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-The Project Gutenberg EBook of Die dreizehn Bücher der deutschen Seele, by
-Wilhelm Schäfer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
-
-Author: Wilhelm Schäfer
-
-Release Date: January 1, 2017 [EBook #53856]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE DREIZEHN BÜCHER ***
-
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-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des Buches.
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-
- Wilhelm Schäfer
-
- Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
-
- [Illustration]
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-
- Ein Verzeichnis der Werke
- von
- Wilhelm Schäfer
- findet sich am Schluß
- dieses Bandes
-
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-
- Die dreizehn Bücher
- der deutschen Seele
-
- von
-
- Wilhelm Schäfer
-
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- Albert Langen / Georg Müller München
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- 131. bis 140. Tausend
- Copyright 1922 by Georg Müller Verlag Aktiengesellschaft, München
- Printed in Germany
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-Eingang
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-
-Deutscher, der du die Geschichte deiner Herkunft hören willst, bemerke
-zuvor, wie alles Geschichtete entseelt ist, Stein und Staub für die
-suchenden Sinne.
-
-Ob du den Berg der Geschehnisse anschneiden könntest bis auf die Sohle,
-daß du die Zeitalter im Querschnitt ihrer qualvollen Verschiebungen
-geschichtet sähest, du würdest keine Heimat für deine Seele finden,
-weil die Schlacke des Gewesenen nur oben die dünne Ackerkrume deiner
-Gegenwart trägt.
-
-Dies aber bedenke danach als das Wunder der Seele, wie alles in ihre
-Brunnentiefe versank, was je deine Gegenwart war; und nichts ging
-verloren, ob du es zehnmal vergaßest, weil dein Bewußtsein nur die
-blinkende Oberfläche ist, die Schaubilder der Welt zu spiegeln, aber
-die kreißenden Ströme des Lebens sind in der Tiefe.
-
-Die kreißenden Ströme sind in der Tiefe, wo dein Lebensraum ist, darin
-alles versank, was deine Vergangenheit war, und alles vorbestimmt ist,
-was deine Zukunft sein wird.
-
-Wohl können dir von deiner Jugend berichten, die damals um dich
-waren; sie sahen den Säugling, wie er sich satt trank an der Mutter
-und mählich stark wurde zu den ersten Schritten: abgesondert aber und
-unerreichbar ihren Blicken saß deine Seele im Brunnen ihrer Herkunft,
-darin dein Dasein zu allen Stunden dem ewigen Leben verbunden blieb.
-
-Ob der Lichtschein deiner Erinnerungen immer blasser ins Dunkel seiner
-Tiefe tastet, wo selbst die Ahnungen sich zuletzt bescheiden müssen, du
-hast keine andere Beglaubigung als den Brunnquell deiner Seele: was dir
-widerfahren mag, das fühlst du sicher, wird hier allein und nicht im
-Tageslicht der andern gewogen.
-
-Nicht anders dir als deinem Volk, in dessen blinkender Oberfläche du
-für einen Augenblick bist, wieder in seinen Lebensraum zu versinken:
-nur in seiner, nur in deiner Seele kann es die ewigen Wasser steigen
-und versinken sehen; alle andere Gegenwart ist ihm fremd, alle andere
-Vergangenheit muß ihm tote Geschichte für die Messung der Wissenschaft
-bleiben!
-
-
-
-
-Das Schuldbuch der Götter
-
-
-Er
-
-Im Anfang war Er, der himmlische Gott; die Erde grünte in Seiner Sonne.
-
-Im ewigen Gleichmaß kam Er zu schauen die Schönheit Seiner Geliebten,
-die im blinkenden Glanz der Gewässer, im stummen Stand der reifenden
-Halme, in den Untiefen schwellender Kelche die Seligkeit Seiner
-lustwandelnden Liebe genoß.
-
-Wenn Sein Himmel die Erde umspannte mit Bläue, wenn Sein Auge den
-Himmel durchsonnte mit Licht, das Meer und die Berge beschüttend mit
-wärmendem Feuer, wenn der Mittag stand über der Welt, daß sie den Atem
-anhielt, erschauernd in Fülle: dann war Seine Stunde.
-
-Stark und selig im Gang Seiner steigenden Bahn ließ Er den Morgen
-erröten, Er trank den Tau aus dem Gras, daß Blätter und Halme
-kristallisch funkelten, ihrem Glück Seinen Boden zu bauen.
-
-Wonnig und warm ließ Er den Abend abschwellen zum Segen der Nacht; Sein
-Geleucht blieb zurück in der Lohe und wartete still im Glanz Seiner
-Gestirne!
-
-Und wie den Tag hielt Er das Jahr in unverrückbarer Schwebe: Er ließ
-die Sehnsucht der Erde blühen im Schaum des Frühlings, Er begoß
-ihre Träume mit zärtlichem Regen, Er ließ ihre Brüste schwellen in
-himmlischer Nahrung und ihren Leib schwer werden im Segen der Frucht.
-
-Er war Gott, und die Welt war im Gang Seiner Tage geordnet, Mond und
-Sterne standen in Seinem Gedächtnis, über allem Tun thronte Sein ewiger
-Wille, über allem Sein lag der Blick Seiner Sonne.
-
-
-Die Götter
-
-Aber Himmel und Erde kamen ins Wanken; Wolken stiegen vom Abgrund, das
-zärtliche Auge verhüllend; die Wasser begannen zu strömen, und alle
-Sonne versank.
-
-Stärker als Er schien die entfesselte Kraft und höher als Liebe der
-Aufruhr: Ymir, das rauschende Naß, erfüllte die Welt; Seine Söhne, die
-Reifriesen, herrschten über dem Abgrund.
-
-Aber aus Urgebrausdunkel kamen die Mächte: Urluft, Urwasser, Urfeuer;
-sie hoben das Erdenrund wieder und schieden Midgard vom Meer.
-
-Noch irrten die Sonne, der Mond und die Sterne planlos umher, sie
-setzten sie ein in die ewigen Bahnen: dann schien die Sonne auf Midgard
-und ließ wachsen das erste Grün.
-
-Als sie gingen am Strand, fanden sie Bäume dastehen und weckten
-Menschen daraus: Urluft gab die suchende Seele, Urwasser die wachsamen
-Sinne, Urfeuer den flackernden Geist.
-
-Sie hießen nun Götter: Wodan, Hoenir und Loki genannt von den Menschen;
-sie legten der Welt den Richterspruch auf ihres neuen Gesetzes und
-fingen das goldene Zeitalter an ihrer heiteren Spiele.
-
-Sie kannten nicht Schuld und Schicksal; aber die Urgebraustöchter kamen
-aus Ymirs Geschlecht, die weitaus gewaltigsten Weiber: Urd war die
-älteste Schwester genannt, der Herkunft heilige Norne; Verdandi die
-zweite, des Werdenden Mahnung; die dritte der Zukunft drohende Schuld.
-
-Sie schnitten die Runen, warfen die Lose und sagten im Werden, Sein und
-Vergehen das Schicksal voraus; sie saßen am Brunnen des Lebens, die
-Wurzeln zu gießen am Welteschenbaum, daran das Sein der Götter nur ein
-Ast war im ewigen Leben der Welt.
-
-
-Der Kampf mit den Vanen
-
-Aber Er war nicht tot; aus unendlichen Fernen blinkte Sein Gold und
-entzückte die Gier der Götter nach Seinem gleißenden Glanz; sie schufen
-den lichtscheuen Schwarm der albischen Geister und Zwerge, das Gold zu
-erlisten für ihre Burg, die sie bauten ins Asgard.
-
-Die aus dem Urdunkel kamen und aus dem Kampf mit den Riesengewalten,
-die hoch gestiegenen Götter sagten der himmlischen Herkunft Urfehde an.
-
-Da wurde die Walstatt laut vom Kampf der alt- und neuen Gewalten; Vanen
-hießen die Kämpfer des Himmlischen da, und Asen die Urdunkelsöhne:
-die Erde barst und der Abgrund erbebte, als Vanen und Asen um die
-Herrschaft rangen der neugewordenen Welt.
-
-Aber der brausende Sturmwind entwand der leuchtenden Fülle das Schwert,
-und müde schwand in die himmlische Ferne der Gott, Wodan, der wehenden
-Unrast die Welt überlassend.
-
-Nun kam Er nicht mehr, zu schauen die Schönheit Seiner Geliebten;
-abgelöst von der ewigen Fülle ging sie ein in die Schuld und das
-Schicksal der asischen Götter, denen Wodan Allvater war.
-
-Freya und Fro, die lieblichen Kinder der Vanen, wurden den Asen
-vergeiselt; die im ewigen Licht spielten, spürten den Wind und die
-Wolken um Asgard, und die Schicksalsansagung der Nornen.
-
-
-Wodan
-
-Die Asen sandten Hoenir als Geisel und gaben ihm Mimir zur Seite, den
-Weisen aus Urwassertiefe, daß er ihn heimlich beriete; Hoenir aber war
-blöde, darum erschlugen die Vanen den Mimir und sandten sein Haupt den
-Asen zurück.
-
-Wodan sprach seinen Zauber über dem Haupt, daß es nicht wese, und
-hütete seiner im Brunnen an Ygdrasils Wurzeln, des Welteschenbaums.
-
-Täglich ging er hinunter zum Wasser, die Weisheit Mimirs zu wecken, und
-setzte dem klagenden Haupt sein Auge zum Pfand: so saß er einäugig da
-im Rat der asischen Götter, der ihr Notsorger und Wahrsager war.
-
-Scharf spähte sein Auge trotzdem wie keins in Walhal, und höhere
-Weisheit ward ihm als einem der Götter; auf seinen Schultern saßen
-die Raben Gedank und Gedenk, ihm täglich Kunde zu bringen von allem
-Ereignis der Welt.
-
-Auch hieß er der Wanderer, weil er im Wind unterwegs war; wo die Räder
-der Wolkenlast rollten, wo die Bäume sich bogen im Sturm und die Wellen
-schäumten wie Rosse, war Wodan im flatternden Mantel.
-
-Denn nicht mehr im ewigen Gleichmaß die Tage zu füllen, war der
-Götter und Wodans Geschick; im elementarischen Aufruhr zur Herrschaft
-gekommen, in Schuld und Schicksal den Vanen verschworen, von der Rache
-der Riesen bedroht, im Bangen um Ygdrasil, dem von drei Ästen schon
-einer verdorrt war: hielt Unrast ihr Dasein, und Wodans Allvaterteil
-war die Sorge.
-
-Heller war es um ihn, wenn er ausritt zum Kampf auf Schleifner, dem
-achtfüßigen Schimmel; dann war der Allvater wieder der Riesenbezwinger,
-dann sauste der Speer durch die Wolken, dann wankten die Berge und
-sprangen die Fluten, dann war die göttliche Lust in ihm wach, sich
-selber noch einmal zu wagen, statt grübelnd um kommende Tage sein
-Schicksal zu schauen.
-
-Darum liebte Wodan die kampfkühnen Krieger mehr als die langlebigen
-Greise; die walkürischen Jungfrauen holten sie heim aus der blutigen
-Schlacht, Walküren auf windschnellen Rossen.
-
-Fünfhundertundvierzig Türen hatte Walhal, und der Weg ging hinein durch
-den Hain der goldenen Blätter; da hielt allabends Wodan das Mahl, die
-walkürischen Jungfrauen kredenzten den Wein nach fröhlichem Speerwurf.
-
-Denn nicht Ruhe war dort, wie auf Erden die Ruhe nicht wohnte; der
-Hahnenruf rief die Helden zur Schlacht, und die Sonne lief ihre
-leuchtende Spur über den krachenden Speeren: ewiges Leben war ewiger
-Kampf, und ewiger Kampf war das Heil für den Mann, den Wodan heimholte.
-
-Ewiges Heil und ewige Pflicht; denn einmal stieg der Tag über Walhal,
-da der Nornenspruch sich erfüllte, da Unheil zum andernmal Midgard
-bedrohte, Midgard und Asgard mit all seinem Glanz und all dem
-selbstherrlichen Glanz der starken Urdunkelsöhne.
-
-
-Frigga
-
-Die aber Seine Geliebte war, die ewige Mutter des Lebens, sie war die
-Gattin Wodans geworden und die spinnende Hausfrau in Asgard.
-
-Sie saß am Wocken und spann dem Dasein das wärmende Kleid; sie trug die
-Schlüssel am Gürtel und teilte mit Wodan den goldenen Hochsitz, wenn er
-als sorgender Hausvater Umschau hielt über den Kreis seiner Gewalt.
-
-Darum war ihr die Spindel geweiht, und am Himmel stand ihr Wocken den
-Menschen als köstliches Sternbild, daß Ordnung und Fleiß im Reich der
-Götter die segnende Hausmutter hätten.
-
-Auch kam sie gern auf die Erde zurück, hielt in Bergen, Brunnen und
-Waldgewässern heimliche Wohnung, die Keime des irdischen Lebens zu
-pflegen, und hatte den Kinderbrunnen in Hut als ihr liebstes Geheimnis.
-
-In den zwölf Nächten aber des innersten Winters, wenn Wodan seine
-Sturmfahrten tat, über Berge und Bäume, über Dächer und Dumpfheit der
-Menschenwelt hin, fuhr Frigga mit ihm als brünstige Windsbraut.
-
-Und hatte die Holden mit sich, die Seelen der Toten, die aus dem Dunkel
-der Tiefe aufstiegen und hinter ihr her als wütende Jagd die zwölf
-Nächte durchstürmten.
-
-Denn Urmutter war sie der Tiefe, daraus alles Leben kam im Geheimnis
-seiner Geburt und dahinein alles wieder versank im Geheimnis des Todes:
-aus dem Dunkel zu flattern für eine flüchtige Stunde und wieder zu
-warten im Schoß der ewigen Zeugung.
-
-
-Freya und Fro
-
-Freya und Fro hießen die friedlichen Kinder der Vanen, Heilzeugen
-himmlischer Herkunft, vergeiselt den schuldvollen Asen: ihr Teil war
-die fruchtbare Fülle der Felder im hellichten Segen der Sonne.
-
-Auf einem Eber ritt er durchs Korn, Fro, der freudige Jüngling;
-es dunkelte nicht um sein goldborstiges Tier, so hell lag um die
-glückhaften Läufe das Licht seiner frohen Erscheinung.
-
-Nicht Waffengeklirr war um ihn und nicht der Kampfruf der Krieger: der
-Karst war geweiht und die Kelter gesegnet, wo seine Sonnenglanzfährte
-die Erde bestrich.
-
-Glück war die Gabe, und fröhliche Feier die Gunst seiner göttlichen
-Einkehr, wenn er aus Alfheim niederkam zu den Menschen, wenn ihn Gesang
-der harrenden Herzen empfing, auf blumenbestreuten Wegen, mit Kränzen
-und dankreichem Opfer.
-
-Huldreicher aber als Fro war Freya die Schwester, holder als alle
-Erscheinung; ihre Gunst hob Göttern und Menschen das Herz in die Sonne.
-
-Keinem der Asen hielt sie als Gattin die Kammern in Zucht, keine
-dienende Pflicht zwang die rosigen Finger an Kunkel und Kumme:
-strahlengekrönt von der Sonne ging ihre Schönheit auf in den Tag, ruhte
-am Mittag im Glück ihrer selbst und sank mit der Pracht ihrer Glieder
-hin in den glühenden Abend.
-
-Dann hielten sich Himmel und Erde verzückt in den Armen, und die Wolken
-glühten vom Schaum ihrer rosigen Brust, daran der Schmuck Brisingamen
-hing, das köstlichste Kleinod der Welt.
-
-Das gläubige Glück der Morgenröte galt ihr und die rauschgoldene Glut
-des Abends: Mond und Sterne tranken das Licht ihrer Liebe und trugen es
-glückselig hin durch das schwarze Geheimnis der Nacht.
-
-So hielten die Vanengeschwister den Glanz uralten Glücks in den Gärten
-der Götter; sie waren den Asen vergeiselt im schuldvollen Kampf um das
-Gold und blieben dem Himmelsgott eigen im Licht ihrer schuldlosen Tage.
-
-
-Donar
-
-Donar hießen sie Wodans rothaarigen Sohn, den stärksten der Götter
-im Kampf mit den Riesen, Zermalmer den furchtbaren Hammer, damit er
-die Berge zerbarst und im Wetterstrahl seines Zorns die Elemente
-durchzuckte.
-
-Zwei Böcke zogen den rollenden Wagen, darin er hochgereckt stand mit
-feurig lohendem Bart und mit blitzfunkelnden Augen, zwei Böcke mit
-zackigen Sprüngen.
-
-Und wenn er sprach in den feurigen Bart, im Ungestüm seines Zorns, wenn
-er den Hammer warf, daß er krachend einschlug mit weißglühenden Funken:
-dann hielt ihm keiner der Götter stand, und furchtsam verkroch sich die
-Kreatur, bis sein Bocksgespann donnerrollend verscholl.
-
-Auch die Reifriesen spürten den Hammer, wenn er die Winterfahrt machte
-in ihr eisiges Reich; dann hielt er den zuckenden Kraftgürtel um die
-Lenden geschürzt, aber so fern seine tollkühne Fahrt in die kalte
-Dunkelheit führte, der Frühling brachte ihn wieder nach Asgard, den
-Göttern zur Lust, die längst in Ungeduld harrten.
-
-Fünfhundert Zimmer und viermal zehn waren in Blitzeblinks Bau, wo er
-die Sommerrast hielt seiner sausenden Fahrt; da saß er zuhöchst in der
-Halle, und der Blitz seiner zornigen Augen zuckte hin über Asgard, daß
-die Reifriesen ihm seinen Einbruch nicht trotzig vergalten.
-
-Und hielt mit eisernem Handschuh den Hammer, daß kein Verrat das
-Vorrecht der Asen gefährde: wie Er, der Himmelsgott, tat im Gleichmaß
-ewiger Schönheit, hielt Donar das Recht über dem Abgrund in der Kraft
-seiner Faust und in der Furcht seiner Strafe.
-
-
-Loki
-
-Lieb und willkommen war Loki, als Wodan dem Wandergesellen der Frühe
-die Blutspur beschwor; fremd ging der lüsterne Spötter in Asgard, und
-die Asen trauten ihm wenig, der ihrer Zwietracht listig die Zankäpfel
-brachte.
-
-Sie mochten sein meidiges Dasein nicht missen, holten sich Rede und
-Rat in vieler Gefährnis; aber sein züngelndes Wort spielte frech mit
-dem Feuer, keinen der Stolzen in Asgard verschonend; er hielt mit dem
-Riesengeschlecht, wenn es ihm paßte, und verhöhnte die Asengewalt.
-
-Als ob er der Nornen Nothelfer wäre, klüglich verkleidet als
-Schalksnarr, und heimlicher Schildhalter verdrängter Vanengewalt: so
-hielt er das Glück der Götter in Atem und hing ihrem sorgenden Zweifel
-das göttliche Schellenspiel an.
-
-Der Dämon der Ränke und ruchlosen Rede aber schwoll auf und wurde
-dreifach Gestalt im Mißwachs der feindlichen Brut:
-
-Hel hieß die finstere Fürstin der Toten, die bei den kalten Strömen
-der Unterwelt hausend das Ende der Taten empfing; da hielten sie alle
-den schweigsamen Einzug, die abgeschieden vom leiblichen Dasein ins
-Schattenreich kamen, Menschen wie Götter, im Schicksal der letzten
-Erfüllung.
-
-In den Tiefen des Meeres, rund um den Teller der Erde geringelt,
-schwoll ihrer Schwester der schelfernde Riesenleib auf, der gewaltigen
-Midgardschlange: Urfeindin dem asischen Göttergeschlecht, und allen
-Glanz Asgards unentrinnbar umschließend.
-
-Stärker als Geri und Flecki, die wachsamen Wölfe Wodans, war Fenris,
-der dritte der fahlen Geschwister; noch lag er gefesselt, ein Schwert
-stak ihm quer in dem feurigen Rachen.
-
-Aber einmal riß er sich los, dann half Wodan die Weisheit Mimirs nicht
-mehr, noch Donars zorniger Hammer; dann sank Asgard hin mit dem Übermut
-seiner Götter.
-
-
-Baldur
-
-Näher als alle asischen Götter stand Baldur den Kindern der Vanen:
-der blühende Frühling war sein und das steigende Licht, wie Fro die
-schwellende Reife und ruhende Schwebe des Sommers gehörte.
-
-So licht war sein Wesen, so lieblich die Wohlgestalt, daß alle Götter
-ihn liebten und gern seiner Sonnenlust Zuschauer waren, wenn er im
-Blütenkleid spielte.
-
-Aber dunkle Träume betrübten den Hellen, und traurig ritt Wodan
-hinunter zum Brunnen, Kunde zu holen, daß Baldur, dem trautesten Sohn,
-früh zu sterben im Schicksal der Nornen bestimmt sei.
-
-Frigga, die bangende Mutter, nahm allen den Schwur ab, tot- und
-lebendigen Dingen, den Tieren und Bäumen, Feuer, Wasser und Stein: daß
-keines Baldur ein Leid antäte, und alle schwuren den Eid aus Liebe mit
-Eifer.
-
-Als danach die Götter kurzweilten in Asgard, stand Baldur mitten im
-Kreis; alle warfen, stachen und schossen nach ihm: aber nichts konnte
-ihm Leides antun, der lächelnd abwehrte, als Sieger im Scherzspiel der
-Götter.
-
-Den leidigen Loki verdroß der lockige Lächler; listig verkleidet als
-Weib entlockte er Frigga das bange Geheimnis, daß der Mistelstrauch
-allein nicht in Baldurs Liebesbann sei.
-
-Da gab er dem blinden Hödur den Zweig der Mistel zur Hand, den Bruder
-zu werfen im Scherzspiel; der Zweig traf hart, er durchbohrte den
-lockigen Lächler und warf die lichte Gestalt hinunter in Nebelheims
-Nacht.
-
-Als Baldur lag im Kreis der erschrockenen Götter, durch Lokis Arglist
-gefällt, da wußte nicht einer zu klagen; stumm standen sie da und
-erstarrt, die starken Asen in Asgard, daß nun das Sterben begänne, daß
-ihrem Dasein für immer das Frühlingsglück fehle, für immer das heitere
-Spiel.
-
-Auf seinem Schiff legten sie Baldur die Scheite; alle Götter wohnten
-dem Leichenbrand bei, den Donar mit seinem Hammer entzückte; seine
-lohende Glut sank in die flutende Ferne, als er nordwärts fuhr und
-langsam den Blicken entschwand.
-
-Seitdem brennen die Feuer am Sonnenwendtag, von den Bergen lodernd bis
-Mitternacht; Baldur, das steigende Licht und der schwellende Frühling,
-fährt hinunter zur Hel; die Scheite werden entzündet, dem Toten den
-Abschied zu leuchten.
-
-
-Baldurs Beweinung
-
-Indessen das Schiff mit dem Leichenbrand Baldurs nordwärts nach
-Nebelheim fuhr, ritt Hermut hinunter zur Hel, der schnelle Sohn Wodans,
-den Bruder zu lösen und wiederzubringen nach Asgard.
-
-Neun Nächte lang ritt er durch traurige Täler bis an den Strom und die
-Brücke aus glitzerndem Gold, wo die rauhe Riesenmaid wachte, daß keiner
-aus Nebelheim wieder nach Midgard entkäme.
-
-Und als er eindrang in das Reich der kalten Urströme, sah er Baldur den
-Bruder sitzen, zuhöchst in der Halle, vom Golde der Tiefe umglitzert,
-im Reich der Hel noch immer der herrliche Mann.
-
-Gruß und Gedächtnis gab er dem Bruder und harrte am Morgen der
-finsteren Fürstin, daß sie ihn ließe, den Fürsten des Frühlings, in
-seinen Saal Weitglanz zurück.
-
-Und so bat der göttliche Bote im Weh der klagenden Welt, daß er die
-Finstere rührte: wenn alles Wesen weine um Baldur, was tot und lebendig
-wäre, und keines die Träne versage, solle der Fürst wiederkehren nach
-Weitglanz, den Frühling zu bringen.
-
-Fröhlich der freundlichen Kunde sandte Wodan Botschaft in alle Weiten
-der Welt, um Baldur zu weinen, daß ihm aus Tränen die Wiederkehr würde,
-aus Tränen der Trauer die Gunst der Gewährung.
-
-Da weinten die Götter und weinten die Riesen, die Menschen und alles
-Getier, da weinten die Bäume mit tropfenden Blättern und die Blumen mit
-silbernem Tau, da weinte die Erde tief in den Brunnen, das blinkende
-Erz und die zackigen Felsen im Schnee: Baldur zu lösen, den Fürsten des
-Frühlings.
-
-Schon ritten die Boten mit fröhlicher Kunde hinunter zur Hel, als
-sie das Riesenweib fanden, hockend in greulicher Höhle: Wo hatte ich
-Nutzen von ihm, dem weißnackigen Neuling der Asen? Behalte darum Hel,
-was sie hat!
-
-Da weinten zum andernmal Götter und Menschen, die Bäume und Blumen, die
-Brunnen und Steine der Erde; daß die Wiederkehr Baldurs verwirkt war;
-das Glück der Gewährung starb in den Tränen der Trauer.
-
-Wodan aber, der Allwisser, wußte, daß Loki das Riesenweib war, Loki der
-Allesbeschließer, und daß nun dem asischen Dasein die Dämmerung kam:
-aus dem Groll der Götter scholl der Schuldruf der Rache.
-
-
-Die Rache
-
-Loki der Leugner entging den grollenden Göttern mit List: in einem
-Wasserfall saß er in Lachsgestalt und spottete ihrer Verfolgung.
-
-Aber Wodan von seinem Hochsitz erspähte den Falschen; eilig kamen die
-Götter und flochten das Netz, den Fisch in den Maschen zu fangen.
-
-Als er sich aufschnellte über dem Wasser, den Schnüren noch zu
-entgehen, ergriff ihn Donar mit grimmiger Hand und hielt den
-Entgleitenden fest am schuppigen Schwanz.
-
-Da mußte der Leugner sein Dasein bekennen; in eine Höhle brachten sie
-ihn, fesselten ihm Schultern, Lenden und Knie hart ans Gestein, wie sie
-den Fenriswolf banden, den Bruder der Hel und der Midgardschlange, sein
-böses Gezücht.
-
-Sie hängten den Giftwurm auf ihm zu Häupten, daß der ätzende Saft, ins
-Angesicht träufelnd, ewige Qual dem Spötter bereite: aber Sigune hielt
-ihrem Gatten die Treue; mit einer Schale stand sie dem Steinlager bei,
-die Tropfen zu fangen; nur, wenn sie eilte, die volle Schale zu leeren,
-traf Loki das sengende Gift.
-
-Dann bebte die Erde, so qualvoll zuckten die Glieder und bäumten sich
-auf in der Fessel; rüttelnd durch alles Gestein ging der Grimm des
-gemarterten Leibes, und alle Kreatur fiel in Furcht, daß einmal die
-Fessel zerspränge.
-
-So war die Herrschaft der Götter im elementarischen Haß ihrer Herkunft
-zerfallen; noch hielten Wodans wachsame Waltung und Donars drohender
-Hammer die asische Walstatt: der Femspruch der Nornen stand nahe vor
-seiner Erfüllung.
-
-
-Götterdämmerung
-
-Drei Winter werden der Welt nicht zum Frühling, die Sonne verliert
-ihre Kraft; kalt wehen die Winde von Nebelheim her, in die Blüte fällt
-Schnee und Hagel über den Mißwachs: auf den kahlen Feldern der Erde
-ist Krieg; Krankheit, Hunger und Furcht fressen die Menschenwelt leer.
-
-Da kommt die Wolfsbrut der Riesen ans Ziel; den Mond und die Sonne
-fallen sie an mit gierigen Zähnen, daß der selige Saal bespritzt wird
-mit Blut.
-
-Die Sterne sinken vom Himmel, die Erde erbebt in der schwarzen Nacht,
-daß die Berge umfallen und das Meer einbricht ins stöhnende Land: da
-wird von den Fesseln Loki befreit; hohnlachend ruft er die Brut, den
-Göttern zur Rache.
-
-Hel, die finstere Fürstin der Tiefe, rüstet das Schiff Nagelfahr, aus
-den Nägeln der Toten gefügt und mit dem Neid der glücklos Entseelten
-befrachtet.
-
-Der Fenriswolf reißt sich los, rotglühend den weltweiten Rachen und die
-Augen düster im Brand; über die Lefzen fließt ihm das triefende Feuer,
-aus den Nüstern fahren ihm Flammen.
-
-Wutentfacht wälzt die Midgardschlange sich her in unbändiger Wildheit;
-aufschäumt das Meer und begräbt die Erde in seinen rauschenden Abgrund:
-als sie das Gift ihrer Gründe ausspeit, entzünden sich Wasser und Luft,
-nach Asgard hinauf spritzt die kochende Glut.
-
-Der Himmel birst, und Muspilheims Söhne aus Süden kommen im Feuer
-gefahren, Surtur vorauf, das Schwert in der Hand, weißglühend wie nie
-eine Sonne.
-
-Da bricht unter den Füßen der feurigen Riesen die Fährte des Himmels,
-die Brücke der seligen Farben schmilzt hin in der Lohe; nur noch die
-Burgen auf Asgard halten ihr stand.
-
-Durch Heimdalls warnenden Hornruf geweckt sind die Götter sorgend
-versammelt; Wodan reitet hinunter zum Brunnen, Mimirs Weisheit zu
-wecken, aber das Haupt bleibt ihm stumm; die Weltesche Ygdrasil wankt
-in den Wurzeln.
-
-Grimmig ziehen sie aus in den Kampf, den letzten der gramvollen
-Götter, Wodan und Donar voraus mit dem tödlichen Speer und dem
-alles zermalmenden Hammer, hinter den Zürnenden her der Einherier
-unübersehbare Scharen.
-
-Wohl schwingt der greise Allvater den Speer, aber das glühende
-Wolfsmaul verschlingt ihn samt seiner Waffe; rächend stößt Widar,
-der Sohn, seinen Stahl durch den gähnenden Rachen dem Untier ins
-schwarzblutige Herz.
-
-Der Midgardschlange zerschmettert Donars Zermalmer das Haupt, aber hoch
-spritzt der glühende Geifer des sterbenden Tiers, sengt und verbrennt
-den stärksten der Asen.
-
-Heimdall, den warnenden Wächter, trifft Lokis listige Waffe; der Treue
-fällt noch im Sterben den leidigen Leugner der Götter; indessen Surturs
-weißglühendes Schwert Fro, den freudigen Jüngling, heimholt ins Feuer.
-
-Dann steht er allein auf der Walstatt der Götter, Surtur der Sieger aus
-Süden, und zückt mit der zischenden Glut seines Schwertes den Brand aus
-der Wohnung der Vanenbezwinger.
-
-Bis an die höchsten Ränder der Welt züngeln Muspils gierige Flammen;
-die aus Urgebraus kam, aus dem rauschenden Naß durch die Scheidung der
-elementaren Mächte: die Welt der schuldvollen Götter brennt hin in der
-letzten Entscheidung.
-
-
-Wiederkunft
-
-Einmal wird die Lohe verlöschen; aus dem gestillten Meer hebt die Erde
-von neuem ihr Antlitz gegen den Himmel.
-
-Die Flut wird kühl und verrinnt; im grünen Kleid wie zuvor prangen die
-Täler und Berge; auch blühen die Blumen im Gras.
-
-Denn die Sonne steht wieder im Blau; ungesät wachsen Halme und Ähren;
-im Holz des Welteschenbaums haben sich Leben und Leblust gerettet, die
-Ahnen künftiger Menschheit.
-
-Baldur ist heimgekehrt aus dem Verhängnis der Hel, und Hoenir kam
-wieder, die Geisel der asischen Götter: Vanen- und Asenkinder vereint
-spielen im Gras mit den goldenen Tafeln, wie vormals die Väter.
-
-Schuld und Schicksal beschatten nicht mehr die ruhelos drängenden Tage;
-nach ewigem Gleichmaß schreiten die Stunden im Glanz der neuen Gestirne.
-
-Der im Anfang war und ewig sein wird, der Starke, kam wieder von oben:
-in unverrückbarer Schwebe hält Er dem Dasein das Recht über dem ewigen
-Abgrund.
-
-
-
-
-Das Buch der Könige
-
-
-Die blonden Räuber der Frühe
-
-Rund um das Mittelmeer lagen die uralten Gärten; den Reifriesen fern
-und nicht zu nah den glühenden Mächten, brachten sie Blüte und Frucht
-in lässiger Fülle.
-
-Korn und Früchte, Honig und Wein wuchsen den Händen mühelos zu, das
-Vieh ging wohl auf der Weide, die Fischer holten singend den reichen
-Fang.
-
-Wie der Wind ging, trieb er die Schiffer an günstigen Strand; vom
-Morgen- zum Abendland säumte die Brandung blühende Küsten; heiter und
-hoch am zärtlichen Himmel hielten Rosenwolken die trübe Nebellast fern;
-die stahlblaue Flut sah selten gefährliche Stürme.
-
-Bräunliche Kinder der Sonne fühlten sich üppigen Göttern in günstiger
-Nähe, ernteten singend den Segen und hielten sie gnädig gestimmt durch
-reiche Gaben.
-
-Da kamen von Norden schwertfahrende Völker; Weiber, Kinder und Vieh
-im Troß ihrer reisigen Habe, wandernde Städte, allabends gerüstet mit
-Wällen und Ketten um ihre Wagenburg.
-
-Wegkundige Späher fanden die Tore im Rand der Gebirge, berittene
-Scharen flossen ins Land wie Frühlingsgewässer und bahnten dem Fußvolk
-den Weg, das mit Schwertern, Schilden und drohenden Helmen bewehrt die
-furchtsamen Völker bezwang.
-
-Denn größer und stärker waren die Männer als alle Mittelmeerkrieger,
-blauäugig, blond, nackten Leibes im Schnee und im kalten Gewässer:
-Riesen der nordischen Nebel, die den Reichtum der Gärten mit
-Schwertschlag erwarben und die Gunst ihrer Sonne lachend genossen.
-
-Bis an die südlichen Küsten wurden die Völker gedrängt, flüchtend auf
-eiligen Schiffen, auf felsigen Inseln von ihren Göttern verlassen das
-Dasein zu retten, indessen die Räuber fröhlich die Ernte einbrachten.
-
-Noch gab es nicht Hellas und Rom, und die Ilias lag noch im Schoß
-zukünftigen Schicksals, als die Väter der Griechen und Römer die
-Schwertherren der uralten Mittelmeergärten wurden, als die Sonne
-Homers zu scheinen begann in den Kranz der olympischen Götter.
-
-
-Die olympischen Götter
-
-Von Norden kamen die blonden Räuber der Frühe, aus Nebelnächten
-unendlicher Wälder und von den kalten Meerküsten.
-
-Es ging eine Sage der Heimat mit ihnen von der versunkenen Insel
-Atlantis, wo der Sonnengott wohnte in blühenden Gärten und wo das Leben
-im Licht lag, bevor die Reifriesen kamen und die alles verschlingende
-Sintflut.
-
-Denn einmal gingen sie nicht auf den Straßen der Fremde, einmal wohnten
-sie froh in der eigenen Freiheit und Er stand im Segen der Fülle: Sein
-Kleid war die Bläue des Himmels, Sein Auge die strahlende Sonne.
-
-Nun saßen sie wieder an sonnigen Küsten; aber der Gott ihrer Herkunft
-hielt sich verhüllt in himmlischen Fernen, indessen der elementarische
-Aufruhr das streitbare Geschlecht der Götter erhöhte.
-
-Die aus Nebel und Not ihrer Flucht in die lässige Fülle der
-Mittelmeergärten gelangten, malten das Bild des göttlichen Daseins mit
-lockenden Farben, malten es aus mit dem Glanz ihres irdischen Glücks,
-mit dem schuldvollen Tun ihrer menschlichen Schwächen.
-
-Auf dem olympischen Freudensitz saßen bei Mahl und Trank die
-glückreichen Götter; die gleich den Menschen Schwertherren waren,
-rühmten sich ihrer Taten und Listen und bestritten einander den Rang
-ihrer himmlischen Geltung.
-
-Wohl hießen sie Zeus den Vater und Fürsten der Göttergewalt, aber die
-Fülle selbstherrlicher Macht hing verstrickt in menschlichen Trieben;
-Hera, die Herrin des Hauses, war seiner Treue nicht froh.
-
-Im Schalkspiel sinnenfroher Verkleidung trieben die ungebändigten
-Wünsche der Götter die Abenteuer der Erde, sie hoben die Lust ihrer
-Laster ins himmlische Licht und die Tracht ihrer Tugend.
-
-Gnade und Groll ihrer Laune verkehrten den Menschen die Tage aus
-flüchtiger Freude in trostlose Trauer; aber sie standen im Schicksal
-wie sie als kurze Tyrannen.
-
-
-Die Griechen
-
-Jahrhunderte gingen den Schwertherren hin; ihr Glück prahlte laut in
-den Gärten; die Könige bauten Burgen auf klippigen Küsten, der Ruhm
-ihrer Taten blähte die Segel kielfester Schiffe.
-
-Troja hieß die Burg und die Stadt über dem Meer, die sie gemeinsam
-berannten; zehn Jahre lang lagen sie da im Schutz ihrer Schiffe,
-hoben die Schwerter und Schilde der Helden im Ruhm ihrer Sänger und
-bestritten den Göttern die Ehre.
-
-Da wurde Ajax die starre Kraft, Achilles die rasende Stärke, Odysseus
-die biegsame List, Nestor die weise Erfahrung: da trat der olympische
-Himmel der Götter ins Schaubild menschlicher Taten.
-
-Da hieß die Stärke und Schönheit des menschlichen Leibes die Tugend, da
-wurde das sterbliche Leben im Kampf unsterblich erhöht.
-
-Aber die Freiheit des Mannes konnte den Göttern nicht trotzen; denn
-Götter und Menschen standen im Schicksal, Schuld und Vergeltung hielten
-der Tat die Gewichte der ewigen Geltung.
-
-So wurde das Unrecht der Macht erhöht in das Recht ihrer Geltung, so
-traten die blonden Räuber der Frühe ein in den Lohn ihrer Tugend.
-
-Sparta hieß ihre Schwertherrenstadt, ohne Burg und Wälle gebaut im
-lakonischen Bergland, nur von den Schilden und Schwertern geschützt,
-und in der Zucht harter Gesetze.
-
-Da hatten die blonden Räuber der Frühe das Land geteilt nach dem
-Recht der freien Gemeinde, da gab es nicht Reichtum noch prahlenden
-Glanz; und König sein hieß, der freien Gemeinde das Schwert und den
-Richterstab hüten.
-
-Da war der Männerstolz: Körper und Geist stark und gesund im Dienst des
-Staates zu halten; da war die Ehre der Frau: dem Mann beizustehen als
-freie Gefährtin, dem Staat ihre Kinder stark und gesund zu gebären.
-
-So stand die spartanische Sitte freiwillig im Stachelkleid harter
-Gesetze, so wurde die Stadt ohne Burg und Wall im lakonischen Bergland
-die Trutzburg griechischer Freiheit.
-
-Bis ihre Sitte den Stachel der Ehre, ihr Gesetz den Stolz der freien
-Erfüllung traurig verlor, bis der spartanische Staat der freien
-Gemeinde lasterhaft lässig und feig Tyrannen gehorchte.
-
-Athen hieß die uralte Königsburg der Pelasger, die nach der Trutzburg
-die helle Hauptstadt der Griechen, die prunkreiche Wiege des
-Abendlandes wurde.
-
-Nahe dem Meer hing die Stadt der stolzen Akropolis an; die marmornen
-Tempel und Treppen der Burg traten weithin ins Licht, wie ein Turm über
-den Dächern hob das Erzbild der Göttin die goldene Lanze.
-
-Auch in Athen war die Freiheit im Schatten der Götter, aber sie liebte
-die Gärten der heiteren Gunst, sie liebte den mondlichen Schein
-marmorner Hallen, sie liebte den Markt und das Massengedränge, sie
-liebte die Schönheit mehr als die Stärke, und die Lust mehr als die
-Zucht.
-
-Darum schwankte das Schicksal Athens in der Schärfe des Schwertes,
-und einmal verbrannte das persische Heer die Dächer der schimmernden
-Pracht: aber die Brunnen der Lebenslust brachten den Brand zum
-Verlöschen, und herrlicher hob sich die Hoheit der Hallen über dem
-heiteren Schaubild der Stadt.
-
-Sie schlug sich frei aus der persischen Plage, und Perikles kam, der
-Meister der Herrschermacht; er baute den Marmorschrein der alten
-Königsstadt neu und gab den Giebeln die Bildnerei marmorner Leiber.
-
-Er gab den Bildnern, Dichtern und Weisen Griechenlands Weite und Raum,
-der Menschheit den Traum der Wahrheit, Schönheit und Güte zu bilden.
-
-Der Morgen ging ein in den Abend, als die morgenländische Weisheit nach
-Griechenland kam, als der düstere Stein der Weisen hell und heiter zu
-funkeln begann.
-
-Da wurden die blonden Räuber der Frühe Schatzhalter der ewigen Dinge,
-aus Tiefen der Ahnung wuchs ihnen Vergangenheit zu, über den Abgrund
-zukünftiger Zerstörung, im Schutt langer Vergessenheit der menschlichen
-Seele aus göttlicher Herkunft das Kleinod zu retten.
-
-
-Die Römer
-
-Rauschgolden verging die Sonne der Griechen im Abendrotglück
-Alexanders, der lateinische Mond stieg auf mit glänzender Scheibe; auf
-dem Markt von Athen standen römische Wachen, im Spottbild der Gaukler
-starb ruhmlos Sparta.
-
-Rom hielt das Zepter des Abendlandes über den Mittelmeergärten, über
-dem persischen Glück und dem messianischen Traum der Hebräer, über dem
-pharaonischen Altar und über der greisen Jugend der Griechen.
-
-Eine Wölfin, heißt es, habe die blonden Räuber der Frühe gesäugt, die
-den Völkern am Tiber die neue Schwertherrschaft brachten: eine hungrige
-Wölfin fraß Länder und Städte und wurde die Herrin der Mittelmeergärten.
-
-Stärker als alle Mächte im Morgen- und Abendland war der stolze
-Römergedanke, über den Königsglanz, über despotische Willkür für immer
-Vernunft und Willen der freien Gemeinde als Ordnung des Staates zu
-stellen.
-
-Sinnbild und Wächter der freien Gemeinde und Hüter des Staates war der
-Senat der würdigsten Männer; er gab dem Krieger das Schwert und dem
-Priester den Stab, dem Richter das Beil und dem Konsul die Toga.
-
-Da galt die Stärke und Schönheit des Leibes nicht mehr allein, nicht
-mehr das heitere Spiel genießender Sinne und kühner Gedanken: über dem
-bunten Dienst seiner selbst stand das Gebot der Gesamtheit.
-
-Gefährliche Tierheit war aller persönlicher Schein, Sinn war allein
-im Charakter: karg blieb er in Worten, schlicht im Gewand, streng und
-gemessen in seiner Haltung, groß allein war die Tat.
-
-Zucht war die Tugend des römischen Bürgers, aber die Zucht war das
-Glück; denn die freie Erfüllung der Pflicht war mehr als Gehorsam, und
-das Glück der Römergesinnung war mehr als die Pflicht.
-
-So war der Bürger von Rom und so war die Geltung, daß ihm die bunte
-Vielheit der Mittelmeervölker gehorchte: als Römer geboren, hieß
-Gebieter im Abend- und Morgenland sein.
-
-Bis im römischen Weltbürgersaal Macht nur noch Macht war, bis der
-persische Adler das Feldzeichen der römischen Schwertherrschaft wurde,
-bis Cäsar der freien Gemeinde das Rückgrat zerbrach, bis Augustus den
-Prunkmantel der römischen Kaisermacht trug.
-
-
-Das Land der neblichten Wälder
-
-Die aber die Kundschaft der kühnen Räuber nicht fanden, die an den
-kalten Meerküsten blieben und in der Nebelnacht unendlicher Wälder:
-ihnen malte kein lässiges Glück das Schaubild üppiger Götter.
-
-Streitbar und stark blieb Wodans Geschlecht im Kampf mit den Riesen und
-Alben der kalten Meeresküste, rauh war der Tag, mager die Feldfrucht
-und mühsam der Wildfang.
-
-Stürme und Sterne der Winternacht hielten das Jahr in der Strenge, kurz
-war die Wende des Sommers und karg das wärmende Licht seiner Sonne;
-Kälte und Nässe hingen dem Frühling das Nebelkleid um, früh kam der
-Herbst mit den Frösten.
-
-Aber in Wetter und Wind standen die schweigenden Wälder, das
-Quellengeheimnis zu hüten; Wiesen und Felder, getränkt von rieselnden
-Bächen, gaben dem Fleiß ihre Frucht; das wilde Getier hielt Mut und
-Freiheit in Atem.
-
-Nicht Städte und steinerne Höfe gab es im Land der neblichten Wälder
-und keine Tempel den Göttern, nachbarlich fern standen die Häuser im
-Schatten schützender Bäume, aus Balken gefügt und bedacht mit Stroh,
-gleich moosigen Zelten.
-
-Wie die Vögel in der Luft und die Fische im Wasser, so waren die
-Menschen im Wald; sein Regen umrauschte ihr Dasein, sein Dunkel
-verschlang ihren Schritt, sein Frühling trieb ihre Knospen, sein
-Winter verschneite den Schlaf der wartenden Tage.
-
-Aber Er war noch wach in der Herkunft aus lichtreicher Weite, heilige
-Bräuche und stolze Gemeinschaft hielten dem Mann das Dach seines Hauses
-vor Frevel geschützt; das Kriegsschwert stak in der Erde, bis Sein
-Gebot es den Männern gab, die Schärfe zu zeigen.
-
-Ob sie Ihn Ear oder Ziu, Tyr oder Zywaz, Thys oder Thingsu nannten: Er
-hielt das Recht ihres Daseins über dem ewigen Abgrund.
-
-Wo der uralte Wald die grüne Lichtung umgrenzte, tief in den Gründen
-wurden die weißen Rosse gehütet im heiligen Dienst Seiner Macht; Seine
-Priester lasen die Zeichen auf heiligen Stäben und hielten den weißen
-Rossen die Zügel, wenn sie den Bannkreis Seiner heiligen Wohnung
-umschritten.
-
-Dann eilten sie, Blumen zu streuen, und singend kamen die Kinder;
-dem Wagen entgegen schwoll Freude und Festklang; die Waffen waren
-verschlossen, kein Krieg durfte sein; für einen Tag ging die Zeit der
-neblichten Wälder die unvergessenen Wege.
-
-Für einen Tag blühte die Heimat aus uralten Freuden, der Frieden
-spannte den Himmel blau und hell übers Land, das Feld lag in Sonne, wie
-einer Braut strich zärtlicher Wind der blühenden Wiese die Wangen.
-
-Uralt und heilig stand über dem neblichten Tag die helle Herkunft der
-Dinge und hielt die Menschen umfangen im Netz ihrer starken Gesetze.
-
-Der Schritt des Lebens war tapfere Tat, und mit den Waffen zu sterben,
-sein fröhlichster Ruhm; aber das Wort war ein Schwur über dem Schwert,
-und stärker war keiner geschützt mit Waffen, denn der als Gast in ein
-Haus kam.
-
-
-Der kimbrische Schrecken
-
-An der kalten Meerküste begann der Malstrom zu mahlen, der die
-Springflut germanischer Völker über das Abendland brachte, über das
-Schwertreich der Römer und über die Ernte der Mittelmeergärten: die
-Kimbrer waren sein frühester Schrecken.
-
-Mit Wagen, Herden, Greisen und Kindern, im Wuchs der riesigen Leiber
-halb nackt, mit Speeren, Schilden und Hornzier der Helme gleich Tieren
-der neblichten Wälder gerüstet: so kamen die kimbrischen Völker ins
-römische Land der Taurisker.
-
-Als ob die Götter den Furchtbaren hülfen auf dem Feld von Noreja, fiel
-ein Gewitter über die Schlacht, donnernd zum dröhnenden Schildruf der
-Kimbrer; die Feldkunst der stolzen Kohorten erlag der Speerkraft von
-Norden: mit den Läufern nach Rom lief der kimbrische Schrecken.
-
-Aber die Kimbrer wichen zurück in die Wildnis und wandten sich
-westwärts ins gallische Land, weil sie Weide und Land, nicht Streit
-suchten.
-
-Da hielten die Heere der Konsuln die Tore bewacht im Gebirge; zum
-andernmal schlug der kimbrische Schrecken den Römern das Schwert aus
-der Hand, aber noch immer mieden die Sieger das Land der Kohorten.
-
-Elf Jahre lang irrten sie landsuchend hin im Lebensumstand der Wagen
-und Herden, mühsam hinüber ins spanische Land und mißlich zurück in die
-östlichen Berge, bis sie das Alpentor fanden.
-
-Ihre Knaben waren Krieger geworden und Mütter die Mädchen, als ihnen
-die Täler Tirols den Eingang erschlossen, als sie im sonnigen Südland
-der Alpen endlich die Weide der langen Wanderschaft fanden.
-
-Einen Herbst, einen Winter und Frühling saßen die Kimbrer da im Kanaan
-ihrer Kundschafter, das Landsucherglück zu genießen; dann traf sie das
-Schwert der Vergeltung in der Schlacht auf den raudischen Feldern.
-
-Am Gürtel mit Ketten verschränkt, sanken die kimbrischen Männer der
-römischen Übermacht hin; die Weiber der Wagenburg warfen die Speere
-und hetzten die Hunde, aber der dröhnende Schildruf verhallte, der
-kimbrische Schrecken starb im Schlag der römischen Schwerter.
-
-Die raudischen Felder tranken das Blut der nordischen Leiber; Weide und
-Wohnsitz zu suchen, kamen sie her aus dem kalten Jütland, nun gingen
-sie ein durch das Joch in die Mittelmeergärten und dienten als Sklaven,
-wo sie als Freie zu hausen gedachten.
-
-Kein schöneres Schicksal war ihnen vergönnt als dieses: Bienenschwärme
-zu sein, die keine Imkerhand einbrachte, und die nach kärglichem Sommer
-im kahlen Winter verdarben.
-
-
-Die Stachelschnur der Kastelle
-
-Wo der steile Bogen der Berge die römischen Gärten beschützte, wo
-der Zackenrand eisiger Gipfel den Mittelmeerhimmel bekränzte, wo das
-schäumende Wasser schrecklicher Schluchten sich staute in grünblauen
-Seen: kam die Stärke des Stromes, abzuscheiden das Land der neblichten
-Wälder.
-
-Bis in die Sümpfe der kalten Meeresküste zog das grüne Gewässer des
-Rheines der römischen Herrschaft die gallische Grenze gegen die freien
-Germanen.
-
-Wohl scholl der Hornruf hinüber, und dreimal baute Cäsar die Brücken,
-sein Schwert in die Wälder zu tragen: aber das unermeßliche Schweigen
-bot seinem Beutezug Halt, in der grünen Finsternis lagen die Gründe
-germanischer Freiheit behütet.
-
-Erst Drusus, dem Jüngling gelang, was der Strom und die Wälder dem
-Cäsar verwehrten: fünfmal zog er als Kundschafter aus und trug den
-gierigen Adler der römischen Weltmacht tief in das weglose Waldland.
-
-Am sandigen Ufer der Elbe tat er sein Wahrzeichen auf, dreihundert
-römische Meilen weit im herbstroten Land der Cherusker, der tiefer als
-jemals ein Römer in Wodans Wolkenreich kam.
-
-Aus der schweigsamen Tiefe der unabsehbaren Wälder, so heißt es, und
-aus dem Grauen des nahenden Winters trat eine Riesin vor ihn, uralt und
-Unheil weissagend dem prahlenden Jüngling.
-
-Sein Übermut lachte des raunenden Weibes, aber sein Roß stürzte hin auf
-der Rückfahrt, sie hoben ihn auf mit gebrochenen Beinen.
-
-Dreißig Tage lang trugen die Krieger dem Jüngling die Bahre, durch
-Sturm und Regen der Wildnis die mühsame Weite zurück, wo sie im Sommer
-mit Hörnerschall ritten: nur seine Leiche brachten sie heim, im
-Standlager zu Mainz dem Stolzen das steinerne Grabmal zu bauen.
-
-Dann taten die Römer dem Strom die Stachelschnur an ihrer trotzig
-bewehrten Kastelle; von den grünblauen Seen hinunter zur kalten
-Meerküste stand ihre Wacht am Strom und am Rand der düsteren Wälder.
-
-Schwer hing die Frucht und süß schwoll die Rebe zur Linken im Hügelland
-gallischer Sonne; dunkel und drohend dehnte sich rechts die dürftige
-Wildnis, der Nebel hing grau über unermeßlichen Weiten.
-
-Die gallische Morgengabe cäsarischer Macht wurde reich im Gewinn
-emsiger Gärtner; über den Strom scholl der krachende Speer und der
-Schildruf trotzig anschweifender Scharen.
-
-
-Arminius
-
-Als das Gebot des Kaisers Augustus ausging, die Welt der römischen
-Herrschaft zu schätzen, kam als Geisel ein Jüngling nach Rom, aus dem
-Stamm der Cherusker und Segimers Sohn, der ein Fürst seiner Sippe im
-Weserland war.
-
-Sein Oheim Segestes hatte dem Kaiser ein Hilfsvolk gestellt, darin der
-Sohn Segimers Söldnerdienst tat; ihm boten die Römer das Bürgerrecht
-an, in den römischen Ritterstand hob der Kaiser den Jüngling.
-
-Als er heimkehren durfte in das Land seiner Väter, wo sein Oheim
-Segestes dem Statthalter Varus in Unterwürfigkeit diente, sah er Dinge
-geschehen am Volk der Cherusker, die ihm verräterisch schienen und
-seinen Zorn reizten.
-
-Denn als Bundesgenosse, nicht als Besiegter hatte das Volk an der
-Weser den Römern Einlaß gewährt; Varus aber ließ Strafen verhängen von
-römischen Richtern, Rutenbündel und Beil bedrohten das Recht und die
-Herkunft der freien Gemeinde.
-
-Dem Kaiser bauten die Römer im Land der Cherusker Altäre; und was den
-Freien zu hüten heilige Pflicht war, der Wahrspruch der wehrhaften
-Männer, wurde von Varus verspottet.
-
-Dem Unrecht solcher Gewalt mit List zu begegnen, ließ Segimers Sohn die
-Jünglinge der Cherusker heimlich die Blutspur beschwören.
-
-So sehr war der Hochmut des Römers verblendet, daß er des warnenden
-Segestes lachte, als er im Schwall und Hörnerklang seiner Kohorten das
-Sommerlager verließ.
-
-Regenstürme stöhnten im Wald und die Bäche brachen ins Land, als die
-Bäume anfingen, Wurfspeere zu regnen, als die Cherusker, von kundigen
-Führern nächtlich geleitet, den gepanzerten Heerwurm anfielen, als der
-prahlende Schall und der Notruf der Hörner hinstarb im Schildruf der
-Völker.
-
-Am dritten Abend erlag der gepanzerte Leib den zornigen Bissen, der
-Statthalter Varus sank in sein eigenes Schwert; nur die Reiter der
-Nachhut entrannen, den Schrecken des Teutoburger Waldes ans gallische
-Ufer zu tragen.
-
-Als die Weiden grün wurden im Weserland und der Holderbusch blühte,
-schreckte kein Hörnerschall mehr das befreite Volk der Cherusker; die
-Lieder gingen von Segimers Sohn, wie sie von Wodan, Donar und Saxnot
-und den Helden der Götterzeit sangen.
-
-In Rom aber schritt, von Segestes dem Vater an ihre Feinde verraten,
-Thusnelda, die Gattin des Kühnen, als Sklavin die Gasse der Gaffer; und
-auch den Herrlichen fällt der Neid mit dem Mordstahl der Tücke.
-
-Im siebenunddreißigsten Jahr seines siegreichen Lebens fiel Segimers
-Sohn, der sein Volk aus der römischen Knechtschaft befreite und dem
-Land der Wälder und Wiesen der herrlichste Held war.
-
-Wohl sangen die Lieder noch lange ihm nach, den die Römer Arminius
-nannten, aber sein deutscher Name verscholl im Sang der rühmenden Sage.
-
-Da klingt er hell, wie ein Frühlingstag steht mit Blüten und blankem
-Gewässer, da wird Segimers Sohn und Segimunds Schwäher, der treulos
-verratene Held in der Arglist der Sippe, Segifried, Siegfried geheißen.
-
-
-Der Pfahlgraben
-
-Wo der Strom seinen Lauf in den Altwässern suchte, sein flaches
-Gewässer den gallischen Gärten kein Schutz war, wo der Wald sich
-vorschob im schwarzen Gebirge, hoch über dem Rhein die sumpfigen
-Quellen der Donau zu tragen: da bauten die Römer das Bollwerk des
-Zehntlandes ein.
-
-Sie warfen die Stachelschnur vor mit klug gestellten Kastellen und
-säumten sie ein in den Wall, der mit Türmen, Gräben und Pfählen
-geschützt über die waldigen Kämme des Taunus zum braunen Gewässer des
-Mains und über das steinichte Hochland nach Norikum lief.
-
-Eine Stadtmauer mit Toren und Türmen, länger als fünfhundert Meilen,
-durchquerte den Wald und die Wildnis vom Rhein bis zur Donau; acht
-Kaiser bauten daran in mehr als zweihundert Jahren, und der sie am
-stärksten bewehrte, dem fiel sie in Trümmer.
-
-Eher als eine Mauer war es ein Deich, gegen die Springflut gebaut
-und harmlos an windstillen Tagen, wenn durch die Schleusen das dünne
-Gewässer des täglichen Grenzverkehrs floß.
-
-Dann wagten römische Händler die Fahrt ins germanische Waldmeer, wo
-nur selten der Krieg das Tagwerk der friedlichen Bauernwelt störte, wo
-die Gastlichkeit fröhlicher Brauch und die Treue gegen den Gast eine
-heilige Pflicht war.
-
-Sie sahen das seltsame Fachwerk der Häuser, die sauber gefärbten Fächer
-im schmuckvoll gefügten Gebälk, sie sahen die Säle der Fürsten mit
-hölzernen Hallen rundum, die Balken geschnitzt und die Bretter bemalt
-mit vielverschlungenen Bändern.
-
-Sie sahen die Jugend spielen im Hof unter Bäumen, nackten Leibes in
-Wind und im Regen und ihrer Gliederkraft froh; sie sahen die Mütter
-Feldarbeit tun im Kreis der lachenden, singenden Mägde.
-
-Sie sahen die Männer heimkehren, müde der mühsamen Jagd in den Wäldern,
-sahen sie sitzen im Schmuck ihrer Waffen zum Rat der Gemeinde, sahen
-sie richten und dem Gesetz die Waage mit Freimut und Unbeugsamkeit
-halten.
-
-Sie sahen ein Bauerngeschlecht sein einfaches Tagewerk tun, sahen
-es sorgsam gefügt in Sippen und Gauen und fest in der Pflicht der
-Gemeinschaft, sahen es fröhlich und stark und stets gerüstet zum Kampf,
-wenn das Kriegsschwert die Mannschaft der Dörfer aufrief zum Volksheer
-der Stämme.
-
-Sie sahen die Fürsten geehrt im Glanz der Edlen und Freien, sie sahen
-die Jünglingsschar trotzig und waffengeübt und lüstern des Tages, da
-der Krieg Heldenruhm brachte.
-
-Sie sahen die Frau als freie Genossin des Mannes, und sahen, wie Treue
-um Treue, Reinheit und Stolz ihr Ehrenkleid waren.
-
-Sie sahen die Brandung unbändiger Kraft gemeistert in Zucht und
-Gehorsam und ahnten den Tag, da die Springflut anstürmte und der Deich
-mit der Stachelschnur seiner Kastelle zu dünn war für die Gewalt.
-
-
-Tacitus
-
-Als Tacitus seine Germania schrieb, mit warnenden Worten zu sagen, was
-für ein Land hinter der Stachelschnur seiner Kastelle Rom unbekannt sei
-und was für ein Volk darin wohne: war Domitian, der feige Prahler und
-Wüstling, römischer Kaiser.
-
-Der Weltherrschertraum des Augustus, weit und glücklich begonnen, hatte
-zur Wirklichkeit Neros geführt; über dem Recht der freien Gemeinde hing
-das Schwert der Tyrannen, der Senat trug den Purpur der Kaisergewalt.
-
-Die Kaisergewalt war der Kriegsknecht: mit gallischen Söldnern kam
-Cäsar nach Rom, den Senat zu bekriegen, in allen Provinzen der
-römischen Weltmacht waren die Legionen des Kaisers geworben, die aus
-dem Volksheer der Römer die Herrschaft der Kriegsknechte machten.
-
-Ein Krake war das Weltreich der römischen Kaiser, soweit die Greifarme
-der Legionen reichten, fraß er die Länder leer von Persien bis nach
-Britannien, aber der Bauch saß am Tiber.
-
-Der Bauch saß am Tiber und wurde kraftlos an seinen eigenen Gliedern:
-Zucht war die Tugend des römischen Bürgers gewesen, aber die
-Kaisergewalt hatte die Tugend beschattet und hatte dem Laster Paläste
-gebaut.
-
-Tacitus war kein Kriegsmann, wie Cäsar in Gallien war und hatte nicht
-eigenen Ruhm zu verkünden; er war nur ein Römer der alten Zeit, der dem
-Sittenverfall seiner Tage den Spiegel germanischer Einfachheit vorhielt.
-
-Er sah die Tugend und sah die Laster der Deutschen, aber er sah auch
-die Einfalt der Sitten, die Nähe der starken Natur und die Waltung der
-Herkunft.
-
-Freiheit und Ehrfurcht, die Schlüssel der Menschheit, sah er in
-einfachen Händen; wie Kinder die Dinge tapfer und gläubig tun, sah er
-die Deutschen, indessen die Römer in greiser Lüsternheit gingen.
-
-Er wollte dem Sittenverfall seiner Tage den Spiegel vorhalten und war
-ein Römer der alten Zeit; aber das Spiegelbild zeigte die kommende
-Stunde: fröhliche Stärke der Jugend gegen das grausame Alter.
-
-
-Die Springflut
-
-Das kurze Schwert, den runden Schild und Gehorsam ihrem König brachten
-die Goten mit über das Wasser, als sie den alten Völkerweg fanden, von
-Schweden hinunter ans Schwarze Meer und hinüber zum Pontus.
-
-Da wurde das alte Skythenland wach im Lärm der Wagen und Pferde, weit
-in die Stille der östlichen Steppen floh der Hufschlag der Bogenreiter,
-Völker bedrängten die Völker, Länder wurden lebendig und der Wald kam
-ins Wandern.
-
-Markomannen, Vandalen und Alemannen, Burgunder und Langobarden wichen
-dem gotischen Königsvolk aus und strömten landsuchend hinein ins
-Tiefland der Donau, bis der Völkerkessel voll war zum Rand und überfloß
-in die römischen Gärten.
-
-Vierzehn Jahre lang lag er zu Feld, Mark Aurel, der die Feder liebte
-und das Schwert nicht hinlegen konnte, in Mühsal und Mißmut den
-Markomannen zu wehren; als er den Sieg endlich sah, nahm ihm der Tod
-den kargen Gewinn aus der Hand.
-
-Unaufhörlich danach warf die Brandung flüchtender Völker Spritzwellen
-hinein in die Gärten, bis die Stachelschnur riß; über den römischen
-Deich rauschte das deutsche Gewässer.
-
-Schon waren die Alpentore gesprengt, als die Hauptstadt der Welt sich
-selber zum Schutz die neue Ringmauer baute; wie zur Königszeit war das
-herrische Rom wieder die Burg am Tiber. Achthundert Jahre lang hielt
-sie die Völker im Zwang ihres siegreichen Schwertes, nun krachte von
-Norden der Speer und warf ihr den Staub vor die Füße.
-
-Noch kreisten die römischen Adler über den Mittelmeergärten, noch lagen
-die Legionen schwer auf dem Morgenland, noch hielten die Standlager
-Wacht am Strom und schützten die gallische Ernte; aber die stolze Blöße
-des römischen Hauptes zog wieder den Eisenhelm an.
-
-
-Ermanerich
-
-Von der Weichsel zur Wolga reichten die Waffen des gotischen Königs,
-und die Völker des Pontus brachten Ermanerich Lösegeld dar.
-
-So hieß er der Reiche, als er nicht mehr ausreiten konnte zur wehenden
-Schlacht; zehnhundert Goten, rühmt die Sage, saßen im Saal, wenn er
-trank aus dem goldenen Becher und den Liedern lauschte der Amelungen,
-seines den Göttern entstammenden Geschlechts.
-
-Trotz seinem Alter dachte er noch, Schwanhild die schöne zu freien,
-und sandte Randwer den Sohn ins roxolanische Reich, ihm Schwanhild
-die weiße zu holen; aber Randwer der feine hob seine Augen auf zu der
-Jungfrau, die seine Mutter zu heißen bestimmt war.
-
-Nicht lange, so war die Liebe dem König verraten; da zerriß er den
-Bart, der wie der Schweif seines Schimmels war, und schwer vergalt
-er den beiden die Schande: am Galgen hing ihm der Sohn, die Pferde
-schleiften die schöne Schwanhild.
-
-Die ihre Brüder hießen, ritten zur Rache in seine Burg; obwohl der
-Goten zehnhundert dasaßen, über die Leichen der Scharwächter schritten
-sie ein mit zornigem Schwertschlag und trafen ihn, mitten im Saal, der
-sie spöttisch begrüßte.
-
-Sie wurden mit Steinen geworfen und starben im Zorn seiner Mannen; aber
-dem Amelungen schmeckte kein Wein mehr, er siechte hin an den Wunden.
-
-Das aber, heißt es, geschah zu der Zeit, da die hunnischen Reiter
-einbrachen ins gotische Land mit unermeßlichen Scharen; der unter
-Kühnen König war, mußte brach liegen und die Boten abwarten der dritten
-verlorenen Schlacht.
-
-Als er die Brandfackeln flammen sah in der Nacht, hielt er das Schwert,
-zu schwer seinen Händen, und warf sein Herz in die Schärfe, daß kein
-sterblicher Mann sich zum andernmal rühme, sein Schwert mit dem Blut
-des Amelungen gerötet zu haben.
-
-
-Alarich
-
-Als die Westgoten dem römischen Kaiser Söldnerdienst taten, wurde
-Alarich König, aus dem Baltengeschlecht, das ist der Kühnen.
-
-Er sah sein verschlagenes Volk untergehen in den östlichen
-Mittelmeergärten, darin es klüglich verteilt war, von Mösien über den
-Hellespont hin bis weit ins syrische Land.
-
-Er aber wollte Volkskönig sein gleich seinen Vätern und dem
-verschlagenen Volk ein Vaterland finden; denn nur, was das Schwert
-hielt, war noch Besitz, als mit der Eifersucht törichter Knaben in Rom
-und Byzanz das wankende Weltreich zerbrach.
-
-Kühner als vormals die Kimbrer ging Alarichs Fahrt, durch keine Habe
-behindert als durch das Schwert und die Zelte des Lagers: bald stand
-er mitten in Griechenland, Hellas und Sparta hörten wieder den
-Schwertschlag und die blonden Räuber der Frühe.
-
-Stilicho der Vandale, der dem Kaiserknaben in Rom die Steigbügel hielt,
-kam mit Schiffen und großer Kriegsmacht, den Kühnen zu fangen: aber
-der Neid von Byzanz öffnete listig die Falle und wies der gotischen
-Heerschar das dalmatinische Küstenland an.
-
-Seitdem züngelte Alarichs Schwert scharf zwischen Rom und Byzanz;
-an der steinichten Schwelle der römischen Gärten sah er die Lockung
-reicher Landschaften vor seiner Tür.
-
-Das Wasser war dünn im Isonzo, bald stand er am Po und einmal am
-gallischen Tor im ligurischen Bergland.
-
-Da mußte Stilicho Lösegeld leisten, Norikum bot er als Bündnispfand
-an: so wurde das gotische Heervolk wieder landeigen und Alarich König
-im neuen Westgotenland; doch gab er den Schlüssel der römischen Gärten
-nicht aus den Händen.
-
-Als der Knabenkaiser dem Kanzler die Treue mit Arglist vergalt, als
-Stilicho den Henkertod fand, trug er sein Schwert verwegen vor Rom, und
-schimpflich mußte der stolze Senat den Abzug der Goten erkaufen.
-
-Mehr als ein Jahr lang lag er im Feld, dem das römische Heer von
-Ravenna den Rückzug verlegte: ein Straßenkönig im fremden Land, mit dem
-Schwert sein Zeltlager schützend.
-
-Weder Land noch Frieden war zu gewinnen vor der Burg von Ravenna, zum
-andernmal zog er nach Rom, und diesmal erfuhr die Stolze das Schicksal,
-so mancher feindlichen Stadt von der römischen Schwertmacht bereitet.
-
-Die seit achthundert Jahren keinen Feind kannte, sah durch Konstantins
-prahlenden Bogen den König der Goten einreiten: aber kein Rausch der
-Stunde verwirrte Alarichs Blick, daß dies für sein kühneres Trachten
-ein kurzer Triumph war.
-
-Drei Tage lang ließ er die Seinen das Siegerglück kosten, dann nahm er
-die Hitzigen hart in die Hand: Karthago, die Kornkammer Roms, sollte
-der Preis seiner Fahrt und die Burg für sein Königtum sein.
-
-Schon hatten kalabrische Schiffer ihm eine Flotte gerafft, als die
-kochenden Strudel herbstlicher Stürme die Schiffe zerschellten; vom
-Fieber verzehrt wichen die Seinen verzagt nach Cosenza zurück: da
-stillte der Tod dem Balten den unsteten Herzschlag.
-
-Im Sumpffiebertal von Cosenza starb im vierzigsten Jahr seines Lebens
-der König der Goten, der seinem Volk kein Vaterland fand, der die
-gotischen Männer im dürren Gestein der kalabrischen Küste zurückließ.
-
-Landfahrend in der Fremde todfeindlicher Länder, konnten sie keinen
-Grabhügel wölben, kein Gedächtnis der Trauer dem grausamen Tal, daraus
-sie morgen schon schritten, das Schwert in der Hand.
-
-Sie gruben ihm nächtlich ein Grab im Busento und senkten den König mit
-Schmuck und Schwert in den schweigsamen Grund.
-
-Als die Sonne aufging im steinichten Tal, darin sie heimatlos standen
-und ihres Daseins nur durch das Schwert in der trotzigen Hand
-versichert, flossen die Wellen schon wieder den emsigen Lauf, mit
-schäumendem Schleier den Schlaf zu hüten, der den schwertfahrenden
-Männern Losung und Ziel ihres kurzen Straßenglücks war.
-
-
-Die Hochzeit von Narbonne
-
-Als Alarich der Kühne schlafen ging im kühlen Steingrund des Busento,
-ließ er die Seinen schiffbrüchig auf einer Fahrt zurück, die für die
-Ebbe ihres Rückzugs gefährlicher als für die hingeschäumte Flut war.
-
-Doch führte die verwegene Kriegerschar als Geisel die junge
-Kaiserschwester mit, die schon im dritten Jahr die Irrfahrt ihres
-Lagers teilte: Placidia, von Athaulf, dem Schwager Alarichs, als
-Gemahlin begehrt und ihm zugetan.
-
-Sie war den schlimm Verschlagenen ein Amulett: mit hundert Listen der
-Gefahr ausweichend, schob sich ihr Lagerdasein in Winkelzügen verwegen
-nordwärts, Rom und Ravenna rasch vermeidend, bis sie im zweiten Sommer
-die Alpen überschritten, die Tür ins Freie zu gewinnen.
-
-Da schlugen sie den Sarus, dann den Jovinus, die in Gallien abtrünnige
-Gewaltherrn waren, und boten sich der schwankenden Gewalt des Kaisers
-als Schildhalter an.
-
-Denn Athaulf der Gote, der des Kaisers Schwester zur Gemahlin begehrte,
-erfüllte klug und klar, was Alarich im Trotz nicht zwingen konnte: das
-Schwert der Goten sollte halten, was den schwachen Händen der Römer
-entglitten war.
-
-Als Athaulf mit der Placidia Hochzeit hielt, schien in die dunkle
-Zwietracht der Zeit ein zager Sonnenstrahl, von den Goten in Narbonne
-prunkvoll gefeiert: die Blonden huldigten der braunen Königin.
-
-Ob es für Athaulf ein kurzer Traum war, ein halbes Jahr nach seiner
-Hochzeit mit dem Tod bezahlt: der weise Wallia kam und baute den Traum
-treu in die Wirklichkeit.
-
-Das Ränkespiel der Höfe von Ravenna und Byzanz ging ruchlos weiter mit
-Mord und Mörderlisten: das Reich der Goten hielt den Sonnenstrahl in
-Pflege, bis er aus Gallien nach Spanien hinüber in einen breiten Sommer
-gewachsen war.
-
-Das tolosanische Reich war es genannt, der Ruhm seiner Macht und
-Schönheit rief die Gesandten von Morgenland her, und stärker stellte
-kein Fürst dem Frieden das Schwert vor die Tore, als Eurich der Große,
-König der Goten, tat.
-
-Von der Loire bis zum Tajo hielt seine mächtige Hand die Unrast der
-Völker gebändigt; auch ließ er die Tafeln der gotischen Herkunft
-schreiben als Recht und Gesetz des tolosanischen Westgotenreiches.
-
-Dreihundert Jahre hielt es reich und räumig den Völkerstürmen stand,
-und war dem Islam noch ein Garten, darin die Märchen seiner Künste
-blühten wie nie im Morgenland.
-
-Und wurde das Wunderland der ritterlichen Tugend, die früheste
-Freistatt der Bildung, und hielt das Gotenrecht lebendig durch tausend
-Jahre.
-
-
-Geiserich
-
-Wild und weit hat die Vandalen die Völkerflut verschlagen und ihre
-Mühsal vom wasserreichen Waldland der Oder ins Morgenland gebracht; die
-unter Godegisel in Gallien einbrachen, ritten die Grenzen Geiserichs ab
-am Rand der Libyschen Wüste.
-
-In Andalusien saßen sie wartend und sahen am blauen Meertor die
-Kornkammer Roms, das wiedererbaute Karthago: Seefahrer wurden sie
-da, die gleich den Goten Schwertkämpfer waren, und kamen mit flinken
-Schiffen hinüber, als die Karthager sie riefen.
-
-Da löste das Schwert der Vandalen den Fluch von Karthago und stach dem
-römischen Stolz in die hilflosen Glieder, da wurde Hannibals Heimat zum
-andernmal Herrin der Meere.
-
-Denn Geiserich, das ist Speerfürst, nahm das karthagische Land,
-verwildert durch Aufruhr und Kirchengezänk, in harte Verwaltung, und
-war auf der Burg von Karthago der Seefahrerkönig, den keiner bezwang.
-
-Und als ihn Eudoxia rief, den gemordeten Kaiser und Gatten zu rächen,
-vergalt er den Römern den Brand von Karthago; mit seinen Schiffen fuhr
-er hinein in den Tiber und ließ sich durch Leo, den drohenden Bischof,
-nicht schrecken.
-
-Und ließ die gedemütigte Herrin der Welt sein Siegerrecht fühlen;
-wie vorzeiten die römischen Schiffe den Raub heimbrachten aus dem
-zerstörten Karthago, vergalt er Gleiches mit Gleichem und trotzte
-lachend dem Fluch der römischen Priester.
-
-Und hielt seinen Horst an der klippigen Küste, und blieb in den
-Mittelmeergärten der Seefahrerkönig, den keiner bezwang, bis er
-heimging im Alter, versammelt zu den Vätern im Waldland der Oder:
-
-Der als Knabe mit über den Rhein geritten war und als würdiger Greis
-auf der Burg von Karthago, geliebt von den Seinen, das Abenteuer seines
-reisigen Lebens reich und rund gespiegelt sah in der Mittelmeerbläue.
-
-
-Die Hunnenschlacht
-
-Als Etzel, Heerfürst der Hunnen, ausritt von Ungarn ins gallische Land,
-kam die große Sturzwelle der Völker, alles ersäufend in ihrer Bahn, was
-die Flucht ins Gebirge versäumte.
-
-Wie Rabenflug war der Ritt seiner Scharen, und rascher kaum rannte der
-Schrecken vor ihnen her, als der Hufschlag der struppigen Pferde.
-
-Da half nicht Schwert und nicht Schwur, der berittenen Unzahl zu
-wehren: so unaufhaltsam schwoll das Gewässer der hunnischen Reiter ins
-Land, daß schon im Sommer die ersten Sturzwellen um Orleans schäumten.
-
-Dann rückte der Heerbann der Westgoten an, mit dem römischen Kriegvolk
-vereint der hunnischen Flut zu begegnen: vor ihrem Wall wich das
-schwarze Gewässer zurück, gleich einem See das weite Becken der
-katalaunischen Felder mit dem Gewimmel der Pferde und den Wagenburgen
-der Hilfsvölker füllend.
-
-Anders als sonst eine Schlacht war diese, da Goten und Goten, Franken
-und Franken einander bekämpften, durch Etzels Willen geschieden in Land
-und in Flut.
-
-Aëtius aber, der römische Feldherr, war Geisel bei Etzel gewesen und
-kannte die hunnischen Listen: er hielt den Damm seiner Völker mit
-unbeweglichen Flanken und ließ vom Morgen zum Abend die Flut der Reiter
-anschäumen, bis die Brandung erlahmte und der Schaum blutig gerann.
-
-Als schon die Dämmerung sank, kamen die gotischen Mauern ins Schreiten,
-gewaltige Torflügel drehten sich ein, bis das Blutmeer der hunnischen
-Reiter in beiden Flanken gedämmt war.
-
-Da half den Hunnen die Unzahl der Hufe nichts mehr, die Nacht hob den
-gotischen Kriegern die Sterne: das schwarze Gewühl mußte zurück in die
-Hürde der Wagenburg weichen.
-
-Drei Nächte noch kämpften, so heißt es, die Toten die grausige Schlacht
-in den Lüften, bis das Blut abfloß in den Bächen der katalaunischen
-Felder.
-
-Die Lebendigen warfen das Los der Waffen nicht mehr: der gotische Damm
-stand im Westen, die hunnische Flut fiel zurück in den Osten, daraus
-sie, die abendländische Welt zu ersäufen, im Frühjahr geflossen war.
-
-Im zweiten Jahr nach der Hunnenschlacht holte Etzel die blonde Hildico
-heim und starb in der Brautnacht: das Gewässer der hunnischen Scharen
-gerann, sein Schrecken blieb im Gedächtnis der Völker das Grundwasser
-unheimlicher Sagen.
-
-
-Burgund
-
-Von der Weichsel her wehten die gotischen Stürme das Volk der Burgunder
-gegen den Rhein, wo sie in Worms die Königsburg hatten und den kurzen
-Traum ihrer Geltung.
-
-Im Kreis starker Helden hielt Gundikar Hof, der die burgundische Insel
-im Strudel feindlicher Völker stark und besonnen geschützt hielt;
-Alemannen und Franken mußten ihn dulden, die Römer fragten nach seiner
-Freundschaft.
-
-Aber die hunnischen Horden kamen von Osten; den burgundischen Hochmut
-zu heilen, lenkten die Römer sie listig nach Worms: hart hielten
-die Helden das Schwert und hell den fröhlichen Mut, aber die Hunnen
-ersäuften den Mut und das Schwert im Blut der unbemessenen Scharen.
-
-Als Gundikar fiel und die todwunden Leiber all seiner Helden dem König
-den Grabhügel wölbten im Brand seiner Burg, ging das burgundische
-Sommerglück aus.
-
-Vom Rhein zur Rhone führten die Römer den klagenden Rest der Greise,
-Mütter und Kinder: die ein Königsvolk waren, dienten dem römischen
-Schwert mit dem Mut ihrer mannbaren Knaben.
-
-Aber das Schwert war nicht verrostet, und mählich wuchsen die
-Knaben; als die Blutbäche rannen der katalaunischen Felder, standen
-burgundische Männer im Heerbann der Sieger und riefen Gundovich Heil,
-dem König der neuen Geschlechter.
-
-Zum andernmal wurde Burgund die Insel im Strudel feindlicher Völker,
-Lyon blühte hoch im Stolz der heldischen Herkunft, Franken und Goten
-zum Trutz mitten im gallischen Land, bis es sein Winterglück, kurz wie
-der Sommer, verlor.
-
-Kein Schicksal aber löschte Burgund den deutschen Namen aus im bunten
-Schwertlauf der Tage: die Sage behielt Gundikars Gold, die Trübsal und
-Treue starker Trabanten, Schwert und Fiedel in Blut und Brand, hart und
-hell im Gedächtnis.
-
-
-Dietrich, Theodemirs Sohn
-
-Das schwarze Gewässer der hunnischen Sintflut war verronnen, und die
-Sonne fing wieder an zu scheinen auf das Geschlecht der Amelungen, als
-Ereliva den Dietrich, das ist Volksfürst, gebar.
-
-Aber der Ostgotenkönig war hörig geworden, ohne Land und Burg in
-Pannonien Söldling der römischen Grenzwacht; siebenjährig gab er den
-Knaben als Geisel gegen Byzanz; Theodemir, der selber Geisel bei Etzel
-gewesen war, dem König der Hunnen.
-
-Edelinge gab er ihm bei, dem Knaben die Lieder der Heimat zu singen,
-und Hildebrand, daß er ihn lehre, den Jagdspeer zu werfen und das
-Schwert der Helden zu halten.
-
-Und mußte seiner entbehren, bis der Jüngling einritt im achtzehnten
-Jahr, mit hellerem Blick und härterer Hand, als einer im Heervolk der
-Goten.
-
-Da sah er das ärmliche Dasein der Seinen und wie sie ein Söldnervolk
-waren, indessen der Westgotenkönig Toulouse und Toledo ruhmreich
-regierte.
-
-Einundzwanzig Jahre war Dietrich alt, da ihn die Goten als König
-ausriefen; das geschah aber zu der Zeit, da Zeno, der Kriegsmann, den
-Helm in Byzanz mit dem Stirnband des Kaisers vertauschte und flüchtig
-vor seinen Feinden die Feldmacht der Goten anrief.
-
-Da kam den Amelungen wieder das Kriegsschwert Zius zur Hand; wie zu
-Ermanerichs Tagen klangen die Schilde gewaltig, bis Dietrich im Kranz
-seiner Recken und Mannen als Sieger einritt in das gedämpfte Byzanz.
-
-Zeno der Schlaue wollte ihn fangen mit Ehren und Gold und einem ehernen
-Standbild, er aber wollte König heißen, nicht Feldherr, Schwertmacht
-der eigenen Burg und Schildhaber der eigenen Herrlichkeit sein,
-wartend, wer seiner bedürfe.
-
-Das Knäblein hießen die Spötter den letzten Kaiser von Rom; Odoaker
-der rugische Söldling, König in Rom und Ravenna hielt ihn gefangen im
-goldenen Käfig: Odoaker zu beugen, bot Zeno die Gotenmacht auf.
-
-Da wurde der Pfeil in den Köcher gelegt, da sangen die Mannen und saßen
-die Recken im Sattel, weil Dietrich, der Fürst der Stärke, den Feldzug
-befahl.
-
-Denn keine Heimkehr stand ihnen im Sinn, als sie im Herbst die
-julischen Alpen durchritten, als sie das felsige Tor am Isonzo
-erzwangen, als sie den Boden Cäsars betraten, mit Odoaker, dem
-rugischen Feind, um die römische Erbschaft zu streiten.
-
-Drei Schlachten schlugen die Starken im Norden: der Alpenrand scholl
-im Schlag ihrer Waffen bis in die ligurischen Berge, bevor sie den Po
-überschritten, Odoaker in seiner Burg zu Ravenna, den Fuchs in der
-Höhle zu fangen.
-
-Aber die Sümpfe ersäuften die Mannen und der Damm lief schmal, darauf
-die Mauern und Türme der starken Kaiserburg standen; kein Hornruf
-reichte hinüber; die Segel der Schiffe blähten sich auf, den Belagerten
-Nahrung zu bringen.
-
-Da half dem Goten das Fußvolk nicht mehr, nicht halfen die Rosse der
-Recken; drei Jahre lang mußten sie liegen und lauern im Sumpfland
-der Küste: längst war Rom in Dietrichs Gewalt und immer noch trotzte
-Ravenna.
-
-So mußte Arglist erreichen, was Kühnheit und Kraft nicht erzwangen, der
-Fuchs und der Löwe schlossen den Bund, aber der Mord fraß die Treue:
-als Dietrich einritt in die Burg von Ravenna, lag Odoaker im Blut, von
-den Goten treulos erschlagen.
-
-Durch Meintat ging aus, was mit ehrlichem Schwertschlag begann am
-Isonzo; so hell die Sonne danach den Amelungen umsäumte, sie löschte
-die Blutspur nicht aus auf dem Schild und den Vogelschrei der
-Vergeltung.
-
-
-Dietrich, der Gotenkönig
-
-Manche Hand war hart wie seine, die Macht zu greifen und zu halten; er
-aber hob den Sieg der Stärke hinauf ins Gesetz und den Ackerpflug aus
-der Schwertspur.
-
-Wo wüster Acker war und aus den Spalten des zerschlagenen Rechts das
-Unkraut wucherte, fing ein Garten wieder an zu grünen, weil er, der
-Gotenkönig, behutsam sein Gärtner war.
-
-Er spielte den Römern nicht noch einmal den Cäsar vor, blieb in Ravenna
-und war kein prahlender Augustus; auch dehnte er die Grenzen seiner
-Macht nicht weiter aus, als er mit Recht erfüllen konnte, und zweimal
-nur in dreiunddreißig Jahren zog er ins Feld.
-
-Wie er dem Frankenkönig schrieb: denn der siegt nachhaltig, der alles
-zu mäßigen weiß! so hielt er Maß mit seiner Stärke.
-
-Als Sohn der Gewalt gekommen, war er ihr strenger Richter, und seiner
-Ordnung Sinnbild war, daß er im Gotenreich zur Nacht kein Stadttor
-schließen ließ.
-
-Was noch an Bauwerken der alten Welt erhalten war, ließ er nicht
-weniger schützen als, was in seiner Gunst entstand, im Geist der alten
-Schönheit planen: Standbilder schmückten wieder die Straßen Roms, den
-Großen zum Gedächtnis, und nirgend prahlte vor der alten Pracht die
-seine.
-
-Kein Schwert war stark genug im Abendland, an seine Macht zu rühren;
-wohl aber kamen die Gesandten der Könige und Völker, Rat und
-Richtspruch anzuhören; auch lockte seine Friedenssonne die Künstler
-und Gelehrten an, dem Königshof in Ravenna den Glanz und die Pracht zu
-geben, die seinem Ruhm gebührte.
-
-Die er als Bauleute berief, ihm einen Königshof zu bauen für seinen
-Thing und Reichstag, meisterten die Kunst, Marmor zu schneiden; auch
-gab es griechische Steinmetze und solche, die noch den Bildguß kannten.
-
-So kam der Bau zustande, den er des Reiches redendes Zeugnis und seiner
-Herrschaft schmuckvolles Antlitz nannte.
-
-Acht Pfeiler trugen das Kuppeldach, mit tönernen Röhren rund überwölbt,
-acht Nischen nahmen dem Raum die Nähe der Mauern, acht Säulengestände
-rundum führten ihn zierlich ins Breite.
-
-Eine Waldlichtung innen aus wächsernem Marmor, glühend im Glanz
-farbiger Gläser, mit Steinmetzwerk nach außen reich überstreckt,
-den Tempelhallen der Römer zum Trotz in sich selber verschränkt mit
-ragender Kuppel: so stand der Wunderbau da, desgleichen nicht in der
-Welt war.
-
-Da hielt der König der Goten den Thing, wenn die wohlregierte Gewalt
-des Reiches die Großen zur Rechenschaft sandte; im schmuckvollen Torbau
-grüßten die Steinbilder amelungischer Ahnen sein stolzes Geschlecht.
-
-Da fanden die vielverschlagenen Schwerter sich in die gotische Heimat
-zurück, im Glanz der Stunde und Stätte ein glückhaftes Märchen, wenn
-der starkweise Dietrich den staunenden Römern die Herrscherhand zeigte,
-der den Goten Volkskönig war, vielen ein Vater, den Gerechten und
-Weisen ein gütiger Freund.
-
-
-Dietrich von Bern
-
-Unsere Milde und Huld verwirft die Gewalttätigen! So hatte Dietrich die
-Macht verriegelt ins Recht, und Rom sah die Tage der alten Zucht wieder.
-
-Er hatte das römische Volk bewahrt vor jeder Bedrückung, im Ehrenkleid
-saß der Senat, in den römischen Sitten fing wieder die Tugend an, die
-Tat zu bestimmen.
-
-Weisheit und Stärke hatten den Zwiespalt der Völker beschwichtigt, als
-ihn das Priestergezänk wachschrie zum blutigen Haß.
-
-Denn Dietrich beugte sich nicht vor dem Bischof der Römer, er ließ die
-Bibel Wulfilas schreiben mit Silber auf Pergament, purpurn gefärbt,
-er baute der Gotengemeinde den eigenen Dom in Ravenna: so galt der
-gotische König den römischen Priestern als Ketzer.
-
-Die Kaiserin von Byzanz, die eine Buhldirne war und eine Betschwester
-wurde, Theodora steckte zuerst die Fackel der Rechtgläubigkeit an; ihr
-Warnung zu sagen, sandte der König den Bischof Johannes von Rom nach
-Byzanz.
-
-Aber die sonst den Kreis ihrer Ämter mit Eifersucht maßen, die
-Patriarchen in Rom und Byzanz fanden sich einig der gotischen
-Feindschaft.
-
-So mußte Dietrich, der starkweise König erfahren, daß ein Tropfen Haß
-zäher leimt als ein Faß voll Liebe: der Argwohn des Alters zückte den
-Zorn seiner Enttäuschung, daß ihm ein tückisches Volk die Duldsamkeit
-danklos vergalt.
-
-Da wurde Dietrich von Bern der Held der deutschen Sage, der im
-schneeweißen Alter auszog, unholdes Gezücht zu erschlagen: sein Zorn
-zerbrach den Senat, und der tückische Bischof von Rom büßte im Kerker;
-Haß gegen Haß war zwischen Goten und Römer gestellt.
-
-In Byzanz die Buhldirne lachte ihm Hohn, daß er sein glückhaftes Reich
-der Gerechtigkeit selber zerschlug mit zorniger Faust: der dem Frieden
-das Schwert und dem Recht die Waage zu halten Volksfürst der Goten und
-König über Rom war, bis ihm die Falschheit zuletzt an den Hals fuhr.
-
-Im zweiundsiebzigsten Jahr seines Lebens legten die Goten Dietrich
-von Bern in sein steinernes Grab zu Ravenna; mit seiner herrlichen
-Seele für ein Jahrtausend und mehr floh die Duldsamkeit aus der
-abendländischen Welt.
-
-Seine Asche zerstreute die römische Rache im Wind, und seinen Namen
-löschten sie aus im Gedächtnis der Schrift -- wie danach der schielende
-Abt von Reichenau schrieb -- als einer Pest von endlosem Schaden; aber
-kein Haß konnte die riesige Steinplatte heben, die ihm sein stolzes
-Grabmal bewölbte.
-
-Der Teufel selber, so ging die eifrige Rede der römischen Priester,
-habe den Ketzer von seinem letzten Weidgang geholt, auf dem Rappen der
-Hölle als wilder Jäger zu reiten.
-
-Die gläubige Sage schmückte sein Bild wie keines im deutschen
-Gedächtnis, sie tat ihm die Brünne Wodans an, sein Schimmel holte den
-herrlichen Helden hinauf nach Walhal.
-
-
-Der Kampf um Rom
-
-Dietrich war tot, und Amalasuntha, die Tochter regierte das Reich für
-den Enkel, den sie Athalarich nannte: aber der Stammhalter des Starken
-war schwach, und der Wurm fraß dem Steckling die zärtlichen Wurzeln.
-
-Amalasuntha ging römisch geziert und der gotischen Sitte abwendig;
-als der Knabe ihr starb, gab sie die Hand und den Thron Theodat, dem
-Amaler, der hündischen Sinnes und den gotischen Großen verhaßt war.
-
-Theodat brachte die Tochter des Starkweisen um und gedachte, in Rom den
-Kaiser zu spielen: das aber geschah zu der Zeit, da Byzanz den Belisar
-sandte, das Blatt der blonden Herrschaft zu wenden.
-
-Dem drohenden Unheil zu wehren, riefen die wehrhaften Männer den
-Vitiges aus, aber das Blatt war zu Ende; wie Odoaker vordem, hielt
-Vitiges nun die Burg von Ravenna, und Belisar stand in den Sümpfen, bis
-zum andernmal Meineid die Stärke besiegte, und Odoaker gerächt war.
-
-Da grüßten die steinernen Ahnen vergeblich Dietrichs Geschlecht; Byzanz
-hielt den Thing in der Halle, und römische Priester streuten die Asche
-des Königs ins Meer, den Samen der gotischen Pest.
-
-Aber die Geister der Rabenschlacht ritten herbei im Unheil der Tage,
-der Ruf ihrer Rache riß aus den Rippen der Not das blutige Gotenherz:
-ein Nordlicht wie keines hing seinen blutigen Schaum über die
-Mittelmeergärten.
-
-Mit den betrogenen Recken brachte Belisar Vitiges heim nach Byzanz,
-seine Flotte ging schwer mit den gotischen Schätzen; aber die Not stand
-in den Bergen, Totila, Ildebalds Sohn auf den Schild ihrer trotzigen
-Stärke zu heben.
-
-Neun Jahre lang war Totila König, und Dietrichs Waffen hatten nicht
-härter geklungen, da er die Rabenschlacht schlug: ohne Burg und
-Bestallung spannte der Jüngling den Bogen, die Städte sperrten ihm
-trotzig die Tore.
-
-Rom und Ravenna holte er heim in mühsamen Kriegen, Neapel und Mailand
-fielen noch einmal der Gotenmacht zu; er ließ den falschen Senat sein
-Königsrecht fühlen und gab dem römischen Bischof den Trank der Demut zu
-kosten.
-
-Aber der Kampf ging um Rom, und Byzanz warf sein Schwert in die Waage
-der römischen Priester: der Lindwurm hob seinen schuppigen Leib, und
-der Frieden fuhr in die Hölle.
-
-Der Wohlstand der Städte starb hin in den Bränden, und die Standbilder
-Roms versanken im Schutt, die Felder fanden nicht Frucht noch Saat,
-die Straßen starrten im Staub der Rosse und Wagen, das Gebirge lag im
-Geschrei der flüchtigen Scharen, Hunger und Seuchen fraßen das Land
-leer.
-
-Neun Jahre lang war Totila König, dann nahm der Tag von Taginäa ihm
-Krone und Schwert aus der sterbenden Hand.
-
-Gleich Türmen, heißt es, standen die gotischen Recken im Wall ihrer
-tapferen Mannen, die Bogenschützen aus Morgenland warfen Sturmwolken
-schwirrender Pfeile über sie hin.
-
-Totila fiel und sechstausend Goten tranken ihr Blut mit dem König; das
-Morgenland fraß mit sengender Glut das Gebälk der nordischen Türme; das
-gotische Glück glühte sein Abendrot aus in der Lohe.
-
-Ein Lavastrom glomm spät in der Nacht am Vesuv; Teja, der letzte König
-der Goten, schürte den schaurigen Brand, bis alles versank in Asche.
-
-Tausend, heißt es, fanden den Weg aus der letzten Vernichtung; das
-Schwert in der Hand und den blutigen Schaum ihres Untergangs brachten
-sie heim aus den Mittelmeergärten.
-
-Das Abenteuer der gotischen Frühe war aus; die das Königsvolk waren der
-germanischen Welt, die den frühesten Kaisertraum träumten, die blonden
-Schwertherren der römischen Gärten sahen das blaue Land von den Bergen,
-darin sie flüchtig und fremd der fränkischen Königsmacht dienten.
-
-
-Die Alemannen
-
-Wo der Zackenwall der Kastelle das leere Zehntland umzäunte, wo das
-rote Gestein im braunen Gewässer des Mains sein Spiegelbild sah, vom
-hercynischen Wald hinüber zur Donau warfen die suebischen Völker der
-römischen Wacht den Speer in die Flanke.
-
-Alemannen hießen den Römern die streitbaren Männer, die aus den
-weglosen Wäldern ritten, mit eckigem Schild und langem Schwert die
-Flüsse durchschwammen, trutzlachend dem römischen Helm das geringelte
-Blondhaar zu zeigen.
-
-Die Stachelschnur riß: in die zerstörten Kastelle wehte der Schnee
-kalter Stürme, in den Weiden und Wäldern wuchsen die Dörfer der Sueben,
-der deutsche Pflug ging wieder im römischen Zehntland.
-
-Über dem Rhein auf der Mauer des Schwarzwaldes hielten sie Wacht
-und sahen den Wasgenwald jenseits im Abend das fruchtbare Stromland
-beschatten.
-
-Sie sahen im Süden den schimmernden Schneekranz der Berge über dem
-blauen Waldrücken des Jura, und ihre Kundschafter priesen das Land der
-blaugrünen Seen.
-
-Sie ließen nicht ab von der lockenden Schau und sprengten die
-steinernen Riegel am Rhein; sie fuhren hinüber auf Schiffen und Flößen,
-sie fanden vom Hegau hinunter den See im Hügelgebreite.
-
-Alisazas, die in der Fremde Sitzenden, hießen sie die, denen die Fahrt
-an den Wasgenwald glückte; aber sie füllten mählich das Stromland und
-bauten die Heimat der alemannischen Volksschaft hinüber ins Elsaß.
-
-Tief in die Schluchten der schäumenden Bäche drangen sie ein im Land
-der blaugrünen Seen: da fiel die stolze Burg des Augustus, Vindonissa
-sank hin im Sumpfland der Aare, Aventicum wurde berannt, und durch die
-helvetische Prunkstadt der Römer ritten die suebischen Krieger.
-
-Wohl hob die Heermacht der Römer noch einmal die eiserne Hand, den
-lachenden Räubern zu wehren; bei Straßburg und Colmar trafen sie den
-blonden Übermut schwer: aber die eiserne Hand wurde lahm von den
-eigenen Schlägen.
-
-Von der Rhone zum Rhein, von Alisaz bis in den Wald der Boheimer
-wohnten die streitbaren Männer und hielten das reiche Land in der Hand.
-
-Heervölker kamen und schwanden, Schlachten wurden geschlagen, und die
-Strohdächer ihrer Dörfer verbrannten; einmal beugten die fränkischen
-Herren die trotzigen Nacken: die alemannische Volkschaft hielt ihren
-Boden und wuchs mit dem Korn der sorgsamen Felder, mit dem Vieh der
-saftigen Weiden, mit dem Wein der sonnigen Hügel sacht in die Fülle.
-
-
-Die Gepiden
-
-Alboin, Audoins Sohn, hatte Thorismund, Thorisins Sohn erschlagen im
-Kampf ihrer Völker und hatte die Langobarden befreit von der Übermacht
-der Gepiden.
-
-Darum lagen die Großen Audoin an, daß er den Retter des Volkes und
-Sieger als Tischgenoß nähme; aber die Sitte gebot, ein anderer König
-müsse dem Königssohn die Waffen darreichen, ihn würdig zu machen zum
-Mahl.
-
-Vierzig der Jünglinge rief Alboin da und zog in Thorisins Land; der
-nahm ihn auf im Gram seines Alters und hieß ihn sitzen mit Ehren, wo
-Thorismund saß im Saal der Gepiden.
-
-Aber sein Herz hielt den harten Anblick nicht aus und sein Mund sprach
-mit Seufzen: Wehe, der Platz ist mir teuer, aber den Mann, der da
-sitzt, sehe ich schwer!
-
-Da schalt ihn Kunimund, Thorisins anderer Sohn, für seinen
-erschlagenen Bruder und schmähte die Jünglinge Alboins Stuten um ihrer
-weißen Schuhriemen willen.
-
-Aber Alboin, Audoins Sohn, hob seine zornige Hand von der Tafel und
-wies gegen Westen und sprach in der Burg seiner Feinde: Draußen im
-Asfeld spürte dein Bruder, wie Stuten ausschlagen können.
-
-Da wurde der Wein verschüttet, die Waffen räumten den Tisch und
-traten zum Tanz und rissen die Kluft in den Saal, da Alboin stand im
-Schwertkranz der Seinen, und waren Tausend um Vierzig.
-
-Aber der König sprang auf im Zorn, und die Treue hielt wie ein Turm der
-Sitte das schirmende Dach: Wehe dem Mann, der seinem Gast treulos den
-Wein verschüttet, und wehe dem Schwert, das seinem Schwur den Frieden
-nicht hält!
-
-Und holte die Waffen Thorismunds her von der Wand und gab sie Audoins
-Sohn, und hielt mit wehrenden Händen den Saal still und gab dem Gast
-seinen Spruch als Hausherr und König.
-
-Und hieß ihn gehen in Frieden und hielt ihm den Königsbann bis an die
-Grenze, der seinem Volk der bitterste Feind und seinem Blut böse zuleid
-war, weil er ihm Thorismund, seinen Sohn, draußen im Asfeld erschlug.
-
-
-Die Langobarden
-
-Noch einmal schien über die Mittelmeergärten das Glück der alten
-Gestirne, aber das Morgenland glühte düster hinein, und der Kaiser war
-in Byzanz: sein Exarch regierte das römische Reich in Ravenna, der
-Senat war zerbrochen, der römische Papst saß allein in den Trümmern der
-ewigen Stadt.
-
-Zum andernmal zeigte das Schwert der nordischen Völkerentfaltung das
-lockende Ziel: der langobardische Trotz ging lachend den Weg der
-Kimbrer und Goten, Machthaber der römischen Erbschaft zu bleiben.
-
-Sie hatten das Volk der Gepiden dienstbar gemacht im verlassenen
-Ostgotenland und waren die Starken geworden im Stegreif der östlichen
-Völker, als die Kundschafter Alboin lockten, die kühne Heerfahrt noch
-einmal zu wagen.
-
-Über den Birnbaumerwald brachen sie ein in den Mai der römischen Gärten
-und schafften im Sommer so fleißige Ernte, daß sie schon warm im Nest
-von Verona die Winterrast hielten.
-
-Da stand noch die räumige Burg Dietrichs von Bern und die steinerne
-Brücke; die blonden Langbärte füllten die Stadt mit dem Lärm ihrer
-Wagen und Weiber.
-
-In der Burg aber saß der lachende König der Stärke und tat seinen
-Spruch, daß dies nur der Rest vor Ravenna und der Steigbügel wäre, ins
-Reich der römischen Pfaffen zu reiten.
-
-Rot rann der Wein in der Burg zu Verona und rief den Übermut wach
-der tapfer bestandenen Taten; Alboin tat seinen Trunk aus dem
-silbergerandeten Schädel und bot ihn der Königin dar: sie kannte den
-Becher, die Tochter des toten Gepiden, sie gab dem König Bescheid und
-schwur seinem Frevel heimliche Rache.
-
-Der ihr den Vater erschlug und sie zwang zu dem greulichen Trunk aus
-dem silbergerandeten Schädel, sah den Abend nicht mehr in der Kammer
-Dietrichs von Bern; sein Waffenträger Helmichis gab ihm den letzten
-Bescheid, der dann zur Nacht mit der Königin ritt auf der Flucht nach
-Ravenna.
-
-Sie klagten um Alboins Tod und schwuren ihm blutige Rache; aber sie
-taten den Ritt nicht nach Ravenna und Rom; sie säumten ihr Reich im
-Schneekranz der Alpen und füllten das fruchtbare Tiefland, das nun die
-Lombardei hieß.
-
-Sie ließen Ravenna und Rom, ließen Kaiser und Papst den Zank um die
-Geltung; sie saßen am Freitisch Dietrichs von Bern, aßen und tranken
-und hatten die Fülle, wo die Goten den Becher der Bitternis tranken.
-
-
-Hengist und Horsa
-
-Seefahrer waren die Sachsen, die an der kalten Meerküste saßen; aber
-ihr Meer war nicht blau, und keine lässige Fülle dehnte ihm wohlig den
-Strand; donnernd sprangen die Wogen und fraßen sich gierig hinein in
-das Flachland der Küste.
-
-Sand und Sümpfe trugen die Spuren der Stürme; die Reifriesen raubten
-dem Frühling die Blüte und rissen dem Herbst die Frucht von den Bäumen;
-der Wind webte wüst aus der Wolkenwand; die neblichten Lüfte lasteten
-kalt auf den Weiden.
-
-Wenn die Flut kam, standen die Häuser im schmutzigen Schaum, und wenn
-sie verebbte, schwamm das kärgliche Grün ihrer Hügel gleich Inseln im
-weglosen Sand.
-
-Faul lagen die bauchigen Leiber der Schiffe im Schlamm, schief an den
-schwärzlichen Pflöcken; aber die Flut riß sie auf im schaufelnden Tanz
-und warf um die zackigen Hörner der Schiffe das schäumende Zügelband
-ihrer Wellen.
-
-Dann lachte das Herz, das Ruder fiel ein und riß in die jagende Flut
-die Wundmale krallender Tatzen, dann jauchzten die Schiffe hinaus an
-die stählerne Wand, sturmvogelfrei im Wechselgesang der wallenden
-Wolkengehänge.
-
-Häuptlinge waren die Herren der Hügel, die mit Sassen und Knechten die
-kühnen Meerfahrten wagten; der Raub war ihr Recht, der Kampf an den
-Küsten der nördlichen Länder die Lust ihres Lebens.
-
-Gleich einer Schüssel gefüllt mit den Gaben der lustreichen Landschaft
-lagen die britischen Küsten den Sachsen dicht vor der Tür; und lange
-schon fuhren die Kühnen hinüber, bevor der britische König sie dingte,
-den Pikten und Skoten zu wehren.
-
-Hengist und Horsa hießen die sächsischen Helfer; die hörnigen Schiffe
-trugen den Hall ihrer Waffen, die Feinde zu schrecken; aber der
-britische König hatte den Bock zum Gärtner gemacht.
-
-Herren wurden aus Helfern, und Widersacher dem Wohlsein britischer
-Tage; die hörnigen Schiffe schliefen am Strand, indessen die
-sächsischen Männer die Macht auf den Straßen des Britenlandes fanden.
-
-Sie hielten das Schwert und prüften die Schärfe und lachten der
-schwächlichen Christengesänge, sie setzten sich breit in den Stuhl der
-britischen Herkunft.
-
-Anglia hießen sie prahlend das Land, weil sie sächsischen Stammes, doch
-Angeln genannt in der Heimat und stolz ihrer Vetterschaft waren.
-
-
-Chlodevech
-
-Ein Eber lief aus von den Franken und brach in die gallischen Felder:
-Chlodevech, Childerichs Sohn, den die salischen Großen im fünfzehnten
-Jahr seines hitzigen Lebens kürten als ihren König.
-
-Die merowingische Stirn stand ihm steil zu Gesicht und die Borsten des
-Ebers -- so sprach die Sage -- wuchsen ihm stachlig den Rücken entlang:
-dem Knaben brannte das Herz nach Ruhm und Gewinn raubreicher Fahrten.
-
-Noch aber hielten Burgunder, Alemannen und Goten das gallische Gatter
-zu eng für den fränkischen Eber, zornmutig schnob er hinein, die
-rostigen Ketten zu sprengen.
-
-Bei Zülpich hielt das alemannische Schwert der fränkischen Streitaxt
-stand; schon mähte es fröhlich die Ernte: da rief der Eber den
-römischen Christengott an und beugte den borstigen Nacken, daß er ihm
-hülfe.
-
-So wurde der König der Franken Christ; die Kirche hielt ihm die Taufe
-zu Reims mit dem Prunk ihrer besten Gewänder. Dreitausend Franken
-beugten das Knie und sangen dem König zur Messe, und hoben das bärtige
-Antlitz gen Morgen, wo im Weihrauch und Wechselgesang lateinischer
-Priester das Kreuz auf dem düsteren Hochaltar stand.
-
-Chlotilde, die Gattin des Königs, hielt lächelnd das Taufbecken hin:
-die Chlodevechs Trotz und den grausamen Sinn seiner Großen mit sanfter
-List lenkte, hing das fränkische Schwert ans römische Kreuz und
-schenkte dem Papst den allerchristlichsten König.
-
-Da war dem fränkischen Eber bald das Tor im Süden geöffnet, eifrige
-Bischöfe brachten heimlich den Schlüssel und wirkten ihm Wunder
-entgegen; die Hündin zeigte dem landfremden Eber nächtlich die Furt,
-und feurige Zeichen gaben ihm Fährte.
-
-Als die blutige Streitaxt des Ebers den König der Goten erschlug in
-der Schlacht, hatte die göttliche Waltung den Wahrspruch der Kirche
-gehalten.
-
-Wohl schloß der Heerbann Dietrichs von Bern dem fränkischen Eber
-zuletzt noch das Gatter, aber das gallische Land war den Goten
-verloren; über Toulouse und Bordeaux hing die Streitaxt der Franken,
-Chlodevech streute das Silber und Gold seines Raubes dem fränkischen
-Volk auf die Gasse und tat das römische Prunkgewand an.
-
-Steil stand ihm die merowingische Stirn zu Gesicht, und die Borsten des
-Ebers wuchsen ihm stachlig den Rücken entlang: noch gab es Fürsten der
-Franken, die ihm nicht untertan waren; er brachte sie lachend um und
-schonte den Letzten nicht seines eigenen Geschlechts.
-
-Und als er sie alle versammelt hatte in der Gruft seiner Väter, stand
-er klagend davor und jammerte laut, unter Fremden ein Fremdling zu
-sein, und senkte tückisch den borstigen Nacken, ob sich nicht einer
-verriete, den sein blutiger Blick noch nicht fand.
-
-Er trug als freidiger Unhold das Kreuz in den grausamen Händen, und
-war der Kirche ein treuer Knecht und ihrem starken Mirakel; er wurde
-begraben in heiliger Gruft, und die lateinischen Lieder sangen um ihn,
-der dem römischen Papst die Steigbügel hielt im germanischen Norden.
-
-
-Brunhilde
-
-Die Blutspur Chlodevechs rann in den Bach merowingischer
-Mördergeschichte; unholde Frauen hielten den Haß in blutigen Schalen,
-riesengroß wuchs ihr grausames Bild im Gedächtnis der fränkischen
-Völker.
-
-Zwei Schwestern kamen aus Westgotenland, Königsfrauen in Franken
-zu sein und Gattinnen feindlicher Brüder, Chilperich und Sigibert
-geheißen.
-
-Galswintha die Gute wurde erwürgt in Paris; König Chilperichs Buhlin,
-Fredegunde, rühmte sich frech ihrer Tat; Brunhilde, die Schwester in
-Metz und Sigiberts Königin, erhob ihren Zorn und rief den König zur
-Rache.
-
-Da mußte sich Chilperich beugen und Buße geloben dem stärkeren Schwert
-seines Bruders; Fredegunde aber, die freche Magd auf dem Thron, fällte
-Sigiberts Stärke.
-
-Heimtückisch hoben die Großen Chilperichs den siegreichen Sigibert
-auf den Schild und das Volk in Paris lief ihm zu, aber das Gift ihrer
-Schwerter gab ihm heimlich den Segen.
-
-Da trank Brunhilde den Becher der Bitterkeit leer, da wurde Sigiberts
-Königin krank im Blutrausch der Rache:
-
-Die eigenen Großen entführten ihr grausam den einzigen Knaben und
-ließen sie treulos in Chilperichs Hand; der hielt die Stolze höhnisch
-gefangen, und die in Metz Königin war, mußte in Meldis Klosterdienst
-tun.
-
-Aber Merovech, Chilperichs Sohn, entbrannte in Liebe zu ihr und half
-der Feindin des Vaters zur Flucht aus dem Kloster: als Merovechs Frau
-kehrte sie heim in Sigiberts Land nach gramvollen Jahren.
-
-Die eigenen Großen aber erschlugen ihr grausam den Gatten; da blieb
-sie, Gattin nicht mehr und nicht mehr liebende Frau, nur Königsmutter
-in Metz, das zärtliche Reis ihrer Liebe, König Sigiberts Sohn zu hüten
-im Haß der Geschlechter.
-
-Die fränkischen Herren mußten die Hand des gotischen Weibes erfahren:
-sie traf den Trotz und dämpfte den Frevel, sie hielt ihrem Knaben den
-Horst und trug die Furcht ihrer Stärke ins Land wie ein kreisender
-Adler.
-
-Dreißig Jahre lang kam ihr das Königsschwert nicht aus den herrischen
-Händen; als Sigiberts Sohn starb, hielt sie den Enkeln das Reich und
-blieb als Greisin die unbeugsame Mutter des Landes.
-
-Aber die Enkel kamen in Streit und die Krone ertrank im Blut ihrer
-Kriege; wohl hob Brunhilde den blutigen Reif Sigiberts ihrem Urenkel
-auf, doch waren der Raben zuviel um den einsamen Horst ihres Alters.
-
-Sie riefen Chlotachar her, Fredegundens streitbaren Sohn: die lahmen
-Flügel der Gotin taten den letzten Flug ihrer Flucht, aber die Späher
-fanden die Spur und fingen den Vogel im steinichten Jura.
-
-Sie banden der gotischen Greisin die Glieder mit Stricken und hetzten
-das Roß, Brunhilde zu schleifen: da löschte der Sohn Fredegundens den
-Haß seiner Mutter im Blut und zerfetzten Gebein ihrer Feindin.
-
-Die Blutspur Chlodevechs rann im Gerinnsel des sterbenden Weibes;
-riesengroß wuchs ihr Bild im Gedächtnis der Völker, aus uralten Tiefen
-brachte die Sage Brünne und Helm, die unholde Frau in Wodans Reich zu
-geleiten.
-
-
-Gudrun
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-Der gotische Königssohn Hermingild freite Ingunthis, Brunhildens
-liebliche Tochter; aber Godswintha, Brunhildens Mutter, war seinem
-Vater Leovigild im Alter noch einmal Gattin geworden.
-
-Godswintha holte dem Stiefsohn die Enkelin selber ins Haus; aber
-Ingunthis war fränkisch und fromm, ihr galten die Goten als Ketzer.
-
-So neigte dem Hermingild bleich und schlank eine Lilie zu; Godswintha,
-die Großmutter, sah die Wurzeln in Dornen und Unkraut.
-
-Das Alter war häßlich und grausam, die Jugend war schön und gerecht:
-sie ließ sich schmähen und schlagen und trug die Lilienstirn stolz mit
-dem Dornenkranz ihrer Leiden.
-
-Leovigild aber, der Vater, wollte nicht Zwietracht und Zank im Hause
-des Königs, er bannte das böse Zerwürfnis und sandte den Sohn als
-Statthalter nach Sevilla.
-
-Da saß Ingunthis, die schöne im andalusischen Land und heilte die
-Lilienstirn im zärtlichen Wind ihrer Wochen; die Kirche bot Balsam und
-Weihrauch und weihte das Dornenkränzlein zur himmlischen Krone.
-
-Die geistlichen Boten kamen und gingen im Eifer bischöflicher Sendung,
-der Heilquell kirchlicher Gnaden brach auf: da wurde das Knäblein
-römisch getauft, und Hermingild konnte nicht länger als Ketzer die
-Lilienfrau kränken.
-
-Er trank aus den Händen der frommen Ingunthis das Gift der Empörung,
-er wurde der Kirche gehorsamer Sohn und brach dem Vater und König die
-Treue.
-
-Drei Jahre lang schlugen die gotischen Waffen im Zeichen des Kreuzes;
-aber Leovigilds Hand griff hart in die römischen Dornen: auf der Burg
-Osser gefangen, lag ihm der weinende Sohn zu Füßen, der um den Glauben
-der schönen Ingunthis in Bitterkeit kam.
-
-Der König war stark und sein Herz stand nicht still, das Blut seiner
-Väter zu bitten; aber der Sohn trug die Krone der Lilienstirn stolz
-und beharrlich, bis ihm das Beil des Gerichts den Sühnetag seiner
-himmlischen Leidenschaft brachte.
-
-Da sangen die Messen, und um sein blutiges Haupt webte die Kirche den
-leuchtenden Kranz der heiligen Märtyrerkrone; Ingunthis aber die schöne
-floh fern über See.
-
-
-Karl Martell
-
-Der Wüstensturm kam und wehte die Glut gegen den Westen; der Halbmond
-stand über dem Morgenland, und mächtig wurde das Schwert des Kalifen an
-den südlichen Mittelmeerküsten.
-
-Als Tarik ans Tor des Herkules kam, rief König Roderich den Heerbann
-der Westgoten auf; aber lässig lag das lustreiche Land, und längst war
-das Schwert Eurichs des Starken verrostet.
-
-König Roderich fuhr in den Kampf mit acht weißen Zeltern; sieben Tage
-lang standen die Sänger bereit, den Sieg zu empfangen; aber am achten
-Tag war der König im Schilf des Flusses verschwunden.
-
-Am Palmsonntag zog Tarik ein in Toledo; die Glocken klangen nicht mehr
-von den Türmen, arabische Rosse gingen die Straßen der gotischen Stadt,
-und auf der Königsburg wehte das grüne Tuch des Propheten.
-
-Die Rosse stäubten die Straßen und fanden die Krippen der Ställe
-gefüllt; die Schiffe kamen und gingen am Herkulestor; unaufhörlich
-drangen die maurischen Scharen ins Westgotenland.
-
-Abd ar-Rahmân kam, und die Furcht seines Wüstenvolks fiel über die
-Franken; aber Karl, der Hammer genannt und Hausmeier des Königs, hielt
-den Zermalmer Donars zur Hand, und als er ihn warf, zuckte der Blitz in
-die Wolke der Wüste.
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-Wie eine Mauer von Eis -- so heißt es -- standen die nordischen Männer
-in Muspilheims Feuer, der Halbmond brannte zu Asche, und hoch in den
-Himmel ragte das Kreuz, als Karl Martell, das ist der Hammer, die
-Wüstengefahr bannte.
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-Pipin der Kleine
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-Hausmeier hießen die Franken den Kanzler des Königs; seinen Hammer hob
-Karl in Theuderichs Namen; aber der König war nur der Siegelring seiner
-Hand, und als ihm Theuderich starb, ließ er den Thron und die Krone
-leer im Palast und ritt allein auf das Maifeld.
-
-Auch ließ er das Reich seinen Söhnen, als ob es sein eigenes wäre; er
-ließ es stark und gerundet und hatte den neidischen Groll der Großen
-zerschlagen mit seinem Hammer.
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-Karlmann und Pipin hießen die Söhne; sie holten den Childerich her
-aus dem Dunkel unnützer Tage und hoben ihn auf den Thron; sie führten
-Kriege und mehrten das Reich und hielten den König im goldenen Käfig.
-
-Aber Karlmann verdrossen die Dinge der Welt, er tauschte das Kleid mit
-der Kutte und ließ dem jüngeren Bruder den Teil seiner Macht: so wurde
-Pipin allein Hausmeier im Frankenreich und hielt den Hammer des Vaters.
-
-Sie hießen ihn Pipin den Kleinen, doch groß war die Gewalt seiner
-kurzen Gestalt: Alemannen, Burgunder, Bayern, Friesen und Sachsen
-mußten dem Zornigen büßen, und klein blieb der Trotz seiner Großen.
-
-Da hob er den Blick auf den Thron und sah den Childerich sitzen,
-gebeugt von der Last seiner Krone; er nahm ihm das Gold von der
-grämlichen Stirn, er ließ ihm das Haupthaar scheren und tat den
-Geschorenen still in ein Kloster.
-
-Ihm aber mußten die Großen ein neues Königskleid reichen, und die
-Kirche brachte das Öl, ihn prunkvoll zu salben, der ihrer Geltung im
-Abendland ein Schwert und ein treuer Türhüter war.
-
-Sie hießen ihn Pipin den Kleinen und freuten sich seiner Stärke, sie
-sahen das Schwert bei der Krone, aber sie hörten den Schwur auf das
-Kreuz; sie sangen das Lied auf den König der Franken und lauschten der
-römischen Orgelgewalt.
-
-
-Karl der Große
-
-Die fränkische Zeit war erfüllt, das Buch der Könige lag mit blutroten
-Siegeln beschlossen, das Reich trat ein in den Gang der Geschichte, und
-Karl, Pipins gewaltiger Sohn, war sein Kaiser.
-
-Der Rhein war die Heimat der Franken gewesen, bevor sie groß wurden im
-gallischen Glück; am Rhein saß wieder der fränkische König, der die
-Krone über alle Völker Germaniens trug.
-
-Sie hatten Weide und Wohlstand gesucht, sie waren mit Schiffen gefahren
-und auf Kamelen geritten, sie hatten die römischen Gärten besessen und
-Königreiche gegründet im Morgen- und Abendland.
-
-Sie hatten das Bienenschicksal der Kimbrer verkehrt in den gotischen
-Hochmut, sie waren Schwertherren gewesen an der Theiß, am Tiber und
-Tajo: aber die lässige Fülle machte die Schwerthand faul; das Blut der
-Mittelmeervölker trank die Kraft ihrer Glieder.
-
-Nun war die nordische Springflut verrauscht in den römischen Gärten,
-und der Rest ihrer Gewässer füllte den fränkischen See: Alemannen,
-Burgunder, die gallischen Goten, Langobarden und Bayern, Friesen und
-Sachsen zwang das gewaltige Schwert des fränkischen Königs in seinen
-Heerbann.
-
-Gewaltig wie Etzel und Dietrich war Karl und hielt das Abendland hart
-in der Zucht seiner stolzen Gedanken; aber nun herrschte kein Hunne
-über germanische Schwerter, kein Gote war fremd in der römischen
-Feindschaft: deutsch waren die Völker karolischer Macht, und deutsch
-war der König.
-
-Am Rhein hinauf und hinunter hielten die Pfalzen das Schwert und die
-Waage seines Gerichts; sein Stuhl stand zu Aachen im Rheinfrankenland:
-da saß er im Glanz seiner eigenen Macht, da war er Hausherr der Heimat
-und König im Kreis seiner Recken.
-
-Wie vormals nach Rom und Byzanz, so ritten nun die Gesandten vom
-Morgenland her in den Nebel der nordischen Nächte; sie fanden den
-Herrscher des Abendlandes gehen in leinener Kleidung, sie sahen ihn
-reiten und jagen wie jeden seiner Getreuen, und wie er den kleinen
-Dingen des Tages sein Antlitz treulich zukehrte.
-
-Sie sahen ihn schwimmen im lustigen Schwall seiner Freunde und Diener
-und hörten ihn lachen beim Mahl, fröhlich besorgt um das Wohl seiner
-Gäste.
-
-Sie suchten staunend Prunk und Gepränge und brachten das Bild seiner
-Menschlichkeit heim, die frank und frei in germanischer Sitte unter
-den Männern der Mann, unter den Helden des Krieges im Frieden der
-friedlichste war.
-
-Hoch aber ragte hinaus über die Dächer der Hallen, frei unter dem
-fränkischen Himmel, das Reiterbild Dietrichs von Bern, der seines
-Herrschertums höchster Ahnherr und seiner Tafelrunde der rühmlichste
-Held war.
-
-Sie hatten das eherne Bild zu Schiff von Ravenna gebracht, durch das
-blaue Herkulestor, von der sonnigen Mittelmeerküste hinein in das
-graue Gewässer der Nordsee, bis es dem fränkischen Königsstuhl als
-Wahrzeichen vorstand.
-
-Sie hatten auch Säulen und kupferne Gitter genommen von Dietrichs
-ruhmreicher Halle und hatten die Kuppel gewölbt nach ihrem sinnreichen
-Vorbild.
-
-Aber das Kreuz stand darauf, und was den Goten Thingstätte war, das
-wurde den Franken zur Kirche; denn Karl hieß König und Herr seiner
-Völker von Gottes Gnaden; er führte das Schwert seiner gewaltigen
-Macht, der Kirche und ihrer göttlichen Sendung in Demut zu dienen.
-
-Wodan und Donar ritten die wilde Jagd nächtlicher Träume; aber der Tag
-stand im Kreuz, und die Wirklichkeit war in den Dienst Gottes und in
-die Lobpreisung seiner ewigen Allmacht gelegt.
-
-Deutsch war der König, deutsch war das Wort und das Linnen der
-fränkischen Kleidung, deutsch war das Haus, aber der Stuhl von Sankt
-Peter stand geborgen darin und geehrt als Burg Zion.
-
-Eine Kugel galt ihm die irdische Welt; die untere Wölbung war sein im
-Zorn und Zank irdischer Taten; hoch aber darüber gewölbt stand der
-Himmel der Kirche, dem er in Demut mit deutschem Schwert Schutzherr und
-Schirmvogt war.
-
-
-Die Nibelungen
-
-Als Leo, der Papst, dem König der Franken in Rom den Purpur umhängte,
-als wieder ein römisches Reich war im Schoß der katholischen Kirche,
-sangen die päpstlichen Knaben in Rom den Göttern Walhals die Messe.
-
-Wodan, die wehende Unrast lag in Sankt Peter begraben, aber der Spuk
-seines Daseins sank in die nordischen Seelen wie Heimweh.
-
-Die Glocken bellten den Sieg des Gekreuzigten aus von den Kirchen und
-Klöstern, und manche wurden von römischen Mönchen mit in die deutsche
-Wildnis gebracht.
-
-Aber der Wind Wodans nahm den ehernen Schall in die herrische Hand;
-er stieß ihn hoch an den Felsen, daß er heulend zerbrach; er warf die
-jammernden Stücke hinein in die trotzig schweigenden Wälder.
-
-Wo die Füße der Ewigkeit gingen in der Waltung natürlicher Mächte,
-wo der Donner wohnte im Horst der Wolken und Wetter, wo die Sterne
-der Nacht heimlich ihr Strahlengebind wuschen im Abgrund der toten
-Gewässer: hielt Wodan zornig Gericht und sandte die Sturmgeister aus in
-die Ahnungen einsamer Nächte, die Ungetreuen zu schrecken.
-
-Der König der Juden hing kalt am Kreuz seiner Leiden: aber die Räder
-rollten im Wetter, Donar stand hoch mit dem Hammer und warf die
-zackigen Blitze, Freya sank mit der Abendröte hinunter zur Nacht,
-Baldurs Scheite lohten im Sonnenwendfeuer, und in den heimlichen
-Gründen saß Frigga, die Brunnen des Lebens zu hüten.
-
-Die aber der Götter Lieblinge waren, hielten das Mahl im Ruhm ihrer
-herrlichen Taten; die Sänger stiegen die goldenen Stufen hinunter zum
-Brunnen der heiligen Herkunft, sie holten das Mahnwort der Sage herauf
-und die Wundersucht ihrer Lieder.
-
-Sie sangen dem männlichen Mut das Lob seiner Macht, und der Stärke den
-Stolz ihrer Stunde; sie gaben dem Leben das Schwert in die Hand und
-lachten der knieenden Demut; sie hießen die Stärke gesund, die Schwäche
-verächtlich; sie taten der trotzigen Tat das Königskleid an und dem
-Zweifel das Narrengewand.
-
-Sie sangen von Siegfried, dem kühnen Bezwinger der Drachen und Alben;
-die holdeste Frau war sein Preis, aber die treulose List seiner Sippe
-warf den Herrlichen hin; aus Liebeslust wurde die blutige Not im Haß
-der Geschlechter.
-
-Sie sangen von Etzel, dem König der Hunnen, und wie er die blonde
-Hildico freite, Siegfrieds verratene Frau; aber der schwarze Zwingherr
-der Welt starb in der blutigen Brautnacht.
-
-Sie sangen von Schwanhild und Randwer, wie sie den Wein verbotener
-Liebe genossen, dem greisen König zur Schande; die Rosse Ermanerichs
-schleiften die schöne Schwanhild, und Randwer, der Sohn, büßte die
-Gunst seiner Mutter am Galgen.
-
-Sie sangen von Dietrich, dem starkweisen König der Goten, wie er die
-Rabenschlacht schlug und wie ihn der Schimmel Wodans heimholte, als
-wilder Jäger zu reiten in höllischen Nächten.
-
-Sie sangen von Brunhild, der heldischen Frau und ihrer furchtbaren
-Feindin, wie sie den Männern zum Trutz ihre Burg hielt und wie sie den
-Stolz büßte.
-
-Sie sangen das schmähliche Leid der schönen Ingunthis, wie die
-schneeweißen Hände Magdarbeit taten in bitterer Kälte; klagend stand
-sie am Meer und sah nach den Schiffen.
-
-Sie sangen von Gundikars Burg und dem Übermut seiner Recken, von seiner
-schmählichen Schuld und dem unendlichen Blutstrom der Sühne; sie sangen
-von Hagen, dem finsteren Helden blinder Gefolgschaft; sie gaben dem
-Spielmann Volker den Preis der fröhlichen Kunst, lachend zu leben und
-lachend zu sterben.
-
-Die Lieder liefen ins Land wie schäumende Bäche, sie suchten und fanden
-ihr Bett im Strom, der die Taten und Leiden, den lachenden Trotz und
-die standhafte Stärke germanischer Frühe hinein ins Urgebraus trug,
-in das rauschende Naß Ymirs des Riesen, in die donnernde Brandung der
-kalten Meerküste.
-
-Da fuhr das Totenschiff Baldurs hinein in den Norden asischer Herkunft,
-da hellte die Lohe den nächtlichen Himmel, da wurde Siegfried der
-Erbe des göttlichen Jünglings, da kam dem Cherusker der Glanz in die
-Locken, da hob er die Kraft und das gleißende Gold aus den Höhlen der
-Albengeschlechter.
-
-Da band die Sage den Heldenbericht ein in den Kampf der Asen und Vanen;
-da fanden der Trotz und die Kraft, der Mut und die Treue der nordischen
-Männer ihr strahlendes Gleichnis.
-
-Das Schuldbuch der Götter tat seine Blätter zum andernmal auf im
-Schicksal der Menschen.
-
-
-
-
-Das Buch der Kirche
-
-
-Jesus von Nazareth
-
-Als der Kaiser Augustus zu Nola in Campanien den Tod sterben mußte, der
-das Vorrecht der Gewaltigen auslöscht wie das Unrecht der Geringen,
-ging Jesus von Nazareth erst in die Jünglingsjahre: aber noch war
-Tiberius nicht in den Polstern seines grausamen Alters erstickt, da
-hatte das Kreuz von Golgatha schon den Zimmermannssohn zum Messias
-erhöht.
-
-Das prahlende Glück Cäsars und der Glanz des Augustus hatten dem
-wölfischen Weltreich die blutige Tollheit des julischen Tyrannen
-gebracht: die Lehre des Nazareners ging auf wie Blumen, heimlich in die
-Gärten der Greuel gesät.
-
-Das erste Lot aber seiner Lehre war dies: dem Kaiser gehört euer Leib
-und alles, was seine Notdurft verlangt, er kann ihn behängen mit
-goldenen Ketten und kann ihn braten auf glühendem Rost; Gott aber
-gehört eure Seele und alles, was ihre Sehnsucht vermag, er kann die
-goldenen Ketten zur Last und den glühenden Rost zum Lustlager machen!
-
-Denn der, den sie Messias, das heißt den Gesalbten, nannten, kam nicht
-gegürtet mit einem Schwert, sein Reich zu raffen: er ging als Pilger
-über die Straßen und Märkte des jüdischen Landes, lächelnd von Liebe
-und Weisheit, und säte den Samen der Freiheit in furchtsame Herzen.
-
-Und weckte Gott aus den Seelen der Menschen, daß er stark würde in
-jedem, des irdischen Daseins zu lächeln.
-
-Denn das zweite Lot seiner Lehre war dies: Gott ist kein böser
-Tyrann, über euch thronend in den Wolken, durch Opfer und gute Werke
-versöhnbar, Gott ist der ewige Geist aller Dinge, und jedem, der ihn in
-Wahrheit erkennt, wird er ein liebender Vater.
-
-Darum brauchte Jesus von Nazareth nicht das Bußgeschrei der Propheten
-noch die Gottesfurcht ihrer Priester: sein himmlischer Vater ließ seine
-Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten, er ließ regnen über
-Gerechte und Ungerechte, weil allen sein Himmel der Liebe geöffnet war.
-
-Allen, die gläubig der Gotteskindschaft zur ewigen Allmacht eingingen,
-die solches Wunder dem sterblichen Menschen erwies und ihn aus
-der Notdurft und sündigen Furcht seines Leibes zur Freiheit der
-unsterblichen Seele erlöste.
-
-Denn das war das dritte Lot seiner Lehre: das Reich Gottes ist nahe
-herbei gekommen; es ist der Himmel des Herzens in euch, Reinheit und
-Demut sind seine Pforten, gläubige Liebe zum Vater hält seine Burg, und
-tätige Liebe den Brüdern gibt ihm die ewigen Waffen.
-
-Als aber Jesus, der Zimmermannssohn, der dieses lehrend über die
-Straßen und Märkte des jüdischen Landes ging, sich selber als
-Liebespfand der Allmacht geopfert hatte, als mit dem Hosiannageschrei
-und dem Kreuzestod der Umkreis seines irdischen Daseins umrissen war:
-da blieb der Kreuzestod in den Herzen seiner geflohenen Jünger und
-hatte das Lächeln der Liebe und Weisheit in den Schmerz des Opfers
-verkehrt; und grausam ging durch die frohe Botschaft der Riß von
-Golgatha.
-
-
-Paulus
-
-Die seine Lehre hörten und ihm als Jünger folgten, waren Fischer und
-Findlinge der Einfalt; sie glaubten treulich, daß ihr Meister der
-Messias aus dem Geschlechte Davids wäre und warteten in Demut der
-verheißenen Wiederkunft.
-
-Sie hielten sich abseits vom Tempel in der Gemeinde und lebten
-gemeinsam aus einem Eigentum; sie waren Juden und gedachten, das Gesetz
-und die Propheten zu erfüllen.
-
-Es kam ihnen aber ein Teppichweber zu mit Namen Saul aus Tarsus
-in Kleinasien und römischer Bürger, der in Jerusalem die Schrift
-studierte, Rabbi zu werden.
-
-Glühender im Geist als sie und im Gewissen wühlend, hob er das Sinnbild
-der Versöhnung aus dem uralten Passahbrauch der Juden: er hieß Jesus
-das Opferlamm Gottes und den Glauben an den gekreuzigten Gott die
-Erlösung aus Sündenschuld.
-
-Was eine Lehre der Liebe und der Weisheit in Galiläa war, das wurde
-Glut des Glaubens, die das Gebälk des jüdischen Gesetzes und das
-Tempeldach feurig durchbrach.
-
-Denn Saulus kannte die Wehen der Griechenweisheit und wie die
-aufgerührte Welt nach einem Wahrspruch brannte: ihm waren die Mauern
-Jerusalems zu finster und die Grenzen Judäas zu eng für seine Sendung.
-
-Er nannte sich Paulus und trug die Fackel seiner Botschaft von
-Antiochien nach Zypern, von Troas nach Mazedonien hinüber und fragte
-nicht, ob Juden oder Heiden daran entbrannten.
-
-Es war nicht sein stolzester Tag auf dem Markt von Athen, da die
-Griechen den Juden von Tarsus einen Lotterbuben nannten; aber da sprach
-er sein Wort von Gott, in dem wir leben, weben und sind.
-
-Zwischen den Standbildern ihrer gestorbenen Götter, wo das Stichwort
-der Stoiker galt von der menschlichen Seele als Absenker Gottes, blies
-er dem blutleeren Balg ihrer Lehre den Atem seines glühenden Glaubens
-ein und hob ihn auf den leeren Altar, der dem unbekannten Gott wartend
-dastand.
-
-Als er dann wiederkam zu den zürnenden Jüngern, die seinen heidnischen
-Gläubigen den Eingang in ihre Gemeinschaft verwehrten, schnitt er die
-Nabelschnur ab von der mosaischen Mutter: der Kreuzestod Christi sei
-die Erlösung auch vom Gesetz der jüdischen Thora.
-
-Es war die Geburt der christlichen Kirche, als Paulus sich so vor den
-Jüngern Jesu bekannte; nicht mehr die Lehre der lächelnden Liebe und
-Weisheit gab seinem glühenden Glauben den Grund: der gekreuzigte Gott,
-auferstanden vom leiblichen Tod und herrlich gen Himmel gefahren, war
-das Wunder seiner Verkündung und die Gotteskindschaft der Seele sein
-Gnadenbeweis.
-
-Aber nun galt der Apostel, der dreizehnte neben den Zwölfen, nicht
-mehr als Jude; als er dennoch einging zum Tempel, machten die Jünger
-einen Aufruhr um ihn und wollten ihn steinigen, bis ihn der römische
-Hauptmann der Wache den zornigen Händen entriß.
-
-Seitdem berief sich der Jude aus Tarsus als römischer Bürger, der
-Christenapostel ging ein in die Stadt, die das alternde Haupt der alten
-Welt war und durch seinen Glauben die neue Herrschaft gewann.
-
-Das Reich der Seele wollte mächtig werden in der Wirklichkeit der
-Leiber, das Buch der Richter des neuen Bundes begann das stolze Kapitel
-der römischen Kirche.
-
-
-Das Kreuz über den Gräbern
-
-Als Paulus einging in Rom, war Nero, die Natter des Lasters, Kaiser der
-wankenden Welt, das Blut seiner Verbrechen stank in den Straßen der
-steinernen Stadt.
-
-Ihm war der Jude aus Tarsus nicht wert, seiner brünstigen Lehre zu
-achten; als aber Rom brannte sieben Tage und Nächte, indessen der
-lustvolle Kaiser dem Schauspiel Verse zusprach, mußten die Nazaräer
-dem römischen Volk als Brandopfer dienen, und Paulus sank mit in die
-glühende Asche.
-
-Die dem fressenden Feuer entgingen in den Schlupfwinkeln der
-schwälenden Stadt, hielten heimlich zu seiner Lehre: der Kaiser konnte
-den irdischen Leib mit goldenen Ketten behängen und konnte ihn braten
-auf glühendem Rost; Gott aber gehörte die himmlische Seele, er konnte
-die goldenen Ketten zur Last und den glühenden Rost zum Lustlager
-machen.
-
-Sie hatten nicht Schulen noch Tempel, ihr Heiligtum wurde in Höhlen
-gehütet: wo die Gräber der Gemarterten waren in engen Grüften, stimmten
-sie frühmorgens die Lobgesänge an und gingen hinaus in den Tag und den
-Tod, verzückte Pilger der ewigen Seligkeit.
-
-Sie gaben den Armen ihr Geld und den Reichen das frohe Geheimnis der
-Botschaft, sie säten die Hoffnung in Herzen, die alles verloren und
-nichts zu gewinnen hatten, sie machten die Tore des irdischen Todes
-weit auf in die himmlischen Gärten und waren standhaft im Leid, die
-ewige Lust zu gewinnen.
-
-Ob der Kaiser Trajan, von den Römern der Weise genannt, sie als
-Rebellen verfolgte, weil ihre Lehre den Kaiser und Knecht, den Bürger
-und Sklaven gleichmachte vor Gott: die irdischen Blutstrafen wirkten
-der Nachfolge Christi das himmlische Ehrenkleid.
-
-Viele Kreuze wuchsen dem einen auf Golgatha nach, die Gräberwelt ihrer
-Höhlen zu füllen, indessen ihr Himmel sich mit den Bildern der heiligen
-Blutzeugen schmückte.
-
-Das Reich Gottes baute die Räume im Jenseits mit ihren seligen Freuden
-und gab dem irdischen Jammertal seine brünstigen Träume: vom Lohn der
-Leiden im jüngsten Gericht, vom Paradies als dem ewigen Vaterhaus der
-gläubigen Seele.
-
-
-Das Schaumgold der Kirche
-
-Die aber im Heer des Kaisers dienten als seine Knechte, Mietlinge des
-blutigen Handwerks aus allen Ländern der römischen Welt, hörten die
-Botschaft der Christen einfältig wie vormals die Fischer und hörten sie
-gern als Nachbarn des Todes und als Enterbte der Götter.
-
-Lange bevor Konstantins List das Kreuz zum Feldzeichen machte, ging
-bei den Legionen der Christengott um: darum gewann Helenas Sohn die
-Schlacht vor den römischen Toren und zog ein in die Stadt des Augustus
-als Schutzherr der Christen.
-
-Das Kreuz besiegte den römischen Adler; wo die Tempel der Götter
-verfielen, wurden den Heiligen Kirchen gebaut, Kirchen über den
-Gräbern: die Lehre des Galiläers stieg hoch in der Gunst der Gewalt,
-das Gottesreich aber wechselte seine Gestalt.
-
-Der Kaiser, der klüglich das Kreuz an seine Staatsherrlichkeit klebte,
-blieb Oberpriester der römischen Götter aus furchtsamer Vorsicht,
-und taufen ließ er sich erst, als er starb, sündenrein vor den
-Christengott, als christlicher Kaiser bevorzugt in seinen Himmel zu
-kommen.
-
-Auch war er ein Sohn des Morgenlandes -- durch Helena, seine jüdische
-Mutter -- und dem römischen Bürgertum fremd; er legte das asiatische
-Stirnband seines Despotentums an und machte Byzanz zur Hauptstadt der
-römischen Welt.
-
-Wie die Sonne der Griechen mit Alexander rauschgolden im Morgenland
-unterging, so schwand der Vollmond römischer Weltbürgerschaft mit
-Konstantin hin in die hängenden Gärten.
-
-Darum war es Byzanz, wo der Kaiser im Weihrauch prunkender Messen die
-Lust seiner Allmacht genoß, wo die höfische Geltung der Kirche die
-christlichen Hirten zu Weltherren machte.
-
-Höfischer Pomp und der Weihrauch zeremonieller Gebräuche, die
-Rauschgläubigkeit wundersüchtiger Scharen, das Mirakel und der tönende
-Schwall himmlischer Freudenverheißung: mit Ornat und Krummstab fiel
-es über die christliche Lehre, die Liebe und Weisheit des lächelnden
-Mundes erstickend im Schaumgold kirchlicher Feste.
-
-
-Simeon aus Sesam
-
-Rund um die Küsten der greisen Griechenwelt lagen die Länder der
-paulinischen Lehre; Zweifler an den Marmorgöttern hörten die Botschaft
-seines gekreuzigten Gottes und die Grübler der uralten Logoslehre.
-
-Das Morgenland fing wieder an zu glühen, das vor dem Götterhimmel der
-Griechenwelt ins Dunkel der Mysterien versunken war; und wo das Wort
-der neuen Lehre hinfiel auf den verdorrten Boden, da knisterte der nie
-gelöschte Brand.
-
-Sie ließen die geheimnisvollen Flämmchen des Zoroaster spielen, die
-neue Wahrheit und die alten Widersacher aus Licht und Finsternis zu
-deuten, sie schürten mit den Zangen der Spitzfindigkeit und fingen das
-Gezänk der Deutung an.
-
-Und waren eifrig, von der Gemeinde die Wissenden zu scheiden, und
-legten um die Einfalt der Botschaft den Priestermantel der Erwählung:
-im Namen dessen, der die Fischer lehrte und den die Priester
-kreuzigten, den Klerus vom Laienvolk zu lösen.
-
-Auch sonderten sich manche ab nach alter Weise des Morgenlands, sie
-gingen abseits in die Wüste und suchten das Geheimnis der Erwählung in
-den Schlupfwinkeln ihres unreinen Geistes.
-
-Sie leerten ihre Lüste aus und füllten das Gefäß mit Fasten und
-Verzückung und wähnten, dem Reich Gottes näher zu sein, als die mit
-Treue den Tag bestanden.
-
-Den sie bei Antiochien bestaunten, ein Hirt mit Namen Simeon aus Sesam,
-stand dreißig Jahre lang auf einer Säule, den Wallfahrern ein Wunder,
-und lehrte: Jesus habe teil an seiner Torheit, daß er dastände gleich
-einem Kranich, der seiner Flügel überdrüssig geworden wäre.
-
-Eudoxia die Kaiserin, so heißt es, hieß einen Turm daneben bauen mit
-offenem Dach, das hallende Gespräch des Heiligen zu hören: so wähnten
-in der Wüste ein Hirt und eine Kaiserin der Stimme aus Nazareth zu
-dienen, die traurig mit den Traurigen und fröhlich mit den Fröhlichen
-im Volk gegangen war.
-
-
-Augustinus
-
-Ein reicher Jüngling aus Tagaste lebte seinen Sinnen in Karthago, bis
-ihn der Geist schalt, daß er gleich einem Tier der Täglichkeit den Trog
-leer fräße.
-
-Der mit bunten Kleidern auf der Gasse ging, fing an zu suchen in den
-Schriften, daß ihm der Geist ein besseres Futter fände: so wurde
-Augustinus ein Schüler der Griechenweisheit und suchte sein Glück so
-gierig in den Schriften, wie seine Sinne die Brunst genossen hatten.
-
-Als er ein Mann geworden war und selber für einen Meister der Weisheit
-galt, kam er ins Abendland, in Rom und Mailand zu lehren: der Zweifel
-aber, gieriger als seine Sinne, wollte ihm alle Wahrheit fressen.
-
-Bis er die Schriften des Paulus fand und daraus die Einfalt zu glauben
-lernte; der als ein Meister der Weisheit im Abendland Ruhm zu ernten
-gedachte, kam als ein Schüler der Demut zurück nach Karthago, sein Herz
-in der Stille der Wüste zu kühlen.
-
-Da trat der sündige Mensch vor Gott und rang wie Jakob mit ihm um
-Erlösung, da stand vor dem glühenden Dornbusch des Glaubens der
-Zweifel, sein letztes Reis zu verbrennen, da riß eine Seele den Brunnen
-der Wüste auf, ihr Menschengesicht im Spiegel der Tiefe zu schauen.
-
-Sie holten ihn auf den Stuhl des Bischofs von Hippo, Hirt und Herold
-der Kirche zu werden wie keiner; so wurde der Kirche der Mund der
-Inbrunst geschenkt und der paulinischen Lehre der hitzigste Streiter.
-
-Als ewige Erbschaft war an die Schwelle der Menschheit die Sünde Adams
-gestellt, die Gnade Gottes allein vermochte den erbsündigen Menschen
-aus der Verdammnis zu lösen.
-
-Die Gnade Gottes war der Kirche gegeben; sie war das Reich Gottes auf
-Erden über der Macht der weltlichen Staaten; bis das Weltgericht kam
-und das bunte Scheingewand der Welt in Flammen verzehrte, hielt sie der
-erbsündigen Seele die Gnadentür offen.
-
-So sprach Augustinus, der Bischof von Hippo, der Kirche den
-Gnadenschatz zu, so sank der Stachel der Erbsünde ein in die
-Christengemeinde, mit ewiger Verdammnis die furchtsamen Herzen zu
-schrecken und mit der Verheißung des Himmels zu locken.
-
-
-Nicäa
-
-Was zu den Hirten von Bethlehem kam als himmlisches Licht, Gott
-in der Höhe zu Ehren, der Erde zum Frieden und den Menschen ein
-Wohlgefallen, war eine schwelende Brandfackel geworden der christlichen
-Rechtgläubigkeit.
-
-An die dreihundert Bischöfe samt ihrem geistlichen Heerbann hielten
-Konzil zu Nicäa, den Punkt zu erzirkeln, wo zwischen der göttlichen
-Natur des Erlösers und dem menschlichen Dasein des Zimmermannssohnes
-sein Wesen als kirchlicher Lehrbegriff stände.
-
-Noch war das düstere Wunder paulinischen Glaubens nicht unter Dach,
-noch stand das Opferlamm Gottes nicht auf dem Altar der beschworenen
-Glaubensartikel, noch war die Dreifaltigkeit nicht im Lehrgebäude der
-Kirche gesichert.
-
-Gottgleich oder gottähnlich, so stritten die Priester mit Zirkeln und
-Zangen um den Zimmermannssohn; und hitziger hatten die Juden nicht
-vor Pilatus gestanden, als nun die Christen vor Konstantin, der ihrem
-Konzil den Prunk des Kaisers umhängte.
-
-Die gestern noch selber Verfolgten verdammten den Arius da, weil er
-das göttliche Wunder allein in der Lehre und nicht im Mirakel des
-gekreuzigten Gottes erkannte; sie hießen ihn einen Ketzer, und Christus
-siegte als Gottes einiger Sohn im Zankbeschluß seiner Priester.
-
-Als die Bischöfe danach auseinander fuhren mit dem Heerbann ihrer
-Meinung und Lehre, den Hellespont hinüber ins Abendland, und auf
-mancherlei Schiffen und Wegen ins Morgenland, fuhr der Zank mit nach
-Haus, die Christenheit zu zerspalten.
-
-Bis Theodosius, von der Kirche dankbar der Große genannt, für die
-arianischen Ketzer den Rost glühend machte: im Namen des Dulders der
-Liebe, der im Haß der jüdischen Priester den Kreuzestod fand.
-
-
-Wulfila
-
-Ein Psalm, der vor dem Tag verscholl, gesungen aus Traum und Wachen,
-bevor das wilde Kriegswerk der Völkerwanderung begann, ein Klagelied
-aus dem Brunnquell der deutschen Sprache: das war die Gotenbibel des
-Wulfila.
-
-Sie sollte der Psalter des deutschen Evangeliums werden und ist der
-Sargdeckel geworden der germanischen Frühzeit, weil aus der fröhlichen
-Botschaft der Haß des geistlichen Lehrstreites Giftblumen blühte.
-
-Der sie den Westgoten schrieb, zwölfhundert Jahre vor Luther den
-Deutschen die Schrift zu schenken: Wulfila war arianischer Bischof; und
-Arianer, das hieß der römischen Kirche ein Ketzer und schlimmer als
-Heide zu sein.
-
-Sie saßen im Tiefland der Donau, vom schwarzen Schrecken der Hunnen
-verdrängt, als Grenzwacht des Kaisers geduldet, und hörten die
-Botschaft der himmlischen Ferne:
-
-Gott war gekommen, der über den Göttern von Ewigkeit war, den Menschen
-das glückhafte Reich des Friedens zu bringen, da wieder Gerechtigkeit
-wurde, sonniges Land und selige Freiheit den grausam Enterbten.
-
-Denn Wulfila hatte die Worte der Botschaft in ihre Sprache gebracht:
-da klangen die uralten Laute den uralten Sinn, da war die ewige
-Herkunft der Dinge, da war ihr himmlischer Vater und sandte Surtur,
-den herrlichsten Sohn seiner Stärke, die Seinen zu sammeln aus Not und
-Bedrängnis.
-
-So lauschten die Goten dem Wulfila und konnten nicht ahnen, daß sie
-der Glaube betrog, daß sie die fröhliche Botschaft ins Fegfeuer des
-Ketzertums brachte.
-
-Arianer und römische Kirche: so war der Kampf angesagt bis aufs Messer;
-die Goten und alle germanischen Völker der großen Wanderschaft hatte
-ihr gläubiges Herz gegen die römische Schneide gestellt.
-
-
-Der Pontifex maximus
-
-Pontifex maximus hießen die Römer den obersten Priester, und Konstantin
-selber behielt das heidnische Amt trotz dem Kreuz seiner Fahnen.
-
-Nicht lange aber, so hob der römische Bischof das glänzende Stirnband
-aus dem Brandschutt der Götter, als Papst und Statthalter Christi
-wieder der Pontifex maximus, im römischen Weltreich der Hohepriester zu
-sein.
-
-So wurde Rom noch einmal das Herz der mittelmeerländischen Welt;
-denn der Kaiser war fern in Byzanz und sein Glanz blickte düster ins
-Morgenland, indessen der Norden hell wurde im Junglicht germanischer
-Kraft.
-
-Der erste Gregor, der Große genannt, Präfekt und Römer von Reichtum und
-Rasse, bevor er sein Haupt schor, gab dem römischen Titel die römische
-Geltung zurück, das zerfallene Reich Cäsars erneuernd als Macht seiner
-Priester.
-
-Er sandte das Pallium aus, wie vormals der Kaiser die purpurgesäumte
-Toga, er ließ seine Legionäre schulen im Orden der Benedektiner.
-
-Fegfeuer und Seelenmesse, Bilderdienst und der bunte Heiligenhimmel:
-das Rüstzeug der Kirche hob seine cäsarische Hand auf, der von Herkunft
-ein Römer, aus frommer Neigung ein Priester und der berufene Pontifex
-maximus war.
-
-Der Kaiser war fern in Byzanz, das langobardische Schwert hing dicht
-über Rom; in Gallien aber beugten die ersten Germanen das Knie vor der
-Kirche: die Franken waren die Feinde der Goten, sie sollten gegen die
-Langobarden die römische Leibwache sein.
-
-Vom römischen Scharfblick geführt, staatskundig und stetig im
-Schachspiel steigender Macht, weitblickend aus Nöten der Nähe, brachte
-die Kirche den Handel ans Ziel, Pipin den Kleinen als König der Franken
-zu salben.
-
-Stephan der Papst kam selber ins gallische Land, reitend auf einem
-Maultier, wie Samuel der Priester vor Saul kam, drei Meilen weit ins
-Lager der streitbaren Franken von Pipin dem König am Zaum eingeführt.
-
-Er gab ihm die heilige Salbung und brachte sie heim, die Pipinsche
-Schenkung, die ihn, den Hirten der Christengemeinde, zum Fürsten des
-römischen Kirchenstaats machte: eine Schrift nur, ein Pergament in den
-Falten des Priestergewandes.
-
-Aber der Pontifex maximus hatte den Heerbann der Franken gesehen und
-harrte getrost ihres Schwertes.
-
-
-Winfried
-
-Sie haben Winfried, den englischen Mönch, Apostel der Deutschen
-genannt; als aber Winfried herüber kam zu den heidnischen Friesen
--- vierhundert Jahre nach Wulfilas Predigt -- waren die Franken,
-Thüringer, Alemannen und Bayern schon Christen; nur die sächsischen
-Völker verehrten noch Saxnot, den Gott ihrer Väter.
-
-Die arianischen Goten, Vandalen, Burgunder hatte die römische Mühle
-zermahlen, ihre Könige waren verschollen in den Schlupfwinkeln der
-Sage; noch boten die Langobarden ihr Trutz, aber schon blühte das
-Frankenreich, der Kirche gehorsamste Tochter.
-
-Dreimal zog Winfried nach Rom, der ein frommer Held seines Glaubens,
-ein feuriger Herold der päpstlichen Macht war: Gehorsam gegen Rom zu
-verkünden, war der heimliche Sinn seiner Sendung.
-
-Darum sanken ihm Ehren auf das silbrige Haar; Legat und Erzbischof war
-er und Primas der deutschen Bischöfe, treu und milder Verwalter des
-Hauses, dem er die Balken fügte mit Klugheit und Eifer.
-
-Denn Pipin der Kleine war nicht nur der Kirche gehorsamer Sohn; der
-Hausmeier brauchte den römischen Segen, seinem König die Krone zu
-nehmen; wie der Papst seines Schwertes bedurfte, den Langobarden zu
-wehren.
-
-Mittelsmann ihrer Machthändel war Winfried der Weise; er schlichtete
-klug und ohne kleinliche Ränke, war Kanzler der Kirche und der früheste
-Kurfürst am Rhein; er liebte das Land seiner Wahl, der englische Mönch,
-und suchte der Ordnung zu dienen, deren mildester Meister er war.
-
-Weil ihm die anderen Bischöfe seine Ehren mißgönnten, zog er im Alter
-tapfer hinaus, noch einmal hinaus zu den heidnischen Friesen; der
-friedliche Meister des Lebens fand seinen Tod wie ein Held, als ihn die
-trotzigen Friesen bei Dokkum erschlugen.
-
-Als sein Leichnam stromauf kam durch das rheinische Land, klagten
-viele um einen Vater, und manche Glocke, die seine Hand weihte, gab
-ihm bis Fulda das Sterbegeläut; nur wenige sahen, was seine milde
-Geschäftigkeit hinterließ.
-
-Ein Netz hing geflochten für den Nachfolger Petri, den größten Fischzug
-zu tun: das Morgenland war an den Islam verloren, in Eifersucht wachte
-Byzanz; im nordischen Land der Germanen war der Kirche ein Acker
-gepflügt, andere Dome zu tragen, als die im römischen Land.
-
-Das Mittelalter begann, das der neuen Welt Wunder sein sollte; die
-Sterbeglocken zu Fulda läuteten seinen Beginn.
-
-
-Widukind
-
-Während die gotischen Völker das Glück und den Fluch der römischen
-Erbschaft fanden, während die Franken im gallischen Land dem römischen
-Papst die Steigbügel der neuen Weltherrschaft hielten, hatten die
-Länder der Weser die Volksschaft der Väter bewahrt.
-
-Frei wie zu Tacitus Zeiten hielten die sächsischen Gaue den Thing und
-das Weistum, und sprachen Recht im Schwertzeichen Saxnots, bis Karl der
-fränkische König das Kreuz über sie brachte.
-
-Gleich Drusus, dem Römer drang er von Süden ein durch das hessische
-Waldland, raubend und brennend; und wo das Schwert des trotzigen Blutes
-satt war, schwangen die Mönche den Weihrauch und sangen die römische
-Messe.
-
-Die Eresburg fiel, die Irminsul wurde zerstört, den heiligen Hain fraß
-das Feuer, so wurde im Namen des Kreuzes fränkische Mark, was ein
-Jahrtausend lang sächsisches Freiland war.
-
-Die Mönche sangen zur Messe, die Grafen hielten Gericht im Namen des
-fränkischen Königs und beugten das uralte Recht der Sachsengemeinde.
-
-So war dem Franken der Sprung in den sächsischen Sattel geglückt: aber
-dann bäumte das Roß, und der Ritt begann, rauchend von Brand und Blut
-dreier Jahrzehnte.
-
-Wie vormals Armin, Segimers Sohn und Fürst der Cherusker, war
-Widukind Herzog von Sachsen; dreizehn Jahre lang bot er der
-fränkischen Zwingherrschaft Trotz, freudig und flüchtig im Wechsel
-des Waffenglücks, ein Meister der List und ein Nacken unbeugsam, das
-Unglück zu tragen.
-
-Denn ob er Fritzlar verbrannte und Fulda bedrohte, daß die Mönche
-flohen mit Winfrieds Leiche, ob er vorstieß bis an den Rhein: die
-fränkische Feldkunst warf das Ungestüm seiner Kriegshaufen nieder, und
-immer grausamer dämpfte Karl den sächsischen Trotz.
-
-Bis der Tag an der Aller kam, wo ihrer viertausendfünfhundert
-geschlachtet wurden -- Edlinge des sächsischen Volkes, die sich
-freiwillig stellten -- daß der Bach sich färbte im Blut und das Feld
-faul wurde im Gestank der edelsten Leiber.
-
-Noch einmal rief da der Grimm die Waffen Saxnots zuhauf; bei Detmold
-kam es zur Schlacht, die dem gewaltigen Karl das Schwert stumpf machte,
-aber den Sachsen das ihre zerbrach.
-
-Widukind beugte den Nacken vor dem fränkischen Christ! Drei Tage lang
-sangen die Priester Danklieder in Rom, weil der Herzog der Sachsen zur
-Taufe nach Gallien ging.
-
-Den Franken gelang, was dem römischen Adler mißglückte, sie blieben
-Zwingherrn im Weserland, besiegelt im Kapitular der sächsischen
-Knechtschaft, mit Blut geschrieben zu Paderborn und aller Gesetze
-furchtbarstes:
-
-Des Todes soll sterben, wer die Fasten nicht hält, wer sein Kind der
-Taufe verbirgt; des Todes soll sterben, wer sich selber der Kirche
-verweigert; des Todes soll sterben, wer einen Leichnam verbrennt nach
-germanischem Brauch!
-
-Aber der Hund fraß wieder, was er ausspie: noch manchmal stand Saxnot
-auf in den Herzen der Seinen, bis er für immer zur Hölle fuhr, der
-uralte Lichtgott der Deutschen, verdammt von den römischen Mönchen.
-
-Zu Tode gehetzt von der slawischen Meute der Wenden, denen der
-fränkische Räuber das sächsische Elbland hinwarf als Beute, zu
-Tausenden aus ihrer Heimat geschleppt, für immer getrennt von Weib
-und Kindern, verraten von treulosen Grafen: so wurden die Sachsen zu
-Christen gemacht, im Namen der lächelnden Liebe.
-
-Bis endlich drei Bistümer blühten im Weserland, zu Bremen, zu Münster
-und Paderborn: drei Hochkreuze des allerchristlichsten Königs, drei
-Leichensteine auf dem Kirchhof des sächsischen Volkes, drei Krummstäbe
-über dem Nacken germanischer Freiheit.
-
-
-Carolus Augustus
-
-Als Karl, der Frankenkönig, sein Sommerlager hielt zu Paderborn im Land
-der Sachsen, kam Leo, der Papst, als ein Flüchtling zu ihm.
-
-Den hatten die Römer am hellen Tag aus einer Prozession gerissen,
-halbtot geschlagen und gefangen aus Rom fortgeführt: mit List entwichen
-und die Mühsal der Alpenfahrt nicht scheuend, rief der Pontifex maximus
-den Frankenkönig als seinen Schirmherrn an.
-
-Es fand sich danach, daß der Statthalter Christi der Unzucht und des
-Meineids beschuldigt war; so hielt der Frankenkönig feierlich Gericht
-in Rom und strafte die Ankläger hart, als sich der Papst mit seinem Eid
-zu reinigen vermochte.
-
-Das aber geschah vor Weihnachten, als es achthundert Jahre her war, daß
-Maria im Stall von Bethlehem ihr Knäblein gebar: nun stand das Kreuz
-auf tausend Kirchen, und statt der Hirten kamen die Großen der Welt an
-seine Krippe.
-
-Als in der Christmesse das Heergefolge des Frankenkönigs sich durch die
-Römer drängte und Karl, der Schwertgewaltige, in Andacht kniete vor
-dem Altar der Peterskirche, da krönte ihn der Papst, und die Lateiner
-stimmten ein in den bestellten Ruf:
-
-Carolus Augustus, dem von Gott gekrönten friedenbringenden Cäsar der
-Römer, Leben und Sieg!
-
-Es war ein Franke, den sie zum Kaiser riefen, ein Franke, der morgen
-Rom schon wieder den Rücken kehrte; aber so verkehrte sich das
-Angesicht der Welt:
-
-Roma die vielerfahrene ließ ab vom Morgenland und huldigte dem Starken,
-der von Norden in ihre Netze kam, ließ Syrien und Ägypten, Kleinasien
-und Byzanz, weil sie die Herrin bleiben wollte in der neuen Zeit, wie
-in der alten.
-
-Der Frankenkönig aber, der sonst in einem Wams von Otterfell ging
-und als Patricius der Römer den Seinen fremd dastand in römischen
-Gewändern: er fühlte die Krone auf seinem Haupt von Gottes Gnaden
-und staunte, das Reich Gottes sei doch von dieser Welt, weil er sein
-Herrscher und der treue Diener der Priesterlehre war.
-
-
-Der gläserne Grund
-
-Als Karl der Große begraben lag in seinem Münster zu Aachen und Ludwig
-der Fromme, sein Sohn, Herrscher des Frankenreichs war, von Karl zum
-Kaiser gekrönt mit eigener Hand, stand vor dem Königsgebäude noch immer
-das eherne Reiterbild Dietrichs von Bern aus Ravenna.
-
-Denn der die Stämme der Sachsen, Alemannen, Bayern und Langobarden in
-harten Kriegen bezwang, war Uferfranke und deutschen Geblüts: seine
-Sprache war deutsch, auch trug er sich fränkisch und legte nur zweimal
-in Rom das Prachtgewand römischer Kaisermacht an.
-
-Wie sein Münster in Aachen gebaut war nach gotischem Vorbild, und
-wie er die deutsche Predigt verlangte, so ließ der Kaiser die Lieder
-aufschreiben von Siegfried, Dietrich und Hildebrand und die uralten
-Göttergesänge.
-
-Aber sein Sohn von der schwäbischen Hildegard zeigte niemals lachend
-die Zähne und wäre lieber ein Mönch, denn ein Kaiser gewesen; er warf
-die Lieder der Deutschen, vom Vater mit Eifer und Ehrfurcht gesammelt,
-ins Feuer, schaudernd vor dem Abgrund der heidnischen Herkunft.
-
-Da brannte sie hin, die heilige Sprache, uralt und glanzvoll gefügt.
-
-Die Riesenleiber der Götter und Helden flackerten auf in den
-Schattenbildern der Sage, spottend der kindischen Torheit: aber das
-Wort sank hin in die Asche, das ihrer Taten volkstümliches Kleid war
-und Seelenhort der germanischen Frühe.
-
-Wohl sprachen die Männer des Volkes deutsch wie zuvor, aber nun hatte
-ihr Wort keine Schrift mehr; die Bildung in Klöstern und Schulen
-schrieb fremdes Latein: einer gemähten Wiese gleich lag die Volksseele
-da mit abgeschnittenen Halmen und wucherndem Unkraut.
-
-Unermüdlich aber aus den Schleusen der Klöster und Kirchen lief das
-lateinische Gewässer hinein und gefror zum gläsernen Grund, darunter
-der Spuk der germanischen Seele, auf die Märzstürme wartend, den
-Winterschlaf hielt.
-
-
-Die schwarzen Mönche
-
-Schwärmer und Schelme der Müßigkeit kamen vom Morgenland, Schaffner
-Gottes zu werden nach abendländischer Losung.
-
-Denn Benedikt, der auf dem Monte Cassino das Mutterhaus der
-abendländischen Klöster baute, gab dem Gebet die Arbeit, der Verzückung
-den Fleiß an die Hand.
-
-Die Weltflucht entsagte dem Nutzen, doch nicht der nützlichen Leistung;
-der Überdruß vornehmer Römer sprang in die Flut der lautlosen Tat, die
-aus dem Nichtstun in Ehren erlöste.
-
-Als danach die schwarzen Mönche ins Nebelland der deutschen Urwälder
-kamen, wurden Sankt Gallen, die Reichenau, Hersfeld, Fulda und
-Wessobrunn die Standlager entsagungsvoller Mühsal, bevor in den
-Klostergärten der Wohlstand spazieren ging.
-
-Dann freilich wuchs ihr Reichtum sich aus zu grünen Inseln, die aus der
-Tannenwildnis die Sonne saugten und die Wärme stahlen: der Frühling
-blühte über sie mit anderem Licht, der Sommer reifte Garben wie nie
-zuvor, und wenn der Herbst kam, hingen die Spaliere von Trauben und
-Birnen schwer.
-
-Der Sonnensegen flog durchs Land, im Klosterhof zu rasten, ein
-Wundervogel, der nach der Glocke flog und ahnungsvoll inmitten
-schwarzer Wälder die grünen Inseln fand.
-
-So wurden Pfründen, wo der Atem der harten Rodung keuchte; Laienbrüder
-buken das weiße Brot und dienten dem Behagen, das in dem Täfelwerk
-wohnlicher Kammern auf breiten Stühlen saß.
-
-Die Metten nahmen dem Gebet die Arbeit sacht aus der Hand, und Gott war
-zärtlich geschützt, wenn er im Kreuzgang trockenen Fußes spazieren ging.
-
-Und fing auch wieder an, die Kunst zu lieben, den Klang der Orgel und
-den bunten Psalter; lustreiche Farben malten ihm das Haus, und Gläser
-glühten Feuerglanz im Tageslicht der Fenster.
-
-Auch las er gern in alten Schriften und dachte sich neue Taten aus; er
-ließ das Wunder blühn mit Rosenranken, daran die Heiligen sich ritzten,
-ihr Blut zu tropfen: doch war kein Schmerz in ihnen und keine Not um
-sie, weil die Legende die Himmelsleiter hielt.
-
-
-Die Legende
-
-Aus Blutbächen rann das Geheimnis der christlichen Lehre ins römische
-Reich; glühende Roste, gemarterte Leiber, heiße Bekenner und heimliche
-Gräber webten den Teppich der kirchlichen Herkunft mit brünstigen
-Farben.
-
-Der Heiligen Leben und Leiden malte im Glauben verachteter
-Christengemeinden die Bilder der Ahnenverehrung; der Heiligen
-himmlischer Fürspruch half den zagenden Herzen in einen tapferen Tod.
-
-Um ihre Särge wuchsen die Kirchen der Wallfahrt, und um ihr Gedächtnis
-wand die dankbare Liebe den Kranz der Legende: ihre Leiden blühten
-darin mit blutroten Rosen, dornige Ranken ins messianische Wunder zu
-flechten.
-
-Als aber die Blumen der Lehre, heimlich gesät in die Gärten der Greuel,
-friedlich aufgingen im Abendland, als die Kirche selber den Garten
-bestellte, war die Legende nicht still: und ging aus dem blutigen
-Düster morgenländischer Herkunft ein in die Landschaft der Wälder und
-Wiesen.
-
-Nicht mehr zur Schlachtbank führte der Heiligen Leiden, aber das
-rankende Wunder blieb um ihr Leben, nur wurde es grün und statt der
-blutroten Rosen blühten die Himmelsschlüssel einfältiger Tugend.
-
-Den heiligen Martin drängte sein Herz, der frierenden Blöße des
-Bettlers den Mantel zu teilen, den Hasen zu schützen vor den scharfen
-Zähnen der Hunde.
-
-Da war noch einmal das Paradies der Heiligen hold geöffnet: das Wild
-des Waldes diente ihm treulich, die Vögel der Luft und die Fische des
-Wassers brachten ihm Nahrung gleich dem Elias, Gewitter und Hagel
-gingen demütig zur Seite, wenn der Heilige kam.
-
-Und als den verschwundenen Bischof, den heiligen Wolfgang, die Schar
-seiner Freunde fand in der Wildnis, ihn heimzuführen nach Regensburg:
-da hob sein Kirchlein sich hinter ihm her, dem täglichen Freund der
-Einöde zu folgen treu wie ein Hund; bis ihm der heilige Wolfgang
-weinenden Herzens den Abschied gebot.
-
-Die brünstigen Farben verblaßten, Marter und Buße vergingen im
-goldgrünen Geheimnis der Wälder, der Wüstensand wurde gütiger Schnee,
-und Moos wuchs auf den steinigen Wegen, die Seele begann ihr trauliches
-Spiel um die fremden Gestalten: als die Legende vom Morgenland mit
-staubigen Schuhen in den tauigen Grund der Wiesen und in den Schatten
-der deutschen Wälder gelangte.
-
-
-Der Heliand
-
-Zu Schanden geschlagen war das sächsische Volk durch die Faust des
-fränkischen Königs, seine Götter waren gewichen ins nordische Land, wo
-die Wahrzeichen Wodans und Donars noch standen und Saxnot die Seinen
-beschützte.
-
-Der Gott der lateinischen Mönche war nicht der Gott der sächsischen
-Seele, und der gekreuzigte Sohn der Maria blieb ihrem Blut fremd,
-bis ein Sänger der Sachsen daraus den Heliand machte, aller Könige
-kräftigster und der schönsten Frau herrlichstes Kind.
-
-Da wurde er Wort der Waltenden, ging ein in die Höfe der Freien und
-hielt den Thing aus dem Recht seiner edlen Geburt.
-
-Der Waltende selber kam aus dem Weistum, der Königssohn aus dem Himmel
-trat in den Mittelraum ein, im Kranz seiner Degen ewige Weisheit zu
-künden.
-
-Denn der den Heliand sang im Stabreim uralter Gesänge, war anderen
-Blutes als Paulus, der römische Jude: Nachfahre der Jünger in gläubiger
-Einfalt, kein grübelnder Geist weltfeindlicher Lehre.
-
-Ihm tönte die Stimme der Liebe und Weisheit wieder, die Menschen zu
-lösen vom Leid, doch sprach sie deutsch und klang zu den Mannen und
-Degen.
-
-In den Schlag der Schwerter sprach der Walter der Welt, der Söhne
-stärkster aus Bethlehemsburg stand auf als Schutzherr der Menschen
-gegen die grimmige Hel:
-
-Und als der Fürst in die Hände des römischen Herzogs kam durch den Haß
-der jüdischen Großen, da zitterte Satan vor seinem Tod, daß er die
-Menschen erlöse.
-
-Er mochte die Herzogin listig verleiten, daß sie ihn losbäte von ihrem
-Gemahl, die Waltung der ewigen Weisheit zu stören; der Landeswart
-aber wollte sterben am Kreuz und leiden als der Geringste, daß seine
-Wiederkunft offenbar würde den Zweiflern und Zagen als Zeugnis seiner
-göttlichen Sendung!
-
-So brachte ein Sänger der Sachsen den Heliand deutsch in die Welt, aus
-Walhal geboren als göttlicher Held gegen Hel, die des Satans Mutter und
-Urfeindin der göttlichen Herrlichkeit war.
-
-Kein Opferlamm mehr, im Tempel zur Schlachtbank geführt, als
-Versöhnungsopfer die Sünde zu sühnen nach jüdischem Priestergesetz:
-ein König der Weisheit und Stärke, urkräftig aus ewigem Recht, kündete
-seine Wiederkunft an.
-
-
-Die Heliandsburgen
-
-In Worms, in Speyer, in Mainz und in Köln stand ihre Steingewalt
-auf aus dem mannhaften Glauben der Zeit, den Lindwürmern gleich
-der salischen Sagen mit schuppigem Rücken und kräftig umgürtet im
-steinernen Knochengerüst.
-
-Keine Tempel der Griechen mit marmornen Säulen und keine römischen
-Hallen, Bethlehemsburgen des Heliand und Waltungsstätten der
-Wiederkunft, Trutzburgen tapferer Hoffnung aus kläglicher Knechtschaft
-und Sicherheit starker Vergeltung.
-
-Urtief glühten die Augen der kreisrunden Fenster, und wehrhaft hielten
-die Pfeiler der kommenden Macht das Gewölbe, steinern umgürtet und mit
-Knäufen von Weltschwertern geschmückt.
-
-Wohl hüteten steinerne Schranken den Chor und das Schauspiel der Messe:
-aber einmal kamen gewaltige Schritte, in den Himmel wuchsen die Hallen
-mit den fünfhundertvierzig Türen Walhals; vorbei war die Knechtschaft
-der Kühnen, vorbei das Genäsel lateinischer Priester.
-
-Wie draußen der Rhein floß durch Tage und Nächte, als ob es Pulsschläge
-der Ewigkeit wären, wie die Wolken wanderten über die höchste Erhebung,
-wie die Stürme brausten in den schwärzesten Nächten, wie die Träume der
-alten Zeit gingen von Wodan und Thor, den hallenden Nachfahren Zius,
-wie Segifried, Dietrich von Bern, Hildebrand und der grimmige Hagen: so
-hielt die wehrhafte Haltung romanischer Dome Wacht über das Land für
-Heliands Wiederkunft.
-
-
-Cluny
-
-Das Reich Gottes war nicht von der Welt dieser Kirche, darin die
-Priester nach Pfründen jagten und die Klöster Schatzkammern klüglich
-gepflegter Wundersucht waren.
-
-Zum andernmal ging seine Lehre auf wie Blumen, heimlich gesät in die
-Gärten der Greuel; aber nun geisterte sie nicht mehr in Grüften und
-tönte nicht mehr von den Säulen selbstseliger Mönche.
-
-Der Norden trat in die Erbschaft der römischen Christenheit ein und
-brachte den Mut germanischer Sittlichkeit mit; der Heliand kam, der
-Walter aus Bethlehemsburg in den Mittelraum, den Tag in ewige Tiefen zu
-tauchen.
-
-Das Wort sank wieder in Gott und gebar die demütige Tat und die
-Inbrunst des ewigen Lebens, die aller irdischen Freuden glückhafter
-Untergrund war.
-
-Das Kyrieleis der lateinischen Messe stahl sich fort in den deutschen
-Gesang der ländlichen Weisen; die Seele fing an, der himmlischen
-Tröstung zu trauen, das Lächeln der Weisheit und Liebe kam in den Segen
-der Pflicht.
-
-Ein burgundischer Grafensohn, Berno, der Abt von Cluny, zwang die
-üppigen Klöster zurück in die strengen Gelübde, daß sie wieder des
-frommen Fleißes bewahrte Werkstätten, Zuchthäuser der Kirchenzucht
-wurden; und Heinrich der Dritte, der salische Franke, brachte die
-Kirchenreform der schwarzen Mönche von Cluny in den unholden Streit der
-römischen Stola.
-
-Er gab der geschändeten Kirche den Bischof von Bamberg als heiligen
-Vater und noch vier andere Päpste danach von germanischer Herkunft.
-
-Leo der Neunte, den die Kirche den Heiligen nennt, ein Grafensohn aus
-dem Elsaß, dem Kaiser verwandt und seiner Strenge in Milde verbunden,
-wurde zu Worms auf dem Reichstag der Deutschen gewählt und zog im
-Pilgerkleid ein in das spöttisch wartende Rom.
-
-Türhüter nur und Verwalter war er im Weinberg des Herrn, kein
-prahlender Fürst in Sankt Peter, kein Pontifex maximus mehr, gleich
-Winfried die Mühsal schwieriger Fahrten nicht scheuend.
-
-Dreimal kam er nach Deutschland hinüber, das nun das reichste
-Kirchengut war, dreimal in seinen sechs Jahren, nach den Knechten der
-Kirche zu sehen.
-
-Sie wurden nicht alt in der römischen Sonne, die deutschen Päpste des
-Kaisers, zwölf Jahre nur hielten die fünf den heiligen Stuhl: aber sie
-hoben den Fischerring aus dem römischen Unrat und gaben ihn blank an
-den Starken, der seinen rothaarigen Kopf über alle Päpste erhob und die
-Kirche zurück führte in die Absichten cäsarischer Weltmacht.
-
-
-Canossa
-
-Hildebrand hieß er wie der grimmige Waffenmeister Dietrichs von Bern,
-rothaarig war er und eines Zimmermanns Sohn im toskanischen Land:
-Gregor der Siebente, der streitbar gewaltige Papst, der das Gottesreich
-wahrmachen wollte als irdische Herrschaft der Priester über dem Kaiser
-und allen Fürsten der christlichen Welt.
-
-Wie der Mond sein Licht von der Sonne, so nähme der Kaiser vom Papst
-die Gewalt; allein der Papst als Statthalter wäre von Gott.
-
-So trüge die Kirche zwei Schwerter; das geistliche führe sie selber,
-das weltliche liehe sie aus an den Kaiser und seine Fürsten: Verflucht
-aber sei, wer das Schwert aufhalte, daß es nicht Blut vergösse!
-
-Das war die Lehre der Liebe nicht mehr und nicht mehr die weise
-Scheidung, Gott und dem Kaiser zu geben, was Gott und dem Kaiser
-gehörte: der Pontifex maximus selber wollte Augustus der Christenheit
-werden, das Mönchtum von Cluny sollte sein Schildhalter sein.
-
-Er nahm dem Priester die Ehe und der Fürstengewalt die Belehnung der
-geistlichen Ämter: er baute die Kirchenmonarchie, darin der Messias
-ewiger Herrscher und der Papst als Statthalter Christi der Völker- und
-Fürstenregent war.
-
-Der Kaiser war noch ein Knabe, der Papst eine geprägte Gestalt, als
-Gregor der Siebente Heinrichs des Vierten Zuchtmeister wurde, als der
-Pontifex maximus dem Kaiser das Herkommen kündigte, als der Kampf der
-römischen Kirche mit dem deutschen Schirmherrn begann.
-
-Ein Knabe als Kaiser, das Reich ein Streitfeld rebellischer Fürsten,
-an den Wurzeln versehrt im Aufruhr der Sachsen; ein Knabe als König,
-hochfahrend, leichtfertig, übel beraten: da wagte der Papst den Riß
-durch den Vorhang der Welt.
-
-Sein Bannstrahl verbrannte dem Kaiser das Kleid, weil er die Fürsten --
-unlustig und treulos -- des Eides entband; im Büßerhemd, barfüßig im
-Schnee, kam Heinrich der König vor ihn zu Canossa, den Bannstrahl zu
-löschen.
-
-Da lag dem toskanischen Mönch der salische Trotz zu Füßen, der
-Schirmherr der Kirche im Staub vor dem Statthalter Christi, der Mond
-weltlicher Macht des Lichtes der Sonne bedürftig.
-
-Es war im vierten Jahr seines Amtes, als dem streitbar gewaltigen Papst
-so Stolzes gelang; aber im elften Jahr kam Heinrich als Sieger nach
-Rom: er hatte die treulosen Fürsten gezüchtigt und ließ sich krönen
-von Clemens dem Papst, den er sich selber als Schirmherr der Kirche
-ernannte.
-
-Ob ihn normannische Hilfe befreite aus schmählicher Haft: Hildebrand
-starb im Exil; das zuckende Herz des römischen Weltrichtertraums liegt
-in Salerno begraben.
-
-Die Sonne sank unter in brandiger Glut, und der Mond stieg grell in den
-Raum; die Lehre der Liebe und Weisheit ging auf den Straßen bei Tag und
-bei Nacht, sie sah den Mond und die Sonne im Wechselspiel steigen, sie
-wußte beide in Gottes Hand und traute den ewigen Sternen.
-
-
-Die Kreuzzüge
-
-Der Wüstensand hatte die Lehre Christi verweht, und die Palmen
-Mohammeds wuchsen im Morgenland: Kalif und Kaiser hatten die Nähte der
-Welt mit scharfem Schwert aufgetrennt.
-
-Als der Gottesstaat in der Christenheit Macht werden wollte, war er
-landfremd und seinem Heiligtum fern: Jerusalem war in die Hände der
-Türken gefallen, am Tor der Zionsburg hielten Ungläubige Wacht.
-
-Aber dann kam der Cid, und der Ruhm seiner Taten sang von dem Ritter,
-der die kastilischen Christen aus maurischer Herrschaft befreite: das
-römische Traumglück schwoll auf, die verlorene Hälfte der Welt neu zu
-gewinnen, im Abend- und Morgenland wieder die alte Roma zu heißen.
-
-Ein Jahrtausend war die Christenheit alt, da sie aufstand im Zeichen
-des Kreuzes, da die Kirche des Friedens als Schwertmacht zu gelten
-verlangte; der Einsiedler Peter von Amiens ritt vor ihr her auf dem
-Esel, einen verdorrten Ölzweig des heiligen Landes in der fanatischen
-Hand.
-
-Noch einmal schienen die Völker Europas zu wandern: raubfahrende Haufen
-zuerst, durch die Länder hinbrausend wie Heuschreckenschwärme, die
-Juden erschlagend; danach die Heere der Ritter mit unendlichem Troß und
-der bunten Vielheit der Trachten.
