf Reisen und blieb -ein Vierteljahr in der Schweiz, wo sie reitend und wandernd allein in -der großen Natur waren. - -Da konnte kein höfischer Neid ihm den Schatten verdrehen, da konnte er -sprechen und wirken und konnte den jungen Herzog sich tiefer verbinden -als durch lärmende Feste. - -Als sie dann wieder in Weimar anlangten, war ihm der Herzog in Wahrheit -verfallen; Goethe der Dichter wurde allmächtig und konnte im Ländchen -Regen und Sonnenschein spielen. - -Der den Götz und den Werther schrieb, und der seinen Ruhm wie seinen -Geist mit Selbstgefühl trug, gab ein Jahrzehnt seines einzigen Lebens -daran, ein treuer Beamter zu sein, dem die Alltäglichkeit wichtig und -dienende Pflicht die Erfüllung war. - -So wurde Weimar, das Ländchen kläglich und klein zwischen den Mächten, -das Vorbild kluger Verwaltung und eine ruhmvolle Stelle im Reich, weil -ein großer Geist nicht verschmähte, treu und besonnen die täglichen -Dienste zu leisten, weil ein Dichter das Gleichnis der tätigen Hände -auskosten wollte. - - -Winckelmann - -Dem Sohn eines Schusters in Stendal war es geglückt, Theologie zu -studieren, aber zu einem Amt gelangte er nicht: Armut und andere -Neigung warfen ihn bald aus der Bahn. - -Statt einem Pfarrer wurde ein fahrender Schüler aus ihm, der sich mit -allerlei niederen Ämtern und Almosen ernährte, bis ihn der Graf auf -Nöthnitz bei Dresden in einen besseren Dienst nahm. - -In Dresden ging ihm die Galerie auf; ob es nur staubiger Gips war, -die griechischen Bildwerke wurden dem Sohn des Schusters aus Stendal -vertraut wie ein Garten der Heimat. - -Er sah die Leiber und Glieder im Ebenmaß ihrer Gestaltung, er sah die -herrliche Haltung und schöne Gewandung, als ob in Griechenland Götter -gewandelt wären, indessen die nordische Menschheit in Häßlichkeit ging. - -Wohl gab es noch immer Maler und Bildhauer, aber sein trunkenes Auge -suchte die edle Einfalt und stille Größe vergebens, davon es die Fülle -in den alten Bildwerken fand. - -Ein Paradies ging den Menschen verloren und war ihnen doch -- so schien -es dem Schwärmer -- noch immer geöffnet, wenn sie erst wieder, die -griechischen Vorbilder nachahmend, den Weg zur wirklichen Kunst fanden. - -Als Winckelmann so jahrelang in den Gedanken seiner einsamen -Leidenschaft suchte und staunte, als ihm die Seele bis an den Rand -mit dem Glück der Griechen gefüllt war, ließ er die erste Sendschrift -ausgehen. - -So voll war er des griechischen Geistes, daß seine Worte und Sätze im -griechischen Ebenmaß schritten: edle Einfalt und stille Größe schienen -auch seiner innigen Liebe geschenkt. - -Noch aber blieb er ein einsamer Sucher und für den Alltag ein Narr, -der sein griechisches Steckenpferd schirrte, und den die Inbrunst -verzehrte, das Land seiner Seele leibhaftig zu sehen. - -Er kam nicht hinein, er kam nur nach Rom und Neapel, und daß ihm die -mächtigen Hände der Kirche dahin verhalfen, mußte der Protestant seinen -Glauben abschwören. - -Da endlich sah er die marmornen Leiber statt staubigem Gips, und die -ewige Stadt hatte nicht solchen Pilger erfahren, der die prahlenden -Kirchen verschmähte, der scheu und verzückt unter den alten Bildwerken -umher ging. - -Albani, der Kardinal und Kunstfreund, erkor sich den seltsamen Mann aus -Stendal als Gast: in seinen Sammlungen konnte Winckelmanns Eifer als -Zauberer walten, aus den Ruinen und Resten die alte Welt neu zu bauen, -die seiner Seele sehnsüchtig vertraut war. - -Als Winckelmann seine Geschichte der Kunst im Altertum schrieb, war -es getan: das verschüttete Tor war geöffnet, durch das die Menschheit -zurück schreiten konnte ins Paradies, das für immer Griechenland hieß. - -Was einmal einfältiges Leben und göttergleiches Dasein der Menschenwelt -war, hatte in ewiger Kunst sein marmornes Sinnbild hinterlassen, daß -die Menschheit daran in edle Einfalt und stille Größe zurück die -klassische Wiedergeburt fände. - -Mehr denn ein Jahrtausend hatte die Kirche in Rom an ihren Gewölben -und Domen gebaut, sie hatte die Pracht der päpstlichen Herrschaft über -die alten Ruinen gebreitet, als der Sohn eines Schusters aus Stendal -nach Rom kam, ihre Geltung abzustreifen wie einen vermessenen Irrtum. - - -Goethe in Rom - -Elf Jahre lang hatte Goethe in Weimar gewirkt; der als flackerndes -Feuer kam, war für das Land seines herzoglichen Freundes das Herdfeuer -geworden, von vielen gesegnet: das Land seiner Dichtung lag als -Trümmerfeld da. - -Der tätige Geist hatte dem Leben sein Opfer gebracht, aber der Dichter -begehrte wieder das seine; als der Winter zum zwölftenmal kam, sollte -die römische Sonne ihm Blut und Seele neu glühen. - -Heimlich wie eine Flucht war seine Reise; als ob noch einmal -Wertherzeit sei, fuhr seine Sehnsucht nächtlich davon, und eher -ließ ihn die Furcht nicht frei, bis ihn die ewige Stadt als den -heimgekehrten Sohn mit ihren Mauern umfing. - -Denn Goethe, der Dichter des Götz und der das Straßburger Münster -mit feurigem Wort pries, war der Lehre Winckelmanns voll wie eine -schwellende Frucht: nur die südliche Sonne -- so schien es dem -Flüchtling -- konnte der Kunst wie dem Leben Glück und Gemessenheit -schenken, der Nebel des Nordens hatte sie unstet und freudlos gemacht. - -Es sollte nur eine Reise sein, aber er fand den Weg nicht zurück, bis -er ganz ins römische Leben untergetaucht war, bis der Minister wieder -ein Dichter, bis der neue Werther aus Weimar seiner Seele und seines -Leibes von Urbeginn froh wurde. - -Da reiften endlich die Früchte, denen im Land der neblichten Wälder der -Sonnenschein fehlte, da wurde der Werther aus Wetzlar als Tasso glühend -gehärtet, da wurde der Dichter der Iphigenie den Deutschen fremd, wie -ein Priester den Seinigen fremd wird, da zog der Minister aus Weimar -sein olympisches Feierkleid an. - -Als Goethe im zweiundzwanzigsten Monat seiner Flucht wieder heimkam -nach Weimar, war er kein Herdfeuer mehr für das Ländchen: als Freund -seines Herzogs blieb er in all seinen Würden, aber das Werktagskleid -seiner Bürden legte er ab. - -Wie die silberne Sonne durch eine Nebelwand scheint, so war sein Wesen -fortab verhüllt; die seine Freunde hießen, hatten den Mann an einen -fremden Himmel verloren. - -Was Winckelmann träumte, wurde ihm Wirklichkeit: er hatte das Land der -Griechen mit seiner Seele gesucht und hatte den Leib seiner Sinne in -südlicher Sonne gebräunt; nun wuchs ihm sein irdischer Tag aus solcher -Vergangenheit ewige Gegenwart zu. - - -Die Räuber - -Indessen Goethe den Griechen zuneigte und seiner eigenen Jugend fast -feind war, stand seinen vergessenen Tagen ein flackerndes Spiegelbild -auf. - -Ein schwäbischer Jüngling, Friedrich Schiller geheißen, schrieb auf der -Schule des Herzogs in Stuttgart ein Stück für das Theater, darin der -Raubritter Götz ein Räuberhauptmann geworden, darin die Freiheit ein -düsterer Feuerschein war. - -Das uralte Stück des verlorenen Sohnes wurde in neuen Gewändern -gespielt, aber kein gütiges Vaterherz lief dem Verlorenen zu: im -finsteren Turm klagte ein Greis, indessen der schurkische Bruder die -Braut und das erschlichene Erbteil genoß. - -Denn so war die Welt in den neuen Gewändern geworden; die Schurken -saßen an goldenen Tafeln, aber die Edlen, in ihrer Einfalt betrogen, -sagten der schurkischen Ordnung ihr Räuberrecht an. - -Als sie das Stück zum erstenmal spielten in Mannheim, hatten -vorsichtige Hände seinen Brand erst gelöscht, aber der wilde Jubel der -Jugend blies in die Glut, bis sie himmelhoch flammte. - -Da legten die Jünglinge trotzig das Wertherkleid ab und zogen ein -Räuberwams an; die an der Empfindsamkeit krank waren, lachten sich -höhnisch gesund, sie ließen die seufzende Wollust den Töchtern und -fuhren mit Frechheit und Flüchen zur Hölle. - -Der aber solchen Aufruhr der Jugend entzückte, war ein bläßlicher -Medicus beim Regiment; er konnte nur heimlich nach Mannheim fahren, und -als er nach Stuttgart zurück kam, warf ihm der Herzog sein Dichterglück -vor die Hunde. - -Der Medicus Schiller hatte den Fluch der Freiheit geschworen; Tod den -Tyrannen war seine Losung; und mußte die Tage in knirschender Demut -hinbringen, bis er das Land des Herzogs heimlich verließ. - -Anders als Goethe der Flüchtling nach Rom, kam Schiller der Flüchtling -nach Mannheim: krank an der Brust, von Sorgen und Schulden gehetzt; -gütige Freunde mußten ihm helfen, daß er die bitteren Jahre durchhielt, -bevor ihm endlich in Weimar das Leben günstiger aufging. - - -Jena - -Als Schiller zum erstenmal kam, Goethe zu suchen, war Goethe in Rom; -aber der schwäbische Flüchtling fand den Namen des Dichters in Weimar -gesegnet und hoffte das seine, der schon im fünften Jahr seiner Flucht -unstet herum fuhr. - -Er war von hoher Gestalt, rothaarig und blaß und gebeugt von der -Schwindsucht, als er in Weimar Unterkunft suchte; aber der Herzog sah -ihn nicht gern, und der Musenhof war dem Dichter der Räuber nicht -günstig. - -Als Goethe dann heimkam, fremd und braun von der römischen Sonne, half -er dem Flüchtling wohl in ein Amt, aber er hielt sich dem Menschen -verschlossen und kannte den Dichter nicht. - -So wurde Schiller, der schwäbische Flüchtling, in Jena Professor; der -Dichter der Räuber hieß Hofrat und lehrte Geschichte; Charlotte von -Lengefeld war seine zärtliche Frau, und vielerlei Freunde fanden sein -Haus. - -Nur Goethe in Weimar blieb wie ein Leuchtfeuer fern: er sandte sein -Licht in die Weite, aber die Nähe war ihm verleidet; und wie er der -eigenen Jugend fast feind war, blieb ihm ihr hastiges Spiegelbild -doppelt verdrießlich. - -Sechs Jahre lang zog der Minister in Weimar den Mantel nicht aus; sechs -Jahre lang würgte den stolzen Professor in Jena der Grimm, daß ihn, den -Dichter, der Dichter nicht kannte. - -Denn heller als einer sah Schiller das einsame Licht die Himmelsfernen -absuchen, indessen die eifrigen Lampen der Zeit Stuben und Kammern -erhellten. - -Weil er nicht abließ von seiner Liebe, kam endlich der Tag, da die -beiden sich fanden, da die Bürger von Jena die hohen Gestalten einander -zugeneigt sahen, da der stolze Minister eintrat in das Haus des -Professors. - -Da wurde der Reif gerundet, der Weimar und Jena verband, da wurde die -hoheste Freundschaft geboren, da ging am Himmel der Deutschen das -Doppelgestirn auf, über den dunkelsten Nächten zu leuchten. - -Weil jeder ein Einziger war, stand keiner dem andern im Schatten: -Schiller, der jüngere, drängte mit stürmischer Neigung; Goethe, der -ältere, ließ es geschehen mit dankbar besonnter Kraft. - -Er hatte die Freunde der Jugend vertan, nun fand die einsame Mannheit -ihre Genossen; da drängten die Quellen wieder zu Tag, die in der Tiefe -geheimnisvoll flossen, da wurde Goethe der Dichter zum andernmal -wach, da traten die weisen Werke der Goetheschen Mannheit froh in -Erscheinung. - -Hermann und Dorothea hieß er den herrlichen Sang der zwei Lieben, darin -sich der Dichter des Tasso wieder zur Heimat zurückfand. - -Der Rhein glänzte hinein aus nahester Ferne, ein flinker Fluß floß ihm -zu, Wiesen und Felder, Wälder und Weinberge umrahmten das freundliche -Bild der deutschen Kleinbürgerstadt. - -Kein Fürstenhof, keine Prinzessin: Wirtsleute waren die einfachen -Helden der Handlung, Apotheker und Pfarrer priesen mit ihrem -behaglichen Wesen das Leben der täglichen Arbeit. - -Aber vom Klang geruhsamer Verse umflossen, gab ihr bescheidenes Dasein -ein Sinnbild der Menschheit nicht minder, als es die reine Höhe der -Iphigenie war. - -Homerische Rundung der Bildergestalten, Dürersche Sorgfalt und Treue, -die Seelengewalt der deutschen Musik gingen miteins, in deutscher -Landschaft und deutscher Kleinbürgerschaft edle Einfalt und stille -Größe zu walten. - -Der aber mit seiner drängenden Neigung so Großes über den Dichter in -Weimar vermochte, ihm fiel von seiner besonnten Kraft ein größerer -Segen zu. - -Schiller, der Dichter der Räuber, trat ein in die klassischen Gärten -des Meisters; wohl blieb er der Sturmvogel der Freiheit, der Wortgeist -hoher Gedanken, aber die Heftigkeit seiner Gebärden wurde vor Goethe -still an der Gelassenheit seiner Erscheinung. - -Als Schiller das Riesenbild Wallensteins in eine große Wirklichkeit -stellte, als er der Glocke den hohen Feiergesang schrieb, Maß und Würde -des Bürgertums preisend, da kannte der Dichter den Dichter, wie er dem -Menschen aufgetan war. - -Und als dem Dichter der Räuber zuletzt sein Tellspiel gelang, rief es -noch einmal Tod den Tyrannen, aber nun waren die Räuber ein Volk, das -sich aus frecher Bedrückung mannhaft und maßvoll die Freiheit gewann. - -Elf Jahre lang blühte der Bund seine stolzesten Blumen und reifte -den starken Saft seiner Früchte; im Dasein der Deutschen war es die -Hochzeit, sie wurde gefeiert zur selben Zeit, da die reichsfürstliche -Herrlichkeit hinstürzte in Staub und Stank. - -Nicht Frankfurt und Nürnberg, nicht Mainz und Köln, nicht Wien und -Berlin: eine Kleinbürgerstadt an der Saale war der gesegnete Platz -ihrer Feier. - -Da gingen die hohen Gestalten im stillen Gespräch starker Gedanken, da -war die feurige Fülle begeisterter Jugend um sie, da wuchsen im Licht -ihres Geistes die Männer heran, die danach Deutschland erfüllten. - -Elf Jahre lang blühte der Bund, dann sanken der drängenden Neigung die -Hände: im sechsundvierzigsten Jahr seines stürmischen Lebens starb -Schiller; die lohende Flamme losch hin, das einsame Leuchtfeuer stand -in der Brandung der Zeit, weiter und weißer als je in die nächtlichen -Fernen zu dringen. - - -Hölderlin - -Hold wie sein Name war Hölderlin und hell wie Apoll der Jüngling aus -Schwaben, der bei dem Kaufmann Gontard in Frankfurt Hauslehrer wurde; -schön war Susette, die sittige Hausfrau, edel an Geist und Gestalt und -aller Sehnsucht Vollendung: der helle Gott fand die Göttin. - -Die aber in göttlicher Ferne ihm vorbestimmt war, stand in der -irdischen Nähe durch Pflicht und Neigung dem Kreis verbunden, darin -sie die Hausfrau und Mutter und für den armen Lehrer aus Schwaben die -reiche Herrin vorstellte. - -Sie sah das Licht der eigenen Ferne in seinen Augen gespiegelt, sie -hörte den Klang seiner Stimme, wie ein Wanderer die Glocken der -Heimat vernimmt, sie ging den Wolkenweg seiner Gedanken Hand in -Hand; Schwester und Mutter war sie dem Jüngling, aber sie ließ seine -Leidenschaft nicht über die Schwelle des Hauses, darin sie die Frau war. - -Ihn hatten, vaterlos, zärtliche Frauen erzogen, er wußte den Schritt -nach der Sitte frei zu bemessen; so trat er nicht fehl, und ehe die -Fäden der Schuld ihm die Füße verstrickten, verließ er die Nähe. - -Der Hauslehrer ging nach Schwaben zurück, die Hausfrau blieb in der -Pflicht ihrer Tage; kein Schatten fiel auf den irdischen Weg, die -lohende Flamme stand auf dem Altar der Liebe im Tempel der hohen -Herkunft behütet. - -Diotima hieß er die Schwester und reine Geliebte im Glück seiner -stolzen Gedichte, ein Stirnband aus Sternen band er der Göttin ins -Haar, und keusch verhüllt war die Herrlichkeit ihrer Glieder. - -Wohl gab der Schmerz des Abschieds seine Schatten her, ihr Bild zu -verdunkeln; aber das Licht ewiger Fernen erhellte die Schatten, daß -auch der Schmerz ihre Schönheit bediente. - -Die Ewigkeit war im Wandel der Sinne verhüllt, und der Schmerz war ihr -tiefes Geheimnis; Herkunft und Hingang der Seele bedeckten die Wolken -des Tages, über den Wolken stand die Heimat der Götter in ewiger Bläue. - -Der so mit Sternen sein Götterbild kränzte, der hell wie Apoll seinen -Schmerz in den Abgrund versenkte, der ein Sendling der göttlichen -Wiederkunft war, indessen die hohen Gestalten in Jena frei durch die -Wirklichkeit schritten, mußte sein Dasein anders als irdisch vollenden. - -Fern seiner schwäbischen Heimat, im hitzigen Süden von Frankreich, wo -er zum andernmal Hauslehrer wurde, fiel das Geschick über Hölderlin her -wie ein Geier, gesandt von den Göttern. - -Sein Geist, längst aller Tätigkeit fern, wurde mit in die Lüfte -gerissen; seine Seele, der Schwingen beraubt, blieb im Gehäus des -irdischen Leibes. - -Ein Frühsommertag hing seine schimmernde Wolkenlast über das -schwäbische Land, als Hölderlin heimkam, braun von der glühenden Sonne, -einem Landstreicher gleich in zerrissenen Kleidern, im Schoß der Mutter -sein Leid auszuweinen. - -In Frankfurt sank zur selben Zeit Susette, die sittige Hausfrau, dem -frühen Tod in die Arme: Diotima, die Schwester und reine Geliebte, -kehrte zurück in die Ferne, indessen der Dichter, im Wahnsinn der Nähe -gefesselt, noch vierzig Jahre zubrachte. - -Ein letzter Sendling der Götter hatte der Erde sein Opfer gebracht; -seine Gesänge blieben im Dasein der Deutschen, als ob ein Harfenlied -fremd im Tageslärm klänge, als ob das Geheimnis der Wehmut selber den -göttlichen Ursprung besänge. - - -Die Romantik - -Jena, die Kleinbürgerstadt an der Saale, war die hohe Schule des -Geistes geworden, Lehrer und Schüler liefen ihr zu; der Große von -Weimar war gern zu Gast. - -Nie hatte die Sonne der Griechen heller geschienen; als sie im Mittag -stand, kamen die Wolken, sie zu verhüllen: von Götz zu den Griechen -war Goethe gegangen, die aber in Jena Romantiker hießen, gingen den -nämlichen Weg mit Inbrunst zurück. - -Sie sahen die Gegenwart kläglich und klein wie der Meister und drangen -mit hungrigen Augen in die Vergangenheit ein, sich eine schönere Welt -für ihre Sehnsucht zu finden. - -Aber sie mochten die Heimat nicht missen; sie liebten das krause -Giebelgebälk ihrer Gassen, sie liebten die ragenden Dome mit dem -Figurenwerk der Portale, sie liebten die Burgen, gleich Adlerhorsten -auf zackige Felsen gebaut, sie liebten die Klöster tief in den waldigen -Tälern. - -So wurde die alte Empfindsamkeit wach, und ihre schweifende Sehnsucht -erkannte, daß einmal doch Segen im nordischen Menschenwerk war, daß -Liebe und Schönheit, Weisheit und Stärke regierten, als über der -Willkür selbstsüchtiger Fürsten die alte Reichsherrlichkeit wachte. - -Sie saßen auf ihren Ruinen und träumten der alten Zeit die neuen -Sehnsüchte zu; sie fuhren den Strom hinunter und grüßten die hohen -Fenster der Burgen, als ob ein Fräulein dastände, den frohen Gesellen -zu winken. - -Sie sahen den alten Kran auf dem Dom und wie sein graues Gemäuer -halbfertig dastand, ein Wahrzeichen der Wehmut inmitten der harmlosen -Wirklichkeit; aber sie wollten das Werk der Väter vollenden, wenn -einmal -- so ging ihr glühender Eifer -- das Reich wieder Gegenwart -wäre. - -Daß solches geschähe, mußten die neuen Herzen der alten Zeit gläubig -die Türen aufmachen; dessen wollten sie Herolde sein. - -So hob ein anderer Lobgesang an, als der vom Griechentum war: die -Brunnen begannen zu rauschen, der Wind im Wald wurde wach mit heiliger -Mahnung, Donner und Blitz sprachen laut und das Heimchen am Herd -zirpte leise, daß einmal die Heimat glücklich und groß, daß einmal das -Vaterland hoch im Ruhm und groß in der Welt war. - -Sie sahen den starken Bogen wieder gespannt, den Kaiser und Kirche dem -Abendland hielten, den Bogen der neuen Verheißung, darunter die Ferne -griechischer Schönheit und römischer Weltbürgerschaft verblaßte. - -Nie war die Inbrunst der Seelen so mächtig gewesen, nie standen Groß -und Gering so nahe in gleicher Gesinnung, nie war der Geist so der -Täglichkeit abwendig, und nie hatte der Tag so geblüht, als da der -Bogen die Ewigkeit über ihn spannte. - -Die Kaiserpfalzen am Rhein und die stolzen Rathäuser, die Marktplätze -mit der steinernen Zier ihrer Brunnen, die Torburgen der Städte riefen -den Ruhm der vergangenen Tage nicht weniger aus, als die Glocken der -Klöster und Kirchen die Ewigkeit klangen. - -So kreuzte das junge Geschlecht den Weg der hohen Gestalten, indessen -die beiden feierlich schritten, schwärmten sie hin, das Herz der Heimat -auf ihren Händen zu tragen. - -Es war die gotische Seele, die wieder zu drängen begann; ob es zunächst -nur ein glühender Traum und eine irrende Sehnsucht in die Vergangenheit -war: Deutschland stand auf, mit allen Teufeln und Engeln der eigenen -Herkunft zu ringen. - - -Des Knaben Wunderhorn - -Brentano und Arnim hießen die beiden Gesellen, die in der Frühe -auszogen, am Rhein, in Franken und Schwaben Schatzgräber der deutschen -Seele zu sein. - -Die Stimmen der Völker in ihren Liedern hatte Herder gesammelt und -war der neuen Weltbürgerschaft Prophet und Apostel gewesen; sie aber -wollten dem eigenen Volk den Schatz seiner Lieder heben, daß es die -Zukunft erkenne. - -In den Stuben und Höfen der Handwerker bot das Lied seine Strophen dem -Bänkelsang dar, draußen im Land hielt es den Mund der Burschen und -Mädchen fröhlich geöffnet. - -Was die Urahne sang, als sie noch selber im Schmuck der Bänder den -Reigen abging, das sangen die Enkel: wie der Bach und der Wald, die -Wiesen und Wolken im Wechsel der Tage die Unvergänglichkeit waren, -jährlich im Frühling verjüngt, so hielt das Lied über Jugend und Alter -die Herkunft lebendig. - -Immer aufs neue gesungen, in Leid und Freude gleich mächtig, bot es -der Liebe den Raum, darin die Wirklichkeit nur durch die Fenster -herein sah, indessen das Pfeilergewölbe, zum Sternhimmel geweitet, der -Sehnsucht die heimlichen Türen aufmachte. - -Da waren die Zelter der Träume bunt aufgeschirrt und lockten zum Ritt -in selige Fernen, da schwollen die Geigen, als ob in den Tönen die -Seele auf Mondstrahlen ginge, da war das Herz eine Amsel, die letzte -Seligkeit flötend vor dem Geheimnis der Nacht. - -Brentano und Arnim, die beiden Gesellen, selber von Jugend und Liebe -der Zauberei mächtig, drangen hinein in den Berg, darin das Lied -solchergestalt seine heimliche Wunderwelt hatte. - -Und alles Lied war Wort, das mit den Wellen der Melodie auf den Strömen -der Urtiefe selig dahin fuhr; sie fischten das Wort aus den Strömen und -brachten es glücklich zu Tag. - -Da waren es Perlen, im Reim zu Kränzen gebunden; so reich war der Raub, -daß ihre Hände nicht alles zu fassen vermochten. - -Des Knaben Wunderhorn hießen sie dann die stattlichen Bände, darin -die Worte, wie andere Worte zu lesen, abgelöst vom Gesang, fremd und -frierend auf Papier gedruckt waren. - -Aber das Wunder war noch im Wort, es brauchte nur Augen und Ohren zu -finden, die seinen Zauber verstanden, so wurde die Seele des Wortes -lebendig im Sang: aus des Knaben Wunderhorn stiegen die Lieder wie -Lerchen. - - -Das Märchen - -Das Wunderhorn hatte geklungen, da gingen zwei Brüder im Hessenland um, -noch einmal Schatzgräber zu heißen. - -Die Lieder flogen wie Lerchen, aber das Heimchen am Herd zirpte von -heimlichen Dingen, die nur die Großmutter erzählte, wenn ihr die Enkel -am Abend dasaßen; das Öllämpchen brannte und ließ an der Wand die -Spukgestalten der Schatten tanzen und drohen. - -Da wurden die uralten Mären lebendig, aber die Riesen und Zwerge waren -geschäftige Nachbarn der Menschen geworden, und nur im Spuk ihrer -Schatten gingen die Götter, aus Himmel und Hölle vertrieben, durch die -entgötterte Wirklichkeit hin. - -Die einmal Urmächte hießen, dienten als Spielzeug, und wo eine -Großmutter Märchen erzählte, war ihre bunte Puppenwelt da, den -Menschenkindern Freude und Leid vorzutäuschen. - -Die Brüder Grimm wußten, daß solche Puppenwelt nur die Verkleidung -vergangener Urmächte war, aber sie rührten nicht an das Kleid und -brachten die Märchen getreu an den Tag, wie sie in Heimlichkeit waren. - -Sie schrieben der Ahne das Wort vom Mund und deutelten nicht, sie waren -wissend und wurden horchende Kinder, bis sie aus Sammlung und Sichtung -ihr Märchenbuch hatten. - -Da ging Rotkäppchen aus mit dem Korb, Großmutter Kuchen zu bringen; -aber der böse Wolf kam, das Kind vom Weg zu locken, und hatte -Großmutter und Kind aufgefressen, als die Schere des Jägers sie aus dem -Bauch des Wolfes wieder ans Licht brachte. - -Da schlief Dornröschen, die schöne Prinzessin, hinter dem Zauber der -Dornheckenwände, bis der Prinz kam, die liebliche Braut aus dem Bann -der Hexe zu lösen. - -Da lag Schneewittchen im gläsernen Sarg bei den Zwergen, von der bösen -Stiefmutter vergiftet; da fand der Königssohn Aschenbrödel im Haus der -häßlichen Schwestern, weil ihr allein der goldene Schuh paßte. - -Da saß Frau Holle im Brunnen und fackelte nicht, die Guten zu lohnen, -die Bösen zu strafen; und wenn ihre Magd das Bett schüttelte, dann -schneite es in der Welt. - -Kinder- und Hausmärchen hießen die hessischen Brüder das Buch, darin -die Wirklichkeit war wie ein Wasser, das eilig glitzernd dahin fließt -über die Steine des Grundes, die uralt daliegen und seine gläserne Flut -bunt und beharrlich durchleuchten. - -Die Kinder sahen hinein mit glänzenden Augen, die Großen standen -sinnend dabei: sie freuten sich an der bunten Erscheinung, und ahnten -nur fern, daß es der Jungbrunnen war und gegen die jüdische Bibel das -Buch der eigenen Herkunft. - - -Novalis - -Mancherlei Geister ritten das Roß der Romantik, und die Jugend lief -ihrer bunten Herrlichkeit zu; nur einer vermochte als Dichter zu sein, -was sie als Schwarmgeister wollten. - -Hardenberg hieß er und war ein brustkranker Jüngling aus edlem -Geschlecht, der sich als Dichter Novalis nannte. - -Er träumte die blaue Blume: am Rand einer Quelle stand sie, deren -Wasser die Luft verzehrte und deren Tiefe von blauen Felsen umhegt war; -als die Traumaugen des Dichters staunend und weh in den blauen Kelch -blickten, schwebte darin ein zartes Gesicht. - -Die Wirklichkeit selbst war das Wunder, und nur die Ordnung der Sinne -hatte den Schein der Erfahrung um ihr Geheimnis gelegt; aber der Traum -befreite die Seele, wieder im Wunder zu leben. - -Und dichten hieß träumen, hieß außer der Täglichkeit sein, hieß aus der -Täuschung der Sinne eingehen ins Dasein der Seele, die ihrer eigenen -Wirklichkeit froh das Wunder in allen Dingen erkannte. - -Novalis, der brustkranke Jüngling aus edlem Geschlecht, hatte nicht -Zeit, das Wunder in allen Weiten zu träumen: der Tod hielt ihm das -Tor schon geöffnet, aus der Scheinwelt der Dinge einzutauchen in die -verjüngende Flut. - -So schrieb er der Nacht seine Hymnen, wie ein Liebender an seine Braut -schreibt; nicht der bleichen Schwester des Tages galten die bunten -Gesänge, der wahrhaften Nacht, die keinen Morgen mehr kennt, galt seine -Verzückung. - -Ein Dichter des Todes war er, wie andere vom Wein und der Liebe singen; -als er dahin war, blieb das Blut seiner blauen Gesänge, als ob der -Schierlingsbecher die wahre Lust an der Wirklichkeit wäre. - - -Eichendorff - -Einer der Jünglinge liebte sein Land, wie die Braut am Sonntag einen -Feldblumenstrauß liebt: der Schierlingsbecher der Nacht und die -Sehnsüchte der blauen Blume, die Fahnen stolzer Vergangenheit und der -Morgentau künftiger Dinge konnten den hellen Augen des schlesischen -Jünglings den Tag nicht trüben. - -Er sah die Täler und Höhen, die Wiesen und Wolken, den Wald und all -sein Getier; wo er auch wanderte, war blaue Ferne und blühende Nähe, -überall lauschten die Mädchen am Fenster, überall rauschten die Blumen -der Sommernacht, und überall mußte sein Herz im Lied jubilieren. - -Ein Waldhorn rief seiner Freude die frohen Gefährten und eine Quelle im -Wiesengrund seine Morgenfeier, die Lerchen schwirrten hoch vor Lust, -und die Bächlein sprangen von den Bergen, Gespielen seiner frohen Seele -zu sein. - -Blau war die Ferne und der Postillon blies sich fröhlich hinein; -irgendwo standen Paläste im Mondenschein und Marmorbilder in dämmernden -Lauben, irgendwo lockte das welsche Land über den Bergen: aber die -blühende Nähe hieß Deutschland, da war die Seele daheim und brauchte -nicht nach der römischen Sonne zu frieren. - -Denn nirgendwo war der Frühling so festlich geschmückt wie da, wo -der deutsche Buchenwald heimliche Wiesen umsäumte; nirgendwo trug -der Sommer so selige Blumen im Haar wie im deutschen Feldergebreite; -nirgendwo war die deutsche Seele so kindlich daheim wie in den -frohmütigen Liedern, die der junge Eichendorff sang. - - -Johann Peter Hebel - -Säen und ernten im Zwang der Gezeiten und der Natur demütig nah sein in -all ihren Launen, war dem Landmann bestimmt. - -Plünderndes Kriegsvolk konnte die Frucht auf den Feldern zerstampfen, -das Vieh aus den Ställen fortführen, die Scheunen verbrennen: aber -der Boden blieb ewig geschäftig, der Wald wuchs Holz, die Wiese wuchs -Futter, die Scholle hielt ihre fruchtbaren Schalen dem Segen des -Himmels geöffnet. - -Prahlende Städte verkamen und Throne wurden gestürzt; der Bauer ging -hinter dem Pflug, stand auf der Tenne und füllte die Scheuer: er wußte, -daß über den Fürsten der Erde ein himmlischer Herr war, und über allen -Gesetzen der Obrigkeit stand der Kalender. - -So geschah es, daß Hebel, der geistliche Herr in der badischen -Hauptstadt, durch allen Spektakel der Zeit harmlos dahin ging, weil er -ein Kalendermann wurde. - -Er war der einzige Sohn einer Witwe, und Taglöhnerarbeit hielt seine -ärmliche Wiege; aber die Wiege stand droben im Markgräflerland, wo die -muntere Wiese dem strengen Schwarzwald entspringt. - -Da gingen dem Knaben die Wege in fröhlicher Freiheit, da waren die -Wolkenweiten über die grünen Gebreite bis hinter die blauen Fernen -gespannt, da sangen die Vögel zur Arbeit, da war ein emsiges Landvolk -im Kreislauf des Jahres geborgen. - -Den Dank seiner fröhlichen Jugend brachte der Kirchenrat und Prälat als -Kalendermann seiner Heimat zurück. - -Er konnte darüber die geistliche Würde vergessen und alle Gelehrsamkeit -seiner Bücher; auch blieb er ein Schalk und wußte genau, was ein -Zirkelschmied war; einen lustigen Diebstahl erfinden, schien seinen -schlaflosen Nächten gesunder als Cicero lesen. - -Schnurren und Späße, die draußen im Land herum liefen, fing sein -Kalenderwort ein, und sparte den Spott nicht, wenn der Müller von -Brassenheim allzu fett und selbstgerecht war. - -Er konnte auch ernst wie ein Landpfarrer werden, und die Moral hing -seinen Geschichten gern einen Zopf an, wie es die Großmutter tat, wenn -sie den Enkeln Märchen erzählte; doch waren sie darum nicht weniger -trefflich, und jedes Ding stand in der klugen Wahl seiner Worte und -blühenden Bilder leibhaftig da. - -Die dankbaren Leser merkten die weise Kunst nicht, die der kluge -Kalendermann übte; sie lasen sich selber und sahen ihr ländliches Leben -gespiegelt, so wie sie es kannten. - -Wohl kam auch der Bürger hinein aus den Gassen der Kleinstadt, aber der -Rock war gelüftet von seinen muffigen Stuben, und die Wiesenluft blies -ihm sein grämliches Angesicht frisch, daß er die ländliche Fröhlichkeit -lernte. - -Die aber Weltbegebenheit machten, über Schlachtfelder ritten, Städte -verbrannten, deren Stiefel in mancherlei Dreck unsauber wurden, mußten -auch manchmal beim Huf- oder Wagenschmied warten; der Kalendermann sah -sie dann in der Nähe, wo sie nur Menschlichkeit waren mit staubigen -Röcken, Schnupfen oder einem Karbunkel. - -So mußten sie anders durch seine Geschichten spazieren, als sie sonst -taten, und der verborgenen Demut war ein Rößlein geschirrt; indessen -der Hochmut zu Fuß ging. - -Leben und Sterben war in den Kalender getan, darin die Natur den -menschlichen Nucken und Nöten mit Saat und Ernte, Blüte und Frucht, -Sonne und Regen, im Wechsel des Mondes und seiner blanken Gestirne die -ewigen Sinnbilder hielt. - - -Jean Paul - -Eines Schulmeisters Sohn aus Wunsiedel wurde der Abgott der Bürger -und Frauen; indessen Goethe und Schiller in hoher Einsamkeit gingen, -indessen Romantik landfahrend war, wurden Jean Paul Kränze und Kissen -der zärtlichen Liebe gebracht. - -Seine Jugend war arm, und beschränkt blieb der Kreis seines Daseins, -bis er in Bayreuth, erblindet und abseits der Welt, die letzte Pfeife -hinlegte. - -Aber sein Geist war reich, wie der Wald an Bäumen reich ist, und seine -Seele ging darin spazieren, als ob es nur Sonntag-Nachmittag gäbe. - -Er sah den Bach und das Moos an den Steinen, von der Sonne zärtlich -besprenkelt, er sah das blaue Tuch des Himmels über das grüne Geflecht -der Zweige gebreitet, er hörte den krausen Wind in den Wipfeln wispern -und weinen. - -Er war voll Liebe zu jeglichem Ding, das seine Sinne berührte; er -liebte die Blume und liebte die Biene, die daran naschte; er liebte die -Luft um seine Wangen und liebte den Weg, darauf er ging. - -Er liebte sich selber und seine Liebe, und war von Seligkeit trunken, -wie er die Krone der Schöpfung dahin trug, Gott und sein herrliches -Werk im Wechselspiel seiner krausen Gedanken und bunten Gefühle zu -sehen und zu preisen. - -Auch war seine Feder voll Tinte, alles auf saubere Zettel zu schreiben, -was seiner Seele in Wonne und Wehmut behagte, und den entferntesten -Einfall mitten ins tägliche Dasein zu stellen. - -Unzählige Kästen waren mit solchen Zetteln gefüllt, bis er, den -krausen Reichtum zu lesen, den Überfluß in ein Buch schrieb, das einen -verschnörkelten Titel und unter dem Titel sein zärtliches Herz in der -Hand trug. - -Sechzig Bände füllte er so, und jeder Band wurde von zärtlichen Augen -mit neuem Eifer gelesen, und jeder war das Buch des Propheten. - -Er lehrte die Deutschen, weinenden Auges zu lächeln, und hieß es -Humor, die Welt zu betrachten, als ob das Schicksal nur eine Laune der -Ewigkeit wäre und das Glück die Gunst bunter Einfälle. - -Er brauchte viel Worte dazu, seinen Geist zu entleeren, und brauchte -viel weiches Gefühl, das krause Gefäß seiner Worte mit Seele zu füllen. - -Auch war er ein Meister, die Worte blitzblank zu putzen, daß sie gleich -einer Kette aus blinkendem Zierat weise Gedanken und liebes Gefühl -drollig verbanden. - -Und war ein Meister, den Leser zu fangen und ihn, wie den Fisch an der -Angel, so durch das krause Pflanzengewühl seiner untiefen Gewässer zu -ziehen. - - -Faust - -Indessen dies alles in Deutschland geschah, indessen die Herkunft des -Volkes gegen das Welschtum der Fürsten aufstand, indessen das Morgenrot -der Romantik in den silbernen Griechentraum kam: war Goethe, der -Dichter des Götz und des Werther, der Alte von Weimar geworden. - -Alle die Rufer der großen Zeit waren verstummt, Klopstock und Lessing, -Herder und Schiller; er aber, der mehr als ein Rufer war, stand im -Sturmwind der Zeit als Leuchtfeuer da, aus der Vergangenheit in die -Zukunft zu leuchten. - -Ein altes Puppenspiel hatte dem Knaben in Frankfurt die Taten des -Faust vorgeprahlt, der seine Seele dem Teufel verschrieb und ein -Schwarzkünstler wurde. - -Als danach den Jüngling in Straßburg das junge Blut plagte, als ihm die -Brust schwoll und der Kopf brannte von Zweifeln und trotzigen Fragen, -kam ihm der Faust aus dem Puppenspiel wieder, und er sah seinesgleichen. - -Er sah der Tugend den Fallstrick gelegt in der täglichen Ordnung der -Väter, Himmel und Hölle halfen ihn halten; aber der Menschengeist -trotzte den Vätern samt ihren allmächtigen Helfern: er wollte sich -selber gerecht sein und jede Art Lust büßen, statt in der fremden -Gerechtigkeit bleiben. - -So wurde dem Jüngling in Straßburg das alte Puppenspiel neu, Himmel und -Hölle zum Trotz sollte sein Faust sein, der Menschheit zur Fackel. - -Herder der Herbe wies den hitzigen Jüngling auf nähere Wege, er -wurde der Dichter des Götz mit der eisernen Hand; aber schon auf den -Wertherwiesen in Wetzlar trug er den trotzigen Plan von neuem umher, -wenn ihm die Brust eng war vom Staub seiner Tage. - -Als der Herzog von Weimar den Dichter zu Gast lud, brachte er ihm sein -Puppenspiel mit: Schattenrisse, in raschen Auftritten wechselnd, mit -Worten wie von Hans Sachs, nur weiter und wehender. - -Wie ein Bräutigam seinen Freunden die Braut zeigt, so aus dem -heimlichen Glück las er sein Stück vor; aber er wußte, daß seine -trotzige Neigung noch keine Liebe, daß die rasch gepflückte Frucht noch -keine Ernte war. - -Er wurde in Weimar Minister und legte den Faust in die Lade, der -Schwarzkünstler paßte nicht in sein Dasein geheimrätlicher Pflicht; und -als er danach in Rom wieder faustisch zu denken begann, nahm ihm die -klassische Luft die Lust an dem nordischen Spuk. - -Erst Schiller, der treffliche Treiber, vermochte ihn wieder an das -verlassene Werk der Jugend zu bringen; aber dem reifen Mann wollte der -Jünglingstrotz nicht mehr ziemen: eine leuchtende Lohe wuchs aus dem -Höllenbrand seiner Jugend. - -Als Schiller, der glühende, starb, und Goethe, grämlich allein, das -unübersehbare Gut seines Daseins bestellte, ließ er sein Faustfragment -zum drittenmal liegen. - -Er war im sechzigsten Jahr seines Lebens, und sechzehn Jahre vergingen, -bevor er als Greis -- nach einem halben Jahrhundert -- sich wieder den -schwankenden Gestalten der Jugend zuwandte. - -Längst hieß sein Werk kein Puppenspiel mehr; Himmel und Hölle rangen um -Faust, der ein Schwarzkünstler war und der Menschengeist wurde. - -In allen Weiten und Winden des Lebens, in allen Sorgen und Sünden -wissend, genießend und tätig sollte er sein, und allen höllischen -Mächten zum Trotz seinen Weg in den Himmel schreiten. - -Aber kein Wunder konnte die Seele erlösen, das Wunder vermochte der -Geist allein: er mußte den Kampf der Mächte ausmachen, er mußte durch -Himmel und Hölle der eigenen Brust Meister des Schicksals bleiben. - -So hatte ein halbes Jahrhundert über dem hitzigen Plan seiner Jugend -den stolzen Dombau begonnen; der Greis sah das Pfeilerwerk riesenhoch -ragen, aber noch fehlten der Helm auf dem Turm und die Wölbung. - -Am glutroten Münster in Straßburg hatte sein trunkenes Auge gehangen, -als er den Riesenbau plante; nun war der Dichter des Götz ein Grieche -geworden, und über dem gotischen Grundriß sollte ein marmorner -Tempelbau prangen. - -Der Schwarzkünstler ging aus den Nürnberger Gassen in Griechenland ein, -Faust wurde Herzog und Fürst, und Helena herrschte, wo Gretchen, das -deutsche Bürgerkind, ihre schmerzreiche Gunst gab. - -Aber der faustische Schritt ging in die Leere des Alters; -Schattenfiguren wuchsen ihm aus der blassen Unendlichkeit zu, der aus -der bunten Täglichkeit einmal sein starkes Puppenspiel machte. - -Was unmöglich war, konnte auch Goethe der Greis nicht mehr zwingen; -vieles gelang ihm, manches Portal war mit schönen Gestalten bestellt, -und manches Glasfenster gab farbige Glut: der Traum seines Tempels -blieb ein Turmbau zu Babel. - -Je mehr ihm der Schatten des nahenden Todes in seinen gewaltigen Dom -fiel, je eifriger war er am Werk, bis ihm zuletzt das Notdach gelang, -den herrlich verzettelten Bau mit allen Hallen und Weiten des Lebens -vor Wind und Wetter zu schützen. - -So stand der Tempeldom da, als Goethe, der Greis, die sterblichen Augen -zumachte; so steht er im Reich als der mächtigste Bau, so wird er den -Völkern und Zeiten ein Wunderwerk bleiben, ein ragendes Zeugnis, was -einmal ein Mensch aus eigener Vollmacht vermochte. - - - - -Das Buch der Erhebung - - -Beethoven - -Als Mozart, der Meister des großen Wohllauts, starb, war das -Jahrhundert der Pompadour aus; die Blutrache der Freiheit hatte -in Frankreich begonnen, als Beethoven kam, dem Menschengeist die -bräunliche Stimme der Erde zu bringen. - -Musikanten aus Holland waren die Seinen, in Bonn dem Kölner Kurfürsten -dienend; aber den Enkel und Sohn verlangte nach Wien, wo Mozart den -Zauberstab hielt, wo Haydn, der unerschöpfliche Meister, Musik machte. - -Mozart war tot, als Beethoven kam, Haydn nahm sich des rheinischen -Jünglings an wie ein Vater; er führte ihn ein in das große Orchester -und in die sinfonische Fülle der Geigen und Bässe, Hörner und Pauken, -Flöten und Klarinetten. - -Beethoven wurde, wie Mozart es war, ein Meister auf dem Klavier -- nur -daß er tief aus der braunen Dämmerung kam, indessen jener im hellichten -Morgenrot ging -- wo er sein trotziges Spiel hören ließ, wurde der -Menschengeist wach, seinen eigenen Atem zu spüren. - -Da brach in die Säle von Wien, in die Kerzen und goldenen Stühle der -Menschentrotz ein und ballte die Fäuste, lachte und weinte, wo leichtes -Gelächter, wo Seufzer und Rührung und spöttische Heiterkeit war. - -Aber das Schicksal schlug den gesegneten Mann, seine Macht zu erhöhen: -es nahm ihm sein Ohr und nahm ihm sein Spiel, es führte ihn heim aus -dem rauschenden Beifall der Hörer in die einsame Stille der Taubheit. - -Da saß der unselig gesegnete Mann noch immer an seinem Klavier und -glaubte zu hören, was nur die Brandung der Seele, was nur das Meer der -Gefühle im Sturm seiner Leidenschaft war. - -Abgelöst von der irdischen Wirklichkeit seiner Töne schrieb er Musik, -die seine Ohren nie hören, die seine Seele nur aus den Noten ablesen -konnte. - -So sank er hinein in die Gründe, darin er allein mit seinem Trotz das -Leben bestand: ein Titan war unter die Menschen verbannt, den sie wie -Donner und Blitz, wie sausenden Wind und rauschendes Wasser verstanden; -nur ihre Antwort hörte er nicht. - -Er war den Göttern verfeindet wie alle Titanen, er haßte ihr neidisches -Wesen und daß sie dem Geist sein trotziges Tun hochmütig mißgönnten; -er brachte den göttlichen Funken in seiner Musik zu den Menschen, daß -ihnen die Götter Rede stehn mußten. - -Haydn, der heitere, hatte den Jüngling das große Orchester gelehrt, -aber die Fülle der Geigen und Bässe, Hörner und Pauken, Flöten und -Klarinetten war nur ein reicherer Wohlklang gewesen: nun brauste der -Geist in die Fülle, da Beethoven, der taube Meister in Wien, den -Sinfonien der Menschheit die ewigen Noten hinschrieb. - -Da war kein Himmel und war keine Hölle, nur die Urgewalt der Natur, und -der Menschengeist war ihr selbstherrlicher Meister. - -Er konnte schwellen, wie der Frühling die Knospen schwillt, er konnte -den Bogen bauen über die Berge, er konnte stürmen und stürzen, wie -Hochwasser im Alpental stürzt, er konnte breit und gewaltig sein wie -das Meer und konnte in seinen Wellen den Sonnenball fangen. - -Seliges Spiel und trotzigen Aufruhr, schmerzliche Sehnsucht und -drohende Kraft, blutrote Trauer und weißglühenden Zorn: alles schrieb -Beethoven hinein in das Bibelbuch seiner Musik. - -Und als er am Ende war seiner irdischen Tage, als er die Summe zog -seines gewaltigen Lebens, als er die letzte schrieb seiner neun -Sinfonien, schwoll Menschengesang in die Geigen und Hörner: über die -trotzige Leidenschaft hin rauschte die Urmacht der Freude. - -Sie war nicht aus der Gunst der Götter geboren, sie floß nicht -hinein in das Menschenland, wie ein Bach blumige Ufer und blinkendes -Wellenspiel bringt. - -Die trotzige Hand des Titanen hatte das eigene Herz aufgerissen; da war -es kein Blut, kein Feuer und Wasser, da waren es Ströme des Geistes, -einmal den Jüngern in einer Taube vom Himmel gebracht und nun die Erde -mit Allgewalt füllend. - - -Die Blutrache der Freiheit - -An einem Julitag stürmte das Volk von Paris die feste Bastille, die -uralte Zwingburg des Königs und das Gefängnis all seiner Feinde. - -Der Staat, das bin ich! hatte der Sonnenkönig geprahlt; als danach der -Herbst den Park von Versailles zu färben begann, holte das Volk von -Paris sich den König als Geisel; der von Gottes Gnaden regiert hatte, -mußte dem Parlament die Verfassung beschwören. - -Und als die Fürsten Europas mit ihrer Heeresmacht kamen, dem Thron in -Frankreich zu helfen, flammte das Volk der Franzosen auf und war ein -gewaltiger Brand vor den Söldnern der Fürsten: bei Valmy mußte das -preußische Heer den unrühmlichen Rückzug beginnen. - -Seitdem war Frankreich die Schmiede der Völker; der Untertan wollte der -freien Gemeinde und ihrer vergessenen Herkunft die dreifache Pflugschar -der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit schmieden. - -Die Schmiede stand in düsterer Glut, und der Widerschein schreckte die -Sippe der Fürsten; denn vor der Gleichheit und Brüderlichkeit kam die -Blutrache der Freiheit. - -Sie kam nicht über das Land, wie ein zärtlicher Morgen im Frühling -endlich den Sonnenschein bringt, sie brach aus den Tiefen und war der -Haß des entfesselten Volkes und seine Rache. - -Als die Pariser den Freiheitsbaum pflanzten, als sie die adligen -Herren, Junker und Pfaffen, zu jagen begannen wie Freiwild, als sie den -König köpften trotz seiner geheiligten Krone und die Königin mit ihm: -wollte die blasse Furcht an den Höfen den Übermut von Jahrhunderten -rächen. - -Tod den Tyrannen! hatte der Dichter der Räuber gerufen, nun trat sein -Ruf in den Tag und hatte ein Fallbeil zur Hand: im grausigen Takte -seiner Schläge fielen die Köpfe, und adliges Blut floß im Unrat der -Rinnen. - -Gewalt riß Gewalt aus den Händen, Rache rief Rache, und Mord fiel auf -Mord, bis das blutige Maß voll war. - -Danton, Marat und Robespierre hießen die Hyänen der Freiheit, ihr -heißes Geheul schrie sich heiser, ihr hungriges Maul fraß sich satt, -bis es im blutigen Schaum erstickte. - -Über dem Abendland stand in Paris das Fallbeil böser Vergeltung; im -schaurigen Takt seiner Schläge mußte das neue Blut das alte abwaschen, -weil die Gewalt der Freiheit zuvor kam, weil die Gerechtigkeit ihre -ewige Gleichung aus schuldiger Menschenhand nahm. - - -Bonaparte - -Die Freiheit ging den Weg der Gewalt, und die Gewalt sank in Blut und -Verbrechen; da sie am Ende stand ihrer Schrecken, kam der Gewaltherr, -sie zu vollenden. - -Es war ein Tag in Paris, da die Scharfrichter der Macht ein kaltes Herz -und eine grausame Hand brauchten, als der Korse mit seinen Kartätschen -über sie kam, die Freiheit zu retten. - -Napoleon Bonaparte war er geheißen; als danach ein Maitag der -staunenden Welt sein Bild zeigte, wie er, die Fahne kühn in der Hand, -im Kugelregen die Brücke von Lodi gewann, rief der Ruhm seinen Namen -aus wie einmal den Prinzen Eugen. - -Nie hatte ein Meister des Krieges kühnere Dinge getan, als da der Korse -den Dreitagekampf um Arcole bestand: in Hunger und Lumpen gewann seine -Schar, ein Heer kaum zu nennen, den lombardischen Krieg, weil sein -Genie ihren Todesmut führte. - -Und seit den Kreuzrittern hatte kein Abenteuer das Abend- und -Morgenland so erfüllt wie seine tollkühne Fahrt nach Ägypten, da er die -Türken bei Abukir schlug. - -Und uraltes Glück des Kühnen wurde lebendig, da der Sohn des korsischen -Advokaten heimkam, den Scharfrichtern der Macht in Paris sein -Schwertherrenglück aufzuzwingen. - -Als Konsul von Frankreich zog der Sieger von Lodi, Arcole und Abukir -ein in das Königsschloß der Bourbonen, daraus die Häscher der Freiheit -Ludwig den Sechzehnten auf das Schafott holten; er aber war geschützt -durch das Bajonett seiner Grenadiere. - -Zehn Jahre hatte die Freiheit Tod den Tyrannen geschrien und war eine -Mutter gewesen, die ihre eigenen Kinder verzehrte; als die Zeit der -neuen Gewalt reif war, saß der Korse darauf und regierte. - - -Napoleon - -Wie Samuel der Priester vor Saul, zog einmal Stephan der Papst hinaus -ins gallische Land, Pipin, den fränkischen König, zu salben. - -Der Pontifex maximus suchte das nordische Schwert; und als der -gewaltige Sohn des fränkischen Königs nach Rom in die Christmesse kam, -grüßte die Priesterklugheit Carolus Augustus, den römischen Cäsar, weil -ihm das Abendland untertan war. - -Der König der Deutschen war Kaiser jahrtausendlang, der Turm des -Reiches stand über den Dächern der Staaten, und über den Fahnen der -Völker wehte die Kaiserstandarte. - -Aber die Habsburger stellten die Kaiserstandarte auf ihre Hofburg in -Wien, die Habsucht der Fürsten und Herren fraß das Reich leer, bis ihm -der Schwur von Loreto den Untergang brachte. - -Als der große Krieg aus war im Frieden zu Münster, herrschte Ludwig -der Vierzehnte, Habsburg zum Hohn und dem Reich zum Raub, über das -Abendland: nun aber kam der Sohn der Gewalt und wurde in Wahrheit -Kaiser. - -Als er sich selber in Frankreich die Krone aufsetzte, der kühner als -Cäsar und stärker als Karl war, kam der Papst demütig aus Rom, ihn als -Kaiser zu salben. - -Zum letztenmal glühte der Bogen, den Kaiser und Kirche über das -Abendland spannten, aber der Sohn der Gewalt hielt seine feurige Pracht -allein in der Hand. - -Er machte die Fürsten zu seinen Vasallen, und als er in Erfurt -sein Maifeld abhielt, mußten die Könige von Gottes Gnaden demütig -erscheinen, sich ihrem Kaiser zu beugen. - -Er nahm auch der Kirche die weltliche Macht aus den Händen und hieß die -Bischöfe wieder die geistlichen Hirten der Gläubigen sein: so wurde der -Bogen zerbrochen, den Kaiser und Kirche ein Jahrtausend lang über das -Abendland spannten; so fing die neue Zeit an. - - -Der Rheinbund - -Als die Söhne Ludwigs des Frommen das karolische Reich unter sich -teilten, nahm Lothar das Land in der Mitte. - -Es war nur ein schmales Band von der kalten Meerküste über die Alpen -hinüber nach Welschland; aber der Rhein zog seine reiche Straße -hindurch, und die Kaiserkrone hing an dem Band. - -Lothar, der Kaiser, war schwach und ging in ein Kloster; die stärkeren -Brüder im Westen und Osten zerschnitten das Band, aber sie konnten die -Krone nicht teilen. - -Wer den Rhein hatte, der hatte das Reich: hier war der goldene -Schlüssel der Macht, hier saßen die Kurfürsten von Köln und Trier und -der von Mainz, der Kanzler der Reichsherrlichkeit, hier zogen die -Heerschilde auf, den Kaiser zu wählen, hier hielten die mächtigen -Städte von Straßburg bis Utrecht dem Kaiser die Tore geöffnet, wenn die -Fürsten ihm trotzten. - -Hier stand der Aachener Krönungssaal, hier waren die Kaisergräber in -Speyer, hier hielt Barbarossa das herrliche Maifeld, ehe den Herrscher -des Abendlands sein Ritt ins Morgenland führte. - -Hier wurde Rudolf von Habsburg, der Graf aus dem Aargau, nach -schmählicher Zeit König der Deutschen; aber sein karges Geschlecht -verriet den Rhein und das Reich um die Habsburger Hausmacht im Osten. - -So kam Lothars Reich zum andernmal in den Streit der stärkeren Brüder -von Osten nach Westen: Wien und Versailles kreuzten die Schwerter über -dem Rhein um die Krone. - -Ludwig der Vierzehnte brach einen Stein aus dem Stirnreif: die -wunderschöne Stadt Straßburg; er kaufte die rheinischen Fürsten mit -Gold und Gunst gegen das Reich und den Kaiser. - -Alliance du Rhin hieß er das listige Bündnis, aber es blieb eine teure -Gunst der Minister, bis das Schwert Napoleons kam und eine billige -Vasallenschaft daraus machte: er aber hieß es den Rheinbund. - -Das linke Ufer Lothars nahm er zu Frankreich, dem rechten setzte -er Fürsten nach seiner Laune: Vasallen trugen die Kronen, die er -verschenkte im Rheinbund, Vasallen mußten ihm Heerfolge leisten gegen -den Kaiser. - -Denn noch hielt dem Korsen Habsburg stand, und nie war es so tapfer -wie nun im Unglück gewesen; erst als ihm die Sonne von Austerlitz -unterging, blutig rot im Dezember, losch die letzte Reichsherrlichkeit -hin. - -In Regensburg trat der Gesandte von Frankreich den kläglichen Rest des -Reichs auseinander; da wurde der Thron leer, der durch ein Jahrtausend -die Mitte der Welt war: der Kaiser von Österreich blieb der Fürst -vielerlei Völker, aber er war kein Herrscher des Abendlands mehr. - -Die reiche Straße des Rheins wurde die Grenze der Mächte im Westen und -Osten; aber versunken im Strom lag die Krone der alten Kurfürstenmacht. - -Die Fürsten im Rheinbund feierten fröhliche Feste, sie waren der alten -Kaisermacht ledig; daß sie Trabanten des neuen Cäsars waren, störte ihr -Eintagsglück nicht. - - -Jena und Auerstädt - -Indessen der korsische Hammer das faule Gebälk der alten -Reichsherrlichkeit einstürzen machte, gedachte der König von Preußen -das seine zu retten. - -Torheit und Dünkel blähten sich auf dem Mist, als ob noch immer der -Große in Sanssouci säße; aber der Fuchs sprang dem Hahn an die Gurgel, -da er am stolzesten krähte: bei Jena und Auerstädt ließ der preußische -Hochmut das Feld und die Federn. - -Seit Roßbach hatte die deutsche Erde nicht mehr so eilige Flucht -gesehen und seit Straßburg nicht mehr solche Schande, als da nun der -preußische Hochmut den Ladestock schluckte. - -Wie eine Hasenjagd ritten die flinken Husaren die leichte Verfolgung: -ihrer zwölf fingen fliehende Heerhaufen ab; die starken Festungen -fielen vor einem Trompetenschall hin. - -Von Greisen geführt und von Feiglingen verraten, mußte der Grenadier -den Gamaschendienst büßen; bevor ein Monat ins Land ging, war das -preußische Land voll Franzosen. - -Weit über die Weichsel hinaus nach Tilsit und Memel mußte der -preußische Königshof fliehen; wenn nicht der Zar aus dem russischen -Winter den zitternden Händen seinen starken Arm reichte, verlor der -König von Preußen sein Land und den Thron. - -In Tilsit wurde der schimpfliche Krieg mit einem schimpflichen Frieden -beschlossen: auf einem Floß über den kalten Memelfluß traten Kaiser und -Zar zueinander und hießen den König von Preußen abwarten, was aus dem -Handel der Mächtigen für ihn übrig bliebe. - -Er durfte sich weiter König von Preußen heißen, aber die Hälfte des -Landes ging ihm verloren; und was er behielt, gehörte ihm nur als -Vasallen. - -Mut und Verwegenheit, Glück und Geschick hatten den Spötter von -Sanssouci groß gemacht unter den Fürsten; Degen und Schärpe aus seiner -Gruft nahm sich Napoleon mit, weil er als Gunst des Glücks und als -Verwalter der Verwegenheit sein Nachfolger war. - - -Der Tyrann - -Der Spötter von Sanssouci war ein Meister der klugen Beschränkung: er -band den Ruhm an sein Schwert, er mehrte die Macht seines Staates, und -blieb im Reich, der er war, der König von Preußen. - -Aber der Korse war Kaiser geworden, wie Kolumbus Amerika fand; sein -Ozean war der Aufruhr gewesen, sein Schiff die Soldatengewalt. - -Der Kaisermantel umhing seine Schultern, der Papst salbte sein Haupt -mit Öl: aber er blieb der Sohn der Gewalt, und die Gewalt konnte den -Namen der Freiheit nicht leugnen, damit sie zur Welt kam. - -Den Sohn der Hölle hießen sie ihn, denen die alte Zeit den Himmel auf -Erden vorstellte, da die Willkür der Höfe und adligen Herrn die Völker -regierte, da der Bürger und Bauer Untertan war. - -Der Sohn der Hölle mähte die höfische Herrlichkeit nieder, vor seiner -Sense sanken die falschen Vorrechte hin: den Junkern nahm er die -geistlichen Pfründen, den Pfaffen zog er das Weltfürstenkleid aus. - -So war der Zauber der Freiheit um seine Taten, die Herzen der Jugend -flammten dem Sieger von Lodi und Austerlitz zu, im Abend- und -Morgenland galt er der Held und Türhalter der neuen Zeit, die dem Sohn -der Gewalt das Recht zuerkannte. - -Die aber die Pfründen verloren und die das Weltfürstenkleid ausziehen -mußten, blieben die heimlichen Herren der Welt, trotz seiner Kanonen; -sie waren dem Aufruhr der Freiheit gewichen, dem Zwingherrn der neuen -Gewalt wichen sie nicht: Junker und Pfaffen hielten den alten Bund -gegen den Korsen, der Papst in Rom war ihr Meister. - -Als der Sohn der Gewalt an den Kirchenstaat rührte, als er den heiligen -Vater gefangen nach Frankreich zu bringen befahl, stand das katholische -Bauernvolk auf, den Junkern und Pfaffen gegen den Sohn der Hölle zu -helfen; und als er nach Erfurt zum Fürstentag fuhr, das Maifeld der -neuen Kaisermacht prahlend zu feiern, fuhren die bösesten Nachrichten -mit. - -In Spanien und Tirol fing der knisternde Brand allmählich lichterloh an -zu brennen, über das Abendland fielen die Funken; da mußte der Meister -der Macht bekennen, daß die Herkunft mächtiger war als seine Kanonen. - -Der die Throne Europas verschenkte und die Fürsten Vasallendienst tun -hieß, warb um die Kaisertochter in Wien; die Unsicherheit seiner Macht -zu verankern, beugte der Sohn der Gewalt sich vor dem Recht der Geburt. - -Er war im Namen der Freiheit gekommen, und Frankreich hatte im Namen -der Freiheit die Jugend Europas begeistert; nun beugte der Korse sein -Knie vor der geheiligten Herkunft der Krone: die Jugend sah den Verrat -und grollte dem neuen Tyrannen. - - -Andreas Hofer - -Der Sandwirt war er geheißen, Händler und Wirt im Tal von Passeyr, aber -er kannte den Krieg als Hauptmann der Schützen und galt in Tirol mehr, -als ein Landmann sonst unter Landmännern gilt. - -Als die Hofburg den Aufruhr der Bauernschaft brauchte, rief sie den -Sandwirt nach Wien; der Erzherzog selber hörte dem mutigen Mann -herablassend zu. - -Napoleon hatte Tirol dem König von Bayern geschenkt; aber -- so ging -die Rechnung der Hofburg -- ein Aufstand der Bauernschaft sollte dem -neuen Krieg gegen den Korsen Urgewalt geben, das Volk selber sollte das -Land von Tirol für Habsburg befreien. - -Andreas Hofer, der Sandwirt geheißen, glaubte den Herren in Wien, weil -er ein Mann aus Tirol war; als er wieder daheim saß im herbstlichen Tal -von Passeyr, sah seine Wirtschaft seltene Gäste, und als im Frühjahr -die Laufzettel das Aufgebot riefen, war er mehr als ein Hauptmann der -Schützen. - -Am Sterzinger Moos fing er sein Tagwerk an, und als er die Schlachten -am Iselberg schlug, machte der Sandwirt sein Wort wahr: Tirol war -befreit, und die Herren in Wien konnten den Treueid der Landschaft -empfangen. - -Sie sparten nicht in der Habsburger Hofburg, die Gesandten der -Bauernschaft zu beehren; der Kaiser selber gab ihnen gnädig sein Wort -mit, niemals Frieden mit Frankreich zu machen, es sei denn, daß auch -Tirol wieder zu Österreich gehöre. - -Als aber den Herren in Wien bei Wagram ihr kurzes Kriegsglück fehl -ging, als sie von dem Korsen Waffenstillstand begehrten, dachten sie -nicht an ihr Wort: die Bauernschaft war von Habsburg verlassen, Bayern, -Franzosen und Sachsen rückten mit Übermacht an, den Trotz der Tiroler -zu brechen. - -Doch hatte der stolze General Lefebvre die Rechnung ohne den Sandwirt -gemacht: wieder am Iselberg wurde sein Heer von den herzhaften Bauern -geschlagen, und nun war Tirol zum andernmal frei für sich selber. - -Der Kaiser saß im Käfig der Hofburg, und auf den Straßen nach Wien -ritten die flinken Husaren von Frankreich: so mußte der Sandwirt auf -eigene Faust Herzog und Fürst der Bauernschaft sein. - -In der Hofburg zu Innsbruck hielt er mit seinen Getreuen dem Land die -Regierung; ein Bauernwirt aus dem Passeyr trotzte dem Sohn der Hölle -und war die Hoffnung der deutschen Herzen im Reich. - -Aber es buntete nur ein Herbst vor dem Winter: als im Frieden zu -Schönbrunn das Kaiserwort log, als Habsburg Tirol an Bayern abtrat, als -die Übermacht kam von Norden und Süden, war das Glück der Bauernschaft -aus. - -Sie sperrten die Täler mit Ketten, sie rollten die Steine von den -Bergen, sie riefen das Land zur letzten Wehr auf und mußten in Brand -und Blut zuletzt doch ersticken. - -In einer Alphütte hoch im Passeyr saß Hofer der Sandwirt lange -verborgen, aber ein Judas verriet ihn um Geld, und die Häscher fingen -den Starken. - -Er blieb auch im Unglück der mutige Mann; als er in Mantua fiel unter -den Kugeln der Feinde, aufrecht und stolz, weil er ein gläubiger Mann -aus Tirol war, wurde er groß im deutschen Gedächtnis. - -Das aber geschah zu der Zeit, da der Habsburger Kaiser in Wien seine -Tochter dem Korsen verlobte. - - -Luise - -Eine Prinzessin aus Mecklenburg wurde in Preußen Königin; ein Kind fast -noch, als sie im Brautwagen kam, und eine junge Mutter, als sie nach -harmlosen Jahren harmvoll dahin ging. - -Goethe hatte an ihre Jugend gerührt, Anmut und Frohsinn waren um ihre -Tage gewesen, da sie in Paretz die liebliche Gutsherrin spielte, bis -ihr der Sturmwind das Kartenhaus umblies. - -Da mußte die Gutsherrin Königin werden, und alle Schmach, die auf -Preußen fiel, legte Herzeleid über die Frau, die so stolz wie schön und -so stark wie anmutig war. - -Eine böse Winterfahrt war es nach Königsberg von Berlin, und die -flinken Husaren ritten den Wagen des flüchtenden Hofes dicht auf der -Spur; in Memel erst, wo die russischen Weiten sie schützten, konnten -sie bleiben und warten, was dem preußischen Land und seinem König von -dem Korsen geschähe. - -Die Königin haßte den Sohn der Hölle wie eine Kröte, die ihr das -Sonntagsglück störte, und mußte ihm doch die zitternde Hand geben, als -ihre Anmut Napoleon dargereicht wurde, seinen harten Sinn zu erweichen. - -Die kalten Stunden in Königsberg konnte ihr Stolz nicht mehr vergessen; -viele Feinde hatte der Korse im Abendland, aber kein Haß zog ihre -Herzen so an wie die preußische Königin: so kam es, daß Preußen zum -andernmal den deutschen Geist zu erheben vermochte. - -Der Spötter von Sanssouci hatte den Jubel von Roßbach geweckt -und hatte den Staat der preußischen Pflicht gegen die Habsburger -Hofburg gerichtet; Dünkel und Leichtfertigkeit hatten die Erbschaft -verschleudert, und ein dürftiger König hatte sich seines Ruhmes -vermessen: nun war eine Frau in das Leid und das Frühlicht der jungen -Erhebung gestellt. - -Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hatte die Stimme in Frankreich -gerufen, die Herzen der Völker hatten sie jubelnd vernommen: aber -Napoleon hielt im Namen der Freiheit die Ernte und war ihr zum Hohn ein -Sohn der Gewalt. - -Eine andere Freiheit lehrte in Königsberg Immanuel Kant und band -die Willkür in Pflicht: so wurde dem Korsen eine reinere Feindschaft -bereitet als die der Junker und Pfaffen, und ihre Priesterin wollte die -preußische Königin sein. - - -Kant - -Der Sohn eines Pietisten und Sattlers in Königsberg sollte als Pfarrer -studieren, aber die Wissenschaft lockte ihn mehr als die Kirche, ihre -dogmatische Enge konnte ihm keine Lebensluft sein. - -Alles, was es zu lernen gab, lernte der Jüngling; nichts lag ihm so -fern, daß er nicht seinen Eifer daran versuchte, nichts lag ihm so nah, -daß er nicht seine Lust daran büßte, Wesen und Sinn zu erkennen. - -So konnte Immanuel Kant in der täglichen Welt nichts als ein Hofmeister -werden: neun Jahre lang mußte der Sohn des Sattlers auf mehreren Gütern -sein Dasein dienend hinbringen; aber der Sohn des Pietisten hatte schon -früh die Tugend geübt, an der Täglichkeit nicht zu leiden. - -Als er dann wieder nach Königsberg kam, lehrend zu lernen -- ein -ältlicher Jüngling, aber gesellig und heiter -- kam schon der Ruf mit -ihm, daß er schärfer zu denken und mit helleren Worten von seinen -Gedanken zu reden vermöge als sonst ein Professor. - -Das war im selben Jahr, da der Spötter von Sanssouci den großen -Krieg plante; und bis der Stern Napoleons stieg -- fast ein halbes -Jahrhundert -- blieb Kant in Königsberg, lehrend und lernend, und wurde -ein Licht, das Abendland zu erhellen. - -Lächelnd von Liebe und Weisheit hatte der Zimmermannssohn die -Freiheit der Seele gelehrt, und daß ihr heimliches Reich jenseits der -Wirklichkeit wäre und höher als alle Menschengewalt. - -Aber die Kirche des Juden aus Tarsus hatte das Kreuz vor die Lehre -gestellt, hatte der gläubigen Seele Lohn und Strafe verheißen und -zwischen Himmel und Hölle ihr Gnadentor der Erlösung gebaut. - -Ein Jahrtausend und mehr hatte sein Wahnreich der Priester die -Menschheit in Hoffnung gehalten, selige Schauer und fromme Verzückung, -Furcht und Zittern verzwickter Gedanken waren um seine Himmels- und -Höllenverheißung gewesen. - -Bis endlich der Menschengeist wieder erwachte, lieber zur Hölle zu -fahren, als daß er sich in den Himmel der Priester hinein glaubte: -Zweifel und Trotz stellten die uralte Frage der Wahrheit, und die -Wirklichkeit gab grausame Antwort. - -Die Wirklichkeit war die Notwendigkeit der Natur und die -Unabänderlichkeit ihrer Gesetze; ihr galt der Mensch nur ein Ding und -ein Tier und alles, was er zu denken, fühlen und ahnen vermochte, stand -im Zwang ihrer Gleichung. - -So konnte der Menschengeist nur seine Unfreiheit erkennen, und all -seine Wissenschaft baute nur an der Mauer dieser Erkenntnis um ihn; -aber der Sohn eines Sattlers in Königsberg wurde zum andernmal sein -Erlöser, er öffnete ihm die verschüttete Tür in der Mauer und machte -ihn frei von der Wirklichkeit seiner Sinne. - -Alle Erkenntnis der Wirklichkeit war gebunden an Raum und Zeit, und -alle Gesetze ruhten darin wie die Tür in der Angel; aber Raum und -Zeit hafteten nicht an den Dingen, sie waren dem Menschengeist eigen, -Ordnung in die Erscheinung der Sinne zu bringen. - -Die Tafeln des Gesetzes kamen nicht aus der Wirklichkeit, der -Menschengeist schrieb sie ihr vor, und die vermeintliche Ordnung der -Sinnenerscheinung war seine Schöpfung der Welt. - -Das war die Tür, die Immanuel Kant aus dem Zwang der Wirklichkeit fand, -aber sie führte in keine Willkür hinaus; denn dem Menschengeist war das -eigene Reich eingeboren, darin er von aller Sinnenwelt frei blieb, um -seiner eigenen Wirklichkeit tiefer verpflichtet zu sein. - -Gut und böse in seinem Willen zu scheiden, aus seiner Vernunft allein -die Pflicht seiner Tat zu empfangen: war seine Wirklichkeit unter dem -Wasserspiegel aller Erfahrung, war seine Wahrheit und Freiheit. - -Nicht anders als einmal der Zimmermannssohn hatte Immanuel Kant den -Weg und die Pflicht der Freiheit gefunden, nur daß er die Gnade der -gläubigen Seele nicht kannte, daß er im Frage- und Antwortspiel seiner -Gedanken der friedlose Menschengeist blieb. - -Und daß er nicht ging auf den Straßen zu lehren, lächelnd von Liebe und -Weisheit, daß er im Tempel der Schriftgelehrsamkeit blieb. - -Wie ein Städtebaumeister Straßen und Plätze, Häuser und Gärten in -seinem Grundriß bestimmt, wie er die Willkür ausschaltet und jedem Teil -seinen Platz im Ganzen erzirkelt, so gab er dem Menschengeist seinen -Plan, sich gegen Gott und Welt den Tempel der Freiheit zu bauen. - -Er wurde sehr alt und ein schlohweißes Männchen und mußte das klägliche -Schauspiel erleben, daß ein Minister im Namen des Königs von Preußen -ihm Lehre und Schrift unterband. - -Als er gestorben war, trugen Studenten den Sarg in den Dom, und alle -Glocken in Königsberg läuteten seinem Leichnam zu Grabe, wie wenn der -heimliche Herzog in Preußen zum ewigen Schlaf einginge. - -Aber ihm war das ewige Leben gesegnet: sein Werk war bestellt, -sein Plan war vollendet, neben den heimlichen Gärten der Seele den -sichtbaren Tempel der Freiheit zu bauen. - - -Fichte - -Als Napoleon Preußen zerschlug, als er nach Königsberg kam mit seinen -flinken Husaren, war Kant schon begraben; aber die Lehre des Meisters -hatte ihr leises Leben begonnen, indessen der laute Schritt des -Eroberers über das Abendland ging. - -Stark wie jemals ein Kaiser hielt er sein Schwert über die Fürsten und -Völker Europas, aber die stärkeren Mächte der Herkunft boten ihm Trotz, -und nun kam die stärkste, ihn zu bezwingen. - -Denn stärker als je ein Schwert war, stärker als Herkunft und stärker -als Herrschsucht und Haß der Bedrückten, stärker als alle Macht in der -Welt ist der Geist, der um die wahre Freiheit zu ringen beginnt. - -Eines Leinewebers Sohn aus der Lausitz war durch Armut hinauf in -das Licht der kantischen Lehre gestiegen; weil er kein Weiser der -Wissenschaft war wie der Meister, nahm er die Fackel zur Hand, das -Licht aus dem Tempel zu tragen. - -Sei dir selbst alles, oder du bist nichts! stand in den Flammen -geschrieben, damit er den Brand in die Herzen der Deutschen zu bringen -gedachte; denn Fichte war aus dem Weltbürgertraum seiner Zeit und der -eigenen Jugend in den Entschluß der völkischen Pflicht eingegangen. - -Nur Ewiges könne der Mensch wahrhaftig lieben, Dauerndes tun und -bewirken, sei die innerste Mahnung und Lockung all seiner Wünsche: -Dauer allein könne dem Menschen nur werden im Dasein des Volkes, darin -sein einzelnes Leben mit Herkunft, Sprache und Sitte unlösbar in -Dankespflicht sei. - -So war die Lehre der freien Pflicht tapferer Wille geworden, dem -irdischen Dasein redlich zu dienen, statt jenseits der Dinge das selige -Leben zu suchen; Fichte, der furchtlose Mann, zögerte nicht, die Lehre -als Tat zu erfüllen. - -Indessen die Straßen Berlins von dem Schritt und dem Hörnerschall -französischer Bataillone widerhallten, indessen Spione das Wort und -die Haltung des Bürgers allerorts überwachten, stand er am Pult, von -Deutschen für Deutsche schlechthin seine mutigen Reden zu halten. - -Er sah und wußte, das deutsche Volk war die Spreu seiner Ernte -geworden; aber die Ernte, zerstreut und verzettelt, war noch zu retten, -wenn sich der Deutsche treu und tapfer zu seiner Herkunft bekannte. - -Er sah und wußte, über das deutsche Volk waren Schmach und Schande -gekommen, aber sein Unglück war Schicksal; es mußte sich wenden, wenn -der Deutsche seine Sendung im Dasein der Völker erkannte. - -Daß dieses geschähe, mußte ein junges Geschlecht das alte ablösen, -mußte Erziehung zur deutschen Gesinnung die Abrichtung brauchbarer -Untertanen ersetzen. - -Er wurde nicht müde, der mutige Mann in Berlin, die neue Gesinnung zu -fordern; wie die drei Könige mit ihrem Stern nach Bethlehem kamen, so -pries er den Mann, Pestalozzi geheißen, der für die neue Gesinnung das -neue Erziehungswerk brachte. - -Die Bataillone des Korsen marschierten, und ihre Hörner klangen hinein, -als der Leineweberssohn aus der Lausitz die Deutschen aufrief, wieder -Deutsche im Schicksal der Herkunft und Sendung zu sein. - -Die Stimme des mutigen Mannes verhallte, aber das Wort, einmal -gesprochen, fiel als die Saat in furchtsame Herzen und ging als die -Ernte der deutschen Gläubigkeit auf. - - -Pestalozzi - -Es war ein Schweizer, Sohn einer Witwe in Zürich, der früher als einer -das Elend des Landvolkes sah, wie es in Armut und mühsamer Arbeit sein -Leben hinbrachte, wie es unwissend und blöd, abergläubisch, furchtsam -und faul in der Fron reicher Stadtleute war. - -Er wollte ihm helfen, doch nicht wie ein Reicher an der Kirchentür -Almosen gibt: Gerechtigkeit sollte dem Armen das Herz in die Sonne -heben, darin er den Reichen mit Groll lustwandeln sah. - -Aber Gerechtigkeit kam, das mußte der Sohn einer Witwe in Zürich -frühzeitig erfahren, nicht aus den Herzen der Edlen allein in die Welt: -sie brauchte das Schwert und die Waage, Macht und Gewicht, und daß sie -den Armen mitwog, mußte er selber gewichtig sein. - -Bildung allein könnte den Armen erheben, daß er das seine zu fordern -verstünde, Bildung allein machte ihn frei zu den Gütern des Lebens, -Bildung allein konnte dem Haus des Unrechts die Treppe einbauen, daß -die Stockwerke der Stände und Klassen einander in Menschlichkeit fänden. - -Pestalozzi, der Menschenfreund, mußte mit eisgrauem Haar ein -Schulmeister werden; im Neuhof und danach in Stans war er ein liebender -Vater der Armen und Waisen, in Burgdorf und Ifferten wurde sein -zorniger Eifer der Lehrer der Menschheit. - -Denn als er den Kindern der Armen die Bildung zu bringen ausging, -suchte sein liebender Eifer vergebens die Lehrer; der Gang der Natur, -der das Kind aus dem Schoß der Mutter fröhlich ins Leben brachte, -fehlte den Schulen der Armen und Reichen. - -Schulmeister trieben ihr hartes Gewerbe mit Schelten und Strafen; -trockenes Klapperwerk war, wo Liebe und Einsicht, Frohsinn und -Freisinn, Vernunft und Methode sein sollten. - -So kam es, daß er die Schule der Armen zu suchen ausging, und Armen wie -Reichen den Weg der Erziehung fand: das Kind aus den Gärten der Jugend -fröhlich ins Leben der Pflicht und Arbeit zu leiten, aus Spiel und -Kindersinn das Bild einer neuen Menschheit zu bauen. - -Er war ein ärmlicher Greis, dem solches gelang, und seine Werke -zerrannen in Streit und Enttäuschung; Sorge, Entbehrung und bitterer -Zorn über die Härte, Bosheit und Dummheit der Menschen liefen den -langen Lebensweg mit. - -Aber die Liebe hielt seinem Alter den Quell des Lebens lebendig, und -als er versiegte, strömte sie noch, die Herzen zu rühren: daß dem -Geringsten unsterbliche Seele einwohne, und daß es Menschenpflicht wäre -und höchstes Ziel der Gemeinschaft, jegliche Seele ins Dasein zu wecken. - - -Der Freiherr vom Stein - -Als die Preußen bei Jena den Krieg und den Kopf verloren, als das Heer -in schimpflicher Flucht die Ängstlichen mitriß, als der Hof aus Berlin -in Eilwagen floh, tat ein Mann kaltblütig das seine. - -Es war ein Freiherr vom Stein bei Nassau und früh in preußischen -Diensten; ihm waren die Kassen des Staates anvertraut, und er wußte sie -klug und besonnen zu retten. - -Der König von Preußen, einfältig und karg, mochte den eisernen Mann -nicht; aber die Königin hörte ihm zu, und die Not zeigte mit allen -Fingern auf ihn: so wurde der Reichsfreiherr vom Stein in Preußen -Minister. - -Seit dem Spötter von Sanssouci kam zum erstenmal wieder ein Kopf und -ein Herz in die Leitung des preußischen Landes, und ein Wille, anders -als jener der oberste Diener des Staates zu sein. - -Denn der Reichsfreiherr haßte den dumpfen Betrieb peinlich bezopfter -Beamten; ihm war der Staat ein lebendiges Wesen, bestimmt von -sittlichen Kräften, und er kannte den Untertan nicht. - -Alle Stände und Klassen, Junker, Bürger und Bauern waren als -Staatsbürger gleich in Rechten und Pflichten; sie dienten dem Staat als -der Rechtsgewalt ihres Volkes. - -Weil der Staat die Rechtsgewalt war, durfte er nicht über Knechte -regieren; die freie Gemeinde der Bürger mußte sich selber verwalten, -wie es in Urväterzeiten das Mannesrecht war. - -Und keine Willkür der Junkergewalt durfte den Bauern in Leibeigenschaft -halten; auf eigener Scholle, frei von Fron und Gedinge, sollte er -wieder der fröhlichen Arbeit gehören. - -So kam die Freiheit in Preußen an den Tag, und der sie brachte, scheute -kein Dohlengeschrei; über Beamten- und Junkertum kam sein Gesetz, wie -der Tag über den Kreuzen und Steinen der Kirchhöfe steht. - - -Kleist - -Ein Stern ging auf über dem preußischen Land, als es noch Nacht war, -und schien in den Morgen, und niemand sah seinen Glanz, bis er blutrot -verzuckte. - -Heinrich von Kleist hieß der Jüngling, der höher als einer in Preußen -sein Angesicht hob, und tiefer als einer mit seinen Füßen im Schicksal -verstrickt ging. - -Er war ein Junker aus altem Preußengeschlecht und diente dem König, bis -er im siebenten Jahr den Soldatenrock auszog, bis er die Zucht und die -Ehren des Standes verließ, anderer Zucht und anderer Ehren sehnsüchtig. - -So hatte Ulrich von Hutten den Stern seines unsteten Lebens durch -Länder und Leiden getragen wie Heinrich von Kleist, da er fünf Jahre -lang irrte und ruhelos war auf der Erde, die Bahn seines Himmels zu -finden. - -Den göttlichen Weg der Großen in Weimar und Jena wollte er schreiten, -aber sein flackernder Gang wurde kein Schritt; der glühende Geist -konnte die Flamme nicht zünden und schwelte in funkelnden Dünsten. - -Als er wieder daheim war im preußischen Land, kein Jüngling mehr und -doch kein Mann, wie ihn der Tag brauchte, wollte er seinen unsteten -Geist in die Täglichkeit zwingen: zwei Jahre lang blieb er im -Staatsdienst, schlafwandelnd und stumm, bis ihn der Donner von Jena und -Auerstädt weckte. - -Flüchtig in Königsberg, gefangen in Frankreich, landfremd in -Dresden, schrie er die eigene Wirklichkeit wach, als er sein kühnes -Amazonenspiel schrieb, von der Königin Penthesilea, die den Achill -liebte im Haß und seinen sterbenden Leib den Hunden preisgab. - -Der Alte in Weimar wollte den Dichter der Penthesilea nicht kennen, -wie er den Dichter der Räuber nicht kannte: doch wie ein gotischer -Turm über ein griechisches Tempeldach wächst, so wuchs dem preußischen -Jüngling sein grausames Griechengedicht über das edle Gebälk des -Meisters trotzig hinauf in den nordischen Himmel. - -Das aber war zu der Zeit, da durch die Herzen der Deutschen der erste -Feuerschein ging, dem Korsen das Haus zu verbrennen; Heinrich von -Kleist, der Preuße in Dresden, half hitzig den Brand schüren. - -Der preußische Junker haßte den fremden Tyrannen; der deutsche Mensch -träumte den Traum einer neuen Reichsherrlichkeit: aber der Tag von -Wagram zertrat ihm den Haß und den Traum. - -Zum andernmal kam er nach Preußen zurück, der Hoffnungen ledig, der -Täglichkeit taub, der eigenen Dinge trächtig, wie eine Wolke geschwellt -im Abendrot steht. - -Ein Genius kam nach Berlin, aber die klugen Bürger der Stadt an der -Spree sahen nur einen geschäftigen Mann, der ihnen zum Sonntag das -Abendblatt füllte mit Anekdoten und anderer Unterhaltung. - -Zwei Jahre lang ließen die kargen Berliner Heinrich von Kleist sein -Krümperwerk tun, zwei Jahre noch blieb sein einsamer Geist auf der -Erde; er hatte schreiten gelernt wie die Großen in Weimar und Jena, -aber sein war der Sturmschritt. - -Nur raffen konnte er noch, was ihm die letzte Fülle zuströmte, raffen -und aus der Schmiede mühsamer Jahre das köstliche Gut bergen. - -Erzählungen hieß er die Schicksalsberichte, darin ein starkes Stück -Leben in einer Kette von schmucklosen Worten eng aufgeschnürt war: als -ob ein Wanderer, kurz nur zur Rast, von einem Erlebnis mit fliegendem -Atem berichte. - -Kohlhaas, der Roßhändler von Jüterbog, hatte dem Unrecht der Zeit samt -ihren Junkern und Fürsten getrotzt, weil ihm sein Recht das höchste -Mannesgut in der Welt war; er hatte den Trotz mit dem Schwert des -Henkers bezahlt, und war noch dem Henker zum Trotz Sieger geblieben -über Junker und Fürsten. - -So waren die Dinge noch nie einem Dichter über die Klinge gesprungen, -als da der Junker Heinrich von Kleist den Roßhändler Michael Kohlhaas -beschwor, als da er das Schattenbild einer Chronik in ewige Gegenwart -stellte. - -Aber die seinen Schicksalsbericht lasen, waren der ewigen Gegenwart -fern; sie hörten von einem Roßhändler und sahen den Dichter nicht, wie -er die hämmernden Worte in einen Marmorstein grub, Urtümliches sichtbar -zu machen. - -Sie hörten danach sein Spiel vom Zerbrochenen Krug und konnten -nicht lachen, weil sie die Seufzer und Sittensentenzen schlechter -Schauspieler vermißten, weil der blühende Scherz und derbe Spaß vom -bocksfüßigen Richter in Husum ihnen zu handgreifliche Wirklichkeit war. - -Sie sahen das Kätchen von Heilbronn um seinen Ritter Ungemach leiden -und fanden es dumm von dem Dichter, daß er das rührende Spiel ihrer -Liebe in soviel Unheil vertiefte. - -Der aber dies alles den Ohren und Augen der Bürger noch hinwarf, ging -längst auf dem Messergrat seiner letzten Entscheidung; als er ein armes -Menschenkind fand, entschlossen hinunter zu springen, sprang Heinrich -von Kleist mit in den Tod, der ihn von der Zeitung, von den Berlinern, -von seiner schmählichen Zeit und seiner Enttäuschung in Einem erlöste. - -Es war im fünfunddreißigsten Jahr seines Lebens, als Heinrich von -Kleist sich mit der Schicksalsgenossin am Wannsee erschoß; die -gute Gesellschaft schwieg peinlich betreten, daß es die Frau eines -Kleinbürgers war, der sich der Junker im Tode verband. - -Zehn Jahre lang blieb sein Gedächtnis vergessen, dann hoben Freunde den -Nachlaß und fanden den Schatz, den ein Dichter dem Preußentum schenkte, -als ihm sein eigenes Leben in Preußen vergällt war. - -Den Prinzen von Homburg hieß er sein Testament, und ob sie es lange mit -blödem Gesicht lasen, einmal mußte sein Geist auferstehn, und einmal -mußten die kargen Berliner und Preußen erkennen, daß nichts in der Welt -diesem Bühnenspiel gleich war. - -Klopstock und Herder, Lessing und Schiller hatten um eine Dichtung -gerungen, die jenseits des Tages doch seines Wesens innerstes Angebind -war, Novalis sank in den Tod, Hölderlin floh zu den Griechen, indessen -Goethe, der Leuchtturm in nächtlicher Brandung, über den Zeiten dastand: - -Alle sahen den Stern auf ihren mühsamen Wegen; dem er am fernsten -stand, und der sich selber als Pfand dem Schicksal einsetzte, ihm wurde -sein Glanz erfüllt, als er verzuckte. - -Wo der Prinz von Homburg den Tag des Kurfürsten von Brandenburg zur -Ewigkeit machte, da wurde im deutschen Geist Preußen, da wurde im -Preußengeist Deutschland wiedergeboren. - - -1812 - -Den Herrscher des Abendlandes priesen die Zungen; aber vor seiner Tür -lag die englische Flotte, auch hielt die russische Mauer den Osten -verriegelt: noch waren Napoleon Grenzen gesteckt. - -Er aber hieß seinen Sohn in der Wiege den König von Rom und ließ ihm -das Zepter darbringen; er wollte die russische Mauer durchbrechen und -wollte dem englischen Stolz die Segel absetzen. - -Mit einem gewaltigen Heer zog er aus gegen den Osten; die Völker -Europas mußten ihm Heerfolge leisten, und als er in Dresden sein -letztes Maifeld abhielt, kam der Habsburger Kaiser, kamen die Könige -von Preußen, Sachsen und Bayern im Troß der Rheinbundfürsten herbei, -ihm zu dienen. - -Sie saßen in prahlenden Festen zusammen, sie tanzten und hörten den -schmachtenden Versen französischer Schauspieler zu, indessen die Söhne -aus allen Gauen der deutschen Landschaft nach Rußland marschierten. - -Der Frühling blühte in Polen, und die Fahnen flogen im Sommerwind, als -sie das Herzogtum Warschau verließen; aber dann fing die starrende -Weite der russischen Unendlichkeit an. - -Regen ersäufte die Felder, und eine glühende Hitze kam, den Schlamm -auszudörren; Menschen und Pferde erschraken, daß nur noch die Weiten -des Himmels über der Öde, daß nicht mehr Wiesen und grüne Alleen, daß -nicht mehr Dörfer und Städte fröhliche Zeugen der Menschenwelt waren. - -Als sie das Tal von Wilna erreichten, als in der Weite die erste Stadt, -als wieder Straßen und Schatten, Stuben und Ställe da waren, hatte die -große Armee den russischen Sommer erfahren, und eine lange Rast mußte -den Troß der Mutlosen stärken. - -Noch aber hatte die Schlacht nicht begonnen, kein russisches Heer -schien den Sieger zu hemmen, bis bei Smolensk die Kanonen zu donnern -anfingen; tief in die Nacht ging der grausame Kampf, und schon stand -das Glück auf der Scheide: als die Franzosen endlich die Brücke -genommen, brannte die Stadt und ein Schutthaufen war ihre Rast. - -Der Weg nach Moskau stand offen, aber es war nur das Tor ins Verderben: -als sie nach täglichen Kämpfen und stündlichen Leiden endlich im Herbst -das bunte Getürm über dem unermeßlichen Meer der Dächer erblickten, -stand keine Bürgerschaft an den Toren, dem Sieger die Schlüssel zu -bringen. - -Und als die flinken Husaren zögernd einritten, war die Riesenstadt -leer, der Hörnerschall starb an verschlossenen Fenstern und Türen. - -Es war schon tief im September, und der weiße Winter lauerte vor -den Toren, das rote Blut zu vergelten: in Moskau sollte der Frieden -mit Ölzweigen kommen, in Moskau sollte nach böser Entbehrung reiche -Winterrast sein, aber da fing die leere Stadt an zu brennen. - -In einem Flammenmeer schwamm schon am dritten Tag der düstere Kreml; -dem Korsen wurde es heiß auf der Zarenburg, er suchte sich vor den -Toren ein kühles Quartier, aber sein Heer konnte die Stadt nicht -verlassen. - -Denn draußen stand lauernd die Weite, der sie erst gestern entrannen, -und aus der Weite hob der russische Winter drohend die Fäuste: sie -waren als Sieger mit Hörnerschall eingezogen und saßen schaurig -gefangen in der leeren brennenden Stadt. - -Ihr Meister und Herr wollte das Unglück noch zwingen, Boten und Briefe -heuchelten dem Zaren Friedensbereitschaft; aber der Zar war in der -russischen Weite verschwunden, nur seine Heere spannten von Osten den -Ring um die Stadt. - -Die Sieger von gestern konnten nicht bleiben und mußten zurück, mehr -als die hundert Meilen durch das verwüstete Land; schon aber gab der -Oktober dem kommenden Winter die eisigen Hände. - -Kutusow hieß der seltsame Greis, der dem Rückzug aus Moskau das böse -Geleit gab: da war die Weite lebendig geworden, zur Rechten und Linken -hielten die russischen Klammern die Flanken gefaßt, von hinten drängten -die Lanzen der wilden Kosaken. - -Eine geängstigte Herde, von Wölfen gestellt, so wollte die große Armee -die Rettung gewinnen, aber der Winter kam früh mit grausamer Kälte: die -am Weg blieben, lagen erfroren, und die den Weg fanden durch Hunger und -weißen Schnee, tappten täglich tiefer ins Elend hinein. - -Noch immer war es ein Heer, das Napoleon führte; an der Beresina verlor -er die Zügel: schwarz kam der Fluß durch die gefrorene Weite, und die -Brücke war fort; zwei neue wurden gebaut im Feuer der Russenkanonen. - -Tausende fanden den Tod in dem trägen Gewässer, tausende fielen unter -den Lanzen der wilden Kosaken, tausende wurden gefangen: was im -Dezember endlich in Wilna ankam, konnte nicht mehr ein Heer heißen. - -Auf einem Schlitten, heimlich und schnell fuhr der Korse nach -Frankreich; mancher in Deutschland sah eine vermummte Gestalt, darin er -den Kaiser nicht wieder erkannte; und die ihn erkannten, glaubten eher -an ein Gespenst, als daß es der Herrscher des Abendlandes wäre. - -Denn nur langsam kam das Gerücht von der großen Armee aus -dem russischen Winter, und wenige wagten zu glauben, daß die -Lumpengestalten wirklich der klägliche Rest und nicht nur versprengte -Flüchtlinge waren. - -An vielen Häusern klopften sie an, und selten geschah es, daß einer -heimkam in Sachsen, Bayern und Schwaben; wo einer heimkam, blieben -hundert verschollen. - -Die Klage um die verlorenen Söhne fing an zu weinen in Deutschland; -aber ein Brunnen brach aus der Tiefe, der alle Klage ersäufte, daß nun -der Tag der Vergeltung und das Ende der frechen Fremdherrschaft käme. - - -Tauroggen - -Eine Mühle liegt bei Tauroggen im litauischen Land; da wurde der -Treubruch vollzogen, der die Erhebung des Deutschen gegen die -fränkische Fremdherrschaft ansagte. - -York, der stählerne Mann, hatte das preußische Korps von Riga zurück an -den Niemen gebracht; Klinge an Klinge dem russischen Freund, Schulter -an Schulter dem fränkischen Feind, blieb er zweideutig zögernd zurück, -bis ihn die Russen bei Tauroggen stellten, dann tauschte er die Parole. - -Er war Soldat und wußte, er brach seinem König den Eid, sein Kopf war -verwirkt in Berlin; aber die preußische Sache wurde in Rußland geführt, -und der Reichsfreiherr vom Stein, der Freund und Berater des Zaren, war -ihr starker Verwalter. - -Ein Jahr lang war der mächtige Mann in Preußen Minister gewesen, dann -hatte der Korse den Todfeind erkannt und geächtet: aber sein Testament -war die Saat in der preußischen Scholle geblieben. - -Jetzt oder nie! so brach der Schrei aus den zornigen Herzen, jetzt -oder nie mußte die Zwingherrschaft fallen, jetzt oder nie konnten die -deutschen Völker die Freiheit erringen, gegen den fremden Tyrannen und -gegen die Feigheit der eigenen Fürsten. - -Die in Tauroggen den Treubruch vollzogen, waren Soldaten; sie dienten -dem Zaren und dienten dem König von Preußen nach ihrem Eid, und einer -war mutig genug, ihn zu brechen: aber sie standen im Schachbrett der -Zeit nur als Figuren, geschoben nach einem größeren Plan und einem -mächtigen Willen. - - -Die Landwehr - -Der König hielt Soldaten in Sold, und der Untertan diente im Heer, wie -ein Knecht sich verdingte; so holte der Spötter von Sanssouci sich -seine Soldaten aus allen Winden zusammen, so lagen die preußischen -Werber auf der Lauer mit ihrem Handgeld. - -Es war aber ein Mann namens Scharnhorst, ein Bürgerssohn aus Hannover, -im preußischen Heer durch tapfere Taten und kluge Lehren zu Rang und -Geltung gekommen: der trug ein anderes Bild des Soldaten im Sinn, als -daß er ein Söldner im Dienst einer Fürstlichkeit wäre. - -Soldat sein hieß ihm, die Waffen des eigenen Volkes in Ehrenpflicht -tragen, wie es in Urväterzeiten war, da die freie Gemeinde den Jüngling -für wehrhaft erklärte, wenn er gesund, unbescholten und mit den Waffen -geübt war. - -Wie die Schule die Knaben, so rief das Heer die Söhne des Volkes auf -in den Krieg -- nur die Krüppel und Kranken blieben zu Haus -- und wie -die Schüler kamen und gingen nach ihrem Alter, so kamen und gingen die -Söhne des Volkes, das Handwerk der Waffen zu üben. - -Denn nicht mehr um Höfe und Fürsten zog der Soldat hinaus in den Kampf, -nur für das Vaterland durfte sein Blut fließen. - -So plante Scharnhorst, der Bürgerssohn aus Hannover, das Volksheer; und -als der Reichsfreiherr vom Stein den Volksstaat zu bauen gedachte, als -er den Untertan aufrief, Staatsbürger zu werden, war Scharnhorst sein -Mann, dem Volksstaat das Volksheer zu schaffen. - -Auch Scharnhorst waren Spione gesetzt, aber er wußte das Ziel seiner -Pläne klug zu verhüllen; sie sahen die Krümper kommen und gehen und -merkten nicht, wie er aus Krümpern die Landwehr und aus der Landwehr -das preußische Volksheer machte. - -Als aber York von Tauroggen kam und mit ihm Stein, der mächtige Mann, -als sie zusammen in Königsberg saßen, war Scharnhorst der Dritte im -Bund, der Erhebung die Waffenschmiede zu bauen. - -Da wurden die Krümper zur Landwehr gerufen; und wie sie kamen mit -Bärten und breiten Fäusten, wurde ein anderes Heer als vormals die -Söldner: sie standen nicht gut zur Parade mit ihren Schirmmützen und -konnten nicht nach dem Dessauermarsch den Stelzenschritt machen, aber -sie wollten ihr Vaterland retten und freuten sich auf den Tag, da sie -dem Übermut der Franzosen mit deutscher Münze heimzahlten. - - -Die Erhebung - -Indessen die Männer der neuen Zeit Preußen erhoben, saß der König stumm -und bedrängt in Berlin; er konnte den Geist der Zeit nicht erfassen und -fürchtete eher, daß ihn der Aufruhr verschlänge, als daß er ans Volk -glaubte. - -Denn immer noch war die französische Hand stark in Berlin; weil -Hardenberg aber, sein Staatsminister, die List und die Lüge verstand, -ließ er den König vor den Franzosen sein Puppenspiel machen, er aber -wußte die Fäden mit Königsberg heimlich zu halten. - -Als die Franzosen den preußischen Bundesgenossen noch fest in der Hand -zu haben gedachten, war der König, durch Hardenberg listig gewarnt und -geschreckt, nach Breslau geflohen. - -Da waren die Russen schon nahe, und der Reichsfreiherr vom Stein flog -wie ein Geier herzu, den Zagenden zu packen; dem Freund und Berater -des siegreichen Zaren konnte der König von Preußen nicht widerstehen: -was York zu Tauroggen tat, wagte er selber, er gab dem Gesandten von -Frankreich die Pässe und trat in das russische Bündnis. - -So war es endlich geschehen, was hitzige Herzen lange ersehnten: der -Tag der Erhebung war da und schwoll mit Sturmgewalt an; als der Zar -selber in Breslau anlangte, als sich die Fürstengestalten dem wartenden -Volk zeigten, dankte der Jubel der Menge den beiden. - -Zwar hatte der Herr aller Reußen kürzlich erst so mit dem Korsen -gestanden; aber die hinter dem höfischen Hergang den Willen des -Reichsfreiherrn vom Stein erkannten, wußten genau: nun hatte der -mächtige Mann über bänglichen Widerstand, über Kabalen und Interessen -und über die Eitelkeit fürstlicher Schauspieler gesiegt. - -Indessen die Fürsten mit ihren goldenen Litzen zur Schau standen, lag -er in seiner Kammer, vom Fieber geschüttelt; aber die fiebernde Stirn -des Reichsfreiherrn vom Stein behielt den eisernen Willen, und sein -jagendes Herz blieb, was es war: das deutsche Gewissen. - -Nie sollte wieder, so brannte sein Feuer, Deutschland der fürstlichen -Willkür verfallen, nie sollte der Staatsbürger wieder ein Untertan -werden; in freier Gemeinschaft sollten die Männer wieder ein Volk sein. - -Das war die Flamme, die auf den Bergen rundum als Wachtfeuer brannte, -das war der Wind, der aus den Herzen der Jugend die Flammen lohend -anblies, das war der Blick, der aus den Augen der Männer in all die -wehende Glut schaute. - -So war es in Wahrheit ein Tag der Erhebung: das Vaterland hatte den -Opferaltar vor seine neue Zukunft gestellt, und wer kein Hundsfott war, -eilte herzu, Leben und Gut dem Altar zu bringen. - -Die mit goldenen Litzen dastanden, wurden ängstlich darüber, daß die -Befreiung zur Freiheit anschwellen möchte; aber der fiebernde Wille in -seiner Kammer hatte sie kühn als Figuren in seine Rechnung gestellt, -er hatte das Schicksal entfesselt, und Schicksal hieß seinem gläubigen -Geist, im Schutz des Ewigen sein. - - -Leyer und Schwert - -Es war ein junger Dichter in Wien, Karl Theodor Körner geheißen, fast -noch ein Fant, aber in seiner Kindheit hatte Schiller, der Freund -seines Vaters in Dresden, dem Knaben die Locken gestreichelt. - -Wie nun die Wolken in Deutschland zu wehen begannen, daraus sich das -Ungewitter über Napoleon ballte, ließ Theodor Körner die schöne Braut -und den jungen Ruhm in Wien hinter sich, zu den preußischen Waffen zu -eilen, obwohl er ein sächsischer Untertan war. - -Die schwarze Freischar der Lützower Jäger und Reiter nahm ihn mit den -andern Jünglingen auf, die nicht zur Armee konnten, und ihre Eigenlust -suchten, das Vaterland zu befreien. - -Sie führten den kleinen Krieg zwischen den Kanonen der Großen und -hätten mit ihren Waffen allein dem Korsen kaum Schaden getan; aber der -Ruhm der schwarzen Freischar umflatterte den Mächtigen, wie die Raben -den Bussard. - -Und der fast noch ein Fant war und ein Füllhorn leichter Gedichte, sang -der Schar seine Lieder, darin die Jünglingslust am reiten, klirren und -siegen brauste; darin sich der Frieden wegwarf in den Krieg und der -Tand in den Tod; darin das Schwert der Zweck der Hand wurde und die -Kugel ihre Tücke verlor. - -Bei Kitzen verwundet und, kaum gesund, schon wieder im Feld, sank -Theodor Körner bei Gadebusch zu früh in den Tod, mehr als die herrliche -Hoffnung des Sieges zu erleben; und die Freunde begruben ihn da unter -der Eiche. - -Aber die Lieder blieben und wurden nach Frankreich hinein gesungen: -Leyer und Schwert hieß das kleine Buch, darin sie gesammelt standen, -den Namen des Dichters in alle deutschen Herzen zu tragen. - -Denn nun war die Wendung geschehen: nicht mehr geworbene Söldner hatten -den Krieg geführt; das Volk war aufgestanden, die Landwehr hatte den -Sieg über die fremden Bedrücker errungen. - -Nach einem Jahrtausend war das Schwertrecht des freien Mannes wieder -zur Geltung gekommen, und Theodor Körner hatte dem alten Schwertrecht -die neuen Lieder gesungen. - - -Blücher - -Als die Erhebung des preußischen Volkes Blücher ins Feld rief, war der -Feldmarschall schon ein Greis, aber sein Name warf Mut in die Menge. - -Blücher allein hatte nach Jena und Auerstädt den Säbel in der Faust -behalten; aus flüchtigem Volk raffte er noch ein Heer mit dem Rest -seiner Reiter, sich über See mit englischen Schiffen nach Danzig zu -schlagen. - -Er kämpfte sich durch bis nach Lübeck, er brachte die Wut der Franzosen -und unermeßliches Leid über die Reichsstadt und wurde trotzdem -gefangen; aber der tollkühne Ritt hob seinen Ruhm aus der Schande. - -Wo eine Hoffnung war, je aus der Knechtschaft zu kommen, wurde sein -Name genannt; als sein weißer Schnauzbart in Breslau erkannt war, hatte -der kommende Krieg seinen Meister gefunden. - -Den Marschall Vorwärts hießen die Russen zuerst den fröhlichen -Alten, der nie ein bänglicher Zauderer war, der jeglichen Stier bei -den Hörnern packte und für den schwankenden Mut der Verbündeten den -zornigen Treiber vorstellte. - -Denn es ging nicht so rasch in dem Feldzug, wie die preußischen Herzen -erhofften; immer noch war der Korse Meister im Feld, immer noch wußte -der Kaiser neue Heere zu raffen. - -Bei Lützen und Bautzen wurde die preußische Landwehr zweimal -geschlagen, und Scharnhorst, ihr Schöpfer, sank in die blutige Mahd; -schon fingen die Federn ihr Kritzelwerk an, schon schien den Schwachen -der Feldzug verloren. - -Aber der Waffenstillstand wurde kein Friede, und als der Kampf im -Sommer neu brannte, war die Habsburger Hofburg, zögernd und zweideutig -zwar, dem Bund beigetreten. - -Da endlich gelang es dem zornigen Marschall, das Wasser auf seine -Mühlen zu bringen; an der Katzbach schlug er die erste siegreiche -Schlacht über die stolzen Franzosen, und nun blieb das Glück seiner -Landwehr günstig, bis sie bei Möckern Sieger der großen Völkerschlacht -wurde. - -Der Marschall Blücher blieb der zornige Treiber, und eher ruhte sein -Ungestüm nicht, bis die Fürsten und Federn seinem Säbel den Weg nach -Frankreich freigaben. - -Er war kein Meister der langen Berechnung, und er liebte die hohe -Strategie nicht; ein Haudegen nur -- von Gneisenau, seinem Feldherrn, -mit Umsicht geleitet -- ritt tollkühn ins Feld: aber den fröhlichen -Schnauzbart liebten die Jungen und Alten, weil er aus uraltem Holz -germanischer Reiter- und Kriegslust geschnitzt war. - - -Die Völkerschlacht - -Schlimmes hatten die Völker ertragen, und Krieg war gewesen seit -Menschengedenken, auf allen Straßen Europas waren die Heere des Korsen -marschiert, in vielen Hauptstädten hatten die Hörner den siegreichen -Einzug geblasen: nun ballte der Krieg sich zusammen, einmal ein Ende zu -haben. - -In Sachsen hatte die Meute das korsische Raubwild gestellt, noch -schlugen die Tatzen gewaltig, aber schon schweißte die Spur, als es bei -Leipzig sein letztes Versteck nahm. - -Von Norden, Süden und Osten bedrängten die Heere das Lager, darin der -Meister des Schlachtfeldes stand, bereit, seine Gegner zu packen. - -Solange die neue Welt war, hatte die Menschheit solche Schlacht nicht -gesehen, fünfhunderttausend Soldaten brachten ihr Leben, zweitausend -Kanonen brüllten hinein, meilenweit brannten die Dörfer, meilenweit -wurden die Felder zerstampft, bis in die brütende Ferne brauste die -Erde. - -Macht wollte der Macht die Wurzeln ausreißen, aber die Wurzeln hingen -im Blut lebendigen Daseins: mehr Leichen lagen um Leipzig, als in der -erschrockenen Stadt Einwohner waren, und das Blut der Erschlagenen -färbte die sumpfige Pleiße. - -Drei Tage lang liefen die Heere an, drei Tage lang spannte der -Ring seine gewaltigen Kräfte, bis es am dritten Abend gelang, den -Höllenschlund zu umfassen. - -Eine Mühle stand auf dem Hügel hinter Probstheida: da saß zur Nacht -bei dem flackernden Feuer ein Mann auf dem Feldstuhl, der einmal der -Herrscher des Abendlandes war. - -Er hatte die Fürsten Europas bezwungen und ihre Throne verschenkt -und hatte die Völker mißachtet; er war aus dem Aufruhr der Freiheit -gestiegen und hatte die Macht aufgerichtet, nun kam die Freiheit zurück -und stürzte ihn selbst als Tyrannen. - -Denn die auf dem anderen Hügel jenseits Probstheida am Nachmittag -standen, hoch zu Roß und im blinkenden Kreis ihrer Gefolge, die Fürsten -von Rußland, Österreich und Preußen, waren nicht seine Besieger. - -Sieger war der mächtige Mann, der den Willen des deutschen -Volkes entflammte zu einer neuen Reichsherrlichkeit, auf den -Staatsbürgerwillen des freien Mannes, nicht auf die Willkür der Fürsten -gebaut. - -Nicht darum war es die Völkerschlacht, weil vielerlei Völker dem -Fürstengebot folgten: die Völker selber rangen darin um Befreiung von -einem und vielen Tyrannen. - -Als der vierte Morgen aufging über dem brennenden Schlachtfeld -von Leipzig, war das Große getan: die Völker hatten die korsische -Schwertmacht zerschlagen, der Zwingherr der Macht mußte fliehen, und -brausend scholl hinter ihm her der Sturmschritt kommender Freiheit. - - -Caub - -Eine Winternacht hing über dem Rhein, und das alte Gemäuer der Pfalz -stand bei Caub in den schwarzen Gewässern; da wurde es seltsam -lebendig, viel hundert Kähne lagen bereit, und es klirrte von Waffen. - -Blücher, der Feldmarschall, wollte zu Neujahr nach Frankreich hinein, -und noch war der Rhein die Grenze. - -Schlesier, Pommern und Preußen füllten die Kähne, und als die ersten -Schüsse den Neujahrstag weckten, sprangen die bärtigen Männer der -Landwehr ans Ufer und riefen Hurra, als ob zum andernmal Völkerschlacht -wäre. - -Aber nur Grenzwachen und Zollwächter liefen davon vor den Schüssen; -denn meilenfern standen die Heere des Korsen im Herzen von Frankreich -bereit, die Sieger hart zu empfangen. - -So war es nur ein fröhliches Fest, das die preußische Landwehr beging; -Neujahr zwischen den Schlachten; aber im neblichten Morgen wurden die -Kähne zur Brücke gefügt, und am Mittag begannen die Räder zu rollen. - -Ein deutsches Heer ging über den Strom, der einmal die goldene Ader der -Reichsherrlichkeit war. - -Herrschsucht der Fürsten hatte das Reich der Kaiser verzettelt; der -Rhein der alten Kurfürstenmacht mit seinen Domen, Pfalzen und mächtigen -Städten war Grenzland geworden, bis ihn die Fürsten des Rheinbunds, -Vasallen des Korsen, völlig an Frankreich verrieten. - -Nun war mit der korsischen Macht auch das Lumpenglück der -Rheinbundfürsten zerschlagen: Deutschland trat wieder seinen -Stammbesitz an, über den rheinischen Domen von Köln, Mainz und -Straßburg sollte von neuem der Reichsadler wehen. - -So riefen die freudigen Herzen Hurra, als sie den Boden jenseits des -Rheins am Neujahrsmorgen betraten; das Elend der Fürsten war aus, die -Völker und Stämme der Deutschen kamen, die Reichsherrlichkeit neu -aufzubauen. - - - - -Das Buch der Minister - - -Das Reich - -Das Wunder der Völker gelang: die Heere marschierten nach Frankreich, -und deutsch war wieder der Rhein. - -Aber vom Rhein bis zur Elbe lagen die Länder von ihren Fürsten -verlassen, und das Bauernvolk sah die wilden Kosaken von heute nicht -freundlicher an als die flinken Husaren von gestern. - -Das eroberte Land zu verwalten, war der Reichsfreiherr vom Stein -eingesetzt von den Siegern; indessen die Bänglichen noch den Atem -anhielten vor dem kühnen Wagnis im Westen, war er geschäftig, das -kommende Reich zu gestalten. - -Er haßte die Rheinbundfürsten, die nun den Korsen verließen, um ihre -Throne und Thrönchen zu retten; er war der deutsche Gedanke und wollte -seine Gestalt, daß von Straßburg bis Memel, von der Etsch bis zum Belt -wieder ein deutsches Vaterland wäre. - -Wie seine starke Hand im Namen der Sieger die Länder aufraffte, so -sollte bald wieder über den Völkern die starke Reichs- und Kaisergewalt -sein. - -Aber nicht mehr ein Kaiser der Fürsten und die vergoldete Puppe nur -einer Scheingewalt: eine starke Verfassung sollte ihm zu der Krone das -Schwert in die Hand geben, und Träger solcher Verfassung sollte die -einige Volksgewalt sein. - -So baute der deutsche Gedanke das Reich, indessen die siegreichen Heere -in Frankreich das korsische Schreckbild der Fürsten zerschlugen; so -träumte die deutsche Erhebung noch ihren herrlichen Traum, indessen -die Höfe, des Schreckbildes ledig, das Ränkespiel ihrer dynastischen -Hoffart schon wieder begannen. - - -Der Wiener Kongreß - -Die Völker hatten das ihre getan, nun kamen die Fürsten, Ernte zu -halten; Napoleon wurde nach Elba verbannt, und die Bourbonen brachten -die Lilie nach Frankreich zurück; den Ländergewinn zu verteilen, -beriefen die Sieger den Wiener Kongreß. - -Da kamen sie alle wieder wie gestern, die gekrönten Häupter der Zeit -im Gefolge der Bänder und Litzen; Wien, die üppige Herrin des Ostens, -schaukelte endlich die goldene Wiege der Zeit. - -Versailles war leer, und Wien sah die Gäste; da strahlte der Kaiser -Franz als der bevorzugte Wirt mit den Sälen der Hofburg. - -Er war keine Sonne, wie einmal der König von Frankreich den Fürsten -Europas das Lebenslicht borgte: ein fleißiger Hausvater schrieb seinen -fürstlichen Gästen die Bälle und Tanzweisen vor, das Fest ihrer -Wiederkunft fröhlich zu feiern. - -Denn wie im Märchen der böse Wolf tot war, und wie die Geißlein -sprangen und sangen am Brunnen, darinnen das garstige Tier lag, so -wollten die wiedergekehrten Herren ihr Siegesfest halten. - -Nie hatte die Stadt an der Donau solchen Jahrmarkt gesehen, als da der -Wiener Kongreß im Triumph der wiedergekehrten Vergangenheit die Kränze -der adligen Herrlichkeit band. - -Zwar hatten die Kronen und Fürsten den Völkern vieles versprochen, aber -das war vergessen mit ihrer Not: Untertan hieß wieder der Bauer und -Bürger; das Schaubild der neuen Reichsherrlichkeit fraßen die Hunde. - -Indessen die Fürsten mit ihrem Gefolge die Freuden des Jahrmarktes -genossen, feilschten Minister und Räte in ihren Buden, den Herren mit -Ländergewinn die Taschen zu füllen. - -Sie waren die neuen Meister der Macht; sie führten den Krieg mit Listen -und Kniffen, und ihre beißende Eifersucht wachte, daß keinem die Beute -völlig gelang. - -Als über die Bälle des Winters die Märzwinde kamen, waren die Mächte -im Wiener Kongreß schon wieder feindlich geschieden: hie Rußland und -Preußen, hie Österreich, England und Frankreich! waren die Lager -geteilt, und schon fingen die Heere an zu marschieren. - -Da kam der Schrecken aus Elba über die tanzenden Fürsten und über die -Eifersucht ihrer Minister: der Korse hatte die Insel verlassen, und als -sie noch suchten nach seinen Schiffen und Plänen, war er in Frankreich -gelandet. - -Der Jahrmarkt in Wien mußte die Buden zumachen; der Hausherr konnte -nicht mehr den fröhlichen Ballvater spielen; über die Treppen der -Hofburg liefen verstaubte Kuriere. - - -Die hundert Tage - -Noch einmal mußten die Völker Europas marschieren, die Fürstenthrone zu -schützen; schlechten Schauspielern gleich waren die feigen Bourbonen -aus Frankreich hinaus gelacht worden: in seinen Tuilerien saß wieder -der Kaiser. - -Die Herren in Wien hatten ihm Elba gegeben, als ob der Weltbezwinger -ein Auszügler wäre; sie hatten um seine Kleider mit gierigen Händen -gewürfelt, nun schlug die gewaltige Faust in ihr klägliches Spiel. - -Der Wolf war zurückgekehrt, und das Geißengeschlecht schrie nach dem -Jäger; sie waren gekrönt an den Häuptern, aber keiner war Herrscher und -Fürst wie der gewaltige Mann, der das klagende Kind Europa noch einmal -auf seinen Stiernacken nahm. - -Die Herzen der Völker erbebten bis in den Grund, weil nun die Macht -wiederkam; sie hörten den eisernen Schritt gehen und sahen den Himmel -von neuem gerötet. - -Aber der eiserne Schritt und die Röte waren nur Untergang; die -gewaltige Bahn war vollendet, der korsische Tag im Abendland wollte -sein letztes Abendrot leuchten. - -Wohl lief die Garde des Kaisers noch einmal dem Ruhm zu, die Fahne -von Lodi wurde entrollt, und die Adler von Austerlitz stiegen: aber -die Adern, einmal von Glück und glorreichen Taten geschwellt, waren -entkräftet. - -Um das Genie der korsischen Macht war der Zauber der Freiheit gewesen: -der Zauber war fort und Frankreich war leer, wie das Abendland leer -war; so konnten die Mächte der Herkunft den Zaubermeister besiegen. - -Noch einmal gelang es dem Meister der Schlachten, die Preußen bei Ligny -zu schlagen, und Blücher der greise Feldmarschall mußte sein Ungestüm -büßen; aber die preußische Landwehr, durch Gneisenau trefflich geführt, -vollbrachte das Wunder, am dritten Tag wieder im Feld, auf schlechten, -verregneten Wegen bei Waterloo siegreich zu sein. - -Von seinen Ministern verraten, verlassen von seinem Volk mußte der -Kaiser zum andernmal in die Verbannung; aber nun sollte der Wolf nicht -wieder den Geißen das Siegerglück stören. - -Eine Insel im Weltmeer, tausend Meilen entfernt von seinen Taten, -bewacht von englischen Schiffen, wurde dem letzten Kaiser der -abendländischen Welt sein hartes Gefängnis, indessen die Fürsten zum -andernmal kamen, den Jahrmarkt der Kronen und Krönchen zu feiern. - - -Die heilige Allianz - -Das Blut der Völker hatte den Tag der Befreiung gebracht; aber die -Fürsten, von ihrer Bedrängnis befreit, wußten den Völkern das Morgen- -und Abendrot frech zu verstellen. - -Nie sollte Deutschland wieder der fürstlichen Willkür verfallen, in -freier Gemeinschaft sollten die Stämme ein Volk, die Länder ein Reich -sein: so hatte der Reichsfreiherr vom Stein die Erhebung gewollt, -so hatte sie Fichte mit glühenden Worten verkündigt, so hatten die -Wachtfeuer von den Bergen geflammt. - -Aber die Fürsten in Wien und ihre Minister brauchten das Feuer nicht -mehr, sie bliesen es aus und dämpften die glühenden Kohlen; sie -flickten das Bundesgebäude der Fürsten zusammen und stellten ihr -Kerzenlicht auf, es zu erhellen. - -Nur ein Staatenbund sollte das deutsche Vaterland werden; kein Reich, -kein Kaiser, kein Kurfürst sollte die Fürstenherrlichkeit stören, kein -Wappen und keine Fahne durften Sinnbilder der Einigkeit sein. - -Daß nicht noch einmal ein Aufruhr die Staaten in Unordnung brächte, -schlossen die Träger der Kronen den ewigen Bund, dazu der Zar aller -Reußen mit eigener Hand die Worte aufsetzte. - -Die heilige Allianz hießen sie selber das Bündnis, als ob die Gestirne -des Himmels, durch einen Ausbruch der Hölle gestört, nun wieder, durch -Gottes Gnaden mit fürstlicher Würde beschienen, die ewige Bahn fänden. - -Da war die Freiheit auch nur ein Übel aus Frankreich; Freiheit, -Verfassung und Vaterland, die Aufruhrgedanken der Zeit, hatten den -Kampf gegen die heilige Herkunft verloren; und Hüter der heiligen -Herkunft hießen die Fürsten. - -So waren die Völker um ihre Hoffnung zwiefach betrogen: -Staatsbürgerrecht und Verfassung, in fürstlicher Not mit fürstlichen -Worten verheißen, folgten dem Korsen in die Verbannung; über dem -Flickwerk des deutschen Bundes glänzten die Kronen und Krönchen der -Fürsten, von der Gnadensonne der heiligen Allianz eifrig beschienen. - - -Der Siebenschläfer - -Indessen Jerome, der Bruder des Korsen, als König Lustik in Kassel -regierte, hatte der Kurfürst von Hessen auf seinen Gütern in Böhmen -gewartet; als dann im siebenten Jahr seiner Verbannung das Blut der -Völker die Fürsten von ihrem Zwingherrn befreite, kam auch der Kurfürst -nach Kassel zurück. - -Er war schon ein Greis, als er wiederkam, und stellte die Uhren zurück -auf die Stunde, da ihn der Korse verjagte: über das Reich und über sein -Land war das Schicksal mit scharfen Besen gefahren, er hatte in Böhmen -nichts als den Ärger gespürt, daß ihm ein frecher Franzose, nicht -einmal fürstlich geboren, sein Eigentum nahm. - -Denn daß ihm das hessische Land mit allen Feldern und Häusern, -Pferden, Bauern und Bürgern als irdisches Erbgut gehörte, das war sein -fürstlicher Glaube. - -So sah er mit Zorn, daß seine Soldaten ihr Haar neumodisch schnitten -und kämmten, ihm aber war ein Soldat ohne Zopf ein Gaul ohne Geschirr: -sie mußten ihm wieder mit Zöpfen marschieren. - -Gleich dem Zopf der Soldaten gehörte der Frondienst der Bauern seiner -fürstlichen Weltordnung an: leibeigen zu sein, war ländliche Pflicht, -und Frondienst zu fordern, war göttliches Recht der adligen Herrschaft. - -Und wie den Zopf und den Fron sah der Kurfürst von Hessen jegliches -Ding; um ein Jahrhundert verirrt, ließ er sein Hessenvolk spüren, daß -nicht mehr der König Lustik auf Wilhelmshöhe regierte. - -Den Siebenschläfer hieß ihn das hessische Volk: als ob er der -Bannerherr der heiligen Allianz wäre, so wurde nach sieben -verschlafenen Jahren der Greisenspuk seines Daseins lebendig; der -Hochmut und Eigensinn fürstlicher Willkür zeigte noch einmal der Welt -seine Fratze. - - -Der Geheimrat - -Es war ein Bücherwurm in Berlin, zu alt für den Krieg, aber in seiner -Stube ein streitbarer Herr, seines Zeichens Jurist und Professor. - -Der sah mit hämischer Seele den Glanz der Erhebung, und wie das Feuer -die Jugend durchglühte; weil ihm das Feuer gut für die Öfen, sonst aber -ein höllisches Element war, geriet er in Zorn. - -Freiheit und Vaterland hieß er böse Gedanken, gefährlich dem Staat, -weil sie den Untertan störrisch, begehrlich und unfreudig machten, der -Obrigkeit Demut, Respekt und Gehorsam zu leisten. - -So schnitt der Geheimrat Schmaltz in Berlin seinen Gänsekiel scharf und -tauchte ihn tief in den Zorn seiner devoten Gesinnung; so schrieb er -die Schrift, die seinen Namen unlöschbar mit Schande beschmierte. - -Da waren die Männer, die Preußen erhoben und Deutschland befreiten, -Stein, Fichte und ihre Gesellen, Verführer des Volkes; da waren -Staatsbürgerschaft und Verfassung gefährliches Gift, in die Ohren und -Herzen der Jugend geträufelt. - -Indessen die Tapferen draußen im Feld standen, saß der Professor -daheim, sie zu schmähen; und als sie einrückten, Sträuße des Sieges an -ihren Gewehren, empfing sie die schändliche Schrift. - -Da schlug ihre Faust auf den Tisch, und ihre Flüche wünschten den -Schuft an den Galgen; aber der Schuft saß in der Gunst seiner Obrigkeit -vor ihren Flüchen und Fäusten gesichert, und wo sie das eiserne Kreuz -ihrer Tapferkeit trugen, hing ihm die goldene Fracht seiner Orden. - -Der Geheimrat trat in den preußischen Tag und wurde der Würger -deutscher Erhebung, fremd allen lebendigen Dingen der Welt, verachtet -von guten und tapferen Herzen, aber von oben mit Gnaden und Würden -gesegnet. - - -Die deutsche Burschenschaft - -Ein Junitag wars, da standen im Gasthof zur Tanne in Kamsdorf bei Jena -Studenten und hörten dem Sprecher zu; einhundertdreizehn war ihre Zahl, -der Sprecher hieß Horn. - -Er war ein Kieler Blut und sprach von anderen Dingen als sonst ein -Student; die ihm zuhörten, waren mit hellen Herzen gekommen, von -solchen Dingen zu hören. - -Der große Krieg war ihre Schule geworden und der doppelte Sieg -ihr Examen; sie hatten es tapfer bestanden, doch da sie den Sieg -heimbrachten aus endlosen Märschen, heißen Gefechten und brüllenden -Schlachten, fanden sie keinen Raum, ihn zu betten. - -Sie waren Deutsche gewesen im Feld und sollten nun wieder der -Landsmannschaft dienen, die dem Studenten das Flickwerk der Fürsten mit -ihren Farben und Feindschaften aufklebte. - -Sie waren Männer gewesen im Krieg und sollten nun wieder den Tag mit -Narrheiten füllen, saufen und singen mit heiseren Kehlen, mit seichtem -Geschwätz und albernen Streichen die Stunden abstechen. - -Sie waren Kämpfer gewesen im täglichen Tod und sollten wieder mit -Liebesgetändel und lüsterner Buhlschaft dem Leben die trüben Becher -leertrinken. - -So standen sie tapfer und treu in der Tanne zu Kamsdorf zusammen, -selber dem Sieg die Räume zu bauen, die ihnen die Heimat versagte: -Burschen wollten sie bleiben, aber die Burse, darin sie wohnten, sollte -das ganze Vaterland sein. - -Keine landsmännische Feindschaft sollte die Österreicher, Preußen, -Bayern, Sachsen, Schwaben, Holsteiner, Schlesier, Westfalen und -Rheinländer trennen: deutsch sollte deutsch sein, von Straßburg bis -Riga, von der Etsch bis zum Belt; die Farben schwarz, rot und gold, -darin sie im Lützowschen Freikorps die Freiheit erhoben, sollten die -Farben der deutschen Burschenschaften bleiben. - - -Das Fest auf der Wartburg - -Einhundertdreizehn Studenten hatten den Bund bei Jena geschworen, bald -waren es tausend: die deutsche Burschenschaft wurde im deutschen Bund -ein Gesang junger Herzen, der immer herzhafter schwoll; ihre Farben, -schwarz, rot und gold wurden das Banner der Zukunft. - -Ehre, Freiheit und Vaterland bekannte ihr Wahlspruch; alles, was jemals -deutsche Herrlichkeit war, hob seinen stürmischen Blick darin auf gegen -das Flickwerk der Fürsten. - -Als sich die Tage der Völkerschlacht zum viertenmal jährten, klangen -die Hammerschläge von Wittenberg mahnend hinein: vor dreihundert Jahren -hatte der blasse Magister sein kühnes Blatt an die Schloßkirchentür -angeschlagen; der deutschen Burschenschaft sollte das stolze Gedächtnis -ein Feiertag werden. - -Ein Verbrüderungsfest auf der Wartburg wollten sie feiern, ein -sichtbares Zeichen der bänglichen Zeit, daß in den Herzen der Jugend -über den Farben und Ländern der Fürsten eine Fahne, ein Vaterland sei. - -Ihrer fünfhundert stiegen durch herbstroten Wald den alten Burgweg -hinauf und füllten das alte Gemäuer mit ihrer lärmenden Freude; die -Fahne wehte schwarz, rot und golden, und aus dem Rittersaal erscholl -der brausende Jungmännerschwur, den Schläger blank und den Sinn frei zu -halten für das einige Vaterland. - -Als dann der Abend sank über die herbstroten Wälder, über das alte -Gemäuer und über die lärmende Freude, als ihrer Viele auf mancherlei -Wegen heimgingen, stand noch ein Häuflein da oben und wollte den -strahlenden Tag in die sinkende Nacht ziehen. - -Einen Holzstoß ließen sie brennen als Siegesfeier der Völkerschlacht; -aber das lodernde Feuer rief ihnen den Wintertag wach, da Luther am -Rand der Welt mit seiner Jüngerschar stand, die Bannbulle zu verbrennen. - -So sollten sie alle ins Feuer, die schmählichen Schriften der -Schmaltz und Genossen; auch eine Schnürbrust brachten sie her -von den Preußenulanen, einen hessischen Zopf und einen Stock der -österreichischen Korporale: Schriften und Sinnbilder mußten den -Feuertod sterben, und die Wangen der Jugend glühten darüber. - -Die heldische Tat des Magisters wurde verkehrt in den Übermut hitziger -Knaben; aber die Flammen fraßen mit gleicher Gier, und als die Asche -verglüht war, hatte die Burschenschaft übel getan vor dem strengen -Blick der Minister. - -Der Rauch blieb über der Wartburg hängen und schwelte hinüber nach -Jena; böse Gesinnung, so hieß es, habe ihr Angesicht gegen die Ordnung, -gegen die Throne und gegen die Fürsten erhoben: der Geheimrat trat auf -im Zorn, dem Aufruhr anders als mit dem Gänsekiel zu begegnen. - - -Sand - -Bei dem Feuerstoß auf der Wartburg stand ein Student namens Sand -heller im Feuer als seine Genossen; er hatte dem Tag die Festschrift -geschrieben und fühlte sein Leben als Priester der Freiheit geweiht. - -Anders als nur mit Worten wollte sein Schwärmersinn wirken: einen Dolch -und ein Schwert schliff er scharf, mit einer Opfertat sein Leben dem -Vaterlande darzubringen. - -Einen der vielen Verräter der Freiheit sollte sein Dolch treffen; -und als er zu suchen ausging, fand seine Verachtung keinen, der so -erbärmlich wie Kotzebue war. - -Mit seinen kläglichen Stücken auf allen Theatern gespielt, mit Orden -und Ehren der Fürsten befrachtet, als deutscher Spion von den Russen -bezahlt, lebte er recht als die Laus im Pelz der heiligen Allianz sein -verächtliches Leben; an ihm die geschmähte Freiheit zu rächen, zog Sand -zum Meuchelmord aus. - -Von Jena bis Mannheim mußte er manchen Tag wandern, aber kein Pilger -war je mit größerer Inbrunst die Wallfahrt gegangen, als er durch den -schwellenden Frühling dahin ging. - -Mitten ins Herz stieß er dem kläglichen Mann seinen Dolch und lief auf -die Straße hinaus, die Tat zu bekennen, kniete noch zum Gebet, und grub -das Schwert in die Brust. - -Wohl traf er das eigene Herz schlecht und mußte ein langes Jahr leiden, -bevor ihn der Henker erlöste; aber die Seele des Jünglings blieb -standhaft und lächelte nur, wenn sie ihm drohten, und starb ohne Reue -den Scharfrichtertod. - -Ein Meuchelmord war in Mannheim geschehen, Herdfrieden mißachtet, -Jammer der Kinder stand um den ermordeten Vater: aber den Mörder traf -keine Verwünschung. - -Männer und Frauen priesen den Jüngling, empfindsame Seelen weinten um -sein Geschick, wie sie um Werther weinten; als ob er ein Held und der -Stolz des Vaterlandes wäre, hing an den Wänden sein Bild, hing seine -Tat in den Herzen. - -Keinem Tyrannen, keinem Minister, nur einem kläglichen Söldling hatte -der Dolch des Studenten die Rache gebracht; der feilen Gesinnung und -allen Verächtern der Freiheit sollte die Tat ein Wahrzeichen sein. - - -Metternich - -Ein Spinnennetz hatte der deutsche Bund über die Länder und Völker -gebreitet, Fürsten und ihre Minister samt den geheimen Räten hielten -dem Netz die Fäden gespannt, darin die Kreuzspinne Metternich hing, auf -die Opfer zu warten. - -Er hatte den Wiener Kongreß arglistig geleitet, er war der heiligen -Allianz Handlanger und heimlicher Lenker: Fürsten und ihre Minister -klug zu verspinnen, galt ihm die Kunst, darin er die eigene -Meisterschaft übte. - -Denn Metternich blieb der gelehrige Schüler von Frankreich; was -Richelieu war und Mazarin wurde, das wollte er ohne ihr Priesterkleid -sein: Meister der Macht allein durch die List, damit er die Fürsten und -ihre Schwerter, ihre Ruhmsucht, Habgier und Eitelkeit lenkte. - -Er sah nicht den Willen der neuen Zeit, er sah nur die Wege der alten; -den Aufruhr der Hölle hatten die Mächte der Herkunft gedämpft; und ihre -eifrigsten Helfer waren die Schwärmer der Freiheit gewesen: nun aber -sollte ihr tolles Geschwärm nicht länger sein Spinnennetz stören. - -Den Mord von Mannheim zu rächen, rief er die deutschen Minister nach -Karlsbad zur Kur; da saß die Sorge um das bedrohte Leben der Fürsten -und ihre Minister zusammen, da wußte der arglistige Mann die Angst und -den eifernden Zorn zu erhitzen. - -Den gefährlichen Geist der Zeit auszurotten, der heiligen Ordnung des -deutschen Bundes die wackelnden Wände zu halten, ihr eigenes Dasein vor -Mordgefahren zu schützen, kamen die Hausmeister der Fürstengewalt in -Karlsbad zu ihren Beschlüssen. - -Wie der Geheimrat Schmaltz in seiner schmählichen Schrift schrieb, -so machte es Metternich wahr: nicht länger mehr sollte der Geist der -Erhebung, nicht länger mehr sollte die deutsche Gesinnung von Stein, -Fichte und ihren Gesellen den Fürstenbund stören. - -Als Volksverführer wurden verfolgt, die dem Untertan lockende Bilder -der Staatsbürgerschaft zeigten; als ein gefährliches Gift, in die Ohren -und Herzen der Jugend geträufelt, wurde die Lehre verboten, daß über -der Fürstengewalt das deutsche Vaterland sei. - - -Ernst Moritz Arndt - -Die Farben der Burschenschaft waren die Farben der deutschen Zukunft -geworden, schwarz, rot und golden sollten die Fahnen dem Vaterland -wehen: aber nun kam der Geheimrat und wollte nicht länger das deutsche -Vaterland dulden. - -Die Burschenschaft wurde verboten, und ihre Farben, schwarz, rot und -golden, wurden verfolgt als Zeichen böser Gesinnung; die Erhebung -von gestern war die Empörung von heute geworden, die Heerrufer der -Befreiung hießen Verbrecher. - -Ein Heerrufer war Ernst Moritz Arndt wie keiner gewesen; dem rügischen -Bauernsohn hatte die Luthersche Bibel mit ihren Sprüchen und Psalmen, -mit ihrer Einfalt und Bilderkraft den Mund aufgetan. - -Von den Franzosen verfolgt als der Freund des Freiherrn vom Stein, war -er dem mächtigen Mann in Rußland ein treuer Begleiter, bis ihn das -brausende Frühjahr über Tauroggen nach Königsberg rief, Herold der -Volkserhebung und ihr hell klingender Mund zu heißen. - -Er sang die Lieder, die mit der Landwehr nach Frankreich marschierten, -er sagte der horchenden Zeit die Merkworte vaterländischer Tugend, -er schrieb dem preußischen Volk den Katechismus der freien -Staatsbürgergesinnung. - -Nun lehrte sein hell klingender Mund in Bonn die rheinische Jugend, -aber was einmal sein deutscher Ruhm war, das machte den tapferen Mann -in Berlin bei den Schranzen verdächtig. - -Sie schämten sich nicht ihrer Schande, sie schickten Ernst Moritz Arndt -die Schergen ins Haus, sie sperrten den deutschen Mund ein wie einen -Landstreicher und Roßdieb. - -Sie klagten den Sänger der deutschen Befreiung des Hochverrats an, und -als ihre Niedertracht nichts an der reinen Erscheinung vermochte, als -sie den Mann freilassen mußten, versagten sie Ernst Moritz Arndt, dem -Professor, dennoch sein Amt. - -Im Namen des Königs wurde das Unrecht getan; Undank und Dummheit und -Niedertracht waren im Namen des Königs von Preußen verschworen, der -deutschen Seele so kläglichen Frevel, dem Gedächtnis der deutschen -Erhebung gemeine Schmach anzutun. - - -Der Turnvater Jahn - -Als Deutschland noch in der Fremdherrschaft war, als die Franzosen -in Preußen regierten, hatte der Turnvater Jahn die Jugend auf seinen -Turnplatz gebracht. - -Jedermann sollte -- so rief seine begeisterte Lehre -- wie es in -Urväterzeit war, wieder geschickt sein, die Glieder zu rühren; die -Leibesübungen sollten ein anderes Volk als das der Schuster und -Schneider, der Schreiber und Händler erziehen: der Turner sollte wieder -der deutsche Jüngling und Mann sein, in der geübten Kraft seines Leibes -und in der Zucht seiner Sitten. - -Tausende waren dem Ruf des neuen Propheten gefolgt; die Turner brachten -dem Heer der Befreiung die tüchtigsten Streiter, und in der deutschen -Burschenschaft galt Turnerei das Brot des tüchtigen Lebens. - -Aber Turner sein hieß nach dem schwärmenden Wort des Propheten das -deutsche Vaterland lieben, und vaterländisch hieß dem Geheimrat ein -verdächtiger Untertan sein. - -Auch war der Turnvater Jahn ein lärmbegeisterter Mann, er liebte die -Trommeln und Pfeifen, er liebte das tönende Wort und war in Gang und -Gebärden, auch in der seltsamen Kleidung der Mann, den Geheimrat zu -reizen. - -So kamen die Schergen nachts über ihn her und schleppten ihn fort auf -die Festung; als das gefährliche Haupt der vaterländischen Verschwörung -galt er dem frommen Geheimrat, der Mord in Mannheim sollte der erste -Beweis seines Hochverrates sein. - -Sechs Jahre lang mußte der Turnvater Jahn seinen deutschtümelnden -Überschwall büßen, von Festung zu Festung geschleppt, in hundert -Verhören geplagt, von gemeinen Anklägern verdächtigt, empfing der -treudeutsche Mann den Dank seines Königs. - -Gestern noch von der Gunst der Regierung besonnt, wurden die Turnplätze -geschlossen; Turner hieß dem Geheimrat Demagoge sein, und Demagogie war -sein Mirakel, damit er die Fürsten und Höfe in Schrecken, sich aber -hoch in der Gunst und die gemeine Gesinnung zur Macht brachte. - - -Der Kirchhof - -Der König von Preußen, einfältig und karg, hatte das Wort seiner Not -vergessen, wie eine geringe Seele das heiße Gelöbnis der Wallfahrt -vergißt; Stein, das verdrießliche Alter, saß an der Asche all seiner -stolzen Gebäude; Kamptz, der neue Geheimrat in Preußen, drehte das -knarrende Rad seiner Stunde. - -Wer von der deutschen Burschenschaft war, den jagten die Hunde: Wir -hatten gebaut ein stattliches Haus! sangen sie scheidend in Jena, dann -waren sie Freiwild für schuftige Büttel und Richter. - -Daheim und in Herbergen, bei Verwandten und Freunden, wurden sie wie -Verbrecher gefangen und wie Verbrecher durch Kälte und schlimmere -Leiden zur Hauptstadt gebracht, wo die Hausvogtei war mit ihren -gefürchteten Kammern. - -Jahrelang harrten sie da auf den Spruch des Gerichts; Verhöre und -falsche Gerüchte, leere Tage und lauernde Nächte, törichte Hoffnung und -graue Enttäuschung zogen die grausame Zeit hin, bis endlich das Urteil, -verlogen und feig wie die Richter, den Tag der Verzweiflung brachte. - -Zum Tode verurteilt, zur Festung begnadigt, um ihre Jugend und ihre -Mannheit gebracht, mußten die Opfer geheimrätlicher Rachgier den -Übermut büßen, daß sie ans deutsche Vaterland glaubten. - -Und wie den Burschen geschah es den Männern der Zeit; bis in die Tage -der Fremdherrschaft spürten die Richter zurück, längst war die Freiheit -der Rede und Schrift verschüttet, Willkür, Verleumdung und Machtwahn -regierten den Tag, von Spionen war jedes Dasein umstellt. - -So brachen die Fürsten ihr Wort, verhöhnten Minister den Glauben der -Völker, so blies der deutsche Bund von Metternichs Gnaden der deutschen -Verfassung das Lebenslicht aus, so wurde dem Reich der kommende Tag auf -den Kirchhof getragen. - -Einmal war brausender Frühling gewesen, durch Opfer und Blut, durch -Märsche und Siege hatten die Rosen der Hoffnung in tausend Herzen den -kurzen Sommer geblüht: nun hatte der Herbst die Fäule gebracht, kahl -stand das dürre Geäst, in den gefrorenen Blättern am Weg rauschte -Novemberwind über den Kirchhof. - - -Der Biedermaier - -Indessen dem deutschen Geist solches geschah, hatte der Bürger in -seiner Stube gesessen; er hatte das seine bescheiden gesichert, und -mehr als Bescheidenheit ging ihn nicht an. - -Auch war nach den Jahren des Aufruhrs die Ordnung der alten Zeit -wiedergekommen, wie Untertanengesinnung die Ordnung gewohnt war. - -Die Stände sauber getrennt, und die Krone glänzte darüber; denn er -liebte den Landesherrn und war ihm in Demut gehorsam, auch wenn er am -Prügelstock ging; und wie ihm von oben geschah, so ließ er nach unten -geschehen. - -Er war der Frau und den Kindern, mehr noch dem kleinen und großen -Gesinde der Hausherr, wie es der Fürst seinem Lande war: er durfte -poltern und großtun wie er, er durfte befehlen wie Einer, und alles, -was unter ihm war, mußte gehorchen. - -Verfassung und Vaterland schierten ihn wenig: sein Vaterland war, wo -es ihm gut ging, und von Verfassung zu reden, hieß ihm, den Teufel des -Aufruhrs noch einmal beschwören. - -Seine Väter waren Pietisten gewesen, aber er hatte erfahren, daß es -nicht gut sei, gegen den Obrigkeitsgott noch einen andern zu haben; -denn der Landesherr war auch die oberste Kirchengewalt, und dem -Landesherrn hieß es gehorchen. - -Auch hatte die Aufklärung bei seiner Taufe Pate gestanden: Himmel und -Hölle gönnten dem Erdentag seine schmackhaften Früchte, wenn er nicht -unbescheiden oder gar unverschämt war. - -Denn auch der Herrgott war ein vernünftiger Mann und ließ den -Biedermann gelten; er konnte wohl kollern mit Donner und Blitz -- und -es war gut, dann die Hände zu falten -- aber nachher war wieder blauer -Himmel, wie es beim Landesherrn und auch bei ihm selber, dem Hausherrn -war. - -So baute der biedere Bürger die Welt auf vier Pfähle, statt in die -Wolken; er konnte wohl schmälen, aber nicht unzufrieden sein, weil -alles gottgewollt war: der Fürst wie der Bürger, der Junker und der -Minister, die geheimen Räte und ihre Polizei; nur, daß die adligen -Herren zu wenig Steuern bezahlten, schien ihm nicht richtig. - -Schiller in Jena war längst gestorben, und Goethe in Weimar hatte für -ihn nie gelebt; wenn seine Tochter ein Buch las, war es von Clauren, -und wenn er ein Stück sah mit seiner sonntäglichen Hausfrau, stand -Kotzebue auf dem Zettel; nur die gebildete Tante aus Prenzlau schwärmte -noch von Jean Paul, aber die hatte auch sonst die altdeutschen Grillen, -gar in der Kleidung. - -Denn daß ihm die Vaterlandsschwärmer auch noch den altdeutschen -Rock vorschreiben wollten, das war von all ihren unnützen Dingen -das albernste für den Bürger; er wußte genau, was sich schickte für -einen geachteten Mann, der seinen Meisterbrief von der Zunft und als -Presbyter seinen Kirchenstuhl hatte. - - -Goethe stirbt - -Dumpfes Gerücht und totes Licht lag über dem Land der neblichten -Wälder, als Goethe in Weimar die göttlichen Augen zumachte. - -Er hatte den Korsen gesehen und hatte Blücher die rühmende Grabschrift -geschrieben; Erhebung der Völker und Undank der Fürsten waren vor -seinem Geist wie Wolken am Abend gewesen. - -Er sah in die Zeit, wie ein Vogel aus seliger Bläue über die Dächer und -Gassen, über die Wiesen und ihre Silbergewässer, über die Bergwälder, -tief in die Wolkengebilde blinkender Seespiegel sieht. - -Er sah die lastende Schwere und sah den blutroten Glast, aber sein Herz -wartete gläubig der Sterne. - -Ihm war sein Volk nur ein Blatt im Kranz der Völker auf Erden; er -liebte das Blatt als das seine, aber er flocht an dem Kranz mit -unermüdlichen Händen. - -Ihm hatte Prometheus das Feuer gebracht, und er hielt es dem -Menschengeist wach; nicht wie Schiller die Fackel der Freiheit zu -tragen, stürmte er hin: dem Herdfeuer der Menschheit diente er treu und -geduldig wie der Priester dem Opferaltar. - -Als er die göttlichen Augen zumachte, stand seine Flamme steil in der -Stille und war nur noch ein fernes Licht für sein Volk. - -Sie hatten den Wertherjüngling vergessen, und den greisen Faust kannten -sie nicht; so fiel keine Trauer über das Land und keine Furcht in die -Herzen. - -Nur wo ein Kerzenlicht brannte, wo einer Seele die Kammer weit wurde, -weil die Gestalten des Dichters durch ihre Einsamkeit gingen, zuckte -die Flamme in den gewaltigen Schatten. - -Der Zaubermeister von Weimar war tot, der all dem blühenden Leben, -der Weisheit und Schönheit der Worte, der Wahrheit und Hoheit ihrer -Gebärden Gottvater war. - -Die Schöpfung stand still, die aus dem Sechstagewerk kam mit anderen -Bergen und Bäumen, anderen Nächten und anderen Sternen und anderen -Menschen, als sie die Täglichkeit kannte. - -Der Menschengeist hatte sein Angesicht gläubig und stark gegen die -Gärten der Götter erhoben, er hatte sich selber auf die verlassenen -Throne gesetzt: nun ging er schlafen, weil seinem übermenschlichen Tun -die Müdigkeit kam. - - -Das Volk der Denker und Dichter - -Von der Maas bis zur Memel, von der Etsch bis zum Belt war ein -Kirchhof, Deutschland hieß den verdrossenen Herzen kein Vaterland mehr. - -Willkür und Wortbruch der Fürsten hatte das tote Gespenst der -Verfassung eingesargt und begraben; der fromme Geheimrat stand mit -gefalteten Händen dabei. - -Gottlosigkeit habe -- so sagte der fromme Geheimrat -- das Fieber der -Wünsche gebracht, Rechtgläubigkeit würde das Fieber ausheilen; oberste -Staatsbürgerpflicht solle der Kirchgang sein. - -Thron und Altar, als Kaiser und Kirche Schicksalsgewalten, mußten dem -Staat die Stützbalken halten, der aller Vergangenheit bar kläglich am -Abhang der Gegenwart klebte. - -Doch hatte das Blut der Wünsche zu heftig gefiebert, und stärker begann -die heimliche Ader zu rinnen, daraus die Kraft des entrechteten Volkes -dahin floß. - -Goldene Ernten hielten die Reeder in Bremen und Hamburg, indessen die -deutschen Landschaften mehr Menschen über das Weltmeer verloren, als -Krieg und Seuchen sonst hingerafft hatten. - -Goethe und alle Guten hatten gewirkt, daß Größe und Würde den deutschen -Namen umklängen, aber das Volk blieb stumm und geschlagen. - -Das Volk der Denker und Dichter! so hatte der Hochmut an seine Tore -geschrieben: Dichter und Denker waren die Stimme der Freiheit gewesen; -die Ohren hatten den Deutschen geklungen, aber lebendig wurden sie -nicht. - -Die danach der deutschen Seele gläubige Schatzhalter waren, gingen -als Pfarrer, Lehrer und Richter treu in die Täglichkeit ein, aber -als Dichter und Denker und Hüter des ewigen Lebens saßen sie in der -Verbannung. - - -Die schwäbischen Dichter - -Aus schwäbischer Enge war Schiller geflohen, und Hölderlin hatte -das Land seiner Seele nicht in der schwäbischen Heimat gesucht; als -aber der flammende Braus von Jena ausgelöscht war, fing Tübingen an, -bescheiden im Dunkel zu leuchten. - -Kein Musenhof stand hinter dem Tübinger Stift, und keine allmächtige -Hand hielt ihm die Tage geweitet wie Goethe in Weimar; es war der -Garten, die schwäbischen Pfarrer zu züchten, aber die Frucht gedieh zu -seltsamen Blüten. - -Hölderlin war ein Stiftler gewesen; als sein herrlicher Geist sich in -heilige Höhen verstieg, lebte sein Körper die langen Jahrzehnte in -Tübingen hin, und noch das leere Gefäß seiner umnachteten Seele war ein -Heiligtum unter den Menschen. - -Die schwäbischen Jünglinge sahen die Göttergestalt bei Tischlersleuten -sanft und geduldig ihr Erdenlos tragen; sie sprachen die großen Gesänge -und ahnten die ewige Waltung in seinem Geschick. - -Nie wieder kam einer von seiner Art, sie waren alle aus Schwaben -gebürtig und blieben der Heimat verbunden; aber sie standen in seiner -heiligen Zucht und nahmen das Bild der hohen Erinnerung mit, wenn sie -gingen: daß alle Dinge des Tages nur bunter Schein vor dem ewigen Sein, -daß alle irdischen Ziele der Seele nur Wegweiser wären. - -So wuchs am Tübinger Stift ein neues Geschlecht in Schwaben, das wieder -wie einmal die Griechen in edler Bildung dahin ging, obwohl es die -engen Wege der Heimat nicht überschritt. - -Sie hatten alle ein Amt, sie waren Pfarrer und Lehrer, Ärzte und -Richter, sie dienten dem Tag bescheiden und treu; aber wie einmal -Hans Sachs, der Nürnberger Schuhmacher tat, pflegten sie eifrig den -Meistergesang; und einige wurden Dichter geheißen: - -Ludwig Uhland, der aufrechte Mann und Meister am Dombau der deutschen -Gesinnung, der seine Lieder wie Luther sang, aus reinem Gemüt mit -reinem Wort und abhold allen romantischen Künsten, ein deutsches Herz -und ein Protestant. - -Justinus Kerner, der Doktor in Weinsberg, den Rätseln des Lebens -hellsichtig nah und dem Tod wie ein Bruder vertraut; Gustav Schwab, -der geistliche Herr in der schwäbischen Hauptstadt, in allen Dingen -der Bildung zuhause, plauderfroh sagend und singend; Wilhelm Hauff, -der schwärmende Jüngling und frohe Phantast, mit glücklichen Händen -vielerlei greifend und manchmal der Meisterschaft nah. - -Sie reichten nicht an den Himmel, da Hölderlins Stern im milden Glanz -stand, sie blieben Diener der schwäbischen Erde, aber den Sternen -ehrfürchtig zugewandt; und allen gelang es, den Liederschatz der -deutschen Seele zu mehren. - - -Mörike - -Nur Einem hatten die Nornen die silberne Spindel in seine ärmliche -Wiege gelegt, nur Einem wurde die Enge zum Schicksal, das er mit -stolzer Bescheidung bezwang. - -Vikar an mancherlei Orten, zu Cleversulzbach im Unterland Pfarrer, dann -kränkelnd in Mergentheim, fünfzehn Jahre lang als Lehrer in Stuttgart -geplagt und dreizehn danach auf seinen Tod wartend: trug Eduard Mörike -recht wie ein Stiftler sein irdisches Leben. - -Ein zarter Jüngling wurde ein kränklicher Mann und ein Greis, von den -Nöten des Alters geplagt; eine gläserne Seele, zart und zerbrechlich, -mußte ein langes Leben aushalten, bevor ihr der Tod den dünnen Stengel -abbrach. - -Aber die gläserne Seele, zart und zerbrechlich, nahm ihre irdische Enge -hin, wie eine Blume im Garten den Lärm spielender Kinder, Hundegebell -und Hammerschlag aus der Schmiede, Rädergerassel und Glockengeläut -still übersteht. - -Der säuselnde Wind sang in das Lied ihrer steigenden Säfte; die Sterne -der Nacht, ihre ewigen Schwestern, standen im Schlaf ihr zu Häupten, -und ihre Mutter, die Sonne, küßte sie wach in den Morgen. - -Da war der irdische Tag nur die bunte Verkleidung, darin sie mit ihren -Wurzeln und Säften, mit ihrem schwellenden Kelch und der leuchtenden -Blüte ein dankbares Kind der ewigen Wiederkunft war. - -So machte der kränkliche Pfarrer im schwäbischen Unterland seine -Gedichte; eine unsterbliche Seele war ihrer Wirklichkeit froh in der -schlichten Verkleidung, ein Sendling der Ewigkeit ging durch den Tag, -staunend und stolz seiner Demut. - -Da wurden ihm alle Dinge dankbar vertraut, und allen sprach er den -zärtlichen Gruß seiner Seele; die Freuden trank er, wie einer den Trunk -auf der Wanderschaft nimmt, die Leiden hob er wie Spinngeweb auf und -ließ sie im Sonnenschein schimmern. - -Nie wieder nahm Einer die kleinen Dinge so innig zur Hand, nie -streichelte Einer das Leben so dankbar, dem es im Tiefsten so fremd war. - -Nur einmal verriet er die Herkunft, als Weyla, das göttliche Kind -seiner Seele, Orplid die Heimat besang, als Könige kamen, seiner -Gottheit Wärter zu sein. - - -Stifter - -Dem Pfarrer in Cleversulzbach lebte ein heimlicher Bruder in -Österreich, seines Zeichens ein Schulrat in Linz, Adalbert Stifter -geheißen. - -Der Sohn eines böhmischen Leinewebers war mühsam zur Bildung gekommen; -unschlüssig und keiner Zukunft gewiß hatte der Jüngling in Wien -studiert; als er kein Ende fand, mußte er Hauslehrer sein, bis -er, schon grau, durch vermögende Freunde als Schulrat in Linz ein -erträgliches Amt fand. - -Fünfzehn Jahre lang hielt er sein Amt aus, dann nahm er den Abschied, -sich selber zu leben; aber der Tod erlöste ihn bald aus der Plage. - -So lag die Pflicht auf dem Leben Adalbert Stifters, als die Sorge nicht -mehr darin war, und peinigte ihn, der einen Libellensinn hatte und eher -ein Landfahrer war denn ein Beamter; aber die tägliche Pflicht und alle -Verstimmung leer gedroschener Stunden reichten nicht auf den Grund, wo -der Dichter unterirdisch im Glück war. - -Adalbert Stifter hatte in Wien malen gelernt, und wie ein Maler sein -Bild wohl aus der Wirklichkeit nimmt, aber die Bäume und Bäche, die -Menschen darin und das Gewölk über den Fernen in seinen Farbengrund -senkt, daß alles, was einzeln war, Einheit gewinnt in der Fülle des -Ganzen: so malte sein Wort die sanften Gebilde. - -Er konnte von einem Schicksal berichten, wie einer den Mittag mit all -seiner lodernden Glut im blanken Seespiegel sieht: gestern und heute -waren eins; alles, was Gegenwart schien, war schon gewesen, wenn seine -Sinne es sahen, und alles Vergangene stand wieder zur Gegenwart auf, -wenn seine Gedanken es fanden. - -Denn jenseits von Zeit und Raum war die Seele ein Spiegel des ewigen -Anblicks; was sie verband, war ewig verbunden, und was ihr Gedächtnis -behielt, war ewig getrennt vom Versunkenen. - -Darum waren die Bücher des Schulrats in Linz seltsam mit Dingen -gefüllt, die, allen bekannt, unsagbar fremd erschienen, wie ihre -Einzelerscheinung in seinen Schwarzspiegel versenkt war: - -Rot hieß nicht rot, und blau hieß nicht blau, und dennoch stand alles -in farbiger Glut; wie ein Kind durch buntes Glas die Welt unheimlich -fremd und dennoch mit all ihren Dingen vertraut, staunend betrachtet. - - -Hebbel - -Goethe war tot und sein gewaltiges Werk wurde noch nicht lebendig, -Heinrich von Kleist war vergessen, Stifter und Mörike blieben dem -deutschen Volk unbekannt: da wuchs zum andernmal ein Gewaltiger auf, -mit seiner Dichtung das Höchste zu wagen. - -Zu Wesselburen im friesischen Land hielt sich der Kirchspielvogt einen -Schreiber, Friedrich Hebbel geheißen, das Kind armer Leute; aber dem -Knaben, schüchtern und ungelenk, wuchsen die blonden Haare um eine hohe -Stirn, die von anderen Dingen als seinem täglichen Schreiberdienst voll -war. - -Sieben Jahre lang schrieb er tagsüber um kärglichen Lohn bei dem Vogt, -sieben Jahre lang aber gehörten die Nächte dem Dichter, der in dem -friesischen Maurersohn mit schneidenden Schmerzen zur Welt kam. - -Als ihm dann endlich die Tür aufgemacht wurde, als ihm Amalie Schoppe -altjüngferlich half, nach Hamburg zu kommen, als er in München und -Heidelberg wie ein Kolkrabe unter dem bunten Gevögel der andern -Studenten in die Hörsäle ging: hielt die Wohltätigkeit seine Armut am -Leben. - -Sie verließ ihn auch nicht, als sein Trauerspiel von der biblischen -Judith offenbar machte, daß wieder ein großer Dichter in Deutschland -war, daß in der Gewalttätigkeit seiner Figuren ein Riesengeist seinen -Schritt maß. - -Das Schicksal hatte den Dichter um seine Jugend gebracht, er trat -als Mann in die Welt: das Jünglingsfeuer konnte an ihm nicht mehr -entbrennen, wie es vordem an Schillers Räubern entbrannte, und die -Männer der Zeit fand er als dumpfes Geschlecht. - -So mußte Hebbel den Weg einsam beginnen, und niemand holte ihn ein, -bis er im Felsengebirg seiner Höhe sich abseits der Zeit, abseits der -Liebe, abseits der Ehrfurcht trotzig allein fand. - -Einmal rief er zurück, als er den Menschen seiner Zeit den Meister -Anton hinstellte, als er die Kleinbürgerwelt in sein bitterstes Stück -ballte, ihre Enge und seine Herkunft zermalmend. - -Aber die seine Stimme vernahmen, wichen erschrocken vor seinem Ingrimm -und seiner grausamen Kälte zurück, weil sie die Sehnsucht darin nicht -verstanden. - -So stürmte er weiter ohne Genossen und schrieb, schon im Geleucht der -Firnen, das Hohelied der Keuschheit, als er Gyges und den entweihten -Ring vor den Richterstuhl stellte. - -Als er zuletzt, seinem Volk in der dumpfen Gegenwart fremd, in die -Ferne der Herkunft hinein blickte, ritten am Himmelsrand hin die -gewaltigen Recken der Nibelungen zu ihrem Blutfest in Ungarn. - -Was keiner zu wagen vermessen sein konnte, er tat es: er rief die -Gewaltigen an samt ihrer Riesenfrau Schwester Kriemhild und bannte die -Schatten auf seine Bretter. - -Seit Goethe den Faust rief, seit Kleist die homerischen Helden -beschwor, wurde nicht mehr so Großes gewagt: die Zeit kam und staunte -in ihre riesige Herkunft, aber sie konnte aus ihrer Kleinheit die Größe -nicht mehr ermessen. - -Wie ein Kolkrabe unter dem bunten Gevögel der jungdeutschen Dichter -stand Hebbel, als er sein Tagebuch schrieb: sein Riesengeist fand sich -selber zuletzt als Genossen; es schauerte ihn vor den eigenen Blättern, -wie seine Seele allein in der Zeit und seinem Volk war. - - -Grillparzer - -Als Hebbel nach Wien kam, war Grillparzer schon in die Stille gegangen; -der Dichter von gestern wollte nicht mehr in der Gegenwart sein. - -Schiller und Goethe und die Romantik hatten in seine Jugend geleuchtet, -und wie ein Steinboden im Licht der Glasfenster glüht -- alle Farben -trinkt sein graues Gestein aus den Scheiben und macht ein sanftes Spiel -aus der Glut -- so war seine Dichtung ein Abglanz. - -Aber Grillparzer war ein Österreicher Kind, und die Kaiserstadt -legte den Abglanz des Dichters auf köstlichen Marmor, daß keiner die -Glasfenster sah, nur noch den sanften Schein auf den Fliesen und seine -vielfarbige Kühle. - -Medea, Sappho und Hero, all seine Frauengestalten waren wohl Töchter -der Iphigenie; aber im Hause Maria Theresias hatten sie irdischer -schreiten, lächeln und leiden gelernt als ihre erhabene Mutter in -Weimar. - -Auch hieß ein Dichter in Wien anders, als sonst im Reich, ein -Schildhalter der alten Herrlichkeit sein; denn Wien war die Habsburger -Hofburg: wie einmal der britische Dichter die Dramen der Könige -schrieb, wollte Grillparzer den Habsburger Kaisertraum auf die -Schaubühne bringen. - -Aber den Herren der Hofburg gefiel solcher Bühnenruhm nicht; in Wien -ein Österreicher hieß eine Maske Metternichs sein; weil er zu hochmütig -war, sich zu verstecken, und zu schwach, sich zu zeigen, ging er -beiseite. - -Denn weder ein Mann seiner Zeit wie Uhland, der wackere Schwabe, noch -seiner ewigen Sendung gewiß in stolzer Bescheidung wie der Pfarrer in -Cleversulzbach, war Grillparzer, der Dichter in Wien. - -Vergrollt und von Grillen geplagt, wurde er alt; als die Glut der -Fenster verblaßte, schwand auch der Abglanz auf seinen marmornen -Fliesen dahin; der einsame Dichter in Wien wurde vergessen, bis ein -später Ruhm den Spätling wieder ans Tageslicht brachte. - - -Schopenhauer - -Als Goethe ein Greis und fast schon ein Götterbild war, fand er -Gefallen an einem Jüngling, der ihm als der Sohn einer schreibenden -Dame in Weimar über den Weg kam: Schopenhauer geheißen und Schüler des -großen Immanuel Kant. - -Der Jüngling hatte freilich den Weisen von Königsberg nicht mehr -gesehen, aber in seinen gewaltigen Schriften die Heimat erkannt, darin -er sich einzig als Erbhalter fühlte. - -Wohl standen Fichte, Hegel und Schelling im Reichtum der Kantischen -Erbschaft geehrt, er aber hieß sie Erbschleicher und Fälscher; wie ein -Prinz mündig wird, kam er, im Reich der Wahrheit der rechte Thronfolger -zu heißen. - -Alle Erscheinung der Dinge -- so hatte der Meister gelehrt -- ist -nur das Blendwerk der Sinne; in Zeit und Raum eingehängt, vermag die -Erfahrung keine Erkenntnis zu bringen über das Ding jenseits der Sinne, -über das Wesen der Welt. - -Die Welt als Vorstellung nannte der Schüler den Schein, er aber wollte -im Schein das Wesen benennen, und er hieß es die Welt als Wille. - -Der Wille allein war der Schlüssel zum Wesen, der Wille war frei in der -Ursächlichkeit aller Dinge, aus ihm allein kam Erkenntnis, das Rätsel -der Sinne zu lösen, weil er der ewige Antrieb, weil er das Leben im -Schein, die Seele im Sinnbild der Welt war. - -So wollte der Schüler den Schleier der Maja durchleuchten, den der -Meister als Blendwerk der Sinne erkannte; so glaubte sein Eifer den -Spiegel der Wahrheit zu halten, darin er sein Ich und sein Du in einem -erblickte. - -Weil ihm ein irdisches Wort den Schlüssel zur Welt gab, dachte er seine -Gedanken diesseits und brauchte nicht schwindelnden Pfades im Jenseits -zu irren; aber die Zeit war im Jenseits befangen, und die der Jüngling -Fälscher und Erbschleicher nannte, regierten trotz seinem Zorn. - -Er hatte sein Tagwerk zu früh getan und mußte in Einsamkeit warten; wie -Buddha zu den Brahmanen hatte sein Mund die Weisheit der Erde gegen den -Himmel der Priester gesprochen, aber ihm fehlten die Jünger. - -In seinen Wünschen -- dies war seine Lehre -- waren dem Menschen die -Wurzeln des Guten und Bösen verstrickt, das Leben mit Wirrsal zu -füllen: seinen Willen verneinen, hieß auch vom Leiden erlöst werden. - -Denn wollen hieß leben, und leben hieß noch im Blendwerk der Wünsche -verbannt sein: der Weise ging, durch Erkenntnis das Nichts seiner -Wünsche, aber das All seiner Stille zu finden. - -Der so im Abendland lehrte, uralte Erkenntnis der Erde gegen den Himmel -der Priester, war seiner irdischen Weisheit kein Weiser; grimmig und -germanischer Streitlust stachlig wie ein Igel, schaffend und scheltend -saß er sein Leben lang in Frankfurt am Main, den Aufgang seines Werkes -zu erwarten. - -Als ihm das Alter endlich den Ruhm brachte, war seine Stirn zu müde, -den Lorbeer zu tragen; aber die Greisenhände streichelten noch an den -wintergrünen Blättern, ehe er bitter lachend dahin fuhr. - - -Die Nazarener - -Deutsche Jünglinge kamen nach Rom, schwärmenden Sinnes und ihrem -Vaterland tief abgewandt; denn mehr als je wirkte Winckelmanns Lehre, -daß nur in südlicher Sonne, nicht im Land der neblichten Wälder die -Heimat der Kunst sei. - -Sie kannten die gotischen Tafeln und die Glasfensterglut ihrer Farben, -aber sie mochten das krause Figurenwerk nicht und die Eckigkeit ihrer -Gebärden; ihr Sinn war sanft und auf den erhabenen Schwung, auf die -Süße und auf die edle Figur der Italiener gerichtet. - -Wie Dürer, der Meister von Nürnberg, die welsche Pilgerschaft machte, -so kamen auch sie; aber sie liebten die Nachtigall nicht, die jenen aus -Wittenberg lockte; sie kehrten, romantisch verzückt, in den Schoß der -Kirche zurück. - -Ein Barfüßerkloster stand leer in der ewigen Stadt, da fingen sie an, -als Brüder zu leben, Nazarener genannt in den römischen Gassen mit -ihren Faltengewändern, aber sich selber zu Stärkung. - -Wie die Frühmeister malten, bevor das rauschende Gold Tizians kam, -bevor die Leiber, einst bläßlich gebildet, mit blühendem Fleisch -prahlten, bevor die bräunlichen Tiefen die klaren Gebilde der Fläche -verhüllten: so sollten ihre Gestalten die Wände heiliger Räume -abschreiten. - -Denn nicht mehr prahlende Schilderkunst im goldenen Rahmen mochte -ihr Werk sein; wieder wie einst wollten sie fein und geduldig Wände -bemalen: die Haltung edler Figuren, der Faltenwurf großer Gewänder, die -Einfalt frommer Gebärden allein sollten der Stolz ihrer Kunst sein. - -Ihr Sinn war sanft, des wurden die Wandbilder Zeichen; die dunklen -Gründe wurden erhellt, die glühenden Farben erblaßten, das brünstige -Spiel des Lichts im Schatten verschwand: edle Einfalt und stille Größe, -wie Winckelmann lehrte, wurden zärtlich lebendig. - -Aber die Zärtlichkeit war wie das Mondlicht am Morgen, sie fror im -mühsamen Tag und seufzte zurück in die schwellende Nacht, da noch -Gestirne den Himmel umstanden. - -Nur einem der Jünglinge stürmte das Blut in den Tag hin; Peter -Cornelius war er geheißen, Protestant im Mönchskleid mehr denn sie -alle, weil er allein katholisch geboren, aber ein nordischer Mensch war. - -Er riß die edlen Gestalten aus ihrer Stille hinein in den Strudel -starker Bewegung; er machte die schlafenden Umrisse wach, mit dem -Linienwerk aufgescheuchter Gestalten ihr bläßliches Dasein hart zu -umreißen. - -Da wurde die Farbe den goldenen Rahmen und räumlichen Tiefen der -Schilderkunst nachgesandt in die Verdammnis; die schwarze Kohle fing -an, die weiße Fläche zu meistern, aus Wänden im Raum wurde der dürre -Karton, in der Werkstatt mit Strichen gezeichnet. - -So wurde im Barfüßerkloster zu Rom, im brünstigen Glauben der Kirche, -dem Protestantismus die Kunst nachgeboren; deutsche Jünglinge wurden in -Welschland katholisch, das seltsame Wunder zu wirken. - - -Der Baukönig - -Als sich der König Ludwig von Bayern im vierzigsten Jahr die Krone -aufsetzte, sahen die Guten nach ihm, und seine Lobredner sagten, daß -nun ein neues Sanssouci käme, nicht von Franzosen bevölkert. - -Er hatte als Kronprinz gern mit den Nazarenern in Rom gesessen, hatte -gespart und Bilder gekauft, er war den Dichtern und Malern ein Freund -und einer freien Verfassung der eifrigste Fürsprecher gewesen, und -allem Welschtum feind. - -Dichter, Gelehrte und Künstler rief er nach München; auch fing sogleich -ein Bauwesen an, wie es die Welt seit Versailles nicht kannte. - -Aber nicht Lustschlösser galt es dem König von Bayern; die Stadt an -der steinichten Isar sollte mit Straßen und Plätzen, Hallen und Säulen -und Bildwerken, reicher und schöner als Wien oder Berlin, die deutsche -Kunst- und Königsstadt werden. - -So wurde das Füllhorn aller Baukünste über die Stadt an der Isar -geschüttet: griechisch und römisch, florentinisch und gotisch wuchsen -die steinernen Wünsche der staunenden Bürgerschaft zu. - -Eine Glyptothek kam und eine Pinakothek, die Propyläen stellten dem -neuen Musenhof die prächtige Torwacht, und eine Prunkstraße lief -zwischen Palästen hinaus in die Felder von Schwabing. - -Napoleon hatte mit all seinen Siegen Paris nicht so geschmückt wie -Ludwig, der Baukönig, München; Jahrhunderte staunten aus biederen -Giebeln darüber, die backsteinernen Türme der alten Domkirche sahen -barock dem gebildeten Quaderwerk zu. - -Altdeutsch und florentinisch, romantisch und klassisch galten dem König -gleichviel, er hieß sich gern einen Dichter; und als er im höchsten -Schwung war, wurde dem deutschen Volk die Walhalla gebaut. - -Bei Regensburg stand sie und war eine Halle hoch über der Donau, sie -sollte das Heiligtum deutscher Vergangenheit sein; aber das Heiligtum -deutscher Vergangenheit war ein Tempel mit griechischen Giebeln, -dorischen Säulen und einer ionischen Halle. - -Seine Baumeister priesen den Bauherrn, sein Volk pries den Landesherrn -nicht; indessen sein Schwärmersinn aus der Vergangenheit lebte, -indessen er Tempel und Kirchen, Kunsthallen, Paläste und Prunktore -baute mit seinen mühsamen Groschen, regierte die Willkür übler Minister -sein Land. - -Auf Sanssouci saß ein Despot und er liebte sein Volk nicht, aber er -hielt sich selber in Pflicht als oberster Diener des Staates; in -München wollte ein Schwärmer der Schatzhalter deutscher Herrlichkeit -sein, aber Willkür und Schmeichel banden ihm beide Hände, und Herren im -Land waren die Jesuiten. - - -Der Redekönig - -Die Hoffnung der Guten hatte in Bayern getrogen, nun kam sie nach -Preußen: Friedrich Wilhelm der Vierte sollte ihr neuer Schildhalter -sein; aber die Hoffnung der Guten trug den romantischen Rock in Bayern -und Preußen. - -Einfältig und stumm war der Vater gewesen, und vaterländisch hieß -seiner kärglichen Seele ein Fürstenfeind sein; zwiespältig und laut war -der Sohn: die oberste Fürstenpflicht sollte, so rief seine begeisterte -Rede, das Vaterland heißen. - -Er redete gern, der neue König in Preußen, die alte Herrlichkeit -rauschte im Flügelschlag edler Romantik, wenn das Wort über ihn kam. - -Ein deutscher Fürst hieß ihm die Vollmacht großer Vergangenheit sein: -was jemals die Ahnen mit heiligem Eifer begehrten, was sie mit Blut -und mit Leiden bezahlten, des sollten die Fürsten von Gottes Gnaden -Vollstrecker und Schwurhalter heißen. - -So schwoll die Rede des Königs von Preußen, als er in Königsberg stand, -den Eid auf die Verfassung zu schwören; Tausende hörten ihm atemlos zu, -und Tausende nahmen die Worte für Taten. - -So wurde die Rede des Königs von Preußen ein Ruf an sein Volk, als er -danach in Berlin aus dem Schloßfenster sprach; Tausende drängten im -Lustgarten und spürten den strömenden Regen nicht, weil in den Worten -des Königs die neue Zeit nahte. - -So legte die Rede des Königs von Preußen den Grundstein, als er beim -Domfest in Köln die Fürsten und Völker anrief: Tausende sahen das Reich -wie den Dom in Trümmern, und Tausende glaubten, daß mit dem Dom die -Herrlichkeit auferstände. - -Aber die Reichsherrlichkeit war mehr als ein Domfest gewesen, und -eine Rede des Königs von Preußen war noch kein Maifeld: neben dem -redenden König stand Metternich taub und der Rührung verwundert; leer -war der Kaiserthron; Armut stockte, wo einmal die Fahnen der Hansa dem -Welthandel wehten. - -Friedrich Wilhelm der Vierte hatte viel Bücher gelesen und war ein -Meister der Rede, wie ein Schauspieler Klang und Wirkung der Worte -kennt; aber er war seiner Zeit fremd und allen lebendigen Dingen feind, -die sein romantisches Herrenglück störten. - -Als die Jahre seiner Regierung leer liefen, als er im Land herum fuhr -zu unaufhörlichen Empfängen, Girlanden, Böllerschüssen und Reden, mußte -die Hoffnung der Guten einsehen, daß er ein Narr seiner Worte, keine -Tat und keine Hand, kein Fürst und Herrscher, nur ein Redekönig war. - -Die Spötter begannen zu munkeln, er liebe die Flasche, sein Wort sei -trunken vom Wein, und seine Tränen der Rührung flössen aus einer -befeuchteten Seele. - -Das niedere Volk, das die ewige Festlichkeit sah, indessen ihm Mangel -und Not an den Leib kam, fing an, den frömmelnden König zu hassen. - - -Die Auswanderer - -Mangel, Not und Bedrückung nahmen einander den deutschen Tag aus den -Händen. - -Noch immer war Metternich Meister, und wo ein Fürst Hof hielt, hielt -der Geheimrat das Schwert und die Waage der Willkür, die sich von -Gottes Gnaden Gerechtigkeit nannte. - -Kein Vaterland war, nur Länder, den Fürsten erbzugehörig samt Krone, -Zepter und Untertan; und wer in den Ländern ans deutsche Vaterland -glaubte, war dem Geheimrat böser Gesinnung verdächtig. - -Indessen dem Übermut adliger Herren der Tag und die Stunde willfahrten, -mußten Bürger und Bauern in Demut verharren, was ihnen der Übermut -gönnte. - -Mit karger Gemarkung lagen die Dörfer zwischen den reichen -Ritterschaftsgütern, allen Gesetzen zum Trotz mußte das niedere -Landvolk der Gutsherrschaft fronen. - -Und daß in der Stadt Gleiches geschah, fing die Fabrik ihr Teufelswerk -an: Armut und Häßlichkeit gaben einander die Hände und hoben den Haß -aus der Tiefe, weil in der Arbeit um Lohn kein Segen mehr war. - -Aber -- so kam die Kunde -- über dem Wasser war Arbeit, Freiheit und -Achtung des ehrlichen Mannes, über dem Wasser war Land, unermeßlich, -ein neues Leben zu bauen. - -Listige Werber wußten mit bunten Bildern der Wohlfahrt zu locken: die -neue Welt wurde die Hoffnung der alten; Amerika rief die Not und den -Überdruß auf, das Abendland zu verlassen. - -So fing in den Dörfern der Pfalz, in Baden und Schwaben, in Bayern, -Sachsen und Preußen die Auswanderung an zu rinnen, und ging als ein -Strom in das Meer bei Hamburg und Bremen. - -Felder und Wiesen, seit Urvätertagen mit Saat und Ernte gesegnet, -wurden vergantet; Stall und Garten und Vieh, vertraut wie die Berge -und Bäche, das Haus und der Hausrat, ererbt von den Eltern und ihrer -Erinnerung voll: alles, was Fleiß, Sorge und Hoffnung der Heimat -verband, die Gräber, mit Ehrfurcht gepflegt, wurde verlassen. - -Anders als einst, da die Stämme mit ihrer Wagenburg zogen, war nun -die Ausfahrt; das Dorf blieb stehen mit seinen Häusern und Nachbarn, -nur der Mann mit den Seinen ging fort aus der Sippe; der Einzelne, -verdrossen und fremder Lockung verfallen, verließ die Gemeinschaft. - -Nicht länger mehr sollte das Schicksal der Väter über ihm sein, -dem fremden Landfahrer gleich wollte der einzelne Trotz das eigene -Schicksal beschwören, in der neuen Welt die Wohlfahrt zu finden, die -ihm die alte versagte. - -Einzelne nur verließen so harten Mutes die Heimat, aber Tausende kamen -nach Bremen und Hamburg; da standen die Schiffe, für andere Fracht als -Ballen und Säcke und Tonnen gerüstet; da saßen die Reeder an ihren -Tischen, aus solcher Fracht üblen Lohn zu gewinnen. - -Gewinnsucht und Händlersinn sahen nur das Geschäft und ließen die -Menschlichkeit leiden: wohl hatten die Schiffe im Oberdeck Säle und -reiche Kabinen, unten im Zwischendeck wurde den Armen die Fahrt über -das Wasser zur Hölle. - -Aber die Höllenfahrt war nur das Tor in die Welt, die mit grellem -Schein lockte, weil sie voll Dunkelheit war; Gewinnsucht und -Händlergier blieben an ihre Fersen geheftet, und Viele mußten im Elend -verderben, bis Einem die Fahrt glückte. - - -Die schlesischen Weber - -Sie woben die Leinwand wie ihre Väter, sie waren fleißig und fluchten -dem Webstuhl nicht, darin sie um kargen Verdienst saßen, wie das -Eichhorn im Tretrad die flinken Füße vertritt. - -Aber dann kam die Fabrik und schnallte den Webstuhl an ihre Maschinen; -da schnurrten die Räder und sausten die Spindeln, wie nie ein Weber -sein Schiffchen zu werfen vermochte; da wurde die Leinwand wohlfeil und -drückte den kargen Verdienst, bis er ein Hungerlohn war. - -Sie aber hatten nichts auf der Welt als den Webstuhl, sie lebten vom -Lohn ihrer mühseligen Arbeit und sahen ihr ärmliches Dasein verloren: -der Mangel wurde zur Not und die Not zur Verwünschung der neuen -Fabriken und ihrer wohlhabenden Herren. - -Als Mißwachs und Dürre das Brot teuer machten, als der Hunger mit -hohlen Backen herum ging, als den Müttern das Kind an den welken -Brüsten verdarb: stand fiebernden Auges die Kreatur auf, ihren Jammer -zu rächen. - -Das Stroh sei wohlfeil und Häcksel zu essen nahrhaft genug für die -Weber! höhnte ein satter Fabrikant, aber das Wort war Feuer in Zunder -geworfen; sein reiches Haus mußte den frechen Hohn büßen; und wie es in -Peterswaldau geschah, so drohte es bald allerorten. - -Rache den Reichen, Feuer ihren Fabriken! so raste das schlesische -Fieber; aber die hohe Regierung in Breslau zögerte nicht, die Krankheit -zu dämpfen. - -Soldaten des Königs von Preußen mit blanken Helmspitzen und scharfen -Gewehren marschierten auf harten Befehl; sie schossen und halfen der -Not, den Kirchhof der Weber zu füllen. - -Einen Dom in Berlin zu bauen, reicher und schöner, als ihn die alte -Herrlichkeit kannte, plante der König, indessen in Schlesien solches -geschah: einen Dom im Namen der Liebe, die unter den Armen und -Mühseligen suchte, aber den Tempel zerbrach. - - -Die Fabrik - -Seit urgrauer Zeit liehen Wasser, Feuer und Wind dem Menschenwerk ihre -Kräfte; nun kam der Dampf in die Hände der Menschen, das stärkere Kind -aus Wasser und Feuer. - -Mühlräder pochten und mahlten, die Segel blähten im Wind übers Meer, -wenn er nicht schlief: es war ein friedliches Tun der elementarischen -Mächte, dem Menschen zu helfen, starkes Behagen gütiger Kraft. - -Aber der Dampf diente dem Menschen nicht frei, in eisernen Kesseln, -Röhren und Kolben gefangen wurde das luftige Kind aus Wasser und Feuer -ein Dämon, Knechtsarbeit zu tun und zu zeugen. - -Zischend sprangen die Kolben vor seinen zornigen Stößen, Schwungräder -sausten und flackernde Treibriemen brachten die wilde Bewegung auf -Spindeln, Spulen, Sägen, Hämmer und Zangen. - -Es war ein friedloses Tun und ein Teufelswerk tückischer Kräfte; denn -die Natur, listig und grausam bezwungen, sparte der Arbeit wohl Hände, -aber sie band den Menschen an die Maschine und machte ihn, der sich ihr -Herr dünkte, zu ihrem Knecht. - -Sie brachte den Mann in die Fabrik: wo Weide und Ackerfeld war, wo -Wiesenluft wehte, starrte ihr düsteres Werk mit rußigen Wänden und -rauchenden Schornsteinen; wie eine ewige Brandstätte stand ihre Unnatur -da. - -Früh, wenn die Sonne den Tag weckte, rief das schrille Getön der -Sirene die Männer in ihre Tore; rund aus den Dörfern kamen sie her, wo -Frauen und Kinder den Vater nicht sahen, bis er am Abend -- schmutzig -und schwer von der Arbeit -- seinen Schlaf zu tun für kurze Stunden -heimkehrte. - -Der einmal der Feldarbeit folgte, mühsam und karg, war ein Fabrikler -geworden, dem eigenen Dasein entfremdet und seiner Lohnarbeit nicht -mehr durch Saat und Ernte verbunden; denn die Maschine regierte die -Arbeit; er war ihr Knecht, wie der Fabrikherr ihr Nutznießer war. - -Wohl aber dem, der am Abend noch heimkehrte; andere lockte der Lohn in -die Stadt, wo keine Felder mehr waren, keine Bäche und Berge mit Wiesen -und Wolkenschatten, nur Häuser und finstere Gassen, dem Elend gebaut. - -Heimat und Herkunft gingen verloren um einen Lohn, der den Mann und die -Seinen an die Maschine verkaufte; Heimweh und Hunger, hündische Furcht -und hündischer Haß hießen die höllischen Herren in seinem entwurzelten -Leben. - - -Wilhelm Weitling - -Die aber noch Handwerker hießen, alle die Schneider, Sattler, -Schuster, Schreiner, Schlosser und Bäcker, die als Gesellen zu keiner -Meisterschaft kamen, Straßen und Herbergen füllten und landfahrend dem -Gefängnis nicht unvertraut waren, vermehrten den Troß der Fabrikler. - -Einmal der Zunft untertan und dem Zwang harter Gesetze, aber behütet -in ihrer Gemeinschaft und ihrer Herkunft anders als um den Lohn der -täglichen Arbeit verpflichtet, waren sie fahrendes Volk und vogelfreie -Gesellen der Straße geworden. - -Sie hatten frechere Dinge erfahren, als die aus den Dörfern; demütig -zu dulden, stand ihnen nicht an; wo ihnen die Suppe nicht schmeckte, -saßen sie auf und warfen den Löffel der Meisterin hin. - -Sie glaubten den Priestern nicht mehr, daß dies die einzige Ordnung der -Welt, und glaubten der Obrigkeit nicht, daß sie gottgewollt sei; sie -sahen den Reichtum über die Armut regieren, und sahen den Teufel des -Goldes als Zwingherrn jeder Abhängigkeit. - -Er wußte den goldenen Klumpfuß klug zu verstecken, aber in jedem -Besitz, im Land, im Haus, in den Maschinen, überall wo er um Lohn die -Menschenhand brauchte, war seine heimliche Hölle. - -Er teilte die Menschheit schärfer als Völker und Rassen und Kirchen -in Herren und Knechte; die Seinigen konnten die Freuden des Lebens -genießen, den andern blieb seine Mühe. - -Damit sie nicht murrten, machte die Kirche den Armen das Tor der ewigen -Seligkeit auf, das irdische Leid zu bezahlen mit ewiger Freude; aber -- -so höhnten die Handwerksgesellen -- Kirche und Klumpfuß hatten den Pakt -miteinander gemacht, den Armen ein besseres Jenseits zu malen, damit -sie das schlechtere Diesseits betrogen ertrügen! - -Wie zu den Armen im römischen Reich des Augustus das Evangelium kam, -so ging die neue Botschaft durchs Abendland hin und war den Armen ein -heimliches Licht, aus der Nacht in den Morgen zu leuchten. - -Nicht erst im Himmel der Priester dürfe das Reich der Gerechtigkeit -kommen, hier auf der Erde müßte es sein: Armut und Reichtum, Herren- -und Knechttum würden verschwinden, wenn nicht mehr der goldene Klumpfuß -der Hölle die Menschen beherrschte. - -Und wie die Apostel im Römerreich gingen die Sendlinge um, mit -heimlicher Botschaft die Herzen zu wecken, Flüchtlinge nur vor den -Gewalthabern der Zeit, verfemt und verfolgt, aber geliebt von den -glühenden Herzen, die ihre Botschaft vernahmen. - -Wilhelm Weitling, ein Schneidergesell aus Magdeburg, fand in der -Schweiz eine sichere Zuflucht; da schrieb er die Schriften, die -heimlich gedruckt und verbreitet, Flugfeuer waren. - -Kein Testament, kein Psalter und kein Gesangbuch wurden so glühend -gedeutet und wurden so heimlich am Herzen getragen wie seine zerlesenen -Blätter, darin die uralte Lehre der Gütergemeinschaft wieder zu Wort -kam. - -Eigentum haben hieß Hehler und Dieb sein, hieß sträflich Güter der -Erde besitzen, die allen gehörten; Eigentum haben hieß Armut und -Knechtschaft beschwören; Eigentum haben hieß weder Christ noch Mensch -vor der wahren Gerechtigkeit sein. - -Es war nur ein Schneidergesell, der so lehrte, und Handwerksgesellen -trugen die Lehre ins Land; aber er rührte tief an die Not der Enterbten -und rief dem Reich Gottes uralte Hoffnungen wach. - - -Das junge Deutschland - -Zum andernmal taten die raschen Franzosen zuerst, was die andern -Völker zu tun gewillt waren; sie warfen dem letzten Bourbonen den -Gottesgnadenthron um und riefen den Orleans her, König von Frankreich -im Namen der Bürger zu heißen. - -Da riß ein Loch in das Metternichnetz; der Wind blies scharf um die -Kronen und Krönchen; aus mancher fürstlichen Hand fiel das Zepter. - -Romantik hatte das Reich regiert, seitdem die Fürsten das Volk um die -versprochene Freiheit betrogen; Romantik hatte gebaut und geredet, als -ob bauen und reden die alte Herrlichkeit wäre; Romantik hatte Junkern -und Pfaffen noch einmal das alte Herrenkleid angetan. - -Nun aber wollte der Tag nicht länger das Prunkkleid der Vergangenheit -tragen; der Menschengeist, müde und matt der ewigen Plage, wollte sich -selber genug sein als Bürger der Erde. - -Die blaue Blume blieb welk und entzaubert in seiner Wirklichkeit -stehen; die Dichter dachten Rufer im Streit, Fechtmeister der Zeit und -Führer der grollenden Völker zu werden. - -Es waren spöttische Geister, die so aus der alten Zeit gingen, -Klopffechter der Wahrheit, Schellenträger des gesunden -Menschenverstandes. - -Gemeinsamkeit war das Schicksal der Menschheit, war ihre Hoffnung und -Inbrunst gewesen: ihnen jedoch sollte der einzelne Mensch die eigene -Glückseligkeit sein. - -Sie waren witzig und scharf und vermessen; sie hieben und stachen, -wo sie die alte Zeit fanden; sie hießen den Staat und die Kirche das -Zwiegespann aller Tyrannei; sie haßten Junker und Pfaffen und ihren -gehorsamen Diener, den frommen Geheimrat. - - -Drei Dichter - -Drei Dichter sangen der stürmischen Zeit die Gesänge; sie waren der -Mund ihrer Not, der Geißelhieb ihrer Enge, der Posaunenton ihrer -Hoffnung. - -Heinrich Heine, funkelnd von Witz, grollend von Hohn und der süßesten -Liedergewalt mächtig, ließ über den Rhein sein Feuerwerk blitzen. - -Dem Juden aus Düsseldorf konnte das dumpfe Deutschland der Fürsten und -ihrer Minister nicht Lebensluft sein; auch war die rheinische Heimat -an Preußen gefallen, und preußisch sein hieß seinem Hohn, hinter -vergitterten Stuben gefangen sitzen. - -So war er in Frankreich verbannt und wurde als Emigrant fast ein -Franzose, nur seine Feder hielt ihn mit Deutschland verbunden. - -Er hatte sie besser brauchen gelernt als seine Genossen; wie -seine unstete Seele nicht Heimat und Ruhestatt fand, wie sein -buntschillernder Geist die Grenzen der Menschheit abirrte, wie er sein -Leben stets in den Augenblick stellte, aber als Kind seiner Stunde -der ewigen Unrast bewußt war: das alles konnte die Feder dem Leser in -witzigen Worten hinschreiben. - -Und weil er in gallischer Lebensluft ging, indessen der Leser im -Spinnennetz Metternichs saß, wehte mit seinen Worten die Freiheit über -den Rhein, der fremdeste Vogel im Dasein der Deutschen. - -So rührte der schmerzlich unselige Dichter die Herzen; seine Lieder -wurden gesungen, seine Verse geseufzt, sein Witz sprang wie ein -Feuerbrand über, sein Spott warf dem frommen Geheimrat das Tintenfaß um. - -Nie schrieb eine Feder so ihrer Zeit die Gefühle, wie Heinrich Heine -der Jude aus Düsseldorf tat, der in Paris unselig krank in seiner -Matratzengruft lag, seiner Krankheit noch spottend, bis ihn der Tod von -seinem Leiden und Leben erlöste. - -Anders als Heine war Herwegh ein Sänger der Freiheit; er glaubte an -seinen Stern, wie nur ein Schwabe zu glauben versteht, und trotzte -dem Schicksal, als es den Stern vor der Zeit sinken ließ, wie nur ein -Stiftler aus Tübingen Gott und der Welt Trotz bieten kann. - -Gedichte eines Lebendigen hieß er den Band seiner Gesänge, die, eine -Botschaft der Freiheit, Deutschland durcheilten; Blumen und Jubel -beschütteten seinen Weg, als er, den Sängern der alten Zeit gleich, von -Stadt zu Stadt zog, seine Harfe zu schlagen. - -Er war noch ein Jüngling, als Herwegh solches geschah, und gern genoß -er den Ruhm, Dichter der Freiheit zu heißen; sie war der einzige Ton -seiner Harfe: als er ein Mann und ein Greis wurde, waren die Saiten -noch zornig gespannt, aber die Freiheit war tot und sein Ruhm lag mit -ihr begraben. - -Der Dritte aber war wild und vulkanisch und in der Tiefe der großen -Gestalten und starken Gedanken gewachsen. - -Indessen der Ruhm seiner Genossen von Mund zu Mund ging, indessen -Herwegh als fahrender Sänger der Freiheit die Könige schreckte und -Heine den funkelnden Witz aus Paris über den Rhein blitzen ließ, war -Georg Büchner aus Darmstadt, kaum daß er kam, schon wieder gestorben. - -Er hatte in Straßburg studiert und war nach Gießen gekommen, trunken -der neuen Zeit und kaum seiner wilden Leidenschaft mächtig, als ihm -sein trotziger Wahlspruch: Frieden den Hütten, Krieg den Palästen! die -Heimat verwirkte. - -Als Flüchtling in Straßburg und Zürich konnte er noch mit fiebernden -Händen den ersten Beginn seiner Dichtung erraffen, dann holte der Tod -den Feuergeist heim in den Abgrund der ewigen Dinge. - -Wie ein Sonnenwendfeuer war dem Jüngling sein Leben verbrannt; er -konnte nur Flamme, nicht Mensch und Bürger oder gar Untertan sein; als -seine Freunde den Feuerplatz fanden, lagen noch glühend in seiner Asche -die wenigen Dinge, die das Erbgut des Jünglings ausmachten. - -Ein einziger Band konnte sein ganzes Dichtwerk umfassen, aber es -blinkte wie Stahl, im Feuer geglüht. - - -Metternichs