-
-Ein Tropfen Tollheit fiel in den Trank und schäumte auf in den Lüsten
-der drangvollen Zeit; den Rittern winkte der Ruhm himmlischer Minne,
-den Fürsten Ländergewinn, Abenteuer den Knechten und Raub dem Gelüst
-zuchtloser Scharen: allen der Ablaß jeglicher Schuld.
-
-Zweihundert Jahre lang schäumte der brünstige Wahn, der Friedrich,
-den schwäbischen Rotbart, im Saleph ertränkte, den Deutschen das
-Reichsschwert entwand und Rom von dem lästigen Schirmherrn der Kirche
-befreite.
-
-Denn nun war der Statthalter Christi selber Herr der Heerscharen
-geworden, er hielt dem Gottesstaat die Schärfe des Schwertes, er
-schüttelte den Baum, daran die Könige des Abendlandes hingen als reife
-Früchte.
-
-Als Innocenz Machtfürst der Christenheit und Reichsverweser Gottes war,
-ging Gregors Traum in Erfüllung: da hießen Bischöfe Landvögte seiner
-Botschaft und Könige Büttel der römischen Befehle.
-
-Da zuckten die Blitze seines Bannstrahls und trafen in die Kronen, da
-rauschte das päpstliche Gewitter Hagel und Sonnenschein ins Abendland.
-
-Da stand die Sonne im Mittag, und der Mond war verblichen; die neue
-Roma reckte sich im Glanz der dreifachen Krone.
-
-
-Die Hunde des Herrn
-
-Der Gottesstaat der Priester tat seinen Willen kund, daß Sakrament
-und Seligkeit Machtmittel seiner Herrschaft wären, Glaube und
-Glaubensgehorsam das einzige Bürgerrecht.
-
-Aber nicht im Gesetz machthabender Priester, nicht im Mirakel der
-Messe, nicht im Schaumgold kirchlicher Feste war die Verheißung der
-Lehre; sie suchte noch immer auf Märkten und Wegen, und weil sie im
-gleißenden Mittag der Kirche die ewigen Sterne nicht fand, ging sie den
-nächtlichen Gang der Beschwörung.
-
-Wie die ersten Christen in Rom das Geheimnis der Grabkammern hatten,
-verzückt und der Wahrheit gewiß, so fing in den Nächten der neuen
-Priestergewalt das unterirdische Geleucht heimlicher Schatzgräber an.
-
-Einfältig im Tun des heiligen Franz, des selig Verzückten, der im Leid
-die Nachfolge Christi, im Spott den Honig der Duldung und in der Armut
-den Reichtum Gottes genoß.
-
-Zwiespältig im Trachten grübelnder Geister, mit den zuckenden Flämmchen
-des Zoroaster das Dasein zu deuten: feindlich beide der Kirche, die den
-Prachtmantel der Weltmacht umhing.
-
-Die guten Leute von Albi hieß sie das Volk, die der Kirche standhaft
-den Dienst aufsagten, obwohl sie dem Herrn von Toulouse, ihrem Grafen,
-willig untertan blieben: sie traf der Bannstrahl zuerst und die
-Kreuzpredigt des spanischen Mönches, der sich Dominikus nannte.
-
-Was gegen die Türken mißlang, das mußten die Albigenser erfahren: die
-Kreuzfahrer rissen das Kreuz von der Schulter und nähten es vorn auf
-die Brust, brennend und plündernd, die Ketzer totschlagend gleich
-Wölfen, fielen sie ein in das blühende Land der alten Westgoten und
-hielten im Namen der Kirche das Ketzergericht ab.
-
-Die Scheiterhaufen brannten im Priesterstaat; Menschenwahnwitz dachte,
-auf Gottes Stuhl zu sitzen, und wußte nicht, daß wer um seinen Glauben
-leidet, der ist ein Heiliger vor Gott, und wer ihn schlägt, schlägt
-Gott.
-
-Und wo die Städte brannten, begannen die weißen Mönche das peinliche
-Gericht: sie hatten einen Hund im Wappen, der in den Zähnen das Licht
-der Lehre als eine Fackel trug.
-
-Die Völker sahen die Fackel und sahen die Scheiterhaufen brennen und
-hießen die Dominikaner im Weckruf der Wahrheit: die Hunde des Herrn.
-
-
-Die Stedinger
-
-Die Stedinger wohnten im Gestade der Weser als freie Bauernschaft
-und waren freie Friesen seit mehr als tausend Jahren; sie hielten
-am uralten Weistum der Gaugemeinden fest und wehrten sich der
-Lehnsmannschaft der Junker und der Priester.
-
-Und als der Bischof von Bremen sie mit dem Kirchenbann belegte, da
-lachten sie, weil sie der fremden Mönche nicht bedurften, um fromm zu
-sein: sie stellten eigene Prediger an und ließen die Glocken läuten
-trotz seinem Bann.
-
-Der Bischof brauste an mit seinem Harst und Troß der junkerlichen
-Herren; die wehrhaften Bauern aber hielten Stich, sie warfen seinen
-Hochmut in die Hecken und schlugen ihm samt vielen Rittern den eigenen
-Bruder tot.
-
-Da dem geschlagenen Bischof sein Helm nicht half, nahm er den grünen
-Hut und sprach die Bauern des ketzerischen Aufruhrs schuldig.
-
-Konrad, der Ketzermeister, ließ seine Hunde los, der Papst hieß einen
-Kreuzzug predigen, und wie zuvor in Frankreich zog ein Kreuzheer ins
-Friesenland, dem Gottesstaat zu dienen mit Brand und Mord.
-
-Tammo von Hunthorpe, Bolke von Bardenfleet und Detmar von Damme taten
-den Schwur der Dreimänner; sie riefen den Gaubann der Stedinger auf,
-erschlugen den Grafen von Oldenburg samt zweihundert Rittern und jagten
-das Kreuzheer mit Spott durch die Sümpfe.
-
-Da wurden die Stedinger vogelfrei; der sich König der Deutschen nannte,
-der Sizilianer Friedrich der Zweite, gab die Acht zu dem Bann: mit
-Bullen und mit Kreuzpredigten rafften die weltgeistlichen Herren ein
-unmäßiges Heer, die Stedinger Freiheit zu fangen.
-
-Auf allen Straßen der norddeutschen Länder ritten die Reisigen an auf
-gepanzerten Rossen, vierzigtausend gezählt mit den Knechten, im Namen
-Christi zur Ketzerjagd.
-
-Viertausend Ritter lagen erschlagen bei Altenesch; aber wo einer fiel,
-standen neun wieder da, und ihre gepanzerten Rosse zerstampften das
-Fußvolk der Bauern.
-
-So gingen die Stedinger ein in den Gottesstaat kreuzfahrender Henker,
-als Ketzer verbrannt, gleich tollen Hunden erschlagen; sie büßten den
-Bann der kirchlichen Mächte und schmeckten die irdische Acht; sie
-webten mit blutigen Fäden ihr Bild in den Teppich der Freiheit.
-
-
-Der Kinderkreuzzug
-
-Immer noch raste das Fieber des heiligen Grabes und schäumte die Flut
-seiner Heere und Horden hinüber ins Morgenland.
-
-Aber längst hielt Saladins mächtige Hand Jerusalems Tore geschlossen,
-nur an den steinigen Küsten des heiligen Landes ging der Kampf um die
-ärmlichen Burgen.
-
-Die eiternde Wunde der Kirche zu heilen, ließen die Päpste das Blut der
-Ritterschaft strömen und schlugen den brünstigen Wahn mit Ruten, bis er
-im kläglichen Kreuzzug der Kinder sein irres Spottbild aufsteckte.
-
-Knaben und Mädchen von Mönchen geführt, irrten in weinenden Scharen
-nach Süden, das heilige Grab zu befreien; Torheit und Tollheit hielten
-einander die Hände, Wundersucht blies ihrem traurigen Bund die gellende
-Pfeife.
-
-Ein Hirtenknabe brachte sie mit von den Bergen, wild lockte ihr
-gellender Ruf in den Tälern, und Tausende liefen ihm zu, im Wahn der
-verwilderten Welt zu verderben.
-
-Als Akka fiel, die letzte Kreuzfahrerfeste im heiligen Land, war das
-Fieber der Christenheit aus: der Türkensäbel zerschnitt, was das
-Schwert der Christenheit flickte, das Mittelmeer schied wieder die
-Hälften der Welt, Halbmond und Kreuz, den Morgen vom Abendland.
-
-Immer noch standen und wuchsen die Dome in Speyer und Worms, in Mainz
-und in Köln; aber es waren die Heliandsburgen nicht mehr: der Starke
-fuhr aus dem irdischen Glauben der Zeit zum andernmal auf in den Himmel.
-
-Die seiner Wiederkunft harrten, waren betrogen: die tiefe Enttäuschung
-der Seelen fing an, ihn schmerzvoll zu suchen; die weltflüchtige
-Inbrunst der Gotik begann.
-
-
-Die Scholastik
-
-Das Märchen des irdischen Daseins saß im Schoß der kirchlichen Gnade
-geborgen, mit Wundern verankert, im Glauben ewiger Verheißung gesichert.
-
-Gott war im Himmel und sah die Menschen auf Erden, die Sterne standen
-im ewigen Licht, und die Sonne wanderte stolz ihre Bahn: alles war
-weislich geordnet, dem Menschen Morgen und Abend zu bringen und das
-Geschick seiner irdischen Prüfung.
-
-Den Jüngern die göttliche Herkunft zu zeigen, fuhr Jesus auf in den
-Himmel; die Toten ruhten im Grabe, aufzustehen wie er, wenn die
-Posaunen zum Weltgericht riefen.
-
-Die Erde war groß und der Himmel darüber gewölbt im unendlichen Raum,
-die Seele war klein und saß im Gefängnis der Sinne; sie harrte in Demut
-des leiblichen Todes, da sie eingehen würde zum ewigen Licht: aber der
-Zweifel suchte die sichtbare Welt nach Gewißheiten ab und fragte den
-Geist nach Beweisen.
-
-Denn die Welt war alt, als Jesus von Nazareth kam: Götter waren
-gestürzt und irrten ihr unholdes Dasein zwischen Himmel und Erde;
-uralte Lehren des Morgenlandes hatten den Samen des Satans gestreut und
-dem Glauben die Netze gespannt, darin sich der Zweifel verfing.
-
-Eines war not und eines die Wahrheit, Tausendes aber war falsch und
-führte hinaus aus dem Lichtkreis der kirchlichen Lehre.
-
-Darum hielt die Scholastik der Kirche den Schatz der Gnade gerüstet mit
-Schwertern und Schilden; was die Kirchenväter dachten und schrieben,
-war in ihre wehrhafte Obhut getan.
-
-Da standen sie alle die tausend Fragen, in das Licht der einen Antwort
-gestellt, da waren die listigen Schlingen des Satans spitzfindig
-gelöst, da hing die Grübelsucht unseliger Geister im eigenen Fürwitz
-verstrickt.
-
-Alles war klüglich geordnet im kirchlichen Wohnhaus der Wahrheit,
-Glauben und Wissen hielten dem Geist und der Seele die Schaukel in
-sicherer Schwebe:
-
-Gott war im Licht, der Satan im ewigen Abgrund; zwischen Himmel
-und Hölle glaubten und dachten Scholasten sich eins, gesichert im
-Gleichgewicht ewiger Hoffnung.
-
-
-Die gotischen Dome
-
-Waren es Priester oder war es die Sendung der christlichen Lehre, daß
-sie dem menschlichen Dasein das Antlitz verkehrte? daß sie die Erde zum
-Jammertal machte und den Himmel schmückte mit seligen Farben?
-
-Daß sie der Tugend den Lohn und dem Laster die Strafe jenseits verhieß,
-daß sie dem ewigen Leben ein Schaubild irdischer Wünsche vormalte, Gott
-mit dem Prunk der sinnlichen Scheinwelt behängte?
-
-Daß sie den Himmel mit Heiligen füllte als Fürsprecher selbstischer
-Bitten, daß sie die Jungfrau Maria zur Königin krönte und Petrus zum
-Torwart bestellte, daß sie vergriffene Münzen heidnischer Götter mit
-neuen Legenden beschrieb?
-
-War es die Wundersucht morgenländischer Mönche oder war es die deutsche
-Seele, die den Sinn der christlichen Sendung allein im Sinnbild
-begriff, das göttliche Wunder mit der Mär des greifbaren Daseins
-verhüllend?
-
-Im Morgenland starb der Erlöser am Spruch des Propheten, im Abendland
-wurde er König der christkatholischen Welt; diesseits der Alpen allein
-wuchsen die Heliandsburgen und die gotischen Wundergebilde.
-
-Nicht Kaiser und Könige bauten die Dome der gotischen Zeit und nicht
-mehr der mannhafte Glaube: Prunkhäuser im Gottesstaat, Schatzkammern
-der kirchlichen Vögte, Torhallen der himmlischen Sehnsucht und
-Opferstätten schmerzvoller Inbrunst.
-
-Darum standen die Pfeiler nicht mehr gegürtet als wehrhafte Recken,
-die Steingewölbe zu tragen: gleich Bäumen der himmlischen Gärten wuchs
-ihre Schlankheit hinauf in das schwebende Dach ihrer Zweige.
-
-Auch glühten die Augen nicht mehr aus dunklen Höhlen der massigen
-Mauern: gleich himmlischen Tüchern aus Regenbogen gewebt standen
-die gläsernen Wände im Licht; die Heiligen schritten herein auf den
-farbigen Strahlen, vom Goldglanz des Himmels umsäumt.
-
-Wenn der Orgel Hosiannagewalt einbrach in die flehenden Stimmen der
-Knaben und der Klang schwoll im Raum, wenn sich Farben und Töne
-umfingen, im Wohllaut unirdischer Inbrunst die schlanken Pfeiler
-umschwebend; dann war nicht mehr Stein und war nicht mehr Dach, dann
-hob das Wunder den Raum, daß er singend hinein fuhr in das Meer der
-Verzückung.
-
-Und schmerzvoll fand sich die Seele zurück in den Tag und sein
-knöchernes Licht, wenn die drängende Menge ausströmte über die
-steinernen Treppen, wenn die Gasse sie aufsog in die Wirklichkeit
-irdischer Häuser.
-
-Da stand der Dom mit dem Maßwerk staubig verglaster Fenster, mit den
-geschwungenen Rücken der Streben und dem unübersehbaren Steinwerk der
-Pfeiler und Krabben bis in die dämonischen Fratzen der Wasserspeier
-hinauf, und die Kreuzblume blühte hinein in den Himmel der Wolken und
-Sterne: die Gralsburg inmitten der sündigen Stadt und ihrer sorgenden
-Plage.
-
-Wohl blieben die Tore für die entzauberte Seele geöffnet; aber nur
-einmal fand sie den Eingang, wenn die schwarzen Männer den Sarg
-eintrugen zum letzten Gebet: dann war die Wirklichkeit tot mit dem
-unnützen Schwall ihrer Tage.
-
-Alles war unnütz und eitel und das irdische Dasein nur das Gefängnis
-erbsündig geborener Leiber: die Seele schrie auf nach Gott als der
-ewigen Lust und schmachtete hin im Durst der Verzückung.
-
-
-Der schwarze Tod
-
-Alles war unnütz und eitel; dann kam der schwarze Tod und brannte die
-Länder leer mit dem Saft seiner Seuche: das große Sterben begann seine
-Mahd in den Äckern der Mönche und Messen, es schnitt die Trauben der
-Erde und warf ihre Tracht in die Kelter des göttlichen Zorns.
-
-Da schwollen die Grundwässer an und gerannen im Schaum der
-brünstigen Gier; der gelästerte Leib trat ein in das Lustreich der
-Liebesverwandlung und trank der ewigen Freude den irdischen Lustbecher
-leer.
-
-Der Sternenhimmel brach nieder, und Gott war erloschen; die Lust
-schrie zum Laster, die Lehre des Zimmermannssohns ritt aus der Stadt
-auf dem Esel der Schande: die Fastnacht der Gotik taumelte hin über
-Leichen zum Aschermittwoch des jüngsten Gerichts.
-
-Priester mit Kreuzen und Fahnen vorauf, Männer, Weiber, Kinder bis
-auf den Gürtel entblößt, Gesänge der Seligkeit singend mit sündigen
-Mündern, trunken und toll im brünstigen Wahn der Entsühnung: so zogen
-sie ein in den Leichengestank und die Lustgier entvölkerter Städte.
-
-Sie schwangen die Geißeln mit Stacheln und bleiernen Kugeln und
-schlugen den mageren Leib im Takt der Bußgesänge; sie warfen sich hin
-in den blutigen Staub und schrieen das dreifache Weh der sündigen
-Menschheit.
-
-Bis eine gellende Stimme der schluchzenden Stille den heiligen Brief
-vorlas, durch einen Engel zur Erde gebracht, vom Weltrichter Christus
-zur rechten Hand Gottes den Geißelbrüdern geschrieben.
-
-Wahnwitz und wütende Gier, die Wollust verirrter Geschlechter und die
-Geilheit entwurzelter Leiber blühten das Tollkraut der Wundersucht auf
-im Gifthauch der Pest: Walpurgisnächte der Hexen und höllischen Geister
-kündeten den kommenden Mai der evangelischen Lehre.
-
-
-
-
-Das Buch der Kaiser
-
-
-Kaiser und Kirche
-
-Mancherlei Völker wohnten im Abendland, und Könige herrschten nach
-ihrer Stärke; aber die Kirche kannte nicht Grenzen der Sprache noch
-Grenzen des Schwertes, sie ging auf den Wegen der eigenen Macht und
-hatte sich selber den Schirmherrn gesetzt.
-
-Sie war die römische Weltmacht in neuer Gestalt, aber sie war es von
-Gott: Statthalter Christi hießen die Priester den Papst, der das Reich
-Gottes auf Erden regierte.
-
-Durch ihre Gunst war der Kaiser über die Völker und ihre Könige
-eingesetzt; er war die Hand, ihr das irdische Schwert als Schirmherr zu
-halten, sie war das Haupt der göttlichen Weisung.
-
-Sie war das Haupt, und er war die Hand -- aber die Rechnung war falsch:
-als die Kirche den König der Franken als Kaiser ausrief, rief sie sich
-selber den Herrn.
-
-Sie war das Weib, und er war der Mann; sie konnten einander in Freiheit
-gehören und in der christlichen Liebe einander untertan sein: aber die
-erste Stunde des Streites schrie nach der Stärke.
-
-Der Streit der Stärke begann, als Karl seinen Sohn im Dom zu Aachen
-sich selber die Krone nehmen und aufsetzen hieß; der Streit der Stärke
-hob sich gewaltig in Hildebrands Zorn; er schien für die Kirche
-gewonnen, als Innocenz die Kronen Europas verschenkte.
-
-Aber der Streit ging um die Stärke, nicht um den Bettel der Tage; er
-ging im Namen des Reiches, das nicht von dieser Welt war.
-
-Der Streit hob das Banner der Kirche über den römischen Zank und über
-die Eifersucht von Byzanz; er hielt der Statthalterschaft Christi das
-Siegel der ewigen Gleichung bewahrt unter den sterblichen Händen seiner
-Verweser.
-
-Der Streit gab dem Starken von Norden das Panzerhemd einer höheren
-Sendung, als Mehrer der Hausmacht zu werden; er hielt dem
-Reichsschwert die uralte Herkunft lebendig, unter den irdischen Waffen
-das Kriegsschwert Zius zu sein. Ein Bogen war über den abendländischen
-Himmel gespannt vom Kaisersaal nach Sankt Peter, ein Bogen des
-Schicksals, glühend in anderen Farben, als die Erde sie blühte.
-
-Der Bogen stand grell im geballten Gewölk, von Blitzen zuckten
-die Berge, Brandsäulen stiegen steilauf, die Ernte lag vom Hagel
-zerschlagen: der Bogen stand als ein himmlisches Tor, der bangen Erde
-den ewigen Eingang zu leuchten.
-
-Mancherlei Völker wohnten im Abendland, und Könige herrschten nach
-ihrer Stärke: der König der Deutschen war Kaiser, der Turm des Reiches
-stand über den Dächern der Staaten, und über den Fahnen der Völker
-wehte die Kaiserstandarte.
-
-
-Das Lügenfeld
-
-König der Franken war Karl, Kaiser der Kirche, Schwertherr im
-Abendland; der Mantel seiner gewaltigen Macht sank auf den Sohn; aber
-die Schultern Ludwigs des Frommen waren zu schwach, ihn zu tragen.
-
-Eine Kugel galt Karl dem Großen die Welt, die untere Wölbung war sein
-im Zorn und Zank irdischer Taten; hoch aber darüber gewölbt stand der
-Himmel der römischen Kirche, dem er in Demut mit deutschem Schwert
-Schutzherr und Schirmvogt war.
-
-Aber der Himmel sank auf die Erde, als Ludwig der Fromme das Schwert
-aus der Hand gab; von Priesterhänden geführt, im Zank seiner Söhne
-verflucht und verleitet, trug er die goldenen Säume der Kirche mühsam
-ins Alter.
-
-Im dritten Jahr der Regierung schreckte ihn Unheil, das Reich zu
-vererben; unmündigen Knaben gab er das Zepter: Lothar die Macht und die
-Krone, Ludwig die bayrischen Länder, Pipin die spanische Mark.
-
-Aber sein Leben löschte nicht aus, wie er meinte, und Judith, die Frau
-seines Alters, hielt ihrem Knaben den Docht seiner Liebe lebendig:
-Alemannien schenkte er ihm, das Herz seiner Länder; aber er nahm es den
-andern.
-
-Die Söhne kamen zuhauf, und Bruderstreit stand um den Thron im Aufruhr
-der Grafen; die Kirche mischte die Machtgier der geistlichen Großen
-hinein, statt zu schlichten.
-
-Da hing dem karolischen Reich der Mantel in Fetzen, die goldenen Säume
-der Kirche schleiften im Blut, ein gehetzter Hirsch war der Kaiser.
-
-Das Lügenfeld hießen die Leute im Elsaß den Plan, wo sie ihn alle
-verließen, die Schwerter der Grafen samt den Schwüren der geistlichen
-Großen, wo die Söhne dem Vater das Königskleid nahmen, wo die Kirche
-dem Kaiser das Büßerhemd brachte.
-
-Da wurde der Schirmherr der Kirche ein Schächer der Schuld; Ludwig der
-Fromme kniete als weinender Greis im Staub seiner Sünden:
-
-So tief verstrickte den Sohn karolischer Macht die menschliche
-Schwäche, so gierig brach aus dem Streit der Enkel die lahme Gewalt,
-so ungetreu waren die Großen und Grafen, so kläglich mißlang der erste
-Streit um die Stärke.
-
-Aber die Söhne Ludwigs des Frommen wurden des Lügenfriedens nicht froh,
-über der Schmach und über dem Sarg ihres Vaters brannte der Bruderhaß
-weiter.
-
-Bis der Tag von Fontenoy den Mantel karolischer Reichsmacht für immer
-zerriß: der Tag der blutigen Rechnung für Lothar, den Kaiser; der Tag
-der Trennung für deutsche und gallische Franken.
-
-In Verdun beschworen die Söhne den Frieden der lahmen Gewalt: Lothar
-der Kaiser behielt die Länder der Mitte, Lotharingen geheißen, indessen
-drüben Frankreich und hüben Deutschland entstand.
-
-Die goldenen Säume der Kirche hingen verloren am dürftig geschnittenen
-Band; der Schirmherr der Christenheit wurde der eigenen Nöte nicht
-Herr; Lothar, der fränkische Kaiser, vermochte der Kirche das Schwert
-nicht zu halten.
-
-Ludwig, der Deutsche genannt, sein stärkerer Bruder, wurde mächtig als
-Herr über Sachsen.
-
-
-Stellinga
-
-Wo das ebene Land den Bergen die neblichten Wälder abnahm, wo das
-braune Gewässer in Sand und Meer den mühsamen Altersweg suchte, wo
-der Wind der kalten Meerküste unendliche Weiten mit grauer Wolkenlast
-füllte: wohnte die uralte Bauernschaft sächsischer Völker.
-
-Die da landeigen saßen auf einsamen Höfen, hatten keinen Herrn gekannt
-als sich selber; sie hatten der freien Gemeinde, dem Weistum und Recht
-der eigenen Herkunft die Treue gehalten, bis sie die Freiheit der Väter
-verloren.
-
-Sie sahen die fränkischen Grafen im Land den fremden Königdienst tun,
-sie brachten der Kirche den Zehnten mit Murren und stellten dem König
-den Heerbann mit Seufzen.
-
-Sie fühlten die Herkunft verraten von ihren eigenen Großen, die um Gold
-und fränkische Ehren ins feindliche Heerlager gingen; sie sahen sie
-schalten als Grafen des fränkischen Königs und warfen den Haß, wie
-Steine den Hunden.
-
-Aus Grafen des Königs waren Grundherren geworden, aus Äbten der
-Klöster Pachthalter, denen die Freien von gestern als Hörige dienten;
-aber die Gaugemeinschaft der Freien hob trotzig das Recht aus böser
-Vergangenheit auf.
-
-Als Ludwig der Deutsche das sächsische Schwert im fränkischen
-Bruderkampf brauchte, als die Edelinge ausritten mit Knechten und
-Knaben, dem fränkischen Zank ihr Blut in die Fremde zu bringen: fing in
-den einsamen Höfen der Haß an zu knistern, bis rundum im sächsischen
-Land die Kriegsfeuer brannten.
-
-Durch Sand und Moor brachten die nächtlichen Boten das Bannwort der
-freien Gemeinde, von den Hartbergen hinunter zur roten Erde zuckte
-der Blinkfeuerschein die Stunde der Rache: die Stellinga kam, die
-sächsische Herkunft aus fränkischer Lehnsschaft zu retten.
-
-Aber es war nur ein Brand in den Ställen: Ludwig, der Deutsche genannt,
-dämpfte ihn schwer; mit seinen Reitern und Knechten vereint ritten die
-sächsischen Grafen das Fußvolk der Stellinga nieder.
-
-Da lernten die sächsischen Bauern, wie einst ihre Großen, den trotzigen
-Nacken zu beugen; das Herdfeuer erlosch in den einsamen Höfen; nur
-in den innersten Nächten, wenn Saxnot die Seinen als Flüchtling
-heimsuchte, glühte sein heimlicher Brand.
-
-
-Die fränkische Ohnmacht
-
-Der fränkische König trug die Krone der Deutschen, aber die Großen und
-Grafen hielten das Schwert in der Hand: Sachsen, Schwaben und Bayern
-hoben den eigenen Herzog gegen die rheinischen Franken; das deutsche
-Königtum wurde das Schwertspiel ihrer Machthändel.
-
-Und wurde ein Mißbrauch der Kirchengewalt, als Ludwig das Kind König
-der Deutschen genannt war, indessen Hatto, der Bischof von Mainz, mit
-Härte und List gegen die Grafen und Großen das Schwert der Königsgewalt
-führte.
-
-Ein Bogen war über den abendländischen Himmel gespannt vom Aachener
-Kaisersaal nach Sankt Peter; aber der Kaisersaal war verfallen, und auf
-dem Stuhl von Sankt Peter saß das römische Laster.
-
-Laien- und Kirchengewalt rissen einander die Macht aus den Händen;
-wie einmal im Lande Pipins die Hausmeier herrschten, so wollten die
-fränkischen Bischöfe tun: der König sollte die Krone tragen, die Kirche
-wollte regieren.
-
-Aber die stolzen Herzöge ließen den Krummstab nicht gelten; die
-trotzigen Grafen hoben das Schwert gegen ihn, weil kein Schirmherr der
-Kirche sie dämpfte.
-
-Als Ludwig das Kind starb, riefen die Bischöfe Konrad, den fränkischen
-Grafen, als König der Deutschen; er sollte der Kirche sein starkes
-Schwert leihen; aber sein Königtum blieb eine Fahne ohne Gefolgschaft.
-
-Normannen und Ungarn raubten und brannten im Land, und Konrad konnte
-den Räubern nicht wehren, wie er den Stolz der Herzöge, den Trotz der
-Grafen nicht zu beugen vermochte!
-
-Von seinem Sterbebett hieß er die Krone dem Mächtigsten bringen:
-Heinrich, dem Herzog von Sachsen, der ihm und den Bischöfen der zäheste
-Feind und unter den Großen der unbotmäßigste Trotz war.
-
-So fiel die Krone der Deutschen aus fränkischer Ohnmacht der
-sächsischen Übermacht zu; aber sie kam an die Kraft und an den
-ständigsten Stamm der Germanen.
-
-
-Heinrich der Finkler
-
-Die Sage hat Heinrich den Finkler genannt, weil er beim Vogelfang
-war, als ihm die fränkischen Reiter die Reichskleinodien brachten:
-ein Finkler blieb Heinrich von Sachsen Zeit seines Lebens, klug und
-bedächtig die Schlinge zu legen, rüstig im Wald seiner Heimat und wenig
-geneigt, nach fremden Händeln zu reiten.
-
-Als der Bischof von Mainz ihn zu salben kam wie Konrad den Franken,
-wehrte er ab und verbarg den Spott in der Demut, solcher Ehre nicht
-würdig zu sein; denn Heinrich war Herzog von Sachsen aus eigener
-Herkunft und wollte nicht König der Deutschen als Diener der
-fränkischen Kirchenmacht werden.
-
-Er ließ die Herzöge schalten, weil sie die Träger der Stammesgewalt
-waren; wie sie in Bayern, Schwaben und Franken über dem Trotz der
-Grafen die starke Schwertherrschaft hielten, so war er Herzog
-der Sachsen, und König der Deutschen allein durch die Stärke des
-sächsischen Stammes.
-
-Sein Schwert war scharf wie sein Spott, aber er hielt es klug in der
-Scheide, so listig die Kirche ihn lockte; als er es zog, galt es das
-sächsische Land zu befreien von der Tributpflicht an Ungarn.
-
-Wie nach dem Winter der Tauwind, so kam ihre Raublust in jedem Sommer
-gefahren, die Ernte in Deutschland zu holen: noch immer die hunnischen
-Scharen auf kleinen behenden Pferden, mit Bogen und Pfeil der Schwerter
-und Streitäxte spottend.
-
-Neun Jahre lang gab er Tribut, lauernd des Tages, da er gerüstet sein
-würde, mit anderer Münze zu zahlen; neun Jahre lang ließ er burgfeste
-Plätze im Sachsenland bauen, mit kluger Berechnung verteilt, daß sie
-die Ernte der Landschaft zu bergen vermöchten.
-
-Er hob den streitbaren Mann in den Sattel, die Listen und Künste der
-Ungarn zu lernen: wie sie mit einzelnen Scharen einschwenkten, das
-Fußvolk zu fassen, wie sie mit hurtiger Wendung dem Feind die Flanken
-einritten.
-
-Als sie zum zehntenmal kamen, Tribut und Treugeld in Sachsen zu holen,
-war Heinrich gerüstet: einen toten Hund hieß er zum Hohn den Hunnen
-hinwerfen.
-
-Und als die schwarzen Scharen den Rachezug ritten, ließ er sie listig
-ins Land hinein und hatte die Fallen gestellt, daß sie ihm blindlings
-einliefen.
-
-So blutig traf er die Räuber aus Ungarland, daß die Gestäupten fortan
-und für immer das Sachsenland mieden.
-
-Heinrich der Finkler heißt ihn die Sage, der ein anderer König der
-Deutschen war, als die Könige vor ihm: er suchte kein Glück auf der
-Straße, er hielt sein Land und sein Volk, wie ein Hausherr den Alltag
-und Sonntag der Seinen mit kluger Besonnenheit leitet.
-
-König der Deutschen war er wie Ludwig der Franke, aber er blieb der
-gekrönte Herzog von Sachsen: seine Besonnenheit baute das sächsische
-Haus, darin das herrlichste Königsgeschlecht der deutschen Kaisermacht
-wohnte.
-
-
-Mathilde
-
-Heinrich der Finkler hatte der Kirche gespottet, weil er als Herzog
-von Sachsen, nicht als Lehnsmann der fränkischen Priester König der
-Deutschen sein wollte; aber Mathilde, die Königin, diente der Kirche
-mit Eifer.
-
-Sie war eine Sächsin aus edlem Geschlecht, Widukund selber hieß ihrer
-Sippe der ruhmreiche Ahnherr; aber sie war eine Christin, wie der
-Sänger des Heliand Sachse und Christ war.
-
-Nicht einem Himmel der Priester mit blasser Weltflucht zu dienen, war
-ihre Frommheit: Frau und Mutter blieb sie und sparsame Beschließerin
-ihres Hauses, bis Heinrich der Finkler, gesättigt seines reisigen
-Lebens, in Memleben starb.
-
-Dann freilich ging sie ins Kloster, doch nicht um zu büßen und bang ihr
-Seelenheil zu besorgen: trauernd um ihren Gatten blieb sie die sorgende
-Mutter des sächsischen Landes.
-
-Sie sah die harte Herrengewalt und wie das niedere Volk seufzte, sie
-sah die Roheit der Sitten und wie die ruchlosen Händel der Grafen die
-Höfe der Bauern verbrannten, sie sah die Bischöfe selber das wilde
-Waffenwerk tun: sie aber wollte dem Evangelium demütig dienen.
-
-Sie baute Klöster rund um die sächsische Burg, sie legte den Teppich
-der Heiligen aus und trug das Kreuz in die Hütten: sie gab der
-kirchlichen Sendung in Sachsen die Einfalt und Stärke der ersten
-Christengemeinde.
-
-Heinrich der Finkler baute das Haus, darin die sächsische Kaisermacht
-wohnte; sie gab ihm die Sitten.
-
-
-Otto, Sohn der Mathilde
-
-Ihm war eine reiche Wiege bereitet: Kraft und Ehre standen dem Sohn
-Heinrich des Finklers zu Häupten, Liebe und Zucht lagen dem Knaben
-Mathildens zu Füßen, der edlen Fürstin in Sachsen.
-
-Als sie ihn krönten zu Aachen im Kaisersaal, war Otto ein Jüngling;
-aber die Sterne der Macht standen ihm zu, und er ließ die Sterne
-freudig gewähren.
-
-Die Herzöge kamen, das Erzamt der Krönung zu üben; die Kirche brachte
-das Öl, ihn zu salben; die Schwerter der Grafen hielten die Ehrenwacht;
-das drängende Volk sah den Glücklichen sitzen im Prunkmantel
-karolischer Herrschaft.
-
-Aber das böse Jahrhundert karolingischer Händel hatte der großen Gewalt
-die kleinen Gewalten geboren: die ihm die Erzämter dienten, mußten erst
-seinen Willen erfahren, nicht nur im prunkvollen Fest seiner Krönung
-König der Deutschen zu heißen.
-
-Denn noch waren die Deutschen kein Volk; aus dem Streit der Stämme
-waren die Händel der Großen geworden, aus dem Neid der Sippen der
-Stegreif machtlüsterner Grafen: die Ohnmacht des Reiches stak in der
-Vielheit lahmer Gewalt.
-
-Der Herzog von Sachsen mußte sich erst Gehorsam erzwingen, als König
-und Herr der deutschen Stämme im Recht seiner Krone zu schalten.
-
-Das eigene Blut warf ihm den bösesten Trotz vor die Füße: Heinrich,
-der jüngere Bruder, bestritt ihm die Erbschaft, weil er ein rechter
-Königssohn war, und Otto war noch der Sohn des Herzogs von Sachsen.
-
-Drei Jahre lang trotzten die Schwerter am Rhein und in Schwaben,
-in Sachsen und Bayern; alle Gewalt der Großen und Kleinen, die dem
-sächsischen Königtum feind war, verband sich dem Aufruhr des Bruders;
-Friedrich, der Bischof von Mainz, trug die Fackel.
-
-Denn die fränkische Priesterschaft blieb der Todfeind der neuen
-Sachsengewalt; die Kirche ließ keine Königsmacht gelten, der sie nicht
-selber der mächtige Hausmeier war.
-
-Wie ein Seefahrer seine Schiffe kühn an der fremden Küste verbrennt,
-ließ Otto dem tapferen Billung sein Herzogtum Sachsen, wider den
-Hochmut der Herzöge, wider den Trotz der Grafen und wider die
-Feindschaft der Kirche das deutsche Königtum zu erringen.
-
-Drei Jahre lang klangen die Schwerter im Bruderstreit, wie sie um
-Siegfried und Hagen, um Dietrich und Odoaker klangen; aber der
-Siegespreis sollte das trotzige Bruderherz sein.
-
-Denn nicht mehr schürten Brunhild und Kriemhild den Brand mit dem Haß
-ihrer unholden Seelen: Mathilde, die sächsische Mutter, wollte das
-trotzige Blut ihres Leibes in Liebe erlösen.
-
-Und weil ihre Liebe nicht abließ, gelang ihr zuletzt die Versöhnung:
-Heinrich, der hochfahrende Sohn der sächsischen Königsmacht, beugte
-sich seinem stärkeren Bruder, der ihm großmütig verzieh.
-
-Aber der König hatte das Schwert, nicht das Herz seines Bruders
-bezwungen; und mehr als die Schärfe weckte der Großmut den Haß:
-Meuchelmord sollte den Streit der sächsischen Brüder beenden.
-
-Als dem König der Anschlag entdeckt war, wallte sein Zorn: in strenge
-Haft kam Heinrich, der Bruder; alle Verschworenen büßten den Mörderplan
-vor dem Henker.
-
-Da endlich siegte Mathilde, die sächsische Mutter: als Otto der König
-im Kreis seines starken Gefolges zu Frankfurt am Main die Christmesse
-hörte, war Heinrich entflohen aus seiner Haft, aber nun fand er den Weg
-nicht mehr zu den Feinden.
-
-Weinend warf sich der trotzige Jüngling dem König zu Füßen; Otto vergaß
-die harmvollen Jahre und küßte den Bruder; er brach seinen Groll mit
-zärtlicher Liebe und gewann sich den treuesten Freund.
-
-
-Otto der König
-
-Im vierzigsten Jahr seines reisigen Lebens ritt Otto hinaus aus dem
-Tor seiner Väter; der im Ruhm seiner Stärke der mächtigste Fürst im
-Abendland war, zog über die Alpen, Adelheid die lombardische Erbin zu
-freien und selber die Mitgift zu holen.
-
-Er brachte Adelheid heim und grüßte den Papst aus der Ferne; er ließ
-die Mitgift zurück und war schon zum Winter wieder in Sachsen, weil ihm
-der Nordwind bedenkliche Botschaft zuwehte.
-
-Wohl stellte der Ruhm seiner Stärke eine Mauer um seine Macht, aber
-der Groll gedemütigter Großen lag in Trümmern davor; während Otto der
-König das Glück seiner Tage genoß, scharrten eifrige Hände sein Unheil.
-
-Noch einmal hob der Aufruhr der lahmen Gewalt die treulosen Schwerter;
-Slawen und Ungarn, die Erbfeinde kamen, gerufen von seinen Feinden; die
-Grenzmarken brannten.
-
-Aber den König hob keine Furcht in den Sattel; sicher und rascher als
-ihre bösen Bedenken ritt er den Aufruhr der Fürsten zuschanden: das
-böseste Jahr seiner Gefahr gab ihm den günstigsten Sieg.
-
-Denn nun kam endlich der Tag, da ihm die Reichsfahne wehte, da auf dem
-Lechfeld Sachsen und Franken, Schwaben und Bayern vereint den Erbfeind
-bestanden.
-
-Da half den hunnischen Räubern nicht mehr die Masse der reitenden
-Scharen, nicht mehr die hurtige List und nicht mehr die Kunst ihrer
-Waffen: die Deutschen besiegten den Schrecken und wollten die Plage des
-Reichs einmal beenden.
-
-Sie trieben das schwarze Rattengezücht in die Enge, sie schlugen es tot
-und brannten die Nester aus, wo sich die Reste versteckten; und waren
-so schnell und scharf, sie zu verfolgen, daß ihnen kaum einer entrann.
-
-Als die Sieger vom Lechfeld heimritten, die Großen und Grafen im Jubel
-der Völker, trug ein langbärtiger König die Krone: in Aachen belehnt
-mit der Ehre, im Ruhm seiner Taten bewimpelt, im Glanz seines Glückes
-bewährt, war Otto König der Deutschen und Herrscher in all ihren
-Ländern.
-
-
-Otto der Kaiser
-
-Was in Aachen nur Festglanz gewesen war und prunkender Schein, war
-auf dem Lechfeld Wahrheit geworden: Otto war König der Deutschen und
-hielt seinen Hof auf den Pfalzen des Landes, er saß zu Gericht über die
-Großen und Grafen, und alle Schwerter des Reiches mußten ihm Heerfolge
-leisten.
-
-Aber der König dachte zurück an die Zeit der Verschwörung, da ihn die
-Großen und Grafen verrieten, auch die seines Bluts waren; er sah,
-daß die Hausmacht der Fürsten dem Königtum feind war, und daß ihre
-Selbstherrlichkeit wider die Landesgewalt lockte.
-
-Der ihm am treuesten half, und der ihm am sichersten beistand in den
-vergangenen Nöten, war Bruno, der dritte und jüngste der Brüder,
-Erzbischof in Köln; so wuchs seinen Sorgen und Plänen ein anderes
-Königtum zu als seinem Vater, gebaut mit den Balken der Kirche:
-
-Der Bischof verdankte sein Amt der Kirche, aber sein Lehen der
-Königsgewalt; er war nicht in die Herrschaft geboren und brauchte den
-Schirmherrn gegen die Großen und Grafen.
-
-Kirche und Krone vereint konnten die Fürstengewalt brechen; Kirche
-und Krone konnten einander den ewigen Bund schwören; Kirche und Krone
-konnten die Wurzeln geeinigter Macht in die Herzen der Völker versenken.
-
-So dachte Otto der König, der selber durch seine Mutter Mathilde den
-Lehren von Cluny zugetan war; so grub das sächsische Schwert einen
-neuen Brunnen des Rechts für die deutsche Königsgewalt.
-
-Denn Otto der Sachse war nicht mehr wie Karl der Franke Zwingherr der
-Deutschen, er hatte kein Herzogtum mehr und hielt keinen eigenen Hof
-wie jener in Aachen; er war gewählt durch die Fürsten und Völker der
-Deutschen und konnte als Wahlkönig nicht mit dem eigenen Schwert allein
-regieren.
-
-Aber die Kirchengewalt, die er brauchte, stand in Sankt Peter
-verankert, so wurde von neuem der Gottesstaat wach und der alte
-Kaisergedanke.
-
-So zog der König der Deutschen zum andernmal über die Alpen; er ließ
-seiner Mutter Mathilde den Sohn -- als Knabe in Aachen gekrönt -- er
-nahm in Pavia die lombardische Krone als eigenes Lehen; er ließ sich in
-Rom als Kaiser der Christenheit salben.
-
-Er trat in das freche Gezücht der Markgräfinnenbrunst und hing die Brut
-an den Galgen; er setzte den Lasterpapst ab und zwang dem römischen
-Hochmut sein Kaiserrecht auf, der Kirche den Papst zu ernennen.
-
-Da ging der Gottesstaat in eine neue Wirklichkeit ein; denn der Kaiser
-war Herr, nicht der Papst.
-
-Er legte kein römisches Prunkgewand an in Sankt Peter; wie er im
-deutschen Kleid unter den römischen Priestern dastand, war er der
-Schirmherr der Kirche aus eigener Geltung: der Papst, durch seine Macht
-eingesetzt, brachte demütig das Öl, ihn zu salben.
-
-
-Die Ottonen
-
-Wie eine gewaltige Burg standen die Berge der Hart im sächsischen Land;
-Heinrich der Finkler hatte Mauern und Tore gebaut, nun wuchsen Dächer
-und Zinnen über den Sälen ottonischer Macht.
-
-Frauen kamen, die Säle zu schmücken: Mathilde, die sächsische Mutter
-Otto des Großen, Adelheid, die lombardische Gattin, Theophano, die
-griechische Sohnesfrau.
-
-Heilig und mild war Mathilde; sie hielt in das lärmende Leben der Söhne
-die Mahnung der sächsischen Herkunft; Mutter war sie den Armen und
-Schwester den Schwachen, bis sie, vom Schicksal gesegnet, schlohweiß
-und beweint von den Sachsen, die letzte Lagerstatt fand.
-
-Höher hob Adelheid ihre stolze Stirn in die Welt; sie liebte den Glanz
-und den glühenden Tag, sie trug die Krone ihr Leben lang und hielt die
-Zügel der Herrschaft gern in den Händen.
-
-Sie schmückte die sächsische Burg und hing die Fahnen der Kaisermacht
-aus; sie baute den Gärten die Lauben und ließ die Springbrunnen der
-höfischen Feste quellen; sie ritt auf dem Zelter dem König zur Seite
-und hielt den Sachsen das lockende Bild fürstlicher Herrlichkeit vor.
-
-Theophano aber, die Griechin, trat in den sächsischen Tag, wie der
-Morgenstern still und beständig die Nacht überdauert; Klugheit und
-Schönheit standen ihr bei als zarte Vasallen der Bildung.
-
-Sie las in den Schriften der Weisen und liebte das Frauengemach; sie
-sang dem König zur Laute und saß auf dem Söller, die Sterne zu deuten;
-sie hob den Schleier vergangener Dinge und wies den staunenden Sachsen
-die Schatten versunkener Schönheit.
-
-So wurden die Säle der sächsischen Burg von Frauenhänden geschmückt,
-aber im inneren Hof stand die Kapelle und hielt dem Altar das
-schirmende Dach: im Herzen der Burg war dem Priester warme Wohnung
-bereitet.
-
-Frauen und Priester warfen einander den Faden; aber nun webten nicht
-mehr lateinische Mönche den Teppich der Kirche.
-
-Wie Bruno draußen in Köln, Otto des Großen hilfreicher Bruder, wie
-Williges, eines Wagners Sohn und gewaltiger Bischof von Mainz, so
-blieben Meinwerk von Paderborn und Bernward von Hildesheim mit ganzem
-Gemüt im sächsischen Herkommen.
-
-Das Schwert stand ihnen nicht schlechter zur Hand als der Psalter: aber
-sie liebten den Frieden und wußten ihn zu gebrauchen; sie hörten den
-Spott der rheinischen Franken über die sächsische Roheit und rührten
-Hände und Herzen, dem Spott zu begegnen.
-
-Sie hießen die Mönche, Schule zu halten; sie pflegten die Künste
-und waren Schatzhalter der Bildung; sie mehrten den Reichtum der
-Kirche, aber sie stellten ihn auf in schönen Gebilden; sie kannten
-die Schönheit der alten Welt und waren tüchtig und treu in ihrer
-sächsischen Einfalt, sie neu zu gestalten.
-
-Ob der Sohn und der Enkel Otto des Großen als Jünglinge starben,
-verzärtelte Schwarmgeister der neuen Zeit: Frauen und Priester hielten
-das Reich behutsam in Händen; sie zehrten von seiner gewaltigen Macht,
-aber sie zehrten mit Anmut und Würde und bauten der sächsischen Burg
-einen Garten.
-
-So webte die Zeit der Ottonen am neuen Wunder der Welt, so fing im
-sächsischen Land, von Frauen und Priestern geholt und gehütet, die
-nordische Bildung ein neues Zeitalter an.
-
-
-Der Weltuntergangskaiser
-
-Als Otto der Große starb, war Otto der Zweite, sein Sohn, noch ein
-Jüngling; aber als sie den Sohn in den römischen Marmorsarg legten, war
-Otto der Dritte, der Sohnessohn, noch ein unmündiges Kind.
-
-Sie krönten das Kind, die Herzöge dienten ihm bei der Tafel und wehrten
-Heinrich dem Zänker, sich selber die Krone zu raffen; Frauen und
-Priester hielten das Knäblein in zärtlicher Hut, bis es in eigenen
-Schuhen zu gehen vermochte.
-
-Aber die Schuhe waren von feinerem Leder, als es die sächsischen Gerber
-zu walken verstanden, sie waren mit goldenen Fäden gestickt und paßten
-nicht auf die Straße.
-
-Als Otto der Dritte das Reichsschwert aufhob, sah er die bunten Steine
-am Griff mehr denn die Schärfe; er war dem Sachsentum fremd und sehnte
-sich nach der südlichen Sonne der Mutter.
-
-Das Wunderkind hatten ihn früh die Frauen geheißen; und glühender war
-keine Seele ins Wunder gestellt, als da sich Theophanos Sohn als Kaiser
-der Christenheit krönen und huldigen ließ: die göttliche Vollmacht
-kam in die zärtlichsten Hände; die Würde des Abendlands war in die
-fiebrigen Wünsche des Knaben gelegt.
-
-Alexander dem Herrlichen gleich sollte die Bahn seines Lebens
-anschwellen zum Ruhm, und höher als irdischer Ruhm sollte der Sinn
-seiner Sendung Himmel und Erde erfüllen.
-
-Denn Otto, der Knabe, war Kaiser geworden, als das Jahrtausend der
-Wiederkunft Christi erfüllt war; mit heiserer Stimme und weinenden
-Augen rief sich das Abendland den kommenden Untergang zu.
-
-Buße und brünstige Hoffnung brach aus den Brunnen der Tiefe;
-Wirklichkeit war nur noch ein wächserner Schein vor dem Licht der nahen
-Erlösung; das Leben warf seine Schatten der Ewigkeit hin; hinter den
-Tagen dröhnte das Weltgericht die Posaune.
-
-Das Weltgericht stand vor der Tür, und Otto, der Knabe, hielt dem König
-des Himmels das Schwert seiner irdischen Herrschaft bereit.
-
-Das Irrlicht der Tage riß den hitzigen Knaben hin zu hohen Gebärden und
-warf ihn zurück in den Taumel lüsterner Taten: im Münster zu Aachen
-stieg er mit Fackeln hinein in die Karlsgruft und stand mit flackernden
-Händen vor der Leiche des Kaisers.
-
-Aber die Uhr schlug ihre Stunde wie sonst; die Sterne standen in
-spöttischer Ewigkeit über der Stadt und über den zitternden Herzen: das
-tausendste Jahr fing seinen Stundenweg an gleich seinen Brüdern; das
-Wunder blieb aus; der Mantel der Größe hing leer um den fröstelnden
-Knaben.
-
-
-Heinrich der Heilige
-
-Otto der Dritte, der sich als Herrscher der Christenheit fühlte wie
-keiner, starb auf der Flucht vor dem Aufruhr der Römer; mühsam wurde
-sein Leichnam geborgen, daß er im Münster zu Aachen die prunkvolle
-Lagerstatt fände.
-
-Heinrich der Heilige kam auf den Thron, durch Williges wacker geleitet;
-der letzte sächsische Kaiser brachte sein Schwert bescheiden zurück in
-die irdische Geltung.
-
-Denn Theophanos brünstiger Sohn war nur noch Kaiser von Rom und nicht
-mehr König der Deutschen gewesen; er hatte den Bogen gebeugt, der über
-dem Abendland stand: Rom allein sollte im Gottesstaat herrschen, als
-Knecht der Apostel wollte der Kaiser Schildhalter der Kirchenmacht sein.
-
-Heinrich aber, der Urenkel Mathildens und Enkel von Heinrich, dem
-trotzigen Bruder Otto des Großen, blieb der sächsischen Herkunft als
-Landeswart treu.
-
-König der Deutschen wie Otto, gab er sein bayrisches Herzogtum Heinrich
-von Luxemburg hin, das Haus seiner Macht mit den Balken der deutschen
-Kirche zu bauen.
-
-Aber das Haus stand im Reich, nicht in Rom; Bamberg, sein Bistum,
-machte er blühend und reich wie eines in Deutschland; da wuchs auch
-der reisige Dom, der den Ruhm seiner Taten mit steinernem Gewölbe kühn
-überspannte.
-
-Die Kirche hat ihn den Heiligen geheißen, aber der Heilige war kein
-büßender Mönch; gleich seinen sächsischen Ahnen wußte er wohl sein
-irdisches Schwert von der himmlischen Sehnsucht zu scheiden, und keiner
-der Sachsen saß soviel im Sattel wie er.
-
-Wie Heinrich der Finkler dem Sachsengeschlecht das deutsche Kaiserhaus
-baute, war Heinrich der Heilige sein treuer Beschließer.
-
-Hundert Jahre lang hatten die Sachsen regiert; sie hatten das Reich aus
-der Willkür der Fürsten gerettet; sie hatten ihm Stärke, Ordnung und
-Schönheit gebracht; sie hatten die Kaiserstandarte über die Fahnen der
-Völker erhoben.
-
-
-Der siebente Heerschild
-
-Als Heinrich der Heilige begraben war in seinem Bistum zu Bamberg,
-kamen die Deutschen zur Königswahl: bei Oppenheim lagen sie hüben und
-drüben am Rhein, und die Heerschilde teilten die Plätze nach ihrer
-Geltung:
-
-Der Heerschild des Königs mit seinem Banner, der Heerschild der
-geistlichen Großen, der Heerschild der Herzöge, der Heerschild der
-Grafen, der Heerschild der Bannerherren, der Heerschild der Ritter.
-
-Sechs Heerschilde hielten dem kommenden König die Macht und gaben dem
-Reich ihren Willen; das Fußvolk stand kläglich daneben.
-
-Denn das Ritterschwert war die unterste Geltung im Stand der Vasallen;
-nur wer dem König Heerfolge tat, galt noch im Reich der Großen und
-Grafen.
-
-Aber schon grüßten die Dächer von Mainz und Worms ins Wahlfeld herüber;
-um die Burgen der Großen und um den geschützten Gewinn ihrer Märkte
-wuchsen die Städte, wie Rom und Ravenna mit Mauern und Toren; Bürger
-wurden genannt, die darin wohnten.
-
-Wo eine Stadt war, wurden die Wege rundum lebendig von Wagen, Schiffe
-kamen zu Tal, und fleißige Schaffner füllten die Keller und Speicher.
-
-Was der Bauer mühsam dem Boden abrang, floß über im Wohlstand der
-Städte und wurde Macht in den Händen der Großen, die den Markt hielten.
-
-Noch saß die Bischofsgewalt auf der Burg als Herr der Märkte und
-Münzen; ihr Zollbaum am Tor strich den gefüllten Wagen den Überfluß ab:
-aber schon bauten Gilden und Zünfte das Zeughaus der Bürgergemeinschaft.
-
-Schon sahen die Vögte des Kaisers mit wachsamer Sorge den steigenden
-Glanz; sie sahen die Wagen und Schiffe und sahen die Einkünfte
-schwellen.
-
-Konrad, der salische Franke, den sie bei Oppenheim wählten, weil er
-ein Urenkel Konrad des Roten, Eidam Otto des Großen war, ging nicht
-im ottonischen Purpur der Priester und Frauen; er kam als irdischer
-Kriegsmann und wollte dem Reich ein starker Haushalter werden.
-
-Er sah im Reichtum der Großen die fleißige Arbeit der Kleinen und
-stellte das Königsschwert mitten hinein in den Tag der Pfalzen und
-Märkte, die fleißige Arbeit zu schützen.
-
-Er gab den kleinen Vasallen das Erbrecht der Lehen, die Macht der
-Großen zu brechen; er gab den Bürgern der Städte den siebenten
-Heerschild, das Glück der geistlichen Höfe zu nützen.
-
-Da war in den Glanz der Großen und Grafen ein schmaler Schatten
-gestellt: noch schien die Gunst der Sonne ihnen breit ins Gesicht; aber
-der Mittag kam, dem siebenten Heerschild den Schatten zu stärken.
-
-
-Heinrich der Dritte
-
-Mit Konrad dem Zweiten begann das salische Kaisergeschlecht seine
-stolze Entfaltung; vier Kaiser nur gab es dem Reich, und ging unter,
-vom Schicksal umwittert: aber es spannte den Bogen über das Abendland
-höher als alle Geschlechter; und keiner war stärker in Rom, obwohl er
-im Reich blieb, als Heinrich der Dritte, der mächtigste Kaiser.
-
-Sie hießen ihn Heinrich den Schwarzen, weil er dunkel von Angesicht
-war, Konrads gewaltigen Sohn, der über die Päpste regierte und Ritter
-der Christenheit wurde wie keiner.
-
-Als Knabe gekrönt, Herzog von Bayern und Schwaben, dazu burgundischer
-König, trat er als Jüngling die Erbschaft Konrad des harten Haushalters
-an und war keine schwächere Hand, den Großen und Grafen die Zügel zu
-halten.
-
-Er war keine schwächere Hand: Böhmen und Ungarn spürten die Stärke, und
-Otto der Sachse hatte sein Schwert nicht strenger gezeigt als Heinrich
-der salische Franke, da er dem römischen Hochmut die deutschen Päpste
-einsetzte.
-
-Aber ihn plagte das Kirchengewissen; der über Könige herrschte und
-hinter dem päpstlichen Stuhl stand als Lehnsherr und Richter, strafte
-sich selbst mit der Geißel.
-
-Denn immer noch brannte die Buße von Cluny im Abendland, immer noch
-sahen die Augen der Zeit mit Furcht und brünstiger Hoffnung das
-Weltgericht kommen, wie es die Kirche am Ende der Tage verhieß.
-
-Immer noch hielt der Kaiser dem König des Himmels das irdische Schwert;
-aber nun irrte kein Schwärmer und Schwelger durchs Abendland hin wie
-Otto, Theophanos Sohn; nun ritt der Mann in den Tag, mit Tod und Teufel
-zu streiten.
-
-Heinrich den Schwarzen hießen sie ihn, der dunkel von Angesicht war,
-dunkel außen und innen; nur seine Tat sprang hell in den Tag, als er
-dem römischen Lindwurm das Lästerhaupt abschlug, als er den frommen
-Freund und Grafen von Egisheim auf den Stuhl von Sankt Peter setzte.
-
-Und staunend standen die Völker, als auf der Kanzel zu Konstanz der
-Kaiser sich selber als sündig bekannte, als er mit ehrlichem Wort
-seinen Feinden den Königsbann löste, als er die Großen und Grafen im
-Namen Christi verwarnte, von ihren blutigen Händeln zu lassen.
-
-Zum erstenmal trat auf die Streitmauer der Macht die Stimme des
-strengen Gewissens; Kaiser und Kirche sprachen aus einem Mund; das
-Kriegsschwert lag auf dem Priesteraltar in christlicher Demut.
-
-Es war kein Rausch der Stunde, daß solches geschah; Heinrich der Dritte
-hielt seinen Schwur im Blutrauch flammender Kriege: er wollte das Reich
-und wollte es mit Gewalt und war den Großen und Grafen ein gewaltiger
-Richter; aber er nahm seinen Willen hart ins Gewissen, weil er das
-Gottesreich glaubte.
-
-Und als ihm der Tod kam, zu früh für das Reich solcher Prägung, war ihm
-das Sterbebett noch einmal die Kanzel, das eigene Dasein zu bekennen
-und unerbittlich zu richten: die letzte Hand seines starken Lebens gab
-er vor Gott seinen Feinden.
-
-Er starb in Bodfeld, der sächsischen Pfalz, die sich der salische
-Franke erbaute, und wurde begraben in Speyer; Victor, der Papst und
-Freund, stand ihm bei und gab der Leiche den Segen.
-
-Da war der Bogen einmal zur Höhe gespannt; da stand die Ehe in Frieden;
-Wort und Tat hielten einander die Hände; das Weltreich der Kirche war
-Wahrheit geworden im Hause des Kaisers.
-
-Aber die Rechnung war falsch; Victor der Papst war gesonnen, die
-Herrschaft zu erben, und Hildebrand war sein Berater: der Streit um die
-Stärke stand vor der Tür.
-
-
-Kaiserswerth
-
-Als Heinrich, der Kaiser und Richter der Christenheit starb, war
-Heinrich der Knabe schon König der Deutschen; Agnes die Mutter führte
-die Herrschaft für ihn, und Victor der Papst gab ihr selber das erste
-Geleite.
-
-Zum andernmal hielten Frauen und Priester das Reich in den Händen; nun
-war es nicht mehr Mathilde, heilig und mild, nicht mehr Meinwerk der
-frohe und Bernward der feine: die Welt war düster geworden im Schatten
-von Cluny.
-
-Die Kaiserin war eine fromme Frau, doch fremd im feindseligen Land der
-Sachsen, sie ließ sich unbedacht leiten von Launen und Leuten, der
-Knabe war klug und wild, und die der Mutter im Ohr lagen, schmeichelten
-seinen Gelüsten.
-
-Anno, der zänkische Bischof von Köln, sah den Bischof von Augsburg
-allein am Königshof gelten; er sah die Ehren und Güter verschwinden und
-wollte den Knaben selber besitzen.
-
-Sie saßen zu Kaiserswerth und hielten am Rheine ein heiteres Mahl,
-Mutter und Sohn mit den Fürsten; sein Schiff zu beschauen, ließ Anno
-den Knaben verlocken: der Knabe kam fröhlich; aber als sie ihn hatten,
-fuhren die Knechte davon. So fing sich Anno den kostbaren Vogel und
-holte ihn heim in den finsteren Käfig der kölnischen Burg.
-
-Nun stand es ihm zu, Güter und Ehren im Namen des Königs zu nehmen und
-spenden; aber der Knabe war klug und wild und trotzte dem scheltenden
-Zänker.
-
-Auch weil ihm die anderen Großen den Knaben bestritten, wurde Anno des
-Raubes nicht froh; er mußte das Unrecht mit ihnen teilen; jeder wollte
-ein Jahr lang den goldenen Käfig halten.
-
-Adalbert aber, der Bischof von Bremen, der ihn von dem Kölner bekam,
-wußte das Pfand klüger als Anno zu nützen. Er gab dem Königsknaben den
-Königssinn seiner Herkunft und Zukunft zu schmecken; er ließ ihn den
-Stolz hochgreifender Pläne erfahren und malte in seine hochmütige Seele
-die lockenden Bilder zukünftiger Größe.
-
-Der Knabe war klug und wild und trank den Honigseim gern: aus
-zänkischer Enge in die Verführung lockender Weite gestellt, sah er den
-Himmel kommender Macht zu seinen Häupten gespannt.
-
-So wurde Heinrich der Vierte König der Deutschen; mit fünfzehn Jahren
-nahm er den Reichsapfel anders zur Hand, als ihn sein Vater sterbend
-hinlegte.
-
-Neun Jahre lang hatten die Großen und Grafen mit dem Reichsapfel
-Fangball gespielt; nun kam ein Knabe, hochmütig und frech, ihn auf den
-Gipfel des Ruhmes zu tragen.
-
-
-Der Aufruhr der Sachsen
-
-Heinrich der Jüngling hielt seinen Hof zu Goslar in Sachsen; da stand
-die steinerne Burg seines Vaters, der salischen Herrschaft die Tore zu
-hüten, da waren die Säle und Kammern ottonischer Pracht, und aus den
-Gruben im Rammelsberg kam der silberne Reichtum geflossen.
-
-Aber wo Heinrich der Dritte die Bußgeißel schwang, hob Heinrich der
-Vierte das Trinkhorn der Freude: Jungmännerlärm schrie durch die Säle;
-in den Kammern hatte die Lust ihr Lager.
-
-Bald ging ein Raunen und Murren im Reich, die Warnung kam an mit
-sorgender Miene und drohenden Worten; aber der Jüngling maß die Mienen
-und wußte die Worte, und wies die Warner höhnisch nach Haus.
-
-Auch war er als König geboren und spann seine Pläne früher und weiter,
-als seine Plager es merkten.
-
-Noch lachten die sächsischen Herren der Torheit des Knaben, da hatte
-er schon den Ringwall der Harzburg gebaut; wie die Treibjagd das Wild
-umstellt, wuchs rund um die Hart der Kranz fester Burgen.
-
-Er wollte ein anderes Reich als das der geistlichen Großen, Herzöge und
-Grafen: der König allein sollte Herr sein, wie Karl im Frankenreich
-König und Lehnsherr war; die sächsische Burg der Ottonen sollte der
-Sitz seiner Königsmacht werden.
-
-Aber den Sachsen war es die Zwingburg der salischen Herrschaft;
-sie mußten den Bauvögten Frondienste tun und seine fremde
-Dienstmannenschaft nähren; sie sahen die Fesseln der sächsischen
-Freiheit geflochten und haßten den herrischen Jüngling, der sie zu
-flechten befahl.
-
-Bauern und Ritter schwuren die Blutspur; als Heinrich den polnischen
-Feldzug ausrief, kam die Empörung der Sachsen gegen die Harzburg
-gezogen: da war der Übermut aus und der Jungmännerlärm; wie ein Dieb in
-der Nacht mußte der König sich retten.
-
-Wohl rief er die Großen und Grafen zum Rachekrieg auf: sie hielten ihr
-Heervolk im Feld, aber sie halfen ihm nicht; die heimlichen Boten kamen
-und gingen, bis ihn die letzten verließen.
-
-Krank und gemieden und seiner Königsmacht ledig kam Heinrich der
-Jüngling ins Land seiner salischen Väter zurück; da aber geschah ihm
-das Wunder.
-
-Die Bürger von Worms hatten dem Bischof von Worms die eigenen Tore
-verschlossen: sie boten dem Flüchtling den Schutz ihrer Mauern und
-gaben dem Jüngling wieder ein Schwert in die Hand.
-
-Der siebente Heerschild trat in den Tag, der Bürger hob seinen Trotz im
-Namen des Königs gegen den eigenen Bischof.
-
-So wurde Heinrich der Vierte aus Not und Bedrängnis ein Volksfürst:
-König und Bürger fingen im Reich der Großen und Grafen ein anderes
-Brettspiel an.
-
-Noch hielt der Winter die Wälder im Rauhreif, die Mühlen der Werra
-standen im Eis: da hatte Heinrich ein Heer, und die Fürsten mußten ihm
-folgen gegen die Sachsen.
-
-Schneestürme machten die Rosse blind, das Schwert fror fest in der
-Scheide, der König mußte den Krieg und die Rache mit Handschlag
-beenden; aber nun war er kein Flüchtling mehr.
-
-Noch hatte der Tauwind den Frost nicht gebrochen, als Heinrich schon
-wieder in Goslar den Königshof hielt.
-
-Als danach der Grimm der Sachsen die Harzburg zerstörte, als sie die
-Kirche nicht schonten und die Gebeine der salischen Gräber verstreuten:
-mußte das Reichsheer der Fürsten ihm folgen, und Gregor der Papst
-durfte die Frevler nicht schützen.
-
-An der Unstrut traf den sächsischen Aufstand das Schwertgericht blutig;
-die Ritter konnten sich retten in ihre östlichen Burgen, das Fußvolk
-der Bauern mußte es büßen.
-
-So wurde der salische Heinrich Herr über die Sachsen und König der
-Deutschen: die Großen mußten ihm dienen, weil ihm der siebente
-Heerschild gehörte; die Grafen versteckten den Trotz, weil ihnen das
-Königsschwert gedingter Dienstmannenschaft drohte.
-
-
-Der Streit um die Stärke
-
-Ein Königtum war aus dem Reich der Großen und Grafen geworden; freier
-als jemals ein König der Deutschen schien Heinrich der Vierte über den
-Völkern zu stehen, als er den Streit um die Stärke begann.
-
-Hildebrand hatte als Gregor der Siebente den Stuhl von Sankt Peter
-bestiegen; der seinem büßenden Vater ein finsterer Freund war, wurde
-dem Sohn ein furchtbarer Feind.
-
-Er sagte dem König die Lehensgewalt auf über die geistlichen Großen und
-gab ihm drohende Botschaft nach Goslar, der Kirche zu geben, was ihr
-vor dem Kaiser gehöre.
-
-Stolz seines Sieges und seiner Sache gewiß, gab Heinrich der Jüngling
-dem finsteren Mann in Sankt Peter selbstherrliche Antwort: Heinrich,
-König nicht durch Anmaßung, sondern durch göttliche Bestimmung, an
-Hildebrand, nicht Papst, sondern falschen Mönch!
-
-Auch mußten die deutschen Bischöfe in Worms ein stolzes Gericht über
-Hildebrand halten; aber Hildebrands Zorn blies ihnen Feuer ins Haus:
-die Kirche verfluchte den Schirmherrn, der Papst sprach über den Kaiser
-den Kirchenbann aus. Da war der Schirmherr der Kirche ein Schwert ohne
-Hände, da saß er nackt auf dem Thron in der Furcht seiner Völker, da
-fiel der Eid von ihm ab, der die Treue gelobte, da war der siebente
-Heerschild listig durchlöchert.
-
-Zu Tribur taten die Großen und Grafen den Spruch; nur wenn er den
-Bannfluch zu lösen vermöchte, könne Heinrich König der Deutschen und
-Herr seiner Dienstmannen bleiben.
-
-Aus dem Traum seiner Herrlichkeit kläglich erwacht, war Heinrich zum
-andernmal Flüchtling; aber nun hielt ihm der Bischof von Worms die Tore
-verriegelt, und die Bürger wehrten ihm nicht.
-
-Unmögliches mußte der König tun, die Krone zu retten; er tat es mit
-harter Berechnung.
-
-Nur Berta die Frau, sein Kind und ein Knecht kamen zur Romfahrt mit
-ihm; wo seine Väter den stolzen Siegeszug ritten, ging Heinrich der
-Vierte im Winter den bitteren Bußgang.
-
-Schon war der Reichstag in Augsburg bestellt, wo der Richter des neuen
-Bundes Saul zu verwerfen gedachte, um David zu salben; schon harrte
-Gregor in Mantua des versprochenen Fürstengeleits, als ihn die Kunde
-von Susa erreichte: Heinrich sei über die Alpen gekommen, von den
-lombardischen Städten trotz seinem Bann als König empfangen.
-
-Da mußte Gregor zurück in die Burg von Canossa; die Sonne entwich in
-die Wolken der Gräfin Mathilde und ihrer schützenden Kriegsmacht.
-
-Aber Heinrich kam barhäuptig im Büßergewand vor das Tor der steinernen
-Zuflucht; und ob ihn Gregor zweimal im Grimm der durchkreuzten Pläne
-verschmähte: Heinrich kam wieder am dritten Tag, barfüßig im Schnee,
-der gestern noch König war, den Bannstrahl zu löschen.
-
-Da lag dem toskanischen Mönch der salische Trotz zu Füßen, der
-Schirmherr der Kirche im Staub vor dem Statthalter Christi: aber es
-war nicht der Mond, des Lichtes der Sonne bedürftig, es war nur ein
-Jüngling im Büßerhemd, der seiner Sünden ledig zu sein von dem heiligen
-Vater begehrte.
-
-So brannte das päpstliche Richtergewand im eigenen Bannstrahl zur
-Asche: die Fessel fiel ab, und dann war Heinrich zum andernmal König;
-die Macht der lombardischen Städte stand als eine Mauer um ihn.
-
-Der auf den Reichstag als Richter der Welt zu kommen gedachte, wich
-hinter die römischen Mauern zurück in den Schutz der Hadriansburg.
-
-Aber die Großen und Grafen in Tribur hatten den eigenen Spruch treulos
-vergessen und Rudolf von Schwaben zum König der Deutschen gewählt.
-
-Ihm zu begegnen, kam Heinrich im Frühjahr anders nach Deutschland
-zurück, als er im Winter gegangen war: er hatte sein Königsschwert
-wieder; hinter ihm stand die lombardische Macht und vor ihm die Treue
-der rheinischen Städte.
-
-Drei Jahre lang lag er im Feld und war ein Meister im Unglück; in
-blutigen Schlachten besiegt, wieder im Bann und bei den Frommen
-verflucht, hielt er den Trotz in der Faust und das Herz in der Hoffnung:
-
-Bis Rudolf von Schwaben, bei Merseburg siegend, die Hand und das Leben
-verlor -- die Hand, die Heinrich Treue gelobte und treulos das Schwert
-hob -- bis der König den tapferen Friedrich von Staufen als Eidam
-gewann.
-
-Immer noch standen viel Schwerter im Feld gegen ihn, als Heinrich das
-römische Haupt seiner Widersacher zu treffen gedachte; unholder als
-vorher im Winter zog er nach Rom und hatte ein Panzerhemd an, den
-Streit mit Gregor zu schlichten.
-
-Und ob ihn das Unglück zum andernmal hinhielt, drei Jahre mit Kämpfen
-und Nöten gefüllt, sein Herz war Stahl und sein Mut ein wehendes Feuer,
-bis er das Tor von Sankt Peter gewann.
-
-Sieben Jahre waren vergangen, seitdem er im Büßerhemd stand; sein Leben
-war Lärm und die Welt ein Wirrsal gewesen: nun riefen die Römer ihm
-Heil, weil wieder ein Kaiser der Christenheit war.
-
-Normannen holten Gregor aus Rom in den Schutz ihrer Schwerter; der
-sizilianische Erbfeind der Kirche bot ihrem geschlagenen Haupt das
-letzte Exil.
-
-Nie hatte ein härterer Feind gerungen, als Hildebrand war; Heinrich,
-der unstete Jüngling, war mannhaft geworden, als Gregor, der Greis in
-Salerno, verbittert den Tod empfing.
-
-
-Der Gottesfrieden
-
-Als Gregor der Siebente starb, war der Haß nicht gestorben; er ritt auf
-den Straßen von Sachsen nach Rom, er lauerte auf den Burgen der Großen
-und Grafen und brannte der Kirche im Dachstuhl.
-
-Es ging um das Reich, und es ging um die Stärke: hie Kaiser, hie
-Kirche! hie Priester, hie Laiengewalt! aber das Schwert trug der Ritter
-hüben und drüben!
-
-Er schlug die Schlacht, er hetzte den Hirsch, er hielt die Meute im
-Jagdgrund; und wenn die Jagd der Großen und Grafen aus war, ritt er
-selber auf Beute.
-
-Was auf den Feldern gesät war, was in den Ställen gedieh, was auf
-den Wegen und Wässern mit Wagen und Schiffen hereinkam, was auf den
-Speichern und Märkten als Wohlstand des Landes begehrt war, fiel unter
-sein Schwert.
-
-Und als es im neunten Jahr war, daß Bauern und Bürger im blutigen Krieg
-den Segen des Tagwerks entbehrten, daß Armut und Kummer den Wohlstand
-des Landes verschlangen, daß um ein Trugbild der Macht Dörfer und
-Städte verdarben: geschah es, daß sich die Kirche auf ihren Ursprung
-besann.
-
-Aber nicht Rom und der Papst, ein Bischof sandte die Taube, den Ölzweig
-zu bringen, ein Bischof im lothringischen Land; den Gottesfrieden
-hießen sie ihn, und so war seine Botschaft:
-
-Von Freitag zu Montag in jeglicher Woche, von Fastenbeginn bis über den
-Sonntag nach Pfingsten, vom ersten Advent bis über Dreikönigen dürften
-nicht Fehde sein; und wer den Gottesfrieden nicht hielt, war verflucht
-an Leben und Eigen.
-
-Sie kam von Frankreich geflogen, die Taube der Sintflut, wo sie im
-Streit der Großen den Boden zu ruhen nicht fand; in Lüttich wurde die
-Stätte bereitet, und bald war der Kaiser ihr Schutzherr.
-
-Heinrich, der König der Bürger und Bauern, nahm ihren Ölzweig zur Hand;
-da mußten die Großen und Grafen ihm folgen: so war in der Sintflut der
-Zeit dem Frieden die erste Freistatt bereitet.
-
-Noch war der Haß nicht gestorben und Heinrich der Vierte ging seinen
-Leidensweg weiter bis an sein gramvolles Alter: aber der Taube von
-Lüttich hielt er die Treue, und gab in Zorn und Bedrängnis den Ölzweig
-nicht aus der Hand.
-
-
-Der Kaiser des Volkes
-
-Klug und wild war der Knabe, hochfahrend der Jüngling, unbeugsam und
-rastlos der Mann, den das Volk als Vater verehrte, da er ein Greis war;
-aber das Schicksal fuhr seinen Wagen mit lockeren Rädern, und als er im
-Gleichmut des Alters zu fahren gedachte, scheuten die Rosse.
-
-Er hatte den mächtigen Papst nach Salerno gebracht und hatte die
-trotzigen Sachsen gedämpft, aber die Burg seines Königtums ging ihm
-verloren; so zäh seine Hand das Königsschwert hielt, den Traum von
-Goslar träumte sein Alter nicht mehr: sein Hoflager ging um in den
-Ländern der Großen und Grafen, wie es die Herkunft gebot.
-
-Aber ihm fiel eine Burg zu, die nicht aus Steinen gebaut war;
-Dienstmannentreue hielt ihr das Tor, und die Liebe des dankbaren Volkes
-war ihre gewaltige Mauer.
-
-Die Ritter hatten vom Schwert gelebt, wie der Bauer vom Pflug, sie
-waren im Scharlach mit goldenen Sporen geritten und hatten den
-Wohlstand geerntet: nun siechte der nützliche Krieg hin, und der Mangel
-kroch in die Burgen.
-
-Die Großen und Grafen sahen den Aufruhr beginnen und die Vasallen den
-Glanz ihrer Tage verblassen, indessen die Bürger und Bauern sich in der
-Kaisergunst sonnten.
-
-So fuhr das Alter des Kaisers durch Liebe und Haß den schmalen
-Königsweg hin, als ihm die Feindschaft der Ritter die Rosse wild
-machte, als ihm der römische Haß die Räder zerbrach.
-
-Zum viertenmal kam der Bannfluch von Rom, als Paschalis Papst war,
-Gregors gelehriger Schüler; der Donner hatte den Blitz verloren und
-rollte nur hin, aber den Feinden des Kaisers kam er zur richtigen
-Stunde.
-
-Sie kannten die Herrschsucht des Sohnes, und wie er die Geltung des
-Vaters mühsam ertrug; sie wußten den Bannfluch klüglich zu leiten, daß
-er im Treubruch des Sohnes den bösen Spalt fand.
-
-Weihnachten stand vor der Tür, als Heinrich der Sohn das Hoflager
-heimlich verließ, von Fritzlar nach Bayern zu fliehen, wo ihn die
-Feinde des Königs fröhlich empfingen; und die Vasallen strömten der
-neuen Herrengewalt zu.
-
-Am Regenfluß standen sich Vater und Sohn gegenüber im Schutz ihrer
-Scharen, aber hüben und drüben stiegen die Ritter vom Roß; wieder
-gingen und kamen die heimlichen Boten, bis Heinrich der Vater den
-Verrat der Vasallen erkannte und heimlich entwich.
-
-Ein Hoftag der Großen und Grafen in Mainz sollte den Kaiser des
-Volkes absetzen; aber die Bürger standen auf für sein Recht, und ein
-stadtkölnisches Heer zog heran, den Mantel des Kaisers zu schützen: da
-mußten Falschheit und Frevel dem herrischen Sohn helfen.
-
-In Koblenz lag er dem Vater zu Füßen, Abbitte leistend und Treue
-gelobend; der Kaiser zog arglos mit ihm und ließ sich von Bingen nach
-Bökelheim locken; aber es war eine Falle, und statt auf dem Hoftag in
-Mainz mit den Großen und Grafen zu rechten, saß er in einer Waldburg
-gefangen.
-
-Sie wollten in Mainz ein stolzes Gericht über ihn halten, aber sie
-wagten es nicht vor den Bürgern; so war es draußen in Ingelheim, wo
-sie den Greis, höher an Wuchs und Würde als einer der Fürsten, in die
-Schmach ihrer Anklagen brachten.
-
-Da konnte die Kirche sich rächen an ihrem stolzen Verächter; da fand
-der Grimm der Vasallen die Grafen und Großen bereit, den Kaiser der
-Bürger und Bauern zu dämpfen; da ließ der Sohn es geschehen, daß
-rechtlose Richter Heinrich dem Vierten das Königskleid nahmen.
-
-Sie wiesen dem todwunden Geier die karolische Pfalz in Ingelheim
-an; aber noch einmal hob er die mächtigen Flügel: Heinrich der
-Vierte entfloh seiner Haft, und als der frevelnde Sohn mit seiner
-Vasallenmacht kam, ihn zu fangen, wiesen die Bürger von Köln und
-Lüttich ihm blutig die Tore.
-
-Schon mußte der Sohn sich bequemen, andere Botschaft zu senden, da
-brachte ihm ein Gesandter den Ring und das Schwert seines Vaters und
-sein letztes Vermächtnis: wie er geboren war, starb Heinrich der Vierte
-als König, kein Haß trübte dem Greis die letzte Verpflichtung.
-
-Otbert der Bischof von Lüttich ließ seinen Leib in der Kirche begraben;
-das Volk jammerte laut um seinen Vater und Freund; aber der Haß seiner
-Feinde strafte den Bischof und gönnte der Leiche nicht ihren Frieden.
-
-Als sie den Sarg des Gebannten hinaus auf die Maasinsel brachten, kamen
-die Bauern herbei aus den Feldern, warfen das Korn über den Sarg und
-streuten die Erde des Grabes auf ihre Acker, daß Korn und Acker geweiht
-wären.
-
-Daß ihm der Vater nicht draußen läge gleich einem Hund, hieß Heinrich
-der Sohn die Leiche im steinernen Sarg hinauf nach Speyer geleiten, und
-er gab ihr den Platz im Dom nach der Reihe der salischen Kaiser.
-
-Aber noch durfte Heinrich der Vierte nicht versammelt sein bei seinen
-Vätern; zum andernmal trugen die zornigen Hände der Kirche den Sarg des
-Gebannten hinaus, daß er die Gruft nicht entweihe.
-
-Der mit dem Frevel in Kaiserswerth zänkisch begann, der in Canossa
-lichterloh brannte, mit üblen Gerüchen in Ingelheim schwelte: der Haß
-seiner Feinde ließ seine Asche nicht ruhen und schmähte sein stolzes
-Gedächtnis.
-
-Das Volk behielt Heinrich, den Vater und Freund und sein grausames
-Schicksal treu und traurig im Herzen.
-
-
-Der Sieg der Fürsten
-
-Der Kampf, den Heinrich der Vierte sein Leben lang kämpfte, war traurig
-verloren; sein Sarg in Speyer blieb draußen am Dom als gramvolles
-Bildnis gestorbenen Volkskönigtums stehen.
-
-Die Fürsten hatten den finsteren Sohn ihres Feindes vorzeitig zum König
-gemacht, und der Papst war ihrem Frevel Nothelfer gewesen; seiner
-Fesseln nicht froh tat Heinrich der Fünfte die Romfahrt anders als
-seine Ahnen.
-
-Die Großen und Grafen traten ihm bei, und die Vasallen strömten ihm zu
-in unübersehbaren Scharen: der Gottesfrieden hatte sie müßig gemacht,
-nun gab es fröhliche Fahrt.
-
-Nie hatte das lombardische Land mehr Ritter und Lanzen gesehen als
-in dem hochmütigen Herbst, da Heinrich der Fünfte die lombardische
-Städtemacht dämpfte; und als er im Winter nach Rom kam, stand Paschalis
-wartend, die mächtige Hand zu ergreifen.
-
-Immer noch hielt der Streit der Belehnung die Kirche in Zorn; aber dem
-Papst wie dem Kaiser waren die deutschen Bischöfe zu mächtig, und
-heimlich wurden die Stricke geflochten, die mächtigen Hände zu binden.
-
-Und so war die Lösung, die Kaiser und Papst in Heimlichkeit fanden:
-der Papst allein sollte Herr der Bischöfe sein, aber sie sollten der
-weltlichen Geltung im Reich des Kaisers entsagen, all ihr Lehensgut
-sollte wieder dem Reich und dem Kaiser gehören.
-
-Das war die christliche Scheidung; sie teilte den Mächten das Reich,
-gab Gott und dem Kaiser, was Gott und dem Kaiser gehörte.
-
-Als aber der Papst in Sankt Peter die heimliche Gleichung offenbar
-machte, da sprangen die Bischöfe auf im Tumult und zwangen den Papst
-und den Kaiser, den heimlichen Strick ihrer weltlichen Macht zu
-zerreißen.
-
-Seitdem stand Heinrich der Fünfte nicht mehr in der Gunst der
-geistlichen Großen; sie wollten die Weltfürsten bleiben und zwischen
-dem Papst und dem Kaiser die eigenen Machthändel treiben: wie Heinrich
-der Fünfte den Vater verriet, so war er nun selber verraten.
-
-Wilder denn je ging der Streit um die Macht, und die Vasallen saßen
-im Sattel das ganze Jahr; der Gottesfrieden ging unter im Lärm ihrer
-Schlachten, denn nun war kein Kaiser des Volkes mehr da, ihn zu halten.
-
-Wohl lenkte Heinrich der Fünfte klüglich zurück in die Bahn
-seines Vaters; er ließ mit goldenen Lettern am Dom zu Speyer die
-Bürgerfreiheit ansagen: aber dem Finsteren blieb das Herz des Volkes
-verschlossen.
-
-So kam in Würzburg der klägliche Tag für den Kaiser: hie Papst, hie
-Kaiser stand auf den Fahnen der Heere; aber die Fürsten stiegen vom
-Roß hüben und drüben, den Streit zu beenden und auf dem Streitfeld die
-Zelte der eigenen Herrschaft zu bauen.
-
-Da wurde ein anderer Strick geflochten, Kaiser und Papst die Hände zu
-binden; da schrieben die Räte der Fürsten das Konkordat, das auf dem
-Reichstag zu Worms den Streit der Stärke zudeckte:
-
-Der Papst belehnte den Bischof mit Ring und Stab als Zeichen der
-geistlichen Würde, der Kaiser gab ihm das Zepter als Zeichen der
-weltlichen Fürstengewalt.
-
-Ein halbes Jahrhundert lang hatte der Streit dem Kaiser den Atem
-genommen, ein halbes Jahrhundert lang hatte das Feuer die Völker
-gebrannt, nun dämpften die Fürsten die glühende Asche.
-
-Heinrich der Fünfte blieb er genannt, König der Deutschen und römischer
-Kaiser: wo seine Väter die Schutzherren waren, nahm er nun selber die
-Krone, Reichsapfel und Zepter als Lehen der Kurfürstengewalt.
-
-Das Reich der Kaiser war tot; als die Bürger und Bauern Deutschland
-den Mantel des einigen Königtums brachten, riß ihn die Herrschsucht der
-Fürsten in Fetzen.
-
-
-Die goldenen Tage der Kirche
-
-Das Jahrhundert der salischen Herrschaft war aus, und wieder lagen die
-Heerschilde am Rhein, dem Reich einen König zu küren: hüben die Sachsen
-und Bayern, drüben die Franken und Schwaben.
-
-Der mächtigste Fürst war Friedrich von Staufen, Herzog in Schwaben und
-Schwager Heinrichs des Fünften; er hatte die salischen Güter geerbt und
-war seiner Wahl sicher.
-
-Aber die Kurfürsten hatten das Königtum nicht geschwächt, daß Friedrich
-von Staufen es wieder stärke; sie wußten den Wahlgang listig zu stören
-und hoben Lothar von Suplinburg auf den Schild, Herzog von Sachsen und
-Todfeind Heinrich des Fünften.
-
-Sechzig Jahre war Lothar alt, als die geistlichen Großen dem Graukopf
-die Krone aufsetzten: als Söldner gekrönt, blieb er ihr williges
-Werkzeug; und als er ein schlohweißer Greis war, krönte der Papst ihn
-dem heiligen Norbert zuliebe als Kaiser.
-
-Auch ließ er ein Bild malen, wie er dem König gnädig die Krone verlieh;
-und so war die stolze Legende: Vor die Tore Roms kommt der König,
-beschwört die Rechte der Stadt, wird Vasall des Papstes und empfängt
-von diesem die Krone.
-
-Es waren die goldenen Tage der Kirche in Deutschland, da Lothar der
-Graukopf die Krone demütig und diensteifrig trug, da der König den
-heiligen Norbert von Xanten als Bischof nach Magdeburg rief.
-
-Norbert der Bischof hatte als Mönch in Frankreich den Orden der
-Prämonstratenser gegründet und brannte in düsterer Inbrunst, der Kirche
-das kostbare Kleid und den Klöstern den weltlichen Wohlstand zu nehmen.
-
-Gebet und Arbeit gab er den Mönchen wieder zur Hand, daß sie -- wie
-Cluny es lehrte -- Werkstätten des frommen Fleißes und Zunfthäuser der
-Kirchenzucht würden, statt üppige Pfründen der Weltlust zu sein.
-
-Zum andernmal schlugen die Mönche die Standlager entsagungsvoller
-Mühsal auf in den neblichten Wäldern; wo eine Wiese war, wuchsen
-die weißen Gebäude; Gärten, von Mauern gegürtet, und Feldergebreite
-drängten hinein in das weglose Dickicht.
-
-Die grauen Zisterzienser wetteiferten treulich mit den weißen
-Prämonstratensern und wußten zierliches Maßwerk zu bauen; vom Rhein
-hinüber weit in den Osten und hoch hinein in den Norden trugen sie
-Kreuz und Kelle und mehrten das Kirchenland.
-
-Und was die Mönche begannen, brachten die Bauern zu Ende; uraltes
-Hofrecht wurde lebendig, neue Weide zu schaffen; fleißige Rodung gewann
-aus den neblichten Wäldern die Sonnenplätze der Dörfer.
-
-Es waren die goldenen Tage der Kirche in Deutschland, als die grauen
-Mönche die schwarzen ablösten, als sie den himmlischen Gärten die
-irdischen Vorwerke bauten, als sie im Eifer nützlicher Arbeit und
-frommen Gebetes den Prunkmantel römischer Herkunft vergaßen.
-
-
-Der heilige Bernhard
-
-Als Lothar, der greise Dienstmann der Kirche, verschied, stand Heinrich
-der Stolze, sein Eidam, Herzog von Bayern und Sachsen, der Krone am
-nächsten; um Pfingsten sollte die Wahl sein.
-
-Alberto aber, der hitzige Bischof von Trier, wollte nicht leiden, daß
-wieder ein mächtiger König die goldenen Tafeln der Kirche zerbräche; er
-gab die Krone Konrad von Staufen als Ostergeschenk, da brauchten die
-Heerschilde nicht auf das Pfingstfest zu reiten.
-
-Konrad, der Dritte genannt, war Kriegsmann und nannte geringe Erbschaft
-in Franken sein Eigen, da seinem Bruder Friedrich von Staufen das
-Herzogtum Schwaben gehörte; er mußte der Kirche willfährig sein gegen
-die Macht Heinrichs des Stolzen.
-
-Aber die Kirche war nicht mehr das römische Reich; der Papst saß
-bedrängt in Sankt Peter, indessen Bernhard, der Mönch von Clairvaux,
-die Christenheit lenkte.
-
-Ein neuer Apostel hielt wieder das Kreuz, von Wundersagen umdichtet: in
-der Macht seiner Rede ein Paulus, und ein Prophet, wie Jesaias war.
-
-Der Stern von Bethlehem stand neu über dem Abendland: wie er den
-Weisen aus Morgenland schien, so glühten die Mönche im Licht der neuen
-Verheißung.
-
-Der Tag der Verheißung brach in der Wirklichkeit an und war kein
-Weltuntergang mehr, weil nun Maria die Königin hieß; ihr hielten die
-Mönche den Himmel gespannt mit den Schnüren brünstiger Liebesgewalt.
-
-Und weil es das Abendland wollte, sollte das Morgenland wieder die
-irdische Heimat der christlichen Menschheit werden: Maria hatte den
-Heerbann befohlen, sie würde -- so war es den Mönchen verheißen -- die
-siegreiche Weltkönigin sein.
-
-Weihnachten war im Dom zu Speyer, als Bernhard dem König die
-Kreuzpredigt hielt: wie Moses den Quell, zwang sein gewaltiges Wort
-den Schwur aus den Seelen; das Volk weinte in seliger Lust, als
-Konrad, der Kriegsmann der Kirche, knieend die Fahne der Himmelskönigin
-nahm.
-
-Nie war die Lust auf den irdischen Straßen so selig gegangen, nie hatte
-die Sehnsucht der Seelen so brünstig gebrannt, nie hatte das Kreuz so
-glühend gelockt wie nun auf den Fahnen, da sich das Abendland aufhob,
-das Morgenland zu befreien.
-
-Vom Abendland aber zum Morgenland ging der Weg weit über Byzanz und
-über Nicäa hinauf in die Steinwüsten der Türken: gewaltig waren die
-Ritter gerüstet zur Schlacht, aber der Troß war zu groß, sich in der
-Wüste zu nähren.
-
-Als der Durst nicht aufhörte, Roß und Reiter zu plagen, als die
-Glut der Steine das Leder zu dörren begann, als in den Nächten der
-Fieberdurst kam, als Seuche und Not den gepanzerten Lindwurm des
-Abendlandes fraßen, siegte grausam das Morgenland.
-
-Die Wespen der türkischen Reiter fielen in Schwärmen über den
-schwerfälligen Leib und stachen ihn zornig zu Tode; ein Leichenfeld
-wurde die Straße von Doryläum zurück nach Nicäa: die Himmelskönigin
-hatte die Ihren verlassen, nur wenige sahen das Meer wieder.
-
-Ein Klageschrei irrte ins Abendland heim, wie seinen Ohren noch keiner
-geklungen war: die Ritterblüte der Länder lag in der Wüste verdorrt,
-das Wunder hatte gelogen.
-
-Das Wahnreich der Mönche sank hin; aus den Trümmern der himmlischen
-Herrlichkeit hob sich der grimmige Zweifel der Erde.
-
-
-Heinrich der Löwe
-
-Indessen der Kirche in Deutschland die goldenen Tafeln zerbrachen, weil
-sie den Berg der Verheißung nicht fand, war ihr der zäheste Gegner
-gewachsen.
-
-Heinrich den Stolzen hießen sie seinen Vater, Herzog in Bayern und
-Sachsen, der Konrad dem Staufer die kärgliche Geltung bestritt; stolz
-war auch der Sohn, aber sein Stolz hielt der Stärke die Hand.
-
-Er war noch ein Knabe, als Konrad, den staufischen König, der Tod
-Heinrichs des Stolzen aus schwerer Bedrängnis befreite; aber der Knabe
-war früh bei der Hand, die reiche Erbschaft zu halten.
-
-Als Heinrich Jasomirgott mit seiner Mutter das Herzogtum Bayern bekam,
-ging er grollend nach Sachsen, weil er dem Stiefvater nicht die Hand
-seiner Mutter, wohl aber das Land seiner Väter bestritt.
-
-Zum andernmal hielt ein Knabe und Jüngling den sächsischen Hof, aber
-nun war es der eigene Herzog, kein landfremder König; stark wie zur
-Zeit der Ottonen wuchs die sächsische Mauer um ihn.
-
-So stark war die sächsische Mauer, daß Heinrich dem Kreuzzug des
-heiligen Bernhard ausweichen konnte, statt in das Morgenland gegen die
-näheren Feinde im Osten, die Wenden, zu ziehen.
-
-Als Konrad wiederkam mit dem kläglichen Rest seiner Macht, war Heinrich
-im Haushalt des Reiches stark und selbstherrlich geworden; Kirchen- und
-Königsmacht fanden die sächsische Grenze gesperrt.
-
-Noch war Heinrich ein Jüngling, aber schon hieß er der Löwe, und wo er
-die Tatze hinlegte, hob sich nicht leicht eine Hand, ihn zu stören: die
-Grafen und geistlichen Großen im Sachsenland mußten sich fügen, wie es
-der mächtige Landesherr wollte.
-
-Aber er war kein Gewaltherr der Willkür; im sächsischen Weistum waren
-die Wurzeln des uralten Rechts sorgsam bewahrt, auf dem heiligen Boden
-der Herkunft standen Wahrspruch und Richtschwert; Heinrich der Herzog
-war Richter und Hüter, wie es die Herkunft gebot.
-
-Er ließ der Kirche das Amt ihrer geistlichen Sendung, aber der
-Bischofsmacht hielt er die Zügel; und als er Lübeck neu baute, gab er
-der Stadt einen Bischof, ihre Geltung zu mehren, aber auch einen Rat,
-im Namen des Herzogs sich selbst zu verwalten.
-
-Er machte die Herkunft lebendig und zerbrach den Deckel lateinischer
-Bildung: er war ein deutscher Fürst und ließ der Kirche das Morgenland,
-dem König die römischen Händel, weil er im eigenen Bienenstock die
-Waben des sächsischen Wohlstands baute.
-
-Und als dem welfischen Löwen der staufische Vetter und Freund seiner
-Jugend, Friedrich der Rotbart, im Alter das Rückgrat zerbrach, blieben
-Dank und Liebe der deutschen Seele in Liedern und Sagen lebendig, sein
-trotziges Standbild mit Efeu und wilden Rosen umrankend.
-
-
-Friedrich von Schwaben
-
-Konrad, der klägliche Staufer, war tot, und Heinrich der Löwe saß im
-Sattel der sächsischen Stärke, da waren die geistlichen Großen in Not;
-sie mußten, dem Welfen zu wehren, den Einzigen wählen, der seiner Macht
-widerstand: Friedrich, den jungen Herzog von Schwaben.
-
-Judith, die Schwester Heinrichs des Stolzen von Bayern, war seine
-Mutter gewesen; staufisch- und welfischen Blutes gleichviel, stand er
-mitten im Streit der Geschlechter.
-
-Er hielt seinen ersten Hoftag in Sachsen, auch sprach er dem Vetter
-und Freund die bayrische Erbschaft zu; denn Gertrud die Mutter des
-Löwen war tot, und Heinrich stand mit dem Schwert in der Hand gegen
-Jasomirgott, sein Recht und sein Land von dem Stiefvater einzufordern.
-
-So blieb der Staufer klüglich im Schatten des Starken, und niemand im
-Reich konnte wagen, dem Bund der beiden zu trotzen; Rom aber mußte
-erfahren, daß Friedrich von Schwaben ein fleißiger Schüler des Löwen
-war.
-
-Der verhaßten Kaisermacht ledig, hatte der Papst den Hochmut der
-römischen Bürger erfahren: von seinem Stuhl in Sankt Peter vertrieben,
-von der normännischen Hilfe übel bedrängt, rief er von neuem den
-Schirmherrn der Kirche.
-
-Friedrich von Schwaben eilte nicht sehr, dem Bedrängten zu helfen;
-als er mit Heinrich dem Löwen endlich die Alpenfahrt machte, lockte
-lombardischer Reichtum ihn mehr als das Salböl des Papstes.
-
-Er sah im fruchtbaren Herbst die reichen Felder gebreitet, er sah die
-blühenden Städte im Kranz ihrer Gärten, er sah die Schiffe und Wagen
-der Kaufleute fahren und sah sie wohnen im Reichtum.
-
-So wurde nach sechshundert Jahren in einem Staufer der Traum Alboins
-wach, das lombardische Land als Wiege der Macht zu besitzen: statt
-Wanderkaiser der Deutschen Italiens Schwertherr zu sein.
-
-Aber die Wiege war wehrhaft geworden, seit Alboin in der Burg Dietrichs
-von Bern sein lachendes Siegesmahl hielt; trotzig standen die Städte
-der Lombardei, mauerumgürtet, und Mailand, die mächtige, war ihre
-starke Bastei.
-
-Friedrich der Staufer nahm die lombardische Krone; die stolzen
-Geschlechter von Mailand mußten sich seiner Schwertgewalt beugen; er
-dämpfte den Aufruhr der Römer und ließ sich von Hadrian krönen: aber
-die Schar seiner Ritter reichte nicht aus, das Abenteuer zu halten.
-
-Schon stand sein Rückweg gefährlich -- Otto von Wittelsbach brach
-die gesperrte Etschklause auf -- und kaum war der letzte Hufschlag
-verschollen, da schlossen die Städte um Mailand den Bund ihrer
-Freiheit, und Rom sandte heimliche Botschaft.
-
-
-Barbarossa
-
-Als Friedrich der Rotbart zum andernmal kam, hatte sein Kanzler Rainald
-von Dassel -- der listig gewaltige Mann -- das Reichsheer reisig
-gemacht; aus allen Pässen kam es herab in die ronkalischen Felder: das
-Abenteuer des Staufers war eine Heerfahrt des Kaisers geworden.
-
-Wie Karl die Sachsen mit Krieg überzog, brach der Staufer ein ins
-lombardische Land; und wie sich der Sachsentrotz wehrte bis zur
-Vernichtung, so ungebeugt hoben die Städte aus Blut und Brand das
-Banner der Freiheit.
-
-Einmal war Mailand gestäupt und die Bürger der Stadt mußten im Hemd zum
-Büßergang kommen, ein bloßes Schwert auf dem Nacken; einmal war Mailand
-zerstört, wie Jerusalem war, da Titus die Juden wegführte.
-
-Einmal stand Friedrich der Rotbart als Sieger vor Rom, Alexander den
-Papst zu verbannen; einmal fraß ihm das Fieber sein Heer -- auch
-Rainald von Dassel, den listig gewaltigen Kanzler -- daß er nur in
-böser Gefahr den Rückweg nach Deutschland gewann; einmal war er so
-grausam geschlagen, daß er den Schild und die Fahne verlor, und von den
-Seinen vermißt war.
-
-Aber er stand wieder auf, und was sein Schwert nicht vermochte, mußte
-die List ihm gewinnen: den lombardischen Städtebund um den Sieg zu
-betrügen, beugte er sich vor der mächtigen Hand Alexanders.
-
-Sein Rotbart war grau und das lombardische Land eine Wüste geworden,
-als ihm der Tag von Venedig endlich den Frieden einbrachte: er mußte
-den Städten vielerlei Freiheit beschwören, aber sie nahmen den Staufer
-an aus der Hand des Papstes als ihren Kaiser und Herrn.
-
-So war er reich und mächtig geworden, der arm und im Schatten des
-Starken sein Abenteuer begann; als er im Schatten der Kirche endlich
-gewann, stand Heinrich der Löwe allein in der Sonne: da war die
-Freundschaft zerbrochen.
-
-Wie die lombardischen Städte gegen den Staufer, so hatten die deutschen
-Bischöfe den Bund gegen den Herzog von Sachsen und Bayern beschworen;
-nun hatte der Staufer den Schatten gewechselt: so kam ihre Stunde.
-
-In der staufischen Pfalz zu Gelnhausen wurde die Haut des welfischen
-Löwen verteilt, und die Bischöfe nahmen sich reichlich; der letzte
-Herzog der Deutschen wurde verbannt, das letzte Stammland zerstückelt.
-
-So machte Friedrich von Staufen das mißglückte Königtum Heinrichs des
-Vierten wahr, aber die Burg seiner Macht stand jenseits der Alpen, das
-Reich war verraten.
-
-Barbarossa war nun der Rotbart genannt, der Herr des lombardischen
-Landes; fünf Kronen trug er auf seinem silbernen Haar und hieß wieder
-Kaiser der Christenheit wie Karl der fränkische König: aber ihm hielt
-keine Aachener Burg das Herz der Heimat gerüstet.
-
-
-Das Maifeld in Mainz
-
-Herrlicher war nie ein Maifeld gewesen, als da Barbarossa in Mainz
-seinen Söhnen die Schwertleite hielt; die Lombardei war gewonnen, und
-Heinrich der Löwe lag auf der Strecke; prahlend kamen die geistlichen
-Herren und alle Vasallen, das Glück ihrer Tage zu feiern.
-
-Die Mauern von Mainz waren zu eng für die festlichen Massen; so war
-vor den Toren die Zeltstadt gebaut, geschmückt mit dem Maibaum des
-Kaisers, mit den Wimpeln der Großen und Grafen und der unermeßlichen
-Farbenpracht ihrer Völker.
-
-Das Abendland bestaunte die staufische Macht und sah den Himmel der
-Deutschen gespannt über dem siegreichen Kaiser und über dem Sohn, der
-seine Macht und Herrlichkeit erbte.
-
-Fünf Kronen trug sein silbernes Haar und wollte die sechste im Heiligen
-Lande gewinnen, als er, der Greis, im Jubel der Völker das Kreuz nahm.
-
-Er hatte als Jüngling den Kreuzzug Konrads mitgelitten und kannte die
-Wüstengefahr; wie ein Hausvater seine Tage bestellt, ließ er das Reich
-seinem Sohn, sich selber der Kirche zu weihen.
-
-Noch einmal schäumte das Abendland gegen das Morgenland auf; aus
-Frankreich, England und Deutschland kamen die Ritter mit ihren Knappen,
-dem Kaiser zu folgen, der als Greis die kühne Fahrt wagte.
-
-Klüger als Konrad und besser gerüstet, gelang ihm der mühsam
-gefährliche Ritt durch die Wüste; schon war Ikonium sein und das
-cilicische Gebirge gewonnen, als der Kaiser im Saleph ertrank.
-
-Wie der staufische Jüngling sein Abenteuer auf fremder Erde begann, so
-sank er dem Reich hin in der Fremde; mit seiner greisen Rittergestalt
-war die deutsche Herkunft der Staufer gestorben: Heinrich der Sechste,
-der Sohn seiner Macht, ging nach Palermo.
-
-
-Der Sohn der Macht
-
-Heinrich, der staufische Jüngling, hatte die ältliche Erbin des
-normännischen Goldes gefreit; die Völker kamen nach Mailand, die
-staufische Macht zu bestaunen, als der Kaisersohn mit Konstanze, der
-Königstochter von Sizilien, die prahlende Hochzeit hielt.
-
-Die Kaisermacht spannte den Bogen über den Stuhl von Sankt Peter
-hinüber; von der kalten Meerküste bis in die südlichen Mittelmeergärten
-reichte die Schwerthand der Schwaben.
-
-Nordsturm fiel über die sonnigen Küsten, darin Blüte und Frucht
-erfroren, als das normännische Seeräuberglück an den Sohn der
-staufischen Macht kam.
-
-Sein Herz war hart und sein Mund blieb verschlossen; wo Friedrich der
-Rotbart mit fröhlicher Grausamkeit ritt, stand Heinrich der Sechste mit
-finsterer Strenge.
-
-Den Zermalmer hießen sie ihn, der alles zertrat, was seinen grausamen
-Weg hemmte; aber als er den Hammer ins Morgenland hob, sprang ihm sein
-gläsernes Herz.
-
-Es war im siebenten Jahr, daß Barbarossa sein Vater im Saleph ertrank,
-als auch der Sohn der staufischen Macht die Heimkehr versäumte: seinen
-Marmorsarg stellten sie auf im steinernen Dom von Palermo.
-
-Schirmherr der Kirche und Schwertherr der abendländischen Völker
-zu sein, war die Sendung der Kaiser gewesen: der Streit um die
-Stärke hatte den Bogen gespannt; als er im Rauschglanz staufischer
-Machtherrlichkeit über Sankt Peter hinaus ging, zerbrach er.
-
-
-Der Sizilianer
-
-Als Heinrich der Sechste gestorben war, fern und fremd wie er lebte,
-war Friedrich, der Sohn der Konstanze, ein Kind.
-
-Den Staufern die Macht in Deutschland zu halten, nahm Philipp von
-Schwaben, der Sohn Barbarossas, die Krone; aber der Bischof von Köln
-krönte den Sohn des welfischen Löwen.
-
-So standen die Söhne im Haß ihrer Väter, und der Papst schürte den
-Brand: hie Waibling, hie Welf! wurde der Wahlspruch der Großen; hie
-Welf, hie Waibling der Schlachtruf der Ritter, die über das Reich den
-neuen Bürgerkrieg brachten.
-
-Da wuchs die Saat der staufischen Weltherrscherträume üppig und geil
-ins Kraut, da war von der goldenen Ernte allein das Unkraut geblieben,
-indessen der Papst Innocenz den Weizen der Kirche in vollen Scheuern
-einbrachte.
-
-Otto dem Welfen lachte das Glück, als Philipp von Schwaben durch Otto
-von Wittelsbachs Mörderhand fiel; aber indessen war Friedrich der Sohn
-der Konstanze mündig geworden, und päpstlicher Eifer sandte den Großen
-und Grafen im Reich den sizilianischen Knaben als König.
-
-Den Pfaffenkaiser hießen sie ihn, der als Friedrich der Zweite in
-Aachen die Krone der Deutschen aufsetzte; aber der eigene Sendling des
-Papstes wurde die Brut, die zu verderben danach die Kirche den Zorn des
-Himmels mit allen Zungen herabschrie.
-
-Innocenz selber war Vormund des Knaben gewesen, der machtherrliche
-Papst, der die Kronen Europas verschenkte; aber der Schüler lernte das
-Schachspiel der Kirche, dem Schwert mit List zu begegnen; er war ihr
-eifrigster Lehrling und wurde ihr Meister.
-
-Als es zum andernmal hieß: hie Kaiser, hie Kirche! war der Kaiser die
-List, und der Papst stand im Zorn, dem spöttischen Spieler mit Fluch
-und Verdammnis das Brett zu verwirren.
-
-Aber der Sizilianer gab lachend die Ewigkeit hin, die Gegenwart zu
-behalten; und höher als jemals ein Herrscher hob er sein spöttisches
-Haupt in die Räume, wo der Menschengeist Gott in den Grenzen des
-irdischen Daseins verleugnet.
-
-Der sich als Fürst in Palermo die sarazenische Leibwache hielt, der
-mit arabischen Weisen das Rätsel des Lebens befragte und im Prunk des
-Morgendlands wohnte, trug die Krone der Christenheit nur um die Macht
-und den Glanz ihrer Herrscherfülle.
-
-Das Reich der Deutschen gab er danach dem Sohn zu regieren, der in den
-Ränken der Großen ein törichter Knabe und seinem Vater ein kläglicher
-Nachahmer war.
-
-Der Kaiser der Christenheit saß in Palermo; er kam nur ins Reich, wie
-ein Kaufherr nach seinen Schafen sieht.
-
-Sechs Kronen trug sein spöttisches Haupt; er war dem normännischen
-Staat ein König, mächtig und klug wie keiner, aber das Reich lag
-im Schatten: Fremdherrschaft war die staufische Macht dem Volk der
-Deutschen geworden.
-
-Als er starb, der Sizilianer aus dem Geschlecht der Staufer, das der
-zornige Papst ein Otterngezücht nannte, da rollten die Kronen hin, da
-blieb von der Kaisermacht nur noch ein römischer Schatten, da rissen
-die Raben das Reich auseinander, da wurden die Ritter Herren der Straße
-und ihre Knechte die Plage des Bürgers.
-
-
-Konradin
-
-Die letzte Fackel der Staufer sank jäh in die Nacht, als Manfred, der
-Bastard des Sizilianers, gegen Karl von Anjou in Sizilien Land und
-Leben verlor; aber ein Irrlicht hob sich in Deutschland, noch einmal
-den Weg der Fackel zu flattern.
-
-Konradin hießen sie ihn, den letzten Erben der Staufer, und er war noch
-ein Knabe, als ihn die Sendlinge nach Sizilien riefen, Karl von Anjou,
-dem Franzosen, das normännische Reich zu bestreiten.
-
-Ein Knabe hob seine Augen auf zu den Taten der Väter: wo sie mit
-gewaltigem Kriegsvolk zogen, kam die ärmliche Schar seiner Ritter.
-
-Tollkühn und töricht war der Plan, abenteuerlich seine Gestaltung;
-aber das gleißende Glück rollte dem Knaben die bunte Kugel vorauf, und
-mancherlei Volk lief ihm zu im toskanischen Land.
-
-Als er nach Rom kam, fiel ihm ein flüchtiger Glanz auf die
-fiebrige Stirn: Frauen und Männer führten den Knaben aufs Kapitol,
-blumengeschmückt, und die Straßen prahlten mit Fahnen, als ob er den
-Sieg und der staufischen Macht die Wiederkunft brächte.
-
-Als aber der Tag kam, da die Haufen sich maßen, hob das staufische
-Ungestüm wohl den Feind aus dem Sattel, schon stürmten die Ritter dem
-Fußvolk voraus zur Verfolgung: doch war die Flucht eine List: aus dem
-Hinterhalt brachen die feindlichen Reiter und gewannen leichtlich das
-Treffen.
-
-Friedrich von Baden, der treue Freund, brachte den Knaben nach Rom und
-gedachte, ein Schiff für die Flucht zu gewinnen; aber ein Ring, den
-sie gaben, verriet die staufische Herkunft dem Frangipani, der die
-Flüchtlinge fing und seinen Fang Karl von Anjou kostbar verkaufte.
-
-Auf dem Markt von Neapel mußten die beiden den schimpflichen Henkertod
-leiden, da beugte der Knabe den Nacken, und das Volk kam zu weinen, da
-floß das Blut leer, das der staufischen Träume noch einmal voll war.
-
-So ging das Irrlicht von Schwaben aus im normännischen Land, wo
-die Fackel längst schon erlosch: das Abenteuer der staufischen
-Weltherrenträume fand in der flackernden Fahrt des Knaben sein
-klägliches Sinnbild.
-
-
-Der Kyffhäuser
-
-Als Konradin seine Knabenfahrt machte, stand im Reich das Unkraut der
-staufischen Saat in der Blüte: ein Fremder war König geworden, Richard
-der Reiche von England hatte die Krone der Deutschen gekauft.
-
-Die sich des Reiches Kurfürsten nannten, nahmen das englische Geld
-und riefen dem Reich einen König aus, der über dem Wasser wohnte und
-viermal in fünfzehn Jahren mit einem Schiff kam, nach seiner Herrschaft
-zu schauen.
-
-Sie ließen ihn krönen zu Aachen und fühlten nicht ihre Schande, daß sie
-im alten Kaisersaal saßen und unten schlief Karl, der seinen Großen und
-Grafen ein anderer König und Kaiser der Christenheit war.
-
-Aber sie hatten den Herrn, der ihrem Eigennutz paßte, sie waren die
-Meute und wollten nicht länger dem Pfiff und der Peitsche gehorchen;
-wo ein Wild war, fielen sie ein und waren in Wald und Weide frei von
-der Koppel.
-
-Wald und Weide im deutschen Land, Weinberge und Felder gehörten der
-Faustmacht des Tages; und was auf den Wegen und Wässern zur Stadt fuhr,
-galt vogelfrei dem, der es raffte: der König war weit und die Burg war
-nah, dahin sie den Raub brachten.
-
-Da wurde dem Mann der freien Gemeinde sein letztes Recht und die letzte
-Hufe genommen, da wurde der Bürger der Pfeffersack für den Ritter, da
-riß die lahme Gewalt die Ohnmacht des Reiches in Stücke.
-
-Als Richard der Reiche von England dem Reichsschatz zu Aachen die neuen
-Kleinodien schenkte, waren Mantel und Krone, Reichsschwert und Zepter
-prunkvoll verziert, aber kein Kaiser war da, sie zu tragen.
-
-Sehnsüchtig sahen die Augen des Volkes nach Süden, ob nicht der
-Sizilianer zum andernmal käme, wie er vorzeiten kam, über die lahme
-Gewalt der Großen und Grafen die Stärke und über das Unrecht der Tage
-das Recht der Herkunft zu bringen.
-
-Noch stand die Kyffhäuser Pfalz, wo er zum letztenmal Hof hielt; er war
-nicht wiedergekommen und es hieß, er sei tot: aber -- drum krächzten
-die Raben, die um den Turm seiner Kaisermacht flogen -- verborgen im
-untersten Saal saß er und schlief, das Schwert breit auf den Knien.
-
-Denn um sein Dasein war immer die Sage gewesen: als Ketzer verflucht
-von der Kirche, samt seinem untreuen Sohn von den Großen verraten, kam
-er wieder aus Süden und war ein Fürst der Stärke wie keiner.
-
-Das Glück und der Reichtum hingen an ihm, und wenn er den Reichstag
-abhielt, wuchs über Nacht die alte Herrlichkeit wieder.
-
-Der Kaiser blieb aus, aber das Wunder sank in die Hoffnung: verborgen
-im Kyffhäuser saß er und schlief, indessen die Raben von Rom den Turm
-seiner Pfalz in ewiger Sorge umflogen, daß seine Stunde zum andernmal
-käme, daß wieder ein Schwert die Zwietracht zerschlüge, daß wieder ein
-Kaiser der Kirche den Schirmherrn erwiese.
-
-
-
-
-Das Buch der Bürger
-
-
-Der Sachsenspiegel
-
-Der Bogen des Kaisers war über Länder und Zeiten gespannt, aber das
-Volk stak im Tagwerk; der Morgen stieg und der Abend sank, das Frühjahr
-schwoll an und der Herbst losch hin; der Mond lief sich voll und leer
-in der Sternenbahn, dem Dasein der Menschen die ewige Gleichung zu
-halten.
-
-Ruhm brachten die Reisigen heim und die Kaufleute köstliche Waren; aber
-sie alle zu nähren, stand die Saat zur Ernte: von der kalten Meerküste
-bis an den Schneekranz der Berge hielt der Bauer die Scholle lebendig,
-darüber der Bogen des Kaisers im Himmelslicht glänzte.
-
-Der in den einsamen Höfen nach Urvätersitte dem Gesinde vorstand, war
-der Freie der alten Gemeinde, ihm galten die Weistümer noch aus der
-heiligen Herkunft.
-
-Im Namen des Schwertes war die Herrschaft des Kaisers geworden und im
-Zeichen des Kreuzes die Kirche; aber Kaiser und Papst konnten das Recht
-nicht beugen, das im Herkommen stand.
-
-Als Friedrich der Kaiser fern war in Palermo, als Dienstmannenübermut
-und städtischer Trotz die Gewalt der Großen und Grafen bedrängten, als
-Willkür am Werk war, den Rechtsgrund im Reich zu zerreißen, wurde im
-sächsischen Land die Herkunft lebendig.
-
-Eike von Repgow, ein Schöffe in Anhalt, hob den Stuhl des Gerichts an
-den Tag: er schrieb dem sächsischen Mann in der Sprache der Väter sein
-Recht aus der freien Gemeinde gegen den Zwang der unrechten Gewohnheit.
-
-Da man zuerst Recht setzte -- schrieb Eike von Repgow -- war noch kein
-Dienstmann, und Jeder war frei, als unsere Vorderen her zuland kamen;
-denn die Unfreiheit geht wider Gott, ihm ist der Arme so nah wie der
-Reiche.
-
-Kaiser und Papst halten die höchste Macht, sie können Gewalt mit Gewalt
-überziehen; aber das Recht steht über dem Königsschwert und über dem
-Krummstab, und die Gewohnheit des Unrechts kann die heilige Herkunft
-nicht beugen.
-
-Den Sachsenspiegel hießen sie Eike von Repgows wehrhaftes Weistum; aber
-die Freien kamen vom Rhein und aus Schwaben, aus Bayern und Franken,
-in seinen Spiegel zu schauen: so wurde im Reich das Recht, so wurde im
-Richter der freie Mann wieder lebendig.
-
-
-Huld und Treue
-
-Einmal war Jedermann Bauer und Krieger gewesen, Herr seiner Hufe und
-Knecht seines Schwertes, wenn ihn die Hundertschaft rief.
-
-Aber der fränkische Königsdienst lag lästig und hart auf den Hufen, so
-nahm der Bauer sein Eigen als Lehen von Einem, der ihm die Heerpflicht
-ablöste.
-
-Der ihm sein Eigen als Lehnsherr ablöste, mußte für jede Hufe den
-Königsdienst leisten, drum nahm er Reiter in Pflicht, denen das Schwert
-besser zur Hand war.
-
-So wuchs auf Freienmannsland der Lehnsbaum breit in die Äste: der
-Lehnsherrenast trug in der Mitte die Krone, der Ritterast hielt ihm zur
-Rechten den Wettersturm ab, der Bauernast aber zur Linken trug ihm die
-Früchte.
-
-Vasallen wurden genannt, die gegen Zins- oder Schwertpflicht ein Lehen
-annahmen; aber das Schwert hielt frei, und der Zins machte hörig: der
-Reiter zur Rechten wurde ein Ritter, der Bauer zur Linken sank in die
-Fron.
-
-Der König war oberster Lehnsherr, wer Reichslehen hatte, hieß sein
-Vasall; die Großen und Grafen gaben zu Lehen, sie waren Vasallen und
-Lehnsherren zugleich bis zu den Rittern hinunter: so war das Reich ein
-gewaltiger Turm der Lehnsherrenschaft, gebaut auf dem Wohlstand der
-Scholle, gekrönt mit dem goldenen Zepter.
-
-Aber der Turm war kein Lohnbau; nicht die Bezahlung hielt seine Quadern
-mit kupfernen Klammern gefügt, Stein stand bei Stein in der Pflicht,
-vom Bauern hinauf bis zum König.
-
-Huld und Treue waren die Klammern, Huld und Treue der alten
-Gefolgschaft; Treue dem Lehnsherrn, Huld dem Vasallen: wie sich die
-Jünglinge einst die Blutspur beschworen, so nahmen die Lehnsleute
-einander in heilige Pflicht.
-
-Die Kirche lockte mit seliger Hoffnung und drohte mit ewigen Strafen;
-Huld und Treue stellten das irdische Dasein auf eigene Geltung; der
-Mann gab das Wort, und das Wort hielt den Mann; Himmel und Hölle
-konnten ihm nicht den Schwertriemen lösen.
-
-
-Der Ritter
-
-Der als Reiter zum Königsdienst ritt, den nannten sie bald einen
-Ritter, und einen Knappen den Knecht, der ihm die Waffen darreichte.
-
-Aber der Ritterdienst hob seinen Stand über den Freien, kein Knecht
-durfte ihm danach Knappendienst tun.
-
-Er wohnte nicht mehr im schlichten Gehäus der Gemeinde; er baute den
-einsamen Horst seiner Burg mit Mauer, Tor und Turm; er ritt auf den
-Straßen in eiserner Wehr, Helmzier und Schildzeichen hieß er sein
-Wappen.
-
-Nur wer rittergebürtig war, durfte noch Ritter werden; sieben Jahre
-lang hieß er das Jungherrlein, sieben Jahre lang ging er als Page,
-sieben Jahre lang trug er dem Herrn als Knappe die Waffen: dann hob ihn
-die Schwertleite auf in den Ritterstand.
-
-Den Ritterschlag nahm er zum Zeichen, daß seine Ehre nun keinen Schlag
-mehr erdulde; denn Ritter sein hieß nicht mehr, um Lehen Königsdienst
-tun: Ritter sein hieß der Christenheit selber den Waffengang reiten,
-und wie der Kaiser ihr Schirmherr war, so war der Ritter ihr Streiter.
-
-Er ritt auf den Wegen des Abendlands und kam aus dem Morgenland
-wieder, von Schlachtfeld zu Schlachtfeld trug er die Lanze: siegen gab
-fröhliche Tage; aber verlieren gab keine Schande, wenn der Schild rein
-blieb.
-
-Denn reiten und stechen war seine redliche Kunst; wie ihn sein
-Lehnsherr rief, so tat er die Fahrt und gab sein Leben darein; die
-Treue allein war sein Teil an dem Handel und daß er untadelhaft
-standhielt.
-
-Reiten und stechen war seine Kunst, sie redlich zu meistern sein Ruhm,
-sie treu und tapfer zu üben die Ehre: die Ehre stand über dem Helm als
-sein Stern; aber ein Kranz sank aus den Sternen, wenn er zum fröhlichen
-Stechen einritt in die Schranken.
-
-Der Herold rief und das Volk staunte sehr, den rühmlichen Helden zu
-sehen; wie ihn die Wahl rief, wagte er fröhlich das Spiel und gab sein
-Leben darein, der stärkste und kühnste im Zweikampf zu sein und den
-Kranz einzuholen.
-
-Denn die dem Sieger den Kranz auf das bloße Haupt gab, war die
-holdselige Frau; reiten und stechen war seine Kunst, sie redlich zu
-meistern sein Ruhm, sie treu und tapfer zu üben die Ehre: aber der
-Herrin unwandelbar zu gedenken, das gab der Kunst und dem Ruhm und der
-Ehre die blaue Blume zur Hand.
-
-Tod und Teufel zum Trutz als Streiter der Christenheit reitend, war er
-der Himmelskönigin treuer Vasall: sie neigte in seliger Huld seinen
-Taten das Angesicht zu; sie gab ihm den Kranz, wie sie ihm einmal auf
-blutigem Feld den Balsam der Ewigkeit brachte.
-
-Walhal war leer; Walküren kamen nicht mehr, auf Wodans Roß den Helden
-zu holen; Jesus war blutend und blaß in den Himmel gefahren, wartend
-des Tages, da seine Posaune das Weltgericht rief: die Himmelskönigin
-saß auf dem Thron, im süßen Wunder der Liebe den Ritter nicht zu
-vergessen.
-
-
-Minnegesang
-
-Der Ruhm des Ritters hing seinen Prunkmantel um, daß er den Frauen der
-Höfe gefalle; der Prunkmantel war mit den Säumen künstlicher Lieder
-bestickt und gewirkt auf dem Goldgrund der Minne.
-
-Der Sänger hob wieder die Harfe, von Helden zu sagen; aber nun hallte
-es nicht mehr im Stabreim uralter Gesänge, auch saßen die Männer nicht
-mehr beim Mahl, den Sänger zu hören: höfische Sitte hatte den künstlich
-verschlungenen Reim in die Worte und in den Saal die tolosanischen
-Gebräuche der edlen Frauen gebracht.
-
-Die gestern noch ritten und stachen, standen nun selber in reichen
-Gewändern und sangen den Frauen die Minne: zierliche Sprüche, die
-nach der Frauengunst zielten, gemessene Reime, die um den Beifall der
-Tönemeister rangen.
-
-Der Minnegesang war das Schildzeichen höfischer Zucht und das Siegel
-des Ruhmes geworden; die Könige selber durften die Kunst nicht
-verschmähen.
-
-Aber die Frauengunst wollte nicht immer den eigenen Preisgesang hören;
-der ihr den Spruch sagte, sollte der Held sein oder von Taten der
-Helden berichten: hinter der maßlichen Kunst stand die Brandung des
-Lebens und wollte die schäumende Lust der Schicksalsgewalt spüren.
-
-Da wurde im Minnegesang wach, was unter der gläsernen Decke mönchischer
-Bildung den langen Winterschlaf hielt: Siegfried und Dietrich von
-Bern, Brunhilde, die unholde Frau, und Etzel, König der Hunnen, der
-die blonde Hildico freite, Randwer der feine, die blasse Ingunthis und
-Gundikars todwunde Mannen.
-
-Aufstanden die Helden der Vorzeit im Gedächtnis der Sage, die riesigen
-Leiber zogen das Rittergewand an, Kreuzfahrer mischten die tollkühne
-Fahrt in das Königsgefolge, Huld und Treue standen als ewige Sterne.
-
-Huld und Treue fand Heinrich der arme Ritter, als ihm die Magd
-herzinnig ihr Leben hingeben wollte, mit ihrem Blut das seine zu
-heilen, das an der Miselsucht krank war; reiner Wille vermochte das
-Wunder der Gnade zu zwingen.
-
-Huld und Treue hielten der glückreichen Gralsburg die Tore behütet,
-und Parzival kam aus dem Wald, das Glück der Erwählung zu finden; aber
-der Knabe versäumte das Zeichen und mußte durch Zweifel und Schuld den
-weiten Weg reiten, bevor er die Tore zum andernmal fand.
-
-Huld und Treue wurden von Tristan verraten, als ihm Isolde den
-Liebestrank reichte -- Randwer der feine hob seine Augen zur schönen
-Schwanhild, die er dem König zu freien gesandt war -- der König war
-greis, und Tristan war jung; er trank sein Schicksal sehenden Auges und
-büßte in schmerzlicher Süße die Schuld.
-
-Huld und Treue streuten Gudrun, dem Königskind, Gold auf den Weg, da
-sie in langer Gefangenschaft Magddienste tat; an der kalten Meerküste
-stand sie, die Wäsche zu waschen, als endlich die Schiffe der Heimat
-die schmerzliche Wartezeit krönten.
-
-Huld und Treue senkten die Wurzeln hinein in die dunkelsten Gründe,
-als Hagen, der treue, Siegfried, den treulosen traf; denn Siegfried
-der helle war hürnernen Leibes und in den Trug der albischen Mächte
-verstrickt; Hagen der finstere fand den Haß in der Huld und den Verrat
-in der Treue.
-
-Huld und Treue brannten im Blutrausch der Rache, als die Burgunder ins
-Hunnenland ritten; Erzbildern gleich saßen die treuen Vasallen, Hagen
-und Volker, am Tor der Vernichtung und hielten Gunther dem König die
-letzte Wacht.
-
-Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und Wolfram von Eschenbach
-hießen die Meister im Minnegesang; ihr Ruhm hing hoch an den Höfen,
-und fleißige Hände schrieben die Handschrift der rühmlichen Mären auf
-vielerlei Blätter mit ihren gepriesenen Namen.
-
-Der aber Brunhild, Kriemhild und Gudrun das höfische Prunkgewand gab,
-der die Urwelt germanischer Sage aus der Vergessenheit löste, blieb im
-Dunkel der Tage.
-
-Übergroß wuchs seinen zierlichen Worten die uralte Schattenwelt zu;
-er nahm und gab dem Schuldbuch der Götter Gedächtnis im Schicksal der
-Menschen und sank in Vergessenheit, indessen sein Lied die Flügel
-gewaltig aufhob, daß aller Minnegesang tief unter ihm blieb.
-
-
-Walter von der Vogelweide
-
-Zierliche Reime hielten zärtliche Worte umrankt und waren im Goldgrund
-der Minne züchtig gemalt mit höfischen Farben, als Reimar, der alte,
-Walter, dem Jüngling, den Minnegesang lehrte.
-
-Aber der Jüngling aus armem Rittergeschlecht lernte anders zu singen
-und sagen als sonst ein höfischer Junker; von der Vogelweide war er
-genannt und bessere Weide als Brosamen fand er sein Leben lang nicht.
-
-Früh war die Straße sein Saal und der Wald seine Kammer, auf allen
-Wegen des Abendlands sah er das fahrende Volk; da hörte er harschere
-Töne als die der höfischen Sitte.
-
-Die Vögel sangen ihm Lieder, die Bäche pochten den munteren Takt, und
-der Wind in den Bäumen rauschte den Harfenton: eine braune Dirne im
-Arm, das war eine hellere Minne, als nach der Herrin zu schmachten.
-
-Und Walter wußte der helleren Minne die Lieder zu singen wie keiner;
-Wald und Wiese wurden lebendig, wo ihm das Wort aus dem Mund sprang,
-und die Liebe fing an zu lachen, wo sein Lockruf ertönte.
-
-Als Otto den Welfen der Bann traf -- dem der Papst selber zur Macht
-verhalf, da er ihn brauchte, und den er verfluchte, da er ihm leid war
--- vergaß Herr Walter die Maße der höfischen Zucht; da sprang ihm der
-Zorn in die Kehle, und Rom hatte nicht solche Sprüche gehört, wie die
-von der Vogelweide.
-
-Denn mehr als ein christlicher Ritter war Walter ein Mann von deutschem
-Geblüt; jach war sein Zorn, und sein Wort zückte schärfer als
-manchermanns Schwert.
-
-Als seine Sprüche dem treulosen Rom um die Ohren sprangen, von
-fahrenden Schülern und frechen Rittern gesungen, da schlug die Stunde
-schrill in den Morgen, da trat in den Kampf der Schwerter und Listen
-die neue Gewalt, da wurde in Ehren und Zorn der deutsche Geist wach.
-
-Da wurde Herr Walter, der Mann ohne Burg und Land, eine Stärke, der die
-Fürsten und Herren im deutschen Land zag oder zornig den Gruß gaben.
-
-Und als er grau war, gab ihm der Staufer Friedrich der Zweite, der
-Todfeind der Kirche, in Würzburg ein Lehen; da saß die singende Seele
-der Deutschen im Alter und sagte der Zeit ihre Klage.
-
-Das Feld war umbrochen, der Wald war verhauen, Weisheit, Alter und Adel
-hatten den Sitz an die Torheit verloren, das Recht hinkte sehr, die
-Scham war in Trauer, im Siechtum die Zucht, als Walter, der Weiser und
-Sänger der Deutschen, den Tod nahen fühlte.
-
-In seinen Leichenstein waren vier Löcher gehauen, Brosamen den Vögeln
-zu streuen, daß sie kämen zur täglichen Weide und daß ihr Gesang dem
-Grab die Fröhlichkeit gäbe, die Walter im seßhaften Alter wehmütig
-suchte, weil seine fahrende Jugend so übervoll davon war.
-
-
-Die Bürgerschaft
-
-Der Turmbau der Lehnsherrlichkeit war auf den Wohlstand der Scholle
-gegründet; keine Burg stand anders im Land, als daß ein Ritter den
-Überfluß dessen verzehrte, was der Bauer dem Boden abrang.
-
-Aber das Reich war noch immer das Land der neblichten Wälder: mühsam
-und zäh ging der Pflug in der Rodung, indessen die Fähnlein der
-Reichsritterschaft beutegerecht durchs Abend- und Morgenland zogen.
-
-Das Reich war arm und ein Bauernland, karg und voll Krieger, bis ihm
-der Kaufmann die Arme freimachte, bis in den Städten der Handel den
-Reichtum, der Reichtum aber das stolze Gewerk der Bürgerschaft brachte.
-
-Die Bürgerschaft wuchs an dem Lehnsherrenbaum, wie der Efeu am
-Eichenstamm wächst, und stand noch im üppigen Grün, als der Stamm
-ausgehöhlt und der rechte Ast schon verdorrt war.
-
-Fremd und fein im Bereich der Bauern und Ritter schien ihr ummauertes
-Dasein dem Freienmann; aber die Mauern hielten der kommenden Freiheit
-die Tore gerüstet.
-
-Der Bauer sank in die Fron, und der Ritter wurde sein Herr; der hörige
-Mann in der Stadt hob seinen Stand in den Stolz einer neuen Bedeutung:
-Stadtluft macht frei! stand über dem Tor, aber der Bürger machte sich
-selber die Luft.
-
-Und als er frei war, nahm er die schönen Dinge der Freiheit anders zu
-Hand als der Ritter; der Ritter war Einer im Kreis seiner Burg, er aber
-war in den Mauern der Stadt die Gemeinschaft.
-
-Er konnte mit hundert Händen das Seinige halten, mit hundert Augen und
-Ohren das Dasein bewachen; er konnte verhundertfacht fühlen und wollen
-und über die einzelne Tat das Richtmaß gemeinsamer Täglichkeit stellen.
-
-So wuchsen Gassen mit Giebeln und Brunnen, so wuchsen Rathäuser
-steinern und stolz, so wuchsen Kaufhallen mit zierlichen Lauben,
-so wuchsen die bunten Stuben der Zünfte und der prunkende Saal der
-Geschlechter.
-
-So wurden Schulen, die Kinder zu lehren, und Krippen der Wissenschaft,
-so wurden Bauhütten mit Zirkel und Richtscheit, so wurden Werkstätten,
-die schönen Gewerke und hohen Künste zu üben.
-
-So wurden die Städte Lebensgewalten, so kam die Bildung der
-Bürgerschaft zu, so wurde der deutschen Seele neue Wohnung bereitet.
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-
-Die Zunft
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-Im Anfang hieß Bürger Insasse einer Burg sein; Hörige hatten im
-Dienst eines Großen ihr Handwerk zu üben und durften im Schutz seiner
-Torwächter wohnen.
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-Als danach die Burg eine Stadt hieß, weil aus dem Troß der Großen
-ein Hof und aus den Insassen eine Bürgerschaft wurde, hielten die
-Handwerker treulich die Schranken der Herkunft in Ordnung.
-
-Eine Zunft hießen sie da den Kreis jeglichen Handwerks und schlugen
-den Zirkel um seine Gebräuche: die freie Gemeinde der Herkunft war
-die Gemeinschaft des Standes geworden, die alte Zucht hatte ein
-Alltagskleid angezogen, die Tapferkeit war in die Werkstatt gegangen.
-
-Der Dachdecker hob seinen Spitzhammer, der Schmied seine Zange, der
-Zimmermann seine Stoßaxt im zünftigen Stolz; denn Dachdecker, Schmied
-oder Zimmermann sein, hieß in der Zunftehrbarkeit stehen.
-
-Die Zunftehrbarkeit hielt Werkzeug und Arbeitsgebrauch heilig; wie die
-Schwertleite den Ritter, so machte der Zunftbrief den Meister; Geselle
-und Lehrling waren ihm Knappe und Page, und die Zunftstube war der Saal
-seiner Ehre.
-
-Da stand die Zunftlade mit dem Zunftrollenpergament -- die
-Bundeslade im Tempel der Juden stand so geehrt -- da wurde die Zunft
-beschworen und der Zucht das Gericht gehalten, da war die Ehrbarkeit
-selbstgenügsam zu Haus.
-
-Da wurde das Werk der fleißigen Hände geehrt, da wurden der Stolz und
-die Freude der ehrlichen Arbeit behütet, da stand die Kunst, etwas zu
-können, so hoch in der Gunst wie die Redlichkeit selber.
-
-Denn nur auf ehrliche Arbeit durfte der Meister den Wohlstand gründen;
-Todsünde war Gewinn aus Handel und Zins, tauschen und täuschen galt
-gleich vor der Zunft.
-
-Stuben der Selbstgenügsamkeit standen im Schatten der höfischen Hallen,
-bescheidene Hände hielten dem Ritter den Steigbügel hin: aber die Zucht
-gab der Sitte die Tür, hier wie dort war der Mann noch ein Wort, die
-Ehrbarkeit war die redliche Magd der Ehre.
-
-
-Die Gilde
-
-Tauschen und täuschen galt gleich vor der Zunft; aber im Rathaus stand
-die Waage, den Pfennig zu wiegen, in den Gewölben boten die Händler
-römische Seide und englisches Tuch feil: wo es der Zunft wohlging,
-hatte der Kaufmann den Wohlstand bereitet.
-
-Denn die Stadt hielt den Markt für die Landschaft; Bauern und Ritter
-kamen zu kaufen, was Acker und Weide nicht gaben.
-
-Schiffe brachten den Wein und Wagen das Tuch zu Gewändern, Saumtiere
-trugen Gewürz und feine Gewebe, auch köstliche Steine und Silber: die
-Gaben des Wohlstandes gingen dem Händler mit reichem Gewinn durch die
-Hände.
-
-Für die Marktsicherheit sorgte der Stadtherr, aber draußen im
-Land war das Gut der Schiffe und Wagen gefährdet: unrechte Zölle,
-diebische Herbergen, gewalttätige Räuber lagen ihm auf, und schlechte
-Marktknechte brachten den Händler um seinen Gewinn.
-
-So mußte der Stand dem Einzelnen helfen: den Zünften der Handwerker
-gleich hatten die Händler den uralten Geschlechterverband lebendig
-gemacht in den Gilden; die hielten der Waage daheim das Recht und den
-Nutzen und reichten mit silbernen Händen hinein in die Fremde.
-
-In Wisby auf Gotland, in Nowgorod weit in der östlichen Kälte, in
-Venedig und London standen die stolzen Häuser der Gilde, und über das
-Reich war das Netz ihrer Geltung gebreitet.
-
-Den Kaufmann des Kaisers hießen sie draußen den Gildegenossen; und wie
-der Ritterstand Ehre und Ruhm eintrug, so war der Kaufmann des Kaisers
-im Abendland ehrlich geachtet.
-
-Der Ritter trug Lanze und Leben im Dienst der Lehensgewalt: sein Stand
-war mächtig, weil ihm der Einzelne Ehre und Tapferkeit zutrug; der
-Kaufmann saß in der Gilde geborgen, wo er auch war: der Einzelne galt
-in der Welt, weil ihm der Stand Schutz und Geltung verschaffte.
-
-Der Ritter diente der Ehre, der Kaufmann dem Nutzen; aber die Gilde war
-auch ein Reis der freien Gemeinde: Huld und Treue zwangen den Pfennig,
-dem Taler der Gilde redlich das seine zu halten; und das Wort war ein
-Mann, auch im Nutzen.
-
-
-Walpod
-
-Walpod, ein wohlhabender Bürger in Mainz, sah mit Zorn, wie die Großen
-und Grafen das Reich in Unfrieden hielten, und wie die Hände der Ritter
-zum Raub lose waren; denn der staufische Traum war geträumt, und keine
-Kaisermacht hielt das Unrecht in Schranken.
-
-Er rief die Bürgerschaft auf, selber ihr Recht in die Macht zu stellen;
-so schwuren sich Mainz und Worms den Bund, dem Oppenheim beitrat, Raub
-und unrechten Zöllen zu wehren.
-
-Als der von Bolanden den Städten hohnlachte, sandten sie einen
-Hauptmann nach Ingelheim, den Räuber in seiner Burg zu fangen.
-
-Die Grafen ritten zuhauf, ihm zu helfen; aber der Bischof von Mainz
-trat der Bürgerschaft bei: wie starkes Gewölk kamen die Heerhaufen der
-Städte von Norden und Süden über den blinkenden Hochmut der Grafen
-gezogen.
-
-Von Basel bis Köln stand die rheinische Bürgerschaft auf, den siebenten
-Heerschild zu stärken: da mußte der Hochmut der Herren und Ritter den
-Bürgern in Mainz den Landfrieden schwören.
-
-So stark wurde die Hand der Städte, daß sie die Fürsten und Bischöfe
-zwangen von Basel bis Köln, dem rheinischen Bund beizutreten: sein
-Banner und Schild stand auf den Straßen des Stromes hinauf und
-hinunter, Raub und unrechten Zöllen die Schärfe des Schwertes zu zeigen.
-
-So stellten die rheinischen Städte Gewalt gegen Gewalt; so gab der
-Bürger Walpod von Mainz den Zünften und Gilden das Faustrecht, dem
-Faustrecht der Ritter und Grafen zu wehren.
-
-So war dem siebenten Heerschild der Schatten geschwollen; er fiel in
-den fröhlichen Raub und die Händel der Ritter, als ob die Bürgerschaft
-selber die Kaisermacht wäre.
-
-
-Die Hansa
-
-Seit Heinrich dem Löwen war Lübeck die Fürstin der nordischen Länder;
-durch Friedrich den Sizilianer zur freien Reichsstadt erhoben, ließ sie
-den zweiköpfigen Adler über der kalten Meerküste flattern.
-
-Lübisches Recht galt in den Städten der Ostsee, lübische Gilden hatten
-bis Bergen hinauf die stolzen Kaufhallen gebaut.
-
-Lübeck, Wisby und Riga schlossen zuerst den Bund des gemeinen Kaufmanns
-gegen den dänischen König und wußten ihr Recht mit dem Schwert trotz
-Kaiser und Fürsten zu wahren.
-
-Hansa, das ist Schar, hießen sie ihre Gemeinschaft, und so glückte
-dem lübischen Rat die Geltung der Schar, daß die Gesandten der Könige
-kamen, mit ihm zu verhandeln.
-
-Aber danach war Waldemar König der Dänen, den sie Atterdag nannten; er
-trat dem hansischen Hochmut die Haustür ein: Wisby auf Gotland ging der
-Hansa verloren, die hansische Flotte wurde bei Helsingborg bitter zur
-Demut genötigt.
-
-Fünf Jahre lang lag der hansische Hochmut darnieder, bis Winrich von
-Kniprode ihn wieder weckte: mit kluger Verhandlung und zündender Rede
-brachte der starke Deutschordensmeister die Städte der Ostsee noch
-einmal zusammen, das preußische Schwert an die Geltung der Hansa zu
-wagen.
-
-So kam über Nacht die hansische Tagfahrt in Köln zustande:
-siebenundsiebzig Städte beschworen der Hansa den Bund; so übergroß
-wuchs die Macht der Kontore, daß Waldemar den Kampf nicht mehr wagte.
-
-Im Frieden zu Stralsund wurde den Dänen die hansische Rechnung gemacht;
-die Kaufleute zwangen den König, mit gutem Silber zu zahlen, und waren
-hochmütig genug, nicht handeln zu lassen.
-
-Seit dem Tag von Stralsund wehte die hansische Flagge über den
-nordischen Meeren; sie kam herein in den Hafen, wie der Fürst ins
-Gefolge, wie der Mond in den Sternenplan steigt.
-
-Die hansischen Herren ließen dem Kaiser das Reich und den Fürsten
-die Ritter: sie blähten die Segel im Wind und hingen die Wimpel der
-Schiffahrt aus an den stolzen Rathäusern.
-
-Die Welt war weit und der Reichtum stand in hundert Höfen gestapelt:
-die Hansa brachte ihn ein von den kältesten Küsten; Wikingerlust im
-Bürgerkleid saß in den reichen Kontoren, die Sagen tollkühner Fahrten
-standen vergüldet im hansischen Glück.
-
-Dem Abenteuer der Staufer verbrannten im Süden die Flügel, das
-Abenteuer der Hansa trug Schnabel und Krallen des Reichsadlers noch
-manches Jahrhundert.
-
-
-Rudolf von Habsburg
-
-Als Richard der Reiche gestorben war, suchten die Kurfürsten lange,
-einen König der Deutschen zu finden; und als sie ausgesucht hatten
-unter den Fürsten und keinen fanden, wählten sie einen Grafen, Rudolf
-von Habsburg geheißen.
-
-Er hatte dem Sizilianer klug und beständig gedient und war mit
-vielerlei Fahrten nützlich ins Alter gekommen, als die Kurfürsten ihn
-auf den Königsthron setzten.
-
-Seine Macht war nicht groß, aber er hatte sein Gut beharrlich vermehrt
-und galt als Feldhauptmann viel; Friedrich von Zollern, der geschäftige
-Burggraf von Nürnberg, trug ihm die Gunst derer zu, die gleich ihm ein
-Königslehen besaßen.
-
-Als sie ihn krönten zu Aachen in altertümlicher Weise, ritten die
-Grafen und Ritter in fröhlichen Scharen zum Fest, im Kaisersaal prahlte
-das Glück ihrer Stunde.
-
-Sie dachten gegen die Fürsten ein neues Brett zu gewinnen, aber
-der Habsburger hatte gelernt, sich selber zu dienen; wie er als
-schwäbischer Graf mählich zu dem Seinen gekommen war, saß er als König
-im Sattel.
-
-Mancherlei Mächte hielten dem Reich das Streitroß geschirrt; er mußte
-mit kluger Beständigkeit warten und mit der Krone Feldhauptmann bleiben.
-
-Er mußte dem Papst in Demut geloben, dem staufischen Kaisertraum zu
-entsagen; er mußte den Städten den Landfrieden schwören und mußte den
-Fürsten das Schwert ihrer Händelsucht lassen.
-
-Als er dem trotzigen König von Böhmen sein deutsches Königsrecht wies,
-blieben die Großen und Grafen daheim, und wenig Ritter zogen mit ihm,
-die Schlacht auf dem Marchfeld zu schlagen.
-
-Der Habsburger aber gewann die Schlacht mit dem Zollern, und der stolze
-König von Böhmen lag tot auf dem Marchfeld: der Feldhauptmann war Herr
-in der Ostmark und säumte nicht, seine Söhne reich zu belehnen.
-
-So war er selber ein Großer an Hausmacht geworden; aber sie zu
-behalten, mußte der Habsburger Feldhauptmann bleiben: das Feldlager war
-seine Burg und der Krieg mit den Kleinen sein tägliches Handwerk.
-
-Um seine hagere Gestalt war kein Glanz, und die Krone saß schlecht auf
-dem Graukopf: die Kaiserpracht blieb mit den Staufern verschwunden,
-kein römisches Reich spannte fortan den Bogen der Macht über die Völker.
-
-Aber die Bürgerschaft hatte das Schwert ihrer Ordnung, und das Volk
-war dem Habsburger günstig gesinnt, der die Raubritter aufhing und in
-schnurrigen Späßen als derber Spaßvogel umging.
-
-
-Die Eidgenossen
-
-Als Rudolf von Habsburg noch schwäbischer Graf war, hielt er zu Altdorf
-Gericht im Namen des Kaisers; denn die Waldstätten hatten den Brief des
-Sizilianers, der ihnen die Reichsfreiheit beschwor.
-
-Rudolf von Habsburg war stark und gerecht, aber Albrecht, sein
-einäugiger Sohn ritt stolz in den Tag; er dämpfte den Hochmut der
-rheinischen Kurfürsten und lachte der trotzigen Bauern.
-
-Er setzte den Waldstätten Ritter als Vögte; der Landammann durfte der
-freien Gemeinde nicht mehr im Namen des Königs Recht sprechen.
-
-Aber die Waldstätten schwuren den Bund auf dem Rütli: Werner
-Stauffacher aus Steinen bei Schwyz, Walter Fürst aus Uri und Arnold von
-Melchtal in Unterwalden kamen zur Nacht auf die heimliche Wiese und
-schwuren im frühen Tag, keine Burg und keinen Vogt in ihrer Freiheit zu
-dulden.
-
-Am Neujahrstag brachen die Berge ins Tal; mit Streitaxt und
-Morgenstern kamen die Bauern hinab in die Täler, die Burgen zu
-brechen: da wurden die Waldstätten frei von der habsburgischen Plage.
-
-Sie schwuren noch einmal den Bund und nannten sich Eidgenossen; sie
-priesen den tapferen Schützen, der dem bösen Landvogt zu Küßnacht den
-Pfeil in das Herz schoß, und die Gewässer rauschten die Sagen vom
-wackeren Tell.
-
-Aber zum Mai kam Albrecht der König geritten; das Gerücht seiner
-drohenden Rache ging in den Waldstätten um, als Johann von Schwaben,
-der Neffe, den harten Habsburger erschlug.
-
-Da blies das Hifthorn der Habsburg den blutigen Mai, aber die
-Waldstätten grüßten das Frühjahr mit Freuden, denn nun war Heinrich von
-Luxemburg König, den Habsburger Hochmut zu dämpfen.
-
-Sieben Jahre lang ging die Freiheit ins Land, bis Heinrich von
-Luxemburg starb, bis Leopold, der Herzog von Österreich, mit
-gepanzerten Rittern kam, die Eidgenossen in seine Hausmacht zu zwingen.
-
-Aber die Waldstätten hatten die Wachen sorglich gestellt; als die
-gepanzerten Ritter gen Morgarten kamen, über den Ägerisee ins
-Schwyzerland einzubrechen, hatten die Bauern dem Habsburger Wolf die
-Falle bereitet.
-
-Felsblöcke brachen ins Tal und schlugen blutige Quellen, der Morgarten
-wurde ein rauchender Anger, der See ein rauschendes Grab für den
-Hochmut der eisernen Ritter.
-
-Zehnmal sieben Jahre gingen der Freiheit ins Land, und Wenzel war
-König, als wieder ein Leopold kam, die Eidgenossen zu zwingen; aber nun
-war die Bauernschaft mächtig und die Städte standen ihr zu.
-
-Bei Sempach ritten die Österreicher an, Luzern zu berennen, und
-das Streitfeld war frei, die Hengste zu tummeln; das Fußvolk der
-Waldstätten hatte nach Urväterbrauch den Keil aufgestellt.
-
-Die Ritter stiegen vom Roß, der drohenden Spitze des Keils mit ihren
-Panzern zu wehren: eine Mauer von Eisen stand vor den Bauern, mit
-Speeren gespickt, da mußte die Spitze stumpf werden.
-
-Arnold von Winkelried aber machte sie scharf: gleich einer Garbe band
-er die Spieße in seinen sterbenden Leib und brach eine Gasse, darin
-sich der Keil gewaltig einbohrte.
-
-Da hatten die Streitäxte Arbeit, die eisernen Bäume zu fällen; der Tag
-war heiß, und von den Streichen der Bauern getroffen, erstickten die
-Ritter in ihren Eisengehäusen.
-
-Leopold selber, der Herzog, sank in den Haufen, die fliehenden
-Lanzenknechte mähte der Morgenstern hin: so mußte der Wolf dem Stier
-den Weidgang lassen.
-
-
-Die deutschen Ordensritter
-
-In Zank und Schimpf ging das Grab und das Heilige Land den
-Ordensrittern verloren; aber der Hochmeister Hermann von Salza brachte
-ihr Schwert über die heidnischen Preußen, da mähten die Ritter dem
-schwarzen Kreuz ihrer Weißmäntel eine fröhliche Ernte.
-
-Indessen die Kurfürsten in Aachen Rudolf von Habsburg die Krone
-aufsetzten, bauten sie schon ihre feste Burg an der Nogat; als König
-Albrecht, sein Sohn, durch Mörderhand fiel, war ihre Zwingherrschaft so
-sicher gegründet, daß der Hochmeister selber ins preußische Land kam,
-in der Burg an der Nogat zu wohnen.
-
-So wurde die Burg ein gewaltiges Schloß, Marien zu Ehren genannt, die
-Gralsburg der schwarzweißen Ritter.
-
-Denn nun war der Hochmeister Reichsfürst geworden wie keiner: nicht
-Bischofs- noch Bürgergewalt galten im Preußenland, die Weißmäntel
-ritten den Zügel der Zucht, und wie sie Gehorsam gelobten, verlangten
-sie ihn.
-
-Sie waren die eiserne Hand, der Hansa im Osten die Waage zu halten;
-Kurland, Livland und Estland, die reiche Küste der Ostsee, zwangen sie
-ein in den Ring ihrer Herrschaft und hielten den Ring in hartnäckigen
-Kriegen.
-
-Denn herrschen und kämpfen war ihre Lust, weil es ihr Dienst und das
-Gelübde der Ordenspflicht war, über die Heiden das Kreuz und das
-Schwert zu bringen.
-
-Als Winrich von Kniprode Hochmeister war, der gewalttätige listige
-Mann, stand ihre Schwertbrüderschaft höher in Geltung als sonst im
-Reich eine Macht; als er der Hansa den Frieden von Stralsund erzwang
-gegen den Atterdag, wehte die schwarzweiße Fahne stolz auf der Burg an
-der Nogat.
-
-Da wurden die Säle der festen Marienburg weit, da hielten die Säulen
-dem Remter der schwarzweißen Ritter die Decke kunstreich gespannt, da
-waren die Höfe und Hallen geschmückt mit dem Reichtum des preußischen
-Landes wie das maurische Königsschloß der Alhambra.
-
-Aber schon wehte der polnische Wind Sandwellen in ihre Gärten; der
-Eidechsenbund der Preußen weckte den Haß und den Widerstand gegen die
-Willkür der landfremden Ritter; und als der Tag von Tannenberg kam,
-wurde das schwarzweiße Banner rot im Blut der verlorenen Schlacht.
-
-Wohl konnte Heinrich von Plauen die Burg an der Nogat noch einmal mit
-Tapferkeit halten; aber das Glück der schwarzweißen Ritter hatte die
-Zucht welk gemacht für das Unglück: im blutigen Remter der Marienburg
-hielten die polnischen Sieger das Nachtmahl.
-
-
-Die Feme
-
-Saxnot war tot, und die freie Gemeinde lag unter dem Rasen, darüber die
-Rosse der Ritter im Übermut gingen; aber die einsamen Höfe der Roten
-Erde hielten das Herdfeuer wach, und die Wissenden waren beständig.
-
-Die Gewalt hob das Schwert und das Gold in den prahlenden Tag, nur das
-Recht war stärker als Gold und Gewalt; wie der ewige Himmel hinter
-den rastlosen Wolken stand seine Herkunft hinter dem Tag und der
-schweigenden Nacht.
-
-Draußen im Feld unter Bäumen war der steinerne Freistuhl gestellt; da
-hielt der Freigraf Gericht, ihm war der Blutbann des Königs gegeben,
-und die Freischöffen saßen ihm bei im uralten Femrecht der freien
-Gemeinde.
-
-Da stand die Klage gelöst aus den bunten Kleidern der Welt, da war der
-Ritter ein Schelm, und der Bauer hob seine Hand über ihn, wenn seine
-Sache gerecht stand; denn jeder war frei im Gericht, wie er dem Recht
-untertan war.
-
-Da wurde der Faden der Schuld abgewickelt Mann gegen Mann; und wie der
-Mann vor den Schöffen dastand, so war sein Schicksal verwirkt.
-
-Denn nicht um die kleinen Dinge hatte die Feme den steinernen Stuhl
-aufgestellt, Tod und Leben sahen sich hart ins Gesicht, und der Strick
-war die Buße der Feme.
-
-Wer die Ladung an seiner Tür fand, dem half nicht Gold und Gewalt; sein
-Dasein war fürder versiegelt, bis ihm die Feme das Siegel ablöste.
-
-Der Freispruch der Feme löste das Siegel, oder der Strang schnürte es
-zu; dann lag ein Dolch bei dem Leichnam: Strick, Stein, Gras, Grein
-stand als Zeichen geschrieben, daß hier ein Femspruch vollstreckt war.
-
-Um die Wissenden aber hatte der Eid das Geheimnis gelegt: die heilige
-Feme halten zu helfen und zu verhehlen vor Weib und Kind, vor Vater und
-Mutter, vor Feuer und Wind, vor allem, was die Sonne bescheint und der
-Regen benetzt.
-
-Die Welt war des Unrechts voll, und die Gewalt ritt über die Straßen:
-aber ein Arm griff aus der schweigenden Erde, den Frevler zu packen.
-
-Der Griff war hart und schnürte die Kehle zu, aber er kam aus dem
-Recht, und das Recht war im heiligen Boden der Herkunft lebendig wie
-das Korn in der Scholle.
-
-Saxnot war tot, und die freie Gemeinde lag unter dem Rasen, darüber die
-Rosse der Ritter im Übermut gingen; die einsamen Höfe der Roten Erde
-hielten das Herdfeuer wach, und die Wissenden waren beständig.
-
-
-Der gemeine Mann
-
-Die Zunftehrbarkeit hielt dem Handwerk den Zirkel geschlossen, aber die
-Zunftstuben wurden im Streit um die Macht die Brutnester der Empörung.
-
-Denn die Macht in der Bürgerschaft war der Rat der reichen
-Geschlechter; sie waren die stolzen Ritter der Stadt, und wie der
-Burgherr den Bauer in Hörigkeit brachte, so hielten die reichen
-Geschlechter die Zünfte im Zwang ihrer Steuerbedrückung.
-
-Aber als die Städte groß wurden und die Zünfte viel Volk waren, wollten
-sie selber im Rat sein und in der Bürgerschaft gelten.
-
-Hitzige Meister und scharfe Gesellen hängten die Fahnen der neuen Zeit
-aus; die Selbstherrlichkeit der Geschlechter wurde bestritten, aus den
-Zunftstuben trat der gemeine Mann auf die Straße.
-
-Er kannte das feine Waffenspiel nicht, er hatte nur seine Fäuste; aber
-die Fäuste waren in täglicher Arbeit gehärtet, und die Fäuste waren die
-Masse.
-
-Rösselmann hieß der Schultheiß in Colmar, der die Ratsherrlichkeit
-der Geschlechter zuerst durch die Stadttore jagte und den Zünften das
-Regiment gab.
-
-Den Rat wieder zu bringen, kam der König selber vor Colmar geritten;
-aber er mußte die Stadt mühsam berennen, ehe das Schwert seiner Ritter
-und Knechte der trotzigen Bürgerschaft Herr war.
-
-Dem Schultheißen schlug der Henker das Haupt ab; aber der Hände blieben
-zuviel in den Zünften, sie alle zu stäupen.
-
-In Worms und Köln, in Ulm und Speyer, in Münster und Lübeck blieben
-die Zunftstuben die Brutnester der Empörung; und eher ruhte die
-Bürgerschaft nicht im Streit um die Macht, bis die Zünfte im Rat waren.
-
-Es wurde viel Gut vertan, und viel Blut floß in dem Streit; über der
-Bürgerschaft hingen die blitzenden Wolken von einem Gewitter ins neue;
-die Sonne der Zeit schien grell auf die Städte, und die Blumen des
-Wohlstandes wuchsen darin üppig und wunderlich hoch: der gemeine Mann
-in den Zünften wollte davon seinen Teil haben.
-
-
-Die braunen Brüder
-
-Als die Zünfte den Streit um die Macht anfingen, waren die Mönche des
-heiligen Franz nach Deutschland gekommen, eine Heuschreckenplage den
-geistlichen Großen, die Seele des Volkes zu fressen.
-
-Die Predigt von Cluny war kleinlaut geworden, der Reichtum der Kirche
-hatte die Lehre der Einfalt und Strenge getrost überstanden; er gab dem
-Adel treffliche Pfründen und den Bürgern die rauschende Flucht seiner
-Feste.
-
-Nun kamen die braunen Kutten des heiligen Franz, gegürtet mit einem
-Strick, barfuß und bettelnd, und brachten die fröhliche Botschaft der
-Armut.
-
-Das Himmelreich war in der prahlenden Welt ein verborgener Garten: die
-aus den Sälen und Söllern des Wohlstandes kamen, fanden die Tür nicht,
-wohl aber die in den Kleidern der Armut einfältig gingen; denn eher
-ging ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher ins Himmelreich
-kam.
-
-Jesus von Nazareth ging wieder um auf den Märkten und Gassen, lächelnd
-zu lehren und liebend zu helfen denen, die mühselig und beladen waren:
-aber den Händlern im Tempel warf er zornig den Wechseltisch um.
-
-Der Bischof prahlte auf seiner Burg, die Kaufleute brachten ihm Pelze
-und köstlichen Wein, sie nahmen Zins von den Zünften und taten groß vor
-dem Volk: nun kamen die braunen Kutten und klagten den Reichtum an.
-
-Sie waren selbst eine Zunft und die allergeringste, sie hielten dem
-Wohlstand der Städte den Bettelsack hin, sie sprachen die Worte der
-Straße und trugen die tägliche Not: so war die christliche Lehre zum
-andernmal wiedergeboren, aber nun klopfte sie sacht an die Tür der
-irdischen Wohnung.
-
-Die Kirche hatte den Kreuzzug gepredigt und war mit blinkenden Rittern
-im Morgenland kläglich mißraten; die Barfüßer brachten das Wort in den
-Alltag des Abendlands, das Wort und die Tat ihres demütigen Lebens.
-
-
-Albertus Magnus
-
-Aber die Kirche hatte der braunen Einfalt die weiße Klugheit gesellt;
-indessen die Barfüßer den Bettelsack hielten, lehrten die Dominikaner
-das Kirchengeheimnis der göttlichen Dreiheit.
-
-Die weißen Brüder hatten kein Eigentum, wie die braunen, und mußten
-sich von den Abfällen des städtischen Wohlstands nähren; aber sie
-gingen nicht auf die Straße und hielten zu den Geschlechtern.
-
-Denn ihr Teil war die Lehre und Wissenschaft von den Dingen, darin
-der Kirchenglaube als Schatzhalter stand; sie brauchten die Stille
-gesicherter Stuben, und nur der Kampf gegen die Ketzer rief sie ans
-Licht.
-
-Sonst saßen sie über den Schriften und suchten mit Eifer und Scharfsinn
-den Glaubensgrund ab; sie hielten dem zweifelnden Geist das Rüstzeug
-der Kirche blank und lehrten die geistlichen Schüler, das Rüstzeug zu
-gebrauchen.
-
-Sie hießen ihn Albert den Großen, obwohl er kein Fürst oder Bischof,
-nur ein Lehrer und Mönch war: Albert von Bollstädt, von Herkunft
-ein schwäbischer Grafensohn, der bei den Dominikanern in Köln die
-Wissenschaft lehrte.
-
-Juden und Araber hatten dem Meister das Wunder der Wirklichkeit
-aufgeschlossen: er kannte den Lauf der Gestirne und die magischen
-Kräfte des Mondes.
-
-Er wußte das tote Geheimnis der Steine zu wecken und sah den Kreislauf
-der Säfte in allem lebendigen Dasein, er konnte die Kraft der Natur mit
-mancherlei Künsten ans Tageslicht locken.
-
-So viel und bunt spielte die Macht seines Geistes die Wunder der
-Wirklichkeit vor, daß er ein Zauberer hieß; und als er ein schlohweißer
-Greis war, woben die seltsamen Sagen ihm selber ein Wunderkleid: der
-Teufel, so hieß es, habe die feinsten Fäden gesponnen.
-
-Aber die Königin Jungfrau des Himmels hielt ihre huldreiche Hand
-über ihm, denn der Zauberer hatte der Kirche das künstliche Rüstzeug
-gefunden: aus dem Altertum stieg Aristoteles auf, der Priesterstaat zog
-in die Wohnung der griechischen Weltweisheit ein.
-
-Der Geist der Scholastik fing an, die heidnischen Räume wohnbar zu
-machen für die kirchliche Selbstherrlichkeit: Albertus Magnus hatte
-den Einzug geleitet; der dem Volk ein Zauberer schien, war der Kirche
-sicher genug, ihn heilig zu sprechen.
-
-
-Die fahrenden Schüler
-
-Wo eine Schule stand, liefen die Schüler zu, und wo eine Schule berühmt
-war, kamen sie viel; als Albert der Große in Köln lehrte, konnte die
-Stadt die Scharen der Scholaren kaum fassen.
-
-Eine Burse hießen die Schüler das Haus, wo sie Unterkunft fanden;
-hunderte summten da ein und aus, und die mönchische Ordnung konnte die
-Zucht nicht mehr halten.
-
-Sie waren weither gewandert und brachten in Kleidern und Sitten den
-Straßenstaub mit; unterschlüpfend in Klöstern und Pfarrhöfen, bettelnd
-bei Bürgern und Bauern tauchten sie ein in den unreinen Strom der
-fahrenden Leute.
-
-Auch fanden viele das Ufer nicht mehr: ohne Hoffnung, je eine Pfründe
-zu finden, der Ordnung entwöhnt, dem Wein und der Straßenliebe
-verfallen, zogen die lärmenden Scharen durchs Land und suchten die
-Stadt heim, wenn der Winter die Wege verschneite.
-
-Goliarden hießen sie dann und waren die Füchse der fahrenden Leute; wo
-der Bettel versagte und der Diebstahl gefährlich war, half ihre List,
-Speise und Trank zu gewinnen.
-
-Sie hatten alle einmal die Messe bedient, das Mirakel war ihnen
-geläufig; sie wußten die Wundersucht höhnisch zu stillen und hielten
-sich selber zum Spott das Beispiel der Kirche vor Augen.
-
-Sie waren die Schnapphähne des Zweifels und wußten den Unglauben am
-Bratspieß zu wenden; sie sangen dem fahrenden Volk lateinische Lieder,
-aber das Faß stand unter den Füßen Mariens, die himmlische Liebe
-verlief sich in irdische Löcher.
-
-Der Kirche gefiel ihre freche Art nicht, sie kehrte mit scharfem Besen
-die Bursen und machte den fahrenden Schülern die Türen der Klöster
-und Pfarrhöfe zu: aber die Straßen waren zu weit, und zuviel Scheunen
-standen daran.
-
-Sie blieben die Füchse des fahrenden Volkes und mischten ihr schwarzes
-Kleid in die scheckigen Lumpengewänder; sie hingen der geistlichen
-Würde den Straßenlehm an und waren dem Kirchenbetrieb ihrer Tage ein
-frech und verwegenes Schalkspiel.
-
-
-Das Volkslied
-
-Unter der Linde war Tanz, und die fahrenden Schüler krähten ihr
-schnödes Latein; aber der mit der Fiedel wußte den Burschen und Mädchen
-andere Lieder zu singen.
-
-Die Jungfrau Maria kam nicht darin vor, auch nicht die zierlichen
-Seufzer der Minne: ein Spaßvogel sang in gewürzten Reimen, wie er die
-Mädchen am Rhein, in Sachsen, in Schwaben und Bayern zur Liebe geneigt
-fand.
-
-Das Lied war frech, und die Worte mußten den Tönen mitlaufen, aber
-die Täglichkeit lockte darin, und alle sangen den Reim, so sprang die
-Fiedel ins Blut.
-
-Der Spielmann wußte noch andere Reime: von einem Geizhals, der sich
-mit Geld ein leckeres Weibchen einfangen wollte, von einem Knaben, den
-seine Buhlin betrog, von einer Spröden, die nie ihr Vergißmeinnicht
-fand.
-
-Aber die kannten sie schon unter der Linde, Burschen und Mädchen sangen
-die Reime, wenn sie am Abend in Reihen verschränkt die Straßen des
-Dorfes abgingen; denn die Lieder der Fahrenden waren Feldblumen, die
-überall hingestreut überall Wurzeln schlugen.
-
-Feldblumen und Blumen aus Urväterherkunft in Gärten gepflegt; denn
-immer noch blühte die Zeit, die vor dieser war, und die Seele des
-Volkes war heimlich getreu ihr Gärtner.
-
-Dietrich und Hildebrand ritten die klirrenden Fahrten, und Siegfried
-sank in sein Blut, Schwanhild die schöne und Randwer der feine büßten
-die Liebe, Brunhild und Kriemhild kühlten die Rache.
-
-Die fahrenden Spielleute kannten die alten Sagen und wußten die neuen,
-sie hielten die Reime und Töne lebendig, sie flochten die Rosen des
-Tages ein in den Kranz, der im Herzen des Volkes immergrün war.
-
-So wurde aus alten und neuen Gesängen das Volkslied, von Burschen und
-Mädchen gesungen, wenn sie am Abend in Reihen verschränkt die Straßen
-des Dorfes abgingen.
-
-Was der Seele des Volkes Gutes und Böses geschah, was in den Brunnen
-des Mitleids hinein fiel und was auf den rosigen Wolken der Mitfreude
-schwamm, hoben die zärtlichen Hände des Liedes ins ewige Dasein.
-
-
-Die Meistersinger
-
-Aber die Straße wurde dem fahrenden Volk nur gestattet, Kaufleute kamen
-mit Wagen und reisigen Knechten, Ritter zogen zu Hof, und Fürsten zur
-Jagd mit lautem Gefolge.
-
-Auch saßen zur Herberge abends die Zunftgesellen da, die auf der
-Wanderschaft waren, mit feierlich stolzen Gesichtern; sie hielten sich
-fern von dem fahrenden Volk und hatten die eigenen Lieder.
-
-Die Singschulen der Zünfte lehrten die Ehrbarkeit loben; und wie die
-Höfe den Minnesang, so pflegten die Meister das Preislied des ehrsamen
-Handwerks.
-
-Denn die Zucht war das Schrittmaß der Zunft, wie das Springseil der
-fahrenden Leute die Lust war.
-
-Sie hielt dem edlen Gesang peinlich das Tönegericht, sie lehrte die
-Worte im Reim künstlich verschlingen, sie stimmte die Laute, daß sie
-bescheiden im Mittelmaß blieb, und hieß das Gefühl in der Ehrbarkeit
-bleiben.
-
-Gesellen- und Meisterstück gab sie zu singen, und über der Zunftlade
-standen die Regeln geschrieben, mit denen Frau Musika Hausordnung hielt.
-
-So war die Singkunst im Rahmen rühmlicher Künste zünftig geehrt und im
-Richtspruch der Meister peinlich geordnet.
-
-Aber das Lied stieg in den Tag wie die Lerche, es lachte der lehrsamen
-Meister und lachte der täglichen Tugend.
-
-Mit feierlich stolzen Gesichtern sangen die Zunftgesellen der Herberge
-ihren Preisgesang vor, indessen die Burschen und Mädchen in Reihen
-verschränkt singend den Abend abgingen und in den Büschen der fahrenden
-Leute die Nachtigall lockte.
-
-
-Der Schwank
-
-Das Lied stieg in den Tag wie die Lerche, aber der Schwank saß mit den
-fahrenden Leuten in rauchigen Schenken, wenn irgendwo reiche Rast war.
-
-Er sah das umzirkelte Dasein der sorgsamen Bürger und sah die Plage
-der Bauern, wie sie seitab von der Straßenfreiheit der fahrenden Leute
-dasaßen, gesichert vor Unbill.
-
-Wetter und Wind zauste sie nicht in den Stuben, sie schliefen in Betten
-und waren geschützt vor den Hunden: aber sie sahen den Himmel nur durch
-die Fenster und kannten die Lust nicht, wie das wilde Getier, frei von
-Sorgen und Sachen, auf ihren Läufen zu sein.
-
-Solcher Ehrbarkeit tat der Spott fahrender Leute ein Narrenkleid an:
-Schilda hieß er die Stadt seiner Schwänke, wo sie mit ihren Ratsherrn
-und Zünften selbstgerecht saßen und allem natürlichen Wesen entfremdet
-ihr Winkelgewerk hatten:
-
-Die Schildbürger wollten ein Rathaus bauen und hatten die Fenster
-vergessen; daß der finstere Raum hell sei, schleppten sie Licht in
-Säcken herbei.
-
-Die Schildbürger wollten das Gras auf der Stadtmauer abweiden lassen
-und legten der Kuh den Strick um den Hals; als dem gehängten Tier die
-Zunge heraus hing, brümmelten sie, daß es den Grasgeruch schmecke.
-
-Die Schildbürger säten Salz auf den Acker, und als die Brennesseln
-aufgingen, spürten sie an den gebrannten Händen, wie stark das reifende
-Salz ihrer Saat sei!
-
-So zog der Schwank der fahrenden Leute dem Bürger das Narrenkleid an;
-einer aber von ihnen ging aus, die Beschränktheit mit allerlei Possen
-frech zu verhöhnen.
-
-Eulenspiegel war er geheißen, wo ein Schabernack spielte, hielt er
-die Pritsche, und wo er lachte, lachte das Volk mit; denn wo sein
-Schabernack saß, hatten ihm Dummheit und Bosheit der Bürger selber die
-Tür aufgetan:
-
-Wenn er den Wirt mit dem Klang seines Geldes bezahlte oder als
-Schneidergesell die Ärmel wortwörtlich an den Rock werfen wollte, wenn
-er in Erfurt den Esel zu lehren versprach oder in Nürnberg die Kranken
-gesund machte: hatten die also Gefoppten sich selber zum Spott den
-Schaden verdient.
-
-Es war die lustige Rache der fahrenden Leute an ihrem Todfeind, dem
-Bürger, der sie und die Menschennatur mit seiner Ordnung beschränkte;
-aber ihr Schicksal wuchs über den Schwank und den Schabernack trotzig
-hinaus, als der Doktor Faust seine Himmel- und Höllenfahrt machte.
-
-Denn da brach der Trotz durch die Schranken; die Menschennatur mit Lohn
-und Strafe zu schrecken, hatte die Kirche Seligkeit und Verdammnis über
-die furchtbaren Seelen gebracht:
-
-Aber der fahrende Mann beugte sich nicht vor Himmel und Hölle, er
-wollte sein Erdenteil haben; den göttlichen Mächten zu trotzen, die
-seine Menschennatur für ihre Zwecke mißbrauchten, schloß er den Pakt
-mit dem Teufel.
-
-Da machte der Schwank die Tore des Schicksals breit auf, da trat der
-fahrende Mann hadernd vor Gott, daß er den Feigen und Furchtsamen
-hülfe, statt mit den Kühnen und Ketzern zu sein.
-
-
-Die Bauhütte
-
-So waren die Städte der Bürger gebaut: rund um das Weichbild der Stadt
-lief der Wehrgang auf starker Mauer, durch Zinnen gedeckt und an den
-Toren mit Türmen und steinernen Treppen gestaffelt.
-
-Spitzige Giebel standen der Gasse entlang, hüben und drüben, und
-grämliche Tore sperrten die Höfe; die steinerne Halle am Markt trug dem
-Rathaus die schmuckreichen Säle.
-
-Breit schwang sich der zackige First über die Giebel der Gassen, aber
-gleich einer Tanne ragte der Münsterturm über das Buschwerk der Dächer.
-
-Weit aus der Ferne grüßte das steinerne Wunder den nahenden Wanderer;
-sein blaues Gespinst wuchs in die Nähe hinein mit ragenden Massen und
-stand mit Pfeilern und Pforten, mit Nischen und Narben zuletzt als
-fleißiges Menschenwerk da. Stein war geschichtet auf Stein, Maßwerk auf
-Maßwerk gezirkelt, die zackige Schnur seltsamer Krabben war sorglich
-gemeißelt, Standbilder priesen den Steinmetz und seine kunstreichen
-Hände.
-
-Seitwärts im Schatten, unter der steinernen Brandung standen die Hütten
-der Bauleute geduckt; da pochten die Hämmer und klirrten die Eisen, da
-wurden auf breiten Brettern und Tischen die Risse gezirkelt, standfest
-und kühn den steinernen Wuchs zu planen.
-
-Denn nun war der Turm nicht mehr die ragende Last runder Gewölbe, wie
-eine Garbe wurden die Halme dünn und gebrechlich zur Stärke gebunden,
-Halme aus zierlich behauenen Steinen, die steinerne Blume des Kreuzes
-zu tragen.
-
-Die Bauleute waren Steinmetze geworden, und ihre Bruderschaft galt
-über den Zünften; die Bauhütte hütete Zirkel und Richtscheit als hohes
-Geheimnis.
-
-Strenge Gebräuche und seltsame Zeichen hielten der Steinmetzenkunst
-uralte Weisheit lebendig: aus dem Morgenland war sie gekommen, durch
-den blutigen Wechsel der Zeiten heimlich gehütet, aber das Abendland
-brauchte sie neu im Zeichen des Kreuzes.
-
-Im Zeichen des Kreuzes hielten die Hallen die Vierung, aber das Kreuz
-auf dem Turm war eine Blume geworden; himmlische Sucht und irdische
-Lust gaben einander die Hand im Geheimnis hoher Vollendung, das in der
-Bauhütte stolz und streng behütet war.
-
-
-Die Schilderzunft
-
-Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, sprach
-das Gebot; aber die Heiligen standen in Stein an den Pforten, und am
-Hochaltar hing, hölzern ans Kreuz geschnitzt, der Erlöser.
-
-Auch waren Gewölbe und Wände bemalt mit den Bildern der kirchlichen
-Gnade; die heiligen Gestalten gingen in farbig getönten Gewändern, und
-die tröstlichen Zeichen der Himmelsverheißung schmückten die Felder der
-Vierung.
-
-Tief aber glühten die Tafeln mit goldenen Gründen, darauf im Troß ihrer
-englischen Knaben die Himmelskönigin selber das bunte Farbenkleid trug.
-
-Sie hielt das Kind auf dem Schoß und war ihm die lächelnde Mutter, wie
-sie der sündigen Menschheit die huldreiche Fürsprecherin war.
-
-Ein Schild hießen sie solch eine Tafel, künstlich auf Goldgrund gemalt,
-und alle Schilder der Ritter waren in bunten Wappen gewirkt nicht so
-schön wie das Schild mit dem Bild der holdseligen Jungfrau.
-
-Die kölnischen Meister der Schilderzunft kannten zuerst das köstliche
-Wunder, einem Spiegelbild gleich die süße Erscheinung zu malen, mit
-sauberem Pinsel auf eine Tafel von Holz; aber der Augenstern stand
-leibhaftig darin und lächelnd der liebreiche Mund.
-
-Sie lockten das himmlische Wunder hinein in den staunenden Tag;
-Wirklichkeit wurde den Sinnen, was in den Worten der Priester und im
-Prunk ihrer Gesänge die gläubigen Herzen ahnend erfüllte.
-
-Kunstreiche Meister und ihre Gesellen hoben das Werk ihrer Hände hoch
-in den Ruhm; die Schilderzunft kam ins Glück, als sie dem Himmel die
-Farben und seinem ewigen Glanz einen Schimmer zu stehlen vermochte.
-
-
-Der Genter Altar
-
-Aber die Wirklichkeit wollte den Tag, und der ewige Sinn sank im
-Wechsel der Sinne.
-
-Die himmlische Ferne verschwand in der irdischen Nähe, und irdische
-Augen begannen sie warm und froh zu betrachten.
-
-Gott saß im Himmel und hörte die englischen Heerscharen singen, aber
-der Mensch ging im Menschengewand, die Erde blühte mit irdischen
-Blumen, und wo eine Stadt war, füllte das Tagwerk die Gassen.
-
-Ein Bürger zu Gent wollte der Kirche Sankt Bavo einen Schilderschrein
-stiften, und Hubert van Eyck kam aus Brügge, die Tafeln zu malen:
-
-Gott Vater thronte als König des Himmels in einsamer Stille, nur
-das Lamm bot sich der gläubigen Anbetung dar, darüber die Taube des
-Heiligen Geistes die ewige Glorie strahlte.
-
-So dachte Hubert van Eyck den Altar zu malen; er hatte die Tafeln mit
-sehnsüchtiger Andacht gestellt, da ließ ihm das Siechtum den Geist und
-die Hände ermatten.
-
-Jan aber, sein jüngerer Bruder und Helfer, malte den Bilderschrein
-fertig; er kannte das Werkstattgeheimnis, mit zarten Lasuren die Gründe
-leuchtend zu machen, daß sie in gläserner Helle und frischer Farbigkeit
-standen.
-
-Aber er liebte den Tag und die Wirklichkeit, und wo seinen Bruder die
-Sehnsucht der Ferne verzehrte, stand er getrost in der Nähe und sah das
-einzelne gern.
-
-Er malte die Wiesen mit blühenden Blumen und malte den Himmel im
-zärtlichen Blau, er malte die Falten im Felsgestein und malte das Laub
-an den Bäumen.
-
-Er malte den Reitern reiche Gewänder und ließ die Rosse stolzieren im
-Schmuck der Schabracken; er malte den singenden Engeln schwellende
-Lippen und gab dem Notenpult köstlichen Zierat.
-
-Er malte Gott Vater im Prunkgewand seines Weltkönigtums; und daß seinen
-Tafeln die Herkunft des Fleisches nicht fehle, stellte er Adam und Eva
-hinein in gänzlicher Nacktheit.
-
-Alles war naheste Wirklichkeit, mit fröhlichem Eifer betrachtet; alles
-war irdisches Glück, mit frohen Augen genossen; alles war sinnlicher
-Glanz, aus köstlichen Farben geflossen.
-
-So zog das himmlische Dasein in Gent ein weltliches Bürgerkleid an;
-so fand sich die Kunst in den Tag, als Jan van Eyck in Sankt Bavo den
-frommen Altar seines Bruders zum fröhlichen Bilderschrein machte.
-
-
-Der Spiegel der Wirklichkeit
-
-Was in Sankt Bavo zu Gent geschah, wurde Saat allerorten: überall
-waren Bürger aus Wohlstand in Reichtum geraten und wollten Gott und
-sich selber zu Ehren den Kirchenschmuck mehren; überall hatte die
-Schilderzunft fröhlich zu schaffen.
-
-Einen Altar zu stiften, wurde der Ehrgeiz des Bürgers, und seine Tafeln
-zu malen, das Meisterstück in der Zunft.
-
-Wohl gab die Kirche allein die Legende, aber die Bilderkraft sprang aus
-der Schau und dem fröhlichen Tun des täglichen Lebens: die heiligen
-Männer und Frauen des Morgenlands mußten die Kleider und Sitten des
-Abendlands tragen.
-
-So wurde die Herkunft der Christenlegende zum andernmal tapfer
-ins Deutsche versenkt: die Wälder und Wiesen der Heimat sahen die
-Jüngerschar schreiten, und die Burg des Herodes stand bei dem Münster
-der gotischen Stadt.
-
-Aber so wurde die Heilige Schrift auch der Spiegel, in bunten Bildern
-das Leben der Bürger zu fassen, so wurden die kostbaren Schreine der
-Kirchen die treuesten Hüter der eigenen Wirklichkeit.
-
-Da ritt der heilige Georg im blinkenden Panzer des Ritters, da wurde
-Lazarus wach auf dem Kirchhof der Kreuze, da stand das Bett der Maria
-behäbig an der getäfelten Wand, da war die Krippe im Stall nach
-heimischer Sitte aus Balken gefügt.
-
-Wohl wuchsen auch Palmen, und Löwen waren den Heiligen treu, aber sie
-blieben fremd und verscheucht, indessen das heimische Gewächs und
-Getier sich unbesorgt breitmachte.
-
-Bäuerlich fränkische Häuser, städtische Gassen und Stuben boten dem
-Bauer und Bürger den Vorwand des heiligen Lebens, unbekümmert und
-selbstgefällig ins Bilderdasein zu treten.
-
-Sie waren linkisch, dem kirchlichen Schauspiel zu dienen, die Glieder
-fanden nur selten die rechten Gebärden, und die Gesichter wurden der
-heiligen Handlung nicht froh: aber sie taten ihr Werk mit Eifer, und wo
-sie das Marterzeug brauchten, verstanden sie seinen Gebrauch.
-
-Nicht einer der Zunft hatte die fröhliche Meisterhand wieder, die den
-Altar von Sankt Bavo zum Spiegel irdischer Glückseligkeit machte; es
-war ein linkisch verstiegenes Dasein, grausam und vielmals verzerrt,
-und mehr eine Fratze als ein schönes Abbild der Welt.
-
-Aber es war in die blühende Pracht gläserner Farben gegossen, und seine
-bunte Vielfältigkeit stand stark und verzückt im Licht der gläubigen
-Einfalt.
-
-
-Der Altar von Isenheim
-
-Der Bilderschrein hatte den Bürger ins Schaubild gestellt,
-Alltäglichkeit war das Gewand der heiligen Handlung geworden, da hob
-sich im Zorn eine Zauberhand, dem Himmel das Seine zu geben.
-
-Matthias Grünewald hieß der mächtige Meister, Hofmaler des Bischofs von
-Mainz und ein Franke vom roten Main, der im Kloster zu Isenheim, droben
-im Elsaß, den Hochaltar malte.
-
-Dem heiligen Vater der Mönche und Schutzherrn der Tiere, Antonius
-sollte der Altar geweiht sein; aber der Meister wollte den Urgrund
-aufreißen und im Mirakel die Quellen der brünstigen Heiligkeit zeigen.
-
-Gott war in Schmerzen geboren und war gekreuzigt als Mensch, um aus der
-Nacht des irdischen Todes aufzuerstehen und strahlend zurück in den
-Himmel zu fahren.
-
-Da waren die Tafeln zu klein, zu kläglich die Kleider der Täglichkeit,
-da mußten die Brunnen der Tiefe aufbrechen mit feuriger Fülle, da mußte
-das ewige Sein den glasigen Schein der irdischen Dinge durchleuchten.
-
-Und so war die dreifache Tiefe des Altars gebaut: draußen die Tafeln
-von Golgatha, drinnen die Herrlichkeit Gottes, und erst, wenn die
-inneren Flügel aufgingen, kam der Heilige selber, dem der Altar gemalt
-war.
-
-Gramvolles Dunkel lag auf der Welt, nur Golgatha stand in beinerner
-Helle, als ob ein Blitz den Himmel durchbräche, den gekreuzigten Gott
-zu beleuchten.
-
-Aber kein göttlicher Dulder hing an dem Holz, ein gemarterter Mensch
-und ein blutrünstiger Leib der Verwesung.
-
-Ein Schrei ging aus von den Frauen und verzagte im Abgrund; nur
-Johannes der Täufer stand da mit dem Lamm, der sündigen Menschheit das
-göttliche Opfer zu weisen.
-
-Gewaltig war so der Deckel des Buches gebildet, der mitten wie
-Torflügel aufging, der schluchzenden Seele die Herrlichkeit Gottes und
-das Wunder seiner Geburt offenbarend:
-
-Vier Tafeln ragten wie eine im Morgenrot glühende Wand vor den Augen
-der gläubigen Christen; Orgelgewalt und Gesang der Mönche schwanden hin
-in der Fülle farbiger Stimmen, wie ein Menschenruf übers Meer klingt.
-
-Der Tempel der himmlischen Mutter stand in der Mitte, aus Licht und
-Farbe gebaut, und Lobgesang schwoll aus den englischen Räumen; die
-Jungfrau saß selig versunken davor mit dem Kind in der blühenden
-Landschaft, darüber Gott Vater im Himmel die Augen der Liebe aufmachte.
-
-Zur Linken wurde der Jungfrau das Wunder der Gnade verkündigt, zur
-Rechten fuhr hell aus dem Kerker des Grabes der Heiland: ein glühender
-Ball brach in die Sterne der Nacht, darin die Lichtgestalt des Erlösers
-von allen Feuern des Himmels beglänzt war.
-
-So übermächtig war der Glanz und das Glück der im Morgenrot glühenden
-Flächen, daß danach die Farbe nichts mehr vermochte: wenn sich die
-inneren Flügel auftaten, standen die Heiligen stumm als geschnitzte
-Figuren inmitten der grellen Erscheinung.
-
-Nur auf den inneren Flächen der letzten Torflügel hatte der Meister das
-Glück und das Grauen der Weltentsagung gemalt: wie das Getier der Wüste
-dem heiligen Antonius diente, und wie das Höllengezücht ihn versuchte.
-
-Erde und Hölle sprachen ihr Wort nach dem Himmel: die Erde lockte
-mit üppiger Landschaft; die Hölle schrie das grelle Getön ihrer
-scheußlichen Leiber; aber der Himmel stand hinter den Flügeln mit
-seinem ewigen Glück.
-
-So war der Altar des fränkischen Meisters gebaut, darin der himmlische
-Zorn den Alltag verscheuchte: die Tiefe der brünstigen Seele brach auf
-und war kein schönes Abbild der irdischen Glückhaftigkeit mehr, weil
-das ewige Wunder nicht mehr den eitlen Traum der Täglichkeit weckte.
-
-
-
-
-Das Buch der Freiheit
-
-
-Meister Eckhart
-
-Der aus Steinen den gotischen Wunderwald machte, ließ aus dem heiligen
-Hain der erschütterten Herzen eine neue Gläubigkeit blühen.
-
-Wie das Geflecht der Gurten und Rippen, das Laubwerk der Knäufe und
-Sockel die lateinische Messe mit gotischer Inbrunst umfing, so wuchs in
-der nordischen Seele der Gral der christlichen Sendung.
-
-Die Kirche hat ihn als Ketzer verdammt, den Meister Eckhart von
-Köln, der unter den Christen der naheste Jünger des Herrn, der
-Gotteskindschaft des Zimmermannssohns seligster Nachfolger war:
-
-Dominikaner und Prior des Predigerordens in Erfurt, Straßburg und
-Frankfurt; aber die Fackel im Maul seines Hundes war kein brennendes
-Feuer, nur leuchtendes Licht seiner in Gott weißglühenden Seele.
-
-Darum verdammte er nicht und hielt seine Kutte nicht keuscher als sonst
-ein irdisches Kleid; er tat dem Leben kein Büßerhemd an, ging in den
-Himmel zu allen Stunden und sprach in den Wahn der weltflüchtigen Zeit
-sein weisestes Wort, daß gute Menschen das Leben lieb hätten.
-
-«Nie würde ein Mensch, der Durst hat, so sehr zu trinken begehren, wenn
-nicht etwas von Gott darin wäre.
-
-Dasein und Jungsein ist eins in der Ewigkeit; denn sie wäre nicht ewig,
-wenn sie neu werden könnte.
-
-Was der Mensch liebt, das ist der Mensch: liebt er einen Stein, so ist
-er ein Stein; liebt er einen Menschen, so ist er ein Mensch; liebt er
-Gott -- nun zage ich, weiter zu sprechen, ihr könntet mich steinigen
-wollen!»
-
-So sprach der Meister Eckhart von Köln, lächelnd von Liebe und
-Weisheit, wie weiland der Herr, und hielt nicht ein, auch dies noch zu
-sagen, daß alle Liebe der Welt auf Eigenliebe gebaut sei: «Ließest du
-die, du hättest die Welt gelassen!»
-
-Und ging auf den Straßen und Märkten wie Jesus im jüdischen Land;
-denn da die Lehre zum andernmal Wort ward, zerbrach ihr Frühling den
-gläsernen Grund des lateinischen Winters, aufquellend im Brunnen der
-eigenen Sprache.
-
-Seine Predigt war deutsch und scheute sich vor der Alltäglichkeit nicht
-und hob aus dem Staub der Straße die Bilder des ewigen Lebens: «Sie
-fragen, was in der Hölle so brennt? Ich sage, das Nicht brennt in der
-Hölle, und sage ein Gleichnis:
-
-Nimm eine brennende Kohle zur Hand! sprächest du da, die Kohle brennt
-mich, du tätest ihr Unrecht; denn hätte die Hand die Feuernatur der
-brennenden Kohle in sich, sie schmerzte nicht: so ist es das Nicht
-deiner Hand, was sie brennt!
-
-Daß die Seelen von Gott geschieden sind durch ein Nicht der Natur, ist
-ihre Hölle; denn hätten sie göttliches Wesen in sich, was könnte sie
-brennen? Darum, wollt ihr vollkommen sein, so müßt ihr frei werden vom
-Nicht!»
-
-In der Klosterkirche zu Köln stand der Mann mit dem weißen Bart vor dem
-Ketzergericht der christlichen Kirche; der naheste Jünger des Herrn war
-verklagt, und der Hohepriester des neuen Bundes zerriß den Rock im Rat
-seiner Richter.
-
-Aber Gott nahm den Greis fort aus den Händen der Torheit und schenkte
-den Priestern die Schuld des zwiefachen Kreuzes. Er gönnte dem Meister
-der Demut, in Frieden zu sterben, und ließ der Gotteskindschaft des
-Zimmermannssohns seligsten Nachfolger eingehen ins ewige Licht.
-
-
-Suso
-
-Den sie als Bruder Seuß kannten von Schwaben bis nach Franken und
-dem die Gläubigen zuliefen wie vormals Johannes am Jordan, war eines
-Ritters Sohn aus Überlingen, der früh ins Kloster und als Jüngling nach
-Köln zum Meister Eckhart kam.
-
-Da lernte er das Glück der Abgeschiedenheit und übte es so brünstig,
-daß er wohl zwanzig Jahre in seiner Zelle zu Konstanz blieb mit
-selbstgewählten Bußen, obwohl dem Knaben der Seewind und die
-Frühlingsblumen des Wunders holdeste Erscheinung waren.
-
-Er tötete die Stunde, trank Lust aus Leid und lernte Gott lieben, bis
-ihm der Sinne Untergang der Wahrheit Aufgang wurde.
-
-Dann endlich zog der Bruder Seuß mit grauem Bart aus seiner Wabe hinaus
-ins Menschenland, den Honig der ewigen Weisheit den Wartenden zu
-bringen.
-
-So süß war seine Lehre und so beseligt sang sein Mund das Lob der
-ewigen Weisheit, wie nie die Stimme eines Predigers gesungen hatte.
-
-Die nicht den Sinn verstanden, fühlten doch den Klang, der wie der Sang
-der Knaben, wie die farbigen Fenster und wie der Duft der Veilchen im
-Frühjahr war.
-
-Darum hörten den Bruder Seuß die Frauen gern, hellhöriger als die
-Männer und dem Geheimnis der Brunnentiefe näher; sie liebten ihn schon,
-wenn seine Stimme gleich einer Nachtigall anschwoll im sursum corda der
-heiligen Messe.
-
-Dann raffte er die Kreatur um sich aus allen Elementen, die bunten
-Vögel und die sanften Rehe, die stummen Fische und die stillen Falter,
-auch das Gewürm der Erde, das Laub und Gras der Wälder und der Wiesen,
-den Gries im Meer und alle Tropfen, die der Tau den Wiesen frühmorgens
-funkeln ließ, das Gestäube im letzten verirrten Sonnenstrahl und alle
-Glut der Berge; und schwollen an im Chor von tausend Tönen und fielen
-ein mit ihm: Empor zu Gott!
-
-Er aber war nicht lässig in solcher Lust, er ließ die Stimme steigen
-gleich einem Strahl, ließ ihn zerstäuben und die Tropfen perlen, und
-jeder Tropfen sank in ein Herz; da wurden wach, die träge schliefen,
-und schraken auf, die in den Tönen die Bilder ihrer Wollust schmeckten,
-und traten in den Kreis der Kreatur und brachten ihren Tropfen dem
-Bruder Seuß, daß er ihn trüge: Empor zu Gott!
-
-Auch die Gerechten, die dasaßen mit ihrer säuerlichen Pflicht und
-zwischen Gott und Kreatur den Hochmut ihrer Werke hatten, sie fühlten
-seinen Tropfen rinnen und zerschäumen in ihrer kalten Brust; das Herz
-brach auf und schäumte sein rotes Blut und wurde leicht von seiner Last
-der harten Menschenheit, und wurde Lust der Kreatur und flog der Stimme
-zu, der Stimme und dem Strahl: Empor zu Gott!
-
-
-Der Gottesfreund
-
-Was Eckhart, der naheste Jünger des Herrn, in Straßburg und Köln von
-der Ewigkeit lehrte, war nicht vergangen, weil es im Brunnen der
-eigenen Sprache Quellwasser blieb statt dem Latein der Scholasten.
-
-Gottesfreunde hießen sie droben am Rhein die heimlichen Künder der
-Lehre; wie vormals die Jünger hielten sie abseits der Kirchengemeinde
-die frohe Botschaft lebendig, und wie die Jünger lebten sie zwischen
-Verfolgung und heimlicher Duldung ihr Dasein in Christo.
-
-Die Hoffnung des Himmels, die Furcht vor der Hölle gaben der Kirche
-die Zügel, aber stärker als Hoffnung und Furcht war das Gewissen; und
-lange schon stand es bereit, vor Gott und der Menschheit das Recht und
-die Pflicht des evangelischen Daseins zu fordern.
-
-Der aber ihr Meister war, kam und ging im Geheimnis: den großen
-Gottesfreund aus dem Oberland hießen sie ihn, Name und Herkunft blieben
-verborgen; kaum anders, als Jesus den Jüngern erschien, trat er hinein
-in den Kreis seiner Freunde als hohe und frohe Erscheinung.
-
-Als Tauler in Straßburg, der Dominikaner, um seiner Redekunst willen
-berühmt war, bat ihn der Gottesfreund einst um eine Predigt, wie sich
-die menschliche Seele am höchsten und nächsten zu Gott aufschwingen
-möge?
-
-Da wetzte der Meister sein Rüstzeug gelernter Scholastik und tat
-sich groß mit den Künsten der vierzigsten Beschauung und mit den
-vierundzwanzig Stücken, durch die der Geist erleuchtet würde vor Gott.
-
-Aber der Gottesfreund lächelte nur und nannte es pfäffische Künste,
-den Wein mit Hefe zu mischen; denn Jesus der Zimmermannssohn habe zur
-Einfalt der Jünger geredet und solche Künste der Schriftgelehrten
-verachtet.
-
-Darüber fiel der gelehrte Mönch in Trauer und Trübsinn und verlor alle
-Freude an seiner scholastischen Kunst, sodaß die Brüder sein Alter für
-schwachsinnig hielten und die Beichtkinder seiner lachten.
-
-Zwei Jahre lang blieb er verstört und forschte viel in der Schrift und
-suchte Gott in der Demut, da ihn sein Hochmut nicht fand.
-
-Als er dann wiederkam auf die Kanzel, ein tief geläutertes Gemüt,
-war er den Klugen völlig ein Spott, weil er kein Wort zu sprechen
-vermochte, nur bitterlich weinte.
-
-Da trat ihm zum andernmal heimlich der Gottesfreund bei: Das war die
-beste Predigt vor Gott und deine Berufung, sein Wort zu verkünden! weil
-du selber den Weg zur Demut fandest, sei getrost, ihn den andern zu
-weisen!
-
-So tat der Gottesfreund dem Dominikaner den Mund wieder auf; durch
-seine Lippen, nicht mehr lateinisch verkünstelt, floß fürder das Labsal
-des Wortes: Tauler, der evangelische Prediger stand auf der Kanzel zu
-Straßburg, der die Einfalt und Gnade gleich einem Becher den Dürstenden
-darbot.
-
-Der aber das Wunder vermochte, der Gottesfreund schwand in die Ferne,
-aus der er kam, denen, die seiner bedurften, weise und wahrhaft und
-stark zu erscheinen.
-
-
-Die gemeinsamen Brüder
-
-Er war weder Priester noch Mönch, Gerhart Groot von Deventer; er hatte
-studiert in Paris wie andere Jünglinge auch, Theologie und kanonisches
-Recht, selbst die magischen Künste, und dachte behaglich zu leben von
-seinen Pfründen als Kanonikus oder Magister.
-
-Da fand ihn das Wort von dem Einen, was not tut; er verbrannte die
-magischen Bücher, legte den silbernen Gürtel und das sarmatische
-Pelzwerk ab und ging in ein Kloster -- doch ohne Gelübde -- den Zweck
-seines Daseins zu finden aus dem Gewissen.
-
-Als er ihn fand in der Schrift, zog er hinaus wie vormals die Jünger,
-der reichgewöhnte in ärmlicher Kleidung, nur im geringsten bedürftig,
-und fing an zu lehren im plattdeutschen Wort seiner Heimat.
-
-So wurde der reiche Jüngling und stolze Magister ein dienender Mann der
-Einfalt; Priester und Laien hörten ihm zu und staunten der einfachen
-Rede und ihrer schlichten Gewalt, bis ihm der Bischof von Utrecht im
-Namen der Kirche zu lehren verbot.
-
-Er hätte Freunde gehabt bis nach Rom, der Weisung zu trotzen; aber er
-folgte in billiger Demut dem Bischof, zog heim nach Deventer, statt der
-Großen die Kleinen zu lehren -- wo das Salz noch nicht dumm war -- und
-wurde ein Lehrer der Jugend, wie keiner vor ihm.
-
-Da hingen ihm Jünglinge an und taten wie er, halfen ihm lehren, nahmen
-nicht Lohn und lebten gemeinsam; nicht mit dem Leinensack bettelnd,
-tätig und treu im Stegreif der Stände und demütig dienend, wo Hilfe und
-Pflege not war: nur im Genuß einfacher Freuden dem Weltleben fremd und
-im Gewissen der gotteinigen Seele.
-
-Bald wurden der Brüder zuviel in Deventer, wo sie mit Gerhart dem
-mildreichen Meister gemeinsam ihr Eigentum hatten; so zogen sie aus
-in das Land und die Länder, lehrten die Jugend und lebten den Eltern
-ein Vorbild, daß Gott im täglichen Wirken, nicht nur im Kirchendienst
-fröhlich zuhaus sei.
-
-Der aber ihr Meister blieb, Gerhart Groot aus Deventer, starb wie er
-lebte: einen Freund schlug die Pest, er pflegte ihn heil und starb an
-der Seuche, starb heiter und gütig im Kreis seiner Freunde.
-
-Er ließ den schwächlichen Leib im vierundvierzigsten Jahr seines
-Lebens, aber die Brüderschaft blieb und blühte das Lächeln der
-evangelischen Weisheit in furchtsame freudlose Seelen.
-
-Bis ihrer Tausende saßen im deutschen Land, Lehrer der Jugend und
-Brüder eines in fröhlicher Armut und selbstloser Arbeit gemeinsamen
-Lebens.
-
-
-Konzil in Konstanz
-
-Während im Norden die neue Gläubigkeit glühte, wuchs in den päpstlichen
-Gärten das Tollkraut der Zwietracht: drei Päpste regierten zugleich
-und verdammten einander, und der das Konzil nach Konstanz berief, der
-Neapolitaner Johann, war ein Seeräuber von Herkunft und Sitten.
-
-In Konstanz sollte das Schmelzfeuer der Christenheit sein und wurde
-ein Jahrmarkt der Kirchenverderbnis: dreihundert Fürsten und Bischöfe
-samt dem Troß der Prälaten und Äbte, Grafen und Ritter, kamen an mit
-dem reisigen Volk ihrer Knechte, Roßbuben, Spielleute und bauten ihr
-Zeltlager rings um die staunende Stadt.
-
-Alle Zungen Europas schollen im Seewind; Mönche, Gaukler und Dirnen
-der abendländischen Welt begingen die Gassen, die Heuschreckenschwärme
-fahrender Leute begafften die lustreichen Feste, indessen die Kardinäle
-den drohenden Völkern ein neues Kirchengewand zu nähen versprachen.
-
-Es war ein schönes Turnier, das die Konstanzer sahen, draußen im Bühl
-vor den Toren der Stadt; aber der Vogel im Käfig, der Seeräuberpapst
-flog aus unterdessen; er ließ der bestürzten Stadt das verwirrte Konzil
-und dem Kaiser die Sorge zurück, den gefährlichen Geier zu fangen.
-
-Der zollernsche Burggraf von Nürnberg ritt auf die Jagd und holte
-ihn ein, das Konzil zerbrach ihm sein päpstliches Siegel und Wappen;
-aber der Jahrmarkt der Kirche ging weiter und hatte sich schon sein
-frechstes Schaustück bestellt:
-
-Im festen Schloß Gottlieben, wo der Bischof von Konstanz den gestäupten
-König der Kirche mit geistlichen Ehren bewachte, saß auf dem steinernen
-Turm ein anderer Vogel im Käfig: Johann Hus, der böhmische Rektor aus
-Prag und evangelische Priester, der aus der Schrift die Kirchenreform
-an Haupt und Gliedern verlangte.
-
-Der Kaiser gab ihm freies Geleit und hieß den Ketzer verbrennen: im
-Münster zu Konstanz saßen die Fürsten um Sigismund und sahen dem
-Schauspiel zu, wie die hohenpriesterlichen Knechte dem Ketzer die
-Kleider der Kirche abrissen, wie sie den Blutzeugen Christi mit einer
-Narrentracht höhnten und seine Seele dem Teufel befahlen.
-
-Sie kehrten die Asche des Ketzers zuhauf und streuten sie aus in den
-Rhein, sie grüßten das Kreuz und sangen zur Messe, sie wählten Martin
-den Fünften zum Papst, und der Kaiser führte dem Statthalter Christi
-den Zelter.
-
-Sie zogen den Jahrmarkt des Kirchenkonzils mit Zeter und Zank und
-festlichen Fahnen noch hin bis ins dritte Jahr.
-
-Und sahen die Flammen nicht draußen im Bühl vor den Toren der
-lustreichen Stadt, die lohende Flamme der Lehre, und hörten die Asche
-nicht flüstern im Rhein, die Asche der tapferen Treue.
-
-Sie webten den Wahn ihrer Macht in den gleißenden Tag und hießen sich
-Christen; sie kannten die Leiden des göttlichen Dulders und sahen den
-Teufel nicht in den Fratzen der kirchlichen Henker.
-
-
-Die schwarze Kunst
-
-Die Krämerwaage dem Bürger, der Karst dem geplagten Bauer, das Schwert
-dem Ritter, dem Priester das Wort und den Mönchen die Schrift: so war
-die Ordnung der Welt, und das Wort im Schrein der heiligen Schriften
-gab der Kirche die Schlüsselgewalt.
-
-Bevor die Kirche dem Ketzer den Holzstoß ansteckte, verbrannte sie
-zuerst seine Schriften; denn blieben die Blätter vom Teufel mit Tinte
-beschrieben, so war der Ketzer nicht tot: das Unkraut blühte neu aus
-der schwarzen Saat, und der Samen wucherte weiter im kirchenfeindlichen
-Wind.
-
-Es ging aber in Mainz ein Knabe den grübelnden Weg seiner Jugend, der
-dem geistlichen Vorrecht der Schrift die Schranken zerbrechen und dem
-ängstlich behüteten Wort den Käfig aufmachen sollte.
-
-Johann Gensfleisch hieß er, vom Gutenberg, aus Mainzer
-Bürgergeschlecht, der als Jüngling nach Straßburg kam und dort seine
-heimliche Werkstatt aufmachte.
-
-Er kannte den Holzschnitt, wie er dem Bild und der Schrift einen
-Prägestock machte, auf hundert Blättern zu drucken, was der
-Holzschneider einmal aus seiner Platte heraus schnitt.
-
-Er sägte das Holz mit dem Wort auseinander und hieß die einzelnen
-Buchstaben Lettern; er setzte die Lettern im Wörter zusammen, wie er
-sie brauchte, und druckte die Schrift.
-
-Aber die vielen Lettern zu schneiden, war mühsam, auch zerbrach ihm
-das winzige Holz in der Presse; so nahm er Metall, und weil der
-Metallschnitt mühsamer war, dachte er seine Lettern in Formen zu gießen.
-
-Das aber war eine fremde Kunst, die er nicht kannte, so mußte Jürgen
-Dritzehn ihm helfen; und während das Basler Konzil die Kirchenreform an
-Haupt und Gliedern verlangte, raubte das heimliche Handwerk der Männer
-in Straßburg der Kirche die Schrift.
-
-Als sie in Unfrieden fielen, ging Gutenberg wieder nach Mainz, wo er
-den Fust, einen reichen Bürger bereit fand, den Druck einer Bibel zu
-wagen.
-
-So trat der hitzige Traum seiner Jugend schön in den Tag: mit Gold und
-Farben bunt wie eine kostbare Schrift stand der Druck seiner Lettern
-sauber und klar auf den Blättern, und waren hundert Bücher, wo sonst
-nur ein einziges war.
-
-Aber der Lohn wollte dem unsteten Mann nicht kommen, auch diesmal
-verschwand ihm der Segen des Werkes im Streit: von Mißgeschicken
-bedrängt, von Schimpf und Schulden beschattet, als Flüchtling
-schlechter Prozesse und Mietling schäbiger Pfründen trug sein
-fieberndes Leben die Pläne goldener Ernten ins leer geplünderte Alter.
-
-Was in Straßburg mit Jürgen Dritzehn begann und in Mainz mit Fust und
-Schöffer dem mißlichen Mann sein Bürgerdasein verwirkte, das hörte
-mit Albrecht Pfister nicht auf: sie halfen dem seltsamen Meister
-die Werkstatt zu rüsten und klagten die Werkzeuge ein, wenn sie das
-Handwerk verstanden.
-
-So starb er selber in Armut zu Eltville am Rhein, der dem Goldschmied
-Fust und seinem Schwiegersohn Schöffer die Goldquellen der schwarzen
-Kunst hinterließ; doch wie seinen Händen das Gold, zerrann das
-Geheimnis den Erben in hundert Schlupfwinkel der abendländischen Welt.
-
-In Rom, Paris und Venedig schlugen deutsche Gesellen die schwarzen
-Werkstuben auf; bald hielten die Messen Europas gleich Ballen
-vlämischen Tuchs und lombardischen Seidenbandrollen gedruckte Bibeln
-und Heilsbücher feil.
-
-Da waren sie nicht mehr allein in den Zellen, die neuen Gedanken hinter
-fiebrigen Stirnen, die schwarze Kunst half ihnen fort in die Köpfe und
-Herzen.
-
-Krähenvögeln gleich flogen die Druckschriften aus in die Städte
-und Häuser der Bürger; und schon pfiff in der Andacht der heiligen
-Bücher die Spottdrossel kommender Zweifel und lachte der kirchlichen
-Schlüsselgewalt.
-
-
-Die Humanisten
-
-Das tausendjährige Reich der Kirche ging zu Ende; blaß und müde glühten
-die Verzückungen der Seele, und roter blühte die Saat der Sinnlichkeit:
-der Gottesstaat der Priester blieb den verheißenen Segen schuldig, die
-Erde trieb geschäftig die alte Fruchtbarkeit.
-
-Wohl waren ihre Tage als Jammertal geschmäht: aber Kaiser und
-Kurfürsten zogen in den Krieg um Gold und Macht der Erde, Städte
-wurden groß und reich im Handel, auf den Meeren gingen ihre Schiffe
-und auf den Straßen ihre Wagen mit dem Gut der Erde, Rathäuser wurden
-Prunkhallen der Erdenbürgerschaft.
-
-Auch die das Jenseits priesen, waren diesseits wohl zuhaus: in
-Pfründen und Kapiteln saßen sie und sorgten für ihr Teil; denn das
-Gelübde der Armut sperrte nicht die Schleusen, daraus der bürgerliche
-Reichtum in die Keller und Kammern der Klöster floß.
-
-Die aber mühsam den Acker pflügten und sonst im heißen Tagwerk standen,
-sie sahen sich betrogen um die Ernte für einen Lohn, der nicht von
-dieser Welt war; und immer kühner hob die Frage das spöttische Gesicht,
-wieviel an diesem Zustand Gottes Wille oder kluge Lenkung geistlicher
-Hände wäre.
-
-Durch den verschlissenen Teppich der Scholastik wurde der Boden
-wieder sichtbar, darüber ein Jahrtausend mönchischer Weltflucht
-sinnenfeindlich ging: Belladonnen blühten aus dem Unkraut der Ruinen,
-und Götterbilder hoben die Marmorleiber aus der verschütteten
-Vergangenheit.
-
-Sie fanden ihre Tempelpracht zerstört, die Schönheit ihrer Glieder
-war zerbrochen; aber Mars und Venus reichten die verstümmelten Hände
-dem neuen Zeitalter hin: bestürzt und staunend sah die Menschheit die
-herrliche Gebärde.
-
-Da tönten Stimmen wieder, die längst verklungen schienen; die Sprache
-Ciceros klang marmorkühl aus der Versunkenheit, den Götterbildern
-gleich an Gliederpracht, und war die Sprache einer Zeit, da weder
-Bischöfe noch Mönche, sondern Bürger den Staat bestimmten und das
-Brevier noch nicht das Brot der Bildung war.
-
-Und wie die Marmorbilder nach ihrer Griechenheimat wiesen, so auch die
-alten Schriften: Hellas stand auf in Rom; noch einmal fragte Sokrates
-die listigen Fragen, und Platon gab ihm weise Antwort.
-
-Die aber im Gehäus der mönchischen Scholastik dem ewig-jungen
-Fragespiel entzückt zuhörten, sie glaubten gern, daß nun die Tür ins
-Freie geöffnet wäre.
-
-Als ob sie Totes wiedererwecken und Gewesenes zum andernmal gebären
-könnte, so wurde die Zeit trächtig vom Altertum.
-
-Da dachte wieder ein Erdenmensch zu werden, der nur ein Prüfling für
-den Himmel gewesen war; er ließ die Heiligen und den Christ und fand
-sich selber in der Welt als Wagenlenker seines Schicksals; er maß die
-Bahn mit seinen Rossen und ließ die Räder rollen zum selbstgesteckten
-Ziel.
-
-So wurden wieder Heiden in der Welt, und reiche Florentiner glaubten,
-noch einmal Bürger Roms und Günstlinge der Götter zu sein.
-
-Sie redeten die Sprache Ciceros und hörten Platon und bauten sein
-Reich der schönen Menschlichkeit, sie sammelten mit Gold und List die
-Schriften der alten Heidenwelt und schrieben sie ab mit zierlicher
-Bemalung, wie vormals die frommen Mönche die Heiligenleben schrieben.
-
-Und rafften um ihr Dasein einen Glanz, der unbesorgt von dieser Welt
-war, und setzten sich in ihre Dinge aus eigener Machtvollkommenheit,
-und wagten ihre Seele an jede Lust und schafften sich in Tat und Trutz
-und schöner Edeltierheit die Seligkeit der Erde.
-
-Und sahen einen Papst in Rom, der vor den Römern noch einmal den
-Augustus spielte und ihrer Welt Prunkhalter war auf Petri Stuhl; und
-glaubten -- wie die Knaben den Flaum der Freiheit fühlen -- daß dies
-die Morgenröte einer aus dumpfer Furchtsamkeit und blinder Sucht
-erlösten Menschheit wäre.
-
-
-Johann Reuchlin
-
-Als Lorenzo, der Prächtige genannt, seinen Musenhof hielt, kam mit dem
-Grafen Eberhard ein junger Schwabe nach Florenz, der solcher Dinge
-ungewohnt den Reichtum und die Bildung der Medicäer scheu und selig
-genoß, als ob er wirklich in den Garten Platons gekommen wäre.
-
-Er fand die Fürstin ihre Töchter lehren und die Knaben glühen im Glück
-der Wissenschaft, er lauschte dem Lorenzo im Gespräch der tiefen Dinge
-und sah den Traum der Bildung in einer Wirklichkeit erfüllt, die reich
-und reif als Ernte der neuen Menschlichkeit schien.
-
-Als er heimkam in das Land der bürgerlichen Städte und der händelnden
-Fürsten, war Johann Reuchlin ein Humanist, wie all die anderen
-Schmetterlinge im Junglicht der alten Welt: sie hatten ihre Flügel in
-den Goldstaub des Altertums getaucht, da die verschmähte Erde noch im
-Glanz der Bildung verklärt war.
-
-Johann von Dalberg, pfälzischer Kanzler und Bischof von Worms, tat
-seine Tür auf, die Schwärmer zu schützen; er holte sie als Lehrer nach
-Heidelberg, hielt sie als seine Hausgenossen und ließ sie Feste feiern
-in seinem Garten zu Ladenburg.
-
-Und ob es karg war und einsames Männerwerk, kein Florenz der Frauen,
-ob sich im Stubeneifer der Goldstaub verlor: Johann Wessel und der Abt
-Trittheim, Agricola, Pirkheimer, Eitelwolf von Steine, sie alle, die
-der Geist nicht ruhen ließ im neuen Wind, sie fanden in Heidelberg den
-Ankerplatz für ihre Fahrten.
-
-Auch jene, die sich -- wie Conradus Celtis, vormals Konrad Pickel --
-Wundervögel glaubten, wenn sie den Schopf mit fremden Federn schmückten
-und ihren Namen lateinisch oder griechisch wohlklingend machten,
-die den deutschen Mund von neuem mit Cicero verstopften und aus der
-Weisheit den Dünkel der Gelehrsamkeit quetschten.
-
-Den Leuchter aber der neuen Wissenschaft trug Johann Reuchlin, der
-sich auf griechisch Capnio, das heißt ein Räuchlein nannte; er war als
-Bundesrichter in Schwaben von den Ständen und Städten gleich geehrt und
-hieß des Kaisers Freund, obwohl er eines Boten Sohn und Singknabe des
-Markgrafen von Baden gewesen war.
-
-Ihm gab Gesundheit rote Wangen und Wohlgestalt; er liebte, was gesittet
-und würdig war, und rüstig pflegte er den Ruhm, Maß und Milde aus
-Weisheit zu besitzen im Lehren und im Tun: so geriet sein Leben wohl,
-bis ihm der Pfefferkorn haßblütig in seine Asche blies.
-
-Als der getaufte Jude dem Kaiser anlag, die Bücher der Hebräer als
-christenfeindlich zu verbrennen, und Reuchlin innig abriet, derlei
-zu tun, da fuhr ihm freilich der Zugwind der Zeit in das gepflegte
-Silberhaar.
-
-Hoogstraten, der Kölner Ketzermeister, ließ die Meute los, daß die
-Hunde des Herrn den Freund des Kaisers als ketzerisch verbellten: da
-achtete der mild gelehrte Mann den Scheiterhaufen gering und hielt der
-Meute den »Augenspiegel« vor.
-
-Und zitterte danach vor seinem eigenen Mut, als ihm die Kölner das
-tapfere Buch verbrannten, und schrieb besorgt um einen faulen Frieden.
-
-Doch trat die schwarze Kunst dazwischen; ob sie in Köln sein kühnes
-Buch ins Feuer warfen, die Drucker brachten tausend Bücher für eines
-auf den Tisch, und jedes Buch rief einen Mann.
-
-Die Zunft der Humanisten zog aus für ihren Vater, die Jugend ihrer
-Schulen bot den Kutten das Trutzgesicht.
-
-Johann Reuchlin aber, der solchen Aufruhr ganz wider Willen rief, er
-rettete sein Silberhaar mitsamt der Würde und dem Gleichmaß gelehrter
-Meinung in ein umhegtes Alter; und lächelte erlöst, als danach der
-Mönch von Wittenberg die Meute auf sich zog und starb erschrocken, als
-Blitz und Donner die neue Zeit anriefen, der seine Wohlgestalt nicht
-mehr gewachsen war.
-
-
-Maximilian
-
-Es war ein Bischof und Kurfürst in Mainz, Berthold der weise und
-strenge; der wollte als Kanzler ein anderes Reich, denn daß die Willkür
-im Namen des Kaisers regierte.
-
-Gesetz und Verantwortung sollten das Reich mit dem Kaiser verbinden;
-Fürsten und Stände sollten nicht länger im blutigen Streit ihrer
-Machthändel bleiben; der Kaiser sollte Verweser der Reichsmacht, nicht
-mehr die oberste Willkür sein.
-
-Max aber der Kaiser, der letzte Ritter genannt, ritt in das Frührot
-der Zeit mit güldenem Panzer und glühender Tartsche, als ob der
-staufische Kyffhäusertraum noch einmal Wirklichkeit wäre.
-
-Er hatte Marie, die Tochter des kühnen Burgunders gefreit und war nach
-der reichen Erbschaft in Flandern geritten; er hatte dem König von
-Frankreich Streit angesagt wie ein Turnier und hatte die spanische
-Krone gewonnen.
-
-Das Abenteuer war seine Lust, über der Lust aber stand als sein Stern
-die Habsburger Hausmacht; der Reichtum der Stände und Städte im Reich
-sollte ihm seine Ritter bezahlen, die fürstlichen Herren sollten
-Vollstrecker und Zierat ungehinderter Kaisergewalt sein.
-
-Berthold der Kurfürst war stolz und beständig und Max der Kaiser ein
-launischer Herr, sein Kyffhäusertraum war durch den Kanzler gehindert:
-in Lindau und Worms auf dem Reichstag standen die Fürsten, Stände und
-Städte hart gegen ihn.
-
-Aber sein Habsburger Hochmut beugte sich nicht, mehr als die Wohlfahrt
-des Reiches galt ihm die eigene Hausmacht; kaum daß er den pfälzischen
-Feldzug gewann, wies er den Ständen sein Siegesrecht vor: als Berthold,
-der strengweise, starb, hatte der Kanzler sein Spiel gegen den
-selbstherrlichen Kaiser verloren.
-
-Über dem Reich lagen die Schatten kommenden Unheils, der Bauer stand
-auf und die Bürgerschaft grollte: im güldenen Panzer mit glühender
-Tartsche ritt Max, der Kaiser, ins Frührot der Zeit, als ob der
-staufische Kyffhäusertraum noch einmal Wirklichkeit wäre.
-
-Die Humanisten hießen ihn Freund, und die Fahrenden lobten ihn laut,
-weil ihn die Unrast plagte wie sie und weil er, seinem böhmischen Vater
-ungleich, die Schäbigkeit haßte.
-
-Von Flandern bis Rom, von Wien nach Burgund staubten die Straßen von
-seinen Fahrten, und wo sein Rittertum galt, füllte der Dampf seiner
-Rosse die Gassen; das Gold lag nicht locker in seinen Händen, aber
-reich wurden die Ehren gegeben, wie er sich selber zu ehren verstand.
-
-Den Theuerdank hieß er die Ruhmrede eigener Taten, prächtig gedruckt
-und mit prahlenden Bildern geziert; da war das ringende Leben der
-Völker nur eine Bühne, darüber der Kaiser sein wieherndes Roß ritt.
-
-
-Die Fugger
-
-Der Sohn eines Webers war nach Augsburg gekommen, zu weben und Handel
-mit Leinen zu treiben; eines Ratsherrn Tochtermann wurde er bald, saß
-selber im Rat und in der Zunft bei den Zwölfen.
-
-Den reichen Fugger hießen sie schon seinen Sohn, aber der Reichtum
-saß nicht mehr am Webstuhl; sie waren Händler geworden, die Fugger in
-Augsburg, und Herren des Handels von Lübeck bis nach Venedig.
-
-Über den Brennerpaß brachten die Wagen der Fugger den Handelsgewinn
-des Morgenlands her, Gold und Gewürze, Seide und Sandelholz; über den
-Brennerpaß gingen die Schätze des Nordens, Pelze und Bernstein; wo ein
-Handelsplatz war, standen ihre Kontore, und wo ein Handelsgewinn war,
-hielten die Fugger das goldene Becken.
-
-Jakob, der Zweite genannt, hielt Hof wie ein Fürst; immer noch kamen
-die Wagen von Norden und Süden nach Augsburg, Ware zu tauschen, aber
-die goldene Schreibstube der Fugger war die Goldwaage des Reiches
-geworden.
-
-Nicht mehr die Kaufleute allein kamen als Kunden der Fugger, Grafen
-und Fürsten brauchten Silber und Gold und brachten dafür ihre Rechte:
-so wurde Jakob der Fugger ein Bankherr, Zins und Segen des Bergbaus
-gemächlich zu ernten.
-
-So wurde Jakob der Fugger ein Ritter; denn keiner lief ihm so eifrig
-zu wie Max, der Habsburger Kaiser: das Gold seiner Fahrten und seiner
-Pracht floß aus den Quellen der Fugger, so hing er dem Hüter der Quelle
-das Adelskleid um.
-
-Aus Webern wurden die wahren Herrscher der Zeit, weil sie das jüdische
-Amt der Goldwaage erbten; tauschen und täuschen galt einmal gleich vor
-der Zunft, und der Zins war des Teufels: aus dem Boden des redlichen
-Handwerks wuchsen die Fugger geil in das Kraut der Geschäfte.
-
-Sie zahlten dem Kaiser den Feldzug mit Talern und nahmen dem Volk
-seinen Pfennig dafür; sie wurden Reichsgrafen genannt und hatten das
-fürstliche Recht, silber- und goldene Münzen zu schlagen; sie wohnten
-in Schlössern und ließen die Reichsadler wehen über dem Prunk ihrer
-Tage.
-
-
-Albrecht Dürer
-
-Als Wohlgemut Meister der Nürnberger Schilderzunft war, brachte ein
-Goldschmied seinen Knaben zu ihm in die Werkstatt, weil der mit Eifer
-und Tränen zur Malerei wollte.
-
-Albrecht Dürer war er genannt, hielt fleißig die Lehre, obwohl die
-wilden Gesellen des Meisters den zärtlichen Lehrling mit Hochmut und
-Schabernack plagten.
-
-Nach seiner Lehre zog Albrecht Dürer gen Colmar, wo Martin Schongauer
-Meister der Stichelkunst war; er fand den Meister nicht mehr am Leben,
-aber er blieb als Geselle in Colmar, Straßburg und Basel und lernte
-so trefflich zu zeichnen, daß Menschen, Tiere und Bäume auf seinen
-Blättern leibhaftig dastanden.
-
-Daß er selber in Nürnberg Meister der Schilderzunft würde, rief ihn der
-Vater endlich zurück und hatte ihm auch schon die Hausfrau gesucht aus
-gutem Geschlecht.
-
-Aber der Sohn hob an zu ringen um reicheren Ruhm; er ließ die Frau und
-die Werkstatt und fuhr nach Venedig, begierig, die welschen Meister zu
-sehen und was sie mehr als die Deutschen vermöchten.
-
-Da sah er mit Staunen, wie gut sie den Bau des menschlichen Körpers und
-die Gesetze der Räumlichkeit kannten: rechte Körper recht in den Raum
-zu stellen nach ihrer Bedeutung, das schien ihm danach die Richtschnur,
-ein Meister zu werden wie sie.
-
-Aber er war kein Wechsler, er mußte zurück in die Nürnberger Werkstatt
-und mußte durch Mühsal die Wegspur suchen, wo jene mit lächelnder
-Leichtigkeit gingen.
-
-Als er daheim war, fing er mit Holzschnitten an -- Heiligenbilder
-machten sie so für die Messen, Bilder geschnitten in hölzerne Platten
-und abgedruckt auf geschöpftes Papier -- er aber schnitt die vierzehn
-Blätter der Offenbarung Johannis.
-
-Da thronte inmitten der sieben Leuchter Christus hoch in den Wolken,
-seine Hand blitzte Sterne, aus dem Mund ging das zweischneidige
-Schwert; da kämpften die Geister im Himmel, und Michael traf den
-teuflischen Drachen; da ritten die grausigen Reiter zu viert durch die
-brausende Luft, den vierten Teil der Menschheit vernichtend.
-
-Wirr wie der Troß dieser Träume waren die Striche: zerknitterte Wolken
-mit schäumenden Rändern, geringelte Locken, zackige Faltengewänder,
-flatternde Engel und wehende Bäume füllten den schwarzweißen Raum
-seiner Blätter.
-
-Da war noch einmal die gotische Welt, der Altar von Isenheim glühte
-hinter den Strichen; aber die Sehnsucht des Nürnbergers war auf die
-Klarheit gerichtet: wie der Mond aus Gewölk wollte das Werk seiner Hand
-in den Sternhimmel steigen.
-
-Der Sternhimmel stand, und der Mond stieg tapfer hinauf in die ewigen
-Räume, aber das krause Gewölk hing ihm an; bis der Tod seine Hand still
-legte, rang Albrecht Dürer um Klarheit und blieb in den Wolken der
-neblichten Wälder gehindert.
-
-Rechte Körper recht in den Raum zu stellen nach ihrer Bedeutung, das
-blieb seine Satzung: aber die Körper sperrten sich sehr, und der Raum
-schwand im Gedränge der Vielheit, bis seinem Alter das Bild der Apostel
-gelang.
-
-Dem evangelischen Wort gleich im Aufruhr der Tage standen sie da und
-füllten den Rahmen mit einfacher Größe: alles war recht, Körper und
-Raum und Bedeutung, nur das Gewand der Empfindung war auf welsche Weise
-gefärbt.
-
-Zwischen den Zeiten war seiner Seele die Weite verschüttet, Herkunft
-und Hingang rangen in all seiner Kunst um die Stärke, weil ihm kein
-Füllhorn der Gegenwart Überfluß schenkte.
-
-Niemals gelang ihm der Guß aus der glühenden Schmelze, wie er dem Altar
-Grünewalds Inbrunst, Grauen und Seligkeit gab.
-
-Aber wie Jakob zwang er den Segen, als er den Stichel ansetzte, die
-deutschesten Blätter in Kupfer zu graben.
-
-Den Ritter zuerst, wie er hinaus ritt von seiner Burg, Tod und Teufel
-zum Trotz den Kampfritt zu wagen: da saß er selber zu Roß und war ein
-Sinnbild der Zeit, die mit gepanzerten Fäusten dem Geist wider die
-falschen Gewalten das Wegrecht zu zwingen gedachte.
-
-Aber der Geist war in die Fesseln der Frage verstrickt; mit lahmen
-Flügeln der Melancholie saß die Mutter der Dinge und konnte der Faust
-des Ritters nicht folgen, weil ihre forschenden Augen den Irrweg
-erkannten: so war das zweite Blatt seiner Stiche.
-
-Aber das dritte war dies: im engen Gehäus saß der Greis und schrieb
-seine Blätter; da war der Tod nur noch ein Schädel, der im Abendlicht
-zwischen den Büchern und Kissen -- der Arbeit und Ruhe -- dem Dasein
-gehörte; Reinecke Fuchs und der Löwe, Klugheit und Herrschergewalt
-lagen im Schlummer zu seinen Füßen, indessen die gläubige Einfalt ihr
-Tagewerk machte.
-
-Drei Blätter in Kupfer gestochen: aber die alte und neue Zeit, Herkunft
-und Eingang des Geistes, waren darin mit deutscher Seele geschrieben.
-
-
-Hans Holbein
-
-Als Albrecht Dürer in Nürnberg die Melancholie machte, kam Holbein nach
-Basel, Sohn eines Malers in Augsburg und selber schon seiner Sache
-gewiß.
-
-Ihm war die Weite nicht mehr verschüttet, und keine Wirrnis der Fragen
-hielt ihm den Willen gefesselt; er wollte das Werk seiner kunstreichen
-Hände, wie eine Schwalbe den Flug will.
-
-Den rechten Körper recht in den Raum zu stellen, brauchte er Augen
-und Hände, nicht aber das Richtmaß schwieriger Gedanken, weil er ein
-Glückskind der Sinnenwelt war.
-
-Wohl mochte sein Silberstift zart und beharrlich die Dinge umschreiben,
-aber zeichnen und malen war ihm wie trinken und essen, und gern hielt
-er der Farbe ein lockeres Mahl.
-
-Das leuchtende Fleisch seiner Hand und Stirn, der rostige Pelz und das
-dunkle Tuch einer Schaube, der weiße Saum zierlicher Spitzen, die rote
-Glut des Brokats und der Perlenschaum im Geschmeide: alles tauchte sein
-Pinsel hinein in den glasklaren Grund seiner Farbe.
-
-Als er in Basel sein großes Madonnenbild malte, klangen die Farben
-wie Glocken; da war die farbige Fülle des Genter Altars von neuem
-leibhaftig geworden in einer einzigen Tafel.
-
-Aber die Basler Bürgerlichkeit war zu karg für die Pracht und die
-Fülle; Erasmus, sein spöttischer Gönner und Freund, half ihm nach
-England: da wurde Hans Holbein der Maler des Königs und seiner reichen
-Hofhaltung.
-
-Denn Max, der Kaiser, war tot; kein Fürst und kein Fugger konnte dem
-Reich den Königshof bauen, der über der Notdurft des Tages der Kunst
-eine Stätte bereiten, der den prahlenden Reichtum zur edlen Zier
-hinlenken sollte.
-
-Machtgier und Habsucht hielten das Gold in schäbigen Händen, und wenig
-fiel ab von den Tischen, daran die Bürgerschaft längst übersatt saß.
-
-Nur die Kaufleute drüben im Stahlhof wurden von Holbein gemalt; die
-Erbherren der Hansa brachten die Tafeln als köstliches Gut zurück aus
-der Fremde.
-
-
-Erasmus
-
-Ein blasses blondhaariges Männchen, Sohn einer läßlichen Liebe zu
-Rotterdam, aus klösterlicher Jugend mühsam befreit und in Paris den
-kahmigen Wein scholastischer Wissenschaft trinkend, hatte sich selber
-Erasmus, das ist der Ersehnte, genannt.
-
-Vorzeitig aus dem Nest gefallen, grämlich begönnert und auf die Gunst
-seiner Gaben gestellt, fand er beizeiten den sauren Witz; und wo die
-Humanisten mit Bienenfleiß die Waben bauten, war er die Wespe an den
-Früchten.
-
-Ob sie in Frankreich oder England hingen, in Florenz oder in Basel,
-sein Vaterland war überall, wo sich gescheite Köpfe an seiner witzigen
-Vernunft erfreuten, wo die Poetenschulen der Humanisten ihm Weihrauch
-schwangen.
-
-So war Erasmus viel und fehl erfahren, als er sein Büchlein vom Lob der
-Torheit drucken ließ, das bald wie keines auf den Messen Europas hing.
-
-Aus Überdruß geboren und im Spott getauft, hielt Moria, die Torheit
-selber, dem Abendland dreist ihren Spiegel vor.
-
-Alle Stände ließ sie ihr Zerrbild sehen, die jungen und die alten
-Gecken am Gängelband der Frauen, Gelehrte und Rhetoren, Schulmeister,
-Fürsten, die das Volk betrogen, und das Volk selber, das sich willig
-betrügen ließ.
-
-Alle mußten dem lachenden Leser erst ihren Bocksprung machen, bis mit
-den Kutten das große Fastnachtsspiel der Torheit begann:
-
-Die Theologen mit den gebleichten Fahnen ihrer Spitzfindigkeit, die
-dreisten Bettelmönche und die Possenreißer der Kanzel, Bischöfe und
-Prälaten im Fett der Pfründen, der Statthalter Christi selber mit der
-dreifachen Krone, im Troß der Schreiber, Stallmeister, Advokaten die
-Schafe der Kirche scherend.
-
-Kein Sittenprediger aber schliff der Torheit den Spiegel so blank,
-ein Schalksnarr nur, der viel zu listig war, den Spiegel selber der
-Fastnacht hinzuhalten, und viel zu lustig im Geklingel seiner Schellen,
-als daß nicht alle der dreisten Späße lachten.
-
-Da hatte die Kirche die Tollheit kreuzfahrender Völker bestanden und
-hatte den Kampf mit dem Kaiser gewonnen, sie hatte die Ketzer verbrannt
-und den Reichtum der Länder in ihre Klöster getan: nun lockte ein
-listiges Männchen zu Basel den Leviathan hervor.
-
-Ein Jahrtausend war er zur Weide gegangen, die Abendländer zu fressen;
-als er sich hinlegen wollte, um zu verdauen, stak ihm die Distel im
-Hals, daß er sich würgte.
-
-Da sahen sie alle die Ohren und hörten die Stimme und lachten das
-Ungetüm aus, weil der Leviathan doch nur der Esel war.
-
-
-Ulrich von Hutten
-
-Er war mit siebzehn Jahren dem Stift in Fulda entlaufen und als Scholar
-ein Fahrender geworden; doch auf den hohen Schulen in Deutschland und
-Italien hieß Ulrich von Hutten längst ein Poet.
-
-So blank war sein Latein in Reime gebracht, daß sich die Humanisten
-allerorten des abenteuerlichen Jünglings gern annahmen, wenn er in
-schlechten Kleidern und zerrissenen Schuhen an ihre Tür zu klopfen kam.
-
-Catilina habe von Cicero, so hieß es, keine schärfere Schmach
-erfahren, als der Herzog in Württemberg von ihm erfuhr, da Hutten die
-Ritterschaft aufrief, den Mord an seinem Vetter Hans zu rächen.
-
-Den hatte der Herzog auf der Jagd treulos erschlagen, weil die Frau
-des Ritters die Buhlin des Herzogs war; Ulrich von Hutten ruhte nicht
-mit seiner Feder, schärfer als alle Schwerter seiner Sippe, bis er den
-Herzog von Land und Fürstentum brachte.
-
-Noch aber war der Kranz auf seiner trotzigen Stirn nicht welk --
-der Kaiser selber ließ ihn zum Dichter krönen, und die Tochter des
-gelehrten Ratsherrn Peutinger in Augsburg band ihm den Lorbeer -- als
-Ulrich von Hutten sich eines größeren Gegners vermaß.
-
-Weil sich das Kölner Pfaffentum an Reuchlin vergriffen hatte,
-flatterten aus Mainz die Briefe der Dunkelmänner in die Welt, den
-Humanismus an seinen Lästerern zu rächen; und jedermann erkannte, daß
-Hutten ihr frecher Spottvogel war.
-
-Es war dies aber zu der Zeit, als Luther den christlichen Adel
-deutscher Nation fürs Evangelium aufrief; der Mönch in Wittenberg
-schrieb Deutsch und kein Latein der Humanisten: da mußte auch der
-Ritter deutsche Antwort geben.
-
-Denn nun hieß Ulrich von Hutten kein Landfahrer mehr; er war dem
-Reichsritter Sickingen auf seine Ebernburg gefolgt und hatte die Faust
-gefunden, seine Fackel zu halten.
-
-Als das Gesprächsbüchlein Herrn Ulrichs von Hutten gedruckt erschien,
-da ritt der deutsche Ritter ins römische Revier, so gegen Tod und
-Teufel gewappnet, als ob der Kupferstich des Meisters Albrecht Dürer
-Erscheinung geworden wäre.
-
-Sie hatten eine Druckerpresse auf ihrer Herberge der Gerechtigkeit,
-die beiden Ritter, davon der eine vordem ein landfahrender Humanist,
-der andere ein kaiserlicher Feldhauptmann gewesen war: nun hielten sie
-Halbpart als Herz und Hand der deutschen Ritterschaft.
-
-Nun träumten sie den frühesten Traum des deutschen Reiches gegen Rom:
-ein Reich wie vormals auf den Stand der Freien so auf den Ritterstand
-gegründet, der hinter sich das Volk und vor sich ohne Fürsten- und
-Bischofsgewalt den Kaiser der Deutschen habe.
-
-Aber Max, der Kaiser, ritterlichem Ruhm rechtschaffen zugewandt, war
-in den zuckenden Blitzen der neuen Zeit gestorben; und Karl der Fünfte
-schleppte die Last der halben Welt auf seinem Rücken.
-
-Er war in Spanien daheim und kannte Deutschland nur als Wallburg seiner
-Weltherrschaft; auch brauchte er für seinen Krieg in Frankreich die
-Fürsten und den Papst nötiger als deutsche Ritter.
-
-Der Sickingen schlug los, schon krank und grämlich von der Gicht, aber
-die Hand war nicht so stark, wie sie das Herz gedacht hatte: all seine
-Burgen wurden ihm berannt, mit seiner Feste Landstuhl fiel Franz von
-Sickingen seinem Todfeind, dem Bischof Greiffenklau von Trier, tödlich
-verwundet in die Hände.
-
-Der hitzige Morgentraum der deutschen Reichsritterschaft war
-ausgeträumt, als Luthers Tag anfing.
-
-Die Reichsritterschaft zu wecken, war Ulrich von Hutten vergeblich nach
-Schwaben ausgeritten; weil er nicht mehr heimreiten konnte, stieg er
-ab vom Roß, aus einem Ritter gegen Tod und Teufel ein Landfahrender zu
-werden, wie er vormals war, nur daß ihn jetzt die Hunde der Päpstlichen
-hetzten.
-
-Da war auch dem Erasmus in Basel die Bekanntschaft zu bedenklich;
-häßlich aus der Stadt verwiesen, todkrank und seines Lebens satt, trat
-Ulrich von Hutten mit schlechten Kleidern und zerrissenen Schuhen bei
-dem Prediger Zwingli in Zürich an.
-
-Der nahm den schlimm Gehetzten in Güte auf und gab ihn dem Johannes
-Schneck in Pflege, der auf der Insel Ufenau im blauen Zürichsee
-Pfarrhalter und heilkundig war.
-
-Nur vierzehn Sommertage fraß die Krankheit noch an dem Lebensrest,
-darin die Glut der Zeit wie Zunder brannte; dann starb Ulrich von
-Hutten, der fürwahr ein Fahrender, ein Reiter ohne Roß, ein Herz ohne
-Hand, und einmal ein Ritter gegen Tod und Teufel war.
-
-Als der deutschen Freiheit Verfechter aber ritt sein geharnischtes
-Bildnis auf dem Gesprächbüchlein noch lange durch die Hoffnung der
-Herzen mit seinem Trutzwort: Ich hab's gewagt!
-
-
-Der Mönch von Wittenberg
-
-Das Lob der Torheit lachte in den Späßen des Erasmus; der Humanismus
-zahlte den Scholasten den letzten Schimpf; Leo der Medicäer war Papst,
-und Kaiser Maximilian, der letzte Ritter, starb als die unruhvolle
-Spindel verblaßter Herrlichkeit: da schlug zu Wittenberg in Sachsen die
-Stunde der neuen Zeit.
-
-Ein Mönch hob seinen Hammer, das Mauerwerk zu prüfen, darauf im Namen
-Christi die stolze Gralsburg der Kirche gebaut war; ein Augustiner rief
-im Gottesstaat der Priester die Losung der deutschen Seele aus; ein
-Bergmannssohn aus Sachsen trat in den Rat der Fürsten, das Reich von
-Rom zu lösen.
-
-Er hatte Welt und Würde abgetan nach harten Jünglingsjahren und
-schmerzensreich in seiner Zelle um Gott gerungen, bis sein Gewissen den
-Trost der Schrift, sein Glaube den Gnadenquell der Liebe fand.
-
-Von seinem Orden als Lehrer nach Wittenberg gesandt, fand seine Predigt
-das Ohr des Volkes, und die Inbrunst seiner Lehre zog viel Schüler an,
-als ihm der Ablaßhandel Predigt und Lehre störte.
-
-Sie schlugen ihre Buden auf gleich Kirmesleuten, mit Höllenpein und
-Fegfeuer das Christenvolk zu schrecken, mit gotteslästerlichem Witz
-die Gläubigen zu betrügen, daß sie für einen Groschen den Ablaß ihrer
-Schuld und die Vergebung ihrer Sünden kauften.
-
-Als aber Tetzel sein Marktgeschrei in Jüterbog anhob, so daß dem
-Doktor Martin Luther seine Beichtkinder in Wittenberg die Ablaßzettel
-brachten: da schwoll dem Doktor der gottbemühte Geist im Zorn um diesen
-Seelenhandel.
-
-Er schlug seine Thesen an die Schloßkirchentür, mit jedem in der Welt
-zu streiten: daß die samt ihren Meistern zum Teufel führen, die durch
-den Groschen für einen Ablaßbrief vermeinten, der Seligkeit versichert
-zu werden.
-
-Es sollte nur eine Streitschrift sein, dem Ablaßhandel zu begegnen,
-aber es wurde eine Botschaft Gottes daraus; denn wie Gewässer von den
-Bergen, so fing die Hoffnung an zu rinnen, daß hier ein Herold des
-Heliands die Wiederkunft verkünde.
-
-Noch schien dem Medicäer der Handel nur Mönchsgezänk; Rom drohte
-mit dem Finger, die Dreistigkeit zu dämpfen: es sandte Cajetan, den
-Kardinal, und danach Miltitz, den Kammerherrn; und was der eine
-hochmütig in die Grube warf, das scharrte der andere mit Taubenklugheit
-wieder aus.
-
-Schon schien der Trotz des Mönches in Milde eingepackt, da sprang der
-Schwabe Johann Eck dazwischen mit seiner Feuerzange.
-
-Der hielt sich für den Kirchenvater der neuen Zeit, und er gedachte,
-mit Gelehrsamkeit den Mönch zu packen, als er den Kühnen nach Leipzig
-rief, ihm Antwort zu geben auf seine frechen Thesen.
-
-Da focht die fauchende Scholastik den letzten Hahnenkampf; durch
-zwanzig Tage sprangen die Kämpfer an und ließen Federn, bis der Schwabe
-zerrupft abfuhr nach Rom, sich einen neuen Dorn zu schärfen.
-
-Der Bannstrahl, der den Salier barfüßig nach Canossa brachte und der
-dem Hohenstaufen das Henkerbeil zückte, der die Stedinger ausbrannte
-und den Scheiterhaufen in Konstanz flammen ließ: mit dem traf nun der
-Medicäer den Mönch in Wittenberg.
-
-Seines Sieges sicher brachte der Schwabe selber die Bannbulle mit; doch
-war indessen der Doktor Luther hoch in der Gunst gestiegen, und seine
-Sendschreiben hatten den deutschen Zorn gezückt.
-
-Nicht mehr dem Tetzel galt der Zorn und nicht mehr dem Ablaßhandel,
-den Kutten nicht und nicht mehr den Ketzerrichtern, dem Wohlleben der
-Bischöfe und der Priesterverderbnis: er galt der dreifachen Krone der
-römischen Kirchengewalt.
-
-So konnte der Mönch in Wittenberg wagen, was Jesus von Nazareth tat,
-da er im Tempel die Tische der Wechsler umwarf und seinen Wehruf über
-Jerusalem sprach.
-
-Ein Wintertag klang in den Schritten der Männer und Schüler, die ihm
-vor das Elstertor zum verwegenen Hochgericht folgten; ein Wintertag
-füllte den Himmel mit frostkaltem Licht, als sie den Holzstoß
-ansteckten, daß die zuckenden Flämmchen sich einten zur Flamme, die
-steil und stolz auf dem Opferaltar stand.
-
-Da trat er vor in den Kreis, Magister und Mönch in der Kutte und
-Machthaber der ewigen Gleichung; da warf er die päpstliche Bulle hinein
-in das Feuer, das uralte Sinnbild der Entsühnung, und sprach das Wort
-aus Josua: Weil du den Heiligen des Herrn betrübt hast, so betrübe und
-verzehre dich das ewige Feuer!
-
-Der gerichtet war im päpstlichen Spruch, stand richtend vor seinen
-Richtern; nicht ihren Irrtum allein verwarf er, er verwarf ihren
-Grund im Gesetz: mit der Bulle verbrannten die Bücher der kirchlichen
-Herkunft, verbrannte im Holzstoß des eifernden Doktors das kanonische
-Recht der römischen Kirche.
-
-Nie hatte einer so Kühnes gewagt, seitdem es römisches Kirchentum
-gab; die Flammen fraßen sich fröhlich hinein in die Schrift des
-tausendjährigen Reichs; eine gläubige Schar stand dem Tollkühnen bei
-auf dem Rand der brennenden Welt.
-
-
-Der Reichstag zu Worms
-
-Auf einem Rollwagen fuhr er zum Reichstag, und das Volk lief ihm zu,
-der so Kühnes vermochte, die Städte holten ihn ein mit Reitern, und
-die Räte begrüßten ihn vor den Toren: gleich einem Schatz von Hand zu
-Hand weitergereicht, fuhr Martin Luther durchs deutsche Land in zwölf
-Reisetagen.
-
-In Eisenach wurde er krank, und die Raben vom Kyffhäuser flogen herbei,
-seine Kühnheit zu warnen; aber er hob den widerspenstigen Leib in den
-Willen und verscheuchte die unholden Vögel.
-
-Wenn sie ein Feuer machten von Worms bis hierher, ich müßte hindurch;
-und wenn soviel Teufel da wären wie Ziegel auf den Dächern, ich wollte
-hinein!
-
-Ein Frühlingstag tat sich auf aus dem neblichten Morgen, als er
-einzog durch das drängende Volk der brausend erfüllten Stadt: kein
-Hosiannahgeschrei, staunende Furcht und hitzige Hoffnung stritten um
-ihn; aber in seiner Herberge kamen und gingen die Ritter bis in die
-Nacht, das deutsche Gewissen mit Schwert und Handschlag zu grüßen.
-
-Dann stand der Mönch am anderen Morgen allein in der bänglichen Stille,
-wo die Brandung verstummte und die Strudel der schweigenden Ehrfurcht
-den Kaiser umkreisten.
-
-Er sah das Jünglingsgesicht blaß wie seines und beinern vor den
-purpurnen Tüchern; denn Fackellicht füllte die Halle mit dem
-schwelenden Spiel rötlicher Lichter und raunender Schatten.
-
-Vor die Fürsten und Stände des Reiches war er gerufen, aber er stand
-vor dem Schlagbaum der Kirche, die nichts als den Widerruf wollte.
-
-Die Stimme der gläubigen Seele traf an das Ohr der römisch-deutschen
-Entscheidung; sie hob die flatternden Flügel, über den Schlagbaum zu
-fliegen, und in die kreisende Stille scholl ihr bänglicher Ruf.
-
-Bis sie die Häupter der Fürsten und geistlichen Herrn und das beinerne
-Antlitz des spanischen Jünglings umschwebte, der die Krone der
-Habsburger trug: da waren der Ohren zu wenig, trotzdem es Tausende
-hörten, da war der Reichstag das Reich.
-
-Ein todblasser Mönch ließ seine zuckende Seele aus dem römischen Käfig
-den ersten Flügelschlag tun: im Gewissen allein war Gott, nicht in der
-Fürbitte bemalter Heiligenbilder, nicht im Ablaß abgewogener Bußen,
-nicht im blinkenden Gold und im Sühnegesang lateinischer Messen, nicht
-in den Listen und Lüsten päpstlicher Schlüsselgewalt.
-
-Der Heliand wachte auf in den Herzen der Hörer; sie sahen die
-schwebende Stimme und fühlten die nahenden Schritte im Schlag der
-schwingenden Flügel: der in den Himmel gefahren war aus dem Hader
-enttäuschter Hoffnung, der Heliand kam wieder herab auf die Erde.
-
-Aber der spanische Jüngling, der deutschen Sprache unkundig, verstand
-nicht die Stimme; er sah nur den Mönch vor dem Schlagbaum der Kirche;
-er wollte den Widerruf hören, weil er den Papst samt den Fürsten und
-Knechten der Deutschen für seine Machthändel brauchte.
-
-Wie einst der Landpfleger tat, wusch er die Hände im silbernen Becken;
-aber Friedrich der Weise von Sachsen, der treue Eckart des Reiches, gab
-seinen Schützling nicht preis, und die Schwerter der Ritter hielten
-geheime Wacht, daß dem deutschen Gewissen kein römisches Unrecht
-geschähe.
-
-So brannte kein Holzstoß in Worms wie vormals in Konstanz; bei
-Nacht und Nebel entwich Aleander, Roms listenreicher Legat, aus der
-störrischen Stadt, indessen der Mönch durch das festliche Volk, von
-Rittern und Knappen geleitet, als Sieger nach Wittenberg fuhr.
-
-Wohl flogen die unholden Vögel krächzend um seinen Wagen, die
-Reichsacht lief hinter ihm her, den Ketzer zu fangen; aber Kirche und
-Kaiser vereint vermochten dem Kühnen nichts mehr, weil der Heliand
-gewaltigen Schrittes umging im Reich und die deutsche Seele ihm zulief
-in unübersehbaren Scharen.
-
-
-Die deutsche Bibel
-
-Sie taten dem Mönch ein Junkerkleid an mit Sporen, Gürtel und
-Schwert, indessen sein Rollwagen leer aus dem bangen Geheimnis des
-Thüringerwaldes nach Wittenberg kam.
-
-Auf der Wartburg saß Luther in gütiger Haft, Feinden wie Freunden
-verborgen -- und die Raben flogen vergebens -- den Deutschen die Bibel
-zu schenken.
-
-Da wurde dem Baum der römischen Kirchenverderbnis die Axt an die Wurzel
-gelegt: wohl blühte die heilige Schrift von Demut und Güte und von der
-barmherzigen Liebe, aber kein Schaumgold der dreifachen Krone lag auf
-den Zweigen, nicht Klöster und Mönche gab es darin, nicht Ablaß und
-Fegefeuer, nicht Seelenmessen und Bann, Kreuzzüge und Ketzerverbrennung.
-
-Auch hatten scholastische Mönche noch nicht den Irrgarten verklügelter
-Deutung um den Baum des Lebens gezirkelt mit künstlich verschorenen
-Hecken und listig verriegelten Türen.
-
-Noch war das Reich Gottes inwendig und nicht im Ornat gottesstaatlicher
-Großen: Gott kam ins Kämmerlein gläubiger Einfalt, statt in den
-Schatzkammern prunkender Dome als ewiges Irrlicht zu wohnen; und im
-Gewissen allein quoll der Brunnquell göttlicher Gnade.
-
-Da war der Heiland der Sohn einer Magd, im Stall und in Armut geboren;
-er suchte auf Märkten und Straßen des Landes das Volk, statt in den
-Räumen der Reichen zu rasten.
-
-Da war das Wort noch die Saat, in gläubige Seelen gesät, und die Lehre
-kein Priestergeheimnis, im Weihrauch rauschender Messen zum geistlichen
-Schauspiel gemacht.
-
-Da war Gott noch ein Geist, wohnend im reinen Gewissen, und wer ihn
-anrief in Wahrheit, den machte er selig und stark in der Seele, aus der
-leibhaftigen Notdurft den Weg der Allmacht zu finden.
-
-Da kam die Seele zu Gott wie ein Kind, dem Vater vertrauend in
-lächelnder Liebe, und sprach in einfachen Worten mit ihm wie die Jünger
-zu Jesus, und glaubte das Gleichnis der Gnade und bewegte den Sinn
-gleich Maria im feinen, gläubigen Herzen.
-
-So stand das Wort in der Schrift und war in den Sarg der lateinischen
-Sprache gelegt; der Junker Jörg auf der Wartburg zerbrach den gläsernen
-Deckel, er weckte den Scheintoten auf und hieß ihn wandeln im Tag der
-deutschen Beseelung.
-
-So wurde der Heiland geboren, wo der Heliand starb; kein Königssohn
-mehr mit Recken und Degen: der Mühseligen Freund und der Beladenen
-Tröster, lächelnd von Liebe und Weisheit, urvertraut im Klang und Sinn
-der eigenen Sprache.
-
-So kam im deutschen Gewissen die christliche Freiheit zur Welt,
-gottselig eins im Trachten und Tun, im Denken und Dichten des ewigen
-Daseins, und tapfer im irdischen Tagwerk.
-
-Die dreifache Krone prahlte im Glanz des Augustus; die Humanisten
-holten den Hades herauf; der Zimmermannssohn ging ein in die Häuser und
-Hütten, die Heimat der Seelen zu künden: Jesus von Nazareth wurde im
-deutschen Gewissen der Heiland der Welt.
-
-
-Philipp Melanchthon
-
-Er war ein Großmutterkind; denn sein Vater, des Pfalzgrafen
-Waffenschmied Schwarzerd in Bretten, starb früh; aber die Großmutter in
-Heilbronn war die Schwester von Reuchlin: so wuchs der bläßliche Knabe
-im Griechentum auf und nannte sich selber Melanchthon.
-
-Mit dreizehn Jahren Student, mit siebzehn Magister, galt er ein Wunder
-frühreifen Geistes; als ihn der Kurfürst von Sachsen nach Wittenberg
-rief, war seine Gelehrsamkeit berühmt an den Schulen wie die des
-Erasmus.
-
-Er war in Hellas zuhaus, als ob er gestern aus dem Garten Platons
-gegangen und durch einen Zauber in Schwaben aufgewacht wäre; aber die
-Kraft und Schönheit des griechischen Leibes war nicht mit durch den
-Zauber gekommen.
-
-Als er in Wittenberg ankam, schmächtig und schüchtern, war Luther
-erschrocken, daß dies der von Reuchlin gepriesene Lehrmeister wäre;
-bald aber sah er den reichen Geist im kargen Gehäuse: wie einen
-jüngeren Bruder gewann er ihn lieb, zärtlich besorgt und ehrlich
-bewundernd.
-
-Denn Philipp Melanchthon war nicht erwacht, daß er ein griechischer
-Träumer aus Schwabenland bliebe; ihm hielten die fremden Gewänder der
-Sprache den Geist nicht verhüllt, und wo Platon lebendig war, konnte
-das graue Gespinst der Scholastik nicht bleiben.
-
-Er hatte in Leipzig dem Hahnenkampf zugehört, da Luther und Eck mit
-den Worten der Kirchenväter einander bestritten; aber er kannte den
-Urtext und sah das Quellwasser der alten Berichte im Kirchengebrauch
-getrübt und unrein gemacht.
-
-Und weil ihm Luthers gläubige Kraft Entschlossenheit gab, nahm er den
-Text der heiligen Schrift als Gesetz, die Lehren der Kirche und ihre
-Gebote ernst und besonnen zu prüfen.
-
-Wie der Gärtner einen verwilderten Baum mit kundigen Händen erneut, die
-geilen Triebe dem Fruchtreis zuliebe beschneidet, den Krebs und die
-Flechte ausrottet, so kam sein Messer, den üppigen Wildwuchs der Kirche
-zu lichten.
-
-Wo aber die Krone zu kahl wurde, gab Luther ein Edelreis her von seinem
-paulinischen Glauben.
-
-So wirkten die Männer in Wittenberg gut ineinander, der mutige Mönch
-und der milde Magister: inbrünstiger Glaube und starkes Gewissen gingen
-der Schärfe und Freiheit des Geistes zur Hand, Griechen- und Deutschtum
-ließ der erschütterten Christenheit den neuen Lebensbaum wachsen.
-
-
-Ulrich Zwingli
-
-Er kam von den Bergen im Toggenburg; wie das weiße Gewölk im blauen
-Himmel der Heimat, wie die saftgrünen Matten und die hurtigen Quellen,
-indessen die reinen Firnen die zackige Ferne begrenzen: so aus dem
-Jungbrunnen war seine Seele gestiegen.
-
-Sein Vater war Ammann; wie Abraham einst hatte er Weiden und Vieh und
-Raum, acht Söhnen das Ihre zu geben; aber er war auch ein Schweizer,
-der in der Eidgenossenschaft die trotzige Freiheit der Väter bewahrt
-sah: ihm dankte der Sohn den aufrechten Nacken.
-
-Als er mit jungen Jahren schon Pfarrer in Glarus war, zog er tapfer
-hinaus mit dem Haufen der Glarner; bei Marignano deckte sein
-Pfaffenkleid nicht weniger Mut als ein Harnisch.
-
-Aber er sah den Reislauf mit Grimm und wie die Schweizer ihr Blut um
-schäbiges Gold auf den fremden Markt brachten; er rief den Stolz der
-reichen Geschlechter, und als sie nicht auf ihn hörten, ging er mit
-feuriger Rede ans niedere Volk.
-
-Darüber kam er in Streit mit den Großen, er mußte die Pfarre in Glarus
-verlassen, als kleiner Vikar in Einsiedeln neu zu beginnen: aber da
-fand er das Schrittmaß, sein Leben größer zu schreiten.
-
-In Einsiedeln las er die heiligen Schriften, wie sie Erasmus von
-Rotterdam ans Licht gebracht hatte; so zog seine Predigt das reine
-Gewand des Evangeliums an.
-
-Als ihn die Züricher danach als Prediger holten -- im
-dreiunddreißigsten Jahr seines hurtigen Lebens -- war Ulrich Zwingli
-ein Jungmann im Priestergewand, wie Saul war, da Samuel den Hirten als
-König in Kanaan salbte.
-
-Indessen Luthers gewaltiges Wort das deutsche Gewissen wachrief,
-indessen Hutten mit glühender Feder das Reich gegen Rom hetzte, ging
-Zwingli den aufrechten Gang des Schweizers zu praktischen Zielen:
-
-Er wollte den Staat als Christengemeinschaft, aber die Schrift,
-nicht die Kirche sollte der Macht Rechtfertigung geben; wie in der
-Urväterzeit alemannischer Herkunft sollte die freie Gemeinde sich
-selber Gesetz und Geltung bedeuten.
-
-So wurde der Sohn des Ammanns aus Toggenburg im Predigerrock Träger der
-Staatsgewalt.
-
-So wurde in Zürich der rauschende Prunk der römischen Kirche vor die
-Türe gekehrt; so mußten die Klöster Schulen und die Chorherrn Lehrer
-sein; so wurde das Münster, von Messe und Weihrauch und Wallfahrt
-gereinigt, der Saal der Gemeinde, und der Priester war nur noch ihr
-Sprecher.
-
-So sank die Hülle des Morgenlandes hin von der neuen Christengemeinde;
-die deutsche Seele blieb tapfer dabei, die christliche Erbschaft zu
-halten, aber sie wollte der Lehre die eigene Ordnung, Haltung und Würde
-geben.
-
-So wurde in Zürich der evangelischen Freiheit die erste Stätte
-bereitet; Basel und Bern traten der Mutigen bei; und dies war der
-kühne Traum Zwinglis, daß die Eidgenossenschaft trotz Fürsten- und
-Kirchengewalt rundum das Freiland christlichen Menschentums würde.
-
-Aber die Bauernschaft in den Bergen wollte dem Beispiel der Bürger
-nicht folgen, und die Gewaltherren der Reisläuferschaft in Zug und
-Luzern, Unterwalden, Uri und Schwyz ergriffen heimlich die Habsburger
-Hand, mit fremder Söldnermacht gegen die Städte zu ziehen.
-
-Da wurde der Bund der Väter gebrochen, da kamen die Eidgenossen zum
-Krieg, den die evangelischen Bürger gegen die katholischen Waldstätten
-bei Kappel kläglich verloren.
-
-Zwingli, das Wort, blieb der Tat treu und zahlte mit seinem kostbaren
-Leben; bei seinem Häuflein erschlagen, lag er im blutigen Anger, bis
-seine Feinde das klare Antlitz erkannten und seinem Leichnam das
-Ketzergericht hielten.
-
-Gevierteilt, verbrannt, als Asche verstreut in den Wind: ging der
-edelste Schweizer ein in das reine Gedächtnis.
-
-
-Der Bauernkrieg
-
-Kaiser und Kirche hatten einander bestritten, aber sie waren die
-starken Machthalter der Welt; nun sahen die Völker die Stärke schwach
-werden, und aus den Tiefen der Unterdrückung hob die Freiheit die
-drohenden Fäuste.
-
-Was in Zürich durch Zwingli geschah, konnte im Reich nicht werden:
-hart lag die Bischofs- und Fürstengewalt auf dem Bürger, der Bauer war
-höriger Untertan seines Ritters.
-
-Ihm konnte die Freiheit in Christo nicht in sein unfreies Dasein
-leuchten, ihm mußte die Predigt von Wittenberg die Schwarmgeister
-irdischer Hoffnung wecken: Karlstadt und Münzer waren seine Propheten,
-sein Evangelium wurde der Aufruhr.
-
-Indessen der Junker Jörg auf der Wartburg die deutsche Bibel zu
-schreiben begann, war Karlstadt in Wittenberg mächtig geworden: er
-sah die Kirchengebräuche an als Wohnung des Teufels und war mit Eifer
-dabei, sie zu zerstören.
-
-Messe und Klosterdienst, Beichte und Bilderverehrung, das Eheverbot und
-die Geltung des geistlichen Standes griff er mit hitzigen Schriften und
-heftigen Predigten an.
-
-Auch kamen nach Wittenberg Männer, aus Zwickau vertrieben, die glaubten
-und lehrten in hitziger Einfalt die Freiheit der Seele, die selber und
-immer in Gott sei und weder der Schrift noch einer lehrbaren Deutung
-bedürfe, um selig zu werden.
-
-Der gefährlichen Predigt zu wehren, zog Luther sein Junkergewand aus;
-Bann und Reichsacht zum Trotz kam er zurück, sein mächtiges Wort gleich
-einem Damm vor das leckende Feuer zu werfen.
-
-Ihm mußten die Zwickauer Schwärmer aus Wittenberg weichen; aber die
-hart Vertriebenen nahmen den Feuerbrand mit, sie zogen hinaus in die
-süddeutschen Länder: bald fingen die Dörfer in Thüringen, Franken und
-Schwaben hell an zu brennen.
-
-Da fraß die Lehre der Freiheit das faule Gebälk der Obrigkeit nieder,
-da griff die Gleichheit vor Gott die irdische Hörigkeit an, da rief
-der Schwarmgeist den Bauer zur Bruderschaft auf, sein Menschenrecht zu
-erzwingen.
-
-Die zwölf Artikel hieß das Gelübde, darauf sie den Bund schworen,
-darauf die Bauern den Krieg gegen die Fürsten und Ritter begannen.
-
-Sie wollten nicht länger leibeigen bleiben und nicht mehr den Zehnten
-bezahlen; wieder wie einst sollte das Land der freien Gemeinde gehören;
-Holz, Fischfang und Jagd sollten für jedermann frei sein; das Recht
-sollte wieder im deutschen Herkommen stehen statt in der römischen
-Rechtssatzung; auch wollten sie selber die Prediger wählen.
-
-Wo es am meisten verschüttet war, stand Menschenrecht auf; der alte
-Bundschuh wurde lebendig, den die Ritterfaust niederschlug; noch einmal
-sein Blut an die Freiheit zu wagen, war der Bauer bereit, und die
-Bürgerschaft rief ihm zu, daß seine Sache gerecht sei.
-
-Schwarz, rot und weiß war die Fahne, die Hans Müller von Bulgenbach
-trug, als er in Waldshut die blutige Kirchweih begann; bald wehte sie
-siegreich in Schwaben: die Herren mußten sich beugen, und wer sich
-nicht beugte, den jagten die Bauern durch ihre Spieße.
-
-Da fiel die Furcht der Vergeltung in reiche Gemächer: Fürsten und
-Bischöfe schworen, die zwölf Artikel zu halten; als auch in Franken
-die schwarzrotweiße Fahne von den Kirchen und Rathäusern wehte, stand
-hinter dem Aufruhr ein neues Reich und wollte Wirklichkeit werden.
-
-Ein neues Reich, auf den Willen des Volkes statt auf die Willkür
-der Fürsten und Herren gegründet: wohl sollten die Stände bestehen,
-aber nicht Vorrechte haben; die Geistlichen sollten die Hirten der
-Christengemeinde, nicht mehr die weltlichen Herren der Kirchenmacht
-sein.
-
-So war der Plan, und die verschüttete Freiheit des Volkes hob ihre
-Fäuste, ihn zu erfüllen; aber die Schwarmgeister mischten die Brunst
-ihrer unreinen Machtgier hinein.
-
-Thomas Münzer hieß der unselige Mann, der sein blutiges Wahnreich in
-Thüringen träumte, der mit dem Schwert Gideons kam, Fürsten und Pfaffen
-den Reigen der Rache zu tanzen.
-
-In Mühlhausen hielt er gleich einem König der Juden Gericht über die
-Heiden; wo seine grausamen Haufen erschienen, rauchte das Blut der
-erschlagenen Leiber im Brand der Klöster und Burgen.
-
-So sah Luther die Saat aufgehen im Unkraut; er wollte die christliche
-Freiheit allein im Gewissen, nun schrie sie Gewalt und war Aufruhr: zum
-andernmal schwoll ihm der Zorn, und wie er den Ablaß der Kirche mit
-groben Worten verdammte, verdammte er nun den Aufruhr der Bauern.
-
-Totschlagen gleich tollen Hunden hieß er die Bauern; und wie seine
-mächtige Stimme erschallte, so hoben die Fürsten das Schwert: Philipp
-von Hessen und Truchseß von Waldburg kamen mit Harnisch und großem
-Geschütz gegen den Aufruhr gezogen.
-
-Sie fanden die Haufen der Bauern uneins im Streit ihrer Führer; durch
-die erfahrene Feldkunst der Herren einzeln geschlagen, mußten sie
-überall weichen: so wurde das harte Wort aus Wittenberg wahr.
-
-An ihren Dörfern wurde der Brand der Klöster und Burgen gerächt, an
-ihren Leibern das Blut der erschlagenen Ritter; hundert mußten ins Gras
-um einen, und ehe der Henkertod kam, hatte die Folter gequält.
-
-So ging der Bauernkrieg aus unter dem Galgen; die aber das Blutgericht
-überstanden, wollten nicht mehr das Wort von Wittenberg hören: die
-Freiheit in Christo war ihnen ein höhnischer Traum, davon sie die
-grausame Wirklichkeit sahen.
-
-
-Marburg
-
-Als die Bauern im Reich ihre Freiheit begruben, war Zwingli noch
-Meister in Zürich; aber dem zornigen Luther galt er ein Schwärmer wie
-Karlstadt und seine Zwickauer Gesellen.
-
-Gleich diesen hielt er das Abendmahl in der Gemeinde, dem Herrn zum
-Gedächtnis; sie brachen das Brot und tranken vom Wein, wie Jesus den
-Jüngern befahl, sie waren des Wortes gewiß und seiner tiefen Bedeutung.
-
-Aber sie wollten nicht länger im Wunderglauben der Kirche beharren,
-daß sie das Brot und den Wein in den Leib und das Blut des Erlösers zu
-verwandeln vermöchte: sie sahen ein Sinnbild und ließen das Liebesmahl
-gelten, aber sie glaubten kein Sakrament mehr.
-
-Mit polternden Worten fuhr Luther in ihre Meinung und fachte Streit an,
-wo Einigkeit notwendig war; denn noch stand die römische Kirchenmacht
-willens, die Ketzer zu verbrennen, und die Habsburger Hand drohte, dem
-Willen mit ihrer Macht beizuspringen.
-
-Manche Fürsten und viele Städte waren der neuen Lehre geneigt, doch
-der Reichstag zu Speyer gab ihrer Gunst den bösesten Abschied: der
-spanische Kaiser hatte den Papst gefangen und Rom plündern lassen, aber
-er war der gehorsame Sohn der Kirche geblieben und wollte die Ketzer
-ausrotten.
-
-Philipp, der Landgraf von Hessen, sah die Gefahr und wollte ein Bündnis
-der Schwerter, die evangelische Lehre zu schützen; daß ihre Bekenner
-nicht schwach durch Uneinigkeit wären, lud er die feindlichen Brüder,
-Luther und Zwingli, samt ihrem geistlichen Heerbann nach Marburg.
-
-Da saßen sie einmal zusammen im Saal seines hochragenden Schlosses, die
-einzelnen Männer der Predigt; sie wollten redlich den Hader bezwingen,
-aber die Schlupfwinkel des Glaubens boten der Zwietracht zuviel
-Verstecke.
-
-Zwingli der weiteste war am meisten geneigt: Lehre und Tat in der
-Christengemeinde galten ihm mehr als Wortgläubigkeit; Luther der Mönch
-und Magister brachte die Füße nicht aus dem Glauben der Schrift.
-
-Das ist mein Leib! so standen die Worte vor ihm auf der Tafel mit
-Kreide geschrieben; er ließ sich nichts deuteln und nehmen, weil ihm
-das Wunder der Gottmenschlichkeit Christi mehr als die Lehre, weil ihm
-der Glauben höher als alle Vernunft galt.
-
-So war das Lächeln der Liebe und Weisheit in Zorn und Eifer verkehrt;
-über der tiefen Einfalt der Lehre stand das paulinische Kreuz, und über
-dem Kreuz des Erlösers hatte die Kirche ihr kühnes Gewölbe gebaut:
-Luther blieb brünstigen Glaubens darin, und Zwingli zagte, es zu
-verlassen.
-
-Sie konnten einander die Hände nicht geben und gingen mit Hast
-voneinander: noch war die Lehre im Schrein des Wunderglaubens begraben,
-noch hing der Erlöser am Kreuz, weil Juden und Judengenossen die
-göttliche Botschaft des Zimmermannssohns nicht verstanden.
-
-
-Die Wiedertäufer
-
-Die aber wähnten, die Botschaft des Zimmermannssohns zu besitzen,
-brannten im heimlichen Feuer; Wiedertäufer hieß sie das Volk, weil sie
-die Taufe der Kinder verwarfen: nur, wer mit Wissen und Willen getauft
-sei, könne des heiligen Geistes teilhaftig werden.
-
-Denn Jesus erlöse nur den zur christlichen Freiheit, der seiner Lehre
-in Einfalt nachfolge; wer das Mirakel des Opferlamms lehre, mache nur
-einen Abgott jüdischer Herkunft aus ihm.
-
-Sie wurden verfolgt und heimlich geduldet und führten noch einmal das
-stündliche Dasein der ersten Christengemeinde; sie saßen heimlich
-zusammen in ihren Handwerkerstuben und sandten Apostel hinaus mit
-seltsamen Zeichen.
-
-Das knisternde Feuer der Lehre wurde gedämpft rundum im Reich, aber die
-zuckenden Flämmchen sprangen gleich Irrlichtern fort; von Lübeck bis
-Basel, von Salzburg bis Leyden wuchs das Geheimnis der Täufer.
-
-Ein Bürger von Münster, Knipperdolling geheißen, kam wieder heim aus
-der Fremde, als Rottmann lutherischer Prediger war; um seines Glaubens
-willen verwiesen, brachte er seltsame Freundschaften mit.
-
-Jan Matthys hieß einer und kam aus Leyden, wo er ein Bäcker gewesen,
-aber Prophet und Apostel geworden war; ihnen trat Rottmann der Prediger
-bei: so wurden in Münster die Wiedertäufer eine Gemeinde.
-
-So stark waren sie bald, daß sie den Rat an sich brachten; da wurde
-Knipperdolling Bürgermeister, aber Jan Matthys blieb sein Prophet, dem
-er und der Rat in Demut gehorchten.
-
-Münster, die Bischofsstadt in Westfalen, hielt ihre Tore den
-Wiedertäufern geöffnet: da strömten sie zu aus dem Dunkel böser
-Verfolgung und hießen die Stadt ihre Burg Zion.
-
-Aber noch gab es Bürger in Münster, die der neuen Herrlichkeit
-ungläubig waren, auch zog der Bischof heran, die Stadt zu berennen: ihm
-wurden die Ungläubigen -- ihrer Habe beraubt -- entgegen gesandt.
-
-Als die Landsknechte des Bischofs dann die Tore belegten, war Münster
-in Wahrheit die Burg und die Stadt der Wiedertäufer geworden; mit
-Mauern und Gräben stattlich gerüstet, zog sie den stachligen Ring um
-die Täufergemeinde, die nun allein in der Welt war.
-
-Doch ließen die Tapferen sich nicht mit Waffengewalt schrecken;
-indessen die reisigen Völker des Bischofs die Mauern spähend umritten,
-lebten sie treulich nach ihrer Lehre: sie gaben ihr Eigentum her und
-lebten gemeinsam, sie nannten sich Brüder und Schwestern und taten ihr
-Tagwerk im Amt der Gemeinde.
-
-Jan Matthys, ihr Meister, gab die Gesetze; der ein Bäcker gewesen und
-ein Apostel geworden war, saß nun als Fürst unter den Seinen, die der
-feurigen Kraft seines Geistes willig gehorchten.
-
-Aber das Glück verließ ihn, als er bei einem Ausfall tollkühn
-voraussprang; der Meister wurde erschlagen, und der Geselle kam, durch
-den Willen des Volkes erhoben, an seinen Platz.
-
-Jan Bockelson war er geheißen, ein Schneider und Schenkwirt aus Leyden
-und gleich seinem Meister ein Schwarmgeist des Wortes; ihm aber war es
-zu wenig, Prophet und Apostel zu heißen; er wollte, ein rechter König,
-auf seinem Thron in Pracht und Herrlichkeit sitzen.
-
-So wurde die Tollheit in Münster Ereignis: an einer goldenen Kette
-trug Jan, der Schneider und König, die goldene Kugel als Zeichen; denn
-die Welt sollte sein werden, der auf dem Stuhl Davids endlich das
-Gottesreich brachte, das Kaiser und Papst nicht vermochten.
-
-Wie er an Weisheit sich Salomo gleichhielt, so sollte auch Salomos
-Pracht um ihn sein; Knipperdolling der Statthalter sorgte mit scharfem
-Schwert, daß ihn das Murren des Volkes nicht störte, als er dem üppigen
-Davidssohn gleich sein Lager mit Weibern und Saitenspiel füllte.
-
-Indessen der König die Freuden des Thrones genoß, ging in den Gassen
-der Mangel; denn immer noch hielten die Haufen des Bischofs die Tore
-belagert, und langsam zog der Gürtel sich enger, weil endlich die
-Fürsten von Hessen, Sachsen und Köln dem Bischof Hilfsvölker sandten.
-
-Wohl schlugen die Täufer tapfer den ersten Überfall ab; als aber der
-bittere Hunger den Mangel ablöste, als täglich die gläubige Hoffnung
-enttäuscht auf ein Wunder harrte, als endlich Verdruß und Verrat dem
-Feind einen Schleichweg aufmachte: da sank dem Schneider und Schenkwirt
-aus Leyden sein Königreich hin.
-
-Grausam mußten die Täufer den Traum ihrer Davidsburg büßen; wie
-Jerusalem fiel, sank Münster in Asche und Blut; der sich den König der
-Welt nannte, hing im eisernen Käfig außen am Kirchturm, den Menschen
-zum Spott und den Vögeln zum Fraß.
-
-
-Die Landeskirche
-
-Indessen die Schwarmgeister der Schrift so blutiges Schicksal
-entfachten, blieben die Männer in Wittenberg treulich dabei, dem
-Glauben das Wohnhaus zu bauen.
-
-Kaiser und Kirche waren die Mächte der alten Welt; von beiden verworfen
-durch Acht und Bann, stand Luther im Leeren: die Schrift in der Hand
-und der Landesherr über ihm waren seine Gewalten.
-
-Friedrich der weise Kurfürst von Sachsen schätzte den Mönch und seinen
-Magister, obwohl er sich selber bedachtsam zurückhielt; das sächsische
-Land stand schon im neuen Bekenntnis, da war er noch streng in der
-Kirchenpflicht, und erst auf dem Sterbebett nahm er das Abendmahl.
-
-Der aber das sächsische Land und die Männer von Wittenberg erbte,
-Johann der Bruder Friedrichs des Weisen, bekannte sich frei zu den
-Ketzern der Kirche; ihm wurde Luther vertraut, und er hörte auf ihn.
-
-Er machte, daß Luther den Schutz seiner Gemeinde in die Landesgewalt
-stellte, daß er die Kutte der Kirche auszog für einen fürstlichen
-Predigerrock.
-
-Mensch sein auf Erden hieß einer Obrigkeit untertan sein; konnten die
-Gläubigen nicht mehr der römischen Kirche gehorchen, so mußte die
-Landesgewalt die Predigt behüten, der Landesherr selber stellte die
-höchste Kirchengewalt vor.
-
-So bauten die Männer in Wittenberg abseits der Kirche dem evangelischen
-Glauben das Wohnhaus; Johann der Kurfürst von Sachsen wurde der
-Hausherr des gläubigen Geistes, wie er dem irdischen Leib die Obrigkeit
-war.
-
-Was aber in Sachsen geschah, wurde auch sonst im deutschen Land als
-sächsisches Kirchenrecht gültig: der Landesherr erbte die Kirchengewalt
-und erntete die Güter der Kirche.
-
-Wittenberg blieb dem Schwarmgeist zum Trutz die Werkstatt des
-evangelischen Glaubens; er hatte die Freiheit des Christenmenschen
-gegen die Kirche entfesselt, aber daß sein Gewissen nicht Irrwege
-ginge, band er es wieder im Wort der Schrift.
-
-Die Männer von Wittenberg mußten nicht mehr mit großen Gebärden
-Unmögliches tun; sie wirkten gemeinsam an ihrer amtlichen Pflicht und
-konnten den Feierabend wohl mit Fröhlichkeit füllen.
-
-Luther, der todblasse Mönch auf dem Reichstag und die Stimme des
-deutschen Gewissens, war selber ein Hausherr geworden, der seinen Tisch
-gern mit Gästen besetzt sah und seiner Frau Käte samt ihren Kindern die
-Armut und Härte der eigenen Jugend heiter vergalt.
-
-Er wurde nicht mild wie alter Wein, sein kränklicher Leib schaffte ihm
-harte Beschwerden, auch war seine Streitlust geneigt, streitsüchtig zu
-werden; der ein Apostel gewesen war, die rufende Stimme und der Held
-seines Volkes, ging in der Täglichkeit unter.
-
-Aber so tat er das schwerste: die Flügel des Geistes hatten gewaltig um
-seine Stunden gerauscht, als er die Zelle verließ, aber der todblasse
-Mönch hatte den Mann, nicht den Aufruhr gerufen; nun war er selber
-ein Jünger und Protestant, die Täglichkeit mit Hörnern und Zähnen zu
-packen, statt sie im Groll zu zerschlagen oder nach heiliger Sitte sie
-hadernd zu lassen.
-
-
-Kopernikus
-
-So stand in der Bibel am Anfang: Gott schied am ersten Tag Licht von
-der Finsternis, am zweiten Tag Erde und Wasser, am dritten hieß er die
-Erde bewachsen mit Gras und fruchtbaren Bäumen, aber am vierten Tag
-ließ er die Lichter am Himmel steigen, der Erde zu leuchten: die Sonne,
-den Mond und die Sterne.
-
-Die Sonne, der Mond und die Sterne dienten der Erde, ihr den
-strahlenden Tag und die schimmernde Nacht im unermüdlichen Kreislauf zu
-bringen; aber die Erde diente den Menschen, und der Mensch diente Gott,
-der über den irdischen Wolken sein Himmelreich hatte.
-
-Zwar hatte Pythagoras anders gelehrt: Heftig hieß er das helle Feuer,
-um das sich Sonne und Erde, der Mond und die Sterne in ewigen Kreisen
-bewegten.
-
-Ptolemäus aber, der kluge Ägypter, half der Bibel mit seiner einfachen
-Lehre wieder zum Recht: die Erde war wieder die ruhende Mitte der Welt
-im kreisenden Kranz der Gestirne.
-
-So war für ein Jahrtausend und mehr der Glauben der Kirche in den
-Beweisen der Wissenschaft sicher gebettet; Sterndeuter hießen, die
-an den Höfen der Großen das Schicksal der Menschen aus dem Stand der
-Gestirne zu lesen vorgaben, ihnen waren es Nebenörter der Welt, von
-Dämonen bewohnt.
-
-Indessen aber der Mönch in Wittenberg das Gewissen wachrief gegen die
-Kirche, saß ein Domherr zu Frauenburg nächtlich allein, die Bahn der
-Gestirne zu prüfen.
-
-Ihm war eine Kunde der alten Lehren gekommen, und als er damit die
-Rätsel des Himmels absuchte -- wie die Lichter wohl stiegen und sanken
-im irdischen Tag, wie aber die Bahnen in großen Gezeiten sich hoben und
-senkten -- fand er die Wahrheit im Wahn seltsam verhüllt:
-
-Der leuchtende Sonnenball stand mitten im Kreislauf seiner Planeten;
-und die den Menschen der ruhende Mittelpunkt schien, die Erde war
-selber nur ein Planet und mußte die jährliche Bahn um die Sonne als
-Kugel abrollen, indessen der Mond als getreuer Trabant sie zwölfmal
-umkreiste.
-
-Als er dem Erdball so einen Platz und Rang im Himmelsgewölbe anwies,
-waren die Rätsel der Jahreszeiten, war der Stillstand und Wechsel im
-Lauf der Planeten gedeutet.
-
-Aber nun stand der Erdball in der ewigen Unrast des Himmels nicht mehr
-als Zuschauer da, nun war er selber hineingerissen in den unendlichen
-Raum und in den ewigen Kreislauf, nun war er selber ein Gestirn, der
-Sonne demütig untertan.
-
-Dann aber war der Anfang der Bibel auch nur ein jüdisches Märchen, ein
-menschliches Sinnbild der göttlichen Schöpfung, das vor der Wahrheit
-kindlich und eitel dastand.
-
-Denn nun tat die Schöpfung erst ihre Unendlichkeit auf; ein kleiner
-Planet, ein winziger Ball, die riesige Sonne umkreisend, ein glimmendes
-Fünkchen im Weltraum: das war die Erde, die sich die Einfalt der
-Menschen als einzigen Wohnraum der göttlichen Gnade ausdachte.
-
-Ein Gebrause kam in die Welt und dann eine grausame Stille, weil Gott
-aus dem irdischen Himmel entwich und in die Unendlichkeit einging.
-
-
-
-
-Das Buch der Zwietracht
-
-
-Loyola
-
-Zur selben Zeit, da Luther der Mönch ein Junkergewand trug auf der
-Wartburg, lag ein spanischer Junker mit Namen Loyola an beiden Füßen
-verwundet und las die Legenda.
-
-Er war ein tapferer Kriegsmann gewesen, nun sah er den Mut der heiligen
-Männer auf andere Dinge gewandt als Lanzenstechen und Schwerthieb; er
-wurde der irdischen Händel von Herzen satt und wollte wie jene ein
-Ritter der Jungfrau Maria heißen.
-
-Als seine Füße geheilt waren, trug er die Waffen in mühsamer Wallfahrt
-zum Gnadenbild der göttlichen Frau; er aber ging in die Wildnis und
-wohnte den Heiligen gleich in einer Höhle, den Leib und die Seele in
-brünstiger Marter zu üben.
-
-Und als er kein Junker mehr war, nur noch ein bärtiger Mönch, zog er
-als Pilgrim ins heilige Land; aber die Mönche des heiligen Landes
-schickten ihn heim als einen unnützen Schwärmer.
-
-Daß er gelehrt sei zu reden wie sie, ging er in eine Schule und schämte
-sich nicht, mit seiner Einfalt unter den Knaben zu sitzen.
-
-Er war schon grau an den Schläfen, als er zum andernmal auszog mit
-seiner Verzückung, dem spanischen Volk sein Erlebnis zu sagen; aber die
-Priester nannten den närrischen Ritter bald einen Ketzer und sperrten
-ihn ein.
-
-So ließ er mit Grimm die spanische Heimat und zog nach Paris, an den
-Brüsten scholastischer Weisheit zu trinken.
-
-Da blieb er lange und wurde Magister; aber nun fand er Genossen seiner
-Verzückung: Streiter Gottes wollten sie sein, ohne Waffen, nur mit der
-Kraft und Einfalt des gläubigen Geistes gerüstet und streng im Gehorsam.
-
-So wurde der Orden Jesu gegründet; aus gläubiger Einfalt und hitzigem
-Eifer blühte die Rose von Jericho wieder: nicht das Gewissen mit
-seinen Schlupfwinkeln der Seele, der Geist des Gehorsams gegen die
-Kirchengebote allein sollte die Jünger verpflichten.
-
-Da war den Männern in Wittenberg der Gegner gewachsen; gegen die
-Freiheit des Christenmenschen baute die Kirchenzucht ihre Schranken.
-
-Alles zur größeren Ehre Gottes, stand auf den Fahnen, aber Gott war die
-Kirche; sie stellte dem Zweifel die Frage, ob er im Trotz seine eigene
-Seligkeit wagen oder im Glauben des kirchlichen Gnadenschoßes sicher
-sein wollte.
-
-Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben! sagte die
-Schrift; die dem Kriegsmann der Kirche nachfolgten, trugen den Stahl
-des biegsamen Wortes als Panzerhemd unter dem spanischen Priestergewand.
-
-Sie gaben die große Verderbnis der Kirchenweltlichkeit zu, aber
-sie haderten nicht mit der Kirche um der menschlichen Schwäche im
-Priesterkleid willen; sie waren Ritter des Geistes und bauten dem
-Glauben kunstreiche Brücken zu einer anderen Kirche, die hinter dem
-Schein Wirklichkeit war.
-
-Auch gingen sie nicht mit dem Bettelsack auf die Gassen; sie fanden die
-Türen der reichen Gemächer, darin die Landesgewalt auch nur ein Mensch
-war; sie schwiegen dem Volk, aber sie wußten den Fürsten geschickt von
-den Pflichten und Rechten der christlichen Herrschaft zu sprechen.
-
-Sie kamen als Gärtner der Jugend: wo das Holz sich verjüngte und wo die
-Stämme noch schwank waren im Saft, setzten sie klug ihre Stäbe.
-
-Der spanische Kaiser ging kläglich ins Kloster, weil seine
-Weltherrschaft wankte, sie aber kamen ins Reich mit ihren spanischen
-Hüten; und wo er mit all seinem Kriegsvolk nichts gegen den Brand der
-Ketzer vermochte, nahmen sie klug und behutsam das fürstliche Holz aus
-dem Feuer.
-
-
-Calvin
-
-Als Zwingli bei Kappel den Glaubenstod fand, Eidgenosse und Kriegsmann
-trotz seinem Predigerrock, führte in Genf schon Calvin, der fromme
-Franzose, sein strenges Kirchenregiment.
-
-Er wollte die Christengemeinde wie Zwingli; Zucht und Eifer der
-Gläubigen sollten dem Staat das wahre Bürgertum bringen: der
-paulinische Glauben der ersten Christengemeinde zog das Jahrtausend der
-Papstherrlichkeit aus.
-
-Alles, was in den kirchlichen Räumen und Bräuchen Erbschaft des
-Morgenlandes war, sollte dem Sinn der gläubigen Brüderschaft weichen,
-statt einem prunkvollen Tempel sollte die Kirche ein schmuckloses
-Gemeindehaus sein.
-
-Sie tünchten die Wände weiß und räumten den Hochaltar aus; sie nahmen
-dem Chor den lateinischen Priestergesang fort und ließen die ganze
-Gemeinde das Kirchenlied singen; sie saßen beim Abendmahl fromm
-miteinander, dem leidenden Herrn zum Gedächtnis.
-
-Sie nannten sich Reformierte und achteten streng, daß ihrer
-Christengemeinschaft nichts beigemischt sei, was nicht in der heiligen
-Schrift als Gottes Gebot stände.
-
-So war es in Genf, in Zürich und Bern, in Basel und Straßburg; aber die
-Männer in Wittenberg blieben mit Eifer lutherisch; hatte der Meister
-mit großen Worten gepoltert, so zankten seine Gesellen.
-
-Melanchthon in seinem ermatteten Alter wollte die Geister versöhnen,
-aber sie schalten ihn lau; als er dahinging in bitterer Klage über
-die geistliche Zanksucht, schied das Bekenntnis die Streitlager der
-Protestanten für immer.
-
-Calvinisch hießen die einen, lutherisch die andern, und hätten sich
-eher Ketzer geschmäht, als daß sie die Bruderhand fanden.
-
-Die aber im Gnadenbereich der römisch-katholischen Kirchengewalt
-blieben, hielten das dritte Konzil in Trient, Kirchenverderbnis und
-Ketzerei miteins auszurotten; und wie der Hund die verlaufene Herde
-umbellt, so kamen die Jünger Jesu ins Reich, den Streit nach ihrer
-Weise zu schlichten.
-
-
-Die spanische Hand
-
-Maximilians einziger Sohn, Philipp der Schöne genannt, war spanischer
-König geworden: mit Karl, seinem bläßlichen Sohn, kam das Schlingseil
-der habsburgischen Hausmacht zurück und wollte das Abendland binden.
-
-Als ob noch einmal die alte Kaisermacht wäre, trug der spanische
-Jüngling die Kronen Europas, eifrige Lobredner sangen den Ruhm seines
-Reiches, darin die Sonne nicht unterging.
-
-Denn seiner Macht hatte der Westen das Wundertor aufgeschlossen: die
-alte Welt hatte die neue entdeckt, und Spanien münzte das Gold aus, das
-Columbus, der kühne Seefahrer, fand.
-
-Das Märchen der indischen Goldländer trat in den spanischen Tag ein;
-unübersehbaren Reichtum brachten die Schiffe herüber, als Ferdinand
-Cortez mit seinen Soldaten ins Sonnenland Mexiko kam.
-
-Wie Wölfe brachen die eisernen Männer des Abendlandes ein in das
-Weideland friedlicher Völker, das Goldfieber brannte die Herzen der
-Christenheit leer; Europa, das Raubtier, begann der Welt seine Krallen
-zu zeigen.
-
-Aber die Kirche wußte die Krallen zu nützen, ihr wuchs aus dem Gold
-die spanische Hand, dem evangelischen Aufruhr der Völker den Nacken zu
-beugen.
-
-Karl, der letzte Schirmherr der Kirche, entfachte noch einmal den
-Kampf um die Stärke, als sich der Papst dem König von Frankreich gegen
-den Kaiser verband; er ließ das Gelüst seiner Landsknechte gehen, und
-wie seit Geiserich nicht mehr, wurde die ewige Stadt gebrannt und
-geplündert.
-
-Aber Philipp der Zweite, sein Sohn, war nur noch spanischer König, kein
-Schirmherr der Kirche, nur noch ihr grausam gehorsamer Diener; wo der
-spanische Hut kam, hatte das Gold der Neuen Welt auch die spanische
-Hand stark gemacht, im Dienste der Kirche zu reiten.
-
-
-Die Geusen
-
-Wo das geteilte Gewässer des Rheins durch Sand und Sümpfe mühsam ins
-Meer sucht, von Friesland hinüber bis Flandern, hatten sich Friesen und
-Flamen ein breites Dasein gebaut, mit Häfen und Städten im Niederland,
-und wurden die lachenden Erben der Hansa.
-
-Karl der kühne Burgunder hatte die Länder mit eisernen Fäusten gehalten
-und Max der Habsburger war nach der reichen Mitgift geritten; Karl
-seinem spanischen Enkel waren sie schon das Land seiner Herkunft;
-Philipp der Zweite ließ sie durch seine Schwester als spanisches
-Erbland regieren.
-
-Aber das Niederland hing der calvinischen Lehre mit Eifer und
-Zuversicht an; als die spanische Hand durch strenge Edikte die Ketzer
-ausrotten wollte, schwuren die Edlen des Landes zu Breda den Bund, mit
-ihrem Blut dem schändlichen Brauch der Ketzergerichte zu trotzen.
-
-Die Geusen hießen sie bald, weil sie als spöttisches Zeichen den
-Bettelsack trugen; noch brauchten sie keine Gewalt, aber das flämische
-Volk, zu trunkenen Taten geneigt, ließ seinen Zorn an den Bildern der
-Kirche wüst und lästerlich aus.
-
-Den Aufruhr zu dämpfen, sandte der König den finsteren Alba ins
-Niederland; da mußten die Grafen Egmond und Hoorn zuerst auf den Block.
-
-Sie kamen, den Herzog von Alba zu grüßen, und glaubten als Ritter des
-goldenen Vlieses vor Unbill geschützt zu sein; aber der Finstere fing
-sie mit lächelnder List: sie waren die Sprecher des Volkes gewesen und
-mußten den leichtgläubigen Mut unter dem Henkerbeil büßen.
-
-Und Tausende folgten den edlen Herrn, der Blutrat des Herzogs kam über
-das Land, und die Wehklage wollte nicht enden; zum andernmal konnten
-die Hunde des Herrn das große Ketzergericht halten, wie es vorzeiten
-den Stedinger Bauern in Friesland geschah.
-
-Aber das Leid hob aus der Tiefe des Volkes die rächende Hand: aus der
-Verborgenheit kamen und in die Verborgenheit schwanden die Geusen,
-dazwischen war eine kühne Tat und eine blutige Rache.
-
-Sie trugen ihr graues Gewand und kamen auf flinken Schiffen; wo die
-spanische Hand schwach war, stach ihr Dolch zu, und wo sie stark wurde,
-verschwand er; sie waren die mutige Seele des Volkes, das sich aus
-weichlichem Wohlstand, durch Schande und Schrecken tollkühn erhob.
-
-Noch war es kein Krieg, bis Wilhelm von Nassau, der schweigsame
-Oranier, wieder ins Land kam; klüger als seine Freunde Egmond und
-Hoorn, war er dem Herzog nicht leichtfertig ins Garn gegangen; nun
-brachte er Kriegsvolk, den Geusen zu helfen.
-
-Die Geusen erkannten ihn gern; und ob das launische Glück im blutigen
-Schicksal hin- und herüber sprang, der Schatten des Herzogs wich
-langsam zurück, bis er verdrossen die Länder verließ.
-
-Aber die spanische Hand blieb im Land, und Wilhelm der schweigsame Held
-wurde grau in den Schlachten; er kannte nicht Übermut und Verzagtheit,
-er war die stete Geduld und der unbeugsame Wille: als er im sechzehnten
-Jahr des nimmersatten Krieges durch Mörderhand fiel, waren Holland,
-Seeland, Utrecht und Friesland befreit.
-
-Moritz, der Sohn des Oraniers, nahm das Schwert auf und wurde nicht
-matt; wie sein schweigender Vater ein Meister der Staatskunst, war er
-ein Meister des Krieges: gegen die spanische Übermacht hob er den Ruhm
-seiner Schlachten.
-
-Als Philipp hinsiechte und starb, war die spanische Weltmacht verronnen
-mit all ihrem Gold aus der Neuen Welt, nur um die Länder der Maas ging
-immer noch Krieg, und wie eine Seuche fraß das Mordwerk der Geusen den
-spanischen Widerstand leer.
-
-Kaum einer noch lebte von denen, die ihn begannen; und wie eine Sage
-erzählten die Greise von glücklichen Zeiten, da Frieden im Niederland
-war.
-
-Im zweiundvierzigsten Jahr, daß Alba der finstere Herzog ins Niederland
-kam, sanken die spanischen Waffen; sie hielten Flandern und das
-brabantische Land, aber die sieben Provinzen nördlich der Maas hatten
-die Freiheit errungen.
-
-Durch die spanische Hand ging dem Reich uraltes Stammland verloren:
-an der Mündung wie an den Quellen des Rheins saßen nun freie Völker,
-indessen die Fürstengeschlechter im Reich einander das Futter abfraßen.
-
-
-Donauwörth
-
-Im Niederland hatten die Ketzer gesiegt, im Reich war die Kirche wie
-Schnee im Frühjahr geschwunden; aber die Jünger Jesu warfen den Samen
-nicht in den Wind: schon stand die heimliche Saat dicht vor der Ernte,
-als Max, der bayrische Herzog, zu Donauwörth den ersten Wagen in seine
-Scheuer einbrachte.
-
-Eine Reichsstadt war Donauwörth, und die Bürgerschaft hatte längst
-ihren Tag in die deutsche Predigt gestellt; nur der Abt zum heiligen
-Kreuz hielt das Kloster der Benediktiner, dicht vor der Stadt.
-
-Aber nach Dillingen war es nicht weit, wo die Jesuiten ihre deutsche
-Pflanzschule hatten; die Nachbarschaft stärkte dem Abt den katholischen
-Rücken, und was das Kloster seit Jahren nicht wagte, den prunkvollen
-Umzug der Kirche begann es nun wieder.
-
-Sie trugen die Fahne zuerst nur gerollt und mieden die Straßen am
-Markt, aber der Eifer von Dillingen wetzte den Mut und die Hoffnung auf
-stärkeren Beistand: die Fahne des heiligen Kreuzes entrollt, mit vollem
-Gepränge und lautem Gesang, so kamen die Mönche in die Straßen der
-evangelischen Stadt.
-
-Wie sie vor Zeiten mit frommer Fröhlichkeit taten, geschah es nun
-wieder; doch knieten die Männer und Frauen nicht mehr, wo sie kamen:
-mit grollenden Mienen sahen sie längst verspottetes Tun ihr Tagwerk
-durchkreuzen, vergessener Zorn eiferte los und fuhr mit Fäusten darein.
-
-Es war kein Bauernkrieg mehr, es war nur ein böser Tumult in den
-Gassen, zornige Männer und hitzige Mönche balgten sich um die Fetzen
-der Fahne, indessen die Frauen und Kinder erschrocken den letzten
-Gesang überschrieen.
-
-Kein Landesfürst galt in der Reichsstadt seit zweihundertfünfzig
-Jahren, ihr einziger Herr war der Kaiser; aber die Jesuiten in
-Dillingen wiesen dem Abt vom heiligen Kreuz die Wege nach Prag.
-
-Da kannten sie längst die heimlichen Türen und wußten das Ohr des
-lichtscheuen Kaisers rascher zu finden als seine Bürger: so wurden die
-Frevler geächtet, und Max, der Herzog von Bayern, zog eilig heran, den
-Spruch zu vollstrecken.
-
-Die Stadt gehörte zum schwäbischen Bund, aber der Herzog lachte
-dazu: sie sollten ihm erst die Batzen bezahlen für all sein bemühtes
-Kriegsvolk!
-
-Er hatte den lang begehrten Vogel gefangen und tat den Käfig nicht
-wieder auf; Rudolf, der lichtscheue Kaiser in Prag, sah nach den
-Sternen.
-
-Da wurden die Städte und Fürsten gewahr, daß ein anderer Wind wehte,
-was heute einem geschah, konnte morgen manchen geschehen: calvinisch
-oder lutherisch war gleich vor der römischen Kirche, die drohend den
-Arm hob, sie alle als Ketzer zu treffen.
-
-Sie ließen der Kanzel den Predigerzank, aber die Schwerter schlossen
-den evangelischen Bund der Fürsten und Städte, einander die Freiheit
-des Glaubens zu halten.
-
-So stand der bayrische Herzog allein vor den Herren von Hessen und
-Sachsen, Brandenburg und der mächtigen Pfalz, und der Kaiser in Prag
-sah nach den Sternen; da rief er die geistlichen Kurfürsten auf, das
-katholische Schwert gegen den Bund der Ketzer zu schärfen.
-
-Union und Liga hießen die Bünde des kommenden Streites: sie ballten
-die Mächte gegeneinander, sie teilten das Reich und das Volk und lagen
-als drohende Wolken des Unheils über dem deutschen Land, bereit, das
-Gewitter zu bringen.
-
-
-Der Schwur von Loreto
-
-Im selben Jahr, da Philipp von Spanien starb, tat vor dem heiligen Haus
-in Loreto ein Habsburger Jüngling den Schwur: mit Gefahr seines Lebens
-jegliche Ketzer aus seinem Land zu vertreiben.
-
-Er war ein Vetter des Kaisers und regierte in Graz den südlichen Teil
-der habsburgischen Länder; weil aber Rudolf, der Kaiser in Prag, samt
-seinem Bruder Matthias kinderlos war, reiften die Kronen der Vettern
-ihm zu.
-
-So hob sein Schwur der katholischen Kirche das Schwert wieder auf, das
-Philipp sterbend hinlegen mußte; die Jünger Jesu hatten gesorgt, daß
-die Schneide gehärtet, daß der Habsburger Hochmut zum andernmal mit der
-Inbrunst der Kirche gestärkt war.
-
-Wo der Schwur Ferdinands galt, deckte er Duldung und Frieden zu;
-als ihm sein Vetter Matthias die böhmische Krone abtrat, war sein
-Erbland gereinigt: Gut oder Glauben, hatte sein Schwert die Untertanen
-gefragt, und die den Glauben der Bibel wählten, waren aus ihrer Heimat
-vertrieben.
-
-Aber die Böhmen hatten von Rudolf den Freibrief ertrotzt, zu glauben,
-zu predigen und Kirchen zu bauen, wie ihre Lehre gebot; Matthias mußte
-danach den Freibrief beschwören, auch Ferdinand sollte ihm Siegel und
-Unterschrift geben.
-
-Er hatte die Jünger Jesu gefragt, ob er mit gutem Gewissen bestätigen
-könnte, was er gleichwohl nicht zu halten gedächte: sie sagten ihm
-Ja, und Ferdinand gab dem Freibrief Siegel und Unterschrift wie seine
-Vettern.
-
-Als dann in Braunau und Klostergrab Kirchen gebaut wurden, hieß er sie
-schließen; darüber ergrimmten die böhmischen Herren in Prag und kamen
-hadernd ins Schloß, wo die Räte des Kaisers Matthias als Statthalter
-saßen.
-
-Sie warfen die Räte samt ihrem Schreiber zum Fenster hinaus, sie riefen
-das böhmische Land auf und rafften ein Heer, gleich ihren hussitischen
-Vätern meineidige Kaisergewalt durch ein Volksgericht zu begleichen.
-
-Sie standen vor Wien, als Kaiser Matthias starb und Ferdinand Hausherr
-der Habsburger wurde; schon hatten die Läufer den Aufruhr in seine
-Länder getragen: kaum daß er vermochte, nach Frankfurt zu fahren, die
-deutsche Krone zu holen.
-
-Die Kurfürsten hatten die Wahl getätigt und standen im Dom, den Kaiser
-nach altem Brauch auf den Altar zu heben, als ein Reiter aus Prag
-die Absetzung brachte; die böhmischen Stände hätten statt seiner den
-Pfalzgrafen Friedrich als König gewählt.
-
-Ein Stück aus dem Domgebälk brach nieder neben dem Altar, fast hätte
-sein Sturz den Kaiser erschlagen; die Furcht kommenden Unheils fiel in
-das drängende Volk.
-
-
-Der Winterkönig
-
-Noch war der mächtige Herzog von Bayern Schwertherr der Liga, nicht
-Kurfürst, und Ferdinand mußte von Frankfurt nach München; auch war es
-eher ein Bittgang, denn daß er als Kaiser befahl.
-
-Aber was beiden zunutz war, mußte geschehen: indessen Friedrich der
-Pfalzgraf mit seinem Hoflager nach Prag fuhr, einen Winter lang König
-zu spielen, rüstete Max der Herzog im Namen der Liga ein mächtiges
-Heer, und als es Sommer war nach dem Winter, stand er in Böhmen.
-
-Da hatte Friedrich, der pfalzgräfische König, mehr an die Pracht seiner
-Kleider denn an die Waffen gedacht; auch waren die pfälzischen Prediger
-eifrig gewesen, die Böhmen calvinisch zu machen.
-
-Sie hatten die Kirchen geräumt und die Wände gesäubert, sie hatten aus
-Prag ein neues Streitlager gemacht, den Götzendienst der Lutherischen
-selbstgerecht zu verdammen.
-
-Schon stand der Feind dicht vor der Stadt, als endlich das böhmische
-Heer in nasser Novembernacht auszog: am weißen Berge bei Prag wurde es
-grausam geschlagen, in einer Mittagsstunde zerrann dem Winterkönig sein
-Glück.
-
-Er saß nach pfälzischer Sitte zu Tisch, indessen ihm Tilly, der
-Feldherr der Liga, das Schwert aus der Hand und die böhmische Krone vom
-Kopf schlug; nun raffte er eilig das Seine und ging auf die Flucht,
-sein unrühmliches Leben zu retten.
-
-So hatte der Habsburger wieder das seine, die böhmischen Bürger und
-Bauern mußten den Herren in Prag die falsche Königswahl büßen.
-
-Der Kaiser nahm den böhmischen Freibrief und zerschnitt ihn mit eigener
-Hand; wie ein Gärtner die Knechte ausschickt, Unkraut zu jäten, so
-sandte der Orden Jesu die spanischen Hüte ins böhmische Land und in
-alle österreichischen Länder.
-
-Gut oder Glauben, so hieß noch immer die Frage des Schwertes: Tausend
-und Tausende wählten den Glauben, ließen die Heimat und ließen das Haus
-ihrer Väter, das Land der Verheißung zu finden; aber auf Erden war es
-die Fremde und bittere Armut.
-
-Der Schild und das Schwert der katholischen Liga stand vor dem Kaiser,
-und hinter ihm hob sich der römische Schatten: Glück und Ende des
-Winterkönigs in Prag war nur der spöttische Anfang, nun kam der Ernst
-über Deutschland und wollte zum bitteren Ende.
-
-
-Die Pfalz
-
-Der mächtige Herzog von Bayern hatte dem Kaiser das Schwert nicht eher
-geliehen, als bis er den Lohn kannte: die Pfalz fiel ihm zu mit dem
-Kurhut, und spanisches Kriegsvolk mußte ihm helfen, daß er das Pfand
-in der Hand hielt. Spanisches Kriegsvolk und englische Söldner rissen
-einander die Dörfer und Städte der Pfalz aus den Händen; denn Friedrich
-der Pfalzgraf war Eidam des englischen Königs: England und Spanien
-brachten den eigenen Machthandel über die Pfalz.
-
-Indessen der Winterkönig geächtet, der böhmischen Krone wie seines
-Kurhutes verlustig, sein törichtes Leben in Holland hinbrachte, rief
-englisches Gold dem bösen Krieg die Klopffechter auf.
-
-Den tollen Mansfeld hießen sie ihn, der mit allerlei Volk den
-verlorenen Krieg durch die deutschen Landschaften schleppte; Freund
-oder Feind, sie mußten ihn nähren; wo er von dannen zog, hatte die
-eiserne Faust manches gerafft und vieles zerstört.
-
-Als seine Haufen herzogen, von Tilly verfolgt, als sie den Tanz
-des Krieges begannen mit listigen Sprüngen, einander suchend
-einander auswichen und auf den Überfall lauernd Dörfer und Städte
-brandschatzten: bekam auch die Pfalz den böhmischen Winter zu schmecken.
-
-Und blutiger Schwertschlag wurde der Tanz, als Christian, Prinz von
-Braunschweig, seine wilden Gesellen dem tollen Mansfeld beibrachte;
-seit Sickingen hatten die Landesgewalten nicht mehr einen solchen
-Verächter erfahren.
-
-Er war noch ein Jüngling und hatte nach längst verschollener Sitte die
-Winterkönigin zur Herrin erkoren; er trug ihren Handschuh am Helm;
-alles für Gott und für sie, stand auf den Fahnen.
-
-Zu Paderborn fand er im Dom zwölf Silberapostel, er prägte Taler daraus
-und hieß sie in alle Welt hingehen: Gottes Freund und der Pfaffen
-Feind, stand auf den Talern; und wer nicht für ihn war, war wider ihn.
-
-Sie hätten dem Winterkönig sein Land bis zur Hölle gehalten, er
-selber aber entließ sie; so wurde die Pfalz frei von der Plage, so
-wurde die Fackel des Krieges nach Norden getragen, wo sie von neuem
-lichterloh brannte, weil danach der König von Dänemark antrat, sein
-Klopffechterglück zu versuchen.
-
-Die Pfalz wurde frei von der Plage, aber nun kam der bayrische Herzog
-mit Eifer und Strenge, das calvinische Land wieder katholisch zu machen.
-
-
-Wallenstein
-
-Der Schwur von Loreto hatte dem Habsburger Erbland gegolten; über die
-Pfalz kam er ins Reich, und Ferdinand wollte noch einmal Schirmherr der
-Christenheit heißen.
-
-Aber das Reich der Habsburger war nicht mehr die Kaiserstandarte über
-den Völkern; Frankreich und England hielten ihm seine Tore im Westen
-gesperrt, im Osten drohten die Türken.
-
-Kein Maifeld am Rhein stellte die Heerschilde auf um den Kaiser, daß er
-den Bogen der Stärke über das Abendland spannte: Ferdinand war in der
-Hofburg zu Wien das Flackerlicht seiner Mönche.
-
-Da saß die Spinne im Netz, die Ketzer zu fangen, aber die Fäden hatte
-die Liga gespannt: der mächtige Herzog in Bayern gebot, und Ferdinand
-mußt ihm seine Dienste teuer bezahlen.
-
-Als darum Wallenstein kam, dem Kaiser ein eigenes Heer anzubieten, gab
-er dem düsteren Mann gern eine Vollmacht, sich von dem Herzog zu lösen.
-
-Es war ein böhmischer Edelmann ärmlicher Herkunft, aber er hatte im
-Dienst des Kaisers reiche Güter in Böhmen erlistet, war Graf und Fürst
-seiner Herrschaft Friedland geworden und galt als guter Soldat, der
-seinen Söldnern reichen Raub gönnte.
-
-Als seine Trommel im Reich scholl, reicheres Werbegeld und reichere
-Beute verheißend, lief das Kriegsvolk ihm zu; bald stand dem Kaiser ein
-Heer zu Feld, stärker als das aller Fürsten.
-
-Da mußte der stolze König der Dänen auf seine Insel entweichen, da
-wurde der tolle Mansfeld gejagt wie ein Wild bis nach Ungarn, da konnte
-der Pfaffenfeind mit dem Handschuh der Königin keine Silbertaler mehr
-prägen.
-
-Da wurde die Hofburg Herr über den Bund der evangelischen Fürsten, da
-kam die römische Hand und strich ein halbes Jahrhundert und mehr aus
-dem Dasein des Reiches.
-
-Die Bischöfe kehrten zurück in den Besitz ihrer weltlichen Macht;
-alles, was einmal Kirchengut war, mußten die Fürsten und Städte der
-römischen Hand überlassen.
-
-Der Schwur von Loreto hatte der Kirche die Fäden von neuem gespannt;
-die Jünger Jesu standen bereit, den letzten Fang zu beginnen.
-
-
-Stralsund
-
-Was nicht mehr gewesen war, wurde durch Wallenstein wahr: der Kaiser
-hielt wieder die Macht über die Fürsten; aber der Kaiser saß in der
-Hofburg zu Wien, und der das Schwert führte im Namen des Kaisers, war
-seine eigene Stärke.
-
-Er hieß nun Herzog von Friedland und nannte Mecklenburg sein; ihn
-schierten die Händel der Geistlichen nicht und nicht die Sorgen der
-Kirche, er ging den Schritt der Gewalt und wollte ein anderes Reich als
-das der Pfaffen und Fürsten.
-
-Stärker als alle Kurfürstenmacht war einmal die Hansa gewesen: nun
-wollte der Kaiser die Hansa bedeuten, ihm sollten auch wieder die
-Städte und Häfen der Ostsee gehören, und die im Norden selbstherrlich
-Könige hießen, sollten in seiner Pflicht sein.
-
-Er legte in alle Häfen Besatzung, den Norden zu zwingen; aber Stralsund
-war der Schlüssel, und Stralsund trotzte dem Herzog des Kaisers; als
-er die Insel Dänholm vor ihren Toren besetzte, wagten die Bürger den
-Handstreich und brachten sie wieder in ihre Hand.
-
-Und wenn sie mit Ketten am Himmel hinge, sie müßte herunter! prahlte
-der Herzog; aber die Bürger von Stralsund hatten die Taten der Geusen
-vernommen: so hitzig sein Kriegsvolk die Wälle berannte, sie hielten
-ihm stand.
-
-Denn der sonst hinter den Wällen der böseste Feind war, der Hunger
-konnte die Stadt nicht bezwingen; höhnisch vor seinen kurzen Kanonen
-gingen und kamen die schwedischen Schiffe, Brot und Waffen, Pulver und
-Kriegsvolk zu bringen.
-
-Soviel die Wälle zu verbergen vermochten, warfen die Dänen und Schweden
-Truppen hinein; Stralsund war in Wahrheit der Schlüssel des Nordens,
-die Könige hielten dem Kaiser das Schloß mit dem Schlüssel gesperrt.
-
-So ging dem Herzog von Friedland sein harter Schwur fehl; er hatte
-die Länder gekehrt mit eisernem Besen von Ungarn bis Jütland, er war
-über Fürsten und Völker mit seinem Kriegsvolk gekommen: an der kalten
-Meerküste mußte sein Stolz die Schranken erkennen; und wie es Alba
-geschah vor den Geusen, so wich der Schatten Wallensteins zurück vor
-Stralsund.
-
-Das aber war zu der Zeit, da die Kurfürsten der Liga den Tag in
-Regensburg hielten: sie wollten den Hochmut des Herzogs nicht
-länger ertragen und zwangen den Kaiser, sich selber den starken Arm
-abzuschneiden.
-
-Der Friedländer wäre mächtig genug gewesen, den Fürsten zu trotzen,
-aber Seni, sein Sterndeuter, hatte ihm andere Dinge geweissagt; so ging
-er mit lächelnder Miene nach Böhmen in seine stolze Verbannung, wartend
-des Tages, da sie zum andernmal seiner bedürften.
-
-Denn schon war an der rügischen Küste der schwedische König erschienen,
-Kaiser und Kirche zum Trotz sein Schwert an die Bibel zu wagen.
-
-
-Magdeburg
-
-Lutherische Prinzen regierten seit langem die reiche Bischofsstadt an
-der Elbe, sie hießen Verweser und hatten der geistlichen Würde entsagt,
-die weltliche Macht zu behalten; aber der letzte Verweser, Christian
-Wilhelm von Brandenburg, wurde vom Kaiser geächtet: ein Bruder des
-Kaisers sollte wieder katholischer Erzbischof in der Ketzerstadt sein.
-
-Kaum standen die Schweden in Pommern, so schlich sich der Prinz
-heimlich zurück in die Stadt und stärkte die Hoffnung der Bürger,
-daß nun die Tage der evangelischen Freiheit nach langer Bedrängnis
-anbrächen.
-
-Als aber Tilly, der Feldherr der Liga, Botschaft bekam, zog er mit
-großer Kriegsmacht heran; die reiche Ketzerstadt an der Elbe sollte das
-Schwert des Kaisers erfahren, bevor ihr der König zu helfen vermöchte.
-
-Da hatte der Prinz in Eile die Wälle gerüstet, und ein erfahrener
-Kriegsmann, Dietrich von Falkenberg, kam aus dem Lager der Schweden;
-denn Tilly war ein gewaltiger Feldherr mit Listen und raschen Zügen.
-
-Indessen der Kurfürst von Brandenburg, sein bänglicher Schwager, dem
-schwedischen König verwehrte, durch seine Länder zu ziehen, zog Tilly
-den eisernen Ring um die Stadt immer enger; der Hunger fing an, ihm zu
-helfen, auch ging das Pulver aus für die Geschütze: ein wütender Sturm
-sollte Magdeburg zwingen.
-
-Von allen Seiten liefen sie an, Feuerkugeln fuhren in glühenden Bogen,
-die Dächer zu zünden; schon stürzte ein Turm auf dem Wall, aber er
-legte sich nicht in den Graben, dem stürmenden Feind die Brücke zu
-bauen: die feurigen Krallen und eisernen Zähne konnten die Wälle nicht
-packen.
-
-Da sollte die Kriegslist den letzten Trumpf wagen, bevor sie abzogen;
-ein Trompeter kam in die Stadt, den blutigen Streit zu begleichen:
-schon sah die Wacht auf den Wällen die Schanzen geräumt und glaubte die
-nahende Hand des Königs zu spüren.
-
-Durch endlose Wachen ermüdet und froh der nahen Befreiung, ließen die
-Bürger die Wälle, endlich einmal zu schlafen: da drangen die Söldner
-Pappenheims ein und weckten die arglosen Schläfer.
-
-Es war nur ein kurzes Erwachen: sie waren Rebellen und Ketzer, nun fiel
-das Schwert über sie her; Männer, Frauen und Kinder mußten mit ihrem
-Blut den Schwur von Loreto bezahlen.
-
-Und über das Schwert kam das Feuer; seit Trojas und Jerusalems Fall --
-frohlockte die Kunde nach Wien -- hatte die Welt kein Schauspiel wie
-dieses gesehen; drei Tage lang fraßen sich Mord und Brand satt in der
-Ketzerstadt, bis ihre blühende Breite ein Brandhaufen und Schindanger
-war.
-
-Wehklage schwoll aus dem angstvollen Herzen der protestantischen Welt;
-sie sah ihr Schicksal beschlossen, und die Enttäuschung fing an, den
-schwedischen König laut zu verwünschen.
-
-Dietrich von Falkenberg lag unter den rauchenden Trümmern begraben, den
-Prinzen von Brandenburg fingen die Söldner lebendig; er wurde in Wien
-wieder katholisch und lebte noch lange sein wohlbehütetes Leben.
-
-
-Gustav Adolf
-
-Den Schneekönig hießen sie ihn in der Hofburg des Kaisers: er würde
-bald schmelzen, wenn er den Norden verließe; auch wurden die Schweden
-Goten genannt, der römische Spott war darin über die neuen Barbaren.
-
-Aber der schwedische König kam in das Reich, wie ein Seefahrer seine
-Segel auf Sturm stellt: er prüfte den Anker und sah nach den Sternen;
-er wußte das Wagnis, aber er kannte sein Schiff und kannte die Kunst,
-es zu lenken.
-
-Wie es vorzeiten geschah, als Dietrich, der starkweise, Ravenna und
-Rom zu gewinnen gedachte, waren die schwedischen Männer ein Volk und
-Schwert gegen die Söldner des Kaisers.
-
-Tilly, der Feldherr und Sieger in hundert Schlachten, sah die Stärke
-des Königs; aber er sah auch, wie Argwohn und Zweifel der Fürsten dem
-Schweden die Schritte verstellten: er dachte ihn langsam zu schwächen,
-bevor er ihn finge.
-
-Als aber Magdeburg sank und als die Brunnen der evangelischen Wehklage
-aufbrachen, entbrannte dem König der Zorn: herrisch und hart zwang er
-die Fürsten von Sachsen und Brandenburg in seinen Gehorsam.
-
-Und als er Tilly im Breitenfeld stellte, teilte er klüglich die Seinen
-ab von den Sachsen, daß ihre Furcht nicht seine Schweden verwirre: die
-Sachsen liefen bis Eilenburg; als aber Tilly den Flüchtenden folgte,
-nahmen die Schweden ihn scharf in die Zange.
-
-Der Feldherr und Sieger in hundert Schlachten mußte dem König das Feld
-überlassen, als er glaubte, es zu gewinnen; kaum, daß er den Rest
-seiner Söldner nach Halberstadt brachte.
-
-Schon sahen die Priester und Pfründner der Hofburg das blaugelbe Banner
-vor Wien; aber der schwedische König strauchelte nicht in der Gunst
-seiner Stunde.
-
-Er sandte das sächsische Heer nach Böhmen, das Tor des Kaisers in Prag
-zu bedrängen; er aber äugte hinüber zum Rhein, wo die Kurfürstenmacht
-noch immer dem Reich das Krönungsgewand hielt.
-
-Denn mehr als ein günstiger Frieden blühte dem König der Schweden
-aus seinem Sieg: Wien war Byzanz, er aber wollte, wie vormals der
-starkweise Dietrich, das Reich der Goten anders aufrichten.
-
-Die Herbstnebel näßten das Land, als er die neue Heerfahrt begann; aber
-Weihnachten fand ihn schon warm in Mainz, wo er das kurfürstliche Nest
-mit seinem Schwedenvolk füllte.
-
-Er war den uralten Weg der Sachsen gezogen, er hatte in Würzburg das
-fränkische Maintor gesprengt und hatte die Furt der Franken gefunden:
-wie die salischen Herrn und die Staufer ließ er das Banner der
-blaugelben Macht über dem Maifeld der Reichsherrlichkeit wehen.
-
-Und als ihn Tilly von neuem ins Feld rief nach Franken und Bayern,
-ließ er den Kanzler Oxenstjerna im goldenen Mainz, der schwedischen
-Herrschaft am Rhein den Krönungsmantel zu halten.
-
-Noch lag der Schnee auf den fränkischen Bergen, als ihm die Glocken von
-Nürnberg zu läuten begannen; Tore und Herzen hatte die Reichsstadt dem
-Schutzherrn der evangelischen Freiheit weit aufgetan.
-
-Hier hielt kein Bischof und Fürst seinen Zipfel der Kaisergewalt fest,
-hier war der siebente Heerschild des Reiches im Bürgerkleid und grüßte
-den starken Verwalter.
-
-Fester und fröhlicher, als er den Feldzug begann, stieß er nach Süden,
-den mächtigen Herzog in Bayern zu fassen, der für die römische Macht
-im Reich das listige Schwert und gegen den Kaiser in Wien die stolze
-Selbstherrlichkeit war.
-
-Er traf ihn am Lechfeld gelagert; so stark hatte Tilly, sein greiser
-Schildhalter, die Schanzen gestellt, daß die Getreuen dem König den
-Angriff abrieten: er aber hatte über die Ostsee Brücken geschlagen und
-wollte nicht weichen vor einem steinichten Alpengewässer.
-
-Die Lose waren geschüttelt, und das Glück fiel dem Mutigen zu,
-indessen Tilly, den zweifelnden Greis, eine Stückkugel traf: als der
-Schildhalter fiel, waren die Schanzen noch stark wie zuvor, aber der
-Kurfürst floh mit den Seinen, weil ihn der Mut und der Glaube verließen.
-
-
-Lützen
-
-Seni, der Sterndeuter, hatte dem Herzog von Friedland kühne Dinge
-geweissagt, nun kam die Erfüllung: die Fürsten im Reich und ihr Kaiser
-mußten den Tag von Regensburg büßen.
-
-Der Herzog hatte sein Haus in Prag wie einen goldenen Käfig um seine
-Wünsche gehalten, von bösen Schmerzen geplagt und abergläubisch den
-Sternen verschworen, schien er der Welthändel satt.
-
-Er ließ den Gesandten des Kaisers mit Ungnade an; die pfäffischen
-Feinde der Hofburg mußten den bittersten Spott seiner gichtigen
-Rachlust erfahren, bevor er im Rollwagen aufstand.
-
-Eine Katze spielt mit der Maus, so nahm der Herzog den Habsburger
-Hochmut in die Krallen: als er den Feldherrnstab aufhob, war der Name
-des Kaisers nur noch das Siegel, die Macht hielt der Herzog allein in
-den gichtigen Händen.
-
-So hatte die Zeit das Spiel der Mächte gewandelt: der Habsburger mußte
-dem Herzog von Friedland den Prunkwagen ziehen, der Winterkönig war ein
-Schaustück des Schwedenlagers geworden.
-
-Verwegen den eigenen Zielen verschworen, standen die neuen Spieler im
-Feld: sie hoben den Arm und kreuzten die Degen; aber sie stießen nicht
-zu, weil sie einander erkannten.
-
-Der Herzog kehrte das böhmische Land rein von den Sachsen und ließ den
-hochmütigen Kurfürst von Bayern drängen und betteln, daß er ihm hülfe;
-erst als sich der stolze Kriegsherr der Liga demütig nach Eger bemühte,
-kam er nach Bayern.
-
-Der König hatte um Nürnberg sein festes Lager geworfen, der Herzog
-legte sich auf die Berge von Zirndorf davor, ihn zu belauern: zehn
-Wochen lagen sie da voreinander, und eher wären die Wälder gewandert,
-als daß der Herzog dem König aus seinem Fuchsbau herauskam.
-
-Der Hunger fiel ein hier und dort, und Seuchen fraßen die Heere: der
-Herzog rührte sich nicht; und als der König verbissen und wild den
-Sturm wagte, wies er ihn blutig zurück.
-
-Sie hatten einander gespürt und gingen geschwächt auseinander; als aber
-der Herzog ins Sächsische fiel, Winterquartier zu erlangen, war der
-König noch stark, ihm zu folgen.
-
-Zum andernmal lagen sie da mit dem Nürnberger Spiel bei Naumburg und
-Weißenfels hart aneinander; zum andernmal stieß der König zu, als der
-Herzog die Pappenheimischen Reiter elbabwärts sandte.
-
-Bei Lützen bekam er den Friedländischen Stier bei den Hörnern zu
-packen; so hart griff er ihn an, daß ihm das gewaltige Tier in die Knie
-brach: aber das spitzige Horn durchbohrte ihm selber die Brust, bevor
-er Viktoria rief.
-
-Zwei Kugeln trafen den König, als er im Nebel zu hitzig ins Treffen
-geriet; die eine zerriß ihm den Arm, und als ihn sein Page noch
-rückwärts zu lenken gedachte, durchbohrte die zweite den Rücken.
-
-Die Schlacht war den Schweden gewonnen; als Pappenheim kam mit dem
-Hagelsturm seiner Reiter, konnte der Herzog das Lützener Feld nicht
-mehr erzwingen; aber der König lag unter Leichen begraben.
-
-Der Starke von Norden war in die bängliche Stille gekommen, ein Hornruf
-und Schwertschlag wie keiner im Schlachtlärm der Zeit.
-
-Den Schneekönig hießen sie ihn; im Blut seiner Goten war er
-geschmolzen, aber das blaugelbe Banner flatterte hoch: Bernhard von
-Weimar riß es im Flug seiner Taten über die deutschen Gefilde, bis ihm
-die Fetzen hingen.
-
-
-Der Herzog von Friedland
-
-Die Sonne sank unter im Feld, und der Mond stand allein über Lützen,
-blutrot im schwarzen Gewölk: sie hatten gekämpft um den Tag, nun kam
-die Nacht mit zerrissenen Schatten.
-
-Ein König hatte den Kaisertraum gläubig im Tag seiner Taten empfangen,
-nun war es ein bleicher Glanz der Gestirne, von dem Sterndeuter brütend
-bewacht und von dem Herzog abergläubisch gehütet.
-
-Er war als böhmischer Edelmann in den Schein der Allmacht gekommen,
-Böhmen und Prag verhießen dem Herzog die kommende Krone; als er das
-Feld bei Lützen verlor, wich er zurück, die böhmische Heimat zu halten.
-
-Indessen Bernhard von Weimar den Sieg der blaugelben Fahne ins
-Frankenland trug, als Herr von Würzburg und Bamberg ein neuer
-Reichsfürst zu werden von schwedischen Gnaden; indessen der Kurfürst
-von Bayern sich schlimmer bedroht sah als je durch den König: hielt
-sich der Herzog in Böhmen, bis er, Mähren zu schützen, nach Schlesien
-kam.
-
-Da hatten die Schweden und Sachsen die leichte Beute geteilt; er kam
-sie zu strafen und hätte sie hart zu treffen vermocht mit zwiefacher
-Übermacht: aber er wollte dem klüglich berechneten Spiel nicht selber
-die Trümpfe ausbrechen, er wollte im Gleichmaß der feindlichen Mächte
-der Unentbehrliche bleiben.
-
-Und als er danach bei Steinau den Grafen von Thurn fing, den böhmischen
-Todfeind des Kaisers, und als in der Hofburg zu Wien schon die Folter
-bereit war, ließ er den Ketzer und Rebellen laufen und hatte nur Spott
-für die Pfaffen.
-
-Die Boten kamen und gingen, als ob er den Krieg mit der Feder statt
-mit dem Schwert zu gewinnen gedächte; sie gingen nach Schweden und
-Frankreich mehr als nach Wien, und niemand sprach näher vom Frieden,
-als der für den Krieg bestellt war.
-
-Aber er hatte die Karten zu listig gemischt; als er am Stich war,
-traute ihm keiner: so ging ihm der Einsatz samt dem geweissagten
-Kronengewinn kläglich verloren.
-
-Die Allmacht des Herzogs zu dämpfen, rief der Kaiser ein spanisches
-Heer ihm zu Hilfe; da mußte der listige Spieler Farbe bekennen, aber
-nun war es zu spät, sie zu halten: als ihm zu Pilsen seine Getreuen den
-Schwur leisten sollten, hielt schon Verrat den Verrat bei den Händen.
-
-Seines Amtes entsetzt und vogelfrei als Verräter, kam er nach Eger,
-noch immer ein Fürst der Gewalt, abgöttisch geehrt und gefürchtet; er
-wollte sich offen den Schweden zuwenden, aber der kleine Verrat kam dem
-großen zuvor.
-
-Es war ein Gastmahl in Eger, da wurde dem künftigen König von
-Böhmen getrunken, und der Meuchelmord lauerte hinter der Tür; als
-die Lustigkeit satt war, brachen die Mörder hervor und stachen die
-trunkenen Schwertbrüder Wallensteins nieder.
-
-Ihn selber fanden sie wehrlos im Schlaf; er hatte den Abend mit Seni
-verbracht, den drohenden Stand der Gestirne zu deuten, nun trat der
-schwarze Beschluß durch die krachende Tür in seine Wirklichkeit ein.
-
-Er war durch den Lärm geweckt noch ans Fenster getreten, als er die
-Hellebarde vor seiner Brust sah; wortlos mit offenen Armen nahm er sie
-auf: im Tod noch ein finsterer Meister.
-
-Dreitausend Seelenmessen hieß der Kaiser in Wien dem Wallenstein lesen,
-und hängte das Gold an die Mörder; auch floß eine Habsburger Träne dem
-Schicksal, das ihm so grausam und tückisch zu handeln befahl.
-
-
-Bernhard von Weimar
-
-Als Wallenstein starb, stand der große Krieg still, aber der kleine
-Krieg wollte Deutschland verderben; Faust und Feuer und Raub hatten ein
-wildes Geschlecht gezüchtet; schon krähte der Hahn nach dem Morgen,
-aber noch hielt die gramvolle Nacht dem bösen Gezücht den Morgenschlaf
-hin.
-
-Über dem Haß der Parteien hatten noch Sterne gezittert, nun starben sie
-hin im Grauen der Helle: der aber den Schaft der blaugelben Fahne hielt
--- einen Stumpf nur mit Fetzen behangen -- den Prinzen Bernhard von
-Weimar riß seine Fahrt noch ins Morgenrot hin.
-
-Er hatte das sächsische Feld bei Lützen gehalten und war wie ein Feuer
-im Wind zur bayrischen Donau gefahren, er hatte das fränkische Land
-mit seinen Siegen erfüllt und war der Herzog des Landes um Bamberg und
-Würzburg geworden: aber die Schlacht bei Nördlingen nahm ihm den Ruhm
-und das Land; seit Breitenfeld wurde kein Heer so geschlagen.
-
-Oxenstjerna, der schwedische Kanzler, hatte mit eiserner Stirn den Tod
-seines Freundes, des Königs, erfahren; nun stand er zum andernmal leer
-vor dem Glück: die Schwedenherrschaft im Reich war aus; hoch stieg der
-Kaiser.
-
-Der Kurfürst von Sachsen streckte zuerst die unrühmlichen Waffen, ihm
-folgten geschwind die kleineren Fürsten: der Frieden zu Prag gab den
-Ländern der Elbe die Hoffnung zurück, daß wieder dem Bauer sein Pflug,
-dem Bürger sein redliches Handwerk gehöre.
-
-Aber noch war die Zuchtrute der Zeit nicht gesättigt, nun blieb der
-Schwede als Feind, wo er als Freund kam; was ihm die Fürsten und Städte
-im Reich nicht mehr gaben, das bot ihm Frankreich mit listiger Hand,
-und Oxenstjerna zögerte nicht, es zu nehmen.
-
-Elf Jahre ging noch der höllische Krieg: Schweden, Franzosen, Spanier
-rissen sich um den Raub mit dem Kaiser; aber der Raub war das Reich und
-der Kaiser die römische Kirchengewalt.
-
-Da ließ auch Bernhard von Weimar den blaugelben Stumpf und machte den
-Pakt mit dem Todfeind der Habsburger Macht: französisches Geld half
-ihm, ein Heer auszurüsten, Elsaß und Hagenau -- stand in dem Pakt --
-sollten sein Lohn sein.
-
-So stieg noch einmal sein Ruhm, aber nun trug er die eigene Fahne;
-und als sie zum andernmal Sieg trug, als ihm das Elsaß gehörte, als
-Breisach ihm zufiel und der Oberrhein sein war: da wurde der deutsche
-Herzog dem Kanzler von Frankreich und Kardinal Richelieu zu großmächtig.
-
-Er sollte für Frankreich, nicht für sich selber, dem Kaiser das Land
-abgewinnen; den Trotz zu betören, trug er dem Prinzen die Hand seiner
-Nichte als Siegespreis an.
-
-Aber Bernhard von Weimar lachte der Ehre, wie Dietrich gegen Byzanz
-lachte; die hessische Landgräfin war ihm geneigt: von Basel bis Marburg
-sollte -- so ging sein Traum -- sein neues Herzogtum reichen, und
-sollte die Trutzburg des deutschen Evangeliums sein.
-
-Er war die Faust und das Herz, die Trutzburg zu halten, aber der Tod
-fiel ihn an wie ein räudiger Hund: sein Arzt gab ihm Gift, so sagte er
-selber; Breisach ist unser! rief fröhlich der Kardinal.
-
-Elsaß zu halten, doch nie das Reich zu verraten; so ging das Testament
-Bernhards von Weimar an seine Brüder: aber Geld und Gewalt der
-Franzosen hielten den Raub fest, als die Faust und das Herz nicht mehr
-schlugen.
-
-
-Das Ende
-
-Älter als die Jünglinge der Menschen war schon der Krieg, da Bernhard
-von Weimar die Faust und das Herz seiner Taten zum Sterben hinlegte,
-und über der Wiege saß manche Mutter, die selber den Frieden nicht
-kannte.
-
-Bernhard von Weimar war noch ein Held der Hoffnung gewesen; die nach
-ihm kamen, waren Soldaten, sie kannten nichts als Soldatenglück und
-Soldatengewalt:
-
-Banner, der Schwede, üppig und wild und verwegen und allen Lastern
-fröhlich vertraut; mitten im Winter kam er vor Regensburg, den Kaiser
-mitsamt dem Reichstag zu fangen, aber die Donau ging über Nacht in
-Tauwetter auf.
-
-Torstenson dann, von der Podagra übel geplagt, aber sein Lehnstuhl fuhr
-schneller durchs Reich als die Reiter des Kaisers; bei Breitenfeld
-schlug er sie scharf, wie sein König dem Tilly tat, und seine Scharen
-streiften vor Wien.
-
-Johann von Werth, der in Jülich Bauernknecht war und ein spanischer
-Reitersmann wurde; keine Stadt im Reich, die seine Tollheit nicht
-kannte.
-
-Wie sie einander hinjagten, heute am Rhein und morgen am Lech, wie sie
-Heuschrecken gleich in die Länder einfielen, wie sie die klägliche
-Bürger- und Bauernschaft plagten: das war nicht mehr Krieg, das war nur
-noch Ritt um den Raub und um die Winterquartiere.
-
-Und wie die Herren, so wurden die Knechte: wo ihrer zwölf waren, tat
-sich der dreizehnte auf als ihr Meister; denn plündern und rauben
-nährte den Mann nur noch abseits der Straße.
-
-Längst säte der Bauer nur mehr die Felder versteckt in Wäldern und
-Sümpfen; und was in den Städten noch Bürgerschaft hieß, hielt das
-zerlöcherte Sieb, aus dem Schlamm der wilden Heervölker den traurigen
-Satz zu gewinnen.
-
-Wohl hatten Sachsen und Brandenburg Frieden gemacht mit dem Kaiser,
-aber der Schwede hohnlachte dazu, ihn zu halten; denn längst mit dem
-König war seine Zucht und Frommheit gefallen.
-
-Schlimmer als je galt das Faustrecht, wüster als je lag der Acker,
-bitterer als je war die Armut, wilder das Elend, heißer Hunger und
-Seuche; von Zucht und Sitte war nur ein schmutziger Rest, vom Wohlstand
-des Reiches nur noch die Sage geblieben.
-
-Als dann Turenne, der Mordbrenner, kam, und Wrangel, der Schwede, ihm
-half, die Pfalz auszukehren, als Max, der stolze Kurfürst von Bayern,
-dem Kaiser abfiel im Stillstand von Ulm: da war der Schwur von Loreto
-am Ende.
-
-
-Der Frieden zu Münster
-
-Der Frieden kam, wie ein Feuer sich selber die Stätte leer frißt; der
-Hunger der Länder hing sich dem Wagen der Kriegsvölker an, und vor den
-Toren der Stadt saß wartend die Seuche.
-
-Sieben Jahre lang siechte der Krieg hin, so hatten die räudigen Hunde
-der Macht sich verbissen; der Reichstag von Regensburg sollte sein Ende
-bedeuten, aber der Schwur von Loreto wollte noch immer Machthalter
-bleiben.
-
-Dann wurde in Hamburg das Ränkespiel anders beschlossen: in Münster und
-Osnabrück sollten die beiden Heerlager der Räte und Vollmachten sein;
-aber drei Jahre vergingen, bis die Perücken der feindlichen Völker sich
-alle einfanden.
-
-Und vier Jahre lang wurden die Akten gewendet, vier Jahre lang zankten
-die Räte sich um den Rang ihrer hohen Personen, vier Jahre lang
-schrieben die Federn sich stumpf an spitzen Prämissen: bis endlich der
-Troß der Gesandten in Münster einfuhr, mit schwarzer Tinte das Blut der
-Völker zu sühnen.
-
-Der Kaiser hatte das Spiel verloren, aber das Reich mußte die Schulden
-bezahlen: Schweden nahm Pommern, Rügen und Bremen, Frankreich das Elsaß
-samt Metz, Toul und Verdun; die Schweiz und das Niederland gaben für
-immer dem Reich ihren Abschied.
-
-So hatte der Schwur von Loreto ein Aas aus Deutschland gemacht, Fremden
-zum Fraß, und hatte dem heiligen römischen Reich deutscher Nation den
-Tag abgeschnitten.
-
-Denn nun waren die Fürsten die Herren; sie durften Bündnisse schließen
-ohne den Kaiser, sie konnten in Frankreich, England und Schweden den
-Trotz stärken gegen den Kaiser: das Reich war keine Reichsherrlichkeit
-mehr.
-
-Kirche und Kaiser waren das Herz und die Hand der christlichen
-Weltmacht gewesen und hatten den Bogen gespannt über die Völker: nun
-saß der Kaiser zwar noch in seiner Hofburg, aber das Reich gehörte den
-Fürsten.
-
-Katholisch, lutherisch und reformiert konnte der Landesherr sein, wie
-er wollte; nur einen anderen Glauben als seinen brauchte er bei dem
-Untertan nicht zu dulden.
-
-Frieden auf Erden hatte die Botschaft versprochen und hatte den
-wildesten Krieg über Deutschland gebracht; als gläubiger Christ hüben
-und drüben war der deutsche Mensch in die Zwietracht geraten, daß er
-dem Bruder die Glaubensgründe bestritt: in Konfessionen geschieden
-hatte das deutsche Volk die Einheit der Seele verloren.
-
-
-
-
-Das Buch der Fürsten
-
-
-Versailles
-
-Ein scharfer Keil in der Habsburger Macht war das Land der Franzosen:
-von Flandern hinauf nach Burgund und drüben in Spanien bot ihm das
-Habsburger Weltreich die Flanken.
-
-So war es geworden, als Philipp der Schöne hinüber nach Spanien freite,
-so wirkte es doppelt, als Karl, der spanische König, zurück in das
-Reich kam, Kaiser der Deutschen zu werden.
-
-Viermal führte er Krieg mit Franz dem Ersten von Frankreich, daß ihm
-der Keil nicht die Flanken zersprenge; viermal nahm er den Keil in die
-Zange und konnte ihm doch die Schärfe nicht brechen.
-
-Was aber Franz mit grimmigen Kriegen begann, vollbrachte mit List
-Richelieu: die Kaisergewalt starb hin an dem Schwur von Loreto,
-indessen der Kardinal den Feinden der Kirche beistand, die Flanken der
-Habsburger Macht einzustoßen.
-
-Der Frieden zu Münster gab den Franzosen am Rhein, was der Kaiser
-verlor: das Reich war leer und zerschlagen, sie aber standen im Glück
-ihrer Stunde, und Ludwig der Vierzehnte kam, die abendländische Uhr auf
-sich einzustellen.
-
-Er war noch ein Jüngling, als er im Jagdrock, die Peitsche keck in der
-Hand, ins Parlament kam, das Fürstenwort seiner Zeit auszusprechen: Der
-Staat, das bin ich!
-
-Die Fürstenmacht hatte den Krieg gegen den Kaiser gewonnen, und Ludwig
-der Vierzehnte lehrte die Fürsten, ihr Siegerrecht auszukosten.
-
-Der Staat war der König: Stände und Standesherrn, Bürger und Bauern
-waren ihm untertan und mußten dem König gehorchen als untertänige
-Diener; er war die Sonne, alles Licht im Staat kam von ihm, und alles
-war sein von Gottes Gnaden.
-
-Seine Soldaten marschierten im Namen des Königs, seine Minister waren
-das Räderwerk höchsteigener Pläne, seine Beamten plagten den Untertan.
-
-Daß seine Allmacht sichtbar würde dem eigenen Volk der Franzosen und
-den Völkern des Abendlandes, ließ er sich draußen, weit vor den Toren
-der Hauptstadt Paris die neuen Lustgärten bauen: das Schloß und den
-Park von Versailles.
-
-Die starre Flucht seiner Fenster und der umgitterte Hof wiesen der
-stolz anlaufenden Straße den Rücken, das Antlitz war nach den Gärten
-gekehrt, die in unendlicher Weite über den breiten Terrassen ihr grünes
-Schaubild der blauen Ferne vorlegten.
-
-Wachen und Gitter und blinkende Fenster sperrten den Eingang und
-reizten die Neugier; aber drinnen, von hundert Schranken behütet, hielt
-der Hof seine rauschenden Feste.
-
-Da sprangen die Wasser, da lockten die hellen Terrassen den Blick in
-die weiten Alleen, da schritten die Seidengewänder die breiten Treppen
-hinauf und hinunter, da hielt die rauschende Pracht vor sich selber den
-Atem an.
-
-Denn irgendwo drinnen wohnte der König und war in den schimmernden
-Schalen wie eine Perle geschützt; durch den Marmorsaum herrischer
-Hallen, unter den wuchtigen Decken prahlender Säle führte der zögernde
-Schritt hinein ins Geheimnis der Macht.
-
-Aber kein Fuß durfte ihn gehen, der nicht von hoher Geburt und durch
-die Gnade des Königs bestimmt war; denn wie die Macht seiner Heere, so
-war die Pracht seines Hofes allein auf die Gunst seiner Augen gestellt.
-
-So sahen die Fürsten Europas die Sonne der neuen Herrschergewalt: kein
-Schwertkaiser mehr, der im Harnisch vor seinen Rittern durchs Stadttor
-einritt nach ruhmvollen Taten, kein Richtkaiser mehr, der auf dem
-Marktplatz den goldenen Stuhl hatte.
-
-Reiten und richten war eine Pflicht im Tagwerk der Diener geworden,
-der König gab nur die Gunst ihrer Stunden; sein Dasein war aus der
-Wirklichkeit fort in das freche Theater der fürstlichen Allmacht
-gegangen.
-
-
-Alliance du Rhin
-
-Ein halbes Jahrtausend und mehr hatte das Reich am Rhein seine
-Heimat gehabt; nun saß der Kaiser im Osten, dem Ohr und den Händen
-der geistlichen Kurfürsten fern, indessen die Gnadensonne von Westen
-reichen Glanz über ihr Fürstengewand schien.
-
-Denn nun kam die Zeit, da die Fürsten des Reiches Abgötter
-bourbonischer Herrlichkeit wurden, da die Pracht von Versailles die
-Höfe betörte, da die Kurfürsten den rheinischen Trutzbund schwuren
-gegen den Habsburger Kaiser.
-
-Sie liebten als Priester Pracht und Gepränge und wollten als Fürsten
-Hof halten, wie Ludwig der Vierzehnte Hof hielt in Versailles; aber
-die Hofburg in Wien war der fürstlichen Pracht und fröhlichen Weltlust
-verschlossen.
-
-Auch hatte der Kaiser die Fürsten und Stände betrogen; ein Reichstag
-sollte -- so stand es im Frieden von Münster -- die neue Verfassung
-beschließen; aber die Hofburg wollte die Krone aus eigener Vollmacht
-beerben, die Kurfürsten sollten dem Habsburger Erbkaisertum nur noch
-den Prunkmantel halten.
-
-Als darum der dritte Ferdinand starb, mochten die Kurfürsten am Rhein
-seinen Sohn Leopold nicht mehr erwählen; Kaiser im Reich und am Rhein
-sollte Ludwig der Vierzehnte heißen, weil er im Abendland längst der
-mächtigste König und für die Fürsten das Götterbild ihrer Macht war.
-
-Mehr als ein Jahr lang zogen sie kläglich die Wahl hin, die Gunst und
-das Gold von Versailles strömten die Fülle über den Rhein; aber der
-bängliche Kurfürst von Bayern verdarb das französische Spiel: die
-rheinischen Herren mußten in Frankfurt den Habsburger krönen.
-
-Aber am andern Tag saßen sie da um die Gunst und das Gold von
-Versailles und schwuren den Bund mit dem König von Frankreich; drei
-Kurfürsten mit ihren Trabanten versagten dem Kaiser die Treue und
-verrieten den Rhein und das Reich an den Todfeind der Habsburger Macht.
-
-Denn nicht nur heimlich stand Ludwig der Vierzehnte Pate, er selber
-trat mit in den Rheinbund; die Gnadensonne von Versailles lag auf den
-fürstlichen Händen, als sie den treulosen Pakt unterschrieben.
-
-
-Straßburg
-
-Eine Reichsstadt war Straßburg seit Urvätertagen, und deutsches Leben
-hatte dort seine vornehme Werkstatt gehabt; als der Kaiserglanz
-noch am Rhein seinen Auf- und Untergang hatte, stand es im Mittag
-reichsdeutscher Macht.
-
-Eckhart der Meister und Tauler der Prediger, Murner und Brant fanden in
-Straßburg Ohren und Herzen, die schwarze Kunst Gutenbergs hütete hier
-ihr erstes Geheimnis.
-
-Auch als das Gewitter um Luther und Zwingli schwarze Sturmwolken
-brachte, hielt Straßburg die Reichsfreiheit hoch und war dem Bund der
-evangelischen Fürsten eine wehrhafte Stütze.
-
-Jakob Sturm, sein Stättmeister, stand stolz unter den Fürsten des
-Reiches; kein Herzog und Bischof konnte am Oberrhein wagen, Straßburger
-Bürgerrecht anzutasten.
-
-Als Frankreich danach im Frieden zu Münster das Habsburger Erbland
-im Elsaß bekam, blieb Straßburg wie eine stolze Bastei der alten
-Reichsherrlichkeit stehen.
-
-Sein Münster, durch Erwin von Steinbach herrlich erhoben, hielt seine
-Hallen der evangelischen Lehre geöffnet; und ob durch die Tore die
-Gunst von Versailles prahlend herein ritt, die Bürgerschaft ließ sich
-nicht locken.
-
-Nur die Geschlechter äugten sehr nach der welschen Sonne; und der
-Bischof Franz Egon von Fürstenberg hielt der Sonne den Spiegel: er
-wollte die Messe im Münster lesen, und Straßburg die Reichsstadt sollte
-ihm wieder als Bischofsstadt untertan sein.
-
-Er legte die Schlinge, und als sie mit List und Bestechung bereit war,
-zog die Gewalt zu; es war im September, da die Kaufleute mit ihren
-Knechten die Messe in Frankfurt bestritten, als das Heer der Franzosen
-vor Straßburg erschien.
-
-Mitten im Frieden sahen die Bürger blanke Geschütze auf ihre Tore
-gerichtet; der Kaiser saß fern in der Hofburg, und viel zu stark stand
-das welsche Volk vor den Wällen.
-
-Auch waren im Magistrat zuviel Augen betört durch das Gold und die
-Gunst von Versailles; am dritten Tag ritten die Reiter der Lilie mit
-Hörnergeschmetter ein in die Gassen: keinen Schuß und Mann hatte den
-König von Frankreich die deutsche Reichsstadt gekostet.
-
-Und als nach einem Monat die Sonne selber die Stadt und das
-Münster beschien, stand der Bischof davor aus einem deutschen
-Fürstengeschlecht, den neuen Herrn zu begrüßen, und lästerte laut mit
-dem Wort, das Simeon sprach, als er im Tempel das Knäblein begrüßte:
-
-Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden einfahren; denn meine
-Augen haben den Heiland gesehn! so sagte ein deutscher Fürst und
-Bischof dem König von Frankreich, als er in Straßburg als Räuber einzog.
-
-
-Die Erbschaft der Liselotte
-
-Die Fürsten Europas waren vervettert, aber den Zank um die Erbschaft
-mußten die Völker bezahlen.
-
-Ludwig des Vierzehnten Mutter war Anna von Österreich und seine Frau
-eine Tochter des spanischen Königs: der Todfeind von Habsburg war
-selber dem Hause versippt; auch hatte der Bruder des Königs Liselotte,
-die Schwester des Pfalzgrafen, zur Frau.
-
-Die deutsche Prinzessin am Hof zu Versailles war ein drolliges
-Weibsbild; aber sie wurde der pfälzischen Heimat die Quelle unsäglicher
-Leiden.
-
-Als Karl, ihr Bruder, kinderlos starb und die von Pfalz-Neuburg
-rechtmäßig die Erbschaft antraten, ließ sie den mächtigen Schwager ihr
-Erbteil vom Reich für Frankreich einfordern.
-
-Das aber war zu der Zeit, da die Türken Belgrad verloren, da der
-allerchristlichste König seinen besten Mithelfer bedrängt sah: dem
-Halbmond gegen das siegreiche Kreuz des Habsburger Feindes zu helfen,
-fing er den pfälzischen Krieg an.
-
-Aber das Reich war besser gerüstet, als da er Straßburg einsteckte;
-Melac, sein Feldherr, konnte die Pfalz nicht behalten.
-
-Wo aber die Sonne des Königs von Frankreich nicht scheinen durfte,
-brauchte die Frucht nicht zu reifen, brauchten die Scheuern und Häuser,
-die Schlösser und Kirchen der Pfalz nicht mehr zu stehen.
-
-Der König will es! so hieß die Mordbrennerlosung; der König will es,
-daß Heidelberg in eine Öde gestellt sei, daß die Dörfer der Bergstraße
-brennen, daß die Straßen im Winter mit flüchtenden Menschen gefüllt
-sind, daß ihrer viele erfrieren!
-
-Der König will es, daß Speyer und Worms die Mordbrennerwut schlimmer
-erfahren, daß die salischen Dome mit brennenden Dächern in Brandhaufen
-stehn, daß den Leichen der Kaiser in ihren Gräbern Schande geschieht!
-
-Der König will es, daß eine brennende Wüste von Speyer bis Trier den
-Glanz seiner Sonne grausam umgrenze, daß die grüne Frucht auf den
-Feldern untergepflügt werde!
-
-Melac! so riefen die Pfälzer danach ihre Hunde und hätten sie besser
-Liselotte getauft, die sich im höfischen Glanz von Versailles der
-glücklichen Jugendzeit freute, da sie im Schloßgarten zu Heidelberg
-Kirschen und Kuchen verzehrte.
-
-Indessen so böses Mordbrennertum den rheinischen Winter und Frühling
-bedrängte, zogen die Heere der Fürsten zögernd zu Hilfe, und als sie
-bei Fleurus im Niederland endlich ausholten zum Schlag, fielen sie
-schlimm in den Degen der Welschen.
-
-Zum zweitenmal konnten die Mordbrennerscharen den Rhein überschreiten,
-und diesmal sank Heidelberg hin: in Trümmer zerbrach das herrliche
-Schloß, und düster lag über der Stadt der schwelende Rauch ihrer Brände.
-
-Der aber König der Mordbrenner war und der Schwager der Liselotte, von
-ihrer Prinzessinnenseele fröhlich bewundert, er ließ auf die brennende
-Stadt eine Schaumünze prägen, als ob Brandstiftung auch noch ein
-Zeichen fürstlichen Gottesgnadentums wäre.
-
-
-Die Türken vor Wien
-
-Der Schwur von Loreto hatte das Reich leer gebrannt, aber noch immer
-kam der Glaubenskrieg nicht zur Ruhe: ein törichter Aufruhr ehrgeiziger
-Junker gab auch in Ungarn der Ketzerverfolgung endlich das Schwert und
-das Feuer zur Hand.
-
-Vierhundert Pfarrer wurden gleich Dieben gefangen, und die sich des
-Widerrufs weigerten, wurden im Namen des Königs auf die Galeere
-gebracht.
-
-Aber da fing dem Kaiser in Wien das eigene Haus an zu brennen; Graf
-Tököly rief die Türken ins Land, und Kara Mustapha kam mit dem
-unendlichen Völkergewirr seiner Scharen, den Halbmond gegen das
-gleißende Kreuz von Habsburg zu tragen.
-
-Zum zweitenmal standen die Türken vor Wien, und ihr gewaltiges Lager
-war eine brausende Springflut rings um die zitternde Stadt.
-
-Die Jesuiten mit ihrem gehorsamen Zögling waren nach Passau geflohen;
-so wild war der Zorn des Volkes auf sie, daß ihrer viele das Leben
-verloren, und nur verkleidet konnte der Kaiser die schimpfliche Flucht
-wagen.
-
-Graf Starhemberg hieß der mutige Mann, der auf den zerschossenen Mauern
-der Stadt noch standhielt, als in der Bürgerschaft schon das Entsetzen
-an keine Rettung mehr glaubte.
-
-Die Burgbastei war gesprengt, nur die eine Nacht noch konnte die Stadt
-den Sturm überstehen: wie Heimdals Horn die Asen aufrief, so sandte der
-Stephansturm den Hilferuf seiner Raketen hinaus in die Nacht.
-
-Lange schon standen die Fürsten am Kahlenberg, aber sie waren zu
-schwach, den Sturm auf das gewaltige Lager der Türken zu wagen, bis
-Johann Sobieski, der tapfere König der Polen, sein starkes Heer brachte.
-
-Die türkischen Sturmleitern standen am Morgen bereit, aber wie Doggen
-den Panther anfallen, so brachen die Polen und Deutschen vereint in das
-Lager und ließen nicht ab, bis das Wild gefällt war.
-
-Zehntausend Türken lagen erschlagen, und ein verspätetes
-Kreuzritterglück holte die Schätze des Morgenlandes heim; denn ein
-unendlicher Troß hatte Kara Mustaphas Heer begleitet, und was sich
-nicht selber zu retten vermochte, war Beute.
-
-Die Glocken läuteten Sieg vom Stephansturm wie niemals zuvor, und
-Johann Sobieski, dem Retter, wurden die Wege mit Blumen bestreut; auch
-der Kaiser war wiedergekommen, aber er konnte den Wahlkönig der Polen
-nicht in der Hofburg empfangen, weil er kein fürstliches Blut hatte.
-
-Draußen im Lager von Ebersdorf wurde mit höfischem Umstand eine
-Begegnung zu Pferd vorbereitet; der Kaiser war gnädig, sein Hütchen zu
-lüpfen und einige Worte -- peinlich bemessen -- dem König zu sagen.
-
-Höher als Wien, seine Hauptstadt, galt ihm der Habsburger Hochmut, und
-über dem Glück der Entscheidung, die das Abendland von der Türkengefahr
-befreite, stand den Schranzen der Hofburg der höfische Brauch.
-
-
-Holland
-
-Die sieben Provinzen im Niederland hatten mit Spanien Frieden gemacht,
-sie hießen nun Holland nach ihrer stärksten Provinz und waren ein
-Freistaat, obwohl die oranischen Prinzen Statthalter blieben.
-
-Sie nahmen im Frieden zu Münster Abschied vom Reich, ein Volk der
-freien Gemeinde zu sein wie einmal die Väter; Handel und Handwerk,
-Wohlstand und Weltlust hatten im Schutz ihrer starken Flotte geblüht,
-indessen das Reich sich selber zerstörte im Krieg um den Glauben.
-
-Seit den Tagen, da Rom Republik war, hatte kein Bürgerstolz den Staat
-so in Ordnung gehalten, wie die Brüder de Wit das holländische Glück
-hielten.
-
-Rundum begann die Fürstenselbstherrlichkeit ihre Throne zu bauen, sie
-aber deckten das Dach der Bürgerfreiheit mit blitzblanken Ziegeln und
-wurden die Zuflucht aller Verfolgten.
-
-Der Bürger wurde sich selber das Ziel seiner Wünsche, seine
-Fröhlichkeit schmeckte den Sonntag der werktätigen Woche, sein Stolz
-sah den Reichtum der Welt auf breiten Schiffen ankommen, sein Trotz sah
-das Stadttor von wehrhaften Wächtern behütet -- aber draußen im Land
-säte der Friede das Korn in die Furchen.
-
-Und wie die Häuser behäbiger Bürgerschaft, wie ihre Kleider und Sitten,
-so wurde die Kunst in Holland: sie brauchte nicht mehr die Säle der
-Fürsten und Herren mit dem falschen Prunk ihrer Taten zu füllen, sie
-malte dem Dasein des Bürgers das Schaubild.
-
-Bürger und Bauern sahen sich selber geschildert mit ihrem täglichen
-Umstand; das Vieh auf der Weide, das leckere Wildbret des Händlers, der
-helldunkle Raum ihrer Höfe, alles wurde behaglich auf saubere Tafeln
-gemalt, und die fröhliche Wolkenlast ihrer Landschaft.
-
-So trat in Holland die Kunst aus den Kirchen und Höfen neu in die
-Wirklichkeit ein.
-
-
-Rembrandt
-
-Das Land war reich und seines eigenen Daseins fröhlich das Volk, daraus
-noch einmal ein Großer aufstand, uraltes Geheimnis der Seele neu zu
-verkünden.
-
-Rembrandt hieß er und war der Sohn eines Müllers in Leiden; er lernte
-das Handwerk der Schilderkunst, aber nicht Bürger und Bauern zu
-schildern lag seiner funkelnden Seele im Sinn.
-
-Sie war aus dem Dunkel zu rasch in den Tag geboren, nun sah sie
-nichts als das Licht an den Dingen, das siegreiche Licht und seinen
-unheimlichen Bruder, den Schatten.
-
-Alles was war, wurde dem Auge in Licht geboren; der dämmrige Raum und
-die weithin schimmernde Ferne, die Menschen darin und die Bäume: alles
-war angetan mit einer Krone von Licht und mit dem Schleppengewand
-seiner Schatten.
-
-Alles war Wunder, was den Augen Wirklichkeit hieß, und wurde
-Erscheinung im Märchenkleid seiner Beleuchtung.
-
-Und wenn die Seele die staunenden Augen zumachte, war das Wunder
-nicht aus: dann standen die Räume inwendig gleich so im zarten
-Helldunkelgeheimnis, schritten Gestalten ihr zu, magisch umleuchtet
-oder zu dunklen Gruppen gespenstisch vereinigt vor den schimmernden
-Gründen.
-
-Und waren nicht mehr die Menschen des Tages; als ob die Seele ein
-Zauberglas wäre, durch Zeit und Raum alle Fernen des irdischen Daseins
-zu spiegeln, so kamen sie an aus der alt- und neuen Geschichte, aber
-zumeist aus der Bibel:
-
-David und Saul und die heroische Esther, die Erzväter und der
-geblendete Simson; und hatten die Kleider an, wie sie die Juden in
-Amsterdam trugen, faltenfarbige Gewänder und buntes Geschmeide.
-
-So war der Sohn des Müllers in Leiden, der als ein Meistergesell der
-Schilderkunst nach Amsterdam kam, ein Märchenprinz seiner Augen, und
-hatte die Hände geübt, die Zauberkünste des Lichts aus den Raumtiefen
-der staunenden Seele auf seine Tafeln zu bringen.
-
-Da liefen ihm bald die Ratsherren zu und die reichen Kaufleute, sein
-Wunder mit gnädigen Worten und auch mit silbernem Kauf zu belohnen; und
-Saskia trat aus der Lichtflut sonniger Träume lächelnd und lockend in
-seine Wirklichkeit ein.
-
-Sie wohnte mit ihm und hieß seine Frau, und es wurde ein glühendes
-Glück um den Sohn des Müllers aus Leiden in seinem kostbaren Haus,
-darin sich die Pracht und die Schönheit jubelnd und inniger fanden als
-in dem prunkenden Schloß zu Versailles.
-
-Er malte die Männer und Frauen der Stadt auf seine Tafeln; so reich
-war sein Glück, daß er die derben Gesichter und weißen Halskrausen
-leuchtend damit übergoß.
-
-Aber wenn ihn der funkelnde Reichtum ganz überschäumte, dann malte
-er Saskia; und nie stand die sinnenfrohe Jugend so glühend im Glück,
-wie er das liebe Gesicht und die Hände, den selig gebeugten Nacken in
-bernsteingoldener Lichtflut verklärte.
-
-Sechs Jahre nur währte die glühende Hochzeit, dann starb ihm das
-jubelnde Licht in die Dunkelheit hin; aus allen Raumtiefen krochen
-die Schatten heran und wollten sein eigenes Licht heimholen in ihren
-dunklen Bereich, wo Saskia war.
-
-Der Tod war das dunkle Geheimnis, darin sich jede Flamme und jeder
-Lichtstrahl verirrte: aber der Tod war auch die unendliche Weite,
-daraus sich das irdische Leben im Licht seiner Augen endlich abgrenzte.
-
-Das war die Zeit, da Rembrandt die Schützengenossenschaft malte, die
-im Sonnenschein auszog zur festlichen Freude, und die eine ängstliche
-Insel des Lichts in der brandenden Dunkelheit, eine Nachtwache wurde.
-
-Der Gram saß mit ihm, und bald kam die Sorge als dritte dazu, er konnte
-die derben Gesichter und weißen Halskrausen nicht mehr besonnen; der
-ein Märchenprinz war, konnte nicht mehr seine Schulden bezahlen.
-
-Es war ein Hammer in Amsterdam, der klopfte zum ersten, zum zweiten und
-dritten, und als er zum drittenmal klopfte, war es sein kostbares Haus
-und alles Geschmeide und all das edle Gewand, das Saskia trug.
-
-Hendrikje hieß sie, die tapfere Magd, die dem darbenden Mann alles
-zubrachte, was sie besaß: ihre schaffenden Hände, ihre dienende Treue
-und furchtsame Liebe und ihren gesunden Leib.
-
-Sie lebten zusammen, die Magd und der Meister, und ihre Beharrlichkeit
-hielt ihm die Kammer, darin er mit schwerer Hand und suchenden Sinnen
-seine letzten Tafeln und Leinwände bemalte.