Ende - -Zum andernmal hatten die raschen Franzosen den König auf Reisen -geschickt, aber nun stürzte der Thron hinterher: Frankreich war -Republik, und diesmal wollte der Bürger im Reich nicht länger -Fürstenknecht heißen. - -Wo ein Fürstenhof war, ein Schloß und eine Wache im Schilderhaus, kam -er in Scharen; und wie er sein Vivat gerufen hatte, so rief er nun nach -Verfassung. - -Die Fürsten samt ihren Schranzen erschraken, daß draußen das Volk -stand und schrie; sie hörten die Trommel der Bürgerwehr und hörten den -Aufruhr der Glocken; sie waren noch immer gewarnt durch das Fallbeil -und gaben dem Volk die Verfassung. - -Da wurde das Volk wieder der Untertan, dem ein Glück widerfuhr, -wenn sein Fürst am Fenster erschien; da wurden die Kappen und Hüte -geschwenkt, da wurde Vivat gerufen; ein mannhafter Trunk auf die große -Zeit brachte den Bürger ins Bett, von der goldenen Zukunft zu träumen. - -So war es in Baden und Hessen, Hannover und Sachsen, Bayern und -Württemberg, so war es in Schleiz und Greiz und all den Plätzen -reichsfürstlicher Erbherrlichkeit; die alten Minister von Metternichs -Gnaden wurden ungnädig entlassen und neue berufen, das Volk zu -beglücken. - -Und wie es dem Netz geschah, geschah es der Spinne: sie war die -Vollmacht der Fürsten gewesen und die Allmacht für den Geheimrat, sie -hatte ein halbes Jahrhundert gelähmt mit der List und Furcht ihrer -Fäden; nun waren die Fäden zerrissen und alle Welt sah, was für ein -klägliches Wesen darin saß. - -Der auf dem Wiener Kongreß die Völker Europas mit ihren Fürsten betrog, -der den deutschen Bund machte und das Ränkespiel der heiligen Allianz, -der Liebling der Damen und Stern der Wiener Gesellschaft: war längst -ein zittriger Greis und stocktaub; gleich einem Dieb in der Nacht mußte -Metternich fliehen. - -Der Kaiser aber fuhr durch die brausenden Straßen von Wien und nickte -gnädig der siegreichen Bürgerschaft zu; er schwenkte sein Fähnchen -schwarz, rot und golden: die Farben, gestern noch Hochverrat, hielt nun -der Habsburger selber in Händen. - - -Der achtzehnte März - -Am selben Tag, da der Habsburger Kaiser mit seinem Fähnchen schwarz, -rot und golden durch Wien fuhr, stand in Berlin der König von Preußen -auf seinem Balkon, das dankbare Volk zu empfangen. - -Er sah die Ernte aus seinen Reden aufgehen, aber das Unkraut verdroß -ihn; von Gottes Gnaden hatte sein Schwarmsinn das preußische Volk -beglücken gewollt, nun rief es mit Ungeduld nach einer Verfassung. - -Anders, als da er zum Lustgarten sprach, drängte die Menge; wohl -wurden die Hüte geschwenkt und die Kappen, aber dicht um das Schloß -standen Soldaten mit scharfem Gewehr: als die Bürger noch riefen und -schwenkten, fielen zwei Schüsse. - -Keiner wußte den Schützen, und keiner wurde getroffen, doch das Volk -schrie Verrat; die Bürgerschaft floh; die mit den Kappen liefen nach -Waffen; Barrikaden sperrten die Straßen rings um das Schloß, und als -der Nachmittag kam, hallte die Stadt von den Schüssen. - -Der Abend des achtzehnten März sank über Berlin, und der Mond warf -sein Licht auf die Dächer, aber der Straßenkampf hörte nicht auf, sein -höllisches Feuer zu brennen; Sturmgeläut, Hornruf und Hurra der Truppen -und Aufruhrgeschrei gellten hinein und der Feuerschein brennender -Häuser. - -In der zweiten Stunde der Nacht wurde dem König das Herz schwer; er -zog die Soldaten zurück und ließ die Bürgerwehr schalten: so wurde der -blutige Aufruhr gestillt, aber die Toten weckte kein Königswort mehr. - -Als die Reihe der Särge am dritten Tag gegen das Schloß kam, stand der -König zum andernmal auf dem Balkon, barhaupt und schweigend, von vielen -gehaßt und von keinem geachtet; sein romantischer Sinn, mit tauben -Wünschen und Worten befrachtet, blieb in der Gegenwart stumm. - -Er war am Tage zuvor durch die Straßen geritten, Prinzen, Minister, -Generäle in seinem Gefolge, schwarz, rot und golden bebändert, als -ob der Burschenschaftstraum von der Wartburg, als ob das deutsche -Vaterland in Preußen Wirklichkeit wäre. - -Nur einer war trotzig beiseite geritten, der Bruder des Königs, Prinz -Wilhelm geheißen, von vielen gehaßt und von keinem verachtet, weil er -ein Volksfeind, ein schwarzweißer Preuße, aber ein Mann war. - - -Hecker - -Die Fürsten, um ihre Throne besorgt und erschrocken vor wilden -Gerüchten, verhießen den Völkern Verfassung; aber die Väter hatten den -Wortbruch des Fürsten zu bitter bezahlt. - -Nicht alle Bürger schwenkten die Hüte, und aus den Tiefen des Volkes -grollte ein Ton, der andere Dinge als neue Minister, neuen Betrug und -neue Verfolgung begehrte. - -Noch immer tagte der deutsche Bund, noch immer gab es kein Vaterland, -nur Länder der Fürstengewalt; sollte ein deutsches Vaterland werden, -mußte das Reich zuvor von der Habsucht, Willkür und Eitelkeit seiner -Fürsten befreit sein. - -In Baden sollte der Kehraus der Fürsten beginnen, und Hecker, der -Fürsprech aus Mannheim, die Feder am Hut, wollte der Herold und eiserne -Besen der deutschen Volksherrlichkeit werden. - -Über den nächtlichen Rhein kamen die Scharen derer zurück, die in der -Schweiz und in Frankreich, der Heimat verdrossen, Flüchtlinge waren; -sie wollten ihr Leben einsetzen, daß endlich ein deutsches Vaterland -würde. - -Auch Herwegh, die feurige Zunge der Freiheit, kam wieder aus der -Verbannung; und kühnere Worte hatte der deutsche Bund nicht gehört, als -da der Schwabe den Brief an sein Vaterland schrieb. - -Von Süden und Westen brachen sie ein und waren zwei Tage lang Wort und -Gewalt im badischen Oberland; dann kamen die Truppen des Bundes aus -Hessen, Bayern und Schwaben und bliesen das Strohfeuer aus. - -Sie trugen die Feder am Hut und die Freiheit im Herzen, die Truppen -der Bundesgewalt trugen nur ihr Gewehr: in einer einzigen Stunde bei -Kandern schossen sie Feder und Freiheit zu schanden. - -Feder und Freiheit ließ Hecker dahinten, sein Leben zu retten; so -hitzig sie suchten, sie fingen ihn nicht, so gern sie es wollten, sie -konnten den Fürsprech aus Mannheim nicht hängen. - -Wie eine Hummel summte das Heckerlied hin über die Straßen und Dörfer, -der deutschen Republik dennoch die Herzen zu wecken. - - -In der Paulskirche - -Indessen im Reich solches geschah, indessen sich Groll, Blut und -Haß mit Narrheit und Niedertracht mischten im fressenden Brand der -Empörung, brach aus den Herzen der Guten die Flamme; die deutsche Seele -erwachte und wollte das Land der Väter erneuern in freier Gestaltung. - -Aus allen Gauen der deutschen Gemeinde kamen die Männer nach Frankfurt, -gewählt durch die Stimme des Volkes, dem Vaterland eine Verfassung, -eine Gewalt, ein Gesetz und eine Freiheit zu bringen. - -Die Glocken der alten Kaiserstadt schwollen zu mächtigem Klang; Fahnen -und Blumen und jubelndes Volk war um die Männer, als sie vom Römer zur -Paulskirche gingen, das deutsche Parlament zu beginnen. - -Endlich war Wirklichkeit da, wo die Sehnsucht schon nichts mehr -erhoffte; grau und gebeugt standen die Männer, die einmal Befreier des -Vaterlandes hießen von einem Tyrannen, um ihrer mehr zu gewinnen, als -Höfe und Landesherren waren: sie sahen den Tag und weinten. - -Denn nun war das Wunder des Dichters geschehen: von der Maas bis zur -Memel, von der Etsch bis zum Belt waren die Deutschen gekommen, und -keine fürstliche Willkür konnte sie hindern; die Bundesgewalt mußte den -Spruch der Paulskirche hören. - -Daß ihr Spruch selber die Bundesgewalt sei, wählten die Männer Johann -von Österreich als ihren Verwalter; sie hießen ihn Reichsverweser und -gaben ihm Vollmacht, Minister des Reichs zu ernennen; sie aber wollten -im Namen des Volkes das Haupt und Herz der Reichsgewalt bleiben. - -Das Reich solle sein wie ein Dom, sprach Uhland, der mannhafte -Dichter aus Schwaben: Österreich und Preußen die ragenden Türme über -den Türmchen und Wimpergen der kleineren Staaten, alle gegründet im -Fundament der starken Domeinheit. - -Und als dann wieder ein Domfest war zu Köln am Rhein, trank der König -von Preußen den wackeren Bauleuten zu und ihrem Baumeister, dem -Erzherzog am Dombau der Deutschen. - -Alles schien herrlich gerüstet, aber die Werkleute wußten, daß ein -gefährlicher Sprung die ragenden Türme entzweite, daß nur ein Notdach -war statt einem Gewölbe, und daß durch die Fenster des Königs von -Bayern, mit großer Gebärde gestiftet, das neue Licht allzu bunt in den -ehrwürdigen Raum fiel. - - -Malmö - -Schleswig-Holstein meerumschlungen! sangen die Kinder und Greise in -Deutschland, da die Landstände in Kiel ihrem Herzog, dem König der -Dänen, den Gehorsam absagten. - -Ewig ungeteilt sollten Schleswig und Holstein zueinander gehören -- so -hatte der Spruch der Belehnung vierhundert Jahre gegolten -- nun wollte -der dänische König und Herzog für Holstein eigene Stände gewähren, -Schleswig sollte für immer dem dänischen Staat zugeteilt sein. - -Aber das Volk diesseits und jenseits der Eider war deutsch und wollte -im neuen Vaterland bleiben, statt einem fremden Herrn zu gehören; so -kamen die Boten nach Frankfurt, Hilfe für Schleswig-Holstein zu holen. - -Die Männer in Frankfurt hießen die Boten willkommen; als ob noch einmal -die große Zeit käme, strömten Freiwillige zu, den deutschen Brüdern -gegen die Dänen zu helfen; auch der Bundestag wollte nicht fehlen und -gab seine Vollmacht dem König von Preußen. - -Da konnte die preußische Garde marschieren, und Wrangel, ihr zorniger -Feldherr, konnte nach Herzenslust schießen und schlagen: Aprilwetter -war, da die Truppen auszogen; schon am zweiten Mai stand ihre Übermacht -siegreich in Jütland. - -Aber die Dogge bekämpfte den Seehund; auf ihren Inseln saßen die Dänen -geschützt vor den Preußenkanonen; ihre Kriegsschiffe plagten die -wehrlosen Küsten, sie fingen die Schiffe und schossen die Städte in -Brand; und ob der zornige Wrangel in Jütland den Wallenstein spielte, -sie ließen nicht ab und höhnten den täppischen Sieger. - -Denn hinter Dänemark standen drohend die Mächte: England und Rußland -hielten dem dänischen König die Arme, bis der Waffenstillstand von -Malmö der Dogge den Fang nahm. - -Die preußische Garde mußte noch einmal durch Schleswig-Holstein -marschieren; Wrangel, ihr zorniger Feldmarschall, konnte nicht mehr -nach Herzenslust schießen und schlagen: die Sieger vom Mai kamen im -Sommer betrogen zurück. - -Die Männer von Frankfurt wollten den Pakt von Malmö verwerfen, die -Paulskirche dampfte von glühenden Reden, durch das deutsche Volk lief -der Zorn seiner Schwäche. - -Denn nun sahen alle, daß noch kein Vaterland war: der König von Preußen -hatte den Frieden gemacht, als ob kein Parlament wäre; die Männer von -Frankfurt mußten sich beugen, weil ihr Beschluß keine Macht, ihre Rede -keine Waffe, ihr Verweser kein Kaiser über der Fürstengewalt war. - - -Die Kaiserwahl - -Deutschland wollte ein Vaterland werden, weil es ein Volk war; aber der -Habsburger Rest der alten Reichsherrlichkeit hing ihm das Schneckenhaus -seiner undeutschen Völker an: Polen, Magyaren, Slovenen, Italiener, -Tschechen, Ruthenen waren der Hofburg in Wien untertan. - -Großes Schicksal hatte der Kaisergedanke über die Deutschen gebracht, -und die alte Reichsherrlichkeit war der Traum der Romantik gewesen: nun -die Männer in der Paulskirche das deutsche Haus bauen wollten, stand -ihnen der Rest des Reiches im Wege. - -Sie hatten an der Vielheit der Fürsten genug und waren keiner Vielheit -der Völker bedürftig; von der Maas bis zur Memel, von der Etsch bis zum -Belt waren sie im Namen der deutschen Stämme nach Frankfurt gekommen, -die deutsche Einheit zu bauen. - -Sie bauten am Dom der deutschen Verfassung, und als die Märztage -jährten, war das Gewölbe geschlossen: ein Volks- und ein Staatenhaus -sollten den deutschen Reichstag darstellen, ein Erbkaiser sollte der -deutschen Einigkeit Schildhalter sein. - -Die besten Männer des Volkes hatten das Werk mit dem unbeugsamen Mut -ihrer Meinung vollendet, sie hatten gedacht und geglüht und gestritten, -und niemals war deutscher Geist so tätig am Vaterland als in der -Paulskirche zu Frankfurt. - -Als dann die Kaiserwahl war, sprachen die Männer aus allen Gauen -und Ständen echter und rechter die Stimme des Volkes, als je die -Heerschilde taten; die stürmische Zeit hielt in der Paulskirche zu -Frankfurt den Stundenschlag an, als die Gemeinde der Freien, uralte -Herkunft erfüllend, sich selber zum Kurfürsten machte. - -Sie wählten den König von Preußen als Kaiser; die Glocken begannen zu -läuten wie nie, Böller und brausender Ruf in den Gassen verkündeten -laut, daß endlich wieder ein Reich, daß über den Stämmen und Ständen, -über den Fürsten und Ländern ein Schirmherr des deutschen Vaterlandes -wäre. - - -Der König von Preußen - -Aber der König von Preußen war weder ein Mann noch ein Mut, nur eine -schweifende Rede, er haßte den Geist seiner Zeit und spielte mit -Worten, deren Gedanken ihm mißfällig waren, deren Taten er niemals -vermochte. - -Als ihm die Männer aus Frankfurt die Gabe des deutschen Volkes -darbrachten, schwoll seine romantische Seele im Rittersaal auf, wo er -die Sendung mit großem Gefolge empfing. - -Statt einem männlichen Ja gab er nur eine Rede, die keine Tür schloß -und keinen Weg ging, die alle Herzen verdrießen mußte. - -Nur aus den Händen der Fürsten, nicht aus dem Aufruhr der Völker -- so -ging der Sinn seiner Worte -- könne der König von Preußen die Krone -annehmen. - -So kamen die Männer betrogen nach Frankfurt zurück, betrogen um ihre -Sendung, betrogen um ihren Glauben, betrogen um Deutschlands Geschick. - -Die Völker erkannten, daß ihre Fürsten kein Vaterland wollten; sie -hatten Verfassung und Freiheit versprochen, nun war der Schrecken -vorüber, und sie schickten die Kammern nach Haus. - -Wollten die Fürsten kein Vaterland, so wollte das Volk keine Fürsten! -wollte der König von Preußen die Krone nicht haben, so brauchte die -deutsche Republik keinen Kaiser. - -In Sachsen mußte der König zuerst auf den Königstein flüchten, bald -fing es am Rhein, in der Pfalz, in Baden hell an zu brennen: das -Heckerlied kam wieder auf, den fürstlichen Abschied zu singen. - -Da zeigte der König von Preußen Deutschland sein wahres Gesicht: seine -Soldaten marschierten nach Westen und Süden, den Fürsten zu helfen; -das preußische Strafgericht kam, in Mannheim, Rastatt und Freiburg der -Freiheit anders zu dienen. - -Die Männer von Frankfurt verzagten und gingen nach Haus, nur eine -tapfere Schar blieb auf dem sinkenden Schiff; Uhland der Dichter und -deutsche Mann stand treu und gelassen am Steuer. - -Sie konnten in Frankfurt nicht bleiben und flohen nach Stuttgart, wo -ihnen ein Trommelwirbel die letzte Rede erstickte. - -Der stolze Plan seines Domes wurde Uhland zerrissen; wohl standen die -Türme und Wimperge der Fürsten und ihre Wimpel wehten daran, aber das -hohe Gewölbe brach ein, in seinem Schutt lag die Fahne schwarz, rot und -golden. - - -Olmütz - -Bis an den Bodensee standen die Bataillone des Königs von Preußen, sie -hatten den Fürsten die Throne gerettet und hielten ihr Strafgericht ab -über die Völker. - -Die Schwäche der Fürsten zu nützen, dachte der König von Preußen aus -ihren Händen die Krone zu gewinnen, die er den Männern aus Frankfurt -hochmütig zurück wies: ein Fürstenbund sollte das deutsche Vaterland -werden, und Preußen wollte die Kaisermacht sein. - -Aber in Frankfurt saß, fast vergessen, noch immer Johann, Erzherzog des -Habsburger Hauses und immer noch Reichsverweser geheißen; er mußte der -alten Zeit die Türspalte halten, bis die wachsamen Augen in Wien ihre -Stunde erkannten. - -Nur Bayern und Württemberg zögerten noch, dem preußischen Fürstenbund -beizutreten; schon schien das klügliche Spiel des Königs von Preußen -gewonnen, als Österreich selbstherrlich die alte Bundesgewalt nach -Frankfurt berief. - -Zwei Jahre lang hatten die Völker an ihren Ketten gerüttelt, sie hatten -den Fürsten geglaubt und gezürnt, sie hatten die Glocken geläutet -in Frankfurt, weil wieder ein Reich und ein Kaiser, weil wieder ein -Vaterland war. - -Nun war das Märzenglück aus; wieder wie einst kamen die hohen Gesandten -nach Frankfurt gefahren, wieder wie einst war der deutsche Bund der -Minister über den Völkern. - -Wohl zuckte dem König von Preußen die Hand nach dem Schwert; noch -einmal glaubten die Narren der Hoffnung, dann wurden alle gewahr, was -für ein Irrlicht im Hause des Spötters von Sanssouci wohnte. - -In Olmütz mußte der König von Preußen den Pakt unterschreiben, daß -Habsburg noch immer der Hausherr im deutschen Bund war. - -Über den Aufruhr und über die Wallung des Volkes zur Einheit hatte der -fromme Geheimrat gesiegt; und als er in Wien sein Siegesfest gab, saß -Metternich wieder auf seinem Stuhl, ein stocktauber Greis, und lächelte -nur, daß eine neue Seite im Buch der Minister begänne. - - - - -Das Buch der Preußen - - -Der Ordensstaat - -Hermann von Salza, der die schwarzweißen Ritter des deutschen Ordens -ins Land der heidnischen Preußen brachte, war ein Vertrauter des -Staufers Friedrich II. gewesen, der sich die sizilianische Verwaltung -ausdachte, darin es nicht Stände und Heerschilde gab wie im Reich, -darin nur noch der Untertan war, den die Beamten des Königs regierten. - -Hermann von Salza der Hochmeister suchte, als er mit seinen -Ordensrittern ins Land der Preußen kam, kein Volk, sondern den Raum -seines Staates und brachte den Bauer und Bürger mit, den er als -Untertan brauchte. - -So wuchs sich am Rand des baltischen Meeres ein Herrenstaat aus kraft -seines Schwertes; aber das Schwert stand im Dienst des Kreuzes, und das -Herrentum war eine strenge Pflicht. - -Während der sizilianische Staufer hinschwand wie ein Komet, blieb darum -der deutsche Ordensstaat Hermann von Salzas leben, und wurde der Arm -des Deutschtums, mit dem es weit hinaus in den slavischen Osten griff, -zu herrschen und zu kolonisieren. - -Wo in Sümpfen und Steppen Fischer und Hirten gewohnt hatten, wurden -deutsche Bauern gesiedelt, und um die Burgen der Komthureien wuchsen -die Städte der rheinischen Handwerksleute. - -Wie einen Garten im Ödland, so bauten die Ordensritter den Staat, darin -die gesiedelten Bauern und Bürger den Schutz des Schwertes und die -Gewähr ihrer Verträge hatten. - -Der Staat aber war der Orden allein, und seine Gesetze galten aus -keinem andern Recht als der Ordenspflicht, deren Zuchthalter der -Hochmeister war: darum kannte der Staat der schwarzweißen Ritter kein -Volk, nur Bewohner. - - -Brandenburg - -Des heiligen römischen Reiches Streusandbüchse hießen die Spötter -das brandenburgische Land, als es der Schwabe Friedrich von Zollern, -Burggraf zu Nürnberg, von Sigismund dem Schuldenkaiser bekam. - -Denn die Spree war kein Neckar, und der gerodete Boden zwischen Kiefern -und Seen barg keine Fruchtbarkeit: wie den Wenden das Land, so waren -die kargen Weiden und Felder dem Sand abgerungen. - -Auch hatten die Erbhändel um die askanische Mark ein Jahrhundert -gedauert: Städte und Ämter waren verpfändet; die Rittergeschlechter, -der Landesherrschaft entwöhnt, saßen auf ihren Burgen, dem hergewehten -Schwaben zu trotzen. - -Sollte auf solchem Grund je Wohlstand wachsen, mußten sich harter -Fleiß und härtere Sparsamkeit paaren; nur in der mühsamen Kunst karger -Verwaltung konnten die Hohenzollern in Brandenburg zu Ansehen kommen. - -Als ihnen endlich nach zweihundert hausgehaltenen Jahren das Glück -in den Schoß fiel, als sie das Ordensland der schwarzweißen Ritter -durch Erbschaft gewannen, weil der letzte Hochmeister Albrecht von -Brandenburg ein weltliches Herzogtum daraus gemacht hatte: da war es im -selben Jahr, daß die fressenden Feuer des dreißigjährigen Krieges über -das Reich zu flackern begannen. - -Die schwachen Hände des Kurfürsten Georg Wilhelm zogen wie alle -Schwachheit das Unglück an, und Brandenburg wurde das Blachfeld der -Schweden bis zu dem Tag, da sie nur noch auf Raub am Reich sannen, weil -der Kaisertraum Gustav Adolfs kläglich zerronnen war. - -Als Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst, mit zwanzig Jahren das Land -übernahm, hatte der Krieg Brandenburg wieder zur Öde gemacht: Dörfer -und Fluren lagen vernichtet, und wo noch Stadttore standen, waren die -Häuser verbrannt. - -Elend und Entsetzen wohnte in Hütten und in den Burgen die alte -Unbotmäßigkeit: es war eine magere Erbschaft, die dem Schöpfer des -preußischen Staates zufiel, und alle Hoffnung war ihr bestritten. - - -Der preußische Staat - -Aus brandenburgischer Kargheit und schwarzweißer Ordenszucht wurde -der preußische Staat; als er in Deutschland zur Geltung kam, war er -ein starkes Heer und eine gerechte Verwaltung: nicht ein Volk hatte -sich einen Staat, sondern ein Staat sich das Volk nach seinem Bilde -geschaffen. - -Ob es deutsche Bauernschaft war, die zur Siedlung kam, ob sie aus -Rheinland oder Westfalen, aus Salzburg und Holland stammte: sie hatte -das Urvätertum der Heimat verlassen und war in einen Staat eingegangen, -der eine freundliche Fremde, doch Fremde vorstellte. - -Soviel Hunderttausende zuletzt im Oder- und Weichselgebiet saßen, sie -wären in der kahlen Gemeinschaft eines Heeres und einer Verwaltung -nicht warm geworden, wenn sie nicht ihre Bibel und das Gesangbuch und -Sonntags die Predigt gehabt hätten, darin ihr Leben ein Pilgrimstand -hieß. - -Denn Protestanten waren sie alle, ob sie aus Rheinland oder Westfalen, -aus Salzburg und Holland oder gar aus Frankreich stammten; und der -Staat, der die um ihres Glaubens willen Vertriebenen aufnahm, war es so -sehr, daß Preußen- und Protestantentum zueinander gehörten wie Kirche -und Sonntag. - -Als dann die Tage des unbesiegbaren Königs kamen, der sich im -siebenjährigen Krieg den Ruhm seiner Schlachten holte, sodaß die -Preußen zuletzt vom alten Fritz sprachen, wie man vom Rübezahl spricht: -da wurde es offenbar, daß der preußische Staat seine Kolonisten zu -einem Volk zusammen geschweißt hatte. - -Seit Roßbach und Leuthen gab es ein preußisches Volk, dem die -Kolonie im slavischen Osten eine neue Heimat geworden war; und die -schwarzweißen Fahnen bedeuteten mehr als die kahle Gemeinschaft eines -starken Heeres und einer gerechten Verwaltung. - -Darum, als der Reichsfreiherr vom Stein ein deutsches Vaterland wollte -statt dem Flickwerk der Fürsten, ging er zum König von Preußen, -nicht zum Kaiser nach Wien; und daß sich Deutschland gegen die -Fremdherrschaft des Korsen erhob, war eine Tat des preußischen Volkes. - -Denn in der Not war die Umkehr geschehen, daß der preußische König den -Ruf «An mein Volk» wagte, und nicht nur Preußen hörte den Ruf, sondern -Deutschland gab ihm jubelnde Antwort, weil das Heer durch Scharnhorst -ein Volksheer und die Verwaltung durch Stein die Selbstverwaltung der -Stände und Städte geworden war. - -Aus der Ordenszucht der schwarzweißen Ritter und aus der Kargheit -Brandenburgs war in der Kolonie ein Staat und Volk aufgewachsen, daraus -für Deutschland der Wille und Mut wiederkam, sich gegen das Flickwerk -der Fürsten mit Blut und Eisen zu wagen. - - -Der Keil - -Als Friedrich der Große in Sanssouci starb, hatte der preußische Staat -das Kolonialland im Osten zusammengerafft; seine Gestalt war auf der -deutschen Karte ein breiter Keil, dessen Schärfe mit der Festung -Magdeburg nach Westen gegen den Rhein wies. - -Der Keil des preußischen Staates war angesetzt, das morsche Holz des -Reiches zu sprengen, und hatte den Spalt über Minden schon vorgetrieben -bis Wesel, wo seit dem Großen Kurfürsten die Schildwache Brandenburgs -stand. - -Als die Schere Napoleons dann die Karte Europas zurecht schnitt und vom -Reich nur den Rheinbund, Preußen und Österreich übrig ließ, hatte der -Keil seine Schärfe und Breite verloren: ihm selber war der polnische -Keil bis ins Mark vorgetrieben. - -Aber zum achten Neujahr nach Jena schon ging das preußische Heer bei -Caub über den Rhein, die Schärfe nach Frankreich zu tragen; und wo die -Truppen gegangen waren, saß der Reichsfreiherr vom Stein, das befreite -Land zu verwalten. - -Und ob der Wiener Kongreß mehr Fürsten auf ihre Throne zurück -setzte, als dem Reichsfreiherrn recht war: Preußen hatte die Wacht -am Rhein errungen; von Wesel bis Saarlouis standen die schwarzweißen -Schildwachen. - -Die Rheinprovinz war der Siegespreis, der dem preußischen Schwert -zufiel, weil das Reich der geistlichen Kurfürsten tot war; die Kolonie -kehrte ins Herzland des Reiches zurück, daraus seine Bauernschaft -einmal um des Glaubens willen auszog. - -Im deutschen Volk blieb seit der Romantik ein Raunen: wer den Rhein -hat, der hat das Reich! Seitdem der preußische Keil im rheinischen -Querholz stak, wußte es jedermann: im preußischen Staat mußte das Reich -wiederkommen. - - -Unter den Linden - -Dorothea, die zweite Gemahlin des Großen Kurfürsten, pflanzte die erste -Linde der breiten Straße, die von der Schloßinsel schnurgerade in den -Tiergarten führte; aber das Schloß war noch die düstere Burg an der -Spree. - -Erst Friedrich, der ruhmsüchtige Sohn des Großen Kurfürsten, begann den -gewaltigen Schloßbau, zu dem er den Bildhauer und Baumeister Andreas -Schlüter in seinen Dienst holte. - -Mit zwei sehr großen Höfen warf Schlüter den Grundriß über die Breite -der Schloßinsel hin, und der Größe des Planes entsprach die Kraft einer -barocken Gestaltung. - -Gebändigte Wildheit war alles, was dieser Mann aus seiner großen Natur -zu bauen und bilden unternahm: seine Portale standen als wahrhafte -Königstore am Schloß; und als er dem Großen Kurfürsten sein Reiterbild -auf der Langen Brücke aufstellen durfte, verkündigte es seinen Ruhm mit -dem des Fürsten, weil es das stärkste Sinnbild gebändigter Kraft auf -deutschem Grund war. - -Weder das Schloß noch das Zeughaus, daran die Masken der sterbenden -Krieger in die Ewigkeit starren, durfte Andreas Schlüter vollenden, -weil sein Ungestüm in Ungnade fiel und durch den Schweden Eosander von -Göthe gefällig ersetzt wurde; aber durch seine Wirksamkeit war der -Kunst in Preußen Gewicht und Weisung gegeben. - -Zwar der Soldatenkönig werkelte draußen in Potsdam, und der alte Fritz -wohnte in Sanssouci, das ihm nach seiner Idee Knobelsdorff baute, der -mit seiner großen Leibesgestalt ein Tafelgenosse des Königs, in seinen -Bauträumen ein Künstler von zartesten Gnaden war. - -Ehe Knobelsdorff aber das Märchen von Sanssouci schuf, hatte er den -Berlinern ein Opernhaus hingestellt, darin der Weg aus dem Barock -Schlüters zur preußischen Einfachheit sein erstes Wegzeichen erhielt, -trotzdem es Rokoko war. - -Die seine Zauberhand ablösten, waren die Holländer Boumann, Vater und -Sohn; sie bauten den Dom und die Hedwigskirche, die Universität und die -Bibliothek, wie der alternde König es wünschte und Knobelsdorff nicht -erfüllen konnte: sie bauten sie schlecht und recht nach dem befohlenen -Vorbild, aber mit Haltung. - -Der Weg der preußischen Baukunst führte erst weiter, als der Schlesier -Langhans nach Berlin kam und der Straße Unter den Linden das -Brandenburger Tor vorsetzte mit dorischen Säulen, aber in einer Wucht -und Freiheit zugleich, die für diese Stelle gefühlt war. - -Das Viergespann auf dem flachen Dach bildete Schadow, den sie später -den alten Schadow nannten, der aber damals im Vollbesitz seiner -derb-feinen Bildnerkunst war und in den köstlichen Standbildern Zietens -und des alten Dessauer selber ein Doriker wurde. - -Denn in dieser Zeit geschah das Wunder, daß die Kunst in Preußen den -Weg zu sich selber zurückgelegt hatte, indem sie Natur zwar im Gesetz -der Antike sah, aber mit eigenen Augen. - -Als Friedrich Gilly, der Jüngling, lehrend und kühne Beispiele -zeigend, das kurze Gastspiel seines Lebens gab, da schienen die Musen -dem Preußentum zugeneigter, als sie es sonst im Reich waren. - -Schinkel, sein Schüler, durfte die Hauptwache als das höchste Beispiel -preußischer Baukunst hinstellen: Wiedergeburt der Antike aus eigener -Vollmacht. - -Als er den Lustgarten mit der Säulenhalle des alten Museums abgeriegelt -und durch die Schloßbrücke mit der Prunkstraße Berlins verbunden hatte: -da war die Flucht unter den Linden vom Brandenburger Tor bis zum Dom -die schönste Straße in Deutschland und eine der schönsten der Welt. - - -Berlin - -Während Weimar der deutsche Musenhof wurde und Jena sich rühmte, die -Wiege der deutschen Romantik zu sein, blieb die Stadt an der Spree -stumm; so volkstümlich der alte Fritz war, so abseits der deutschen -Bildung stand der Spötter von Sanssouci. - -Weder Lessing noch Winckelmann fanden ein Amt im preußischen Staat, dem -der eine nach seiner Natur, der andere nach seiner Geburt angehörte; -erst, als Berlin die Rüstkammer der vaterländischen Bewegung wurde, -fing der deutsche Geist an, eine preußische Wohnung zu haben. - -Fichte hielt seine Reden an die deutsche Nation in Berlin, und Heinrich -von Kleist war der preußische Gegenwurf zu der Botschaft von Weimar. - -Und als die Erhebung verrauscht, als Deutschland durch Preußen befreit -war, trat Hegel, der Kanzelredner des Staates, die Nachfolge Fichtes an. - -Er baute den Raum der Vernunft so umfänglich aus, daß alles darin -seinen Platz fand, und baute ihn so mit logischen Klammern befestigt, -daß keine Unordnung des Geistes mehr den Weltenplan störte. - -Gleich einem Propheten des alten Bundes bewahrte er der neuen Vernunft -das Siegel, ohne das keine Wissenschaft gültig war. - -Die Philosophie, aus dem Latein Leibnizens in den mühsamen Perioden -Kants eine deutsche Tatsache geworden, dachte nicht mehr Begriffe, -sie glaubte Leben zu denken; und daß sie es dunkel tat, lag im Logos -beschlossen, dahinein sie den Tag tauchte. - -Daß neben dem Propheten der Held nicht fehle, kam mit seinem -europäischen Ruhm Alexander von Humboldt nach Berlin zurück, der ein -neuer Napoleon war, die Welt zu erobern, und der unter allen Männern -seiner Zeit der gefeiertste war. - -Daß er und sein Bruder Wilhelm, der Minister, daß die beiden Humboldt -durch den Berliner Tag gingen, gab ihm einen Stundenschlag, der in -Europa gehört wurde. - -In diesem Stundenschlag verschwand für die Menge, aber es war den -Guten bewußt, daß in Berlin die Serapionsbrüder des Kammergerichtsrats -Hoffmann schwärmten, daß im botanischen Garten Chamisso saß, der -Dichter des Peter Schlemihl, daß Achim von Arnim mit seiner Bettina -gern von Wiepersdorf in die Stadt kam, und daß die Rahel dort ihren -Salon hatte. - -Der gute Geist aber, der sie alle kommen und gehen sah, die in Berlin -für kurze oder lange Zeit ihr Nest bauten, hieß Schleiermacher; und -wenn den Karlsbader Beschlüssen zum Trotz der deutsche Geist sich nicht -mehr aus seiner preußischen Wohnung vertreiben ließ, war Schleiermacher -ihm der getreue Eckart. - - -Der Schillertag - -Um die Lebendigen war eine Leere, und Gras wuchs über das große -Gedächtnis; die Zeit der deutschen Bildung begann, aber die Bildung -hatte bei Gellert zu Abend gegessen und dreist Goethes Schlafrock -angetan. - -Glauben und Glück gingen am Sonntag spazieren; die Kunst als Pudel der -Bildung spaßhaft geschoren, sprang nebenher. - -Das war die Zeit, da Beethoven einsam sein Alterswerk schrieb, indessen -der Freischütz dem Bürger das Morgen- und Abendlied wurde. - -Das war die Zeit, da fleißige Maler der Bildung Romantik ins Album -malten, da die Sehnsucht der Sänger nur noch die Wohllust der -häuslichen Herrlichkeit war. - -Da Ludwig Richter um die Gestalten der Märchen und Sagen sein liebes -Rankenwerk machte, da jeder Malergesell ein Taugenichts wurde von -Eichendorffs Gnaden. - -Das war die Malkastenzeit, da die Stadt an der Düssel sich ihrer -Gärten und Künstlerschaft rühmte, da der Rhein eitel Mondschein und -Becherklang war. - -Da die Raffaeliten in Remagen ihre blasse Frömmigkeit malten und -Rethels herrliche Hand, die den Totentanz machte, an den Bildern im -Aachener Kaisersaal traurig verdorrte. - -Da Kaulbach ein neuer Michelangelo wurde, bis endlich Piloty, der -deutsche Tizian kam, seinen unsterblichen Ruhm unsterblicher zu -verdunkeln. - -Das war die Zeit, da Schillers Geburtstag zum hundertsten Mal jährte. - -Der Goethetag war eine verborgene Feier gewesen, ein Sternbild über dem -stummen Land; der Schillertag wurde das rauschende Fest seines Volkes. - -Den Sänger der Freiheit hießen sie ihn, und weil die Freiheit im -deutschen Bund eingesargt war, kam die deutsche Bildung mit Kränzen und -Fahnen, mit Böllern und Glockengeläut, mit Reden und Männergesängen, -das Grab der Freiheit zu feiern. - -Um die Lebendigen war eine Leere, und Gras wuchs über das große -Gedächtnis; aber am Schillertag blühte im Kornfeld der Bildung das -Unkraut der deutschen Begeisterung auf. - -Der Geheimrat hörte das Glockengeläut gern; wohl brauste die Jugend -hinein und manche Rede klang scharf in den Tag: aber das Wahre, Schöne -und Gute hatte gesiegt über die Geister von gestern, und hatte die -Völker in seiner Hand fromm und glücklich gemacht. - - -Friedrich List - -Als die Deutschen den Schillertag feierten, war es im dreizehnten Jahr, -daß ein anderer Schwabe, verdüstert und müde der deutschen Ermattung, -in Kufstein sein rastloses Leben mit einer Kugel beschloß. - -Er war kein Dichter, und als er am Tübinger Stift Staatswissenschaft -lehrte, hieß ihm Hölderlin wenig; unnütze Träume galten dem praktischen -Schwaben Griechenlands Götter, und bläßliche Feiertagsfreude galt ihm -ein Frühlingsgedicht. - -Ein fröhlicher Hammerschlag lockte ihn mehr als die Wehmut versunkener -Dinge; und weil seinem Gegenwartssinn verschimmelte Weisheit zu lehren -nicht mehr behagte, weil zuviel Pastorengeruch in der Tübinger Luft -war, ließ er sein Amt, das Stift und die Stadt, in Stuttgart den -Stätten der Arbeit näher zu sein. - -Das aber war zu der Zeit, da Sand den Kotzebue totstach, da die -Karlsbader Beschlüsse den Mord an der deutschen Burschenschaft -rächten; sie fanden auch List, der die Regierung in Stuttgart mit -zornigen Eingaben plagte, und setzten den lästigen Mahner hinter das -eisenbeschlagene Tor auf dem Asperg. - -Sich aus der harten Haft zu befreien, versprach er, das schwäbische -Land mit der neuen Welt zu vertauschen und über dem Meer dem frommen -Geheimrat nicht mehr im Weg zu sein. - -So kam der Reutlinger Schwabe zu seiner Weltbürgerschaft, so kam der -arme Professor zum Reichtum; denn als er drüben das Glück in einem -Kohlenflöz fand, griff seine Schwabenhand zu: solch einen Hans im Glück -hatten die Leute im Osten längst nicht mehr gesehen, wie es der Schwabe -in Pennsylvanien war. - -Aber er wollte ein anderer Glücksritter werden als für den eigenen -Beutel; er hatte die Quelle des Reichtums gefunden und wollte sie -fließen machen für alle: Deutschland sollte nicht länger das Hungerland -seiner Fürsten und ihrer höfischen Bettelschaft sein. - -Der Traum einer anderen Wirtschaft blühte ihm auf, als der Zünfte und -kleinen Gewerke: der deutsche Boden war schwer an Schätzen; Kohlen und -Eisen konnten dem Vaterland Wohlstand und Freiheit bedeuten; denn die -Armut allein -- so glaubte sein glühender Traum -- machte die Menschen -unfrei. - -Bahnen, quer durch die Grenzen der Fürsten gebaut, sollten den Städten -die Nahrung der Bauernschaft bringen; die Städte hingegen sollten die -Werkstätten sein für alles Gerät, das die Landwirtschaft brauchte. - -Eines sollte dem andern die Waage des Wohlstandes halten, rascher -Verkehr und planvoller Handel sollten die Preise bestimmen, Zölle -die heimischen Werkstätten schützen, Ausfuhr und Einfuhr die kluge -Benützung des Weltverkehrs sein. - -Ehe sein glühender Eifer mit solchem Traum in die Wirklichkeit -ging, schrieb er ihn auf in dem klugen und heftigen Buch seiner -Volkswirtschaftslehre; dann kam er zurück übers Meer wie der Hans im -Glück, mit dem Goldklumpen seiner Pläne das deutsche Volk zu beglücken. - -Aber das deutsche Volk saß im Spinnennetz seiner Fürsten, seine -Gegenwart war an den Grenzpfahl gebunden und seine Zukunft an den -Geheimrat; wo ein Stück grünes Land war, ging die Vergangenheit auf die -Weide. - -Was in der neuen Welt ein Kinderspiel schien, war ein Herkuleswerk -in der alten; jahrelang ringend mußte der schwäbische Hans seinen -Goldklumpen tauschen, bis er am Ende von all seinen Täuschen den grauen -Wetzstein behielt. - -Da wußte er freilich, daß es zuerst die Schärfe der deutschen Sensen -und Sinne aus ihrer Stumpfheit zu wetzen galt; und er wetzte, daß aus -den Funken der Brand in die faulen Strohdächer sprang. - -Bis der Hans im Glück ein verdrossener Mann und seine -Volkswirtschaftslehre ein durchlöcherter Regenschirm war, bis eine -Kugel die letzte Enttäuschung bezahlte, bis Friedrich List in Kufstein -verscharrt wurde. - -Aber sein Goldklumpen war unterdessen in rüstige Hände gefallen: was -Friedrich List nicht vermochte, das münzten sie aus, ihren Beutel zu -füllen; und als sich im Flickwerk der Fürsten Wohlstand und Freiheit -zu regen begannen, regte sich sein Vermächtnis. - - -Die Eisenbahn - -Der Menschengeist hatte den Dämon aus Feuer und Wasser gebändigt; im -Eisenbauch schwerer Maschinen saß er gefangen, Mühlen und Hämmer, Räder -und Spindeln zu treiben: nun wurde er Roß vor dem Wagen. - -Von England kam das neue Wunder der Welt; als es zuerst von Nürnberg -nach Fürth lief, strömten die Leute weither, die sausende Fahrt mit -Feuer und Dampf zu bestaunen. - -Der Eisenbauch der Maschine war auf Räder gestellt; die aber liefen, -vom zischenden Dampf in den Kolben getrieben, auf eisernen Schienen -schneller durchs Land hin, als je ein Roß zu rennen vermochte. - -Ein Feuerroß schien die neue Maschine den Menschen, mit dampfenden -Nüstern; so stark war das bauchige Ungetüm, daß es gleich einen ganzen -Wagenzug hinter sich herzog. - -Die Ärzte hatten die Hände gerungen, und der Geheimrat sah grollend dem -leichtfertigen Untertan zu; aber die Kaufleute wollten die Eisenbahn -haben, und wie eine Hummel fuhr List, ihr Herold, herum. - -In Sachsen gelang es dem Schwaben, den ersten Fernweg in Deutschland -von Dresden nach Leipzig zu bauen; er mußte den Elbe- und Muldefluß -überbrücken, er mußte bei Oberau gar durch einen Berg gehen -- einen -Tunnel hießen sie solch eine Höhle, daraus das Ungetüm brausend -hervorkam -- aber die Eisenbahn brachte den Passagier, der einen langen -gerumpelten Tag mit der Post oder drei Tagesmärsche brauchte, in -fünfeinhalb Stunden von Dresden nach Leipzig. - -Zwar rauchte der Schornstein unaufhörlich, und im Feuerschein flogen -die Funken über die offenen Wagen; doch brach kein Rad in den Löchern -der Straße, und es wurde kein Pferd lahm. - -Der Postillon hatte verspielt trotz Mondschein und Horn, und auf -der langen Allee von Leipzig nach Dresden blieben die Planwagen -aus, bis die Straße leer wurde vom Fremdenverkehr und nur noch das -Bauernfuhrwerk seine langsamen Räder hinrollte. - -Und wie es in Sachsen geschah, wurden in Preußen, am Rhein und in -Bayern die eisernen Schienen quer über die Felder und Wiesen, durch -Hügeleinschnitte und über haushohe Dämme gelegt; staunende Dörfer und -schweigende Wälder sahen das rauchende Ungetüm fahren. - -Städte, sonst tagefern voneinander, wurden auf Stunden genähert; wer -in der Frühe aus Hamburg wegfuhr, konnte abends schon in Berlin den -Freischütz hören. - -So wurde ein anderes Netz über Deutschland gespannt, als es das -Spinnennetz Metternichs war; noch konnten die Grenzen der Fürsten die -Strecken biegen und brechen, aber die Schienen bohrten sich durch und -bohrten dem freien Verkehr der Völker die Gasse. - -Wo die Eisenbahn hinkam, brachte sie Kohle, und wo die Kohle hinkam, -konnten die Schornsteine rauchen; so ging der Traum des Reutlinger -Schwaben doch in Erfüllung, Handel und Wandel, aus ihrer Enge befreit, -wuchsen ins Weite, an seinen Bahnen wollte das Flickwerk der Fürsten -ein Vaterland werden. - - -Der Zollverein - -Die Eisenbahn baute die Wege, die Völker im Reich zu verbinden; aber -die Zölle legten landaus, landein die Schranken der Fürsten darüber. - -Länder und Landschaften, Städte und Märkte hielten mit Eifersucht ihre -Grenzen gesperrt; je rascher die Eisenbahn Waren und Güter herbrachte, -je zorniger wurde der Zank um den Zoll, der sie tagelang hinhielt. - -Die preußischen Länder, vom Rhein bis zum Memel aus langer Erwerbschaft -geflickt und seit dem Wiener Kongreß mit der Schere zerschnitten, -mußten den Mangel am meisten erfahren: so kam es, daß Preußen die -Unrast der kommenden Einheit im Vaterland wurde. - -Habsburg und Brandenburg rangen im Reich um die Macht, seitdem der -Spötter von Sanssouci Maria Theresia Schlesien nahm; als der zähen -Preußengeduld der deutsche Zollverein glückte, waren der Habsburger -Vormacht die Stränge zerschnitten. - -Mit den kleinen Nachbarn fing Preußen sein zähes Geduldspiel an; die -größeren wollten sich wehren, und jahrelang rangen die Mächte im -deutschen Bund gegen die preußischen Pläne. - -Wie ein böses Geschwür sahen die Herren der Hofburg den neumodischen -Bund wachsen, darin statt dem Schwert die Waage des Kaufmanns regierte, -darin Habsburg, am Rande des Reiches, nicht mehr das Schwungrad im -deutschen Räderwerk war. - -Preußen hatte den Rhein, und wer den Rhein hatte, konnte den Handel in -Deutschland bestimmen; auch war es die Zange, die norddeutschen Länder -zu packen, und die preußische Zange scheute sich nicht, wo sie konnte, -zu zwicken. - -So wurde erstmals im Zollverein wahr, was deutsche Herzen erhofften; -wohl blieben die Grenzpfähle stehen, mit den Farben von vielerlei -Fürsten zu prahlen und all ihrem bunten Wappengetier; aber von Preußen -nach Bayern, von Hamburg zum Bodensee gingen die zollfreien Waren, als -ob das Vaterland Wirklichkeit wäre. - -Der Kaufmann hatte gesiegt über den frommen Geheimrat; doch Preußen -hatte dem Zoll das Ziel und dem Handel die Wege bereitet; der Fuchs in -Berlin wußte genau: der Zollverein war die Vernunft, und die Vernunft -war der Vorteil im Zwang der kommenden Macht. - - -Der preußische Bundesgesandte - -Als der preußische Junker Otto von Bismarck nach Frankfurt zum -Bundestag kam, war die Paulskirche wieder geschlossen, der deutsche -Bund hielt seine Sitzungen ab, als wäre niemals ein März in seinen -Winter gefahren. - -Der Junker von Bismarck hatte das Handwerk der Diplomatie in keiner -Schule gelernt, er konnte reiten, fechten und tanzen, er konnte ein -frecher und fröhlicher Kerl sein: weil alle die anderen Gesandten auf -Schleichwegen gingen, hörten sie bald seine Stiefel knarren. - -Die Märztage hatten dem Junker von Bismarck eine Narbe ins Herz -gebrannt, die schwarzweiße Fahne war durch die schwarzrotgoldenen -Farben in Schande gekommen: er konnte dem Teufel ins Angesicht lachen, -aber die Märzfarben ertrug er nicht. - -Mehr als ein Deutscher war er ein Preuße, und mehr als ein Preuße ein -Junker: der König war Herr, und er war seiner Herrlichkeit Träger; wer -ihm hinein sprach, hatte den König gekränkt; und Kränkungen des Königs -ertrug ein Junkerblut nicht. - -So paßte der Todfeind des Liberalismus den schwarzgelben Herren der -Hofburg; aber sein dreistes Preußentum verdroß ihren Hochmut. - -Sie waren gewohnt, im Bundestag ihre Schlingen zu legen, und der Troß -der Gesandten war nur die Meute der Hofburg; aber der Junker von -Bismarck war weder Hase noch Fuchs oder sonst ein jagdbares Tier, eher -ein Jäger und also bereit, sie selber in ihrer Schlinge zu fangen. - -Sie waren Meister der Schule, er lachte zu ihren Ränken und stellte die -hohe Diplomatie getrost auf den Kopf; er nannte die Dinge tolldreist -beim Namen und war seiner Sache gewiß, daß Klugheit und Mut ohne -Verkleidung stärker und sicherer wären. - -So machte er, der bei den Schwarzgelben heiter zu Tisch saß, der -ihren Damen ein witziger Kavalier und ihren Neunmalgescheiten ein -dummdreister Gernegroß schien, die schwarzweißen Farben wieder frisch, -die seit Olmütz verstaubt waren. - -Nur das Volk sah nichts als den preußischen Junker in seiner -Hünengestalt; ihm galt der Preußengesandte in Frankfurt der Todfeind -des Vaterlandes und der Klopffechter verschimmelter Fürstengewalt. - - -Der Regent - -Der König von Preußen hatte die schwarzrotgoldene Schärpe getragen und -war nach Olmütz gegangen; er hatte geschwärmt und geredet und Kirchen -gebaut, er hatte die Hoffnung, den Groll und die Ohnmacht der Deutschen -nacheinander betrogen: als er ins Alter kam, waren nur schwankende -Schatten von seinem Umriß geblieben. - -Lange bevor ihn ein Schlaganfall hinwarf, seinen Schwarmgeist völlig -umnachtend, hatte der festere Schatten von seinem Bruder hinter dem -König gestanden, wie ein Pfahl bei dem schwankenden Baum steht. - -Er war weder geistreich noch redebegabt, nur ein Soldat; alles, -was einen Fürsten bei seinem Volk beliebt machen kann, fehlte dem -wortkargen Mann; doch jedermann wußte, Prinz Wilhelm war, was der König -nicht war, ein Charakter. - -Niemand sah ihn je schwanken und zagen; als die Märztage kamen, riet -er dem König, unbeugsam zu bleiben, und als im badischen Aufstand die -preußische Hand gebraucht wurde, gab sie der Kartätschenprinz her. - -So stand seine karge Erscheinung recht in der Zeit als ein Stück -Fürstengewalt; die Junker hielten ihm zu, weil er ein Stockpreuße wie -sie und lieber ein Gutsherr in Brandenburg als ein Fürst nach dem -deutschen Volkswillen war. - -Nichts an ihm, außer der langen Gestalt, ging über den Zoll; kein -Schatten der Größe witterte um seinen Namen, aber hochmütig und -unbeugsam hielt er der Krone die Torwache. - -Das preußische Volk sah ihn verdrossen neben dem Thron stehen, der -seinem romantischen Bruder Kanzel und Kirchenstuhl und nun ein -Krankenbett war; ihm aber sollte er wieder, das ließ er den Untertan -merken, ein Königsstuhl sein. - -Ein Königsstuhl ohne Schwall und Gepränge, ein Königsstuhl mit dem -Schwert und der Waage als Zeichen der höchsten Gewalt. - -Fremd seinem Volk und von allen gehaßt, die an die neue Zeit glaubten, -hielt er dem kranken Bruder die Krone, und dennoch heimlich begrüßt, -weil wieder nach schwankenden Schatten ein fester Umriß am Fenster der -Königsgewalt stand. - - -Der Konflikt - -Die deutsche Frage war seit Olmütz in die Enge der unabwendbaren -Entscheidung geraten: Österreich und Preußen rangen im Deutschen Bund -um die Macht, wie einmal die Welfen und Staufer taten. - -Großes Schicksal hatte der Kaisergedanke über die Deutschen gebracht; -aber der Deutsche Bund war nicht mehr das Reich und der Zollverein -hatte den Spalt quer durch die deutschen Länder gerissen. - -Der Prinzregent war Soldat; er sah die kommenden Dinge mehr mit dem -Zündnadelgewehr als mit den Fußangeln der Diplomaten. - -Er legte, König geworden, dem preußischen Landtag die neue Wehrordnung -vor, von vierzigtausend Rekruten auf sechzigtausend zu kommen, statt -die andern auslosen zu lassen. - -Aber der Landtag war widerspenstig; er sah nach Bürgerart mehr in -die Gegenwart als in die kommenden Dinge und wollte für eine so -kostspielige Heeresverstärkung nicht die Mittel beschließen. - -Darum, als Österreich mit Frankreich in den italienischen Krieg kam -und der Deutsche Bund rüsten mußte, ließ sich der König die Mittel der -Mobilmachung gewähren und führte die neue Wehrordnung ein, wie er sie -wollte. - -So sah sich der Landtag umgangen: das Heer war verstärkt, die neue -Wehrordnung war da, und er sollte seine Bewilligung nachträglich geben; -aber er weigerte sich nach dem Buchstabenrecht der Verfassung. - -Dreimal versuchte der König den Widerstand des Bürgers zu brechen; -dreimal wurde der Landtag entlassen; dreimal kamen die Männer im Willen -des Volkes gestärkt zurück, und immer trotziger wurde ihr Nein. - -Denn nun war das schärfste geschehen: der König, bedrängt und gehaßt, -von vielen Guten verlassen, hatte den Junker von Bismarck als seinen -Minister gerufen; und nun stand der eiserne Wille gegen den Trotz, -die Unabänderlichkeit kluger Gewalt gegen die Rechtsbehauptung lahmer -Gesetze. - -Nicht durch Reden und Kammerbeschlüsse, höhnte der Junker den Landtag: -durch Eisen und Blut würden die Fragen der Zeit zur Entscheidung -gebracht. - -Er hatte den Bund mit dem Zaren geschlossen, das Heer stand bereit; und -was seinem Dämon als Schicksal und Größe von Preußen im Sinn lag, das -sollte für Deutschland geschehen. - - -Der dänische Krieg - -Der dänische Seehund hatte die preußische Dogge gebissen, die -meerumschlungene Nordmark war dänisch geblieben trotz allem Gesang der -Kinder und Greise: nun nahm der Junker von Bismarck den Augenblick -wahr, dem Seehund die Zähne zu zeigen. - -Friedrich, der dänische König, war ohne Kinder gestorben; der Gottorper -Christian erbte sein Land, der ein Prinz des schleswig-holsteinischen -Hauses und durch den Willen der Stände Thronfolger in Dänemark war. - -Sie wollten mit ihm Schleswig für immer an Dänemark binden; aber ein -anderer Prinz des schleswig-holsteinischen Hauses bestritt seinem -Vetter die Nordmark und hieß sich als Friedrich der Achte Herzog von -Schleswig und Holstein. - -Ihm wollte der deutsche Bund helfen, und als die Preußen und -Österreicher in Holstein einrückten, riefen ihn Ritterschaft, Städte -und Landschaften zu Kiel als Landesherrn aus. - -Die Dänen hießen die Stände samt ihrem Herzog Rebellen, sie rückten mit -Schiffen und Heeresmacht aus, der deutschen Bundesarmee noch einmal die -Zähne des Seehunds zu zeigen. - -Aber nun hatte die preußische Dogge packen und beißen gelernt und -wollte die Schande von Olmütz auslöschen; Wrangel konnte noch einmal -den zornigen Feldmarschall spielen, und diesmal gingen die Sieger nicht -wieder nach Haus. - -Bei Düppel hatte der Seehund sein festes Lager gegraben, aber die Dogge -wühlte sich durch bis an die Wälle, drei Wochen lang lag sie in Regen -und Lehm, dann sprang sie dem dänischen Feind an die Kehle. - -Zum zweitenmal wollten die Dänen das Spiel der Mächte beginnen, aber -nun hatte der Junker von Bismarck die Karten klüger gemischt: sein -Bündnis mit Rußland schreckte die andern, besiegt und verlassen von -allen Höfen mußte der dänische Hochmut die Demut auskosten. - -Die schwarzweißen und schwarzgelben Fahnen blieben im -schleswig-holsteinischen Land, und Wrangel der Feldmarschall brauchte -nicht wieder fluchend nach Hause zu gehen; die Kinder und Greise -konnten getrost das alte Lied singen: das Wunder, kaum noch geglaubt, -blieb in der Wirklichkeit gültig. - -Aber das Lied, einmal so stark in den Herzen, wollte nicht klingen; ein -Dämon, das fühlten sie alle, hatte das Wunder gemacht: die deutsche -Seele, blaß und erschrocken, ahnte, daß dies nur ein Anbeginn war, sie -wartete stumm auf den Fortgang, weil ihr vor dem Bruderkampf graute. - - -Gastein - -Schleswig-Holstein, meerumschlungen, war dem Seehund entrissen, aber -die Dogge duldete nicht, daß Friedrich der Achte als Herzog ins Land -kam; vor der preußischen Haustür sollte kein neuer Bundesstaat sein. - -Seit Friedrich der Große Schlesien nahm, hatte kein Landgewinn so den -preußischen Dämon gelockt; wie damals war wieder ein Mut da, kalt und -verwegen, um solchen Gewinn den höchsten Einsatz zu wagen. - -Die Bundesgesandten in Frankfurt hörten die knarrenden Stiefel des -Junkers von Bismarck; sie waren gekränkt, daß er den hitzigen Eifer -der schwarzgelben Fahnen nach Schleswig-Holstein gelockt, aber die -Bundesarmee kalt abgewehrt hatte. - -Und wie die Bundesgesandten, so haßten die Völker den preußischen -Junker, daß er so dreist das alte Mächtespiel trieb; sie wollten ein -deutsches Vaterland sein und wollten die friesische Nordmark friedlich -und frei im deutschen Staatenverband haben. - -Indessen der Herzog der schleswig-holsteinischen Stände sein Glück -schwinden sah, gingen die Boten von Wien nach Berlin: der neue -Zankapfel hatte den alten locker gemacht, Schlesien wurde für Schleswig -gewogen, ein Handel sollte den Machtstreit begraben. - -Dem schmählichen Handel zu wehren, hoben die Bundesgesandten in -Frankfurt den Schild der Gerechtigkeit auf: das neue Bundesland müsse -sein Schicksal selber bestimmen; ein Landtag, in Schleswig-Holstein -gewählt, könne das einzige Schiedsgericht sein! - -Solche Gerechtigkeit konnte der Junker von Bismarck nicht brauchen; -Eisen und Blut sollten entscheiden, noch aber war ihm das Spiel zu -gewagt: dem Gegner die letzte Falle zu stellen, lockte er ihn nach -Gastein. - -Kein Bundestag konnte ihn da mit dem Schild der Gerechtigkeit stören; -die Habsüchte von Preußen und Österreich waren allein, und als sie -einander die feindliche Bruderhand gaben, hatte die Hofburg dem -deutschen Bund die preußische Kränkung mit eigener Kränkung vergolten. - -Was ewig ungeteilt bleiben wollte, wurde als Beute der Mächte -zerrissen: Preußen nahm Schleswig und Österreich Holstein; Lauenburg -wurde um dänische Taler an Preußen verhandelt. - -Da sahen die Völker im Vaterland, daß über dem Schild der Gerechtigkeit -die Schwerter der Macht gekreuzt waren; die Großen allein wollten den -Handel begleichen, die Großen in Wien und Berlin, die den deutschen -Bund kaltblütig übergingen. - - -Die Zange - -Seit Gastein begannen die Klugen das tolldreiste Glücksspiel zu ahnen; -der König von Preußen hatte den Junker von Bismarck zum Grafen gemacht, -und keine Bedenklichkeit konnte den kühnen Spieler erreichen. - -Er trotzte dem preußischen Landtag, er höhnte die Bundesgesandten, und -mehr als ein Bruch der Verfassung geschah dem deutschen Gewissen, als -er dem schwarzgelben Bruder den welschen Feind auf den Hals hetzte. - -Frankreich und Österreich hatten den letzten Gang um die römische -Erbschaft der Kaiser gewagt, und Victor Emanuel war, der sardinische -König, der Spieler Frankreichs gewesen. - -Er hatte in blutigen Kämpfen den Einsatz gewonnen; aus einem Flickwerk -von Staaten war endlich ein einiges Volk auferstanden: Italien hieß es -sein Land und Victor Emanuel seinen ruhmreichen König. - -Noch einmal hatte das uralte Schlachtfeld der Völker den Lärm und die -Leiden des Krieges erfahren, und schwer waren die Schläge Radetzkys -gefallen, ehe die Lombardei von den schwarzgelben Fahnen befreit war. - -Nur noch Venetien blieb in der Habsburger Hand; die reiche Provinz -heimzuholen, winkte ein Bündnis mit Preußen: über die Alpen reichte -der Sieger von Gastein den Welschen die schwarzweiße Hand, den -schwarzgelben Feind in der Zange zu haben. - - -Das Zündnadelgewehr - -Als Preußen den Bruderkrieg anfing, war Österreich immer noch mächtig -im Bund, auch brach ein Schrei aus der Tiefe des deutschen Volkes gegen -den preußischen Frevel: aber der eiserne Graf glaubte an den Soldaten, -und der Soldat glaubte ans Zündnadelgewehr. - -Der Teufel -- hieß es -- habe den Preußen die Waffe erfunden, schneller -zu schießen als sonst ein redlicher Schütze; indessen er kniete und mit -dem Ladestock lud, hatte der Preuße schon zweimal geschossen. - -Und wie das Gewehr war sein Gefecht vom Teufel gesegnet; alles ging -nach der Uhr: hierhin und dorthin marschierten die Heere, aber zur -Stunde der Schlacht waren sie da mit der Zange. - -Drei preußische Heere zogen nach Böhmen, wo Benedek langsam gegen die -Lausitz vorrückte; drei Muren brachen aus dem Gebirge ins böhmische -Land, das österreichische Heer zu erdrücken. - -Die erste bot ihm die Front, aber die andern waren die Zange; als die -schwarzgelben Fahnen bei Königgrätz standen, den Stoß aufzufangen, war -die Schlacht schon verloren. - -Gleich einer Burg waren die Hügel von Chlum vorgebaut gegen die -Sümpfe der Bistritz, und Benedek stand jedem Sturm, seit früh ging -die Schlacht und mittags kam sie zu stehen, schon winkte der Sieg den -schwarzgelben Fahnen, als rechts im Rücken Kanonendonner begann. - -Die zweite Mure war da, und schon kam die dritte von links, die -Zange zu schließen; da half den schwarzgelben Fahnen die Burg und -die Tapferkeit nichts, und alles Blut des grausamen Tages war ihnen -vergeblich geflossen: sie mußten die Hügel von Chlum, sie mußten die -Burg, das Feld und den Sieg dem flinkeren Feind lassen. - -Die Schlacht war verloren und mit ihr der Krieg; bald standen die -Sieger im Marchfeld: da hatte einmal das Glück von Habsburg begonnen, -da ging es zu Ende. - -Einen dreißigjährigen Krieg hatten die Neunmalklugen verheißen, nun -war er in einem Monat vorüber; die hitzigen Sieger wollten nach Wien -reiten, aber der eiserne Graf fiel ihrem Roß in die Zügel. - -Ihm galt es nicht Preußen und Österreich, ihm galt es Deutschland; und -ob ihn sein König selber zuerst nicht verstand: zu Nikolsburg machte -ein rascher Friede dem raschen Feldzug ein Ende. - -Indessen die großen Dinge in Böhmen geschahen, liefen die kleinen emsig -in Franken: bei Langensalza hatten die Preußen das Heer von Hannover -mit ihrem blinden König gefangen, aber die Kurhessen und Bayern, -Schwaben und Badenser schlugen sich mit den Preußen auf vielerlei -Straßen und Brücken herum. - -Die Preußen schossen auch hier mit dem Zündnadelgewehr; die großen -Kanonen standen in Böhmen, ehe sie kamen, wehten die weißen Fahnen auch -schon in Franken. - -Nie hatte ein Frieden den Ölzweig so eilig gebracht, wie der von -Nikolsburg tat; kaum wußte der Bauer vom Krieg, kamen die Krieger schon -heim, die Ernte zu halten. - -Es war nur ein Sommergewitter, sagten die Völker, weil es zu schwül im -Vaterland war! und die das Wort hörten, spürten es wohl: das Wetter war -aus, und die Luft war gereinigt. - -Noch standen die preußischen Heere im Feld, als der Gesandte von -Frankreich, Benedetti geheißen, hochmütig in Preußen anklopfte: Mainz -oder Krieg! -- Dann Krieg! höhnte der Graf, und Deutschland fühlte den -Sieg, der in dem stolzen Wort lag. - - -Der norddeutsche Bund - -Zum drittenmal hatte der preußische Dämon die Falle gestellt, aber nun -fing er die Fürsten von Hessen, Hannover und Nassau und auch die freie -Stadt Frankfurt. - -Sie hatten Preußen gehaßt und Habsburg getraut, der Frieden von -Nikolsburg machte sie vogelfrei; von Habsburg verlassen, mußten sie -Thron und Land an Preußen verlieren. - -Noch war der König von Preußen nicht Kaiser, aber sein Kanzler, der -eiserne Graf, übte die Kaisergewalt Barbarossas; wie der Staufer sein -stolzes Maifeld, berief er den norddeutschen Bund. - -Nicht auf den goldenen Feldern bei Mainz, nicht an den fröhlichen Ufern -des Rheinstroms, in der kargen Königsstadt an der Spree, glanzlos und -nüchtern mußte der neue Reichstag den Bau des Bundes beginnen. - -Auch rief kein Herold die sieben Heerschilde auf, von dem stolzen -Turmbau der Stände war nur noch die Stimme geblieben, die einmal in -Urväterzeiten der Freiemann war und die nun im freien und gleichen -Wahlrecht der Männer wieder zu Wort kam. - -So hatte es Bismarck den Deutschen versprochen, bevor sie nach -Königgrätz gingen, so hielt er nun Wort; die dem Junker mißtraut -hatten, mußten erkennen, wie klug und stark der preußische Wille auf -die Kaisergewalt zielte. - -Denn noch schied der Main Süddeutschland vom Bund; mit Ingrimm und -Sorge sahen die Fürsten und Völker nach Norden, was nun der Preuße -begänne. - -Die Fürsten schonte er nicht, das sahen sie alle; die Völker indessen -konnte das Zündnadelgewehr nicht gewinnen: wohl aber, wie nun im -norddeutschen Bund das Flickwerk der Fürsten ein Vaterland wurde mit -einer freien Verfassung. - - -Der neue Napoleon - -Ein Abendrot brannte am Himmel von Frankreich sein Feuerwerk ab, der -gallische Hahn stand in greller Beleuchtung und spreizte sein buntes -Gefieder, daß wieder ein Kaiser Napoleon war. - -Der den gewaltigen Namen und sein Gedächtnis, den Ruhm des Kaisers -und den Rausch des französischen Volkes als seinen Glorienschein -trug, hatte nur einen Ehrgeiz, nicht die Natur des korsischen Oheims -überkommen. - -Mit Abenteuern und Listen mancherlei Art war ihm der Aufstieg geglückt, -aber der Atem wurde ihm eng, als er auf dem Kaiserthron saß; Großes zu -tun vermochte er nicht, so gab er dem Kleinen den Anschein der Größe. - -Zwar schien ihm das Kriegsglück gewogen, auf den lombardischen Feldern -gewann er die Schlachten gegen den Habsburger Erbfeind: Magenta und -Solferino klangen dem fränkischen Ehrgeiz nicht weniger stolz als -einmal Arcole und Lodi. - -Nie hatte ein Kaiser der alten Zeit die Straßen von Mailand so -blumenbestreut gesehen, als da er der stolzen Stadt ihren König Victor -Emanuel zeigte; und seit den Tagen des Korsen hatte kein Jubel Paris so -erfüllt, als da er Savoyen und Nizza als Siegesbeute heimbrachte. - -Da standen die Tore der Tuilerien geöffnet wie einst, Könige kamen, den -neuen Herrn der Welt zu begrüßen; die Völker des Abendlands sahen den -Kaiser von Frankreich wieder als Schiedsrichter walten. - -In seinen Glanz fiel der Schatten, als Preußen der Tag von Königgrätz -glückte; wohl rief die Hofburg den Kaiser als Schiedsrichter an, und -das alte Rheinbundspiel schien zu glücken: als aber Napoleon Mainz -und die Pfalz als Siegesbeute heimbringen wollte, wies Bismarck, der -eiserne Graf in Berlin, seinem Gesandten die Tür. - -Den Tag von Sadowa hießen die Franzosen die böhmische Schlacht, die -ihrem Kaiser das Glücksspiel verdarb; den Tag von Sadowa zu rächen, -blieb danach ihr Feldgeschrei, bis es dem Kaiser zum Schicksal und -seinem ruhmgierigen Volk zur Demütigung wurde. - - -Die Emser Depesche - -Durch Eisen und Blut sollten die Dinge geschehen: Bruderblut war um den -norddeutschen Bund in Böhmen und Franken geflossen; um das Reich mußte -Krieg sein mit dem Erbfeind im Westen. - -Denn immer noch lag der Schatten des Rheinbundes quer vor den kommenden -Dingen: bei dem Schiedsrichter der Tuilerien hatten die süddeutschen -Fürsten Schutz gesucht gegen Preußen; Österreich war, Sadowa zu rächen, -im Bündnis mit Frankreich. - -Sollte ein einiges Vaterland werden, so mußte die welsche Hand aus dem -deutschen Spiel sein; Bismarck der eiserne Kanzler war tollkühn genug, -den Schlag gegen den Kaiser von Frankreich zu wagen. - -Als sich der Kaiser danach um Luxemburg mühte, sagten die Spötter in -Frankreich: Napoleon habe das Wild von Sadowa gefehlt und wolle nun -rasch einen Hasen vom Händler heimbringen; aber der Sieger von Gastein -brachte ihn auch um den Hasen. - -Alles verdarb der Dämon in Preußen dem grämlichen Kaiser, bis ihm der -spanische Handel das rote Tuch war, seinen Zorn unklug zu machen. - -Isabella, die spanische Königin, war nach Frankreich geflüchtet; die -Großen des Landes boten die Krone dem Eidam des Königs von Portugal an, -der selber dem Kaiser verwandt, aber ein Hohenzoller war. - -Seitdem der Burggraf von Nürnberg nach Brandenburg kam und die -fränkische Sippe der Zollern in Preußen ihr Glück machte, hatte der -schwäbische Stamm bescheiden im Dunkel gesessen, bis Napoleon selber -den Prinzen Carol auf den rumänischen Thron brachte. - -Nun sollte sein Bruder König von Spanien werden; das aber rief den -Franzosen die Furcht der spanischen Weltherrschaft wach: was einmal -Habsburg vermochte, sollte den Zollern nicht wieder gelingen. - -Der Zorn von Sadowa schrie Rache; Kaiser und Kammer in Frankreich, noch -eben im Streit, sahen den Tag der Vergeltung und sprangen dem Kanzler -hinein in die klug gestellte Verblendung. - -Einen Krieg über Deutschland zu bringen, vermochte der Prinz Leopold -nicht; als der Sturm in Paris schon Donner und Blitz zuckte, meldete er -seinen Verzicht. - -Wir haben gewonnen! rief der Minister von Frankreich; aber so billig -wollte der gallische Zorn nicht verrauchen: diesmal sollte der König -von Preußen das fränkische Siegerrecht fühlen. - -Der König von Preußen war schon ein Greis; er machte in Ems seine Kur, -als der Gesandte von Frankreich, Benedetti, ihm morgens über den Weg -kam: er solle dem Kaiser versprechen, daß niemals mit seinem Willen ein -Hohenzoller in Spanien König würde. - -Das konnte kein König versprechen; und als der Gesandte den höflichen -Greis am selben Tag weiter bedrängte, ließ er ihn wissen: der König von -Preußen habe ihm nichts mehr zu sagen! - -Durch Eisen und Blut sollten die Dinge geschehen! nun war die Stunde -gekommen, da Deutschland dem Kanzler einstehen mußte für sein -geharnischtes Wort. - -Was keiner zu denken kühn genug war, das vermochte die Emser Depesche; -sie war nur ein rascher Bericht nach Berlin; der Kanzler kürzte und -klärte den Ton und gab ihn der Zeitung: da las der Deutsche mit Zorn -und mit Stolz, wessen sich ein Gesandter von Frankreich vermaß, und wie -ein deutscher König die Würde bewahrte. - -Sie fühlten in Frankreich den Hieb, und rot brach die Flamme aus ihrem -rauchenden Zorn: der Kanzler wollte den Krieg haben, sie wichen ihm -nicht zurück und wollten die Antwort bald nach Berlin bringen. - -Aber die Völker im Reich verstanden die Stunde: jetzt oder nie mußte -das Vaterland sein! und was an den Höfen der Fürsten noch hemmte und -zagte, war durch den brausenden Willen gezwungen. - - -Die Männer - -Der König von Preußen kehrte von Ems zurück nach Berlin; das Volk -jauchzte ihm zu als dem kommenden Kaiser; denn nun trennte kein Main -mehr das Vaterland in Norden und Süden. - -Wo im Norden und Süden ein deutsches Herz war, es spürte die Wende: -lange genug hatten die Fürsten das feige Spiel mit Frankreich -getrieben, wo eine deutsche Uneinigkeit war, hatte der Franzmann die -Finger gerührt; nun aber sollte ein einiges Vaterland sein, und alle -Augen sahen nach Preußen. - -Da standen die Männer der Stunde und wollten das Tor der deutschen -Zukunft aufmachen: da war der König, den sie einmal Kartätschenprinz -hießen; aber der Sieger von Königgrätz, besonnen im Ausmaß des -Friedens, hatte dem fränkischen Hochmut deutsche Würde gewiesen. - -Da war der Kanzler des kommenden Reichs, unbeugsamen Willens und seiner -Sache gewiß; wie er die Dinge bei Namen nannte, so nahm er sie auch zur -Hand, und was seine Hand nahm, ließ sie nicht fallen. - -Da war der Feldherr des Königs, ein Greis wie er und ein Schweiger, -kein Feldmarschall zu Roß, aber der heimliche Meister der Zange; wo -Moltke den Feldzug führte, war der Soldat nicht verlassen: wo er ihn -brauchte, da stand er, und wo er stand, war er getrost, den Feind -anzupacken. - -Da war der Zeugmeister des preußischen Heeres, Graf Roon, dem alles an -seiner Schnur ging, der als getreuer Feldwebel sorgte, daß dem Soldaten -das Seine zukam. - -Da war der Kronprinz, dessen Kanonen den Sieg nach Königgrätz brachten, -blondbärtig und jedermanns Freund und immer bereit, mit jedem zu lachen. - -Als er den Oberbefehl nahm über die süddeutschen Heere, vergaßen sie -alle den Preußen, weil er ein fröhlicher Mann und für die Bayern, -Schwaben wie Hessen bald «Unser Fritz» war. - - -Nach Frankreich hinein - -Wieder wie einmal nach Böhmen ließ Moltke drei Heere nach Frankreich -marschieren, und wieder wie damals kam ihre schnelle Bewegung dem Feind -in die Flanken. - -Über den Rhein nach Baden, Schwaben und Bayern wollte Napoleon ziehen, -die süddeutschen Mächte gegen den norddeutschen Bund zu gebrauchen; -aber sein Heer kam nicht los von Straßburg und Metz. - -Ehe Mac Mahon in Marsch kam mit seiner saumseligen Macht, hatte der -Kronprinz den Lauterbach überschritten, den Feind im Elsaß zu packen. - -Der Geisberg bei Weißenburg wurde von Preußen und Bayern erstürmt -und danach bei Wörth der stolze Mac Mahon geschlagen; ehe sein Heer -beisammen war, riß schon der Strudel der schmählich verlorenen Schlacht -die fliehenden Massen über den Wasgenwald hin. - -Die Steige von Zabern war frei, als Sieger marschierten die Söhne -der süddeutschen Länder hinein in das uralte Schlachtfeld der -katalaunischen Felder. - -Am selben Tag, da Mac Mahon bei Wörth den Ruhm von Magenta verlor, -berannten die Preußen der ersten Armee die Spicherer Höhen hinter -Saarbrücken; blutige Stürme liefen vom Mittag bis in die Nacht gegen -die steilen Waldberge an, Tausende mußten ihr Leben um einen Schritt -lassen. - -Aber der Schritt machte den Weg nach Lothringen frei, und Lothringen -war mit seiner gewaltigen Festung der Schlüssel, den Krieg nach -Frankreich zu tragen. - - -Metz - -Auf einer Insel der Mosel, durch waldige Hügel gedeckt, von einem -Stachelring starker Vorwerke umschlossen, lag Metz, die mächtigste -Festung der Welt, dem Einmarsch nach Frankreich zu wehren. - -Hier sollte der Feldzug des Kaisers nach Mainz und Preußen beginnen, -aber die Sieger von Spichern und Wörth nahmen ihn gleich in die Zange; -auch die stolze Rheinarmee fand den geträumten Siegesweg nicht, und der -Marschall Bazaine nahm dem erschrockenen Kaiser den Oberbefehl ab. - -Der Marschall wollte zurück, Mac Mahon zu finden, aber er säumte zu -lange; bevor sein Abmarsch begann, standen die Preußen vor Metz, und -das blutige Sechstagewerk fing an, sein Heer zu zermalmen. - -Sechs Tage lang riefen die großen Kanonen der Festung zum Tanz, sechs -Tage lang brüllte die Schlacht ihre Antwort, sechs Tage lang bebte die -Erde, sechs Tage lang waren die Hügel um Metz eine Hölle. - -Nie hatte die Welt solches Schlachtfeld gesehen, Jena und Austerlitz, -Leipzig und Waterloo, Königgrätz: alles versank vor der Wirklichkeit -solcher Vernichtung. - -Stirn an Stirn standen die Heere am ersten Tag und maßen die Stärke; -am zweiten Tag setzten die Preußen im Süden die Zange; am dritten -Tag wollte Bazaine den Abmarsch erzwingen, aber der Feind hielt ihn -fest in der Flanke; am vierten Tag grub er sich ein, das Antlitz nach -Westen; am fünften Tag hielt ihn der eiserne Griff von Süden und Norden -umklammert, bis in die Nacht ging der Kampf; am sechsten Tag saß sein -mächtiges Heer in der Festung, und die Festung saß in der Zange. - -Mehr Tote als sonst ein Kriegsjahr hatten die Tage gekostet, die Wälder -und Wiesen, Brücken und Bäche um Metz lagen voll Leichen, die Dörfer -brannten, die Sonne konnte nicht mehr durch den Pulverdampf scheinen. - -Da kämpften nicht Feldherrn und Heere um ihren Sieg, da rangen zwei -Völker um ihre Stärke: Frankreich und Deutschland trugen den Streit, -den Zorn und die Vergeltung aus von einem halben Jahrtausend. - - -Sedan - -Auf den katalaunischen Feldern hatten die Deutschen gedacht, Mac Mahon -zu finden; aber er war von Chalons nach Norden gezogen, Bazaine in Metz -zu entsetzen; weil aber die deutschen Soldaten zum andernmal schneller -marschierten als die Franzosen, gelang es, den Flankenstoß an der Maas -abzufangen. - -Bei Beaumont geschlagen, mußte Mac Mahon nach Sedan zurück, wo ihn das -Schicksal Bazaines schneller und schlimmer erreichte. - -Da machte Moltke das letzte Meisterstück seiner Zange; von Osten nach -Westen gepackt, wurde das zweite Feldheer des Kaisers nach blutiger -Schlacht durch die Tore von Sedan getrieben. - -Aber nun war es nicht Metz, die mächtige Festung, mit dem Stachelring -ihrer starken Vorwerke, nun war es Sedan mit seinen ärmlichen Wällen, -daraus die Feuerschlünde von allen Höhen rundum einen Höllenkessel -machten. - -Am selben Nachmittag noch mußte die Zitadelle die weiße Fahne aufziehn; -und als der Parlamentär aus der Festung zurück kam, war mit dem Heer -von Mac Mahon der Kaiser Napoleon selber gefangen. - -Der in den Tuilerien als Schiedsrichter über dem Abendland saß, der den -Ruhm seines gewaltigen Namens und den Glanz des zweiten Kaiserreichs -trug, sandte dem König von Preußen seinen Degen. - -Noch in der selben Nacht streckte das Heer Mac Mahons die Waffen; durch -den nebligen Morgen des zweiten September ritt Bismarck als Kürassier -neben dem Wagen des Kaisers, seinem König, dem Sieger, den kläglich -Besiegten zu bringen. - -Ein Hurrah lief durch die Reihen und füllte das waldige Tal von Sedan; -ein Siegesfest nahm seinen Anfang wie keines der neuen Geschichte. - -Vier Wochen lang standen die Heere im Feld, und schon war die -Kriegsmacht des Kaisers vernichtet, Napoleon selber gefangen: da mußte -der Krieg aus sein und jeder Soldat, fröhlich geschmückt, konnte der -Heimat den Frieden mitbringen. - - -Der Ringkampf der Völker - -Die deutschen Sieger hatten das letzte Feldheer des Kaisers geschlagen, -aber der Kaiser war nicht das Volk der Franzosen; der Ringkampf der -Völker fing seinen Schrecken erst an, und weit lag der Friede. - -Wohl standen die deutschen Heere bald vor Paris, aber das Herz von -Frankreich hörte nicht auf zu schlagen; hinter dem Gürtel starker -Vorwerke war es gerüstet, auf seine Kinder zu warten. - -Der sie rief, war ein anderer Mann als der kränkelnde Kaiser; in einem -Luftballon verließ Gambetta die Hauptstadt, und wo sein Feuerwort -hinfiel, standen die Söhne des Vaterlandes auf, Frankreich zu retten. - -Von Norden, Süden und Westen liefen die Sturmwellen an, den dünnen Wall -um Paris zu durchbrechen: in Lumpen und Leiden noch einmal Soldaten der -großen Armee. - -Das Sagenbild der neunköpfigen Schlange wurde den deutschen Soldaten -zur bösen Erscheinung; wo ein Mann war, war auch ein Feind, und viele -Männer waren in Frankreich. - -Der siegreiche Sommer sank längst in den Herbst, und der Winter fing -an zu schneien: immer noch warf das tapfere Land neue Heere ins Feld, -immer noch sorgten die siegreichen Führer, ob sie des Feindes wohl Herr -blieben. - -Bis endlich der Hunger die mächtigen Tore von Metz aufmachte, bis -endlich die Deutschen im Feld die Übermacht hatten, der Hydra den -letzten Kopf abzuhauen. - -Bei Orleans an der Loire, bei Amiens und Le Mans, bei Dijon, an der -Lisaine, bei St. Quentin: überall hatte das Blut verzweifelter Kämpfe -den Schnee gerötet, ehe der Donner der großen Kanonen das Herz und die -Hauptstadt von Frankreich bezwang. - -Einhundertachtzehn Tage lang war der eiserne Ring um ihre Tore gewesen; -Hunger und Schrecken hatten das Herz von Frankreich müde gemacht, bis -sein Mut aufhörte zu schlagen. - -Tief im Süden, im waldigen Jura fiel noch ein letzter Streich gegen den -kühnen Bourbaki; bei Pontarlier wälzte sich der blutige Rumpf der Hydra -hinüber zur Schweiz. - -Dann endlich war dieser schwere Krieg aus, der ein Ringkampf war -zwischen den Völkern, und dem die Welt staunend zusah; denn noch war es -Preußen mit seinen süddeutschen Brüdern, das solches gegen das mächtige -Frankreich vermochte. - - -Versailles - -Der erste Napoleon hatte das Reich auseinander getreten, weil er der -Kaiser im Abendland war; als der dritte Napoleon seine Wiederkunft sah, -die er selber erweckte, saß er in Wilhelmshöhe gefangen. - -Er hatte um seines Namens willen den Großen gespielt, aber der Große -saß in Berlin und war ein preußischer Junker; als der Kaiser seinen -Gegner erkannte, war das Spiel schon verloren; als ihm der Krieg an die -Gurgel sprang, war Preußen schon Deutschland. - -Was die Burschenschaft sang auf der Wartburg, was in der Paulskirche -als Wort und Wille des deutschen Volkes aufstand, war in Wirklichkeit -da, als Deutschland nach Frankreich marschierte, seinen Zorn an dem -Erbfeind zu rächen. - -Aus Preußen und Bayern, aus Schwaben und Sachsen, aus Hessen und Baden -waren die deutschen Söhne gekommen, weil ihre Fürsten ein Schutz- und -Trutzbündnis hatten; aber sie standen im Feld füreinander, weil sie aus -einem Vaterland waren. - -Niemals konnte der Mann aus dem Heer in eine andere Heimat heimkehren -als die seiner deutschen Blutsbrüderschaft vor dem Feind; er hatte -den Erbfeind geschlagen, der lange genug der Nutznießer seiner -Zwieträchtigkeit war: sollten noch länger Fürsten in Deutschland -regieren, durften sie nicht mehr Vögte der Zwietracht, mußten sie Hüter -der Eintracht sein. - -Durch Eisen und Blut hatte der Kanzler die Eintracht beschworen, aber -nun wußte er klug abzuwarten, daß ihr kein Zwang angetan wurde: sollte -das Reich kommen, so mußte es sein, wie die Sonne sich selber den Tag -weckt. - -Erst wurde der Bund der Völker geschlossen, und mancherlei mußte -gegeben, gepflegt und geschont sein, ehe die Boten befriedigt -heimgingen, ehe Vertrag um Vertrag zum Vaterland wuchs. - -Als so das Reich auf der Einigkeit stand, kamen die Fürsten, den Kaiser -zu küren; kein anderer konnte es sein als der Greis, der Preußen und -Deutschland in diesen siegreichen Krieg führte. - -Der König von Bayern mußte ihn nennen; er tat es mit stolzer Gebärde, -weil seiner romantischen Seele nichts so verhaßt wie die kleine -Erbärmlichkeit war, und weil er kein Neidling sein mochte. - -So konnte endlich das Wunder geschehen: im Spiegelsaal zu Versailles -standen die Fürsten und Stände der Staaten, Minister, Generäle, -Soldaten, dem greisen König von Preußen die deutsche Kaiserkrone zu -bringen. - - - - -Das Schuldbuch der Menschen - - -Der Reichstag - -Tapfere Dinge waren getan, und Großes war ruhmreich gegründet: wie seit -den Staufern nicht mehr war das Vaterland mächtig, Deutschland war -wieder ein Reich, und ein Kaiser stand über der Vielheit der Fürsten. - -Aber es war nicht mehr der alte Fürstenbau; weder in Aachen gekrönt -noch in Frankfurt gefeiert, blieb der Kaiser von Deutschland König in -Preußen; der eiserne Kanzler gebot an der Spree; die Krone im Rhein lag -versunken. - -Scharf schnitten die Grenzen das neue Reich ab von den feindlichen -Völkern; Dänen, Franzosen und Polen sahen mit Haß die Fahnen -schwarzweißrot wehen, indessen die Deutschen von Österreich und Tirol, -von Salzburg und Steiermark im bunten Staatenverband der Habsburger -Erbherrschaft blieben. - -So hielt die harte Preußenhand eine kargere Kaisermacht fest als die -der Staufen, Franken und Sachsen: aber sie war durch den Willen der -Völker, nicht durch die Willkür der Fürsten gehalten. - -Zweiundzwanzig Residenzen, Höfe und Fürsten hatten sich aus der -Vielheit gerettet, und Thüringen trug noch das alte Narrengewand; -ihr Bundesrat saß in Berlin, er konnte dem Reichstag der Deutschen -Hemmschuh und Hindernis, aber nicht mehr die alte Herrengewalt sein. - -Da saßen die Boten der Deutschen von Schleswig bis Lindau, von -Schlesien bis Xanten, von Straßburg bis Memel, dem Vaterland die Hände -frei zu halten durch den Willen des Volkes. - -Da gab es nicht mehr die Stände der alten Reichsherrlichkeit, nur -Stimmen: Arbeiter-, Bürger- und Bauernschaft galten nach ihrer Zahl; -Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit sollten die Hüter und Walter -der deutschen Volksrechte sein. - - -Die alte Zwietracht - -Durch Eisen und Blut war Deutschland einig geworden, die Eintracht des -Krieges hatte dem Frieden die stolze Frucht eingetragen: nicht länger -mehr sollte die Zwietracht das deutsche Verhängnis bedeuten. - -So waren die Sieger bekränzt aus Frankreich wiedergekommen, so hatte -der Jubel in Deutschland Greise und Kinder, Männer und Frauen erfüllt, -so stand der Frühlingstag hell, da in Berlin die Truppen einritten mit -ihrem König und Kaiser. - -Als aber der Reichstag die Stimmen gezählt hatte, als die Sendlinge -ankamen aus allen Gauen, als sie eintraten in den Saal, dahin sie -einträchtig zu raten gesandt waren, saßen sie vielfältig nach Parteien. - -Zur Rechten die Junker und alle die Alten, die sorgenvoll in die neue -Zeit sahen; zur Linken die Neuen und Demokraten: beide Hände wollten -dem Reich das Gleichgewicht halten, die Dränger den Siegelbewahrern des -Alten. - -Doch in der Mitte schob eine schwarze Schar ihren Keil zwischen die -streitbaren Hände; sie wollten das Reich nicht von rechts und links der -neuen Preußengewalt, sie wollten die alte Herrlichkeit haben, da sich -der Bogen der römischen Kirchen- und Reichsgewalt über die Christenheit -spannte. - -Der Papst und der Kaiser hatten der Kirche den Bogen über die Völker -gehalten; der aber nun Kaiser hieß, war ein Ketzer, und der als Kanzler -die starke Regierungsgewalt übte, war ein Preuße und Protestant. - -Sie aber blieben der römischen Kirche gehorsam und wollten nicht -dulden, daß ihrer Geltung im Reich der Preußen und Ketzer Geringes -geschähe; darum saßen sie da in der Mitte und ließen sich schelten, daß -sie die schwarzen Raben vom Kyffhäuser wären. - -So wurde der uralte Streit noch einmal entfacht, was dem Papst und dem -Kaiser gehöre; der römische Papst war die Sonne der christlichen Welt, -unfehlbar hieß er sich nun: wollte der preußische Mond aus eigenem -Licht leuchten, so war es vom Teufel. - -Noch einmal wurden die Worte von Worms und Augsburg gesprochen, noch -einmal wollte der deutsche Mann dem römischen Übermut wehren: der -Schwedenkönig ritt um im Gedächtnis von Lützen, und die feste Burg -Luthers wurde gesungen. - -Kein Wallenstein kam, und Magdeburg brauchte die Brandfackel Tillys -nicht mehr zu fürchten: die Schwerter hatten gerungen, bis Deutschland -ein Leichenfeld war; nun rangen die Stimmen. - -Aber die jubelnden Herzen mußten noch einmal den wilden Untergrund -spüren, darauf die neue Herrlichkeit stand; indessen die Tore und Türme -der Einigkeit noch bekränzt waren, kamen die Raben der Zwietracht -geflogen. - -Wir gehen nicht nach Canossa! trotzte der Kanzler; aber der eiserne -Mann, der Habsburg besiegte und den dritten Napoleon fing, der dem -Abendland stärker als sonst ein Mann seiner Zeit das Gesicht gab, der -Graf von Gastein und Fürst von Versailles mußte das unbedachte Wort -büßen. - - -Die neue Zwietracht - -Ein Jahrtausend deutscher Geschichte hob sein Gesicht zur Gegenwart -auf, als die schwarzen Männer im Zentrum noch einmal den Streit -der Kirche begannen; das Gesicht war von Gram und finsteren Leiden -zerrissen. - -Aber der Bogen, einmal der Christenheit mächtig, war nicht mehr -gespannt; die Augen, glühend vor Haß, waren erloschen. - -Wohl wußte der Mund noch die Worte, aber sie zückten nicht mehr: aus -Schicksal war Zank, aus Schuld war Schmähung, aus Haß war hitziger -Eifer geworden. - -Indessen die alte Zwietracht so an der Gegenwart starb, war die neue -Zwietracht gewachsen; aber ihr glühten die Augen, ihr zückten die -Worte, sie kannte Schicksal und Schuld, sie kannte den brennenden Haß. - -Aus Menschen hatte der Zwang der Maschine Fabrikler gemacht; in rußigen -Hallen und Höfen mußten sie um den Tageslohn dienen, die von der -Scholle enterbt waren und die im Handwerk verfilzter Zünfte kein Heil -fanden, weil die Maschine der menschlichen Hand die Arbeit wegnahm. - -Wohl hatte List, der Reutlinger Schwabe, dem Wohlstand die neuen Wege -gewiesen: der deutsche Bürger begann, Bahnen, Fabriken und Lagerhäuser -zu bauen, die Schornsteine rauchten, aber dem Arbeiter brachten sie -keinen Segen. - -Der Lohn hielt sein Dasein in ehernen Klammern; je mehr ihrer kamen, -ihn zu verdienen, je billiger wurden die Groschen in seiner entwerteten -Hand. - -So ging die Saat auf, die Wilhelm Weitling aus Magdeburg säte; der -Profit des privaten Erwerbes sollte dem Recht der Gemeinschaft -verfallen: der Sozialismus wurde die Zwietracht der kommenden Tage. - -Ein Evangelium kam zu den Armen, anders als jenes, das Jesus von -Nazareth brachte, und eine andere Lohnlehre, als die der Priester; -nicht erst vor Gott, vor den Menschen sollte Gleichheit gelten; statt -himmlischer Freuden der Frommen sollte auf Erden Gerechtigkeit wohnen. - -Lassalle hatte sein lautester Verkünder geheißen, der wie ein Irrwisch -dem frommen Geheimrat ins Tintenfaß fuhr und ein fressender Feuerbrand -war in den Herzen der Armen; vom Zorn der Behörden verfolgt, von Prozeß -zu Prozeß hingerissen, jagte sein Leben dahin, bis ihn -- um eine Frau --- die Kugel hinstreckte. - -Aber sein landfremder Name, scharf und schnell wie der hämmernde Hall -seiner Worte, blieb in den Herzen der Armen lebendig, bis hinter der -heißen Gebärde ein drohender Schatten aufkam, sein flackerndes Bild zu -verscheuchen. - - -Die goldene Spinne - -Zwei Rheinländer saßen flüchtig in London und waren Freunde, wie Kopf -und Herz Freunde sind: Karl Marx, der Jude aus Trier, Friedrich Engels, -der Protestant und Kaufmann aus Barmen. - -Sie stickten der neuen Zwietracht die Fahne; auf blutrotem Grund -strahlte mit goldener Schrift der Name des Feindes, den sie in aller -Verkleidung des Wohlstandes verfolgten. - -Wo ein Zins, eine Grundrente war, wo eine Eisenbahn lief, wo eine -Fabrik rauchte, wo die Feuergarbe der Hochöfen lohte und wo der -Förderkorb Kohlen zu Tage brachte: überall saß die goldene Spinne und -nützte das Netz. - -Das Kapital war sie geheißen, und alles Lebendige fing sie mit ihren -gleißenden Fäden, um es zu fressen: weil sie der Nutznießer der Zinsen -und Renten, in aller fleißigen Arbeit der Fluch der Lohnherrschaft war. - -Einmal als goldenes Kalb von Israel gläubig umsungen, von Moses mit -jähen Worten zerschmettert, war sie die Herrin der Welt, all ihres -Wohlstandes und all ihrer Armut geworden. - -Fürsten und Könige mußten ihr dienen, Kriege wurden geführt ihr zuliebe -und Frieden nach ihrem Vorteil geschlossen: wo irgend ein Menschenwerk -war, hielt sie dem Hunger die Geißel in ihrer Linken, aber den Mehrwert -der Arbeit in ihrer lockenden Rechten. - -Gegen die Allmacht des Goldes rief Marx, der Jude aus Trier, die -Zwietracht der Gegenwart auf; und dies war seine Lehre vom Mehrwert: -aller Gewinn in der Welt bestahl die fleißige Arbeit; denn der Lohn -zahlte nicht den Gewinn, er hielt nur die Peitsche, daß Arbeit geschähe. - -Um ihren Mehrwert betrogen, gab die Arbeit dem Armen die Notdurft und -hielt ihn als Knecht in der Fessel des Lohnes; Sorge und Fleiß und -Mühseligkeit der besitzlosen Klasse dienten der goldenen Spinne, daß -ihr das Leben fauler Genuß würde. - -Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! höhnte ihr Sprichwort; aber -den Goldspinnen war zu fressen die einzige Arbeit; so wild war ihre -Gier, daß sie einander auffraßen, die großen die kleinen, bis einmal -das Gold aller Welt in einem einzigen Bauch war. - -Dann war das Unrecht gesühnt und das Schicksal vollendet; denn dann kam -der Staat mit dem Schwert und schlug dem Ungetüm das Freßwerkzeug ab, -dann war der Bauch mit dem Gold der Gemeinschaft verfallen, dann hatte -der Mehrwert der Arbeit den Kreislauf vollendet. - -Denn dann war der Staat nicht wieder das Fangnetz der goldenen Spinne, -dann hatten die Arbeiter selber die Macht, dann konnte der Mehrwert den -goldenen Segen ausströmen, weil endlich die Menschheit vom Kapital, dem -faulen Blutsauger des ehrlichen Fleißes, erlöst war. - -Die Botschaft klang anders, als die aus Bethlehem kam: sie wollte den -Himmel auf Erden bringen, statt eine Verheißung über den Wolken zu sein. - -Zwar hatte Jesus milde gelächelt, daß Einer sorgte um Speise und Trank, -um Kleidung und andere Notdurft des Leibes, weil er die ewige Seligkeit -lehrte, die jeder Seele als ihre Heimat gewiß war, wenn sie ihm glaubte. - -Aber der Jude aus Trier sah nur Schliche in der christlichen Botschaft; -alle Lehre der Priester und alle Gläubigkeit galten ihm List der -Spinne, ihre höllische Herrschaft zu halten: sie wollte des irdischen -Goldes gewiß sein, drum gab sie die himmlischen Träume. - -Irdisches Leben hieß auf der Erde beheimatet sein, hieß ihre Früchte -als Segen des Fleißes fröhlich genießen: das sollte der Preis seiner -Lehre, das sollte der greifbare Segen seines neuen Evangeliums werden. - -Die da in Not und Kümmernis lebten, indessen der Reichtum auf leichten -Rädern dahin fuhr, denen ein Tag Sorgenfreiheit ein Märchenland hieß: -sie hörten die Worte wie einmal die Hirten, da sie in kalter Nacht auf -den Feldern die Botschaft der Engel vernahmen. - -Sie sahen die Fahne der Zwietracht flattern vor einer schönen Zukunft; -tausend mal tausend glaubten mit glühenden Augen, daß der mühselig -beladenen Menschheit zum Wohlgefallen endlich Gerechtigkeit käme. - - -Darwin - -In England wurde dem Sozialismus die Fahne gestickt, aus England -kam auch die neue Schöpfungsgeschichte, die Bildung des Bürgers vom -Bibelbuch abzulösen. - -Auf seinem behaglichen Landgut bei London saß Darwin, der Forscher und -Freund der Pflanzen und Tiere, und kannte kein schöneres Glück, als -ihnen das Lebensgeheimnis besonnen und still abzulauschen. - -Er hatte auf mancherlei Reisen den rauschenden Reichtum der -tropischen Pflanzen- und Tierwelt gesehen; aber wie bei den Menschen -Blutsverwandtschaft war unter Brüdern und hinaus lief in Sippen und -Völker, so sah er die Unzahl der Arten verbunden. - -Tastenden Schrittes suchte er Strecken des Lebens zu finden; und immer -gewisser wurde dem still besonnenen Mann, daß all der rauschende -Reichtum des Lebens aus wenigen Urformen stammte. - -Tausendmal älter als alle Berichte wirkte das tiefe Geheimnis der -Artenentwicklung; was sich das einzelne Leben im Kampf ums Dasein -mühsam erwarb, wurde vererbtes Vorrecht der Art; Jahrtausende waren -darin wie eine Stunde. - -So war die Schöpfungsgeschichte der Bibel ein Märchen der Juden, -einfältig und sinnvoll gebildet; das Sechstagewerk Gottes war nur die -Tür frommer Betrachtung, dahinter die Wege der Pflanzen- und Tier- und -Menschennatur in uralte Vergangenheit wiesen. - -Darwin, der Forscher und Freund der Pflanzen und Tiere, hatte nur -klarer erkannt und feiner verfolgt, was andere Geister vor ihm -ahnten und fanden; als aber der übersehbare Weg seiner Lehre in die -Unendlichkeit führte, erschraken die Frommen. - -Denn nun wurde offenbar, daß die jüdische Bibel auch nur ein -Menschenwerk war und also ein Stückwerk: auf ihren Buchstaben war der -evangelische Glaube verpflichtet; wenn aber der Buchstabe des alten -Testaments falsch war, wurde dem Glauben die starke Gewißheit des neuen -genommen. - -Eine Wehklage kam aus den gläubigen Herzen, Wutgeschrei der Zeloten -rief Zeter und Zorn über den Forscher; der seiner eigenen Frommheit nur -eine neue Gewißheit gewann, staunend der göttlichen Tiefe im Wunder des -Lebens, wurde als gottlos verdammt von den Priestern. - -So mußte der still besonnene Mann seiner Zeit wider Willen das -Feldgeschrei leihen: der Menschengeist wollte sich selber genug sein -als Herrscher der Erde; hier fand er die Lehre, den Kirchengott -abzusetzen. - -Alles Jenseits war solcher Lehre verdächtig; menschliche Not und -kirchlicher Wahn hatten die Götter und danach den Gott der Priester -geschaffen, der für den Überschwall der neuen Erkenntnis und Forschung -ein Hirngespinst war. - -Mit Himmel und Hölle habe der Priester -- so hieß es -- die Menschheit -in Furcht und Hoffnung gehalten, nun sei das alte Täuscherspiel aus; -der Erde allein sollten die Taten gehören; der Tod sollte ein tapferes -Ende des einzelnen Lebens, kein Tor für eine vermessene Ewigkeit sein. - -Unendliche Zeugung habe ihr Ziel im Menschen gefunden; kein -Sechstagewerk eines fragwürdigen Gottes, sondern die Artenvermehrung -durch Zuchtwahl habe aus Urzellen endlich den Menschen gemacht, der so -in Wahrheit die Krone der Schöpfung vorstellte, wie er sich rühmte. - - -Der Trompeter von Säckingen - -Indessen, durch solches Wissen mündig gemacht, der Menschengeist in der -Natur die Mutter des Lebens erkannte, ging in verschlissenen Kleidern -noch immer Romantik spazieren. - -Als die Geschichte Gottes im Menschen war ihm die Vergangenheit tot, -Schicksal und Schuld waren im Schoß der Natur für immer begraben; den -Bilderbogen der Menschheit in seinem Geist zu bemalen, waren Poeten- -und Malerhände geschäftig. - -Einen Messias zu singen, hatte die deutsche Dichtung begonnen, der -eiserne Götz und die Räuber, Nathan der Weise und Minna von Barnhelm, -Don Carlos und Tasso, Iphigenie und Penthesilea, Wallenstein und -der Prinz von Homburg waren mit herrlichen Schritten über die Bühne -gegangen, Faust hatte mit Himmel und Hölle gerungen: nun kam der -Trompeter von Säckingen her, sein blechernes Stück in die Herzen zu -blasen. - -Hölty und Hölderlin waren vergessen, Stifter und Mörike kaum gekannt, -Hebbel und Kleist gingen der Bildung als Schreckgespenst um: dem -Trompeterdichter flog ihr Herz zu wie die Braut dem Geliebten. - -Allzulang war die Dichtung auf Stelzen gegangen, große Gedanken und -hohe Gefühle hatten dem Bürger den Eingang verwehrt: nun lehrte ein -Kater die Lieder der Bildung zu singen, und ein Trompeter, die Leiden -der schmachtenden Liebe zu seufzen. - -Auch Maiengrün gab es für süße Gefühle, für den Durst einen köstlichen -Tropfen, für den Trompeter eine holde Maid zu erringen; und wenn das -Lied aus war, das die deutsche Bildung entzückte, hatten sich Maid und -Maiengrün, Trompeter und Tropfen glücklich gefunden, und jedermann -konnte sich träumen, daß ihm ein gleiches Glück blühte. - -Zwar in der Wirklichkeit standen die Dinge nicht mehr so rosig -vergoldet, und Nüchternheit nahm der Bildung das dürre Maiengrün aus -den Händen; desto emsiger mußten die neuen Poeten von der Vergangenheit -ihre bunten Bilderbogen abziehen. - - -Unserer Väter Werke - -Als der siegreiche König von Preußen aus Frankreich die Kaiserkrone -heimbrachte, als wieder ein Kanzler im Reich und das Reich eine Macht -war, weckten die Rufer den schlafenden Kaiser im Kyffhäuserberg. - -Die neue Herrlichkeit mußte der alten die Hand reichen, wollte sie mehr -sein als dreistes Glück, wollte sie Schicksal und aus den Tiefen der -deutschen Vergangenheit Erfüllung bedeuten. - -Unserer Väter Werke! stand über dem Tor der Halle, darin begeisterte -Männer aus München der staunenden Zeit ein stolzes Schaubild deutscher -Vergangenheit gaben. - -Die Zeit, da Dürer in Nürnberg Meister der Malerzunft war, da Hans -Sachs auf der Diele des Hauses als freundlicher Greis saß, da Peter -Vischer die festen Erzgüsse machte, da die Rathäuser wuchsen und in den -Stuben der Bürger reiches Kunstgerät war, wurde in köstlichen Kammern -vor der Gegenwart ausgebreitet. - -Da sah sie, was einmal deutsche Bürgerschaft war, wie sie wohnte und -ihr Gerät schmuckreich und edel gefügt aus einem Handwerk bekam, das -noch ein Meisterstück kannte. - -Es sollte nur eine kurze Schau sein, nur ein Blick in das herrlichste -Buch der deutschen Geschichte, ein Vorbild und eine Predigt, -desgleichen zu tun. - -Aber die Schau konnte den Geist nicht wecken, der solche Dinge brauchte -und schuf; sie zeigte der Gegenwart nur sein schönes Gewand; und die -Gegenwart eilte sich sehr, es zu tragen. - -Überall wurden dem alten Handwerk Museen gebaut, überall wollte die -Gegenwart mit der Vergangenheit prahlen, überall mußte der neue -Reichtum in alten Prunkkammern wohnen. - -Weil aber die Kunst kein Leihgewand hat, weil sie das Kleid ihrer Zeit -nicht anders sein kann, als Blätter und Blüten an einem Baum wachsen, -seine Krone in eigene Anmut zu hüllen: wurde, was Leben sein wollte, -nur ein Theater. - -Als ob die Gegenwart keine Wirklichkeit wäre, Schönes zu wachsen, -hing sich der Deutsche die Prunkmäntel vergangener Herrlichkeit um, -seufzend, daß seine Zeit der eigenen Schönheit entbehre. - - -Bayreuth - -Einer aber ging durch die Gegenwart hin, mit seinem Taktstock der Zeit -einen neuen Pulsschlag zu bringen. - -Als die Deutschen nach Frankreich marschierten, war er schon grau; in -Triebschen am See von Luzern saß er landfremd und verlästert: aber die -Lohe brannte um seinen Garten, und die sein Angesicht sahen, erkannten -den Dämon darin. - -Wie Klingsor der Zauberer war er gekommen, den Singsang braver -Musikmeister mit höllischen Künsten zu stören; und als einen Dämon des -Königs hatte die Hetze den herrischen Mann aus München vertrieben. - -Denn anders als sonst ein Fürst war Ludwig der Zweite von Bayern; ihn -hatte der Zauber berührt, der um den romantischen Kaiser der Sage im -Kyffhäuserberg war: König sein hieß ihm der Schönheit gehören, die über -der Täglichkeit kalter Geschäfte und lauer Genüsse mit goldenen Fäden -am Himmelreich hing. - -Schlafwandelnd ließ er die Dinge des Tages geschehen; wo aber ein -Mensch aus der Ewigkeit kam, säumte er nicht, mit Fackeln zu leuchten, -daß er zur Nacht den Weg in sein Königsschloß fände und seinen -Thronsaal der Träume. - -Richard Wagner den Zauberer hatte der eigene Dämon zum Flüchtling -gemacht; hingerissene Liebe, Verzückung, Unverstand, Bosheit und -Not waren um seinen Lebensweg, bis er im Thronsaal der Träume den -Schlafwandler fand. - -Der hieß den Kahn bringen, der aus Ebenholz war, und der Bug war von -Silber, das Licht ein Rubin, durch blassen Opal wie rinnendes Blut -bleich leuchtend auf purpurne Kissen. - -So fuhr er hinaus in die Nacht, dem Zauberer und seinen Tönen zu -lauschen, die aus der ewigen Melodie des Wassers im Wind, aus der -ewigen Unrast der Menschenbrust, aus Werden, Sein und Vergehen der -ewigen Wiedergeburt kamen. - -Wenn Tristan den Liebestrank nahm von Isolde, wenn er den König verriet -und den Verrat büßte mit seinem Leben, um dennoch der tödlichen Liebe -selig zu sein: dann konnten nicht Lieder und Arien singen, dann mußte -Musik der ewigen Waltung ertönen, ewige Unrast, ewige Sehnsucht, -niemals Erfüllung, nur selig gefühltes Erfülltsein. - -Ludwig der König horchte den Tönen, als ob es der Weltgruß wäre für -seine schlafwandelnde Seele; aber die Münchener haßten den landfremden -Zauberer, und wie sie die Tänzerin Lola austrieben, so taten sie ihm. - -Sechs Jahre lang saß er in Triebschen, noch einmal ein Flüchtling, aber -sein Zauber hielt den König im Bann aus der Ferne; als das deutsche -Kaisertum aufstand, als wieder ein Reich und Raum war für große Dinge, -rief der König Richard Wagner zurück, sie zu gestalten. - -Einmal war Baukunst die Mutter der Künste gewesen, nun wollte Musik, -ihre Schwester, den Zauberdom bauen; alle Künste sollten ihr dienen, -daß der Menschengeist endlich von seiner Zerspaltung genese: in -Bayreuth sollte die Gralsburg sein, der Welt zur Erlösung. - -Als im Festspielhaus zu Bayreuth die ersten Töne erklangen, als der -greise Kaiser neben dem romantischen König saß, den Zauber zu hören, -als die Bühnen in Deutschland dem Bann von Bayreuth verfielen, als die -Nibelungen allerorten ihr Getön und Gepränge begannen: da schien ein -anderer Zauber gelungen, als den der Trompeter weckte. - -Der Bürger mußte sich wieder der Größe beugen; der Bann von Bayreuth -zwang die Herzen nicht weniger hin als der eiserne Bismarck die Hände. - -Der Dämon des Königs von Preußen hatte das Reich durch Eisen und Blut -wieder errichtet; der Dämon des Königs von Bayern machte das Tor zur -alten Herrlichkeit auf: was starke Hände ergriffen, sollten die Herzen -als Heiligtum halten. - -Aber das Heiligtum war ein Theater geworden; wie einmal die Glocken des -Münsters die Heiligen riefen, so taten nun seine Posaunen; daß sie die -letzte Verwandlung vermochten, mußte die Heilsmusik der Erlösung im -Parzival tönen. - -So war der Zauber von Bayreuth vollendet; aus aller Welt kam die -Gläubigkeit her, ihm zu lauschen: der Priestergott hatte die letzte -Verwandlung begonnen, das Mirakel der Messe war auf die Bühne -gestiegen, das Kreuz von Golgatha stand auf dem Dach des Theaters. - - -Bruckner - -Indessen der Weihrauch in Bayreuth um solche Zauberei dampfte, indessen -Tannhäuser und Wolfram, Elsa und Lohengrin, Siegfried, Walküren und -Rheintöchter das deutsche Theater erfüllten, saß der Hofkapellorganist -Anton Bruckner in Wien und spielte die Orgel, wie weiland Johann -Sebastian Bach. - -Wie jener als Protestant war er katholischen Glaubens ein demütiger -Diener der Kirche, obwohl er Gewalt hatte über die Bässe und Flöten der -Orgel, über die Geigen und Hörner im ganzen Reich der Musik. - -Ihm war kein Dämon gegeben, die Großen der Welt zu betören, kein -Königsschloß stand in der Nacht, ihm mit Fackeln zu leuchten; wohl aber -kamen die Gaffer von Wien, den seltsamen Kauz zu bestaunen, der ihnen -den Dank, wenn sie klatschten, mit dem roten Taschentuch winkte. - -Sein Taschentuch machte sie lustig, er aber nahm ihren Pöbellärm -dankbar als Ehrung für seine Kunst hin; und wenn die Kinder der Gasse -den närrischen Mann neckten, stand er gerührt vor dem Ruhm in der Liebe -der Kleinen. - -So war er im Leben ein wahrer Knecht Gottes; einfältig und ohne Groll -nahm er sein Los hin, als Narr vor den Menschen zu gelten, die seine -Hände zu küssen versäumten, weil sie die karge Knechtsgestalt sahen, -aber den blühenden Geist Gottes in seiner Musik nicht erkannten. - -Er war ein Österreicher Kind und ein gläubiger Sohn der katholischen -Kirche; wie Johann Sebastian Bach brauchte er nicht mit Himmel und -Hölle zu ringen, weil ihm der Himmel gewiß war, einmal und hier schon -auf Erden: aber wo jener die Stimmen mit Stärke und Strenge bezwang, -ließ er sie schwelgen im Wohllaut. - -Auch war er ein Hagestolz, und keine elf Söhne füllten sein Haus mit -fröhlichem Lärm wie bei dem Kantor in Leipzig; die Einsamkeit war seine -stille Gefährtin, sie konnte ihm in den Überschwall fallen, daß jeder -Stimme der Atem stockte. - -Dann stand seine stumme Seele vor Gott wie eine Kerze am Hochaltar -steht; aber ein Engel kam aus der Stille und führte ihn an der Hand -heilig hinein in die neue Anbetung der Stimmen, bis wieder ihr -brausender Chor und Wohlklang erschallte. - -Die Menschen konnten die Stille nicht hören, sie spürten auch nicht -den Engel darin, der ihn vor Gottes Thron führte; sie lachten -des Organisten, der selber Musik machen wollte und mit dem roten -Taschentuch winkte; sie blieben vor seiner Einsamkeit stumm, bis er im -vierundsiebzigsten Jahr seines Lebens still aus der Welt ging. - -Als Beethoven starb, an dessen Grab Bruckner oftmals gekniet hatte, -bezeugten ihm Tausende schweigend die Ehrfurcht; als Bruckner sich -leise hinweg stahl, wußten nicht hundert, wer dieser Knecht Gottes war. - -Neun Sinfonien hatte auch er der Menschheit geschrieben, neun Bücher -vom ewigen Leben: Dem lieben Gott! stand auf der letzten, darüber ihm -seine Hände hinsanken. - -Der seiner Einsamkeit Freund und Gefährte, der seiner treuen -Knechtsdienste Herr war, sollte gnädig hinnehmen, was die Menschen -nicht mochten. - - -Nietzsche - -Es war ein Professor in Basel, Sohn eines Pfarrers aus Röcken bei -Lützen, Friedrich Nietzsche geheißen; dem war die Einsamkeit nicht von -närrischer Einfalt umgütet wie dem Knecht Gottes in Wien. - -Sein gläserner Geist litt unter dem dreisten Gelichter, sein heller -Mund höhnte, daß ihre Ohren so taub, ihre Herzen so leer, ihre Gefühle -so unrein, ihre Gedanken so lendenlahm waren. - -Als er es nicht mehr auszuhalten vermochte unter den Menschen, floh er -hinauf ins Gebirge, in einer helleren Luft einsam zu sein. - -Einmal war Bayreuth dem unerbittlichen Frager noch eine Hoffnung -gewesen, aber sein herrischer Jasagegeist konnte nicht knien am Kreuz -der Verneinung; als der Zauberer seinen Parzival schrieb, hieß er ihn -einen Verleugner und Täuscher. - -Ein deutscher Christ galt ihm ein zwiefach verzwickter Knecht der -Vergangenheit; er aber wollte der Zukunft den hellen Geist zeugen, er -wollte der Wahrheit die Wohnung der Stärke bauen, er wollte getrost der -Antichrist heißen. - -Denn das Christentum galt ihm die Feindschaft der Kranken und -Verderbten; Knechtstugenden hieß er Mitleid und Demut und Bängnis um -Strafe und Lohn. - -Herrenmoral war anders gerüstet: sie kannte den Hochmut, den Haß und -die Liebe des Blutes, den tapferen Tod vor dem Feind; sie brauchte kein -Jenseits für ihre Gewißheit der Dinge, sie war mit Sinnen und Sinn -Jasager zum irdischen Leben. - -So waren die Griechen gläubige Kinder der Erde gewesen, so hatten die -Römer das Reich der männlichen Stärke gebaut, bis ihm der tückische -Kreuzgott im Aufruhr der Sklaven und Christen den Untergang brachte. - -Nun galt es dem Menschengeist, die Schmach auszulöschen, wieder wie -einst die Dinge als groß und gering, rar und gemein, biegsam und -brüchig, gesund und krank zu werten, wieder der frohe Herr seiner -selber statt der Knecht düsterer Mächte zu sein. - -Hündisch hieß er, für einen Himmelsgott gut oder böse zu gelten, -herrlich, um seiner selbst willen den Bogen der Stärke zu spannen. - -Helläugig, schnellfüßig und hochgemut mußte der Geist im Abendland -werden, sollte ihm wieder die Erde gehören; kein gekreuzigter Gott, -keine olympischen Götter: der Mensch allein sollte das Ziel seiner Tat -und Sinndeutung stellen. - -Als so der Professor aus Basel den Übermenschen lehrte, war ihm das -Land der neblichten Wälder und kalten Meerküsten unheimlich und fremd -geworden, wie einem Zugvogel sein Nestland fremd wird: im sonnigen -Süden, am kaltklaren See von Silvaplana ging er die steilen Wege seiner -Gedanken. - -Da fand er sein Spiegelbild und hieß es den Zarathustra; aber er nahm -von dem persischen Weisen nur das Gewand und den Namen, den Menschen -sein kühnes Schalksspiel zu bringen; denn nun war er der Einsamkeit -satt, wie eine Biene vom Honig schwer ist. - -Er sandte ihn aus mit Reden und Sprüchen, Liedern und allerlei Sinnbild -und Schicksal, den Übermenschen zu lehren; was der Affe dem Menschen -war, das sollte der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter und -eine schmerzliche Scham. - -Er selber wollte bei seinem Werk bleiben, der Moral eine neue Münze -zu prägen, die jegliches Ding in der eigenen Geltung bezahlte; denn -steiler als je ging der Weg seiner Gedanken, und über ihm schwebte sein -heiliger Geist, den er die ewige Wiederkehr nannte. - -Aber das Schicksal zerbrach ihm die Antwort, als er die Schärfe -der letzten Fragen ansetzte: höher als je eine Kühnheit war seine -gestiegen, da riß ihn die Tobsucht hinunter in ihre greulichen Tiefen. - -In Weimar, wo Goethe die Grenzen des Daseins sorgfältig umging, wo -jeder Weg seine Spur zeigte und jeder Wind sein Wort wehte, verdämmerte -langsam der kühnste Geist, den das Abendland zeugte. - - -Die dritte Zwietracht - -Als Friedrich Nietzsche erloschenen Auges ins Abendrot starrte, wie -einmal der Spötter in Sanssouci saß, aber der Spott war von ihm -genommen; als der gläserne Geist taub war und keinen Mittag mehr -schimmerte: machte sein Spiegelbild Glück bei der Jugend. - -Der Dichter hatte dem Denker steiler Gedanken das Spiegelbild listig -verkleidet, daß die bunten Gewänder vielerlei Augen anlockten, daß um -die Sprüche des Zarathustra heißes Gedränge, daß seine Schalksspielbude -begehrt im Jahrmarkt der Gegenwart war. - -Wohl fraß die Gegenwart sich an der Vergangenheit satt, und der -Trompeter blies ihr sein blechernes Stück zur Verdauung; aber der Trotz -mißratener Söhne sah das Reich seiner Väter auf Bürgertugend gebaut, -die er haßte. - -Durch Eisen und Blut waren die Dinge geschehen, nun saß der Bürger zu -Tisch, sie zu genießen; emsige Sorge um kleines Behagen, redlicher -Fleiß um Wohlergehn, gehorsame Erfüllung der Staatsbürgerpflichten -hielten sein Hausväterdasein behütet, darüber der Gott seiner Kirche -auch nur ein Hausvater war. - -Tapfere Dinge waren getan, und Starkes war durch die eiserne Hand -des Kanzlers vollendet: aber das rasche Wunder konnte nichts Großes -entzücken, weil es dem Bürger nur fremde Erfüllung, nur der prahlende -Schein einer großen Zeit, kein Ende und Anbeginn war. - -Die alte Zwietracht ging um als blasses Gespenst, und die neue war erst -eine Fahne; zwischen den Zwietrachten stand die Zeit still, Feierabend -war mit faltigen Schürzen und vollen Fässern; auch daß der Forscher -die Bibel Gott aus der Hand nahm, konnte den Feierabend nicht stören, -weil der Bibelgott selber ein blasses Gespenst war. - -So konnte auch Zarathustra die Zeit nicht wecken; kein Zorn war um -seine Schmähung, kein Glaube um sein Glück, keine Verzückung um seine -fressende Flamme. - -Nur der Trotz mißratener Söhne, das Racheglück kindlicher Hasser, das -Traumgesicht eifriger Dichter nahm das Schalkspiel des Zarathustra -hin als ein neues Vergnügen; nur wenigen brannte der Dornbusch seiner -Verheißung. - -Nur wenige sahen, daß hier eine tollkühne Hand die Tafel der Tugend -zerschlug, daß über der falschen Eintracht der Zeit die dritte -Zwietracht aufstand, die Schuld der genügsamen Väter zu rächen. - -Noch war ihr Herz nicht bereit für das wilde Ereignis; aber sie ahnten -den Blitz, dessen Wetterleuchten sie sahen, weil ihre Jugend darin war. - -Als die Verneinung der Väter war die Vergangenheit über den Drang des -jungen Blutes gelegt; wo ein Wunsch war, stand eine Sünde; und wo eine -Erfahrung lehrte, wurde ein Wille gebrochen. - -Das Leichentuch der Entsagung war über die Wünsche gebreitet; -Leidenschaft, Lust, Liebe und Haß, Tapferkeit, Hochmut, Stolz und -Verachtung: alles, was in den Herzen der Knaben als kommende Mannheit -Macht werden wollte, war in den Wurzeln zerschnitten. - -Noch war die dritte Zwietracht ein Schalkspiel im Jahrmarkt, davor -die Jugend sich drängte, über das Alter zu lachen; einmal sollte die -Lehre des Zarathustra das neue Evangelium sein, im Namen der Jugend die -Mannheit ehrlich zu sprechen. - - -Gottfried Keller - -Zur selben Zeit, da den Verkünder des Zarathustra die grausame -Krankheit zerstörte, siechte in Zürich Gottfried Keller dahin, der kein -Verkünder, kein Fragesteller des Übermenschen, nur ein Mensch, und gar -ein Bürger, dennoch ein Jasager war. - -Staatsschreiber in Zürich hieß er in Ehren, als Bismarck das neue Reich -machte; aber er hatte die alte Zeit lieber gehabt als die neue, weil er -ein Eidgenoß, kein Fürstenfreund war. - -Die Paulskirche blieb ihm ein hohes Gedächtnis, und manche Männer von -damals hießen ihm Freund; ihr Deutschland war seine Schule gewesen, dem -Maler zuerst und danach dem Dichter, und dieser Schule dankte er gern. - -Denn der ein deutscher Sprachmeister wurde, hatte ein anderes Handwerk -zu lernen getrachtet, und mancherlei Lüfte waren dem Schweizer in -München, Heidelberg und Berlin durch die Haare geweht, ehe ihn endlich -die Heimat als ihren Sohn anerkannte. - -Als er Staatsschreiber wurde, sollte das Amt den vielfach gescheiterten -Mann retten, es sollte dem Wandervogel das Nest sein, seine Lieder zu -singen und seine bunten Träume zu spinnen. - -Denn längst hatte der unstete Mann seinen Freunden den Grünen Heinrich -geschrieben, die Beichte der eigenen Jugend, in Goethescher Weise -Wahrheit und Dichtung vermischend; aber ihm war die Jugend noch nah mit -ihrer grünen unübersehbaren Wildnis. - -Auch waren der grünen Wildnis des Malergesellen aus Zürich andere Bäume -und Blumen gewachsen als dem Frankfurter Ratsherrenkind: der Maler -hatte die Augen gegeben, die unübersehbare Fülle bildhaft zu fangen, -der Poet hatte die Gläser mit vielerlei Farben gestellt, die grüne -Wildnis nach Knabenart blau und rot und gelb zu betrachten. - -Nirgend marschierte das Schicksal mit lauten Kanonen; aber ein leises -Gefüge von Schuld und Verpflichtung, Täuschung und Mißgeschick verschob -dem Knaben und Jüngling die grünen Kulissen, bis der Malergesell aus -der unübersehbaren Wildnis keinen Ausweg mehr fand. - -So war die Jugend des Malergesellen; aber der Dichter hatte dem Mann -das Lebenstor breit aufgemacht, daß die Landschaft dalag in der Fülle -gerundeter Bilder. - -Die Leute von Seldwyla hieß er den Band seiner Geschichten, die alle -mit Worten gemalt, mit Farben gedichtet, alle homerisch gebildet, aber -von einem Schalk ins Wasser getaucht waren, sodaß ihre blinkende Nässe -im Sonnenschein wehmütig fast und geneigt, sich zu schämen, und dennoch -im Frohgefühl ihres Daseins leise durchlächert dastand. - -Klopstock hatte von Ossian her nach deutschem Wesen getrachtet, Lessing -hatte der welschen Manier das deutsche Wort abgerungen, Goethe und -Schiller waren tief in den Jungbrunnen der Griechen getaucht, die -Romantiker hatten sich in den Traum vergangener Größe geflüchtet, -Kleist und Hebbel hatten die Kleider der Weltflucht vom Leibe gerissen: -nun kam ein Poet aus der Schweiz und vermochte, was keinem gelang, aus -deutscher Seele allein die Fülle lebendig zu machen. - -Aber die Deutschen saßen zu sehr in der Not ihrer schimpflichen Jahre, -so frohe und freie Entfaltung der eigenen Wesenheit zu erkennen; -vermögende Freunde daheim bauten dem Dichter das Nest. - -Fünfzehn Jahre lang mußte der Schalk von Seldwyla Staatsschreiber -heißen, fünfzehn Jahre lang auf der Höhe seines Lebens der -Bürgerschaft dienen, nicht wie Goethe regierend, nur eine Schreibfeder -der Großen. - -Aber wie jener tat er den Dienst treu und beharrlich; der Dichter -goldener Träume konnte dem Alltag dienen, weil keine blasse Romantik -ihn lebensfremd machte, weil die volle Hinwendung zum Dasein des -Bürgers sein Werk wie sein Wesen erfüllte. - -Als er in Ehren Abschied nahm, war er grau; aber das Leben hielt ihm -die Treue, die er ihm gab in all seinen Stunden: noch sechzehn Jahre -lang konnte der Alt-Staatsschreiber von Zürich das Seine beschließen. - -Da kam die Fülle breit an den Tag: der Schalk von Seldwyla wurde der -Meister der Zürcher Novellen; das Sinngedicht und die Sieben Legenden -legten ihr Gold auf die Waage, bis endlich Martin Salander das -stattliche Bürgerhaus mit seinem Reichtum erfüllte. - -Der Malergesell in München, der dichtende Wandervogel im Reich, -der Freund vieler Männer von Achtundvierzig war wieder der Heimat -verwachsen, der deutsche Dichter war Eidgenoß, der Eidgenoß ein Zürcher -geworden. - -Das neue Reich hatte die Grenzen der Macht karg abgeschnitten; eine -Stimme von draußen war der Meister Gottfried den Deutschen, der die -Stimme des Blutes trotz Einem im Reiche war. - - -Wilhelm Raabe - -Indessen Seldwyla der deutschen Seele ein fröhlicher Sommertag wurde, -aber nur wenige sahen die Türme und Wimpel der seltsamen Stadt, grub -die selbe Seele in Braunschweig den Dachsbau all ihrer verzwickten -Verstecke. - -Der da die Chronik der Sperlingsgasse, den Hungerpastor, den -Schüdderump schrieb und die schier endlose Fracht großer und kleiner -Geschichten: Wilhelm Raabe, der Dichter und Sterndeuter deutscher -Vergangenheit, liebte die Schlupfwinkel mehr und die heimlichen Gänge -als den fröhlichen Tag. - -Auch ihm behagte das neue Reich nicht, obwohl es dem Mann mitten ins -Leben hinein kam, nicht erst im Alter; der neue Glanz war seinen -Augen zu grell, die das alte Lampenlicht liebten, lieber noch in die -Dämmerung sahen oder hinauf in die Sterne. - -Früh seßhaft geworden und seiner norddeutschen Heimat so innig -verbunden, daß er selber ein Stück Norddeutschland war, Kleinstädter -von Neigung und Wesen, gern auf dem Wall die gewohnten Gänge -spazierend und mit der Pfeife beim Glas unter den Stammgästen sitzend: -blieb er der alten Zeit treu, die der neuen nicht nachrennen konnte. - -Der alten Zwietracht als Protestant still zugehörig, der neuen fremd -wie ihren Fabriken, aber der dritten feind, wie eine verschlossene -Haustür den Dieben feind ist, sah er dem Wandel der Welt zu mit -schweigender Wehmut und listigem Lächeln. - -Er wußte genau, sie liefen am Leben vorbei mit ihren Geschäften, mit -ihren Fahnen und Trommeln, mit ihrem Lärm um das Heute, mit ihrem -Streit und Geschrei. - -Denn leben hieß ihm, daß eine Seele sich selber zusah, wie ihr die -Dinge der Erde das Licht und die Luft verstellten, wie irgend ein -Zufall sie mitten ins Schicksal hinein wehte, und wie ihr doch nie ein -Neues geschah. - -Denn Licht und Luft und Schicksal waren der Ewigkeit eingestellt wie -eine Herde der Hürde; sie konnten blenden und blasen und blindes -Ungestüm tun: einmal war doch wieder Nacht und Stille und das Glück der -Sterne. - -Auch war die Erde rund und zu klein, ihr zuliebe zu rennen: einer ging -fort nach Osten und kam aus Westen zurück, weil Osten und Westen sich -drüben die Hand reichten. - -Groß und weit allein war die Tiefe der Zeit, war die Tiefe des Raumes; -da konnte die Seele den Geist als Sendboten schicken, da konnte er -seine Kühnheit auskosten bis an die Grenzen des Nichts, das immer von -neuem nur Nichtigkeit war: Nichtigkeit vor den Menschen, aber die -Allgegenwart Gottes lebte darin wie der Ton im Gehäuse der Geige! - -Alles das dachte und sagte der einsame Mann in seinem Dachsbau zu -Braunschweig, und alles das wurde die Fracht seiner großen und kleinen -Geschichten; aber die neue Zeit rannte vorbei an der alten, sie sah den -Sommertag nicht in Seldwyla, sie beachtete nicht sein Gerümpel. - - -Die Neuzeit - -Der guten alten Zeit wuchsen die Türme der neuen Zeit über die Dächer: -alles, was dunkel und dumpf und beschränkt war, wollte sie hell und -gelüftet und grenzenlos machen; denn der Menschengeist hatte die -Elemente gebändigt. - -Dampfzüge brachten auf eisernen Schienen die Güter herbei; die hohen -Hallen der Bahnhöfe standen im Lärm und Rauch der Maschinen; rund um -die Städte wuchsen Fabriken hinaus in die Felder; Kohle und Eisen, die -Schätze der Erde, wurden in Waren und Wohlstand verwandelt. - -Der Stadtbürger brauchte nicht mehr die Groschen zu zählen, der Taler -rollte, und prahlend wollte die Neuzeit den neuen Reichtum zur Schau -stellen. - -Nicht mehr das krumme Gewinkel der Gassen und nicht mehr die engen -Geschosse altmodischer Häuser sollten die Stadt sein; schnurgerade an -breiten Straßen gerichtet wollten die Bauten der Neuzeit dastehen mit -Erkern und Türmen an schmuckreichen Fassaden. - -Statt dunkler Gewölbe breiteten Schaufenster die bunte Fülle der Waren -aus vor der drängenden Menge, statt rauchiger Trinkstuben prahlten die -Spiegelwände der Bierhallen. - -Überall wurde der Ring der alten Wälle und Schanzen gesprengt; wie -es in Wien und Paris war, wollte der Stadtbürgerstolz allerorts -seine Ringstraßen haben: breite Alleen mit Rasenbeeten und Blumen, -mit Brunnen und Denkmälern reichlich bestanden, sollten dem neuen -Bürgerstand Wohnquartier geben, sollten den fremden Besucher erstaunen. - -Prahlender Wohlstand baute die Straßen und Brücken, Kirchen und -Rathäuser der Neuzeit und sparte nicht mit dem Prunk; aber der Prunk -war mit raschen Händen gerafft wie der Wohlstand. - -Unserer Väter Werke stand an den Toren und Türmen geschrieben; aber -die Väter hatten das ihre mit Würde und weiser Beschränkung getan, die -Enkel zogen den Stil aller Vergangenheit an wie Theatergewänder. - -Romanisch und gotisch, Renaissance und Barock, Rokoko und Empire: -alles konnten sie bauen, als ob die Neuzeit der Maskenball jeder -Vergangenheit wäre. - - -Die Vorstadt - -Springbrunnen sprangen in sauber gezirkelten Beeten, und Denkmäler -standen auf blankem Granit: aber die Schienen der Straßenbahn schnitten -quer über die breite Allee und liefen hinaus in die steinerne Wüste der -Vorstadt. - -Einförmiger wurden die schmalen Fassaden und enger die Straßen, kleine -Geschäfte ahmten den größeren nach mit trüben Schaufenstern und -trugreichen Schildern, schmutziges Pflaster löste den blanken Asphalt -ab, bis endlich der schwarze Kohlenweg kam zwischen verödeten Fenstern. - -Noch ragten die Häuser mit vielen Stockwerken; öde Brandmauern, mit -grellen Schriftzeichen bemalt, rissen die Lücken hinein, wo alte -Kiesgruben waren und verwaschene Schutthalden. - -Da wohnten die Frauen und Kinder all der Fabrikler, die dem prahlenden -Reichtum der Stadt der drohende Untergrund waren. - -Schmächtige Stiegen und schmale Zimmer, eng ineinander geschachtelt, -ärmliche Höfe, kein Gartengrün, grauer Zement, von Ruß und Regen -beronnen, als Spielplatz der Kinder das Pflaster der Straße: aber -vor all der Dürftigkeit noch das blöde Gesims und Gesockel falscher -Fassaden. - -So war die Armut der Vorstadt zu Haus, und die Armut hing am prahlenden -Wohlstand mit dem kärglichen Lohn ihrer Arbeit. - -In grauer Frühe gingen die Haustüren auf, und der eilige Schritt -auf dem Pflaster strebte der Stadt zu, ihren Kaufhäusern, Büros und -Fabriken, wo die Hände der Vorstadt ihr Sechstagewerk taten. - -Wo ein Rad rollte, wo ein Schornstein rauchte, wo ein Licht brannte, -wo eine Maschine ihr blitzschnelles Werk tat in Spindeln und Pressen, -wo gebaut, gehämmert, genietet, gewebt, wo gewogen, gemessen, verladen -und eingepackt wurde: überall waren die Hände der Vorstadt geschäftig, -den Reichtum zu raffen, der in den Straßen und Stuben der neuen -Bürgerschaft prahlte. - -Wie durch ein Sieb sickerte der dünne Wochen- und Tagelohn durch, -indessen der Mehrgewinn das Gold in den Maschen anschwemmte, die -Taschen der Klugen und Harten zu füllen. - - -Das Sozialistengesetz - -Die da in Not und Kümmernis lebten, indessen der Reichtum auf leichten -Rädern dahin fuhr, denen ein Tag Sorgenfreiheit ein Märchenland hieß: -sie trugen die rote Zwietracht im Herzen, wie einmal die Hirten in -kalter Nacht auf dem Feld die Botschaft der Engel vernahmen. - -Sie hießen sich Sozialisten und glaubten mit glühenden Augen, daß -einmal das Reich der Gerechtigkeit käme; ihrem Glauben war Hoffnung, -doch keine Liebe gesellt: Haß hieß der Quell, daraus sie tranken. - -Sie haßten den Reichtum und seine Nutznießer, sie haßten die -Prunkstraßen der Stadt und alle, die darauf spazierten, sie haßten -den Bürger, der seinen Tag lebte, und haßten den Staat, der seinen -Wohlstand beschützte. - -Sie haßten die Kirche, weil sie den Armen den Himmel versprach für die -entgangenen Freuden der Erde; sie haßten den Kaiser dazu, weil Thron -und Altar die Stützen der alten Klassengewalt waren. - -Der Kaiser war längst ein Greis, und drei Jahrzehnte waren vergangen, -seitdem er Kartätschenprinz hieß; drei Jahrzehnte hatten sein greises -Haupt ehrwürdig gemacht; wenn seine gebeugte Gestalt im Wagen ausfuhr, -freundlich nickend nach allen Seiten, strömten ihm Liebe und Dank, -Ehrfurcht und Jubel des Volkes zu. - -Aber der Jubel reizte den Haß, und dem Haß sind die Wege zur Hölle -gepflastert: Hödel, der Klempnergeselle, fehlte mit seiner Kugel den -König; Nobiling schoß ihn mit Rehposten nieder wie der Wilderer ein -Wild. - -Indessen der schmählich verwundete Greis von seinen Wunden genas, -beschloß der Reichstag das Sozialistengesetz, das um den Abgrund der -roten Zwietracht den bösen Stacheldraht zog. - -Wie einmal den Burschenschaften geschah, geschah nun den Sozialisten: -Verfolgung, Gefängnis und Landesverweisung waren das grausame Los -aller, die sich bekannten. - -Zum andernmal kam dem Geheimrat der Büttel zur Hand, aber der Wille der -Mehrheit, nicht Willkür der Fürsten, gab ihm die Macht, im Namen des -Rechtes Unrecht zu walten. - -Haß löckte wider den Haß: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit -hatte es einmal geheißen, da der Bürger sein Dasein gegen die Junker -und Pfaffen erhob; nun klang der gleiche Ruf gegen ihn, den Feind des -Genossen. - - -Der Deutsche Soldat - -Wenn der deutsche Jüngling ein Mann werden wollte, mußte er auf die -Ziehung: so hieß der Volksmund den Tag, da die Jungmänner gemustert -wurden, ob sie zum Heeresdienst taugten. - -Die es traf, weil sie gesunden Leibes und gut bei Sinnen waren, kamen -mit bunten Bändern am Hut nach Haus; und hatten die Kehlen heiser an -den alten Soldatenliedern gesungen. - -Denn Soldat hieß nicht mehr ein Söldner sein, der um Sold in den Krieg -ging; Soldat sein war eine stolze Pflicht, die dem Gesunden zufiel, und -den Rock des Königs zu tragen, war eine Ehre. - -Ob sie mit langen Schritten hinter dem Pflug gegangen waren oder mit -flinken Händen im Laden bedient hatten; ob sie vom Handwerk kamen oder -aus der Fabrik; ob sie sanft oder rauh, in der guten Stube verzärtelt -oder schon von den Hunden der Not gehetzt worden waren: die Kaserne -raffte sie in ihre Kameradschaft. - -Da hießen sie alle Rekruten und lernten den gleichen Schritt aus dem -Vielerlei ihrer Herkunft; da trugen sie alle das Krätzchen auf ihrem -geschorenen Kopf und aßen das gleiche Kommißbrot. - -Statt schmieden und sägen, mauern, schreiben und nähen lernten sie die -Beine werfen im Gleichschritt und die harten Griffe mit dem Gewehr, -lernten sie den Befehl mit dem unbedingten Gehorsam. - -Wenn sie dann in den ersten Urlaub kamen, waren sie in die Uniform -eingewachsen und warfen den Augen der Mädchen die stolzen Blicke -zurück; sie hatten den Schritt des Mannes gelernt, der im Dienst geht. - -Denn zu schmieden und sägen, mauern, schreiben und nähen war längst aus -der ehrbaren Zunft in den Alltag des Lohnes geraten; das Handwerk hatte -nicht nur seinen goldenen Boden, sondern auch seinen Stolz verloren: -es gab dem einzelnen Dasein Unterschlupf; aber Soldat sein raffte den -Einzelnen in die Gemeinschaft. - -Ob sie in Königsberg oder Ingolstadt, in Mainz oder Flensburg zum -Paukenschlag und Hörnerschall durch die klingenden Straßen marschierten -oder gar ritten: überall war die gleiche Parole um sie, der gleiche -Schritt und der gleiche oberste Kriegsherr. - -Zu Hause hatten sie Schwaben und Bayern, Sachsen und Preußen, -Rheinländer und Schleswig-Holsteiner geheißen; aber das Heer war -deutsch, und sein Vaterland hieß das Reich. - -So hing ein Glanz um den Schritt des Soldaten, den der Alltag vermißte; -und wenn die Herbstmanöver den Schritt aus der Garnison hinaus führten -in die Dörfer und verschlafenen Städte der Landschaft, hing sich dem -Glanz die Romantik heißer Marschtage und fröhlicher Einquartierung an. - -Ein anderer Jungmann als der aus den Händen der Mutter kehrte nach -seinem Dienst in die Herkunft zurück; er hatte erfahren, daß die Heimat -nicht nur das Dorf oder die Stadt seiner Eltern, sondern das Vaterland -war. - -Er war in der Schule des deutschen Volkes gewesen; und wie ihn danach -der Alltag in seine Hände bekam, die Schulzeit konnte er nicht mehr -vergessen: dem gedienten Mann blieb die schönste Lebenszeit jene, da er -den Tornister trug; und noch dem Greis wurden die Augen hell, wenn er -von seinem Hauptmann erzählte. - - -Kaiser und Kanzler - -Siebzehn Jahre lang trug der greise König von Preußen die Kaiserkrone -von Deutschland, wahrhaft geliebt von seinem Volk und geachtet unter -den Völkern. - -Als er im einundneunzigsten Jahr seines Lebens einging zu den Vätern, -war sein Sohn ein todkranker Mann, und jedermann sah, wie der Zeiger -der Zeit auf den Enkelsohn übersprang. - -Noch aber hielt der Kanzler dem Reich die Gewichte; auch er war ein -Greis, und die Jahre der Zwietracht hatten dem Gründer des Reichs -manchen Kampf aufgezwungen, der nicht mehr durch Eisen und Blut zum -ruhmreichen Sieg führte: aber sein Ankergriff war zu fest und das -Gewicht seiner Taten zu schwer, als daß ihm der Streit den Gang seiner -Uhr störte. - -Auch der König hatte sich redlich gebeugt vor der Größe; er hieß sein -Herr und war hochmütig genug, es zu bleiben; aber der Diener regierte -und wußte den Hof aus seinen Geschäften zu halten. - -Wenn der Kanzler im Reichstag zum deutschen Volk sprach und die -Parteien ihn hörten, stand ihm der Feind vorn; kein Dolchstoß fand -seinen Rücken, solange sein König ihn deckte. - -Treue um Treue: so sah das Volk die Gestalten, und Hagen von Tronje -hießen ihn manche, die seinen Junkerstolz kannten, als Lenker der -deutschen Geschichte doch nur der oberste Diener des Königs von Preußen -zu sein. - -Als aber der König zur letzten Ruhestatt fuhr, waren viel Prinzen und -Fürsten zwischen dem Sarg und seinem gewaltigen Leibwächter; und als -der todkranke Sohn sein König und Herr war, trug eine Prinzessin von -England die Krone, die, Preußen und Deutschland gleich fremd, dennoch -dem Kanzler den Gang seiner Uhr störte. - -Ein kurzes Wetterspiel zuckte: Kanzler und Kaiserin standen im -Blitzlicht; aber am neunundneunzigsten Tag seiner Regierung lag -Friedrich der Dritte als Leiche in Potsdam, und Wilhelm der Zweite, der -Enkel, war Kaiser von Deutschland. - -Zu jung für sein Volk, zu alt für den Kanzler, nahm er das Zepter -der Macht; im goldblauen Himmel hatte der Abendstern Wilhelm des -Siegreichen stark und tröstlich gestanden: als er gesunken war, -gerannen die Lüfte in dichtem Dämmergewölk, indessen das kurze Gewitter -hinter den Bergen vergrollte. - - -Der Alte im Sachsenwald - -Der Zeiger der Uhr hatte den Sohn übersprungen; dem Enkel zu dienen, -wurde dem eisernen Kanzler als Schicksal ins Alter gelegt. - -Er hatte das Reich als Bund der Fürsten gegründet, denen der König von -Preußen wohl Kaiser, aber nicht Lehnsherr war. - -So führte der Kanzler im Namen des Kaisers die deutschen Geschäfte und -stand dem Bundesrat vor, darin die Minister der Fürsten nach ihrer -Stärke abstimmten; aber er blieb der Minister des Königs von Preußen. - -Seinen gnädigen Herrn mußte der mächtigste Mann im Reich den Enkelsohn -heißen; aber nun war keine Weisheit und Würde mehr da, nach seinem Rat -zu befehlen: Wilhelm der Zweite wollte sein eigener Ratgeber heißen. - -Friedrich den Großen hieß er sein Vorbild; aber er war dem Spötter von -Sanssouci fremd, wie der prahlende Schein der schlichten Größe fremd -ist. - -Alles, was jemals groß war, wollte er scheinen: fromm und von Gottes -Gnaden geführt, tapfer und treu, weise und wahr, unermüdlich, gerecht -und allen Dingen durch eigenes Urteil gerüstet! Alles wollte er -scheinen, weil er ein Spiegel und Widerschein war. - -Zwei Jahre lang ließ sich das ungleiche Kräftespiel halten, zwei Jahre -lang diente der eiserne Kanzler dem Irrlicht als seinem gnädigen Herrn, -dann brach die Gnade in Stücke: der Minister hatte dem König von -Preußen getrotzt, der Minister wurde entlassen. - -Weltwende war, als solches geschah, und das deutsche Reich bebte; aber -das Volk war gewöhnt, blind zu gehorchen; auch war den Parteien der -schwarzen und roten Zwietracht der Kanzler verhaßt, ihr Siegerglück sah -den Eckpfeiler der Preußenwacht wanken. - -Drei Rosen legte der Kanzler dem alten Kaiser aufs Grab, dann fuhr er -hinaus in den Sachsenwald, den ihm vordem sein König aus Dankbarkeit -schenkte, und der seinem Alter der niemals begehrte Ruhesitz wurde. - -Er hatte das Seine getan, wie nur ein Großer das Seine vollendet; er -hatte das Reich nach seinem Willen und Wesen gebaut, aber sein Werk war -kein Tempel und Sinnbild, auf heiliger Höhe zu stehen; sein Werk war -ein Haus und das deutsche Volk sollte drin wohnen. - -Er durfte nicht Haushalter bleiben; sorgend sah er zurück, ob alles -nach seinem Willen geschähe, und zornig, daß allzuviel anders geschah. - -Zwietracht und Haß hatten den Abschied des Starken begleitet; seit er -im Sachsenwald war, sank die Vergessenheit über die Tage, da er im -Streit der Parteien selber den streitbarsten Mann stellte. - -Gleich den Helden der Sage wuchs seine Gestalt grimmig zur Größe, bis -er im Helldunkel seines Waldes selber ein Sagenbild wurde. - -Der Alte im Sachsenwald war nicht mehr der Graf von Gastein und nicht -mehr der Fürst von Versailles, nicht mehr der Kanzler und Kürassier am -Bundesratstisch: er war ein Wanderer im Wald mit schwarzem Mantel und -Hut. - -Zwei Doggen umsprangen den großen Schritt, und wen seine buschigen -Augen erblickten, den sprangen sie an; denn niemand durfte in seinen -Wald kommen, den er nicht rief. - -Der Spötter von Sanssouci starrte ins Abendrot, der Alte im Sachsenwald -ging unter uralten Bäumen und hörte dem Wind zu: Heimdall, der Wächter -am Welteschenbaum, machte die Runde, indessen Wodan unruhig wehenden -Atems im Sachsenwald schlief. - - -Der deutsche Welthandel - -Der Reutlinger Schwabe hatte die deutsche Zukunft verkündigt: Kohle und -Eisen waren die Herren der Wohlfahrt geworden, die Eisenbahn war ihr -gehorsamer Diener. - -Wo einmal die Straßen der alten Zeit mühselig ihre Räderspur suchten, -legten die blanken Schienen ihr Netz über Berge und Täler; gleich -Spinnen saßen die Städte darin, sich satt an den Gütern zu fressen; wo -eine Kreuzung der Eisenbahn war, wuchsen Fabriken. - -Karg war das Land der neblichten Wälder, und seine Felder konnten das -deutsche Volk nicht ernähren; harte Arbeit und billige Löhne schufen -die Waren, wohlfeil zu tauschen, wo in der Welt ein Überfluß war: die -reichen Kornkammern im Osten und über dem Wasser machte der deutsche -Welthandel auf. - -So fingen die Röhren des Wohlstandes an, dünne Strahlen zu fließen; -aber sie flossen an vielerlei Orten, und als das Jahrhundert zu Ende -ging, das so reich im Geist wie arm im Beutel begann, hatte sich -Reichtum in manchem Beutel gesammelt. - -Der Beutel blieb in der Stadt, die Bauernschaft sah nur den goldenen -Schein; sie mußte dem Bürger den Reichtum mit Mühsal und Sorge -bezahlen; denn billiges Brot hielt billigen Lohn, und ihr Brot war zu -teuer. - -Einmal hatten die Kätner das Heim ihrer Armut verkauft, über dem Wasser -ein besseres Dasein zu suchen; nun lockte die Stadt, Fabrikler zu -werden; einer unheimlichen Krankheit verfallen, schwollen die Vorstädte -an, indessen die Dörfer dünn wurden an Menschen und Händen. - -Aus einem Bauernland machten Not und Gewinnsucht ein Fabrikland; aber -mit jedem rauchenden Schornstein, mit jedem sausenden Schwungrad wurde -das Dasein der Deutschen der Fremde verpflichtet. - -Wo irgend ein Markt in der Welt war, mußten die Händler deutsche Ware -feilhalten; wo irgend ein Angebot lockte, mußten sie lauern und listen, -und wo die Haustür geschlossen war, mußten sie Schlupflöcher suchen. - -Nicht lange, so kamen die Schiffe gefahren -- schwarzweißrot wehte die -Flagge -- Waren zu bringen und Güter zu holen; und wo sie den Weg zum -erstenmal fanden, blieben sie nicht mehr aus. - -So mußte der deutsche Kaufmann der Störenfried werden; denn die Welt -war verteilt, wohin er auch kam, und überall sah das alte Geschäft -scheel auf das neue. - - -Die deutsche Flotte - -Einmal hatte die Hansa die Meere befahren, und die Kaufleute des -Kaisers waren die Herren des Handels gewesen; so weit die kalte -Meerküste reichte, galt keine Macht über der ihren: Fürsten und Könige -mußten sich beugen vor ihrer gewaltigen Flotte. - -Aber die großen Seewege befuhr die Hansa nicht mehr; Spanien, Holland -und England wurden die neuen Seemächte, indessen über das Reich der -große Krieg kam. - -Der letzte Hansetag war in den Tagen Turennes: Hamburg, Bremen und -Lübeck, Danzig, Braunschweig und Köln saßen noch einmal zusammen im -Schatten vergangener Macht, aber ihr Mut war für immer verdrossen. - -Was die Städte nicht mehr vermochten, gedachte der große Kurfürst zu -tun; er hatte als Prinz in Holland den Nutzen der Schiffahrt gesehen -und ließ seine Flotte das Weltmeer befahren: an der Goldküste Afrikas -wehte der rote Adler im weißen Grund über der Festung, die sich der -Kriegsherr aus Brandenburg baute. - -Aber es war nur der kühne Griff eines Fürsten; sein Volk war zu -ärmlich, sein Land zu zerstückelt an der kalten Meerküste, so langen -Arm zu behalten. - -Der rote Adler im weißen Grund verschwand vom Weltmeer, während das -Königreich Preußen im Sand von Brandenburg wuchs; der Sieger von -Roßbach und Leuthen machte daraus ein wehrhaftes Land, aber er brauchte -das Maß seiner Sorgen nicht aus dem Weltmeer zu füllen. - -Mit sandigen Häfen und Küsten blieb Preußen das Land an der Ostsee, dem -der dänische Seehund das Weltmeer versperrte. - -Romantischer Eifer der Männer in Frankfurt ließ die Wimpel der -deutschen Kriegsflotte wehen, bevor noch ein Reich war; aber der -englische Seeherr verbot ihr das Weltmeer, und kläglich wurden die -Schiffe der deutschen Flotte versteigert. - -Erst als der Kyffhäuserberg endlich die Tore auftat, als wieder ein -Kaiser im Zankreich der Fürsten und ihrer geplagten Völker regierte, -war das Reich mächtig, auch das Hansaglück wieder zu wecken. - -Der schwarzrote Adler im schwarzweißen Kreuz erschien auf den Meeren; -der englische Seeherr mußte die deutsche Kriegsflagge grüßen. - -Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser! prahlte der Kaiser, und wie der -Großvater das Heer zu rüsten anfing, so der eifrige Enkel die Flotte. - - -Der Dreibund - -Rußland den mächtigen Freund und Nachbarn im Rücken, hatte der Kanzler -den Krieg mit Frankreich gewagt und gewonnen; aber die Freundschaft -fing an, sich zur Feindschaft zu wandeln, als Rußland den Weg nach -Byzanz zugesperrt fand. - -Solange ein Zar in Rußland regierte, hatte das goldene Horn gelockt, -wie einmal die römische Krone das deutsche Kaisertum lockte. - -Da stand die Agia Sophia unter dem Halbmond, die einmal das griechische -Kreuz der Gläubigen trug, da war die Herkunft der russischen Kirche in -türkischen Händen, da war den Russen das Tor der Dardanellen verriegelt. - -Wohl hingen die unermeßlichen Weiten der russischen Länder am Kreuz -ihrer nordischen Küsten, aber das Eismeer hielt ihre Häfen im Winter -geschlossen; das schwarze Meer mit Odessa, der lieblichen Krim und dem -Kriegshafen Sebastopol sperrten die Türken mit eisernen Ketten. - -Längst war die Türkengefahr für die Christenheit aus; den kranken Mann -hießen die Spötter den Sultan, der nur noch ein Schattenbild war: dem -kranken Mann wollten die Russen endlich zum Tode verhelfen. - -Bis unter die Tore von Konstantinopel führte ein rascher Feldzug den -Zaren, aber England und Österreich hemmten sein siegreiches Schwert: -als ehrlichen Makler riefen die streitenden Mächte den Kanzler. - -So kam der stolze Tag für Berlin, da Bismarck obenan saß unter den -Mächtigen, dem Streit die Waage zu halten, wie einmal der Kaiser von -Frankreich Schiedsrichter im Abendland war. - -Aber die Würde, so klug er sie übte, brachte dem Schiedsrichter -keinen Dank und Gewinn; der stolze Tag von Berlin wurde dem Reich die -Glückswende des Schicksals. - -Die Mächte mit ihrem Gewicht hatten die Russen gehindert, Byzanz zu -erreichen; aber der russische Groll fiel auf die Hand, die den Mächten -die Waage zu halten gedingt war. - -Rußland, der mächtige Nachbar im Rücken des Reichs, ging zu dem -Todfeind im Westen: ihr böses Bündnis begann, das Reich zu umfassen. - -Der Drohung zu wehren, rief Bismarck Nothelfer an: Österreich, Italien -und Deutschland im Dreibund vereinigt, sollten dem Zweibund von Rußland -und Frankreich das Gleichgewicht halten. - -Als ob noch einmal das römische Reich seinen Bogen über das Abendland -spannte, so zog der Dreibund die Grenzen der alten Kaisergewalt: aber -die Krone war für zwei Kaiser gespalten und statt dem Papst sollte ein -König in Rom Widerpart sein. - -Und so war das Schicksal: der Graf von Gastein hatte das preußische -Reich gegen Habsburg gegründet; aber es war nicht das Land von der Maas -bis zum Memel, von der Etsch bis zum Belt, wie es die deutsche Hoffnung -ersehnte. - -Nun kamen die Deutschen von Österreich, Salzburg, Tirol und der -Steiermark zwar in den Dreibund, aber sie brachten das Habsburger -Schneckenhaus mitsamt den slawischen Völkern und dem bösen Streit um -den Balkan. - - -Feinde ringsum - -Der Oheim Wilhelm des Zweiten war König von England geworden; er -haßte den Neffen in Potsdam und hing seinem Prunkmantel hämisch ein -Schellenband an. - -Er war schon ins Alter gekommen, als seine Mutter Victoria starb; aber -die Welt kannte den Prinzen von Wales, der in Paris und in London -gleichviel als Lebemann galt, weil er das Reich der Mode regierte. - -Neun Jahre nur blieben ihm noch für den Thron, aber neun Jahre reichten -dem König Eduard aus, in den Machthändeln der Welt nicht weniger gut -als in der Mode zu führen. - -Vielerlei Feinde zählte der britische Stolz auf der Erde; der stärkste -war Rußland, aber der nächste war ihm der deutsche Vetter geworden: den -stärksten Feind auf den nächsten zu hetzen, sollte das Meisterstück -Eduards sein. - -Er trug keine schimmernde Wehr wie sein Neffe, er war ein König im -Straßenkleid, der besser die Kunst, sanft und höhnisch zu lächeln, als -die der schwellenden Rede verstand; er wußte als Weltmann auf Reisen -höflich zu sein, nur in Berlin war er es nicht. - -Als seine Lebenszeit um war, hatte sich nichts im Abendland sichtbar -verändert: der deutsche Welthandel wuchs aus Wohlstand zu Reichtum, -Wilhelm der Zweite sprach von der gepanzerten Faust und hieß der -Zukunft auf dem Wasser die Schlachtflotte bauen. - -Frankreich war trächtig an seinem Traum der Revanche, Rußland sah nach -Byzanz, Italien unterschrieb dem Dreibund die Wechsel auf kurze Sicht, -Österreich wühlte sich ein in den Balkan. - -Alles war wie zuvor, die Waffen starrten im Gleichgewicht und der -Frieden hing an der Waage: nur die heimlichen Tiefen der Mächte hatten -sich trübe gefüllt. - -Ein Vierteljahrhundert war seit den stolzen Tagen vergangen, da -Bismarck als ehrlicher Makler am Tisch saß, obenan bei den Mächten; ein -Vierteljahrhundert hatte den Haß gegen Deutschland gerüstet, und der -ihm der treueste Freund schien, war in der Rechnung der Mächte sein -gefährlichster Feind. - - -Habsburg - -Das Habsburger Kaisertum war die Erbschaft vergangener Fürstengewalt -über widerstreitende Völker: Ungarn und Tschechen, Polen, Slowaken, -Ruthenen, Kroaten und Serben, Rumänen und Italiener waren der deutschen -Vorherrschaft feind. - -Und keiner Regierung gelang es, den Ausgleich zu finden; was den einen -zuliebe geschah, geschah den andern zuleide: ein babylonischer Turm -blieb der Reichsrat in Wien mit seiner Völker- und Sprachenverwirrung. - -Bunt wie das Völkergemisch war auch das Wechselspiel seiner Minister, -der klugen und dummen, der gerechten und schlechten: die Völker im -Reichsrat ließen sie kommen und hießen sie gehen; und keiner war mehr -als ein flüchtiger Schatten. - -Nur der Kaiser Franz Joseph in Wien gab seinen schläfrigen -Stundenschlag durch die Verwirrung; seit Metternich ging, war er da, -längst mehr als ein halbes Jahrhundert; die Kaiserin wurde erstochen, -der Kronprinz, sein einziger Sohn, lag auf der blutigen Bahre: den -Kaiser Franz Joseph hatte das Schicksal vergessen. - -Ein kahler Baum im Schlinggewächs streitender Völker war die -Habsburger Macht; ein geiler Trieb wollte ihm neues Holz geben: der -Thronfolger-Erzherzog wollte noch einmal ein Habsburger Ferdinand sein. - -Denn die Kirche allein war die Einheit der streitenden Völker in -Österreich, nur ihr gehorsamer Diener konnte noch einmal die Vielheit -beherrschen: und Franz Ferdinand war ein gehorsamer Diener der Kirche. - -Groß-Österreich wollte er bauen und tief in den Balkan hinein sollte -das Fundament seines babylonischen Turms reichen; indessen der Staat -Metternichs starb, weil seine Vielheit feindlicher Völker kein Volk -war, hörte die Habsburger Habsucht nicht auf, von Ländergewinn und -Eroberungskriegen zu träumen. - -Als sie das Recht ihrer Krone über Bosnien streckte, war der Krieg -angesagt, der Krieg mit den slawischen Völkern im Balkan und ihrem -mächtigen Schutzherrn im Osten. - -Denn Serbien lag als ein Stein vor der Tür in den Balkan; sollte -Groß-Österreich werden, war Belgrad der Schlüssel, und sollte der -Schlüssel Habsburg gehören, mußte das serbische Volk samt seinem -russischen Schutzherrn gedemütigt sein. - -Frechheit und Leichtsinn reichten einander die Hände, da Habsburg solch -ein vermessenes Glücksspiel begann; und Habsburg wußte genau, daß es -allein nichts vermochte: aber der mächtige Bruder im Norden sollte sein -ehrliches Schwert über der blinden Vermessenheit halten. - - -Serajewo - -Franz Ferdinand wollte den bosniakischen Völkern den kommenden -Landesherrn zeigen; in Serajewo traf ihn die Kugel eines Studenten; -die zweite Kugel sollte den Statthalter treffen und fand die -Thronfolger-Fürstin. - -Die Tat geschah am hellichten Tag, und der Mörder wurde ergriffen samt -seinen Genossen; aber der Mord schrie nach größerer Rache. - -In Belgrad war der Mord von Serajewo geplant und beschworen; ihn zu -sühnen, wurde das serbische Volk vor eine kurze Frist und eine harte -Entscheidung gestellt. - -Sie wußten genau in der Hofburg, Serbien treffen, hieß Rußland -entfachen; das sollte die Sorge des stärkeren Bruders im Dreibund sein. - -Der stärkere Bruder im Dreibund hatte für einen Glücksspieler gebürgt; -als er die Karten aufgedeckt sah, war es zu spät, die Bürgschaft zu -lösen. - -Er hatte in schimmernder Wehr mit seiner Treue geprahlt; nun brannte -der Saal und der Nibelungenkampf begann auf Leben und Sterben. - - -Der Weltkrieg - -Deutschland erklärte Rußland den Krieg, und die Welt verfluchte den -Friedensstörer; Deutschland marschierte in Belgien ein, und die Welt -schrie nach Rache; Deutschland stand auf, wie ein Volk um sein Dasein -aufsteht, und die Welt war bereit, sein Dasein zu löschen. - -So war es schon einmal, als Friedrich in Sachsen einbrach, als -Österreich, Rußland und Frankreich, samt seinen Trabanten im Rheinbund, -mit ihrer Unschuld dastanden und engelrein kamen, den Bösewicht zu -bestrafen. - -Frankreich hatte nicht Jahr für Jahr um seine Revanche gefiebert; -Rußland hatte nicht Bahnen gebaut und zum Krieg gerüstet mit dem Geld -der Franzosen; England hatte nur friedliche Freundschaft gesät in -Frankreich und Rußland. - -Nie sah die Welt so ehrlich entrüstete Mienen, als da der Tag kam, -den sie alle gewollt hatten; nie ging ein Volk so blind in die Falle, -als da die Deutschen Habsburg zuliebe in das geschliffene Schwert -rannten; nie hatte ein Volk seinen Führern so töricht getraut und -sie leichtfertig gehen lassen; nie war eine Schuld so schief und ein -Schicksal so aus der Schulter gerissen. - -Der Krieg stand vor der Tür, und Wilhelm der Zweite ging auf die Reise; -sein Kanzler sah weisheitsvoll zu, wie das Reich eingespannt wurde vor -den Habsburger Wagen; die Bundesfürsten und all ihre klugen Minister -ließen die Dinge geschehen, als ob der kommende Tag ein Manöver und das -heiligste Ding in der Welt eine mißbrauchte Bundespflicht wäre. - -Aber tief in den Gründen des Volkes gerannen die Säfte der Zeit; die -alte und neue Zwietracht fühlten die Stunde gekommen für ihre Ernte, -die dritte stand todesbereit. - -Aller Wohlstand der Städte und all die neue Reichsherrlichkeit war nur -der Tanz um das goldene Kalb, all die prahlende Pracht nur die Jagd -nach dem Glück und all die fiebernde Hast nur die tiefe Enttäuschung -gewesen. - -Die goldene Spinne hatte in allen Herzen gesessen, sie hatte den Armen -geplagt und den Reichen gehetzt und hatte den Menschen die Seele -gefressen: Glück war Genuß, Genuß war Gier, Freiheit war Willkür, -Schönheit war Schein und Würde war falsche Währung geworden. - -So stieg der Groll aus den Tiefen und sah ein anderes Glück auf die -Spitze des Degens gestellt, als das in all den Geschäften, Büros und -Fabriken, Straßen und Bierhallen der prahlenden Städte zuhaus war. - -Aber der Groll war nur Schaum in den Wogen; die Wogen gingen um Macht, -wie sie in England, Frankreich und Rußland um Macht gingen; und Macht -hieß vom Reichtum der Erde mehr als die andern besitzen. - - -Die Schuld - -Willst du den Frieden, so rüste für den Krieg! stand über den Türen der -Staaten, aber das doppelzüngige Wort hatte das Abendland in die Hölle -geführt; denn wer den Krieg rüstet, der züchtet ihn groß, und wer ihn -züchtet, den will er fressen. - -Eisen und Blut hatte Bismarck verkündigt, aber Eisen und Blut heißt die -Gewalt; Gewalt heißt mißbrauchte Macht; Widergewalt oder Knechtschaft, -anderes kann sie nicht züchten: Widergewalt gaben einander die Staaten -im Abendland, Knechtschaft war über den wehrlosen Völkern der Erde. - -Sie hießen sich christliche Völker und lebten im Haß; sie sangen -Frieden auf Erden und starrten auf Krieg; sie rühmten sich ihrer Kultur -und maßen sich mit Kanonen. - -Raubtieren gleich saßen sie hinter den Gittern, Raubtieren gleich -streiften sie über die fernsten Felder der Erde, ihren Raub unter den -wehrlosen Völkern zu finden. - -Und all ihr Begehren, ihr Streit und die tödliche Feindschaft ging um -den Fraß: Kolonien hießen sie ihren Futterplatz, Kriegsflotten ihre -Krallen, und abendländische Kultur die Verderbnis und Sklaverei, die -sie in alle Erdteile brachten. - -Willst du Gewalt, so rüste den Krieg! willst du den Mißbrauch der -Macht, so mache dich mächtig, Gewalt zu gebrauchen! und willst du -Frieden, so bist du ein Schaf unter Wölfen! - -Rußland mußte das Meer haben, aber das Meer stand ihm offen für alle -seine Schiffe, solange nicht Krieg war; England mußte den Seeweg -nach Indien schützen, aber im Frieden konnte ein Hochzeitspaar -mit der Schaluppe nach Indien fahren; Deutschland mußte die -englische Seeherrschaft brechen, aber die Häfen der Welt waren der -schwarzweißroten Flagge geöffnet, bis sie der Krieg zumachte. - -Das Abendland wollte den Krieg, weil sein Dasein Gewalt war; als es -ihn vierzig Jahre lang gezüchtet hatte, konnten die Gitterstäbe des -Friedens das Raubgetier nicht mehr halten. - - -Die Marneschlacht - -Als die Deutschen wieder nach Frankreich marschierten, sollte noch -einmal die Zange den raschen Feldzug gewinnen; indessen von Metz -bis Mühlhausen nur eine Scheinmacht anrannte, sollte der weitaus -gewaltigere Flügel von Norden einschwenkend das feindliche Heer in -seinen eigenen Festungswall pressen. - -Wohl konnte das übergewaltige Kriegsvolk der Deutschen das belgische -Heer überrennen, aber von Lüttich bis Charleroi floß viel Blut in -die Spur; und jedes Dorf, das an der Maas brannte, war der Welt eine -lodernde Fackel, das deutsche Unrecht grell zu beleuchten. - -Auch hielten die harten Kämpfe den Einmarsch tagelang hin; als die -Deutschen nach Charleroi kamen, fanden sie schon die Franzosen. - -Von Verdun bis Lille stand ihre Front kampfbereit und mußte in schweren -Stürmen berannt sein, indessen aus Flandern das englische Heer die -deutsche Flanke bedrohte. - -Aber dem Ungetüm schien der gewaltige Schlag doch zu gelingen: in -breiter Flucht wankte die Mauer der stolzen Franzosen, über die -katalaunischen Felder rollten die Trümmer hin. - -Schon schwärmten die deutschen Ulanen gegen die Seine, der Donner naher -Kanonen schreckte Paris, der Präsident samt den Ministern floh nach -Bordeaux, als sich die Absicht der Zange enthüllte. - -Einem gewaltigen Torflügel gleich drehte die deutsche Front sich nach -Osten, die Riegel streiften Paris und gingen bei Meaux über die Marne -hinüber, die katalaunischen Felder von Westen umfassend. - -Zu riesenhaft waren die Massen der Männer, Rosse, Kanonen und Wagen, -die tagelang vorgestürmt waren; als sich die Heerhaufen zu kreuzen -begannen, als der Befehl sich verwirrte, mußten die Deutschen zurück: -die Schwenkung war über die eigenen Füße gestolpert; die Führung hatte -den Griff der Zange verloren. - -Wohl konnten die Heere sich sammeln und über dem weißen Staub der -Champagne eine festere Mauer aufstellen, als vordem die der Franzosen: -aber die Marneschlacht war verspielt, der große Schlag war mißglückt, -ein anderer Feldzug mußte beginnen. - -Nur noch am äußersten Flügel im Westen fraß sich der Feuerbrand hin; -die Heere wollten einander umfassen und rissen die Schlacht nach -Norden, bis sie nach blutigen Wochen in Flandern erstickte, bis die -Mauer der Deutschen von Basel bis Ypern kampfbereit stand. - -Die rasende Fahrt der Kanonen über die Straßen und Felder, das rasche -Reitergefecht, der nächtliche Marsch zur Umfassung, der Sturmangriff -der Bajonette: was sonst den fröhlichen Feldzug machte, kam nun zur -Ruhe, der Schützengraben wühlte den Krieg in die Erde. - - -Hindenburg - -Indessen der Krieg mit seinen Schrecken und Leiden über Belgien -hinfuhr, indessen die Schlacht an der Marne den deutschen Siegeszug -hemmte, daß der fressende Feuerbrand aus Frankreich nach Flandern -hinüber flammte; kam er von Osten gegen Deutschland gezogen. - -Österreich wollte der Russenmacht wehren, aber sein Holzschwert -zerbrach ihm; unwiderstehlich drängten die russischen Heere nach -Westen: das Abendland hatte gerufen und Asien kam, den Ruf zu erfüllen. - -Wie ein Land unter Wasser gerät -- ein Damm ist gebrochen, und überall -quellen die Ströme -- so kam die Russengefahr über Preußen: Tilsit, -Gumbinnen und Insterburg waren von ihren Scharen erfüllt, Königsberg -wurde bedroht von den raschen Kosaken, der Schrecken schäumte die -Flüchtlinge gegen Berlin. - -Aber die Tage von Tannenberg setzten der Furcht und der Flucht ein -fröhliches Ende: Hindenburg kam, den sie danach den Russenschreck -nannten, und wurde der Retter des preußischen Landes. - -Er war schon ein Greis und niemand hatte den Mann gekannt, der über -allen Männern des Krieges fortab gerühmt war: ein Vater Blücher zum -andernmal und wie der Held an der Katzbach geliebt von seinen Soldaten. - -Er lockte das russische Heer in die masurischen Sümpfe und stellte die -Falle so listig, daß nach der verlorenen Schlacht nur noch der Nachhut -der Russen die eilige Flucht glückte. - -Seit Sedan sah kein Schlachtfeld solch einen Sieg, wie der bei -Tannenberg wurde; die Welt horchte auf, daß wieder ein Feldherr am Werk -war; den Deutschen wurde der Name Hindenburg teuer, als ob der Name -allein ein Siegespfand wäre. - - -Die Blockade - -So hatte der Krieg mit gewaltigen Schlägen begonnen, froh wehten die -Fahnen in Deutschland: sie wehten Sieg, aber sie wehten kein Ende; denn -der Feind war nicht Frankreich und Rußland, der Feind war England, und -England saß hinter dem Wasser. - -Wohl lagen die großen Schlachtschiffe gerüstet zum Kampf im Troß ihrer -Kreuzer; sie konnten die Küsten beschützen, den Kampf in Feindesland -tragen konnten sie nicht: sie mußten lauern und warten, was England, -dem Seeherrn, beliebte. - -England, der Seeherr, brauchte sich nicht zu beeilen; ihm saß der Feind -in der Falle, ihm konnte er siegen gegen die Russen und festhalten in -Frankreich, und war doch verloren. - -Denn England sperrte die Nordsee; und Deutschland mit all seinen -Soldaten und ihrer Todesbereitschaft, mit seinen Fabriken und -volkreichen Städten im kargen Land, Deutschland mit all seinen -flatternden Fahnen und allen Wimpeln der Flotte war nur eine belagerte -Festung; und eine belagerte Festung besiegte der Hunger. - -Englische List und Gewalt mußten der Festung den letzten Weg in die -Welt verriegeln; daß aber List und Gewalt gerecht und geehrt unter den -Völkern daständen, mußte der Deutsche das Recht und die Achtung des -ehrlichen Mannes verlieren. - -So wurden auf allen Straßen der Welt die deutschen Greuel verkündigt; -so wurde ein ehrliches Volk unehrlich gesprochen; so wurden Groll und -Geschäftsneid der Völker zum Haß aufgestachelt. - -Alle die Völker der Erde, die weißen, schwarzen und gelben: alle wurden -gerufen, als Kläger, Richter und Büttel der englischen Feindschaft -Gericht über Deutschland zu halten. - -Alle hatten angeblich den Nächsten geliebt und seine Rechte geachtet, -keiner hatte je einem Gewalt angetan, wie der Burenbezwinger, der -Schutzherr Ägyptens und gütige Pfleger der indischen Völker mit -ehrlicher Miene bezeugte: nur Deutschland allein hatte zuerst das -Geschäft und danach den Frieden gestört. - -List und Gewalt der Blockade sperrten der Festung die letzte Hintertür -zu; mochten die deutschen Soldaten in Frankreich und Flandern, in -Polen und Rußland ihr hartes Männerwerk tun, an ihren Frauen und -Kindern mußten sie dennoch verlieren; England stand vor der Welt im -Glorienschein seiner Gerechtigkeit da. - - -Der Schützengraben - -Die Feldheere hatten in Frankreich vergeblich gerungen; als die -Russengefahr Hindenburg rief, lag im Westen der Krieg an der Kette, -die Ring um Ring ineinander geschmiedet von Flandern zum Elsaß die -feindlichen Heere verband. - -Ein stummes Gewühl war gewesen durch Tage und Nächte, Spaten und Hacken -hatten die Löcher gegraben, darin die Männer nun saßen, vor Kugeln -gesichert, darin sie Rast und Unterstand hatten nach wilden Märschen -und blutigen Schlachten. - -Aber der Unterstand wurde die Wohnung für Wochen, und Wochen liefen in -Monaten hin; da waren die Gräben und Löcher nichts nütze, da wurde die -Front vom Elsaß nach Flandern als Festung gebaut. - -Schützengräben, künstlich gewinkelt, waren die Brustwehr, wenn irgend -ein Angriff die Männer aus ihren Höhlen heraus rief; sonst saßen sie -sicher geschützt in den Kammern, dahin die Treppen tief in die Erde -hinunter gingen. - -Nur die Horchposten standen im Stahlhelm; wie einmal die Torwächter -spähten sie aus nach dem Feind, der drüben gleichso verbaut saß. - -Hüben und drüben der Graben mit seiner Brustwehr, kaum sichtbar -erhöht, manchmal am Himmel das dralle Gewölk der Schrapnelle oder -der bräunliche Rauch großer Kanonen, selten ein Schuß in der Nähe, -nur unaufhörlich das ferne Gegroll: so war der Krieg in die Stille -gesunken. - -Aber die Stille war Tücke: tief in der Erde wurden die heimlichen Gänge -gebohrt, eine Mine sprang gegen den Unterstand auf, alles mit Feuer und -Eisen und Hölle vernichtend; oder ein Schuß schnitt seinen Blitz zu -spät in die Nacht, Siegergeheul und Todesröcheln erfüllten die Gräben. - -Aber die Raubtiere, einander belauernd vom Elsaß bis Flandern, konnten -auch friedlicher sein: ein sonniger Wintertag rief sie heraus aus den -Löchern; da saßen sie da in den Gräben, rauchten und lachten und riefen -einander mit fremdem Mund spöttische Worte hinüber. - -Auch konnte die Neugier sie packen, einander mit Augen zu messen; dann -trauten sie ihren Zeichen, kamen herauf auf die Brustwehr und sahen -die fremde Lehmgestalt an mit seltsamen Augen, daß solches geschähe: -Mensch gegen Mensch entfesselt durch Wochen und Monde, gestern noch -blutrünstige Tiere und heute harmlose und fröhliche Knaben. - -Alle hatten daheim eine Mutter, eine Braut oder gar eine Frau mit ihren -Kindern, den Stall und das Feld, den Schraubstock oder den Schreibtisch -treu zu besorgen, indessen sie hier in der Fremde dem Tod und der -Trübsal verkauft waren. - -Es konnte schon morgen geschehen, daß die grollende Ferne über sie fiel -mit Granaten, daß die Kanonen hüben und drüben den Feuerkampf um den -Graben begannen. - -Dann kam das Unheil heulend geflogen, Zentner von Eisen bohrten sich -ein in den Grund und zersprangen im Feuer; brüllender Donner, Blitz und -Schlag unaufhörlich; ein feuriger Krater, tief aus der Erde gerissen, -verschüttete Männer, Graben und Unterstand. - -Trommelfeuer hießen sie das, wenn sie in ihren Höhlen dasaßen, stumm -und geduckt, und die Hölle raste über sie hin, Stunden um Stunden, -manchesmal Tage erbarmungslos füllend. - -Da wurde die letzte Fröhlichkeit still, da bebte die tapferste Seele, -da war der Mensch nur noch Kreatur, aus Raum und Zeit zurück in den -Abgrund der Schöpfung gerissen. - -Und wenn die Hölle ausgerast hatte, wenn das Donnergebrüll schwieg -und die gepeinigte Erde zu zittern aufhörte, fing die Vernichtung ihr -letztes Mörderwerk an: Hyänen kamen gesprungen, die Opfermahlzeit zu -halten; Handgranaten und Messer mußten dem letzten Verzweiflungskampf -dienen. - -Und einmal war alles vorüber, die Verwundeten waren verbunden, die -Verschütteten ausgescharrt, die Toten begraben, Brustwehr und Graben -von Blut und Gedärm, vom Unrat des Todes gereinigt: Stille stand über -dem Graben, nur das dumpfe Gegroll in der Ferne, am Himmel das dralle -Gewölk der Schrapnelle. - -Bis wieder nach Stunden, nach Tagen, nach Wochen die Hölle anfing, wie -es der Heerbefehl wollte, dem alle diese Männer hüben und drüben in -ihren Höhlen, als ihrem Schicksal blind untertan waren. - - -Die belagerte Festung - -Eine belagerte Festung war Deutschland im Weltkrieg, und alle -Tapferkeit konnte dem Hunger kein Tor öffnen. - -Hindenburg hatte im Osten den russischen Sturm abgeschlagen und Polen -zum Bollwerk der Festung gemacht; im Westen hielt eine Mauer aus Stahl -und Treue der Heimat den Feind fern: aber das Außenwerk hier wie dort -konnte den Frauen und Kindern kein Brot bringen. - -Als Mackensen dann mit Conrad von Hötzendorf in Galizien siegte und die -russische Front weit in die Sümpfe zurückwarf, waren unendliche Weiten -und Wüsten erobert, die russische Kornkammer war es nicht. - -So mußte die Tapferkeit weiteren Weg suchen; über den Balkan brauste -sie hin zu den Türken; Serbiens kurzes Siegerglück sank vor der -deutschen Übermacht nieder: aber der Weg nach Bagdad führte nur in die -Wüste. - -Auch der heilige Krieg des Propheten half der Festung nicht aus dem -Hunger; der Halbmond war in den türkischen Angeln verrostet, der kranke -Mann in Byzanz konnte kein Wunder im Morgenland wirken. - -Die deutsche Tapferkeit hatte -- das mußte sie bitter erfahren -- -nichts als ihr Schwert; nie hatte sein Schlag so harte Taten getan, als -da es vor seinem Untergang stand. - -Wie einmal die Goten ihr kurzes Schwertherrenglück hatten, wie Alarich -über Rom siegte und doch nur ein Straßenkönig war, wie der Ruhm des -tapferen Todes um Totilas blühte: so wurde das deutsche Schicksal noch -einmal erfüllt. - -Völkerwanderung war wieder wie damals; die Straßen des Abendlandes -hallten von ihren Schritten; von Ypern über die Dardanellen, -vom Idsteiner Klotz bis Riga donnerten ihre Kanonen, und wie zu -Kreuzritterzeiten flatterten deutsche Fahnen im heiligen Land. - -Seit dem Kriegsherrn aus Korsika sah der Dämon des Krieges nicht solche -Taten; und wo seine große Armee im russischen Winter verdarb, standen -die Deutschen getrost und rasteten nicht, bis sie die Zarenherrschaft -zerschlugen. - -So grausamen Hohn hatte das Schicksal dem deutschen Schwert aufgespart, -daß es der englischen Weltherrschaft diente, indem sein tödlicher -Schlag das Russenreich traf. - -Unter den Feinden Englands war Deutschland der nächste, Rußland der -stärkste; als der nächste den stärksten bezwang, hatte das deutsche -Schwert den Krieg für den englischen Seeherrn gewonnen. - -Denn nun stand Deutschland als Todfeind Englands allein; die belagerte -Festung hatte sich selber das letzte Bollwerk zerstört: England konnte -getrost auf den Tag warten, da der Hunger der deutschen Tapferkeit das -Schwert aus der Hand nahm. - - -Das Unterseeboot - -Wohl streckten die norddeutschen Länder sich an der kalten Meerküste -hin, aber die Ostsee war nur ein Schlauch, und die Nordsee hießen die -Seeleute spöttisch den nassen Sack. - -Die englischen Schlachtschiffe brauchten sich nicht aus den sicheren -Häfen zu rühren; die schnellen Kreuzer allein hielten Wacht, sie zu -rufen, wenn ein Feind in den nassen Sack kam. - -So lag die Flotte des Kaisers wie ein Hund an der Kette; die noch -draußen im Weltmeer schwammen, als der Krieg kam, die großen und -kleinen Kreuzer konnten die Heimfahrt nicht finden und mußten tollkühn -den eigenen Straßenkrieg wagen. - -Goeben und Breslau, die Kreuzer im Mittelmeer, schlugen sich durch zu -den Türken; das kleine Geschwader des Grafen Spee mehrte vor Chile den -deutschen Sieg und fand am Kap Horn seinen grausamen Untergang. - -Die Königsberg kreuzte bei Sansibar und die Emden bei Singapure; sie -führten den Kaperkrieg, und wie ein Wolf unter den Schafen störte die -Emden die englische Schiffahrt, bis eine ganze Flotte auslief, den -frechen Kreuzer zu fangen. - -Tapfer und tollkühn waren die Taten, und die Welt hörte erstaunt, was -der tollkühne Seemann vermochte; und als die versprengte Mannschaft der -Emden auf einem Kutter die Argonautenfahrt machte und aus der Südsee -über Arabien glücklich heimfand, sang der Ruhm um die Männer. - -Aber der tollkühne Mut und der Ruhm, das Seefahrerglück und der tapfere -Untergang halfen der deutschen Schlachtflotte nicht aus dem nassen Sack -und der darbenden Heimat nicht aus der Blockade. - -Das Unterseeboot allein konnte ihr trotzen, konnte den hungernden -Frauen und Kindern ein Rächer, den Brüdern in Frankreich ein Nothelfer -sein. - -Einem Seehund gleich schwamm es hinaus, kaum sichtbar über den Wellen; -wenn Gefahr kam, konnte es tauchen, und wenn es den Feind suchte, ragte -sein Sehrohr allein aus dem Wasser. - -Ehe die feindlichen Augen sein tückisches Dasein erspäht hatten, riß -sein Torpedo den Schaumstreifen auf; zu spät erblickten sie ihn, schon -kam der krachende Stoß und warf das Schiff auseinander. - -Im eisernen Bauch des Seehunds saßen die Männer, eng aneinander -gedrängt neben dem stampfenden Raum der Maschinen, die tagelang so -durch die Meerwüste schwammen, immer des Todes gewärtig und immer -bereit, ihn zu senden. - -Noch waren der tückischen Boote zu wenig, dem Seeherrn Sorge zu machen; -als aber ein einziges Boot im Kanal in einer Stunde drei große Kreuzer -trotz ihren Kanonen und ihrem gepanzerten Bauch auf den Meeresgrund -schickte, ging das Gespenst der Furcht um die Küsten von England und -wurde nicht nur von den Kindern gesehen. - -Auf den Werften der kalten Meeresküste lagen die eisernen Bäuche der -Unterseeboote dicht bei einander, Tag und Nacht wurde daran mit hundert -Händen gehämmert, und wo ein grauer Bauch in das schäumende Wasser -abrollte, lag ein neues Gerüst schon bereit. - -So war der nasse Sack nicht mehr zu; die schnellen Kreuzer konnten -nicht mehr die großen Schlachtschiffe rufen, sie konnten nur warnen -vor dem gefährlichen Feind und mußten in jeder Minute bereit sein, am -eigenen Leib den Stachel zu fühlen. - -Die englische Insel kam in Gefahr, selber belagerte Festung zu werden, -selber an Frauen und Kindern die Grausamkeit ihrer Blockade zu spüren; -und Deutschland fieberte auf, doch noch den Sieg heim zu bringen. - -Immer größere Boote wurden gebaut und immer grausamer rasten die -Dieselmotore, die eisernen Bäuche durchs Wasser zu peitschen, immer -mehr stolze Schiffsleiber sanken durch ihre Torpedos, immer mehr Augen -in England sahen das graue Gespenst an den Küsten. - -Aber das Weltmeer war groß, zu stark waren die englischen Häfen, der -Schiffe zuviel und mehr noch der Werften, neue zu bauen; auch war der -Kanal durch Netze und Minen gesperrt und der Weg um die schottische -Felsküste ging weit und gefährlich. - -Als die Ziffer der Riesenverluste langsam zu sinken begann, hatte -der Seeherr den Krieg doch wieder gewonnen; ihm den sicheren Sieg zu -entreißen, mußte die Mauer aus Stahl und Treue im Westen noch einmal -die Marneschlacht wagen. - - -Ludendorff - -Als die deutschen Soldaten nach Frankreich marschierten, trug der Mann -sein Gewehr, wie einmal der Landsknecht die Lanze; marschieren und -stürmen, die Kugel senden und empfangen, sollte sein Kriegshandwerk -sein. - -So aber wurde der Krieg in den Jahren, da ihn der Schützengraben -verschluckte, da die feldgrauen Männer Monde und Jahre in ihren -Erdlöchern hausten, da die Mauer aus Stahl und Treue dem Trommelfeuer -standhalten mußte: Das Gewehr hing am Nagel, aber die Handgranate am -Gürtel; denn das Handgemenge im Graben war nun das Gefecht, Mann gegen -Mann, Messer gegen Messer. - -Und auch das Grabengefecht war nur noch das Blutgerinnsel des Krieges; -denn der Krieg war die Menschenvernichtung der elementarischen Mächte. - -Feuer, Wasser und Luft: alles hatte der Menschengeist auf seiner Erde -gebändigt; wie ein Zauberer die Geister in seinen Zirkel zwingt, mußten -die Mächte ihm dienen zur Arbeit; als er sie aufrief zum Streit, war -der Zirkel gesprengt, und über ihn selber kamen die Mächte mit ihrer -Vernichtung. - -Denn ein Krieg der Fabriken, nicht mehr der tapferen Männer war dies, -daß eiserne Särge voll Feuer und Gift und Vernichtung meilenweit durch -die Luft kamen, daß ihr Niederschlag die Krater der Erde aufriß. - -Daß giftige Gasschwaden über die Erde hinkrochen, in alle Spalten, -Gräben und Erdlöcher dringend und alles Dasein bis in die Gründe -vernichtend. - -Daß die Soldaten, hüben und drüben gleiches erduldend, mit ihren -Gasmasken unter dem Stahlhelm gleich unheimlichen Tieren am Rande des -Todes hausten. - -Daß Fliegergeschwader -- über den Vögeln zu fliegen wie unter den -Fischen zu schwimmen hatte der Mensch die Maschine gelehrt -- die -eiserne Fracht ihrer Bomben abwarfen, hoch aus den Lüften, weit hinter -der Schlacht die Städte zerstörend. - -Aber der Krieg der Fabriken wurde genährt durch die Schätze der Erde; -wollte sich die belagerte Festung solcher Übermacht wehren, mußte sie -gegen die Länder der Feinde die stärkste Fabrik sein. - -Der Dämon des Krieges raste zur letzten Vernichtung, und Ludendorff -wollte sein harter Zuchtmeister werden; der lange im Schatten -Hindenburgs stand und der eiserne Wille der deutschen Feldsiege war, -trat grell in den Tag, den Sieg und den Frieden unbeugsam zu zwingen. - -Den Krieg gewann die stärkste Fabrik, und Ludendorff hieß der -Fabrikherr: alles, was nicht an der Front war, Männer, Frauen und -Kinder, alles was noch einen Arm hatte, mußte dem Vaterland dienen; -denn das Vaterland war der Krieg, und der Krieg war die Fabrik. - -So war der Krieg ehrlicher Heere zum Haßkampf der Völker geworden, -aber der Haßkampf der Völker wurde zur Menschenvernichtung der -elementarischen Mächte. - -Der sich hochmütig den Herrn der Natur hieß, der Menschengeist hatte -vergessen, daß er selber nur ihr Geschöpf, zwischen den höll- und -himmlischen Mächten der Knecht ihrer und seiner Leidenschaft war. - - -Die vierzehn Punkte - -Götterdämmerung war über die Menschheit gefallen, im Aufruhr der Mächte -brannte das Abendland hin; da kam eine Stimme von Westen und mahnte den -Menschen an seine Vernunft. - -Millionen Männer waren gefallen, Millionen verkrüppelt, Städte und -Dörfer verbrannt, und blühende Landschaften lagen verödet: die Völker -waren der Greuel von Herzen müde, aber der Krieg raste weiter, weil der -Aufruhr der Mächte über dem Menschengeist war. - -Wilson war die Stimme geheißen und die Stelle, wo sie erklang -- das -Weiße Haus der Vereinigten Staaten -- war die stärkste Stelle der Welt: -so mußte die Menschheit die Botschaft anhören. - -Frieden und Völkerbund waren die Worte der Botschaft: ein Frieden, -gerecht und gegen die Raubgier der Staaten gerichtet; ein Völkerbund, -stark und streng, dem Frieden auf Erden das Schild der Gerechtigkeit -vorzuhalten. - -Vierzehn Punkte, in klaren Sätzen eindeutig gesprochen, sollten den -Frieden erzwingen: wer sie verwarf, verwarf die Vernunft und war vor -der Menschheit verworfen; wer sie annahm, erklärte sich an die Vernunft -des Völkerbundes gebunden. - -So sprach die Stimme von Westen und ihre Stelle war stärker als eine -auf Erden; die neue Welt wollte der alten Schiedsrichter sein, aber sie -konnte die Zeit nicht erwarten: sie wurde Kläger, Richter und Büttel. - -Amerika kam in den Krieg, als Kläger, Richter und Büttel für England -den Sieg zu erzwingen; England war die Gerechtigkeit, und Deutschland -war der Verbrecher. - -Aber die vierzehn Punkte waren geblieben; die selben Sätze sollten den -Frieden bereiten und wurden das böseste Mittel des Krieges: - -Granaten schütteten Feuer über die Front und Flieger Brand auf die -Städte, aber sie konnten die Mauer aus Stahl und Treue und die Stärke -der Heimat nicht brechen; die vierzehn Sätze trafen die Herzen und -höhlten sie aus. - -Denn so war der raunende Klang ihrer Stimme: der Frieden steht längst -vor der Tür, nur die den Krieg führten, halten die Tür zu; Macht ringt -mit Macht und will die Vernunft nicht hören; Macht mordet die Männer -umsonst, und die Vernunft könnte ihr Leben erhalten! - -Eine schleichende Krankheit fiel auf den Krieg, das Blut in den Adern -zu schwächen; und mählich begann das deutsche Gewissen, sein gläubiges -Recht mit der Sorge des Unrechts zu mischen. - - -Der letzte Ausfall - -Das Ende kam, wie es mußte; aber als wollte es aller Tapferkeit höhnen, -ließ es den deutschen Stern steigen, bis es den Glanz und das Glück der -Macht in einem begrub. - -Unbesiegt standen die Deutschen in Frankreich; das mächtige Zarenreich -hatte der deutsche Hammer zerschlagen und den rumänischen Dünkel dazu; -Italien mußte zuletzt seinen Schlag spüren. - -Der Bundesbruder im Dreibund hatte den Wechsel gefälscht, weil ihm -der Lohn winkte; Trient und Triest heimzuholen, ließ er die Fahnen -flattern, als Habsburg in Not war. - -Aber die Männer der Steiermark, von Tirol und Kärnten trugen kein -Holzschwert; sie kannten die Welschen und wußten die Heimat vor ihrem -Todfeind zu schützen. - -Elfmal liefen die Welschen Sturm am Isonzo und konnten den Weg nach -Triest doch nicht erzwingen; die Grenzwacht der alten Grafschaft -Tirol stand in den Bergen, als ob Andreas Hofer noch einmal bei ihrer -Jungmannschaft wäre. - -Zwei Jahre lang hielten sie tapfer die Südmark, dann hatte der Bruder -im Norden das Schwert frei, den welschen Bedränger zu strafen: was er -in Monden und Jahren mühsam ernagt hatte, mußte er lassen in Tagen; -statt am Isonzo stand nun die Front am Piave. - -So war der Feind vor den Toren der Festung