-
-Das Licht war eine düstere Glut in seinen Augen geworden und seinem
-Bruder, dem Schatten, unheimlich verwandt: Berge und Bäume und all die
-vertrauten Gestalten der Bibel tauchten nun auf aus der dunklen Tiefe,
-wie ein Feuer bei Nacht brennt.
-
-Wie ein Zauberer gespenstische Zeichen ausschreibt, so jagte sein
-Pinsel die Farben groß ineinander, fremd für die Ratsherren und reichen
-Kaufleute und nicht mit gnädigen Worten und silbernem Kauf belohnt.
-
-Arm und fast schon vergessen starb Rembrandt, der ein Märchenprinz war
-und sein Alter am Leuchtturm des Schicksals verbrachte.
-
-Noch einmal hatte ein Großer uraltes Geheimnis der Seele verkündigt,
-nun kam der französische Tag, die Fürsten und Völker mit seinem
-gleißenden Glanz zu betören.
-
-Das jubelnde Licht und die düstere Glut seiner jungen und alten Stunden
-blieb einsam lebendig, wie eine Seele nicht stirbt und ein Stern nicht
-versinkt.
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-Der große Kurfürst
-
-Der Kurfürst von Brandenburg war vor dem Kaiser ein Sperling, aber er
-war in Holland erzogen und hatte im Haag den Habsburger Zorn ohnmächtig
-gesehen, weil ihm ein tüchtiges Volk mit Klugheit und Kraft die Tür
-wies.
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-Auch war der Prinz von Berlin der Eidam des Statthalters geworden, so
-fiel ihm ein Schein der oranischen Macht zu, neue Kerzen in Brandenburg
-anzubrennen; denn schlimmer als eines hatte sein Land die Leiden des
-Krieges erfahren.
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-Weitab vom Rhein, hinter den Städten der Hansa, mit kärglicher
-Wüste und künstlichen Grenzen, in Sand und Sümpfen von Slavien lag
-sein verzipfeltes Kurfürstentum: germanisches Vorwerk und mühsames
-Ansiedlerland.
-
-Kolonisten, aus Frankreich vertrieben und Bauern aus Holland, durch
-Freiland und mancherlei Gunst angelockt, mußten das Land von der Havel
-zur Warthe notdürftig füllen, das durch den langen Krieg menschenleer
-war.
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-Der Staat, das bin ich! so hatte der Jüngling in Frankreich die Losung
-des Fürsten gesprochen; daß sie dem Kurfürsten in Brandenburg wahr
-werde, mußte sein schlimm verwüstetes Land erst ein Staat und er selber
-sein Herr werden.
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-Allerlei Völker, Städte und Stände waren ihm untertan und wollten
-regiert sein nach ihren Rechten; er aber wollte sein Herrschergewand
-nach eigenem Maß nähen und warf das Flickwerk der Herkunft ins Feuer.
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-Kein Fürst nahm seinen Städten und Ständen mehr Freiheit und Herkunft,
-als Friedrich Wilhelm in Brandenburg tat, den sie danach den großen
-Kurfürsten nannten.
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-An der sumpfigen Spree in Berlin stand seine düstere Burg, den Trotz
-der eigenen Bürgerschaft blutig zu dämpfen; alles, was er besaß, war
-ihm bestritten, und nur sein immer gerüstetes Heer gab ihm die Macht,
-es zu halten.
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-Wohl baute auch er sein Versailles draußen in Potsdam, aber es blieb
-nur ein rüstiges Landschloß, und den Lustgarten davor hielt die Havel
-ängstlich begrenzt.
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-Vor dem Kaiser war er ein Sperling, vor dem König von Frankreich nur
-eine zornige Biene; aber er wurde nicht lässig, die Waben zu bauen, bis
-Ordnung und Wohlstand in Brandenburg schüchtern begannen.
-
-Als Turenne nach der Pfalz auch Holland mit Krieg überzog, bekam der
-König von Frankreich den Stachel zu fühlen: mit seinem trefflichen
-Heer sprang der Kurfürst dem Oranier bei und rastete nicht, bis den
-Franzosen endlich der Reichskrieg erklärt war.
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-Aber Ludwig, der Hofmeister der Fürsten, hetzte ihm listig die Schweden
-ins Land; so mußte die zornige Biene eilig nach Hause.
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-Die reitenden Boten hatten kaum seine Ankunft gemeldet, da fiel ein
-Handstreich schon über die Schweden in Rathenow her; und als er die
-Hauptmacht bei Fehrbellin fand, griff er sie an, wo sie stand, und
-jagte sie in die märkischen Sümpfe.
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-Die Schweden mußten den Einbruch teuer bezahlen, Pommern samt Rügen
-ging ihnen verloren; als sie im Winter durch Livland in Preußen
-einbrachen, kam der Kurfürst mit Schlitten über das Kurische Haff und
-jagte die Scharen bis Riga.
-
-Da war der Sperling ein Sperber geworden, der kleine Kurfürst von
-Brandenburg hatte allein die schwedische Großmacht geschlagen.
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-Ob er den Schweden noch einmal Pommern und Rügen hergeben mußte, weil
-ihn der Kaiser im Frieden verließ: Ludwig, der listige Rechner, hatte
-die Stärke erkannt und sandte ihm heimliche Botschaft.
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-Zwischen Wien und Versailles stand er nun schlagfertig da; im Handel
-der Großen galt er kaum mehr denn ein hitziger Klopffechter, aber sie
-mußten ihm seine Verträge halten.
-
-Was Sachsen einst war, war Brandenburg durch ihn geworden: die
-protestantische Schutzmacht im Reich, die Hoffnung aller Vertriebenen
-und der Anwalt aller Bedrohten.
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-Mehr Untertanen gewann er durch Gunst als durch Kriege, und Landesvater
-hießen sie ihn, denen der Kurfürst in Brandenburg nach bitterer
-Verfolgung ein evangelischer Kirchenherr war.
-
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-August der Starke
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-Den deutschen Simson hießen die Lobredner ihn, weil er so stark war:
-Hufeisen zerbrach er wie Holz, und das wildeste Pferd wurde schwach
-unter seinen gewaltigen Schenkeln.
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-Er war nur ein Prinz aus Kursachsen, wo sein Vater, der Kurfürst, sich
-täglich betrank und sein Bruder, der Kurprinz, Sybilla von Neitschütz
-als lockeres Liebchen genoß.
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-So ging er wie alle Prinzen auf Reisen, und an den Höfen Europas war
-bald von dem unbändigen Jüngling die Rede, der die Frauen und Pferde
-wie keiner zu bändigen wußte, und der die Laster der höfischen Welt
-lachend genoß.
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-Sein Bruder starb an den Blattern, so wurde August, der Starke
-geheißen, Kurfürst in Sachsen und sollte daheim in Dresden regieren;
-aber er zog in den Türkenkrieg als prahlender Feldherr des Kaisers, und
-als ihm das rauhe Handwerk nicht paßte, blieb er in Wien, bequemeren
-Ehrgeiz zu pflegen.
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-Johann Sobieski, der tapfere König in Polen, war tot, und August der
-Starke wollte sein Nachfolger werden.
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-Er brauchte viel Geld, die Gunst der polnischen Großen zu kaufen, auch
-mußten die Höfe in Wien und im Reich ihm willfährig sein: so gab er den
-Fürsten sächsisches Erbland dahin und nahm die silbernen Taler dafür.
-
-Auch mußte er seinen lutherischen Glauben abschwören; wofür seine Väter
-Not und Verfolgung litten, er warf es hin wie einen verschlissenen
-Mantel.
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-So wurde August der Starke König in Polen, und Dresden stand ihm wohl
-an, darin zu regieren; denn nun war der rauschende Glanz um ihn, gleich
-seinem Abgott in Frankreich die Majestät seines Hofes zu spielen.
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-Die Sachsen mußten es teuer bezahlen, daß ein polnischer König ihr
-Kurfürst war, Schulden und Nöte bedrängten das ärmliche Land, indessen
-zu Dresden die höfische Üppigkeit anschwoll.
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-Frauen und Pferde waren noch immer die Liebe August des Starken, aber
-nun prangte die Krone an ihrem Kleid und Geschirr: Feste und Jagden
-hielten dem lüsternen König das Jahr in der Schwebe und der unendliche
-Umstand kostbarer Bauten.
-
-Den deutschen Simson hießen die Höflinge ihn, der sein Leben in
-Lust und Liederlichkeit hinbrachte, und ein vergoldetes Reiterbild
-stellten sie ihm auf den Markt, der das sächsische Haus um die stolze
-Vergangenheit und sein Land um die Zukunft betrog.
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-Der König in Preußen
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-Der Sohn des großen Kurfürsten war nur ein schwaches Gewächs; aber sein
-Ehrgeiz brannte die flackernde Flamme, König zu heißen, statt nur ein
-Kurfürst des Reiches zu sein.
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-Kurfürst des Reiches hieß er in Brandenburg; als Herzog in Preußen
-jedoch war er dem Kaiser nicht untertan, dort saß er aus eigenem
-Thronrecht.
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-Herzöge in Preußen waren die Hohenzollern, seitdem Albrecht von
-Brandenburg, der letzte Hochmeister, das Ordensland Preußen zum
-weltlichen Fürstentum machte und seinem Hause vererbte.
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-Aber der Kaiser konnte dem Herzog in Preußen den Königstitel verwehren,
-weil er ein Reichsfürst war: sieben Jahre lang mußte der Kurfürst von
-Brandenburg an der Hofburg in Wien Bittsteller sein, bevor seine Stunde
-kam.
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-Der Kaiser brauchte Soldaten zum spanischen Erbfolgekrieg und
-Friedrich der Kurfürst mußte ihm für die preußische Krone mehr als die
-reichsfürstliche Heerfolge leisten.
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-So kam der Prinz Eugen zu den preußischen Truppen, die bei Turin, bei
-Höchstädt, in Flandern und Frankreich tapfer den Ladestock hielten; und
-der Dessauer fluchte dazu seine Schwüre.
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-Die Schwüre und Flüche störten den Kurfürsten nicht, als er in
-Königsberg die bebende Hand nach der Krone ausstreckte; er war
-in Scharlach gekleidet mit Knöpfen aus Diamant, deren jeder ein
-stattliches Bürgerhaus wert war.
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-Juweliere und Schneider hatten das ihre getan, aus ihm einen König
-zu machen; auch ließ er sich salben mit Öl und hatte zwei Bischöfe
-ernannt, die sonst ehrsame Prediger in Königsberg waren, daß sie den
-kirchlichen Pomp an ihm übten.
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-Das Volk aber konnte die Freuden des Tages wie bei der Kaiserkrönung
-in Frankfurt genießen: der Weinbrunnen floß, und der Ochs am Spieß bot
-seine gebratenen Lenden den lüsternen Mäulern dar.
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-Der Sohn des großen Kurfürsten war nur ein schwaches Gewächs; aber der
-Hermelin deckte die kränklichen Schultern, als er im Glanz der neuen
-Königskrone zurück nach Berlin kam.
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-Da hatte ihm Schlüter die düstere Burg an der Spree mit Höfen und Sälen
-erweitert, daß sie ein Königsschloß war ohnegleichen in Deutschland:
-die Pracht kam vor der Macht; aber als die preußische Macht danach kam,
-wollte sie nicht in der Pracht wohnen.
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-Prinz Eugen
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-Der Frieden zu Rijswijk hatte den kläglichen Krieg um die Erbschaft der
-Liselotte beendigt, aber er war nur ein Stillstand im Erbstreit der
-Fürsten, ein Notdach, das schwarze Gewölk zu erwarten, das über dem
-Abendland hing.
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-Denn Karl, der spanische König, war krank, ohne Erben; die Sippe der
-Habsburger stand lauernd am Bett, seinen Tod zu erwarten: Wien und
-Versailles hielten die Schwerter bereit, das Blut ihrer Völker an die
-spanische Erbschaft zu wagen.
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-Der König von Spanien starb, und wie das Getier des Waldes über ein
-brechendes Wild, so brachen die Heere ins Land; bald war Europa vom
-Kriegslärm erfüllt und voll vom Ruhm des Prinzen Eugen.
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-Er war ein Prinz von Savoyen und Feldherr des Kaisers; seitdem er bei
-Zenta die große Türkenschlacht schlug, hing seinen Fahnen der Sieg an.
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-Vierzehn Jahre lang hielt der spanische Erbfolgekrieg den Prinzen im
-Sattel: er schlug die Franzosen zuerst bei Cremona, er traf sie bei
-Höchstädt im bayerischen Donautal schwer und schlug sie zum drittenmal
-hart bei Turin.
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-Er ritt nach Neapel und lag vor Toulon, er kämpfte in Holland und
-Flandern, von der blutigen Walstatt zu Malplaquet fuhr er nach
-Frankreich und brach dem König das prahlende Lille aus dem Stachelkranz
-seiner bewaffneten Plätze.
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-Er war ein Herzog, wie einmal die Helden der Völker Herzöge waren; wo
-es am heißesten herging, war er zu finden, und so viel Kugeln trafen
-den Kühnen, daß kein Musketier böser vernarbt war als er.
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-Der Prinz Eugen hieß er bei Großen und Kleinen, sein Name allein war
-eine flatternde Fahne, wo er sein Lager hielt, liefen Reiter und
-Fußvolk ihm über.
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-Und als der blutige Krieg um die spanische Herrschaft endlich ausging,
-nicht gut für das Reich und den Kaiser, weil ihm das englische
-Ränkespiel zuletzt den Sieg aus der Hand nahm: machte er selber den
-Frieden zu Rastatt und war ein kluger Staatsmann, wie er ein kühner
-Feldherr gewesen war.
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-Zwei Jahre lang saß er in Wien, und war schon grau und dachte der Ruhe
-zu pflegen, als ihn die Türkengefahr noch einmal ins Feld rief.
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-Er hatte als Jüngling vor Wien nach dem ersten Lorbeer getastet, bei
-Ofen und Belgrad die ersten Wunden empfangen, bei Zenta den feurigen
-Ruhm seines Namens gefunden: nun zog der Graukopf gegen den alten
-Feind, sein Leben zu krönen.
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-Der blutige Krieg um die spanische Erbschaft hatte ihm einen fremden
-Dienstmantel umgehängt, nun war er wieder daheim, und siegesgewiß kam
-das Heer, mit dem Prinzen Eugen zum letztenmal gegen die Türken zu
-fahren.
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-So war der Sieg bei Peterwardein die Ehrenschrift seines Ruhmes und
-der Sturm auf Belgrad das Siegel; als er dann wieder nach Hause kam,
-standen die Türen der Hofburg weit auf, aber das Volk von Wien herzte
-den Namen des Prinzen wie eine Liebe.
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-Max, der ruhmvolle Kaiser, war durch die Straßen geritten, und
-Wallensteins Sänfte hatte den Prunk seines düsteren Daseins getragen:
-aber der Prinz Eugen war der Türkenbezwinger, er hatte den Halbmond
-gebannt, daß wieder die Sonne auf Wien schien.
-
-Wie einer sein Glück in der Welt macht und danach die Zinsen daheim
-fröhlich genießt, so lebte der Prinz sein Alter in Wien, sein Haus
-reich und schön zu bestellen.
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-Den Belvedere hieß er den feinen Palast, darin er gepudert und zierlich
-gekleidet die alternden Tage hinbrachte, schöne Dinge zu sammeln und
-kluge Menschen zu hören, Musik und eine stolze Geliebte als Greis zu
-genießen.
-
-Der seine Mannheit auf den Schlachtfeldern Europas hinbrachte,
-hauchte sein zärtlich umhegtes Leben aus wie ein Windspiel; in seinem
-prunkreichen Bett starb Eugen, dem das Glück von Wien zufiel, obwohl er
-ein Prinz von Savoyen war.
-
-
-Die fürstlichen Schlösser
-
-Das war die Zeit der fürstlichen Schlösser; nicht mehr die Burgen
-der Ritter von einst, auf waldigen Bergen, im sumpfigen Wasser,
-mit moosigen Mauern und plumpen Türmen befestigt: Prunkstätten der
-höfischen Hoffahrt und fürstlichen Willkür standen sorglos im offenen
-Land.
-
-Wasserkünste und Lauben, aus Buchs künstlich geschnitten, gezirkelte
-Wege und breite Terrassen mit Lorbeerkugeln bestellt, marmorne Götter
-und Faune, hängende Gärten und heimliche Brücken ahmten das Bild von
-Versailles abgöttisch nach.
-
-Und wie die Gärten dienten die Schlösser dem Abgott der Fürsten: Der
-Staat, das bin ich! so stand ihr prahlendes Wesen mitten in Armut und
-mühsamer Arbeit.
-
-Der Winzer pflegte den Weinberg, der Bauer bestellte die Felder, der
-Bürger versuchte sein redliches Handwerk zu treiben, wie es in alter
-Zeit war: aber dem kläglich zerbrochenen Dasein der Deutschen war ein
-fremder Prunkmantel angetan.
-
-Längst sprachen die Fürsten und Herren französisch, französische
-Kleider und Sitten hielten den Hof hochmütig fern vom verachteten Wesen
-der Bürger und Bauern.
-
-Und Höfe gab es in Deutschland, als ob das Reich der Eulenhorst
-fürstlicher Herrlichkeit wäre; Länder und Länderchen hielten die
-Grenzen peinlich gehütet, damit überall eigene Fürstenmacht sei.
-
-Auch waren die adligen Herren dem Hof und den Höfchen gelehrige
-Schüler; kein Dorf stand im Reich, das nicht sein Krähennest hatte, und
-wer nicht fürstlicher Untertan war, hieß ihrer Herrschaft leibeigen.
-
-Untertan sein aber hieß, der fürstlichen Allmacht demütiger Diener, mit
-Leib und Blut der höfischen Zwingherrschaft verfallen sein.
-
-So war die freie Gemeinde in Sonntag und Werktag geschieden: indessen
-Bürger und Bauern den mühsamen Trott der Werktage gingen, saß in den
-Schlössern der ewige Sonntag zu Tisch.
-
-Blinkende Gläser und dampfende Schüsseln, seidene Kleider und stolze
-Perücken, lüsterne Tänze und Spiele, faule Tage und fleißige Nächte
-füllten die Säle und Hallen der Schlösser, indessen draußen die Arbeit
-und Plage den schweren Stundenschlag hatten.
-
-Leichtsinn und Laster nahmen der ehrlichen Arbeit den Lohn; Frechheit
-und Faulheit fraßen den Trog leer, den die verachteten Hände der Bürger
-und Bauern mühselig füllten.
-
-Gott war nach Frankreich gegangen, und die sein Priesterkleid trugen,
-dienten ihm gern in der Fremde; Fürsten und Pfaffen glänzten im Glück
-der welschen Erhöhung, die Seele der Deutschen saß stumm und verachtet
-im Turm der Bedrängnis.
-
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-Der Soldatenkönig
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-Indessen die Fürsten und Höfe in Deutschland verwelschten, indessen der
-Troß ihrer Minister, Mätressen, Pferde und Jäger den mageren Wohlstand
-der Länder verzehrte, wurde in Preußen, so hieß es, ein geiziger
-Grobian König.
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-Hermelin und Krone hielt er für unnützen Zierrat, der Soldatenrock war
-sein tägliches Kleid und der Krückstock sein Zepter; er schnitt dem
-prunkenden Hofstaat des Vaters die Goldlitzen ab und wohnte wie ein
-Landedelmann draußen in Potsdam.
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-Soldaten, Bürger und Bauern: mehr brauchte er nicht für das Land, nur
-Prediger noch und Schulmeister, daß sie dem Untertan Zucht und Sitte
-beibrächten und den rechten Gehorsam.
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-Der Staat, das bin ich! galt auch für ihn; aber sein Wille war keine
-Willkür sondern Dienst am Gesetz, dem er der oberste Richter sowohl wie
-der unterste Büttel war.
-
-Wie Peter der Große, sein russischer Nachbar und Freund, hielt er vom
-Galgen mehr als von sonst einer Weisheit; Männer und Frauen eigenhändig
-zu prügeln, wo er sie ungehorsam fand, galt ihm keine Schande für einen
-König.
-
-Künste und Wissenschaft schienen ihm Laster und Torheit; Gesangbuch und
-Bibel, mehr brauchte es nicht, und wen die Musik lockte, der mochte ein
-Kirchenlied singen.
-
-So war der preußische Königshof keine Stätte, sich bunt und leicht zu
-vergnügen; seine Stunden gingen im Trommeltakt, und sein Abendgenuß war
-eine Wachstube mit Tabak und Bier und saftigen Späßen.
-
-Aber der König im Soldatenrock, der seinen Stock als Überredung
-gebrauchte und der seinem Untertan kein anderes Recht gab, als zu
-gehorchen, tat seine Pflicht so treu und genau, wie er sie selber
-verlangte.
-
-Sie lachten seufzend und liefen erschrocken davon, wenn er sich nahte;
-aber sie sahen den Staat trefflich bestellt; und wo in den anderen
-Ländern die Löcher der Schuldenlast faulten, wuchsen bei ihm die
-silbernen Haufen der Taler.
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-Denn der König von Preußen, den die anderen Fürsten für einen geizigen
-Grobian hielten und der in Potsdam wie ein Landedelmann wohnte, war ein
-kluger Haushalter und ein Meister gerechter Verwaltung.
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-Es gab keinen kargeren Dienst als in Preußen, aber es gab auch keine
-höhere Ehre: wie der Soldat den Rock des Königs trug, so hielt der
-Beamte sein Siegel.
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-Der Staat des Soldatenkönigs war wie eine Kaserne verwaltet; aber der
-Bürger und Bauer kam zu dem Seinen, indessen Minister, Mätressen,
-Pferde und Jäger den kargen Wohlstand der Länder rundum verzehrten.
-
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-Der Gutsherr von Rheinsberg
-
-Der preußische König, sein Land mit dem Krückstock regierend, wollte
-den Sohn nach seinem Bilde erziehen; der aber hing an den Schößen der
-Mutter, die eine welfische Fürstin und heimlich dem höfischen Prunk
-zugetan war, wie der König ihn haßte.
-
-Auch war der Kronprinz ein kränkliches Kind, dem alles soldatische
-Wesen leid war; verstohlen die Flöte zu blasen und die Bücher
-französischer Dichter zu lesen, rief seiner Sehnsucht ein anderes
-Königreich wach, als das der König regierte.
-
-Als danach der Prinz am sächsischen Königshof weilte, sah er die
-Freuden der Welt leichtfertig verschüttet, davon er in Preußen nur
-sparsam zu kosten bekam; er trank sich voll daran, und hätte die Hand
-eher abgeschnitten, als daß er sie hieß, nicht nach dem Lustbecher zu
-greifen.
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-Aber der Stock des preußischen Königs schonte sein eigenes Blut nicht;
-ob es der Thronerbe war, er mußte mit Schlägen die Lust und den Trotz
-büßen, und der Hof sah zu, wie dem Kronprinzen solches geschah.
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-Der Schmach und der Zucht zu entweichen, rief der Prinz seine Freunde
-Katte und Keith und dachte, nach England zu fliehen; aber er wurde
-ergriffen und wie ein Verbrecher nach Preußen zurück auf die Festung
-gebracht.
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-Küstrin hieß der düstere Ort, wo Katte, den Freund, vor seinen Augen
-das Richtschwert ereilte; ein Turm am Wasser im festen Schloß war dem
-Kronprinzen ein hartes Gefängnis, bis er sich beugte.
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-Als seines Vaters treu gehorsamer Diener und Sohn saß er danach bei den
-Akten der Kammer; als seines Vaters treu gehorsamer Diener ließ er sich
-eine Gemahlin auswählen, die er nicht kannte, und die ihm fremd blieb
-Zeit seines Lebens.
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-In jeder Stunde bewacht und bemißtraut, an der dünnen Schnur hängend,
-die ihm die Schere der Ungnade täglich durchschneiden konnte, wurde der
-Kronprinz ein Zögling mißtrauischer List und kalter Verstellung, bis er
-in Rheinsberg die Meisterschaft lernte.
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-Da hatte der König dem Prinzen ein Schloß aufgemacht, weitab von der
-Hauptstadt, daß er als Landedelmann lerne, ein einfaches Leben mit
-seiner Gemahlin zu führen.
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-Mitten in Wiesen und sumpfigen Wäldern, mit einer steinernen Halle zum
-See lag das schlanke Gebäude in der Einsamkeit da, ein Gutsherrenhaus
-für den Jäger und Landwirt: aber der Prinz machte Versailles zum Trotz
-das neue Wunder Europas daraus.
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-Wohl gab es allerlei Höfe, wo sich der Geist in Nebengemächern
-aufhalten konnte, auch hielten die Fürsten sich Künstler, mit
-prahlenden Leinwänden und Marmorbildern den Glanz ihrer Herrschaft der
-staunenden Nachwelt zu zeigen: aber hier war der Geist selber zu Haus,
-und die Kunst ging den eigenen Weg, ihm zu dienen.
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-Wie ein Jagdherr fröhliche Freunde versammelt, so rief der preußische
-Kronprinz die Seinen nach Rheinsberg: sprühender Witz und spöttische
-Laune, helle Musik und freie Gespräche saßen zu Tisch und kreisten sich
-aus in zierlichen Tänzen.
-
-Fürstlich allein war der Geist; kein höfischer Zwang, kein starres
-Gepränge hing ihm den staubigen Prunkmantel um: und eher hätte in
-Rheinsberg ein Frosch in die Zimmer gefunden, als daß die stelzende
-Würde hinein kam.
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-Soldaten und Pfarrer, Gelehrte und Dichter und Künstler waren die Gäste
-des Gutsherrn, aber ihr Amt und die Würde hing mit den Mänteln und
-Mützen am Nagel; nur was der Mann war kraft seiner Bildung, durfte im
-Schimmer der Kerzen sein Angesicht zeigen.
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-Der Menschengeist hob in Rheinsberg sein freies Gesicht gegen die
-staubigen Mächte; was in der Jugend Europas zu brennen begann, saß mit
-dem Prinzen am Feuer; und ob er die Sprache Ludwig des Vierzehnten
-sprach, hinter den Worten stand doch der Geist, anderer Taten gewärtig.
-
-Einen Musenhof hießen sie bald das Gutsherrenhaus in der Mark und einen
-Medici seinen gastlichen Herrn; die aber in hitzigen Nächten sein
-großes Auge gewahrten und seinen Zorn funkeln sahen, ahnten, daß andere
-Dinge in seinem Feuerkopf brannten, als ein Beschützer der Dichter und
-Denker und Künstler zu sein.
-
-
-Der König
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-Dreimal brach Friedrich, der König von Preußen, den Frieden; sein
-Recht war nicht rein, und die Habsburger hießen es Raub, daß er sich
-Schlesien nahm: aber der Ruhm seiner freien Gesinnung, die Kraft seiner
-Taten, seine Standhaftigkeit in der Not und seine Klugheit im Glück
-machten ihn groß vor den Völkern.
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-Ein alter Erbstreit um Schlesien schien durch die Jahre geschlichtet,
-als Friedrich die Not der Hofburg benutzte, den Streit auf die Spitze
-des Schwertes zu stellen.
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-In Wien war der letzte Habsburger Kaiser gestorben, und seine Tochter
-Maria Theresia sollte die Erbin der österreichischen Fürstenmacht sein,
-aber die Höfe bestritten der Tochter das Recht zu regieren: Bayern,
-Sachsen, Frankreich und Spanien sagten der Hofburg den Erbfolgekrieg an.
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-Schneller als einer war Friedrich von Preußen zur Hand; er stand im
-ersten Jahr der Regierung und brannte mit Inbrunst auf seine Stunde: im
-Herbst war der Kaiser gestorben, zu Weihnachten schon war Schlesien in
-seiner Gewalt.
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-Seine Kassen waren mit silbernen Talern gefüllt, und das preußische
-Heer kam aus der strengen Zucht seines Vaters: Österreich allein,
-bedrängt und verschuldet, konnte sich seiner schnellen Schläge nicht
-wehren; Maria Theresia mußte im Frieden zu Breslau Schlesien lassen.
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-Der König von Preußen hatte die Gunst der Stunde kaltblütig genützt,
-aber nun war sein Schicksal verstrickt; was er gegriffen hatte, mußte
-er halten, das preußische Dasein hing an dem Raub.
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-Maria Theresia wehrte sich tapfer all ihrer sonstigen Feinde, und
-Friedrich wußte, wie sie um Schlesien weinte: der Frieden von Breslau
-war für die Hofburg nur erst ein Stillstand, bevor der zweite
-Waffengang kam.
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-Im zweiten Gang schlugen die Waffen schon schärfer; als Friedrich in
-Böhmen einrückte, ließen Franzosen und Bayern, auf die er gehofft
-hatte, ihn kläglich im Stich; der eben noch Jäger war, hörte nun selber
-die Hunde bellen.
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-Schon bliesen die Habsburger Halali, weil sie den König in Böhmen
-eingekreist hatten; er aber wußte die harte Bedrängnis in Sieg zu
-verkehren, indem er die feindlichen Heere nach Schlesien lockte, wo
-er die ruhmreiche Schlacht bei Hohenfriedberg mit einem tollkühnen
-Nachtmarsch gewann.
-
-Es war sein erstes Soldatenstück, weil er mit seinem gerüttelten Heer
-mitten in starker Übermacht stand: aber schon hatte der König im
-Unglück gelernt, das Glück zu versuchen: nun sah er, daß es dem Mutigen
-beistand.
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-Noch aber konnte er seinen Gewinn nicht lässig heimtragen, bei Soor in
-den böhmischen Bergen stand sein Glück auf der Schneide; erst als der
-alte Dessauer dem König bei Kesselsdorf Luft machte, gab Habsburg den
-zweiten Gang auch verloren.
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-Der Frieden von Dresden beschwor den Frieden von Breslau; Maria
-Theresia mußte zum andernmal Schlesien lassen, zum andernmal ritt der
-König von Preußen als Sieger nach Haus.
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-Aber es war ein härteres Spiel und ein kühnerer Einsatz gewesen, keine
-Gunst der Stunde hatte ihm leichten Gewinn und Lorbeer gelassen: er
-hatte auf Tod und Leben gerungen und hatte das Schicksal erkannt, wie
-es nur seinem Meister Kühnes zu tun gestattet.
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-Der Spötter von Sanssouci
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-Es war im fünften Jahr seiner Regierung, als Friedrich der König in
-seine Hauptstadt zurück kam; er hatte den preußischen Staat vermehrt um
-eine reiche Provinz, er hatte den Ruhm des Sieges gekostet, aber er war
-noch immer der Gutsherr von Rheinsberg.
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-Er wollte sein Fürstentum anders als sonst die Fürsten genießen, emsige
-Tätigkeit innen und außen sollte den Tag füllen -- denn König hieß ihm
-als oberster Diener des Staates die Unruhe aller Pflichträder sein --
-aber der Abend sollte ihm selber gehören.
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-Sanssouci hieß er sein helles Lustschloß bei Potsdam, das ihm der
-heitere Knobelsdorff baute, der Hausgenosse von Rheinsberg; gleich
-einem Abendgewölk stand es da auf den grünen Terrassen.
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-Nicht wie Versailles hielt es sein Angesicht abgewandt: über die roten
-Dächer von Potsdam, über die blinkende Havel und ihre schwarzgrünen
-Wälder führte der Blick in sein fleißiges Land.
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-Da war er der König des Geistes, dem seine Tafel ein anderes galt als
-ein Tisch mit leckeren Genüssen, da war er der witzige Hausherr, der
-seine Gäste verblüffte im kühnen Spiel der Gedanken, da war er der
-Spötter von Sanssouci.
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-Keiner von seinen Freunden in Rheinsberg war ihm geblieben, und seine
-Gemahlin, die dort noch die anmutige Hausfrau war, durfte die Schwelle
-von Sanssouci nicht überschreiten; wo Friedrich, der König, sich wohl
-fühlte, war er Franzose.
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-Der seinen Staat genau nach den barschen Hausväterplänen des
-Soldatenkönigs regierte, blieb seinem eigenen Volk fremd in der Seele,
-wie je ein Fürst seinem Volk fremd war.
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-Voltaire, der Meister boshaften Witzes, stand als der Stern seiner
-Bildung über dem Ehrgeiz des Königs, und Sanssouci wurde die lockende
-Insel im Osten für alle französischen Geister, die in Paris keinen
-Ankerplatz fanden.
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-Als Voltaire selber zu Gast kam, als er in Sanssouci saß, fürstlich
-geehrt durch die Freundschaft des Königs, war das zierliche Schloß über
-den schlanken Terrassen die Gralsburg der Zeit und ihrer spöttischen
-Laune geworden.
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-Sanssouci war, wenn sie zur Tafel dasaßen im kreisrunden Saal, von
-Kerzenlicht hell überschüttet, wenn sie mit funkelnder Rede und
-dolchblanken Witzen einander die Grenzen bestritten.
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-Da konnte der König sich selber und einen mühsamen Tag für flüchtige
-Stunden vergessen, da konnte der Spötter von Sanssouci, boshaft und
-wild und seines Witzes vermessen, den Übermut zeigen.
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-Manch boshaftes Wort ging seinen blitzschnellen Weg an die Höfe, bis es
-das richtige Ohr fand; was er an bitterer Feindschaft danach zu fühlen
-bekam, hatte der König in Sanssouci keck übernommen.
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-Im preußischen Volk ging die Sage von seinen seltsamen Nächten, wo er
-um witzige Worte die Schlachten nicht weniger heiß als um Schlesien
-schlug, wo er auf blankem Parkett mit ledernen Stiefeln stand, zärtlich
-die Flöte zu blasen, wo der König im Kreis seiner Franzosen ein Mensch
-war, indessen sie nur den scharfen Herrn und kargen Sachwalter zu sehen
-bekamen.
-
-Ein Fremdling im eigenen Land, verzaubert in fremdes Wort und Werk und
-fremde Wertschätzung, saß Friedrich in Sanssouci; wo ein funkelnder
-Geist die letzte Erfüllung fand, war sein Volk nicht zu Hause.
-
-
-Der Kriegsherr
-
-Als Friedrich zum drittenmal auszog, den Frieden zu brechen, hatte sich
-rings um das preußische Glück der Kreis seiner Feinde geschlossen:
-Frankreich und Österreich, Rußland und Sachsen und Schweden standen im
-Bündnis gegen den König; und mehr als Schlesien sollte es gelten.
-
-Elf Jahre lang hatte die Hofburg heimliche Fäden geflochten, im
-zwölften sollte das Netz den frechen Spötter von Sanssouci fangen: aber
-der König bekam warnende Kunde aus Holland und hieb in die Maschen.
-
-Wohl fing er bei Pirna das sächsische Heer und konnte in Böhmen
-eindringen, aber der Feldmarschall Daun stand besser gerüstet; bei
-Kolin schlug er dem König das Glück und das Schwert aus der Hand.
-
-Indessen der siegreiche Feind ihm Schlesien nahm, mußte Friedrich nach
-Sachsen zurück, den kläglichen Rest seiner Kriegsmacht zu sammeln.
-
-Da kam schon Soubise mit der Reichsarmee an, und das Glück lachte den
-stolzen Franzosen, den schweißenden Fuchs zu fangen; bei Roßbach hatten
-sie ihre Falle gestellt, aber der Fuchs biß sich durch, ehe sie dachten.
-
-So zornig schlug seine Rute unter die Hasen, daß sie zu laufen begannen
-von Sachsen bis an den Rhein; und ob es die Reichsarmee war, die mit
-den Franzosen davon lief: das Gelächter sprang schadenfroh hinterdrein
-und der Jubel, daß der französische Übermut so zu Fall kam.
-
-Und als der König den Atem nicht anhielt, als er -- ein todwundes Wild
--- in dreißig Tagen sein kärgliches Heer von Sachsen nach Schlesien
-führte, den Schlag gegen die Habsburger Hauptmacht zu wagen, als er das
-Schalksspiel von Roßbach bei Leuthen feierlich krönte: da staunte die
-Welt, daß wieder ein Kriegsherr und Held war.
-
-Aber noch waren zwei Jahre erst von den sieben des Krieges bestanden,
-und schwer trug das Land an den Leiden: zweimal mußte Berlin Lösegeld
-zahlen, und als der Tag von Kunersdorf kam, schien alles zu Ende.
-
-Das letzte Heer war geschlagen, die besten Führer waren gefallen,
-Mangel und Mutlosigkeit saßen beim Feuer, kein Lied klang mehr aus den
-Zelten.
-
-Ein ganzes Jahr lang wollte das Unglück nicht weichen, bis endlich bei
-Liegnitz wieder ein Sieg kam; aber es war nur ein Loch in den Maschen,
-und die Übermacht blieb.
-
-Der König war matt und von Schmerzen geplagt; schlug er den Feind hier,
-standen ihm dort drei neue: der rasch begonnene Krieg konnte im bösen
-Siechtum nicht sterben.
-
-Da sah die Welt, daß der König ein Held und ein Mann war: standhaft und
-stolz zog er die Lose, und nahm das schwärzeste hin, wie ein Held das
-Schicksal hin nimmt, um es zu meistern.
-
-Bis endlich des Blutes genug war und aus den Bränden so vieler
-Zerstörung der blasse Frieden zurück kam: in Hubertusburg mußte Maria
-Theresia zum drittenmal Schlesien lassen.
-
-Die großen Mächte Europas mußten den König von Preußen als Sieger
-anerkennen; sie hatten Berge gewälzt, ihn zu verschütten, aber immer
-noch stand der Sieger von Roßbach und Leuthen.
-
-Aber nun war es nicht mehr der heitere Gutsherr von Rheinsberg und
-nicht mehr der Spötter von Sanssouci: als er zum drittenmal heimkam,
-hager, gebeugt von der Gicht und den unsäglichen Leiden, ließ er dem
-Sieg das Tedeum blasen und singen; er aber saß in dem hölzernen Stuhl
-und hielt sein Auge allein auf den Jammer gerichtet, und seine Getreuen
-sahen ihn weinen.
-
-
-Der alte Fritz
-
-Als Friedrich wieder in Sanssouci saß, hatte das Alter ihn hart
-berührt, sein Rücken war steif, und seine gichtigen Beine hatten
-zu tanzen verlernt; wie sein zorniger Vater ging er nun selber am
-Krückstock, aber ihm mußte das Holz redlicher dienen.
-
-Sein Spott war scharf wie die Klinge geworden, mit der er bei Roßbach
-und Leuthen den Feind aus dem Felde schlug; mehr wußten die großen
-Augen zu blitzen, als daß sein schmaler Mund lachte.
-
-Den Philosophen von Sanssouci hatten ihn seine Freunde aus Frankreich
-geheißen; nun waren sie fort; und die den einsamen König daher
-reiten sahen, grau und gebeugt, kannten nur seine Taten, nicht seine
-Schriften, ihnen war er der alte Fritz.
-
-Er hatte im Krieg den Schlaf verlernt, nun war sein Tag lang, und in
-der frühesten Frühe kam schon die Sorge nach Sanssouci; aber sie saß
-nicht im Stuhl, mit schlaffen Händen zu warten, sie war die Sorge der
-schaffenden Pflicht und des rastlosen Fleißes.
-
-Wie ein Gutsherr das Seine fest in der Hand behält -- wohl gehen die
-Knechte hinaus in die Felder, die Mägde besorgen den Stall und auf den
-Vorwerken sitzen Verwalter, aber er reitet hinaus, ehe sie denken, und
-läßt sich das Kleinste nicht reuen, weil er im Kleinen den Wohlstand
-bedingt sieht -- so sah der König in Sanssouci das preußische Land als
-sein Eigentum an.
-
-Bauern und Bürger waren ihm sein Gesinde und die adligen Stände seine
-Verwalter; er ritt in ihr Tagwerk hinein, zu loben und schelten, wie er
-es fand, er führte das Hauptbuch und saß an der Kasse, und wehe, dem
-sie nicht stimmte.
-
-Daß seine leeren Staatskassen wieder voll würden, nahm er den Städten
-die Zölle und ließ aus Frankreich Zollpächter kommen, die ihr Geschäft
-mit harter Findigkeit trieben.
-
-Und ob die Bürgerschaft klagte und heimlich den König samt seinen
-Zöllnern verwünschte: er ließ sie klagen und schimpfen, soviel sie
-mochten, aber er nahm ihren Schimpf und die Klage nicht an.
-
-Denn der in der schaffenden Sorge zu Sanssouci saß, kannte den Staat,
-aber sein Volk war ihm fremd; er hatte im Krieg den Adel brauchen
-gelernt und half ihm mit silbernen Talern; er lobte den Bauern, wie ein
-Gutsherr klug sein Gesinde zu loben versteht; er schätzte den Wohlstand
-der Bürger, der ihm die Steuern bezahlte.
-
-Wohl ließ er jedem das Seine und seinen Glauben dazu, wohl nahm er den
-Dreispitz und nickte von seinem Pferd, wenn sie ihm jubelnd zuliefen,
-der ihrer Liebe und Ehrfurcht der alte Fritz und der preußische Ruhm
-blieb: aber er konnte die Liebe mit keiner Liebe entgelten und war im
-Alter mit Kälte, was er in seiner Jugend mit Hitzigkeit wurde, ein
-harter Menschenverächter.
-
-Der Liebling des Volkes schrieb seine Bücher französisch, weil er
-die deutsche Sprache nicht anders zu sprechen vermochte, als sie
-ein Feldwebel sprach; seiner hochmütigen Lebensluft blieb jeder als
-Untertan fremd, weil er ein König und Feldherr wie keiner, aber ein
-Fürst seiner Zeit war.
-
-So hing ihm der Ruhm seiner freien Gesinnung, seines funkelnden Geistes
-und seiner Kriegstaten an wie ein geliehenes Kleid; er war der oberste
-Diener des Staates, aber nicht seines Volkes.
-
-Einsam und bitter ins Abendrot blickend von seiner hohen Terrasse,
-starb Friedrich, der König von Preußen; nur noch sein Windspiel war um
-ihn, als er die großen Augen zu Sanssouci schloß, um die Messerspur
-seiner Lippen den grausamen Zug der Menschenverachtung.
-
-
-Maria Theresia
-
-Sich selber und Habsburg die Kronen zu retten, mußte die Tochter des
-Kaisers acht Jahre lang den Erbfolgekrieg führen, bevor ihr das Erbteil
-im Frieden zu Aachen anerkannt wurde.
-
-Sie war nur eine Frau; denn Franz, ihr Gemahl, das Franzl geheißen,
-zählte nicht einmal in Österreich; aber sie hatte ein tapferes Herz,
-und ihre freundliche Schönheit rührte die Liebe der Völker.
-
-Auch war sie klug und entschlossen und wußte zu geben, wo sie zu
-nehmen vorhatte: als sie in Ungarn erschien, bedrängt und genötigt, um
-Beistand zu bitten, war ihre Hand nicht leer; die Magnaten dankten der
-jungen und schönen Königin, daß sie so klug in der Not war.
-
-So wurde Ungarn das Herz ihrer Länder; hier war sie gewählt und
-gekrönt, hier konnte ihr keiner das Recht zu herrschen bestreiten, hier
-fand sie den Mut und die Macht, die anderen Kronen zu halten.
-
-All ihre Feinde bezwang sie, zuerst die Puppe der Pompadour, den
-Kurfürsten Karl Albert von Bayern, den die Mätresse des Königs von
-Frankreich als Kaiser in Frankfurt ausrufen und aushalten ließ.
-
-Nur Friedrich, dem preußischen König, mußte sie Schlesien lassen;
-zweimal verlor sie den Krieg, nicht aber den Zorn auf den Räuber und
-den glühenden Wunsch ihrer Rache, das preußische Unkraut zu vernichten.
-
-Elf Jahre lang ließ sie die Saat mit Ungeduld wachsen: die Kaiserpuppe
-der Pompadour starb in Erbärmlichkeit hin, Franz, ihr Gemahl, wurde
-als Kaiser gekrönt, und Kaunitz, ihr kluger Minister, kam sacht in das
-Spiel.
-
-Er machte den Frieden zu Aachen als Sieger, aber er ließ den Franzosen
-klüglich den Ruhm, aus Edelmut zu verzichten; er saß als Gesandter in
-Frankreich und knüpfte die Fäden in stiller Geduld, bis das unmögliche
-Band gewebt war, bis die Tochter des Kaisers mit der Pompadour einen
-Pakt schloß.
-
-Nur Frauenhaß konnte so fremde Fäden verschlingen; als die Zarin als
-dritte dazukam, gereizt durch den Spötter, als die drei Großmächte noch
-Schweden und Sachsen in ihren Rachebund nahmen: da schien die Tochter
-des Kaisers am Ziel.
-
-Aber der Spötter in Sanssouci hatte nur scheinbar getändelt, der
-Fuchs brach aus, ehe die Jäger den Bau umstellten, und aus der listig
-bereiteten Jagd wurde die siebenjährige Plage des Krieges.
-
-Sieben Jahre vergeblicher Hoffnung und harter Enttäuschung machten
-Maria Theresia alt; als ihr Franzl zu kränkeln begann, mußte sie
-hoffnungslos den Frieden von Hubertusburg unterschreiben.
-
-Der Spötter von Sanssouci hatte gesiegt; der ihrer katholischen
-Frommheit der Ketzer und ihrem Frauenstolz eher der Teufel denn ein
-Menschenkind war, konnte als Sieger heimreiten, indessen ihr nur die
-Tränen um Schlesien blieben.
-
-Der grausame Krieg und die Hoffnung so vieler Jahre gingen Maria
-Theresia schmerzlich verloren, aber sie war in der schlimmen Bedrängnis
-die Mutter des Landes geworden.
-
-Sie hatte kein Sanssouci, wo sie in fürstlicher Laune dem Untertan
-fremd blieb; sie war eine Frau und allzeit zärtlich besorgt, und hielt
-ihre Brust der Menschlichkeit warm.
-
-Sie stärkte den Bauernstand gegen die adligen Herren, sie sorgte für
-Schulen und baute Spitäler; wo eine Not war, kam ihre Hilfe, und wo
-ein unmenschlicher Brauch quälte, wie bei der Folter, schnitt sie das
-Unrecht der Herkunft ab.
-
-Eine fleißige Schaffnerin saß in der Hofburg und ging durch die Straßen
-von Wien, Ordnung zu halten; eine Mutter und weiße Matrone lächelte auf
-dem Thron und nahm die Liebe des Volkes als Dank.
-
-Und als ihr der Tod kam, der um den einsamen Spötter in Sanssouci
-hüstelnd herum ging, war ihren Völkern das eigene Blut abgestorben:
-wie Kinder weinten am Sarge Maria Theresias Männer und Frauen, ihr
-schmerzvolles Begräbnis hatte ein Bürgerkleid an.
-
-
-Joseph der Zweite
-
-Ein silberner Mond schien über Wien und das österreichische Land, da
-Maria Theresia Hausfrau und Kaiserin war; aber ihr hitziger Sohn ging
-auf in der Frühe als ein sehr starker Komet.
-
-Er sah den Stern von Sanssouci strahlen, und schon dem Jüngling
-entbrannte der Ehrgeiz, sein grelles Gefunkel zu überglänzen: was
-Friedrich als König in Preußen dem Volk schuldig blieb, das wollte
-Joseph der Zweite im Reich als Kaiser bedeuten.
-
-Fröhlicher als sonst eine Krönung wurde die seine in Frankfurt
-gefeiert; der schlanke Jungmann, leutselig und licht gegen
-jedermann, gefiel der staunenden Menge; nur die Fürsten und Räte der
-Reichsherrlichkeit krausten die Stirnen.
-
-Sie sahen den Ehrgeiz auf andere Dinge als auf den Glanz der
-Reichskleinodien gerichtet, sie hörten den Habsburger Hochmut in
-seiner Leutseligkeit knistern und waren besorgt, das Reich möchte
-wiederkommen.
-
-Als der Kaiser dann hitzig anfing, den Staub auszuklopfen, als er dem
-Reichshofrat und dem Lindwurm des Reichskammergerichts hart auf den
-Leib rückte, als das Gespenst eines klaren gemeinsamen Reichsrechtes
-die Hüter des Lindwurmes erschreckte: fing heimlich und boshaft der
-Widerstand an.
-
-Der scheckige Reichsmantel war aus den Lappen und Flicken der Fürsten
-und Fürstchen geschneidert; als Joseph der Kaiser ihn nach dem
-prunkvollen Umstand der Krönung anziehen wollte, rissen die Nähte.
-
-Er mußte mit seiner Gerechtigkeit warten, bis ihm die eigenen Erbländer
-gehörten, die seine Mutter noch immer als Hausfrau regierte.
-
-Er stand im vierzigsten Jahr, als sie starb, nur ein Jahrzehnt blieb
-seinem hitzigen Tun; als ob er den frühen Tod spürte, ließ er den
-Kehrbesen nicht aus der Hand, der Staub wirbelte hoch und manche Gasse
-wurde rein, wo er sich regte.
-
-Er hob die Leibeigenschaft auf, daß der Staat im Recht der freien
-Gemeinde statt in der Willkür reicher Machthaber stände; er sah nach
-den Schulen der Armen und daß die reichen Grundherren mit an den
-Lasten des Staates trügen, dem sie den Genuß ihres sorglosen Daseins
-verdankten.
-
-Er tat, was nie ein Habsburger wagte, er sagte der Kirche die Hörigkeit
-auf.
-
-Wo eine üppige Weide, ein prangender Weinberg, fruchtbares Feld war,
-wo fleißiges Bauernvolk schaffte, hatten im Habsburgerland die Klöster
-sich breit aufgetan; er ließ sie schätzen und schließen, wo ihr
-Dasein nur eine Pfründe für den fürstlichen Abt und wo die Schar der
-Bettelmönche nur eine Landplage war.
-
-Als er das Letzte zu tun nicht zagte, als Joseph der Zweite im Erbland
-Ferdinands das kühne Toleranzedikt gab, das jedem Christen die
-Kirchenform seines Glaubens freistellte: da ging ein Seufzer durch
-Österreich, daß nun der Antichrist käme.
-
-Der Papst fuhr selber nach Wien, den Kaiser zu warnen; der nahm ihn
-auf, wie es dem Statthalter Petri gebührte, aber er wollte seinen
-Völkern Gerechtigkeit tun und folgte allein seinem Gewissen.
-
-So legte er selber die Wurzeln der Habsburger Macht bloß; als er danach
-aus all seinen Kronländern einen Staat machen wollte, fehlten der
-Hofburg die eifrigen Hände, die Habsburg stark gemacht hatten.
-
-Böhmen und Ungarn wollten den Habsburger dulden als Träger der eigenen
-Kronen, aber niemals Österreich untertan sein; als er die Herkunft zu
-zwingen begann, säte er selber die Drachensaat der Empörung.
-
-Im brabantischen Land fing sein Mißgeschick an, wo die Schwester
-Christine als Statthalterin spöttisch regierte: wie die sieben
-Provinzen Philipp von Spanien den Gehorsam aufsagten, so taten ihm nun
-die andern, als er die Landesverfassung aufhob.
-
-Der Staat, das bin ich! sagte auch Joseph der Zweite und wollte den
-Völkern Gerechtigkeit bringen; aber sie waren das Unrecht gewohnt und
-wollten lieber darin verharren, als der Herkunft der Väter ungetreu
-sein.
-
-Wie Karl der Fünfte einst in St. Just legte der sterbende Kaiser die
-Zügel der Herrschaft hin; die Kronländer für Habsburg zu retten, zerriß
-er mit fiebernden Händen die neuen Gesetze.
-
-Nur unter den Armen in Wien, die er aus Willkür und Unrecht befreite,
-blieb sein Bild rein im Gedächtnis: seine Mutter hatte das Land in der
-alten Ordnung gehalten und starb mit Liebe gesegnet, er wollte die neue
-Gerechtigkeit bringen und siechte im Haß hin.
-
-
-Die Pompadour
-
-Die zierliche Frau eines Zöllners hatte den König von Frankreich
-gefangen, wie ihn die Hofdamen fingen; als seine Gier ihres Leibes satt
-war, ließ sie den König getrost seinen weiteren Lüsten, aber den Hof
-und die Macht ihrer Stellung behielt sie klug in der Hand, sodaß sie
-die heimliche Königin wurde.
-
-Sie hieß nun Marquise von Pompadour, und die Großen der Welt mußten
-nach ihrer Gunst gehen, die eine geborene Fisch und eine Zöllnersfrau
-war.
-
-Denn anders als sonst eine Königin war diese zierliche Frau; sie kannte
-die wirklichen Mächte der Welt und wußte, daß Macht haben allein ihr
-kluger Gebrauch sei.
-
-In dieser Klugheit wußte sie trefflich die Fäden zu flechten; und weil
-der König von Frankreich ein blödes Tier, sie aber ein handfestes
-Weibsbild war, so hielt sie das Land vor böseren Dingen bewahrt.
-
-Auch stand ihr zierliches Bild gut in dem Rahmen, den ihr die Kunst
-der galanten Zeit gab; denn nun war der höfische Prunk zum köstlichen
-Zierat geworden, den sie das Rokoko hießen.
-
-Der Altsilberglanz chinesischer Seiden, die zärtliche Kühle des
-Porzellans, die launischen Formen und Farben der Teller und Kannen
-waren im Abendland Mode geworden, darin es fremd gespiegelt ein neues
-Gesicht fand.
-
-Die gläsernen Leuchter weißgoldener Säle ließen auf blumigen
-Seidengewändern kristallisches Licht spielen; Stühle und Tische standen
-mit zierlich gebogenen Beinen auf blankem Parkett; Rahmen von Altgold
-hielten gleich Ranken die Ränder verschnörkelter Spiegel; auf dem
-Marmorkamin blinkten die Silberfiguren der Standuhr.
-
-Alles war hell und kühl wie ein Frühlingstag, darin die Damen auf
-Stöckelschuhen spazierten; alles war leicht und verschnörkelt wie die
-Scherze, damit die spitzengeschmückten Herren die Herzen der Damen
-gewannen.
-
-So war die Welt, darin die Marquise von Pompadour Königin spielte;
-so war der Traum von Versailles, darin der Adel des Abendlands
-leichtsinnig lebte; so war der Hof, darin der König faul und verachtet
-sein Dasein hinbrachte.
-
-Als die Pompadour starb und die rote Dubarry dem alternden König ins
-Bett kam -- die eine Dirne war und eine Gräfin wurde -- brach der
-Untergrund all dieser Zierlichkeit durch: das Laster legte die Maske
-der Wohlerzogenheit ab und war nur noch freche Gemeinheit.
-
-Das war die Zeit, da der Neffe des Menschenverächters in Sanssouci sein
-verächtlicher Nachfolger wurde, da die Fürsten in Deutschland sich eine
-Pompadour hielten, da die adligen Herren auf Kosten der Bürger und
-Bauern einen fröhlichen Himmel auf Erden genossen.
-
-Aber schon blies der kalte Wind in die fröhlichen Lichter; als Ludwig
-der Fünfzehnte in seinen Lüsten verdarb und Ludwig der Sechzehnte den
-Namen des Königs von Frankreich wieder ehrlich machen wollte, war es zu
-spät für den redlichen Eifer.
-
-
-Maria Antoinette
-
-Als die Habsburger Prinzessin nach Frankreich fuhr, Gemahlin des
-Dauphin zu werden, war sie fast noch ein Kind; sie machten ein
-Feuerwerk in Paris, ihr zu Ehren, es wurde ein großes Unglück daraus,
-und viele Menschen verbrannten: der Brandgeruch blieb in den Kleidern
-der blonden Prinzessin.
-
-Die Tochter Maria Theresias hatte die ehrbaren Lehren der Mutter im
-Sinn, aber ihr Köpfchen stand nach den Freuden der Jugend: sie wollte
-gut und gerecht sein und eine tapfere Königin werden, ihr eigener Tag
-aber sollte der fröhlichen Laune gehören.
-
-In Trianon draußen die schelmische Schäferin spielen, schien ihr viel
-schöner und freier, als in der starren Pracht von Versailles Königin
-sein.
-
-Aber die Zeit war vorüber, da die Könige Blindekuh spielten; indessen
-die Königin harmlose Fröhlichkeit naschend in Trianon ging, hing an
-den Gittern der Groll, und die Not zählte die Stunden, die der Königin
-sorglos verflogen.
-
-Der Staat war in Schulden, und drückende Steuern hielten die Last nicht
-mehr hin; das Land war leer, und das Volk sah mit Grimm den prahlenden
-Reichtum, indessen ihm längst das Nötigste fehlte.
-
-Auch war das niedere Volk nicht mehr verlassen: kühne Schriften gingen
-ins Land und glühende Herzen riefen nach einer anderen Gerechtigkeit,
-als daß nur einer das Leben genoß, indessen Hunderte seufzten.
-
-Was in dem Himmel der Priester verheißen war -- die selber die Erde
-genossen -- das sollte wahr werden in der irdischen Wirklichkeit; in
-den Gassen der Städte und draußen im Acker waren die Flüche und Fäuste
-bereit, das verheißene Reich zu erzwingen, wo Freiheit und Gleichheit
-und Brüderlichkeit waren.
-
-Ein Diamantenhalsband ging übel verloren: die Königin habe den Schmuck
-mit Liebesstunden bezahlt und Rohan, so hieß es, ihr zärtlicher Freund,
-müsse die Falschheit der Königin öffentlich büßen.
-
-Eine Schwindlerin hatte der Welt den üblen Spaß angerührt; wie der
-Brandgeruch an der blonden Prinzessin blieb nun der wilde Verdacht an
-der Königin haften: der Groll an den Gittern entbrannte zum Haß.
-
-Da war das harmlose Spiel in Trianon aus, die fröhliche Schäferin mußte
-die leidvolle Königin spielen; die Lehren Maria Theresias wurden wach,
-aber nun war es zu spät, ihrer zu achten.
-
-Die gläsernen Leuchter der Fürsten waren herunter gebrannt, kein Diener
-kam mit den Kerzen; es wurde dunkel im Schloß zu Versailles; nur über
-der brodelnden Nacht von Paris lag wieder der fahle Schein des Brandes.
-
-Als danach der Tag kam, hatte der Brand den Traum von Versailles
-verschlungen, in der Wirklichkeit wurde die Königin wach: ein Fallbeil
-stand zu Paris, ihr den blonden Kopf abzuschlagen.
-
-
-Mozart
-
-Ein Wunderkind kam nach Wien; ein Knabe aus Salzburg, Mozart geheißen,
-spielte der Kaiserin auf dem Klavier, und alle die Herren und Damen
-Maria Theresias staunten, wie solch ein Kind schon ein Zauberer wäre,
-mit seinen Tönen den süßen Genuß der Gefühle zu lenken.
-
-Und wie in Wien, geschah es in London, im Haag, in Paris: überall
-staunte das Kerzenlicht um den Knaben aus Salzburg, der das Klavier
-gleich einem Großen zu meistern verstand.
-
-Lärmender Beifall und lockender Ruhm war um den Knaben, aber der
-strenge Vater ließ ihn nicht locker in der Zucht seiner Kunst: Beifall
-und Ruhm sollten seiner Musik nicht die Quellen verschütten.
-
-Vor den Herren und Damen der Höfe zu spielen, war nur ein
-Gauklergewerbe; aber den Menschenseelen Gesang und dem Wohllaut
-der Geigen, Flöten und Hörner harmonische Fülle zu geben, hieß ein
-Musikmeister der Ewigkeit sein.
-
-So wurde das Wunderkind Mozart ein Jüngling und Mann, der seiner Musik
-den echten Zauberstab hielt; so wuchsen dem Rosenjahrhundert der
-Pompadour Flügel, in den Himmel der Töne zu fliegen.
-
-Als Maria Theresia starb, rief Joseph, ihr schwärmender Sohn, Mozart
-nach Wien, daß er sein Kammermusikus würde; doch hatte der hitzige
-Schmied kühner Herrscherpläne kein Ohr, das Wunder der Töne zu hören.
-
-Indessen der Kaiser den Blasebalg zog, das störrische Eisen der
-Herkunft zu schmieden, indessen sein Hof ein kühner Gedankenplatz
-war, indessen die Stadt an der Donau, unbesorgt solcher Gedanken, die
-Fröhlichen lockte mit reichen und rauschenden Festen, saß Mozart in
-mancher Bedrängnis.
-
-Er hatte die schöne Konstanze gefreit, und sein Klavier stand nicht
-still, um die Gulden zu spielen, die seine Frau fröhlich verbrauchte;
-auch waren die welschen Musiker dem Neuling aus Salzburg feind, und den
-Höflingen galt er als eine Marotte des neuerungssüchtigen Kaisers.
-
-Aber in blinkenden Nächten, von den Plagegeistern der Tage, von Sorgen
-und Süchten umlauert, riß seine Seele die Sterne vom Himmel und barg
-ihre ewige Tröstung in seiner Musik.
-
-Als sie in Wien die Hochzeit des Figaro spielten, das fröhliche Stück
-von dem frechen Barbier im Perlengewand Mozartscher Töne, da flog dem
-Zauberer aus Salzburg anderer Beifall und Ruhm zu, denn da er als
-Wunderkind am Klavier die Herren und Damen der Höfe mit flinken Fingern
-entzückte.
-
-Da hörte das leichtgeschürzte Jahrhundert den gläsernen Ton seiner
-Schalmei, da war die Marquise von Pompadour seine schelmische Göttin
-geworden; der Zauberer hielt ihr das Schellenband hin, mit schlanken
-Beinen hinüber zu springen.
-
-Ihm aber, der ihr und der Zeit mit seiner hellen Musik das Schellenband
-hielt, ihm lagen schon andere Töne im Ohr: aus der Tiefe stieg die
-Vergeltung mit steinernen Schritten; der Boden barst und die Zeit
-versank mit ihren Lüsten und Lastern, mit ihrem Gelächter und gläsernen
-Glück in den Abgrund, als Mozart den Don Juan schrieb.
-
-Nie hatte die Kühnheit heller geprahlt, als da der freche Verführer
-Himmel und Hölle zum Trotz sein Champagnerlied sang; nie hatte die
-Ewigkeit so ihren Donnermund aufgetan, als da der steinerne Gast den
-Lästerer holte.
-
-So rief er der Zeit den Tag seines Zorns und war doch ihr eigenstes
-Kind; zwischen Himmel und Hölle tapfer ein Mensch zu sein, ließ Mozart
-zuletzt die Zauberflöte erklingen.
-
-Da hing die irdische Liebe gläubig der eigenen Glückseligkeit an,
-Schuld und Bedrängnis vermochten nicht, ihren Weg zu beschatten:
-wie die Sonne am Mittag schritt ihre Allgewalt über die Ströme und
-finsteren Wälder, über die Felsen und Abgründe in seligen Tönen hinüber.
-
-Als Mozart der Menschheit solche Musik schrieb, hatte der Tod sein
-Herz schon berührt; noch konnten die fiebernden Hände sein Requiem
-schreiben, dann sank er selber hinein in die ewige Ruhe.
-
-Er war ein Kind seiner Zeit wie keiner: alles, was sie zu lächeln
-vermochte, lächelte er; als ob die Erde ein Blühegarten der Freude,
-als ob der Mensch aller Blüten und Freuden Nutznießer wäre, so machte
-Mozart, der Meister des Wohllauts, Musik.
-
-
-
-
-Das Buch der Propheten
-
-
-Hans Sachs
-
-Zu der Zeit, da Dürer sein köstliches Schilderwerk malte, da die
-Ratsherrn, Humanisten und Zunftmeister die wachsamen Hüter der
-Bürgerschaft waren, da es noch Stadtfreiheit gab gegen die Frechheit
-der Fürsten, saß in seiner Schuhmacherwerkstatt zu Nürnberg der
-fröhliche Meister Hans Sachs.
-
-Er hatte als Jüngling den Meistergesang fleißig geübt und war auf der
-Wanderschaft eifrig gewesen, die neuen Weisen zu lernen: nun galt er
-als Meister der Singschule, wie er ein Schuhmachermeister war.
-
-Der aber im Meisterlied seinen Mund auf alle Töne zu spitzen verstand,
-hielt der Natur Augen und Ohren geöffnet, auch saß ihm ein fröhliches
-Weib auf der Diele, das ein anderes Mundspitzen übte.
-
-So war der Meister Hans Sachs ein rechtschaffener Mann, der von den
-Sachen der Welt mancherlei wußte; als er in redlichen Reimen davon zu
-erzählen begann, mußte das zierhafte Meisterlied erschrocken die Ohren
-zuhalten.
-
-Keifende Weiber und krätzige Bauern, fahrendes Volk und schlimme
-Gesellen, alles was um den Meister Hans Sachs gemeine Wirklichkeit war,
-ließ er in spaßhaften Reimen spazieren.
-
-Aber der Spaß wurde fröhlicher Lärm, und die Frechheit sah manchmal
-hinein, wenn er sein Fastnachtsspiel machte; da konnten die Spitzbuben
-recht die Bauern betrügen, die Dummen konnten von Herzen gemein und die
-Völler betrunken sein.
-
-Wenn dann der Meister Hans Sachs mit dem warnenden Finger hinzu kam,
-merkten die Zuschauer wohl, daß er schalkhaft mitlachte.
-
-Der so fröhlich die Täglichkeit sah, wußte, so war es immer gewesen:
-die Guten und Bösen, die Dummen und Schlauen, die Vornehmen und die
-Gemeinen füllten die Erde wie kalt und warm, wie Regen und Dürre, wie
-Flamme und Rauch; wo sie einander am hitzigsten trafen, war das Leben
-am liebsten geschäftig.
-
-So las er die alten Berichte und sah das Leben nur als das Gestern an,
-darin das Heute geschah; und alles Heute war sein, ob es Salomo, Kaiser
-Karl oder die schöne Melusine genannt war.
-
-Aber der reichste Schatzhalter war ihm die Bibel: gleich Bilderbogen
-zog er die alten Judengestalten und ihre Handlungen ab, angemalt mit
-den Farben, die ihm die eigene Täglichkeit schenkte, und mit der
-fröhlichen Weisheit unterschrieben, die der Schuhmachermeister darin
-fand.
-
-So emsig suchte sein Eifer, daß ihm keiner entging, von Adam bis
-Archelaus; alle mußten aus seiner fröhlichen Feder neu in die Welt
-spazieren, und alle mußten zu Nürnberg im fränkischen Land noch einmal
-Wirklichkeit sein.
-
-Er wurde in Fröhlichkeit alt und war noch als Greis ein fleißiger
-Schaffner, nur die Schuhmacherwerkstatt verließ er, an seinem
-Schreibpult zu sitzen.
-
-Und als ihm im achtzigsten Jahr seines Lebens die Sprache versagte, saß
-er noch immer an seinem Pult und las in den Büchern, die er kaum noch
-verstand.
-
-Nur in den Augen war noch das fröhliche Leben geblieben, und wer als
-Gast in seinen Altenteil trat, dem nickten sie schelmisch zu.
-
-
-Das Kirchenlied
-
-Als der große Krieg unsägliches Leid auf das deutsche Land legte, als
-der Reichtum der Bürger in Armut versank, als die fröhliche Flur leer
-wurde wie die fleißige Werkstatt und auf den Straßen nur noch das Elend
-dem Hunger begegnete, als der Menschengeist seiner blutigen Tat satt
-war, sang eine Stimme der Seele Trost und Erbauung.
-
-Luther hatte das Lied von der festen Burg gläubig gesungen, es war die
-Fahne des evangelischen Glaubens gewesen, und manche trotzige Faust
-hatte die Fahne geschwungen; nun lag sie verkohlt unter dem Brandschutt.
-
-Aber die Stimme der deutschen Seele hob wieder an, die alten Weisen
-mit neuen Worten zu singen; und ob sie zitternd sang und mit Tränen:
-Gott war wieder darin, und sein gesungener Trost fand wieder Ohren und
-Herzen.
-
-Spitzfindigkeit, Wortgläubigkeit und Sittenhochmut hatten der
-evangelischen Lehre ein neues Kirchenkleid angetan, darin die
-Landesobrigkeit die Papstgewalt war; aber das Kleid war zerrissen, nur
-das Lied blieb wie ein Licht in der Nacht.
-
-Wenn die Gemeinde beisammen saß, es zu singen, wenn das schwellende
-Wort sich in den Orgelton legte, dann kehrte die gläubige Seele in ihre
-Heimat zurück.
-
-Befiehl du deine Wege! sang ihr Wiegenlied den Kindern und Alten; und
-wo ein Grab den Sarg in das schwarze Loch nahm, stand die Stimme dabei:
-Jesus meine Zuversicht! trotz Tod und Betrübnis zu singen.
-
-So kam es, daß die deutsche Seele den lauten Jammer und die leise
-Klage, den Trotz und die Verzagtheit überwand, daß sie an den Gräbern
-der stolzen Vergangenheit und im Elend der bittersten Gegenwart den
-Heldenmut fand, noch mitten im Krieg: Nun danket alle Gott! mit
-gläubigem Herzen zu singen.
-
-
-Bach
-
-Eine Hütte am Brunnen der Wüste, so nahm das Kirchenlied die
-Flüchtlinge des Krieges unter sein Dach; aber Gott sandte den Meister,
-der deutschen Seele noch einmal Zion zu bauen.
-
-Der von allen Meistern der Kunst der gewaltigste war, der aus der
-Seelengewalt noch einmal die Schöpfung vollbrachte, der einzige, der
-seinen Turm in den Himmel zu bauen vermochte: er wurde den Deutschen,
-wie einmal der jüdische Zimmermannssohn, in Niedrigkeit eingeboren.
-
-Johann Sebastian Bach war eines Ratsmusikers Sohn, der durch die Gunst
-der Ratsherren sein unfreies Gewerbe in Eisenach trieb; aber Vater und
-Mutter starben dem Knaben, den danach sein Bruder in Ohrdruf aufzog.
-
-Als Singknabe in Lüneburg mußte er schon im fünfzehnten Jahr sein
-kärgliches Brot selber verdienen; als Geiger und Organist in Weimar,
-Arnstadt, Mühlhausen und Köthen trug er sein mühsames Tagwerk nach
-Leipzig, wo er Musikmeister hieß und an der Thomaskirche den Kantor
-vorstellte.
-
-So kärglich und mühsam, wie er sein irdisches Dasein begann, so
-kärglich und mühsam ging es zu Ende; bis er grau wurde und starb, mußte
-der übergewaltige Mann den Krämern in Leipzig den Kirchenchor leiten.
-
-Einmal im Alter fiel eine Ehre der Welt auf ihn, als ihn der König von
-Preußen nach Sanssouci rief, weil er der Vater von seinem Kammermusikus
-war; er durfte dem Spötter die Orgel vorspielen und auf dem Klavier
-seine Flöte begleiten.
-
-Sonst blieb sein Dasein im Schatten des Kleinbürgertums, darin der
-Meister mit seiner Hausfrau und Kinderschar untergeschlüpft war.
-
-Wenn Johann Sebastian Bach in der Thomaskirche in Leipzig den Choral
-spielte, dann sang die Gemeinde ihr gläubiges Wort in die Orgel und
-wußte nicht, warum ihr die Seele im Gesang so übergewaltig anschwoll.
-
-Aber der Meister konnte nicht eine Stimme begleiten, ohne daß ihm die
-Brunnen der Tiefe aufbrachen, darin die gewaltigen Ströme stark und
-brausend nach Freiheit begehrten.
-
-Eine Stimme allein war eine Taube, die kläglich flatternd den Raum nach
-den andern absuchte; erst wenn der Baß ein Paar daraus machte und wenn
-die Brut der Mittelstimmen dazukam, daß sie zu Vieren mit gleichem
-Flügelschlag selig dahin schwebten, jede auf eigenen Flügeln und doch
-gemeinsam im Flug: dann konnte sie fliegen.
-
-Dann glaubte die fromme Gemeinde, das Lied gewaltig zu singen, weil
-ihre Stimmen sich in der Melodie fanden; aber stärker als ihre Stimme
-war der Baß in der Orgelgewalt, er trug den singenden Ton durch Höhen
-und Tiefen, und daß er beruhigt in seinem starken Arm läge, deckten die
-Mittelstimmen ihn weich und warm zu.
-
-Die Melodie war nicht mehr das Wort und das Lied der singenden Seele
-allein, aus der Tiefe des Raumes kam ihr die starke Gottesgewalt zu,
-und daß sie nicht über das Wunder so starker Begleitung erschräke,
-schwebten die Engel harmonisch dazwischen.
-
-Erde und Himmel waren vereint, wenn die Orgel des Meisters den starken
-Viergesang machte; ob er brausend anschwoll oder im sanften Gesäuse
-wohlig dahin schwebte, die Seele war nicht mehr allein.
-
-Keine Donnergewalt fiel ihren Sang an, und keine selige Flöte hieß ihn
-verstummen, der Sang war in Gott und Gott in ihm, weil jenseits von
-Zeit und Raum die Harmonie in der Ewigkeit schwebte.
-
-Auch wenn der Meister die Stimmen der Orgel allein in den Raum sandte,
-gingen sie nicht wie Fremdlinge hin über die Ohren der Leute; jede
-stieg aus der Erde der Toten ans Licht, und jede fuhr in den Himmel,
-die staunende Seele auferstand mit.
-
-Und ob es schwingende Geigen und blasende Hörner, ob es Schalmeien
-und Flöten, Fagott und Klarinetten, ob es ein Saitenklavier oder ein
-menschlicher Stimmenchor war: immer entzückte der Meister das starke
-Geheimnis, daß eine Stimme Antwort im Raum, starke Begleitung und
-seliges Glück in der Gemeinsamkeit fand.
-
-Aber das Wunder wurde Erscheinung, wenn er den ganzen Heerbann der
-Stimmen aufriß, wenn das große Orchester den hundertstimmigen Chor nahm
-und gegen die Orgelgewalt herrlich anstürmte: dann baute der Meister
-noch einmal die Schöpfung über dem ewigen Abgrund.
-
-Sünde und Schicksal, Schuld und Versuchung, das dunkle Leid und die
-blitzende Lust sanken zurück in die Allmacht, daraus sie kamen.
-
-Wohl brandete die Hölle und wohl traf der Tod, aber ihr Sieg und sein
-Stachel lagen beschlossen in Gottes allgütiger Hand; tiefer als Trauer
-und Furcht, höher als Freude und Hoffnung trugen die Flügel der Gnade
-und Liebe die Seele in Ewigkeit hin.
-
-So war der Meister und so war seine Musik, und die seine Schöpfergewalt
-spürten, ahnten nicht das Geheimnis, daß in den Tönen bereits das
-Himmelreich war, das ihre Gläubigkeit jenseits erhoffte.
-
-
-Die Pietisten
-
-Blut und Verwüstung des Krieges hatten die Herzen der Harten nicht
-zu erweichen vermocht: in Wittenberg saßen die Pfaffen nicht anders
-als vormals in Rom, die geistliche Herrschsucht hatte ein neues
-Kirchenkleid angezogen.
-
-Ein Prediger kam aus dem Elsaß nach Frankfurt, Jakob Spener
-geheißen, und anderen Geistes, als ihn der Hochmut der lutherischen
-Kirchenobrigkeit kannte.
-
-Er hatte das Theologengezänk und die Wortgläubigkeit an den Schulen
-erfahren und wußte, daß andere Dinge als Liebe und Freiheit den Gang
-der Kirche und ihrer Pfarrer bestimmten; er aber wollte eher der
-Unmündigen einer denn der lieblose Knecht kirchlicher Rechtgläubigkeit
-sein.
-
-Er schlug keine Thesen an eine Schloßkirchentür, er band keinen Aufruhr
-der Geister an seine Sendung, auch war er kein härener Täufer, nach
-Buße zu schreien: er zündete nur das vergessene Licht an und wartete
-still, ob es den Wanderer riefe.
-
-Christ sein hieß ihm, die Wiedergeburt seiner Seele erleben, wie es
-den Jüngern geschah, als sie Jesum erkannten; und wer ein Gläubiger
-solcher Wiedergeburt war, brauchte die Priester und Schriftgelehrten
-des Lehrkirchentums nicht.
-
-Die Liebe war in der Dürre vertrocknet und die Freiheit im Katechismus
-gefangen, als Spener, der Schwärmer in Christo, sein zaghaftes Licht in
-Frankfurt ansteckte; aber die evangelischen Seelen im Land, die danach
-seufzten, strömten dem blassen Schein zu.
-
-Wie es der ersten Christengemeinde geschah, erwachte das Leben der
-Liebe in den Winkeln: kein loderndes Feuer, kein krachender Brand, nur
-eine heimliche Glut, aber Deutschland stand seltsam durchleuchtet.
-
-Die Rechtgläubigkeit schrie, und die Obrigkeit strafte; Wittenberg trat
-auf den Plan, die Irrlehre zu verdammen: aber die hochmütigen Herren
-der Kirche hatten das Herz des evangelischen Volkes verloren.
-
-Die Gläubigen hießen sich selbst die Erweckten und wurden zum Spott die
-Pietisten genannt; sie trugen den Spott mit Geduld und die Verfolgung
-mit Eifer: bald waren der Stundenbrüder so viel, daß die Kirchen leer
-standen.
-
-So hatte Spener, der Schwärmer in Christo, die Lehre des Nazareners
-noch einmal erweckt; aber das Lächeln der Liebe und Weisheit war nicht
-auf den Lippen, nur in den Augen blinkte die blasse Verzückung der
-Nachfolger Christi, indessen die Aufklärung schon auf den Straßen in
-stolzen Karossen dahinfuhr.
-
-
-Die Aufklärung
-
-Der Menschengeist hatte den Himmel der Priester und ihre Hölle
-geglaubt, ein Jammertal war ihm die Erde geworden; nun wollte er selber
-kraft seiner Vernunft das Schicksal gestalten und wollte nicht länger
-dem Glauben der Priester am Gängelband gehen.
-
-Die Erde war seine Wohnung, und alles, was seine forschenden Augen
-aus ihren Fenstern erkannten, hieß er Natur: Natur war Wasser und
-Luft, Feuer und Erde, Natur war das Gewächs und Getier, Natur war der
-unermeßliche Himmel mit seinen Sternen, Natur war der Mensch mit seinen
-Sinnen und Süchten.
-
-Natur aber hieß, im eigenen Gesetz dasein: Naturgesetz war die Bahn
-der Gestirne und alle Waltung der Kräfte, Blühen und Welken, Leben und
-Sterben stand darin beschlossen, und keine Willkür konnte sich abseits
-erfüllen.
-
-Galilei hatte der kühne Pisaner geheißen, der gleich dem Genuesen
-Columbus hinaus fuhr, die Neue Welt zu entdecken, der Himmel und Erde
-in das Gesetz der Natur stellte.
-
-Zur selben Zeit, da Seni der Sterndeuter Wallensteins log, stand
-Galilei als Greis in Rom vor den Priestern und mußte, sein Leben zu
-retten, den Widerruf schwören.
-
-Aber die Tage der Kirche waren gezählt, und ein anderer Ketzer
-war dies, als die mit der heiligen Schrift in der Hand gegen die
-Kirchenverderbnis aufstanden; die Wissenschaft kam mit dem Rüstzeug
-ihrer Beweise, der Menschengeist wollte mit seiner Vernunft
-Naturgewißheiten sehen, statt an das Mirakel der Priester zu glauben.
-
-Denn alle Verheißung der Kirche hatte gelogen, statt Frieden auf Erden
-war blutiger Zank um die Lehre der gläubigen Völker gekommen; Vernunft
-und Natur konnten kein Glück im Himmel verheißen, aber sie prahlten,
-dem Menschen die sichere Wohnung auf Erden bauen zu können.
-
-
-Christian Fürchtegott Gellert
-
-Es war ein schwächliches Predigerkind aus Hainichen und sollte selber
-ein Prediger werden; aber sein schlechtes Gedächtnis und seine
-Schüchternheit machten dem Armen die Kanzel zum Schrecken.
-
-Auch war er heimlich der Poesie zugetan und hielt einen rundlichen
-Reim lieber im Sinn als eine polternde Predigt: so wurde er Lehrer in
-Leipzig und las mit zärtlicher Liebe über die Schönheit.
-
-Sie war keine strahlende Göttin für ihn, und den Pegasus liebte er
-nicht, der seinen Reiter mit rauschenden Flügeln in die olympischen
-Lüfte hinaufriß; ihm war die Schönheit ein sauberer Garten hinter dem
-Haus, mit reinlichem Sand auf den Wegen, von Buchsbaumhecken umhegt.
-
-Da pflegte er seine bescheidenen Blümchen: Schneeglöckchen, Aurikeln
-und rotbraunen Goldlack, Reseda und blaues Vergißmeinnicht, vielfarbene
-Astern im Herbst, und für den Winter die haltbaren Strohblumen.
-
-Und wußte wohl, daß den Blumen allein kein häuslicher Garten gehöre,
-daß allerlei Kräuter und Suppengrün, reichlich Salat und ein wenig
-Kohl, Gurken, Erbsen und Bohnen, an Stangen gesteckt, samt krausen
-Mohrrübenbeeten für einen Haushalt vonnöten, und daß ein reifender
-Kürbis ebensowohl ein behaglicher Anblick sei als auch eine
-schmackhafte Nahrung.
-
-Denn der Professor der hausbackenen Schönheit war selber ihr Dichter:
-Oden und geistliche Lieder, Fabeln mit frommer Moral, Schäferspiele
-sogar und sein Roman von der schwedischen Gräfin hielten sich ängstlich
-dem Flügelroß fern.
-
-Ein bißchen Aufklärung und ein bißchen Erweckung; der kleinste
-Zuschnitt des Lebens mit erlaubter Vernunft und erlaubten Gefühlen fand
-seinen empfindsamen Sprecher.
-
-So lehrte, lebte und schrieb Christian Fürchtegott Gellert in Leipzig
-und war der demütigen Jugend der liebe Gott selber im Schlafrock;
-die Fürsten sandten ihm Geld, die Bürger Schinken und Holz, daß sein
-kränklicher Körper im Winter gewärmt und ernährt sei.
-
-Und als er tot war, flossen die Tränen um ihn wie nie um einen
-Dichter in Deutschland, Denkmäler zeugten der Nachwelt für seine
-Verehrung; seine Fabeln blieben im Mund der genügsamen Jugend und seine
-geistlichen Lieder im Kirchengesangbuch.
-
-
-Klopstock
-
-Zu der Zeit, da der Gutsherr in Rheinsberg seinen Freunden französische
-Verse vorlas, weil seine fürstliche Bildung den Weg zur eigenen Sprache
-nicht fand, wuchs in Schulpforta ein Jüngling, Klopstock geheißen, der
-diesen Weg strenger als einer der Dichter vor ihm zu gehen bereit war.
-
-Er hieß noch ein Schüler der unteren Klassen, aber schon tastete
-er stolz nach dem Ruhm, seinem Volk den Messias zu schreiben, der
-übermenschliches Leben und göttliches Tun in deutschen Versen berichten
-und eine erhabene Dichtung sein sollte, wie es die hohen Gesänge der
-Griechenwelt waren.
-
-Tief erkannte der Jüngling, daß Worte zu reimen und Sprache zu dichten
-zweierlei wäre, und daß der Vers kein Silbengeklapper sein dürfe,
-sondern der hohe Hinschritt stolzer und schöner und liebreicher Worte.
-
-Als die drei ersten Gesänge gedruckt waren, ohne den seltsamen Namen
-des Jünglings, war ihre Wirkung, als ob im nüchternen Alltag wieder ein
-Priester dastände, den Göttern zu opfern, aber sein Opfergott war der
-Messias.
-
-Da schnaubte das Flügelroß Feuer, das in den Fabeln von Christian
-Fürchtegott Gellert unpäßlich war; einsame Herzen fühlten die stolzen
-Gesänge als die Wiedergeburt der deutschen Dichtung.
-
-Bald war der seltsame Name des Jünglings bekannt, und Bodmer, der brave
-Professor, rief ihn nach Zürich, daß er im Kreis begeisterter Freunde
-als Ehrengast weile.
-
-Sie hatten den Sänger wie seine Gesänge erwartet und waren erschrocken,
-den brausenden Jüngling zu haben, der seine verlassene Fanny in
-hundert Tollheiten verschmerzte und in der peinlichen Zucht der
-Zürchergeschlechter ein Feuerbrand war.
-
-Er fuhr auf dem See mit bekränztem Becher, er stand auf dem Uto mit
-wehenden Haaren, und als ihm der mahnende Zuruf bänglicher Freunde
-zuviel war, lief er hinaus in die Berge, im Aufruhr der großen Natur
-sein Herz zu versöhnen.
-
-Daß er sein heiliges Werk frei von den Sorgen des Tages vollende,
-berief ihn der dänische König; und während Voltaire, der Franzose,
-fürstlich geehrt bei dem Spötter von Sanssouci saß, war Klopstock, dem
-Deutschen, in Kopenhagen die dänische Freistatt bereitet.
-
-Aber ihn band keine Laune fürstlicher Freundschaft; als der Franzose
-mit Feuer und Schwefel aus Sanssouci abfuhr, kam Klopstock nach
-Hamburg, seine Cidli heimzuführen.
-
-So sicher war ihm das Dasein durch dänische Gunst bis in sein hohes
-Alter bereitet, daß er nicht einen Tag sorgte und, wie ein Priester
-geehrt, seinen Dichterstand trug.
-
-Er ging in sein fünfzigstes Jahr, als endlich die letzten Gesänge von
-seinem Messias erschienen; ein Vierteljahrhundert hatte die rauschenden
-Flügel müde gemacht, und manches, was einmal stolzer Schritt war, ging
-nun auf Stelzen; doch wie ein Dom über den Häusern stand sein Messias.
-
-Und während sein Name im Zweifel der Frommen langsam gefror, hatten ihm
-seine Oden wärmere Freunde gewonnen.
-
-Da war ein höheres Priestertum als die blasse Verzückung der Pietisten,
-da war die reine Luft hoher Berge, darin die Gedanken gleich seligen
-Wolken über dem blauen Hügelfeld standen, da war die große Schönheit
-der Natur in Silber gespiegelt.
-
-Und wie die Gesinnung rein und erhaben, so war die Kunst der Sprache
-vollendet, weitab vom Gleichklang des Reimes ließ sie die Worte stark
-und schön klingen nach ihrer Bedeutung.
-
-Er alterte früh, der solch ein Dichter der reinen Erhabenheit war, und
-als er im Alter zusah, hatte die Jugend sich dreimal zu anderen Dingen
-gewendet, so daß er der Zeit fremd und seines Ruhmes verdrossen die
-Augen zumachte.
-
-Sein Grab aber in Ottensen wurde ein heiliger Ort und ein Tempel der
-Geister, die in der bunten Vielfältigkeit und in der täglichen Torheit
-der Sprache das Schaubild der Ewigkeit suchten.
-
-
-Der Hainbund
-
-Hoch über den Alltag hin und heilig im Morgenlicht ihrer Sendung waren
-die Verse Klopstocks gewandelt: im griechischen Silbenfall fremd, fromm
-und deutsch im Selbstgefühl ihrer Würde und im Bardenton ihrer Sprache.
-
-Denn ob es Ossian war, der keltische Sänger, der darin wiederklang, ob
-der Traum des Dichters nur einen Olymp im Nordlicht vorstellte: er
-trat in den gezirkelten Garten französischer Bildung als der erhabene
-Hochklang der deutschen Vergangenheit ein.
-
-Und was ein Irrtum des Dichters seine Bardieten nannte, die Oden
-germanischer Herkunft, das wurde ein heiliges Feuer der Jugend, daraus
-sie den Stolz und die Liebe der eigenen Sprache und ihrer reichen
-Geschichte wiedergewann.
-
-Es war ein blaßblauer Herbsttag, da der Jünglinge fünf aus Göttingen
-den ehrwürdigen Eichenhain fanden, da sie den heißen Freundschaftsbund
-schworen, da sie mit Eichenblättern bekränzt sich selber die Barden der
-deutschen Erneuerung nannten.
-
-Denn nicht nur zu dichten war ihr Traum; sie wollten, wie es der
-Meister war, Sendlinge sein einer neuen Gesittung: die deutsche Seele,
-von ihren Höfen und Herren treulos vergessen, sollte im Bürgertum
-wiedergeboren und sollte dem deutschen Volk wieder die Schicksalsmacht
-sein.
-
-Als den Jünglingen danach das Wunder geschah, daß Klopstock der Meister
-selber in ihrer Mitte dasaß, den sie wie keinen Menschen verehrten,
-als sie ihm Treue gelobten in seine herrlichen Augen, und an dem Klang
-seiner Stimme beglückt dem Edelwort lauschten, da saß die Seele der
-Deutschen am Tisch, ihre Wiedergeburt zu feiern.
-
-Sie trugen alle im Sinn, Dichter zu werden, aber nur einem hatten
-die Musen das Herz berührt: Hölty war er geheißen, ein Jüngling der
-heiteren Schwermut und süßen Liebe.
-
-Aber ihm stand schon die Grenze gesteckt; wo er mit Freunden
-schwärmerisch ging, war ein Schatten allen sichtbar dabei.
-
-Eine Handvoll Frühlingsblumen zu pflücken und sie auf den Weg der
-Freundschaft zu streuen, war ihm vergönnt, dann blieb sein Schatten
-allein.
-
-Den Hainbund hatten die Jünglinge ihre helle Freundschaft genannt und
-mit Eichenlaub ihre Hüte bekränzt; als Hölty dahin war, hingen die
-Kränze verdorrt an seinem einsamen Hügel.
-
-Aber was ihren flüchtigen Bund so hoch und heilig entflammte, blieb in
-der Welt: die deutsche Seele war wieder wach und wollte sich endlich
-vollenden.
-
-
-Lenore
-
-Als die zärtlichen Freunde in Göttingen den Hainbund hatten, lebte da
-ein Student, Bürger geheißen, schon nicht mehr jung, in Schulden und
-schlimmere Dinge verstrickt, aber der Reimkunst mächtig wie keiner von
-ihnen.
-
-Venus und Bacchus hießen die Götter in seinem unsteten Leben; wo
-Klopstock erhaben hinschritt, lief er auf läßlichen Wegen der
-Leidenschaft nach.
-
-Aber die Freunde hielten ihn fest und fackelten nicht, bis sie dem
-unseligen Mann, von seinen bösesten Schulden befreit, als Amtmann in
-Altengleichen noch eine Tür ins Dasein aufgemacht hatten.
-
-Da schrieb er den Freunden zum Dank und sich selber zum Ruhm die
-hämmernden Strophen seiner Lenore.
-
-Sie waren zart und empfindsam, die Göttinger Freunde, sie standen im
-Alltag wie Blumen im Korn; ihm aber sprang aus der Seele des Volkes ein
-Nachtgespenst zu.
-
-Lenore stand, ein geschlagenes Herz, hadernd vom Morgenrot bis in die
-Nacht, weil ihr der Liebste nicht wiederkam aus der Schlacht; aber im
-gleißenden Mondlicht kam er aus Böhmen geritten, die Braut in sein Bett
-heimzuholen.
-
-Eine Stunde vor Mitternacht klopfte er an, und hundert Meilen mußten
-sie reiten in der selben Nacht; aber schnell reiten die Toten: als es
-zwölf Uhr schlug auf dem Turm, sprang die Kirchhofstür auf vor dem
-schnaubenden Roß, und ein Leichenstein stand, wo die hadernde Seele ihr
-Hochzeitsbett suchte.
-
-Seitdem der Sänger Kriemhildens Rache beschwor, hatte der Mond nicht
-so grausig geschienen: aus dem Bodensatz uralter Herkunft rissen die
-hämmernden Strophen die Seele des Volkes ans Licht.
-
-Der ein schlimmer Student in Göttingen war und durch die Sorge der
-Freunde sein klägliches Amt hatte, war über Nacht der Mund seines
-Volkes geworden, und mehr als die Namen der Freunde, mehr als der Name
-sonst eines Dichters, wurde der seine genannt.
-
-So schienen dem unseligen Mann die Türen weit aufgetan, aber ihm
-waren die Füße verstrickt; wo er den Schritt hinsetzte, ging seine
-Leidenschaft mit, bis er selber an seinen Leichenstein kam.
-
-Als Gottfried August Bürger in Göttingen starb, schloß sich ein Buch,
-darin kein Blatt rein beschrieben und vor den Augen der Menschen
-schuldenfrei war: der auch die dunklen Mächte in seiner Hand hält, band
-es in Gnade, daß Schlimmes und Gutes klar vor der Vergessenheit stand.
-
-
-Lessing
-
-Klopstock der Sänger hatte der deutschen Seele die Herkunft gesungen,
-und die Jünglinge im Hainbund waren sein zärtlicher Nachhall gewesen;
-Lenore, die hadernde Braut, war durch den Mondschein der Herzen
-geritten: aber die Höfe und Herren merkten nicht, was aus der Seele des
-Volkes ans Licht kam.
-
-Sie sahen noch immer nach Westen und ahmten die Sprache und Sitte
-französischer Zierlichkeit nach und blieben die Puppen der Pompadour,
-bis Lessing den Sängern und Schwärmern beisprang mit dem geschliffenen
-Schwert seines Verstandes und mit dem männlichen Mut seiner Meinung.
-
-Er war das elfte Kind des Pfarrers in Kamenz und sollte die Theologie
-in Leipzig studieren, wo Gellert der frommen Moral den Hausgarten
-bestellte; aber der junge Gelehrte, halb noch ein Knabe und halb schon
-ein gefährlicher Geist, fand es gescheiter, tanzen, reiten und fechten
-zu lernen und der witzige Freund der Schauspieler zu heißen.
-
-Eine andere Kanzel schien ihm die Schaubühne und der Menschengeist eine
-andere Gemeinde, denn daß ein Pfarrer dastand mit seiner Predigt.
-
-Und wie der Jüngling in Leipzig sein Freibeuterdasein begann, unstet
-und arm, von schwacher Gesundheit: so bot er dem Alltag sein helles
-Sonntagsgesicht, das ein früher Tod vor dem Alter Klopstocks bewahrte.
-
-Der König von Preußen stand noch im schlesischen Feld, aber die Namen
-von Roßbach und Leuthen hatten geklungen, als Lessing den Klang in sein
-Herz nahm, dem preußischen Ruhm das lustige Loblied zu blasen.
-
-Minna von Barnhelm hieß er sein Stück, und es war nur der Alltag, mit
-dem sich darin ein stolzer Major des Königs herum schlug; aber der
-trotzig erbitterte Mann war ein Sonntagskind wie sein Dichter und
-führte die fröhliche Braut heim.
-
-Seit Hans Sachs war es nicht mehr geschehen, daß die Zeit auf den
-Brettern ihr eigenes Spiel sah, daß der Alltag sich selber zur Schau
-stand und staunend bedeutendes Tun in seinen Taten erkannte.
-
-Wo das lustige Stück auf den Brettern erschien, kam das Vertrauen des
-eigenen Daseins zurück; wie Friedrich der König bei Roßbach hob Lessing
-der Dichter den Stolz und Spott des deutschen Bürgertums auf gegen das
-Welschtum der Höfe und adligen Herren.
-
-Der aber den Brettern dies treffliche Spiel gab, war kein Dichter der
-tönenden Harfe; mehr als ein klingendes Wort galt ihm der scharfe
-Gedanke: Wahrheit und Klarheit fegten die Luft rein, wo Lessing am Werk
-war.
-
-Den Staub auszuklopfen und durch zerbrochene Scheiben in dumpfe Stuben
-frische Luft einlassen, in frömmelnder Enge und gegen den Dünkel
-gelehrter Schulmeister der Freimut zu sein, war seine Lust; und eher
-hätte der Hund den Hasen gelassen, als daß Lessing der Unredlichkeit
-Raum ließ.
-
-Wie sein Geist wachsam und mutig, so war seine Sprache hell und stark
-im Gelenk; seit Luther hatte der deutsche Mund nicht mehr so bündig
-gesprochen.
-
-Aber die Not des Herzens war Freiheit der Vernunft geworden, und über
-den Tiefen der brünstigen Seele schritt der Menschengeist hin, Himmel
-und Hölle zum Trotz den irdischen Weg zu versuchen.
-
-Da galt es nicht mehr den Papst und nicht mehr die römische Kirche; ein
-Pastor Goetze in Hamburg war Lessing wichtig genug, die Unduldsamkeit
-zu bestreiten, damit der Mensch, jenseits der Kirchengebote und über
-dem Katechismus, wieder das Maß seiner Dinge bedeute.
-
-Pietisten und römischen Priestern den Spiegel der duldsamen Weisheit zu
-halten und über den Kirchengewölben dem Menschengeist selber den Tempel
-zu bauen, schrieb er -- schon grau an den Schläfen und schon beschattet
-vom Tod -- sein mildes Vermächtnis.
-
-Nathan den Weisen hieß er das lehrhafte Spiel seines Alters, und als
-die uralte Weisheit des Morgenlands ließ er den Christen, Juden und
-Türken das scherzhafte Märchen von ihren drei falschen Ringen erzählen:
-aber es war das Abendland, das darin den Geist der Duldsamkeit fand.
-
-Zu Wolfenbüttel starb Lessing, indessen der Spötter von Sanssouci
-vereinsamt ins Abendrot starrte; der König erkannte die Bruderhand
-nicht, die ihm der Menschengeist reichte, weil er die Sprache des
-eigenen Volkes noch nicht verstand.
-
-
-Herder
-
-Zu der Zeit, da Lessing Minna von Barnhelm ausschickte, die eigene
-Gegenwart lieben zu lernen, liefen die Deutschen in Riga einem Prediger
-zu namens Herder, Sohn eines Kantors in Mohrungen und fast noch ein
-Jüngling, der an der Domschule lehrte.
-
-Anders als sonst Wort und Weisung der Bibel wurde sie Bild und
-Gleichnis in seinem Mund; denn tiefer als eins ihrer Wunder war dies,
-daß die Seele selber den Heiland gebar, daß Himmel und Hölle nur Bilder
-der eigenen Tiefe vorstellen.
-
-Hamann, der Magus im Norden, war dem Adepten, der so an der Domschule
-in Riga die ewigen Kerzen aufsteckte, in Königsberg Meister und
-Lehnsherr gewesen.
-
-Verhangene Weisheit und grell aufspringende Gedanken, geheimnisvolle
-Nächte und blinkendes Irrlicht hatten die Zauberwerkstatt des seltsamen
-Mannes erfüllt, daraus Herder den Talisman nahm.
-
-Die römische Mutter war dem Abendland Weltmutter gewesen, sie hatte den
-blonden Kindern des Nordens den Saal des Augustus und danach die Kirche
-über dem Stuhl Petri gebaut, und Luther der Ketzer hatte an ihren
-Brüsten gesogen.
-
-Der Magus im Norden lehrte die weitere Weisheit der Mutter, daß auch
-die Wölfin nur ihrem Wurf angehöre; Christ sein im Abendland, hieß in
-den Stunden der Menschheit die jüngste Gegenwart sein.
-
-Die Menschheit war die unendliche Fülle der Seele, die in den Völkern
-und Zeiten zum ewigen Dasein erwachte; nur wer die stumme Natur als die
-ewige Mutter und im Geist den Vater erkannte, der wurde ein Mensch und
-ging als Kind Gottes erlöst in seine Allgegenwart ein.
-
-So war die Lehre des Meisters in dunklen Sprüchen verhüllt, aber der
-Jüngling wußte sie zu erhellen: alles Leben wuchs aus den heiligen
-Tiefen, und die Vergangenheit war sein behutsamer Gärtner; was sie als
-Dichtung behielt im Dasein der Völker, war blühende Blume im ewigen
-Dasein.
-
-Die älteste Urkunde der Menschheit hieß Herder danach die Bibel; er
-nahm die heilige Schrift aus dem Kirchengewölbe und trug sie hinaus in
-die Weiten der Wolken und Winde, dem Menschengeist die blauen Fernen
-der Heimat zu weisen.
-
-Da waren die Völker nicht mehr die gemeine Masse, darüber die Bildung
-hochmütig hinging, sie waren die bunten Beete im Garten Gottes auf
-Erden, und was ihre Seele in Liedern, Sagen und Märchen bewahrte, hieß
-er die Stimmen der Menschheit.
-
-Als er die Stimmen der Völker in Liedern heraus gab, fing für das
-Abendland ein neuer Augenblick an: die Christenheit wurde zur
-Menschheit erweitert, und Herder war ihr Prophet.
-
-
-Götz
-
-Als Herder seufzend in Straßburg saß, daß ihm Jungstilling, der Arzt,
-seine Fistel kuriere, kam ein Student zu ihm, Wolfgang Goethe geheißen,
-ein Frankfurter Ratsherrensohn und schon eines jungen Dichtertums voll.
-
-Da wurde der kluge Adept dem brausenden Jüngling ein strenger
-Lehrmeister: Stauwehre und Dämme baute er ihm und wies seinem
-stürmischen Eifer die Richtung:
-
-Daß hinter dem ragenden Münster und seiner krausen Gestaltung mehr als
-ein Baumeister stünde, daß es ein Wahrzeichen alter Reichsherrlichkeit
-sei, und daß die rechte Betrachtung an ihm das Portal in eine große
-Vergangenheit fände.
-
-Von Shakespeare, dem britischen Dichter, sprach er dem Jüngling, und
-daß sein freies Geäst über den Hecken und künstlich geschorenen Kronen
-der allzuklugen Franzosen wie ein Urwaldgewächs schwanke.
-
-Herder saß hinter verhangenen Fenstern, sein Auge zu heilen, Goethe
-lief rasch und waghalsig hinauf auf den Turm und sah die Giebel und
-Gassen der alten Reichsstadt im Abendrot brennen und brausen.
-
-Und als er der alten Zeit voll war, als ihn die wilde Romantik des
-britischen Dichters bedrängte, beschwor er aus einer fränkischen
-Chronik den stegreifen Ritter und schrieb sein Stück von dem Götz mit
-der eisernen Hand.
-
-Da wurden sie wieder geweckt, die Ritter der alten Reichsherrlichkeit,
-die Bretter donnerten von ihren eisernen Schritten, der Kaiser ritt
-wieder ins Maifeld, die sieben Heerschilde hielten Wacht, wo jetzt die
-Zöpfe demütiger Bürger den welschen Zierat der Fürsten bedienten.
-
-Der Spötter von Sanssouci geriet in Zorn über das Stück und hieß es
-geschmacklos; aber die Jugend schwoll daran auf und schäumte über, als
-ob jeder Student der Mann mit der eisernen Hand und jeder Bürger ein
-Nürnberger Pfeffersack wäre.
-
-
-Werthers Leiden
-
-Indessen der Ruhm und der Lärm seines Götz mit der eisernen Hand
-Goethe den Jüngling umschwärmten, kam er nach Wetzlar und sollte
-am Reichskammergericht Rechtspraktikant werden; wo Schönheit und
-brausendes Leben sein sollte, war Staub und Papier.
-
-Im Elsaß hatte sein Herz gefährlich gebrannt, als er Friederike, die
-Tochter des Pfarrers in Sesenheim liebte, in Frankfurt fing er zum
-andernmal Feuer: so kam die Krankheit auch über ihn, die wie der
-Tauwind im Abendland die jungen Gemüter weich machte.
-
-Ein Genfer Uhrmacherssohn, Rousseau geheißen, hatte das welke Laub von
-Versailles auf einen Haufen gekehrt und aus dem Kehricht hochmütiger
-Bildung der Allmutter Natur ein Opferfeuer gemacht.
-
-Alles -- so ging seine Lehre -- kam gut aus den Händen des Schöpfers,
-und alles mußte entarten, wenn sich der menschliche Hochmut vermaß,
-die Natur zu verleugnen: alle Bildung samt ihren Künsten hatte die
-Menschheit darum nicht so glücklich gemacht wie den Wilden sein Feuer.
-
-Es war die alte Lehre der Einfalt, aber die Einfältigen brauchten
-sie nicht; und die den bittersüßen Trunk tranken, weil er so feurig
-gemischt war, tranken sich krank statt gesund an der Sehnsucht.
-
-Die Empfindsamkeit kam in die Welt und war ein gefährliches Gift für
-die zärtlichen Herzen; als Goethe, der Dichter des Götz, daran krank
-war, schrieb er die Leiden des jungen Werther und schrieb sich selber
-gesund.
-
-Lotte hieß er das liebliche Wesen, das für den empfindsamen Werther das
-Lockbild reiner Natur war; ihr zu entsagen vermochte er nicht, sie zu
-besitzen war ihm verwehrt: so kam aus reiner Quelle trübes Gewässer.
-
-An seiner empfindsamen Liebe zu leiden, wurde dem Jüngling Genuß; alle
-Schmerzen riß er sich auf und alle Launen des Unglücks rief er heran,
-bis nur noch der Tod die Wollust der Leiden auslösen konnte.
-
-Er glaubte an seiner Liebe zu sterben, aber sie war nur der Mantel, den
-seine Empfindsamkeit umhing; er pries die Einfalt, weil er am Überdruß
-krank war; er löckte den Stachel der Liebe, weil er den Brand und die
-Fäulnis der Wunde genoß.
-
-Noch hatte kein Buch der deutschen Sprache solche Wirkung getan:
-Werther zu lesen, Werther zu leiden und Werther zu sein, wurde die Mode
-empfindsamer Herzen; der Himmel sank hin und die Hölle brach auf und
-ertranken in Tränen.
-
-Goethe, der Dichter des Götz und der brausenden Jugend, wurde der
-seufzende Herold der Zeit; mehr Kränze als je einem Helden wurden von
-zärtlichen Händen geflochten, den Abgott zu schmücken.
-
-Und niemand kannte den heimlichen Schatz, den der Jüngling aus
-Frankfurt in seiner Lade bewahrte, niemand wußte, daß der gepriesene
-Dichter in seinen Liedern ein Königssohn war.
-
-Da waren nicht seufzende Worte und launische Leiden gehäuft, da hatte
-das zärtliche Gift nicht an der Kraft der Seele gerührt, da war ein
-Jungmännerherz vom Blut des Lebens erfüllt, da war ein Mund, wirkliche
-Leiden und Freuden zu sagen, da war ein Dichter, das Höchste wie das
-Geringste in Schönheit zu wagen.
-
-
-Weimar
-
-Karl August, der junge Herzog in Weimar, lud Goethe, den Dichter des
-Götz und des Werther, zu Gast; aus der fürstlichen Laune wuchs eine
-lange Liebe und eine Blutsbrüderschaft.
-
-Der Herzog war allzu behutsam erzogen, Goethe der Günstling sollte
-ihn erst den rechten Lebensgenuß lehren; aber der Dichter wurde dem
-Jungherzog Führer und Freund und wußte die fürstliche Tollheit sacht in
-die Pflicht umzulenken.
-
-Als aber die Freunde zuerst ihr Feuerwerk brannten, als sie die Tage
-mit Trunk, Jagd, Narrheit und Maskerade hinbrachten, machten die Bürger
-von Weimar drei Kreuze, wenn sie den Namen Goethe aussprachen.
-
-Und als der Herzog den landfremden Doktor aus Frankfurt zum Minister
-machte, rangen die geheimen Räte die Hände, daß nun das Land mit dem
-leichtsinnigen Herzog an den Teufel verkauft sei.
-
-Aber der landfremde Doktor wußte die hitzigen Rosse zu lenken; als sie
-am wildesten schnaubten, griff seine Hand fest in die Zügel.
-
-Das Land des Herzogs war klein und kläglich verwaltet, die Lässigkeit
-schlechter Beamten machte dem neuen Minister das Amt schwer, auch blieb
-der Widerstand gegen den landfremden Doktor geschäftig.
-
-Ihn zu besiegen ging Goethe allein mit dem Herzog auf Reisen und blieb
-ein Vierteljahr in der Schweiz, wo sie reitend und wandernd allein in
-der großen Natur waren.
-
-Da konnte kein höfischer Neid ihm den Schatten verdrehen, da konnte er
-sprechen und wirken und konnte den jungen Herzog sich tiefer verbinden
-als durch lärmende Feste.
-
-Als sie dann wieder in Weimar anlangten, war ihm der Herzog in Wahrheit
-verfallen; Goethe der Dichter wurde allmächtig und konnte im Ländchen
-Regen und Sonnenschein spielen.
-
-Der den Götz und den Werther schrieb, und der seinen Ruhm wie seinen
-Geist mit Selbstgefühl trug, gab ein Jahrzehnt seines einzigen Lebens
-daran, ein treuer Beamter zu sein, dem die Alltäglichkeit wichtig und
-dienende Pflicht die Erfüllung war.
-
-So wurde Weimar, das Ländchen kläglich und klein zwischen den Mächten,
-das Vorbild kluger Verwaltung und eine ruhmvolle Stelle im Reich, weil
-ein großer Geist nicht verschmähte, treu und besonnen die täglichen
-Dienste zu leisten, weil ein Dichter das Gleichnis der tätigen Hände
-auskosten wollte.
-
-
-Winckelmann
-
-Dem Sohn eines Schusters in Stendal war es geglückt, Theologie zu
-studieren, aber zu einem Amt gelangte er nicht: Armut und andere
-Neigung warfen ihn bald aus der Bahn.
-
-Statt einem Pfarrer wurde ein fahrender Schüler aus ihm, der sich mit
-allerlei niederen Ämtern und Almosen ernährte, bis ihn der Graf auf
-Nöthnitz bei Dresden in einen besseren Dienst nahm.
-
-In Dresden ging ihm die Galerie auf; ob es nur staubiger Gips war,
-die griechischen Bildwerke wurden dem Sohn des Schusters aus Stendal
-vertraut wie ein Garten der Heimat.
-
-Er sah die Leiber und Glieder im Ebenmaß ihrer Gestaltung, er sah die
-herrliche Haltung und schöne Gewandung, als ob in Griechenland Götter
-gewandelt wären, indessen die nordische Menschheit in Häßlichkeit ging.
-
-Wohl gab es noch immer Maler und Bildhauer, aber sein trunkenes Auge
-suchte die edle Einfalt und stille Größe vergebens, davon es die Fülle
-in den alten Bildwerken fand.
-
-Ein Paradies ging den Menschen verloren und war ihnen doch -- so schien
-es dem Schwärmer -- noch immer geöffnet, wenn sie erst wieder, die
-griechischen Vorbilder nachahmend, den Weg zur wirklichen Kunst fanden.
-
-Als Winckelmann so jahrelang in den Gedanken seiner einsamen
-Leidenschaft suchte und staunte, als ihm die Seele bis an den Rand
-mit dem Glück der Griechen gefüllt war, ließ er die erste Sendschrift
-ausgehen.
-
-So voll war er des griechischen Geistes, daß seine Worte und Sätze im
-griechischen Ebenmaß schritten: edle Einfalt und stille Größe schienen
-auch seiner innigen Liebe geschenkt.
-
-Noch aber blieb er ein einsamer Sucher und für den Alltag ein Narr,
-der sein griechisches Steckenpferd schirrte, und den die Inbrunst
-verzehrte, das Land seiner Seele leibhaftig zu sehen.
-
-Er kam nicht hinein, er kam nur nach Rom und Neapel, und daß ihm die
-mächtigen Hände der Kirche dahin verhalfen, mußte der Protestant seinen
-Glauben abschwören.
-
-Da endlich sah er die marmornen Leiber statt staubigem Gips, und die
-ewige Stadt hatte nicht solchen Pilger erfahren, der die prahlenden
-Kirchen verschmähte, der scheu und verzückt unter den alten Bildwerken
-umher ging.
-
-Albani, der Kardinal und Kunstfreund, erkor sich den seltsamen Mann aus
-Stendal als Gast: in seinen Sammlungen konnte Winckelmanns Eifer als
-Zauberer walten, aus den Ruinen und Resten die alte Welt neu zu bauen,
-die seiner Seele sehnsüchtig vertraut war.
-
-Als Winckelmann seine Geschichte der Kunst im Altertum schrieb, war
-es getan: das verschüttete Tor war geöffnet, durch das die Menschheit
-zurück schreiten konnte ins Paradies, das für immer Griechenland hieß.
-
-Was einmal einfältiges Leben und göttergleiches Dasein der Menschenwelt
-war, hatte in ewiger Kunst sein marmornes Sinnbild hinterlassen, daß
-die Menschheit daran in edle Einfalt und stille Größe zurück die
-klassische Wiedergeburt fände.
-
-Mehr denn ein Jahrtausend hatte die Kirche in Rom an ihren Gewölben
-und Domen gebaut, sie hatte die Pracht der päpstlichen Herrschaft über
-die alten Ruinen gebreitet, als der Sohn eines Schusters aus Stendal
-nach Rom kam, ihre Geltung abzustreifen wie einen vermessenen Irrtum.
-
-
-Goethe in Rom
-
-Elf Jahre lang hatte Goethe in Weimar gewirkt; der als flackerndes
-Feuer kam, war für das Land seines herzoglichen Freundes das Herdfeuer
-geworden, von vielen gesegnet: das Land seiner Dichtung lag als
-Trümmerfeld da.
-
-Der tätige Geist hatte dem Leben sein Opfer gebracht, aber der Dichter
-begehrte wieder das seine; als der Winter zum zwölftenmal kam, sollte
-die römische Sonne ihm Blut und Seele neu glühen.
-
-Heimlich wie eine Flucht war seine Reise; als ob noch einmal
-Wertherzeit sei, fuhr seine Sehnsucht nächtlich davon, und eher
-ließ ihn die Furcht nicht frei, bis ihn die ewige Stadt als den
-heimgekehrten Sohn mit ihren Mauern umfing.
-
-Denn Goethe, der Dichter des Götz und der das Straßburger Münster
-mit feurigem Wort pries, war der Lehre Winckelmanns voll wie eine
-schwellende Frucht: nur die südliche Sonne -- so schien es dem
-Flüchtling -- konnte der Kunst wie dem Leben Glück und Gemessenheit
-schenken, der Nebel des Nordens hatte sie unstet und freudlos gemacht.
-
-Es sollte nur eine Reise sein, aber er fand den Weg nicht zurück, bis
-er ganz ins römische Leben untergetaucht war, bis der Minister wieder
-ein Dichter, bis der neue Werther aus Weimar seiner Seele und seines
-Leibes von Urbeginn froh wurde.
-
-Da reiften endlich die Früchte, denen im Land der neblichten Wälder der
-Sonnenschein fehlte, da wurde der Werther aus Wetzlar als Tasso glühend
-gehärtet, da wurde der Dichter der Iphigenie den Deutschen fremd, wie
-ein Priester den Seinigen fremd wird, da zog der Minister aus Weimar
-sein olympisches Feierkleid an.
-
-Als Goethe im zweiundzwanzigsten Monat seiner Flucht wieder heimkam
-nach Weimar, war er kein Herdfeuer mehr für das Ländchen: als Freund
-seines Herzogs blieb er in all seinen Würden, aber das Werktagskleid
-seiner Bürden legte er ab.
-
-Wie die silberne Sonne durch eine Nebelwand scheint, so war sein Wesen
-fortab verhüllt; die seine Freunde hießen, hatten den Mann an einen
-fremden Himmel verloren.
-
-Was Winckelmann träumte, wurde ihm Wirklichkeit: er hatte das Land der
-Griechen mit seiner Seele gesucht und hatte den Leib seiner Sinne in
-südlicher Sonne gebräunt; nun wuchs ihm sein irdischer Tag aus solcher
-Vergangenheit ewige Gegenwart zu.
-
-
-Die Räuber
-
-Indessen Goethe den Griechen zuneigte und seiner eigenen Jugend fast
-feind war, stand seinen vergessenen Tagen ein flackerndes Spiegelbild
-auf.
-
-Ein schwäbischer Jüngling, Friedrich Schiller geheißen, schrieb auf der
-Schule des Herzogs in Stuttgart ein Stück für das Theater, darin der
-Raubritter Götz ein Räuberhauptmann geworden, darin die Freiheit ein
-düsterer Feuerschein war.
-
-Das uralte Stück des verlorenen Sohnes wurde in neuen Gewändern
-gespielt, aber kein gütiges Vaterherz lief dem Verlorenen zu: im
-finsteren Turm klagte ein Greis, indessen der schurkische Bruder die
-Braut und das erschlichene Erbteil genoß.
-
-Denn so war die Welt in den neuen Gewändern geworden; die Schurken
-saßen an goldenen Tafeln, aber die Edlen, in ihrer Einfalt betrogen,
-sagten der schurkischen Ordnung ihr Räuberrecht an.
-
-Als sie das Stück zum erstenmal spielten in Mannheim, hatten
-vorsichtige Hände seinen Brand erst gelöscht, aber der wilde Jubel der
-Jugend blies in die Glut, bis sie himmelhoch flammte.
-
-Da legten die Jünglinge trotzig das Wertherkleid ab und zogen ein
-Räuberwams an; die an der Empfindsamkeit krank waren, lachten sich
-höhnisch gesund, sie ließen die seufzende Wollust den Töchtern und
-fuhren mit Frechheit und Flüchen zur Hölle.
-
-Der aber solchen Aufruhr der Jugend entzückte, war ein bläßlicher
-Medicus beim Regiment; er konnte nur heimlich nach Mannheim fahren, und
-als er nach Stuttgart zurück kam, warf ihm der Herzog sein Dichterglück
-vor die Hunde.
-
-Der Medicus Schiller hatte den Fluch der Freiheit geschworen; Tod den
-Tyrannen war seine Losung; und mußte die Tage in knirschender Demut
-hinbringen, bis er das Land des Herzogs heimlich verließ.
-
-Anders als Goethe der Flüchtling nach Rom, kam Schiller der Flüchtling
-nach Mannheim: krank an der Brust, von Sorgen und Schulden gehetzt;
-gütige Freunde mußten ihm helfen, daß er die bitteren Jahre durchhielt,
-bevor ihm endlich in Weimar das Leben günstiger aufging.
-
-
-Jena
-
-Als Schiller zum erstenmal kam, Goethe zu suchen, war Goethe in Rom;
-aber der schwäbische Flüchtling fand den Namen des Dichters in Weimar
-gesegnet und hoffte das seine, der schon im fünften Jahr seiner Flucht
-unstet herum fuhr.
-
-Er war von hoher Gestalt, rothaarig und blaß und gebeugt von der
-Schwindsucht, als er in Weimar Unterkunft suchte; aber der Herzog sah
-ihn nicht gern, und der Musenhof war dem Dichter der Räuber nicht
-günstig.
-
-Als Goethe dann heimkam, fremd und braun von der römischen Sonne, half
-er dem Flüchtling wohl in ein Amt, aber er hielt sich dem Menschen
-verschlossen und kannte den Dichter nicht.
-
-So wurde Schiller, der schwäbische Flüchtling, in Jena Professor; der
-Dichter der Räuber hieß Hofrat und lehrte Geschichte; Charlotte von
-Lengefeld war seine zärtliche Frau, und vielerlei Freunde fanden sein
-Haus.
-
-Nur Goethe in Weimar blieb wie ein Leuchtfeuer fern: er sandte sein
-Licht in die Weite, aber die Nähe war ihm verleidet; und wie er der
-eigenen Jugend fast feind war, blieb ihm ihr hastiges Spiegelbild
-doppelt verdrießlich.
-
-Sechs Jahre lang zog der Minister in Weimar den Mantel nicht aus; sechs
-Jahre lang würgte den stolzen Professor in Jena der Grimm, daß ihn, den
-Dichter, der Dichter nicht kannte.
-
-Denn heller als einer sah Schiller das einsame Licht die Himmelsfernen
-absuchen, indessen die eifrigen Lampen der Zeit Stuben und Kammern
-erhellten.
-
-Weil er nicht abließ von seiner Liebe, kam endlich der Tag, da die
-beiden sich fanden, da die Bürger von Jena die hohen Gestalten einander
-zugeneigt sahen, da der stolze Minister eintrat in das Haus des
-Professors.
-
-Da wurde der Reif gerundet, der Weimar und Jena verband, da wurde die
-hoheste Freundschaft geboren, da ging am Himmel der Deutschen das
-Doppelgestirn auf, über den dunkelsten Nächten zu leuchten.
-
-Weil jeder ein Einziger war, stand keiner dem andern im Schatten:
-Schiller, der jüngere, drängte mit stürmischer Neigung; Goethe, der
-ältere, ließ es geschehen mit dankbar besonnter Kraft.
-
-Er hatte die Freunde der Jugend vertan, nun fand die einsame Mannheit
-ihre Genossen; da drängten die Quellen wieder zu Tag, die in der Tiefe
-geheimnisvoll flossen, da wurde Goethe der Dichter zum andernmal
-wach, da traten die weisen Werke der Goetheschen Mannheit froh in
-Erscheinung.
-
-Hermann und Dorothea hieß er den herrlichen Sang der zwei Lieben, darin
-sich der Dichter des Tasso wieder zur Heimat zurückfand.
-
-Der Rhein glänzte hinein aus nahester Ferne, ein flinker Fluß floß ihm
-zu, Wiesen und Felder, Wälder und Weinberge umrahmten das freundliche
-Bild der deutschen Kleinbürgerstadt.
-
-Kein Fürstenhof, keine Prinzessin: Wirtsleute waren die einfachen
-Helden der Handlung, Apotheker und Pfarrer priesen mit ihrem
-behaglichen Wesen das Leben der täglichen Arbeit.
-
-Aber vom Klang geruhsamer Verse umflossen, gab ihr bescheidenes Dasein
-ein Sinnbild der Menschheit nicht minder, als es die reine Höhe der
-Iphigenie war.
-
-Homerische Rundung der Bildergestalten, Dürersche Sorgfalt und Treue,
-die Seelengewalt der deutschen Musik gingen miteins, in deutscher
-Landschaft und deutscher Kleinbürgerschaft edle Einfalt und stille
-Größe zu walten.
-
-Der aber mit seiner drängenden Neigung so Großes über den Dichter in
-Weimar vermochte, ihm fiel von seiner besonnten Kraft ein größerer
-Segen zu.
-
-Schiller, der Dichter der Räuber, trat ein in die klassischen Gärten
-des Meisters; wohl blieb er der Sturmvogel der Freiheit, der Wortgeist
-hoher Gedanken, aber die Heftigkeit seiner Gebärden wurde vor Goethe
-still an der Gelassenheit seiner Erscheinung.
-
-Als Schiller das Riesenbild Wallensteins in eine große Wirklichkeit
-stellte, als er der Glocke den hohen Feiergesang schrieb, Maß und Würde
-des Bürgertums preisend, da kannte der Dichter den Dichter, wie er dem
-Menschen aufgetan war.
-
-Und als dem Dichter der Räuber zuletzt sein Tellspiel gelang, rief es
-noch einmal Tod den Tyrannen, aber nun waren die Räuber ein Volk, das
-sich aus frecher Bedrückung mannhaft und maßvoll die Freiheit gewann.
-
-Elf Jahre lang blühte der Bund seine stolzesten Blumen und reifte
-den starken Saft seiner Früchte; im Dasein der Deutschen war es die
-Hochzeit, sie wurde gefeiert zur selben Zeit, da die reichsfürstliche
-Herrlichkeit hinstürzte in Staub und Stank.
-
-Nicht Frankfurt und Nürnberg, nicht Mainz und Köln, nicht Wien und
-Berlin: eine Kleinbürgerstadt an der Saale war der gesegnete Platz
-ihrer Feier.
-
-Da gingen die hohen Gestalten im stillen Gespräch starker Gedanken, da
-war die feurige Fülle begeisterter Jugend um sie, da wuchsen im Licht
-ihres Geistes die Männer heran, die danach Deutschland erfüllten.
-
-Elf Jahre lang blühte der Bund, dann sanken der drängenden Neigung die
-Hände: im sechsundvierzigsten Jahr seines stürmischen Lebens starb
-Schiller; die lohende Flamme losch hin, das einsame Leuchtfeuer stand
-in der Brandung der Zeit, weiter und weißer als je in die nächtlichen
-Fernen zu dringen.
-
-
-Hölderlin
-
-Hold wie sein Name war Hölderlin und hell wie Apoll der Jüngling aus
-Schwaben, der bei dem Kaufmann Gontard in Frankfurt Hauslehrer wurde;
-schön war Susette, die sittige Hausfrau, edel an Geist und Gestalt und
-aller Sehnsucht Vollendung: der helle Gott fand die Göttin.
-
-Die aber in göttlicher Ferne ihm vorbestimmt war, stand in der
-irdischen Nähe durch Pflicht und Neigung dem Kreis verbunden, darin
-sie die Hausfrau und Mutter und für den armen Lehrer aus Schwaben die
-reiche Herrin vorstellte.
-
-Sie sah das Licht der eigenen Ferne in seinen Augen gespiegelt, sie
-hörte den Klang seiner Stimme, wie ein Wanderer die Glocken der
-Heimat vernimmt, sie ging den Wolkenweg seiner Gedanken Hand in
-Hand; Schwester und Mutter war sie dem Jüngling, aber sie ließ seine
-Leidenschaft nicht über die Schwelle des Hauses, darin sie die Frau war.
-
-Ihn hatten, vaterlos, zärtliche Frauen erzogen, er wußte den Schritt
-nach der Sitte frei zu bemessen; so trat er nicht fehl, und ehe die
-Fäden der Schuld ihm die Füße verstrickten, verließ er die Nähe.
-
-Der Hauslehrer ging nach Schwaben zurück, die Hausfrau blieb in der
-Pflicht ihrer Tage; kein Schatten fiel auf den irdischen Weg, die
-lohende Flamme stand auf dem Altar der Liebe im Tempel der hohen
-Herkunft behütet.
-
-Diotima hieß er die Schwester und reine Geliebte im Glück seiner
-stolzen Gedichte, ein Stirnband aus Sternen band er der Göttin ins
-Haar, und keusch verhüllt war die Herrlichkeit ihrer Glieder.
-
-Wohl gab der Schmerz des Abschieds seine Schatten her, ihr Bild zu
-verdunkeln; aber das Licht ewiger Fernen erhellte die Schatten, daß
-auch der Schmerz ihre Schönheit bediente.
-
-Die Ewigkeit war im Wandel der Sinne verhüllt, und der Schmerz war ihr
-tiefes Geheimnis; Herkunft und Hingang der Seele bedeckten die Wolken
-des Tages, über den Wolken stand die Heimat der Götter in ewiger Bläue.
-
-Der so mit Sternen sein Götterbild kränzte, der hell wie Apoll seinen
-Schmerz in den Abgrund versenkte, der ein Sendling der göttlichen
-Wiederkunft war, indessen die hohen Gestalten in Jena frei durch die
-Wirklichkeit schritten, mußte sein Dasein anders als irdisch vollenden.
-
-Fern seiner schwäbischen Heimat, im hitzigen Süden von Frankreich, wo
-er zum andernmal Hauslehrer wurde, fiel das Geschick über Hölderlin her
-wie ein Geier, gesandt von den Göttern.
-
-Sein Geist, längst aller Tätigkeit fern, wurde mit in die Lüfte
-gerissen; seine Seele, der Schwingen beraubt, blieb im Gehäus des
-irdischen Leibes.
-
-Ein Frühsommertag hing seine schimmernde Wolkenlast über das
-schwäbische Land, als Hölderlin heimkam, braun von der glühenden Sonne,
-einem Landstreicher gleich in zerrissenen Kleidern, im Schoß der Mutter
-sein Leid auszuweinen.
-
-In Frankfurt sank zur selben Zeit Susette, die sittige Hausfrau, dem
-frühen Tod in die Arme: Diotima, die Schwester und reine Geliebte,
-kehrte zurück in die Ferne, indessen der Dichter, im Wahnsinn der Nähe
-gefesselt, noch vierzig Jahre zubrachte.
-
-Ein letzter Sendling der Götter hatte der Erde sein Opfer gebracht;
-seine Gesänge blieben im Dasein der Deutschen, als ob ein Harfenlied
-fremd im Tageslärm klänge, als ob das Geheimnis der Wehmut selber den
-göttlichen Ursprung besänge.
-
-
-Die Romantik
-
-Jena, die Kleinbürgerstadt an der Saale, war die hohe Schule des
-Geistes geworden, Lehrer und Schüler liefen ihr zu; der Große von
-Weimar war gern zu Gast.
-
-Nie hatte die Sonne der Griechen heller geschienen; als sie im Mittag
-stand, kamen die Wolken, sie zu verhüllen: von Götz zu den Griechen
-war Goethe gegangen, die aber in Jena Romantiker hießen, gingen den
-nämlichen Weg mit Inbrunst zurück.
-
-Sie sahen die Gegenwart kläglich und klein wie der Meister und drangen
-mit hungrigen Augen in die Vergangenheit ein, sich eine schönere Welt
-für ihre Sehnsucht zu finden.
-
-Aber sie mochten die Heimat nicht missen; sie liebten das krause
-Giebelgebälk ihrer Gassen, sie liebten die ragenden Dome mit dem
-Figurenwerk der Portale, sie liebten die Burgen, gleich Adlerhorsten
-auf zackige Felsen gebaut, sie liebten die Klöster tief in den waldigen
-Tälern.
-
-So wurde die alte Empfindsamkeit wach, und ihre schweifende Sehnsucht
-erkannte, daß einmal doch Segen im nordischen Menschenwerk war, daß
-Liebe und Schönheit, Weisheit und Stärke regierten, als über der
-Willkür selbstsüchtiger Fürsten die alte Reichsherrlichkeit wachte.
-
-Sie saßen auf ihren Ruinen und träumten der alten Zeit die neuen
-Sehnsüchte zu; sie fuhren den Strom hinunter und grüßten die hohen
-Fenster der Burgen, als ob ein Fräulein dastände, den frohen Gesellen
-zu winken.
-
-Sie sahen den alten Kran auf dem Dom und wie sein graues Gemäuer
-halbfertig dastand, ein Wahrzeichen der Wehmut inmitten der harmlosen
-Wirklichkeit; aber sie wollten das Werk der Väter vollenden, wenn
-einmal -- so ging ihr glühender Eifer -- das Reich wieder Gegenwart
-wäre.
-
-Daß solches geschähe, mußten die neuen Herzen der alten Zeit gläubig
-die Türen aufmachen; dessen wollten sie Herolde sein.
-
-So hob ein anderer Lobgesang an, als der vom Griechentum war: die
-Brunnen begannen zu rauschen, der Wind im Wald wurde wach mit heiliger
-Mahnung, Donner und Blitz sprachen laut und das Heimchen am Herd
-zirpte leise, daß einmal die Heimat glücklich und groß, daß einmal das
-Vaterland hoch im Ruhm und groß in der Welt war.
-
-Sie sahen den starken Bogen wieder gespannt, den Kaiser und Kirche dem
-Abendland hielten, den Bogen der neuen Verheißung, darunter die Ferne
-griechischer Schönheit und römischer Weltbürgerschaft verblaßte.
-
-Nie war die Inbrunst der Seelen so mächtig gewesen, nie standen Groß
-und Gering so nahe in gleicher Gesinnung, nie war der Geist so der
-Täglichkeit abwendig, und nie hatte der Tag so geblüht, als da der
-Bogen die Ewigkeit über ihn spannte.
-
-Die Kaiserpfalzen am Rhein und die stolzen Rathäuser, die Marktplätze
-mit der steinernen Zier ihrer Brunnen, die Torburgen der Städte riefen
-den Ruhm der vergangenen Tage nicht weniger aus, als die Glocken der
-Klöster und Kirchen die Ewigkeit klangen.
-
-So kreuzte das junge Geschlecht den Weg der hohen Gestalten, indessen
-die beiden feierlich schritten, schwärmten sie hin, das Herz der Heimat
-auf ihren Händen zu tragen.
-
-Es war die gotische Seele, die wieder zu drängen begann; ob es zunächst
-nur ein glühender Traum und eine irrende Sehnsucht in die Vergangenheit
-war: Deutschland stand auf, mit allen Teufeln und Engeln der eigenen
-Herkunft zu ringen.
-
-
-Des Knaben Wunderhorn
-
-Brentano und Arnim hießen die beiden Gesellen, die in der Frühe
-auszogen, am Rhein, in Franken und Schwaben Schatzgräber der deutschen
-Seele zu sein.
-
-Die Stimmen der Völker in ihren Liedern hatte Herder gesammelt und
-war der neuen Weltbürgerschaft Prophet und Apostel gewesen; sie aber
-wollten dem eigenen Volk den Schatz seiner Lieder heben, daß es die
-Zukunft erkenne.
-
-In den Stuben und Höfen der Handwerker bot das Lied seine Strophen dem
-Bänkelsang dar, draußen im Land hielt es den Mund der Burschen und
-Mädchen fröhlich geöffnet.
-
-Was die Urahne sang, als sie noch selber im Schmuck der Bänder den
-Reigen abging, das sangen die Enkel: wie der Bach und der Wald, die
-Wiesen und Wolken im Wechsel der Tage die Unvergänglichkeit waren,
-jährlich im Frühling verjüngt, so hielt das Lied über Jugend und Alter
-die Herkunft lebendig.
-
-Immer aufs neue gesungen, in Leid und Freude gleich mächtig, bot es
-der Liebe den Raum, darin die Wirklichkeit nur durch die Fenster
-herein sah, indessen das Pfeilergewölbe, zum Sternhimmel geweitet, der
-Sehnsucht die heimlichen Türen aufmachte.
-
-Da waren die Zelter der Träume bunt aufgeschirrt und lockten zum Ritt
-in selige Fernen, da schwollen die Geigen, als ob in den Tönen die
-Seele auf Mondstrahlen ginge, da war das Herz eine Amsel, die letzte
-Seligkeit flötend vor dem Geheimnis der Nacht.
-
-Brentano und Arnim, die beiden Gesellen, selber von Jugend und Liebe
-der Zauberei mächtig, drangen hinein in den Berg, darin das Lied
-solchergestalt seine heimliche Wunderwelt hatte.
-
-Und alles Lied war Wort, das mit den Wellen der Melodie auf den Strömen
-der Urtiefe selig dahin fuhr; sie fischten das Wort aus den Strömen und
-brachten es glücklich zu Tag.
-
-Da waren es Perlen, im Reim zu Kränzen gebunden; so reich war der Raub,
-daß ihre Hände nicht alles zu fassen vermochten.
-
-Des Knaben Wunderhorn hießen sie dann die stattlichen Bände, darin
-die Worte, wie andere Worte zu lesen, abgelöst vom Gesang, fremd und
-frierend auf Papier gedruckt waren.
-
-Aber das Wunder war noch im Wort, es brauchte nur Augen und Ohren zu
-finden, die seinen Zauber verstanden, so wurde die Seele des Wortes
-lebendig im Sang: aus des Knaben Wunderhorn stiegen die Lieder wie
-Lerchen.
-
-
-Das Märchen
-
-Das Wunderhorn hatte geklungen, da gingen zwei Brüder im Hessenland um,
-noch einmal Schatzgräber zu heißen.
-
-Die Lieder flogen wie Lerchen, aber das Heimchen am Herd zirpte von
-heimlichen Dingen, die nur die Großmutter erzählte, wenn ihr die Enkel
-am Abend dasaßen; das Öllämpchen brannte und ließ an der Wand die
-Spukgestalten der Schatten tanzen und drohen.
-
-Da wurden die uralten Mären lebendig, aber die Riesen und Zwerge waren
-geschäftige Nachbarn der Menschen geworden, und nur im Spuk ihrer
-Schatten gingen die Götter, aus Himmel und Hölle vertrieben, durch die
-entgötterte Wirklichkeit hin.
-
-Die einmal Urmächte hießen, dienten als Spielzeug, und wo eine
-Großmutter Märchen erzählte, war ihre bunte Puppenwelt da, den
-Menschenkindern Freude und Leid vorzutäuschen.
-
-Die Brüder Grimm wußten, daß solche Puppenwelt nur die Verkleidung
-vergangener Urmächte war, aber sie rührten nicht an das Kleid und
-brachten die Märchen getreu an den Tag, wie sie in Heimlichkeit waren.
-
-Sie schrieben der Ahne das Wort vom Mund und deutelten nicht, sie waren
-wissend und wurden horchende Kinder, bis sie aus Sammlung und Sichtung
-ihr Märchenbuch hatten.
-
-Da ging Rotkäppchen aus mit dem Korb, Großmutter Kuchen zu bringen;
-aber der böse Wolf kam, das Kind vom Weg zu locken, und hatte
-Großmutter und Kind aufgefressen, als die Schere des Jägers sie aus dem
-Bauch des Wolfes wieder ans Licht brachte.
-
-Da schlief Dornröschen, die schöne Prinzessin, hinter dem Zauber der
-Dornheckenwände, bis der Prinz kam, die liebliche Braut aus dem Bann
-der Hexe zu lösen.
-
-Da lag Schneewittchen im gläsernen Sarg bei den Zwergen, von der bösen
-Stiefmutter vergiftet; da fand der Königssohn Aschenbrödel im Haus der
-häßlichen Schwestern, weil ihr allein der goldene Schuh paßte.
-
-Da saß Frau Holle im Brunnen und fackelte nicht, die Guten zu lohnen,
-die Bösen zu strafen; und wenn ihre Magd das Bett schüttelte, dann
-schneite es in der Welt.
-
-Kinder- und Hausmärchen hießen die hessischen Brüder das Buch, darin
-die Wirklichkeit war wie ein Wasser, das eilig glitzernd dahin fließt
-über die Steine des Grundes, die uralt daliegen und seine gläserne Flut
-bunt und beharrlich durchleuchten.
-
-Die Kinder sahen hinein mit glänzenden Augen, die Großen standen
-sinnend dabei: sie freuten sich an der bunten Erscheinung, und ahnten
-nur fern, daß es der Jungbrunnen war und gegen die jüdische Bibel das
-Buch der eigenen Herkunft.
-
-
-Novalis
-
-Mancherlei Geister ritten das Roß der Romantik, und die Jugend lief
-ihrer bunten Herrlichkeit zu; nur einer vermochte als Dichter zu sein,
-was sie als Schwarmgeister wollten.
-
-Hardenberg hieß er und war ein brustkranker Jüngling aus edlem
-Geschlecht, der sich als Dichter Novalis nannte.
-
-Er träumte die blaue Blume: am Rand einer Quelle stand sie, deren
-Wasser die Luft verzehrte und deren Tiefe von blauen Felsen umhegt war;
-als die Traumaugen des Dichters staunend und weh in den blauen Kelch
-blickten, schwebte darin ein zartes Gesicht.
-
-Die Wirklichkeit selbst war das Wunder, und nur die Ordnung der Sinne
-hatte den Schein der Erfahrung um ihr Geheimnis gelegt; aber der Traum
-befreite die Seele, wieder im Wunder zu leben.
-
-Und dichten hieß träumen, hieß außer der Täglichkeit sein, hieß aus der
-Täuschung der Sinne eingehen ins Dasein der Seele, die ihrer eigenen
-Wirklichkeit froh das Wunder in allen Dingen erkannte.
-
-Novalis, der brustkranke Jüngling aus edlem Geschlecht, hatte nicht
-Zeit, das Wunder in allen Weiten zu träumen: der Tod hielt ihm das
-Tor schon geöffnet, aus der Scheinwelt der Dinge einzutauchen in die
-verjüngende Flut.
-
-So schrieb er der Nacht seine Hymnen, wie ein Liebender an seine Braut
-schreibt; nicht der bleichen Schwester des Tages galten die bunten
-Gesänge, der wahrhaften Nacht, die keinen Morgen mehr kennt, galt seine
-Verzückung.
-
-Ein Dichter des Todes war er, wie andere vom Wein und der Liebe singen;
-als er dahin war, blieb das Blut seiner blauen Gesänge, als ob der
-Schierlingsbecher die wahre Lust an der Wirklichkeit wäre.
-
-
-Eichendorff
-
-Einer der Jünglinge liebte sein Land, wie die Braut am Sonntag einen
-Feldblumenstrauß liebt: der Schierlingsbecher der Nacht und die
-Sehnsüchte der blauen Blume, die Fahnen stolzer Vergangenheit und der
-Morgentau künftiger Dinge konnten den hellen Augen des schlesischen
-Jünglings den Tag nicht trüben.
-
-Er sah die Täler und Höhen, die Wiesen und Wolken, den Wald und all
-sein Getier; wo er auch wanderte, war blaue Ferne und blühende Nähe,
-überall lauschten die Mädchen am Fenster, überall rauschten die Blumen
-der Sommernacht, und überall mußte sein Herz im Lied jubilieren.
-
-Ein Waldhorn rief seiner Freude die frohen Gefährten und eine Quelle im
-Wiesengrund seine Morgenfeier, die Lerchen schwirrten hoch vor Lust,
-und die Bächlein sprangen von den Bergen, Gespielen seiner frohen Seele
-zu sein.
-
-Blau war die Ferne und der Postillon blies sich fröhlich hinein;
-irgendwo standen Paläste im Mondenschein und Marmorbilder in dämmernden
-Lauben, irgendwo lockte das welsche Land über den Bergen: aber die
-blühende Nähe hieß Deutschland, da war die Seele daheim und brauchte
-nicht nach der römischen Sonne zu frieren.
-
-Denn nirgendwo war der Frühling so festlich geschmückt wie da, wo
-der deutsche Buchenwald heimliche Wiesen umsäumte; nirgendwo trug
-der Sommer so selige Blumen im Haar wie im deutschen Feldergebreite;
-nirgendwo war die deutsche Seele so kindlich daheim wie in den
-frohmütigen Liedern, die der junge Eichendorff sang.
-
-
-Johann Peter Hebel
-
-Säen und ernten im Zwang der Gezeiten und der Natur demütig nah sein in
-all ihren Launen, war dem Landmann bestimmt.
-
-Plünderndes Kriegsvolk konnte die Frucht auf den Feldern zerstampfen,
-das Vieh aus den Ställen fortführen, die Scheunen verbrennen: aber
-der Boden blieb ewig geschäftig, der Wald wuchs Holz, die Wiese wuchs
-Futter, die Scholle hielt ihre fruchtbaren Schalen dem Segen des
-Himmels geöffnet.
-
-Prahlende Städte verkamen und Throne wurden gestürzt; der Bauer ging
-hinter dem Pflug, stand auf der Tenne und füllte die Scheuer: er wußte,
-daß über den Fürsten der Erde ein himmlischer Herr war, und über allen
-Gesetzen der Obrigkeit stand der Kalender.
-
-So geschah es, daß Hebel, der geistliche Herr in der badischen
-Hauptstadt, durch allen Spektakel der Zeit harmlos dahin ging, weil er
-ein Kalendermann wurde.
-
-Er war der einzige Sohn einer Witwe, und Taglöhnerarbeit hielt seine
-ärmliche Wiege; aber die Wiege stand droben im Markgräflerland, wo die
-muntere Wiese dem strengen Schwarzwald entspringt.
-
-Da gingen dem Knaben die Wege in fröhlicher Freiheit, da waren die
-Wolkenweiten über die grünen Gebreite bis hinter die blauen Fernen
-gespannt, da sangen die Vögel zur Arbeit, da war ein emsiges Landvolk
-im Kreislauf des Jahres geborgen.
-
-Den Dank seiner fröhlichen Jugend brachte der Kirchenrat und Prälat als
-Kalendermann seiner Heimat zurück.
-
-Er konnte darüber die geistliche Würde vergessen und alle Gelehrsamkeit
-seiner Bücher; auch blieb er ein Schalk und wußte genau, was ein
-Zirkelschmied war; einen lustigen Diebstahl erfinden, schien seinen
-schlaflosen Nächten gesunder als Cicero lesen.
-
-Schnurren und Späße, die draußen im Land herum liefen, fing sein
-Kalenderwort ein, und sparte den Spott nicht, wenn der Müller von
-Brassenheim allzu fett und selbstgerecht war.
-
-Er konnte auch ernst wie ein Landpfarrer werden, und die Moral hing
-seinen Geschichten gern einen Zopf an, wie es die Großmutter tat, wenn
-sie den Enkeln Märchen erzählte; doch waren sie darum nicht weniger
-trefflich, und jedes Ding stand in der klugen Wahl seiner Worte und
-blühenden Bilder leibhaftig da.
-
-Die dankbaren Leser merkten die weise Kunst nicht, die der kluge
-Kalendermann übte; sie lasen sich selber und sahen ihr ländliches Leben
-gespiegelt, so wie sie es kannten.
-
-Wohl kam auch der Bürger hinein aus den Gassen der Kleinstadt, aber der
-Rock war gelüftet von seinen muffigen Stuben, und die Wiesenluft blies
-ihm sein grämliches Angesicht frisch, daß er die ländliche Fröhlichkeit
-lernte.
-
-Die aber Weltbegebenheit machten, über Schlachtfelder ritten, Städte
-verbrannten, deren Stiefel in mancherlei Dreck unsauber wurden, mußten
-auch manchmal beim Huf- oder Wagenschmied warten; der Kalendermann sah
-sie dann in der Nähe, wo sie nur Menschlichkeit waren mit staubigen
-Röcken, Schnupfen oder einem Karbunkel.
-
-So mußten sie anders durch seine Geschichten spazieren, als sie sonst
-taten, und der verborgenen Demut war ein Rößlein geschirrt; indessen
-der Hochmut zu Fuß ging.
-
-Leben und Sterben war in den Kalender getan, darin die Natur den
-menschlichen Nucken und Nöten mit Saat und Ernte, Blüte und Frucht,
-Sonne und Regen, im Wechsel des Mondes und seiner blanken Gestirne die
-ewigen Sinnbilder hielt.
-
-
-Jean Paul
-
-Eines Schulmeisters Sohn aus Wunsiedel wurde der Abgott der Bürger
-und Frauen; indessen Goethe und Schiller in hoher Einsamkeit gingen,
-indessen Romantik landfahrend war, wurden Jean Paul Kränze und Kissen
-der zärtlichen Liebe gebracht.
-
-Seine Jugend war arm, und beschränkt blieb der Kreis seines Daseins,
-bis er in Bayreuth, erblindet und abseits der Welt, die letzte Pfeife
-hinlegte.
-
-Aber sein Geist war reich, wie der Wald an Bäumen reich ist, und seine
-Seele ging darin spazieren, als ob es nur Sonntag-Nachmittag gäbe.
-
-Er sah den Bach und das Moos an den Steinen, von der Sonne zärtlich
-besprenkelt, er sah das blaue Tuch des Himmels über das grüne Geflecht
-der Zweige gebreitet, er hörte den krausen Wind in den Wipfeln wispern
-und weinen.
-
-Er war voll Liebe zu jeglichem Ding, das seine Sinne berührte; er
-liebte die Blume und liebte die Biene, die daran naschte; er liebte die
-Luft um seine Wangen und liebte den Weg, darauf er ging.
-
-Er liebte sich selber und seine Liebe, und war von Seligkeit trunken,
-wie er die Krone der Schöpfung dahin trug, Gott und sein herrliches
-Werk im Wechselspiel seiner krausen Gedanken und bunten Gefühle zu
-sehen und zu preisen.
-
-Auch war seine Feder voll Tinte, alles auf saubere Zettel zu schreiben,
-was seiner Seele in Wonne und Wehmut behagte, und den entferntesten
-Einfall mitten ins tägliche Dasein zu stellen.
-
-Unzählige Kästen waren mit solchen Zetteln gefüllt, bis er, den
-krausen Reichtum zu lesen, den Überfluß in ein Buch schrieb, das einen
-verschnörkelten Titel und unter dem Titel sein zärtliches Herz in der
-Hand trug.
-
-Sechzig Bände füllte er so, und jeder Band wurde von zärtlichen Augen
-mit neuem Eifer gelesen, und jeder war das Buch des Propheten.
-
-Er lehrte die Deutschen, weinenden Auges zu lächeln, und hieß es
-Humor, die Welt zu betrachten, als ob das Schicksal nur eine Laune der
-Ewigkeit wäre und das Glück die Gunst bunter Einfälle.
-
-Er brauchte viel Worte dazu, seinen Geist zu entleeren, und brauchte
-viel weiches Gefühl, das krause Gefäß seiner Worte mit Seele zu füllen.
-
-Auch war er ein Meister, die Worte blitzblank zu putzen, daß sie gleich
-einer Kette aus blinkendem Zierat weise Gedanken und liebes Gefühl
-drollig verbanden.
-
-Und war ein Meister, den Leser zu fangen und ihn, wie den Fisch an der
-Angel, so durch das krause Pflanzengewühl seiner untiefen Gewässer zu
-ziehen.
-
-
-Faust
-
-Indessen dies alles in Deutschland geschah, indessen die Herkunft des
-Volkes gegen das Welschtum der Fürsten aufstand, indessen das Morgenrot
-der Romantik in den silbernen Griechentraum kam: war Goethe, der
-Dichter des Götz und des Werther, der Alte von Weimar geworden.
-
-Alle die Rufer der großen Zeit waren verstummt, Klopstock und Lessing,
-Herder und Schiller; er aber, der mehr als ein Rufer war, stand im
-Sturmwind der Zeit als Leuchtfeuer da, aus der Vergangenheit in die
-Zukunft zu leuchten.
-
-Ein altes Puppenspiel hatte dem Knaben in Frankfurt die Taten des
-Faust vorgeprahlt, der seine Seele dem Teufel verschrieb und ein
-Schwarzkünstler wurde.
-
-Als danach den Jüngling in Straßburg das junge Blut plagte, als ihm die
-Brust schwoll und der Kopf brannte von Zweifeln und trotzigen Fragen,
-kam ihm der Faust aus dem Puppenspiel wieder, und er sah seinesgleichen.
-
-Er sah der Tugend den Fallstrick gelegt in der täglichen Ordnung der
-Väter, Himmel und Hölle halfen ihn halten; aber der Menschengeist
-trotzte den Vätern samt ihren allmächtigen Helfern: er wollte sich
-selber gerecht sein und jede Art Lust büßen, statt in der fremden
-Gerechtigkeit bleiben.
-
-So wurde dem Jüngling in Straßburg das alte Puppenspiel neu, Himmel und
-Hölle zum Trotz sollte sein Faust sein, der Menschheit zur Fackel.
-
-Herder der Herbe wies den hitzigen Jüngling auf nähere Wege, er
-wurde der Dichter des Götz mit der eisernen Hand; aber schon auf den
-Wertherwiesen in Wetzlar trug er den trotzigen Plan von neuem umher,
-wenn ihm die Brust eng war vom Staub seiner Tage.
-
-Als der Herzog von Weimar den Dichter zu Gast lud, brachte er ihm sein
-Puppenspiel mit: Schattenrisse, in raschen Auftritten wechselnd, mit
-Worten wie von Hans Sachs, nur weiter und wehender.
-
-Wie ein Bräutigam seinen Freunden die Braut zeigt, so aus dem
-heimlichen Glück las er sein Stück vor; aber er wußte, daß seine
-trotzige Neigung noch keine Liebe, daß die rasch gepflückte Frucht noch
-keine Ernte war.
-
-Er wurde in Weimar Minister und legte den Faust in die Lade, der
-Schwarzkünstler paßte nicht in sein Dasein geheimrätlicher Pflicht; und
-als er danach in Rom wieder faustisch zu denken begann, nahm ihm die
-klassische Luft die Lust an dem nordischen Spuk.
-
-Erst Schiller, der treffliche Treiber, vermochte ihn wieder an das
-verlassene Werk der Jugend zu bringen; aber dem reifen Mann wollte der
-Jünglingstrotz nicht mehr ziemen: eine leuchtende Lohe wuchs aus dem
-Höllenbrand seiner Jugend.
-
-Als Schiller, der glühende, starb, und Goethe, grämlich allein, das
-unübersehbare Gut seines Daseins bestellte, ließ er sein Faustfragment
-zum drittenmal liegen.
-
-Er war im sechzigsten Jahr seines Lebens, und sechzehn Jahre vergingen,
-bevor er als Greis -- nach einem halben Jahrhundert -- sich wieder den
-schwankenden Gestalten der Jugend zuwandte.
-
-Längst hieß sein Werk kein Puppenspiel mehr; Himmel und Hölle rangen um
-Faust, der ein Schwarzkünstler war und der Menschengeist wurde.
-
-In allen Weiten und Winden des Lebens, in allen Sorgen und Sünden
-wissend, genießend und tätig sollte er sein, und allen höllischen
-Mächten zum Trotz seinen Weg in den Himmel schreiten.
-
-Aber kein Wunder konnte die Seele erlösen, das Wunder vermochte der
-Geist allein: er mußte den Kampf der Mächte ausmachen, er mußte durch
-Himmel und Hölle der eigenen Brust Meister des Schicksals bleiben.
-
-So hatte ein halbes Jahrhundert über dem hitzigen Plan seiner Jugend
-den stolzen Dombau begonnen; der Greis sah das Pfeilerwerk riesenhoch
-ragen, aber noch fehlten der Helm auf dem Turm und die Wölbung.
-
-Am glutroten Münster in Straßburg hatte sein trunkenes Auge gehangen,
-als er den Riesenbau plante; nun war der Dichter des Götz ein Grieche
-geworden, und über dem gotischen Grundriß sollte ein marmorner
-Tempelbau prangen.
-
-Der Schwarzkünstler ging aus den Nürnberger Gassen in Griechenland ein,
-Faust wurde Herzog und Fürst, und Helena herrschte, wo Gretchen, das
-deutsche Bürgerkind, ihre schmerzreiche Gunst gab.
-
-Aber der faustische Schritt ging in die Leere des Alters;
-Schattenfiguren wuchsen ihm aus der blassen Unendlichkeit zu, der aus
-der bunten Täglichkeit einmal sein starkes Puppenspiel machte.
-
-Was unmöglich war, konnte auch Goethe der Greis nicht mehr zwingen;
-vieles gelang ihm, manches Portal war mit schönen Gestalten bestellt,
-und manches Glasfenster gab farbige Glut: der Traum seines Tempels
-blieb ein Turmbau zu Babel.
-
-Je mehr ihm der Schatten des nahenden Todes in seinen gewaltigen Dom
-fiel, je eifriger war er am Werk, bis ihm zuletzt das Notdach gelang,
-den herrlich verzettelten Bau mit allen Hallen und Weiten des Lebens
-vor Wind und Wetter zu schützen.
-
-So stand der Tempeldom da, als Goethe, der Greis, die sterblichen Augen
-zumachte; so steht er im Reich als der mächtigste Bau, so wird er den
-Völkern und Zeiten ein Wunderwerk bleiben, ein ragendes Zeugnis, was
-einmal ein Mensch aus eigener Vollmacht vermochte.
-
-
-
-
-Das Buch der Erhebung
-
-
-Beethoven
-
-Als Mozart, der Meister des großen Wohllauts, starb, war das
-Jahrhundert der Pompadour aus; die Blutrache der Freiheit hatte
-in Frankreich begonnen, als Beethoven kam, dem Menschengeist die
-bräunliche Stimme der Erde zu bringen.
-
-Musikanten aus Holland waren die Seinen, in Bonn dem Kölner Kurfürsten
-dienend; aber den Enkel und Sohn verlangte nach Wien, wo Mozart den
-Zauberstab hielt, wo Haydn, der unerschöpfliche Meister, Musik machte.
-
-Mozart war tot, als Beethoven kam, Haydn nahm sich des rheinischen
-Jünglings an wie ein Vater; er führte ihn ein in das große Orchester
-und in die sinfonische Fülle der Geigen und Bässe, Hörner und Pauken,
-Flöten und Klarinetten.
-
-Beethoven wurde, wie Mozart es war, ein Meister auf dem Klavier -- nur
-daß er tief aus der braunen Dämmerung kam, indessen jener im hellichten
-Morgenrot ging -- wo er sein trotziges Spiel hören ließ, wurde der
-Menschengeist wach, seinen eigenen Atem zu spüren.
-
-Da brach in die Säle von Wien, in die Kerzen und goldenen Stühle der
-Menschentrotz ein und ballte die Fäuste, lachte und weinte, wo leichtes
-Gelächter, wo Seufzer und Rührung und spöttische Heiterkeit war.
-
-Aber das Schicksal schlug den gesegneten Mann, seine Macht zu erhöhen:
-es nahm ihm sein Ohr und nahm ihm sein Spiel, es führte ihn heim aus
-dem rauschenden Beifall der Hörer in die einsame Stille der Taubheit.
-
-Da saß der unselig gesegnete Mann noch immer an seinem Klavier und
-glaubte zu hören, was nur die Brandung der Seele, was nur das Meer der
-Gefühle im Sturm seiner Leidenschaft war.
-
-Abgelöst von der irdischen Wirklichkeit seiner Töne schrieb er Musik,
-die seine Ohren nie hören, die seine Seele nur aus den Noten ablesen
-konnte.
-
-So sank er hinein in die Gründe, darin er allein mit seinem Trotz das
-Leben bestand: ein Titan war unter die Menschen verbannt, den sie wie
-Donner und Blitz, wie sausenden Wind und rauschendes Wasser verstanden;
-nur ihre Antwort hörte er nicht.
-
-Er war den Göttern verfeindet wie alle Titanen, er haßte ihr neidisches
-Wesen und daß sie dem Geist sein trotziges Tun hochmütig mißgönnten;
-er brachte den göttlichen Funken in seiner Musik zu den Menschen, daß
-ihnen die Götter Rede stehn mußten.
-
-Haydn, der heitere, hatte den Jüngling das große Orchester gelehrt,
-aber die Fülle der Geigen und Bässe, Hörner und Pauken, Flöten und
-Klarinetten war nur ein reicherer Wohlklang gewesen: nun brauste der
-Geist in die Fülle, da Beethoven, der taube Meister in Wien, den
-Sinfonien der Menschheit die ewigen Noten hinschrieb.
-
-Da war kein Himmel und war keine Hölle, nur die Urgewalt der Natur, und
-der Menschengeist war ihr selbstherrlicher Meister.
-
-Er konnte schwellen, wie der Frühling die Knospen schwillt, er konnte
-den Bogen bauen über die Berge, er konnte stürmen und stürzen, wie
-Hochwasser im Alpental stürzt, er konnte breit und gewaltig sein wie
-das Meer und konnte in seinen Wellen den Sonnenball fangen.
-
-Seliges Spiel und trotzigen Aufruhr, schmerzliche Sehnsucht und
-drohende Kraft, blutrote Trauer und weißglühenden Zorn: alles schrieb
-Beethoven hinein in das Bibelbuch seiner Musik.
-
-Und als er am Ende war seiner irdischen Tage, als er die Summe zog
-seines gewaltigen Lebens, als er die letzte schrieb seiner neun
-Sinfonien, schwoll Menschengesang in die Geigen und Hörner: über die
-trotzige Leidenschaft hin rauschte die Urmacht der Freude.
-
-Sie war nicht aus der Gunst der Götter geboren, sie floß nicht
-hinein in das Menschenland, wie ein Bach blumige Ufer und blinkendes
-Wellenspiel bringt.
-
-Die trotzige Hand des Titanen hatte das eigene Herz aufgerissen; da war
-es kein Blut, kein Feuer und Wasser, da waren es Ströme des Geistes,
-einmal den Jüngern in einer Taube vom Himmel gebracht und nun die Erde
-mit Allgewalt füllend.
-
-
-Die Blutrache der Freiheit
-
-An einem Julitag stürmte das Volk von Paris die feste Bastille, die
-uralte Zwingburg des Königs und das Gefängnis all seiner Feinde.
-
-Der Staat, das bin ich! hatte der Sonnenkönig geprahlt; als danach der
-Herbst den Park von Versailles zu färben begann, holte das Volk von
-Paris sich den König als Geisel; der von Gottes Gnaden regiert hatte,
-mußte dem Parlament die Verfassung beschwören.
-
-Und als die Fürsten Europas mit ihrer Heeresmacht kamen, dem Thron in
-Frankreich zu helfen, flammte das Volk der Franzosen auf und war ein
-gewaltiger Brand vor den Söldnern der Fürsten: bei Valmy mußte das
-preußische Heer den unrühmlichen Rückzug beginnen.
-
-Seitdem war Frankreich die Schmiede der Völker; der Untertan wollte der
-freien Gemeinde und ihrer vergessenen Herkunft die dreifache Pflugschar
-der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit schmieden.
-
-Die Schmiede stand in düsterer Glut, und der Widerschein schreckte die
-Sippe der Fürsten; denn vor der Gleichheit und Brüderlichkeit kam die
-Blutrache der Freiheit.
-
-Sie kam nicht über das Land, wie ein zärtlicher Morgen im Frühling
-endlich den Sonnenschein bringt, sie brach aus den Tiefen und war der
-Haß des entfesselten Volkes und seine Rache.
-
-Als die Pariser den Freiheitsbaum pflanzten, als sie die adligen
-Herren, Junker und Pfaffen, zu jagen begannen wie Freiwild, als sie den
-König köpften trotz seiner geheiligten Krone und die Königin mit ihm:
-wollte die blasse Furcht an den Höfen den Übermut von Jahrhunderten
-rächen.
-
-Tod den Tyrannen! hatte der Dichter der Räuber gerufen, nun trat sein
-Ruf in den Tag und hatte ein Fallbeil zur Hand: im grausigen Takte
-seiner Schläge fielen die Köpfe, und adliges Blut floß im Unrat der
-Rinnen.
-
-Gewalt riß Gewalt aus den Händen, Rache rief Rache, und Mord fiel auf
-Mord, bis das blutige Maß voll war.
-
-Danton, Marat und Robespierre hießen die Hyänen der Freiheit, ihr
-heißes Geheul schrie sich heiser, ihr hungriges Maul fraß sich satt,
-bis es im blutigen Schaum erstickte.
-
-Über dem Abendland stand in Paris das Fallbeil böser Vergeltung; im
-schaurigen Takt seiner Schläge mußte das neue Blut das alte abwaschen,
-weil die Gewalt der Freiheit zuvor kam, weil die Gerechtigkeit ihre
-ewige Gleichung aus schuldiger Menschenhand nahm.
-
-
-Bonaparte
-
-Die Freiheit ging den Weg der Gewalt, und die Gewalt sank in Blut und
-Verbrechen; da sie am Ende stand ihrer Schrecken, kam der Gewaltherr,
-sie zu vollenden.
-
-Es war ein Tag in Paris, da die Scharfrichter der Macht ein kaltes Herz
-und eine grausame Hand brauchten, als der Korse mit seinen Kartätschen
-über sie kam, die Freiheit zu retten.
-
-Napoleon Bonaparte war er geheißen; als danach ein Maitag der
-staunenden Welt sein Bild zeigte, wie er, die Fahne kühn in der Hand,
-im Kugelregen die Brücke von Lodi gewann, rief der Ruhm seinen Namen
-aus wie einmal den Prinzen Eugen.
-
-Nie hatte ein Meister des Krieges kühnere Dinge getan, als da der Korse
-den Dreitagekampf um Arcole bestand: in Hunger und Lumpen gewann seine
-Schar, ein Heer kaum zu nennen, den lombardischen Krieg, weil sein
-Genie ihren Todesmut führte.
-
-Und seit den Kreuzrittern hatte kein Abenteuer das Abend- und
-Morgenland so erfüllt wie seine tollkühne Fahrt nach Ägypten, da er die
-Türken bei Abukir schlug.
-
-Und uraltes Glück des Kühnen wurde lebendig, da der Sohn des korsischen
-Advokaten heimkam, den Scharfrichtern der Macht in Paris sein
-Schwertherrenglück aufzuzwingen.
-
-Als Konsul von Frankreich zog der Sieger von Lodi, Arcole und Abukir
-ein in das Königsschloß der Bourbonen, daraus die Häscher der Freiheit
-Ludwig den Sechzehnten auf das Schafott holten; er aber war geschützt
-durch das Bajonett seiner Grenadiere.
-
-Zehn Jahre hatte die Freiheit Tod den Tyrannen geschrien und war eine
-Mutter gewesen, die ihre eigenen Kinder verzehrte; als die Zeit der
-neuen Gewalt reif war, saß der Korse darauf und regierte.
-
-
-Napoleon
-
-Wie Samuel der Priester vor Saul, zog einmal Stephan der Papst hinaus
-ins gallische Land, Pipin, den fränkischen König, zu salben.
-
-Der Pontifex maximus suchte das nordische Schwert; und als der
-gewaltige Sohn des fränkischen Königs nach Rom in die Christmesse kam,
-grüßte die Priesterklugheit Carolus Augustus, den römischen Cäsar, weil
-ihm das Abendland untertan war.
-
-Der König der Deutschen war Kaiser jahrtausendlang, der Turm des
-Reiches stand über den Dächern der Staaten, und über den Fahnen der
-Völker wehte die Kaiserstandarte.
-
-Aber die Habsburger stellten die Kaiserstandarte auf ihre Hofburg in
-Wien, die Habsucht der Fürsten und Herren fraß das Reich leer, bis ihm
-der Schwur von Loreto den Untergang brachte.
-
-Als der große Krieg aus war im Frieden zu Münster, herrschte Ludwig
-der Vierzehnte, Habsburg zum Hohn und dem Reich zum Raub, über das
-Abendland: nun aber kam der Sohn der Gewalt und wurde in Wahrheit
-Kaiser.
-
-Als er sich selber in Frankreich die Krone aufsetzte, der kühner als
-Cäsar und stärker als Karl war, kam der Papst demütig aus Rom, ihn als
-Kaiser zu salben.
-
-Zum letztenmal glühte der Bogen, den Kaiser und Kirche über das
-Abendland spannten, aber der Sohn der Gewalt hielt seine feurige Pracht
-allein in der Hand.
-
-Er machte die Fürsten zu seinen Vasallen, und als er in Erfurt
-sein Maifeld abhielt, mußten die Könige von Gottes Gnaden demütig
-erscheinen, sich ihrem Kaiser zu beugen.
-
-Er nahm auch der Kirche die weltliche Macht aus den Händen und hieß die
-Bischöfe wieder die geistlichen Hirten der Gläubigen sein: so wurde der
-Bogen zerbrochen, den Kaiser und Kirche ein Jahrtausend lang über das
-Abendland spannten; so fing die neue Zeit an.
-
-
-Der Rheinbund
-
-Als die Söhne Ludwigs des Frommen das karolische Reich unter sich
-teilten, nahm Lothar das Land in der Mitte.
-
-Es war nur ein schmales Band von der kalten Meerküste über die Alpen
-hinüber nach Welschland; aber der Rhein zog seine reiche Straße
-hindurch, und die Kaiserkrone hing an dem Band.
-
-Lothar, der Kaiser, war schwach und ging in ein Kloster; die stärkeren
-Brüder im Westen und Osten zerschnitten das Band, aber sie konnten die
-Krone nicht teilen.
-
-Wer den Rhein hatte, der hatte das Reich: hier war der goldene
-Schlüssel der Macht, hier saßen die Kurfürsten von Köln und Trier und
-der von Mainz, der Kanzler der Reichsherrlichkeit, hier zogen die
-Heerschilde auf, den Kaiser zu wählen, hier hielten die mächtigen
-Städte von Straßburg bis Utrecht dem Kaiser die Tore geöffnet, wenn die
-Fürsten ihm trotzten.
-
-Hier stand der Aachener Krönungssaal, hier waren die Kaisergräber in
-Speyer, hier hielt Barbarossa das herrliche Maifeld, ehe den Herrscher
-des Abendlands sein Ritt ins Morgenland führte.
-
-Hier wurde Rudolf von Habsburg, der Graf aus dem Aargau, nach
-schmählicher Zeit König der Deutschen; aber sein karges Geschlecht
-verriet den Rhein und das Reich um die Habsburger Hausmacht im Osten.
-
-So kam Lothars Reich zum andernmal in den Streit der stärkeren Brüder
-von Osten nach Westen: Wien und Versailles kreuzten die Schwerter über
-dem Rhein um die Krone.
-
-Ludwig der Vierzehnte brach einen Stein aus dem Stirnreif: die
-wunderschöne Stadt Straßburg; er kaufte die rheinischen Fürsten mit
-Gold und Gunst gegen das Reich und den Kaiser.
-
-Alliance du Rhin hieß er das listige Bündnis, aber es blieb eine teure
-Gunst der Minister, bis das Schwert Napoleons kam und eine billige
-Vasallenschaft daraus machte: er aber hieß es den Rheinbund.
-
-Das linke Ufer Lothars nahm er zu Frankreich, dem rechten setzte
-er Fürsten nach seiner Laune: Vasallen trugen die Kronen, die er
-verschenkte im Rheinbund, Vasallen mußten ihm Heerfolge leisten gegen
-den Kaiser.
-
-Denn noch hielt dem Korsen Habsburg stand, und nie war es so tapfer
-wie nun im Unglück gewesen; erst als ihm die Sonne von Austerlitz
-unterging, blutig rot im Dezember, losch die letzte Reichsherrlichkeit
-hin.
-
-In Regensburg trat der Gesandte von Frankreich den kläglichen Rest des
-Reichs auseinander; da wurde der Thron leer, der durch ein Jahrtausend
-die Mitte der Welt war: der Kaiser von Österreich blieb der Fürst
-vielerlei Völker, aber er war kein Herrscher des Abendlands mehr.
-
-Die reiche Straße des Rheins wurde die Grenze der Mächte im Westen und
-Osten; aber versunken im Strom lag die Krone der alten Kurfürstenmacht.
-
-Die Fürsten im Rheinbund feierten fröhliche Feste, sie waren der alten
-Kaisermacht ledig; daß sie Trabanten des neuen Cäsars waren, störte ihr
-Eintagsglück nicht.
-
-
-Jena und Auerstädt
-
-Indessen der korsische Hammer das faule Gebälk der alten
-Reichsherrlichkeit einstürzen machte, gedachte der König von Preußen
-das seine zu retten.
-
-Torheit und Dünkel blähten sich auf dem Mist, als ob noch immer der
-Große in Sanssouci säße; aber der Fuchs sprang dem Hahn an die Gurgel,
-da er am stolzesten krähte: bei Jena und Auerstädt ließ der preußische
-Hochmut das Feld und die Federn.
-
-Seit Roßbach hatte die deutsche Erde nicht mehr so eilige Flucht
-gesehen und seit Straßburg nicht mehr solche Schande, als da nun der
-preußische Hochmut den Ladestock schluckte.
-
-Wie eine Hasenjagd ritten die flinken Husaren die leichte Verfolgung:
-ihrer zwölf fingen fliehende Heerhaufen ab; die starken Festungen
-fielen vor einem Trompetenschall hin.
-
-Von Greisen geführt und von Feiglingen verraten, mußte der Grenadier
-den Gamaschendienst büßen; bevor ein Monat ins Land ging, war das
-preußische Land voll Franzosen.
-
-Weit über die Weichsel hinaus nach Tilsit und Memel mußte der
-preußische Königshof fliehen; wenn nicht der Zar aus dem russischen
-Winter den zitternden Händen seinen starken Arm reichte, verlor der
-König von Preußen sein Land und den Thron.
-
-In Tilsit wurde der schimpfliche Krieg mit einem schimpflichen Frieden
-beschlossen: auf einem Floß über den kalten Memelfluß traten Kaiser und
-Zar zueinander und hießen den König von Preußen abwarten, was aus dem
-Handel der Mächtigen für ihn übrig bliebe.
-
-Er durfte sich weiter König von Preußen heißen, aber die Hälfte des
-Landes ging ihm verloren; und was er behielt, gehörte ihm nur als
-Vasallen.
-
-Mut und Verwegenheit, Glück und Geschick hatten den Spötter von
-Sanssouci groß gemacht unter den Fürsten; Degen und Schärpe aus seiner
-Gruft nahm sich Napoleon mit, weil er als Gunst des Glücks und als
-Verwalter der Verwegenheit sein Nachfolger war.
-
-
-Der Tyrann
-
-Der Spötter von Sanssouci war ein Meister der klugen Beschränkung: er
-band den Ruhm an sein Schwert, er mehrte die Macht seines Staates, und
-blieb im Reich, der er war, der König von Preußen.
-
-Aber der Korse war Kaiser geworden, wie Kolumbus Amerika fand; sein
-Ozean war der Aufruhr gewesen, sein Schiff die Soldatengewalt.
-
-Der Kaisermantel umhing seine Schultern, der Papst salbte sein Haupt
-mit Öl: aber er blieb der Sohn der Gewalt, und die Gewalt konnte den
-Namen der Freiheit nicht leugnen, damit sie zur Welt kam.
-
-Den Sohn der Hölle hießen sie ihn, denen die alte Zeit den Himmel auf
-Erden vorstellte, da die Willkür der Höfe und adligen Herrn die Völker
-regierte, da der Bürger und Bauer Untertan war.
-
-Der Sohn der Hölle mähte die höfische Herrlichkeit nieder, vor seiner
-Sense sanken die falschen Vorrechte hin: den Junkern nahm er die
-geistlichen Pfründen, den Pfaffen zog er das Weltfürstenkleid aus.
-
-So war der Zauber der Freiheit um seine Taten, die Herzen der Jugend
-flammten dem Sieger von Lodi und Austerlitz zu, im Abend- und
-Morgenland galt er der Held und Türhalter der neuen Zeit, die dem Sohn
-der Gewalt das Recht zuerkannte.
-
-Die aber die Pfründen verloren und die das Weltfürstenkleid ausziehen
-mußten, blieben die heimlichen Herren der Welt, trotz seiner Kanonen;
-sie waren dem Aufruhr der Freiheit gewichen, dem Zwingherrn der neuen
-Gewalt wichen sie nicht: Junker und Pfaffen hielten den alten Bund
-gegen den Korsen, der Papst in Rom war ihr Meister.
-
-Als der Sohn der Gewalt an den Kirchenstaat rührte, als er den heiligen
-Vater gefangen nach Frankreich zu bringen befahl, stand das katholische
-Bauernvolk auf, den Junkern und Pfaffen gegen den Sohn der Hölle zu
-helfen; und als er nach Erfurt zum Fürstentag fuhr, das Maifeld der
-neuen Kaisermacht prahlend zu feiern, fuhren die bösesten Nachrichten
-mit.
-
-In Spanien und Tirol fing der knisternde Brand allmählich lichterloh an
-zu brennen, über das Abendland fielen die Funken; da mußte der Meister
-der Macht bekennen, daß die Herkunft mächtiger war als seine Kanonen.
-
-Der die Throne Europas verschenkte und die Fürsten Vasallendienst tun
-hieß, warb um die Kaisertochter in Wien; die Unsicherheit seiner Macht
-zu verankern, beugte der Sohn der Gewalt sich vor dem Recht der Geburt.
-
-Er war im Namen der Freiheit gekommen, und Frankreich hatte im Namen
-der Freiheit die Jugend Europas begeistert; nun beugte der Korse sein
-Knie vor der geheiligten Herkunft der Krone: die Jugend sah den Verrat
-und grollte dem neuen Tyrannen.
-
-
-Andreas Hofer
-
-Der Sandwirt war er geheißen, Händler und Wirt im Tal von Passeyr, aber
-er kannte den Krieg als Hauptmann der Schützen und galt in Tirol mehr,
-als ein Landmann sonst unter Landmännern gilt.
-
-Als die Hofburg den Aufruhr der Bauernschaft brauchte, rief sie den
-Sandwirt nach Wien; der Erzherzog selber hörte dem mutigen Mann
-herablassend zu.
-
-Napoleon hatte Tirol dem König von Bayern geschenkt; aber -- so ging
-die Rechnung der Hofburg -- ein Aufstand der Bauernschaft sollte dem
-neuen Krieg gegen den Korsen Urgewalt geben, das Volk selber sollte das
-Land von Tirol für Habsburg befreien.
-
-Andreas Hofer, der Sandwirt geheißen, glaubte den Herren in Wien, weil
-er ein Mann aus Tirol war; als er wieder daheim saß im herbstlichen Tal
-von Passeyr, sah seine Wirtschaft seltene Gäste, und als im Frühjahr
-die Laufzettel das Aufgebot riefen, war er mehr als ein Hauptmann der
-Schützen.
-
-Am Sterzinger Moos fing er sein Tagwerk an, und als er die Schlachten
-am Iselberg schlug, machte der Sandwirt sein Wort wahr: Tirol war
-befreit, und die Herren in Wien konnten den Treueid der Landschaft
-empfangen.
-
-Sie sparten nicht in der Habsburger Hofburg, die Gesandten der
-Bauernschaft zu beehren; der Kaiser selber gab ihnen gnädig sein Wort
-mit, niemals Frieden mit Frankreich zu machen, es sei denn, daß auch
-Tirol wieder zu Österreich gehöre.
-
-Als aber den Herren in Wien bei Wagram ihr kurzes Kriegsglück fehl
-ging, als sie von dem Korsen Waffenstillstand begehrten, dachten sie
-nicht an ihr Wort: die Bauernschaft war von Habsburg verlassen, Bayern,
-Franzosen und Sachsen rückten mit Übermacht an, den Trotz der Tiroler
-zu brechen.
-
-Doch hatte der stolze General Lefebvre die Rechnung ohne den Sandwirt
-gemacht: wieder am Iselberg wurde sein Heer von den herzhaften Bauern
-geschlagen, und nun war Tirol zum andernmal frei für sich selber.
-
-Der Kaiser saß im Käfig der Hofburg, und auf den Straßen nach Wien
-ritten die flinken Husaren von Frankreich: so mußte der Sandwirt auf
-eigene Faust Herzog und Fürst der Bauernschaft sein.
-
-In der Hofburg zu Innsbruck hielt er mit seinen Getreuen dem Land die
-Regierung; ein Bauernwirt aus dem Passeyr trotzte dem Sohn der Hölle
-und war die Hoffnung der deutschen Herzen im Reich.
-
-Aber es buntete nur ein Herbst vor dem Winter: als im Frieden zu
-Schönbrunn das Kaiserwort log, als Habsburg Tirol an Bayern abtrat, als
-die Übermacht kam von Norden und Süden, war das Glück der Bauernschaft
-aus.
-
-Sie sperrten die Täler mit Ketten, sie rollten die Steine von den
-Bergen, sie riefen das Land zur letzten Wehr auf und mußten in Brand
-und Blut zuletzt doch ersticken.
-
-In einer Alphütte hoch im Passeyr saß Hofer der Sandwirt lange
-verborgen, aber ein Judas verriet ihn um Geld, und die Häscher fingen
-den Starken.
-
-Er blieb auch im Unglück der mutige Mann; als er in Mantua fiel unter
-den Kugeln der Feinde, aufrecht und stolz, weil er ein gläubiger Mann
-aus Tirol war, wurde er groß im deutschen Gedächtnis.
-
-Das aber geschah zu der Zeit, da der Habsburger Kaiser in Wien seine
-Tochter dem Korsen verlobte.
-
-
-Luise
-
-Eine Prinzessin aus Mecklenburg wurde in Preußen Königin; ein Kind fast
-noch, als sie im Brautwagen kam, und eine junge Mutter, als sie nach
-harmlosen Jahren harmvoll dahin ging.
-
-Goethe hatte an ihre Jugend gerührt, Anmut und Frohsinn waren um ihre
-Tage gewesen, da sie in Paretz die liebliche Gutsherrin spielte, bis
-ihr der Sturmwind das Kartenhaus umblies.
-
-Da mußte die Gutsherrin Königin werden, und alle Schmach, die auf
-Preußen fiel, legte Herzeleid über die Frau, die so stolz wie schön und
-so stark wie anmutig war.
-
-Eine böse Winterfahrt war es nach Königsberg von Berlin, und die
-flinken Husaren ritten den Wagen des flüchtenden Hofes dicht auf der
-Spur; in Memel erst, wo die russischen Weiten sie schützten, konnten
-sie bleiben und warten, was dem preußischen Land und seinem König von
-dem Korsen geschähe.
-
-Die Königin haßte den Sohn der Hölle wie eine Kröte, die ihr das
-Sonntagsglück störte, und mußte ihm doch die zitternde Hand geben, als
-ihre Anmut Napoleon dargereicht wurde, seinen harten Sinn zu erweichen.
-
-Die kalten Stunden in Königsberg konnte ihr Stolz nicht mehr vergessen;
-viele Feinde hatte der Korse im Abendland, aber kein Haß zog ihre
-Herzen so an wie die preußische Königin: so kam es, daß Preußen zum
-andernmal den deutschen Geist zu erheben vermochte.
-
-Der Spötter von Sanssouci hatte den Jubel von Roßbach geweckt
-und hatte den Staat der preußischen Pflicht gegen die Habsburger
-Hofburg gerichtet; Dünkel und Leichtfertigkeit hatten die Erbschaft
-verschleudert, und ein dürftiger König hatte sich seines Ruhmes
-vermessen: nun war eine Frau in das Leid und das Frühlicht der jungen
-Erhebung gestellt.
-
-Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hatte die Stimme in Frankreich
-gerufen, die Herzen der Völker hatten sie jubelnd vernommen: aber
-Napoleon hielt im Namen der Freiheit die Ernte und war ihr zum Hohn ein
-Sohn der Gewalt.
-
-Eine andere Freiheit lehrte in Königsberg Immanuel Kant und band
-die Willkür in Pflicht: so wurde dem Korsen eine reinere Feindschaft
-bereitet als die der Junker und Pfaffen, und ihre Priesterin wollte die
-preußische Königin sein.
-
-
-Kant
-
-Der Sohn eines Pietisten und Sattlers in Königsberg sollte als Pfarrer
-studieren, aber die Wissenschaft lockte ihn mehr als die Kirche, ihre
-dogmatische Enge konnte ihm keine Lebensluft sein.
-
-Alles, was es zu lernen gab, lernte der Jüngling; nichts lag ihm so
-fern, daß er nicht seinen Eifer daran versuchte, nichts lag ihm so nah,
-daß er nicht seine Lust daran büßte, Wesen und Sinn zu erkennen.
-
-So konnte Immanuel Kant in der täglichen Welt nichts als ein Hofmeister
-werden: neun Jahre lang mußte der Sohn des Sattlers auf mehreren Gütern
-sein Dasein dienend hinbringen; aber der Sohn des Pietisten hatte schon
-früh die Tugend geübt, an der Täglichkeit nicht zu leiden.
-
-Als er dann wieder nach Königsberg kam, lehrend zu lernen -- ein
-ältlicher Jüngling, aber gesellig und heiter -- kam schon der Ruf mit
-ihm, daß er schärfer zu denken und mit helleren Worten von seinen
-Gedanken zu reden vermöge als sonst ein Professor.
-
-Das war im selben Jahr, da der Spötter von Sanssouci den großen
-Krieg plante; und bis der Stern Napoleons stieg -- fast ein halbes
-Jahrhundert -- blieb Kant in Königsberg, lehrend und lernend, und wurde
-ein Licht, das Abendland zu erhellen.
-
-Lächelnd von Liebe und Weisheit hatte der Zimmermannssohn die
-Freiheit der Seele gelehrt, und daß ihr heimliches Reich jenseits der
-Wirklichkeit wäre und höher als alle Menschengewalt.
-
-Aber die Kirche des Juden aus Tarsus hatte das Kreuz vor die Lehre
-gestellt, hatte der gläubigen Seele Lohn und Strafe verheißen und
-zwischen Himmel und Hölle ihr Gnadentor der Erlösung gebaut.
-
-Ein Jahrtausend und mehr hatte sein Wahnreich der Priester die
-Menschheit in Hoffnung gehalten, selige Schauer und fromme Verzückung,
-Furcht und Zittern verzwickter Gedanken waren um seine Himmels- und
-Höllenverheißung gewesen.
-
-Bis endlich der Menschengeist wieder erwachte, lieber zur Hölle zu
-fahren, als daß er sich in den Himmel der Priester hinein glaubte:
-Zweifel und Trotz stellten die uralte Frage der Wahrheit, und die
-Wirklichkeit gab grausame Antwort.
-
-Die Wirklichkeit war die Notwendigkeit der Natur und die
-Unabänderlichkeit ihrer Gesetze; ihr galt der Mensch nur ein Ding und
-ein Tier und alles, was er zu denken, fühlen und ahnen vermochte, stand
-im Zwang ihrer Gleichung.
-
-So konnte der Menschengeist nur seine Unfreiheit erkennen, und all
-seine Wissenschaft baute nur an der Mauer dieser Erkenntnis um ihn;
-aber der Sohn eines Sattlers in Königsberg wurde zum andernmal sein
-Erlöser, er öffnete ihm die verschüttete Tür in der Mauer und machte
-ihn frei von der Wirklichkeit seiner Sinne.
-
-Alle Erkenntnis der Wirklichkeit war gebunden an Raum und Zeit, und
-alle Gesetze ruhten darin wie die Tür in der Angel; aber Raum und
-Zeit hafteten nicht an den Dingen, sie waren dem Menschengeist eigen,
-Ordnung in die Erscheinung der Sinne zu bringen.
-
-Die Tafeln des Gesetzes kamen nicht aus der Wirklichkeit, der
-Menschengeist schrieb sie ihr vor, und die vermeintliche Ordnung der
-Sinnenerscheinung war seine Schöpfung der Welt.
-
-Das war die Tür, die Immanuel Kant aus dem Zwang der Wirklichkeit fand,
-aber sie führte in keine Willkür hinaus; denn dem Menschengeist war das
-eigene Reich eingeboren, darin er von aller Sinnenwelt frei blieb, um
-seiner eigenen Wirklichkeit tiefer verpflichtet zu sein.
-
-Gut und böse in seinem Willen zu scheiden, aus seiner Vernunft allein
-die Pflicht seiner Tat zu empfangen: war seine Wirklichkeit unter dem
-Wasserspiegel aller Erfahrung, war seine Wahrheit und Freiheit.
-
-Nicht anders als einmal der Zimmermannssohn hatte Immanuel Kant den
-Weg und die Pflicht der Freiheit gefunden, nur daß er die Gnade der
-gläubigen Seele nicht kannte, daß er im Frage- und Antwortspiel seiner
-Gedanken der friedlose Menschengeist blieb.
-
-Und daß er nicht ging auf den Straßen zu lehren, lächelnd von Liebe und
-Weisheit, daß er im Tempel der Schriftgelehrsamkeit blieb.
-
-Wie ein Städtebaumeister Straßen und Plätze, Häuser und Gärten in
-seinem Grundriß bestimmt, wie er die Willkür ausschaltet und jedem Teil
-seinen Platz im Ganzen erzirkelt, so gab er dem Menschengeist seinen
-Plan, sich gegen Gott und Welt den Tempel der Freiheit zu bauen.
-
-Er wurde sehr alt und ein schlohweißes Männchen und mußte das klägliche
-Schauspiel erleben, daß ein Minister im Namen des Königs von Preußen
-ihm Lehre und Schrift unterband.
-
-Als er gestorben war, trugen Studenten den Sarg in den Dom, und alle
-Glocken in Königsberg läuteten seinem Leichnam zu Grabe, wie wenn der
-heimliche Herzog in Preußen zum ewigen Schlaf einginge.
-
-Aber ihm war das ewige Leben gesegnet: sein Werk war bestellt,
-sein Plan war vollendet, neben den heimlichen Gärten der Seele den
-sichtbaren Tempel der Freiheit zu bauen.
-
-
-Fichte
-
-Als Napoleon Preußen zerschlug, als er nach Königsberg kam mit seinen
-flinken Husaren, war Kant schon begraben; aber die Lehre des Meisters
-hatte ihr leises Leben begonnen, indessen der laute Schritt des
-Eroberers über das Abendland ging.
-
-Stark wie jemals ein Kaiser hielt er sein Schwert über die Fürsten und
-Völker Europas, aber die stärkeren Mächte der Herkunft boten ihm Trotz,
-und nun kam die stärkste, ihn zu bezwingen.
-
-Denn stärker als je ein Schwert war, stärker als Herkunft und stärker
-als Herrschsucht und Haß der Bedrückten, stärker als alle Macht in der
-Welt ist der Geist, der um die wahre Freiheit zu ringen beginnt.
-
-Eines Leinewebers Sohn aus der Lausitz war durch Armut hinauf in
-das Licht der kantischen Lehre gestiegen; weil er kein Weiser der
-Wissenschaft war wie der Meister, nahm er die Fackel zur Hand, das
-Licht aus dem Tempel zu tragen.
-
-Sei dir selbst alles, oder du bist nichts! stand in den Flammen
-geschrieben, damit er den Brand in die Herzen der Deutschen zu bringen
-gedachte; denn Fichte war aus dem Weltbürgertraum seiner Zeit und der
-eigenen Jugend in den Entschluß der völkischen Pflicht eingegangen.
-
-Nur Ewiges könne der Mensch wahrhaftig lieben, Dauerndes tun und
-bewirken, sei die innerste Mahnung und Lockung all seiner Wünsche:
-Dauer allein könne dem Menschen nur werden im Dasein des Volkes, darin
-sein einzelnes Leben mit Herkunft, Sprache und Sitte unlösbar in
-Dankespflicht sei.
-
-So war die Lehre der freien Pflicht tapferer Wille geworden, dem
-irdischen Dasein redlich zu dienen, statt jenseits der Dinge das selige
-Leben zu suchen; Fichte, der furchtlose Mann, zögerte nicht, die Lehre
-als Tat zu erfüllen.
-
-Indessen die Straßen Berlins von dem Schritt und dem Hörnerschall
-französischer Bataillone widerhallten, indessen Spione das Wort und
-die Haltung des Bürgers allerorts überwachten, stand er am Pult, von
-Deutschen für Deutsche schlechthin seine mutigen Reden zu halten.
-
-Er sah und wußte, das deutsche Volk war die Spreu seiner Ernte
-geworden; aber die Ernte, zerstreut und verzettelt, war noch zu retten,
-wenn sich der Deutsche treu und tapfer zu seiner Herkunft bekannte.
-
-Er sah und wußte, über das deutsche Volk waren Schmach und Schande
-gekommen, aber sein Unglück war Schicksal; es mußte sich wenden, wenn
-der Deutsche seine Sendung im Dasein der Völker erkannte.
-
-Daß dieses geschähe, mußte ein junges Geschlecht das alte ablösen,
-mußte Erziehung zur deutschen Gesinnung die Abrichtung brauchbarer
-Untertanen ersetzen.
-
-Er wurde nicht müde, der mutige Mann in Berlin, die neue Gesinnung zu
-fordern; wie die drei Könige mit ihrem Stern nach Bethlehem kamen, so
-pries er den Mann, Pestalozzi geheißen, der für die neue Gesinnung das
-neue Erziehungswerk brachte.
-
-Die Bataillone des Korsen marschierten, und ihre Hörner klangen hinein,
-als der Leineweberssohn aus der Lausitz die Deutschen aufrief, wieder
-Deutsche im Schicksal der Herkunft und Sendung zu sein.
-
-Die Stimme des mutigen Mannes verhallte, aber das Wort, einmal
-gesprochen, fiel als die Saat in furchtsame Herzen und ging als die
-Ernte der deutschen Gläubigkeit auf.
-
-
-Pestalozzi
-
-Es war ein Schweizer, Sohn einer Witwe in Zürich, der früher als einer
-das Elend des Landvolkes sah, wie es in Armut und mühsamer Arbeit sein
-Leben hinbrachte, wie es unwissend und blöd, abergläubisch, furchtsam
-und faul in der Fron reicher Stadtleute war.
-
-Er wollte ihm helfen, doch nicht wie ein Reicher an der Kirchentür
-Almosen gibt: Gerechtigkeit sollte dem Armen das Herz in die Sonne
-heben, darin er den Reichen mit Groll lustwandeln sah.
-
-Aber Gerechtigkeit kam, das mußte der Sohn einer Witwe in Zürich
-frühzeitig erfahren, nicht aus den Herzen der Edlen allein in die Welt:
-sie brauchte das Schwert und die Waage, Macht und Gewicht, und daß sie
-den Armen mitwog, mußte er selber gewichtig sein.
-
-Bildung allein könnte den Armen erheben, daß er das seine zu fordern
-verstünde, Bildung allein machte ihn frei zu den Gütern des Lebens,
-Bildung allein konnte dem Haus des Unrechts die Treppe einbauen, daß
-die Stockwerke der Stände und Klassen einander in Menschlichkeit fänden.
-
-Pestalozzi, der Menschenfreund, mußte mit eisgrauem Haar ein
-Schulmeister werden; im Neuhof und danach in Stans war er ein liebender
-Vater der Armen und Waisen, in Burgdorf und Ifferten wurde sein
-zorniger Eifer der Lehrer der Menschheit.
-
-Denn als er den Kindern der Armen die Bildung zu bringen ausging,
-suchte sein liebender Eifer vergebens die Lehrer; der Gang der Natur,
-der das Kind aus dem Schoß der Mutter fröhlich ins Leben brachte,
-fehlte den Schulen der Armen und Reichen.
-
-Schulmeister trieben ihr hartes Gewerbe mit Schelten und Strafen;
-trockenes Klapperwerk war, wo Liebe und Einsicht, Frohsinn und
-Freisinn, Vernunft und Methode sein sollten.
-
-So kam es, daß er die Schule der Armen zu suchen ausging, und Armen wie
-Reichen den Weg der Erziehung fand: das Kind aus den Gärten der Jugend
-fröhlich ins Leben der Pflicht und Arbeit zu leiten, aus Spiel und
-Kindersinn das Bild einer neuen Menschheit zu bauen.
-
-Er war ein ärmlicher Greis, dem solches gelang, und seine Werke
-zerrannen in Streit und Enttäuschung; Sorge, Entbehrung und bitterer
-Zorn über die Härte, Bosheit und Dummheit der Menschen liefen den
-langen Lebensweg mit.
-
-Aber die Liebe hielt seinem Alter den Quell des Lebens lebendig, und
-als er versiegte, strömte sie noch, die Herzen zu rühren: daß dem
-Geringsten unsterbliche Seele einwohne, und daß es Menschenpflicht wäre
-und höchstes Ziel der Gemeinschaft, jegliche Seele ins Dasein zu wecken.
-
-
-Der Freiherr vom Stein
-
-Als die Preußen bei Jena den Krieg und den Kopf verloren, als das Heer
-in schimpflicher Flucht die Ängstlichen mitriß, als der Hof aus Berlin
-in Eilwagen floh, tat ein Mann kaltblütig das seine.
-
-Es war ein Freiherr vom Stein bei Nassau und früh in preußischen
-Diensten; ihm waren die Kassen des Staates anvertraut, und er wußte sie
-klug und besonnen zu retten.
-
-Der König von Preußen, einfältig und karg, mochte den eisernen Mann
-nicht; aber die Königin hörte ihm zu, und die Not zeigte mit allen
-Fingern auf ihn: so wurde der Reichsfreiherr vom Stein in Preußen
-Minister.
-
-Seit dem Spötter von Sanssouci kam zum erstenmal wieder ein Kopf und
-ein Herz in die Leitung des preußischen Landes, und ein Wille, anders
-als jener der oberste Diener des Staates zu sein.
-
-Denn der Reichsfreiherr haßte den dumpfen Betrieb peinlich bezopfter
-Beamten; ihm war der Staat ein lebendiges Wesen, bestimmt von
-sittlichen Kräften, und er kannte den Untertan nicht.
-
-Alle Stände und Klassen, Junker, Bürger und Bauern waren als
-Staatsbürger gleich in Rechten und Pflichten; sie dienten dem Staat als
-der Rechtsgewalt ihres Volkes.
-
-Weil der Staat die Rechtsgewalt war, durfte er nicht über Knechte
-regieren; die freie Gemeinde der Bürger mußte sich selber verwalten,
-wie es in Urväterzeiten das Mannesrecht war.
-
-Und keine Willkür der Junkergewalt durfte den Bauern in Leibeigenschaft
-halten; auf eigener Scholle, frei von Fron und Gedinge, sollte er
-wieder der fröhlichen Arbeit gehören.
-
-So kam die Freiheit in Preußen an den Tag, und der sie brachte, scheute
-kein Dohlengeschrei; über Beamten- und Junkertum kam sein Gesetz, wie
-der Tag über den Kreuzen und Steinen der Kirchhöfe steht.
-
-
-Kleist
-
-Ein Stern ging auf über dem preußischen Land, als es noch Nacht war,
-und schien in den Morgen, und niemand sah seinen Glanz, bis er blutrot
-verzuckte.
-
-Heinrich von Kleist hieß der Jüngling, der höher als einer in Preußen
-sein Angesicht hob, und tiefer als einer mit seinen Füßen im Schicksal
-verstrickt ging.
-
-Er war ein Junker aus altem Preußengeschlecht und diente dem König, bis
-er im siebenten Jahr den Soldatenrock auszog, bis er die Zucht und die
-Ehren des Standes verließ, anderer Zucht und anderer Ehren sehnsüchtig.
-
-So hatte Ulrich von Hutten den Stern seines unsteten Lebens durch
-Länder und Leiden getragen wie Heinrich von Kleist, da er fünf Jahre
-lang irrte und ruhelos war auf der Erde, die Bahn seines Himmels zu
-finden.
-
-Den göttlichen Weg der Großen in Weimar und Jena wollte er schreiten,
-aber sein flackernder Gang wurde kein Schritt; der glühende Geist
-konnte die Flamme nicht zünden und schwelte in funkelnden Dünsten.
-
-Als er wieder daheim war im preußischen Land, kein Jüngling mehr und
-doch kein Mann, wie ihn der Tag brauchte, wollte er seinen unsteten
-Geist in die Täglichkeit zwingen: zwei Jahre lang blieb er im
-Staatsdienst, schlafwandelnd und stumm, bis ihn der Donner von Jena und
-Auerstädt weckte.
-
-Flüchtig in Königsberg, gefangen in Frankreich, landfremd in
-Dresden, schrie er die eigene Wirklichkeit wach, als er sein kühnes
-Amazonenspiel schrieb, von der Königin Penthesilea, die den Achill
-liebte im Haß und seinen sterbenden Leib den Hunden preisgab.
-
-Der Alte in Weimar wollte den Dichter der Penthesilea nicht kennen,
-wie er den Dichter der Räuber nicht kannte: doch wie ein gotischer
-Turm über ein griechisches Tempeldach wächst, so wuchs dem preußischen
-Jüngling sein grausames Griechengedicht über das edle Gebälk des
-Meisters trotzig hinauf in den nordischen Himmel.
-
-Das aber war zu der Zeit, da durch die Herzen der Deutschen der erste
-Feuerschein ging, dem Korsen das Haus zu verbrennen; Heinrich von
-Kleist, der Preuße in Dresden, half hitzig den Brand schüren.
-
-Der preußische Junker haßte den fremden Tyrannen; der deutsche Mensch
-träumte den Traum einer neuen Reichsherrlichkeit: aber der Tag von
-Wagram zertrat ihm den Haß und den Traum.
-
-Zum andernmal kam er nach Preußen zurück, der Hoffnungen ledig, der
-Täglichkeit taub, der eigenen Dinge trächtig, wie eine Wolke geschwellt
-im Abendrot steht.
-
-Ein Genius kam nach Berlin, aber die klugen Bürger der Stadt an der
-Spree sahen nur einen geschäftigen Mann, der ihnen zum Sonntag das
-Abendblatt füllte mit Anekdoten und anderer Unterhaltung.
-
-Zwei Jahre lang ließen die kargen Berliner Heinrich von Kleist sein
-Krümperwerk tun, zwei Jahre noch blieb sein einsamer Geist auf der
-Erde; er hatte schreiten gelernt wie die Großen in Weimar und Jena,
-aber sein war der Sturmschritt.
-
-Nur raffen konnte er noch, was ihm die letzte Fülle zuströmte, raffen
-und aus der Schmiede mühsamer Jahre das köstliche Gut bergen.
-
-Erzählungen hieß er die Schicksalsberichte, darin ein starkes Stück
-Leben in einer Kette von schmucklosen Worten eng aufgeschnürt war: als
-ob ein Wanderer, kurz nur zur Rast, von einem Erlebnis mit fliegendem
-Atem berichte.
-
-Kohlhaas, der Roßhändler von Jüterbog, hatte dem Unrecht der Zeit samt
-ihren Junkern und Fürsten getrotzt, weil ihm sein Recht das höchste
-Mannesgut in der Welt war; er hatte den Trotz mit dem Schwert des
-Henkers bezahlt, und war noch dem Henker zum Trotz Sieger geblieben
-über Junker und Fürsten.
-
-So waren die Dinge noch nie einem Dichter über die Klinge gesprungen,
-als da der Junker Heinrich von Kleist den Roßhändler Michael Kohlhaas
-beschwor, als da er das Schattenbild einer Chronik in ewige Gegenwart
-stellte.
-
-Aber die seinen Schicksalsbericht lasen, waren der ewigen Gegenwart
-fern; sie hörten von einem Roßhändler und sahen den Dichter nicht, wie
-er die hämmernden Worte in einen Marmorstein grub, Urtümliches sichtbar
-zu machen.
-
-Sie hörten danach sein Spiel vom Zerbrochenen Krug und konnten
-nicht lachen, weil sie die Seufzer und Sittensentenzen schlechter
-Schauspieler vermißten, weil der blühende Scherz und derbe Spaß vom
-bocksfüßigen Richter in Husum ihnen zu handgreifliche Wirklichkeit war.
-
-Sie sahen das Kätchen von Heilbronn um seinen Ritter Ungemach leiden
-und fanden es dumm von dem Dichter, daß er das rührende Spiel ihrer
-Liebe in soviel Unheil vertiefte.
-
-Der aber dies alles den Ohren und Augen der Bürger noch hinwarf, ging
-längst auf dem Messergrat seiner letzten Entscheidung; als er ein armes
-Menschenkind fand, entschlossen hinunter zu springen, sprang Heinrich
-von Kleist mit in den Tod, der ihn von der Zeitung, von den Berlinern,
-von seiner schmählichen Zeit und seiner Enttäuschung in Einem erlöste.
-
-Es war im fünfunddreißigsten Jahr seines Lebens, als Heinrich von
-Kleist sich mit der Schicksalsgenossin am Wannsee erschoß; die
-gute Gesellschaft schwieg peinlich betreten, daß es die Frau eines
-Kleinbürgers war, der sich der Junker im Tode verband.
-
-Zehn Jahre lang blieb sein Gedächtnis vergessen, dann hoben Freunde den
-Nachlaß und fanden den Schatz, den ein Dichter dem Preußentum schenkte,
-als ihm sein eigenes Leben in Preußen vergällt war.
-
-Den Prinzen von Homburg hieß er sein Testament, und ob sie es lange mit
-blödem Gesicht lasen, einmal mußte sein Geist auferstehn, und einmal
-mußten die kargen Berliner und Preußen erkennen, daß nichts in der Welt
-diesem Bühnenspiel gleich war.
-
-Klopstock und Herder, Lessing und Schiller hatten um eine Dichtung
-gerungen, die jenseits des Tages doch seines Wesens innerstes Angebind
-war, Novalis sank in den Tod, Hölderlin floh zu den Griechen, indessen
-Goethe, der Leuchtturm in nächtlicher Brandung, über den Zeiten dastand:
-
-Alle sahen den Stern auf ihren mühsamen Wegen; dem er am fernsten
-stand, und der sich selber als Pfand dem Schicksal einsetzte, ihm wurde
-sein Glanz erfüllt, als er verzuckte.
-
-Wo der Prinz von Homburg den Tag des Kurfürsten von Brandenburg zur
-Ewigkeit machte, da wurde im deutschen Geist Preußen, da wurde im
-Preußengeist Deutschland wiedergeboren.
-
-
-1812
-
-Den Herrscher des Abendlandes priesen die Zungen; aber vor seiner Tür
-lag die englische Flotte, auch hielt die russische Mauer den Osten
-verriegelt: noch waren Napoleon Grenzen gesteckt.
-
-Er aber hieß seinen Sohn in der Wiege den König von Rom und ließ ihm
-das Zepter darbringen; er wollte die russische Mauer durchbrechen und
-wollte dem englischen Stolz die Segel absetzen.
-
-Mit einem gewaltigen Heer zog er aus gegen den Osten; die Völker
-Europas mußten ihm Heerfolge leisten, und als er in Dresden sein
-letztes Maifeld abhielt, kam der Habsburger Kaiser, kamen die Könige
-von Preußen, Sachsen und Bayern im Troß der Rheinbundfürsten herbei,
-ihm zu dienen.
-
-Sie saßen in prahlenden Festen zusammen, sie tanzten und hörten den
-schmachtenden Versen französischer Schauspieler zu, indessen die Söhne
-aus allen Gauen der deutschen Landschaft nach Rußland marschierten.
-
-Der Frühling blühte in Polen, und die Fahnen flogen im Sommerwind, als
-sie das Herzogtum Warschau verließen; aber dann fing die starrende
-Weite der russischen Unendlichkeit an.
-
-Regen ersäufte die Felder, und eine glühende Hitze kam, den Schlamm
-auszudörren; Menschen und Pferde erschraken, daß nur noch die Weiten
-des Himmels über der Öde, daß nicht mehr Wiesen und grüne Alleen, daß
-nicht mehr Dörfer und Städte fröhliche Zeugen der Menschenwelt waren.
-
-Als sie das Tal von Wilna erreichten, als in der Weite die erste Stadt,
-als wieder Straßen und Schatten, Stuben und Ställe da waren, hatte die
-große Armee den russischen Sommer erfahren, und eine lange Rast mußte
-den Troß der Mutlosen stärken.
-
-Noch aber hatte die Schlacht nicht begonnen, kein russisches Heer
-schien den Sieger zu hemmen, bis bei Smolensk die Kanonen zu donnern
-anfingen; tief in die Nacht ging der grausame Kampf, und schon stand
-das Glück auf der Scheide: als die Franzosen endlich die Brücke
-genommen, brannte die Stadt und ein Schutthaufen war ihre Rast.
-
-Der Weg nach Moskau stand offen, aber es war nur das Tor ins Verderben:
-als sie nach täglichen Kämpfen und stündlichen Leiden endlich im Herbst
-das bunte Getürm über dem unermeßlichen Meer der Dächer erblickten,
-stand keine Bürgerschaft an den Toren, dem Sieger die Schlüssel zu
-bringen.
-
-Und als die flinken Husaren zögernd einritten, war die Riesenstadt
-leer, der Hörnerschall starb an verschlossenen Fenstern und Türen.
-
-Es war schon tief im September, und der weiße Winter lauerte vor
-den Toren, das rote Blut zu vergelten: in Moskau sollte der Frieden
-mit Ölzweigen kommen, in Moskau sollte nach böser Entbehrung reiche
-Winterrast sein, aber da fing die leere Stadt an zu brennen.
-
-In einem Flammenmeer schwamm schon am dritten Tag der düstere Kreml;
-dem Korsen wurde es heiß auf der Zarenburg, er suchte sich vor den
-Toren ein kühles Quartier, aber sein Heer konnte die Stadt nicht
-verlassen.
-
-Denn draußen stand lauernd die Weite, der sie erst gestern entrannen,
-und aus der Weite hob der russische Winter drohend die Fäuste: sie
-waren als Sieger mit Hörnerschall eingezogen und saßen schaurig
-gefangen in der leeren brennenden Stadt.
-
-Ihr Meister und Herr wollte das Unglück noch zwingen, Boten und Briefe
-heuchelten dem Zaren Friedensbereitschaft; aber der Zar war in der
-russischen Weite verschwunden, nur seine Heere spannten von Osten den
-Ring um die Stadt.
-
-Die Sieger von gestern konnten nicht bleiben und mußten zurück, mehr
-als die hundert Meilen durch das verwüstete Land; schon aber gab der
-Oktober dem kommenden Winter die eisigen Hände.
-
-Kutusow hieß der seltsame Greis, der dem Rückzug aus Moskau das böse
-Geleit gab: da war die Weite lebendig geworden, zur Rechten und Linken
-hielten die russischen Klammern die Flanken gefaßt, von hinten drängten
-die Lanzen der wilden Kosaken.
-
-Eine geängstigte Herde, von Wölfen gestellt, so wollte die große Armee
-die Rettung gewinnen, aber der Winter kam früh mit grausamer Kälte: die
-am Weg blieben, lagen erfroren, und die den Weg fanden durch Hunger und
-weißen Schnee, tappten täglich tiefer ins Elend hinein.
-
-Noch immer war es ein Heer, das Napoleon führte; an der Beresina verlor
-er die Zügel: schwarz kam der Fluß durch die gefrorene Weite, und die
-Brücke war fort; zwei neue wurden gebaut im Feuer der Russenkanonen.
-
-Tausende fanden den Tod in dem trägen Gewässer, tausende fielen unter
-den Lanzen der wilden Kosaken, tausende wurden gefangen: was im
-Dezember endlich in Wilna ankam, konnte nicht mehr ein Heer heißen.
-
-Auf einem Schlitten, heimlich und schnell fuhr der Korse nach
-Frankreich; mancher in Deutschland sah eine vermummte Gestalt, darin er
-den Kaiser nicht wieder erkannte; und die ihn erkannten, glaubten eher
-an ein Gespenst, als daß es der Herrscher des Abendlandes wäre.
-
-Denn nur langsam kam das Gerücht von der großen Armee aus
-dem russischen Winter, und wenige wagten zu glauben, daß die
-Lumpengestalten wirklich der klägliche Rest und nicht nur versprengte
-Flüchtlinge waren.
-
-An vielen Häusern klopften sie an, und selten geschah es, daß einer
-heimkam in Sachsen, Bayern und Schwaben; wo einer heimkam, blieben
-hundert verschollen.
-
-Die Klage um die verlorenen Söhne fing an zu weinen in Deutschland;
-aber ein Brunnen brach aus der Tiefe, der alle Klage ersäufte, daß nun
-der Tag der Vergeltung und das Ende der frechen Fremdherrschaft käme.
-
-
-Tauroggen
-
-Eine Mühle liegt bei Tauroggen im litauischen Land; da wurde der
-Treubruch vollzogen, der die Erhebung des Deutschen gegen die
-fränkische Fremdherrschaft ansagte.
-
-York, der stählerne Mann, hatte das preußische Korps von Riga zurück an
-den Niemen gebracht; Klinge an Klinge dem russischen Freund, Schulter
-an Schulter dem fränkischen Feind, blieb er zweideutig zögernd zurück,
-bis ihn die Russen bei Tauroggen stellten, dann tauschte er die Parole.
-
-Er war Soldat und wußte, er brach seinem König den Eid, sein Kopf war
-verwirkt in Berlin; aber die preußische Sache wurde in Rußland geführt,
-und der Reichsfreiherr vom Stein, der Freund und Berater des Zaren, war
-ihr starker Verwalter.
-
-Ein Jahr lang war der mächtige Mann in Preußen Minister gewesen, dann
-hatte der Korse den Todfeind erkannt und geächtet: aber sein Testament
-war die Saat in der preußischen Scholle geblieben.
-
-Jetzt oder nie! so brach der Schrei aus den zornigen Herzen, jetzt
-oder nie mußte die Zwingherrschaft fallen, jetzt oder nie konnten die
-deutschen Völker die Freiheit erringen, gegen den fremden Tyrannen und
-gegen die Feigheit der eigenen Fürsten.
-
-Die in Tauroggen den Treubruch vollzogen, waren Soldaten; sie dienten
-dem Zaren und dienten dem König von Preußen nach ihrem Eid, und einer
-war mutig genug, ihn zu brechen: aber sie standen im Schachbrett der
-Zeit nur als Figuren, geschoben nach einem größeren Plan und einem
-mächtigen Willen.
-
-
-Die Landwehr
-
-Der König hielt Soldaten in Sold, und der Untertan diente im Heer, wie
-ein Knecht sich verdingte; so holte der Spötter von Sanssouci sich
-seine Soldaten aus allen Winden zusammen, so lagen die preußischen
-Werber auf der Lauer mit ihrem Handgeld.
-
-Es war aber ein Mann namens Scharnhorst, ein Bürgerssohn aus Hannover,
-im preußischen Heer durch tapfere Taten und kluge Lehren zu Rang und
-Geltung gekommen: der trug ein anderes Bild des Soldaten im Sinn, als
-daß er ein Söldner im Dienst einer Fürstlichkeit wäre.
-
-Soldat sein hieß ihm, die Waffen des eigenen Volkes in Ehrenpflicht
-tragen, wie es in Urväterzeiten war, da die freie Gemeinde den Jüngling
-für wehrhaft erklärte, wenn er gesund, unbescholten und mit den Waffen
-geübt war.
-
-Wie die Schule die Knaben, so rief das Heer die Söhne des Volkes auf
-in den Krieg -- nur die Krüppel und Kranken blieben zu Haus -- und wie
-die Schüler kamen und gingen nach ihrem Alter, so kamen und gingen die
-Söhne des Volkes, das Handwerk der Waffen zu üben.
-
-Denn nicht mehr um Höfe und Fürsten zog der Soldat hinaus in den Kampf,
-nur für das Vaterland durfte sein Blut fließen.
-
-So plante Scharnhorst, der Bürgerssohn aus Hannover, das Volksheer; und
-als der Reichsfreiherr vom Stein den Volksstaat zu bauen gedachte, als
-er den Untertan aufrief, Staatsbürger zu werden, war Scharnhorst sein
-Mann, dem Volksstaat das Volksheer zu schaffen.
-
-Auch Scharnhorst waren Spione gesetzt, aber er wußte das Ziel seiner
-Pläne klug zu verhüllen; sie sahen die Krümper kommen und gehen und
-merkten nicht, wie er aus Krümpern die Landwehr und aus der Landwehr
-das preußische Volksheer machte.
-
-Als aber York von Tauroggen kam und mit ihm Stein, der mächtige Mann,
-als sie zusammen in Königsberg saßen, war Scharnhorst der Dritte im
-Bund, der Erhebung die Waffenschmiede zu bauen.
-
-Da wurden die Krümper zur Landwehr gerufen; und wie sie kamen mit
-Bärten und breiten Fäusten, wurde ein anderes Heer als vormals die
-Söldner: sie standen nicht gut zur Parade mit ihren Schirmmützen und
-konnten nicht nach dem Dessauermarsch den Stelzenschritt machen, aber
-sie wollten ihr Vaterland retten und freuten sich auf den Tag, da sie
-dem Übermut der Franzosen mit deutscher Münze heimzahlten.
-
-
-Die Erhebung
-
-Indessen die Männer der neuen Zeit Preußen erhoben, saß der König stumm
-und bedrängt in Berlin; er konnte den Geist der Zeit nicht erfassen und
-fürchtete eher, daß ihn der Aufruhr verschlänge, als daß er ans Volk
-glaubte.
-
-Denn immer noch war die französische Hand stark in Berlin; weil
-Hardenberg aber, sein Staatsminister, die List und die Lüge verstand,
-ließ er den König vor den Franzosen sein Puppenspiel machen, er aber
-wußte die Fäden mit Königsberg heimlich zu halten.
-
-Als die Franzosen den preußischen Bundesgenossen noch fest in der Hand
-zu haben gedachten, war der König, durch Hardenberg listig gewarnt und
-geschreckt, nach Breslau geflohen.
-
-Da waren die Russen schon nahe, und der Reichsfreiherr vom Stein flog
-wie ein Geier herzu, den Zagenden zu packen; dem Freund und Berater
-des siegreichen Zaren konnte der König von Preußen nicht widerstehen:
-was York zu Tauroggen tat, wagte er selber, er gab dem Gesandten von
-Frankreich die Pässe und trat in das russische Bündnis.
-
-So war es endlich geschehen, was hitzige Herzen lange ersehnten: der
-Tag der Erhebung war da und schwoll mit Sturmgewalt an; als der Zar
-selber in Breslau anlangte, als sich die Fürstengestalten dem wartenden
-Volk zeigten, dankte der Jubel der Menge den beiden.
-
-Zwar hatte der Herr aller Reußen kürzlich erst so mit dem Korsen
-gestanden; aber die hinter dem höfischen Hergang den Willen des
-Reichsfreiherrn vom Stein erkannten, wußten genau: nun hatte der
-mächtige Mann über bänglichen Widerstand, über Kabalen und Interessen
-und über die Eitelkeit fürstlicher Schauspieler gesiegt.
-
-Indessen die Fürsten mit ihren goldenen Litzen zur Schau standen, lag
-er in seiner Kammer, vom Fieber geschüttelt; aber die fiebernde Stirn
-des Reichsfreiherrn vom Stein behielt den eisernen Willen, und sein
-jagendes Herz blieb, was es war: das deutsche Gewissen.
-
-Nie sollte wieder, so brannte sein Feuer, Deutschland der fürstlichen
-Willkür verfallen, nie sollte der Staatsbürger wieder ein Untertan
-werden; in freier Gemeinschaft sollten die Männer wieder ein Volk sein.
-
-Das war die Flamme, die auf den Bergen rundum als Wachtfeuer brannte,
-das war der Wind, der aus den Herzen der Jugend die Flammen lohend
-anblies, das war der Blick, der aus den Augen der Männer in all die
-wehende Glut schaute.
-
-So war es in Wahrheit ein Tag der Erhebung: das Vaterland hatte den
-Opferaltar vor seine neue Zukunft gestellt, und wer kein Hundsfott war,
-eilte herzu, Leben und Gut dem Altar zu bringen.
-
-Die mit goldenen Litzen dastanden, wurden ängstlich darüber, daß die
-Befreiung zur Freiheit anschwellen möchte; aber der fiebernde Wille in
-seiner Kammer hatte sie kühn als Figuren in seine Rechnung gestellt,
-er hatte das Schicksal entfesselt, und Schicksal hieß seinem gläubigen
-Geist, im Schutz des Ewigen sein.
-
-
-Leyer und Schwert
-
-Es war ein junger Dichter in Wien, Karl Theodor Körner geheißen, fast
-noch ein Fant, aber in seiner Kindheit hatte Schiller, der Freund
-seines Vaters in Dresden, dem Knaben die Locken gestreichelt.
-
-Wie nun die Wolken in Deutschland zu wehen begannen, daraus sich das
-Ungewitter über Napoleon ballte, ließ Theodor Körner die schöne Braut
-und den jungen Ruhm in Wien hinter sich, zu den preußischen Waffen zu
-eilen, obwohl er ein sächsischer Untertan war.
-
-Die schwarze Freischar der Lützower Jäger und Reiter nahm ihn mit den
-andern Jünglingen auf, die nicht zur Armee konnten, und ihre Eigenlust
-suchten, das Vaterland zu befreien.
-
-Sie führten den kleinen Krieg zwischen den Kanonen der Großen und
-hätten mit ihren Waffen allein dem Korsen kaum Schaden getan; aber der
-Ruhm der schwarzen Freischar umflatterte den Mächtigen, wie die Raben
-den Bussard.
-
-Und der fast noch ein Fant war und ein Füllhorn leichter Gedichte, sang
-der Schar seine Lieder, darin die Jünglingslust am reiten, klirren und
-siegen brauste; darin sich der Frieden wegwarf in den Krieg und der
-Tand in den Tod; darin das Schwert der Zweck der Hand wurde und die
-Kugel ihre Tücke verlor.
-
-Bei Kitzen verwundet und, kaum gesund, schon wieder im Feld, sank
-Theodor Körner bei Gadebusch zu früh in den Tod, mehr als die herrliche
-Hoffnung des Sieges zu erleben; und die Freunde begruben ihn da unter
-der Eiche.
-
-Aber die Lieder blieben und wurden nach Frankreich hinein gesungen:
-Leyer und Schwert hieß das kleine Buch, darin sie gesammelt standen,
-den Namen des Dichters in alle deutschen Herzen zu tragen.
-
-Denn nun war die Wendung geschehen: nicht mehr geworbene Söldner hatten
-den Krieg geführt; das Volk war aufgestanden, die Landwehr hatte den
-Sieg über die fremden Bedrücker errungen.
-
-Nach einem Jahrtausend war das Schwertrecht des freien Mannes wieder
-zur Geltung gekommen, und Theodor Körner hatte dem alten Schwertrecht
-die neuen Lieder gesungen.
-
-
-Blücher
-
-Als die Erhebung des preußischen Volkes Blücher ins Feld rief, war der
-Feldmarschall schon ein Greis, aber sein Name warf Mut in die Menge.
-
-Blücher allein hatte nach Jena und Auerstädt den Säbel in der Faust
-behalten; aus flüchtigem Volk raffte er noch ein Heer mit dem Rest
-seiner Reiter, sich über See mit englischen Schiffen nach Danzig zu
-schlagen.
-
-Er kämpfte sich durch bis nach Lübeck, er brachte die Wut der Franzosen
-und unermeßliches Leid über die Reichsstadt und wurde trotzdem
-gefangen; aber der tollkühne Ritt hob seinen Ruhm aus der Schande.
-
-Wo eine Hoffnung war, je aus der Knechtschaft zu kommen, wurde sein
-Name genannt; als sein weißer Schnauzbart in Breslau erkannt war, hatte
-der kommende Krieg seinen Meister gefunden.
-
-Den Marschall Vorwärts hießen die Russen zuerst den fröhlichen
-Alten, der nie ein bänglicher Zauderer war, der jeglichen Stier bei
-den Hörnern packte und für den schwankenden Mut der Verbündeten den
-zornigen Treiber vorstellte.
-
-Denn es ging nicht so rasch in dem Feldzug, wie die preußischen Herzen
-erhofften; immer noch war der Korse Meister im Feld, immer noch wußte
-der Kaiser neue Heere zu raffen.
-
-Bei Lützen und Bautzen wurde die preußische Landwehr zweimal
-geschlagen, und Scharnhorst, ihr Schöpfer, sank in die blutige Mahd;
-schon fingen die Federn ihr Kritzelwerk an, schon schien den Schwachen
-der Feldzug verloren.
-
-Aber der Waffenstillstand wurde kein Friede, und als der Kampf im
-Sommer neu brannte, war die Habsburger Hofburg, zögernd und zweideutig
-zwar, dem Bund beigetreten.
-
-Da endlich gelang es dem zornigen Marschall, das Wasser auf seine
-Mühlen zu bringen; an der Katzbach schlug er die erste siegreiche
-Schlacht über die stolzen Franzosen, und nun blieb das Glück seiner
-Landwehr günstig, bis sie bei Möckern Sieger der großen Völkerschlacht
-wurde.
-
-Der Marschall Blücher blieb der zornige Treiber, und eher ruhte sein
-Ungestüm nicht, bis die Fürsten und Federn seinem Säbel den Weg nach
-Frankreich freigaben.
-
-Er war kein Meister der langen Berechnung, und er liebte die hohe
-Strategie nicht; ein Haudegen nur -- von Gneisenau, seinem Feldherrn,
-mit Umsicht geleitet -- ritt tollkühn ins Feld: aber den fröhlichen
-Schnauzbart liebten die Jungen und Alten, weil er aus uraltem Holz
-germanischer Reiter- und Kriegslust geschnitzt war.
-
-
-Die Völkerschlacht
-
-Schlimmes hatten die Völker ertragen, und Krieg war gewesen seit
-Menschengedenken, auf allen Straßen Europas waren die Heere des Korsen
-marschiert, in vielen Hauptstädten hatten die Hörner den siegreichen
-Einzug geblasen: nun ballte der Krieg sich zusammen, einmal ein Ende zu
-haben.
-
-In Sachsen hatte die Meute das korsische Raubwild gestellt, noch
-schlugen die Tatzen gewaltig, aber schon schweißte die Spur, als es bei
-Leipzig sein letztes Versteck nahm.
-
-Von Norden, Süden und Osten bedrängten die Heere das Lager, darin der
-Meister des Schlachtfeldes stand, bereit, seine Gegner zu packen.
-
-Solange die neue Welt war, hatte die Menschheit solche Schlacht nicht
-gesehen, fünfhunderttausend Soldaten brachten ihr Leben, zweitausend
-Kanonen brüllten hinein, meilenweit brannten die Dörfer, meilenweit
-wurden die Felder zerstampft, bis in die brütende Ferne brauste die
-Erde.
-
-Macht wollte der Macht die Wurzeln ausreißen, aber die Wurzeln hingen
-im Blut lebendigen Daseins: mehr Leichen lagen um Leipzig, als in der
-erschrockenen Stadt Einwohner waren, und das Blut der Erschlagenen
-färbte die sumpfige Pleiße.
-
-Drei Tage lang liefen die Heere an, drei Tage lang spannte der
-Ring seine gewaltigen Kräfte, bis es am dritten Abend gelang, den
-Höllenschlund zu umfassen.
-
-Eine Mühle stand auf dem Hügel hinter Probstheida: da saß zur Nacht
-bei dem flackernden Feuer ein Mann auf dem Feldstuhl, der einmal der
-Herrscher des Abendlandes war.
-
-Er hatte die Fürsten Europas bezwungen und ihre Throne verschenkt
-und hatte die Völker mißachtet; er war aus dem Aufruhr der Freiheit
-gestiegen und hatte die Macht aufgerichtet, nun kam die Freiheit zurück
-und stürzte ihn selbst als Tyrannen.
-
-Denn die auf dem anderen Hügel jenseits Probstheida am Nachmittag
-standen, hoch zu Roß und im blinkenden Kreis ihrer Gefolge, die Fürsten
-von Rußland, Österreich und Preußen, waren nicht seine Besieger.
-
-Sieger war der mächtige Mann, der den Willen des deutschen
-Volkes entflammte zu einer neuen Reichsherrlichkeit, auf den
-Staatsbürgerwillen des freien Mannes, nicht auf die Willkür der Fürsten
-gebaut.
-
-Nicht darum war es die Völkerschlacht, weil vielerlei Völker dem
-Fürstengebot folgten: die Völker selber rangen darin um Befreiung von
-einem und vielen Tyrannen.
-
-Als der vierte Morgen aufging über dem brennenden Schlachtfeld
-von Leipzig, war das Große getan: die Völker hatten die korsische
-Schwertmacht zerschlagen, der Zwingherr der Macht mußte fliehen, und
-brausend scholl hinter ihm her der Sturmschritt kommender Freiheit.
-
-
-Caub
-
-Eine Winternacht hing über dem Rhein, und das alte Gemäuer der Pfalz
-stand bei Caub in den schwarzen Gewässern; da wurde es seltsam
-lebendig, viel hundert Kähne lagen bereit, und es klirrte von Waffen.
-
-Blücher, der Feldmarschall, wollte zu Neujahr nach Frankreich hinein,
-und noch war der Rhein die Grenze.
-
-Schlesier, Pommern und Preußen füllten die Kähne, und als die ersten
-Schüsse den Neujahrstag weckten, sprangen die bärtigen Männer der
-Landwehr ans Ufer und riefen Hurra, als ob zum andernmal Völkerschlacht
-wäre.
-
-Aber nur Grenzwachen und Zollwächter liefen davon vor den Schüssen;
-denn meilenfern standen die Heere des Korsen im Herzen von Frankreich
-bereit, die Sieger hart zu empfangen.
-
-So war es nur ein fröhliches Fest, das die preußische Landwehr beging;
-Neujahr zwischen den Schlachten; aber im neblichten Morgen wurden die
-Kähne zur Brücke gefügt, und am Mittag begannen die Räder zu rollen.
-
-Ein deutsches Heer ging über den Strom, der einmal die goldene Ader der
-Reichsherrlichkeit war.
-
-Herrschsucht der Fürsten hatte das Reich der Kaiser verzettelt; der
-Rhein der alten Kurfürstenmacht mit seinen Domen, Pfalzen und mächtigen
-Städten war Grenzland geworden, bis ihn die Fürsten des Rheinbunds,
-Vasallen des Korsen, völlig an Frankreich verrieten.
-
-Nun war mit der korsischen Macht auch das Lumpenglück der
-Rheinbundfürsten zerschlagen: Deutschland trat wieder seinen
-Stammbesitz an, über den rheinischen Domen von Köln, Mainz und
-Straßburg sollte von neuem der Reichsadler wehen.
-
-So riefen die freudigen Herzen Hurra, als sie den Boden jenseits des
-Rheins am Neujahrsmorgen betraten; das Elend der Fürsten war aus, die
-Völker und Stämme der Deutschen kamen, die Reichsherrlichkeit neu
-aufzubauen.
-
-
-
-
-Das Buch der Minister
-
-
-Das Reich
-
-Das Wunder der Völker gelang: die Heere marschierten nach Frankreich,
-und deutsch war wieder der Rhein.
-
-Aber vom Rhein bis zur Elbe lagen die Länder von ihren Fürsten
-verlassen, und das Bauernvolk sah die wilden Kosaken von heute nicht
-freundlicher an als die flinken Husaren von gestern.
-
-Das eroberte Land zu verwalten, war der Reichsfreiherr vom Stein
-eingesetzt von den Siegern; indessen die Bänglichen noch den Atem
-anhielten vor dem kühnen Wagnis im Westen, war er geschäftig, das
-kommende Reich zu gestalten.
-
-Er haßte die Rheinbundfürsten, die nun den Korsen verließen, um ihre
-Throne und Thrönchen zu retten; er war der deutsche Gedanke und wollte
-seine Gestalt, daß von Straßburg bis Memel, von der Etsch bis zum Belt
-wieder ein deutsches Vaterland wäre.
-
-Wie seine starke Hand im Namen der Sieger die Länder aufraffte, so
-sollte bald wieder über den Völkern die starke Reichs- und Kaisergewalt
-sein.
-
-Aber nicht mehr ein Kaiser der Fürsten und die vergoldete Puppe nur
-einer Scheingewalt: eine starke Verfassung sollte ihm zu der Krone das
-Schwert in die Hand geben, und Träger solcher Verfassung sollte die
-einige Volksgewalt sein.
-
-So baute der deutsche Gedanke das Reich, indessen die siegreichen Heere
-in Frankreich das korsische Schreckbild der Fürsten zerschlugen; so
-träumte die deutsche Erhebung noch ihren herrlichen Traum, indessen
-die Höfe, des Schreckbildes ledig, das Ränkespiel ihrer dynastischen
-Hoffart schon wieder begannen.
-
-
-Der Wiener Kongreß
-
-Die Völker hatten das ihre getan, nun kamen die Fürsten, Ernte zu
-halten; Napoleon wurde nach Elba verbannt, und die Bourbonen brachten
-die Lilie nach Frankreich zurück; den Ländergewinn zu verteilen,
-beriefen die Sieger den Wiener Kongreß.
-
-Da kamen sie alle wieder wie gestern, die gekrönten Häupter der Zeit
-im Gefolge der Bänder und Litzen; Wien, die üppige Herrin des Ostens,
-schaukelte endlich die goldene Wiege der Zeit.
-
-Versailles war leer, und Wien sah die Gäste; da strahlte der Kaiser
-Franz als der bevorzugte Wirt mit den Sälen der Hofburg.
-
-Er war keine Sonne, wie einmal der König von Frankreich den Fürsten
-Europas das Lebenslicht borgte: ein fleißiger Hausvater schrieb seinen
-fürstlichen Gästen die Bälle und Tanzweisen vor, das Fest ihrer
-Wiederkunft fröhlich zu feiern.
-
-Denn wie im Märchen der böse Wolf tot war, und wie die Geißlein
-sprangen und sangen am Brunnen, darinnen das garstige Tier lag, so
-wollten die wiedergekehrten Herren ihr Siegesfest halten.
-
-Nie hatte die Stadt an der Donau solchen Jahrmarkt gesehen, als da der
-Wiener Kongreß im Triumph der wiedergekehrten Vergangenheit die Kränze
-der adligen Herrlichkeit band.
-
-Zwar hatten die Kronen und Fürsten den Völkern vieles versprochen, aber
-das war vergessen mit ihrer Not: Untertan hieß wieder der Bauer und
-Bürger; das Schaubild der neuen Reichsherrlichkeit fraßen die Hunde.
-
-Indessen die Fürsten mit ihrem Gefolge die Freuden des Jahrmarktes
-genossen, feilschten Minister und Räte in ihren Buden, den Herren mit
-Ländergewinn die Taschen zu füllen.
-
-Sie waren die neuen Meister der Macht; sie führten den Krieg mit Listen
-und Kniffen, und ihre beißende Eifersucht wachte, daß keinem die Beute
-völlig gelang.
-
-Als über die Bälle des Winters die Märzwinde kamen, waren die Mächte
-im Wiener Kongreß schon wieder feindlich geschieden: hie Rußland und
-Preußen, hie Österreich, England und Frankreich! waren die Lager
-geteilt, und schon fingen die Heere an zu marschieren.
-
-Da kam der Schrecken aus Elba über die tanzenden Fürsten und über die
-Eifersucht ihrer Minister: der Korse hatte die Insel verlassen, und als
-sie noch suchten nach seinen Schiffen und Plänen, war er in Frankreich
-gelandet.
-
-Der Jahrmarkt in Wien mußte die Buden zumachen; der Hausherr konnte
-nicht mehr den fröhlichen Ballvater spielen; über die Treppen der
-Hofburg liefen verstaubte Kuriere.
-
-
-Die hundert Tage
-
-Noch einmal mußten die Völker Europas marschieren, die Fürstenthrone zu
-schützen; schlechten Schauspielern gleich waren die feigen Bourbonen
-aus Frankreich hinaus gelacht worden: in seinen Tuilerien saß wieder
-der Kaiser.
-
-Die Herren in Wien hatten ihm Elba gegeben, als ob der Weltbezwinger
-ein Auszügler wäre; sie hatten um seine Kleider mit gierigen Händen
-gewürfelt, nun schlug die gewaltige Faust in ihr klägliches Spiel.
-
-Der Wolf war zurückgekehrt, und das Geißengeschlecht schrie nach dem
-Jäger; sie waren gekrönt an den Häuptern, aber keiner war Herrscher und
-Fürst wie der gewaltige Mann, der das klagende Kind Europa noch einmal
-auf seinen Stiernacken nahm.
-
-Die Herzen der Völker erbebten bis in den Grund, weil nun die Macht
-wiederkam; sie hörten den eisernen Schritt gehen und sahen den Himmel
-von neuem gerötet.
-
-Aber der eiserne Schritt und die Röte waren nur Untergang; die
-gewaltige Bahn war vollendet, der korsische Tag im Abendland wollte
-sein letztes Abendrot leuchten.
-
-Wohl lief die Garde des Kaisers noch einmal dem Ruhm zu, die Fahne
-von Lodi wurde entrollt, und die Adler von Austerlitz stiegen: aber
-die Adern, einmal von Glück und glorreichen Taten geschwellt, waren
-entkräftet.
-
-Um das Genie der korsischen Macht war der Zauber der Freiheit gewesen:
-der Zauber war fort und Frankreich war leer, wie das Abendland leer
-war; so konnten die Mächte der Herkunft den Zaubermeister besiegen.
-
-Noch einmal gelang es dem Meister der Schlachten, die Preußen bei Ligny
-zu schlagen, und Blücher der greise Feldmarschall mußte sein Ungestüm
-büßen; aber die preußische Landwehr, durch Gneisenau trefflich geführt,
-vollbrachte das Wunder, am dritten Tag wieder im Feld, auf schlechten,
-verregneten Wegen bei Waterloo siegreich zu sein.
-
-Von seinen Ministern verraten, verlassen von seinem Volk mußte der
-Kaiser zum andernmal in die Verbannung; aber nun sollte der Wolf nicht
-wieder den Geißen das Siegerglück stören.
-
-Eine Insel im Weltmeer, tausend Meilen entfernt von seinen Taten,
-bewacht von englischen Schiffen, wurde dem letzten Kaiser der
-abendländischen Welt sein hartes Gefängnis, indessen die Fürsten zum
-andernmal kamen, den Jahrmarkt der Kronen und Krönchen zu feiern.
-
-
-Die heilige Allianz
-
-Das Blut der Völker hatte den Tag der Befreiung gebracht; aber die
-Fürsten, von ihrer Bedrängnis befreit, wußten den Völkern das Morgen-
-und Abendrot frech zu verstellen.
-
-Nie sollte Deutschland wieder der fürstlichen Willkür verfallen, in
-freier Gemeinschaft sollten die Stämme ein Volk, die Länder ein Reich
-sein: so hatte der Reichsfreiherr vom Stein die Erhebung gewollt,
-so hatte sie Fichte mit glühenden Worten verkündigt, so hatten die
-Wachtfeuer von den Bergen geflammt.
-
-Aber die Fürsten in Wien und ihre Minister brauchten das Feuer nicht
-mehr, sie bliesen es aus und dämpften die glühenden Kohlen; sie
-flickten das Bundesgebäude der Fürsten zusammen und stellten ihr
-Kerzenlicht auf, es zu erhellen.
-
-Nur ein Staatenbund sollte das deutsche Vaterland werden; kein Reich,
-kein Kaiser, kein Kurfürst sollte die Fürstenherrlichkeit stören, kein
-Wappen und keine Fahne durften Sinnbilder der Einigkeit sein.
-
-Daß nicht noch einmal ein Aufruhr die Staaten in Unordnung brächte,
-schlossen die Träger der Kronen den ewigen Bund, dazu der Zar aller
-Reußen mit eigener Hand die Worte aufsetzte.
-
-Die heilige Allianz hießen sie selber das Bündnis, als ob die Gestirne
-des Himmels, durch einen Ausbruch der Hölle gestört, nun wieder, durch
-Gottes Gnaden mit fürstlicher Würde beschienen, die ewige Bahn fänden.
-
-Da war die Freiheit auch nur ein Übel aus Frankreich; Freiheit,
-Verfassung und Vaterland, die Aufruhrgedanken der Zeit, hatten den
-Kampf gegen die heilige Herkunft verloren; und Hüter der heiligen
-Herkunft hießen die Fürsten.
-
-So waren die Völker um ihre Hoffnung zwiefach betrogen:
-Staatsbürgerrecht und Verfassung, in fürstlicher Not mit fürstlichen
-Worten verheißen, folgten dem Korsen in die Verbannung; über dem
-Flickwerk des deutschen Bundes glänzten die Kronen und Krönchen der
-Fürsten, von der Gnadensonne der heiligen Allianz eifrig beschienen.
-
-
-Der Siebenschläfer
-
-Indessen Jerome, der Bruder des Korsen, als König Lustik in Kassel
-regierte, hatte der Kurfürst von Hessen auf seinen Gütern in Böhmen
-gewartet; als dann im siebenten Jahr seiner Verbannung das Blut der
-Völker die Fürsten von ihrem Zwingherrn befreite, kam auch der Kurfürst
-nach Kassel zurück.
-
-Er war schon ein Greis, als er wiederkam, und stellte die Uhren zurück
-auf die Stunde, da ihn der Korse verjagte: über das Reich und über sein
-Land war das Schicksal mit scharfen Besen gefahren, er hatte in Böhmen
-nichts als den Ärger gespürt, daß ihm ein frecher Franzose, nicht
-einmal fürstlich geboren, sein Eigentum nahm.
-
-Denn daß ihm das hessische Land mit allen Feldern und Häusern,
-Pferden, Bauern und Bürgern als irdisches Erbgut gehörte, das war sein
-fürstlicher Glaube.
-
-So sah er mit Zorn, daß seine Soldaten ihr Haar neumodisch schnitten
-und kämmten, ihm aber war ein Soldat ohne Zopf ein Gaul ohne Geschirr:
-sie mußten ihm wieder mit Zöpfen marschieren.
-
-Gleich dem Zopf der Soldaten gehörte der Frondienst der Bauern seiner
-fürstlichen Weltordnung an: leibeigen zu sein, war ländliche Pflicht,
-und Frondienst zu fordern, war göttliches Recht der adligen Herrschaft.
-
-Und wie den Zopf und den Fron sah der Kurfürst von Hessen jegliches
-Ding; um ein Jahrhundert verirrt, ließ er sein Hessenvolk spüren, daß
-nicht mehr der König Lustik auf Wilhelmshöhe regierte.
-
-Den Siebenschläfer hieß ihn das hessische Volk: als ob er der
-Bannerherr der heiligen Allianz wäre, so wurde nach sieben
-verschlafenen Jahren der Greisenspuk seines Daseins lebendig; der
-Hochmut und Eigensinn fürstlicher Willkür zeigte noch einmal der Welt
-seine Fratze.
-
-
-Der Geheimrat
-
-Es war ein Bücherwurm in Berlin, zu alt für den Krieg, aber in seiner
-Stube ein streitbarer Herr, seines Zeichens Jurist und Professor.
-
-Der sah mit hämischer Seele den Glanz der Erhebung, und wie das Feuer
-die Jugend durchglühte; weil ihm das Feuer gut für die Öfen, sonst aber
-ein höllisches Element war, geriet er in Zorn.
-
-Freiheit und Vaterland hieß er böse Gedanken, gefährlich dem Staat,
-weil sie den Untertan störrisch, begehrlich und unfreudig machten, der
-Obrigkeit Demut, Respekt und Gehorsam zu leisten.
-
-So schnitt der Geheimrat Schmaltz in Berlin seinen Gänsekiel scharf und
-tauchte ihn tief in den Zorn seiner devoten Gesinnung; so schrieb er
-die Schrift, die seinen Namen unlöschbar mit Schande beschmierte.
-
-Da waren die Männer, die Preußen erhoben und Deutschland befreiten,
-Stein, Fichte und ihre Gesellen, Verführer des Volkes; da waren
-Staatsbürgerschaft und Verfassung gefährliches Gift, in die Ohren und
-Herzen der Jugend geträufelt.
-
-Indessen die Tapferen draußen im Feld standen, saß der Professor
-daheim, sie zu schmähen; und als sie einrückten, Sträuße des Sieges an
-ihren Gewehren, empfing sie die schändliche Schrift.
-
-Da schlug ihre Faust auf den Tisch, und ihre Flüche wünschten den
-Schuft an den Galgen; aber der Schuft saß in der Gunst seiner Obrigkeit
-vor ihren Flüchen und Fäusten gesichert, und wo sie das eiserne Kreuz
-ihrer Tapferkeit trugen, hing ihm die goldene Fracht seiner Orden.
-
-Der Geheimrat trat in den preußischen Tag und wurde der Würger
-deutscher Erhebung, fremd allen lebendigen Dingen der Welt, verachtet
-von guten und tapferen Herzen, aber von oben mit Gnaden und Würden
-gesegnet.
-
-
-Die deutsche Burschenschaft
-
-Ein Junitag wars, da standen im Gasthof zur Tanne in Kamsdorf bei Jena
-Studenten und hörten dem Sprecher zu; einhundertdreizehn war ihre Zahl,
-der Sprecher hieß Horn.
-
-Er war ein Kieler Blut und sprach von anderen Dingen als sonst ein
-Student; die ihm zuhörten, waren mit hellen Herzen gekommen, von
-solchen Dingen zu hören.
-
-Der große Krieg war ihre Schule geworden und der doppelte Sieg
-ihr Examen; sie hatten es tapfer bestanden, doch da sie den Sieg
-heimbrachten aus endlosen Märschen, heißen Gefechten und brüllenden
-Schlachten, fanden sie keinen Raum, ihn zu betten.
-
-Sie waren Deutsche gewesen im Feld und sollten nun wieder der
-Landsmannschaft dienen, die dem Studenten das Flickwerk der Fürsten mit
-ihren Farben und Feindschaften aufklebte.
-
-Sie waren Männer gewesen im Krieg und sollten nun wieder den Tag mit
-Narrheiten füllen, saufen und singen mit heiseren Kehlen, mit seichtem
-Geschwätz und albernen Streichen die Stunden abstechen.
-
-Sie waren Kämpfer gewesen im täglichen Tod und sollten wieder mit
-Liebesgetändel und lüsterner Buhlschaft dem Leben die trüben Becher
-leertrinken.
-
-So standen sie tapfer und treu in der Tanne zu Kamsdorf zusammen,
-selber dem Sieg die Räume zu bauen, die ihnen die Heimat versagte:
-Burschen wollten sie bleiben, aber die Burse, darin sie wohnten, sollte
-das ganze Vaterland sein.
-
-Keine landsmännische Feindschaft sollte die Österreicher, Preußen,
-Bayern, Sachsen, Schwaben, Holsteiner, Schlesier, Westfalen und
-Rheinländer trennen: deutsch sollte deutsch sein, von Straßburg bis
-Riga, von der Etsch bis zum Belt; die Farben schwarz, rot und gold,
-darin sie im Lützowschen Freikorps die Freiheit erhoben, sollten die
-Farben der deutschen Burschenschaften bleiben.
-
-
-Das Fest auf der Wartburg
-
-Einhundertdreizehn Studenten hatten den Bund bei Jena geschworen, bald
-waren es tausend: die deutsche Burschenschaft wurde im deutschen Bund
-ein Gesang junger Herzen, der immer herzhafter schwoll; ihre Farben,
-schwarz, rot und gold wurden das Banner der Zukunft.
-
-Ehre, Freiheit und Vaterland bekannte ihr Wahlspruch; alles, was jemals
-deutsche Herrlichkeit war, hob seinen stürmischen Blick darin auf gegen
-das Flickwerk der Fürsten.
-
-Als sich die Tage der Völkerschlacht zum viertenmal jährten, klangen
-die Hammerschläge von Wittenberg mahnend hinein: vor dreihundert Jahren
-hatte der blasse Magister sein kühnes Blatt an die Schloßkirchentür
-angeschlagen; der deutschen Burschenschaft sollte das stolze Gedächtnis
-ein Feiertag werden.
-
-Ein Verbrüderungsfest auf der Wartburg wollten sie feiern, ein
-sichtbares Zeichen der bänglichen Zeit, daß in den Herzen der Jugend
-über den Farben und Ländern der Fürsten eine Fahne, ein Vaterland sei.
-
-Ihrer fünfhundert stiegen durch herbstroten Wald den alten Burgweg
-hinauf und füllten das alte Gemäuer mit ihrer lärmenden Freude; die
-Fahne wehte schwarz, rot und golden, und aus dem Rittersaal erscholl
-der brausende Jungmännerschwur, den Schläger blank und den Sinn frei zu
-halten für das einige Vaterland.
-
-Als dann der Abend sank über die herbstroten Wälder, über das alte
-Gemäuer und über die lärmende Freude, als ihrer Viele auf mancherlei
-Wegen heimgingen, stand noch ein Häuflein da oben und wollte den
-strahlenden Tag in die sinkende Nacht ziehen.
-
-Einen Holzstoß ließen sie brennen als Siegesfeier der Völkerschlacht;
-aber das lodernde Feuer rief ihnen den Wintertag wach, da Luther am
-Rand der Welt mit seiner Jüngerschar stand, die Bannbulle zu verbrennen.
-
-So sollten sie alle ins Feuer, die schmählichen Schriften der
-Schmaltz und Genossen; auch eine Schnürbrust brachten sie her
-von den Preußenulanen, einen hessischen Zopf und einen Stock der
-österreichischen Korporale: Schriften und Sinnbilder mußten den
-Feuertod sterben, und die Wangen der Jugend glühten darüber.
-
-Die heldische Tat des Magisters wurde verkehrt in den Übermut hitziger
-Knaben; aber die Flammen fraßen mit gleicher Gier, und als die Asche
-verglüht war, hatte die Burschenschaft übel getan vor dem strengen
-Blick der Minister.
-
-Der Rauch blieb über der Wartburg hängen und schwelte hinüber nach
-Jena; böse Gesinnung, so hieß es, habe ihr Angesicht gegen die Ordnung,
-gegen die Throne und gegen die Fürsten erhoben: der Geheimrat trat auf
-im Zorn, dem Aufruhr anders als mit dem Gänsekiel zu begegnen.
-
-
-Sand
-
-Bei dem Feuerstoß auf der Wartburg stand ein Student namens Sand
-heller im Feuer als seine Genossen; er hatte dem Tag die Festschrift
-geschrieben und fühlte sein Leben als Priester der Freiheit geweiht.
-
-Anders als nur mit Worten wollte sein Schwärmersinn wirken: einen Dolch
-und ein Schwert schliff er scharf, mit einer Opfertat sein Leben dem
-Vaterlande darzubringen.
-
-Einen der vielen Verräter der Freiheit sollte sein Dolch treffen;
-und als er zu suchen ausging, fand seine Verachtung keinen, der so
-erbärmlich wie Kotzebue war.
-
-Mit seinen kläglichen Stücken auf allen Theatern gespielt, mit Orden
-und Ehren der Fürsten befrachtet, als deutscher Spion von den Russen
-bezahlt, lebte er recht als die Laus im Pelz der heiligen Allianz sein
-verächtliches Leben; an ihm die geschmähte Freiheit zu rächen, zog Sand
-zum Meuchelmord aus.
-
-Von Jena bis Mannheim mußte er manchen Tag wandern, aber kein Pilger
-war je mit größerer Inbrunst die Wallfahrt gegangen, als er durch den
-schwellenden Frühling dahin ging.
-
-Mitten ins Herz stieß er dem kläglichen Mann seinen Dolch und lief auf
-die Straße hinaus, die Tat zu bekennen, kniete noch zum Gebet, und grub
-das Schwert in die Brust.
-
-Wohl traf er das eigene Herz schlecht und mußte ein langes Jahr leiden,
-bevor ihn der Henker erlöste; aber die Seele des Jünglings blieb
-standhaft und lächelte nur, wenn sie ihm drohten, und starb ohne Reue
-den Scharfrichtertod.
-
-Ein Meuchelmord war in Mannheim geschehen, Herdfrieden mißachtet,
-Jammer der Kinder stand um den ermordeten Vater: aber den Mörder traf
-keine Verwünschung.
-
-Männer und Frauen priesen den Jüngling, empfindsame Seelen weinten um
-sein Geschick, wie sie um Werther weinten; als ob er ein Held und der
-Stolz des Vaterlandes wäre, hing an den Wänden sein Bild, hing seine
-Tat in den Herzen.
-
-Keinem Tyrannen, keinem Minister, nur einem kläglichen Söldling hatte
-der Dolch des Studenten die Rache gebracht; der feilen Gesinnung und
-allen Verächtern der Freiheit sollte die Tat ein Wahrzeichen sein.
-
-
-Metternich
-
-Ein Spinnennetz hatte der deutsche Bund über die Länder und Völker
-gebreitet, Fürsten und ihre Minister samt den geheimen Räten hielten
-dem Netz die Fäden gespannt, darin die Kreuzspinne Metternich hing, auf
-die Opfer zu warten.
-
-Er hatte den Wiener Kongreß arglistig geleitet, er war der heiligen
-Allianz Handlanger und heimlicher Lenker: Fürsten und ihre Minister
-klug zu verspinnen, galt ihm die Kunst, darin er die eigene
-Meisterschaft übte.
-
-Denn Metternich blieb der gelehrige Schüler von Frankreich; was
-Richelieu war und Mazarin wurde, das wollte er ohne ihr Priesterkleid
-sein: Meister der Macht allein durch die List, damit er die Fürsten und
-ihre Schwerter, ihre Ruhmsucht, Habgier und Eitelkeit lenkte.
-
-Er sah nicht den Willen der neuen Zeit, er sah nur die Wege der alten;
-den Aufruhr der Hölle hatten die Mächte der Herkunft gedämpft; und ihre
-eifrigsten Helfer waren die Schwärmer der Freiheit gewesen: nun aber
-sollte ihr tolles Geschwärm nicht länger sein Spinnennetz stören.
-
-Den Mord von Mannheim zu rächen, rief er die deutschen Minister nach
-Karlsbad zur Kur; da saß die Sorge um das bedrohte Leben der Fürsten
-und ihre Minister zusammen, da wußte der arglistige Mann die Angst und
-den eifernden Zorn zu erhitzen.
-
-Den gefährlichen Geist der Zeit auszurotten, der heiligen Ordnung des
-deutschen Bundes die wackelnden Wände zu halten, ihr eigenes Dasein vor
-Mordgefahren zu schützen, kamen die Hausmeister der Fürstengewalt in
-Karlsbad zu ihren Beschlüssen.
-
-Wie der Geheimrat Schmaltz in seiner schmählichen Schrift schrieb,
-so machte es Metternich wahr: nicht länger mehr sollte der Geist der
-Erhebung, nicht länger mehr sollte die deutsche Gesinnung von Stein,
-Fichte und ihren Gesellen den Fürstenbund stören.
-
-Als Volksverführer wurden verfolgt, die dem Untertan lockende Bilder
-der Staatsbürgerschaft zeigten; als ein gefährliches Gift, in die Ohren
-und Herzen der Jugend geträufelt, wurde die Lehre verboten, daß über
-der Fürstengewalt das deutsche Vaterland sei.
-
-
-Ernst Moritz Arndt
-
-Die Farben der Burschenschaft waren die Farben der deutschen Zukunft
-geworden, schwarz, rot und golden sollten die Fahnen dem Vaterland
-wehen: aber nun kam der Geheimrat und wollte nicht länger das deutsche
-Vaterland dulden.
-
-Die Burschenschaft wurde verboten, und ihre Farben, schwarz, rot und
-golden, wurden verfolgt als Zeichen böser Gesinnung; die Erhebung
-von gestern war die Empörung von heute geworden, die Heerrufer der
-Befreiung hießen Verbrecher.
-
-Ein Heerrufer war Ernst Moritz Arndt wie keiner gewesen; dem rügischen
-Bauernsohn hatte die Luthersche Bibel mit ihren Sprüchen und Psalmen,
-mit ihrer Einfalt und Bilderkraft den Mund aufgetan.
-
-Von den Franzosen verfolgt als der Freund des Freiherrn vom Stein, war
-er dem mächtigen Mann in Rußland ein treuer Begleiter, bis ihn das
-brausende Frühjahr über Tauroggen nach Königsberg rief, Herold der
-Volkserhebung und ihr hell klingender Mund zu heißen.
-
-Er sang die Lieder, die mit der Landwehr nach Frankreich marschierten,
-er sagte der horchenden Zeit die Merkworte vaterländischer Tugend,
-er schrieb dem preußischen Volk den Katechismus der freien
-Staatsbürgergesinnung.
-
-Nun lehrte sein hell klingender Mund in Bonn die rheinische Jugend,
-aber was einmal sein deutscher Ruhm war, das machte den tapferen Mann
-in Berlin bei den Schranzen verdächtig.
-
-Sie schämten sich nicht ihrer Schande, sie schickten Ernst Moritz Arndt
-die Schergen ins Haus, sie sperrten den deutschen Mund ein wie einen
-Landstreicher und Roßdieb.
-
-Sie klagten den Sänger der deutschen Befreiung des Hochverrats an, und
-als ihre Niedertracht nichts an der reinen Erscheinung vermochte, als
-sie den Mann freilassen mußten, versagten sie Ernst Moritz Arndt, dem
-Professor, dennoch sein Amt.
-
-Im Namen des Königs wurde das Unrecht getan; Undank und Dummheit und
-Niedertracht waren im Namen des Königs von Preußen verschworen, der
-deutschen Seele so kläglichen Frevel, dem Gedächtnis der deutschen
-Erhebung gemeine Schmach anzutun.
-
-
-Der Turnvater Jahn
-
-Als Deutschland noch in der Fremdherrschaft war, als die Franzosen
-in Preußen regierten, hatte der Turnvater Jahn die Jugend auf seinen
-Turnplatz gebracht.
-
-Jedermann sollte -- so rief seine begeisterte Lehre -- wie es in
-Urväterzeit war, wieder geschickt sein, die Glieder zu rühren; die
-Leibesübungen sollten ein anderes Volk als das der Schuster und
-Schneider, der Schreiber und Händler erziehen: der Turner sollte wieder
-der deutsche Jüngling und Mann sein, in der geübten Kraft seines Leibes
-und in der Zucht seiner Sitten.
-
-Tausende waren dem Ruf des neuen Propheten gefolgt; die Turner brachten
-dem Heer der Befreiung die tüchtigsten Streiter, und in der deutschen
-Burschenschaft galt Turnerei das Brot des tüchtigen Lebens.
-
-Aber Turner sein hieß nach dem schwärmenden Wort des Propheten das
-deutsche Vaterland lieben, und vaterländisch hieß dem Geheimrat ein
-verdächtiger Untertan sein.
-
-Auch war der Turnvater Jahn ein lärmbegeisterter Mann, er liebte die
-Trommeln und Pfeifen, er liebte das tönende Wort und war in Gang und
-Gebärden, auch in der seltsamen Kleidung der Mann, den Geheimrat zu
-reizen.
-
-So kamen die Schergen nachts über ihn her und schleppten ihn fort auf
-die Festung; als das gefährliche Haupt der vaterländischen Verschwörung
-galt er dem frommen Geheimrat, der Mord in Mannheim sollte der erste
-Beweis seines Hochverrates sein.
-
-Sechs Jahre lang mußte der Turnvater Jahn seinen deutschtümelnden
-Überschwall büßen, von Festung zu Festung geschleppt, in hundert
-Verhören geplagt, von gemeinen Anklägern verdächtigt, empfing der
-treudeutsche Mann den Dank seines Königs.
-
-Gestern noch von der Gunst der Regierung besonnt, wurden die Turnplätze
-geschlossen; Turner hieß dem Geheimrat Demagoge sein, und Demagogie war
-sein Mirakel, damit er die Fürsten und Höfe in Schrecken, sich aber
-hoch in der Gunst und die gemeine Gesinnung zur Macht brachte.
-
-
-Der Kirchhof
-
-Der König von Preußen, einfältig und karg, hatte das Wort seiner Not
-vergessen, wie eine geringe Seele das heiße Gelöbnis der Wallfahrt
-vergißt; Stein, das verdrießliche Alter, saß an der Asche all seiner
-stolzen Gebäude; Kamptz, der neue Geheimrat in Preußen, drehte das
-knarrende Rad seiner Stunde.
-
-Wer von der deutschen Burschenschaft war, den jagten die Hunde: Wir
-hatten gebaut ein stattliches Haus! sangen sie scheidend in Jena, dann
-waren sie Freiwild für schuftige Büttel und Richter.
-
-Daheim und in Herbergen, bei Verwandten und Freunden, wurden sie wie
-Verbrecher gefangen und wie Verbrecher durch Kälte und schlimmere
-Leiden zur Hauptstadt gebracht, wo die Hausvogtei war mit ihren
-gefürchteten Kammern.
-
-Jahrelang harrten sie da auf den Spruch des Gerichts; Verhöre und
-falsche Gerüchte, leere Tage und lauernde Nächte, törichte Hoffnung und
-graue Enttäuschung zogen die grausame Zeit hin, bis endlich das Urteil,
-verlogen und feig wie die Richter, den Tag der Verzweiflung brachte.
-
-Zum Tode verurteilt, zur Festung begnadigt, um ihre Jugend und ihre
-Mannheit gebracht, mußten die Opfer geheimrätlicher Rachgier den
-Übermut büßen, daß sie ans deutsche Vaterland glaubten.
-
-Und wie den Burschen geschah es den Männern der Zeit; bis in die Tage
-der Fremdherrschaft spürten die Richter zurück, längst war die Freiheit
-der Rede und Schrift verschüttet, Willkür, Verleumdung und Machtwahn
-regierten den Tag, von Spionen war jedes Dasein umstellt.
-
-So brachen die Fürsten ihr Wort, verhöhnten Minister den Glauben der
-Völker, so blies der deutsche Bund von Metternichs Gnaden der deutschen
-Verfassung das Lebenslicht aus, so wurde dem Reich der kommende Tag auf
-den Kirchhof getragen.
-
-Einmal war brausender Frühling gewesen, durch Opfer und Blut, durch
-Märsche und Siege hatten die Rosen der Hoffnung in tausend Herzen den
-kurzen Sommer geblüht: nun hatte der Herbst die Fäule gebracht, kahl
-stand das dürre Geäst, in den gefrorenen Blättern am Weg rauschte
-Novemberwind über den Kirchhof.
-
-
-Der Biedermaier
-
-Indessen dem deutschen Geist solches geschah, hatte der Bürger in
-seiner Stube gesessen; er hatte das seine bescheiden gesichert, und
-mehr als Bescheidenheit ging ihn nicht an.
-
-Auch war nach den Jahren des Aufruhrs die Ordnung der alten Zeit
-wiedergekommen, wie Untertanengesinnung die Ordnung gewohnt war.
-
-Die Stände sauber getrennt, und die Krone glänzte darüber; denn er
-liebte den Landesherrn und war ihm in Demut gehorsam, auch wenn er am
-Prügelstock ging; und wie ihm von oben geschah, so ließ er nach unten
-geschehen.
-
-Er war der Frau und den Kindern, mehr noch dem kleinen und großen
-Gesinde der Hausherr, wie es der Fürst seinem Lande war: er durfte
-poltern und großtun wie er, er durfte befehlen wie Einer, und alles,
-was unter ihm war, mußte gehorchen.
-
-Verfassung und Vaterland schierten ihn wenig: sein Vaterland war, wo
-es ihm gut ging, und von Verfassung zu reden, hieß ihm, den Teufel des
-Aufruhrs noch einmal beschwören.
-
-Seine Väter waren Pietisten gewesen, aber er hatte erfahren, daß es
-nicht gut sei, gegen den Obrigkeitsgott noch einen andern zu haben;
-denn der Landesherr war auch die oberste Kirchengewalt, und dem
-Landesherrn hieß es gehorchen.
-
-Auch hatte die Aufklärung bei seiner Taufe Pate gestanden: Himmel und
-Hölle gönnten dem Erdentag seine schmackhaften Früchte, wenn er nicht
-unbescheiden oder gar unverschämt war.
-
-Denn auch der Herrgott war ein vernünftiger Mann und ließ den
-Biedermann gelten; er konnte wohl kollern mit Donner und Blitz -- und
-es war gut, dann die Hände zu falten -- aber nachher war wieder blauer
-Himmel, wie es beim Landesherrn und auch bei ihm selber, dem Hausherrn
-war.
-
-So baute der biedere Bürger die Welt auf vier Pfähle, statt in die
-Wolken; er konnte wohl schmälen, aber nicht unzufrieden sein, weil
-alles gottgewollt war: der Fürst wie der Bürger, der Junker und der
-Minister, die geheimen Räte und ihre Polizei; nur, daß die adligen
-Herren zu wenig Steuern bezahlten, schien ihm nicht richtig.
-
-Schiller in Jena war längst gestorben, und Goethe in Weimar hatte für
-ihn nie gelebt; wenn seine Tochter ein Buch las, war es von Clauren,
-und wenn er ein Stück sah mit seiner sonntäglichen Hausfrau, stand
-Kotzebue auf dem Zettel; nur die gebildete Tante aus Prenzlau schwärmte
-noch von Jean Paul, aber die hatte auch sonst die altdeutschen Grillen,
-gar in der Kleidung.
-
-Denn daß ihm die Vaterlandsschwärmer auch noch den altdeutschen
-Rock vorschreiben wollten, das war von all ihren unnützen Dingen
-das albernste für den Bürger; er wußte genau, was sich schickte für
-einen geachteten Mann, der seinen Meisterbrief von der Zunft und als
-Presbyter seinen Kirchenstuhl hatte.
-
-
-Goethe stirbt
-
-Dumpfes Gerücht und totes Licht lag über dem Land der neblichten
-Wälder, als Goethe in Weimar die göttlichen Augen zumachte.
-
-Er hatte den Korsen gesehen und hatte Blücher die rühmende Grabschrift
-geschrieben; Erhebung der Völker und Undank der Fürsten waren vor
-seinem Geist wie Wolken am Abend gewesen.
-
-Er sah in die Zeit, wie ein Vogel aus seliger Bläue über die Dächer und
-Gassen, über die Wiesen und ihre Silbergewässer, über die Bergwälder,
-tief in die Wolkengebilde blinkender Seespiegel sieht.
-
-Er sah die lastende Schwere und sah den blutroten Glast, aber sein Herz
-wartete gläubig der Sterne.
-
-Ihm war sein Volk nur ein Blatt im Kranz der Völker auf Erden; er
-liebte das Blatt als das seine, aber er flocht an dem Kranz mit
-unermüdlichen Händen.
-
-Ihm hatte Prometheus das Feuer gebracht, und er hielt es dem
-Menschengeist wach; nicht wie Schiller die Fackel der Freiheit zu
-tragen, stürmte er hin: dem Herdfeuer der Menschheit diente er treu und
-geduldig wie der Priester dem Opferaltar.
-
-Als er die göttlichen Augen zumachte, stand seine Flamme steil in der
-Stille und war nur noch ein fernes Licht für sein Volk.
-
-Sie hatten den Wertherjüngling vergessen, und den greisen Faust kannten
-sie nicht; so fiel keine Trauer über das Land und keine Furcht in die
-Herzen.
-
-Nur wo ein Kerzenlicht brannte, wo einer Seele die Kammer weit wurde,
-weil die Gestalten des Dichters durch ihre Einsamkeit gingen, zuckte
-die Flamme in den gewaltigen Schatten.
-
-Der Zaubermeister von Weimar war tot, der all dem blühenden Leben,
-der Weisheit und Schönheit der Worte, der Wahrheit und Hoheit ihrer
-Gebärden Gottvater war.
-
-Die Schöpfung stand still, die aus dem Sechstagewerk kam mit anderen
-Bergen und Bäumen, anderen Nächten und anderen Sternen und anderen
-Menschen, als sie die Täglichkeit kannte.
-
-Der Menschengeist hatte sein Angesicht gläubig und stark gegen die
-Gärten der Götter erhoben, er hatte sich selber auf die verlassenen
-Throne gesetzt: nun ging er schlafen, weil seinem übermenschlichen Tun
-die Müdigkeit kam.
-
-
-Das Volk der Denker und Dichter
-
-Von der Maas bis zur Memel, von der Etsch bis zum Belt war ein
-Kirchhof, Deutschland hieß den verdrossenen Herzen kein Vaterland mehr.
-
-Willkür und Wortbruch der Fürsten hatte das tote Gespenst der
-Verfassung eingesargt und begraben; der fromme Geheimrat stand mit
-gefalteten Händen dabei.
-
-Gottlosigkeit habe -- so sagte der fromme Geheimrat -- das Fieber der
-Wünsche gebracht, Rechtgläubigkeit würde das Fieber ausheilen; oberste
-Staatsbürgerpflicht solle der Kirchgang sein.
-
-Thron und Altar, als Kaiser und Kirche Schicksalsgewalten, mußten dem
-Staat die Stützbalken halten, der aller Vergangenheit bar kläglich am
-Abhang der Gegenwart klebte.
-
-Doch hatte das Blut der Wünsche zu heftig gefiebert, und stärker begann
-die heimliche Ader zu rinnen, daraus die Kraft des entrechteten Volkes
-dahin floß.
-
-Goldene Ernten hielten die Reeder in Bremen und Hamburg, indessen die
-deutschen Landschaften mehr Menschen über das Weltmeer verloren, als
-Krieg und Seuchen sonst hingerafft hatten.
-
-Goethe und alle Guten hatten gewirkt, daß Größe und Würde den deutschen
-Namen umklängen, aber das Volk blieb stumm und geschlagen.
-
-Das Volk der Denker und Dichter! so hatte der Hochmut an seine Tore
-geschrieben: Dichter und Denker waren die Stimme der Freiheit gewesen;
-die Ohren hatten den Deutschen geklungen, aber lebendig wurden sie
-nicht.
-
-Die danach der deutschen Seele gläubige Schatzhalter waren, gingen
-als Pfarrer, Lehrer und Richter treu in die Täglichkeit ein, aber
-als Dichter und Denker und Hüter des ewigen Lebens saßen sie in der
-Verbannung.
-
-
-Die schwäbischen Dichter
-
-Aus schwäbischer Enge war Schiller geflohen, und Hölderlin hatte
-das Land seiner Seele nicht in der schwäbischen Heimat gesucht; als
-aber der flammende Braus von Jena ausgelöscht war, fing Tübingen an,
-bescheiden im Dunkel zu leuchten.
-
-Kein Musenhof stand hinter dem Tübinger Stift, und keine allmächtige
-Hand hielt ihm die Tage geweitet wie Goethe in Weimar; es war der
-Garten, die schwäbischen Pfarrer zu züchten, aber die Frucht gedieh zu
-seltsamen Blüten.
-
-Hölderlin war ein Stiftler gewesen; als sein herrlicher Geist sich in
-heilige Höhen verstieg, lebte sein Körper die langen Jahrzehnte in
-Tübingen hin, und noch das leere Gefäß seiner umnachteten Seele war ein
-Heiligtum unter den Menschen.
-
-Die schwäbischen Jünglinge sahen die Göttergestalt bei Tischlersleuten
-sanft und geduldig ihr Erdenlos tragen; sie sprachen die großen Gesänge
-und ahnten die ewige Waltung in seinem Geschick.
-
-Nie wieder kam einer von seiner Art, sie waren alle aus Schwaben
-gebürtig und blieben der Heimat verbunden; aber sie standen in seiner
-heiligen Zucht und nahmen das Bild der hohen Erinnerung mit, wenn sie
-gingen: daß alle Dinge des Tages nur bunter Schein vor dem ewigen Sein,
-daß alle irdischen Ziele der Seele nur Wegweiser wären.
-
-So wuchs am Tübinger Stift ein neues Geschlecht in Schwaben, das wieder
-wie einmal die Griechen in edler Bildung dahin ging, obwohl es die
-engen Wege der Heimat nicht überschritt.
-
-Sie hatten alle ein Amt, sie waren Pfarrer und Lehrer, Ärzte und
-Richter, sie dienten dem Tag bescheiden und treu; aber wie einmal
-Hans Sachs, der Nürnberger Schuhmacher tat, pflegten sie eifrig den
-Meistergesang; und einige wurden Dichter geheißen:
-
-Ludwig Uhland, der aufrechte Mann und Meister am Dombau der deutschen
-Gesinnung, der seine Lieder wie Luther sang, aus reinem Gemüt mit
-reinem Wort und abhold allen romantischen Künsten, ein deutsches Herz
-und ein Protestant.
-
-Justinus Kerner, der Doktor in Weinsberg, den Rätseln des Lebens
-hellsichtig nah und dem Tod wie ein Bruder vertraut; Gustav Schwab,
-der geistliche Herr in der schwäbischen Hauptstadt, in allen Dingen
-der Bildung zuhause, plauderfroh sagend und singend; Wilhelm Hauff,
-der schwärmende Jüngling und frohe Phantast, mit glücklichen Händen
-vielerlei greifend und manchmal der Meisterschaft nah.
-
-Sie reichten nicht an den Himmel, da Hölderlins Stern im milden Glanz
-stand, sie blieben Diener der schwäbischen Erde, aber den Sternen
-ehrfürchtig zugewandt; und allen gelang es, den Liederschatz der
-deutschen Seele zu mehren.
-
-
-Mörike
-
-Nur Einem hatten die Nornen die silberne Spindel in seine ärmliche
-Wiege gelegt, nur Einem wurde die Enge zum Schicksal, das er mit
-stolzer Bescheidung bezwang.
-
-Vikar an mancherlei Orten, zu Cleversulzbach im Unterland Pfarrer, dann
-kränkelnd in Mergentheim, fünfzehn Jahre lang als Lehrer in Stuttgart
-geplagt und dreizehn danach auf seinen Tod wartend: trug Eduard Mörike
-recht wie ein Stiftler sein irdisches Leben.
-
-Ein zarter Jüngling wurde ein kränklicher Mann und ein Greis, von den
-Nöten des Alters geplagt; eine gläserne Seele, zart und zerbrechlich,
-mußte ein langes Leben aushalten, bevor ihr der Tod den dünnen Stengel
-abbrach.
-
-Aber die gläserne Seele, zart und zerbrechlich, nahm ihre irdische Enge
-hin, wie eine Blume im Garten den Lärm spielender Kinder, Hundegebell
-und Hammerschlag aus der Schmiede, Rädergerassel und Glockengeläut
-still übersteht.
-
-Der säuselnde Wind sang in das Lied ihrer steigenden Säfte; die Sterne
-der Nacht, ihre ewigen Schwestern, standen im Schlaf ihr zu Häupten,
-und ihre Mutter, die Sonne, küßte sie wach in den Morgen.
-
-Da war der irdische Tag nur die bunte Verkleidung, darin sie mit ihren
-Wurzeln und Säften, mit ihrem schwellenden Kelch und der leuchtenden
-Blüte ein dankbares Kind der ewigen Wiederkunft war.
-
-So machte der kränkliche Pfarrer im schwäbischen Unterland seine
-Gedichte; eine unsterbliche Seele war ihrer Wirklichkeit froh in der
-schlichten Verkleidung, ein Sendling der Ewigkeit ging durch den Tag,
-staunend und stolz seiner Demut.
-
-Da wurden ihm alle Dinge dankbar vertraut, und allen sprach er den
-zärtlichen Gruß seiner Seele; die Freuden trank er, wie einer den Trunk
-auf der Wanderschaft nimmt, die Leiden hob er wie Spinngeweb auf und
-ließ sie im Sonnenschein schimmern.
-
-Nie wieder nahm Einer die kleinen Dinge so innig zur Hand, nie
-streichelte Einer das Leben so dankbar, dem es im Tiefsten so fremd war.
-
-Nur einmal verriet er die Herkunft, als Weyla, das göttliche Kind
-seiner Seele, Orplid die Heimat besang, als Könige kamen, seiner
-Gottheit Wärter zu sein.
-
-
-Stifter
-
-Dem Pfarrer in Cleversulzbach lebte ein heimlicher Bruder in
-Österreich, seines Zeichens ein Schulrat in Linz, Adalbert Stifter
-geheißen.
-
-Der Sohn eines böhmischen Leinewebers war mühsam zur Bildung gekommen;
-unschlüssig und keiner Zukunft gewiß hatte der Jüngling in Wien
-studiert; als er kein Ende fand, mußte er Hauslehrer sein, bis
-er, schon grau, durch vermögende Freunde als Schulrat in Linz ein
-erträgliches Amt fand.
-
-Fünfzehn Jahre lang hielt er sein Amt aus, dann nahm er den Abschied,
-sich selber zu leben; aber der Tod erlöste ihn bald aus der Plage.
-
-So lag die Pflicht auf dem Leben Adalbert Stifters, als die Sorge nicht
-mehr darin war, und peinigte ihn, der einen Libellensinn hatte und eher
-ein Landfahrer war denn ein Beamter; aber die tägliche Pflicht und alle
-Verstimmung leer gedroschener Stunden reichten nicht auf den Grund, wo
-der Dichter unterirdisch im Glück war.
-
-Adalbert Stifter hatte in Wien malen gelernt, und wie ein Maler sein
-Bild wohl aus der Wirklichkeit nimmt, aber die Bäume und Bäche, die
-Menschen darin und das Gewölk über den Fernen in seinen Farbengrund
-senkt, daß alles, was einzeln war, Einheit gewinnt in der Fülle des
-Ganzen: so malte sein Wort die sanften Gebilde.
-
-Er konnte von einem Schicksal berichten, wie einer den Mittag mit all
-seiner lodernden Glut im blanken Seespiegel sieht: gestern und heute
-waren eins; alles, was Gegenwart schien, war schon gewesen, wenn seine
-Sinne es sahen, und alles Vergangene stand wieder zur Gegenwart auf,
-wenn seine Gedanken es fanden.
-
-Denn jenseits von Zeit und Raum war die Seele ein Spiegel des ewigen
-Anblicks; was sie verband, war ewig verbunden, und was ihr Gedächtnis
-behielt, war ewig getrennt vom Versunkenen.
-
-Darum waren die Bücher des Schulrats in Linz seltsam mit Dingen
-gefüllt, die, allen bekannt, unsagbar fremd erschienen, wie ihre
-Einzelerscheinung in seinen Schwarzspiegel versenkt war:
-
-Rot hieß nicht rot, und blau hieß nicht blau, und dennoch stand alles
-in farbiger Glut; wie ein Kind durch buntes Glas die Welt unheimlich
-fremd und dennoch mit all ihren Dingen vertraut, staunend betrachtet.
-
-
-Hebbel
-
-Goethe war tot und sein gewaltiges Werk wurde noch nicht lebendig,
-Heinrich von Kleist war vergessen, Stifter und Mörike blieben dem
-deutschen Volk unbekannt: da wuchs zum andernmal ein Gewaltiger auf,
-mit seiner Dichtung das Höchste zu wagen.
-
-Zu Wesselburen im friesischen Land hielt sich der Kirchspielvogt einen
-Schreiber, Friedrich Hebbel geheißen, das Kind armer Leute; aber dem
-Knaben, schüchtern und ungelenk, wuchsen die blonden Haare um eine hohe
-Stirn, die von anderen Dingen als seinem täglichen Schreiberdienst voll
-war.
-
-Sieben Jahre lang schrieb er tagsüber um kärglichen Lohn bei dem Vogt,
-sieben Jahre lang aber gehörten die Nächte dem Dichter, der in dem
-friesischen Maurersohn mit schneidenden Schmerzen zur Welt kam.
-
-Als ihm dann endlich die Tür aufgemacht wurde, als ihm Amalie Schoppe
-altjüngferlich half, nach Hamburg zu kommen, als er in München und
-Heidelberg wie ein Kolkrabe unter dem bunten Gevögel der andern
-Studenten in die Hörsäle ging: hielt die Wohltätigkeit seine Armut am
-Leben.
-
-Sie verließ ihn auch nicht, als sein Trauerspiel von der biblischen
-Judith offenbar machte, daß wieder ein großer Dichter in Deutschland
-war, daß in der Gewalttätigkeit seiner Figuren ein Riesengeist seinen
-Schritt maß.
-
-Das Schicksal hatte den Dichter um seine Jugend gebracht, er trat
-als Mann in die Welt: das Jünglingsfeuer konnte an ihm nicht mehr
-entbrennen, wie es vordem an Schillers Räubern entbrannte, und die
-Männer der Zeit fand er als dumpfes Geschlecht.
-
-So mußte Hebbel den Weg einsam beginnen, und niemand holte ihn ein,
-bis er im Felsengebirg seiner Höhe sich abseits der Zeit, abseits der
-Liebe, abseits der Ehrfurcht trotzig allein fand.
-
-Einmal rief er zurück, als er den Menschen seiner Zeit den Meister
-Anton hinstellte, als er die Kleinbürgerwelt in sein bitterstes Stück
-ballte, ihre Enge und seine Herkunft zermalmend.
-
-Aber die seine Stimme vernahmen, wichen erschrocken vor seinem Ingrimm
-und seiner grausamen Kälte zurück, weil sie die Sehnsucht darin nicht
-verstanden.
-
-So stürmte er weiter ohne Genossen und schrieb, schon im Geleucht der
-Firnen, das Hohelied der Keuschheit, als er Gyges und den entweihten
-Ring vor den Richterstuhl stellte.
-
-Als er zuletzt, seinem Volk in der dumpfen Gegenwart fremd, in die
-Ferne der Herkunft hinein blickte, ritten am Himmelsrand hin die
-gewaltigen Recken der Nibelungen zu ihrem Blutfest in Ungarn.
-
-Was keiner zu wagen vermessen sein konnte, er tat es: er rief die
-Gewaltigen an samt ihrer Riesenfrau Schwester Kriemhild und bannte die
-Schatten auf seine Bretter.
-
-Seit Goethe den Faust rief, seit Kleist die homerischen Helden
-beschwor, wurde nicht mehr so Großes gewagt: die Zeit kam und staunte
-in ihre riesige Herkunft, aber sie konnte aus ihrer Kleinheit die Größe
-nicht mehr ermessen.
-
-Wie ein Kolkrabe unter dem bunten Gevögel der jungdeutschen Dichter
-stand Hebbel, als er sein Tagebuch schrieb: sein Riesengeist fand sich
-selber zuletzt als Genossen; es schauerte ihn vor den eigenen Blättern,
-wie seine Seele allein in der Zeit und seinem Volk war.
-
-
-Grillparzer
-
-Als Hebbel nach Wien kam, war Grillparzer schon in die Stille gegangen;
-der Dichter von gestern wollte nicht mehr in der Gegenwart sein.
-
-Schiller und Goethe und die Romantik hatten in seine Jugend geleuchtet,
-und wie ein Steinboden im Licht der Glasfenster glüht -- alle Farben
-trinkt sein graues Gestein aus den Scheiben und macht ein sanftes Spiel
-aus der Glut -- so war seine Dichtung ein Abglanz.
-
-Aber Grillparzer war ein Österreicher Kind, und die Kaiserstadt
-legte den Abglanz des Dichters auf köstlichen Marmor, daß keiner die
-Glasfenster sah, nur noch den sanften Schein auf den Fliesen und seine
-vielfarbige Kühle.
-
-Medea, Sappho und Hero, all seine Frauengestalten waren wohl Töchter
-der Iphigenie; aber im Hause Maria Theresias hatten sie irdischer
-schreiten, lächeln und leiden gelernt als ihre erhabene Mutter in
-Weimar.
-
-Auch hieß ein Dichter in Wien anders, als sonst im Reich, ein
-Schildhalter der alten Herrlichkeit sein; denn Wien war die Habsburger
-Hofburg: wie einmal der britische Dichter die Dramen der Könige
-schrieb, wollte Grillparzer den Habsburger Kaisertraum auf die
-Schaubühne bringen.
-
-Aber den Herren der Hofburg gefiel solcher Bühnenruhm nicht; in Wien
-ein Österreicher hieß eine Maske Metternichs sein; weil er zu hochmütig
-war, sich zu verstecken, und zu schwach, sich zu zeigen, ging er
-beiseite.
-
-Denn weder ein Mann seiner Zeit wie Uhland, der wackere Schwabe, noch
-seiner ewigen Sendung gewiß in stolzer Bescheidung wie der Pfarrer in
-Cleversulzbach, war Grillparzer, der Dichter in Wien.
-
-Vergrollt und von Grillen geplagt, wurde er alt; als die Glut der
-Fenster verblaßte, schwand auch der Abglanz auf seinen marmornen
-Fliesen dahin; der einsame Dichter in Wien wurde vergessen, bis ein
-später Ruhm den Spätling wieder ans Tageslicht brachte.
-
-
-Schopenhauer
-
-Als Goethe ein Greis und fast schon ein Götterbild war, fand er
-Gefallen an einem Jüngling, der ihm als der Sohn einer schreibenden
-Dame in Weimar über den Weg kam: Schopenhauer geheißen und Schüler des
-großen Immanuel Kant.
-
-Der Jüngling hatte freilich den Weisen von Königsberg nicht mehr
-gesehen, aber in seinen gewaltigen Schriften die Heimat erkannt, darin
-er sich einzig als Erbhalter fühlte.
-
-Wohl standen Fichte, Hegel und Schelling im Reichtum der Kantischen
-Erbschaft geehrt, er aber hieß sie Erbschleicher und Fälscher; wie ein
-Prinz mündig wird, kam er, im Reich der Wahrheit der rechte Thronfolger
-zu heißen.
-
-Alle Erscheinung der Dinge -- so hatte der Meister gelehrt -- ist
-nur das Blendwerk der Sinne; in Zeit und Raum eingehängt, vermag die
-Erfahrung keine Erkenntnis zu bringen über das Ding jenseits der Sinne,
-über das Wesen der Welt.
-
-Die Welt als Vorstellung nannte der Schüler den Schein, er aber wollte
-im Schein das Wesen benennen, und er hieß es die Welt als Wille.
-
-Der Wille allein war der Schlüssel zum Wesen, der Wille war frei in der
-Ursächlichkeit aller Dinge, aus ihm allein kam Erkenntnis, das Rätsel
-der Sinne zu lösen, weil er der ewige Antrieb, weil er das Leben im
-Schein, die Seele im Sinnbild der Welt war.
-
-So wollte der Schüler den Schleier der Maja durchleuchten, den der
-Meister als Blendwerk der Sinne erkannte; so glaubte sein Eifer den
-Spiegel der Wahrheit zu halten, darin er sein Ich und sein Du in einem
-erblickte.
-
-Weil ihm ein irdisches Wort den Schlüssel zur Welt gab, dachte er seine
-Gedanken diesseits und brauchte nicht schwindelnden Pfades im Jenseits
-zu irren; aber die Zeit war im Jenseits befangen, und die der Jüngling
-Fälscher und Erbschleicher nannte, regierten trotz seinem Zorn.
-
-Er hatte sein Tagwerk zu früh getan und mußte in Einsamkeit warten; wie
-Buddha zu den Brahmanen hatte sein Mund die Weisheit der Erde gegen den
-Himmel der Priester gesprochen, aber ihm fehlten die Jünger.
-
-In seinen Wünschen -- dies war seine Lehre -- waren dem Menschen die
-Wurzeln des Guten und Bösen verstrickt, das Leben mit Wirrsal zu
-füllen: seinen Willen verneinen, hieß auch vom Leiden erlöst werden.
-
-Denn wollen hieß leben, und leben hieß noch im Blendwerk der Wünsche
-verbannt sein: der Weise ging, durch Erkenntnis das Nichts seiner
-Wünsche, aber das All seiner Stille zu finden.
-
-Der so im Abendland lehrte, uralte Erkenntnis der Erde gegen den Himmel
-der Priester, war seiner irdischen Weisheit kein Weiser; grimmig und
-germanischer Streitlust stachlig wie ein Igel, schaffend und scheltend
-saß er sein Leben lang in Frankfurt am Main, den Aufgang seines Werkes
-zu erwarten.
-
-Als ihm das Alter endlich den Ruhm brachte, war seine Stirn zu müde,
-den Lorbeer zu tragen; aber die Greisenhände streichelten noch an den
-wintergrünen Blättern, ehe er bitter lachend dahin fuhr.
-
-
-Die Nazarener
-
-Deutsche Jünglinge kamen nach Rom, schwärmenden Sinnes und ihrem
-Vaterland tief abgewandt; denn mehr als je wirkte Winckelmanns Lehre,
-daß nur in südlicher Sonne, nicht im Land der neblichten Wälder die
-Heimat der Kunst sei.
-
-Sie kannten die gotischen Tafeln und die Glasfensterglut ihrer Farben,
-aber sie mochten das krause Figurenwerk nicht und die Eckigkeit ihrer
-Gebärden; ihr Sinn war sanft und auf den erhabenen Schwung, auf die
-Süße und auf die edle Figur der Italiener gerichtet.
-
-Wie Dürer, der Meister von Nürnberg, die welsche Pilgerschaft machte,
-so kamen auch sie; aber sie liebten die Nachtigall nicht, die jenen aus
-Wittenberg lockte; sie kehrten, romantisch verzückt, in den Schoß der
-Kirche zurück.
-
-Ein Barfüßerkloster stand leer in der ewigen Stadt, da fingen sie an,
-als Brüder zu leben, Nazarener genannt in den römischen Gassen mit
-ihren Faltengewändern, aber sich selber zu Stärkung.
-
-Wie die Frühmeister malten, bevor das rauschende Gold Tizians kam,
-bevor die Leiber, einst bläßlich gebildet, mit blühendem Fleisch
-prahlten, bevor die bräunlichen Tiefen die klaren Gebilde der Fläche
-verhüllten: so sollten ihre Gestalten die Wände heiliger Räume
-abschreiten.
-
-Denn nicht mehr prahlende Schilderkunst im goldenen Rahmen mochte
-ihr Werk sein; wieder wie einst wollten sie fein und geduldig Wände
-bemalen: die Haltung edler Figuren, der Faltenwurf großer Gewänder, die
-Einfalt frommer Gebärden allein sollten der Stolz ihrer Kunst sein.
-
-Ihr Sinn war sanft, des wurden die Wandbilder Zeichen; die dunklen
-Gründe wurden erhellt, die glühenden Farben erblaßten, das brünstige
-Spiel des Lichts im Schatten verschwand: edle Einfalt und stille Größe,
-wie Winckelmann lehrte, wurden zärtlich lebendig.
-
-Aber die Zärtlichkeit war wie das Mondlicht am Morgen, sie fror im
-mühsamen Tag und seufzte zurück in die schwellende Nacht, da noch
-Gestirne den Himmel umstanden.
-
-Nur einem der Jünglinge stürmte das Blut in den Tag hin; Peter
-Cornelius war er geheißen, Protestant im Mönchskleid mehr denn sie
-alle, weil er allein katholisch geboren, aber ein nordischer Mensch war.
-
-Er riß die edlen Gestalten aus ihrer Stille hinein in den Strudel
-starker Bewegung; er machte die schlafenden Umrisse wach, mit dem
-Linienwerk aufgescheuchter Gestalten ihr bläßliches Dasein hart zu
-umreißen.
-
-Da wurde die Farbe den goldenen Rahmen und räumlichen Tiefen der
-Schilderkunst nachgesandt in die Verdammnis; die schwarze Kohle fing
-an, die weiße Fläche zu meistern, aus Wänden im Raum wurde der dürre
-Karton, in der Werkstatt mit Strichen gezeichnet.
-
-So wurde im Barfüßerkloster zu Rom, im brünstigen Glauben der Kirche,
-dem Protestantismus die Kunst nachgeboren; deutsche Jünglinge wurden in
-Welschland katholisch, das seltsame Wunder zu wirken.
-
-
-Der Baukönig
-
-Als sich der König Ludwig von Bayern im vierzigsten Jahr die Krone
-aufsetzte, sahen die Guten nach ihm, und seine Lobredner sagten, daß
-nun ein neues Sanssouci käme, nicht von Franzosen bevölkert.
-
-Er hatte als Kronprinz gern mit den Nazarenern in Rom gesessen, hatte
-gespart und Bilder gekauft, er war den Dichtern und Malern ein Freund
-und einer freien Verfassung der eifrigste Fürsprecher gewesen, und
-allem Welschtum feind.
-
-Dichter, Gelehrte und Künstler rief er nach München; auch fing sogleich
-ein Bauwesen an, wie es die Welt seit Versailles nicht kannte.
-
-Aber nicht Lustschlösser galt es dem König von Bayern; die Stadt an
-der steinichten Isar sollte mit Straßen und Plätzen, Hallen und Säulen
-und Bildwerken, reicher und schöner als Wien oder Berlin, die deutsche
-Kunst- und Königsstadt werden.
-
-So wurde das Füllhorn aller Baukünste über die Stadt an der Isar
-geschüttet: griechisch und römisch, florentinisch und gotisch wuchsen
-die steinernen Wünsche der staunenden Bürgerschaft zu.
-
-Eine Glyptothek kam und eine Pinakothek, die Propyläen stellten dem
-neuen Musenhof die prächtige Torwacht, und eine Prunkstraße lief
-zwischen Palästen hinaus in die Felder von Schwabing.
-
-Napoleon hatte mit all seinen Siegen Paris nicht so geschmückt wie
-Ludwig, der Baukönig, München; Jahrhunderte staunten aus biederen
-Giebeln darüber, die backsteinernen Türme der alten Domkirche sahen
-barock dem gebildeten Quaderwerk zu.
-
-Altdeutsch und florentinisch, romantisch und klassisch galten dem König
-gleichviel, er hieß sich gern einen Dichter; und als er im höchsten
-Schwung war, wurde dem deutschen Volk die Walhalla gebaut.
-
-Bei Regensburg stand sie und war eine Halle hoch über der Donau, sie
-sollte das Heiligtum deutscher Vergangenheit sein; aber das Heiligtum
-deutscher Vergangenheit war ein Tempel mit griechischen Giebeln,
-dorischen Säulen und einer ionischen Halle.
-
-Seine Baumeister priesen den Bauherrn, sein Volk pries den Landesherrn
-nicht; indessen sein Schwärmersinn aus der Vergangenheit lebte,
-indessen er Tempel und Kirchen, Kunsthallen, Paläste und Prunktore
-baute mit seinen mühsamen Groschen, regierte die Willkür übler Minister
-sein Land.
-
-Auf Sanssouci saß ein Despot und er liebte sein Volk nicht, aber er
-hielt sich selber in Pflicht als oberster Diener des Staates; in
-München wollte ein Schwärmer der Schatzhalter deutscher Herrlichkeit
-sein, aber Willkür und Schmeichel banden ihm beide Hände, und Herren im
-Land waren die Jesuiten.
-
-
-Der Redekönig
-
-Die Hoffnung der Guten hatte in Bayern getrogen, nun kam sie nach
-Preußen: Friedrich Wilhelm der Vierte sollte ihr neuer Schildhalter
-sein; aber die Hoffnung der Guten trug den romantischen Rock in Bayern
-und Preußen.
-
-Einfältig und stumm war der Vater gewesen, und vaterländisch hieß
-seiner kärglichen Seele ein Fürstenfeind sein; zwiespältig und laut war
-der Sohn: die oberste Fürstenpflicht sollte, so rief seine begeisterte
-Rede, das Vaterland heißen.
-
-Er redete gern, der neue König in Preußen, die alte Herrlichkeit
-rauschte im Flügelschlag edler Romantik, wenn das Wort über ihn kam.
-
-Ein deutscher Fürst hieß ihm die Vollmacht großer Vergangenheit sein:
-was jemals die Ahnen mit heiligem Eifer begehrten, was sie mit Blut
-und mit Leiden bezahlten, des sollten die Fürsten von Gottes Gnaden
-Vollstrecker und Schwurhalter heißen.
-
-So schwoll die Rede des Königs von Preußen, als er in Königsberg stand,
-den Eid auf die Verfassung zu schwören; Tausende hörten ihm atemlos zu,
-und Tausende nahmen die Worte für Taten.
-
-So wurde die Rede des Königs von Preußen ein Ruf an sein Volk, als er
-danach in Berlin aus dem Schloßfenster sprach; Tausende drängten im
-Lustgarten und spürten den strömenden Regen nicht, weil in den Worten
-des Königs die neue Zeit nahte.
-
-So legte die Rede des Königs von Preußen den Grundstein, als er beim
-Domfest in Köln die Fürsten und Völker anrief: Tausende sahen das Reich
-wie den Dom in Trümmern, und Tausende glaubten, daß mit dem Dom die
-Herrlichkeit auferstände.
-
-Aber die Reichsherrlichkeit war mehr als ein Domfest gewesen, und
-eine Rede des Königs von Preußen war noch kein Maifeld: neben dem
-redenden König stand Metternich taub und der Rührung verwundert; leer
-war der Kaiserthron; Armut stockte, wo einmal die Fahnen der Hansa dem
-Welthandel wehten.
-
-Friedrich Wilhelm der Vierte hatte viel Bücher gelesen und war ein
-Meister der Rede, wie ein Schauspieler Klang und Wirkung der Worte
-kennt; aber er war seiner Zeit fremd und allen lebendigen Dingen feind,
-die sein romantisches Herrenglück störten.
-
-Als die Jahre seiner Regierung leer liefen, als er im Land herum fuhr
-zu unaufhörlichen Empfängen, Girlanden, Böllerschüssen und Reden, mußte
-die Hoffnung der Guten einsehen, daß er ein Narr seiner Worte, keine
-Tat und keine Hand, kein Fürst und Herrscher, nur ein Redekönig war.
-
-Die Spötter begannen zu munkeln, er liebe die Flasche, sein Wort sei
-trunken vom Wein, und seine Tränen der Rührung flössen aus einer
-befeuchteten Seele.
-
-Das niedere Volk, das die ewige Festlichkeit sah, indessen ihm Mangel
-und Not an den Leib kam, fing an, den frömmelnden König zu hassen.
-
-
-Die Auswanderer
-
-Mangel, Not und Bedrückung nahmen einander den deutschen Tag aus den
-Händen.
-
-Noch immer war Metternich Meister, und wo ein Fürst Hof hielt, hielt
-der Geheimrat das Schwert und die Waage der Willkür, die sich von
-Gottes Gnaden Gerechtigkeit nannte.
-
-Kein Vaterland war, nur Länder, den Fürsten erbzugehörig samt Krone,
-Zepter und Untertan; und wer in den Ländern ans deutsche Vaterland
-glaubte, war dem Geheimrat böser Gesinnung verdächtig.
-
-Indessen dem Übermut adliger Herren der Tag und die Stunde willfahrten,
-mußten Bürger und Bauern in Demut verharren, was ihnen der Übermut
-gönnte.
-
-Mit karger Gemarkung lagen die Dörfer zwischen den reichen
-Ritterschaftsgütern, allen Gesetzen zum Trotz mußte das niedere
-Landvolk der Gutsherrschaft fronen.
-
-Und daß in der Stadt Gleiches geschah, fing die Fabrik ihr Teufelswerk
-an: Armut und Häßlichkeit gaben einander die Hände und hoben den Haß
-aus der Tiefe, weil in der Arbeit um Lohn kein Segen mehr war.
-
-Aber -- so kam die Kunde -- über dem Wasser war Arbeit, Freiheit und
-Achtung des ehrlichen Mannes, über dem Wasser war Land, unermeßlich,
-ein neues Leben zu bauen.
-
-Listige Werber wußten mit bunten Bildern der Wohlfahrt zu locken: die
-neue Welt wurde die Hoffnung der alten; Amerika rief die Not und den
-Überdruß auf, das Abendland zu verlassen.
-
-So fing in den Dörfern der Pfalz, in Baden und Schwaben, in Bayern,
-Sachsen und Preußen die Auswanderung an zu rinnen, und ging als ein
-Strom in das Meer bei Hamburg und Bremen.
-
-Felder und Wiesen, seit Urvätertagen mit Saat und Ernte gesegnet,
-wurden vergantet; Stall und Garten und Vieh, vertraut wie die Berge
-und Bäche, das Haus und der Hausrat, ererbt von den Eltern und ihrer
-Erinnerung voll: alles, was Fleiß, Sorge und Hoffnung der Heimat
-verband, die Gräber, mit Ehrfurcht gepflegt, wurde verlassen.
-
-Anders als einst, da die Stämme mit ihrer Wagenburg zogen, war nun
-die Ausfahrt; das Dorf blieb stehen mit seinen Häusern und Nachbarn,
-nur der Mann mit den Seinen ging fort aus der Sippe; der Einzelne,
-verdrossen und fremder Lockung verfallen, verließ die Gemeinschaft.
-
-Nicht länger mehr sollte das Schicksal der Väter über ihm sein,
-dem fremden Landfahrer gleich wollte der einzelne Trotz das eigene
-Schicksal beschwören, in der neuen Welt die Wohlfahrt zu finden, die
-ihm die alte versagte.
-
-Einzelne nur verließen so harten Mutes die Heimat, aber Tausende kamen
-nach Bremen und Hamburg; da standen die Schiffe, für andere Fracht als
-Ballen und Säcke und Tonnen gerüstet; da saßen die Reeder an ihren
-Tischen, aus solcher Fracht üblen Lohn zu gewinnen.
-
-Gewinnsucht und Händlersinn sahen nur das Geschäft und ließen die
-Menschlichkeit leiden: wohl hatten die Schiffe im Oberdeck Säle und
-reiche Kabinen, unten im Zwischendeck wurde den Armen die Fahrt über
-das Wasser zur Hölle.
-
-Aber die Höllenfahrt war nur das Tor in die Welt, die mit grellem
-Schein lockte, weil sie voll Dunkelheit war; Gewinnsucht und
-Händlergier blieben an ihre Fersen geheftet, und Viele mußten im Elend
-verderben, bis Einem die Fahrt glückte.
-
-
-Die schlesischen Weber
-
-Sie woben die Leinwand wie ihre Väter, sie waren fleißig und fluchten
-dem Webstuhl nicht, darin sie um kargen Verdienst saßen, wie das
-Eichhorn im Tretrad die flinken Füße vertritt.
-
-Aber dann kam die Fabrik und schnallte den Webstuhl an ihre Maschinen;
-da schnurrten die Räder und sausten die Spindeln, wie nie ein Weber
-sein Schiffchen zu werfen vermochte; da wurde die Leinwand wohlfeil und
-drückte den kargen Verdienst, bis er ein Hungerlohn war.
-
-Sie aber hatten nichts auf der Welt als den Webstuhl, sie lebten vom
-Lohn ihrer mühseligen Arbeit und sahen ihr ärmliches Dasein verloren:
-der Mangel wurde zur Not und die Not zur Verwünschung der neuen
-Fabriken und ihrer wohlhabenden Herren.
-
-Als Mißwachs und Dürre das Brot teuer machten, als der Hunger mit
-hohlen Backen herum ging, als den Müttern das Kind an den welken
-Brüsten verdarb: stand fiebernden Auges die Kreatur auf, ihren Jammer
-zu rächen.
-
-Das Stroh sei wohlfeil und Häcksel zu essen nahrhaft genug für die
-Weber! höhnte ein satter Fabrikant, aber das Wort war Feuer in Zunder
-geworfen; sein reiches Haus mußte den frechen Hohn büßen; und wie es in
-Peterswaldau geschah, so drohte es bald allerorten.
-
-Rache den Reichen, Feuer ihren Fabriken! so raste das schlesische
-Fieber; aber die hohe Regierung in Breslau zögerte nicht, die Krankheit
-zu dämpfen.
-
-Soldaten des Königs von Preußen mit blanken Helmspitzen und scharfen
-Gewehren marschierten auf harten Befehl; sie schossen und halfen der
-Not, den Kirchhof der Weber zu füllen.
-
-Einen Dom in Berlin zu bauen, reicher und schöner, als ihn die alte
-Herrlichkeit kannte, plante der König, indessen in Schlesien solches
-geschah: einen Dom im Namen der Liebe, die unter den Armen und
-Mühseligen suchte, aber den Tempel zerbrach.
-
-
-Die Fabrik
-
-Seit urgrauer Zeit liehen Wasser, Feuer und Wind dem Menschenwerk ihre
-Kräfte; nun kam der Dampf in die Hände der Menschen, das stärkere Kind
-aus Wasser und Feuer.
-
-Mühlräder pochten und mahlten, die Segel blähten im Wind übers Meer,
-wenn er nicht schlief: es war ein friedliches Tun der elementarischen
-Mächte, dem Menschen zu helfen, starkes Behagen gütiger Kraft.
-
-Aber der Dampf diente dem Menschen nicht frei, in eisernen Kesseln,
-Röhren und Kolben gefangen wurde das luftige Kind aus Wasser und Feuer
-ein Dämon, Knechtsarbeit zu tun und zu zeugen.
-
-Zischend sprangen die Kolben vor seinen zornigen Stößen, Schwungräder
-sausten und flackernde Treibriemen brachten die wilde Bewegung auf
-Spindeln, Spulen, Sägen, Hämmer und Zangen.
-
-Es war ein friedloses Tun und ein Teufelswerk tückischer Kräfte; denn
-die Natur, listig und grausam bezwungen, sparte der Arbeit wohl Hände,
-aber sie band den Menschen an die Maschine und machte ihn, der sich ihr
-Herr dünkte, zu ihrem Knecht.
-
-Sie brachte den Mann in die Fabrik: wo Weide und Ackerfeld war, wo
-Wiesenluft wehte, starrte ihr düsteres Werk mit rußigen Wänden und
-rauchenden Schornsteinen; wie eine ewige Brandstätte stand ihre Unnatur
-da.
-
-Früh, wenn die Sonne den Tag weckte, rief das schrille Getön der
-Sirene die Männer in ihre Tore; rund aus den Dörfern kamen sie her, wo
-Frauen und Kinder den Vater nicht sahen, bis er am Abend -- schmutzig
-und schwer von der Arbeit -- seinen Schlaf zu tun für kurze Stunden
-heimkehrte.
-
-Der einmal der Feldarbeit folgte, mühsam und karg, war ein Fabrikler
-geworden, dem eigenen Dasein entfremdet und seiner Lohnarbeit nicht
-mehr durch Saat und Ernte verbunden; denn die Maschine regierte die
-Arbeit; er war ihr Knecht, wie der Fabrikherr ihr Nutznießer war.
-
-Wohl aber dem, der am Abend noch heimkehrte; andere lockte der Lohn in
-die Stadt, wo keine Felder mehr waren, keine Bäche und Berge mit Wiesen
-und Wolkenschatten, nur Häuser und finstere Gassen, dem Elend gebaut.
-
-Heimat und Herkunft gingen verloren um einen Lohn, der den Mann und die
-Seinen an die Maschine verkaufte; Heimweh und Hunger, hündische Furcht
-und hündischer Haß hießen die höllischen Herren in seinem entwurzelten
-Leben.
-
-
-Wilhelm Weitling
-
-Die aber noch Handwerker hießen, alle die Schneider, Sattler,
-Schuster, Schreiner, Schlosser und Bäcker, die als Gesellen zu keiner
-Meisterschaft kamen, Straßen und Herbergen füllten und landfahrend dem
-Gefängnis nicht unvertraut waren, vermehrten den Troß der Fabrikler.
-
-Einmal der Zunft untertan und dem Zwang harter Gesetze, aber behütet
-in ihrer Gemeinschaft und ihrer Herkunft anders als um den Lohn der
-täglichen Arbeit verpflichtet, waren sie fahrendes Volk und vogelfreie
-Gesellen der Straße geworden.
-
-Sie hatten frechere Dinge erfahren, als die aus den Dörfern; demütig
-zu dulden, stand ihnen nicht an; wo ihnen die Suppe nicht schmeckte,
-saßen sie auf und warfen den Löffel der Meisterin hin.
-
-Sie glaubten den Priestern nicht mehr, daß dies die einzige Ordnung der
-Welt, und glaubten der Obrigkeit nicht, daß sie gottgewollt sei; sie
-sahen den Reichtum über die Armut regieren, und sahen den Teufel des
-Goldes als Zwingherrn jeder Abhängigkeit.
-
-Er wußte den goldenen Klumpfuß klug zu verstecken, aber in jedem
-Besitz, im Land, im Haus, in den Maschinen, überall wo er um Lohn die
-Menschenhand brauchte, war seine heimliche Hölle.
-
-Er teilte die Menschheit schärfer als Völker und Rassen und Kirchen
-in Herren und Knechte; die Seinigen konnten die Freuden des Lebens
-genießen, den andern blieb seine Mühe.
-
-Damit sie nicht murrten, machte die Kirche den Armen das Tor der ewigen
-Seligkeit auf, das irdische Leid zu bezahlen mit ewiger Freude; aber --
-so höhnten die Handwerksgesellen -- Kirche und Klumpfuß hatten den Pakt
-miteinander gemacht, den Armen ein besseres Jenseits zu malen, damit
-sie das schlechtere Diesseits betrogen ertrügen!
-
-Wie zu den Armen im römischen Reich des Augustus das Evangelium kam,
-so ging die neue Botschaft durchs Abendland hin und war den Armen ein
-heimliches Licht, aus der Nacht in den Morgen zu leuchten.
-
-Nicht erst im Himmel der Priester dürfe das Reich der Gerechtigkeit
-kommen, hier auf der Erde müßte es sein: Armut und Reichtum, Herren-
-und Knechttum würden verschwinden, wenn nicht mehr der goldene Klumpfuß
-der Hölle die Menschen beherrschte.
-
-Und wie die Apostel im Römerreich gingen die Sendlinge um, mit
-heimlicher Botschaft die Herzen zu wecken, Flüchtlinge nur vor den
-Gewalthabern der Zeit, verfemt und verfolgt, aber geliebt von den
-glühenden Herzen, die ihre Botschaft vernahmen.
-
-Wilhelm Weitling, ein Schneidergesell aus Magdeburg, fand in der
-Schweiz eine sichere Zuflucht; da schrieb er die Schriften, die
-heimlich gedruckt und verbreitet, Flugfeuer waren.
-
-Kein Testament, kein Psalter und kein Gesangbuch wurden so glühend
-gedeutet und wurden so heimlich am Herzen getragen wie seine zerlesenen
-Blätter, darin die uralte Lehre der Gütergemeinschaft wieder zu Wort
-kam.
-
-Eigentum haben hieß Hehler und Dieb sein, hieß sträflich Güter der
-Erde besitzen, die allen gehörten; Eigentum haben hieß Armut und
-Knechtschaft beschwören; Eigentum haben hieß weder Christ noch Mensch
-vor der wahren Gerechtigkeit sein.
-
-Es war nur ein Schneidergesell, der so lehrte, und Handwerksgesellen
-trugen die Lehre ins Land; aber er rührte tief an die Not der Enterbten
-und rief dem Reich Gottes uralte Hoffnungen wach.
-
-
-Das junge Deutschland
-
-Zum andernmal taten die raschen Franzosen zuerst, was die andern
-Völker zu tun gewillt waren; sie warfen dem letzten Bourbonen den
-Gottesgnadenthron um und riefen den Orleans her, König von Frankreich
-im Namen der Bürger zu heißen.
-
-Da riß ein Loch in das Metternichnetz; der Wind blies scharf um die
-Kronen und Krönchen; aus mancher fürstlichen Hand fiel das Zepter.
-
-Romantik hatte das Reich regiert, seitdem die Fürsten das Volk um die
-versprochene Freiheit betrogen; Romantik hatte gebaut und geredet, als
-ob bauen und reden die alte Herrlichkeit wäre; Romantik hatte Junkern
-und Pfaffen noch einmal das alte Herrenkleid angetan.
-
-Nun aber wollte der Tag nicht länger das Prunkkleid der Vergangenheit
-tragen; der Menschengeist, müde und matt der ewigen Plage, wollte sich
-selber genug sein als Bürger der Erde.
-
-Die blaue Blume blieb welk und entzaubert in seiner Wirklichkeit
-stehen; die Dichter dachten Rufer im Streit, Fechtmeister der Zeit und
-Führer der grollenden Völker zu werden.
-
-Es waren spöttische Geister, die so aus der alten Zeit gingen,
-Klopffechter der Wahrheit, Schellenträger des gesunden
-Menschenverstandes.
-
-Gemeinsamkeit war das Schicksal der Menschheit, war ihre Hoffnung und
-Inbrunst gewesen: ihnen jedoch sollte der einzelne Mensch die eigene
-Glückseligkeit sein.
-
-Sie waren witzig und scharf und vermessen; sie hieben und stachen,
-wo sie die alte Zeit fanden; sie hießen den Staat und die Kirche das
-Zwiegespann aller Tyrannei; sie haßten Junker und Pfaffen und ihren
-gehorsamen Diener, den frommen Geheimrat.
-
-
-Drei Dichter
-
-Drei Dichter sangen der stürmischen Zeit die Gesänge; sie waren der
-Mund ihrer Not, der Geißelhieb ihrer Enge, der Posaunenton ihrer
-Hoffnung.
-
-Heinrich Heine, funkelnd von Witz, grollend von Hohn und der süßesten
-Liedergewalt mächtig, ließ über den Rhein sein Feuerwerk blitzen.
-
-Dem Juden aus Düsseldorf konnte das dumpfe Deutschland der Fürsten und
-ihrer Minister nicht Lebensluft sein; auch war die rheinische Heimat
-an Preußen gefallen, und preußisch sein hieß seinem Hohn, hinter
-vergitterten Stuben gefangen sitzen.
-
-So war er in Frankreich verbannt und wurde als Emigrant fast ein
-Franzose, nur seine Feder hielt ihn mit Deutschland verbunden.
-
-Er hatte sie besser brauchen gelernt als seine Genossen; wie
-seine unstete Seele nicht Heimat und Ruhestatt fand, wie sein
-buntschillernder Geist die Grenzen der Menschheit abirrte, wie er sein
-Leben stets in den Augenblick stellte, aber als Kind seiner Stunde
-der ewigen Unrast bewußt war: das alles konnte die Feder dem Leser in
-witzigen Worten hinschreiben.
-
-Und weil er in gallischer Lebensluft ging, indessen der Leser im
-Spinnennetz Metternichs saß, wehte mit seinen Worten die Freiheit über
-den Rhein, der fremdeste Vogel im Dasein der Deutschen.
-
-So rührte der schmerzlich unselige Dichter die Herzen; seine Lieder
-wurden gesungen, seine Verse geseufzt, sein Witz sprang wie ein
-Feuerbrand über, sein Spott warf dem frommen Geheimrat das Tintenfaß um.
-
-Nie schrieb eine Feder so ihrer Zeit die Gefühle, wie Heinrich Heine
-der Jude aus Düsseldorf tat, der in Paris unselig krank in seiner
-Matratzengruft lag, seiner Krankheit noch spottend, bis ihn der Tod von
-seinem Leiden und Leben erlöste.
-
-Anders als Heine war Herwegh ein Sänger der Freiheit; er glaubte an
-seinen Stern, wie nur ein Schwabe zu glauben versteht, und trotzte
-dem Schicksal, als es den Stern vor der Zeit sinken ließ, wie nur ein
-Stiftler aus Tübingen Gott und der Welt Trotz bieten kann.
-
-Gedichte eines Lebendigen hieß er den Band seiner Gesänge, die, eine
-Botschaft der Freiheit, Deutschland durcheilten; Blumen und Jubel
-beschütteten seinen Weg, als er, den Sängern der alten Zeit gleich, von
-Stadt zu Stadt zog, seine Harfe zu schlagen.
-
-Er war noch ein Jüngling, als Herwegh solches geschah, und gern genoß
-er den Ruhm, Dichter der Freiheit zu heißen; sie war der einzige Ton
-seiner Harfe: als er ein Mann und ein Greis wurde, waren die Saiten
-noch zornig gespannt, aber die Freiheit war tot und sein Ruhm lag mit
-ihr begraben.
-
-Der Dritte aber war wild und vulkanisch und in der Tiefe der großen
-Gestalten und starken Gedanken gewachsen.
-
-Indessen der Ruhm seiner Genossen von Mund zu Mund ging, indessen
-Herwegh als fahrender Sänger der Freiheit die Könige schreckte und
-Heine den funkelnden Witz aus Paris über den Rhein blitzen ließ, war
-Georg Büchner aus Darmstadt, kaum daß er kam, schon wieder gestorben.
-
-Er hatte in Straßburg studiert und war nach Gießen gekommen, trunken
-der neuen Zeit und kaum seiner wilden Leidenschaft mächtig, als ihm
-sein trotziger Wahlspruch: Frieden den Hütten, Krieg den Palästen! die
-Heimat verwirkte.
-
-Als Flüchtling in Straßburg und Zürich konnte er noch mit fiebernden
-Händen den ersten Beginn seiner Dichtung erraffen, dann holte der Tod
-den Feuergeist heim in den Abgrund der ewigen Dinge.
-
-Wie ein Sonnenwendfeuer war dem Jüngling sein Leben verbrannt; er
-konnte nur Flamme, nicht Mensch und Bürger oder gar Untertan sein; als
-seine Freunde den Feuerplatz fanden, lagen noch glühend in seiner Asche
-die wenigen Dinge, die das Erbgut des Jünglings ausmachten.
-
-Ein einziger Band konnte sein ganzes Dichtwerk umfassen, aber es
-blinkte wie Stahl, im Feuer geglüht.
-
-
-Metternichs Ende
-
-Zum andernmal hatten die raschen Franzosen den König auf Reisen
-geschickt, aber nun stürzte der Thron hinterher: Frankreich war
-Republik, und diesmal wollte der Bürger im Reich nicht länger
-Fürstenknecht heißen.
-
-Wo ein Fürstenhof war, ein Schloß und eine Wache im Schilderhaus, kam
-er in Scharen; und wie er sein Vivat gerufen hatte, so rief er nun nach
-Verfassung.
-
-Die Fürsten samt ihren Schranzen erschraken, daß draußen das Volk
-stand und schrie; sie hörten die Trommel der Bürgerwehr und hörten den
-Aufruhr der Glocken; sie waren noch immer gewarnt durch das Fallbeil
-und gaben dem Volk die Verfassung.
-
-Da wurde das Volk wieder der Untertan, dem ein Glück widerfuhr,
-wenn sein Fürst am Fenster erschien; da wurden die Kappen und Hüte
-geschwenkt, da wurde Vivat gerufen; ein mannhafter Trunk auf die große
-Zeit brachte den Bürger ins Bett, von der goldenen Zukunft zu träumen.
-
-So war es in Baden und Hessen, Hannover und Sachsen, Bayern und
-Württemberg, so war es in Schleiz und Greiz und all den Plätzen
-reichsfürstlicher Erbherrlichkeit; die alten Minister von Metternichs
-Gnaden wurden ungnädig entlassen und neue berufen, das Volk zu
-beglücken.
-
-Und wie es dem Netz geschah, geschah es der Spinne: sie war die
-Vollmacht der Fürsten gewesen und die Allmacht für den Geheimrat, sie
-hatte ein halbes Jahrhundert gelähmt mit der List und Furcht ihrer
-Fäden; nun waren die Fäden zerrissen und alle Welt sah, was für ein
-klägliches Wesen darin saß.
-
-Der auf dem Wiener Kongreß die Völker Europas mit ihren Fürsten betrog,
-der den deutschen Bund machte und das Ränkespiel der heiligen Allianz,
-der Liebling der Damen und Stern der Wiener Gesellschaft: war längst
-ein zittriger Greis und stocktaub; gleich einem Dieb in der Nacht mußte
-Metternich fliehen.
-
-Der Kaiser aber fuhr durch die brausenden Straßen von Wien und nickte
-gnädig der siegreichen Bürgerschaft zu; er schwenkte sein Fähnchen
-schwarz, rot und golden: die Farben, gestern noch Hochverrat, hielt nun
-der Habsburger selber in Händen.
-
-
-Der achtzehnte März
-
-Am selben Tag, da der Habsburger Kaiser mit seinem Fähnchen schwarz,
-rot und golden durch Wien fuhr, stand in Berlin der König von Preußen
-auf seinem Balkon, das dankbare Volk zu empfangen.
-
-Er sah die Ernte aus seinen Reden aufgehen, aber das Unkraut verdroß
-ihn; von Gottes Gnaden hatte sein Schwarmsinn das preußische Volk
-beglücken gewollt, nun rief es mit Ungeduld nach einer Verfassung.
-
-Anders, als da er zum Lustgarten sprach, drängte die Menge; wohl
-wurden die Hüte geschwenkt und die Kappen, aber dicht um das Schloß
-standen Soldaten mit scharfem Gewehr: als die Bürger noch riefen und
-schwenkten, fielen zwei Schüsse.
-
-Keiner wußte den Schützen, und keiner wurde getroffen, doch das Volk
-schrie Verrat; die Bürgerschaft floh; die mit den Kappen liefen nach
-Waffen; Barrikaden sperrten die Straßen rings um das Schloß, und als
-der Nachmittag kam, hallte die Stadt von den Schüssen.
-
-Der Abend des achtzehnten März sank über Berlin, und der Mond warf
-sein Licht auf die Dächer, aber der Straßenkampf hörte nicht auf, sein
-höllisches Feuer zu brennen; Sturmgeläut, Hornruf und Hurra der Truppen
-und Aufruhrgeschrei gellten hinein und der Feuerschein brennender
-Häuser.
-
-In der zweiten Stunde der Nacht wurde dem König das Herz schwer; er
-zog die Soldaten zurück und ließ die Bürgerwehr schalten: so wurde der
-blutige Aufruhr gestillt, aber die Toten weckte kein Königswort mehr.
-
-Als die Reihe der Särge am dritten Tag gegen das Schloß kam, stand der
-König zum andernmal auf dem Balkon, barhaupt und schweigend, von vielen
-gehaßt und von keinem geachtet; sein romantischer Sinn, mit tauben
-Wünschen und Worten befrachtet, blieb in der Gegenwart stumm.
-
-Er war am Tage zuvor durch die Straßen geritten, Prinzen, Minister,
-Generäle in seinem Gefolge, schwarz, rot und golden bebändert, als
-ob der Burschenschaftstraum von der Wartburg, als ob das deutsche
-Vaterland in Preußen Wirklichkeit wäre.
-
-Nur einer war trotzig beiseite geritten, der Bruder des Königs, Prinz
-Wilhelm geheißen, von vielen gehaßt und von keinem verachtet, weil er
-ein Volksfeind, ein schwarzweißer Preuße, aber ein Mann war.
-
-
-Hecker
-
-Die Fürsten, um ihre Throne besorgt und erschrocken vor wilden
-Gerüchten, verhießen den Völkern Verfassung; aber die Väter hatten den
-Wortbruch des Fürsten zu bitter bezahlt.
-
-Nicht alle Bürger schwenkten die Hüte, und aus den Tiefen des Volkes
-grollte ein Ton, der andere Dinge als neue Minister, neuen Betrug und
-neue Verfolgung begehrte.
-
-Noch immer tagte der deutsche Bund, noch immer gab es kein Vaterland,
-nur Länder der Fürstengewalt; sollte ein deutsches Vaterland werden,
-mußte das Reich zuvor von der Habsucht, Willkür und Eitelkeit seiner
-Fürsten befreit sein.
-
-In Baden sollte der Kehraus der Fürsten beginnen, und Hecker, der
-Fürsprech aus Mannheim, die Feder am Hut, wollte der Herold und eiserne
-Besen der deutschen Volksherrlichkeit werden.
-
-Über den nächtlichen Rhein kamen die Scharen derer zurück, die in der
-Schweiz und in Frankreich, der Heimat verdrossen, Flüchtlinge waren;
-sie wollten ihr Leben einsetzen, daß endlich ein deutsches Vaterland
-würde.
-
-Auch Herwegh, die feurige Zunge der Freiheit, kam wieder aus der
-Verbannung; und kühnere Worte hatte der deutsche Bund nicht gehört, als
-da der Schwabe den Brief an sein Vaterland schrieb.
-
-Von Süden und Westen brachen sie ein und waren zwei Tage lang Wort und
-Gewalt im badischen Oberland; dann kamen die Truppen des Bundes aus
-Hessen, Bayern und Schwaben und bliesen das Strohfeuer aus.
-
-Sie trugen die Feder am Hut und die Freiheit im Herzen, die Truppen
-der Bundesgewalt trugen nur ihr Gewehr: in einer einzigen Stunde bei
-Kandern schossen sie Feder und Freiheit zu schanden.
-
-Feder und Freiheit ließ Hecker dahinten, sein Leben zu retten; so
-hitzig sie suchten, sie fingen ihn nicht, so gern sie es wollten, sie
-konnten den Fürsprech aus Mannheim nicht hängen.
-
-Wie eine Hummel summte das Heckerlied hin über die Straßen und Dörfer,
-der deutschen Republik dennoch die Herzen zu wecken.
-
-
-In der Paulskirche
-
-Indessen im Reich solches geschah, indessen sich Groll, Blut und
-Haß mit Narrheit und Niedertracht mischten im fressenden Brand der
-Empörung, brach aus den Herzen der Guten die Flamme; die deutsche Seele
-erwachte und wollte das Land der Väter erneuern in freier Gestaltung.
-
-Aus allen Gauen der deutschen Gemeinde kamen die Männer nach Frankfurt,
-gewählt durch die Stimme des Volkes, dem Vaterland eine Verfassung,
-eine Gewalt, ein Gesetz und eine Freiheit zu bringen.
-
-Die Glocken der alten Kaiserstadt schwollen zu mächtigem Klang; Fahnen
-und Blumen und jubelndes Volk war um die Männer, als sie vom Römer zur
-Paulskirche gingen, das deutsche Parlament zu beginnen.
-
-Endlich war Wirklichkeit da, wo die Sehnsucht schon nichts mehr
-erhoffte; grau und gebeugt standen die Männer, die einmal Befreier des
-Vaterlandes hießen von einem Tyrannen, um ihrer mehr zu gewinnen, als
-Höfe und Landesherren waren: sie sahen den Tag und weinten.
-
-Denn nun war das Wunder des Dichters geschehen: von der Maas bis zur
-Memel, von der Etsch bis zum Belt waren die Deutschen gekommen, und
-keine fürstliche Willkür konnte sie hindern; die Bundesgewalt mußte den
-Spruch der Paulskirche hören.
-
-Daß ihr Spruch selber die Bundesgewalt sei, wählten die Männer Johann
-von Österreich als ihren Verwalter; sie hießen ihn Reichsverweser und
-gaben ihm Vollmacht, Minister des Reichs zu ernennen; sie aber wollten
-im Namen des Volkes das Haupt und Herz der Reichsgewalt bleiben.
-
-Das Reich solle sein wie ein Dom, sprach Uhland, der mannhafte
-Dichter aus Schwaben: Österreich und Preußen die ragenden Türme über
-den Türmchen und Wimpergen der kleineren Staaten, alle gegründet im
-Fundament der starken Domeinheit.
-
-Und als dann wieder ein Domfest war zu Köln am Rhein, trank der König
-von Preußen den wackeren Bauleuten zu und ihrem Baumeister, dem
-Erzherzog am Dombau der Deutschen.
-
-Alles schien herrlich gerüstet, aber die Werkleute wußten, daß ein
-gefährlicher Sprung die ragenden Türme entzweite, daß nur ein Notdach
-war statt einem Gewölbe, und daß durch die Fenster des Königs von
-Bayern, mit großer Gebärde gestiftet, das neue Licht allzu bunt in den
-ehrwürdigen Raum fiel.
-
-
-Malmö
-
-Schleswig-Holstein meerumschlungen! sangen die Kinder und Greise in
-Deutschland, da die Landstände in Kiel ihrem Herzog, dem König der
-Dänen, den Gehorsam absagten.
-
-Ewig ungeteilt sollten Schleswig und Holstein zueinander gehören -- so
-hatte der Spruch der Belehnung vierhundert Jahre gegolten -- nun wollte
-der dänische König und Herzog für Holstein eigene Stände gewähren,
-Schleswig sollte für immer dem dänischen Staat zugeteilt sein.
-
-Aber das Volk diesseits und jenseits der Eider war deutsch und wollte
-im neuen Vaterland bleiben, statt einem fremden Herrn zu gehören; so
-kamen die Boten nach Frankfurt, Hilfe für Schleswig-Holstein zu holen.
-
-Die Männer in Frankfurt hießen die Boten willkommen; als ob noch einmal
-die große Zeit käme, strömten Freiwillige zu, den deutschen Brüdern
-gegen die Dänen zu helfen; auch der Bundestag wollte nicht fehlen und
-gab seine Vollmacht dem König von Preußen.
-
-Da konnte die preußische Garde marschieren, und Wrangel, ihr zorniger
-Feldherr, konnte nach Herzenslust schießen und schlagen: Aprilwetter
-war, da die Truppen auszogen; schon am zweiten Mai stand ihre Übermacht
-siegreich in Jütland.
-
-Aber die Dogge bekämpfte den Seehund; auf ihren Inseln saßen die Dänen
-geschützt vor den Preußenkanonen; ihre Kriegsschiffe plagten die
-wehrlosen Küsten, sie fingen die Schiffe und schossen die Städte in
-Brand; und ob der zornige Wrangel in Jütland den Wallenstein spielte,
-sie ließen nicht ab und höhnten den täppischen Sieger.
-
-Denn hinter Dänemark standen drohend die Mächte: England und Rußland
-hielten dem dänischen König die Arme, bis der Waffenstillstand von
-Malmö der Dogge den Fang nahm.
-
-Die preußische Garde mußte noch einmal durch Schleswig-Holstein
-marschieren; Wrangel, ihr zorniger Feldmarschall, konnte nicht mehr
-nach Herzenslust schießen und schlagen: die Sieger vom Mai kamen im
-Sommer betrogen zurück.
-
-Die Männer von Frankfurt wollten den Pakt von Malmö verwerfen, die
-Paulskirche dampfte von glühenden Reden, durch das deutsche Volk lief
-der Zorn seiner Schwäche.
-
-Denn nun sahen alle, daß noch kein Vaterland war: der König von Preußen
-hatte den Frieden gemacht, als ob kein Parlament wäre; die Männer von
-Frankfurt mußten sich beugen, weil ihr Beschluß keine Macht, ihre Rede
-keine Waffe, ihr Verweser kein Kaiser über der Fürstengewalt war.
-
-
-Die Kaiserwahl
-
-Deutschland wollte ein Vaterland werden, weil es ein Volk war; aber der
-Habsburger Rest der alten Reichsherrlichkeit hing ihm das Schneckenhaus
-seiner undeutschen Völker an: Polen, Magyaren, Slovenen, Italiener,
-Tschechen, Ruthenen waren der Hofburg in Wien untertan.
-
-Großes Schicksal hatte der Kaisergedanke über die Deutschen gebracht,
-und die alte Reichsherrlichkeit war der Traum der Romantik gewesen: nun
-die Männer in der Paulskirche das deutsche Haus bauen wollten, stand
-ihnen der Rest des Reiches im Wege.
-
-Sie hatten an der Vielheit der Fürsten genug und waren keiner Vielheit
-der Völker bedürftig; von der Maas bis zur Memel, von der Etsch bis zum
-Belt waren sie im Namen der deutschen Stämme nach Frankfurt gekommen,
-die deutsche Einheit zu bauen.
-
-Sie bauten am Dom der deutschen Verfassung, und als die Märztage
-jährten, war das Gewölbe geschlossen: ein Volks- und ein Staatenhaus
-sollten den deutschen Reichstag darstellen, ein Erbkaiser sollte der
-deutschen Einigkeit Schildhalter sein.
-
-Die besten Männer des Volkes hatten das Werk mit dem unbeugsamen Mut
-ihrer Meinung vollendet, sie hatten gedacht und geglüht und gestritten,
-und niemals war deutscher Geist so tätig am Vaterland als in der
-Paulskirche zu Frankfurt.
-
-Als dann die Kaiserwahl war, sprachen die Männer aus allen Gauen
-und Ständen echter und rechter die Stimme des Volkes, als je die
-Heerschilde taten; die stürmische Zeit hielt in der Paulskirche zu
-Frankfurt den Stundenschlag an, als die Gemeinde der Freien, uralte
-Herkunft erfüllend, sich selber zum Kurfürsten machte.
-
-Sie wählten den König von Preußen als Kaiser; die Glocken begannen zu
-läuten wie nie, Böller und brausender Ruf in den Gassen verkündeten
-laut, daß endlich wieder ein Reich, daß über den Stämmen und Ständen,
-über den Fürsten und Ländern ein Schirmherr des deutschen Vaterlandes
-wäre.
-
-
-Der König von Preußen
-
-Aber der König von Preußen war weder ein Mann noch ein Mut, nur eine
-schweifende Rede, er haßte den Geist seiner Zeit und spielte mit
-Worten, deren Gedanken ihm mißfällig waren, deren Taten er niemals
-vermochte.
-
-Als ihm die Männer aus Frankfurt die Gabe des deutschen Volkes
-darbrachten, schwoll seine romantische Seele im Rittersaal auf, wo er
-die Sendung mit großem Gefolge empfing.
-
-Statt einem männlichen Ja gab er nur eine Rede, die keine Tür schloß
-und keinen Weg ging, die alle Herzen verdrießen mußte.
-
-Nur aus den Händen der Fürsten, nicht aus dem Aufruhr der Völker -- so
-ging der Sinn seiner Worte -- könne der König von Preußen die Krone
-annehmen.
-
-So kamen die Männer betrogen nach Frankfurt zurück, betrogen um ihre
-Sendung, betrogen um ihren Glauben, betrogen um Deutschlands Geschick.
-
-Die Völker erkannten, daß ihre Fürsten kein Vaterland wollten; sie
-hatten Verfassung und Freiheit versprochen, nun war der Schrecken
-vorüber, und sie schickten die Kammern nach Haus.
-
-Wollten die Fürsten kein Vaterland, so wollte das Volk keine Fürsten!
-wollte der König von Preußen die Krone nicht haben, so brauchte die
-deutsche Republik keinen Kaiser.
-
-In Sachsen mußte der König zuerst auf den Königstein flüchten, bald
-fing es am Rhein, in der Pfalz, in Baden hell an zu brennen: das
-Heckerlied kam wieder auf, den fürstlichen Abschied zu singen.
-
-Da zeigte der König von Preußen Deutschland sein wahres Gesicht: seine
-Soldaten marschierten nach Westen und Süden, den Fürsten zu helfen;
-das preußische Strafgericht kam, in Mannheim, Rastatt und Freiburg der
-Freiheit anders zu dienen.
-
-Die Männer von Frankfurt verzagten und gingen nach Haus, nur eine
-tapfere Schar blieb auf dem sinkenden Schiff; Uhland der Dichter und
-deutsche Mann stand treu und gelassen am Steuer.
-
-Sie konnten in Frankfurt nicht bleiben und flohen nach Stuttgart, wo
-ihnen ein Trommelwirbel die letzte Rede erstickte.
-
-Der stolze Plan seines Domes wurde Uhland zerrissen; wohl standen die
-Türme und Wimperge der Fürsten und ihre Wimpel wehten daran, aber das
-hohe Gewölbe brach ein, in seinem Schutt lag die Fahne schwarz, rot und
-golden.
-
-
-Olmütz
-
-Bis an den Bodensee standen die Bataillone des Königs von Preußen, sie
-hatten den Fürsten die Throne gerettet und hielten ihr Strafgericht ab
-über die Völker.
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-Die Schwäche der Fürsten zu nützen, dachte der König von Preußen aus
-ihren Händen die Krone zu gewinnen, die er den Männern aus Frankfurt
-hochmütig zurück wies: ein Fürstenbund sollte das deutsche Vaterland
-werden, und Preußen wollte die Kaisermacht sein.
-
-Aber in Frankfurt saß, fast vergessen, noch immer Johann, Erzherzog des
-Habsburger Hauses und immer noch Reichsverweser geheißen; er mußte der
-alten Zeit die Türspalte halten, bis die wachsamen Augen in Wien ihre
-Stunde erkannten.
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-Nur Bayern und Württemberg zögerten noch, dem preußischen Fürstenbund
-beizutreten; schon schien das klügliche Spiel des Königs von Preußen
-gewonnen, als Österreich selbstherrlich die alte Bundesgewalt nach
-Frankfurt berief.
-
-Zwei Jahre lang hatten die Völker an ihren Ketten gerüttelt, sie hatten
-den Fürsten geglaubt und gezürnt, sie hatten die Glocken geläutet
-in Frankfurt, weil wieder ein Reich und ein Kaiser, weil wieder ein
-Vaterland war.
-
-Nun war das Märzenglück aus; wieder wie einst kamen die hohen Gesandten
-nach Frankfurt gefahren, wieder wie einst war der deutsche Bund der
-Minister über den Völkern.
-
-Wohl zuckte dem König von Preußen die Hand nach dem Schwert; noch
-einmal glaubten die Narren der Hoffnung, dann wurden alle gewahr, was
-für ein Irrlicht im Hause des Spötters von Sanssouci wohnte.
-
-In Olmütz mußte der König von Preußen den Pakt unterschreiben, daß
-Habsburg noch immer der Hausherr im deutschen Bund war.
-
-Über den Aufruhr und über die Wallung des Volkes zur Einheit hatte der
-fromme Geheimrat gesiegt; und als er in Wien sein Siegesfest gab, saß
-Metternich wieder auf seinem Stuhl, ein stocktauber Greis, und lächelte
-nur, daß eine neue Seite im Buch der Minister begänne.
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-Das Buch der Preußen
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-Der Ordensstaat
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-Hermann von Salza, der die schwarzweißen Ritter des deutschen Ordens
-ins Land der heidnischen Preußen brachte, war ein Vertrauter des
-Staufers Friedrich II. gewesen, der sich die sizilianische Verwaltung
-ausdachte, darin es nicht Stände und Heerschilde gab wie im Reich,
-darin nur noch der Untertan war, den die Beamten des Königs regierten.
-
-Hermann von Salza der Hochmeister suchte, als er mit seinen
-Ordensrittern ins Land der Preußen kam, kein Volk, sondern den Raum
-seines Staates und brachte den Bauer und Bürger mit, den er als
-Untertan brauchte.
-
-So wuchs sich am Rand des baltischen Meeres ein Herrenstaat aus kraft
-seines Schwertes; aber das Schwert stand im Dienst des Kreuzes, und das
-Herrentum war eine strenge Pflicht.
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-Während der sizilianische Staufer hinschwand wie ein Komet, blieb darum
-der deutsche Ordensstaat Hermann von Salzas leben, und wurde der Arm
-des Deutschtums, mit dem es weit hinaus in den slavischen Osten griff,
-zu herrschen und zu kolonisieren.
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-Wo in Sümpfen und Steppen Fischer und Hirten gewohnt hatten, wurden
-deutsche Bauern gesiedelt, und um die Burgen der Komthureien wuchsen
-die Städte der rheinischen Handwerksleute.
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-Wie einen Garten im Ödland, so bauten die Ordensritter den Staat, darin
-die gesiedelten Bauern und Bürger den Schutz des Schwertes und die
-Gewähr ihrer Verträge hatten.
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-Der Staat aber war der Orden allein, und seine Gesetze galten aus
-keinem andern Recht als der Ordenspflicht, deren Zuchthalter der
-Hochmeister war: darum kannte der Staat der schwarzweißen Ritter kein
-Volk, nur Bewohner.
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-Brandenburg
-
-Des heiligen römischen Reiches Streusandbüchse hießen die Spötter
-das brandenburgische Land, als es der Schwabe Friedrich von Zollern,
-Burggraf zu Nürnberg, von Sigismund dem Schuldenkaiser bekam.
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-Denn die Spree war kein Neckar, und der gerodete Boden zwischen Kiefern
-und Seen barg keine Fruchtbarkeit: wie den Wenden das Land, so waren
-die kargen Weiden und Felder dem Sand abgerungen.
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-Auch hatten die Erbhändel um die askanische Mark ein Jahrhundert
-gedauert: Städte und Ämter waren verpfändet; die Rittergeschlechter,
-der Landesherrschaft entwöhnt, saßen auf ihren Burgen, dem hergewehten
-Schwaben zu trotzen.
-
-Sollte auf solchem Grund je Wohlstand wachsen, mußten sich harter
-Fleiß und härtere Sparsamkeit paaren; nur in der mühsamen Kunst karger
-Verwaltung konnten die Hohenzollern in Brandenburg zu Ansehen kommen.
-
-Als ihnen endlich nach zweihundert hausgehaltenen Jahren das Glück
-in den Schoß fiel, als sie das Ordensland der schwarzweißen Ritter
-durch Erbschaft gewannen, weil der letzte Hochmeister Albrecht von
-Brandenburg ein weltliches Herzogtum daraus gemacht hatte: da war es im
-selben Jahr, daß die fressenden Feuer des dreißigjährigen Krieges über
-das Reich zu flackern begannen.
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-Die schwachen Hände des Kurfürsten Georg Wilhelm zogen wie alle
-Schwachheit das Unglück an, und Brandenburg wurde das Blachfeld der
-Schweden bis zu dem Tag, da sie nur noch auf Raub am Reich sannen, weil
-der Kaisertraum Gustav Adolfs kläglich zerronnen war.
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-Als Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst, mit zwanzig Jahren das Land
-übernahm, hatte der Krieg Brandenburg wieder zur Öde gemacht: Dörfer
-und Fluren lagen vernichtet, und wo noch Stadttore standen, waren die
-Häuser verbrannt.
-
-Elend und Entsetzen wohnte in Hütten und in den Burgen die alte
-Unbotmäßigkeit: es war eine magere Erbschaft, die dem Schöpfer des
-preußischen Staates zufiel, und alle Hoffnung war ihr bestritten.
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-
-Der preußische Staat
-
-Aus brandenburgischer Kargheit und schwarzweißer Ordenszucht wurde
-der preußische Staat; als er in Deutschland zur Geltung kam, war er
-ein starkes Heer und eine gerechte Verwaltung: nicht ein Volk hatte
-sich einen Staat, sondern ein Staat sich das Volk nach seinem Bilde
-geschaffen.
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-Ob es deutsche Bauernschaft war, die zur Siedlung kam, ob sie aus
-Rheinland oder Westfalen, aus Salzburg und Holland stammte: sie hatte
-das Urvätertum der Heimat verlassen und war in einen Staat eingegangen,
-der eine freundliche Fremde, doch Fremde vorstellte.
-
-Soviel Hunderttausende zuletzt im Oder- und Weichselgebiet saßen, sie
-wären in der kahlen Gemeinschaft eines Heeres und einer Verwaltung
-nicht warm geworden, wenn sie nicht ihre Bibel und das Gesangbuch und
-Sonntags die Predigt gehabt hätten, darin ihr Leben ein Pilgrimstand
-hieß.
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-Denn Protestanten waren sie alle, ob sie aus Rheinland oder Westfalen,
-aus Salzburg und Holland oder gar aus Frankreich stammten; und der
-Staat, der die um ihres Glaubens willen Vertriebenen aufnahm, war es so
-sehr, daß Preußen- und Protestantentum zueinander gehörten wie Kirche
-und Sonntag.
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-Als dann die Tage des unbesiegbaren Königs kamen, der sich im
-siebenjährigen Krieg den Ruhm seiner Schlachten holte, sodaß die
-Preußen zuletzt vom alten Fritz sprachen, wie man vom Rübezahl spricht:
-da wurde es offenbar, daß der preußische Staat seine Kolonisten zu
-einem Volk zusammen geschweißt hatte.
-
-Seit Roßbach und Leuthen gab es ein preußisches Volk, dem die
-Kolonie im slavischen Osten eine neue Heimat geworden war; und die
-schwarzweißen Fahnen bedeuteten mehr als die kahle Gemeinschaft eines
-starken Heeres und einer gerechten Verwaltung.
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-Darum, als der Reichsfreiherr vom Stein ein deutsches Vaterland wollte
-statt dem Flickwerk der Fürsten, ging er zum König von Preußen,
-nicht zum Kaiser nach Wien; und daß sich Deutschland gegen die
-Fremdherrschaft des Korsen erhob, war eine Tat des preußischen Volkes.
-
-Denn in der Not war die Umkehr geschehen, daß der preußische König den
-Ruf «An mein Volk» wagte, und nicht nur Preußen hörte den Ruf, sondern
-Deutschland gab ihm jubelnde Antwort, weil das Heer durch Scharnhorst
-ein Volksheer und die Verwaltung durch Stein die Selbstverwaltung der
-Stände und Städte geworden war.
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-Aus der Ordenszucht der schwarzweißen Ritter und aus der Kargheit
-Brandenburgs war in der Kolonie ein Staat und Volk aufgewachsen, daraus
-für Deutschland der Wille und Mut wiederkam, sich gegen das Flickwerk
-der Fürsten mit Blut und Eisen zu wagen.
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-Der Keil
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-Als Friedrich der Große in Sanssouci starb, hatte der preußische Staat
-das Kolonialland im Osten zusammengerafft; seine Gestalt war auf der
-deutschen Karte ein breiter Keil, dessen Schärfe mit der Festung
-Magdeburg nach Westen gegen den Rhein wies.
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-Der Keil des preußischen Staates war angesetzt, das morsche Holz des
-Reiches zu sprengen, und hatte den Spalt über Minden schon vorgetrieben
-bis Wesel, wo seit dem Großen Kurfürsten die Schildwache Brandenburgs
-stand.
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-Als die Schere Napoleons dann die Karte Europas zurecht schnitt und vom
-Reich nur den Rheinbund, Preußen und Österreich übrig ließ, hatte der
-Keil seine Schärfe und Breite verloren: ihm selber war der polnische
-Keil bis ins Mark vorgetrieben.
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-Aber zum achten Neujahr nach Jena schon ging das preußische Heer bei
-Caub über den Rhein, die Schärfe nach Frankreich zu tragen; und wo die
-Truppen gegangen waren, saß der Reichsfreiherr vom Stein, das befreite
-Land zu verwalten.
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-Und ob der Wiener Kongreß mehr Fürsten auf ihre Throne zurück
-setzte, als dem Reichsfreiherrn recht war: Preußen hatte die Wacht
-am Rhein errungen; von Wesel bis Saarlouis standen die schwarzweißen
-Schildwachen.
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-Die Rheinprovinz war der Siegespreis, der dem preußischen Schwert
-zufiel, weil das Reich der geistlichen Kurfürsten tot war; die Kolonie
-kehrte ins Herzland des Reiches zurück, daraus seine Bauernschaft
-einmal um des Glaubens willen auszog.
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-Im deutschen Volk blieb seit der Romantik ein Raunen: wer den Rhein
-hat, der hat das Reich! Seitdem der preußische Keil im rheinischen
-Querholz stak, wußte es jedermann: im preußischen Staat mußte das Reich
-wiederkommen.
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-Unter den Linden
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-Dorothea, die zweite Gemahlin des Großen Kurfürsten, pflanzte die erste
-Linde der breiten Straße, die von der Schloßinsel schnurgerade in den
-Tiergarten führte; aber das Schloß war noch die düstere Burg an der
-Spree.
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-Erst Friedrich, der ruhmsüchtige Sohn des Großen Kurfürsten, begann den
-gewaltigen Schloßbau, zu dem er den Bildhauer und Baumeister Andreas
-Schlüter in seinen Dienst holte.
-
-Mit zwei sehr großen Höfen warf Schlüter den Grundriß über die Breite
-der Schloßinsel hin, und der Größe des Planes entsprach die Kraft einer
-barocken Gestaltung.
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-Gebändigte Wildheit war alles, was dieser Mann aus seiner großen Natur
-zu bauen und bilden unternahm: seine Portale standen als wahrhafte
-Königstore am Schloß; und als er dem Großen Kurfürsten sein Reiterbild
-auf der Langen Brücke aufstellen durfte, verkündigte es seinen Ruhm mit
-dem des Fürsten, weil es das stärkste Sinnbild gebändigter Kraft auf
-deutschem Grund war.
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-Weder das Schloß noch das Zeughaus, daran die Masken der sterbenden
-Krieger in die Ewigkeit starren, durfte Andreas Schlüter vollenden,
-weil sein Ungestüm in Ungnade fiel und durch den Schweden Eosander von
-Göthe gefällig ersetzt wurde; aber durch seine Wirksamkeit war der
-Kunst in Preußen Gewicht und Weisung gegeben.
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-Zwar der Soldatenkönig werkelte draußen in Potsdam, und der alte Fritz
-wohnte in Sanssouci, das ihm nach seiner Idee Knobelsdorff baute, der
-mit seiner großen Leibesgestalt ein Tafelgenosse des Königs, in seinen
-Bauträumen ein Künstler von zartesten Gnaden war.
-
-Ehe Knobelsdorff aber das Märchen von Sanssouci schuf, hatte er den
-Berlinern ein Opernhaus hingestellt, darin der Weg aus dem Barock
-Schlüters zur preußischen Einfachheit sein erstes Wegzeichen erhielt,
-trotzdem es Rokoko war.
-
-Die seine Zauberhand ablösten, waren die Holländer Boumann, Vater und
-Sohn; sie bauten den Dom und die Hedwigskirche, die Universität und die
-Bibliothek, wie der alternde König es wünschte und Knobelsdorff nicht
-erfüllen konnte: sie bauten sie schlecht und recht nach dem befohlenen
-Vorbild, aber mit Haltung.
-
-Der Weg der preußischen Baukunst führte erst weiter, als der Schlesier
-Langhans nach Berlin kam und der Straße Unter den Linden das
-Brandenburger Tor vorsetzte mit dorischen Säulen, aber in einer Wucht
-und Freiheit zugleich, die für diese Stelle gefühlt war.
-
-Das Viergespann auf dem flachen Dach bildete Schadow, den sie später
-den alten Schadow nannten, der aber damals im Vollbesitz seiner
-derb-feinen Bildnerkunst war und in den köstlichen Standbildern Zietens
-und des alten Dessauer selber ein Doriker wurde.
-
-Denn in dieser Zeit geschah das Wunder, daß die Kunst in Preußen den
-Weg zu sich selber zurückgelegt hatte, indem sie Natur zwar im Gesetz
-der Antike sah, aber mit eigenen Augen.
-
-Als Friedrich Gilly, der Jüngling, lehrend und kühne Beispiele
-zeigend, das kurze Gastspiel seines Lebens gab, da schienen die Musen
-dem Preußentum zugeneigter, als sie es sonst im Reich waren.
-
-Schinkel, sein Schüler, durfte die Hauptwache als das höchste Beispiel
-preußischer Baukunst hinstellen: Wiedergeburt der Antike aus eigener
-Vollmacht.
-
-Als er den Lustgarten mit der Säulenhalle des alten Museums abgeriegelt
-und durch die Schloßbrücke mit der Prunkstraße Berlins verbunden hatte:
-da war die Flucht unter den Linden vom Brandenburger Tor bis zum Dom
-die schönste Straße in Deutschland und eine der schönsten der Welt.
-
-
-Berlin
-
-Während Weimar der deutsche Musenhof wurde und Jena sich rühmte, die
-Wiege der deutschen Romantik zu sein, blieb die Stadt an der Spree
-stumm; so volkstümlich der alte Fritz war, so abseits der deutschen
-Bildung stand der Spötter von Sanssouci.
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-Weder Lessing noch Winckelmann fanden ein Amt im preußischen Staat, dem
-der eine nach seiner Natur, der andere nach seiner Geburt angehörte;
-erst, als Berlin die Rüstkammer der vaterländischen Bewegung wurde,
-fing der deutsche Geist an, eine preußische Wohnung zu haben.
-
-Fichte hielt seine Reden an die deutsche Nation in Berlin, und Heinrich
-von Kleist war der preußische Gegenwurf zu der Botschaft von Weimar.
-
-Und als die Erhebung verrauscht, als Deutschland durch Preußen befreit
-war, trat Hegel, der Kanzelredner des Staates, die Nachfolge Fichtes an.
-
-Er baute den Raum der Vernunft so umfänglich aus, daß alles darin
-seinen Platz fand, und baute ihn so mit logischen Klammern befestigt,
-daß keine Unordnung des Geistes mehr den Weltenplan störte.
-
-Gleich einem Propheten des alten Bundes bewahrte er der neuen Vernunft
-das Siegel, ohne das keine Wissenschaft gültig war.
-
-Die Philosophie, aus dem Latein Leibnizens in den mühsamen Perioden
-Kants eine deutsche Tatsache geworden, dachte nicht mehr Begriffe,
-sie glaubte Leben zu denken; und daß sie es dunkel tat, lag im Logos
-beschlossen, dahinein sie den Tag tauchte.
-
-Daß neben dem Propheten der Held nicht fehle, kam mit seinem
-europäischen Ruhm Alexander von Humboldt nach Berlin zurück, der ein
-neuer Napoleon war, die Welt zu erobern, und der unter allen Männern
-seiner Zeit der gefeiertste war.
-
-Daß er und sein Bruder Wilhelm, der Minister, daß die beiden Humboldt
-durch den Berliner Tag gingen, gab ihm einen Stundenschlag, der in
-Europa gehört wurde.
-
-In diesem Stundenschlag verschwand für die Menge, aber es war den
-Guten bewußt, daß in Berlin die Serapionsbrüder des Kammergerichtsrats
-Hoffmann schwärmten, daß im botanischen Garten Chamisso saß, der
-Dichter des Peter Schlemihl, daß Achim von Arnim mit seiner Bettina
-gern von Wiepersdorf in die Stadt kam, und daß die Rahel dort ihren
-Salon hatte.
-
-Der gute Geist aber, der sie alle kommen und gehen sah, die in Berlin
-für kurze oder lange Zeit ihr Nest bauten, hieß Schleiermacher; und
-wenn den Karlsbader Beschlüssen zum Trotz der deutsche Geist sich nicht
-mehr aus seiner preußischen Wohnung vertreiben ließ, war Schleiermacher
-ihm der getreue Eckart.
-
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-Der Schillertag
-
-Um die Lebendigen war eine Leere, und Gras wuchs über das große
-Gedächtnis; die Zeit der deutschen Bildung begann, aber die Bildung
-hatte bei Gellert zu Abend gegessen und dreist Goethes Schlafrock
-angetan.
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-Glauben und Glück gingen am Sonntag spazieren; die Kunst als Pudel der
-Bildung spaßhaft geschoren, sprang nebenher.
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-Das war die Zeit, da Beethoven einsam sein Alterswerk schrieb, indessen
-der Freischütz dem Bürger das Morgen- und Abendlied wurde.
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-Das war die Zeit, da fleißige Maler der Bildung Romantik ins Album
-malten, da die Sehnsucht der Sänger nur noch die Wohllust der
-häuslichen Herrlichkeit war.
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-Da Ludwig Richter um die Gestalten der Märchen und Sagen sein liebes
-Rankenwerk machte, da jeder Malergesell ein Taugenichts wurde von
-Eichendorffs Gnaden.
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-Das war die Malkastenzeit, da die Stadt an der Düssel sich ihrer
-Gärten und Künstlerschaft rühmte, da der Rhein eitel Mondschein und
-Becherklang war.
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-Da die Raffaeliten in Remagen ihre blasse Frömmigkeit malten und
-Rethels herrliche Hand, die den Totentanz machte, an den Bildern im
-Aachener Kaisersaal traurig verdorrte.
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-Da Kaulbach ein neuer Michelangelo wurde, bis endlich Piloty, der
-deutsche Tizian kam, seinen unsterblichen Ruhm unsterblicher zu
-verdunkeln.
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-Das war die Zeit, da Schillers Geburtstag zum hundertsten Mal jährte.
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-Der Goethetag war eine verborgene Feier gewesen, ein Sternbild über dem
-stummen Land; der Schillertag wurde das rauschende Fest seines Volkes.
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-Den Sänger der Freiheit hießen sie ihn, und weil die Freiheit im
-deutschen Bund eingesargt war, kam die deutsche Bildung mit Kränzen und
-Fahnen, mit Böllern und Glockengeläut, mit Reden und Männergesängen,
-das Grab der Freiheit zu feiern.
-
-Um die Lebendigen war eine Leere, und Gras wuchs über das große
-Gedächtnis; aber am Schillertag blühte im Kornfeld der Bildung das
-Unkraut der deutschen Begeisterung auf.
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-Der Geheimrat hörte das Glockengeläut gern; wohl brauste die Jugend
-hinein und manche Rede klang scharf in den Tag: aber das Wahre, Schöne
-und Gute hatte gesiegt über die Geister von gestern, und hatte die
-Völker in seiner Hand fromm und glücklich gemacht.
-
-
-Friedrich List
-
-Als die Deutschen den Schillertag feierten, war es im dreizehnten Jahr,
-daß ein anderer Schwabe, verdüstert und müde der deutschen Ermattung,
-in Kufstein sein rastloses Leben mit einer Kugel beschloß.
-
-Er war kein Dichter, und als er am Tübinger Stift Staatswissenschaft
-lehrte, hieß ihm Hölderlin wenig; unnütze Träume galten dem praktischen
-Schwaben Griechenlands Götter, und bläßliche Feiertagsfreude galt ihm
-ein Frühlingsgedicht.
-
-Ein fröhlicher Hammerschlag lockte ihn mehr als die Wehmut versunkener
-Dinge; und weil seinem Gegenwartssinn verschimmelte Weisheit zu lehren
-nicht mehr behagte, weil zuviel Pastorengeruch in der Tübinger Luft
-war, ließ er sein Amt, das Stift und die Stadt, in Stuttgart den
-Stätten der Arbeit näher zu sein.
-
-Das aber war zu der Zeit, da Sand den Kotzebue totstach, da die
-Karlsbader Beschlüsse den Mord an der deutschen Burschenschaft
-rächten; sie fanden auch List, der die Regierung in Stuttgart mit
-zornigen Eingaben plagte, und setzten den lästigen Mahner hinter das
-eisenbeschlagene Tor auf dem Asperg.
-
-Sich aus der harten Haft zu befreien, versprach er, das schwäbische
-Land mit der neuen Welt zu vertauschen und über dem Meer dem frommen
-Geheimrat nicht mehr im Weg zu sein.
-
-So kam der Reutlinger Schwabe zu seiner Weltbürgerschaft, so kam der
-arme Professor zum Reichtum; denn als er drüben das Glück in einem
-Kohlenflöz fand, griff seine Schwabenhand zu: solch einen Hans im Glück
-hatten die Leute im Osten längst nicht mehr gesehen, wie es der Schwabe
-in Pennsylvanien war.
-
-Aber er wollte ein anderer Glücksritter werden als für den eigenen
-Beutel; er hatte die Quelle des Reichtums gefunden und wollte sie
-fließen machen für alle: Deutschland sollte nicht länger das Hungerland
-seiner Fürsten und ihrer höfischen Bettelschaft sein.
-
-Der Traum einer anderen Wirtschaft blühte ihm auf, als der Zünfte und
-kleinen Gewerke: der deutsche Boden war schwer an Schätzen; Kohlen und
-Eisen konnten dem Vaterland Wohlstand und Freiheit bedeuten; denn die
-Armut allein -- so glaubte sein glühender Traum -- machte die Menschen
-unfrei.
-
-Bahnen, quer durch die Grenzen der Fürsten gebaut, sollten den Städten
-die Nahrung der Bauernschaft bringen; die Städte hingegen sollten die
-Werkstätten sein für alles Gerät, das die Landwirtschaft brauchte.
-
-Eines sollte dem andern die Waage des Wohlstandes halten, rascher
-Verkehr und planvoller Handel sollten die Preise bestimmen, Zölle
-die heimischen Werkstätten schützen, Ausfuhr und Einfuhr die kluge
-Benützung des Weltverkehrs sein.
-
-Ehe sein glühender Eifer mit solchem Traum in die Wirklichkeit
-ging, schrieb er ihn auf in dem klugen und heftigen Buch seiner
-Volkswirtschaftslehre; dann kam er zurück übers Meer wie der Hans im
-Glück, mit dem Goldklumpen seiner Pläne das deutsche Volk zu beglücken.
-
-Aber das deutsche Volk saß im Spinnennetz seiner Fürsten, seine
-Gegenwart war an den Grenzpfahl gebunden und seine Zukunft an den
-Geheimrat; wo ein Stück grünes Land war, ging die Vergangenheit auf die
-Weide.
-
-Was in der neuen Welt ein Kinderspiel schien, war ein Herkuleswerk
-in der alten; jahrelang ringend mußte der schwäbische Hans seinen
-Goldklumpen tauschen, bis er am Ende von all seinen Täuschen den grauen
-Wetzstein behielt.
-
-Da wußte er freilich, daß es zuerst die Schärfe der deutschen Sensen
-und Sinne aus ihrer Stumpfheit zu wetzen galt; und er wetzte, daß aus
-den Funken der Brand in die faulen Strohdächer sprang.
-
-Bis der Hans im Glück ein verdrossener Mann und seine
-Volkswirtschaftslehre ein durchlöcherter Regenschirm war, bis eine
-Kugel die letzte Enttäuschung bezahlte, bis Friedrich List in Kufstein
-verscharrt wurde.
-
-Aber sein Goldklumpen war unterdessen in rüstige Hände gefallen: was
-Friedrich List nicht vermochte, das münzten sie aus, ihren Beutel zu
-füllen; und als sich im Flickwerk der Fürsten Wohlstand und Freiheit
-zu regen begannen, regte sich sein Vermächtnis.
-
-
-Die Eisenbahn
-
-Der Menschengeist hatte den Dämon aus Feuer und Wasser gebändigt; im
-Eisenbauch schwerer Maschinen saß er gefangen, Mühlen und Hämmer, Räder
-und Spindeln zu treiben: nun wurde er Roß vor dem Wagen.
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-Von England kam das neue Wunder der Welt; als es zuerst von Nürnberg
-nach Fürth lief, strömten die Leute weither, die sausende Fahrt mit
-Feuer und Dampf zu bestaunen.
-
-Der Eisenbauch der Maschine war auf Räder gestellt; die aber liefen,
-vom zischenden Dampf in den Kolben getrieben, auf eisernen Schienen
-schneller durchs Land hin, als je ein Roß zu rennen vermochte.
-
-Ein Feuerroß schien die neue Maschine den Menschen, mit dampfenden
-Nüstern; so stark war das bauchige Ungetüm, daß es gleich einen ganzen
-Wagenzug hinter sich herzog.
-
-Die Ärzte hatten die Hände gerungen, und der Geheimrat sah grollend dem
-leichtfertigen Untertan zu; aber die Kaufleute wollten die Eisenbahn
-haben, und wie eine Hummel fuhr List, ihr Herold, herum.
-
-In Sachsen gelang es dem Schwaben, den ersten Fernweg in Deutschland
-von Dresden nach Leipzig zu bauen; er mußte den Elbe- und Muldefluß
-überbrücken, er mußte bei Oberau gar durch einen Berg gehen -- einen
-Tunnel hießen sie solch eine Höhle, daraus das Ungetüm brausend
-hervorkam -- aber die Eisenbahn brachte den Passagier, der einen langen
-gerumpelten Tag mit der Post oder drei Tagesmärsche brauchte, in
-fünfeinhalb Stunden von Dresden nach Leipzig.
-
-Zwar rauchte der Schornstein unaufhörlich, und im Feuerschein flogen
-die Funken über die offenen Wagen; doch brach kein Rad in den Löchern
-der Straße, und es wurde kein Pferd lahm.
-
-Der Postillon hatte verspielt trotz Mondschein und Horn, und auf
-der langen Allee von Leipzig nach Dresden blieben die Planwagen
-aus, bis die Straße leer wurde vom Fremdenverkehr und nur noch das
-Bauernfuhrwerk seine langsamen Räder hinrollte.
-
-Und wie es in Sachsen geschah, wurden in Preußen, am Rhein und in
-Bayern die eisernen Schienen quer über die Felder und Wiesen, durch
-Hügeleinschnitte und über haushohe Dämme gelegt; staunende Dörfer und
-schweigende Wälder sahen das rauchende Ungetüm fahren.
-
-Städte, sonst tagefern voneinander, wurden auf Stunden genähert; wer
-in der Frühe aus Hamburg wegfuhr, konnte abends schon in Berlin den
-Freischütz hören.
-
-So wurde ein anderes Netz über Deutschland gespannt, als es das
-Spinnennetz Metternichs war; noch konnten die Grenzen der Fürsten die
-Strecken biegen und brechen, aber die Schienen bohrten sich durch und
-bohrten dem freien Verkehr der Völker die Gasse.
-
-Wo die Eisenbahn hinkam, brachte sie Kohle, und wo die Kohle hinkam,
-konnten die Schornsteine rauchen; so ging der Traum des Reutlinger
-Schwaben doch in Erfüllung, Handel und Wandel, aus ihrer Enge befreit,
-wuchsen ins Weite, an seinen Bahnen wollte das Flickwerk der Fürsten
-ein Vaterland werden.
-
-
-Der Zollverein
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-Die Eisenbahn baute die Wege, die Völker im Reich zu verbinden; aber
-die Zölle legten landaus, landein die Schranken der Fürsten darüber.
-
-Länder und Landschaften, Städte und Märkte hielten mit Eifersucht ihre
-Grenzen gesperrt; je rascher die Eisenbahn Waren und Güter herbrachte,
-je zorniger wurde der Zank um den Zoll, der sie tagelang hinhielt.
-
-Die preußischen Länder, vom Rhein bis zum Memel aus langer Erwerbschaft
-geflickt und seit dem Wiener Kongreß mit der Schere zerschnitten,
-mußten den Mangel am meisten erfahren: so kam es, daß Preußen die
-Unrast der kommenden Einheit im Vaterland wurde.
-
-Habsburg und Brandenburg rangen im Reich um die Macht, seitdem der
-Spötter von Sanssouci Maria Theresia Schlesien nahm; als der zähen
-Preußengeduld der deutsche Zollverein glückte, waren der Habsburger
-Vormacht die Stränge zerschnitten.
-
-Mit den kleinen Nachbarn fing Preußen sein zähes Geduldspiel an; die
-größeren wollten sich wehren, und jahrelang rangen die Mächte im
-deutschen Bund gegen die preußischen Pläne.
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-Wie ein böses Geschwür sahen die Herren der Hofburg den neumodischen
-Bund wachsen, darin statt dem Schwert die Waage des Kaufmanns regierte,
-darin Habsburg, am Rande des Reiches, nicht mehr das Schwungrad im
-deutschen Räderwerk war.
-
-Preußen hatte den Rhein, und wer den Rhein hatte, konnte den Handel in
-Deutschland bestimmen; auch war es die Zange, die norddeutschen Länder
-zu packen, und die preußische Zange scheute sich nicht, wo sie konnte,
-zu zwicken.
-
-So wurde erstmals im Zollverein wahr, was deutsche Herzen erhofften;
-wohl blieben die Grenzpfähle stehen, mit den Farben von vielerlei
-Fürsten zu prahlen und all ihrem bunten Wappengetier; aber von Preußen
-nach Bayern, von Hamburg zum Bodensee gingen die zollfreien Waren, als
-ob das Vaterland Wirklichkeit wäre.
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-Der Kaufmann hatte gesiegt über den frommen Geheimrat; doch Preußen
-hatte dem Zoll das Ziel und dem Handel die Wege bereitet; der Fuchs in
-Berlin wußte genau: der Zollverein war die Vernunft, und die Vernunft
-war der Vorteil im Zwang der kommenden Macht.
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-
-Der preußische Bundesgesandte
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-Als der preußische Junker Otto von Bismarck nach Frankfurt zum
-Bundestag kam, war die Paulskirche wieder geschlossen, der deutsche
-Bund hielt seine Sitzungen ab, als wäre niemals ein März in seinen
-Winter gefahren.
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-Der Junker von Bismarck hatte das Handwerk der Diplomatie in keiner
-Schule gelernt, er konnte reiten, fechten und tanzen, er konnte ein
-frecher und fröhlicher Kerl sein: weil alle die anderen Gesandten auf
-Schleichwegen gingen, hörten sie bald seine Stiefel knarren.
-
-Die Märztage hatten dem Junker von Bismarck eine Narbe ins Herz
-gebrannt, die schwarzweiße Fahne war durch die schwarzrotgoldenen
-Farben in Schande gekommen: er konnte dem Teufel ins Angesicht lachen,
-aber die Märzfarben ertrug er nicht.
-
-Mehr als ein Deutscher war er ein Preuße, und mehr als ein Preuße ein
-Junker: der König war Herr, und er war seiner Herrlichkeit Träger; wer
-ihm hinein sprach, hatte den König gekränkt; und Kränkungen des Königs
-ertrug ein Junkerblut nicht.
-
-So paßte der Todfeind des Liberalismus den schwarzgelben Herren der
-Hofburg; aber sein dreistes Preußentum verdroß ihren Hochmut.
-
-Sie waren gewohnt, im Bundestag ihre Schlingen zu legen, und der Troß
-der Gesandten war nur die Meute der Hofburg; aber der Junker von
-Bismarck war weder Hase noch Fuchs oder sonst ein jagdbares Tier, eher
-ein Jäger und also bereit, sie selber in ihrer Schlinge zu fangen.
-
-Sie waren Meister der Schule, er lachte zu ihren Ränken und stellte die
-hohe Diplomatie getrost auf den Kopf; er nannte die Dinge tolldreist
-beim Namen und war seiner Sache gewiß, daß Klugheit und Mut ohne
-Verkleidung stärker und sicherer wären.
-
-So machte er, der bei den Schwarzgelben heiter zu Tisch saß, der
-ihren Damen ein witziger Kavalier und ihren Neunmalgescheiten ein
-dummdreister Gernegroß schien, die schwarzweißen Farben wieder frisch,
-die seit Olmütz verstaubt waren.