im Süden und Osten -geschlagen, aber im Westen drohte seine gewaltigste Macht; sollte das -Ende der langen Belagerung kommen, mußte das Tor gegen Westen befreit -sein. - -Der vierte Frühling des Krieges fing an, in den Knospen zu drängen, -die Leiden des vierten Winters hatten die Frauen und Kinder ertragen, -als die belagerte Festung den letzten Ausfall zu wagen bereit war. - -Hindenburg hieß noch immer der Feldherr, aber nun wußten das Heer und -die Heimat, wie es der Feind wußte, daß Ludendorff hinter ihm stand, -wie die Hand des Lenkers hinter dem Pflug geht. - -Er hatte den Krieg in seinen schwersten Stunden getan und hatte ihm -seine letzten Waffen gerüstet; nun sollte, was an der Marne im ersten -Ansturm mißlang, im letzten Ansturm gelingen. - -Wieder wie einmal fuhren die Züge nach Westen, das flandrische Land -füllte sich mit den Siegern von Osten, der Mauer aus Stahl und Treue -die letzte Entsatzung zu bringen. - -Sie sangen die alten Lieder nicht mehr und waren nicht mehr mit Blumen -geschmückt; sie hatten den Krieg unsäglich erfahren und wollten das -Ende der Mühsal Tod und Teufel zum Trotz einmal erzwingen. - -Der letzte Ausfall geschah, wo der Wall am weitesten vorsprang; so -stark war der Stoß, daß er das feindliche Lager erreichte: Soissons, -der starke Eckpunkt der Feinde wurde genommen; zum andernmal sahen die -deutschen Soldaten das graue Gewässer der Marne. - -Wie ein gewaltiger Keil schob sich der Ausfall nach Westen und wollte -das englische Heer nach Norden abdrängen; aber so dünn sich das Band -der Einschließung spannte, es hielt den Stoß aus: der Keil wurde stumpf -an der Spitze, und als er stand, war der Feldzug im Westen, der Krieg -mit seinen Siegen und unsäglichen Leiden verloren. - - -Der Zusammenbruch - -Sieg oder Untergang! stand auf den Fahnen der Festung: als dem Sieg -im Westen die Spitze abbrach, als der Keil stumpf wurde, fing der -Untergang an; denn nun ging der Glaube verloren, daß Waffengewalt -jemals den Ring der Feinde zu sprengen vermöchte. - -Vier Jahre lang hatte die Festung der Welt standgehalten; aus Lumpen -und Leiden hatten die Männer im Westen den letzten Ausfall gewagt: nun -war die Not groß und die Kraft leer. - -Was je und überall war, wenn eine Festung dem Hunger nicht mehr zu -wehren vermochte, das mußte Deutschland erfahren: die Klage, so lange -gewaltsam versteckt, fing an auf den Gassen zu gehen. - -Draußen am Wall standen die Männer und Knaben, müde der Leiden, aber -noch trotzig und treu ihrer Pflicht; die drinnen der Pflicht die Parole -ausgaben, glaubten nicht mehr; die Sorge fraß den Befehl aus der leeren -Hand. - -Die Saat der vierzehn Punkte ging auf und war ein Unkraut, in allen -verzagten Herzen zu wuchern: Der Frieden steht längst vor der Tür, nur -die den Krieg führen und die er ernährt, wollen ihn nicht. - - -Der Aufruhr - -Der dritte Napoleon wurde bei Sedan mit seinen Soldaten gefangen; -Wilhelm der Zweite floh vor dem eigenen Volk in sein Heer und aus dem -eigenen Heer nach Holland. - -Die ihm rieten, sein Heer und Volk zu verlassen, wollten dem Vaterland -die Greuel des Bürgerkrieges ersparen; denn nun stand die Mauer aus -Stahl und Treue verraten im Feld und in der Heimat wehten die roten -Fahnen des Aufruhrs. - -Die rote Zwietracht nutzte die Stunde, da der alten Gewalt das Gewehr -aus der Hand fiel; die Vorstadt kam in die Prunkstraßen der Bürger, -die dumpf und bänglich den Umsturz erlebten; wie schlechte Hausmeister -wurden die Bundesfürsten aus ihren Schlössern vertrieben. - -Die Liebe der Untertanen hatte um ihre Throne gesungen, Fahnen und -Blumen waren um all ihre Wege gewesen; Liebe, Fahnen und Blumen hingen -die Köpfe, als der böse Novemberwind ging. - -Frieden, Arbeit und Brot verhieß die neue Gewalt; denn so hatte die -Stimme Wilsons gesprochen: wir kämpfen nicht gegen das deutsche Volk, -nur gegen den Kaiser! - -War also der Kaiser fort mit seinen Fürsten, so kamen die goldenen Tage -der Völkerversöhnung. - -Es war ein schuftiges Spiel und eine klägliche Täuschung: irgendwie -wollte die ewige Hand der Gerechtigkeit walten; was aber sichtbar im -bösen November geschah, war Aufruhr der Gasse. - -Denn dies war aus dem Volk der Deutschen geworden, das im Aufbruch ein -Heer, ein Mut und ein Glaube war: die Zwietracht der Klassen hatte die -Eintracht gefressen, der rote Haß war zwischen Führer und Mannschaft -gestellt. - -Die einen befahlen, die andern gehorchten; und die da befahlen, standen -nicht auf den Wällen: zwischen den Wällen und zwischen der Festung war -der Sumpf der Etappe, da ging die Pflicht vielfach auf schmutzigen -Wegen. - -Feigheit und Faulheit, Genuß- und Gewinnsucht suhlten sich in den -Sümpfen; indessen die Tapferen drinnen und draußen den kargen Weg ihrer -Pflicht gingen, rafften die Schurken sich Reichtum. - -Der Wohlstand der Städte sank hin, und der Staat stieg in schwindelnde -Schulden; die Teuerung legte die knochigen Hände des Hungers über das -tägliche Leben: aber die goldene Spinne hatte sich nie so übersatt -vollgefressen. - -Durchhalten! riefen die Herolde aus auf den Gassen; wozu? sagten die -mutlos Verzagten; für wen? die aus dem roten Klassenhaß tranken. - -Als der Krieg in sein fünftes Jahr ging, wehten die Fahnen nicht mehr -und kein Helm trug den Blumenstrauß; ausgehöhlt war der Glaube, der -Mut, die Treue, die Pflicht; dumpf hinstarrend stand der Mann auf den -Wällen, in den Gassen ballten Unmut und Haß die Empörung. - -Dann half der roten Zwietracht der schwarze Verrat: Habsburg hatte die -Nibelungen zur Hochzeit gelockt, nun brannte der Saal um die Treue; -indessen die Mauer im Westen noch stand hielt, waren im Süden die Tore -zerbrochen. - -So kam der Tag, wo die eiserne Hand die Pflugschar losließ: der -besiegte Sieger des Krieges streckte die Waffen. - - -Versailles - -Wehe den Besiegten! sagte der gallische Fürst und warf sein Schwert auf -die Waage, als sich die Römer beschwerten über sein falsches Gewicht; -denn tausend Pfund mußten sie Brennus als Lösegeld zahlen. - -Wehe den Besiegten! stand über dem Tor von Versailles, als die Sieger -den Frieden diktierten; der mächtige Feind war wehrlos gemacht, so -konnte ihr Übermut schalten. - -Frieden und Völkerbund! hatte die Stimme über das Weltmeer gerufen, und -die Herzen der Hoffenden hatten sie gläubig gehört; nun saß die Stimme -im Rat zu Versailles, da war der Prophet der Völkerversöhnung nur ein -Professor. - -Sie drehten den vierzehn Punkten sanft das Genick ab und wickelten -jeden Satz ein in den Stacheldraht ihrer Paragraphen; sie höhnten den -weisen Professor und sagten: dies sei nur die abendländische Art der -Verpackung. - -Sie hielten im Namen der Völkerversöhnung ihr Strafgericht ab als -Kläger, Richter und Büttel; sie teilten den Raub im Namen des Rechtes -und rächten sich an dem wehrlosen Feind, der ihnen so lange ein -Alpdruck war. - -Sie sprachen den Willen der Völker frei und legten den ewigen Bann -zwischen die Deutschen im Reich und ihren Brüdern in Österreich. - -Sie trennten das deutsche Elsaß vom Reich und ließen den gallischen -Hahn sein altes Rheinbundlied krähen. - -Sie gaben den Welschen vom deutschen Tirol, soviel sie für ihren -falschen Wechsel verlangten; aber sie wogen mit zweierlei Waagen, daß -sie den slawischen Völkern nichts nähmen. - -Sie raubten den Deutschen die Kolonien und ihre Schiffe dazu, sie -legten die Schuld und die Schulden des Krieges auf sie und kränkten -ihre Ehre. - -Sie machten alles genau, wie der englische Seeherr es wollte: der -nächste Feind Englands, Deutschland, hatte den stärksten, Rußland, -erschlagen, nun legte er ihn an die Kette; aber die Kette gab er klug -in die Hand der Franzosen, weil sie nun unter den Feinden Englands die -nächsten waren. - -Allen den Völkern und Völkchen im Abendland wurde ihr Dasein entfaltet; -nur der Deutsche war vogelfrei, weil er ein Hunne, ein Boche, ein -Barbar, ein Feind der Menschheit und unter den Tugendvölkern der Erde -des Teufels Nothelfer war. - -So wurden dem falschen Propheten der Völkerversöhnung die vierzehn -Punkte des Friedens erfüllt; und daß der Professor sein Steckenpferd -habe, wurde der Völkerbund auch in den Stacheldraht ihrer Paragraphen -gewickelt. - -Die vierzehn Punkte hatten das ihre getan, nun konnte die Stimme der -Vernunft wieder schweigen; aus dem Schiedsrichter der Welt war in Paris -ein Stockmeister Frankreichs geworden; als er die Spottgeburt seines -Völkerbundes heimbrachte, lachte sein eigenes Volk ihn aus. - - -Moskau - -Die rote Zwietracht hatte gesiegt, wie ein Strandräuber siegt, wenn der -Sturm das Schiff auf den Sand wirft; Frieden, Arbeit und Brot hatte sie -prahlend verheißen, aber das Schiff war leer und in den Fugen gebrochen. - -Ein halbes Jahrhundert lang hatte sie auf die Stunde der Herrschaft -gefiebert; als sie nun kam über Nacht, als die rote Fahne sich blähte -auf allen Dächern, konnte sie auch nur im Wind wehen; aber der Wind -wehte von Osten. - -Wo einmal der Zar als Herr aller Reußen despotisch regierte, hatte -die rote Zwietracht am ersten gesiegt; und was in Deutschland nur ein -Novemberwind war, hatte im russischen Frühjahr den Winter gebrochen. - -Die Räteregierung des russischen Volkes in Moskau kannte den Bürger -nicht mehr und war der Bauernschaft Herr durch die rote Armee der -Fabrikler: sie hatte der goldenen Spinne den Kopf abgeschlagen und saß -im Blut wartend, daß nun das Wunder geschähe. - -Wehe den Besiegten! stand über dem Tor von Versailles; aber die Sieger -im Westen wollten dem Schicksal die Türen zuhalten, durch die nun der -Osten hereinbrach, die Fragen der Menschheit zu stellen: - -War eine Menschheit, die solchen Massenmord um das Wohlsein der Völker -rüsten und ausführen konnte, war eine Menschheit wie diese noch wert, -so zu heißen? - -War es ein Unglück, das über sie kam, oder war es ein Schicksal, -verdient und notwendig, weil Raub- und Gewinngier des Abendlandes -einmal sich selber auffressen mußten? - -Die in den Erdhöhlen des Krieges wie in den Fabriken des Friedens -um kärglichen Lohn den gemeinen Mann spielten: sollten sie länger -ertragen, daß in Versailles die goldene Spinne dasaß, das alte -Beutespiel neu zu beginnen? - -Hatte die goldene Spinne nicht ihren Leib noch im Krieg vollgefressen, -wie sie mit blutigen Zangen auf Massengräbern dasaß, der Armut das Blut -auszusaugen? und war es nicht Zeit, ihr den Kopf abzuschlagen? - -Sollte die Masse all der Enterbten nicht aufstehen gegen den Bürger, -wenn seine Gewinn- und Genußsucht keine andere Ordnung zu schaffen -vermochte? sollte der Sozialismus nicht endlich die Weltordnung werden? - -So kamen die Fragen von Osten, wo die rote Zwietracht am Ziel war; denn -die rote Armee der Fabrikler saß in den Prunkstraßen der Bürger, das -russische Riesenland zu regieren. - -Sie wollten das Schwert nicht eher hinlegen, als bis die Vorstadt in -allen Ländern der Erde am gleichen Ziel war, bis die Diktatur des -Proletariats die Menschheit von der goldenen Spinne des Kapitalismus -erlöste. - -Der Krieg der Staaten mit allem Haß ihrer Völker hatte den Krieg der -Klassen entzündet: dem Krieg der Staaten und Völker konnten die Sieger -noch einmal den Frieden diktieren, dem Krieg der Klassen mußte ihr -letztes Diktat die Blutbahn aufreißen. - -Versailles oder Moskau: so stand nun der Feind! im Völkerbund zu -Versailles wollte der Kapitalismus die Erde für immer beschatten; im -Bolschewismus zu Moskau war seinem Hochmut die Axt an die Wurzeln -gelegt. - - -Menschendämmerung - -Vier Winter wurden der Welt nicht zum Frühling; in die Blüte fiel -Schnee, und Hagel über den Mißwachs; auf den zerstörten Feldern der -Erde war Krieg; Krankheit, Hunger und Furcht fraßen die Welt leer. - -Da kam die Wolfsbrut der dritten Zwietracht ans Ziel; denn nun waren -die Herzen bereit für das wilde Ereignis, das dem Bürger die Tafeln der -Tugend zerbrach. - -Durch Eisen und Blut war die Wohlfahrt gekommen, in Blut und Eisen sank -sie dahin; und als die Wohlfahrt dahin war, war von der Tugend des -Bürgers nur noch der Hohn seiner zerbrochenen Tafeln geblieben. - -Mit vergoldeten Buchstaben hatte die Neuzeit geprahlt, daß sie die -glückreiche Erbin aller Vergangenheit wäre, daß die Zukunft des -Menschengeistes nicht mehr den Irrlichtern der Seele, sondern dem -Tageslicht seiner Werkstätten überantwortet sei. - -Nun fiel die Schrift von den Wänden, und der Menschengeist mußte -erkennen, daß ihm allein der Hochmut gehörte, daran das falsche Gold -aufgeklebt war. - -Der Hochmut zerbrach mit den Tafeln der Wände: alle Dämonen der Tiefe -sandte der Abgrund über ihn her; und die schlimmsten Unholde krochen -- -das mußte er schauernd erkennen -- aus seiner eigenen Brust. - -Der Staat und sein starkes Gesetz war dem Bürger der Stockmeister all -seiner Ordnung gewesen; nun ihm der Stock aus der Hand fiel, war der -Tugend die Strafe der eigenen Torheit gesetzt, aber dem Laster der -blinkende Lohn seiner List. - -Alles, was schlecht und schlau, gemein, zwiezüngig und selbstsüchtig -war, sah sich gesegnet; alles was treu und einfältig, großmütig, -gerecht und uneigennützig war, sah sich verlassen. - -Menschendämmerung war; aber kein Surtur aus Süden kam mit dem -weißglühenden Schwert, keine Flamme zückte aus Muspilheim, das Gezücht -zu verbrennen. - -Nur in den Brunnen der Seele wurde die Tiefe lebendig, und die Frage -schwoll an: warum der gekreuzigte Gott noch immer auf Golgatha hinge? - -Der sich den Menschensohn nannte, hatte Gott in den Herzen der Menschen -erweckt, daß er stark würde in jedem, des irdischen Daseins zu lächeln; -aber mit Strafe und Lohn seiner Weltgerichtslehre hatte der Priester -die Freiheit der unsterblichen Seele wieder in Furcht und Hoffnung der -Knechtschaft gebunden. - -Nun brach aus den Brunnen der Tiefe die Sintflut, alles Dasein -ersäufend, das in der Furcht und Hoffnung solcher Knechtschaft -verharrte, statt seiner unsterblichen Seele gläubig zu sein. - -Weil ihm der Himmel verschlossen war, hatte der Menschengeist trotzig -getrachtet, sich die Erde zu retten; er hatte der Menschenvernunft -Werkstätten gebaut, die seine Tempel sein sollten: nun kam die -Sintflut über den Wahn und den Hochmut. - -Aber die Männer der dritten Zwietracht bauten die Arche, der Flut zu -entrinnen; sie lachten des Gottes, der Himmel und Hölle bedurfte, auf -Erden mächtig zu sein; sie wollten das dritte Reich finden, da weder -Engel noch Teufel Gottes Allgegenwart störten. - -Sie wollten des ewigen Grundes in allen Untiefen gewiß sein: wo eine -Seele erwachte, war Gott ins Dasein getreten, in ihrer Unsterblichkeit -war seine Stärke, in ihrer Liebe war seine Gnade, in ihrer Vollendung -war seine Entfaltung. - -So bauten die Männer der dritten Zwietracht die Arche, so fuhren -sie gläubig hinein in die Nacht und Brandung der Zeit, den Berg der -Eintracht zu finden, indessen die Sintflut dem Hochmut und Wahn den -schäumenden Untergang brachte. - - -Wiederkunft - -Das Land der Mitte zu heißen, ist Deutschlands Geschick: zwischen -Versailles und Moskau liegen die Gräber seiner gefallenen Söhne, -zwischen Versailles und Moskau liegt seine kommende Not. - -Die rote Zwietracht reißt seine Hoffnung nach Osten, die goldene Spinne -im Westen saugt ihm sein Blut; was es der einen läßt, muß es der andern -nehmen: so ist es noch einmal das Schlachtfeld der Welt. - -Denn nun kann nicht Frieden auf Erden gesungen sein, als bis das dritte -Reich kam; aber das dritte Reich wird keinem der Völker gehören, die -Menschheit wird sein Herrscher und Untertan heißen. - -Die Menschheit will werden, aber sie kommt nicht mit Lorbeer und -Psalmen: Gewalt muß Gewalt bezwingen, ein Meer von Blut muß den Abgrund -ersäufen, daraus sie geboren sein will. - -Versöhnung und Friedensschalmeien müssen verstummen, wenn der Abgrund -zu kreißen beginnt; denn alles was dumm und gemein, was selbstsüchtig -und eitel, was schlecht und schlau und zwiezüngig ist, will die Geburt -stören. - -Die rote Zwietracht im Osten wird einmal die goldene Spinne im Westen -erschlagen; aber das rote Elend wird nach dem goldenen schreien, bis -die erste Eintracht beginnt. - -Daß aber das Reich der Eintracht uns widerfahre auf Erden, wird es der -Herzen bedürfen, die das Kreuz der Zwietracht tapfer und treu nach -Golgatha tragen; der deutschen Seele wird seine bitterste Botschaft -gehören. - -Zu töricht, im Rat von Versailles zu sitzen, zu töricht, im Haß von -Moskau zu sein, niemandens Freund und aller Welt Feind, wird sie in -langer Einsamkeit bleiben. - -Die Einsamkeit wird ihre schwarzen Unholde gebären und ihre Lichtalben; -wenn der Morgen der Menschendämmerung anbricht, wird sie nicht mehr auf -Allerweltsstraßen gehen. - -Alle Kämpfe der Menschheit werden der deutschen Seele auferlegt sein, -bis sie, Besiegter und Sieger in Einem, der kommenden Eintracht -Christophorus wird; bis einmal Wiederkunft ist, bis endlich den Kindern -Gottes auf Erden die grüne Wiese, das blanke Meer und der blaue Himmel -gehören. - - - - -Ausgang - - -Deutscher, der du die bittere Gegenwart leidest, der du geschlagen, -bedrückt und verachtet bist unter den Völkern, der du die wehrlosen -Hände rachsüchtigen Feinden hinhalten mußt; Deutscher, dem Wohlstand -und Wohlfahrt zerbrachen, dem aus Gewinn und Genuß hoffärtiger Tage -Armut und Ärgernis, Not und Verzweiflung kamen; - -Deutscher, den mehr als die Rachsucht der Feinde und mehr als die -Not die Leichtfertigkeit schreckte, darin er sein Volk am Rand der -Verkommenheit tanzen und Niedertracht über die Guten Gewalt haben sah; - -Deutscher, bedenke die Herkunft! Bedenke, daß deine Gegenwart gefüllt -mit dem Schicksal all deiner Vergangenheit ist! - -Deutscher, laß ab von der Klage! Denn siehe, was dir geschah, geschieht -deinen Vätern: deine Väter sind gegenwärtig in dir, weil dein Schicksal -die Waage des Guten und Bösen aus ihrer Vergangenheit ist. - -Deutscher, sei ehrfürchtig deinen Großen; ob sie ihr Werk nur mühsam -vermochten gegen dein träges, törichtes Herz, ob sie hinrauschten wie -Adler oder mit gläubiger Einfalt durch deine taube Genügsamkeit gingen: -alle sind deine Väter, und alle sind gegenwärtig in dir! - -Deutscher, sei deiner Vergangenheit trächtig, wie der Mittag von seinem -Morgen gefüllt ist; Tracht und Trotz all ihrer Männer, Tat und Gedanken -all ihres Schicksals bist du! - -Deutscher, sei deiner Gegenwart tapfer, weil du der Erbhalter bist -größerer Dinge, als die an dem Tag hängen: Gutes und Böses will werden, -wie Unkraut und Saat wird, und der Acker bist du! - -Deutscher, sei gläubig der Zukunft, der du die bittere Gegenwart -leidest: Kinder und Kindeskinder, und alles, was über sie kommt, Stärke -und Schwäche, Demut und Stolz, Hoffart und Kleinmut, alles, was einmal -deutscher Lebenstag wird, alles bist du! - - - - -Nachwort - - -Als ich »Die dreizehn Bücher der deutschen Seele« zu Weihnachten 1921 -nach fünfjähriger Arbeit heraus brachte, wußte ich, daß sie namentlich -im neueren Teil noch Mängel aufwiesen. Meine Kraft reichte damals nicht -aus, ihnen die Vollendung zu geben, die ich mir geträumt hatte. Sollte -das Buch meinem Volk in seiner bitteren Geschlagenheit Trost bringen, -durfte ich nicht länger mit der Drucklegung zögern. - -Diese Volksausgabe endlich bot mir nach zwölf Jahren Gelegenheit, -noch einmal Hand an das Werk zu legen. Es wäre undankbar, wollte -ich nicht die beiden Männer nennen, die mich durch eine kritische -Durcharbeitung meiner Kapitel unterstützten: Graf Adolf Dubsky und -Graf zu Eulenburg-Wicken. Beide, der österreichische Katholik und -der preußische Protestant, werden auch heute noch nicht mit jeder -Einzelheit zufrieden sein können; aber ich hoffe, sie billigen mir -zu, daß ich jeden Einwand bedachte und der Zwiespälte Herr zu werden -suchte, die eine gerechte Darstellung der deutschen Geschichte so -schwierig machen, weil sie weder den Katholiken noch Protestanten, -weder den Preußen noch Österreicher, sondern den Deutschen schlechthin -fordert. - -Daß ich mit meinem Buch vielen Tausenden Trost brachte, als die -Tröstungen in Deutschland noch selten waren, ist mir genügend bezeugt; -daß seine Mission noch nicht erfüllt sei, ist der Glaube dieser -Volksausgabe. - - - - -Inhalt - - - Eingang 5 - - Das Schuldbuch der Götter 7 - - Er 7 / Die Götter 7 / Der Kampf mit den Vanen 8 / - Wodan 9 / Frigga 10 / Freya und Fro 11 / Donar 11 / - Loki 12 / Baldur 13 / Baldurs Beweinung 14 / - Die Rache 15 / Götterdämmerung 15 / Wiederkunft 17 - - Das Buch der Könige 18 - - Die blonden Räuber der Frühe 18 / Die olympischen - Götter 19 / Die Griechen 19 / Die Römer 21 / - Das Land der neblichten Wälder 22 / Der kimbrische - Schrecken 23 / Die Stachelschnur der Kastelle 24 / - Arminius 25 / Der Pfahlgraben 27 / Tacitus 28 / - Die Springflut 29 / Ermanerich 29 / Alarich 30 / - Die Hochzeit von Narbonne 32 / Geiserich 33 / Die - Hunnenschlacht 34 / Burgund 35 / Dietrich, - Theodemirs Sohn 36 / Dietrich, der Gotenkönig 37 / - Dietrich von Bern 38 / Der Kampf um Rom 40 / Die - Alemannen 41 / Die Gepiden 42 / Die Langobarden 43 / - Hengist und Horsa 44 / Chlodevech 45 / - Brunhilde 46 / Gudrun 48 / Karl Martell 49 / Pipin - der Kleine 49 / Karl der Große 50 / - Die Nibelungen 52 - - Das Buch der Kirche 54 - - Jesus von Nazareth 54 / Paulus 55 / Das Kreuz über - den Gräbern 56 / Das Schaumgold der Kirche 57 / - Simeon aus Sesam 58 / Augustinus 59 / Nicäa 60 / - Wulfila 61 / Der Pontifex maximus 61 / Winfried 62 / - Widukind 63 / Carolus Augustus 65 / Der gläserne - Grund 66 / Die schwarzen Mönche 67 / Die Legende 67 / - Der Heliand 68 / Die Heliandsburgen 69 / - Cluny 70 / Canossa 71 / Die Kreuzzüge 72 / Die Hunde - des Herrn 73 / Die Stedinger 74 / Der - Kinderkreuzzug 75 / Die Scholastik 76 / Die gotischen - Dome 77 / Der schwarze Tod 78 - - Das Buch der Kaiser 80 - - Kaiser und Kirche 80 / Das Lügenfeld 81 / - Stellinga 82 / Die fränkische Ohnmacht 83 / - Heinrich der Finkler 84 / Mathilde 85 / Otto, - Sohn der Mathilde 86 / Otto der König 87 / Otto - der Kaiser 88 / Die Ottonen 89 / Der - Weltuntergangskaiser 91 / Heinrich der Heilige 92 / - Der siebente Heerschild 93 / Heinrich der - Dritte 94 / Kaiserswerth 95 / Der Aufruhr der - Sachsen 96 / Der Streit um die Stärke 98 / Der - Gottesfrieden 100 / Der Kaiser des Volkes 101 / - Der Sieg der Fürsten 103 / Die goldenen Tage der - Kirche 105 / Der heilige Bernhard 106 / Heinrich - der Löwe 107 / Friedrich von Schwaben 108 / - Barbarossa 109 / Das Maifeld in Mainz 111 / Der - Sohn der Macht 111 / Der Sizilianer 112 / - Konradin 113 / Der Kyffhäuser 114 - - Das Buch der Bürger 116 - - Der Sachsenspiegel 116 / Huld und Treue 117 / - Der Ritter 118 / Minnegesang 119 / Walter von - der Vogelweide 120 / Die Bürgerschaft 122 / Die - Zunft 123 / Die Gilde 123 / Walpod 124 / Die - Hansa 125 / Rudolf von Habsburg 126 / Die - Eidgenossen 127 / Die deutschen Ordensritter 129 / - Die Feme 130 / Der gemeine Mann 131 / Die braunen - Brüder 132 / Albertus Magnus 132 / Die fahrenden - Schüler 133 / Das Volkslied 134 / Die - Meistersinger 135 / Der Schwank 136 / Die - Bauhütte 137 / Die Schilderzunft 138 / Der Genter - Altar 139 / Der Spiegel der Wirklichkeit 140 / Der - Altar von Isenheim 141 - - Das Buch der Freiheit 143 - - Meister Eckhart 143 / Suso 144 / Der - Gottesfreund 145 / Die gemeinsamen Brüder 146 / - Konzil in Konstanz 147 / Die schwarze Kunst 149 / - Die Humanisten 150 / Johann Reuchlin 152 / - Maximilian 153 / Die Fugger 154 / Albrecht - Dürer 155 / Hans Holbein 157 / Erasmus 158 / Ulrich - von Hutten 159 / Der Mönch von Wittenberg 161 / - Der Reichstag zu Worms 163 / Die deutsche - Bibel 165 / Philipp Melanchthon 166 / Ulrich - Zwingli 167 / Der Bauernkrieg 169 / Marburg 171 / - Die Wiedertäufer 172 / Die Landeskirche 174 / - Kopernikus 175 - - Das Buch der Zwietracht 177 - - Loyola 177 / Calvin 178 / Die spanische Hand 179 / - Die Geusen 180 / Donauwörth 182 / Der Schwur von - Loreto 183 / Der Winterkönig 184 / Die Pfalz 185 / - Wallenstein 186 / Stralsund 187 / Magdeburg 188 / - Gustav Adolf 190 / Lützen 191 / Der Herzog von - Friedland 193 / Bernhard von Weimar 194 / Das - Ende 195 / Der Frieden zu Münster 196 - - Das Buch der Fürsten 198 - - Versailles 198 / Alliance du Rhin 199 / - Straßburg 200 / Die Erbschaft der Liselotte 201 / - Die Türken vor Wien 203 / Holland 204 / - Rembrandt 205 / Der große Kurfürst 207 / August - der Starke 209 / Der König in Preußen 210 / - Prinz Eugen 211 / Die fürstlichen Schlösser 212 / - Der Soldatenkönig 213 / Der Gutsherr zu - Rheinsberg 214 / Der König 216 / Der Spötter von - Sanssouci 217 / Der Kriegsherr 219 / Der alte - Fritz 220 / Maria Theresia 222 / Joseph der - Zweite 223 / Die Pompadour 225 / Maria - Antoinette 226 / Mozart 227 - - Das Buch der Propheten 230 - - Hans Sachs 230 / Das Kirchenlied 231 / Bach 232 / - Die Pietisten 234 / Die Aufklärung 235 / Christian - Fürchtegott Gellert 236 / Klopstock 237 / Der - Hainbund 238 / Lenore 239 / Lessing 240 / - Herder 242 / Götz 243 / Werthers Leiden 244 / - Weimar 245 / Winckelmann 246 / Goethe in Rom 248 / - Die Räuber 249 / Jena 250 / Hölderlin 252 / Die - Romantik 253 / Des Knaben Wunderhorn 255 / Das - Märchen 256 / Novalis 257 / Eichendorff 257 / - Johann Peter Hebel 258 / Jean Paul 260 / Faust 261 - - Das Buch der Erhebung 264 - - Beethoven 264 / Die Blutrache der Freiheit 266 / - Bonaparte 267 / Napoleon 267 / Der Rheinbund 268 / - Jena und Auerstädt 269 / Der Tyrann 270 / Andreas - Hofer 271 / Luise 273 / Kant 274 / Fichte 276 / - Pestalozzi 277 / Der Freiherr vom Stein 278 / - Kleist 279 / 1812 281 / Tauroggen 284 / Die - Landwehr 284 / Die Erhebung 285 / Leyer und - Schwert 286 / Blücher 287 / Die - Völkerschlacht 288 / Caub 289 - - Das Buch der Minister 291 - - Das Reich 291 / Der Wiener Kongreß 292 / Die - hundert Tage 293 / Die heilige Allianz 294 / Der - Siebenschläfer 294 / Der Geheimrat 295 / Die - deutsche Burschenschaft 296 / Das Fest auf der - Wartburg 297 / Sand 298 / Metternich 299 / Ernst - Moritz Arndt 300 / Der Turnvater Jahn 301 / Der - Kirchhof 301 / Der Biedermaier 302 / Goethe - stirbt 304 / Das Volk der Denker und Dichter 305 / - Die schwäbischen Dichter 305 / Mörike 306 / - Stifter 307 / Hebbel 308 / Grillparzer 310 / - Schopenhauer 310 / Die Nazarener 312 / Der - Baukönig 313 / Der Redekönig 314 / Die - Auswanderer 315 / Die schlesischen Weber 316 / - Die Fabrik 317 / Wilhelm Weitling 318 / Das junge - Deutschland 320 / Drei Dichter 320 / Metternichs - Ende 322 / Der achtzehnte März 323 / Hecker 324 / - In der Paulskirche 325 / Malmö 326 / Die - Kaiserwahl 327 / Der König von Preußen 327 / - Olmütz 328 - - Das Buch der Preußen 330 - - Der Ordensstaat 330 / Brandenburg 331 / Der - preußische Staat 331 / Der Keil 333 / Unter den - Linden 333 / Berlin 335 / Der Schillertag 336 / - Friedrich List 337 / Die Eisenbahn 339 / Der - Zollverein 340 / Der preußische - Bundesgesandte 341 / Der Regent 342 / Der - Konflikt 343 / Der dänische Krieg 344 / - Gastein 345 / Die Zange 346 / Das - Zündnadelgewehr 346 / Der norddeutsche Bund 348 / - Der neue Napoleon 348 / Die Emser Depesche 349 / - Die Männer 351 / Nach Frankreich hinein 352 / - Metz 352 / Sedan 353 / Der Ringkampf der - Völker 354 / Versailles 355 - - Das Schuldbuch der Menschen 357 - - Der Reichstag 357 / Die alte Zwietracht 358 / Die - neue Zwietracht 359 / Die goldene Spinne 360 / - Darwin 361 / Der Trompeter von Säckingen 363 / - Unserer Väter Werke 363 / Bayreuth 364 / - Bruckner 366 / Nietzsche 367 / Die dritte - Zwietracht 369 / Gottfried Keller 370 / Wilhelm - Raabe 372 / Die Neuzeit 373 / Die Vorstadt 374 / - Das Sozialistengesetz 375 / Der Deutsche - Soldat 376 / Kaiser und Kanzler 377 / Der Alte im - Sachsenwald 378 / Der deutsche Welthandel 380 / Die - deutsche Flotte 381 / Der Dreibund 382 / Feinde - ringsum 383 / Habsburg 384 / Serajewo 385 / Der - Weltkrieg 385 / Die Schuld 386 / Die - Marneschlacht 387 / Hindenburg 388 / Die - Blockade 389 / Der Schützengraben 390 / Die - belagerte Festung 392 / Das Unterseeboot 393 / - Ludendorff 395 / Die vierzehn Punkte 396 / Der - letzte Ausfall 397 / Der Zusammenbruch 398 / Der - Aufruhr 399 / Versailles 400 / Moskau 401 / - Menschendämmerung 402 / Wiederkunft 404 - - Ausgang 407 - - Nachwort 408 - - - - - Die Werke - von - Wilhelm Schäfer - - - - -WILHELM SCHÄFER - - -Wendekreis neuer Anekdoten - -15. Tausend · In Leinen 4.50 Mk. - -»Wie in einer scheinbar belanglosen Angelegenheit plötzlich das -unendliche Wesen sichtbar wird und wie dann doch diese einzelne -Geschichte rein um ihrer selbst willen geschrieben scheint und doch die -Erinnerung des Größeren zurückläßt, darin ist die starke dichterische -Wirkung dieser kurzen Erzählungen begründet.« (Kölnische Zeitung) / -»Sie sind seit langem zu dem Ruhm eines klassischen Erzählgutes unseres -Volkes gelangt. Von der neuen Reihe ist zu sagen, daß sie alle Vorzüge -der früheren erhalten, aber noch eine eigentümliche Vertiefung gewonnen -hat.« (Die Neue Literatur) - - -Die Anekdoten - -Gesamtauflage 45000 · In Leinen 4.80 Mk. - -»Schäfers Anekdoten sind jenes epische Werk, das fernen Geschlechtern -den Ruhm unserer Dichtung überbringen wird.« (Völkischer Beobachter) -/ »Selten schließt ein Buch so viel Humor, so viel tiefe Weisheit, so -viel Kenntnisse, so viel Schönheit in sich, wie diese Geschichten.« -(Völkischer Beobachter) - - -Meine Eltern - -In Leinen 3.20 Mk. - -Ein Buch von besonderer Art: Es ist des fast 70jährigen Dichters -Bekenntnis zu Vater und Mutter, ein Dank an seine Eltern, eine -Lebensbeschreibung, wie wir sie kaum schöner besitzen. Denn mit -all seiner großen Kunst, mit ergreifender Wärme und mit der ganzen -verehrenden Liebe des Sohnes zu seinen Eltern erzählt er uns ihr -arbeitreiches, wechselvolles und gesegnetes Leben und darin zugleich -seine eigene Kindheit. Die dem bedeutsamen Buche beigegebenen Bilder -der Eltern sind von der Hand Wilhelm Schäfers gemalt. - - -Drei Erzählungen um ein Thema: - - -Das Haus mit den drei Türen - -Ein kleiner Roman. 10. Tausend. Kartoniert 2.50 Mk., Leinen 3.50 Mk. - - -Ein Mann namens Schmitz - -Novelle. (Die Kleine Bücherei Band 28). 30. Tausend. Gebunden --.80 Mk. - - -Der Fabrikant Anton Beilharz und das Theresle - -Roman. 10. Tausend. Kartoniert 2.50 Mk., Leinen 3.80 Mk. - - -Lebenstag eines Menschenfreundes - -Ein Pestalozziroman. 40. Tausend. Leinen 5.80 Mk. - - -Karl Stauffers Lebensgang - -Eine Chronik der Leidenschaft - -13. Tausend. Geheftet 4.-- Mk., Halbleinen 5.-- Mk. - - -Huldreich Zwingli - -Ein deutsches Volksbuch - -10. Tausend. Halbleinen 4.50 Mk., Leinen 4.80 Mk. - - -Der Hauptmann von Köpenick - -Roman. 30. Tausend. Leinen 3.50 Mk., Geschenkausgabe 6.-- Mk. - - -Novellen - -5. Tausend. Leinen 8.50 Mk. - - -Winckelmanns Ende - -Novelle. Halbpergament 18.-- Mk. - - -Anckemanns Tristan - -Novelle. 20. Tausend. Biegsam gebunden mit Goldaufdruck 2.50 Mk. - - -Hölderlins Einkehr - -Novelle. Halbpergament 3.50 Mk. - - -Die unterbrochene Rheinfahrt - -Erzählung. 20. Tausend. Biegsam gebunden 2.50 Mk., Ganzleder 4.80 Mk. - - -Die Mißgeschickten - -Novelle. (Die Kleine Bücherei Band 6). 25. Tausend. Gebunden --.80 Mk. - - -Die Fahrt in den heiligen Abend - -Eine Weihnachtsgeschichte. Mit 20 Zeichnungen von Hermann Schäfer - -30. Tausend. (Die Kleine Bücherei Band 56). Gebunden --.80 Mk. - - -Rheinsagen - -16. Tausend. Kartoniert 1.-- Mk., Sonderausgabe mit Holzschnitten, -Halbpergament 12.-- Mk. - - -Das Lied von Kriemhilds Not - -Mit einer Einführung von Uhl. Halbleinen 5.50 Mk. - -Ausgabe ohne Einführung mit Holzschnitten 5.50 Mk. - -Halbpergament 9.-- Mk. - - -Briefe aus der Schweiz und Erlebnis in Tirol - -Gebunden 2.80 Mk. - - -Deutsche Reden - -Geheftet 4.40 Mk., Leinen 5.80 Mk. - - -Johann Sebastian Bach - -Eine Rede. Kartoniert --.80 Mk. - - -Der deutsche Rückfall ins Mittelalter - -Eine Rede. Kartoniert --.80 Mk. - - -Christophorusrede - -Kartoniert 1.-- Mk. - - -Der Dichter des Michael Kohlhaas - -Eine Kleist-Rede. Kartoniert --.80 Mk. - - -Deutschland - -Eine Rede. Kartoniert 1.50 Mk. - - -Lebensabriß - -3. Tausend. Kartoniert 1.-- Mk. - - -Bekenntnis zu Wilhelm Schäfer - -Herausgegeben von Otto Doderer. Geheftet 1.50 Mk. - - -Wilhelm Schäfer. Ein Volksdichter unserer Zeit - -Von Franz Stuckert. Kartoniert 1.80 Mk. - - -Ausführlicher Prospekt der Werke Wilhelm Schäfers kostenlos - - -VERLAG ALBERT LANGEN -- GEORG MÜLLER MÜNCHEN - - -Satz und Druck der Offizin Haag-Drugulin in Leipzig - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Offensichtliche Fehler wurden - stillschweigend korrigiert. Unterschiedliche Schreibweisen wurden - beibehalten. - - Korrekturen: - - S. 272: Herr → Heer - wurde sein {Heer} von den herzhaften Bauern geschlagen - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die dreizehn Bücher der deutschen Seele, by -Wilhelm Schäfer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE DREIZEHN BÜCHER *** - -***** This file should be named 53856-0.txt or 53856-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/8/5/53856/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Die dreizehn Bücher der deutschen Seele - -Author: Wilhelm Schäfer - -Release Date: January 1, 2017 [EBook #53856] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE DREIZEHN BÜCHER *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p> -Anmerkungen zur Transkription finden sich -<a href="#tnextra">am Ende des Buches</a>. -</p> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center"> -Wilhelm Schäfer<br /> -Die dreizehn Bücher der deutschen Seele</p> -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> -<hr class="chap "/> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center"> -Ein Verzeichnis der Werke<br /> -von<br /> -Wilhelm Schäfer<br /> -findet sich am Schluß<br /> -dieses Bandes</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1> -Die dreizehn Bücher<br /> -der deutschen Seele</h1> - -<p class="center"> -von</p> -<p class="h2">Wilhelm Schäfer</p> - -<p class="center p2">Albert Langen / Georg Müller München</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center"> -131. bis 140. Tausend<br /> -<em class="antiqua">Copyright 1922 by Georg Müller Verlag Aktiengesellschaft, München<br /> -Printed in Germany</em></p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p> - -<h2 id="Eingang">Eingang</h2> -</div> - -<p>Deutscher, der du die Geschichte deiner Herkunft hören willst, bemerke -zuvor, wie alles Geschichtete entseelt ist, Stein und Staub für die suchenden -Sinne.</p> - -<p>Ob du den Berg der Geschehnisse anschneiden könntest bis auf die Sohle, -daß du die Zeitalter im Querschnitt ihrer qualvollen Verschiebungen geschichtet -sähest, du würdest keine Heimat für deine Seele finden, weil die -Schlacke des Gewesenen nur oben die dünne Ackerkrume deiner Gegenwart -trägt.</p> - -<p>Dies aber bedenke danach als das Wunder der Seele, wie alles in ihre -Brunnentiefe versank, was je deine Gegenwart war; und nichts ging verloren, -ob du es zehnmal vergaßest, weil dein Bewußtsein nur die blinkende -Oberfläche ist, die Schaubilder der Welt zu spiegeln, aber die kreißenden -Ströme des Lebens sind in der Tiefe.</p> - -<p>Die kreißenden Ströme sind in der Tiefe, wo dein Lebensraum ist, darin -alles versank, was deine Vergangenheit war, und alles vorbestimmt ist, was -deine Zukunft sein wird.</p> - -<p>Wohl können dir von deiner Jugend berichten, die damals um dich waren; -sie sahen den Säugling, wie er sich satt trank an der Mutter und mählich -stark wurde zu den ersten Schritten: abgesondert aber und unerreichbar -ihren Blicken saß deine Seele im Brunnen ihrer Herkunft, darin dein Dasein -zu allen Stunden dem ewigen Leben verbunden blieb.</p> - -<p>Ob der Lichtschein deiner Erinnerungen immer blasser ins Dunkel seiner -Tiefe tastet, wo selbst die Ahnungen sich zuletzt bescheiden müssen, du hast -keine andere Beglaubigung als den Brunnquell deiner Seele: was dir widerfahren -mag, das fühlst du sicher, wird hier allein und nicht im Tageslicht -der andern gewogen.</p> - -<p>Nicht anders dir als deinem Volk, in dessen blinkender Oberfläche du für -einen Augenblick bist, wieder in seinen Lebensraum zu versinken: nur in seiner, -nur in deiner Seele kann es die ewigen Wasser steigen und versinken -sehen; alle andere Gegenwart ist ihm fremd, alle andere Vergangenheit -muß ihm tote Geschichte für die Messung der Wissenschaft bleiben!</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Schuldbuch_der_Goetter">Das Schuldbuch der Götter</h2> - -<h3 id="sec1_1">Er</h3> -</div> -<p>Im Anfang war Er, der himmlische Gott; die Erde grünte in Seiner -Sonne.</p> - -<p>Im ewigen Gleichmaß kam Er zu schauen die Schönheit Seiner Geliebten, -die im blinkenden Glanz der Gewässer, im stummen Stand der reifenden -Halme, in den Untiefen schwellender Kelche die Seligkeit Seiner -lustwandelnden Liebe genoß.</p> - -<p>Wenn Sein Himmel die Erde umspannte mit Bläue, wenn Sein Auge -den Himmel durchsonnte mit Licht, das Meer und die Berge beschüttend -mit wärmendem Feuer, wenn der Mittag stand über der Welt, daß sie den -Atem anhielt, erschauernd in Fülle: dann war Seine Stunde.</p> - -<p>Stark und selig im Gang Seiner steigenden Bahn ließ Er den Morgen -erröten, Er trank den Tau aus dem Gras, daß Blätter und Halme kristallisch -funkelten, ihrem Glück Seinen Boden zu bauen.</p> - -<p>Wonnig und warm ließ Er den Abend abschwellen zum Segen der -Nacht; Sein Geleucht blieb zurück in der Lohe und wartete still im Glanz -Seiner Gestirne!</p> - -<p>Und wie den Tag hielt Er das Jahr in unverrückbarer Schwebe: Er ließ -die Sehnsucht der Erde blühen im Schaum des Frühlings, Er begoß ihre -Träume mit zärtlichem Regen, Er ließ ihre Brüste schwellen in himmlischer -Nahrung und ihren Leib schwer werden im Segen der Frucht.</p> - -<p>Er war Gott, und die Welt war im Gang Seiner Tage geordnet, -Mond und Sterne standen in Seinem Gedächtnis, über allem Tun thronte -Sein ewiger Wille, über allem Sein lag der Blick Seiner Sonne.</p> - -<h3 id="sec1_2">Die Götter</h3> - -<p>Aber Himmel und Erde kamen ins Wanken; Wolken stiegen vom Abgrund, -das zärtliche Auge verhüllend; die Wasser begannen zu strömen, und -alle Sonne versank.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span></p> - -<p>Stärker als Er schien die entfesselte Kraft und höher als Liebe der Aufruhr: -Ymir, das rauschende Naß, erfüllte die Welt; Seine Söhne, die -Reifriesen, herrschten über dem Abgrund.</p> - -<p>Aber aus Urgebrausdunkel kamen die Mächte: Urluft, Urwasser, Urfeuer; -sie hoben das Erdenrund wieder und schieden Midgard vom Meer.</p> - -<p>Noch irrten die Sonne, der Mond und die Sterne planlos umher, sie -setzten sie ein in die ewigen Bahnen: dann schien die Sonne auf Midgard -und ließ wachsen das erste Grün.</p> - -<p>Als sie gingen am Strand, fanden sie Bäume dastehen und weckten -Menschen daraus: Urluft gab die suchende Seele, Urwasser die wachsamen -Sinne, Urfeuer den flackernden Geist.</p> - -<p>Sie hießen nun Götter: Wodan, Hoenir und Loki genannt von den -Menschen; sie legten der Welt den Richterspruch auf ihres neuen Gesetzes -und fingen das goldene Zeitalter an ihrer heiteren Spiele.</p> - -<p>Sie kannten nicht Schuld und Schicksal; aber die Urgebraustöchter kamen -aus Ymirs Geschlecht, die weitaus gewaltigsten Weiber: Urd war die -älteste Schwester genannt, der Herkunft heilige Norne; Verdandi die -zweite, des Werdenden Mahnung; die dritte der Zukunft drohende Schuld.</p> - -<p>Sie schnitten die Runen, warfen die Lose und sagten im Werden, Sein -und Vergehen das Schicksal voraus; sie saßen am Brunnen des Lebens, die -Wurzeln zu gießen am Welteschenbaum, daran das Sein der Götter nur -ein Ast war im ewigen Leben der Welt.</p> - -<h3 id="sec1_3">Der Kampf mit den Vanen</h3> - -<p>Aber Er war nicht tot; aus unendlichen Fernen blinkte Sein Gold und -entzückte die Gier der Götter nach Seinem gleißenden Glanz; sie schufen -den lichtscheuen Schwarm der albischen Geister und Zwerge, das Gold zu -erlisten für ihre Burg, die sie bauten ins Asgard.</p> - -<p>Die aus dem Urdunkel kamen und aus dem Kampf mit den Riesengewalten, -die hoch gestiegenen Götter sagten der himmlischen Herkunft Urfehde -an.</p> - -<p>Da wurde die Walstatt laut vom Kampf der alt- und neuen Gewalten; -Vanen hießen die Kämpfer des Himmlischen da, und Asen die Urdunkelsöhne: -die Erde barst und der Abgrund erbebte, als Vanen und Asen um die -Herrschaft rangen der neugewordenen Welt.</p> - -<p>Aber der brausende Sturmwind entwand der leuchtenden Fülle das -Schwert, und müde schwand in die himmlische Ferne der Gott, Wodan, -der wehenden Unrast die Welt überlassend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p> - -<p>Nun kam Er nicht mehr, zu schauen die Schönheit Seiner Geliebten; -abgelöst von der ewigen Fülle ging sie ein in die Schuld und das Schicksal -der asischen Götter, denen Wodan Allvater war.</p> - -<p>Freya und Fro, die lieblichen Kinder der Vanen, wurden den Asen vergeiselt; -die im ewigen Licht spielten, spürten den Wind und die Wolken um -Asgard, und die Schicksalsansagung der Nornen.</p> - -<h3 id="sec1_4">Wodan</h3> - -<p>Die Asen sandten Hoenir als Geisel und gaben ihm Mimir zur Seite, -den Weisen aus Urwassertiefe, daß er ihn heimlich beriete; Hoenir aber war -blöde, darum erschlugen die Vanen den Mimir und sandten sein Haupt den -Asen zurück.</p> - -<p>Wodan sprach seinen Zauber über dem Haupt, daß es nicht wese, -und hütete seiner im Brunnen an Ygdrasils Wurzeln, des Welteschenbaums.</p> - -<p>Täglich ging er hinunter zum Wasser, die Weisheit Mimirs zu wecken, -und setzte dem klagenden Haupt sein Auge zum Pfand: so saß er einäugig -da im Rat der asischen Götter, der ihr Notsorger und Wahrsager war.</p> - -<p>Scharf spähte sein Auge trotzdem wie keins in Walhal, und höhere -Weisheit ward ihm als einem der Götter; auf seinen Schultern saßen die -Raben Gedank und Gedenk, ihm täglich Kunde zu bringen von allem Ereignis -der Welt.</p> - -<p>Auch hieß er der Wanderer, weil er im Wind unterwegs war; wo die -Räder der Wolkenlast rollten, wo die Bäume sich bogen im Sturm und die -Wellen schäumten wie Rosse, war Wodan im flatternden Mantel.</p> - -<p>Denn nicht mehr im ewigen Gleichmaß die Tage zu füllen, war der -Götter und Wodans Geschick; im elementarischen Aufruhr zur Herrschaft -gekommen, in Schuld und Schicksal den Vanen verschworen, von der -Rache der Riesen bedroht, im Bangen um Ygdrasil, dem von drei Ästen -schon einer verdorrt war: hielt Unrast ihr Dasein, und Wodans Allvaterteil -war die Sorge.</p> - -<p>Heller war es um ihn, wenn er ausritt zum Kampf auf Schleifner, dem -achtfüßigen Schimmel; dann war der Allvater wieder der Riesenbezwinger, -dann sauste der Speer durch die Wolken, dann wankten die Berge und -sprangen die Fluten, dann war die göttliche Lust in ihm wach, sich selber -noch einmal zu wagen, statt grübelnd um kommende Tage sein Schicksal zu -schauen.</p> - -<p>Darum liebte Wodan die kampfkühnen Krieger mehr als die langlebigen<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -Greise; die walkürischen Jungfrauen holten sie heim aus der blutigen -Schlacht, Walküren auf windschnellen Rossen.</p> - -<p>Fünfhundertundvierzig Türen hatte Walhal, und der Weg ging hinein -durch den Hain der goldenen Blätter; da hielt allabends Wodan das Mahl, -die walkürischen Jungfrauen kredenzten den Wein nach fröhlichem Speerwurf.</p> - -<p>Denn nicht Ruhe war dort, wie auf Erden die Ruhe nicht wohnte; der -Hahnenruf rief die Helden zur Schlacht, und die Sonne lief ihre leuchtende -Spur über den krachenden Speeren: ewiges Leben war ewiger Kampf, -und ewiger Kampf war das Heil für den Mann, den Wodan heimholte.</p> - -<p>Ewiges Heil und ewige Pflicht; denn einmal stieg der Tag über Walhal, -da der Nornenspruch sich erfüllte, da Unheil zum andernmal Midgard -bedrohte, Midgard und Asgard mit all seinem Glanz und all dem selbstherrlichen -Glanz der starken Urdunkelsöhne.</p> - -<h3 id="sec1_5">Frigga</h3> - -<p>Die aber Seine Geliebte war, die ewige Mutter des Lebens, sie war die -Gattin Wodans geworden und die spinnende Hausfrau in Asgard.</p> - -<p>Sie saß am Wocken und spann dem Dasein das wärmende Kleid; sie -trug die Schlüssel am Gürtel und teilte mit Wodan den goldenen Hochsitz, -wenn er als sorgender Hausvater Umschau hielt über den Kreis seiner -Gewalt.</p> - -<p>Darum war ihr die Spindel geweiht, und am Himmel stand ihr Wocken -den Menschen als köstliches Sternbild, daß Ordnung und Fleiß im Reich -der Götter die segnende Hausmutter hätten.</p> - -<p>Auch kam sie gern auf die Erde zurück, hielt in Bergen, Brunnen und -Waldgewässern heimliche Wohnung, die Keime des irdischen Lebens zu -pflegen, und hatte den Kinderbrunnen in Hut als ihr liebstes Geheimnis.</p> - -<p>In den zwölf Nächten aber des innersten Winters, wenn Wodan seine -Sturmfahrten tat, über Berge und Bäume, über Dächer und Dumpfheit -der Menschenwelt hin, fuhr Frigga mit ihm als brünstige Windsbraut.</p> - -<p>Und hatte die Holden mit sich, die Seelen der Toten, die aus dem -Dunkel der Tiefe aufstiegen und hinter ihr her als wütende Jagd die zwölf -Nächte durchstürmten.</p> - -<p>Denn Urmutter war sie der Tiefe, daraus alles Leben kam im Geheimnis -seiner Geburt und dahinein alles wieder versank im Geheimnis des -Todes: aus dem Dunkel zu flattern für eine flüchtige Stunde und wieder -zu warten im Schoß der ewigen Zeugung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p> - -<h3 id="sec1_6">Freya und Fro</h3> - -<p>Freya und Fro hießen die friedlichen Kinder der Vanen, Heilzeugen -himmlischer Herkunft, vergeiselt den schuldvollen Asen: ihr Teil war die -fruchtbare Fülle der Felder im hellichten Segen der Sonne.</p> - -<p>Auf einem Eber ritt er durchs Korn, Fro, der freudige Jüngling; es -dunkelte nicht um sein goldborstiges Tier, so hell lag um die glückhaften -Läufe das Licht seiner frohen Erscheinung.</p> - -<p>Nicht Waffengeklirr war um ihn und nicht der Kampfruf der Krieger: -der Karst war geweiht und die Kelter gesegnet, wo seine Sonnenglanzfährte -die Erde bestrich.</p> - -<p>Glück war die Gabe, und fröhliche Feier die Gunst seiner göttlichen -Einkehr, wenn er aus Alfheim niederkam zu den Menschen, wenn ihn Gesang -der harrenden Herzen empfing, auf blumenbestreuten Wegen, mit -Kränzen und dankreichem Opfer.</p> - -<p>Huldreicher aber als Fro war Freya die Schwester, holder als alle Erscheinung; -ihre Gunst hob Göttern und Menschen das Herz in die Sonne.</p> - -<p>Keinem der Asen hielt sie als Gattin die Kammern in Zucht, keine -dienende Pflicht zwang die rosigen Finger an Kunkel und Kumme: strahlengekrönt -von der Sonne ging ihre Schönheit auf in den Tag, ruhte am Mittag -im Glück ihrer selbst und sank mit der Pracht ihrer Glieder hin in den -glühenden Abend.</p> - -<p>Dann hielten sich Himmel und Erde verzückt in den Armen, und die -Wolken glühten vom Schaum ihrer rosigen Brust, daran der Schmuck -Brisingamen hing, das köstlichste Kleinod der Welt.</p> - -<p>Das gläubige Glück der Morgenröte galt ihr und die rauschgoldene -Glut des Abends: Mond und Sterne tranken das Licht ihrer Liebe und -trugen es glückselig hin durch das schwarze Geheimnis der Nacht.</p> - -<p>So hielten die Vanengeschwister den Glanz uralten Glücks in den Gärten -der Götter; sie waren den Asen vergeiselt im schuldvollen Kampf um -das Gold und blieben dem Himmelsgott eigen im Licht ihrer schuldlosen -Tage.</p> - -<h3 id="sec1_7">Donar</h3> - -<p>Donar hießen sie Wodans rothaarigen Sohn, den stärksten der Götter -im Kampf mit den Riesen, Zermalmer den furchtbaren Hammer, damit -er die Berge zerbarst und im Wetterstrahl seines Zorns die Elemente -durchzuckte.</p> - -<p>Zwei Böcke zogen den rollenden Wagen, darin er hochgereckt stand mit<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -feurig lohendem Bart und mit blitzfunkelnden Augen, zwei Böcke mit -zackigen Sprüngen.</p> - -<p>Und wenn er sprach in den feurigen Bart, im Ungestüm seines Zorns, -wenn er den Hammer warf, daß er krachend einschlug mit weißglühenden -Funken: dann hielt ihm keiner der Götter stand, und furchtsam verkroch sich -die Kreatur, bis sein Bocksgespann donnerrollend verscholl.</p> - -<p>Auch die Reifriesen spürten den Hammer, wenn er die Winterfahrt -machte in ihr eisiges Reich; dann hielt er den zuckenden Kraftgürtel um die -Lenden geschürzt, aber so fern seine tollkühne Fahrt in die kalte Dunkelheit -führte, der Frühling brachte ihn wieder nach Asgard, den Göttern zur Lust, -die längst in Ungeduld harrten.</p> - -<p>Fünfhundert Zimmer und viermal zehn waren in Blitzeblinks Bau, wo -er die Sommerrast hielt seiner sausenden Fahrt; da saß er zuhöchst in der -Halle, und der Blitz seiner zornigen Augen zuckte hin über Asgard, daß die -Reifriesen ihm seinen Einbruch nicht trotzig vergalten.</p> - -<p>Und hielt mit eisernem Handschuh den Hammer, daß kein Verrat das -Vorrecht der Asen gefährde: wie Er, der Himmelsgott, tat im Gleichmaß -ewiger Schönheit, hielt Donar das Recht über dem Abgrund in der Kraft -seiner Faust und in der Furcht seiner Strafe.</p> - -<h3 id="sec1_8">Loki</h3> - -<p>Lieb und willkommen war Loki, als Wodan dem Wandergesellen der -Frühe die Blutspur beschwor; fremd ging der lüsterne Spötter in Asgard, -und die Asen trauten ihm wenig, der ihrer Zwietracht listig die Zankäpfel -brachte.</p> - -<p>Sie mochten sein meidiges Dasein nicht missen, holten sich Rede und -Rat in vieler Gefährnis; aber sein züngelndes Wort spielte frech mit dem -Feuer, keinen der Stolzen in Asgard verschonend; er hielt mit dem Riesengeschlecht, -wenn es ihm paßte, und verhöhnte die Asengewalt.</p> - -<p>Als ob er der Nornen Nothelfer wäre, klüglich verkleidet als Schalksnarr, -und heimlicher Schildhalter verdrängter Vanengewalt: so hielt er das -Glück der Götter in Atem und hing ihrem sorgenden Zweifel das göttliche -Schellenspiel an.</p> - -<p>Der Dämon der Ränke und ruchlosen Rede aber schwoll auf und wurde -dreifach Gestalt im Mißwachs der feindlichen Brut:</p> - -<p>Hel hieß die finstere Fürstin der Toten, die bei den kalten Strömen der -Unterwelt hausend das Ende der Taten empfing; da hielten sie alle den -schweigsamen Einzug, die abgeschieden vom leiblichen Dasein ins Schattenreich<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span> -kamen, Menschen wie Götter, im Schicksal der letzten Erfüllung.</p> - -<p>In den Tiefen des Meeres, rund um den Teller der Erde geringelt, -schwoll ihrer Schwester der schelfernde Riesenleib auf, der gewaltigen Midgardschlange: -Urfeindin dem asischen Göttergeschlecht, und allen Glanz -Asgards unentrinnbar umschließend.</p> - -<p>Stärker als Geri und Flecki, die wachsamen Wölfe Wodans, war Fenris, -der dritte der fahlen Geschwister; noch lag er gefesselt, ein Schwert stak -ihm quer in dem feurigen Rachen.</p> - -<p>Aber einmal riß er sich los, dann half Wodan die Weisheit Mimirs -nicht mehr, noch Donars zorniger Hammer; dann sank Asgard hin mit dem -Übermut seiner Götter.</p> - -<h3 id="sec1_9">Baldur</h3> - -<p>Näher als alle asischen Götter stand Baldur den Kindern der Vanen: -der blühende Frühling war sein und das steigende Licht, wie Fro die schwellende -Reife und ruhende Schwebe des Sommers gehörte.</p> - -<p>So licht war sein Wesen, so lieblich die Wohlgestalt, daß alle Götter -ihn liebten und gern seiner Sonnenlust Zuschauer waren, wenn er im Blütenkleid -spielte.</p> - -<p>Aber dunkle Träume betrübten den Hellen, und traurig ritt Wodan -hinunter zum Brunnen, Kunde zu holen, daß Baldur, dem trautesten Sohn, -früh zu sterben im Schicksal der Nornen bestimmt sei.</p> - -<p>Frigga, die bangende Mutter, nahm allen den Schwur ab, tot- und -lebendigen Dingen, den Tieren und Bäumen, Feuer, Wasser und Stein: -daß keines Baldur ein Leid antäte, und alle schwuren den Eid aus Liebe -mit Eifer.</p> - -<p>Als danach die Götter kurzweilten in Asgard, stand Baldur mitten im -Kreis; alle warfen, stachen und schossen nach ihm: aber nichts konnte ihm -Leides antun, der lächelnd abwehrte, als Sieger im Scherzspiel der Götter.</p> - -<p>Den leidigen Loki verdroß der lockige Lächler; listig verkleidet als Weib -entlockte er Frigga das bange Geheimnis, daß der Mistelstrauch allein nicht -in Baldurs Liebesbann sei.</p> - -<p>Da gab er dem blinden Hödur den Zweig der Mistel zur Hand, den -Bruder zu werfen im Scherzspiel; der Zweig traf hart, er durchbohrte den -lockigen Lächler und warf die lichte Gestalt hinunter in Nebelheims Nacht.</p> - -<p>Als Baldur lag im Kreis der erschrockenen Götter, durch Lokis Arglist -gefällt, da wußte nicht einer zu klagen; stumm standen sie da und erstarrt,<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span> -die starken Asen in Asgard, daß nun das Sterben begänne, daß ihrem Dasein -für immer das Frühlingsglück fehle, für immer das heitere Spiel.</p> - -<p>Auf seinem Schiff legten sie Baldur die Scheite; alle Götter wohnten -dem Leichenbrand bei, den Donar mit seinem Hammer entzückte; seine -lohende Glut sank in die flutende Ferne, als er nordwärts fuhr und langsam -den Blicken entschwand.</p> - -<p>Seitdem brennen die Feuer am Sonnenwendtag, von den Bergen -lodernd bis Mitternacht; Baldur, das steigende Licht und der schwellende -Frühling, fährt hinunter zur Hel; die Scheite werden entzündet, dem Toten -den Abschied zu leuchten.</p> - -<h3 id="sec1_10">Baldurs Beweinung</h3> - -<p>Indessen das Schiff mit dem Leichenbrand Baldurs nordwärts nach -Nebelheim fuhr, ritt Hermut hinunter zur Hel, der schnelle Sohn Wodans, -den Bruder zu lösen und wiederzubringen nach Asgard.</p> - -<p>Neun Nächte lang ritt er durch traurige Täler bis an den Strom und -die Brücke aus glitzerndem Gold, wo die rauhe Riesenmaid wachte, daß -keiner aus Nebelheim wieder nach Midgard entkäme.</p> - -<p>Und als er eindrang in das Reich der kalten Urströme, sah er Baldur -den Bruder sitzen, zuhöchst in der Halle, vom Golde der Tiefe umglitzert, -im Reich der Hel noch immer der herrliche Mann.</p> - -<p>Gruß und Gedächtnis gab er dem Bruder und harrte am Morgen der -finsteren Fürstin, daß sie ihn ließe, den Fürsten des Frühlings, in seinen -Saal Weitglanz zurück.</p> - -<p>Und so bat der göttliche Bote im Weh der klagenden Welt, daß er die -Finstere rührte: wenn alles Wesen weine um Baldur, was tot und lebendig -wäre, und keines die Träne versage, solle der Fürst wiederkehren nach Weitglanz, -den Frühling zu bringen.</p> - -<p>Fröhlich der freundlichen Kunde sandte Wodan Botschaft in alle Weiten -der Welt, um Baldur zu weinen, daß ihm aus Tränen die Wiederkehr -würde, aus Tränen der Trauer die Gunst der Gewährung.</p> - -<p>Da weinten die Götter und weinten die Riesen, die Menschen und alles -Getier, da weinten die Bäume mit tropfenden Blättern und die Blumen -mit silbernem Tau, da weinte die Erde tief in den Brunnen, das blinkende -Erz und die zackigen Felsen im Schnee: Baldur zu lösen, den Fürsten des -Frühlings.</p> - -<p>Schon ritten die Boten mit fröhlicher Kunde hinunter zur Hel, als sie -das Riesenweib fanden, hockend in greulicher Höhle: Wo hatte ich Nutzen<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span> -von ihm, dem weißnackigen Neuling der Asen? Behalte darum Hel, was -sie hat!</p> - -<p>Da weinten zum andernmal Götter und Menschen, die Bäume und -Blumen, die Brunnen und Steine der Erde; daß die Wiederkehr Baldurs -verwirkt war; das Glück der Gewährung starb in den Tränen der Trauer.</p> - -<p>Wodan aber, der Allwisser, wußte, daß Loki das Riesenweib war, Loki -der Allesbeschließer, und daß nun dem asischen Dasein die Dämmerung -kam: aus dem Groll der Götter scholl der Schuldruf der Rache.</p> - -<h3 id="sec1_11">Die Rache</h3> - -<p>Loki der Leugner entging den grollenden Göttern mit List: in einem -Wasserfall saß er in Lachsgestalt und spottete ihrer Verfolgung.</p> - -<p>Aber Wodan von seinem Hochsitz erspähte den Falschen; eilig kamen die -Götter und flochten das Netz, den Fisch in den Maschen zu fangen.</p> - -<p>Als er sich aufschnellte über dem Wasser, den Schnüren noch zu entgehen, -ergriff ihn Donar mit grimmiger Hand und hielt den Entgleitenden -fest am schuppigen Schwanz.</p> - -<p>Da mußte der Leugner sein Dasein bekennen; in eine Höhle brachten sie -ihn, fesselten ihm Schultern, Lenden und Knie hart ans Gestein, wie sie den -Fenriswolf banden, den Bruder der Hel und der Midgardschlange, sein -böses Gezücht.</p> - -<p>Sie hängten den Giftwurm auf ihm zu Häupten, daß der ätzende Saft, -ins Angesicht träufelnd, ewige Qual dem Spötter bereite: aber Sigune -hielt ihrem Gatten die Treue; mit einer Schale stand sie dem Steinlager -bei, die Tropfen zu fangen; nur, wenn sie eilte, die volle Schale zu leeren, -traf Loki das sengende Gift.</p> - -<p>Dann bebte die Erde, so qualvoll zuckten die Glieder und bäumten sich -auf in der Fessel; rüttelnd durch alles Gestein ging der Grimm des gemarterten -Leibes, und alle Kreatur fiel in Furcht, daß einmal die Fessel zerspränge.</p> - -<p>So war die Herrschaft der Götter im elementarischen Haß ihrer Herkunft -zerfallen; noch hielten Wodans wachsame Waltung und Donars -drohender Hammer die asische Walstatt: der Femspruch der Nornen stand -nahe vor seiner Erfüllung.</p> - -<h3 id="sec1_12">Götterdämmerung</h3> - -<p>Drei Winter werden der Welt nicht zum Frühling, die Sonne verliert -ihre Kraft; kalt wehen die Winde von Nebelheim her, in die Blüte fällt -Schnee und Hagel über den Mißwachs: auf den kahlen Feldern der<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -Erde ist Krieg; Krankheit, Hunger und Furcht fressen die Menschenwelt -leer.</p> - -<p>Da kommt die Wolfsbrut der Riesen ans Ziel; den Mond und die -Sonne fallen sie an mit gierigen Zähnen, daß der selige Saal bespritzt wird -mit Blut.</p> - -<p>Die Sterne sinken vom Himmel, die Erde erbebt in der schwarzen -Nacht, daß die Berge umfallen und das Meer einbricht ins stöhnende -Land: da wird von den Fesseln Loki befreit; hohnlachend ruft er die Brut, -den Göttern zur Rache.</p> - -<p>Hel, die finstere Fürstin der Tiefe, rüstet das Schiff Nagelfahr, aus den -Nägeln der Toten gefügt und mit dem Neid der glücklos Entseelten befrachtet.</p> - -<p>Der Fenriswolf reißt sich los, rotglühend den weltweiten Rachen und -die Augen düster im Brand; über die Lefzen fließt ihm das triefende Feuer, -aus den Nüstern fahren ihm Flammen.</p> - -<p>Wutentfacht wälzt die Midgardschlange sich her in unbändiger Wildheit; -aufschäumt das Meer und begräbt die Erde in seinen rauschenden Abgrund: -als sie das Gift ihrer Gründe ausspeit, entzünden sich Wasser und -Luft, nach Asgard hinauf spritzt die kochende Glut.</p> - -<p>Der Himmel birst, und Muspilheims Söhne aus Süden kommen im -Feuer gefahren, Surtur vorauf, das Schwert in der Hand, weißglühend -wie nie eine Sonne.</p> - -<p>Da bricht unter den Füßen der feurigen Riesen die Fährte des Himmels, -die Brücke der seligen Farben schmilzt hin in der Lohe; nur noch die -Burgen auf Asgard halten ihr stand.</p> - -<p>Durch Heimdalls warnenden Hornruf geweckt sind die Götter sorgend -versammelt; Wodan reitet hinunter zum Brunnen, Mimirs Weisheit zu -wecken, aber das Haupt bleibt ihm stumm; die Weltesche Ygdrasil wankt -in den Wurzeln.</p> - -<p>Grimmig ziehen sie aus in den Kampf, den letzten der gramvollen Götter, -Wodan und Donar voraus mit dem tödlichen Speer und dem alles zermalmenden -Hammer, hinter den Zürnenden her der Einherier unübersehbare -Scharen.</p> - -<p>Wohl schwingt der greise Allvater den Speer, aber das glühende Wolfsmaul -verschlingt ihn samt seiner Waffe; rächend stößt Widar, der Sohn, seinen -Stahl durch den gähnenden Rachen dem Untier ins schwarzblutige Herz.</p> - -<p>Der Midgardschlange zerschmettert Donars Zermalmer das Haupt, -aber hoch spritzt der glühende Geifer des sterbenden Tiers, sengt und verbrennt -den stärksten der Asen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p> - -<p>Heimdall, den warnenden Wächter, trifft Lokis listige Waffe; der Treue -fällt noch im Sterben den leidigen Leugner der Götter; indessen Surturs -weißglühendes Schwert Fro, den freudigen Jüngling, heimholt ins Feuer.</p> - -<p>Dann steht er allein auf der Walstatt der Götter, Surtur der Sieger -aus Süden, und zückt mit der zischenden Glut seines Schwertes den Brand -aus der Wohnung der Vanenbezwinger.</p> - -<p>Bis an die höchsten Ränder der Welt züngeln Muspils gierige Flammen; -die aus Urgebraus kam, aus dem rauschenden Naß durch die Scheidung -der elementaren Mächte: die Welt der schuldvollen Götter brennt hin -in der letzten Entscheidung.</p> - -<h3 id="sec1_13">Wiederkunft</h3> - -<p>Einmal wird die Lohe verlöschen; aus dem gestillten Meer hebt die Erde -von neuem ihr Antlitz gegen den Himmel.</p> - -<p>Die Flut wird kühl und verrinnt; im grünen Kleid wie zuvor prangen -die Täler und Berge; auch blühen die Blumen im Gras.</p> - -<p>Denn die Sonne steht wieder im Blau; ungesät wachsen Halme und -Ähren; im Holz des Welteschenbaums haben sich Leben und Leblust gerettet, -die Ahnen künftiger Menschheit.</p> - -<p>Baldur ist heimgekehrt aus dem Verhängnis der Hel, und Hoenir kam -wieder, die Geisel der asischen Götter: Vanen- und Asenkinder vereint spielen -im Gras mit den goldenen Tafeln, wie vormals die Väter.</p> - -<p>Schuld und Schicksal beschatten nicht mehr die ruhelos drängenden -Tage; nach ewigem Gleichmaß schreiten die Stunden im Glanz der neuen -Gestirne.</p> - -<p>Der im Anfang war und ewig sein wird, der Starke, kam wieder von -oben: in unverrückbarer Schwebe hält Er dem Dasein das Recht über dem -ewigen Abgrund.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Buch_der_Koenige">Das Buch der Könige</h2> - -<h3 id="sec2_1">Die blonden Räuber der Frühe</h3> -</div> - -<p>Rund um das Mittelmeer lagen die uralten Gärten; den Reifriesen -fern und nicht zu nah den glühenden Mächten, brachten sie Blüte und -Frucht in lässiger Fülle.</p> - -<p>Korn und Früchte, Honig und Wein wuchsen den Händen mühelos zu, das -Vieh ging wohl auf der Weide, die Fischer holten singend den reichen Fang.</p> - -<p>Wie der Wind ging, trieb er die Schiffer an günstigen Strand; vom -Morgen- zum Abendland säumte die Brandung blühende Küsten; heiter -und hoch am zärtlichen Himmel hielten Rosenwolken die trübe Nebellast -fern; die stahlblaue Flut sah selten gefährliche Stürme.</p> - -<p>Bräunliche Kinder der Sonne fühlten sich üppigen Göttern in günstiger -Nähe, ernteten singend den Segen und hielten sie gnädig gestimmt durch -reiche Gaben.</p> - -<p>Da kamen von Norden schwertfahrende Völker; Weiber, Kinder und -Vieh im Troß ihrer reisigen Habe, wandernde Städte, allabends gerüstet -mit Wällen und Ketten um ihre Wagenburg.</p> - -<p>Wegkundige Späher fanden die Tore im Rand der Gebirge, berittene -Scharen flossen ins Land wie Frühlingsgewässer und bahnten dem Fußvolk -den Weg, das mit Schwertern, Schilden und drohenden Helmen bewehrt -die furchtsamen Völker bezwang.</p> - -<p>Denn größer und stärker waren die Männer als alle Mittelmeerkrieger, -blauäugig, blond, nackten Leibes im Schnee und im kalten Gewässer: Riesen -der nordischen Nebel, die den Reichtum der Gärten mit Schwertschlag -erwarben und die Gunst ihrer Sonne lachend genossen.</p> - -<p>Bis an die südlichen Küsten wurden die Völker gedrängt, flüchtend auf -eiligen Schiffen, auf felsigen Inseln von ihren Göttern verlassen das Dasein -zu retten, indessen die Räuber fröhlich die Ernte einbrachten.</p> - -<p>Noch gab es nicht Hellas und Rom, und die Ilias lag noch im Schoß -zukünftigen Schicksals, als die Väter der Griechen und Römer die Schwertherren<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -der uralten Mittelmeergärten wurden, als die Sonne Homers zu -scheinen begann in den Kranz der olympischen Götter.</p> - -<h3 id="sec2_2">Die olympischen Götter</h3> - -<p>Von Norden kamen die blonden Räuber der Frühe, aus Nebelnächten -unendlicher Wälder und von den kalten Meerküsten.</p> - -<p>Es ging eine Sage der Heimat mit ihnen von der versunkenen Insel -Atlantis, wo der Sonnengott wohnte in blühenden Gärten und wo das -Leben im Licht lag, bevor die Reifriesen kamen und die alles verschlingende -Sintflut.</p> - -<p>Denn einmal gingen sie nicht auf den Straßen der Fremde, einmal -wohnten sie froh in der eigenen Freiheit und Er stand im Segen der Fülle: -Sein Kleid war die Bläue des Himmels, Sein Auge die strahlende Sonne.</p> - -<p>Nun saßen sie wieder an sonnigen Küsten; aber der Gott ihrer Herkunft -hielt sich verhüllt in himmlischen Fernen, indessen der elementarische Aufruhr -das streitbare Geschlecht der Götter erhöhte.</p> - -<p>Die aus Nebel und Not ihrer Flucht in die lässige Fülle der Mittelmeergärten -gelangten, malten das Bild des göttlichen Daseins mit lockenden -Farben, malten es aus mit dem Glanz ihres irdischen Glücks, mit dem -schuldvollen Tun ihrer menschlichen Schwächen.</p> - -<p>Auf dem olympischen Freudensitz saßen bei Mahl und Trank die glückreichen -Götter; die gleich den Menschen Schwertherren waren, rühmten -sich ihrer Taten und Listen und bestritten einander den Rang ihrer himmlischen -Geltung.</p> - -<p>Wohl hießen sie Zeus den Vater und Fürsten der Göttergewalt, aber -die Fülle selbstherrlicher Macht hing verstrickt in menschlichen Trieben; -Hera, die Herrin des Hauses, war seiner Treue nicht froh.</p> - -<p>Im Schalkspiel sinnenfroher Verkleidung trieben die ungebändigten -Wünsche der Götter die Abenteuer der Erde, sie hoben die Lust ihrer Laster -ins himmlische Licht und die Tracht ihrer Tugend.</p> - -<p>Gnade und Groll ihrer Laune verkehrten den Menschen die Tage aus -flüchtiger Freude in trostlose Trauer; aber sie standen im Schicksal wie sie -als kurze Tyrannen.</p> - -<h3 id="sec2_3">Die Griechen</h3> - -<p>Jahrhunderte gingen den Schwertherren hin; ihr Glück prahlte laut in -den Gärten; die Könige bauten Burgen auf klippigen Küsten, der Ruhm -ihrer Taten blähte die Segel kielfester Schiffe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span></p> - -<p>Troja hieß die Burg und die Stadt über dem Meer, die sie gemeinsam -berannten; zehn Jahre lang lagen sie da im Schutz ihrer Schiffe, hoben die -Schwerter und Schilde der Helden im Ruhm ihrer Sänger und bestritten -den Göttern die Ehre.</p> - -<p>Da wurde Ajax die starre Kraft, Achilles die rasende Stärke, Odysseus -die biegsame List, Nestor die weise Erfahrung: da trat der olympische Himmel -der Götter ins Schaubild menschlicher Taten.</p> - -<p>Da hieß die Stärke und Schönheit des menschlichen Leibes die Tugend, -da wurde das sterbliche Leben im Kampf unsterblich erhöht.</p> - -<p>Aber die Freiheit des Mannes konnte den Göttern nicht trotzen; denn -Götter und Menschen standen im Schicksal, Schuld und Vergeltung hielten -der Tat die Gewichte der ewigen Geltung.</p> - -<p>So wurde das Unrecht der Macht erhöht in das Recht ihrer Geltung, -so traten die blonden Räuber der Frühe ein in den Lohn ihrer Tugend.</p> - -<p>Sparta hieß ihre Schwertherrenstadt, ohne Burg und Wälle gebaut -im lakonischen Bergland, nur von den Schilden und Schwertern geschützt, -und in der Zucht harter Gesetze.</p> - -<p>Da hatten die blonden Räuber der Frühe das Land geteilt nach dem -Recht der freien Gemeinde, da gab es nicht Reichtum noch prahlenden -Glanz; und König sein hieß, der freien Gemeinde das Schwert und den -Richterstab hüten.</p> - -<p>Da war der Männerstolz: Körper und Geist stark und gesund im Dienst -des Staates zu halten; da war die Ehre der Frau: dem Mann beizustehen -als freie Gefährtin, dem Staat ihre Kinder stark und gesund zu gebären.</p> - -<p>So stand die spartanische Sitte freiwillig im Stachelkleid harter Gesetze, -so wurde die Stadt ohne Burg und Wall im lakonischen Bergland die -Trutzburg griechischer Freiheit.</p> - -<p>Bis ihre Sitte den Stachel der Ehre, ihr Gesetz den Stolz der freien -Erfüllung traurig verlor, bis der spartanische Staat der freien Gemeinde -lasterhaft lässig und feig Tyrannen gehorchte.</p> - -<p>Athen hieß die uralte Königsburg der Pelasger, die nach der Trutzburg die -helle Hauptstadt der Griechen, die prunkreiche Wiege des Abendlandes wurde.</p> - -<p>Nahe dem Meer hing die Stadt der stolzen Akropolis an; die marmornen -Tempel und Treppen der Burg traten weithin ins Licht, wie ein Turm über -den Dächern hob das Erzbild der Göttin die goldene Lanze.</p> - -<p>Auch in Athen war die Freiheit im Schatten der Götter, aber sie liebte -die Gärten der heiteren Gunst, sie liebte den mondlichen Schein marmorner -Hallen, sie liebte den Markt und das Massengedränge, sie liebte die -Schönheit mehr als die Stärke, und die Lust mehr als die Zucht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p> - -<p>Darum schwankte das Schicksal Athens in der Schärfe des Schwertes, -und einmal verbrannte das persische Heer die Dächer der schimmernden -Pracht: aber die Brunnen der Lebenslust brachten den Brand zum Verlöschen, -und herrlicher hob sich die Hoheit der Hallen über dem heiteren Schaubild -der Stadt.</p> - -<p>Sie schlug sich frei aus der persischen Plage, und Perikles kam, der -Meister der Herrschermacht; er baute den Marmorschrein der alten Königsstadt -neu und gab den Giebeln die Bildnerei marmorner Leiber.</p> - -<p>Er gab den Bildnern, Dichtern und Weisen Griechenlands Weite und -Raum, der Menschheit den Traum der Wahrheit, Schönheit und Güte zu -bilden.</p> - -<p>Der Morgen ging ein in den Abend, als die morgenländische Weisheit -nach Griechenland kam, als der düstere Stein der Weisen hell und heiter -zu funkeln begann.</p> - -<p>Da wurden die blonden Räuber der Frühe Schatzhalter der ewigen -Dinge, aus Tiefen der Ahnung wuchs ihnen Vergangenheit zu, über den -Abgrund zukünftiger Zerstörung, im Schutt langer Vergessenheit der -menschlichen Seele aus göttlicher Herkunft das Kleinod zu retten.</p> - -<h3 id="sec2_4">Die Römer</h3> - -<p>Rauschgolden verging die Sonne der Griechen im Abendrotglück Alexanders, -der lateinische Mond stieg auf mit glänzender Scheibe; auf dem -Markt von Athen standen römische Wachen, im Spottbild der Gaukler -starb ruhmlos Sparta.</p> - -<p>Rom hielt das Zepter des Abendlandes über den Mittelmeergärten, -über dem persischen Glück und dem messianischen Traum der Hebräer, -über dem pharaonischen Altar und über der greisen Jugend der Griechen.</p> - -<p>Eine Wölfin, heißt es, habe die blonden Räuber der Frühe gesäugt, die -den Völkern am Tiber die neue Schwertherrschaft brachten: eine hungrige -Wölfin fraß Länder und Städte und wurde die Herrin der Mittelmeergärten.</p> - -<p>Stärker als alle Mächte im Morgen- und Abendland war der stolze -Römergedanke, über den Königsglanz, über despotische Willkür für immer -Vernunft und Willen der freien Gemeinde als Ordnung des Staates zu -stellen.</p> - -<p>Sinnbild und Wächter der freien Gemeinde und Hüter des Staates -war der Senat der würdigsten Männer; er gab dem Krieger das Schwert -und dem Priester den Stab, dem Richter das Beil und dem Konsul die Toga.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span></p> - -<p>Da galt die Stärke und Schönheit des Leibes nicht mehr allein, nicht -mehr das heitere Spiel genießender Sinne und kühner Gedanken: über dem -bunten Dienst seiner selbst stand das Gebot der Gesamtheit.</p> - -<p>Gefährliche Tierheit war aller persönlicher Schein, Sinn war allein im -Charakter: karg blieb er in Worten, schlicht im Gewand, streng und gemessen -in seiner Haltung, groß allein war die Tat.</p> - -<p>Zucht war die Tugend des römischen Bürgers, aber die Zucht war das -Glück; denn die freie Erfüllung der Pflicht war mehr als Gehorsam, und -das Glück der Römergesinnung war mehr als die Pflicht.</p> - -<p>So war der Bürger von Rom und so war die Geltung, daß ihm die -bunte Vielheit der Mittelmeervölker gehorchte: als Römer geboren, hieß -Gebieter im Abend- und Morgenland sein.</p> - -<p>Bis im römischen Weltbürgersaal Macht nur noch Macht war, bis der -persische Adler das Feldzeichen der römischen Schwertherrschaft wurde, bis -Cäsar der freien Gemeinde das Rückgrat zerbrach, bis Augustus den Prunkmantel -der römischen Kaisermacht trug.</p> - -<h3 id="sec2_5">Das Land der neblichten Wälder</h3> - -<p>Die aber die Kundschaft der kühnen Räuber nicht fanden, die an den -kalten Meerküsten blieben und in der Nebelnacht unendlicher Wälder: -ihnen malte kein lässiges Glück das Schaubild üppiger Götter.</p> - -<p>Streitbar und stark blieb Wodans Geschlecht im Kampf mit den Riesen -und Alben der kalten Meeresküste, rauh war der Tag, mager die Feldfrucht -und mühsam der Wildfang.</p> - -<p>Stürme und Sterne der Winternacht hielten das Jahr in der Strenge, -kurz war die Wende des Sommers und karg das wärmende Licht seiner -Sonne; Kälte und Nässe hingen dem Frühling das Nebelkleid um, früh -kam der Herbst mit den Frösten.</p> - -<p>Aber in Wetter und Wind standen die schweigenden Wälder, das Quellengeheimnis -zu hüten; Wiesen und Felder, getränkt von rieselnden Bächen, -gaben dem Fleiß ihre Frucht; das wilde Getier hielt Mut und Freiheit in -Atem.</p> - -<p>Nicht Städte und steinerne Höfe gab es im Land der neblichten Wälder -und keine Tempel den Göttern, nachbarlich fern standen die Häuser im -Schatten schützender Bäume, aus Balken gefügt und bedacht mit Stroh, -gleich moosigen Zelten.</p> - -<p>Wie die Vögel in der Luft und die Fische im Wasser, so waren die Menschen -im Wald; sein Regen umrauschte ihr Dasein, sein Dunkel verschlang<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -ihren Schritt, sein Frühling trieb ihre Knospen, sein Winter verschneite den -Schlaf der wartenden Tage.</p> - -<p>Aber Er war noch wach in der Herkunft aus lichtreicher Weite, heilige -Bräuche und stolze Gemeinschaft hielten dem Mann das Dach seines Hauses -vor Frevel geschützt; das Kriegsschwert stak in der Erde, bis Sein Gebot -es den Männern gab, die Schärfe zu zeigen.</p> - -<p>Ob sie Ihn Ear oder Ziu, Tyr oder Zywaz, Thys oder Thingsu nannten: -Er hielt das Recht ihres Daseins über dem ewigen Abgrund.</p> - -<p>Wo der uralte Wald die grüne Lichtung umgrenzte, tief in den Gründen -wurden die weißen Rosse gehütet im heiligen Dienst Seiner Macht; -Seine Priester lasen die Zeichen auf heiligen Stäben und hielten den weißen -Rossen die Zügel, wenn sie den Bannkreis Seiner heiligen Wohnung -umschritten.</p> - -<p>Dann eilten sie, Blumen zu streuen, und singend kamen die Kinder; -dem Wagen entgegen schwoll Freude und Festklang; die Waffen waren verschlossen, -kein Krieg durfte sein; für einen Tag ging die Zeit der neblichten -Wälder die unvergessenen Wege.</p> - -<p>Für einen Tag blühte die Heimat aus uralten Freuden, der Frieden -spannte den Himmel blau und hell übers Land, das Feld lag in Sonne, wie -einer Braut strich zärtlicher Wind der blühenden Wiese die Wangen.</p> - -<p>Uralt und heilig stand über dem neblichten Tag die helle Herkunft der -Dinge und hielt die Menschen umfangen im Netz ihrer starken Gesetze.</p> - -<p>Der Schritt des Lebens war tapfere Tat, und mit den Waffen zu sterben, -sein fröhlichster Ruhm; aber das Wort war ein Schwur über dem -Schwert, und stärker war keiner geschützt mit Waffen, denn der als Gast in -ein Haus kam.</p> - -<h3 id="sec2_6">Der kimbrische Schrecken</h3> - -<p>An der kalten Meerküste begann der Malstrom zu mahlen, der die Springflut -germanischer Völker über das Abendland brachte, über das Schwertreich -der Römer und über die Ernte der Mittelmeergärten: die Kimbrer -waren sein frühester Schrecken.</p> - -<p>Mit Wagen, Herden, Greisen und Kindern, im Wuchs der riesigen -Leiber halb nackt, mit Speeren, Schilden und Hornzier der Helme gleich -Tieren der neblichten Wälder gerüstet: so kamen die kimbrischen Völker ins -römische Land der Taurisker.</p> - -<p>Als ob die Götter den Furchtbaren hülfen auf dem Feld von Noreja, -fiel ein Gewitter über die Schlacht, donnernd zum dröhnenden Schildruf<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -der Kimbrer; die Feldkunst der stolzen Kohorten erlag der Speerkraft von -Norden: mit den Läufern nach Rom lief der kimbrische Schrecken.</p> - -<p>Aber die Kimbrer wichen zurück in die Wildnis und wandten sich westwärts -ins gallische Land, weil sie Weide und Land, nicht Streit suchten.</p> - -<p>Da hielten die Heere der Konsuln die Tore bewacht im Gebirge; zum -andernmal schlug der kimbrische Schrecken den Römern das Schwert aus -der Hand, aber noch immer mieden die Sieger das Land der Kohorten.</p> - -<p>Elf Jahre lang irrten sie landsuchend hin im Lebensumstand der Wagen -und Herden, mühsam hinüber ins spanische Land und mißlich zurück in die -östlichen Berge, bis sie das Alpentor fanden.</p> - -<p>Ihre Knaben waren Krieger geworden und Mütter die Mädchen, als -ihnen die Täler Tirols den Eingang erschlossen, als sie im sonnigen Südland -der Alpen endlich die Weide der langen Wanderschaft fanden.</p> - -<p>Einen Herbst, einen Winter und Frühling saßen die Kimbrer da im -Kanaan ihrer Kundschafter, das Landsucherglück zu genießen; dann traf sie -das Schwert der Vergeltung in der Schlacht auf den raudischen Feldern.</p> - -<p>Am Gürtel mit Ketten verschränkt, sanken die kimbrischen Männer -der römischen Übermacht hin; die Weiber der Wagenburg warfen die -Speere und hetzten die Hunde, aber der dröhnende Schildruf verhallte, der -kimbrische Schrecken starb im Schlag der römischen Schwerter.</p> - -<p>Die raudischen Felder tranken das Blut der nordischen Leiber; Weide -und Wohnsitz zu suchen, kamen sie her aus dem kalten Jütland, nun gingen -sie ein durch das Joch in die Mittelmeergärten und dienten als Sklaven, -wo sie als Freie zu hausen gedachten.</p> - -<p>Kein schöneres Schicksal war ihnen vergönnt als dieses: Bienenschwärme -zu sein, die keine Imkerhand einbrachte, und die nach kärglichem Sommer -im kahlen Winter verdarben.</p> - -<h3 id="sec2_7">Die Stachelschnur der Kastelle</h3> - -<p>Wo der steile Bogen der Berge die römischen Gärten beschützte, wo -der Zackenrand eisiger Gipfel den Mittelmeerhimmel bekränzte, wo das -schäumende Wasser schrecklicher Schluchten sich staute in grünblauen -Seen: kam die Stärke des Stromes, abzuscheiden das Land der neblichten -Wälder.</p> - -<p>Bis in die Sümpfe der kalten Meeresküste zog das grüne Gewässer des -Rheines der römischen Herrschaft die gallische Grenze gegen die freien Germanen.</p> - -<p>Wohl scholl der Hornruf hinüber, und dreimal baute Cäsar die Brücken,<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span> -sein Schwert in die Wälder zu tragen: aber das unermeßliche Schweigen -bot seinem Beutezug Halt, in der grünen Finsternis lagen die Gründe -germanischer Freiheit behütet.</p> - -<p>Erst Drusus, dem Jüngling gelang, was der Strom und die Wälder -dem Cäsar verwehrten: fünfmal zog er als Kundschafter aus und trug den -gierigen Adler der römischen Weltmacht tief in das weglose Waldland.</p> - -<p>Am sandigen Ufer der Elbe tat er sein Wahrzeichen auf, dreihundert -römische Meilen weit im herbstroten Land der Cherusker, der tiefer als jemals -ein Römer in Wodans Wolkenreich kam.</p> - -<p>Aus der schweigsamen Tiefe der unabsehbaren Wälder, so heißt es, und -aus dem Grauen des nahenden Winters trat eine Riesin vor ihn, uralt und -Unheil weissagend dem prahlenden Jüngling.</p> - -<p>Sein Übermut lachte des raunenden Weibes, aber sein Roß stürzte hin -auf der Rückfahrt, sie hoben ihn auf mit gebrochenen Beinen.</p> - -<p>Dreißig Tage lang trugen die Krieger dem Jüngling die Bahre, durch -Sturm und Regen der Wildnis die mühsame Weite zurück, wo sie im -Sommer mit Hörnerschall ritten: nur seine Leiche brachten sie heim, im -Standlager zu Mainz dem Stolzen das steinerne Grabmal zu bauen.</p> - -<p>Dann taten die Römer dem Strom die Stachelschnur an ihrer trotzig -bewehrten Kastelle; von den grünblauen Seen hinunter zur kalten Meerküste -stand ihre Wacht am Strom und am Rand der düsteren Wälder.</p> - -<p>Schwer hing die Frucht und süß schwoll die Rebe zur Linken im Hügelland -gallischer Sonne; dunkel und drohend dehnte sich rechts die dürftige -Wildnis, der Nebel hing grau über unermeßlichen Weiten.</p> - -<p>Die gallische Morgengabe cäsarischer Macht wurde reich im Gewinn -emsiger Gärtner; über den Strom scholl der krachende Speer und der -Schildruf trotzig anschweifender Scharen.</p> - -<h3 id="sec2_8">Arminius</h3> - -<p>Als das Gebot des Kaisers Augustus ausging, die Welt der römischen -Herrschaft zu schätzen, kam als Geisel ein Jüngling nach Rom, aus dem -Stamm der Cherusker und Segimers Sohn, der ein Fürst seiner Sippe im -Weserland war.</p> - -<p>Sein Oheim Segestes hatte dem Kaiser ein Hilfsvolk gestellt, darin der -Sohn Segimers Söldnerdienst tat; ihm boten die Römer das Bürgerrecht -an, in den römischen Ritterstand hob der Kaiser den Jüngling.</p> - -<p>Als er heimkehren durfte in das Land seiner Väter, wo sein Oheim Segestes -dem Statthalter Varus in Unterwürfigkeit diente, sah er Dinge geschehen<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -am Volk der Cherusker, die ihm verräterisch schienen und seinen -Zorn reizten.</p> - -<p>Denn als Bundesgenosse, nicht als Besiegter hatte das Volk an der -Weser den Römern Einlaß gewährt; Varus aber ließ Strafen verhängen -von römischen Richtern, Rutenbündel und Beil bedrohten das Recht und -die Herkunft der freien Gemeinde.</p> - -<p>Dem Kaiser bauten die Römer im Land der Cherusker Altäre; und was -den Freien zu hüten heilige Pflicht war, der Wahrspruch der wehrhaften -Männer, wurde von Varus verspottet.</p> - -<p>Dem Unrecht solcher Gewalt mit List zu begegnen, ließ Segimers Sohn -die Jünglinge der Cherusker heimlich die Blutspur beschwören.</p> - -<p>So sehr war der Hochmut des Römers verblendet, daß er des warnenden -Segestes lachte, als er im Schwall und Hörnerklang seiner Kohorten das -Sommerlager verließ.</p> - -<p>Regenstürme stöhnten im Wald und die Bäche brachen ins Land, als -die Bäume anfingen, Wurfspeere zu regnen, als die Cherusker, von kundigen -Führern nächtlich geleitet, den gepanzerten Heerwurm anfielen, als der -prahlende Schall und der Notruf der Hörner hinstarb im Schildruf der -Völker.</p> - -<p>Am dritten Abend erlag der gepanzerte Leib den zornigen Bissen, der -Statthalter Varus sank in sein eigenes Schwert; nur die Reiter der Nachhut -entrannen, den Schrecken des Teutoburger Waldes ans gallische Ufer -zu tragen.</p> - -<p>Als die Weiden grün wurden im Weserland und der Holderbusch -blühte, schreckte kein Hörnerschall mehr das befreite Volk der Cherusker; -die Lieder gingen von Segimers Sohn, wie sie von Wodan, Donar und -Saxnot und den Helden der Götterzeit sangen.</p> - -<p>In Rom aber schritt, von Segestes dem Vater an ihre Feinde verraten, -Thusnelda, die Gattin des Kühnen, als Sklavin die Gasse der Gaffer; -und auch den Herrlichen fällt der Neid mit dem Mordstahl der Tücke.</p> - -<p>Im siebenunddreißigsten Jahr seines siegreichen Lebens fiel Segimers -Sohn, der sein Volk aus der römischen Knechtschaft befreite und dem Land -der Wälder und Wiesen der herrlichste Held war.</p> - -<p>Wohl sangen die Lieder noch lange ihm nach, den die Römer Arminius -nannten, aber sein deutscher Name verscholl im Sang der rühmenden Sage.</p> - -<p>Da klingt er hell, wie ein Frühlingstag steht mit Blüten und blankem -Gewässer, da wird Segimers Sohn und Segimunds Schwäher, der treulos -verratene Held in der Arglist der Sippe, Segifried, Siegfried geheißen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p> - -<h3 id="sec2_9">Der Pfahlgraben</h3> - -<p>Wo der Strom seinen Lauf in den Altwässern suchte, sein flaches Gewässer -den gallischen Gärten kein Schutz war, wo der Wald sich vorschob -im schwarzen Gebirge, hoch über dem Rhein die sumpfigen Quellen der -Donau zu tragen: da bauten die Römer das Bollwerk des Zehntlandes -ein.</p> - -<p>Sie warfen die Stachelschnur vor mit klug gestellten Kastellen und -säumten sie ein in den Wall, der mit Türmen, Gräben und Pfählen geschützt -über die waldigen Kämme des Taunus zum braunen Gewässer des -Mains und über das steinichte Hochland nach Norikum lief.</p> - -<p>Eine Stadtmauer mit Toren und Türmen, länger als fünfhundert -Meilen, durchquerte den Wald und die Wildnis vom Rhein bis zur Donau; -acht Kaiser bauten daran in mehr als zweihundert Jahren, und der sie am -stärksten bewehrte, dem fiel sie in Trümmer.</p> - -<p>Eher als eine Mauer war es ein Deich, gegen die Springflut gebaut -und harmlos an windstillen Tagen, wenn durch die Schleusen das dünne -Gewässer des täglichen Grenzverkehrs floß.</p> - -<p>Dann wagten römische Händler die Fahrt ins germanische Waldmeer, -wo nur selten der Krieg das Tagwerk der friedlichen Bauernwelt störte, wo -die Gastlichkeit fröhlicher Brauch und die Treue gegen den Gast eine heilige -Pflicht war.</p> - -<p>Sie sahen das seltsame Fachwerk der Häuser, die sauber gefärbten -Fächer im schmuckvoll gefügten Gebälk, sie sahen die Säle der Fürsten mit -hölzernen Hallen rundum, die Balken geschnitzt und die Bretter bemalt -mit vielverschlungenen Bändern.</p> - -<p>Sie sahen die Jugend spielen im Hof unter Bäumen, nackten Leibes in -Wind und im Regen und ihrer Gliederkraft froh; sie sahen die Mütter -Feldarbeit tun im Kreis der lachenden, singenden Mägde.</p> - -<p>Sie sahen die Männer heimkehren, müde der mühsamen Jagd in den -Wäldern, sahen sie sitzen im Schmuck ihrer Waffen zum Rat der Gemeinde, -sahen sie richten und dem Gesetz die Waage mit Freimut und Unbeugsamkeit -halten.</p> - -<p>Sie sahen ein Bauerngeschlecht sein einfaches Tagewerk tun, sahen es -sorgsam gefügt in Sippen und Gauen und fest in der Pflicht der Gemeinschaft, -sahen es fröhlich und stark und stets gerüstet zum Kampf, wenn das -Kriegsschwert die Mannschaft der Dörfer aufrief zum Volksheer der -Stämme.</p> - -<p>Sie sahen die Fürsten geehrt im Glanz der Edlen und Freien, sie sahen<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span> -die Jünglingsschar trotzig und waffengeübt und lüstern des Tages, da der -Krieg Heldenruhm brachte.</p> - -<p>Sie sahen die Frau als freie Genossin des Mannes, und sahen, wie -Treue um Treue, Reinheit und Stolz ihr Ehrenkleid waren.</p> - -<p>Sie sahen die Brandung unbändiger Kraft gemeistert in Zucht und -Gehorsam und ahnten den Tag, da die Springflut anstürmte und der Deich -mit der Stachelschnur seiner Kastelle zu dünn war für die Gewalt.</p> - -<h3 id="sec2_10">Tacitus</h3> - -<p>Als Tacitus seine Germania schrieb, mit warnenden Worten zu sagen, -was für ein Land hinter der Stachelschnur seiner Kastelle Rom unbekannt -sei und was für ein Volk darin wohne: war Domitian, der feige Prahler -und Wüstling, römischer Kaiser.</p> - -<p>Der Weltherrschertraum des Augustus, weit und glücklich begonnen, -hatte zur Wirklichkeit Neros geführt; über dem Recht der freien Gemeinde -hing das Schwert der Tyrannen, der Senat trug den Purpur der Kaisergewalt.</p> - -<p>Die Kaisergewalt war der Kriegsknecht: mit gallischen Söldnern kam -Cäsar nach Rom, den Senat zu bekriegen, in allen Provinzen der römischen -Weltmacht waren die Legionen des Kaisers geworben, die aus dem Volksheer -der Römer die Herrschaft der Kriegsknechte machten.</p> - -<p>Ein Krake war das Weltreich der römischen Kaiser, soweit die Greifarme -der Legionen reichten, fraß er die Länder leer von Persien bis nach -Britannien, aber der Bauch saß am Tiber.</p> - -<p>Der Bauch saß am Tiber und wurde kraftlos an seinen eigenen Gliedern: -Zucht war die Tugend des römischen Bürgers gewesen, aber die Kaisergewalt -hatte die Tugend beschattet und hatte dem Laster Paläste gebaut.</p> - -<p>Tacitus war kein Kriegsmann, wie Cäsar in Gallien war und hatte -nicht eigenen Ruhm zu verkünden; er war nur ein Römer der alten Zeit, -der dem Sittenverfall seiner Tage den Spiegel germanischer Einfachheit -vorhielt.</p> - -<p>Er sah die Tugend und sah die Laster der Deutschen, aber er sah auch -die Einfalt der Sitten, die Nähe der starken Natur und die Waltung der -Herkunft.</p> - -<p>Freiheit und Ehrfurcht, die Schlüssel der Menschheit, sah er in einfachen -Händen; wie Kinder die Dinge tapfer und gläubig tun, sah er die -Deutschen, indessen die Römer in greiser Lüsternheit gingen.</p> - -<p>Er wollte dem Sittenverfall seiner Tage den Spiegel vorhalten und<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -war ein Römer der alten Zeit; aber das Spiegelbild zeigte die kommende -Stunde: fröhliche Stärke der Jugend gegen das grausame Alter.</p> - -<h3 id="sec2_11">Die Springflut</h3> - -<p>Das kurze Schwert, den runden Schild und Gehorsam ihrem König -brachten die Goten mit über das Wasser, als sie den alten Völkerweg fanden, -von Schweden hinunter ans Schwarze Meer und hinüber zum Pontus.</p> - -<p>Da wurde das alte Skythenland wach im Lärm der Wagen und Pferde, -weit in die Stille der östlichen Steppen floh der Hufschlag der Bogenreiter, -Völker bedrängten die Völker, Länder wurden lebendig und der Wald kam -ins Wandern.</p> - -<p>Markomannen, Vandalen und Alemannen, Burgunder und Langobarden -wichen dem gotischen Königsvolk aus und strömten landsuchend hinein -ins Tiefland der Donau, bis der Völkerkessel voll war zum Rand und überfloß -in die römischen Gärten.</p> - -<p>Vierzehn Jahre lang lag er zu Feld, Mark Aurel, der die Feder liebte -und das Schwert nicht hinlegen konnte, in Mühsal und Mißmut den Markomannen -zu wehren; als er den Sieg endlich sah, nahm ihm der Tod den -kargen Gewinn aus der Hand.</p> - -<p>Unaufhörlich danach warf die Brandung flüchtender Völker Spritzwellen -hinein in die Gärten, bis die Stachelschnur riß; über den römischen -Deich rauschte das deutsche Gewässer.</p> - -<p>Schon waren die Alpentore gesprengt, als die Hauptstadt der Welt sich -selber zum Schutz die neue Ringmauer baute; wie zur Königszeit war das -herrische Rom wieder die Burg am Tiber. Achthundert Jahre lang hielt -sie die Völker im Zwang ihres siegreichen Schwertes, nun krachte von Norden -der Speer und warf ihr den Staub vor die Füße.</p> - -<p>Noch kreisten die römischen Adler über den Mittelmeergärten, noch lagen -die Legionen schwer auf dem Morgenland, noch hielten die Standlager -Wacht am Strom und schützten die gallische Ernte; aber die stolze Blöße -des römischen Hauptes zog wieder den Eisenhelm an.</p> - -<h3 id="sec2_12">Ermanerich</h3> - -<p>Von der Weichsel zur Wolga reichten die Waffen des gotischen Königs, -und die Völker des Pontus brachten Ermanerich Lösegeld dar.</p> - -<p>So hieß er der Reiche, als er nicht mehr ausreiten konnte zur wehenden -Schlacht; zehnhundert Goten, rühmt die Sage, saßen im Saal, wenn er<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span> -trank aus dem goldenen Becher und den Liedern lauschte der Amelungen, -seines den Göttern entstammenden Geschlechts.</p> - -<p>Trotz seinem Alter dachte er noch, Schwanhild die schöne zu freien, und -sandte Randwer den Sohn ins roxolanische Reich, ihm Schwanhild die -weiße zu holen; aber Randwer der feine hob seine Augen auf zu der Jungfrau, -die seine Mutter zu heißen bestimmt war.</p> - -<p>Nicht lange, so war die Liebe dem König verraten; da zerriß er den Bart, -der wie der Schweif seines Schimmels war, und schwer vergalt er den beiden -die Schande: am Galgen hing ihm der Sohn, die Pferde schleiften die -schöne Schwanhild.</p> - -<p>Die ihre Brüder hießen, ritten zur Rache in seine Burg; obwohl der -Goten zehnhundert dasaßen, über die Leichen der Scharwächter schritten -sie ein mit zornigem Schwertschlag und trafen ihn, mitten im Saal, der sie -spöttisch begrüßte.</p> - -<p>Sie wurden mit Steinen geworfen und starben im Zorn seiner Mannen; -aber dem Amelungen schmeckte kein Wein mehr, er siechte hin an den -Wunden.</p> - -<p>Das aber, heißt es, geschah zu der Zeit, da die hunnischen Reiter einbrachen -ins gotische Land mit unermeßlichen Scharen; der unter Kühnen -König war, mußte brach liegen und die Boten abwarten der dritten verlorenen -Schlacht.</p> - -<p>Als er die Brandfackeln flammen sah in der Nacht, hielt er das Schwert, -zu schwer seinen Händen, und warf sein Herz in die Schärfe, daß kein -sterblicher Mann sich zum andernmal rühme, sein Schwert mit dem Blut -des Amelungen gerötet zu haben.</p> - -<h3 id="sec2_13">Alarich</h3> - -<p>Als die Westgoten dem römischen Kaiser Söldnerdienst taten, wurde -Alarich König, aus dem Baltengeschlecht, das ist der Kühnen.</p> - -<p>Er sah sein verschlagenes Volk untergehen in den östlichen Mittelmeergärten, -darin es klüglich verteilt war, von Mösien über den Hellespont hin -bis weit ins syrische Land.</p> - -<p>Er aber wollte Volkskönig sein gleich seinen Vätern und dem verschlagenen -Volk ein Vaterland finden; denn nur, was das Schwert hielt, war -noch Besitz, als mit der Eifersucht törichter Knaben in Rom und Byzanz -das wankende Weltreich zerbrach.</p> - -<p>Kühner als vormals die Kimbrer ging Alarichs Fahrt, durch keine Habe -behindert als durch das Schwert und die Zelte des Lagers: bald stand er<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -mitten in Griechenland, Hellas und Sparta hörten wieder den Schwertschlag -und die blonden Räuber der Frühe.</p> - -<p>Stilicho der Vandale, der dem Kaiserknaben in Rom die Steigbügel -hielt, kam mit Schiffen und großer Kriegsmacht, den Kühnen zu fangen: -aber der Neid von Byzanz öffnete listig die Falle und wies der gotischen -Heerschar das dalmatinische Küstenland an.</p> - -<p>Seitdem züngelte Alarichs Schwert scharf zwischen Rom und Byzanz; -an der steinichten Schwelle der römischen Gärten sah er die Lockung reicher -Landschaften vor seiner Tür.</p> - -<p>Das Wasser war dünn im Isonzo, bald stand er am Po und einmal am -gallischen Tor im ligurischen Bergland.</p> - -<p>Da mußte Stilicho Lösegeld leisten, Norikum bot er als Bündnispfand -an: so wurde das gotische Heervolk wieder landeigen und Alarich König im -neuen Westgotenland; doch gab er den Schlüssel der römischen Gärten nicht -aus den Händen.</p> - -<p>Als der Knabenkaiser dem Kanzler die Treue mit Arglist vergalt, als -Stilicho den Henkertod fand, trug er sein Schwert verwegen vor Rom, und -schimpflich mußte der stolze Senat den Abzug der Goten erkaufen.</p> - -<p>Mehr als ein Jahr lang lag er im Feld, dem das römische Heer von -Ravenna den Rückzug verlegte: ein Straßenkönig im fremden Land, mit -dem Schwert sein Zeltlager schützend.</p> - -<p>Weder Land noch Frieden war zu gewinnen vor der Burg von Ravenna, -zum andernmal zog er nach Rom, und diesmal erfuhr die Stolze das Schicksal, -so mancher feindlichen Stadt von der römischen Schwertmacht bereitet.</p> - -<p>Die seit achthundert Jahren keinen Feind kannte, sah durch Konstantins -prahlenden Bogen den König der Goten einreiten: aber kein Rausch -der Stunde verwirrte Alarichs Blick, daß dies für sein kühneres Trachten -ein kurzer Triumph war.</p> - -<p>Drei Tage lang ließ er die Seinen das Siegerglück kosten, dann nahm -er die Hitzigen hart in die Hand: Karthago, die Kornkammer Roms, sollte -der Preis seiner Fahrt und die Burg für sein Königtum sein.</p> - -<p>Schon hatten kalabrische Schiffer ihm eine Flotte gerafft, als die kochenden -Strudel herbstlicher Stürme die Schiffe zerschellten; vom Fieber verzehrt -wichen die Seinen verzagt nach Cosenza zurück: da stillte der Tod dem -Balten den unsteten Herzschlag.</p> - -<p>Im Sumpffiebertal von Cosenza starb im vierzigsten Jahr seines Lebens -der König der Goten, der seinem Volk kein Vaterland fand, der die gotischen -Männer im dürren Gestein der kalabrischen Küste zurückließ.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span></p> - -<p>Landfahrend in der Fremde todfeindlicher Länder, konnten sie keinen -Grabhügel wölben, kein Gedächtnis der Trauer dem grausamen Tal, daraus -sie morgen schon schritten, das Schwert in der Hand.</p> - -<p>Sie gruben ihm nächtlich ein Grab im Busento und senkten den König -mit Schmuck und Schwert in den schweigsamen Grund.</p> - -<p>Als die Sonne aufging im steinichten Tal, darin sie heimatlos standen -und ihres Daseins nur durch das Schwert in der trotzigen Hand versichert, -flossen die Wellen schon wieder den emsigen Lauf, mit schäumendem Schleier -den Schlaf zu hüten, der den schwertfahrenden Männern Losung und Ziel -ihres kurzen Straßenglücks war.</p> - -<h3 id="sec2_14">Die Hochzeit von Narbonne</h3> - -<p>Als Alarich der Kühne schlafen ging im kühlen Steingrund des Busento, -ließ er die Seinen schiffbrüchig auf einer Fahrt zurück, die für die Ebbe ihres -Rückzugs gefährlicher als für die hingeschäumte Flut war.</p> - -<p>Doch führte die verwegene Kriegerschar als Geisel die junge Kaiserschwester -mit, die schon im dritten Jahr die Irrfahrt ihres Lagers teilte: -Placidia, von Athaulf, dem Schwager Alarichs, als Gemahlin begehrt und -ihm zugetan.</p> - -<p>Sie war den schlimm Verschlagenen ein Amulett: mit hundert Listen -der Gefahr ausweichend, schob sich ihr Lagerdasein in Winkelzügen verwegen -nordwärts, Rom und Ravenna rasch vermeidend, bis sie im zweiten -Sommer die Alpen überschritten, die Tür ins Freie zu gewinnen.</p> - -<p>Da schlugen sie den Sarus, dann den Jovinus, die in Gallien abtrünnige -Gewaltherrn waren, und boten sich der schwankenden Gewalt des -Kaisers als Schildhalter an.</p> - -<p>Denn Athaulf der Gote, der des Kaisers Schwester zur Gemahlin begehrte, -erfüllte klug und klar, was Alarich im Trotz nicht zwingen konnte: -das Schwert der Goten sollte halten, was den schwachen Händen der Römer -entglitten war.</p> - -<p>Als Athaulf mit der Placidia Hochzeit hielt, schien in die dunkle Zwietracht -der Zeit ein zager Sonnenstrahl, von den Goten in Narbonne prunkvoll -gefeiert: die Blonden huldigten der braunen Königin.</p> - -<p>Ob es für Athaulf ein kurzer Traum war, ein halbes Jahr nach seiner -Hochzeit mit dem Tod bezahlt: der weise Wallia kam und baute den Traum -treu in die Wirklichkeit.</p> - -<p>Das Ränkespiel der Höfe von Ravenna und Byzanz ging ruchlos weiter -mit Mord und Mörderlisten: das Reich der Goten hielt den Sonnenstrahl<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -in Pflege, bis er aus Gallien nach Spanien hinüber in einen breiten -Sommer gewachsen war.</p> - -<p>Das tolosanische Reich war es genannt, der Ruhm seiner Macht und -Schönheit rief die Gesandten von Morgenland her, und stärker stellte kein -Fürst dem Frieden das Schwert vor die Tore, als Eurich der Große, König -der Goten, tat.</p> - -<p>Von der Loire bis zum Tajo hielt seine mächtige Hand die Unrast der -Völker gebändigt; auch ließ er die Tafeln der gotischen Herkunft schreiben -als Recht und Gesetz des tolosanischen Westgotenreiches.</p> - -<p>Dreihundert Jahre hielt es reich und räumig den Völkerstürmen stand, -und war dem Islam noch ein Garten, darin die Märchen seiner Künste -blühten wie nie im Morgenland.</p> - -<p>Und wurde das Wunderland der ritterlichen Tugend, die früheste Freistatt -der Bildung, und hielt das Gotenrecht lebendig durch tausend Jahre.</p> - -<h3 id="sec2_15">Geiserich</h3> - -<p>Wild und weit hat die Vandalen die Völkerflut verschlagen und ihre -Mühsal vom wasserreichen Waldland der Oder ins Morgenland gebracht; -die unter Godegisel in Gallien einbrachen, ritten die Grenzen Geiserichs -ab am Rand der Libyschen Wüste.</p> - -<p>In Andalusien saßen sie wartend und sahen am blauen Meertor die -Kornkammer Roms, das wiedererbaute Karthago: Seefahrer wurden sie -da, die gleich den Goten Schwertkämpfer waren, und kamen mit flinken -Schiffen hinüber, als die Karthager sie riefen.</p> - -<p>Da löste das Schwert der Vandalen den Fluch von Karthago und stach -dem römischen Stolz in die hilflosen Glieder, da wurde Hannibals Heimat -zum andernmal Herrin der Meere.</p> - -<p>Denn Geiserich, das ist Speerfürst, nahm das karthagische Land, verwildert -durch Aufruhr und Kirchengezänk, in harte Verwaltung, und war -auf der Burg von Karthago der Seefahrerkönig, den keiner bezwang.</p> - -<p>Und als ihn Eudoxia rief, den gemordeten Kaiser und Gatten zu rächen, -vergalt er den Römern den Brand von Karthago; mit seinen Schiffen fuhr -er hinein in den Tiber und ließ sich durch Leo, den drohenden Bischof, nicht -schrecken.</p> - -<p>Und ließ die gedemütigte Herrin der Welt sein Siegerrecht fühlen; wie -vorzeiten die römischen Schiffe den Raub heimbrachten aus dem zerstörten -Karthago, vergalt er Gleiches mit Gleichem und trotzte lachend dem Fluch -der römischen Priester.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span></p> - -<p>Und hielt seinen Horst an der klippigen Küste, und blieb in den Mittelmeergärten -der Seefahrerkönig, den keiner bezwang, bis er heimging im -Alter, versammelt zu den Vätern im Waldland der Oder:</p> - -<p>Der als Knabe mit über den Rhein geritten war und als würdiger -Greis auf der Burg von Karthago, geliebt von den Seinen, das Abenteuer -seines reisigen Lebens reich und rund gespiegelt sah in der Mittelmeerbläue.</p> - -<h3 id="sec2_16">Die Hunnenschlacht</h3> - -<p>Als Etzel, Heerfürst der Hunnen, ausritt von Ungarn ins gallische Land, -kam die große Sturzwelle der Völker, alles ersäufend in ihrer Bahn, was -die Flucht ins Gebirge versäumte.</p> - -<p>Wie Rabenflug war der Ritt seiner Scharen, und rascher kaum rannte -der Schrecken vor ihnen her, als der Hufschlag der struppigen Pferde.</p> - -<p>Da half nicht Schwert und nicht Schwur, der berittenen Unzahl zu -wehren: so unaufhaltsam schwoll das Gewässer der hunnischen Reiter ins -Land, daß schon im Sommer die ersten Sturzwellen um Orleans schäumten.</p> - -<p>Dann rückte der Heerbann der Westgoten an, mit dem römischen Kriegvolk -vereint der hunnischen Flut zu begegnen: vor ihrem Wall wich das -schwarze Gewässer zurück, gleich einem See das weite Becken der katalaunischen -Felder mit dem Gewimmel der Pferde und den Wagenburgen der -Hilfsvölker füllend.</p> - -<p>Anders als sonst eine Schlacht war diese, da Goten und Goten, Franken -und Franken einander bekämpften, durch Etzels Willen geschieden in Land -und in Flut.</p> - -<p>Aëtius aber, der römische Feldherr, war Geisel bei Etzel gewesen und -kannte die hunnischen Listen: er hielt den Damm seiner Völker mit unbeweglichen -Flanken und ließ vom Morgen zum Abend die Flut der Reiter -anschäumen, bis die Brandung erlahmte und der Schaum blutig gerann.</p> - -<p>Als schon die Dämmerung sank, kamen die gotischen Mauern ins Schreiten, -gewaltige Torflügel drehten sich ein, bis das Blutmeer der hunnischen -Reiter in beiden Flanken gedämmt war.</p> - -<p>Da half den Hunnen die Unzahl der Hufe nichts mehr, die Nacht hob -den gotischen Kriegern die Sterne: das schwarze Gewühl mußte zurück in -die Hürde der Wagenburg weichen.</p> - -<p>Drei Nächte noch kämpften, so heißt es, die Toten die grausige Schlacht -in den Lüften, bis das Blut abfloß in den Bächen der katalaunischen Felder.</p> - -<p>Die Lebendigen warfen das Los der Waffen nicht mehr: der gotische -Damm stand im Westen, die hunnische Flut fiel zurück in den<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span> -Osten, daraus sie, die abendländische Welt zu ersäufen, im Frühjahr geflossen -war.</p> - -<p>Im zweiten Jahr nach der Hunnenschlacht holte Etzel die blonde Hildico -heim und starb in der Brautnacht: das Gewässer der hunnischen Scharen -gerann, sein Schrecken blieb im Gedächtnis der Völker das Grundwasser -unheimlicher Sagen.</p> - -<h3 id="sec2_17">Burgund</h3> - -<p>Von der Weichsel her wehten die gotischen Stürme das Volk der Burgunder -gegen den Rhein, wo sie in Worms die Königsburg hatten und den -kurzen Traum ihrer Geltung.</p> - -<p>Im Kreis starker Helden hielt Gundikar Hof, der die burgundische -Insel im Strudel feindlicher Völker stark und besonnen geschützt hielt; Alemannen -und Franken mußten ihn dulden, die Römer fragten nach seiner -Freundschaft.</p> - -<p>Aber die hunnischen Horden kamen von Osten; den burgundischen Hochmut -zu heilen, lenkten die Römer sie listig nach Worms: hart hielten die -Helden das Schwert und hell den fröhlichen Mut, aber die Hunnen -ersäuften den Mut und das Schwert im Blut der unbemessenen -Scharen.</p> - -<p>Als Gundikar fiel und die todwunden Leiber all seiner Helden dem -König den Grabhügel wölbten im Brand seiner Burg, ging das burgundische -Sommerglück aus.</p> - -<p>Vom Rhein zur Rhone führten die Römer den klagenden Rest der -Greise, Mütter und Kinder: die ein Königsvolk waren, dienten dem römischen -Schwert mit dem Mut ihrer mannbaren Knaben.</p> - -<p>Aber das Schwert war nicht verrostet, und mählich wuchsen die Knaben; -als die Blutbäche rannen der katalaunischen Felder, standen burgundische -Männer im Heerbann der Sieger und riefen Gundovich Heil, dem -König der neuen Geschlechter.</p> - -<p>Zum andernmal wurde Burgund die Insel im Strudel feindlicher Völker, -Lyon blühte hoch im Stolz der heldischen Herkunft, Franken und Goten -zum Trutz mitten im gallischen Land, bis es sein Winterglück, kurz wie der -Sommer, verlor.</p> - -<p>Kein Schicksal aber löschte Burgund den deutschen Namen aus im -bunten Schwertlauf der Tage: die Sage behielt Gundikars Gold, die -Trübsal und Treue starker Trabanten, Schwert und Fiedel in Blut und -Brand, hart und hell im Gedächtnis.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span></p> - -<h3 id="sec2_18">Dietrich, Theodemirs Sohn</h3> - -<p>Das schwarze Gewässer der hunnischen Sintflut war verronnen, und -die Sonne fing wieder an zu scheinen auf das Geschlecht der Amelungen, -als Ereliva den Dietrich, das ist Volksfürst, gebar.</p> - -<p>Aber der Ostgotenkönig war hörig geworden, ohne Land und Burg in -Pannonien Söldling der römischen Grenzwacht; siebenjährig gab er den -Knaben als Geisel gegen Byzanz; Theodemir, der selber Geisel bei Etzel -gewesen war, dem König der Hunnen.</p> - -<p>Edelinge gab er ihm bei, dem Knaben die Lieder der Heimat zu singen, -und Hildebrand, daß er ihn lehre, den Jagdspeer zu werfen und das Schwert -der Helden zu halten.</p> - -<p>Und mußte seiner entbehren, bis der Jüngling einritt im achtzehnten -Jahr, mit hellerem Blick und härterer Hand, als einer im Heervolk der -Goten.</p> - -<p>Da sah er das ärmliche Dasein der Seinen und wie sie ein Söldnervolk -waren, indessen der Westgotenkönig Toulouse und Toledo ruhmreich regierte.</p> - -<p>Einundzwanzig Jahre war Dietrich alt, da ihn die Goten als König -ausriefen; das geschah aber zu der Zeit, da Zeno, der Kriegsmann, den -Helm in Byzanz mit dem Stirnband des Kaisers vertauschte und flüchtig -vor seinen Feinden die Feldmacht der Goten anrief.</p> - -<p>Da kam den Amelungen wieder das Kriegsschwert Zius zur Hand; wie -zu Ermanerichs Tagen klangen die Schilde gewaltig, bis Dietrich im Kranz -seiner Recken und Mannen als Sieger einritt in das gedämpfte Byzanz.</p> - -<p>Zeno der Schlaue wollte ihn fangen mit Ehren und Gold und einem -ehernen Standbild, er aber wollte König heißen, nicht Feldherr, Schwertmacht -der eigenen Burg und Schildhaber der eigenen Herrlichkeit sein, -wartend, wer seiner bedürfe.</p> - -<p>Das Knäblein hießen die Spötter den letzten Kaiser von Rom; Odoaker -der rugische Söldling, König in Rom und Ravenna hielt ihn gefangen im -goldenen Käfig: Odoaker zu beugen, bot Zeno die Gotenmacht auf.</p> - -<p>Da wurde der Pfeil in den Köcher gelegt, da sangen die Mannen und -saßen die Recken im Sattel, weil Dietrich, der Fürst der Stärke, den Feldzug -befahl.</p> - -<p>Denn keine Heimkehr stand ihnen im Sinn, als sie im Herbst die julischen -Alpen durchritten, als sie das felsige Tor am Isonzo erzwangen, als sie -den Boden Cäsars betraten, mit Odoaker, dem rugischen Feind, um die -römische Erbschaft zu streiten.</p> - -<p>Drei Schlachten schlugen die Starken im Norden: der Alpenrand scholl<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -im Schlag ihrer Waffen bis in die ligurischen Berge, bevor sie den Po überschritten, -Odoaker in seiner Burg zu Ravenna, den Fuchs in der Höhle zu -fangen.</p> - -<p>Aber die Sümpfe ersäuften die Mannen und der Damm lief schmal, -darauf die Mauern und Türme der starken Kaiserburg standen; kein Hornruf -reichte hinüber; die Segel der Schiffe blähten sich auf, den Belagerten -Nahrung zu bringen.</p> - -<p>Da half dem Goten das Fußvolk nicht mehr, nicht halfen die Rosse der -Recken; drei Jahre lang mußten sie liegen und lauern im Sumpfland der -Küste: längst war Rom in Dietrichs Gewalt und immer noch trotzte Ravenna.</p> - -<p>So mußte Arglist erreichen, was Kühnheit und Kraft nicht erzwangen, -der Fuchs und der Löwe schlossen den Bund, aber der Mord fraß die Treue: -als Dietrich einritt in die Burg von Ravenna, lag Odoaker im Blut, von -den Goten treulos erschlagen.</p> - -<p>Durch Meintat ging aus, was mit ehrlichem Schwertschlag begann am -Isonzo; so hell die Sonne danach den Amelungen umsäumte, sie löschte die -Blutspur nicht aus auf dem Schild und den Vogelschrei der Vergeltung.</p> - -<h3 id="sec2_19">Dietrich, der Gotenkönig</h3> - -<p>Manche Hand war hart wie seine, die Macht zu greifen und zu halten; -er aber hob den Sieg der Stärke hinauf ins Gesetz und den Ackerpflug aus -der Schwertspur.</p> - -<p>Wo wüster Acker war und aus den Spalten des zerschlagenen Rechts -das Unkraut wucherte, fing ein Garten wieder an zu grünen, weil er, der -Gotenkönig, behutsam sein Gärtner war.</p> - -<p>Er spielte den Römern nicht noch einmal den Cäsar vor, blieb in Ravenna -und war kein prahlender Augustus; auch dehnte er die Grenzen seiner -Macht nicht weiter aus, als er mit Recht erfüllen konnte, und zweimal nur -in dreiunddreißig Jahren zog er ins Feld.</p> - -<p>Wie er dem Frankenkönig schrieb: denn der siegt nachhaltig, der alles zu -mäßigen weiß! so hielt er Maß mit seiner Stärke.</p> - -<p>Als Sohn der Gewalt gekommen, war er ihr strenger Richter, und seiner -Ordnung Sinnbild war, daß er im Gotenreich zur Nacht kein Stadttor -schließen ließ.</p> - -<p>Was noch an Bauwerken der alten Welt erhalten war, ließ er nicht -weniger schützen als, was in seiner Gunst entstand, im Geist der alten -Schönheit planen: Standbilder schmückten wieder die Straßen Roms,<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span> -den Großen zum Gedächtnis, und nirgend prahlte vor der alten Pracht -die seine.</p> - -<p>Kein Schwert war stark genug im Abendland, an seine Macht zu rühren; -wohl aber kamen die Gesandten der Könige und Völker, Rat und -Richtspruch anzuhören; auch lockte seine Friedenssonne die Künstler und -Gelehrten an, dem Königshof in Ravenna den Glanz und die Pracht zu -geben, die seinem Ruhm gebührte.</p> - -<p>Die er als Bauleute berief, ihm einen Königshof zu bauen für seinen -Thing und Reichstag, meisterten die Kunst, Marmor zu schneiden; auch -gab es griechische Steinmetze und solche, die noch den Bildguß kannten.</p> - -<p>So kam der Bau zustande, den er des Reiches redendes Zeugnis und -seiner Herrschaft schmuckvolles Antlitz nannte.</p> - -<p>Acht Pfeiler trugen das Kuppeldach, mit tönernen Röhren rund überwölbt, -acht Nischen nahmen dem Raum die Nähe der Mauern, acht Säulengestände -rundum führten ihn zierlich ins Breite.</p> - -<p>Eine Waldlichtung innen aus wächsernem Marmor, glühend im Glanz -farbiger Gläser, mit Steinmetzwerk nach außen reich überstreckt, den Tempelhallen -der Römer zum Trotz in sich selber verschränkt mit ragender Kuppel: -so stand der Wunderbau da, desgleichen nicht in der Welt war.</p> - -<p>Da hielt der König der Goten den Thing, wenn die wohlregierte Gewalt -des Reiches die Großen zur Rechenschaft sandte; im schmuckvollen -Torbau grüßten die Steinbilder amelungischer Ahnen sein stolzes Geschlecht.</p> - -<p>Da fanden die vielverschlagenen Schwerter sich in die gotische Heimat -zurück, im Glanz der Stunde und Stätte ein glückhaftes Märchen, wenn -der starkweise Dietrich den staunenden Römern die Herrscherhand zeigte, -der den Goten Volkskönig war, vielen ein Vater, den Gerechten und Weisen -ein gütiger Freund.</p> - -<h3 id="sec2_20">Dietrich von Bern</h3> - -<p>Unsere Milde und Huld verwirft die Gewalttätigen! So hatte Dietrich -die Macht verriegelt ins Recht, und Rom sah die Tage der alten Zucht -wieder.</p> - -<p>Er hatte das römische Volk bewahrt vor jeder Bedrückung, im Ehrenkleid -saß der Senat, in den römischen Sitten fing wieder die Tugend an, -die Tat zu bestimmen.</p> - -<p>Weisheit und Stärke hatten den Zwiespalt der Völker beschwichtigt, -als ihn das Priestergezänk wachschrie zum blutigen Haß.</p> - -<p>Denn Dietrich beugte sich nicht vor dem Bischof der Römer, er ließ die<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span> -Bibel Wulfilas schreiben mit Silber auf Pergament, purpurn gefärbt, er -baute der Gotengemeinde den eigenen Dom in Ravenna: so galt der gotische -König den römischen Priestern als Ketzer.</p> - -<p>Die Kaiserin von Byzanz, die eine Buhldirne war und eine Betschwester -wurde, Theodora steckte zuerst die Fackel der Rechtgläubigkeit an; ihr Warnung -zu sagen, sandte der König den Bischof Johannes von Rom nach -Byzanz.</p> - -<p>Aber die sonst den Kreis ihrer Ämter mit Eifersucht maßen, die Patriarchen -in Rom und Byzanz fanden sich einig der gotischen Feindschaft.</p> - -<p>So mußte Dietrich, der starkweise König erfahren, daß ein Tropfen -Haß zäher leimt als ein Faß voll Liebe: der Argwohn des Alters zückte den -Zorn seiner Enttäuschung, daß ihm ein tückisches Volk die Duldsamkeit -danklos vergalt.</p> - -<p>Da wurde Dietrich von Bern der Held der deutschen Sage, der im -schneeweißen Alter auszog, unholdes Gezücht zu erschlagen: sein Zorn zerbrach -den Senat, und der tückische Bischof von Rom büßte im Kerker; -Haß gegen Haß war zwischen Goten und Römer gestellt.</p> - -<p>In Byzanz die Buhldirne lachte ihm Hohn, daß er sein glückhaftes -Reich der Gerechtigkeit selber zerschlug mit zorniger Faust: der dem Frieden -das Schwert und dem Recht die Waage zu halten Volksfürst der Goten und -König über Rom war, bis ihm die Falschheit zuletzt an den Hals fuhr.</p> - -<p>Im zweiundsiebzigsten Jahr seines Lebens legten die Goten Dietrich -von Bern in sein steinernes Grab zu Ravenna; mit seiner herrlichen Seele -für ein Jahrtausend und mehr floh die Duldsamkeit aus der abendländischen -Welt.</p> - -<p>Seine Asche zerstreute die römische Rache im Wind, und seinen Namen -löschten sie aus im Gedächtnis der Schrift – wie danach der schielende Abt -von Reichenau schrieb – als einer Pest von endlosem Schaden; aber kein -Haß konnte die riesige Steinplatte heben, die ihm sein stolzes Grabmal -bewölbte.</p> - -<p>Der Teufel selber, so ging die eifrige Rede der römischen Priester, habe -den Ketzer von seinem letzten Weidgang geholt, auf dem Rappen der Hölle -als wilder Jäger zu reiten.</p> - -<p>Die gläubige Sage schmückte sein Bild wie keines im deutschen Gedächtnis, -sie tat ihm die Brünne Wodans an, sein Schimmel holte den herrlichen -Helden hinauf nach Walhal.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span></p> - -<h3 id="sec2_21">Der Kampf um Rom</h3> - -<p>Dietrich war tot, und Amalasuntha, die Tochter regierte das Reich für -den Enkel, den sie Athalarich nannte: aber der Stammhalter des Starken -war schwach, und der Wurm fraß dem Steckling die zärtlichen Wurzeln.</p> - -<p>Amalasuntha ging römisch geziert und der gotischen Sitte abwendig; -als der Knabe ihr starb, gab sie die Hand und den Thron Theodat, dem -Amaler, der hündischen Sinnes und den gotischen Großen verhaßt war.</p> - -<p>Theodat brachte die Tochter des Starkweisen um und gedachte, in Rom -den Kaiser zu spielen: das aber geschah zu der Zeit, da Byzanz den Belisar -sandte, das Blatt der blonden Herrschaft zu wenden.</p> - -<p>Dem drohenden Unheil zu wehren, riefen die wehrhaften Männer den -Vitiges aus, aber das Blatt war zu Ende; wie Odoaker vordem, hielt Vitiges -nun die Burg von Ravenna, und Belisar stand in den Sümpfen, bis -zum andernmal Meineid die Stärke besiegte, und Odoaker gerächt war.</p> - -<p>Da grüßten die steinernen Ahnen vergeblich Dietrichs Geschlecht; Byzanz -hielt den Thing in der Halle, und römische Priester streuten die Asche -des Königs ins Meer, den Samen der gotischen Pest.</p> - -<p>Aber die Geister der Rabenschlacht ritten herbei im Unheil der Tage, -der Ruf ihrer Rache riß aus den Rippen der Not das blutige Gotenherz: -ein Nordlicht wie keines hing seinen blutigen Schaum über die Mittelmeergärten.</p> - -<p>Mit den betrogenen Recken brachte Belisar Vitiges heim nach Byzanz, -seine Flotte ging schwer mit den gotischen Schätzen; aber die Not -stand in den Bergen, Totila, Ildebalds Sohn auf den Schild ihrer trotzigen -Stärke zu heben.</p> - -<p>Neun Jahre lang war Totila König, und Dietrichs Waffen hatten -nicht härter geklungen, da er die Rabenschlacht schlug: ohne Burg und Bestallung -spannte der Jüngling den Bogen, die Städte sperrten ihm trotzig -die Tore.</p> - -<p>Rom und Ravenna holte er heim in mühsamen Kriegen, Neapel und -Mailand fielen noch einmal der Gotenmacht zu; er ließ den falschen Senat -sein Königsrecht fühlen und gab dem römischen Bischof den Trank der -Demut zu kosten.</p> - -<p>Aber der Kampf ging um Rom, und Byzanz warf sein Schwert in die -Waage der römischen Priester: der Lindwurm hob seinen schuppigen Leib, -und der Frieden fuhr in die Hölle.</p> - -<p>Der Wohlstand der Städte starb hin in den Bränden, und die Standbilder -Roms versanken im Schutt, die Felder fanden nicht Frucht noch<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -Saat, die Straßen starrten im Staub der Rosse und Wagen, das Gebirge -lag im Geschrei der flüchtigen Scharen, Hunger und Seuchen fraßen das -Land leer.</p> - -<p>Neun Jahre lang war Totila König, dann nahm der Tag von Taginäa -ihm Krone und Schwert aus der sterbenden Hand.</p> - -<p>Gleich Türmen, heißt es, standen die gotischen Recken im Wall ihrer -tapferen Mannen, die Bogenschützen aus Morgenland warfen Sturmwolken -schwirrender Pfeile über sie hin.</p> - -<p>Totila fiel und sechstausend Goten tranken ihr Blut mit dem König; -das Morgenland fraß mit sengender Glut das Gebälk der nordischen Türme; -das gotische Glück glühte sein Abendrot aus in der Lohe.</p> - -<p>Ein Lavastrom glomm spät in der Nacht am Vesuv; Teja, der letzte -König der Goten, schürte den schaurigen Brand, bis alles versank in -Asche.</p> - -<p>Tausend, heißt es, fanden den Weg aus der letzten Vernichtung; das -Schwert in der Hand und den blutigen Schaum ihres Untergangs brachten -sie heim aus den Mittelmeergärten.</p> - -<p>Das Abenteuer der gotischen Frühe war aus; die das Königsvolk waren -der germanischen Welt, die den frühesten Kaisertraum träumten, die blonden -Schwertherren der römischen Gärten sahen das blaue Land von den -Bergen, darin sie flüchtig und fremd der fränkischen Königsmacht dienten.</p> - -<h3 id="sec2_22">Die Alemannen</h3> - -<p>Wo der Zackenwall der Kastelle das leere Zehntland umzäunte, wo das -rote Gestein im braunen Gewässer des Mains sein Spiegelbild sah, vom -hercynischen Wald hinüber zur Donau warfen die suebischen Völker der -römischen Wacht den Speer in die Flanke.</p> - -<p>Alemannen hießen den Römern die streitbaren Männer, die aus den -weglosen Wäldern ritten, mit eckigem Schild und langem Schwert die -Flüsse durchschwammen, trutzlachend dem römischen Helm das geringelte -Blondhaar zu zeigen.</p> - -<p>Die Stachelschnur riß: in die zerstörten Kastelle wehte der Schnee kalter -Stürme, in den Weiden und Wäldern wuchsen die Dörfer der Sueben, -der deutsche Pflug ging wieder im römischen Zehntland.</p> - -<p>Über dem Rhein auf der Mauer des Schwarzwaldes hielten sie Wacht -und sahen den Wasgenwald jenseits im Abend das fruchtbare Stromland -beschatten.</p> - -<p>Sie sahen im Süden den schimmernden Schneekranz der Berge über<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span> -dem blauen Waldrücken des Jura, und ihre Kundschafter priesen das Land -der blaugrünen Seen.</p> - -<p>Sie ließen nicht ab von der lockenden Schau und sprengten die steinernen -Riegel am Rhein; sie fuhren hinüber auf Schiffen und Flößen, sie fanden -vom Hegau hinunter den See im Hügelgebreite.</p> - -<p>Alisazas, die in der Fremde Sitzenden, hießen sie die, denen die Fahrt -an den Wasgenwald glückte; aber sie füllten mählich das Stromland und -bauten die Heimat der alemannischen Volksschaft hinüber ins Elsaß.</p> - -<p>Tief in die Schluchten der schäumenden Bäche drangen sie ein im Land -der blaugrünen Seen: da fiel die stolze Burg des Augustus, Vindonissa sank -hin im Sumpfland der Aare, Aventicum wurde berannt, und durch die helvetische -Prunkstadt der Römer ritten die suebischen Krieger.</p> - -<p>Wohl hob die Heermacht der Römer noch einmal die eiserne Hand, den -lachenden Räubern zu wehren; bei Straßburg und Colmar trafen sie den -blonden Übermut schwer: aber die eiserne Hand wurde lahm von den eigenen -Schlägen.</p> - -<p>Von der Rhone zum Rhein, von Alisaz bis in den Wald der Boheimer -wohnten die streitbaren Männer und hielten das reiche Land in der Hand.</p> - -<p>Heervölker kamen und schwanden, Schlachten wurden geschlagen, und -die Strohdächer ihrer Dörfer verbrannten; einmal beugten die fränkischen -Herren die trotzigen Nacken: die alemannische Volkschaft hielt ihren Boden -und wuchs mit dem Korn der sorgsamen Felder, mit dem Vieh der saftigen -Weiden, mit dem Wein der sonnigen Hügel sacht in die Fülle.</p> - -<h3 id="sec2_23">Die Gepiden</h3> - -<p>Alboin, Audoins Sohn, hatte Thorismund, Thorisins Sohn erschlagen -im Kampf ihrer Völker und hatte die Langobarden befreit von der Übermacht -der Gepiden.</p> - -<p>Darum lagen die Großen Audoin an, daß er den Retter des Volkes und -Sieger als Tischgenoß nähme; aber die Sitte gebot, ein anderer König müsse -dem Königssohn die Waffen darreichen, ihn würdig zu machen zum Mahl.</p> - -<p>Vierzig der Jünglinge rief Alboin da und zog in Thorisins Land; der -nahm ihn auf im Gram seines Alters und hieß ihn sitzen mit Ehren, wo -Thorismund saß im Saal der Gepiden.</p> - -<p>Aber sein Herz hielt den harten Anblick nicht aus und sein Mund sprach -mit Seufzen: Wehe, der Platz ist mir teuer, aber den Mann, der da sitzt, -sehe ich schwer!</p> - -<p>Da schalt ihn Kunimund, Thorisins anderer Sohn, für seinen erschlagenen<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -Bruder und schmähte die Jünglinge Alboins Stuten um ihrer weißen -Schuhriemen willen.</p> - -<p>Aber Alboin, Audoins Sohn, hob seine zornige Hand von der Tafel und -wies gegen Westen und sprach in der Burg seiner Feinde: Draußen im Asfeld -spürte dein Bruder, wie Stuten ausschlagen können.</p> - -<p>Da wurde der Wein verschüttet, die Waffen räumten den Tisch und -traten zum Tanz und rissen die Kluft in den Saal, da Alboin stand im -Schwertkranz der Seinen, und waren Tausend um Vierzig.</p> - -<p>Aber der König sprang auf im Zorn, und die Treue hielt wie ein Turm -der Sitte das schirmende Dach: Wehe dem Mann, der seinem Gast treulos -den Wein verschüttet, und wehe dem Schwert, das seinem Schwur den -Frieden nicht hält!</p> - -<p>Und holte die Waffen Thorismunds her von der Wand und gab sie -Audoins Sohn, und hielt mit wehrenden Händen den Saal still und gab -dem Gast seinen Spruch als Hausherr und König.</p> - -<p>Und hieß ihn gehen in Frieden und hielt ihm den Königsbann bis an die -Grenze, der seinem Volk der bitterste Feind und seinem Blut böse zuleid -war, weil er ihm Thorismund, seinen Sohn, draußen im Asfeld erschlug.</p> - -<h3 id="sec2_24">Die Langobarden</h3> - -<p>Noch einmal schien über die Mittelmeergärten das Glück der alten Gestirne, -aber das Morgenland glühte düster hinein, und der Kaiser war in -Byzanz: sein Exarch regierte das römische Reich in Ravenna, der Senat -war zerbrochen, der römische Papst saß allein in den Trümmern der ewigen -Stadt.</p> - -<p>Zum andernmal zeigte das Schwert der nordischen Völkerentfaltung -das lockende Ziel: der langobardische Trotz ging lachend den Weg der Kimbrer -und Goten, Machthaber der römischen Erbschaft zu bleiben.</p> - -<p>Sie hatten das Volk der Gepiden dienstbar gemacht im verlassenen Ostgotenland -und waren die Starken geworden im Stegreif der östlichen Völker, -als die Kundschafter Alboin lockten, die kühne Heerfahrt noch einmal -zu wagen.</p> - -<p>Über den Birnbaumerwald brachen sie ein in den Mai der römischen -Gärten und schafften im Sommer so fleißige Ernte, daß sie schon warm im -Nest von Verona die Winterrast hielten.</p> - -<p>Da stand noch die räumige Burg Dietrichs von Bern und die steinerne -Brücke; die blonden Langbärte füllten die Stadt mit dem Lärm ihrer Wagen -und Weiber.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span></p> - -<p>In der Burg aber saß der lachende König der Stärke und tat seinen -Spruch, daß dies nur der Rest vor Ravenna und der Steigbügel wäre, ins -Reich der römischen Pfaffen zu reiten.</p> - -<p>Rot rann der Wein in der Burg zu Verona und rief den Übermut wach -der tapfer bestandenen Taten; Alboin tat seinen Trunk aus dem silbergerandeten -Schädel und bot ihn der Königin dar: sie kannte den Becher, die -Tochter des toten Gepiden, sie gab dem König Bescheid und schwur seinem -Frevel heimliche Rache.</p> - -<p>Der ihr den Vater erschlug und sie zwang zu dem greulichen Trunk aus -dem silbergerandeten Schädel, sah den Abend nicht mehr in der Kammer -Dietrichs von Bern; sein Waffenträger Helmichis gab ihm den letzten Bescheid, -der dann zur Nacht mit der Königin ritt auf der Flucht nach Ravenna.</p> - -<p>Sie klagten um Alboins Tod und schwuren ihm blutige Rache; aber sie -taten den Ritt nicht nach Ravenna und Rom; sie säumten ihr Reich im -Schneekranz der Alpen und füllten das fruchtbare Tiefland, das nun die -Lombardei hieß.</p> - -<p>Sie ließen Ravenna und Rom, ließen Kaiser und Papst den Zank um -die Geltung; sie saßen am Freitisch Dietrichs von Bern, aßen und tranken -und hatten die Fülle, wo die Goten den Becher der Bitternis tranken.</p> - -<h3 id="sec2_25">Hengist und Horsa</h3> - -<p>Seefahrer waren die Sachsen, die an der kalten Meerküste saßen; aber -ihr Meer war nicht blau, und keine lässige Fülle dehnte ihm wohlig den -Strand; donnernd sprangen die Wogen und fraßen sich gierig hinein in das -Flachland der Küste.</p> - -<p>Sand und Sümpfe trugen die Spuren der Stürme; die Reifriesen -raubten dem Frühling die Blüte und rissen dem Herbst die Frucht von den -Bäumen; der Wind webte wüst aus der Wolkenwand; die neblichten Lüfte -lasteten kalt auf den Weiden.</p> - -<p>Wenn die Flut kam, standen die Häuser im schmutzigen Schaum, und -wenn sie verebbte, schwamm das kärgliche Grün ihrer Hügel gleich Inseln -im weglosen Sand.</p> - -<p>Faul lagen die bauchigen Leiber der Schiffe im Schlamm, schief an den -schwärzlichen Pflöcken; aber die Flut riß sie auf im schaufelnden Tanz und -warf um die zackigen Hörner der Schiffe das schäumende Zügelband ihrer -Wellen.</p> - -<p>Dann lachte das Herz, das Ruder fiel ein und riß in die jagende Flut<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span> -die Wundmale krallender Tatzen, dann jauchzten die Schiffe hinaus an die -stählerne Wand, sturmvogelfrei im Wechselgesang der wallenden Wolkengehänge.</p> - -<p>Häuptlinge waren die Herren der Hügel, die mit Sassen und Knechten -die kühnen Meerfahrten wagten; der Raub war ihr Recht, der Kampf an -den Küsten der nördlichen Länder die Lust ihres Lebens.</p> - -<p>Gleich einer Schüssel gefüllt mit den Gaben der lustreichen Landschaft -lagen die britischen Küsten den Sachsen dicht vor der Tür; und lange schon -fuhren die Kühnen hinüber, bevor der britische König sie dingte, den Pikten -und Skoten zu wehren.</p> - -<p>Hengist und Horsa hießen die sächsischen Helfer; die hörnigen Schiffe -trugen den Hall ihrer Waffen, die Feinde zu schrecken; aber der britische -König hatte den Bock zum Gärtner gemacht.</p> - -<p>Herren wurden aus Helfern, und Widersacher dem Wohlsein britischer -Tage; die hörnigen Schiffe schliefen am Strand, indessen die sächsischen -Männer die Macht auf den Straßen des Britenlandes fanden.</p> - -<p>Sie hielten das Schwert und prüften die Schärfe und lachten der -schwächlichen Christengesänge, sie setzten sich breit in den Stuhl der britischen -Herkunft.</p> - -<p>Anglia hießen sie prahlend das Land, weil sie sächsischen Stammes, doch -Angeln genannt in der Heimat und stolz ihrer Vetterschaft waren.</p> - -<h3 id="sec2_26">Chlodevech</h3> - -<p>Ein Eber lief aus von den Franken und brach in die gallischen Felder: -Chlodevech, Childerichs Sohn, den die salischen Großen im fünfzehnten -Jahr seines hitzigen Lebens kürten als ihren König.</p> - -<p>Die merowingische Stirn stand ihm steil zu Gesicht und die Borsten -des Ebers – so sprach die Sage – wuchsen ihm stachlig den Rücken entlang: -dem Knaben brannte das Herz nach Ruhm und Gewinn raubreicher -Fahrten.</p> - -<p>Noch aber hielten Burgunder, Alemannen und Goten das gallische -Gatter zu eng für den fränkischen Eber, zornmutig schnob er hinein, die -rostigen Ketten zu sprengen.</p> - -<p>Bei Zülpich hielt das alemannische Schwert der fränkischen Streitaxt -stand; schon mähte es fröhlich die Ernte: da rief der Eber den römischen -Christengott an und beugte den borstigen Nacken, daß er ihm hülfe.</p> - -<p>So wurde der König der Franken Christ; die Kirche hielt ihm die Taufe -zu Reims mit dem Prunk ihrer besten Gewänder. Dreitausend Franken<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -beugten das Knie und sangen dem König zur Messe, und hoben das bärtige -Antlitz gen Morgen, wo im Weihrauch und Wechselgesang lateinischer -Priester das Kreuz auf dem düsteren Hochaltar stand.</p> - -<p>Chlotilde, die Gattin des Königs, hielt lächelnd das Taufbecken hin: -die Chlodevechs Trotz und den grausamen Sinn seiner Großen mit sanfter -List lenkte, hing das fränkische Schwert ans römische Kreuz und schenkte -dem Papst den allerchristlichsten König.</p> - -<p>Da war dem fränkischen Eber bald das Tor im Süden geöffnet, eifrige -Bischöfe brachten heimlich den Schlüssel und wirkten ihm Wunder entgegen; -die Hündin zeigte dem landfremden Eber nächtlich die Furt, und -feurige Zeichen gaben ihm Fährte.</p> - -<p>Als die blutige Streitaxt des Ebers den König der Goten erschlug in der -Schlacht, hatte die göttliche Waltung den Wahrspruch der Kirche gehalten.</p> - -<p>Wohl schloß der Heerbann Dietrichs von Bern dem fränkischen Eber -zuletzt noch das Gatter, aber das gallische Land war den Goten verloren; -über Toulouse und Bordeaux hing die Streitaxt der Franken, Chlodevech -streute das Silber und Gold seines Raubes dem fränkischen Volk auf die -Gasse und tat das römische Prunkgewand an.</p> - -<p>Steil stand ihm die merowingische Stirn zu Gesicht, und die Borsten -des Ebers wuchsen ihm stachlig den Rücken entlang: noch gab es Fürsten -der Franken, die ihm nicht untertan waren; er brachte sie lachend um und -schonte den Letzten nicht seines eigenen Geschlechts.</p> - -<p>Und als er sie alle versammelt hatte in der Gruft seiner Väter, stand er -klagend davor und jammerte laut, unter Fremden ein Fremdling zu sein, -und senkte tückisch den borstigen Nacken, ob sich nicht einer verriete, den -sein blutiger Blick noch nicht fand.</p> - -<p>Er trug als freidiger Unhold das Kreuz in den grausamen Händen, und -war der Kirche ein treuer Knecht und ihrem starken Mirakel; er wurde begraben -in heiliger Gruft, und die lateinischen Lieder sangen um ihn, der -dem römischen Papst die Steigbügel hielt im germanischen Norden.</p> - -<h3 id="sec2_27">Brunhilde</h3> - -<p>Die Blutspur Chlodevechs rann in den Bach merowingischer Mördergeschichte; -unholde Frauen hielten den Haß in blutigen Schalen, riesengroß -wuchs ihr grausames Bild im Gedächtnis der fränkischen Völker.</p> - -<p>Zwei Schwestern kamen aus Westgotenland, Königsfrauen in Franken -zu sein und Gattinnen feindlicher Brüder, Chilperich und Sigibert geheißen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span></p> - -<p>Galswintha die Gute wurde erwürgt in Paris; König Chilperichs -Buhlin, Fredegunde, rühmte sich frech ihrer Tat; Brunhilde, die Schwester -in Metz und Sigiberts Königin, erhob ihren Zorn und rief den König zur -Rache.</p> - -<p>Da mußte sich Chilperich beugen und Buße geloben dem stärkeren -Schwert seines Bruders; Fredegunde aber, die freche Magd auf dem -Thron, fällte Sigiberts Stärke.</p> - -<p>Heimtückisch hoben die Großen Chilperichs den siegreichen Sigibert auf -den Schild und das Volk in Paris lief ihm zu, aber das Gift ihrer Schwerter -gab ihm heimlich den Segen.</p> - -<p>Da trank Brunhilde den Becher der Bitterkeit leer, da wurde Sigiberts -Königin krank im Blutrausch der Rache:</p> - -<p>Die eigenen Großen entführten ihr grausam den einzigen Knaben und -ließen sie treulos in Chilperichs Hand; der hielt die Stolze höhnisch gefangen, -und die in Metz Königin war, mußte in Meldis Klosterdienst tun.</p> - -<p>Aber Merovech, Chilperichs Sohn, entbrannte in Liebe zu ihr und half -der Feindin des Vaters zur Flucht aus dem Kloster: als Merovechs Frau -kehrte sie heim in Sigiberts Land nach gramvollen Jahren.</p> - -<p>Die eigenen Großen aber erschlugen ihr grausam den Gatten; da blieb -sie, Gattin nicht mehr und nicht mehr liebende Frau, nur Königsmutter in -Metz, das zärtliche Reis ihrer Liebe, König Sigiberts Sohn zu hüten im -Haß der Geschlechter.</p> - -<p>Die fränkischen Herren mußten die Hand des gotischen Weibes erfahren: -sie traf den Trotz und dämpfte den Frevel, sie hielt ihrem Knaben den -Horst und trug die Furcht ihrer Stärke ins Land wie ein kreisender Adler.</p> - -<p>Dreißig Jahre lang kam ihr das Königsschwert nicht aus den herrischen -Händen; als Sigiberts Sohn starb, hielt sie den Enkeln das Reich und -blieb als Greisin die unbeugsame Mutter des Landes.</p> - -<p>Aber die Enkel kamen in Streit und die Krone ertrank im Blut ihrer -Kriege; wohl hob Brunhilde den blutigen Reif Sigiberts ihrem Urenkel -auf, doch waren der Raben zuviel um den einsamen Horst ihres Alters.</p> - -<p>Sie riefen Chlotachar her, Fredegundens streitbaren Sohn: die lahmen -Flügel der Gotin taten den letzten Flug ihrer Flucht, aber die Späher fanden -die Spur und fingen den Vogel im steinichten Jura.</p> - -<p>Sie banden der gotischen Greisin die Glieder mit Stricken und hetzten -das Roß, Brunhilde zu schleifen: da löschte der Sohn Fredegundens den -Haß seiner Mutter im Blut und zerfetzten Gebein ihrer Feindin.</p> - -<p>Die Blutspur Chlodevechs rann im Gerinnsel des sterbenden Weibes;<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -riesengroß wuchs ihr Bild im Gedächtnis der Völker, aus uralten Tiefen -brachte die Sage Brünne und Helm, die unholde Frau in Wodans Reich -zu geleiten.</p> - -<h3 id="sec2_28">Gudrun</h3> - -<p>Der gotische Königssohn Hermingild freite Ingunthis, Brunhildens -liebliche Tochter; aber Godswintha, Brunhildens Mutter, war seinem Vater -Leovigild im Alter noch einmal Gattin geworden.</p> - -<p>Godswintha holte dem Stiefsohn die Enkelin selber ins Haus; aber -Ingunthis war fränkisch und fromm, ihr galten die Goten als Ketzer.</p> - -<p>So neigte dem Hermingild bleich und schlank eine Lilie zu; Godswintha, -die Großmutter, sah die Wurzeln in Dornen und Unkraut.</p> - -<p>Das Alter war häßlich und grausam, die Jugend war schön und gerecht: -sie ließ sich schmähen und schlagen und trug die Lilienstirn stolz mit dem -Dornenkranz ihrer Leiden.</p> - -<p>Leovigild aber, der Vater, wollte nicht Zwietracht und Zank im Hause -des Königs, er bannte das böse Zerwürfnis und sandte den Sohn als Statthalter -nach Sevilla.</p> - -<p>Da saß Ingunthis, die schöne im andalusischen Land und heilte die -Lilienstirn im zärtlichen Wind ihrer Wochen; die Kirche bot Balsam und -Weihrauch und weihte das Dornenkränzlein zur himmlischen Krone.</p> - -<p>Die geistlichen Boten kamen und gingen im Eifer bischöflicher Sendung, -der Heilquell kirchlicher Gnaden brach auf: da wurde das Knäblein -römisch getauft, und Hermingild konnte nicht länger als Ketzer die Lilienfrau -kränken.</p> - -<p>Er trank aus den Händen der frommen Ingunthis das Gift der Empörung, -er wurde der Kirche gehorsamer Sohn und brach dem Vater und -König die Treue.</p> - -<p>Drei Jahre lang schlugen die gotischen Waffen im Zeichen des Kreuzes; -aber Leovigilds Hand griff hart in die römischen Dornen: auf der Burg -Osser gefangen, lag ihm der weinende Sohn zu Füßen, der um den Glauben -der schönen Ingunthis in Bitterkeit kam.</p> - -<p>Der König war stark und sein Herz stand nicht still, das Blut seiner -Väter zu bitten; aber der Sohn trug die Krone der Lilienstirn stolz und -beharrlich, bis ihm das Beil des Gerichts den Sühnetag seiner himmlischen -Leidenschaft brachte.</p> - -<p>Da sangen die Messen, und um sein blutiges Haupt webte die Kirche -den leuchtenden Kranz der heiligen Märtyrerkrone; Ingunthis aber die -schöne floh fern über See.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span></p> - -<h3 id="sec2_29">Karl Martell</h3> - -<p>Der Wüstensturm kam und wehte die Glut gegen den Westen; der -Halbmond stand über dem Morgenland, und mächtig wurde das Schwert -des Kalifen an den südlichen Mittelmeerküsten.</p> - -<p>Als Tarik ans Tor des Herkules kam, rief König Roderich den Heerbann -der Westgoten auf; aber lässig lag das lustreiche Land, und längst war -das Schwert Eurichs des Starken verrostet.</p> - -<p>König Roderich fuhr in den Kampf mit acht weißen Zeltern; sieben -Tage lang standen die Sänger bereit, den Sieg zu empfangen; aber am -achten Tag war der König im Schilf des Flusses verschwunden.</p> - -<p>Am Palmsonntag zog Tarik ein in Toledo; die Glocken klangen nicht -mehr von den Türmen, arabische Rosse gingen die Straßen der gotischen -Stadt, und auf der Königsburg wehte das grüne Tuch des Propheten.</p> - -<p>Die Rosse stäubten die Straßen und fanden die Krippen der Ställe gefüllt; -die Schiffe kamen und gingen am Herkulestor; unaufhörlich drangen -die maurischen Scharen ins Westgotenland.</p> - -<p>Abd ar-Rahmân kam, und die Furcht seines Wüstenvolks fiel über die -Franken; aber Karl, der Hammer genannt und Hausmeier des Königs, -hielt den Zermalmer Donars zur Hand, und als er ihn warf, zuckte der -Blitz in die Wolke der Wüste.</p> - -<p>Wie eine Mauer von Eis – so heißt es – standen die nordischen Männer -in Muspilheims Feuer, der Halbmond brannte zu Asche, und hoch in den -Himmel ragte das Kreuz, als Karl Martell, das ist der Hammer, die Wüstengefahr -bannte.</p> - -<h3 id="sec2_30">Pipin der Kleine</h3> - -<p>Hausmeier hießen die Franken den Kanzler des Königs; seinen Hammer -hob Karl in Theuderichs Namen; aber der König war nur der Siegelring -seiner Hand, und als ihm Theuderich starb, ließ er den Thron und die -Krone leer im Palast und ritt allein auf das Maifeld.</p> - -<p>Auch ließ er das Reich seinen Söhnen, als ob es sein eigenes wäre; er -ließ es stark und gerundet und hatte den neidischen Groll der Großen zerschlagen -mit seinem Hammer.</p> - -<p>Karlmann und Pipin hießen die Söhne; sie holten den Childerich her -aus dem Dunkel unnützer Tage und hoben ihn auf den Thron; sie führten -Kriege und mehrten das Reich und hielten den König im goldenen Käfig.</p> - -<p>Aber Karlmann verdrossen die Dinge der Welt, er tauschte das Kleid -mit der Kutte und ließ dem jüngeren Bruder den Teil seiner Macht: so<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span> -wurde Pipin allein Hausmeier im Frankenreich und hielt den Hammer -des Vaters.</p> - -<p>Sie hießen ihn Pipin den Kleinen, doch groß war die Gewalt seiner -kurzen Gestalt: Alemannen, Burgunder, Bayern, Friesen und Sachsen -mußten dem Zornigen büßen, und klein blieb der Trotz seiner Großen.</p> - -<p>Da hob er den Blick auf den Thron und sah den Childerich sitzen, gebeugt -von der Last seiner Krone; er nahm ihm das Gold von der grämlichen -Stirn, er ließ ihm das Haupthaar scheren und tat den Geschorenen still in -ein Kloster.</p> - -<p>Ihm aber mußten die Großen ein neues Königskleid reichen, und die -Kirche brachte das Öl, ihn prunkvoll zu salben, der ihrer Geltung im Abendland -ein Schwert und ein treuer Türhüter war.</p> - -<p>Sie hießen ihn Pipin den Kleinen und freuten sich seiner Stärke, sie -sahen das Schwert bei der Krone, aber sie hörten den Schwur auf das -Kreuz; sie sangen das Lied auf den König der Franken und lauschten der römischen -Orgelgewalt.</p> - -<h3 id="sec2_31">Karl der Große</h3> - -<p>Die fränkische Zeit war erfüllt, das Buch der Könige lag mit blutroten -Siegeln beschlossen, das Reich trat ein in den Gang der Geschichte, und -Karl, Pipins gewaltiger Sohn, war sein Kaiser.</p> - -<p>Der Rhein war die Heimat der Franken gewesen, bevor sie groß wurden -im gallischen Glück; am Rhein saß wieder der fränkische König, der die -Krone über alle Völker Germaniens trug.</p> - -<p>Sie hatten Weide und Wohlstand gesucht, sie waren mit Schiffen gefahren -und auf Kamelen geritten, sie hatten die römischen Gärten besessen -und Königreiche gegründet im Morgen- und Abendland.</p> - -<p>Sie hatten das Bienenschicksal der Kimbrer verkehrt in den gotischen -Hochmut, sie waren Schwertherren gewesen an der Theiß, am Tiber und -Tajo: aber die lässige Fülle machte die Schwerthand faul; das Blut der -Mittelmeervölker trank die Kraft ihrer Glieder.</p> - -<p>Nun war die nordische Springflut verrauscht in den römischen Gärten, -und der Rest ihrer Gewässer füllte den fränkischen See: Alemannen, Burgunder, -die gallischen Goten, Langobarden und Bayern, Friesen und Sachsen -zwang das gewaltige Schwert des fränkischen Königs in seinen Heerbann.</p> - -<p>Gewaltig wie Etzel und Dietrich war Karl und hielt das Abendland -hart in der Zucht seiner stolzen Gedanken; aber nun herrschte kein Hunne<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span> -über germanische Schwerter, kein Gote war fremd in der römischen Feindschaft: -deutsch waren die Völker karolischer Macht, und deutsch war der -König.</p> - -<p>Am Rhein hinauf und hinunter hielten die Pfalzen das Schwert und -die Waage seines Gerichts; sein Stuhl stand zu Aachen im Rheinfrankenland: -da saß er im Glanz seiner eigenen Macht, da war er Hausherr der -Heimat und König im Kreis seiner Recken.</p> - -<p>Wie vormals nach Rom und Byzanz, so ritten nun die Gesandten vom -Morgenland her in den Nebel der nordischen Nächte; sie fanden den Herrscher -des Abendlandes gehen in leinener Kleidung, sie sahen ihn reiten und -jagen wie jeden seiner Getreuen, und wie er den kleinen Dingen des Tages -sein Antlitz treulich zukehrte.</p> - -<p>Sie sahen ihn schwimmen im lustigen Schwall seiner Freunde und Diener -und hörten ihn lachen beim Mahl, fröhlich besorgt um das Wohl seiner -Gäste.</p> - -<p>Sie suchten staunend Prunk und Gepränge und brachten das Bild seiner -Menschlichkeit heim, die frank und frei in germanischer Sitte unter den -Männern der Mann, unter den Helden des Krieges im Frieden der friedlichste -war.</p> - -<p>Hoch aber ragte hinaus über die Dächer der Hallen, frei unter dem -fränkischen Himmel, das Reiterbild Dietrichs von Bern, der seines Herrschertums -höchster Ahnherr und seiner Tafelrunde der rühmlichste Held war.</p> - -<p>Sie hatten das eherne Bild zu Schiff von Ravenna gebracht, durch das -blaue Herkulestor, von der sonnigen Mittelmeerküste hinein in das graue -Gewässer der Nordsee, bis es dem fränkischen Königsstuhl als Wahrzeichen -vorstand.</p> - -<p>Sie hatten auch Säulen und kupferne Gitter genommen von Dietrichs -ruhmreicher Halle und hatten die Kuppel gewölbt nach ihrem sinnreichen -Vorbild.</p> - -<p>Aber das Kreuz stand darauf, und was den Goten Thingstätte war, das -wurde den Franken zur Kirche; denn Karl hieß König und Herr seiner -Völker von Gottes Gnaden; er führte das Schwert seiner gewaltigen -Macht, der Kirche und ihrer göttlichen Sendung in Demut zu dienen.</p> - -<p>Wodan und Donar ritten die wilde Jagd nächtlicher Träume; aber der -Tag stand im Kreuz, und die Wirklichkeit war in den Dienst Gottes und in -die Lobpreisung seiner ewigen Allmacht gelegt.</p> - -<p>Deutsch war der König, deutsch war das Wort und das Linnen der fränkischen -Kleidung, deutsch war das Haus, aber der Stuhl von Sankt Peter -stand geborgen darin und geehrt als Burg Zion.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span></p> - -<p>Eine Kugel galt ihm die irdische Welt; die untere Wölbung war sein im -Zorn und Zank irdischer Taten; hoch aber darüber gewölbt stand der Himmel -der Kirche, dem er in Demut mit deutschem Schwert Schutzherr und -Schirmvogt war.</p> - -<h3 id="sec2_32">Die Nibelungen</h3> - -<p>Als Leo, der Papst, dem König der Franken in Rom den Purpur umhängte, -als wieder ein römisches Reich war im Schoß der katholischen -Kirche, sangen die päpstlichen Knaben in Rom den Göttern Walhals die -Messe.</p> - -<p>Wodan, die wehende Unrast lag in Sankt Peter begraben, aber der -Spuk seines Daseins sank in die nordischen Seelen wie Heimweh.</p> - -<p>Die Glocken bellten den Sieg des Gekreuzigten aus von den Kirchen -und Klöstern, und manche wurden von römischen Mönchen mit in die -deutsche Wildnis gebracht.</p> - -<p>Aber der Wind Wodans nahm den ehernen Schall in die herrische Hand; -er stieß ihn hoch an den Felsen, daß er heulend zerbrach; er warf die jammernden -Stücke hinein in die trotzig schweigenden Wälder.</p> - -<p>Wo die Füße der Ewigkeit gingen in der Waltung natürlicher Mächte, -wo der Donner wohnte im Horst der Wolken und Wetter, wo die Sterne -der Nacht heimlich ihr Strahlengebind wuschen im Abgrund der toten Gewässer: -hielt Wodan zornig Gericht und sandte die Sturmgeister aus in die -Ahnungen einsamer Nächte, die Ungetreuen zu schrecken.</p> - -<p>Der König der Juden hing kalt am Kreuz seiner Leiden: aber die Räder -rollten im Wetter, Donar stand hoch mit dem Hammer und warf die zackigen -Blitze, Freya sank mit der Abendröte hinunter zur Nacht, Baldurs -Scheite lohten im Sonnenwendfeuer, und in den heimlichen Gründen saß -Frigga, die Brunnen des Lebens zu hüten.</p> - -<p>Die aber der Götter Lieblinge waren, hielten das Mahl im Ruhm ihrer -herrlichen Taten; die Sänger stiegen die goldenen Stufen hinunter zum -Brunnen der heiligen Herkunft, sie holten das Mahnwort der Sage herauf -und die Wundersucht ihrer Lieder.</p> - -<p>Sie sangen dem männlichen Mut das Lob seiner Macht, und der Stärke -den Stolz ihrer Stunde; sie gaben dem Leben das Schwert in die Hand und -lachten der knieenden Demut; sie hießen die Stärke gesund, die Schwäche -verächtlich; sie taten der trotzigen Tat das Königskleid an und dem Zweifel -das Narrengewand.</p> - -<p>Sie sangen von Siegfried, dem kühnen Bezwinger der Drachen und<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -Alben; die holdeste Frau war sein Preis, aber die treulose List seiner Sippe -warf den Herrlichen hin; aus Liebeslust wurde die blutige Not im Haß der -Geschlechter.</p> - -<p>Sie sangen von Etzel, dem König der Hunnen, und wie er die blonde -Hildico freite, Siegfrieds verratene Frau; aber der schwarze Zwingherr der -Welt starb in der blutigen Brautnacht.</p> - -<p>Sie sangen von Schwanhild und Randwer, wie sie den Wein verbotener -Liebe genossen, dem greisen König zur Schande; die Rosse Ermanerichs -schleiften die schöne Schwanhild, und Randwer, der Sohn, büßte die Gunst -seiner Mutter am Galgen.</p> - -<p>Sie sangen von Dietrich, dem starkweisen König der Goten, wie er die -Rabenschlacht schlug und wie ihn der Schimmel Wodans heimholte, als -wilder Jäger zu reiten in höllischen Nächten.</p> - -<p>Sie sangen von Brunhild, der heldischen Frau und ihrer furchtbaren -Feindin, wie sie den Männern zum Trutz ihre Burg hielt und wie sie den -Stolz büßte.</p> - -<p>Sie sangen das schmähliche Leid der schönen Ingunthis, wie die schneeweißen -Hände Magdarbeit taten in bitterer Kälte; klagend stand sie am -Meer und sah nach den Schiffen.</p> - -<p>Sie sangen von Gundikars Burg und dem Übermut seiner Recken, von -seiner schmählichen Schuld und dem unendlichen Blutstrom der Sühne; -sie sangen von Hagen, dem finsteren Helden blinder Gefolgschaft; sie gaben -dem Spielmann Volker den Preis der fröhlichen Kunst, lachend zu leben -und lachend zu sterben.</p> - -<p>Die Lieder liefen ins Land wie schäumende Bäche, sie suchten und fanden -ihr Bett im Strom, der die Taten und Leiden, den lachenden Trotz und -die standhafte Stärke germanischer Frühe hinein ins Urgebraus trug, in -das rauschende Naß Ymirs des Riesen, in die donnernde Brandung der -kalten Meerküste.</p> - -<p>Da fuhr das Totenschiff Baldurs hinein in den Norden asischer Herkunft, -da hellte die Lohe den nächtlichen Himmel, da wurde Siegfried der -Erbe des göttlichen Jünglings, da kam dem Cherusker der Glanz in die -Locken, da hob er die Kraft und das gleißende Gold aus den Höhlen der -Albengeschlechter.</p> - -<p>Da band die Sage den Heldenbericht ein in den Kampf der Asen und -Vanen; da fanden der Trotz und die Kraft, der Mut und die Treue der nordischen -Männer ihr strahlendes Gleichnis.</p> - -<p>Das Schuldbuch der Götter tat seine Blätter zum andernmal auf im -Schicksal der Menschen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Buch_der_Kirche">Das Buch der Kirche</h2> - -<h3 id="sec3_1">Jesus von Nazareth</h3> -</div> - -<p>Als der Kaiser Augustus zu Nola in Campanien den Tod sterben mußte, -der das Vorrecht der Gewaltigen auslöscht wie das Unrecht der Geringen, -ging Jesus von Nazareth erst in die Jünglingsjahre: aber noch war Tiberius -nicht in den Polstern seines grausamen Alters erstickt, da hatte das -Kreuz von Golgatha schon den Zimmermannssohn zum Messias erhöht.</p> - -<p>Das prahlende Glück Cäsars und der Glanz des Augustus hatten dem -wölfischen Weltreich die blutige Tollheit des julischen Tyrannen gebracht: -die Lehre des Nazareners ging auf wie Blumen, heimlich in die Gärten der -Greuel gesät.</p> - -<p>Das erste Lot aber seiner Lehre war dies: dem Kaiser gehört euer Leib -und alles, was seine Notdurft verlangt, er kann ihn behängen mit goldenen -Ketten und kann ihn braten auf glühendem Rost; Gott aber gehört eure -Seele und alles, was ihre Sehnsucht vermag, er kann die goldenen Ketten -zur Last und den glühenden Rost zum Lustlager machen!</p> - -<p>Denn der, den sie Messias, das heißt den Gesalbten, nannten, kam nicht -gegürtet mit einem Schwert, sein Reich zu raffen: er ging als Pilger über -die Straßen und Märkte des jüdischen Landes, lächelnd von Liebe und -Weisheit, und säte den Samen der Freiheit in furchtsame Herzen.</p> - -<p>Und weckte Gott aus den Seelen der Menschen, daß er stark würde in -jedem, des irdischen Daseins zu lächeln.</p> - -<p>Denn das zweite Lot seiner Lehre war dies: Gott ist kein böser Tyrann, -über euch thronend in den Wolken, durch Opfer und gute Werke versöhnbar, -Gott ist der ewige Geist aller Dinge, und jedem, der ihn in Wahrheit -erkennt, wird er ein liebender Vater.</p> - -<p>Darum brauchte Jesus von Nazareth nicht das Bußgeschrei der Propheten -noch die Gottesfurcht ihrer Priester: sein himmlischer Vater ließ -seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten, er ließ regnen -über Gerechte und Ungerechte, weil allen sein Himmel der Liebe geöffnet war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p> - -<p>Allen, die gläubig der Gotteskindschaft zur ewigen Allmacht eingingen, -die solches Wunder dem sterblichen Menschen erwies und ihn aus der Notdurft -und sündigen Furcht seines Leibes zur Freiheit der unsterblichen Seele -erlöste.</p> - -<p>Denn das war das dritte Lot seiner Lehre: das Reich Gottes ist nahe -herbei gekommen; es ist der Himmel des Herzens in euch, Reinheit und Demut -sind seine Pforten, gläubige Liebe zum Vater hält seine Burg, und tätige -Liebe den Brüdern gibt ihm die ewigen Waffen.</p> - -<p>Als aber Jesus, der Zimmermannssohn, der dieses lehrend über die Straßen -und Märkte des jüdischen Landes ging, sich selber als Liebespfand der -Allmacht geopfert hatte, als mit dem Hosiannageschrei und dem Kreuzestod -der Umkreis seines irdischen Daseins umrissen war: da blieb der Kreuzestod -in den Herzen seiner geflohenen Jünger und hatte das Lächeln der -Liebe und Weisheit in den Schmerz des Opfers verkehrt; und grausam -ging durch die frohe Botschaft der Riß von Golgatha.</p> - -<h3 id="sec3_2">Paulus</h3> - -<p>Die seine Lehre hörten und ihm als Jünger folgten, waren Fischer und -Findlinge der Einfalt; sie glaubten treulich, daß ihr Meister der Messias -aus dem Geschlechte Davids wäre und warteten in Demut der verheißenen -Wiederkunft.</p> - -<p>Sie hielten sich abseits vom Tempel in der Gemeinde und lebten gemeinsam -aus einem Eigentum; sie waren Juden und gedachten, das Gesetz -und die Propheten zu erfüllen.</p> - -<p>Es kam ihnen aber ein Teppichweber zu mit Namen Saul aus Tarsus -in Kleinasien und römischer Bürger, der in Jerusalem die Schrift studierte, -Rabbi zu werden.</p> - -<p>Glühender im Geist als sie und im Gewissen wühlend, hob er das Sinnbild -der Versöhnung aus dem uralten Passahbrauch der Juden: er hieß Jesus -das Opferlamm Gottes und den Glauben an den gekreuzigten Gott -die Erlösung aus Sündenschuld.</p> - -<p>Was eine Lehre der Liebe und der Weisheit in Galiläa war, das wurde -Glut des Glaubens, die das Gebälk des jüdischen Gesetzes und das Tempeldach -feurig durchbrach.</p> - -<p>Denn Saulus kannte die Wehen der Griechenweisheit und wie die aufgerührte -Welt nach einem Wahrspruch brannte: ihm waren die Mauern -Jerusalems zu finster und die Grenzen Judäas zu eng für seine Sendung.</p> - -<p>Er nannte sich Paulus und trug die Fackel seiner Botschaft von Antiochien<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -nach Zypern, von Troas nach Mazedonien hinüber und fragte nicht, -ob Juden oder Heiden daran entbrannten.</p> - -<p>Es war nicht sein stolzester Tag auf dem Markt von Athen, da die Griechen -den Juden von Tarsus einen Lotterbuben nannten; aber da sprach er -sein Wort von Gott, in dem wir leben, weben und sind.</p> - -<p>Zwischen den Standbildern ihrer gestorbenen Götter, wo das Stichwort -der Stoiker galt von der menschlichen Seele als Absenker Gottes, blies er -dem blutleeren Balg ihrer Lehre den Atem seines glühenden Glaubens ein -und hob ihn auf den leeren Altar, der dem unbekannten Gott wartend dastand.</p> - -<p>Als er dann wiederkam zu den zürnenden Jüngern, die seinen heidnischen -Gläubigen den Eingang in ihre Gemeinschaft verwehrten, schnitt er die -Nabelschnur ab von der mosaischen Mutter: der Kreuzestod Christi sei die -Erlösung auch vom Gesetz der jüdischen Thora.</p> - -<p>Es war die Geburt der christlichen Kirche, als Paulus sich so vor den -Jüngern Jesu bekannte; nicht mehr die Lehre der lächelnden Liebe und -Weisheit gab seinem glühenden Glauben den Grund: der gekreuzigte Gott, -auferstanden vom leiblichen Tod und herrlich gen Himmel gefahren, war -das Wunder seiner Verkündung und die Gotteskindschaft der Seele sein -Gnadenbeweis.</p> - -<p>Aber nun galt der Apostel, der dreizehnte neben den Zwölfen, nicht mehr -als Jude; als er dennoch einging zum Tempel, machten die Jünger einen -Aufruhr um ihn und wollten ihn steinigen, bis ihn der römische Hauptmann -der Wache den zornigen Händen entriß.</p> - -<p>Seitdem berief sich der Jude aus Tarsus als römischer Bürger, der -Christenapostel ging ein in die Stadt, die das alternde Haupt der alten -Welt war und durch seinen Glauben die neue Herrschaft gewann.</p> - -<p>Das Reich der Seele wollte mächtig werden in der Wirklichkeit der Leiber, -das Buch der Richter des neuen Bundes begann das stolze Kapitel der -römischen Kirche.</p> - -<h3 id="sec3_3">Das Kreuz über den Gräbern</h3> - -<p>Als Paulus einging in Rom, war Nero, die Natter des Lasters, Kaiser -der wankenden Welt, das Blut seiner Verbrechen stank in den Straßen -der steinernen Stadt.</p> - -<p>Ihm war der Jude aus Tarsus nicht wert, seiner brünstigen Lehre zu -achten; als aber Rom brannte sieben Tage und Nächte, indessen der lustvolle -Kaiser dem Schauspiel Verse zusprach, mußten die Nazaräer dem römischen<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span> -Volk als Brandopfer dienen, und Paulus sank mit in die glühende -Asche.</p> - -<p>Die dem fressenden Feuer entgingen in den Schlupfwinkeln der schwälenden -Stadt, hielten heimlich zu seiner Lehre: der Kaiser konnte den irdischen -Leib mit goldenen Ketten behängen und konnte ihn braten auf glühendem -Rost; Gott aber gehörte die himmlische Seele, er konnte die goldenen -Ketten zur Last und den glühenden Rost zum Lustlager machen.</p> - -<p>Sie hatten nicht Schulen noch Tempel, ihr Heiligtum wurde in Höhlen -gehütet: wo die Gräber der Gemarterten waren in engen Grüften, -stimmten sie frühmorgens die Lobgesänge an und gingen hinaus in den Tag -und den Tod, verzückte Pilger der ewigen Seligkeit.</p> - -<p>Sie gaben den Armen ihr Geld und den Reichen das frohe Geheimnis -der Botschaft, sie säten die Hoffnung in Herzen, die alles verloren und -nichts zu gewinnen hatten, sie machten die Tore des irdischen Todes weit auf -in die himmlischen Gärten und waren standhaft im Leid, die ewige Lust zu -gewinnen.</p> - -<p>Ob der Kaiser Trajan, von den Römern der Weise genannt, sie als Rebellen -verfolgte, weil ihre Lehre den Kaiser und Knecht, den Bürger und -Sklaven gleichmachte vor Gott: die irdischen Blutstrafen wirkten der Nachfolge -Christi das himmlische Ehrenkleid.</p> - -<p>Viele Kreuze wuchsen dem einen auf Golgatha nach, die Gräberwelt -ihrer Höhlen zu füllen, indessen ihr Himmel sich mit den Bildern der heiligen -Blutzeugen schmückte.</p> - -<p>Das Reich Gottes baute die Räume im Jenseits mit ihren seligen -Freuden und gab dem irdischen Jammertal seine brünstigen Träume: vom -Lohn der Leiden im jüngsten Gericht, vom Paradies als dem ewigen Vaterhaus -der gläubigen Seele.</p> - -<h3 id="sec3_4">Das Schaumgold der Kirche</h3> - -<p>Die aber im Heer des Kaisers dienten als seine Knechte, Mietlinge des -blutigen Handwerks aus allen Ländern der römischen Welt, hörten die Botschaft -der Christen einfältig wie vormals die Fischer und hörten sie gern -als Nachbarn des Todes und als Enterbte der Götter.</p> - -<p>Lange bevor Konstantins List das Kreuz zum Feldzeichen machte, ging -bei den Legionen der Christengott um: darum gewann Helenas Sohn die -Schlacht vor den römischen Toren und zog ein in die Stadt des Augustus -als Schutzherr der Christen.</p> - -<p>Das Kreuz besiegte den römischen Adler; wo die Tempel der Götter verfielen, -wurden den Heiligen Kirchen gebaut, Kirchen über den Gräbern: die<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span> -Lehre des Galiläers stieg hoch in der Gunst der Gewalt, das Gottesreich -aber wechselte seine Gestalt.</p> - -<p>Der Kaiser, der klüglich das Kreuz an seine Staatsherrlichkeit klebte, -blieb Oberpriester der römischen Götter aus furchtsamer Vorsicht, und -taufen ließ er sich erst, als er starb, sündenrein vor den Christengott, als -christlicher Kaiser bevorzugt in seinen Himmel zu kommen.</p> - -<p>Auch war er ein Sohn des Morgenlandes – durch Helena, seine jüdische -Mutter – und dem römischen Bürgertum fremd; er legte das asiatische -Stirnband seines Despotentums an und machte Byzanz zur Hauptstadt -der römischen Welt.</p> - -<p>Wie die Sonne der Griechen mit Alexander rauschgolden im Morgenland -unterging, so schwand der Vollmond römischer Weltbürgerschaft mit -Konstantin hin in die hängenden Gärten.</p> - -<p>Darum war es Byzanz, wo der Kaiser im Weihrauch prunkender Messen -die Lust seiner Allmacht genoß, wo die höfische Geltung der Kirche die -christlichen Hirten zu Weltherren machte.</p> - -<p>Höfischer Pomp und der Weihrauch zeremonieller Gebräuche, die -Rauschgläubigkeit wundersüchtiger Scharen, das Mirakel und der tönende -Schwall himmlischer Freudenverheißung: mit Ornat und Krummstab fiel -es über die christliche Lehre, die Liebe und Weisheit des lächelnden Mundes -erstickend im Schaumgold kirchlicher Feste.</p> - -<h3 id="sec3_5">Simeon aus Sesam</h3> - -<p>Rund um die Küsten der greisen Griechenwelt lagen die Länder der paulinischen -Lehre; Zweifler an den Marmorgöttern hörten die Botschaft seines -gekreuzigten Gottes und die Grübler der uralten Logoslehre.</p> - -<p>Das Morgenland fing wieder an zu glühen, das vor dem Götterhimmel -der Griechenwelt ins Dunkel der Mysterien versunken war; und wo das -Wort der neuen Lehre hinfiel auf den verdorrten Boden, da knisterte der nie -gelöschte Brand.</p> - -<p>Sie ließen die geheimnisvollen Flämmchen des Zoroaster spielen, die -neue Wahrheit und die alten Widersacher aus Licht und Finsternis zu deuten, -sie schürten mit den Zangen der Spitzfindigkeit und fingen das Gezänk -der Deutung an.</p> - -<p>Und waren eifrig, von der Gemeinde die Wissenden zu scheiden, und -legten um die Einfalt der Botschaft den Priestermantel der Erwählung: -im Namen dessen, der die Fischer lehrte und den die Priester kreuzigten, den -Klerus vom Laienvolk zu lösen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span></p> - -<p>Auch sonderten sich manche ab nach alter Weise des Morgenlands, sie -gingen abseits in die Wüste und suchten das Geheimnis der Erwählung in -den Schlupfwinkeln ihres unreinen Geistes.</p> - -<p>Sie leerten ihre Lüste aus und füllten das Gefäß mit Fasten und Verzückung -und wähnten, dem Reich Gottes näher zu sein, als die mit Treue -den Tag bestanden.</p> - -<p>Den sie bei Antiochien bestaunten, ein Hirt mit Namen Simeon aus -Sesam, stand dreißig Jahre lang auf einer Säule, den Wallfahrern ein -Wunder, und lehrte: Jesus habe teil an seiner Torheit, daß er dastände -gleich einem Kranich, der seiner Flügel überdrüssig geworden wäre.</p> - -<p>Eudoxia die Kaiserin, so heißt es, hieß einen Turm daneben bauen mit -offenem Dach, das hallende Gespräch des Heiligen zu hören: so wähnten in -der Wüste ein Hirt und eine Kaiserin der Stimme aus Nazareth zu dienen, -die traurig mit den Traurigen und fröhlich mit den Fröhlichen im Volk gegangen -war.</p> - -<h3 id="sec3_6">Augustinus</h3> - -<p>Ein reicher Jüngling aus Tagaste lebte seinen Sinnen in Karthago, bis -ihn der Geist schalt, daß er gleich einem Tier der Täglichkeit den Trog leer -fräße.</p> - -<p>Der mit bunten Kleidern auf der Gasse ging, fing an zu suchen in den -Schriften, daß ihm der Geist ein besseres Futter fände: so wurde Augustinus -ein Schüler der Griechenweisheit und suchte sein Glück so gierig in den -Schriften, wie seine Sinne die Brunst genossen hatten.</p> - -<p>Als er ein Mann geworden war und selber für einen Meister der Weisheit -galt, kam er ins Abendland, in Rom und Mailand zu lehren: der Zweifel -aber, gieriger als seine Sinne, wollte ihm alle Wahrheit fressen.</p> - -<p>Bis er die Schriften des Paulus fand und daraus die Einfalt zu glauben -lernte; der als ein Meister der Weisheit im Abendland Ruhm zu ernten -gedachte, kam als ein Schüler der Demut zurück nach Karthago, sein Herz -in der Stille der Wüste zu kühlen.</p> - -<p>Da trat der sündige Mensch vor Gott und rang wie Jakob mit ihm um -Erlösung, da stand vor dem glühenden Dornbusch des Glaubens der Zweifel, -sein letztes Reis zu verbrennen, da riß eine Seele den Brunnen der -Wüste auf, ihr Menschengesicht im Spiegel der Tiefe zu schauen.</p> - -<p>Sie holten ihn auf den Stuhl des Bischofs von Hippo, Hirt und -Herold der Kirche zu werden wie keiner; so wurde der Kirche der Mund der -Inbrunst geschenkt und der paulinischen Lehre der hitzigste Streiter.</p> - -<p>Als ewige Erbschaft war an die Schwelle der Menschheit die Sünde<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -Adams gestellt, die Gnade Gottes allein vermochte den erbsündigen Menschen -aus der Verdammnis zu lösen.</p> - -<p>Die Gnade Gottes war der Kirche gegeben; sie war das Reich Gottes -auf Erden über der Macht der weltlichen Staaten; bis das Weltgericht kam -und das bunte Scheingewand der Welt in Flammen verzehrte, hielt sie der -erbsündigen Seele die Gnadentür offen.</p> - -<p>So sprach Augustinus, der Bischof von Hippo, der Kirche den Gnadenschatz -zu, so sank der Stachel der Erbsünde ein in die Christengemeinde, mit -ewiger Verdammnis die furchtsamen Herzen zu schrecken und mit der Verheißung -des Himmels zu locken.</p> - -<h3 id="sec3_7">Nicäa</h3> - -<p>Was zu den Hirten von Bethlehem kam als himmlisches Licht, Gott -in der Höhe zu Ehren, der Erde zum Frieden und den Menschen ein Wohlgefallen, -war eine schwelende Brandfackel geworden der christlichen Rechtgläubigkeit.</p> - -<p>An die dreihundert Bischöfe samt ihrem geistlichen Heerbann hielten -Konzil zu Nicäa, den Punkt zu erzirkeln, wo zwischen der göttlichen Natur -des Erlösers und dem menschlichen Dasein des Zimmermannssohnes sein -Wesen als kirchlicher Lehrbegriff stände.</p> - -<p>Noch war das düstere Wunder paulinischen Glaubens nicht unter Dach, -noch stand das Opferlamm Gottes nicht auf dem Altar der beschworenen -Glaubensartikel, noch war die Dreifaltigkeit nicht im Lehrgebäude der -Kirche gesichert.</p> - -<p>Gottgleich oder gottähnlich, so stritten die Priester mit Zirkeln und -Zangen um den Zimmermannssohn; und hitziger hatten die Juden nicht -vor Pilatus gestanden, als nun die Christen vor Konstantin, der ihrem Konzil -den Prunk des Kaisers umhängte.</p> - -<p>Die gestern noch selber Verfolgten verdammten den Arius da, weil er -das göttliche Wunder allein in der Lehre und nicht im Mirakel des gekreuzigten -Gottes erkannte; sie hießen ihn einen Ketzer, und Christus siegte als -Gottes einiger Sohn im Zankbeschluß seiner Priester.</p> - -<p>Als die Bischöfe danach auseinander fuhren mit dem Heerbann ihrer -Meinung und Lehre, den Hellespont hinüber ins Abendland, und auf mancherlei -Schiffen und Wegen ins Morgenland, fuhr der Zank mit nach Haus, -die Christenheit zu zerspalten.</p> - -<p>Bis Theodosius, von der Kirche dankbar der Große genannt, für die -arianischen Ketzer den Rost glühend machte: im Namen des Dulders der -Liebe, der im Haß der jüdischen Priester den Kreuzestod fand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span></p> - -<h3 id="sec3_8">Wulfila</h3> - -<p>Ein Psalm, der vor dem Tag verscholl, gesungen aus Traum und Wachen, -bevor das wilde Kriegswerk der Völkerwanderung begann, ein Klagelied -aus dem Brunnquell der deutschen Sprache: das war die Gotenbibel -des Wulfila.</p> - -<p>Sie sollte der Psalter des deutschen Evangeliums werden und ist der -Sargdeckel geworden der germanischen Frühzeit, weil aus der fröhlichen -Botschaft der Haß des geistlichen Lehrstreites Giftblumen blühte.</p> - -<p>Der sie den Westgoten schrieb, zwölfhundert Jahre vor Luther den -Deutschen die Schrift zu schenken: Wulfila war arianischer Bischof; und -Arianer, das hieß der römischen Kirche ein Ketzer und schlimmer als Heide -zu sein.</p> - -<p>Sie saßen im Tiefland der Donau, vom schwarzen Schrecken der Hunnen -verdrängt, als Grenzwacht des Kaisers geduldet, und hörten die Botschaft -der himmlischen Ferne:</p> - -<p>Gott war gekommen, der über den Göttern von Ewigkeit war, den -Menschen das glückhafte Reich des Friedens zu bringen, da wieder Gerechtigkeit -wurde, sonniges Land und selige Freiheit den grausam Enterbten.</p> - -<p>Denn Wulfila hatte die Worte der Botschaft in ihre Sprache gebracht: -da klangen die uralten Laute den uralten Sinn, da war die ewige Herkunft -der Dinge, da war ihr himmlischer Vater und sandte Surtur, den herrlichsten -Sohn seiner Stärke, die Seinen zu sammeln aus Not und Bedrängnis.</p> - -<p>So lauschten die Goten dem Wulfila und konnten nicht ahnen, daß sie -der Glaube betrog, daß sie die fröhliche Botschaft ins Fegfeuer des Ketzertums -brachte.</p> - -<p>Arianer und römische Kirche: so war der Kampf angesagt bis aufs -Messer; die Goten und alle germanischen Völker der großen Wanderschaft -hatte ihr gläubiges Herz gegen die römische Schneide gestellt.</p> - -<h3 id="sec3_9">Der Pontifex maximus</h3> - -<p>Pontifex maximus hießen die Römer den obersten Priester, und Konstantin -selber behielt das heidnische Amt trotz dem Kreuz seiner Fahnen.</p> - -<p>Nicht lange aber, so hob der römische Bischof das glänzende Stirnband -aus dem Brandschutt der Götter, als Papst und Statthalter Christi wieder -der Pontifex maximus, im römischen Weltreich der Hohepriester zu sein.</p> - -<p>So wurde Rom noch einmal das Herz der mittelmeerländischen Welt;<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span> -denn der Kaiser war fern in Byzanz und sein Glanz blickte düster ins Morgenland, -indessen der Norden hell wurde im Junglicht germanischer Kraft.</p> - -<p>Der erste Gregor, der Große genannt, Präfekt und Römer von Reichtum -und Rasse, bevor er sein Haupt schor, gab dem römischen Titel die römische -Geltung zurück, das zerfallene Reich Cäsars erneuernd als Macht -seiner Priester.</p> - -<p>Er sandte das Pallium aus, wie vormals der Kaiser die purpurgesäumte -Toga, er ließ seine Legionäre schulen im Orden der Benedektiner.</p> - -<p>Fegfeuer und Seelenmesse, Bilderdienst und der bunte Heiligenhimmel: -das Rüstzeug der Kirche hob seine cäsarische Hand auf, der von Herkunft -ein Römer, aus frommer Neigung ein Priester und der berufene Pontifex -maximus war.</p> - -<p>Der Kaiser war fern in Byzanz, das langobardische Schwert hing dicht -über Rom; in Gallien aber beugten die ersten Germanen das Knie vor der -Kirche: die Franken waren die Feinde der Goten, sie sollten gegen die Langobarden -die römische Leibwache sein.</p> - -<p>Vom römischen Scharfblick geführt, staatskundig und stetig im Schachspiel -steigender Macht, weitblickend aus Nöten der Nähe, brachte die Kirche -den Handel ans Ziel, Pipin den Kleinen als König der Franken zu salben.</p> - -<p>Stephan der Papst kam selber ins gallische Land, reitend auf einem -Maultier, wie Samuel der Priester vor Saul kam, drei Meilen weit ins -Lager der streitbaren Franken von Pipin dem König am Zaum eingeführt.</p> - -<p>Er gab ihm die heilige Salbung und brachte sie heim, die Pipinsche -Schenkung, die ihn, den Hirten der Christengemeinde, zum Fürsten des römischen -Kirchenstaats machte: eine Schrift nur, ein Pergament in den -Falten des Priestergewandes.</p> - -<p>Aber der Pontifex maximus hatte den Heerbann der Franken gesehen -und harrte getrost ihres Schwertes.</p> - -<h3 id="sec3_10">Winfried</h3> - -<p>Sie haben Winfried, den englischen Mönch, Apostel der Deutschen genannt; -als aber Winfried herüber kam zu den heidnischen Friesen – vierhundert -Jahre nach Wulfilas Predigt – waren die Franken, Thüringer, -Alemannen und Bayern schon Christen; nur die sächsischen Völker verehrten -noch Saxnot, den Gott ihrer Väter.</p> - -<p>Die arianischen Goten, Vandalen, Burgunder hatte die römische -Mühle zermahlen, ihre Könige waren verschollen in den Schlupfwinkeln<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -der Sage; noch boten die Langobarden ihr Trutz, aber schon blühte das -Frankenreich, der Kirche gehorsamste Tochter.</p> - -<p>Dreimal zog Winfried nach Rom, der ein frommer Held seines Glaubens, -ein feuriger Herold der päpstlichen Macht war: Gehorsam gegen Rom -zu verkünden, war der heimliche Sinn seiner Sendung.</p> - -<p>Darum sanken ihm Ehren auf das silbrige Haar; Legat und Erzbischof -war er und Primas der deutschen Bischöfe, treu und milder Verwalter des -Hauses, dem er die Balken fügte mit Klugheit und Eifer.</p> - -<p>Denn Pipin der Kleine war nicht nur der Kirche gehorsamer Sohn; der -Hausmeier brauchte den römischen Segen, seinem König die Krone zu nehmen; -wie der Papst seines Schwertes bedurfte, den Langobarden zu wehren.</p> - -<p>Mittelsmann ihrer Machthändel war Winfried der Weise; er schlichtete -klug und ohne kleinliche Ränke, war Kanzler der Kirche und der früheste -Kurfürst am Rhein; er liebte das Land seiner Wahl, der englische Mönch, -und suchte der Ordnung zu dienen, deren mildester Meister er war.