-
-Nur das Volk sah nichts als den preußischen Junker in seiner
-Hünengestalt; ihm galt der Preußengesandte in Frankfurt der Todfeind
-des Vaterlandes und der Klopffechter verschimmelter Fürstengewalt.
-
-
-Der Regent
-
-Der König von Preußen hatte die schwarzrotgoldene Schärpe getragen und
-war nach Olmütz gegangen; er hatte geschwärmt und geredet und Kirchen
-gebaut, er hatte die Hoffnung, den Groll und die Ohnmacht der Deutschen
-nacheinander betrogen: als er ins Alter kam, waren nur schwankende
-Schatten von seinem Umriß geblieben.
-
-Lange bevor ihn ein Schlaganfall hinwarf, seinen Schwarmgeist völlig
-umnachtend, hatte der festere Schatten von seinem Bruder hinter dem
-König gestanden, wie ein Pfahl bei dem schwankenden Baum steht.
-
-Er war weder geistreich noch redebegabt, nur ein Soldat; alles,
-was einen Fürsten bei seinem Volk beliebt machen kann, fehlte dem
-wortkargen Mann; doch jedermann wußte, Prinz Wilhelm war, was der König
-nicht war, ein Charakter.
-
-Niemand sah ihn je schwanken und zagen; als die Märztage kamen, riet
-er dem König, unbeugsam zu bleiben, und als im badischen Aufstand die
-preußische Hand gebraucht wurde, gab sie der Kartätschenprinz her.
-
-So stand seine karge Erscheinung recht in der Zeit als ein Stück
-Fürstengewalt; die Junker hielten ihm zu, weil er ein Stockpreuße wie
-sie und lieber ein Gutsherr in Brandenburg als ein Fürst nach dem
-deutschen Volkswillen war.
-
-Nichts an ihm, außer der langen Gestalt, ging über den Zoll; kein
-Schatten der Größe witterte um seinen Namen, aber hochmütig und
-unbeugsam hielt er der Krone die Torwache.
-
-Das preußische Volk sah ihn verdrossen neben dem Thron stehen, der
-seinem romantischen Bruder Kanzel und Kirchenstuhl und nun ein
-Krankenbett war; ihm aber sollte er wieder, das ließ er den Untertan
-merken, ein Königsstuhl sein.
-
-Ein Königsstuhl ohne Schwall und Gepränge, ein Königsstuhl mit dem
-Schwert und der Waage als Zeichen der höchsten Gewalt.
-
-Fremd seinem Volk und von allen gehaßt, die an die neue Zeit glaubten,
-hielt er dem kranken Bruder die Krone, und dennoch heimlich begrüßt,
-weil wieder nach schwankenden Schatten ein fester Umriß am Fenster der
-Königsgewalt stand.
-
-
-Der Konflikt
-
-Die deutsche Frage war seit Olmütz in die Enge der unabwendbaren
-Entscheidung geraten: Österreich und Preußen rangen im Deutschen Bund
-um die Macht, wie einmal die Welfen und Staufer taten.
-
-Großes Schicksal hatte der Kaisergedanke über die Deutschen gebracht;
-aber der Deutsche Bund war nicht mehr das Reich und der Zollverein
-hatte den Spalt quer durch die deutschen Länder gerissen.
-
-Der Prinzregent war Soldat; er sah die kommenden Dinge mehr mit dem
-Zündnadelgewehr als mit den Fußangeln der Diplomaten.
-
-Er legte, König geworden, dem preußischen Landtag die neue Wehrordnung
-vor, von vierzigtausend Rekruten auf sechzigtausend zu kommen, statt
-die andern auslosen zu lassen.
-
-Aber der Landtag war widerspenstig; er sah nach Bürgerart mehr in
-die Gegenwart als in die kommenden Dinge und wollte für eine so
-kostspielige Heeresverstärkung nicht die Mittel beschließen.
-
-Darum, als Österreich mit Frankreich in den italienischen Krieg kam
-und der Deutsche Bund rüsten mußte, ließ sich der König die Mittel der
-Mobilmachung gewähren und führte die neue Wehrordnung ein, wie er sie
-wollte.
-
-So sah sich der Landtag umgangen: das Heer war verstärkt, die neue
-Wehrordnung war da, und er sollte seine Bewilligung nachträglich geben;
-aber er weigerte sich nach dem Buchstabenrecht der Verfassung.
-
-Dreimal versuchte der König den Widerstand des Bürgers zu brechen;
-dreimal wurde der Landtag entlassen; dreimal kamen die Männer im Willen
-des Volkes gestärkt zurück, und immer trotziger wurde ihr Nein.
-
-Denn nun war das schärfste geschehen: der König, bedrängt und gehaßt,
-von vielen Guten verlassen, hatte den Junker von Bismarck als seinen
-Minister gerufen; und nun stand der eiserne Wille gegen den Trotz,
-die Unabänderlichkeit kluger Gewalt gegen die Rechtsbehauptung lahmer
-Gesetze.
-
-Nicht durch Reden und Kammerbeschlüsse, höhnte der Junker den Landtag:
-durch Eisen und Blut würden die Fragen der Zeit zur Entscheidung
-gebracht.
-
-Er hatte den Bund mit dem Zaren geschlossen, das Heer stand bereit; und
-was seinem Dämon als Schicksal und Größe von Preußen im Sinn lag, das
-sollte für Deutschland geschehen.
-
-
-Der dänische Krieg
-
-Der dänische Seehund hatte die preußische Dogge gebissen, die
-meerumschlungene Nordmark war dänisch geblieben trotz allem Gesang der
-Kinder und Greise: nun nahm der Junker von Bismarck den Augenblick
-wahr, dem Seehund die Zähne zu zeigen.
-
-Friedrich, der dänische König, war ohne Kinder gestorben; der Gottorper
-Christian erbte sein Land, der ein Prinz des schleswig-holsteinischen
-Hauses und durch den Willen der Stände Thronfolger in Dänemark war.
-
-Sie wollten mit ihm Schleswig für immer an Dänemark binden; aber ein
-anderer Prinz des schleswig-holsteinischen Hauses bestritt seinem
-Vetter die Nordmark und hieß sich als Friedrich der Achte Herzog von
-Schleswig und Holstein.
-
-Ihm wollte der deutsche Bund helfen, und als die Preußen und
-Österreicher in Holstein einrückten, riefen ihn Ritterschaft, Städte
-und Landschaften zu Kiel als Landesherrn aus.
-
-Die Dänen hießen die Stände samt ihrem Herzog Rebellen, sie rückten mit
-Schiffen und Heeresmacht aus, der deutschen Bundesarmee noch einmal die
-Zähne des Seehunds zu zeigen.
-
-Aber nun hatte die preußische Dogge packen und beißen gelernt und
-wollte die Schande von Olmütz auslöschen; Wrangel konnte noch einmal
-den zornigen Feldmarschall spielen, und diesmal gingen die Sieger nicht
-wieder nach Haus.
-
-Bei Düppel hatte der Seehund sein festes Lager gegraben, aber die Dogge
-wühlte sich durch bis an die Wälle, drei Wochen lang lag sie in Regen
-und Lehm, dann sprang sie dem dänischen Feind an die Kehle.
-
-Zum zweitenmal wollten die Dänen das Spiel der Mächte beginnen, aber
-nun hatte der Junker von Bismarck die Karten klüger gemischt: sein
-Bündnis mit Rußland schreckte die andern, besiegt und verlassen von
-allen Höfen mußte der dänische Hochmut die Demut auskosten.
-
-Die schwarzweißen und schwarzgelben Fahnen blieben im
-schleswig-holsteinischen Land, und Wrangel der Feldmarschall brauchte
-nicht wieder fluchend nach Hause zu gehen; die Kinder und Greise
-konnten getrost das alte Lied singen: das Wunder, kaum noch geglaubt,
-blieb in der Wirklichkeit gültig.
-
-Aber das Lied, einmal so stark in den Herzen, wollte nicht klingen; ein
-Dämon, das fühlten sie alle, hatte das Wunder gemacht: die deutsche
-Seele, blaß und erschrocken, ahnte, daß dies nur ein Anbeginn war, sie
-wartete stumm auf den Fortgang, weil ihr vor dem Bruderkampf graute.
-
-
-Gastein
-
-Schleswig-Holstein, meerumschlungen, war dem Seehund entrissen, aber
-die Dogge duldete nicht, daß Friedrich der Achte als Herzog ins Land
-kam; vor der preußischen Haustür sollte kein neuer Bundesstaat sein.
-
-Seit Friedrich der Große Schlesien nahm, hatte kein Landgewinn so den
-preußischen Dämon gelockt; wie damals war wieder ein Mut da, kalt und
-verwegen, um solchen Gewinn den höchsten Einsatz zu wagen.
-
-Die Bundesgesandten in Frankfurt hörten die knarrenden Stiefel des
-Junkers von Bismarck; sie waren gekränkt, daß er den hitzigen Eifer
-der schwarzgelben Fahnen nach Schleswig-Holstein gelockt, aber die
-Bundesarmee kalt abgewehrt hatte.
-
-Und wie die Bundesgesandten, so haßten die Völker den preußischen
-Junker, daß er so dreist das alte Mächtespiel trieb; sie wollten ein
-deutsches Vaterland sein und wollten die friesische Nordmark friedlich
-und frei im deutschen Staatenverband haben.
-
-Indessen der Herzog der schleswig-holsteinischen Stände sein Glück
-schwinden sah, gingen die Boten von Wien nach Berlin: der neue
-Zankapfel hatte den alten locker gemacht, Schlesien wurde für Schleswig
-gewogen, ein Handel sollte den Machtstreit begraben.
-
-Dem schmählichen Handel zu wehren, hoben die Bundesgesandten in
-Frankfurt den Schild der Gerechtigkeit auf: das neue Bundesland müsse
-sein Schicksal selber bestimmen; ein Landtag, in Schleswig-Holstein
-gewählt, könne das einzige Schiedsgericht sein!
-
-Solche Gerechtigkeit konnte der Junker von Bismarck nicht brauchen;
-Eisen und Blut sollten entscheiden, noch aber war ihm das Spiel zu
-gewagt: dem Gegner die letzte Falle zu stellen, lockte er ihn nach
-Gastein.
-
-Kein Bundestag konnte ihn da mit dem Schild der Gerechtigkeit stören;
-die Habsüchte von Preußen und Österreich waren allein, und als sie
-einander die feindliche Bruderhand gaben, hatte die Hofburg dem
-deutschen Bund die preußische Kränkung mit eigener Kränkung vergolten.
-
-Was ewig ungeteilt bleiben wollte, wurde als Beute der Mächte
-zerrissen: Preußen nahm Schleswig und Österreich Holstein; Lauenburg
-wurde um dänische Taler an Preußen verhandelt.
-
-Da sahen die Völker im Vaterland, daß über dem Schild der Gerechtigkeit
-die Schwerter der Macht gekreuzt waren; die Großen allein wollten den
-Handel begleichen, die Großen in Wien und Berlin, die den deutschen
-Bund kaltblütig übergingen.
-
-
-Die Zange
-
-Seit Gastein begannen die Klugen das tolldreiste Glücksspiel zu ahnen;
-der König von Preußen hatte den Junker von Bismarck zum Grafen gemacht,
-und keine Bedenklichkeit konnte den kühnen Spieler erreichen.
-
-Er trotzte dem preußischen Landtag, er höhnte die Bundesgesandten, und
-mehr als ein Bruch der Verfassung geschah dem deutschen Gewissen, als
-er dem schwarzgelben Bruder den welschen Feind auf den Hals hetzte.
-
-Frankreich und Österreich hatten den letzten Gang um die römische
-Erbschaft der Kaiser gewagt, und Victor Emanuel war, der sardinische
-König, der Spieler Frankreichs gewesen.
-
-Er hatte in blutigen Kämpfen den Einsatz gewonnen; aus einem Flickwerk
-von Staaten war endlich ein einiges Volk auferstanden: Italien hieß es
-sein Land und Victor Emanuel seinen ruhmreichen König.
-
-Noch einmal hatte das uralte Schlachtfeld der Völker den Lärm und die
-Leiden des Krieges erfahren, und schwer waren die Schläge Radetzkys
-gefallen, ehe die Lombardei von den schwarzgelben Fahnen befreit war.
-
-Nur noch Venetien blieb in der Habsburger Hand; die reiche Provinz
-heimzuholen, winkte ein Bündnis mit Preußen: über die Alpen reichte
-der Sieger von Gastein den Welschen die schwarzweiße Hand, den
-schwarzgelben Feind in der Zange zu haben.
-
-
-Das Zündnadelgewehr
-
-Als Preußen den Bruderkrieg anfing, war Österreich immer noch mächtig
-im Bund, auch brach ein Schrei aus der Tiefe des deutschen Volkes gegen
-den preußischen Frevel: aber der eiserne Graf glaubte an den Soldaten,
-und der Soldat glaubte ans Zündnadelgewehr.
-
-Der Teufel -- hieß es -- habe den Preußen die Waffe erfunden, schneller
-zu schießen als sonst ein redlicher Schütze; indessen er kniete und mit
-dem Ladestock lud, hatte der Preuße schon zweimal geschossen.
-
-Und wie das Gewehr war sein Gefecht vom Teufel gesegnet; alles ging
-nach der Uhr: hierhin und dorthin marschierten die Heere, aber zur
-Stunde der Schlacht waren sie da mit der Zange.
-
-Drei preußische Heere zogen nach Böhmen, wo Benedek langsam gegen die
-Lausitz vorrückte; drei Muren brachen aus dem Gebirge ins böhmische
-Land, das österreichische Heer zu erdrücken.
-
-Die erste bot ihm die Front, aber die andern waren die Zange; als die
-schwarzgelben Fahnen bei Königgrätz standen, den Stoß aufzufangen, war
-die Schlacht schon verloren.
-
-Gleich einer Burg waren die Hügel von Chlum vorgebaut gegen die
-Sümpfe der Bistritz, und Benedek stand jedem Sturm, seit früh ging
-die Schlacht und mittags kam sie zu stehen, schon winkte der Sieg den
-schwarzgelben Fahnen, als rechts im Rücken Kanonendonner begann.
-
-Die zweite Mure war da, und schon kam die dritte von links, die
-Zange zu schließen; da half den schwarzgelben Fahnen die Burg und
-die Tapferkeit nichts, und alles Blut des grausamen Tages war ihnen
-vergeblich geflossen: sie mußten die Hügel von Chlum, sie mußten die
-Burg, das Feld und den Sieg dem flinkeren Feind lassen.
-
-Die Schlacht war verloren und mit ihr der Krieg; bald standen die
-Sieger im Marchfeld: da hatte einmal das Glück von Habsburg begonnen,
-da ging es zu Ende.
-
-Einen dreißigjährigen Krieg hatten die Neunmalklugen verheißen, nun
-war er in einem Monat vorüber; die hitzigen Sieger wollten nach Wien
-reiten, aber der eiserne Graf fiel ihrem Roß in die Zügel.
-
-Ihm galt es nicht Preußen und Österreich, ihm galt es Deutschland; und
-ob ihn sein König selber zuerst nicht verstand: zu Nikolsburg machte
-ein rascher Friede dem raschen Feldzug ein Ende.
-
-Indessen die großen Dinge in Böhmen geschahen, liefen die kleinen emsig
-in Franken: bei Langensalza hatten die Preußen das Heer von Hannover
-mit ihrem blinden König gefangen, aber die Kurhessen und Bayern,
-Schwaben und Badenser schlugen sich mit den Preußen auf vielerlei
-Straßen und Brücken herum.
-
-Die Preußen schossen auch hier mit dem Zündnadelgewehr; die großen
-Kanonen standen in Böhmen, ehe sie kamen, wehten die weißen Fahnen auch
-schon in Franken.
-
-Nie hatte ein Frieden den Ölzweig so eilig gebracht, wie der von
-Nikolsburg tat; kaum wußte der Bauer vom Krieg, kamen die Krieger schon
-heim, die Ernte zu halten.
-
-Es war nur ein Sommergewitter, sagten die Völker, weil es zu schwül im
-Vaterland war! und die das Wort hörten, spürten es wohl: das Wetter war
-aus, und die Luft war gereinigt.
-
-Noch standen die preußischen Heere im Feld, als der Gesandte von
-Frankreich, Benedetti geheißen, hochmütig in Preußen anklopfte: Mainz
-oder Krieg! -- Dann Krieg! höhnte der Graf, und Deutschland fühlte den
-Sieg, der in dem stolzen Wort lag.
-
-
-Der norddeutsche Bund
-
-Zum drittenmal hatte der preußische Dämon die Falle gestellt, aber nun
-fing er die Fürsten von Hessen, Hannover und Nassau und auch die freie
-Stadt Frankfurt.
-
-Sie hatten Preußen gehaßt und Habsburg getraut, der Frieden von
-Nikolsburg machte sie vogelfrei; von Habsburg verlassen, mußten sie
-Thron und Land an Preußen verlieren.
-
-Noch war der König von Preußen nicht Kaiser, aber sein Kanzler, der
-eiserne Graf, übte die Kaisergewalt Barbarossas; wie der Staufer sein
-stolzes Maifeld, berief er den norddeutschen Bund.
-
-Nicht auf den goldenen Feldern bei Mainz, nicht an den fröhlichen Ufern
-des Rheinstroms, in der kargen Königsstadt an der Spree, glanzlos und
-nüchtern mußte der neue Reichstag den Bau des Bundes beginnen.
-
-Auch rief kein Herold die sieben Heerschilde auf, von dem stolzen
-Turmbau der Stände war nur noch die Stimme geblieben, die einmal in
-Urväterzeiten der Freiemann war und die nun im freien und gleichen
-Wahlrecht der Männer wieder zu Wort kam.
-
-So hatte es Bismarck den Deutschen versprochen, bevor sie nach
-Königgrätz gingen, so hielt er nun Wort; die dem Junker mißtraut
-hatten, mußten erkennen, wie klug und stark der preußische Wille auf
-die Kaisergewalt zielte.
-
-Denn noch schied der Main Süddeutschland vom Bund; mit Ingrimm und
-Sorge sahen die Fürsten und Völker nach Norden, was nun der Preuße
-begänne.
-
-Die Fürsten schonte er nicht, das sahen sie alle; die Völker indessen
-konnte das Zündnadelgewehr nicht gewinnen: wohl aber, wie nun im
-norddeutschen Bund das Flickwerk der Fürsten ein Vaterland wurde mit
-einer freien Verfassung.
-
-
-Der neue Napoleon
-
-Ein Abendrot brannte am Himmel von Frankreich sein Feuerwerk ab, der
-gallische Hahn stand in greller Beleuchtung und spreizte sein buntes
-Gefieder, daß wieder ein Kaiser Napoleon war.
-
-Der den gewaltigen Namen und sein Gedächtnis, den Ruhm des Kaisers
-und den Rausch des französischen Volkes als seinen Glorienschein
-trug, hatte nur einen Ehrgeiz, nicht die Natur des korsischen Oheims
-überkommen.
-
-Mit Abenteuern und Listen mancherlei Art war ihm der Aufstieg geglückt,
-aber der Atem wurde ihm eng, als er auf dem Kaiserthron saß; Großes zu
-tun vermochte er nicht, so gab er dem Kleinen den Anschein der Größe.
-
-Zwar schien ihm das Kriegsglück gewogen, auf den lombardischen Feldern
-gewann er die Schlachten gegen den Habsburger Erbfeind: Magenta und
-Solferino klangen dem fränkischen Ehrgeiz nicht weniger stolz als
-einmal Arcole und Lodi.
-
-Nie hatte ein Kaiser der alten Zeit die Straßen von Mailand so
-blumenbestreut gesehen, als da er der stolzen Stadt ihren König Victor
-Emanuel zeigte; und seit den Tagen des Korsen hatte kein Jubel Paris so
-erfüllt, als da er Savoyen und Nizza als Siegesbeute heimbrachte.
-
-Da standen die Tore der Tuilerien geöffnet wie einst, Könige kamen, den
-neuen Herrn der Welt zu begrüßen; die Völker des Abendlands sahen den
-Kaiser von Frankreich wieder als Schiedsrichter walten.
-
-In seinen Glanz fiel der Schatten, als Preußen der Tag von Königgrätz
-glückte; wohl rief die Hofburg den Kaiser als Schiedsrichter an, und
-das alte Rheinbundspiel schien zu glücken: als aber Napoleon Mainz
-und die Pfalz als Siegesbeute heimbringen wollte, wies Bismarck, der
-eiserne Graf in Berlin, seinem Gesandten die Tür.
-
-Den Tag von Sadowa hießen die Franzosen die böhmische Schlacht, die
-ihrem Kaiser das Glücksspiel verdarb; den Tag von Sadowa zu rächen,
-blieb danach ihr Feldgeschrei, bis es dem Kaiser zum Schicksal und
-seinem ruhmgierigen Volk zur Demütigung wurde.
-
-
-Die Emser Depesche
-
-Durch Eisen und Blut sollten die Dinge geschehen: Bruderblut war um den
-norddeutschen Bund in Böhmen und Franken geflossen; um das Reich mußte
-Krieg sein mit dem Erbfeind im Westen.
-
-Denn immer noch lag der Schatten des Rheinbundes quer vor den kommenden
-Dingen: bei dem Schiedsrichter der Tuilerien hatten die süddeutschen
-Fürsten Schutz gesucht gegen Preußen; Österreich war, Sadowa zu rächen,
-im Bündnis mit Frankreich.
-
-Sollte ein einiges Vaterland werden, so mußte die welsche Hand aus dem
-deutschen Spiel sein; Bismarck der eiserne Kanzler war tollkühn genug,
-den Schlag gegen den Kaiser von Frankreich zu wagen.
-
-Als sich der Kaiser danach um Luxemburg mühte, sagten die Spötter in
-Frankreich: Napoleon habe das Wild von Sadowa gefehlt und wolle nun
-rasch einen Hasen vom Händler heimbringen; aber der Sieger von Gastein
-brachte ihn auch um den Hasen.
-
-Alles verdarb der Dämon in Preußen dem grämlichen Kaiser, bis ihm der
-spanische Handel das rote Tuch war, seinen Zorn unklug zu machen.
-
-Isabella, die spanische Königin, war nach Frankreich geflüchtet; die
-Großen des Landes boten die Krone dem Eidam des Königs von Portugal an,
-der selber dem Kaiser verwandt, aber ein Hohenzoller war.
-
-Seitdem der Burggraf von Nürnberg nach Brandenburg kam und die
-fränkische Sippe der Zollern in Preußen ihr Glück machte, hatte der
-schwäbische Stamm bescheiden im Dunkel gesessen, bis Napoleon selber
-den Prinzen Carol auf den rumänischen Thron brachte.
-
-Nun sollte sein Bruder König von Spanien werden; das aber rief den
-Franzosen die Furcht der spanischen Weltherrschaft wach: was einmal
-Habsburg vermochte, sollte den Zollern nicht wieder gelingen.
-
-Der Zorn von Sadowa schrie Rache; Kaiser und Kammer in Frankreich, noch
-eben im Streit, sahen den Tag der Vergeltung und sprangen dem Kanzler
-hinein in die klug gestellte Verblendung.
-
-Einen Krieg über Deutschland zu bringen, vermochte der Prinz Leopold
-nicht; als der Sturm in Paris schon Donner und Blitz zuckte, meldete er
-seinen Verzicht.
-
-Wir haben gewonnen! rief der Minister von Frankreich; aber so billig
-wollte der gallische Zorn nicht verrauchen: diesmal sollte der König
-von Preußen das fränkische Siegerrecht fühlen.
-
-Der König von Preußen war schon ein Greis; er machte in Ems seine Kur,
-als der Gesandte von Frankreich, Benedetti, ihm morgens über den Weg
-kam: er solle dem Kaiser versprechen, daß niemals mit seinem Willen ein
-Hohenzoller in Spanien König würde.
-
-Das konnte kein König versprechen; und als der Gesandte den höflichen
-Greis am selben Tag weiter bedrängte, ließ er ihn wissen: der König von
-Preußen habe ihm nichts mehr zu sagen!
-
-Durch Eisen und Blut sollten die Dinge geschehen! nun war die Stunde
-gekommen, da Deutschland dem Kanzler einstehen mußte für sein
-geharnischtes Wort.
-
-Was keiner zu denken kühn genug war, das vermochte die Emser Depesche;
-sie war nur ein rascher Bericht nach Berlin; der Kanzler kürzte und
-klärte den Ton und gab ihn der Zeitung: da las der Deutsche mit Zorn
-und mit Stolz, wessen sich ein Gesandter von Frankreich vermaß, und wie
-ein deutscher König die Würde bewahrte.
-
-Sie fühlten in Frankreich den Hieb, und rot brach die Flamme aus ihrem
-rauchenden Zorn: der Kanzler wollte den Krieg haben, sie wichen ihm
-nicht zurück und wollten die Antwort bald nach Berlin bringen.
-
-Aber die Völker im Reich verstanden die Stunde: jetzt oder nie mußte
-das Vaterland sein! und was an den Höfen der Fürsten noch hemmte und
-zagte, war durch den brausenden Willen gezwungen.
-
-
-Die Männer
-
-Der König von Preußen kehrte von Ems zurück nach Berlin; das Volk
-jauchzte ihm zu als dem kommenden Kaiser; denn nun trennte kein Main
-mehr das Vaterland in Norden und Süden.
-
-Wo im Norden und Süden ein deutsches Herz war, es spürte die Wende:
-lange genug hatten die Fürsten das feige Spiel mit Frankreich
-getrieben, wo eine deutsche Uneinigkeit war, hatte der Franzmann die
-Finger gerührt; nun aber sollte ein einiges Vaterland sein, und alle
-Augen sahen nach Preußen.
-
-Da standen die Männer der Stunde und wollten das Tor der deutschen
-Zukunft aufmachen: da war der König, den sie einmal Kartätschenprinz
-hießen; aber der Sieger von Königgrätz, besonnen im Ausmaß des
-Friedens, hatte dem fränkischen Hochmut deutsche Würde gewiesen.
-
-Da war der Kanzler des kommenden Reichs, unbeugsamen Willens und seiner
-Sache gewiß; wie er die Dinge bei Namen nannte, so nahm er sie auch zur
-Hand, und was seine Hand nahm, ließ sie nicht fallen.
-
-Da war der Feldherr des Königs, ein Greis wie er und ein Schweiger,
-kein Feldmarschall zu Roß, aber der heimliche Meister der Zange; wo
-Moltke den Feldzug führte, war der Soldat nicht verlassen: wo er ihn
-brauchte, da stand er, und wo er stand, war er getrost, den Feind
-anzupacken.
-
-Da war der Zeugmeister des preußischen Heeres, Graf Roon, dem alles an
-seiner Schnur ging, der als getreuer Feldwebel sorgte, daß dem Soldaten
-das Seine zukam.
-
-Da war der Kronprinz, dessen Kanonen den Sieg nach Königgrätz brachten,
-blondbärtig und jedermanns Freund und immer bereit, mit jedem zu lachen.
-
-Als er den Oberbefehl nahm über die süddeutschen Heere, vergaßen sie
-alle den Preußen, weil er ein fröhlicher Mann und für die Bayern,
-Schwaben wie Hessen bald «Unser Fritz» war.
-
-
-Nach Frankreich hinein
-
-Wieder wie einmal nach Böhmen ließ Moltke drei Heere nach Frankreich
-marschieren, und wieder wie damals kam ihre schnelle Bewegung dem Feind
-in die Flanken.
-
-Über den Rhein nach Baden, Schwaben und Bayern wollte Napoleon ziehen,
-die süddeutschen Mächte gegen den norddeutschen Bund zu gebrauchen;
-aber sein Heer kam nicht los von Straßburg und Metz.
-
-Ehe Mac Mahon in Marsch kam mit seiner saumseligen Macht, hatte der
-Kronprinz den Lauterbach überschritten, den Feind im Elsaß zu packen.
-
-Der Geisberg bei Weißenburg wurde von Preußen und Bayern erstürmt
-und danach bei Wörth der stolze Mac Mahon geschlagen; ehe sein Heer
-beisammen war, riß schon der Strudel der schmählich verlorenen Schlacht
-die fliehenden Massen über den Wasgenwald hin.
-
-Die Steige von Zabern war frei, als Sieger marschierten die Söhne
-der süddeutschen Länder hinein in das uralte Schlachtfeld der
-katalaunischen Felder.
-
-Am selben Tag, da Mac Mahon bei Wörth den Ruhm von Magenta verlor,
-berannten die Preußen der ersten Armee die Spicherer Höhen hinter
-Saarbrücken; blutige Stürme liefen vom Mittag bis in die Nacht gegen
-die steilen Waldberge an, Tausende mußten ihr Leben um einen Schritt
-lassen.
-
-Aber der Schritt machte den Weg nach Lothringen frei, und Lothringen
-war mit seiner gewaltigen Festung der Schlüssel, den Krieg nach
-Frankreich zu tragen.
-
-
-Metz
-
-Auf einer Insel der Mosel, durch waldige Hügel gedeckt, von einem
-Stachelring starker Vorwerke umschlossen, lag Metz, die mächtigste
-Festung der Welt, dem Einmarsch nach Frankreich zu wehren.
-
-Hier sollte der Feldzug des Kaisers nach Mainz und Preußen beginnen,
-aber die Sieger von Spichern und Wörth nahmen ihn gleich in die Zange;
-auch die stolze Rheinarmee fand den geträumten Siegesweg nicht, und der
-Marschall Bazaine nahm dem erschrockenen Kaiser den Oberbefehl ab.
-
-Der Marschall wollte zurück, Mac Mahon zu finden, aber er säumte zu
-lange; bevor sein Abmarsch begann, standen die Preußen vor Metz, und
-das blutige Sechstagewerk fing an, sein Heer zu zermalmen.
-
-Sechs Tage lang riefen die großen Kanonen der Festung zum Tanz, sechs
-Tage lang brüllte die Schlacht ihre Antwort, sechs Tage lang bebte die
-Erde, sechs Tage lang waren die Hügel um Metz eine Hölle.
-
-Nie hatte die Welt solches Schlachtfeld gesehen, Jena und Austerlitz,
-Leipzig und Waterloo, Königgrätz: alles versank vor der Wirklichkeit
-solcher Vernichtung.
-
-Stirn an Stirn standen die Heere am ersten Tag und maßen die Stärke;
-am zweiten Tag setzten die Preußen im Süden die Zange; am dritten
-Tag wollte Bazaine den Abmarsch erzwingen, aber der Feind hielt ihn
-fest in der Flanke; am vierten Tag grub er sich ein, das Antlitz nach
-Westen; am fünften Tag hielt ihn der eiserne Griff von Süden und Norden
-umklammert, bis in die Nacht ging der Kampf; am sechsten Tag saß sein
-mächtiges Heer in der Festung, und die Festung saß in der Zange.
-
-Mehr Tote als sonst ein Kriegsjahr hatten die Tage gekostet, die Wälder
-und Wiesen, Brücken und Bäche um Metz lagen voll Leichen, die Dörfer
-brannten, die Sonne konnte nicht mehr durch den Pulverdampf scheinen.
-
-Da kämpften nicht Feldherrn und Heere um ihren Sieg, da rangen zwei
-Völker um ihre Stärke: Frankreich und Deutschland trugen den Streit,
-den Zorn und die Vergeltung aus von einem halben Jahrtausend.
-
-
-Sedan
-
-Auf den katalaunischen Feldern hatten die Deutschen gedacht, Mac Mahon
-zu finden; aber er war von Chalons nach Norden gezogen, Bazaine in Metz
-zu entsetzen; weil aber die deutschen Soldaten zum andernmal schneller
-marschierten als die Franzosen, gelang es, den Flankenstoß an der Maas
-abzufangen.
-
-Bei Beaumont geschlagen, mußte Mac Mahon nach Sedan zurück, wo ihn das
-Schicksal Bazaines schneller und schlimmer erreichte.
-
-Da machte Moltke das letzte Meisterstück seiner Zange; von Osten nach
-Westen gepackt, wurde das zweite Feldheer des Kaisers nach blutiger
-Schlacht durch die Tore von Sedan getrieben.
-
-Aber nun war es nicht Metz, die mächtige Festung, mit dem Stachelring
-ihrer starken Vorwerke, nun war es Sedan mit seinen ärmlichen Wällen,
-daraus die Feuerschlünde von allen Höhen rundum einen Höllenkessel
-machten.
-
-Am selben Nachmittag noch mußte die Zitadelle die weiße Fahne aufziehn;
-und als der Parlamentär aus der Festung zurück kam, war mit dem Heer
-von Mac Mahon der Kaiser Napoleon selber gefangen.
-
-Der in den Tuilerien als Schiedsrichter über dem Abendland saß, der den
-Ruhm seines gewaltigen Namens und den Glanz des zweiten Kaiserreichs
-trug, sandte dem König von Preußen seinen Degen.
-
-Noch in der selben Nacht streckte das Heer Mac Mahons die Waffen; durch
-den nebligen Morgen des zweiten September ritt Bismarck als Kürassier
-neben dem Wagen des Kaisers, seinem König, dem Sieger, den kläglich
-Besiegten zu bringen.
-
-Ein Hurrah lief durch die Reihen und füllte das waldige Tal von Sedan;
-ein Siegesfest nahm seinen Anfang wie keines der neuen Geschichte.
-
-Vier Wochen lang standen die Heere im Feld, und schon war die
-Kriegsmacht des Kaisers vernichtet, Napoleon selber gefangen: da mußte
-der Krieg aus sein und jeder Soldat, fröhlich geschmückt, konnte der
-Heimat den Frieden mitbringen.
-
-
-Der Ringkampf der Völker
-
-Die deutschen Sieger hatten das letzte Feldheer des Kaisers geschlagen,
-aber der Kaiser war nicht das Volk der Franzosen; der Ringkampf der
-Völker fing seinen Schrecken erst an, und weit lag der Friede.
-
-Wohl standen die deutschen Heere bald vor Paris, aber das Herz von
-Frankreich hörte nicht auf zu schlagen; hinter dem Gürtel starker
-Vorwerke war es gerüstet, auf seine Kinder zu warten.
-
-Der sie rief, war ein anderer Mann als der kränkelnde Kaiser; in einem
-Luftballon verließ Gambetta die Hauptstadt, und wo sein Feuerwort
-hinfiel, standen die Söhne des Vaterlandes auf, Frankreich zu retten.
-
-Von Norden, Süden und Westen liefen die Sturmwellen an, den dünnen Wall
-um Paris zu durchbrechen: in Lumpen und Leiden noch einmal Soldaten der
-großen Armee.
-
-Das Sagenbild der neunköpfigen Schlange wurde den deutschen Soldaten
-zur bösen Erscheinung; wo ein Mann war, war auch ein Feind, und viele
-Männer waren in Frankreich.
-
-Der siegreiche Sommer sank längst in den Herbst, und der Winter fing
-an zu schneien: immer noch warf das tapfere Land neue Heere ins Feld,
-immer noch sorgten die siegreichen Führer, ob sie des Feindes wohl Herr
-blieben.
-
-Bis endlich der Hunger die mächtigen Tore von Metz aufmachte, bis
-endlich die Deutschen im Feld die Übermacht hatten, der Hydra den
-letzten Kopf abzuhauen.
-
-Bei Orleans an der Loire, bei Amiens und Le Mans, bei Dijon, an der
-Lisaine, bei St. Quentin: überall hatte das Blut verzweifelter Kämpfe
-den Schnee gerötet, ehe der Donner der großen Kanonen das Herz und die
-Hauptstadt von Frankreich bezwang.
-
-Einhundertachtzehn Tage lang war der eiserne Ring um ihre Tore gewesen;
-Hunger und Schrecken hatten das Herz von Frankreich müde gemacht, bis
-sein Mut aufhörte zu schlagen.
-
-Tief im Süden, im waldigen Jura fiel noch ein letzter Streich gegen den
-kühnen Bourbaki; bei Pontarlier wälzte sich der blutige Rumpf der Hydra
-hinüber zur Schweiz.
-
-Dann endlich war dieser schwere Krieg aus, der ein Ringkampf war
-zwischen den Völkern, und dem die Welt staunend zusah; denn noch war es
-Preußen mit seinen süddeutschen Brüdern, das solches gegen das mächtige
-Frankreich vermochte.
-
-
-Versailles
-
-Der erste Napoleon hatte das Reich auseinander getreten, weil er der
-Kaiser im Abendland war; als der dritte Napoleon seine Wiederkunft sah,
-die er selber erweckte, saß er in Wilhelmshöhe gefangen.
-
-Er hatte um seines Namens willen den Großen gespielt, aber der Große
-saß in Berlin und war ein preußischer Junker; als der Kaiser seinen
-Gegner erkannte, war das Spiel schon verloren; als ihm der Krieg an die
-Gurgel sprang, war Preußen schon Deutschland.
-
-Was die Burschenschaft sang auf der Wartburg, was in der Paulskirche
-als Wort und Wille des deutschen Volkes aufstand, war in Wirklichkeit
-da, als Deutschland nach Frankreich marschierte, seinen Zorn an dem
-Erbfeind zu rächen.
-
-Aus Preußen und Bayern, aus Schwaben und Sachsen, aus Hessen und Baden
-waren die deutschen Söhne gekommen, weil ihre Fürsten ein Schutz- und
-Trutzbündnis hatten; aber sie standen im Feld füreinander, weil sie aus
-einem Vaterland waren.
-
-Niemals konnte der Mann aus dem Heer in eine andere Heimat heimkehren
-als die seiner deutschen Blutsbrüderschaft vor dem Feind; er hatte
-den Erbfeind geschlagen, der lange genug der Nutznießer seiner
-Zwieträchtigkeit war: sollten noch länger Fürsten in Deutschland
-regieren, durften sie nicht mehr Vögte der Zwietracht, mußten sie Hüter
-der Eintracht sein.
-
-Durch Eisen und Blut hatte der Kanzler die Eintracht beschworen, aber
-nun wußte er klug abzuwarten, daß ihr kein Zwang angetan wurde: sollte
-das Reich kommen, so mußte es sein, wie die Sonne sich selber den Tag
-weckt.
-
-Erst wurde der Bund der Völker geschlossen, und mancherlei mußte
-gegeben, gepflegt und geschont sein, ehe die Boten befriedigt
-heimgingen, ehe Vertrag um Vertrag zum Vaterland wuchs.
-
-Als so das Reich auf der Einigkeit stand, kamen die Fürsten, den Kaiser
-zu küren; kein anderer konnte es sein als der Greis, der Preußen und
-Deutschland in diesen siegreichen Krieg führte.
-
-Der König von Bayern mußte ihn nennen; er tat es mit stolzer Gebärde,
-weil seiner romantischen Seele nichts so verhaßt wie die kleine
-Erbärmlichkeit war, und weil er kein Neidling sein mochte.
-
-So konnte endlich das Wunder geschehen: im Spiegelsaal zu Versailles
-standen die Fürsten und Stände der Staaten, Minister, Generäle,
-Soldaten, dem greisen König von Preußen die deutsche Kaiserkrone zu
-bringen.
-
-
-
-
-Das Schuldbuch der Menschen
-
-
-Der Reichstag
-
-Tapfere Dinge waren getan, und Großes war ruhmreich gegründet: wie seit
-den Staufern nicht mehr war das Vaterland mächtig, Deutschland war
-wieder ein Reich, und ein Kaiser stand über der Vielheit der Fürsten.
-
-Aber es war nicht mehr der alte Fürstenbau; weder in Aachen gekrönt
-noch in Frankfurt gefeiert, blieb der Kaiser von Deutschland König in
-Preußen; der eiserne Kanzler gebot an der Spree; die Krone im Rhein lag
-versunken.
-
-Scharf schnitten die Grenzen das neue Reich ab von den feindlichen
-Völkern; Dänen, Franzosen und Polen sahen mit Haß die Fahnen
-schwarzweißrot wehen, indessen die Deutschen von Österreich und Tirol,
-von Salzburg und Steiermark im bunten Staatenverband der Habsburger
-Erbherrschaft blieben.
-
-So hielt die harte Preußenhand eine kargere Kaisermacht fest als die
-der Staufen, Franken und Sachsen: aber sie war durch den Willen der
-Völker, nicht durch die Willkür der Fürsten gehalten.
-
-Zweiundzwanzig Residenzen, Höfe und Fürsten hatten sich aus der
-Vielheit gerettet, und Thüringen trug noch das alte Narrengewand;
-ihr Bundesrat saß in Berlin, er konnte dem Reichstag der Deutschen
-Hemmschuh und Hindernis, aber nicht mehr die alte Herrengewalt sein.
-
-Da saßen die Boten der Deutschen von Schleswig bis Lindau, von
-Schlesien bis Xanten, von Straßburg bis Memel, dem Vaterland die Hände
-frei zu halten durch den Willen des Volkes.
-
-Da gab es nicht mehr die Stände der alten Reichsherrlichkeit, nur
-Stimmen: Arbeiter-, Bürger- und Bauernschaft galten nach ihrer Zahl;
-Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit sollten die Hüter und Walter
-der deutschen Volksrechte sein.
-
-
-Die alte Zwietracht
-
-Durch Eisen und Blut war Deutschland einig geworden, die Eintracht des
-Krieges hatte dem Frieden die stolze Frucht eingetragen: nicht länger
-mehr sollte die Zwietracht das deutsche Verhängnis bedeuten.
-
-So waren die Sieger bekränzt aus Frankreich wiedergekommen, so hatte
-der Jubel in Deutschland Greise und Kinder, Männer und Frauen erfüllt,
-so stand der Frühlingstag hell, da in Berlin die Truppen einritten mit
-ihrem König und Kaiser.
-
-Als aber der Reichstag die Stimmen gezählt hatte, als die Sendlinge
-ankamen aus allen Gauen, als sie eintraten in den Saal, dahin sie
-einträchtig zu raten gesandt waren, saßen sie vielfältig nach Parteien.
-
-Zur Rechten die Junker und alle die Alten, die sorgenvoll in die neue
-Zeit sahen; zur Linken die Neuen und Demokraten: beide Hände wollten
-dem Reich das Gleichgewicht halten, die Dränger den Siegelbewahrern des
-Alten.
-
-Doch in der Mitte schob eine schwarze Schar ihren Keil zwischen die
-streitbaren Hände; sie wollten das Reich nicht von rechts und links der
-neuen Preußengewalt, sie wollten die alte Herrlichkeit haben, da sich
-der Bogen der römischen Kirchen- und Reichsgewalt über die Christenheit
-spannte.
-
-Der Papst und der Kaiser hatten der Kirche den Bogen über die Völker
-gehalten; der aber nun Kaiser hieß, war ein Ketzer, und der als Kanzler
-die starke Regierungsgewalt übte, war ein Preuße und Protestant.
-
-Sie aber blieben der römischen Kirche gehorsam und wollten nicht
-dulden, daß ihrer Geltung im Reich der Preußen und Ketzer Geringes
-geschähe; darum saßen sie da in der Mitte und ließen sich schelten, daß
-sie die schwarzen Raben vom Kyffhäuser wären.
-
-So wurde der uralte Streit noch einmal entfacht, was dem Papst und dem
-Kaiser gehöre; der römische Papst war die Sonne der christlichen Welt,
-unfehlbar hieß er sich nun: wollte der preußische Mond aus eigenem
-Licht leuchten, so war es vom Teufel.
-
-Noch einmal wurden die Worte von Worms und Augsburg gesprochen, noch
-einmal wollte der deutsche Mann dem römischen Übermut wehren: der
-Schwedenkönig ritt um im Gedächtnis von Lützen, und die feste Burg
-Luthers wurde gesungen.
-
-Kein Wallenstein kam, und Magdeburg brauchte die Brandfackel Tillys
-nicht mehr zu fürchten: die Schwerter hatten gerungen, bis Deutschland
-ein Leichenfeld war; nun rangen die Stimmen.
-
-Aber die jubelnden Herzen mußten noch einmal den wilden Untergrund
-spüren, darauf die neue Herrlichkeit stand; indessen die Tore und Türme
-der Einigkeit noch bekränzt waren, kamen die Raben der Zwietracht
-geflogen.
-
-Wir gehen nicht nach Canossa! trotzte der Kanzler; aber der eiserne
-Mann, der Habsburg besiegte und den dritten Napoleon fing, der dem
-Abendland stärker als sonst ein Mann seiner Zeit das Gesicht gab, der
-Graf von Gastein und Fürst von Versailles mußte das unbedachte Wort
-büßen.
-
-
-Die neue Zwietracht
-
-Ein Jahrtausend deutscher Geschichte hob sein Gesicht zur Gegenwart
-auf, als die schwarzen Männer im Zentrum noch einmal den Streit
-der Kirche begannen; das Gesicht war von Gram und finsteren Leiden
-zerrissen.
-
-Aber der Bogen, einmal der Christenheit mächtig, war nicht mehr
-gespannt; die Augen, glühend vor Haß, waren erloschen.
-
-Wohl wußte der Mund noch die Worte, aber sie zückten nicht mehr: aus
-Schicksal war Zank, aus Schuld war Schmähung, aus Haß war hitziger
-Eifer geworden.
-
-Indessen die alte Zwietracht so an der Gegenwart starb, war die neue
-Zwietracht gewachsen; aber ihr glühten die Augen, ihr zückten die
-Worte, sie kannte Schicksal und Schuld, sie kannte den brennenden Haß.
-
-Aus Menschen hatte der Zwang der Maschine Fabrikler gemacht; in rußigen
-Hallen und Höfen mußten sie um den Tageslohn dienen, die von der
-Scholle enterbt waren und die im Handwerk verfilzter Zünfte kein Heil
-fanden, weil die Maschine der menschlichen Hand die Arbeit wegnahm.
-
-Wohl hatte List, der Reutlinger Schwabe, dem Wohlstand die neuen Wege
-gewiesen: der deutsche Bürger begann, Bahnen, Fabriken und Lagerhäuser
-zu bauen, die Schornsteine rauchten, aber dem Arbeiter brachten sie
-keinen Segen.
-
-Der Lohn hielt sein Dasein in ehernen Klammern; je mehr ihrer kamen,
-ihn zu verdienen, je billiger wurden die Groschen in seiner entwerteten
-Hand.
-
-So ging die Saat auf, die Wilhelm Weitling aus Magdeburg säte; der
-Profit des privaten Erwerbes sollte dem Recht der Gemeinschaft
-verfallen: der Sozialismus wurde die Zwietracht der kommenden Tage.
-
-Ein Evangelium kam zu den Armen, anders als jenes, das Jesus von
-Nazareth brachte, und eine andere Lohnlehre, als die der Priester;
-nicht erst vor Gott, vor den Menschen sollte Gleichheit gelten; statt
-himmlischer Freuden der Frommen sollte auf Erden Gerechtigkeit wohnen.
-
-Lassalle hatte sein lautester Verkünder geheißen, der wie ein Irrwisch
-dem frommen Geheimrat ins Tintenfaß fuhr und ein fressender Feuerbrand
-war in den Herzen der Armen; vom Zorn der Behörden verfolgt, von Prozeß
-zu Prozeß hingerissen, jagte sein Leben dahin, bis ihn -- um eine Frau
--- die Kugel hinstreckte.
-
-Aber sein landfremder Name, scharf und schnell wie der hämmernde Hall
-seiner Worte, blieb in den Herzen der Armen lebendig, bis hinter der
-heißen Gebärde ein drohender Schatten aufkam, sein flackerndes Bild zu
-verscheuchen.
-
-
-Die goldene Spinne
-
-Zwei Rheinländer saßen flüchtig in London und waren Freunde, wie Kopf
-und Herz Freunde sind: Karl Marx, der Jude aus Trier, Friedrich Engels,
-der Protestant und Kaufmann aus Barmen.
-
-Sie stickten der neuen Zwietracht die Fahne; auf blutrotem Grund
-strahlte mit goldener Schrift der Name des Feindes, den sie in aller
-Verkleidung des Wohlstandes verfolgten.
-
-Wo ein Zins, eine Grundrente war, wo eine Eisenbahn lief, wo eine
-Fabrik rauchte, wo die Feuergarbe der Hochöfen lohte und wo der
-Förderkorb Kohlen zu Tage brachte: überall saß die goldene Spinne und
-nützte das Netz.
-
-Das Kapital war sie geheißen, und alles Lebendige fing sie mit ihren
-gleißenden Fäden, um es zu fressen: weil sie der Nutznießer der Zinsen
-und Renten, in aller fleißigen Arbeit der Fluch der Lohnherrschaft war.
-
-Einmal als goldenes Kalb von Israel gläubig umsungen, von Moses mit
-jähen Worten zerschmettert, war sie die Herrin der Welt, all ihres
-Wohlstandes und all ihrer Armut geworden.
-
-Fürsten und Könige mußten ihr dienen, Kriege wurden geführt ihr zuliebe
-und Frieden nach ihrem Vorteil geschlossen: wo irgend ein Menschenwerk
-war, hielt sie dem Hunger die Geißel in ihrer Linken, aber den Mehrwert
-der Arbeit in ihrer lockenden Rechten.
-
-Gegen die Allmacht des Goldes rief Marx, der Jude aus Trier, die
-Zwietracht der Gegenwart auf; und dies war seine Lehre vom Mehrwert:
-aller Gewinn in der Welt bestahl die fleißige Arbeit; denn der Lohn
-zahlte nicht den Gewinn, er hielt nur die Peitsche, daß Arbeit geschähe.
-
-Um ihren Mehrwert betrogen, gab die Arbeit dem Armen die Notdurft und
-hielt ihn als Knecht in der Fessel des Lohnes; Sorge und Fleiß und
-Mühseligkeit der besitzlosen Klasse dienten der goldenen Spinne, daß
-ihr das Leben fauler Genuß würde.
-
-Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! höhnte ihr Sprichwort; aber
-den Goldspinnen war zu fressen die einzige Arbeit; so wild war ihre
-Gier, daß sie einander auffraßen, die großen die kleinen, bis einmal
-das Gold aller Welt in einem einzigen Bauch war.
-
-Dann war das Unrecht gesühnt und das Schicksal vollendet; denn dann kam
-der Staat mit dem Schwert und schlug dem Ungetüm das Freßwerkzeug ab,
-dann war der Bauch mit dem Gold der Gemeinschaft verfallen, dann hatte
-der Mehrwert der Arbeit den Kreislauf vollendet.
-
-Denn dann war der Staat nicht wieder das Fangnetz der goldenen Spinne,
-dann hatten die Arbeiter selber die Macht, dann konnte der Mehrwert den
-goldenen Segen ausströmen, weil endlich die Menschheit vom Kapital, dem
-faulen Blutsauger des ehrlichen Fleißes, erlöst war.
-
-Die Botschaft klang anders, als die aus Bethlehem kam: sie wollte den
-Himmel auf Erden bringen, statt eine Verheißung über den Wolken zu sein.
-
-Zwar hatte Jesus milde gelächelt, daß Einer sorgte um Speise und Trank,
-um Kleidung und andere Notdurft des Leibes, weil er die ewige Seligkeit
-lehrte, die jeder Seele als ihre Heimat gewiß war, wenn sie ihm glaubte.
-
-Aber der Jude aus Trier sah nur Schliche in der christlichen Botschaft;
-alle Lehre der Priester und alle Gläubigkeit galten ihm List der
-Spinne, ihre höllische Herrschaft zu halten: sie wollte des irdischen
-Goldes gewiß sein, drum gab sie die himmlischen Träume.
-
-Irdisches Leben hieß auf der Erde beheimatet sein, hieß ihre Früchte
-als Segen des Fleißes fröhlich genießen: das sollte der Preis seiner
-Lehre, das sollte der greifbare Segen seines neuen Evangeliums werden.
-
-Die da in Not und Kümmernis lebten, indessen der Reichtum auf leichten
-Rädern dahin fuhr, denen ein Tag Sorgenfreiheit ein Märchenland hieß:
-sie hörten die Worte wie einmal die Hirten, da sie in kalter Nacht auf
-den Feldern die Botschaft der Engel vernahmen.
-
-Sie sahen die Fahne der Zwietracht flattern vor einer schönen Zukunft;
-tausend mal tausend glaubten mit glühenden Augen, daß der mühselig
-beladenen Menschheit zum Wohlgefallen endlich Gerechtigkeit käme.
-
-
-Darwin
-
-In England wurde dem Sozialismus die Fahne gestickt, aus England
-kam auch die neue Schöpfungsgeschichte, die Bildung des Bürgers vom
-Bibelbuch abzulösen.
-
-Auf seinem behaglichen Landgut bei London saß Darwin, der Forscher und
-Freund der Pflanzen und Tiere, und kannte kein schöneres Glück, als
-ihnen das Lebensgeheimnis besonnen und still abzulauschen.
-
-Er hatte auf mancherlei Reisen den rauschenden Reichtum der
-tropischen Pflanzen- und Tierwelt gesehen; aber wie bei den Menschen
-Blutsverwandtschaft war unter Brüdern und hinaus lief in Sippen und
-Völker, so sah er die Unzahl der Arten verbunden.
-
-Tastenden Schrittes suchte er Strecken des Lebens zu finden; und immer
-gewisser wurde dem still besonnenen Mann, daß all der rauschende
-Reichtum des Lebens aus wenigen Urformen stammte.
-
-Tausendmal älter als alle Berichte wirkte das tiefe Geheimnis der
-Artenentwicklung; was sich das einzelne Leben im Kampf ums Dasein
-mühsam erwarb, wurde vererbtes Vorrecht der Art; Jahrtausende waren
-darin wie eine Stunde.
-
-So war die Schöpfungsgeschichte der Bibel ein Märchen der Juden,
-einfältig und sinnvoll gebildet; das Sechstagewerk Gottes war nur die
-Tür frommer Betrachtung, dahinter die Wege der Pflanzen- und Tier- und
-Menschennatur in uralte Vergangenheit wiesen.
-
-Darwin, der Forscher und Freund der Pflanzen und Tiere, hatte nur
-klarer erkannt und feiner verfolgt, was andere Geister vor ihm
-ahnten und fanden; als aber der übersehbare Weg seiner Lehre in die
-Unendlichkeit führte, erschraken die Frommen.
-
-Denn nun wurde offenbar, daß die jüdische Bibel auch nur ein
-Menschenwerk war und also ein Stückwerk: auf ihren Buchstaben war der
-evangelische Glaube verpflichtet; wenn aber der Buchstabe des alten
-Testaments falsch war, wurde dem Glauben die starke Gewißheit des neuen
-genommen.
-
-Eine Wehklage kam aus den gläubigen Herzen, Wutgeschrei der Zeloten
-rief Zeter und Zorn über den Forscher; der seiner eigenen Frommheit nur
-eine neue Gewißheit gewann, staunend der göttlichen Tiefe im Wunder des
-Lebens, wurde als gottlos verdammt von den Priestern.
-
-So mußte der still besonnene Mann seiner Zeit wider Willen das
-Feldgeschrei leihen: der Menschengeist wollte sich selber genug sein
-als Herrscher der Erde; hier fand er die Lehre, den Kirchengott
-abzusetzen.
-
-Alles Jenseits war solcher Lehre verdächtig; menschliche Not und
-kirchlicher Wahn hatten die Götter und danach den Gott der Priester
-geschaffen, der für den Überschwall der neuen Erkenntnis und Forschung
-ein Hirngespinst war.
-
-Mit Himmel und Hölle habe der Priester -- so hieß es -- die Menschheit
-in Furcht und Hoffnung gehalten, nun sei das alte Täuscherspiel aus;
-der Erde allein sollten die Taten gehören; der Tod sollte ein tapferes
-Ende des einzelnen Lebens, kein Tor für eine vermessene Ewigkeit sein.
-
-Unendliche Zeugung habe ihr Ziel im Menschen gefunden; kein
-Sechstagewerk eines fragwürdigen Gottes, sondern die Artenvermehrung
-durch Zuchtwahl habe aus Urzellen endlich den Menschen gemacht, der so
-in Wahrheit die Krone der Schöpfung vorstellte, wie er sich rühmte.
-
-
-Der Trompeter von Säckingen
-
-Indessen, durch solches Wissen mündig gemacht, der Menschengeist in der
-Natur die Mutter des Lebens erkannte, ging in verschlissenen Kleidern
-noch immer Romantik spazieren.
-
-Als die Geschichte Gottes im Menschen war ihm die Vergangenheit tot,
-Schicksal und Schuld waren im Schoß der Natur für immer begraben; den
-Bilderbogen der Menschheit in seinem Geist zu bemalen, waren Poeten-
-und Malerhände geschäftig.
-
-Einen Messias zu singen, hatte die deutsche Dichtung begonnen, der
-eiserne Götz und die Räuber, Nathan der Weise und Minna von Barnhelm,
-Don Carlos und Tasso, Iphigenie und Penthesilea, Wallenstein und
-der Prinz von Homburg waren mit herrlichen Schritten über die Bühne
-gegangen, Faust hatte mit Himmel und Hölle gerungen: nun kam der
-Trompeter von Säckingen her, sein blechernes Stück in die Herzen zu
-blasen.
-
-Hölty und Hölderlin waren vergessen, Stifter und Mörike kaum gekannt,
-Hebbel und Kleist gingen der Bildung als Schreckgespenst um: dem
-Trompeterdichter flog ihr Herz zu wie die Braut dem Geliebten.
-
-Allzulang war die Dichtung auf Stelzen gegangen, große Gedanken und
-hohe Gefühle hatten dem Bürger den Eingang verwehrt: nun lehrte ein
-Kater die Lieder der Bildung zu singen, und ein Trompeter, die Leiden
-der schmachtenden Liebe zu seufzen.
-
-Auch Maiengrün gab es für süße Gefühle, für den Durst einen köstlichen
-Tropfen, für den Trompeter eine holde Maid zu erringen; und wenn das
-Lied aus war, das die deutsche Bildung entzückte, hatten sich Maid und
-Maiengrün, Trompeter und Tropfen glücklich gefunden, und jedermann
-konnte sich träumen, daß ihm ein gleiches Glück blühte.
-
-Zwar in der Wirklichkeit standen die Dinge nicht mehr so rosig
-vergoldet, und Nüchternheit nahm der Bildung das dürre Maiengrün aus
-den Händen; desto emsiger mußten die neuen Poeten von der Vergangenheit
-ihre bunten Bilderbogen abziehen.
-
-
-Unserer Väter Werke
-
-Als der siegreiche König von Preußen aus Frankreich die Kaiserkrone
-heimbrachte, als wieder ein Kanzler im Reich und das Reich eine Macht
-war, weckten die Rufer den schlafenden Kaiser im Kyffhäuserberg.
-
-Die neue Herrlichkeit mußte der alten die Hand reichen, wollte sie mehr
-sein als dreistes Glück, wollte sie Schicksal und aus den Tiefen der
-deutschen Vergangenheit Erfüllung bedeuten.
-
-Unserer Väter Werke! stand über dem Tor der Halle, darin begeisterte
-Männer aus München der staunenden Zeit ein stolzes Schaubild deutscher
-Vergangenheit gaben.
-
-Die Zeit, da Dürer in Nürnberg Meister der Malerzunft war, da Hans
-Sachs auf der Diele des Hauses als freundlicher Greis saß, da Peter
-Vischer die festen Erzgüsse machte, da die Rathäuser wuchsen und in den
-Stuben der Bürger reiches Kunstgerät war, wurde in köstlichen Kammern
-vor der Gegenwart ausgebreitet.
-
-Da sah sie, was einmal deutsche Bürgerschaft war, wie sie wohnte und
-ihr Gerät schmuckreich und edel gefügt aus einem Handwerk bekam, das
-noch ein Meisterstück kannte.
-
-Es sollte nur eine kurze Schau sein, nur ein Blick in das herrlichste
-Buch der deutschen Geschichte, ein Vorbild und eine Predigt,
-desgleichen zu tun.
-
-Aber die Schau konnte den Geist nicht wecken, der solche Dinge brauchte
-und schuf; sie zeigte der Gegenwart nur sein schönes Gewand; und die
-Gegenwart eilte sich sehr, es zu tragen.
-
-Überall wurden dem alten Handwerk Museen gebaut, überall wollte die
-Gegenwart mit der Vergangenheit prahlen, überall mußte der neue
-Reichtum in alten Prunkkammern wohnen.
-
-Weil aber die Kunst kein Leihgewand hat, weil sie das Kleid ihrer Zeit
-nicht anders sein kann, als Blätter und Blüten an einem Baum wachsen,
-seine Krone in eigene Anmut zu hüllen: wurde, was Leben sein wollte,
-nur ein Theater.
-
-Als ob die Gegenwart keine Wirklichkeit wäre, Schönes zu wachsen,
-hing sich der Deutsche die Prunkmäntel vergangener Herrlichkeit um,
-seufzend, daß seine Zeit der eigenen Schönheit entbehre.
-
-
-Bayreuth
-
-Einer aber ging durch die Gegenwart hin, mit seinem Taktstock der Zeit
-einen neuen Pulsschlag zu bringen.
-
-Als die Deutschen nach Frankreich marschierten, war er schon grau; in
-Triebschen am See von Luzern saß er landfremd und verlästert: aber die
-Lohe brannte um seinen Garten, und die sein Angesicht sahen, erkannten
-den Dämon darin.
-
-Wie Klingsor der Zauberer war er gekommen, den Singsang braver
-Musikmeister mit höllischen Künsten zu stören; und als einen Dämon des
-Königs hatte die Hetze den herrischen Mann aus München vertrieben.
-
-Denn anders als sonst ein Fürst war Ludwig der Zweite von Bayern; ihn
-hatte der Zauber berührt, der um den romantischen Kaiser der Sage im
-Kyffhäuserberg war: König sein hieß ihm der Schönheit gehören, die über
-der Täglichkeit kalter Geschäfte und lauer Genüsse mit goldenen Fäden
-am Himmelreich hing.
-
-Schlafwandelnd ließ er die Dinge des Tages geschehen; wo aber ein
-Mensch aus der Ewigkeit kam, säumte er nicht, mit Fackeln zu leuchten,
-daß er zur Nacht den Weg in sein Königsschloß fände und seinen
-Thronsaal der Träume.
-
-Richard Wagner den Zauberer hatte der eigene Dämon zum Flüchtling
-gemacht; hingerissene Liebe, Verzückung, Unverstand, Bosheit und
-Not waren um seinen Lebensweg, bis er im Thronsaal der Träume den
-Schlafwandler fand.
-
-Der hieß den Kahn bringen, der aus Ebenholz war, und der Bug war von
-Silber, das Licht ein Rubin, durch blassen Opal wie rinnendes Blut
-bleich leuchtend auf purpurne Kissen.
-
-So fuhr er hinaus in die Nacht, dem Zauberer und seinen Tönen zu
-lauschen, die aus der ewigen Melodie des Wassers im Wind, aus der
-ewigen Unrast der Menschenbrust, aus Werden, Sein und Vergehen der
-ewigen Wiedergeburt kamen.
-
-Wenn Tristan den Liebestrank nahm von Isolde, wenn er den König verriet
-und den Verrat büßte mit seinem Leben, um dennoch der tödlichen Liebe
-selig zu sein: dann konnten nicht Lieder und Arien singen, dann mußte
-Musik der ewigen Waltung ertönen, ewige Unrast, ewige Sehnsucht,
-niemals Erfüllung, nur selig gefühltes Erfülltsein.
-
-Ludwig der König horchte den Tönen, als ob es der Weltgruß wäre für
-seine schlafwandelnde Seele; aber die Münchener haßten den landfremden
-Zauberer, und wie sie die Tänzerin Lola austrieben, so taten sie ihm.
-
-Sechs Jahre lang saß er in Triebschen, noch einmal ein Flüchtling, aber
-sein Zauber hielt den König im Bann aus der Ferne; als das deutsche
-Kaisertum aufstand, als wieder ein Reich und Raum war für große Dinge,
-rief der König Richard Wagner zurück, sie zu gestalten.
-
-Einmal war Baukunst die Mutter der Künste gewesen, nun wollte Musik,
-ihre Schwester, den Zauberdom bauen; alle Künste sollten ihr dienen,
-daß der Menschengeist endlich von seiner Zerspaltung genese: in
-Bayreuth sollte die Gralsburg sein, der Welt zur Erlösung.
-
-Als im Festspielhaus zu Bayreuth die ersten Töne erklangen, als der
-greise Kaiser neben dem romantischen König saß, den Zauber zu hören,
-als die Bühnen in Deutschland dem Bann von Bayreuth verfielen, als die
-Nibelungen allerorten ihr Getön und Gepränge begannen: da schien ein
-anderer Zauber gelungen, als den der Trompeter weckte.
-
-Der Bürger mußte sich wieder der Größe beugen; der Bann von Bayreuth
-zwang die Herzen nicht weniger hin als der eiserne Bismarck die Hände.
-
-Der Dämon des Königs von Preußen hatte das Reich durch Eisen und Blut
-wieder errichtet; der Dämon des Königs von Bayern machte das Tor zur
-alten Herrlichkeit auf: was starke Hände ergriffen, sollten die Herzen
-als Heiligtum halten.
-
-Aber das Heiligtum war ein Theater geworden; wie einmal die Glocken des
-Münsters die Heiligen riefen, so taten nun seine Posaunen; daß sie die
-letzte Verwandlung vermochten, mußte die Heilsmusik der Erlösung im
-Parzival tönen.
-
-So war der Zauber von Bayreuth vollendet; aus aller Welt kam die
-Gläubigkeit her, ihm zu lauschen: der Priestergott hatte die letzte
-Verwandlung begonnen, das Mirakel der Messe war auf die Bühne
-gestiegen, das Kreuz von Golgatha stand auf dem Dach des Theaters.
-
-
-Bruckner
-
-Indessen der Weihrauch in Bayreuth um solche Zauberei dampfte, indessen
-Tannhäuser und Wolfram, Elsa und Lohengrin, Siegfried, Walküren und
-Rheintöchter das deutsche Theater erfüllten, saß der Hofkapellorganist
-Anton Bruckner in Wien und spielte die Orgel, wie weiland Johann
-Sebastian Bach.
-
-Wie jener als Protestant war er katholischen Glaubens ein demütiger
-Diener der Kirche, obwohl er Gewalt hatte über die Bässe und Flöten der
-Orgel, über die Geigen und Hörner im ganzen Reich der Musik.
-
-Ihm war kein Dämon gegeben, die Großen der Welt zu betören, kein
-Königsschloß stand in der Nacht, ihm mit Fackeln zu leuchten; wohl aber
-kamen die Gaffer von Wien, den seltsamen Kauz zu bestaunen, der ihnen
-den Dank, wenn sie klatschten, mit dem roten Taschentuch winkte.
-
-Sein Taschentuch machte sie lustig, er aber nahm ihren Pöbellärm
-dankbar als Ehrung für seine Kunst hin; und wenn die Kinder der Gasse
-den närrischen Mann neckten, stand er gerührt vor dem Ruhm in der Liebe
-der Kleinen.
-
-So war er im Leben ein wahrer Knecht Gottes; einfältig und ohne Groll
-nahm er sein Los hin, als Narr vor den Menschen zu gelten, die seine
-Hände zu küssen versäumten, weil sie die karge Knechtsgestalt sahen,
-aber den blühenden Geist Gottes in seiner Musik nicht erkannten.
-
-Er war ein Österreicher Kind und ein gläubiger Sohn der katholischen
-Kirche; wie Johann Sebastian Bach brauchte er nicht mit Himmel und
-Hölle zu ringen, weil ihm der Himmel gewiß war, einmal und hier schon
-auf Erden: aber wo jener die Stimmen mit Stärke und Strenge bezwang,
-ließ er sie schwelgen im Wohllaut.
-
-Auch war er ein Hagestolz, und keine elf Söhne füllten sein Haus mit
-fröhlichem Lärm wie bei dem Kantor in Leipzig; die Einsamkeit war seine
-stille Gefährtin, sie konnte ihm in den Überschwall fallen, daß jeder
-Stimme der Atem stockte.
-
-Dann stand seine stumme Seele vor Gott wie eine Kerze am Hochaltar
-steht; aber ein Engel kam aus der Stille und führte ihn an der Hand
-heilig hinein in die neue Anbetung der Stimmen, bis wieder ihr
-brausender Chor und Wohlklang erschallte.
-
-Die Menschen konnten die Stille nicht hören, sie spürten auch nicht
-den Engel darin, der ihn vor Gottes Thron führte; sie lachten
-des Organisten, der selber Musik machen wollte und mit dem roten
-Taschentuch winkte; sie blieben vor seiner Einsamkeit stumm, bis er im
-vierundsiebzigsten Jahr seines Lebens still aus der Welt ging.
-
-Als Beethoven starb, an dessen Grab Bruckner oftmals gekniet hatte,
-bezeugten ihm Tausende schweigend die Ehrfurcht; als Bruckner sich
-leise hinweg stahl, wußten nicht hundert, wer dieser Knecht Gottes war.
-
-Neun Sinfonien hatte auch er der Menschheit geschrieben, neun Bücher
-vom ewigen Leben: Dem lieben Gott! stand auf der letzten, darüber ihm
-seine Hände hinsanken.
-
-Der seiner Einsamkeit Freund und Gefährte, der seiner treuen
-Knechtsdienste Herr war, sollte gnädig hinnehmen, was die Menschen
-nicht mochten.
-
-
-Nietzsche
-
-Es war ein Professor in Basel, Sohn eines Pfarrers aus Röcken bei
-Lützen, Friedrich Nietzsche geheißen; dem war die Einsamkeit nicht von
-närrischer Einfalt umgütet wie dem Knecht Gottes in Wien.
-
-Sein gläserner Geist litt unter dem dreisten Gelichter, sein heller
-Mund höhnte, daß ihre Ohren so taub, ihre Herzen so leer, ihre Gefühle
-so unrein, ihre Gedanken so lendenlahm waren.
-
-Als er es nicht mehr auszuhalten vermochte unter den Menschen, floh er
-hinauf ins Gebirge, in einer helleren Luft einsam zu sein.
-
-Einmal war Bayreuth dem unerbittlichen Frager noch eine Hoffnung
-gewesen, aber sein herrischer Jasagegeist konnte nicht knien am Kreuz
-der Verneinung; als der Zauberer seinen Parzival schrieb, hieß er ihn
-einen Verleugner und Täuscher.
-
-Ein deutscher Christ galt ihm ein zwiefach verzwickter Knecht der
-Vergangenheit; er aber wollte der Zukunft den hellen Geist zeugen, er
-wollte der Wahrheit die Wohnung der Stärke bauen, er wollte getrost der
-Antichrist heißen.
-
-Denn das Christentum galt ihm die Feindschaft der Kranken und
-Verderbten; Knechtstugenden hieß er Mitleid und Demut und Bängnis um
-Strafe und Lohn.
-
-Herrenmoral war anders gerüstet: sie kannte den Hochmut, den Haß und
-die Liebe des Blutes, den tapferen Tod vor dem Feind; sie brauchte kein
-Jenseits für ihre Gewißheit der Dinge, sie war mit Sinnen und Sinn
-Jasager zum irdischen Leben.
-
-So waren die Griechen gläubige Kinder der Erde gewesen, so hatten die
-Römer das Reich der männlichen Stärke gebaut, bis ihm der tückische
-Kreuzgott im Aufruhr der Sklaven und Christen den Untergang brachte.
-
-Nun galt es dem Menschengeist, die Schmach auszulöschen, wieder wie
-einst die Dinge als groß und gering, rar und gemein, biegsam und
-brüchig, gesund und krank zu werten, wieder der frohe Herr seiner
-selber statt der Knecht düsterer Mächte zu sein.
-
-Hündisch hieß er, für einen Himmelsgott gut oder böse zu gelten,
-herrlich, um seiner selbst willen den Bogen der Stärke zu spannen.
-
-Helläugig, schnellfüßig und hochgemut mußte der Geist im Abendland
-werden, sollte ihm wieder die Erde gehören; kein gekreuzigter Gott,
-keine olympischen Götter: der Mensch allein sollte das Ziel seiner Tat
-und Sinndeutung stellen.
-
-Als so der Professor aus Basel den Übermenschen lehrte, war ihm das
-Land der neblichten Wälder und kalten Meerküsten unheimlich und fremd
-geworden, wie einem Zugvogel sein Nestland fremd wird: im sonnigen
-Süden, am kaltklaren See von Silvaplana ging er die steilen Wege seiner
-Gedanken.
-
-Da fand er sein Spiegelbild und hieß es den Zarathustra; aber er nahm
-von dem persischen Weisen nur das Gewand und den Namen, den Menschen
-sein kühnes Schalksspiel zu bringen; denn nun war er der Einsamkeit
-satt, wie eine Biene vom Honig schwer ist.
-
-Er sandte ihn aus mit Reden und Sprüchen, Liedern und allerlei Sinnbild
-und Schicksal, den Übermenschen zu lehren; was der Affe dem Menschen
-war, das sollte der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter und
-eine schmerzliche Scham.
-
-Er selber wollte bei seinem Werk bleiben, der Moral eine neue Münze
-zu prägen, die jegliches Ding in der eigenen Geltung bezahlte; denn
-steiler als je ging der Weg seiner Gedanken, und über ihm schwebte sein
-heiliger Geist, den er die ewige Wiederkehr nannte.
-
-Aber das Schicksal zerbrach ihm die Antwort, als er die Schärfe
-der letzten Fragen ansetzte: höher als je eine Kühnheit war seine
-gestiegen, da riß ihn die Tobsucht hinunter in ihre greulichen Tiefen.
-
-In Weimar, wo Goethe die Grenzen des Daseins sorgfältig umging, wo
-jeder Weg seine Spur zeigte und jeder Wind sein Wort wehte, verdämmerte
-langsam der kühnste Geist, den das Abendland zeugte.
-
-
-Die dritte Zwietracht
-
-Als Friedrich Nietzsche erloschenen Auges ins Abendrot starrte, wie
-einmal der Spötter in Sanssouci saß, aber der Spott war von ihm
-genommen; als der gläserne Geist taub war und keinen Mittag mehr
-schimmerte: machte sein Spiegelbild Glück bei der Jugend.
-
-Der Dichter hatte dem Denker steiler Gedanken das Spiegelbild listig
-verkleidet, daß die bunten Gewänder vielerlei Augen anlockten, daß um
-die Sprüche des Zarathustra heißes Gedränge, daß seine Schalksspielbude
-begehrt im Jahrmarkt der Gegenwart war.
-
-Wohl fraß die Gegenwart sich an der Vergangenheit satt, und der
-Trompeter blies ihr sein blechernes Stück zur Verdauung; aber der Trotz
-mißratener Söhne sah das Reich seiner Väter auf Bürgertugend gebaut,
-die er haßte.
-
-Durch Eisen und Blut waren die Dinge geschehen, nun saß der Bürger zu
-Tisch, sie zu genießen; emsige Sorge um kleines Behagen, redlicher
-Fleiß um Wohlergehn, gehorsame Erfüllung der Staatsbürgerpflichten
-hielten sein Hausväterdasein behütet, darüber der Gott seiner Kirche
-auch nur ein Hausvater war.
-
-Tapfere Dinge waren getan, und Starkes war durch die eiserne Hand
-des Kanzlers vollendet: aber das rasche Wunder konnte nichts Großes
-entzücken, weil es dem Bürger nur fremde Erfüllung, nur der prahlende
-Schein einer großen Zeit, kein Ende und Anbeginn war.
-
-Die alte Zwietracht ging um als blasses Gespenst, und die neue war erst
-eine Fahne; zwischen den Zwietrachten stand die Zeit still, Feierabend
-war mit faltigen Schürzen und vollen Fässern; auch daß der Forscher
-die Bibel Gott aus der Hand nahm, konnte den Feierabend nicht stören,
-weil der Bibelgott selber ein blasses Gespenst war.
-
-So konnte auch Zarathustra die Zeit nicht wecken; kein Zorn war um
-seine Schmähung, kein Glaube um sein Glück, keine Verzückung um seine
-fressende Flamme.
-
-Nur der Trotz mißratener Söhne, das Racheglück kindlicher Hasser, das
-Traumgesicht eifriger Dichter nahm das Schalkspiel des Zarathustra
-hin als ein neues Vergnügen; nur wenigen brannte der Dornbusch seiner
-Verheißung.
-
-Nur wenige sahen, daß hier eine tollkühne Hand die Tafel der Tugend
-zerschlug, daß über der falschen Eintracht der Zeit die dritte
-Zwietracht aufstand, die Schuld der genügsamen Väter zu rächen.
-
-Noch war ihr Herz nicht bereit für das wilde Ereignis; aber sie ahnten
-den Blitz, dessen Wetterleuchten sie sahen, weil ihre Jugend darin war.
-
-Als die Verneinung der Väter war die Vergangenheit über den Drang des
-jungen Blutes gelegt; wo ein Wunsch war, stand eine Sünde; und wo eine
-Erfahrung lehrte, wurde ein Wille gebrochen.
-
-Das Leichentuch der Entsagung war über die Wünsche gebreitet;
-Leidenschaft, Lust, Liebe und Haß, Tapferkeit, Hochmut, Stolz und
-Verachtung: alles, was in den Herzen der Knaben als kommende Mannheit
-Macht werden wollte, war in den Wurzeln zerschnitten.
-
-Noch war die dritte Zwietracht ein Schalkspiel im Jahrmarkt, davor
-die Jugend sich drängte, über das Alter zu lachen; einmal sollte die
-Lehre des Zarathustra das neue Evangelium sein, im Namen der Jugend die
-Mannheit ehrlich zu sprechen.
-
-
-Gottfried Keller
-
-Zur selben Zeit, da den Verkünder des Zarathustra die grausame
-Krankheit zerstörte, siechte in Zürich Gottfried Keller dahin, der kein
-Verkünder, kein Fragesteller des Übermenschen, nur ein Mensch, und gar
-ein Bürger, dennoch ein Jasager war.
-
-Staatsschreiber in Zürich hieß er in Ehren, als Bismarck das neue Reich
-machte; aber er hatte die alte Zeit lieber gehabt als die neue, weil er
-ein Eidgenoß, kein Fürstenfreund war.
-
-Die Paulskirche blieb ihm ein hohes Gedächtnis, und manche Männer von
-damals hießen ihm Freund; ihr Deutschland war seine Schule gewesen, dem
-Maler zuerst und danach dem Dichter, und dieser Schule dankte er gern.
-
-Denn der ein deutscher Sprachmeister wurde, hatte ein anderes Handwerk
-zu lernen getrachtet, und mancherlei Lüfte waren dem Schweizer in
-München, Heidelberg und Berlin durch die Haare geweht, ehe ihn endlich
-die Heimat als ihren Sohn anerkannte.
-
-Als er Staatsschreiber wurde, sollte das Amt den vielfach gescheiterten
-Mann retten, es sollte dem Wandervogel das Nest sein, seine Lieder zu
-singen und seine bunten Träume zu spinnen.
-
-Denn längst hatte der unstete Mann seinen Freunden den Grünen Heinrich
-geschrieben, die Beichte der eigenen Jugend, in Goethescher Weise
-Wahrheit und Dichtung vermischend; aber ihm war die Jugend noch nah mit
-ihrer grünen unübersehbaren Wildnis.
-
-Auch waren der grünen Wildnis des Malergesellen aus Zürich andere Bäume
-und Blumen gewachsen als dem Frankfurter Ratsherrenkind: der Maler
-hatte die Augen gegeben, die unübersehbare Fülle bildhaft zu fangen,
-der Poet hatte die Gläser mit vielerlei Farben gestellt, die grüne
-Wildnis nach Knabenart blau und rot und gelb zu betrachten.
-
-Nirgend marschierte das Schicksal mit lauten Kanonen; aber ein leises
-Gefüge von Schuld und Verpflichtung, Täuschung und Mißgeschick verschob
-dem Knaben und Jüngling die grünen Kulissen, bis der Malergesell aus
-der unübersehbaren Wildnis keinen Ausweg mehr fand.
-
-So war die Jugend des Malergesellen; aber der Dichter hatte dem Mann
-das Lebenstor breit aufgemacht, daß die Landschaft dalag in der Fülle
-gerundeter Bilder.
-
-Die Leute von Seldwyla hieß er den Band seiner Geschichten, die alle
-mit Worten gemalt, mit Farben gedichtet, alle homerisch gebildet, aber
-von einem Schalk ins Wasser getaucht waren, sodaß ihre blinkende Nässe
-im Sonnenschein wehmütig fast und geneigt, sich zu schämen, und dennoch
-im Frohgefühl ihres Daseins leise durchlächert dastand.
-
-Klopstock hatte von Ossian her nach deutschem Wesen getrachtet, Lessing
-hatte der welschen Manier das deutsche Wort abgerungen, Goethe und
-Schiller waren tief in den Jungbrunnen der Griechen getaucht, die
-Romantiker hatten sich in den Traum vergangener Größe geflüchtet,
-Kleist und Hebbel hatten die Kleider der Weltflucht vom Leibe gerissen:
-nun kam ein Poet aus der Schweiz und vermochte, was keinem gelang, aus
-deutscher Seele allein die Fülle lebendig zu machen.
-
-Aber die Deutschen saßen zu sehr in der Not ihrer schimpflichen Jahre,
-so frohe und freie Entfaltung der eigenen Wesenheit zu erkennen;
-vermögende Freunde daheim bauten dem Dichter das Nest.
-
-Fünfzehn Jahre lang mußte der Schalk von Seldwyla Staatsschreiber
-heißen, fünfzehn Jahre lang auf der Höhe seines Lebens der
-Bürgerschaft dienen, nicht wie Goethe regierend, nur eine Schreibfeder
-der Großen.
-
-Aber wie jener tat er den Dienst treu und beharrlich; der Dichter
-goldener Träume konnte dem Alltag dienen, weil keine blasse Romantik
-ihn lebensfremd machte, weil die volle Hinwendung zum Dasein des
-Bürgers sein Werk wie sein Wesen erfüllte.
-
-Als er in Ehren Abschied nahm, war er grau; aber das Leben hielt ihm
-die Treue, die er ihm gab in all seinen Stunden: noch sechzehn Jahre
-lang konnte der Alt-Staatsschreiber von Zürich das Seine beschließen.
-
-Da kam die Fülle breit an den Tag: der Schalk von Seldwyla wurde der
-Meister der Zürcher Novellen; das Sinngedicht und die Sieben Legenden
-legten ihr Gold auf die Waage, bis endlich Martin Salander das
-stattliche Bürgerhaus mit seinem Reichtum erfüllte.
-
-Der Malergesell in München, der dichtende Wandervogel im Reich,
-der Freund vieler Männer von Achtundvierzig war wieder der Heimat
-verwachsen, der deutsche Dichter war Eidgenoß, der Eidgenoß ein Zürcher
-geworden.
-
-Das neue Reich hatte die Grenzen der Macht karg abgeschnitten; eine
-Stimme von draußen war der Meister Gottfried den Deutschen, der die
-Stimme des Blutes trotz Einem im Reiche war.
-
-
-Wilhelm Raabe
-
-Indessen Seldwyla der deutschen Seele ein fröhlicher Sommertag wurde,
-aber nur wenige sahen die Türme und Wimpel der seltsamen Stadt, grub
-die selbe Seele in Braunschweig den Dachsbau all ihrer verzwickten
-Verstecke.
-
-Der da die Chronik der Sperlingsgasse, den Hungerpastor, den
-Schüdderump schrieb und die schier endlose Fracht großer und kleiner
-Geschichten: Wilhelm Raabe, der Dichter und Sterndeuter deutscher
-Vergangenheit, liebte die Schlupfwinkel mehr und die heimlichen Gänge
-als den fröhlichen Tag.
-
-Auch ihm behagte das neue Reich nicht, obwohl es dem Mann mitten ins
-Leben hinein kam, nicht erst im Alter; der neue Glanz war seinen
-Augen zu grell, die das alte Lampenlicht liebten, lieber noch in die
-Dämmerung sahen oder hinauf in die Sterne.
-
-Früh seßhaft geworden und seiner norddeutschen Heimat so innig
-verbunden, daß er selber ein Stück Norddeutschland war, Kleinstädter
-von Neigung und Wesen, gern auf dem Wall die gewohnten Gänge
-spazierend und mit der Pfeife beim Glas unter den Stammgästen sitzend:
-blieb er der alten Zeit treu, die der neuen nicht nachrennen konnte.
-
-Der alten Zwietracht als Protestant still zugehörig, der neuen fremd
-wie ihren Fabriken, aber der dritten feind, wie eine verschlossene
-Haustür den Dieben feind ist, sah er dem Wandel der Welt zu mit
-schweigender Wehmut und listigem Lächeln.
-
-Er wußte genau, sie liefen am Leben vorbei mit ihren Geschäften, mit
-ihren Fahnen und Trommeln, mit ihrem Lärm um das Heute, mit ihrem
-Streit und Geschrei.
-
-Denn leben hieß ihm, daß eine Seele sich selber zusah, wie ihr die
-Dinge der Erde das Licht und die Luft verstellten, wie irgend ein
-Zufall sie mitten ins Schicksal hinein wehte, und wie ihr doch nie ein
-Neues geschah.
-
-Denn Licht und Luft und Schicksal waren der Ewigkeit eingestellt wie
-eine Herde der Hürde; sie konnten blenden und blasen und blindes
-Ungestüm tun: einmal war doch wieder Nacht und Stille und das Glück der
-Sterne.
-
-Auch war die Erde rund und zu klein, ihr zuliebe zu rennen: einer ging
-fort nach Osten und kam aus Westen zurück, weil Osten und Westen sich
-drüben die Hand reichten.
-
-Groß und weit allein war die Tiefe der Zeit, war die Tiefe des Raumes;
-da konnte die Seele den Geist als Sendboten schicken, da konnte er
-seine Kühnheit auskosten bis an die Grenzen des Nichts, das immer von
-neuem nur Nichtigkeit war: Nichtigkeit vor den Menschen, aber die
-Allgegenwart Gottes lebte darin wie der Ton im Gehäuse der Geige!
-
-Alles das dachte und sagte der einsame Mann in seinem Dachsbau zu
-Braunschweig, und alles das wurde die Fracht seiner großen und kleinen
-Geschichten; aber die neue Zeit rannte vorbei an der alten, sie sah den
-Sommertag nicht in Seldwyla, sie beachtete nicht sein Gerümpel.
-
-
-Die Neuzeit
-
-Der guten alten Zeit wuchsen die Türme der neuen Zeit über die Dächer:
-alles, was dunkel und dumpf und beschränkt war, wollte sie hell und
-gelüftet und grenzenlos machen; denn der Menschengeist hatte die
-Elemente gebändigt.
-
-Dampfzüge brachten auf eisernen Schienen die Güter herbei; die hohen
-Hallen der Bahnhöfe standen im Lärm und Rauch der Maschinen; rund um
-die Städte wuchsen Fabriken hinaus in die Felder; Kohle und Eisen, die
-Schätze der Erde, wurden in Waren und Wohlstand verwandelt.
-
-Der Stadtbürger brauchte nicht mehr die Groschen zu zählen, der Taler
-rollte, und prahlend wollte die Neuzeit den neuen Reichtum zur Schau
-stellen.
-
-Nicht mehr das krumme Gewinkel der Gassen und nicht mehr die engen
-Geschosse altmodischer Häuser sollten die Stadt sein; schnurgerade an
-breiten Straßen gerichtet wollten die Bauten der Neuzeit dastehen mit
-Erkern und Türmen an schmuckreichen Fassaden.
-
-Statt dunkler Gewölbe breiteten Schaufenster die bunte Fülle der Waren
-aus vor der drängenden Menge, statt rauchiger Trinkstuben prahlten die
-Spiegelwände der Bierhallen.
-
-Überall wurde der Ring der alten Wälle und Schanzen gesprengt; wie
-es in Wien und Paris war, wollte der Stadtbürgerstolz allerorts
-seine Ringstraßen haben: breite Alleen mit Rasenbeeten und Blumen,
-mit Brunnen und Denkmälern reichlich bestanden, sollten dem neuen
-Bürgerstand Wohnquartier geben, sollten den fremden Besucher erstaunen.
-
-Prahlender Wohlstand baute die Straßen und Brücken, Kirchen und
-Rathäuser der Neuzeit und sparte nicht mit dem Prunk; aber der Prunk
-war mit raschen Händen gerafft wie der Wohlstand.
-
-Unserer Väter Werke stand an den Toren und Türmen geschrieben; aber
-die Väter hatten das ihre mit Würde und weiser Beschränkung getan, die
-Enkel zogen den Stil aller Vergangenheit an wie Theatergewänder.
-
-Romanisch und gotisch, Renaissance und Barock, Rokoko und Empire:
-alles konnten sie bauen, als ob die Neuzeit der Maskenball jeder
-Vergangenheit wäre.
-
-
-Die Vorstadt
-
-Springbrunnen sprangen in sauber gezirkelten Beeten, und Denkmäler
-standen auf blankem Granit: aber die Schienen der Straßenbahn schnitten
-quer über die breite Allee und liefen hinaus in die steinerne Wüste der
-Vorstadt.
-
-Einförmiger wurden die schmalen Fassaden und enger die Straßen, kleine
-Geschäfte ahmten den größeren nach mit trüben Schaufenstern und
-trugreichen Schildern, schmutziges Pflaster löste den blanken Asphalt
-ab, bis endlich der schwarze Kohlenweg kam zwischen verödeten Fenstern.
-
-Noch ragten die Häuser mit vielen Stockwerken; öde Brandmauern, mit
-grellen Schriftzeichen bemalt, rissen die Lücken hinein, wo alte
-Kiesgruben waren und verwaschene Schutthalden.
-
-Da wohnten die Frauen und Kinder all der Fabrikler, die dem prahlenden
-Reichtum der Stadt der drohende Untergrund waren.
-
-Schmächtige Stiegen und schmale Zimmer, eng ineinander geschachtelt,
-ärmliche Höfe, kein Gartengrün, grauer Zement, von Ruß und Regen
-beronnen, als Spielplatz der Kinder das Pflaster der Straße: aber
-vor all der Dürftigkeit noch das blöde Gesims und Gesockel falscher
-Fassaden.
-
-So war die Armut der Vorstadt zu Haus, und die Armut hing am prahlenden
-Wohlstand mit dem kärglichen Lohn ihrer Arbeit.
-
-In grauer Frühe gingen die Haustüren auf, und der eilige Schritt
-auf dem Pflaster strebte der Stadt zu, ihren Kaufhäusern, Büros und
-Fabriken, wo die Hände der Vorstadt ihr Sechstagewerk taten.
-
-Wo ein Rad rollte, wo ein Schornstein rauchte, wo ein Licht brannte,
-wo eine Maschine ihr blitzschnelles Werk tat in Spindeln und Pressen,
-wo gebaut, gehämmert, genietet, gewebt, wo gewogen, gemessen, verladen
-und eingepackt wurde: überall waren die Hände der Vorstadt geschäftig,
-den Reichtum zu raffen, der in den Straßen und Stuben der neuen
-Bürgerschaft prahlte.
-
-Wie durch ein Sieb sickerte der dünne Wochen- und Tagelohn durch,
-indessen der Mehrgewinn das Gold in den Maschen anschwemmte, die
-Taschen der Klugen und Harten zu füllen.
-
-
-Das Sozialistengesetz
-
-Die da in Not und Kümmernis lebten, indessen der Reichtum auf leichten
-Rädern dahin fuhr, denen ein Tag Sorgenfreiheit ein Märchenland hieß:
-sie trugen die rote Zwietracht im Herzen, wie einmal die Hirten in
-kalter Nacht auf dem Feld die Botschaft der Engel vernahmen.
-
-Sie hießen sich Sozialisten und glaubten mit glühenden Augen, daß
-einmal das Reich der Gerechtigkeit käme; ihrem Glauben war Hoffnung,
-doch keine Liebe gesellt: Haß hieß der Quell, daraus sie tranken.
-
-Sie haßten den Reichtum und seine Nutznießer, sie haßten die
-Prunkstraßen der Stadt und alle, die darauf spazierten, sie haßten
-den Bürger, der seinen Tag lebte, und haßten den Staat, der seinen
-Wohlstand beschützte.
-
-Sie haßten die Kirche, weil sie den Armen den Himmel versprach für die
-entgangenen Freuden der Erde; sie haßten den Kaiser dazu, weil Thron
-und Altar die Stützen der alten Klassengewalt waren.
-
-Der Kaiser war längst ein Greis, und drei Jahrzehnte waren vergangen,
-seitdem er Kartätschenprinz hieß; drei Jahrzehnte hatten sein greises
-Haupt ehrwürdig gemacht; wenn seine gebeugte Gestalt im Wagen ausfuhr,
-freundlich nickend nach allen Seiten, strömten ihm Liebe und Dank,
-Ehrfurcht und Jubel des Volkes zu.
-
-Aber der Jubel reizte den Haß, und dem Haß sind die Wege zur Hölle
-gepflastert: Hödel, der Klempnergeselle, fehlte mit seiner Kugel den
-König; Nobiling schoß ihn mit Rehposten nieder wie der Wilderer ein
-Wild.
-
-Indessen der schmählich verwundete Greis von seinen Wunden genas,
-beschloß der Reichstag das Sozialistengesetz, das um den Abgrund der
-roten Zwietracht den bösen Stacheldraht zog.
-
-Wie einmal den Burschenschaften geschah, geschah nun den Sozialisten:
-Verfolgung, Gefängnis und Landesverweisung waren das grausame Los
-aller, die sich bekannten.
-
-Zum andernmal kam dem Geheimrat der Büttel zur Hand, aber der Wille der
-Mehrheit, nicht Willkür der Fürsten, gab ihm die Macht, im Namen des
-Rechtes Unrecht zu walten.
-
-Haß löckte wider den Haß: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
-hatte es einmal geheißen, da der Bürger sein Dasein gegen die Junker
-und Pfaffen erhob; nun klang der gleiche Ruf gegen ihn, den Feind des
-Genossen.
-
-
-Der Deutsche Soldat
-
-Wenn der deutsche Jüngling ein Mann werden wollte, mußte er auf die
-Ziehung: so hieß der Volksmund den Tag, da die Jungmänner gemustert
-wurden, ob sie zum Heeresdienst taugten.
-
-Die es traf, weil sie gesunden Leibes und gut bei Sinnen waren, kamen
-mit bunten Bändern am Hut nach Haus; und hatten die Kehlen heiser an
-den alten Soldatenliedern gesungen.
-
-Denn Soldat hieß nicht mehr ein Söldner sein, der um Sold in den Krieg
-ging; Soldat sein war eine stolze Pflicht, die dem Gesunden zufiel, und
-den Rock des Königs zu tragen, war eine Ehre.
-
-Ob sie mit langen Schritten hinter dem Pflug gegangen waren oder mit
-flinken Händen im Laden bedient hatten; ob sie vom Handwerk kamen oder
-aus der Fabrik; ob sie sanft oder rauh, in der guten Stube verzärtelt
-oder schon von den Hunden der Not gehetzt worden waren: die Kaserne
-raffte sie in ihre Kameradschaft.
-
-Da hießen sie alle Rekruten und lernten den gleichen Schritt aus dem
-Vielerlei ihrer Herkunft; da trugen sie alle das Krätzchen auf ihrem
-geschorenen Kopf und aßen das gleiche Kommißbrot.
-
-Statt schmieden und sägen, mauern, schreiben und nähen lernten sie die
-Beine werfen im Gleichschritt und die harten Griffe mit dem Gewehr,
-lernten sie den Befehl mit dem unbedingten Gehorsam.
-
-Wenn sie dann in den ersten Urlaub kamen, waren sie in die Uniform
-eingewachsen und warfen den Augen der Mädchen die stolzen Blicke
-zurück; sie hatten den Schritt des Mannes gelernt, der im Dienst geht.
-
-Denn zu schmieden und sägen, mauern, schreiben und nähen war längst aus
-der ehrbaren Zunft in den Alltag des Lohnes geraten; das Handwerk hatte
-nicht nur seinen goldenen Boden, sondern auch seinen Stolz verloren:
-es gab dem einzelnen Dasein Unterschlupf; aber Soldat sein raffte den
-Einzelnen in die Gemeinschaft.
-
-Ob sie in Königsberg oder Ingolstadt, in Mainz oder Flensburg zum
-Paukenschlag und Hörnerschall durch die klingenden Straßen marschierten
-oder gar ritten: überall war die gleiche Parole um sie, der gleiche
-Schritt und der gleiche oberste Kriegsherr.
-
-Zu Hause hatten sie Schwaben und Bayern, Sachsen und Preußen,
-Rheinländer und Schleswig-Holsteiner geheißen; aber das Heer war
-deutsch, und sein Vaterland hieß das Reich.
-
-So hing ein Glanz um den Schritt des Soldaten, den der Alltag vermißte;
-und wenn die Herbstmanöver den Schritt aus der Garnison hinaus führten
-in die Dörfer und verschlafenen Städte der Landschaft, hing sich dem
-Glanz die Romantik heißer Marschtage und fröhlicher Einquartierung an.
-
-Ein anderer Jungmann als der aus den Händen der Mutter kehrte nach
-seinem Dienst in die Herkunft zurück; er hatte erfahren, daß die Heimat
-nicht nur das Dorf oder die Stadt seiner Eltern, sondern das Vaterland
-war.
-
-Er war in der Schule des deutschen Volkes gewesen; und wie ihn danach
-der Alltag in seine Hände bekam, die Schulzeit konnte er nicht mehr
-vergessen: dem gedienten Mann blieb die schönste Lebenszeit jene, da er
-den Tornister trug; und noch dem Greis wurden die Augen hell, wenn er
-von seinem Hauptmann erzählte.
-
-
-Kaiser und Kanzler
-
-Siebzehn Jahre lang trug der greise König von Preußen die Kaiserkrone
-von Deutschland, wahrhaft geliebt von seinem Volk und geachtet unter
-den Völkern.
-
-Als er im einundneunzigsten Jahr seines Lebens einging zu den Vätern,
-war sein Sohn ein todkranker Mann, und jedermann sah, wie der Zeiger
-der Zeit auf den Enkelsohn übersprang.
-
-Noch aber hielt der Kanzler dem Reich die Gewichte; auch er war ein
-Greis, und die Jahre der Zwietracht hatten dem Gründer des Reichs
-manchen Kampf aufgezwungen, der nicht mehr durch Eisen und Blut zum
-ruhmreichen Sieg führte: aber sein Ankergriff war zu fest und das
-Gewicht seiner Taten zu schwer, als daß ihm der Streit den Gang seiner
-Uhr störte.
-
-Auch der König hatte sich redlich gebeugt vor der Größe; er hieß sein
-Herr und war hochmütig genug, es zu bleiben; aber der Diener regierte
-und wußte den Hof aus seinen Geschäften zu halten.
-
-Wenn der Kanzler im Reichstag zum deutschen Volk sprach und die
-Parteien ihn hörten, stand ihm der Feind vorn; kein Dolchstoß fand
-seinen Rücken, solange sein König ihn deckte.
-
-Treue um Treue: so sah das Volk die Gestalten, und Hagen von Tronje
-hießen ihn manche, die seinen Junkerstolz kannten, als Lenker der
-deutschen Geschichte doch nur der oberste Diener des Königs von Preußen
-zu sein.
-
-Als aber der König zur letzten Ruhestatt fuhr, waren viel Prinzen und
-Fürsten zwischen dem Sarg und seinem gewaltigen Leibwächter; und als
-der todkranke Sohn sein König und Herr war, trug eine Prinzessin von
-England die Krone, die, Preußen und Deutschland gleich fremd, dennoch
-dem Kanzler den Gang seiner Uhr störte.
-
-Ein kurzes Wetterspiel zuckte: Kanzler und Kaiserin standen im
-Blitzlicht; aber am neunundneunzigsten Tag seiner Regierung lag
-Friedrich der Dritte als Leiche in Potsdam, und Wilhelm der Zweite, der
-Enkel, war Kaiser von Deutschland.
-
-Zu jung für sein Volk, zu alt für den Kanzler, nahm er das Zepter
-der Macht; im goldblauen Himmel hatte der Abendstern Wilhelm des
-Siegreichen stark und tröstlich gestanden: als er gesunken war,
-gerannen die Lüfte in dichtem Dämmergewölk, indessen das kurze Gewitter
-hinter den Bergen vergrollte.
-
-
-Der Alte im Sachsenwald
-
-Der Zeiger der Uhr hatte den Sohn übersprungen; dem Enkel zu dienen,
-wurde dem eisernen Kanzler als Schicksal ins Alter gelegt.
-
-Er hatte das Reich als Bund der Fürsten gegründet, denen der König von
-Preußen wohl Kaiser, aber nicht Lehnsherr war.
-
-So führte der Kanzler im Namen des Kaisers die deutschen Geschäfte und
-stand dem Bundesrat vor, darin die Minister der Fürsten nach ihrer
-Stärke abstimmten; aber er blieb der Minister des Königs von Preußen.
-
-Seinen gnädigen Herrn mußte der mächtigste Mann im Reich den Enkelsohn
-heißen; aber nun war keine Weisheit und Würde mehr da, nach seinem Rat
-zu befehlen: Wilhelm der Zweite wollte sein eigener Ratgeber heißen.
-
-Friedrich den Großen hieß er sein Vorbild; aber er war dem Spötter von
-Sanssouci fremd, wie der prahlende Schein der schlichten Größe fremd
-ist.
-
-Alles, was jemals groß war, wollte er scheinen: fromm und von Gottes
-Gnaden geführt, tapfer und treu, weise und wahr, unermüdlich, gerecht
-und allen Dingen durch eigenes Urteil gerüstet! Alles wollte er
-scheinen, weil er ein Spiegel und Widerschein war.
-
-Zwei Jahre lang ließ sich das ungleiche Kräftespiel halten, zwei Jahre
-lang diente der eiserne Kanzler dem Irrlicht als seinem gnädigen Herrn,
-dann brach die Gnade in Stücke: der Minister hatte dem König von
-Preußen getrotzt, der Minister wurde entlassen.
-
-Weltwende war, als solches geschah, und das deutsche Reich bebte; aber
-das Volk war gewöhnt, blind zu gehorchen; auch war den Parteien der
-schwarzen und roten Zwietracht der Kanzler verhaßt, ihr Siegerglück sah
-den Eckpfeiler der Preußenwacht wanken.
-
-Drei Rosen legte der Kanzler dem alten Kaiser aufs Grab, dann fuhr er
-hinaus in den Sachsenwald, den ihm vordem sein König aus Dankbarkeit
-schenkte, und der seinem Alter der niemals begehrte Ruhesitz wurde.
-
-Er hatte das Seine getan, wie nur ein Großer das Seine vollendet; er
-hatte das Reich nach seinem Willen und Wesen gebaut, aber sein Werk war
-kein Tempel und Sinnbild, auf heiliger Höhe zu stehen; sein Werk war
-ein Haus und das deutsche Volk sollte drin wohnen.
-
-Er durfte nicht Haushalter bleiben; sorgend sah er zurück, ob alles
-nach seinem Willen geschähe, und zornig, daß allzuviel anders geschah.
-
-Zwietracht und Haß hatten den Abschied des Starken begleitet; seit er
-im Sachsenwald war, sank die Vergessenheit über die Tage, da er im
-Streit der Parteien selber den streitbarsten Mann stellte.
-
-Gleich den Helden der Sage wuchs seine Gestalt grimmig zur Größe, bis
-er im Helldunkel seines Waldes selber ein Sagenbild wurde.
-
-Der Alte im Sachsenwald war nicht mehr der Graf von Gastein und nicht
-mehr der Fürst von Versailles, nicht mehr der Kanzler und Kürassier am
-Bundesratstisch: er war ein Wanderer im Wald mit schwarzem Mantel und
-Hut.
-
-Zwei Doggen umsprangen den großen Schritt, und wen seine buschigen
-Augen erblickten, den sprangen sie an; denn niemand durfte in seinen
-Wald kommen, den er nicht rief.
-
-Der Spötter von Sanssouci starrte ins Abendrot, der Alte im Sachsenwald
-ging unter uralten Bäumen und hörte dem Wind zu: Heimdall, der Wächter
-am Welteschenbaum, machte die Runde, indessen Wodan unruhig wehenden
-Atems im Sachsenwald schlief.
-
-
-Der deutsche Welthandel
-
-Der Reutlinger Schwabe hatte die deutsche Zukunft verkündigt: Kohle und
-Eisen waren die Herren der Wohlfahrt geworden, die Eisenbahn war ihr
-gehorsamer Diener.
-
-Wo einmal die Straßen der alten Zeit mühselig ihre Räderspur suchten,
-legten die blanken Schienen ihr Netz über Berge und Täler; gleich
-Spinnen saßen die Städte darin, sich satt an den Gütern zu fressen; wo
-eine Kreuzung der Eisenbahn war, wuchsen Fabriken.
-
-Karg war das Land der neblichten Wälder, und seine Felder konnten das
-deutsche Volk nicht ernähren; harte Arbeit und billige Löhne schufen
-die Waren, wohlfeil zu tauschen, wo in der Welt ein Überfluß war: die
-reichen Kornkammern im Osten und über dem Wasser machte der deutsche
-Welthandel auf.
-
-So fingen die Röhren des Wohlstandes an, dünne Strahlen zu fließen;
-aber sie flossen an vielerlei Orten, und als das Jahrhundert zu Ende
-ging, das so reich im Geist wie arm im Beutel begann, hatte sich
-Reichtum in manchem Beutel gesammelt.
-
-Der Beutel blieb in der Stadt, die Bauernschaft sah nur den goldenen
-Schein; sie mußte dem Bürger den Reichtum mit Mühsal und Sorge
-bezahlen; denn billiges Brot hielt billigen Lohn, und ihr Brot war zu
-teuer.
-
-Einmal hatten die Kätner das Heim ihrer Armut verkauft, über dem Wasser
-ein besseres Dasein zu suchen; nun lockte die Stadt, Fabrikler zu
-werden; einer unheimlichen Krankheit verfallen, schwollen die Vorstädte
-an, indessen die Dörfer dünn wurden an Menschen und Händen.
-
-Aus einem Bauernland machten Not und Gewinnsucht ein Fabrikland; aber
-mit jedem rauchenden Schornstein, mit jedem sausenden Schwungrad wurde
-das Dasein der Deutschen der Fremde verpflichtet.
-
-Wo irgend ein Markt in der Welt war, mußten die Händler deutsche Ware
-feilhalten; wo irgend ein Angebot lockte, mußten sie lauern und listen,
-und wo die Haustür geschlossen war, mußten sie Schlupflöcher suchen.
-
-Nicht lange, so kamen die Schiffe gefahren -- schwarzweißrot wehte die
-Flagge -- Waren zu bringen und Güter zu holen; und wo sie den Weg zum
-erstenmal fanden, blieben sie nicht mehr aus.
-
-So mußte der deutsche Kaufmann der Störenfried werden; denn die Welt
-war verteilt, wohin er auch kam, und überall sah das alte Geschäft
-scheel auf das neue.
-
-
-Die deutsche Flotte
-
-Einmal hatte die Hansa die Meere befahren, und die Kaufleute des
-Kaisers waren die Herren des Handels gewesen; so weit die kalte
-Meerküste reichte, galt keine Macht über der ihren: Fürsten und Könige
-mußten sich beugen vor ihrer gewaltigen Flotte.
-
-Aber die großen Seewege befuhr die Hansa nicht mehr; Spanien, Holland
-und England wurden die neuen Seemächte, indessen über das Reich der
-große Krieg kam.
-
-Der letzte Hansetag war in den Tagen Turennes: Hamburg, Bremen und
-Lübeck, Danzig, Braunschweig und Köln saßen noch einmal zusammen im
-Schatten vergangener Macht, aber ihr Mut war für immer verdrossen.
-
-Was die Städte nicht mehr vermochten, gedachte der große Kurfürst zu
-tun; er hatte als Prinz in Holland den Nutzen der Schiffahrt gesehen
-und ließ seine Flotte das Weltmeer befahren: an der Goldküste Afrikas
-wehte der rote Adler im weißen Grund über der Festung, die sich der
-Kriegsherr aus Brandenburg baute.
-
-Aber es war nur der kühne Griff eines Fürsten; sein Volk war zu
-ärmlich, sein Land zu zerstückelt an der kalten Meerküste, so langen
-Arm zu behalten.
-
-Der rote Adler im weißen Grund verschwand vom Weltmeer, während das
-Königreich Preußen im Sand von Brandenburg wuchs; der Sieger von
-Roßbach und Leuthen machte daraus ein wehrhaftes Land, aber er brauchte
-das Maß seiner Sorgen nicht aus dem Weltmeer zu füllen.
-
-Mit sandigen Häfen und Küsten blieb Preußen das Land an der Ostsee, dem
-der dänische Seehund das Weltmeer versperrte.
-
-Romantischer Eifer der Männer in Frankfurt ließ die Wimpel der
-deutschen Kriegsflotte wehen, bevor noch ein Reich war; aber der
-englische Seeherr verbot ihr das Weltmeer, und kläglich wurden die
-Schiffe der deutschen Flotte versteigert.
-
-Erst als der Kyffhäuserberg endlich die Tore auftat, als wieder ein
-Kaiser im Zankreich der Fürsten und ihrer geplagten Völker regierte,
-war das Reich mächtig, auch das Hansaglück wieder zu wecken.
-
-Der schwarzrote Adler im schwarzweißen Kreuz erschien auf den Meeren;
-der englische Seeherr mußte die deutsche Kriegsflagge grüßen.
-
-Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser! prahlte der Kaiser, und wie der
-Großvater das Heer zu rüsten anfing, so der eifrige Enkel die Flotte.
-
-
-Der Dreibund
-
-Rußland den mächtigen Freund und Nachbarn im Rücken, hatte der Kanzler
-den Krieg mit Frankreich gewagt und gewonnen; aber die Freundschaft
-fing an, sich zur Feindschaft zu wandeln, als Rußland den Weg nach
-Byzanz zugesperrt fand.
-
-Solange ein Zar in Rußland regierte, hatte das goldene Horn gelockt,
-wie einmal die römische Krone das deutsche Kaisertum lockte.
-
-Da stand die Agia Sophia unter dem Halbmond, die einmal das griechische
-Kreuz der Gläubigen trug, da war die Herkunft der russischen Kirche in
-türkischen Händen, da war den Russen das Tor der Dardanellen verriegelt.
-
-Wohl hingen die unermeßlichen Weiten der russischen Länder am Kreuz
-ihrer nordischen Küsten, aber das Eismeer hielt ihre Häfen im Winter
-geschlossen; das schwarze Meer mit Odessa, der lieblichen Krim und dem
-Kriegshafen Sebastopol sperrten die Türken mit eisernen Ketten.
-
-Längst war die Türkengefahr für die Christenheit aus; den kranken Mann
-hießen die Spötter den Sultan, der nur noch ein Schattenbild war: dem
-kranken Mann wollten die Russen endlich zum Tode verhelfen.
-
-Bis unter die Tore von Konstantinopel führte ein rascher Feldzug den
-Zaren, aber England und Österreich hemmten sein siegreiches Schwert:
-als ehrlichen Makler riefen die streitenden Mächte den Kanzler.
-
-So kam der stolze Tag für Berlin, da Bismarck obenan saß unter den
-Mächtigen, dem Streit die Waage zu halten, wie einmal der Kaiser von
-Frankreich Schiedsrichter im Abendland war.
-
-Aber die Würde, so klug er sie übte, brachte dem Schiedsrichter
-keinen Dank und Gewinn; der stolze Tag von Berlin wurde dem Reich die
-Glückswende des Schicksals.
-
-Die Mächte mit ihrem Gewicht hatten die Russen gehindert, Byzanz zu
-erreichen; aber der russische Groll fiel auf die Hand, die den Mächten
-die Waage zu halten gedingt war.
-
-Rußland, der mächtige Nachbar im Rücken des Reichs, ging zu dem
-Todfeind im Westen: ihr böses Bündnis begann, das Reich zu umfassen.
-
-Der Drohung zu wehren, rief Bismarck Nothelfer an: Österreich, Italien
-und Deutschland im Dreibund vereinigt, sollten dem Zweibund von Rußland
-und Frankreich das Gleichgewicht halten.
-
-Als ob noch einmal das römische Reich seinen Bogen über das Abendland
-spannte, so zog der Dreibund die Grenzen der alten Kaisergewalt: aber
-die Krone war für zwei Kaiser gespalten und statt dem Papst sollte ein
-König in Rom Widerpart sein.
-
-Und so war das Schicksal: der Graf von Gastein hatte das preußische
-Reich gegen Habsburg gegründet; aber es war nicht das Land von der Maas
-bis zum Memel, von der Etsch bis zum Belt, wie es die deutsche Hoffnung
-ersehnte.
-
-Nun kamen die Deutschen von Österreich, Salzburg, Tirol und der
-Steiermark zwar in den Dreibund, aber sie brachten das Habsburger
-Schneckenhaus mitsamt den slawischen Völkern und dem bösen Streit um
-den Balkan.
-
-
-Feinde ringsum
-
-Der Oheim Wilhelm des Zweiten war König von England geworden; er
-haßte den Neffen in Potsdam und hing seinem Prunkmantel hämisch ein
-Schellenband an.
-
-Er war schon ins Alter gekommen, als seine Mutter Victoria starb; aber
-die Welt kannte den Prinzen von Wales, der in Paris und in London
-gleichviel als Lebemann galt, weil er das Reich der Mode regierte.
-
-Neun Jahre nur blieben ihm noch für den Thron, aber neun Jahre reichten
-dem König Eduard aus, in den Machthändeln der Welt nicht weniger gut
-als in der Mode zu führen.
-
-Vielerlei Feinde zählte der britische Stolz auf der Erde; der stärkste
-war Rußland, aber der nächste war ihm der deutsche Vetter geworden: den
-stärksten Feind auf den nächsten zu hetzen, sollte das Meisterstück
-Eduards sein.
-
-Er trug keine schimmernde Wehr wie sein Neffe, er war ein König im
-Straßenkleid, der besser die Kunst, sanft und höhnisch zu lächeln, als
-die der schwellenden Rede verstand; er wußte als Weltmann auf Reisen
-höflich zu sein, nur in Berlin war er es nicht.
-
-Als seine Lebenszeit um war, hatte sich nichts im Abendland sichtbar
-verändert: der deutsche Welthandel wuchs aus Wohlstand zu Reichtum,
-Wilhelm der Zweite sprach von der gepanzerten Faust und hieß der
-Zukunft auf dem Wasser die Schlachtflotte bauen.
-
-Frankreich war trächtig an seinem Traum der Revanche, Rußland sah nach
-Byzanz, Italien unterschrieb dem Dreibund die Wechsel auf kurze Sicht,
-Österreich wühlte sich ein in den Balkan.
-
-Alles war wie zuvor, die Waffen starrten im Gleichgewicht und der
-Frieden hing an der Waage: nur die heimlichen Tiefen der Mächte hatten
-sich trübe gefüllt.
-
-Ein Vierteljahrhundert war seit den stolzen Tagen vergangen, da
-Bismarck als ehrlicher Makler am Tisch saß, obenan bei den Mächten; ein
-Vierteljahrhundert hatte den Haß gegen Deutschland gerüstet, und der
-ihm der treueste Freund schien, war in der Rechnung der Mächte sein
-gefährlichster Feind.
-
-
-Habsburg
-
-Das Habsburger Kaisertum war die Erbschaft vergangener Fürstengewalt
-über widerstreitende Völker: Ungarn und Tschechen, Polen, Slowaken,
-Ruthenen, Kroaten und Serben, Rumänen und Italiener waren der deutschen
-Vorherrschaft feind.
-
-Und keiner Regierung gelang es, den Ausgleich zu finden; was den einen
-zuliebe geschah, geschah den andern zuleide: ein babylonischer Turm
-blieb der Reichsrat in Wien mit seiner Völker- und Sprachenverwirrung.
-
-Bunt wie das Völkergemisch war auch das Wechselspiel seiner Minister,
-der klugen und dummen, der gerechten und schlechten: die Völker im
-Reichsrat ließen sie kommen und hießen sie gehen; und keiner war mehr
-als ein flüchtiger Schatten.
-
-Nur der Kaiser Franz Joseph in Wien gab seinen schläfrigen
-Stundenschlag durch die Verwirrung; seit Metternich ging, war er da,
-längst mehr als ein halbes Jahrhundert; die Kaiserin wurde erstochen,
-der Kronprinz, sein einziger Sohn, lag auf der blutigen Bahre: den
-Kaiser Franz Joseph hatte das Schicksal vergessen.
-
-Ein kahler Baum im Schlinggewächs streitender Völker war die
-Habsburger Macht; ein geiler Trieb wollte ihm neues Holz geben: der
-Thronfolger-Erzherzog wollte noch einmal ein Habsburger Ferdinand sein.
-
-Denn die Kirche allein war die Einheit der streitenden Völker in
-Österreich, nur ihr gehorsamer Diener konnte noch einmal die Vielheit
-beherrschen: und Franz Ferdinand war ein gehorsamer Diener der Kirche.
-
-Groß-Österreich wollte er bauen und tief in den Balkan hinein sollte
-das Fundament seines babylonischen Turms reichen; indessen der Staat
-Metternichs starb, weil seine Vielheit feindlicher Völker kein Volk
-war, hörte die Habsburger Habsucht nicht auf, von Ländergewinn und
-Eroberungskriegen zu träumen.
-
-Als sie das Recht ihrer Krone über Bosnien streckte, war der Krieg
-angesagt, der Krieg mit den slawischen Völkern im Balkan und ihrem
-mächtigen Schutzherrn im Osten.
-
-Denn Serbien lag als ein Stein vor der Tür in den Balkan; sollte
-Groß-Österreich werden, war Belgrad der Schlüssel, und sollte der
-Schlüssel Habsburg gehören, mußte das serbische Volk samt seinem
-russischen Schutzherrn gedemütigt sein.
-
-Frechheit und Leichtsinn reichten einander die Hände, da Habsburg solch
-ein vermessenes Glücksspiel begann; und Habsburg wußte genau, daß es
-allein nichts vermochte: aber der mächtige Bruder im Norden sollte sein
-ehrliches Schwert über der blinden Vermessenheit halten.
-
-
-Serajewo
-
-Franz Ferdinand wollte den bosniakischen Völkern den kommenden
-Landesherrn zeigen; in Serajewo traf ihn die Kugel eines Studenten;
-die zweite Kugel sollte den Statthalter treffen und fand die
-Thronfolger-Fürstin.
-
-Die Tat geschah am hellichten Tag, und der Mörder wurde ergriffen samt
-seinen Genossen; aber der Mord schrie nach größerer Rache.
-
-In Belgrad war der Mord von Serajewo geplant und beschworen; ihn zu
-sühnen, wurde das serbische Volk vor eine kurze Frist und eine harte
-Entscheidung gestellt.
-
-Sie wußten genau in der Hofburg, Serbien treffen, hieß Rußland
-entfachen; das sollte die Sorge des stärkeren Bruders im Dreibund sein.
-
-Der stärkere Bruder im Dreibund hatte für einen Glücksspieler gebürgt;
-als er die Karten aufgedeckt sah, war es zu spät, die Bürgschaft zu
-lösen.
-
-Er hatte in schimmernder Wehr mit seiner Treue geprahlt; nun brannte
-der Saal und der Nibelungenkampf begann auf Leben und Sterben.
-
-
-Der Weltkrieg
-
-Deutschland erklärte Rußland den Krieg, und die Welt verfluchte den
-Friedensstörer; Deutschland marschierte in Belgien ein, und die Welt
-schrie nach Rache; Deutschland stand auf, wie ein Volk um sein Dasein
-aufsteht, und die Welt war bereit, sein Dasein zu löschen.
-
-So war es schon einmal, als Friedrich in Sachsen einbrach, als
-Österreich, Rußland und Frankreich, samt seinen Trabanten im Rheinbund,
-mit ihrer Unschuld dastanden und engelrein kamen, den Bösewicht zu
-bestrafen.
-
-Frankreich hatte nicht Jahr für Jahr um seine Revanche gefiebert;
-Rußland hatte nicht Bahnen gebaut und zum Krieg gerüstet mit dem Geld
-der Franzosen; England hatte nur friedliche Freundschaft gesät in
-Frankreich und Rußland.
-
-Nie sah die Welt so ehrlich entrüstete Mienen, als da der Tag kam,
-den sie alle gewollt hatten; nie ging ein Volk so blind in die Falle,
-als da die Deutschen Habsburg zuliebe in das geschliffene Schwert
-rannten; nie hatte ein Volk seinen Führern so töricht getraut und
-sie leichtfertig gehen lassen; nie war eine Schuld so schief und ein
-Schicksal so aus der Schulter gerissen.
-
-Der Krieg stand vor der Tür, und Wilhelm der Zweite ging auf die Reise;
-sein Kanzler sah weisheitsvoll zu, wie das Reich eingespannt wurde vor
-den Habsburger Wagen; die Bundesfürsten und all ihre klugen Minister
-ließen die Dinge geschehen, als ob der kommende Tag ein Manöver und das
-heiligste Ding in der Welt eine mißbrauchte Bundespflicht wäre.
-
-Aber tief in den Gründen des Volkes gerannen die Säfte der Zeit; die
-alte und neue Zwietracht fühlten die Stunde gekommen für ihre Ernte,
-die dritte stand todesbereit.
-
-Aller Wohlstand der Städte und all die neue Reichsherrlichkeit war nur
-der Tanz um das goldene Kalb, all die prahlende Pracht nur die Jagd
-nach dem Glück und all die fiebernde Hast nur die tiefe Enttäuschung
-gewesen.
-
-Die goldene Spinne hatte in allen Herzen gesessen, sie hatte den Armen
-geplagt und den Reichen gehetzt und hatte den Menschen die Seele
-gefressen: Glück war Genuß, Genuß war Gier, Freiheit war Willkür,
-Schönheit war Schein und Würde war falsche Währung geworden.
-
-So stieg der Groll aus den Tiefen und sah ein anderes Glück auf die
-Spitze des Degens gestellt, als das in all den Geschäften, Büros und
-Fabriken, Straßen und Bierhallen der prahlenden Städte zuhaus war.
-
-Aber der Groll war nur Schaum in den Wogen; die Wogen gingen um Macht,
-wie sie in England, Frankreich und Rußland um Macht gingen; und Macht
-hieß vom Reichtum der Erde mehr als die andern besitzen.
-
-
-Die Schuld
-
-Willst du den Frieden, so rüste für den Krieg! stand über den Türen der
-Staaten, aber das doppelzüngige Wort hatte das Abendland in die Hölle
-geführt; denn wer den Krieg rüstet, der züchtet ihn groß, und wer ihn
-züchtet, den will er fressen.
-
-Eisen und Blut hatte Bismarck verkündigt, aber Eisen und Blut heißt die
-Gewalt; Gewalt heißt mißbrauchte Macht; Widergewalt oder Knechtschaft,
-anderes kann sie nicht züchten: Widergewalt gaben einander die Staaten
-im Abendland, Knechtschaft war über den wehrlosen Völkern der Erde.
-
-Sie hießen sich christliche Völker und lebten im Haß; sie sangen
-Frieden auf Erden und starrten auf Krieg; sie rühmten sich ihrer Kultur
-und maßen sich mit Kanonen.
-
-Raubtieren gleich saßen sie hinter den Gittern, Raubtieren gleich
-streiften sie über die fernsten Felder der Erde, ihren Raub unter den
-wehrlosen Völkern zu finden.
-
-Und all ihr Begehren, ihr Streit und die tödliche Feindschaft ging um
-den Fraß: Kolonien hießen sie ihren Futterplatz, Kriegsflotten ihre
-Krallen, und abendländische Kultur die Verderbnis und Sklaverei, die
-sie in alle Erdteile brachten.
-
-Willst du Gewalt, so rüste den Krieg! willst du den Mißbrauch der
-Macht, so mache dich mächtig, Gewalt zu gebrauchen! und willst du
-Frieden, so bist du ein Schaf unter Wölfen!
-
-Rußland mußte das Meer haben, aber das Meer stand ihm offen für alle
-seine Schiffe, solange nicht Krieg war; England mußte den Seeweg
-nach Indien schützen, aber im Frieden konnte ein Hochzeitspaar
-mit der Schaluppe nach Indien fahren; Deutschland mußte die
-englische Seeherrschaft brechen, aber die Häfen der Welt waren der
-schwarzweißroten Flagge geöffnet, bis sie der Krieg zumachte.
-
-Das Abendland wollte den Krieg, weil sein Dasein Gewalt war; als es
-ihn vierzig Jahre lang gezüchtet hatte, konnten die Gitterstäbe des
-Friedens das Raubgetier nicht mehr halten.
-
-
-Die Marneschlacht
-
-Als die Deutschen wieder nach Frankreich marschierten, sollte noch
-einmal die Zange den raschen Feldzug gewinnen; indessen von Metz
-bis Mühlhausen nur eine Scheinmacht anrannte, sollte der weitaus
-gewaltigere Flügel von Norden einschwenkend das feindliche Heer in
-seinen eigenen Festungswall pressen.
-
-Wohl konnte das übergewaltige Kriegsvolk der Deutschen das belgische
-Heer überrennen, aber von Lüttich bis Charleroi floß viel Blut in
-die Spur; und jedes Dorf, das an der Maas brannte, war der Welt eine
-lodernde Fackel, das deutsche Unrecht grell zu beleuchten.
-
-Auch hielten die harten Kämpfe den Einmarsch tagelang hin; als die
-Deutschen nach Charleroi kamen, fanden sie schon die Franzosen.
-
-Von Verdun bis Lille stand ihre Front kampfbereit und mußte in schweren
-Stürmen berannt sein, indessen aus Flandern das englische Heer die
-deutsche Flanke bedrohte.
-
-Aber dem Ungetüm schien der gewaltige Schlag doch zu gelingen: in
-breiter Flucht wankte die Mauer der stolzen Franzosen, über die
-katalaunischen Felder rollten die Trümmer hin.
-
-Schon schwärmten die deutschen Ulanen gegen die Seine, der Donner naher
-Kanonen schreckte Paris, der Präsident samt den Ministern floh nach
-Bordeaux, als sich die Absicht der Zange enthüllte.
-
-Einem gewaltigen Torflügel gleich drehte die deutsche Front sich nach
-Osten, die Riegel streiften Paris und gingen bei Meaux über die Marne
-hinüber, die katalaunischen Felder von Westen umfassend.
-
-Zu riesenhaft waren die Massen der Männer, Rosse, Kanonen und Wagen,
-die tagelang vorgestürmt waren; als sich die Heerhaufen zu kreuzen
-begannen, als der Befehl sich verwirrte, mußten die Deutschen zurück:
-die Schwenkung war über die eigenen Füße gestolpert; die Führung hatte
-den Griff der Zange verloren.
-
-Wohl konnten die Heere sich sammeln und über dem weißen Staub der
-Champagne eine festere Mauer aufstellen, als vordem die der Franzosen:
-aber die Marneschlacht war verspielt, der große Schlag war mißglückt,
-ein anderer Feldzug mußte beginnen.
-
-Nur noch am äußersten Flügel im Westen fraß sich der Feuerbrand hin;
-die Heere wollten einander umfassen und rissen die Schlacht nach
-Norden, bis sie nach blutigen Wochen in Flandern erstickte, bis die
-Mauer der Deutschen von Basel bis Ypern kampfbereit stand.
-
-Die rasende Fahrt der Kanonen über die Straßen und Felder, das rasche
-Reitergefecht, der nächtliche Marsch zur Umfassung, der Sturmangriff
-der Bajonette: was sonst den fröhlichen Feldzug machte, kam nun zur
-Ruhe, der Schützengraben wühlte den Krieg in die Erde.
-
-
-Hindenburg
-
-Indessen der Krieg mit seinen Schrecken und Leiden über Belgien
-hinfuhr, indessen die Schlacht an der Marne den deutschen Siegeszug
-hemmte, daß der fressende Feuerbrand aus Frankreich nach Flandern
-hinüber flammte; kam er von Osten gegen Deutschland gezogen.
-
-Österreich wollte der Russenmacht wehren, aber sein Holzschwert
-zerbrach ihm; unwiderstehlich drängten die russischen Heere nach
-Westen: das Abendland hatte gerufen und Asien kam, den Ruf zu erfüllen.
-
-Wie ein Land unter Wasser gerät -- ein Damm ist gebrochen, und überall
-quellen die Ströme -- so kam die Russengefahr über Preußen: Tilsit,
-Gumbinnen und Insterburg waren von ihren Scharen erfüllt, Königsberg
-wurde bedroht von den raschen Kosaken, der Schrecken schäumte die
-Flüchtlinge gegen Berlin.
-
-Aber die Tage von Tannenberg setzten der Furcht und der Flucht ein
-fröhliches Ende: Hindenburg kam, den sie danach den Russenschreck
-nannten, und wurde der Retter des preußischen Landes.
-
-Er war schon ein Greis und niemand hatte den Mann gekannt, der über
-allen Männern des Krieges fortab gerühmt war: ein Vater Blücher zum
-andernmal und wie der Held an der Katzbach geliebt von seinen Soldaten.
-
-Er lockte das russische Heer in die masurischen Sümpfe und stellte die
-Falle so listig, daß nach der verlorenen Schlacht nur noch der Nachhut
-der Russen die eilige Flucht glückte.
-
-Seit Sedan sah kein Schlachtfeld solch einen Sieg, wie der bei
-Tannenberg wurde; die Welt horchte auf, daß wieder ein Feldherr am Werk
-war; den Deutschen wurde der Name Hindenburg teuer, als ob der Name
-allein ein Siegespfand wäre.
-
-
-Die Blockade
-
-So hatte der Krieg mit gewaltigen Schlägen begonnen, froh wehten die
-Fahnen in Deutschland: sie wehten Sieg, aber sie wehten kein Ende; denn
-der Feind war nicht Frankreich und Rußland, der Feind war England, und
-England saß hinter dem Wasser.
-
-Wohl lagen die großen Schlachtschiffe gerüstet zum Kampf im Troß ihrer
-Kreuzer; sie konnten die Küsten beschützen, den Kampf in Feindesland
-tragen konnten sie nicht: sie mußten lauern und warten, was England,
-dem Seeherrn, beliebte.
-
-England, der Seeherr, brauchte sich nicht zu beeilen; ihm saß der Feind
-in der Falle, ihm konnte er siegen gegen die Russen und festhalten in
-Frankreich, und war doch verloren.
-
-Denn England sperrte die Nordsee; und Deutschland mit all seinen
-Soldaten und ihrer Todesbereitschaft, mit seinen Fabriken und
-volkreichen Städten im kargen Land, Deutschland mit all seinen
-flatternden Fahnen und allen Wimpeln der Flotte war nur eine belagerte
-Festung; und eine belagerte Festung besiegte der Hunger.
-
-Englische List und Gewalt mußten der Festung den letzten Weg in die
-Welt verriegeln; daß aber List und Gewalt gerecht und geehrt unter den
-Völkern daständen, mußte der Deutsche das Recht und die Achtung des
-ehrlichen Mannes verlieren.
-
-So wurden auf allen Straßen der Welt die deutschen Greuel verkündigt;
-so wurde ein ehrliches Volk unehrlich gesprochen; so wurden Groll und
-Geschäftsneid der Völker zum Haß aufgestachelt.
-
-Alle die Völker der Erde, die weißen, schwarzen und gelben: alle wurden
-gerufen, als Kläger, Richter und Büttel der englischen Feindschaft
-Gericht über Deutschland zu halten.
-
-Alle hatten angeblich den Nächsten geliebt und seine Rechte geachtet,
-keiner hatte je einem Gewalt angetan, wie der Burenbezwinger, der
-Schutzherr Ägyptens und gütige Pfleger der indischen Völker mit
-ehrlicher Miene bezeugte: nur Deutschland allein hatte zuerst das
-Geschäft und danach den Frieden gestört.
-
-List und Gewalt der Blockade sperrten der Festung die letzte Hintertür
-zu; mochten die deutschen Soldaten in Frankreich und Flandern, in
-Polen und Rußland ihr hartes Männerwerk tun, an ihren Frauen und
-Kindern mußten sie dennoch verlieren; England stand vor der Welt im
-Glorienschein seiner Gerechtigkeit da.
-
-
-Der Schützengraben
-
-Die Feldheere hatten in Frankreich vergeblich gerungen; als die
-Russengefahr Hindenburg rief, lag im Westen der Krieg an der Kette,
-die Ring um Ring ineinander geschmiedet von Flandern zum Elsaß die
-feindlichen Heere verband.
-
-Ein stummes Gewühl war gewesen durch Tage und Nächte, Spaten und Hacken
-hatten die Löcher gegraben, darin die Männer nun saßen, vor Kugeln
-gesichert, darin sie Rast und Unterstand hatten nach wilden Märschen
-und blutigen Schlachten.
-
-Aber der Unterstand wurde die Wohnung für Wochen, und Wochen liefen in
-Monaten hin; da waren die Gräben und Löcher nichts nütze, da wurde die
-Front vom Elsaß nach Flandern als Festung gebaut.
-
-Schützengräben, künstlich gewinkelt, waren die Brustwehr, wenn irgend
-ein Angriff die Männer aus ihren Höhlen heraus rief; sonst saßen sie
-sicher geschützt in den Kammern, dahin die Treppen tief in die Erde
-hinunter gingen.
-
-Nur die Horchposten standen im Stahlhelm; wie einmal die Torwächter
-spähten sie aus nach dem Feind, der drüben gleichso verbaut saß.
-
-Hüben und drüben der Graben mit seiner Brustwehr, kaum sichtbar
-erhöht, manchmal am Himmel das dralle Gewölk der Schrapnelle oder
-der bräunliche Rauch großer Kanonen, selten ein Schuß in der Nähe,
-nur unaufhörlich das ferne Gegroll: so war der Krieg in die Stille
-gesunken.
-
-Aber die Stille war Tücke: tief in der Erde wurden die heimlichen Gänge
-gebohrt, eine Mine sprang gegen den Unterstand auf, alles mit Feuer und
-Eisen und Hölle vernichtend; oder ein Schuß schnitt seinen Blitz zu
-spät in die Nacht, Siegergeheul und Todesröcheln erfüllten die Gräben.
-
-Aber die Raubtiere, einander belauernd vom Elsaß bis Flandern, konnten
-auch friedlicher sein: ein sonniger Wintertag rief sie heraus aus den
-Löchern; da saßen sie da in den Gräben, rauchten und lachten und riefen
-einander mit fremdem Mund spöttische Worte hinüber.
-
-Auch konnte die Neugier sie packen, einander mit Augen zu messen; dann
-trauten sie ihren Zeichen, kamen herauf auf die Brustwehr und sahen
-die fremde Lehmgestalt an mit seltsamen Augen, daß solches geschähe:
-Mensch gegen Mensch entfesselt durch Wochen und Monde, gestern noch
-blutrünstige Tiere und heute harmlose und fröhliche Knaben.
-
-Alle hatten daheim eine Mutter, eine Braut oder gar eine Frau mit ihren
-Kindern, den Stall und das Feld, den Schraubstock oder den Schreibtisch
-treu zu besorgen, indessen sie hier in der Fremde dem Tod und der
-Trübsal verkauft waren.
-
-Es konnte schon morgen geschehen, daß die grollende Ferne über sie fiel
-mit Granaten, daß die Kanonen hüben und drüben den Feuerkampf um den
-Graben begannen.
-
-Dann kam das Unheil heulend geflogen, Zentner von Eisen bohrten sich
-ein in den Grund und zersprangen im Feuer; brüllender Donner, Blitz und
-Schlag unaufhörlich; ein feuriger Krater, tief aus der Erde gerissen,
-verschüttete Männer, Graben und Unterstand.
-
-Trommelfeuer hießen sie das, wenn sie in ihren Höhlen dasaßen, stumm
-und geduckt, und die Hölle raste über sie hin, Stunden um Stunden,
-manchesmal Tage erbarmungslos füllend.
-
-Da wurde die letzte Fröhlichkeit still, da bebte die tapferste Seele,
-da war der Mensch nur noch Kreatur, aus Raum und Zeit zurück in den
-Abgrund der Schöpfung gerissen.
-
-Und wenn die Hölle ausgerast hatte, wenn das Donnergebrüll schwieg
-und die gepeinigte Erde zu zittern aufhörte, fing die Vernichtung ihr
-letztes Mörderwerk an: Hyänen kamen gesprungen, die Opfermahlzeit zu
-halten; Handgranaten und Messer mußten dem letzten Verzweiflungskampf
-dienen.
-
-Und einmal war alles vorüber, die Verwundeten waren verbunden, die
-Verschütteten ausgescharrt, die Toten begraben, Brustwehr und Graben
-von Blut und Gedärm, vom Unrat des Todes gereinigt: Stille stand über
-dem Graben, nur das dumpfe Gegroll in der Ferne, am Himmel das dralle
-Gewölk der Schrapnelle.
-
-Bis wieder nach Stunden, nach Tagen, nach Wochen die Hölle anfing, wie
-es der Heerbefehl wollte, dem alle diese Männer hüben und drüben in
-ihren Höhlen, als ihrem Schicksal blind untertan waren.
-
-
-Die belagerte Festung
-
-Eine belagerte Festung war Deutschland im Weltkrieg, und alle
-Tapferkeit konnte dem Hunger kein Tor öffnen.
-
-Hindenburg hatte im Osten den russischen Sturm abgeschlagen und Polen
-zum Bollwerk der Festung gemacht; im Westen hielt eine Mauer aus Stahl
-und Treue der Heimat den Feind fern: aber das Außenwerk hier wie dort
-konnte den Frauen und Kindern kein Brot bringen.
-
-Als Mackensen dann mit Conrad von Hötzendorf in Galizien siegte und die
-russische Front weit in die Sümpfe zurückwarf, waren unendliche Weiten
-und Wüsten erobert, die russische Kornkammer war es nicht.
-
-So mußte die Tapferkeit weiteren Weg suchen; über den Balkan brauste
-sie hin zu den Türken; Serbiens kurzes Siegerglück sank vor der
-deutschen Übermacht nieder: aber der Weg nach Bagdad führte nur in die
-Wüste.
-
-Auch der heilige Krieg des Propheten half der Festung nicht aus dem
-Hunger; der Halbmond war in den türkischen Angeln verrostet, der kranke
-Mann in Byzanz konnte kein Wunder im Morgenland wirken.
-
-Die deutsche Tapferkeit hatte -- das mußte sie bitter erfahren --
-nichts als ihr Schwert; nie hatte sein Schlag so harte Taten getan, als
-da es vor seinem Untergang stand.
-
-Wie einmal die Goten ihr kurzes Schwertherrenglück hatten, wie Alarich
-über Rom siegte und doch nur ein Straßenkönig war, wie der Ruhm des
-tapferen Todes um Totilas blühte: so wurde das deutsche Schicksal noch
-einmal erfüllt.
-
-Völkerwanderung war wieder wie damals; die Straßen des Abendlandes
-hallten von ihren Schritten; von Ypern über die Dardanellen,
-vom Idsteiner Klotz bis Riga donnerten ihre Kanonen, und wie zu
-Kreuzritterzeiten flatterten deutsche Fahnen im heiligen Land.
-
-Seit dem Kriegsherrn aus Korsika sah der Dämon des Krieges nicht solche
-Taten; und wo seine große Armee im russischen Winter verdarb, standen
-die Deutschen getrost und rasteten nicht, bis sie die Zarenherrschaft
-zerschlugen.
-
-So grausamen Hohn hatte das Schicksal dem deutschen Schwert aufgespart,
-daß es der englischen Weltherrschaft diente, indem sein tödlicher
-Schlag das Russenreich traf.
-
-Unter den Feinden Englands war Deutschland der nächste, Rußland der
-stärkste; als der nächste den stärksten bezwang, hatte das deutsche
-Schwert den Krieg für den englischen Seeherrn gewonnen.
-
-Denn nun stand Deutschland als Todfeind Englands allein; die belagerte
-Festung hatte sich selber das letzte Bollwerk zerstört: England konnte
-getrost auf den Tag warten, da der Hunger der deutschen Tapferkeit das
-Schwert aus der Hand nahm.
-
-
-Das Unterseeboot
-
-Wohl streckten die norddeutschen Länder sich an der kalten Meerküste
-hin, aber die Ostsee war nur ein Schlauch, und die Nordsee hießen die
-Seeleute spöttisch den nassen Sack.
-
-Die englischen Schlachtschiffe brauchten sich nicht aus den sicheren
-Häfen zu rühren; die schnellen Kreuzer allein hielten Wacht, sie zu
-rufen, wenn ein Feind in den nassen Sack kam.
-
-So lag die Flotte des Kaisers wie ein Hund an der Kette; die noch
-draußen im Weltmeer schwammen, als der Krieg kam, die großen und
-kleinen Kreuzer konnten die Heimfahrt nicht finden und mußten tollkühn
-den eigenen Straßenkrieg wagen.
-
-Goeben und Breslau, die Kreuzer im Mittelmeer, schlugen sich durch zu
-den Türken; das kleine Geschwader des Grafen Spee mehrte vor Chile den
-deutschen Sieg und fand am Kap Horn seinen grausamen Untergang.
-
-Die Königsberg kreuzte bei Sansibar und die Emden bei Singapure; sie
-führten den Kaperkrieg, und wie ein Wolf unter den Schafen störte die
-Emden die englische Schiffahrt, bis eine ganze Flotte auslief, den
-frechen Kreuzer zu fangen.
-
-Tapfer und tollkühn waren die Taten, und die Welt hörte erstaunt, was
-der tollkühne Seemann vermochte; und als die versprengte Mannschaft der
-Emden auf einem Kutter die Argonautenfahrt machte und aus der Südsee
-über Arabien glücklich heimfand, sang der Ruhm um die Männer.
-
-Aber der tollkühne Mut und der Ruhm, das Seefahrerglück und der tapfere
-Untergang halfen der deutschen Schlachtflotte nicht aus dem nassen Sack
-und der darbenden Heimat nicht aus der Blockade.
-
-Das Unterseeboot allein konnte ihr trotzen, konnte den hungernden
-Frauen und Kindern ein Rächer, den Brüdern in Frankreich ein Nothelfer
-sein.
-
-Einem Seehund gleich schwamm es hinaus, kaum sichtbar über den Wellen;
-wenn Gefahr kam, konnte es tauchen, und wenn es den Feind suchte, ragte
-sein Sehrohr allein aus dem Wasser.
-
-Ehe die feindlichen Augen sein tückisches Dasein erspäht hatten, riß
-sein Torpedo den Schaumstreifen auf; zu spät erblickten sie ihn, schon
-kam der krachende Stoß und warf das Schiff auseinander.
-
-Im eisernen Bauch des Seehunds saßen die Männer, eng aneinander
-gedrängt neben dem stampfenden Raum der Maschinen, die tagelang so
-durch die Meerwüste schwammen, immer des Todes gewärtig und immer
-bereit, ihn zu senden.
-
-Noch waren der tückischen Boote zu wenig, dem Seeherrn Sorge zu machen;
-als aber ein einziges Boot im Kanal in einer Stunde drei große Kreuzer
-trotz ihren Kanonen und ihrem gepanzerten Bauch auf den Meeresgrund
-schickte, ging das Gespenst der Furcht um die Küsten von England und
-wurde nicht nur von den Kindern gesehen.
-
-Auf den Werften der kalten Meeresküste lagen die eisernen Bäuche der
-Unterseeboote dicht bei einander, Tag und Nacht wurde daran mit hundert
-Händen gehämmert, und wo ein grauer Bauch in das schäumende Wasser
-abrollte, lag ein neues Gerüst schon bereit.
-
-So war der nasse Sack nicht mehr zu; die schnellen Kreuzer konnten
-nicht mehr die großen Schlachtschiffe rufen, sie konnten nur warnen
-vor dem gefährlichen Feind und mußten in jeder Minute bereit sein, am
-eigenen Leib den Stachel zu fühlen.
-
-Die englische Insel kam in Gefahr, selber belagerte Festung zu werden,
-selber an Frauen und Kindern die Grausamkeit ihrer Blockade zu spüren;
-und Deutschland fieberte auf, doch noch den Sieg heim zu bringen.
-
-Immer größere Boote wurden gebaut und immer grausamer rasten die
-Dieselmotore, die eisernen Bäuche durchs Wasser zu peitschen, immer
-mehr stolze Schiffsleiber sanken durch ihre Torpedos, immer mehr Augen
-in England sahen das graue Gespenst an den Küsten.
-
-Aber das Weltmeer war groß, zu stark waren die englischen Häfen, der
-Schiffe zuviel und mehr noch der Werften, neue zu bauen; auch war der
-Kanal durch Netze und Minen gesperrt und der Weg um die schottische
-Felsküste ging weit und gefährlich.
-
-Als die Ziffer der Riesenverluste langsam zu sinken begann, hatte
-der Seeherr den Krieg doch wieder gewonnen; ihm den sicheren Sieg zu
-entreißen, mußte die Mauer aus Stahl und Treue im Westen noch einmal
-die Marneschlacht wagen.
-
-
-Ludendorff
-
-Als die deutschen Soldaten nach Frankreich marschierten, trug der Mann
-sein Gewehr, wie einmal der Landsknecht die Lanze; marschieren und
-stürmen, die Kugel senden und empfangen, sollte sein Kriegshandwerk
-sein.
-
-So aber wurde der Krieg in den Jahren, da ihn der Schützengraben
-verschluckte, da die feldgrauen Männer Monde und Jahre in ihren
-Erdlöchern hausten, da die Mauer aus Stahl und Treue dem Trommelfeuer
-standhalten mußte: Das Gewehr hing am Nagel, aber die Handgranate am
-Gürtel; denn das Handgemenge im Graben war nun das Gefecht, Mann gegen
-Mann, Messer gegen Messer.
-
-Und auch das Grabengefecht war nur noch das Blutgerinnsel des Krieges;
-denn der Krieg war die Menschenvernichtung der elementarischen Mächte.
-
-Feuer, Wasser und Luft: alles hatte der Menschengeist auf seiner Erde
-gebändigt; wie ein Zauberer die Geister in seinen Zirkel zwingt, mußten
-die Mächte ihm dienen zur Arbeit; als er sie aufrief zum Streit, war
-der Zirkel gesprengt, und über ihn selber kamen die Mächte mit ihrer
-Vernichtung.
-
-Denn ein Krieg der Fabriken, nicht mehr der tapferen Männer war dies,
-daß eiserne Särge voll Feuer und Gift und Vernichtung meilenweit durch
-die Luft kamen, daß ihr Niederschlag die Krater der Erde aufriß.
-
-Daß giftige Gasschwaden über die Erde hinkrochen, in alle Spalten,
-Gräben und Erdlöcher dringend und alles Dasein bis in die Gründe
-vernichtend.
-
-Daß die Soldaten, hüben und drüben gleiches erduldend, mit ihren
-Gasmasken unter dem Stahlhelm gleich unheimlichen Tieren am Rande des
-Todes hausten.
-
-Daß Fliegergeschwader -- über den Vögeln zu fliegen wie unter den
-Fischen zu schwimmen hatte der Mensch die Maschine gelehrt -- die
-eiserne Fracht ihrer Bomben abwarfen, hoch aus den Lüften, weit hinter
-der Schlacht die Städte zerstörend.
-
-Aber der Krieg der Fabriken wurde genährt durch die Schätze der Erde;
-wollte sich die belagerte Festung solcher Übermacht wehren, mußte sie
-gegen die Länder der Feinde die stärkste Fabrik sein.
-
-Der Dämon des Krieges raste zur letzten Vernichtung, und Ludendorff
-wollte sein harter Zuchtmeister werden; der lange im Schatten
-Hindenburgs stand und der eiserne Wille der deutschen Feldsiege war,
-trat grell in den Tag, den Sieg und den Frieden unbeugsam zu zwingen.
-
-Den Krieg gewann die stärkste Fabrik, und Ludendorff hieß der
-Fabrikherr: alles, was nicht an der Front war, Männer, Frauen und
-Kinder, alles was noch einen Arm hatte, mußte dem Vaterland dienen;
-denn das Vaterland war der Krieg, und der Krieg war die Fabrik.
-
-So war der Krieg ehrlicher Heere zum Haßkampf der Völker geworden,
-aber der Haßkampf der Völker wurde zur Menschenvernichtung der
-elementarischen Mächte.
-
-Der sich hochmütig den Herrn der Natur hieß, der Menschengeist hatte
-vergessen, daß er selber nur ihr Geschöpf, zwischen den höll- und
-himmlischen Mächten der Knecht ihrer und seiner Leidenschaft war.
-
-
-Die vierzehn Punkte
-
-Götterdämmerung war über die Menschheit gefallen, im Aufruhr der Mächte
-brannte das Abendland hin; da kam eine Stimme von Westen und mahnte den
-Menschen an seine Vernunft.
-
-Millionen Männer waren gefallen, Millionen verkrüppelt, Städte und
-Dörfer verbrannt, und blühende Landschaften lagen verödet: die Völker
-waren der Greuel von Herzen müde, aber der Krieg raste weiter, weil der
-Aufruhr der Mächte über dem Menschengeist war.
-
-Wilson war die Stimme geheißen und die Stelle, wo sie erklang -- das
-Weiße Haus der Vereinigten Staaten -- war die stärkste Stelle der Welt:
-so mußte die Menschheit die Botschaft anhören.
-
-Frieden und Völkerbund waren die Worte der Botschaft: ein Frieden,
-gerecht und gegen die Raubgier der Staaten gerichtet; ein Völkerbund,
-stark und streng, dem Frieden auf Erden das Schild der Gerechtigkeit
-vorzuhalten.
-
-Vierzehn Punkte, in klaren Sätzen eindeutig gesprochen, sollten den
-Frieden erzwingen: wer sie verwarf, verwarf die Vernunft und war vor
-der Menschheit verworfen; wer sie annahm, erklärte sich an die Vernunft
-des Völkerbundes gebunden.
-
-So sprach die Stimme von Westen und ihre Stelle war stärker als eine
-auf Erden; die neue Welt wollte der alten Schiedsrichter sein, aber sie
-konnte die Zeit nicht erwarten: sie wurde Kläger, Richter und Büttel.
-
-Amerika kam in den Krieg, als Kläger, Richter und Büttel für England
-den Sieg zu erzwingen; England war die Gerechtigkeit, und Deutschland
-war der Verbrecher.
-
-Aber die vierzehn Punkte waren geblieben; die selben Sätze sollten den
-Frieden bereiten und wurden das böseste Mittel des Krieges:
-
-Granaten schütteten Feuer über die Front und Flieger Brand auf die
-Städte, aber sie konnten die Mauer aus Stahl und Treue und die Stärke
-der Heimat nicht brechen; die vierzehn Sätze trafen die Herzen und
-höhlten sie aus.
-
-Denn so war der raunende Klang ihrer Stimme: der Frieden steht längst
-vor der Tür, nur die den Krieg führten, halten die Tür zu; Macht ringt
-mit Macht und will die Vernunft nicht hören; Macht mordet die Männer
-umsonst, und die Vernunft könnte ihr Leben erhalten!
-
-Eine schleichende Krankheit fiel auf den Krieg, das Blut in den Adern
-zu schwächen; und mählich begann das deutsche Gewissen, sein gläubiges
-Recht mit der Sorge des Unrechts zu mischen.
-
-
-Der letzte Ausfall
-
-Das Ende kam, wie es mußte; aber als wollte es aller Tapferkeit höhnen,
-ließ es den deutschen Stern steigen, bis es den Glanz und das Glück der
-Macht in einem begrub.
-
-Unbesiegt standen die Deutschen in Frankreich; das mächtige Zarenreich
-hatte der deutsche Hammer zerschlagen und den rumänischen Dünkel dazu;
-Italien mußte zuletzt seinen Schlag spüren.
-
-Der Bundesbruder im Dreibund hatte den Wechsel gefälscht, weil ihm
-der Lohn winkte; Trient und Triest heimzuholen, ließ er die Fahnen
-flattern, als Habsburg in Not war.
-
-Aber die Männer der Steiermark, von Tirol und Kärnten trugen kein
-Holzschwert; sie kannten die Welschen und wußten die Heimat vor ihrem
-Todfeind zu schützen.
-
-Elfmal liefen die Welschen Sturm am Isonzo und konnten den Weg nach
-Triest doch nicht erzwingen; die Grenzwacht der alten Grafschaft
-Tirol stand in den Bergen, als ob Andreas Hofer noch einmal bei ihrer
-Jungmannschaft wäre.
-
-Zwei Jahre lang hielten sie tapfer die Südmark, dann hatte der Bruder
-im Norden das Schwert frei, den welschen Bedränger zu strafen: was er
-in Monden und Jahren mühsam ernagt hatte, mußte er lassen in Tagen;
-statt am Isonzo stand nun die Front am Piave.
-
-So war der Feind vor den Toren der Festung im Süden und Osten
-geschlagen, aber im Westen drohte seine gewaltigste Macht; sollte das
-Ende der langen Belagerung kommen, mußte das Tor gegen Westen befreit
-sein.
-
-Der vierte Frühling des Krieges fing an, in den Knospen zu drängen,
-die Leiden des vierten Winters hatten die Frauen und Kinder ertragen,
-als die belagerte Festung den letzten Ausfall zu wagen bereit war.
-
-Hindenburg hieß noch immer der Feldherr, aber nun wußten das Heer und
-die Heimat, wie es der Feind wußte, daß Ludendorff hinter ihm stand,
-wie die Hand des Lenkers hinter dem Pflug geht.
-
-Er hatte den Krieg in seinen schwersten Stunden getan und hatte ihm
-seine letzten Waffen gerüstet; nun sollte, was an der Marne im ersten
-Ansturm mißlang, im letzten Ansturm gelingen.
-
-Wieder wie einmal fuhren die Züge nach Westen, das flandrische Land
-füllte sich mit den Siegern von Osten, der Mauer aus Stahl und Treue
-die letzte Entsatzung zu bringen.
-
-Sie sangen die alten Lieder nicht mehr und waren nicht mehr mit Blumen
-geschmückt; sie hatten den Krieg unsäglich erfahren und wollten das
-Ende der Mühsal Tod und Teufel zum Trotz einmal erzwingen.
-
-Der letzte Ausfall geschah, wo der Wall am weitesten vorsprang; so
-stark war der Stoß, daß er das feindliche Lager erreichte: Soissons,
-der starke Eckpunkt der Feinde wurde genommen; zum andernmal sahen die
-deutschen Soldaten das graue Gewässer der Marne.
-
-Wie ein gewaltiger Keil schob sich der Ausfall nach Westen und wollte
-das englische Heer nach Norden abdrängen; aber so dünn sich das Band
-der Einschließung spannte, es hielt den Stoß aus: der Keil wurde stumpf
-an der Spitze, und als er stand, war der Feldzug im Westen, der Krieg
-mit seinen Siegen und unsäglichen Leiden verloren.
-
-
-Der Zusammenbruch
-
-Sieg oder Untergang! stand auf den Fahnen der Festung: als dem Sieg
-im Westen die Spitze abbrach, als der Keil stumpf wurde, fing der
-Untergang an; denn nun ging der Glaube verloren, daß Waffengewalt
-jemals den Ring der Feinde zu sprengen vermöchte.
-
-Vier Jahre lang hatte die Festung der Welt standgehalten; aus Lumpen
-und Leiden hatten die Männer im Westen den letzten Ausfall gewagt: nun
-war die Not groß und die Kraft leer.
-
-Was je und überall war, wenn eine Festung dem Hunger nicht mehr zu
-wehren vermochte, das mußte Deutschland erfahren: die Klage, so lange
-gewaltsam versteckt, fing an auf den Gassen zu gehen.
-
-Draußen am Wall standen die Männer und Knaben, müde der Leiden, aber
-noch trotzig und treu ihrer Pflicht; die drinnen der Pflicht die Parole
-ausgaben, glaubten nicht mehr; die Sorge fraß den Befehl aus der leeren
-Hand.
-
-Die Saat der vierzehn Punkte ging auf und war ein Unkraut, in allen
-verzagten Herzen zu wuchern: Der Frieden steht längst vor der Tür, nur
-die den Krieg führen und die er ernährt, wollen ihn nicht.
-
-
-Der Aufruhr
-
-Der dritte Napoleon wurde bei Sedan mit seinen Soldaten gefangen;
-Wilhelm der Zweite floh vor dem eigenen Volk in sein Heer und aus dem
-eigenen Heer nach Holland.
-
-Die ihm rieten, sein Heer und Volk zu verlassen, wollten dem Vaterland
-die Greuel des Bürgerkrieges ersparen; denn nun stand die Mauer aus
-Stahl und Treue verraten im Feld und in der Heimat wehten die roten
-Fahnen des Aufruhrs.
-
-Die rote Zwietracht nutzte die Stunde, da der alten Gewalt das Gewehr
-aus der Hand fiel; die Vorstadt kam in die Prunkstraßen der Bürger,
-die dumpf und bänglich den Umsturz erlebten; wie schlechte Hausmeister
-wurden die Bundesfürsten aus ihren Schlössern vertrieben.
-
-Die Liebe der Untertanen hatte um ihre Throne gesungen, Fahnen und
-Blumen waren um all ihre Wege gewesen; Liebe, Fahnen und Blumen hingen
-die Köpfe, als der böse Novemberwind ging.
-
-Frieden, Arbeit und Brot verhieß die neue Gewalt; denn so hatte die
-Stimme Wilsons gesprochen: wir kämpfen nicht gegen das deutsche Volk,
-nur gegen den Kaiser!
-
-War also der Kaiser fort mit seinen Fürsten, so kamen die goldenen Tage
-der Völkerversöhnung.
-
-Es war ein schuftiges Spiel und eine klägliche Täuschung: irgendwie
-wollte die ewige Hand der Gerechtigkeit walten; was aber sichtbar im
-bösen November geschah, war Aufruhr der Gasse.
-
-Denn dies war aus dem Volk der Deutschen geworden, das im Aufbruch ein
-Heer, ein Mut und ein Glaube war: die Zwietracht der Klassen hatte die
-Eintracht gefressen, der rote Haß war zwischen Führer und Mannschaft
-gestellt.
-
-Die einen befahlen, die andern gehorchten; und die da befahlen, standen
-nicht auf den Wällen: zwischen den Wällen und zwischen der Festung war
-der Sumpf der Etappe, da ging die Pflicht vielfach auf schmutzigen
-Wegen.
-
-Feigheit und Faulheit, Genuß- und Gewinnsucht suhlten sich in den
-Sümpfen; indessen die Tapferen drinnen und draußen den kargen Weg ihrer
-Pflicht gingen, rafften die Schurken sich Reichtum.
-
-Der Wohlstand der Städte sank hin, und der Staat stieg in schwindelnde
-Schulden; die Teuerung legte die knochigen Hände des Hungers über das
-tägliche Leben: aber die goldene Spinne hatte sich nie so übersatt
-vollgefressen.
-
-Durchhalten! riefen die Herolde aus auf den Gassen; wozu? sagten die
-mutlos Verzagten; für wen? die aus dem roten Klassenhaß tranken.
-
-Als der Krieg in sein fünftes Jahr ging, wehten die Fahnen nicht mehr
-und kein Helm trug den Blumenstrauß; ausgehöhlt war der Glaube, der
-Mut, die Treue, die Pflicht; dumpf hinstarrend stand der Mann auf den
-Wällen, in den Gassen ballten Unmut und Haß die Empörung.
-
-Dann half der roten Zwietracht der schwarze Verrat: Habsburg hatte die
-Nibelungen zur Hochzeit gelockt, nun brannte der Saal um die Treue;
-indessen die Mauer im Westen noch stand hielt, waren im Süden die Tore
-zerbrochen.
-
-So kam der Tag, wo die eiserne Hand die Pflugschar losließ: der
-besiegte Sieger des Krieges streckte die Waffen.
-
-
-Versailles
-
-Wehe den Besiegten! sagte der gallische Fürst und warf sein Schwert auf
-die Waage, als sich die Römer beschwerten über sein falsches Gewicht;
-denn tausend Pfund mußten sie Brennus als Lösegeld zahlen.
-
-Wehe den Besiegten! stand über dem Tor von Versailles, als die Sieger
-den Frieden diktierten; der mächtige Feind war wehrlos gemacht, so
-konnte ihr Übermut schalten.
-
-Frieden und Völkerbund! hatte die Stimme über das Weltmeer gerufen, und
-die Herzen der Hoffenden hatten sie gläubig gehört; nun saß die Stimme
-im Rat zu Versailles, da war der Prophet der Völkerversöhnung nur ein
-Professor.
-
-Sie drehten den vierzehn Punkten sanft das Genick ab und wickelten
-jeden Satz ein in den Stacheldraht ihrer Paragraphen; sie höhnten den
-weisen Professor und sagten: dies sei nur die abendländische Art der
-Verpackung.
-
-Sie hielten im Namen der Völkerversöhnung ihr Strafgericht ab als
-Kläger, Richter und Büttel; sie teilten den Raub im Namen des Rechtes
-und rächten sich an dem wehrlosen Feind, der ihnen so lange ein
-Alpdruck war.
-
-Sie sprachen den Willen der Völker frei und legten den ewigen Bann
-zwischen die Deutschen im Reich und ihren Brüdern in Österreich.
-
-Sie trennten das deutsche Elsaß vom Reich und ließen den gallischen
-Hahn sein altes Rheinbundlied krähen.
-
-Sie gaben den Welschen vom deutschen Tirol, soviel sie für ihren
-falschen Wechsel verlangten; aber sie wogen mit zweierlei Waagen, daß
-sie den slawischen Völkern nichts nähmen.
-
-Sie raubten den Deutschen die Kolonien und ihre Schiffe dazu, sie
-legten die Schuld und die Schulden des Krieges auf sie und kränkten
-ihre Ehre.
-
-Sie machten alles genau, wie der englische Seeherr es wollte: der
-nächste Feind Englands, Deutschland, hatte den stärksten, Rußland,
-erschlagen, nun legte er ihn an die Kette; aber die Kette gab er klug
-in die Hand der Franzosen, weil sie nun unter den Feinden Englands die
-nächsten waren.
-
-Allen den Völkern und Völkchen im Abendland wurde ihr Dasein entfaltet;
-nur der Deutsche war vogelfrei, weil er ein Hunne, ein Boche, ein
-Barbar, ein Feind der Menschheit und unter den Tugendvölkern der Erde
-des Teufels Nothelfer war.
-
-So wurden dem falschen Propheten der Völkerversöhnung die vierzehn
-Punkte des Friedens erfüllt; und daß der Professor sein Steckenpferd
-habe, wurde der Völkerbund auch in den Stacheldraht ihrer Paragraphen
-gewickelt.
-
-Die vierzehn Punkte hatten das ihre getan, nun konnte die Stimme der
-Vernunft wieder schweigen; aus dem Schiedsrichter der Welt war in Paris
-ein Stockmeister Frankreichs geworden; als er die Spottgeburt seines
-Völkerbundes heimbrachte, lachte sein eigenes Volk ihn aus.
-
-
-Moskau
-
-Die rote Zwietracht hatte gesiegt, wie ein Strandräuber siegt, wenn der
-Sturm das Schiff auf den Sand wirft; Frieden, Arbeit und Brot hatte sie
-prahlend verheißen, aber das Schiff war leer und in den Fugen gebrochen.
-
-Ein halbes Jahrhundert lang hatte sie auf die Stunde der Herrschaft
-gefiebert; als sie nun kam über Nacht, als die rote Fahne sich blähte
-auf allen Dächern, konnte sie auch nur im Wind wehen; aber der Wind
-wehte von Osten.
-
-Wo einmal der Zar als Herr aller Reußen despotisch regierte, hatte
-die rote Zwietracht am ersten gesiegt; und was in Deutschland nur ein
-Novemberwind war, hatte im russischen Frühjahr den Winter gebrochen.
-
-Die Räteregierung des russischen Volkes in Moskau kannte den Bürger
-nicht mehr und war der Bauernschaft Herr durch die rote Armee der
-Fabrikler: sie hatte der goldenen Spinne den Kopf abgeschlagen und saß
-im Blut wartend, daß nun das Wunder geschähe.
-
-Wehe den Besiegten! stand über dem Tor von Versailles; aber die Sieger
-im Westen wollten dem Schicksal die Türen zuhalten, durch die nun der
-Osten hereinbrach, die Fragen der Menschheit zu stellen:
-
-War eine Menschheit, die solchen Massenmord um das Wohlsein der Völker
-rüsten und ausführen konnte, war eine Menschheit wie diese noch wert,
-so zu heißen?
-
-War es ein Unglück, das über sie kam, oder war es ein Schicksal,
-verdient und notwendig, weil Raub- und Gewinngier des Abendlandes
-einmal sich selber auffressen mußten?
-
-Die in den Erdhöhlen des Krieges wie in den Fabriken des Friedens
-um kärglichen Lohn den gemeinen Mann spielten: sollten sie länger
-ertragen, daß in Versailles die goldene Spinne dasaß, das alte
-Beutespiel neu zu beginnen?
-
-Hatte die goldene Spinne nicht ihren Leib noch im Krieg vollgefressen,
-wie sie mit blutigen Zangen auf Massengräbern dasaß, der Armut das Blut
-auszusaugen? und war es nicht Zeit, ihr den Kopf abzuschlagen?
-
-Sollte die Masse all der Enterbten nicht aufstehen gegen den Bürger,
-wenn seine Gewinn- und Genußsucht keine andere Ordnung zu schaffen
-vermochte? sollte der Sozialismus nicht endlich die Weltordnung werden?
-
-So kamen die Fragen von Osten, wo die rote Zwietracht am Ziel war; denn
-die rote Armee der Fabrikler saß in den Prunkstraßen der Bürger, das
-russische Riesenland zu regieren.
-
-Sie wollten das Schwert nicht eher hinlegen, als bis die Vorstadt in
-allen Ländern der Erde am gleichen Ziel war, bis die Diktatur des
-Proletariats die Menschheit von der goldenen Spinne des Kapitalismus
-erlöste.
-
-Der Krieg der Staaten mit allem Haß ihrer Völker hatte den Krieg der
-Klassen entzündet: dem Krieg der Staaten und Völker konnten die Sieger
-noch einmal den Frieden diktieren, dem Krieg der Klassen mußte ihr
-letztes Diktat die Blutbahn aufreißen.
-
-Versailles oder Moskau: so stand nun der Feind! im Völkerbund zu
-Versailles wollte der Kapitalismus die Erde für immer beschatten; im
-Bolschewismus zu Moskau war seinem Hochmut die Axt an die Wurzeln
-gelegt.
-
-
-Menschendämmerung
-
-Vier Winter wurden der Welt nicht zum Frühling; in die Blüte fiel
-Schnee, und Hagel über den Mißwachs; auf den zerstörten Feldern der
-Erde war Krieg; Krankheit, Hunger und Furcht fraßen die Welt leer.
-
-Da kam die Wolfsbrut der dritten Zwietracht ans Ziel; denn nun waren
-die Herzen bereit für das wilde Ereignis, das dem Bürger die Tafeln der
-Tugend zerbrach.
-
-Durch Eisen und Blut war die Wohlfahrt gekommen, in Blut und Eisen sank
-sie dahin; und als die Wohlfahrt dahin war, war von der Tugend des
-Bürgers nur noch der Hohn seiner zerbrochenen Tafeln geblieben.
-
-Mit vergoldeten Buchstaben hatte die Neuzeit geprahlt, daß sie die
-glückreiche Erbin aller Vergangenheit wäre, daß die Zukunft des
-Menschengeistes nicht mehr den Irrlichtern der Seele, sondern dem
-Tageslicht seiner Werkstätten überantwortet sei.
-
-Nun fiel die Schrift von den Wänden, und der Menschengeist mußte
-erkennen, daß ihm allein der Hochmut gehörte, daran das falsche Gold
-aufgeklebt war.
-
-Der Hochmut zerbrach mit den Tafeln der Wände: alle Dämonen der Tiefe
-sandte der Abgrund über ihn her; und die schlimmsten Unholde krochen --
-das mußte er schauernd erkennen -- aus seiner eigenen Brust.
-
-Der Staat und sein starkes Gesetz war dem Bürger der Stockmeister all
-seiner Ordnung gewesen; nun ihm der Stock aus der Hand fiel, war der
-Tugend die Strafe der eigenen Torheit gesetzt, aber dem Laster der
-blinkende Lohn seiner List.
-
-Alles, was schlecht und schlau, gemein, zwiezüngig und selbstsüchtig
-war, sah sich gesegnet; alles was treu und einfältig, großmütig,
-gerecht und uneigennützig war, sah sich verlassen.
-
-Menschendämmerung war; aber kein Surtur aus Süden kam mit dem
-weißglühenden Schwert, keine Flamme zückte aus Muspilheim, das Gezücht
-zu verbrennen.
-
-Nur in den Brunnen der Seele wurde die Tiefe lebendig, und die Frage
-schwoll an: warum der gekreuzigte Gott noch immer auf Golgatha hinge?
-
-Der sich den Menschensohn nannte, hatte Gott in den Herzen der Menschen
-erweckt, daß er stark würde in jedem, des irdischen Daseins zu lächeln;
-aber mit Strafe und Lohn seiner Weltgerichtslehre hatte der Priester
-die Freiheit der unsterblichen Seele wieder in Furcht und Hoffnung der
-Knechtschaft gebunden.
-
-Nun brach aus den Brunnen der Tiefe die Sintflut, alles Dasein
-ersäufend, das in der Furcht und Hoffnung solcher Knechtschaft
-verharrte, statt seiner unsterblichen Seele gläubig zu sein.
-
-Weil ihm der Himmel verschlossen war, hatte der Menschengeist trotzig
-getrachtet, sich die Erde zu retten; er hatte der Menschenvernunft
-Werkstätten gebaut, die seine Tempel sein sollten: nun kam die
-Sintflut über den Wahn und den Hochmut.
-
-Aber die Männer der dritten Zwietracht bauten die Arche, der Flut zu
-entrinnen; sie lachten des Gottes, der Himmel und Hölle bedurfte, auf
-Erden mächtig zu sein; sie wollten das dritte Reich finden, da weder
-Engel noch Teufel Gottes Allgegenwart störten.
-
-Sie wollten des ewigen Grundes in allen Untiefen gewiß sein: wo eine
-Seele erwachte, war Gott ins Dasein getreten, in ihrer Unsterblichkeit
-war seine Stärke, in ihrer Liebe war seine Gnade, in ihrer Vollendung
-war seine Entfaltung.
-
-So bauten die Männer der dritten Zwietracht die Arche, so fuhren
-sie gläubig hinein in die Nacht und Brandung der Zeit, den Berg der
-Eintracht zu finden, indessen die Sintflut dem Hochmut und Wahn den
-schäumenden Untergang brachte.
-
-
-Wiederkunft
-
-Das Land der Mitte zu heißen, ist Deutschlands Geschick: zwischen
-Versailles und Moskau liegen die Gräber seiner gefallenen Söhne,
-zwischen Versailles und Moskau liegt seine kommende Not.
-
-Die rote Zwietracht reißt seine Hoffnung nach Osten, die goldene Spinne
-im Westen saugt ihm sein Blut; was es der einen läßt, muß es der andern
-nehmen: so ist es noch einmal das Schlachtfeld der Welt.
-
-Denn nun kann nicht Frieden auf Erden gesungen sein, als bis das dritte
-Reich kam; aber das dritte Reich wird keinem der Völker gehören, die
-Menschheit wird sein Herrscher und Untertan heißen.
-
-Die Menschheit will werden, aber sie kommt nicht mit Lorbeer und
-Psalmen: Gewalt muß Gewalt bezwingen, ein Meer von Blut muß den Abgrund
-ersäufen, daraus sie geboren sein will.
-
-Versöhnung und Friedensschalmeien müssen verstummen, wenn der Abgrund
-zu kreißen beginnt; denn alles was dumm und gemein, was selbstsüchtig
-und eitel, was schlecht und schlau und zwiezüngig ist, will die Geburt
-stören.
-
-Die rote Zwietracht im Osten wird einmal die goldene Spinne im Westen
-erschlagen; aber das rote Elend wird nach dem goldenen schreien, bis
-die erste Eintracht beginnt.
-
-Daß aber das Reich der Eintracht uns widerfahre auf Erden, wird es der
-Herzen bedürfen, die das Kreuz der Zwietracht tapfer und treu nach
-Golgatha tragen; der deutschen Seele wird seine bitterste Botschaft
-gehören.
-
-Zu töricht, im Rat von Versailles zu sitzen, zu töricht, im Haß von
-Moskau zu sein, niemandens Freund und aller Welt Feind, wird sie in
-langer Einsamkeit bleiben.
-
-Die Einsamkeit wird ihre schwarzen Unholde gebären und ihre Lichtalben;
-wenn der Morgen der Menschendämmerung anbricht, wird sie nicht mehr auf
-Allerweltsstraßen gehen.
-
-Alle Kämpfe der Menschheit werden der deutschen Seele auferlegt sein,
-bis sie, Besiegter und Sieger in Einem, der kommenden Eintracht
-Christophorus wird; bis einmal Wiederkunft ist, bis endlich den Kindern
-Gottes auf Erden die grüne Wiese, das blanke Meer und der blaue Himmel
-gehören.
-
-
-
-
-Ausgang
-
-
-Deutscher, der du die bittere Gegenwart leidest, der du geschlagen,
-bedrückt und verachtet bist unter den Völkern, der du die wehrlosen
-Hände rachsüchtigen Feinden hinhalten mußt; Deutscher, dem Wohlstand
-und Wohlfahrt zerbrachen, dem aus Gewinn und Genuß hoffärtiger Tage
-Armut und Ärgernis, Not und Verzweiflung kamen;
-
-Deutscher, den mehr als die Rachsucht der Feinde und mehr als die
-Not die Leichtfertigkeit schreckte, darin er sein Volk am Rand der
-Verkommenheit tanzen und Niedertracht über die Guten Gewalt haben sah;
-
-Deutscher, bedenke die Herkunft! Bedenke, daß deine Gegenwart gefüllt
-mit dem Schicksal all deiner Vergangenheit ist!
-
-Deutscher, laß ab von der Klage! Denn siehe, was dir geschah, geschieht
-deinen Vätern: deine Väter sind gegenwärtig in dir, weil dein Schicksal
-die Waage des Guten und Bösen aus ihrer Vergangenheit ist.
-
-Deutscher, sei ehrfürchtig deinen Großen; ob sie ihr Werk nur mühsam
-vermochten gegen dein träges, törichtes Herz, ob sie hinrauschten wie
-Adler oder mit gläubiger Einfalt durch deine taube Genügsamkeit gingen:
-alle sind deine Väter, und alle sind gegenwärtig in dir!
-
-Deutscher, sei deiner Vergangenheit trächtig, wie der Mittag von seinem
-Morgen gefüllt ist; Tracht und Trotz all ihrer Männer, Tat und Gedanken
-all ihres Schicksals bist du!
-
-Deutscher, sei deiner Gegenwart tapfer, weil du der Erbhalter bist
-größerer Dinge, als die an dem Tag hängen: Gutes und Böses will werden,
-wie Unkraut und Saat wird, und der Acker bist du!
-
-Deutscher, sei gläubig der Zukunft, der du die bittere Gegenwart
-leidest: Kinder und Kindeskinder, und alles, was über sie kommt, Stärke
-und Schwäche, Demut und Stolz, Hoffart und Kleinmut, alles, was einmal
-deutscher Lebenstag wird, alles bist du!
-
-
-
-
-Nachwort
-
-
-Als ich »Die dreizehn Bücher der deutschen Seele« zu Weihnachten 1921
-nach fünfjähriger Arbeit heraus brachte, wußte ich, daß sie namentlich
-im neueren Teil noch Mängel aufwiesen. Meine Kraft reichte damals nicht
-aus, ihnen die Vollendung zu geben, die ich mir geträumt hatte. Sollte
-das Buch meinem Volk in seiner bitteren Geschlagenheit Trost bringen,
-durfte ich nicht länger mit der Drucklegung zögern.
-
-Diese Volksausgabe endlich bot mir nach zwölf Jahren Gelegenheit,
-noch einmal Hand an das Werk zu legen. Es wäre undankbar, wollte
-ich nicht die beiden Männer nennen, die mich durch eine kritische
-Durcharbeitung meiner Kapitel unterstützten: Graf Adolf Dubsky und
-Graf zu Eulenburg-Wicken. Beide, der österreichische Katholik und
-der preußische Protestant, werden auch heute noch nicht mit jeder
-Einzelheit zufrieden sein können; aber ich hoffe, sie billigen mir
-zu, daß ich jeden Einwand bedachte und der Zwiespälte Herr zu werden
-suchte, die eine gerechte Darstellung der deutschen Geschichte so
-schwierig machen, weil sie weder den Katholiken noch Protestanten,
-weder den Preußen noch Österreicher, sondern den Deutschen schlechthin
-fordert.
-
-Daß ich mit meinem Buch vielen Tausenden Trost brachte, als die
-Tröstungen in Deutschland noch selten waren, ist mir genügend bezeugt;
-daß seine Mission noch nicht erfüllt sei, ist der Glaube dieser
-Volksausgabe.
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Eingang 5
-
- Das Schuldbuch der Götter 7
-
- Er 7 / Die Götter 7 / Der Kampf mit den Vanen 8 /
- Wodan 9 / Frigga 10 / Freya und Fro 11 / Donar 11 /
- Loki 12 / Baldur 13 / Baldurs Beweinung 14 /
- Die Rache 15 / Götterdämmerung 15 / Wiederkunft 17
-
- Das Buch der Könige 18
-
- Die blonden Räuber der Frühe 18 / Die olympischen
- Götter 19 / Die Griechen 19 / Die Römer 21 /
- Das Land der neblichten Wälder 22 / Der kimbrische
- Schrecken 23 / Die Stachelschnur der Kastelle 24 /
- Arminius 25 / Der Pfahlgraben 27 / Tacitus 28 /
- Die Springflut 29 / Ermanerich 29 / Alarich 30 /
- Die Hochzeit von Narbonne 32 / Geiserich 33 / Die
- Hunnenschlacht 34 / Burgund 35 / Dietrich,
- Theodemirs Sohn 36 / Dietrich, der Gotenkönig 37 /
- Dietrich von Bern 38 / Der Kampf um Rom 40 / Die
- Alemannen 41 / Die Gepiden 42 / Die Langobarden 43 /
- Hengist und Horsa 44 / Chlodevech 45 /
- Brunhilde 46 / Gudrun 48 / Karl Martell 49 / Pipin
- der Kleine 49 / Karl der Große 50 /
- Die Nibelungen 52
-
- Das Buch der Kirche 54
-
- Jesus von Nazareth 54 / Paulus 55 / Das Kreuz über
- den Gräbern 56 / Das Schaumgold der Kirche 57 /
- Simeon aus Sesam 58 / Augustinus 59 / Nicäa 60 /
- Wulfila 61 / Der Pontifex maximus 61 / Winfried 62 /
- Widukind 63 / Carolus Augustus 65 / Der gläserne
- Grund 66 / Die schwarzen Mönche 67 / Die Legende 67 /
- Der Heliand 68 / Die Heliandsburgen 69 /
- Cluny 70 / Canossa 71 / Die Kreuzzüge 72 / Die Hunde
- des Herrn 73 / Die Stedinger 74 / Der
- Kinderkreuzzug 75 / Die Scholastik 76 / Die gotischen
- Dome 77 / Der schwarze Tod 78
-
- Das Buch der Kaiser 80
-
- Kaiser und Kirche 80 / Das Lügenfeld 81 /
- Stellinga 82 / Die fränkische Ohnmacht 83 /
- Heinrich der Finkler 84 / Mathilde 85 / Otto,
- Sohn der Mathilde 86 / Otto der König 87 / Otto
- der Kaiser 88 / Die Ottonen 89 / Der
- Weltuntergangskaiser 91 / Heinrich der Heilige 92 /
- Der siebente Heerschild 93 / Heinrich der
- Dritte 94 / Kaiserswerth 95 / Der Aufruhr der
- Sachsen 96 / Der Streit um die Stärke 98 / Der
- Gottesfrieden 100 / Der Kaiser des Volkes 101 /
- Der Sieg der Fürsten 103 / Die goldenen Tage der
- Kirche 105 / Der heilige Bernhard 106 / Heinrich
- der Löwe 107 / Friedrich von Schwaben 108 /
- Barbarossa 109 / Das Maifeld in Mainz 111 / Der
- Sohn der Macht 111 / Der Sizilianer 112 /
- Konradin 113 / Der Kyffhäuser 114
-
- Das Buch der Bürger 116
-
- Der Sachsenspiegel 116 / Huld und Treue 117 /
- Der Ritter 118 / Minnegesang 119 / Walter von
- der Vogelweide 120 / Die Bürgerschaft 122 / Die
- Zunft 123 / Die Gilde 123 / Walpod 124 / Die
- Hansa 125 / Rudolf von Habsburg 126 / Die
- Eidgenossen 127 / Die deutschen Ordensritter 129 /
- Die Feme 130 / Der gemeine Mann 131 / Die braunen
- Brüder 132 / Albertus Magnus 132 / Die fahrenden
- Schüler 133 / Das Volkslied 134 / Die
- Meistersinger 135 / Der Schwank 136 / Die
- Bauhütte 137 / Die Schilderzunft 138 / Der Genter
- Altar 139 / Der Spiegel der Wirklichkeit 140 / Der
- Altar von Isenheim 141
-
- Das Buch der Freiheit 143
-
- Meister Eckhart 143 / Suso 144 / Der
- Gottesfreund 145 / Die gemeinsamen Brüder 146 /
- Konzil in Konstanz 147 / Die schwarze Kunst 149 /
- Die Humanisten 150 / Johann Reuchlin 152 /
- Maximilian 153 / Die Fugger 154 / Albrecht
- Dürer 155 / Hans Holbein 157 / Erasmus 158 / Ulrich
- von Hutten 159 / Der Mönch von Wittenberg 161 /
- Der Reichstag zu Worms 163 / Die deutsche
- Bibel 165 / Philipp Melanchthon 166 / Ulrich
- Zwingli 167 / Der Bauernkrieg 169 / Marburg 171 /
- Die Wiedertäufer 172 / Die Landeskirche 174 /
- Kopernikus 175
-
- Das Buch der Zwietracht 177
-
- Loyola 177 / Calvin 178 / Die spanische Hand 179 /
- Die Geusen 180 / Donauwörth 182 / Der Schwur von
- Loreto 183 / Der Winterkönig 184 / Die Pfalz 185 /
- Wallenstein 186 / Stralsund 187 / Magdeburg 188 /
- Gustav Adolf 190 / Lützen 191 / Der Herzog von
- Friedland 193 / Bernhard von Weimar 194 / Das
- Ende 195 / Der Frieden zu Münster 196
-
- Das Buch der Fürsten 198
-
- Versailles 198 / Alliance du Rhin 199 /
- Straßburg 200 / Die Erbschaft der Liselotte 201 /
- Die Türken vor Wien 203 / Holland 204 /
- Rembrandt 205 / Der große Kurfürst 207 / August
- der Starke 209 / Der König in Preußen 210 /
- Prinz Eugen 211 / Die fürstlichen Schlösser 212 /
- Der Soldatenkönig 213 / Der Gutsherr zu
- Rheinsberg 214 / Der König 216 / Der Spötter von
- Sanssouci 217 / Der Kriegsherr 219 / Der alte
- Fritz 220 / Maria Theresia 222 / Joseph der
- Zweite 223 / Die Pompadour 225 / Maria
- Antoinette 226 / Mozart 227
-
- Das Buch der Propheten 230
-
- Hans Sachs 230 / Das Kirchenlied 231 / Bach 232 /
- Die Pietisten 234 / Die Aufklärung 235 / Christian
- Fürchtegott Gellert 236 / Klopstock 237 / Der
- Hainbund 238 / Lenore 239 / Lessing 240 /
- Herder 242 / Götz 243 / Werthers Leiden 244 /
- Weimar 245 / Winckelmann 246 / Goethe in Rom 248 /
- Die Räuber 249 / Jena 250 / Hölderlin 252 / Die
- Romantik 253 / Des Knaben Wunderhorn 255 / Das
- Märchen 256 / Novalis 257 / Eichendorff 257 /
- Johann Peter Hebel 258 / Jean Paul 260 / Faust 261
-
- Das Buch der Erhebung 264
-
- Beethoven 264 / Die Blutrache der Freiheit 266 /
- Bonaparte 267 / Napoleon 267 / Der Rheinbund 268 /
- Jena und Auerstädt 269 / Der Tyrann 270 / Andreas
- Hofer 271 / Luise 273 / Kant 274 / Fichte 276 /
- Pestalozzi 277 / Der Freiherr vom Stein 278 /
- Kleist 279 / 1812 281 / Tauroggen 284 / Die
- Landwehr 284 / Die Erhebung 285 / Leyer und
- Schwert 286 / Blücher 287 / Die
- Völkerschlacht 288 / Caub 289
-
- Das Buch der Minister 291
-
- Das Reich 291 / Der Wiener Kongreß 292 / Die
- hundert Tage 293 / Die heilige Allianz 294 / Der
- Siebenschläfer 294 / Der Geheimrat 295 / Die
- deutsche Burschenschaft 296 / Das Fest auf der
- Wartburg 297 / Sand 298 / Metternich 299 / Ernst
- Moritz Arndt 300 / Der Turnvater Jahn 301 / Der
- Kirchhof 301 / Der Biedermaier 302 / Goethe
- stirbt 304 / Das Volk der Denker und Dichter 305 /
- Die schwäbischen Dichter 305 / Mörike 306 /
- Stifter 307 / Hebbel 308 / Grillparzer 310 /
- Schopenhauer 310 / Die Nazarener 312 / Der
- Baukönig 313 / Der Redekönig 314 / Die
- Auswanderer 315 / Die schlesischen Weber 316 /
- Die Fabrik 317 / Wilhelm Weitling 318 / Das junge
- Deutschland 320 / Drei Dichter 320 / Metternichs
- Ende 322 / Der achtzehnte März 323 / Hecker 324 /
- In der Paulskirche 325 / Malmö 326 / Die
- Kaiserwahl 327 / Der König von Preußen 327 /
- Olmütz 328
-
- Das Buch der Preußen 330
-
- Der Ordensstaat 330 / Brandenburg 331 / Der
- preußische Staat 331 / Der Keil 333 / Unter den
- Linden 333 / Berlin 335 / Der Schillertag 336 /
- Friedrich List 337 / Die Eisenbahn 339 / Der
- Zollverein 340 / Der preußische
- Bundesgesandte 341 / Der Regent 342 / Der
- Konflikt 343 / Der dänische Krieg 344 /
- Gastein 345 / Die Zange 346 / Das
- Zündnadelgewehr 346 / Der norddeutsche Bund 348 /
- Der neue Napoleon 348 / Die Emser Depesche 349 /
- Die Männer 351 / Nach Frankreich hinein 352 /
- Metz 352 / Sedan 353 / Der Ringkampf der
- Völker 354 / Versailles 355
-
- Das Schuldbuch der Menschen 357
-
- Der Reichstag 357 / Die alte Zwietracht 358 / Die
- neue Zwietracht 359 / Die goldene Spinne 360 /
- Darwin 361 / Der Trompeter von Säckingen 363 /
- Unserer Väter Werke 363 / Bayreuth 364 /
- Bruckner 366 / Nietzsche 367 / Die dritte
- Zwietracht 369 / Gottfried Keller 370 / Wilhelm
- Raabe 372 / Die Neuzeit 373 / Die Vorstadt 374 /
- Das Sozialistengesetz 375 / Der Deutsche
- Soldat 376 / Kaiser und Kanzler 377 / Der Alte im
- Sachsenwald 378 / Der deutsche Welthandel 380 / Die
- deutsche Flotte 381 / Der Dreibund 382 / Feinde
- ringsum 383 / Habsburg 384 / Serajewo 385 / Der
- Weltkrieg 385 / Die Schuld 386 / Die
- Marneschlacht 387 / Hindenburg 388 / Die
- Blockade 389 / Der Schützengraben 390 / Die
- belagerte Festung 392 / Das Unterseeboot 393 /
- Ludendorff 395 / Die vierzehn Punkte 396 / Der
- letzte Ausfall 397 / Der Zusammenbruch 398 / Der
- Aufruhr 399 / Versailles 400 / Moskau 401 /
- Menschendämmerung 402 / Wiederkunft 404
-
- Ausgang 407
-
- Nachwort 408
-
-
-
-
- Die Werke
- von
- Wilhelm Schäfer
-
-
-
-
-WILHELM SCHÄFER
-
-
-Wendekreis neuer Anekdoten
-
-15. Tausend · In Leinen 4.50 Mk.