</p> - -<p>Weil ihm die anderen Bischöfe seine Ehren mißgönnten, zog er im Alter -tapfer hinaus, noch einmal hinaus zu den heidnischen Friesen; der friedliche -Meister des Lebens fand seinen Tod wie ein Held, als ihn die trotzigen Friesen -bei Dokkum erschlugen.</p> - -<p>Als sein Leichnam stromauf kam durch das rheinische Land, klagten viele -um einen Vater, und manche Glocke, die seine Hand weihte, gab ihm bis -Fulda das Sterbegeläut; nur wenige sahen, was seine milde Geschäftigkeit -hinterließ.</p> - -<p>Ein Netz hing geflochten für den Nachfolger Petri, den größten Fischzug -zu tun: das Morgenland war an den Islam verloren, in Eifersucht -wachte Byzanz; im nordischen Land der Germanen war der Kirche ein -Acker gepflügt, andere Dome zu tragen, als die im römischen Land.</p> - -<p>Das Mittelalter begann, das der neuen Welt Wunder sein sollte; die -Sterbeglocken zu Fulda läuteten seinen Beginn.</p> - -<h3 id="sec3_11">Widukind</h3> - -<p>Während die gotischen Völker das Glück und den Fluch der römischen -Erbschaft fanden, während die Franken im gallischen Land dem römischen -Papst die Steigbügel der neuen Weltherrschaft hielten, hatten die Länder -der Weser die Volksschaft der Väter bewahrt.</p> - -<p>Frei wie zu Tacitus Zeiten hielten die sächsischen Gaue den Thing und -das Weistum, und sprachen Recht im Schwertzeichen Saxnots, bis Karl -der fränkische König das Kreuz über sie brachte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span></p> - -<p>Gleich Drusus, dem Römer drang er von Süden ein durch das hessische -Waldland, raubend und brennend; und wo das Schwert des trotzigen Blutes -satt war, schwangen die Mönche den Weihrauch und sangen die römische -Messe.</p> - -<p>Die Eresburg fiel, die Irminsul wurde zerstört, den heiligen Hain fraß -das Feuer, so wurde im Namen des Kreuzes fränkische Mark, was ein -Jahrtausend lang sächsisches Freiland war.</p> - -<p>Die Mönche sangen zur Messe, die Grafen hielten Gericht im Namen -des fränkischen Königs und beugten das uralte Recht der Sachsengemeinde.</p> - -<p>So war dem Franken der Sprung in den sächsischen Sattel geglückt: -aber dann bäumte das Roß, und der Ritt begann, rauchend von Brand -und Blut dreier Jahrzehnte.</p> - -<p>Wie vormals Armin, Segimers Sohn und Fürst der Cherusker, war -Widukind Herzog von Sachsen; dreizehn Jahre lang bot er der fränkischen -Zwingherrschaft Trotz, freudig und flüchtig im Wechsel des Waffenglücks, -ein Meister der List und ein Nacken unbeugsam, das Unglück zu tragen.</p> - -<p>Denn ob er Fritzlar verbrannte und Fulda bedrohte, daß die Mönche -flohen mit Winfrieds Leiche, ob er vorstieß bis an den Rhein: die fränkische -Feldkunst warf das Ungestüm seiner Kriegshaufen nieder, und immer grausamer -dämpfte Karl den sächsischen Trotz.</p> - -<p>Bis der Tag an der Aller kam, wo ihrer viertausendfünfhundert geschlachtet -wurden – Edlinge des sächsischen Volkes, die sich freiwillig stellten -– daß der Bach sich färbte im Blut und das Feld faul wurde im Gestank -der edelsten Leiber.</p> - -<p>Noch einmal rief da der Grimm die Waffen Saxnots zuhauf; bei Detmold -kam es zur Schlacht, die dem gewaltigen Karl das Schwert stumpf -machte, aber den Sachsen das ihre zerbrach.</p> - -<p>Widukind beugte den Nacken vor dem fränkischen Christ! Drei Tage -lang sangen die Priester Danklieder in Rom, weil der Herzog der Sachsen -zur Taufe nach Gallien ging.</p> - -<p>Den Franken gelang, was dem römischen Adler mißglückte, sie blieben -Zwingherrn im Weserland, besiegelt im Kapitular der sächsischen Knechtschaft, -mit Blut geschrieben zu Paderborn und aller Gesetze furchtbarstes:</p> - -<p>Des Todes soll sterben, wer die Fasten nicht hält, wer sein Kind der -Taufe verbirgt; des Todes soll sterben, wer sich selber der Kirche verweigert; -des Todes soll sterben, wer einen Leichnam verbrennt nach germanischem -Brauch!</p> - -<p>Aber der Hund fraß wieder, was er ausspie: noch manchmal stand Saxnot<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span> -auf in den Herzen der Seinen, bis er für immer zur Hölle fuhr, der uralte -Lichtgott der Deutschen, verdammt von den römischen Mönchen.</p> - -<p>Zu Tode gehetzt von der slawischen Meute der Wenden, denen der fränkische -Räuber das sächsische Elbland hinwarf als Beute, zu Tausenden aus -ihrer Heimat geschleppt, für immer getrennt von Weib und Kindern, verraten -von treulosen Grafen: so wurden die Sachsen zu Christen gemacht, -im Namen der lächelnden Liebe.</p> - -<p>Bis endlich drei Bistümer blühten im Weserland, zu Bremen, zu Münster -und Paderborn: drei Hochkreuze des allerchristlichsten Königs, drei -Leichensteine auf dem Kirchhof des sächsischen Volkes, drei Krummstäbe -über dem Nacken germanischer Freiheit.</p> - -<h3 id="sec3_12">Carolus Augustus</h3> - -<p>Als Karl, der Frankenkönig, sein Sommerlager hielt zu Paderborn im -Land der Sachsen, kam Leo, der Papst, als ein Flüchtling zu ihm.</p> - -<p>Den hatten die Römer am hellen Tag aus einer Prozession gerissen, -halbtot geschlagen und gefangen aus Rom fortgeführt: mit List entwichen -und die Mühsal der Alpenfahrt nicht scheuend, rief der Pontifex maximus -den Frankenkönig als seinen Schirmherrn an.</p> - -<p>Es fand sich danach, daß der Statthalter Christi der Unzucht und des -Meineids beschuldigt war; so hielt der Frankenkönig feierlich Gericht in -Rom und strafte die Ankläger hart, als sich der Papst mit seinem Eid zu reinigen -vermochte.</p> - -<p>Das aber geschah vor Weihnachten, als es achthundert Jahre her war, -daß Maria im Stall von Bethlehem ihr Knäblein gebar: nun stand das -Kreuz auf tausend Kirchen, und statt der Hirten kamen die Großen der -Welt an seine Krippe.</p> - -<p>Als in der Christmesse das Heergefolge des Frankenkönigs sich durch die -Römer drängte und Karl, der Schwertgewaltige, in Andacht kniete vor -dem Altar der Peterskirche, da krönte ihn der Papst, und die Lateiner -stimmten ein in den bestellten Ruf:</p> - -<p>Carolus Augustus, dem von Gott gekrönten friedenbringenden Cäsar -der Römer, Leben und Sieg!</p> - -<p>Es war ein Franke, den sie zum Kaiser riefen, ein Franke, der morgen -Rom schon wieder den Rücken kehrte; aber so verkehrte sich das Angesicht der -Welt:</p> - -<p>Roma die vielerfahrene ließ ab vom Morgenland und huldigte dem -Starken, der von Norden in ihre Netze kam, ließ Syrien und Ägypten,<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -Kleinasien und Byzanz, weil sie die Herrin bleiben wollte in der neuen Zeit, -wie in der alten.</p> - -<p>Der Frankenkönig aber, der sonst in einem Wams von Otterfell ging -und als Patricius der Römer den Seinen fremd dastand in römischen Gewändern: -er fühlte die Krone auf seinem Haupt von Gottes Gnaden und -staunte, das Reich Gottes sei doch von dieser Welt, weil er sein Herrscher -und der treue Diener der Priesterlehre war.</p> - -<h3 id="sec3_13">Der gläserne Grund</h3> - -<p>Als Karl der Große begraben lag in seinem Münster zu Aachen und -Ludwig der Fromme, sein Sohn, Herrscher des Frankenreichs war, von -Karl zum Kaiser gekrönt mit eigener Hand, stand vor dem Königsgebäude -noch immer das eherne Reiterbild Dietrichs von Bern aus Ravenna.</p> - -<p>Denn der die Stämme der Sachsen, Alemannen, Bayern und Langobarden -in harten Kriegen bezwang, war Uferfranke und deutschen Geblüts: -seine Sprache war deutsch, auch trug er sich fränkisch und legte nur zweimal -in Rom das Prachtgewand römischer Kaisermacht an.</p> - -<p>Wie sein Münster in Aachen gebaut war nach gotischem Vorbild, und -wie er die deutsche Predigt verlangte, so ließ der Kaiser die Lieder aufschreiben -von Siegfried, Dietrich und Hildebrand und die uralten Göttergesänge.</p> - -<p>Aber sein Sohn von der schwäbischen Hildegard zeigte niemals lachend -die Zähne und wäre lieber ein Mönch, denn ein Kaiser gewesen; er warf die -Lieder der Deutschen, vom Vater mit Eifer und Ehrfurcht gesammelt, ins -Feuer, schaudernd vor dem Abgrund der heidnischen Herkunft.</p> - -<p>Da brannte sie hin, die heilige Sprache, uralt und glanzvoll gefügt.</p> - -<p>Die Riesenleiber der Götter und Helden flackerten auf in den Schattenbildern -der Sage, spottend der kindischen Torheit: aber das Wort sank hin -in die Asche, das ihrer Taten volkstümliches Kleid war und Seelenhort der -germanischen Frühe.</p> - -<p>Wohl sprachen die Männer des Volkes deutsch wie zuvor, aber nun -hatte ihr Wort keine Schrift mehr; die Bildung in Klöstern und Schulen -schrieb fremdes Latein: einer gemähten Wiese gleich lag die Volksseele da -mit abgeschnittenen Halmen und wucherndem Unkraut.</p> - -<p>Unermüdlich aber aus den Schleusen der Klöster und Kirchen lief das -lateinische Gewässer hinein und gefror zum gläsernen Grund, darunter der -Spuk der germanischen Seele, auf die Märzstürme wartend, den Winterschlaf -hielt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p> - -<h3 id="sec3_14">Die schwarzen Mönche</h3> - -<p>Schwärmer und Schelme der Müßigkeit kamen vom Morgenland, -Schaffner Gottes zu werden nach abendländischer Losung.</p> - -<p>Denn Benedikt, der auf dem Monte Cassino das Mutterhaus der -abendländischen Klöster baute, gab dem Gebet die Arbeit, der Verzückung -den Fleiß an die Hand.</p> - -<p>Die Weltflucht entsagte dem Nutzen, doch nicht der nützlichen Leistung; -der Überdruß vornehmer Römer sprang in die Flut der lautlosen Tat, die -aus dem Nichtstun in Ehren erlöste.</p> - -<p>Als danach die schwarzen Mönche ins Nebelland der deutschen Urwälder -kamen, wurden Sankt Gallen, die Reichenau, Hersfeld, Fulda und -Wessobrunn die Standlager entsagungsvoller Mühsal, bevor in den Klostergärten -der Wohlstand spazieren ging.</p> - -<p>Dann freilich wuchs ihr Reichtum sich aus zu grünen Inseln, die aus -der Tannenwildnis die Sonne saugten und die Wärme stahlen: der Frühling -blühte über sie mit anderem Licht, der Sommer reifte Garben wie nie -zuvor, und wenn der Herbst kam, hingen die Spaliere von Trauben und -Birnen schwer.</p> - -<p>Der Sonnensegen flog durchs Land, im Klosterhof zu rasten, ein Wundervogel, -der nach der Glocke flog und ahnungsvoll inmitten schwarzer Wälder -die grünen Inseln fand.</p> - -<p>So wurden Pfründen, wo der Atem der harten Rodung keuchte; Laienbrüder -buken das weiße Brot und dienten dem Behagen, das in dem Täfelwerk -wohnlicher Kammern auf breiten Stühlen saß.</p> - -<p>Die Metten nahmen dem Gebet die Arbeit sacht aus der Hand, und -Gott war zärtlich geschützt, wenn er im Kreuzgang trockenen Fußes spazieren -ging.</p> - -<p>Und fing auch wieder an, die Kunst zu lieben, den Klang der Orgel und -den bunten Psalter; lustreiche Farben malten ihm das Haus, und Gläser -glühten Feuerglanz im Tageslicht der Fenster.</p> - -<p>Auch las er gern in alten Schriften und dachte sich neue Taten aus; er -ließ das Wunder blühn mit Rosenranken, daran die Heiligen sich ritzten, -ihr Blut zu tropfen: doch war kein Schmerz in ihnen und keine Not um sie, -weil die Legende die Himmelsleiter hielt.</p> - -<h3 id="sec3_15">Die Legende</h3> - -<p>Aus Blutbächen rann das Geheimnis der christlichen Lehre ins römische -Reich; glühende Roste, gemarterte Leiber, heiße Bekenner und heimliche<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span> -Gräber webten den Teppich der kirchlichen Herkunft mit brünstigen -Farben.</p> - -<p>Der Heiligen Leben und Leiden malte im Glauben verachteter Christengemeinden -die Bilder der Ahnenverehrung; der Heiligen himmlischer -Fürspruch half den zagenden Herzen in einen tapferen Tod.</p> - -<p>Um ihre Särge wuchsen die Kirchen der Wallfahrt, und um ihr Gedächtnis -wand die dankbare Liebe den Kranz der Legende: ihre Leiden blühten -darin mit blutroten Rosen, dornige Ranken ins messianische Wunder -zu flechten.</p> - -<p>Als aber die Blumen der Lehre, heimlich gesät in die Gärten der Greuel, -friedlich aufgingen im Abendland, als die Kirche selber den Garten bestellte, -war die Legende nicht still: und ging aus dem blutigen Düster morgenländischer -Herkunft ein in die Landschaft der Wälder und Wiesen.</p> - -<p>Nicht mehr zur Schlachtbank führte der Heiligen Leiden, aber das rankende -Wunder blieb um ihr Leben, nur wurde es grün und statt der blutroten -Rosen blühten die Himmelsschlüssel einfältiger Tugend.</p> - -<p>Den heiligen Martin drängte sein Herz, der frierenden Blöße des Bettlers -den Mantel zu teilen, den Hasen zu schützen vor den scharfen Zähnen -der Hunde.</p> - -<p>Da war noch einmal das Paradies der Heiligen hold geöffnet: das Wild -des Waldes diente ihm treulich, die Vögel der Luft und die Fische des -Wassers brachten ihm Nahrung gleich dem Elias, Gewitter und Hagel -gingen demütig zur Seite, wenn der Heilige kam.</p> - -<p>Und als den verschwundenen Bischof, den heiligen Wolfgang, die Schar -seiner Freunde fand in der Wildnis, ihn heimzuführen nach Regensburg: -da hob sein Kirchlein sich hinter ihm her, dem täglichen Freund der Einöde -zu folgen treu wie ein Hund; bis ihm der heilige Wolfgang weinenden Herzens -den Abschied gebot.</p> - -<p>Die brünstigen Farben verblaßten, Marter und Buße vergingen im -goldgrünen Geheimnis der Wälder, der Wüstensand wurde gütiger Schnee, -und Moos wuchs auf den steinigen Wegen, die Seele begann ihr trauliches -Spiel um die fremden Gestalten: als die Legende vom Morgenland mit -staubigen Schuhen in den tauigen Grund der Wiesen und in den Schatten -der deutschen Wälder gelangte.</p> - -<h3 id="sec3_16">Der Heliand</h3> - -<p>Zu Schanden geschlagen war das sächsische Volk durch die Faust des -fränkischen Königs, seine Götter waren gewichen ins nordische Land, wo<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -die Wahrzeichen Wodans und Donars noch standen und Saxnot die Seinen -beschützte.</p> - -<p>Der Gott der lateinischen Mönche war nicht der Gott der sächsischen -Seele, und der gekreuzigte Sohn der Maria blieb ihrem Blut fremd, bis -ein Sänger der Sachsen daraus den Heliand machte, aller Könige kräftigster -und der schönsten Frau herrlichstes Kind.</p> - -<p>Da wurde er Wort der Waltenden, ging ein in die Höfe der Freien und -hielt den Thing aus dem Recht seiner edlen Geburt.</p> - -<p>Der Waltende selber kam aus dem Weistum, der Königssohn aus dem -Himmel trat in den Mittelraum ein, im Kranz seiner Degen ewige Weisheit -zu künden.</p> - -<p>Denn der den Heliand sang im Stabreim uralter Gesänge, war anderen -Blutes als Paulus, der römische Jude: Nachfahre der Jünger in -gläubiger Einfalt, kein grübelnder Geist weltfeindlicher Lehre.</p> - -<p>Ihm tönte die Stimme der Liebe und Weisheit wieder, die Menschen -zu lösen vom Leid, doch sprach sie deutsch und klang zu den Mannen und -Degen.</p> - -<p>In den Schlag der Schwerter sprach der Walter der Welt, der Söhne -stärkster aus Bethlehemsburg stand auf als Schutzherr der Menschen gegen -die grimmige Hel:</p> - -<p>Und als der Fürst in die Hände des römischen Herzogs kam durch den -Haß der jüdischen Großen, da zitterte Satan vor seinem Tod, daß er die -Menschen erlöse.</p> - -<p>Er mochte die Herzogin listig verleiten, daß sie ihn losbäte von ihrem -Gemahl, die Waltung der ewigen Weisheit zu stören; der Landeswart aber -wollte sterben am Kreuz und leiden als der Geringste, daß seine Wiederkunft -offenbar würde den Zweiflern und Zagen als Zeugnis seiner göttlichen -Sendung!</p> - -<p>So brachte ein Sänger der Sachsen den Heliand deutsch in die Welt, -aus Walhal geboren als göttlicher Held gegen Hel, die des Satans Mutter -und Urfeindin der göttlichen Herrlichkeit war.</p> - -<p>Kein Opferlamm mehr, im Tempel zur Schlachtbank geführt, als Versöhnungsopfer -die Sünde zu sühnen nach jüdischem Priestergesetz: ein König -der Weisheit und Stärke, urkräftig aus ewigem Recht, kündete seine -Wiederkunft an.</p> - -<h3 id="sec3_17">Die Heliandsburgen</h3> - -<p>In Worms, in Speyer, in Mainz und in Köln stand ihre Steingewalt -auf aus dem mannhaften Glauben der Zeit, den Lindwürmern gleich der<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span> -salischen Sagen mit schuppigem Rücken und kräftig umgürtet im steinernen -Knochengerüst.</p> - -<p>Keine Tempel der Griechen mit marmornen Säulen und keine römischen -Hallen, Bethlehemsburgen des Heliand und Waltungsstätten der -Wiederkunft, Trutzburgen tapferer Hoffnung aus kläglicher Knechtschaft -und Sicherheit starker Vergeltung.</p> - -<p>Urtief glühten die Augen der kreisrunden Fenster, und wehrhaft hielten -die Pfeiler der kommenden Macht das Gewölbe, steinern umgürtet und -mit Knäufen von Weltschwertern geschmückt.</p> - -<p>Wohl hüteten steinerne Schranken den Chor und das Schauspiel der -Messe: aber einmal kamen gewaltige Schritte, in den Himmel wuchsen die -Hallen mit den fünfhundertvierzig Türen Walhals; vorbei war die Knechtschaft -der Kühnen, vorbei das Genäsel lateinischer Priester.</p> - -<p>Wie draußen der Rhein floß durch Tage und Nächte, als ob es Pulsschläge -der Ewigkeit wären, wie die Wolken wanderten über die höchste Erhebung, -wie die Stürme brausten in den schwärzesten Nächten, wie die -Träume der alten Zeit gingen von Wodan und Thor, den hallenden Nachfahren -Zius, wie Segifried, Dietrich von Bern, Hildebrand und der grimmige -Hagen: so hielt die wehrhafte Haltung romanischer Dome Wacht -über das Land für Heliands Wiederkunft.</p> - -<h3 id="sec3_18">Cluny</h3> - -<p>Das Reich Gottes war nicht von der Welt dieser Kirche, darin die -Priester nach Pfründen jagten und die Klöster Schatzkammern klüglich -gepflegter Wundersucht waren.</p> - -<p>Zum andernmal ging seine Lehre auf wie Blumen, heimlich gesät in die -Gärten der Greuel; aber nun geisterte sie nicht mehr in Grüften und tönte -nicht mehr von den Säulen selbstseliger Mönche.</p> - -<p>Der Norden trat in die Erbschaft der römischen Christenheit ein und -brachte den Mut germanischer Sittlichkeit mit; der Heliand kam, der Walter -aus Bethlehemsburg in den Mittelraum, den Tag in ewige Tiefen zu -tauchen.</p> - -<p>Das Wort sank wieder in Gott und gebar die demütige Tat und die -Inbrunst des ewigen Lebens, die aller irdischen Freuden glückhafter Untergrund -war.</p> - -<p>Das Kyrieleis der lateinischen Messe stahl sich fort in den deutschen Gesang -der ländlichen Weisen; die Seele fing an, der himmlischen Tröstung zu -trauen, das Lächeln der Weisheit und Liebe kam in den Segen der Pflicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p> - -<p>Ein burgundischer Grafensohn, Berno, der Abt von Cluny, zwang die -üppigen Klöster zurück in die strengen Gelübde, daß sie wieder des frommen -Fleißes bewahrte Werkstätten, Zuchthäuser der Kirchenzucht wurden; und -Heinrich der Dritte, der salische Franke, brachte die Kirchenreform der -schwarzen Mönche von Cluny in den unholden Streit der römischen Stola.</p> - -<p>Er gab der geschändeten Kirche den Bischof von Bamberg als heiligen -Vater und noch vier andere Päpste danach von germanischer Herkunft.</p> - -<p>Leo der Neunte, den die Kirche den Heiligen nennt, ein Grafensohn aus -dem Elsaß, dem Kaiser verwandt und seiner Strenge in Milde verbunden, -wurde zu Worms auf dem Reichstag der Deutschen gewählt und zog im -Pilgerkleid ein in das spöttisch wartende Rom.</p> - -<p>Türhüter nur und Verwalter war er im Weinberg des Herrn, kein -prahlender Fürst in Sankt Peter, kein Pontifex maximus mehr, gleich -Winfried die Mühsal schwieriger Fahrten nicht scheuend.</p> - -<p>Dreimal kam er nach Deutschland hinüber, das nun das reichste Kirchengut -war, dreimal in seinen sechs Jahren, nach den Knechten der Kirche -zu sehen.</p> - -<p>Sie wurden nicht alt in der römischen Sonne, die deutschen Päpste des -Kaisers, zwölf Jahre nur hielten die fünf den heiligen Stuhl: aber sie hoben -den Fischerring aus dem römischen Unrat und gaben ihn blank an den Starken, -der seinen rothaarigen Kopf über alle Päpste erhob und die Kirche zurück -führte in die Absichten cäsarischer Weltmacht.</p> - -<h3 id="sec3_19">Canossa</h3> - -<p>Hildebrand hieß er wie der grimmige Waffenmeister Dietrichs von -Bern, rothaarig war er und eines Zimmermanns Sohn im toskanischen -Land: Gregor der Siebente, der streitbar gewaltige Papst, der das Gottesreich -wahrmachen wollte als irdische Herrschaft der Priester über dem Kaiser -und allen Fürsten der christlichen Welt.</p> - -<p>Wie der Mond sein Licht von der Sonne, so nähme der Kaiser vom -Papst die Gewalt; allein der Papst als Statthalter wäre von Gott.</p> - -<p>So trüge die Kirche zwei Schwerter; das geistliche führe sie selber, das -weltliche liehe sie aus an den Kaiser und seine Fürsten: Verflucht aber sei, -wer das Schwert aufhalte, daß es nicht Blut vergösse!</p> - -<p>Das war die Lehre der Liebe nicht mehr und nicht mehr die weise Scheidung, -Gott und dem Kaiser zu geben, was Gott und dem Kaiser gehörte: -der Pontifex maximus selber wollte Augustus der Christenheit werden, das -Mönchtum von Cluny sollte sein Schildhalter sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span></p> - -<p>Er nahm dem Priester die Ehe und der Fürstengewalt die Belehnung -der geistlichen Ämter: er baute die Kirchenmonarchie, darin der Messias -ewiger Herrscher und der Papst als Statthalter Christi der Völker- und -Fürstenregent war.</p> - -<p>Der Kaiser war noch ein Knabe, der Papst eine geprägte Gestalt, als -Gregor der Siebente Heinrichs des Vierten Zuchtmeister wurde, als der -Pontifex maximus dem Kaiser das Herkommen kündigte, als der Kampf -der römischen Kirche mit dem deutschen Schirmherrn begann.</p> - -<p>Ein Knabe als Kaiser, das Reich ein Streitfeld rebellischer Fürsten, an -den Wurzeln versehrt im Aufruhr der Sachsen; ein Knabe als König, hochfahrend, -leichtfertig, übel beraten: da wagte der Papst den Riß durch den -Vorhang der Welt.</p> - -<p>Sein Bannstrahl verbrannte dem Kaiser das Kleid, weil er die Fürsten -– unlustig und treulos – des Eides entband; im Büßerhemd, barfüßig im -Schnee, kam Heinrich der König vor ihn zu Canossa, den Bannstrahl zu -löschen.</p> - -<p>Da lag dem toskanischen Mönch der salische Trotz zu Füßen, der Schirmherr -der Kirche im Staub vor dem Statthalter Christi, der Mond weltlicher -Macht des Lichtes der Sonne bedürftig.</p> - -<p>Es war im vierten Jahr seines Amtes, als dem streitbar gewaltigen -Papst so Stolzes gelang; aber im elften Jahr kam Heinrich als Sieger -nach Rom: er hatte die treulosen Fürsten gezüchtigt und ließ sich krönen von -Clemens dem Papst, den er sich selber als Schirmherr der Kirche ernannte.</p> - -<p>Ob ihn normannische Hilfe befreite aus schmählicher Haft: Hildebrand -starb im Exil; das zuckende Herz des römischen Weltrichtertraums liegt in -Salerno begraben.</p> - -<p>Die Sonne sank unter in brandiger Glut, und der Mond stieg grell in -den Raum; die Lehre der Liebe und Weisheit ging auf den Straßen bei -Tag und bei Nacht, sie sah den Mond und die Sonne im Wechselspiel -steigen, sie wußte beide in Gottes Hand und traute den ewigen Sternen.</p> - -<h3 id="sec3_20">Die Kreuzzüge</h3> - -<p>Der Wüstensand hatte die Lehre Christi verweht, und die Palmen -Mohammeds wuchsen im Morgenland: Kalif und Kaiser hatten die Nähte -der Welt mit scharfem Schwert aufgetrennt.</p> - -<p>Als der Gottesstaat in der Christenheit Macht werden wollte, war er -landfremd und seinem Heiligtum fern: Jerusalem war in die Hände der -Türken gefallen, am Tor der Zionsburg hielten Ungläubige Wacht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span></p> - -<p>Aber dann kam der Cid, und der Ruhm seiner Taten sang von dem Ritter, -der die kastilischen Christen aus maurischer Herrschaft befreite: das -römische Traumglück schwoll auf, die verlorene Hälfte der Welt neu zu gewinnen, -im Abend- und Morgenland wieder die alte Roma zu heißen.</p> - -<p>Ein Jahrtausend war die Christenheit alt, da sie aufstand im Zeichen -des Kreuzes, da die Kirche des Friedens als Schwertmacht zu gelten verlangte; -der Einsiedler Peter von Amiens ritt vor ihr her auf dem Esel, einen -verdorrten Ölzweig des heiligen Landes in der fanatischen Hand.</p> - -<p>Noch einmal schienen die Völker Europas zu wandern: raubfahrende -Haufen zuerst, durch die Länder hinbrausend wie Heuschreckenschwärme, -die Juden erschlagend; danach die Heere der Ritter mit unendlichem Troß -und der bunten Vielheit der Trachten.</p> - -<p>Ein Tropfen Tollheit fiel in den Trank und schäumte auf in den Lüsten -der drangvollen Zeit; den Rittern winkte der Ruhm himmlischer Minne, -den Fürsten Ländergewinn, Abenteuer den Knechten und Raub dem Gelüst -zuchtloser Scharen: allen der Ablaß jeglicher Schuld.</p> - -<p>Zweihundert Jahre lang schäumte der brünstige Wahn, der Friedrich, -den schwäbischen Rotbart, im Saleph ertränkte, den Deutschen das Reichsschwert -entwand und Rom von dem lästigen Schirmherrn der Kirche befreite.</p> - -<p>Denn nun war der Statthalter Christi selber Herr der Heerscharen geworden, -er hielt dem Gottesstaat die Schärfe des Schwertes, er schüttelte -den Baum, daran die Könige des Abendlandes hingen als reife Früchte.</p> - -<p>Als Innocenz Machtfürst der Christenheit und Reichsverweser Gottes -war, ging Gregors Traum in Erfüllung: da hießen Bischöfe Landvögte -seiner Botschaft und Könige Büttel der römischen Befehle.</p> - -<p>Da zuckten die Blitze seines Bannstrahls und trafen in die Kronen, da -rauschte das päpstliche Gewitter Hagel und Sonnenschein ins Abendland.</p> - -<p>Da stand die Sonne im Mittag, und der Mond war verblichen; die -neue Roma reckte sich im Glanz der dreifachen Krone.</p> - -<h3 id="sec3_21">Die Hunde des Herrn</h3> - -<p>Der Gottesstaat der Priester tat seinen Willen kund, daß Sakrament -und Seligkeit Machtmittel seiner Herrschaft wären, Glaube und Glaubensgehorsam -das einzige Bürgerrecht.</p> - -<p>Aber nicht im Gesetz machthabender Priester, nicht im Mirakel der -Messe, nicht im Schaumgold kirchlicher Feste war die Verheißung der -Lehre; sie suchte noch immer auf Märkten und Wegen, und weil sie im<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span> -gleißenden Mittag der Kirche die ewigen Sterne nicht fand, ging sie den -nächtlichen Gang der Beschwörung.</p> - -<p>Wie die ersten Christen in Rom das Geheimnis der Grabkammern hatten, -verzückt und der Wahrheit gewiß, so fing in den Nächten der neuen -Priestergewalt das unterirdische Geleucht heimlicher Schatzgräber an.</p> - -<p>Einfältig im Tun des heiligen Franz, des selig Verzückten, der im Leid -die Nachfolge Christi, im Spott den Honig der Duldung und in der Armut -den Reichtum Gottes genoß.</p> - -<p>Zwiespältig im Trachten grübelnder Geister, mit den zuckenden Flämmchen -des Zoroaster das Dasein zu deuten: feindlich beide der Kirche, die den -Prachtmantel der Weltmacht umhing.</p> - -<p>Die guten Leute von Albi hieß sie das Volk, die der Kirche standhaft den -Dienst aufsagten, obwohl sie dem Herrn von Toulouse, ihrem Grafen, willig -untertan blieben: sie traf der Bannstrahl zuerst und die Kreuzpredigt des -spanischen Mönches, der sich Dominikus nannte.</p> - -<p>Was gegen die Türken mißlang, das mußten die Albigenser erfahren: -die Kreuzfahrer rissen das Kreuz von der Schulter und nähten es vorn auf -die Brust, brennend und plündernd, die Ketzer totschlagend gleich Wölfen, -fielen sie ein in das blühende Land der alten Westgoten und hielten im Namen -der Kirche das Ketzergericht ab.</p> - -<p>Die Scheiterhaufen brannten im Priesterstaat; Menschenwahnwitz -dachte, auf Gottes Stuhl zu sitzen, und wußte nicht, daß wer um seinen -Glauben leidet, der ist ein Heiliger vor Gott, und wer ihn schlägt, schlägt -Gott.</p> - -<p>Und wo die Städte brannten, begannen die weißen Mönche das peinliche -Gericht: sie hatten einen Hund im Wappen, der in den Zähnen das -Licht der Lehre als eine Fackel trug.</p> - -<p>Die Völker sahen die Fackel und sahen die Scheiterhaufen brennen und -hießen die Dominikaner im Weckruf der Wahrheit: die Hunde des Herrn.</p> - -<h3 id="sec3_22">Die Stedinger</h3> - -<p>Die Stedinger wohnten im Gestade der Weser als freie Bauernschaft -und waren freie Friesen seit mehr als tausend Jahren; sie hielten am uralten -Weistum der Gaugemeinden fest und wehrten sich der Lehnsmannschaft -der Junker und der Priester.</p> - -<p>Und als der Bischof von Bremen sie mit dem Kirchenbann belegte, da -lachten sie, weil sie der fremden Mönche nicht bedurften, um fromm zu sein: sie -stellten eigene Prediger an und ließen die Glocken läuten trotz seinem Bann.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span></p> - -<p>Der Bischof brauste an mit seinem Harst und Troß der junkerlichen -Herren; die wehrhaften Bauern aber hielten Stich, sie warfen seinen Hochmut -in die Hecken und schlugen ihm samt vielen Rittern den eigenen Bruder -tot.</p> - -<p>Da dem geschlagenen Bischof sein Helm nicht half, nahm er den grünen -Hut und sprach die Bauern des ketzerischen Aufruhrs schuldig.</p> - -<p>Konrad, der Ketzermeister, ließ seine Hunde los, der Papst hieß einen -Kreuzzug predigen, und wie zuvor in Frankreich zog ein Kreuzheer ins Friesenland, -dem Gottesstaat zu dienen mit Brand und Mord.</p> - -<p>Tammo von Hunthorpe, Bolke von Bardenfleet und Detmar von -Damme taten den Schwur der Dreimänner; sie riefen den Gaubann der -Stedinger auf, erschlugen den Grafen von Oldenburg samt zweihundert -Rittern und jagten das Kreuzheer mit Spott durch die Sümpfe.</p> - -<p>Da wurden die Stedinger vogelfrei; der sich König der Deutschen -nannte, der Sizilianer Friedrich der Zweite, gab die Acht zu dem Bann: -mit Bullen und mit Kreuzpredigten rafften die weltgeistlichen Herren ein -unmäßiges Heer, die Stedinger Freiheit zu fangen.</p> - -<p>Auf allen Straßen der norddeutschen Länder ritten die Reisigen an auf -gepanzerten Rossen, vierzigtausend gezählt mit den Knechten, im Namen -Christi zur Ketzerjagd.</p> - -<p>Viertausend Ritter lagen erschlagen bei Altenesch; aber wo einer fiel, -standen neun wieder da, und ihre gepanzerten Rosse zerstampften das Fußvolk -der Bauern.</p> - -<p>So gingen die Stedinger ein in den Gottesstaat kreuzfahrender Henker, -als Ketzer verbrannt, gleich tollen Hunden erschlagen; sie büßten den Bann -der kirchlichen Mächte und schmeckten die irdische Acht; sie webten mit blutigen -Fäden ihr Bild in den Teppich der Freiheit.</p> - -<h3 id="sec3_23">Der Kinderkreuzzug</h3> - -<p>Immer noch raste das Fieber des heiligen Grabes und schäumte die Flut -seiner Heere und Horden hinüber ins Morgenland.</p> - -<p>Aber längst hielt Saladins mächtige Hand Jerusalems Tore geschlossen, -nur an den steinigen Küsten des heiligen Landes ging der Kampf um die -ärmlichen Burgen.</p> - -<p>Die eiternde Wunde der Kirche zu heilen, ließen die Päpste das Blut -der Ritterschaft strömen und schlugen den brünstigen Wahn mit Ruten, -bis er im kläglichen Kreuzzug der Kinder sein irres Spottbild aufsteckte.</p> - -<p>Knaben und Mädchen von Mönchen geführt, irrten in weinenden Scharen<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span> -nach Süden, das heilige Grab zu befreien; Torheit und Tollheit hielten -einander die Hände, Wundersucht blies ihrem traurigen Bund die gellende -Pfeife.</p> - -<p>Ein Hirtenknabe brachte sie mit von den Bergen, wild lockte ihr gellender -Ruf in den Tälern, und Tausende liefen ihm zu, im Wahn der verwilderten -Welt zu verderben.</p> - -<p>Als Akka fiel, die letzte Kreuzfahrerfeste im heiligen Land, war das Fieber -der Christenheit aus: der Türkensäbel zerschnitt, was das Schwert der -Christenheit flickte, das Mittelmeer schied wieder die Hälften der Welt, -Halbmond und Kreuz, den Morgen vom Abendland.</p> - -<p>Immer noch standen und wuchsen die Dome in Speyer und Worms, in -Mainz und in Köln; aber es waren die Heliandsburgen nicht mehr: der -Starke fuhr aus dem irdischen Glauben der Zeit zum andernmal auf in -den Himmel.</p> - -<p>Die seiner Wiederkunft harrten, waren betrogen: die tiefe Enttäuschung -der Seelen fing an, ihn schmerzvoll zu suchen; die weltflüchtige Inbrunst der -Gotik begann.</p> - -<h3 id="sec3_24">Die Scholastik</h3> - -<p>Das Märchen des irdischen Daseins saß im Schoß der kirchlichen -Gnade geborgen, mit Wundern verankert, im Glauben ewiger Verheißung -gesichert.</p> - -<p>Gott war im Himmel und sah die Menschen auf Erden, die Sterne -standen im ewigen Licht, und die Sonne wanderte stolz ihre Bahn: alles -war weislich geordnet, dem Menschen Morgen und Abend zu bringen und -das Geschick seiner irdischen Prüfung.</p> - -<p>Den Jüngern die göttliche Herkunft zu zeigen, fuhr Jesus auf in den -Himmel; die Toten ruhten im Grabe, aufzustehen wie er, wenn die Posaunen -zum Weltgericht riefen.</p> - -<p>Die Erde war groß und der Himmel darüber gewölbt im unendlichen -Raum, die Seele war klein und saß im Gefängnis der Sinne; sie harrte in -Demut des leiblichen Todes, da sie eingehen würde zum ewigen Licht: aber -der Zweifel suchte die sichtbare Welt nach Gewißheiten ab und fragte den -Geist nach Beweisen.</p> - -<p>Denn die Welt war alt, als Jesus von Nazareth kam: Götter waren -gestürzt und irrten ihr unholdes Dasein zwischen Himmel und Erde; uralte -Lehren des Morgenlandes hatten den Samen des Satans gestreut und dem -Glauben die Netze gespannt, darin sich der Zweifel verfing.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p> - -<p>Eines war not und eines die Wahrheit, Tausendes aber war falsch und -führte hinaus aus dem Lichtkreis der kirchlichen Lehre.</p> - -<p>Darum hielt die Scholastik der Kirche den Schatz der Gnade gerüstet -mit Schwertern und Schilden; was die Kirchenväter dachten und schrieben, -war in ihre wehrhafte Obhut getan.</p> - -<p>Da standen sie alle die tausend Fragen, in das Licht der einen Antwort -gestellt, da waren die listigen Schlingen des Satans spitzfindig gelöst, da -hing die Grübelsucht unseliger Geister im eigenen Fürwitz verstrickt.</p> - -<p>Alles war klüglich geordnet im kirchlichen Wohnhaus der Wahrheit, -Glauben und Wissen hielten dem Geist und der Seele die Schaukel in -sicherer Schwebe:</p> - -<p>Gott war im Licht, der Satan im ewigen Abgrund; zwischen Himmel -und Hölle glaubten und dachten Scholasten sich eins, gesichert im Gleichgewicht -ewiger Hoffnung.</p> - -<h3 id="sec3_25">Die gotischen Dome</h3> - -<p>Waren es Priester oder war es die Sendung der christlichen Lehre, daß -sie dem menschlichen Dasein das Antlitz verkehrte? daß sie die Erde zum -Jammertal machte und den Himmel schmückte mit seligen Farben?</p> - -<p>Daß sie der Tugend den Lohn und dem Laster die Strafe jenseits verhieß, -daß sie dem ewigen Leben ein Schaubild irdischer Wünsche vormalte, -Gott mit dem Prunk der sinnlichen Scheinwelt behängte?</p> - -<p>Daß sie den Himmel mit Heiligen füllte als Fürsprecher selbstischer Bitten, -daß sie die Jungfrau Maria zur Königin krönte und Petrus zum Torwart -bestellte, daß sie vergriffene Münzen heidnischer Götter mit neuen -Legenden beschrieb?</p> - -<p>War es die Wundersucht morgenländischer Mönche oder war es die -deutsche Seele, die den Sinn der christlichen Sendung allein im Sinnbild -begriff, das göttliche Wunder mit der Mär des greifbaren Daseins verhüllend?</p> - -<p>Im Morgenland starb der Erlöser am Spruch des Propheten, im -Abendland wurde er König der christkatholischen Welt; diesseits der Alpen -allein wuchsen die Heliandsburgen und die gotischen Wundergebilde.</p> - -<p>Nicht Kaiser und Könige bauten die Dome der gotischen Zeit und nicht -mehr der mannhafte Glaube: Prunkhäuser im Gottesstaat, Schatzkammern -der kirchlichen Vögte, Torhallen der himmlischen Sehnsucht und -Opferstätten schmerzvoller Inbrunst.</p> - -<p>Darum standen die Pfeiler nicht mehr gegürtet als wehrhafte Recken,<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span> -die Steingewölbe zu tragen: gleich Bäumen der himmlischen Gärten wuchs -ihre Schlankheit hinauf in das schwebende Dach ihrer Zweige.</p> - -<p>Auch glühten die Augen nicht mehr aus dunklen Höhlen der massigen -Mauern: gleich himmlischen Tüchern aus Regenbogen gewebt standen die -gläsernen Wände im Licht; die Heiligen schritten herein auf den farbigen -Strahlen, vom Goldglanz des Himmels umsäumt.</p> - -<p>Wenn der Orgel Hosiannagewalt einbrach in die flehenden Stimmen -der Knaben und der Klang schwoll im Raum, wenn sich Farben und Töne -umfingen, im Wohllaut unirdischer Inbrunst die schlanken Pfeiler umschwebend; -dann war nicht mehr Stein und war nicht mehr Dach, dann -hob das Wunder den Raum, daß er singend hinein fuhr in das Meer der -Verzückung.</p> - -<p>Und schmerzvoll fand sich die Seele zurück in den Tag und sein knöchernes -Licht, wenn die drängende Menge ausströmte über die steinernen Treppen, -wenn die Gasse sie aufsog in die Wirklichkeit irdischer Häuser.</p> - -<p>Da stand der Dom mit dem Maßwerk staubig verglaster Fenster, mit -den geschwungenen Rücken der Streben und dem unübersehbaren Steinwerk -der Pfeiler und Krabben bis in die dämonischen Fratzen der Wasserspeier -hinauf, und die Kreuzblume blühte hinein in den Himmel der Wolken -und Sterne: die Gralsburg inmitten der sündigen Stadt und ihrer sorgenden -Plage.</p> - -<p>Wohl blieben die Tore für die entzauberte Seele geöffnet; aber nur einmal -fand sie den Eingang, wenn die schwarzen Männer den Sarg eintrugen -zum letzten Gebet: dann war die Wirklichkeit tot mit dem unnützen Schwall -ihrer Tage.</p> - -<p>Alles war unnütz und eitel und das irdische Dasein nur das Gefängnis -erbsündig geborener Leiber: die Seele schrie auf nach Gott als der ewigen -Lust und schmachtete hin im Durst der Verzückung.</p> - -<h3 id="sec3_26">Der schwarze Tod</h3> - -<p>Alles war unnütz und eitel; dann kam der schwarze Tod und brannte -die Länder leer mit dem Saft seiner Seuche: das große Sterben begann -seine Mahd in den Äckern der Mönche und Messen, es schnitt die Trauben -der Erde und warf ihre Tracht in die Kelter des göttlichen Zorns.</p> - -<p>Da schwollen die Grundwässer an und gerannen im Schaum der brünstigen -Gier; der gelästerte Leib trat ein in das Lustreich der Liebesverwandlung -und trank der ewigen Freude den irdischen Lustbecher leer.</p> - -<p>Der Sternenhimmel brach nieder, und Gott war erloschen; die Lust<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span> -schrie zum Laster, die Lehre des Zimmermannssohns ritt aus der Stadt auf -dem Esel der Schande: die Fastnacht der Gotik taumelte hin über Leichen -zum Aschermittwoch des jüngsten Gerichts.</p> - -<p>Priester mit Kreuzen und Fahnen vorauf, Männer, Weiber, Kinder -bis auf den Gürtel entblößt, Gesänge der Seligkeit singend mit sündigen -Mündern, trunken und toll im brünstigen Wahn der Entsühnung: so zogen -sie ein in den Leichengestank und die Lustgier entvölkerter Städte.</p> - -<p>Sie schwangen die Geißeln mit Stacheln und bleiernen Kugeln und -schlugen den mageren Leib im Takt der Bußgesänge; sie warfen sich hin in -den blutigen Staub und schrieen das dreifache Weh der sündigen Menschheit.</p> - -<p>Bis eine gellende Stimme der schluchzenden Stille den heiligen Brief -vorlas, durch einen Engel zur Erde gebracht, vom Weltrichter Christus zur -rechten Hand Gottes den Geißelbrüdern geschrieben.</p> - -<p>Wahnwitz und wütende Gier, die Wollust verirrter Geschlechter und -die Geilheit entwurzelter Leiber blühten das Tollkraut der Wundersucht -auf im Gifthauch der Pest: Walpurgisnächte der Hexen und höllischen -Geister kündeten den kommenden Mai der evangelischen Lehre.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Buch_der_Kaiser">Das Buch der Kaiser</h2> - -<h3 id="sec4_1">Kaiser und Kirche</h3> -</div> - -<p>Mancherlei Völker wohnten im Abendland, und Könige herrschten nach -ihrer Stärke; aber die Kirche kannte nicht Grenzen der Sprache noch Grenzen -des Schwertes, sie ging auf den Wegen der eigenen Macht und hatte -sich selber den Schirmherrn gesetzt.</p> - -<p>Sie war die römische Weltmacht in neuer Gestalt, aber sie war es von -Gott: Statthalter Christi hießen die Priester den Papst, der das Reich -Gottes auf Erden regierte.</p> - -<p>Durch ihre Gunst war der Kaiser über die Völker und ihre Könige eingesetzt; -er war die Hand, ihr das irdische Schwert als Schirmherr zu halten, -sie war das Haupt der göttlichen Weisung.</p> - -<p>Sie war das Haupt, und er war die Hand – aber die Rechnung war -falsch: als die Kirche den König der Franken als Kaiser ausrief, rief sie sich -selber den Herrn.</p> - -<p>Sie war das Weib, und er war der Mann; sie konnten einander in Freiheit -gehören und in der christlichen Liebe einander untertan sein: aber die -erste Stunde des Streites schrie nach der Stärke.</p> - -<p>Der Streit der Stärke begann, als Karl seinen Sohn im Dom zu -Aachen sich selber die Krone nehmen und aufsetzen hieß; der Streit der -Stärke hob sich gewaltig in Hildebrands Zorn; er schien für die Kirche gewonnen, -als Innocenz die Kronen Europas verschenkte.</p> - -<p>Aber der Streit ging um die Stärke, nicht um den Bettel der Tage; er -ging im Namen des Reiches, das nicht von dieser Welt war.</p> - -<p>Der Streit hob das Banner der Kirche über den römischen Zank und -über die Eifersucht von Byzanz; er hielt der Statthalterschaft Christi das -Siegel der ewigen Gleichung bewahrt unter den sterblichen Händen seiner -Verweser.</p> - -<p>Der Streit gab dem Starken von Norden das Panzerhemd einer -höheren Sendung, als Mehrer der Hausmacht zu werden; er hielt dem<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span> -Reichsschwert die uralte Herkunft lebendig, unter den irdischen Waffen -das Kriegsschwert Zius zu sein. Ein Bogen war über den abendländischen -Himmel gespannt vom Kaisersaal nach Sankt Peter, ein Bogen des Schicksals, -glühend in anderen Farben, als die Erde sie blühte.</p> - -<p>Der Bogen stand grell im geballten Gewölk, von Blitzen zuckten die -Berge, Brandsäulen stiegen steilauf, die Ernte lag vom Hagel zerschlagen: -der Bogen stand als ein himmlisches Tor, der bangen Erde den ewigen Eingang -zu leuchten.</p> - -<p>Mancherlei Völker wohnten im Abendland, und Könige herrschten nach -ihrer Stärke: der König der Deutschen war Kaiser, der Turm des Reiches -stand über den Dächern der Staaten, und über den Fahnen der Völker -wehte die Kaiserstandarte.</p> - -<h3 id="sec4_2">Das Lügenfeld</h3> - -<p>König der Franken war Karl, Kaiser der Kirche, Schwertherr im Abendland; -der Mantel seiner gewaltigen Macht sank auf den Sohn; aber die -Schultern Ludwigs des Frommen waren zu schwach, ihn zu tragen.</p> - -<p>Eine Kugel galt Karl dem Großen die Welt, die untere Wölbung war -sein im Zorn und Zank irdischer Taten; hoch aber darüber gewölbt stand -der Himmel der römischen Kirche, dem er in Demut mit deutschem Schwert -Schutzherr und Schirmvogt war.</p> - -<p>Aber der Himmel sank auf die Erde, als Ludwig der Fromme das -Schwert aus der Hand gab; von Priesterhänden geführt, im Zank seiner -Söhne verflucht und verleitet, trug er die goldenen Säume der Kirche mühsam -ins Alter.</p> - -<p>Im dritten Jahr der Regierung schreckte ihn Unheil, das Reich zu vererben; -unmündigen Knaben gab er das Zepter: Lothar die Macht und die -Krone, Ludwig die bayrischen Länder, Pipin die spanische Mark.</p> - -<p>Aber sein Leben löschte nicht aus, wie er meinte, und Judith, die Frau -seines Alters, hielt ihrem Knaben den Docht seiner Liebe lebendig: Alemannien -schenkte er ihm, das Herz seiner Länder; aber er nahm es den andern.</p> - -<p>Die Söhne kamen zuhauf, und Bruderstreit stand um den Thron im -Aufruhr der Grafen; die Kirche mischte die Machtgier der geistlichen Großen -hinein, statt zu schlichten.</p> - -<p>Da hing dem karolischen Reich der Mantel in Fetzen, die goldenen -Säume der Kirche schleiften im Blut, ein gehetzter Hirsch war der -Kaiser.</p> - -<p>Das Lügenfeld hießen die Leute im Elsaß den Plan, wo sie ihn alle verließen,<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -die Schwerter der Grafen samt den Schwüren der geistlichen Großen, -wo die Söhne dem Vater das Königskleid nahmen, wo die Kirche dem -Kaiser das Büßerhemd brachte.</p> - -<p>Da wurde der Schirmherr der Kirche ein Schächer der Schuld; Ludwig -der Fromme kniete als weinender Greis im Staub seiner Sünden:</p> - -<p>So tief verstrickte den Sohn karolischer Macht die menschliche Schwäche, -so gierig brach aus dem Streit der Enkel die lahme Gewalt, so ungetreu -waren die Großen und Grafen, so kläglich mißlang der erste Streit um die -Stärke.</p> - -<p>Aber die Söhne Ludwigs des Frommen wurden des Lügenfriedens nicht -froh, über der Schmach und über dem Sarg ihres Vaters brannte der -Bruderhaß weiter.</p> - -<p>Bis der Tag von Fontenoy den Mantel karolischer Reichsmacht für -immer zerriß: der Tag der blutigen Rechnung für Lothar, den Kaiser; der -Tag der Trennung für deutsche und gallische Franken.</p> - -<p>In Verdun beschworen die Söhne den Frieden der lahmen Gewalt: -Lothar der Kaiser behielt die Länder der Mitte, Lotharingen geheißen, indessen -drüben Frankreich und hüben Deutschland entstand.</p> - -<p>Die goldenen Säume der Kirche hingen verloren am dürftig geschnittenen -Band; der Schirmherr der Christenheit wurde der eigenen Nöte nicht -Herr; Lothar, der fränkische Kaiser, vermochte der Kirche das Schwert -nicht zu halten.</p> - -<p>Ludwig, der Deutsche genannt, sein stärkerer Bruder, wurde mächtig -als Herr über Sachsen.</p> - -<h3 id="sec4_3">Stellinga</h3> - -<p>Wo das ebene Land den Bergen die neblichten Wälder abnahm, wo -das braune Gewässer in Sand und Meer den mühsamen Altersweg suchte, -wo der Wind der kalten Meerküste unendliche Weiten mit grauer Wolkenlast -füllte: wohnte die uralte Bauernschaft sächsischer Völker.</p> - -<p>Die da landeigen saßen auf einsamen Höfen, hatten keinen Herrn gekannt -als sich selber; sie hatten der freien Gemeinde, dem Weistum und -Recht der eigenen Herkunft die Treue gehalten, bis sie die Freiheit der -Väter verloren.</p> - -<p>Sie sahen die fränkischen Grafen im Land den fremden Königdienst -tun, sie brachten der Kirche den Zehnten mit Murren und stellten dem -König den Heerbann mit Seufzen.</p> - -<p>Sie fühlten die Herkunft verraten von ihren eigenen Großen, die um -Gold und fränkische Ehren ins feindliche Heerlager gingen; sie sahen sie<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -schalten als Grafen des fränkischen Königs und warfen den Haß, wie -Steine den Hunden.</p> - -<p>Aus Grafen des Königs waren Grundherren geworden, aus Äbten der -Klöster Pachthalter, denen die Freien von gestern als Hörige dienten; aber -die Gaugemeinschaft der Freien hob trotzig das Recht aus böser Vergangenheit -auf.</p> - -<p>Als Ludwig der Deutsche das sächsische Schwert im fränkischen Bruderkampf -brauchte, als die Edelinge ausritten mit Knechten und Knaben, -dem fränkischen Zank ihr Blut in die Fremde zu bringen: fing in den einsamen -Höfen der Haß an zu knistern, bis rundum im sächsischen Land die -Kriegsfeuer brannten.</p> - -<p>Durch Sand und Moor brachten die nächtlichen Boten das Bannwort -der freien Gemeinde, von den Hartbergen hinunter zur roten Erde zuckte -der Blinkfeuerschein die Stunde der Rache: die Stellinga kam, die sächsische -Herkunft aus fränkischer Lehnsschaft zu retten.</p> - -<p>Aber es war nur ein Brand in den Ställen: Ludwig, der Deutsche genannt, -dämpfte ihn schwer; mit seinen Reitern und Knechten vereint ritten -die sächsischen Grafen das Fußvolk der Stellinga nieder.</p> - -<p>Da lernten die sächsischen Bauern, wie einst ihre Großen, den trotzigen -Nacken zu beugen; das Herdfeuer erlosch in den einsamen Höfen; nur in -den innersten Nächten, wenn Saxnot die Seinen als Flüchtling heimsuchte, -glühte sein heimlicher Brand.</p> - -<h3 id="sec4_4">Die fränkische Ohnmacht</h3> - -<p>Der fränkische König trug die Krone der Deutschen, aber die Großen -und Grafen hielten das Schwert in der Hand: Sachsen, Schwaben und -Bayern hoben den eigenen Herzog gegen die rheinischen Franken; das deutsche -Königtum wurde das Schwertspiel ihrer Machthändel.</p> - -<p>Und wurde ein Mißbrauch der Kirchengewalt, als Ludwig das Kind -König der Deutschen genannt war, indessen Hatto, der Bischof von Mainz, -mit Härte und List gegen die Grafen und Großen das Schwert der Königsgewalt -führte.</p> - -<p>Ein Bogen war über den abendländischen Himmel gespannt vom -Aachener Kaisersaal nach Sankt Peter; aber der Kaisersaal war verfallen, -und auf dem Stuhl von Sankt Peter saß das römische Laster.</p> - -<p>Laien- und Kirchengewalt rissen einander die Macht aus den Händen; wie -einmal im Lande Pipins die Hausmeier herrschten, so wollten die fränkischen -Bischöfe tun: der König sollte die Krone tragen, die Kirche wollte regieren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span></p> - -<p>Aber die stolzen Herzöge ließen den Krummstab nicht gelten; die trotzigen -Grafen hoben das Schwert gegen ihn, weil kein Schirmherr der Kirche -sie dämpfte.</p> - -<p>Als Ludwig das Kind starb, riefen die Bischöfe Konrad, den fränkischen -Grafen, als König der Deutschen; er sollte der Kirche sein starkes Schwert -leihen; aber sein Königtum blieb eine Fahne ohne Gefolgschaft.</p> - -<p>Normannen und Ungarn raubten und brannten im Land, und Konrad -konnte den Räubern nicht wehren, wie er den Stolz der Herzöge, den Trotz -der Grafen nicht zu beugen vermochte!</p> - -<p>Von seinem Sterbebett hieß er die Krone dem Mächtigsten bringen: -Heinrich, dem Herzog von Sachsen, der ihm und den Bischöfen der zäheste -Feind und unter den Großen der unbotmäßigste Trotz war.</p> - -<p>So fiel die Krone der Deutschen aus fränkischer Ohnmacht der sächsischen -Übermacht zu; aber sie kam an die Kraft und an den ständigsten -Stamm der Germanen.</p> - -<h3 id="sec4_5">Heinrich der Finkler</h3> - -<p>Die Sage hat Heinrich den Finkler genannt, weil er beim Vogelfang -war, als ihm die fränkischen Reiter die Reichskleinodien brachten: ein Finkler -blieb Heinrich von Sachsen Zeit seines Lebens, klug und bedächtig die -Schlinge zu legen, rüstig im Wald seiner Heimat und wenig geneigt, nach -fremden Händeln zu reiten.</p> - -<p>Als der Bischof von Mainz ihn zu salben kam wie Konrad den Franken, -wehrte er ab und verbarg den Spott in der Demut, solcher Ehre nicht würdig -zu sein; denn Heinrich war Herzog von Sachsen aus eigener Herkunft -und wollte nicht König der Deutschen als Diener der fränkischen Kirchenmacht -werden.</p> - -<p>Er ließ die Herzöge schalten, weil sie die Träger der Stammesgewalt -waren; wie sie in Bayern, Schwaben und Franken über dem Trotz der -Grafen die starke Schwertherrschaft hielten, so war er Herzog der Sachsen, -und König der Deutschen allein durch die Stärke des sächsischen Stammes.</p> - -<p>Sein Schwert war scharf wie sein Spott, aber er hielt es klug in der -Scheide, so listig die Kirche ihn lockte; als er es zog, galt es das sächsische -Land zu befreien von der Tributpflicht an Ungarn.</p> - -<p>Wie nach dem Winter der Tauwind, so kam ihre Raublust in jedem -Sommer gefahren, die Ernte in Deutschland zu holen: noch immer die -hunnischen Scharen auf kleinen behenden Pferden, mit Bogen und Pfeil -der Schwerter und Streitäxte spottend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span></p> - -<p>Neun Jahre lang gab er Tribut, lauernd des Tages, da er gerüstet sein -würde, mit anderer Münze zu zahlen; neun Jahre lang ließ er burgfeste -Plätze im Sachsenland bauen, mit kluger Berechnung verteilt, daß sie die -Ernte der Landschaft zu bergen vermöchten.</p> - -<p>Er hob den streitbaren Mann in den Sattel, die Listen und Künste der -Ungarn zu lernen: wie sie mit einzelnen Scharen einschwenkten, das Fußvolk -zu fassen, wie sie mit hurtiger Wendung dem Feind die Flanken einritten.</p> - -<p>Als sie zum zehntenmal kamen, Tribut und Treugeld in Sachsen zu -holen, war Heinrich gerüstet: einen toten Hund hieß er zum Hohn den -Hunnen hinwerfen.</p> - -<p>Und als die schwarzen Scharen den Rachezug ritten, ließ er sie listig ins -Land hinein und hatte die Fallen gestellt, daß sie ihm blindlings einliefen.</p> - -<p>So blutig traf er die Räuber aus Ungarland, daß die Gestäupten fortan -und für immer das Sachsenland mieden.</p> - -<p>Heinrich der Finkler heißt ihn die Sage, der ein anderer König der -Deutschen war, als die Könige vor ihm: er suchte kein Glück auf der Straße, -er hielt sein Land und sein Volk, wie ein Hausherr den Alltag und Sonntag -der Seinen mit kluger Besonnenheit leitet.</p> - -<p>König der Deutschen war er wie Ludwig der Franke, aber er blieb der -gekrönte Herzog von Sachsen: seine Besonnenheit baute das sächsische -Haus, darin das herrlichste Königsgeschlecht der deutschen Kaisermacht -wohnte.</p> - -<h3 id="sec4_6">Mathilde</h3> - -<p>Heinrich der Finkler hatte der Kirche gespottet, weil er als Herzog von -Sachsen, nicht als Lehnsmann der fränkischen Priester König der Deutschen -sein wollte; aber Mathilde, die Königin, diente der Kirche mit Eifer.</p> - -<p>Sie war eine Sächsin aus edlem Geschlecht, Widukund selber hieß ihrer -Sippe der ruhmreiche Ahnherr; aber sie war eine Christin, wie der Sänger -des Heliand Sachse und Christ war.</p> - -<p>Nicht einem Himmel der Priester mit blasser Weltflucht zu dienen, war -ihre Frommheit: Frau und Mutter blieb sie und sparsame Beschließerin -ihres Hauses, bis Heinrich der Finkler, gesättigt seines reisigen Lebens, in -Memleben starb.</p> - -<p>Dann freilich ging sie ins Kloster, doch nicht um zu büßen und bang ihr -Seelenheil zu besorgen: trauernd um ihren Gatten blieb sie die sorgende -Mutter des sächsischen Landes.</p> - -<p>Sie sah die harte Herrengewalt und wie das niedere Volk seufzte, sie<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span> -sah die Roheit der Sitten und wie die ruchlosen Händel der Grafen die -Höfe der Bauern verbrannten, sie sah die Bischöfe selber das wilde Waffenwerk -tun: sie aber wollte dem Evangelium demütig dienen.</p> - -<p>Sie baute Klöster rund um die sächsische Burg, sie legte den Teppich der -Heiligen aus und trug das Kreuz in die Hütten: sie gab der kirchlichen Sendung -in Sachsen die Einfalt und Stärke der ersten Christengemeinde.</p> - -<p>Heinrich der Finkler baute das Haus, darin die sächsische Kaisermacht -wohnte; sie gab ihm die Sitten.</p> - -<h3 id="sec4_7">Otto, Sohn der Mathilde</h3> - -<p>Ihm war eine reiche Wiege bereitet: Kraft und Ehre standen dem Sohn -Heinrich des Finklers zu Häupten, Liebe und Zucht lagen dem Knaben -Mathildens zu Füßen, der edlen Fürstin in Sachsen.</p> - -<p>Als sie ihn krönten zu Aachen im Kaisersaal, war Otto ein Jüngling; -aber die Sterne der Macht standen ihm zu, und er ließ die Sterne freudig -gewähren.</p> - -<p>Die Herzöge kamen, das Erzamt der Krönung zu üben; die Kirche -brachte das Öl, ihn zu salben; die Schwerter der Grafen hielten die Ehrenwacht; -das drängende Volk sah den Glücklichen sitzen im Prunkmantel -karolischer Herrschaft.</p> - -<p>Aber das böse Jahrhundert karolingischer Händel hatte der großen Gewalt -die kleinen Gewalten geboren: die ihm die Erzämter dienten, mußten -erst seinen Willen erfahren, nicht nur im prunkvollen Fest seiner Krönung -König der Deutschen zu heißen.</p> - -<p>Denn noch waren die Deutschen kein Volk; aus dem Streit der Stämme -waren die Händel der Großen geworden, aus dem Neid der Sippen der -Stegreif machtlüsterner Grafen: die Ohnmacht des Reiches stak in der -Vielheit lahmer Gewalt.</p> - -<p>Der Herzog von Sachsen mußte sich erst Gehorsam erzwingen, als -König und Herr der deutschen Stämme im Recht seiner Krone zu schalten.</p> - -<p>Das eigene Blut warf ihm den bösesten Trotz vor die Füße: Heinrich, -der jüngere Bruder, bestritt ihm die Erbschaft, weil er ein rechter Königssohn -war, und Otto war noch der Sohn des Herzogs von Sachsen.</p> - -<p>Drei Jahre lang trotzten die Schwerter am Rhein und in Schwaben, -in Sachsen und Bayern; alle Gewalt der Großen und Kleinen, die dem -sächsischen Königtum feind war, verband sich dem Aufruhr des Bruders; -Friedrich, der Bischof von Mainz, trug die Fackel.</p> - -<p>Denn die fränkische Priesterschaft blieb der Todfeind der neuen Sachsengewalt;<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span> -die Kirche ließ keine Königsmacht gelten, der sie nicht selber der -mächtige Hausmeier war.</p> - -<p>Wie ein Seefahrer seine Schiffe kühn an der fremden Küste verbrennt, -ließ Otto dem tapferen Billung sein Herzogtum Sachsen, wider den Hochmut -der Herzöge, wider den Trotz der Grafen und wider die Feindschaft -der Kirche das deutsche Königtum zu erringen.</p> - -<p>Drei Jahre lang klangen die Schwerter im Bruderstreit, wie sie um -Siegfried und Hagen, um Dietrich und Odoaker klangen; aber der Siegespreis -sollte das trotzige Bruderherz sein.</p> - -<p>Denn nicht mehr schürten Brunhild und Kriemhild den Brand mit -dem Haß ihrer unholden Seelen: Mathilde, die sächsische Mutter, wollte -das trotzige Blut ihres Leibes in Liebe erlösen.</p> - -<p>Und weil ihre Liebe nicht abließ, gelang ihr zuletzt die Versöhnung: -Heinrich, der hochfahrende Sohn der sächsischen Königsmacht, beugte sich -seinem stärkeren Bruder, der ihm großmütig verzieh.</p> - -<p>Aber der König hatte das Schwert, nicht das Herz seines Bruders bezwungen; -und mehr als die Schärfe weckte der Großmut den Haß: Meuchelmord -sollte den Streit der sächsischen Brüder beenden.</p> - -<p>Als dem König der Anschlag entdeckt war, wallte sein Zorn: in strenge -Haft kam Heinrich, der Bruder; alle Verschworenen büßten den Mörderplan -vor dem Henker.</p> - -<p>Da endlich siegte Mathilde, die sächsische Mutter: als Otto der König -im Kreis seines starken Gefolges zu Frankfurt am Main die Christmesse -hörte, war Heinrich entflohen aus seiner Haft, aber nun fand er den Weg -nicht mehr zu den Feinden.</p> - -<p>Weinend warf sich der trotzige Jüngling dem König zu Füßen; Otto -vergaß die harmvollen Jahre und küßte den Bruder; er brach seinen Groll -mit zärtlicher Liebe und gewann sich den treuesten Freund.</p> - -<h3 id="sec4_8">Otto der König</h3> - -<p>Im vierzigsten Jahr seines reisigen Lebens ritt Otto hinaus aus dem -Tor seiner Väter; der im Ruhm seiner Stärke der mächtigste Fürst im -Abendland war, zog über die Alpen, Adelheid die lombardische Erbin zu -freien und selber die Mitgift zu holen.</p> - -<p>Er brachte Adelheid heim und grüßte den Papst aus der Ferne; er ließ -die Mitgift zurück und war schon zum Winter wieder in Sachsen, weil ihm -der Nordwind bedenkliche Botschaft zuwehte.</p> - -<p>Wohl stellte der Ruhm seiner Stärke eine Mauer um seine Macht, aber<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span> -der Groll gedemütigter Großen lag in Trümmern davor; während Otto -der König das Glück seiner Tage genoß, scharrten eifrige Hände sein Unheil.</p> - -<p>Noch einmal hob der Aufruhr der lahmen Gewalt die treulosen Schwerter; -Slawen und Ungarn, die Erbfeinde kamen, gerufen von seinen Feinden; -die Grenzmarken brannten.</p> - -<p>Aber den König hob keine Furcht in den Sattel; sicher und rascher als -ihre bösen Bedenken ritt er den Aufruhr der Fürsten zuschanden: das böseste -Jahr seiner Gefahr gab ihm den günstigsten Sieg.</p> - -<p>Denn nun kam endlich der Tag, da ihm die Reichsfahne wehte, da auf -dem Lechfeld Sachsen und Franken, Schwaben und Bayern vereint den -Erbfeind bestanden.</p> - -<p>Da half den hunnischen Räubern nicht mehr die Masse der reitenden -Scharen, nicht mehr die hurtige List und nicht mehr die Kunst ihrer Waffen: -die Deutschen besiegten den Schrecken und wollten die Plage des Reichs -einmal beenden.</p> - -<p>Sie trieben das schwarze Rattengezücht in die Enge, sie schlugen es tot -und brannten die Nester aus, wo sich die Reste versteckten; und waren so -schnell und scharf, sie zu verfolgen, daß ihnen kaum einer entrann.</p> - -<p>Als die Sieger vom Lechfeld heimritten, die Großen und Grafen im -Jubel der Völker, trug ein langbärtiger König die Krone: in Aachen belehnt -mit der Ehre, im Ruhm seiner Taten bewimpelt, im Glanz seines Glückes -bewährt, war Otto König der Deutschen und Herrscher in all ihren -Ländern.</p> - -<h3 id="sec4_9">Otto der Kaiser</h3> - -<p>Was in Aachen nur Festglanz gewesen war und prunkender Schein, -war auf dem Lechfeld Wahrheit geworden: Otto war König der Deutschen -und hielt seinen Hof auf den Pfalzen des Landes, er saß zu Gericht über -die Großen und Grafen, und alle Schwerter des Reiches mußten ihm -Heerfolge leisten.</p> - -<p>Aber der König dachte zurück an die Zeit der Verschwörung, da ihn die -Großen und Grafen verrieten, auch die seines Bluts waren; er sah, daß die -Hausmacht der Fürsten dem Königtum feind war, und daß ihre Selbstherrlichkeit -wider die Landesgewalt lockte.</p> - -<p>Der ihm am treuesten half, und der ihm am sichersten beistand in den -vergangenen Nöten, war Bruno, der dritte und jüngste der Brüder, Erzbischof -in Köln; so wuchs seinen Sorgen und Plänen ein anderes Königtum -zu als seinem Vater, gebaut mit den Balken der Kirche:</p> - -<p>Der Bischof verdankte sein Amt der Kirche, aber sein Lehen der Königsgewalt;<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span> -er war nicht in die Herrschaft geboren und brauchte den Schirmherrn -gegen die Großen und Grafen.</p> - -<p>Kirche und Krone vereint konnten die Fürstengewalt brechen; Kirche -und Krone konnten einander den ewigen Bund schwören; Kirche und Krone -konnten die Wurzeln geeinigter Macht in die Herzen der Völker versenken.</p> - -<p>So dachte Otto der König, der selber durch seine Mutter Mathilde den -Lehren von Cluny zugetan war; so grub das sächsische Schwert einen neuen -Brunnen des Rechts für die deutsche Königsgewalt.</p> - -<p>Denn Otto der Sachse war nicht mehr wie Karl der Franke Zwingherr -der Deutschen, er hatte kein Herzogtum mehr und hielt keinen eigenen Hof -wie jener in Aachen; er war gewählt durch die Fürsten und Völker der -Deutschen und konnte als Wahlkönig nicht mit dem eigenen Schwert allein -regieren.</p> - -<p>Aber die Kirchengewalt, die er brauchte, stand in Sankt Peter verankert, -so wurde von neuem der Gottesstaat wach und der alte Kaisergedanke.</p> - -<p>So zog der König der Deutschen zum andernmal über die Alpen; er ließ -seiner Mutter Mathilde den Sohn – als Knabe in Aachen gekrönt – er -nahm in Pavia die lombardische Krone als eigenes Lehen; er ließ sich in -Rom als Kaiser der Christenheit salben.</p> - -<p>Er trat in das freche Gezücht der Markgräfinnenbrunst und hing die -Brut an den Galgen; er setzte den Lasterpapst ab und zwang dem römischen -Hochmut sein Kaiserrecht auf, der Kirche den Papst zu ernennen.</p> - -<p>Da ging der Gottesstaat in eine neue Wirklichkeit ein; denn der Kaiser -war Herr, nicht der Papst.</p> - -<p>Er legte kein römisches Prunkgewand an in Sankt Peter; wie er im -deutschen Kleid unter den römischen Priestern dastand, war er der Schirmherr -der Kirche aus eigener Geltung: der Papst, durch seine Macht eingesetzt, -brachte demütig das Öl, ihn zu salben.</p> - -<h3 id="sec4_10">Die Ottonen</h3> - -<p>Wie eine gewaltige Burg standen die Berge der Hart im sächsischen -Land; Heinrich der Finkler hatte Mauern und Tore gebaut, nun wuchsen -Dächer und Zinnen über den Sälen ottonischer Macht.</p> - -<p>Frauen kamen, die Säle zu schmücken: Mathilde, die sächsische Mutter -Otto des Großen, Adelheid, die lombardische Gattin, Theophano, die griechische -Sohnesfrau.</p> - -<p>Heilig und mild war Mathilde; sie hielt in das lärmende Leben der -Söhne die Mahnung der sächsischen Herkunft; Mutter war sie den Armen<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -und Schwester den Schwachen, bis sie, vom Schicksal gesegnet, schlohweiß -und beweint von den Sachsen, die letzte Lagerstatt fand.</p> - -<p>Höher hob Adelheid ihre stolze Stirn in die Welt; sie liebte den Glanz -und den glühenden Tag, sie trug die Krone ihr Leben lang und hielt die -Zügel der Herrschaft gern in den Händen.</p> - -<p>Sie schmückte die sächsische Burg und hing die Fahnen der Kaisermacht -aus; sie baute den Gärten die Lauben und ließ die Springbrunnen -der höfischen Feste quellen; sie ritt auf dem Zelter dem König zur Seite -und hielt den Sachsen das lockende Bild fürstlicher Herrlichkeit vor.</p> - -<p>Theophano aber, die Griechin, trat in den sächsischen Tag, wie der -Morgenstern still und beständig die Nacht überdauert; Klugheit und -Schönheit standen ihr bei als zarte Vasallen der Bildung.</p> - -<p>Sie las in den Schriften der Weisen und liebte das Frauengemach; sie -sang dem König zur Laute und saß auf dem Söller, die Sterne zu deuten; -sie hob den Schleier vergangener Dinge und wies den staunenden Sachsen -die Schatten versunkener Schönheit.</p> - -<p>So wurden die Säle der sächsischen Burg von Frauenhänden geschmückt, -aber im inneren Hof stand die Kapelle und hielt dem Altar das schirmende -Dach: im Herzen der Burg war dem Priester warme Wohnung bereitet.</p> - -<p>Frauen und Priester warfen einander den Faden; aber nun webten -nicht mehr lateinische Mönche den Teppich der Kirche.</p> - -<p>Wie Bruno draußen in Köln, Otto des Großen hilfreicher Bruder, -wie Williges, eines Wagners Sohn und gewaltiger Bischof von Mainz, -so blieben Meinwerk von Paderborn und Bernward von Hildesheim mit -ganzem Gemüt im sächsischen Herkommen.</p> - -<p>Das Schwert stand ihnen nicht schlechter zur Hand als der Psalter: -aber sie liebten den Frieden und wußten ihn zu gebrauchen; sie hörten den -Spott der rheinischen Franken über die sächsische Roheit und rührten Hände -und Herzen, dem Spott zu begegnen.</p> - -<p>Sie hießen die Mönche, Schule zu halten; sie pflegten die Künste und -waren Schatzhalter der Bildung; sie mehrten den Reichtum der Kirche, -aber sie stellten ihn auf in schönen Gebilden; sie kannten die Schönheit der -alten Welt und waren tüchtig und treu in ihrer sächsischen Einfalt, sie neu -zu gestalten.</p> - -<p>Ob der Sohn und der Enkel Otto des Großen als Jünglinge starben, -verzärtelte Schwarmgeister der neuen Zeit: Frauen und Priester hielten -das Reich behutsam in Händen; sie zehrten von seiner gewaltigen Macht, -aber sie zehrten mit Anmut und Würde und bauten der sächsischen Burg -einen Garten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span></p> - -<p>So webte die Zeit der Ottonen am neuen Wunder der Welt, so fing im -sächsischen Land, von Frauen und Priestern geholt und gehütet, die nordische -Bildung ein neues Zeitalter an.</p> - -<h3 id="sec4_11">Der Weltuntergangskaiser</h3> - -<p>Als Otto der Große starb, war Otto der Zweite, sein Sohn, noch ein -Jüngling; aber als sie den Sohn in den römischen Marmorsarg legten, war -Otto der Dritte, der Sohnessohn, noch ein unmündiges Kind.</p> - -<p>Sie krönten das Kind, die Herzöge dienten ihm bei der Tafel und wehrten -Heinrich dem Zänker, sich selber die Krone zu raffen; Frauen und Priester -hielten das Knäblein in zärtlicher Hut, bis es in eigenen Schuhen zu -gehen vermochte.</p> - -<p>Aber die Schuhe waren von feinerem Leder, als es die sächsischen Gerber -zu walken verstanden, sie waren mit goldenen Fäden gestickt und paßten -nicht auf die Straße.</p> - -<p>Als Otto der Dritte das Reichsschwert aufhob, sah er die bunten -Steine am Griff mehr denn die Schärfe; er war dem Sachsentum fremd -und sehnte sich nach der südlichen Sonne der Mutter.</p> - -<p>Das Wunderkind hatten ihn früh die Frauen geheißen; und glühender -war keine Seele ins Wunder gestellt, als da sich Theophanos Sohn als -Kaiser der Christenheit krönen und huldigen ließ: die göttliche Vollmacht -kam in die zärtlichsten Hände; die Würde des Abendlands war in die fiebrigen -Wünsche des Knaben gelegt.</p> - -<p>Alexander dem Herrlichen gleich sollte die Bahn seines Lebens anschwellen -zum Ruhm, und höher als irdischer Ruhm sollte der Sinn seiner Sendung -Himmel und Erde erfüllen.</p> - -<p>Denn Otto, der Knabe, war Kaiser geworden, als das Jahrtausend der -Wiederkunft Christi erfüllt war; mit heiserer Stimme und weinenden -Augen rief sich das Abendland den kommenden Untergang zu.</p> - -<p>Buße und brünstige Hoffnung brach aus den Brunnen der Tiefe; -Wirklichkeit war nur noch ein wächserner Schein vor dem Licht der nahen -Erlösung; das Leben warf seine Schatten der Ewigkeit hin; hinter den -Tagen dröhnte das Weltgericht die Posaune.</p> - -<p>Das Weltgericht stand vor der Tür, und Otto, der Knabe, hielt dem -König des Himmels das Schwert seiner irdischen Herrschaft bereit.</p> - -<p>Das Irrlicht der Tage riß den hitzigen Knaben hin zu hohen Gebärden -und warf ihn zurück in den Taumel lüsterner Taten: im Münster zu Aachen -stieg er mit Fackeln hinein in die Karlsgruft und stand mit flackernden Händen -vor der Leiche des Kaisers.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span></p> - -<p>Aber die Uhr schlug ihre Stunde wie sonst; die Sterne standen in spöttischer -Ewigkeit über der Stadt und über den zitternden Herzen: das tausendste -Jahr fing seinen Stundenweg an gleich seinen Brüdern; das Wunder -blieb aus; der Mantel der Größe hing leer um den fröstelnden Knaben.</p> - -<h3 id="sec4_12">Heinrich der Heilige</h3> - -<p>Otto der Dritte, der sich als Herrscher der Christenheit fühlte wie keiner, -starb auf der Flucht vor dem Aufruhr der Römer; mühsam wurde sein -Leichnam geborgen, daß er im Münster zu Aachen die prunkvolle Lagerstatt -fände.</p> - -<p>Heinrich der Heilige kam auf den Thron, durch Williges wacker geleitet; -der letzte sächsische Kaiser brachte sein Schwert bescheiden zurück in -die irdische Geltung.</p> - -<p>Denn Theophanos brünstiger Sohn war nur noch Kaiser von Rom und -nicht mehr König der Deutschen gewesen; er hatte den Bogen gebeugt, der -über dem Abendland stand: Rom allein sollte im Gottesstaat herrschen, -als Knecht der Apostel wollte der Kaiser Schildhalter der Kirchenmacht -sein.</p> - -<p>Heinrich aber, der Urenkel Mathildens und Enkel von Heinrich, dem -trotzigen Bruder Otto des Großen, blieb der sächsischen Herkunft als Landeswart -treu.</p> - -<p>König der Deutschen wie Otto, gab er sein bayrisches Herzogtum Heinrich -von Luxemburg hin, das Haus seiner Macht mit den Balken der deutschen -Kirche zu bauen.</p> - -<p>Aber das Haus stand im Reich, nicht in Rom; Bamberg, sein Bistum, -machte er blühend und reich wie eines in Deutschland; da wuchs auch der -reisige Dom, der den Ruhm seiner Taten mit steinernem Gewölbe kühn -überspannte.</p> - -<p>Die Kirche hat ihn den Heiligen geheißen, aber der Heilige war kein -büßender Mönch; gleich seinen sächsischen Ahnen wußte er wohl sein irdisches -Schwert von der himmlischen Sehnsucht zu scheiden, und keiner der -Sachsen saß soviel im Sattel wie er.</p> - -<p>Wie Heinrich der Finkler dem Sachsengeschlecht das deutsche Kaiserhaus -baute, war Heinrich der Heilige sein treuer Beschließer.</p> - -<p>Hundert Jahre lang hatten die Sachsen regiert; sie hatten das Reich -aus der Willkür der Fürsten gerettet; sie hatten ihm Stärke, Ordnung und -Schönheit gebracht; sie hatten die Kaiserstandarte über die Fahnen der -Völker erhoben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span></p> - -<h3 id="sec4_13">Der siebente Heerschild</h3> - -<p>Als Heinrich der Heilige begraben war in seinem Bistum zu Bamberg, -kamen die Deutschen zur Königswahl: bei Oppenheim lagen sie hüben und -drüben am Rhein, und die Heerschilde teilten die Plätze nach ihrer Geltung:</p> - -<p>Der Heerschild des Königs mit seinem Banner, der Heerschild der geistlichen -Großen, der Heerschild der Herzöge, der Heerschild der Grafen, der -Heerschild der Bannerherren, der Heerschild der Ritter.</p> - -<p>Sechs Heerschilde hielten dem kommenden König die Macht und gaben -dem Reich ihren Willen; das Fußvolk stand kläglich daneben.</p> - -<p>Denn das Ritterschwert war die unterste Geltung im Stand der Vasallen; -nur wer dem König Heerfolge tat, galt noch im Reich der Großen -und Grafen.</p> - -<p>Aber schon grüßten die Dächer von Mainz und Worms ins Wahlfeld -herüber; um die Burgen der Großen und um den geschützten Gewinn ihrer -Märkte wuchsen die Städte, wie Rom und Ravenna mit Mauern und -Toren; Bürger wurden genannt, die darin wohnten.</p> - -<p>Wo eine Stadt war, wurden die Wege rundum lebendig von Wagen, -Schiffe kamen zu Tal, und fleißige Schaffner füllten die Keller und -Speicher.</p> - -<p>Was der Bauer mühsam dem Boden abrang, floß über im Wohlstand -der Städte und wurde Macht in den Händen der Großen, die den Markt -hielten.</p> - -<p>Noch saß die Bischofsgewalt auf der Burg als Herr der Märkte und -Münzen; ihr Zollbaum am Tor strich den gefüllten Wagen den Überfluß -ab: aber schon bauten Gilden und Zünfte das Zeughaus der Bürgergemeinschaft.</p> - -<p>Schon sahen die Vögte des Kaisers mit wachsamer Sorge den steigenden -Glanz; sie sahen die Wagen und Schiffe und sahen die Einkünfte -schwellen.</p> - -<p>Konrad, der salische Franke, den sie bei Oppenheim wählten, weil er ein -Urenkel Konrad des Roten, Eidam Otto des Großen war, ging nicht im -ottonischen Purpur der Priester und Frauen; er kam als irdischer Kriegsmann -und wollte dem Reich ein starker Haushalter werden.</p> - -<p>Er sah im Reichtum der Großen die fleißige Arbeit der Kleinen und -stellte das Königsschwert mitten hinein in den Tag der Pfalzen und Märkte, -die fleißige Arbeit zu schützen.</p> - -<p>Er gab den kleinen Vasallen das Erbrecht der Lehen, die Macht der<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -Großen zu brechen; er gab den Bürgern der Städte den siebenten Heerschild, -das Glück der geistlichen Höfe zu nützen.</p> - -<p>Da war in den Glanz der Großen und Grafen ein schmaler Schatten -gestellt: noch schien die Gunst der Sonne ihnen breit ins Gesicht; aber der -Mittag kam, dem siebenten Heerschild den Schatten zu stärken.</p> - -<h3 id="sec4_14">Heinrich der Dritte</h3> - -<p>Mit Konrad dem Zweiten begann das salische Kaisergeschlecht seine -stolze Entfaltung; vier Kaiser nur gab es dem Reich, und ging unter, vom -Schicksal umwittert: aber es spannte den Bogen über das Abendland höher -als alle Geschlechter; und keiner war stärker in Rom, obwohl er im Reich -blieb, als Heinrich der Dritte, der mächtigste Kaiser.</p> - -<p>Sie hießen ihn Heinrich den Schwarzen, weil er dunkel von Angesicht -war, Konrads gewaltigen Sohn, der über die Päpste regierte und Ritter -der Christenheit wurde wie keiner.</p> - -<p>Als Knabe gekrönt, Herzog von Bayern und Schwaben, dazu burgundischer -König, trat er als Jüngling die Erbschaft Konrad des harten Haushalters -an und war keine schwächere Hand, den Großen und Grafen die -Zügel zu halten.</p> - -<p>Er war keine schwächere Hand: Böhmen und Ungarn spürten die -Stärke, und Otto der Sachse hatte sein Schwert nicht strenger gezeigt als -Heinrich der salische Franke, da er dem römischen Hochmut die deutschen -Päpste einsetzte.</p> - -<p>Aber ihn plagte das Kirchengewissen; der über Könige herrschte und -hinter dem päpstlichen Stuhl stand als Lehnsherr und Richter, strafte sich -selbst mit der Geißel.</p> - -<p>Denn immer noch brannte die Buße von Cluny im Abendland, immer -noch sahen die Augen der Zeit mit Furcht und brünstiger Hoffnung das -Weltgericht kommen, wie es die Kirche am Ende der Tage verhieß.</p> - -<p>Immer noch hielt der Kaiser dem König des Himmels das irdische -Schwert; aber nun irrte kein Schwärmer und Schwelger durchs Abendland -hin wie Otto, Theophanos Sohn; nun ritt der Mann in den Tag, mit -Tod und Teufel zu streiten.</p> - -<p>Heinrich den Schwarzen hießen sie ihn, der dunkel von Angesicht war, -dunkel außen und innen; nur seine Tat sprang hell in den Tag, als er dem -römischen Lindwurm das Lästerhaupt abschlug, als er den frommen Freund -und Grafen von Egisheim auf den Stuhl von Sankt Peter setzte.</p> - -<p>Und staunend standen die Völker, als auf der Kanzel zu Konstanz der<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -Kaiser sich selber als sündig bekannte, als er mit ehrlichem Wort seinen -Feinden den Königsbann löste, als er die Großen und Grafen im Namen -Christi verwarnte, von ihren blutigen Händeln zu lassen.</p> - -<p>Zum erstenmal trat auf die Streitmauer der Macht die Stimme des -strengen Gewissens; Kaiser und Kirche sprachen aus einem Mund; das -Kriegsschwert lag auf dem Priesteraltar in christlicher Demut.</p> - -<p>Es war kein Rausch der Stunde, daß solches geschah; Heinrich der -Dritte hielt seinen Schwur im Blutrauch flammender Kriege: er wollte -das Reich und wollte es mit Gewalt und war den Großen und Grafen -ein gewaltiger Richter; aber er nahm seinen Willen hart ins Gewissen, -weil er das Gottesreich glaubte.</p> - -<p>Und als ihm der Tod kam, zu früh für das Reich solcher Prägung, war -ihm das Sterbebett noch einmal die Kanzel, das eigene Dasein zu bekennen -und unerbittlich zu richten: die letzte Hand seines starken Lebens gab er vor -Gott seinen Feinden.</p> - -<p>Er starb in Bodfeld, der sächsischen Pfalz, die sich der salische Franke -erbaute, und wurde begraben in Speyer; Victor, der Papst und Freund, -stand ihm bei und gab der Leiche den Segen.</p> - -<p>Da war der Bogen einmal zur Höhe gespannt; da stand die Ehe in -Frieden; Wort und Tat hielten einander die Hände; das Weltreich der -Kirche war Wahrheit geworden im Hause des Kaisers.</p> - -<p>Aber die Rechnung war falsch; Victor der Papst war gesonnen, die -Herrschaft zu erben, und Hildebrand war sein Berater: der Streit um die -Stärke stand vor der Tür.</p> - -<h3 id="sec4_15">Kaiserswerth</h3> - -<p>Als Heinrich, der Kaiser und Richter der Christenheit starb, war Heinrich -der Knabe schon König der Deutschen; Agnes die Mutter führte die -Herrschaft für ihn, und Victor der Papst gab ihr selber das erste Geleite.</p> - -<p>Zum andernmal hielten Frauen und Priester das Reich in den Händen; -nun war es nicht mehr Mathilde, heilig und mild, nicht mehr Meinwerk -der frohe und Bernward der feine: die Welt war düster geworden im -Schatten von Cluny.</p> - -<p>Die Kaiserin war eine fromme Frau, doch fremd im feindseligen Land -der Sachsen, sie ließ sich unbedacht leiten von Launen und Leuten, der -Knabe war klug und wild, und die der Mutter im Ohr lagen, schmeichelten -seinen Gelüsten.</p> - -<p>Anno, der zänkische Bischof von Köln, sah den Bischof von Augsburg<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -allein am Königshof gelten; er sah die Ehren und Güter verschwinden und -wollte den Knaben selber besitzen.</p> - -<p>Sie saßen zu Kaiserswerth und hielten am Rheine ein heiteres Mahl, -Mutter und Sohn mit den Fürsten; sein Schiff zu beschauen, ließ Anno -den Knaben verlocken: der Knabe kam fröhlich; aber als sie ihn hatten, -fuhren die Knechte davon. So fing sich Anno den kostbaren Vogel und -holte ihn heim in den finsteren Käfig der kölnischen Burg.</p> - -<p>Nun stand es ihm zu, Güter und Ehren im Namen des Königs zu -nehmen und spenden; aber der Knabe war klug und wild und trotzte dem -scheltenden Zänker.</p> - -<p>Auch weil ihm die anderen Großen den Knaben bestritten, wurde Anno -des Raubes nicht froh; er mußte das Unrecht mit ihnen teilen; jeder wollte -ein Jahr lang den goldenen Käfig halten.</p> - -<p>Adalbert aber, der Bischof von Bremen, der ihn von dem Kölner bekam, -wußte das Pfand klüger als Anno zu nützen. Er gab dem Königsknaben -den Königssinn seiner Herkunft und Zukunft zu schmecken; er ließ -ihn den Stolz hochgreifender Pläne erfahren und malte in seine hochmütige -Seele die lockenden Bilder zukünftiger Größe.</p> - -<p>Der Knabe war klug und wild und trank den Honigseim gern: aus -zänkischer Enge in die Verführung lockender Weite gestellt, sah er den Himmel -kommender Macht zu seinen Häupten gespannt.</p> - -<p>So wurde Heinrich der Vierte König der Deutschen; mit fünfzehn -Jahren nahm er den Reichsapfel anders zur Hand, als ihn sein Vater -sterbend hinlegte.</p> - -<p>Neun Jahre lang hatten die Großen und Grafen mit dem Reichsapfel -Fangball gespielt; nun kam ein Knabe, hochmütig und frech, ihn auf den -Gipfel des Ruhmes zu tragen.</p> - -<h3 id="sec4_16">Der Aufruhr der Sachsen</h3> - -<p>Heinrich der Jüngling hielt seinen Hof zu Goslar in Sachsen; da stand -die steinerne Burg seines Vaters, der salischen Herrschaft die Tore zu hüten, -da waren die Säle und Kammern ottonischer Pracht, und aus den -Gruben im Rammelsberg kam der silberne Reichtum geflossen.</p> - -<p>Aber wo Heinrich der Dritte die Bußgeißel schwang, hob Heinrich der -Vierte das Trinkhorn der Freude: Jungmännerlärm schrie durch die Säle; -in den Kammern hatte die Lust ihr Lager.</p> - -<p>Bald ging ein Raunen und Murren im Reich, die Warnung kam an -mit sorgender Miene und drohenden Worten; aber der Jüngling maß<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span> -die Mienen und wußte die Worte, und wies die Warner höhnisch nach -Haus.</p> - -<p>Auch war er als König geboren und spann seine Pläne früher und weiter, -als seine Plager es merkten.</p> - -<p>Noch lachten die sächsischen Herren der Torheit des Knaben, da hatte -er schon den Ringwall der Harzburg gebaut; wie die Treibjagd das Wild -umstellt, wuchs rund um die Hart der Kranz fester Burgen.</p> - -<p>Er wollte ein anderes Reich als das der geistlichen Großen, Herzöge -und Grafen: der König allein sollte Herr sein, wie Karl im Frankenreich -König und Lehnsherr war; die sächsische Burg der Ottonen sollte der Sitz -seiner Königsmacht werden.</p> - -<p>Aber den Sachsen war es die Zwingburg der salischen Herrschaft; sie -mußten den Bauvögten Frondienste tun und seine fremde Dienstmannenschaft -nähren; sie sahen die Fesseln der sächsischen Freiheit geflochten und -haßten den herrischen Jüngling, der sie zu flechten befahl.</p> - -<p>Bauern und Ritter schwuren die Blutspur; als Heinrich den polnischen -Feldzug ausrief, kam die Empörung der Sachsen gegen die Harzburg gezogen: -da war der Übermut aus und der Jungmännerlärm; wie ein Dieb in -der Nacht mußte der König sich retten.</p> - -<p>Wohl rief er die Großen und Grafen zum Rachekrieg auf: sie hielten -ihr Heervolk im Feld, aber sie halfen ihm nicht; die heimlichen Boten kamen -und gingen, bis ihn die letzten verließen.</p> - -<p>Krank und gemieden und seiner Königsmacht ledig kam Heinrich der -Jüngling ins Land seiner salischen Väter zurück; da aber geschah ihm das -Wunder.</p> - -<p>Die Bürger von Worms hatten dem Bischof von Worms die eigenen -Tore verschlossen: sie boten dem Flüchtling den Schutz ihrer Mauern und -gaben dem Jüngling wieder ein Schwert in die Hand.</p> - -<p>Der siebente Heerschild trat in den Tag, der Bürger hob seinen Trotz -im Namen des Königs gegen den eigenen Bischof.</p> - -<p>So wurde Heinrich der Vierte aus Not und Bedrängnis ein Volksfürst: -König und Bürger fingen im Reich der Großen und Grafen ein anderes -Brettspiel an.</p> - -<p>Noch hielt der Winter die Wälder im Rauhreif, die Mühlen der Werra -standen im Eis: da hatte Heinrich ein Heer, und die Fürsten mußten ihm -folgen gegen die Sachsen.</p> - -<p>Schneestürme machten die Rosse blind, das Schwert fror fest in der -Scheide, der König mußte den Krieg und die Rache mit Handschlag beenden; -aber nun war er kein Flüchtling mehr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span></p> - -<p>Noch hatte der Tauwind den Frost nicht gebrochen, als Heinrich schon -wieder in Goslar den Königshof hielt.</p> - -<p>Als danach der Grimm der Sachsen die Harzburg zerstörte, als sie die -Kirche nicht schonten und die Gebeine der salischen Gräber verstreuten: -mußte das Reichsheer der Fürsten ihm folgen, und Gregor der Papst durfte -die Frevler nicht schützen.</p> - -<p>An der Unstrut traf den sächsischen Aufstand das Schwertgericht blutig; -die Ritter konnten sich retten in ihre östlichen Burgen, das Fußvolk der -Bauern mußte es büßen.</p> - -<p>So wurde der salische Heinrich Herr über die Sachsen und König der -Deutschen: die Großen mußten ihm dienen, weil ihm der siebente Heerschild -gehörte; die Grafen versteckten den Trotz, weil ihnen das Königsschwert gedingter -Dienstmannenschaft drohte.</p> - -<h3 id="sec4_17">Der Streit um die Stärke</h3> - -<p>Ein Königtum war aus dem Reich der Großen und Grafen geworden; -freier als jemals ein König der Deutschen schien Heinrich der Vierte über -den Völkern zu stehen, als er den Streit um die Stärke begann.</p> - -<p>Hildebrand hatte als Gregor der Siebente den Stuhl von Sankt Peter -bestiegen; der seinem büßenden Vater ein finsterer Freund war, wurde dem -Sohn ein furchtbarer Feind.</p> - -<p>Er sagte dem König die Lehensgewalt auf über die geistlichen Großen -und gab ihm drohende Botschaft nach Goslar, der Kirche zu geben, was ihr -vor dem Kaiser gehöre.</p> - -<p>Stolz seines Sieges und seiner Sache gewiß, gab Heinrich der Jüngling -dem finsteren Mann in Sankt Peter selbstherrliche Antwort: Heinrich, -König nicht durch Anmaßung, sondern durch göttliche Bestimmung, -an Hildebrand, nicht Papst, sondern falschen Mönch!</p> - -<p>Auch mußten die deutschen Bischöfe in Worms ein stolzes Gericht über -Hildebrand halten; aber Hildebrands Zorn blies ihnen Feuer ins Haus: -die Kirche verfluchte den Schirmherrn, der Papst sprach über den Kaiser -den Kirchenbann aus. Da war der Schirmherr der Kirche ein Schwert ohne -Hände, da saß er nackt auf dem Thron in der Furcht seiner Völker, da fiel -der Eid von ihm ab, der die Treue gelobte, da war der siebente Heerschild -listig durchlöchert.</p> - -<p>Zu Tribur taten die Großen und Grafen den Spruch; nur wenn er den -Bannfluch zu lösen vermöchte, könne Heinrich König der Deutschen und -Herr seiner Dienstmannen bleiben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span></p> - -<p>Aus dem Traum seiner Herrlichkeit kläglich erwacht, war Heinrich zum -andernmal Flüchtling; aber nun hielt ihm der Bischof von Worms die Tore -verriegelt, und die Bürger wehrten ihm nicht.</p> - -<p>Unmögliches mußte der König tun, die Krone zu retten; er tat es mit -harter Berechnung.</p> - -<p>Nur Berta die Frau, sein Kind und ein Knecht kamen zur Romfahrt -mit ihm; wo seine Väter den stolzen Siegeszug ritten, ging Heinrich der -Vierte im Winter den bitteren Bußgang.</p> - -<p>Schon war der Reichstag in Augsburg bestellt, wo der Richter des -neuen Bundes Saul zu verwerfen gedachte, um David zu salben; schon -harrte Gregor in Mantua des versprochenen Fürstengeleits, als ihn die -Kunde von Susa erreichte: Heinrich sei über die Alpen gekommen, von den -lombardischen Städten trotz seinem Bann als König empfangen.</p> - -<p>Da mußte Gregor zurück in die Burg von Canossa; die Sonne entwich -in die Wolken der Gräfin Mathilde und ihrer schützenden Kriegsmacht.</p> - -<p>Aber Heinrich kam barhäuptig im Büßergewand vor das Tor der steinernen -Zuflucht; und ob ihn Gregor zweimal im Grimm der durchkreuzten -Pläne verschmähte: Heinrich kam wieder am dritten Tag, barfüßig im -Schnee, der gestern noch König war, den Bannstrahl zu löschen.</p> - -<p>Da lag dem toskanischen Mönch der salische Trotz zu Füßen, der Schirmherr -der Kirche im Staub vor dem Statthalter Christi: aber es war nicht der -Mond, des Lichtes der Sonne bedürftig, es war nur ein Jüngling im Büßerhemd, -der seiner Sünden ledig zu sein von dem heiligen Vater begehrte.</p> - -<p>So brannte das päpstliche Richtergewand im eigenen Bannstrahl zur -Asche: die Fessel fiel ab, und dann war Heinrich zum andernmal König; die -Macht der lombardischen Städte stand als eine Mauer um ihn.</p> - -<p>Der auf den Reichstag als Richter der Welt zu kommen gedachte, wich -hinter die römischen Mauern zurück in den Schutz der Hadriansburg.</p> - -<p>Aber die Großen und Grafen in Tribur hatten den eigenen Spruch treulos -vergessen und Rudolf von Schwaben zum König der Deutschen gewählt.</p> - -<p>Ihm zu begegnen, kam Heinrich im Frühjahr anders nach Deutschland -zurück, als er im Winter gegangen war: er hatte sein Königsschwert wieder; -hinter ihm stand die lombardische Macht und vor ihm die Treue der rheinischen -Städte.</p> - -<p>Drei Jahre lang lag er im Feld und war ein Meister im Unglück; in -blutigen Schlachten besiegt, wieder im Bann und bei den Frommen verflucht, -hielt er den Trotz in der Faust und das Herz in der Hoffnung:</p> - -<p>Bis Rudolf von Schwaben, bei Merseburg siegend, die Hand und das<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span> -Leben verlor – die Hand, die Heinrich Treue gelobte und treulos das Schwert -hob – bis der König den tapferen Friedrich von Staufen als Eidam gewann.</p> - -<p>Immer noch standen viel Schwerter im Feld gegen ihn, als Heinrich -das römische Haupt seiner Widersacher zu treffen gedachte; unholder als -vorher im Winter zog er nach Rom und hatte ein Panzerhemd an, den -Streit mit Gregor zu schlichten.</p> - -<p>Und ob ihn das Unglück zum andernmal hinhielt, drei Jahre mit Kämpfen -und Nöten gefüllt, sein Herz war Stahl und sein Mut ein wehendes -Feuer, bis er das Tor von Sankt Peter gewann.</p> - -<p>Sieben Jahre waren vergangen, seitdem er im Büßerhemd stand; sein -Leben war Lärm und die Welt ein Wirrsal gewesen: nun riefen die Römer -ihm Heil, weil wieder ein Kaiser der Christenheit war.</p> - -<p>Normannen holten Gregor aus Rom in den Schutz ihrer Schwerter; -der sizilianische Erbfeind der Kirche bot ihrem geschlagenen Haupt das -letzte Exil.</p> - -<p>Nie hatte ein härterer Feind gerungen, als Hildebrand war; Heinrich, -der unstete Jüngling, war mannhaft geworden, als Gregor, der Greis in -Salerno, verbittert den Tod empfing.</p> - -<h3 id="sec4_18">Der Gottesfrieden</h3> - -<p>Als Gregor der Siebente starb, war der Haß nicht gestorben; er ritt auf -den Straßen von Sachsen nach Rom, er lauerte auf den Burgen der Großen -und Grafen und brannte der Kirche im Dachstuhl.</p> - -<p>Es ging um das Reich, und es ging um die Stärke: hie Kaiser, hie -Kirche! hie Priester, hie Laiengewalt! aber das Schwert trug der Ritter -hüben und drüben!</p> - -<p>Er schlug die Schlacht, er hetzte den Hirsch, er hielt die Meute im Jagdgrund; -und wenn die Jagd der Großen und Grafen aus war, ritt er selber -auf Beute.</p> - -<p>Was auf den Feldern gesät war, was in den Ställen gedieh, was auf -den Wegen und Wässern mit Wagen und Schiffen hereinkam, was auf -den Speichern und Märkten als Wohlstand des Landes begehrt war, fiel -unter sein Schwert.</p> - -<p>Und als es im neunten Jahr war, daß Bauern und Bürger im blutigen -Krieg den Segen des Tagwerks entbehrten, daß Armut und Kummer -den Wohlstand des Landes verschlangen, daß um ein Trugbild der Macht -Dörfer und Städte verdarben: geschah es, daß sich die Kirche auf ihren -Ursprung besann.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span></p> - -<p>Aber nicht Rom und der Papst, ein Bischof sandte die Taube, den Ölzweig -zu bringen, ein Bischof im lothringischen Land; den Gottesfrieden -hießen sie ihn, und so war seine Botschaft:</p> - -<p>Von Freitag zu Montag in jeglicher Woche, von Fastenbeginn bis über -den Sonntag nach Pfingsten, vom ersten Advent bis über Dreikönigen -dürften nicht Fehde sein; und wer den Gottesfrieden nicht hielt, war verflucht -an Leben und Eigen.</p> - -<p>Sie kam von Frankreich geflogen, die Taube der Sintflut, wo sie im -Streit der Großen den Boden zu ruhen nicht fand; in Lüttich wurde die -Stätte bereitet, und bald war der Kaiser ihr Schutzherr.</p> - -<p>Heinrich, der König der Bürger und Bauern, nahm ihren Ölzweig zur -Hand; da mußten die Großen und Grafen ihm folgen: so war in der Sintflut -der Zeit dem Frieden die erste Freistatt bereitet.</p> - -<p>Noch war der Haß nicht gestorben und Heinrich der Vierte ging seinen -Leidensweg weiter bis an sein gramvolles Alter: aber der Taube von Lüttich -hielt er die Treue, und gab in Zorn und Bedrängnis den Ölzweig nicht -aus der Hand.</p> - -<h3 id="sec4_19">Der Kaiser des Volkes</h3> - -<p>Klug und wild war der Knabe, hochfahrend der Jüngling, unbeugsam -und rastlos der Mann, den das Volk als Vater verehrte, da er ein Greis -war; aber das Schicksal fuhr seinen Wagen mit lockeren Rädern, und als -er im Gleichmut des Alters zu fahren gedachte, scheuten die Rosse.</p> - -<p>Er hatte den mächtigen Papst nach Salerno gebracht und hatte die -trotzigen Sachsen gedämpft, aber die Burg seines Königtums ging ihm -verloren; so zäh seine Hand das Königsschwert hielt, den Traum von Goslar -träumte sein Alter nicht mehr: sein Hoflager ging um in den Ländern der -Großen und Grafen, wie es die Herkunft gebot.</p> - -<p>Aber ihm fiel eine Burg zu, die nicht aus Steinen gebaut war; Dienstmannentreue -hielt ihr das Tor, und die Liebe des dankbaren Volkes war ihre -gewaltige Mauer.</p> - -<p>Die Ritter hatten vom Schwert gelebt, wie der Bauer vom Pflug, sie -waren im Scharlach mit goldenen Sporen geritten und hatten den Wohlstand -geerntet: nun siechte der nützliche Krieg hin, und der Mangel kroch -in die Burgen.</p> - -<p>Die Großen und Grafen sahen den Aufruhr beginnen und die Vasallen -den Glanz ihrer Tage verblassen, indessen die Bürger und Bauern sich in -der Kaisergunst sonnten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span></p> - -<p>So fuhr das Alter des Kaisers durch Liebe und Haß den schmalen Königsweg -hin, als ihm die Feindschaft der Ritter die Rosse wild machte, als -ihm der römische Haß die Räder zerbrach.</p> - -<p>Zum viertenmal kam der Bannfluch von Rom, als Paschalis Papst -war, Gregors gelehriger Schüler; der Donner hatte den Blitz verloren und -rollte nur hin, aber den Feinden des Kaisers kam er zur richtigen Stunde.</p> - -<p>Sie kannten die Herrschsucht des Sohnes, und wie er die Geltung des -Vaters mühsam ertrug; sie wußten den Bannfluch klüglich zu leiten, daß -er im Treubruch des Sohnes den bösen Spalt fand.</p> - -<p>Weihnachten stand vor der Tür, als Heinrich der Sohn das Hoflager -heimlich verließ, von Fritzlar nach Bayern zu fliehen, wo ihn die Feinde des -Königs fröhlich empfingen; und die Vasallen strömten der neuen Herrengewalt -zu.</p> - -<p>Am Regenfluß standen sich Vater und Sohn gegenüber im Schutz ihrer -Scharen, aber hüben und drüben stiegen die Ritter vom Roß; wieder gingen -und kamen die heimlichen Boten, bis Heinrich der Vater den Verrat -der Vasallen erkannte und heimlich entwich.</p> - -<p>Ein Hoftag der Großen und Grafen in Mainz sollte den Kaiser des -Volkes absetzen; aber die Bürger standen auf für sein Recht, und ein stadtkölnisches -Heer zog heran, den Mantel des Kaisers zu schützen: da mußten -Falschheit und Frevel dem herrischen Sohn helfen.</p> - -<p>In Koblenz lag er dem Vater zu Füßen, Abbitte leistend und Treue gelobend; -der Kaiser zog arglos mit ihm und ließ sich von Bingen nach Bökelheim -locken; aber es war eine Falle, und statt auf dem Hoftag in Mainz -mit den Großen und Grafen zu rechten, saß er in einer Waldburg gefangen.</p> - -<p>Sie wollten in Mainz ein stolzes Gericht über ihn halten, aber sie wagten -es nicht vor den Bürgern; so war es draußen in Ingelheim, wo sie den -Greis, höher an Wuchs und Würde als einer der Fürsten, in die Schmach -ihrer Anklagen brachten.</p> - -<p>Da konnte die Kirche sich rächen an ihrem stolzen Verächter; da fand -der Grimm der Vasallen die Grafen und Großen bereit, den Kaiser der -Bürger und Bauern zu dämpfen; da ließ der Sohn es geschehen, daß rechtlose -Richter Heinrich dem Vierten das Königskleid nahmen.</p> - -<p>Sie wiesen dem todwunden Geier die karolische Pfalz in Ingelheim an; -aber noch einmal hob er die mächtigen Flügel: Heinrich der Vierte entfloh -seiner Haft, und als der frevelnde Sohn mit seiner Vasallenmacht kam, -ihn zu fangen, wiesen die Bürger von Köln und Lüttich ihm blutig die Tore.</p> - -<p>Schon mußte der Sohn sich bequemen, andere Botschaft zu senden, da -brachte ihm ein Gesandter den Ring und das Schwert seines Vaters und<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span> -sein letztes Vermächtnis: wie er geboren war, starb Heinrich der Vierte als -König, kein Haß trübte dem Greis die letzte Verpflichtung.</p> - -<p>Otbert der Bischof von Lüttich ließ seinen Leib in der Kirche begraben; -das Volk jammerte laut um seinen Vater und Freund; aber der Haß seiner -Feinde strafte den Bischof und gönnte der Leiche nicht ihren Frieden.</p> - -<p>Als sie den Sarg des Gebannten hinaus auf die Maasinsel brachten, -kamen die Bauern herbei aus den Feldern, warfen das Korn über den Sarg -und streuten die Erde des Grabes auf ihre Acker, daß Korn und Acker geweiht -wären.</p> - -<p>Daß ihm der Vater nicht draußen läge gleich einem Hund, hieß Heinrich -der Sohn die Leiche im steinernen Sarg hinauf nach Speyer geleiten, -und er gab ihr den Platz im Dom nach der Reihe der salischen Kaiser.</p> - -<p>Aber noch durfte Heinrich der Vierte nicht versammelt sein bei seinen -Vätern; zum andernmal trugen die zornigen Hände der Kirche den Sarg -des Gebannten hinaus, daß er die Gruft nicht entweihe.</p> - -<p>Der mit dem Frevel in Kaiserswerth zänkisch begann, der in Canossa lichterloh -brannte, mit üblen Gerüchen in Ingelheim schwelte: der Haß seiner -Feinde ließ seine Asche nicht ruhen und schmähte sein stolzes Gedächtnis.</p> - -<p>Das Volk behielt Heinrich, den Vater und Freund und sein grausames -Schicksal treu und traurig im Herzen.</p> - -<h3 id="sec4_20">Der Sieg der Fürsten</h3> - -<p>Der Kampf, den Heinrich der Vierte sein Leben lang kämpfte, war -traurig verloren; sein Sarg in Speyer blieb draußen am Dom als gramvolles -Bildnis gestorbenen Volkskönigtums stehen.</p> - -<p>Die Fürsten hatten den finsteren Sohn ihres Feindes vorzeitig zum -König gemacht, und der Papst war ihrem Frevel Nothelfer gewesen; seiner -Fesseln nicht froh tat Heinrich der Fünfte die Romfahrt anders als seine -Ahnen.</p> - -<p>Die Großen und Grafen traten ihm bei, und die Vasallen strömten -ihm zu in unübersehbaren Scharen: der Gottesfrieden hatte sie müßig gemacht, -nun gab es fröhliche Fahrt.</p> - -<p>Nie hatte das lombardische Land mehr Ritter und Lanzen gesehen als -in dem hochmütigen Herbst, da Heinrich der Fünfte die lombardische -Städtemacht dämpfte; und als er im Winter nach Rom kam, stand Paschalis -wartend, die mächtige Hand zu ergreifen.</p> - -<p>Immer noch hielt der Streit der Belehnung die Kirche in Zorn; aber -dem Papst wie dem Kaiser waren die deutschen Bischöfe zu mächtig,<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span> -und heimlich wurden die Stricke geflochten, die mächtigen Hände zu -binden.</p> - -<p>Und so war die Lösung, die Kaiser und Papst in Heimlichkeit fanden: -der Papst allein sollte Herr der Bischöfe sein, aber sie sollten der weltlichen -Geltung im Reich des Kaisers entsagen, all ihr Lehensgut sollte wieder dem -Reich und dem Kaiser gehören.</p> - -<p>Das war die christliche Scheidung; sie teilte den Mächten das Reich, -gab Gott und dem Kaiser, was Gott und dem Kaiser gehörte.</p> - -<p>Als aber der Papst in Sankt Peter die heimliche Gleichung offenbar -machte, da sprangen die Bischöfe auf im Tumult und zwangen den Papst -und den Kaiser, den heimlichen Strick ihrer weltlichen Macht zu zerreißen.</p> - -<p>Seitdem stand Heinrich der Fünfte nicht mehr in der Gunst der geistlichen -Großen; sie wollten die Weltfürsten bleiben und zwischen dem Papst -und dem Kaiser die eigenen Machthändel treiben: wie Heinrich der Fünfte -den Vater verriet, so war er nun selber verraten.</p> - -<p>Wilder denn je ging der Streit um die Macht, und die Vasallen saßen -im Sattel das ganze Jahr; der Gottesfrieden ging unter im Lärm ihrer -Schlachten, denn nun war kein Kaiser des Volkes mehr da, ihn zu -halten.</p> - -<p>Wohl lenkte Heinrich der Fünfte klüglich zurück in die Bahn seines Vaters; -er ließ mit goldenen Lettern am Dom zu Speyer die Bürgerfreiheit -ansagen: aber dem Finsteren blieb das Herz des Volkes verschlossen.</p> - -<p>So kam in Würzburg der klägliche Tag für den Kaiser: hie Papst, hie -Kaiser stand auf den Fahnen der Heere; aber die Fürsten stiegen vom Roß -hüben und drüben, den Streit zu beenden und auf dem Streitfeld die Zelte -der eigenen Herrschaft zu bauen.</p> - -<p>Da wurde ein anderer Strick geflochten, Kaiser und Papst die Hände -zu binden; da schrieben die Räte der Fürsten das Konkordat, das auf dem -Reichstag zu Worms den Streit der Stärke zudeckte:</p> - -<p>Der Papst belehnte den Bischof mit Ring und Stab als Zeichen der -geistlichen Würde, der Kaiser gab ihm das Zepter als Zeichen der weltlichen -Fürstengewalt.</p> - -<p>Ein halbes Jahrhundert lang hatte der Streit dem Kaiser den Atem -genommen, ein halbes Jahrhundert lang hatte das Feuer die Völker gebrannt, -nun dämpften die Fürsten die glühende Asche.</p> - -<p>Heinrich der Fünfte blieb er genannt, König der Deutschen und römischer -Kaiser: wo seine Väter die Schutzherren waren, nahm er nun selber -die Krone, Reichsapfel und Zepter als Lehen der Kurfürstengewalt.</p> - -<p>Das Reich der Kaiser war tot; als die Bürger und Bauern Deutschland<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span> -den Mantel des einigen Königtums brachten, riß ihn die Herrschsucht der Fürsten -in Fetzen.</p> - -<h3 id="sec4_21">Die goldenen Tage der Kirche</h3> - -<p>Das Jahrhundert der salischen Herrschaft war aus, und wieder lagen -die Heerschilde am Rhein, dem Reich einen König zu küren: hüben die -Sachsen und Bayern, drüben die Franken und Schwaben.</p> - -<p>Der mächtigste Fürst war Friedrich von Staufen, Herzog in Schwaben -und Schwager Heinrichs des Fünften; er hatte die salischen Güter geerbt -und war seiner Wahl sicher.</p> - -<p>Aber die Kurfürsten hatten das Königtum nicht geschwächt, daß Friedrich -von Staufen es wieder stärke; sie wußten den Wahlgang listig zu stören -und hoben Lothar von Suplinburg auf den Schild, Herzog von Sachsen -und Todfeind Heinrich des Fünften.</p> - -<p>Sechzig Jahre war Lothar alt, als die geistlichen Großen dem Graukopf -die Krone aufsetzten: als Söldner gekrönt, blieb er ihr williges Werkzeug; -und als er ein schlohweißer Greis war, krönte der Papst ihn dem heiligen -Norbert zuliebe als Kaiser.</p> - -<p>Auch ließ er ein Bild malen, wie er dem König gnädig die Krone verlieh; -und so war die stolze Legende: Vor die Tore Roms kommt der König, -beschwört die Rechte der Stadt, wird Vasall des Papstes und empfängt -von diesem die Krone.</p> - -<p>Es waren die goldenen Tage der Kirche in Deutschland, da Lothar der -Graukopf die Krone demütig und diensteifrig trug, da der König den heiligen -Norbert von Xanten als Bischof nach Magdeburg rief.</p> - -<p>Norbert der Bischof hatte als Mönch in Frankreich den Orden der -Prämonstratenser gegründet und brannte in düsterer Inbrunst, der Kirche -das kostbare Kleid und den Klöstern den weltlichen Wohlstand zu nehmen.</p> - -<p>Gebet und Arbeit gab er den Mönchen wieder zur Hand, daß sie – wie -Cluny es lehrte – Werkstätten des frommen Fleißes und Zunfthäuser der -Kirchenzucht würden, statt üppige Pfründen der Weltlust zu sein.</p> - -<p>Zum andernmal schlugen die Mönche die Standlager entsagungsvoller -Mühsal auf in den neblichten Wäldern; wo eine Wiese war, wuchsen die -weißen Gebäude; Gärten, von Mauern gegürtet, und Feldergebreite drängten -hinein in das weglose Dickicht.</p> - -<p>Die grauen Zisterzienser wetteiferten treulich mit den weißen Prämonstratensern -und wußten zierliches Maßwerk zu bauen; vom Rhein hinüber -weit in den Osten und hoch hinein in den Norden trugen sie Kreuz und Kelle -und mehrten das Kirchenland.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span></p> - -<p>Und was die Mönche begannen, brachten die Bauern zu Ende; uraltes -Hofrecht wurde lebendig, neue Weide zu schaffen; fleißige Rodung gewann -aus den neblichten Wäldern die Sonnenplätze der Dörfer.</p> - -<p>Es waren die goldenen Tage der Kirche in Deutschland, als die grauen -Mönche die schwarzen ablösten, als sie den himmlischen Gärten die irdischen -Vorwerke bauten, als sie im Eifer nützlicher Arbeit und frommen Gebetes -den Prunkmantel römischer Herkunft vergaßen.</p> - -<h3 id="sec4_22">Der heilige Bernhard</h3> - -<p>Als Lothar, der greise Dienstmann der Kirche, verschied, stand Heinrich -der Stolze, sein Eidam, Herzog von Bayern und Sachsen, der Krone am -nächsten; um Pfingsten sollte die Wahl sein.</p> - -<p>Alberto aber, der hitzige Bischof von Trier, wollte nicht leiden, daß wieder -ein mächtiger König die goldenen Tafeln der Kirche zerbräche; er gab die -Krone Konrad von Staufen als Ostergeschenk, da brauchten die Heerschilde -nicht auf das Pfingstfest zu reiten.</p> - -<p>Konrad, der Dritte genannt, war Kriegsmann und nannte geringe Erbschaft -in Franken sein Eigen, da seinem Bruder Friedrich von Staufen das -Herzogtum Schwaben gehörte; er mußte der Kirche willfährig sein gegen -die Macht Heinrichs des Stolzen.</p> - -<p>Aber die Kirche war nicht mehr das römische Reich; der Papst saß bedrängt -in Sankt Peter, indessen Bernhard, der Mönch von Clairvaux, die -Christenheit lenkte.</p> - -<p>Ein neuer Apostel hielt wieder das Kreuz, von Wundersagen umdichtet: -in der Macht seiner Rede ein Paulus, und ein Prophet, wie Jesaias war.</p> - -<p>Der Stern von Bethlehem stand neu über dem Abendland: wie er den -Weisen aus Morgenland schien, so glühten die Mönche im Licht der neuen -Verheißung.</p> - -<p>Der Tag der Verheißung brach in der Wirklichkeit an und war kein -Weltuntergang mehr, weil nun Maria die Königin hieß; ihr hielten -die Mönche den Himmel gespannt mit den Schnüren brünstiger Liebesgewalt.</p> - -<p>Und weil es das Abendland wollte, sollte das Morgenland wieder die -irdische Heimat der christlichen Menschheit werden: Maria hatte den Heerbann -befohlen, sie würde – so war es den Mönchen verheißen – die siegreiche -Weltkönigin sein.</p> - -<p>Weihnachten war im Dom zu Speyer, als Bernhard dem König die -Kreuzpredigt hielt: wie Moses den Quell, zwang sein gewaltiges Wort den<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span> -Schwur aus den Seelen; das Volk weinte in seliger Lust, als Konrad, der -Kriegsmann der Kirche, knieend die Fahne der Himmelskönigin nahm.</p> - -<p>Nie war die Lust auf den irdischen Straßen so selig gegangen, nie hatte -die Sehnsucht der Seelen so brünstig gebrannt, nie hatte das Kreuz so glühend -gelockt wie nun auf den Fahnen, da sich das Abendland aufhob, das -Morgenland zu befreien.</p> - -<p>Vom Abendland aber zum Morgenland ging der Weg weit über Byzanz -und über Nicäa hinauf in die Steinwüsten der Türken: gewaltig waren -die Ritter gerüstet zur Schlacht, aber der Troß war zu groß, sich in der -Wüste zu nähren.</p> - -<p>Als der Durst nicht aufhörte, Roß und Reiter zu plagen, als die Glut -der Steine das Leder zu dörren begann, als in den Nächten der Fieberdurst -kam, als Seuche und Not den gepanzerten Lindwurm des Abendlandes -fraßen, siegte grausam das Morgenland.</p> - -<p>Die Wespen der türkischen Reiter fielen in Schwärmen über den schwerfälligen -Leib und stachen ihn zornig zu Tode; ein Leichenfeld wurde die -Straße von Doryläum zurück nach Nicäa: die Himmelskönigin hatte die -Ihren verlassen, nur wenige sahen das Meer wieder.</p> - -<p>Ein Klageschrei irrte ins Abendland heim, wie seinen Ohren noch keiner -geklungen war: die Ritterblüte der Länder lag in der Wüste verdorrt, das -Wunder hatte gelogen.</p> - -<p>Das Wahnreich der Mönche sank hin; aus den Trümmern der himmlischen -Herrlichkeit hob sich der grimmige Zweifel der Erde.</p> - -<h3 id="sec4_23">Heinrich der Löwe</h3> - -<p>Indessen der Kirche in Deutschland die goldenen Tafeln zerbrachen, weil -sie den Berg der Verheißung nicht fand, war ihr der zäheste Gegner gewachsen.</p> - -<p>Heinrich den Stolzen hießen sie seinen Vater, Herzog in Bayern und -Sachsen, der Konrad dem Staufer die kärgliche Geltung bestritt; stolz war -auch der Sohn, aber sein Stolz hielt der Stärke die Hand.</p> - -<p>Er war noch ein Knabe, als Konrad, den staufischen König, der Tod -Heinrichs des Stolzen aus schwerer Bedrängnis befreite; aber der Knabe -war früh bei der Hand, die reiche Erbschaft zu halten.</p> - -<p>Als Heinrich Jasomirgott mit seiner Mutter das Herzogtum Bayern -bekam, ging er grollend nach Sachsen, weil er dem Stiefvater nicht die -Hand seiner Mutter, wohl aber das Land seiner Väter bestritt.</p> - -<p>Zum andernmal hielt ein Knabe und Jüngling den sächsischen Hof,<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span> -aber nun war es der eigene Herzog, kein landfremder König; stark wie zur -Zeit der Ottonen wuchs die sächsische Mauer um ihn.</p> - -<p>So stark war die sächsische Mauer, daß Heinrich dem Kreuzzug des heiligen -Bernhard ausweichen konnte, statt in das Morgenland gegen die -näheren Feinde im Osten, die Wenden, zu ziehen.</p> - -<p>Als Konrad wiederkam mit dem kläglichen Rest seiner Macht, war Heinrich -im Haushalt des Reiches stark und selbstherrlich geworden; Kirchen- -und Königsmacht fanden die sächsische Grenze gesperrt.</p> - -<p>Noch war Heinrich ein Jüngling, aber schon hieß er der Löwe, und wo -er die Tatze hinlegte, hob sich nicht leicht eine Hand, ihn zu stören: die Grafen -und geistlichen Großen im Sachsenland mußten sich fügen, wie es der -mächtige Landesherr wollte.</p> - -<p>Aber er war kein Gewaltherr der Willkür; im sächsischen Weistum -waren die Wurzeln des uralten Rechts sorgsam bewahrt, auf dem heiligen -Boden der Herkunft standen Wahrspruch und Richtschwert; Heinrich der -Herzog war Richter und Hüter, wie es die Herkunft gebot.</p> - -<p>Er ließ der Kirche das Amt ihrer geistlichen Sendung, aber der Bischofsmacht -hielt er die Zügel; und als er Lübeck neu baute, gab er der Stadt -einen Bischof, ihre Geltung zu mehren, aber auch einen Rat, im Namen -des Herzogs sich selbst zu verwalten.</p> - -<p>Er machte die Herkunft lebendig und zerbrach den Deckel lateinischer -Bildung: er war ein deutscher Fürst und ließ der Kirche das Morgenland, -dem König die römischen Händel, weil er im eigenen Bienenstock die Waben -des sächsischen Wohlstands baute.</p> - -<p>Und als dem welfischen Löwen der staufische Vetter und Freund seiner -Jugend, Friedrich der Rotbart, im Alter das Rückgrat zerbrach, blieben -Dank und Liebe der deutschen Seele in Liedern und Sagen lebendig, sein -trotziges Standbild mit Efeu und wilden Rosen umrankend.</p> - -<h3 id="sec4_24">Friedrich von Schwaben</h3> - -<p>Konrad, der klägliche Staufer, war tot, und Heinrich der Löwe saß im -Sattel der sächsischen Stärke, da waren die geistlichen Großen in Not; sie -mußten, dem Welfen zu wehren, den Einzigen wählen, der seiner Macht -widerstand: Friedrich, den jungen Herzog von Schwaben.</p> - -<p>Judith, die Schwester Heinrichs des Stolzen von Bayern, war seine -Mutter gewesen; staufisch- und welfischen Blutes gleichviel, stand er mitten -im Streit der Geschlechter.</p> - -<p>Er hielt seinen ersten Hoftag in Sachsen, auch sprach er dem Vetter<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -und Freund die bayrische Erbschaft zu; denn Gertrud die Mutter des Löwen -war tot, und Heinrich stand mit dem Schwert in der Hand gegen Jasomirgott, -sein Recht und sein Land von dem Stiefvater einzufordern.</p> - -<p>So blieb der Staufer klüglich im Schatten des Starken, und niemand -im Reich konnte wagen, dem Bund der beiden zu trotzen; Rom aber mußte -erfahren, daß Friedrich von Schwaben ein fleißiger Schüler des Löwen war.</p> - -<p>Der verhaßten Kaisermacht ledig, hatte der Papst den Hochmut der -römischen Bürger erfahren: von seinem Stuhl in Sankt Peter vertrieben, -von der normännischen Hilfe übel bedrängt, rief er von neuem den Schirmherrn -der Kirche.</p> - -<p>Friedrich von Schwaben eilte nicht sehr, dem Bedrängten zu helfen; als -er mit Heinrich dem Löwen endlich die Alpenfahrt machte, lockte lombardischer -Reichtum ihn mehr als das Salböl des Papstes.</p> - -<p>Er sah im fruchtbaren Herbst die reichen Felder gebreitet, er sah die -blühenden Städte im Kranz ihrer Gärten, er sah die Schiffe und Wagen der -Kaufleute fahren und sah sie wohnen im Reichtum.</p> - -<p>So wurde nach sechshundert Jahren in einem Staufer der Traum Alboins -wach, das lombardische Land als Wiege der Macht zu besitzen: statt -Wanderkaiser der Deutschen Italiens Schwertherr zu sein.</p> - -<p>Aber die Wiege war wehrhaft geworden, seit Alboin in der Burg Dietrichs -von Bern sein lachendes Siegesmahl hielt; trotzig standen die Städte -der Lombardei, mauerumgürtet, und Mailand, die mächtige, war ihre starke -Bastei.</p> - -<p>Friedrich der Staufer nahm die lombardische Krone; die stolzen Geschlechter -von Mailand mußten sich seiner Schwertgewalt beugen; er -dämpfte den Aufruhr der Römer und ließ sich von Hadrian krönen: aber die -Schar seiner Ritter reichte nicht aus, das Abenteuer zu halten.</p> - -<p>Schon stand sein Rückweg gefährlich – Otto von Wittelsbach brach -die gesperrte Etschklause auf – und kaum war der letzte Hufschlag verschollen, -da schlossen die Städte um Mailand den Bund ihrer Freiheit, und -Rom sandte heimliche Botschaft.</p> - -<h3 id="sec4_25">Barbarossa</h3> - -<p>Als Friedrich der Rotbart zum andernmal kam, hatte sein Kanzler Rainald -von Dassel – der listig gewaltige Mann – das Reichsheer reisig gemacht; -aus allen Pässen kam es herab in die ronkalischen Felder: das Abenteuer -des Staufers war eine Heerfahrt des Kaisers geworden.</p> - -<p>Wie Karl die Sachsen mit Krieg überzog, brach der Staufer ein ins<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span> -lombardische Land; und wie sich der Sachsentrotz wehrte bis zur Vernichtung, -so ungebeugt hoben die Städte aus Blut und Brand das Banner -der Freiheit.</p> - -<p>Einmal war Mailand gestäupt und die Bürger der Stadt mußten im -Hemd zum Büßergang kommen, ein bloßes Schwert auf dem Nacken; einmal -war Mailand zerstört, wie Jerusalem war, da Titus die Juden wegführte.</p> - -<p>Einmal stand Friedrich der Rotbart als Sieger vor Rom, Alexander -den Papst zu verbannen; einmal fraß ihm das Fieber sein Heer – auch Rainald -von Dassel, den listig gewaltigen Kanzler – daß er nur in böser Gefahr -den Rückweg nach Deutschland gewann; einmal war er so grausam geschlagen, -daß er den Schild und die Fahne verlor, und von den Seinen vermißt -war.</p> - -<p>Aber er stand wieder auf, und was sein Schwert nicht vermochte, mußte -die List ihm gewinnen: den lombardischen Städtebund um den Sieg zu betrügen, -beugte er sich vor der mächtigen Hand Alexanders.</p> - -<p>Sein Rotbart war grau und das lombardische Land eine Wüste geworden, -als ihm der Tag von Venedig endlich den Frieden einbrachte: er mußte -den Städten vielerlei Freiheit beschwören, aber sie nahmen den Staufer -an aus der Hand des Papstes als ihren Kaiser und Herrn.</p> - -<p>So war er reich und mächtig geworden, der arm und im Schatten des -Starken sein Abenteuer begann; als er im Schatten der Kirche endlich gewann, -stand Heinrich der Löwe allein in der Sonne: da war die Freundschaft -zerbrochen.</p> - -<p>Wie die lombardischen Städte gegen den Staufer, so hatten die deutschen -Bischöfe den Bund gegen den Herzog von Sachsen und Bayern beschworen; -nun hatte der Staufer den Schatten gewechselt: so kam ihre -Stunde.</p> - -<p>In der staufischen Pfalz zu Gelnhausen wurde die Haut des welfischen -Löwen verteilt, und die Bischöfe nahmen sich reichlich; der letzte Herzog der -Deutschen wurde verbannt, das letzte Stammland zerstückelt.</p> - -<p>So machte Friedrich von Staufen das mißglückte Königtum Heinrichs -des Vierten wahr, aber die Burg seiner Macht stand jenseits der Alpen, das -Reich war verraten.</p> - -<p>Barbarossa war nun der Rotbart genannt, der Herr des lombardischen -Landes; fünf Kronen trug er auf seinem silbernen Haar und hieß wieder -Kaiser der Christenheit wie Karl der fränkische König: aber ihm hielt keine -Aachener Burg das Herz der Heimat gerüstet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span></p> - -<h3 id="sec4_26">Das Maifeld in Mainz</h3> - -<p>Herrlicher war nie ein Maifeld gewesen, als da Barbarossa in Mainz -seinen Söhnen die Schwertleite hielt; die Lombardei war gewonnen, und -Heinrich der Löwe lag auf der Strecke; prahlend kamen die geistlichen Herren -und alle Vasallen, das Glück ihrer Tage zu feiern.</p> - -<p>Die Mauern von Mainz waren zu eng für die festlichen Massen; so -war vor den Toren die Zeltstadt gebaut, geschmückt mit dem Maibaum des -Kaisers, mit den Wimpeln der Großen und Grafen und der unermeßlichen -Farbenpracht ihrer Völker.</p> - -<p>Das Abendland bestaunte die staufische Macht und sah den Himmel der -Deutschen gespannt über dem siegreichen Kaiser und über dem Sohn, der -seine Macht und Herrlichkeit erbte.</p> - -<p>Fünf Kronen trug sein silbernes Haar und wollte die sechste im Heiligen -Lande gewinnen, als er, der Greis, im Jubel der Völker das Kreuz nahm.</p> - -<p>Er hatte als Jüngling den Kreuzzug Konrads mitgelitten und kannte -die Wüstengefahr; wie ein Hausvater seine Tage bestellt, ließ er das Reich -seinem Sohn, sich selber der Kirche zu weihen.</p> - -<p>Noch einmal schäumte das Abendland gegen das Morgenland auf; aus -Frankreich, England und Deutschland kamen die Ritter mit ihren Knappen, -dem Kaiser zu folgen, der als Greis die kühne Fahrt wagte.</p> - -<p>Klüger als Konrad und besser gerüstet, gelang ihm der mühsam gefährliche -Ritt durch die Wüste; schon war Ikonium sein und das cilicische Gebirge -gewonnen, als der Kaiser im Saleph ertrank.</p> - -<p>Wie der staufische Jüngling sein Abenteuer auf fremder Erde begann, -so sank er dem Reich hin in der Fremde; mit seiner greisen Rittergestalt -war die deutsche Herkunft der Staufer gestorben: Heinrich der Sechste, -der Sohn seiner Macht, ging nach Palermo.</p> - -<h3 id="sec4_27">Der Sohn der Macht</h3> - -<p>Heinrich, der staufische Jüngling, hatte die ältliche Erbin des normännischen -Goldes gefreit; die Völker kamen nach Mailand, die staufische Macht -zu bestaunen, als der Kaisersohn mit Konstanze, der Königstochter von Sizilien, -die prahlende Hochzeit hielt.</p> - -<p>Die Kaisermacht spannte den Bogen über den Stuhl von Sankt Peter -hinüber; von der kalten Meerküste bis in die südlichen Mittelmeergärten -reichte die Schwerthand der Schwaben.</p> - -<p>Nordsturm fiel über die sonnigen Küsten, darin Blüte und Frucht<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -erfroren, als das normännische Seeräuberglück an den Sohn der staufischen -Macht kam.</p> - -<p>Sein Herz war hart und sein Mund blieb verschlossen; wo Friedrich der -Rotbart mit fröhlicher Grausamkeit ritt, stand Heinrich der Sechste mit -finsterer Strenge.</p> - -<p>Den Zermalmer hießen sie ihn, der alles zertrat, was seinen grausamen -Weg hemmte; aber als er den Hammer ins Morgenland hob, sprang ihm -sein gläsernes Herz.</p> - -<p>Es war im siebenten Jahr, daß Barbarossa sein Vater im Saleph ertrank, -als auch der Sohn der staufischen Macht die Heimkehr versäumte: -seinen Marmorsarg stellten sie auf im steinernen Dom von Palermo.</p> - -<p>Schirmherr der Kirche und Schwertherr der abendländischen Völker zu -sein, war die Sendung der Kaiser gewesen: der Streit um die Stärke hatte -den Bogen gespannt; als er im Rauschglanz staufischer Machtherrlichkeit -über Sankt Peter hinaus ging, zerbrach er.</p> - -<h3 id="sec4_28">Der Sizilianer</h3> - -<p>Als Heinrich der Sechste gestorben war, fern und fremd wie er lebte, -war Friedrich, der Sohn der Konstanze, ein Kind.</p> - -<p>Den Staufern die Macht in Deutschland zu halten, nahm Philipp von -Schwaben, der Sohn Barbarossas, die Krone; aber der Bischof von Köln -krönte den Sohn des welfischen Löwen.</p> - -<p>So standen die Söhne im Haß ihrer Väter, und der Papst schürte den -Brand: hie Waibling, hie Welf! wurde der Wahlspruch der Großen; hie -Welf, hie Waibling der Schlachtruf der Ritter, die über das Reich den -neuen Bürgerkrieg brachten.</p> - -<p>Da wuchs die Saat der staufischen Weltherrscherträume üppig und geil -ins Kraut, da war von der goldenen Ernte allein das Unkraut geblieben, -indessen der Papst Innocenz den Weizen der Kirche in vollen Scheuern einbrachte.</p> - -<p>Otto dem Welfen lachte das Glück, als Philipp von Schwaben durch -Otto von Wittelsbachs Mörderhand fiel; aber indessen war Friedrich der -Sohn der Konstanze mündig geworden, und päpstlicher Eifer sandte den -Großen und Grafen im Reich den sizilianischen Knaben als König.</p> - -<p>Den Pfaffenkaiser hießen sie ihn, der als Friedrich der Zweite in Aachen -die Krone der Deutschen aufsetzte; aber der eigene Sendling des Papstes -wurde die Brut, die zu verderben danach die Kirche den Zorn des Himmels -mit allen Zungen herabschrie.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span></p> - -<p>Innocenz selber war Vormund des Knaben gewesen, der machtherrliche -Papst, der die Kronen Europas verschenkte; aber der Schüler lernte das -Schachspiel der Kirche, dem Schwert mit List zu begegnen; er war ihr eifrigster -Lehrling und wurde ihr Meister.</p> - -<p>Als es zum andernmal hieß: hie Kaiser, hie Kirche! war der Kaiser die -List, und der Papst stand im Zorn, dem spöttischen Spieler mit Fluch und -Verdammnis das Brett zu verwirren.</p> - -<p>Aber der Sizilianer gab lachend die Ewigkeit hin, die Gegenwart zu behalten; -und höher als jemals ein Herrscher hob er sein spöttisches Haupt in -die Räume, wo der Menschengeist Gott in den Grenzen des irdischen Daseins -verleugnet.</p> - -<p>Der sich als Fürst in Palermo die sarazenische Leibwache hielt, der mit -arabischen Weisen das Rätsel des Lebens befragte und im Prunk des Morgendlands -wohnte, trug die Krone der Christenheit nur um die Macht und -den Glanz ihrer Herrscherfülle.</p> - -<p>Das Reich der Deutschen gab er danach dem Sohn zu regieren, der in -den Ränken der Großen ein törichter Knabe und seinem Vater ein kläglicher -Nachahmer war.</p> - -<p>Der Kaiser der Christenheit saß in Palermo; er kam nur ins Reich, wie -ein Kaufherr nach seinen Schafen sieht.</p> - -<p>Sechs Kronen trug sein spöttisches Haupt; er war dem normännischen -Staat ein König, mächtig und klug wie keiner, aber das Reich lag im Schatten: -Fremdherrschaft war die staufische Macht dem Volk der Deutschen geworden.</p> - -<p>Als er starb, der Sizilianer aus dem Geschlecht der Staufer, das der -zornige Papst ein Otterngezücht nannte, da rollten die Kronen hin, da -blieb von der Kaisermacht nur noch ein römischer Schatten, da rissen die -Raben das Reich auseinander, da wurden die Ritter Herren der Straße -und ihre Knechte die Plage des Bürgers.</p> - -<h3 id="sec4_29">Konradin</h3> - -<p>Die letzte Fackel der Staufer sank jäh in die Nacht, als Manfred, der -Bastard des Sizilianers, gegen Karl von Anjou in Sizilien Land und Leben -verlor; aber ein Irrlicht hob sich in Deutschland, noch einmal den Weg der -Fackel zu flattern.</p> - -<p>Konradin hießen sie ihn, den letzten Erben der Staufer, und er war noch -ein Knabe, als ihn die Sendlinge nach Sizilien riefen, Karl von Anjou, dem -Franzosen, das normännische Reich zu bestreiten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span></p> - -<p>Ein Knabe hob seine Augen auf zu den Taten der Väter: wo sie mit gewaltigem -Kriegsvolk zogen, kam die ärmliche Schar seiner Ritter.</p> - -<p>Tollkühn und töricht war der Plan, abenteuerlich seine Gestaltung; -aber das gleißende Glück rollte dem Knaben die bunte Kugel vorauf, und -mancherlei Volk lief ihm zu im toskanischen Land.</p> - -<p>Als er nach Rom kam, fiel ihm ein flüchtiger Glanz auf die fiebrige -Stirn: Frauen und Männer führten den Knaben aufs Kapitol, blumengeschmückt, -und die Straßen prahlten mit Fahnen, als ob er den Sieg und -der staufischen Macht die Wiederkunft brächte.</p> - -<p>Als aber der Tag kam, da die Haufen sich maßen, hob das staufische Ungestüm -wohl den Feind aus dem Sattel, schon stürmten die Ritter dem -Fußvolk voraus zur Verfolgung: doch war die Flucht eine List: aus dem -Hinterhalt brachen die feindlichen Reiter und gewannen leichtlich das -Treffen.</p> - -<p>Friedrich von Baden, der treue Freund, brachte den Knaben nach Rom -und gedachte, ein Schiff für die Flucht zu gewinnen; aber ein Ring, den sie -gaben, verriet die staufische Herkunft dem Frangipani, der die Flüchtlinge -fing und seinen Fang Karl von Anjou kostbar verkaufte.</p> - -<p>Auf dem Markt von Neapel mußten die beiden den schimpflichen Henkertod -leiden, da beugte der Knabe den Nacken, und das Volk kam zu weinen, -da floß das Blut leer, das der staufischen Träume noch einmal voll war.</p> - -<p>So ging das Irrlicht von Schwaben aus im normännischen Land, wo -die Fackel längst schon erlosch: das Abenteuer der staufischen Weltherrenträume -fand in der flackernden Fahrt des Knaben sein klägliches Sinnbild.</p> - -<h3 id="sec4_30">Der Kyffhäuser</h3> - -<p>Als Konradin seine Knabenfahrt machte, stand im Reich das Unkraut -der staufischen Saat in der Blüte: ein Fremder war König geworden, Richard -der Reiche von England hatte die Krone der Deutschen gekauft.</p> - -<p>Die sich des Reiches Kurfürsten nannten, nahmen das englische Geld -und riefen dem Reich einen König aus, der über dem Wasser wohnte und -viermal in fünfzehn Jahren mit einem Schiff kam, nach seiner Herrschaft -zu schauen.</p> - -<p>Sie ließen ihn krönen zu Aachen und fühlten nicht ihre Schande, daß -sie im alten Kaisersaal saßen und unten schlief Karl, der seinen Großen -und Grafen ein anderer König und Kaiser der Christenheit war.</p> - -<p>Aber sie hatten den Herrn, der ihrem Eigennutz paßte, sie waren die -Meute und wollten nicht länger dem Pfiff und der Peitsche gehorchen; wo<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -ein Wild war, fielen sie ein und waren in Wald und Weide frei von der -Koppel.</p> - -<p>Wald und Weide im deutschen Land, Weinberge und Felder gehörten -der Faustmacht des Tages; und was auf den Wegen und Wässern zur -Stadt fuhr, galt vogelfrei dem, der es raffte: der König war weit und die -Burg war nah, dahin sie den Raub brachten.</p> - -<p>Da wurde dem Mann der freien Gemeinde sein letztes Recht und die -letzte Hufe genommen, da wurde der Bürger der Pfeffersack für den Ritter, -da riß die lahme Gewalt die Ohnmacht des Reiches in Stücke.</p> - -<p>Als Richard der Reiche von England dem Reichsschatz zu Aachen die -neuen Kleinodien schenkte, waren Mantel und Krone, Reichsschwert und -Zepter prunkvoll verziert, aber kein Kaiser war da, sie zu tragen.</p> - -<p>Sehnsüchtig sahen die Augen des Volkes nach Süden, ob nicht der Sizilianer -zum andernmal käme, wie er vorzeiten kam, über die lahme Gewalt -der Großen und Grafen die Stärke und über das Unrecht der Tage das -Recht der Herkunft zu bringen.</p> - -<p>Noch stand die Kyffhäuser Pfalz, wo er zum letztenmal Hof hielt; er -war nicht wiedergekommen und es hieß, er sei tot: aber – drum krächzten -die Raben, die um den Turm seiner Kaisermacht flogen – verborgen im untersten -Saal saß er und schlief, das Schwert breit auf den Knien.</p> - -<p>Denn um sein Dasein war immer die Sage gewesen: als Ketzer verflucht -von der Kirche, samt seinem untreuen Sohn von den Großen verraten, -kam er wieder aus Süden und war ein Fürst der Stärke wie keiner.</p> - -<p>Das Glück und der Reichtum hingen an ihm, und wenn er den Reichstag -abhielt, wuchs über Nacht die alte Herrlichkeit wieder.</p> - -<p>Der Kaiser blieb aus, aber das Wunder sank in die Hoffnung: verborgen -im Kyffhäuser saß er und schlief, indessen die Raben von Rom den -Turm seiner Pfalz in ewiger Sorge umflogen, daß seine Stunde zum andernmal -käme, daß wieder ein Schwert die Zwietracht zerschlüge, daß wieder -ein Kaiser der Kirche den Schirmherrn erwiese.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Buch_der_Buerger">Das Buch der Bürger</h2> - -<h3 id="sec5_1">Der Sachsenspiegel</h3> -</div> - -<p>Der Bogen des Kaisers war über Länder und Zeiten gespannt, aber das -Volk stak im Tagwerk; der Morgen stieg und der Abend sank, das Frühjahr -schwoll an und der Herbst losch hin; der Mond lief sich voll und leer in der -Sternenbahn, dem Dasein der Menschen die ewige Gleichung zu halten.</p> - -<p>Ruhm brachten die Reisigen heim und die Kaufleute köstliche Waren; -aber sie alle zu nähren, stand die Saat zur Ernte: von der kalten Meerküste -bis an den Schneekranz der Berge hielt der Bauer die Scholle lebendig, -darüber der Bogen des Kaisers im Himmelslicht glänzte.</p> - -<p>Der in den einsamen Höfen nach Urvätersitte dem Gesinde vorstand, -war der Freie der alten Gemeinde, ihm galten die Weistümer noch aus der -heiligen Herkunft.</p> - -<p>Im Namen des Schwertes war die Herrschaft des Kaisers geworden -und im Zeichen des Kreuzes die Kirche; aber Kaiser und Papst konnten das -Recht nicht beugen, das im Herkommen stand.</p> - -<p>Als Friedrich der Kaiser fern war in Palermo, als Dienstmannenübermut -und städtischer Trotz die Gewalt der Großen und Grafen bedrängten, -als Willkür am Werk war, den Rechtsgrund im Reich zu zerreißen, wurde -im sächsischen Land die Herkunft lebendig.</p> - -<p>Eike von Repgow, ein Schöffe in Anhalt, hob den Stuhl des Gerichts -an den Tag: er schrieb dem sächsischen Mann in der Sprache der Väter sein -Recht aus der freien Gemeinde gegen den Zwang der unrechten Gewohnheit.</p> - -<p>Da man zuerst Recht setzte – schrieb Eike von Repgow – war noch kein -Dienstmann, und Jeder war frei, als unsere Vorderen her zuland kamen; -denn die Unfreiheit geht wider Gott, ihm ist der Arme so nah wie der Reiche.</p> - -<p>Kaiser und Papst halten die höchste Macht, sie können Gewalt mit Gewalt -überziehen; aber das Recht steht über dem Königsschwert und über -dem Krummstab, und die Gewohnheit des Unrechts kann die heilige Herkunft -nicht beugen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span></p> - -<p>Den Sachsenspiegel hießen sie Eike von Repgows wehrhaftes Weistum; -aber die Freien kamen vom Rhein und aus Schwaben, aus Bayern -und Franken, in seinen Spiegel zu schauen: so wurde im Reich das Recht, -so wurde im Richter der freie Mann wieder lebendig.</p> - -<h3 id="sec5_2">Huld und Treue</h3> - -<p>Einmal war Jedermann Bauer und Krieger gewesen, Herr seiner Hufe -und Knecht seines Schwertes, wenn ihn die Hundertschaft rief.</p> - -<p>Aber der fränkische Königsdienst lag lästig und hart auf den Hufen, so -nahm der Bauer sein Eigen als Lehen von Einem, der ihm die Heerpflicht -ablöste.</p> - -<p>Der ihm sein Eigen als Lehnsherr ablöste, mußte für jede Hufe den -Königsdienst leisten, drum nahm er Reiter in Pflicht, denen das Schwert -besser zur Hand war.</p> - -<p>So wuchs auf Freienmannsland der Lehnsbaum breit in die Äste: der -Lehnsherrenast trug in der Mitte die Krone, der Ritterast hielt ihm zur -Rechten den Wettersturm ab, der Bauernast aber zur Linken trug ihm die -Früchte.</p> - -<p>Vasallen wurden genannt, die gegen Zins- oder Schwertpflicht ein -Lehen annahmen; aber das Schwert hielt frei, und der Zins machte hörig: -der Reiter zur Rechten wurde ein Ritter, der Bauer zur Linken sank in die -Fron.</p> - -<p>Der König war oberster Lehnsherr, wer Reichslehen hatte, hieß sein -Vasall; die Großen und Grafen gaben zu Lehen, sie waren Vasallen und -Lehnsherren zugleich bis zu den Rittern hinunter: so war das Reich ein gewaltiger -Turm der Lehnsherrenschaft, gebaut auf dem Wohlstand der -Scholle, gekrönt mit dem goldenen Zepter.</p> - -<p>Aber der Turm war kein Lohnbau; nicht die Bezahlung hielt seine Quadern -mit kupfernen Klammern gefügt, Stein stand bei Stein in der Pflicht, -vom Bauern hinauf bis zum König.</p> - -<p>Huld und Treue waren die Klammern, Huld und Treue der alten Gefolgschaft; -Treue dem Lehnsherrn, Huld dem Vasallen: wie sich die Jünglinge -einst die Blutspur beschworen, so nahmen die Lehnsleute einander in -heilige Pflicht.</p> - -<p>Die Kirche lockte mit seliger Hoffnung und drohte mit ewigen Strafen; -Huld und Treue stellten das irdische Dasein auf eigene Geltung; der -Mann gab das Wort, und das Wort hielt den Mann; Himmel und Hölle -konnten ihm nicht den Schwertriemen lösen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span></p> - -<h3 id="sec5_3">Der Ritter</h3> - -<p>Der als Reiter zum Königsdienst ritt, den nannten sie bald einen Ritter, -und einen Knappen den Knecht, der ihm die Waffen darreichte.</p> - -<p>Aber der Ritterdienst hob seinen Stand über den Freien, kein Knecht -durfte ihm danach Knappendienst tun.</p> - -<p>Er wohnte nicht mehr im schlichten Gehäus der Gemeinde; er baute -den einsamen Horst seiner Burg mit Mauer, Tor und Turm; er ritt auf -den Straßen in eiserner Wehr, Helmzier und Schildzeichen hieß er sein -Wappen.</p> - -<p>Nur wer rittergebürtig war, durfte noch Ritter werden; sieben Jahre -lang hieß er das Jungherrlein, sieben Jahre lang ging er als Page, sieben -Jahre lang trug er dem Herrn als Knappe die Waffen: dann hob ihn die -Schwertleite auf in den Ritterstand.</p> - -<p>Den Ritterschlag nahm er zum Zeichen, daß seine Ehre nun keinen -Schlag mehr erdulde; denn Ritter sein hieß nicht mehr, um Lehen Königsdienst -tun: Ritter sein hieß der Christenheit selber den Waffengang reiten, -und wie der Kaiser ihr Schirmherr war, so war der Ritter ihr Streiter.</p> - -<p>Er ritt auf den Wegen des Abendlands und kam aus dem Morgenland -wieder, von Schlachtfeld zu Schlachtfeld trug er die Lanze: siegen gab fröhliche -Tage; aber verlieren gab keine Schande, wenn der Schild rein blieb.</p> - -<p>Denn reiten und stechen war seine redliche Kunst; wie ihn sein Lehnsherr -rief, so tat er die Fahrt und gab sein Leben darein; die Treue allein war -sein Teil an dem Handel und daß er untadelhaft standhielt.</p> - -<p>Reiten und stechen war seine Kunst, sie redlich zu meistern sein Ruhm, -sie treu und tapfer zu üben die Ehre: die Ehre stand über dem Helm als sein -Stern; aber ein Kranz sank aus den Sternen, wenn er zum fröhlichen Stechen -einritt in die Schranken.</p> - -<p>Der Herold rief und das Volk staunte sehr, den rühmlichen Helden zu -sehen; wie ihn die Wahl rief, wagte er fröhlich das Spiel und gab sein Leben -darein, der stärkste und kühnste im Zweikampf zu sein und den Kranz -einzuholen.</p> - -<p>Denn die dem Sieger den Kranz auf das bloße Haupt gab, war die -holdselige Frau; reiten und stechen war seine Kunst, sie redlich zu meistern -sein Ruhm, sie treu und tapfer zu üben die Ehre: aber der Herrin unwandelbar -zu gedenken, das gab der Kunst und dem Ruhm und der Ehre die -blaue Blume zur Hand.</p> - -<p>Tod und Teufel zum Trutz als Streiter der Christenheit reitend, war er -der Himmelskönigin treuer Vasall: sie neigte in seliger Huld seinen Taten<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span> -das Angesicht zu; sie gab ihm den Kranz, wie sie ihm einmal auf blutigem -Feld den Balsam der Ewigkeit brachte.</p> - -<p>Walhal war leer; Walküren kamen nicht mehr, auf Wodans Roß den -Helden zu holen; Jesus war blutend und blaß in den Himmel gefahren, -wartend des Tages, da seine Posaune das Weltgericht rief: die Himmelskönigin -saß auf dem Thron, im süßen Wunder der Liebe den Ritter nicht -zu vergessen.</p> - -<h3 id="sec5_4">Minnegesang</h3> - -<p>Der Ruhm des Ritters hing seinen Prunkmantel um, daß er den -Frauen der Höfe gefalle; der Prunkmantel war mit den Säumen künstlicher -Lieder bestickt und gewirkt auf dem Goldgrund der Minne.</p> - -<p>Der Sänger hob wieder die Harfe, von Helden zu sagen; aber nun -hallte es nicht mehr im Stabreim uralter Gesänge, auch saßen die Männer -nicht mehr beim Mahl, den Sänger zu hören: höfische Sitte hatte den -künstlich verschlungenen Reim in die Worte und in den Saal die tolosanischen -Gebräuche der edlen Frauen gebracht.</p> - -<p>Die gestern noch ritten und stachen, standen nun selber in reichen Gewändern -und sangen den Frauen die Minne: zierliche Sprüche, die nach -der Frauengunst zielten, gemessene Reime, die um den Beifall der Tönemeister -rangen.</p> - -<p>Der Minnegesang war das Schildzeichen höfischer Zucht und das Siegel -des Ruhmes geworden; die Könige selber durften die Kunst nicht verschmähen.</p> - -<p>Aber die Frauengunst wollte nicht immer den eigenen Preisgesang hören; -der ihr den Spruch sagte, sollte der Held sein oder von Taten der Helden -berichten: hinter der maßlichen Kunst stand die Brandung des Lebens -und wollte die schäumende Lust der Schicksalsgewalt spüren.</p> - -<p>Da wurde im Minnegesang wach, was unter der gläsernen Decke mönchischer -Bildung den langen Winterschlaf hielt: Siegfried und Dietrich von -Bern, Brunhilde, die unholde Frau, und Etzel, König der Hunnen, der die -blonde Hildico freite, Randwer der feine, die blasse Ingunthis und Gundikars -todwunde Mannen.</p> - -<p>Aufstanden die Helden der Vorzeit im Gedächtnis der Sage, die riesigen -Leiber zogen das Rittergewand an, Kreuzfahrer mischten die tollkühne -Fahrt in das Königsgefolge, Huld und Treue standen als ewige Sterne.</p> - -<p>Huld und Treue fand Heinrich der arme Ritter, als ihm die Magd -herzinnig ihr Leben hingeben wollte, mit ihrem Blut das seine zu heilen, -das an der Miselsucht krank war; reiner Wille vermochte das Wunder der -Gnade zu zwingen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p> - -<p>Huld und Treue hielten der glückreichen Gralsburg die Tore behütet, -und Parzival kam aus dem Wald, das Glück der Erwählung zu finden; -aber der Knabe versäumte das Zeichen und mußte durch Zweifel und Schuld -den weiten Weg reiten, bevor er die Tore zum andernmal fand.</p> - -<p>Huld und Treue wurden von Tristan verraten, als ihm Isolde den Liebestrank -reichte – Randwer der feine hob seine Augen zur schönen Schwanhild, -die er dem König zu freien gesandt war – der König war greis, und -Tristan war jung; er trank sein Schicksal sehenden Auges und büßte in -schmerzlicher Süße die Schuld.</p> - -<p>Huld und Treue streuten Gudrun, dem Königskind, Gold auf den -Weg, da sie in langer Gefangenschaft Magddienste tat; an der kalten -Meerküste stand sie, die Wäsche zu waschen, als endlich die Schiffe der Heimat -die schmerzliche Wartezeit krönten.</p> - -<p>Huld und Treue senkten die Wurzeln hinein in die dunkelsten Gründe, -als Hagen, der treue, Siegfried, den treulosen traf; denn Siegfried der -helle war hürnernen Leibes und in den Trug der albischen Mächte verstrickt; -Hagen der finstere fand den Haß in der Huld und den Verrat in der Treue.</p> - -<p>Huld und Treue brannten im Blutrausch der Rache, als die Burgunder -ins Hunnenland ritten; Erzbildern gleich saßen die treuen Vasallen, -Hagen und Volker, am Tor der Vernichtung und hielten Gunther dem -König die letzte Wacht.</p> - -<p>Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und Wolfram von -Eschenbach hießen die Meister im Minnegesang; ihr Ruhm hing hoch an -den Höfen, und fleißige Hände schrieben die Handschrift der rühmlichen -Mären auf vielerlei Blätter mit ihren gepriesenen Namen.</p> - -<p>Der aber Brunhild, Kriemhild und Gudrun das höfische Prunkgewand -gab, der die Urwelt germanischer Sage aus der Vergessenheit löste, blieb im -Dunkel der Tage.</p> - -<p>Übergroß wuchs seinen zierlichen Worten die uralte Schattenwelt zu; -er nahm und gab dem Schuldbuch der Götter Gedächtnis im Schicksal -der Menschen und sank in Vergessenheit, indessen sein Lied die Flügel gewaltig -aufhob, daß aller Minnegesang tief unter ihm blieb.</p> - -<h3 id="sec5_5">Walter von der Vogelweide</h3> - -<p>Zierliche Reime hielten zärtliche Worte umrankt und waren im Goldgrund -der Minne züchtig gemalt mit höfischen Farben, als Reimar, der -alte, Walter, dem Jüngling, den Minnegesang lehrte.</p> - -<p>Aber der Jüngling aus armem Rittergeschlecht lernte anders zu singen<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span> -und sagen als sonst ein höfischer Junker; von der Vogelweide war er genannt -und bessere Weide als Brosamen fand er sein Leben lang nicht.</p> - -<p>Früh war die Straße sein Saal und der Wald seine Kammer, auf -allen Wegen des Abendlands sah er das fahrende Volk; da hörte er harschere -Töne als die der höfischen Sitte.</p> - -<p>Die Vögel sangen ihm Lieder, die Bäche pochten den munteren Takt, -und der Wind in den Bäumen rauschte den Harfenton: eine braune Dirne -im Arm, das war eine hellere Minne, als nach der Herrin zu schmachten.</p> - -<p>Und Walter wußte der helleren Minne die Lieder zu singen wie keiner; -Wald und Wiese wurden lebendig, wo ihm das Wort aus dem Mund -sprang, und die Liebe fing an zu lachen, wo sein Lockruf ertönte.</p> - -<p>Als Otto den Welfen der Bann traf – dem der Papst selber zur Macht -verhalf, da er ihn brauchte, und den er verfluchte, da er ihm leid war – vergaß -Herr Walter die Maße der höfischen Zucht; da sprang ihm der Zorn in -die Kehle, und Rom hatte nicht solche Sprüche gehört, wie die von der Vogelweide.</p> - -<p>Denn mehr als ein christlicher Ritter war Walter ein Mann von deutschem -Geblüt; jach war sein Zorn, und sein Wort zückte schärfer als manchermanns -Schwert.</p> - -<p>Als seine Sprüche dem treulosen Rom um die Ohren sprangen, von -fahrenden Schülern und frechen Rittern gesungen, da schlug die Stunde -schrill in den Morgen, da trat in den Kampf der Schwerter und Listen die -neue Gewalt, da wurde in Ehren und Zorn der deutsche Geist wach.</p> - -<p>Da wurde Herr Walter, der Mann ohne Burg und Land, eine Stärke, -der die Fürsten und Herren im deutschen Land zag oder zornig den Gruß -gaben.</p> - -<p>Und als er grau war, gab ihm der Staufer Friedrich der Zweite, der -Todfeind der Kirche, in Würzburg ein Lehen; da saß die singende Seele der -Deutschen im Alter und sagte der Zeit ihre Klage.</p> - -<p>Das Feld war umbrochen, der Wald war verhauen, Weisheit, Alter -und Adel hatten den Sitz an die Torheit verloren, das Recht hinkte sehr, die -Scham war in Trauer, im Siechtum die Zucht, als Walter, der Weiser -und Sänger der Deutschen, den Tod nahen fühlte.</p> - -<p>In seinen Leichenstein waren vier Löcher gehauen, Brosamen den Vögeln -zu streuen, daß sie kämen zur täglichen Weide und daß ihr Gesang dem -Grab die Fröhlichkeit gäbe, die Walter im seßhaften Alter wehmütig -suchte, weil seine fahrende Jugend so übervoll davon war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span></p> - -<h3 id="sec5_6">Die Bürgerschaft</h3> - -<p>Der Turmbau der Lehnsherrlichkeit war auf den Wohlstand der Scholle -gegründet; keine Burg stand anders im Land, als daß ein Ritter den Überfluß -dessen verzehrte, was der Bauer dem Boden abrang.</p> - -<p>Aber das Reich war noch immer das Land der neblichten Wälder: mühsam -und zäh ging der Pflug in der Rodung, indessen die Fähnlein der -Reichsritterschaft beutegerecht durchs Abend- und Morgenland zogen.</p> - -<p>Das Reich war arm und ein Bauernland, karg und voll Krieger, bis -ihm der Kaufmann die Arme freimachte, bis in den Städten der Handel -den Reichtum, der Reichtum aber das stolze Gewerk der Bürgerschaft -brachte.</p> - -<p>Die Bürgerschaft wuchs an dem Lehnsherrenbaum, wie der Efeu am -Eichenstamm wächst, und stand noch im üppigen Grün, als der Stamm -ausgehöhlt und der rechte Ast schon verdorrt war.</p> - -<p>Fremd und fein im Bereich der Bauern und Ritter schien ihr ummauertes -Dasein dem Freienmann; aber die Mauern hielten der kommenden -Freiheit die Tore gerüstet.</p> - -<p>Der Bauer sank in die Fron, und der Ritter wurde sein Herr; der hörige -Mann in der Stadt hob seinen Stand in den Stolz einer neuen Bedeutung: -Stadtluft macht frei! stand über dem Tor, aber der Bürger -machte sich selber die Luft.</p> - -<p>Und als er frei war, nahm er die schönen Dinge der Freiheit anders zu -Hand als der Ritter; der Ritter war Einer im Kreis seiner Burg, er aber -war in den Mauern der Stadt die Gemeinschaft.</p> - -<p>Er konnte mit hundert Händen das Seinige halten, mit hundert Augen -und Ohren das Dasein bewachen; er konnte verhundertfacht fühlen und -wollen und über die einzelne Tat das Richtmaß gemeinsamer Täglichkeit -stellen.</p> - -<p>So wuchsen Gassen mit Giebeln und Brunnen, so wuchsen Rathäuser -steinern und stolz, so wuchsen Kaufhallen mit zierlichen Lauben, so wuchsen -die bunten Stuben der Zünfte und der prunkende Saal der Geschlechter.</p> - -<p>So wurden Schulen, die Kinder zu lehren, und Krippen der Wissenschaft, -so wurden Bauhütten mit Zirkel und Richtscheit, so wurden Werkstätten, -die schönen Gewerke und hohen Künste zu üben.</p> - -<p>So wurden die Städte Lebensgewalten, so kam die Bildung der Bürgerschaft -zu, so wurde der deutschen Seele neue Wohnung bereitet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span></p> - -<h3 id="sec5_7">Die Zunft</h3> - -<p>Im Anfang hieß Bürger Insasse einer Burg sein; Hörige hatten im -Dienst eines Großen ihr Handwerk zu üben und durften im Schutz seiner -Torwächter wohnen.</p> - -<p>Als danach die Burg eine Stadt hieß, weil aus dem Troß der Großen -ein Hof und aus den Insassen eine Bürgerschaft wurde, hielten die Handwerker -treulich die Schranken der Herkunft in Ordnung.</p> - -<p>Eine Zunft hießen sie da den Kreis jeglichen Handwerks und schlugen -den Zirkel um seine Gebräuche: die freie Gemeinde der Herkunft war die -Gemeinschaft des Standes geworden, die alte Zucht hatte ein Alltagskleid -angezogen, die Tapferkeit war in die Werkstatt gegangen.</p> - -<p>Der Dachdecker hob seinen Spitzhammer, der Schmied seine Zange, der -Zimmermann seine Stoßaxt im zünftigen Stolz; denn Dachdecker, Schmied -oder Zimmermann sein, hieß in der Zunftehrbarkeit stehen.</p> - -<p>Die Zunftehrbarkeit hielt Werkzeug und Arbeitsgebrauch heilig; wie -die Schwertleite den Ritter, so machte der Zunftbrief den Meister; Geselle -und Lehrling waren ihm Knappe und Page, und die Zunftstube war -der Saal seiner Ehre.</p> - -<p>Da stand die Zunftlade mit dem Zunftrollenpergament – die Bundeslade -im Tempel der Juden stand so geehrt – da wurde die Zunft beschworen -und der Zucht das Gericht gehalten, da war die Ehrbarkeit selbstgenügsam -zu Haus.</p> - -<p>Da wurde das Werk der fleißigen Hände geehrt, da wurden der Stolz -und die Freude der ehrlichen Arbeit behütet, da stand die Kunst, etwas zu -können, so hoch in der Gunst wie die Redlichkeit selber.</p> - -<p>Denn nur auf ehrliche Arbeit durfte der Meister den Wohlstand gründen; -Todsünde war Gewinn aus Handel und Zins, tauschen und täuschen -galt gleich vor der Zunft.</p> - -<p>Stuben der Selbstgenügsamkeit standen im Schatten der höfischen -Hallen, bescheidene Hände hielten dem Ritter den Steigbügel hin: aber -die Zucht gab der Sitte die Tür, hier wie dort war der Mann noch ein -Wort, die Ehrbarkeit war die redliche Magd der Ehre.</p> - -<h3 id="sec5_8">Die Gilde</h3> - -<p>Tauschen und täuschen galt gleich vor der Zunft; aber im Rathaus -stand die Waage, den Pfennig zu wiegen, in den Gewölben boten die Händler -römische Seide und englisches Tuch feil: wo es der Zunft wohlging, -hatte der Kaufmann den Wohlstand bereitet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span></p> - -<p>Denn die Stadt hielt den Markt für die Landschaft; Bauern und Ritter -kamen zu kaufen, was Acker und Weide nicht gaben.</p> - -<p>Schiffe brachten den Wein und Wagen das Tuch zu Gewändern, -Saumtiere trugen Gewürz und feine Gewebe, auch köstliche Steine und -Silber: die Gaben des Wohlstandes gingen dem Händler mit reichem Gewinn -durch die Hände.</p> - -<p>Für die Marktsicherheit sorgte der Stadtherr, aber draußen im Land -war das Gut der Schiffe und Wagen gefährdet: unrechte Zölle, diebische -Herbergen, gewalttätige Räuber lagen ihm auf, und schlechte Marktknechte -brachten den Händler um seinen Gewinn.</p> - -<p>So mußte der Stand dem Einzelnen helfen: den Zünften der Handwerker -gleich hatten die Händler den uralten Geschlechterverband lebendig -gemacht in den Gilden; die hielten der Waage daheim das Recht und den -Nutzen und reichten mit silbernen Händen hinein in die Fremde.</p> - -<p>In Wisby auf Gotland, in Nowgorod weit in der östlichen Kälte, in -Venedig und London standen die stolzen Häuser der Gilde, und über das -Reich war das Netz ihrer Geltung gebreitet.</p> - -<p>Den Kaufmann des Kaisers hießen sie draußen den Gildegenossen; und -wie der Ritterstand Ehre und Ruhm eintrug, so war der Kaufmann des -Kaisers im Abendland ehrlich geachtet.</p> - -<p>Der Ritter trug Lanze und Leben im Dienst der Lehensgewalt: sein -Stand war mächtig, weil ihm der Einzelne Ehre und Tapferkeit zutrug; -der Kaufmann saß in der Gilde geborgen, wo er auch war: der Einzelne galt -in der Welt, weil ihm der Stand Schutz und Geltung verschaffte.</p> - -<p>Der Ritter diente der Ehre, der Kaufmann dem Nutzen; aber die Gilde -war auch ein Reis der freien Gemeinde: Huld und Treue zwangen den -Pfennig, dem Taler der Gilde redlich das seine zu halten; und das Wort -war ein Mann, auch im Nutzen.</p> - -<h3 id="sec5_9">Walpod</h3> - -<p>Walpod, ein wohlhabender Bürger in Mainz, sah mit Zorn, wie die -Großen und Grafen das Reich in Unfrieden hielten, und wie die Hände -der Ritter zum Raub lose waren; denn der staufische Traum war geträumt, -und keine Kaisermacht hielt das Unrecht in Schranken.</p> - -<p>Er rief die Bürgerschaft auf, selber ihr Recht in die Macht zu stellen; -so schwuren sich Mainz und Worms den Bund, dem Oppenheim beitrat, -Raub und unrechten Zöllen zu wehren.</p> - -<p>Als der von Bolanden den Städten hohnlachte, sandten sie einen -Hauptmann nach Ingelheim, den Räuber in seiner Burg zu fangen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span></p> - -<p>Die Grafen ritten zuhauf, ihm zu helfen; aber der Bischof von Mainz -trat der Bürgerschaft bei: wie starkes Gewölk kamen die Heerhaufen der -Städte von Norden und Süden über den blinkenden Hochmut der Grafen -gezogen.</p> - -<p>Von Basel bis Köln stand die rheinische Bürgerschaft auf, den siebenten -Heerschild zu stärken: da mußte der Hochmut der Herren und Ritter -den Bürgern in Mainz den Landfrieden schwören.</p> - -<p>So stark wurde die Hand der Städte, daß sie die Fürsten und Bischöfe -zwangen von Basel bis Köln, dem rheinischen Bund beizutreten: sein Banner -und Schild stand auf den Straßen des Stromes hinauf und hinunter, -Raub und unrechten Zöllen die Schärfe des Schwertes zu zeigen.</p> - -<p>So stellten die rheinischen Städte Gewalt gegen Gewalt; so gab der -Bürger Walpod von Mainz den Zünften und Gilden das Faustrecht, dem -Faustrecht der Ritter und Grafen zu wehren.</p> - -<p>So war dem siebenten Heerschild der Schatten geschwollen; er fiel in -den fröhlichen Raub und die Händel der Ritter, als ob die Bürgerschaft -selber die Kaisermacht wäre.</p> - -<h3 id="sec5_10">Die Hansa</h3> - -<p>Seit Heinrich dem Löwen war Lübeck die Fürstin der nordischen Länder; -durch Friedrich den Sizilianer zur freien Reichsstadt erhoben, ließ sie -den zweiköpfigen Adler über der kalten Meerküste flattern.</p> - -<p>Lübisches Recht galt in den Städten der Ostsee, lübische Gilden hatten -bis Bergen hinauf die stolzen Kaufhallen gebaut.</p> - -<p>Lübeck, Wisby und Riga schlossen zuerst den Bund des gemeinen Kaufmanns -gegen den dänischen König und wußten ihr Recht mit dem Schwert -trotz Kaiser und Fürsten zu wahren.</p> - -<p>Hansa, das ist Schar, hießen sie ihre Gemeinschaft, und so glückte dem -lübischen Rat die Geltung der Schar, daß die Gesandten der Könige kamen, -mit ihm zu verhandeln.</p> - -<p>Aber danach war Waldemar König der Dänen, den sie Atterdag nannten; -er trat dem hansischen Hochmut die Haustür ein: Wisby auf Gotland -ging der Hansa verloren, die hansische Flotte wurde bei Helsingborg -bitter zur Demut genötigt.</p> - -<p>Fünf Jahre lang lag der hansische Hochmut darnieder, bis Winrich von -Kniprode ihn wieder weckte: mit kluger Verhandlung und zündender Rede -brachte der starke Deutschordensmeister die Städte der Ostsee noch einmal -zusammen, das preußische Schwert an die Geltung der Hansa zu wagen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span></p> - -<p>So kam über Nacht die hansische Tagfahrt in Köln zustande: siebenundsiebzig -Städte beschworen der Hansa den Bund; so übergroß wuchs -die Macht der Kontore, daß Waldemar den Kampf nicht mehr wagte.</p> - -<p>Im Frieden zu Stralsund wurde den Dänen die hansische Rechnung -gemacht; die Kaufleute zwangen den König, mit gutem Silber zu zahlen, -und waren hochmütig genug, nicht handeln zu lassen.</p> - -<p>Seit dem Tag von Stralsund wehte die hansische Flagge über den nordischen -Meeren; sie kam herein in den Hafen, wie der Fürst ins Gefolge, -wie der Mond in den Sternenplan steigt.</p> - -<p>Die hansischen Herren ließen dem Kaiser das Reich und den Fürsten -die Ritter: sie blähten die Segel im Wind und hingen die Wimpel der -Schiffahrt aus an den stolzen Rathäusern.</p> - -<p>Die Welt war weit und der Reichtum stand in hundert Höfen gestapelt: -die Hansa brachte ihn ein von den kältesten Küsten; Wikingerlust -im Bürgerkleid saß in den reichen Kontoren, die Sagen tollkühner Fahrten -standen vergüldet im hansischen Glück.</p> - -<p>Dem Abenteuer der Staufer verbrannten im Süden die Flügel, das -Abenteuer der Hansa trug Schnabel und Krallen des Reichsadlers noch -manches Jahrhundert.</p> - -<h3 id="sec5_11">Rudolf von Habsburg</h3> - -<p>Als Richard der Reiche gestorben war, suchten die Kurfürsten lange, -einen König der Deutschen zu finden; und als sie ausgesucht hatten unter -den Fürsten und keinen fanden, wählten sie einen Grafen, Rudolf von -Habsburg geheißen.</p> - -<p>Er hatte dem Sizilianer klug und beständig gedient und war mit vielerlei -Fahrten nützlich ins Alter gekommen, als die Kurfürsten ihn auf den -Königsthron setzten.</p> - -<p>Seine Macht war nicht groß, aber er hatte sein Gut beharrlich vermehrt -und galt als Feldhauptmann viel; Friedrich von Zollern, der geschäftige -Burggraf von Nürnberg, trug ihm die Gunst derer zu, die gleich ihm ein -Königslehen besaßen.</p> - -<p>Als sie ihn krönten zu Aachen in altertümlicher Weise, ritten die Grafen -und Ritter in fröhlichen Scharen zum Fest, im Kaisersaal prahlte das Glück -ihrer Stunde.</p> - -<p>Sie dachten gegen die Fürsten ein neues Brett zu gewinnen, aber der -Habsburger hatte gelernt, sich selber zu dienen; wie er als schwäbischer Graf -mählich zu dem Seinen gekommen war, saß er als König im Sattel.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span></p> - -<p>Mancherlei Mächte hielten dem Reich das Streitroß geschirrt; er -mußte mit kluger Beständigkeit warten und mit der Krone Feldhauptmann -bleiben.</p> - -<p>Er mußte dem Papst in Demut geloben, dem staufischen Kaisertraum -zu entsagen; er mußte den Städten den Landfrieden schwören und mußte -den Fürsten das Schwert ihrer Händelsucht lassen.</p> - -<p>Als er dem trotzigen König von Böhmen sein deutsches Königsrecht -wies, blieben die Großen und Grafen daheim, und wenig Ritter zogen mit -ihm, die Schlacht auf dem Marchfeld zu schlagen.</p> - -<p>Der Habsburger aber gewann die Schlacht mit dem Zollern, und der -stolze König von Böhmen lag tot auf dem Marchfeld: der Feldhauptmann -war Herr in der Ostmark und säumte nicht, seine Söhne reich zu belehnen.</p> - -<p>So war er selber ein Großer an Hausmacht geworden; aber sie zu behalten, -mußte der Habsburger Feldhauptmann bleiben: das Feldlager war -seine Burg und der Krieg mit den Kleinen sein tägliches Handwerk.</p> - -<p>Um seine hagere Gestalt war kein Glanz, und die Krone saß schlecht auf -dem Graukopf: die Kaiserpracht blieb mit den Staufern verschwunden, -kein römisches Reich spannte fortan den Bogen der Macht über die -Völker.</p> - -<p>Aber die Bürgerschaft hatte das Schwert ihrer Ordnung, und das Volk -war dem Habsburger günstig gesinnt, der die Raubritter aufhing und in -schnurrigen Späßen als derber Spaßvogel umging.</p> - -<h3 id="sec5_12">Die Eidgenossen</h3> - -<p>Als Rudolf von Habsburg noch schwäbischer Graf war, hielt er zu -Altdorf Gericht im Namen des Kaisers; denn die Waldstätten hatten den -Brief des Sizilianers, der ihnen die Reichsfreiheit beschwor.</p> - -<p>Rudolf von Habsburg war stark und gerecht, aber Albrecht, sein einäugiger -Sohn ritt stolz in den Tag; er dämpfte den Hochmut der rheinischen -Kurfürsten und lachte der trotzigen Bauern.</p> - -<p>Er setzte den Waldstätten Ritter als Vögte; der Landammann durfte -der freien Gemeinde nicht mehr im Namen des Königs Recht sprechen.</p> - -<p>Aber die Waldstätten schwuren den Bund auf dem Rütli: Werner -Stauffacher aus Steinen bei Schwyz, Walter Fürst aus Uri und Arnold -von Melchtal in Unterwalden kamen zur Nacht auf die heimliche Wiese -und schwuren im frühen Tag, keine Burg und keinen Vogt in ihrer Freiheit -zu dulden.</p> - -<p>Am Neujahrstag brachen die Berge ins Tal; mit Streitaxt und Morgenstern<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span> -kamen die Bauern hinab in die Täler, die Burgen zu brechen: da -wurden die Waldstätten frei von der habsburgischen Plage.</p> - -<p>Sie schwuren noch einmal den Bund und nannten sich Eidgenossen; sie -priesen den tapferen Schützen, der dem bösen Landvogt zu Küßnacht den -Pfeil in das Herz schoß, und die Gewässer rauschten die Sagen vom -wackeren Tell.</p> - -<p>Aber zum Mai kam Albrecht der König geritten; das Gerücht seiner -drohenden Rache ging in den Waldstätten um, als Johann von Schwaben, -der Neffe, den harten Habsburger erschlug.</p> - -<p>Da blies das Hifthorn der Habsburg den blutigen Mai, aber die -Waldstätten grüßten das Frühjahr mit Freuden, denn nun war Heinrich -von Luxemburg König, den Habsburger Hochmut zu dämpfen.</p> - -<p>Sieben Jahre lang ging die Freiheit ins Land, bis Heinrich von Luxemburg -starb, bis Leopold, der Herzog von Österreich, mit gepanzerten Rittern -kam, die Eidgenossen in seine Hausmacht zu zwingen.</p> - -<p>Aber die Waldstätten hatten die Wachen sorglich gestellt; als die gepanzerten -Ritter gen Morgarten kamen, über den Ägerisee ins Schwyzerland -einzubrechen, hatten die Bauern dem Habsburger Wolf die Falle bereitet.</p> - -<p>Felsblöcke brachen ins Tal und schlugen blutige Quellen, der Morgarten -wurde ein rauchender Anger, der See ein rauschendes Grab für den Hochmut -der eisernen Ritter.</p> - -<p>Zehnmal sieben Jahre gingen der Freiheit ins Land, und Wenzel war -König, als wieder ein Leopold kam, die Eidgenossen zu zwingen; aber nun -war die Bauernschaft mächtig und die Städte standen ihr zu.</p> - -<p>Bei Sempach ritten die Österreicher an, Luzern zu berennen, und das -Streitfeld war frei, die Hengste zu tummeln; das Fußvolk der Waldstätten -hatte nach Urväterbrauch den Keil aufgestellt.</p> - -<p>Die Ritter stiegen vom Roß, der drohenden Spitze des Keils mit ihren -Panzern zu wehren: eine Mauer von Eisen stand vor den Bauern, mit -Speeren gespickt, da mußte die Spitze stumpf werden.</p> - -<p>Arnold von Winkelried aber machte sie scharf: gleich einer Garbe band -er die Spieße in seinen sterbenden Leib und brach eine Gasse, darin sich der -Keil gewaltig einbohrte.</p> - -<p>Da hatten die Streitäxte Arbeit, die eisernen Bäume zu fällen; der -Tag war heiß, und von den Streichen der Bauern getroffen, erstickten die -Ritter in ihren Eisengehäusen.</p> - -<p>Leopold selber, der Herzog, sank in den Haufen, die fliehenden Lanzenknechte -mähte der Morgenstern hin: so mußte der Wolf dem Stier den -Weidgang lassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span></p> - -<h3 id="sec5_13">Die deutschen Ordensritter</h3> - -<p>In Zank und Schimpf ging das Grab und das Heilige Land den Ordensrittern -verloren; aber der Hochmeister Hermann von Salza brachte ihr -Schwert über die heidnischen Preußen, da mähten die Ritter dem schwarzen -Kreuz ihrer Weißmäntel eine fröhliche Ernte.</p> - -<p>Indessen die Kurfürsten in Aachen Rudolf von Habsburg die Krone -aufsetzten, bauten sie schon ihre feste Burg an der Nogat; als König Albrecht, -sein Sohn, durch Mörderhand fiel, war ihre Zwingherrschaft so -sicher gegründet, daß der Hochmeister selber ins preußische Land kam, in -der Burg an der Nogat zu wohnen.</p> - -<p>So wurde die Burg ein gewaltiges Schloß, Marien zu Ehren genannt, -die Gralsburg der schwarzweißen Ritter.</p> - -<p>Denn nun war der Hochmeister Reichsfürst geworden wie keiner: nicht -Bischofs- noch Bürgergewalt galten im Preußenland, die Weißmäntel -ritten den Zügel der Zucht, und wie sie Gehorsam gelobten, verlangten -sie ihn.</p> - -<p>Sie waren die eiserne Hand, der Hansa im Osten die Waage zu halten; -Kurland, Livland und Estland, die reiche Küste der Ostsee, zwangen -sie ein in den Ring ihrer Herrschaft und hielten den Ring in hartnäckigen -Kriegen.</p> - -<p>Denn herrschen und kämpfen war ihre Lust, weil es ihr Dienst und das -Gelübde der Ordenspflicht war, über die Heiden das Kreuz und das -Schwert zu bringen.</p> - -<p>Als Winrich von Kniprode Hochmeister war, der gewalttätige listige -Mann, stand ihre Schwertbrüderschaft höher in Geltung als sonst im Reich -eine Macht; als er der Hansa den Frieden von Stralsund erzwang gegen -den Atterdag, wehte die schwarzweiße Fahne stolz auf der Burg an der -Nogat.</p> - -<p>Da wurden die Säle der festen Marienburg weit, da hielten die Säulen -dem Remter der schwarzweißen Ritter die Decke kunstreich gespannt, da -waren die Höfe und Hallen geschmückt mit dem Reichtum des preußischen -Landes wie das maurische Königsschloß der Alhambra.</p> - -<p>Aber schon wehte der polnische Wind Sandwellen in ihre Gärten; der -Eidechsenbund der Preußen weckte den Haß und den Widerstand gegen -die Willkür der landfremden Ritter; und als der Tag von Tannenberg -kam, wurde das schwarzweiße Banner rot im Blut der verlorenen Schlacht.</p> - -<p>Wohl konnte Heinrich von Plauen die Burg an der Nogat noch einmal -mit Tapferkeit halten; aber das Glück der schwarzweißen Ritter hatte die<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span> -Zucht welk gemacht für das Unglück: im blutigen Remter der Marienburg -hielten die polnischen Sieger das Nachtmahl.</p> - -<h3 id="sec5_14">Die Feme</h3> - -<p>Saxnot war tot, und die freie Gemeinde lag unter dem Rasen, darüber -die Rosse der Ritter im Übermut gingen; aber die einsamen Höfe der Roten -Erde hielten das Herdfeuer wach, und die Wissenden waren beständig.</p> - -<p>Die Gewalt hob das Schwert und das Gold in den prahlenden Tag, -nur das Recht war stärker als Gold und Gewalt; wie der ewige Himmel -hinter den rastlosen Wolken stand seine Herkunft hinter dem Tag und der -schweigenden Nacht.</p> - -<p>Draußen im Feld unter Bäumen war der steinerne Freistuhl gestellt; -da hielt der Freigraf Gericht, ihm war der Blutbann des Königs gegeben, -und die Freischöffen saßen ihm bei im uralten Femrecht der freien Gemeinde.</p> - -<p>Da stand die Klage gelöst aus den bunten Kleidern der Welt, da war -der Ritter ein Schelm, und der Bauer hob seine Hand über ihn, wenn -seine Sache gerecht stand; denn jeder war frei im Gericht, wie er dem Recht -untertan war.</p> - -<p>Da wurde der Faden der Schuld abgewickelt Mann gegen Mann; und -wie der Mann vor den Schöffen dastand, so war sein Schicksal verwirkt.</p> - -<p>Denn nicht um die kleinen Dinge hatte die Feme den steinernen Stuhl -aufgestellt, Tod und Leben sahen sich hart ins Gesicht, und der Strick war -die Buße der Feme.</p> - -<p>Wer die Ladung an seiner Tür fand, dem half nicht Gold und Gewalt; -sein Dasein war fürder versiegelt, bis ihm die Feme das Siegel ablöste.</p> - -<p>Der Freispruch der Feme löste das Siegel, oder der Strang schnürte es -zu; dann lag ein Dolch bei dem Leichnam: Strick, Stein, Gras, Grein -stand als Zeichen geschrieben, daß hier ein Femspruch vollstreckt war.</p> - -<p>Um die Wissenden aber hatte der Eid das Geheimnis gelegt: die heilige -Feme halten zu helfen und zu verhehlen vor Weib und Kind, vor Vater und -Mutter, vor Feuer und Wind, vor allem, was die Sonne bescheint und der -Regen benetzt.</p> - -<p>Die Welt war des Unrechts voll, und die Gewalt ritt über die Straßen: -aber ein Arm griff aus der schweigenden Erde, den Frevler zu packen.</p> - -<p>Der Griff war hart und schnürte die Kehle zu, aber er kam aus dem -Recht, und das Recht war im heiligen Boden der Herkunft lebendig wie -das Korn in der Scholle.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span></p> - -<p>Saxnot war tot, und die freie Gemeinde lag unter dem Rasen, darüber -die Rosse der Ritter im Übermut gingen; die einsamen Höfe der Roten -Erde hielten das Herdfeuer wach, und die Wissenden waren beständig.</p> - -<h3 id="sec5_15">Der gemeine Mann</h3> - -<p>Die Zunftehrbarkeit hielt dem Handwerk den Zirkel geschlossen, aber -die Zunftstuben wurden im Streit um die Macht die Brutnester der Empörung.</p> - -<p>Denn die Macht in der Bürgerschaft war der Rat der reichen Geschlechter; -sie waren die stolzen Ritter der Stadt, und wie der Burgherr -den Bauer in Hörigkeit brachte, so hielten die reichen Geschlechter die -Zünfte im Zwang ihrer Steuerbedrückung.</p> - -<p>Aber als die Städte groß wurden und die Zünfte viel Volk waren, -wollten sie selber im Rat sein und in der Bürgerschaft gelten.</p> - -<p>Hitzige Meister und scharfe Gesellen hängten die Fahnen der neuen -Zeit aus; die Selbstherrlichkeit der Geschlechter wurde bestritten, aus den -Zunftstuben trat der gemeine Mann auf die Straße.</p> - -<p>Er kannte das feine Waffenspiel nicht, er hatte nur seine Fäuste; aber -die Fäuste waren in täglicher Arbeit gehärtet, und die Fäuste waren die -Masse.</p> - -<p>Rösselmann hieß der Schultheiß in Colmar, der die Ratsherrlichkeit -der Geschlechter zuerst durch die Stadttore jagte und den Zünften das -Regiment gab.</p> - -<p>Den Rat wieder zu bringen, kam der König selber vor Colmar geritten; -aber er mußte die Stadt mühsam berennen, ehe das Schwert seiner Ritter -und Knechte der trotzigen Bürgerschaft Herr war.</p> - -<p>Dem Schultheißen schlug der Henker das Haupt ab; aber der Hände -blieben zuviel in den Zünften, sie alle zu stäupen.</p> - -<p>In Worms und Köln, in Ulm und Speyer, in Münster und Lübeck -blieben die Zunftstuben die Brutnester der Empörung; und eher ruhte die -Bürgerschaft nicht im Streit um die Macht, bis die Zünfte im Rat -waren.</p> - -<p>Es wurde viel Gut vertan, und viel Blut floß in dem Streit; über der -Bürgerschaft hingen die blitzenden Wolken von einem Gewitter ins neue; -die Sonne der Zeit schien grell auf die Städte, und die Blumen des Wohlstandes -wuchsen darin üppig und wunderlich hoch: der gemeine Mann in -den Zünften wollte davon seinen Teil haben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span></p> - -<h3 id="sec5_16">Die braunen Brüder</h3> - -<p>Als die Zünfte den Streit um die Macht anfingen, waren die Mönche -des heiligen Franz nach Deutschland gekommen, eine Heuschreckenplage -den geistlichen Großen, die Seele des Volkes zu fressen.</p> - -<p>Die Predigt von Cluny war kleinlaut geworden, der Reichtum der -Kirche hatte die Lehre der Einfalt und Strenge getrost überstanden; er gab -dem Adel treffliche Pfründen und den Bürgern die rauschende Flucht -seiner Feste.</p> - -<p>Nun kamen die braunen Kutten des heiligen Franz, gegürtet mit einem -Strick, barfuß und bettelnd, und brachten die fröhliche Botschaft der Armut.</p> - -<p>Das Himmelreich war in der prahlenden Welt ein verborgener Garten: -die aus den Sälen und Söllern des Wohlstandes kamen, fanden die Tür -nicht, wohl aber die in den Kleidern der Armut einfältig gingen; denn eher -ging ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher ins Himmelreich -kam.</p> - -<p>Jesus von Nazareth ging wieder um auf den Märkten und Gassen, -lächelnd zu lehren und liebend zu helfen denen, die mühselig und beladen -waren: aber den Händlern im Tempel warf er zornig den Wechseltisch um.</p> - -<p>Der Bischof prahlte auf seiner Burg, die Kaufleute brachten ihm Pelze -und köstlichen Wein, sie nahmen Zins von den Zünften und taten groß vor -dem Volk: nun kamen die braunen Kutten und klagten den Reichtum an.</p> - -<p>Sie waren selbst eine Zunft und die allergeringste, sie hielten dem -Wohlstand der Städte den Bettelsack hin, sie sprachen die Worte der -Straße und trugen die tägliche Not: so war die christliche Lehre zum andernmal -wiedergeboren, aber nun klopfte sie sacht an die Tür der irdischen -Wohnung.</p> - -<p>Die Kirche hatte den Kreuzzug gepredigt und war mit blinkenden Rittern -im Morgenland kläglich mißraten; die Barfüßer brachten das Wort -in den Alltag des Abendlands, das Wort und die Tat ihres demütigen Lebens.</p> - -<h3 id="sec5_17">Albertus Magnus</h3> - -<p>Aber die Kirche hatte der braunen Einfalt die weiße Klugheit gesellt; -indessen die Barfüßer den Bettelsack hielten, lehrten die Dominikaner das -Kirchengeheimnis der göttlichen Dreiheit.</p> - -<p>Die weißen Brüder hatten kein Eigentum, wie die braunen, und mußten -sich von den Abfällen des städtischen Wohlstands nähren; aber sie -gingen nicht auf die Straße und hielten zu den Geschlechtern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p> - -<p>Denn ihr Teil war die Lehre und Wissenschaft von den Dingen, darin -der Kirchenglaube als Schatzhalter stand; sie brauchten die Stille gesicherter -Stuben, und nur der Kampf gegen die Ketzer rief sie ans Licht.</p> - -<p>Sonst saßen sie über den Schriften und suchten mit Eifer und Scharfsinn -den Glaubensgrund ab; sie hielten dem zweifelnden Geist das Rüstzeug -der Kirche blank und lehrten die geistlichen Schüler, das Rüstzeug zu -gebrauchen.</p> - -<p>Sie hießen ihn Albert den Großen, obwohl er kein Fürst oder Bischof, -nur ein Lehrer und Mönch war: Albert von Bollstädt, von Herkunft ein -schwäbischer Grafensohn, der bei den Dominikanern in Köln die Wissenschaft -lehrte.</p> - -<p>Juden und Araber hatten dem Meister das Wunder der Wirklichkeit -aufgeschlossen: er kannte den Lauf der Gestirne und die magischen Kräfte -des Mondes.</p> - -<p>Er wußte das tote Geheimnis der Steine zu wecken und sah den Kreislauf -der Säfte in allem lebendigen Dasein, er konnte die Kraft der Natur -mit mancherlei Künsten ans Tageslicht locken.</p> - -<p>So viel und bunt spielte die Macht seines Geistes die Wunder der -Wirklichkeit vor, daß er ein Zauberer hieß; und als er ein schlohweißer Greis -war, woben die seltsamen Sagen ihm selber ein Wunderkleid: der Teufel, -so hieß es, habe die feinsten Fäden gesponnen.</p> - -<p>Aber die Königin Jungfrau des Himmels hielt ihre huldreiche Hand -über ihm, denn der Zauberer hatte der Kirche das künstliche Rüstzeug gefunden: -aus dem Altertum stieg Aristoteles auf, der Priesterstaat zog in die -Wohnung der griechischen Weltweisheit ein.</p> - -<p>Der Geist der Scholastik fing an, die heidnischen Räume wohnbar zu -machen für die kirchliche Selbstherrlichkeit: Albertus Magnus hatte den -Einzug geleitet; der dem Volk ein Zauberer schien, war der Kirche sicher -genug, ihn heilig zu sprechen.</p> - -<h3 id="sec5_18">Die fahrenden Schüler</h3> - -<p>Wo eine Schule stand, liefen die Schüler zu, und wo eine Schule berühmt -war, kamen sie viel; als Albert der Große in Köln lehrte, konnte die -Stadt die Scharen der Scholaren kaum fassen.</p> - -<p>Eine Burse hießen die Schüler das Haus, wo sie Unterkunft fanden; -hunderte summten da ein und aus, und die mönchische Ordnung konnte -die Zucht nicht mehr halten.</p> - -<p>Sie waren weither gewandert und brachten in Kleidern und Sitten den<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -Straßenstaub mit; unterschlüpfend in Klöstern und Pfarrhöfen, bettelnd -bei Bürgern und Bauern tauchten sie ein in den unreinen Strom der fahrenden -Leute.</p> - -<p>Auch fanden viele das Ufer nicht mehr: ohne Hoffnung, je eine Pfründe -zu finden, der Ordnung entwöhnt, dem Wein und der Straßenliebe verfallen, -zogen die lärmenden Scharen durchs Land und suchten die Stadt -heim, wenn der Winter die Wege verschneite.</p> - -<p>Goliarden hießen sie dann und waren die Füchse der fahrenden Leute; -wo der Bettel versagte und der Diebstahl gefährlich war, half ihre List, -Speise und Trank zu gewinnen.</p> - -<p>Sie hatten alle einmal die Messe bedient, das Mirakel war ihnen geläufig; -sie wußten die Wundersucht höhnisch zu stillen und hielten sich selber -zum Spott das Beispiel der Kirche vor Augen.</p> - -<p>Sie waren die Schnapphähne des Zweifels und wußten den Unglauben -am Bratspieß zu wenden; sie sangen dem fahrenden Volk lateinische Lieder, -aber das Faß stand unter den Füßen Mariens, die himmlische Liebe -verlief sich in irdische Löcher.</p> - -<p>Der Kirche gefiel ihre freche Art nicht, sie kehrte mit scharfem Besen die -Bursen und machte den fahrenden Schülern die Türen der Klöster und -Pfarrhöfe zu: aber die Straßen waren zu weit, und zuviel Scheunen standen -daran.</p> - -<p>Sie blieben die Füchse des fahrenden Volkes und mischten ihr schwarzes -Kleid in die scheckigen Lumpengewänder; sie hingen der geistlichen Würde -den Straßenlehm an und waren dem Kirchenbetrieb ihrer Tage ein frech -und verwegenes Schalkspiel.</p> - -<h3 id="sec5_19">Das Volkslied</h3> - -<p>Unter der Linde war Tanz, und die fahrenden Schüler krähten ihr -schnödes Latein; aber der mit der Fiedel wußte den Burschen und Mädchen -andere Lieder zu singen.</p> - -<p>Die Jungfrau Maria kam nicht darin vor, auch nicht die zierlichen -Seufzer der Minne: ein Spaßvogel sang in gewürzten Reimen, wie er die -Mädchen am Rhein, in Sachsen, in Schwaben und Bayern zur Liebe geneigt -fand.</p> - -<p>Das Lied war frech, und die Worte mußten den Tönen mitlaufen, aber -die Täglichkeit lockte darin, und alle sangen den Reim, so sprang die Fiedel -ins Blut.</p> - -<p>Der Spielmann wußte noch andere Reime: von einem Geizhals, der<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span> -sich mit Geld ein leckeres Weibchen einfangen wollte, von einem Knaben, -den seine Buhlin betrog, von einer Spröden, die nie ihr Vergißmeinnicht -fand.</p> - -<p>Aber die kannten sie schon unter der Linde, Burschen und Mädchen -sangen die Reime, wenn sie am Abend in Reihen verschränkt die Straßen -des Dorfes abgingen; denn die Lieder der Fahrenden waren Feldblumen, -die überall hingestreut überall Wurzeln schlugen.</p> - -<p>Feldblumen und Blumen aus Urväterherkunft in Gärten gepflegt; -denn immer noch blühte die Zeit, die vor dieser war, und die Seele des -Volkes war heimlich getreu ihr Gärtner.</p> - -<p>Dietrich und Hildebrand ritten die klirrenden Fahrten, und Siegfried -sank in sein Blut, Schwanhild die schöne und Randwer der feine büßten -die Liebe, Brunhild und Kriemhild kühlten die Rache.</p> - -<p>Die fahrenden Spielleute kannten die alten Sagen und wußten die -neuen, sie hielten die Reime und Töne lebendig, sie flochten die Rosen des -Tages ein in den Kranz, der im Herzen des Volkes immergrün war.</p> - -<p>So wurde aus alten und neuen Gesängen das Volkslied, von Burschen -und Mädchen gesungen, wenn sie am Abend in Reihen verschränkt die -Straßen des Dorfes abgingen.</p> - -<p>Was der Seele des Volkes Gutes und Böses geschah, was in den Brunnen -des Mitleids hinein fiel und was auf den rosigen Wolken der Mitfreude -schwamm, hoben die zärtlichen Hände des Liedes ins ewige Dasein.</p> - -<h3 id="sec5_20">Die Meistersinger</h3> - -<p>Aber die Straße wurde dem fahrenden Volk nur gestattet, Kaufleute -kamen mit Wagen und reisigen Knechten, Ritter zogen zu Hof, und Fürsten -zur Jagd mit lautem Gefolge.</p> - -<p>Auch saßen zur Herberge abends die Zunftgesellen da, die auf der -Wanderschaft waren, mit feierlich stolzen Gesichtern; sie hielten sich fern -von dem fahrenden Volk und hatten die eigenen Lieder.</p> - -<p>Die Singschulen der Zünfte lehrten die Ehrbarkeit loben; und wie die -Höfe den Minnesang, so pflegten die Meister das Preislied des ehrsamen -Handwerks.</p> - -<p>Denn die Zucht war das Schrittmaß der Zunft, wie das Springseil -der fahrenden Leute die Lust war.</p> - -<p>Sie hielt dem edlen Gesang peinlich das Tönegericht, sie lehrte die -Worte im Reim künstlich verschlingen, sie stimmte die Laute, daß sie bescheiden -im Mittelmaß blieb, und hieß das Gefühl in der Ehrbarkeit bleiben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span></p> - -<p>Gesellen- und Meisterstück gab sie zu singen, und über der Zunftlade -standen die Regeln geschrieben, mit denen Frau Musika Hausordnung -hielt.</p> - -<p>So war die Singkunst im Rahmen rühmlicher Künste zünftig geehrt -und im Richtspruch der Meister peinlich geordnet.</p> - -<p>Aber das Lied stieg in den Tag wie die Lerche, es lachte der lehrsamen -Meister und lachte der täglichen Tugend.</p> - -<p>Mit feierlich stolzen Gesichtern sangen die Zunftgesellen der Herberge -ihren Preisgesang vor, indessen die Burschen und Mädchen in Reihen verschränkt -singend den Abend abgingen und in den Büschen der fahrenden -Leute die Nachtigall lockte.</p> - -<h3 id="sec5_21">Der Schwank</h3> - -<p>Das Lied stieg in den Tag wie die Lerche, aber der Schwank saß mit -den fahrenden Leuten in rauchigen Schenken, wenn irgendwo reiche Rast -war.</p> - -<p>Er sah das umzirkelte Dasein der sorgsamen Bürger und sah die Plage -der Bauern, wie sie seitab von der Straßenfreiheit der fahrenden Leute dasaßen, -gesichert vor Unbill.</p> - -<p>Wetter und Wind zauste sie nicht in den Stuben, sie schliefen in Betten -und waren geschützt vor den Hunden: aber sie sahen den Himmel nur durch -die Fenster und kannten die Lust nicht, wie das wilde Getier, frei von Sorgen -und Sachen, auf ihren Läufen zu sein.</p> - -<p>Solcher Ehrbarkeit tat der Spott fahrender Leute ein Narrenkleid an: -Schilda hieß er die Stadt seiner Schwänke, wo sie mit ihren Ratsherrn -und Zünften selbstgerecht saßen und allem natürlichen Wesen entfremdet -ihr Winkelgewerk hatten:</p> - -<p>Die Schildbürger wollten ein Rathaus bauen und hatten die Fenster -vergessen; daß der finstere Raum hell sei, schleppten sie Licht in Säcken -herbei.</p> - -<p>Die Schildbürger wollten das Gras auf der Stadtmauer abweiden -lassen und legten der Kuh den Strick um den Hals; als dem gehängten -Tier die Zunge heraus hing, brümmelten sie, daß es den Grasgeruch -schmecke.</p> - -<p>Die Schildbürger säten Salz auf den Acker, und als die Brennesseln -aufgingen, spürten sie an den gebrannten Händen, wie stark das reifende -Salz ihrer Saat sei!</p> - -<p>So zog der Schwank der fahrenden Leute dem Bürger das Narrenkleid<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span> -an; einer aber von ihnen ging aus, die Beschränktheit mit allerlei Possen -frech zu verhöhnen.</p> - -<p>Eulenspiegel war er geheißen, wo ein Schabernack spielte, hielt er die -Pritsche, und wo er lachte, lachte das Volk mit; denn wo sein Schabernack -saß, hatten ihm Dummheit und Bosheit der Bürger selber die Tür aufgetan:</p> - -<p>Wenn er den Wirt mit dem Klang seines Geldes bezahlte oder als -Schneidergesell die Ärmel wortwörtlich an den Rock werfen wollte, wenn -er in Erfurt den Esel zu lehren versprach oder in Nürnberg die Kranken -gesund machte: hatten die also Gefoppten sich selber zum Spott den Schaden -verdient.</p> - -<p>Es war die lustige Rache der fahrenden Leute an ihrem Todfeind, dem -Bürger, der sie und die Menschennatur mit seiner Ordnung beschränkte; -aber ihr Schicksal wuchs über den Schwank und den Schabernack trotzig -hinaus, als der Doktor Faust seine Himmel- und Höllenfahrt machte.</p> - -<p>Denn da brach der Trotz durch die Schranken; die Menschennatur mit -Lohn und Strafe zu schrecken, hatte die Kirche Seligkeit und Verdammnis -über die furchtbaren Seelen gebracht:</p> - -<p>Aber der fahrende Mann beugte sich nicht vor Himmel und Hölle, er -wollte sein Erdenteil haben; den göttlichen Mächten zu trotzen, die seine -Menschennatur für ihre Zwecke mißbrauchten, schloß er den Pakt mit dem -Teufel.</p> - -<p>Da machte der Schwank die Tore des Schicksals breit auf, da trat der -fahrende Mann hadernd vor Gott, daß er den Feigen und Furchtsamen -hülfe, statt mit den Kühnen und Ketzern zu sein.</p> - -<h3 id="sec5_22">Die Bauhütte</h3> - -<p>So waren die Städte der Bürger gebaut: rund um das Weichbild der -Stadt lief der Wehrgang auf starker Mauer, durch Zinnen gedeckt und an -den Toren mit Türmen und steinernen Treppen gestaffelt.</p> - -<p>Spitzige Giebel standen der Gasse entlang, hüben und drüben, und -grämliche Tore sperrten die Höfe; die steinerne Halle am Markt trug dem -Rathaus die schmuckreichen Säle.</p> - -<p>Breit schwang sich der zackige First über die Giebel der Gassen, aber -gleich einer Tanne ragte der Münsterturm über das Buschwerk der Dächer.</p> - -<p>Weit aus der Ferne grüßte das steinerne Wunder den nahenden Wanderer; -sein blaues Gespinst wuchs in die Nähe hinein mit ragenden Massen -und stand mit Pfeilern und Pforten, mit Nischen und Narben zuletzt als<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -fleißiges Menschenwerk da. Stein war geschichtet auf Stein, Maßwerk -auf Maßwerk gezirkelt, die zackige Schnur seltsamer Krabben war sorglich -gemeißelt, Standbilder priesen den Steinmetz und seine kunstreichen Hände.</p> - -<p>Seitwärts im Schatten, unter der steinernen Brandung standen die -Hütten der Bauleute geduckt; da pochten die Hämmer und klirrten die -Eisen, da wurden auf breiten Brettern und Tischen die Risse gezirkelt, -standfest und kühn den steinernen Wuchs zu planen.</p> - -<p>Denn nun war der Turm nicht mehr die ragende Last runder Gewölbe, -wie eine Garbe wurden die Halme dünn und gebrechlich zur Stärke gebunden, -Halme aus zierlich behauenen Steinen, die steinerne Blume des Kreuzes -zu tragen.</p> - -<p>Die Bauleute waren Steinmetze geworden, und ihre Bruderschaft galt -über den Zünften; die Bauhütte hütete Zirkel und Richtscheit als hohes -Geheimnis.</p> - -<p>Strenge Gebräuche und seltsame Zeichen hielten der Steinmetzenkunst -uralte Weisheit lebendig: aus dem Morgenland war sie gekommen, durch -den blutigen Wechsel der Zeiten heimlich gehütet, aber das Abendland -brauchte sie neu im Zeichen des Kreuzes.</p> - -<p>Im Zeichen des Kreuzes hielten die Hallen die Vierung, aber das Kreuz -auf dem Turm war eine Blume geworden; himmlische Sucht und irdische -Lust gaben einander die Hand im Geheimnis hoher Vollendung, das in der -Bauhütte stolz und streng behütet war.</p> - -<h3 id="sec5_23">Die Schilderzunft</h3> - -<p>Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, sprach das -Gebot; aber die Heiligen standen in Stein an den Pforten, und am Hochaltar -hing, hölzern ans Kreuz geschnitzt, der Erlöser.</p> - -<p>Auch waren Gewölbe und Wände bemalt mit den Bildern der kirchlichen -Gnade; die heiligen Gestalten gingen in farbig getönten Gewändern, -und die tröstlichen Zeichen der Himmelsverheißung schmückten die -Felder der Vierung.</p> - -<p>Tief aber glühten die Tafeln mit goldenen Gründen, darauf im Troß ihrer -englischen Knaben die Himmelskönigin selber das bunte Farbenkleid trug.</p> - -<p>Sie hielt das Kind auf dem Schoß und war ihm die lächelnde Mutter, -wie sie der sündigen Menschheit die huldreiche Fürsprecherin war.</p> - -<p>Ein Schild hießen sie solch eine Tafel, künstlich auf Goldgrund gemalt, -und alle Schilder der Ritter waren in bunten Wappen gewirkt nicht so -schön wie das Schild mit dem Bild der holdseligen Jungfrau.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span></p> - -<p>Die kölnischen Meister der Schilderzunft kannten zuerst das köstliche -Wunder, einem Spiegelbild gleich die süße Erscheinung zu malen, mit sauberem -Pinsel auf eine Tafel von Holz; aber der Augenstern stand leibhaftig -darin und lächelnd der liebreiche Mund.</p> - -<p>Sie lockten das himmlische Wunder hinein in den staunenden Tag; -Wirklichkeit wurde den Sinnen, was in den Worten der Priester und im -Prunk ihrer Gesänge die gläubigen Herzen ahnend erfüllte.</p> - -<p>Kunstreiche Meister und ihre Gesellen hoben das Werk ihrer Hände -hoch in den Ruhm; die Schilderzunft kam ins Glück, als sie dem Himmel -die Farben und seinem ewigen Glanz einen Schimmer zu stehlen vermochte.</p> - -<h3 id="sec5_24">Der Genter Altar</h3> - -<p>Aber die Wirklichkeit wollte den Tag, und der ewige Sinn sank im -Wechsel der Sinne.</p> - -<p>Die himmlische Ferne verschwand in der irdischen Nähe, und irdische -Augen begannen sie warm und froh zu betrachten.</p> - -<p>Gott saß im Himmel und hörte die englischen Heerscharen singen, aber -der Mensch ging im Menschengewand, die Erde blühte mit irdischen Blumen, -und wo eine Stadt war, füllte das Tagwerk die Gassen.</p> - -<p>Ein Bürger zu Gent wollte der Kirche Sankt Bavo einen Schilderschrein -stiften, und Hubert van Eyck kam aus Brügge, die Tafeln zu malen:</p> - -<p>Gott Vater thronte als König des Himmels in einsamer Stille, nur -das Lamm bot sich der gläubigen Anbetung dar, darüber die Taube des -Heiligen Geistes die ewige Glorie strahlte.</p> - -<p>So dachte Hubert van Eyck den Altar zu malen; er hatte die Tafeln -mit sehnsüchtiger Andacht gestellt, da ließ ihm das Siechtum den Geist und -die Hände ermatten.</p> - -<p>Jan aber, sein jüngerer Bruder und Helfer, malte den Bilderschrein -fertig; er kannte das Werkstattgeheimnis, mit zarten Lasuren die Gründe -leuchtend zu machen, daß sie in gläserner Helle und frischer Farbigkeit -standen.</p> - -<p>Aber er liebte den Tag und die Wirklichkeit, und wo seinen Bruder die -Sehnsucht der Ferne verzehrte, stand er getrost in der Nähe und sah das -einzelne gern.</p> - -<p>Er malte die Wiesen mit blühenden Blumen und malte den Himmel -im zärtlichen Blau, er malte die Falten im Felsgestein und malte das Laub -an den Bäumen.</p> - -<p>Er malte den Reitern reiche Gewänder und ließ die Rosse stolzieren im<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span> -Schmuck der Schabracken; er malte den singenden Engeln schwellende Lippen -und gab dem Notenpult köstlichen Zierat.</p> - -<p>Er malte Gott Vater im Prunkgewand seines Weltkönigtums; und -daß seinen Tafeln die Herkunft des Fleisches nicht fehle, stellte er Adam -und Eva hinein in gänzlicher Nacktheit.</p> - -<p>Alles war naheste Wirklichkeit, mit fröhlichem Eifer betrachtet; alles -war irdisches Glück, mit frohen Augen genossen; alles war sinnlicher Glanz, -aus köstlichen Farben geflossen.</p> - -<p>So zog das himmlische Dasein in Gent ein weltliches Bürgerkleid an; -so fand sich die Kunst in den Tag, als Jan van Eyck in Sankt Bavo den -frommen Altar seines Bruders zum fröhlichen Bilderschrein machte.</p> - -<h3 id="sec5_25">Der Spiegel der Wirklichkeit</h3> - -<p>Was in Sankt Bavo zu Gent geschah, wurde Saat allerorten: überall -waren Bürger aus Wohlstand in Reichtum geraten und wollten Gott und -sich selber zu Ehren den Kirchenschmuck mehren; überall hatte die Schilderzunft -fröhlich zu schaffen.</p> - -<p>Einen Altar zu stiften, wurde der Ehrgeiz des Bürgers, und seine Tafeln -zu malen, das Meisterstück in der Zunft.</p> - -<p>Wohl gab die Kirche allein die Legende, aber die Bilderkraft sprang aus -der Schau und dem fröhlichen Tun des täglichen Lebens: die heiligen Männer -und Frauen des Morgenlands mußten die Kleider und Sitten des -Abendlands tragen.</p> - -<p>So wurde die Herkunft der Christenlegende zum andernmal tapfer ins -Deutsche versenkt: die Wälder und Wiesen der Heimat sahen die Jüngerschar -schreiten, und die Burg des Herodes stand bei dem Münster der gotischen -Stadt.</p> - -<p>Aber so wurde die Heilige Schrift auch der Spiegel, in bunten Bildern -das Leben der Bürger zu fassen, so wurden die kostbaren Schreine der Kirchen -die treuesten Hüter der eigenen Wirklichkeit.</p> - -<p>Da ritt der heilige Georg im blinkenden Panzer des Ritters, da wurde -Lazarus wach auf dem Kirchhof der Kreuze, da stand das Bett der Maria -behäbig an der getäfelten Wand, da war die Krippe im Stall nach heimischer -Sitte aus Balken gefügt.</p> - -<p>Wohl wuchsen auch Palmen, und Löwen waren den Heiligen treu, -aber sie blieben fremd und verscheucht, indessen das heimische Gewächs und -Getier sich unbesorgt breitmachte.</p> - -<p>Bäuerlich fränkische Häuser, städtische Gassen und Stuben boten dem<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span> -Bauer und Bürger den Vorwand des heiligen Lebens, unbekümmert und -selbstgefällig ins Bilderdasein zu treten.</p> - -<p>Sie waren linkisch, dem kirchlichen Schauspiel zu dienen, die Glieder -fanden nur selten die rechten Gebärden, und die Gesichter wurden der heiligen -Handlung nicht froh: aber sie taten ihr Werk mit Eifer, und wo sie -das Marterzeug brauchten, verstanden sie seinen Gebrauch.</p> - -<p>Nicht einer der Zunft hatte die fröhliche Meisterhand wieder, die den -Altar von Sankt Bavo zum Spiegel irdischer Glückseligkeit machte; es -war ein linkisch verstiegenes Dasein, grausam und vielmals verzerrt, und -mehr eine Fratze als ein schönes Abbild der Welt.</p> - -<p>Aber es war in die blühende Pracht gläserner Farben gegossen, und seine -bunte Vielfältigkeit stand stark und verzückt im Licht der gläubigen Einfalt.</p> - -<h3 id="sec5_26">Der Altar von Isenheim</h3> - -<p>Der Bilderschrein hatte den Bürger ins Schaubild gestellt, Alltäglichkeit -war das Gewand der heiligen Handlung geworden, da hob sich im Zorn -eine Zauberhand, dem Himmel das Seine zu geben.</p> - -<p>Matthias Grünewald hieß der mächtige Meister, Hofmaler des Bischofs -von Mainz und ein Franke vom roten Main, der im Kloster zu Isenheim, -droben im Elsaß, den Hochaltar malte.</p> - -<p>Dem heiligen Vater der Mönche und Schutzherrn der Tiere, Antonius -sollte der Altar geweiht sein; aber der Meister wollte den Urgrund aufreißen -und im Mirakel die Quellen der brünstigen Heiligkeit zeigen.</p> - -<p>Gott war in Schmerzen geboren und war gekreuzigt als Mensch, um -aus der Nacht des irdischen Todes aufzuerstehen und strahlend zurück in den -Himmel zu fahren.</p> - -<p>Da waren die Tafeln zu klein, zu kläglich die Kleider der Täglichkeit, da -mußten die Brunnen der Tiefe aufbrechen mit feuriger Fülle, da mußte -das ewige Sein den glasigen Schein der irdischen Dinge durchleuchten.</p> - -<p>Und so war die dreifache Tiefe des Altars gebaut: draußen die Tafeln -von Golgatha, drinnen die Herrlichkeit Gottes, und erst, wenn die inneren -Flügel aufgingen, kam der Heilige selber, dem der Altar gemalt war.</p> - -<p>Gramvolles Dunkel lag auf der Welt, nur Golgatha stand in beinerner -Helle, als ob ein Blitz den Himmel durchbräche, den gekreuzigten Gott zu -beleuchten.</p> - -<p>Aber kein göttlicher Dulder hing an dem Holz, ein gemarterter Mensch -und ein blutrünstiger Leib der Verwesung.</p> - -<p>Ein Schrei ging aus von den Frauen und verzagte im Abgrund; nur<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span> -Johannes der Täufer stand da mit dem Lamm, der sündigen Menschheit -das göttliche Opfer zu weisen.</p> - -<p>Gewaltig war so der Deckel des Buches gebildet, der mitten wie Torflügel -aufging, der schluchzenden Seele die Herrlichkeit Gottes und das -Wunder seiner Geburt offenbarend:</p> - -<p>Vier Tafeln ragten wie eine im Morgenrot glühende Wand vor den -Augen der gläubigen Christen; Orgelgewalt und Gesang der Mönche -schwanden hin in der Fülle farbiger Stimmen, wie ein Menschenruf übers -Meer klingt.</p> - -<p>Der Tempel der himmlischen Mutter stand in der Mitte, aus Licht und -Farbe gebaut, und Lobgesang schwoll aus den englischen Räumen; die -Jungfrau saß selig versunken davor mit dem Kind in der blühenden Landschaft, -darüber Gott Vater im Himmel die Augen der Liebe aufmachte.</p> - -<p>Zur Linken wurde der Jungfrau das Wunder der Gnade verkündigt, -zur Rechten fuhr hell aus dem Kerker des Grabes der Heiland: ein glühender -Ball brach in die Sterne der Nacht, darin die Lichtgestalt des Erlösers -von allen Feuern des Himmels beglänzt war.</p> - -<p>So übermächtig war der Glanz und das Glück der im Morgenrot -glühenden Flächen, daß danach die Farbe nichts mehr vermochte: wenn sich -die inneren Flügel auftaten, standen die Heiligen stumm als geschnitzte -Figuren inmitten der grellen Erscheinung.</p> - -<p>Nur auf den inneren Flächen der letzten Torflügel hatte der Meister -das Glück und das Grauen der Weltentsagung gemalt: wie das Getier -der Wüste dem heiligen Antonius diente, und wie das Höllengezücht ihn -versuchte.</p> - -<p>Erde und Hölle sprachen ihr Wort nach dem Himmel: die Erde lockte -mit üppiger Landschaft; die Hölle schrie das grelle Getön ihrer scheußlichen -Leiber; aber der Himmel stand hinter den Flügeln mit seinem ewigen Glück.</p> - -<p>So war der Altar des fränkischen Meisters gebaut, darin der himmlische -Zorn den Alltag verscheuchte: die Tiefe der brünstigen Seele brach -auf und war kein schönes Abbild der irdischen Glückhaftigkeit mehr, weil -das ewige Wunder nicht mehr den eitlen Traum der Täglichkeit weckte.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Buch_der_Freiheit">Das Buch der Freiheit</h2> - -<h3 id="sec6_1">Meister Eckhart</h3> -</div> - -<p>Der aus Steinen den gotischen Wunderwald machte, ließ aus dem -heiligen Hain der erschütterten Herzen eine neue Gläubigkeit blühen.</p> - -<p>Wie das Geflecht der Gurten und Rippen, das Laubwerk der Knäufe -und Sockel die lateinische Messe mit gotischer Inbrunst umfing, so wuchs -in der nordischen Seele der Gral der christlichen Sendung.</p> - -<p>Die Kirche hat ihn als Ketzer verdammt, den Meister Eckhart von Köln, -der unter den Christen der naheste Jünger des Herrn, der Gotteskindschaft -des Zimmermannssohns seligster Nachfolger war:</p> - -<p>Dominikaner und Prior des Predigerordens in Erfurt, Straßburg und -Frankfurt; aber die Fackel im Maul seines Hundes war kein brennendes -Feuer, nur leuchtendes Licht seiner in Gott weißglühenden Seele.</p> - -<p>Darum verdammte er nicht und hielt seine Kutte nicht keuscher als sonst -ein irdisches Kleid; er tat dem Leben kein Büßerhemd an, ging in den Himmel -zu allen Stunden und sprach in den Wahn der weltflüchtigen Zeit sein -weisestes Wort, daß gute Menschen das Leben lieb hätten.</p> - -<p>«Nie würde ein Mensch, der Durst hat, so sehr zu trinken begehren, wenn -nicht etwas von Gott darin wäre.</p> - -<p>Dasein und Jungsein ist eins in der Ewigkeit; denn sie wäre nicht ewig, -wenn sie neu werden könnte.</p> - -<p>Was der Mensch liebt, das ist der Mensch: liebt er einen Stein, so ist -er ein Stein; liebt er einen Menschen, so ist er ein Mensch; liebt er Gott – -nun zage ich, weiter zu sprechen, ihr könntet mich steinigen wollen!»</p> - -<p>So sprach der Meister Eckhart von Köln, lächelnd von Liebe und Weisheit, -wie weiland der Herr, und hielt nicht ein, auch dies noch zu sagen, daß -alle Liebe der Welt auf Eigenliebe gebaut sei: «Ließest du die, du hättest die -Welt gelassen!»</p> - -<p>Und ging auf den Straßen und Märkten wie Jesus im jüdischen Land; -denn da die Lehre zum andernmal Wort ward, zerbrach ihr Frühling den<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span> -gläsernen Grund des lateinischen Winters, aufquellend im Brunnen der -eigenen Sprache.</p> - -<p>Seine Predigt war deutsch und scheute sich vor der Alltäglichkeit nicht -und hob aus dem Staub der Straße die Bilder des ewigen Lebens: «Sie -fragen, was in der Hölle so brennt? Ich sage, das Nicht brennt in der Hölle, -und sage ein Gleichnis:</p> - -<p>Nimm eine brennende Kohle zur Hand! sprächest du da, die Kohle brennt -mich, du tätest ihr Unrecht; denn hätte die Hand die Feuernatur der brennenden -Kohle in sich, sie schmerzte nicht: so ist es das Nicht deiner Hand, -was sie brennt!</p> - -<p>Daß die Seelen von Gott geschieden sind durch ein Nicht der Natur, -ist ihre Hölle; denn hätten sie göttliches Wesen in sich, was könnte sie brennen? -Darum, wollt ihr vollkommen sein, so müßt ihr frei werden vom -Nicht!»</p> - -<p>In der Klosterkirche zu Köln stand der Mann mit dem weißen Bart vor -dem Ketzergericht der christlichen Kirche; der naheste Jünger des Herrn war -verklagt, und der Hohepriester des neuen Bundes zerriß den Rock im Rat -seiner Richter.</p> - -<p>Aber Gott nahm den Greis fort aus den Händen der Torheit und -schenkte den Priestern die Schuld des zwiefachen Kreuzes. Er gönnte dem -Meister der Demut, in Frieden zu sterben, und ließ der Gotteskindschaft -des Zimmermannssohns seligsten Nachfolger eingehen ins ewige Licht.</p> - -<h3 id="sec6_2">Suso</h3> - -<p>Den sie als Bruder Seuß kannten von Schwaben bis nach Franken -und dem die Gläubigen zuliefen wie vormals Johannes am Jordan, war -eines Ritters Sohn aus Überlingen, der früh ins Kloster und als Jüngling -nach Köln zum Meister Eckhart kam.</p> - -<p>Da lernte er das Glück der Abgeschiedenheit und übte es so brünstig, -daß er wohl zwanzig Jahre in seiner Zelle zu Konstanz blieb mit selbstgewählten -Bußen, obwohl dem Knaben der Seewind und die Frühlingsblumen -des Wunders holdeste Erscheinung waren.</p> - -<p>Er tötete die Stunde, trank Lust aus Leid und lernte Gott lieben, bis -ihm der Sinne Untergang der Wahrheit Aufgang wurde.</p> - -<p>Dann endlich zog der Bruder Seuß mit grauem Bart aus seiner Wabe -hinaus ins Menschenland, den Honig der ewigen Weisheit den Wartenden -zu bringen.</p> - -<p>So süß war seine Lehre und so beseligt sang sein Mund das Lob der<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span> -ewigen Weisheit, wie nie die Stimme eines Predigers gesungen hatte.</p> - -<p>Die nicht den Sinn verstanden, fühlten doch den Klang, der wie der -Sang der Knaben, wie die farbigen Fenster und wie der Duft der Veilchen -im Frühjahr war.</p> - -<p>Darum hörten den Bruder Seuß die Frauen gern, hellhöriger als die -Männer und dem Geheimnis der Brunnentiefe näher; sie liebten ihn schon, -wenn seine Stimme gleich einer Nachtigall anschwoll im sursum corda der -heiligen Messe.</p> - -<p>Dann raffte er die Kreatur um sich aus allen Elementen, die bunten -Vögel und die sanften Rehe, die stummen Fische und die stillen Falter, -auch das Gewürm der Erde, das Laub und Gras der Wälder und der -Wiesen, den Gries im Meer und alle Tropfen, die der Tau den Wiesen -frühmorgens funkeln ließ, das Gestäube im letzten verirrten Sonnenstrahl -und alle Glut der Berge; und schwollen an im Chor von tausend Tönen -und fielen ein mit ihm: Empor zu Gott!</p> - -<p>Er aber war nicht lässig in solcher Lust, er ließ die Stimme steigen gleich -einem Strahl, ließ ihn zerstäuben und die Tropfen perlen, und jeder Tropfen -sank in ein Herz; da wurden wach, die träge schliefen, und schraken auf, die -in den Tönen die Bilder ihrer Wollust schmeckten, und traten in den Kreis -der Kreatur und brachten ihren Tropfen dem Bruder Seuß, daß er ihn -trüge: Empor zu Gott!</p> - -<p>Auch die Gerechten, die dasaßen mit ihrer säuerlichen Pflicht und zwischen -Gott und Kreatur den Hochmut ihrer Werke hatten, sie fühlten seinen -Tropfen rinnen und zerschäumen in ihrer kalten Brust; das Herz brach -auf und schäumte sein rotes Blut und wurde leicht von seiner Last der -harten Menschenheit, und wurde Lust der Kreatur und flog der Stimme -zu, der Stimme und dem Strahl: Empor zu Gott!</p> - -<h3 id="sec6_3">Der Gottesfreund</h3> - -<p>Was Eckhart, der naheste Jünger des Herrn, in Straßburg und Köln -von der Ewigkeit lehrte, war nicht vergangen, weil es im Brunnen der -eigenen Sprache Quellwasser blieb statt dem Latein der Scholasten.</p> - -<p>Gottesfreunde hießen sie droben am Rhein die heimlichen Künder der -Lehre; wie vormals die Jünger hielten sie abseits der Kirchengemeinde die -frohe Botschaft lebendig, und wie die Jünger lebten sie zwischen Verfolgung -und heimlicher Duldung ihr Dasein in Christo.</p> - -<p>Die Hoffnung des Himmels, die Furcht vor der Hölle gaben der Kirche -die Zügel, aber stärker als Hoffnung und Furcht war das Gewissen; und<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span> -lange schon stand es bereit, vor Gott und der Menschheit das Recht und -die Pflicht des evangelischen Daseins zu fordern.</p> - -<p>Der aber ihr Meister war, kam und ging im Geheimnis: den großen -Gottesfreund aus dem Oberland hießen sie ihn, Name und Herkunft blieben -verborgen; kaum anders, als Jesus den Jüngern erschien, trat er hinein -in den Kreis seiner Freunde als hohe und frohe Erscheinung.</p> - -<p>Als Tauler in Straßburg, der Dominikaner, um seiner Redekunst willen -berühmt war, bat ihn der Gottesfreund einst um eine Predigt, wie sich -die menschliche Seele am höchsten und nächsten zu Gott aufschwingen möge?</p> - -<p>Da wetzte der Meister sein Rüstzeug gelernter Scholastik und tat sich -groß mit den Künsten der vierzigsten Beschauung und mit den vierundzwanzig -Stücken, durch die der Geist erleuchtet würde vor Gott.</p> - -<p>Aber der Gottesfreund lächelte nur und nannte es pfäffische Künste, den -Wein mit Hefe zu mischen; denn Jesus der Zimmermannssohn habe zur -Einfalt der Jünger geredet und solche Künste der Schriftgelehrten verachtet.</p> - -<p>Darüber fiel der gelehrte Mönch in Trauer und Trübsinn und verlor -alle Freude an seiner scholastischen Kunst, sodaß die Brüder sein Alter für -schwachsinnig hielten und die Beichtkinder seiner lachten.</p> - -<p>Zwei Jahre lang blieb er verstört und forschte viel in der Schrift und -suchte Gott in der Demut, da ihn sein Hochmut nicht fand.</p> - -<p>Als er dann wiederkam auf die Kanzel, ein tief geläutertes Gemüt, war -er den Klugen völlig ein Spott, weil er kein Wort zu sprechen vermochte, -nur bitterlich weinte.</p> - -<p>Da trat ihm zum andernmal heimlich der Gottesfreund bei: Das war die -beste Predigt vor Gott und deine Berufung, sein Wort zu verkünden! weil -du selber den Weg zur Demut fandest, sei getrost, ihn den andern zu weisen!</p> - -<p>So tat der Gottesfreund dem Dominikaner den Mund wieder auf; -durch seine Lippen, nicht mehr lateinisch verkünstelt, floß fürder das Labsal -des Wortes: Tauler, der evangelische Prediger stand auf der Kanzel zu -Straßburg, der die Einfalt und Gnade gleich einem Becher den Dürstenden -darbot.</p> - -<p>Der aber das Wunder vermochte, der Gottesfreund schwand in die -Ferne, aus der er kam, denen, die seiner bedurften, weise und wahrhaft -und stark zu erscheinen.</p> - -<h3 id="sec6_4">Die gemeinsamen Brüder</h3> - -<p>Er war weder Priester noch Mönch, Gerhart Groot von Deventer; er -hatte studiert in Paris wie andere Jünglinge auch, Theologie und kanonisches<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span> -Recht, selbst die magischen Künste, und dachte behaglich zu leben von -seinen Pfründen als Kanonikus oder Magister.</p> - -<p>Da fand ihn das Wort von dem Einen, was not tut; er verbrannte die -magischen Bücher, legte den silbernen Gürtel und das sarmatische Pelzwerk -ab und ging in ein Kloster – doch ohne Gelübde – den Zweck seines -Daseins zu finden aus dem Gewissen.</p> - -<p>Als er ihn fand in der Schrift, zog er hinaus wie vormals die Jünger, -der reichgewöhnte in ärmlicher Kleidung, nur im geringsten bedürftig, und -fing an zu lehren im plattdeutschen Wort seiner Heimat.</p> - -<p>So wurde der reiche Jüngling und stolze Magister ein dienender Mann -der Einfalt; Priester und Laien hörten ihm zu und staunten der einfachen -Rede und ihrer schlichten Gewalt, bis ihm der Bischof von Utrecht im -Namen der Kirche zu lehren verbot.</p> - -<p>Er hätte Freunde gehabt bis nach Rom, der Weisung zu trotzen; aber -er folgte in billiger Demut dem Bischof, zog heim nach Deventer, statt der -Großen die Kleinen zu lehren – wo das Salz noch nicht dumm war – und -wurde ein Lehrer der Jugend, wie keiner vor ihm.</p> - -<p>Da hingen ihm Jünglinge an und taten wie er, halfen ihm lehren, nahmen -nicht Lohn und lebten gemeinsam; nicht mit dem Leinensack bettelnd, -tätig und treu im Stegreif der Stände und demütig dienend, wo Hilfe und -Pflege not war: nur im Genuß einfacher Freuden dem Weltleben fremd -und im Gewissen der gotteinigen Seele.</p> - -<p>Bald wurden der Brüder zuviel in Deventer, wo sie mit Gerhart dem -mildreichen Meister gemeinsam ihr Eigentum hatten; so zogen sie aus in das -Land und die Länder, lehrten die Jugend und lebten den Eltern ein Vorbild, -daß Gott im täglichen Wirken, nicht nur im Kirchendienst fröhlich zuhaus sei.</p> - -<p>Der aber ihr Meister blieb, Gerhart Groot aus Deventer, starb wie er -lebte: einen Freund schlug die Pest, er pflegte ihn heil und starb an der -Seuche, starb heiter und gütig im Kreis seiner Freunde.</p> - -<p>Er ließ den schwächlichen Leib im vierundvierzigsten Jahr seines Lebens, -aber die Brüderschaft blieb und blühte das Lächeln der evangelischen Weisheit -in furchtsame freudlose Seelen.</p> - -<p>Bis ihrer Tausende saßen im deutschen Land, Lehrer der Jugend und -Brüder eines in fröhlicher Armut und selbstloser Arbeit gemeinsamen -Lebens.</p> - -<h3 id="sec6_5">Konzil in Konstanz</h3> - -<p>Während im Norden die neue Gläubigkeit glühte, wuchs in den päpstlichen -Gärten das Tollkraut der Zwietracht: drei Päpste regierten zugleich<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -und verdammten einander, und der das Konzil nach Konstanz berief, der -Neapolitaner Johann, war ein Seeräuber von Herkunft und Sitten.</p> - -<p>In Konstanz sollte das Schmelzfeuer der Christenheit sein und wurde -ein Jahrmarkt der Kirchenverderbnis: dreihundert Fürsten und Bischöfe -samt dem Troß der Prälaten und Äbte, Grafen und Ritter, kamen an mit -dem reisigen Volk ihrer Knechte, Roßbuben, Spielleute und bauten ihr -Zeltlager rings um die staunende Stadt.</p> - -<p>Alle Zungen Europas schollen im Seewind; Mönche, Gaukler und -Dirnen der abendländischen Welt begingen die Gassen, die Heuschreckenschwärme -fahrender Leute begafften die lustreichen Feste, indessen die Kardinäle -den drohenden Völkern ein neues Kirchengewand zu nähen versprachen.</p> - -<p>Es war ein schönes Turnier, das die Konstanzer sahen, draußen im Bühl -vor den Toren der Stadt; aber der Vogel im Käfig, der Seeräuberpapst -flog aus unterdessen; er ließ der bestürzten Stadt das verwirrte Konzil und -dem Kaiser die Sorge zurück, den gefährlichen Geier zu fangen.</p> - -<p>Der zollernsche Burggraf von Nürnberg ritt auf die Jagd und holte ihn -ein, das Konzil zerbrach ihm sein päpstliches Siegel und Wappen; aber der -Jahrmarkt der Kirche ging weiter und hatte sich schon sein frechstes Schaustück -bestellt:</p> - -<p>Im festen Schloß Gottlieben, wo der Bischof von Konstanz den gestäupten -König der Kirche mit geistlichen Ehren bewachte, saß auf dem -steinernen Turm ein anderer Vogel im Käfig: Johann Hus, der böhmische -Rektor aus Prag und evangelische Priester, der aus der Schrift die Kirchenreform -an Haupt und Gliedern verlangte.</p> - -<p>Der Kaiser gab ihm freies Geleit und hieß den Ketzer verbrennen: im -Münster zu Konstanz saßen die Fürsten um Sigismund und sahen dem -Schauspiel zu, wie die hohenpriesterlichen Knechte dem Ketzer die Kleider -der Kirche abrissen, wie sie den Blutzeugen Christi mit einer Narrentracht -höhnten und seine Seele dem Teufel befahlen.</p> - -<p>Sie kehrten die Asche des Ketzers zuhauf und streuten sie aus in den -Rhein, sie grüßten das Kreuz und sangen zur Messe, sie wählten Martin -den Fünften zum Papst, und der Kaiser führte dem Statthalter Christi -den Zelter.</p> - -<p>Sie zogen den Jahrmarkt des Kirchenkonzils mit Zeter und Zank und -festlichen Fahnen noch hin bis ins dritte Jahr.</p> - -<p>Und sahen die Flammen nicht draußen im Bühl vor den Toren der lustreichen -Stadt, die lohende Flamme der Lehre, und hörten die Asche nicht -flüstern im Rhein, die Asche der tapferen Treue.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span></p> - -<p>Sie webten den Wahn ihrer Macht in den gleißenden Tag und hießen -sich Christen; sie kannten die Leiden des göttlichen Dulders und sahen den -Teufel nicht in den Fratzen der kirchlichen Henker.</p> - -<h3 id="sec6_6">Die schwarze Kunst</h3> - -<p>Die Krämerwaage dem Bürger, der Karst dem geplagten Bauer, das -Schwert dem Ritter, dem Priester das Wort und den Mönchen die Schrift: -so war die Ordnung der Welt, und das Wort im Schrein der heiligen -Schriften gab der Kirche die Schlüsselgewalt.</p> - -<p>Bevor die Kirche dem Ketzer den Holzstoß ansteckte, verbrannte sie zuerst -seine Schriften; denn blieben die Blätter vom Teufel mit Tinte beschrieben, -so war der Ketzer nicht tot: das Unkraut blühte neu aus der -schwarzen Saat, und der Samen wucherte weiter im kirchenfeindlichen -Wind.</p> - -<p>Es ging aber in Mainz ein Knabe den grübelnden Weg seiner Jugend, -der dem geistlichen Vorrecht der Schrift die Schranken zerbrechen und dem -ängstlich behüteten Wort den Käfig aufmachen sollte.</p> - -<p>Johann Gensfleisch hieß er, vom Gutenberg, aus Mainzer Bürgergeschlecht, -der als Jüngling nach Straßburg kam und dort seine heimliche -Werkstatt aufmachte.</p> - -<p>Er kannte den Holzschnitt, wie er dem Bild und der Schrift einen -Prägestock machte, auf hundert Blättern zu drucken, was der Holzschneider -einmal aus seiner Platte heraus schnitt.</p> - -<p>Er sägte das Holz mit dem Wort auseinander und hieß die einzelnen -Buchstaben Lettern; er setzte die Lettern im Wörter zusammen, wie er sie -brauchte, und druckte die Schrift.</p> - -<p>Aber die vielen Lettern zu schneiden, war mühsam, auch zerbrach ihm -das winzige Holz in der Presse; so nahm er Metall, und weil der Metallschnitt -mühsamer war, dachte er seine Lettern in Formen zu gießen.</p> - -<p>Das aber war eine fremde Kunst, die er nicht kannte, so mußte Jürgen -Dritzehn ihm helfen; und während das Basler Konzil die Kirchenreform -an Haupt und Gliedern verlangte, raubte das heimliche Handwerk der -Männer in Straßburg der Kirche die Schrift.</p> - -<p>Als sie in Unfrieden fielen, ging Gutenberg wieder nach Mainz, wo er -den Fust, einen reichen Bürger bereit fand, den Druck einer Bibel zu -wagen.</p> - -<p>So trat der hitzige Traum seiner Jugend schön in den Tag: mit Gold -und Farben bunt wie eine kostbare Schrift stand der Druck seiner Lettern<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span> -sauber und klar auf den Blättern, und waren hundert Bücher, wo sonst nur -ein einziges war.</p> - -<p>Aber der Lohn wollte dem unsteten Mann nicht kommen, auch diesmal -verschwand ihm der Segen des Werkes im Streit: von Mißgeschicken bedrängt, -von Schimpf und Schulden beschattet, als Flüchtling schlechter -Prozesse und Mietling schäbiger Pfründen trug sein fieberndes Leben die -Pläne goldener Ernten ins leer geplünderte Alter.</p> - -<p>Was in Straßburg mit Jürgen Dritzehn begann und in Mainz mit -Fust und Schöffer dem mißlichen Mann sein Bürgerdasein verwirkte, das -hörte mit Albrecht Pfister nicht auf: sie halfen dem seltsamen Meister die -Werkstatt zu rüsten und klagten die Werkzeuge ein, wenn sie das Handwerk -verstanden.</p> - -<p>So starb er selber in Armut zu Eltville am Rhein, der dem Goldschmied -Fust und seinem Schwiegersohn Schöffer die Goldquellen der schwarzen -Kunst hinterließ; doch wie seinen Händen das Gold, zerrann das Geheimnis -den Erben in hundert Schlupfwinkel der abendländischen Welt.</p> - -<p>In Rom, Paris und Venedig schlugen deutsche Gesellen die schwarzen -Werkstuben auf; bald hielten die Messen Europas gleich Ballen vlämischen -Tuchs und lombardischen Seidenbandrollen gedruckte Bibeln und Heilsbücher -feil.</p> - -<p>Da waren sie nicht mehr allein in den Zellen, die neuen Gedanken hinter -fiebrigen Stirnen, die schwarze Kunst half ihnen fort in die Köpfe und -Herzen.</p> - -<p>Krähenvögeln gleich flogen die Druckschriften aus in die Städte und -Häuser der Bürger; und schon pfiff in der Andacht der heiligen Bücher die -Spottdrossel kommender Zweifel und lachte der kirchlichen Schlüsselgewalt.</p> - -<h3 id="sec6_7">Die Humanisten</h3> - -<p>Das tausendjährige Reich der Kirche ging zu Ende; blaß und müde -glühten die Verzückungen der Seele, und roter blühte die Saat der Sinnlichkeit: -der Gottesstaat der Priester blieb den verheißenen Segen schuldig, -die Erde trieb geschäftig die alte Fruchtbarkeit.</p> - -<p>Wohl waren ihre Tage als Jammertal geschmäht: aber Kaiser und Kurfürsten -zogen in den Krieg um Gold und Macht der Erde, Städte wurden -groß und reich im Handel, auf den Meeren gingen ihre Schiffe und auf -den Straßen ihre Wagen mit dem Gut der Erde, Rathäuser wurden -Prunkhallen der Erdenbürgerschaft.</p> - -<p>Auch die das Jenseits priesen, waren diesseits wohl zuhaus: in Pfründen<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span> -und Kapiteln saßen sie und sorgten für ihr Teil; denn das Gelübde der -Armut sperrte nicht die Schleusen, daraus der bürgerliche Reichtum in die -Keller und Kammern der Klöster floß.</p> - -<p>Die aber mühsam den Acker pflügten und sonst im heißen Tagwerk -standen, sie sahen sich betrogen um die Ernte für einen Lohn, der nicht von -dieser Welt war; und immer kühner hob die Frage das spöttische Gesicht, -wieviel an diesem Zustand Gottes Wille oder kluge Lenkung geistlicher -Hände wäre.</p> - -<p>Durch den verschlissenen Teppich der Scholastik wurde der Boden wieder -sichtbar, darüber ein Jahrtausend mönchischer Weltflucht sinnenfeindlich -ging: Belladonnen blühten aus dem Unkraut der Ruinen, und Götterbilder -hoben die Marmorleiber aus der verschütteten Vergangenheit.</p> - -<p>Sie fanden ihre Tempelpracht zerstört, die Schönheit ihrer Glieder war -zerbrochen; aber Mars und Venus reichten die verstümmelten Hände dem -neuen Zeitalter hin: bestürzt und staunend sah die Menschheit die herrliche -Gebärde.</p> - -<p>Da tönten Stimmen wieder, die längst verklungen schienen; die Sprache -Ciceros klang marmorkühl aus der Versunkenheit, den Götterbildern gleich -an Gliederpracht, und war die Sprache einer Zeit, da weder Bischöfe noch -Mönche, sondern Bürger den Staat bestimmten und das Brevier noch -nicht das Brot der Bildung war.</p> - -<p>Und wie die Marmorbilder nach ihrer Griechenheimat wiesen, so auch -die alten Schriften: Hellas stand auf in Rom; noch einmal fragte Sokrates -die listigen Fragen, und Platon gab ihm weise Antwort.</p> - -<p>Die aber im Gehäus der mönchischen Scholastik dem ewig-jungen -Fragespiel entzückt zuhörten, sie glaubten gern, daß nun die Tür ins Freie -geöffnet wäre.</p> - -<p>Als ob sie Totes wiedererwecken und Gewesenes zum andernmal gebären -könnte, so wurde die Zeit trächtig vom Altertum.</p> - -<p>Da dachte wieder ein Erdenmensch zu werden, der nur ein Prüfling -für den Himmel gewesen war; er ließ die Heiligen und den Christ und fand -sich selber in der Welt als Wagenlenker seines Schicksals; er maß die Bahn -mit seinen Rossen und ließ die Räder rollen zum selbstgesteckten Ziel.</p> - -<p>So wurden wieder Heiden in der Welt, und reiche Florentiner glaubten, -noch einmal Bürger Roms und Günstlinge der Götter zu sein.</p> - -<p>Sie redeten die Sprache Ciceros und hörten Platon und bauten sein -Reich der schönen Menschlichkeit, sie sammelten mit Gold und List die -Schriften der alten Heidenwelt und schrieben sie ab mit zierlicher Bemalung, -wie vormals die frommen Mönche die Heiligenleben schrieben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p> - -<p>Und rafften um ihr Dasein einen Glanz, der unbesorgt von dieser Welt -war, und setzten sich in ihre Dinge aus eigener Machtvollkommenheit, und -wagten ihre Seele an jede Lust und schafften sich in Tat und Trutz und -schöner Edeltierheit die Seligkeit der Erde.</p> - -<p>Und sahen einen Papst in Rom, der vor den Römern noch einmal den -Augustus spielte und ihrer Welt Prunkhalter war auf Petri Stuhl; und -glaubten – wie die Knaben den Flaum der Freiheit fühlen – daß dies die -Morgenröte einer aus dumpfer Furchtsamkeit und blinder Sucht erlösten -Menschheit wäre.</p> - -<h3 id="sec6_8">Johann Reuchlin</h3> - -<p>Als Lorenzo, der Prächtige genannt, seinen Musenhof hielt, kam mit -dem Grafen Eberhard ein junger Schwabe nach Florenz, der solcher Dinge -ungewohnt den Reichtum und die Bildung der Medicäer scheu und selig -genoß, als ob er wirklich in den Garten Platons gekommen wäre.</p> - -<p>Er fand die Fürstin ihre Töchter lehren und die Knaben glühen im Glück -der Wissenschaft, er lauschte dem Lorenzo im Gespräch der tiefen Dinge und -sah den Traum der Bildung in einer Wirklichkeit erfüllt, die reich und reif -als Ernte der neuen Menschlichkeit schien.</p> - -<p>Als er heimkam in das Land der bürgerlichen Städte und der händelnden -Fürsten, war Johann Reuchlin ein Humanist, wie all die anderen -Schmetterlinge im Junglicht der alten Welt: sie hatten ihre Flügel in den -Goldstaub des Altertums getaucht, da die verschmähte Erde noch im Glanz -der Bildung verklärt war.</p> - -<p>Johann von Dalberg, pfälzischer Kanzler und Bischof von Worms, tat -seine Tür auf, die Schwärmer zu schützen; er holte sie als Lehrer nach Heidelberg, -hielt sie als seine Hausgenossen und ließ sie Feste feiern in seinem -Garten zu Ladenburg.</p> - -<p>Und ob es karg war und einsames Männerwerk, kein Florenz der Frauen, -ob sich im Stubeneifer der Goldstaub verlor: Johann Wessel und der Abt -Trittheim, Agricola, Pirkheimer, Eitelwolf von Steine, sie alle, die der -Geist nicht ruhen ließ im neuen Wind, sie fanden in Heidelberg den Ankerplatz -für ihre Fahrten.</p> - -<p>Auch jene, die sich – wie Conradus Celtis, vormals Konrad Pickel – -Wundervögel glaubten, wenn sie den Schopf mit fremden Federn schmückten -und ihren Namen lateinisch oder griechisch wohlklingend machten, die -den deutschen Mund von neuem mit Cicero verstopften und aus der Weisheit -den Dünkel der Gelehrsamkeit quetschten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span></p> - -<p>Den Leuchter aber der neuen Wissenschaft trug Johann Reuchlin, der -sich auf griechisch Capnio, das heißt ein Räuchlein nannte; er war als -Bundesrichter in Schwaben von den Ständen und Städten gleich geehrt -und hieß des Kaisers Freund, obwohl er eines Boten Sohn und Singknabe -des Markgrafen von Baden gewesen war.</p> - -<p>Ihm gab Gesundheit rote Wangen und Wohlgestalt; er liebte, was gesittet -und würdig war, und rüstig pflegte er den Ruhm, Maß und Milde -aus Weisheit zu besitzen im Lehren und im Tun: so geriet sein Leben wohl, -bis ihm der Pfefferkorn haßblütig in seine Asche blies.</p> - -<p>Als der getaufte Jude dem Kaiser anlag, die Bücher der Hebräer als -christenfeindlich zu verbrennen, und Reuchlin innig abriet, derlei zu tun, -da fuhr ihm freilich der Zugwind der Zeit in das gepflegte Silberhaar.</p> - -<p>Hoogstraten, der Kölner Ketzermeister, ließ die Meute los, daß die -Hunde des Herrn den Freund des Kaisers als ketzerisch verbellten: da achtete -der mild gelehrte Mann den Scheiterhaufen gering und hielt der Meute -den »Augenspiegel« vor.</p> - -<p>Und zitterte danach vor seinem eigenen Mut, als ihm die Kölner das -tapfere Buch verbrannten, und schrieb besorgt um einen faulen Frieden.</p> - -<p>Doch trat die schwarze Kunst dazwischen; ob sie in Köln sein kühnes -Buch ins Feuer warfen, die Drucker brachten tausend Bücher für eines -auf den Tisch, und jedes Buch rief einen Mann.</p> - -<p>Die Zunft der Humanisten zog aus für ihren Vater, die Jugend ihrer -Schulen bot den Kutten das Trutzgesicht.</p> - -<p>Johann Reuchlin aber, der solchen Aufruhr ganz wider Willen rief, er rettete -sein Silberhaar mitsamt der Würde und dem Gleichmaß gelehrter -Meinung in ein umhegtes Alter; und lächelte erlöst, als danach der Mönch -von Wittenberg die Meute auf sich zog und starb erschrocken, als Blitz und -Donner die neue Zeit anriefen, der seine Wohlgestalt nicht mehr gewachsen -war.</p> - -<h3 id="sec6_9">Maximilian</h3> - -<p>Es war ein Bischof und Kurfürst in Mainz, Berthold der weise und -strenge; der wollte als Kanzler ein anderes Reich, denn daß die Willkür im -Namen des Kaisers regierte.</p> - -<p>Gesetz und Verantwortung sollten das Reich mit dem Kaiser verbinden; -Fürsten und Stände sollten nicht länger im blutigen Streit ihrer -Machthändel bleiben; der Kaiser sollte Verweser der Reichsmacht, nicht -mehr die oberste Willkür sein.</p> - -<p>Max aber der Kaiser, der letzte Ritter genannt, ritt in das Frührot der<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span> -Zeit mit güldenem Panzer und glühender Tartsche, als ob der staufische -Kyffhäusertraum noch einmal Wirklichkeit wäre.</p> - -<p>Er hatte Marie, die Tochter des kühnen Burgunders gefreit und war -nach der reichen Erbschaft in Flandern geritten; er hatte dem König von -Frankreich Streit angesagt wie ein Turnier und hatte die spanische Krone -gewonnen.</p> - -<p>Das Abenteuer war seine Lust, über der Lust aber stand als sein Stern -die Habsburger Hausmacht; der Reichtum der Stände und Städte im -Reich sollte ihm seine Ritter bezahlen, die fürstlichen Herren sollten Vollstrecker -und Zierat ungehinderter Kaisergewalt sein.</p> - -<p>Berthold der Kurfürst war stolz und beständig und Max der Kaiser ein -launischer Herr, sein Kyffhäusertraum war durch den Kanzler gehindert: -in Lindau und Worms auf dem Reichstag standen die Fürsten, Stände -und Städte hart gegen ihn.</p> - -<p>Aber sein Habsburger Hochmut beugte sich nicht, mehr als die Wohlfahrt -des Reiches galt ihm die eigene Hausmacht; kaum daß er den pfälzischen -Feldzug gewann, wies er den Ständen sein Siegesrecht vor: als -Berthold, der strengweise, starb, hatte der Kanzler sein Spiel gegen den -selbstherrlichen Kaiser verloren.</p> - -<p>Über dem Reich lagen die Schatten kommenden Unheils, der Bauer -stand auf und die Bürgerschaft grollte: im güldenen Panzer mit glühender -Tartsche ritt Max, der Kaiser, ins Frührot der Zeit, als ob der staufische -Kyffhäusertraum noch einmal Wirklichkeit wäre.</p> - -<p>Die Humanisten hießen ihn Freund, und die Fahrenden lobten ihn laut, -weil ihn die Unrast plagte wie sie und weil er, seinem böhmischen Vater -ungleich, die Schäbigkeit haßte.</p> - -<p>Von Flandern bis Rom, von Wien nach Burgund staubten die Straßen -von seinen Fahrten, und wo sein Rittertum galt, füllte der Dampf -seiner Rosse die Gassen; das Gold lag nicht locker in seinen Händen, aber -reich wurden die Ehren gegeben, wie er sich selber zu ehren verstand.</p> - -<p>Den Theuerdank hieß er die Ruhmrede eigener Taten, prächtig gedruckt -und mit prahlenden Bildern geziert; da war das ringende Leben der Völker -nur eine Bühne, darüber der Kaiser sein wieherndes Roß ritt.</p> - -<h3 id="sec6_10">Die Fugger</h3> - -<p>Der Sohn eines Webers war nach Augsburg gekommen, zu weben und -Handel mit Leinen zu treiben; eines Ratsherrn Tochtermann wurde er -bald, saß selber im Rat und in der Zunft bei den Zwölfen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span></p> - -<p>Den reichen Fugger hießen sie schon seinen Sohn, aber der Reichtum -saß nicht mehr am Webstuhl; sie waren Händler geworden, die Fugger in -Augsburg, und Herren des Handels von Lübeck bis nach Venedig.</p> - -<p>Über den Brennerpaß brachten die Wagen der Fugger den Handelsgewinn -des Morgenlands her, Gold und Gewürze, Seide und Sandelholz; -über den Brennerpaß gingen die Schätze des Nordens, Pelze und Bernstein; -wo ein Handelsplatz war, standen ihre Kontore, und wo ein Handelsgewinn -war, hielten die Fugger das goldene Becken.</p> - -<p>Jakob, der Zweite genannt, hielt Hof wie ein Fürst; immer noch kamen -die Wagen von Norden und Süden nach Augsburg, Ware zu tauschen, -aber die goldene Schreibstube der Fugger war die Goldwaage des Reiches -geworden.</p> - -<p>Nicht mehr die Kaufleute allein kamen als Kunden der Fugger, Grafen -und Fürsten brauchten Silber und Gold und brachten dafür ihre Rechte: -so wurde Jakob der Fugger ein Bankherr, Zins und Segen des Bergbaus -gemächlich zu ernten.</p> - -<p>So wurde Jakob der Fugger ein Ritter; denn keiner lief ihm so eifrig -zu wie Max, der Habsburger Kaiser: das Gold seiner Fahrten und seiner -Pracht floß aus den Quellen der Fugger, so hing er dem Hüter der Quelle -das Adelskleid um.</p> - -<p>Aus Webern wurden die wahren Herrscher der Zeit, weil sie das jüdische -Amt der Goldwaage erbten; tauschen und täuschen galt einmal gleich vor -der Zunft, und der Zins war des Teufels: aus dem Boden des redlichen -Handwerks wuchsen die Fugger geil in das Kraut der Geschäfte.</p> - -<p>Sie zahlten dem Kaiser den Feldzug mit Talern und nahmen dem Volk -seinen Pfennig dafür; sie wurden Reichsgrafen genannt und hatten das -fürstliche Recht, silber- und goldene Münzen zu schlagen; sie wohnten in -Schlössern und ließen die Reichsadler wehen über dem Prunk ihrer Tage.</p> - -<h3 id="sec6_11">Albrecht Dürer</h3> - -<p>Als Wohlgemut Meister der Nürnberger Schilderzunft war, brachte -ein Goldschmied seinen Knaben zu ihm in die Werkstatt, weil der mit Eifer -und Tränen zur Malerei wollte.</p> - -<p>Albrecht Dürer war er genannt, hielt fleißig die Lehre, obwohl die wilden -Gesellen des Meisters den zärtlichen Lehrling mit Hochmut und Schabernack -plagten.</p> - -<p>Nach seiner Lehre zog Albrecht Dürer gen Colmar, wo Martin Schongauer -Meister der Stichelkunst war; er fand den Meister nicht mehr am<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span> -Leben, aber er blieb als Geselle in Colmar, Straßburg und Basel und -lernte so trefflich zu zeichnen, daß Menschen, Tiere und Bäume auf seinen -Blättern leibhaftig dastanden.</p> - -<p>Daß er selber in Nürnberg Meister der Schilderzunft würde, rief ihn -der Vater endlich zurück und hatte ihm auch schon die Hausfrau gesucht aus -gutem Geschlecht.</p> - -<p>Aber der Sohn hob an zu ringen um reicheren Ruhm; er ließ die Frau -und die Werkstatt und fuhr nach Venedig, begierig, die welschen Meister zu -sehen und was sie mehr als die Deutschen vermöchten.</p> - -<p>Da sah er mit Staunen, wie gut sie den Bau des menschlichen Körpers -und die Gesetze der Räumlichkeit kannten: rechte Körper recht in den Raum -zu stellen nach ihrer Bedeutung, das schien ihm danach die Richtschnur, ein -Meister zu werden wie sie.</p> - -<p>Aber er war kein Wechsler, er mußte zurück in die Nürnberger Werkstatt -und mußte durch Mühsal die Wegspur suchen, wo jene mit lächelnder -Leichtigkeit gingen.</p> - -<p>Als er daheim war, fing er mit Holzschnitten an – Heiligenbilder machten -sie so für die Messen, Bilder geschnitten in hölzerne Platten und abgedruckt -auf geschöpftes Papier – er aber schnitt die vierzehn Blätter der -Offenbarung Johannis.</p> - -<p>Da thronte inmitten der sieben Leuchter Christus hoch in den Wolken, -seine Hand blitzte Sterne, aus dem Mund ging das zweischneidige Schwert; -da kämpften die Geister im Himmel, und Michael traf den teuflischen -Drachen; da ritten die grausigen Reiter zu viert durch die brausende Luft, -den vierten Teil der Menschheit vernichtend.</p> - -<p>Wirr wie der Troß dieser Träume waren die Striche: zerknitterte -Wolken mit schäumenden Rändern, geringelte Locken, zackige Faltengewänder, -flatternde Engel und wehende Bäume füllten den schwarzweißen -Raum seiner Blätter.</p> - -<p>Da war noch einmal die gotische Welt, der Altar von Isenheim glühte -hinter den Strichen; aber die Sehnsucht des Nürnbergers war auf die -Klarheit gerichtet: wie der Mond aus Gewölk wollte das Werk seiner Hand -in den Sternhimmel steigen.</p> - -<p>Der Sternhimmel stand, und der Mond stieg tapfer hinauf in die ewigen -Räume, aber das krause Gewölk hing ihm an; bis der Tod seine Hand -still legte, rang Albrecht Dürer um Klarheit und blieb in den Wolken der -neblichten Wälder gehindert.</p> - -<p>Rechte Körper recht in den Raum zu stellen nach ihrer Bedeutung, das -blieb seine Satzung: aber die Körper sperrten sich sehr, und der Raum<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span> -schwand im Gedränge der Vielheit, bis seinem Alter das Bild der Apostel -gelang.</p> - -<p>Dem evangelischen Wort gleich im Aufruhr der Tage standen sie da und -füllten den Rahmen mit einfacher Größe: alles war recht, Körper und -Raum und Bedeutung, nur das Gewand der Empfindung war auf welsche -Weise gefärbt.</p> - -<p>Zwischen den Zeiten war seiner Seele die Weite verschüttet, Herkunft -und Hingang rangen in all seiner Kunst um die Stärke, weil ihm kein -Füllhorn der Gegenwart Überfluß schenkte.</p> - -<p>Niemals gelang ihm der Guß aus der glühenden Schmelze, wie er dem -Altar Grünewalds Inbrunst, Grauen und Seligkeit gab.</p> - -<p>Aber wie Jakob zwang er den Segen, als er den Stichel ansetzte, die -deutschesten Blätter in Kupfer zu graben.</p> - -<p>Den Ritter zuerst, wie er hinaus ritt von seiner Burg, Tod und Teufel -zum Trotz den Kampfritt zu wagen: da saß er selber zu Roß und war ein -Sinnbild der Zeit, die mit gepanzerten Fäusten dem Geist wider die falschen -Gewalten das Wegrecht zu zwingen gedachte.</p> - -<p>Aber der Geist war in die Fesseln der Frage verstrickt; mit lahmen Flügeln -der Melancholie saß die Mutter der Dinge und konnte der Faust des -Ritters nicht folgen, weil ihre forschenden Augen den Irrweg erkannten: -so war das zweite Blatt seiner Stiche.</p> - -<p>Aber das dritte war dies: im engen Gehäus saß der Greis und schrieb -seine Blätter; da war der Tod nur noch ein Schädel, der im Abendlicht zwischen -den Büchern und Kissen – der Arbeit und Ruhe – dem Dasein gehörte; -Reinecke Fuchs und der Löwe, Klugheit und Herrschergewalt lagen -im Schlummer zu seinen Füßen, indessen die gläubige Einfalt ihr Tagewerk -machte.</p> - -<p>Drei Blätter in Kupfer gestochen: aber die alte und neue Zeit, Herkunft -und Eingang des Geistes, waren darin mit deutscher Seele geschrieben.</p> - -<h3 id="sec6_12">Hans Holbein</h3> - -<p>Als Albrecht Dürer in Nürnberg die Melancholie machte, kam Holbein -nach Basel, Sohn eines Malers in Augsburg und selber schon seiner Sache -gewiß.</p> - -<p>Ihm war die Weite nicht mehr verschüttet, und keine Wirrnis der Fragen -hielt ihm den Willen gefesselt; er wollte das Werk seiner kunstreichen -Hände, wie eine Schwalbe den Flug will.</p> - -<p>Den rechten Körper recht in den Raum zu stellen, brauchte er Augen<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -und Hände, nicht aber das Richtmaß schwieriger Gedanken, weil er ein -Glückskind der Sinnenwelt war.</p> - -<p>Wohl mochte sein Silberstift zart und beharrlich die Dinge umschreiben, -aber zeichnen und malen war ihm wie trinken und essen, und gern hielt er -der Farbe ein lockeres Mahl.</p> - -<p>Das leuchtende Fleisch seiner Hand und Stirn, der rostige Pelz und das -dunkle Tuch einer Schaube, der weiße Saum zierlicher Spitzen, die rote -Glut des Brokats und der Perlenschaum im Geschmeide: alles tauchte sein -Pinsel hinein in den glasklaren Grund seiner Farbe.</p> - -<p>Als er in Basel sein großes Madonnenbild malte, klangen die Farben -wie Glocken; da war die farbige Fülle des Genter Altars von neuem leibhaftig -geworden in einer einzigen Tafel.</p> - -<p>Aber die Basler Bürgerlichkeit war zu karg für die Pracht und die -Fülle; Erasmus, sein spöttischer Gönner und Freund, half ihm nach England: -da wurde Hans Holbein der Maler des Königs und seiner reichen -Hofhaltung.</p> - -<p>Denn Max, der Kaiser, war tot; kein Fürst und kein Fugger konnte -dem Reich den Königshof bauen, der über der Notdurft des Tages der -Kunst eine Stätte bereiten, der den prahlenden Reichtum zur edlen Zier -hinlenken sollte.</p> - -<p>Machtgier und Habsucht hielten das Gold in schäbigen Händen, und -wenig fiel ab von den Tischen, daran die Bürgerschaft längst übersatt saß.</p> - -<p>Nur die Kaufleute drüben im Stahlhof wurden von Holbein gemalt; -die Erbherren der Hansa brachten die Tafeln als köstliches Gut zurück aus -der Fremde.</p> - -<h3 id="sec6_13">Erasmus</h3> - -<p>Ein blasses blondhaariges Männchen, Sohn einer läßlichen Liebe zu -Rotterdam, aus klösterlicher Jugend mühsam befreit und in Paris den -kahmigen Wein scholastischer Wissenschaft trinkend, hatte sich selber Erasmus, -das ist der Ersehnte, genannt.</p> - -<p>Vorzeitig aus dem Nest gefallen, grämlich begönnert und auf die Gunst -seiner Gaben gestellt, fand er beizeiten den sauren Witz; und wo die Humanisten -mit Bienenfleiß die Waben bauten, war er die Wespe an den Früchten.</p> - -<p>Ob sie in Frankreich oder England hingen, in Florenz oder in Basel, -sein Vaterland war überall, wo sich gescheite Köpfe an seiner witzigen Vernunft -erfreuten, wo die Poetenschulen der Humanisten ihm Weihrauch -schwangen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span></p> - -<p>So war Erasmus viel und fehl erfahren, als er sein Büchlein vom Lob -der Torheit drucken ließ, das bald wie keines auf den Messen Europas hing.</p> - -<p>Aus Überdruß geboren und im Spott getauft, hielt Moria, die Torheit -selber, dem Abendland dreist ihren Spiegel vor.</p> - -<p>Alle Stände ließ sie ihr Zerrbild sehen, die jungen und die alten Gecken -am Gängelband der Frauen, Gelehrte und Rhetoren, Schulmeister, Fürsten, -die das Volk betrogen, und das Volk selber, das sich willig betrügen ließ.</p> - -<p>Alle mußten dem lachenden Leser erst ihren Bocksprung machen, bis mit -den Kutten das große Fastnachtsspiel der Torheit begann:</p> - -<p>Die Theologen mit den gebleichten Fahnen ihrer Spitzfindigkeit, die -dreisten Bettelmönche und die Possenreißer der Kanzel, Bischöfe und Prälaten -im Fett der Pfründen, der Statthalter Christi selber mit der dreifachen -Krone, im Troß der Schreiber, Stallmeister, Advokaten die Schafe -der Kirche scherend.</p> - -<p>Kein Sittenprediger aber schliff der Torheit den Spiegel so blank, ein -Schalksnarr nur, der viel zu listig war, den Spiegel selber der Fastnacht hinzuhalten, -und viel zu lustig im Geklingel seiner Schellen, als daß nicht alle -der dreisten Späße lachten.</p> - -<p>Da hatte die Kirche die Tollheit kreuzfahrender Völker bestanden und -hatte den Kampf mit dem Kaiser gewonnen, sie hatte die Ketzer verbrannt -und den Reichtum der Länder in ihre Klöster getan: nun lockte ein listiges -Männchen zu Basel den Leviathan hervor.</p> - -<p>Ein Jahrtausend war er zur Weide gegangen, die Abendländer zu fressen; -als er sich hinlegen wollte, um zu verdauen, stak ihm die Distel im Hals, daß -er sich würgte.</p> - -<p>Da sahen sie alle die Ohren und hörten die Stimme und lachten das -Ungetüm aus, weil der Leviathan doch nur der Esel war.</p> - -<h3 id="sec6_14">Ulrich von Hutten</h3> - -<p>Er war mit siebzehn Jahren dem Stift in Fulda entlaufen und als -Scholar ein Fahrender geworden; doch auf den hohen Schulen in Deutschland -und Italien hieß Ulrich von Hutten längst ein Poet.</p> - -<p>So blank war sein Latein in Reime gebracht, daß sich die Humanisten -allerorten des abenteuerlichen Jünglings gern annahmen, wenn er in schlechten -Kleidern und zerrissenen Schuhen an ihre Tür zu klopfen kam.</p> - -<p>Catilina habe von Cicero, so hieß es, keine schärfere Schmach erfahren, -als der Herzog in Württemberg von ihm erfuhr, da Hutten die Ritterschaft -aufrief, den Mord an seinem Vetter Hans zu rächen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span></p> - -<p>Den hatte der Herzog auf der Jagd treulos erschlagen, weil die Frau -des Ritters die Buhlin des Herzogs war; Ulrich von Hutten ruhte nicht -mit seiner Feder, schärfer als alle Schwerter seiner Sippe, bis er den Herzog -von Land und Fürstentum brachte.</p> - -<p>Noch aber war der Kranz auf seiner trotzigen Stirn nicht welk – der Kaiser -selber ließ ihn zum Dichter krönen, und die Tochter des gelehrten Ratsherrn -Peutinger in Augsburg band ihm den Lorbeer – als Ulrich von Hutten -sich eines größeren Gegners vermaß.</p> - -<p>Weil sich das Kölner Pfaffentum an Reuchlin vergriffen hatte, flatterten -aus Mainz die Briefe der Dunkelmänner in die Welt, den Humanismus -an seinen Lästerern zu rächen; und jedermann erkannte, daß Hutten -ihr frecher Spottvogel war.</p> - -<p>Es war dies aber zu der Zeit, als Luther den christlichen Adel deutscher -Nation fürs Evangelium aufrief; der Mönch in Wittenberg schrieb Deutsch -und kein Latein der Humanisten: da mußte auch der Ritter deutsche Antwort -geben.</p> - -<p>Denn nun hieß Ulrich von Hutten kein Landfahrer mehr; er war dem -Reichsritter Sickingen auf seine Ebernburg gefolgt und hatte die Faust -gefunden, seine Fackel zu halten.</p> - -<p>Als das Gesprächsbüchlein Herrn Ulrichs von Hutten gedruckt erschien, -da ritt der deutsche Ritter ins römische Revier, so gegen Tod und Teufel -gewappnet, als ob der Kupferstich des Meisters Albrecht Dürer Erscheinung -geworden wäre.</p> - -<p>Sie hatten eine Druckerpresse auf ihrer Herberge der Gerechtigkeit, die -beiden Ritter, davon der eine vordem ein landfahrender Humanist, der andere -ein kaiserlicher Feldhauptmann gewesen war: nun hielten sie Halbpart -als Herz und Hand der deutschen Ritterschaft.</p> - -<p>Nun träumten sie den frühesten Traum des deutschen Reiches gegen -Rom: ein Reich wie vormals auf den Stand der Freien so auf den Ritterstand -gegründet, der hinter sich das Volk und vor sich ohne Fürsten- und Bischofsgewalt -den Kaiser der Deutschen habe.</p> - -<p>Aber Max, der Kaiser, ritterlichem Ruhm rechtschaffen zugewandt, war -in den zuckenden Blitzen der neuen Zeit gestorben; und Karl der Fünfte -schleppte die Last der halben Welt auf seinem Rücken.</p> - -<p>Er war in Spanien daheim und kannte Deutschland nur als Wallburg -seiner Weltherrschaft; auch brauchte er für seinen Krieg in Frankreich die -Fürsten und den Papst nötiger als deutsche Ritter.</p> - -<p>Der Sickingen schlug los, schon krank und grämlich von der Gicht, aber -die Hand war nicht so stark, wie sie das Herz gedacht hatte: all seine Burgen<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span> -wurden ihm berannt, mit seiner Feste Landstuhl fiel Franz von Sickingen -seinem Todfeind, dem Bischof Greiffenklau von Trier, tödlich verwundet -in die Hände.</p> - -<p>Der hitzige Morgentraum der deutschen Reichsritterschaft war ausgeträumt, -als Luthers Tag anfing.</p> - -<p>Die Reichsritterschaft zu wecken, war Ulrich von Hutten vergeblich nach -Schwaben ausgeritten; weil er nicht mehr heimreiten konnte, stieg er ab vom -Roß, aus einem Ritter gegen Tod und Teufel ein Landfahrender zu werden, -wie er vormals war, nur daß ihn jetzt die Hunde der Päpstlichen hetzten.</p> - -<p>Da war auch dem Erasmus in Basel die Bekanntschaft zu bedenklich; -häßlich aus der Stadt verwiesen, todkrank und seines Lebens satt, trat Ulrich -von Hutten mit schlechten Kleidern und zerrissenen Schuhen bei dem -Prediger Zwingli in Zürich an.</p> - -<p>Der nahm den schlimm Gehetzten in Güte auf und gab ihn dem Johannes -Schneck in Pflege, der auf der Insel Ufenau im blauen Zürichsee Pfarrhalter -und heilkundig war.</p> - -<p>Nur vierzehn Sommertage fraß die Krankheit noch an dem Lebensrest, -darin die Glut der Zeit wie Zunder brannte; dann starb Ulrich von Hutten, -der fürwahr ein Fahrender, ein Reiter ohne Roß, ein Herz ohne Hand, und -einmal ein Ritter gegen Tod und Teufel war.</p> - -<p>Als der deutschen Freiheit Verfechter aber ritt sein geharnischtes Bildnis -auf dem Gesprächbüchlein noch lange durch die Hoffnung der Herzen -mit seinem Trutzwort: Ich hab's gewagt!</p> - -<h3 id="sec6_15">Der Mönch von Wittenberg</h3> - -<p>Das Lob der Torheit lachte in den Späßen des Erasmus; der Humanismus -zahlte den Scholasten den letzten Schimpf; Leo der Medicäer war -Papst, und Kaiser Maximilian, der letzte Ritter, starb als die unruhvolle -Spindel verblaßter Herrlichkeit: da schlug zu Wittenberg in Sachsen die -Stunde der neuen Zeit.</p> - -<p>Ein Mönch hob seinen Hammer, das Mauerwerk zu prüfen, darauf im -Namen Christi die stolze Gralsburg der Kirche gebaut war; ein Augustiner -rief im Gottesstaat der Priester die Losung der deutschen Seele aus; ein -Bergmannssohn aus Sachsen trat in den Rat der Fürsten, das Reich von -Rom zu lösen.</p> - -<p>Er hatte Welt und Würde abgetan nach harten Jünglingsjahren und -schmerzensreich in seiner Zelle um Gott gerungen, bis sein Gewissen den -Trost der Schrift, sein Glaube den Gnadenquell der Liebe fand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span></p> - -<p>Von seinem Orden als Lehrer nach Wittenberg gesandt, fand seine Predigt -das Ohr des Volkes, und die Inbrunst seiner Lehre zog viel Schüler an, -als ihm der Ablaßhandel Predigt und Lehre störte.</p> - -<p>Sie schlugen ihre Buden auf gleich Kirmesleuten, mit Höllenpein und -Fegfeuer das Christenvolk zu schrecken, mit gotteslästerlichem Witz die -Gläubigen zu betrügen, daß sie für einen Groschen den Ablaß ihrer Schuld -und die Vergebung ihrer Sünden kauften.</p> - -<p>Als aber Tetzel sein Marktgeschrei in Jüterbog anhob, so daß dem Doktor -Martin Luther seine Beichtkinder in Wittenberg die Ablaßzettel brachten: -da schwoll dem Doktor der gottbemühte Geist im Zorn um diesen -Seelenhandel.</p> - -<p>Er schlug seine Thesen an die Schloßkirchentür, mit jedem in der Welt zu -streiten: daß die samt ihren Meistern zum Teufel führen, die durch den Groschen -für einen Ablaßbrief vermeinten, der Seligkeit versichert zu werden.</p> - -<p>Es sollte nur eine Streitschrift sein, dem Ablaßhandel zu begegnen, aber -es wurde eine Botschaft Gottes daraus; denn wie Gewässer von den Bergen, -so fing die Hoffnung an zu rinnen, daß hier ein Herold des Heliands -die Wiederkunft verkünde.</p> - -<p>Noch schien dem Medicäer der Handel nur Mönchsgezänk; Rom drohte -mit dem Finger, die Dreistigkeit zu dämpfen: es sandte Cajetan, den Kardinal, -und danach Miltitz, den Kammerherrn; und was der eine hochmütig -in die Grube warf, das scharrte der andere mit Taubenklugheit wieder aus.</p> - -<p>Schon schien der Trotz des Mönches in Milde eingepackt, da sprang der -Schwabe Johann Eck dazwischen mit seiner Feuerzange.</p> - -<p>Der hielt sich für den Kirchenvater der neuen Zeit, und er gedachte, mit -Gelehrsamkeit den Mönch zu packen, als er den Kühnen nach Leipzig rief, -ihm Antwort zu geben auf seine frechen Thesen.</p> - -<p>Da focht die fauchende Scholastik den letzten Hahnenkampf; durch -zwanzig Tage sprangen die Kämpfer an und ließen Federn, bis der Schwabe -zerrupft abfuhr nach Rom, sich einen neuen Dorn zu schärfen.</p> - -<p>Der Bannstrahl, der den Salier barfüßig nach Canossa brachte und der -dem Hohenstaufen das Henkerbeil zückte, der die Stedinger ausbrannte -und den Scheiterhaufen in Konstanz flammen ließ: mit dem traf nun der -Medicäer den Mönch in Wittenberg.</p> - -<p>Seines Sieges sicher brachte der Schwabe selber die Bannbulle mit; -doch war indessen der Doktor Luther hoch in der Gunst gestiegen, und seine -Sendschreiben hatten den deutschen Zorn gezückt.</p> - -<p>Nicht mehr dem Tetzel galt der Zorn und nicht mehr dem Ablaßhandel, -den Kutten nicht und nicht mehr den Ketzerrichtern, dem Wohlleben der<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span> -Bischöfe und der Priesterverderbnis: er galt der dreifachen Krone der römischen -Kirchengewalt.</p> - -<p>So konnte der Mönch in Wittenberg wagen, was Jesus von Nazareth -tat, da er im Tempel die Tische der Wechsler umwarf und seinen Wehruf -über Jerusalem sprach.</p> - -<p>Ein Wintertag klang in den Schritten der Männer und Schüler, die -ihm vor das Elstertor zum verwegenen Hochgericht folgten; ein Wintertag -füllte den Himmel mit frostkaltem Licht, als sie den Holzstoß ansteckten, -daß die zuckenden Flämmchen sich einten zur Flamme, die steil und stolz auf -dem Opferaltar stand.</p> - -<p>Da trat er vor in den Kreis, Magister und Mönch in der Kutte und -Machthaber der ewigen Gleichung; da warf er die päpstliche Bulle hinein -in das Feuer, das uralte Sinnbild der Entsühnung, und sprach das Wort -aus Josua: Weil du den Heiligen des Herrn betrübt hast, so betrübe und -verzehre dich das ewige Feuer!</p> - -<p>Der gerichtet war im päpstlichen Spruch, stand richtend vor seinen Richtern; -nicht ihren Irrtum allein verwarf er, er verwarf ihren Grund im Gesetz: -mit der Bulle verbrannten die Bücher der kirchlichen Herkunft, verbrannte -im Holzstoß des eifernden Doktors das kanonische Recht der römischen -Kirche.</p> - -<p>Nie hatte einer so Kühnes gewagt, seitdem es römisches Kirchentum -gab; die Flammen fraßen sich fröhlich hinein in die Schrift des tausendjährigen -Reichs; eine gläubige Schar stand dem Tollkühnen bei auf dem -Rand der brennenden Welt.</p> - -<h3 id="sec6_16">Der Reichstag zu Worms</h3> - -<p>Auf einem Rollwagen fuhr er zum Reichstag, und das Volk lief ihm -zu, der so Kühnes vermochte, die Städte holten ihn ein mit Reitern, und die -Räte begrüßten ihn vor den Toren: gleich einem Schatz von Hand zu Hand -weitergereicht, fuhr Martin Luther durchs deutsche Land in zwölf Reisetagen.</p> - -<p>In Eisenach wurde er krank, und die Raben vom Kyffhäuser flogen herbei, -seine Kühnheit zu warnen; aber er hob den widerspenstigen Leib in den -Willen und verscheuchte die unholden Vögel.</p> - -<p>Wenn sie ein Feuer machten von Worms bis hierher, ich müßte hindurch; -und wenn soviel Teufel da wären wie Ziegel auf den Dächern, ich -wollte hinein!</p> - -<p>Ein Frühlingstag tat sich auf aus dem neblichten Morgen, als er einzog -durch das drängende Volk der brausend erfüllten Stadt: kein Hosiannahgeschrei,<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span> -staunende Furcht und hitzige Hoffnung stritten um ihn; aber -in seiner Herberge kamen und gingen die Ritter bis in die Nacht, das deutsche -Gewissen mit Schwert und Handschlag zu grüßen.</p> - -<p>Dann stand der Mönch am anderen Morgen allein in der bänglichen -Stille, wo die Brandung verstummte und die Strudel der schweigenden -Ehrfurcht den Kaiser umkreisten.</p> - -<p>Er sah das Jünglingsgesicht blaß wie seines und beinern vor den purpurnen -Tüchern; denn Fackellicht füllte die Halle mit dem schwelenden -Spiel rötlicher Lichter und raunender Schatten.</p> - -<p>Vor die Fürsten und Stände des Reiches war er gerufen, aber er stand -vor dem Schlagbaum der Kirche, die nichts als den Widerruf wollte.</p> - -<p>Die Stimme der gläubigen Seele traf an das Ohr der römisch-deutschen -Entscheidung; sie hob die flatternden Flügel, über den Schlagbaum -zu fliegen, und in die kreisende Stille scholl ihr bänglicher Ruf.</p> - -<p>Bis sie die Häupter der Fürsten und geistlichen Herrn und das beinerne -Antlitz des spanischen Jünglings umschwebte, der die Krone der Habsburger -trug: da waren der Ohren zu wenig, trotzdem es Tausende hörten, da -war der Reichstag das Reich.</p> - -<p>Ein todblasser Mönch ließ seine zuckende Seele aus dem römischen Käfig -den ersten Flügelschlag tun: im Gewissen allein war Gott, nicht in der -Fürbitte bemalter Heiligenbilder, nicht im Ablaß abgewogener Bußen, -nicht im blinkenden Gold und im Sühnegesang lateinischer Messen, nicht in -den Listen und Lüsten päpstlicher Schlüsselgewalt.</p> - -<p>Der Heliand wachte auf in den Herzen der Hörer; sie sahen die schwebende -Stimme und fühlten die nahenden Schritte im Schlag der schwingenden -Flügel: der in den Himmel gefahren war aus dem Hader enttäuschter -Hoffnung, der Heliand kam wieder herab auf die Erde.</p> - -<p>Aber der spanische Jüngling, der deutschen Sprache unkundig, verstand -nicht die Stimme; er sah nur den Mönch vor dem Schlagbaum der Kirche; -er wollte den Widerruf hören, weil er den Papst samt den Fürsten und -Knechten der Deutschen für seine Machthändel brauchte.</p> - -<p>Wie einst der Landpfleger tat, wusch er die Hände im silbernen Becken; -aber Friedrich der Weise von Sachsen, der treue Eckart des Reiches, gab -seinen Schützling nicht preis, und die Schwerter der Ritter hielten geheime -Wacht, daß dem deutschen Gewissen kein römisches Unrecht geschähe.</p> - -<p>So brannte kein Holzstoß in Worms wie vormals in Konstanz; bei -Nacht und Nebel entwich Aleander, Roms listenreicher Legat, aus der -störrischen Stadt, indessen der Mönch durch das festliche Volk, von Rittern -und Knappen geleitet, als Sieger nach Wittenberg fuhr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span></p> - -<p>Wohl flogen die unholden Vögel krächzend um seinen Wagen, die -Reichsacht lief hinter ihm her, den Ketzer zu fangen; aber Kirche und Kaiser -vereint vermochten dem Kühnen nichts mehr, weil der Heliand gewaltigen -Schrittes umging im Reich und die deutsche Seele ihm zulief in unübersehbaren -Scharen.</p> - -<h3 id="sec6_17">Die deutsche Bibel</h3> - -<p>Sie taten dem Mönch ein Junkerkleid an mit Sporen, Gürtel und -Schwert, indessen sein Rollwagen leer aus dem bangen Geheimnis des -Thüringerwaldes nach Wittenberg kam.</p> - -<p>Auf der Wartburg saß Luther in gütiger Haft, Feinden wie Freunden -verborgen – und die Raben flogen vergebens – den Deutschen die Bibel zu -schenken.</p> - -<p>Da wurde dem Baum der römischen Kirchenverderbnis die Axt an die -Wurzel gelegt: wohl blühte die heilige Schrift von Demut und Güte und -von der barmherzigen Liebe, aber kein Schaumgold der dreifachen Krone lag -auf den Zweigen, nicht Klöster und Mönche gab es darin, nicht Ablaß und Fegefeuer, -nicht Seelenmessen und Bann, Kreuzzüge und Ketzerverbrennung.</p> - -<p>Auch hatten scholastische Mönche noch nicht den Irrgarten verklügelter -Deutung um den Baum des Lebens gezirkelt mit künstlich verschorenen -Hecken und listig verriegelten Türen.</p> - -<p>Noch war das Reich Gottes inwendig und nicht im Ornat gottesstaatlicher -Großen: Gott kam ins Kämmerlein gläubiger Einfalt, statt in den -Schatzkammern prunkender Dome als ewiges Irrlicht zu wohnen; und im -Gewissen allein quoll der Brunnquell göttlicher Gnade.</p> - -<p>Da war der Heiland der Sohn einer Magd, im Stall und in Armut geboren; -er suchte auf Märkten und Straßen des Landes das Volk, statt in -den Räumen der Reichen zu rasten.</p> - -<p>Da war das Wort noch die Saat, in gläubige Seelen gesät, und die -Lehre kein Priestergeheimnis, im Weihrauch rauschender Messen zum geistlichen -Schauspiel gemacht.</p> - -<p>Da war Gott noch ein Geist, wohnend im reinen Gewissen, und wer ihn -anrief in Wahrheit, den machte er selig und stark in der Seele, aus der leibhaftigen -Notdurft den Weg der Allmacht zu finden.</p> - -<p>Da kam die Seele zu Gott wie ein Kind, dem Vater vertrauend in lächelnder -Liebe, und sprach in einfachen Worten mit ihm wie die Jünger zu -Jesus, und glaubte das Gleichnis der Gnade und bewegte den Sinn gleich -Maria im feinen, gläubigen Herzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span></p> - -<p>So stand das Wort in der Schrift und war in den Sarg der lateinischen -Sprache gelegt; der Junker Jörg auf der Wartburg zerbrach den gläsernen -Deckel, er weckte den Scheintoten auf und hieß ihn wandeln im Tag der -deutschen Beseelung.</p> - -<p>So wurde der Heiland geboren, wo der Heliand starb; kein Königssohn -mehr mit Recken und Degen: der Mühseligen Freund und der Beladenen -Tröster, lächelnd von Liebe und Weisheit, urvertraut im Klang und Sinn -der eigenen Sprache.</p> - -<p>So kam im deutschen Gewissen die christliche Freiheit zur Welt, gottselig -eins im Trachten und Tun, im Denken und Dichten des ewigen Daseins, -und tapfer im irdischen Tagwerk.</p> - -<p>Die dreifache Krone prahlte im Glanz des Augustus; die Humanisten -holten den Hades herauf; der Zimmermannssohn ging ein in die Häuser -und Hütten, die Heimat der Seelen zu künden: Jesus von Nazareth -wurde im deutschen Gewissen der Heiland der Welt.</p> - -<h3 id="sec6_18">Philipp Melanchthon</h3> - -<p>Er war ein Großmutterkind; denn sein Vater, des Pfalzgrafen Waffenschmied -Schwarzerd in Bretten, starb früh; aber die Großmutter in -Heilbronn war die Schwester von Reuchlin: so wuchs der bläßliche Knabe -im Griechentum auf und nannte sich selber Melanchthon.</p> - -<p>Mit dreizehn Jahren Student, mit siebzehn Magister, galt er ein Wunder -frühreifen Geistes; als ihn der Kurfürst von Sachsen nach Wittenberg -rief, war seine Gelehrsamkeit berühmt an den Schulen wie die des Erasmus.</p> - -<p>Er war in Hellas zuhaus, als ob er gestern aus dem Garten Platons -gegangen und durch einen Zauber in Schwaben aufgewacht wäre; aber die -Kraft und Schönheit des griechischen Leibes war nicht mit durch den Zauber -gekommen.</p> - -<p>Als er in Wittenberg ankam, schmächtig und schüchtern, war Luther erschrocken, -daß dies der von Reuchlin gepriesene Lehrmeister wäre; bald aber -sah er den reichen Geist im kargen Gehäuse: wie einen jüngeren Bruder gewann -er ihn lieb, zärtlich besorgt und ehrlich bewundernd.</p> - -<p>Denn Philipp Melanchthon war nicht erwacht, daß er ein griechischer -Träumer aus Schwabenland bliebe; ihm hielten die fremden Gewänder der -Sprache den Geist nicht verhüllt, und wo Platon lebendig war, konnte das -graue Gespinst der Scholastik nicht bleiben.</p> - -<p>Er hatte in Leipzig dem Hahnenkampf zugehört, da Luther und Eck mit<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span> -den Worten der Kirchenväter einander bestritten; aber er kannte den Urtext -und sah das Quellwasser der alten Berichte im Kirchengebrauch getrübt -und unrein gemacht.</p> - -<p>Und weil ihm Luthers gläubige Kraft Entschlossenheit gab, nahm er den -Text der heiligen Schrift als Gesetz, die Lehren der Kirche und ihre Gebote -ernst und besonnen zu prüfen.</p> - -<p>Wie der Gärtner einen verwilderten Baum mit kundigen Händen erneut, -die geilen Triebe dem Fruchtreis zuliebe beschneidet, den Krebs und -die Flechte ausrottet, so kam sein Messer, den üppigen Wildwuchs der -Kirche zu lichten.</p> - -<p>Wo aber die Krone zu kahl wurde, gab Luther ein Edelreis her von seinem -paulinischen Glauben.</p> - -<p>So wirkten die Männer in Wittenberg gut ineinander, der mutige -Mönch und der milde Magister: inbrünstiger Glaube und starkes Gewissen -gingen der Schärfe und Freiheit des Geistes zur Hand, Griechen- und -Deutschtum ließ der erschütterten Christenheit den neuen Lebensbaum -wachsen.</p> - -<h3 id="sec6_19">Ulrich Zwingli</h3> - -<p>Er kam von den Bergen im Toggenburg; wie das weiße Gewölk im -blauen Himmel der Heimat, wie die saftgrünen Matten und die hurtigen -Quellen, indessen die reinen Firnen die zackige Ferne begrenzen: so aus dem -Jungbrunnen war seine Seele gestiegen.</p> - -<p>Sein Vater war Ammann; wie Abraham einst hatte er Weiden und -Vieh und Raum, acht Söhnen das Ihre zu geben; aber er war auch ein -Schweizer, der in der Eidgenossenschaft die trotzige Freiheit der Väter bewahrt -sah: ihm dankte der Sohn den aufrechten Nacken.</p> - -<p>Als er mit jungen Jahren schon Pfarrer in Glarus war, zog er tapfer -hinaus mit dem Haufen der Glarner; bei Marignano deckte sein Pfaffenkleid -nicht weniger Mut als ein Harnisch.</p> - -<p>Aber er sah den Reislauf mit Grimm und wie die Schweizer ihr Blut -um schäbiges Gold auf den fremden Markt brachten; er rief den Stolz der -reichen Geschlechter, und als sie nicht auf ihn hörten, ging er mit feuriger -Rede ans niedere Volk.</p> - -<p>Darüber kam er in Streit mit den Großen, er mußte die Pfarre in -Glarus verlassen, als kleiner Vikar in Einsiedeln neu zu beginnen: aber da -fand er das Schrittmaß, sein Leben größer zu schreiten.</p> - -<p>In Einsiedeln las er die heiligen Schriften, wie sie Erasmus von Rotterdam<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span> -ans Licht gebracht hatte; so zog seine Predigt das reine Gewand -des Evangeliums an.</p> - -<p>Als ihn die Züricher danach als Prediger holten – im dreiunddreißigsten -Jahr seines hurtigen Lebens – war Ulrich Zwingli ein Jungmann im Priestergewand, -wie Saul war, da Samuel den Hirten als König in Kanaan -salbte.</p> - -<p>Indessen Luthers gewaltiges Wort das deutsche Gewissen wachrief, indessen -Hutten mit glühender Feder das Reich gegen Rom hetzte, ging -Zwingli den aufrechten Gang des Schweizers zu praktischen Zielen:</p> - -<p>Er wollte den Staat als Christengemeinschaft, aber die Schrift, nicht -die Kirche sollte der Macht Rechtfertigung geben; wie in der Urväterzeit -alemannischer Herkunft sollte die freie Gemeinde sich selber Gesetz und -Geltung bedeuten.</p> - -<p>So wurde der Sohn des Ammanns aus Toggenburg im Predigerrock -Träger der Staatsgewalt.</p> - -<p>So wurde in Zürich der rauschende Prunk der römischen Kirche vor die -Türe gekehrt; so mußten die Klöster Schulen und die Chorherrn Lehrer -sein; so wurde das Münster, von Messe und Weihrauch und Wallfahrt gereinigt, -der Saal der Gemeinde, und der Priester war nur noch ihr Sprecher.</p> - -<p>So sank die Hülle des Morgenlandes hin von der neuen Christengemeinde; -die deutsche Seele blieb tapfer dabei, die christliche Erbschaft zu -halten, aber sie wollte der Lehre die eigene Ordnung, Haltung und Würde -geben.</p> - -<p>So wurde in Zürich der evangelischen Freiheit die erste Stätte bereitet; -Basel und Bern traten der Mutigen bei; und dies war der kühne Traum -Zwinglis, daß die Eidgenossenschaft trotz Fürsten- und Kirchengewalt -rundum das Freiland christlichen Menschentums würde.</p> - -<p>Aber die Bauernschaft in den Bergen wollte dem Beispiel der Bürger -nicht folgen, und die Gewaltherren der Reisläuferschaft in Zug und Luzern, -Unterwalden, Uri und Schwyz ergriffen heimlich die Habsburger -Hand, mit fremder Söldnermacht gegen die Städte zu ziehen.</p> - -<p>Da wurde der Bund der Väter gebrochen, da kamen die Eidgenossen -zum Krieg, den die evangelischen Bürger gegen die katholischen Waldstätten -bei Kappel kläglich verloren.</p> - -<p>Zwingli, das Wort, blieb der Tat treu und zahlte mit seinem kostbaren -Leben; bei seinem Häuflein erschlagen, lag er im blutigen Anger, bis seine -Feinde das klare Antlitz erkannten und seinem Leichnam das Ketzergericht -hielten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span></p> - -<p>Gevierteilt, verbrannt, als Asche verstreut in den Wind: ging der edelste -Schweizer ein in das reine Gedächtnis.</p> - -<h3 id="sec6_20">Der Bauernkrieg</h3> - -<p>Kaiser und Kirche hatten einander bestritten, aber sie waren die starken -Machthalter der Welt; nun sahen die Völker die Stärke schwach werden, -und aus den Tiefen der Unterdrückung hob die Freiheit die drohenden Fäuste.</p> - -<p>Was in Zürich durch Zwingli geschah, konnte im Reich nicht werden: -hart lag die Bischofs- und Fürstengewalt auf dem Bürger, der Bauer war -höriger Untertan seines Ritters.</p> - -<p>Ihm konnte die Freiheit in Christo nicht in sein unfreies Dasein leuchten, -ihm mußte die Predigt von Wittenberg die Schwarmgeister irdischer -Hoffnung wecken: Karlstadt und Münzer waren seine Propheten, sein -Evangelium wurde der Aufruhr.</p> - -<p>Indessen der Junker Jörg auf der Wartburg die deutsche Bibel zu -schreiben begann, war Karlstadt in Wittenberg mächtig geworden: er sah -die Kirchengebräuche an als Wohnung des Teufels und war mit Eifer dabei, -sie zu zerstören.</p> - -<p>Messe und Klosterdienst, Beichte und Bilderverehrung, das Eheverbot -und die Geltung des geistlichen Standes griff er mit hitzigen Schriften und -heftigen Predigten an.</p> - -<p>Auch kamen nach Wittenberg Männer, aus Zwickau vertrieben, die -glaubten und lehrten in hitziger Einfalt die Freiheit der Seele, die selber -und immer in Gott sei und weder der Schrift noch einer lehrbaren Deutung -bedürfe, um selig zu werden.</p> - -<p>Der gefährlichen Predigt zu wehren, zog Luther sein Junkergewand -aus; Bann und Reichsacht zum Trotz kam er zurück, sein mächtiges Wort -gleich einem Damm vor das leckende Feuer zu werfen.</p> - -<p>Ihm mußten die Zwickauer Schwärmer aus Wittenberg weichen; aber -die hart Vertriebenen nahmen den Feuerbrand mit, sie zogen hinaus in die -süddeutschen Länder: bald fingen die Dörfer in Thüringen, Franken und -Schwaben hell an zu brennen.</p> - -<p>Da fraß die Lehre der Freiheit das faule Gebälk der Obrigkeit nieder, -da griff die Gleichheit vor Gott die irdische Hörigkeit an, da rief der -Schwarmgeist den Bauer zur Bruderschaft auf, sein Menschenrecht zu erzwingen.</p> - -<p>Die zwölf Artikel hieß das Gelübde, darauf sie den Bund schworen, -darauf die Bauern den Krieg gegen die Fürsten und Ritter begannen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span></p> - -<p>Sie wollten nicht länger leibeigen bleiben und nicht mehr den Zehnten -bezahlen; wieder wie einst sollte das Land der freien Gemeinde gehören; -Holz, Fischfang und Jagd sollten für jedermann frei sein; das Recht sollte -wieder im deutschen Herkommen stehen statt in der römischen Rechtssatzung; -auch wollten sie selber die Prediger wählen.</p> - -<p>Wo es am meisten verschüttet war, stand Menschenrecht auf; der alte -Bundschuh wurde lebendig, den die Ritterfaust niederschlug; noch einmal -sein Blut an die Freiheit zu wagen, war der Bauer bereit, und die Bürgerschaft -rief ihm zu, daß seine Sache gerecht sei.</p> - -<p>Schwarz, rot und weiß war die Fahne, die Hans Müller von Bulgenbach -trug, als er in Waldshut die blutige Kirchweih begann; bald wehte sie -siegreich in Schwaben: die Herren mußten sich beugen, und wer sich nicht -beugte, den jagten die Bauern durch ihre Spieße.</p> - -<p>Da fiel die Furcht der Vergeltung in reiche Gemächer: Fürsten und Bischöfe -schworen, die zwölf Artikel zu halten; als auch in Franken die schwarzrotweiße -Fahne von den Kirchen und Rathäusern wehte, stand hinter dem -Aufruhr ein neues Reich und wollte Wirklichkeit werden.</p> - -<p>Ein neues Reich, auf den Willen des Volkes statt auf die Willkür der -Fürsten und Herren gegründet: wohl sollten die Stände bestehen, aber -nicht Vorrechte haben; die Geistlichen sollten die Hirten der Christengemeinde, -nicht mehr die weltlichen Herren der Kirchenmacht sein.</p> - -<p>So war der Plan, und die verschüttete Freiheit des Volkes hob ihre -Fäuste, ihn zu erfüllen; aber die Schwarmgeister mischten die Brunst ihrer -unreinen Machtgier hinein.</p> - -<p>Thomas Münzer hieß der unselige Mann, der sein blutiges Wahnreich -in Thüringen träumte, der mit dem Schwert Gideons kam, Fürsten und -Pfaffen den Reigen der Rache zu tanzen.</p> - -<p>In Mühlhausen hielt er gleich einem König der Juden Gericht über die -Heiden; wo seine grausamen Haufen erschienen, rauchte das Blut der erschlagenen -Leiber im Brand der Klöster und Burgen.</p> - -<p>So sah Luther die Saat aufgehen im Unkraut; er wollte die christliche -Freiheit allein im Gewissen, nun schrie sie Gewalt und war Aufruhr: zum -andernmal schwoll ihm der Zorn, und wie er den Ablaß der Kirche mit groben -Worten verdammte, verdammte er nun den Aufruhr der Bauern.</p> - -<p>Totschlagen gleich tollen Hunden hieß er die Bauern; und wie seine -mächtige Stimme erschallte, so hoben die Fürsten das Schwert: Philipp -von Hessen und Truchseß von Waldburg kamen mit Harnisch und großem -Geschütz gegen den Aufruhr gezogen.</p> - -<p>Sie fanden die Haufen der Bauern uneins im Streit ihrer Führer;<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span> -durch die erfahrene Feldkunst der Herren einzeln geschlagen, mußten sie -überall weichen: so wurde das harte Wort aus Wittenberg wahr.</p> - -<p>An ihren Dörfern wurde der Brand der Klöster und Burgen gerächt, -an ihren Leibern das Blut der erschlagenen Ritter; hundert mußten ins -Gras um einen, und ehe der Henkertod kam, hatte die Folter gequält.</p> - -<p>So ging der Bauernkrieg aus unter dem Galgen; die aber das Blutgericht -überstanden, wollten nicht mehr das Wort von Wittenberg hören: die -Freiheit in Christo war ihnen ein höhnischer Traum, davon sie die grausame -Wirklichkeit sahen.</p> - -<h3 id="sec6_21">Marburg</h3> - -<p>Als die Bauern im Reich ihre Freiheit begruben, war Zwingli noch -Meister in Zürich; aber dem zornigen Luther galt er ein Schwärmer wie -Karlstadt und seine Zwickauer Gesellen.</p> - -<p>Gleich diesen hielt er das Abendmahl in der Gemeinde, dem Herrn zum -Gedächtnis; sie brachen das Brot und tranken vom Wein, wie Jesus den -Jüngern befahl, sie waren des Wortes gewiß und seiner tiefen Bedeutung.</p> - -<p>Aber sie wollten nicht länger im Wunderglauben der Kirche beharren, -daß sie das Brot und den Wein in den Leib und das Blut des Erlösers zu -verwandeln vermöchte: sie sahen ein Sinnbild und ließen das Liebesmahl -gelten, aber sie glaubten kein Sakrament mehr.</p> - -<p>Mit polternden Worten fuhr Luther in ihre Meinung und fachte Streit -an, wo Einigkeit notwendig war; denn noch stand die römische Kirchenmacht -willens, die Ketzer zu verbrennen, und die Habsburger Hand drohte, dem -Willen mit ihrer Macht beizuspringen.</p> - -<p>Manche Fürsten und viele Städte waren der neuen Lehre geneigt, doch -der Reichstag zu Speyer gab ihrer Gunst den bösesten Abschied: der spanische -Kaiser hatte den Papst gefangen und Rom plündern lassen, aber er -war der gehorsame Sohn der Kirche geblieben und wollte die Ketzer ausrotten.</p> - -<p>Philipp, der Landgraf von Hessen, sah die Gefahr und wollte ein Bündnis -der Schwerter, die evangelische Lehre zu schützen; daß ihre Bekenner -nicht schwach durch Uneinigkeit wären, lud er die feindlichen Brüder, Luther -und Zwingli, samt ihrem geistlichen Heerbann nach Marburg.</p> - -<p>Da saßen sie einmal zusammen im Saal seines hochragenden Schlosses, -die einzelnen Männer der Predigt; sie wollten redlich den Hader bezwingen, -aber die Schlupfwinkel des Glaubens boten der Zwietracht zuviel Verstecke.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span></p> - -<p>Zwingli der weiteste war am meisten geneigt: Lehre und Tat in der -Christengemeinde galten ihm mehr als Wortgläubigkeit; Luther der Mönch -und Magister brachte die Füße nicht aus dem Glauben der Schrift.</p> - -<p>Das ist mein Leib! so standen die Worte vor ihm auf der Tafel mit -Kreide geschrieben; er ließ sich nichts deuteln und nehmen, weil ihm das -Wunder der Gottmenschlichkeit Christi mehr als die Lehre, weil ihm der -Glauben höher als alle Vernunft galt.</p> - -<p>So war das Lächeln der Liebe und Weisheit in Zorn und Eifer verkehrt; -über der tiefen Einfalt der Lehre stand das paulinische Kreuz, und über dem -Kreuz des Erlösers hatte die Kirche ihr kühnes Gewölbe gebaut: Luther -blieb brünstigen Glaubens darin, und Zwingli zagte, es zu verlassen.</p> - -<p>Sie konnten einander die Hände nicht geben und gingen mit Hast voneinander: -noch war die Lehre im Schrein des Wunderglaubens begraben, -noch hing der Erlöser am Kreuz, weil Juden und Judengenossen die göttliche -Botschaft des Zimmermannssohns nicht verstanden.</p> - -<h3 id="sec6_22">Die Wiedertäufer</h3> - -<p>Die aber wähnten, die Botschaft des Zimmermannssohns zu besitzen, -brannten im heimlichen Feuer; Wiedertäufer hieß sie das Volk, weil sie die -Taufe der Kinder verwarfen: nur, wer mit Wissen und Willen getauft sei, -könne des heiligen Geistes teilhaftig werden.</p> - -<p>Denn Jesus erlöse nur den zur christlichen Freiheit, der seiner Lehre in -Einfalt nachfolge; wer das Mirakel des Opferlamms lehre, mache nur -einen Abgott jüdischer Herkunft aus ihm.</p> - -<p>Sie wurden verfolgt und heimlich geduldet und führten noch einmal das -stündliche Dasein der ersten Christengemeinde; sie saßen heimlich zusammen -in ihren Handwerkerstuben und sandten Apostel hinaus mit seltsamen Zeichen.</p> - -<p>Das knisternde Feuer der Lehre wurde gedämpft rundum im Reich, aber -die zuckenden Flämmchen sprangen gleich Irrlichtern fort; von Lübeck bis -Basel, von Salzburg bis Leyden wuchs das Geheimnis der Täufer.</p> - -<p>Ein Bürger von Münster, Knipperdolling geheißen, kam wieder heim -aus der Fremde, als Rottmann lutherischer Prediger war; um seines Glaubens -willen verwiesen, brachte er seltsame Freundschaften mit.</p> - -<p>Jan Matthys hieß einer und kam aus Leyden, wo er ein Bäcker gewesen, -aber Prophet und Apostel geworden war; ihnen trat Rottmann der -Prediger bei: so wurden in Münster die Wiedertäufer eine Gemeinde.</p> - -<p>So stark waren sie bald, daß sie den Rat an sich brachten; da wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span> -Knipperdolling Bürgermeister, aber Jan Matthys blieb sein Prophet, dem -er und der Rat in Demut gehorchten.</p> - -<p>Münster, die Bischofsstadt in Westfalen, hielt ihre Tore den Wiedertäufern -geöffnet: da strömten sie zu aus dem Dunkel böser Verfolgung und -hießen die Stadt ihre Burg Zion.</p> - -<p>Aber noch gab es Bürger in Münster, die der neuen Herrlichkeit ungläubig -waren, auch zog der Bischof heran, die Stadt zu berennen: ihm -wurden die Ungläubigen – ihrer Habe beraubt – entgegen gesandt.</p> - -<p>Als die Landsknechte des Bischofs dann die Tore belegten, war Münster -in Wahrheit die Burg und die Stadt der Wiedertäufer geworden; mit -Mauern und Gräben stattlich gerüstet, zog sie den stachligen Ring um die -Täufergemeinde, die nun allein in der Welt war.</p> - -<p>Doch ließen die Tapferen sich nicht mit Waffengewalt schrecken; indessen -die reisigen Völker des Bischofs die Mauern spähend umritten, lebten -sie treulich nach ihrer Lehre: sie gaben ihr Eigentum her und lebten gemeinsam, -sie nannten sich Brüder und Schwestern und taten ihr Tagwerk -im Amt der Gemeinde.</p> - -<p>Jan Matthys, ihr Meister, gab die Gesetze; der ein Bäcker gewesen und -ein Apostel geworden war, saß nun als Fürst unter den Seinen, die der feurigen -Kraft seines Geistes willig gehorchten.</p> - -<p>Aber das Glück verließ ihn, als er bei einem Ausfall tollkühn voraussprang; -der Meister wurde erschlagen, und der Geselle kam, durch den Willen -des Volkes erhoben, an seinen Platz.</p> - -<p>Jan Bockelson war er geheißen, ein Schneider und Schenkwirt aus -Leyden und gleich seinem Meister ein Schwarmgeist des Wortes; ihm aber -war es zu wenig, Prophet und Apostel zu heißen; er wollte, ein rechter König, -auf seinem Thron in Pracht und Herrlichkeit sitzen.</p> - -<p>So wurde die Tollheit in Münster Ereignis: an einer goldenen Kette -trug Jan, der Schneider und König, die goldene Kugel als Zeichen; denn -die Welt sollte sein werden, der auf dem Stuhl Davids endlich das Gottesreich -brachte, das Kaiser und Papst nicht vermochten.</p> - -<p>Wie er an Weisheit sich Salomo gleichhielt, so sollte auch Salomos -Pracht um ihn sein; Knipperdolling der Statthalter sorgte mit scharfem -Schwert, daß ihn das Murren des Volkes nicht störte, als er dem üppigen -Davidssohn gleich sein Lager mit Weibern und Saitenspiel füllte.</p> - -<p>Indessen der König die Freuden des Thrones genoß, ging in den Gassen -der Mangel; denn immer noch hielten die Haufen des Bischofs die Tore belagert, -und langsam zog der Gürtel sich enger, weil endlich die Fürsten von -Hessen, Sachsen und Köln dem Bischof Hilfsvölker sandten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span></p> - -<p>Wohl schlugen die Täufer tapfer den ersten Überfall ab; als aber der -bittere Hunger den Mangel ablöste, als täglich die gläubige Hoffnung enttäuscht -auf ein Wunder harrte, als endlich Verdruß und Verrat dem Feind -einen Schleichweg aufmachte: da sank dem Schneider und Schenkwirt -aus Leyden sein Königreich hin.</p> - -<p>Grausam mußten die Täufer den Traum ihrer Davidsburg büßen; wie -Jerusalem fiel, sank Münster in Asche und Blut; der sich den König der -Welt nannte, hing im eisernen Käfig außen am Kirchturm, den Menschen -zum Spott und den Vögeln zum Fraß.</p> - -<h3 id="sec6_23">Die Landeskirche</h3> - -<p>Indessen die Schwarmgeister der Schrift so blutiges Schicksal entfachten, -blieben die Männer in Wittenberg treulich dabei, dem Glauben -das Wohnhaus zu bauen.</p> - -<p>Kaiser und Kirche waren die Mächte der alten Welt; von beiden verworfen -durch Acht und Bann, stand Luther im Leeren: die Schrift in der -Hand und der Landesherr über ihm waren seine Gewalten.</p> - -<p>Friedrich der weise Kurfürst von Sachsen schätzte den Mönch und seinen -Magister, obwohl er sich selber bedachtsam zurückhielt; das sächsische Land -stand schon im neuen Bekenntnis, da war er noch streng in der Kirchenpflicht, -und erst auf dem Sterbebett nahm er das Abendmahl.</p> - -<p>Der aber das sächsische Land und die Männer von Wittenberg erbte, -Johann der Bruder Friedrichs des Weisen, bekannte sich frei zu den Ketzern -der Kirche; ihm wurde Luther vertraut, und er hörte auf ihn.</p> - -<p>Er machte, daß Luther den Schutz seiner Gemeinde in die Landesgewalt -stellte, daß er die Kutte der Kirche auszog für einen fürstlichen Predigerrock.</p> - -<p>Mensch sein auf Erden hieß einer Obrigkeit untertan sein; konnten die -Gläubigen nicht mehr der römischen Kirche gehorchen, so mußte die Landesgewalt -die Predigt behüten, der Landesherr selber stellte die höchste Kirchengewalt -vor.</p> - -<p>So bauten die Männer in Wittenberg abseits der Kirche dem evangelischen -Glauben das Wohnhaus; Johann der Kurfürst von Sachsen wurde -der Hausherr des gläubigen Geistes, wie er dem irdischen Leib die Obrigkeit -war.</p> - -<p>Was aber in Sachsen geschah, wurde auch sonst im deutschen Land als -sächsisches Kirchenrecht gültig: der Landesherr erbte die Kirchengewalt und -erntete die Güter der Kirche.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span></p> - -<p>Wittenberg blieb dem Schwarmgeist zum Trutz die Werkstatt des -evangelischen Glaubens; er hatte die Freiheit des Christenmenschen gegen -die Kirche entfesselt, aber daß sein Gewissen nicht Irrwege ginge, band er es -wieder im Wort der Schrift.</p> - -<p>Die Männer von Wittenberg mußten nicht mehr mit großen Gebärden -Unmögliches tun; sie wirkten gemeinsam an ihrer amtlichen Pflicht und -konnten den Feierabend wohl mit Fröhlichkeit füllen.</p> - -<p>Luther, der todblasse Mönch auf dem Reichstag und die Stimme des -deutschen Gewissens, war selber ein Hausherr geworden, der seinen Tisch -gern mit Gästen besetzt sah und seiner Frau Käte samt ihren Kindern die -Armut und Härte der eigenen Jugend heiter vergalt.</p> - -<p>Er wurde nicht mild wie alter Wein, sein kränklicher Leib schaffte ihm -harte Beschwerden, auch war seine Streitlust geneigt, streitsüchtig zu werden; -der ein Apostel gewesen war, die rufende Stimme und der Held seines -Volkes, ging in der Täglichkeit unter.</p> - -<p>Aber so tat er das schwerste: die Flügel des Geistes hatten gewaltig um -seine Stunden gerauscht, als er die Zelle verließ, aber der todblasse Mönch -hatte den Mann, nicht den Aufruhr gerufen; nun war er selber ein Jünger -und Protestant, die Täglichkeit mit Hörnern und Zähnen zu packen, statt -sie im Groll zu zerschlagen oder nach heiliger Sitte sie hadernd zu lassen.</p> - -<h3 id="sec6_24">Kopernikus</h3> - -<p>So stand in der Bibel am Anfang: Gott schied am ersten Tag Licht -von der Finsternis, am zweiten Tag Erde und Wasser, am dritten hieß er -die Erde bewachsen mit Gras und fruchtbaren Bäumen, aber am vierten -Tag ließ er die Lichter am Himmel steigen, der Erde zu leuchten: die Sonne, -den Mond und die Sterne.</p> - -<p>Die Sonne, der Mond und die Sterne dienten der Erde, ihr den -strahlenden Tag und die schimmernde Nacht im unermüdlichen Kreislauf -zu bringen; aber die Erde diente den Menschen, und der Mensch diente -Gott, der über den irdischen Wolken sein Himmelreich hatte.</p> - -<p>Zwar hatte Pythagoras anders gelehrt: Heftig hieß er das helle Feuer, -um das sich Sonne und Erde, der Mond und die Sterne in ewigen Kreisen -bewegten.</p> - -<p>Ptolemäus aber, der kluge Ägypter, half der Bibel mit seiner einfachen -Lehre wieder zum Recht: die Erde war wieder die ruhende Mitte der Welt -im kreisenden Kranz der Gestirne.</p> - -<p>So war für ein Jahrtausend und mehr der Glauben der Kirche in den<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span> -Beweisen der Wissenschaft sicher gebettet; Sterndeuter hießen, die an den -Höfen der Großen das Schicksal der Menschen aus dem Stand der Gestirne -zu lesen vorgaben, ihnen waren es Nebenörter der Welt, von Dämonen -bewohnt.</p> - -<p>Indessen aber der Mönch in Wittenberg das Gewissen wachrief gegen -die Kirche, saß ein Domherr zu Frauenburg nächtlich allein, die Bahn der -Gestirne zu prüfen.</p> - -<p>Ihm war eine Kunde der alten Lehren gekommen, und als er damit die -Rätsel des Himmels absuchte – wie die Lichter wohl stiegen und sanken im -irdischen Tag, wie aber die Bahnen in großen Gezeiten sich hoben und senkten -– fand er die Wahrheit im Wahn seltsam verhüllt:</p> - -<p>Der leuchtende Sonnenball stand mitten im Kreislauf seiner Planeten; -und die den Menschen der ruhende Mittelpunkt schien, die Erde war selber -nur ein Planet und mußte die jährliche Bahn um die Sonne als Kugel abrollen, -indessen der Mond als getreuer Trabant sie zwölfmal umkreiste.</p> - -<p>Als er dem Erdball so einen Platz und Rang im Himmelsgewölbe anwies, -waren die Rätsel der Jahreszeiten, war der Stillstand und Wechsel -im Lauf der Planeten gedeutet.</p> - -<p>Aber nun stand der Erdball in der ewigen Unrast des Himmels nicht -mehr als Zuschauer da, nun war er selber hineingerissen in den unendlichen -Raum und in den ewigen Kreislauf, nun war er selber ein Gestirn, der -Sonne demütig untertan.</p> - -<p>Dann aber war der Anfang der Bibel auch nur ein jüdisches Märchen, -ein menschliches Sinnbild der göttlichen Schöpfung, das vor der Wahrheit -kindlich und eitel dastand.</p> - -<p>Denn nun tat die Schöpfung erst ihre Unendlichkeit auf; ein kleiner -Planet, ein winziger Ball, die riesige Sonne umkreisend, ein glimmendes -Fünkchen im Weltraum: das war die Erde, die sich die Einfalt der Menschen -als einzigen Wohnraum der göttlichen Gnade ausdachte.</p> - -<p>Ein Gebrause kam in die Welt und dann eine grausame Stille, weil -Gott aus dem irdischen Himmel entwich und in die Unendlichkeit einging.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Buch_der_Zwietracht">Das Buch der Zwietracht</h2> - -<h3 id="sec7_1">Loyola</h3> -</div> - -<p>Zur selben Zeit, da Luther der Mönch ein Junkergewand trug auf der -Wartburg, lag ein spanischer Junker mit Namen Loyola an beiden Füßen -verwundet und las die Legenda.</p> - -<p>Er war ein tapferer Kriegsmann gewesen, nun sah er den Mut der heiligen -Männer auf andere Dinge gewandt als Lanzenstechen und Schwerthieb; -er wurde der irdischen Händel von Herzen satt und wollte wie jene ein -Ritter der Jungfrau Maria heißen.</p> - -<p>Als seine Füße geheilt waren, trug er die Waffen in mühsamer Wallfahrt -zum Gnadenbild der göttlichen Frau; er aber ging in die Wildnis -und wohnte den Heiligen gleich in einer Höhle, den Leib und die Seele in -brünstiger Marter zu üben.</p> - -<p>Und als er kein Junker mehr war, nur noch ein bärtiger Mönch, zog er -als Pilgrim ins heilige Land; aber die Mönche des heiligen Landes schickten -ihn heim als einen unnützen Schwärmer.</p> - -<p>Daß er gelehrt sei zu reden wie sie, ging er in eine Schule und schämte -sich nicht, mit seiner Einfalt unter den Knaben zu sitzen.</p> - -<p>Er war schon grau an den Schläfen, als er zum andernmal auszog mit -seiner Verzückung, dem spanischen Volk sein Erlebnis zu sagen; aber die -Priester nannten den närrischen Ritter bald einen Ketzer und sperrten -ihn ein.</p> - -<p>So ließ er mit Grimm die spanische Heimat und zog nach Paris, an -den Brüsten scholastischer Weisheit zu trinken.</p> - -<p>Da blieb er lange und wurde Magister; aber nun fand er Genossen seiner -Verzückung: Streiter Gottes wollten sie sein, ohne Waffen, nur mit -der Kraft und Einfalt des gläubigen Geistes gerüstet und streng im Gehorsam.</p> - -<p>So wurde der Orden Jesu gegründet; aus gläubiger Einfalt und hitzigem -Eifer blühte die Rose von Jericho wieder: nicht das Gewissen mit seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span> -Schlupfwinkeln der Seele, der Geist des Gehorsams gegen die Kirchengebote -allein sollte die Jünger verpflichten.</p> - -<p>Da war den Männern in Wittenberg der Gegner gewachsen; gegen -die Freiheit des Christenmenschen baute die Kirchenzucht ihre Schranken.</p> - -<p>Alles zur größeren Ehre Gottes, stand auf den Fahnen, aber Gott war -die Kirche; sie stellte dem Zweifel die Frage, ob er im Trotz seine eigene -Seligkeit wagen oder im Glauben des kirchlichen Gnadenschoßes sicher -sein wollte.</p> - -<p>Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben! sagte die -Schrift; die dem Kriegsmann der Kirche nachfolgten, trugen den Stahl -des biegsamen Wortes als Panzerhemd unter dem spanischen Priestergewand.</p> - -<p>Sie gaben die große Verderbnis der Kirchenweltlichkeit zu, aber sie -haderten nicht mit der Kirche um der menschlichen Schwäche im Priesterkleid -willen; sie waren Ritter des Geistes und bauten dem Glauben kunstreiche -Brücken zu einer anderen Kirche, die hinter dem Schein Wirklichkeit -war.</p> - -<p>Auch gingen sie nicht mit dem Bettelsack auf die Gassen; sie fanden -die Türen der reichen Gemächer, darin die Landesgewalt auch nur ein -Mensch war; sie schwiegen dem Volk, aber sie wußten den Fürsten geschickt -von den Pflichten und Rechten der christlichen Herrschaft zu sprechen.</p> - -<p>Sie kamen als Gärtner der Jugend: wo das Holz sich verjüngte und -wo die Stämme noch schwank waren im Saft, setzten sie klug ihre Stäbe.</p> - -<p>Der spanische Kaiser ging kläglich ins Kloster, weil seine Weltherrschaft -wankte, sie aber kamen ins Reich mit ihren spanischen Hüten; und wo er -mit all seinem Kriegsvolk nichts gegen den Brand der Ketzer vermochte, -nahmen sie klug und behutsam das fürstliche Holz aus dem Feuer.</p> - -<h3 id="sec7_2">Calvin</h3> - -<p>Als Zwingli bei Kappel den Glaubenstod fand, Eidgenosse und Kriegsmann -trotz seinem Predigerrock, führte in Genf schon Calvin, der fromme -Franzose, sein strenges Kirchenregiment.</p> - -<p>Er wollte die Christengemeinde wie Zwingli; Zucht und Eifer der -Gläubigen sollten dem Staat das wahre Bürgertum bringen: der paulinische -Glauben der ersten Christengemeinde zog das Jahrtausend der Papstherrlichkeit -aus.</p> - -<p>Alles, was in den kirchlichen Räumen und Bräuchen Erbschaft des -Morgenlandes war, sollte dem Sinn der gläubigen Brüderschaft weichen,<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span> -statt einem prunkvollen Tempel sollte die Kirche ein schmuckloses Gemeindehaus -sein.</p> - -<p>Sie tünchten die Wände weiß und räumten den Hochaltar aus; sie -nahmen dem Chor den lateinischen Priestergesang fort und ließen die ganze -Gemeinde das Kirchenlied singen; sie saßen beim Abendmahl fromm miteinander, -dem leidenden Herrn zum Gedächtnis.</p> - -<p>Sie nannten sich Reformierte und achteten streng, daß ihrer Christengemeinschaft -nichts beigemischt sei, was nicht in der heiligen Schrift als -Gottes Gebot stände.</p> - -<p>So war es in Genf, in Zürich und Bern, in Basel und Straßburg; -aber die Männer in Wittenberg blieben mit Eifer lutherisch; hatte der -Meister mit großen Worten gepoltert, so zankten seine Gesellen.</p> - -<p>Melanchthon in seinem ermatteten Alter wollte die Geister versöhnen, -aber sie schalten ihn lau; als er dahinging in bitterer Klage über die geistliche -Zanksucht, schied das Bekenntnis die Streitlager der Protestanten für -immer.</p> - -<p>Calvinisch hießen die einen, lutherisch die andern, und hätten sich eher -Ketzer geschmäht, als daß sie die Bruderhand fanden.</p> - -<p>Die aber im Gnadenbereich der römisch-katholischen Kirchengewalt -blieben, hielten das dritte Konzil in Trient, Kirchenverderbnis und Ketzerei -miteins auszurotten; und wie der Hund die verlaufene Herde umbellt, so -kamen die Jünger Jesu ins Reich, den Streit nach ihrer Weise zu schlichten.</p> - -<h3 id="sec7_3">Die spanische Hand</h3> - -<p>Maximilians einziger Sohn, Philipp der Schöne genannt, war spanischer -König geworden: mit Karl, seinem bläßlichen Sohn, kam das -Schlingseil der habsburgischen Hausmacht zurück und wollte das Abendland -binden.</p> - -<p>Als ob noch einmal die alte Kaisermacht wäre, trug der spanische Jüngling -die Kronen Europas, eifrige Lobredner sangen den Ruhm seines Reiches, -darin die Sonne nicht unterging.</p> - -<p>Denn seiner Macht hatte der Westen das Wundertor aufgeschlossen: -die alte Welt hatte die neue entdeckt, und Spanien münzte das Gold aus, -das Columbus, der kühne Seefahrer, fand.</p> - -<p>Das Märchen der indischen Goldländer trat in den spanischen Tag ein; -unübersehbaren Reichtum brachten die Schiffe herüber, als Ferdinand -Cortez mit seinen Soldaten ins Sonnenland Mexiko kam.</p> - -<p>Wie Wölfe brachen die eisernen Männer des Abendlandes ein in das<span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span> -Weideland friedlicher Völker, das Goldfieber brannte die Herzen der -Christenheit leer; Europa, das Raubtier, begann der Welt seine Krallen -zu zeigen.</p> - -<p>Aber die Kirche wußte die Krallen zu nützen, ihr wuchs aus dem Gold -die spanische Hand, dem evangelischen Aufruhr der Völker den Nacken zu -beugen.</p> - -<p>Karl, der letzte Schirmherr der Kirche, entfachte noch einmal den -Kampf um die Stärke, als sich der Papst dem König von Frankreich gegen -den Kaiser verband; er ließ das Gelüst seiner Landsknechte gehen, und wie -seit Geiserich nicht mehr, wurde die ewige Stadt gebrannt und geplündert.</p> - -<p>Aber Philipp der Zweite, sein Sohn, war nur noch spanischer König, -kein Schirmherr der Kirche, nur noch ihr grausam gehorsamer Diener; wo -der spanische Hut kam, hatte das Gold der Neuen Welt auch die spanische -Hand stark gemacht, im Dienste der Kirche zu reiten.</p> - -<h3 id="sec7_4">Die Geusen</h3> - -<p>Wo das geteilte Gewässer des Rheins durch Sand und Sümpfe mühsam -ins Meer sucht, von Friesland hinüber bis Flandern, hatten sich -Friesen und Flamen ein breites Dasein gebaut, mit Häfen und Städten -im Niederland, und wurden die lachenden Erben der Hansa.</p> - -<p>Karl der kühne Burgunder hatte die Länder mit eisernen Fäusten gehalten -und Max der Habsburger war nach der reichen Mitgift geritten; -Karl seinem spanischen Enkel waren sie schon das Land seiner Herkunft; -Philipp der Zweite ließ sie durch seine Schwester als spanisches Erbland -regieren.</p> - -<p>Aber das Niederland hing der calvinischen Lehre mit Eifer und Zuversicht -an; als die spanische Hand durch strenge Edikte die Ketzer ausrotten -wollte, schwuren die Edlen des Landes zu Breda den Bund, mit -ihrem Blut dem schändlichen Brauch der Ketzergerichte zu trotzen.</p> - -<p>Die Geusen hießen sie bald, weil sie als spöttisches Zeichen den Bettelsack -trugen; noch brauchten sie keine Gewalt, aber das flämische Volk, zu -trunkenen Taten geneigt, ließ seinen Zorn an den Bildern der Kirche wüst -und lästerlich aus.</p> - -<p>Den Aufruhr zu dämpfen, sandte der König den finsteren Alba ins -Niederland; da mußten die Grafen Egmond und Hoorn zuerst auf den -Block.</p> - -<p>Sie kamen, den Herzog von Alba zu grüßen, und glaubten als Ritter -des goldenen Vlieses vor Unbill geschützt zu sein; aber der Finstere fing sie<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span> -mit lächelnder List: sie waren die Sprecher des Volkes gewesen und mußten -den leichtgläubigen Mut unter dem Henkerbeil büßen.</p> - -<p>Und Tausende folgten den edlen Herrn, der Blutrat des Herzogs kam -über das Land, und die Wehklage wollte nicht enden; zum andernmal konnten -die Hunde des Herrn das große Ketzergericht halten, wie es vorzeiten -den Stedinger Bauern in Friesland geschah.</p> - -<p>Aber das Leid hob aus der Tiefe des Volkes die rächende Hand: aus -der Verborgenheit kamen und in die Verborgenheit schwanden die Geusen, -dazwischen war eine kühne Tat und eine blutige Rache.</p> - -<p>Sie trugen ihr graues Gewand und kamen auf flinken Schiffen; wo -die spanische Hand schwach war, stach ihr Dolch zu, und wo sie stark wurde, -verschwand er; sie waren die mutige Seele des Volkes, das sich aus weichlichem -Wohlstand, durch Schande und Schrecken tollkühn erhob.</p> - -<p>Noch war es kein Krieg, bis Wilhelm von Nassau, der schweigsame -Oranier, wieder ins Land kam; klüger als seine Freunde Egmond und -Hoorn, war er dem Herzog nicht leichtfertig ins Garn gegangen; nun -brachte er Kriegsvolk, den Geusen zu helfen.</p> - -<p>Die Geusen erkannten ihn gern; und ob das launische Glück im blutigen -Schicksal hin- und herüber sprang, der Schatten des Herzogs wich -langsam zurück, bis er verdrossen die Länder verließ.</p> - -<p>Aber die spanische Hand blieb im Land, und Wilhelm der schweigsame -Held wurde grau in den Schlachten; er kannte nicht Übermut und Verzagtheit, -er war die stete Geduld und der unbeugsame Wille: als er im -sechzehnten Jahr des nimmersatten Krieges durch Mörderhand fiel, waren -Holland, Seeland, Utrecht und Friesland befreit.</p> - -<p>Moritz, der Sohn des Oraniers, nahm das Schwert auf und wurde -nicht matt; wie sein schweigender Vater ein Meister der Staatskunst, war -er ein Meister des Krieges: gegen die spanische Übermacht hob er den Ruhm -seiner Schlachten.</p> - -<p>Als Philipp hinsiechte und starb, war die spanische Weltmacht verronnen -mit all ihrem Gold aus der Neuen Welt, nur um die Länder der -Maas ging immer noch Krieg, und wie eine Seuche fraß das Mordwerk -der Geusen den spanischen Widerstand leer.</p> - -<p>Kaum einer noch lebte von denen, die ihn begannen; und wie eine Sage -erzählten die Greise von glücklichen Zeiten, da Frieden im Niederland war.</p> - -<p>Im zweiundvierzigsten Jahr, daß Alba der finstere Herzog ins Niederland -kam, sanken die spanischen Waffen; sie hielten Flandern und das brabantische -Land, aber die sieben Provinzen nördlich der Maas hatten die -Freiheit errungen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span></p> - -<p>Durch die spanische Hand ging dem Reich uraltes Stammland verloren: -an der Mündung wie an den Quellen des Rheins saßen nun freie -Völker, indessen die Fürstengeschlechter im Reich einander das Futter -abfraßen.</p> - -<h3 id="sec7_5">Donauwörth</h3> - -<p>Im Niederland hatten die Ketzer gesiegt, im Reich war die Kirche wie -Schnee im Frühjahr geschwunden; aber die Jünger Jesu warfen den Samen -nicht in den Wind: schon stand die heimliche Saat dicht vor der Ernte, -als Max, der bayrische Herzog, zu Donauwörth den ersten Wagen in seine -Scheuer einbrachte.</p> - -<p>Eine Reichsstadt war Donauwörth, und die Bürgerschaft hatte längst -ihren Tag in die deutsche Predigt gestellt; nur der Abt zum heiligen Kreuz -hielt das Kloster der Benediktiner, dicht vor der Stadt.</p> - -<p>Aber nach Dillingen war es nicht weit, wo die Jesuiten ihre deutsche -Pflanzschule hatten; die Nachbarschaft stärkte dem Abt den katholischen -Rücken, und was das Kloster seit Jahren nicht wagte, den prunkvollen -Umzug der Kirche begann es nun wieder.</p> - -<p>Sie trugen die Fahne zuerst nur gerollt und mieden die Straßen am -Markt, aber der Eifer von Dillingen wetzte den Mut und die Hoffnung -auf stärkeren Beistand: die Fahne des heiligen Kreuzes entrollt, mit vollem -Gepränge und lautem Gesang, so kamen die Mönche in die Straßen der -evangelischen Stadt.</p> - -<p>Wie sie vor Zeiten mit frommer Fröhlichkeit taten, geschah es nun -wieder; doch knieten die Männer und Frauen nicht mehr, wo sie kamen: -mit grollenden Mienen sahen sie längst verspottetes Tun ihr Tagwerk durchkreuzen, -vergessener Zorn eiferte los und fuhr mit Fäusten darein.</p> - -<p>Es war kein Bauernkrieg mehr, es war nur ein böser Tumult in den -Gassen, zornige Männer und hitzige Mönche balgten sich um die Fetzen der -Fahne, indessen die Frauen und Kinder erschrocken den letzten Gesang -überschrieen.</p> - -<p>Kein Landesfürst galt in der Reichsstadt seit zweihundertfünfzig Jahren, -ihr einziger Herr war der Kaiser; aber die Jesuiten in Dillingen wiesen -dem Abt vom heiligen Kreuz die Wege nach Prag.</p> - -<p>Da kannten sie längst die heimlichen Türen und wußten das Ohr des -lichtscheuen Kaisers rascher zu finden als seine Bürger: so wurden die -Frevler geächtet, und Max, der Herzog von Bayern, zog eilig heran, den -Spruch zu vollstrecken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p> - -<p>Die Stadt gehörte zum schwäbischen Bund, aber der Herzog lachte -dazu: sie sollten ihm erst die Batzen bezahlen für all sein bemühtes Kriegsvolk!</p> - -<p>Er hatte den lang begehrten Vogel gefangen und tat den Käfig nicht -wieder auf; Rudolf, der lichtscheue Kaiser in Prag, sah nach den Sternen.</p> - -<p>Da wurden die Städte und Fürsten gewahr, daß ein anderer Wind -wehte, was heute einem geschah, konnte morgen manchen geschehen: calvinisch -oder lutherisch war gleich vor der römischen Kirche, die drohend den -Arm hob, sie alle als Ketzer zu treffen.</p> - -<p>Sie ließen der Kanzel den Predigerzank, aber die Schwerter schlossen -den evangelischen Bund der Fürsten und Städte, einander die Freiheit des -Glaubens zu halten.</p> - -<p>So stand der bayrische Herzog allein vor den Herren von Hessen und -Sachsen, Brandenburg und der mächtigen Pfalz, und der Kaiser in Prag -sah nach den Sternen; da rief er die geistlichen Kurfürsten auf, das katholische -Schwert gegen den Bund der Ketzer zu schärfen.</p> - -<p>Union und Liga hießen die Bünde des kommenden Streites: sie ballten -die Mächte gegeneinander, sie teilten das Reich und das Volk und lagen -als drohende Wolken des Unheils über dem deutschen Land, bereit, das Gewitter -zu bringen.</p> - -<h3 id="sec7_6">Der Schwur von Loreto</h3> - -<p>Im selben Jahr, da Philipp von Spanien starb, tat vor dem heiligen -Haus in Loreto ein Habsburger Jüngling den Schwur: mit Gefahr seines -Lebens jegliche Ketzer aus seinem Land zu vertreiben.</p> - -<p>Er war ein Vetter des Kaisers und regierte in Graz den südlichen Teil -der habsburgischen Länder; weil aber Rudolf, der Kaiser in Prag, samt -seinem Bruder Matthias kinderlos war, reiften die Kronen der Vettern -ihm zu.</p> - -<p>So hob sein Schwur der katholischen Kirche das Schwert wieder auf, -das Philipp sterbend hinlegen mußte; die Jünger Jesu hatten gesorgt, daß -die Schneide gehärtet, daß der Habsburger Hochmut zum andernmal mit -der Inbrunst der Kirche gestärkt war.</p> - -<p>Wo der Schwur Ferdinands galt, deckte er Duldung und Frieden zu; -als ihm sein Vetter Matthias die böhmische Krone abtrat, war sein Erbland -gereinigt: Gut oder Glauben, hatte sein Schwert die Untertanen gefragt, -und die den Glauben der Bibel wählten, waren aus ihrer Heimat -vertrieben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span></p> - -<p>Aber die Böhmen hatten von Rudolf den Freibrief ertrotzt, zu glauben, -zu predigen und Kirchen zu bauen, wie ihre Lehre gebot; Matthias -mußte danach den Freibrief beschwören, auch Ferdinand sollte ihm Siegel -und Unterschrift geben.</p> - -<p>Er hatte die Jünger Jesu gefragt, ob er mit gutem Gewissen bestätigen -könnte, was er gleichwohl nicht zu halten gedächte: sie sagten ihm Ja, und -Ferdinand gab dem Freibrief Siegel und Unterschrift wie seine Vettern.</p> - -<p>Als dann in Braunau und Klostergrab Kirchen gebaut wurden, hieß er -sie schließen; darüber ergrimmten die böhmischen Herren in Prag und -kamen hadernd ins Schloß, wo die Räte des Kaisers Matthias als Statthalter -saßen.</p> - -<p>Sie warfen die Räte samt ihrem Schreiber zum Fenster hinaus, sie -riefen das böhmische Land auf und rafften ein Heer, gleich ihren hussitischen -Vätern meineidige Kaisergewalt durch ein Volksgericht zu begleichen.</p> - -<p>Sie standen vor Wien, als Kaiser Matthias starb und Ferdinand Hausherr -der Habsburger wurde; schon hatten die Läufer den Aufruhr in seine -Länder getragen: kaum daß er vermochte, nach Frankfurt zu fahren, die -deutsche Krone zu holen.</p> - -<p>Die Kurfürsten hatten die Wahl getätigt und standen im Dom, den -Kaiser nach altem Brauch auf den Altar zu heben, als ein Reiter aus Prag -die Absetzung brachte; die böhmischen Stände hätten statt seiner den Pfalzgrafen -Friedrich als König gewählt.</p> - -<p>Ein Stück aus dem Domgebälk brach nieder neben dem Altar, fast -hätte sein Sturz den Kaiser erschlagen; die Furcht kommenden Unheils fiel -in das drängende Volk.</p> - -<h3 id="sec7_7">Der Winterkönig</h3> - -<p>Noch war der mächtige Herzog von Bayern Schwertherr der Liga, -nicht Kurfürst, und Ferdinand mußte von Frankfurt nach München; auch -war es eher ein Bittgang, denn daß er als Kaiser befahl.</p> - -<p>Aber was beiden zunutz war, mußte geschehen: indessen Friedrich der -Pfalzgraf mit seinem Hoflager nach Prag fuhr, einen Winter lang König -zu spielen, rüstete Max der Herzog im Namen der Liga ein mächtiges Heer, -und als es Sommer war nach dem Winter, stand er in Böhmen.</p> - -<p>Da hatte Friedrich, der pfalzgräfische König, mehr an die Pracht seiner -Kleider denn an die Waffen gedacht; auch waren die pfälzischen Prediger -eifrig gewesen, die Böhmen calvinisch zu machen.</p> - -<p>Sie hatten die Kirchen geräumt und die Wände gesäubert, sie hatten<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span> -aus Prag ein neues Streitlager gemacht, den Götzendienst der Lutherischen -selbstgerecht zu verdammen.</p> - -<p>Schon stand der Feind dicht vor der Stadt, als endlich das böhmische -Heer in nasser Novembernacht auszog: am weißen Berge bei Prag wurde -es grausam geschlagen, in einer Mittagsstunde zerrann dem Winterkönig -sein Glück.</p> - -<p>Er saß nach pfälzischer Sitte zu Tisch, indessen ihm Tilly, der Feldherr -der Liga, das Schwert aus der Hand und die böhmische Krone vom Kopf -schlug; nun raffte er eilig das Seine und ging auf die Flucht, sein unrühmliches -Leben zu retten.</p> - -<p>So hatte der Habsburger wieder das seine, die böhmischen Bürger und -Bauern mußten den Herren in Prag die falsche Königswahl büßen.</p> - -<p>Der Kaiser nahm den böhmischen Freibrief und zerschnitt ihn mit eigener -Hand; wie ein Gärtner die Knechte ausschickt, Unkraut zu jäten, so -sandte der Orden Jesu die spanischen Hüte ins böhmische Land und in alle -österreichischen Länder.</p> - -<p>Gut oder Glauben, so hieß noch immer die Frage des Schwertes: Tausend -und Tausende wählten den Glauben, ließen die Heimat und ließen -das Haus ihrer Väter, das Land der Verheißung zu finden; aber auf Erden -war es die Fremde und bittere Armut.</p> - -<p>Der Schild und das Schwert der katholischen Liga stand vor dem Kaiser, -und hinter ihm hob sich der römische Schatten: Glück und Ende des -Winterkönigs in Prag war nur der spöttische Anfang, nun kam der Ernst -über Deutschland und wollte zum bitteren Ende.</p> - -<h3 id="sec7_8">Die Pfalz</h3> - -<p>Der mächtige Herzog von Bayern hatte dem Kaiser das Schwert nicht -eher geliehen, als bis er den Lohn kannte: die Pfalz fiel ihm zu mit dem -Kurhut, und spanisches Kriegsvolk mußte ihm helfen, daß er das Pfand in -der Hand hielt. Spanisches Kriegsvolk und englische Söldner rissen einander -die Dörfer und Städte der Pfalz aus den Händen; denn Friedrich -der Pfalzgraf war Eidam des englischen Königs: England und Spanien -brachten den eigenen Machthandel über die Pfalz.</p> - -<p>Indessen der Winterkönig geächtet, der böhmischen Krone wie seines -Kurhutes verlustig, sein törichtes Leben in Holland hinbrachte, rief englisches -Gold dem bösen Krieg die Klopffechter auf.</p> - -<p>Den tollen Mansfeld hießen sie ihn, der mit allerlei Volk den verlorenen -Krieg durch die deutschen Landschaften schleppte; Freund oder Feind, sie<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span> -mußten ihn nähren; wo er von dannen zog, hatte die eiserne Faust manches -gerafft und vieles zerstört.</p> - -<p>Als seine Haufen herzogen, von Tilly verfolgt, als sie den Tanz des -Krieges begannen mit listigen Sprüngen, einander suchend einander auswichen -und auf den Überfall lauernd Dörfer und Städte brandschatzten: -bekam auch die Pfalz den böhmischen Winter zu schmecken.</p> - -<p>Und blutiger Schwertschlag wurde der Tanz, als Christian, Prinz von -Braunschweig, seine wilden Gesellen dem tollen Mansfeld beibrachte; seit -Sickingen hatten die Landesgewalten nicht mehr einen solchen Verächter -erfahren.</p> - -<p>Er war noch ein Jüngling und hatte nach längst verschollener Sitte die -Winterkönigin zur Herrin erkoren; er trug ihren Handschuh am Helm; -alles für Gott und für sie, stand auf den Fahnen.</p> - -<p>Zu Paderborn fand er im Dom zwölf Silberapostel, er prägte Taler -daraus und hieß sie in alle Welt hingehen: Gottes Freund und der Pfaffen -Feind, stand auf den Talern; und wer nicht für ihn war, war wider ihn.</p> - -<p>Sie hätten dem Winterkönig sein Land bis zur Hölle gehalten, er selber -aber entließ sie; so wurde die Pfalz frei von der Plage, so wurde die Fackel -des Krieges nach Norden getragen, wo sie von neuem lichterloh brannte, -weil danach der König von Dänemark antrat, sein Klopffechterglück zu -versuchen.</p> - -<p>Die Pfalz wurde frei von der Plage, aber nun kam der bayrische Herzog -mit Eifer und Strenge, das calvinische Land wieder katholisch zu -machen.</p> - -<h3 id="sec7_9">Wallenstein</h3> - -<p>Der Schwur von Loreto hatte dem Habsburger Erbland gegolten; -über die Pfalz kam er ins Reich, und Ferdinand wollte noch einmal -Schirmherr der Christenheit heißen.</p> - -<p>Aber das Reich der Habsburger war nicht mehr die Kaiserstandarte -über den Völkern; Frankreich und England hielten ihm seine Tore im -Westen gesperrt, im Osten drohten die Türken.</p> - -<p>Kein Maifeld am Rhein stellte die Heerschilde auf um den Kaiser, -daß er den Bogen der Stärke über das Abendland spannte: Ferdinand war -in der Hofburg zu Wien das Flackerlicht seiner Mönche.</p> - -<p>Da saß die Spinne im Netz, die Ketzer zu fangen, aber die Fäden hatte -die Liga gespannt: der mächtige Herzog in Bayern gebot, und Ferdinand -mußt ihm seine Dienste teuer bezahlen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span></p> - -<p>Als darum Wallenstein kam, dem Kaiser ein eigenes Heer anzubieten, -gab er dem düsteren Mann gern eine Vollmacht, sich von dem Herzog zu -lösen.</p> - -<p>Es war ein böhmischer Edelmann ärmlicher Herkunft, aber er hatte im -Dienst des Kaisers reiche Güter in Böhmen erlistet, war Graf und Fürst -seiner Herrschaft Friedland geworden und galt als guter Soldat, der seinen -Söldnern reichen Raub gönnte.</p> - -<p>Als seine Trommel im Reich scholl, reicheres Werbegeld und reichere -Beute verheißend, lief das Kriegsvolk ihm zu; bald stand dem Kaiser ein -Heer zu Feld, stärker als das aller Fürsten.</p> - -<p>Da mußte der stolze König der Dänen auf seine Insel entweichen, da -wurde der tolle Mansfeld gejagt wie ein Wild bis nach Ungarn, da konnte -der Pfaffenfeind mit dem Handschuh der Königin keine Silbertaler mehr -prägen.</p> - -<p>Da wurde die Hofburg Herr über den Bund der evangelischen Fürsten, -da kam die römische Hand und strich ein halbes Jahrhundert und mehr aus -dem Dasein des Reiches.</p> - -<p>Die Bischöfe kehrten zurück in den Besitz ihrer weltlichen Macht; alles, -was einmal Kirchengut war, mußten die Fürsten und Städte der römischen -Hand überlassen.</p> - -<p>Der Schwur von Loreto hatte der Kirche die Fäden von neuem gespannt; -die Jünger Jesu standen bereit, den letzten Fang zu beginnen.</p> - -<h3 id="sec7_10">Stralsund</h3> - -<p>Was nicht mehr gewesen war, wurde durch Wallenstein wahr: der -Kaiser hielt wieder die Macht über die Fürsten; aber der Kaiser saß in der -Hofburg zu Wien, und der das Schwert führte im Namen des Kaisers, -war seine eigene Stärke.</p> - -<p>Er hieß nun Herzog von Friedland und nannte Mecklenburg sein; ihn -schierten die Händel der Geistlichen nicht und nicht die Sorgen der Kirche, -er ging den Schritt der Gewalt und wollte ein anderes Reich als das der -Pfaffen und Fürsten.</p> - -<p>Stärker als alle Kurfürstenmacht war einmal die Hansa gewesen: nun -wollte der Kaiser die Hansa bedeuten, ihm sollten auch wieder die Städte -und Häfen der Ostsee gehören, und die im Norden selbstherrlich Könige -hießen, sollten in seiner Pflicht sein.</p> - -<p>Er legte in alle Häfen Besatzung, den Norden zu zwingen; aber Stralsund -war der Schlüssel, und Stralsund trotzte dem Herzog des Kaisers;<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span> -als er die Insel Dänholm vor ihren Toren besetzte, wagten die Bürger den -Handstreich und brachten sie wieder in ihre Hand.</p> - -<p>Und wenn sie mit Ketten am Himmel hinge, sie müßte herunter! -prahlte der Herzog; aber die Bürger von Stralsund hatten die Taten der -Geusen vernommen: so hitzig sein Kriegsvolk die Wälle berannte, sie hielten -ihm stand.</p> - -<p>Denn der sonst hinter den Wällen der böseste Feind war, der Hunger -konnte die Stadt nicht bezwingen; höhnisch vor seinen kurzen Kanonen -gingen und kamen die schwedischen Schiffe, Brot und Waffen, Pulver -und Kriegsvolk zu bringen.</p> - -<p>Soviel die Wälle zu verbergen vermochten, warfen die Dänen und -Schweden Truppen hinein; Stralsund war in Wahrheit der Schlüssel des -Nordens, die Könige hielten dem Kaiser das Schloß mit dem Schlüssel -gesperrt.</p> - -<p>So ging dem Herzog von Friedland sein harter Schwur fehl; er hatte die -Länder gekehrt mit eisernem Besen von Ungarn bis Jütland, er war über -Fürsten und Völker mit seinem Kriegsvolk gekommen: an der kalten Meerküste -mußte sein Stolz die Schranken erkennen; und wie es Alba geschah vor -den Geusen, so wich der Schatten Wallensteins zurück vor Stralsund.</p> - -<p>Das aber war zu der Zeit, da die Kurfürsten der Liga den Tag in -Regensburg hielten: sie wollten den Hochmut des Herzogs nicht länger -ertragen und zwangen den Kaiser, sich selber den starken Arm abzuschneiden.</p> - -<p>Der Friedländer wäre mächtig genug gewesen, den Fürsten zu trotzen, -aber Seni, sein Sterndeuter, hatte ihm andere Dinge geweissagt; so ging -er mit lächelnder Miene nach Böhmen in seine stolze Verbannung, wartend -des Tages, da sie zum andernmal seiner bedürften.</p> - -<p>Denn schon war an der rügischen Küste der schwedische König erschienen, -Kaiser und Kirche zum Trotz sein Schwert an die Bibel zu wagen.</p> - -<h3 id="sec7_11">Magdeburg</h3> - -<p>Lutherische Prinzen regierten seit langem die reiche Bischofsstadt an -der Elbe, sie hießen Verweser und hatten der geistlichen Würde entsagt, -die weltliche Macht zu behalten; aber der letzte Verweser, Christian Wilhelm -von Brandenburg, wurde vom Kaiser geächtet: ein Bruder des Kaisers -sollte wieder katholischer Erzbischof in der Ketzerstadt sein.</p> - -<p>Kaum standen die Schweden in Pommern, so schlich sich der Prinz -heimlich zurück in die Stadt und stärkte die Hoffnung der Bürger, daß -nun die Tage der evangelischen Freiheit nach langer Bedrängnis anbrächen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span></p> - -<p>Als aber Tilly, der Feldherr der Liga, Botschaft bekam, zog er mit großer -Kriegsmacht heran; die reiche Ketzerstadt an der Elbe sollte das Schwert -des Kaisers erfahren, bevor ihr der König zu helfen vermöchte.</p> - -<p>Da hatte der Prinz in Eile die Wälle gerüstet, und ein erfahrener -Kriegsmann, Dietrich von Falkenberg, kam aus dem Lager der Schweden; -denn Tilly war ein gewaltiger Feldherr mit Listen und raschen Zügen.</p> - -<p>Indessen der Kurfürst von Brandenburg, sein bänglicher Schwager, -dem schwedischen König verwehrte, durch seine Länder zu ziehen, zog Tilly -den eisernen Ring um die Stadt immer enger; der Hunger fing an, ihm zu -helfen, auch ging das Pulver aus für die Geschütze: ein wütender Sturm -sollte Magdeburg zwingen.</p> - -<p>Von allen Seiten liefen sie an, Feuerkugeln fuhren in glühenden Bogen, -die Dächer zu zünden; schon stürzte ein Turm auf dem Wall, aber er -legte sich nicht in den Graben, dem stürmenden Feind die Brücke zu bauen: -die feurigen Krallen und eisernen Zähne konnten die Wälle nicht packen.</p> - -<p>Da sollte die Kriegslist den letzten Trumpf wagen, bevor sie abzogen; -ein Trompeter kam in die Stadt, den blutigen Streit zu begleichen: schon -sah die Wacht auf den Wällen die Schanzen geräumt und glaubte die -nahende Hand des Königs zu spüren.</p> - -<p>Durch endlose Wachen ermüdet und froh der nahen Befreiung, ließen -die Bürger die Wälle, endlich einmal zu schlafen: da drangen die Söldner -Pappenheims ein und weckten die arglosen Schläfer.</p> - -<p>Es war nur ein kurzes Erwachen: sie waren Rebellen und Ketzer, nun -fiel das Schwert über sie her; Männer, Frauen und Kinder mußten mit -ihrem Blut den Schwur von Loreto bezahlen.</p> - -<p>Und über das Schwert kam das Feuer; seit Trojas und Jerusalems -Fall – frohlockte die Kunde nach Wien – hatte die Welt kein Schauspiel -wie dieses gesehen; drei Tage lang fraßen sich Mord und Brand satt in der -Ketzerstadt, bis ihre blühende Breite ein Brandhaufen und Schindanger -war.</p> - -<p>Wehklage schwoll aus dem angstvollen Herzen der protestantischen -Welt; sie sah ihr Schicksal beschlossen, und die Enttäuschung fing an, den -schwedischen König laut zu verwünschen.</p> - -<p>Dietrich von Falkenberg lag unter den rauchenden Trümmern begraben, -den Prinzen von Brandenburg fingen die Söldner lebendig; er wurde -in Wien wieder katholisch und lebte noch lange sein wohlbehütetes Leben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span></p> - -<h3 id="sec7_12">Gustav Adolf</h3> - -<p>Den Schneekönig hießen sie ihn in der Hofburg des Kaisers: er würde -bald schmelzen, wenn er den Norden verließe; auch wurden die Schweden -Goten genannt, der römische Spott war darin über die neuen Barbaren.</p> - -<p>Aber der schwedische König kam in das Reich, wie ein Seefahrer seine -Segel auf Sturm stellt: er prüfte den Anker und sah nach den Sternen; -er wußte das Wagnis, aber er kannte sein Schiff und kannte die Kunst, -es zu lenken.</p> - -<p>Wie es vorzeiten geschah, als Dietrich, der starkweise, Ravenna und -Rom zu gewinnen gedachte, waren die schwedischen Männer ein Volk und -Schwert gegen die Söldner des Kaisers.</p> - -<p>Tilly, der Feldherr und Sieger in hundert Schlachten, sah die Stärke -des Königs; aber er sah auch, wie Argwohn und Zweifel der Fürsten dem -Schweden die Schritte verstellten: er dachte ihn langsam zu schwächen, -bevor er ihn finge.</p> - -<p>Als aber Magdeburg sank und als die Brunnen der evangelischen Wehklage -aufbrachen, entbrannte dem König der Zorn: herrisch und hart zwang -er die Fürsten von Sachsen und Brandenburg in seinen Gehorsam.</p> - -<p>Und als er Tilly im Breitenfeld stellte, teilte er klüglich die Seinen ab -von den Sachsen, daß ihre Furcht nicht seine Schweden verwirre: die -Sachsen liefen bis Eilenburg; als aber Tilly den Flüchtenden folgte, -nahmen die Schweden ihn scharf in die Zange.</p> - -<p>Der Feldherr und Sieger in hundert Schlachten mußte dem König das -Feld überlassen, als er glaubte, es zu gewinnen; kaum, daß er den Rest -seiner Söldner nach Halberstadt brachte.</p> - -<p>Schon sahen die Priester und Pfründner der Hofburg das blaugelbe -Banner vor Wien; aber der schwedische König strauchelte nicht in der -Gunst seiner Stunde.</p> - -<p>Er sandte das sächsische Heer nach Böhmen, das Tor des Kaisers in -Prag zu bedrängen; er aber äugte hinüber zum Rhein, wo die Kurfürstenmacht -noch immer dem Reich das Krönungsgewand hielt.</p> - -<p>Denn mehr als ein günstiger Frieden blühte dem König der Schweden -aus seinem Sieg: Wien war Byzanz, er aber wollte, wie vormals der starkweise -Dietrich, das Reich der Goten anders aufrichten.</p> - -<p>Die Herbstnebel näßten das Land, als er die neue Heerfahrt begann; -aber Weihnachten fand ihn schon warm in Mainz, wo er das kurfürstliche -Nest mit seinem Schwedenvolk füllte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span></p> - -<p>Er war den uralten Weg der Sachsen gezogen, er hatte in Würzburg -das fränkische Maintor gesprengt und hatte die Furt der Franken gefunden: -wie die salischen Herrn und die Staufer ließ er das Banner der blaugelben -Macht über dem Maifeld der Reichsherrlichkeit wehen.</p> - -<p>Und als ihn Tilly von neuem ins Feld rief nach Franken und Bayern, -ließ er den Kanzler Oxenstjerna im goldenen Mainz, der schwedischen Herrschaft -am Rhein den Krönungsmantel zu halten.</p> - -<p>Noch lag der Schnee auf den fränkischen Bergen, als ihm die Glocken -von Nürnberg zu läuten begannen; Tore und Herzen hatte die Reichsstadt -dem Schutzherrn der evangelischen Freiheit weit aufgetan.</p> - -<p>Hier hielt kein Bischof und Fürst seinen Zipfel der Kaisergewalt fest, -hier war der siebente Heerschild des Reiches im Bürgerkleid und grüßte -den starken Verwalter.</p> - -<p>Fester und fröhlicher, als er den Feldzug begann, stieß er nach Süden, -den mächtigen Herzog in Bayern zu fassen, der für die römische Macht im -Reich das listige Schwert und gegen den Kaiser in Wien die stolze Selbstherrlichkeit -war.</p> - -<p>Er traf ihn am Lechfeld gelagert; so stark hatte Tilly, sein greiser Schildhalter, -die Schanzen gestellt, daß die Getreuen dem König den Angriff abrieten: -er aber hatte über die Ostsee Brücken geschlagen und wollte nicht -weichen vor einem steinichten Alpengewässer.</p> - -<p>Die Lose waren geschüttelt, und das Glück fiel dem Mutigen zu, indessen -Tilly, den zweifelnden Greis, eine Stückkugel traf: als der Schildhalter -fiel, waren die Schanzen noch stark wie zuvor, aber der Kurfürst floh -mit den Seinen, weil ihn der Mut und der Glaube verließen.</p> - -<h3 id="sec7_13">Lützen</h3> - -<p>Seni, der Sterndeuter, hatte dem Herzog von Friedland kühne Dinge -geweissagt, nun kam die Erfüllung: die Fürsten im Reich und ihr Kaiser -mußten den Tag von Regensburg büßen.</p> - -<p>Der Herzog hatte sein Haus in Prag wie einen goldenen Käfig um -seine Wünsche gehalten, von bösen Schmerzen geplagt und abergläubisch -den Sternen verschworen, schien er der Welthändel satt.</p> - -<p>Er ließ den Gesandten des Kaisers mit Ungnade an; die pfäffischen -Feinde der Hofburg mußten den bittersten Spott seiner gichtigen Rachlust -erfahren, bevor er im Rollwagen aufstand.</p> - -<p>Eine Katze spielt mit der Maus, so nahm der Herzog den Habsburger -Hochmut in die Krallen: als er den Feldherrnstab aufhob, war der Name<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span> -des Kaisers nur noch das Siegel, die Macht hielt der Herzog allein in den -gichtigen Händen.</p> - -<p>So hatte die Zeit das Spiel der Mächte gewandelt: der Habsburger -mußte dem Herzog von Friedland den Prunkwagen ziehen, der Winterkönig -war ein Schaustück des Schwedenlagers geworden.</p> - -<p>Verwegen den eigenen Zielen verschworen, standen die neuen Spieler -im Feld: sie hoben den Arm und kreuzten die Degen; aber sie stießen nicht -zu, weil sie einander erkannten.</p> - -<p>Der Herzog kehrte das böhmische Land rein von den Sachsen und ließ -den hochmütigen Kurfürst von Bayern drängen und betteln, daß er ihm -hülfe; erst als sich der stolze Kriegsherr der Liga demütig nach Eger bemühte, -kam er nach Bayern.</p> - -<p>Der König hatte um Nürnberg sein festes Lager geworfen, der Herzog -legte sich auf die Berge von Zirndorf davor, ihn zu belauern: zehn Wochen -lagen sie da voreinander, und eher wären die Wälder gewandert, als daß -der Herzog dem König aus seinem Fuchsbau herauskam.</p> - -<p>Der Hunger fiel ein hier und dort, und Seuchen fraßen die Heere: der -Herzog rührte sich nicht; und als der König verbissen und wild den Sturm -wagte, wies er ihn blutig zurück.</p> - -<p>Sie hatten einander gespürt und gingen geschwächt auseinander; als -aber der Herzog ins Sächsische fiel, Winterquartier zu erlangen, war der -König noch stark, ihm zu folgen.</p> - -<p>Zum andernmal lagen sie da mit dem Nürnberger Spiel bei Naumburg -und Weißenfels hart aneinander; zum andernmal stieß der König zu, -als der Herzog die Pappenheimischen Reiter elbabwärts sandte.</p> - -<p>Bei Lützen bekam er den Friedländischen Stier bei den Hörnern zu -packen; so hart griff er ihn an, daß ihm das gewaltige Tier in die Knie -brach: aber das spitzige Horn durchbohrte ihm selber die Brust, bevor er -Viktoria rief.</p> - -<p>Zwei Kugeln trafen den König, als er im Nebel zu hitzig ins Treffen -geriet; die eine zerriß ihm den Arm, und als ihn sein Page noch rückwärts -zu lenken gedachte, durchbohrte die zweite den Rücken.</p> - -<p>Die Schlacht war den Schweden gewonnen; als Pappenheim kam mit -dem Hagelsturm seiner Reiter, konnte der Herzog das Lützener Feld nicht -mehr erzwingen; aber der König lag unter Leichen begraben.</p> - -<p>Der Starke von Norden war in die bängliche Stille gekommen, ein -Hornruf und Schwertschlag wie keiner im Schlachtlärm der Zeit.</p> - -<p>Den Schneekönig hießen sie ihn; im Blut seiner Goten war er geschmolzen, -aber das blaugelbe Banner flatterte hoch: Bernhard von Weimar<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span> -riß es im Flug seiner Taten über die deutschen Gefilde, bis ihm die -Fetzen hingen.</p> - -<h3 id="sec7_14">Der Herzog von Friedland</h3> - -<p>Die Sonne sank unter im Feld, und der Mond stand allein über Lützen, -blutrot im schwarzen Gewölk: sie hatten gekämpft um den Tag, nun kam -die Nacht mit zerrissenen Schatten.</p> - -<p>Ein König hatte den Kaisertraum gläubig im Tag seiner Taten empfangen, -nun war es ein bleicher Glanz der Gestirne, von dem Sterndeuter -brütend bewacht und von dem Herzog abergläubisch gehütet.</p> - -<p>Er war als böhmischer Edelmann in den Schein der Allmacht gekommen, -Böhmen und Prag verhießen dem Herzog die kommende Krone; als -er das Feld bei Lützen verlor, wich er zurück, die böhmische Heimat zu halten.</p> - -<p>Indessen Bernhard von Weimar den Sieg der blaugelben Fahne ins -Frankenland trug, als Herr von Würzburg und Bamberg ein neuer Reichsfürst -zu werden von schwedischen Gnaden; indessen der Kurfürst von Bayern -sich schlimmer bedroht sah als je durch den König: hielt sich der Herzog in -Böhmen, bis er, Mähren zu schützen, nach Schlesien kam.</p> - -<p>Da hatten die Schweden und Sachsen die leichte Beute geteilt; er kam -sie zu strafen und hätte sie hart zu treffen vermocht mit zwiefacher Übermacht: -aber er wollte dem klüglich berechneten Spiel nicht selber die -Trümpfe ausbrechen, er wollte im Gleichmaß der feindlichen Mächte der -Unentbehrliche bleiben.</p> - -<p>Und als er danach bei Steinau den Grafen von Thurn fing, den böhmischen -Todfeind des Kaisers, und als in der Hofburg zu Wien schon die -Folter bereit war, ließ er den Ketzer und Rebellen laufen und hatte nur -Spott für die Pfaffen.</p> - -<p>Die Boten kamen und gingen, als ob er den Krieg mit der Feder statt -mit dem Schwert zu gewinnen gedächte; sie gingen nach Schweden und -Frankreich mehr als nach Wien, und niemand sprach näher vom Frieden, -als der für den Krieg bestellt war.</p> - -<p>Aber er hatte die Karten zu listig gemischt; als er am Stich war, traute -ihm keiner: so ging ihm der Einsatz samt dem geweissagten Kronengewinn -kläglich verloren.</p> - -<p>Die Allmacht des Herzogs zu dämpfen, rief der Kaiser ein spanisches -Heer ihm zu Hilfe; da mußte der listige Spieler Farbe bekennen, aber nun -war es zu spät, sie zu halten: als ihm zu Pilsen seine Getreuen den Schwur -leisten sollten, hielt schon Verrat den Verrat bei den Händen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span></p> - -<p>Seines Amtes entsetzt und vogelfrei als Verräter, kam er nach Eger, -noch immer ein Fürst der Gewalt, abgöttisch geehrt und gefürchtet; er -wollte sich offen den Schweden zuwenden, aber der kleine Verrat kam dem -großen zuvor.</p> - -<p>Es war ein Gastmahl in Eger, da wurde dem künftigen König von -Böhmen getrunken, und der Meuchelmord lauerte hinter der Tür; als die -Lustigkeit satt war, brachen die Mörder hervor und stachen die trunkenen -Schwertbrüder Wallensteins nieder.</p> - -<p>Ihn selber fanden sie wehrlos im Schlaf; er hatte den Abend mit Seni -verbracht, den drohenden Stand der Gestirne zu deuten, nun trat der -schwarze Beschluß durch die krachende Tür in seine Wirklichkeit ein.</p> - -<p>Er war durch den Lärm geweckt noch ans Fenster getreten, als er die -Hellebarde vor seiner Brust sah; wortlos mit offenen Armen nahm er sie -auf: im Tod noch ein finsterer Meister.</p> - -<p>Dreitausend Seelenmessen hieß der Kaiser in Wien dem Wallenstein -lesen, und hängte das Gold an die Mörder; auch floß eine Habsburger -Träne dem Schicksal, das ihm so grausam und tückisch zu handeln befahl.</p> - -<h3 id="sec7_15">Bernhard von Weimar</h3> - -<p>Als Wallenstein starb, stand der große Krieg still, aber der kleine Krieg -wollte Deutschland verderben; Faust und Feuer und Raub hatten ein wildes -Geschlecht gezüchtet; schon krähte der Hahn nach dem Morgen, aber -noch hielt die gramvolle Nacht dem bösen Gezücht den Morgenschlaf hin.</p> - -<p>Über dem Haß der Parteien hatten noch Sterne gezittert, nun starben -sie hin im Grauen der Helle: der aber den Schaft der blaugelben Fahne -hielt – einen Stumpf nur mit Fetzen behangen – den Prinzen Bernhard -von Weimar riß seine Fahrt noch ins Morgenrot hin.</p> - -<p>Er hatte das sächsische Feld bei Lützen gehalten und war wie ein Feuer -im Wind zur bayrischen Donau gefahren, er hatte das fränkische Land mit -seinen Siegen erfüllt und war der Herzog des Landes um Bamberg und -Würzburg geworden: aber die Schlacht bei Nördlingen nahm ihm den -Ruhm und das Land; seit Breitenfeld wurde kein Heer so geschlagen.</p> - -<p>Oxenstjerna, der schwedische Kanzler, hatte mit eiserner Stirn den Tod -seines Freundes, des Königs, erfahren; nun stand er zum andernmal leer -vor dem Glück: die Schwedenherrschaft im Reich war aus; hoch stieg der -Kaiser.</p> - -<p>Der Kurfürst von Sachsen streckte zuerst die unrühmlichen Waffen, -ihm folgten geschwind die kleineren Fürsten: der Frieden zu Prag gab den<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span> -Ländern der Elbe die Hoffnung zurück, daß wieder dem Bauer sein Pflug, -dem Bürger sein redliches Handwerk gehöre.</p> - -<p>Aber noch war die Zuchtrute der Zeit nicht gesättigt, nun blieb der -Schwede als Feind, wo er als Freund kam; was ihm die Fürsten und -Städte im Reich nicht mehr gaben, das bot ihm Frankreich mit listiger -Hand, und Oxenstjerna zögerte nicht, es zu nehmen.</p> - -<p>Elf Jahre ging noch der höllische Krieg: Schweden, Franzosen, Spanier -rissen sich um den Raub mit dem Kaiser; aber der Raub war das Reich -und der Kaiser die römische Kirchengewalt.</p> - -<p>Da ließ auch Bernhard von Weimar den blaugelben Stumpf und -machte den Pakt mit dem Todfeind der Habsburger Macht: französisches -Geld half ihm, ein Heer auszurüsten, Elsaß und Hagenau – stand in dem -Pakt – sollten sein Lohn sein.</p> - -<p>So stieg noch einmal sein Ruhm, aber nun trug er die eigene Fahne; -und als sie zum andernmal Sieg trug, als ihm das Elsaß gehörte, als Breisach -ihm zufiel und der Oberrhein sein war: da wurde der deutsche Herzog -dem Kanzler von Frankreich und Kardinal Richelieu zu großmächtig.</p> - -<p>Er sollte für Frankreich, nicht für sich selber, dem Kaiser das Land abgewinnen; -den Trotz zu betören, trug er dem Prinzen die Hand seiner -Nichte als Siegespreis an.</p> - -<p>Aber Bernhard von Weimar lachte der Ehre, wie Dietrich gegen Byzanz -lachte; die hessische Landgräfin war ihm geneigt: von Basel bis Marburg -sollte – so ging sein Traum – sein neues Herzogtum reichen, und sollte -die Trutzburg des deutschen Evangeliums sein.</p> - -<p>Er war die Faust und das Herz, die Trutzburg zu halten, aber der Tod -fiel ihn an wie ein räudiger Hund: sein Arzt gab ihm Gift, so sagte er selber; -Breisach ist unser! rief fröhlich der Kardinal.</p> - -<p>Elsaß zu halten, doch nie das Reich zu verraten; so ging das Testament -Bernhards von Weimar an seine Brüder: aber Geld und Gewalt der -Franzosen hielten den Raub fest, als die Faust und das Herz nicht mehr -schlugen.</p> - -<h3 id="sec7_16">Das Ende</h3> - -<p>Älter als die Jünglinge der Menschen war schon der Krieg, da Bernhard -von Weimar die Faust und das Herz seiner Taten zum Sterben hinlegte, -und über der Wiege saß manche Mutter, die selber den Frieden nicht -kannte.</p> - -<p>Bernhard von Weimar war noch ein Held der Hoffnung gewesen; die<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span> -nach ihm kamen, waren Soldaten, sie kannten nichts als Soldatenglück -und Soldatengewalt:</p> - -<p>Banner, der Schwede, üppig und wild und verwegen und allen Lastern -fröhlich vertraut; mitten im Winter kam er vor Regensburg, den Kaiser -mitsamt dem Reichstag zu fangen, aber die Donau ging über Nacht in -Tauwetter auf.</p> - -<p>Torstenson dann, von der Podagra übel geplagt, aber sein Lehnstuhl -fuhr schneller durchs Reich als die Reiter des Kaisers; bei Breitenfeld -schlug er sie scharf, wie sein König dem Tilly tat, und seine Scharen streiften -vor Wien.</p> - -<p>Johann von Werth, der in Jülich Bauernknecht war und ein spanischer -Reitersmann wurde; keine Stadt im Reich, die seine Tollheit nicht kannte.</p> - -<p>Wie sie einander hinjagten, heute am Rhein und morgen am Lech, wie -sie Heuschrecken gleich in die Länder einfielen, wie sie die klägliche Bürger- -und Bauernschaft plagten: das war nicht mehr Krieg, das war nur noch -Ritt um den Raub und um die Winterquartiere.</p> - -<p>Und wie die Herren, so wurden die Knechte: wo ihrer zwölf waren, tat -sich der dreizehnte auf als ihr Meister; denn plündern und rauben nährte -den Mann nur noch abseits der Straße.</p> - -<p>Längst säte der Bauer nur mehr die Felder versteckt in Wäldern und -Sümpfen; und was in den Städten noch Bürgerschaft hieß, hielt das zerlöcherte -Sieb, aus dem Schlamm der wilden Heervölker den traurigen Satz -zu gewinnen.</p> - -<p>Wohl hatten Sachsen und Brandenburg Frieden gemacht mit dem -Kaiser, aber der Schwede hohnlachte dazu, ihn zu halten; denn längst mit -dem König war seine Zucht und Frommheit gefallen.</p> - -<p>Schlimmer als je galt das Faustrecht, wüster als je lag der Acker, bitterer -als je war die Armut, wilder das Elend, heißer Hunger und Seuche; -von Zucht und Sitte war nur ein schmutziger Rest, vom Wohlstand des -Reiches nur noch die Sage geblieben.</p> - -<p>Als dann Turenne, der Mordbrenner, kam, und Wrangel, der Schwede, -ihm half, die Pfalz auszukehren, als Max, der stolze Kurfürst von Bayern, -dem Kaiser abfiel im Stillstand von Ulm: da war der Schwur von Loreto -am Ende.</p> - -<h3 id="sec7_17">Der Frieden zu Münster</h3> - -<p>Der Frieden kam, wie ein Feuer sich selber die Stätte leer frißt; der -Hunger der Länder hing sich dem Wagen der Kriegsvölker an, und vor den -Toren der Stadt saß wartend die Seuche.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span></p> - -<p>Sieben Jahre lang siechte der Krieg hin, so hatten die räudigen Hunde -der Macht sich verbissen; der Reichstag von Regensburg sollte sein Ende -bedeuten, aber der Schwur von Loreto wollte noch immer Machthalter -bleiben.</p> - -<p>Dann wurde in Hamburg das Ränkespiel anders beschlossen: in Münster -und Osnabrück sollten die beiden Heerlager der Räte und Vollmachten -sein; aber drei Jahre vergingen, bis die Perücken der feindlichen Völker -sich alle einfanden.</p> - -<p>Und vier Jahre lang wurden die Akten gewendet, vier Jahre lang zankten -die Räte sich um den Rang ihrer hohen Personen, vier Jahre lang -schrieben die Federn sich stumpf an spitzen Prämissen: bis endlich der Troß -der Gesandten in Münster einfuhr, mit schwarzer Tinte das Blut der -Völker zu sühnen.</p> - -<p>Der Kaiser hatte das Spiel verloren, aber das Reich mußte die Schulden -bezahlen: Schweden nahm Pommern, Rügen und Bremen, Frankreich -das Elsaß samt Metz, Toul und Verdun; die Schweiz und das Niederland -gaben für immer dem Reich ihren Abschied.</p> - -<p>So hatte der Schwur von Loreto ein Aas aus Deutschland gemacht, -Fremden zum Fraß, und hatte dem heiligen römischen Reich deutscher -Nation den Tag abgeschnitten.</p> - -<p>Denn nun waren die Fürsten die Herren; sie durften Bündnisse schließen -ohne den Kaiser, sie konnten in Frankreich, England und Schweden -den Trotz stärken gegen den Kaiser: das Reich war keine Reichsherrlichkeit -mehr.</p> - -<p>Kirche und Kaiser waren das Herz und die Hand der christlichen Weltmacht -gewesen und hatten den Bogen gespannt über die Völker: nun saß -der Kaiser zwar noch in seiner Hofburg, aber das Reich gehörte den Fürsten.</p> - -<p>Katholisch, lutherisch und reformiert konnte der Landesherr sein, wie er -wollte; nur einen anderen Glauben als seinen brauchte er bei dem Untertan -nicht zu dulden.</p> - -<p>Frieden auf Erden hatte die Botschaft versprochen und hatte den wildesten -Krieg über Deutschland gebracht; als gläubiger Christ hüben und -drüben war der deutsche Mensch in die Zwietracht geraten, daß er dem -Bruder die Glaubensgründe bestritt: in Konfessionen geschieden hatte das -deutsche Volk die Einheit der Seele verloren.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Buch_der_Fuersten">Das Buch der Fürsten</h2> - -<h3 id="sec8_1">Versailles</h3> -</div> - -<p>Ein scharfer Keil in der Habsburger Macht war das Land der Franzosen: -von Flandern hinauf nach Burgund und drüben in Spanien bot -ihm das Habsburger Weltreich die Flanken.</p> - -<p>So war es geworden, als Philipp der Schöne hinüber nach Spanien -freite, so wirkte es doppelt, als Karl, der spanische König, zurück in das -Reich kam, Kaiser der Deutschen zu werden.</p> - -<p>Viermal führte er Krieg mit Franz dem Ersten von Frankreich, daß -ihm der Keil nicht die Flanken zersprenge; viermal nahm er den Keil in die -Zange und konnte ihm doch die Schärfe nicht brechen.</p> - -<p>Was aber Franz mit grimmigen Kriegen begann, vollbrachte mit List -Richelieu: die Kaisergewalt starb hin an dem Schwur von Loreto, indessen -der Kardinal den Feinden der Kirche beistand, die Flanken der Habsburger -Macht einzustoßen.</p> - -<p>Der Frieden zu Münster gab den Franzosen am Rhein, was der Kaiser -verlor: das Reich war leer und zerschlagen, sie aber standen im Glück ihrer -Stunde, und Ludwig der Vierzehnte kam, die abendländische Uhr auf sich -einzustellen.</p> - -<p>Er war noch ein Jüngling, als er im Jagdrock, die Peitsche keck in der -Hand, ins Parlament kam, das Fürstenwort seiner Zeit auszusprechen: -Der Staat, das bin ich!</p> - -<p>Die Fürstenmacht hatte den Krieg gegen den Kaiser gewonnen, und -Ludwig der Vierzehnte lehrte die Fürsten, ihr Siegerrecht auszukosten.</p> - -<p>Der Staat war der König: Stände und Standesherrn, Bürger und -Bauern waren ihm untertan und mußten dem König gehorchen als untertänige -Diener; er war die Sonne, alles Licht im Staat kam von ihm, und -alles war sein von Gottes Gnaden.</p> - -<p>Seine Soldaten marschierten im Namen des Königs, seine Minister -waren das Räderwerk höchsteigener Pläne, seine Beamten plagten den -Untertan.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span></p> - -<p>Daß seine Allmacht sichtbar würde dem eigenen Volk der Franzosen -und den Völkern des Abendlandes, ließ er sich draußen, weit vor den Toren -der Hauptstadt Paris die neuen Lustgärten bauen: das Schloß und den -Park von Versailles.</p> - -<p>Die starre Flucht seiner Fenster und der umgitterte Hof wiesen der -stolz anlaufenden Straße den Rücken, das Antlitz war nach den Gärten -gekehrt, die in unendlicher Weite über den breiten Terrassen ihr grünes -Schaubild der blauen Ferne vorlegten.</p> - -<p>Wachen und Gitter und blinkende Fenster sperrten den Eingang und -reizten die Neugier; aber drinnen, von hundert Schranken behütet, hielt -der Hof seine rauschenden Feste.</p> - -<p>Da sprangen die Wasser, da lockten die hellen Terrassen den Blick in -die weiten Alleen, da schritten die Seidengewänder die breiten Treppen hinauf -und hinunter, da hielt die rauschende Pracht vor sich selber den Atem an.</p> - -<p>Denn irgendwo drinnen wohnte der König und war in den schimmernden -Schalen wie eine Perle geschützt; durch den Marmorsaum herrischer -Hallen, unter den wuchtigen Decken prahlender Säle führte der zögernde -Schritt hinein ins Geheimnis der Macht.</p> - -<p>Aber kein Fuß durfte ihn gehen, der nicht von hoher Geburt und durch -die Gnade des Königs bestimmt war; denn wie die Macht seiner Heere, so -war die Pracht seines Hofes allein auf die Gunst seiner Augen gestellt.</p> - -<p>So sahen die Fürsten Europas die Sonne der neuen Herrschergewalt: -kein Schwertkaiser mehr, der im Harnisch vor seinen Rittern durchs Stadttor -einritt nach ruhmvollen Taten, kein Richtkaiser mehr, der auf dem -Marktplatz den goldenen Stuhl hatte.</p> - -<p>Reiten und richten war eine Pflicht im Tagwerk der Diener geworden, -der König gab nur die Gunst ihrer Stunden; sein Dasein war aus der -Wirklichkeit fort in das freche Theater der fürstlichen Allmacht gegangen.</p> - -<h3 id="sec8_2">Alliance du Rhin</h3> - -<p>Ein halbes Jahrtausend und mehr hatte das Reich am Rhein seine -Heimat gehabt; nun saß der Kaiser im Osten, dem Ohr und den Händen -der geistlichen Kurfürsten fern, indessen die Gnadensonne von Westen reichen -Glanz über ihr Fürstengewand schien.</p> - -<p>Denn nun kam die Zeit, da die Fürsten des Reiches Abgötter bourbonischer -Herrlichkeit wurden, da die Pracht von Versailles die Höfe betörte, -da die Kurfürsten den rheinischen Trutzbund schwuren gegen den -Habsburger Kaiser.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span></p> - -<p>Sie liebten als Priester Pracht und Gepränge und wollten als Fürsten -Hof halten, wie Ludwig der Vierzehnte Hof hielt in Versailles; aber die -Hofburg in Wien war der fürstlichen Pracht und fröhlichen Weltlust -verschlossen.</p> - -<p>Auch hatte der Kaiser die Fürsten und Stände betrogen; ein Reichstag -sollte – so stand es im Frieden von Münster – die neue Verfassung beschließen; -aber die Hofburg wollte die Krone aus eigener Vollmacht beerben, -die Kurfürsten sollten dem Habsburger Erbkaisertum nur noch den -Prunkmantel halten.</p> - -<p>Als darum der dritte Ferdinand starb, mochten die Kurfürsten am -Rhein seinen Sohn Leopold nicht mehr erwählen; Kaiser im Reich und am -Rhein sollte Ludwig der Vierzehnte heißen, weil er im Abendland längst -der mächtigste König und für die Fürsten das Götterbild ihrer Macht war.</p> - -<p>Mehr als ein Jahr lang zogen sie kläglich die Wahl hin, die Gunst und -das Gold von Versailles strömten die Fülle über den Rhein; aber der bängliche -Kurfürst von Bayern verdarb das französische Spiel: die rheinischen -Herren mußten in Frankfurt den Habsburger krönen.</p> - -<p>Aber am andern Tag saßen sie da um die Gunst und das Gold von -Versailles und schwuren den Bund mit dem König von Frankreich; drei -Kurfürsten mit ihren Trabanten versagten dem Kaiser die Treue und -verrieten den Rhein und das Reich an den Todfeind der Habsburger -Macht.</p> - -<p>Denn nicht nur heimlich stand Ludwig der Vierzehnte Pate, er selber -trat mit in den Rheinbund; die Gnadensonne von Versailles lag auf den -fürstlichen Händen, als sie den treulosen Pakt unterschrieben.</p> - -<h3 id="sec8_3">Straßburg</h3> - -<p>Eine Reichsstadt war Straßburg seit Urvätertagen, und deutsches -Leben hatte dort seine vornehme Werkstatt gehabt; als der Kaiserglanz noch -am Rhein seinen Auf- und Untergang hatte, stand es im Mittag reichsdeutscher -Macht.</p> - -<p>Eckhart der Meister und Tauler der Prediger, Murner und Brant -fanden in Straßburg Ohren und Herzen, die schwarze Kunst Gutenbergs -hütete hier ihr erstes Geheimnis.</p> - -<p>Auch als das Gewitter um Luther und Zwingli schwarze Sturmwolken -brachte, hielt Straßburg die Reichsfreiheit hoch und war dem Bund der -evangelischen Fürsten eine wehrhafte Stütze.</p> - -<p>Jakob Sturm, sein Stättmeister, stand stolz unter den Fürsten des<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span> -Reiches; kein Herzog und Bischof konnte am Oberrhein wagen, Straßburger -Bürgerrecht anzutasten.</p> - -<p>Als Frankreich danach im Frieden zu Münster das Habsburger Erbland -im Elsaß bekam, blieb Straßburg wie eine stolze Bastei der alten -Reichsherrlichkeit stehen.</p> - -<p>Sein Münster, durch Erwin von Steinbach herrlich erhoben, hielt seine -Hallen der evangelischen Lehre geöffnet; und ob durch die Tore die Gunst -von Versailles prahlend herein ritt, die Bürgerschaft ließ sich nicht locken.</p> - -<p>Nur die Geschlechter äugten sehr nach der welschen Sonne; und der -Bischof Franz Egon von Fürstenberg hielt der Sonne den Spiegel: er -wollte die Messe im Münster lesen, und Straßburg die Reichsstadt sollte -ihm wieder als Bischofsstadt untertan sein.</p> - -<p>Er legte die Schlinge, und als sie mit List und Bestechung bereit war, -zog die Gewalt zu; es war im September, da die Kaufleute mit ihren -Knechten die Messe in Frankfurt bestritten, als das Heer der Franzosen -vor Straßburg erschien.</p> - -<p>Mitten im Frieden sahen die Bürger blanke Geschütze auf ihre Tore -gerichtet; der Kaiser saß fern in der Hofburg, und viel zu stark stand das -welsche Volk vor den Wällen.</p> - -<p>Auch waren im Magistrat zuviel Augen betört durch das Gold und die -Gunst von Versailles; am dritten Tag ritten die Reiter der Lilie mit -Hörnergeschmetter ein in die Gassen: keinen Schuß und Mann hatte den -König von Frankreich die deutsche Reichsstadt gekostet.</p> - -<p>Und als nach einem Monat die Sonne selber die Stadt und das Münster -beschien, stand der Bischof davor aus einem deutschen Fürstengeschlecht, -den neuen Herrn zu begrüßen, und lästerte laut mit dem Wort, das Simeon -sprach, als er im Tempel das Knäblein begrüßte:</p> - -<p>Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden einfahren; denn meine -Augen haben den Heiland gesehn! so sagte ein deutscher Fürst und Bischof -dem König von Frankreich, als er in Straßburg als Räuber einzog.</p> - -<h3 id="sec8_4">Die Erbschaft der Liselotte</h3> - -<p>Die Fürsten Europas waren vervettert, aber den Zank um die Erbschaft -mußten die Völker bezahlen.</p> - -<p>Ludwig des Vierzehnten Mutter war Anna von Österreich und seine -Frau eine Tochter des spanischen Königs: der Todfeind von Habsburg -war selber dem Hause versippt; auch hatte der Bruder des Königs Liselotte, -die Schwester des Pfalzgrafen, zur Frau.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span></p> - -<p>Die deutsche Prinzessin am Hof zu Versailles war ein drolliges Weibsbild; -aber sie wurde der pfälzischen Heimat die Quelle unsäglicher Leiden.</p> - -<p>Als Karl, ihr Bruder, kinderlos starb und die von Pfalz-Neuburg rechtmäßig -die Erbschaft antraten, ließ sie den mächtigen Schwager ihr Erbteil -vom Reich für Frankreich einfordern.</p> - -<p>Das aber war zu der Zeit, da die Türken Belgrad verloren, da der -allerchristlichste König seinen besten Mithelfer bedrängt sah: dem Halbmond -gegen das siegreiche Kreuz des Habsburger Feindes zu helfen, fing -er den pfälzischen Krieg an.</p> - -<p>Aber das Reich war besser gerüstet, als da er Straßburg einsteckte; -Melac, sein Feldherr, konnte die Pfalz nicht behalten.</p> - -<p>Wo aber die Sonne des Königs von Frankreich nicht scheinen durfte, -brauchte die Frucht nicht zu reifen, brauchten die Scheuern und Häuser, -die Schlösser und Kirchen der Pfalz nicht mehr zu stehen.</p> - -<p>Der König will es! so hieß die Mordbrennerlosung; der König will es, -daß Heidelberg in eine Öde gestellt sei, daß die Dörfer der Bergstraße -brennen, daß die Straßen im Winter mit flüchtenden Menschen gefüllt -sind, daß ihrer viele erfrieren!</p> - -<p>Der König will es, daß Speyer und Worms die Mordbrennerwut -schlimmer erfahren, daß die salischen Dome mit brennenden Dächern in -Brandhaufen stehn, daß den Leichen der Kaiser in ihren Gräbern Schande -geschieht!</p> - -<p>Der König will es, daß eine brennende Wüste von Speyer bis Trier -den Glanz seiner Sonne grausam umgrenze, daß die grüne Frucht auf den -Feldern untergepflügt werde!</p> - -<p>Melac! so riefen die Pfälzer danach ihre Hunde und hätten sie besser -Liselotte getauft, die sich im höfischen Glanz von Versailles der glücklichen -Jugendzeit freute, da sie im Schloßgarten zu Heidelberg Kirschen und -Kuchen verzehrte.</p> - -<p>Indessen so böses Mordbrennertum den rheinischen Winter und Frühling -bedrängte, zogen die Heere der Fürsten zögernd zu Hilfe, und als sie -bei Fleurus im Niederland endlich ausholten zum Schlag, fielen sie schlimm -in den Degen der Welschen.</p> - -<p>Zum zweitenmal konnten die Mordbrennerscharen den Rhein überschreiten, -und diesmal sank Heidelberg hin: in Trümmer zerbrach das herrliche -Schloß, und düster lag über der Stadt der schwelende Rauch ihrer -Brände.</p> - -<p>Der aber König der Mordbrenner war und der Schwager der Liselotte, -von ihrer Prinzessinnenseele fröhlich bewundert, er ließ auf die brennende<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span> -Stadt eine Schaumünze prägen, als ob Brandstiftung auch noch ein Zeichen -fürstlichen Gottesgnadentums wäre.</p> - -<h3 id="sec8_5">Die Türken vor Wien</h3> - -<p>Der Schwur von Loreto hatte das Reich leer gebrannt, aber noch immer -kam der Glaubenskrieg nicht zur Ruhe: ein törichter Aufruhr ehrgeiziger -Junker gab auch in Ungarn der Ketzerverfolgung endlich das -Schwert und das Feuer zur Hand.</p> - -<p>Vierhundert Pfarrer wurden gleich Dieben gefangen, und die sich des Widerrufs -weigerten, wurden im Namen des Königs auf die Galeere gebracht.</p> - -<p>Aber da fing dem Kaiser in Wien das eigene Haus an zu brennen; -Graf Tököly rief die Türken ins Land, und Kara Mustapha kam mit dem -unendlichen Völkergewirr seiner Scharen, den Halbmond gegen das gleißende -Kreuz von Habsburg zu tragen.</p> - -<p>Zum zweitenmal standen die Türken vor Wien, und ihr gewaltiges -Lager war eine brausende Springflut rings um die zitternde Stadt.</p> - -<p>Die Jesuiten mit ihrem gehorsamen Zögling waren nach Passau geflohen; -so wild war der Zorn des Volkes auf sie, daß ihrer viele das Leben -verloren, und nur verkleidet konnte der Kaiser die schimpfliche Flucht wagen.</p> - -<p>Graf Starhemberg hieß der mutige Mann, der auf den zerschossenen -Mauern der Stadt noch standhielt, als in der Bürgerschaft schon das Entsetzen -an keine Rettung mehr glaubte.</p> - -<p>Die Burgbastei war gesprengt, nur die eine Nacht noch konnte die -Stadt den Sturm überstehen: wie Heimdals Horn die Asen aufrief, so -sandte der Stephansturm den Hilferuf seiner Raketen hinaus in die Nacht.</p> - -<p>Lange schon standen die Fürsten am Kahlenberg, aber sie waren zu -schwach, den Sturm auf das gewaltige Lager der Türken zu wagen, bis -Johann Sobieski, der tapfere König der Polen, sein starkes Heer brachte.</p> - -<p>Die türkischen Sturmleitern standen am Morgen bereit, aber wie Doggen -den Panther anfallen, so brachen die Polen und Deutschen vereint in -das Lager und ließen nicht ab, bis das Wild gefällt war.</p> - -<p>Zehntausend Türken lagen erschlagen, und ein verspätetes Kreuzritterglück -holte die Schätze des Morgenlandes heim; denn ein unendlicher Troß -hatte Kara Mustaphas Heer begleitet, und was sich nicht selber zu retten -vermochte, war Beute.</p> - -<p>Die Glocken läuteten Sieg vom Stephansturm wie niemals zuvor, -und Johann Sobieski, dem Retter, wurden die Wege mit Blumen bestreut; -auch der Kaiser war wiedergekommen, aber er konnte den Wahlkönig<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span> -der Polen nicht in der Hofburg empfangen, weil er kein fürstliches -Blut hatte.</p> - -<p>Draußen im Lager von Ebersdorf wurde mit höfischem Umstand eine -Begegnung zu Pferd vorbereitet; der Kaiser war gnädig, sein Hütchen zu -lüpfen und einige Worte – peinlich bemessen – dem König zu sagen.</p> - -<p>Höher als Wien, seine Hauptstadt, galt ihm der Habsburger Hochmut, -und über dem Glück der Entscheidung, die das Abendland von der Türkengefahr -befreite, stand den Schranzen der Hofburg der höfische Brauch.</p> - -<h3 id="sec8_6">Holland</h3> - -<p>Die sieben Provinzen im Niederland hatten mit Spanien Frieden gemacht, -sie hießen nun Holland nach ihrer stärksten Provinz und waren ein -Freistaat, obwohl die oranischen Prinzen Statthalter blieben.</p> - -<p>Sie nahmen im Frieden zu Münster Abschied vom Reich, ein Volk der -freien Gemeinde zu sein wie einmal die Väter; Handel und Handwerk, -Wohlstand und Weltlust hatten im Schutz ihrer starken Flotte geblüht, -indessen das Reich sich selber zerstörte im Krieg um den Glauben.</p> - -<p>Seit den Tagen, da Rom Republik war, hatte kein Bürgerstolz den -Staat so in Ordnung gehalten, wie die Brüder de Wit das holländische -Glück hielten.</p> - -<p>Rundum begann die Fürstenselbstherrlichkeit ihre Throne zu bauen, sie -aber deckten das Dach der Bürgerfreiheit mit blitzblanken Ziegeln und -wurden die Zuflucht aller Verfolgten.</p> - -<p>Der Bürger wurde sich selber das Ziel seiner Wünsche, seine Fröhlichkeit -schmeckte den Sonntag der werktätigen Woche, sein Stolz sah den -Reichtum der Welt auf breiten Schiffen ankommen, sein Trotz sah das -Stadttor von wehrhaften Wächtern behütet – aber draußen im Land säte -der Friede das Korn in die Furchen.</p> - -<p>Und wie die Häuser behäbiger Bürgerschaft, wie ihre Kleider und Sitten, -so wurde die Kunst in Holland: sie brauchte nicht mehr die Säle -der Fürsten und Herren mit dem falschen Prunk ihrer Taten zu füllen, sie -malte dem Dasein des Bürgers das Schaubild.</p> - -<p>Bürger und Bauern sahen sich selber geschildert mit ihrem täglichen -Umstand; das Vieh auf der Weide, das leckere Wildbret des Händlers, der -helldunkle Raum ihrer Höfe, alles wurde behaglich auf saubere Tafeln gemalt, -und die fröhliche Wolkenlast ihrer Landschaft.