-
-»Wie in einer scheinbar belanglosen Angelegenheit plötzlich das
-unendliche Wesen sichtbar wird und wie dann doch diese einzelne
-Geschichte rein um ihrer selbst willen geschrieben scheint und doch die
-Erinnerung des Größeren zurückläßt, darin ist die starke dichterische
-Wirkung dieser kurzen Erzählungen begründet.« (Kölnische Zeitung) /
-»Sie sind seit langem zu dem Ruhm eines klassischen Erzählgutes unseres
-Volkes gelangt. Von der neuen Reihe ist zu sagen, daß sie alle Vorzüge
-der früheren erhalten, aber noch eine eigentümliche Vertiefung gewonnen
-hat.« (Die Neue Literatur)
-
-
-Die Anekdoten
-
-Gesamtauflage 45000 · In Leinen 4.80 Mk.
-
-»Schäfers Anekdoten sind jenes epische Werk, das fernen Geschlechtern
-den Ruhm unserer Dichtung überbringen wird.« (Völkischer Beobachter)
-/ »Selten schließt ein Buch so viel Humor, so viel tiefe Weisheit, so
-viel Kenntnisse, so viel Schönheit in sich, wie diese Geschichten.«
-(Völkischer Beobachter)
-
-
-Meine Eltern
-
-In Leinen 3.20 Mk.
-
-Ein Buch von besonderer Art: Es ist des fast 70jährigen Dichters
-Bekenntnis zu Vater und Mutter, ein Dank an seine Eltern, eine
-Lebensbeschreibung, wie wir sie kaum schöner besitzen. Denn mit
-all seiner großen Kunst, mit ergreifender Wärme und mit der ganzen
-verehrenden Liebe des Sohnes zu seinen Eltern erzählt er uns ihr
-arbeitreiches, wechselvolles und gesegnetes Leben und darin zugleich
-seine eigene Kindheit. Die dem bedeutsamen Buche beigegebenen Bilder
-der Eltern sind von der Hand Wilhelm Schäfers gemalt.
-
-
-Drei Erzählungen um ein Thema:
-
-
-Das Haus mit den drei Türen
-
-Ein kleiner Roman. 10. Tausend. Kartoniert 2.50 Mk., Leinen 3.50 Mk.
-
-
-Ein Mann namens Schmitz
-
-Novelle. (Die Kleine Bücherei Band 28). 30. Tausend. Gebunden --.80 Mk.
-
-
-Der Fabrikant Anton Beilharz und das Theresle
-
-Roman. 10. Tausend. Kartoniert 2.50 Mk., Leinen 3.80 Mk.
-
-
-Lebenstag eines Menschenfreundes
-
-Ein Pestalozziroman. 40. Tausend. Leinen 5.80 Mk.
-
-
-Karl Stauffers Lebensgang
-
-Eine Chronik der Leidenschaft
-
-13. Tausend. Geheftet 4.-- Mk., Halbleinen 5.-- Mk.
-
-
-Huldreich Zwingli
-
-Ein deutsches Volksbuch
-
-10. Tausend. Halbleinen 4.50 Mk., Leinen 4.80 Mk.
-
-
-Der Hauptmann von Köpenick
-
-Roman. 30. Tausend. Leinen 3.50 Mk., Geschenkausgabe 6.-- Mk.
-
-
-Novellen
-
-5. Tausend. Leinen 8.50 Mk.
-
-
-Winckelmanns Ende
-
-Novelle. Halbpergament 18.-- Mk.
-
-
-Anckemanns Tristan
-
-Novelle. 20. Tausend. Biegsam gebunden mit Goldaufdruck 2.50 Mk.
-
-
-Hölderlins Einkehr
-
-Novelle. Halbpergament 3.50 Mk.
-
-
-Die unterbrochene Rheinfahrt
-
-Erzählung. 20. Tausend. Biegsam gebunden 2.50 Mk., Ganzleder 4.80 Mk.
-
-
-Die Mißgeschickten
-
-Novelle. (Die Kleine Bücherei Band 6). 25. Tausend. Gebunden --.80 Mk.
-
-
-Die Fahrt in den heiligen Abend
-
-Eine Weihnachtsgeschichte. Mit 20 Zeichnungen von Hermann Schäfer
-
-30. Tausend. (Die Kleine Bücherei Band 56). Gebunden --.80 Mk.
-
-
-Rheinsagen
-
-16. Tausend. Kartoniert 1.-- Mk., Sonderausgabe mit Holzschnitten,
-Halbpergament 12.-- Mk.
-
-
-Das Lied von Kriemhilds Not
-
-Mit einer Einführung von Uhl. Halbleinen 5.50 Mk.
-
-Ausgabe ohne Einführung mit Holzschnitten 5.50 Mk.
-
-Halbpergament 9.-- Mk.
-
-
-Briefe aus der Schweiz und Erlebnis in Tirol
-
-Gebunden 2.80 Mk.
-
-
-Deutsche Reden
-
-Geheftet 4.40 Mk., Leinen 5.80 Mk.
-
-
-Johann Sebastian Bach
-
-Eine Rede. Kartoniert --.80 Mk.
-
-
-Der deutsche Rückfall ins Mittelalter
-
-Eine Rede. Kartoniert --.80 Mk.
-
-
-Christophorusrede
-
-Kartoniert 1.-- Mk.
-
-
-Der Dichter des Michael Kohlhaas
-
-Eine Kleist-Rede. Kartoniert --.80 Mk.
-
-
-Deutschland
-
-Eine Rede. Kartoniert 1.50 Mk.
-
-
-Lebensabriß
-
-3. Tausend. Kartoniert 1.-- Mk.
-
-
-Bekenntnis zu Wilhelm Schäfer
-
-Herausgegeben von Otto Doderer. Geheftet 1.50 Mk.
-
-
-Wilhelm Schäfer. Ein Volksdichter unserer Zeit
-
-Von Franz Stuckert. Kartoniert 1.80 Mk.
-
-
-Ausführlicher Prospekt der Werke Wilhelm Schäfers kostenlos
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-VERLAG ALBERT LANGEN -- GEORG MÜLLER MÜNCHEN
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-Satz und Druck der Offizin Haag-Drugulin in Leipzig
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- Anmerkungen zur Transkription
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- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Offensichtliche Fehler wurden
- stillschweigend korrigiert. Unterschiedliche Schreibweisen wurden
- beibehalten.
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- Korrekturen:
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- S. 272: Herr → Heer
- wurde sein {Heer} von den herzhaften Bauern geschlagen
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-End of the Project Gutenberg EBook of Die dreizehn Bücher der deutschen Seele, by
-Wilhelm Schäfer
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE DREIZEHN BÜCHER ***
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- The Project Gutenberg eBook of Die dreizehn Bücher der deutschen Seele, by Wilhelm Schäfer.
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-
-The Project Gutenberg EBook of Die dreizehn Bücher der deutschen Seele, by
-Wilhelm Schäfer
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-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
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-
-
-
-Title: Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
-
-Author: Wilhelm Schäfer
-
-Release Date: January 1, 2017 [EBook #53856]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE DREIZEHN BÜCHER ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p>
-Anmerkungen zur Transkription finden sich
-<a href="#tnextra">am Ende des Buches</a>.
-</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">
-Wilhelm Schäfer<br />
-Die dreizehn Bücher der deutschen Seele</p>
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="Signet" />
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-<hr class="chap "/>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">
-Ein Verzeichnis der Werke<br />
-von<br />
-Wilhelm Schäfer<br />
-findet sich am Schluß<br />
-dieses Bandes</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>
-Die dreizehn Bücher<br />
-der deutschen Seele</h1>
-
-<p class="center">
-von</p>
-<p class="h2">Wilhelm Schäfer</p>
-
-<p class="center p2">Albert Langen / Georg Müller München</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">
-131. bis 140. Tausend<br />
-<em class="antiqua">Copyright 1922 by Georg Müller Verlag Aktiengesellschaft, München<br />
-Printed in Germany</em></p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p>
-
-<h2 id="Eingang">Eingang</h2>
-</div>
-
-<p>Deutscher, der du die Geschichte deiner Herkunft hören willst, bemerke
-zuvor, wie alles Geschichtete entseelt ist, Stein und Staub für die suchenden
-Sinne.</p>
-
-<p>Ob du den Berg der Geschehnisse anschneiden könntest bis auf die Sohle,
-daß du die Zeitalter im Querschnitt ihrer qualvollen Verschiebungen geschichtet
-sähest, du würdest keine Heimat für deine Seele finden, weil die
-Schlacke des Gewesenen nur oben die dünne Ackerkrume deiner Gegenwart
-trägt.</p>
-
-<p>Dies aber bedenke danach als das Wunder der Seele, wie alles in ihre
-Brunnentiefe versank, was je deine Gegenwart war; und nichts ging verloren,
-ob du es zehnmal vergaßest, weil dein Bewußtsein nur die blinkende
-Oberfläche ist, die Schaubilder der Welt zu spiegeln, aber die kreißenden
-Ströme des Lebens sind in der Tiefe.</p>
-
-<p>Die kreißenden Ströme sind in der Tiefe, wo dein Lebensraum ist, darin
-alles versank, was deine Vergangenheit war, und alles vorbestimmt ist, was
-deine Zukunft sein wird.</p>
-
-<p>Wohl können dir von deiner Jugend berichten, die damals um dich waren;
-sie sahen den Säugling, wie er sich satt trank an der Mutter und mählich
-stark wurde zu den ersten Schritten: abgesondert aber und unerreichbar
-ihren Blicken saß deine Seele im Brunnen ihrer Herkunft, darin dein Dasein
-zu allen Stunden dem ewigen Leben verbunden blieb.</p>
-
-<p>Ob der Lichtschein deiner Erinnerungen immer blasser ins Dunkel seiner
-Tiefe tastet, wo selbst die Ahnungen sich zuletzt bescheiden müssen, du hast
-keine andere Beglaubigung als den Brunnquell deiner Seele: was dir widerfahren
-mag, das fühlst du sicher, wird hier allein und nicht im Tageslicht
-der andern gewogen.</p>
-
-<p>Nicht anders dir als deinem Volk, in dessen blinkender Oberfläche du für
-einen Augenblick bist, wieder in seinen Lebensraum zu versinken: nur in seiner,
-nur in deiner Seele kann es die ewigen Wasser steigen und versinken
-sehen; alle andere Gegenwart ist ihm fremd, alle andere Vergangenheit
-muß ihm tote Geschichte für die Messung der Wissenschaft bleiben!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Schuldbuch_der_Goetter">Das Schuldbuch der Götter</h2>
-
-<h3 id="sec1_1">Er</h3>
-</div>
-<p>Im Anfang war Er, der himmlische Gott; die Erde grünte in Seiner
-Sonne.</p>
-
-<p>Im ewigen Gleichmaß kam Er zu schauen die Schönheit Seiner Geliebten,
-die im blinkenden Glanz der Gewässer, im stummen Stand der reifenden
-Halme, in den Untiefen schwellender Kelche die Seligkeit Seiner
-lustwandelnden Liebe genoß.</p>
-
-<p>Wenn Sein Himmel die Erde umspannte mit Bläue, wenn Sein Auge
-den Himmel durchsonnte mit Licht, das Meer und die Berge beschüttend
-mit wärmendem Feuer, wenn der Mittag stand über der Welt, daß sie den
-Atem anhielt, erschauernd in Fülle: dann war Seine Stunde.</p>
-
-<p>Stark und selig im Gang Seiner steigenden Bahn ließ Er den Morgen
-erröten, Er trank den Tau aus dem Gras, daß Blätter und Halme kristallisch
-funkelten, ihrem Glück Seinen Boden zu bauen.</p>
-
-<p>Wonnig und warm ließ Er den Abend abschwellen zum Segen der
-Nacht; Sein Geleucht blieb zurück in der Lohe und wartete still im Glanz
-Seiner Gestirne!</p>
-
-<p>Und wie den Tag hielt Er das Jahr in unverrückbarer Schwebe: Er ließ
-die Sehnsucht der Erde blühen im Schaum des Frühlings, Er begoß ihre
-Träume mit zärtlichem Regen, Er ließ ihre Brüste schwellen in himmlischer
-Nahrung und ihren Leib schwer werden im Segen der Frucht.</p>
-
-<p>Er war Gott, und die Welt war im Gang Seiner Tage geordnet,
-Mond und Sterne standen in Seinem Gedächtnis, über allem Tun thronte
-Sein ewiger Wille, über allem Sein lag der Blick Seiner Sonne.</p>
-
-<h3 id="sec1_2">Die Götter</h3>
-
-<p>Aber Himmel und Erde kamen ins Wanken; Wolken stiegen vom Abgrund,
-das zärtliche Auge verhüllend; die Wasser begannen zu strömen, und
-alle Sonne versank.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span></p>
-
-<p>Stärker als Er schien die entfesselte Kraft und höher als Liebe der Aufruhr:
-Ymir, das rauschende Naß, erfüllte die Welt; Seine Söhne, die
-Reifriesen, herrschten über dem Abgrund.</p>
-
-<p>Aber aus Urgebrausdunkel kamen die Mächte: Urluft, Urwasser, Urfeuer;
-sie hoben das Erdenrund wieder und schieden Midgard vom Meer.</p>
-
-<p>Noch irrten die Sonne, der Mond und die Sterne planlos umher, sie
-setzten sie ein in die ewigen Bahnen: dann schien die Sonne auf Midgard
-und ließ wachsen das erste Grün.</p>
-
-<p>Als sie gingen am Strand, fanden sie Bäume dastehen und weckten
-Menschen daraus: Urluft gab die suchende Seele, Urwasser die wachsamen
-Sinne, Urfeuer den flackernden Geist.</p>
-
-<p>Sie hießen nun Götter: Wodan, Hoenir und Loki genannt von den
-Menschen; sie legten der Welt den Richterspruch auf ihres neuen Gesetzes
-und fingen das goldene Zeitalter an ihrer heiteren Spiele.</p>
-
-<p>Sie kannten nicht Schuld und Schicksal; aber die Urgebraustöchter kamen
-aus Ymirs Geschlecht, die weitaus gewaltigsten Weiber: Urd war die
-älteste Schwester genannt, der Herkunft heilige Norne; Verdandi die
-zweite, des Werdenden Mahnung; die dritte der Zukunft drohende Schuld.</p>
-
-<p>Sie schnitten die Runen, warfen die Lose und sagten im Werden, Sein
-und Vergehen das Schicksal voraus; sie saßen am Brunnen des Lebens, die
-Wurzeln zu gießen am Welteschenbaum, daran das Sein der Götter nur
-ein Ast war im ewigen Leben der Welt.</p>
-
-<h3 id="sec1_3">Der Kampf mit den Vanen</h3>
-
-<p>Aber Er war nicht tot; aus unendlichen Fernen blinkte Sein Gold und
-entzückte die Gier der Götter nach Seinem gleißenden Glanz; sie schufen
-den lichtscheuen Schwarm der albischen Geister und Zwerge, das Gold zu
-erlisten für ihre Burg, die sie bauten ins Asgard.</p>
-
-<p>Die aus dem Urdunkel kamen und aus dem Kampf mit den Riesengewalten,
-die hoch gestiegenen Götter sagten der himmlischen Herkunft Urfehde
-an.</p>
-
-<p>Da wurde die Walstatt laut vom Kampf der alt- und neuen Gewalten;
-Vanen hießen die Kämpfer des Himmlischen da, und Asen die Urdunkelsöhne:
-die Erde barst und der Abgrund erbebte, als Vanen und Asen um die
-Herrschaft rangen der neugewordenen Welt.</p>
-
-<p>Aber der brausende Sturmwind entwand der leuchtenden Fülle das
-Schwert, und müde schwand in die himmlische Ferne der Gott, Wodan,
-der wehenden Unrast die Welt überlassend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p>
-
-<p>Nun kam Er nicht mehr, zu schauen die Schönheit Seiner Geliebten;
-abgelöst von der ewigen Fülle ging sie ein in die Schuld und das Schicksal
-der asischen Götter, denen Wodan Allvater war.</p>
-
-<p>Freya und Fro, die lieblichen Kinder der Vanen, wurden den Asen vergeiselt;
-die im ewigen Licht spielten, spürten den Wind und die Wolken um
-Asgard, und die Schicksalsansagung der Nornen.</p>
-
-<h3 id="sec1_4">Wodan</h3>
-
-<p>Die Asen sandten Hoenir als Geisel und gaben ihm Mimir zur Seite,
-den Weisen aus Urwassertiefe, daß er ihn heimlich beriete; Hoenir aber war
-blöde, darum erschlugen die Vanen den Mimir und sandten sein Haupt den
-Asen zurück.</p>
-
-<p>Wodan sprach seinen Zauber über dem Haupt, daß es nicht wese,
-und hütete seiner im Brunnen an Ygdrasils Wurzeln, des Welteschenbaums.</p>
-
-<p>Täglich ging er hinunter zum Wasser, die Weisheit Mimirs zu wecken,
-und setzte dem klagenden Haupt sein Auge zum Pfand: so saß er einäugig
-da im Rat der asischen Götter, der ihr Notsorger und Wahrsager war.</p>
-
-<p>Scharf spähte sein Auge trotzdem wie keins in Walhal, und höhere
-Weisheit ward ihm als einem der Götter; auf seinen Schultern saßen die
-Raben Gedank und Gedenk, ihm täglich Kunde zu bringen von allem Ereignis
-der Welt.</p>
-
-<p>Auch hieß er der Wanderer, weil er im Wind unterwegs war; wo die
-Räder der Wolkenlast rollten, wo die Bäume sich bogen im Sturm und die
-Wellen schäumten wie Rosse, war Wodan im flatternden Mantel.</p>
-
-<p>Denn nicht mehr im ewigen Gleichmaß die Tage zu füllen, war der
-Götter und Wodans Geschick; im elementarischen Aufruhr zur Herrschaft
-gekommen, in Schuld und Schicksal den Vanen verschworen, von der
-Rache der Riesen bedroht, im Bangen um Ygdrasil, dem von drei Ästen
-schon einer verdorrt war: hielt Unrast ihr Dasein, und Wodans Allvaterteil
-war die Sorge.</p>
-
-<p>Heller war es um ihn, wenn er ausritt zum Kampf auf Schleifner, dem
-achtfüßigen Schimmel; dann war der Allvater wieder der Riesenbezwinger,
-dann sauste der Speer durch die Wolken, dann wankten die Berge und
-sprangen die Fluten, dann war die göttliche Lust in ihm wach, sich selber
-noch einmal zu wagen, statt grübelnd um kommende Tage sein Schicksal zu
-schauen.</p>
-
-<p>Darum liebte Wodan die kampfkühnen Krieger mehr als die langlebigen<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-Greise; die walkürischen Jungfrauen holten sie heim aus der blutigen
-Schlacht, Walküren auf windschnellen Rossen.</p>
-
-<p>Fünfhundertundvierzig Türen hatte Walhal, und der Weg ging hinein
-durch den Hain der goldenen Blätter; da hielt allabends Wodan das Mahl,
-die walkürischen Jungfrauen kredenzten den Wein nach fröhlichem Speerwurf.</p>
-
-<p>Denn nicht Ruhe war dort, wie auf Erden die Ruhe nicht wohnte; der
-Hahnenruf rief die Helden zur Schlacht, und die Sonne lief ihre leuchtende
-Spur über den krachenden Speeren: ewiges Leben war ewiger Kampf,
-und ewiger Kampf war das Heil für den Mann, den Wodan heimholte.</p>
-
-<p>Ewiges Heil und ewige Pflicht; denn einmal stieg der Tag über Walhal,
-da der Nornenspruch sich erfüllte, da Unheil zum andernmal Midgard
-bedrohte, Midgard und Asgard mit all seinem Glanz und all dem selbstherrlichen
-Glanz der starken Urdunkelsöhne.</p>
-
-<h3 id="sec1_5">Frigga</h3>
-
-<p>Die aber Seine Geliebte war, die ewige Mutter des Lebens, sie war die
-Gattin Wodans geworden und die spinnende Hausfrau in Asgard.</p>
-
-<p>Sie saß am Wocken und spann dem Dasein das wärmende Kleid; sie
-trug die Schlüssel am Gürtel und teilte mit Wodan den goldenen Hochsitz,
-wenn er als sorgender Hausvater Umschau hielt über den Kreis seiner
-Gewalt.</p>
-
-<p>Darum war ihr die Spindel geweiht, und am Himmel stand ihr Wocken
-den Menschen als köstliches Sternbild, daß Ordnung und Fleiß im Reich
-der Götter die segnende Hausmutter hätten.</p>
-
-<p>Auch kam sie gern auf die Erde zurück, hielt in Bergen, Brunnen und
-Waldgewässern heimliche Wohnung, die Keime des irdischen Lebens zu
-pflegen, und hatte den Kinderbrunnen in Hut als ihr liebstes Geheimnis.</p>
-
-<p>In den zwölf Nächten aber des innersten Winters, wenn Wodan seine
-Sturmfahrten tat, über Berge und Bäume, über Dächer und Dumpfheit
-der Menschenwelt hin, fuhr Frigga mit ihm als brünstige Windsbraut.</p>
-
-<p>Und hatte die Holden mit sich, die Seelen der Toten, die aus dem
-Dunkel der Tiefe aufstiegen und hinter ihr her als wütende Jagd die zwölf
-Nächte durchstürmten.</p>
-
-<p>Denn Urmutter war sie der Tiefe, daraus alles Leben kam im Geheimnis
-seiner Geburt und dahinein alles wieder versank im Geheimnis des
-Todes: aus dem Dunkel zu flattern für eine flüchtige Stunde und wieder
-zu warten im Schoß der ewigen Zeugung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec1_6">Freya und Fro</h3>
-
-<p>Freya und Fro hießen die friedlichen Kinder der Vanen, Heilzeugen
-himmlischer Herkunft, vergeiselt den schuldvollen Asen: ihr Teil war die
-fruchtbare Fülle der Felder im hellichten Segen der Sonne.</p>
-
-<p>Auf einem Eber ritt er durchs Korn, Fro, der freudige Jüngling; es
-dunkelte nicht um sein goldborstiges Tier, so hell lag um die glückhaften
-Läufe das Licht seiner frohen Erscheinung.</p>
-
-<p>Nicht Waffengeklirr war um ihn und nicht der Kampfruf der Krieger:
-der Karst war geweiht und die Kelter gesegnet, wo seine Sonnenglanzfährte
-die Erde bestrich.</p>
-
-<p>Glück war die Gabe, und fröhliche Feier die Gunst seiner göttlichen
-Einkehr, wenn er aus Alfheim niederkam zu den Menschen, wenn ihn Gesang
-der harrenden Herzen empfing, auf blumenbestreuten Wegen, mit
-Kränzen und dankreichem Opfer.</p>
-
-<p>Huldreicher aber als Fro war Freya die Schwester, holder als alle Erscheinung;
-ihre Gunst hob Göttern und Menschen das Herz in die Sonne.</p>
-
-<p>Keinem der Asen hielt sie als Gattin die Kammern in Zucht, keine
-dienende Pflicht zwang die rosigen Finger an Kunkel und Kumme: strahlengekrönt
-von der Sonne ging ihre Schönheit auf in den Tag, ruhte am Mittag
-im Glück ihrer selbst und sank mit der Pracht ihrer Glieder hin in den
-glühenden Abend.</p>
-
-<p>Dann hielten sich Himmel und Erde verzückt in den Armen, und die
-Wolken glühten vom Schaum ihrer rosigen Brust, daran der Schmuck
-Brisingamen hing, das köstlichste Kleinod der Welt.</p>
-
-<p>Das gläubige Glück der Morgenröte galt ihr und die rauschgoldene
-Glut des Abends: Mond und Sterne tranken das Licht ihrer Liebe und
-trugen es glückselig hin durch das schwarze Geheimnis der Nacht.</p>
-
-<p>So hielten die Vanengeschwister den Glanz uralten Glücks in den Gärten
-der Götter; sie waren den Asen vergeiselt im schuldvollen Kampf um
-das Gold und blieben dem Himmelsgott eigen im Licht ihrer schuldlosen
-Tage.</p>
-
-<h3 id="sec1_7">Donar</h3>
-
-<p>Donar hießen sie Wodans rothaarigen Sohn, den stärksten der Götter
-im Kampf mit den Riesen, Zermalmer den furchtbaren Hammer, damit
-er die Berge zerbarst und im Wetterstrahl seines Zorns die Elemente
-durchzuckte.</p>
-
-<p>Zwei Böcke zogen den rollenden Wagen, darin er hochgereckt stand mit<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-feurig lohendem Bart und mit blitzfunkelnden Augen, zwei Böcke mit
-zackigen Sprüngen.</p>
-
-<p>Und wenn er sprach in den feurigen Bart, im Ungestüm seines Zorns,
-wenn er den Hammer warf, daß er krachend einschlug mit weißglühenden
-Funken: dann hielt ihm keiner der Götter stand, und furchtsam verkroch sich
-die Kreatur, bis sein Bocksgespann donnerrollend verscholl.</p>
-
-<p>Auch die Reifriesen spürten den Hammer, wenn er die Winterfahrt
-machte in ihr eisiges Reich; dann hielt er den zuckenden Kraftgürtel um die
-Lenden geschürzt, aber so fern seine tollkühne Fahrt in die kalte Dunkelheit
-führte, der Frühling brachte ihn wieder nach Asgard, den Göttern zur Lust,
-die längst in Ungeduld harrten.</p>
-
-<p>Fünfhundert Zimmer und viermal zehn waren in Blitzeblinks Bau, wo
-er die Sommerrast hielt seiner sausenden Fahrt; da saß er zuhöchst in der
-Halle, und der Blitz seiner zornigen Augen zuckte hin über Asgard, daß die
-Reifriesen ihm seinen Einbruch nicht trotzig vergalten.</p>
-
-<p>Und hielt mit eisernem Handschuh den Hammer, daß kein Verrat das
-Vorrecht der Asen gefährde: wie Er, der Himmelsgott, tat im Gleichmaß
-ewiger Schönheit, hielt Donar das Recht über dem Abgrund in der Kraft
-seiner Faust und in der Furcht seiner Strafe.</p>
-
-<h3 id="sec1_8">Loki</h3>
-
-<p>Lieb und willkommen war Loki, als Wodan dem Wandergesellen der
-Frühe die Blutspur beschwor; fremd ging der lüsterne Spötter in Asgard,
-und die Asen trauten ihm wenig, der ihrer Zwietracht listig die Zankäpfel
-brachte.</p>
-
-<p>Sie mochten sein meidiges Dasein nicht missen, holten sich Rede und
-Rat in vieler Gefährnis; aber sein züngelndes Wort spielte frech mit dem
-Feuer, keinen der Stolzen in Asgard verschonend; er hielt mit dem Riesengeschlecht,
-wenn es ihm paßte, und verhöhnte die Asengewalt.</p>
-
-<p>Als ob er der Nornen Nothelfer wäre, klüglich verkleidet als Schalksnarr,
-und heimlicher Schildhalter verdrängter Vanengewalt: so hielt er das
-Glück der Götter in Atem und hing ihrem sorgenden Zweifel das göttliche
-Schellenspiel an.</p>
-
-<p>Der Dämon der Ränke und ruchlosen Rede aber schwoll auf und wurde
-dreifach Gestalt im Mißwachs der feindlichen Brut:</p>
-
-<p>Hel hieß die finstere Fürstin der Toten, die bei den kalten Strömen der
-Unterwelt hausend das Ende der Taten empfing; da hielten sie alle den
-schweigsamen Einzug, die abgeschieden vom leiblichen Dasein ins Schattenreich<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-kamen, Menschen wie Götter, im Schicksal der letzten Erfüllung.</p>
-
-<p>In den Tiefen des Meeres, rund um den Teller der Erde geringelt,
-schwoll ihrer Schwester der schelfernde Riesenleib auf, der gewaltigen Midgardschlange:
-Urfeindin dem asischen Göttergeschlecht, und allen Glanz
-Asgards unentrinnbar umschließend.</p>
-
-<p>Stärker als Geri und Flecki, die wachsamen Wölfe Wodans, war Fenris,
-der dritte der fahlen Geschwister; noch lag er gefesselt, ein Schwert stak
-ihm quer in dem feurigen Rachen.</p>
-
-<p>Aber einmal riß er sich los, dann half Wodan die Weisheit Mimirs
-nicht mehr, noch Donars zorniger Hammer; dann sank Asgard hin mit dem
-Übermut seiner Götter.</p>
-
-<h3 id="sec1_9">Baldur</h3>
-
-<p>Näher als alle asischen Götter stand Baldur den Kindern der Vanen:
-der blühende Frühling war sein und das steigende Licht, wie Fro die schwellende
-Reife und ruhende Schwebe des Sommers gehörte.</p>
-
-<p>So licht war sein Wesen, so lieblich die Wohlgestalt, daß alle Götter
-ihn liebten und gern seiner Sonnenlust Zuschauer waren, wenn er im Blütenkleid
-spielte.</p>
-
-<p>Aber dunkle Träume betrübten den Hellen, und traurig ritt Wodan
-hinunter zum Brunnen, Kunde zu holen, daß Baldur, dem trautesten Sohn,
-früh zu sterben im Schicksal der Nornen bestimmt sei.</p>
-
-<p>Frigga, die bangende Mutter, nahm allen den Schwur ab, tot- und
-lebendigen Dingen, den Tieren und Bäumen, Feuer, Wasser und Stein:
-daß keines Baldur ein Leid antäte, und alle schwuren den Eid aus Liebe
-mit Eifer.</p>
-
-<p>Als danach die Götter kurzweilten in Asgard, stand Baldur mitten im
-Kreis; alle warfen, stachen und schossen nach ihm: aber nichts konnte ihm
-Leides antun, der lächelnd abwehrte, als Sieger im Scherzspiel der Götter.</p>
-
-<p>Den leidigen Loki verdroß der lockige Lächler; listig verkleidet als Weib
-entlockte er Frigga das bange Geheimnis, daß der Mistelstrauch allein nicht
-in Baldurs Liebesbann sei.</p>
-
-<p>Da gab er dem blinden Hödur den Zweig der Mistel zur Hand, den
-Bruder zu werfen im Scherzspiel; der Zweig traf hart, er durchbohrte den
-lockigen Lächler und warf die lichte Gestalt hinunter in Nebelheims Nacht.</p>
-
-<p>Als Baldur lag im Kreis der erschrockenen Götter, durch Lokis Arglist
-gefällt, da wußte nicht einer zu klagen; stumm standen sie da und erstarrt,<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-die starken Asen in Asgard, daß nun das Sterben begänne, daß ihrem Dasein
-für immer das Frühlingsglück fehle, für immer das heitere Spiel.</p>
-
-<p>Auf seinem Schiff legten sie Baldur die Scheite; alle Götter wohnten
-dem Leichenbrand bei, den Donar mit seinem Hammer entzückte; seine
-lohende Glut sank in die flutende Ferne, als er nordwärts fuhr und langsam
-den Blicken entschwand.</p>
-
-<p>Seitdem brennen die Feuer am Sonnenwendtag, von den Bergen
-lodernd bis Mitternacht; Baldur, das steigende Licht und der schwellende
-Frühling, fährt hinunter zur Hel; die Scheite werden entzündet, dem Toten
-den Abschied zu leuchten.</p>
-
-<h3 id="sec1_10">Baldurs Beweinung</h3>
-
-<p>Indessen das Schiff mit dem Leichenbrand Baldurs nordwärts nach
-Nebelheim fuhr, ritt Hermut hinunter zur Hel, der schnelle Sohn Wodans,
-den Bruder zu lösen und wiederzubringen nach Asgard.</p>
-
-<p>Neun Nächte lang ritt er durch traurige Täler bis an den Strom und
-die Brücke aus glitzerndem Gold, wo die rauhe Riesenmaid wachte, daß
-keiner aus Nebelheim wieder nach Midgard entkäme.</p>
-
-<p>Und als er eindrang in das Reich der kalten Urströme, sah er Baldur
-den Bruder sitzen, zuhöchst in der Halle, vom Golde der Tiefe umglitzert,
-im Reich der Hel noch immer der herrliche Mann.</p>
-
-<p>Gruß und Gedächtnis gab er dem Bruder und harrte am Morgen der
-finsteren Fürstin, daß sie ihn ließe, den Fürsten des Frühlings, in seinen
-Saal Weitglanz zurück.</p>
-
-<p>Und so bat der göttliche Bote im Weh der klagenden Welt, daß er die
-Finstere rührte: wenn alles Wesen weine um Baldur, was tot und lebendig
-wäre, und keines die Träne versage, solle der Fürst wiederkehren nach Weitglanz,
-den Frühling zu bringen.</p>
-
-<p>Fröhlich der freundlichen Kunde sandte Wodan Botschaft in alle Weiten
-der Welt, um Baldur zu weinen, daß ihm aus Tränen die Wiederkehr
-würde, aus Tränen der Trauer die Gunst der Gewährung.</p>
-
-<p>Da weinten die Götter und weinten die Riesen, die Menschen und alles
-Getier, da weinten die Bäume mit tropfenden Blättern und die Blumen
-mit silbernem Tau, da weinte die Erde tief in den Brunnen, das blinkende
-Erz und die zackigen Felsen im Schnee: Baldur zu lösen, den Fürsten des
-Frühlings.</p>
-
-<p>Schon ritten die Boten mit fröhlicher Kunde hinunter zur Hel, als sie
-das Riesenweib fanden, hockend in greulicher Höhle: Wo hatte ich Nutzen<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-von ihm, dem weißnackigen Neuling der Asen? Behalte darum Hel, was
-sie hat!</p>
-
-<p>Da weinten zum andernmal Götter und Menschen, die Bäume und
-Blumen, die Brunnen und Steine der Erde; daß die Wiederkehr Baldurs
-verwirkt war; das Glück der Gewährung starb in den Tränen der Trauer.</p>
-
-<p>Wodan aber, der Allwisser, wußte, daß Loki das Riesenweib war, Loki
-der Allesbeschließer, und daß nun dem asischen Dasein die Dämmerung
-kam: aus dem Groll der Götter scholl der Schuldruf der Rache.</p>
-
-<h3 id="sec1_11">Die Rache</h3>
-
-<p>Loki der Leugner entging den grollenden Göttern mit List: in einem
-Wasserfall saß er in Lachsgestalt und spottete ihrer Verfolgung.</p>
-
-<p>Aber Wodan von seinem Hochsitz erspähte den Falschen; eilig kamen die
-Götter und flochten das Netz, den Fisch in den Maschen zu fangen.</p>
-
-<p>Als er sich aufschnellte über dem Wasser, den Schnüren noch zu entgehen,
-ergriff ihn Donar mit grimmiger Hand und hielt den Entgleitenden
-fest am schuppigen Schwanz.</p>
-
-<p>Da mußte der Leugner sein Dasein bekennen; in eine Höhle brachten sie
-ihn, fesselten ihm Schultern, Lenden und Knie hart ans Gestein, wie sie den
-Fenriswolf banden, den Bruder der Hel und der Midgardschlange, sein
-böses Gezücht.</p>
-
-<p>Sie hängten den Giftwurm auf ihm zu Häupten, daß der ätzende Saft,
-ins Angesicht träufelnd, ewige Qual dem Spötter bereite: aber Sigune
-hielt ihrem Gatten die Treue; mit einer Schale stand sie dem Steinlager
-bei, die Tropfen zu fangen; nur, wenn sie eilte, die volle Schale zu leeren,
-traf Loki das sengende Gift.</p>
-
-<p>Dann bebte die Erde, so qualvoll zuckten die Glieder und bäumten sich
-auf in der Fessel; rüttelnd durch alles Gestein ging der Grimm des gemarterten
-Leibes, und alle Kreatur fiel in Furcht, daß einmal die Fessel zerspränge.</p>
-
-<p>So war die Herrschaft der Götter im elementarischen Haß ihrer Herkunft
-zerfallen; noch hielten Wodans wachsame Waltung und Donars
-drohender Hammer die asische Walstatt: der Femspruch der Nornen stand
-nahe vor seiner Erfüllung.</p>
-
-<h3 id="sec1_12">Götterdämmerung</h3>
-
-<p>Drei Winter werden der Welt nicht zum Frühling, die Sonne verliert
-ihre Kraft; kalt wehen die Winde von Nebelheim her, in die Blüte fällt
-Schnee und Hagel über den Mißwachs: auf den kahlen Feldern der<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-Erde ist Krieg; Krankheit, Hunger und Furcht fressen die Menschenwelt
-leer.</p>
-
-<p>Da kommt die Wolfsbrut der Riesen ans Ziel; den Mond und die
-Sonne fallen sie an mit gierigen Zähnen, daß der selige Saal bespritzt wird
-mit Blut.</p>
-
-<p>Die Sterne sinken vom Himmel, die Erde erbebt in der schwarzen
-Nacht, daß die Berge umfallen und das Meer einbricht ins stöhnende
-Land: da wird von den Fesseln Loki befreit; hohnlachend ruft er die Brut,
-den Göttern zur Rache.</p>
-
-<p>Hel, die finstere Fürstin der Tiefe, rüstet das Schiff Nagelfahr, aus den
-Nägeln der Toten gefügt und mit dem Neid der glücklos Entseelten befrachtet.</p>
-
-<p>Der Fenriswolf reißt sich los, rotglühend den weltweiten Rachen und
-die Augen düster im Brand; über die Lefzen fließt ihm das triefende Feuer,
-aus den Nüstern fahren ihm Flammen.</p>
-
-<p>Wutentfacht wälzt die Midgardschlange sich her in unbändiger Wildheit;
-aufschäumt das Meer und begräbt die Erde in seinen rauschenden Abgrund:
-als sie das Gift ihrer Gründe ausspeit, entzünden sich Wasser und
-Luft, nach Asgard hinauf spritzt die kochende Glut.</p>
-
-<p>Der Himmel birst, und Muspilheims Söhne aus Süden kommen im
-Feuer gefahren, Surtur vorauf, das Schwert in der Hand, weißglühend
-wie nie eine Sonne.</p>
-
-<p>Da bricht unter den Füßen der feurigen Riesen die Fährte des Himmels,
-die Brücke der seligen Farben schmilzt hin in der Lohe; nur noch die
-Burgen auf Asgard halten ihr stand.</p>
-
-<p>Durch Heimdalls warnenden Hornruf geweckt sind die Götter sorgend
-versammelt; Wodan reitet hinunter zum Brunnen, Mimirs Weisheit zu
-wecken, aber das Haupt bleibt ihm stumm; die Weltesche Ygdrasil wankt
-in den Wurzeln.</p>
-
-<p>Grimmig ziehen sie aus in den Kampf, den letzten der gramvollen Götter,
-Wodan und Donar voraus mit dem tödlichen Speer und dem alles zermalmenden
-Hammer, hinter den Zürnenden her der Einherier unübersehbare
-Scharen.</p>
-
-<p>Wohl schwingt der greise Allvater den Speer, aber das glühende Wolfsmaul
-verschlingt ihn samt seiner Waffe; rächend stößt Widar, der Sohn, seinen
-Stahl durch den gähnenden Rachen dem Untier ins schwarzblutige Herz.</p>
-
-<p>Der Midgardschlange zerschmettert Donars Zermalmer das Haupt,
-aber hoch spritzt der glühende Geifer des sterbenden Tiers, sengt und verbrennt
-den stärksten der Asen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p>
-
-<p>Heimdall, den warnenden Wächter, trifft Lokis listige Waffe; der Treue
-fällt noch im Sterben den leidigen Leugner der Götter; indessen Surturs
-weißglühendes Schwert Fro, den freudigen Jüngling, heimholt ins Feuer.</p>
-
-<p>Dann steht er allein auf der Walstatt der Götter, Surtur der Sieger
-aus Süden, und zückt mit der zischenden Glut seines Schwertes den Brand
-aus der Wohnung der Vanenbezwinger.</p>
-
-<p>Bis an die höchsten Ränder der Welt züngeln Muspils gierige Flammen;
-die aus Urgebraus kam, aus dem rauschenden Naß durch die Scheidung
-der elementaren Mächte: die Welt der schuldvollen Götter brennt hin
-in der letzten Entscheidung.</p>
-
-<h3 id="sec1_13">Wiederkunft</h3>
-
-<p>Einmal wird die Lohe verlöschen; aus dem gestillten Meer hebt die Erde
-von neuem ihr Antlitz gegen den Himmel.</p>
-
-<p>Die Flut wird kühl und verrinnt; im grünen Kleid wie zuvor prangen
-die Täler und Berge; auch blühen die Blumen im Gras.</p>
-
-<p>Denn die Sonne steht wieder im Blau; ungesät wachsen Halme und
-Ähren; im Holz des Welteschenbaums haben sich Leben und Leblust gerettet,
-die Ahnen künftiger Menschheit.</p>
-
-<p>Baldur ist heimgekehrt aus dem Verhängnis der Hel, und Hoenir kam
-wieder, die Geisel der asischen Götter: Vanen- und Asenkinder vereint spielen
-im Gras mit den goldenen Tafeln, wie vormals die Väter.</p>
-
-<p>Schuld und Schicksal beschatten nicht mehr die ruhelos drängenden
-Tage; nach ewigem Gleichmaß schreiten die Stunden im Glanz der neuen
-Gestirne.</p>
-
-<p>Der im Anfang war und ewig sein wird, der Starke, kam wieder von
-oben: in unverrückbarer Schwebe hält Er dem Dasein das Recht über dem
-ewigen Abgrund.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Buch_der_Koenige">Das Buch der Könige</h2>
-
-<h3 id="sec2_1">Die blonden Räuber der Frühe</h3>
-</div>
-
-<p>Rund um das Mittelmeer lagen die uralten Gärten; den Reifriesen
-fern und nicht zu nah den glühenden Mächten, brachten sie Blüte und
-Frucht in lässiger Fülle.</p>
-
-<p>Korn und Früchte, Honig und Wein wuchsen den Händen mühelos zu, das
-Vieh ging wohl auf der Weide, die Fischer holten singend den reichen Fang.</p>
-
-<p>Wie der Wind ging, trieb er die Schiffer an günstigen Strand; vom
-Morgen- zum Abendland säumte die Brandung blühende Küsten; heiter
-und hoch am zärtlichen Himmel hielten Rosenwolken die trübe Nebellast
-fern; die stahlblaue Flut sah selten gefährliche Stürme.</p>
-
-<p>Bräunliche Kinder der Sonne fühlten sich üppigen Göttern in günstiger
-Nähe, ernteten singend den Segen und hielten sie gnädig gestimmt durch
-reiche Gaben.</p>
-
-<p>Da kamen von Norden schwertfahrende Völker; Weiber, Kinder und
-Vieh im Troß ihrer reisigen Habe, wandernde Städte, allabends gerüstet
-mit Wällen und Ketten um ihre Wagenburg.</p>
-
-<p>Wegkundige Späher fanden die Tore im Rand der Gebirge, berittene
-Scharen flossen ins Land wie Frühlingsgewässer und bahnten dem Fußvolk
-den Weg, das mit Schwertern, Schilden und drohenden Helmen bewehrt
-die furchtsamen Völker bezwang.</p>
-
-<p>Denn größer und stärker waren die Männer als alle Mittelmeerkrieger,
-blauäugig, blond, nackten Leibes im Schnee und im kalten Gewässer: Riesen
-der nordischen Nebel, die den Reichtum der Gärten mit Schwertschlag
-erwarben und die Gunst ihrer Sonne lachend genossen.</p>
-
-<p>Bis an die südlichen Küsten wurden die Völker gedrängt, flüchtend auf
-eiligen Schiffen, auf felsigen Inseln von ihren Göttern verlassen das Dasein
-zu retten, indessen die Räuber fröhlich die Ernte einbrachten.</p>
-
-<p>Noch gab es nicht Hellas und Rom, und die Ilias lag noch im Schoß
-zukünftigen Schicksals, als die Väter der Griechen und Römer die Schwertherren<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-der uralten Mittelmeergärten wurden, als die Sonne Homers zu
-scheinen begann in den Kranz der olympischen Götter.</p>
-
-<h3 id="sec2_2">Die olympischen Götter</h3>
-
-<p>Von Norden kamen die blonden Räuber der Frühe, aus Nebelnächten
-unendlicher Wälder und von den kalten Meerküsten.</p>
-
-<p>Es ging eine Sage der Heimat mit ihnen von der versunkenen Insel
-Atlantis, wo der Sonnengott wohnte in blühenden Gärten und wo das
-Leben im Licht lag, bevor die Reifriesen kamen und die alles verschlingende
-Sintflut.</p>
-
-<p>Denn einmal gingen sie nicht auf den Straßen der Fremde, einmal
-wohnten sie froh in der eigenen Freiheit und Er stand im Segen der Fülle:
-Sein Kleid war die Bläue des Himmels, Sein Auge die strahlende Sonne.</p>
-
-<p>Nun saßen sie wieder an sonnigen Küsten; aber der Gott ihrer Herkunft
-hielt sich verhüllt in himmlischen Fernen, indessen der elementarische Aufruhr
-das streitbare Geschlecht der Götter erhöhte.</p>
-
-<p>Die aus Nebel und Not ihrer Flucht in die lässige Fülle der Mittelmeergärten
-gelangten, malten das Bild des göttlichen Daseins mit lockenden
-Farben, malten es aus mit dem Glanz ihres irdischen Glücks, mit dem
-schuldvollen Tun ihrer menschlichen Schwächen.</p>
-
-<p>Auf dem olympischen Freudensitz saßen bei Mahl und Trank die glückreichen
-Götter; die gleich den Menschen Schwertherren waren, rühmten
-sich ihrer Taten und Listen und bestritten einander den Rang ihrer himmlischen
-Geltung.</p>
-
-<p>Wohl hießen sie Zeus den Vater und Fürsten der Göttergewalt, aber
-die Fülle selbstherrlicher Macht hing verstrickt in menschlichen Trieben;
-Hera, die Herrin des Hauses, war seiner Treue nicht froh.</p>
-
-<p>Im Schalkspiel sinnenfroher Verkleidung trieben die ungebändigten
-Wünsche der Götter die Abenteuer der Erde, sie hoben die Lust ihrer Laster
-ins himmlische Licht und die Tracht ihrer Tugend.</p>
-
-<p>Gnade und Groll ihrer Laune verkehrten den Menschen die Tage aus
-flüchtiger Freude in trostlose Trauer; aber sie standen im Schicksal wie sie
-als kurze Tyrannen.</p>
-
-<h3 id="sec2_3">Die Griechen</h3>
-
-<p>Jahrhunderte gingen den Schwertherren hin; ihr Glück prahlte laut in
-den Gärten; die Könige bauten Burgen auf klippigen Küsten, der Ruhm
-ihrer Taten blähte die Segel kielfester Schiffe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span></p>
-
-<p>Troja hieß die Burg und die Stadt über dem Meer, die sie gemeinsam
-berannten; zehn Jahre lang lagen sie da im Schutz ihrer Schiffe, hoben die
-Schwerter und Schilde der Helden im Ruhm ihrer Sänger und bestritten
-den Göttern die Ehre.</p>
-
-<p>Da wurde Ajax die starre Kraft, Achilles die rasende Stärke, Odysseus
-die biegsame List, Nestor die weise Erfahrung: da trat der olympische Himmel
-der Götter ins Schaubild menschlicher Taten.</p>
-
-<p>Da hieß die Stärke und Schönheit des menschlichen Leibes die Tugend,
-da wurde das sterbliche Leben im Kampf unsterblich erhöht.</p>
-
-<p>Aber die Freiheit des Mannes konnte den Göttern nicht trotzen; denn
-Götter und Menschen standen im Schicksal, Schuld und Vergeltung hielten
-der Tat die Gewichte der ewigen Geltung.</p>
-
-<p>So wurde das Unrecht der Macht erhöht in das Recht ihrer Geltung,
-so traten die blonden Räuber der Frühe ein in den Lohn ihrer Tugend.</p>
-
-<p>Sparta hieß ihre Schwertherrenstadt, ohne Burg und Wälle gebaut
-im lakonischen Bergland, nur von den Schilden und Schwertern geschützt,
-und in der Zucht harter Gesetze.</p>
-
-<p>Da hatten die blonden Räuber der Frühe das Land geteilt nach dem
-Recht der freien Gemeinde, da gab es nicht Reichtum noch prahlenden
-Glanz; und König sein hieß, der freien Gemeinde das Schwert und den
-Richterstab hüten.</p>
-
-<p>Da war der Männerstolz: Körper und Geist stark und gesund im Dienst
-des Staates zu halten; da war die Ehre der Frau: dem Mann beizustehen
-als freie Gefährtin, dem Staat ihre Kinder stark und gesund zu gebären.</p>
-
-<p>So stand die spartanische Sitte freiwillig im Stachelkleid harter Gesetze,
-so wurde die Stadt ohne Burg und Wall im lakonischen Bergland die
-Trutzburg griechischer Freiheit.</p>
-
-<p>Bis ihre Sitte den Stachel der Ehre, ihr Gesetz den Stolz der freien
-Erfüllung traurig verlor, bis der spartanische Staat der freien Gemeinde
-lasterhaft lässig und feig Tyrannen gehorchte.</p>
-
-<p>Athen hieß die uralte Königsburg der Pelasger, die nach der Trutzburg die
-helle Hauptstadt der Griechen, die prunkreiche Wiege des Abendlandes wurde.</p>
-
-<p>Nahe dem Meer hing die Stadt der stolzen Akropolis an; die marmornen
-Tempel und Treppen der Burg traten weithin ins Licht, wie ein Turm über
-den Dächern hob das Erzbild der Göttin die goldene Lanze.</p>
-
-<p>Auch in Athen war die Freiheit im Schatten der Götter, aber sie liebte
-die Gärten der heiteren Gunst, sie liebte den mondlichen Schein marmorner
-Hallen, sie liebte den Markt und das Massengedränge, sie liebte die
-Schönheit mehr als die Stärke, und die Lust mehr als die Zucht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p>
-
-<p>Darum schwankte das Schicksal Athens in der Schärfe des Schwertes,
-und einmal verbrannte das persische Heer die Dächer der schimmernden
-Pracht: aber die Brunnen der Lebenslust brachten den Brand zum Verlöschen,
-und herrlicher hob sich die Hoheit der Hallen über dem heiteren Schaubild
-der Stadt.</p>
-
-<p>Sie schlug sich frei aus der persischen Plage, und Perikles kam, der
-Meister der Herrschermacht; er baute den Marmorschrein der alten Königsstadt
-neu und gab den Giebeln die Bildnerei marmorner Leiber.</p>
-
-<p>Er gab den Bildnern, Dichtern und Weisen Griechenlands Weite und
-Raum, der Menschheit den Traum der Wahrheit, Schönheit und Güte zu
-bilden.</p>
-
-<p>Der Morgen ging ein in den Abend, als die morgenländische Weisheit
-nach Griechenland kam, als der düstere Stein der Weisen hell und heiter
-zu funkeln begann.</p>
-
-<p>Da wurden die blonden Räuber der Frühe Schatzhalter der ewigen
-Dinge, aus Tiefen der Ahnung wuchs ihnen Vergangenheit zu, über den
-Abgrund zukünftiger Zerstörung, im Schutt langer Vergessenheit der
-menschlichen Seele aus göttlicher Herkunft das Kleinod zu retten.</p>
-
-<h3 id="sec2_4">Die Römer</h3>
-
-<p>Rauschgolden verging die Sonne der Griechen im Abendrotglück Alexanders,
-der lateinische Mond stieg auf mit glänzender Scheibe; auf dem
-Markt von Athen standen römische Wachen, im Spottbild der Gaukler
-starb ruhmlos Sparta.</p>
-
-<p>Rom hielt das Zepter des Abendlandes über den Mittelmeergärten,
-über dem persischen Glück und dem messianischen Traum der Hebräer,
-über dem pharaonischen Altar und über der greisen Jugend der Griechen.</p>
-
-<p>Eine Wölfin, heißt es, habe die blonden Räuber der Frühe gesäugt, die
-den Völkern am Tiber die neue Schwertherrschaft brachten: eine hungrige
-Wölfin fraß Länder und Städte und wurde die Herrin der Mittelmeergärten.</p>
-
-<p>Stärker als alle Mächte im Morgen- und Abendland war der stolze
-Römergedanke, über den Königsglanz, über despotische Willkür für immer
-Vernunft und Willen der freien Gemeinde als Ordnung des Staates zu
-stellen.</p>
-
-<p>Sinnbild und Wächter der freien Gemeinde und Hüter des Staates
-war der Senat der würdigsten Männer; er gab dem Krieger das Schwert
-und dem Priester den Stab, dem Richter das Beil und dem Konsul die Toga.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span></p>
-
-<p>Da galt die Stärke und Schönheit des Leibes nicht mehr allein, nicht
-mehr das heitere Spiel genießender Sinne und kühner Gedanken: über dem
-bunten Dienst seiner selbst stand das Gebot der Gesamtheit.</p>
-
-<p>Gefährliche Tierheit war aller persönlicher Schein, Sinn war allein im
-Charakter: karg blieb er in Worten, schlicht im Gewand, streng und gemessen
-in seiner Haltung, groß allein war die Tat.</p>
-
-<p>Zucht war die Tugend des römischen Bürgers, aber die Zucht war das
-Glück; denn die freie Erfüllung der Pflicht war mehr als Gehorsam, und
-das Glück der Römergesinnung war mehr als die Pflicht.</p>
-
-<p>So war der Bürger von Rom und so war die Geltung, daß ihm die
-bunte Vielheit der Mittelmeervölker gehorchte: als Römer geboren, hieß
-Gebieter im Abend- und Morgenland sein.</p>
-
-<p>Bis im römischen Weltbürgersaal Macht nur noch Macht war, bis der
-persische Adler das Feldzeichen der römischen Schwertherrschaft wurde, bis
-Cäsar der freien Gemeinde das Rückgrat zerbrach, bis Augustus den Prunkmantel
-der römischen Kaisermacht trug.</p>
-
-<h3 id="sec2_5">Das Land der neblichten Wälder</h3>
-
-<p>Die aber die Kundschaft der kühnen Räuber nicht fanden, die an den
-kalten Meerküsten blieben und in der Nebelnacht unendlicher Wälder:
-ihnen malte kein lässiges Glück das Schaubild üppiger Götter.</p>
-
-<p>Streitbar und stark blieb Wodans Geschlecht im Kampf mit den Riesen
-und Alben der kalten Meeresküste, rauh war der Tag, mager die Feldfrucht
-und mühsam der Wildfang.</p>
-
-<p>Stürme und Sterne der Winternacht hielten das Jahr in der Strenge,
-kurz war die Wende des Sommers und karg das wärmende Licht seiner
-Sonne; Kälte und Nässe hingen dem Frühling das Nebelkleid um, früh
-kam der Herbst mit den Frösten.</p>
-
-<p>Aber in Wetter und Wind standen die schweigenden Wälder, das Quellengeheimnis
-zu hüten; Wiesen und Felder, getränkt von rieselnden Bächen,
-gaben dem Fleiß ihre Frucht; das wilde Getier hielt Mut und Freiheit in
-Atem.</p>
-
-<p>Nicht Städte und steinerne Höfe gab es im Land der neblichten Wälder
-und keine Tempel den Göttern, nachbarlich fern standen die Häuser im
-Schatten schützender Bäume, aus Balken gefügt und bedacht mit Stroh,
-gleich moosigen Zelten.</p>
-
-<p>Wie die Vögel in der Luft und die Fische im Wasser, so waren die Menschen
-im Wald; sein Regen umrauschte ihr Dasein, sein Dunkel verschlang<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-ihren Schritt, sein Frühling trieb ihre Knospen, sein Winter verschneite den
-Schlaf der wartenden Tage.</p>
-
-<p>Aber Er war noch wach in der Herkunft aus lichtreicher Weite, heilige
-Bräuche und stolze Gemeinschaft hielten dem Mann das Dach seines Hauses
-vor Frevel geschützt; das Kriegsschwert stak in der Erde, bis Sein Gebot
-es den Männern gab, die Schärfe zu zeigen.</p>
-
-<p>Ob sie Ihn Ear oder Ziu, Tyr oder Zywaz, Thys oder Thingsu nannten:
-Er hielt das Recht ihres Daseins über dem ewigen Abgrund.</p>
-
-<p>Wo der uralte Wald die grüne Lichtung umgrenzte, tief in den Gründen
-wurden die weißen Rosse gehütet im heiligen Dienst Seiner Macht;
-Seine Priester lasen die Zeichen auf heiligen Stäben und hielten den weißen
-Rossen die Zügel, wenn sie den Bannkreis Seiner heiligen Wohnung
-umschritten.</p>
-
-<p>Dann eilten sie, Blumen zu streuen, und singend kamen die Kinder;
-dem Wagen entgegen schwoll Freude und Festklang; die Waffen waren verschlossen,
-kein Krieg durfte sein; für einen Tag ging die Zeit der neblichten
-Wälder die unvergessenen Wege.</p>
-
-<p>Für einen Tag blühte die Heimat aus uralten Freuden, der Frieden
-spannte den Himmel blau und hell übers Land, das Feld lag in Sonne, wie
-einer Braut strich zärtlicher Wind der blühenden Wiese die Wangen.</p>
-
-<p>Uralt und heilig stand über dem neblichten Tag die helle Herkunft der
-Dinge und hielt die Menschen umfangen im Netz ihrer starken Gesetze.</p>
-
-<p>Der Schritt des Lebens war tapfere Tat, und mit den Waffen zu sterben,
-sein fröhlichster Ruhm; aber das Wort war ein Schwur über dem
-Schwert, und stärker war keiner geschützt mit Waffen, denn der als Gast in
-ein Haus kam.</p>
-
-<h3 id="sec2_6">Der kimbrische Schrecken</h3>
-
-<p>An der kalten Meerküste begann der Malstrom zu mahlen, der die Springflut
-germanischer Völker über das Abendland brachte, über das Schwertreich
-der Römer und über die Ernte der Mittelmeergärten: die Kimbrer
-waren sein frühester Schrecken.</p>
-
-<p>Mit Wagen, Herden, Greisen und Kindern, im Wuchs der riesigen
-Leiber halb nackt, mit Speeren, Schilden und Hornzier der Helme gleich
-Tieren der neblichten Wälder gerüstet: so kamen die kimbrischen Völker ins
-römische Land der Taurisker.</p>
-
-<p>Als ob die Götter den Furchtbaren hülfen auf dem Feld von Noreja,
-fiel ein Gewitter über die Schlacht, donnernd zum dröhnenden Schildruf<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-der Kimbrer; die Feldkunst der stolzen Kohorten erlag der Speerkraft von
-Norden: mit den Läufern nach Rom lief der kimbrische Schrecken.</p>
-
-<p>Aber die Kimbrer wichen zurück in die Wildnis und wandten sich westwärts
-ins gallische Land, weil sie Weide und Land, nicht Streit suchten.</p>
-
-<p>Da hielten die Heere der Konsuln die Tore bewacht im Gebirge; zum
-andernmal schlug der kimbrische Schrecken den Römern das Schwert aus
-der Hand, aber noch immer mieden die Sieger das Land der Kohorten.</p>
-
-<p>Elf Jahre lang irrten sie landsuchend hin im Lebensumstand der Wagen
-und Herden, mühsam hinüber ins spanische Land und mißlich zurück in die
-östlichen Berge, bis sie das Alpentor fanden.</p>
-
-<p>Ihre Knaben waren Krieger geworden und Mütter die Mädchen, als
-ihnen die Täler Tirols den Eingang erschlossen, als sie im sonnigen Südland
-der Alpen endlich die Weide der langen Wanderschaft fanden.</p>
-
-<p>Einen Herbst, einen Winter und Frühling saßen die Kimbrer da im
-Kanaan ihrer Kundschafter, das Landsucherglück zu genießen; dann traf sie
-das Schwert der Vergeltung in der Schlacht auf den raudischen Feldern.</p>
-
-<p>Am Gürtel mit Ketten verschränkt, sanken die kimbrischen Männer
-der römischen Übermacht hin; die Weiber der Wagenburg warfen die
-Speere und hetzten die Hunde, aber der dröhnende Schildruf verhallte, der
-kimbrische Schrecken starb im Schlag der römischen Schwerter.</p>
-
-<p>Die raudischen Felder tranken das Blut der nordischen Leiber; Weide
-und Wohnsitz zu suchen, kamen sie her aus dem kalten Jütland, nun gingen
-sie ein durch das Joch in die Mittelmeergärten und dienten als Sklaven,
-wo sie als Freie zu hausen gedachten.</p>
-
-<p>Kein schöneres Schicksal war ihnen vergönnt als dieses: Bienenschwärme
-zu sein, die keine Imkerhand einbrachte, und die nach kärglichem Sommer
-im kahlen Winter verdarben.</p>
-
-<h3 id="sec2_7">Die Stachelschnur der Kastelle</h3>
-
-<p>Wo der steile Bogen der Berge die römischen Gärten beschützte, wo
-der Zackenrand eisiger Gipfel den Mittelmeerhimmel bekränzte, wo das
-schäumende Wasser schrecklicher Schluchten sich staute in grünblauen
-Seen: kam die Stärke des Stromes, abzuscheiden das Land der neblichten
-Wälder.</p>
-
-<p>Bis in die Sümpfe der kalten Meeresküste zog das grüne Gewässer des
-Rheines der römischen Herrschaft die gallische Grenze gegen die freien Germanen.</p>
-
-<p>Wohl scholl der Hornruf hinüber, und dreimal baute Cäsar die Brücken,<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-sein Schwert in die Wälder zu tragen: aber das unermeßliche Schweigen
-bot seinem Beutezug Halt, in der grünen Finsternis lagen die Gründe
-germanischer Freiheit behütet.</p>
-
-<p>Erst Drusus, dem Jüngling gelang, was der Strom und die Wälder
-dem Cäsar verwehrten: fünfmal zog er als Kundschafter aus und trug den
-gierigen Adler der römischen Weltmacht tief in das weglose Waldland.</p>
-
-<p>Am sandigen Ufer der Elbe tat er sein Wahrzeichen auf, dreihundert
-römische Meilen weit im herbstroten Land der Cherusker, der tiefer als jemals
-ein Römer in Wodans Wolkenreich kam.</p>
-
-<p>Aus der schweigsamen Tiefe der unabsehbaren Wälder, so heißt es, und
-aus dem Grauen des nahenden Winters trat eine Riesin vor ihn, uralt und
-Unheil weissagend dem prahlenden Jüngling.</p>
-
-<p>Sein Übermut lachte des raunenden Weibes, aber sein Roß stürzte hin
-auf der Rückfahrt, sie hoben ihn auf mit gebrochenen Beinen.</p>
-
-<p>Dreißig Tage lang trugen die Krieger dem Jüngling die Bahre, durch
-Sturm und Regen der Wildnis die mühsame Weite zurück, wo sie im
-Sommer mit Hörnerschall ritten: nur seine Leiche brachten sie heim, im
-Standlager zu Mainz dem Stolzen das steinerne Grabmal zu bauen.</p>
-
-<p>Dann taten die Römer dem Strom die Stachelschnur an ihrer trotzig
-bewehrten Kastelle; von den grünblauen Seen hinunter zur kalten Meerküste
-stand ihre Wacht am Strom und am Rand der düsteren Wälder.</p>
-
-<p>Schwer hing die Frucht und süß schwoll die Rebe zur Linken im Hügelland
-gallischer Sonne; dunkel und drohend dehnte sich rechts die dürftige
-Wildnis, der Nebel hing grau über unermeßlichen Weiten.</p>
-
-<p>Die gallische Morgengabe cäsarischer Macht wurde reich im Gewinn
-emsiger Gärtner; über den Strom scholl der krachende Speer und der
-Schildruf trotzig anschweifender Scharen.</p>
-
-<h3 id="sec2_8">Arminius</h3>
-
-<p>Als das Gebot des Kaisers Augustus ausging, die Welt der römischen
-Herrschaft zu schätzen, kam als Geisel ein Jüngling nach Rom, aus dem
-Stamm der Cherusker und Segimers Sohn, der ein Fürst seiner Sippe im
-Weserland war.</p>
-
-<p>Sein Oheim Segestes hatte dem Kaiser ein Hilfsvolk gestellt, darin der
-Sohn Segimers Söldnerdienst tat; ihm boten die Römer das Bürgerrecht
-an, in den römischen Ritterstand hob der Kaiser den Jüngling.</p>
-
-<p>Als er heimkehren durfte in das Land seiner Väter, wo sein Oheim Segestes
-dem Statthalter Varus in Unterwürfigkeit diente, sah er Dinge geschehen<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-am Volk der Cherusker, die ihm verräterisch schienen und seinen
-Zorn reizten.</p>
-
-<p>Denn als Bundesgenosse, nicht als Besiegter hatte das Volk an der
-Weser den Römern Einlaß gewährt; Varus aber ließ Strafen verhängen
-von römischen Richtern, Rutenbündel und Beil bedrohten das Recht und
-die Herkunft der freien Gemeinde.</p>
-
-<p>Dem Kaiser bauten die Römer im Land der Cherusker Altäre; und was
-den Freien zu hüten heilige Pflicht war, der Wahrspruch der wehrhaften
-Männer, wurde von Varus verspottet.</p>
-
-<p>Dem Unrecht solcher Gewalt mit List zu begegnen, ließ Segimers Sohn
-die Jünglinge der Cherusker heimlich die Blutspur beschwören.</p>
-
-<p>So sehr war der Hochmut des Römers verblendet, daß er des warnenden
-Segestes lachte, als er im Schwall und Hörnerklang seiner Kohorten das
-Sommerlager verließ.</p>
-
-<p>Regenstürme stöhnten im Wald und die Bäche brachen ins Land, als
-die Bäume anfingen, Wurfspeere zu regnen, als die Cherusker, von kundigen
-Führern nächtlich geleitet, den gepanzerten Heerwurm anfielen, als der
-prahlende Schall und der Notruf der Hörner hinstarb im Schildruf der
-Völker.</p>
-
-<p>Am dritten Abend erlag der gepanzerte Leib den zornigen Bissen, der
-Statthalter Varus sank in sein eigenes Schwert; nur die Reiter der Nachhut
-entrannen, den Schrecken des Teutoburger Waldes ans gallische Ufer
-zu tragen.</p>
-
-<p>Als die Weiden grün wurden im Weserland und der Holderbusch
-blühte, schreckte kein Hörnerschall mehr das befreite Volk der Cherusker;
-die Lieder gingen von Segimers Sohn, wie sie von Wodan, Donar und
-Saxnot und den Helden der Götterzeit sangen.</p>
-
-<p>In Rom aber schritt, von Segestes dem Vater an ihre Feinde verraten,
-Thusnelda, die Gattin des Kühnen, als Sklavin die Gasse der Gaffer;
-und auch den Herrlichen fällt der Neid mit dem Mordstahl der Tücke.</p>
-
-<p>Im siebenunddreißigsten Jahr seines siegreichen Lebens fiel Segimers
-Sohn, der sein Volk aus der römischen Knechtschaft befreite und dem Land
-der Wälder und Wiesen der herrlichste Held war.</p>
-
-<p>Wohl sangen die Lieder noch lange ihm nach, den die Römer Arminius
-nannten, aber sein deutscher Name verscholl im Sang der rühmenden Sage.</p>
-
-<p>Da klingt er hell, wie ein Frühlingstag steht mit Blüten und blankem
-Gewässer, da wird Segimers Sohn und Segimunds Schwäher, der treulos
-verratene Held in der Arglist der Sippe, Segifried, Siegfried geheißen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec2_9">Der Pfahlgraben</h3>
-
-<p>Wo der Strom seinen Lauf in den Altwässern suchte, sein flaches Gewässer
-den gallischen Gärten kein Schutz war, wo der Wald sich vorschob
-im schwarzen Gebirge, hoch über dem Rhein die sumpfigen Quellen der
-Donau zu tragen: da bauten die Römer das Bollwerk des Zehntlandes
-ein.</p>
-
-<p>Sie warfen die Stachelschnur vor mit klug gestellten Kastellen und
-säumten sie ein in den Wall, der mit Türmen, Gräben und Pfählen geschützt
-über die waldigen Kämme des Taunus zum braunen Gewässer des
-Mains und über das steinichte Hochland nach Norikum lief.</p>
-
-<p>Eine Stadtmauer mit Toren und Türmen, länger als fünfhundert
-Meilen, durchquerte den Wald und die Wildnis vom Rhein bis zur Donau;
-acht Kaiser bauten daran in mehr als zweihundert Jahren, und der sie am
-stärksten bewehrte, dem fiel sie in Trümmer.</p>
-
-<p>Eher als eine Mauer war es ein Deich, gegen die Springflut gebaut
-und harmlos an windstillen Tagen, wenn durch die Schleusen das dünne
-Gewässer des täglichen Grenzverkehrs floß.</p>
-
-<p>Dann wagten römische Händler die Fahrt ins germanische Waldmeer,
-wo nur selten der Krieg das Tagwerk der friedlichen Bauernwelt störte, wo
-die Gastlichkeit fröhlicher Brauch und die Treue gegen den Gast eine heilige
-Pflicht war.</p>
-
-<p>Sie sahen das seltsame Fachwerk der Häuser, die sauber gefärbten
-Fächer im schmuckvoll gefügten Gebälk, sie sahen die Säle der Fürsten mit
-hölzernen Hallen rundum, die Balken geschnitzt und die Bretter bemalt
-mit vielverschlungenen Bändern.</p>
-
-<p>Sie sahen die Jugend spielen im Hof unter Bäumen, nackten Leibes in
-Wind und im Regen und ihrer Gliederkraft froh; sie sahen die Mütter
-Feldarbeit tun im Kreis der lachenden, singenden Mägde.</p>
-
-<p>Sie sahen die Männer heimkehren, müde der mühsamen Jagd in den
-Wäldern, sahen sie sitzen im Schmuck ihrer Waffen zum Rat der Gemeinde,
-sahen sie richten und dem Gesetz die Waage mit Freimut und Unbeugsamkeit
-halten.</p>
-
-<p>Sie sahen ein Bauerngeschlecht sein einfaches Tagewerk tun, sahen es
-sorgsam gefügt in Sippen und Gauen und fest in der Pflicht der Gemeinschaft,
-sahen es fröhlich und stark und stets gerüstet zum Kampf, wenn das
-Kriegsschwert die Mannschaft der Dörfer aufrief zum Volksheer der
-Stämme.</p>
-
-<p>Sie sahen die Fürsten geehrt im Glanz der Edlen und Freien, sie sahen<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-die Jünglingsschar trotzig und waffengeübt und lüstern des Tages, da der
-Krieg Heldenruhm brachte.</p>
-
-<p>Sie sahen die Frau als freie Genossin des Mannes, und sahen, wie
-Treue um Treue, Reinheit und Stolz ihr Ehrenkleid waren.</p>
-
-<p>Sie sahen die Brandung unbändiger Kraft gemeistert in Zucht und
-Gehorsam und ahnten den Tag, da die Springflut anstürmte und der Deich
-mit der Stachelschnur seiner Kastelle zu dünn war für die Gewalt.</p>
-
-<h3 id="sec2_10">Tacitus</h3>
-
-<p>Als Tacitus seine Germania schrieb, mit warnenden Worten zu sagen,
-was für ein Land hinter der Stachelschnur seiner Kastelle Rom unbekannt
-sei und was für ein Volk darin wohne: war Domitian, der feige Prahler
-und Wüstling, römischer Kaiser.</p>
-
-<p>Der Weltherrschertraum des Augustus, weit und glücklich begonnen,
-hatte zur Wirklichkeit Neros geführt; über dem Recht der freien Gemeinde
-hing das Schwert der Tyrannen, der Senat trug den Purpur der Kaisergewalt.</p>
-
-<p>Die Kaisergewalt war der Kriegsknecht: mit gallischen Söldnern kam
-Cäsar nach Rom, den Senat zu bekriegen, in allen Provinzen der römischen
-Weltmacht waren die Legionen des Kaisers geworben, die aus dem Volksheer
-der Römer die Herrschaft der Kriegsknechte machten.</p>
-
-<p>Ein Krake war das Weltreich der römischen Kaiser, soweit die Greifarme
-der Legionen reichten, fraß er die Länder leer von Persien bis nach
-Britannien, aber der Bauch saß am Tiber.</p>
-
-<p>Der Bauch saß am Tiber und wurde kraftlos an seinen eigenen Gliedern:
-Zucht war die Tugend des römischen Bürgers gewesen, aber die Kaisergewalt
-hatte die Tugend beschattet und hatte dem Laster Paläste gebaut.</p>
-
-<p>Tacitus war kein Kriegsmann, wie Cäsar in Gallien war und hatte
-nicht eigenen Ruhm zu verkünden; er war nur ein Römer der alten Zeit,
-der dem Sittenverfall seiner Tage den Spiegel germanischer Einfachheit
-vorhielt.</p>
-
-<p>Er sah die Tugend und sah die Laster der Deutschen, aber er sah auch
-die Einfalt der Sitten, die Nähe der starken Natur und die Waltung der
-Herkunft.</p>
-
-<p>Freiheit und Ehrfurcht, die Schlüssel der Menschheit, sah er in einfachen
-Händen; wie Kinder die Dinge tapfer und gläubig tun, sah er die
-Deutschen, indessen die Römer in greiser Lüsternheit gingen.</p>
-
-<p>Er wollte dem Sittenverfall seiner Tage den Spiegel vorhalten und<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-war ein Römer der alten Zeit; aber das Spiegelbild zeigte die kommende
-Stunde: fröhliche Stärke der Jugend gegen das grausame Alter.</p>
-
-<h3 id="sec2_11">Die Springflut</h3>
-
-<p>Das kurze Schwert, den runden Schild und Gehorsam ihrem König
-brachten die Goten mit über das Wasser, als sie den alten Völkerweg fanden,
-von Schweden hinunter ans Schwarze Meer und hinüber zum Pontus.</p>
-
-<p>Da wurde das alte Skythenland wach im Lärm der Wagen und Pferde,
-weit in die Stille der östlichen Steppen floh der Hufschlag der Bogenreiter,
-Völker bedrängten die Völker, Länder wurden lebendig und der Wald kam
-ins Wandern.</p>
-
-<p>Markomannen, Vandalen und Alemannen, Burgunder und Langobarden
-wichen dem gotischen Königsvolk aus und strömten landsuchend hinein
-ins Tiefland der Donau, bis der Völkerkessel voll war zum Rand und überfloß
-in die römischen Gärten.</p>
-
-<p>Vierzehn Jahre lang lag er zu Feld, Mark Aurel, der die Feder liebte
-und das Schwert nicht hinlegen konnte, in Mühsal und Mißmut den Markomannen
-zu wehren; als er den Sieg endlich sah, nahm ihm der Tod den
-kargen Gewinn aus der Hand.</p>
-
-<p>Unaufhörlich danach warf die Brandung flüchtender Völker Spritzwellen
-hinein in die Gärten, bis die Stachelschnur riß; über den römischen
-Deich rauschte das deutsche Gewässer.</p>
-
-<p>Schon waren die Alpentore gesprengt, als die Hauptstadt der Welt sich
-selber zum Schutz die neue Ringmauer baute; wie zur Königszeit war das
-herrische Rom wieder die Burg am Tiber. Achthundert Jahre lang hielt
-sie die Völker im Zwang ihres siegreichen Schwertes, nun krachte von Norden
-der Speer und warf ihr den Staub vor die Füße.</p>
-
-<p>Noch kreisten die römischen Adler über den Mittelmeergärten, noch lagen
-die Legionen schwer auf dem Morgenland, noch hielten die Standlager
-Wacht am Strom und schützten die gallische Ernte; aber die stolze Blöße
-des römischen Hauptes zog wieder den Eisenhelm an.</p>
-
-<h3 id="sec2_12">Ermanerich</h3>
-
-<p>Von der Weichsel zur Wolga reichten die Waffen des gotischen Königs,
-und die Völker des Pontus brachten Ermanerich Lösegeld dar.</p>
-
-<p>So hieß er der Reiche, als er nicht mehr ausreiten konnte zur wehenden
-Schlacht; zehnhundert Goten, rühmt die Sage, saßen im Saal, wenn er<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-trank aus dem goldenen Becher und den Liedern lauschte der Amelungen,
-seines den Göttern entstammenden Geschlechts.</p>
-
-<p>Trotz seinem Alter dachte er noch, Schwanhild die schöne zu freien, und
-sandte Randwer den Sohn ins roxolanische Reich, ihm Schwanhild die
-weiße zu holen; aber Randwer der feine hob seine Augen auf zu der Jungfrau,
-die seine Mutter zu heißen bestimmt war.</p>
-
-<p>Nicht lange, so war die Liebe dem König verraten; da zerriß er den Bart,
-der wie der Schweif seines Schimmels war, und schwer vergalt er den beiden
-die Schande: am Galgen hing ihm der Sohn, die Pferde schleiften die
-schöne Schwanhild.</p>
-
-<p>Die ihre Brüder hießen, ritten zur Rache in seine Burg; obwohl der
-Goten zehnhundert dasaßen, über die Leichen der Scharwächter schritten
-sie ein mit zornigem Schwertschlag und trafen ihn, mitten im Saal, der sie
-spöttisch begrüßte.</p>
-
-<p>Sie wurden mit Steinen geworfen und starben im Zorn seiner Mannen;
-aber dem Amelungen schmeckte kein Wein mehr, er siechte hin an den
-Wunden.</p>
-
-<p>Das aber, heißt es, geschah zu der Zeit, da die hunnischen Reiter einbrachen
-ins gotische Land mit unermeßlichen Scharen; der unter Kühnen
-König war, mußte brach liegen und die Boten abwarten der dritten verlorenen
-Schlacht.</p>
-
-<p>Als er die Brandfackeln flammen sah in der Nacht, hielt er das Schwert,
-zu schwer seinen Händen, und warf sein Herz in die Schärfe, daß kein
-sterblicher Mann sich zum andernmal rühme, sein Schwert mit dem Blut
-des Amelungen gerötet zu haben.</p>
-
-<h3 id="sec2_13">Alarich</h3>
-
-<p>Als die Westgoten dem römischen Kaiser Söldnerdienst taten, wurde
-Alarich König, aus dem Baltengeschlecht, das ist der Kühnen.</p>
-
-<p>Er sah sein verschlagenes Volk untergehen in den östlichen Mittelmeergärten,
-darin es klüglich verteilt war, von Mösien über den Hellespont hin
-bis weit ins syrische Land.</p>
-
-<p>Er aber wollte Volkskönig sein gleich seinen Vätern und dem verschlagenen
-Volk ein Vaterland finden; denn nur, was das Schwert hielt, war
-noch Besitz, als mit der Eifersucht törichter Knaben in Rom und Byzanz
-das wankende Weltreich zerbrach.</p>
-
-<p>Kühner als vormals die Kimbrer ging Alarichs Fahrt, durch keine Habe
-behindert als durch das Schwert und die Zelte des Lagers: bald stand er<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-mitten in Griechenland, Hellas und Sparta hörten wieder den Schwertschlag
-und die blonden Räuber der Frühe.</p>
-
-<p>Stilicho der Vandale, der dem Kaiserknaben in Rom die Steigbügel
-hielt, kam mit Schiffen und großer Kriegsmacht, den Kühnen zu fangen:
-aber der Neid von Byzanz öffnete listig die Falle und wies der gotischen
-Heerschar das dalmatinische Küstenland an.</p>
-
-<p>Seitdem züngelte Alarichs Schwert scharf zwischen Rom und Byzanz;
-an der steinichten Schwelle der römischen Gärten sah er die Lockung reicher
-Landschaften vor seiner Tür.</p>
-
-<p>Das Wasser war dünn im Isonzo, bald stand er am Po und einmal am
-gallischen Tor im ligurischen Bergland.</p>
-
-<p>Da mußte Stilicho Lösegeld leisten, Norikum bot er als Bündnispfand
-an: so wurde das gotische Heervolk wieder landeigen und Alarich König im
-neuen Westgotenland; doch gab er den Schlüssel der römischen Gärten nicht
-aus den Händen.</p>
-
-<p>Als der Knabenkaiser dem Kanzler die Treue mit Arglist vergalt, als
-Stilicho den Henkertod fand, trug er sein Schwert verwegen vor Rom, und
-schimpflich mußte der stolze Senat den Abzug der Goten erkaufen.</p>
-
-<p>Mehr als ein Jahr lang lag er im Feld, dem das römische Heer von
-Ravenna den Rückzug verlegte: ein Straßenkönig im fremden Land, mit
-dem Schwert sein Zeltlager schützend.</p>
-
-<p>Weder Land noch Frieden war zu gewinnen vor der Burg von Ravenna,
-zum andernmal zog er nach Rom, und diesmal erfuhr die Stolze das Schicksal,
-so mancher feindlichen Stadt von der römischen Schwertmacht bereitet.</p>
-
-<p>Die seit achthundert Jahren keinen Feind kannte, sah durch Konstantins
-prahlenden Bogen den König der Goten einreiten: aber kein Rausch
-der Stunde verwirrte Alarichs Blick, daß dies für sein kühneres Trachten
-ein kurzer Triumph war.</p>
-
-<p>Drei Tage lang ließ er die Seinen das Siegerglück kosten, dann nahm
-er die Hitzigen hart in die Hand: Karthago, die Kornkammer Roms, sollte
-der Preis seiner Fahrt und die Burg für sein Königtum sein.</p>
-
-<p>Schon hatten kalabrische Schiffer ihm eine Flotte gerafft, als die kochenden
-Strudel herbstlicher Stürme die Schiffe zerschellten; vom Fieber verzehrt
-wichen die Seinen verzagt nach Cosenza zurück: da stillte der Tod dem
-Balten den unsteten Herzschlag.</p>
-
-<p>Im Sumpffiebertal von Cosenza starb im vierzigsten Jahr seines Lebens
-der König der Goten, der seinem Volk kein Vaterland fand, der die gotischen
-Männer im dürren Gestein der kalabrischen Küste zurückließ.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span></p>
-
-<p>Landfahrend in der Fremde todfeindlicher Länder, konnten sie keinen
-Grabhügel wölben, kein Gedächtnis der Trauer dem grausamen Tal, daraus
-sie morgen schon schritten, das Schwert in der Hand.</p>
-
-<p>Sie gruben ihm nächtlich ein Grab im Busento und senkten den König
-mit Schmuck und Schwert in den schweigsamen Grund.</p>
-
-<p>Als die Sonne aufging im steinichten Tal, darin sie heimatlos standen
-und ihres Daseins nur durch das Schwert in der trotzigen Hand versichert,
-flossen die Wellen schon wieder den emsigen Lauf, mit schäumendem Schleier
-den Schlaf zu hüten, der den schwertfahrenden Männern Losung und Ziel
-ihres kurzen Straßenglücks war.</p>
-
-<h3 id="sec2_14">Die Hochzeit von Narbonne</h3>
-
-<p>Als Alarich der Kühne schlafen ging im kühlen Steingrund des Busento,
-ließ er die Seinen schiffbrüchig auf einer Fahrt zurück, die für die Ebbe ihres
-Rückzugs gefährlicher als für die hingeschäumte Flut war.</p>
-
-<p>Doch führte die verwegene Kriegerschar als Geisel die junge Kaiserschwester
-mit, die schon im dritten Jahr die Irrfahrt ihres Lagers teilte:
-Placidia, von Athaulf, dem Schwager Alarichs, als Gemahlin begehrt und
-ihm zugetan.</p>
-
-<p>Sie war den schlimm Verschlagenen ein Amulett: mit hundert Listen
-der Gefahr ausweichend, schob sich ihr Lagerdasein in Winkelzügen verwegen
-nordwärts, Rom und Ravenna rasch vermeidend, bis sie im zweiten
-Sommer die Alpen überschritten, die Tür ins Freie zu gewinnen.</p>
-
-<p>Da schlugen sie den Sarus, dann den Jovinus, die in Gallien abtrünnige
-Gewaltherrn waren, und boten sich der schwankenden Gewalt des
-Kaisers als Schildhalter an.</p>
-
-<p>Denn Athaulf der Gote, der des Kaisers Schwester zur Gemahlin begehrte,
-erfüllte klug und klar, was Alarich im Trotz nicht zwingen konnte:
-das Schwert der Goten sollte halten, was den schwachen Händen der Römer
-entglitten war.</p>
-
-<p>Als Athaulf mit der Placidia Hochzeit hielt, schien in die dunkle Zwietracht
-der Zeit ein zager Sonnenstrahl, von den Goten in Narbonne prunkvoll
-gefeiert: die Blonden huldigten der braunen Königin.</p>
-
-<p>Ob es für Athaulf ein kurzer Traum war, ein halbes Jahr nach seiner
-Hochzeit mit dem Tod bezahlt: der weise Wallia kam und baute den Traum
-treu in die Wirklichkeit.</p>
-
-<p>Das Ränkespiel der Höfe von Ravenna und Byzanz ging ruchlos weiter
-mit Mord und Mörderlisten: das Reich der Goten hielt den Sonnenstrahl<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-in Pflege, bis er aus Gallien nach Spanien hinüber in einen breiten
-Sommer gewachsen war.</p>
-
-<p>Das tolosanische Reich war es genannt, der Ruhm seiner Macht und
-Schönheit rief die Gesandten von Morgenland her, und stärker stellte kein
-Fürst dem Frieden das Schwert vor die Tore, als Eurich der Große, König
-der Goten, tat.</p>
-
-<p>Von der Loire bis zum Tajo hielt seine mächtige Hand die Unrast der
-Völker gebändigt; auch ließ er die Tafeln der gotischen Herkunft schreiben
-als Recht und Gesetz des tolosanischen Westgotenreiches.</p>
-
-<p>Dreihundert Jahre hielt es reich und räumig den Völkerstürmen stand,
-und war dem Islam noch ein Garten, darin die Märchen seiner Künste
-blühten wie nie im Morgenland.</p>
-
-<p>Und wurde das Wunderland der ritterlichen Tugend, die früheste Freistatt
-der Bildung, und hielt das Gotenrecht lebendig durch tausend Jahre.</p>
-
-<h3 id="sec2_15">Geiserich</h3>
-
-<p>Wild und weit hat die Vandalen die Völkerflut verschlagen und ihre
-Mühsal vom wasserreichen Waldland der Oder ins Morgenland gebracht;
-die unter Godegisel in Gallien einbrachen, ritten die Grenzen Geiserichs
-ab am Rand der Libyschen Wüste.</p>
-
-<p>In Andalusien saßen sie wartend und sahen am blauen Meertor die
-Kornkammer Roms, das wiedererbaute Karthago: Seefahrer wurden sie
-da, die gleich den Goten Schwertkämpfer waren, und kamen mit flinken
-Schiffen hinüber, als die Karthager sie riefen.</p>
-
-<p>Da löste das Schwert der Vandalen den Fluch von Karthago und stach
-dem römischen Stolz in die hilflosen Glieder, da wurde Hannibals Heimat
-zum andernmal Herrin der Meere.</p>
-
-<p>Denn Geiserich, das ist Speerfürst, nahm das karthagische Land, verwildert
-durch Aufruhr und Kirchengezänk, in harte Verwaltung, und war
-auf der Burg von Karthago der Seefahrerkönig, den keiner bezwang.</p>
-
-<p>Und als ihn Eudoxia rief, den gemordeten Kaiser und Gatten zu rächen,
-vergalt er den Römern den Brand von Karthago; mit seinen Schiffen fuhr
-er hinein in den Tiber und ließ sich durch Leo, den drohenden Bischof, nicht
-schrecken.</p>
-
-<p>Und ließ die gedemütigte Herrin der Welt sein Siegerrecht fühlen; wie
-vorzeiten die römischen Schiffe den Raub heimbrachten aus dem zerstörten
-Karthago, vergalt er Gleiches mit Gleichem und trotzte lachend dem Fluch
-der römischen Priester.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span></p>
-
-<p>Und hielt seinen Horst an der klippigen Küste, und blieb in den Mittelmeergärten
-der Seefahrerkönig, den keiner bezwang, bis er heimging im
-Alter, versammelt zu den Vätern im Waldland der Oder:</p>
-
-<p>Der als Knabe mit über den Rhein geritten war und als würdiger
-Greis auf der Burg von Karthago, geliebt von den Seinen, das Abenteuer
-seines reisigen Lebens reich und rund gespiegelt sah in der Mittelmeerbläue.</p>
-
-<h3 id="sec2_16">Die Hunnenschlacht</h3>
-
-<p>Als Etzel, Heerfürst der Hunnen, ausritt von Ungarn ins gallische Land,
-kam die große Sturzwelle der Völker, alles ersäufend in ihrer Bahn, was
-die Flucht ins Gebirge versäumte.</p>
-
-<p>Wie Rabenflug war der Ritt seiner Scharen, und rascher kaum rannte
-der Schrecken vor ihnen her, als der Hufschlag der struppigen Pferde.</p>
-
-<p>Da half nicht Schwert und nicht Schwur, der berittenen Unzahl zu
-wehren: so unaufhaltsam schwoll das Gewässer der hunnischen Reiter ins
-Land, daß schon im Sommer die ersten Sturzwellen um Orleans schäumten.</p>
-
-<p>Dann rückte der Heerbann der Westgoten an, mit dem römischen Kriegvolk
-vereint der hunnischen Flut zu begegnen: vor ihrem Wall wich das
-schwarze Gewässer zurück, gleich einem See das weite Becken der katalaunischen
-Felder mit dem Gewimmel der Pferde und den Wagenburgen der
-Hilfsvölker füllend.</p>
-
-<p>Anders als sonst eine Schlacht war diese, da Goten und Goten, Franken
-und Franken einander bekämpften, durch Etzels Willen geschieden in Land
-und in Flut.</p>
-
-<p>Aëtius aber, der römische Feldherr, war Geisel bei Etzel gewesen und
-kannte die hunnischen Listen: er hielt den Damm seiner Völker mit unbeweglichen
-Flanken und ließ vom Morgen zum Abend die Flut der Reiter
-anschäumen, bis die Brandung erlahmte und der Schaum blutig gerann.</p>
-
-<p>Als schon die Dämmerung sank, kamen die gotischen Mauern ins Schreiten,
-gewaltige Torflügel drehten sich ein, bis das Blutmeer der hunnischen
-Reiter in beiden Flanken gedämmt war.</p>
-
-<p>Da half den Hunnen die Unzahl der Hufe nichts mehr, die Nacht hob
-den gotischen Kriegern die Sterne: das schwarze Gewühl mußte zurück in
-die Hürde der Wagenburg weichen.</p>
-
-<p>Drei Nächte noch kämpften, so heißt es, die Toten die grausige Schlacht
-in den Lüften, bis das Blut abfloß in den Bächen der katalaunischen Felder.</p>
-
-<p>Die Lebendigen warfen das Los der Waffen nicht mehr: der gotische
-Damm stand im Westen, die hunnische Flut fiel zurück in den<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-Osten, daraus sie, die abendländische Welt zu ersäufen, im Frühjahr geflossen
-war.</p>
-
-<p>Im zweiten Jahr nach der Hunnenschlacht holte Etzel die blonde Hildico
-heim und starb in der Brautnacht: das Gewässer der hunnischen Scharen
-gerann, sein Schrecken blieb im Gedächtnis der Völker das Grundwasser
-unheimlicher Sagen.</p>
-
-<h3 id="sec2_17">Burgund</h3>
-
-<p>Von der Weichsel her wehten die gotischen Stürme das Volk der Burgunder
-gegen den Rhein, wo sie in Worms die Königsburg hatten und den
-kurzen Traum ihrer Geltung.</p>
-
-<p>Im Kreis starker Helden hielt Gundikar Hof, der die burgundische
-Insel im Strudel feindlicher Völker stark und besonnen geschützt hielt; Alemannen
-und Franken mußten ihn dulden, die Römer fragten nach seiner
-Freundschaft.</p>
-
-<p>Aber die hunnischen Horden kamen von Osten; den burgundischen Hochmut
-zu heilen, lenkten die Römer sie listig nach Worms: hart hielten die
-Helden das Schwert und hell den fröhlichen Mut, aber die Hunnen
-ersäuften den Mut und das Schwert im Blut der unbemessenen
-Scharen.</p>
-
-<p>Als Gundikar fiel und die todwunden Leiber all seiner Helden dem
-König den Grabhügel wölbten im Brand seiner Burg, ging das burgundische
-Sommerglück aus.</p>
-
-<p>Vom Rhein zur Rhone führten die Römer den klagenden Rest der
-Greise, Mütter und Kinder: die ein Königsvolk waren, dienten dem römischen
-Schwert mit dem Mut ihrer mannbaren Knaben.</p>
-
-<p>Aber das Schwert war nicht verrostet, und mählich wuchsen die Knaben;
-als die Blutbäche rannen der katalaunischen Felder, standen burgundische
-Männer im Heerbann der Sieger und riefen Gundovich Heil, dem
-König der neuen Geschlechter.</p>
-
-<p>Zum andernmal wurde Burgund die Insel im Strudel feindlicher Völker,
-Lyon blühte hoch im Stolz der heldischen Herkunft, Franken und Goten
-zum Trutz mitten im gallischen Land, bis es sein Winterglück, kurz wie der
-Sommer, verlor.</p>
-
-<p>Kein Schicksal aber löschte Burgund den deutschen Namen aus im
-bunten Schwertlauf der Tage: die Sage behielt Gundikars Gold, die
-Trübsal und Treue starker Trabanten, Schwert und Fiedel in Blut und
-Brand, hart und hell im Gedächtnis.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec2_18">Dietrich, Theodemirs Sohn</h3>
-
-<p>Das schwarze Gewässer der hunnischen Sintflut war verronnen, und
-die Sonne fing wieder an zu scheinen auf das Geschlecht der Amelungen,
-als Ereliva den Dietrich, das ist Volksfürst, gebar.</p>
-
-<p>Aber der Ostgotenkönig war hörig geworden, ohne Land und Burg in
-Pannonien Söldling der römischen Grenzwacht; siebenjährig gab er den
-Knaben als Geisel gegen Byzanz; Theodemir, der selber Geisel bei Etzel
-gewesen war, dem König der Hunnen.</p>
-
-<p>Edelinge gab er ihm bei, dem Knaben die Lieder der Heimat zu singen,
-und Hildebrand, daß er ihn lehre, den Jagdspeer zu werfen und das Schwert
-der Helden zu halten.</p>
-
-<p>Und mußte seiner entbehren, bis der Jüngling einritt im achtzehnten
-Jahr, mit hellerem Blick und härterer Hand, als einer im Heervolk der
-Goten.</p>
-
-<p>Da sah er das ärmliche Dasein der Seinen und wie sie ein Söldnervolk
-waren, indessen der Westgotenkönig Toulouse und Toledo ruhmreich regierte.</p>
-
-<p>Einundzwanzig Jahre war Dietrich alt, da ihn die Goten als König
-ausriefen; das geschah aber zu der Zeit, da Zeno, der Kriegsmann, den
-Helm in Byzanz mit dem Stirnband des Kaisers vertauschte und flüchtig
-vor seinen Feinden die Feldmacht der Goten anrief.</p>
-
-<p>Da kam den Amelungen wieder das Kriegsschwert Zius zur Hand; wie
-zu Ermanerichs Tagen klangen die Schilde gewaltig, bis Dietrich im Kranz
-seiner Recken und Mannen als Sieger einritt in das gedämpfte Byzanz.</p>
-
-<p>Zeno der Schlaue wollte ihn fangen mit Ehren und Gold und einem
-ehernen Standbild, er aber wollte König heißen, nicht Feldherr, Schwertmacht
-der eigenen Burg und Schildhaber der eigenen Herrlichkeit sein,
-wartend, wer seiner bedürfe.</p>
-
-<p>Das Knäblein hießen die Spötter den letzten Kaiser von Rom; Odoaker
-der rugische Söldling, König in Rom und Ravenna hielt ihn gefangen im
-goldenen Käfig: Odoaker zu beugen, bot Zeno die Gotenmacht auf.</p>
-
-<p>Da wurde der Pfeil in den Köcher gelegt, da sangen die Mannen und
-saßen die Recken im Sattel, weil Dietrich, der Fürst der Stärke, den Feldzug
-befahl.</p>
-
-<p>Denn keine Heimkehr stand ihnen im Sinn, als sie im Herbst die julischen
-Alpen durchritten, als sie das felsige Tor am Isonzo erzwangen, als sie
-den Boden Cäsars betraten, mit Odoaker, dem rugischen Feind, um die
-römische Erbschaft zu streiten.</p>
-
-<p>Drei Schlachten schlugen die Starken im Norden: der Alpenrand scholl<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-im Schlag ihrer Waffen bis in die ligurischen Berge, bevor sie den Po überschritten,
-Odoaker in seiner Burg zu Ravenna, den Fuchs in der Höhle zu
-fangen.</p>
-
-<p>Aber die Sümpfe ersäuften die Mannen und der Damm lief schmal,
-darauf die Mauern und Türme der starken Kaiserburg standen; kein Hornruf
-reichte hinüber; die Segel der Schiffe blähten sich auf, den Belagerten
-Nahrung zu bringen.</p>
-
-<p>Da half dem Goten das Fußvolk nicht mehr, nicht halfen die Rosse der
-Recken; drei Jahre lang mußten sie liegen und lauern im Sumpfland der
-Küste: längst war Rom in Dietrichs Gewalt und immer noch trotzte Ravenna.</p>
-
-<p>So mußte Arglist erreichen, was Kühnheit und Kraft nicht erzwangen,
-der Fuchs und der Löwe schlossen den Bund, aber der Mord fraß die Treue:
-als Dietrich einritt in die Burg von Ravenna, lag Odoaker im Blut, von
-den Goten treulos erschlagen.</p>
-
-<p>Durch Meintat ging aus, was mit ehrlichem Schwertschlag begann am
-Isonzo; so hell die Sonne danach den Amelungen umsäumte, sie löschte die
-Blutspur nicht aus auf dem Schild und den Vogelschrei der Vergeltung.</p>
-
-<h3 id="sec2_19">Dietrich, der Gotenkönig</h3>
-
-<p>Manche Hand war hart wie seine, die Macht zu greifen und zu halten;
-er aber hob den Sieg der Stärke hinauf ins Gesetz und den Ackerpflug aus
-der Schwertspur.</p>
-
-<p>Wo wüster Acker war und aus den Spalten des zerschlagenen Rechts
-das Unkraut wucherte, fing ein Garten wieder an zu grünen, weil er, der
-Gotenkönig, behutsam sein Gärtner war.</p>
-
-<p>Er spielte den Römern nicht noch einmal den Cäsar vor, blieb in Ravenna
-und war kein prahlender Augustus; auch dehnte er die Grenzen seiner
-Macht nicht weiter aus, als er mit Recht erfüllen konnte, und zweimal nur
-in dreiunddreißig Jahren zog er ins Feld.</p>
-
-<p>Wie er dem Frankenkönig schrieb: denn der siegt nachhaltig, der alles zu
-mäßigen weiß! so hielt er Maß mit seiner Stärke.</p>
-
-<p>Als Sohn der Gewalt gekommen, war er ihr strenger Richter, und seiner
-Ordnung Sinnbild war, daß er im Gotenreich zur Nacht kein Stadttor
-schließen ließ.</p>
-
-<p>Was noch an Bauwerken der alten Welt erhalten war, ließ er nicht
-weniger schützen als, was in seiner Gunst entstand, im Geist der alten
-Schönheit planen: Standbilder schmückten wieder die Straßen Roms,<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-den Großen zum Gedächtnis, und nirgend prahlte vor der alten Pracht
-die seine.</p>
-
-<p>Kein Schwert war stark genug im Abendland, an seine Macht zu rühren;
-wohl aber kamen die Gesandten der Könige und Völker, Rat und
-Richtspruch anzuhören; auch lockte seine Friedenssonne die Künstler und
-Gelehrten an, dem Königshof in Ravenna den Glanz und die Pracht zu
-geben, die seinem Ruhm gebührte.</p>
-
-<p>Die er als Bauleute berief, ihm einen Königshof zu bauen für seinen
-Thing und Reichstag, meisterten die Kunst, Marmor zu schneiden; auch
-gab es griechische Steinmetze und solche, die noch den Bildguß kannten.</p>
-
-<p>So kam der Bau zustande, den er des Reiches redendes Zeugnis und
-seiner Herrschaft schmuckvolles Antlitz nannte.</p>
-
-<p>Acht Pfeiler trugen das Kuppeldach, mit tönernen Röhren rund überwölbt,
-acht Nischen nahmen dem Raum die Nähe der Mauern, acht Säulengestände
-rundum führten ihn zierlich ins Breite.</p>
-
-<p>Eine Waldlichtung innen aus wächsernem Marmor, glühend im Glanz
-farbiger Gläser, mit Steinmetzwerk nach außen reich überstreckt, den Tempelhallen
-der Römer zum Trotz in sich selber verschränkt mit ragender Kuppel:
-so stand der Wunderbau da, desgleichen nicht in der Welt war.</p>
-
-<p>Da hielt der König der Goten den Thing, wenn die wohlregierte Gewalt
-des Reiches die Großen zur Rechenschaft sandte; im schmuckvollen
-Torbau grüßten die Steinbilder amelungischer Ahnen sein stolzes Geschlecht.</p>
-
-<p>Da fanden die vielverschlagenen Schwerter sich in die gotische Heimat
-zurück, im Glanz der Stunde und Stätte ein glückhaftes Märchen, wenn
-der starkweise Dietrich den staunenden Römern die Herrscherhand zeigte,
-der den Goten Volkskönig war, vielen ein Vater, den Gerechten und Weisen
-ein gütiger Freund.</p>
-
-<h3 id="sec2_20">Dietrich von Bern</h3>
-
-<p>Unsere Milde und Huld verwirft die Gewalttätigen! So hatte Dietrich
-die Macht verriegelt ins Recht, und Rom sah die Tage der alten Zucht
-wieder.</p>
-
-<p>Er hatte das römische Volk bewahrt vor jeder Bedrückung, im Ehrenkleid
-saß der Senat, in den römischen Sitten fing wieder die Tugend an,
-die Tat zu bestimmen.</p>
-
-<p>Weisheit und Stärke hatten den Zwiespalt der Völker beschwichtigt,
-als ihn das Priestergezänk wachschrie zum blutigen Haß.</p>
-
-<p>Denn Dietrich beugte sich nicht vor dem Bischof der Römer, er ließ die<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span>
-Bibel Wulfilas schreiben mit Silber auf Pergament, purpurn gefärbt, er
-baute der Gotengemeinde den eigenen Dom in Ravenna: so galt der gotische
-König den römischen Priestern als Ketzer.</p>
-
-<p>Die Kaiserin von Byzanz, die eine Buhldirne war und eine Betschwester
-wurde, Theodora steckte zuerst die Fackel der Rechtgläubigkeit an; ihr Warnung
-zu sagen, sandte der König den Bischof Johannes von Rom nach
-Byzanz.</p>
-
-<p>Aber die sonst den Kreis ihrer Ämter mit Eifersucht maßen, die Patriarchen
-in Rom und Byzanz fanden sich einig der gotischen Feindschaft.</p>
-
-<p>So mußte Dietrich, der starkweise König erfahren, daß ein Tropfen
-Haß zäher leimt als ein Faß voll Liebe: der Argwohn des Alters zückte den
-Zorn seiner Enttäuschung, daß ihm ein tückisches Volk die Duldsamkeit
-danklos vergalt.</p>
-
-<p>Da wurde Dietrich von Bern der Held der deutschen Sage, der im
-schneeweißen Alter auszog, unholdes Gezücht zu erschlagen: sein Zorn zerbrach
-den Senat, und der tückische Bischof von Rom büßte im Kerker;
-Haß gegen Haß war zwischen Goten und Römer gestellt.</p>
-
-<p>In Byzanz die Buhldirne lachte ihm Hohn, daß er sein glückhaftes
-Reich der Gerechtigkeit selber zerschlug mit zorniger Faust: der dem Frieden
-das Schwert und dem Recht die Waage zu halten Volksfürst der Goten und
-König über Rom war, bis ihm die Falschheit zuletzt an den Hals fuhr.</p>
-
-<p>Im zweiundsiebzigsten Jahr seines Lebens legten die Goten Dietrich
-von Bern in sein steinernes Grab zu Ravenna; mit seiner herrlichen Seele
-für ein Jahrtausend und mehr floh die Duldsamkeit aus der abendländischen
-Welt.</p>
-
-<p>Seine Asche zerstreute die römische Rache im Wind, und seinen Namen
-löschten sie aus im Gedächtnis der Schrift &ndash; wie danach der schielende Abt
-von Reichenau schrieb &ndash; als einer Pest von endlosem Schaden; aber kein
-Haß konnte die riesige Steinplatte heben, die ihm sein stolzes Grabmal
-bewölbte.</p>
-
-<p>Der Teufel selber, so ging die eifrige Rede der römischen Priester, habe
-den Ketzer von seinem letzten Weidgang geholt, auf dem Rappen der Hölle
-als wilder Jäger zu reiten.</p>
-
-<p>Die gläubige Sage schmückte sein Bild wie keines im deutschen Gedächtnis,
-sie tat ihm die Brünne Wodans an, sein Schimmel holte den herrlichen
-Helden hinauf nach Walhal.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec2_21">Der Kampf um Rom</h3>
-
-<p>Dietrich war tot, und Amalasuntha, die Tochter regierte das Reich für
-den Enkel, den sie Athalarich nannte: aber der Stammhalter des Starken
-war schwach, und der Wurm fraß dem Steckling die zärtlichen Wurzeln.</p>
-
-<p>Amalasuntha ging römisch geziert und der gotischen Sitte abwendig;
-als der Knabe ihr starb, gab sie die Hand und den Thron Theodat, dem
-Amaler, der hündischen Sinnes und den gotischen Großen verhaßt war.</p>
-
-<p>Theodat brachte die Tochter des Starkweisen um und gedachte, in Rom
-den Kaiser zu spielen: das aber geschah zu der Zeit, da Byzanz den Belisar
-sandte, das Blatt der blonden Herrschaft zu wenden.</p>
-
-<p>Dem drohenden Unheil zu wehren, riefen die wehrhaften Männer den
-Vitiges aus, aber das Blatt war zu Ende; wie Odoaker vordem, hielt Vitiges
-nun die Burg von Ravenna, und Belisar stand in den Sümpfen, bis
-zum andernmal Meineid die Stärke besiegte, und Odoaker gerächt war.</p>
-
-<p>Da grüßten die steinernen Ahnen vergeblich Dietrichs Geschlecht; Byzanz
-hielt den Thing in der Halle, und römische Priester streuten die Asche
-des Königs ins Meer, den Samen der gotischen Pest.</p>
-
-<p>Aber die Geister der Rabenschlacht ritten herbei im Unheil der Tage,
-der Ruf ihrer Rache riß aus den Rippen der Not das blutige Gotenherz:
-ein Nordlicht wie keines hing seinen blutigen Schaum über die Mittelmeergärten.</p>
-
-<p>Mit den betrogenen Recken brachte Belisar Vitiges heim nach Byzanz,
-seine Flotte ging schwer mit den gotischen Schätzen; aber die Not
-stand in den Bergen, Totila, Ildebalds Sohn auf den Schild ihrer trotzigen
-Stärke zu heben.</p>
-
-<p>Neun Jahre lang war Totila König, und Dietrichs Waffen hatten
-nicht härter geklungen, da er die Rabenschlacht schlug: ohne Burg und Bestallung
-spannte der Jüngling den Bogen, die Städte sperrten ihm trotzig
-die Tore.</p>
-
-<p>Rom und Ravenna holte er heim in mühsamen Kriegen, Neapel und
-Mailand fielen noch einmal der Gotenmacht zu; er ließ den falschen Senat
-sein Königsrecht fühlen und gab dem römischen Bischof den Trank der
-Demut zu kosten.</p>
-
-<p>Aber der Kampf ging um Rom, und Byzanz warf sein Schwert in die
-Waage der römischen Priester: der Lindwurm hob seinen schuppigen Leib,
-und der Frieden fuhr in die Hölle.</p>
-
-<p>Der Wohlstand der Städte starb hin in den Bränden, und die Standbilder
-Roms versanken im Schutt, die Felder fanden nicht Frucht noch<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-Saat, die Straßen starrten im Staub der Rosse und Wagen, das Gebirge
-lag im Geschrei der flüchtigen Scharen, Hunger und Seuchen fraßen das
-Land leer.</p>
-
-<p>Neun Jahre lang war Totila König, dann nahm der Tag von Taginäa
-ihm Krone und Schwert aus der sterbenden Hand.</p>
-
-<p>Gleich Türmen, heißt es, standen die gotischen Recken im Wall ihrer
-tapferen Mannen, die Bogenschützen aus Morgenland warfen Sturmwolken
-schwirrender Pfeile über sie hin.</p>
-
-<p>Totila fiel und sechstausend Goten tranken ihr Blut mit dem König;
-das Morgenland fraß mit sengender Glut das Gebälk der nordischen Türme;
-das gotische Glück glühte sein Abendrot aus in der Lohe.</p>
-
-<p>Ein Lavastrom glomm spät in der Nacht am Vesuv; Teja, der letzte
-König der Goten, schürte den schaurigen Brand, bis alles versank in
-Asche.</p>
-
-<p>Tausend, heißt es, fanden den Weg aus der letzten Vernichtung; das
-Schwert in der Hand und den blutigen Schaum ihres Untergangs brachten
-sie heim aus den Mittelmeergärten.</p>
-
-<p>Das Abenteuer der gotischen Frühe war aus; die das Königsvolk waren
-der germanischen Welt, die den frühesten Kaisertraum träumten, die blonden
-Schwertherren der römischen Gärten sahen das blaue Land von den
-Bergen, darin sie flüchtig und fremd der fränkischen Königsmacht dienten.</p>
-
-<h3 id="sec2_22">Die Alemannen</h3>
-
-<p>Wo der Zackenwall der Kastelle das leere Zehntland umzäunte, wo das
-rote Gestein im braunen Gewässer des Mains sein Spiegelbild sah, vom
-hercynischen Wald hinüber zur Donau warfen die suebischen Völker der
-römischen Wacht den Speer in die Flanke.</p>
-
-<p>Alemannen hießen den Römern die streitbaren Männer, die aus den
-weglosen Wäldern ritten, mit eckigem Schild und langem Schwert die
-Flüsse durchschwammen, trutzlachend dem römischen Helm das geringelte
-Blondhaar zu zeigen.</p>
-
-<p>Die Stachelschnur riß: in die zerstörten Kastelle wehte der Schnee kalter
-Stürme, in den Weiden und Wäldern wuchsen die Dörfer der Sueben,
-der deutsche Pflug ging wieder im römischen Zehntland.</p>
-
-<p>Über dem Rhein auf der Mauer des Schwarzwaldes hielten sie Wacht
-und sahen den Wasgenwald jenseits im Abend das fruchtbare Stromland
-beschatten.</p>
-
-<p>Sie sahen im Süden den schimmernden Schneekranz der Berge über<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-dem blauen Waldrücken des Jura, und ihre Kundschafter priesen das Land
-der blaugrünen Seen.</p>
-
-<p>Sie ließen nicht ab von der lockenden Schau und sprengten die steinernen
-Riegel am Rhein; sie fuhren hinüber auf Schiffen und Flößen, sie fanden
-vom Hegau hinunter den See im Hügelgebreite.</p>
-
-<p>Alisazas, die in der Fremde Sitzenden, hießen sie die, denen die Fahrt
-an den Wasgenwald glückte; aber sie füllten mählich das Stromland und
-bauten die Heimat der alemannischen Volksschaft hinüber ins Elsaß.</p>
-
-<p>Tief in die Schluchten der schäumenden Bäche drangen sie ein im Land
-der blaugrünen Seen: da fiel die stolze Burg des Augustus, Vindonissa sank
-hin im Sumpfland der Aare, Aventicum wurde berannt, und durch die helvetische
-Prunkstadt der Römer ritten die suebischen Krieger.</p>
-
-<p>Wohl hob die Heermacht der Römer noch einmal die eiserne Hand, den
-lachenden Räubern zu wehren; bei Straßburg und Colmar trafen sie den
-blonden Übermut schwer: aber die eiserne Hand wurde lahm von den eigenen
-Schlägen.</p>
-
-<p>Von der Rhone zum Rhein, von Alisaz bis in den Wald der Boheimer
-wohnten die streitbaren Männer und hielten das reiche Land in der Hand.</p>
-
-<p>Heervölker kamen und schwanden, Schlachten wurden geschlagen, und
-die Strohdächer ihrer Dörfer verbrannten; einmal beugten die fränkischen
-Herren die trotzigen Nacken: die alemannische Volkschaft hielt ihren Boden
-und wuchs mit dem Korn der sorgsamen Felder, mit dem Vieh der saftigen
-Weiden, mit dem Wein der sonnigen Hügel sacht in die Fülle.</p>
-
-<h3 id="sec2_23">Die Gepiden</h3>
-
-<p>Alboin, Audoins Sohn, hatte Thorismund, Thorisins Sohn erschlagen
-im Kampf ihrer Völker und hatte die Langobarden befreit von der Übermacht
-der Gepiden.</p>
-
-<p>Darum lagen die Großen Audoin an, daß er den Retter des Volkes und
-Sieger als Tischgenoß nähme; aber die Sitte gebot, ein anderer König müsse
-dem Königssohn die Waffen darreichen, ihn würdig zu machen zum Mahl.</p>
-
-<p>Vierzig der Jünglinge rief Alboin da und zog in Thorisins Land; der
-nahm ihn auf im Gram seines Alters und hieß ihn sitzen mit Ehren, wo
-Thorismund saß im Saal der Gepiden.</p>
-
-<p>Aber sein Herz hielt den harten Anblick nicht aus und sein Mund sprach
-mit Seufzen: Wehe, der Platz ist mir teuer, aber den Mann, der da sitzt,
-sehe ich schwer!</p>
-
-<p>Da schalt ihn Kunimund, Thorisins anderer Sohn, für seinen erschlagenen<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-Bruder und schmähte die Jünglinge Alboins Stuten um ihrer weißen
-Schuhriemen willen.</p>
-
-<p>Aber Alboin, Audoins Sohn, hob seine zornige Hand von der Tafel und
-wies gegen Westen und sprach in der Burg seiner Feinde: Draußen im Asfeld
-spürte dein Bruder, wie Stuten ausschlagen können.</p>
-
-<p>Da wurde der Wein verschüttet, die Waffen räumten den Tisch und
-traten zum Tanz und rissen die Kluft in den Saal, da Alboin stand im
-Schwertkranz der Seinen, und waren Tausend um Vierzig.</p>
-
-<p>Aber der König sprang auf im Zorn, und die Treue hielt wie ein Turm
-der Sitte das schirmende Dach: Wehe dem Mann, der seinem Gast treulos
-den Wein verschüttet, und wehe dem Schwert, das seinem Schwur den
-Frieden nicht hält!</p>
-
-<p>Und holte die Waffen Thorismunds her von der Wand und gab sie
-Audoins Sohn, und hielt mit wehrenden Händen den Saal still und gab
-dem Gast seinen Spruch als Hausherr und König.</p>
-
-<p>Und hieß ihn gehen in Frieden und hielt ihm den Königsbann bis an die
-Grenze, der seinem Volk der bitterste Feind und seinem Blut böse zuleid
-war, weil er ihm Thorismund, seinen Sohn, draußen im Asfeld erschlug.</p>
-
-<h3 id="sec2_24">Die Langobarden</h3>
-
-<p>Noch einmal schien über die Mittelmeergärten das Glück der alten Gestirne,
-aber das Morgenland glühte düster hinein, und der Kaiser war in
-Byzanz: sein Exarch regierte das römische Reich in Ravenna, der Senat
-war zerbrochen, der römische Papst saß allein in den Trümmern der ewigen
-Stadt.</p>
-
-<p>Zum andernmal zeigte das Schwert der nordischen Völkerentfaltung
-das lockende Ziel: der langobardische Trotz ging lachend den Weg der Kimbrer
-und Goten, Machthaber der römischen Erbschaft zu bleiben.</p>
-
-<p>Sie hatten das Volk der Gepiden dienstbar gemacht im verlassenen Ostgotenland
-und waren die Starken geworden im Stegreif der östlichen Völker,
-als die Kundschafter Alboin lockten, die kühne Heerfahrt noch einmal
-zu wagen.</p>
-
-<p>Über den Birnbaumerwald brachen sie ein in den Mai der römischen
-Gärten und schafften im Sommer so fleißige Ernte, daß sie schon warm im
-Nest von Verona die Winterrast hielten.</p>
-
-<p>Da stand noch die räumige Burg Dietrichs von Bern und die steinerne
-Brücke; die blonden Langbärte füllten die Stadt mit dem Lärm ihrer Wagen
-und Weiber.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span></p>
-
-<p>In der Burg aber saß der lachende König der Stärke und tat seinen
-Spruch, daß dies nur der Rest vor Ravenna und der Steigbügel wäre, ins
-Reich der römischen Pfaffen zu reiten.</p>
-
-<p>Rot rann der Wein in der Burg zu Verona und rief den Übermut wach
-der tapfer bestandenen Taten; Alboin tat seinen Trunk aus dem silbergerandeten
-Schädel und bot ihn der Königin dar: sie kannte den Becher, die
-Tochter des toten Gepiden, sie gab dem König Bescheid und schwur seinem
-Frevel heimliche Rache.</p>
-
-<p>Der ihr den Vater erschlug und sie zwang zu dem greulichen Trunk aus
-dem silbergerandeten Schädel, sah den Abend nicht mehr in der Kammer
-Dietrichs von Bern; sein Waffenträger Helmichis gab ihm den letzten Bescheid,
-der dann zur Nacht mit der Königin ritt auf der Flucht nach Ravenna.</p>
-
-<p>Sie klagten um Alboins Tod und schwuren ihm blutige Rache; aber sie
-taten den Ritt nicht nach Ravenna und Rom; sie säumten ihr Reich im
-Schneekranz der Alpen und füllten das fruchtbare Tiefland, das nun die
-Lombardei hieß.</p>
-
-<p>Sie ließen Ravenna und Rom, ließen Kaiser und Papst den Zank um
-die Geltung; sie saßen am Freitisch Dietrichs von Bern, aßen und tranken
-und hatten die Fülle, wo die Goten den Becher der Bitternis tranken.</p>
-
-<h3 id="sec2_25">Hengist und Horsa</h3>
-
-<p>Seefahrer waren die Sachsen, die an der kalten Meerküste saßen; aber
-ihr Meer war nicht blau, und keine lässige Fülle dehnte ihm wohlig den
-Strand; donnernd sprangen die Wogen und fraßen sich gierig hinein in das
-Flachland der Küste.</p>
-
-<p>Sand und Sümpfe trugen die Spuren der Stürme; die Reifriesen
-raubten dem Frühling die Blüte und rissen dem Herbst die Frucht von den
-Bäumen; der Wind webte wüst aus der Wolkenwand; die neblichten Lüfte
-lasteten kalt auf den Weiden.</p>
-
-<p>Wenn die Flut kam, standen die Häuser im schmutzigen Schaum, und
-wenn sie verebbte, schwamm das kärgliche Grün ihrer Hügel gleich Inseln
-im weglosen Sand.</p>
-
-<p>Faul lagen die bauchigen Leiber der Schiffe im Schlamm, schief an den
-schwärzlichen Pflöcken; aber die Flut riß sie auf im schaufelnden Tanz und
-warf um die zackigen Hörner der Schiffe das schäumende Zügelband ihrer
-Wellen.</p>
-
-<p>Dann lachte das Herz, das Ruder fiel ein und riß in die jagende Flut<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-die Wundmale krallender Tatzen, dann jauchzten die Schiffe hinaus an die
-stählerne Wand, sturmvogelfrei im Wechselgesang der wallenden Wolkengehänge.</p>
-
-<p>Häuptlinge waren die Herren der Hügel, die mit Sassen und Knechten
-die kühnen Meerfahrten wagten; der Raub war ihr Recht, der Kampf an
-den Küsten der nördlichen Länder die Lust ihres Lebens.</p>
-
-<p>Gleich einer Schüssel gefüllt mit den Gaben der lustreichen Landschaft
-lagen die britischen Küsten den Sachsen dicht vor der Tür; und lange schon
-fuhren die Kühnen hinüber, bevor der britische König sie dingte, den Pikten
-und Skoten zu wehren.</p>
-
-<p>Hengist und Horsa hießen die sächsischen Helfer; die hörnigen Schiffe
-trugen den Hall ihrer Waffen, die Feinde zu schrecken; aber der britische
-König hatte den Bock zum Gärtner gemacht.</p>
-
-<p>Herren wurden aus Helfern, und Widersacher dem Wohlsein britischer
-Tage; die hörnigen Schiffe schliefen am Strand, indessen die sächsischen
-Männer die Macht auf den Straßen des Britenlandes fanden.</p>
-
-<p>Sie hielten das Schwert und prüften die Schärfe und lachten der
-schwächlichen Christengesänge, sie setzten sich breit in den Stuhl der britischen
-Herkunft.</p>
-
-<p>Anglia hießen sie prahlend das Land, weil sie sächsischen Stammes, doch
-Angeln genannt in der Heimat und stolz ihrer Vetterschaft waren.</p>
-
-<h3 id="sec2_26">Chlodevech</h3>
-
-<p>Ein Eber lief aus von den Franken und brach in die gallischen Felder:
-Chlodevech, Childerichs Sohn, den die salischen Großen im fünfzehnten
-Jahr seines hitzigen Lebens kürten als ihren König.</p>
-
-<p>Die merowingische Stirn stand ihm steil zu Gesicht und die Borsten
-des Ebers &ndash; so sprach die Sage &ndash; wuchsen ihm stachlig den Rücken entlang:
-dem Knaben brannte das Herz nach Ruhm und Gewinn raubreicher
-Fahrten.</p>
-
-<p>Noch aber hielten Burgunder, Alemannen und Goten das gallische
-Gatter zu eng für den fränkischen Eber, zornmutig schnob er hinein, die
-rostigen Ketten zu sprengen.</p>
-
-<p>Bei Zülpich hielt das alemannische Schwert der fränkischen Streitaxt
-stand; schon mähte es fröhlich die Ernte: da rief der Eber den römischen
-Christengott an und beugte den borstigen Nacken, daß er ihm hülfe.</p>
-
-<p>So wurde der König der Franken Christ; die Kirche hielt ihm die Taufe
-zu Reims mit dem Prunk ihrer besten Gewänder. Dreitausend Franken<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-beugten das Knie und sangen dem König zur Messe, und hoben das bärtige
-Antlitz gen Morgen, wo im Weihrauch und Wechselgesang lateinischer
-Priester das Kreuz auf dem düsteren Hochaltar stand.</p>
-
-<p>Chlotilde, die Gattin des Königs, hielt lächelnd das Taufbecken hin:
-die Chlodevechs Trotz und den grausamen Sinn seiner Großen mit sanfter
-List lenkte, hing das fränkische Schwert ans römische Kreuz und schenkte
-dem Papst den allerchristlichsten König.</p>
-
-<p>Da war dem fränkischen Eber bald das Tor im Süden geöffnet, eifrige
-Bischöfe brachten heimlich den Schlüssel und wirkten ihm Wunder entgegen;
-die Hündin zeigte dem landfremden Eber nächtlich die Furt, und
-feurige Zeichen gaben ihm Fährte.</p>
-
-<p>Als die blutige Streitaxt des Ebers den König der Goten erschlug in der
-Schlacht, hatte die göttliche Waltung den Wahrspruch der Kirche gehalten.</p>
-
-<p>Wohl schloß der Heerbann Dietrichs von Bern dem fränkischen Eber
-zuletzt noch das Gatter, aber das gallische Land war den Goten verloren;
-über Toulouse und Bordeaux hing die Streitaxt der Franken, Chlodevech
-streute das Silber und Gold seines Raubes dem fränkischen Volk auf die
-Gasse und tat das römische Prunkgewand an.</p>
-
-<p>Steil stand ihm die merowingische Stirn zu Gesicht, und die Borsten
-des Ebers wuchsen ihm stachlig den Rücken entlang: noch gab es Fürsten
-der Franken, die ihm nicht untertan waren; er brachte sie lachend um und
-schonte den Letzten nicht seines eigenen Geschlechts.</p>
-
-<p>Und als er sie alle versammelt hatte in der Gruft seiner Väter, stand er
-klagend davor und jammerte laut, unter Fremden ein Fremdling zu sein,
-und senkte tückisch den borstigen Nacken, ob sich nicht einer verriete, den
-sein blutiger Blick noch nicht fand.</p>
-
-<p>Er trug als freidiger Unhold das Kreuz in den grausamen Händen, und
-war der Kirche ein treuer Knecht und ihrem starken Mirakel; er wurde begraben
-in heiliger Gruft, und die lateinischen Lieder sangen um ihn, der
-dem römischen Papst die Steigbügel hielt im germanischen Norden.</p>
-
-<h3 id="sec2_27">Brunhilde</h3>
-
-<p>Die Blutspur Chlodevechs rann in den Bach merowingischer Mördergeschichte;
-unholde Frauen hielten den Haß in blutigen Schalen, riesengroß
-wuchs ihr grausames Bild im Gedächtnis der fränkischen Völker.</p>
-
-<p>Zwei Schwestern kamen aus Westgotenland, Königsfrauen in Franken
-zu sein und Gattinnen feindlicher Brüder, Chilperich und Sigibert geheißen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span></p>
-
-<p>Galswintha die Gute wurde erwürgt in Paris; König Chilperichs
-Buhlin, Fredegunde, rühmte sich frech ihrer Tat; Brunhilde, die Schwester
-in Metz und Sigiberts Königin, erhob ihren Zorn und rief den König zur
-Rache.</p>
-
-<p>Da mußte sich Chilperich beugen und Buße geloben dem stärkeren
-Schwert seines Bruders; Fredegunde aber, die freche Magd auf dem
-Thron, fällte Sigiberts Stärke.</p>
-
-<p>Heimtückisch hoben die Großen Chilperichs den siegreichen Sigibert auf
-den Schild und das Volk in Paris lief ihm zu, aber das Gift ihrer Schwerter
-gab ihm heimlich den Segen.</p>
-
-<p>Da trank Brunhilde den Becher der Bitterkeit leer, da wurde Sigiberts
-Königin krank im Blutrausch der Rache:</p>
-
-<p>Die eigenen Großen entführten ihr grausam den einzigen Knaben und
-ließen sie treulos in Chilperichs Hand; der hielt die Stolze höhnisch gefangen,
-und die in Metz Königin war, mußte in Meldis Klosterdienst tun.</p>
-
-<p>Aber Merovech, Chilperichs Sohn, entbrannte in Liebe zu ihr und half
-der Feindin des Vaters zur Flucht aus dem Kloster: als Merovechs Frau
-kehrte sie heim in Sigiberts Land nach gramvollen Jahren.</p>
-
-<p>Die eigenen Großen aber erschlugen ihr grausam den Gatten; da blieb
-sie, Gattin nicht mehr und nicht mehr liebende Frau, nur Königsmutter in
-Metz, das zärtliche Reis ihrer Liebe, König Sigiberts Sohn zu hüten im
-Haß der Geschlechter.</p>
-
-<p>Die fränkischen Herren mußten die Hand des gotischen Weibes erfahren:
-sie traf den Trotz und dämpfte den Frevel, sie hielt ihrem Knaben den
-Horst und trug die Furcht ihrer Stärke ins Land wie ein kreisender Adler.</p>
-
-<p>Dreißig Jahre lang kam ihr das Königsschwert nicht aus den herrischen
-Händen; als Sigiberts Sohn starb, hielt sie den Enkeln das Reich und
-blieb als Greisin die unbeugsame Mutter des Landes.</p>
-
-<p>Aber die Enkel kamen in Streit und die Krone ertrank im Blut ihrer
-Kriege; wohl hob Brunhilde den blutigen Reif Sigiberts ihrem Urenkel
-auf, doch waren der Raben zuviel um den einsamen Horst ihres Alters.</p>
-
-<p>Sie riefen Chlotachar her, Fredegundens streitbaren Sohn: die lahmen
-Flügel der Gotin taten den letzten Flug ihrer Flucht, aber die Späher fanden
-die Spur und fingen den Vogel im steinichten Jura.</p>
-
-<p>Sie banden der gotischen Greisin die Glieder mit Stricken und hetzten
-das Roß, Brunhilde zu schleifen: da löschte der Sohn Fredegundens den
-Haß seiner Mutter im Blut und zerfetzten Gebein ihrer Feindin.</p>
-
-<p>Die Blutspur Chlodevechs rann im Gerinnsel des sterbenden Weibes;<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-riesengroß wuchs ihr Bild im Gedächtnis der Völker, aus uralten Tiefen
-brachte die Sage Brünne und Helm, die unholde Frau in Wodans Reich
-zu geleiten.</p>
-
-<h3 id="sec2_28">Gudrun</h3>
-
-<p>Der gotische Königssohn Hermingild freite Ingunthis, Brunhildens
-liebliche Tochter; aber Godswintha, Brunhildens Mutter, war seinem Vater
-Leovigild im Alter noch einmal Gattin geworden.</p>
-
-<p>Godswintha holte dem Stiefsohn die Enkelin selber ins Haus; aber
-Ingunthis war fränkisch und fromm, ihr galten die Goten als Ketzer.</p>
-
-<p>So neigte dem Hermingild bleich und schlank eine Lilie zu; Godswintha,
-die Großmutter, sah die Wurzeln in Dornen und Unkraut.</p>
-
-<p>Das Alter war häßlich und grausam, die Jugend war schön und gerecht:
-sie ließ sich schmähen und schlagen und trug die Lilienstirn stolz mit dem
-Dornenkranz ihrer Leiden.</p>
-
-<p>Leovigild aber, der Vater, wollte nicht Zwietracht und Zank im Hause
-des Königs, er bannte das böse Zerwürfnis und sandte den Sohn als Statthalter
-nach Sevilla.</p>
-
-<p>Da saß Ingunthis, die schöne im andalusischen Land und heilte die
-Lilienstirn im zärtlichen Wind ihrer Wochen; die Kirche bot Balsam und
-Weihrauch und weihte das Dornenkränzlein zur himmlischen Krone.</p>
-
-<p>Die geistlichen Boten kamen und gingen im Eifer bischöflicher Sendung,
-der Heilquell kirchlicher Gnaden brach auf: da wurde das Knäblein
-römisch getauft, und Hermingild konnte nicht länger als Ketzer die Lilienfrau
-kränken.</p>
-
-<p>Er trank aus den Händen der frommen Ingunthis das Gift der Empörung,
-er wurde der Kirche gehorsamer Sohn und brach dem Vater und
-König die Treue.</p>
-
-<p>Drei Jahre lang schlugen die gotischen Waffen im Zeichen des Kreuzes;
-aber Leovigilds Hand griff hart in die römischen Dornen: auf der Burg
-Osser gefangen, lag ihm der weinende Sohn zu Füßen, der um den Glauben
-der schönen Ingunthis in Bitterkeit kam.</p>
-
-<p>Der König war stark und sein Herz stand nicht still, das Blut seiner
-Väter zu bitten; aber der Sohn trug die Krone der Lilienstirn stolz und
-beharrlich, bis ihm das Beil des Gerichts den Sühnetag seiner himmlischen
-Leidenschaft brachte.</p>
-
-<p>Da sangen die Messen, und um sein blutiges Haupt webte die Kirche
-den leuchtenden Kranz der heiligen Märtyrerkrone; Ingunthis aber die
-schöne floh fern über See.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec2_29">Karl Martell</h3>
-
-<p>Der Wüstensturm kam und wehte die Glut gegen den Westen; der
-Halbmond stand über dem Morgenland, und mächtig wurde das Schwert
-des Kalifen an den südlichen Mittelmeerküsten.</p>
-
-<p>Als Tarik ans Tor des Herkules kam, rief König Roderich den Heerbann
-der Westgoten auf; aber lässig lag das lustreiche Land, und längst war
-das Schwert Eurichs des Starken verrostet.</p>
-
-<p>König Roderich fuhr in den Kampf mit acht weißen Zeltern; sieben
-Tage lang standen die Sänger bereit, den Sieg zu empfangen; aber am
-achten Tag war der König im Schilf des Flusses verschwunden.</p>
-
-<p>Am Palmsonntag zog Tarik ein in Toledo; die Glocken klangen nicht
-mehr von den Türmen, arabische Rosse gingen die Straßen der gotischen
-Stadt, und auf der Königsburg wehte das grüne Tuch des Propheten.</p>
-
-<p>Die Rosse stäubten die Straßen und fanden die Krippen der Ställe gefüllt;
-die Schiffe kamen und gingen am Herkulestor; unaufhörlich drangen
-die maurischen Scharen ins Westgotenland.</p>
-
-<p>Abd ar-Rahmân kam, und die Furcht seines Wüstenvolks fiel über die
-Franken; aber Karl, der Hammer genannt und Hausmeier des Königs,
-hielt den Zermalmer Donars zur Hand, und als er ihn warf, zuckte der
-Blitz in die Wolke der Wüste.</p>
-
-<p>Wie eine Mauer von Eis &ndash; so heißt es &ndash; standen die nordischen Männer
-in Muspilheims Feuer, der Halbmond brannte zu Asche, und hoch in den
-Himmel ragte das Kreuz, als Karl Martell, das ist der Hammer, die Wüstengefahr
-bannte.</p>
-
-<h3 id="sec2_30">Pipin der Kleine</h3>
-
-<p>Hausmeier hießen die Franken den Kanzler des Königs; seinen Hammer
-hob Karl in Theuderichs Namen; aber der König war nur der Siegelring
-seiner Hand, und als ihm Theuderich starb, ließ er den Thron und die
-Krone leer im Palast und ritt allein auf das Maifeld.</p>
-
-<p>Auch ließ er das Reich seinen Söhnen, als ob es sein eigenes wäre; er
-ließ es stark und gerundet und hatte den neidischen Groll der Großen zerschlagen
-mit seinem Hammer.</p>
-
-<p>Karlmann und Pipin hießen die Söhne; sie holten den Childerich her
-aus dem Dunkel unnützer Tage und hoben ihn auf den Thron; sie führten
-Kriege und mehrten das Reich und hielten den König im goldenen Käfig.</p>
-
-<p>Aber Karlmann verdrossen die Dinge der Welt, er tauschte das Kleid
-mit der Kutte und ließ dem jüngeren Bruder den Teil seiner Macht: so<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-wurde Pipin allein Hausmeier im Frankenreich und hielt den Hammer
-des Vaters.</p>
-
-<p>Sie hießen ihn Pipin den Kleinen, doch groß war die Gewalt seiner
-kurzen Gestalt: Alemannen, Burgunder, Bayern, Friesen und Sachsen
-mußten dem Zornigen büßen, und klein blieb der Trotz seiner Großen.</p>
-
-<p>Da hob er den Blick auf den Thron und sah den Childerich sitzen, gebeugt
-von der Last seiner Krone; er nahm ihm das Gold von der grämlichen
-Stirn, er ließ ihm das Haupthaar scheren und tat den Geschorenen still in
-ein Kloster.</p>
-
-<p>Ihm aber mußten die Großen ein neues Königskleid reichen, und die
-Kirche brachte das Öl, ihn prunkvoll zu salben, der ihrer Geltung im Abendland
-ein Schwert und ein treuer Türhüter war.</p>
-
-<p>Sie hießen ihn Pipin den Kleinen und freuten sich seiner Stärke, sie
-sahen das Schwert bei der Krone, aber sie hörten den Schwur auf das
-Kreuz; sie sangen das Lied auf den König der Franken und lauschten der römischen
-Orgelgewalt.</p>
-
-<h3 id="sec2_31">Karl der Große</h3>
-
-<p>Die fränkische Zeit war erfüllt, das Buch der Könige lag mit blutroten
-Siegeln beschlossen, das Reich trat ein in den Gang der Geschichte, und
-Karl, Pipins gewaltiger Sohn, war sein Kaiser.</p>
-
-<p>Der Rhein war die Heimat der Franken gewesen, bevor sie groß wurden
-im gallischen Glück; am Rhein saß wieder der fränkische König, der die
-Krone über alle Völker Germaniens trug.</p>
-
-<p>Sie hatten Weide und Wohlstand gesucht, sie waren mit Schiffen gefahren
-und auf Kamelen geritten, sie hatten die römischen Gärten besessen
-und Königreiche gegründet im Morgen- und Abendland.</p>
-
-<p>Sie hatten das Bienenschicksal der Kimbrer verkehrt in den gotischen
-Hochmut, sie waren Schwertherren gewesen an der Theiß, am Tiber und
-Tajo: aber die lässige Fülle machte die Schwerthand faul; das Blut der
-Mittelmeervölker trank die Kraft ihrer Glieder.</p>
-
-<p>Nun war die nordische Springflut verrauscht in den römischen Gärten,
-und der Rest ihrer Gewässer füllte den fränkischen See: Alemannen, Burgunder,
-die gallischen Goten, Langobarden und Bayern, Friesen und Sachsen
-zwang das gewaltige Schwert des fränkischen Königs in seinen Heerbann.</p>
-
-<p>Gewaltig wie Etzel und Dietrich war Karl und hielt das Abendland
-hart in der Zucht seiner stolzen Gedanken; aber nun herrschte kein Hunne<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-über germanische Schwerter, kein Gote war fremd in der römischen Feindschaft:
-deutsch waren die Völker karolischer Macht, und deutsch war der
-König.</p>
-
-<p>Am Rhein hinauf und hinunter hielten die Pfalzen das Schwert und
-die Waage seines Gerichts; sein Stuhl stand zu Aachen im Rheinfrankenland:
-da saß er im Glanz seiner eigenen Macht, da war er Hausherr der
-Heimat und König im Kreis seiner Recken.</p>
-
-<p>Wie vormals nach Rom und Byzanz, so ritten nun die Gesandten vom
-Morgenland her in den Nebel der nordischen Nächte; sie fanden den Herrscher
-des Abendlandes gehen in leinener Kleidung, sie sahen ihn reiten und
-jagen wie jeden seiner Getreuen, und wie er den kleinen Dingen des Tages
-sein Antlitz treulich zukehrte.</p>
-
-<p>Sie sahen ihn schwimmen im lustigen Schwall seiner Freunde und Diener
-und hörten ihn lachen beim Mahl, fröhlich besorgt um das Wohl seiner
-Gäste.</p>
-
-<p>Sie suchten staunend Prunk und Gepränge und brachten das Bild seiner
-Menschlichkeit heim, die frank und frei in germanischer Sitte unter den
-Männern der Mann, unter den Helden des Krieges im Frieden der friedlichste
-war.</p>
-
-<p>Hoch aber ragte hinaus über die Dächer der Hallen, frei unter dem
-fränkischen Himmel, das Reiterbild Dietrichs von Bern, der seines Herrschertums
-höchster Ahnherr und seiner Tafelrunde der rühmlichste Held war.</p>
-
-<p>Sie hatten das eherne Bild zu Schiff von Ravenna gebracht, durch das
-blaue Herkulestor, von der sonnigen Mittelmeerküste hinein in das graue
-Gewässer der Nordsee, bis es dem fränkischen Königsstuhl als Wahrzeichen
-vorstand.</p>
-
-<p>Sie hatten auch Säulen und kupferne Gitter genommen von Dietrichs
-ruhmreicher Halle und hatten die Kuppel gewölbt nach ihrem sinnreichen
-Vorbild.</p>
-
-<p>Aber das Kreuz stand darauf, und was den Goten Thingstätte war, das
-wurde den Franken zur Kirche; denn Karl hieß König und Herr seiner
-Völker von Gottes Gnaden; er führte das Schwert seiner gewaltigen
-Macht, der Kirche und ihrer göttlichen Sendung in Demut zu dienen.</p>
-
-<p>Wodan und Donar ritten die wilde Jagd nächtlicher Träume; aber der
-Tag stand im Kreuz, und die Wirklichkeit war in den Dienst Gottes und in
-die Lobpreisung seiner ewigen Allmacht gelegt.</p>
-
-<p>Deutsch war der König, deutsch war das Wort und das Linnen der fränkischen
-Kleidung, deutsch war das Haus, aber der Stuhl von Sankt Peter
-stand geborgen darin und geehrt als Burg Zion.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span></p>
-
-<p>Eine Kugel galt ihm die irdische Welt; die untere Wölbung war sein im
-Zorn und Zank irdischer Taten; hoch aber darüber gewölbt stand der Himmel
-der Kirche, dem er in Demut mit deutschem Schwert Schutzherr und
-Schirmvogt war.</p>
-
-<h3 id="sec2_32">Die Nibelungen</h3>
-
-<p>Als Leo, der Papst, dem König der Franken in Rom den Purpur umhängte,
-als wieder ein römisches Reich war im Schoß der katholischen
-Kirche, sangen die päpstlichen Knaben in Rom den Göttern Walhals die
-Messe.</p>
-
-<p>Wodan, die wehende Unrast lag in Sankt Peter begraben, aber der
-Spuk seines Daseins sank in die nordischen Seelen wie Heimweh.</p>
-
-<p>Die Glocken bellten den Sieg des Gekreuzigten aus von den Kirchen
-und Klöstern, und manche wurden von römischen Mönchen mit in die
-deutsche Wildnis gebracht.</p>
-
-<p>Aber der Wind Wodans nahm den ehernen Schall in die herrische Hand;
-er stieß ihn hoch an den Felsen, daß er heulend zerbrach; er warf die jammernden
-Stücke hinein in die trotzig schweigenden Wälder.</p>
-
-<p>Wo die Füße der Ewigkeit gingen in der Waltung natürlicher Mächte,
-wo der Donner wohnte im Horst der Wolken und Wetter, wo die Sterne
-der Nacht heimlich ihr Strahlengebind wuschen im Abgrund der toten Gewässer:
-hielt Wodan zornig Gericht und sandte die Sturmgeister aus in die
-Ahnungen einsamer Nächte, die Ungetreuen zu schrecken.</p>
-
-<p>Der König der Juden hing kalt am Kreuz seiner Leiden: aber die Räder
-rollten im Wetter, Donar stand hoch mit dem Hammer und warf die zackigen
-Blitze, Freya sank mit der Abendröte hinunter zur Nacht, Baldurs
-Scheite lohten im Sonnenwendfeuer, und in den heimlichen Gründen saß
-Frigga, die Brunnen des Lebens zu hüten.</p>
-
-<p>Die aber der Götter Lieblinge waren, hielten das Mahl im Ruhm ihrer
-herrlichen Taten; die Sänger stiegen die goldenen Stufen hinunter zum
-Brunnen der heiligen Herkunft, sie holten das Mahnwort der Sage herauf
-und die Wundersucht ihrer Lieder.</p>
-
-<p>Sie sangen dem männlichen Mut das Lob seiner Macht, und der Stärke
-den Stolz ihrer Stunde; sie gaben dem Leben das Schwert in die Hand und
-lachten der knieenden Demut; sie hießen die Stärke gesund, die Schwäche
-verächtlich; sie taten der trotzigen Tat das Königskleid an und dem Zweifel
-das Narrengewand.</p>
-
-<p>Sie sangen von Siegfried, dem kühnen Bezwinger der Drachen und<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-Alben; die holdeste Frau war sein Preis, aber die treulose List seiner Sippe
-warf den Herrlichen hin; aus Liebeslust wurde die blutige Not im Haß der
-Geschlechter.</p>
-
-<p>Sie sangen von Etzel, dem König der Hunnen, und wie er die blonde
-Hildico freite, Siegfrieds verratene Frau; aber der schwarze Zwingherr der
-Welt starb in der blutigen Brautnacht.</p>
-
-<p>Sie sangen von Schwanhild und Randwer, wie sie den Wein verbotener
-Liebe genossen, dem greisen König zur Schande; die Rosse Ermanerichs
-schleiften die schöne Schwanhild, und Randwer, der Sohn, büßte die Gunst
-seiner Mutter am Galgen.</p>
-
-<p>Sie sangen von Dietrich, dem starkweisen König der Goten, wie er die
-Rabenschlacht schlug und wie ihn der Schimmel Wodans heimholte, als
-wilder Jäger zu reiten in höllischen Nächten.</p>
-
-<p>Sie sangen von Brunhild, der heldischen Frau und ihrer furchtbaren
-Feindin, wie sie den Männern zum Trutz ihre Burg hielt und wie sie den
-Stolz büßte.</p>
-
-<p>Sie sangen das schmähliche Leid der schönen Ingunthis, wie die schneeweißen
-Hände Magdarbeit taten in bitterer Kälte; klagend stand sie am
-Meer und sah nach den Schiffen.</p>
-
-<p>Sie sangen von Gundikars Burg und dem Übermut seiner Recken, von
-seiner schmählichen Schuld und dem unendlichen Blutstrom der Sühne;
-sie sangen von Hagen, dem finsteren Helden blinder Gefolgschaft; sie gaben
-dem Spielmann Volker den Preis der fröhlichen Kunst, lachend zu leben
-und lachend zu sterben.</p>
-
-<p>Die Lieder liefen ins Land wie schäumende Bäche, sie suchten und fanden
-ihr Bett im Strom, der die Taten und Leiden, den lachenden Trotz und
-die standhafte Stärke germanischer Frühe hinein ins Urgebraus trug, in
-das rauschende Naß Ymirs des Riesen, in die donnernde Brandung der
-kalten Meerküste.</p>
-
-<p>Da fuhr das Totenschiff Baldurs hinein in den Norden asischer Herkunft,
-da hellte die Lohe den nächtlichen Himmel, da wurde Siegfried der
-Erbe des göttlichen Jünglings, da kam dem Cherusker der Glanz in die
-Locken, da hob er die Kraft und das gleißende Gold aus den Höhlen der
-Albengeschlechter.</p>
-
-<p>Da band die Sage den Heldenbericht ein in den Kampf der Asen und
-Vanen; da fanden der Trotz und die Kraft, der Mut und die Treue der nordischen
-Männer ihr strahlendes Gleichnis.</p>
-
-<p>Das Schuldbuch der Götter tat seine Blätter zum andernmal auf im
-Schicksal der Menschen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Buch_der_Kirche">Das Buch der Kirche</h2>
-
-<h3 id="sec3_1">Jesus von Nazareth</h3>
-</div>
-
-<p>Als der Kaiser Augustus zu Nola in Campanien den Tod sterben mußte,
-der das Vorrecht der Gewaltigen auslöscht wie das Unrecht der Geringen,
-ging Jesus von Nazareth erst in die Jünglingsjahre: aber noch war Tiberius
-nicht in den Polstern seines grausamen Alters erstickt, da hatte das
-Kreuz von Golgatha schon den Zimmermannssohn zum Messias erhöht.</p>
-
-<p>Das prahlende Glück Cäsars und der Glanz des Augustus hatten dem
-wölfischen Weltreich die blutige Tollheit des julischen Tyrannen gebracht:
-die Lehre des Nazareners ging auf wie Blumen, heimlich in die Gärten der
-Greuel gesät.</p>
-
-<p>Das erste Lot aber seiner Lehre war dies: dem Kaiser gehört euer Leib
-und alles, was seine Notdurft verlangt, er kann ihn behängen mit goldenen
-Ketten und kann ihn braten auf glühendem Rost; Gott aber gehört eure
-Seele und alles, was ihre Sehnsucht vermag, er kann die goldenen Ketten
-zur Last und den glühenden Rost zum Lustlager machen!</p>
-
-<p>Denn der, den sie Messias, das heißt den Gesalbten, nannten, kam nicht
-gegürtet mit einem Schwert, sein Reich zu raffen: er ging als Pilger über
-die Straßen und Märkte des jüdischen Landes, lächelnd von Liebe und
-Weisheit, und säte den Samen der Freiheit in furchtsame Herzen.</p>
-
-<p>Und weckte Gott aus den Seelen der Menschen, daß er stark würde in
-jedem, des irdischen Daseins zu lächeln.</p>
-
-<p>Denn das zweite Lot seiner Lehre war dies: Gott ist kein böser Tyrann,
-über euch thronend in den Wolken, durch Opfer und gute Werke versöhnbar,
-Gott ist der ewige Geist aller Dinge, und jedem, der ihn in Wahrheit
-erkennt, wird er ein liebender Vater.</p>
-
-<p>Darum brauchte Jesus von Nazareth nicht das Bußgeschrei der Propheten
-noch die Gottesfurcht ihrer Priester: sein himmlischer Vater ließ
-seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten, er ließ regnen
-über Gerechte und Ungerechte, weil allen sein Himmel der Liebe geöffnet war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p>
-
-<p>Allen, die gläubig der Gotteskindschaft zur ewigen Allmacht eingingen,
-die solches Wunder dem sterblichen Menschen erwies und ihn aus der Notdurft
-und sündigen Furcht seines Leibes zur Freiheit der unsterblichen Seele
-erlöste.</p>
-
-<p>Denn das war das dritte Lot seiner Lehre: das Reich Gottes ist nahe
-herbei gekommen; es ist der Himmel des Herzens in euch, Reinheit und Demut
-sind seine Pforten, gläubige Liebe zum Vater hält seine Burg, und tätige
-Liebe den Brüdern gibt ihm die ewigen Waffen.</p>
-
-<p>Als aber Jesus, der Zimmermannssohn, der dieses lehrend über die Straßen
-und Märkte des jüdischen Landes ging, sich selber als Liebespfand der
-Allmacht geopfert hatte, als mit dem Hosiannageschrei und dem Kreuzestod
-der Umkreis seines irdischen Daseins umrissen war: da blieb der Kreuzestod
-in den Herzen seiner geflohenen Jünger und hatte das Lächeln der
-Liebe und Weisheit in den Schmerz des Opfers verkehrt; und grausam
-ging durch die frohe Botschaft der Riß von Golgatha.</p>
-
-<h3 id="sec3_2">Paulus</h3>
-
-<p>Die seine Lehre hörten und ihm als Jünger folgten, waren Fischer und
-Findlinge der Einfalt; sie glaubten treulich, daß ihr Meister der Messias
-aus dem Geschlechte Davids wäre und warteten in Demut der verheißenen
-Wiederkunft.</p>
-
-<p>Sie hielten sich abseits vom Tempel in der Gemeinde und lebten gemeinsam
-aus einem Eigentum; sie waren Juden und gedachten, das Gesetz
-und die Propheten zu erfüllen.</p>
-
-<p>Es kam ihnen aber ein Teppichweber zu mit Namen Saul aus Tarsus
-in Kleinasien und römischer Bürger, der in Jerusalem die Schrift studierte,
-Rabbi zu werden.</p>
-
-<p>Glühender im Geist als sie und im Gewissen wühlend, hob er das Sinnbild
-der Versöhnung aus dem uralten Passahbrauch der Juden: er hieß Jesus
-das Opferlamm Gottes und den Glauben an den gekreuzigten Gott
-die Erlösung aus Sündenschuld.</p>
-
-<p>Was eine Lehre der Liebe und der Weisheit in Galiläa war, das wurde
-Glut des Glaubens, die das Gebälk des jüdischen Gesetzes und das Tempeldach
-feurig durchbrach.</p>
-
-<p>Denn Saulus kannte die Wehen der Griechenweisheit und wie die aufgerührte
-Welt nach einem Wahrspruch brannte: ihm waren die Mauern
-Jerusalems zu finster und die Grenzen Judäas zu eng für seine Sendung.</p>
-
-<p>Er nannte sich Paulus und trug die Fackel seiner Botschaft von Antiochien<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-nach Zypern, von Troas nach Mazedonien hinüber und fragte nicht,
-ob Juden oder Heiden daran entbrannten.</p>
-
-<p>Es war nicht sein stolzester Tag auf dem Markt von Athen, da die Griechen
-den Juden von Tarsus einen Lotterbuben nannten; aber da sprach er
-sein Wort von Gott, in dem wir leben, weben und sind.</p>
-
-<p>Zwischen den Standbildern ihrer gestorbenen Götter, wo das Stichwort
-der Stoiker galt von der menschlichen Seele als Absenker Gottes, blies er
-dem blutleeren Balg ihrer Lehre den Atem seines glühenden Glaubens ein
-und hob ihn auf den leeren Altar, der dem unbekannten Gott wartend dastand.</p>
-
-<p>Als er dann wiederkam zu den zürnenden Jüngern, die seinen heidnischen
-Gläubigen den Eingang in ihre Gemeinschaft verwehrten, schnitt er die
-Nabelschnur ab von der mosaischen Mutter: der Kreuzestod Christi sei die
-Erlösung auch vom Gesetz der jüdischen Thora.</p>
-
-<p>Es war die Geburt der christlichen Kirche, als Paulus sich so vor den
-Jüngern Jesu bekannte; nicht mehr die Lehre der lächelnden Liebe und
-Weisheit gab seinem glühenden Glauben den Grund: der gekreuzigte Gott,
-auferstanden vom leiblichen Tod und herrlich gen Himmel gefahren, war
-das Wunder seiner Verkündung und die Gotteskindschaft der Seele sein
-Gnadenbeweis.</p>
-
-<p>Aber nun galt der Apostel, der dreizehnte neben den Zwölfen, nicht mehr
-als Jude; als er dennoch einging zum Tempel, machten die Jünger einen
-Aufruhr um ihn und wollten ihn steinigen, bis ihn der römische Hauptmann
-der Wache den zornigen Händen entriß.</p>
-
-<p>Seitdem berief sich der Jude aus Tarsus als römischer Bürger, der
-Christenapostel ging ein in die Stadt, die das alternde Haupt der alten
-Welt war und durch seinen Glauben die neue Herrschaft gewann.</p>
-
-<p>Das Reich der Seele wollte mächtig werden in der Wirklichkeit der Leiber,
-das Buch der Richter des neuen Bundes begann das stolze Kapitel der
-römischen Kirche.</p>
-
-<h3 id="sec3_3">Das Kreuz über den Gräbern</h3>
-
-<p>Als Paulus einging in Rom, war Nero, die Natter des Lasters, Kaiser
-der wankenden Welt, das Blut seiner Verbrechen stank in den Straßen
-der steinernen Stadt.</p>
-
-<p>Ihm war der Jude aus Tarsus nicht wert, seiner brünstigen Lehre zu
-achten; als aber Rom brannte sieben Tage und Nächte, indessen der lustvolle
-Kaiser dem Schauspiel Verse zusprach, mußten die Nazaräer dem römischen<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span>
-Volk als Brandopfer dienen, und Paulus sank mit in die glühende
-Asche.</p>
-
-<p>Die dem fressenden Feuer entgingen in den Schlupfwinkeln der schwälenden
-Stadt, hielten heimlich zu seiner Lehre: der Kaiser konnte den irdischen
-Leib mit goldenen Ketten behängen und konnte ihn braten auf glühendem
-Rost; Gott aber gehörte die himmlische Seele, er konnte die goldenen
-Ketten zur Last und den glühenden Rost zum Lustlager machen.</p>
-
-<p>Sie hatten nicht Schulen noch Tempel, ihr Heiligtum wurde in Höhlen
-gehütet: wo die Gräber der Gemarterten waren in engen Grüften,
-stimmten sie frühmorgens die Lobgesänge an und gingen hinaus in den Tag
-und den Tod, verzückte Pilger der ewigen Seligkeit.</p>
-
-<p>Sie gaben den Armen ihr Geld und den Reichen das frohe Geheimnis
-der Botschaft, sie säten die Hoffnung in Herzen, die alles verloren und
-nichts zu gewinnen hatten, sie machten die Tore des irdischen Todes weit auf
-in die himmlischen Gärten und waren standhaft im Leid, die ewige Lust zu
-gewinnen.</p>
-
-<p>Ob der Kaiser Trajan, von den Römern der Weise genannt, sie als Rebellen
-verfolgte, weil ihre Lehre den Kaiser und Knecht, den Bürger und
-Sklaven gleichmachte vor Gott: die irdischen Blutstrafen wirkten der Nachfolge
-Christi das himmlische Ehrenkleid.</p>
-
-<p>Viele Kreuze wuchsen dem einen auf Golgatha nach, die Gräberwelt
-ihrer Höhlen zu füllen, indessen ihr Himmel sich mit den Bildern der heiligen
-Blutzeugen schmückte.</p>
-
-<p>Das Reich Gottes baute die Räume im Jenseits mit ihren seligen
-Freuden und gab dem irdischen Jammertal seine brünstigen Träume: vom
-Lohn der Leiden im jüngsten Gericht, vom Paradies als dem ewigen Vaterhaus
-der gläubigen Seele.</p>
-
-<h3 id="sec3_4">Das Schaumgold der Kirche</h3>
-
-<p>Die aber im Heer des Kaisers dienten als seine Knechte, Mietlinge des
-blutigen Handwerks aus allen Ländern der römischen Welt, hörten die Botschaft
-der Christen einfältig wie vormals die Fischer und hörten sie gern
-als Nachbarn des Todes und als Enterbte der Götter.</p>
-
-<p>Lange bevor Konstantins List das Kreuz zum Feldzeichen machte, ging
-bei den Legionen der Christengott um: darum gewann Helenas Sohn die
-Schlacht vor den römischen Toren und zog ein in die Stadt des Augustus
-als Schutzherr der Christen.</p>
-
-<p>Das Kreuz besiegte den römischen Adler; wo die Tempel der Götter verfielen,
-wurden den Heiligen Kirchen gebaut, Kirchen über den Gräbern: die<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-Lehre des Galiläers stieg hoch in der Gunst der Gewalt, das Gottesreich
-aber wechselte seine Gestalt.</p>
-
-<p>Der Kaiser, der klüglich das Kreuz an seine Staatsherrlichkeit klebte,
-blieb Oberpriester der römischen Götter aus furchtsamer Vorsicht, und
-taufen ließ er sich erst, als er starb, sündenrein vor den Christengott, als
-christlicher Kaiser bevorzugt in seinen Himmel zu kommen.</p>
-
-<p>Auch war er ein Sohn des Morgenlandes &ndash; durch Helena, seine jüdische
-Mutter &ndash; und dem römischen Bürgertum fremd; er legte das asiatische
-Stirnband seines Despotentums an und machte Byzanz zur Hauptstadt
-der römischen Welt.</p>
-
-<p>Wie die Sonne der Griechen mit Alexander rauschgolden im Morgenland
-unterging, so schwand der Vollmond römischer Weltbürgerschaft mit
-Konstantin hin in die hängenden Gärten.</p>
-
-<p>Darum war es Byzanz, wo der Kaiser im Weihrauch prunkender Messen
-die Lust seiner Allmacht genoß, wo die höfische Geltung der Kirche die
-christlichen Hirten zu Weltherren machte.</p>
-
-<p>Höfischer Pomp und der Weihrauch zeremonieller Gebräuche, die
-Rauschgläubigkeit wundersüchtiger Scharen, das Mirakel und der tönende
-Schwall himmlischer Freudenverheißung: mit Ornat und Krummstab fiel
-es über die christliche Lehre, die Liebe und Weisheit des lächelnden Mundes
-erstickend im Schaumgold kirchlicher Feste.</p>
-
-<h3 id="sec3_5">Simeon aus Sesam</h3>
-
-<p>Rund um die Küsten der greisen Griechenwelt lagen die Länder der paulinischen
-Lehre; Zweifler an den Marmorgöttern hörten die Botschaft seines
-gekreuzigten Gottes und die Grübler der uralten Logoslehre.</p>
-
-<p>Das Morgenland fing wieder an zu glühen, das vor dem Götterhimmel
-der Griechenwelt ins Dunkel der Mysterien versunken war; und wo das
-Wort der neuen Lehre hinfiel auf den verdorrten Boden, da knisterte der nie
-gelöschte Brand.</p>
-
-<p>Sie ließen die geheimnisvollen Flämmchen des Zoroaster spielen, die
-neue Wahrheit und die alten Widersacher aus Licht und Finsternis zu deuten,
-sie schürten mit den Zangen der Spitzfindigkeit und fingen das Gezänk
-der Deutung an.</p>
-
-<p>Und waren eifrig, von der Gemeinde die Wissenden zu scheiden, und
-legten um die Einfalt der Botschaft den Priestermantel der Erwählung:
-im Namen dessen, der die Fischer lehrte und den die Priester kreuzigten, den
-Klerus vom Laienvolk zu lösen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span></p>
-
-<p>Auch sonderten sich manche ab nach alter Weise des Morgenlands, sie
-gingen abseits in die Wüste und suchten das Geheimnis der Erwählung in
-den Schlupfwinkeln ihres unreinen Geistes.</p>
-
-<p>Sie leerten ihre Lüste aus und füllten das Gefäß mit Fasten und Verzückung
-und wähnten, dem Reich Gottes näher zu sein, als die mit Treue
-den Tag bestanden.</p>
-
-<p>Den sie bei Antiochien bestaunten, ein Hirt mit Namen Simeon aus
-Sesam, stand dreißig Jahre lang auf einer Säule, den Wallfahrern ein
-Wunder, und lehrte: Jesus habe teil an seiner Torheit, daß er dastände
-gleich einem Kranich, der seiner Flügel überdrüssig geworden wäre.</p>
-
-<p>Eudoxia die Kaiserin, so heißt es, hieß einen Turm daneben bauen mit
-offenem Dach, das hallende Gespräch des Heiligen zu hören: so wähnten in
-der Wüste ein Hirt und eine Kaiserin der Stimme aus Nazareth zu dienen,
-die traurig mit den Traurigen und fröhlich mit den Fröhlichen im Volk gegangen
-war.</p>
-
-<h3 id="sec3_6">Augustinus</h3>
-
-<p>Ein reicher Jüngling aus Tagaste lebte seinen Sinnen in Karthago, bis
-ihn der Geist schalt, daß er gleich einem Tier der Täglichkeit den Trog leer
-fräße.</p>
-
-<p>Der mit bunten Kleidern auf der Gasse ging, fing an zu suchen in den
-Schriften, daß ihm der Geist ein besseres Futter fände: so wurde Augustinus
-ein Schüler der Griechenweisheit und suchte sein Glück so gierig in den
-Schriften, wie seine Sinne die Brunst genossen hatten.</p>
-
-<p>Als er ein Mann geworden war und selber für einen Meister der Weisheit
-galt, kam er ins Abendland, in Rom und Mailand zu lehren: der Zweifel
-aber, gieriger als seine Sinne, wollte ihm alle Wahrheit fressen.</p>
-
-<p>Bis er die Schriften des Paulus fand und daraus die Einfalt zu glauben
-lernte; der als ein Meister der Weisheit im Abendland Ruhm zu ernten
-gedachte, kam als ein Schüler der Demut zurück nach Karthago, sein Herz
-in der Stille der Wüste zu kühlen.</p>
-
-<p>Da trat der sündige Mensch vor Gott und rang wie Jakob mit ihm um
-Erlösung, da stand vor dem glühenden Dornbusch des Glaubens der Zweifel,
-sein letztes Reis zu verbrennen, da riß eine Seele den Brunnen der
-Wüste auf, ihr Menschengesicht im Spiegel der Tiefe zu schauen.</p>
-
-<p>Sie holten ihn auf den Stuhl des Bischofs von Hippo, Hirt und
-Herold der Kirche zu werden wie keiner; so wurde der Kirche der Mund der
-Inbrunst geschenkt und der paulinischen Lehre der hitzigste Streiter.</p>
-
-<p>Als ewige Erbschaft war an die Schwelle der Menschheit die Sünde<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-Adams gestellt, die Gnade Gottes allein vermochte den erbsündigen Menschen
-aus der Verdammnis zu lösen.</p>
-
-<p>Die Gnade Gottes war der Kirche gegeben; sie war das Reich Gottes
-auf Erden über der Macht der weltlichen Staaten; bis das Weltgericht kam
-und das bunte Scheingewand der Welt in Flammen verzehrte, hielt sie der
-erbsündigen Seele die Gnadentür offen.</p>
-
-<p>So sprach Augustinus, der Bischof von Hippo, der Kirche den Gnadenschatz
-zu, so sank der Stachel der Erbsünde ein in die Christengemeinde, mit
-ewiger Verdammnis die furchtsamen Herzen zu schrecken und mit der Verheißung
-des Himmels zu locken.</p>
-
-<h3 id="sec3_7">Nicäa</h3>
-
-<p>Was zu den Hirten von Bethlehem kam als himmlisches Licht, Gott
-in der Höhe zu Ehren, der Erde zum Frieden und den Menschen ein Wohlgefallen,
-war eine schwelende Brandfackel geworden der christlichen Rechtgläubigkeit.</p>
-
-<p>An die dreihundert Bischöfe samt ihrem geistlichen Heerbann hielten
-Konzil zu Nicäa, den Punkt zu erzirkeln, wo zwischen der göttlichen Natur
-des Erlösers und dem menschlichen Dasein des Zimmermannssohnes sein
-Wesen als kirchlicher Lehrbegriff stände.</p>
-
-<p>Noch war das düstere Wunder paulinischen Glaubens nicht unter Dach,
-noch stand das Opferlamm Gottes nicht auf dem Altar der beschworenen
-Glaubensartikel, noch war die Dreifaltigkeit nicht im Lehrgebäude der
-Kirche gesichert.</p>
-
-<p>Gottgleich oder gottähnlich, so stritten die Priester mit Zirkeln und
-Zangen um den Zimmermannssohn; und hitziger hatten die Juden nicht
-vor Pilatus gestanden, als nun die Christen vor Konstantin, der ihrem Konzil
-den Prunk des Kaisers umhängte.</p>
-
-<p>Die gestern noch selber Verfolgten verdammten den Arius da, weil er
-das göttliche Wunder allein in der Lehre und nicht im Mirakel des gekreuzigten
-Gottes erkannte; sie hießen ihn einen Ketzer, und Christus siegte als
-Gottes einiger Sohn im Zankbeschluß seiner Priester.</p>
-
-<p>Als die Bischöfe danach auseinander fuhren mit dem Heerbann ihrer
-Meinung und Lehre, den Hellespont hinüber ins Abendland, und auf mancherlei
-Schiffen und Wegen ins Morgenland, fuhr der Zank mit nach Haus,
-die Christenheit zu zerspalten.</p>
-
-<p>Bis Theodosius, von der Kirche dankbar der Große genannt, für die
-arianischen Ketzer den Rost glühend machte: im Namen des Dulders der
-Liebe, der im Haß der jüdischen Priester den Kreuzestod fand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec3_8">Wulfila</h3>
-
-<p>Ein Psalm, der vor dem Tag verscholl, gesungen aus Traum und Wachen,
-bevor das wilde Kriegswerk der Völkerwanderung begann, ein Klagelied
-aus dem Brunnquell der deutschen Sprache: das war die Gotenbibel
-des Wulfila.</p>
-
-<p>Sie sollte der Psalter des deutschen Evangeliums werden und ist der
-Sargdeckel geworden der germanischen Frühzeit, weil aus der fröhlichen
-Botschaft der Haß des geistlichen Lehrstreites Giftblumen blühte.</p>
-
-<p>Der sie den Westgoten schrieb, zwölfhundert Jahre vor Luther den
-Deutschen die Schrift zu schenken: Wulfila war arianischer Bischof; und
-Arianer, das hieß der römischen Kirche ein Ketzer und schlimmer als Heide
-zu sein.</p>
-
-<p>Sie saßen im Tiefland der Donau, vom schwarzen Schrecken der Hunnen
-verdrängt, als Grenzwacht des Kaisers geduldet, und hörten die Botschaft
-der himmlischen Ferne:</p>
-
-<p>Gott war gekommen, der über den Göttern von Ewigkeit war, den
-Menschen das glückhafte Reich des Friedens zu bringen, da wieder Gerechtigkeit
-wurde, sonniges Land und selige Freiheit den grausam Enterbten.</p>
-
-<p>Denn Wulfila hatte die Worte der Botschaft in ihre Sprache gebracht:
-da klangen die uralten Laute den uralten Sinn, da war die ewige Herkunft
-der Dinge, da war ihr himmlischer Vater und sandte Surtur, den herrlichsten
-Sohn seiner Stärke, die Seinen zu sammeln aus Not und Bedrängnis.</p>
-
-<p>So lauschten die Goten dem Wulfila und konnten nicht ahnen, daß sie
-der Glaube betrog, daß sie die fröhliche Botschaft ins Fegfeuer des Ketzertums
-brachte.</p>
-
-<p>Arianer und römische Kirche: so war der Kampf angesagt bis aufs
-Messer; die Goten und alle germanischen Völker der großen Wanderschaft
-hatte ihr gläubiges Herz gegen die römische Schneide gestellt.</p>
-
-<h3 id="sec3_9">Der Pontifex maximus</h3>
-
-<p>Pontifex maximus hießen die Römer den obersten Priester, und Konstantin
-selber behielt das heidnische Amt trotz dem Kreuz seiner Fahnen.</p>
-
-<p>Nicht lange aber, so hob der römische Bischof das glänzende Stirnband
-aus dem Brandschutt der Götter, als Papst und Statthalter Christi wieder
-der Pontifex maximus, im römischen Weltreich der Hohepriester zu sein.</p>
-
-<p>So wurde Rom noch einmal das Herz der mittelmeerländischen Welt;<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-denn der Kaiser war fern in Byzanz und sein Glanz blickte düster ins Morgenland,
-indessen der Norden hell wurde im Junglicht germanischer Kraft.</p>
-
-<p>Der erste Gregor, der Große genannt, Präfekt und Römer von Reichtum
-und Rasse, bevor er sein Haupt schor, gab dem römischen Titel die römische
-Geltung zurück, das zerfallene Reich Cäsars erneuernd als Macht
-seiner Priester.</p>
-
-<p>Er sandte das Pallium aus, wie vormals der Kaiser die purpurgesäumte
-Toga, er ließ seine Legionäre schulen im Orden der Benedektiner.</p>
-
-<p>Fegfeuer und Seelenmesse, Bilderdienst und der bunte Heiligenhimmel:
-das Rüstzeug der Kirche hob seine cäsarische Hand auf, der von Herkunft
-ein Römer, aus frommer Neigung ein Priester und der berufene Pontifex
-maximus war.</p>
-
-<p>Der Kaiser war fern in Byzanz, das langobardische Schwert hing dicht
-über Rom; in Gallien aber beugten die ersten Germanen das Knie vor der
-Kirche: die Franken waren die Feinde der Goten, sie sollten gegen die Langobarden
-die römische Leibwache sein.</p>
-
-<p>Vom römischen Scharfblick geführt, staatskundig und stetig im Schachspiel
-steigender Macht, weitblickend aus Nöten der Nähe, brachte die Kirche
-den Handel ans Ziel, Pipin den Kleinen als König der Franken zu salben.</p>
-
-<p>Stephan der Papst kam selber ins gallische Land, reitend auf einem
-Maultier, wie Samuel der Priester vor Saul kam, drei Meilen weit ins
-Lager der streitbaren Franken von Pipin dem König am Zaum eingeführt.</p>
-
-<p>Er gab ihm die heilige Salbung und brachte sie heim, die Pipinsche
-Schenkung, die ihn, den Hirten der Christengemeinde, zum Fürsten des römischen
-Kirchenstaats machte: eine Schrift nur, ein Pergament in den
-Falten des Priestergewandes.</p>
-
-<p>Aber der Pontifex maximus hatte den Heerbann der Franken gesehen
-und harrte getrost ihres Schwertes.</p>
-
-<h3 id="sec3_10">Winfried</h3>
-
-<p>Sie haben Winfried, den englischen Mönch, Apostel der Deutschen genannt;
-als aber Winfried herüber kam zu den heidnischen Friesen &ndash; vierhundert
-Jahre nach Wulfilas Predigt &ndash; waren die Franken, Thüringer,
-Alemannen und Bayern schon Christen; nur die sächsischen Völker verehrten
-noch Saxnot, den Gott ihrer Väter.</p>
-
-<p>Die arianischen Goten, Vandalen, Burgunder hatte die römische
-Mühle zermahlen, ihre Könige waren verschollen in den Schlupfwinkeln<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-der Sage; noch boten die Langobarden ihr Trutz, aber schon blühte das
-Frankenreich, der Kirche gehorsamste Tochter.</p>
-
-<p>Dreimal zog Winfried nach Rom, der ein frommer Held seines Glaubens,
-ein feuriger Herold der päpstlichen Macht war: Gehorsam gegen Rom
-zu verkünden, war der heimliche Sinn seiner Sendung.</p>
-
-<p>Darum sanken ihm Ehren auf das silbrige Haar; Legat und Erzbischof
-war er und Primas der deutschen Bischöfe, treu und milder Verwalter des
-Hauses, dem er die Balken fügte mit Klugheit und Eifer.</p>
-
-<p>Denn Pipin der Kleine war nicht nur der Kirche gehorsamer Sohn; der
-Hausmeier brauchte den römischen Segen, seinem König die Krone zu nehmen;
-wie der Papst seines Schwertes bedurfte, den Langobarden zu wehren.</p>
-
-<p>Mittelsmann ihrer Machthändel war Winfried der Weise; er schlichtete
-klug und ohne kleinliche Ränke, war Kanzler der Kirche und der früheste
-Kurfürst am Rhein; er liebte das Land seiner Wahl, der englische Mönch,
-und suchte der Ordnung zu dienen, deren mildester Meister er war.</p>
-
-<p>Weil ihm die anderen Bischöfe seine Ehren mißgönnten, zog er im Alter
-tapfer hinaus, noch einmal hinaus zu den heidnischen Friesen; der friedliche
-Meister des Lebens fand seinen Tod wie ein Held, als ihn die trotzigen Friesen
-bei Dokkum erschlugen.</p>
-
-<p>Als sein Leichnam stromauf kam durch das rheinische Land, klagten viele
-um einen Vater, und manche Glocke, die seine Hand weihte, gab ihm bis
-Fulda das Sterbegeläut; nur wenige sahen, was seine milde Geschäftigkeit
-hinterließ.</p>
-
-<p>Ein Netz hing geflochten für den Nachfolger Petri, den größten Fischzug
-zu tun: das Morgenland war an den Islam verloren, in Eifersucht
-wachte Byzanz; im nordischen Land der Germanen war der Kirche ein
-Acker gepflügt, andere Dome zu tragen, als die im römischen Land.</p>
-
-<p>Das Mittelalter begann, das der neuen Welt Wunder sein sollte; die
-Sterbeglocken zu Fulda läuteten seinen Beginn.</p>
-
-<h3 id="sec3_11">Widukind</h3>
-
-<p>Während die gotischen Völker das Glück und den Fluch der römischen
-Erbschaft fanden, während die Franken im gallischen Land dem römischen
-Papst die Steigbügel der neuen Weltherrschaft hielten, hatten die Länder
-der Weser die Volksschaft der Väter bewahrt.</p>
-
-<p>Frei wie zu Tacitus Zeiten hielten die sächsischen Gaue den Thing und
-das Weistum, und sprachen Recht im Schwertzeichen Saxnots, bis Karl
-der fränkische König das Kreuz über sie brachte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span></p>
-
-<p>Gleich Drusus, dem Römer drang er von Süden ein durch das hessische
-Waldland, raubend und brennend; und wo das Schwert des trotzigen Blutes
-satt war, schwangen die Mönche den Weihrauch und sangen die römische
-Messe.</p>
-
-<p>Die Eresburg fiel, die Irminsul wurde zerstört, den heiligen Hain fraß
-das Feuer, so wurde im Namen des Kreuzes fränkische Mark, was ein
-Jahrtausend lang sächsisches Freiland war.</p>
-
-<p>Die Mönche sangen zur Messe, die Grafen hielten Gericht im Namen
-des fränkischen Königs und beugten das uralte Recht der Sachsengemeinde.</p>
-
-<p>So war dem Franken der Sprung in den sächsischen Sattel geglückt:
-aber dann bäumte das Roß, und der Ritt begann, rauchend von Brand
-und Blut dreier Jahrzehnte.</p>
-
-<p>Wie vormals Armin, Segimers Sohn und Fürst der Cherusker, war
-Widukind Herzog von Sachsen; dreizehn Jahre lang bot er der fränkischen
-Zwingherrschaft Trotz, freudig und flüchtig im Wechsel des Waffenglücks,
-ein Meister der List und ein Nacken unbeugsam, das Unglück zu tragen.</p>
-
-<p>Denn ob er Fritzlar verbrannte und Fulda bedrohte, daß die Mönche
-flohen mit Winfrieds Leiche, ob er vorstieß bis an den Rhein: die fränkische
-Feldkunst warf das Ungestüm seiner Kriegshaufen nieder, und immer grausamer
-dämpfte Karl den sächsischen Trotz.</p>
-
-<p>Bis der Tag an der Aller kam, wo ihrer viertausendfünfhundert geschlachtet
-wurden &ndash; Edlinge des sächsischen Volkes, die sich freiwillig stellten
-&ndash; daß der Bach sich färbte im Blut und das Feld faul wurde im Gestank
-der edelsten Leiber.</p>
-
-<p>Noch einmal rief da der Grimm die Waffen Saxnots zuhauf; bei Detmold
-kam es zur Schlacht, die dem gewaltigen Karl das Schwert stumpf
-machte, aber den Sachsen das ihre zerbrach.</p>
-
-<p>Widukind beugte den Nacken vor dem fränkischen Christ! Drei Tage
-lang sangen die Priester Danklieder in Rom, weil der Herzog der Sachsen
-zur Taufe nach Gallien ging.</p>
-
-<p>Den Franken gelang, was dem römischen Adler mißglückte, sie blieben
-Zwingherrn im Weserland, besiegelt im Kapitular der sächsischen Knechtschaft,
-mit Blut geschrieben zu Paderborn und aller Gesetze furchtbarstes:</p>
-
-<p>Des Todes soll sterben, wer die Fasten nicht hält, wer sein Kind der
-Taufe verbirgt; des Todes soll sterben, wer sich selber der Kirche verweigert;
-des Todes soll sterben, wer einen Leichnam verbrennt nach germanischem
-Brauch!</p>
-
-<p>Aber der Hund fraß wieder, was er ausspie: noch manchmal stand Saxnot<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-auf in den Herzen der Seinen, bis er für immer zur Hölle fuhr, der uralte
-Lichtgott der Deutschen, verdammt von den römischen Mönchen.</p>
-
-<p>Zu Tode gehetzt von der slawischen Meute der Wenden, denen der fränkische
-Räuber das sächsische Elbland hinwarf als Beute, zu Tausenden aus
-ihrer Heimat geschleppt, für immer getrennt von Weib und Kindern, verraten
-von treulosen Grafen: so wurden die Sachsen zu Christen gemacht,
-im Namen der lächelnden Liebe.</p>
-
-<p>Bis endlich drei Bistümer blühten im Weserland, zu Bremen, zu Münster
-und Paderborn: drei Hochkreuze des allerchristlichsten Königs, drei
-Leichensteine auf dem Kirchhof des sächsischen Volkes, drei Krummstäbe
-über dem Nacken germanischer Freiheit.</p>
-
-<h3 id="sec3_12">Carolus Augustus</h3>
-
-<p>Als Karl, der Frankenkönig, sein Sommerlager hielt zu Paderborn im
-Land der Sachsen, kam Leo, der Papst, als ein Flüchtling zu ihm.</p>
-
-<p>Den hatten die Römer am hellen Tag aus einer Prozession gerissen,
-halbtot geschlagen und gefangen aus Rom fortgeführt: mit List entwichen
-und die Mühsal der Alpenfahrt nicht scheuend, rief der Pontifex maximus
-den Frankenkönig als seinen Schirmherrn an.</p>
-
-<p>Es fand sich danach, daß der Statthalter Christi der Unzucht und des
-Meineids beschuldigt war; so hielt der Frankenkönig feierlich Gericht in
-Rom und strafte die Ankläger hart, als sich der Papst mit seinem Eid zu reinigen
-vermochte.</p>
-
-<p>Das aber geschah vor Weihnachten, als es achthundert Jahre her war,
-daß Maria im Stall von Bethlehem ihr Knäblein gebar: nun stand das
-Kreuz auf tausend Kirchen, und statt der Hirten kamen die Großen der
-Welt an seine Krippe.</p>
-
-<p>Als in der Christmesse das Heergefolge des Frankenkönigs sich durch die
-Römer drängte und Karl, der Schwertgewaltige, in Andacht kniete vor
-dem Altar der Peterskirche, da krönte ihn der Papst, und die Lateiner
-stimmten ein in den bestellten Ruf:</p>
-