</p> - -<p>So trat in Holland die Kunst aus den Kirchen und Höfen neu in die -Wirklichkeit ein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span></p> - -<h3 id="sec8_7">Rembrandt</h3> - -<p>Das Land war reich und seines eigenen Daseins fröhlich das Volk, daraus -noch einmal ein Großer aufstand, uraltes Geheimnis der Seele neu -zu verkünden.</p> - -<p>Rembrandt hieß er und war der Sohn eines Müllers in Leiden; er -lernte das Handwerk der Schilderkunst, aber nicht Bürger und Bauern -zu schildern lag seiner funkelnden Seele im Sinn.</p> - -<p>Sie war aus dem Dunkel zu rasch in den Tag geboren, nun sah sie nichts -als das Licht an den Dingen, das siegreiche Licht und seinen unheimlichen -Bruder, den Schatten.</p> - -<p>Alles was war, wurde dem Auge in Licht geboren; der dämmrige Raum -und die weithin schimmernde Ferne, die Menschen darin und die Bäume: -alles war angetan mit einer Krone von Licht und mit dem Schleppengewand -seiner Schatten.</p> - -<p>Alles war Wunder, was den Augen Wirklichkeit hieß, und wurde Erscheinung -im Märchenkleid seiner Beleuchtung.</p> - -<p>Und wenn die Seele die staunenden Augen zumachte, war das Wunder -nicht aus: dann standen die Räume inwendig gleich so im zarten -Helldunkelgeheimnis, schritten Gestalten ihr zu, magisch umleuchtet -oder zu dunklen Gruppen gespenstisch vereinigt vor den schimmernden -Gründen.</p> - -<p>Und waren nicht mehr die Menschen des Tages; als ob die Seele ein -Zauberglas wäre, durch Zeit und Raum alle Fernen des irdischen Daseins -zu spiegeln, so kamen sie an aus der alt- und neuen Geschichte, aber zumeist -aus der Bibel:</p> - -<p>David und Saul und die heroische Esther, die Erzväter und der geblendete -Simson; und hatten die Kleider an, wie sie die Juden in Amsterdam -trugen, faltenfarbige Gewänder und buntes Geschmeide.</p> - -<p>So war der Sohn des Müllers in Leiden, der als ein Meistergesell der -Schilderkunst nach Amsterdam kam, ein Märchenprinz seiner Augen, und -hatte die Hände geübt, die Zauberkünste des Lichts aus den Raumtiefen der -staunenden Seele auf seine Tafeln zu bringen.</p> - -<p>Da liefen ihm bald die Ratsherren zu und die reichen Kaufleute, sein -Wunder mit gnädigen Worten und auch mit silbernem Kauf zu belohnen; -und Saskia trat aus der Lichtflut sonniger Träume lächelnd und lockend -in seine Wirklichkeit ein.</p> - -<p>Sie wohnte mit ihm und hieß seine Frau, und es wurde ein glühendes -Glück um den Sohn des Müllers aus Leiden in seinem kostbaren Haus,<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span> -darin sich die Pracht und die Schönheit jubelnd und inniger fanden als in -dem prunkenden Schloß zu Versailles.</p> - -<p>Er malte die Männer und Frauen der Stadt auf seine Tafeln; so reich -war sein Glück, daß er die derben Gesichter und weißen Halskrausen leuchtend -damit übergoß.</p> - -<p>Aber wenn ihn der funkelnde Reichtum ganz überschäumte, dann malte -er Saskia; und nie stand die sinnenfrohe Jugend so glühend im Glück, wie -er das liebe Gesicht und die Hände, den selig gebeugten Nacken in bernsteingoldener -Lichtflut verklärte.</p> - -<p>Sechs Jahre nur währte die glühende Hochzeit, dann starb ihm das -jubelnde Licht in die Dunkelheit hin; aus allen Raumtiefen krochen die -Schatten heran und wollten sein eigenes Licht heimholen in ihren dunklen -Bereich, wo Saskia war.</p> - -<p>Der Tod war das dunkle Geheimnis, darin sich jede Flamme und jeder -Lichtstrahl verirrte: aber der Tod war auch die unendliche Weite, daraus -sich das irdische Leben im Licht seiner Augen endlich abgrenzte.</p> - -<p>Das war die Zeit, da Rembrandt die Schützengenossenschaft malte, -die im Sonnenschein auszog zur festlichen Freude, und die eine ängstliche -Insel des Lichts in der brandenden Dunkelheit, eine Nachtwache wurde.</p> - -<p>Der Gram saß mit ihm, und bald kam die Sorge als dritte dazu, -er konnte die derben Gesichter und weißen Halskrausen nicht mehr besonnen; -der ein Märchenprinz war, konnte nicht mehr seine Schulden -bezahlen.</p> - -<p>Es war ein Hammer in Amsterdam, der klopfte zum ersten, zum zweiten -und dritten, und als er zum drittenmal klopfte, war es sein kostbares Haus -und alles Geschmeide und all das edle Gewand, das Saskia trug.</p> - -<p>Hendrikje hieß sie, die tapfere Magd, die dem darbenden Mann alles -zubrachte, was sie besaß: ihre schaffenden Hände, ihre dienende Treue und -furchtsame Liebe und ihren gesunden Leib.</p> - -<p>Sie lebten zusammen, die Magd und der Meister, und ihre Beharrlichkeit -hielt ihm die Kammer, darin er mit schwerer Hand und suchenden -Sinnen seine letzten Tafeln und Leinwände bemalte.</p> - -<p>Das Licht war eine düstere Glut in seinen Augen geworden und seinem -Bruder, dem Schatten, unheimlich verwandt: Berge und Bäume und all -die vertrauten Gestalten der Bibel tauchten nun auf aus der dunklen Tiefe, -wie ein Feuer bei Nacht brennt.</p> - -<p>Wie ein Zauberer gespenstische Zeichen ausschreibt, so jagte sein Pinsel -die Farben groß ineinander, fremd für die Ratsherren und reichen Kaufleute -und nicht mit gnädigen Worten und silbernem Kauf belohnt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span></p> - -<p>Arm und fast schon vergessen starb Rembrandt, der ein Märchenprinz -war und sein Alter am Leuchtturm des Schicksals verbrachte.</p> - -<p>Noch einmal hatte ein Großer uraltes Geheimnis der Seele verkündigt, -nun kam der französische Tag, die Fürsten und Völker mit seinem gleißenden -Glanz zu betören.</p> - -<p>Das jubelnde Licht und die düstere Glut seiner jungen und alten Stunden -blieb einsam lebendig, wie eine Seele nicht stirbt und ein Stern nicht -versinkt.</p> - -<h3 id="sec8_8">Der große Kurfürst</h3> - -<p>Der Kurfürst von Brandenburg war vor dem Kaiser ein Sperling, -aber er war in Holland erzogen und hatte im Haag den Habsburger Zorn -ohnmächtig gesehen, weil ihm ein tüchtiges Volk mit Klugheit und Kraft -die Tür wies.</p> - -<p>Auch war der Prinz von Berlin der Eidam des Statthalters geworden, -so fiel ihm ein Schein der oranischen Macht zu, neue Kerzen in Brandenburg -anzubrennen; denn schlimmer als eines hatte sein Land die Leiden des -Krieges erfahren.</p> - -<p>Weitab vom Rhein, hinter den Städten der Hansa, mit kärglicher -Wüste und künstlichen Grenzen, in Sand und Sümpfen von Slavien lag -sein verzipfeltes Kurfürstentum: germanisches Vorwerk und mühsames -Ansiedlerland.</p> - -<p>Kolonisten, aus Frankreich vertrieben und Bauern aus Holland, durch -Freiland und mancherlei Gunst angelockt, mußten das Land von der Havel -zur Warthe notdürftig füllen, das durch den langen Krieg menschenleer -war.</p> - -<p>Der Staat, das bin ich! so hatte der Jüngling in Frankreich die Losung -des Fürsten gesprochen; daß sie dem Kurfürsten in Brandenburg wahr -werde, mußte sein schlimm verwüstetes Land erst ein Staat und er selber -sein Herr werden.</p> - -<p>Allerlei Völker, Städte und Stände waren ihm untertan und wollten -regiert sein nach ihren Rechten; er aber wollte sein Herrschergewand nach -eigenem Maß nähen und warf das Flickwerk der Herkunft ins Feuer.</p> - -<p>Kein Fürst nahm seinen Städten und Ständen mehr Freiheit und -Herkunft, als Friedrich Wilhelm in Brandenburg tat, den sie danach den -großen Kurfürsten nannten.</p> - -<p>An der sumpfigen Spree in Berlin stand seine düstere Burg, den Trotz -der eigenen Bürgerschaft blutig zu dämpfen; alles, was er besaß, war ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span> -bestritten, und nur sein immer gerüstetes Heer gab ihm die Macht, es zu -halten.</p> - -<p>Wohl baute auch er sein Versailles draußen in Potsdam, aber es blieb -nur ein rüstiges Landschloß, und den Lustgarten davor hielt die Havel ängstlich -begrenzt.</p> - -<p>Vor dem Kaiser war er ein Sperling, vor dem König von Frankreich -nur eine zornige Biene; aber er wurde nicht lässig, die Waben zu bauen, bis -Ordnung und Wohlstand in Brandenburg schüchtern begannen.</p> - -<p>Als Turenne nach der Pfalz auch Holland mit Krieg überzog, bekam -der König von Frankreich den Stachel zu fühlen: mit seinem trefflichen -Heer sprang der Kurfürst dem Oranier bei und rastete nicht, bis den Franzosen -endlich der Reichskrieg erklärt war.</p> - -<p>Aber Ludwig, der Hofmeister der Fürsten, hetzte ihm listig die Schweden -ins Land; so mußte die zornige Biene eilig nach Hause.</p> - -<p>Die reitenden Boten hatten kaum seine Ankunft gemeldet, da fiel ein -Handstreich schon über die Schweden in Rathenow her; und als er die -Hauptmacht bei Fehrbellin fand, griff er sie an, wo sie stand, und jagte sie -in die märkischen Sümpfe.</p> - -<p>Die Schweden mußten den Einbruch teuer bezahlen, Pommern samt -Rügen ging ihnen verloren; als sie im Winter durch Livland in Preußen -einbrachen, kam der Kurfürst mit Schlitten über das Kurische Haff und -jagte die Scharen bis Riga.</p> - -<p>Da war der Sperling ein Sperber geworden, der kleine Kurfürst von -Brandenburg hatte allein die schwedische Großmacht geschlagen.</p> - -<p>Ob er den Schweden noch einmal Pommern und Rügen hergeben -mußte, weil ihn der Kaiser im Frieden verließ: Ludwig, der listige Rechner, -hatte die Stärke erkannt und sandte ihm heimliche Botschaft.</p> - -<p>Zwischen Wien und Versailles stand er nun schlagfertig da; im Handel -der Großen galt er kaum mehr denn ein hitziger Klopffechter, aber sie mußten -ihm seine Verträge halten.</p> - -<p>Was Sachsen einst war, war Brandenburg durch ihn geworden: die -protestantische Schutzmacht im Reich, die Hoffnung aller Vertriebenen -und der Anwalt aller Bedrohten.</p> - -<p>Mehr Untertanen gewann er durch Gunst als durch Kriege, und Landesvater -hießen sie ihn, denen der Kurfürst in Brandenburg nach bitterer -Verfolgung ein evangelischer Kirchenherr war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span></p> - -<h3 id="sec8_9">August der Starke</h3> - -<p>Den deutschen Simson hießen die Lobredner ihn, weil er so stark war: -Hufeisen zerbrach er wie Holz, und das wildeste Pferd wurde schwach unter -seinen gewaltigen Schenkeln.</p> - -<p>Er war nur ein Prinz aus Kursachsen, wo sein Vater, der Kurfürst, sich -täglich betrank und sein Bruder, der Kurprinz, Sybilla von Neitschütz als -lockeres Liebchen genoß.</p> - -<p>So ging er wie alle Prinzen auf Reisen, und an den Höfen Europas -war bald von dem unbändigen Jüngling die Rede, der die Frauen und -Pferde wie keiner zu bändigen wußte, und der die Laster der höfischen Welt -lachend genoß.</p> - -<p>Sein Bruder starb an den Blattern, so wurde August, der Starke geheißen, -Kurfürst in Sachsen und sollte daheim in Dresden regieren; aber er -zog in den Türkenkrieg als prahlender Feldherr des Kaisers, und als ihm das -rauhe Handwerk nicht paßte, blieb er in Wien, bequemeren Ehrgeiz zu -pflegen.</p> - -<p>Johann Sobieski, der tapfere König in Polen, war tot, und August der -Starke wollte sein Nachfolger werden.</p> - -<p>Er brauchte viel Geld, die Gunst der polnischen Großen zu kaufen, auch -mußten die Höfe in Wien und im Reich ihm willfährig sein: so gab er den -Fürsten sächsisches Erbland dahin und nahm die silbernen Taler dafür.</p> - -<p>Auch mußte er seinen lutherischen Glauben abschwören; wofür seine -Väter Not und Verfolgung litten, er warf es hin wie einen verschlissenen -Mantel.</p> - -<p>So wurde August der Starke König in Polen, und Dresden stand ihm -wohl an, darin zu regieren; denn nun war der rauschende Glanz um ihn, -gleich seinem Abgott in Frankreich die Majestät seines Hofes zu spielen.</p> - -<p>Die Sachsen mußten es teuer bezahlen, daß ein polnischer König ihr -Kurfürst war, Schulden und Nöte bedrängten das ärmliche Land, indessen -zu Dresden die höfische Üppigkeit anschwoll.</p> - -<p>Frauen und Pferde waren noch immer die Liebe August des Starken, -aber nun prangte die Krone an ihrem Kleid und Geschirr: Feste und Jagden -hielten dem lüsternen König das Jahr in der Schwebe und der unendliche -Umstand kostbarer Bauten.</p> - -<p>Den deutschen Simson hießen die Höflinge ihn, der sein Leben in Lust -und Liederlichkeit hinbrachte, und ein vergoldetes Reiterbild stellten sie ihm -auf den Markt, der das sächsische Haus um die stolze Vergangenheit und -sein Land um die Zukunft betrog.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span></p> - -<h3 id="sec8_10">Der König in Preußen</h3> - -<p>Der Sohn des großen Kurfürsten war nur ein schwaches Gewächs; -aber sein Ehrgeiz brannte die flackernde Flamme, König zu heißen, statt nur -ein Kurfürst des Reiches zu sein.</p> - -<p>Kurfürst des Reiches hieß er in Brandenburg; als Herzog in Preußen -jedoch war er dem Kaiser nicht untertan, dort saß er aus eigenem Thronrecht.</p> - -<p>Herzöge in Preußen waren die Hohenzollern, seitdem Albrecht von -Brandenburg, der letzte Hochmeister, das Ordensland Preußen zum weltlichen -Fürstentum machte und seinem Hause vererbte.</p> - -<p>Aber der Kaiser konnte dem Herzog in Preußen den Königstitel verwehren, -weil er ein Reichsfürst war: sieben Jahre lang mußte der Kurfürst -von Brandenburg an der Hofburg in Wien Bittsteller sein, bevor seine -Stunde kam.</p> - -<p>Der Kaiser brauchte Soldaten zum spanischen Erbfolgekrieg und Friedrich -der Kurfürst mußte ihm für die preußische Krone mehr als die reichsfürstliche -Heerfolge leisten.</p> - -<p>So kam der Prinz Eugen zu den preußischen Truppen, die bei Turin, -bei Höchstädt, in Flandern und Frankreich tapfer den Ladestock hielten; -und der Dessauer fluchte dazu seine Schwüre.</p> - -<p>Die Schwüre und Flüche störten den Kurfürsten nicht, als er in Königsberg -die bebende Hand nach der Krone ausstreckte; er war in Scharlach gekleidet -mit Knöpfen aus Diamant, deren jeder ein stattliches Bürgerhaus -wert war.</p> - -<p>Juweliere und Schneider hatten das ihre getan, aus ihm einen König -zu machen; auch ließ er sich salben mit Öl und hatte zwei Bischöfe ernannt, -die sonst ehrsame Prediger in Königsberg waren, daß sie den kirchlichen -Pomp an ihm übten.</p> - -<p>Das Volk aber konnte die Freuden des Tages wie bei der Kaiserkrönung -in Frankfurt genießen: der Weinbrunnen floß, und der Ochs am Spieß -bot seine gebratenen Lenden den lüsternen Mäulern dar.</p> - -<p>Der Sohn des großen Kurfürsten war nur ein schwaches Gewächs; -aber der Hermelin deckte die kränklichen Schultern, als er im Glanz der -neuen Königskrone zurück nach Berlin kam.</p> - -<p>Da hatte ihm Schlüter die düstere Burg an der Spree mit Höfen und -Sälen erweitert, daß sie ein Königsschloß war ohnegleichen in Deutschland: -die Pracht kam vor der Macht; aber als die preußische Macht danach kam, -wollte sie nicht in der Pracht wohnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span></p> - -<h3 id="sec8_11">Prinz Eugen</h3> - -<p>Der Frieden zu Rijswijk hatte den kläglichen Krieg um die Erbschaft -der Liselotte beendigt, aber er war nur ein Stillstand im Erbstreit der Fürsten, -ein Notdach, das schwarze Gewölk zu erwarten, das über dem Abendland -hing.</p> - -<p>Denn Karl, der spanische König, war krank, ohne Erben; die Sippe der -Habsburger stand lauernd am Bett, seinen Tod zu erwarten: Wien und -Versailles hielten die Schwerter bereit, das Blut ihrer Völker an die spanische -Erbschaft zu wagen.</p> - -<p>Der König von Spanien starb, und wie das Getier des Waldes über -ein brechendes Wild, so brachen die Heere ins Land; bald war Europa vom -Kriegslärm erfüllt und voll vom Ruhm des Prinzen Eugen.</p> - -<p>Er war ein Prinz von Savoyen und Feldherr des Kaisers; seitdem er -bei Zenta die große Türkenschlacht schlug, hing seinen Fahnen der Sieg an.</p> - -<p>Vierzehn Jahre lang hielt der spanische Erbfolgekrieg den Prinzen im -Sattel: er schlug die Franzosen zuerst bei Cremona, er traf sie bei Höchstädt -im bayerischen Donautal schwer und schlug sie zum drittenmal hart bei Turin.</p> - -<p>Er ritt nach Neapel und lag vor Toulon, er kämpfte in Holland und -Flandern, von der blutigen Walstatt zu Malplaquet fuhr er nach Frankreich -und brach dem König das prahlende Lille aus dem Stachelkranz seiner -bewaffneten Plätze.</p> - -<p>Er war ein Herzog, wie einmal die Helden der Völker Herzöge waren; -wo es am heißesten herging, war er zu finden, und so viel Kugeln trafen den -Kühnen, daß kein Musketier böser vernarbt war als er.</p> - -<p>Der Prinz Eugen hieß er bei Großen und Kleinen, sein Name allein -war eine flatternde Fahne, wo er sein Lager hielt, liefen Reiter und Fußvolk -ihm über.</p> - -<p>Und als der blutige Krieg um die spanische Herrschaft endlich ausging, -nicht gut für das Reich und den Kaiser, weil ihm das englische Ränkespiel -zuletzt den Sieg aus der Hand nahm: machte er selber den Frieden zu Rastatt -und war ein kluger Staatsmann, wie er ein kühner Feldherr gewesen -war.</p> - -<p>Zwei Jahre lang saß er in Wien, und war schon grau und dachte der -Ruhe zu pflegen, als ihn die Türkengefahr noch einmal ins Feld rief.</p> - -<p>Er hatte als Jüngling vor Wien nach dem ersten Lorbeer getastet, bei -Ofen und Belgrad die ersten Wunden empfangen, bei Zenta den feurigen -Ruhm seines Namens gefunden: nun zog der Graukopf gegen den alten -Feind, sein Leben zu krönen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span></p> - -<p>Der blutige Krieg um die spanische Erbschaft hatte ihm einen fremden -Dienstmantel umgehängt, nun war er wieder daheim, und siegesgewiß kam -das Heer, mit dem Prinzen Eugen zum letztenmal gegen die Türken zu -fahren.</p> - -<p>So war der Sieg bei Peterwardein die Ehrenschrift seines Ruhmes -und der Sturm auf Belgrad das Siegel; als er dann wieder nach Hause -kam, standen die Türen der Hofburg weit auf, aber das Volk von Wien -herzte den Namen des Prinzen wie eine Liebe.</p> - -<p>Max, der ruhmvolle Kaiser, war durch die Straßen geritten, und Wallensteins -Sänfte hatte den Prunk seines düsteren Daseins getragen: aber -der Prinz Eugen war der Türkenbezwinger, er hatte den Halbmond gebannt, -daß wieder die Sonne auf Wien schien.</p> - -<p>Wie einer sein Glück in der Welt macht und danach die Zinsen daheim -fröhlich genießt, so lebte der Prinz sein Alter in Wien, sein Haus reich und -schön zu bestellen.</p> - -<p>Den Belvedere hieß er den feinen Palast, darin er gepudert und zierlich -gekleidet die alternden Tage hinbrachte, schöne Dinge zu sammeln und -kluge Menschen zu hören, Musik und eine stolze Geliebte als Greis zu genießen.</p> - -<p>Der seine Mannheit auf den Schlachtfeldern Europas hinbrachte, -hauchte sein zärtlich umhegtes Leben aus wie ein Windspiel; in seinem -prunkreichen Bett starb Eugen, dem das Glück von Wien zufiel, obwohl er -ein Prinz von Savoyen war.</p> - -<h3 id="sec8_12">Die fürstlichen Schlösser</h3> - -<p>Das war die Zeit der fürstlichen Schlösser; nicht mehr die Burgen der -Ritter von einst, auf waldigen Bergen, im sumpfigen Wasser, mit moosigen -Mauern und plumpen Türmen befestigt: Prunkstätten der höfischen -Hoffahrt und fürstlichen Willkür standen sorglos im offenen Land.</p> - -<p>Wasserkünste und Lauben, aus Buchs künstlich geschnitten, gezirkelte -Wege und breite Terrassen mit Lorbeerkugeln bestellt, marmorne Götter -und Faune, hängende Gärten und heimliche Brücken ahmten das Bild von -Versailles abgöttisch nach.</p> - -<p>Und wie die Gärten dienten die Schlösser dem Abgott der Fürsten: -Der Staat, das bin ich! so stand ihr prahlendes Wesen mitten in Armut -und mühsamer Arbeit.</p> - -<p>Der Winzer pflegte den Weinberg, der Bauer bestellte die Felder, der -Bürger versuchte sein redliches Handwerk zu treiben, wie es in alter Zeit<span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span> -war: aber dem kläglich zerbrochenen Dasein der Deutschen war ein fremder -Prunkmantel angetan.</p> - -<p>Längst sprachen die Fürsten und Herren französisch, französische Kleider -und Sitten hielten den Hof hochmütig fern vom verachteten Wesen -der Bürger und Bauern.</p> - -<p>Und Höfe gab es in Deutschland, als ob das Reich der Eulenhorst fürstlicher -Herrlichkeit wäre; Länder und Länderchen hielten die Grenzen peinlich -gehütet, damit überall eigene Fürstenmacht sei.</p> - -<p>Auch waren die adligen Herren dem Hof und den Höfchen gelehrige -Schüler; kein Dorf stand im Reich, das nicht sein Krähennest hatte, und -wer nicht fürstlicher Untertan war, hieß ihrer Herrschaft leibeigen.</p> - -<p>Untertan sein aber hieß, der fürstlichen Allmacht demütiger Diener, mit -Leib und Blut der höfischen Zwingherrschaft verfallen sein.</p> - -<p>So war die freie Gemeinde in Sonntag und Werktag geschieden: indessen -Bürger und Bauern den mühsamen Trott der Werktage gingen, saß -in den Schlössern der ewige Sonntag zu Tisch.</p> - -<p>Blinkende Gläser und dampfende Schüsseln, seidene Kleider und stolze -Perücken, lüsterne Tänze und Spiele, faule Tage und fleißige Nächte füllten -die Säle und Hallen der Schlösser, indessen draußen die Arbeit und -Plage den schweren Stundenschlag hatten.</p> - -<p>Leichtsinn und Laster nahmen der ehrlichen Arbeit den Lohn; Frechheit -und Faulheit fraßen den Trog leer, den die verachteten Hände der Bürger -und Bauern mühselig füllten.</p> - -<p>Gott war nach Frankreich gegangen, und die sein Priesterkleid trugen, -dienten ihm gern in der Fremde; Fürsten und Pfaffen glänzten im Glück -der welschen Erhöhung, die Seele der Deutschen saß stumm und verachtet -im Turm der Bedrängnis.</p> - -<h3 id="sec8_13">Der Soldatenkönig</h3> - -<p>Indessen die Fürsten und Höfe in Deutschland verwelschten, indessen -der Troß ihrer Minister, Mätressen, Pferde und Jäger den mageren Wohlstand -der Länder verzehrte, wurde in Preußen, so hieß es, ein geiziger Grobian -König.</p> - -<p>Hermelin und Krone hielt er für unnützen Zierrat, der Soldatenrock -war sein tägliches Kleid und der Krückstock sein Zepter; er schnitt dem prunkenden -Hofstaat des Vaters die Goldlitzen ab und wohnte wie ein Landedelmann -draußen in Potsdam.</p> - -<p>Soldaten, Bürger und Bauern: mehr brauchte er nicht für das Land,<span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span> -nur Prediger noch und Schulmeister, daß sie dem Untertan Zucht und -Sitte beibrächten und den rechten Gehorsam.</p> - -<p>Der Staat, das bin ich! galt auch für ihn; aber sein Wille war keine -Willkür sondern Dienst am Gesetz, dem er der oberste Richter sowohl wie -der unterste Büttel war.</p> - -<p>Wie Peter der Große, sein russischer Nachbar und Freund, hielt er -vom Galgen mehr als von sonst einer Weisheit; Männer und Frauen -eigenhändig zu prügeln, wo er sie ungehorsam fand, galt ihm keine Schande -für einen König.</p> - -<p>Künste und Wissenschaft schienen ihm Laster und Torheit; Gesangbuch -und Bibel, mehr brauchte es nicht, und wen die Musik lockte, der mochte -ein Kirchenlied singen.</p> - -<p>So war der preußische Königshof keine Stätte, sich bunt und leicht zu -vergnügen; seine Stunden gingen im Trommeltakt, und sein Abendgenuß -war eine Wachstube mit Tabak und Bier und saftigen Späßen.</p> - -<p>Aber der König im Soldatenrock, der seinen Stock als Überredung gebrauchte -und der seinem Untertan kein anderes Recht gab, als zu gehorchen, -tat seine Pflicht so treu und genau, wie er sie selber verlangte.</p> - -<p>Sie lachten seufzend und liefen erschrocken davon, wenn er sich nahte; -aber sie sahen den Staat trefflich bestellt; und wo in den anderen Ländern -die Löcher der Schuldenlast faulten, wuchsen bei ihm die silbernen Haufen -der Taler.</p> - -<p>Denn der König von Preußen, den die anderen Fürsten für einen geizigen -Grobian hielten und der in Potsdam wie ein Landedelmann wohnte, -war ein kluger Haushalter und ein Meister gerechter Verwaltung.</p> - -<p>Es gab keinen kargeren Dienst als in Preußen, aber es gab auch keine -höhere Ehre: wie der Soldat den Rock des Königs trug, so hielt der Beamte -sein Siegel.</p> - -<p>Der Staat des Soldatenkönigs war wie eine Kaserne verwaltet; aber -der Bürger und Bauer kam zu dem Seinen, indessen Minister, Mätressen, -Pferde und Jäger den kargen Wohlstand der Länder rundum verzehrten.</p> - -<h3 id="sec8_14">Der Gutsherr von Rheinsberg</h3> - -<p>Der preußische König, sein Land mit dem Krückstock regierend, wollte -den Sohn nach seinem Bilde erziehen; der aber hing an den Schößen der -Mutter, die eine welfische Fürstin und heimlich dem höfischen Prunk zugetan -war, wie der König ihn haßte.</p> - -<p>Auch war der Kronprinz ein kränkliches Kind, dem alles soldatische Wesen<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span> -leid war; verstohlen die Flöte zu blasen und die Bücher französischer -Dichter zu lesen, rief seiner Sehnsucht ein anderes Königreich wach, als das -der König regierte.</p> - -<p>Als danach der Prinz am sächsischen Königshof weilte, sah er die Freuden -der Welt leichtfertig verschüttet, davon er in Preußen nur sparsam zu -kosten bekam; er trank sich voll daran, und hätte die Hand eher abgeschnitten, -als daß er sie hieß, nicht nach dem Lustbecher zu greifen.</p> - -<p>Aber der Stock des preußischen Königs schonte sein eigenes Blut nicht; -ob es der Thronerbe war, er mußte mit Schlägen die Lust und den Trotz -büßen, und der Hof sah zu, wie dem Kronprinzen solches geschah.</p> - -<p>Der Schmach und der Zucht zu entweichen, rief der Prinz seine Freunde -Katte und Keith und dachte, nach England zu fliehen; aber er wurde ergriffen -und wie ein Verbrecher nach Preußen zurück auf die Festung gebracht.</p> - -<p>Küstrin hieß der düstere Ort, wo Katte, den Freund, vor seinen Augen -das Richtschwert ereilte; ein Turm am Wasser im festen Schloß war dem -Kronprinzen ein hartes Gefängnis, bis er sich beugte.</p> - -<p>Als seines Vaters treu gehorsamer Diener und Sohn saß er danach bei -den Akten der Kammer; als seines Vaters treu gehorsamer Diener ließ er -sich eine Gemahlin auswählen, die er nicht kannte, und die ihm fremd blieb -Zeit seines Lebens.</p> - -<p>In jeder Stunde bewacht und bemißtraut, an der dünnen Schnur hängend, -die ihm die Schere der Ungnade täglich durchschneiden konnte, wurde -der Kronprinz ein Zögling mißtrauischer List und kalter Verstellung, bis er -in Rheinsberg die Meisterschaft lernte.</p> - -<p>Da hatte der König dem Prinzen ein Schloß aufgemacht, weitab von -der Hauptstadt, daß er als Landedelmann lerne, ein einfaches Leben mit -seiner Gemahlin zu führen.</p> - -<p>Mitten in Wiesen und sumpfigen Wäldern, mit einer steinernen Halle -zum See lag das schlanke Gebäude in der Einsamkeit da, ein Gutsherrenhaus -für den Jäger und Landwirt: aber der Prinz machte Versailles zum -Trotz das neue Wunder Europas daraus.</p> - -<p>Wohl gab es allerlei Höfe, wo sich der Geist in Nebengemächern aufhalten -konnte, auch hielten die Fürsten sich Künstler, mit prahlenden Leinwänden -und Marmorbildern den Glanz ihrer Herrschaft der staunenden -Nachwelt zu zeigen: aber hier war der Geist selber zu Haus, und die Kunst -ging den eigenen Weg, ihm zu dienen.</p> - -<p>Wie ein Jagdherr fröhliche Freunde versammelt, so rief der preußische -Kronprinz die Seinen nach Rheinsberg: sprühender Witz und spöttische<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span> -Laune, helle Musik und freie Gespräche saßen zu Tisch und kreisten sich aus -in zierlichen Tänzen.</p> - -<p>Fürstlich allein war der Geist; kein höfischer Zwang, kein starres Gepränge -hing ihm den staubigen Prunkmantel um: und eher hätte in Rheinsberg -ein Frosch in die Zimmer gefunden, als daß die stelzende Würde hinein -kam.</p> - -<p>Soldaten und Pfarrer, Gelehrte und Dichter und Künstler waren die -Gäste des Gutsherrn, aber ihr Amt und die Würde hing mit den Mänteln -und Mützen am Nagel; nur was der Mann war kraft seiner Bildung, -durfte im Schimmer der Kerzen sein Angesicht zeigen.</p> - -<p>Der Menschengeist hob in Rheinsberg sein freies Gesicht gegen die staubigen -Mächte; was in der Jugend Europas zu brennen begann, saß mit dem -Prinzen am Feuer; und ob er die Sprache Ludwig des Vierzehnten sprach, -hinter den Worten stand doch der Geist, anderer Taten gewärtig.</p> - -<p>Einen Musenhof hießen sie bald das Gutsherrenhaus in der Mark und -einen Medici seinen gastlichen Herrn; die aber in hitzigen Nächten sein großes -Auge gewahrten und seinen Zorn funkeln sahen, ahnten, daß andere -Dinge in seinem Feuerkopf brannten, als ein Beschützer der Dichter und -Denker und Künstler zu sein.</p> - -<h3 id="sec8_15">Der König</h3> - -<p>Dreimal brach Friedrich, der König von Preußen, den Frieden; sein -Recht war nicht rein, und die Habsburger hießen es Raub, daß er sich -Schlesien nahm: aber der Ruhm seiner freien Gesinnung, die Kraft seiner -Taten, seine Standhaftigkeit in der Not und seine Klugheit im Glück -machten ihn groß vor den Völkern.</p> - -<p>Ein alter Erbstreit um Schlesien schien durch die Jahre geschlichtet, als -Friedrich die Not der Hofburg benutzte, den Streit auf die Spitze des -Schwertes zu stellen.</p> - -<p>In Wien war der letzte Habsburger Kaiser gestorben, und seine Tochter -Maria Theresia sollte die Erbin der österreichischen Fürstenmacht sein, aber -die Höfe bestritten der Tochter das Recht zu regieren: Bayern, Sachsen, -Frankreich und Spanien sagten der Hofburg den Erbfolgekrieg an.</p> - -<p>Schneller als einer war Friedrich von Preußen zur Hand; er stand im -ersten Jahr der Regierung und brannte mit Inbrunst auf seine Stunde: -im Herbst war der Kaiser gestorben, zu Weihnachten schon war Schlesien -in seiner Gewalt.</p> - -<p>Seine Kassen waren mit silbernen Talern gefüllt, und das preußische<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span> -Heer kam aus der strengen Zucht seines Vaters: Österreich allein, bedrängt -und verschuldet, konnte sich seiner schnellen Schläge nicht wehren; Maria -Theresia mußte im Frieden zu Breslau Schlesien lassen.</p> - -<p>Der König von Preußen hatte die Gunst der Stunde kaltblütig genützt, -aber nun war sein Schicksal verstrickt; was er gegriffen hatte, mußte -er halten, das preußische Dasein hing an dem Raub.</p> - -<p>Maria Theresia wehrte sich tapfer all ihrer sonstigen Feinde, und Friedrich -wußte, wie sie um Schlesien weinte: der Frieden von Breslau war für -die Hofburg nur erst ein Stillstand, bevor der zweite Waffengang kam.</p> - -<p>Im zweiten Gang schlugen die Waffen schon schärfer; als Friedrich in -Böhmen einrückte, ließen Franzosen und Bayern, auf die er gehofft hatte, -ihn kläglich im Stich; der eben noch Jäger war, hörte nun selber die Hunde -bellen.</p> - -<p>Schon bliesen die Habsburger Halali, weil sie den König in Böhmen -eingekreist hatten; er aber wußte die harte Bedrängnis in Sieg zu verkehren, -indem er die feindlichen Heere nach Schlesien lockte, wo er die ruhmreiche -Schlacht bei Hohenfriedberg mit einem tollkühnen Nachtmarsch gewann.</p> - -<p>Es war sein erstes Soldatenstück, weil er mit seinem gerüttelten Heer -mitten in starker Übermacht stand: aber schon hatte der König im Unglück -gelernt, das Glück zu versuchen: nun sah er, daß es dem Mutigen beistand.</p> - -<p>Noch aber konnte er seinen Gewinn nicht lässig heimtragen, bei Soor -in den böhmischen Bergen stand sein Glück auf der Schneide; erst als der -alte Dessauer dem König bei Kesselsdorf Luft machte, gab Habsburg den -zweiten Gang auch verloren.</p> - -<p>Der Frieden von Dresden beschwor den Frieden von Breslau; Maria -Theresia mußte zum andernmal Schlesien lassen, zum andernmal ritt der -König von Preußen als Sieger nach Haus.</p> - -<p>Aber es war ein härteres Spiel und ein kühnerer Einsatz gewesen, keine -Gunst der Stunde hatte ihm leichten Gewinn und Lorbeer gelassen: er -hatte auf Tod und Leben gerungen und hatte das Schicksal erkannt, wie es -nur seinem Meister Kühnes zu tun gestattet.</p> - -<h3 id="sec8_16">Der Spötter von Sanssouci</h3> - -<p>Es war im fünften Jahr seiner Regierung, als Friedrich der König in -seine Hauptstadt zurück kam; er hatte den preußischen Staat vermehrt um -eine reiche Provinz, er hatte den Ruhm des Sieges gekostet, aber er war -noch immer der Gutsherr von Rheinsberg.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span></p> - -<p>Er wollte sein Fürstentum anders als sonst die Fürsten genießen, emsige -Tätigkeit innen und außen sollte den Tag füllen – denn König hieß ihm -als oberster Diener des Staates die Unruhe aller Pflichträder sein – aber -der Abend sollte ihm selber gehören.</p> - -<p>Sanssouci hieß er sein helles Lustschloß bei Potsdam, das ihm der heitere -Knobelsdorff baute, der Hausgenosse von Rheinsberg; gleich einem -Abendgewölk stand es da auf den grünen Terrassen.</p> - -<p>Nicht wie Versailles hielt es sein Angesicht abgewandt: über die roten -Dächer von Potsdam, über die blinkende Havel und ihre schwarzgrünen -Wälder führte der Blick in sein fleißiges Land.</p> - -<p>Da war er der König des Geistes, dem seine Tafel ein anderes galt als -ein Tisch mit leckeren Genüssen, da war er der witzige Hausherr, der seine -Gäste verblüffte im kühnen Spiel der Gedanken, da war er der Spötter von -Sanssouci.</p> - -<p>Keiner von seinen Freunden in Rheinsberg war ihm geblieben, und -seine Gemahlin, die dort noch die anmutige Hausfrau war, durfte die -Schwelle von Sanssouci nicht überschreiten; wo Friedrich, der König, -sich wohl fühlte, war er Franzose.</p> - -<p>Der seinen Staat genau nach den barschen Hausväterplänen des Soldatenkönigs -regierte, blieb seinem eigenen Volk fremd in der Seele, wie je -ein Fürst seinem Volk fremd war.</p> - -<p>Voltaire, der Meister boshaften Witzes, stand als der Stern seiner Bildung -über dem Ehrgeiz des Königs, und Sanssouci wurde die lockende -Insel im Osten für alle französischen Geister, die in Paris keinen Ankerplatz -fanden.</p> - -<p>Als Voltaire selber zu Gast kam, als er in Sanssouci saß, fürstlich geehrt -durch die Freundschaft des Königs, war das zierliche Schloß über den -schlanken Terrassen die Gralsburg der Zeit und ihrer spöttischen Laune geworden.</p> - -<p>Sanssouci war, wenn sie zur Tafel dasaßen im kreisrunden Saal, von -Kerzenlicht hell überschüttet, wenn sie mit funkelnder Rede und dolchblanken -Witzen einander die Grenzen bestritten.</p> - -<p>Da konnte der König sich selber und einen mühsamen Tag für flüchtige -Stunden vergessen, da konnte der Spötter von Sanssouci, boshaft und -wild und seines Witzes vermessen, den Übermut zeigen.</p> - -<p>Manch boshaftes Wort ging seinen blitzschnellen Weg an die Höfe, bis -es das richtige Ohr fand; was er an bitterer Feindschaft danach zu fühlen -bekam, hatte der König in Sanssouci keck übernommen.</p> - -<p>Im preußischen Volk ging die Sage von seinen seltsamen Nächten, wo<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span> -er um witzige Worte die Schlachten nicht weniger heiß als um Schlesien -schlug, wo er auf blankem Parkett mit ledernen Stiefeln stand, zärtlich die -Flöte zu blasen, wo der König im Kreis seiner Franzosen ein Mensch war, -indessen sie nur den scharfen Herrn und kargen Sachwalter zu sehen bekamen.</p> - -<p>Ein Fremdling im eigenen Land, verzaubert in fremdes Wort und Werk -und fremde Wertschätzung, saß Friedrich in Sanssouci; wo ein funkelnder -Geist die letzte Erfüllung fand, war sein Volk nicht zu Hause.</p> - -<h3 id="sec8_17">Der Kriegsherr</h3> - -<p>Als Friedrich zum drittenmal auszog, den Frieden zu brechen, hatte sich -rings um das preußische Glück der Kreis seiner Feinde geschlossen: Frankreich -und Österreich, Rußland und Sachsen und Schweden standen im -Bündnis gegen den König; und mehr als Schlesien sollte es gelten.</p> - -<p>Elf Jahre lang hatte die Hofburg heimliche Fäden geflochten, im zwölften -sollte das Netz den frechen Spötter von Sanssouci fangen: aber der -König bekam warnende Kunde aus Holland und hieb in die Maschen.</p> - -<p>Wohl fing er bei Pirna das sächsische Heer und konnte in Böhmen eindringen, -aber der Feldmarschall Daun stand besser gerüstet; bei Kolin schlug -er dem König das Glück und das Schwert aus der Hand.</p> - -<p>Indessen der siegreiche Feind ihm Schlesien nahm, mußte Friedrich nach -Sachsen zurück, den kläglichen Rest seiner Kriegsmacht zu sammeln.</p> - -<p>Da kam schon Soubise mit der Reichsarmee an, und das Glück lachte -den stolzen Franzosen, den schweißenden Fuchs zu fangen; bei Roßbach hatten -sie ihre Falle gestellt, aber der Fuchs biß sich durch, ehe sie dachten.</p> - -<p>So zornig schlug seine Rute unter die Hasen, daß sie zu laufen begannen -von Sachsen bis an den Rhein; und ob es die Reichsarmee war, die mit -den Franzosen davon lief: das Gelächter sprang schadenfroh hinterdrein -und der Jubel, daß der französische Übermut so zu Fall kam.</p> - -<p>Und als der König den Atem nicht anhielt, als er – ein todwundes Wild -– in dreißig Tagen sein kärgliches Heer von Sachsen nach Schlesien führte, -den Schlag gegen die Habsburger Hauptmacht zu wagen, als er das Schalksspiel -von Roßbach bei Leuthen feierlich krönte: da staunte die Welt, daß -wieder ein Kriegsherr und Held war.</p> - -<p>Aber noch waren zwei Jahre erst von den sieben des Krieges bestanden, -und schwer trug das Land an den Leiden: zweimal mußte Berlin Lösegeld -zahlen, und als der Tag von Kunersdorf kam, schien alles zu Ende.</p> - -<p>Das letzte Heer war geschlagen, die besten Führer waren gefallen, Mangel<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span> -und Mutlosigkeit saßen beim Feuer, kein Lied klang mehr aus den Zelten.</p> - -<p>Ein ganzes Jahr lang wollte das Unglück nicht weichen, bis endlich bei -Liegnitz wieder ein Sieg kam; aber es war nur ein Loch in den Maschen, -und die Übermacht blieb.</p> - -<p>Der König war matt und von Schmerzen geplagt; schlug er den Feind -hier, standen ihm dort drei neue: der rasch begonnene Krieg konnte im bösen -Siechtum nicht sterben.</p> - -<p>Da sah die Welt, daß der König ein Held und ein Mann war: standhaft -und stolz zog er die Lose, und nahm das schwärzeste hin, wie ein Held -das Schicksal hin nimmt, um es zu meistern.</p> - -<p>Bis endlich des Blutes genug war und aus den Bränden so vieler Zerstörung -der blasse Frieden zurück kam: in Hubertusburg mußte Maria -Theresia zum drittenmal Schlesien lassen.</p> - -<p>Die großen Mächte Europas mußten den König von Preußen als Sieger -anerkennen; sie hatten Berge gewälzt, ihn zu verschütten, aber immer -noch stand der Sieger von Roßbach und Leuthen.</p> - -<p>Aber nun war es nicht mehr der heitere Gutsherr von Rheinsberg und -nicht mehr der Spötter von Sanssouci: als er zum drittenmal heimkam, -hager, gebeugt von der Gicht und den unsäglichen Leiden, ließ er dem Sieg -das Tedeum blasen und singen; er aber saß in dem hölzernen Stuhl und hielt -sein Auge allein auf den Jammer gerichtet, und seine Getreuen sahen ihn -weinen.</p> - -<h3 id="sec8_18">Der alte Fritz</h3> - -<p>Als Friedrich wieder in Sanssouci saß, hatte das Alter ihn hart berührt, -sein Rücken war steif, und seine gichtigen Beine hatten zu tanzen verlernt; -wie sein zorniger Vater ging er nun selber am Krückstock, aber ihm mußte -das Holz redlicher dienen.</p> - -<p>Sein Spott war scharf wie die Klinge geworden, mit der er bei Roßbach -und Leuthen den Feind aus dem Felde schlug; mehr wußten die großen -Augen zu blitzen, als daß sein schmaler Mund lachte.</p> - -<p>Den Philosophen von Sanssouci hatten ihn seine Freunde aus Frankreich -geheißen; nun waren sie fort; und die den einsamen König daher reiten -sahen, grau und gebeugt, kannten nur seine Taten, nicht seine Schriften, -ihnen war er der alte Fritz.</p> - -<p>Er hatte im Krieg den Schlaf verlernt, nun war sein Tag lang, und in -der frühesten Frühe kam schon die Sorge nach Sanssouci; aber sie saß nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span> -im Stuhl, mit schlaffen Händen zu warten, sie war die Sorge der schaffenden -Pflicht und des rastlosen Fleißes.</p> - -<p>Wie ein Gutsherr das Seine fest in der Hand behält – wohl gehen die -Knechte hinaus in die Felder, die Mägde besorgen den Stall und auf den -Vorwerken sitzen Verwalter, aber er reitet hinaus, ehe sie denken, und läßt -sich das Kleinste nicht reuen, weil er im Kleinen den Wohlstand bedingt sieht -– so sah der König in Sanssouci das preußische Land als sein Eigentum an.</p> - -<p>Bauern und Bürger waren ihm sein Gesinde und die adligen Stände -seine Verwalter; er ritt in ihr Tagwerk hinein, zu loben und schelten, wie er -es fand, er führte das Hauptbuch und saß an der Kasse, und wehe, dem sie -nicht stimmte.</p> - -<p>Daß seine leeren Staatskassen wieder voll würden, nahm er den Städten -die Zölle und ließ aus Frankreich Zollpächter kommen, die ihr Geschäft -mit harter Findigkeit trieben.</p> - -<p>Und ob die Bürgerschaft klagte und heimlich den König samt seinen -Zöllnern verwünschte: er ließ sie klagen und schimpfen, soviel sie mochten, -aber er nahm ihren Schimpf und die Klage nicht an.</p> - -<p>Denn der in der schaffenden Sorge zu Sanssouci saß, kannte den Staat, -aber sein Volk war ihm fremd; er hatte im Krieg den Adel brauchen gelernt -und half ihm mit silbernen Talern; er lobte den Bauern, wie ein Gutsherr -klug sein Gesinde zu loben versteht; er schätzte den Wohlstand der Bürger, -der ihm die Steuern bezahlte.</p> - -<p>Wohl ließ er jedem das Seine und seinen Glauben dazu, wohl nahm er -den Dreispitz und nickte von seinem Pferd, wenn sie ihm jubelnd zuliefen, -der ihrer Liebe und Ehrfurcht der alte Fritz und der preußische Ruhm blieb: -aber er konnte die Liebe mit keiner Liebe entgelten und war im Alter mit -Kälte, was er in seiner Jugend mit Hitzigkeit wurde, ein harter Menschenverächter.</p> - -<p>Der Liebling des Volkes schrieb seine Bücher französisch, weil er die -deutsche Sprache nicht anders zu sprechen vermochte, als sie ein Feldwebel -sprach; seiner hochmütigen Lebensluft blieb jeder als Untertan fremd, weil -er ein König und Feldherr wie keiner, aber ein Fürst seiner Zeit war.</p> - -<p>So hing ihm der Ruhm seiner freien Gesinnung, seines funkelnden -Geistes und seiner Kriegstaten an wie ein geliehenes Kleid; er war der -oberste Diener des Staates, aber nicht seines Volkes.</p> - -<p>Einsam und bitter ins Abendrot blickend von seiner hohen Terrasse, -starb Friedrich, der König von Preußen; nur noch sein Windspiel war um -ihn, als er die großen Augen zu Sanssouci schloß, um die Messerspur seiner -Lippen den grausamen Zug der Menschenverachtung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span></p> - -<h3 id="sec8_19">Maria Theresia</h3> - -<p>Sich selber und Habsburg die Kronen zu retten, mußte die Tochter des -Kaisers acht Jahre lang den Erbfolgekrieg führen, bevor ihr das Erbteil -im Frieden zu Aachen anerkannt wurde.</p> - -<p>Sie war nur eine Frau; denn Franz, ihr Gemahl, das Franzl geheißen, -zählte nicht einmal in Österreich; aber sie hatte ein tapferes Herz, und ihre -freundliche Schönheit rührte die Liebe der Völker.</p> - -<p>Auch war sie klug und entschlossen und wußte zu geben, wo sie zu nehmen -vorhatte: als sie in Ungarn erschien, bedrängt und genötigt, um Beistand -zu bitten, war ihre Hand nicht leer; die Magnaten dankten der jungen -und schönen Königin, daß sie so klug in der Not war.</p> - -<p>So wurde Ungarn das Herz ihrer Länder; hier war sie gewählt und gekrönt, -hier konnte ihr keiner das Recht zu herrschen bestreiten, hier fand sie -den Mut und die Macht, die anderen Kronen zu halten.</p> - -<p>All ihre Feinde bezwang sie, zuerst die Puppe der Pompadour, den Kurfürsten -Karl Albert von Bayern, den die Mätresse des Königs von Frankreich -als Kaiser in Frankfurt ausrufen und aushalten ließ.</p> - -<p>Nur Friedrich, dem preußischen König, mußte sie Schlesien lassen; -zweimal verlor sie den Krieg, nicht aber den Zorn auf den Räuber und -den glühenden Wunsch ihrer Rache, das preußische Unkraut zu vernichten.</p> - -<p>Elf Jahre lang ließ sie die Saat mit Ungeduld wachsen: die Kaiserpuppe -der Pompadour starb in Erbärmlichkeit hin, Franz, ihr Gemahl, -wurde als Kaiser gekrönt, und Kaunitz, ihr kluger Minister, kam sacht in -das Spiel.</p> - -<p>Er machte den Frieden zu Aachen als Sieger, aber er ließ den Franzosen -klüglich den Ruhm, aus Edelmut zu verzichten; er saß als Gesandter in -Frankreich und knüpfte die Fäden in stiller Geduld, bis das unmögliche -Band gewebt war, bis die Tochter des Kaisers mit der Pompadour einen -Pakt schloß.</p> - -<p>Nur Frauenhaß konnte so fremde Fäden verschlingen; als die Zarin als -dritte dazukam, gereizt durch den Spötter, als die drei Großmächte noch -Schweden und Sachsen in ihren Rachebund nahmen: da schien die Tochter -des Kaisers am Ziel.</p> - -<p>Aber der Spötter in Sanssouci hatte nur scheinbar getändelt, der Fuchs -brach aus, ehe die Jäger den Bau umstellten, und aus der listig bereiteten -Jagd wurde die siebenjährige Plage des Krieges.</p> - -<p>Sieben Jahre vergeblicher Hoffnung und harter Enttäuschung machten<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span> -Maria Theresia alt; als ihr Franzl zu kränkeln begann, mußte sie hoffnungslos -den Frieden von Hubertusburg unterschreiben.</p> - -<p>Der Spötter von Sanssouci hatte gesiegt; der ihrer katholischen Frommheit -der Ketzer und ihrem Frauenstolz eher der Teufel denn ein Menschenkind -war, konnte als Sieger heimreiten, indessen ihr nur die Tränen um -Schlesien blieben.</p> - -<p>Der grausame Krieg und die Hoffnung so vieler Jahre gingen Maria -Theresia schmerzlich verloren, aber sie war in der schlimmen Bedrängnis die -Mutter des Landes geworden.</p> - -<p>Sie hatte kein Sanssouci, wo sie in fürstlicher Laune dem Untertan -fremd blieb; sie war eine Frau und allzeit zärtlich besorgt, und hielt ihre -Brust der Menschlichkeit warm.</p> - -<p>Sie stärkte den Bauernstand gegen die adligen Herren, sie sorgte für -Schulen und baute Spitäler; wo eine Not war, kam ihre Hilfe, und wo ein -unmenschlicher Brauch quälte, wie bei der Folter, schnitt sie das Unrecht -der Herkunft ab.</p> - -<p>Eine fleißige Schaffnerin saß in der Hofburg und ging durch die Straßen -von Wien, Ordnung zu halten; eine Mutter und weiße Matrone lächelte -auf dem Thron und nahm die Liebe des Volkes als Dank.</p> - -<p>Und als ihr der Tod kam, der um den einsamen Spötter in Sanssouci -hüstelnd herum ging, war ihren Völkern das eigene Blut abgestorben: wie -Kinder weinten am Sarge Maria Theresias Männer und Frauen, ihr -schmerzvolles Begräbnis hatte ein Bürgerkleid an.</p> - -<h3 id="sec8_20">Joseph der Zweite</h3> - -<p>Ein silberner Mond schien über Wien und das österreichische Land, da -Maria Theresia Hausfrau und Kaiserin war; aber ihr hitziger Sohn ging -auf in der Frühe als ein sehr starker Komet.</p> - -<p>Er sah den Stern von Sanssouci strahlen, und schon dem Jüngling -entbrannte der Ehrgeiz, sein grelles Gefunkel zu überglänzen: was Friedrich -als König in Preußen dem Volk schuldig blieb, das wollte Joseph der -Zweite im Reich als Kaiser bedeuten.</p> - -<p>Fröhlicher als sonst eine Krönung wurde die seine in Frankfurt gefeiert; -der schlanke Jungmann, leutselig und licht gegen jedermann, gefiel der staunenden -Menge; nur die Fürsten und Räte der Reichsherrlichkeit krausten -die Stirnen.</p> - -<p>Sie sahen den Ehrgeiz auf andere Dinge als auf den Glanz der -Reichskleinodien gerichtet, sie hörten den Habsburger Hochmut in seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span> -Leutseligkeit knistern und waren besorgt, das Reich möchte wiederkommen.</p> - -<p>Als der Kaiser dann hitzig anfing, den Staub auszuklopfen, als er dem -Reichshofrat und dem Lindwurm des Reichskammergerichts hart auf den -Leib rückte, als das Gespenst eines klaren gemeinsamen Reichsrechtes die -Hüter des Lindwurmes erschreckte: fing heimlich und boshaft der Widerstand -an.</p> - -<p>Der scheckige Reichsmantel war aus den Lappen und Flicken der Fürsten -und Fürstchen geschneidert; als Joseph der Kaiser ihn nach dem prunkvollen -Umstand der Krönung anziehen wollte, rissen die Nähte.</p> - -<p>Er mußte mit seiner Gerechtigkeit warten, bis ihm die eigenen Erbländer -gehörten, die seine Mutter noch immer als Hausfrau regierte.</p> - -<p>Er stand im vierzigsten Jahr, als sie starb, nur ein Jahrzehnt blieb seinem -hitzigen Tun; als ob er den frühen Tod spürte, ließ er den Kehrbesen -nicht aus der Hand, der Staub wirbelte hoch und manche Gasse wurde -rein, wo er sich regte.</p> - -<p>Er hob die Leibeigenschaft auf, daß der Staat im Recht der freien Gemeinde -statt in der Willkür reicher Machthaber stände; er sah nach den -Schulen der Armen und daß die reichen Grundherren mit an den Lasten des -Staates trügen, dem sie den Genuß ihres sorglosen Daseins verdankten.</p> - -<p>Er tat, was nie ein Habsburger wagte, er sagte der Kirche die Hörigkeit -auf.</p> - -<p>Wo eine üppige Weide, ein prangender Weinberg, fruchtbares Feld -war, wo fleißiges Bauernvolk schaffte, hatten im Habsburgerland die Klöster -sich breit aufgetan; er ließ sie schätzen und schließen, wo ihr Dasein nur -eine Pfründe für den fürstlichen Abt und wo die Schar der Bettelmönche -nur eine Landplage war.</p> - -<p>Als er das Letzte zu tun nicht zagte, als Joseph der Zweite im Erbland -Ferdinands das kühne Toleranzedikt gab, das jedem Christen die Kirchenform -seines Glaubens freistellte: da ging ein Seufzer durch Österreich, daß -nun der Antichrist käme.</p> - -<p>Der Papst fuhr selber nach Wien, den Kaiser zu warnen; der nahm ihn -auf, wie es dem Statthalter Petri gebührte, aber er wollte seinen Völkern -Gerechtigkeit tun und folgte allein seinem Gewissen.</p> - -<p>So legte er selber die Wurzeln der Habsburger Macht bloß; als er danach -aus all seinen Kronländern einen Staat machen wollte, fehlten der -Hofburg die eifrigen Hände, die Habsburg stark gemacht hatten.</p> - -<p>Böhmen und Ungarn wollten den Habsburger dulden als Träger -der eigenen Kronen, aber niemals Österreich untertan sein; als er<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span> -die Herkunft zu zwingen begann, säte er selber die Drachensaat der -Empörung.</p> - -<p>Im brabantischen Land fing sein Mißgeschick an, wo die Schwester -Christine als Statthalterin spöttisch regierte: wie die sieben Provinzen -Philipp von Spanien den Gehorsam aufsagten, so taten ihm nun die andern, -als er die Landesverfassung aufhob.</p> - -<p>Der Staat, das bin ich! sagte auch Joseph der Zweite und wollte den -Völkern Gerechtigkeit bringen; aber sie waren das Unrecht gewohnt und -wollten lieber darin verharren, als der Herkunft der Väter ungetreu sein.</p> - -<p>Wie Karl der Fünfte einst in St. Just legte der sterbende Kaiser die -Zügel der Herrschaft hin; die Kronländer für Habsburg zu retten, zerriß -er mit fiebernden Händen die neuen Gesetze.</p> - -<p>Nur unter den Armen in Wien, die er aus Willkür und Unrecht befreite, -blieb sein Bild rein im Gedächtnis: seine Mutter hatte das Land -in der alten Ordnung gehalten und starb mit Liebe gesegnet, er wollte die -neue Gerechtigkeit bringen und siechte im Haß hin.</p> - -<h3 id="sec8_21">Die Pompadour</h3> - -<p>Die zierliche Frau eines Zöllners hatte den König von Frankreich gefangen, -wie ihn die Hofdamen fingen; als seine Gier ihres Leibes satt war, -ließ sie den König getrost seinen weiteren Lüsten, aber den Hof und die -Macht ihrer Stellung behielt sie klug in der Hand, sodaß sie die heimliche -Königin wurde.</p> - -<p>Sie hieß nun Marquise von Pompadour, und die Großen der Welt -mußten nach ihrer Gunst gehen, die eine geborene Fisch und eine Zöllnersfrau -war.</p> - -<p>Denn anders als sonst eine Königin war diese zierliche Frau; sie kannte -die wirklichen Mächte der Welt und wußte, daß Macht haben allein ihr -kluger Gebrauch sei.</p> - -<p>In dieser Klugheit wußte sie trefflich die Fäden zu flechten; und weil -der König von Frankreich ein blödes Tier, sie aber ein handfestes Weibsbild -war, so hielt sie das Land vor böseren Dingen bewahrt.</p> - -<p>Auch stand ihr zierliches Bild gut in dem Rahmen, den ihr die Kunst der -galanten Zeit gab; denn nun war der höfische Prunk zum köstlichen Zierat -geworden, den sie das Rokoko hießen.</p> - -<p>Der Altsilberglanz chinesischer Seiden, die zärtliche Kühle des Porzellans, -die launischen Formen und Farben der Teller und Kannen waren im -Abendland Mode geworden, darin es fremd gespiegelt ein neues Gesicht fand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span></p> - -<p>Die gläsernen Leuchter weißgoldener Säle ließen auf blumigen Seidengewändern -kristallisches Licht spielen; Stühle und Tische standen mit zierlich -gebogenen Beinen auf blankem Parkett; Rahmen von Altgold hielten -gleich Ranken die Ränder verschnörkelter Spiegel; auf dem Marmorkamin -blinkten die Silberfiguren der Standuhr.</p> - -<p>Alles war hell und kühl wie ein Frühlingstag, darin die Damen auf -Stöckelschuhen spazierten; alles war leicht und verschnörkelt wie die Scherze, -damit die spitzengeschmückten Herren die Herzen der Damen gewannen.</p> - -<p>So war die Welt, darin die Marquise von Pompadour Königin spielte; -so war der Traum von Versailles, darin der Adel des Abendlands leichtsinnig -lebte; so war der Hof, darin der König faul und verachtet sein Dasein -hinbrachte.</p> - -<p>Als die Pompadour starb und die rote Dubarry dem alternden König -ins Bett kam – die eine Dirne war und eine Gräfin wurde – brach der Untergrund -all dieser Zierlichkeit durch: das Laster legte die Maske der Wohlerzogenheit -ab und war nur noch freche Gemeinheit.</p> - -<p>Das war die Zeit, da der Neffe des Menschenverächters in Sanssouci -sein verächtlicher Nachfolger wurde, da die Fürsten in Deutschland sich eine -Pompadour hielten, da die adligen Herren auf Kosten der Bürger und -Bauern einen fröhlichen Himmel auf Erden genossen.</p> - -<p>Aber schon blies der kalte Wind in die fröhlichen Lichter; als Ludwig der -Fünfzehnte in seinen Lüsten verdarb und Ludwig der Sechzehnte den Namen -des Königs von Frankreich wieder ehrlich machen wollte, war es zu -spät für den redlichen Eifer.</p> - -<h3 id="sec8_22">Maria Antoinette</h3> - -<p>Als die Habsburger Prinzessin nach Frankreich fuhr, Gemahlin des -Dauphin zu werden, war sie fast noch ein Kind; sie machten ein Feuerwerk -in Paris, ihr zu Ehren, es wurde ein großes Unglück daraus, und viele -Menschen verbrannten: der Brandgeruch blieb in den Kleidern der blonden -Prinzessin.</p> - -<p>Die Tochter Maria Theresias hatte die ehrbaren Lehren der Mutter im -Sinn, aber ihr Köpfchen stand nach den Freuden der Jugend: sie wollte -gut und gerecht sein und eine tapfere Königin werden, ihr eigener Tag aber -sollte der fröhlichen Laune gehören.</p> - -<p>In Trianon draußen die schelmische Schäferin spielen, schien ihr viel -schöner und freier, als in der starren Pracht von Versailles Königin sein.</p> - -<p>Aber die Zeit war vorüber, da die Könige Blindekuh spielten; indessen<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span> -die Königin harmlose Fröhlichkeit naschend in Trianon ging, hing an den -Gittern der Groll, und die Not zählte die Stunden, die der Königin sorglos -verflogen.</p> - -<p>Der Staat war in Schulden, und drückende Steuern hielten die Last -nicht mehr hin; das Land war leer, und das Volk sah mit Grimm den prahlenden -Reichtum, indessen ihm längst das Nötigste fehlte.</p> - -<p>Auch war das niedere Volk nicht mehr verlassen: kühne Schriften gingen -ins Land und glühende Herzen riefen nach einer anderen Gerechtigkeit, -als daß nur einer das Leben genoß, indessen Hunderte seufzten.</p> - -<p>Was in dem Himmel der Priester verheißen war – die selber die Erde -genossen – das sollte wahr werden in der irdischen Wirklichkeit; in den Gassen -der Städte und draußen im Acker waren die Flüche und Fäuste bereit, -das verheißene Reich zu erzwingen, wo Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit -waren.</p> - -<p>Ein Diamantenhalsband ging übel verloren: die Königin habe den -Schmuck mit Liebesstunden bezahlt und Rohan, so hieß es, ihr zärtlicher -Freund, müsse die Falschheit der Königin öffentlich büßen.</p> - -<p>Eine Schwindlerin hatte der Welt den üblen Spaß angerührt; wie der -Brandgeruch an der blonden Prinzessin blieb nun der wilde Verdacht an -der Königin haften: der Groll an den Gittern entbrannte zum Haß.</p> - -<p>Da war das harmlose Spiel in Trianon aus, die fröhliche Schäferin -mußte die leidvolle Königin spielen; die Lehren Maria Theresias wurden -wach, aber nun war es zu spät, ihrer zu achten.</p> - -<p>Die gläsernen Leuchter der Fürsten waren herunter gebrannt, kein Diener -kam mit den Kerzen; es wurde dunkel im Schloß zu Versailles; nur über -der brodelnden Nacht von Paris lag wieder der fahle Schein des Brandes.</p> - -<p>Als danach der Tag kam, hatte der Brand den Traum von Versailles -verschlungen, in der Wirklichkeit wurde die Königin wach: ein Fallbeil stand -zu Paris, ihr den blonden Kopf abzuschlagen.</p> - -<h3 id="sec8_23">Mozart</h3> - -<p>Ein Wunderkind kam nach Wien; ein Knabe aus Salzburg, Mozart -geheißen, spielte der Kaiserin auf dem Klavier, und alle die Herren und Damen -Maria Theresias staunten, wie solch ein Kind schon ein Zauberer wäre, -mit seinen Tönen den süßen Genuß der Gefühle zu lenken.</p> - -<p>Und wie in Wien, geschah es in London, im Haag, in Paris: überall -staunte das Kerzenlicht um den Knaben aus Salzburg, der das Klavier -gleich einem Großen zu meistern verstand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span></p> - -<p>Lärmender Beifall und lockender Ruhm war um den Knaben, aber der -strenge Vater ließ ihn nicht locker in der Zucht seiner Kunst: Beifall und -Ruhm sollten seiner Musik nicht die Quellen verschütten.</p> - -<p>Vor den Herren und Damen der Höfe zu spielen, war nur ein Gauklergewerbe; -aber den Menschenseelen Gesang und dem Wohllaut der Geigen, -Flöten und Hörner harmonische Fülle zu geben, hieß ein Musikmeister der -Ewigkeit sein.</p> - -<p>So wurde das Wunderkind Mozart ein Jüngling und Mann, der seiner -Musik den echten Zauberstab hielt; so wuchsen dem Rosenjahrhundert -der Pompadour Flügel, in den Himmel der Töne zu fliegen.</p> - -<p>Als Maria Theresia starb, rief Joseph, ihr schwärmender Sohn, Mozart -nach Wien, daß er sein Kammermusikus würde; doch hatte der hitzige -Schmied kühner Herrscherpläne kein Ohr, das Wunder der Töne zu hören.</p> - -<p>Indessen der Kaiser den Blasebalg zog, das störrische Eisen der Herkunft -zu schmieden, indessen sein Hof ein kühner Gedankenplatz war, indessen die -Stadt an der Donau, unbesorgt solcher Gedanken, die Fröhlichen lockte mit -reichen und rauschenden Festen, saß Mozart in mancher Bedrängnis.</p> - -<p>Er hatte die schöne Konstanze gefreit, und sein Klavier stand nicht still, -um die Gulden zu spielen, die seine Frau fröhlich verbrauchte; auch waren -die welschen Musiker dem Neuling aus Salzburg feind, und den Höflingen -galt er als eine Marotte des neuerungssüchtigen Kaisers.</p> - -<p>Aber in blinkenden Nächten, von den Plagegeistern der Tage, von Sorgen -und Süchten umlauert, riß seine Seele die Sterne vom Himmel und -barg ihre ewige Tröstung in seiner Musik.</p> - -<p>Als sie in Wien die Hochzeit des Figaro spielten, das fröhliche Stück -von dem frechen Barbier im Perlengewand Mozartscher Töne, da flog dem -Zauberer aus Salzburg anderer Beifall und Ruhm zu, denn da er als -Wunderkind am Klavier die Herren und Damen der Höfe mit flinken Fingern -entzückte.</p> - -<p>Da hörte das leichtgeschürzte Jahrhundert den gläsernen Ton seiner -Schalmei, da war die Marquise von Pompadour seine schelmische Göttin -geworden; der Zauberer hielt ihr das Schellenband hin, mit schlanken Beinen -hinüber zu springen.</p> - -<p>Ihm aber, der ihr und der Zeit mit seiner hellen Musik das Schellenband -hielt, ihm lagen schon andere Töne im Ohr: aus der Tiefe stieg die -Vergeltung mit steinernen Schritten; der Boden barst und die Zeit versank -mit ihren Lüsten und Lastern, mit ihrem Gelächter und gläsernen Glück -in den Abgrund, als Mozart den Don Juan schrieb.</p> - -<p>Nie hatte die Kühnheit heller geprahlt, als da der freche Verführer<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span> -Himmel und Hölle zum Trotz sein Champagnerlied sang; nie hatte die -Ewigkeit so ihren Donnermund aufgetan, als da der steinerne Gast den -Lästerer holte.</p> - -<p>So rief er der Zeit den Tag seines Zorns und war doch ihr eigenstes -Kind; zwischen Himmel und Hölle tapfer ein Mensch zu sein, ließ Mozart -zuletzt die Zauberflöte erklingen.</p> - -<p>Da hing die irdische Liebe gläubig der eigenen Glückseligkeit an, Schuld -und Bedrängnis vermochten nicht, ihren Weg zu beschatten: wie die Sonne -am Mittag schritt ihre Allgewalt über die Ströme und finsteren Wälder, -über die Felsen und Abgründe in seligen Tönen hinüber.</p> - -<p>Als Mozart der Menschheit solche Musik schrieb, hatte der Tod sein -Herz schon berührt; noch konnten die fiebernden Hände sein Requiem -schreiben, dann sank er selber hinein in die ewige Ruhe.</p> - -<p>Er war ein Kind seiner Zeit wie keiner: alles, was sie zu lächeln vermochte, -lächelte er; als ob die Erde ein Blühegarten der Freude, als ob der -Mensch aller Blüten und Freuden Nutznießer wäre, so machte Mozart, -der Meister des Wohllauts, Musik.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Buch_der_Propheten">Das Buch der Propheten</h2> - -<h3 id="sec9_1">Hans Sachs</h3> -</div> - -<p>Zu der Zeit, da Dürer sein köstliches Schilderwerk malte, da die Ratsherrn, -Humanisten und Zunftmeister die wachsamen Hüter der Bürgerschaft -waren, da es noch Stadtfreiheit gab gegen die Frechheit der Fürsten, -saß in seiner Schuhmacherwerkstatt zu Nürnberg der fröhliche Meister -Hans Sachs.</p> - -<p>Er hatte als Jüngling den Meistergesang fleißig geübt und war auf der -Wanderschaft eifrig gewesen, die neuen Weisen zu lernen: nun galt er als -Meister der Singschule, wie er ein Schuhmachermeister war.</p> - -<p>Der aber im Meisterlied seinen Mund auf alle Töne zu spitzen verstand, -hielt der Natur Augen und Ohren geöffnet, auch saß ihm ein fröhliches -Weib auf der Diele, das ein anderes Mundspitzen übte.</p> - -<p>So war der Meister Hans Sachs ein rechtschaffener Mann, der von -den Sachen der Welt mancherlei wußte; als er in redlichen Reimen davon -zu erzählen begann, mußte das zierhafte Meisterlied erschrocken die Ohren -zuhalten.</p> - -<p>Keifende Weiber und krätzige Bauern, fahrendes Volk und schlimme -Gesellen, alles was um den Meister Hans Sachs gemeine Wirklichkeit -war, ließ er in spaßhaften Reimen spazieren.</p> - -<p>Aber der Spaß wurde fröhlicher Lärm, und die Frechheit sah manchmal -hinein, wenn er sein Fastnachtsspiel machte; da konnten die Spitzbuben -recht die Bauern betrügen, die Dummen konnten von Herzen gemein und -die Völler betrunken sein.</p> - -<p>Wenn dann der Meister Hans Sachs mit dem warnenden Finger hinzu -kam, merkten die Zuschauer wohl, daß er schalkhaft mitlachte.</p> - -<p>Der so fröhlich die Täglichkeit sah, wußte, so war es immer gewesen: die -Guten und Bösen, die Dummen und Schlauen, die Vornehmen und die<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span> -Gemeinen füllten die Erde wie kalt und warm, wie Regen und Dürre, -wie Flamme und Rauch; wo sie einander am hitzigsten trafen, war das Leben -am liebsten geschäftig.</p> - -<p>So las er die alten Berichte und sah das Leben nur als das Gestern an, -darin das Heute geschah; und alles Heute war sein, ob es Salomo, Kaiser -Karl oder die schöne Melusine genannt war.</p> - -<p>Aber der reichste Schatzhalter war ihm die Bibel: gleich Bilderbogen -zog er die alten Judengestalten und ihre Handlungen ab, angemalt mit den -Farben, die ihm die eigene Täglichkeit schenkte, und mit der fröhlichen Weisheit -unterschrieben, die der Schuhmachermeister darin fand.</p> - -<p>So emsig suchte sein Eifer, daß ihm keiner entging, von Adam bis -Archelaus; alle mußten aus seiner fröhlichen Feder neu in die Welt spazieren, -und alle mußten zu Nürnberg im fränkischen Land noch einmal -Wirklichkeit sein.</p> - -<p>Er wurde in Fröhlichkeit alt und war noch als Greis ein fleißiger Schaffner, -nur die Schuhmacherwerkstatt verließ er, an seinem Schreibpult zu -sitzen.</p> - -<p>Und als ihm im achtzigsten Jahr seines Lebens die Sprache versagte, -saß er noch immer an seinem Pult und las in den Büchern, die er kaum -noch verstand.</p> - -<p>Nur in den Augen war noch das fröhliche Leben geblieben, und wer als -Gast in seinen Altenteil trat, dem nickten sie schelmisch zu.</p> - -<h3 id="sec9_2">Das Kirchenlied</h3> - -<p>Als der große Krieg unsägliches Leid auf das deutsche Land legte, als der -Reichtum der Bürger in Armut versank, als die fröhliche Flur leer wurde -wie die fleißige Werkstatt und auf den Straßen nur noch das Elend dem -Hunger begegnete, als der Menschengeist seiner blutigen Tat satt war, sang -eine Stimme der Seele Trost und Erbauung.</p> - -<p>Luther hatte das Lied von der festen Burg gläubig gesungen, es war die -Fahne des evangelischen Glaubens gewesen, und manche trotzige Faust -hatte die Fahne geschwungen; nun lag sie verkohlt unter dem Brandschutt.</p> - -<p>Aber die Stimme der deutschen Seele hob wieder an, die alten Weisen -mit neuen Worten zu singen; und ob sie zitternd sang und mit Tränen: -Gott war wieder darin, und sein gesungener Trost fand wieder Ohren und -Herzen.</p> - -<p>Spitzfindigkeit, Wortgläubigkeit und Sittenhochmut hatten der evangelischen -Lehre ein neues Kirchenkleid angetan, darin die Landesobrigkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span> -die Papstgewalt war; aber das Kleid war zerrissen, nur das Lied blieb wie -ein Licht in der Nacht.</p> - -<p>Wenn die Gemeinde beisammen saß, es zu singen, wenn das schwellende -Wort sich in den Orgelton legte, dann kehrte die gläubige Seele in ihre -Heimat zurück.</p> - -<p>Befiehl du deine Wege! sang ihr Wiegenlied den Kindern und Alten; -und wo ein Grab den Sarg in das schwarze Loch nahm, stand die Stimme -dabei: Jesus meine Zuversicht! trotz Tod und Betrübnis zu singen.</p> - -<p>So kam es, daß die deutsche Seele den lauten Jammer und die leise -Klage, den Trotz und die Verzagtheit überwand, daß sie an den Gräbern -der stolzen Vergangenheit und im Elend der bittersten Gegenwart den Heldenmut -fand, noch mitten im Krieg: Nun danket alle Gott! mit gläubigem -Herzen zu singen.</p> - -<h3 id="sec9_3">Bach</h3> - -<p>Eine Hütte am Brunnen der Wüste, so nahm das Kirchenlied die -Flüchtlinge des Krieges unter sein Dach; aber Gott sandte den Meister, -der deutschen Seele noch einmal Zion zu bauen.</p> - -<p>Der von allen Meistern der Kunst der gewaltigste war, der aus der Seelengewalt -noch einmal die Schöpfung vollbrachte, der einzige, der seinen -Turm in den Himmel zu bauen vermochte: er wurde den Deutschen, wie -einmal der jüdische Zimmermannssohn, in Niedrigkeit eingeboren.</p> - -<p>Johann Sebastian Bach war eines Ratsmusikers Sohn, der durch die -Gunst der Ratsherren sein unfreies Gewerbe in Eisenach trieb; aber Vater -und Mutter starben dem Knaben, den danach sein Bruder in Ohrdruf aufzog.</p> - -<p>Als Singknabe in Lüneburg mußte er schon im fünfzehnten Jahr sein -kärgliches Brot selber verdienen; als Geiger und Organist in Weimar, Arnstadt, -Mühlhausen und Köthen trug er sein mühsames Tagwerk nach Leipzig, -wo er Musikmeister hieß und an der Thomaskirche den Kantor vorstellte.</p> - -<p>So kärglich und mühsam, wie er sein irdisches Dasein begann, so kärglich -und mühsam ging es zu Ende; bis er grau wurde und starb, mußte der -übergewaltige Mann den Krämern in Leipzig den Kirchenchor leiten.</p> - -<p>Einmal im Alter fiel eine Ehre der Welt auf ihn, als ihn der König von -Preußen nach Sanssouci rief, weil er der Vater von seinem Kammermusikus -war; er durfte dem Spötter die Orgel vorspielen und auf dem Klavier -seine Flöte begleiten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span></p> - -<p>Sonst blieb sein Dasein im Schatten des Kleinbürgertums, darin der -Meister mit seiner Hausfrau und Kinderschar untergeschlüpft war.</p> - -<p>Wenn Johann Sebastian Bach in der Thomaskirche in Leipzig den -Choral spielte, dann sang die Gemeinde ihr gläubiges Wort in die Orgel -und wußte nicht, warum ihr die Seele im Gesang so übergewaltig anschwoll.</p> - -<p>Aber der Meister konnte nicht eine Stimme begleiten, ohne daß ihm die -Brunnen der Tiefe aufbrachen, darin die gewaltigen Ströme stark und -brausend nach Freiheit begehrten.</p> - -<p>Eine Stimme allein war eine Taube, die kläglich flatternd den Raum -nach den andern absuchte; erst wenn der Baß ein Paar daraus machte und -wenn die Brut der Mittelstimmen dazukam, daß sie zu Vieren mit gleichem -Flügelschlag selig dahin schwebten, jede auf eigenen Flügeln und doch gemeinsam -im Flug: dann konnte sie fliegen.</p> - -<p>Dann glaubte die fromme Gemeinde, das Lied gewaltig zu singen, weil -ihre Stimmen sich in der Melodie fanden; aber stärker als ihre Stimme -war der Baß in der Orgelgewalt, er trug den singenden Ton durch Höhen -und Tiefen, und daß er beruhigt in seinem starken Arm läge, deckten die -Mittelstimmen ihn weich und warm zu.</p> - -<p>Die Melodie war nicht mehr das Wort und das Lied der singenden -Seele allein, aus der Tiefe des Raumes kam ihr die starke Gottesgewalt zu, -und daß sie nicht über das Wunder so starker Begleitung erschräke, schwebten -die Engel harmonisch dazwischen.</p> - -<p>Erde und Himmel waren vereint, wenn die Orgel des Meisters den -starken Viergesang machte; ob er brausend anschwoll oder im sanften Gesäuse -wohlig dahin schwebte, die Seele war nicht mehr allein.</p> - -<p>Keine Donnergewalt fiel ihren Sang an, und keine selige Flöte hieß ihn -verstummen, der Sang war in Gott und Gott in ihm, weil jenseits von -Zeit und Raum die Harmonie in der Ewigkeit schwebte.</p> - -<p>Auch wenn der Meister die Stimmen der Orgel allein in den Raum -sandte, gingen sie nicht wie Fremdlinge hin über die Ohren der Leute; jede -stieg aus der Erde der Toten ans Licht, und jede fuhr in den Himmel, die -staunende Seele auferstand mit.</p> - -<p>Und ob es schwingende Geigen und blasende Hörner, ob es Schalmeien -und Flöten, Fagott und Klarinetten, ob es ein Saitenklavier oder ein -menschlicher Stimmenchor war: immer entzückte der Meister das starke -Geheimnis, daß eine Stimme Antwort im Raum, starke Begleitung und -seliges Glück in der Gemeinsamkeit fand.</p> - -<p>Aber das Wunder wurde Erscheinung, wenn er den ganzen Heerbann<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span> -der Stimmen aufriß, wenn das große Orchester den hundertstimmigen -Chor nahm und gegen die Orgelgewalt herrlich anstürmte: dann baute der -Meister noch einmal die Schöpfung über dem ewigen Abgrund.</p> - -<p>Sünde und Schicksal, Schuld und Versuchung, das dunkle Leid und -die blitzende Lust sanken zurück in die Allmacht, daraus sie kamen.</p> - -<p>Wohl brandete die Hölle und wohl traf der Tod, aber ihr Sieg und sein -Stachel lagen beschlossen in Gottes allgütiger Hand; tiefer als Trauer und -Furcht, höher als Freude und Hoffnung trugen die Flügel der Gnade und -Liebe die Seele in Ewigkeit hin.</p> - -<p>So war der Meister und so war seine Musik, und die seine Schöpfergewalt -spürten, ahnten nicht das Geheimnis, daß in den Tönen bereits -das Himmelreich war, das ihre Gläubigkeit jenseits erhoffte.</p> - -<h3 id="sec9_4">Die Pietisten</h3> - -<p>Blut und Verwüstung des Krieges hatten die Herzen der Harten nicht -zu erweichen vermocht: in Wittenberg saßen die Pfaffen nicht anders als -vormals in Rom, die geistliche Herrschsucht hatte ein neues Kirchenkleid -angezogen.</p> - -<p>Ein Prediger kam aus dem Elsaß nach Frankfurt, Jakob Spener geheißen, -und anderen Geistes, als ihn der Hochmut der lutherischen Kirchenobrigkeit -kannte.</p> - -<p>Er hatte das Theologengezänk und die Wortgläubigkeit an den Schulen -erfahren und wußte, daß andere Dinge als Liebe und Freiheit den Gang -der Kirche und ihrer Pfarrer bestimmten; er aber wollte eher der Unmündigen -einer denn der lieblose Knecht kirchlicher Rechtgläubigkeit sein.</p> - -<p>Er schlug keine Thesen an eine Schloßkirchentür, er band keinen Aufruhr -der Geister an seine Sendung, auch war er kein härener Täufer, nach -Buße zu schreien: er zündete nur das vergessene Licht an und wartete still, -ob es den Wanderer riefe.</p> - -<p>Christ sein hieß ihm, die Wiedergeburt seiner Seele erleben, wie es den -Jüngern geschah, als sie Jesum erkannten; und wer ein Gläubiger solcher -Wiedergeburt war, brauchte die Priester und Schriftgelehrten des Lehrkirchentums -nicht.</p> - -<p>Die Liebe war in der Dürre vertrocknet und die Freiheit im Katechismus -gefangen, als Spener, der Schwärmer in Christo, sein zaghaftes Licht in -Frankfurt ansteckte; aber die evangelischen Seelen im Land, die danach -seufzten, strömten dem blassen Schein zu.</p> - -<p>Wie es der ersten Christengemeinde geschah, erwachte das Leben der<span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span> -Liebe in den Winkeln: kein loderndes Feuer, kein krachender Brand, nur -eine heimliche Glut, aber Deutschland stand seltsam durchleuchtet.</p> - -<p>Die Rechtgläubigkeit schrie, und die Obrigkeit strafte; Wittenberg trat -auf den Plan, die Irrlehre zu verdammen: aber die hochmütigen Herren -der Kirche hatten das Herz des evangelischen Volkes verloren.</p> - -<p>Die Gläubigen hießen sich selbst die Erweckten und wurden zum Spott -die Pietisten genannt; sie trugen den Spott mit Geduld und die Verfolgung -mit Eifer: bald waren der Stundenbrüder so viel, daß die Kirchen -leer standen.</p> - -<p>So hatte Spener, der Schwärmer in Christo, die Lehre des Nazareners -noch einmal erweckt; aber das Lächeln der Liebe und Weisheit war nicht -auf den Lippen, nur in den Augen blinkte die blasse Verzückung der Nachfolger -Christi, indessen die Aufklärung schon auf den Straßen in stolzen -Karossen dahinfuhr.</p> - -<h3 id="sec9_5">Die Aufklärung</h3> - -<p>Der Menschengeist hatte den Himmel der Priester und ihre Hölle geglaubt, -ein Jammertal war ihm die Erde geworden; nun wollte er selber -kraft seiner Vernunft das Schicksal gestalten und wollte nicht länger dem -Glauben der Priester am Gängelband gehen.</p> - -<p>Die Erde war seine Wohnung, und alles, was seine forschenden Augen -aus ihren Fenstern erkannten, hieß er Natur: Natur war Wasser und -Luft, Feuer und Erde, Natur war das Gewächs und Getier, Natur war -der unermeßliche Himmel mit seinen Sternen, Natur war der Mensch -mit seinen Sinnen und Süchten.</p> - -<p>Natur aber hieß, im eigenen Gesetz dasein: Naturgesetz war die Bahn -der Gestirne und alle Waltung der Kräfte, Blühen und Welken, Leben und -Sterben stand darin beschlossen, und keine Willkür konnte sich abseits erfüllen.</p> - -<p>Galilei hatte der kühne Pisaner geheißen, der gleich dem Genuesen -Columbus hinaus fuhr, die Neue Welt zu entdecken, der Himmel und -Erde in das Gesetz der Natur stellte.</p> - -<p>Zur selben Zeit, da Seni der Sterndeuter Wallensteins log, stand Galilei -als Greis in Rom vor den Priestern und mußte, sein Leben zu retten, -den Widerruf schwören.</p> - -<p>Aber die Tage der Kirche waren gezählt, und ein anderer Ketzer war -dies, als die mit der heiligen Schrift in der Hand gegen die Kirchenverderbnis -aufstanden; die Wissenschaft kam mit dem Rüstzeug ihrer Beweise,<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span> -der Menschengeist wollte mit seiner Vernunft Naturgewißheiten -sehen, statt an das Mirakel der Priester zu glauben.</p> - -<p>Denn alle Verheißung der Kirche hatte gelogen, statt Frieden auf -Erden war blutiger Zank um die Lehre der gläubigen Völker gekommen; -Vernunft und Natur konnten kein Glück im Himmel verheißen, aber sie -prahlten, dem Menschen die sichere Wohnung auf Erden bauen zu können.</p> - -<h3 id="sec9_6">Christian Fürchtegott Gellert</h3> - -<p>Es war ein schwächliches Predigerkind aus Hainichen und sollte selber -ein Prediger werden; aber sein schlechtes Gedächtnis und seine Schüchternheit -machten dem Armen die Kanzel zum Schrecken.</p> - -<p>Auch war er heimlich der Poesie zugetan und hielt einen rundlichen -Reim lieber im Sinn als eine polternde Predigt: so wurde er Lehrer in -Leipzig und las mit zärtlicher Liebe über die Schönheit.</p> - -<p>Sie war keine strahlende Göttin für ihn, und den Pegasus liebte er -nicht, der seinen Reiter mit rauschenden Flügeln in die olympischen Lüfte -hinaufriß; ihm war die Schönheit ein sauberer Garten hinter dem Haus, -mit reinlichem Sand auf den Wegen, von Buchsbaumhecken umhegt.</p> - -<p>Da pflegte er seine bescheidenen Blümchen: Schneeglöckchen, Aurikeln -und rotbraunen Goldlack, Reseda und blaues Vergißmeinnicht, vielfarbene -Astern im Herbst, und für den Winter die haltbaren Strohblumen.</p> - -<p>Und wußte wohl, daß den Blumen allein kein häuslicher Garten gehöre, -daß allerlei Kräuter und Suppengrün, reichlich Salat und ein wenig -Kohl, Gurken, Erbsen und Bohnen, an Stangen gesteckt, samt krausen -Mohrrübenbeeten für einen Haushalt vonnöten, und daß ein reifender -Kürbis ebensowohl ein behaglicher Anblick sei als auch eine schmackhafte -Nahrung.</p> - -<p>Denn der Professor der hausbackenen Schönheit war selber ihr Dichter: -Oden und geistliche Lieder, Fabeln mit frommer Moral, Schäferspiele -sogar und sein Roman von der schwedischen Gräfin hielten sich ängstlich -dem Flügelroß fern.</p> - -<p>Ein bißchen Aufklärung und ein bißchen Erweckung; der kleinste Zuschnitt -des Lebens mit erlaubter Vernunft und erlaubten Gefühlen fand -seinen empfindsamen Sprecher.</p> - -<p>So lehrte, lebte und schrieb Christian Fürchtegott Gellert in Leipzig -und war der demütigen Jugend der liebe Gott selber im Schlafrock; die -Fürsten sandten ihm Geld, die Bürger Schinken und Holz, daß sein kränklicher -Körper im Winter gewärmt und ernährt sei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span></p> - -<p>Und als er tot war, flossen die Tränen um ihn wie nie um einen Dichter -in Deutschland, Denkmäler zeugten der Nachwelt für seine Verehrung; -seine Fabeln blieben im Mund der genügsamen Jugend und seine geistlichen -Lieder im Kirchengesangbuch.</p> - -<h3 id="sec9_7">Klopstock</h3> - -<p>Zu der Zeit, da der Gutsherr in Rheinsberg seinen Freunden französische -Verse vorlas, weil seine fürstliche Bildung den Weg zur eigenen -Sprache nicht fand, wuchs in Schulpforta ein Jüngling, Klopstock geheißen, -der diesen Weg strenger als einer der Dichter vor ihm zu gehen -bereit war.</p> - -<p>Er hieß noch ein Schüler der unteren Klassen, aber schon tastete er -stolz nach dem Ruhm, seinem Volk den Messias zu schreiben, der übermenschliches -Leben und göttliches Tun in deutschen Versen berichten und -eine erhabene Dichtung sein sollte, wie es die hohen Gesänge der Griechenwelt -waren.</p> - -<p>Tief erkannte der Jüngling, daß Worte zu reimen und Sprache zu -dichten zweierlei wäre, und daß der Vers kein Silbengeklapper sein dürfe, -sondern der hohe Hinschritt stolzer und schöner und liebreicher Worte.</p> - -<p>Als die drei ersten Gesänge gedruckt waren, ohne den seltsamen Namen -des Jünglings, war ihre Wirkung, als ob im nüchternen Alltag wieder ein -Priester dastände, den Göttern zu opfern, aber sein Opfergott war der -Messias.</p> - -<p>Da schnaubte das Flügelroß Feuer, das in den Fabeln von Christian -Fürchtegott Gellert unpäßlich war; einsame Herzen fühlten die stolzen -Gesänge als die Wiedergeburt der deutschen Dichtung.</p> - -<p>Bald war der seltsame Name des Jünglings bekannt, und Bodmer, -der brave Professor, rief ihn nach Zürich, daß er im Kreis begeisterter -Freunde als Ehrengast weile.</p> - -<p>Sie hatten den Sänger wie seine Gesänge erwartet und waren erschrocken, -den brausenden Jüngling zu haben, der seine verlassene Fanny -in hundert Tollheiten verschmerzte und in der peinlichen Zucht der Zürchergeschlechter -ein Feuerbrand war.</p> - -<p>Er fuhr auf dem See mit bekränztem Becher, er stand auf dem Uto -mit wehenden Haaren, und als ihm der mahnende Zuruf bänglicher Freunde -zuviel war, lief er hinaus in die Berge, im Aufruhr der großen Natur sein -Herz zu versöhnen.</p> - -<p>Daß er sein heiliges Werk frei von den Sorgen des Tages vollende,<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span> -berief ihn der dänische König; und während Voltaire, der Franzose, fürstlich -geehrt bei dem Spötter von Sanssouci saß, war Klopstock, dem Deutschen, -in Kopenhagen die dänische Freistatt bereitet.</p> - -<p>Aber ihn band keine Laune fürstlicher Freundschaft; als der Franzose -mit Feuer und Schwefel aus Sanssouci abfuhr, kam Klopstock nach Hamburg, -seine Cidli heimzuführen.</p> - -<p>So sicher war ihm das Dasein durch dänische Gunst bis in sein hohes -Alter bereitet, daß er nicht einen Tag sorgte und, wie ein Priester geehrt, -seinen Dichterstand trug.</p> - -<p>Er ging in sein fünfzigstes Jahr, als endlich die letzten Gesänge von -seinem Messias erschienen; ein Vierteljahrhundert hatte die rauschenden -Flügel müde gemacht, und manches, was einmal stolzer Schritt war, -ging nun auf Stelzen; doch wie ein Dom über den Häusern stand sein -Messias.</p> - -<p>Und während sein Name im Zweifel der Frommen langsam gefror, -hatten ihm seine Oden wärmere Freunde gewonnen.</p> - -<p>Da war ein höheres Priestertum als die blasse Verzückung der Pietisten, -da war die reine Luft hoher Berge, darin die Gedanken gleich seligen -Wolken über dem blauen Hügelfeld standen, da war die große Schönheit -der Natur in Silber gespiegelt.</p> - -<p>Und wie die Gesinnung rein und erhaben, so war die Kunst der Sprache -vollendet, weitab vom Gleichklang des Reimes ließ sie die Worte stark und -schön klingen nach ihrer Bedeutung.</p> - -<p>Er alterte früh, der solch ein Dichter der reinen Erhabenheit war, und -als er im Alter zusah, hatte die Jugend sich dreimal zu anderen Dingen gewendet, -so daß er der Zeit fremd und seines Ruhmes verdrossen die Augen -zumachte.</p> - -<p>Sein Grab aber in Ottensen wurde ein heiliger Ort und ein Tempel -der Geister, die in der bunten Vielfältigkeit und in der täglichen Torheit -der Sprache das Schaubild der Ewigkeit suchten.</p> - -<h3 id="sec9_8">Der Hainbund</h3> - -<p>Hoch über den Alltag hin und heilig im Morgenlicht ihrer Sendung -waren die Verse Klopstocks gewandelt: im griechischen Silbenfall fremd, -fromm und deutsch im Selbstgefühl ihrer Würde und im Bardenton ihrer -Sprache.</p> - -<p>Denn ob es Ossian war, der keltische Sänger, der darin wiederklang, -ob der Traum des Dichters nur einen Olymp im Nordlicht vorstellte: er<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span> -trat in den gezirkelten Garten französischer Bildung als der erhabene Hochklang -der deutschen Vergangenheit ein.</p> - -<p>Und was ein Irrtum des Dichters seine Bardieten nannte, die Oden -germanischer Herkunft, das wurde ein heiliges Feuer der Jugend, daraus -sie den Stolz und die Liebe der eigenen Sprache und ihrer reichen Geschichte -wiedergewann.</p> - -<p>Es war ein blaßblauer Herbsttag, da der Jünglinge fünf aus Göttingen -den ehrwürdigen Eichenhain fanden, da sie den heißen Freundschaftsbund -schworen, da sie mit Eichenblättern bekränzt sich selber die Barden -der deutschen Erneuerung nannten.</p> - -<p>Denn nicht nur zu dichten war ihr Traum; sie wollten, wie es der -Meister war, Sendlinge sein einer neuen Gesittung: die deutsche Seele, -von ihren Höfen und Herren treulos vergessen, sollte im Bürgertum wiedergeboren -und sollte dem deutschen Volk wieder die Schicksalsmacht sein.</p> - -<p>Als den Jünglingen danach das Wunder geschah, daß Klopstock der -Meister selber in ihrer Mitte dasaß, den sie wie keinen Menschen verehrten, -als sie ihm Treue gelobten in seine herrlichen Augen, und an dem Klang -seiner Stimme beglückt dem Edelwort lauschten, da saß die Seele der -Deutschen am Tisch, ihre Wiedergeburt zu feiern.</p> - -<p>Sie trugen alle im Sinn, Dichter zu werden, aber nur einem hatten -die Musen das Herz berührt: Hölty war er geheißen, ein Jüngling der heiteren -Schwermut und süßen Liebe.</p> - -<p>Aber ihm stand schon die Grenze gesteckt; wo er mit Freunden schwärmerisch -ging, war ein Schatten allen sichtbar dabei.</p> - -<p>Eine Handvoll Frühlingsblumen zu pflücken und sie auf den Weg der -Freundschaft zu streuen, war ihm vergönnt, dann blieb sein Schatten allein.</p> - -<p>Den Hainbund hatten die Jünglinge ihre helle Freundschaft genannt -und mit Eichenlaub ihre Hüte bekränzt; als Hölty dahin war, hingen die -Kränze verdorrt an seinem einsamen Hügel.</p> - -<p>Aber was ihren flüchtigen Bund so hoch und heilig entflammte, blieb -in der Welt: die deutsche Seele war wieder wach und wollte sich endlich -vollenden.</p> - -<h3 id="sec9_9">Lenore</h3> - -<p>Als die zärtlichen Freunde in Göttingen den Hainbund hatten, lebte -da ein Student, Bürger geheißen, schon nicht mehr jung, in Schulden und -schlimmere Dinge verstrickt, aber der Reimkunst mächtig wie keiner von -ihnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span></p> - -<p>Venus und Bacchus hießen die Götter in seinem unsteten Leben; wo -Klopstock erhaben hinschritt, lief er auf läßlichen Wegen der Leidenschaft -nach.</p> - -<p>Aber die Freunde hielten ihn fest und fackelten nicht, bis sie dem unseligen -Mann, von seinen bösesten Schulden befreit, als Amtmann in Altengleichen -noch eine Tür ins Dasein aufgemacht hatten.</p> - -<p>Da schrieb er den Freunden zum Dank und sich selber zum Ruhm die -hämmernden Strophen seiner Lenore.</p> - -<p>Sie waren zart und empfindsam, die Göttinger Freunde, sie standen im -Alltag wie Blumen im Korn; ihm aber sprang aus der Seele des Volkes -ein Nachtgespenst zu.</p> - -<p>Lenore stand, ein geschlagenes Herz, hadernd vom Morgenrot bis in die -Nacht, weil ihr der Liebste nicht wiederkam aus der Schlacht; aber im -gleißenden Mondlicht kam er aus Böhmen geritten, die Braut in sein Bett -heimzuholen.</p> - -<p>Eine Stunde vor Mitternacht klopfte er an, und hundert Meilen mußten -sie reiten in der selben Nacht; aber schnell reiten die Toten: als es zwölf -Uhr schlug auf dem Turm, sprang die Kirchhofstür auf vor dem schnaubenden -Roß, und ein Leichenstein stand, wo die hadernde Seele ihr Hochzeitsbett -suchte.</p> - -<p>Seitdem der Sänger Kriemhildens Rache beschwor, hatte der Mond -nicht so grausig geschienen: aus dem Bodensatz uralter Herkunft rissen die -hämmernden Strophen die Seele des Volkes ans Licht.</p> - -<p>Der ein schlimmer Student in Göttingen war und durch die Sorge -der Freunde sein klägliches Amt hatte, war über Nacht der Mund seines -Volkes geworden, und mehr als die Namen der Freunde, mehr als der -Name sonst eines Dichters, wurde der seine genannt.</p> - -<p>So schienen dem unseligen Mann die Türen weit aufgetan, aber ihm -waren die Füße verstrickt; wo er den Schritt hinsetzte, ging seine Leidenschaft -mit, bis er selber an seinen Leichenstein kam.</p> - -<p>Als Gottfried August Bürger in Göttingen starb, schloß sich ein Buch, -darin kein Blatt rein beschrieben und vor den Augen der Menschen schuldenfrei -war: der auch die dunklen Mächte in seiner Hand hält, band es in -Gnade, daß Schlimmes und Gutes klar vor der Vergessenheit stand.</p> - -<h3 id="sec9_10">Lessing</h3> - -<p>Klopstock der Sänger hatte der deutschen Seele die Herkunft gesungen, -und die Jünglinge im Hainbund waren sein zärtlicher Nachhall gewesen;<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span> -Lenore, die hadernde Braut, war durch den Mondschein der Herzen geritten: -aber die Höfe und Herren merkten nicht, was aus der Seele des -Volkes ans Licht kam.</p> - -<p>Sie sahen noch immer nach Westen und ahmten die Sprache und Sitte -französischer Zierlichkeit nach und blieben die Puppen der Pompadour, bis -Lessing den Sängern und Schwärmern beisprang mit dem geschliffenen -Schwert seines Verstandes und mit dem männlichen Mut seiner Meinung.</p> - -<p>Er war das elfte Kind des Pfarrers in Kamenz und sollte die Theologie -in Leipzig studieren, wo Gellert der frommen Moral den Hausgarten bestellte; -aber der junge Gelehrte, halb noch ein Knabe und halb schon ein -gefährlicher Geist, fand es gescheiter, tanzen, reiten und fechten zu lernen -und der witzige Freund der Schauspieler zu heißen.</p> - -<p>Eine andere Kanzel schien ihm die Schaubühne und der Menschengeist -eine andere Gemeinde, denn daß ein Pfarrer dastand mit seiner Predigt.</p> - -<p>Und wie der Jüngling in Leipzig sein Freibeuterdasein begann, unstet -und arm, von schwacher Gesundheit: so bot er dem Alltag sein helles -Sonntagsgesicht, das ein früher Tod vor dem Alter Klopstocks bewahrte.</p> - -<p>Der König von Preußen stand noch im schlesischen Feld, aber die Namen -von Roßbach und Leuthen hatten geklungen, als Lessing den Klang -in sein Herz nahm, dem preußischen Ruhm das lustige Loblied zu blasen.</p> - -<p>Minna von Barnhelm hieß er sein Stück, und es war nur der Alltag, -mit dem sich darin ein stolzer Major des Königs herum schlug; aber der -trotzig erbitterte Mann war ein Sonntagskind wie sein Dichter und führte -die fröhliche Braut heim.</p> - -<p>Seit Hans Sachs war es nicht mehr geschehen, daß die Zeit auf den -Brettern ihr eigenes Spiel sah, daß der Alltag sich selber zur Schau stand -und staunend bedeutendes Tun in seinen Taten erkannte.</p> - -<p>Wo das lustige Stück auf den Brettern erschien, kam das Vertrauen -des eigenen Daseins zurück; wie Friedrich der König bei Roßbach hob -Lessing der Dichter den Stolz und Spott des deutschen Bürgertums auf -gegen das Welschtum der Höfe und adligen Herren.</p> - -<p>Der aber den Brettern dies treffliche Spiel gab, war kein Dichter der -tönenden Harfe; mehr als ein klingendes Wort galt ihm der scharfe Gedanke: -Wahrheit und Klarheit fegten die Luft rein, wo Lessing am Werk -war.</p> - -<p>Den Staub auszuklopfen und durch zerbrochene Scheiben in dumpfe -Stuben frische Luft einlassen, in frömmelnder Enge und gegen den Dünkel -gelehrter Schulmeister der Freimut zu sein, war seine Lust; und eher hätte -der Hund den Hasen gelassen, als daß Lessing der Unredlichkeit Raum ließ.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span></p> - -<p>Wie sein Geist wachsam und mutig, so war seine Sprache hell und -stark im Gelenk; seit Luther hatte der deutsche Mund nicht mehr so bündig -gesprochen.</p> - -<p>Aber die Not des Herzens war Freiheit der Vernunft geworden, und -über den Tiefen der brünstigen Seele schritt der Menschengeist hin, Himmel -und Hölle zum Trotz den irdischen Weg zu versuchen.</p> - -<p>Da galt es nicht mehr den Papst und nicht mehr die römische Kirche; -ein Pastor Goetze in Hamburg war Lessing wichtig genug, die Unduldsamkeit -zu bestreiten, damit der Mensch, jenseits der Kirchengebote und -über dem Katechismus, wieder das Maß seiner Dinge bedeute.</p> - -<p>Pietisten und römischen Priestern den Spiegel der duldsamen Weisheit -zu halten und über den Kirchengewölben dem Menschengeist selber den -Tempel zu bauen, schrieb er – schon grau an den Schläfen und schon beschattet -vom Tod – sein mildes Vermächtnis.</p> - -<p>Nathan den Weisen hieß er das lehrhafte Spiel seines Alters, und als -die uralte Weisheit des Morgenlands ließ er den Christen, Juden und Türken -das scherzhafte Märchen von ihren drei falschen Ringen erzählen: aber -es war das Abendland, das darin den Geist der Duldsamkeit fand.</p> - -<p>Zu Wolfenbüttel starb Lessing, indessen der Spötter von Sanssouci -vereinsamt ins Abendrot starrte; der König erkannte die Bruderhand nicht, -die ihm der Menschengeist reichte, weil er die Sprache des eigenen Volkes -noch nicht verstand.</p> - -<h3 id="sec9_11">Herder</h3> - -<p>Zu der Zeit, da Lessing Minna von Barnhelm ausschickte, die eigene -Gegenwart lieben zu lernen, liefen die Deutschen in Riga einem Prediger -zu namens Herder, Sohn eines Kantors in Mohrungen und fast noch ein -Jüngling, der an der Domschule lehrte.</p> - -<p>Anders als sonst Wort und Weisung der Bibel wurde sie Bild und -Gleichnis in seinem Mund; denn tiefer als eins ihrer Wunder war dies, -daß die Seele selber den Heiland gebar, daß Himmel und Hölle nur Bilder -der eigenen Tiefe vorstellen.</p> - -<p>Hamann, der Magus im Norden, war dem Adepten, der so an der -Domschule in Riga die ewigen Kerzen aufsteckte, in Königsberg Meister -und Lehnsherr gewesen.</p> - -<p>Verhangene Weisheit und grell aufspringende Gedanken, geheimnisvolle -Nächte und blinkendes Irrlicht hatten die Zauberwerkstatt des seltsamen -Mannes erfüllt, daraus Herder den Talisman nahm.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span></p> - -<p>Die römische Mutter war dem Abendland Weltmutter gewesen, sie -hatte den blonden Kindern des Nordens den Saal des Augustus und danach -die Kirche über dem Stuhl Petri gebaut, und Luther der Ketzer hatte -an ihren Brüsten gesogen.</p> - -<p>Der Magus im Norden lehrte die weitere Weisheit der Mutter, daß -auch die Wölfin nur ihrem Wurf angehöre; Christ sein im Abendland, hieß -in den Stunden der Menschheit die jüngste Gegenwart sein.</p> - -<p>Die Menschheit war die unendliche Fülle der Seele, die in den Völkern -und Zeiten zum ewigen Dasein erwachte; nur wer die stumme Natur als -die ewige Mutter und im Geist den Vater erkannte, der wurde ein Mensch -und ging als Kind Gottes erlöst in seine Allgegenwart ein.</p> - -<p>So war die Lehre des Meisters in dunklen Sprüchen verhüllt, aber der -Jüngling wußte sie zu erhellen: alles Leben wuchs aus den heiligen Tiefen, -und die Vergangenheit war sein behutsamer Gärtner; was sie als Dichtung -behielt im Dasein der Völker, war blühende Blume im ewigen Dasein.</p> - -<p>Die älteste Urkunde der Menschheit hieß Herder danach die Bibel; er -nahm die heilige Schrift aus dem Kirchengewölbe und trug sie hinaus in -die Weiten der Wolken und Winde, dem Menschengeist die blauen Fernen -der Heimat zu weisen.</p> - -<p>Da waren die Völker nicht mehr die gemeine Masse, darüber die Bildung -hochmütig hinging, sie waren die bunten Beete im Garten Gottes -auf Erden, und was ihre Seele in Liedern, Sagen und Märchen bewahrte, -hieß er die Stimmen der Menschheit.</p> - -<p>Als er die Stimmen der Völker in Liedern heraus gab, fing für das -Abendland ein neuer Augenblick an: die Christenheit wurde zur Menschheit -erweitert, und Herder war ihr Prophet.</p> - -<h3 id="sec9_12">Götz</h3> - -<p>Als Herder seufzend in Straßburg saß, daß ihm Jungstilling, der Arzt, -seine Fistel kuriere, kam ein Student zu ihm, Wolfgang Goethe geheißen, -ein Frankfurter Ratsherrensohn und schon eines jungen Dichtertums voll.</p> - -<p>Da wurde der kluge Adept dem brausenden Jüngling ein strenger Lehrmeister: -Stauwehre und Dämme baute er ihm und wies seinem stürmischen -Eifer die Richtung:</p> - -<p>Daß hinter dem ragenden Münster und seiner krausen Gestaltung mehr -als ein Baumeister stünde, daß es ein Wahrzeichen alter Reichsherrlichkeit -sei, und daß die rechte Betrachtung an ihm das Portal in eine große Vergangenheit -fände.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span></p> - -<p>Von Shakespeare, dem britischen Dichter, sprach er dem Jüngling, -und daß sein freies Geäst über den Hecken und künstlich geschorenen Kronen -der allzuklugen Franzosen wie ein Urwaldgewächs schwanke.</p> - -<p>Herder saß hinter verhangenen Fenstern, sein Auge zu heilen, Goethe -lief rasch und waghalsig hinauf auf den Turm und sah die Giebel und -Gassen der alten Reichsstadt im Abendrot brennen und brausen.</p> - -<p>Und als er der alten Zeit voll war, als ihn die wilde Romantik des -britischen Dichters bedrängte, beschwor er aus einer fränkischen Chronik -den stegreifen Ritter und schrieb sein Stück von dem Götz mit der eisernen -Hand.</p> - -<p>Da wurden sie wieder geweckt, die Ritter der alten Reichsherrlichkeit, -die Bretter donnerten von ihren eisernen Schritten, der Kaiser ritt wieder -ins Maifeld, die sieben Heerschilde hielten Wacht, wo jetzt die Zöpfe demütiger -Bürger den welschen Zierat der Fürsten bedienten.</p> - -<p>Der Spötter von Sanssouci geriet in Zorn über das Stück und hieß -es geschmacklos; aber die Jugend schwoll daran auf und schäumte über, als -ob jeder Student der Mann mit der eisernen Hand und jeder Bürger ein -Nürnberger Pfeffersack wäre.</p> - -<h3 id="sec9_13">Werthers Leiden</h3> - -<p>Indessen der Ruhm und der Lärm seines Götz mit der eisernen Hand -Goethe den Jüngling umschwärmten, kam er nach Wetzlar und sollte am -Reichskammergericht Rechtspraktikant werden; wo Schönheit und brausendes -Leben sein sollte, war Staub und Papier.</p> - -<p>Im Elsaß hatte sein Herz gefährlich gebrannt, als er Friederike, die -Tochter des Pfarrers in Sesenheim liebte, in Frankfurt fing er zum andernmal -Feuer: so kam die Krankheit auch über ihn, die wie der Tauwind -im Abendland die jungen Gemüter weich machte.</p> - -<p>Ein Genfer Uhrmacherssohn, Rousseau geheißen, hatte das welke Laub -von Versailles auf einen Haufen gekehrt und aus dem Kehricht hochmütiger -Bildung der Allmutter Natur ein Opferfeuer gemacht.</p> - -<p>Alles – so ging seine Lehre – kam gut aus den Händen des Schöpfers, -und alles mußte entarten, wenn sich der menschliche Hochmut vermaß, die -Natur zu verleugnen: alle Bildung samt ihren Künsten hatte die Menschheit -darum nicht so glücklich gemacht wie den Wilden sein Feuer.</p> - -<p>Es war die alte Lehre der Einfalt, aber die Einfältigen brauchten sie -nicht; und die den bittersüßen Trunk tranken, weil er so feurig gemischt -war, tranken sich krank statt gesund an der Sehnsucht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span></p> - -<p>Die Empfindsamkeit kam in die Welt und war ein gefährliches Gift für -die zärtlichen Herzen; als Goethe, der Dichter des Götz, daran krank war, -schrieb er die Leiden des jungen Werther und schrieb sich selber gesund.</p> - -<p>Lotte hieß er das liebliche Wesen, das für den empfindsamen Werther -das Lockbild reiner Natur war; ihr zu entsagen vermochte er nicht, sie zu -besitzen war ihm verwehrt: so kam aus reiner Quelle trübes Gewässer.</p> - -<p>An seiner empfindsamen Liebe zu leiden, wurde dem Jüngling Genuß; -alle Schmerzen riß er sich auf und alle Launen des Unglücks rief er heran, -bis nur noch der Tod die Wollust der Leiden auslösen konnte.</p> - -<p>Er glaubte an seiner Liebe zu sterben, aber sie war nur der Mantel, den -seine Empfindsamkeit umhing; er pries die Einfalt, weil er am Überdruß -krank war; er löckte den Stachel der Liebe, weil er den Brand und die Fäulnis -der Wunde genoß.</p> - -<p>Noch hatte kein Buch der deutschen Sprache solche Wirkung getan: -Werther zu lesen, Werther zu leiden und Werther zu sein, wurde die Mode -empfindsamer Herzen; der Himmel sank hin und die Hölle brach auf und -ertranken in Tränen.</p> - -<p>Goethe, der Dichter des Götz und der brausenden Jugend, wurde der -seufzende Herold der Zeit; mehr Kränze als je einem Helden wurden von -zärtlichen Händen geflochten, den Abgott zu schmücken.</p> - -<p>Und niemand kannte den heimlichen Schatz, den der Jüngling aus -Frankfurt in seiner Lade bewahrte, niemand wußte, daß der gepriesene -Dichter in seinen Liedern ein Königssohn war.</p> - -<p>Da waren nicht seufzende Worte und launische Leiden gehäuft, da hatte -das zärtliche Gift nicht an der Kraft der Seele gerührt, da war ein Jungmännerherz -vom Blut des Lebens erfüllt, da war ein Mund, wirkliche Leiden -und Freuden zu sagen, da war ein Dichter, das Höchste wie das Geringste -in Schönheit zu wagen.</p> - -<h3 id="sec9_14">Weimar</h3> - -<p>Karl August, der junge Herzog in Weimar, lud Goethe, den Dichter -des Götz und des Werther, zu Gast; aus der fürstlichen Laune wuchs eine -lange Liebe und eine Blutsbrüderschaft.</p> - -<p>Der Herzog war allzu behutsam erzogen, Goethe der Günstling sollte -ihn erst den rechten Lebensgenuß lehren; aber der Dichter wurde dem Jungherzog -Führer und Freund und wußte die fürstliche Tollheit sacht in die -Pflicht umzulenken.</p> - -<p>Als aber die Freunde zuerst ihr Feuerwerk brannten, als sie die Tage<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span> -mit Trunk, Jagd, Narrheit und Maskerade hinbrachten, machten die -Bürger von Weimar drei Kreuze, wenn sie den Namen Goethe aussprachen.</p> - -<p>Und als der Herzog den landfremden Doktor aus Frankfurt zum Minister -machte, rangen die geheimen Räte die Hände, daß nun das Land mit -dem leichtsinnigen Herzog an den Teufel verkauft sei.</p> - -<p>Aber der landfremde Doktor wußte die hitzigen Rosse zu lenken; als -sie am wildesten schnaubten, griff seine Hand fest in die Zügel.</p> - -<p>Das Land des Herzogs war klein und kläglich verwaltet, die Lässigkeit -schlechter Beamten machte dem neuen Minister das Amt schwer, auch blieb -der Widerstand gegen den landfremden Doktor geschäftig.</p> - -<p>Ihn zu besiegen ging Goethe allein mit dem Herzog auf Reisen und -blieb ein Vierteljahr in der Schweiz, wo sie reitend und wandernd allein in -der großen Natur waren.</p> - -<p>Da konnte kein höfischer Neid ihm den Schatten verdrehen, da konnte -er sprechen und wirken und konnte den jungen Herzog sich tiefer verbinden -als durch lärmende Feste.</p> - -<p>Als sie dann wieder in Weimar anlangten, war ihm der Herzog in -Wahrheit verfallen; Goethe der Dichter wurde allmächtig und konnte im -Ländchen Regen und Sonnenschein spielen.</p> - -<p>Der den Götz und den Werther schrieb, und der seinen Ruhm wie seinen -Geist mit Selbstgefühl trug, gab ein Jahrzehnt seines einzigen Lebens -daran, ein treuer Beamter zu sein, dem die Alltäglichkeit wichtig und dienende -Pflicht die Erfüllung war.</p> - -<p>So wurde Weimar, das Ländchen kläglich und klein zwischen den Mächten, -das Vorbild kluger Verwaltung und eine ruhmvolle Stelle im Reich, -weil ein großer Geist nicht verschmähte, treu und besonnen die täglichen -Dienste zu leisten, weil ein Dichter das Gleichnis der tätigen Hände auskosten -wollte.</p> - -<h3 id="sec9_15">Winckelmann</h3> - -<p>Dem Sohn eines Schusters in Stendal war es geglückt, Theologie zu -studieren, aber zu einem Amt gelangte er nicht: Armut und andere Neigung -warfen ihn bald aus der Bahn.</p> - -<p>Statt einem Pfarrer wurde ein fahrender Schüler aus ihm, der sich -mit allerlei niederen Ämtern und Almosen ernährte, bis ihn der Graf auf -Nöthnitz bei Dresden in einen besseren Dienst nahm.</p> - -<p>In Dresden ging ihm die Galerie auf; ob es nur staubiger Gips war,<span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span> -die griechischen Bildwerke wurden dem Sohn des Schusters aus Stendal -vertraut wie ein Garten der Heimat.</p> - -<p>Er sah die Leiber und Glieder im Ebenmaß ihrer Gestaltung, er sah die -herrliche Haltung und schöne Gewandung, als ob in Griechenland Götter -gewandelt wären, indessen die nordische Menschheit in Häßlichkeit ging.</p> - -<p>Wohl gab es noch immer Maler und Bildhauer, aber sein trunkenes -Auge suchte die edle Einfalt und stille Größe vergebens, davon es die Fülle -in den alten Bildwerken fand.</p> - -<p>Ein Paradies ging den Menschen verloren und war ihnen doch – so -schien es dem Schwärmer – noch immer geöffnet, wenn sie erst wieder, -die griechischen Vorbilder nachahmend, den Weg zur wirklichen Kunst -fanden.</p> - -<p>Als Winckelmann so jahrelang in den Gedanken seiner einsamen Leidenschaft -suchte und staunte, als ihm die Seele bis an den Rand mit dem Glück -der Griechen gefüllt war, ließ er die erste Sendschrift ausgehen.</p> - -<p>So voll war er des griechischen Geistes, daß seine Worte und Sätze -im griechischen Ebenmaß schritten: edle Einfalt und stille Größe schienen -auch seiner innigen Liebe geschenkt.</p> - -<p>Noch aber blieb er ein einsamer Sucher und für den Alltag ein Narr, -der sein griechisches Steckenpferd schirrte, und den die Inbrunst verzehrte, -das Land seiner Seele leibhaftig zu sehen.</p> - -<p>Er kam nicht hinein, er kam nur nach Rom und Neapel, und daß ihm -die mächtigen Hände der Kirche dahin verhalfen, mußte der Protestant -seinen Glauben abschwören.</p> - -<p>Da endlich sah er die marmornen Leiber statt staubigem Gips, und die -ewige Stadt hatte nicht solchen Pilger erfahren, der die prahlenden Kirchen -verschmähte, der scheu und verzückt unter den alten Bildwerken umher ging.</p> - -<p>Albani, der Kardinal und Kunstfreund, erkor sich den seltsamen Mann -aus Stendal als Gast: in seinen Sammlungen konnte Winckelmanns Eifer -als Zauberer walten, aus den Ruinen und Resten die alte Welt neu zu -bauen, die seiner Seele sehnsüchtig vertraut war.</p> - -<p>Als Winckelmann seine Geschichte der Kunst im Altertum schrieb, war -es getan: das verschüttete Tor war geöffnet, durch das die Menschheit zurück -schreiten konnte ins Paradies, das für immer Griechenland hieß.</p> - -<p>Was einmal einfältiges Leben und göttergleiches Dasein der Menschenwelt -war, hatte in ewiger Kunst sein marmornes Sinnbild hinterlassen, daß -die Menschheit daran in edle Einfalt und stille Größe zurück die klassische -Wiedergeburt fände.</p> - -<p>Mehr denn ein Jahrtausend hatte die Kirche in Rom an ihren Gewölben<span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span> -und Domen gebaut, sie hatte die Pracht der päpstlichen Herrschaft -über die alten Ruinen gebreitet, als der Sohn eines Schusters aus Stendal -nach Rom kam, ihre Geltung abzustreifen wie einen vermessenen Irrtum.</p> - -<h3 id="sec9_16">Goethe in Rom</h3> - -<p>Elf Jahre lang hatte Goethe in Weimar gewirkt; der als flackerndes -Feuer kam, war für das Land seines herzoglichen Freundes das Herdfeuer -geworden, von vielen gesegnet: das Land seiner Dichtung lag als Trümmerfeld -da.</p> - -<p>Der tätige Geist hatte dem Leben sein Opfer gebracht, aber der Dichter -begehrte wieder das seine; als der Winter zum zwölftenmal kam, sollte die -römische Sonne ihm Blut und Seele neu glühen.</p> - -<p>Heimlich wie eine Flucht war seine Reise; als ob noch einmal Wertherzeit -sei, fuhr seine Sehnsucht nächtlich davon, und eher ließ ihn die Furcht -nicht frei, bis ihn die ewige Stadt als den heimgekehrten Sohn mit ihren -Mauern umfing.</p> - -<p>Denn Goethe, der Dichter des Götz und der das Straßburger Münster -mit feurigem Wort pries, war der Lehre Winckelmanns voll wie eine -schwellende Frucht: nur die südliche Sonne – so schien es dem Flüchtling – -konnte der Kunst wie dem Leben Glück und Gemessenheit schenken, der -Nebel des Nordens hatte sie unstet und freudlos gemacht.</p> - -<p>Es sollte nur eine Reise sein, aber er fand den Weg nicht zurück, bis er -ganz ins römische Leben untergetaucht war, bis der Minister wieder ein -Dichter, bis der neue Werther aus Weimar seiner Seele und seines Leibes -von Urbeginn froh wurde.</p> - -<p>Da reiften endlich die Früchte, denen im Land der neblichten Wälder -der Sonnenschein fehlte, da wurde der Werther aus Wetzlar als Tasso -glühend gehärtet, da wurde der Dichter der Iphigenie den Deutschen fremd, -wie ein Priester den Seinigen fremd wird, da zog der Minister aus Weimar -sein olympisches Feierkleid an.</p> - -<p>Als Goethe im zweiundzwanzigsten Monat seiner Flucht wieder heimkam -nach Weimar, war er kein Herdfeuer mehr für das Ländchen: als -Freund seines Herzogs blieb er in all seinen Würden, aber das Werktagskleid -seiner Bürden legte er ab.</p> - -<p>Wie die silberne Sonne durch eine Nebelwand scheint, so war sein -Wesen fortab verhüllt; die seine Freunde hießen, hatten den Mann an -einen fremden Himmel verloren.</p> - -<p>Was Winckelmann träumte, wurde ihm Wirklichkeit: er hatte das<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span> -Land der Griechen mit seiner Seele gesucht und hatte den Leib seiner Sinne -in südlicher Sonne gebräunt; nun wuchs ihm sein irdischer Tag aus solcher -Vergangenheit ewige Gegenwart zu.</p> - -<h3 id="sec9_17">Die Räuber</h3> - -<p>Indessen Goethe den Griechen zuneigte und seiner eigenen Jugend fast -feind war, stand seinen vergessenen Tagen ein flackerndes Spiegelbild auf.</p> - -<p>Ein schwäbischer Jüngling, Friedrich Schiller geheißen, schrieb auf der -Schule des Herzogs in Stuttgart ein Stück für das Theater, darin der -Raubritter Götz ein Räuberhauptmann geworden, darin die Freiheit ein -düsterer Feuerschein war.</p> - -<p>Das uralte Stück des verlorenen Sohnes wurde in neuen Gewändern -gespielt, aber kein gütiges Vaterherz lief dem Verlorenen zu: im finsteren -Turm klagte ein Greis, indessen der schurkische Bruder die Braut und das -erschlichene Erbteil genoß.</p> - -<p>Denn so war die Welt in den neuen Gewändern geworden; die Schurken -saßen an goldenen Tafeln, aber die Edlen, in ihrer Einfalt betrogen, -sagten der schurkischen Ordnung ihr Räuberrecht an.</p> - -<p>Als sie das Stück zum erstenmal spielten in Mannheim, hatten vorsichtige -Hände seinen Brand erst gelöscht, aber der wilde Jubel der Jugend -blies in die Glut, bis sie himmelhoch flammte.</p> - -<p>Da legten die Jünglinge trotzig das Wertherkleid ab und zogen ein -Räuberwams an; die an der Empfindsamkeit krank waren, lachten sich -höhnisch gesund, sie ließen die seufzende Wollust den Töchtern und fuhren -mit Frechheit und Flüchen zur Hölle.</p> - -<p>Der aber solchen Aufruhr der Jugend entzückte, war ein bläßlicher -Medicus beim Regiment; er konnte nur heimlich nach Mannheim fahren, -und als er nach Stuttgart zurück kam, warf ihm der Herzog sein Dichterglück -vor die Hunde.</p> - -<p>Der Medicus Schiller hatte den Fluch der Freiheit geschworen; Tod -den Tyrannen war seine Losung; und mußte die Tage in knirschender Demut -hinbringen, bis er das Land des Herzogs heimlich verließ.</p> - -<p>Anders als Goethe der Flüchtling nach Rom, kam Schiller der Flüchtling -nach Mannheim: krank an der Brust, von Sorgen und Schulden gehetzt; -gütige Freunde mußten ihm helfen, daß er die bitteren Jahre durchhielt, -bevor ihm endlich in Weimar das Leben günstiger aufging.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span></p> - -<h3 id="sec9_18">Jena</h3> - -<p>Als Schiller zum erstenmal kam, Goethe zu suchen, war Goethe in -Rom; aber der schwäbische Flüchtling fand den Namen des Dichters in -Weimar gesegnet und hoffte das seine, der schon im fünften Jahr seiner -Flucht unstet herum fuhr.</p> - -<p>Er war von hoher Gestalt, rothaarig und blaß und gebeugt von der -Schwindsucht, als er in Weimar Unterkunft suchte; aber der Herzog sah -ihn nicht gern, und der Musenhof war dem Dichter der Räuber nicht -günstig.</p> - -<p>Als Goethe dann heimkam, fremd und braun von der römischen Sonne, -half er dem Flüchtling wohl in ein Amt, aber er hielt sich dem Menschen -verschlossen und kannte den Dichter nicht.</p> - -<p>So wurde Schiller, der schwäbische Flüchtling, in Jena Professor; der -Dichter der Räuber hieß Hofrat und lehrte Geschichte; Charlotte von -Lengefeld war seine zärtliche Frau, und vielerlei Freunde fanden sein Haus.</p> - -<p>Nur Goethe in Weimar blieb wie ein Leuchtfeuer fern: er sandte sein -Licht in die Weite, aber die Nähe war ihm verleidet; und wie er der eigenen -Jugend fast feind war, blieb ihm ihr hastiges Spiegelbild doppelt verdrießlich.</p> - -<p>Sechs Jahre lang zog der Minister in Weimar den Mantel nicht aus; -sechs Jahre lang würgte den stolzen Professor in Jena der Grimm, daß -ihn, den Dichter, der Dichter nicht kannte.</p> - -<p>Denn heller als einer sah Schiller das einsame Licht die Himmelsfernen -absuchen, indessen die eifrigen Lampen der Zeit Stuben und Kammern -erhellten.</p> - -<p>Weil er nicht abließ von seiner Liebe, kam endlich der Tag, da die beiden -sich fanden, da die Bürger von Jena die hohen Gestalten einander zugeneigt -sahen, da der stolze Minister eintrat in das Haus des Professors.</p> - -<p>Da wurde der Reif gerundet, der Weimar und Jena verband, da wurde -die hoheste Freundschaft geboren, da ging am Himmel der Deutschen das -Doppelgestirn auf, über den dunkelsten Nächten zu leuchten.</p> - -<p>Weil jeder ein Einziger war, stand keiner dem andern im Schatten: -Schiller, der jüngere, drängte mit stürmischer Neigung; Goethe, der ältere, -ließ es geschehen mit dankbar besonnter Kraft.</p> - -<p>Er hatte die Freunde der Jugend vertan, nun fand die einsame Mannheit -ihre Genossen; da drängten die Quellen wieder zu Tag, die in der Tiefe -geheimnisvoll flossen, da wurde Goethe der Dichter zum andernmal wach, -da traten die weisen Werke der Goetheschen Mannheit froh in Erscheinung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span></p> - -<p>Hermann und Dorothea hieß er den herrlichen Sang der zwei Lieben, -darin sich der Dichter des Tasso wieder zur Heimat zurückfand.</p> - -<p>Der Rhein glänzte hinein aus nahester Ferne, ein flinker Fluß floß ihm -zu, Wiesen und Felder, Wälder und Weinberge umrahmten das freundliche -Bild der deutschen Kleinbürgerstadt.</p> - -<p>Kein Fürstenhof, keine Prinzessin: Wirtsleute waren die einfachen Helden -der Handlung, Apotheker und Pfarrer priesen mit ihrem behaglichen -Wesen das Leben der täglichen Arbeit.</p> - -<p>Aber vom Klang geruhsamer Verse umflossen, gab ihr bescheidenes Dasein -ein Sinnbild der Menschheit nicht minder, als es die reine Höhe der -Iphigenie war.</p> - -<p>Homerische Rundung der Bildergestalten, Dürersche Sorgfalt und -Treue, die Seelengewalt der deutschen Musik gingen miteins, in deutscher -Landschaft und deutscher Kleinbürgerschaft edle Einfalt und stille Größe -zu walten.</p> - -<p>Der aber mit seiner drängenden Neigung so Großes über den Dichter -in Weimar vermochte, ihm fiel von seiner besonnten Kraft ein größerer -Segen zu.</p> - -<p>Schiller, der Dichter der Räuber, trat ein in die klassischen Gärten des -Meisters; wohl blieb er der Sturmvogel der Freiheit, der Wortgeist hoher -Gedanken, aber die Heftigkeit seiner Gebärden wurde vor Goethe still an -der Gelassenheit seiner Erscheinung.</p> - -<p>Als Schiller das Riesenbild Wallensteins in eine große Wirklichkeit -stellte, als er der Glocke den hohen Feiergesang schrieb, Maß und Würde -des Bürgertums preisend, da kannte der Dichter den Dichter, wie er dem -Menschen aufgetan war.</p> - -<p>Und als dem Dichter der Räuber zuletzt sein Tellspiel gelang, rief es -noch einmal Tod den Tyrannen, aber nun waren die Räuber ein Volk, das -sich aus frecher Bedrückung mannhaft und maßvoll die Freiheit gewann.</p> - -<p>Elf Jahre lang blühte der Bund seine stolzesten Blumen und reifte den -starken Saft seiner Früchte; im Dasein der Deutschen war es die Hochzeit, -sie wurde gefeiert zur selben Zeit, da die reichsfürstliche Herrlichkeit -hinstürzte in Staub und Stank.</p> - -<p>Nicht Frankfurt und Nürnberg, nicht Mainz und Köln, nicht Wien -und Berlin: eine Kleinbürgerstadt an der Saale war der gesegnete Platz -ihrer Feier.</p> - -<p>Da gingen die hohen Gestalten im stillen Gespräch starker Gedanken, -da war die feurige Fülle begeisterter Jugend um sie, da wuchsen im Licht -ihres Geistes die Männer heran, die danach Deutschland erfüllten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span></p> - -<p>Elf Jahre lang blühte der Bund, dann sanken der drängenden Neigung -die Hände: im sechsundvierzigsten Jahr seines stürmischen Lebens starb -Schiller; die lohende Flamme losch hin, das einsame Leuchtfeuer stand in -der Brandung der Zeit, weiter und weißer als je in die nächtlichen Fernen -zu dringen.</p> - -<h3 id="sec9_19">Hölderlin</h3> - -<p>Hold wie sein Name war Hölderlin und hell wie Apoll der Jüngling -aus Schwaben, der bei dem Kaufmann Gontard in Frankfurt Hauslehrer -wurde; schön war Susette, die sittige Hausfrau, edel an Geist und Gestalt -und aller Sehnsucht Vollendung: der helle Gott fand die Göttin.</p> - -<p>Die aber in göttlicher Ferne ihm vorbestimmt war, stand in der irdischen -Nähe durch Pflicht und Neigung dem Kreis verbunden, darin sie die Hausfrau -und Mutter und für den armen Lehrer aus Schwaben die reiche Herrin -vorstellte.</p> - -<p>Sie sah das Licht der eigenen Ferne in seinen Augen gespiegelt, sie hörte -den Klang seiner Stimme, wie ein Wanderer die Glocken der Heimat vernimmt, -sie ging den Wolkenweg seiner Gedanken Hand in Hand; Schwester -und Mutter war sie dem Jüngling, aber sie ließ seine Leidenschaft nicht -über die Schwelle des Hauses, darin sie die Frau war.</p> - -<p>Ihn hatten, vaterlos, zärtliche Frauen erzogen, er wußte den Schritt -nach der Sitte frei zu bemessen; so trat er nicht fehl, und ehe die Fäden der -Schuld ihm die Füße verstrickten, verließ er die Nähe.</p> - -<p>Der Hauslehrer ging nach Schwaben zurück, die Hausfrau blieb in -der Pflicht ihrer Tage; kein Schatten fiel auf den irdischen Weg, die -lohende Flamme stand auf dem Altar der Liebe im Tempel der hohen Herkunft -behütet.</p> - -<p>Diotima hieß er die Schwester und reine Geliebte im Glück seiner -stolzen Gedichte, ein Stirnband aus Sternen band er der Göttin ins Haar, -und keusch verhüllt war die Herrlichkeit ihrer Glieder.</p> - -<p>Wohl gab der Schmerz des Abschieds seine Schatten her, ihr Bild zu -verdunkeln; aber das Licht ewiger Fernen erhellte die Schatten, daß auch -der Schmerz ihre Schönheit bediente.</p> - -<p>Die Ewigkeit war im Wandel der Sinne verhüllt, und der Schmerz -war ihr tiefes Geheimnis; Herkunft und Hingang der Seele bedeckten die -Wolken des Tages, über den Wolken stand die Heimat der Götter in ewiger -Bläue.</p> - -<p>Der so mit Sternen sein Götterbild kränzte, der hell wie Apoll seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span> -Schmerz in den Abgrund versenkte, der ein Sendling der göttlichen Wiederkunft -war, indessen die hohen Gestalten in Jena frei durch die Wirklichkeit -schritten, mußte sein Dasein anders als irdisch vollenden.</p> - -<p>Fern seiner schwäbischen Heimat, im hitzigen Süden von Frankreich, -wo er zum andernmal Hauslehrer wurde, fiel das Geschick über Hölderlin -her wie ein Geier, gesandt von den Göttern.</p> - -<p>Sein Geist, längst aller Tätigkeit fern, wurde mit in die Lüfte gerissen; -seine Seele, der Schwingen beraubt, blieb im Gehäus des irdischen -Leibes.</p> - -<p>Ein Frühsommertag hing seine schimmernde Wolkenlast über das schwäbische -Land, als Hölderlin heimkam, braun von der glühenden Sonne, -einem Landstreicher gleich in zerrissenen Kleidern, im Schoß der Mutter -sein Leid auszuweinen.</p> - -<p>In Frankfurt sank zur selben Zeit Susette, die sittige Hausfrau, dem -frühen Tod in die Arme: Diotima, die Schwester und reine Geliebte, kehrte -zurück in die Ferne, indessen der Dichter, im Wahnsinn der Nähe gefesselt, -noch vierzig Jahre zubrachte.</p> - -<p>Ein letzter Sendling der Götter hatte der Erde sein Opfer gebracht; -seine Gesänge blieben im Dasein der Deutschen, als ob ein Harfenlied -fremd im Tageslärm klänge, als ob das Geheimnis der Wehmut selber den -göttlichen Ursprung besänge.</p> - -<h3 id="sec9_20">Die Romantik</h3> - -<p>Jena, die Kleinbürgerstadt an der Saale, war die hohe Schule des -Geistes geworden, Lehrer und Schüler liefen ihr zu; der Große von Weimar -war gern zu Gast.</p> - -<p>Nie hatte die Sonne der Griechen heller geschienen; als sie im Mittag -stand, kamen die Wolken, sie zu verhüllen: von Götz zu den Griechen war -Goethe gegangen, die aber in Jena Romantiker hießen, gingen den nämlichen -Weg mit Inbrunst zurück.</p> - -<p>Sie sahen die Gegenwart kläglich und klein wie der Meister und drangen -mit hungrigen Augen in die Vergangenheit ein, sich eine schönere Welt für -ihre Sehnsucht zu finden.</p> - -<p>Aber sie mochten die Heimat nicht missen; sie liebten das krause Giebelgebälk -ihrer Gassen, sie liebten die ragenden Dome mit dem Figurenwerk -der Portale, sie liebten die Burgen, gleich Adlerhorsten auf zackige Felsen -gebaut, sie liebten die Klöster tief in den waldigen Tälern.</p> - -<p>So wurde die alte Empfindsamkeit wach, und ihre schweifende Sehnsucht<span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span> -erkannte, daß einmal doch Segen im nordischen Menschenwerk war, -daß Liebe und Schönheit, Weisheit und Stärke regierten, als über der -Willkür selbstsüchtiger Fürsten die alte Reichsherrlichkeit wachte.</p> - -<p>Sie saßen auf ihren Ruinen und träumten der alten Zeit die neuen -Sehnsüchte zu; sie fuhren den Strom hinunter und grüßten die hohen -Fenster der Burgen, als ob ein Fräulein dastände, den frohen Gesellen -zu winken.</p> - -<p>Sie sahen den alten Kran auf dem Dom und wie sein graues Gemäuer -halbfertig dastand, ein Wahrzeichen der Wehmut inmitten der harmlosen -Wirklichkeit; aber sie wollten das Werk der Väter vollenden, -wenn einmal – so ging ihr glühender Eifer – das Reich wieder Gegenwart -wäre.</p> - -<p>Daß solches geschähe, mußten die neuen Herzen der alten Zeit gläubig -die Türen aufmachen; dessen wollten sie Herolde sein.</p> - -<p>So hob ein anderer Lobgesang an, als der vom Griechentum war: die -Brunnen begannen zu rauschen, der Wind im Wald wurde wach mit heiliger -Mahnung, Donner und Blitz sprachen laut und das Heimchen am -Herd zirpte leise, daß einmal die Heimat glücklich und groß, daß einmal -das Vaterland hoch im Ruhm und groß in der Welt war.</p> - -<p>Sie sahen den starken Bogen wieder gespannt, den Kaiser und Kirche -dem Abendland hielten, den Bogen der neuen Verheißung, darunter -die Ferne griechischer Schönheit und römischer Weltbürgerschaft verblaßte.</p> - -<p>Nie war die Inbrunst der Seelen so mächtig gewesen, nie standen Groß -und Gering so nahe in gleicher Gesinnung, nie war der Geist so der Täglichkeit -abwendig, und nie hatte der Tag so geblüht, als da der Bogen die -Ewigkeit über ihn spannte.</p> - -<p>Die Kaiserpfalzen am Rhein und die stolzen Rathäuser, die Marktplätze -mit der steinernen Zier ihrer Brunnen, die Torburgen der Städte -riefen den Ruhm der vergangenen Tage nicht weniger aus, als die Glocken -der Klöster und Kirchen die Ewigkeit klangen.</p> - -<p>So kreuzte das junge Geschlecht den Weg der hohen Gestalten, indessen -die beiden feierlich schritten, schwärmten sie hin, das Herz der Heimat auf -ihren Händen zu tragen.</p> - -<p>Es war die gotische Seele, die wieder zu drängen begann; ob es zunächst -nur ein glühender Traum und eine irrende Sehnsucht in die Vergangenheit -war: Deutschland stand auf, mit allen Teufeln und Engeln der eigenen -Herkunft zu ringen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span></p> - -<h3 id="sec9_21">Des Knaben Wunderhorn</h3> - -<p>Brentano und Arnim hießen die beiden Gesellen, die in der Frühe auszogen, -am Rhein, in Franken und Schwaben Schatzgräber der deutschen -Seele zu sein.</p> - -<p>Die Stimmen der Völker in ihren Liedern hatte Herder gesammelt -und war der neuen Weltbürgerschaft Prophet und Apostel gewesen; sie -aber wollten dem eigenen Volk den Schatz seiner Lieder heben, daß es die -Zukunft erkenne.</p> - -<p>In den Stuben und Höfen der Handwerker bot das Lied seine Strophen -dem Bänkelsang dar, draußen im Land hielt es den Mund der Burschen -und Mädchen fröhlich geöffnet.</p> - -<p>Was die Urahne sang, als sie noch selber im Schmuck der Bänder den -Reigen abging, das sangen die Enkel: wie der Bach und der Wald, die -Wiesen und Wolken im Wechsel der Tage die Unvergänglichkeit waren, -jährlich im Frühling verjüngt, so hielt das Lied über Jugend und Alter die -Herkunft lebendig.</p> - -<p>Immer aufs neue gesungen, in Leid und Freude gleich mächtig, bot es -der Liebe den Raum, darin die Wirklichkeit nur durch die Fenster herein -sah, indessen das Pfeilergewölbe, zum Sternhimmel geweitet, der Sehnsucht -die heimlichen Türen aufmachte.</p> - -<p>Da waren die Zelter der Träume bunt aufgeschirrt und lockten zum -Ritt in selige Fernen, da schwollen die Geigen, als ob in den Tönen die -Seele auf Mondstrahlen ginge, da war das Herz eine Amsel, die letzte -Seligkeit flötend vor dem Geheimnis der Nacht.</p> - -<p>Brentano und Arnim, die beiden Gesellen, selber von Jugend und -Liebe der Zauberei mächtig, drangen hinein in den Berg, darin das Lied -solchergestalt seine heimliche Wunderwelt hatte.</p> - -<p>Und alles Lied war Wort, das mit den Wellen der Melodie auf den -Strömen der Urtiefe selig dahin fuhr; sie fischten das Wort aus den Strömen -und brachten es glücklich zu Tag.</p> - -<p>Da waren es Perlen, im Reim zu Kränzen gebunden; so reich war der -Raub, daß ihre Hände nicht alles zu fassen vermochten.</p> - -<p>Des Knaben Wunderhorn hießen sie dann die stattlichen Bände, darin -die Worte, wie andere Worte zu lesen, abgelöst vom Gesang, fremd und -frierend auf Papier gedruckt waren.</p> - -<p>Aber das Wunder war noch im Wort, es brauchte nur Augen und Ohren -zu finden, die seinen Zauber verstanden, so wurde die Seele des Wortes lebendig -im Sang: aus des Knaben Wunderhorn stiegen die Lieder wie Lerchen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span></p> - -<h3 id="sec9_22">Das Märchen</h3> - -<p>Das Wunderhorn hatte geklungen, da gingen zwei Brüder im Hessenland -um, noch einmal Schatzgräber zu heißen.</p> - -<p>Die Lieder flogen wie Lerchen, aber das Heimchen am Herd zirpte von -heimlichen Dingen, die nur die Großmutter erzählte, wenn ihr die Enkel -am Abend dasaßen; das Öllämpchen brannte und ließ an der Wand die -Spukgestalten der Schatten tanzen und drohen.</p> - -<p>Da wurden die uralten Mären lebendig, aber die Riesen und Zwerge -waren geschäftige Nachbarn der Menschen geworden, und nur im Spuk -ihrer Schatten gingen die Götter, aus Himmel und Hölle vertrieben, durch -die entgötterte Wirklichkeit hin.</p> - -<p>Die einmal Urmächte hießen, dienten als Spielzeug, und wo eine Großmutter -Märchen erzählte, war ihre bunte Puppenwelt da, den Menschenkindern -Freude und Leid vorzutäuschen.</p> - -<p>Die Brüder Grimm wußten, daß solche Puppenwelt nur die Verkleidung -vergangener Urmächte war, aber sie rührten nicht an das Kleid -und brachten die Märchen getreu an den Tag, wie sie in Heimlichkeit -waren.</p> - -<p>Sie schrieben der Ahne das Wort vom Mund und deutelten nicht, sie -waren wissend und wurden horchende Kinder, bis sie aus Sammlung und -Sichtung ihr Märchenbuch hatten.</p> - -<p>Da ging Rotkäppchen aus mit dem Korb, Großmutter Kuchen zu -bringen; aber der böse Wolf kam, das Kind vom Weg zu locken, und hatte -Großmutter und Kind aufgefressen, als die Schere des Jägers sie aus dem -Bauch des Wolfes wieder ans Licht brachte.</p> - -<p>Da schlief Dornröschen, die schöne Prinzessin, hinter dem Zauber der -Dornheckenwände, bis der Prinz kam, die liebliche Braut aus dem Bann -der Hexe zu lösen.</p> - -<p>Da lag Schneewittchen im gläsernen Sarg bei den Zwergen, von der -bösen Stiefmutter vergiftet; da fand der Königssohn Aschenbrödel im -Haus der häßlichen Schwestern, weil ihr allein der goldene Schuh paßte.</p> - -<p>Da saß Frau Holle im Brunnen und fackelte nicht, die Guten zu lohnen, -die Bösen zu strafen; und wenn ihre Magd das Bett schüttelte, dann -schneite es in der Welt.</p> - -<p>Kinder- und Hausmärchen hießen die hessischen Brüder das Buch, -darin die Wirklichkeit war wie ein Wasser, das eilig glitzernd dahin fließt -über die Steine des Grundes, die uralt daliegen und seine gläserne Flut -bunt und beharrlich durchleuchten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span></p> - -<p>Die Kinder sahen hinein mit glänzenden Augen, die Großen standen -sinnend dabei: sie freuten sich an der bunten Erscheinung, und ahnten nur -fern, daß es der Jungbrunnen war und gegen die jüdische Bibel das Buch -der eigenen Herkunft.</p> - -<h3 id="sec9_23">Novalis</h3> - -<p>Mancherlei Geister ritten das Roß der Romantik, und die Jugend lief -ihrer bunten Herrlichkeit zu; nur einer vermochte als Dichter zu sein, was -sie als Schwarmgeister wollten.</p> - -<p>Hardenberg hieß er und war ein brustkranker Jüngling aus edlem Geschlecht, -der sich als Dichter Novalis nannte.</p> - -<p>Er träumte die blaue Blume: am Rand einer Quelle stand sie, deren -Wasser die Luft verzehrte und deren Tiefe von blauen Felsen umhegt war; -als die Traumaugen des Dichters staunend und weh in den blauen Kelch -blickten, schwebte darin ein zartes Gesicht.</p> - -<p>Die Wirklichkeit selbst war das Wunder, und nur die Ordnung der -Sinne hatte den Schein der Erfahrung um ihr Geheimnis gelegt; aber der -Traum befreite die Seele, wieder im Wunder zu leben.</p> - -<p>Und dichten hieß träumen, hieß außer der Täglichkeit sein, hieß aus der -Täuschung der Sinne eingehen ins Dasein der Seele, die ihrer eigenen -Wirklichkeit froh das Wunder in allen Dingen erkannte.</p> - -<p>Novalis, der brustkranke Jüngling aus edlem Geschlecht, hatte nicht -Zeit, das Wunder in allen Weiten zu träumen: der Tod hielt ihm das Tor -schon geöffnet, aus der Scheinwelt der Dinge einzutauchen in die verjüngende -Flut.</p> - -<p>So schrieb er der Nacht seine Hymnen, wie ein Liebender an seine -Braut schreibt; nicht der bleichen Schwester des Tages galten die bunten -Gesänge, der wahrhaften Nacht, die keinen Morgen mehr kennt, galt seine -Verzückung.</p> - -<p>Ein Dichter des Todes war er, wie andere vom Wein und der Liebe -singen; als er dahin war, blieb das Blut seiner blauen Gesänge, als ob der -Schierlingsbecher die wahre Lust an der Wirklichkeit wäre.</p> - -<h3 id="sec9_24">Eichendorff</h3> - -<p>Einer der Jünglinge liebte sein Land, wie die Braut am Sonntag einen -Feldblumenstrauß liebt: der Schierlingsbecher der Nacht und die Sehnsüchte -der blauen Blume, die Fahnen stolzer Vergangenheit und der Morgentau<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span> -künftiger Dinge konnten den hellen Augen des schlesischen Jünglings -den Tag nicht trüben.</p> - -<p>Er sah die Täler und Höhen, die Wiesen und Wolken, den Wald und -all sein Getier; wo er auch wanderte, war blaue Ferne und blühende Nähe, -überall lauschten die Mädchen am Fenster, überall rauschten die Blumen -der Sommernacht, und überall mußte sein Herz im Lied jubilieren.</p> - -<p>Ein Waldhorn rief seiner Freude die frohen Gefährten und eine Quelle -im Wiesengrund seine Morgenfeier, die Lerchen schwirrten hoch vor Lust, und -die Bächlein sprangen von den Bergen, Gespielen seiner frohen Seele zu sein.</p> - -<p>Blau war die Ferne und der Postillon blies sich fröhlich hinein; irgendwo -standen Paläste im Mondenschein und Marmorbilder in dämmernden -Lauben, irgendwo lockte das welsche Land über den Bergen: aber die blühende -Nähe hieß Deutschland, da war die Seele daheim und brauchte nicht -nach der römischen Sonne zu frieren.</p> - -<p>Denn nirgendwo war der Frühling so festlich geschmückt wie da, wo -der deutsche Buchenwald heimliche Wiesen umsäumte; nirgendwo trug der -Sommer so selige Blumen im Haar wie im deutschen Feldergebreite; nirgendwo -war die deutsche Seele so kindlich daheim wie in den frohmütigen -Liedern, die der junge Eichendorff sang.</p> - -<h3 id="sec9_25">Johann Peter Hebel</h3> - -<p>Säen und ernten im Zwang der Gezeiten und der Natur demütig nah -sein in all ihren Launen, war dem Landmann bestimmt.</p> - -<p>Plünderndes Kriegsvolk konnte die Frucht auf den Feldern zerstampfen, -das Vieh aus den Ställen fortführen, die Scheunen verbrennen: aber der -Boden blieb ewig geschäftig, der Wald wuchs Holz, die Wiese wuchs Futter, -die Scholle hielt ihre fruchtbaren Schalen dem Segen des Himmels -geöffnet.</p> - -<p>Prahlende Städte verkamen und Throne wurden gestürzt; der Bauer -ging hinter dem Pflug, stand auf der Tenne und füllte die Scheuer: er -wußte, daß über den Fürsten der Erde ein himmlischer Herr war, und über -allen Gesetzen der Obrigkeit stand der Kalender.</p> - -<p>So geschah es, daß Hebel, der geistliche Herr in der badischen Hauptstadt, -durch allen Spektakel der Zeit harmlos dahin ging, weil er ein Kalendermann -wurde.</p> - -<p>Er war der einzige Sohn einer Witwe, und Taglöhnerarbeit hielt seine -ärmliche Wiege; aber die Wiege stand droben im Markgräflerland, wo die -muntere Wiese dem strengen Schwarzwald entspringt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span></p> - -<p>Da gingen dem Knaben die Wege in fröhlicher Freiheit, da waren die -Wolkenweiten über die grünen Gebreite bis hinter die blauen Fernen gespannt, -da sangen die Vögel zur Arbeit, da war ein emsiges Landvolk im -Kreislauf des Jahres geborgen.</p> - -<p>Den Dank seiner fröhlichen Jugend brachte der Kirchenrat und Prälat -als Kalendermann seiner Heimat zurück.</p> - -<p>Er konnte darüber die geistliche Würde vergessen und alle Gelehrsamkeit -seiner Bücher; auch blieb er ein Schalk und wußte genau, was ein -Zirkelschmied war; einen lustigen Diebstahl erfinden, schien seinen schlaflosen -Nächten gesunder als Cicero lesen.</p> - -<p>Schnurren und Späße, die draußen im Land herum liefen, fing sein -Kalenderwort ein, und sparte den Spott nicht, wenn der Müller von -Brassenheim allzu fett und selbstgerecht war.</p> - -<p>Er konnte auch ernst wie ein Landpfarrer werden, und die Moral hing -seinen Geschichten gern einen Zopf an, wie es die Großmutter tat, wenn -sie den Enkeln Märchen erzählte; doch waren sie darum nicht weniger trefflich, -und jedes Ding stand in der klugen Wahl seiner Worte und blühenden -Bilder leibhaftig da.</p> - -<p>Die dankbaren Leser merkten die weise Kunst nicht, die der kluge Kalendermann -übte; sie lasen sich selber und sahen ihr ländliches Leben gespiegelt, -so wie sie es kannten.</p> - -<p>Wohl kam auch der Bürger hinein aus den Gassen der Kleinstadt, aber -der Rock war gelüftet von seinen muffigen Stuben, und die Wiesenluft -blies ihm sein grämliches Angesicht frisch, daß er die ländliche Fröhlichkeit -lernte.</p> - -<p>Die aber Weltbegebenheit machten, über Schlachtfelder ritten, Städte -verbrannten, deren Stiefel in mancherlei Dreck unsauber wurden, mußten -auch manchmal beim Huf- oder Wagenschmied warten; der Kalendermann -sah sie dann in der Nähe, wo sie nur Menschlichkeit waren mit staubigen -Röcken, Schnupfen oder einem Karbunkel.</p> - -<p>So mußten sie anders durch seine Geschichten spazieren, als sie sonst -taten, und der verborgenen Demut war ein Rößlein geschirrt; indessen der -Hochmut zu Fuß ging.</p> - -<p>Leben und Sterben war in den Kalender getan, darin die Natur den -menschlichen Nucken und Nöten mit Saat und Ernte, Blüte und Frucht, -Sonne und Regen, im Wechsel des Mondes und seiner blanken Gestirne -die ewigen Sinnbilder hielt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span></p> - -<h3 id="sec9_26">Jean Paul</h3> - -<p>Eines Schulmeisters Sohn aus Wunsiedel wurde der Abgott der Bürger -und Frauen; indessen Goethe und Schiller in hoher Einsamkeit gingen, -indessen Romantik landfahrend war, wurden Jean Paul Kränze und Kissen -der zärtlichen Liebe gebracht.</p> - -<p>Seine Jugend war arm, und beschränkt blieb der Kreis seines Daseins, -bis er in Bayreuth, erblindet und abseits der Welt, die letzte Pfeife -hinlegte.</p> - -<p>Aber sein Geist war reich, wie der Wald an Bäumen reich ist, und seine -Seele ging darin spazieren, als ob es nur Sonntag-Nachmittag gäbe.</p> - -<p>Er sah den Bach und das Moos an den Steinen, von der Sonne zärtlich -besprenkelt, er sah das blaue Tuch des Himmels über das grüne Geflecht -der Zweige gebreitet, er hörte den krausen Wind in den Wipfeln -wispern und weinen.</p> - -<p>Er war voll Liebe zu jeglichem Ding, das seine Sinne berührte; er -liebte die Blume und liebte die Biene, die daran naschte; er liebte die Luft -um seine Wangen und liebte den Weg, darauf er ging.</p> - -<p>Er liebte sich selber und seine Liebe, und war von Seligkeit trunken, wie -er die Krone der Schöpfung dahin trug, Gott und sein herrliches Werk im -Wechselspiel seiner krausen Gedanken und bunten Gefühle zu sehen und -zu preisen.</p> - -<p>Auch war seine Feder voll Tinte, alles auf saubere Zettel zu schreiben, -was seiner Seele in Wonne und Wehmut behagte, und den entferntesten -Einfall mitten ins tägliche Dasein zu stellen.</p> - -<p>Unzählige Kästen waren mit solchen Zetteln gefüllt, bis er, den krausen -Reichtum zu lesen, den Überfluß in ein Buch schrieb, das einen verschnörkelten -Titel und unter dem Titel sein zärtliches Herz in der Hand -trug.</p> - -<p>Sechzig Bände füllte er so, und jeder Band wurde von zärtlichen -Augen mit neuem Eifer gelesen, und jeder war das Buch des Propheten.</p> - -<p>Er lehrte die Deutschen, weinenden Auges zu lächeln, und hieß es Humor, -die Welt zu betrachten, als ob das Schicksal nur eine Laune der Ewigkeit -wäre und das Glück die Gunst bunter Einfälle.</p> - -<p>Er brauchte viel Worte dazu, seinen Geist zu entleeren, und brauchte -viel weiches Gefühl, das krause Gefäß seiner Worte mit Seele zu füllen.</p> - -<p>Auch war er ein Meister, die Worte blitzblank zu putzen, daß sie gleich -einer Kette aus blinkendem Zierat weise Gedanken und liebes Gefühl -drollig verbanden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span></p> - -<p>Und war ein Meister, den Leser zu fangen und ihn, wie den Fisch an -der Angel, so durch das krause Pflanzengewühl seiner untiefen Gewässer -zu ziehen.</p> - -<h3 id="sec9_27">Faust</h3> - -<p>Indessen dies alles in Deutschland geschah, indessen die Herkunft des -Volkes gegen das Welschtum der Fürsten aufstand, indessen das Morgenrot -der Romantik in den silbernen Griechentraum kam: war Goethe, der -Dichter des Götz und des Werther, der Alte von Weimar geworden.</p> - -<p>Alle die Rufer der großen Zeit waren verstummt, Klopstock und Lessing, -Herder und Schiller; er aber, der mehr als ein Rufer war, stand im -Sturmwind der Zeit als Leuchtfeuer da, aus der Vergangenheit in die -Zukunft zu leuchten.</p> - -<p>Ein altes Puppenspiel hatte dem Knaben in Frankfurt die Taten des -Faust vorgeprahlt, der seine Seele dem Teufel verschrieb und ein Schwarzkünstler -wurde.</p> - -<p>Als danach den Jüngling in Straßburg das junge Blut plagte, als ihm -die Brust schwoll und der Kopf brannte von Zweifeln und trotzigen Fragen, -kam ihm der Faust aus dem Puppenspiel wieder, und er sah seinesgleichen.</p> - -<p>Er sah der Tugend den Fallstrick gelegt in der täglichen Ordnung der -Väter, Himmel und Hölle halfen ihn halten; aber der Menschengeist trotzte -den Vätern samt ihren allmächtigen Helfern: er wollte sich selber gerecht -sein und jede Art Lust büßen, statt in der fremden Gerechtigkeit bleiben.</p> - -<p>So wurde dem Jüngling in Straßburg das alte Puppenspiel neu, -Himmel und Hölle zum Trotz sollte sein Faust sein, der Menschheit zur -Fackel.</p> - -<p>Herder der Herbe wies den hitzigen Jüngling auf nähere Wege, er -wurde der Dichter des Götz mit der eisernen Hand; aber schon auf den -Wertherwiesen in Wetzlar trug er den trotzigen Plan von neuem umher, -wenn ihm die Brust eng war vom Staub seiner Tage.</p> - -<p>Als der Herzog von Weimar den Dichter zu Gast lud, brachte er ihm -sein Puppenspiel mit: Schattenrisse, in raschen Auftritten wechselnd, mit -Worten wie von Hans Sachs, nur weiter und wehender.</p> - -<p>Wie ein Bräutigam seinen Freunden die Braut zeigt, so aus dem heimlichen -Glück las er sein Stück vor; aber er wußte, daß seine trotzige -Neigung noch keine Liebe, daß die rasch gepflückte Frucht noch keine -Ernte war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span></p> - -<p>Er wurde in Weimar Minister und legte den Faust in die Lade, der -Schwarzkünstler paßte nicht in sein Dasein geheimrätlicher Pflicht; und -als er danach in Rom wieder faustisch zu denken begann, nahm ihm die -klassische Luft die Lust an dem nordischen Spuk.</p> - -<p>Erst Schiller, der treffliche Treiber, vermochte ihn wieder an das verlassene -Werk der Jugend zu bringen; aber dem reifen Mann wollte der -Jünglingstrotz nicht mehr ziemen: eine leuchtende Lohe wuchs aus dem -Höllenbrand seiner Jugend.</p> - -<p>Als Schiller, der glühende, starb, und Goethe, grämlich allein, das unübersehbare -Gut seines Daseins bestellte, ließ er sein Faustfragment zum -drittenmal liegen.</p> - -<p>Er war im sechzigsten Jahr seines Lebens, und sechzehn Jahre vergingen, -bevor er als Greis – nach einem halben Jahrhundert – sich wieder -den schwankenden Gestalten der Jugend zuwandte.</p> - -<p>Längst hieß sein Werk kein Puppenspiel mehr; Himmel und Hölle -rangen um Faust, der ein Schwarzkünstler war und der Menschengeist -wurde.</p> - -<p>In allen Weiten und Winden des Lebens, in allen Sorgen und Sünden -wissend, genießend und tätig sollte er sein, und allen höllischen Mächten -zum Trotz seinen Weg in den Himmel schreiten.</p> - -<p>Aber kein Wunder konnte die Seele erlösen, das Wunder vermochte -der Geist allein: er mußte den Kampf der Mächte ausmachen, er mußte -durch Himmel und Hölle der eigenen Brust Meister des Schicksals -bleiben.</p> - -<p>So hatte ein halbes Jahrhundert über dem hitzigen Plan seiner Jugend -den stolzen Dombau begonnen; der Greis sah das Pfeilerwerk riesenhoch -ragen, aber noch fehlten der Helm auf dem Turm und die Wölbung.</p> - -<p>Am glutroten Münster in Straßburg hatte sein trunkenes Auge gehangen, -als er den Riesenbau plante; nun war der Dichter des Götz ein -Grieche geworden, und über dem gotischen Grundriß sollte ein marmorner -Tempelbau prangen.</p> - -<p>Der Schwarzkünstler ging aus den Nürnberger Gassen in Griechenland -ein, Faust wurde Herzog und Fürst, und Helena herrschte, wo Gretchen, -das deutsche Bürgerkind, ihre schmerzreiche Gunst gab.</p> - -<p>Aber der faustische Schritt ging in die Leere des Alters; Schattenfiguren -wuchsen ihm aus der blassen Unendlichkeit zu, der aus der bunten -Täglichkeit einmal sein starkes Puppenspiel machte.</p> - -<p>Was unmöglich war, konnte auch Goethe der Greis nicht mehr zwingen; -vieles gelang ihm, manches Portal war mit schönen Gestalten bestellt,<span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span> -und manches Glasfenster gab farbige Glut: der Traum seines Tempels -blieb ein Turmbau zu Babel.</p> - -<p>Je mehr ihm der Schatten des nahenden Todes in seinen gewaltigen -Dom fiel, je eifriger war er am Werk, bis ihm zuletzt das Notdach gelang, -den herrlich verzettelten Bau mit allen Hallen und Weiten des Lebens vor -Wind und Wetter zu schützen.</p> - -<p>So stand der Tempeldom da, als Goethe, der Greis, die sterblichen -Augen zumachte; so steht er im Reich als der mächtigste Bau, so wird er -den Völkern und Zeiten ein Wunderwerk bleiben, ein ragendes Zeugnis, -was einmal ein Mensch aus eigener Vollmacht vermochte.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Buch_der_Erhebung">Das Buch der Erhebung</h2> - -<h3 id="sec10_1">Beethoven</h3> -</div> - -<p>Als Mozart, der Meister des großen Wohllauts, starb, war das Jahrhundert -der Pompadour aus; die Blutrache der Freiheit hatte in Frankreich -begonnen, als Beethoven kam, dem Menschengeist die bräunliche -Stimme der Erde zu bringen.</p> - -<p>Musikanten aus Holland waren die Seinen, in Bonn dem Kölner Kurfürsten -dienend; aber den Enkel und Sohn verlangte nach Wien, wo Mozart -den Zauberstab hielt, wo Haydn, der unerschöpfliche Meister, Musik -machte.</p> - -<p>Mozart war tot, als Beethoven kam, Haydn nahm sich des rheinischen -Jünglings an wie ein Vater; er führte ihn ein in das große Orchester und -in die sinfonische Fülle der Geigen und Bässe, Hörner und Pauken, Flöten -und Klarinetten.</p> - -<p>Beethoven wurde, wie Mozart es war, ein Meister auf dem Klavier – -nur daß er tief aus der braunen Dämmerung kam, indessen jener im hellichten -Morgenrot ging – wo er sein trotziges Spiel hören ließ, wurde der -Menschengeist wach, seinen eigenen Atem zu spüren.</p> - -<p>Da brach in die Säle von Wien, in die Kerzen und goldenen Stühle -der Menschentrotz ein und ballte die Fäuste, lachte und weinte, wo leichtes -Gelächter, wo Seufzer und Rührung und spöttische Heiterkeit war.</p> - -<p>Aber das Schicksal schlug den gesegneten Mann, seine Macht zu erhöhen: -es nahm ihm sein Ohr und nahm ihm sein Spiel, es führte ihn heim -aus dem rauschenden Beifall der Hörer in die einsame Stille der Taubheit.</p> - -<p>Da saß der unselig gesegnete Mann noch immer an seinem Klavier und -glaubte zu hören, was nur die Brandung der Seele, was nur das Meer der -Gefühle im Sturm seiner Leidenschaft war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span></p> - -<p>Abgelöst von der irdischen Wirklichkeit seiner Töne schrieb er Musik, -die seine Ohren nie hören, die seine Seele nur aus den Noten ablesen -konnte.</p> - -<p>So sank er hinein in die Gründe, darin er allein mit seinem Trotz das -Leben bestand: ein Titan war unter die Menschen verbannt, den sie wie -Donner und Blitz, wie sausenden Wind und rauschendes Wasser verstanden; -nur ihre Antwort hörte er nicht.</p> - -<p>Er war den Göttern verfeindet wie alle Titanen, er haßte ihr neidisches -Wesen und daß sie dem Geist sein trotziges Tun hochmütig mißgönnten; er -brachte den göttlichen Funken in seiner Musik zu den Menschen, daß ihnen -die Götter Rede stehn mußten.</p> - -<p>Haydn, der heitere, hatte den Jüngling das große Orchester gelehrt, -aber die Fülle der Geigen und Bässe, Hörner und Pauken, Flöten und -Klarinetten war nur ein reicherer Wohlklang gewesen: nun brauste der -Geist in die Fülle, da Beethoven, der taube Meister in Wien, den Sinfonien -der Menschheit die ewigen Noten hinschrieb.</p> - -<p>Da war kein Himmel und war keine Hölle, nur die Urgewalt der Natur, -und der Menschengeist war ihr selbstherrlicher Meister.</p> - -<p>Er konnte schwellen, wie der Frühling die Knospen schwillt, er konnte -den Bogen bauen über die Berge, er konnte stürmen und stürzen, wie Hochwasser -im Alpental stürzt, er konnte breit und gewaltig sein wie das Meer -und konnte in seinen Wellen den Sonnenball fangen.</p> - -<p>Seliges Spiel und trotzigen Aufruhr, schmerzliche Sehnsucht und drohende -Kraft, blutrote Trauer und weißglühenden Zorn: alles schrieb Beethoven -hinein in das Bibelbuch seiner Musik.</p> - -<p>Und als er am Ende war seiner irdischen Tage, als er die Summe zog -seines gewaltigen Lebens, als er die letzte schrieb seiner neun Sinfonien, -schwoll Menschengesang in die Geigen und Hörner: über die trotzige Leidenschaft -hin rauschte die Urmacht der Freude.</p> - -<p>Sie war nicht aus der Gunst der Götter geboren, sie floß nicht hinein -in das Menschenland, wie ein Bach blumige Ufer und blinkendes Wellenspiel -bringt.</p> - -<p>Die trotzige Hand des Titanen hatte das eigene Herz aufgerissen; da -war es kein Blut, kein Feuer und Wasser, da waren es Ströme des Geistes, -einmal den Jüngern in einer Taube vom Himmel gebracht und nun die -Erde mit Allgewalt füllend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span></p> - -<h3 id="sec10_2">Die Blutrache der Freiheit</h3> - -<p>An einem Julitag stürmte das Volk von Paris die feste Bastille, die uralte -Zwingburg des Königs und das Gefängnis all seiner Feinde.</p> - -<p>Der Staat, das bin ich! hatte der Sonnenkönig geprahlt; als danach -der Herbst den Park von Versailles zu färben begann, holte das Volk von -Paris sich den König als Geisel; der von Gottes Gnaden regiert hatte, -mußte dem Parlament die Verfassung beschwören.</p> - -<p>Und als die Fürsten Europas mit ihrer Heeresmacht kamen, dem Thron -in Frankreich zu helfen, flammte das Volk der Franzosen auf und war ein -gewaltiger Brand vor den Söldnern der Fürsten: bei Valmy mußte das -preußische Heer den unrühmlichen Rückzug beginnen.</p> - -<p>Seitdem war Frankreich die Schmiede der Völker; der Untertan wollte -der freien Gemeinde und ihrer vergessenen Herkunft die dreifache Pflugschar -der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit schmieden.</p> - -<p>Die Schmiede stand in düsterer Glut, und der Widerschein schreckte die -Sippe der Fürsten; denn vor der Gleichheit und Brüderlichkeit kam die -Blutrache der Freiheit.</p> - -<p>Sie kam nicht über das Land, wie ein zärtlicher Morgen im Frühling -endlich den Sonnenschein bringt, sie brach aus den Tiefen und war der Haß -des entfesselten Volkes und seine Rache.</p> - -<p>Als die Pariser den Freiheitsbaum pflanzten, als sie die adligen Herren, -Junker und Pfaffen, zu jagen begannen wie Freiwild, als sie den König -köpften trotz seiner geheiligten Krone und die Königin mit ihm: wollte die -blasse Furcht an den Höfen den Übermut von Jahrhunderten rächen.</p> - -<p>Tod den Tyrannen! hatte der Dichter der Räuber gerufen, nun trat -sein Ruf in den Tag und hatte ein Fallbeil zur Hand: im grausigen Takte -seiner Schläge fielen die Köpfe, und adliges Blut floß im Unrat der Rinnen.</p> - -<p>Gewalt riß Gewalt aus den Händen, Rache rief Rache, und Mord -fiel auf Mord, bis das blutige Maß voll war.</p> - -<p>Danton, Marat und Robespierre hießen die Hyänen der Freiheit, ihr -heißes Geheul schrie sich heiser, ihr hungriges Maul fraß sich satt, bis es im -blutigen Schaum erstickte.</p> - -<p>Über dem Abendland stand in Paris das Fallbeil böser Vergeltung; im -schaurigen Takt seiner Schläge mußte das neue Blut das alte abwaschen, -weil die Gewalt der Freiheit zuvor kam, weil die Gerechtigkeit ihre ewige -Gleichung aus schuldiger Menschenhand nahm.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span></p> - -<h3 id="sec10_3">Bonaparte</h3> - -<p>Die Freiheit ging den Weg der Gewalt, und die Gewalt sank in Blut -und Verbrechen; da sie am Ende stand ihrer Schrecken, kam der Gewaltherr, -sie zu vollenden.</p> - -<p>Es war ein Tag in Paris, da die Scharfrichter der Macht ein kaltes -Herz und eine grausame Hand brauchten, als der Korse mit seinen Kartätschen -über sie kam, die Freiheit zu retten.</p> - -<p>Napoleon Bonaparte war er geheißen; als danach ein Maitag der staunenden -Welt sein Bild zeigte, wie er, die Fahne kühn in der Hand, im Kugelregen -die Brücke von Lodi gewann, rief der Ruhm seinen Namen aus -wie einmal den Prinzen Eugen.</p> - -<p>Nie hatte ein Meister des Krieges kühnere Dinge getan, als da der -Korse den Dreitagekampf um Arcole bestand: in Hunger und Lumpen gewann -seine Schar, ein Heer kaum zu nennen, den lombardischen Krieg, weil -sein Genie ihren Todesmut führte.</p> - -<p>Und seit den Kreuzrittern hatte kein Abenteuer das Abend- und Morgenland -so erfüllt wie seine tollkühne Fahrt nach Ägypten, da er die Türken -bei Abukir schlug.</p> - -<p>Und uraltes Glück des Kühnen wurde lebendig, da der Sohn des korsischen -Advokaten heimkam, den Scharfrichtern der Macht in Paris sein -Schwertherrenglück aufzuzwingen.</p> - -<p>Als Konsul von Frankreich zog der Sieger von Lodi, Arcole und Abukir -ein in das Königsschloß der Bourbonen, daraus die Häscher der Freiheit -Ludwig den Sechzehnten auf das Schafott holten; er aber war geschützt -durch das Bajonett seiner Grenadiere.</p> - -<p>Zehn Jahre hatte die Freiheit Tod den Tyrannen geschrien und war -eine Mutter gewesen, die ihre eigenen Kinder verzehrte; als die Zeit der -neuen Gewalt reif war, saß der Korse darauf und regierte.</p> - -<h3 id="sec10_4">Napoleon</h3> - -<p>Wie Samuel der Priester vor Saul, zog einmal Stephan der Papst -hinaus ins gallische Land, Pipin, den fränkischen König, zu salben.</p> - -<p>Der Pontifex maximus suchte das nordische Schwert; und als der gewaltige -Sohn des fränkischen Königs nach Rom in die Christmesse kam, -grüßte die Priesterklugheit Carolus Augustus, den römischen Cäsar, weil -ihm das Abendland untertan war.</p> - -<p>Der König der Deutschen war Kaiser jahrtausendlang, der Turm des<span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span> -Reiches stand über den Dächern der Staaten, und über den Fahnen der -Völker wehte die Kaiserstandarte.</p> - -<p>Aber die Habsburger stellten die Kaiserstandarte auf ihre Hofburg in -Wien, die Habsucht der Fürsten und Herren fraß das Reich leer, bis ihm -der Schwur von Loreto den Untergang brachte.</p> - -<p>Als der große Krieg aus war im Frieden zu Münster, herrschte Ludwig -der Vierzehnte, Habsburg zum Hohn und dem Reich zum Raub, über das -Abendland: nun aber kam der Sohn der Gewalt und wurde in Wahrheit -Kaiser.</p> - -<p>Als er sich selber in Frankreich die Krone aufsetzte, der kühner als Cäsar -und stärker als Karl war, kam der Papst demütig aus Rom, ihn als Kaiser -zu salben.</p> - -<p>Zum letztenmal glühte der Bogen, den Kaiser und Kirche über das -Abendland spannten, aber der Sohn der Gewalt hielt seine feurige Pracht -allein in der Hand.</p> - -<p>Er machte die Fürsten zu seinen Vasallen, und als er in Erfurt sein -Maifeld abhielt, mußten die Könige von Gottes Gnaden demütig erscheinen, -sich ihrem Kaiser zu beugen.</p> - -<p>Er nahm auch der Kirche die weltliche Macht aus den Händen und hieß -die Bischöfe wieder die geistlichen Hirten der Gläubigen sein: so wurde der -Bogen zerbrochen, den Kaiser und Kirche ein Jahrtausend lang über das -Abendland spannten; so fing die neue Zeit an.</p> - -<h3 id="sec10_5">Der Rheinbund</h3> - -<p>Als die Söhne Ludwigs des Frommen das karolische Reich unter sich -teilten, nahm Lothar das Land in der Mitte.</p> - -<p>Es war nur ein schmales Band von der kalten Meerküste über die Alpen -hinüber nach Welschland; aber der Rhein zog seine reiche Straße hindurch, -und die Kaiserkrone hing an dem Band.</p> - -<p>Lothar, der Kaiser, war schwach und ging in ein Kloster; die stärkeren -Brüder im Westen und Osten zerschnitten das Band, aber sie konnten die -Krone nicht teilen.</p> - -<p>Wer den Rhein hatte, der hatte das Reich: hier war der goldene Schlüssel -der Macht, hier saßen die Kurfürsten von Köln und Trier und der von -Mainz, der Kanzler der Reichsherrlichkeit, hier zogen die Heerschilde auf, -den Kaiser zu wählen, hier hielten die mächtigen Städte von Straßburg -bis Utrecht dem Kaiser die Tore geöffnet, wenn die Fürsten ihm trotzten.</p> - -<p>Hier stand der Aachener Krönungssaal, hier waren die Kaisergräber in<span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span> -Speyer, hier hielt Barbarossa das herrliche Maifeld, ehe den Herrscher des -Abendlands sein Ritt ins Morgenland führte.</p> - -<p>Hier wurde Rudolf von Habsburg, der Graf aus dem Aargau, nach -schmählicher Zeit König der Deutschen; aber sein karges Geschlecht verriet -den Rhein und das Reich um die Habsburger Hausmacht im Osten.</p> - -<p>So kam Lothars Reich zum andernmal in den Streit der stärkeren Brüder -von Osten nach Westen: Wien und Versailles kreuzten die Schwerter -über dem Rhein um die Krone.</p> - -<p>Ludwig der Vierzehnte brach einen Stein aus dem Stirnreif: die wunderschöne -Stadt Straßburg; er kaufte die rheinischen Fürsten mit Gold -und Gunst gegen das Reich und den Kaiser.</p> - -<p>Alliance du Rhin hieß er das listige Bündnis, aber es blieb eine teure -Gunst der Minister, bis das Schwert Napoleons kam und eine billige Vasallenschaft -daraus machte: er aber hieß es den Rheinbund.</p> - -<p>Das linke Ufer Lothars nahm er zu Frankreich, dem rechten setzte er Fürsten -nach seiner Laune: Vasallen trugen die Kronen, die er verschenkte im -Rheinbund, Vasallen mußten ihm Heerfolge leisten gegen den Kaiser.</p> - -<p>Denn noch hielt dem Korsen Habsburg stand, und nie war es so tapfer -wie nun im Unglück gewesen; erst als ihm die Sonne von Austerlitz unterging, -blutig rot im Dezember, losch die letzte Reichsherrlichkeit hin.</p> - -<p>In Regensburg trat der Gesandte von Frankreich den kläglichen Rest -des Reichs auseinander; da wurde der Thron leer, der durch ein Jahrtausend -die Mitte der Welt war: der Kaiser von Österreich blieb der Fürst vielerlei -Völker, aber er war kein Herrscher des Abendlands mehr.</p> - -<p>Die reiche Straße des Rheins wurde die Grenze der Mächte im Westen -und Osten; aber versunken im Strom lag die Krone der alten Kurfürstenmacht.</p> - -<p>Die Fürsten im Rheinbund feierten fröhliche Feste, sie waren der alten -Kaisermacht ledig; daß sie Trabanten des neuen Cäsars waren, störte ihr -Eintagsglück nicht.</p> - -<h3 id="sec10_6">Jena und Auerstädt</h3> - -<p>Indessen der korsische Hammer das faule Gebälk der alten Reichsherrlichkeit -einstürzen machte, gedachte der König von Preußen das seine zu -retten.</p> - -<p>Torheit und Dünkel blähten sich auf dem Mist, als ob noch immer der -Große in Sanssouci säße; aber der Fuchs sprang dem Hahn an die Gurgel, -da er am stolzesten krähte: bei Jena und Auerstädt ließ der preußische -Hochmut das Feld und die Federn.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span></p> - -<p>Seit Roßbach hatte die deutsche Erde nicht mehr so eilige Flucht gesehen -und seit Straßburg nicht mehr solche Schande, als da nun der preußische -Hochmut den Ladestock schluckte.</p> - -<p>Wie eine Hasenjagd ritten die flinken Husaren die leichte Verfolgung: -ihrer zwölf fingen fliehende Heerhaufen ab; die starken Festungen fielen vor -einem Trompetenschall hin.</p> - -<p>Von Greisen geführt und von Feiglingen verraten, mußte der Grenadier -den Gamaschendienst büßen; bevor ein Monat ins Land ging, war das -preußische Land voll Franzosen.</p> - -<p>Weit über die Weichsel hinaus nach Tilsit und Memel mußte der preußische -Königshof fliehen; wenn nicht der Zar aus dem russischen Winter -den zitternden Händen seinen starken Arm reichte, verlor der König von -Preußen sein Land und den Thron.</p> - -<p>In Tilsit wurde der schimpfliche Krieg mit einem schimpflichen Frieden -beschlossen: auf einem Floß über den kalten Memelfluß traten Kaiser und -Zar zueinander und hießen den König von Preußen abwarten, was aus -dem Handel der Mächtigen für ihn übrig bliebe.</p> - -<p>Er durfte sich weiter König von Preußen heißen, aber die Hälfte des -Landes ging ihm verloren; und was er behielt, gehörte ihm nur als Vasallen.</p> - -<p>Mut und Verwegenheit, Glück und Geschick hatten den Spötter von -Sanssouci groß gemacht unter den Fürsten; Degen und Schärpe aus seiner -Gruft nahm sich Napoleon mit, weil er als Gunst des Glücks und als Verwalter -der Verwegenheit sein Nachfolger war.</p> - -<h3 id="sec10_7">Der Tyrann</h3> - -<p>Der Spötter von Sanssouci war ein Meister der klugen Beschränkung: -er band den Ruhm an sein Schwert, er mehrte die Macht seines Staates, -und blieb im Reich, der er war, der König von Preußen.</p> - -<p>Aber der Korse war Kaiser geworden, wie Kolumbus Amerika fand; sein -Ozean war der Aufruhr gewesen, sein Schiff die Soldatengewalt.</p> - -<p>Der Kaisermantel umhing seine Schultern, der Papst salbte sein Haupt -mit Öl: aber er blieb der Sohn der Gewalt, und die Gewalt konnte den -Namen der Freiheit nicht leugnen, damit sie zur Welt kam.</p> - -<p>Den Sohn der Hölle hießen sie ihn, denen die alte Zeit den Himmel auf -Erden vorstellte, da die Willkür der Höfe und adligen Herrn die Völker regierte, -da der Bürger und Bauer Untertan war.</p> - -<p>Der Sohn der Hölle mähte die höfische Herrlichkeit nieder, vor seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span> -Sense sanken die falschen Vorrechte hin: den Junkern nahm er die geistlichen -Pfründen, den Pfaffen zog er das Weltfürstenkleid aus.</p> - -<p>So war der Zauber der Freiheit um seine Taten, die Herzen der Jugend -flammten dem Sieger von Lodi und Austerlitz zu, im Abend- und Morgenland -galt er der Held und Türhalter der neuen Zeit, die dem Sohn der Gewalt -das Recht zuerkannte.</p> - -<p>Die aber die Pfründen verloren und die das Weltfürstenkleid ausziehen -mußten, blieben die heimlichen Herren der Welt, trotz seiner Kanonen; sie -waren dem Aufruhr der Freiheit gewichen, dem Zwingherrn der neuen Gewalt -wichen sie nicht: Junker und Pfaffen hielten den alten Bund gegen -den Korsen, der Papst in Rom war ihr Meister.</p> - -<p>Als der Sohn der Gewalt an den Kirchenstaat rührte, als er den heiligen -Vater gefangen nach Frankreich zu bringen befahl, stand das katholische -Bauernvolk auf, den Junkern und Pfaffen gegen den Sohn der Hölle zu -helfen; und als er nach Erfurt zum Fürstentag fuhr, das Maifeld der neuen -Kaisermacht prahlend zu feiern, fuhren die bösesten Nachrichten mit.</p> - -<p>In Spanien und Tirol fing der knisternde Brand allmählich lichterloh -an zu brennen, über das Abendland fielen die Funken; da mußte der Meister -der Macht bekennen, daß die Herkunft mächtiger war als seine Kanonen.</p> - -<p>Der die Throne Europas verschenkte und die Fürsten Vasallendienst -tun hieß, warb um die Kaisertochter in Wien; die Unsicherheit seiner Macht -zu verankern, beugte der Sohn der Gewalt sich vor dem Recht der Geburt.</p> - -<p>Er war im Namen der Freiheit gekommen, und Frankreich hatte im -Namen der Freiheit die Jugend Europas begeistert; nun beugte der Korse -sein Knie vor der geheiligten Herkunft der Krone: die Jugend sah den Verrat -und grollte dem neuen Tyrannen.</p> - -<h3 id="sec10_8">Andreas Hofer</h3> - -<p>Der Sandwirt war er geheißen, Händler und Wirt im Tal von Passeyr, -aber er kannte den Krieg als Hauptmann der Schützen und galt in Tirol -mehr, als ein Landmann sonst unter Landmännern gilt.</p> - -<p>Als die Hofburg den Aufruhr der Bauernschaft brauchte, rief sie den -Sandwirt nach Wien; der Erzherzog selber hörte dem mutigen Mann herablassend -zu.</p> - -<p>Napoleon hatte Tirol dem König von Bayern geschenkt; aber – so ging -die Rechnung der Hofburg – ein Aufstand der Bauernschaft sollte dem -neuen Krieg gegen den Korsen Urgewalt geben, das Volk selber sollte das -Land von Tirol für Habsburg befreien.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span></p> - -<p>Andreas Hofer, der Sandwirt geheißen, glaubte den Herren in Wien, -weil er ein Mann aus Tirol war; als er wieder daheim saß im herbstlichen -Tal von Passeyr, sah seine Wirtschaft seltene Gäste, und als im Frühjahr -die Laufzettel das Aufgebot riefen, war er mehr als ein Hauptmann der -Schützen.</p> - -<p>Am Sterzinger Moos fing er sein Tagwerk an, und als er die Schlachten -am Iselberg schlug, machte der Sandwirt sein Wort wahr: Tirol war -befreit, und die Herren in Wien konnten den Treueid der Landschaft empfangen.</p> - -<p>Sie sparten nicht in der Habsburger Hofburg, die Gesandten der -Bauernschaft zu beehren; der Kaiser selber gab ihnen gnädig sein Wort mit, -niemals Frieden mit Frankreich zu machen, es sei denn, daß auch Tirol wieder -zu Österreich gehöre.</p> - -<p>Als aber den Herren in Wien bei Wagram ihr kurzes Kriegsglück fehl -ging, als sie von dem Korsen Waffenstillstand begehrten, dachten sie -nicht an ihr Wort: die Bauernschaft war von Habsburg verlassen, Bayern, -Franzosen und Sachsen rückten mit Übermacht an, den Trotz der Tiroler zu -brechen.</p> - -<p>Doch hatte der stolze General Lefebvre die Rechnung ohne den Sandwirt -gemacht: wieder am Iselberg wurde sein <span id="corr272">Heer</span> von den herzhaften -Bauern geschlagen, und nun war Tirol zum andernmal frei für sich -selber.</p> - -<p>Der Kaiser saß im Käfig der Hofburg, und auf den Straßen nach -Wien ritten die flinken Husaren von Frankreich: so mußte der Sandwirt -auf eigene Faust Herzog und Fürst der Bauernschaft sein.</p> - -<p>In der Hofburg zu Innsbruck hielt er mit seinen Getreuen dem Land -die Regierung; ein Bauernwirt aus dem Passeyr trotzte dem Sohn der -Hölle und war die Hoffnung der deutschen Herzen im Reich.</p> - -<p>Aber es buntete nur ein Herbst vor dem Winter: als im Frieden zu -Schönbrunn das Kaiserwort log, als Habsburg Tirol an Bayern abtrat, -als die Übermacht kam von Norden und Süden, war das Glück der Bauernschaft -aus.</p> - -<p>Sie sperrten die Täler mit Ketten, sie rollten die Steine von den Bergen, -sie riefen das Land zur letzten Wehr auf und mußten in Brand und Blut -zuletzt doch ersticken.</p> - -<p>In einer Alphütte hoch im Passeyr saß Hofer der Sandwirt lange verborgen, -aber ein Judas verriet ihn um Geld, und die Häscher fingen den -Starken.</p> - -<p>Er blieb auch im Unglück der mutige Mann; als er in Mantua fiel unter<span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span> -den Kugeln der Feinde, aufrecht und stolz, weil er ein gläubiger Mann aus -Tirol war, wurde er groß im deutschen Gedächtnis.</p> - -<p>Das aber geschah zu der Zeit, da der Habsburger Kaiser in Wien seine -Tochter dem Korsen verlobte.</p> - -<h3 id="sec10_9">Luise</h3> - -<p>Eine Prinzessin aus Mecklenburg wurde in Preußen Königin; ein -Kind fast noch, als sie im Brautwagen kam, und eine junge Mutter, als sie -nach harmlosen Jahren harmvoll dahin ging.</p> - -<p>Goethe hatte an ihre Jugend gerührt, Anmut und Frohsinn waren um -ihre Tage gewesen, da sie in Paretz die liebliche Gutsherrin spielte, bis ihr -der Sturmwind das Kartenhaus umblies.</p> - -<p>Da mußte die Gutsherrin Königin werden, und alle Schmach, die auf -Preußen fiel, legte Herzeleid über die Frau, die so stolz wie schön und so -stark wie anmutig war.</p> - -<p>Eine böse Winterfahrt war es nach Königsberg von Berlin, und die -flinken Husaren ritten den Wagen des flüchtenden Hofes dicht auf der -Spur; in Memel erst, wo die russischen Weiten sie schützten, konnten sie -bleiben und warten, was dem preußischen Land und seinem König von dem -Korsen geschähe.</p> - -<p>Die Königin haßte den Sohn der Hölle wie eine Kröte, die ihr das -Sonntagsglück störte, und mußte ihm doch die zitternde Hand geben, als -ihre Anmut Napoleon dargereicht wurde, seinen harten Sinn zu erweichen.</p> - -<p>Die kalten Stunden in Königsberg konnte ihr Stolz nicht mehr vergessen; -viele Feinde hatte der Korse im Abendland, aber kein Haß zog ihre -Herzen so an wie die preußische Königin: so kam es, daß Preußen zum andernmal -den deutschen Geist zu erheben vermochte.</p> - -<p>Der Spötter von Sanssouci hatte den Jubel von Roßbach geweckt und -hatte den Staat der preußischen Pflicht gegen die Habsburger Hofburg -gerichtet; Dünkel und Leichtfertigkeit hatten die Erbschaft verschleudert, -und ein dürftiger König hatte sich seines Ruhmes vermessen: nun war eine -Frau in das Leid und das Frühlicht der jungen Erhebung gestellt.</p> - -<p>Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hatte die Stimme in Frankreich -gerufen, die Herzen der Völker hatten sie jubelnd vernommen: aber Napoleon -hielt im Namen der Freiheit die Ernte und war ihr zum Hohn ein -Sohn der Gewalt.</p> - -<p>Eine andere Freiheit lehrte in Königsberg Immanuel Kant und band<span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span> -die Willkür in Pflicht: so wurde dem Korsen eine reinere Feindschaft bereitet -als die der Junker und Pfaffen, und ihre Priesterin wollte die preußische -Königin sein.</p> - -<h3 id="sec10_10">Kant</h3> - -<p>Der Sohn eines Pietisten und Sattlers in Königsberg sollte als Pfarrer -studieren, aber die Wissenschaft lockte ihn mehr als die Kirche, ihre dogmatische -Enge konnte ihm keine Lebensluft sein.</p> - -<p>Alles, was es zu lernen gab, lernte der Jüngling; nichts lag ihm so fern, -daß er nicht seinen Eifer daran versuchte, nichts lag ihm so nah, daß er nicht -seine Lust daran büßte, Wesen und Sinn zu erkennen.</p> - -<p>So konnte Immanuel Kant in der täglichen Welt nichts als ein Hofmeister -werden: neun Jahre lang mußte der Sohn des Sattlers auf mehreren -Gütern sein Dasein dienend hinbringen; aber der Sohn des Pietisten -hatte schon früh die Tugend geübt, an der Täglichkeit nicht zu leiden.</p> - -<p>Als er dann wieder nach Königsberg kam, lehrend zu lernen – ein ältlicher -Jüngling, aber gesellig und heiter – kam schon der Ruf mit ihm, daß -er schärfer zu denken und mit helleren Worten von seinen Gedanken zu reden -vermöge als sonst ein Professor.</p> - -<p>Das war im selben Jahr, da der Spötter von Sanssouci den großen -Krieg plante; und bis der Stern Napoleons stieg – fast ein halbes Jahrhundert -– blieb Kant in Königsberg, lehrend und lernend, und wurde ein Licht, -das Abendland zu erhellen.</p> - -<p>Lächelnd von Liebe und Weisheit hatte der Zimmermannssohn die Freiheit -der Seele gelehrt, und daß ihr heimliches Reich jenseits der Wirklichkeit -wäre und höher als alle Menschengewalt.</p> - -<p>Aber die Kirche des Juden aus Tarsus hatte das Kreuz vor die Lehre -gestellt, hatte der gläubigen Seele Lohn und Strafe verheißen und zwischen -Himmel und Hölle ihr Gnadentor der Erlösung gebaut.</p> - -<p>Ein Jahrtausend und mehr hatte sein Wahnreich der Priester die -Menschheit in Hoffnung gehalten, selige Schauer und fromme Verzückung, -Furcht und Zittern verzwickter Gedanken waren um seine Himmels- und -Höllenverheißung gewesen.</p> - -<p>Bis endlich der Menschengeist wieder erwachte, lieber zur Hölle zu fahren, -als daß er sich in den Himmel der Priester hinein glaubte: Zweifel und -Trotz stellten die uralte Frage der Wahrheit, und die Wirklichkeit gab grausame -Antwort.</p> - -<p>Die Wirklichkeit war die Notwendigkeit der Natur und die Unabänderlichkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span> -ihrer Gesetze; ihr galt der Mensch nur ein Ding und ein Tier und -alles, was er zu denken, fühlen und ahnen vermochte, stand im Zwang ihrer -Gleichung.</p> - -<p>So konnte der Menschengeist nur seine Unfreiheit erkennen, und all -seine Wissenschaft baute nur an der Mauer dieser Erkenntnis um ihn; aber -der Sohn eines Sattlers in Königsberg wurde zum andernmal sein Erlöser, -er öffnete ihm die verschüttete Tür in der Mauer und machte ihn frei von -der Wirklichkeit seiner Sinne.</p> - -<p>Alle Erkenntnis der Wirklichkeit war gebunden an Raum und Zeit, -und alle Gesetze ruhten darin wie die Tür in der Angel; aber Raum und Zeit -hafteten nicht an den Dingen, sie waren dem Menschengeist eigen, Ordnung -in die Erscheinung der Sinne zu bringen.</p> - -<p>Die Tafeln des Gesetzes kamen nicht aus der Wirklichkeit, der Menschengeist -schrieb sie ihr vor, und die vermeintliche Ordnung der Sinnenerscheinung -war seine Schöpfung der Welt.</p> - -<p>Das war die Tür, die Immanuel Kant aus dem Zwang der Wirklichkeit -fand, aber sie führte in keine Willkür hinaus; denn dem Menschengeist -war das eigene Reich eingeboren, darin er von aller Sinnenwelt frei blieb, -um seiner eigenen Wirklichkeit tiefer verpflichtet zu sein.</p> - -<p>Gut und böse in seinem Willen zu scheiden, aus seiner Vernunft allein -die Pflicht seiner Tat zu empfangen: war seine Wirklichkeit unter dem -Wasserspiegel aller Erfahrung, war seine Wahrheit und Freiheit.</p> - -<p>Nicht anders als einmal der Zimmermannssohn hatte Immanuel Kant -den Weg und die Pflicht der Freiheit gefunden, nur daß er die Gnade -der gläubigen Seele nicht kannte, daß er im Frage- und Antwortspiel -seiner Gedanken der friedlose Menschengeist blieb.</p> - -<p>Und daß er nicht ging auf den Straßen zu lehren, lächelnd von Liebe -und Weisheit, daß er im Tempel der Schriftgelehrsamkeit blieb.</p> - -<p>Wie ein Städtebaumeister Straßen und Plätze, Häuser und Gärten -in seinem Grundriß bestimmt, wie er die Willkür ausschaltet und jedem -Teil seinen Platz im Ganzen erzirkelt, so gab er dem Menschengeist seinen -Plan, sich gegen Gott und Welt den Tempel der Freiheit zu bauen.</p> - -<p>Er wurde sehr alt und ein schlohweißes Männchen und mußte das klägliche -Schauspiel erleben, daß ein Minister im Namen des Königs von Preußen -ihm Lehre und Schrift unterband.</p> - -<p>Als er gestorben war, trugen Studenten den Sarg in den Dom, und -alle Glocken in Königsberg läuteten seinem Leichnam zu Grabe, wie wenn -der heimliche Herzog in Preußen zum ewigen Schlaf einginge.</p> - -<p>Aber ihm war das ewige Leben gesegnet: sein Werk war bestellt, sein<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span> -Plan war vollendet, neben den heimlichen Gärten der Seele den sichtbaren -Tempel der Freiheit zu bauen.</p> - -<h3 id="sec10_11">Fichte</h3> - -<p>Als Napoleon Preußen zerschlug, als er nach Königsberg kam mit seinen -flinken Husaren, war Kant schon begraben; aber die Lehre des Meisters -hatte ihr leises Leben begonnen, indessen der laute Schritt des Eroberers -über das Abendland ging.</p> - -<p>Stark wie jemals ein Kaiser hielt er sein Schwert über die Fürsten und -Völker Europas, aber die stärkeren Mächte der Herkunft boten ihm Trotz, -und nun kam die stärkste, ihn zu bezwingen.</p> - -<p>Denn stärker als je ein Schwert war, stärker als Herkunft und stärker -als Herrschsucht und Haß der Bedrückten, stärker als alle Macht in der -Welt ist der Geist, der um die wahre Freiheit zu ringen beginnt.</p> - -<p>Eines Leinewebers Sohn aus der Lausitz war durch Armut hinauf in -das Licht der kantischen Lehre gestiegen; weil er kein Weiser der Wissenschaft -war wie der Meister, nahm er die Fackel zur Hand, das Licht aus -dem Tempel zu tragen.</p> - -<p>Sei dir selbst alles, oder du bist nichts! stand in den Flammen geschrieben, -damit er den Brand in die Herzen der Deutschen zu bringen gedachte; -denn Fichte war aus dem Weltbürgertraum seiner Zeit und der eigenen -Jugend in den Entschluß der völkischen Pflicht eingegangen.</p> - -<p>Nur Ewiges könne der Mensch wahrhaftig lieben, Dauerndes tun und -bewirken, sei die innerste Mahnung und Lockung all seiner Wünsche: Dauer -allein könne dem Menschen nur werden im Dasein des Volkes, darin sein -einzelnes Leben mit Herkunft, Sprache und Sitte unlösbar in Dankespflicht -sei.</p> - -<p>So war die Lehre der freien Pflicht tapferer Wille geworden, dem irdischen -Dasein redlich zu dienen, statt jenseits der Dinge das selige Leben zu -suchen; Fichte, der furchtlose Mann, zögerte nicht, die Lehre als Tat zu erfüllen.</p> - -<p>Indessen die Straßen Berlins von dem Schritt und dem Hörnerschall -französischer Bataillone widerhallten, indessen Spione das Wort und die -Haltung des Bürgers allerorts überwachten, stand er am Pult, von Deutschen -für Deutsche schlechthin seine mutigen Reden zu halten.</p> - -<p>Er sah und wußte, das deutsche Volk war die Spreu seiner Ernte geworden; -aber die Ernte, zerstreut und verzettelt, war noch zu retten, wenn -sich der Deutsche treu und tapfer zu seiner Herkunft bekannte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_277">[277]</a></span></p> - -<p>Er sah und wußte, über das deutsche Volk waren Schmach und Schande -gekommen, aber sein Unglück war Schicksal; es mußte sich wenden, wenn -der Deutsche seine Sendung im Dasein der Völker erkannte.</p> - -<p>Daß dieses geschähe, mußte ein junges Geschlecht das alte ablösen, -mußte Erziehung zur deutschen Gesinnung die Abrichtung brauchbarer -Untertanen ersetzen.</p> - -<p>Er wurde nicht müde, der mutige Mann in Berlin, die neue Gesinnung -zu fordern; wie die drei Könige mit ihrem Stern nach Bethlehem kamen, so -pries er den Mann, Pestalozzi geheißen, der für die neue Gesinnung das -neue Erziehungswerk brachte.</p> - -<p>Die Bataillone des Korsen marschierten, und ihre Hörner klangen hinein, -als der Leineweberssohn aus der Lausitz die Deutschen aufrief, wieder -Deutsche im Schicksal der Herkunft und Sendung zu sein.</p> - -<p>Die Stimme des mutigen Mannes verhallte, aber das Wort, einmal -gesprochen, fiel als die Saat in furchtsame Herzen und ging als die Ernte -der deutschen Gläubigkeit auf.</p> - -<h3 id="sec10_12">Pestalozzi</h3> - -<p>Es war ein Schweizer, Sohn einer Witwe in Zürich, der früher als -einer das Elend des Landvolkes sah, wie es in Armut und mühsamer Arbeit -sein Leben hinbrachte, wie es unwissend und blöd, abergläubisch, furchtsam -und faul in der Fron reicher Stadtleute war.</p> - -<p>Er wollte ihm helfen, doch nicht wie ein Reicher an der Kirchentür Almosen -gibt: Gerechtigkeit sollte dem Armen das Herz in die Sonne heben, -darin er den Reichen mit Groll lustwandeln sah.</p> - -<p>Aber Gerechtigkeit kam, das mußte der Sohn einer Witwe in Zürich -frühzeitig erfahren, nicht aus den Herzen der Edlen allein in die Welt: sie -brauchte das Schwert und die Waage, Macht und Gewicht, und daß sie -den Armen mitwog, mußte er selber gewichtig sein.</p> - -<p>Bildung allein könnte den Armen erheben, daß er das seine zu fordern -verstünde, Bildung allein machte ihn frei zu den Gütern des Lebens, Bildung -allein konnte dem Haus des Unrechts die Treppe einbauen, daß die -Stockwerke der Stände und Klassen einander in Menschlichkeit fänden.</p> - -<p>Pestalozzi, der Menschenfreund, mußte mit eisgrauem Haar ein Schulmeister -werden; im Neuhof und danach in Stans war er ein liebender Vater -der Armen und Waisen, in Burgdorf und Ifferten wurde sein zorniger -Eifer der Lehrer der Menschheit.</p> - -<p>Denn als er den Kindern der Armen die Bildung zu bringen ausging,<span class="pagenum"><a id="Seite_278">[278]</a></span> -suchte sein liebender Eifer vergebens die Lehrer; der Gang der Natur, der -das Kind aus dem Schoß der Mutter fröhlich ins Leben brachte, fehlte den -Schulen der Armen und Reichen.</p> - -<p>Schulmeister trieben ihr hartes Gewerbe mit Schelten und Strafen; -trockenes Klapperwerk war, wo Liebe und Einsicht, Frohsinn und Freisinn, -Vernunft und Methode sein sollten.</p> - -<p>So kam es, daß er die Schule der Armen zu suchen ausging, und Armen -wie Reichen den Weg der Erziehung fand: das Kind aus den Gärten der -Jugend fröhlich ins Leben der Pflicht und Arbeit zu leiten, aus Spiel und -Kindersinn das Bild einer neuen Menschheit zu bauen.</p> - -<p>Er war ein ärmlicher Greis, dem solches gelang, und seine Werke zerrannen -in Streit und Enttäuschung; Sorge, Entbehrung und bitterer -Zorn über die Härte, Bosheit und Dummheit der Menschen liefen den -langen Lebensweg mit.</p> - -<p>Aber die Liebe hielt seinem Alter den Quell des Lebens lebendig, und als -er versiegte, strömte sie noch, die Herzen zu rühren: daß dem Geringsten unsterbliche -Seele einwohne, und daß es Menschenpflicht wäre und höchstes -Ziel der Gemeinschaft, jegliche Seele ins Dasein zu wecken.</p> - -<h3 id="sec10_13">Der Freiherr vom Stein</h3> - -<p>Als die Preußen bei Jena den Krieg und den Kopf verloren, als das -Heer in schimpflicher Flucht die Ängstlichen mitriß, als der Hof aus Berlin -in Eilwagen floh, tat ein Mann kaltblütig das seine.</p> - -<p>Es war ein Freiherr vom Stein bei Nassau und früh in preußischen -Diensten; ihm waren die Kassen des Staates anvertraut, und er wußte sie -klug und besonnen zu retten.</p> - -<p>Der König von Preußen, einfältig und karg, mochte den eisernen Mann -nicht; aber die Königin hörte ihm zu, und die Not zeigte mit allen Fingern -auf ihn: so wurde der Reichsfreiherr vom Stein in Preußen Minister.</p> - -<p>Seit dem Spötter von Sanssouci kam zum erstenmal wieder ein Kopf -und ein Herz in die Leitung des preußischen Landes, und ein Wille, anders -als jener der oberste Diener des Staates zu sein.</p> - -<p>Denn der Reichsfreiherr haßte den dumpfen Betrieb peinlich bezopfter -Beamten; ihm war der Staat ein lebendiges Wesen, bestimmt von sittlichen -Kräften, und er kannte den Untertan nicht.</p> - -<p>Alle Stände und Klassen, Junker, Bürger und Bauern waren als -Staatsbürger gleich in Rechten und Pflichten; sie dienten dem Staat als -der Rechtsgewalt ihres Volkes.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_279">[279]</a></span></p> - -<p>Weil der Staat die Rechtsgewalt war, durfte er nicht über Knechte regieren; -die freie Gemeinde der Bürger mußte sich selber verwalten, wie es -in Urväterzeiten das Mannesrecht war.</p> - -<p>Und keine Willkür der Junkergewalt durfte den Bauern in Leibeigenschaft -halten; auf eigener Scholle, frei von Fron und Gedinge, sollte er -wieder der fröhlichen Arbeit gehören.</p> - -<p>So kam die Freiheit in Preußen an den Tag, und der sie brachte, scheute -kein Dohlengeschrei; über Beamten- und Junkertum kam sein Gesetz, wie -der Tag über den Kreuzen und Steinen der Kirchhöfe steht.</p> - -<h3 id="sec10_14">Kleist</h3> - -<p>Ein Stern ging auf über dem preußischen Land, als es noch Nacht war, -und schien in den Morgen, und niemand sah seinen Glanz, bis er blutrot -verzuckte.</p> - -<p>Heinrich von Kleist hieß der Jüngling, der höher als einer in Preußen -sein Angesicht hob, und tiefer als einer mit seinen Füßen im Schicksal verstrickt -ging.</p> - -<p>Er war ein Junker aus altem Preußengeschlecht und diente dem König, -bis er im siebenten Jahr den Soldatenrock auszog, bis er die Zucht und die -Ehren des Standes verließ, anderer Zucht und anderer Ehren sehnsüchtig.</p> - -<p>So hatte Ulrich von Hutten den Stern seines unsteten Lebens durch -Länder und Leiden getragen wie Heinrich von Kleist, da er fünf Jahre lang -irrte und ruhelos war auf der Erde, die Bahn seines Himmels zu finden.</p> - -<p>Den göttlichen Weg der Großen in Weimar und Jena wollte er schreiten, -aber sein flackernder Gang wurde kein Schritt; der glühende Geist -konnte die Flamme nicht zünden und schwelte in funkelnden Dünsten.</p> - -<p>Als er wieder daheim war im preußischen Land, kein Jüngling mehr -und doch kein Mann, wie ihn der Tag brauchte, wollte er seinen unsteten -Geist in die Täglichkeit zwingen: zwei Jahre lang blieb er im Staatsdienst, -schlafwandelnd und stumm, bis ihn der Donner von Jena und -Auerstädt weckte.</p> - -<p>Flüchtig in Königsberg, gefangen in Frankreich, landfremd in Dresden, -schrie er die eigene Wirklichkeit wach, als er sein kühnes Amazonenspiel -schrieb, von der Königin Penthesilea, die den Achill liebte im Haß und seinen -sterbenden Leib den Hunden preisgab.</p> - -<p>Der Alte in Weimar wollte den Dichter der Penthesilea nicht kennen, -wie er den Dichter der Räuber nicht kannte: doch wie ein gotischer Turm -über ein griechisches Tempeldach wächst, so wuchs dem preußischen Jüngling<span class="pagenum"><a id="Seite_280">[280]</a></span> -sein grausames Griechengedicht über das edle Gebälk des Meisters -trotzig hinauf in den nordischen Himmel.</p> - -<p>Das aber war zu der Zeit, da durch die Herzen der Deutschen der erste -Feuerschein ging, dem Korsen das Haus zu verbrennen; Heinrich von Kleist, -der Preuße in Dresden, half hitzig den Brand schüren.</p> - -<p>Der preußische Junker haßte den fremden Tyrannen; der deutsche -Mensch träumte den Traum einer neuen Reichsherrlichkeit: aber der Tag -von Wagram zertrat ihm den Haß und den Traum.</p> - -<p>Zum andernmal kam er nach Preußen zurück, der Hoffnungen ledig, -der Täglichkeit taub, der eigenen Dinge trächtig, wie eine Wolke geschwellt -im Abendrot steht.</p> - -<p>Ein Genius kam nach Berlin, aber die klugen Bürger der Stadt an -der Spree sahen nur einen geschäftigen Mann, der ihnen zum Sonntag das -Abendblatt füllte mit Anekdoten und anderer Unterhaltung.</p> - -<p>Zwei Jahre lang ließen die kargen Berliner Heinrich von Kleist sein -Krümperwerk tun, zwei Jahre noch blieb sein einsamer Geist auf der Erde; -er hatte schreiten gelernt wie die Großen in Weimar und Jena, aber sein -war der Sturmschritt.</p> - -<p>Nur raffen konnte er noch, was ihm die letzte Fülle zuströmte, raffen und -aus der Schmiede mühsamer Jahre das köstliche Gut bergen.</p> - -<p>Erzählungen hieß er die Schicksalsberichte, darin ein starkes Stück Leben -in einer Kette von schmucklosen Worten eng aufgeschnürt war: als ob -ein Wanderer, kurz nur zur Rast, von einem Erlebnis mit fliegendem Atem -berichte.</p> - -<p>Kohlhaas, der Roßhändler von Jüterbog, hatte dem Unrecht der Zeit -samt ihren Junkern und Fürsten getrotzt, weil ihm sein Recht das höchste -Mannesgut in der Welt war; er hatte den Trotz mit dem Schwert des -Henkers bezahlt, und war noch dem Henker zum Trotz Sieger geblieben -über Junker und Fürsten.</p> - -<p>So waren die Dinge noch nie einem Dichter über die Klinge gesprungen, -als da der Junker Heinrich von Kleist den Roßhändler Michael Kohlhaas -beschwor, als da er das Schattenbild einer Chronik in ewige Gegenwart -stellte.</p> - -<p>Aber die seinen Schicksalsbericht lasen, waren der ewigen Gegenwart -fern; sie hörten von einem Roßhändler und sahen den Dichter nicht, wie er -die hämmernden Worte in einen Marmorstein grub, Urtümliches sichtbar -zu machen.</p> - -<p>Sie hörten danach sein Spiel vom Zerbrochenen Krug und konnten -nicht lachen, weil sie die Seufzer und Sittensentenzen schlechter Schauspieler<span class="pagenum"><a id="Seite_281">[281]</a></span> -vermißten, weil der blühende Scherz und derbe Spaß vom bocksfüßigen -Richter in Husum ihnen zu handgreifliche Wirklichkeit war.</p> - -<p>Sie sahen das Kätchen von Heilbronn um seinen Ritter Ungemach leiden -und fanden es dumm von dem Dichter, daß er das rührende Spiel ihrer -Liebe in soviel Unheil vertiefte.</p> - -<p>Der aber dies alles den Ohren und Augen der Bürger noch hinwarf, -ging längst auf dem Messergrat seiner letzten Entscheidung; als er ein -armes Menschenkind fand, entschlossen hinunter zu springen, sprang -Heinrich von Kleist mit in den Tod, der ihn von der Zeitung, von den -Berlinern, von seiner schmählichen Zeit und seiner Enttäuschung in -Einem erlöste.</p> - -<p>Es war im fünfunddreißigsten Jahr seines Lebens, als Heinrich von -Kleist sich mit der Schicksalsgenossin am Wannsee erschoß; die gute Gesellschaft -schwieg peinlich betreten, daß es die Frau eines Kleinbürgers war, -der sich der Junker im Tode verband.</p> - -<p>Zehn Jahre lang blieb sein Gedächtnis vergessen, dann hoben Freunde -den Nachlaß und fanden den Schatz, den ein Dichter dem Preußentum -schenkte, als ihm sein eigenes Leben in Preußen vergällt war.</p> - -<p>Den Prinzen von Homburg hieß er sein Testament, und ob sie es lange -mit blödem Gesicht lasen, einmal mußte sein Geist auferstehn, und einmal -mußten die kargen Berliner und Preußen erkennen, daß nichts in der Welt -diesem Bühnenspiel gleich war.</p> - -<p>Klopstock und Herder, Lessing und Schiller hatten um eine Dichtung -gerungen, die jenseits des Tages doch seines Wesens innerstes Angebind -war, Novalis sank in den Tod, Hölderlin floh zu den Griechen, indessen -Goethe, der Leuchtturm in nächtlicher Brandung, über den Zeiten dastand:</p> - -<p>Alle sahen den Stern auf ihren mühsamen Wegen; dem er am fernsten -stand, und der sich selber als Pfand dem Schicksal einsetzte, ihm wurde sein -Glanz erfüllt, als er verzuckte.</p> - -<p>Wo der Prinz von Homburg den Tag des Kurfürsten von Brandenburg -zur Ewigkeit machte, da wurde im deutschen Geist Preußen, da wurde -im Preußengeist Deutschland wiedergeboren.</p> - -<h3 id="sec10_15">1812</h3> - -<p>Den Herrscher des Abendlandes priesen die Zungen; aber vor seiner -Tür lag die englische Flotte, auch hielt die russische Mauer den Osten verriegelt: -noch waren Napoleon Grenzen gesteckt.</p> - -<p>Er aber hieß seinen Sohn in der Wiege den König von Rom und ließ<span class="pagenum"><a id="Seite_282">[282]</a></span> -ihm das Zepter darbringen; er wollte die russische Mauer durchbrechen und -wollte dem englischen Stolz die Segel absetzen.</p> - -<p>Mit einem gewaltigen Heer zog er aus gegen den Osten; die Völker Europas -mußten ihm Heerfolge leisten, und als er in Dresden sein letztes Maifeld -abhielt, kam der Habsburger Kaiser, kamen die Könige von Preußen, -Sachsen und Bayern im Troß der Rheinbundfürsten herbei, ihm zu dienen.</p> - -<p>Sie saßen in prahlenden Festen zusammen, sie tanzten und hörten den -schmachtenden Versen französischer Schauspieler zu, indessen die Söhne -aus allen Gauen der deutschen Landschaft nach Rußland marschierten.</p> - -<p>Der Frühling blühte in Polen, und die Fahnen flogen im Sommerwind, -als sie das Herzogtum Warschau verließen; aber dann fing die starrende -Weite der russischen Unendlichkeit an.</p> - -<p>Regen ersäufte die Felder, und eine glühende Hitze kam, den Schlamm -auszudörren; Menschen und Pferde erschraken, daß nur noch die Weiten -des Himmels über der Öde, daß nicht mehr Wiesen und grüne Alleen, daß -nicht mehr Dörfer und Städte fröhliche Zeugen der Menschenwelt waren.</p> - -<p>Als sie das Tal von Wilna erreichten, als in der Weite die erste Stadt, -als wieder Straßen und Schatten, Stuben und Ställe da waren, hatte -die große Armee den russischen Sommer erfahren, und eine lange Rast -mußte den Troß der Mutlosen stärken.</p> - -<p>Noch aber hatte die Schlacht nicht begonnen, kein russisches Heer schien -den Sieger zu hemmen, bis bei Smolensk die Kanonen zu donnern anfingen; -tief in die Nacht ging der grausame Kampf, und schon stand das Glück -auf der Scheide: als die Franzosen endlich die Brücke genommen, brannte -die Stadt und ein Schutthaufen war ihre Rast.</p> - -<p>Der Weg nach Moskau stand offen, aber es war nur das Tor ins Verderben: -als sie nach täglichen Kämpfen und stündlichen Leiden endlich im -Herbst das bunte Getürm über dem unermeßlichen Meer der Dächer erblickten, -stand keine Bürgerschaft an den Toren, dem Sieger die Schlüssel -zu bringen.</p> - -<p>Und als die flinken Husaren zögernd einritten, war die Riesenstadt leer, -der Hörnerschall starb an verschlossenen Fenstern und Türen.</p> - -<p>Es war schon tief im September, und der weiße Winter lauerte vor den -Toren, das rote Blut zu vergelten: in Moskau sollte der Frieden mit Ölzweigen -kommen, in Moskau sollte nach böser Entbehrung reiche Winterrast -sein, aber da fing die leere Stadt an zu brennen.</p> - -<p>In einem Flammenmeer schwamm schon am dritten Tag der düstere -Kreml; dem Korsen wurde es heiß auf der Zarenburg, er suchte sich vor den -Toren ein kühles Quartier, aber sein Heer konnte die Stadt nicht verlassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_283">[283]</a></span></p> - -<p>Denn draußen stand lauernd die Weite, der sie erst gestern entrannen, -und aus der Weite hob der russische Winter drohend die Fäuste: sie waren -als Sieger mit Hörnerschall eingezogen und saßen schaurig gefangen in der -leeren brennenden Stadt.</p> - -<p>Ihr Meister und Herr wollte das Unglück noch zwingen, Boten und -Briefe heuchelten dem Zaren Friedensbereitschaft; aber der Zar war in der -russischen Weite verschwunden, nur seine Heere spannten von Osten den -Ring um die Stadt.</p> - -<p>Die Sieger von gestern konnten nicht bleiben und mußten zurück, mehr -als die hundert Meilen durch das verwüstete Land; schon aber gab der Oktober -dem kommenden Winter die eisigen Hände.</p> - -<p>Kutusow hieß der seltsame Greis, der dem Rückzug aus Moskau das -böse Geleit gab: da war die Weite lebendig geworden, zur Rechten und Linken -hielten die russischen Klammern die Flanken gefaßt, von hinten drängten -die Lanzen der wilden Kosaken.</p> - -<p>Eine geängstigte Herde, von Wölfen gestellt, so wollte die große Armee -die Rettung gewinnen, aber der Winter kam früh mit grausamer Kälte: -die am Weg blieben, lagen erfroren, und die den Weg fanden durch Hunger -und weißen Schnee, tappten täglich tiefer ins Elend hinein.</p> - -<p>Noch immer war es ein Heer, das Napoleon führte; an der Beresina -verlor er die Zügel: schwarz kam der Fluß durch die gefrorene Weite, und die -Brücke war fort; zwei neue wurden gebaut im Feuer der Russenkanonen.</p> - -<p>Tausende fanden den Tod in dem trägen Gewässer, tausende fielen -unter den Lanzen der wilden Kosaken, tausende wurden gefangen: was im -Dezember endlich in Wilna ankam, konnte nicht mehr ein Heer heißen.</p> - -<p>Auf einem Schlitten, heimlich und schnell fuhr der Korse nach Frankreich; -mancher in Deutschland sah eine vermummte Gestalt, darin er den -Kaiser nicht wieder erkannte; und die ihn erkannten, glaubten eher an ein -Gespenst, als daß es der Herrscher des Abendlandes wäre.</p> - -<p>Denn nur langsam kam das Gerücht von der großen Armee aus dem -russischen Winter, und wenige wagten zu glauben, daß die Lumpengestalten -wirklich der klägliche Rest und nicht nur versprengte Flüchtlinge waren.</p> - -<p>An vielen Häusern klopften sie an, und selten geschah es, daß einer -heimkam in Sachsen, Bayern und Schwaben; wo einer heimkam, blieben -hundert verschollen.</p> - -<p>Die Klage um die verlorenen Söhne fing an zu weinen in Deutschland; -aber ein Brunnen brach aus der Tiefe, der alle Klage ersäufte, daß nun der -Tag der Vergeltung und das Ende der frechen Fremdherrschaft käme.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_284">[284]</a></span></p> - -<h3 id="sec10_16">Tauroggen</h3> - -<p>Eine Mühle liegt bei Tauroggen im litauischen Land; da wurde der -Treubruch vollzogen, der die Erhebung des Deutschen gegen die fränkische -Fremdherrschaft ansagte.</p> - -<p>York, der stählerne Mann, hatte das preußische Korps von Riga zurück -an den Niemen gebracht; Klinge an Klinge dem russischen Freund, Schulter -an Schulter dem fränkischen Feind, blieb er zweideutig zögernd zurück, -bis ihn die Russen bei Tauroggen stellten, dann tauschte er die Parole.</p> - -<p>Er war Soldat und wußte, er brach seinem König den Eid, sein Kopf -war verwirkt in Berlin; aber die preußische Sache wurde in Rußland geführt, -und der Reichsfreiherr vom Stein, der Freund und Berater des -Zaren, war ihr starker Verwalter.</p> - -<p>Ein Jahr lang war der mächtige Mann in Preußen Minister gewesen, -dann hatte der Korse den Todfeind erkannt und geächtet: aber sein Testament -war die Saat in der preußischen Scholle geblieben.</p> - -<p>Jetzt oder nie! so brach der Schrei aus den zornigen Herzen, jetzt oder -nie mußte die Zwingherrschaft fallen, jetzt oder nie konnten die deutschen -Völker die Freiheit erringen, gegen den fremden Tyrannen und gegen die -Feigheit der eigenen Fürsten.</p> - -<p>Die in Tauroggen den Treubruch vollzogen, waren Soldaten; sie dienten -dem Zaren und dienten dem König von Preußen nach ihrem Eid, und -einer war mutig genug, ihn zu brechen: aber sie standen im Schachbrett der -Zeit nur als Figuren, geschoben nach einem größeren Plan und einem mächtigen -Willen.</p> - -<h3 id="sec10_17">Die Landwehr</h3> - -<p>Der König hielt Soldaten in Sold, und der Untertan diente im Heer, -wie ein Knecht sich verdingte; so holte der Spötter von Sanssouci sich seine -Soldaten aus allen Winden zusammen, so lagen die preußischen Werber -auf der Lauer mit ihrem Handgeld.</p> - -<p>Es war aber ein Mann namens Scharnhorst, ein Bürgerssohn aus -Hannover, im preußischen Heer durch tapfere Taten und kluge Lehren zu -Rang und Geltung gekommen: der trug ein anderes Bild des Soldaten -im Sinn, als daß er ein Söldner im Dienst einer Fürstlichkeit wäre.</p> - -<p>Soldat sein hieß ihm, die Waffen des eigenen Volkes in Ehrenpflicht -tragen, wie es in Urväterzeiten war, da die freie Gemeinde den Jüngling -für wehrhaft erklärte, wenn er gesund, unbescholten und mit den Waffen -geübt war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_285">[285]</a></span></p> - -<p>Wie die Schule die Knaben, so rief das Heer die Söhne des Volkes auf -in den Krieg – nur die Krüppel und Kranken blieben zu Haus – und wie die -Schüler kamen und gingen nach ihrem Alter, so kamen und gingen die -Söhne des Volkes, das Handwerk der Waffen zu üben.</p> - -<p>Denn nicht mehr um Höfe und Fürsten zog der Soldat hinaus in den -Kampf, nur für das Vaterland durfte sein Blut fließen.</p> - -<p>So plante Scharnhorst, der Bürgerssohn aus Hannover, das Volksheer; -und als der Reichsfreiherr vom Stein den Volksstaat zu bauen gedachte, -als er den Untertan aufrief, Staatsbürger zu werden, war -Scharnhorst sein Mann, dem Volksstaat das Volksheer zu schaffen.</p> - -<p>Auch Scharnhorst waren Spione gesetzt, aber er wußte das Ziel seiner -Pläne klug zu verhüllen; sie sahen die Krümper kommen und gehen und -merkten nicht, wie er aus Krümpern die Landwehr und aus der Landwehr -das preußische Volksheer machte.</p> - -<p>Als aber York von Tauroggen kam und mit ihm Stein, der mächtige -Mann, als sie zusammen in Königsberg saßen, war Scharnhorst der Dritte -im Bund, der Erhebung die Waffenschmiede zu bauen.</p> - -<p>Da wurden die Krümper zur Landwehr gerufen; und wie sie kamen mit -Bärten und breiten Fäusten, wurde ein anderes Heer als vormals die -Söldner: sie standen nicht gut zur Parade mit ihren Schirmmützen und -konnten nicht nach dem Dessauermarsch den Stelzenschritt machen, aber -sie wollten ihr Vaterland retten und freuten sich auf den Tag, da sie dem -Übermut der Franzosen mit deutscher Münze heimzahlten.</p> - -<h3 id="sec10_18">Die Erhebung</h3> - -<p>Indessen die Männer der neuen Zeit Preußen erhoben, saß der König -stumm und bedrängt in Berlin; er konnte den Geist der Zeit nicht erfassen -und fürchtete eher, daß ihn der Aufruhr verschlänge, als daß er ans Volk -glaubte.</p> - -<p>Denn immer noch war die französische Hand stark in Berlin; weil -Hardenberg aber, sein Staatsminister, die List und die Lüge verstand, ließ -er den König vor den Franzosen sein Puppenspiel machen, er aber wußte -die Fäden mit Königsberg heimlich zu halten.</p> - -<p>Als die Franzosen den preußischen Bundesgenossen noch fest in der -Hand zu haben gedachten, war der König, durch Hardenberg listig gewarnt -und geschreckt, nach Breslau geflohen.</p> - -<p>Da waren die Russen schon nahe, und der Reichsfreiherr vom Stein flog -wie ein Geier herzu, den Zagenden zu packen; dem Freund und Berater<span class="pagenum"><a id="Seite_286">[286]</a></span> -des siegreichen Zaren konnte der König von Preußen nicht widerstehen: -was York zu Tauroggen tat, wagte er selber, er gab dem Gesandten von -Frankreich die Pässe und trat in das russische Bündnis.</p> - -<p>So war es endlich geschehen, was hitzige Herzen lange ersehnten: der -Tag der Erhebung war da und schwoll mit Sturmgewalt an; als der Zar -selber in Breslau anlangte, als sich die Fürstengestalten dem wartenden -Volk zeigten, dankte der Jubel der Menge den beiden.</p> - -<p>Zwar hatte der Herr aller Reußen kürzlich erst so mit dem Korsen gestanden; -aber die hinter dem höfischen Hergang den Willen des Reichsfreiherrn -vom Stein erkannten, wußten genau: nun hatte der mächtige -Mann über bänglichen Widerstand, über Kabalen und Interessen und -über die Eitelkeit fürstlicher Schauspieler gesiegt.</p> - -<p>Indessen die Fürsten mit ihren goldenen Litzen zur Schau standen, lag -er in seiner Kammer, vom Fieber geschüttelt; aber die fiebernde Stirn des -Reichsfreiherrn vom Stein behielt den eisernen Willen, und sein jagendes -Herz blieb, was es war: das deutsche Gewissen.</p> - -<p>Nie sollte wieder, so brannte sein Feuer, Deutschland der fürstlichen -Willkür verfallen, nie sollte der Staatsbürger wieder ein Untertan werden; -in freier Gemeinschaft sollten die Männer wieder ein Volk sein.</p> - -<p>Das war die Flamme, die auf den Bergen rundum als Wachtfeuer -brannte, das war der Wind, der aus den Herzen der Jugend die Flammen -lohend anblies, das war der Blick, der aus den Augen der Männer in all -die wehende Glut schaute.</p> - -<p>So war es in Wahrheit ein Tag der Erhebung: das Vaterland hatte -den Opferaltar vor seine neue Zukunft gestellt, und wer kein Hundsfott -war, eilte herzu, Leben und Gut dem Altar zu bringen.</p> - -<p>Die mit goldenen Litzen dastanden, wurden ängstlich darüber, daß die -Befreiung zur Freiheit anschwellen möchte; aber der fiebernde Wille in -seiner Kammer hatte sie kühn als Figuren in seine Rechnung gestellt, er -hatte das Schicksal entfesselt, und Schicksal hieß seinem gläubigen Geist, -im Schutz des Ewigen sein.</p> - -<h3 id="sec10_19">Leyer und Schwert</h3> - -<p>Es war ein junger Dichter in Wien, Karl Theodor Körner geheißen, -fast noch ein Fant, aber in seiner Kindheit hatte Schiller, der Freund seines -Vaters in Dresden, dem Knaben die Locken gestreichelt.</p> - -<p>Wie nun die Wolken in Deutschland zu wehen begannen, daraus sich -das Ungewitter über Napoleon ballte, ließ Theodor Körner die schöne Braut<span class="pagenum"><a id="Seite_287">[287]</a></span> -und den jungen Ruhm in Wien hinter sich, zu den preußischen Waffen zu -eilen, obwohl er ein sächsischer Untertan war.</p> - -<p>Die schwarze Freischar der Lützower Jäger und Reiter nahm ihn mit -den andern Jünglingen auf, die nicht zur Armee konnten, und ihre Eigenlust -suchten, das Vaterland zu befreien.</p> - -<p>Sie führten den kleinen Krieg zwischen den Kanonen der Großen und -hätten mit ihren Waffen allein dem Korsen kaum Schaden getan; aber -der Ruhm der schwarzen Freischar umflatterte den Mächtigen, wie die -Raben den Bussard.</p> - -<p>Und der fast noch ein Fant war und ein Füllhorn leichter Gedichte, -sang der Schar seine Lieder, darin die Jünglingslust am reiten, klirren und -siegen brauste; darin sich der Frieden wegwarf in den Krieg und der Tand -in den Tod; darin das Schwert der Zweck der Hand wurde und die Kugel -ihre Tücke verlor.</p> - -<p>Bei Kitzen verwundet und, kaum gesund, schon wieder im Feld, sank -Theodor Körner bei Gadebusch zu früh in den Tod, mehr als die herrliche -Hoffnung des Sieges zu erleben; und die Freunde begruben ihn da unter -der Eiche.</p> - -<p>Aber die Lieder blieben und wurden nach Frankreich hinein gesungen: -Leyer und Schwert hieß das kleine Buch, darin sie gesammelt standen, den -Namen des Dichters in alle deutschen Herzen zu tragen.</p> - -<p>Denn nun war die Wendung geschehen: nicht mehr geworbene Söldner -hatten den Krieg geführt; das Volk war aufgestanden, die Landwehr hatte -den Sieg über die fremden Bedrücker errungen.</p> - -<p>Nach einem Jahrtausend war das Schwertrecht des freien Mannes -wieder zur Geltung gekommen, und Theodor Körner hatte dem alten -Schwertrecht die neuen Lieder gesungen.</p> - -<h3 id="sec10_20">Blücher</h3> - -<p>Als die Erhebung des preußischen Volkes Blücher ins Feld rief, war -der Feldmarschall schon ein Greis, aber sein Name warf Mut in die -Menge.</p> - -<p>Blücher allein hatte nach Jena und Auerstädt den Säbel in der Faust -behalten; aus flüchtigem Volk raffte er noch ein Heer mit dem Rest seiner -Reiter, sich über See mit englischen Schiffen nach Danzig zu schlagen.</p> - -<p>Er kämpfte sich durch bis nach Lübeck, er brachte die Wut der Franzosen -und unermeßliches Leid über die Reichsstadt und wurde trotzdem gefangen; -aber der tollkühne Ritt hob seinen Ruhm aus der Schande.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_288">[288]</a></span></p> - -<p>Wo eine Hoffnung war, je aus der Knechtschaft zu kommen, wurde sein -Name genannt; als sein weißer Schnauzbart in Breslau erkannt war, -hatte der kommende Krieg seinen Meister gefunden.</p> - -<p>Den Marschall Vorwärts hießen die Russen zuerst den fröhlichen Alten, -der nie ein bänglicher Zauderer war, der jeglichen Stier bei den Hörnern -packte und für den schwankenden Mut der Verbündeten den zornigen Treiber -vorstellte.</p> - -<p>Denn es ging nicht so rasch in dem Feldzug, wie die preußischen Herzen -erhofften; immer noch war der Korse Meister im Feld, immer noch wußte -der Kaiser neue Heere zu raffen.</p> - -<p>Bei Lützen und Bautzen wurde die preußische Landwehr zweimal geschlagen, -und Scharnhorst, ihr Schöpfer, sank in die blutige Mahd; schon -fingen die Federn ihr Kritzelwerk an, schon schien den Schwachen der Feldzug -verloren.</p> - -<p>Aber der Waffenstillstand wurde kein Friede, und als der Kampf im -Sommer neu brannte, war die Habsburger Hofburg, zögernd und zweideutig -zwar, dem Bund beigetreten.</p> - -<p>Da endlich gelang es dem zornigen Marschall, das Wasser auf seine -Mühlen zu bringen; an der Katzbach schlug er die erste siegreiche Schlacht -über die stolzen Franzosen, und nun blieb das Glück seiner Landwehr günstig, -bis sie bei Möckern Sieger der großen Völkerschlacht wurde.</p> - -<p>Der Marschall Blücher blieb der zornige Treiber, und eher ruhte sein -Ungestüm nicht, bis die Fürsten und Federn seinem Säbel den Weg nach -Frankreich freigaben.</p> - -<p>Er war kein Meister der langen Berechnung, und er liebte die hohe -Strategie nicht; ein Haudegen nur – von Gneisenau, seinem Feldherrn, -mit Umsicht geleitet – ritt tollkühn ins Feld: aber den fröhlichen Schnauzbart -liebten die Jungen und Alten, weil er aus uraltem Holz germanischer -Reiter- und Kriegslust geschnitzt war.</p> - -<h3 id="sec10_21">Die Völkerschlacht</h3> - -<p>Schlimmes hatten die Völker ertragen, und Krieg war gewesen seit -Menschengedenken, auf allen Straßen Europas waren die Heere des Korsen -marschiert, in vielen Hauptstädten hatten die Hörner den siegreichen Einzug -geblasen: nun ballte der Krieg sich zusammen, einmal ein Ende zu haben.</p> - -<p>In Sachsen hatte die Meute das korsische Raubwild gestellt, noch schlugen -die Tatzen gewaltig, aber schon schweißte die Spur, als es bei Leipzig -sein letztes Versteck nahm.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_289">[289]</a></span></p> - -<p>Von Norden, Süden und Osten bedrängten die Heere das Lager, darin -der Meister des Schlachtfeldes stand, bereit, seine Gegner zu packen.</p> - -<p>Solange die neue Welt war, hatte die Menschheit solche Schlacht nicht -gesehen, fünfhunderttausend Soldaten brachten ihr Leben, zweitausend -Kanonen brüllten hinein, meilenweit brannten die Dörfer, meilenweit wurden -die Felder zerstampft, bis in die brütende Ferne brauste die Erde.</p> - -<p>Macht wollte der Macht die Wurzeln ausreißen, aber die Wurzeln -hingen im Blut lebendigen Daseins: mehr Leichen lagen um Leipzig, als -in der erschrockenen Stadt Einwohner waren, und das Blut der Erschlagenen -färbte die sumpfige Pleiße.</p> - -<p>Drei Tage lang liefen die Heere an, drei Tage lang spannte der Ring -seine gewaltigen Kräfte, bis es am dritten Abend gelang, den Höllenschlund -zu umfassen.</p> - -<p>Eine Mühle stand auf dem Hügel hinter Probstheida: da saß zur Nacht -bei dem flackernden Feuer ein Mann auf dem Feldstuhl, der einmal der -Herrscher des Abendlandes war.</p> - -<p>Er hatte die Fürsten Europas bezwungen und ihre Throne verschenkt -und hatte die Völker mißachtet; er war aus dem Aufruhr der Freiheit gestiegen -und hatte die Macht aufgerichtet, nun kam die Freiheit zurück und -stürzte ihn selbst als Tyrannen.</p> - -<p>Denn die auf dem anderen Hügel jenseits Probstheida am Nachmittag -standen, hoch zu Roß und im blinkenden Kreis ihrer Gefolge, die Fürsten -von Rußland, Österreich und Preußen, waren nicht seine Besieger.</p> - -<p>Sieger war der mächtige Mann, der den Willen des deutschen Volkes -entflammte zu einer neuen Reichsherrlichkeit, auf den Staatsbürgerwillen -des freien Mannes, nicht auf die Willkür der Fürsten gebaut.</p> - -<p>Nicht darum war es die Völkerschlacht, weil vielerlei Völker dem Fürstengebot -folgten: die Völker selber rangen darin um Befreiung von einem -und vielen Tyrannen.</p> - -<p>Als der vierte Morgen aufging über dem brennenden Schlachtfeld von -Leipzig, war das Große getan: die Völker hatten die korsische Schwertmacht -zerschlagen, der Zwingherr der Macht mußte fliehen, und brausend -scholl hinter ihm her der Sturmschritt kommender Freiheit.</p> - -<h3 id="sec10_22">Caub</h3> - -<p>Eine Winternacht hing über dem Rhein, und das alte Gemäuer der -Pfalz stand bei Caub in den schwarzen Gewässern; da wurde es seltsam -lebendig, viel hundert Kähne lagen bereit, und es klirrte von Waffen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_290">[290]</a></span></p> - -<p>Blücher, der Feldmarschall, wollte zu Neujahr nach Frankreich hinein, -und noch war der Rhein die Grenze.</p> - -<p>Schlesier, Pommern und Preußen füllten die Kähne, und als die ersten -Schüsse den Neujahrstag weckten, sprangen die bärtigen Männer der Landwehr -ans Ufer und riefen Hurra, als ob zum andernmal Völkerschlacht -wäre.</p> - -<p>Aber nur Grenzwachen und Zollwächter liefen davon vor den Schüssen; -denn meilenfern standen die Heere des Korsen im Herzen von Frankreich -bereit, die Sieger hart zu empfangen.</p> - -<p>So war es nur ein fröhliches Fest, das die preußische Landwehr beging; -Neujahr zwischen den Schlachten; aber im neblichten Morgen wurden die -Kähne zur Brücke gefügt, und am Mittag begannen die Räder zu rollen.</p> - -<p>Ein deutsches Heer ging über den Strom, der einmal die goldene Ader -der Reichsherrlichkeit war.</p> - -<p>Herrschsucht der Fürsten hatte das Reich der Kaiser verzettelt; der -Rhein der alten Kurfürstenmacht mit seinen Domen, Pfalzen und mächtigen -Städten war Grenzland geworden, bis ihn die Fürsten des Rheinbunds, -Vasallen des Korsen, völlig an Frankreich verrieten.</p> - -<p>Nun war mit der korsischen Macht auch das Lumpenglück der Rheinbundfürsten -zerschlagen: Deutschland trat wieder seinen Stammbesitz an, -über den rheinischen Domen von Köln, Mainz und Straßburg sollte von -neuem der Reichsadler wehen.</p> - -<p>So riefen die freudigen Herzen Hurra, als sie den Boden jenseits des -Rheins am Neujahrsmorgen betraten; das Elend der Fürsten war aus, die -Völker und Stämme der Deutschen kamen, die Reichsherrlichkeit neu aufzubauen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_291">[291]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Buch_der_Minister">Das Buch der Minister</h2> - -<h3 id="sec11_1">Das Reich</h3> -</div> - -<p>Das Wunder der Völker gelang: die Heere marschierten nach Frankreich, -und deutsch war wieder der Rhein.</p> - -<p>Aber vom Rhein bis zur Elbe lagen die Länder von ihren Fürsten verlassen, -und das Bauernvolk sah die wilden Kosaken von heute nicht freundlicher -an als die flinken Husaren von gestern.</p> - -<p>Das eroberte Land zu verwalten, war der Reichsfreiherr vom Stein -eingesetzt von den Siegern; indessen die Bänglichen noch den Atem anhielten -vor dem kühnen Wagnis im Westen, war er geschäftig, das kommende -Reich zu gestalten.</p> - -<p>Er haßte die Rheinbundfürsten, die nun den Korsen verließen, um ihre -Throne und Thrönchen zu retten; er war der deutsche Gedanke und wollte -seine Gestalt, daß von Straßburg bis Memel, von der Etsch bis zum Belt -wieder ein deutsches Vaterland wäre.</p> - -<p>Wie seine starke Hand im Namen der Sieger die Länder aufraffte, -so sollte bald wieder über den Völkern die starke Reichs- und Kaisergewalt -sein.</p> - -<p>Aber nicht mehr ein Kaiser der Fürsten und die vergoldete Puppe nur -einer Scheingewalt: eine starke Verfassung sollte ihm zu der Krone das -Schwert in die Hand geben, und Träger solcher Verfassung sollte die -einige Volksgewalt sein.</p> - -<p>So baute der deutsche Gedanke das Reich, indessen die siegreichen Heere -in Frankreich das korsische Schreckbild der Fürsten zerschlugen; so träumte -die deutsche Erhebung noch ihren herrlichen Traum, indessen die Höfe, des -Schreckbildes ledig, das Ränkespiel ihrer dynastischen Hoffart schon wieder -begannen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_292">[292]</a></span></p> - -<h3 id="sec11_2">Der Wiener Kongreß</h3> - -<p>Die Völker hatten das ihre getan, nun kamen die Fürsten, Ernte zu -halten; Napoleon wurde nach Elba verbannt, und die Bourbonen brachten -die Lilie nach Frankreich zurück; den Ländergewinn zu verteilen, beriefen die -Sieger den Wiener Kongreß.</p> - -<p>Da kamen sie alle wieder wie gestern, die gekrönten Häupter der Zeit -im Gefolge der Bänder und Litzen; Wien, die üppige Herrin des Ostens, -schaukelte endlich die goldene Wiege der Zeit.</p> - -<p>Versailles war leer, und Wien sah die Gäste; da strahlte der Kaiser -Franz als der bevorzugte Wirt mit den Sälen der Hofburg.</p> - -<p>Er war keine Sonne, wie einmal der König von Frankreich den Fürsten -Europas das Lebenslicht borgte: ein fleißiger Hausvater schrieb seinen -fürstlichen Gästen die Bälle und Tanzweisen vor, das Fest ihrer Wiederkunft -fröhlich zu feiern.</p> - -<p>Denn wie im Märchen der böse Wolf tot war, und wie die Geißlein -sprangen und sangen am Brunnen, darinnen das garstige Tier lag, so wollten -die wiedergekehrten Herren ihr Siegesfest halten.</p> - -<p>Nie hatte die Stadt an der Donau solchen Jahrmarkt gesehen, als da -der Wiener Kongreß im Triumph der wiedergekehrten Vergangenheit die -Kränze der adligen Herrlichkeit band.</p> - -<p>Zwar hatten die Kronen und Fürsten den Völkern vieles versprochen, -aber das war vergessen mit ihrer Not: Untertan hieß wieder der Bauer -und Bürger; das Schaubild der neuen Reichsherrlichkeit fraßen die -Hunde.</p> - -<p>Indessen die Fürsten mit ihrem Gefolge die Freuden des Jahrmarktes -genossen, feilschten Minister und Räte in ihren Buden, den Herren mit -Ländergewinn die Taschen zu füllen.</p> - -<p>Sie waren die neuen Meister der Macht; sie führten den Krieg mit -Listen und Kniffen, und ihre beißende Eifersucht wachte, daß keinem die -Beute völlig gelang.</p> - -<p>Als über die Bälle des Winters die Märzwinde kamen, waren die -Mächte im Wiener Kongreß schon wieder feindlich geschieden: hie Rußland -und Preußen, hie Österreich, England und Frankreich! waren die -Lager geteilt, und schon fingen die Heere an zu marschieren.</p> - -<p>Da kam der Schrecken aus Elba über die tanzenden Fürsten und über -die Eifersucht ihrer Minister: der Korse hatte die Insel verlassen, und als -sie noch suchten nach seinen Schiffen und Plänen, war er in Frankreich -gelandet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_293">[293]</a></span></p> - -<p>Der Jahrmarkt in Wien mußte die Buden zumachen; der Hausherr -konnte nicht mehr den fröhlichen Ballvater spielen; über die Treppen der -Hofburg liefen verstaubte Kuriere.</p> - -<h3 id="sec11_3">Die hundert Tage</h3> - -<p>Noch einmal mußten die Völker Europas marschieren, die Fürstenthrone -zu schützen; schlechten Schauspielern gleich waren die feigen Bourbonen -aus Frankreich hinaus gelacht worden: in seinen Tuilerien saß wieder -der Kaiser.</p> - -<p>Die Herren in Wien hatten ihm Elba gegeben, als ob der Weltbezwinger -ein Auszügler wäre; sie hatten um seine Kleider mit gierigen -Händen gewürfelt, nun schlug die gewaltige Faust in ihr klägliches Spiel.</p> - -<p>Der Wolf war zurückgekehrt, und das Geißengeschlecht schrie nach dem -Jäger; sie waren gekrönt an den Häuptern, aber keiner war Herrscher und -Fürst wie der gewaltige Mann, der das klagende Kind Europa noch einmal -auf seinen Stiernacken nahm.</p> - -<p>Die Herzen der Völker erbebten bis in den Grund, weil nun die Macht -wiederkam; sie hörten den eisernen Schritt gehen und sahen den Himmel -von neuem gerötet.</p> - -<p>Aber der eiserne Schritt und die Röte waren nur Untergang; die gewaltige -Bahn war vollendet, der korsische Tag im Abendland wollte sein -letztes Abendrot leuchten.</p> - -<p>Wohl lief die Garde des Kaisers noch einmal dem Ruhm zu, die Fahne -von Lodi wurde entrollt, und die Adler von Austerlitz stiegen: aber die Adern, -einmal von Glück und glorreichen Taten geschwellt, waren entkräftet.</p> - -<p>Um das Genie der korsischen Macht war der Zauber der Freiheit gewesen: -der Zauber war fort und Frankreich war leer, wie das Abendland -leer war; so konnten die Mächte der Herkunft den Zaubermeister besiegen.</p> - -<p>Noch einmal gelang es dem Meister der Schlachten, die Preußen bei -Ligny zu schlagen, und Blücher der greise Feldmarschall mußte sein Ungestüm -büßen; aber die preußische Landwehr, durch Gneisenau trefflich geführt, -vollbrachte das Wunder, am dritten Tag wieder im Feld, auf schlechten, -verregneten Wegen bei Waterloo siegreich zu sein.</p> - -<p>Von seinen Ministern verraten, verlassen von seinem Volk mußte der -Kaiser zum andernmal in die Verbannung; aber nun sollte der Wolf nicht -wieder den Geißen das Siegerglück stören.</p> - -<p>Eine Insel im Weltmeer, tausend Meilen entfernt von seinen Taten, -bewacht von englischen Schiffen, wurde dem letzten Kaiser der abendländischen<span class="pagenum"><a id="Seite_294">[294]</a></span> -Welt sein hartes Gefängnis, indessen die Fürsten zum andernmal -kamen, den Jahrmarkt der Kronen und Krönchen zu feiern.</p> - -<h3 id="sec11_4">Die heilige Allianz</h3> - -<p>Das Blut der Völker hatte den Tag der Befreiung gebracht; aber die -Fürsten, von ihrer Bedrängnis befreit, wußten den Völkern das Morgen- -und Abendrot frech zu verstellen.</p> - -<p>Nie sollte Deutschland wieder der fürstlichen Willkür verfallen, in -freier Gemeinschaft sollten die Stämme ein Volk, die Länder ein Reich -sein: so hatte der Reichsfreiherr vom Stein die Erhebung gewollt, so hatte -sie Fichte mit glühenden Worten verkündigt, so hatten die Wachtfeuer -von den Bergen geflammt.</p> - -<p>Aber die Fürsten in Wien und ihre Minister brauchten das Feuer nicht -mehr, sie bliesen es aus und dämpften die glühenden Kohlen; sie flickten das -Bundesgebäude der Fürsten zusammen und stellten ihr Kerzenlicht auf, es -zu erhellen.</p> - -<p>Nur ein Staatenbund sollte das deutsche Vaterland werden; kein Reich, -kein Kaiser, kein Kurfürst sollte die Fürstenherrlichkeit stören, kein Wappen -und keine Fahne durften Sinnbilder der Einigkeit sein.</p> - -<p>Daß nicht noch einmal ein Aufruhr die Staaten in Unordnung brächte, -schlossen die Träger der Kronen den ewigen Bund, dazu der Zar aller Reußen -mit eigener Hand die Worte aufsetzte.</p> - -<p>Die heilige Allianz hießen sie selber das Bündnis, als ob die Gestirne -des Himmels, durch einen Ausbruch der Hölle gestört, nun wieder, durch -Gottes Gnaden mit fürstlicher Würde beschienen, die ewige Bahn fänden.</p> - -<p>Da war die Freiheit auch nur ein Übel aus Frankreich; Freiheit, Verfassung -und Vaterland, die Aufruhrgedanken der Zeit, hatten den Kampf -gegen die heilige Herkunft verloren; und Hüter der heiligen Herkunft hießen -die Fürsten.</p> - -<p>So waren die Völker um ihre Hoffnung zwiefach betrogen: Staatsbürgerrecht -und Verfassung, in fürstlicher Not mit fürstlichen Worten verheißen, -folgten dem Korsen in die Verbannung; über dem Flickwerk des -deutschen Bundes glänzten die Kronen und Krönchen der Fürsten, von der -Gnadensonne der heiligen Allianz eifrig beschienen.</p> - -<h3 id="sec11_5">Der Siebenschläfer</h3> - -<p>Indessen Jerome, der Bruder des Korsen, als König Lustik in Kassel -regierte, hatte der Kurfürst von Hessen auf seinen Gütern in Böhmen gewartet;<span class="pagenum"><a id="Seite_295">[295]</a></span> -als dann im siebenten Jahr seiner Verbannung das Blut der Völker -die Fürsten von ihrem Zwingherrn befreite, kam auch der Kurfürst nach -Kassel zurück.</p> - -<p>Er war schon ein Greis, als er wiederkam, und stellte die Uhren zurück -auf die Stunde, da ihn der Korse verjagte: über das Reich und über sein -Land war das Schicksal mit scharfen Besen gefahren, er hatte in Böhmen -nichts als den Ärger gespürt, daß ihm ein frecher Franzose, nicht einmal -fürstlich geboren, sein Eigentum nahm.</p> - -<p>Denn daß ihm das hessische Land mit allen Feldern und Häusern, -Pferden, Bauern und Bürgern als irdisches Erbgut gehörte, das war sein -fürstlicher Glaube.</p> - -<p>So sah er mit Zorn, daß seine Soldaten ihr Haar neumodisch schnitten -und kämmten, ihm aber war ein Soldat ohne Zopf ein Gaul ohne Geschirr: -sie mußten ihm wieder mit Zöpfen marschieren.</p> - -<p>Gleich dem Zopf der Soldaten gehörte der Frondienst der Bauern seiner -fürstlichen Weltordnung an: leibeigen zu sein, war ländliche Pflicht, -und Frondienst zu fordern, war göttliches Recht der adligen Herrschaft.</p> - -<p>Und wie den Zopf und den Fron sah der Kurfürst von Hessen jegliches -Ding; um ein Jahrhundert verirrt, ließ er sein Hessenvolk spüren, daß nicht -mehr der König Lustik auf Wilhelmshöhe regierte.</p> - -<p>Den Siebenschläfer hieß ihn das hessische Volk: als ob er der Bannerherr -der heiligen Allianz wäre, so wurde nach sieben verschlafenen Jahren -der Greisenspuk seines Daseins lebendig; der Hochmut und Eigensinn -fürstlicher Willkür zeigte noch einmal der Welt seine Fratze.</p> - -<h3 id="sec11_6">Der Geheimrat</h3> - -<p>Es war ein Bücherwurm in Berlin, zu alt für den Krieg, aber in seiner -Stube ein streitbarer Herr, seines Zeichens Jurist und Professor.</p> - -<p>Der sah mit hämischer Seele den Glanz der Erhebung, und wie das -Feuer die Jugend durchglühte; weil ihm das Feuer gut für die Öfen, sonst -aber ein höllisches Element war, geriet er in Zorn.</p> - -<p>Freiheit und Vaterland hieß er böse Gedanken, gefährlich dem Staat, -weil sie den Untertan störrisch, begehrlich und unfreudig machten, der -Obrigkeit Demut, Respekt und Gehorsam zu leisten.</p> - -<p>So schnitt der Geheimrat Schmaltz in Berlin seinen Gänsekiel scharf -und tauchte ihn tief in den Zorn seiner devoten Gesinnung; so schrieb er -die Schrift, die seinen Namen unlöschbar mit Schande beschmierte.</p> - -<p>Da waren die Männer, die Preußen erhoben und Deutschland befreiten,<span class="pagenum"><a id="Seite_296">[296]</a></span> -Stein, Fichte und ihre Gesellen, Verführer des Volkes; da waren -Staatsbürgerschaft und Verfassung gefährliches Gift, in die Ohren und -Herzen der Jugend geträufelt.</p> - -<p>Indessen die Tapferen draußen im Feld standen, saß der Professor daheim, -sie zu schmähen; und als sie einrückten, Sträuße des Sieges an ihren -Gewehren, empfing sie die schändliche Schrift.</p> - -<p>Da schlug ihre Faust auf den Tisch, und ihre Flüche wünschten den -Schuft an den Galgen; aber der Schuft saß in der Gunst seiner Obrigkeit -vor ihren Flüchen und Fäusten gesichert, und wo sie das eiserne Kreuz ihrer -Tapferkeit trugen, hing ihm die goldene Fracht seiner Orden.</p> - -<p>Der Geheimrat trat in den preußischen Tag und wurde der Würger -deutscher Erhebung, fremd allen lebendigen Dingen der Welt, verachtet -von guten und tapferen Herzen, aber von oben mit Gnaden und Würden -gesegnet.</p> - -<h3 id="sec11_7">Die deutsche Burschenschaft</h3> - -<p>Ein Junitag wars, da standen im Gasthof zur Tanne in Kamsdorf bei -Jena Studenten und hörten dem Sprecher zu; einhundertdreizehn war ihre -Zahl, der Sprecher hieß Horn.</p> - -<p>Er war ein Kieler Blut und sprach von anderen Dingen als sonst ein -Student; die ihm zuhörten, waren mit hellen Herzen gekommen, von solchen -Dingen zu hören.</p> - -<p>Der große Krieg war ihre Schule geworden und der doppelte Sieg ihr -Examen; sie hatten es tapfer bestanden, doch da sie den Sieg heimbrachten -aus endlosen Märschen, heißen Gefechten und brüllenden Schlachten, fanden -sie keinen Raum, ihn zu betten.</p> - -<p>Sie waren Deutsche gewesen im Feld und sollten nun wieder der -Landsmannschaft dienen, die dem Studenten das Flickwerk der Fürsten -mit ihren Farben und Feindschaften aufklebte.</p> - -<p>Sie waren Männer gewesen im Krieg und sollten nun wieder den Tag -mit Narrheiten füllen, saufen und singen mit heiseren Kehlen, mit seichtem -Geschwätz und albernen Streichen die Stunden abstechen.</p> - -<p>Sie waren Kämpfer gewesen im täglichen Tod und sollten wieder mit -Liebesgetändel und lüsterner Buhlschaft dem Leben die trüben Becher leertrinken.</p> - -<p>So standen sie tapfer und treu in der Tanne zu Kamsdorf zusammen, -selber dem Sieg die Räume zu bauen, die ihnen die Heimat versagte: Burschen -wollten sie bleiben, aber die Burse, darin sie wohnten, sollte das ganze -Vaterland sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_297">[297]</a></span></p> - -<p>Keine landsmännische Feindschaft sollte die Österreicher, Preußen, -Bayern, Sachsen, Schwaben, Holsteiner, Schlesier, Westfalen und Rheinländer -trennen: deutsch sollte deutsch sein, von Straßburg bis Riga, von -der Etsch bis zum Belt; die Farben schwarz, rot und gold, darin sie im -Lützowschen Freikorps die Freiheit erhoben, sollten die Farben der deutschen -Burschenschaften bleiben.</p> - -<h3 id="sec11_8">Das Fest auf der Wartburg</h3> - -<p>Einhundertdreizehn Studenten hatten den Bund bei Jena geschworen, -bald waren es tausend: die deutsche Burschenschaft wurde im deutschen -Bund ein Gesang junger Herzen, der immer herzhafter schwoll; ihre Farben, -schwarz, rot und gold wurden das Banner der Zukunft.</p> - -<p>Ehre, Freiheit und Vaterland bekannte ihr Wahlspruch; alles, was jemals -deutsche Herrlichkeit war, hob seinen stürmischen Blick darin auf -gegen das Flickwerk der Fürsten.</p> - -<p>Als sich die Tage der Völkerschlacht zum viertenmal jährten, klangen -die Hammerschläge von Wittenberg mahnend hinein: vor dreihundert Jahren -hatte der blasse Magister sein kühnes Blatt an die Schloßkirchentür -angeschlagen; der deutschen Burschenschaft sollte das stolze Gedächtnis ein -Feiertag werden.</p> - -<p>Ein Verbrüderungsfest auf der Wartburg wollten sie feiern, ein sichtbares -Zeichen der bänglichen Zeit, daß in den Herzen der Jugend über den -Farben und Ländern der Fürsten eine Fahne, ein Vaterland sei.</p> - -<p>Ihrer fünfhundert stiegen durch herbstroten Wald den alten Burgweg -hinauf und füllten das alte Gemäuer mit ihrer lärmenden Freude; die -Fahne wehte schwarz, rot und golden, und aus dem Rittersaal erscholl der -brausende Jungmännerschwur, den Schläger blank und den Sinn frei zu -halten für das einige Vaterland.</p> - -<p>Als dann der Abend sank über die herbstroten Wälder, über das alte -Gemäuer und über die lärmende Freude, als ihrer Viele auf mancherlei -Wegen heimgingen, stand noch ein Häuflein da oben und wollte den strahlenden -Tag in die sinkende Nacht ziehen.</p> - -<p>Einen Holzstoß ließen sie brennen als Siegesfeier der Völkerschlacht; -aber das lodernde Feuer rief ihnen den Wintertag wach, da Luther am -Rand der Welt mit seiner Jüngerschar stand, die Bannbulle zu verbrennen.</p> - -<p>So sollten sie alle ins Feuer, die schmählichen Schriften der Schmaltz -und Genossen; auch eine Schnürbrust brachten sie her von den Preußenulanen, -einen hessischen Zopf und einen Stock der österreichischen Korporale:<span class="pagenum"><a id="Seite_298">[298]</a></span> -Schriften und Sinnbilder mußten den Feuertod sterben, und die Wangen -der Jugend glühten darüber.</p> - -<p>Die heldische Tat des Magisters wurde verkehrt in den Übermut hitziger -Knaben; aber die Flammen fraßen mit gleicher Gier, und als die Asche verglüht -war, hatte die Burschenschaft übel getan vor dem strengen Blick der -Minister.</p> - -<p>Der Rauch blieb über der Wartburg hängen und schwelte hinüber nach -Jena; böse Gesinnung, so hieß es, habe ihr Angesicht gegen die Ordnung, -gegen die Throne und gegen die Fürsten erhoben: der Geheimrat trat auf -im Zorn, dem Aufruhr anders als mit dem Gänsekiel zu begegnen.</p> - -<h3 id="sec11_9">Sand</h3> - -<p>Bei dem Feuerstoß auf der Wartburg stand ein Student namens -Sand heller im Feuer als seine Genossen; er hatte dem Tag die Festschrift -geschrieben und fühlte sein Leben als Priester der Freiheit geweiht.</p> - -<p>Anders als nur mit Worten wollte sein Schwärmersinn wirken: einen -Dolch und ein Schwert schliff er scharf, mit einer Opfertat sein Leben dem -Vaterlande darzubringen.</p> - -<p>Einen der vielen Verräter der Freiheit sollte sein Dolch treffen; und -als er zu suchen ausging, fand seine Verachtung keinen, der so erbärmlich -wie Kotzebue war.</p> - -<p>Mit seinen kläglichen Stücken auf allen Theatern gespielt, mit Orden -und Ehren der Fürsten befrachtet, als deutscher Spion von den Russen bezahlt, -lebte er recht als die Laus im Pelz der heiligen Allianz sein verächtliches -Leben; an ihm die geschmähte Freiheit zu rächen, zog Sand zum -Meuchelmord aus.</p> - -<p>Von Jena bis Mannheim mußte er manchen Tag wandern, aber kein -Pilger war je mit größerer Inbrunst die Wallfahrt gegangen, als er durch -den schwellenden Frühling dahin ging.</p> - -<p>Mitten ins Herz stieß er dem kläglichen Mann seinen Dolch und lief -auf die Straße hinaus, die Tat zu bekennen, kniete noch zum Gebet, und -grub das Schwert in die Brust.</p> - -<p>Wohl traf er das eigene Herz schlecht und mußte ein langes Jahr leiden, -bevor ihn der Henker erlöste; aber die Seele des Jünglings blieb standhaft -und lächelte nur, wenn sie ihm drohten, und starb ohne Reue den -Scharfrichtertod.</p> - -<p>Ein Meuchelmord war in Mannheim geschehen, Herdfrieden mißachtet,<span class="pagenum"><a id="Seite_299">[299]</a></span> -Jammer der Kinder stand um den ermordeten Vater: aber den -Mörder traf keine Verwünschung.</p> - -<p>Männer und Frauen priesen den Jüngling, empfindsame Seelen weinten -um sein Geschick, wie sie um Werther weinten; als ob er ein Held und -der Stolz des Vaterlandes wäre, hing an den Wänden sein Bild, hing -seine Tat in den Herzen.</p> - -<p>Keinem Tyrannen, keinem Minister, nur einem kläglichen Söldling -hatte der Dolch des Studenten die Rache gebracht; der feilen Gesinnung -und allen Verächtern der Freiheit sollte die Tat ein Wahrzeichen sein.</p> - -<h3 id="sec11_10">Metternich</h3> - -<p>Ein Spinnennetz hatte der deutsche Bund über die Länder und Völker -gebreitet, Fürsten und ihre Minister samt den geheimen Räten hielten dem -Netz die Fäden gespannt, darin die Kreuzspinne Metternich hing, auf die -Opfer zu warten.</p> - -<p>Er hatte den Wiener Kongreß arglistig geleitet, er war der heiligen -Allianz Handlanger und heimlicher Lenker: Fürsten und ihre Minister klug -zu verspinnen, galt ihm die Kunst, darin er die eigene Meisterschaft übte.</p> - -<p>Denn Metternich blieb der gelehrige Schüler von Frankreich; was -Richelieu war und Mazarin wurde, das wollte er ohne ihr Priesterkleid -sein: Meister der Macht allein durch die List, damit er die Fürsten und -ihre Schwerter, ihre Ruhmsucht, Habgier und Eitelkeit lenkte.</p> - -<p>Er sah nicht den Willen der neuen Zeit, er sah nur die Wege der alten; -den Aufruhr der Hölle hatten die Mächte der Herkunft gedämpft; und -ihre eifrigsten Helfer waren die Schwärmer der Freiheit gewesen: nun -aber sollte ihr tolles Geschwärm nicht länger sein Spinnennetz stören.</p> - -<p>Den Mord von Mannheim zu rächen, rief er die deutschen Minister -nach Karlsbad zur Kur; da saß die Sorge um das bedrohte Leben der Fürsten -und ihre Minister zusammen, da wußte der arglistige Mann die Angst -und den eifernden Zorn zu erhitzen.</p> - -<p>Den gefährlichen Geist der Zeit auszurotten, der heiligen Ordnung des -deutschen Bundes die wackelnden Wände zu halten, ihr eigenes Dasein vor -Mordgefahren zu schützen, kamen die Hausmeister der Fürstengewalt in -Karlsbad zu ihren Beschlüssen.</p> - -<p>Wie der Geheimrat Schmaltz in seiner schmählichen Schrift schrieb, so -machte es Metternich wahr: nicht länger mehr sollte der Geist der Erhebung, -nicht länger mehr sollte die deutsche Gesinnung von Stein, Fichte -und ihren Gesellen den Fürstenbund stören.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_300">[300]</a></span></p> - -<p>Als Volksverführer wurden verfolgt, die dem Untertan lockende Bilder -der Staatsbürgerschaft zeigten; als ein gefährliches Gift, in die Ohren und -Herzen der Jugend geträufelt, wurde die Lehre verboten, daß über der -Fürstengewalt das deutsche Vaterland sei.</p> - -<h3 id="sec11_11">Ernst Moritz Arndt</h3> - -<p>Die Farben der Burschenschaft waren die Farben der deutschen Zukunft -geworden, schwarz, rot und golden sollten die Fahnen dem Vaterland -wehen: aber nun kam der Geheimrat und wollte nicht länger das deutsche -Vaterland dulden.</p> - -<p>Die Burschenschaft wurde verboten, und ihre Farben, schwarz, rot und -golden, wurden verfolgt als Zeichen böser Gesinnung; die Erhebung von -gestern war die Empörung von heute geworden, die Heerrufer der Befreiung -hießen Verbrecher.</p> - -<p>Ein Heerrufer war Ernst Moritz Arndt wie keiner gewesen; dem -rügischen Bauernsohn hatte die Luthersche Bibel mit ihren Sprüchen -und Psalmen, mit ihrer Einfalt und Bilderkraft den Mund aufgetan.</p> - -<p>Von den Franzosen verfolgt als der Freund des Freiherrn vom Stein, -war er dem mächtigen Mann in Rußland ein treuer Begleiter, bis ihn das -brausende Frühjahr über Tauroggen nach Königsberg rief, Herold der -Volkserhebung und ihr hell klingender Mund zu heißen.</p> - -<p>Er sang die Lieder, die mit der Landwehr nach Frankreich marschierten, -er sagte der horchenden Zeit die Merkworte vaterländischer Tugend, er -schrieb dem preußischen Volk den Katechismus der freien Staatsbürgergesinnung.</p> - -<p>Nun lehrte sein hell klingender Mund in Bonn die rheinische Jugend, -aber was einmal sein deutscher Ruhm war, das machte den tapferen Mann -in Berlin bei den Schranzen verdächtig.</p> - -<p>Sie schämten sich nicht ihrer Schande, sie schickten Ernst Moritz Arndt -die Schergen ins Haus, sie sperrten den deutschen Mund ein wie einen -Landstreicher und Roßdieb.</p> - -<p>Sie klagten den Sänger der deutschen Befreiung des Hochverrats an, -und als ihre Niedertracht nichts an der reinen Erscheinung vermochte, als -sie den Mann freilassen mußten, versagten sie Ernst Moritz Arndt, dem -Professor, dennoch sein Amt.</p> - -<p>Im Namen des Königs wurde das Unrecht getan; Undank und Dummheit -und Niedertracht waren im Namen des Königs von Preußen verschworen,<span class="pagenum"><a id="Seite_301">[301]</a></span> -der deutschen Seele so kläglichen Frevel, dem Gedächtnis der -deutschen Erhebung gemeine Schmach anzutun.</p> - -<h3 id="sec11_12">Der Turnvater Jahn</h3> - -<p>Als Deutschland noch in der Fremdherrschaft war, als die Franzosen -in Preußen regierten, hatte der Turnvater Jahn die Jugend auf seinen -Turnplatz gebracht.</p> - -<p>Jedermann sollte – so rief seine begeisterte Lehre – wie es in Urväterzeit -war, wieder geschickt sein, die Glieder zu rühren; die Leibesübungen sollten -ein anderes Volk als das der Schuster und Schneider, der Schreiber und -Händler erziehen: der Turner sollte wieder der deutsche Jüngling und Mann -sein, in der geübten Kraft seines Leibes und in der Zucht seiner Sitten.</p> - -<p>Tausende waren dem Ruf des neuen Propheten gefolgt; die Turner -brachten dem Heer der Befreiung die tüchtigsten Streiter, und in der deutschen -Burschenschaft galt Turnerei das Brot des tüchtigen Lebens.</p> - -<p>Aber Turner sein hieß nach dem schwärmenden Wort des Propheten -das deutsche Vaterland lieben, und vaterländisch hieß dem Geheimrat ein -verdächtiger Untertan sein.</p> - -<p>Auch war der Turnvater Jahn ein lärmbegeisterter Mann, er liebte die -Trommeln und Pfeifen, er liebte das tönende Wort und war in Gang und -Gebärden, auch in der seltsamen Kleidung der Mann, den Geheimrat zu -reizen.</p> - -<p>So kamen die Schergen nachts über ihn her und schleppten ihn fort auf -die Festung; als das gefährliche Haupt der vaterländischen Verschwörung -galt er dem frommen Geheimrat, der Mord in Mannheim sollte der erste -Beweis seines Hochverrates sein.</p> - -<p>Sechs Jahre lang mußte der Turnvater Jahn seinen deutschtümelnden -Überschwall büßen, von Festung zu Festung geschleppt, in hundert Verhören -geplagt, von gemeinen Anklägern verdächtigt, empfing der treudeutsche -Mann den Dank seines Königs.</p> - -<p>Gestern noch von der Gunst der Regierung besonnt, wurden die Turnplätze -geschlossen; Turner hieß dem Geheimrat Demagoge sein, und Demagogie -war sein Mirakel, damit er die Fürsten und Höfe in Schrecken, sich -aber hoch in der Gunst und die gemeine Gesinnung zur Macht brachte.</p> - -<h3 id="sec11_13">Der Kirchhof</h3> - -<p>Der König von Preußen, einfältig und karg, hatte das Wort seiner -Not vergessen, wie eine geringe Seele das heiße Gelöbnis der Wallfahrt<span class="pagenum"><a id="Seite_302">[302]</a></span> -vergißt; Stein, das verdrießliche Alter, saß an der Asche all seiner stolzen -Gebäude; Kamptz, der neue Geheimrat in Preußen, drehte das knarrende -Rad seiner Stunde.</p> - -<p>Wer von der deutschen Burschenschaft war, den jagten die Hunde: -Wir hatten gebaut ein stattliches Haus! sangen sie scheidend in Jena, -dann waren sie Freiwild für schuftige Büttel und Richter.</p> - -<p>Daheim und in Herbergen, bei Verwandten und Freunden, wurden sie -wie Verbrecher gefangen und wie Verbrecher durch Kälte und schlimmere -Leiden zur Hauptstadt gebracht, wo die Hausvogtei war mit ihren gefürchteten -Kammern.</p> - -<p>Jahrelang harrten sie da auf den Spruch des Gerichts; Verhöre und -falsche Gerüchte, leere Tage und lauernde Nächte, törichte Hoffnung und -graue Enttäuschung zogen die grausame Zeit hin, bis endlich das Urteil, -verlogen und feig wie die Richter, den Tag der Verzweiflung brachte.</p> - -<p>Zum Tode verurteilt, zur Festung begnadigt, um ihre Jugend und ihre -Mannheit gebracht, mußten die Opfer geheimrätlicher Rachgier den Übermut -büßen, daß sie ans deutsche Vaterland glaubten.</p> - -<p>Und wie den Burschen geschah es den Männern der Zeit; bis in die -Tage der Fremdherrschaft spürten die Richter zurück, längst war die Freiheit -der Rede und Schrift verschüttet, Willkür, Verleumdung und Machtwahn -regierten den Tag, von Spionen war jedes Dasein umstellt.</p> - -<p>So brachen die Fürsten ihr Wort, verhöhnten Minister den Glauben -der Völker, so blies der deutsche Bund von Metternichs Gnaden der deutschen -Verfassung das Lebenslicht aus, so wurde dem Reich der kommende -Tag auf den Kirchhof getragen.</p> - -<p>Einmal war brausender Frühling gewesen, durch Opfer und Blut, -durch Märsche und Siege hatten die Rosen der Hoffnung in tausend Herzen -den kurzen Sommer geblüht: nun hatte der Herbst die Fäule gebracht, -kahl stand das dürre Geäst, in den gefrorenen Blättern am Weg rauschte -Novemberwind über den Kirchhof.</p> - -<h3 id="sec11_14">Der Biedermaier</h3> - -<p>Indessen dem deutschen Geist solches geschah, hatte der Bürger in seiner -Stube gesessen; er hatte das seine bescheiden gesichert, und mehr als -Bescheidenheit ging ihn nicht an.</p> - -<p>Auch war nach den Jahren des Aufruhrs die Ordnung der alten Zeit -wiedergekommen, wie Untertanengesinnung die Ordnung gewohnt war.</p> - -<p>Die Stände sauber getrennt, und die Krone glänzte darüber; denn er<span class="pagenum"><a id="Seite_303">[303]</a></span> -liebte den Landesherrn und war ihm in Demut gehorsam, auch wenn er am -Prügelstock ging; und wie ihm von oben geschah, so ließ er nach unten -geschehen.</p> - -<p>Er war der Frau und den Kindern, mehr noch dem kleinen und großen -Gesinde der Hausherr, wie es der Fürst seinem Lande war: er durfte poltern -und großtun wie er, er durfte befehlen wie Einer, und alles, was unter -ihm war, mußte gehorchen.</p> - -<p>Verfassung und Vaterland schierten ihn wenig: sein Vaterland war, -wo es ihm gut ging, und von Verfassung zu reden, hieß ihm, den Teufel -des Aufruhrs noch einmal beschwören.</p> - -<p>Seine Väter waren Pietisten gewesen, aber er hatte erfahren, daß es -nicht gut sei, gegen den Obrigkeitsgott noch einen andern zu haben; denn -der Landesherr war auch die oberste Kirchengewalt, und dem Landesherrn -hieß es gehorchen.</p> - -<p>Auch hatte die Aufklärung bei seiner Taufe Pate gestanden: Himmel -und Hölle gönnten dem Erdentag seine schmackhaften Früchte, wenn er -nicht unbescheiden oder gar unverschämt war.</p> - -<p>Denn auch der Herrgott war ein vernünftiger Mann und ließ den -Biedermann gelten; er konnte wohl kollern mit Donner und Blitz – und -es war gut, dann die Hände zu falten – aber nachher war wieder blauer -Himmel, wie es beim Landesherrn und auch bei ihm selber, dem Hausherrn -war.</p> - -<p>So baute der biedere Bürger die Welt auf vier Pfähle, statt in die -Wolken; er konnte wohl schmälen, aber nicht unzufrieden sein, weil alles -gottgewollt war: der Fürst wie der Bürger, der Junker und der Minister, -die geheimen Räte und ihre Polizei; nur, daß die adligen Herren zu wenig -Steuern bezahlten, schien ihm nicht richtig.</p> - -<p>Schiller in Jena war längst gestorben, und Goethe in Weimar hatte -für ihn nie gelebt; wenn seine Tochter ein Buch las, war es von Clauren, -und wenn er ein Stück sah mit seiner sonntäglichen Hausfrau, stand -Kotzebue auf dem Zettel; nur die gebildete Tante aus Prenzlau schwärmte -noch von Jean Paul, aber die hatte auch sonst die altdeutschen Grillen, gar -in der Kleidung.</p> - -<p>Denn daß ihm die Vaterlandsschwärmer auch noch den altdeutschen -Rock vorschreiben wollten, das war von all ihren unnützen Dingen das -albernste für den Bürger; er wußte genau, was sich schickte für einen geachteten -Mann, der seinen Meisterbrief von der Zunft und als Presbyter -seinen Kirchenstuhl hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_304">[304]</a></span></p> - -<h3 id="sec11_15">Goethe stirbt</h3> - -<p>Dumpfes Gerücht und totes Licht lag über dem Land der neblichten -Wälder, als Goethe in Weimar die göttlichen Augen zumachte.</p> - -<p>Er hatte den Korsen gesehen und hatte Blücher die rühmende Grabschrift -geschrieben; Erhebung der Völker und Undank der Fürsten waren -vor seinem Geist wie Wolken am Abend gewesen.</p> - -<p>Er sah in die Zeit, wie ein Vogel aus seliger Bläue über die Dächer und -Gassen, über die Wiesen und ihre Silbergewässer, über die Bergwälder, -tief in die Wolkengebilde blinkender Seespiegel sieht.</p> - -<p>Er sah die lastende Schwere und sah den blutroten Glast, aber sein Herz -wartete gläubig der Sterne.</p> - -<p>Ihm war sein Volk nur ein Blatt im Kranz der Völker auf Erden; er -liebte das Blatt als das seine, aber er flocht an dem Kranz mit unermüdlichen -Händen.</p> - -<p>Ihm hatte Prometheus das Feuer gebracht, und er hielt es dem Menschengeist -wach; nicht wie Schiller die Fackel der Freiheit zu tragen, stürmte -er hin: dem Herdfeuer der Menschheit diente er treu und geduldig wie der -Priester dem Opferaltar.</p> - -<p>Als er die göttlichen Augen zumachte, stand seine Flamme steil in der -Stille und war nur noch ein fernes Licht für sein Volk.</p> - -<p>Sie hatten den Wertherjüngling vergessen, und den greisen Faust kannten -sie nicht; so fiel keine Trauer über das Land und keine Furcht in die -Herzen.</p> - -<p>Nur wo ein Kerzenlicht brannte, wo einer Seele die Kammer weit -wurde, weil die Gestalten des Dichters durch ihre Einsamkeit gingen, zuckte -die Flamme in den gewaltigen Schatten.</p> - -<p>Der Zaubermeister von Weimar war tot, der all dem blühenden Leben, -der Weisheit und Schönheit der Worte, der Wahrheit und Hoheit ihrer -Gebärden Gottvater war.</p> - -<p>Die Schöpfung stand still, die aus dem Sechstagewerk kam mit anderen -Bergen und Bäumen, anderen Nächten und anderen Sternen und -anderen Menschen, als sie die Täglichkeit kannte.</p> - -<p>Der Menschengeist hatte sein Angesicht gläubig und stark gegen die -Gärten der Götter erhoben, er hatte sich selber auf die verlassenen Throne -gesetzt: nun ging er schlafen, weil seinem übermenschlichen Tun die Müdigkeit -kam.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_305">[305]</a></span></p> - -<h3 id="sec11_16">Das Volk der Denker und Dichter</h3> - -<p>Von der Maas bis zur Memel, von der Etsch bis zum Belt war ein -Kirchhof, Deutschland hieß den verdrossenen Herzen kein Vaterland mehr.</p> - -<p>Willkür und Wortbruch der Fürsten hatte das tote Gespenst der Verfassung -eingesargt und begraben; der fromme Geheimrat stand mit gefalteten -Händen dabei.</p> - -<p>Gottlosigkeit habe – so sagte der fromme Geheimrat – das Fieber der -Wünsche gebracht, Rechtgläubigkeit würde das Fieber ausheilen; oberste -Staatsbürgerpflicht solle der Kirchgang sein.</p> - -<p>Thron und Altar, als Kaiser und Kirche Schicksalsgewalten, mußten -dem Staat die Stützbalken halten, der aller Vergangenheit bar kläglich am -Abhang der Gegenwart klebte.</p> - -<p>Doch hatte das Blut der Wünsche zu heftig gefiebert, und stärker begann -die heimliche Ader zu rinnen, daraus die Kraft des entrechteten Volkes -dahin floß.</p> - -<p>Goldene Ernten hielten die Reeder in Bremen und Hamburg, indessen -die deutschen Landschaften mehr Menschen über das Weltmeer verloren, -als Krieg und Seuchen sonst hingerafft hatten.</p> - -<p>Goethe und alle Guten hatten gewirkt, daß Größe und Würde den -deutschen Namen umklängen, aber das Volk blieb stumm und geschlagen.</p> - -<p>Das Volk der Denker und Dichter! so hatte der Hochmut an seine Tore -geschrieben: Dichter und Denker waren die Stimme der Freiheit gewesen; -die Ohren hatten den Deutschen geklungen, aber lebendig wurden sie nicht.</p> - -<p>Die danach der deutschen Seele gläubige Schatzhalter waren, gingen -als Pfarrer, Lehrer und Richter treu in die Täglichkeit ein, aber als Dichter -und Denker und Hüter des ewigen Lebens saßen sie in der Verbannung.</p> - -<h3 id="sec11_17">Die schwäbischen Dichter</h3> - -<p>Aus schwäbischer Enge war Schiller geflohen, und Hölderlin hatte das -Land seiner Seele nicht in der schwäbischen Heimat gesucht; als aber der -flammende Braus von Jena ausgelöscht war, fing Tübingen an, bescheiden -im Dunkel zu leuchten.</p> - -<p>Kein Musenhof stand hinter dem Tübinger Stift, und keine allmächtige -Hand hielt ihm die Tage geweitet wie Goethe in Weimar; es war der Garten, -die schwäbischen Pfarrer zu züchten, aber die Frucht gedieh zu seltsamen -Blüten.</p> - -<p>Hölderlin war ein Stiftler gewesen; als sein herrlicher Geist sich in<span class="pagenum"><a id="Seite_306">[306]</a></span> -heilige Höhen verstieg, lebte sein Körper die langen Jahrzehnte in Tübingen -hin, und noch das leere Gefäß seiner umnachteten Seele war ein Heiligtum -unter den Menschen.</p> - -<p>Die schwäbischen Jünglinge sahen die Göttergestalt bei Tischlersleuten -sanft und geduldig ihr Erdenlos tragen; sie sprachen die großen Gesänge -und ahnten die ewige Waltung in seinem Geschick.</p> - -<p>Nie wieder kam einer von seiner Art, sie waren alle aus Schwaben gebürtig -und blieben der Heimat verbunden; aber sie standen in seiner heiligen -Zucht und nahmen das Bild der hohen Erinnerung mit, wenn sie gingen: -daß alle Dinge des Tages nur bunter Schein vor dem ewigen Sein, daß -alle irdischen Ziele der Seele nur Wegweiser wären.</p> - -<p>So wuchs am Tübinger Stift ein neues Geschlecht in Schwaben, das -wieder wie einmal die Griechen in edler Bildung dahin ging, obwohl es die -engen Wege der Heimat nicht überschritt.</p> - -<p>Sie hatten alle ein Amt, sie waren Pfarrer und Lehrer, Ärzte und Richter, -sie dienten dem Tag bescheiden und treu; aber wie einmal Hans Sachs, -der Nürnberger Schuhmacher tat, pflegten sie eifrig den Meistergesang; -und einige wurden Dichter geheißen:</p> - -<p>Ludwig Uhland, der aufrechte Mann und Meister am Dombau der -deutschen Gesinnung, der seine Lieder wie Luther sang, aus reinem Gemüt -mit reinem Wort und abhold allen romantischen Künsten, ein deutsches -Herz und ein Protestant.</p> - -<p>Justinus Kerner, der Doktor in Weinsberg, den Rätseln des Lebens -hellsichtig nah und dem Tod wie ein Bruder vertraut; Gustav Schwab, -der geistliche Herr in der schwäbischen Hauptstadt, in allen Dingen der -Bildung zuhause, plauderfroh sagend und singend; Wilhelm Hauff, der -schwärmende Jüngling und frohe Phantast, mit glücklichen Händen vielerlei -greifend und manchmal der Meisterschaft nah.</p> - -<p>Sie reichten nicht an den Himmel, da Hölderlins Stern im milden -Glanz stand, sie blieben Diener der schwäbischen Erde, aber den Sternen -ehrfürchtig zugewandt; und allen gelang es, den Liederschatz der deutschen -Seele zu mehren.</p> - -<h3 id="sec11_18">Mörike</h3> - -<p>Nur Einem hatten die Nornen die silberne Spindel in seine ärmliche -Wiege gelegt, nur Einem wurde die Enge zum Schicksal, das er mit stolzer -Bescheidung bezwang.</p> - -<p>Vikar an mancherlei Orten, zu Cleversulzbach im Unterland Pfarrer, -dann kränkelnd in Mergentheim, fünfzehn Jahre lang als Lehrer in Stuttgart<span class="pagenum"><a id="Seite_307">[307]</a></span> -geplagt und dreizehn danach auf seinen Tod wartend: trug Eduard -Mörike recht wie ein Stiftler sein irdisches Leben.</p> - -<p>Ein zarter Jüngling wurde ein kränklicher Mann und ein Greis, von -den Nöten des Alters geplagt; eine gläserne Seele, zart und zerbrechlich, -mußte ein langes Leben aushalten, bevor ihr der Tod den dünnen Stengel -abbrach.</p> - -<p>Aber die gläserne Seele, zart und zerbrechlich, nahm ihre irdische Enge -hin, wie eine Blume im Garten den Lärm spielender Kinder, Hundegebell -und Hammerschlag aus der Schmiede, Rädergerassel und Glockengeläut -still übersteht.</p> - -<p>Der säuselnde Wind sang in das Lied ihrer steigenden Säfte; die Sterne -der Nacht, ihre ewigen Schwestern, standen im Schlaf ihr zu Häupten, -und ihre Mutter, die Sonne, küßte sie wach in den Morgen.</p> - -<p>Da war der irdische Tag nur die bunte Verkleidung, darin sie mit ihren -Wurzeln und Säften, mit ihrem schwellenden Kelch und der leuchtenden -Blüte ein dankbares Kind der ewigen Wiederkunft war.</p> - -<p>So machte der kränkliche Pfarrer im schwäbischen Unterland seine Gedichte; -eine unsterbliche Seele war ihrer Wirklichkeit froh in der schlichten -Verkleidung, ein Sendling der Ewigkeit ging durch den Tag, staunend und -stolz seiner Demut.</p> - -<p>Da wurden ihm alle Dinge dankbar vertraut, und allen sprach er den -zärtlichen Gruß seiner Seele; die Freuden trank er, wie einer den Trunk -auf der Wanderschaft nimmt, die Leiden hob er wie Spinngeweb auf und -ließ sie im Sonnenschein schimmern.</p> - -<p>Nie wieder nahm Einer die kleinen Dinge so innig zur Hand, nie -streichelte Einer das Leben so dankbar, dem es im Tiefsten so fremd war.</p> - -<p>Nur einmal verriet er die Herkunft, als Weyla, das göttliche Kind -seiner Seele, Orplid die Heimat besang, als Könige kamen, seiner Gottheit -Wärter zu sein.</p> - -<h3 id="sec11_19">Stifter</h3> - -<p>Dem Pfarrer in Cleversulzbach lebte ein heimlicher Bruder in Österreich, -seines Zeichens ein Schulrat in Linz, Adalbert Stifter geheißen.</p> - -<p>Der Sohn eines böhmischen Leinewebers war mühsam zur Bildung -gekommen; unschlüssig und keiner Zukunft gewiß hatte der Jüngling in -Wien studiert; als er kein Ende fand, mußte er Hauslehrer sein, bis er, -schon grau, durch vermögende Freunde als Schulrat in Linz ein erträgliches -Amt fand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_308">[308]</a></span></p> - -<p>Fünfzehn Jahre lang hielt er sein Amt aus, dann nahm er den Abschied, -sich selber zu leben; aber der Tod erlöste ihn bald aus der Plage.</p> - -<p>So lag die Pflicht auf dem Leben Adalbert Stifters, als die Sorge -nicht mehr darin war, und peinigte ihn, der einen Libellensinn hatte und -eher ein Landfahrer war denn ein Beamter; aber die tägliche Pflicht und -alle Verstimmung leer gedroschener Stunden reichten nicht auf den Grund, -wo der Dichter unterirdisch im Glück war.</p> - -<p>Adalbert Stifter hatte in Wien malen gelernt, und wie ein Maler sein -Bild wohl aus der Wirklichkeit nimmt, aber die Bäume und Bäche, die -Menschen darin und das Gewölk über den Fernen in seinen Farbengrund -senkt, daß alles, was einzeln war, Einheit gewinnt in der Fülle des Ganzen: -so malte sein Wort die sanften Gebilde.</p> - -<p>Er konnte von einem Schicksal berichten, wie einer den Mittag mit all -seiner lodernden Glut im blanken Seespiegel sieht: gestern und heute waren -eins; alles, was Gegenwart schien, war schon gewesen, wenn seine Sinne -es sahen, und alles Vergangene stand wieder zur Gegenwart auf, wenn -seine Gedanken es fanden.</p> - -<p>Denn jenseits von Zeit und Raum war die Seele ein Spiegel des -ewigen Anblicks; was sie verband, war ewig verbunden, und was ihr Gedächtnis -behielt, war ewig getrennt vom Versunkenen.</p> - -<p>Darum waren die Bücher des Schulrats in Linz seltsam mit Dingen -gefüllt, die, allen bekannt, unsagbar fremd erschienen, wie ihre Einzelerscheinung -in seinen Schwarzspiegel versenkt war:</p> - -<p>Rot hieß nicht rot, und blau hieß nicht blau, und dennoch stand alles -in farbiger Glut; wie ein Kind durch buntes Glas die Welt unheimlich -fremd und dennoch mit all ihren Dingen vertraut, staunend betrachtet.</p> - -<h3 id="sec11_20">Hebbel</h3> - -<p>Goethe war tot und sein gewaltiges Werk wurde noch nicht lebendig, -Heinrich von Kleist war vergessen, Stifter und Mörike blieben dem deutschen -Volk unbekannt: da wuchs zum andernmal ein Gewaltiger auf, mit -seiner Dichtung das Höchste zu wagen.</p> - -<p>Zu Wesselburen im friesischen Land hielt sich der Kirchspielvogt einen -Schreiber, Friedrich Hebbel geheißen, das Kind armer Leute; aber dem -Knaben, schüchtern und ungelenk, wuchsen die blonden Haare um eine hohe -Stirn, die von anderen Dingen als seinem täglichen Schreiberdienst -voll war.</p> - -<p>Sieben Jahre lang schrieb er tagsüber um kärglichen Lohn bei dem<span class="pagenum"><a id="Seite_309">[309]</a></span> -Vogt, sieben Jahre lang aber gehörten die Nächte dem Dichter, der in dem -friesischen Maurersohn mit schneidenden Schmerzen zur Welt kam.</p> - -<p>Als ihm dann endlich die Tür aufgemacht wurde, als ihm Amalie -Schoppe altjüngferlich half, nach Hamburg zu kommen, als er in München -und Heidelberg wie ein Kolkrabe unter dem bunten Gevögel der andern Studenten -in die Hörsäle ging: hielt die Wohltätigkeit seine Armut am Leben.</p> - -<p>Sie verließ ihn auch nicht, als sein Trauerspiel von der biblischen Judith -offenbar machte, daß wieder ein großer Dichter in Deutschland war, daß -in der Gewalttätigkeit seiner Figuren ein Riesengeist seinen Schritt maß.</p> - -<p>Das Schicksal hatte den Dichter um seine Jugend gebracht, er trat als -Mann in die Welt: das Jünglingsfeuer konnte an ihm nicht mehr entbrennen, -wie es vordem an Schillers Räubern entbrannte, und die Männer -der Zeit fand er als dumpfes Geschlecht.</p> - -<p>So mußte Hebbel den Weg einsam beginnen, und niemand holte ihn -ein, bis er im Felsengebirg seiner Höhe sich abseits der Zeit, abseits der -Liebe, abseits der Ehrfurcht trotzig allein fand.</p> - -<p>Einmal rief er zurück, als er den Menschen seiner Zeit den Meister -Anton hinstellte, als er die Kleinbürgerwelt in sein bitterstes Stück ballte, -ihre Enge und seine Herkunft zermalmend.</p> - -<p>Aber die seine Stimme vernahmen, wichen erschrocken vor seinem Ingrimm -und seiner grausamen Kälte zurück, weil sie die Sehnsucht darin -nicht verstanden.</p> - -<p>So stürmte er weiter ohne Genossen und schrieb, schon im Geleucht der -Firnen, das Hohelied der Keuschheit, als er Gyges und den entweihten -Ring vor den Richterstuhl stellte.</p> - -<p>Als er zuletzt, seinem Volk in der dumpfen Gegenwart fremd, in die -Ferne der Herkunft hinein blickte, ritten am Himmelsrand hin die gewaltigen -Recken der Nibelungen zu ihrem Blutfest in Ungarn.</p> - -<p>Was keiner zu wagen vermessen sein konnte, er tat es: er rief die Gewaltigen -an samt ihrer Riesenfrau Schwester Kriemhild und bannte die -Schatten auf seine Bretter.</p> - -<p>Seit Goethe den Faust rief, seit Kleist die homerischen Helden beschwor, -wurde nicht mehr so Großes gewagt: die Zeit kam und staunte in -ihre riesige Herkunft, aber sie konnte aus ihrer Kleinheit die Größe nicht -mehr ermessen.</p> - -<p>Wie ein Kolkrabe unter dem bunten Gevögel der jungdeutschen Dichter -stand Hebbel, als er sein Tagebuch schrieb: sein Riesengeist fand sich selber -zuletzt als Genossen; es schauerte ihn vor den eigenen Blättern, wie seine -Seele allein in der Zeit und seinem Volk war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_310">[310]</a></span></p> - -<h3 id="sec11_21">Grillparzer</h3> - -<p>Als Hebbel nach Wien kam, war Grillparzer schon in die Stille gegangen; -der Dichter von gestern wollte nicht mehr in der Gegenwart sein.</p> - -<p>Schiller und Goethe und die Romantik hatten in seine Jugend geleuchtet, -und wie ein Steinboden im Licht der Glasfenster glüht – alle -Farben trinkt sein graues Gestein aus den Scheiben und macht ein sanftes -Spiel aus der Glut – so war seine Dichtung ein Abglanz.</p> - -<p>Aber Grillparzer war ein Österreicher Kind, und die Kaiserstadt legte -den Abglanz des Dichters auf köstlichen Marmor, daß keiner die Glasfenster -sah, nur noch den sanften Schein auf den Fliesen und seine vielfarbige -Kühle.</p> - -<p>Medea, Sappho und Hero, all seine Frauengestalten waren wohl Töchter -der Iphigenie; aber im Hause Maria Theresias hatten sie irdischer -schreiten, lächeln und leiden gelernt als ihre erhabene Mutter in Weimar.</p> - -<p>Auch hieß ein Dichter in Wien anders, als sonst im Reich, ein Schildhalter -der alten Herrlichkeit sein; denn Wien war die Habsburger Hofburg: -wie einmal der britische Dichter die Dramen der Könige schrieb, wollte -Grillparzer den Habsburger Kaisertraum auf die Schaubühne bringen.</p> - -<p>Aber den Herren der Hofburg gefiel solcher Bühnenruhm nicht; in -Wien ein Österreicher hieß eine Maske Metternichs sein; weil er zu hochmütig -war, sich zu verstecken, und zu schwach, sich zu zeigen, ging er beiseite.</p> - -<p>Denn weder ein Mann seiner Zeit wie Uhland, der wackere Schwabe, -noch seiner ewigen Sendung gewiß in stolzer Bescheidung wie der Pfarrer -in Cleversulzbach, war Grillparzer, der Dichter in Wien.</p> - -<p>Vergrollt und von Grillen geplagt, wurde er alt; als die Glut der -Fenster verblaßte, schwand auch der Abglanz auf seinen marmornen Fliesen -dahin; der einsame Dichter in Wien wurde vergessen, bis ein später Ruhm -den Spätling wieder ans Tageslicht brachte.</p> - -<h3 id="sec11_22">Schopenhauer</h3> - -<p>Als Goethe ein Greis und fast schon ein Götterbild war, fand er Gefallen -an einem Jüngling, der ihm als der Sohn einer schreibenden Dame -in Weimar über den Weg kam: Schopenhauer geheißen und Schüler des -großen Immanuel Kant.</p> - -<p>Der Jüngling hatte freilich den Weisen von Königsberg nicht mehr -gesehen, aber in seinen gewaltigen Schriften die Heimat erkannt, darin er -sich einzig als Erbhalter fühlte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_311">[311]</a></span></p> - -<p>Wohl standen Fichte, Hegel und Schelling im Reichtum der Kantischen -Erbschaft geehrt, er aber hieß sie Erbschleicher und Fälscher; wie ein -Prinz mündig wird, kam er, im Reich der Wahrheit der rechte Thronfolger -zu heißen.</p> - -<p>Alle Erscheinung der Dinge – so hatte der Meister gelehrt – ist nur -das Blendwerk der Sinne; in Zeit und Raum eingehängt, vermag die -Erfahrung keine Erkenntnis zu bringen über das Ding jenseits der Sinne, -über das Wesen der Welt.</p> - -<p>Die Welt als Vorstellung nannte der Schüler den Schein, er aber -wollte im Schein das Wesen benennen, und er hieß es die Welt als Wille.</p> - -<p>Der Wille allein war der Schlüssel zum Wesen, der Wille war frei in -der Ursächlichkeit aller Dinge, aus ihm allein kam Erkenntnis, das Rätsel -der Sinne zu lösen, weil er der ewige Antrieb, weil er das Leben im Schein, -die Seele im Sinnbild der Welt war.</p> - -<p>So wollte der Schüler den Schleier der Maja durchleuchten, den der -Meister als Blendwerk der Sinne erkannte; so glaubte sein Eifer den Spiegel -der Wahrheit zu halten, darin er sein Ich und sein Du in einem erblickte.</p> - -<p>Weil ihm ein irdisches Wort den Schlüssel zur Welt gab, dachte er -seine Gedanken diesseits und brauchte nicht schwindelnden Pfades im Jenseits -zu irren; aber die Zeit war im Jenseits befangen, und die der Jüngling -Fälscher und Erbschleicher nannte, regierten trotz seinem Zorn.</p> - -<p>Er hatte sein Tagwerk zu früh getan und mußte in Einsamkeit warten; -wie Buddha zu den Brahmanen hatte sein Mund die Weisheit der Erde -gegen den Himmel der Priester gesprochen, aber ihm fehlten die Jünger.</p> - -<p>In seinen Wünschen – dies war seine Lehre – waren dem Menschen die -Wurzeln des Guten und Bösen verstrickt, das Leben mit Wirrsal zu füllen: -seinen Willen verneinen, hieß auch vom Leiden erlöst werden.</p> - -<p>Denn wollen hieß leben, und leben hieß noch im Blendwerk der Wünsche -verbannt sein: der Weise ging, durch Erkenntnis das Nichts seiner -Wünsche, aber das All seiner Stille zu finden.</p> - -<p>Der so im Abendland lehrte, uralte Erkenntnis der Erde gegen den -Himmel der Priester, war seiner irdischen Weisheit kein Weiser; grimmig -und germanischer Streitlust stachlig wie ein Igel, schaffend und scheltend -saß er sein Leben lang in Frankfurt am Main, den Aufgang seines Werkes -zu erwarten.</p> - -<p>Als ihm das Alter endlich den Ruhm brachte, war seine Stirn zu müde, -den Lorbeer zu tragen; aber die Greisenhände streichelten noch an den wintergrünen -Blättern, ehe er bitter lachend dahin fuhr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_312">[312]</a></span></p> - -<h3 id="sec11_23">Die Nazarener</h3> - -<p>Deutsche Jünglinge kamen nach Rom, schwärmenden Sinnes und -ihrem Vaterland tief abgewandt; denn mehr als je wirkte Winckelmanns -Lehre, daß nur in südlicher Sonne, nicht im Land der neblichten Wälder -die Heimat der Kunst sei.</p> - -<p>Sie kannten die gotischen Tafeln und die Glasfensterglut ihrer Farben, -aber sie mochten das krause Figurenwerk nicht und die Eckigkeit ihrer Gebärden; -ihr Sinn war sanft und auf den erhabenen Schwung, auf die -Süße und auf die edle Figur der Italiener gerichtet.</p> - -<p>Wie Dürer, der Meister von Nürnberg, die welsche Pilgerschaft machte, -so kamen auch sie; aber sie liebten die Nachtigall nicht, die jenen aus Wittenberg -lockte; sie kehrten, romantisch verzückt, in den Schoß der Kirche -zurück.</p> - -<p>Ein Barfüßerkloster stand leer in der ewigen Stadt, da fingen sie an, -als Brüder zu leben, Nazarener genannt in den römischen Gassen mit ihren -Faltengewändern, aber sich selber zu Stärkung.</p> - -<p>Wie die Frühmeister malten, bevor das rauschende Gold Tizians kam, -bevor die Leiber, einst bläßlich gebildet, mit blühendem Fleisch prahlten, -bevor die bräunlichen Tiefen die klaren Gebilde der Fläche verhüllten: so -sollten ihre Gestalten die Wände heiliger Räume abschreiten.</p> - -<p>Denn nicht mehr prahlende Schilderkunst im goldenen Rahmen mochte -ihr Werk sein; wieder wie einst wollten sie fein und geduldig Wände bemalen: -die Haltung edler Figuren, der Faltenwurf großer Gewänder, die -Einfalt frommer Gebärden allein sollten der Stolz ihrer Kunst sein.</p> - -<p>Ihr Sinn war sanft, des wurden die Wandbilder Zeichen; die dunklen -Gründe wurden erhellt, die glühenden Farben erblaßten, das brünstige -Spiel des Lichts im Schatten verschwand: edle Einfalt und stille Größe, -wie Winckelmann lehrte, wurden zärtlich lebendig.</p> - -<p>Aber die Zärtlichkeit war wie das Mondlicht am Morgen, sie fror im -mühsamen Tag und seufzte zurück in die schwellende Nacht, da noch Gestirne -den Himmel umstanden.</p> - -<p>Nur einem der Jünglinge stürmte das Blut in den Tag hin; Peter -Cornelius war er geheißen, Protestant im Mönchskleid mehr denn sie alle, -weil er allein katholisch geboren, aber ein nordischer Mensch war.</p> - -<p>Er riß die edlen Gestalten aus ihrer Stille hinein in den Strudel starker -Bewegung; er machte die schlafenden Umrisse wach, mit dem Linienwerk -aufgescheuchter Gestalten ihr bläßliches Dasein hart zu umreißen.</p> - -<p>Da wurde die Farbe den goldenen Rahmen und räumlichen Tiefen der<span class="pagenum"><a id="Seite_313">[313]</a></span> -Schilderkunst nachgesandt in die Verdammnis; die schwarze Kohle fing an, -die weiße Fläche zu meistern, aus Wänden im Raum wurde der dürre -Karton, in der Werkstatt mit Strichen gezeichnet.</p> - -<p>So wurde im Barfüßerkloster zu Rom, im brünstigen Glauben der -Kirche, dem Protestantismus die Kunst nachgeboren; deutsche Jünglinge -wurden in Welschland katholisch, das seltsame Wunder zu wirken.</p> - -<h3 id="sec11_24">Der Baukönig</h3> - -<p>Als sich der König Ludwig von Bayern im vierzigsten Jahr die Krone -aufsetzte, sahen die Guten nach ihm, und seine Lobredner sagten, daß nun -ein neues Sanssouci käme, nicht von Franzosen bevölkert.</p> - -<p>Er hatte als Kronprinz gern mit den Nazarenern in Rom gesessen, -hatte gespart und Bilder gekauft, er war den Dichtern und Malern ein -Freund und einer freien Verfassung der eifrigste Fürsprecher gewesen, und -allem Welschtum feind.</p> - -<p>Dichter, Gelehrte und Künstler rief er nach München; auch fing sogleich -ein Bauwesen an, wie es die Welt seit Versailles nicht kannte.</p> - -<p>Aber nicht Lustschlösser galt es dem König von Bayern; die Stadt an -der steinichten Isar sollte mit Straßen und Plätzen, Hallen und Säulen -und Bildwerken, reicher und schöner als Wien oder Berlin, die deutsche -Kunst- und Königsstadt werden.</p> - -<p>So wurde das Füllhorn aller Baukünste über die Stadt an der Isar -geschüttet: griechisch und römisch, florentinisch und gotisch wuchsen die steinernen -Wünsche der staunenden Bürgerschaft zu.</p> - -<p>Eine Glyptothek kam und eine Pinakothek, die Propyläen stellten dem -neuen Musenhof die prächtige Torwacht, und eine Prunkstraße lief zwischen -Palästen hinaus in die Felder von Schwabing.</p> - -<p>Napoleon hatte mit all seinen Siegen Paris nicht so geschmückt wie -Ludwig, der Baukönig, München; Jahrhunderte staunten aus biederen -Giebeln darüber, die backsteinernen Türme der alten Domkirche sahen -barock dem gebildeten Quaderwerk zu.</p> - -<p>Altdeutsch und florentinisch, romantisch und klassisch galten dem König -gleichviel, er hieß sich gern einen Dichter; und als er im höchsten Schwung -war, wurde dem deutschen Volk die Walhalla gebaut.</p> - -<p>Bei Regensburg stand sie und war eine Halle hoch über der Donau, sie -sollte das Heiligtum deutscher Vergangenheit sein; aber das Heiligtum -deutscher Vergangenheit war ein Tempel mit griechischen Giebeln, dorischen -Säulen und einer ionischen Halle.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_314">[314]</a></span></p> - -<p>Seine Baumeister priesen den Bauherrn, sein Volk pries den Landesherrn -nicht; indessen sein Schwärmersinn aus der Vergangenheit lebte, -indessen er Tempel und Kirchen, Kunsthallen, Paläste und Prunktore -baute mit seinen mühsamen Groschen, regierte die Willkür übler Minister -sein Land.</p> - -<p>Auf Sanssouci saß ein Despot und er liebte sein Volk nicht, aber er -hielt sich selber in Pflicht als oberster Diener des Staates; in München -wollte ein Schwärmer der Schatzhalter deutscher Herrlichkeit sein, aber -Willkür und Schmeichel banden ihm beide Hände, und Herren im Land -waren die Jesuiten.</p> - -<h3 id="sec11_25">Der Redekönig</h3> - -<p>Die Hoffnung der Guten hatte in Bayern getrogen, nun kam sie nach -Preußen: Friedrich Wilhelm der Vierte sollte ihr neuer Schildhalter sein; -aber die Hoffnung der Guten trug den romantischen Rock in Bayern und -Preußen.</p> - -<p>Einfältig und stumm war der Vater gewesen, und vaterländisch hieß -seiner kärglichen Seele ein Fürstenfeind sein; zwiespältig und laut war der -Sohn: die oberste Fürstenpflicht sollte, so rief seine begeisterte Rede, das -Vaterland heißen.</p> - -<p>Er redete gern, der neue König in Preußen, die alte Herrlichkeit rauschte -im Flügelschlag edler Romantik, wenn das Wort über ihn kam.</p> - -<p>Ein deutscher Fürst hieß ihm die Vollmacht großer Vergangenheit sein: -was jemals die Ahnen mit heiligem Eifer begehrten, was sie mit Blut und -mit Leiden bezahlten, des sollten die Fürsten von Gottes Gnaden Vollstrecker -und Schwurhalter heißen.</p> - -<p>So schwoll die Rede des Königs von Preußen, als er in Königsberg -stand, den Eid auf die Verfassung zu schwören; Tausende hörten ihm atemlos -zu, und Tausende nahmen die Worte für Taten.</p> - -<p>So wurde die Rede des Königs von Preußen ein Ruf an sein Volk, -als er danach in Berlin aus dem Schloßfenster sprach; Tausende drängten -im Lustgarten und spürten den strömenden Regen nicht, weil in den Worten -des Königs die neue Zeit nahte.</p> - -<p>So legte die Rede des Königs von Preußen den Grundstein, als er -beim Domfest in Köln die Fürsten und Völker anrief: Tausende sahen das -Reich wie den Dom in Trümmern, und Tausende glaubten, daß mit dem -Dom die Herrlichkeit auferstände.</p> - -<p>Aber die Reichsherrlichkeit war mehr als ein Domfest gewesen, und<span class="pagenum"><a id="Seite_315">[315]</a></span> -eine Rede des Königs von Preußen war noch kein Maifeld: neben dem -redenden König stand Metternich taub und der Rührung verwundert; leer -war der Kaiserthron; Armut stockte, wo einmal die Fahnen der Hansa dem -Welthandel wehten.</p> - -<p>Friedrich Wilhelm der Vierte hatte viel Bücher gelesen und war ein -Meister der Rede, wie ein Schauspieler Klang und Wirkung der Worte -kennt; aber er war seiner Zeit fremd und allen lebendigen Dingen feind, -die sein romantisches Herrenglück störten.</p> - -<p>Als die Jahre seiner Regierung leer liefen, als er im Land herum fuhr -zu unaufhörlichen Empfängen, Girlanden, Böllerschüssen und Reden, -mußte die Hoffnung der Guten einsehen, daß er ein Narr seiner Worte, -keine Tat und keine Hand, kein Fürst und Herrscher, nur ein Redekönig -war.</p> - -<p>Die Spötter begannen zu munkeln, er liebe die Flasche, sein Wort sei -trunken vom Wein, und seine Tränen der Rührung flössen aus einer befeuchteten -Seele.</p> - -<p>Das niedere Volk, das die ewige Festlichkeit sah, indessen ihm Mangel -und Not an den Leib kam, fing an, den frömmelnden König zu hassen.</p> - -<h3 id="sec11_26">Die Auswanderer</h3> - -<p>Mangel, Not und Bedrückung nahmen einander den deutschen Tag -aus den Händen.</p> - -<p>Noch immer war Metternich Meister, und wo ein Fürst Hof hielt, -hielt der Geheimrat das Schwert und die Waage der Willkür, die sich von -Gottes Gnaden Gerechtigkeit nannte.</p> - -<p>Kein Vaterland war, nur Länder, den Fürsten erbzugehörig samt Krone, -Zepter und Untertan; und wer in den Ländern ans deutsche Vaterland -glaubte, war dem Geheimrat böser Gesinnung verdächtig.</p> - -<p>Indessen dem Übermut adliger Herren der Tag und die Stunde willfahrten, -mußten Bürger und Bauern in Demut verharren, was ihnen der -Übermut gönnte.</p> - -<p>Mit karger Gemarkung lagen die Dörfer zwischen den reichen Ritterschaftsgütern, -allen Gesetzen zum Trotz mußte das niedere Landvolk der -Gutsherrschaft fronen.</p> - -<p>Und daß in der Stadt Gleiches geschah, fing die Fabrik ihr Teufelswerk -an: Armut und Häßlichkeit gaben einander die Hände und hoben den -Haß aus der Tiefe, weil in der Arbeit um Lohn kein Segen mehr war.</p> - -<p>Aber – so kam die Kunde – über dem Wasser war Arbeit, Freiheit und<span class="pagenum"><a id="Seite_316">[316]</a></span> -Achtung des ehrlichen Mannes, über dem Wasser war Land, unermeßlich, -ein neues Leben zu bauen.</p> - -<p>Listige Werber wußten mit bunten Bildern der Wohlfahrt zu locken: -die neue Welt wurde die Hoffnung der alten; Amerika rief die Not und -den Überdruß auf, das Abendland zu verlassen.</p> - -<p>So fing in den Dörfern der Pfalz, in Baden und Schwaben, in -Bayern, Sachsen und Preußen die Auswanderung an zu rinnen, und ging -als ein Strom in das Meer bei Hamburg und Bremen.</p> - -<p>Felder und Wiesen, seit Urvätertagen mit Saat und Ernte gesegnet, -wurden vergantet; Stall und Garten und Vieh, vertraut wie die Berge -und Bäche, das Haus und der Hausrat, ererbt von den Eltern und ihrer -Erinnerung voll: alles, was Fleiß, Sorge und Hoffnung der Heimat verband, -die Gräber, mit Ehrfurcht gepflegt, wurde verlassen.</p> - -<p>Anders als einst, da die Stämme mit ihrer Wagenburg zogen, war nun -die Ausfahrt; das Dorf blieb stehen mit seinen Häusern und Nachbarn, -nur der Mann mit den Seinen ging fort aus der Sippe; der Einzelne, verdrossen -und fremder Lockung verfallen, verließ die Gemeinschaft.</p> - -<p>Nicht länger mehr sollte das Schicksal der Väter über ihm sein, dem -fremden Landfahrer gleich wollte der einzelne Trotz das eigene Schicksal -beschwören, in der neuen Welt die Wohlfahrt zu finden, die ihm die alte -versagte.</p> - -<p>Einzelne nur verließen so harten Mutes die Heimat, aber Tausende -kamen nach Bremen und Hamburg; da standen die Schiffe, für andere -Fracht als Ballen und Säcke und Tonnen gerüstet; da saßen die Reeder -an ihren Tischen, aus solcher Fracht üblen Lohn zu gewinnen.</p> - -<p>Gewinnsucht und Händlersinn sahen nur das Geschäft und ließen die -Menschlichkeit leiden: wohl hatten die Schiffe im Oberdeck Säle und reiche -Kabinen, unten im Zwischendeck wurde den Armen die Fahrt über das -Wasser zur Hölle.</p> - -<p>Aber die Höllenfahrt war nur das Tor in die Welt, die mit grellem -Schein lockte, weil sie voll Dunkelheit war; Gewinnsucht und Händlergier -blieben an ihre Fersen geheftet, und Viele mußten im Elend verderben, -bis Einem die Fahrt glückte.</p> - -<h3 id="sec11_27">Die schlesischen Weber</h3> - -<p>Sie woben die Leinwand wie ihre Väter, sie waren fleißig und fluchten -dem Webstuhl nicht, darin sie um kargen Verdienst saßen, wie das Eichhorn -im Tretrad die flinken Füße vertritt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_317">[317]</a></span></p> - -<p>Aber dann kam die Fabrik und schnallte den Webstuhl an ihre Maschinen; -da schnurrten die Räder und sausten die Spindeln, wie nie ein -Weber sein Schiffchen zu werfen vermochte; da wurde die Leinwand wohlfeil -und drückte den kargen Verdienst, bis er ein Hungerlohn war.</p> - -<p>Sie aber hatten nichts auf der Welt als den Webstuhl, sie lebten vom -Lohn ihrer mühseligen Arbeit und sahen ihr ärmliches Dasein verloren: der -Mangel wurde zur Not und die Not zur Verwünschung der neuen Fabriken -und ihrer wohlhabenden Herren.</p> - -<p>Als Mißwachs und Dürre das Brot teuer machten, als der Hunger -mit hohlen Backen herum ging, als den Müttern das Kind an den welken -Brüsten verdarb: stand fiebernden Auges die Kreatur auf, ihren Jammer -zu rächen.</p> - -<p>Das Stroh sei wohlfeil und Häcksel zu essen nahrhaft genug für die -Weber! höhnte ein satter Fabrikant, aber das Wort war Feuer in Zunder -geworfen; sein reiches Haus mußte den frechen Hohn büßen; und wie es -in Peterswaldau geschah, so drohte es bald allerorten.</p> - -<p>Rache den Reichen, Feuer ihren Fabriken! so raste das schlesische Fieber; -aber die hohe Regierung in Breslau zögerte nicht, die Krankheit zu -dämpfen.</p> - -<p>Soldaten des Königs von Preußen mit blanken Helmspitzen und scharfen -Gewehren marschierten auf harten Befehl; sie schossen und halfen der -Not, den Kirchhof der Weber zu füllen.</p> - -<p>Einen Dom in Berlin zu bauen, reicher und schöner, als ihn die alte -Herrlichkeit kannte, plante der König, indessen in Schlesien solches geschah: -einen Dom im Namen der Liebe, die unter den Armen und Mühseligen -suchte, aber den Tempel zerbrach.</p> - -<h3 id="sec11_28">Die Fabrik</h3> - -<p>Seit urgrauer Zeit liehen Wasser, Feuer und Wind dem Menschenwerk -ihre Kräfte; nun kam der Dampf in die Hände der Menschen, das -stärkere Kind aus Wasser und Feuer.</p> - -<p>Mühlräder pochten und mahlten, die Segel blähten im Wind übers -Meer, wenn er nicht schlief: es war ein friedliches Tun der elementarischen -Mächte, dem Menschen zu helfen, starkes Behagen gütiger Kraft.</p> - -<p>Aber der Dampf diente dem Menschen nicht frei, in eisernen Kesseln, -Röhren und Kolben gefangen wurde das luftige Kind aus Wasser und -Feuer ein Dämon, Knechtsarbeit zu tun und zu zeugen.</p> - -<p>Zischend sprangen die Kolben vor seinen zornigen Stößen, Schwungräder<span class="pagenum"><a id="Seite_318">[318]</a></span> -sausten und flackernde Treibriemen brachten die wilde Bewegung auf -Spindeln, Spulen, Sägen, Hämmer und Zangen.</p> - -<p>Es war ein friedloses Tun und ein Teufelswerk tückischer Kräfte; denn -die Natur, listig und grausam bezwungen, sparte der Arbeit wohl Hände, -aber sie band den Menschen an die Maschine und machte ihn, der sich ihr -Herr dünkte, zu ihrem Knecht.</p> - -<p>Sie brachte den Mann in die Fabrik: wo Weide und Ackerfeld war, -wo Wiesenluft wehte, starrte ihr düsteres Werk mit rußigen Wänden und -rauchenden Schornsteinen; wie eine ewige Brandstätte stand ihre Unnatur -da.</p> - -<p>Früh, wenn die Sonne den Tag weckte, rief das schrille Getön der -Sirene die Männer in ihre Tore; rund aus den Dörfern kamen sie her, wo -Frauen und Kinder den Vater nicht sahen, bis er am Abend – schmutzig -und schwer von der Arbeit – seinen Schlaf zu tun für kurze Stunden -heimkehrte.</p> - -<p>Der einmal der Feldarbeit folgte, mühsam und karg, war ein Fabrikler -geworden, dem eigenen Dasein entfremdet und seiner Lohnarbeit nicht mehr -durch Saat und Ernte verbunden; denn die Maschine regierte die Arbeit; -er war ihr Knecht, wie der Fabrikherr ihr Nutznießer war.</p> - -<p>Wohl aber dem, der am Abend noch heimkehrte; andere lockte der Lohn -in die Stadt, wo keine Felder mehr waren, keine Bäche und Berge mit -Wiesen und Wolkenschatten, nur Häuser und finstere Gassen, dem Elend -gebaut.</p> - -<p>Heimat und Herkunft gingen verloren um einen Lohn, der den Mann -und die Seinen an die Maschine verkaufte; Heimweh und Hunger, hündische -Furcht und hündischer Haß hießen die höllischen Herren in seinem -entwurzelten Leben.</p> - -<h3 id="sec11_29">Wilhelm Weitling</h3> - -<p>Die aber noch Handwerker hießen, alle die Schneider, Sattler, Schuster, -Schreiner, Schlosser und Bäcker, die als Gesellen zu keiner Meisterschaft -kamen, Straßen und Herbergen füllten und landfahrend dem Gefängnis -nicht unvertraut waren, vermehrten den Troß der Fabrikler.</p> - -<p>Einmal der Zunft untertan und dem Zwang harter Gesetze, aber behütet -in ihrer Gemeinschaft und ihrer Herkunft anders als um den Lohn -der täglichen Arbeit verpflichtet, waren sie fahrendes Volk und vogelfreie -Gesellen der Straße geworden.</p> - -<p>Sie hatten frechere Dinge erfahren, als die aus den Dörfern; demütig<span class="pagenum"><a id="Seite_319">[319]</a></span> -zu dulden, stand ihnen nicht an; wo ihnen die Suppe nicht schmeckte, saßen -sie auf und warfen den Löffel der Meisterin hin.</p> - -<p>Sie glaubten den Priestern nicht mehr, daß dies die einzige Ordnung -der Welt, und glaubten der Obrigkeit nicht, daß sie gottgewollt sei; sie -sahen den Reichtum über die Armut regieren, und sahen den Teufel des -Goldes als Zwingherrn jeder Abhängigkeit.</p> - -<p>Er wußte den goldenen Klumpfuß klug zu verstecken, aber in jedem -Besitz, im Land, im Haus, in den Maschinen, überall wo er um Lohn die -Menschenhand brauchte, war seine heimliche Hölle.</p> - -<p>Er teilte die Menschheit schärfer als Völker und Rassen und Kirchen -in Herren und Knechte; die Seinigen konnten die Freuden des Lebens genießen, -den andern blieb seine Mühe.</p> - -<p>Damit sie nicht murrten, machte die Kirche den Armen das Tor der -ewigen Seligkeit auf, das irdische Leid zu bezahlen mit ewiger Freude; aber -– so höhnten die Handwerksgesellen – Kirche und Klumpfuß hatten den -Pakt miteinander gemacht, den Armen ein besseres Jenseits zu malen, damit -sie das schlechtere Diesseits betrogen ertrügen!</p> - -<p>Wie zu den Armen im römischen Reich des Augustus das Evangelium -kam, so ging die neue Botschaft durchs Abendland hin und war den Armen -ein heimliches Licht, aus der Nacht in den Morgen zu leuchten.</p> - -<p>Nicht erst im Himmel der Priester dürfe das Reich der Gerechtigkeit -kommen, hier auf der Erde müßte es sein: Armut und Reichtum, Herren- -und Knechttum würden verschwinden, wenn nicht mehr der goldene Klumpfuß -der Hölle die Menschen beherrschte.</p> - -<p>Und wie die Apostel im Römerreich gingen die Sendlinge um, mit -heimlicher Botschaft die Herzen zu wecken, Flüchtlinge nur vor den Gewalthabern -der Zeit, verfemt und verfolgt, aber geliebt von den glühenden -Herzen, die ihre Botschaft vernahmen.</p> - -<p>Wilhelm Weitling, ein Schneidergesell aus Magdeburg, fand in der -Schweiz eine sichere Zuflucht; da schrieb er die Schriften, die heimlich gedruckt -und verbreitet, Flugfeuer waren.</p> - -<p>Kein Testament, kein Psalter und kein Gesangbuch wurden so glühend -gedeutet und wurden so heimlich am Herzen getragen wie seine zerlesenen -Blätter, darin die uralte Lehre der Gütergemeinschaft wieder zu -Wort kam.</p> - -<p>Eigentum haben hieß Hehler und Dieb sein, hieß sträflich Güter der -Erde besitzen, die allen gehörten; Eigentum haben hieß Armut und Knechtschaft -beschwören; Eigentum haben hieß weder Christ noch Mensch vor der -wahren Gerechtigkeit sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_320">[320]</a></span></p> - -<p>Es war nur ein Schneidergesell, der so lehrte, und Handwerksgesellen -trugen die Lehre ins Land; aber er rührte tief an die Not der Enterbten -und rief dem Reich Gottes uralte Hoffnungen wach.</p> - -<h3 id="sec11_30">Das junge Deutschland</h3> - -<p>Zum andernmal taten die raschen Franzosen zuerst, was die andern -Völker zu tun gewillt waren; sie warfen dem letzten Bourbonen den Gottesgnadenthron -um und riefen den Orleans her, König von Frankreich im -Namen der Bürger zu heißen.</p> - -<p>Da riß ein Loch in das Metternichnetz; der Wind blies scharf um die -Kronen und Krönchen; aus mancher fürstlichen Hand fiel das Zepter.</p> - -<p>Romantik hatte das Reich regiert, seitdem die Fürsten das Volk um -die versprochene Freiheit betrogen; Romantik hatte gebaut und geredet, als -ob bauen und reden die alte Herrlichkeit wäre; Romantik hatte Junkern -und Pfaffen noch einmal das alte Herrenkleid angetan.</p> - -<p>Nun aber wollte der Tag nicht länger das Prunkkleid der Vergangenheit -tragen; der Menschengeist, müde und matt der ewigen Plage, wollte -sich selber genug sein als Bürger der Erde.</p> - -<p>Die blaue Blume blieb welk und entzaubert in seiner Wirklichkeit -stehen; die Dichter dachten Rufer im Streit, Fechtmeister der Zeit und -Führer der grollenden Völker zu werden.</p> - -<p>Es waren spöttische Geister, die so aus der alten Zeit gingen, Klopffechter -der Wahrheit, Schellenträger des gesunden Menschenverstandes.</p> - -<p>Gemeinsamkeit war das Schicksal der Menschheit, war ihre Hoffnung -und Inbrunst gewesen: ihnen jedoch sollte der einzelne Mensch die eigene -Glückseligkeit sein.</p> - -<p>Sie waren witzig und scharf und vermessen; sie hieben und stachen, wo -sie die alte Zeit fanden; sie hießen den Staat und die Kirche das Zwiegespann -aller Tyrannei; sie haßten Junker und Pfaffen und ihren gehorsamen -Diener, den frommen Geheimrat.</p> - -<h3 id="sec11_31">Drei Dichter</h3> - -<p>Drei Dichter sangen der stürmischen Zeit die Gesänge; sie waren der -Mund ihrer Not, der Geißelhieb ihrer Enge, der Posaunenton ihrer -Hoffnung.</p> - -<p>Heinrich Heine, funkelnd von Witz, grollend von Hohn und der süßesten -Liedergewalt mächtig, ließ über den Rhein sein Feuerwerk blitzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_321">[321]</a></span></p> - -<p>Dem Juden aus Düsseldorf konnte das dumpfe Deutschland der Fürsten -und ihrer Minister nicht Lebensluft sein; auch war die rheinische Heimat -an Preußen gefallen, und preußisch sein hieß seinem Hohn, hinter vergitterten -Stuben gefangen sitzen.</p> - -<p>So war er in Frankreich verbannt und wurde als Emigrant fast ein -Franzose, nur seine Feder hielt ihn mit Deutschland verbunden.</p> - -<p>Er hatte sie besser brauchen gelernt als seine Genossen; wie seine unstete -Seele nicht Heimat und Ruhestatt fand, wie sein buntschillernder -Geist die Grenzen der Menschheit abirrte, wie er sein Leben stets in den -Augenblick stellte, aber als Kind seiner Stunde der ewigen Unrast bewußt -war: das alles konnte die Feder dem Leser in witzigen Worten hinschreiben.</p> - -<p>Und weil er in gallischer Lebensluft ging, indessen der Leser im Spinnennetz -Metternichs saß, wehte mit seinen Worten die Freiheit über den Rhein, -der fremdeste Vogel im Dasein der Deutschen.</p> - -<p>So rührte der schmerzlich unselige Dichter die Herzen; seine Lieder -wurden gesungen, seine Verse geseufzt, sein Witz sprang wie ein Feuerbrand -über, sein Spott warf dem frommen Geheimrat das Tintenfaß um.</p> - -<p>Nie schrieb eine Feder so ihrer Zeit die Gefühle, wie Heinrich Heine der -Jude aus Düsseldorf tat, der in Paris unselig krank in seiner Matratzengruft -lag, seiner Krankheit noch spottend, bis ihn der Tod von seinem Leiden -und Leben erlöste.</p> - -<p>Anders als Heine war Herwegh ein Sänger der Freiheit; er glaubte -an seinen Stern, wie nur ein Schwabe zu glauben versteht, und trotzte dem -Schicksal, als es den Stern vor der Zeit sinken ließ, wie nur ein Stiftler -aus Tübingen Gott und der Welt Trotz bieten kann.</p> - -<p>Gedichte eines Lebendigen hieß er den Band seiner Gesänge, die, eine -Botschaft der Freiheit, Deutschland durcheilten; Blumen und Jubel beschütteten -seinen Weg, als er, den Sängern der alten Zeit gleich, von Stadt -zu Stadt zog, seine Harfe zu schlagen.</p> - -<p>Er war noch ein Jüngling, als Herwegh solches geschah, und gern genoß -er den Ruhm, Dichter der Freiheit zu heißen; sie war der einzige Ton -seiner Harfe: als er ein Mann und ein Greis wurde, waren die Saiten noch -zornig gespannt, aber die Freiheit war tot und sein Ruhm lag mit ihr begraben.</p> - -<p>Der Dritte aber war wild und vulkanisch und in der Tiefe der großen -Gestalten und starken Gedanken gewachsen.</p> - -<p>Indessen der Ruhm seiner Genossen von Mund zu Mund ging, indessen -Herwegh als fahrender Sänger der Freiheit die Könige schreckte und Heine -den funkelnden Witz aus Paris über den Rhein blitzen ließ, war Georg -Büchner aus Darmstadt, kaum daß er kam, schon wieder gestorben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_322">[322]</a></span></p> - -<p>Er hatte in Straßburg studiert und war nach Gießen gekommen, -trunken der neuen Zeit und kaum seiner wilden Leidenschaft mächtig, als -ihm sein trotziger Wahlspruch: Frieden den Hütten, Krieg den Palästen! -die Heimat verwirkte.</p> - -<p>Als Flüchtling in Straßburg und Zürich konnte er noch mit fiebernden -Händen den ersten Beginn seiner Dichtung erraffen, dann holte der Tod -den Feuergeist heim in den Abgrund der ewigen Dinge.</p> - -<p>Wie ein Sonnenwendfeuer war dem Jüngling sein Leben verbrannt; -er konnte nur Flamme, nicht Mensch und Bürger oder gar Untertan sein; -als seine Freunde den Feuerplatz fanden, lagen noch glühend in seiner Asche -die wenigen Dinge, die das Erbgut des Jünglings ausmachten.</p> - -<p>Ein einziger Band konnte sein ganzes Dichtwerk umfassen, aber es -blinkte wie Stahl, im Feuer geglüht.</p> - -<h3 id="sec11_32">Metternichs Ende</h3> - -<p>Zum andernmal hatten die raschen Franzosen den König auf Reisen -geschickt, aber nun stürzte der Thron hinterher: Frankreich war Republik, -und diesmal wollte der Bürger im Reich nicht länger Fürstenknecht heißen.</p> - -<p>Wo ein Fürstenhof war, ein Schloß und eine Wache im Schilderhaus, -kam er in Scharen; und wie er sein Vivat gerufen hatte, so rief er nun -nach Verfassung.</p> - -<p>Die Fürsten samt ihren Schranzen erschraken, daß draußen das Volk -stand und schrie; sie hörten die Trommel der Bürgerwehr und hörten den -Aufruhr der Glocken; sie waren noch immer gewarnt durch das Fallbeil -und gaben dem Volk die Verfassung.</p> - -<p>Da wurde das Volk wieder der Untertan, dem ein Glück widerfuhr, -wenn sein Fürst am Fenster erschien; da wurden die Kappen und Hüte -geschwenkt, da wurde Vivat gerufen; ein mannhafter Trunk auf die große -Zeit brachte den Bürger ins Bett, von der goldenen Zukunft zu träumen.</p> - -<p>So war es in Baden und Hessen, Hannover und Sachsen, Bayern -und Württemberg, so war es in Schleiz und Greiz und all den Plätzen -reichsfürstlicher Erbherrlichkeit; die alten Minister von Metternichs Gnaden -wurden ungnädig entlassen und neue berufen, das Volk zu beglücken.</p> - -<p>Und wie es dem Netz geschah, geschah es der Spinne: sie war die Vollmacht -der Fürsten gewesen und die Allmacht für den Geheimrat, sie hatte -ein halbes Jahrhundert gelähmt mit der List und Furcht ihrer Fäden; nun -waren die Fäden zerrissen und alle Welt sah, was für ein klägliches Wesen -darin saß.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_323">[323]</a></span></p> - -<p>Der auf dem Wiener Kongreß die Völker Europas mit ihren Fürsten -betrog, der den deutschen Bund machte und das Ränkespiel der heiligen -Allianz, der Liebling der Damen und Stern der Wiener Gesellschaft: war -längst ein zittriger Greis und stocktaub; gleich einem Dieb in der Nacht -mußte Metternich fliehen.</p> - -<p>Der Kaiser aber fuhr durch die brausenden Straßen von Wien und -nickte gnädig der siegreichen Bürgerschaft zu; er schwenkte sein Fähnchen -schwarz, rot und golden: die Farben, gestern noch Hochverrat, hielt nun der -Habsburger selber in Händen.</p> - -<h3 id="sec11_33">Der achtzehnte März</h3> - -<p>Am selben Tag, da der Habsburger Kaiser mit seinem Fähnchen -schwarz, rot und golden durch Wien fuhr, stand in Berlin der König von -Preußen auf seinem Balkon, das dankbare Volk zu empfangen.</p> - -<p>Er sah die Ernte aus seinen Reden aufgehen, aber das Unkraut verdroß -ihn; von Gottes Gnaden hatte sein Schwarmsinn das preußische Volk beglücken -gewollt, nun rief es mit Ungeduld nach einer Verfassung.</p> - -<p>Anders, als da er zum Lustgarten sprach, drängte die Menge; wohl wurden -die Hüte geschwenkt und die Kappen, aber dicht um das Schloß standen -Soldaten mit scharfem Gewehr: als die Bürger noch riefen und -schwenkten, fielen zwei Schüsse.</p> - -<p>Keiner wußte den Schützen, und keiner wurde getroffen, doch das Volk -schrie Verrat; die Bürgerschaft floh; die mit den Kappen liefen nach Waffen; -Barrikaden sperrten die Straßen rings um das Schloß, und als der -Nachmittag kam, hallte die Stadt von den Schüssen.</p> - -<p>Der Abend des achtzehnten März sank über Berlin, und der Mond warf -sein Licht auf die Dächer, aber der Straßenkampf hörte nicht auf, sein höllisches -Feuer zu brennen; Sturmgeläut, Hornruf und Hurra der Truppen -und Aufruhrgeschrei gellten hinein und der Feuerschein brennender Häuser.</p> - -<p>In der zweiten Stunde der Nacht wurde dem König das Herz schwer; -er zog die Soldaten zurück und ließ die Bürgerwehr schalten: so wurde der -blutige Aufruhr gestillt, aber die Toten weckte kein Königswort mehr.</p> - -<p>Als die Reihe der Särge am dritten Tag gegen das Schloß kam, stand -der König zum andernmal auf dem Balkon, barhaupt und schweigend, von -vielen gehaßt und von keinem geachtet; sein romantischer Sinn, mit tauben -Wünschen und Worten befrachtet, blieb in der Gegenwart stumm.</p> - -<p>Er war am Tage zuvor durch die Straßen geritten, Prinzen, Minister, -Generäle in seinem Gefolge, schwarz, rot und golden bebändert, als ob der<span class="pagenum"><a id="Seite_324">[324]</a></span> -Burschenschaftstraum von der Wartburg, als ob das deutsche Vaterland -in Preußen Wirklichkeit wäre.</p> - -<p>Nur einer war trotzig beiseite geritten, der Bruder des Königs, Prinz -Wilhelm geheißen, von vielen gehaßt und von keinem verachtet, weil er ein -Volksfeind, ein schwarzweißer Preuße, aber ein Mann war.</p> - -<h3 id="sec11_34">Hecker</h3> - -<p>Die Fürsten, um ihre Throne besorgt und erschrocken vor wilden Gerüchten, -verhießen den Völkern Verfassung; aber die Väter hatten den -Wortbruch des Fürsten zu bitter bezahlt.</p> - -<p>Nicht alle Bürger schwenkten die Hüte, und aus den Tiefen des Volkes -grollte ein Ton, der andere Dinge als neue Minister, neuen Betrug und -neue Verfolgung begehrte.</p> - -<p>Noch immer tagte der deutsche Bund, noch immer gab es kein Vaterland, -nur Länder der Fürstengewalt; sollte ein deutsches Vaterland werden, -mußte das Reich zuvor von der Habsucht, Willkür und Eitelkeit seiner -Fürsten befreit sein.</p> - -<p>In Baden sollte der Kehraus der Fürsten beginnen, und Hecker, der -Fürsprech aus Mannheim, die Feder am Hut, wollte der Herold und -eiserne Besen der deutschen Volksherrlichkeit werden.</p> - -<p>Über den nächtlichen Rhein kamen die Scharen derer zurück, die in der -Schweiz und in Frankreich, der Heimat verdrossen, Flüchtlinge waren; sie -wollten ihr Leben einsetzen, daß endlich ein deutsches Vaterland würde.</p> - -<p>Auch Herwegh, die feurige Zunge der Freiheit, kam wieder aus der -Verbannung; und kühnere Worte hatte der deutsche Bund nicht gehört, -als da der Schwabe den Brief an sein Vaterland schrieb.</p> - -<p>Von Süden und Westen brachen sie ein und waren zwei Tage lang -Wort und Gewalt im badischen Oberland; dann kamen die Truppen des -Bundes aus Hessen, Bayern und Schwaben und bliesen das Strohfeuer -aus.</p> - -<p>Sie trugen die Feder am Hut und die Freiheit im Herzen, die Truppen -der Bundesgewalt trugen nur ihr Gewehr: in einer einzigen Stunde bei -Kandern schossen sie Feder und Freiheit zu schanden.</p> - -<p>Feder und Freiheit ließ Hecker dahinten, sein Leben zu retten; so hitzig -sie suchten, sie fingen ihn nicht, so gern sie es wollten, sie konnten den Fürsprech -aus Mannheim nicht hängen.</p> - -<p>Wie eine Hummel summte das Heckerlied hin über die Straßen und -Dörfer, der deutschen Republik dennoch die Herzen zu wecken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_325">[325]</a></span></p> - -<h3 id="sec11_35">In der Paulskirche</h3> - -<p>Indessen im Reich solches geschah, indessen sich Groll, Blut und Haß -mit Narrheit und Niedertracht mischten im fressenden Brand der Empörung, -brach aus den Herzen der Guten die Flamme; die deutsche Seele erwachte -und wollte das Land der Väter erneuern in freier Gestaltung.</p> - -<p>Aus allen Gauen der deutschen Gemeinde kamen die Männer nach -Frankfurt, gewählt durch die Stimme des Volkes, dem Vaterland eine -Verfassung, eine Gewalt, ein Gesetz und eine Freiheit zu bringen.</p> - -<p>Die Glocken der alten Kaiserstadt schwollen zu mächtigem Klang; -Fahnen und Blumen und jubelndes Volk war um die Männer, als sie vom -Römer zur Paulskirche gingen, das deutsche Parlament zu beginnen.</p> - -<p>Endlich war Wirklichkeit da, wo die Sehnsucht schon nichts mehr erhoffte; -grau und gebeugt standen die Männer, die einmal Befreier des -Vaterlandes hießen von einem Tyrannen, um ihrer mehr zu gewinnen, als -Höfe und Landesherren waren: sie sahen den Tag und weinten.</p> - -<p>Denn nun war das Wunder des Dichters geschehen: von der Maas -bis zur Memel, von der Etsch bis zum Belt waren die Deutschen gekommen, -und keine fürstliche Willkür konnte sie hindern; die Bundesgewalt -mußte den Spruch der Paulskirche hören.</p> - -<p>Daß ihr Spruch selber die Bundesgewalt sei, wählten die Männer -Johann von Österreich als ihren Verwalter; sie hießen ihn Reichsverweser -und gaben ihm Vollmacht, Minister des Reichs zu ernennen; sie aber wollten -im Namen des Volkes das Haupt und Herz der Reichsgewalt bleiben.</p> - -<p>Das Reich solle sein wie ein Dom, sprach Uhland, der mannhafte Dichter -aus Schwaben: Österreich und Preußen die ragenden Türme über den -Türmchen und Wimpergen der kleineren Staaten, alle gegründet im Fundament -der starken Domeinheit.</p> - -<p>Und als dann wieder ein Domfest war zu Köln am Rhein, trank der -König von Preußen den wackeren Bauleuten zu und ihrem Baumeister, -dem Erzherzog am Dombau der Deutschen.</p> - -<p>Alles schien herrlich gerüstet, aber die Werkleute wußten, daß ein gefährlicher -Sprung die ragenden Türme entzweite, daß nur ein Notdach -war statt einem Gewölbe, und daß durch die Fenster des Königs von -Bayern, mit großer Gebärde gestiftet, das neue Licht allzu bunt in den -ehrwürdigen Raum fiel.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_326">[326]</a></span></p> - -<h3 id="sec11_36">Malmö</h3> - -<p>Schleswig-Holstein meerumschlungen! sangen die Kinder und Greise -in Deutschland, da die Landstände in Kiel ihrem Herzog, dem König der -Dänen, den Gehorsam absagten.</p> - -<p>Ewig ungeteilt sollten Schleswig und Holstein zueinander gehören – so -hatte der Spruch der Belehnung vierhundert Jahre gegolten – nun wollte -der dänische König und Herzog für Holstein eigene Stände gewähren, -Schleswig sollte für immer dem dänischen Staat zugeteilt sein.</p> - -<p>Aber das Volk diesseits und jenseits der Eider war deutsch und wollte -im neuen Vaterland bleiben, statt einem fremden Herrn zu gehören; so -kamen die Boten nach Frankfurt, Hilfe für Schleswig-Holstein zu holen.</p> - -<p>Die Männer in Frankfurt hießen die Boten willkommen; als ob noch -einmal die große Zeit käme, strömten Freiwillige zu, den deutschen Brüdern -gegen die Dänen zu helfen; auch der Bundestag wollte nicht fehlen und -gab seine Vollmacht dem König von Preußen.</p> - -<p>Da konnte die preußische Garde marschieren, und Wrangel, ihr zorniger -Feldherr, konnte nach Herzenslust schießen und schlagen: Aprilwetter war, -da die Truppen auszogen; schon am zweiten Mai stand ihre Übermacht siegreich -in Jütland.</p> - -<p>Aber die Dogge bekämpfte den Seehund; auf ihren Inseln saßen die -Dänen geschützt vor den Preußenkanonen; ihre Kriegsschiffe plagten die -wehrlosen Küsten, sie fingen die Schiffe und schossen die Städte in Brand; -und ob der zornige Wrangel in Jütland den Wallenstein spielte, sie ließen -nicht ab und höhnten den täppischen Sieger.</p> - -<p>Denn hinter Dänemark standen drohend die Mächte: England und -Rußland hielten dem dänischen König die Arme, bis der Waffenstillstand -von Malmö der Dogge den Fang nahm.</p> - -<p>Die preußische Garde mußte noch einmal durch Schleswig-Holstein -marschieren; Wrangel, ihr zorniger Feldmarschall, konnte nicht mehr nach -Herzenslust schießen und schlagen: die Sieger vom Mai kamen im Sommer -betrogen zurück.</p> - -<p>Die Männer von Frankfurt wollten den Pakt von Malmö verwerfen, -die Paulskirche dampfte von glühenden Reden, durch das deutsche Volk -lief der Zorn seiner Schwäche.</p> - -<p>Denn nun sahen alle, daß noch kein Vaterland war: der König von -Preußen hatte den Frieden gemacht, als ob kein Parlament wäre; die -Männer von Frankfurt mußten sich beugen, weil ihr Beschluß keine Macht, -ihre Rede keine Waffe, ihr Verweser kein Kaiser über der Fürstengewalt war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_327">[327]</a></span></p> - -<h3 id="sec11_37">Die Kaiserwahl</h3> - -<p>Deutschland wollte ein Vaterland werden, weil es ein Volk war; aber -der Habsburger Rest der alten Reichsherrlichkeit hing ihm das Schneckenhaus -seiner undeutschen Völker an: Polen, Magyaren, Slovenen, Italiener, -Tschechen, Ruthenen waren der Hofburg in Wien untertan.</p> - -<p>Großes Schicksal hatte der Kaisergedanke über die Deutschen gebracht, -und die alte Reichsherrlichkeit war der Traum der Romantik gewesen: nun -die Männer in der Paulskirche das deutsche Haus bauen wollten, stand -ihnen der Rest des Reiches im Wege.</p> - -<p>Sie hatten an der Vielheit der Fürsten genug und waren keiner Vielheit -der Völker bedürftig; von der Maas bis zur Memel, von der Etsch -bis zum Belt waren sie im Namen der deutschen Stämme nach Frankfurt -gekommen, die deutsche Einheit zu bauen.</p> - -<p>Sie bauten am Dom der deutschen Verfassung, und als die Märztage -jährten, war das Gewölbe geschlossen: ein Volks- und ein Staatenhaus -sollten den deutschen Reichstag darstellen, ein Erbkaiser sollte der deutschen -Einigkeit Schildhalter sein.</p> - -<p>Die besten Männer des Volkes hatten das Werk mit dem unbeugsamen -Mut ihrer Meinung vollendet, sie hatten gedacht und geglüht und gestritten, -und niemals war deutscher Geist so tätig am Vaterland als in der -Paulskirche zu Frankfurt.</p> - -<p>Als dann die Kaiserwahl war, sprachen die Männer aus allen Gauen -und Ständen echter und rechter die Stimme des Volkes, als je die Heerschilde -taten; die stürmische Zeit hielt in der Paulskirche zu Frankfurt den -Stundenschlag an, als die Gemeinde der Freien, uralte Herkunft erfüllend, -sich selber zum Kurfürsten machte.</p> - -<p>Sie wählten den König von Preußen als Kaiser; die Glocken begannen -zu läuten wie nie, Böller und brausender Ruf in den Gassen verkündeten -laut, daß endlich wieder ein Reich, daß über den Stämmen und Ständen, -über den Fürsten und Ländern ein Schirmherr des deutschen Vaterlandes -wäre.</p> - -<h3 id="sec11_38">Der König von Preußen</h3> - -<p>Aber der König von Preußen war weder ein Mann noch ein Mut, nur -eine schweifende Rede, er haßte den Geist seiner Zeit und spielte mit Worten, -deren Gedanken ihm mißfällig waren, deren Taten er niemals vermochte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_328">[328]</a></span></p> - -<p>Als ihm die Männer aus Frankfurt die Gabe des deutschen Volkes -darbrachten, schwoll seine romantische Seele im Rittersaal auf, wo er die -Sendung mit großem Gefolge empfing.</p> - -<p>Statt einem männlichen Ja gab er nur eine Rede, die keine Tür schloß -und keinen Weg ging, die alle Herzen verdrießen mußte.</p> - -<p>Nur aus den Händen der Fürsten, nicht aus dem Aufruhr der Völker -– so ging der Sinn seiner Worte – könne der König von Preußen die Krone -annehmen.</p> - -<p>So kamen die Männer betrogen nach Frankfurt zurück, betrogen um -ihre Sendung, betrogen um ihren Glauben, betrogen um Deutschlands -Geschick.</p> - -<p>Die Völker erkannten, daß ihre Fürsten kein Vaterland wollten; sie -hatten Verfassung und Freiheit versprochen, nun war der Schrecken vorüber, -und sie schickten die Kammern nach Haus.</p> - -<p>Wollten die Fürsten kein Vaterland, so wollte das Volk keine Fürsten! -wollte der König von Preußen die Krone nicht haben, so brauchte die deutsche -Republik keinen Kaiser.</p> - -<p>In Sachsen mußte der König zuerst auf den Königstein flüchten, bald -fing es am Rhein, in der Pfalz, in Baden hell an zu brennen: das Heckerlied -kam wieder auf, den fürstlichen Abschied zu singen.</p> - -<p>Da zeigte der König von Preußen Deutschland sein wahres Gesicht: -seine Soldaten marschierten nach Westen und Süden, den Fürsten zu helfen; -das preußische Strafgericht kam, in Mannheim, Rastatt und Freiburg -der Freiheit anders zu dienen.</p> - -<p>Die Männer von Frankfurt verzagten und gingen nach Haus, nur eine -tapfere Schar blieb auf dem sinkenden Schiff; Uhland der Dichter und -deutsche Mann stand treu und gelassen am Steuer.</p> - -<p>Sie konnten in Frankfurt nicht bleiben und flohen nach Stuttgart, wo -ihnen ein Trommelwirbel die letzte Rede erstickte.</p> - -<p>Der stolze Plan seines Domes wurde Uhland zerrissen; wohl standen -die Türme und Wimperge der Fürsten und ihre Wimpel wehten daran, -aber das hohe Gewölbe brach ein, in seinem Schutt lag die Fahne schwarz, -rot und golden.</p> - -<h3 id="sec11_39">Olmütz</h3> - -<p>Bis an den Bodensee standen die Bataillone des Königs von Preußen, -sie hatten den Fürsten die Throne gerettet und hielten ihr Strafgericht ab -über die Völker.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_329">[329]</a></span></p> - -<p>Die Schwäche der Fürsten zu nützen, dachte der König von Preußen -aus ihren Händen die Krone zu gewinnen, die er den Männern aus Frankfurt -hochmütig zurück wies: ein Fürstenbund sollte das deutsche Vaterland -werden, und Preußen wollte die Kaisermacht sein.</p> - -<p>Aber in Frankfurt saß, fast vergessen, noch immer Johann, Erzherzog -des Habsburger Hauses und immer noch Reichsverweser geheißen; er -mußte der alten Zeit die Türspalte halten, bis die wachsamen Augen in -Wien ihre Stunde erkannten.</p> - -<p>Nur Bayern und Württemberg zögerten noch, dem preußischen Fürstenbund -beizutreten; schon schien das klügliche Spiel des Königs von Preußen -gewonnen, als Österreich selbstherrlich die alte Bundesgewalt nach -Frankfurt berief.</p> - -<p>Zwei Jahre lang hatten die Völker an ihren Ketten gerüttelt, sie hatten -den Fürsten geglaubt und gezürnt, sie hatten die Glocken geläutet in Frankfurt, -weil wieder ein Reich und ein Kaiser, weil wieder ein Vaterland war.</p> - -<p>Nun war das Märzenglück aus; wieder wie einst kamen die hohen Gesandten -nach Frankfurt gefahren, wieder wie einst war der deutsche Bund -der Minister über den Völkern.</p> - -<p>Wohl zuckte dem König von Preußen die Hand nach dem Schwert; -noch einmal glaubten die Narren der Hoffnung, dann wurden alle gewahr, -was für ein Irrlicht im Hause des Spötters von Sanssouci wohnte.</p> - -<p>In Olmütz mußte der König von Preußen den Pakt unterschreiben, -daß Habsburg noch immer der Hausherr im deutschen Bund war.</p> - -<p>Über den Aufruhr und über die Wallung des Volkes zur Einheit hatte -der fromme Geheimrat gesiegt; und als er in Wien sein Siegesfest gab, saß -Metternich wieder auf seinem Stuhl, ein stocktauber Greis, und lächelte -nur, daß eine neue Seite im Buch der Minister begänne.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_330">[330]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Buch_der_Preussen">Das Buch der Preußen</h2> - -<h3 id="sec12_1">Der Ordensstaat</h3> -</div> - -<p>Hermann von Salza, der die schwarzweißen Ritter des deutschen Ordens -ins Land der heidnischen Preußen brachte, war ein Vertrauter des -Staufers Friedrich II. gewesen, der sich die sizilianische Verwaltung ausdachte, -darin es nicht Stände und Heerschilde gab wie im Reich, darin nur -noch der Untertan war, den die Beamten des Königs regierten.</p> - -<p>Hermann von Salza der Hochmeister suchte, als er mit seinen Ordensrittern -ins Land der Preußen kam, kein Volk, sondern den Raum seines -Staates und brachte den Bauer und Bürger mit, den er als Untertan -brauchte.</p> - -<p>So wuchs sich am Rand des baltischen Meeres ein Herrenstaat aus -kraft seines Schwertes; aber das Schwert stand im Dienst des Kreuzes, -und das Herrentum war eine strenge Pflicht.</p> - -<p>Während der sizilianische Staufer hinschwand wie ein Komet, blieb -darum der deutsche Ordensstaat Hermann von Salzas leben, und wurde -der Arm des Deutschtums, mit dem es weit hinaus in den slavischen Osten -griff, zu herrschen und zu kolonisieren.</p> - -<p>Wo in Sümpfen und Steppen Fischer und Hirten gewohnt hatten, -wurden deutsche Bauern gesiedelt, und um die Burgen der Komthureien -wuchsen die Städte der rheinischen Handwerksleute.</p> - -<p>Wie einen Garten im Ödland, so bauten die Ordensritter den Staat, -darin die gesiedelten Bauern und Bürger den Schutz des Schwertes und -die Gewähr ihrer Verträge hatten.</p> - -<p>Der Staat aber war der Orden allein, und seine Gesetze galten aus -keinem andern Recht als der Ordenspflicht, deren Zuchthalter der Hochmeister -war: darum kannte der Staat der schwarzweißen Ritter kein Volk, -nur Bewohner.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_331">[331]</a></span></p> - -<h3 id="sec12_2">Brandenburg</h3> - -<p>Des heiligen römischen Reiches Streusandbüchse hießen die Spötter -das brandenburgische Land, als es der Schwabe Friedrich von Zollern, -Burggraf zu Nürnberg, von Sigismund dem Schuldenkaiser bekam.</p> - -<p>Denn die Spree war kein Neckar, und der gerodete Boden zwischen -Kiefern und Seen barg keine Fruchtbarkeit: wie den Wenden das Land, -so waren die kargen Weiden und Felder dem Sand abgerungen.</p> - -<p>Auch hatten die Erbhändel um die askanische Mark ein Jahrhundert -gedauert: Städte und Ämter waren verpfändet; die Rittergeschlechter, der -Landesherrschaft entwöhnt, saßen auf ihren Burgen, dem hergewehten -Schwaben zu trotzen.</p> - -<p>Sollte auf solchem Grund je Wohlstand wachsen, mußten sich harter -Fleiß und härtere Sparsamkeit paaren; nur in der mühsamen Kunst karger -Verwaltung konnten die Hohenzollern in Brandenburg zu Ansehen kommen.</p> - -<p>Als ihnen endlich nach zweihundert hausgehaltenen Jahren das Glück -in den Schoß fiel, als sie das Ordensland der schwarzweißen Ritter durch -Erbschaft gewannen, weil der letzte Hochmeister Albrecht von Brandenburg -ein weltliches Herzogtum daraus gemacht hatte: da war es im selben -Jahr, daß die fressenden Feuer des dreißigjährigen Krieges über das Reich -zu flackern begannen.</p> - -<p>Die schwachen Hände des Kurfürsten Georg Wilhelm zogen wie alle -Schwachheit das Unglück an, und Brandenburg wurde das Blachfeld der -Schweden bis zu dem Tag, da sie nur noch auf Raub am Reich sannen, -weil der Kaisertraum Gustav Adolfs kläglich zerronnen war.</p> - -<p>Als Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst, mit zwanzig Jahren das -Land übernahm, hatte der Krieg Brandenburg wieder zur Öde gemacht: -Dörfer und Fluren lagen vernichtet, und wo noch Stadttore standen, waren -die Häuser verbrannt.</p> - -<p>Elend und Entsetzen wohnte in Hütten und in den Burgen die alte Unbotmäßigkeit: -es war eine magere Erbschaft, die dem Schöpfer des preußischen -Staates zufiel, und alle Hoffnung war ihr bestritten.</p> - -<h3 id="sec12_3">Der preußische Staat</h3> - -<p>Aus brandenburgischer Kargheit und schwarzweißer Ordenszucht wurde -der preußische Staat; als er in Deutschland zur Geltung kam, war er ein -starkes Heer und eine gerechte Verwaltung: nicht ein Volk hatte sich einen -Staat, sondern ein Staat sich das Volk nach seinem Bilde geschaffen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_332">[332]</a></span></p> - -<p>Ob es deutsche Bauernschaft war, die zur Siedlung kam, ob sie aus -Rheinland oder Westfalen, aus Salzburg und Holland stammte: sie hatte -das Urvätertum der Heimat verlassen und war in einen Staat eingegangen, -der eine freundliche Fremde, doch Fremde vorstellte.</p> - -<p>Soviel Hunderttausende zuletzt im Oder- und Weichselgebiet saßen, -sie wären in der kahlen Gemeinschaft eines Heeres und einer Verwaltung -nicht warm geworden, wenn sie nicht ihre Bibel und das Gesangbuch und -Sonntags die Predigt gehabt hätten, darin ihr Leben ein Pilgrimstand -hieß.</p> - -<p>Denn Protestanten waren sie alle, ob sie aus Rheinland oder Westfalen, -aus Salzburg und Holland oder gar aus Frankreich stammten; und -der Staat, der die um ihres Glaubens willen Vertriebenen aufnahm, war -es so sehr, daß Preußen- und Protestantentum zueinander gehörten wie -Kirche und Sonntag.</p> - -<p>Als dann die Tage des unbesiegbaren Königs kamen, der sich im siebenjährigen -Krieg den Ruhm seiner Schlachten holte, sodaß die Preußen zuletzt -vom alten Fritz sprachen, wie man vom Rübezahl spricht: da wurde es -offenbar, daß der preußische Staat seine Kolonisten zu einem Volk zusammen -geschweißt hatte.</p> - -<p>Seit Roßbach und Leuthen gab es ein preußisches Volk, dem die Kolonie -im slavischen Osten eine neue Heimat geworden war; und die schwarzweißen -Fahnen bedeuteten mehr als die kahle Gemeinschaft eines starken -Heeres und einer gerechten Verwaltung.</p> - -<p>Darum, als der Reichsfreiherr vom Stein ein deutsches Vaterland -wollte statt dem Flickwerk der Fürsten, ging er zum König von Preußen, -nicht zum Kaiser nach Wien; und daß sich Deutschland gegen die Fremdherrschaft -des Korsen erhob, war eine Tat des preußischen Volkes.</p> - -<p>Denn in der Not war die Umkehr geschehen, daß der preußische König -den Ruf «An mein Volk» wagte, und nicht nur Preußen hörte den Ruf, -sondern Deutschland gab ihm jubelnde Antwort, weil das Heer durch -Scharnhorst ein Volksheer und die Verwaltung durch Stein die Selbstverwaltung -der Stände und Städte geworden war.</p> - -<p>Aus der Ordenszucht der schwarzweißen Ritter und aus der Kargheit -Brandenburgs war in der Kolonie ein Staat und Volk aufgewachsen, daraus -für Deutschland der Wille und Mut wiederkam, sich gegen das Flickwerk -der Fürsten mit Blut und Eisen zu wagen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_333">[333]</a></span></p> - -<h3 id="sec12_4">Der Keil</h3> - -<p>Als Friedrich der Große in Sanssouci starb, hatte der preußische Staat -das Kolonialland im Osten zusammengerafft; seine Gestalt war auf der -deutschen Karte ein breiter Keil, dessen Schärfe mit der Festung Magdeburg -nach Westen gegen den Rhein wies.</p> - -<p>Der Keil des preußischen Staates war angesetzt, das morsche Holz des -Reiches zu sprengen, und hatte den Spalt über Minden schon vorgetrieben -bis Wesel, wo seit dem Großen Kurfürsten die Schildwache Brandenburgs -stand.</p> - -<p>Als die Schere Napoleons dann die Karte Europas zurecht schnitt und -vom Reich nur den Rheinbund, Preußen und Österreich übrig ließ, hatte -der Keil seine Schärfe und Breite verloren: ihm selber war der polnische -Keil bis ins Mark vorgetrieben.</p> - -<p>Aber zum achten Neujahr nach Jena schon ging das preußische Heer bei -Caub über den Rhein, die Schärfe nach Frankreich zu tragen; und wo die -Truppen gegangen waren, saß der Reichsfreiherr vom Stein, das befreite -Land zu verwalten.</p> - -<p>Und ob der Wiener Kongreß mehr Fürsten auf ihre Throne zurück setzte, -als dem Reichsfreiherrn recht war: Preußen hatte die Wacht am Rhein -errungen; von Wesel bis Saarlouis standen die schwarzweißen Schildwachen.</p> - -<p>Die Rheinprovinz war der Siegespreis, der dem preußischen Schwert -zufiel, weil das Reich der geistlichen Kurfürsten tot war; die Kolonie kehrte -ins Herzland des Reiches zurück, daraus seine Bauernschaft einmal um des -Glaubens willen auszog.</p> - -<p>Im deutschen Volk blieb seit der Romantik ein Raunen: wer den Rhein -hat, der hat das Reich! Seitdem der preußische Keil im rheinischen Querholz -stak, wußte es jedermann: im preußischen Staat mußte das Reich -wiederkommen.</p> - -<h3 id="sec12_5">Unter den Linden</h3> - -<p>Dorothea, die zweite Gemahlin des Großen Kurfürsten, pflanzte die erste -Linde der breiten Straße, die von der Schloßinsel schnurgerade in den Tiergarten -führte; aber das Schloß war noch die düstere Burg an der Spree.</p> - -<p>Erst Friedrich, der ruhmsüchtige Sohn des Großen Kurfürsten, begann -den gewaltigen Schloßbau, zu dem er den Bildhauer und Baumeister Andreas -Schlüter in seinen Dienst holte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_334">[334]</a></span></p> - -<p>Mit zwei sehr großen Höfen warf Schlüter den Grundriß über die -Breite der Schloßinsel hin, und der Größe des Planes entsprach die Kraft -einer barocken Gestaltung.</p> - -<p>Gebändigte Wildheit war alles, was dieser Mann aus seiner großen -Natur zu bauen und bilden unternahm: seine Portale standen als wahrhafte -Königstore am Schloß; und als er dem Großen Kurfürsten sein Reiterbild -auf der Langen Brücke aufstellen durfte, verkündigte es seinen Ruhm -mit dem des Fürsten, weil es das stärkste Sinnbild gebändigter Kraft auf -deutschem Grund war.</p> - -<p>Weder das Schloß noch das Zeughaus, daran die Masken der sterbenden -Krieger in die Ewigkeit starren, durfte Andreas Schlüter vollenden, -weil sein Ungestüm in Ungnade fiel und durch den Schweden Eosander von -Göthe gefällig ersetzt wurde; aber durch seine Wirksamkeit war der Kunst -in Preußen Gewicht und Weisung gegeben.</p> - -<p>Zwar der Soldatenkönig werkelte draußen in Potsdam, und der alte -Fritz wohnte in Sanssouci, das ihm nach seiner Idee Knobelsdorff baute, -der mit seiner großen Leibesgestalt ein Tafelgenosse des Königs, in seinen -Bauträumen ein Künstler von zartesten Gnaden war.</p> - -<p>Ehe Knobelsdorff aber das Märchen von Sanssouci schuf, hatte er den -Berlinern ein Opernhaus hingestellt, darin der Weg aus dem Barock -Schlüters zur preußischen Einfachheit sein erstes Wegzeichen erhielt, trotzdem -es Rokoko war.</p> - -<p>Die seine Zauberhand ablösten, waren die Holländer Boumann, Vater -und Sohn; sie bauten den Dom und die Hedwigskirche, die Universität -und die Bibliothek, wie der alternde König es wünschte und Knobelsdorff -nicht erfüllen konnte: sie bauten sie schlecht und recht nach dem befohlenen -Vorbild, aber mit Haltung.</p> - -<p>Der Weg der preußischen Baukunst führte erst weiter, als der Schlesier -Langhans nach Berlin kam und der Straße Unter den Linden das Brandenburger -Tor vorsetzte mit dorischen Säulen, aber in einer Wucht und -Freiheit zugleich, die für diese Stelle gefühlt war.</p> - -<p>Das Viergespann auf dem flachen Dach bildete Schadow, den sie später -den alten Schadow nannten, der aber damals im Vollbesitz seiner derb-feinen -Bildnerkunst war und in den köstlichen Standbildern Zietens und -des alten Dessauer selber ein Doriker wurde.</p> - -<p>Denn in dieser Zeit geschah das Wunder, daß die Kunst in Preußen den -Weg zu sich selber zurückgelegt hatte, indem sie Natur zwar im Gesetz der -Antike sah, aber mit eigenen Augen.</p> - -<p>Als Friedrich Gilly, der Jüngling, lehrend und kühne Beispiele zeigend,<span class="pagenum"><a id="Seite_335">[335]</a></span> -das kurze Gastspiel seines Lebens gab, da schienen die Musen dem Preußentum -zugeneigter, als sie es sonst im Reich waren.</p> - -<p>Schinkel, sein Schüler, durfte die Hauptwache als das höchste Beispiel -preußischer Baukunst hinstellen: Wiedergeburt der Antike aus eigener -Vollmacht.</p> - -<p>Als er den Lustgarten mit der Säulenhalle des alten Museums abgeriegelt -und durch die Schloßbrücke mit der Prunkstraße Berlins verbunden -hatte: da war die Flucht unter den Linden vom Brandenburger Tor bis -zum Dom die schönste Straße in Deutschland und eine der schönsten der -Welt.</p> - -<h3 id="sec12_6">Berlin</h3> - -<p>Während Weimar der deutsche Musenhof wurde und Jena sich rühmte, -die Wiege der deutschen Romantik zu sein, blieb die Stadt an der Spree -stumm; so volkstümlich der alte Fritz war, so abseits der deutschen Bildung -stand der Spötter von Sanssouci.</p> - -<p>Weder Lessing noch Winckelmann fanden ein Amt im preußischen Staat, -dem der eine nach seiner Natur, der andere nach seiner Geburt angehörte; -erst, als Berlin die Rüstkammer der vaterländischen Bewegung wurde, -fing der deutsche Geist an, eine preußische Wohnung zu haben.</p> - -<p>Fichte hielt seine Reden an die deutsche Nation in Berlin, und Heinrich -von Kleist war der preußische Gegenwurf zu der Botschaft von Weimar.</p> - -<p>Und als die Erhebung verrauscht, als Deutschland durch Preußen befreit -war, trat Hegel, der Kanzelredner des Staates, die Nachfolge Fichtes -an.</p> - -<p>Er baute den Raum der Vernunft so umfänglich aus, daß alles darin -seinen Platz fand, und baute ihn so mit logischen Klammern befestigt, daß -keine Unordnung des Geistes mehr den Weltenplan störte.</p> - -<p>Gleich einem Propheten des alten Bundes bewahrte er der neuen Vernunft -das Siegel, ohne das keine Wissenschaft gültig war.</p> - -<p>Die Philosophie, aus dem Latein Leibnizens in den mühsamen Perioden -Kants eine deutsche Tatsache geworden, dachte nicht mehr Begriffe, sie -glaubte Leben zu denken; und daß sie es dunkel tat, lag im Logos beschlossen, -dahinein sie den Tag tauchte.</p> - -<p>Daß neben dem Propheten der Held nicht fehle, kam mit seinem europäischen -Ruhm Alexander von Humboldt nach Berlin zurück, der ein neuer -Napoleon war, die Welt zu erobern, und der unter allen Männern seiner -Zeit der gefeiertste war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_336">[336]</a></span></p> - -<p>Daß er und sein Bruder Wilhelm, der Minister, daß die beiden Humboldt -durch den Berliner Tag gingen, gab ihm einen Stundenschlag, der -in Europa gehört wurde.</p> - -<p>In diesem Stundenschlag verschwand für die Menge, aber es war den -Guten bewußt, daß in Berlin die Serapionsbrüder des Kammergerichtsrats -Hoffmann schwärmten, daß im botanischen Garten Chamisso saß, -der Dichter des Peter Schlemihl, daß Achim von Arnim mit seiner Bettina -gern von Wiepersdorf in die Stadt kam, und daß die Rahel dort ihren -Salon hatte.</p> - -<p>Der gute Geist aber, der sie alle kommen und gehen sah, die in Berlin -für kurze oder lange Zeit ihr Nest bauten, hieß Schleiermacher; und wenn -den Karlsbader Beschlüssen zum Trotz der deutsche Geist sich nicht mehr -aus seiner preußischen Wohnung vertreiben ließ, war Schleiermacher ihm -der getreue Eckart.</p> - -<h3 id="sec12_7">Der Schillertag</h3> - -<p>Um die Lebendigen war eine Leere, und Gras wuchs über das große Gedächtnis; -die Zeit der deutschen Bildung begann, aber die Bildung hatte -bei Gellert zu Abend gegessen und dreist Goethes Schlafrock angetan.</p> - -<p>Glauben und Glück gingen am Sonntag spazieren; die Kunst als Pudel -der Bildung spaßhaft geschoren, sprang nebenher.</p> - -<p>Das war die Zeit, da Beethoven einsam sein Alterswerk schrieb, indessen -der Freischütz dem Bürger das Morgen- und Abendlied wurde.</p> - -<p>Das war die Zeit, da fleißige Maler der Bildung Romantik ins Album -malten, da die Sehnsucht der Sänger nur noch die Wohllust der häuslichen -Herrlichkeit war.</p> - -<p>Da Ludwig Richter um die Gestalten der Märchen und Sagen sein -liebes Rankenwerk machte, da jeder Malergesell ein Taugenichts wurde -von Eichendorffs Gnaden.</p> - -<p>Das war die Malkastenzeit, da die Stadt an der Düssel sich ihrer Gärten -und Künstlerschaft rühmte, da der Rhein eitel Mondschein und Becherklang -war.</p> - -<p>Da die Raffaeliten in Remagen ihre blasse Frömmigkeit malten und -Rethels herrliche Hand, die den Totentanz machte, an den Bildern im -Aachener Kaisersaal traurig verdorrte.</p> - -<p>Da Kaulbach ein neuer Michelangelo wurde, bis endlich Piloty, der -deutsche Tizian kam, seinen unsterblichen Ruhm unsterblicher zu verdunkeln.</p> - -<p>Das war die Zeit, da Schillers Geburtstag zum hundertsten Mal -jährte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_337">[337]</a></span></p> - -<p>Der Goethetag war eine verborgene Feier gewesen, ein Sternbild über -dem stummen Land; der Schillertag wurde das rauschende Fest seines -Volkes.</p> - -<p>Den Sänger der Freiheit hießen sie ihn, und weil die Freiheit im deutschen -Bund eingesargt war, kam die deutsche Bildung mit Kränzen und -Fahnen, mit Böllern und Glockengeläut, mit Reden und Männergesängen, -das Grab der Freiheit zu feiern.</p> - -<p>Um die Lebendigen war eine Leere, und Gras wuchs über das große Gedächtnis; -aber am Schillertag blühte im Kornfeld der Bildung das Unkraut -der deutschen Begeisterung auf.</p> - -<p>Der Geheimrat hörte das Glockengeläut gern; wohl brauste die Jugend -hinein und manche Rede klang scharf in den Tag: aber das Wahre, Schöne -und Gute hatte gesiegt über die Geister von gestern, und hatte die Völker -in seiner Hand fromm und glücklich gemacht.</p> - -<h3 id="sec12_8">Friedrich List</h3> - -<p>Als die Deutschen den Schillertag feierten, war es im dreizehnten Jahr, -daß ein anderer Schwabe, verdüstert und müde der deutschen Ermattung, -in Kufstein sein rastloses Leben mit einer Kugel beschloß.</p> - -<p>Er war kein Dichter, und als er am Tübinger Stift Staatswissenschaft -lehrte, hieß ihm Hölderlin wenig; unnütze Träume galten dem praktischen -Schwaben Griechenlands Götter, und bläßliche Feiertagsfreude galt ihm -ein Frühlingsgedicht.</p> - -<p>Ein fröhlicher Hammerschlag lockte ihn mehr als die Wehmut versunkener -Dinge; und weil seinem Gegenwartssinn verschimmelte Weisheit zu -lehren nicht mehr behagte, weil zuviel Pastorengeruch in der Tübinger Luft -war, ließ er sein Amt, das Stift und die Stadt, in Stuttgart den Stätten -der Arbeit näher zu sein.</p> - -<p>Das aber war zu der Zeit, da Sand den Kotzebue totstach, da die Karlsbader -Beschlüsse den Mord an der deutschen Burschenschaft rächten; sie -fanden auch List, der die Regierung in Stuttgart mit zornigen Eingaben -plagte, und setzten den lästigen Mahner hinter das eisenbeschlagene Tor auf -dem Asperg.</p> - -<p>Sich aus der harten Haft zu befreien, versprach er, das schwäbische Land -mit der neuen Welt zu vertauschen und über dem Meer dem frommen Geheimrat -nicht mehr im Weg zu sein.</p> - -<p>So kam der Reutlinger Schwabe zu seiner Weltbürgerschaft, so kam -der arme Professor zum Reichtum; denn als er drüben das Glück in einem<span class="pagenum"><a id="Seite_338">[338]</a></span> -Kohlenflöz fand, griff seine Schwabenhand zu: solch einen Hans im Glück -hatten die Leute im Osten längst nicht mehr gesehen, wie es der Schwabe -in Pennsylvanien war.</p> - -<p>Aber er wollte ein anderer Glücksritter werden als für den eigenen Beutel; -er hatte die Quelle des Reichtums gefunden und wollte sie fließen -machen für alle: Deutschland sollte nicht länger das Hungerland seiner -Fürsten und ihrer höfischen Bettelschaft sein.</p> - -<p>Der Traum einer anderen Wirtschaft blühte ihm auf, als der Zünfte -und kleinen Gewerke: der deutsche Boden war schwer an Schätzen; Kohlen -und Eisen konnten dem Vaterland Wohlstand und Freiheit bedeuten; denn -die Armut allein – so glaubte sein glühender Traum – machte die Menschen -unfrei.</p> - -<p>Bahnen, quer durch die Grenzen der Fürsten gebaut, sollten den Städten -die Nahrung der Bauernschaft bringen; die Städte hingegen sollten die -Werkstätten sein für alles Gerät, das die Landwirtschaft brauchte.</p> - -<p>Eines sollte dem andern die Waage des Wohlstandes halten, rascher Verkehr -und planvoller Handel sollten die Preise bestimmen, Zölle die heimischen -Werkstätten schützen, Ausfuhr und Einfuhr die kluge Benützung des -Weltverkehrs sein.</p> - -<p>Ehe sein glühender Eifer mit solchem Traum in die Wirklichkeit ging, -schrieb er ihn auf in dem klugen und heftigen Buch seiner Volkswirtschaftslehre; -dann kam er zurück übers Meer wie der Hans im Glück, mit dem -Goldklumpen seiner Pläne das deutsche Volk zu beglücken.</p> - -<p>Aber das deutsche Volk saß im Spinnennetz seiner Fürsten, seine Gegenwart -war an den Grenzpfahl gebunden und seine Zukunft an den Geheimrat; -wo ein Stück grünes Land war, ging die Vergangenheit auf die -Weide.</p> - -<p>Was in der neuen Welt ein Kinderspiel schien, war ein Herkuleswerk in -der alten; jahrelang ringend mußte der schwäbische Hans seinen Goldklumpen -tauschen, bis er am Ende von all seinen Täuschen den grauen Wetzstein -behielt.</p> - -<p>Da wußte er freilich, daß es zuerst die Schärfe der deutschen Sensen -und Sinne aus ihrer Stumpfheit zu wetzen galt; und er wetzte, daß aus -den Funken der Brand in die faulen Strohdächer sprang.</p> - -<p>Bis der Hans im Glück ein verdrossener Mann und seine Volkswirtschaftslehre -ein durchlöcherter Regenschirm war, bis eine Kugel die letzte -Enttäuschung bezahlte, bis Friedrich List in Kufstein verscharrt wurde.</p> - -<p>Aber sein Goldklumpen war unterdessen in rüstige Hände gefallen: was -Friedrich List nicht vermochte, das münzten sie aus, ihren Beutel zu füllen;<span class="pagenum"><a id="Seite_339">[339]</a></span> -und als sich im Flickwerk der Fürsten Wohlstand und Freiheit zu regen begannen, -regte sich sein Vermächtnis.</p> - -<h3 id="sec12_9">Die Eisenbahn</h3> - -<p>Der Menschengeist hatte den Dämon aus Feuer und Wasser gebändigt; -im Eisenbauch schwerer Maschinen saß er gefangen, Mühlen und -Hämmer, Räder und Spindeln zu treiben: nun wurde er Roß vor dem -Wagen.</p> - -<p>Von England kam das neue Wunder der Welt; als es zuerst von Nürnberg -nach Fürth lief, strömten die Leute weither, die sausende Fahrt mit -Feuer und Dampf zu bestaunen.</p> - -<p>Der Eisenbauch der Maschine war auf Räder gestellt; die aber liefen, -vom zischenden Dampf in den Kolben getrieben, auf eisernen Schienen -schneller durchs Land hin, als je ein Roß zu rennen vermochte.</p> - -<p>Ein Feuerroß schien die neue Maschine den Menschen, mit dampfenden -Nüstern; so stark war das bauchige Ungetüm, daß es gleich einen ganzen -Wagenzug hinter sich herzog.</p> - -<p>Die Ärzte hatten die Hände gerungen, und der Geheimrat sah grollend -dem leichtfertigen Untertan zu; aber die Kaufleute wollten die Eisenbahn -haben, und wie eine Hummel fuhr List, ihr Herold, herum.</p> - -<p>In Sachsen gelang es dem Schwaben, den ersten Fernweg in Deutschland -von Dresden nach Leipzig zu bauen; er mußte den Elbe- und Muldefluß -überbrücken, er mußte bei Oberau gar durch einen Berg gehen – einen -Tunnel hießen sie solch eine Höhle, daraus das Ungetüm brausend hervorkam -– aber die Eisenbahn brachte den Passagier, der einen langen gerumpelten -Tag mit der Post oder drei Tagesmärsche brauchte, in fünfeinhalb -Stunden von Dresden nach Leipzig.</p> - -<p>Zwar rauchte der Schornstein unaufhörlich, und im Feuerschein flogen -die Funken über die offenen Wagen; doch brach kein Rad in den Löchern -der Straße, und es wurde kein Pferd lahm.</p> - -<p>Der Postillon hatte verspielt trotz Mondschein und Horn, und auf der -langen Allee von Leipzig nach Dresden blieben die Planwagen aus, bis die -Straße leer wurde vom Fremdenverkehr und nur noch das Bauernfuhrwerk -seine langsamen Räder hinrollte.</p> - -<p>Und wie es in Sachsen geschah, wurden in Preußen, am Rhein und in -Bayern die eisernen Schienen quer über die Felder und Wiesen, durch Hügeleinschnitte -und über haushohe Dämme gelegt; staunende Dörfer und -schweigende Wälder sahen das rauchende Ungetüm fahren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_340">[340]</a></span></p> - -<p>Städte, sonst tagefern voneinander, wurden auf Stunden genähert; -wer in der Frühe aus Hamburg wegfuhr, konnte abends schon in Berlin -den Freischütz hören.</p> - -<p>So wurde ein anderes Netz über Deutschland gespannt, als es das Spinnennetz -Metternichs war; noch konnten die Grenzen der Fürsten die Strecken -biegen und brechen, aber die Schienen bohrten sich durch und bohrten -dem freien Verkehr der Völker die Gasse.</p> - -<p>Wo die Eisenbahn hinkam, brachte sie Kohle, und wo die Kohle hinkam, -konnten die Schornsteine rauchen; so ging der Traum des Reutlinger -Schwaben doch in Erfüllung, Handel und Wandel, aus ihrer Enge befreit, -wuchsen ins Weite, an seinen Bahnen wollte das Flickwerk der Fürsten ein -Vaterland werden.</p> - -<h3 id="sec12_10">Der Zollverein</h3> - -<p>Die Eisenbahn baute die Wege, die Völker im Reich zu verbinden; aber -die Zölle legten landaus, landein die Schranken der Fürsten darüber.</p> - -<p>Länder und Landschaften, Städte und Märkte hielten mit Eifersucht -ihre Grenzen gesperrt; je rascher die Eisenbahn Waren und Güter herbrachte, -je zorniger wurde der Zank um den Zoll, der sie tagelang hinhielt.</p> - -<p>Die preußischen Länder, vom Rhein bis zum Memel aus langer Erwerbschaft -geflickt und seit dem Wiener Kongreß mit der Schere zerschnitten, -mußten den Mangel am meisten erfahren: so kam es, daß Preußen die -Unrast der kommenden Einheit im Vaterland wurde.</p> - -<p>Habsburg und Brandenburg rangen im Reich um die Macht, seitdem -der Spötter von Sanssouci Maria Theresia Schlesien nahm; als der zähen -Preußengeduld der deutsche Zollverein glückte, waren der Habsburger Vormacht -die Stränge zerschnitten.</p> - -<p>Mit den kleinen Nachbarn fing Preußen sein zähes Geduldspiel an; die -größeren wollten sich wehren, und jahrelang rangen die Mächte im deutschen -Bund gegen die preußischen Pläne.</p> - -<p>Wie ein böses Geschwür sahen die Herren der Hofburg den neumodischen -Bund wachsen, darin statt dem Schwert die Waage des Kaufmanns -regierte, darin Habsburg, am Rande des Reiches, nicht mehr das Schwungrad -im deutschen Räderwerk war.</p> - -<p>Preußen hatte den Rhein, und wer den Rhein hatte, konnte den Handel -in Deutschland bestimmen; auch war es die Zange, die norddeutschen -Länder zu packen, und die preußische Zange scheute sich nicht, wo sie konnte, -zu zwicken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_341">[341]</a></span></p> - -<p>So wurde erstmals im Zollverein wahr, was deutsche Herzen erhofften; -wohl blieben die Grenzpfähle stehen, mit den Farben von vielerlei Fürsten -zu prahlen und all ihrem bunten Wappengetier; aber von Preußen nach -Bayern, von Hamburg zum Bodensee gingen die zollfreien Waren, als ob -das Vaterland Wirklichkeit wäre.</p> - -<p>Der Kaufmann hatte gesiegt über den frommen Geheimrat; doch Preußen -hatte dem Zoll das Ziel und dem Handel die Wege bereitet; der Fuchs -in Berlin wußte genau: der Zollverein war die Vernunft, und die Vernunft -war der Vorteil im Zwang der kommenden Macht.</p> - -<h3 id="sec12_11">Der preußische Bundesgesandte</h3> - -<p>Als der preußische Junker Otto von Bismarck nach Frankfurt zum -Bundestag kam, war die Paulskirche wieder geschlossen, der deutsche Bund -hielt seine Sitzungen ab, als wäre niemals ein März in seinen Winter gefahren.</p> - -<p>Der Junker von Bismarck hatte das Handwerk der Diplomatie in keiner -Schule gelernt, er konnte reiten, fechten und tanzen, er konnte ein frecher -und fröhlicher Kerl sein: weil alle die anderen Gesandten auf Schleichwegen -gingen, hörten sie bald seine Stiefel knarren.</p> - -<p>Die Märztage hatten dem Junker von Bismarck eine Narbe ins Herz -gebrannt, die schwarzweiße Fahne war durch die schwarzrotgoldenen Farben -in Schande gekommen: er konnte dem Teufel ins Angesicht lachen, aber -die Märzfarben ertrug er nicht.</p> - -<p>Mehr als ein Deutscher war er ein Preuße, und mehr als ein Preuße -ein Junker: der König war Herr, und er war seiner Herrlichkeit Träger; -wer ihm hinein sprach, hatte den König gekränkt; und Kränkungen des Königs -ertrug ein Junkerblut nicht.</p> - -<p>So paßte der Todfeind des Liberalismus den schwarzgelben Herren der -Hofburg; aber sein dreistes Preußentum verdroß ihren Hochmut.</p> - -<p>Sie waren gewohnt, im Bundestag ihre Schlingen zu legen, und -der Troß der Gesandten war nur die Meute der Hofburg; aber der -Junker von Bismarck war weder Hase noch Fuchs oder sonst ein jagdbares -Tier, eher ein Jäger und also bereit, sie selber in ihrer Schlinge zu -fangen.</p> - -<p>Sie waren Meister der Schule, er lachte zu ihren Ränken und stellte die -hohe Diplomatie getrost auf den Kopf; er nannte die Dinge tolldreist beim -Namen und war seiner Sache gewiß, daß Klugheit und Mut ohne Verkleidung -stärker und sicherer wären.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_342">[342]</a></span></p> - -<p>So machte er, der bei den Schwarzgelben heiter zu Tisch saß, der ihren -Damen ein witziger Kavalier und ihren Neunmalgescheiten ein dummdreister -Gernegroß schien, die schwarzweißen Farben wieder frisch, die seit -Olmütz verstaubt waren.</p> - -<p>Nur das Volk sah nichts als den preußischen Junker in seiner Hünengestalt; -ihm galt der Preußengesandte in Frankfurt der Todfeind des Vaterlandes -und der Klopffechter verschimmelter Fürstengewalt.</p> - -<h3 id="sec12_12">Der Regent</h3> - -<p>Der König von Preußen hatte die schwarzrotgoldene Schärpe getragen -und war nach Olmütz gegangen; er hatte geschwärmt und geredet und Kirchen -gebaut, er hatte die Hoffnung, den Groll und die Ohnmacht der Deutschen -nacheinander betrogen: als er ins Alter kam, waren nur schwankende -Schatten von seinem Umriß geblieben.</p> - -<p>Lange bevor ihn ein Schlaganfall hinwarf, seinen Schwarmgeist völlig -umnachtend, hatte der festere Schatten von seinem Bruder hinter dem -König gestanden, wie ein Pfahl bei dem schwankenden Baum steht.</p> - -<p>Er war weder geistreich noch redebegabt, nur ein Soldat; alles, was -einen Fürsten bei seinem Volk beliebt machen kann, fehlte dem wortkargen -Mann; doch jedermann wußte, Prinz Wilhelm war, was der König nicht -war, ein Charakter.</p> - -<p>Niemand sah ihn je schwanken und zagen; als die Märztage kamen, riet -er dem König, unbeugsam zu bleiben, und als im badischen Aufstand die -preußische Hand gebraucht wurde, gab sie der Kartätschenprinz her.</p> - -<p>So stand seine karge Erscheinung recht in der Zeit als ein Stück Fürstengewalt; -die Junker hielten ihm zu, weil er ein Stockpreuße wie sie und -lieber ein Gutsherr in Brandenburg als ein Fürst nach dem deutschen -Volkswillen war.</p> - -<p>Nichts an ihm, außer der langen Gestalt, ging über den Zoll; kein -Schatten der Größe witterte um seinen Namen, aber hochmütig und unbeugsam -hielt er der Krone die Torwache.</p> - -<p>Das preußische Volk sah ihn verdrossen neben dem Thron stehen, der -seinem romantischen Bruder Kanzel und Kirchenstuhl und nun ein Krankenbett -war; ihm aber sollte er wieder, das ließ er den Untertan merken, ein -Königsstuhl sein.</p> - -<p>Ein Königsstuhl ohne Schwall und Gepränge, ein Königsstuhl mit dem -Schwert und der Waage als Zeichen der höchsten Gewalt.</p> - -<p>Fremd seinem Volk und von allen gehaßt, die an die neue Zeit glaubten,<span class="pagenum"><a id="Seite_343">[343]</a></span> -hielt er dem kranken Bruder die Krone, und dennoch heimlich begrüßt, weil -wieder nach schwankenden Schatten ein fester Umriß am Fenster der Königsgewalt -stand.</p> - -<h3 id="sec12_13">Der Konflikt</h3> - -<p>Die deutsche Frage war seit Olmütz in die Enge der unabwendbaren -Entscheidung geraten: Österreich und Preußen rangen im Deutschen Bund -um die Macht, wie einmal die Welfen und Staufer taten.</p> - -<p>Großes Schicksal hatte der Kaisergedanke über die Deutschen gebracht; -aber der Deutsche Bund war nicht mehr das Reich und der Zollverein -hatte den Spalt quer durch die deutschen Länder gerissen.</p> - -<p>Der Prinzregent war Soldat; er sah die kommenden Dinge mehr mit -dem Zündnadelgewehr als mit den Fußangeln der Diplomaten.</p> - -<p>Er legte, König geworden, dem preußischen Landtag die neue Wehrordnung -vor, von vierzigtausend Rekruten auf sechzigtausend zu kommen, -statt die andern auslosen zu lassen.</p> - -<p>Aber der Landtag war widerspenstig; er sah nach Bürgerart mehr in die -Gegenwart als in die kommenden Dinge und wollte für eine so kostspielige -Heeresverstärkung nicht die Mittel beschließen.</p> - -<p>Darum, als Österreich mit Frankreich in den italienischen Krieg kam -und der Deutsche Bund rüsten mußte, ließ sich der König die Mittel der -Mobilmachung gewähren und führte die neue Wehrordnung ein, wie er sie -wollte.</p> - -<p>So sah sich der Landtag umgangen: das Heer war verstärkt, die neue -Wehrordnung war da, und er sollte seine Bewilligung nachträglich geben; -aber er weigerte sich nach dem Buchstabenrecht der Verfassung.</p> - -<p>Dreimal versuchte der König den Widerstand des Bürgers zu brechen; -dreimal wurde der Landtag entlassen; dreimal kamen die Männer im Willen -des Volkes gestärkt zurück, und immer trotziger wurde ihr Nein.</p> - -<p>Denn nun war das schärfste geschehen: der König, bedrängt und gehaßt, -von vielen Guten verlassen, hatte den Junker von Bismarck als seinen Minister -gerufen; und nun stand der eiserne Wille gegen den Trotz, die Unabänderlichkeit -kluger Gewalt gegen die Rechtsbehauptung lahmer Gesetze.</p> - -<p>Nicht durch Reden und Kammerbeschlüsse, höhnte der Junker den -Landtag: durch Eisen und Blut würden die Fragen der Zeit zur Entscheidung -gebracht.</p> - -<p>Er hatte den Bund mit dem Zaren geschlossen, das Heer stand bereit; -und was seinem Dämon als Schicksal und Größe von Preußen im Sinn -lag, das sollte für Deutschland geschehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_344">[344]</a></span></p> - -<h3 id="sec12_14">Der dänische Krieg</h3> - -<p>Der dänische Seehund hatte die preußische Dogge gebissen, die meerumschlungene -Nordmark war dänisch geblieben trotz allem Gesang der -Kinder und Greise: nun nahm der Junker von Bismarck den Augenblick -wahr, dem Seehund die Zähne zu zeigen.</p> - -<p>Friedrich, der dänische König, war ohne Kinder gestorben; der Gottorper -Christian erbte sein Land, der ein Prinz des schleswig-holsteinischen Hauses -und durch den Willen der Stände Thronfolger in Dänemark war.</p> - -<p>Sie wollten mit ihm Schleswig für immer an Dänemark binden; aber -ein anderer Prinz des schleswig-holsteinischen Hauses bestritt seinem Vetter -die Nordmark und hieß sich als Friedrich der Achte Herzog von Schleswig -und Holstein.</p> - -<p>Ihm wollte der deutsche Bund helfen, und als die Preußen und Österreicher -in Holstein einrückten, riefen ihn Ritterschaft, Städte und Landschaften -zu Kiel als Landesherrn aus.</p> - -<p>Die Dänen hießen die Stände samt ihrem Herzog Rebellen, sie rückten -mit Schiffen und Heeresmacht aus, der deutschen Bundesarmee noch einmal -die Zähne des Seehunds zu zeigen.</p> - -<p>Aber nun hatte die preußische Dogge packen und beißen gelernt und -wollte die Schande von Olmütz auslöschen; Wrangel konnte noch einmal -den zornigen Feldmarschall spielen, und diesmal gingen die Sieger nicht -wieder nach Haus.</p> - -<p>Bei Düppel hatte der Seehund sein festes Lager gegraben, aber die -Dogge wühlte sich durch bis an die Wälle, drei Wochen lang lag sie in Regen -und Lehm, dann sprang sie dem dänischen Feind an die Kehle.</p> - -<p>Zum zweitenmal wollten die Dänen das Spiel der Mächte beginnen, -aber nun hatte der Junker von Bismarck die Karten klüger gemischt: sein -Bündnis mit Rußland schreckte die andern, besiegt und verlassen von allen -Höfen mußte der dänische Hochmut die Demut auskosten.</p> - -<p>Die schwarzweißen und schwarzgelben Fahnen blieben im schleswig-holsteinischen -Land, und Wrangel der Feldmarschall brauchte nicht wieder -fluchend nach Hause zu gehen; die Kinder und Greise konnten getrost das -alte Lied singen: das Wunder, kaum noch geglaubt, blieb in der Wirklichkeit -gültig.</p> - -<p>Aber das Lied, einmal so stark in den Herzen, wollte nicht klingen; ein -Dämon, das fühlten sie alle, hatte das Wunder gemacht: die deutsche Seele, -blaß und erschrocken, ahnte, daß dies nur ein Anbeginn war, sie wartete -stumm auf den Fortgang, weil ihr vor dem Bruderkampf graute.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_345">[345]</a></span></p> - -<h3 id="sec12_15">Gastein</h3> - -<p>Schleswig-Holstein, meerumschlungen, war dem Seehund entrissen, -aber die Dogge duldete nicht, daß Friedrich der Achte als Herzog ins Land -kam; vor der preußischen Haustür sollte kein neuer Bundesstaat sein.</p> - -<p>Seit Friedrich der Große Schlesien nahm, hatte kein Landgewinn so -den preußischen Dämon gelockt; wie damals war wieder ein Mut da, kalt -und verwegen, um solchen Gewinn den höchsten Einsatz zu wagen.</p> - -<p>Die Bundesgesandten in Frankfurt hörten die knarrenden Stiefel des -Junkers von Bismarck; sie waren gekränkt, daß er den hitzigen Eifer der -schwarzgelben Fahnen nach Schleswig-Holstein gelockt, aber die Bundesarmee -kalt abgewehrt hatte.</p> - -<p>Und wie die Bundesgesandten, so haßten die Völker den preußischen -Junker, daß er so dreist das alte Mächtespiel trieb; sie wollten ein deutsches -Vaterland sein und wollten die friesische Nordmark friedlich und frei im -deutschen Staatenverband haben.</p> - -<p>Indessen der Herzog der schleswig-holsteinischen Stände sein Glück -schwinden sah, gingen die Boten von Wien nach Berlin: der neue Zankapfel -hatte den alten locker gemacht, Schlesien wurde für Schleswig gewogen, -ein Handel sollte den Machtstreit begraben.</p> - -<p>Dem schmählichen Handel zu wehren, hoben die Bundesgesandten in -Frankfurt den Schild der Gerechtigkeit auf: das neue Bundesland müsse -sein Schicksal selber bestimmen; ein Landtag, in Schleswig-Holstein gewählt, -könne das einzige Schiedsgericht sein!</p> - -<p>Solche Gerechtigkeit konnte der Junker von Bismarck nicht brauchen; -Eisen und Blut sollten entscheiden, noch aber war ihm das Spiel zu gewagt: -dem Gegner die letzte Falle zu stellen, lockte er ihn nach Gastein.</p> - -<p>Kein Bundestag konnte ihn da mit dem Schild der Gerechtigkeit -stören; die Habsüchte von Preußen und Österreich waren allein, und -als sie einander die feindliche Bruderhand gaben, hatte die Hofburg -dem deutschen Bund die preußische Kränkung mit eigener Kränkung vergolten.</p> - -<p>Was ewig ungeteilt bleiben wollte, wurde als Beute der Mächte zerrissen: -Preußen nahm Schleswig und Österreich Holstein; Lauenburg -wurde um dänische Taler an Preußen verhandelt.</p> - -<p>Da sahen die Völker im Vaterland, daß über dem Schild der Gerechtigkeit -die Schwerter der Macht gekreuzt waren; die Großen allein wollten -den Handel begleichen, die Großen in Wien und Berlin, die den deutschen -Bund kaltblütig übergingen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_346">[346]</a></span></p> - -<h3 id="sec12_16">Die Zange</h3> - -<p>Seit Gastein begannen die Klugen das tolldreiste Glücksspiel zu -ahnen; der König von Preußen hatte den Junker von Bismarck zum -Grafen gemacht, und keine Bedenklichkeit konnte den kühnen Spieler -erreichen.</p> - -<p>Er trotzte dem preußischen Landtag, er höhnte die Bundesgesandten, -und mehr als ein Bruch der Verfassung geschah dem deutschen Gewissen, -als er dem schwarzgelben Bruder den welschen Feind auf den -Hals hetzte.</p> - -<p>Frankreich und Österreich hatten den letzten Gang um die römische -Erbschaft der Kaiser gewagt, und Victor Emanuel war, der sardinische -König, der Spieler Frankreichs gewesen.</p> - -<p>Er hatte in blutigen Kämpfen den Einsatz gewonnen; aus einem Flickwerk -von Staaten war endlich ein einiges Volk auferstanden: Italien hieß -es sein Land und Victor Emanuel seinen ruhmreichen König.</p> - -<p>Noch einmal hatte das uralte Schlachtfeld der Völker den Lärm und -die Leiden des Krieges erfahren, und schwer waren die Schläge Radetzkys -gefallen, ehe die Lombardei von den schwarzgelben Fahnen befreit war.</p> - -<p>Nur noch Venetien blieb in der Habsburger Hand; die reiche Provinz -heimzuholen, winkte ein Bündnis mit Preußen: über die Alpen reichte der -Sieger von Gastein den Welschen die schwarzweiße Hand, den schwarzgelben -Feind in der Zange zu haben.</p> - -<h3 id="sec12_17">Das Zündnadelgewehr</h3> - -<p>Als Preußen den Bruderkrieg anfing, war Österreich immer noch mächtig -im Bund, auch brach ein Schrei aus der Tiefe des deutschen Volkes gegen -den preußischen Frevel: aber der eiserne Graf glaubte an den Soldaten, -und der Soldat glaubte ans Zündnadelgewehr.</p> - -<p>Der Teufel – hieß es – habe den Preußen die Waffe erfunden, schneller -zu schießen als sonst ein redlicher Schütze; indessen er kniete und mit dem Ladestock -lud, hatte der Preuße schon zweimal geschossen.</p> - -<p>Und wie das Gewehr war sein Gefecht vom Teufel gesegnet; alles ging -nach der Uhr: hierhin und dorthin marschierten die Heere, aber zur Stunde -der Schlacht waren sie da mit der Zange.</p> - -<p>Drei preußische Heere zogen nach Böhmen, wo Benedek langsam gegen -die Lausitz vorrückte; drei Muren brachen aus dem Gebirge ins böhmische -Land, das österreichische Heer zu erdrücken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_347">[347]</a></span></p> - -<p>Die erste bot ihm die Front, aber die andern waren die Zange; als die -schwarzgelben Fahnen bei Königgrätz standen, den Stoß aufzufangen, war -die Schlacht schon verloren.</p> - -<p>Gleich einer Burg waren die Hügel von Chlum vorgebaut gegen die -Sümpfe der Bistritz, und Benedek stand jedem Sturm, seit früh ging die -Schlacht und mittags kam sie zu stehen, schon winkte der Sieg den schwarzgelben -Fahnen, als rechts im Rücken Kanonendonner begann.</p> - -<p>Die zweite Mure war da, und schon kam die dritte von links, die Zange -zu schließen; da half den schwarzgelben Fahnen die Burg und die Tapferkeit -nichts, und alles Blut des grausamen Tages war ihnen vergeblich geflossen: -sie mußten die Hügel von Chlum, sie mußten die Burg, das Feld -und den Sieg dem flinkeren Feind lassen.</p> - -<p>Die Schlacht war verloren und mit ihr der Krieg; bald standen die Sieger -im Marchfeld: da hatte einmal das Glück von Habsburg begonnen, -da ging es zu Ende.</p> - -<p>Einen dreißigjährigen Krieg hatten die Neunmalklugen verheißen, nun -war er in einem Monat vorüber; die hitzigen Sieger wollten nach Wien reiten, -aber der eiserne Graf fiel ihrem Roß in die Zügel.</p> - -<p>Ihm galt es nicht Preußen und Österreich, ihm galt es Deutschland; -und ob ihn sein König selber zuerst nicht verstand: zu Nikolsburg machte ein -rascher Friede dem raschen Feldzug ein Ende.</p> - -<p>Indessen die großen Dinge in Böhmen geschahen, liefen die kleinen emsig -in Franken: bei Langensalza hatten die Preußen das Heer von Hannover -mit ihrem blinden König gefangen, aber die Kurhessen und Bayern, -Schwaben und Badenser schlugen sich mit den Preußen auf vielerlei Straßen -und Brücken herum.</p> - -<p>Die Preußen schossen auch hier mit dem Zündnadelgewehr; die großen -Kanonen standen in Böhmen, ehe sie kamen, wehten die weißen Fahnen -auch schon in Franken.</p> - -<p>Nie hatte ein Frieden den Ölzweig so eilig gebracht, wie der von Nikolsburg -tat; kaum wußte der Bauer vom Krieg, kamen die Krieger schon heim, -die Ernte zu halten.</p> - -<p>Es war nur ein Sommergewitter, sagten die Völker, weil es zu schwül -im Vaterland war! und die das Wort hörten, spürten es wohl: das Wetter -war aus, und die Luft war gereinigt.</p> - -<p>Noch standen die preußischen Heere im Feld, als der Gesandte von -Frankreich, Benedetti geheißen, hochmütig in Preußen anklopfte: Mainz -oder Krieg! – Dann Krieg! höhnte der Graf, und Deutschland fühlte den -Sieg, der in dem stolzen Wort lag.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_348">[348]</a></span></p> - -<h3 id="sec12_18">Der norddeutsche Bund</h3> - -<p>Zum drittenmal hatte der preußische Dämon die Falle gestellt, aber -nun fing er die Fürsten von Hessen, Hannover und Nassau und auch die -freie Stadt Frankfurt.</p> - -<p>Sie hatten Preußen gehaßt und Habsburg getraut, der Frieden von -Nikolsburg machte sie vogelfrei; von Habsburg verlassen, mußten sie -Thron und Land an Preußen verlieren.</p> - -<p>Noch war der König von Preußen nicht Kaiser, aber sein Kanzler, der -eiserne Graf, übte die Kaisergewalt Barbarossas; wie der Staufer sein -stolzes Maifeld, berief er den norddeutschen Bund.</p> - -<p>Nicht auf den goldenen Feldern bei Mainz, nicht an den fröhlichen Ufern -des Rheinstroms, in der kargen Königsstadt an der Spree, glanzlos und -nüchtern mußte der neue Reichstag den Bau des Bundes beginnen.</p> - -<p>Auch rief kein Herold die sieben Heerschilde auf, von dem stolzen Turmbau -der Stände war nur noch die Stimme geblieben, die einmal in Urväterzeiten -der Freiemann war und die nun im freien und gleichen Wahlrecht -der Männer wieder zu Wort kam.</p> - -<p>So hatte es Bismarck den Deutschen versprochen, bevor sie nach Königgrätz -gingen, so hielt er nun Wort; die dem Junker mißtraut hatten, mußten -erkennen, wie klug und stark der preußische Wille auf die Kaisergewalt -zielte.</p> - -<p>Denn noch schied der Main Süddeutschland vom Bund; mit Ingrimm -und Sorge sahen die Fürsten und Völker nach Norden, was nun der Preuße -begänne.</p> - -<p>Die Fürsten schonte er nicht, das sahen sie alle; die Völker indessen konnte -das Zündnadelgewehr nicht gewinnen: wohl aber, wie nun im norddeutschen -Bund das Flickwerk der Fürsten ein Vaterland wurde mit einer freien -Verfassung.</p> - -<h3 id="sec12_19">Der neue Napoleon</h3> - -<p>Ein Abendrot brannte am Himmel von Frankreich sein Feuerwerk ab, -der gallische Hahn stand in greller Beleuchtung und spreizte sein buntes -Gefieder, daß wieder ein Kaiser Napoleon war.</p> - -<p>Der den gewaltigen Namen und sein Gedächtnis, den Ruhm des Kaisers -und den Rausch des französischen Volkes als seinen Glorienschein trug, -hatte nur einen Ehrgeiz, nicht die Natur des korsischen Oheims überkommen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_349">[349]</a></span></p> - -<p>Mit Abenteuern und Listen mancherlei Art war ihm der Aufstieg -geglückt, aber der Atem wurde ihm eng, als er auf dem Kaiserthron saß; -Großes zu tun vermochte er nicht, so gab er dem Kleinen den Anschein der -Größe.</p> - -<p>Zwar schien ihm das Kriegsglück gewogen, auf den lombardischen Feldern -gewann er die Schlachten gegen den Habsburger Erbfeind: Magenta -und Solferino klangen dem fränkischen Ehrgeiz nicht weniger stolz als -einmal Arcole und Lodi.</p> - -<p>Nie hatte ein Kaiser der alten Zeit die Straßen von Mailand so blumenbestreut -gesehen, als da er der stolzen Stadt ihren König Victor Emanuel -zeigte; und seit den Tagen des Korsen hatte kein Jubel Paris so erfüllt, -als da er Savoyen und Nizza als Siegesbeute heimbrachte.</p> - -<p>Da standen die Tore der Tuilerien geöffnet wie einst, Könige kamen, den -neuen Herrn der Welt zu begrüßen; die Völker des Abendlands sahen den -Kaiser von Frankreich wieder als Schiedsrichter walten.</p> - -<p>In seinen Glanz fiel der Schatten, als Preußen der Tag von Königgrätz -glückte; wohl rief die Hofburg den Kaiser als Schiedsrichter an, und -das alte Rheinbundspiel schien zu glücken: als aber Napoleon Mainz und -die Pfalz als Siegesbeute heimbringen wollte, wies Bismarck, der eiserne -Graf in Berlin, seinem Gesandten die Tür.</p> - -<p>Den Tag von Sadowa hießen die Franzosen die böhmische Schlacht, -die ihrem Kaiser das Glücksspiel verdarb; den Tag von Sadowa zu rächen, -blieb danach ihr Feldgeschrei, bis es dem Kaiser zum Schicksal und seinem -ruhmgierigen Volk zur Demütigung wurde.</p> - -<h3 id="sec12_20">Die Emser Depesche</h3> - -<p>Durch Eisen und Blut sollten die Dinge geschehen: Bruderblut war -um den norddeutschen Bund in Böhmen und Franken geflossen; um das -Reich mußte Krieg sein mit dem Erbfeind im Westen.</p> - -<p>Denn immer noch lag der Schatten des Rheinbundes quer vor den -kommenden Dingen: bei dem Schiedsrichter der Tuilerien hatten die süddeutschen -Fürsten Schutz gesucht gegen Preußen; Österreich war, Sadowa -zu rächen, im Bündnis mit Frankreich.</p> - -<p>Sollte ein einiges Vaterland werden, so mußte die welsche Hand aus -dem deutschen Spiel sein; Bismarck der eiserne Kanzler war tollkühn genug, -den Schlag gegen den Kaiser von Frankreich zu wagen.</p> - -<p>Als sich der Kaiser danach um Luxemburg mühte, sagten die Spötter in -Frankreich: Napoleon habe das Wild von Sadowa gefehlt und wolle nun<span class="pagenum"><a id="Seite_350">[350]</a></span> -rasch einen Hasen vom Händler heimbringen; aber der Sieger von Gastein -brachte ihn auch um den Hasen.</p> - -<p>Alles verdarb der Dämon in Preußen dem grämlichen Kaiser, bis -ihm der spanische Handel das rote Tuch war, seinen Zorn unklug zu -machen.</p> - -<p>Isabella, die spanische Königin, war nach Frankreich geflüchtet; die -Großen des Landes boten die Krone dem Eidam des Königs von Portugal -an, der selber dem Kaiser verwandt, aber ein Hohenzoller war.</p> - -<p>Seitdem der Burggraf von Nürnberg nach Brandenburg kam und die -fränkische Sippe der Zollern in Preußen ihr Glück machte, hatte der schwäbische -Stamm bescheiden im Dunkel gesessen, bis Napoleon selber den Prinzen -Carol auf den rumänischen Thron brachte.</p> - -<p>Nun sollte sein Bruder König von Spanien werden; das aber rief den -Franzosen die Furcht der spanischen Weltherrschaft wach: was einmal -Habsburg vermochte, sollte den Zollern nicht wieder gelingen.</p> - -<p>Der Zorn von Sadowa schrie Rache; Kaiser und Kammer in Frankreich, -noch eben im Streit, sahen den Tag der Vergeltung und sprangen dem -Kanzler hinein in die klug gestellte Verblendung.</p> - -<p>Einen Krieg über Deutschland zu bringen, vermochte der Prinz Leopold -nicht; als der Sturm in Paris schon Donner und Blitz zuckte, meldete -er seinen Verzicht.</p> - -<p>Wir haben gewonnen! rief der Minister von Frankreich; aber so billig -wollte der gallische Zorn nicht verrauchen: diesmal sollte der König von -Preußen das fränkische Siegerrecht fühlen.</p> - -<p>Der König von Preußen war schon ein Greis; er machte in Ems seine -Kur, als der Gesandte von Frankreich, Benedetti, ihm morgens über den -Weg kam: er solle dem Kaiser versprechen, daß niemals mit seinem Willen -ein Hohenzoller in Spanien König würde.</p> - -<p>Das konnte kein König versprechen; und als der Gesandte den höflichen -Greis am selben Tag weiter bedrängte, ließ er ihn wissen: der König von -Preußen habe ihm nichts mehr zu sagen!</p> - -<p>Durch Eisen und Blut sollten die Dinge geschehen! nun war die Stunde -gekommen, da Deutschland dem Kanzler einstehen mußte für sein geharnischtes -Wort.</p> - -<p>Was keiner zu denken kühn genug war, das vermochte die Emser Depesche; -sie war nur ein rascher Bericht nach Berlin; der Kanzler kürzte und -klärte den Ton und gab ihn der Zeitung: da las der Deutsche mit Zorn und -mit Stolz, wessen sich ein Gesandter von Frankreich vermaß, und wie ein -deutscher König die Würde bewahrte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_351">[351]</a></span></p> - -<p>Sie fühlten in Frankreich den Hieb, und rot brach die Flamme aus -ihrem rauchenden Zorn: der Kanzler wollte den Krieg haben, sie wichen ihm -nicht zurück und wollten die Antwort bald nach Berlin bringen.</p> - -<p>Aber die Völker im Reich verstanden die Stunde: jetzt oder nie mußte -das Vaterland sein! und was an den Höfen der Fürsten noch hemmte und -zagte, war durch den brausenden Willen gezwungen.</p> - -<h3 id="sec12_21">Die Männer</h3> - -<p>Der König von Preußen kehrte von Ems zurück nach Berlin; das Volk -jauchzte ihm zu als dem kommenden Kaiser; denn nun trennte kein Main -mehr das Vaterland in Norden und Süden.</p> - -<p>Wo im Norden und Süden ein deutsches Herz war, es spürte die -Wende: lange genug hatten die Fürsten das feige Spiel mit Frankreich getrieben, -wo eine deutsche Uneinigkeit war, hatte der Franzmann die Finger -gerührt; nun aber sollte ein einiges Vaterland sein, und alle Augen sahen -nach Preußen.</p> - -<p>Da standen die Männer der Stunde und wollten das Tor der deutschen -Zukunft aufmachen: da war der König, den sie einmal Kartätschenprinz -hießen; aber der Sieger von Königgrätz, besonnen im Ausmaß -des Friedens, hatte dem fränkischen Hochmut deutsche Würde gewiesen.</p> - -<p>Da war der Kanzler des kommenden Reichs, unbeugsamen Willens -und seiner Sache gewiß; wie er die Dinge bei Namen nannte, so nahm er -sie auch zur Hand, und was seine Hand nahm, ließ sie nicht fallen.</p> - -<p>Da war der Feldherr des Königs, ein Greis wie er und ein Schweiger, -kein Feldmarschall zu Roß, aber der heimliche Meister der Zange; wo -Moltke den Feldzug führte, war der Soldat nicht verlassen: wo er ihn -brauchte, da stand er, und wo er stand, war er getrost, den Feind anzupacken.</p> - -<p>Da war der Zeugmeister des preußischen Heeres, Graf Roon, dem alles -an seiner Schnur ging, der als getreuer Feldwebel sorgte, daß dem Soldaten -das Seine zukam.</p> - -<p>Da war der Kronprinz, dessen Kanonen den Sieg nach Königgrätz -brachten, blondbärtig und jedermanns Freund und immer bereit, mit jedem -zu lachen.</p> - -<p>Als er den Oberbefehl nahm über die süddeutschen Heere, vergaßen sie -alle den Preußen, weil er ein fröhlicher Mann und für die Bayern, Schwaben -wie Hessen bald «Unser Fritz» war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_352">[352]</a></span></p> - -<h3 id="sec12_22">Nach Frankreich hinein</h3> - -<p>Wieder wie einmal nach Böhmen ließ Moltke drei Heere nach Frankreich -marschieren, und wieder wie damals kam ihre schnelle Bewegung dem -Feind in die Flanken.</p> - -<p>Über den Rhein nach Baden, Schwaben und Bayern wollte Napoleon -ziehen, die süddeutschen Mächte gegen den norddeutschen Bund zu gebrauchen; -aber sein Heer kam nicht los von Straßburg und Metz.</p> - -<p>Ehe Mac Mahon in Marsch kam mit seiner saumseligen Macht, hatte -der Kronprinz den Lauterbach überschritten, den Feind im Elsaß zu packen.</p> - -<p>Der Geisberg bei Weißenburg wurde von Preußen und Bayern erstürmt -und danach bei Wörth der stolze Mac Mahon geschlagen; ehe sein -Heer beisammen war, riß schon der Strudel der schmählich verlorenen -Schlacht die fliehenden Massen über den Wasgenwald hin.</p> - -<p>Die Steige von Zabern war frei, als Sieger marschierten die Söhne der -süddeutschen Länder hinein in das uralte Schlachtfeld der katalaunischen -Felder.</p> - -<p>Am selben Tag, da Mac Mahon bei Wörth den Ruhm von Magenta -verlor, berannten die Preußen der ersten Armee die Spicherer Höhen hinter -Saarbrücken; blutige Stürme liefen vom Mittag bis in die Nacht gegen -die steilen Waldberge an, Tausende mußten ihr Leben um einen Schritt lassen.</p> - -<p>Aber der Schritt machte den Weg nach Lothringen frei, und Lothringen -war mit seiner gewaltigen Festung der Schlüssel, den Krieg nach Frankreich -zu tragen.</p> - -<h3 id="sec12_23">Metz</h3> - -<p>Auf einer Insel der Mosel, durch waldige Hügel gedeckt, von einem -Stachelring starker Vorwerke umschlossen, lag Metz, die mächtigste Festung -der Welt, dem Einmarsch nach Frankreich zu wehren.</p> - -<p>Hier sollte der Feldzug des Kaisers nach Mainz und Preußen beginnen, -aber die Sieger von Spichern und Wörth nahmen ihn gleich in die Zange; -auch die stolze Rheinarmee fand den geträumten Siegesweg nicht, und der -Marschall Bazaine nahm dem erschrockenen Kaiser den Oberbefehl ab.</p> - -<p>Der Marschall wollte zurück, Mac Mahon zu finden, aber er säumte zu -lange; bevor sein Abmarsch begann, standen die Preußen vor Metz, und das -blutige Sechstagewerk fing an, sein Heer zu zermalmen.</p> - -<p>Sechs Tage lang riefen die großen Kanonen der Festung zum Tanz, -sechs Tage lang brüllte die Schlacht ihre Antwort, sechs Tage lang bebte -die Erde, sechs Tage lang waren die Hügel um Metz eine Hölle.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_353">[353]</a></span></p> - -<p>Nie hatte die Welt solches Schlachtfeld gesehen, Jena und Austerlitz, -Leipzig und Waterloo, Königgrätz: alles versank vor der Wirklichkeit solcher -Vernichtung.</p> - -<p>Stirn an Stirn standen die Heere am ersten Tag und maßen die Stärke; -am zweiten Tag setzten die Preußen im Süden die Zange; am dritten Tag -wollte Bazaine den Abmarsch erzwingen, aber der Feind hielt ihn fest in der -Flanke; am vierten Tag grub er sich ein, das Antlitz nach Westen; am fünften -Tag hielt ihn der eiserne Griff von Süden und Norden umklammert, -bis in die Nacht ging der Kampf; am sechsten Tag saß sein mächtiges Heer -in der Festung, und die Festung saß in der Zange.</p> - -<p>Mehr Tote als sonst ein Kriegsjahr hatten die Tage gekostet, die Wälder -und Wiesen, Brücken und Bäche um Metz lagen voll Leichen, die Dörfer -brannten, die Sonne konnte nicht mehr durch den Pulverdampf scheinen.</p> - -<p>Da kämpften nicht Feldherrn und Heere um ihren Sieg, da rangen -zwei Völker um ihre Stärke: Frankreich und Deutschland trugen den -Streit, den Zorn und die Vergeltung aus von einem halben Jahrtausend.</p> - -<h3 id="sec12_24">Sedan</h3> - -<p>Auf den katalaunischen Feldern hatten die Deutschen gedacht, Mac -Mahon zu finden; aber er war von Chalons nach Norden gezogen, Bazaine -in Metz zu entsetzen; weil aber die deutschen Soldaten zum andernmal -schneller marschierten als die Franzosen, gelang es, den Flankenstoß an der -Maas abzufangen.</p> - -<p>Bei Beaumont geschlagen, mußte Mac Mahon nach Sedan zurück, -wo ihn das Schicksal Bazaines schneller und schlimmer erreichte.</p> - -<p>Da machte Moltke das letzte Meisterstück seiner Zange; von Osten nach -Westen gepackt, wurde das zweite Feldheer des Kaisers nach blutiger -Schlacht durch die Tore von Sedan getrieben.</p> - -<p>Aber nun war es nicht Metz, die mächtige Festung, mit dem Stachelring -ihrer starken Vorwerke, nun war es Sedan mit seinen ärmlichen Wällen, -daraus die Feuerschlünde von allen Höhen rundum einen Höllenkessel -machten.</p> - -<p>Am selben Nachmittag noch mußte die Zitadelle die weiße Fahne aufziehn; -und als der Parlamentär aus der Festung zurück kam, war mit dem -Heer von Mac Mahon der Kaiser Napoleon selber gefangen.</p> - -<p>Der in den Tuilerien als Schiedsrichter über dem Abendland saß, der -den Ruhm seines gewaltigen Namens und den Glanz des zweiten Kaiserreichs -trug, sandte dem König von Preußen seinen Degen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_354">[354]</a></span></p> - -<p>Noch in der selben Nacht streckte das Heer Mac Mahons die Waffen; -durch den nebligen Morgen des zweiten September ritt Bismarck als -Kürassier neben dem Wagen des Kaisers, seinem König, dem Sieger, den -kläglich Besiegten zu bringen.</p> - -<p>Ein Hurrah lief durch die Reihen und füllte das waldige Tal von Sedan; -ein Siegesfest nahm seinen Anfang wie keines der neuen Geschichte.</p> - -<p>Vier Wochen lang standen die Heere im Feld, und schon war die Kriegsmacht -des Kaisers vernichtet, Napoleon selber gefangen: da mußte der -Krieg aus sein und jeder Soldat, fröhlich geschmückt, konnte der Heimat -den Frieden mitbringen.</p> - -<h3 id="sec12_25">Der Ringkampf der Völker</h3> - -<p>Die deutschen Sieger hatten das letzte Feldheer des Kaisers geschlagen, -aber der Kaiser war nicht das Volk der Franzosen; der Ringkampf der Völker -fing seinen Schrecken erst an, und weit lag der Friede.</p> - -<p>Wohl standen die deutschen Heere bald vor Paris, aber das Herz von -Frankreich hörte nicht auf zu schlagen; hinter dem Gürtel starker Vorwerke -war es gerüstet, auf seine Kinder zu warten.</p> - -<p>Der sie rief, war ein anderer Mann als der kränkelnde Kaiser; in einem -Luftballon verließ Gambetta die Hauptstadt, und wo sein Feuerwort hinfiel, -standen die Söhne des Vaterlandes auf, Frankreich zu retten.</p> - -<p>Von Norden, Süden und Westen liefen die Sturmwellen an, den dünnen -Wall um Paris zu durchbrechen: in Lumpen und Leiden noch einmal -Soldaten der großen Armee.</p> - -<p>Das Sagenbild der neunköpfigen Schlange wurde den deutschen Soldaten -zur bösen Erscheinung; wo ein Mann war, war auch ein Feind, und -viele Männer waren in Frankreich.</p> - -<p>Der siegreiche Sommer sank längst in den Herbst, und der Winter fing -an zu schneien: immer noch warf das tapfere Land neue Heere ins Feld, -immer noch sorgten die siegreichen Führer, ob sie des Feindes wohl Herr -blieben.</p> - -<p>Bis endlich der Hunger die mächtigen Tore von Metz aufmachte, bis -endlich die Deutschen im Feld die Übermacht hatten, der Hydra den letzten -Kopf abzuhauen.</p> - -<p>Bei Orleans an der Loire, bei Amiens und Le Mans, bei Dijon, an der -Lisaine, bei St. Quentin: überall hatte das Blut verzweifelter Kämpfe den -Schnee gerötet, ehe der Donner der großen Kanonen das Herz und die -Hauptstadt von Frankreich bezwang.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_355">[355]</a></span></p> - -<p>Einhundertachtzehn Tage lang war der eiserne Ring um ihre Tore gewesen; -Hunger und Schrecken hatten das Herz von Frankreich müde gemacht, -bis sein Mut aufhörte zu schlagen.</p> - -<p>Tief im Süden, im waldigen Jura fiel noch ein letzter Streich gegen den -kühnen Bourbaki; bei Pontarlier wälzte sich der blutige Rumpf der Hydra -hinüber zur Schweiz.</p> - -<p>Dann endlich war dieser schwere Krieg aus, der ein Ringkampf war -zwischen den Völkern, und dem die Welt staunend zusah; denn noch war es -Preußen mit seinen süddeutschen Brüdern, das solches gegen das mächtige -Frankreich vermochte.</p> - -<h3 id="sec12_26">Versailles</h3> - -<p>Der erste Napoleon hatte das Reich auseinander getreten, weil er der -Kaiser im Abendland war; als der dritte Napoleon seine Wiederkunft sah, -die er selber erweckte, saß er in Wilhelmshöhe gefangen.</p> - -<p>Er hatte um seines Namens willen den Großen gespielt, aber der Große -saß in Berlin und war ein preußischer Junker; als der Kaiser seinen Gegner -erkannte, war das Spiel schon verloren; als ihm der Krieg an die Gurgel -sprang, war Preußen schon Deutschland.</p> - -<p>Was die Burschenschaft sang auf der Wartburg, was in der Paulskirche -als Wort und Wille des deutschen Volkes aufstand, war in Wirklichkeit -da, als Deutschland nach Frankreich marschierte, seinen Zorn an -dem Erbfeind zu rächen.</p> - -<p>Aus Preußen und Bayern, aus Schwaben und Sachsen, aus Hessen -und Baden waren die deutschen Söhne gekommen, weil ihre Fürsten ein -Schutz- und Trutzbündnis hatten; aber sie standen im Feld füreinander, -weil sie aus einem Vaterland waren.</p> - -<p>Niemals konnte der Mann aus dem Heer in eine andere Heimat heimkehren -als die seiner deutschen Blutsbrüderschaft vor dem Feind; er hatte -den Erbfeind geschlagen, der lange genug der Nutznießer seiner Zwieträchtigkeit -war: sollten noch länger Fürsten in Deutschland regieren, durften sie -nicht mehr Vögte der Zwietracht, mußten sie Hüter der Eintracht sein.</p> - -<p>Durch Eisen und Blut hatte der Kanzler die Eintracht beschworen, -aber nun wußte er klug abzuwarten, daß ihr kein Zwang angetan wurde: -sollte das Reich kommen, so mußte es sein, wie die Sonne sich selber den -Tag weckt.</p> - -<p>Erst wurde der Bund der Völker geschlossen, und mancherlei mußte gegeben, -gepflegt und geschont sein, ehe die Boten befriedigt heimgingen, ehe -Vertrag um Vertrag zum Vaterland wuchs.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_356">[356]</a></span></p> - -<p>Als so das Reich auf der Einigkeit stand, kamen die Fürsten, den Kaiser -zu küren; kein anderer konnte es sein als der Greis, der Preußen und Deutschland -in diesen siegreichen Krieg führte.</p> - -<p>Der König von Bayern mußte ihn nennen; er tat es mit stolzer Gebärde, -weil seiner romantischen Seele nichts so verhaßt wie die kleine Erbärmlichkeit -war, und weil er kein Neidling sein mochte.</p> - -<p>So konnte endlich das Wunder geschehen: im Spiegelsaal zu Versailles -standen die Fürsten und Stände der Staaten, Minister, Generäle, Soldaten, -dem greisen König von Preußen die deutsche Kaiserkrone zu bringen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_357">[357]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Schuldbuch_der_Menschen">Das Schuldbuch der Menschen</h2> - -<h3 id="sec13_1">Der Reichstag</h3> -</div> - -<p>Tapfere Dinge waren getan, und Großes war ruhmreich gegründet: -wie seit den Staufern nicht mehr war das Vaterland mächtig, Deutschland -war wieder ein Reich, und ein Kaiser stand über der Vielheit der -Fürsten.</p> - -<p>Aber es war nicht mehr der alte Fürstenbau; weder in Aachen gekrönt -noch in Frankfurt gefeiert, blieb der Kaiser von Deutschland König in -Preußen; der eiserne Kanzler gebot an der Spree; die Krone im Rhein lag -versunken.</p> - -<p>Scharf schnitten die Grenzen das neue Reich ab von den feindlichen -Völkern; Dänen, Franzosen und Polen sahen mit Haß die Fahnen schwarzweißrot -wehen, indessen die Deutschen von Österreich und Tirol, von Salzburg -und Steiermark im bunten Staatenverband der Habsburger Erbherrschaft -blieben.</p> - -<p>So hielt die harte Preußenhand eine kargere Kaisermacht fest als die -der Staufen, Franken und Sachsen: aber sie war durch den Willen der -Völker, nicht durch die Willkür der Fürsten gehalten.</p> - -<p>Zweiundzwanzig Residenzen, Höfe und Fürsten hatten sich aus der -Vielheit gerettet, und Thüringen trug noch das alte Narrengewand; ihr -Bundesrat saß in Berlin, er konnte dem Reichstag der Deutschen Hemmschuh -und Hindernis, aber nicht mehr die alte Herrengewalt sein.</p> - -<p>Da saßen die Boten der Deutschen von Schleswig bis Lindau, von -Schlesien bis Xanten, von Straßburg bis Memel, dem Vaterland die -Hände frei zu halten durch den Willen des Volkes.</p> - -<p>Da gab es nicht mehr die Stände der alten Reichsherrlichkeit, nur -Stimmen: Arbeiter-, Bürger- und Bauernschaft galten nach ihrer Zahl; -Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit sollten die Hüter und Walter der -deutschen Volksrechte sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_358">[358]</a></span></p> - -<h3 id="sec13_2">Die alte Zwietracht</h3> - -<p>Durch Eisen und Blut war Deutschland einig geworden, die Eintracht -des Krieges hatte dem Frieden die stolze Frucht eingetragen: nicht länger -mehr sollte die Zwietracht das deutsche Verhängnis bedeuten.</p> - -<p>So waren die Sieger bekränzt aus Frankreich wiedergekommen, so -hatte der Jubel in Deutschland Greise und Kinder, Männer und Frauen -erfüllt, so stand der Frühlingstag hell, da in Berlin die Truppen einritten -mit ihrem König und Kaiser.</p> - -<p>Als aber der Reichstag die Stimmen gezählt hatte, als die Sendlinge -ankamen aus allen Gauen, als sie eintraten in den Saal, dahin sie einträchtig -zu raten gesandt waren, saßen sie vielfältig nach Parteien.</p> - -<p>Zur Rechten die Junker und alle die Alten, die sorgenvoll in die neue Zeit -sahen; zur Linken die Neuen und Demokraten: beide Hände wollten dem -Reich das Gleichgewicht halten, die Dränger den Siegelbewahrern des Alten.</p> - -<p>Doch in der Mitte schob eine schwarze Schar ihren Keil zwischen die -streitbaren Hände; sie wollten das Reich nicht von rechts und links der -neuen Preußengewalt, sie wollten die alte Herrlichkeit haben, da sich der -Bogen der römischen Kirchen- und Reichsgewalt über die Christenheit -spannte.</p> - -<p>Der Papst und der Kaiser hatten der Kirche den Bogen über die Völker -gehalten; der aber nun Kaiser hieß, war ein Ketzer, und der als Kanzler die -starke Regierungsgewalt übte, war ein Preuße und Protestant.</p> - -<p>Sie aber blieben der römischen Kirche gehorsam und wollten nicht dulden, -daß ihrer Geltung im Reich der Preußen und Ketzer Geringes geschähe; -darum saßen sie da in der Mitte und ließen sich schelten, daß sie die -schwarzen Raben vom Kyffhäuser wären.</p> - -<p>So wurde der uralte Streit noch einmal entfacht, was dem Papst und -dem Kaiser gehöre; der römische Papst war die Sonne der christlichen Welt, -unfehlbar hieß er sich nun: wollte der preußische Mond aus eigenem Licht -leuchten, so war es vom Teufel.</p> - -<p>Noch einmal wurden die Worte von Worms und Augsburg gesprochen, -noch einmal wollte der deutsche Mann dem römischen Übermut wehren: -der Schwedenkönig ritt um im Gedächtnis von Lützen, und die feste Burg -Luthers wurde gesungen.</p> - -<p>Kein Wallenstein kam, und Magdeburg brauchte die Brandfackel -Tillys nicht mehr zu fürchten: die Schwerter hatten gerungen, bis Deutschland -ein Leichenfeld war; nun rangen die Stimmen.</p> - -<p>Aber die jubelnden Herzen mußten noch einmal den wilden Untergrund<span class="pagenum"><a id="Seite_359">[359]</a></span> -spüren, darauf die neue Herrlichkeit stand; indessen die Tore und Türme der -Einigkeit noch bekränzt waren, kamen die Raben der Zwietracht geflogen.</p> - -<p>Wir gehen nicht nach Canossa! trotzte der Kanzler; aber der eiserne -Mann, der Habsburg besiegte und den dritten Napoleon fing, der dem -Abendland stärker als sonst ein Mann seiner Zeit das Gesicht gab, der Graf -von Gastein und Fürst von Versailles mußte das unbedachte Wort büßen.</p> - -<h3 id="sec13_3">Die neue Zwietracht</h3> - -<p>Ein Jahrtausend deutscher Geschichte hob sein Gesicht zur Gegenwart -auf, als die schwarzen Männer im Zentrum noch einmal den Streit der -Kirche begannen; das Gesicht war von Gram und finsteren Leiden zerrissen.</p> - -<p>Aber der Bogen, einmal der Christenheit mächtig, war nicht mehr gespannt; -die Augen, glühend vor Haß, waren erloschen.</p> - -<p>Wohl wußte der Mund noch die Worte, aber sie zückten nicht mehr: -aus Schicksal war Zank, aus Schuld war Schmähung, aus Haß war -hitziger Eifer geworden.</p> - -<p>Indessen die alte Zwietracht so an der Gegenwart starb, war die neue -Zwietracht gewachsen; aber ihr glühten die Augen, ihr zückten die Worte, -sie kannte Schicksal und Schuld, sie kannte den brennenden Haß.</p> - -<p>Aus Menschen hatte der Zwang der Maschine Fabrikler gemacht; in -rußigen Hallen und Höfen mußten sie um den Tageslohn dienen, die von -der Scholle enterbt waren und die im Handwerk verfilzter Zünfte kein Heil -fanden, weil die Maschine der menschlichen Hand die Arbeit wegnahm.</p> - -<p>Wohl hatte List, der Reutlinger Schwabe, dem Wohlstand die neuen -Wege gewiesen: der deutsche Bürger begann, Bahnen, Fabriken und -Lagerhäuser zu bauen, die Schornsteine rauchten, aber dem Arbeiter brachten -sie keinen Segen.</p> - -<p>Der Lohn hielt sein Dasein in ehernen Klammern; je mehr ihrer kamen, -ihn zu verdienen, je billiger wurden die Groschen in seiner entwerteten Hand.</p> - -<p>So ging die Saat auf, die Wilhelm Weitling aus Magdeburg säte; -der Profit des privaten Erwerbes sollte dem Recht der Gemeinschaft verfallen: -der Sozialismus wurde die Zwietracht der kommenden Tage.</p> - -<p>Ein Evangelium kam zu den Armen, anders als jenes, das Jesus von -Nazareth brachte, und eine andere Lohnlehre, als die der Priester; nicht -erst vor Gott, vor den Menschen sollte Gleichheit gelten; statt himmlischer -Freuden der Frommen sollte auf Erden Gerechtigkeit wohnen.</p> - -<p>Lassalle hatte sein lautester Verkünder geheißen, der wie ein Irrwisch -dem frommen Geheimrat ins Tintenfaß fuhr und ein fressender Feuerbrand<span class="pagenum"><a id="Seite_360">[360]</a></span> -war in den Herzen der Armen; vom Zorn der Behörden verfolgt, -von Prozeß zu Prozeß hingerissen, jagte sein Leben dahin, bis ihn – um -eine Frau – die Kugel hinstreckte.</p> - -<p>Aber sein landfremder Name, scharf und schnell wie der hämmernde -Hall seiner Worte, blieb in den Herzen der Armen lebendig, bis hinter der -heißen Gebärde ein drohender Schatten aufkam, sein flackerndes Bild zu -verscheuchen.</p> - -<h3 id="sec13_4">Die goldene Spinne</h3> - -<p>Zwei Rheinländer saßen flüchtig in London und waren Freunde, wie -Kopf und Herz Freunde sind: Karl Marx, der Jude aus Trier, Friedrich -Engels, der Protestant und Kaufmann aus Barmen.</p> - -<p>Sie stickten der neuen Zwietracht die Fahne; auf blutrotem Grund -strahlte mit goldener Schrift der Name des Feindes, den sie in aller Verkleidung -des Wohlstandes verfolgten.</p> - -<p>Wo ein Zins, eine Grundrente war, wo eine Eisenbahn lief, wo eine -Fabrik rauchte, wo die Feuergarbe der Hochöfen lohte und wo der Förderkorb -Kohlen zu Tage brachte: überall saß die goldene Spinne und nützte -das Netz.</p> - -<p>Das Kapital war sie geheißen, und alles Lebendige fing sie mit ihren -gleißenden Fäden, um es zu fressen: weil sie der Nutznießer der Zinsen und -Renten, in aller fleißigen Arbeit der Fluch der Lohnherrschaft war.</p> - -<p>Einmal als goldenes Kalb von Israel gläubig umsungen, von Moses -mit jähen Worten zerschmettert, war sie die Herrin der Welt, all ihres -Wohlstandes und all ihrer Armut geworden.</p> - -<p>Fürsten und Könige mußten ihr dienen, Kriege wurden geführt ihr zuliebe -und Frieden nach ihrem Vorteil geschlossen: wo irgend ein Menschenwerk -war, hielt sie dem Hunger die Geißel in ihrer Linken, aber den Mehrwert -der Arbeit in ihrer lockenden Rechten.</p> - -<p>Gegen die Allmacht des Goldes rief Marx, der Jude aus Trier, die -Zwietracht der Gegenwart auf; und dies war seine Lehre vom Mehrwert: -aller Gewinn in der Welt bestahl die fleißige Arbeit; denn der Lohn zahlte -nicht den Gewinn, er hielt nur die Peitsche, daß Arbeit geschähe.</p> - -<p>Um ihren Mehrwert betrogen, gab die Arbeit dem Armen die Notdurft -und hielt ihn als Knecht in der Fessel des Lohnes; Sorge und Fleiß und -Mühseligkeit der besitzlosen Klasse dienten der goldenen Spinne, daß ihr -das Leben fauler Genuß würde.</p> - -<p>Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! höhnte ihr Sprichwort; aber -den Goldspinnen war zu fressen die einzige Arbeit; so wild war ihre Gier,<span class="pagenum"><a id="Seite_361">[361]</a></span> -daß sie einander auffraßen, die großen die kleinen, bis einmal das Gold aller -Welt in einem einzigen Bauch war.</p> - -<p>Dann war das Unrecht gesühnt und das Schicksal vollendet; denn dann -kam der Staat mit dem Schwert und schlug dem Ungetüm das Freßwerkzeug -ab, dann war der Bauch mit dem Gold der Gemeinschaft verfallen, -dann hatte der Mehrwert der Arbeit den Kreislauf vollendet.</p> - -<p>Denn dann war der Staat nicht wieder das Fangnetz der goldenen -Spinne, dann hatten die Arbeiter selber die Macht, dann konnte der -Mehrwert den goldenen Segen ausströmen, weil endlich die Menschheit -vom Kapital, dem faulen Blutsauger des ehrlichen Fleißes, erlöst war.</p> - -<p>Die Botschaft klang anders, als die aus Bethlehem kam: sie wollte den -Himmel auf Erden bringen, statt eine Verheißung über den Wolken zu sein.</p> - -<p>Zwar hatte Jesus milde gelächelt, daß Einer sorgte um Speise und Trank, -um Kleidung und andere Notdurft des Leibes, weil er die ewige Seligkeit -lehrte, die jeder Seele als ihre Heimat gewiß war, wenn sie ihm glaubte.</p> - -<p>Aber der Jude aus Trier sah nur Schliche in der christlichen Botschaft; -alle Lehre der Priester und alle Gläubigkeit galten ihm List der Spinne, -ihre höllische Herrschaft zu halten: sie wollte des irdischen Goldes gewiß -sein, drum gab sie die himmlischen Träume.</p> - -<p>Irdisches Leben hieß auf der Erde beheimatet sein, hieß ihre Früchte als -Segen des Fleißes fröhlich genießen: das sollte der Preis seiner Lehre, das -sollte der greifbare Segen seines neuen Evangeliums werden.</p> - -<p>Die da in Not und Kümmernis lebten, indessen der Reichtum auf -leichten Rädern dahin fuhr, denen ein Tag Sorgenfreiheit ein Märchenland -hieß: sie hörten die Worte wie einmal die Hirten, da sie in kalter Nacht -auf den Feldern die Botschaft der Engel vernahmen.</p> - -<p>Sie sahen die Fahne der Zwietracht flattern vor einer schönen Zukunft; -tausend mal tausend glaubten mit glühenden Augen, daß der mühselig beladenen -Menschheit zum Wohlgefallen endlich Gerechtigkeit käme.</p> - -<h3 id="sec13_5">Darwin</h3> - -<p>In England wurde dem Sozialismus die Fahne gestickt, aus England -kam auch die neue Schöpfungsgeschichte, die Bildung des Bürgers vom -Bibelbuch abzulösen.</p> - -<p>Auf seinem behaglichen Landgut bei London saß Darwin, der Forscher -und Freund der Pflanzen und Tiere, und kannte kein schöneres Glück, als -ihnen das Lebensgeheimnis besonnen und still abzulauschen.</p> - -<p>Er hatte auf mancherlei Reisen den rauschenden Reichtum der tropischen<span class="pagenum"><a id="Seite_362">[362]</a></span> -Pflanzen- und Tierwelt gesehen; aber wie bei den Menschen Blutsverwandtschaft -war unter Brüdern und hinaus lief in Sippen und Völker, -so sah er die Unzahl der Arten verbunden.</p> - -<p>Tastenden Schrittes suchte er Strecken des Lebens zu finden; und immer -gewisser wurde dem still besonnenen Mann, daß all der rauschende -Reichtum des Lebens aus wenigen Urformen stammte.</p> - -<p>Tausendmal älter als alle Berichte wirkte das tiefe Geheimnis der -Artenentwicklung; was sich das einzelne Leben im Kampf ums Dasein -mühsam erwarb, wurde vererbtes Vorrecht der Art; Jahrtausende waren -darin wie eine Stunde.</p> - -<p>So war die Schöpfungsgeschichte der Bibel ein Märchen der Juden, -einfältig und sinnvoll gebildet; das Sechstagewerk Gottes war nur die -Tür frommer Betrachtung, dahinter die Wege der Pflanzen- und Tier- -und Menschennatur in uralte Vergangenheit wiesen.</p> - -<p>Darwin, der Forscher und Freund der Pflanzen und Tiere, hatte nur -klarer erkannt und feiner verfolgt, was andere Geister vor ihm ahnten und -fanden; als aber der übersehbare Weg seiner Lehre in die Unendlichkeit -führte, erschraken die Frommen.</p> - -<p>Denn nun wurde offenbar, daß die jüdische Bibel auch nur ein Menschenwerk -war und also ein Stückwerk: auf ihren Buchstaben war der evangelische -Glaube verpflichtet; wenn aber der Buchstabe des alten Testaments -falsch war, wurde dem Glauben die starke Gewißheit des neuen genommen.</p> - -<p>Eine Wehklage kam aus den gläubigen Herzen, Wutgeschrei der Zeloten -rief Zeter und Zorn über den Forscher; der seiner eigenen Frommheit -nur eine neue Gewißheit gewann, staunend der göttlichen Tiefe im Wunder -des Lebens, wurde als gottlos verdammt von den Priestern.</p> - -<p>So mußte der still besonnene Mann seiner Zeit wider Willen das Feldgeschrei -leihen: der Menschengeist wollte sich selber genug sein als Herrscher -der Erde; hier fand er die Lehre, den Kirchengott abzusetzen.</p> - -<p>Alles Jenseits war solcher Lehre verdächtig; menschliche Not und kirchlicher -Wahn hatten die Götter und danach den Gott der Priester geschaffen, -der für den Überschwall der neuen Erkenntnis und Forschung ein Hirngespinst -war.</p> - -<p>Mit Himmel und Hölle habe der Priester – so hieß es – die Menschheit -in Furcht und Hoffnung gehalten, nun sei das alte Täuscherspiel aus; -der Erde allein sollten die Taten gehören; der Tod sollte ein tapferes Ende -des einzelnen Lebens, kein Tor für eine vermessene Ewigkeit sein.</p> - -<p>Unendliche Zeugung habe ihr Ziel im Menschen gefunden; kein Sechstagewerk -eines fragwürdigen Gottes, sondern die Artenvermehrung durch<span class="pagenum"><a id="Seite_363">[363]</a></span> -Zuchtwahl habe aus Urzellen endlich den Menschen gemacht, der so in -Wahrheit die Krone der Schöpfung vorstellte, wie er sich rühmte.</p> - -<h3 id="sec13_6">Der Trompeter von Säckingen</h3> - -<p>Indessen, durch solches Wissen mündig gemacht, der Menschengeist in -der Natur die Mutter des Lebens erkannte, ging in verschlissenen Kleidern -noch immer Romantik spazieren.</p> - -<p>Als die Geschichte Gottes im Menschen war ihm die Vergangenheit -tot, Schicksal und Schuld waren im Schoß der Natur für immer begraben; -den Bilderbogen der Menschheit in seinem Geist zu bemalen, waren -Poeten- und Malerhände geschäftig.</p> - -<p>Einen Messias zu singen, hatte die deutsche Dichtung begonnen, der -eiserne Götz und die Räuber, Nathan der Weise und Minna von Barnhelm, -Don Carlos und Tasso, Iphigenie und Penthesilea, Wallenstein und -der Prinz von Homburg waren mit herrlichen Schritten über die Bühne -gegangen, Faust hatte mit Himmel und Hölle gerungen: nun kam der -Trompeter von Säckingen her, sein blechernes Stück in die Herzen zu blasen.</p> - -<p>Hölty und Hölderlin waren vergessen, Stifter und Mörike kaum gekannt, -Hebbel und Kleist gingen der Bildung als Schreckgespenst um: dem -Trompeterdichter flog ihr Herz zu wie die Braut dem Geliebten.</p> - -<p>Allzulang war die Dichtung auf Stelzen gegangen, große Gedanken -und hohe Gefühle hatten dem Bürger den Eingang verwehrt: nun lehrte -ein Kater die Lieder der Bildung zu singen, und ein Trompeter, die Leiden -der schmachtenden Liebe zu seufzen.</p> - -<p>Auch Maiengrün gab es für süße Gefühle, für den Durst einen köstlichen -Tropfen, für den Trompeter eine holde Maid zu erringen; und wenn -das Lied aus war, das die deutsche Bildung entzückte, hatten sich Maid -und Maiengrün, Trompeter und Tropfen glücklich gefunden, und jedermann -konnte sich träumen, daß ihm ein gleiches Glück blühte.</p> - -<p>Zwar in der Wirklichkeit standen die Dinge nicht mehr so rosig vergoldet, -und Nüchternheit nahm der Bildung das dürre Maiengrün aus den -Händen; desto emsiger mußten die neuen Poeten von der Vergangenheit -ihre bunten Bilderbogen abziehen.</p> - -<h3 id="sec13_7">Unserer Väter Werke</h3> - -<p>Als der siegreiche König von Preußen aus Frankreich die Kaiserkrone -heimbrachte, als wieder ein Kanzler im Reich und das Reich eine Macht -war, weckten die Rufer den schlafenden Kaiser im Kyffhäuserberg.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_364">[364]</a></span></p> - -<p>Die neue Herrlichkeit mußte der alten die Hand reichen, wollte sie mehr -sein als dreistes Glück, wollte sie Schicksal und aus den Tiefen der deutschen -Vergangenheit Erfüllung bedeuten.</p> - -<p>Unserer Väter Werke! stand über dem Tor der Halle, darin begeisterte -Männer aus München der staunenden Zeit ein stolzes Schaubild deutscher -Vergangenheit gaben.</p> - -<p>Die Zeit, da Dürer in Nürnberg Meister der Malerzunft war, da -Hans Sachs auf der Diele des Hauses als freundlicher Greis saß, da -Peter Vischer die festen Erzgüsse machte, da die Rathäuser wuchsen und -in den Stuben der Bürger reiches Kunstgerät war, wurde in köstlichen -Kammern vor der Gegenwart ausgebreitet.</p> - -<p>Da sah sie, was einmal deutsche Bürgerschaft war, wie sie wohnte und -ihr Gerät schmuckreich und edel gefügt aus einem Handwerk bekam, das -noch ein Meisterstück kannte.</p> - -<p>Es sollte nur eine kurze Schau sein, nur ein Blick in das herrlichste Buch -der deutschen Geschichte, ein Vorbild und eine Predigt, desgleichen zu tun.</p> - -<p>Aber die Schau konnte den Geist nicht wecken, der solche Dinge brauchte -und schuf; sie zeigte der Gegenwart nur sein schönes Gewand; und die -Gegenwart eilte sich sehr, es zu tragen.</p> - -<p>Überall wurden dem alten Handwerk Museen gebaut, überall wollte -die Gegenwart mit der Vergangenheit prahlen, überall mußte der neue -Reichtum in alten Prunkkammern wohnen.</p> - -<p>Weil aber die Kunst kein Leihgewand hat, weil sie das Kleid ihrer Zeit -nicht anders sein kann, als Blätter und Blüten an einem Baum wachsen, -seine Krone in eigene Anmut zu hüllen: wurde, was Leben sein wollte, nur -ein Theater.</p> - -<p>Als ob die Gegenwart keine Wirklichkeit wäre, Schönes zu wachsen, -hing sich der Deutsche die Prunkmäntel vergangener Herrlichkeit um, -seufzend, daß seine Zeit der eigenen Schönheit entbehre.</p> - -<h3 id="sec13_8">Bayreuth</h3> - -<p>Einer aber ging durch die Gegenwart hin, mit seinem Taktstock der Zeit -einen neuen Pulsschlag zu bringen.</p> - -<p>Als die Deutschen nach Frankreich marschierten, war er schon grau; in -Triebschen am See von Luzern saß er landfremd und verlästert: aber die -Lohe brannte um seinen Garten, und die sein Angesicht sahen, erkannten -den Dämon darin.</p> - -<p>Wie Klingsor der Zauberer war er gekommen, den Singsang braver<span class="pagenum"><a id="Seite_365">[365]</a></span> -Musikmeister mit höllischen Künsten zu stören; und als einen Dämon des -Königs hatte die Hetze den herrischen Mann aus München vertrieben.</p> - -<p>Denn anders als sonst ein Fürst war Ludwig der Zweite von Bayern; -ihn hatte der Zauber berührt, der um den romantischen Kaiser der Sage -im Kyffhäuserberg war: König sein hieß ihm der Schönheit gehören, die -über der Täglichkeit kalter Geschäfte und lauer Genüsse mit goldenen Fäden -am Himmelreich hing.</p> - -<p>Schlafwandelnd ließ er die Dinge des Tages geschehen; wo aber ein -Mensch aus der Ewigkeit kam, säumte er nicht, mit Fackeln zu leuchten, -daß er zur Nacht den Weg in sein Königsschloß fände und seinen Thronsaal -der Träume.</p> - -<p>Richard Wagner den Zauberer hatte der eigene Dämon zum Flüchtling -gemacht; hingerissene Liebe, Verzückung, Unverstand, Bosheit und -Not waren um seinen Lebensweg, bis er im Thronsaal der Träume den -Schlafwandler fand.</p> - -<p>Der hieß den Kahn bringen, der aus Ebenholz war, und der Bug war -von Silber, das Licht ein Rubin, durch blassen Opal wie rinnendes Blut -bleich leuchtend auf purpurne Kissen.</p> - -<p>So fuhr er hinaus in die Nacht, dem Zauberer und seinen Tönen zu -lauschen, die aus der ewigen Melodie des Wassers im Wind, aus der ewigen -Unrast der Menschenbrust, aus Werden, Sein und Vergehen der ewigen -Wiedergeburt kamen.</p> - -<p>Wenn Tristan den Liebestrank nahm von Isolde, wenn er den König -verriet und den Verrat büßte mit seinem Leben, um dennoch der tödlichen -Liebe selig zu sein: dann konnten nicht Lieder und Arien singen, dann mußte -Musik der ewigen Waltung ertönen, ewige Unrast, ewige Sehnsucht, niemals -Erfüllung, nur selig gefühltes Erfülltsein.</p> - -<p>Ludwig der König horchte den Tönen, als ob es der Weltgruß wäre für -seine schlafwandelnde Seele; aber die Münchener haßten den landfremden -Zauberer, und wie sie die Tänzerin Lola austrieben, so taten sie ihm.</p> - -<p>Sechs Jahre lang saß er in Triebschen, noch einmal ein Flüchtling, aber -sein Zauber hielt den König im Bann aus der Ferne; als das deutsche -Kaisertum aufstand, als wieder ein Reich und Raum war für große Dinge, -rief der König Richard Wagner zurück, sie zu gestalten.</p> - -<p>Einmal war Baukunst die Mutter der Künste gewesen, nun wollte -Musik, ihre Schwester, den Zauberdom bauen; alle Künste sollten ihr dienen, -daß der Menschengeist endlich von seiner Zerspaltung genese: in Bayreuth -sollte die Gralsburg sein, der Welt zur Erlösung.</p> - -<p>Als im Festspielhaus zu Bayreuth die ersten Töne erklangen, als der<span class="pagenum"><a id="Seite_366">[366]</a></span> -greise Kaiser neben dem romantischen König saß, den Zauber zu hören, als -die Bühnen in Deutschland dem Bann von Bayreuth verfielen, als die -Nibelungen allerorten ihr Getön und Gepränge begannen: da schien ein -anderer Zauber gelungen, als den der Trompeter weckte.</p> - -<p>Der Bürger mußte sich wieder der Größe beugen; der Bann von Bayreuth -zwang die Herzen nicht weniger hin als der eiserne Bismarck die -Hände.</p> - -<p>Der Dämon des Königs von Preußen hatte das Reich durch Eisen und -Blut wieder errichtet; der Dämon des Königs von Bayern machte das Tor -zur alten Herrlichkeit auf: was starke Hände ergriffen, sollten die Herzen -als Heiligtum halten.</p> - -<p>Aber das Heiligtum war ein Theater geworden; wie einmal die Glocken -des Münsters die Heiligen riefen, so taten nun seine Posaunen; daß sie die -letzte Verwandlung vermochten, mußte die Heilsmusik der Erlösung im -Parzival tönen.</p> - -<p>So war der Zauber von Bayreuth vollendet; aus aller Welt kam die -Gläubigkeit her, ihm zu lauschen: der Priestergott hatte die letzte Verwandlung -begonnen, das Mirakel der Messe war auf die Bühne gestiegen, das -Kreuz von Golgatha stand auf dem Dach des Theaters.</p> - -<h3 id="sec13_9">Bruckner</h3> - -<p>Indessen der Weihrauch in Bayreuth um solche Zauberei dampfte, -indessen Tannhäuser und Wolfram, Elsa und Lohengrin, Siegfried, Walküren -und Rheintöchter das deutsche Theater erfüllten, saß der Hofkapellorganist -Anton Bruckner in Wien und spielte die Orgel, wie weiland -Johann Sebastian Bach.</p> - -<p>Wie jener als Protestant war er katholischen Glaubens ein demütiger -Diener der Kirche, obwohl er Gewalt hatte über die Bässe und Flöten der -Orgel, über die Geigen und Hörner im ganzen Reich der Musik.</p> - -<p>Ihm war kein Dämon gegeben, die Großen der Welt zu betören, kein -Königsschloß stand in der Nacht, ihm mit Fackeln zu leuchten; wohl aber -kamen die Gaffer von Wien, den seltsamen Kauz zu bestaunen, der ihnen -den Dank, wenn sie klatschten, mit dem roten Taschentuch winkte.</p> - -<p>Sein Taschentuch machte sie lustig, er aber nahm ihren Pöbellärm dankbar -als Ehrung für seine Kunst hin; und wenn die Kinder der Gasse den närrischen -Mann neckten, stand er gerührt vor dem Ruhm in der Liebe der Kleinen.</p> - -<p>So war er im Leben ein wahrer Knecht Gottes; einfältig und ohne -Groll nahm er sein Los hin, als Narr vor den Menschen zu gelten, die seine<span class="pagenum"><a id="Seite_367">[367]</a></span> -Hände zu küssen versäumten, weil sie die karge Knechtsgestalt sahen, aber -den blühenden Geist Gottes in seiner Musik nicht erkannten.</p> - -<p>Er war ein Österreicher Kind und ein gläubiger Sohn der katholischen -Kirche; wie Johann Sebastian Bach brauchte er nicht mit Himmel und -Hölle zu ringen, weil ihm der Himmel gewiß war, einmal und hier schon -auf Erden: aber wo jener die Stimmen mit Stärke und Strenge bezwang, -ließ er sie schwelgen im Wohllaut.</p> - -<p>Auch war er ein Hagestolz, und keine elf Söhne füllten sein Haus mit -fröhlichem Lärm wie bei dem Kantor in Leipzig; die Einsamkeit war seine -stille Gefährtin, sie konnte ihm in den Überschwall fallen, daß jeder Stimme -der Atem stockte.</p> - -<p>Dann stand seine stumme Seele vor Gott wie eine Kerze am Hochaltar -steht; aber ein Engel kam aus der Stille und führte ihn an der Hand -heilig hinein in die neue Anbetung der Stimmen, bis wieder ihr brausender -Chor und Wohlklang erschallte.</p> - -<p>Die Menschen konnten die Stille nicht hören, sie spürten auch nicht -den Engel darin, der ihn vor Gottes Thron führte; sie lachten des Organisten, -der selber Musik machen wollte und mit dem roten Taschentuch -winkte; sie blieben vor seiner Einsamkeit stumm, bis er im vierundsiebzigsten -Jahr seines Lebens still aus der Welt ging.</p> - -<p>Als Beethoven starb, an dessen Grab Bruckner oftmals gekniet hatte, -bezeugten ihm Tausende schweigend die Ehrfurcht; als Bruckner sich leise -hinweg stahl, wußten nicht hundert, wer dieser Knecht Gottes war.</p> - -<p>Neun Sinfonien hatte auch er der Menschheit geschrieben, neun Bücher -vom ewigen Leben: Dem lieben Gott! stand auf der letzten, darüber ihm -seine Hände hinsanken.</p> - -<p>Der seiner Einsamkeit Freund und Gefährte, der seiner treuen Knechtsdienste -Herr war, sollte gnädig hinnehmen, was die Menschen nicht mochten.</p> - -<h3 id="sec13_10">Nietzsche</h3> - -<p>Es war ein Professor in Basel, Sohn eines Pfarrers aus Röcken bei -Lützen, Friedrich Nietzsche geheißen; dem war die Einsamkeit nicht von -närrischer Einfalt umgütet wie dem Knecht Gottes in Wien.</p> - -<p>Sein gläserner Geist litt unter dem dreisten Gelichter, sein heller Mund -höhnte, daß ihre Ohren so taub, ihre Herzen so leer, ihre Gefühle so unrein, -ihre Gedanken so lendenlahm waren.</p> - -<p>Als er es nicht mehr auszuhalten vermochte unter den Menschen, floh -er hinauf ins Gebirge, in einer helleren Luft einsam zu sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_368">[368]</a></span></p> - -<p>Einmal war Bayreuth dem unerbittlichen Frager noch eine Hoffnung -gewesen, aber sein herrischer Jasagegeist konnte nicht knien am Kreuz der -Verneinung; als der Zauberer seinen Parzival schrieb, hieß er ihn einen -Verleugner und Täuscher.</p> - -<p>Ein deutscher Christ galt ihm ein zwiefach verzwickter Knecht der Vergangenheit; -er aber wollte der Zukunft den hellen Geist zeugen, er wollte -der Wahrheit die Wohnung der Stärke bauen, er wollte getrost der Antichrist -heißen.</p> - -<p>Denn das Christentum galt ihm die Feindschaft der Kranken und Verderbten; -Knechtstugenden hieß er Mitleid und Demut und Bängnis um -Strafe und Lohn.</p> - -<p>Herrenmoral war anders gerüstet: sie kannte den Hochmut, den Haß -und die Liebe des Blutes, den tapferen Tod vor dem Feind; sie brauchte -kein Jenseits für ihre Gewißheit der Dinge, sie war mit Sinnen und Sinn -Jasager zum irdischen Leben.</p> - -<p>So waren die Griechen gläubige Kinder der Erde gewesen, so hatten die -Römer das Reich der männlichen Stärke gebaut, bis ihm der tückische -Kreuzgott im Aufruhr der Sklaven und Christen den Untergang brachte.</p> - -<p>Nun galt es dem Menschengeist, die Schmach auszulöschen, wieder wie -einst die Dinge als groß und gering, rar und gemein, biegsam und brüchig, -gesund und krank zu werten, wieder der frohe Herr seiner selber statt der -Knecht düsterer Mächte zu sein.</p> - -<p>Hündisch hieß er, für einen Himmelsgott gut oder böse zu gelten, herrlich, -um seiner selbst willen den Bogen der Stärke zu spannen.</p> - -<p>Helläugig, schnellfüßig und hochgemut mußte der Geist im Abendland -werden, sollte ihm wieder die Erde gehören; kein gekreuzigter Gott, keine -olympischen Götter: der Mensch allein sollte das Ziel seiner Tat und Sinndeutung -stellen.</p> - -<p>Als so der Professor aus Basel den Übermenschen lehrte, war ihm das -Land der neblichten Wälder und kalten Meerküsten unheimlich und fremd -geworden, wie einem Zugvogel sein Nestland fremd wird: im sonnigen Süden, -am kaltklaren See von Silvaplana ging er die steilen Wege seiner -Gedanken.</p> - -<p>Da fand er sein Spiegelbild und hieß es den Zarathustra; aber er nahm -von dem persischen Weisen nur das Gewand und den Namen, den Menschen -sein kühnes Schalksspiel zu bringen; denn nun war er der Einsamkeit -satt, wie eine Biene vom Honig schwer ist.</p> - -<p>Er sandte ihn aus mit Reden und Sprüchen, Liedern und allerlei Sinnbild -und Schicksal, den Übermenschen zu lehren; was der Affe dem Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_369">[369]</a></span> -war, das sollte der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter -und eine schmerzliche Scham.</p> - -<p>Er selber wollte bei seinem Werk bleiben, der Moral eine neue Münze -zu prägen, die jegliches Ding in der eigenen Geltung bezahlte; denn steiler -als je ging der Weg seiner Gedanken, und über ihm schwebte sein heiliger -Geist, den er die ewige Wiederkehr nannte.</p> - -<p>Aber das Schicksal zerbrach ihm die Antwort, als er die Schärfe der -letzten Fragen ansetzte: höher als je eine Kühnheit war seine gestiegen, da -riß ihn die Tobsucht hinunter in ihre greulichen Tiefen.</p> - -<p>In Weimar, wo Goethe die Grenzen des Daseins sorgfältig umging, -wo jeder Weg seine Spur zeigte und jeder Wind sein Wort wehte, verdämmerte -langsam der kühnste Geist, den das Abendland zeugte.</p> - -<h3 id="sec13_11">Die dritte Zwietracht</h3> - -<p>Als Friedrich Nietzsche erloschenen Auges ins Abendrot starrte, wie einmal -der Spötter in Sanssouci saß, aber der Spott war von ihm genommen; -als der gläserne Geist taub war und keinen Mittag mehr schimmerte: -machte sein Spiegelbild Glück bei der Jugend.</p> - -<p>Der Dichter hatte dem Denker steiler Gedanken das Spiegelbild listig -verkleidet, daß die bunten Gewänder vielerlei Augen anlockten, daß um die -Sprüche des Zarathustra heißes Gedränge, daß seine Schalksspielbude begehrt -im Jahrmarkt der Gegenwart war.</p> - -<p>Wohl fraß die Gegenwart sich an der Vergangenheit satt, und der -Trompeter blies ihr sein blechernes Stück zur Verdauung; aber der Trotz -mißratener Söhne sah das Reich seiner Väter auf Bürgertugend gebaut, -die er haßte.</p> - -<p>Durch Eisen und Blut waren die Dinge geschehen, nun saß der Bürger -zu Tisch, sie zu genießen; emsige Sorge um kleines Behagen, redlicher -Fleiß um Wohlergehn, gehorsame Erfüllung der Staatsbürgerpflichten -hielten sein Hausväterdasein behütet, darüber der Gott seiner Kirche auch -nur ein Hausvater war.</p> - -<p>Tapfere Dinge waren getan, und Starkes war durch die eiserne Hand -des Kanzlers vollendet: aber das rasche Wunder konnte nichts Großes entzücken, -weil es dem Bürger nur fremde Erfüllung, nur der prahlende Schein -einer großen Zeit, kein Ende und Anbeginn war.</p> - -<p>Die alte Zwietracht ging um als blasses Gespenst, und die neue war -erst eine Fahne; zwischen den Zwietrachten stand die Zeit still, Feierabend -war mit faltigen Schürzen und vollen Fässern; auch daß der Forscher die<span class="pagenum"><a id="Seite_370">[370]</a></span> -Bibel Gott aus der Hand nahm, konnte den Feierabend nicht stören, weil -der Bibelgott selber ein blasses Gespenst war.</p> - -<p>So konnte auch Zarathustra die Zeit nicht wecken; kein Zorn war um -seine Schmähung, kein Glaube um sein Glück, keine Verzückung um seine -fressende Flamme.</p> - -<p>Nur der Trotz mißratener Söhne, das Racheglück kindlicher Hasser, -das Traumgesicht eifriger Dichter nahm das Schalkspiel des Zarathustra -hin als ein neues Vergnügen; nur wenigen brannte der Dornbusch seiner -Verheißung.</p> - -<p>Nur wenige sahen, daß hier eine tollkühne Hand die Tafel der Tugend -zerschlug, daß über der falschen Eintracht der Zeit die dritte Zwietracht -aufstand, die Schuld der genügsamen Väter zu rächen.</p> - -<p>Noch war ihr Herz nicht bereit für das wilde Ereignis; aber sie ahnten -den Blitz, dessen Wetterleuchten sie sahen, weil ihre Jugend darin war.</p> - -<p>Als die Verneinung der Väter war die Vergangenheit über den Drang -des jungen Blutes gelegt; wo ein Wunsch war, stand eine Sünde; und wo -eine Erfahrung lehrte, wurde ein Wille gebrochen.</p> - -<p>Das Leichentuch der Entsagung war über die Wünsche gebreitet; Leidenschaft, -Lust, Liebe und Haß, Tapferkeit, Hochmut, Stolz und Verachtung: -alles, was in den Herzen der Knaben als kommende Mannheit -Macht werden wollte, war in den Wurzeln zerschnitten.</p> - -<p>Noch war die dritte Zwietracht ein Schalkspiel im Jahrmarkt, davor -die Jugend sich drängte, über das Alter zu lachen; einmal sollte die Lehre -des Zarathustra das neue Evangelium sein, im Namen der Jugend die -Mannheit ehrlich zu sprechen.</p> - -<h3 id="sec13_12">Gottfried Keller</h3> - -<p>Zur selben Zeit, da den Verkünder des Zarathustra die grausame Krankheit -zerstörte, siechte in Zürich Gottfried Keller dahin, der kein Verkünder, -kein Fragesteller des Übermenschen, nur ein Mensch, und gar ein Bürger, -dennoch ein Jasager war.</p> - -<p>Staatsschreiber in Zürich hieß er in Ehren, als Bismarck das neue -Reich machte; aber er hatte die alte Zeit lieber gehabt als die neue, weil er -ein Eidgenoß, kein Fürstenfreund war.</p> - -<p>Die Paulskirche blieb ihm ein hohes Gedächtnis, und manche Männer -von damals hießen ihm Freund; ihr Deutschland war seine Schule gewesen, -dem Maler zuerst und danach dem Dichter, und dieser Schule dankte er gern.</p> - -<p>Denn der ein deutscher Sprachmeister wurde, hatte ein anderes Handwerk<span class="pagenum"><a id="Seite_371">[371]</a></span> -zu lernen getrachtet, und mancherlei Lüfte waren dem Schweizer in -München, Heidelberg und Berlin durch die Haare geweht, ehe ihn endlich -die Heimat als ihren Sohn anerkannte.</p> - -<p>Als er Staatsschreiber wurde, sollte das Amt den vielfach gescheiterten -Mann retten, es sollte dem Wandervogel das Nest sein, seine Lieder zu -singen und seine bunten Träume zu spinnen.</p> - -<p>Denn längst hatte der unstete Mann seinen Freunden den Grünen -Heinrich geschrieben, die Beichte der eigenen Jugend, in Goethescher Weise -Wahrheit und Dichtung vermischend; aber ihm war die Jugend noch nah -mit ihrer grünen unübersehbaren Wildnis.</p> - -<p>Auch waren der grünen Wildnis des Malergesellen aus Zürich andere -Bäume und Blumen gewachsen als dem Frankfurter Ratsherrenkind: der -Maler hatte die Augen gegeben, die unübersehbare Fülle bildhaft zu fangen, -der Poet hatte die Gläser mit vielerlei Farben gestellt, die grüne Wildnis -nach Knabenart blau und rot und gelb zu betrachten.</p> - -<p>Nirgend marschierte das Schicksal mit lauten Kanonen; aber ein leises -Gefüge von Schuld und Verpflichtung, Täuschung und Mißgeschick verschob -dem Knaben und Jüngling die grünen Kulissen, bis der Malergesell -aus der unübersehbaren Wildnis keinen Ausweg mehr fand.</p> - -<p>So war die Jugend des Malergesellen; aber der Dichter hatte dem -Mann das Lebenstor breit aufgemacht, daß die Landschaft dalag in der -Fülle gerundeter Bilder.</p> - -<p>Die Leute von Seldwyla hieß er den Band seiner Geschichten, die alle -mit Worten gemalt, mit Farben gedichtet, alle homerisch gebildet, aber von -einem Schalk ins Wasser getaucht waren, sodaß ihre blinkende Nässe im -Sonnenschein wehmütig fast und geneigt, sich zu schämen, und dennoch im -Frohgefühl ihres Daseins leise durchlächert dastand.</p> - -<p>Klopstock hatte von Ossian her nach deutschem Wesen getrachtet, Lessing -hatte der welschen Manier das deutsche Wort abgerungen, Goethe -und Schiller waren tief in den Jungbrunnen der Griechen getaucht, die -Romantiker hatten sich in den Traum vergangener Größe geflüchtet, Kleist -und Hebbel hatten die Kleider der Weltflucht vom Leibe gerissen: nun kam -ein Poet aus der Schweiz und vermochte, was keinem gelang, aus deutscher -Seele allein die Fülle lebendig zu machen.</p> - -<p>Aber die Deutschen saßen zu sehr in der Not ihrer schimpflichen Jahre, -so frohe und freie Entfaltung der eigenen Wesenheit zu erkennen; vermögende -Freunde daheim bauten dem Dichter das Nest.</p> - -<p>Fünfzehn Jahre lang mußte der Schalk von Seldwyla Staatsschreiber -heißen, fünfzehn Jahre lang auf der Höhe seines Lebens der<span class="pagenum"><a id="Seite_372">[372]</a></span> -Bürgerschaft dienen, nicht wie Goethe regierend, nur eine Schreibfeder -der Großen.</p> - -<p>Aber wie jener tat er den Dienst treu und beharrlich; der Dichter goldener -Träume konnte dem Alltag dienen, weil keine blasse Romantik ihn -lebensfremd machte, weil die volle Hinwendung zum Dasein des Bürgers -sein Werk wie sein Wesen erfüllte.</p> - -<p>Als er in Ehren Abschied nahm, war er grau; aber das Leben hielt ihm -die Treue, die er ihm gab in all seinen Stunden: noch sechzehn Jahre lang -konnte der Alt-Staatsschreiber von Zürich das Seine beschließen.</p> - -<p>Da kam die Fülle breit an den Tag: der Schalk von Seldwyla wurde -der Meister der Zürcher Novellen; das Sinngedicht und die Sieben Legenden -legten ihr Gold auf die Waage, bis endlich Martin Salander das -stattliche Bürgerhaus mit seinem Reichtum erfüllte.</p> - -<p>Der Malergesell in München, der dichtende Wandervogel im Reich, -der Freund vieler Männer von Achtundvierzig war wieder der Heimat verwachsen, -der deutsche Dichter war Eidgenoß, der Eidgenoß ein Zürcher -geworden.</p> - -<p>Das neue Reich hatte die Grenzen der Macht karg abgeschnitten; eine -Stimme von draußen war der Meister Gottfried den Deutschen, der die -Stimme des Blutes trotz Einem im Reiche war.</p> - -<h3 id="sec13_13">Wilhelm Raabe</h3> - -<p>Indessen Seldwyla der deutschen Seele ein fröhlicher Sommertag -wurde, aber nur wenige sahen die Türme und Wimpel der seltsamen Stadt, -grub die selbe Seele in Braunschweig den Dachsbau all ihrer verzwickten -Verstecke.</p> - -<p>Der da die Chronik der Sperlingsgasse, den Hungerpastor, den Schüdderump -schrieb und die schier endlose Fracht großer und kleiner Geschichten: -Wilhelm Raabe, der Dichter und Sterndeuter deutscher Vergangenheit, -liebte die Schlupfwinkel mehr und die heimlichen Gänge als den fröhlichen -Tag.</p> - -<p>Auch ihm behagte das neue Reich nicht, obwohl es dem Mann mitten -ins Leben hinein kam, nicht erst im Alter; der neue Glanz war seinen Augen -zu grell, die das alte Lampenlicht liebten, lieber noch in die Dämmerung -sahen oder hinauf in die Sterne.</p> - -<p>Früh seßhaft geworden und seiner norddeutschen Heimat so innig verbunden, -daß er selber ein Stück Norddeutschland war, Kleinstädter von -Neigung und Wesen, gern auf dem Wall die gewohnten Gänge spazierend<span class="pagenum"><a id="Seite_373">[373]</a></span> -und mit der Pfeife beim Glas unter den Stammgästen sitzend: blieb er der -alten Zeit treu, die der neuen nicht nachrennen konnte.</p> - -<p>Der alten Zwietracht als Protestant still zugehörig, der neuen fremd -wie ihren Fabriken, aber der dritten feind, wie eine verschlossene Haustür -den Dieben feind ist, sah er dem Wandel der Welt zu mit schweigender -Wehmut und listigem Lächeln.</p> - -<p>Er wußte genau, sie liefen am Leben vorbei mit ihren Geschäften, mit -ihren Fahnen und Trommeln, mit ihrem Lärm um das Heute, mit ihrem -Streit und Geschrei.</p> - -<p>Denn leben hieß ihm, daß eine Seele sich selber zusah, wie ihr die Dinge -der Erde das Licht und die Luft verstellten, wie irgend ein Zufall sie mitten -ins Schicksal hinein wehte, und wie ihr doch nie ein Neues geschah.</p> - -<p>Denn Licht und Luft und Schicksal waren der Ewigkeit eingestellt wie -eine Herde der Hürde; sie konnten blenden und blasen und blindes Ungestüm -tun: einmal war doch wieder Nacht und Stille und das Glück -der Sterne.</p> - -<p>Auch war die Erde rund und zu klein, ihr zuliebe zu rennen: einer ging -fort nach Osten und kam aus Westen zurück, weil Osten und Westen sich -drüben die Hand reichten.</p> - -<p>Groß und weit allein war die Tiefe der Zeit, war die Tiefe des Raumes; -da konnte die Seele den Geist als Sendboten schicken, da konnte er -seine Kühnheit auskosten bis an die Grenzen des Nichts, das immer von -neuem nur Nichtigkeit war: Nichtigkeit vor den Menschen, aber die Allgegenwart -Gottes lebte darin wie der Ton im Gehäuse der Geige!</p> - -<p>Alles das dachte und sagte der einsame Mann in seinem Dachsbau zu -Braunschweig, und alles das wurde die Fracht seiner großen und kleinen -Geschichten; aber die neue Zeit rannte vorbei an der alten, sie sah den -Sommertag nicht in Seldwyla, sie beachtete nicht sein Gerümpel.</p> - -<h3 id="sec13_14">Die Neuzeit</h3> - -<p>Der guten alten Zeit wuchsen die Türme der neuen Zeit über die Dächer: -alles, was dunkel und dumpf und beschränkt war, wollte sie hell und -gelüftet und grenzenlos machen; denn der Menschengeist hatte die Elemente -gebändigt.</p> - -<p>Dampfzüge brachten auf eisernen Schienen die Güter herbei; die hohen -Hallen der Bahnhöfe standen im Lärm und Rauch der Maschinen; rund -um die Städte wuchsen Fabriken hinaus in die Felder; Kohle und Eisen, -die Schätze der Erde, wurden in Waren und Wohlstand verwandelt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_374">[374]</a></span></p> - -<p>Der Stadtbürger brauchte nicht mehr die Groschen zu zählen, der Taler -rollte, und prahlend wollte die Neuzeit den neuen Reichtum zur Schau -stellen.</p> - -<p>Nicht mehr das krumme Gewinkel der Gassen und nicht mehr die engen -Geschosse altmodischer Häuser sollten die Stadt sein; schnurgerade an breiten -Straßen gerichtet wollten die Bauten der Neuzeit dastehen mit Erkern -und Türmen an schmuckreichen Fassaden.</p> - -<p>Statt dunkler Gewölbe breiteten Schaufenster die bunte Fülle der -Waren aus vor der drängenden Menge, statt rauchiger Trinkstuben prahlten -die Spiegelwände der Bierhallen.</p> - -<p>Überall wurde der Ring der alten Wälle und Schanzen gesprengt; wie -es in Wien und Paris war, wollte der Stadtbürgerstolz allerorts seine -Ringstraßen haben: breite Alleen mit Rasenbeeten und Blumen, mit -Brunnen und Denkmälern reichlich bestanden, sollten dem neuen Bürgerstand -Wohnquartier geben, sollten den fremden Besucher erstaunen.</p> - -<p>Prahlender Wohlstand baute die Straßen und Brücken, Kirchen und -Rathäuser der Neuzeit und sparte nicht mit dem Prunk; aber der Prunk -war mit raschen Händen gerafft wie der Wohlstand.</p> - -<p>Unserer Väter Werke stand an den Toren und Türmen geschrieben; -aber die Väter hatten das ihre mit Würde und weiser Beschränkung getan, -die Enkel zogen den Stil aller Vergangenheit an wie Theatergewänder.</p> - -<p>Romanisch und gotisch, Renaissance und Barock, Rokoko und Empire: -alles konnten sie bauen, als ob die Neuzeit der Maskenball jeder Vergangenheit -wäre.</p> - -<h3 id="sec13_15">Die Vorstadt</h3> - -<p>Springbrunnen sprangen in sauber gezirkelten Beeten, und Denkmäler -standen auf blankem Granit: aber die Schienen der Straßenbahn schnitten -quer über die breite Allee und liefen hinaus in die steinerne Wüste der -Vorstadt.</p> - -<p>Einförmiger wurden die schmalen Fassaden und enger die Straßen, -kleine Geschäfte ahmten den größeren nach mit trüben Schaufenstern und -trugreichen Schildern, schmutziges Pflaster löste den blanken Asphalt ab, -bis endlich der schwarze Kohlenweg kam zwischen verödeten Fenstern.</p> - -<p>Noch ragten die Häuser mit vielen Stockwerken; öde Brandmauern, -mit grellen Schriftzeichen bemalt, rissen die Lücken hinein, wo alte Kiesgruben -waren und verwaschene Schutthalden.</p> - -<p>Da wohnten die Frauen und Kinder all der Fabrikler, die dem prahlenden -Reichtum der Stadt der drohende Untergrund waren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_375">[375]</a></span></p> - -<p>Schmächtige Stiegen und schmale Zimmer, eng ineinander geschachtelt, -ärmliche Höfe, kein Gartengrün, grauer Zement, von Ruß und Regen beronnen, -als Spielplatz der Kinder das Pflaster der Straße: aber vor all der -Dürftigkeit noch das blöde Gesims und Gesockel falscher Fassaden.</p> - -<p>So war die Armut der Vorstadt zu Haus, und die Armut hing am -prahlenden Wohlstand mit dem kärglichen Lohn ihrer Arbeit.</p> - -<p>In grauer Frühe gingen die Haustüren auf, und der eilige Schritt auf -dem Pflaster strebte der Stadt zu, ihren Kaufhäusern, Büros und Fabriken, -wo die Hände der Vorstadt ihr Sechstagewerk taten.</p> - -<p>Wo ein Rad rollte, wo ein Schornstein rauchte, wo ein Licht brannte, -wo eine Maschine ihr blitzschnelles Werk tat in Spindeln und Pressen, wo -gebaut, gehämmert, genietet, gewebt, wo gewogen, gemessen, verladen und -eingepackt wurde: überall waren die Hände der Vorstadt geschäftig, den -Reichtum zu raffen, der in den Straßen und Stuben der neuen Bürgerschaft -prahlte.</p> - -<p>Wie durch ein Sieb sickerte der dünne Wochen- und Tagelohn durch, -indessen der Mehrgewinn das Gold in den Maschen anschwemmte, die -Taschen der Klugen und Harten zu füllen.</p> - -<h3 id="sec13_16">Das Sozialistengesetz</h3> - -<p>Die da in Not und Kümmernis lebten, indessen der Reichtum auf -leichten Rädern dahin fuhr, denen ein Tag Sorgenfreiheit ein Märchenland -hieß: sie trugen die rote Zwietracht im Herzen, wie einmal die Hirten -in kalter Nacht auf dem Feld die Botschaft der Engel vernahmen.</p> - -<p>Sie hießen sich Sozialisten und glaubten mit glühenden Augen, daß -einmal das Reich der Gerechtigkeit käme; ihrem Glauben war Hoffnung, -doch keine Liebe gesellt: Haß hieß der Quell, daraus sie tranken.</p> - -<p>Sie haßten den Reichtum und seine Nutznießer, sie haßten die Prunkstraßen -der Stadt und alle, die darauf spazierten, sie haßten den Bürger, -der seinen Tag lebte, und haßten den Staat, der seinen Wohlstand beschützte.</p> - -<p>Sie haßten die Kirche, weil sie den Armen den Himmel versprach für -die entgangenen Freuden der Erde; sie haßten den Kaiser dazu, weil Thron -und Altar die Stützen der alten Klassengewalt waren.</p> - -<p>Der Kaiser war längst ein Greis, und drei Jahrzehnte waren vergangen, -seitdem er Kartätschenprinz hieß; drei Jahrzehnte hatten sein greises Haupt -ehrwürdig gemacht; wenn seine gebeugte Gestalt im Wagen ausfuhr, -freundlich nickend nach allen Seiten, strömten ihm Liebe und Dank, Ehrfurcht -und Jubel des Volkes zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_376">[376]</a></span></p> - -<p>Aber der Jubel reizte den Haß, und dem Haß sind die Wege zur Hölle -gepflastert: Hödel, der Klempnergeselle, fehlte mit seiner Kugel den König; -Nobiling schoß ihn mit Rehposten nieder wie der Wilderer ein Wild.</p> - -<p>Indessen der schmählich verwundete Greis von seinen Wunden genas, -beschloß der Reichstag das Sozialistengesetz, das um den Abgrund der roten -Zwietracht den bösen Stacheldraht zog.</p> - -<p>Wie einmal den Burschenschaften geschah, geschah nun den Sozialisten: -Verfolgung, Gefängnis und Landesverweisung waren das grausame Los -aller, die sich bekannten.</p> - -<p>Zum andernmal kam dem Geheimrat der Büttel zur Hand, aber der -Wille der Mehrheit, nicht Willkür der Fürsten, gab ihm die Macht, im -Namen des Rechtes Unrecht zu walten.</p> - -<p>Haß löckte wider den Haß: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit -hatte es einmal geheißen, da der Bürger sein Dasein gegen die Junker und -Pfaffen erhob; nun klang der gleiche Ruf gegen ihn, den Feind des Genossen.</p> - -<h3 id="sec13_17">Der Deutsche Soldat</h3> - -<p>Wenn der deutsche Jüngling ein Mann werden wollte, mußte er auf -die Ziehung: so hieß der Volksmund den Tag, da die Jungmänner gemustert -wurden, ob sie zum Heeresdienst taugten.</p> - -<p>Die es traf, weil sie gesunden Leibes und gut bei Sinnen waren, kamen -mit bunten Bändern am Hut nach Haus; und hatten die Kehlen heiser an -den alten Soldatenliedern gesungen.</p> - -<p>Denn Soldat hieß nicht mehr ein Söldner sein, der um Sold in den -Krieg ging; Soldat sein war eine stolze Pflicht, die dem Gesunden zufiel, -und den Rock des Königs zu tragen, war eine Ehre.</p> - -<p>Ob sie mit langen Schritten hinter dem Pflug gegangen waren oder -mit flinken Händen im Laden bedient hatten; ob sie vom Handwerk kamen -oder aus der Fabrik; ob sie sanft oder rauh, in der guten Stube verzärtelt -oder schon von den Hunden der Not gehetzt worden waren: die Kaserne -raffte sie in ihre Kameradschaft.</p> - -<p>Da hießen sie alle Rekruten und lernten den gleichen Schritt aus dem -Vielerlei ihrer Herkunft; da trugen sie alle das Krätzchen auf ihrem geschorenen -Kopf und aßen das gleiche Kommißbrot.</p> - -<p>Statt schmieden und sägen, mauern, schreiben und nähen lernten sie -die Beine werfen im Gleichschritt und die harten Griffe mit dem Gewehr, -lernten sie den Befehl mit dem unbedingten Gehorsam.</p> - -<p>Wenn sie dann in den ersten Urlaub kamen, waren sie in die Uniform<span class="pagenum"><a id="Seite_377">[377]</a></span> -eingewachsen und warfen den Augen der Mädchen die stolzen Blicke zurück; -sie hatten den Schritt des Mannes gelernt, der im Dienst geht.</p> - -<p>Denn zu schmieden und sägen, mauern, schreiben und nähen war längst -aus der ehrbaren Zunft in den Alltag des Lohnes geraten; das Handwerk -hatte nicht nur seinen goldenen Boden, sondern auch seinen Stolz verloren: -es gab dem einzelnen Dasein Unterschlupf; aber Soldat sein raffte den -Einzelnen in die Gemeinschaft.</p> - -<p>Ob sie in Königsberg oder Ingolstadt, in Mainz oder Flensburg zum -Paukenschlag und Hörnerschall durch die klingenden Straßen marschierten -oder gar ritten: überall war die gleiche Parole um sie, der gleiche Schritt -und der gleiche oberste Kriegsherr.</p> - -<p>Zu Hause hatten sie Schwaben und Bayern, Sachsen und Preußen, -Rheinländer und Schleswig-Holsteiner geheißen; aber das Heer war -deutsch, und sein Vaterland hieß das Reich.</p> - -<p>So hing ein Glanz um den Schritt des Soldaten, den der Alltag vermißte; -und wenn die Herbstmanöver den Schritt aus der Garnison hinaus -führten in die Dörfer und verschlafenen Städte der Landschaft, hing sich -dem Glanz die Romantik heißer Marschtage und fröhlicher Einquartierung -an.</p> - -<p>Ein anderer Jungmann als der aus den Händen der Mutter kehrte nach -seinem Dienst in die Herkunft zurück; er hatte erfahren, daß die Heimat -nicht nur das Dorf oder die Stadt seiner Eltern, sondern das Vaterland -war.</p> - -<p>Er war in der Schule des deutschen Volkes gewesen; und wie ihn danach -der Alltag in seine Hände bekam, die Schulzeit konnte er nicht mehr -vergessen: dem gedienten Mann blieb die schönste Lebenszeit jene, da er den -Tornister trug; und noch dem Greis wurden die Augen hell, wenn er von -seinem Hauptmann erzählte.</p> - -<h3 id="sec13_18">Kaiser und Kanzler</h3> - -<p>Siebzehn Jahre lang trug der greise König von Preußen die Kaiserkrone -von Deutschland, wahrhaft geliebt von seinem Volk und geachtet -unter den Völkern.</p> - -<p>Als er im einundneunzigsten Jahr seines Lebens einging zu den Vätern, -war sein Sohn ein todkranker Mann, und jedermann sah, wie der Zeiger -der Zeit auf den Enkelsohn übersprang.</p> - -<p>Noch aber hielt der Kanzler dem Reich die Gewichte; auch er war ein -Greis, und die Jahre der Zwietracht hatten dem Gründer des Reichs<span class="pagenum"><a id="Seite_378">[378]</a></span> -manchen Kampf aufgezwungen, der nicht mehr durch Eisen und Blut zum -ruhmreichen Sieg führte: aber sein Ankergriff war zu fest und das Gewicht -seiner Taten zu schwer, als daß ihm der Streit den Gang seiner Uhr störte.</p> - -<p>Auch der König hatte sich redlich gebeugt vor der Größe; er hieß sein -Herr und war hochmütig genug, es zu bleiben; aber der Diener regierte und -wußte den Hof aus seinen Geschäften zu halten.</p> - -<p>Wenn der Kanzler im Reichstag zum deutschen Volk sprach und die -Parteien ihn hörten, stand ihm der Feind vorn; kein Dolchstoß fand seinen -Rücken, solange sein König ihn deckte.</p> - -<p>Treue um Treue: so sah das Volk die Gestalten, und Hagen von Tronje -hießen ihn manche, die seinen Junkerstolz kannten, als Lenker der deutschen -Geschichte doch nur der oberste Diener des Königs von Preußen zu sein.</p> - -<p>Als aber der König zur letzten Ruhestatt fuhr, waren viel Prinzen und -Fürsten zwischen dem Sarg und seinem gewaltigen Leibwächter; und als -der todkranke Sohn sein König und Herr war, trug eine Prinzessin von -England die Krone, die, Preußen und Deutschland gleich fremd, dennoch -dem Kanzler den Gang seiner Uhr störte.</p> - -<p>Ein kurzes Wetterspiel zuckte: Kanzler und Kaiserin standen im Blitzlicht; -aber am neunundneunzigsten Tag seiner Regierung lag Friedrich der -Dritte als Leiche in Potsdam, und Wilhelm der Zweite, der Enkel, war -Kaiser von Deutschland.</p> - -<p>Zu jung für sein Volk, zu alt für den Kanzler, nahm er das Zepter der -Macht; im goldblauen Himmel hatte der Abendstern Wilhelm des Siegreichen -stark und tröstlich gestanden: als er gesunken war, gerannen die Lüfte -in dichtem Dämmergewölk, indessen das kurze Gewitter hinter den Bergen -vergrollte.</p> - -<h3 id="sec13_19">Der Alte im Sachsenwald</h3> - -<p>Der Zeiger der Uhr hatte den Sohn übersprungen; dem Enkel zu dienen, -wurde dem eisernen Kanzler als Schicksal ins Alter gelegt.</p> - -<p>Er hatte das Reich als Bund der Fürsten gegründet, denen der König -von Preußen wohl Kaiser, aber nicht Lehnsherr war.</p> - -<p>So führte der Kanzler im Namen des Kaisers die deutschen Geschäfte -und stand dem Bundesrat vor, darin die Minister der Fürsten nach ihrer -Stärke abstimmten; aber er blieb der Minister des Königs von Preußen.</p> - -<p>Seinen gnädigen Herrn mußte der mächtigste Mann im Reich den -Enkelsohn heißen; aber nun war keine Weisheit und Würde mehr da, nach -seinem Rat zu befehlen: Wilhelm der Zweite wollte sein eigener Ratgeber -heißen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_379">[379]</a></span></p> - -<p>Friedrich den Großen hieß er sein Vorbild; aber er war dem Spötter von -Sanssouci fremd, wie der prahlende Schein der schlichten Größe fremd ist.</p> - -<p>Alles, was jemals groß war, wollte er scheinen: fromm und von Gottes -Gnaden geführt, tapfer und treu, weise und wahr, unermüdlich, gerecht und -allen Dingen durch eigenes Urteil gerüstet! Alles wollte er scheinen, weil er -ein Spiegel und Widerschein war.</p> - -<p>Zwei Jahre lang ließ sich das ungleiche Kräftespiel halten, zwei Jahre -lang diente der eiserne Kanzler dem Irrlicht als seinem gnädigen Herrn, -dann brach die Gnade in Stücke: der Minister hatte dem König von Preußen -getrotzt, der Minister wurde entlassen.</p> - -<p>Weltwende war, als solches geschah, und das deutsche Reich bebte; aber -das Volk war gewöhnt, blind zu gehorchen; auch war den Parteien der -schwarzen und roten Zwietracht der Kanzler verhaßt, ihr Siegerglück sah -den Eckpfeiler der Preußenwacht wanken.</p> - -<p>Drei Rosen legte der Kanzler dem alten Kaiser aufs Grab, dann fuhr -er hinaus in den Sachsenwald, den ihm vordem sein König aus Dankbarkeit -schenkte, und der seinem Alter der niemals begehrte Ruhesitz wurde.</p> - -<p>Er hatte das Seine getan, wie nur ein Großer das Seine vollendet; er -hatte das Reich nach seinem Willen und Wesen gebaut, aber sein Werk -war kein Tempel und Sinnbild, auf heiliger Höhe zu stehen; sein Werk war -ein Haus und das deutsche Volk sollte drin wohnen.</p> - -<p>Er durfte nicht Haushalter bleiben; sorgend sah er zurück, ob alles nach -seinem Willen geschähe, und zornig, daß allzuviel anders geschah.</p> - -<p>Zwietracht und Haß hatten den Abschied des Starken begleitet; seit er -im Sachsenwald war, sank die Vergessenheit über die Tage, da er im Streit -der Parteien selber den streitbarsten Mann stellte.</p> - -<p>Gleich den Helden der Sage wuchs seine Gestalt grimmig zur Größe, -bis er im Helldunkel seines Waldes selber ein Sagenbild wurde.</p> - -<p>Der Alte im Sachsenwald war nicht mehr der Graf von Gastein und -nicht mehr der Fürst von Versailles, nicht mehr der Kanzler und Kürassier -am Bundesratstisch: er war ein Wanderer im Wald mit schwarzem Mantel -und Hut.</p> - -<p>Zwei Doggen umsprangen den großen Schritt, und wen seine buschigen -Augen erblickten, den sprangen sie an; denn niemand durfte in seinen Wald -kommen, den er nicht rief.</p> - -<p>Der Spötter von Sanssouci starrte ins Abendrot, der Alte im Sachsenwald -ging unter uralten Bäumen und hörte dem Wind zu: Heimdall, der -Wächter am Welteschenbaum, machte die Runde, indessen Wodan unruhig -wehenden Atems im Sachsenwald schlief.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_380">[380]</a></span></p> - -<h3 id="sec13_20">Der deutsche Welthandel</h3> - -<p>Der Reutlinger Schwabe hatte die deutsche Zukunft verkündigt: Kohle -und Eisen waren die Herren der Wohlfahrt geworden, die Eisenbahn war -ihr gehorsamer Diener.</p> - -<p>Wo einmal die Straßen der alten Zeit mühselig ihre Räderspur suchten, -legten die blanken Schienen ihr Netz über Berge und Täler; gleich Spinnen -saßen die Städte darin, sich satt an den Gütern zu fressen; wo eine Kreuzung -der Eisenbahn war, wuchsen Fabriken.</p> - -<p>Karg war das Land der neblichten Wälder, und seine Felder konnten -das deutsche Volk nicht ernähren; harte Arbeit und billige Löhne schufen -die Waren, wohlfeil zu tauschen, wo in der Welt ein Überfluß war: die -reichen Kornkammern im Osten und über dem Wasser machte der deutsche -Welthandel auf.</p> - -<p>So fingen die Röhren des Wohlstandes an, dünne Strahlen zu fließen; -aber sie flossen an vielerlei Orten, und als das Jahrhundert zu Ende ging, -das so reich im Geist wie arm im Beutel begann, hatte sich Reichtum in -manchem Beutel gesammelt.</p> - -<p>Der Beutel blieb in der Stadt, die Bauernschaft sah nur den goldenen -Schein; sie mußte dem Bürger den Reichtum mit Mühsal und Sorge bezahlen; -denn billiges Brot hielt billigen Lohn, und ihr Brot war zu teuer.</p> - -<p>Einmal hatten die Kätner das Heim ihrer Armut verkauft, über dem -Wasser ein besseres Dasein zu suchen; nun lockte die Stadt, Fabrikler zu -werden; einer unheimlichen Krankheit verfallen, schwollen die Vorstädte -an, indessen die Dörfer dünn wurden an Menschen und Händen.</p> - -<p>Aus einem Bauernland machten Not und Gewinnsucht ein Fabrikland; -aber mit jedem rauchenden Schornstein, mit jedem sausenden -Schwungrad wurde das Dasein der Deutschen der Fremde verpflichtet.</p> - -<p>Wo irgend ein Markt in der Welt war, mußten die Händler deutsche -Ware feilhalten; wo irgend ein Angebot lockte, mußten sie lauern und listen, -und wo die Haustür geschlossen war, mußten sie Schlupflöcher suchen.</p> - -<p>Nicht lange, so kamen die Schiffe gefahren – schwarzweißrot wehte die -Flagge – Waren zu bringen und Güter zu holen; und wo sie den Weg zum -erstenmal fanden, blieben sie nicht mehr aus.</p> - -<p>So mußte der deutsche Kaufmann der Störenfried werden; denn die -Welt war verteilt, wohin er auch kam, und überall sah das alte Geschäft -scheel auf das neue.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_381">[381]</a></span></p> - -<h3 id="sec13_21">Die deutsche Flotte</h3> - -<p>Einmal hatte die Hansa die Meere befahren, und die Kaufleute des -Kaisers waren die Herren des Handels gewesen; so weit die kalte Meerküste -reichte, galt keine Macht über der ihren: Fürsten und Könige mußten -sich beugen vor ihrer gewaltigen Flotte.</p> - -<p>Aber die großen Seewege befuhr die Hansa nicht mehr; Spanien, Holland -und England wurden die neuen Seemächte, indessen über das Reich -der große Krieg kam.</p> - -<p>Der letzte Hansetag war in den Tagen Turennes: Hamburg, Bremen -und Lübeck, Danzig, Braunschweig und Köln saßen noch einmal zusammen -im Schatten vergangener Macht, aber ihr Mut war für immer verdrossen.</p> - -<p>Was die Städte nicht mehr vermochten, gedachte der große Kurfürst -zu tun; er hatte als Prinz in Holland den Nutzen der Schiffahrt gesehen -und ließ seine Flotte das Weltmeer befahren: an der Goldküste Afrikas -wehte der rote Adler im weißen Grund über der Festung, die sich der Kriegsherr -aus Brandenburg baute.</p> - -<p>Aber es war nur der kühne Griff eines Fürsten; sein Volk war zu ärmlich, -sein Land zu zerstückelt an der kalten Meerküste, so langen Arm zu -behalten.</p> - -<p>Der rote Adler im weißen Grund verschwand vom Weltmeer, während -das Königreich Preußen im Sand von Brandenburg wuchs; der Sieger -von Roßbach und Leuthen machte daraus ein wehrhaftes Land, aber er -brauchte das Maß seiner Sorgen nicht aus dem Weltmeer zu füllen.</p> - -<p>Mit sandigen Häfen und Küsten blieb Preußen das Land an der Ostsee, -dem der dänische Seehund das Weltmeer versperrte.</p> - -<p>Romantischer Eifer der Männer in Frankfurt ließ die Wimpel der -deutschen Kriegsflotte wehen, bevor noch ein Reich war; aber der englische -Seeherr verbot ihr das Weltmeer, und kläglich wurden die Schiffe der deutschen -Flotte versteigert.</p> - -<p>Erst als der Kyffhäuserberg endlich die Tore auftat, als wieder ein Kaiser -im Zankreich der Fürsten und ihrer geplagten Völker regierte, war das -Reich mächtig, auch das Hansaglück wieder zu wecken.</p> - -<p>Der schwarzrote Adler im schwarzweißen Kreuz erschien auf den Meeren; -der englische Seeherr mußte die deutsche Kriegsflagge grüßen.</p> - -<p>Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser! prahlte der Kaiser, und wie der -Großvater das Heer zu rüsten anfing, so der eifrige Enkel die Flotte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_382">[382]</a></span></p> - -<h3 id="sec13_22">Der Dreibund</h3> - -<p>Rußland den mächtigen Freund und Nachbarn im Rücken, hatte der -Kanzler den Krieg mit Frankreich gewagt und gewonnen; aber die Freundschaft -fing an, sich zur Feindschaft zu wandeln, als Rußland den Weg nach -Byzanz zugesperrt fand.</p> - -<p>Solange ein Zar in Rußland regierte, hatte das goldene Horn gelockt, -wie einmal die römische Krone das deutsche Kaisertum lockte.</p> - -<p>Da stand die Agia Sophia unter dem Halbmond, die einmal das griechische -Kreuz der Gläubigen trug, da war die Herkunft der russischen Kirche -in türkischen Händen, da war den Russen das Tor der Dardanellen verriegelt.</p> - -<p>Wohl hingen die unermeßlichen Weiten der russischen Länder am Kreuz -ihrer nordischen Küsten, aber das Eismeer hielt ihre Häfen im Winter geschlossen; -das schwarze Meer mit Odessa, der lieblichen Krim und dem -Kriegshafen Sebastopol sperrten die Türken mit eisernen Ketten.</p> - -<p>Längst war die Türkengefahr für die Christenheit aus; den kranken -Mann hießen die Spötter den Sultan, der nur noch ein Schattenbild war: -dem kranken Mann wollten die Russen endlich zum Tode verhelfen.</p> - -<p>Bis unter die Tore von Konstantinopel führte ein rascher Feldzug den -Zaren, aber England und Österreich hemmten sein siegreiches Schwert: -als ehrlichen Makler riefen die streitenden Mächte den Kanzler.</p> - -<p>So kam der stolze Tag für Berlin, da Bismarck obenan saß unter den -Mächtigen, dem Streit die Waage zu halten, wie einmal der Kaiser von -Frankreich Schiedsrichter im Abendland war.</p> - -<p>Aber die Würde, so klug er sie übte, brachte dem Schiedsrichter keinen -Dank und Gewinn; der stolze Tag von Berlin wurde dem Reich die Glückswende -des Schicksals.</p> - -<p>Die Mächte mit ihrem Gewicht hatten die Russen gehindert, Byzanz -zu erreichen; aber der russische Groll fiel auf die Hand, die den Mächten -die Waage zu halten gedingt war.</p> - -<p>Rußland, der mächtige Nachbar im Rücken des Reichs, ging zu -dem Todfeind im Westen: ihr böses Bündnis begann, das Reich zu umfassen.</p> - -<p>Der Drohung zu wehren, rief Bismarck Nothelfer an: Österreich, -Italien und Deutschland im Dreibund vereinigt, sollten dem Zweibund -von Rußland und Frankreich das Gleichgewicht halten.</p> - -<p>Als ob noch einmal das römische Reich seinen Bogen über das Abendland -spannte, so zog der Dreibund die Grenzen der alten Kaisergewalt: aber<span class="pagenum"><a id="Seite_383">[383]</a></span> -die Krone war für zwei Kaiser gespalten und statt dem Papst sollte ein -König in Rom Widerpart sein.</p> - -<p>Und so war das Schicksal: der Graf von Gastein hatte das preußische -Reich gegen Habsburg gegründet; aber es war nicht das Land von der -Maas bis zum Memel, von der Etsch bis zum Belt, wie es die deutsche -Hoffnung ersehnte.</p> - -<p>Nun kamen die Deutschen von Österreich, Salzburg, Tirol und der -Steiermark zwar in den Dreibund, aber sie brachten das Habsburger -Schneckenhaus mitsamt den slawischen Völkern und dem bösen Streit um -den Balkan.</p> - -<h3 id="sec13_23">Feinde ringsum</h3> - -<p>Der Oheim Wilhelm des Zweiten war König von England geworden; -er haßte den Neffen in Potsdam und hing seinem Prunkmantel hämisch -ein Schellenband an.</p> - -<p>Er war schon ins Alter gekommen, als seine Mutter Victoria starb; -aber die Welt kannte den Prinzen von Wales, der in Paris und in London -gleichviel als Lebemann galt, weil er das Reich der Mode regierte.</p> - -<p>Neun Jahre nur blieben ihm noch für den Thron, aber neun Jahre -reichten dem König Eduard aus, in den Machthändeln der Welt nicht -weniger gut als in der Mode zu führen.</p> - -<p>Vielerlei Feinde zählte der britische Stolz auf der Erde; der stärkste war -Rußland, aber der nächste war ihm der deutsche Vetter geworden: den -stärksten Feind auf den nächsten zu hetzen, sollte das Meisterstück Eduards -sein.</p> - -<p>Er trug keine schimmernde Wehr wie sein Neffe, er war ein König im -Straßenkleid, der besser die Kunst, sanft und höhnisch zu lächeln, als die -der schwellenden Rede verstand; er wußte als Weltmann auf Reisen höflich -zu sein, nur in Berlin war er es nicht.</p> - -<p>Als seine Lebenszeit um war, hatte sich nichts im Abendland sichtbar -verändert: der deutsche Welthandel wuchs aus Wohlstand zu Reichtum, -Wilhelm der Zweite sprach von der gepanzerten Faust und hieß der Zukunft -auf dem Wasser die Schlachtflotte bauen.</p> - -<p>Frankreich war trächtig an seinem Traum der Revanche, Rußland -sah nach Byzanz, Italien unterschrieb dem Dreibund die Wechsel auf kurze -Sicht, Österreich wühlte sich ein in den Balkan.</p> - -<p>Alles war wie zuvor, die Waffen starrten im Gleichgewicht und der -Frieden hing an der Waage: nur die heimlichen Tiefen der Mächte hatten -sich trübe gefüllt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_384">[384]</a></span></p> - -<p>Ein Vierteljahrhundert war seit den stolzen Tagen vergangen, da Bismarck -als ehrlicher Makler am Tisch saß, obenan bei den Mächten; ein -Vierteljahrhundert hatte den Haß gegen Deutschland gerüstet, und der ihm -der treueste Freund schien, war in der Rechnung der Mächte sein gefährlichster -Feind.</p> - -<h3 id="sec13_24">Habsburg</h3> - -<p>Das Habsburger Kaisertum war die Erbschaft vergangener Fürstengewalt -über widerstreitende Völker: Ungarn und Tschechen, Polen, Slowaken, -Ruthenen, Kroaten und Serben, Rumänen und Italiener waren -der deutschen Vorherrschaft feind.</p> - -<p>Und keiner Regierung gelang es, den Ausgleich zu finden; was den -einen zuliebe geschah, geschah den andern zuleide: ein babylonischer Turm -blieb der Reichsrat in Wien mit seiner Völker- und Sprachenverwirrung.</p> - -<p>Bunt wie das Völkergemisch war auch das Wechselspiel seiner Minister, -der klugen und dummen, der gerechten und schlechten: die Völker im -Reichsrat ließen sie kommen und hießen sie gehen; und keiner war mehr als -ein flüchtiger Schatten.</p> - -<p>Nur der Kaiser Franz Joseph in Wien gab seinen schläfrigen Stundenschlag -durch die Verwirrung; seit Metternich ging, war er da, längst mehr -als ein halbes Jahrhundert; die Kaiserin wurde erstochen, der Kronprinz, -sein einziger Sohn, lag auf der blutigen Bahre: den Kaiser Franz Joseph -hatte das Schicksal vergessen.</p> - -<p>Ein kahler Baum im Schlinggewächs streitender Völker war die Habsburger -Macht; ein geiler Trieb wollte ihm neues Holz geben: der Thronfolger-Erzherzog -wollte noch einmal ein Habsburger Ferdinand sein.</p> - -<p>Denn die Kirche allein war die Einheit der streitenden Völker in Österreich, -nur ihr gehorsamer Diener konnte noch einmal die Vielheit beherrschen: -und Franz Ferdinand war ein gehorsamer Diener der Kirche.</p> - -<p>Groß-Österreich wollte er bauen und tief in den Balkan hinein sollte -das Fundament seines babylonischen Turms reichen; indessen der Staat -Metternichs starb, weil seine Vielheit feindlicher Völker kein Volk war, -hörte die Habsburger Habsucht nicht auf, von Ländergewinn und Eroberungskriegen -zu träumen.</p> - -<p>Als sie das Recht ihrer Krone über Bosnien streckte, war der Krieg angesagt, -der Krieg mit den slawischen Völkern im Balkan und ihrem mächtigen -Schutzherrn im Osten.</p> - -<p>Denn Serbien lag als ein Stein vor der Tür in den Balkan; sollte -Groß-Österreich werden, war Belgrad der Schlüssel, und sollte der Schlüssel<span class="pagenum"><a id="Seite_385">[385]</a></span> -Habsburg gehören, mußte das serbische Volk samt seinem russischen -Schutzherrn gedemütigt sein.</p> - -<p>Frechheit und Leichtsinn reichten einander die Hände, da Habsburg -solch ein vermessenes Glücksspiel begann; und Habsburg wußte genau, daß -es allein nichts vermochte: aber der mächtige Bruder im Norden sollte sein -ehrliches Schwert über der blinden Vermessenheit halten.</p> - -<h3 id="sec13_25">Serajewo</h3> - -<p>Franz Ferdinand wollte den bosniakischen Völkern den kommenden -Landesherrn zeigen; in Serajewo traf ihn die Kugel eines Studenten; die -zweite Kugel sollte den Statthalter treffen und fand die Thronfolger-Fürstin.</p> - -<p>Die Tat geschah am hellichten Tag, und der Mörder wurde ergriffen -samt seinen Genossen; aber der Mord schrie nach größerer Rache.</p> - -<p>In Belgrad war der Mord von Serajewo geplant und beschworen; ihn -zu sühnen, wurde das serbische Volk vor eine kurze Frist und eine harte Entscheidung -gestellt.</p> - -<p>Sie wußten genau in der Hofburg, Serbien treffen, hieß Rußland -entfachen; das sollte die Sorge des stärkeren Bruders im Dreibund sein.</p> - -<p>Der stärkere Bruder im Dreibund hatte für einen Glücksspieler gebürgt; -als er die Karten aufgedeckt sah, war es zu spät, die Bürgschaft zu -lösen.</p> - -<p>Er hatte in schimmernder Wehr mit seiner Treue geprahlt; nun brannte -der Saal und der Nibelungenkampf begann auf Leben und Sterben.</p> - -<h3 id="sec13_26">Der Weltkrieg</h3> - -<p>Deutschland erklärte Rußland den Krieg, und die Welt verfluchte den -Friedensstörer; Deutschland marschierte in Belgien ein, und die Welt schrie -nach Rache; Deutschland stand auf, wie ein Volk um sein Dasein aufsteht, -und die Welt war bereit, sein Dasein zu löschen.</p> - -<p>So war es schon einmal, als Friedrich in Sachsen einbrach, als Österreich, -Rußland und Frankreich, samt seinen Trabanten im Rheinbund, mit -ihrer Unschuld dastanden und engelrein kamen, den Bösewicht zu bestrafen.</p> - -<p>Frankreich hatte nicht Jahr für Jahr um seine Revanche gefiebert; -Rußland hatte nicht Bahnen gebaut und zum Krieg gerüstet mit dem Geld -der Franzosen; England hatte nur friedliche Freundschaft gesät in Frankreich -und Rußland.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_386">[386]</a></span></p> - -<p>Nie sah die Welt so ehrlich entrüstete Mienen, als da der Tag kam, den -sie alle gewollt hatten; nie ging ein Volk so blind in die Falle, als da die -Deutschen Habsburg zuliebe in das geschliffene Schwert rannten; nie hatte -ein Volk seinen Führern so töricht getraut und sie leichtfertig gehen lassen; -nie war eine Schuld so schief und ein Schicksal so aus der Schulter gerissen.</p> - -<p>Der Krieg stand vor der Tür, und Wilhelm der Zweite ging auf die -Reise; sein Kanzler sah weisheitsvoll zu, wie das Reich eingespannt wurde -vor den Habsburger Wagen; die Bundesfürsten und all ihre klugen Minister -ließen die Dinge geschehen, als ob der kommende Tag ein Manöver und -das heiligste Ding in der Welt eine mißbrauchte Bundespflicht wäre.</p> - -<p>Aber tief in den Gründen des Volkes gerannen die Säfte der Zeit; die -alte und neue Zwietracht fühlten die Stunde gekommen für ihre Ernte, die -dritte stand todesbereit.</p> - -<p>Aller Wohlstand der Städte und all die neue Reichsherrlichkeit war nur -der Tanz um das goldene Kalb, all die prahlende Pracht nur die Jagd nach -dem Glück und all die fiebernde Hast nur die tiefe Enttäuschung gewesen.</p> - -<p>Die goldene Spinne hatte in allen Herzen gesessen, sie hatte den Armen -geplagt und den Reichen gehetzt und hatte den Menschen die Seele gefressen: -Glück war Genuß, Genuß war Gier, Freiheit war Willkür, Schönheit -war Schein und Würde war falsche Währung geworden.</p> - -<p>So stieg der Groll aus den Tiefen und sah ein anderes Glück auf die -Spitze des Degens gestellt, als das in all den Geschäften, Büros und Fabriken, -Straßen und Bierhallen der prahlenden Städte zuhaus war.</p> - -<p>Aber der Groll war nur Schaum in den Wogen; die Wogen gingen um -Macht, wie sie in England, Frankreich und Rußland um Macht gingen; -und Macht hieß vom Reichtum der Erde mehr als die andern besitzen.</p> - -<h3 id="sec13_27">Die Schuld</h3> - -<p>Willst du den Frieden, so rüste für den Krieg! stand über den Türen -der Staaten, aber das doppelzüngige Wort hatte das Abendland in die -Hölle geführt; denn wer den Krieg rüstet, der züchtet ihn groß, und wer -ihn züchtet, den will er fressen.</p> - -<p>Eisen und Blut hatte Bismarck verkündigt, aber Eisen und Blut heißt -die Gewalt; Gewalt heißt mißbrauchte Macht; Widergewalt oder Knechtschaft, -anderes kann sie nicht züchten: Widergewalt gaben einander die -Staaten im Abendland, Knechtschaft war über den wehrlosen Völkern -der Erde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_387">[387]</a></span></p> - -<p>Sie hießen sich christliche Völker und lebten im Haß; sie sangen Frieden -auf Erden und starrten auf Krieg; sie rühmten sich ihrer Kultur und -maßen sich mit Kanonen.</p> - -<p>Raubtieren gleich saßen sie hinter den Gittern, Raubtieren gleich streiften -sie über die fernsten Felder der Erde, ihren Raub unter den wehrlosen -Völkern zu finden.</p> - -<p>Und all ihr Begehren, ihr Streit und die tödliche Feindschaft ging um -den Fraß: Kolonien hießen sie ihren Futterplatz, Kriegsflotten ihre Krallen, -und abendländische Kultur die Verderbnis und Sklaverei, die sie in alle -Erdteile brachten.</p> - -<p>Willst du Gewalt, so rüste den Krieg! willst du den Mißbrauch der -Macht, so mache dich mächtig, Gewalt zu gebrauchen! und willst du Frieden, -so bist du ein Schaf unter Wölfen!</p> - -<p>Rußland mußte das Meer haben, aber das Meer stand ihm offen für -alle seine Schiffe, solange nicht Krieg war; England mußte den Seeweg -nach Indien schützen, aber im Frieden konnte ein Hochzeitspaar mit der -Schaluppe nach Indien fahren; Deutschland mußte die englische Seeherrschaft -brechen, aber die Häfen der Welt waren der schwarzweißroten Flagge -geöffnet, bis sie der Krieg zumachte.</p> - -<p>Das Abendland wollte den Krieg, weil sein Dasein Gewalt war; als es -ihn vierzig Jahre lang gezüchtet hatte, konnten die Gitterstäbe des Friedens -das Raubgetier nicht mehr halten.</p> - -<h3 id="sec13_28">Die Marneschlacht</h3> - -<p>Als die Deutschen wieder nach Frankreich marschierten, sollte noch einmal -die Zange den raschen Feldzug gewinnen; indessen von Metz bis Mühlhausen -nur eine Scheinmacht anrannte, sollte der weitaus gewaltigere Flügel -von Norden einschwenkend das feindliche Heer in seinen eigenen Festungswall -pressen.</p> - -<p>Wohl konnte das übergewaltige Kriegsvolk der Deutschen das belgische -Heer überrennen, aber von Lüttich bis Charleroi floß viel Blut in die Spur; -und jedes Dorf, das an der Maas brannte, war der Welt eine lodernde -Fackel, das deutsche Unrecht grell zu beleuchten.</p> - -<p>Auch hielten die harten Kämpfe den Einmarsch tagelang hin; als die -Deutschen nach Charleroi kamen, fanden sie schon die Franzosen.</p> - -<p>Von Verdun bis Lille stand ihre Front kampfbereit und mußte in -schweren Stürmen berannt sein, indessen aus Flandern das englische Heer -die deutsche Flanke bedrohte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_388">[388]</a></span></p> - -<p>Aber dem Ungetüm schien der gewaltige Schlag doch zu gelingen: in -breiter Flucht wankte die Mauer der stolzen Franzosen, über die katalaunischen -Felder rollten die Trümmer hin.</p> - -<p>Schon schwärmten die deutschen Ulanen gegen die Seine, der Donner -naher Kanonen schreckte Paris, der Präsident samt den Ministern floh -nach Bordeaux, als sich die Absicht der Zange enthüllte.</p> - -<p>Einem gewaltigen Torflügel gleich drehte die deutsche Front sich nach -Osten, die Riegel streiften Paris und gingen bei Meaux über die Marne -hinüber, die katalaunischen Felder von Westen umfassend.</p> - -<p>Zu riesenhaft waren die Massen der Männer, Rosse, Kanonen und -Wagen, die tagelang vorgestürmt waren; als sich die Heerhaufen zu kreuzen -begannen, als der Befehl sich verwirrte, mußten die Deutschen zurück: die -Schwenkung war über die eigenen Füße gestolpert; die Führung hatte den -Griff der Zange verloren.</p> - -<p>Wohl konnten die Heere sich sammeln und über dem weißen Staub der -Champagne eine festere Mauer aufstellen, als vordem die der Franzosen: -aber die Marneschlacht war verspielt, der große Schlag war mißglückt, ein -anderer Feldzug mußte beginnen.</p> - -<p>Nur noch am äußersten Flügel im Westen fraß sich der Feuerbrand hin; -die Heere wollten einander umfassen und rissen die Schlacht nach Norden, -bis sie nach blutigen Wochen in Flandern erstickte, bis die Mauer der Deutschen -von Basel bis Ypern kampfbereit stand.</p> - -<p>Die rasende Fahrt der Kanonen über die Straßen und Felder, das -rasche Reitergefecht, der nächtliche Marsch zur Umfassung, der Sturmangriff -der Bajonette: was sonst den fröhlichen Feldzug machte, kam nun zur -Ruhe, der Schützengraben wühlte den Krieg in die Erde.</p> - -<h3 id="sec13_29">Hindenburg</h3> - -<p>Indessen der Krieg mit seinen Schrecken und Leiden über Belgien hinfuhr, -indessen die Schlacht an der Marne den deutschen Siegeszug hemmte, -daß der fressende Feuerbrand aus Frankreich nach Flandern hinüber -flammte; kam er von Osten gegen Deutschland gezogen.</p> - -<p>Österreich wollte der Russenmacht wehren, aber sein Holzschwert zerbrach -ihm; unwiderstehlich drängten die russischen Heere nach Westen: das -Abendland hatte gerufen und Asien kam, den Ruf zu erfüllen.</p> - -<p>Wie ein Land unter Wasser gerät – ein Damm ist gebrochen, und überall -quellen die Ströme – so kam die Russengefahr über Preußen: Tilsit, -Gumbinnen und Insterburg waren von ihren Scharen erfüllt, Königsberg<span class="pagenum"><a id="Seite_389">[389]</a></span> -wurde bedroht von den raschen Kosaken, der Schrecken schäumte die Flüchtlinge -gegen Berlin.</p> - -<p>Aber die Tage von Tannenberg setzten der Furcht und der Flucht ein -fröhliches Ende: Hindenburg kam, den sie danach den Russenschreck nannten, -und wurde der Retter des preußischen Landes.</p> - -<p>Er war schon ein Greis und niemand hatte den Mann gekannt, der über -allen Männern des Krieges fortab gerühmt war: ein Vater Blücher zum -andernmal und wie der Held an der Katzbach geliebt von seinen Soldaten.</p> - -<p>Er lockte das russische Heer in die masurischen Sümpfe und stellte die -Falle so listig, daß nach der verlorenen Schlacht nur noch der Nachhut der -Russen die eilige Flucht glückte.</p> - -<p>Seit Sedan sah kein Schlachtfeld solch einen Sieg, wie der bei Tannenberg -wurde; die Welt horchte auf, daß wieder ein Feldherr am Werk war; -den Deutschen wurde der Name Hindenburg teuer, als ob der Name allein -ein Siegespfand wäre.</p> - -<h3 id="sec13_30">Die Blockade</h3> - -<p>So hatte der Krieg mit gewaltigen Schlägen begonnen, froh wehten die -Fahnen in Deutschland: sie wehten Sieg, aber sie wehten kein Ende; denn -der Feind war nicht Frankreich und Rußland, der Feind war England, und -England saß hinter dem Wasser.</p> - -<p>Wohl lagen die großen Schlachtschiffe gerüstet zum Kampf im Troß -ihrer Kreuzer; sie konnten die Küsten beschützen, den Kampf in Feindesland -tragen konnten sie nicht: sie mußten lauern und warten, was England, dem -Seeherrn, beliebte.</p> - -<p>England, der Seeherr, brauchte sich nicht zu beeilen; ihm saß der Feind -in der Falle, ihm konnte er siegen gegen die Russen und festhalten in Frankreich, -und war doch verloren.</p> - -<p>Denn England sperrte die Nordsee; und Deutschland mit all seinen Soldaten -und ihrer Todesbereitschaft, mit seinen Fabriken und volkreichen -Städten im kargen Land, Deutschland mit all seinen flatternden Fahnen -und allen Wimpeln der Flotte war nur eine belagerte Festung; und eine belagerte -Festung besiegte der Hunger.</p> - -<p>Englische List und Gewalt mußten der Festung den letzten Weg in die -Welt verriegeln; daß aber List und Gewalt gerecht und geehrt unter den -Völkern daständen, mußte der Deutsche das Recht und die Achtung des -ehrlichen Mannes verlieren.</p> - -<p>So wurden auf allen Straßen der Welt die deutschen Greuel verkündigt;<span class="pagenum"><a id="Seite_390">[390]</a></span> -so wurde ein ehrliches Volk unehrlich gesprochen; so wurden Groll und -Geschäftsneid der Völker zum Haß aufgestachelt.</p> - -<p>Alle die Völker der Erde, die weißen, schwarzen und gelben: alle wurden -gerufen, als Kläger, Richter und Büttel der englischen Feindschaft Gericht -über Deutschland zu halten.</p> - -<p>Alle hatten angeblich den Nächsten geliebt und seine Rechte geachtet, -keiner hatte je einem Gewalt angetan, wie der Burenbezwinger, der Schutzherr -Ägyptens und gütige Pfleger der indischen Völker mit ehrlicher Miene -bezeugte: nur Deutschland allein hatte zuerst das Geschäft und danach den -Frieden gestört.</p> - -<p>List und Gewalt der Blockade sperrten der Festung die letzte Hintertür -zu; mochten die deutschen Soldaten in Frankreich und Flandern, in Polen -und Rußland ihr hartes Männerwerk tun, an ihren Frauen und Kindern -mußten sie dennoch verlieren; England stand vor der Welt im Glorienschein -seiner Gerechtigkeit da.</p> - -<h3 id="sec13_31">Der Schützengraben</h3> - -<p>Die Feldheere hatten in Frankreich vergeblich gerungen; als die Russengefahr -Hindenburg rief, lag im Westen der Krieg an der Kette, die Ring -um Ring ineinander geschmiedet von Flandern zum Elsaß die feindlichen -Heere verband.</p> - -<p>Ein stummes Gewühl war gewesen durch Tage und Nächte, Spaten -und Hacken hatten die Löcher gegraben, darin die Männer nun saßen, vor -Kugeln gesichert, darin sie Rast und Unterstand hatten nach wilden Märschen -und blutigen Schlachten.</p> - -<p>Aber der Unterstand wurde die Wohnung für Wochen, und Wochen -liefen in Monaten hin; da waren die Gräben und Löcher nichts nütze, da -wurde die Front vom Elsaß nach Flandern als Festung gebaut.</p> - -<p>Schützengräben, künstlich gewinkelt, waren die Brustwehr, wenn irgend -ein Angriff die Männer aus ihren Höhlen heraus rief; sonst saßen sie -sicher geschützt in den Kammern, dahin die Treppen tief in die Erde hinunter -gingen.</p> - -<p>Nur die Horchposten standen im Stahlhelm; wie einmal die Torwächter -spähten sie aus nach dem Feind, der drüben gleichso verbaut saß.</p> - -<p>Hüben und drüben der Graben mit seiner Brustwehr, kaum sichtbar -erhöht, manchmal am Himmel das dralle Gewölk der Schrapnelle oder der -bräunliche Rauch großer Kanonen, selten ein Schuß in der Nähe, nur unaufhörlich -das ferne Gegroll: so war der Krieg in die Stille gesunken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_391">[391]</a></span></p> - -<p>Aber die Stille war Tücke: tief in der Erde wurden die heimlichen Gänge -gebohrt, eine Mine sprang gegen den Unterstand auf, alles mit Feuer und -Eisen und Hölle vernichtend; oder ein Schuß schnitt seinen Blitz zu spät -in die Nacht, Siegergeheul und Todesröcheln erfüllten die Gräben.</p> - -<p>Aber die Raubtiere, einander belauernd vom Elsaß bis Flandern, konnten -auch friedlicher sein: ein sonniger Wintertag rief sie heraus aus den -Löchern; da saßen sie da in den Gräben, rauchten und lachten und riefen -einander mit fremdem Mund spöttische Worte hinüber.</p> - -<p>Auch konnte die Neugier sie packen, einander mit Augen zu messen; dann -trauten sie ihren Zeichen, kamen herauf auf die Brustwehr und sahen die -fremde Lehmgestalt an mit seltsamen Augen, daß solches geschähe: Mensch -gegen Mensch entfesselt durch Wochen und Monde, gestern noch blutrünstige -Tiere und heute harmlose und fröhliche Knaben.</p> - -<p>Alle hatten daheim eine Mutter, eine Braut oder gar eine Frau mit -ihren Kindern, den Stall und das Feld, den Schraubstock oder den Schreibtisch -treu zu besorgen, indessen sie hier in der Fremde dem Tod und der Trübsal -verkauft waren.</p> - -<p>Es konnte schon morgen geschehen, daß die grollende Ferne über sie fiel -mit Granaten, daß die Kanonen hüben und drüben den Feuerkampf um -den Graben begannen.</p> - -<p>Dann kam das Unheil heulend geflogen, Zentner von Eisen bohrten sich -ein in den Grund und zersprangen im Feuer; brüllender Donner, Blitz und -Schlag unaufhörlich; ein feuriger Krater, tief aus der Erde gerissen, verschüttete -Männer, Graben und Unterstand.</p> - -<p>Trommelfeuer hießen sie das, wenn sie in ihren Höhlen dasaßen, stumm -und geduckt, und die Hölle raste über sie hin, Stunden um Stunden, manchesmal -Tage erbarmungslos füllend.</p> - -<p>Da wurde die letzte Fröhlichkeit still, da bebte die tapferste Seele, da war -der Mensch nur noch Kreatur, aus Raum und Zeit zurück in den Abgrund -der Schöpfung gerissen.</p> - -<p>Und wenn die Hölle ausgerast hatte, wenn das Donnergebrüll schwieg -und die gepeinigte Erde zu zittern aufhörte, fing die Vernichtung ihr letztes -Mörderwerk an: Hyänen kamen gesprungen, die Opfermahlzeit zu halten; -Handgranaten und Messer mußten dem letzten Verzweiflungskampf dienen.</p> - -<p>Und einmal war alles vorüber, die Verwundeten waren verbunden, die -Verschütteten ausgescharrt, die Toten begraben, Brustwehr und Graben -von Blut und Gedärm, vom Unrat des Todes gereinigt: Stille stand über -dem Graben, nur das dumpfe Gegroll in der Ferne, am Himmel das dralle -Gewölk der Schrapnelle.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_392">[392]</a></span></p> - -<p>Bis wieder nach Stunden, nach Tagen, nach Wochen die Hölle anfing, -wie es der Heerbefehl wollte, dem alle diese Männer hüben und drüben in -ihren Höhlen, als ihrem Schicksal blind untertan waren.</p> - -<h3 id="sec13_32">Die belagerte Festung</h3> - -<p>Eine belagerte Festung war Deutschland im Weltkrieg, und alle Tapferkeit -konnte dem Hunger kein Tor öffnen.</p> - -<p>Hindenburg hatte im Osten den russischen Sturm abgeschlagen und -Polen zum Bollwerk der Festung gemacht; im Westen hielt eine Mauer -aus Stahl und Treue der Heimat den Feind fern: aber das Außenwerk hier -wie dort konnte den Frauen und Kindern kein Brot bringen.</p> - -<p>Als Mackensen dann mit Conrad von Hötzendorf in Galizien siegte und -die russische Front weit in die Sümpfe zurückwarf, waren unendliche Weiten -und Wüsten erobert, die russische Kornkammer war es nicht.</p> - -<p>So mußte die Tapferkeit weiteren Weg suchen; über den Balkan brauste -sie hin zu den Türken; Serbiens kurzes Siegerglück sank vor der deutschen -Übermacht nieder: aber der Weg nach Bagdad führte nur in die Wüste.</p> - -<p>Auch der heilige Krieg des Propheten half der Festung nicht aus dem -Hunger; der Halbmond war in den türkischen Angeln verrostet, der kranke -Mann in Byzanz konnte kein Wunder im Morgenland wirken.</p> - -<p>Die deutsche Tapferkeit hatte – das mußte sie bitter erfahren – nichts -als ihr Schwert; nie hatte sein Schlag so harte Taten getan, als da es vor -seinem Untergang stand.</p> - -<p>Wie einmal die Goten ihr kurzes Schwertherrenglück hatten, wie Alarich -über Rom siegte und doch nur ein Straßenkönig war, wie der Ruhm -des tapferen Todes um Totilas blühte: so wurde das deutsche Schicksal noch -einmal erfüllt.</p> - -<p>Völkerwanderung war wieder wie damals; die Straßen des Abendlandes -hallten von ihren Schritten; von Ypern über die Dardanellen, vom -Idsteiner Klotz bis Riga donnerten ihre Kanonen, und wie zu Kreuzritterzeiten -flatterten deutsche Fahnen im heiligen Land.</p> - -<p>Seit dem Kriegsherrn aus Korsika sah der Dämon des Krieges nicht -solche Taten; und wo seine große Armee im russischen Winter verdarb, -standen die Deutschen getrost und rasteten nicht, bis sie die Zarenherrschaft -zerschlugen.</p> - -<p>So grausamen Hohn hatte das Schicksal dem deutschen Schwert aufgespart, -daß es der englischen Weltherrschaft diente, indem sein tödlicher -Schlag das Russenreich traf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_393">[393]</a></span></p> - -<p>Unter den Feinden Englands war Deutschland der nächste, Rußland -der stärkste; als der nächste den stärksten bezwang, hatte das deutsche Schwert -den Krieg für den englischen Seeherrn gewonnen.</p> - -<p>Denn nun stand Deutschland als Todfeind Englands allein; die belagerte -Festung hatte sich selber das letzte Bollwerk zerstört: England konnte -getrost auf den Tag warten, da der Hunger der deutschen Tapferkeit das -Schwert aus der Hand nahm.</p> - -<h3 id="sec13_33">Das Unterseeboot</h3> - -<p>Wohl streckten die norddeutschen Länder sich an der kalten Meerküste -hin, aber die Ostsee war nur ein Schlauch, und die Nordsee hießen die Seeleute -spöttisch den nassen Sack.</p> - -<p>Die englischen Schlachtschiffe brauchten sich nicht aus den sicheren Häfen -zu rühren; die schnellen Kreuzer allein hielten Wacht, sie zu rufen, wenn -ein Feind in den nassen Sack kam.</p> - -<p>So lag die Flotte des Kaisers wie ein Hund an der Kette; die noch -draußen im Weltmeer schwammen, als der Krieg kam, die großen und kleinen -Kreuzer konnten die Heimfahrt nicht finden und mußten tollkühn den -eigenen Straßenkrieg wagen.</p> - -<p>Goeben und Breslau, die Kreuzer im Mittelmeer, schlugen sich durch -zu den Türken; das kleine Geschwader des Grafen Spee mehrte vor Chile -den deutschen Sieg und fand am Kap Horn seinen grausamen Untergang.</p> - -<p>Die Königsberg kreuzte bei Sansibar und die Emden bei Singapure; sie -führten den Kaperkrieg, und wie ein Wolf unter den Schafen störte die -Emden die englische Schiffahrt, bis eine ganze Flotte auslief, den frechen -Kreuzer zu fangen.</p> - -<p>Tapfer und tollkühn waren die Taten, und die Welt hörte erstaunt, -was der tollkühne Seemann vermochte; und als die versprengte Mannschaft -der Emden auf einem Kutter die Argonautenfahrt machte und aus -der Südsee über Arabien glücklich heimfand, sang der Ruhm um die -Männer.</p> - -<p>Aber der tollkühne Mut und der Ruhm, das Seefahrerglück und der -tapfere Untergang halfen der deutschen Schlachtflotte nicht aus dem nassen -Sack und der darbenden Heimat nicht aus der Blockade.</p> - -<p>Das Unterseeboot allein konnte ihr trotzen, konnte den hungernden -Frauen und Kindern ein Rächer, den Brüdern in Frankreich ein Nothelfer -sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_394">[394]</a></span></p> - -<p>Einem Seehund gleich schwamm es hinaus, kaum sichtbar über den -Wellen; wenn Gefahr kam, konnte es tauchen, und wenn es den Feind -suchte, ragte sein Sehrohr allein aus dem Wasser.</p> - -<p>Ehe die feindlichen Augen sein tückisches Dasein erspäht hatten, riß -sein Torpedo den Schaumstreifen auf; zu spät erblickten sie ihn, schon kam -der krachende Stoß und warf das Schiff auseinander.</p> - -<p>Im eisernen Bauch des Seehunds saßen die Männer, eng aneinander -gedrängt neben dem stampfenden Raum der Maschinen, die tagelang so -durch die Meerwüste schwammen, immer des Todes gewärtig und immer -bereit, ihn zu senden.</p> - -<p>Noch waren der tückischen Boote zu wenig, dem Seeherrn Sorge zu -machen; als aber ein einziges Boot im Kanal in einer Stunde drei große -Kreuzer trotz ihren Kanonen und ihrem gepanzerten Bauch auf den Meeresgrund -schickte, ging das Gespenst der Furcht um die Küsten von England -und wurde nicht nur von den Kindern gesehen.</p> - -<p>Auf den Werften der kalten Meeresküste lagen die eisernen Bäuche der -Unterseeboote dicht bei einander, Tag und Nacht wurde daran mit hundert -Händen gehämmert, und wo ein grauer Bauch in das schäumende Wasser -abrollte, lag ein neues Gerüst schon bereit.</p> - -<p>So war der nasse Sack nicht mehr zu; die schnellen Kreuzer konnten nicht -mehr die großen Schlachtschiffe rufen, sie konnten nur warnen vor dem -gefährlichen Feind und mußten in jeder Minute bereit sein, am eigenen -Leib den Stachel zu fühlen.</p> - -<p>Die englische Insel kam in Gefahr, selber belagerte Festung zu werden, -selber an Frauen und Kindern die Grausamkeit ihrer Blockade zu spüren; -und Deutschland fieberte auf, doch noch den Sieg heim zu bringen.</p> - -<p>Immer größere Boote wurden gebaut und immer grausamer rasten die -Dieselmotore, die eisernen Bäuche durchs Wasser zu peitschen, immer mehr -stolze Schiffsleiber sanken durch ihre Torpedos, immer mehr Augen in England -sahen das graue Gespenst an den Küsten.</p> - -<p>Aber das Weltmeer war groß, zu stark waren die englischen Häfen, der -Schiffe zuviel und mehr noch der Werften, neue zu bauen; auch war der -Kanal durch Netze und Minen gesperrt und der Weg um die schottische -Felsküste ging weit und gefährlich.</p> - -<p>Als die Ziffer der Riesenverluste langsam zu sinken begann, hatte der -Seeherr den Krieg doch wieder gewonnen; ihm den sicheren Sieg zu entreißen, -mußte die Mauer aus Stahl und Treue im Westen noch einmal die -Marneschlacht wagen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_395">[395]</a></span></p> - -<h3 id="sec13_34">Ludendorff</h3> - -<p>Als die deutschen Soldaten nach Frankreich marschierten, trug der -Mann sein Gewehr, wie einmal der Landsknecht die Lanze; marschieren -und stürmen, die Kugel senden und empfangen, sollte sein Kriegshandwerk -sein.</p> - -<p>So aber wurde der Krieg in den Jahren, da ihn der Schützengraben -verschluckte, da die feldgrauen Männer Monde und Jahre in ihren Erdlöchern -hausten, da die Mauer aus Stahl und Treue dem Trommelfeuer -standhalten mußte: Das Gewehr hing am Nagel, aber die Handgranate -am Gürtel; denn das Handgemenge im Graben war nun das Gefecht, -Mann gegen Mann, Messer gegen Messer.</p> - -<p>Und auch das Grabengefecht war nur noch das Blutgerinnsel des Krieges; -denn der Krieg war die Menschenvernichtung der elementarischen -Mächte.</p> - -<p>Feuer, Wasser und Luft: alles hatte der Menschengeist auf seiner Erde -gebändigt; wie ein Zauberer die Geister in seinen Zirkel zwingt, mußten -die Mächte ihm dienen zur Arbeit; als er sie aufrief zum Streit, war der Zirkel -gesprengt, und über ihn selber kamen die Mächte mit ihrer Vernichtung.</p> - -<p>Denn ein Krieg der Fabriken, nicht mehr der tapferen Männer war dies, -daß eiserne Särge voll Feuer und Gift und Vernichtung meilenweit durch -die Luft kamen, daß ihr Niederschlag die Krater der Erde aufriß.</p> - -<p>Daß giftige Gasschwaden über die Erde hinkrochen, in alle Spalten, -Gräben und Erdlöcher dringend und alles Dasein bis in die Gründe vernichtend.</p> - -<p>Daß die Soldaten, hüben und drüben gleiches erduldend, mit ihren -Gasmasken unter dem Stahlhelm gleich unheimlichen Tieren am Rande -des Todes hausten.</p> - -<p>Daß Fliegergeschwader – über den Vögeln zu fliegen wie unter den -Fischen zu schwimmen hatte der Mensch die Maschine gelehrt – die eiserne -Fracht ihrer Bomben abwarfen, hoch aus den Lüften, weit hinter der -Schlacht die Städte zerstörend.</p> - -<p>Aber der Krieg der Fabriken wurde genährt durch die Schätze der Erde; -wollte sich die belagerte Festung solcher Übermacht wehren, mußte sie gegen -die Länder der Feinde die stärkste Fabrik sein.</p> - -<p>Der Dämon des Krieges raste zur letzten Vernichtung, und Ludendorff -wollte sein harter Zuchtmeister werden; der lange im Schatten Hindenburgs -stand und der eiserne Wille der deutschen Feldsiege war, trat grell in -den Tag, den Sieg und den Frieden unbeugsam zu zwingen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_396">[396]</a></span></p> - -<p>Den Krieg gewann die stärkste Fabrik, und Ludendorff hieß der Fabrikherr: -alles, was nicht an der Front war, Männer, Frauen und Kinder, alles -was noch einen Arm hatte, mußte dem Vaterland dienen; denn das Vaterland -war der Krieg, und der Krieg war die Fabrik.</p> - -<p>So war der Krieg ehrlicher Heere zum Haßkampf der Völker geworden, -aber der Haßkampf der Völker wurde zur Menschenvernichtung der elementarischen -Mächte.</p> - -<p>Der sich hochmütig den Herrn der Natur hieß, der Menschengeist hatte -vergessen, daß er selber nur ihr Geschöpf, zwischen den höll- und himmlischen -Mächten der Knecht ihrer und seiner Leidenschaft war.</p> - -<h3 id="sec13_35">Die vierzehn Punkte</h3> - -<p>Götterdämmerung war über die Menschheit gefallen, im Aufruhr der -Mächte brannte das Abendland hin; da kam eine Stimme von Westen und -mahnte den Menschen an seine Vernunft.</p> - -<p>Millionen Männer waren gefallen, Millionen verkrüppelt, Städte und -Dörfer verbrannt, und blühende Landschaften lagen verödet: die Völker -waren der Greuel von Herzen müde, aber der Krieg raste weiter, weil der -Aufruhr der Mächte über dem Menschengeist war.</p> - -<p>Wilson war die Stimme geheißen und die Stelle, wo sie erklang – das -Weiße Haus der Vereinigten Staaten – war die stärkste Stelle der Welt: -so mußte die Menschheit die Botschaft anhören.</p> - -<p>Frieden und Völkerbund waren die Worte der Botschaft: ein Frieden, -gerecht und gegen die Raubgier der Staaten gerichtet; ein Völkerbund, -stark und streng, dem Frieden auf Erden das Schild der Gerechtigkeit vorzuhalten.</p> - -<p>Vierzehn Punkte, in klaren Sätzen eindeutig gesprochen, sollten den -Frieden erzwingen: wer sie verwarf, verwarf die Vernunft und war vor der -Menschheit verworfen; wer sie annahm, erklärte sich an die Vernunft des -Völkerbundes gebunden.</p> - -<p>So sprach die Stimme von Westen und ihre Stelle war stärker als eine -auf Erden; die neue Welt wollte der alten Schiedsrichter sein, aber sie -konnte die Zeit nicht erwarten: sie wurde Kläger, Richter und Büttel.</p> - -<p>Amerika kam in den Krieg, als Kläger, Richter und Büttel für England -den Sieg zu erzwingen; England war die Gerechtigkeit, und Deutschland -war der Verbrecher.</p> - -<p>Aber die vierzehn Punkte waren geblieben; die selben Sätze sollten den -Frieden bereiten und wurden das böseste Mittel des Krieges:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_397">[397]</a></span></p> - -<p>Granaten schütteten Feuer über die Front und Flieger Brand auf die -Städte, aber sie konnten die Mauer aus Stahl und Treue und die Stärke -der Heimat nicht brechen; die vierzehn Sätze trafen die Herzen und höhlten -sie aus.</p> - -<p>Denn so war der raunende Klang ihrer Stimme: der Frieden steht längst -vor der Tür, nur die den Krieg führten, halten die Tür zu; Macht ringt mit -Macht und will die Vernunft nicht hören; Macht mordet die Männer umsonst, -und die Vernunft könnte ihr Leben erhalten!</p> - -<p>Eine schleichende Krankheit fiel auf den Krieg, das Blut in den Adern -zu schwächen; und mählich begann das deutsche Gewissen, sein gläubiges -Recht mit der Sorge des Unrechts zu mischen.</p> - -<h3 id="sec13_36">Der letzte Ausfall</h3> - -<p>Das Ende kam, wie es mußte; aber als wollte es aller Tapferkeit höhnen, -ließ es den deutschen Stern steigen, bis es den Glanz und das Glück -der Macht in einem begrub.</p> - -<p>Unbesiegt standen die Deutschen in Frankreich; das mächtige Zarenreich -hatte der deutsche Hammer zerschlagen und den rumänischen Dünkel -dazu; Italien mußte zuletzt seinen Schlag spüren.</p> - -<p>Der Bundesbruder im Dreibund hatte den Wechsel gefälscht, weil ihm -der Lohn winkte; Trient und Triest heimzuholen, ließ er die Fahnen flattern, -als Habsburg in Not war.</p> - -<p>Aber die Männer der Steiermark, von Tirol und Kärnten trugen kein -Holzschwert; sie kannten die Welschen und wußten die Heimat vor ihrem -Todfeind zu schützen.</p> - -<p>Elfmal liefen die Welschen Sturm am Isonzo und konnten den Weg -nach Triest doch nicht erzwingen; die Grenzwacht der alten Grafschaft -Tirol stand in den Bergen, als ob Andreas Hofer noch einmal bei ihrer -Jungmannschaft wäre.</p> - -<p>Zwei Jahre lang hielten sie tapfer die Südmark, dann hatte der Bruder -im Norden das Schwert frei, den welschen Bedränger zu strafen: was -er in Monden und Jahren mühsam ernagt hatte, mußte er lassen in Tagen; -statt am Isonzo stand nun die Front am Piave.</p> - -<p>So war der Feind vor den Toren der Festung im Süden und Osten -geschlagen, aber im Westen drohte seine gewaltigste Macht; sollte das -Ende der langen Belagerung kommen, mußte das Tor gegen Westen befreit -sein.</p> - -<p>Der vierte Frühling des Krieges fing an, in den Knospen zu drängen,<span class="pagenum"><a id="Seite_398">[398]</a></span> -die Leiden des vierten Winters hatten die Frauen und Kinder ertragen, als -die belagerte Festung den letzten Ausfall zu wagen bereit war.</p> - -<p>Hindenburg hieß noch immer der Feldherr, aber nun wußten das Heer -und die Heimat, wie es der Feind wußte, daß Ludendorff hinter ihm stand, -wie die Hand des Lenkers hinter dem Pflug geht.</p> - -<p>Er hatte den Krieg in seinen schwersten Stunden getan und hatte ihm -seine letzten Waffen gerüstet; nun sollte, was an der Marne im ersten Ansturm -mißlang, im letzten Ansturm gelingen.</p> - -<p>Wieder wie einmal fuhren die Züge nach Westen, das flandrische Land -füllte sich mit den Siegern von Osten, der Mauer aus Stahl und Treue -die letzte Entsatzung zu bringen.</p> - -<p>Sie sangen die alten Lieder nicht mehr und waren nicht mehr mit Blumen -geschmückt; sie hatten den Krieg unsäglich erfahren und wollten das -Ende der Mühsal Tod und Teufel zum Trotz einmal erzwingen.</p> - -<p>Der letzte Ausfall geschah, wo der Wall am weitesten vorsprang; so stark -war der Stoß, daß er das feindliche Lager erreichte: Soissons, der starke -Eckpunkt der Feinde wurde genommen; zum andernmal sahen die deutschen -Soldaten das graue Gewässer der Marne.</p> - -<p>Wie ein gewaltiger Keil schob sich der Ausfall nach Westen und wollte -das englische Heer nach Norden abdrängen; aber so dünn sich das Band der -Einschließung spannte, es hielt den Stoß aus: der Keil wurde stumpf an -der Spitze, und als er stand, war der Feldzug im Westen, der Krieg mit seinen -Siegen und unsäglichen Leiden verloren.</p> - -<h3 id="sec13_37">Der Zusammenbruch</h3> - -<p>Sieg oder Untergang! stand auf den Fahnen der Festung: als dem Sieg -im Westen die Spitze abbrach, als der Keil stumpf wurde, fing der Untergang -an; denn nun ging der Glaube verloren, daß Waffengewalt jemals -den Ring der Feinde zu sprengen vermöchte.</p> - -<p>Vier Jahre lang hatte die Festung der Welt standgehalten; aus Lumpen -und Leiden hatten die Männer im Westen den letzten Ausfall gewagt: -nun war die Not groß und die Kraft leer.</p> - -<p>Was je und überall war, wenn eine Festung dem Hunger nicht mehr -zu wehren vermochte, das mußte Deutschland erfahren: die Klage, so lange -gewaltsam versteckt, fing an auf den Gassen zu gehen.</p> - -<p>Draußen am Wall standen die Männer und Knaben, müde der Leiden, -aber noch trotzig und treu ihrer Pflicht; die drinnen der Pflicht die Parole ausgaben, -glaubten nicht mehr; die Sorge fraß den Befehl aus der leeren Hand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_399">[399]</a></span></p> - -<p>Die Saat der vierzehn Punkte ging auf und war ein Unkraut, in allen -verzagten Herzen zu wuchern: Der Frieden steht längst vor der Tür, nur -die den Krieg führen und die er ernährt, wollen ihn nicht.</p> - -<h3 id="sec13_38">Der Aufruhr</h3> - -<p>Der dritte Napoleon wurde bei Sedan mit seinen Soldaten gefangen; -Wilhelm der Zweite floh vor dem eigenen Volk in sein Heer und aus dem -eigenen Heer nach Holland.</p> - -<p>Die ihm rieten, sein Heer und Volk zu verlassen, wollten dem Vaterland -die Greuel des Bürgerkrieges ersparen; denn nun stand die Mauer aus -Stahl und Treue verraten im Feld und in der Heimat wehten die roten -Fahnen des Aufruhrs.</p> - -<p>Die rote Zwietracht nutzte die Stunde, da der alten Gewalt das Gewehr -aus der Hand fiel; die Vorstadt kam in die Prunkstraßen der Bürger, -die dumpf und bänglich den Umsturz erlebten; wie schlechte Hausmeister -wurden die Bundesfürsten aus ihren Schlössern vertrieben.</p> - -<p>Die Liebe der Untertanen hatte um ihre Throne gesungen, Fahnen und -Blumen waren um all ihre Wege gewesen; Liebe, Fahnen und Blumen -hingen die Köpfe, als der böse Novemberwind ging.</p> - -<p>Frieden, Arbeit und Brot verhieß die neue Gewalt; denn so hatte die -Stimme Wilsons gesprochen: wir kämpfen nicht gegen das deutsche Volk, -nur gegen den Kaiser!</p> - -<p>War also der Kaiser fort mit seinen Fürsten, so kamen die goldenen -Tage der Völkerversöhnung.</p> - -<p>Es war ein schuftiges Spiel und eine klägliche Täuschung: irgendwie -wollte die ewige Hand der Gerechtigkeit walten; was aber sichtbar im bösen -November geschah, war Aufruhr der Gasse.</p> - -<p>Denn dies war aus dem Volk der Deutschen geworden, das im Aufbruch -ein Heer, ein Mut und ein Glaube war: die Zwietracht der Klassen -hatte die Eintracht gefressen, der rote Haß war zwischen Führer und -Mannschaft gestellt.</p> - -<p>Die einen befahlen, die andern gehorchten; und die da befahlen, standen -nicht auf den Wällen: zwischen den Wällen und zwischen der Festung war -der Sumpf der Etappe, da ging die Pflicht vielfach auf schmutzigen Wegen.</p> - -<p>Feigheit und Faulheit, Genuß- und Gewinnsucht suhlten sich in den -Sümpfen; indessen die Tapferen drinnen und draußen den kargen Weg -ihrer Pflicht gingen, rafften die Schurken sich Reichtum.</p> - -<p>Der Wohlstand der Städte sank hin, und der Staat stieg in schwindelnde<span class="pagenum"><a id="Seite_400">[400]</a></span> -Schulden; die Teuerung legte die knochigen Hände des Hungers über das -tägliche Leben: aber die goldene Spinne hatte sich nie so übersatt vollgefressen.</p> - -<p>Durchhalten! riefen die Herolde aus auf den Gassen; wozu? sagten die -mutlos Verzagten; für wen? die aus dem roten Klassenhaß tranken.</p> - -<p>Als der Krieg in sein fünftes Jahr ging, wehten die Fahnen nicht mehr -und kein Helm trug den Blumenstrauß; ausgehöhlt war der Glaube, der -Mut, die Treue, die Pflicht; dumpf hinstarrend stand der Mann auf den -Wällen, in den Gassen ballten Unmut und Haß die Empörung.</p> - -<p>Dann half der roten Zwietracht der schwarze Verrat: Habsburg hatte -die Nibelungen zur Hochzeit gelockt, nun brannte der Saal um die Treue; -indessen die Mauer im Westen noch stand hielt, waren im Süden die Tore -zerbrochen.</p> - -<p>So kam der Tag, wo die eiserne Hand die Pflugschar losließ: der besiegte -Sieger des Krieges streckte die Waffen.</p> - -<h3 id="sec13_39">Versailles</h3> - -<p>Wehe den Besiegten! sagte der gallische Fürst und warf sein Schwert -auf die Waage, als sich die Römer beschwerten über sein falsches Gewicht; -denn tausend Pfund mußten sie Brennus als Lösegeld zahlen.</p> - -<p>Wehe den Besiegten! stand über dem Tor von Versailles, als die Sieger -den Frieden diktierten; der mächtige Feind war wehrlos gemacht, so konnte -ihr Übermut schalten.</p> - -<p>Frieden und Völkerbund! hatte die Stimme über das Weltmeer gerufen, -und die Herzen der Hoffenden hatten sie gläubig gehört; nun saß die -Stimme im Rat zu Versailles, da war der Prophet der Völkerversöhnung -nur ein Professor.</p> - -<p>Sie drehten den vierzehn Punkten sanft das Genick ab und wickelten -jeden Satz ein in den Stacheldraht ihrer Paragraphen; sie höhnten den -weisen Professor und sagten: dies sei nur die abendländische Art der Verpackung.</p> - -<p>Sie hielten im Namen der Völkerversöhnung ihr Strafgericht ab als -Kläger, Richter und Büttel; sie teilten den Raub im Namen des Rechtes -und rächten sich an dem wehrlosen Feind, der ihnen so lange ein Alpdruck war.</p> - -<p>Sie sprachen den Willen der Völker frei und legten den ewigen Bann -zwischen die Deutschen im Reich und ihren Brüdern in Österreich.</p> - -<p>Sie trennten das deutsche Elsaß vom Reich und ließen den gallischen -Hahn sein altes Rheinbundlied krähen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_401">[401]</a></span></p> - -<p>Sie gaben den Welschen vom deutschen Tirol, soviel sie für ihren falschen -Wechsel verlangten; aber sie wogen mit zweierlei Waagen, daß sie den -slawischen Völkern nichts nähmen.</p> - -<p>Sie raubten den Deutschen die Kolonien und ihre Schiffe dazu, sie legten -die Schuld und die Schulden des Krieges auf sie und kränkten ihre -Ehre.</p> - -<p>Sie machten alles genau, wie der englische Seeherr es wollte: der -nächste Feind Englands, Deutschland, hatte den stärksten, Rußland, erschlagen, -nun legte er ihn an die Kette; aber die Kette gab er klug in die -Hand der Franzosen, weil sie nun unter den Feinden Englands die nächsten -waren.</p> - -<p>Allen den Völkern und Völkchen im Abendland wurde ihr Dasein entfaltet; -nur der Deutsche war vogelfrei, weil er ein Hunne, ein Boche, ein -Barbar, ein Feind der Menschheit und unter den Tugendvölkern der Erde -des Teufels Nothelfer war.</p> - -<p>So wurden dem falschen Propheten der Völkerversöhnung die vierzehn -Punkte des Friedens erfüllt; und daß der Professor sein Steckenpferd habe, -wurde der Völkerbund auch in den Stacheldraht ihrer Paragraphen gewickelt.</p> - -<p>Die vierzehn Punkte hatten das ihre getan, nun konnte die Stimme der -Vernunft wieder schweigen; aus dem Schiedsrichter der Welt war in -Paris ein Stockmeister Frankreichs geworden; als er die Spottgeburt seines -Völkerbundes heimbrachte, lachte sein eigenes Volk ihn aus.</p> - -<h3 id="sec13_40">Moskau</h3> - -<p>Die rote Zwietracht hatte gesiegt, wie ein Strandräuber siegt, wenn -der Sturm das Schiff auf den Sand wirft; Frieden, Arbeit und Brot hatte -sie prahlend verheißen, aber das Schiff war leer und in den Fugen gebrochen.</p> - -<p>Ein halbes Jahrhundert lang hatte sie auf die Stunde der Herrschaft -gefiebert; als sie nun kam über Nacht, als die rote Fahne sich blähte auf -allen Dächern, konnte sie auch nur im Wind wehen; aber der Wind wehte -von Osten.</p> - -<p>Wo einmal der Zar als Herr aller Reußen despotisch regierte, hatte die -rote Zwietracht am ersten gesiegt; und was in Deutschland nur ein Novemberwind -war, hatte im russischen Frühjahr den Winter gebrochen.</p> - -<p>Die Räteregierung des russischen Volkes in Moskau kannte den Bürger -nicht mehr und war der Bauernschaft Herr durch die rote Armee der Fabrikler:<span class="pagenum"><a id="Seite_402">[402]</a></span> -sie hatte der goldenen Spinne den Kopf abgeschlagen und saß im -Blut wartend, daß nun das Wunder geschähe.</p> - -<p>Wehe den Besiegten! stand über dem Tor von Versailles; aber die Sieger -im Westen wollten dem Schicksal die Türen zuhalten, durch die nun der -Osten hereinbrach, die Fragen der Menschheit zu stellen:</p> - -<p>War eine Menschheit, die solchen Massenmord um das Wohlsein der -Völker rüsten und ausführen konnte, war eine Menschheit wie diese noch -wert, so zu heißen?</p> - -<p>War es ein Unglück, das über sie kam, oder war es ein Schicksal, verdient -und notwendig, weil Raub- und Gewinngier des Abendlandes einmal -sich selber auffressen mußten?</p> - -<p>Die in den Erdhöhlen des Krieges wie in den Fabriken des Friedens um -kärglichen Lohn den gemeinen Mann spielten: sollten sie länger ertragen, daß -in Versailles die goldene Spinne dasaß, das alte Beutespiel neu zu beginnen?</p> - -<p>Hatte die goldene Spinne nicht ihren Leib noch im Krieg vollgefressen, -wie sie mit blutigen Zangen auf Massengräbern dasaß, der Armut das Blut -auszusaugen? und war es nicht Zeit, ihr den Kopf abzuschlagen?</p> - -<p>Sollte die Masse all der Enterbten nicht aufstehen gegen den Bürger, -wenn seine Gewinn- und Genußsucht keine andere Ordnung zu schaffen -vermochte? sollte der Sozialismus nicht endlich die Weltordnung werden?</p> - -<p>So kamen die Fragen von Osten, wo die rote Zwietracht am Ziel war; -denn die rote Armee der Fabrikler saß in den Prunkstraßen der Bürger, das -russische Riesenland zu regieren.</p> - -<p>Sie wollten das Schwert nicht eher hinlegen, als bis die Vorstadt -in allen Ländern der Erde am gleichen Ziel war, bis die Diktatur des Proletariats -die Menschheit von der goldenen Spinne des Kapitalismus erlöste.</p> - -<p>Der Krieg der Staaten mit allem Haß ihrer Völker hatte den Krieg -der Klassen entzündet: dem Krieg der Staaten und Völker konnten die Sieger -noch einmal den Frieden diktieren, dem Krieg der Klassen mußte ihr -letztes Diktat die Blutbahn aufreißen.</p> - -<p>Versailles oder Moskau: so stand nun der Feind! im Völkerbund zu -Versailles wollte der Kapitalismus die Erde für immer beschatten; im -Bolschewismus zu Moskau war seinem Hochmut die Axt an die Wurzeln -gelegt.</p> - -<h3 id="sec13_41">Menschendämmerung</h3> - -<p>Vier Winter wurden der Welt nicht zum Frühling; in die Blüte fiel -Schnee, und Hagel über den Mißwachs; auf den zerstörten Feldern der -Erde war Krieg; Krankheit, Hunger und Furcht fraßen die Welt leer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_403">[403]</a></span></p> - -<p>Da kam die Wolfsbrut der dritten Zwietracht ans Ziel; denn nun waren -die Herzen bereit für das wilde Ereignis, das dem Bürger die Tafeln -der Tugend zerbrach.</p> - -<p>Durch Eisen und Blut war die Wohlfahrt gekommen, in Blut -und Eisen sank sie dahin; und als die Wohlfahrt dahin war, war von -der Tugend des Bürgers nur noch der Hohn seiner zerbrochenen Tafeln -geblieben.</p> - -<p>Mit vergoldeten Buchstaben hatte die Neuzeit geprahlt, daß sie die -glückreiche Erbin aller Vergangenheit wäre, daß die Zukunft des Menschengeistes -nicht mehr den Irrlichtern der Seele, sondern dem Tageslicht -seiner Werkstätten überantwortet sei.</p> - -<p>Nun fiel die Schrift von den Wänden, und der Menschengeist mußte -erkennen, daß ihm allein der Hochmut gehörte, daran das falsche Gold aufgeklebt -war.</p> - -<p>Der Hochmut zerbrach mit den Tafeln der Wände: alle Dämonen der -Tiefe sandte der Abgrund über ihn her; und die schlimmsten Unholde krochen -– das mußte er schauernd erkennen – aus seiner eigenen Brust.</p> - -<p>Der Staat und sein starkes Gesetz war dem Bürger der Stockmeister -all seiner Ordnung gewesen; nun ihm der Stock aus der Hand fiel, war der -Tugend die Strafe der eigenen Torheit gesetzt, aber dem Laster der blinkende -Lohn seiner List.</p> - -<p>Alles, was schlecht und schlau, gemein, zwiezüngig und selbstsüchtig war, -sah sich gesegnet; alles was treu und einfältig, großmütig, gerecht und -uneigennützig war, sah sich verlassen.</p> - -<p>Menschendämmerung war; aber kein Surtur aus Süden kam mit -dem weißglühenden Schwert, keine Flamme zückte aus Muspilheim, das -Gezücht zu verbrennen.</p> - -<p>Nur in den Brunnen der Seele wurde die Tiefe lebendig, und die Frage -schwoll an: warum der gekreuzigte Gott noch immer auf Golgatha hinge?</p> - -<p>Der sich den Menschensohn nannte, hatte Gott in den Herzen der -Menschen erweckt, daß er stark würde in jedem, des irdischen Daseins zu -lächeln; aber mit Strafe und Lohn seiner Weltgerichtslehre hatte der Priester -die Freiheit der unsterblichen Seele wieder in Furcht und Hoffnung der -Knechtschaft gebunden.</p> - -<p>Nun brach aus den Brunnen der Tiefe die Sintflut, alles Dasein ersäufend, -das in der Furcht und Hoffnung solcher Knechtschaft verharrte, -statt seiner unsterblichen Seele gläubig zu sein.</p> - -<p>Weil ihm der Himmel verschlossen war, hatte der Menschengeist trotzig -getrachtet, sich die Erde zu retten; er hatte der Menschenvernunft Werkstätten<span class="pagenum"><a id="Seite_404">[404]</a></span> -gebaut, die seine Tempel sein sollten: nun kam die Sintflut über den -Wahn und den Hochmut.</p> - -<p>Aber die Männer der dritten Zwietracht bauten die Arche, der Flut zu -entrinnen; sie lachten des Gottes, der Himmel und Hölle bedurfte, auf Erden -mächtig zu sein; sie wollten das dritte Reich finden, da weder Engel noch -Teufel Gottes Allgegenwart störten.</p> - -<p>Sie wollten des ewigen Grundes in allen Untiefen gewiß sein: wo eine -Seele erwachte, war Gott ins Dasein getreten, in ihrer Unsterblichkeit war -seine Stärke, in ihrer Liebe war seine Gnade, in ihrer Vollendung war -seine Entfaltung.</p> - -<p>So bauten die Männer der dritten Zwietracht die Arche, so fuhren sie -gläubig hinein in die Nacht und Brandung der Zeit, den Berg der Eintracht -zu finden, indessen die Sintflut dem Hochmut und Wahn den schäumenden -Untergang brachte.</p> - -<h3 id="sec13_42">Wiederkunft</h3> - -<p>Das Land der Mitte zu heißen, ist Deutschlands Geschick: zwischen -Versailles und Moskau liegen die Gräber seiner gefallenen Söhne, zwischen -Versailles und Moskau liegt seine kommende Not.</p> - -<p>Die rote Zwietracht reißt seine Hoffnung nach Osten, die goldene -Spinne im Westen saugt ihm sein Blut; was es der einen läßt, muß es der -andern nehmen: so ist es noch einmal das Schlachtfeld der Welt.</p> - -<p>Denn nun kann nicht Frieden auf Erden gesungen sein, als bis das dritte -Reich kam; aber das dritte Reich wird keinem der Völker gehören, die -Menschheit wird sein Herrscher und Untertan heißen.</p> - -<p>Die Menschheit will werden, aber sie kommt nicht mit Lorbeer und -Psalmen: Gewalt muß Gewalt bezwingen, ein Meer von Blut muß den -Abgrund ersäufen, daraus sie geboren sein will.</p> - -<p>Versöhnung und Friedensschalmeien müssen verstummen, wenn der -Abgrund zu kreißen beginnt; denn alles was dumm und gemein, was selbstsüchtig -und eitel, was schlecht und schlau und zwiezüngig ist, will die Geburt -stören.</p> - -<p>Die rote Zwietracht im Osten wird einmal die goldene Spinne im Westen -erschlagen; aber das rote Elend wird nach dem goldenen schreien, bis -die erste Eintracht beginnt.</p> - -<p>Daß aber das Reich der Eintracht uns widerfahre auf Erden, wird es -der Herzen bedürfen, die das Kreuz der Zwietracht tapfer und treu nach -Golgatha tragen; der deutschen Seele wird seine bitterste Botschaft gehören.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_405">[405]</a></span></p> - -<p>Zu töricht, im Rat von Versailles zu sitzen, zu töricht, im Haß von -Moskau zu sein, niemandens Freund und aller Welt Feind, wird sie in langer -Einsamkeit bleiben.</p> - -<p>Die Einsamkeit wird ihre schwarzen Unholde gebären und ihre Lichtalben; -wenn der Morgen der Menschendämmerung anbricht, wird sie nicht -mehr auf Allerweltsstraßen gehen.</p> - -<p>Alle Kämpfe der Menschheit werden der deutschen Seele auferlegt sein, -bis sie, Besiegter und Sieger in Einem, der kommenden Eintracht Christophorus -wird; bis einmal Wiederkunft ist, bis endlich den Kindern Gottes -auf Erden die grüne Wiese, das blanke Meer und der blaue Himmel gehören.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_407">[407]</a></span></p> - -<h2 id="Ausgang">Ausgang</h2> -</div> - -<p>Deutscher, der du die bittere Gegenwart leidest, der du geschlagen, bedrückt -und verachtet bist unter den Völkern, der du die wehrlosen Hände -rachsüchtigen Feinden hinhalten mußt; Deutscher, dem Wohlstand und -Wohlfahrt zerbrachen, dem aus Gewinn und Genuß hoffärtiger Tage Armut -und Ärgernis, Not und Verzweiflung kamen;</p> - -<p>Deutscher, den mehr als die Rachsucht der Feinde und mehr als die Not -die Leichtfertigkeit schreckte, darin er sein Volk am Rand der Verkommenheit -tanzen und Niedertracht über die Guten Gewalt haben sah;</p> - -<p>Deutscher, bedenke die Herkunft! Bedenke, daß deine Gegenwart gefüllt -mit dem Schicksal all deiner Vergangenheit ist!</p> - -<p>Deutscher, laß ab von der Klage! Denn siehe, was dir geschah, geschieht -deinen Vätern: deine Väter sind gegenwärtig in dir, weil dein Schicksal -die Waage des Guten und Bösen aus ihrer Vergangenheit ist.</p> - -<p>Deutscher, sei ehrfürchtig deinen Großen; ob sie ihr Werk nur mühsam -vermochten gegen dein träges, törichtes Herz, ob sie hinrauschten wie Adler -oder mit gläubiger Einfalt durch deine taube Genügsamkeit gingen: alle -sind deine Väter, und alle sind gegenwärtig in dir!</p> - -<p>Deutscher, sei deiner Vergangenheit trächtig, wie der Mittag von seinem -Morgen gefüllt ist; Tracht und Trotz all ihrer Männer, Tat und Gedanken -all ihres Schicksals bist du!</p> - -<p>Deutscher, sei deiner Gegenwart tapfer, weil du der Erbhalter bist -größerer Dinge, als die an dem Tag hängen: Gutes und Böses will werden, -wie Unkraut und Saat wird, und der Acker bist du!</p> - -<p>Deutscher, sei gläubig der Zukunft, der du die bittere Gegenwart leidest: -Kinder und Kindeskinder, und alles, was über sie kommt, Stärke und -Schwäche, Demut und Stolz, Hoffart und Kleinmut, alles, was einmal -deutscher Lebenstag wird, alles bist du!</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_408">[408]</a></span></p> - -<h2 id="Nachwort">Nachwort</h2> -</div> - -<p>Als ich »Die dreizehn Bücher der deutschen Seele« zu Weihnachten -1921 nach fünfjähriger Arbeit heraus brachte, wußte ich, daß sie namentlich -im neueren Teil noch Mängel aufwiesen. Meine Kraft reichte damals nicht -aus, ihnen die Vollendung zu geben, die ich mir geträumt hatte. Sollte das -Buch meinem Volk in seiner bitteren Geschlagenheit Trost bringen, durfte -ich nicht länger mit der Drucklegung zögern.</p> - -<p>Diese Volksausgabe endlich bot mir nach zwölf Jahren Gelegenheit, -noch einmal Hand an das Werk zu legen. Es wäre undankbar, wollte ich -nicht die beiden Männer nennen, die mich durch eine kritische Durcharbeitung -meiner Kapitel unterstützten: Graf Adolf Dubsky und Graf zu -Eulenburg-Wicken. Beide, der österreichische Katholik und der preußische -Protestant, werden auch heute noch nicht mit jeder Einzelheit zufrieden -sein können; aber ich hoffe, sie billigen mir zu, daß ich jeden Einwand bedachte -und der Zwiespälte Herr zu werden suchte, die eine gerechte Darstellung -der deutschen Geschichte so schwierig machen, weil sie weder den -Katholiken noch Protestanten, weder den Preußen noch Österreicher, -sondern den Deutschen schlechthin fordert.</p> - -<p>Daß ich mit meinem Buch vielen Tausenden Trost brachte, als die -Tröstungen in Deutschland noch selten waren, ist mir genügend bezeugt; -daß seine Mission noch nicht erfüllt sei, ist der Glaube dieser Volksausgabe.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_409">[409]</a></span></p> - -<h2 id="Inhalt">Inhalt</h2> -</div> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td>Eingang</td><td class="tdr"><a href="#Eingang">5</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Schuldbuch der Götter</td><td class="tdr"><a href="#Das_Schuldbuch_der_Goetter">7</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdsub"> -Er <a href="#sec1_1">7</a> / -Die Götter <a href="#sec1_2">7</a> / -Der Kampf mit den Vanen <a href="#sec1_3">8</a> / -Wodan <a href="#sec1_4">9</a> / -Frigga <a href="#sec1_5">10</a> / -Freya und Fro <a href="#sec1_6">11</a> / -Donar <a href="#sec1_7">11</a> / -Loki <a href="#sec1_8">12</a> / -Baldur <a href="#sec1_9">13</a> / -Baldurs Beweinung <a href="#sec1_10">14</a> / -Die Rache <a href="#sec1_11">15</a> / -Götterdämmerung <a href="#sec1_12">15</a> / -Wiederkunft <a href="#sec1_13">17</a></td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Buch der Könige</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Koenige">18</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdsub"> -Die blonden Räuber der Frühe <a href="#sec2_1">18</a> / -Die olympischen Götter <a href="#sec2_2">19</a> / -Die Griechen <a href="#sec2_3">19</a> / -Die Römer <a href="#sec2_4">21</a> / -Das Land der neblichten Wälder <a href="#sec2_5">22</a> / -Der kimbrische Schrecken <a href="#sec2_6">23</a> / -Die Stachelschnur der Kastelle <a href="#sec2_7">24</a> / -Arminius <a href="#sec2_8">25</a> / -Der Pfahlgraben <a href="#sec2_9">27</a> / -Tacitus <a href="#sec2_10">28</a> / -Die Springflut <a href="#sec2_11">29</a> / -Ermanerich <a href="#sec2_12">29</a> / -Alarich <a href="#sec2_13">30</a> / -Die Hochzeit von Narbonne <a href="#sec2_14">32</a> / -Geiserich <a href="#sec2_15">33</a> / -Die Hunnenschlacht <a href="#sec2_16">34</a> / -Burgund <a href="#sec2_17">35</a> / -Dietrich, Theodemirs Sohn <a href="#sec2_18">36</a> / -Dietrich, der Gotenkönig <a href="#sec2_19">37</a> / -Dietrich von Bern <a href="#sec2_20">38</a> / -Der Kampf um Rom <a href="#sec2_21">40</a> / -Die Alemannen <a href="#sec2_22">41</a> / -Die Gepiden <a href="#sec2_23">42</a> / -Die Langobarden <a href="#sec2_24">43</a> / -Hengist und Horsa <a href="#sec2_25">44</a> / -Chlodevech <a href="#sec2_26">45</a> / -Brunhilde <a href="#sec2_27">46</a> / -Gudrun <a href="#sec2_28">48</a> / -Karl Martell <a href="#sec2_29">49</a> / -Pipin der Kleine <a href="#sec2_30">49</a> / -Karl der Große <a href="#sec2_31">50</a> / -Die Nibelungen <a href="#sec2_32">52</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Buch der Kirche</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Kirche">54</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdsub"> -Jesus von Nazareth <a href="#sec3_1">54</a> / -Paulus <a href="#sec3_2">55</a> / -Das Kreuz über den Gräbern <a href="#sec3_3">56</a> / -Das Schaumgold der Kirche <a href="#sec3_4">57</a> / -Simeon aus Sesam <a href="#sec3_5">58</a> / -Augustinus <a href="#sec3_6">59</a> / -Nicäa <a href="#sec3_7">60</a> / -Wulfila <a href="#sec3_8">61</a> / -Der Pontifex maximus <a href="#sec3_9">61</a> / -Winfried <a href="#sec3_10">62</a> / -Widukind <a href="#sec3_11">63</a> / -Carolus Augustus <a href="#sec3_12">65</a> / -Der gläserne Grund <a href="#sec3_13">66</a> / -Die schwarzen Mönche <a href="#sec3_14">67</a> / -Die Legende <a href="#sec3_15">67</a> / -Der Heliand <a href="#sec3_16">68</a> / -Die Heliandsburgen <a href="#sec3_17">69</a> / -Cluny <a href="#sec3_18">70</a> / -Canossa <a href="#sec3_19">71</a> / -Die Kreuzzüge <a href="#sec3_20">72</a> / -Die Hunde des Herrn <a href="#sec3_21">73</a> / -Die Stedinger <a href="#sec3_22">74</a> / -Der Kinderkreuzzug <a href="#sec3_23">75</a> / -Die Scholastik <a href="#sec3_24">76</a> / -Die gotischen Dome <a href="#sec3_25">77</a> / -Der schwarze Tod <a href="#sec3_26">78</a></td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Buch der Kaiser</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Kaiser">80</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdsub"> -Kaiser und Kirche <a href="#sec4_1">80</a> / -Das Lügenfeld <a href="#sec4_2">81</a> / -Stellinga <a href="#sec4_3">82</a> / -Die fränkische Ohnmacht <a href="#sec4_4">83</a> / -Heinrich der Finkler <a href="#sec4_5">84</a> / -Mathilde <a href="#sec4_6">85</a> / -Otto, Sohn der Mathilde <a href="#sec4_7">86</a> / -Otto der König <a href="#sec4_8">87</a> / -Otto der Kaiser <a href="#sec4_9">88</a> / -Die Ottonen <a href="#sec4_10">89</a> / -Der<span class="pagenum"><a id="Seite_410">[410]</a></span> -Weltuntergangskaiser <a href="#sec4_11">91</a> / -Heinrich der Heilige <a href="#sec4_12">92</a> / -Der siebente Heerschild <a href="#sec4_13">93</a> / -Heinrich der Dritte <a href="#sec4_14">94</a> / -Kaiserswerth <a href="#sec4_15">95</a> / -Der Aufruhr der Sachsen <a href="#sec4_16">96</a> / -Der Streit um die Stärke <a href="#sec4_17">98</a> / -Der Gottesfrieden <a href="#sec4_18">100</a> / -Der Kaiser des Volkes <a href="#sec4_19">101</a> / -Der Sieg der Fürsten <a href="#sec4_20">103</a> / -Die goldenen Tage der Kirche <a href="#sec4_21">105</a> / -Der heilige Bernhard <a href="#sec4_22">106</a> / -Heinrich der Löwe <a href="#sec4_23">107</a> / -Friedrich von Schwaben <a href="#sec4_24">108</a> / -Barbarossa <a href="#sec4_25">109</a> / -Das Maifeld in Mainz <a href="#sec4_26">111</a> / -Der Sohn der Macht <a href="#sec4_27">111</a> / -Der Sizilianer <a href="#sec4_28">112</a> / -Konradin <a href="#sec4_29">113</a> / -Der Kyffhäuser <a href="#sec4_30">114</a></td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Buch der Bürger</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Buerger">116</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdsub"> -Der Sachsenspiegel <a href="#sec5_1">116</a> / -Huld und Treue <a href="#sec5_2">117</a> / -Der Ritter <a href="#sec5_3">118</a> / -Minnegesang <a href="#sec5_4">119</a> / -Walter von der Vogelweide <a href="#sec5_5">120</a> / -Die Bürgerschaft <a href="#sec5_6">122</a> / -Die Zunft <a href="#sec5_7">123</a> / -Die Gilde <a href="#sec5_8">123</a> / -Walpod <a href="#sec5_9">124</a> / -Die Hansa <a href="#sec5_10">125</a> / -Rudolf von Habsburg <a href="#sec5_11">126</a> / -Die Eidgenossen <a href="#sec5_12">127</a> / -Die deutschen Ordensritter <a href="#sec5_13">129</a> / -Die Feme <a href="#sec5_14">130</a> / -Der gemeine Mann <a href="#sec5_15">131</a> / -Die braunen Brüder <a href="#sec5_16">132</a> / -Albertus Magnus <a href="#sec5_17">132</a> / -Die fahrenden Schüler <a href="#sec5_18">133</a> / -Das Volkslied <a href="#sec5_19">134</a> / -Die Meistersinger <a href="#sec5_20">135</a> / -Der Schwank <a href="#sec5_21">136</a> / -Die Bauhütte <a href="#sec5_22">137</a> / -Die Schilderzunft <a href="#sec5_23">138</a> / -Der Genter Altar <a href="#sec5_24">139</a> / -Der Spiegel der Wirklichkeit <a href="#sec5_25">140</a> / -Der Altar von Isenheim <a href="#sec5_26">141</a></td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Buch der Freiheit</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Freiheit">143</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdsub"> -Meister Eckhart <a href="#sec6_1">143</a> / -Suso <a href="#sec6_2">144</a> / -Der Gottesfreund <a href="#sec6_3">145</a> / -Die gemeinsamen Brüder <a href="#sec6_4">146</a> / -Konzil in Konstanz <a href="#sec6_5">147</a> / -Die schwarze Kunst <a href="#sec6_6">149</a> / -Die Humanisten <a href="#sec6_7">150</a> / -Johann Reuchlin <a href="#sec6_8">152</a> / -Maximilian <a href="#sec6_9">153</a> / -Die Fugger <a href="#sec6_10">154</a> / -Albrecht Dürer <a href="#sec6_11">155</a> / -Hans Holbein <a href="#sec6_12">157</a> / -Erasmus <a href="#sec6_13">158</a> / -Ulrich von Hutten <a href="#sec6_14">159</a> / -Der Mönch von Wittenberg <a href="#sec6_15">161</a> / -Der Reichstag zu Worms <a href="#sec6_16">163</a> / -Die deutsche Bibel <a href="#sec6_17">165</a> / -Philipp Melanchthon <a href="#sec6_18">166</a> / -Ulrich Zwingli <a href="#sec6_19">167</a> / -Der Bauernkrieg <a href="#sec6_20">169</a> / -Marburg <a href="#sec6_21">171</a> / -Die Wiedertäufer <a href="#sec6_22">172</a> / -Die Landeskirche <a href="#sec6_23">174</a> / -Kopernikus <a href="#sec6_24">175</a></td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Buch der Zwietracht</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Zwietracht">177</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdsub"> -Loyola <a href="#sec7_1">177</a> / -Calvin <a href="#sec7_2">178</a> / -Die spanische Hand <a href="#sec7_3">179</a> / -Die Geusen <a href="#sec7_4">180</a> / -Donauwörth <a href="#sec7_5">182</a> / -Der Schwur von Loreto <a href="#sec7_6">183</a> / -Der Winterkönig <a href="#sec7_7">184</a> / -Die Pfalz <a href="#sec7_8">185</a> / -Wallenstein <a href="#sec7_9">186</a> / -Stralsund <a href="#sec7_10">187</a> / -Magdeburg <a href="#sec7_11">188</a> / -Gustav Adolf <a href="#sec7_12">190</a> / -Lützen <a href="#sec7_13">191</a> / -Der Herzog von Friedland <a href="#sec7_14">193</a> / -Bernhard von Weimar <a href="#sec7_15">194</a> / -Das Ende <a href="#sec7_16">195</a> / -Der Frieden zu Münster <a href="#sec7_17">196</a></td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Buch der Fürsten</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Fuersten">198</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdsub"> -Versailles <a href="#sec8_1">198</a> / -Alliance du Rhin <a href="#sec8_2">199</a> / -Straßburg <a href="#sec8_3">200</a> / -Die Erbschaft der Liselotte <a href="#sec8_4">201</a> / -Die Türken vor Wien <a href="#sec8_5">203</a> / -Holland <a href="#sec8_6">204</a> / -Rembrandt <a href="#sec8_7">205</a> / -Der große Kurfürst <a href="#sec8_8">207</a> / -August der Starke <a href="#sec8_9">209</a> / -Der König in Preußen <a href="#sec8_10">210</a> / -Prinz Eugen <a href="#sec8_11">211</a> / -Die fürstlichen Schlösser <a href="#sec8_12">212</a> / -Der Soldatenkönig <a href="#sec8_13">213</a> / -Der Gutsherr zu Rheinsberg <a href="#sec8_14">214</a> / -Der König <a href="#sec8_15">216</a> / -Der Spötter von Sanssouci <a href="#sec8_16">217</a> / -Der Kriegsherr <a href="#sec8_17">219</a> / -Der alte Fritz <a href="#sec8_18">220</a> / -Maria Theresia <a href="#sec8_19">222</a> / -Joseph der Zweite <a href="#sec8_20">223</a> / -Die Pompadour <a href="#sec8_21">225</a> / -Maria<span class="pagenum"><a id="Seite_411">[411]</a></span> -Antoinette <a href="#sec8_22">226</a> / -Mozart <a href="#sec8_23">227</a></td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Buch der Propheten</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Propheten">230</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdsub"> -Hans Sachs <a href="#sec9_1">230</a> / -Das Kirchenlied <a href="#sec9_2">231</a> / -Bach <a href="#sec9_3">232</a> / -Die Pietisten <a href="#sec9_4">234</a> / -Die Aufklärung <a href="#sec9_5">235</a> / -Christian Fürchtegott Gellert <a href="#sec9_6">236</a> / -Klopstock <a href="#sec9_7">237</a> / -Der Hainbund <a href="#sec9_8">238</a> / -Lenore <a href="#sec9_9">239</a> / -Lessing <a href="#sec9_10">240</a> / -Herder <a href="#sec9_11">242</a> / -Götz <a href="#sec9_12">243</a> / -Werthers Leiden <a href="#sec9_13">244</a> / -Weimar <a href="#sec9_14">245</a> / -Winckelmann <a href="#sec9_15">246</a> / -Goethe in Rom <a href="#sec9_16">248</a> / -Die Räuber <a href="#sec9_17">249</a> / -Jena <a href="#sec9_18">250</a> / -Hölderlin <a href="#sec9_19">252</a> / -Die Romantik <a href="#sec9_20">253</a> / -Des Knaben Wunderhorn <a href="#sec9_21">255</a> / -Das Märchen <a href="#sec9_22">256</a> / -Novalis <a href="#sec9_23">257</a> / -Eichendorff <a href="#sec9_24">257</a> / -Johann Peter Hebel <a href="#sec9_25">258</a> / -Jean Paul <a href="#sec9_26">260</a> / -Faust <a href="#sec9_27">261</a></td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Buch der Erhebung</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Erhebung">264</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdsub"> -Beethoven <a href="#sec10_1">264</a> / -Die Blutrache der Freiheit <a href="#sec10_2">266</a> / -Bonaparte <a href="#sec10_3">267</a> / -Napoleon <a href="#sec10_4">267</a> / -Der Rheinbund <a href="#sec10_5">268</a> / -Jena und Auerstädt <a href="#sec10_6">269</a> / -Der Tyrann <a href="#sec10_7">270</a> / -Andreas Hofer <a href="#sec10_8">271</a> / -Luise <a href="#sec10_9">273</a> / -Kant <a href="#sec10_10">274</a> / -Fichte <a href="#sec10_11">276</a> / -Pestalozzi <a href="#sec10_12">277</a> / -Der Freiherr vom Stein <a href="#sec10_13">278</a> / -Kleist <a href="#sec10_14">279</a> / -1812 <a href="#sec10_15">281</a> / -Tauroggen <a href="#sec10_16">284</a> / -Die Landwehr <a href="#sec10_17">284</a> / -Die Erhebung <a href="#sec10_18">285</a> / -Leyer und Schwert <a href="#sec10_19">286</a> / -Blücher <a href="#sec10_20">287</a> / -Die Völkerschlacht <a href="#sec10_21">288</a> / -Caub <a href="#sec10_22">289</a></td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Buch der Minister</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Minister">291</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdsub"> -Das Reich <a href="#sec11_1">291</a> / -Der Wiener Kongreß <a href="#sec11_2">292</a> / -Die hundert Tage <a href="#sec11_3">293</a> / -Die heilige Allianz <a href="#sec11_4">294</a> / -Der Siebenschläfer <a href="#sec11_5">294</a> / -Der Geheimrat <a href="#sec11_6">295</a> / -Die deutsche Burschenschaft <a href="#sec11_7">296</a> / -Das Fest auf der Wartburg <a href="#sec11_8">297</a> / -Sand <a href="#sec11_9">298</a> / -Metternich <a href="#sec11_10">299</a> / -Ernst Moritz Arndt <a href="#sec11_11">300</a> / -Der Turnvater Jahn <a href="#sec11_12">301</a> / -Der Kirchhof <a href="#sec11_13">301</a> / -Der Biedermaier <a href="#sec11_14">302</a> / -Goethe stirbt <a href="#sec11_15">304</a> / -Das Volk der Denker und Dichter <a href="#sec11_16">305</a> / -Die schwäbischen Dichter <a href="#sec11_17">305</a> / -Mörike <a href="#sec11_18">306</a> / -Stifter <a href="#sec11_19">307</a> / -Hebbel <a href="#sec11_20">308</a> / -Grillparzer <a href="#sec11_21">310</a> / -Schopenhauer <a href="#sec11_22">310</a> / -Die Nazarener <a href="#sec11_23">312</a> / -Der Baukönig <a href="#sec11_24">313</a> / -Der Redekönig <a href="#sec11_25">314</a> / -Die Auswanderer <a href="#sec11_26">315</a> / -Die schlesischen Weber <a href="#sec11_27">316</a> / -Die Fabrik <a href="#sec11_28">317</a> / -Wilhelm Weitling <a href="#sec11_29">318</a> / -Das junge Deutschland <a href="#sec11_30">320</a> / -Drei Dichter <a href="#sec11_31">320</a> / -Metternichs Ende <a href="#sec11_32">322</a> / -Der achtzehnte März <a href="#sec11_33">323</a> / -Hecker <a href="#sec11_34">324</a> / -In der Paulskirche <a href="#sec11_35">325</a> / -Malmö <a href="#sec11_36">326</a> / -Die Kaiserwahl <a href="#sec11_37">327</a> / -Der König von Preußen <a href="#sec11_38">327</a> / -Olmütz <a href="#sec11_39">328</a></td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Buch der Preußen</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Preussen">330</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdsub"> -Der Ordensstaat <a href="#sec12_1">330</a> / -Brandenburg <a href="#sec12_2">331</a> / -Der preußische Staat <a href="#sec12_3">331</a> / -Der Keil <a href="#sec12_4">333</a> / -Unter den Linden <a href="#sec12_5">333</a> / -Berlin <a href="#sec12_6">335</a> / -Der Schillertag <a href="#sec12_7">336</a> / -Friedrich List <a href="#sec12_8">337</a> / -Die Eisenbahn <a href="#sec12_9">339</a> / -Der Zollverein <a href="#sec12_10">340</a> / -Der preußische Bundesgesandte <a href="#sec12_11">341</a> / -Der Regent <a href="#sec12_12">342</a> / -Der Konflikt <a href="#sec12_13">343</a> / -Der dänische Krieg <a href="#sec12_14">344</a> / -Gastein <a href="#sec12_15">345</a> / -Die Zange <a href="#sec12_16">346</a> / -Das Zündnadelgewehr <a href="#sec12_17">346</a> / -Der norddeutsche Bund <a href="#sec12_18">348</a> / -Der neue Napoleon <a href="#sec12_19">348</a> / -Die Emser Depesche <a href="#sec12_20">349</a> / -Die Männer <a href="#sec12_21">351</a> / -Nach Frankreich hinein <a href="#sec12_22">352</a> / -Metz <a href="#sec12_23">352</a> / -Sedan <a href="#sec12_24">353</a> / -Der Ringkampf der Völker <a href="#sec12_25">354</a> / -Versailles <a href="#sec12_26">355</a></td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Schuldbuch der Menschen</td><td class="tdr"><a href="#Das_Schuldbuch_der_Menschen">357</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdsub"> -Der Reichstag <a href="#sec13_1">357</a> / -Die alte Zwietracht <a href="#sec13_2">358</a> / -Die neue Zwietracht <a href="#sec13_3">359</a> / -Die goldene Spinne <a href="#sec13_4">360</a> / -Darwin <a href="#sec13_5">361</a> /<span class="pagenum"><a id="Seite_412">[412]</a></span> -Der Trompeter von Säckingen <a href="#sec13_6">363</a> / -Unserer Väter Werke <a href="#sec13_7">363</a> / -Bayreuth <a href="#sec13_8">364</a> / -Bruckner <a href="#sec13_9">366</a> / -Nietzsche <a href="#sec13_10">367</a> / -Die dritte Zwietracht <a href="#sec13_11">369</a> / -Gottfried Keller <a href="#sec13_12">370</a> / -Wilhelm Raabe <a href="#sec13_13">372</a> / -Die Neuzeit <a href="#sec13_14">373</a> / -Die Vorstadt <a href="#sec13_15">374</a> / -Das Sozialistengesetz <a href="#sec13_16">375</a> / -Der Deutsche Soldat <a href="#sec13_17">376</a> / -Kaiser und Kanzler <a href="#sec13_18">377</a> / -Der Alte im Sachsenwald <a href="#sec13_19">378</a> / -Der deutsche Welthandel <a href="#sec13_20">380</a> / -Die deutsche Flotte <a href="#sec13_21">381</a> / -Der Dreibund <a href="#sec13_22">382</a> / -Feinde ringsum <a href="#sec13_23">383</a> / -Habsburg <a href="#sec13_24">384</a> / -Serajewo <a href="#sec13_25">385</a> / -Der Weltkrieg <a href="#sec13_26">385</a> / -Die Schuld <a href="#sec13_27">386</a> / -Die Marneschlacht <a href="#sec13_28">387</a> / -Hindenburg <a href="#sec13_29">388</a> / -Die Blockade <a href="#sec13_30">389</a> / -Der Schützengraben <a href="#sec13_31">390</a> / -Die belagerte Festung <a href="#sec13_32">392</a> / -Das Unterseeboot <a href="#sec13_33">393</a> / -Ludendorff <a href="#sec13_34">395</a> / -Die vierzehn Punkte <a href="#sec13_35">396</a> / -Der letzte Ausfall <a href="#sec13_36">397</a> / -Der Zusammenbruch <a href="#sec13_37">398</a> / -Der Aufruhr <a href="#sec13_38">399</a> / -Versailles <a href="#sec13_39">400</a> / -Moskau <a href="#sec13_40">401</a> / -Menschendämmerung <a href="#sec13_41">402</a> / -Wiederkunft <a href="#sec13_42">404</a></td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td>Ausgang</td><td class="tdr"><a href="#Ausgang">407</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Nachwort</td><td class="tdr"><a href="#Nachwort">408</a></td> -</tr> -</table> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_413">[413]</a></span></p> - -<p class="center"> -Die Werke<br /> -von<br /> -Wilhelm Schäfer</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_414">[414]</a></span></p> - -<p class="h2">WILHELM SCHÄFER</p> - -<p class="h3">Wendekreis neuer Anekdoten</p> - -<p class="center smaller">15. Tausend · In Leinen 4.50 Mk.</p> - -<p class="noind">»Wie in einer scheinbar belanglosen Angelegenheit plötzlich das unendliche Wesen -sichtbar wird und wie dann doch diese einzelne Geschichte rein um ihrer selbst -willen geschrieben scheint und doch die Erinnerung des Größeren zurückläßt, -darin ist die starke dichterische Wirkung dieser kurzen Erzählungen begründet.« -(Kölnische Zeitung) / »Sie sind seit langem zu dem Ruhm eines klassischen Erzählgutes -unseres Volkes gelangt. Von der neuen Reihe ist zu sagen, daß sie -alle Vorzüge der früheren erhalten, aber noch eine eigentümliche Vertiefung -gewonnen hat.« (Die Neue Literatur)</p> - -<p class="h3">Die Anekdoten</p> - -<p class="center smaller">Gesamtauflage 45000 · In Leinen 4.80 Mk.</p> - -<p class="noind">»Schäfers Anekdoten sind jenes epische Werk, das fernen Geschlechtern den -Ruhm unserer Dichtung überbringen wird.« (Völkischer Beobachter) / »Selten -schließt ein Buch so viel Humor, so viel tiefe Weisheit, so viel Kenntnisse, so -viel Schönheit in sich, wie diese Geschichten.« (Völkischer Beobachter)</p> - -<p class="h3">Meine Eltern</p> - -<p class="center smaller">In Leinen 3.20 Mk.</p> - -<p class="noind">Ein Buch von besonderer Art: Es ist des fast 70jährigen Dichters Bekenntnis -zu Vater und Mutter, ein Dank an seine Eltern, eine Lebensbeschreibung, wie -wir sie kaum schöner besitzen. Denn mit all seiner großen Kunst, mit ergreifender -Wärme und mit der ganzen verehrenden Liebe des Sohnes zu seinen Eltern -erzählt er uns ihr arbeitreiches, wechselvolles und gesegnetes Leben und darin -zugleich seine eigene Kindheit. Die dem bedeutsamen Buche beigegebenen Bilder -der Eltern sind von der Hand Wilhelm Schäfers gemalt.</p> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_415">[415]</a></span></p> - -<p class="center smaller p2"><i>Drei Erzählungen um ein Thema:</i></p> - -<p class="h3">Das Haus mit den drei Türen</p> - -<p class="center smaller">Ein kleiner Roman. 10. Tausend. Kartoniert 2.50 Mk., Leinen 3.50 Mk.</p> - -<p class="h3">Ein Mann namens Schmitz</p> - -<p class="center smaller">Novelle. (Die Kleine Bücherei Band 28). 30. Tausend. Gebunden –.80 Mk.</p> - -<p class="h3">Der Fabrikant Anton Beilharz und das Theresle</p> - -<p class="center smaller">Roman. 10. Tausend. Kartoniert 2.50 Mk., Leinen 3.80 Mk.</p> - -<p class="h3 p2">Lebenstag eines Menschenfreundes</p> - -<p class="center smaller">Ein Pestalozziroman. 40. Tausend. Leinen 5.80 Mk.</p> - -<p class="h3">Karl Stauffers Lebensgang</p> - -<p class="center smaller">Eine Chronik der Leidenschaft<br /> -13. Tausend. Geheftet 4.– Mk., Halbleinen 5.– Mk.</p> - -<p class="h3">Huldreich Zwingli</p> - -<p class="center smaller">Ein deutsches Volksbuch<br /> -10. Tausend. Halbleinen 4.50 Mk., Leinen 4.80 Mk.</p> - -<p class="h3">Der Hauptmann von Köpenick</p> - -<p class="center smaller">Roman. 30. Tausend. Leinen 3.50 Mk., Geschenkausgabe 6.– Mk.</p> - -<p class="h3">Novellen</p> - -<p class="center smaller">5. Tausend. Leinen 8.50 Mk.</p> - -<p class="h3">Winckelmanns Ende</p> - -<p class="center smaller">Novelle. Halbpergament 18.– Mk.</p> - -<p class="h3">Anckemanns Tristan</p> - -<p class="center smaller">Novelle. 20. Tausend. Biegsam gebunden mit Goldaufdruck 2.50 Mk.</p> - -<p class="h3">Hölderlins Einkehr</p> - -<p class="center smaller">Novelle. Halbpergament 3.50 Mk.</p> - -<p class="h3">Die unterbrochene Rheinfahrt</p> - -<p class="center smaller">Erzählung. 20. Tausend. Biegsam gebunden 2.50 Mk., Ganzleder 4.80 Mk.</p> - -<p class="h3">Die Mißgeschickten</p> - -<p class="center smaller">Novelle. (Die Kleine Bücherei Band 6). 25. Tausend. Gebunden –.80 Mk.</p> - -<p class="h3">Die Fahrt in den heiligen Abend</p> - -<p class="center smaller">Eine Weihnachtsgeschichte. Mit 20 Zeichnungen von Hermann Schäfer<br /> -30. Tausend. (Die Kleine Bücherei Band 56). Gebunden –.80 Mk.</p> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_416">[416]</a></span></p> - -<p class="h3">Rheinsagen</p> - -<p class="center smaller">16. Tausend. Kartoniert 1.– Mk., Sonderausgabe mit Holzschnitten, Halbpergament 12.– Mk.</p> - -<p class="h3">Das Lied von Kriemhilds Not</p> - -<p class="center smaller">Mit einer Einführung von Uhl. Halbleinen 5.50 Mk.<br /> -Ausgabe ohne Einführung mit Holzschnitten 5.50 Mk.<br /> -Halbpergament 9.– Mk.</p> - -<p class="h3">Briefe aus der Schweiz und Erlebnis in Tirol</p> - -<p class="center smaller">Gebunden 2.80 Mk.</p> - -<p class="h3">Deutsche Reden</p> - -<p class="center smaller">Geheftet 4.40 Mk., Leinen 5.80 Mk.</p> - -<p class="h3">Johann Sebastian Bach</p> - -<p class="center smaller">Eine Rede. Kartoniert –.80 Mk.</p> - -<p class="h3">Der deutsche Rückfall ins Mittelalter</p> - -<p class="center smaller">Eine Rede. Kartoniert –.80 Mk.</p> - -<p class="h3">Christophorusrede</p> - -<p class="center smaller">Kartoniert 1.– Mk.</p> - -<p class="h3">Der Dichter des Michael Kohlhaas</p> - -<p class="center smaller">Eine Kleist-Rede. Kartoniert –.80 Mk.</p> - -<p class="h3">Deutschland</p> - -<p class="center smaller">Eine Rede. Kartoniert 1.50 Mk.</p> - -<p class="h3">Lebensabriß</p> - -<p class="center smaller">3. Tausend. Kartoniert 1.– Mk.</p> - -<hr class="r65" /> - -<p class="h3">Bekenntnis zu Wilhelm Schäfer</p> - -<p class="center smaller">Herausgegeben von Otto Doderer. Geheftet 1.50 Mk.</p> - -<p class="h3">Wilhelm Schäfer. Ein Volksdichter unserer Zeit</p> - -<p class="center smaller">Von Franz Stuckert. Kartoniert 1.80 Mk.</p> - -<p class="center p2">Ausführlicher Prospekt der Werke Wilhelm Schäfers kostenlos</p> - -<p class="center p2">VERLAG ALBERT LANGEN – GEORG MÜLLER MÜNCHEN</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="center smaller">Satz und Druck der Offizin Haag-Drugulin in Leipzig</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter transnote" id="tnextra"> - -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Unterschiedliche -Schreibweisen wurden beibehalten.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 272: Herr → Heer<br /> -wurde sein <a href="#corr272">Heer</a> von den herzhaften Bauern geschlagen</p> -</div></div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die dreizehn Bücher der deutschen Seele, by -Wilhelm Schäfer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE DREIZEHN BÜCHER *** - -***** This file should be named 53856-h.htm or 53856-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/8/5/53856/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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