-<p>Carolus Augustus, dem von Gott gekrönten friedenbringenden Cäsar
-der Römer, Leben und Sieg!</p>
-
-<p>Es war ein Franke, den sie zum Kaiser riefen, ein Franke, der morgen
-Rom schon wieder den Rücken kehrte; aber so verkehrte sich das Angesicht der
-Welt:</p>
-
-<p>Roma die vielerfahrene ließ ab vom Morgenland und huldigte dem
-Starken, der von Norden in ihre Netze kam, ließ Syrien und Ägypten,<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-Kleinasien und Byzanz, weil sie die Herrin bleiben wollte in der neuen Zeit,
-wie in der alten.</p>
-
-<p>Der Frankenkönig aber, der sonst in einem Wams von Otterfell ging
-und als Patricius der Römer den Seinen fremd dastand in römischen Gewändern:
-er fühlte die Krone auf seinem Haupt von Gottes Gnaden und
-staunte, das Reich Gottes sei doch von dieser Welt, weil er sein Herrscher
-und der treue Diener der Priesterlehre war.</p>
-
-<h3 id="sec3_13">Der gläserne Grund</h3>
-
-<p>Als Karl der Große begraben lag in seinem Münster zu Aachen und
-Ludwig der Fromme, sein Sohn, Herrscher des Frankenreichs war, von
-Karl zum Kaiser gekrönt mit eigener Hand, stand vor dem Königsgebäude
-noch immer das eherne Reiterbild Dietrichs von Bern aus Ravenna.</p>
-
-<p>Denn der die Stämme der Sachsen, Alemannen, Bayern und Langobarden
-in harten Kriegen bezwang, war Uferfranke und deutschen Geblüts:
-seine Sprache war deutsch, auch trug er sich fränkisch und legte nur zweimal
-in Rom das Prachtgewand römischer Kaisermacht an.</p>
-
-<p>Wie sein Münster in Aachen gebaut war nach gotischem Vorbild, und
-wie er die deutsche Predigt verlangte, so ließ der Kaiser die Lieder aufschreiben
-von Siegfried, Dietrich und Hildebrand und die uralten Göttergesänge.</p>
-
-<p>Aber sein Sohn von der schwäbischen Hildegard zeigte niemals lachend
-die Zähne und wäre lieber ein Mönch, denn ein Kaiser gewesen; er warf die
-Lieder der Deutschen, vom Vater mit Eifer und Ehrfurcht gesammelt, ins
-Feuer, schaudernd vor dem Abgrund der heidnischen Herkunft.</p>
-
-<p>Da brannte sie hin, die heilige Sprache, uralt und glanzvoll gefügt.</p>
-
-<p>Die Riesenleiber der Götter und Helden flackerten auf in den Schattenbildern
-der Sage, spottend der kindischen Torheit: aber das Wort sank hin
-in die Asche, das ihrer Taten volkstümliches Kleid war und Seelenhort der
-germanischen Frühe.</p>
-
-<p>Wohl sprachen die Männer des Volkes deutsch wie zuvor, aber nun
-hatte ihr Wort keine Schrift mehr; die Bildung in Klöstern und Schulen
-schrieb fremdes Latein: einer gemähten Wiese gleich lag die Volksseele da
-mit abgeschnittenen Halmen und wucherndem Unkraut.</p>
-
-<p>Unermüdlich aber aus den Schleusen der Klöster und Kirchen lief das
-lateinische Gewässer hinein und gefror zum gläsernen Grund, darunter der
-Spuk der germanischen Seele, auf die Märzstürme wartend, den Winterschlaf
-hielt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec3_14">Die schwarzen Mönche</h3>
-
-<p>Schwärmer und Schelme der Müßigkeit kamen vom Morgenland,
-Schaffner Gottes zu werden nach abendländischer Losung.</p>
-
-<p>Denn Benedikt, der auf dem Monte Cassino das Mutterhaus der
-abendländischen Klöster baute, gab dem Gebet die Arbeit, der Verzückung
-den Fleiß an die Hand.</p>
-
-<p>Die Weltflucht entsagte dem Nutzen, doch nicht der nützlichen Leistung;
-der Überdruß vornehmer Römer sprang in die Flut der lautlosen Tat, die
-aus dem Nichtstun in Ehren erlöste.</p>
-
-<p>Als danach die schwarzen Mönche ins Nebelland der deutschen Urwälder
-kamen, wurden Sankt Gallen, die Reichenau, Hersfeld, Fulda und
-Wessobrunn die Standlager entsagungsvoller Mühsal, bevor in den Klostergärten
-der Wohlstand spazieren ging.</p>
-
-<p>Dann freilich wuchs ihr Reichtum sich aus zu grünen Inseln, die aus
-der Tannenwildnis die Sonne saugten und die Wärme stahlen: der Frühling
-blühte über sie mit anderem Licht, der Sommer reifte Garben wie nie
-zuvor, und wenn der Herbst kam, hingen die Spaliere von Trauben und
-Birnen schwer.</p>
-
-<p>Der Sonnensegen flog durchs Land, im Klosterhof zu rasten, ein Wundervogel,
-der nach der Glocke flog und ahnungsvoll inmitten schwarzer Wälder
-die grünen Inseln fand.</p>
-
-<p>So wurden Pfründen, wo der Atem der harten Rodung keuchte; Laienbrüder
-buken das weiße Brot und dienten dem Behagen, das in dem Täfelwerk
-wohnlicher Kammern auf breiten Stühlen saß.</p>
-
-<p>Die Metten nahmen dem Gebet die Arbeit sacht aus der Hand, und
-Gott war zärtlich geschützt, wenn er im Kreuzgang trockenen Fußes spazieren
-ging.</p>
-
-<p>Und fing auch wieder an, die Kunst zu lieben, den Klang der Orgel und
-den bunten Psalter; lustreiche Farben malten ihm das Haus, und Gläser
-glühten Feuerglanz im Tageslicht der Fenster.</p>
-
-<p>Auch las er gern in alten Schriften und dachte sich neue Taten aus; er
-ließ das Wunder blühn mit Rosenranken, daran die Heiligen sich ritzten,
-ihr Blut zu tropfen: doch war kein Schmerz in ihnen und keine Not um sie,
-weil die Legende die Himmelsleiter hielt.</p>
-
-<h3 id="sec3_15">Die Legende</h3>
-
-<p>Aus Blutbächen rann das Geheimnis der christlichen Lehre ins römische
-Reich; glühende Roste, gemarterte Leiber, heiße Bekenner und heimliche<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-Gräber webten den Teppich der kirchlichen Herkunft mit brünstigen
-Farben.</p>
-
-<p>Der Heiligen Leben und Leiden malte im Glauben verachteter Christengemeinden
-die Bilder der Ahnenverehrung; der Heiligen himmlischer
-Fürspruch half den zagenden Herzen in einen tapferen Tod.</p>
-
-<p>Um ihre Särge wuchsen die Kirchen der Wallfahrt, und um ihr Gedächtnis
-wand die dankbare Liebe den Kranz der Legende: ihre Leiden blühten
-darin mit blutroten Rosen, dornige Ranken ins messianische Wunder
-zu flechten.</p>
-
-<p>Als aber die Blumen der Lehre, heimlich gesät in die Gärten der Greuel,
-friedlich aufgingen im Abendland, als die Kirche selber den Garten bestellte,
-war die Legende nicht still: und ging aus dem blutigen Düster morgenländischer
-Herkunft ein in die Landschaft der Wälder und Wiesen.</p>
-
-<p>Nicht mehr zur Schlachtbank führte der Heiligen Leiden, aber das rankende
-Wunder blieb um ihr Leben, nur wurde es grün und statt der blutroten
-Rosen blühten die Himmelsschlüssel einfältiger Tugend.</p>
-
-<p>Den heiligen Martin drängte sein Herz, der frierenden Blöße des Bettlers
-den Mantel zu teilen, den Hasen zu schützen vor den scharfen Zähnen
-der Hunde.</p>
-
-<p>Da war noch einmal das Paradies der Heiligen hold geöffnet: das Wild
-des Waldes diente ihm treulich, die Vögel der Luft und die Fische des
-Wassers brachten ihm Nahrung gleich dem Elias, Gewitter und Hagel
-gingen demütig zur Seite, wenn der Heilige kam.</p>
-
-<p>Und als den verschwundenen Bischof, den heiligen Wolfgang, die Schar
-seiner Freunde fand in der Wildnis, ihn heimzuführen nach Regensburg:
-da hob sein Kirchlein sich hinter ihm her, dem täglichen Freund der Einöde
-zu folgen treu wie ein Hund; bis ihm der heilige Wolfgang weinenden Herzens
-den Abschied gebot.</p>
-
-<p>Die brünstigen Farben verblaßten, Marter und Buße vergingen im
-goldgrünen Geheimnis der Wälder, der Wüstensand wurde gütiger Schnee,
-und Moos wuchs auf den steinigen Wegen, die Seele begann ihr trauliches
-Spiel um die fremden Gestalten: als die Legende vom Morgenland mit
-staubigen Schuhen in den tauigen Grund der Wiesen und in den Schatten
-der deutschen Wälder gelangte.</p>
-
-<h3 id="sec3_16">Der Heliand</h3>
-
-<p>Zu Schanden geschlagen war das sächsische Volk durch die Faust des
-fränkischen Königs, seine Götter waren gewichen ins nordische Land, wo<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-die Wahrzeichen Wodans und Donars noch standen und Saxnot die Seinen
-beschützte.</p>
-
-<p>Der Gott der lateinischen Mönche war nicht der Gott der sächsischen
-Seele, und der gekreuzigte Sohn der Maria blieb ihrem Blut fremd, bis
-ein Sänger der Sachsen daraus den Heliand machte, aller Könige kräftigster
-und der schönsten Frau herrlichstes Kind.</p>
-
-<p>Da wurde er Wort der Waltenden, ging ein in die Höfe der Freien und
-hielt den Thing aus dem Recht seiner edlen Geburt.</p>
-
-<p>Der Waltende selber kam aus dem Weistum, der Königssohn aus dem
-Himmel trat in den Mittelraum ein, im Kranz seiner Degen ewige Weisheit
-zu künden.</p>
-
-<p>Denn der den Heliand sang im Stabreim uralter Gesänge, war anderen
-Blutes als Paulus, der römische Jude: Nachfahre der Jünger in
-gläubiger Einfalt, kein grübelnder Geist weltfeindlicher Lehre.</p>
-
-<p>Ihm tönte die Stimme der Liebe und Weisheit wieder, die Menschen
-zu lösen vom Leid, doch sprach sie deutsch und klang zu den Mannen und
-Degen.</p>
-
-<p>In den Schlag der Schwerter sprach der Walter der Welt, der Söhne
-stärkster aus Bethlehemsburg stand auf als Schutzherr der Menschen gegen
-die grimmige Hel:</p>
-
-<p>Und als der Fürst in die Hände des römischen Herzogs kam durch den
-Haß der jüdischen Großen, da zitterte Satan vor seinem Tod, daß er die
-Menschen erlöse.</p>
-
-<p>Er mochte die Herzogin listig verleiten, daß sie ihn losbäte von ihrem
-Gemahl, die Waltung der ewigen Weisheit zu stören; der Landeswart aber
-wollte sterben am Kreuz und leiden als der Geringste, daß seine Wiederkunft
-offenbar würde den Zweiflern und Zagen als Zeugnis seiner göttlichen
-Sendung!</p>
-
-<p>So brachte ein Sänger der Sachsen den Heliand deutsch in die Welt,
-aus Walhal geboren als göttlicher Held gegen Hel, die des Satans Mutter
-und Urfeindin der göttlichen Herrlichkeit war.</p>
-
-<p>Kein Opferlamm mehr, im Tempel zur Schlachtbank geführt, als Versöhnungsopfer
-die Sünde zu sühnen nach jüdischem Priestergesetz: ein König
-der Weisheit und Stärke, urkräftig aus ewigem Recht, kündete seine
-Wiederkunft an.</p>
-
-<h3 id="sec3_17">Die Heliandsburgen</h3>
-
-<p>In Worms, in Speyer, in Mainz und in Köln stand ihre Steingewalt
-auf aus dem mannhaften Glauben der Zeit, den Lindwürmern gleich der<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-salischen Sagen mit schuppigem Rücken und kräftig umgürtet im steinernen
-Knochengerüst.</p>
-
-<p>Keine Tempel der Griechen mit marmornen Säulen und keine römischen
-Hallen, Bethlehemsburgen des Heliand und Waltungsstätten der
-Wiederkunft, Trutzburgen tapferer Hoffnung aus kläglicher Knechtschaft
-und Sicherheit starker Vergeltung.</p>
-
-<p>Urtief glühten die Augen der kreisrunden Fenster, und wehrhaft hielten
-die Pfeiler der kommenden Macht das Gewölbe, steinern umgürtet und
-mit Knäufen von Weltschwertern geschmückt.</p>
-
-<p>Wohl hüteten steinerne Schranken den Chor und das Schauspiel der
-Messe: aber einmal kamen gewaltige Schritte, in den Himmel wuchsen die
-Hallen mit den fünfhundertvierzig Türen Walhals; vorbei war die Knechtschaft
-der Kühnen, vorbei das Genäsel lateinischer Priester.</p>
-
-<p>Wie draußen der Rhein floß durch Tage und Nächte, als ob es Pulsschläge
-der Ewigkeit wären, wie die Wolken wanderten über die höchste Erhebung,
-wie die Stürme brausten in den schwärzesten Nächten, wie die
-Träume der alten Zeit gingen von Wodan und Thor, den hallenden Nachfahren
-Zius, wie Segifried, Dietrich von Bern, Hildebrand und der grimmige
-Hagen: so hielt die wehrhafte Haltung romanischer Dome Wacht
-über das Land für Heliands Wiederkunft.</p>
-
-<h3 id="sec3_18">Cluny</h3>
-
-<p>Das Reich Gottes war nicht von der Welt dieser Kirche, darin die
-Priester nach Pfründen jagten und die Klöster Schatzkammern klüglich
-gepflegter Wundersucht waren.</p>
-
-<p>Zum andernmal ging seine Lehre auf wie Blumen, heimlich gesät in die
-Gärten der Greuel; aber nun geisterte sie nicht mehr in Grüften und tönte
-nicht mehr von den Säulen selbstseliger Mönche.</p>
-
-<p>Der Norden trat in die Erbschaft der römischen Christenheit ein und
-brachte den Mut germanischer Sittlichkeit mit; der Heliand kam, der Walter
-aus Bethlehemsburg in den Mittelraum, den Tag in ewige Tiefen zu
-tauchen.</p>
-
-<p>Das Wort sank wieder in Gott und gebar die demütige Tat und die
-Inbrunst des ewigen Lebens, die aller irdischen Freuden glückhafter Untergrund
-war.</p>
-
-<p>Das Kyrieleis der lateinischen Messe stahl sich fort in den deutschen Gesang
-der ländlichen Weisen; die Seele fing an, der himmlischen Tröstung zu
-trauen, das Lächeln der Weisheit und Liebe kam in den Segen der Pflicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p>
-
-<p>Ein burgundischer Grafensohn, Berno, der Abt von Cluny, zwang die
-üppigen Klöster zurück in die strengen Gelübde, daß sie wieder des frommen
-Fleißes bewahrte Werkstätten, Zuchthäuser der Kirchenzucht wurden; und
-Heinrich der Dritte, der salische Franke, brachte die Kirchenreform der
-schwarzen Mönche von Cluny in den unholden Streit der römischen Stola.</p>
-
-<p>Er gab der geschändeten Kirche den Bischof von Bamberg als heiligen
-Vater und noch vier andere Päpste danach von germanischer Herkunft.</p>
-
-<p>Leo der Neunte, den die Kirche den Heiligen nennt, ein Grafensohn aus
-dem Elsaß, dem Kaiser verwandt und seiner Strenge in Milde verbunden,
-wurde zu Worms auf dem Reichstag der Deutschen gewählt und zog im
-Pilgerkleid ein in das spöttisch wartende Rom.</p>
-
-<p>Türhüter nur und Verwalter war er im Weinberg des Herrn, kein
-prahlender Fürst in Sankt Peter, kein Pontifex maximus mehr, gleich
-Winfried die Mühsal schwieriger Fahrten nicht scheuend.</p>
-
-<p>Dreimal kam er nach Deutschland hinüber, das nun das reichste Kirchengut
-war, dreimal in seinen sechs Jahren, nach den Knechten der Kirche
-zu sehen.</p>
-
-<p>Sie wurden nicht alt in der römischen Sonne, die deutschen Päpste des
-Kaisers, zwölf Jahre nur hielten die fünf den heiligen Stuhl: aber sie hoben
-den Fischerring aus dem römischen Unrat und gaben ihn blank an den Starken,
-der seinen rothaarigen Kopf über alle Päpste erhob und die Kirche zurück
-führte in die Absichten cäsarischer Weltmacht.</p>
-
-<h3 id="sec3_19">Canossa</h3>
-
-<p>Hildebrand hieß er wie der grimmige Waffenmeister Dietrichs von
-Bern, rothaarig war er und eines Zimmermanns Sohn im toskanischen
-Land: Gregor der Siebente, der streitbar gewaltige Papst, der das Gottesreich
-wahrmachen wollte als irdische Herrschaft der Priester über dem Kaiser
-und allen Fürsten der christlichen Welt.</p>
-
-<p>Wie der Mond sein Licht von der Sonne, so nähme der Kaiser vom
-Papst die Gewalt; allein der Papst als Statthalter wäre von Gott.</p>
-
-<p>So trüge die Kirche zwei Schwerter; das geistliche führe sie selber, das
-weltliche liehe sie aus an den Kaiser und seine Fürsten: Verflucht aber sei,
-wer das Schwert aufhalte, daß es nicht Blut vergösse!</p>
-
-<p>Das war die Lehre der Liebe nicht mehr und nicht mehr die weise Scheidung,
-Gott und dem Kaiser zu geben, was Gott und dem Kaiser gehörte:
-der Pontifex maximus selber wollte Augustus der Christenheit werden, das
-Mönchtum von Cluny sollte sein Schildhalter sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span></p>
-
-<p>Er nahm dem Priester die Ehe und der Fürstengewalt die Belehnung
-der geistlichen Ämter: er baute die Kirchenmonarchie, darin der Messias
-ewiger Herrscher und der Papst als Statthalter Christi der Völker- und
-Fürstenregent war.</p>
-
-<p>Der Kaiser war noch ein Knabe, der Papst eine geprägte Gestalt, als
-Gregor der Siebente Heinrichs des Vierten Zuchtmeister wurde, als der
-Pontifex maximus dem Kaiser das Herkommen kündigte, als der Kampf
-der römischen Kirche mit dem deutschen Schirmherrn begann.</p>
-
-<p>Ein Knabe als Kaiser, das Reich ein Streitfeld rebellischer Fürsten, an
-den Wurzeln versehrt im Aufruhr der Sachsen; ein Knabe als König, hochfahrend,
-leichtfertig, übel beraten: da wagte der Papst den Riß durch den
-Vorhang der Welt.</p>
-
-<p>Sein Bannstrahl verbrannte dem Kaiser das Kleid, weil er die Fürsten
-&ndash; unlustig und treulos &ndash; des Eides entband; im Büßerhemd, barfüßig im
-Schnee, kam Heinrich der König vor ihn zu Canossa, den Bannstrahl zu
-löschen.</p>
-
-<p>Da lag dem toskanischen Mönch der salische Trotz zu Füßen, der Schirmherr
-der Kirche im Staub vor dem Statthalter Christi, der Mond weltlicher
-Macht des Lichtes der Sonne bedürftig.</p>
-
-<p>Es war im vierten Jahr seines Amtes, als dem streitbar gewaltigen
-Papst so Stolzes gelang; aber im elften Jahr kam Heinrich als Sieger
-nach Rom: er hatte die treulosen Fürsten gezüchtigt und ließ sich krönen von
-Clemens dem Papst, den er sich selber als Schirmherr der Kirche ernannte.</p>
-
-<p>Ob ihn normannische Hilfe befreite aus schmählicher Haft: Hildebrand
-starb im Exil; das zuckende Herz des römischen Weltrichtertraums liegt in
-Salerno begraben.</p>
-
-<p>Die Sonne sank unter in brandiger Glut, und der Mond stieg grell in
-den Raum; die Lehre der Liebe und Weisheit ging auf den Straßen bei
-Tag und bei Nacht, sie sah den Mond und die Sonne im Wechselspiel
-steigen, sie wußte beide in Gottes Hand und traute den ewigen Sternen.</p>
-
-<h3 id="sec3_20">Die Kreuzzüge</h3>
-
-<p>Der Wüstensand hatte die Lehre Christi verweht, und die Palmen
-Mohammeds wuchsen im Morgenland: Kalif und Kaiser hatten die Nähte
-der Welt mit scharfem Schwert aufgetrennt.</p>
-
-<p>Als der Gottesstaat in der Christenheit Macht werden wollte, war er
-landfremd und seinem Heiligtum fern: Jerusalem war in die Hände der
-Türken gefallen, am Tor der Zionsburg hielten Ungläubige Wacht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span></p>
-
-<p>Aber dann kam der Cid, und der Ruhm seiner Taten sang von dem Ritter,
-der die kastilischen Christen aus maurischer Herrschaft befreite: das
-römische Traumglück schwoll auf, die verlorene Hälfte der Welt neu zu gewinnen,
-im Abend- und Morgenland wieder die alte Roma zu heißen.</p>
-
-<p>Ein Jahrtausend war die Christenheit alt, da sie aufstand im Zeichen
-des Kreuzes, da die Kirche des Friedens als Schwertmacht zu gelten verlangte;
-der Einsiedler Peter von Amiens ritt vor ihr her auf dem Esel, einen
-verdorrten Ölzweig des heiligen Landes in der fanatischen Hand.</p>
-
-<p>Noch einmal schienen die Völker Europas zu wandern: raubfahrende
-Haufen zuerst, durch die Länder hinbrausend wie Heuschreckenschwärme,
-die Juden erschlagend; danach die Heere der Ritter mit unendlichem Troß
-und der bunten Vielheit der Trachten.</p>
-
-<p>Ein Tropfen Tollheit fiel in den Trank und schäumte auf in den Lüsten
-der drangvollen Zeit; den Rittern winkte der Ruhm himmlischer Minne,
-den Fürsten Ländergewinn, Abenteuer den Knechten und Raub dem Gelüst
-zuchtloser Scharen: allen der Ablaß jeglicher Schuld.</p>
-
-<p>Zweihundert Jahre lang schäumte der brünstige Wahn, der Friedrich,
-den schwäbischen Rotbart, im Saleph ertränkte, den Deutschen das Reichsschwert
-entwand und Rom von dem lästigen Schirmherrn der Kirche befreite.</p>
-
-<p>Denn nun war der Statthalter Christi selber Herr der Heerscharen geworden,
-er hielt dem Gottesstaat die Schärfe des Schwertes, er schüttelte
-den Baum, daran die Könige des Abendlandes hingen als reife Früchte.</p>
-
-<p>Als Innocenz Machtfürst der Christenheit und Reichsverweser Gottes
-war, ging Gregors Traum in Erfüllung: da hießen Bischöfe Landvögte
-seiner Botschaft und Könige Büttel der römischen Befehle.</p>
-
-<p>Da zuckten die Blitze seines Bannstrahls und trafen in die Kronen, da
-rauschte das päpstliche Gewitter Hagel und Sonnenschein ins Abendland.</p>
-
-<p>Da stand die Sonne im Mittag, und der Mond war verblichen; die
-neue Roma reckte sich im Glanz der dreifachen Krone.</p>
-
-<h3 id="sec3_21">Die Hunde des Herrn</h3>
-
-<p>Der Gottesstaat der Priester tat seinen Willen kund, daß Sakrament
-und Seligkeit Machtmittel seiner Herrschaft wären, Glaube und Glaubensgehorsam
-das einzige Bürgerrecht.</p>
-
-<p>Aber nicht im Gesetz machthabender Priester, nicht im Mirakel der
-Messe, nicht im Schaumgold kirchlicher Feste war die Verheißung der
-Lehre; sie suchte noch immer auf Märkten und Wegen, und weil sie im<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-gleißenden Mittag der Kirche die ewigen Sterne nicht fand, ging sie den
-nächtlichen Gang der Beschwörung.</p>
-
-<p>Wie die ersten Christen in Rom das Geheimnis der Grabkammern hatten,
-verzückt und der Wahrheit gewiß, so fing in den Nächten der neuen
-Priestergewalt das unterirdische Geleucht heimlicher Schatzgräber an.</p>
-
-<p>Einfältig im Tun des heiligen Franz, des selig Verzückten, der im Leid
-die Nachfolge Christi, im Spott den Honig der Duldung und in der Armut
-den Reichtum Gottes genoß.</p>
-
-<p>Zwiespältig im Trachten grübelnder Geister, mit den zuckenden Flämmchen
-des Zoroaster das Dasein zu deuten: feindlich beide der Kirche, die den
-Prachtmantel der Weltmacht umhing.</p>
-
-<p>Die guten Leute von Albi hieß sie das Volk, die der Kirche standhaft den
-Dienst aufsagten, obwohl sie dem Herrn von Toulouse, ihrem Grafen, willig
-untertan blieben: sie traf der Bannstrahl zuerst und die Kreuzpredigt des
-spanischen Mönches, der sich Dominikus nannte.</p>
-
-<p>Was gegen die Türken mißlang, das mußten die Albigenser erfahren:
-die Kreuzfahrer rissen das Kreuz von der Schulter und nähten es vorn auf
-die Brust, brennend und plündernd, die Ketzer totschlagend gleich Wölfen,
-fielen sie ein in das blühende Land der alten Westgoten und hielten im Namen
-der Kirche das Ketzergericht ab.</p>
-
-<p>Die Scheiterhaufen brannten im Priesterstaat; Menschenwahnwitz
-dachte, auf Gottes Stuhl zu sitzen, und wußte nicht, daß wer um seinen
-Glauben leidet, der ist ein Heiliger vor Gott, und wer ihn schlägt, schlägt
-Gott.</p>
-
-<p>Und wo die Städte brannten, begannen die weißen Mönche das peinliche
-Gericht: sie hatten einen Hund im Wappen, der in den Zähnen das
-Licht der Lehre als eine Fackel trug.</p>
-
-<p>Die Völker sahen die Fackel und sahen die Scheiterhaufen brennen und
-hießen die Dominikaner im Weckruf der Wahrheit: die Hunde des Herrn.</p>
-
-<h3 id="sec3_22">Die Stedinger</h3>
-
-<p>Die Stedinger wohnten im Gestade der Weser als freie Bauernschaft
-und waren freie Friesen seit mehr als tausend Jahren; sie hielten am uralten
-Weistum der Gaugemeinden fest und wehrten sich der Lehnsmannschaft
-der Junker und der Priester.</p>
-
-<p>Und als der Bischof von Bremen sie mit dem Kirchenbann belegte, da
-lachten sie, weil sie der fremden Mönche nicht bedurften, um fromm zu sein: sie
-stellten eigene Prediger an und ließen die Glocken läuten trotz seinem Bann.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span></p>
-
-<p>Der Bischof brauste an mit seinem Harst und Troß der junkerlichen
-Herren; die wehrhaften Bauern aber hielten Stich, sie warfen seinen Hochmut
-in die Hecken und schlugen ihm samt vielen Rittern den eigenen Bruder
-tot.</p>
-
-<p>Da dem geschlagenen Bischof sein Helm nicht half, nahm er den grünen
-Hut und sprach die Bauern des ketzerischen Aufruhrs schuldig.</p>
-
-<p>Konrad, der Ketzermeister, ließ seine Hunde los, der Papst hieß einen
-Kreuzzug predigen, und wie zuvor in Frankreich zog ein Kreuzheer ins Friesenland,
-dem Gottesstaat zu dienen mit Brand und Mord.</p>
-
-<p>Tammo von Hunthorpe, Bolke von Bardenfleet und Detmar von
-Damme taten den Schwur der Dreimänner; sie riefen den Gaubann der
-Stedinger auf, erschlugen den Grafen von Oldenburg samt zweihundert
-Rittern und jagten das Kreuzheer mit Spott durch die Sümpfe.</p>
-
-<p>Da wurden die Stedinger vogelfrei; der sich König der Deutschen
-nannte, der Sizilianer Friedrich der Zweite, gab die Acht zu dem Bann:
-mit Bullen und mit Kreuzpredigten rafften die weltgeistlichen Herren ein
-unmäßiges Heer, die Stedinger Freiheit zu fangen.</p>
-
-<p>Auf allen Straßen der norddeutschen Länder ritten die Reisigen an auf
-gepanzerten Rossen, vierzigtausend gezählt mit den Knechten, im Namen
-Christi zur Ketzerjagd.</p>
-
-<p>Viertausend Ritter lagen erschlagen bei Altenesch; aber wo einer fiel,
-standen neun wieder da, und ihre gepanzerten Rosse zerstampften das Fußvolk
-der Bauern.</p>
-
-<p>So gingen die Stedinger ein in den Gottesstaat kreuzfahrender Henker,
-als Ketzer verbrannt, gleich tollen Hunden erschlagen; sie büßten den Bann
-der kirchlichen Mächte und schmeckten die irdische Acht; sie webten mit blutigen
-Fäden ihr Bild in den Teppich der Freiheit.</p>
-
-<h3 id="sec3_23">Der Kinderkreuzzug</h3>
-
-<p>Immer noch raste das Fieber des heiligen Grabes und schäumte die Flut
-seiner Heere und Horden hinüber ins Morgenland.</p>
-
-<p>Aber längst hielt Saladins mächtige Hand Jerusalems Tore geschlossen,
-nur an den steinigen Küsten des heiligen Landes ging der Kampf um die
-ärmlichen Burgen.</p>
-
-<p>Die eiternde Wunde der Kirche zu heilen, ließen die Päpste das Blut
-der Ritterschaft strömen und schlugen den brünstigen Wahn mit Ruten,
-bis er im kläglichen Kreuzzug der Kinder sein irres Spottbild aufsteckte.</p>
-
-<p>Knaben und Mädchen von Mönchen geführt, irrten in weinenden Scharen<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-nach Süden, das heilige Grab zu befreien; Torheit und Tollheit hielten
-einander die Hände, Wundersucht blies ihrem traurigen Bund die gellende
-Pfeife.</p>
-
-<p>Ein Hirtenknabe brachte sie mit von den Bergen, wild lockte ihr gellender
-Ruf in den Tälern, und Tausende liefen ihm zu, im Wahn der verwilderten
-Welt zu verderben.</p>
-
-<p>Als Akka fiel, die letzte Kreuzfahrerfeste im heiligen Land, war das Fieber
-der Christenheit aus: der Türkensäbel zerschnitt, was das Schwert der
-Christenheit flickte, das Mittelmeer schied wieder die Hälften der Welt,
-Halbmond und Kreuz, den Morgen vom Abendland.</p>
-
-<p>Immer noch standen und wuchsen die Dome in Speyer und Worms, in
-Mainz und in Köln; aber es waren die Heliandsburgen nicht mehr: der
-Starke fuhr aus dem irdischen Glauben der Zeit zum andernmal auf in
-den Himmel.</p>
-
-<p>Die seiner Wiederkunft harrten, waren betrogen: die tiefe Enttäuschung
-der Seelen fing an, ihn schmerzvoll zu suchen; die weltflüchtige Inbrunst der
-Gotik begann.</p>
-
-<h3 id="sec3_24">Die Scholastik</h3>
-
-<p>Das Märchen des irdischen Daseins saß im Schoß der kirchlichen
-Gnade geborgen, mit Wundern verankert, im Glauben ewiger Verheißung
-gesichert.</p>
-
-<p>Gott war im Himmel und sah die Menschen auf Erden, die Sterne
-standen im ewigen Licht, und die Sonne wanderte stolz ihre Bahn: alles
-war weislich geordnet, dem Menschen Morgen und Abend zu bringen und
-das Geschick seiner irdischen Prüfung.</p>
-
-<p>Den Jüngern die göttliche Herkunft zu zeigen, fuhr Jesus auf in den
-Himmel; die Toten ruhten im Grabe, aufzustehen wie er, wenn die Posaunen
-zum Weltgericht riefen.</p>
-
-<p>Die Erde war groß und der Himmel darüber gewölbt im unendlichen
-Raum, die Seele war klein und saß im Gefängnis der Sinne; sie harrte in
-Demut des leiblichen Todes, da sie eingehen würde zum ewigen Licht: aber
-der Zweifel suchte die sichtbare Welt nach Gewißheiten ab und fragte den
-Geist nach Beweisen.</p>
-
-<p>Denn die Welt war alt, als Jesus von Nazareth kam: Götter waren
-gestürzt und irrten ihr unholdes Dasein zwischen Himmel und Erde; uralte
-Lehren des Morgenlandes hatten den Samen des Satans gestreut und dem
-Glauben die Netze gespannt, darin sich der Zweifel verfing.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p>
-
-<p>Eines war not und eines die Wahrheit, Tausendes aber war falsch und
-führte hinaus aus dem Lichtkreis der kirchlichen Lehre.</p>
-
-<p>Darum hielt die Scholastik der Kirche den Schatz der Gnade gerüstet
-mit Schwertern und Schilden; was die Kirchenväter dachten und schrieben,
-war in ihre wehrhafte Obhut getan.</p>
-
-<p>Da standen sie alle die tausend Fragen, in das Licht der einen Antwort
-gestellt, da waren die listigen Schlingen des Satans spitzfindig gelöst, da
-hing die Grübelsucht unseliger Geister im eigenen Fürwitz verstrickt.</p>
-
-<p>Alles war klüglich geordnet im kirchlichen Wohnhaus der Wahrheit,
-Glauben und Wissen hielten dem Geist und der Seele die Schaukel in
-sicherer Schwebe:</p>
-
-<p>Gott war im Licht, der Satan im ewigen Abgrund; zwischen Himmel
-und Hölle glaubten und dachten Scholasten sich eins, gesichert im Gleichgewicht
-ewiger Hoffnung.</p>
-
-<h3 id="sec3_25">Die gotischen Dome</h3>
-
-<p>Waren es Priester oder war es die Sendung der christlichen Lehre, daß
-sie dem menschlichen Dasein das Antlitz verkehrte? daß sie die Erde zum
-Jammertal machte und den Himmel schmückte mit seligen Farben?</p>
-
-<p>Daß sie der Tugend den Lohn und dem Laster die Strafe jenseits verhieß,
-daß sie dem ewigen Leben ein Schaubild irdischer Wünsche vormalte,
-Gott mit dem Prunk der sinnlichen Scheinwelt behängte?</p>
-
-<p>Daß sie den Himmel mit Heiligen füllte als Fürsprecher selbstischer Bitten,
-daß sie die Jungfrau Maria zur Königin krönte und Petrus zum Torwart
-bestellte, daß sie vergriffene Münzen heidnischer Götter mit neuen
-Legenden beschrieb?</p>
-
-<p>War es die Wundersucht morgenländischer Mönche oder war es die
-deutsche Seele, die den Sinn der christlichen Sendung allein im Sinnbild
-begriff, das göttliche Wunder mit der Mär des greifbaren Daseins verhüllend?</p>
-
-<p>Im Morgenland starb der Erlöser am Spruch des Propheten, im
-Abendland wurde er König der christkatholischen Welt; diesseits der Alpen
-allein wuchsen die Heliandsburgen und die gotischen Wundergebilde.</p>
-
-<p>Nicht Kaiser und Könige bauten die Dome der gotischen Zeit und nicht
-mehr der mannhafte Glaube: Prunkhäuser im Gottesstaat, Schatzkammern
-der kirchlichen Vögte, Torhallen der himmlischen Sehnsucht und
-Opferstätten schmerzvoller Inbrunst.</p>
-
-<p>Darum standen die Pfeiler nicht mehr gegürtet als wehrhafte Recken,<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-die Steingewölbe zu tragen: gleich Bäumen der himmlischen Gärten wuchs
-ihre Schlankheit hinauf in das schwebende Dach ihrer Zweige.</p>
-
-<p>Auch glühten die Augen nicht mehr aus dunklen Höhlen der massigen
-Mauern: gleich himmlischen Tüchern aus Regenbogen gewebt standen die
-gläsernen Wände im Licht; die Heiligen schritten herein auf den farbigen
-Strahlen, vom Goldglanz des Himmels umsäumt.</p>
-
-<p>Wenn der Orgel Hosiannagewalt einbrach in die flehenden Stimmen
-der Knaben und der Klang schwoll im Raum, wenn sich Farben und Töne
-umfingen, im Wohllaut unirdischer Inbrunst die schlanken Pfeiler umschwebend;
-dann war nicht mehr Stein und war nicht mehr Dach, dann
-hob das Wunder den Raum, daß er singend hinein fuhr in das Meer der
-Verzückung.</p>
-
-<p>Und schmerzvoll fand sich die Seele zurück in den Tag und sein knöchernes
-Licht, wenn die drängende Menge ausströmte über die steinernen Treppen,
-wenn die Gasse sie aufsog in die Wirklichkeit irdischer Häuser.</p>
-
-<p>Da stand der Dom mit dem Maßwerk staubig verglaster Fenster, mit
-den geschwungenen Rücken der Streben und dem unübersehbaren Steinwerk
-der Pfeiler und Krabben bis in die dämonischen Fratzen der Wasserspeier
-hinauf, und die Kreuzblume blühte hinein in den Himmel der Wolken
-und Sterne: die Gralsburg inmitten der sündigen Stadt und ihrer sorgenden
-Plage.</p>
-
-<p>Wohl blieben die Tore für die entzauberte Seele geöffnet; aber nur einmal
-fand sie den Eingang, wenn die schwarzen Männer den Sarg eintrugen
-zum letzten Gebet: dann war die Wirklichkeit tot mit dem unnützen Schwall
-ihrer Tage.</p>
-
-<p>Alles war unnütz und eitel und das irdische Dasein nur das Gefängnis
-erbsündig geborener Leiber: die Seele schrie auf nach Gott als der ewigen
-Lust und schmachtete hin im Durst der Verzückung.</p>
-
-<h3 id="sec3_26">Der schwarze Tod</h3>
-
-<p>Alles war unnütz und eitel; dann kam der schwarze Tod und brannte
-die Länder leer mit dem Saft seiner Seuche: das große Sterben begann
-seine Mahd in den Äckern der Mönche und Messen, es schnitt die Trauben
-der Erde und warf ihre Tracht in die Kelter des göttlichen Zorns.</p>
-
-<p>Da schwollen die Grundwässer an und gerannen im Schaum der brünstigen
-Gier; der gelästerte Leib trat ein in das Lustreich der Liebesverwandlung
-und trank der ewigen Freude den irdischen Lustbecher leer.</p>
-
-<p>Der Sternenhimmel brach nieder, und Gott war erloschen; die Lust<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-schrie zum Laster, die Lehre des Zimmermannssohns ritt aus der Stadt auf
-dem Esel der Schande: die Fastnacht der Gotik taumelte hin über Leichen
-zum Aschermittwoch des jüngsten Gerichts.</p>
-
-<p>Priester mit Kreuzen und Fahnen vorauf, Männer, Weiber, Kinder
-bis auf den Gürtel entblößt, Gesänge der Seligkeit singend mit sündigen
-Mündern, trunken und toll im brünstigen Wahn der Entsühnung: so zogen
-sie ein in den Leichengestank und die Lustgier entvölkerter Städte.</p>
-
-<p>Sie schwangen die Geißeln mit Stacheln und bleiernen Kugeln und
-schlugen den mageren Leib im Takt der Bußgesänge; sie warfen sich hin in
-den blutigen Staub und schrieen das dreifache Weh der sündigen Menschheit.</p>
-
-<p>Bis eine gellende Stimme der schluchzenden Stille den heiligen Brief
-vorlas, durch einen Engel zur Erde gebracht, vom Weltrichter Christus zur
-rechten Hand Gottes den Geißelbrüdern geschrieben.</p>
-
-<p>Wahnwitz und wütende Gier, die Wollust verirrter Geschlechter und
-die Geilheit entwurzelter Leiber blühten das Tollkraut der Wundersucht
-auf im Gifthauch der Pest: Walpurgisnächte der Hexen und höllischen
-Geister kündeten den kommenden Mai der evangelischen Lehre.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Buch_der_Kaiser">Das Buch der Kaiser</h2>
-
-<h3 id="sec4_1">Kaiser und Kirche</h3>
-</div>
-
-<p>Mancherlei Völker wohnten im Abendland, und Könige herrschten nach
-ihrer Stärke; aber die Kirche kannte nicht Grenzen der Sprache noch Grenzen
-des Schwertes, sie ging auf den Wegen der eigenen Macht und hatte
-sich selber den Schirmherrn gesetzt.</p>
-
-<p>Sie war die römische Weltmacht in neuer Gestalt, aber sie war es von
-Gott: Statthalter Christi hießen die Priester den Papst, der das Reich
-Gottes auf Erden regierte.</p>
-
-<p>Durch ihre Gunst war der Kaiser über die Völker und ihre Könige eingesetzt;
-er war die Hand, ihr das irdische Schwert als Schirmherr zu halten,
-sie war das Haupt der göttlichen Weisung.</p>
-
-<p>Sie war das Haupt, und er war die Hand &ndash; aber die Rechnung war
-falsch: als die Kirche den König der Franken als Kaiser ausrief, rief sie sich
-selber den Herrn.</p>
-
-<p>Sie war das Weib, und er war der Mann; sie konnten einander in Freiheit
-gehören und in der christlichen Liebe einander untertan sein: aber die
-erste Stunde des Streites schrie nach der Stärke.</p>
-
-<p>Der Streit der Stärke begann, als Karl seinen Sohn im Dom zu
-Aachen sich selber die Krone nehmen und aufsetzen hieß; der Streit der
-Stärke hob sich gewaltig in Hildebrands Zorn; er schien für die Kirche gewonnen,
-als Innocenz die Kronen Europas verschenkte.</p>
-
-<p>Aber der Streit ging um die Stärke, nicht um den Bettel der Tage; er
-ging im Namen des Reiches, das nicht von dieser Welt war.</p>
-
-<p>Der Streit hob das Banner der Kirche über den römischen Zank und
-über die Eifersucht von Byzanz; er hielt der Statthalterschaft Christi das
-Siegel der ewigen Gleichung bewahrt unter den sterblichen Händen seiner
-Verweser.</p>
-
-<p>Der Streit gab dem Starken von Norden das Panzerhemd einer
-höheren Sendung, als Mehrer der Hausmacht zu werden; er hielt dem<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-Reichsschwert die uralte Herkunft lebendig, unter den irdischen Waffen
-das Kriegsschwert Zius zu sein. Ein Bogen war über den abendländischen
-Himmel gespannt vom Kaisersaal nach Sankt Peter, ein Bogen des Schicksals,
-glühend in anderen Farben, als die Erde sie blühte.</p>
-
-<p>Der Bogen stand grell im geballten Gewölk, von Blitzen zuckten die
-Berge, Brandsäulen stiegen steilauf, die Ernte lag vom Hagel zerschlagen:
-der Bogen stand als ein himmlisches Tor, der bangen Erde den ewigen Eingang
-zu leuchten.</p>
-
-<p>Mancherlei Völker wohnten im Abendland, und Könige herrschten nach
-ihrer Stärke: der König der Deutschen war Kaiser, der Turm des Reiches
-stand über den Dächern der Staaten, und über den Fahnen der Völker
-wehte die Kaiserstandarte.</p>
-
-<h3 id="sec4_2">Das Lügenfeld</h3>
-
-<p>König der Franken war Karl, Kaiser der Kirche, Schwertherr im Abendland;
-der Mantel seiner gewaltigen Macht sank auf den Sohn; aber die
-Schultern Ludwigs des Frommen waren zu schwach, ihn zu tragen.</p>
-
-<p>Eine Kugel galt Karl dem Großen die Welt, die untere Wölbung war
-sein im Zorn und Zank irdischer Taten; hoch aber darüber gewölbt stand
-der Himmel der römischen Kirche, dem er in Demut mit deutschem Schwert
-Schutzherr und Schirmvogt war.</p>
-
-<p>Aber der Himmel sank auf die Erde, als Ludwig der Fromme das
-Schwert aus der Hand gab; von Priesterhänden geführt, im Zank seiner
-Söhne verflucht und verleitet, trug er die goldenen Säume der Kirche mühsam
-ins Alter.</p>
-
-<p>Im dritten Jahr der Regierung schreckte ihn Unheil, das Reich zu vererben;
-unmündigen Knaben gab er das Zepter: Lothar die Macht und die
-Krone, Ludwig die bayrischen Länder, Pipin die spanische Mark.</p>
-
-<p>Aber sein Leben löschte nicht aus, wie er meinte, und Judith, die Frau
-seines Alters, hielt ihrem Knaben den Docht seiner Liebe lebendig: Alemannien
-schenkte er ihm, das Herz seiner Länder; aber er nahm es den andern.</p>
-
-<p>Die Söhne kamen zuhauf, und Bruderstreit stand um den Thron im
-Aufruhr der Grafen; die Kirche mischte die Machtgier der geistlichen Großen
-hinein, statt zu schlichten.</p>
-
-<p>Da hing dem karolischen Reich der Mantel in Fetzen, die goldenen
-Säume der Kirche schleiften im Blut, ein gehetzter Hirsch war der
-Kaiser.</p>
-
-<p>Das Lügenfeld hießen die Leute im Elsaß den Plan, wo sie ihn alle verließen,<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-die Schwerter der Grafen samt den Schwüren der geistlichen Großen,
-wo die Söhne dem Vater das Königskleid nahmen, wo die Kirche dem
-Kaiser das Büßerhemd brachte.</p>
-
-<p>Da wurde der Schirmherr der Kirche ein Schächer der Schuld; Ludwig
-der Fromme kniete als weinender Greis im Staub seiner Sünden:</p>
-
-<p>So tief verstrickte den Sohn karolischer Macht die menschliche Schwäche,
-so gierig brach aus dem Streit der Enkel die lahme Gewalt, so ungetreu
-waren die Großen und Grafen, so kläglich mißlang der erste Streit um die
-Stärke.</p>
-
-<p>Aber die Söhne Ludwigs des Frommen wurden des Lügenfriedens nicht
-froh, über der Schmach und über dem Sarg ihres Vaters brannte der
-Bruderhaß weiter.</p>
-
-<p>Bis der Tag von Fontenoy den Mantel karolischer Reichsmacht für
-immer zerriß: der Tag der blutigen Rechnung für Lothar, den Kaiser; der
-Tag der Trennung für deutsche und gallische Franken.</p>
-
-<p>In Verdun beschworen die Söhne den Frieden der lahmen Gewalt:
-Lothar der Kaiser behielt die Länder der Mitte, Lotharingen geheißen, indessen
-drüben Frankreich und hüben Deutschland entstand.</p>
-
-<p>Die goldenen Säume der Kirche hingen verloren am dürftig geschnittenen
-Band; der Schirmherr der Christenheit wurde der eigenen Nöte nicht
-Herr; Lothar, der fränkische Kaiser, vermochte der Kirche das Schwert
-nicht zu halten.</p>
-
-<p>Ludwig, der Deutsche genannt, sein stärkerer Bruder, wurde mächtig
-als Herr über Sachsen.</p>
-
-<h3 id="sec4_3">Stellinga</h3>
-
-<p>Wo das ebene Land den Bergen die neblichten Wälder abnahm, wo
-das braune Gewässer in Sand und Meer den mühsamen Altersweg suchte,
-wo der Wind der kalten Meerküste unendliche Weiten mit grauer Wolkenlast
-füllte: wohnte die uralte Bauernschaft sächsischer Völker.</p>
-
-<p>Die da landeigen saßen auf einsamen Höfen, hatten keinen Herrn gekannt
-als sich selber; sie hatten der freien Gemeinde, dem Weistum und
-Recht der eigenen Herkunft die Treue gehalten, bis sie die Freiheit der
-Väter verloren.</p>
-
-<p>Sie sahen die fränkischen Grafen im Land den fremden Königdienst
-tun, sie brachten der Kirche den Zehnten mit Murren und stellten dem
-König den Heerbann mit Seufzen.</p>
-
-<p>Sie fühlten die Herkunft verraten von ihren eigenen Großen, die um
-Gold und fränkische Ehren ins feindliche Heerlager gingen; sie sahen sie<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-schalten als Grafen des fränkischen Königs und warfen den Haß, wie
-Steine den Hunden.</p>
-
-<p>Aus Grafen des Königs waren Grundherren geworden, aus Äbten der
-Klöster Pachthalter, denen die Freien von gestern als Hörige dienten; aber
-die Gaugemeinschaft der Freien hob trotzig das Recht aus böser Vergangenheit
-auf.</p>
-
-<p>Als Ludwig der Deutsche das sächsische Schwert im fränkischen Bruderkampf
-brauchte, als die Edelinge ausritten mit Knechten und Knaben,
-dem fränkischen Zank ihr Blut in die Fremde zu bringen: fing in den einsamen
-Höfen der Haß an zu knistern, bis rundum im sächsischen Land die
-Kriegsfeuer brannten.</p>
-
-<p>Durch Sand und Moor brachten die nächtlichen Boten das Bannwort
-der freien Gemeinde, von den Hartbergen hinunter zur roten Erde zuckte
-der Blinkfeuerschein die Stunde der Rache: die Stellinga kam, die sächsische
-Herkunft aus fränkischer Lehnsschaft zu retten.</p>
-
-<p>Aber es war nur ein Brand in den Ställen: Ludwig, der Deutsche genannt,
-dämpfte ihn schwer; mit seinen Reitern und Knechten vereint ritten
-die sächsischen Grafen das Fußvolk der Stellinga nieder.</p>
-
-<p>Da lernten die sächsischen Bauern, wie einst ihre Großen, den trotzigen
-Nacken zu beugen; das Herdfeuer erlosch in den einsamen Höfen; nur in
-den innersten Nächten, wenn Saxnot die Seinen als Flüchtling heimsuchte,
-glühte sein heimlicher Brand.</p>
-
-<h3 id="sec4_4">Die fränkische Ohnmacht</h3>
-
-<p>Der fränkische König trug die Krone der Deutschen, aber die Großen
-und Grafen hielten das Schwert in der Hand: Sachsen, Schwaben und
-Bayern hoben den eigenen Herzog gegen die rheinischen Franken; das deutsche
-Königtum wurde das Schwertspiel ihrer Machthändel.</p>
-
-<p>Und wurde ein Mißbrauch der Kirchengewalt, als Ludwig das Kind
-König der Deutschen genannt war, indessen Hatto, der Bischof von Mainz,
-mit Härte und List gegen die Grafen und Großen das Schwert der Königsgewalt
-führte.</p>
-
-<p>Ein Bogen war über den abendländischen Himmel gespannt vom
-Aachener Kaisersaal nach Sankt Peter; aber der Kaisersaal war verfallen,
-und auf dem Stuhl von Sankt Peter saß das römische Laster.</p>
-
-<p>Laien- und Kirchengewalt rissen einander die Macht aus den Händen; wie
-einmal im Lande Pipins die Hausmeier herrschten, so wollten die fränkischen
-Bischöfe tun: der König sollte die Krone tragen, die Kirche wollte regieren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span></p>
-
-<p>Aber die stolzen Herzöge ließen den Krummstab nicht gelten; die trotzigen
-Grafen hoben das Schwert gegen ihn, weil kein Schirmherr der Kirche
-sie dämpfte.</p>
-
-<p>Als Ludwig das Kind starb, riefen die Bischöfe Konrad, den fränkischen
-Grafen, als König der Deutschen; er sollte der Kirche sein starkes Schwert
-leihen; aber sein Königtum blieb eine Fahne ohne Gefolgschaft.</p>
-
-<p>Normannen und Ungarn raubten und brannten im Land, und Konrad
-konnte den Räubern nicht wehren, wie er den Stolz der Herzöge, den Trotz
-der Grafen nicht zu beugen vermochte!</p>
-
-<p>Von seinem Sterbebett hieß er die Krone dem Mächtigsten bringen:
-Heinrich, dem Herzog von Sachsen, der ihm und den Bischöfen der zäheste
-Feind und unter den Großen der unbotmäßigste Trotz war.</p>
-
-<p>So fiel die Krone der Deutschen aus fränkischer Ohnmacht der sächsischen
-Übermacht zu; aber sie kam an die Kraft und an den ständigsten
-Stamm der Germanen.</p>
-
-<h3 id="sec4_5">Heinrich der Finkler</h3>
-
-<p>Die Sage hat Heinrich den Finkler genannt, weil er beim Vogelfang
-war, als ihm die fränkischen Reiter die Reichskleinodien brachten: ein Finkler
-blieb Heinrich von Sachsen Zeit seines Lebens, klug und bedächtig die
-Schlinge zu legen, rüstig im Wald seiner Heimat und wenig geneigt, nach
-fremden Händeln zu reiten.</p>
-
-<p>Als der Bischof von Mainz ihn zu salben kam wie Konrad den Franken,
-wehrte er ab und verbarg den Spott in der Demut, solcher Ehre nicht würdig
-zu sein; denn Heinrich war Herzog von Sachsen aus eigener Herkunft
-und wollte nicht König der Deutschen als Diener der fränkischen Kirchenmacht
-werden.</p>
-
-<p>Er ließ die Herzöge schalten, weil sie die Träger der Stammesgewalt
-waren; wie sie in Bayern, Schwaben und Franken über dem Trotz der
-Grafen die starke Schwertherrschaft hielten, so war er Herzog der Sachsen,
-und König der Deutschen allein durch die Stärke des sächsischen Stammes.</p>
-
-<p>Sein Schwert war scharf wie sein Spott, aber er hielt es klug in der
-Scheide, so listig die Kirche ihn lockte; als er es zog, galt es das sächsische
-Land zu befreien von der Tributpflicht an Ungarn.</p>
-
-<p>Wie nach dem Winter der Tauwind, so kam ihre Raublust in jedem
-Sommer gefahren, die Ernte in Deutschland zu holen: noch immer die
-hunnischen Scharen auf kleinen behenden Pferden, mit Bogen und Pfeil
-der Schwerter und Streitäxte spottend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span></p>
-
-<p>Neun Jahre lang gab er Tribut, lauernd des Tages, da er gerüstet sein
-würde, mit anderer Münze zu zahlen; neun Jahre lang ließ er burgfeste
-Plätze im Sachsenland bauen, mit kluger Berechnung verteilt, daß sie die
-Ernte der Landschaft zu bergen vermöchten.</p>
-
-<p>Er hob den streitbaren Mann in den Sattel, die Listen und Künste der
-Ungarn zu lernen: wie sie mit einzelnen Scharen einschwenkten, das Fußvolk
-zu fassen, wie sie mit hurtiger Wendung dem Feind die Flanken einritten.</p>
-
-<p>Als sie zum zehntenmal kamen, Tribut und Treugeld in Sachsen zu
-holen, war Heinrich gerüstet: einen toten Hund hieß er zum Hohn den
-Hunnen hinwerfen.</p>
-
-<p>Und als die schwarzen Scharen den Rachezug ritten, ließ er sie listig ins
-Land hinein und hatte die Fallen gestellt, daß sie ihm blindlings einliefen.</p>
-
-<p>So blutig traf er die Räuber aus Ungarland, daß die Gestäupten fortan
-und für immer das Sachsenland mieden.</p>
-
-<p>Heinrich der Finkler heißt ihn die Sage, der ein anderer König der
-Deutschen war, als die Könige vor ihm: er suchte kein Glück auf der Straße,
-er hielt sein Land und sein Volk, wie ein Hausherr den Alltag und Sonntag
-der Seinen mit kluger Besonnenheit leitet.</p>
-
-<p>König der Deutschen war er wie Ludwig der Franke, aber er blieb der
-gekrönte Herzog von Sachsen: seine Besonnenheit baute das sächsische
-Haus, darin das herrlichste Königsgeschlecht der deutschen Kaisermacht
-wohnte.</p>
-
-<h3 id="sec4_6">Mathilde</h3>
-
-<p>Heinrich der Finkler hatte der Kirche gespottet, weil er als Herzog von
-Sachsen, nicht als Lehnsmann der fränkischen Priester König der Deutschen
-sein wollte; aber Mathilde, die Königin, diente der Kirche mit Eifer.</p>
-
-<p>Sie war eine Sächsin aus edlem Geschlecht, Widukund selber hieß ihrer
-Sippe der ruhmreiche Ahnherr; aber sie war eine Christin, wie der Sänger
-des Heliand Sachse und Christ war.</p>
-
-<p>Nicht einem Himmel der Priester mit blasser Weltflucht zu dienen, war
-ihre Frommheit: Frau und Mutter blieb sie und sparsame Beschließerin
-ihres Hauses, bis Heinrich der Finkler, gesättigt seines reisigen Lebens, in
-Memleben starb.</p>
-
-<p>Dann freilich ging sie ins Kloster, doch nicht um zu büßen und bang ihr
-Seelenheil zu besorgen: trauernd um ihren Gatten blieb sie die sorgende
-Mutter des sächsischen Landes.</p>
-
-<p>Sie sah die harte Herrengewalt und wie das niedere Volk seufzte, sie<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-sah die Roheit der Sitten und wie die ruchlosen Händel der Grafen die
-Höfe der Bauern verbrannten, sie sah die Bischöfe selber das wilde Waffenwerk
-tun: sie aber wollte dem Evangelium demütig dienen.</p>
-
-<p>Sie baute Klöster rund um die sächsische Burg, sie legte den Teppich der
-Heiligen aus und trug das Kreuz in die Hütten: sie gab der kirchlichen Sendung
-in Sachsen die Einfalt und Stärke der ersten Christengemeinde.</p>
-
-<p>Heinrich der Finkler baute das Haus, darin die sächsische Kaisermacht
-wohnte; sie gab ihm die Sitten.</p>
-
-<h3 id="sec4_7">Otto, Sohn der Mathilde</h3>
-
-<p>Ihm war eine reiche Wiege bereitet: Kraft und Ehre standen dem Sohn
-Heinrich des Finklers zu Häupten, Liebe und Zucht lagen dem Knaben
-Mathildens zu Füßen, der edlen Fürstin in Sachsen.</p>
-
-<p>Als sie ihn krönten zu Aachen im Kaisersaal, war Otto ein Jüngling;
-aber die Sterne der Macht standen ihm zu, und er ließ die Sterne freudig
-gewähren.</p>
-
-<p>Die Herzöge kamen, das Erzamt der Krönung zu üben; die Kirche
-brachte das Öl, ihn zu salben; die Schwerter der Grafen hielten die Ehrenwacht;
-das drängende Volk sah den Glücklichen sitzen im Prunkmantel
-karolischer Herrschaft.</p>
-
-<p>Aber das böse Jahrhundert karolingischer Händel hatte der großen Gewalt
-die kleinen Gewalten geboren: die ihm die Erzämter dienten, mußten
-erst seinen Willen erfahren, nicht nur im prunkvollen Fest seiner Krönung
-König der Deutschen zu heißen.</p>
-
-<p>Denn noch waren die Deutschen kein Volk; aus dem Streit der Stämme
-waren die Händel der Großen geworden, aus dem Neid der Sippen der
-Stegreif machtlüsterner Grafen: die Ohnmacht des Reiches stak in der
-Vielheit lahmer Gewalt.</p>
-
-<p>Der Herzog von Sachsen mußte sich erst Gehorsam erzwingen, als
-König und Herr der deutschen Stämme im Recht seiner Krone zu schalten.</p>
-
-<p>Das eigene Blut warf ihm den bösesten Trotz vor die Füße: Heinrich,
-der jüngere Bruder, bestritt ihm die Erbschaft, weil er ein rechter Königssohn
-war, und Otto war noch der Sohn des Herzogs von Sachsen.</p>
-
-<p>Drei Jahre lang trotzten die Schwerter am Rhein und in Schwaben,
-in Sachsen und Bayern; alle Gewalt der Großen und Kleinen, die dem
-sächsischen Königtum feind war, verband sich dem Aufruhr des Bruders;
-Friedrich, der Bischof von Mainz, trug die Fackel.</p>
-
-<p>Denn die fränkische Priesterschaft blieb der Todfeind der neuen Sachsengewalt;<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-die Kirche ließ keine Königsmacht gelten, der sie nicht selber der
-mächtige Hausmeier war.</p>
-
-<p>Wie ein Seefahrer seine Schiffe kühn an der fremden Küste verbrennt,
-ließ Otto dem tapferen Billung sein Herzogtum Sachsen, wider den Hochmut
-der Herzöge, wider den Trotz der Grafen und wider die Feindschaft
-der Kirche das deutsche Königtum zu erringen.</p>
-
-<p>Drei Jahre lang klangen die Schwerter im Bruderstreit, wie sie um
-Siegfried und Hagen, um Dietrich und Odoaker klangen; aber der Siegespreis
-sollte das trotzige Bruderherz sein.</p>
-
-<p>Denn nicht mehr schürten Brunhild und Kriemhild den Brand mit
-dem Haß ihrer unholden Seelen: Mathilde, die sächsische Mutter, wollte
-das trotzige Blut ihres Leibes in Liebe erlösen.</p>
-
-<p>Und weil ihre Liebe nicht abließ, gelang ihr zuletzt die Versöhnung:
-Heinrich, der hochfahrende Sohn der sächsischen Königsmacht, beugte sich
-seinem stärkeren Bruder, der ihm großmütig verzieh.</p>
-
-<p>Aber der König hatte das Schwert, nicht das Herz seines Bruders bezwungen;
-und mehr als die Schärfe weckte der Großmut den Haß: Meuchelmord
-sollte den Streit der sächsischen Brüder beenden.</p>
-
-<p>Als dem König der Anschlag entdeckt war, wallte sein Zorn: in strenge
-Haft kam Heinrich, der Bruder; alle Verschworenen büßten den Mörderplan
-vor dem Henker.</p>
-
-<p>Da endlich siegte Mathilde, die sächsische Mutter: als Otto der König
-im Kreis seines starken Gefolges zu Frankfurt am Main die Christmesse
-hörte, war Heinrich entflohen aus seiner Haft, aber nun fand er den Weg
-nicht mehr zu den Feinden.</p>
-
-<p>Weinend warf sich der trotzige Jüngling dem König zu Füßen; Otto
-vergaß die harmvollen Jahre und küßte den Bruder; er brach seinen Groll
-mit zärtlicher Liebe und gewann sich den treuesten Freund.</p>
-
-<h3 id="sec4_8">Otto der König</h3>
-
-<p>Im vierzigsten Jahr seines reisigen Lebens ritt Otto hinaus aus dem
-Tor seiner Väter; der im Ruhm seiner Stärke der mächtigste Fürst im
-Abendland war, zog über die Alpen, Adelheid die lombardische Erbin zu
-freien und selber die Mitgift zu holen.</p>
-
-<p>Er brachte Adelheid heim und grüßte den Papst aus der Ferne; er ließ
-die Mitgift zurück und war schon zum Winter wieder in Sachsen, weil ihm
-der Nordwind bedenkliche Botschaft zuwehte.</p>
-
-<p>Wohl stellte der Ruhm seiner Stärke eine Mauer um seine Macht, aber<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-der Groll gedemütigter Großen lag in Trümmern davor; während Otto
-der König das Glück seiner Tage genoß, scharrten eifrige Hände sein Unheil.</p>
-
-<p>Noch einmal hob der Aufruhr der lahmen Gewalt die treulosen Schwerter;
-Slawen und Ungarn, die Erbfeinde kamen, gerufen von seinen Feinden;
-die Grenzmarken brannten.</p>
-
-<p>Aber den König hob keine Furcht in den Sattel; sicher und rascher als
-ihre bösen Bedenken ritt er den Aufruhr der Fürsten zuschanden: das böseste
-Jahr seiner Gefahr gab ihm den günstigsten Sieg.</p>
-
-<p>Denn nun kam endlich der Tag, da ihm die Reichsfahne wehte, da auf
-dem Lechfeld Sachsen und Franken, Schwaben und Bayern vereint den
-Erbfeind bestanden.</p>
-
-<p>Da half den hunnischen Räubern nicht mehr die Masse der reitenden
-Scharen, nicht mehr die hurtige List und nicht mehr die Kunst ihrer Waffen:
-die Deutschen besiegten den Schrecken und wollten die Plage des Reichs
-einmal beenden.</p>
-
-<p>Sie trieben das schwarze Rattengezücht in die Enge, sie schlugen es tot
-und brannten die Nester aus, wo sich die Reste versteckten; und waren so
-schnell und scharf, sie zu verfolgen, daß ihnen kaum einer entrann.</p>
-
-<p>Als die Sieger vom Lechfeld heimritten, die Großen und Grafen im
-Jubel der Völker, trug ein langbärtiger König die Krone: in Aachen belehnt
-mit der Ehre, im Ruhm seiner Taten bewimpelt, im Glanz seines Glückes
-bewährt, war Otto König der Deutschen und Herrscher in all ihren
-Ländern.</p>
-
-<h3 id="sec4_9">Otto der Kaiser</h3>
-
-<p>Was in Aachen nur Festglanz gewesen war und prunkender Schein,
-war auf dem Lechfeld Wahrheit geworden: Otto war König der Deutschen
-und hielt seinen Hof auf den Pfalzen des Landes, er saß zu Gericht über
-die Großen und Grafen, und alle Schwerter des Reiches mußten ihm
-Heerfolge leisten.</p>
-
-<p>Aber der König dachte zurück an die Zeit der Verschwörung, da ihn die
-Großen und Grafen verrieten, auch die seines Bluts waren; er sah, daß die
-Hausmacht der Fürsten dem Königtum feind war, und daß ihre Selbstherrlichkeit
-wider die Landesgewalt lockte.</p>
-
-<p>Der ihm am treuesten half, und der ihm am sichersten beistand in den
-vergangenen Nöten, war Bruno, der dritte und jüngste der Brüder, Erzbischof
-in Köln; so wuchs seinen Sorgen und Plänen ein anderes Königtum
-zu als seinem Vater, gebaut mit den Balken der Kirche:</p>
-
-<p>Der Bischof verdankte sein Amt der Kirche, aber sein Lehen der Königsgewalt;<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-er war nicht in die Herrschaft geboren und brauchte den Schirmherrn
-gegen die Großen und Grafen.</p>
-
-<p>Kirche und Krone vereint konnten die Fürstengewalt brechen; Kirche
-und Krone konnten einander den ewigen Bund schwören; Kirche und Krone
-konnten die Wurzeln geeinigter Macht in die Herzen der Völker versenken.</p>
-
-<p>So dachte Otto der König, der selber durch seine Mutter Mathilde den
-Lehren von Cluny zugetan war; so grub das sächsische Schwert einen neuen
-Brunnen des Rechts für die deutsche Königsgewalt.</p>
-
-<p>Denn Otto der Sachse war nicht mehr wie Karl der Franke Zwingherr
-der Deutschen, er hatte kein Herzogtum mehr und hielt keinen eigenen Hof
-wie jener in Aachen; er war gewählt durch die Fürsten und Völker der
-Deutschen und konnte als Wahlkönig nicht mit dem eigenen Schwert allein
-regieren.</p>
-
-<p>Aber die Kirchengewalt, die er brauchte, stand in Sankt Peter verankert,
-so wurde von neuem der Gottesstaat wach und der alte Kaisergedanke.</p>
-
-<p>So zog der König der Deutschen zum andernmal über die Alpen; er ließ
-seiner Mutter Mathilde den Sohn &ndash; als Knabe in Aachen gekrönt &ndash; er
-nahm in Pavia die lombardische Krone als eigenes Lehen; er ließ sich in
-Rom als Kaiser der Christenheit salben.</p>
-
-<p>Er trat in das freche Gezücht der Markgräfinnenbrunst und hing die
-Brut an den Galgen; er setzte den Lasterpapst ab und zwang dem römischen
-Hochmut sein Kaiserrecht auf, der Kirche den Papst zu ernennen.</p>
-
-<p>Da ging der Gottesstaat in eine neue Wirklichkeit ein; denn der Kaiser
-war Herr, nicht der Papst.</p>
-
-<p>Er legte kein römisches Prunkgewand an in Sankt Peter; wie er im
-deutschen Kleid unter den römischen Priestern dastand, war er der Schirmherr
-der Kirche aus eigener Geltung: der Papst, durch seine Macht eingesetzt,
-brachte demütig das Öl, ihn zu salben.</p>
-
-<h3 id="sec4_10">Die Ottonen</h3>
-
-<p>Wie eine gewaltige Burg standen die Berge der Hart im sächsischen
-Land; Heinrich der Finkler hatte Mauern und Tore gebaut, nun wuchsen
-Dächer und Zinnen über den Sälen ottonischer Macht.</p>
-
-<p>Frauen kamen, die Säle zu schmücken: Mathilde, die sächsische Mutter
-Otto des Großen, Adelheid, die lombardische Gattin, Theophano, die griechische
-Sohnesfrau.</p>
-
-<p>Heilig und mild war Mathilde; sie hielt in das lärmende Leben der
-Söhne die Mahnung der sächsischen Herkunft; Mutter war sie den Armen<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-und Schwester den Schwachen, bis sie, vom Schicksal gesegnet, schlohweiß
-und beweint von den Sachsen, die letzte Lagerstatt fand.</p>
-
-<p>Höher hob Adelheid ihre stolze Stirn in die Welt; sie liebte den Glanz
-und den glühenden Tag, sie trug die Krone ihr Leben lang und hielt die
-Zügel der Herrschaft gern in den Händen.</p>
-
-<p>Sie schmückte die sächsische Burg und hing die Fahnen der Kaisermacht
-aus; sie baute den Gärten die Lauben und ließ die Springbrunnen
-der höfischen Feste quellen; sie ritt auf dem Zelter dem König zur Seite
-und hielt den Sachsen das lockende Bild fürstlicher Herrlichkeit vor.</p>
-
-<p>Theophano aber, die Griechin, trat in den sächsischen Tag, wie der
-Morgenstern still und beständig die Nacht überdauert; Klugheit und
-Schönheit standen ihr bei als zarte Vasallen der Bildung.</p>
-
-<p>Sie las in den Schriften der Weisen und liebte das Frauengemach; sie
-sang dem König zur Laute und saß auf dem Söller, die Sterne zu deuten;
-sie hob den Schleier vergangener Dinge und wies den staunenden Sachsen
-die Schatten versunkener Schönheit.</p>
-
-<p>So wurden die Säle der sächsischen Burg von Frauenhänden geschmückt,
-aber im inneren Hof stand die Kapelle und hielt dem Altar das schirmende
-Dach: im Herzen der Burg war dem Priester warme Wohnung bereitet.</p>
-
-<p>Frauen und Priester warfen einander den Faden; aber nun webten
-nicht mehr lateinische Mönche den Teppich der Kirche.</p>
-
-<p>Wie Bruno draußen in Köln, Otto des Großen hilfreicher Bruder,
-wie Williges, eines Wagners Sohn und gewaltiger Bischof von Mainz,
-so blieben Meinwerk von Paderborn und Bernward von Hildesheim mit
-ganzem Gemüt im sächsischen Herkommen.</p>
-
-<p>Das Schwert stand ihnen nicht schlechter zur Hand als der Psalter:
-aber sie liebten den Frieden und wußten ihn zu gebrauchen; sie hörten den
-Spott der rheinischen Franken über die sächsische Roheit und rührten Hände
-und Herzen, dem Spott zu begegnen.</p>
-
-<p>Sie hießen die Mönche, Schule zu halten; sie pflegten die Künste und
-waren Schatzhalter der Bildung; sie mehrten den Reichtum der Kirche,
-aber sie stellten ihn auf in schönen Gebilden; sie kannten die Schönheit der
-alten Welt und waren tüchtig und treu in ihrer sächsischen Einfalt, sie neu
-zu gestalten.</p>
-
-<p>Ob der Sohn und der Enkel Otto des Großen als Jünglinge starben,
-verzärtelte Schwarmgeister der neuen Zeit: Frauen und Priester hielten
-das Reich behutsam in Händen; sie zehrten von seiner gewaltigen Macht,
-aber sie zehrten mit Anmut und Würde und bauten der sächsischen Burg
-einen Garten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span></p>
-
-<p>So webte die Zeit der Ottonen am neuen Wunder der Welt, so fing im
-sächsischen Land, von Frauen und Priestern geholt und gehütet, die nordische
-Bildung ein neues Zeitalter an.</p>
-
-<h3 id="sec4_11">Der Weltuntergangskaiser</h3>
-
-<p>Als Otto der Große starb, war Otto der Zweite, sein Sohn, noch ein
-Jüngling; aber als sie den Sohn in den römischen Marmorsarg legten, war
-Otto der Dritte, der Sohnessohn, noch ein unmündiges Kind.</p>
-
-<p>Sie krönten das Kind, die Herzöge dienten ihm bei der Tafel und wehrten
-Heinrich dem Zänker, sich selber die Krone zu raffen; Frauen und Priester
-hielten das Knäblein in zärtlicher Hut, bis es in eigenen Schuhen zu
-gehen vermochte.</p>
-
-<p>Aber die Schuhe waren von feinerem Leder, als es die sächsischen Gerber
-zu walken verstanden, sie waren mit goldenen Fäden gestickt und paßten
-nicht auf die Straße.</p>
-
-<p>Als Otto der Dritte das Reichsschwert aufhob, sah er die bunten
-Steine am Griff mehr denn die Schärfe; er war dem Sachsentum fremd
-und sehnte sich nach der südlichen Sonne der Mutter.</p>
-
-<p>Das Wunderkind hatten ihn früh die Frauen geheißen; und glühender
-war keine Seele ins Wunder gestellt, als da sich Theophanos Sohn als
-Kaiser der Christenheit krönen und huldigen ließ: die göttliche Vollmacht
-kam in die zärtlichsten Hände; die Würde des Abendlands war in die fiebrigen
-Wünsche des Knaben gelegt.</p>
-
-<p>Alexander dem Herrlichen gleich sollte die Bahn seines Lebens anschwellen
-zum Ruhm, und höher als irdischer Ruhm sollte der Sinn seiner Sendung
-Himmel und Erde erfüllen.</p>
-
-<p>Denn Otto, der Knabe, war Kaiser geworden, als das Jahrtausend der
-Wiederkunft Christi erfüllt war; mit heiserer Stimme und weinenden
-Augen rief sich das Abendland den kommenden Untergang zu.</p>
-
-<p>Buße und brünstige Hoffnung brach aus den Brunnen der Tiefe;
-Wirklichkeit war nur noch ein wächserner Schein vor dem Licht der nahen
-Erlösung; das Leben warf seine Schatten der Ewigkeit hin; hinter den
-Tagen dröhnte das Weltgericht die Posaune.</p>
-
-<p>Das Weltgericht stand vor der Tür, und Otto, der Knabe, hielt dem
-König des Himmels das Schwert seiner irdischen Herrschaft bereit.</p>
-
-<p>Das Irrlicht der Tage riß den hitzigen Knaben hin zu hohen Gebärden
-und warf ihn zurück in den Taumel lüsterner Taten: im Münster zu Aachen
-stieg er mit Fackeln hinein in die Karlsgruft und stand mit flackernden Händen
-vor der Leiche des Kaisers.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span></p>
-
-<p>Aber die Uhr schlug ihre Stunde wie sonst; die Sterne standen in spöttischer
-Ewigkeit über der Stadt und über den zitternden Herzen: das tausendste
-Jahr fing seinen Stundenweg an gleich seinen Brüdern; das Wunder
-blieb aus; der Mantel der Größe hing leer um den fröstelnden Knaben.</p>
-
-<h3 id="sec4_12">Heinrich der Heilige</h3>
-
-<p>Otto der Dritte, der sich als Herrscher der Christenheit fühlte wie keiner,
-starb auf der Flucht vor dem Aufruhr der Römer; mühsam wurde sein
-Leichnam geborgen, daß er im Münster zu Aachen die prunkvolle Lagerstatt
-fände.</p>
-
-<p>Heinrich der Heilige kam auf den Thron, durch Williges wacker geleitet;
-der letzte sächsische Kaiser brachte sein Schwert bescheiden zurück in
-die irdische Geltung.</p>
-
-<p>Denn Theophanos brünstiger Sohn war nur noch Kaiser von Rom und
-nicht mehr König der Deutschen gewesen; er hatte den Bogen gebeugt, der
-über dem Abendland stand: Rom allein sollte im Gottesstaat herrschen,
-als Knecht der Apostel wollte der Kaiser Schildhalter der Kirchenmacht
-sein.</p>
-
-<p>Heinrich aber, der Urenkel Mathildens und Enkel von Heinrich, dem
-trotzigen Bruder Otto des Großen, blieb der sächsischen Herkunft als Landeswart
-treu.</p>
-
-<p>König der Deutschen wie Otto, gab er sein bayrisches Herzogtum Heinrich
-von Luxemburg hin, das Haus seiner Macht mit den Balken der deutschen
-Kirche zu bauen.</p>
-
-<p>Aber das Haus stand im Reich, nicht in Rom; Bamberg, sein Bistum,
-machte er blühend und reich wie eines in Deutschland; da wuchs auch der
-reisige Dom, der den Ruhm seiner Taten mit steinernem Gewölbe kühn
-überspannte.</p>
-
-<p>Die Kirche hat ihn den Heiligen geheißen, aber der Heilige war kein
-büßender Mönch; gleich seinen sächsischen Ahnen wußte er wohl sein irdisches
-Schwert von der himmlischen Sehnsucht zu scheiden, und keiner der
-Sachsen saß soviel im Sattel wie er.</p>
-
-<p>Wie Heinrich der Finkler dem Sachsengeschlecht das deutsche Kaiserhaus
-baute, war Heinrich der Heilige sein treuer Beschließer.</p>
-
-<p>Hundert Jahre lang hatten die Sachsen regiert; sie hatten das Reich
-aus der Willkür der Fürsten gerettet; sie hatten ihm Stärke, Ordnung und
-Schönheit gebracht; sie hatten die Kaiserstandarte über die Fahnen der
-Völker erhoben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec4_13">Der siebente Heerschild</h3>
-
-<p>Als Heinrich der Heilige begraben war in seinem Bistum zu Bamberg,
-kamen die Deutschen zur Königswahl: bei Oppenheim lagen sie hüben und
-drüben am Rhein, und die Heerschilde teilten die Plätze nach ihrer Geltung:</p>
-
-<p>Der Heerschild des Königs mit seinem Banner, der Heerschild der geistlichen
-Großen, der Heerschild der Herzöge, der Heerschild der Grafen, der
-Heerschild der Bannerherren, der Heerschild der Ritter.</p>
-
-<p>Sechs Heerschilde hielten dem kommenden König die Macht und gaben
-dem Reich ihren Willen; das Fußvolk stand kläglich daneben.</p>
-
-<p>Denn das Ritterschwert war die unterste Geltung im Stand der Vasallen;
-nur wer dem König Heerfolge tat, galt noch im Reich der Großen
-und Grafen.</p>
-
-<p>Aber schon grüßten die Dächer von Mainz und Worms ins Wahlfeld
-herüber; um die Burgen der Großen und um den geschützten Gewinn ihrer
-Märkte wuchsen die Städte, wie Rom und Ravenna mit Mauern und
-Toren; Bürger wurden genannt, die darin wohnten.</p>
-
-<p>Wo eine Stadt war, wurden die Wege rundum lebendig von Wagen,
-Schiffe kamen zu Tal, und fleißige Schaffner füllten die Keller und
-Speicher.</p>
-
-<p>Was der Bauer mühsam dem Boden abrang, floß über im Wohlstand
-der Städte und wurde Macht in den Händen der Großen, die den Markt
-hielten.</p>
-
-<p>Noch saß die Bischofsgewalt auf der Burg als Herr der Märkte und
-Münzen; ihr Zollbaum am Tor strich den gefüllten Wagen den Überfluß
-ab: aber schon bauten Gilden und Zünfte das Zeughaus der Bürgergemeinschaft.</p>
-
-<p>Schon sahen die Vögte des Kaisers mit wachsamer Sorge den steigenden
-Glanz; sie sahen die Wagen und Schiffe und sahen die Einkünfte
-schwellen.</p>
-
-<p>Konrad, der salische Franke, den sie bei Oppenheim wählten, weil er ein
-Urenkel Konrad des Roten, Eidam Otto des Großen war, ging nicht im
-ottonischen Purpur der Priester und Frauen; er kam als irdischer Kriegsmann
-und wollte dem Reich ein starker Haushalter werden.</p>
-
-<p>Er sah im Reichtum der Großen die fleißige Arbeit der Kleinen und
-stellte das Königsschwert mitten hinein in den Tag der Pfalzen und Märkte,
-die fleißige Arbeit zu schützen.</p>
-
-<p>Er gab den kleinen Vasallen das Erbrecht der Lehen, die Macht der<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-Großen zu brechen; er gab den Bürgern der Städte den siebenten Heerschild,
-das Glück der geistlichen Höfe zu nützen.</p>
-
-<p>Da war in den Glanz der Großen und Grafen ein schmaler Schatten
-gestellt: noch schien die Gunst der Sonne ihnen breit ins Gesicht; aber der
-Mittag kam, dem siebenten Heerschild den Schatten zu stärken.</p>
-
-<h3 id="sec4_14">Heinrich der Dritte</h3>
-
-<p>Mit Konrad dem Zweiten begann das salische Kaisergeschlecht seine
-stolze Entfaltung; vier Kaiser nur gab es dem Reich, und ging unter, vom
-Schicksal umwittert: aber es spannte den Bogen über das Abendland höher
-als alle Geschlechter; und keiner war stärker in Rom, obwohl er im Reich
-blieb, als Heinrich der Dritte, der mächtigste Kaiser.</p>
-
-<p>Sie hießen ihn Heinrich den Schwarzen, weil er dunkel von Angesicht
-war, Konrads gewaltigen Sohn, der über die Päpste regierte und Ritter
-der Christenheit wurde wie keiner.</p>
-
-<p>Als Knabe gekrönt, Herzog von Bayern und Schwaben, dazu burgundischer
-König, trat er als Jüngling die Erbschaft Konrad des harten Haushalters
-an und war keine schwächere Hand, den Großen und Grafen die
-Zügel zu halten.</p>
-
-<p>Er war keine schwächere Hand: Böhmen und Ungarn spürten die
-Stärke, und Otto der Sachse hatte sein Schwert nicht strenger gezeigt als
-Heinrich der salische Franke, da er dem römischen Hochmut die deutschen
-Päpste einsetzte.</p>
-
-<p>Aber ihn plagte das Kirchengewissen; der über Könige herrschte und
-hinter dem päpstlichen Stuhl stand als Lehnsherr und Richter, strafte sich
-selbst mit der Geißel.</p>
-
-<p>Denn immer noch brannte die Buße von Cluny im Abendland, immer
-noch sahen die Augen der Zeit mit Furcht und brünstiger Hoffnung das
-Weltgericht kommen, wie es die Kirche am Ende der Tage verhieß.</p>
-
-<p>Immer noch hielt der Kaiser dem König des Himmels das irdische
-Schwert; aber nun irrte kein Schwärmer und Schwelger durchs Abendland
-hin wie Otto, Theophanos Sohn; nun ritt der Mann in den Tag, mit
-Tod und Teufel zu streiten.</p>
-
-<p>Heinrich den Schwarzen hießen sie ihn, der dunkel von Angesicht war,
-dunkel außen und innen; nur seine Tat sprang hell in den Tag, als er dem
-römischen Lindwurm das Lästerhaupt abschlug, als er den frommen Freund
-und Grafen von Egisheim auf den Stuhl von Sankt Peter setzte.</p>
-
-<p>Und staunend standen die Völker, als auf der Kanzel zu Konstanz der<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-Kaiser sich selber als sündig bekannte, als er mit ehrlichem Wort seinen
-Feinden den Königsbann löste, als er die Großen und Grafen im Namen
-Christi verwarnte, von ihren blutigen Händeln zu lassen.</p>
-
-<p>Zum erstenmal trat auf die Streitmauer der Macht die Stimme des
-strengen Gewissens; Kaiser und Kirche sprachen aus einem Mund; das
-Kriegsschwert lag auf dem Priesteraltar in christlicher Demut.</p>
-
-<p>Es war kein Rausch der Stunde, daß solches geschah; Heinrich der
-Dritte hielt seinen Schwur im Blutrauch flammender Kriege: er wollte
-das Reich und wollte es mit Gewalt und war den Großen und Grafen
-ein gewaltiger Richter; aber er nahm seinen Willen hart ins Gewissen,
-weil er das Gottesreich glaubte.</p>
-
-<p>Und als ihm der Tod kam, zu früh für das Reich solcher Prägung, war
-ihm das Sterbebett noch einmal die Kanzel, das eigene Dasein zu bekennen
-und unerbittlich zu richten: die letzte Hand seines starken Lebens gab er vor
-Gott seinen Feinden.</p>
-
-<p>Er starb in Bodfeld, der sächsischen Pfalz, die sich der salische Franke
-erbaute, und wurde begraben in Speyer; Victor, der Papst und Freund,
-stand ihm bei und gab der Leiche den Segen.</p>
-
-<p>Da war der Bogen einmal zur Höhe gespannt; da stand die Ehe in
-Frieden; Wort und Tat hielten einander die Hände; das Weltreich der
-Kirche war Wahrheit geworden im Hause des Kaisers.</p>
-
-<p>Aber die Rechnung war falsch; Victor der Papst war gesonnen, die
-Herrschaft zu erben, und Hildebrand war sein Berater: der Streit um die
-Stärke stand vor der Tür.</p>
-
-<h3 id="sec4_15">Kaiserswerth</h3>
-
-<p>Als Heinrich, der Kaiser und Richter der Christenheit starb, war Heinrich
-der Knabe schon König der Deutschen; Agnes die Mutter führte die
-Herrschaft für ihn, und Victor der Papst gab ihr selber das erste Geleite.</p>
-
-<p>Zum andernmal hielten Frauen und Priester das Reich in den Händen;
-nun war es nicht mehr Mathilde, heilig und mild, nicht mehr Meinwerk
-der frohe und Bernward der feine: die Welt war düster geworden im
-Schatten von Cluny.</p>
-
-<p>Die Kaiserin war eine fromme Frau, doch fremd im feindseligen Land
-der Sachsen, sie ließ sich unbedacht leiten von Launen und Leuten, der
-Knabe war klug und wild, und die der Mutter im Ohr lagen, schmeichelten
-seinen Gelüsten.</p>
-
-<p>Anno, der zänkische Bischof von Köln, sah den Bischof von Augsburg<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-allein am Königshof gelten; er sah die Ehren und Güter verschwinden und
-wollte den Knaben selber besitzen.</p>
-
-<p>Sie saßen zu Kaiserswerth und hielten am Rheine ein heiteres Mahl,
-Mutter und Sohn mit den Fürsten; sein Schiff zu beschauen, ließ Anno
-den Knaben verlocken: der Knabe kam fröhlich; aber als sie ihn hatten,
-fuhren die Knechte davon. So fing sich Anno den kostbaren Vogel und
-holte ihn heim in den finsteren Käfig der kölnischen Burg.</p>
-
-<p>Nun stand es ihm zu, Güter und Ehren im Namen des Königs zu
-nehmen und spenden; aber der Knabe war klug und wild und trotzte dem
-scheltenden Zänker.</p>
-
-<p>Auch weil ihm die anderen Großen den Knaben bestritten, wurde Anno
-des Raubes nicht froh; er mußte das Unrecht mit ihnen teilen; jeder wollte
-ein Jahr lang den goldenen Käfig halten.</p>
-
-<p>Adalbert aber, der Bischof von Bremen, der ihn von dem Kölner bekam,
-wußte das Pfand klüger als Anno zu nützen. Er gab dem Königsknaben
-den Königssinn seiner Herkunft und Zukunft zu schmecken; er ließ
-ihn den Stolz hochgreifender Pläne erfahren und malte in seine hochmütige
-Seele die lockenden Bilder zukünftiger Größe.</p>
-
-<p>Der Knabe war klug und wild und trank den Honigseim gern: aus
-zänkischer Enge in die Verführung lockender Weite gestellt, sah er den Himmel
-kommender Macht zu seinen Häupten gespannt.</p>
-
-<p>So wurde Heinrich der Vierte König der Deutschen; mit fünfzehn
-Jahren nahm er den Reichsapfel anders zur Hand, als ihn sein Vater
-sterbend hinlegte.</p>
-
-<p>Neun Jahre lang hatten die Großen und Grafen mit dem Reichsapfel
-Fangball gespielt; nun kam ein Knabe, hochmütig und frech, ihn auf den
-Gipfel des Ruhmes zu tragen.</p>
-
-<h3 id="sec4_16">Der Aufruhr der Sachsen</h3>
-
-<p>Heinrich der Jüngling hielt seinen Hof zu Goslar in Sachsen; da stand
-die steinerne Burg seines Vaters, der salischen Herrschaft die Tore zu hüten,
-da waren die Säle und Kammern ottonischer Pracht, und aus den
-Gruben im Rammelsberg kam der silberne Reichtum geflossen.</p>
-
-<p>Aber wo Heinrich der Dritte die Bußgeißel schwang, hob Heinrich der
-Vierte das Trinkhorn der Freude: Jungmännerlärm schrie durch die Säle;
-in den Kammern hatte die Lust ihr Lager.</p>
-
-<p>Bald ging ein Raunen und Murren im Reich, die Warnung kam an
-mit sorgender Miene und drohenden Worten; aber der Jüngling maß<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-die Mienen und wußte die Worte, und wies die Warner höhnisch nach
-Haus.</p>
-
-<p>Auch war er als König geboren und spann seine Pläne früher und weiter,
-als seine Plager es merkten.</p>
-
-<p>Noch lachten die sächsischen Herren der Torheit des Knaben, da hatte
-er schon den Ringwall der Harzburg gebaut; wie die Treibjagd das Wild
-umstellt, wuchs rund um die Hart der Kranz fester Burgen.</p>
-
-<p>Er wollte ein anderes Reich als das der geistlichen Großen, Herzöge
-und Grafen: der König allein sollte Herr sein, wie Karl im Frankenreich
-König und Lehnsherr war; die sächsische Burg der Ottonen sollte der Sitz
-seiner Königsmacht werden.</p>
-
-<p>Aber den Sachsen war es die Zwingburg der salischen Herrschaft; sie
-mußten den Bauvögten Frondienste tun und seine fremde Dienstmannenschaft
-nähren; sie sahen die Fesseln der sächsischen Freiheit geflochten und
-haßten den herrischen Jüngling, der sie zu flechten befahl.</p>
-
-<p>Bauern und Ritter schwuren die Blutspur; als Heinrich den polnischen
-Feldzug ausrief, kam die Empörung der Sachsen gegen die Harzburg gezogen:
-da war der Übermut aus und der Jungmännerlärm; wie ein Dieb in
-der Nacht mußte der König sich retten.</p>
-
-<p>Wohl rief er die Großen und Grafen zum Rachekrieg auf: sie hielten
-ihr Heervolk im Feld, aber sie halfen ihm nicht; die heimlichen Boten kamen
-und gingen, bis ihn die letzten verließen.</p>
-
-<p>Krank und gemieden und seiner Königsmacht ledig kam Heinrich der
-Jüngling ins Land seiner salischen Väter zurück; da aber geschah ihm das
-Wunder.</p>
-
-<p>Die Bürger von Worms hatten dem Bischof von Worms die eigenen
-Tore verschlossen: sie boten dem Flüchtling den Schutz ihrer Mauern und
-gaben dem Jüngling wieder ein Schwert in die Hand.</p>
-
-<p>Der siebente Heerschild trat in den Tag, der Bürger hob seinen Trotz
-im Namen des Königs gegen den eigenen Bischof.</p>
-
-<p>So wurde Heinrich der Vierte aus Not und Bedrängnis ein Volksfürst:
-König und Bürger fingen im Reich der Großen und Grafen ein anderes
-Brettspiel an.</p>
-
-<p>Noch hielt der Winter die Wälder im Rauhreif, die Mühlen der Werra
-standen im Eis: da hatte Heinrich ein Heer, und die Fürsten mußten ihm
-folgen gegen die Sachsen.</p>
-
-<p>Schneestürme machten die Rosse blind, das Schwert fror fest in der
-Scheide, der König mußte den Krieg und die Rache mit Handschlag beenden;
-aber nun war er kein Flüchtling mehr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span></p>
-
-<p>Noch hatte der Tauwind den Frost nicht gebrochen, als Heinrich schon
-wieder in Goslar den Königshof hielt.</p>
-
-<p>Als danach der Grimm der Sachsen die Harzburg zerstörte, als sie die
-Kirche nicht schonten und die Gebeine der salischen Gräber verstreuten:
-mußte das Reichsheer der Fürsten ihm folgen, und Gregor der Papst durfte
-die Frevler nicht schützen.</p>
-
-<p>An der Unstrut traf den sächsischen Aufstand das Schwertgericht blutig;
-die Ritter konnten sich retten in ihre östlichen Burgen, das Fußvolk der
-Bauern mußte es büßen.</p>
-
-<p>So wurde der salische Heinrich Herr über die Sachsen und König der
-Deutschen: die Großen mußten ihm dienen, weil ihm der siebente Heerschild
-gehörte; die Grafen versteckten den Trotz, weil ihnen das Königsschwert gedingter
-Dienstmannenschaft drohte.</p>
-
-<h3 id="sec4_17">Der Streit um die Stärke</h3>
-
-<p>Ein Königtum war aus dem Reich der Großen und Grafen geworden;
-freier als jemals ein König der Deutschen schien Heinrich der Vierte über
-den Völkern zu stehen, als er den Streit um die Stärke begann.</p>
-
-<p>Hildebrand hatte als Gregor der Siebente den Stuhl von Sankt Peter
-bestiegen; der seinem büßenden Vater ein finsterer Freund war, wurde dem
-Sohn ein furchtbarer Feind.</p>
-
-<p>Er sagte dem König die Lehensgewalt auf über die geistlichen Großen
-und gab ihm drohende Botschaft nach Goslar, der Kirche zu geben, was ihr
-vor dem Kaiser gehöre.</p>
-
-<p>Stolz seines Sieges und seiner Sache gewiß, gab Heinrich der Jüngling
-dem finsteren Mann in Sankt Peter selbstherrliche Antwort: Heinrich,
-König nicht durch Anmaßung, sondern durch göttliche Bestimmung,
-an Hildebrand, nicht Papst, sondern falschen Mönch!</p>
-
-<p>Auch mußten die deutschen Bischöfe in Worms ein stolzes Gericht über
-Hildebrand halten; aber Hildebrands Zorn blies ihnen Feuer ins Haus:
-die Kirche verfluchte den Schirmherrn, der Papst sprach über den Kaiser
-den Kirchenbann aus. Da war der Schirmherr der Kirche ein Schwert ohne
-Hände, da saß er nackt auf dem Thron in der Furcht seiner Völker, da fiel
-der Eid von ihm ab, der die Treue gelobte, da war der siebente Heerschild
-listig durchlöchert.</p>
-
-<p>Zu Tribur taten die Großen und Grafen den Spruch; nur wenn er den
-Bannfluch zu lösen vermöchte, könne Heinrich König der Deutschen und
-Herr seiner Dienstmannen bleiben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span></p>
-
-<p>Aus dem Traum seiner Herrlichkeit kläglich erwacht, war Heinrich zum
-andernmal Flüchtling; aber nun hielt ihm der Bischof von Worms die Tore
-verriegelt, und die Bürger wehrten ihm nicht.</p>
-
-<p>Unmögliches mußte der König tun, die Krone zu retten; er tat es mit
-harter Berechnung.</p>
-
-<p>Nur Berta die Frau, sein Kind und ein Knecht kamen zur Romfahrt
-mit ihm; wo seine Väter den stolzen Siegeszug ritten, ging Heinrich der
-Vierte im Winter den bitteren Bußgang.</p>
-
-<p>Schon war der Reichstag in Augsburg bestellt, wo der Richter des
-neuen Bundes Saul zu verwerfen gedachte, um David zu salben; schon
-harrte Gregor in Mantua des versprochenen Fürstengeleits, als ihn die
-Kunde von Susa erreichte: Heinrich sei über die Alpen gekommen, von den
-lombardischen Städten trotz seinem Bann als König empfangen.</p>
-
-<p>Da mußte Gregor zurück in die Burg von Canossa; die Sonne entwich
-in die Wolken der Gräfin Mathilde und ihrer schützenden Kriegsmacht.</p>
-
-<p>Aber Heinrich kam barhäuptig im Büßergewand vor das Tor der steinernen
-Zuflucht; und ob ihn Gregor zweimal im Grimm der durchkreuzten
-Pläne verschmähte: Heinrich kam wieder am dritten Tag, barfüßig im
-Schnee, der gestern noch König war, den Bannstrahl zu löschen.</p>
-
-<p>Da lag dem toskanischen Mönch der salische Trotz zu Füßen, der Schirmherr
-der Kirche im Staub vor dem Statthalter Christi: aber es war nicht der
-Mond, des Lichtes der Sonne bedürftig, es war nur ein Jüngling im Büßerhemd,
-der seiner Sünden ledig zu sein von dem heiligen Vater begehrte.</p>
-
-<p>So brannte das päpstliche Richtergewand im eigenen Bannstrahl zur
-Asche: die Fessel fiel ab, und dann war Heinrich zum andernmal König; die
-Macht der lombardischen Städte stand als eine Mauer um ihn.</p>
-
-<p>Der auf den Reichstag als Richter der Welt zu kommen gedachte, wich
-hinter die römischen Mauern zurück in den Schutz der Hadriansburg.</p>
-
-<p>Aber die Großen und Grafen in Tribur hatten den eigenen Spruch treulos
-vergessen und Rudolf von Schwaben zum König der Deutschen gewählt.</p>
-
-<p>Ihm zu begegnen, kam Heinrich im Frühjahr anders nach Deutschland
-zurück, als er im Winter gegangen war: er hatte sein Königsschwert wieder;
-hinter ihm stand die lombardische Macht und vor ihm die Treue der rheinischen
-Städte.</p>
-
-<p>Drei Jahre lang lag er im Feld und war ein Meister im Unglück; in
-blutigen Schlachten besiegt, wieder im Bann und bei den Frommen verflucht,
-hielt er den Trotz in der Faust und das Herz in der Hoffnung:</p>
-
-<p>Bis Rudolf von Schwaben, bei Merseburg siegend, die Hand und das<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-Leben verlor &ndash; die Hand, die Heinrich Treue gelobte und treulos das Schwert
-hob &ndash; bis der König den tapferen Friedrich von Staufen als Eidam gewann.</p>
-
-<p>Immer noch standen viel Schwerter im Feld gegen ihn, als Heinrich
-das römische Haupt seiner Widersacher zu treffen gedachte; unholder als
-vorher im Winter zog er nach Rom und hatte ein Panzerhemd an, den
-Streit mit Gregor zu schlichten.</p>
-
-<p>Und ob ihn das Unglück zum andernmal hinhielt, drei Jahre mit Kämpfen
-und Nöten gefüllt, sein Herz war Stahl und sein Mut ein wehendes
-Feuer, bis er das Tor von Sankt Peter gewann.</p>
-
-<p>Sieben Jahre waren vergangen, seitdem er im Büßerhemd stand; sein
-Leben war Lärm und die Welt ein Wirrsal gewesen: nun riefen die Römer
-ihm Heil, weil wieder ein Kaiser der Christenheit war.</p>
-
-<p>Normannen holten Gregor aus Rom in den Schutz ihrer Schwerter;
-der sizilianische Erbfeind der Kirche bot ihrem geschlagenen Haupt das
-letzte Exil.</p>
-
-<p>Nie hatte ein härterer Feind gerungen, als Hildebrand war; Heinrich,
-der unstete Jüngling, war mannhaft geworden, als Gregor, der Greis in
-Salerno, verbittert den Tod empfing.</p>
-
-<h3 id="sec4_18">Der Gottesfrieden</h3>
-
-<p>Als Gregor der Siebente starb, war der Haß nicht gestorben; er ritt auf
-den Straßen von Sachsen nach Rom, er lauerte auf den Burgen der Großen
-und Grafen und brannte der Kirche im Dachstuhl.</p>
-
-<p>Es ging um das Reich, und es ging um die Stärke: hie Kaiser, hie
-Kirche! hie Priester, hie Laiengewalt! aber das Schwert trug der Ritter
-hüben und drüben!</p>
-
-<p>Er schlug die Schlacht, er hetzte den Hirsch, er hielt die Meute im Jagdgrund;
-und wenn die Jagd der Großen und Grafen aus war, ritt er selber
-auf Beute.</p>
-
-<p>Was auf den Feldern gesät war, was in den Ställen gedieh, was auf
-den Wegen und Wässern mit Wagen und Schiffen hereinkam, was auf
-den Speichern und Märkten als Wohlstand des Landes begehrt war, fiel
-unter sein Schwert.</p>
-
-<p>Und als es im neunten Jahr war, daß Bauern und Bürger im blutigen
-Krieg den Segen des Tagwerks entbehrten, daß Armut und Kummer
-den Wohlstand des Landes verschlangen, daß um ein Trugbild der Macht
-Dörfer und Städte verdarben: geschah es, daß sich die Kirche auf ihren
-Ursprung besann.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span></p>
-
-<p>Aber nicht Rom und der Papst, ein Bischof sandte die Taube, den Ölzweig
-zu bringen, ein Bischof im lothringischen Land; den Gottesfrieden
-hießen sie ihn, und so war seine Botschaft:</p>
-
-<p>Von Freitag zu Montag in jeglicher Woche, von Fastenbeginn bis über
-den Sonntag nach Pfingsten, vom ersten Advent bis über Dreikönigen
-dürften nicht Fehde sein; und wer den Gottesfrieden nicht hielt, war verflucht
-an Leben und Eigen.</p>
-
-<p>Sie kam von Frankreich geflogen, die Taube der Sintflut, wo sie im
-Streit der Großen den Boden zu ruhen nicht fand; in Lüttich wurde die
-Stätte bereitet, und bald war der Kaiser ihr Schutzherr.</p>
-
-<p>Heinrich, der König der Bürger und Bauern, nahm ihren Ölzweig zur
-Hand; da mußten die Großen und Grafen ihm folgen: so war in der Sintflut
-der Zeit dem Frieden die erste Freistatt bereitet.</p>
-
-<p>Noch war der Haß nicht gestorben und Heinrich der Vierte ging seinen
-Leidensweg weiter bis an sein gramvolles Alter: aber der Taube von Lüttich
-hielt er die Treue, und gab in Zorn und Bedrängnis den Ölzweig nicht
-aus der Hand.</p>
-
-<h3 id="sec4_19">Der Kaiser des Volkes</h3>
-
-<p>Klug und wild war der Knabe, hochfahrend der Jüngling, unbeugsam
-und rastlos der Mann, den das Volk als Vater verehrte, da er ein Greis
-war; aber das Schicksal fuhr seinen Wagen mit lockeren Rädern, und als
-er im Gleichmut des Alters zu fahren gedachte, scheuten die Rosse.</p>
-
-<p>Er hatte den mächtigen Papst nach Salerno gebracht und hatte die
-trotzigen Sachsen gedämpft, aber die Burg seines Königtums ging ihm
-verloren; so zäh seine Hand das Königsschwert hielt, den Traum von Goslar
-träumte sein Alter nicht mehr: sein Hoflager ging um in den Ländern der
-Großen und Grafen, wie es die Herkunft gebot.</p>
-
-<p>Aber ihm fiel eine Burg zu, die nicht aus Steinen gebaut war; Dienstmannentreue
-hielt ihr das Tor, und die Liebe des dankbaren Volkes war ihre
-gewaltige Mauer.</p>
-
-<p>Die Ritter hatten vom Schwert gelebt, wie der Bauer vom Pflug, sie
-waren im Scharlach mit goldenen Sporen geritten und hatten den Wohlstand
-geerntet: nun siechte der nützliche Krieg hin, und der Mangel kroch
-in die Burgen.</p>
-
-<p>Die Großen und Grafen sahen den Aufruhr beginnen und die Vasallen
-den Glanz ihrer Tage verblassen, indessen die Bürger und Bauern sich in
-der Kaisergunst sonnten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span></p>
-
-<p>So fuhr das Alter des Kaisers durch Liebe und Haß den schmalen Königsweg
-hin, als ihm die Feindschaft der Ritter die Rosse wild machte, als
-ihm der römische Haß die Räder zerbrach.</p>
-
-<p>Zum viertenmal kam der Bannfluch von Rom, als Paschalis Papst
-war, Gregors gelehriger Schüler; der Donner hatte den Blitz verloren und
-rollte nur hin, aber den Feinden des Kaisers kam er zur richtigen Stunde.</p>
-
-<p>Sie kannten die Herrschsucht des Sohnes, und wie er die Geltung des
-Vaters mühsam ertrug; sie wußten den Bannfluch klüglich zu leiten, daß
-er im Treubruch des Sohnes den bösen Spalt fand.</p>
-
-<p>Weihnachten stand vor der Tür, als Heinrich der Sohn das Hoflager
-heimlich verließ, von Fritzlar nach Bayern zu fliehen, wo ihn die Feinde des
-Königs fröhlich empfingen; und die Vasallen strömten der neuen Herrengewalt
-zu.</p>
-
-<p>Am Regenfluß standen sich Vater und Sohn gegenüber im Schutz ihrer
-Scharen, aber hüben und drüben stiegen die Ritter vom Roß; wieder gingen
-und kamen die heimlichen Boten, bis Heinrich der Vater den Verrat
-der Vasallen erkannte und heimlich entwich.</p>
-
-<p>Ein Hoftag der Großen und Grafen in Mainz sollte den Kaiser des
-Volkes absetzen; aber die Bürger standen auf für sein Recht, und ein stadtkölnisches
-Heer zog heran, den Mantel des Kaisers zu schützen: da mußten
-Falschheit und Frevel dem herrischen Sohn helfen.</p>
-
-<p>In Koblenz lag er dem Vater zu Füßen, Abbitte leistend und Treue gelobend;
-der Kaiser zog arglos mit ihm und ließ sich von Bingen nach Bökelheim
-locken; aber es war eine Falle, und statt auf dem Hoftag in Mainz
-mit den Großen und Grafen zu rechten, saß er in einer Waldburg gefangen.</p>
-
-<p>Sie wollten in Mainz ein stolzes Gericht über ihn halten, aber sie wagten
-es nicht vor den Bürgern; so war es draußen in Ingelheim, wo sie den
-Greis, höher an Wuchs und Würde als einer der Fürsten, in die Schmach
-ihrer Anklagen brachten.</p>
-
-<p>Da konnte die Kirche sich rächen an ihrem stolzen Verächter; da fand
-der Grimm der Vasallen die Grafen und Großen bereit, den Kaiser der
-Bürger und Bauern zu dämpfen; da ließ der Sohn es geschehen, daß rechtlose
-Richter Heinrich dem Vierten das Königskleid nahmen.</p>
-
-<p>Sie wiesen dem todwunden Geier die karolische Pfalz in Ingelheim an;
-aber noch einmal hob er die mächtigen Flügel: Heinrich der Vierte entfloh
-seiner Haft, und als der frevelnde Sohn mit seiner Vasallenmacht kam,
-ihn zu fangen, wiesen die Bürger von Köln und Lüttich ihm blutig die Tore.</p>
-
-<p>Schon mußte der Sohn sich bequemen, andere Botschaft zu senden, da
-brachte ihm ein Gesandter den Ring und das Schwert seines Vaters und<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-sein letztes Vermächtnis: wie er geboren war, starb Heinrich der Vierte als
-König, kein Haß trübte dem Greis die letzte Verpflichtung.</p>
-
-<p>Otbert der Bischof von Lüttich ließ seinen Leib in der Kirche begraben;
-das Volk jammerte laut um seinen Vater und Freund; aber der Haß seiner
-Feinde strafte den Bischof und gönnte der Leiche nicht ihren Frieden.</p>
-
-<p>Als sie den Sarg des Gebannten hinaus auf die Maasinsel brachten,
-kamen die Bauern herbei aus den Feldern, warfen das Korn über den Sarg
-und streuten die Erde des Grabes auf ihre Acker, daß Korn und Acker geweiht
-wären.</p>
-
-<p>Daß ihm der Vater nicht draußen läge gleich einem Hund, hieß Heinrich
-der Sohn die Leiche im steinernen Sarg hinauf nach Speyer geleiten,
-und er gab ihr den Platz im Dom nach der Reihe der salischen Kaiser.</p>
-
-<p>Aber noch durfte Heinrich der Vierte nicht versammelt sein bei seinen
-Vätern; zum andernmal trugen die zornigen Hände der Kirche den Sarg
-des Gebannten hinaus, daß er die Gruft nicht entweihe.</p>
-
-<p>Der mit dem Frevel in Kaiserswerth zänkisch begann, der in Canossa lichterloh
-brannte, mit üblen Gerüchen in Ingelheim schwelte: der Haß seiner
-Feinde ließ seine Asche nicht ruhen und schmähte sein stolzes Gedächtnis.</p>
-
-<p>Das Volk behielt Heinrich, den Vater und Freund und sein grausames
-Schicksal treu und traurig im Herzen.</p>
-
-<h3 id="sec4_20">Der Sieg der Fürsten</h3>
-
-<p>Der Kampf, den Heinrich der Vierte sein Leben lang kämpfte, war
-traurig verloren; sein Sarg in Speyer blieb draußen am Dom als gramvolles
-Bildnis gestorbenen Volkskönigtums stehen.</p>
-
-<p>Die Fürsten hatten den finsteren Sohn ihres Feindes vorzeitig zum
-König gemacht, und der Papst war ihrem Frevel Nothelfer gewesen; seiner
-Fesseln nicht froh tat Heinrich der Fünfte die Romfahrt anders als seine
-Ahnen.</p>
-
-<p>Die Großen und Grafen traten ihm bei, und die Vasallen strömten
-ihm zu in unübersehbaren Scharen: der Gottesfrieden hatte sie müßig gemacht,
-nun gab es fröhliche Fahrt.</p>
-
-<p>Nie hatte das lombardische Land mehr Ritter und Lanzen gesehen als
-in dem hochmütigen Herbst, da Heinrich der Fünfte die lombardische
-Städtemacht dämpfte; und als er im Winter nach Rom kam, stand Paschalis
-wartend, die mächtige Hand zu ergreifen.</p>
-
-<p>Immer noch hielt der Streit der Belehnung die Kirche in Zorn; aber
-dem Papst wie dem Kaiser waren die deutschen Bischöfe zu mächtig,<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-und heimlich wurden die Stricke geflochten, die mächtigen Hände zu
-binden.</p>
-
-<p>Und so war die Lösung, die Kaiser und Papst in Heimlichkeit fanden:
-der Papst allein sollte Herr der Bischöfe sein, aber sie sollten der weltlichen
-Geltung im Reich des Kaisers entsagen, all ihr Lehensgut sollte wieder dem
-Reich und dem Kaiser gehören.</p>
-
-<p>Das war die christliche Scheidung; sie teilte den Mächten das Reich,
-gab Gott und dem Kaiser, was Gott und dem Kaiser gehörte.</p>
-
-<p>Als aber der Papst in Sankt Peter die heimliche Gleichung offenbar
-machte, da sprangen die Bischöfe auf im Tumult und zwangen den Papst
-und den Kaiser, den heimlichen Strick ihrer weltlichen Macht zu zerreißen.</p>
-
-<p>Seitdem stand Heinrich der Fünfte nicht mehr in der Gunst der geistlichen
-Großen; sie wollten die Weltfürsten bleiben und zwischen dem Papst
-und dem Kaiser die eigenen Machthändel treiben: wie Heinrich der Fünfte
-den Vater verriet, so war er nun selber verraten.</p>
-
-<p>Wilder denn je ging der Streit um die Macht, und die Vasallen saßen
-im Sattel das ganze Jahr; der Gottesfrieden ging unter im Lärm ihrer
-Schlachten, denn nun war kein Kaiser des Volkes mehr da, ihn zu
-halten.</p>
-
-<p>Wohl lenkte Heinrich der Fünfte klüglich zurück in die Bahn seines Vaters;
-er ließ mit goldenen Lettern am Dom zu Speyer die Bürgerfreiheit
-ansagen: aber dem Finsteren blieb das Herz des Volkes verschlossen.</p>
-
-<p>So kam in Würzburg der klägliche Tag für den Kaiser: hie Papst, hie
-Kaiser stand auf den Fahnen der Heere; aber die Fürsten stiegen vom Roß
-hüben und drüben, den Streit zu beenden und auf dem Streitfeld die Zelte
-der eigenen Herrschaft zu bauen.</p>
-
-<p>Da wurde ein anderer Strick geflochten, Kaiser und Papst die Hände
-zu binden; da schrieben die Räte der Fürsten das Konkordat, das auf dem
-Reichstag zu Worms den Streit der Stärke zudeckte:</p>
-
-<p>Der Papst belehnte den Bischof mit Ring und Stab als Zeichen der
-geistlichen Würde, der Kaiser gab ihm das Zepter als Zeichen der weltlichen
-Fürstengewalt.</p>
-
-<p>Ein halbes Jahrhundert lang hatte der Streit dem Kaiser den Atem
-genommen, ein halbes Jahrhundert lang hatte das Feuer die Völker gebrannt,
-nun dämpften die Fürsten die glühende Asche.</p>
-
-<p>Heinrich der Fünfte blieb er genannt, König der Deutschen und römischer
-Kaiser: wo seine Väter die Schutzherren waren, nahm er nun selber
-die Krone, Reichsapfel und Zepter als Lehen der Kurfürstengewalt.</p>
-
-<p>Das Reich der Kaiser war tot; als die Bürger und Bauern Deutschland<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span>
-den Mantel des einigen Königtums brachten, riß ihn die Herrschsucht der Fürsten
-in Fetzen.</p>
-
-<h3 id="sec4_21">Die goldenen Tage der Kirche</h3>
-
-<p>Das Jahrhundert der salischen Herrschaft war aus, und wieder lagen
-die Heerschilde am Rhein, dem Reich einen König zu küren: hüben die
-Sachsen und Bayern, drüben die Franken und Schwaben.</p>
-
-<p>Der mächtigste Fürst war Friedrich von Staufen, Herzog in Schwaben
-und Schwager Heinrichs des Fünften; er hatte die salischen Güter geerbt
-und war seiner Wahl sicher.</p>
-
-<p>Aber die Kurfürsten hatten das Königtum nicht geschwächt, daß Friedrich
-von Staufen es wieder stärke; sie wußten den Wahlgang listig zu stören
-und hoben Lothar von Suplinburg auf den Schild, Herzog von Sachsen
-und Todfeind Heinrich des Fünften.</p>
-
-<p>Sechzig Jahre war Lothar alt, als die geistlichen Großen dem Graukopf
-die Krone aufsetzten: als Söldner gekrönt, blieb er ihr williges Werkzeug;
-und als er ein schlohweißer Greis war, krönte der Papst ihn dem heiligen
-Norbert zuliebe als Kaiser.</p>
-
-<p>Auch ließ er ein Bild malen, wie er dem König gnädig die Krone verlieh;
-und so war die stolze Legende: Vor die Tore Roms kommt der König,
-beschwört die Rechte der Stadt, wird Vasall des Papstes und empfängt
-von diesem die Krone.</p>
-
-<p>Es waren die goldenen Tage der Kirche in Deutschland, da Lothar der
-Graukopf die Krone demütig und diensteifrig trug, da der König den heiligen
-Norbert von Xanten als Bischof nach Magdeburg rief.</p>
-
-<p>Norbert der Bischof hatte als Mönch in Frankreich den Orden der
-Prämonstratenser gegründet und brannte in düsterer Inbrunst, der Kirche
-das kostbare Kleid und den Klöstern den weltlichen Wohlstand zu nehmen.</p>
-
-<p>Gebet und Arbeit gab er den Mönchen wieder zur Hand, daß sie &ndash; wie
-Cluny es lehrte &ndash; Werkstätten des frommen Fleißes und Zunfthäuser der
-Kirchenzucht würden, statt üppige Pfründen der Weltlust zu sein.</p>
-
-<p>Zum andernmal schlugen die Mönche die Standlager entsagungsvoller
-Mühsal auf in den neblichten Wäldern; wo eine Wiese war, wuchsen die
-weißen Gebäude; Gärten, von Mauern gegürtet, und Feldergebreite drängten
-hinein in das weglose Dickicht.</p>
-
-<p>Die grauen Zisterzienser wetteiferten treulich mit den weißen Prämonstratensern
-und wußten zierliches Maßwerk zu bauen; vom Rhein hinüber
-weit in den Osten und hoch hinein in den Norden trugen sie Kreuz und Kelle
-und mehrten das Kirchenland.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span></p>
-
-<p>Und was die Mönche begannen, brachten die Bauern zu Ende; uraltes
-Hofrecht wurde lebendig, neue Weide zu schaffen; fleißige Rodung gewann
-aus den neblichten Wäldern die Sonnenplätze der Dörfer.</p>
-
-<p>Es waren die goldenen Tage der Kirche in Deutschland, als die grauen
-Mönche die schwarzen ablösten, als sie den himmlischen Gärten die irdischen
-Vorwerke bauten, als sie im Eifer nützlicher Arbeit und frommen Gebetes
-den Prunkmantel römischer Herkunft vergaßen.</p>
-
-<h3 id="sec4_22">Der heilige Bernhard</h3>
-
-<p>Als Lothar, der greise Dienstmann der Kirche, verschied, stand Heinrich
-der Stolze, sein Eidam, Herzog von Bayern und Sachsen, der Krone am
-nächsten; um Pfingsten sollte die Wahl sein.</p>
-
-<p>Alberto aber, der hitzige Bischof von Trier, wollte nicht leiden, daß wieder
-ein mächtiger König die goldenen Tafeln der Kirche zerbräche; er gab die
-Krone Konrad von Staufen als Ostergeschenk, da brauchten die Heerschilde
-nicht auf das Pfingstfest zu reiten.</p>
-
-<p>Konrad, der Dritte genannt, war Kriegsmann und nannte geringe Erbschaft
-in Franken sein Eigen, da seinem Bruder Friedrich von Staufen das
-Herzogtum Schwaben gehörte; er mußte der Kirche willfährig sein gegen
-die Macht Heinrichs des Stolzen.</p>
-
-<p>Aber die Kirche war nicht mehr das römische Reich; der Papst saß bedrängt
-in Sankt Peter, indessen Bernhard, der Mönch von Clairvaux, die
-Christenheit lenkte.</p>
-
-<p>Ein neuer Apostel hielt wieder das Kreuz, von Wundersagen umdichtet:
-in der Macht seiner Rede ein Paulus, und ein Prophet, wie Jesaias war.</p>
-
-<p>Der Stern von Bethlehem stand neu über dem Abendland: wie er den
-Weisen aus Morgenland schien, so glühten die Mönche im Licht der neuen
-Verheißung.</p>
-
-<p>Der Tag der Verheißung brach in der Wirklichkeit an und war kein
-Weltuntergang mehr, weil nun Maria die Königin hieß; ihr hielten
-die Mönche den Himmel gespannt mit den Schnüren brünstiger Liebesgewalt.</p>
-
-<p>Und weil es das Abendland wollte, sollte das Morgenland wieder die
-irdische Heimat der christlichen Menschheit werden: Maria hatte den Heerbann
-befohlen, sie würde &ndash; so war es den Mönchen verheißen &ndash; die siegreiche
-Weltkönigin sein.</p>
-
-<p>Weihnachten war im Dom zu Speyer, als Bernhard dem König die
-Kreuzpredigt hielt: wie Moses den Quell, zwang sein gewaltiges Wort den<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span>
-Schwur aus den Seelen; das Volk weinte in seliger Lust, als Konrad, der
-Kriegsmann der Kirche, knieend die Fahne der Himmelskönigin nahm.</p>
-
-<p>Nie war die Lust auf den irdischen Straßen so selig gegangen, nie hatte
-die Sehnsucht der Seelen so brünstig gebrannt, nie hatte das Kreuz so glühend
-gelockt wie nun auf den Fahnen, da sich das Abendland aufhob, das
-Morgenland zu befreien.</p>
-
-<p>Vom Abendland aber zum Morgenland ging der Weg weit über Byzanz
-und über Nicäa hinauf in die Steinwüsten der Türken: gewaltig waren
-die Ritter gerüstet zur Schlacht, aber der Troß war zu groß, sich in der
-Wüste zu nähren.</p>
-
-<p>Als der Durst nicht aufhörte, Roß und Reiter zu plagen, als die Glut
-der Steine das Leder zu dörren begann, als in den Nächten der Fieberdurst
-kam, als Seuche und Not den gepanzerten Lindwurm des Abendlandes
-fraßen, siegte grausam das Morgenland.</p>
-
-<p>Die Wespen der türkischen Reiter fielen in Schwärmen über den schwerfälligen
-Leib und stachen ihn zornig zu Tode; ein Leichenfeld wurde die
-Straße von Doryläum zurück nach Nicäa: die Himmelskönigin hatte die
-Ihren verlassen, nur wenige sahen das Meer wieder.</p>
-
-<p>Ein Klageschrei irrte ins Abendland heim, wie seinen Ohren noch keiner
-geklungen war: die Ritterblüte der Länder lag in der Wüste verdorrt, das
-Wunder hatte gelogen.</p>
-
-<p>Das Wahnreich der Mönche sank hin; aus den Trümmern der himmlischen
-Herrlichkeit hob sich der grimmige Zweifel der Erde.</p>
-
-<h3 id="sec4_23">Heinrich der Löwe</h3>
-
-<p>Indessen der Kirche in Deutschland die goldenen Tafeln zerbrachen, weil
-sie den Berg der Verheißung nicht fand, war ihr der zäheste Gegner gewachsen.</p>
-
-<p>Heinrich den Stolzen hießen sie seinen Vater, Herzog in Bayern und
-Sachsen, der Konrad dem Staufer die kärgliche Geltung bestritt; stolz war
-auch der Sohn, aber sein Stolz hielt der Stärke die Hand.</p>
-
-<p>Er war noch ein Knabe, als Konrad, den staufischen König, der Tod
-Heinrichs des Stolzen aus schwerer Bedrängnis befreite; aber der Knabe
-war früh bei der Hand, die reiche Erbschaft zu halten.</p>
-
-<p>Als Heinrich Jasomirgott mit seiner Mutter das Herzogtum Bayern
-bekam, ging er grollend nach Sachsen, weil er dem Stiefvater nicht die
-Hand seiner Mutter, wohl aber das Land seiner Väter bestritt.</p>
-
-<p>Zum andernmal hielt ein Knabe und Jüngling den sächsischen Hof,<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span>
-aber nun war es der eigene Herzog, kein landfremder König; stark wie zur
-Zeit der Ottonen wuchs die sächsische Mauer um ihn.</p>
-
-<p>So stark war die sächsische Mauer, daß Heinrich dem Kreuzzug des heiligen
-Bernhard ausweichen konnte, statt in das Morgenland gegen die
-näheren Feinde im Osten, die Wenden, zu ziehen.</p>
-
-<p>Als Konrad wiederkam mit dem kläglichen Rest seiner Macht, war Heinrich
-im Haushalt des Reiches stark und selbstherrlich geworden; Kirchen-
-und Königsmacht fanden die sächsische Grenze gesperrt.</p>
-
-<p>Noch war Heinrich ein Jüngling, aber schon hieß er der Löwe, und wo
-er die Tatze hinlegte, hob sich nicht leicht eine Hand, ihn zu stören: die Grafen
-und geistlichen Großen im Sachsenland mußten sich fügen, wie es der
-mächtige Landesherr wollte.</p>
-
-<p>Aber er war kein Gewaltherr der Willkür; im sächsischen Weistum
-waren die Wurzeln des uralten Rechts sorgsam bewahrt, auf dem heiligen
-Boden der Herkunft standen Wahrspruch und Richtschwert; Heinrich der
-Herzog war Richter und Hüter, wie es die Herkunft gebot.</p>
-
-<p>Er ließ der Kirche das Amt ihrer geistlichen Sendung, aber der Bischofsmacht
-hielt er die Zügel; und als er Lübeck neu baute, gab er der Stadt
-einen Bischof, ihre Geltung zu mehren, aber auch einen Rat, im Namen
-des Herzogs sich selbst zu verwalten.</p>
-
-<p>Er machte die Herkunft lebendig und zerbrach den Deckel lateinischer
-Bildung: er war ein deutscher Fürst und ließ der Kirche das Morgenland,
-dem König die römischen Händel, weil er im eigenen Bienenstock die Waben
-des sächsischen Wohlstands baute.</p>
-
-<p>Und als dem welfischen Löwen der staufische Vetter und Freund seiner
-Jugend, Friedrich der Rotbart, im Alter das Rückgrat zerbrach, blieben
-Dank und Liebe der deutschen Seele in Liedern und Sagen lebendig, sein
-trotziges Standbild mit Efeu und wilden Rosen umrankend.</p>
-
-<h3 id="sec4_24">Friedrich von Schwaben</h3>
-
-<p>Konrad, der klägliche Staufer, war tot, und Heinrich der Löwe saß im
-Sattel der sächsischen Stärke, da waren die geistlichen Großen in Not; sie
-mußten, dem Welfen zu wehren, den Einzigen wählen, der seiner Macht
-widerstand: Friedrich, den jungen Herzog von Schwaben.</p>
-
-<p>Judith, die Schwester Heinrichs des Stolzen von Bayern, war seine
-Mutter gewesen; staufisch- und welfischen Blutes gleichviel, stand er mitten
-im Streit der Geschlechter.</p>
-
-<p>Er hielt seinen ersten Hoftag in Sachsen, auch sprach er dem Vetter<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-und Freund die bayrische Erbschaft zu; denn Gertrud die Mutter des Löwen
-war tot, und Heinrich stand mit dem Schwert in der Hand gegen Jasomirgott,
-sein Recht und sein Land von dem Stiefvater einzufordern.</p>
-
-<p>So blieb der Staufer klüglich im Schatten des Starken, und niemand
-im Reich konnte wagen, dem Bund der beiden zu trotzen; Rom aber mußte
-erfahren, daß Friedrich von Schwaben ein fleißiger Schüler des Löwen war.</p>
-
-<p>Der verhaßten Kaisermacht ledig, hatte der Papst den Hochmut der
-römischen Bürger erfahren: von seinem Stuhl in Sankt Peter vertrieben,
-von der normännischen Hilfe übel bedrängt, rief er von neuem den Schirmherrn
-der Kirche.</p>
-
-<p>Friedrich von Schwaben eilte nicht sehr, dem Bedrängten zu helfen; als
-er mit Heinrich dem Löwen endlich die Alpenfahrt machte, lockte lombardischer
-Reichtum ihn mehr als das Salböl des Papstes.</p>
-
-<p>Er sah im fruchtbaren Herbst die reichen Felder gebreitet, er sah die
-blühenden Städte im Kranz ihrer Gärten, er sah die Schiffe und Wagen der
-Kaufleute fahren und sah sie wohnen im Reichtum.</p>
-
-<p>So wurde nach sechshundert Jahren in einem Staufer der Traum Alboins
-wach, das lombardische Land als Wiege der Macht zu besitzen: statt
-Wanderkaiser der Deutschen Italiens Schwertherr zu sein.</p>
-
-<p>Aber die Wiege war wehrhaft geworden, seit Alboin in der Burg Dietrichs
-von Bern sein lachendes Siegesmahl hielt; trotzig standen die Städte
-der Lombardei, mauerumgürtet, und Mailand, die mächtige, war ihre starke
-Bastei.</p>
-
-<p>Friedrich der Staufer nahm die lombardische Krone; die stolzen Geschlechter
-von Mailand mußten sich seiner Schwertgewalt beugen; er
-dämpfte den Aufruhr der Römer und ließ sich von Hadrian krönen: aber die
-Schar seiner Ritter reichte nicht aus, das Abenteuer zu halten.</p>
-
-<p>Schon stand sein Rückweg gefährlich &ndash; Otto von Wittelsbach brach
-die gesperrte Etschklause auf &ndash; und kaum war der letzte Hufschlag verschollen,
-da schlossen die Städte um Mailand den Bund ihrer Freiheit, und
-Rom sandte heimliche Botschaft.</p>
-
-<h3 id="sec4_25">Barbarossa</h3>
-
-<p>Als Friedrich der Rotbart zum andernmal kam, hatte sein Kanzler Rainald
-von Dassel &ndash; der listig gewaltige Mann &ndash; das Reichsheer reisig gemacht;
-aus allen Pässen kam es herab in die ronkalischen Felder: das Abenteuer
-des Staufers war eine Heerfahrt des Kaisers geworden.</p>
-
-<p>Wie Karl die Sachsen mit Krieg überzog, brach der Staufer ein ins<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-lombardische Land; und wie sich der Sachsentrotz wehrte bis zur Vernichtung,
-so ungebeugt hoben die Städte aus Blut und Brand das Banner
-der Freiheit.</p>
-
-<p>Einmal war Mailand gestäupt und die Bürger der Stadt mußten im
-Hemd zum Büßergang kommen, ein bloßes Schwert auf dem Nacken; einmal
-war Mailand zerstört, wie Jerusalem war, da Titus die Juden wegführte.</p>
-
-<p>Einmal stand Friedrich der Rotbart als Sieger vor Rom, Alexander
-den Papst zu verbannen; einmal fraß ihm das Fieber sein Heer &ndash; auch Rainald
-von Dassel, den listig gewaltigen Kanzler &ndash; daß er nur in böser Gefahr
-den Rückweg nach Deutschland gewann; einmal war er so grausam geschlagen,
-daß er den Schild und die Fahne verlor, und von den Seinen vermißt
-war.</p>
-
-<p>Aber er stand wieder auf, und was sein Schwert nicht vermochte, mußte
-die List ihm gewinnen: den lombardischen Städtebund um den Sieg zu betrügen,
-beugte er sich vor der mächtigen Hand Alexanders.</p>
-
-<p>Sein Rotbart war grau und das lombardische Land eine Wüste geworden,
-als ihm der Tag von Venedig endlich den Frieden einbrachte: er mußte
-den Städten vielerlei Freiheit beschwören, aber sie nahmen den Staufer
-an aus der Hand des Papstes als ihren Kaiser und Herrn.</p>
-
-<p>So war er reich und mächtig geworden, der arm und im Schatten des
-Starken sein Abenteuer begann; als er im Schatten der Kirche endlich gewann,
-stand Heinrich der Löwe allein in der Sonne: da war die Freundschaft
-zerbrochen.</p>
-
-<p>Wie die lombardischen Städte gegen den Staufer, so hatten die deutschen
-Bischöfe den Bund gegen den Herzog von Sachsen und Bayern beschworen;
-nun hatte der Staufer den Schatten gewechselt: so kam ihre
-Stunde.</p>
-
-<p>In der staufischen Pfalz zu Gelnhausen wurde die Haut des welfischen
-Löwen verteilt, und die Bischöfe nahmen sich reichlich; der letzte Herzog der
-Deutschen wurde verbannt, das letzte Stammland zerstückelt.</p>
-
-<p>So machte Friedrich von Staufen das mißglückte Königtum Heinrichs
-des Vierten wahr, aber die Burg seiner Macht stand jenseits der Alpen, das
-Reich war verraten.</p>
-
-<p>Barbarossa war nun der Rotbart genannt, der Herr des lombardischen
-Landes; fünf Kronen trug er auf seinem silbernen Haar und hieß wieder
-Kaiser der Christenheit wie Karl der fränkische König: aber ihm hielt keine
-Aachener Burg das Herz der Heimat gerüstet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec4_26">Das Maifeld in Mainz</h3>
-
-<p>Herrlicher war nie ein Maifeld gewesen, als da Barbarossa in Mainz
-seinen Söhnen die Schwertleite hielt; die Lombardei war gewonnen, und
-Heinrich der Löwe lag auf der Strecke; prahlend kamen die geistlichen Herren
-und alle Vasallen, das Glück ihrer Tage zu feiern.</p>
-
-<p>Die Mauern von Mainz waren zu eng für die festlichen Massen; so
-war vor den Toren die Zeltstadt gebaut, geschmückt mit dem Maibaum des
-Kaisers, mit den Wimpeln der Großen und Grafen und der unermeßlichen
-Farbenpracht ihrer Völker.</p>
-
-<p>Das Abendland bestaunte die staufische Macht und sah den Himmel der
-Deutschen gespannt über dem siegreichen Kaiser und über dem Sohn, der
-seine Macht und Herrlichkeit erbte.</p>
-
-<p>Fünf Kronen trug sein silbernes Haar und wollte die sechste im Heiligen
-Lande gewinnen, als er, der Greis, im Jubel der Völker das Kreuz nahm.</p>
-
-<p>Er hatte als Jüngling den Kreuzzug Konrads mitgelitten und kannte
-die Wüstengefahr; wie ein Hausvater seine Tage bestellt, ließ er das Reich
-seinem Sohn, sich selber der Kirche zu weihen.</p>
-
-<p>Noch einmal schäumte das Abendland gegen das Morgenland auf; aus
-Frankreich, England und Deutschland kamen die Ritter mit ihren Knappen,
-dem Kaiser zu folgen, der als Greis die kühne Fahrt wagte.</p>
-
-<p>Klüger als Konrad und besser gerüstet, gelang ihm der mühsam gefährliche
-Ritt durch die Wüste; schon war Ikonium sein und das cilicische Gebirge
-gewonnen, als der Kaiser im Saleph ertrank.</p>
-
-<p>Wie der staufische Jüngling sein Abenteuer auf fremder Erde begann,
-so sank er dem Reich hin in der Fremde; mit seiner greisen Rittergestalt
-war die deutsche Herkunft der Staufer gestorben: Heinrich der Sechste,
-der Sohn seiner Macht, ging nach Palermo.</p>
-
-<h3 id="sec4_27">Der Sohn der Macht</h3>
-
-<p>Heinrich, der staufische Jüngling, hatte die ältliche Erbin des normännischen
-Goldes gefreit; die Völker kamen nach Mailand, die staufische Macht
-zu bestaunen, als der Kaisersohn mit Konstanze, der Königstochter von Sizilien,
-die prahlende Hochzeit hielt.</p>
-
-<p>Die Kaisermacht spannte den Bogen über den Stuhl von Sankt Peter
-hinüber; von der kalten Meerküste bis in die südlichen Mittelmeergärten
-reichte die Schwerthand der Schwaben.</p>
-
-<p>Nordsturm fiel über die sonnigen Küsten, darin Blüte und Frucht<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-erfroren, als das normännische Seeräuberglück an den Sohn der staufischen
-Macht kam.</p>
-
-<p>Sein Herz war hart und sein Mund blieb verschlossen; wo Friedrich der
-Rotbart mit fröhlicher Grausamkeit ritt, stand Heinrich der Sechste mit
-finsterer Strenge.</p>
-
-<p>Den Zermalmer hießen sie ihn, der alles zertrat, was seinen grausamen
-Weg hemmte; aber als er den Hammer ins Morgenland hob, sprang ihm
-sein gläsernes Herz.</p>
-
-<p>Es war im siebenten Jahr, daß Barbarossa sein Vater im Saleph ertrank,
-als auch der Sohn der staufischen Macht die Heimkehr versäumte:
-seinen Marmorsarg stellten sie auf im steinernen Dom von Palermo.</p>
-
-<p>Schirmherr der Kirche und Schwertherr der abendländischen Völker zu
-sein, war die Sendung der Kaiser gewesen: der Streit um die Stärke hatte
-den Bogen gespannt; als er im Rauschglanz staufischer Machtherrlichkeit
-über Sankt Peter hinaus ging, zerbrach er.</p>
-
-<h3 id="sec4_28">Der Sizilianer</h3>
-
-<p>Als Heinrich der Sechste gestorben war, fern und fremd wie er lebte,
-war Friedrich, der Sohn der Konstanze, ein Kind.</p>
-
-<p>Den Staufern die Macht in Deutschland zu halten, nahm Philipp von
-Schwaben, der Sohn Barbarossas, die Krone; aber der Bischof von Köln
-krönte den Sohn des welfischen Löwen.</p>
-
-<p>So standen die Söhne im Haß ihrer Väter, und der Papst schürte den
-Brand: hie Waibling, hie Welf! wurde der Wahlspruch der Großen; hie
-Welf, hie Waibling der Schlachtruf der Ritter, die über das Reich den
-neuen Bürgerkrieg brachten.</p>
-
-<p>Da wuchs die Saat der staufischen Weltherrscherträume üppig und geil
-ins Kraut, da war von der goldenen Ernte allein das Unkraut geblieben,
-indessen der Papst Innocenz den Weizen der Kirche in vollen Scheuern einbrachte.</p>
-
-<p>Otto dem Welfen lachte das Glück, als Philipp von Schwaben durch
-Otto von Wittelsbachs Mörderhand fiel; aber indessen war Friedrich der
-Sohn der Konstanze mündig geworden, und päpstlicher Eifer sandte den
-Großen und Grafen im Reich den sizilianischen Knaben als König.</p>
-
-<p>Den Pfaffenkaiser hießen sie ihn, der als Friedrich der Zweite in Aachen
-die Krone der Deutschen aufsetzte; aber der eigene Sendling des Papstes
-wurde die Brut, die zu verderben danach die Kirche den Zorn des Himmels
-mit allen Zungen herabschrie.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span></p>
-
-<p>Innocenz selber war Vormund des Knaben gewesen, der machtherrliche
-Papst, der die Kronen Europas verschenkte; aber der Schüler lernte das
-Schachspiel der Kirche, dem Schwert mit List zu begegnen; er war ihr eifrigster
-Lehrling und wurde ihr Meister.</p>
-
-<p>Als es zum andernmal hieß: hie Kaiser, hie Kirche! war der Kaiser die
-List, und der Papst stand im Zorn, dem spöttischen Spieler mit Fluch und
-Verdammnis das Brett zu verwirren.</p>
-
-<p>Aber der Sizilianer gab lachend die Ewigkeit hin, die Gegenwart zu behalten;
-und höher als jemals ein Herrscher hob er sein spöttisches Haupt in
-die Räume, wo der Menschengeist Gott in den Grenzen des irdischen Daseins
-verleugnet.</p>
-
-<p>Der sich als Fürst in Palermo die sarazenische Leibwache hielt, der mit
-arabischen Weisen das Rätsel des Lebens befragte und im Prunk des Morgendlands
-wohnte, trug die Krone der Christenheit nur um die Macht und
-den Glanz ihrer Herrscherfülle.</p>
-
-<p>Das Reich der Deutschen gab er danach dem Sohn zu regieren, der in
-den Ränken der Großen ein törichter Knabe und seinem Vater ein kläglicher
-Nachahmer war.</p>
-
-<p>Der Kaiser der Christenheit saß in Palermo; er kam nur ins Reich, wie
-ein Kaufherr nach seinen Schafen sieht.</p>
-
-<p>Sechs Kronen trug sein spöttisches Haupt; er war dem normännischen
-Staat ein König, mächtig und klug wie keiner, aber das Reich lag im Schatten:
-Fremdherrschaft war die staufische Macht dem Volk der Deutschen geworden.</p>
-
-<p>Als er starb, der Sizilianer aus dem Geschlecht der Staufer, das der
-zornige Papst ein Otterngezücht nannte, da rollten die Kronen hin, da
-blieb von der Kaisermacht nur noch ein römischer Schatten, da rissen die
-Raben das Reich auseinander, da wurden die Ritter Herren der Straße
-und ihre Knechte die Plage des Bürgers.</p>
-
-<h3 id="sec4_29">Konradin</h3>
-
-<p>Die letzte Fackel der Staufer sank jäh in die Nacht, als Manfred, der
-Bastard des Sizilianers, gegen Karl von Anjou in Sizilien Land und Leben
-verlor; aber ein Irrlicht hob sich in Deutschland, noch einmal den Weg der
-Fackel zu flattern.</p>
-
-<p>Konradin hießen sie ihn, den letzten Erben der Staufer, und er war noch
-ein Knabe, als ihn die Sendlinge nach Sizilien riefen, Karl von Anjou, dem
-Franzosen, das normännische Reich zu bestreiten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span></p>
-
-<p>Ein Knabe hob seine Augen auf zu den Taten der Väter: wo sie mit gewaltigem
-Kriegsvolk zogen, kam die ärmliche Schar seiner Ritter.</p>
-
-<p>Tollkühn und töricht war der Plan, abenteuerlich seine Gestaltung;
-aber das gleißende Glück rollte dem Knaben die bunte Kugel vorauf, und
-mancherlei Volk lief ihm zu im toskanischen Land.</p>
-
-<p>Als er nach Rom kam, fiel ihm ein flüchtiger Glanz auf die fiebrige
-Stirn: Frauen und Männer führten den Knaben aufs Kapitol, blumengeschmückt,
-und die Straßen prahlten mit Fahnen, als ob er den Sieg und
-der staufischen Macht die Wiederkunft brächte.</p>
-
-<p>Als aber der Tag kam, da die Haufen sich maßen, hob das staufische Ungestüm
-wohl den Feind aus dem Sattel, schon stürmten die Ritter dem
-Fußvolk voraus zur Verfolgung: doch war die Flucht eine List: aus dem
-Hinterhalt brachen die feindlichen Reiter und gewannen leichtlich das
-Treffen.</p>
-
-<p>Friedrich von Baden, der treue Freund, brachte den Knaben nach Rom
-und gedachte, ein Schiff für die Flucht zu gewinnen; aber ein Ring, den sie
-gaben, verriet die staufische Herkunft dem Frangipani, der die Flüchtlinge
-fing und seinen Fang Karl von Anjou kostbar verkaufte.</p>
-
-<p>Auf dem Markt von Neapel mußten die beiden den schimpflichen Henkertod
-leiden, da beugte der Knabe den Nacken, und das Volk kam zu weinen,
-da floß das Blut leer, das der staufischen Träume noch einmal voll war.</p>
-
-<p>So ging das Irrlicht von Schwaben aus im normännischen Land, wo
-die Fackel längst schon erlosch: das Abenteuer der staufischen Weltherrenträume
-fand in der flackernden Fahrt des Knaben sein klägliches Sinnbild.</p>
-
-<h3 id="sec4_30">Der Kyffhäuser</h3>
-
-<p>Als Konradin seine Knabenfahrt machte, stand im Reich das Unkraut
-der staufischen Saat in der Blüte: ein Fremder war König geworden, Richard
-der Reiche von England hatte die Krone der Deutschen gekauft.</p>
-
-<p>Die sich des Reiches Kurfürsten nannten, nahmen das englische Geld
-und riefen dem Reich einen König aus, der über dem Wasser wohnte und
-viermal in fünfzehn Jahren mit einem Schiff kam, nach seiner Herrschaft
-zu schauen.</p>
-
-<p>Sie ließen ihn krönen zu Aachen und fühlten nicht ihre Schande, daß
-sie im alten Kaisersaal saßen und unten schlief Karl, der seinen Großen
-und Grafen ein anderer König und Kaiser der Christenheit war.</p>
-
-<p>Aber sie hatten den Herrn, der ihrem Eigennutz paßte, sie waren die
-Meute und wollten nicht länger dem Pfiff und der Peitsche gehorchen; wo<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-ein Wild war, fielen sie ein und waren in Wald und Weide frei von der
-Koppel.</p>
-
-<p>Wald und Weide im deutschen Land, Weinberge und Felder gehörten
-der Faustmacht des Tages; und was auf den Wegen und Wässern zur
-Stadt fuhr, galt vogelfrei dem, der es raffte: der König war weit und die
-Burg war nah, dahin sie den Raub brachten.</p>
-
-<p>Da wurde dem Mann der freien Gemeinde sein letztes Recht und die
-letzte Hufe genommen, da wurde der Bürger der Pfeffersack für den Ritter,
-da riß die lahme Gewalt die Ohnmacht des Reiches in Stücke.</p>
-
-<p>Als Richard der Reiche von England dem Reichsschatz zu Aachen die
-neuen Kleinodien schenkte, waren Mantel und Krone, Reichsschwert und
-Zepter prunkvoll verziert, aber kein Kaiser war da, sie zu tragen.</p>
-
-<p>Sehnsüchtig sahen die Augen des Volkes nach Süden, ob nicht der Sizilianer
-zum andernmal käme, wie er vorzeiten kam, über die lahme Gewalt
-der Großen und Grafen die Stärke und über das Unrecht der Tage das
-Recht der Herkunft zu bringen.</p>
-
-<p>Noch stand die Kyffhäuser Pfalz, wo er zum letztenmal Hof hielt; er
-war nicht wiedergekommen und es hieß, er sei tot: aber &ndash; drum krächzten
-die Raben, die um den Turm seiner Kaisermacht flogen &ndash; verborgen im untersten
-Saal saß er und schlief, das Schwert breit auf den Knien.</p>
-
-<p>Denn um sein Dasein war immer die Sage gewesen: als Ketzer verflucht
-von der Kirche, samt seinem untreuen Sohn von den Großen verraten,
-kam er wieder aus Süden und war ein Fürst der Stärke wie keiner.</p>
-
-<p>Das Glück und der Reichtum hingen an ihm, und wenn er den Reichstag
-abhielt, wuchs über Nacht die alte Herrlichkeit wieder.</p>
-
-<p>Der Kaiser blieb aus, aber das Wunder sank in die Hoffnung: verborgen
-im Kyffhäuser saß er und schlief, indessen die Raben von Rom den
-Turm seiner Pfalz in ewiger Sorge umflogen, daß seine Stunde zum andernmal
-käme, daß wieder ein Schwert die Zwietracht zerschlüge, daß wieder
-ein Kaiser der Kirche den Schirmherrn erwiese.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Buch_der_Buerger">Das Buch der Bürger</h2>
-
-<h3 id="sec5_1">Der Sachsenspiegel</h3>
-</div>
-
-<p>Der Bogen des Kaisers war über Länder und Zeiten gespannt, aber das
-Volk stak im Tagwerk; der Morgen stieg und der Abend sank, das Frühjahr
-schwoll an und der Herbst losch hin; der Mond lief sich voll und leer in der
-Sternenbahn, dem Dasein der Menschen die ewige Gleichung zu halten.</p>
-
-<p>Ruhm brachten die Reisigen heim und die Kaufleute köstliche Waren;
-aber sie alle zu nähren, stand die Saat zur Ernte: von der kalten Meerküste
-bis an den Schneekranz der Berge hielt der Bauer die Scholle lebendig,
-darüber der Bogen des Kaisers im Himmelslicht glänzte.</p>
-
-<p>Der in den einsamen Höfen nach Urvätersitte dem Gesinde vorstand,
-war der Freie der alten Gemeinde, ihm galten die Weistümer noch aus der
-heiligen Herkunft.</p>
-
-<p>Im Namen des Schwertes war die Herrschaft des Kaisers geworden
-und im Zeichen des Kreuzes die Kirche; aber Kaiser und Papst konnten das
-Recht nicht beugen, das im Herkommen stand.</p>
-
-<p>Als Friedrich der Kaiser fern war in Palermo, als Dienstmannenübermut
-und städtischer Trotz die Gewalt der Großen und Grafen bedrängten,
-als Willkür am Werk war, den Rechtsgrund im Reich zu zerreißen, wurde
-im sächsischen Land die Herkunft lebendig.</p>
-
-<p>Eike von Repgow, ein Schöffe in Anhalt, hob den Stuhl des Gerichts
-an den Tag: er schrieb dem sächsischen Mann in der Sprache der Väter sein
-Recht aus der freien Gemeinde gegen den Zwang der unrechten Gewohnheit.</p>
-
-<p>Da man zuerst Recht setzte &ndash; schrieb Eike von Repgow &ndash; war noch kein
-Dienstmann, und Jeder war frei, als unsere Vorderen her zuland kamen;
-denn die Unfreiheit geht wider Gott, ihm ist der Arme so nah wie der Reiche.</p>
-
-<p>Kaiser und Papst halten die höchste Macht, sie können Gewalt mit Gewalt
-überziehen; aber das Recht steht über dem Königsschwert und über
-dem Krummstab, und die Gewohnheit des Unrechts kann die heilige Herkunft
-nicht beugen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span></p>
-
-<p>Den Sachsenspiegel hießen sie Eike von Repgows wehrhaftes Weistum;
-aber die Freien kamen vom Rhein und aus Schwaben, aus Bayern
-und Franken, in seinen Spiegel zu schauen: so wurde im Reich das Recht,
-so wurde im Richter der freie Mann wieder lebendig.</p>
-
-<h3 id="sec5_2">Huld und Treue</h3>
-
-<p>Einmal war Jedermann Bauer und Krieger gewesen, Herr seiner Hufe
-und Knecht seines Schwertes, wenn ihn die Hundertschaft rief.</p>
-
-<p>Aber der fränkische Königsdienst lag lästig und hart auf den Hufen, so
-nahm der Bauer sein Eigen als Lehen von Einem, der ihm die Heerpflicht
-ablöste.</p>
-
-<p>Der ihm sein Eigen als Lehnsherr ablöste, mußte für jede Hufe den
-Königsdienst leisten, drum nahm er Reiter in Pflicht, denen das Schwert
-besser zur Hand war.</p>
-
-<p>So wuchs auf Freienmannsland der Lehnsbaum breit in die Äste: der
-Lehnsherrenast trug in der Mitte die Krone, der Ritterast hielt ihm zur
-Rechten den Wettersturm ab, der Bauernast aber zur Linken trug ihm die
-Früchte.</p>
-
-<p>Vasallen wurden genannt, die gegen Zins- oder Schwertpflicht ein
-Lehen annahmen; aber das Schwert hielt frei, und der Zins machte hörig:
-der Reiter zur Rechten wurde ein Ritter, der Bauer zur Linken sank in die
-Fron.</p>
-
-<p>Der König war oberster Lehnsherr, wer Reichslehen hatte, hieß sein
-Vasall; die Großen und Grafen gaben zu Lehen, sie waren Vasallen und
-Lehnsherren zugleich bis zu den Rittern hinunter: so war das Reich ein gewaltiger
-Turm der Lehnsherrenschaft, gebaut auf dem Wohlstand der
-Scholle, gekrönt mit dem goldenen Zepter.</p>
-
-<p>Aber der Turm war kein Lohnbau; nicht die Bezahlung hielt seine Quadern
-mit kupfernen Klammern gefügt, Stein stand bei Stein in der Pflicht,
-vom Bauern hinauf bis zum König.</p>
-
-<p>Huld und Treue waren die Klammern, Huld und Treue der alten Gefolgschaft;
-Treue dem Lehnsherrn, Huld dem Vasallen: wie sich die Jünglinge
-einst die Blutspur beschworen, so nahmen die Lehnsleute einander in
-heilige Pflicht.</p>
-
-<p>Die Kirche lockte mit seliger Hoffnung und drohte mit ewigen Strafen;
-Huld und Treue stellten das irdische Dasein auf eigene Geltung; der
-Mann gab das Wort, und das Wort hielt den Mann; Himmel und Hölle
-konnten ihm nicht den Schwertriemen lösen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec5_3">Der Ritter</h3>
-
-<p>Der als Reiter zum Königsdienst ritt, den nannten sie bald einen Ritter,
-und einen Knappen den Knecht, der ihm die Waffen darreichte.</p>
-
-<p>Aber der Ritterdienst hob seinen Stand über den Freien, kein Knecht
-durfte ihm danach Knappendienst tun.</p>
-
-<p>Er wohnte nicht mehr im schlichten Gehäus der Gemeinde; er baute
-den einsamen Horst seiner Burg mit Mauer, Tor und Turm; er ritt auf
-den Straßen in eiserner Wehr, Helmzier und Schildzeichen hieß er sein
-Wappen.</p>
-
-<p>Nur wer rittergebürtig war, durfte noch Ritter werden; sieben Jahre
-lang hieß er das Jungherrlein, sieben Jahre lang ging er als Page, sieben
-Jahre lang trug er dem Herrn als Knappe die Waffen: dann hob ihn die
-Schwertleite auf in den Ritterstand.</p>
-
-<p>Den Ritterschlag nahm er zum Zeichen, daß seine Ehre nun keinen
-Schlag mehr erdulde; denn Ritter sein hieß nicht mehr, um Lehen Königsdienst
-tun: Ritter sein hieß der Christenheit selber den Waffengang reiten,
-und wie der Kaiser ihr Schirmherr war, so war der Ritter ihr Streiter.</p>
-
-<p>Er ritt auf den Wegen des Abendlands und kam aus dem Morgenland
-wieder, von Schlachtfeld zu Schlachtfeld trug er die Lanze: siegen gab fröhliche
-Tage; aber verlieren gab keine Schande, wenn der Schild rein blieb.</p>
-
-<p>Denn reiten und stechen war seine redliche Kunst; wie ihn sein Lehnsherr
-rief, so tat er die Fahrt und gab sein Leben darein; die Treue allein war
-sein Teil an dem Handel und daß er untadelhaft standhielt.</p>
-
-<p>Reiten und stechen war seine Kunst, sie redlich zu meistern sein Ruhm,
-sie treu und tapfer zu üben die Ehre: die Ehre stand über dem Helm als sein
-Stern; aber ein Kranz sank aus den Sternen, wenn er zum fröhlichen Stechen
-einritt in die Schranken.</p>
-
-<p>Der Herold rief und das Volk staunte sehr, den rühmlichen Helden zu
-sehen; wie ihn die Wahl rief, wagte er fröhlich das Spiel und gab sein Leben
-darein, der stärkste und kühnste im Zweikampf zu sein und den Kranz
-einzuholen.</p>
-
-<p>Denn die dem Sieger den Kranz auf das bloße Haupt gab, war die
-holdselige Frau; reiten und stechen war seine Kunst, sie redlich zu meistern
-sein Ruhm, sie treu und tapfer zu üben die Ehre: aber der Herrin unwandelbar
-zu gedenken, das gab der Kunst und dem Ruhm und der Ehre die
-blaue Blume zur Hand.</p>
-
-<p>Tod und Teufel zum Trutz als Streiter der Christenheit reitend, war er
-der Himmelskönigin treuer Vasall: sie neigte in seliger Huld seinen Taten<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-das Angesicht zu; sie gab ihm den Kranz, wie sie ihm einmal auf blutigem
-Feld den Balsam der Ewigkeit brachte.</p>
-
-<p>Walhal war leer; Walküren kamen nicht mehr, auf Wodans Roß den
-Helden zu holen; Jesus war blutend und blaß in den Himmel gefahren,
-wartend des Tages, da seine Posaune das Weltgericht rief: die Himmelskönigin
-saß auf dem Thron, im süßen Wunder der Liebe den Ritter nicht
-zu vergessen.</p>
-
-<h3 id="sec5_4">Minnegesang</h3>
-
-<p>Der Ruhm des Ritters hing seinen Prunkmantel um, daß er den
-Frauen der Höfe gefalle; der Prunkmantel war mit den Säumen künstlicher
-Lieder bestickt und gewirkt auf dem Goldgrund der Minne.</p>
-
-<p>Der Sänger hob wieder die Harfe, von Helden zu sagen; aber nun
-hallte es nicht mehr im Stabreim uralter Gesänge, auch saßen die Männer
-nicht mehr beim Mahl, den Sänger zu hören: höfische Sitte hatte den
-künstlich verschlungenen Reim in die Worte und in den Saal die tolosanischen
-Gebräuche der edlen Frauen gebracht.</p>
-
-<p>Die gestern noch ritten und stachen, standen nun selber in reichen Gewändern
-und sangen den Frauen die Minne: zierliche Sprüche, die nach
-der Frauengunst zielten, gemessene Reime, die um den Beifall der Tönemeister
-rangen.</p>
-
-<p>Der Minnegesang war das Schildzeichen höfischer Zucht und das Siegel
-des Ruhmes geworden; die Könige selber durften die Kunst nicht verschmähen.</p>
-
-<p>Aber die Frauengunst wollte nicht immer den eigenen Preisgesang hören;
-der ihr den Spruch sagte, sollte der Held sein oder von Taten der Helden
-berichten: hinter der maßlichen Kunst stand die Brandung des Lebens
-und wollte die schäumende Lust der Schicksalsgewalt spüren.</p>
-
-<p>Da wurde im Minnegesang wach, was unter der gläsernen Decke mönchischer
-Bildung den langen Winterschlaf hielt: Siegfried und Dietrich von
-Bern, Brunhilde, die unholde Frau, und Etzel, König der Hunnen, der die
-blonde Hildico freite, Randwer der feine, die blasse Ingunthis und Gundikars
-todwunde Mannen.</p>
-
-<p>Aufstanden die Helden der Vorzeit im Gedächtnis der Sage, die riesigen
-Leiber zogen das Rittergewand an, Kreuzfahrer mischten die tollkühne
-Fahrt in das Königsgefolge, Huld und Treue standen als ewige Sterne.</p>
-
-<p>Huld und Treue fand Heinrich der arme Ritter, als ihm die Magd
-herzinnig ihr Leben hingeben wollte, mit ihrem Blut das seine zu heilen,
-das an der Miselsucht krank war; reiner Wille vermochte das Wunder der
-Gnade zu zwingen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p>
-
-<p>Huld und Treue hielten der glückreichen Gralsburg die Tore behütet,
-und Parzival kam aus dem Wald, das Glück der Erwählung zu finden;
-aber der Knabe versäumte das Zeichen und mußte durch Zweifel und Schuld
-den weiten Weg reiten, bevor er die Tore zum andernmal fand.</p>
-
-<p>Huld und Treue wurden von Tristan verraten, als ihm Isolde den Liebestrank
-reichte &ndash; Randwer der feine hob seine Augen zur schönen Schwanhild,
-die er dem König zu freien gesandt war &ndash; der König war greis, und
-Tristan war jung; er trank sein Schicksal sehenden Auges und büßte in
-schmerzlicher Süße die Schuld.</p>
-
-<p>Huld und Treue streuten Gudrun, dem Königskind, Gold auf den
-Weg, da sie in langer Gefangenschaft Magddienste tat; an der kalten
-Meerküste stand sie, die Wäsche zu waschen, als endlich die Schiffe der Heimat
-die schmerzliche Wartezeit krönten.</p>
-
-<p>Huld und Treue senkten die Wurzeln hinein in die dunkelsten Gründe,
-als Hagen, der treue, Siegfried, den treulosen traf; denn Siegfried der
-helle war hürnernen Leibes und in den Trug der albischen Mächte verstrickt;
-Hagen der finstere fand den Haß in der Huld und den Verrat in der Treue.</p>
-
-<p>Huld und Treue brannten im Blutrausch der Rache, als die Burgunder
-ins Hunnenland ritten; Erzbildern gleich saßen die treuen Vasallen,
-Hagen und Volker, am Tor der Vernichtung und hielten Gunther dem
-König die letzte Wacht.</p>
-
-<p>Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und Wolfram von
-Eschenbach hießen die Meister im Minnegesang; ihr Ruhm hing hoch an
-den Höfen, und fleißige Hände schrieben die Handschrift der rühmlichen
-Mären auf vielerlei Blätter mit ihren gepriesenen Namen.</p>
-
-<p>Der aber Brunhild, Kriemhild und Gudrun das höfische Prunkgewand
-gab, der die Urwelt germanischer Sage aus der Vergessenheit löste, blieb im
-Dunkel der Tage.</p>
-
-<p>Übergroß wuchs seinen zierlichen Worten die uralte Schattenwelt zu;
-er nahm und gab dem Schuldbuch der Götter Gedächtnis im Schicksal
-der Menschen und sank in Vergessenheit, indessen sein Lied die Flügel gewaltig
-aufhob, daß aller Minnegesang tief unter ihm blieb.</p>
-
-<h3 id="sec5_5">Walter von der Vogelweide</h3>
-
-<p>Zierliche Reime hielten zärtliche Worte umrankt und waren im Goldgrund
-der Minne züchtig gemalt mit höfischen Farben, als Reimar, der
-alte, Walter, dem Jüngling, den Minnegesang lehrte.</p>
-
-<p>Aber der Jüngling aus armem Rittergeschlecht lernte anders zu singen<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span>
-und sagen als sonst ein höfischer Junker; von der Vogelweide war er genannt
-und bessere Weide als Brosamen fand er sein Leben lang nicht.</p>
-
-<p>Früh war die Straße sein Saal und der Wald seine Kammer, auf
-allen Wegen des Abendlands sah er das fahrende Volk; da hörte er harschere
-Töne als die der höfischen Sitte.</p>
-
-<p>Die Vögel sangen ihm Lieder, die Bäche pochten den munteren Takt,
-und der Wind in den Bäumen rauschte den Harfenton: eine braune Dirne
-im Arm, das war eine hellere Minne, als nach der Herrin zu schmachten.</p>
-
-<p>Und Walter wußte der helleren Minne die Lieder zu singen wie keiner;
-Wald und Wiese wurden lebendig, wo ihm das Wort aus dem Mund
-sprang, und die Liebe fing an zu lachen, wo sein Lockruf ertönte.</p>
-
-<p>Als Otto den Welfen der Bann traf &ndash; dem der Papst selber zur Macht
-verhalf, da er ihn brauchte, und den er verfluchte, da er ihm leid war &ndash; vergaß
-Herr Walter die Maße der höfischen Zucht; da sprang ihm der Zorn in
-die Kehle, und Rom hatte nicht solche Sprüche gehört, wie die von der Vogelweide.</p>
-
-<p>Denn mehr als ein christlicher Ritter war Walter ein Mann von deutschem
-Geblüt; jach war sein Zorn, und sein Wort zückte schärfer als manchermanns
-Schwert.</p>
-
-<p>Als seine Sprüche dem treulosen Rom um die Ohren sprangen, von
-fahrenden Schülern und frechen Rittern gesungen, da schlug die Stunde
-schrill in den Morgen, da trat in den Kampf der Schwerter und Listen die
-neue Gewalt, da wurde in Ehren und Zorn der deutsche Geist wach.</p>
-
-<p>Da wurde Herr Walter, der Mann ohne Burg und Land, eine Stärke,
-der die Fürsten und Herren im deutschen Land zag oder zornig den Gruß
-gaben.</p>
-
-<p>Und als er grau war, gab ihm der Staufer Friedrich der Zweite, der
-Todfeind der Kirche, in Würzburg ein Lehen; da saß die singende Seele der
-Deutschen im Alter und sagte der Zeit ihre Klage.</p>
-
-<p>Das Feld war umbrochen, der Wald war verhauen, Weisheit, Alter
-und Adel hatten den Sitz an die Torheit verloren, das Recht hinkte sehr, die
-Scham war in Trauer, im Siechtum die Zucht, als Walter, der Weiser
-und Sänger der Deutschen, den Tod nahen fühlte.</p>
-
-<p>In seinen Leichenstein waren vier Löcher gehauen, Brosamen den Vögeln
-zu streuen, daß sie kämen zur täglichen Weide und daß ihr Gesang dem
-Grab die Fröhlichkeit gäbe, die Walter im seßhaften Alter wehmütig
-suchte, weil seine fahrende Jugend so übervoll davon war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec5_6">Die Bürgerschaft</h3>
-
-<p>Der Turmbau der Lehnsherrlichkeit war auf den Wohlstand der Scholle
-gegründet; keine Burg stand anders im Land, als daß ein Ritter den Überfluß
-dessen verzehrte, was der Bauer dem Boden abrang.</p>
-
-<p>Aber das Reich war noch immer das Land der neblichten Wälder: mühsam
-und zäh ging der Pflug in der Rodung, indessen die Fähnlein der
-Reichsritterschaft beutegerecht durchs Abend- und Morgenland zogen.</p>
-
-<p>Das Reich war arm und ein Bauernland, karg und voll Krieger, bis
-ihm der Kaufmann die Arme freimachte, bis in den Städten der Handel
-den Reichtum, der Reichtum aber das stolze Gewerk der Bürgerschaft
-brachte.</p>
-
-<p>Die Bürgerschaft wuchs an dem Lehnsherrenbaum, wie der Efeu am
-Eichenstamm wächst, und stand noch im üppigen Grün, als der Stamm
-ausgehöhlt und der rechte Ast schon verdorrt war.</p>
-
-<p>Fremd und fein im Bereich der Bauern und Ritter schien ihr ummauertes
-Dasein dem Freienmann; aber die Mauern hielten der kommenden
-Freiheit die Tore gerüstet.</p>
-
-<p>Der Bauer sank in die Fron, und der Ritter wurde sein Herr; der hörige
-Mann in der Stadt hob seinen Stand in den Stolz einer neuen Bedeutung:
-Stadtluft macht frei! stand über dem Tor, aber der Bürger
-machte sich selber die Luft.</p>
-
-<p>Und als er frei war, nahm er die schönen Dinge der Freiheit anders zu
-Hand als der Ritter; der Ritter war Einer im Kreis seiner Burg, er aber
-war in den Mauern der Stadt die Gemeinschaft.</p>
-
-<p>Er konnte mit hundert Händen das Seinige halten, mit hundert Augen
-und Ohren das Dasein bewachen; er konnte verhundertfacht fühlen und
-wollen und über die einzelne Tat das Richtmaß gemeinsamer Täglichkeit
-stellen.</p>
-
-<p>So wuchsen Gassen mit Giebeln und Brunnen, so wuchsen Rathäuser
-steinern und stolz, so wuchsen Kaufhallen mit zierlichen Lauben, so wuchsen
-die bunten Stuben der Zünfte und der prunkende Saal der Geschlechter.</p>
-
-<p>So wurden Schulen, die Kinder zu lehren, und Krippen der Wissenschaft,
-so wurden Bauhütten mit Zirkel und Richtscheit, so wurden Werkstätten,
-die schönen Gewerke und hohen Künste zu üben.</p>
-
-<p>So wurden die Städte Lebensgewalten, so kam die Bildung der Bürgerschaft
-zu, so wurde der deutschen Seele neue Wohnung bereitet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec5_7">Die Zunft</h3>
-
-<p>Im Anfang hieß Bürger Insasse einer Burg sein; Hörige hatten im
-Dienst eines Großen ihr Handwerk zu üben und durften im Schutz seiner
-Torwächter wohnen.</p>
-
-<p>Als danach die Burg eine Stadt hieß, weil aus dem Troß der Großen
-ein Hof und aus den Insassen eine Bürgerschaft wurde, hielten die Handwerker
-treulich die Schranken der Herkunft in Ordnung.</p>
-
-<p>Eine Zunft hießen sie da den Kreis jeglichen Handwerks und schlugen
-den Zirkel um seine Gebräuche: die freie Gemeinde der Herkunft war die
-Gemeinschaft des Standes geworden, die alte Zucht hatte ein Alltagskleid
-angezogen, die Tapferkeit war in die Werkstatt gegangen.</p>
-
-<p>Der Dachdecker hob seinen Spitzhammer, der Schmied seine Zange, der
-Zimmermann seine Stoßaxt im zünftigen Stolz; denn Dachdecker, Schmied
-oder Zimmermann sein, hieß in der Zunftehrbarkeit stehen.</p>
-
-<p>Die Zunftehrbarkeit hielt Werkzeug und Arbeitsgebrauch heilig; wie
-die Schwertleite den Ritter, so machte der Zunftbrief den Meister; Geselle
-und Lehrling waren ihm Knappe und Page, und die Zunftstube war
-der Saal seiner Ehre.</p>
-
-<p>Da stand die Zunftlade mit dem Zunftrollenpergament &ndash; die Bundeslade
-im Tempel der Juden stand so geehrt &ndash; da wurde die Zunft beschworen
-und der Zucht das Gericht gehalten, da war die Ehrbarkeit selbstgenügsam
-zu Haus.</p>
-
-<p>Da wurde das Werk der fleißigen Hände geehrt, da wurden der Stolz
-und die Freude der ehrlichen Arbeit behütet, da stand die Kunst, etwas zu
-können, so hoch in der Gunst wie die Redlichkeit selber.</p>
-
-<p>Denn nur auf ehrliche Arbeit durfte der Meister den Wohlstand gründen;
-Todsünde war Gewinn aus Handel und Zins, tauschen und täuschen
-galt gleich vor der Zunft.</p>
-
-<p>Stuben der Selbstgenügsamkeit standen im Schatten der höfischen
-Hallen, bescheidene Hände hielten dem Ritter den Steigbügel hin: aber
-die Zucht gab der Sitte die Tür, hier wie dort war der Mann noch ein
-Wort, die Ehrbarkeit war die redliche Magd der Ehre.</p>
-
-<h3 id="sec5_8">Die Gilde</h3>
-
-<p>Tauschen und täuschen galt gleich vor der Zunft; aber im Rathaus
-stand die Waage, den Pfennig zu wiegen, in den Gewölben boten die Händler
-römische Seide und englisches Tuch feil: wo es der Zunft wohlging,
-hatte der Kaufmann den Wohlstand bereitet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span></p>
-
-<p>Denn die Stadt hielt den Markt für die Landschaft; Bauern und Ritter
-kamen zu kaufen, was Acker und Weide nicht gaben.</p>
-
-<p>Schiffe brachten den Wein und Wagen das Tuch zu Gewändern,
-Saumtiere trugen Gewürz und feine Gewebe, auch köstliche Steine und
-Silber: die Gaben des Wohlstandes gingen dem Händler mit reichem Gewinn
-durch die Hände.</p>
-
-<p>Für die Marktsicherheit sorgte der Stadtherr, aber draußen im Land
-war das Gut der Schiffe und Wagen gefährdet: unrechte Zölle, diebische
-Herbergen, gewalttätige Räuber lagen ihm auf, und schlechte Marktknechte
-brachten den Händler um seinen Gewinn.</p>
-
-<p>So mußte der Stand dem Einzelnen helfen: den Zünften der Handwerker
-gleich hatten die Händler den uralten Geschlechterverband lebendig
-gemacht in den Gilden; die hielten der Waage daheim das Recht und den
-Nutzen und reichten mit silbernen Händen hinein in die Fremde.</p>
-
-<p>In Wisby auf Gotland, in Nowgorod weit in der östlichen Kälte, in
-Venedig und London standen die stolzen Häuser der Gilde, und über das
-Reich war das Netz ihrer Geltung gebreitet.</p>
-
-<p>Den Kaufmann des Kaisers hießen sie draußen den Gildegenossen; und
-wie der Ritterstand Ehre und Ruhm eintrug, so war der Kaufmann des
-Kaisers im Abendland ehrlich geachtet.</p>
-
-<p>Der Ritter trug Lanze und Leben im Dienst der Lehensgewalt: sein
-Stand war mächtig, weil ihm der Einzelne Ehre und Tapferkeit zutrug;
-der Kaufmann saß in der Gilde geborgen, wo er auch war: der Einzelne galt
-in der Welt, weil ihm der Stand Schutz und Geltung verschaffte.</p>
-
-<p>Der Ritter diente der Ehre, der Kaufmann dem Nutzen; aber die Gilde
-war auch ein Reis der freien Gemeinde: Huld und Treue zwangen den
-Pfennig, dem Taler der Gilde redlich das seine zu halten; und das Wort
-war ein Mann, auch im Nutzen.</p>
-
-<h3 id="sec5_9">Walpod</h3>
-
-<p>Walpod, ein wohlhabender Bürger in Mainz, sah mit Zorn, wie die
-Großen und Grafen das Reich in Unfrieden hielten, und wie die Hände
-der Ritter zum Raub lose waren; denn der staufische Traum war geträumt,
-und keine Kaisermacht hielt das Unrecht in Schranken.</p>
-
-<p>Er rief die Bürgerschaft auf, selber ihr Recht in die Macht zu stellen;
-so schwuren sich Mainz und Worms den Bund, dem Oppenheim beitrat,
-Raub und unrechten Zöllen zu wehren.</p>
-
-<p>Als der von Bolanden den Städten hohnlachte, sandten sie einen
-Hauptmann nach Ingelheim, den Räuber in seiner Burg zu fangen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span></p>
-
-<p>Die Grafen ritten zuhauf, ihm zu helfen; aber der Bischof von Mainz
-trat der Bürgerschaft bei: wie starkes Gewölk kamen die Heerhaufen der
-Städte von Norden und Süden über den blinkenden Hochmut der Grafen
-gezogen.</p>
-
-<p>Von Basel bis Köln stand die rheinische Bürgerschaft auf, den siebenten
-Heerschild zu stärken: da mußte der Hochmut der Herren und Ritter
-den Bürgern in Mainz den Landfrieden schwören.</p>
-
-<p>So stark wurde die Hand der Städte, daß sie die Fürsten und Bischöfe
-zwangen von Basel bis Köln, dem rheinischen Bund beizutreten: sein Banner
-und Schild stand auf den Straßen des Stromes hinauf und hinunter,
-Raub und unrechten Zöllen die Schärfe des Schwertes zu zeigen.</p>
-
-<p>So stellten die rheinischen Städte Gewalt gegen Gewalt; so gab der
-Bürger Walpod von Mainz den Zünften und Gilden das Faustrecht, dem
-Faustrecht der Ritter und Grafen zu wehren.</p>
-
-<p>So war dem siebenten Heerschild der Schatten geschwollen; er fiel in
-den fröhlichen Raub und die Händel der Ritter, als ob die Bürgerschaft
-selber die Kaisermacht wäre.</p>
-
-<h3 id="sec5_10">Die Hansa</h3>
-
-<p>Seit Heinrich dem Löwen war Lübeck die Fürstin der nordischen Länder;
-durch Friedrich den Sizilianer zur freien Reichsstadt erhoben, ließ sie
-den zweiköpfigen Adler über der kalten Meerküste flattern.</p>
-
-<p>Lübisches Recht galt in den Städten der Ostsee, lübische Gilden hatten
-bis Bergen hinauf die stolzen Kaufhallen gebaut.</p>
-
-<p>Lübeck, Wisby und Riga schlossen zuerst den Bund des gemeinen Kaufmanns
-gegen den dänischen König und wußten ihr Recht mit dem Schwert
-trotz Kaiser und Fürsten zu wahren.</p>
-
-<p>Hansa, das ist Schar, hießen sie ihre Gemeinschaft, und so glückte dem
-lübischen Rat die Geltung der Schar, daß die Gesandten der Könige kamen,
-mit ihm zu verhandeln.</p>
-
-<p>Aber danach war Waldemar König der Dänen, den sie Atterdag nannten;
-er trat dem hansischen Hochmut die Haustür ein: Wisby auf Gotland
-ging der Hansa verloren, die hansische Flotte wurde bei Helsingborg
-bitter zur Demut genötigt.</p>
-
-<p>Fünf Jahre lang lag der hansische Hochmut darnieder, bis Winrich von
-Kniprode ihn wieder weckte: mit kluger Verhandlung und zündender Rede
-brachte der starke Deutschordensmeister die Städte der Ostsee noch einmal
-zusammen, das preußische Schwert an die Geltung der Hansa zu wagen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span></p>
-
-<p>So kam über Nacht die hansische Tagfahrt in Köln zustande: siebenundsiebzig
-Städte beschworen der Hansa den Bund; so übergroß wuchs
-die Macht der Kontore, daß Waldemar den Kampf nicht mehr wagte.</p>
-
-<p>Im Frieden zu Stralsund wurde den Dänen die hansische Rechnung
-gemacht; die Kaufleute zwangen den König, mit gutem Silber zu zahlen,
-und waren hochmütig genug, nicht handeln zu lassen.</p>
-
-<p>Seit dem Tag von Stralsund wehte die hansische Flagge über den nordischen
-Meeren; sie kam herein in den Hafen, wie der Fürst ins Gefolge,
-wie der Mond in den Sternenplan steigt.</p>
-
-<p>Die hansischen Herren ließen dem Kaiser das Reich und den Fürsten
-die Ritter: sie blähten die Segel im Wind und hingen die Wimpel der
-Schiffahrt aus an den stolzen Rathäusern.</p>
-
-<p>Die Welt war weit und der Reichtum stand in hundert Höfen gestapelt:
-die Hansa brachte ihn ein von den kältesten Küsten; Wikingerlust
-im Bürgerkleid saß in den reichen Kontoren, die Sagen tollkühner Fahrten
-standen vergüldet im hansischen Glück.</p>
-
-<p>Dem Abenteuer der Staufer verbrannten im Süden die Flügel, das
-Abenteuer der Hansa trug Schnabel und Krallen des Reichsadlers noch
-manches Jahrhundert.</p>
-
-<h3 id="sec5_11">Rudolf von Habsburg</h3>
-
-<p>Als Richard der Reiche gestorben war, suchten die Kurfürsten lange,
-einen König der Deutschen zu finden; und als sie ausgesucht hatten unter
-den Fürsten und keinen fanden, wählten sie einen Grafen, Rudolf von
-Habsburg geheißen.</p>
-
-<p>Er hatte dem Sizilianer klug und beständig gedient und war mit vielerlei
-Fahrten nützlich ins Alter gekommen, als die Kurfürsten ihn auf den
-Königsthron setzten.</p>
-
-<p>Seine Macht war nicht groß, aber er hatte sein Gut beharrlich vermehrt
-und galt als Feldhauptmann viel; Friedrich von Zollern, der geschäftige
-Burggraf von Nürnberg, trug ihm die Gunst derer zu, die gleich ihm ein
-Königslehen besaßen.</p>
-
-<p>Als sie ihn krönten zu Aachen in altertümlicher Weise, ritten die Grafen
-und Ritter in fröhlichen Scharen zum Fest, im Kaisersaal prahlte das Glück
-ihrer Stunde.</p>
-
-<p>Sie dachten gegen die Fürsten ein neues Brett zu gewinnen, aber der
-Habsburger hatte gelernt, sich selber zu dienen; wie er als schwäbischer Graf
-mählich zu dem Seinen gekommen war, saß er als König im Sattel.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span></p>
-
-<p>Mancherlei Mächte hielten dem Reich das Streitroß geschirrt; er
-mußte mit kluger Beständigkeit warten und mit der Krone Feldhauptmann
-bleiben.</p>
-
-<p>Er mußte dem Papst in Demut geloben, dem staufischen Kaisertraum
-zu entsagen; er mußte den Städten den Landfrieden schwören und mußte
-den Fürsten das Schwert ihrer Händelsucht lassen.</p>
-
-<p>Als er dem trotzigen König von Böhmen sein deutsches Königsrecht
-wies, blieben die Großen und Grafen daheim, und wenig Ritter zogen mit
-ihm, die Schlacht auf dem Marchfeld zu schlagen.</p>
-
-<p>Der Habsburger aber gewann die Schlacht mit dem Zollern, und der
-stolze König von Böhmen lag tot auf dem Marchfeld: der Feldhauptmann
-war Herr in der Ostmark und säumte nicht, seine Söhne reich zu belehnen.</p>
-
-<p>So war er selber ein Großer an Hausmacht geworden; aber sie zu behalten,
-mußte der Habsburger Feldhauptmann bleiben: das Feldlager war
-seine Burg und der Krieg mit den Kleinen sein tägliches Handwerk.</p>
-
-<p>Um seine hagere Gestalt war kein Glanz, und die Krone saß schlecht auf
-dem Graukopf: die Kaiserpracht blieb mit den Staufern verschwunden,
-kein römisches Reich spannte fortan den Bogen der Macht über die
-Völker.</p>
-
-<p>Aber die Bürgerschaft hatte das Schwert ihrer Ordnung, und das Volk
-war dem Habsburger günstig gesinnt, der die Raubritter aufhing und in
-schnurrigen Späßen als derber Spaßvogel umging.</p>
-
-<h3 id="sec5_12">Die Eidgenossen</h3>
-
-<p>Als Rudolf von Habsburg noch schwäbischer Graf war, hielt er zu
-Altdorf Gericht im Namen des Kaisers; denn die Waldstätten hatten den
-Brief des Sizilianers, der ihnen die Reichsfreiheit beschwor.</p>
-
-<p>Rudolf von Habsburg war stark und gerecht, aber Albrecht, sein einäugiger
-Sohn ritt stolz in den Tag; er dämpfte den Hochmut der rheinischen
-Kurfürsten und lachte der trotzigen Bauern.</p>
-
-<p>Er setzte den Waldstätten Ritter als Vögte; der Landammann durfte
-der freien Gemeinde nicht mehr im Namen des Königs Recht sprechen.</p>
-
-<p>Aber die Waldstätten schwuren den Bund auf dem Rütli: Werner
-Stauffacher aus Steinen bei Schwyz, Walter Fürst aus Uri und Arnold
-von Melchtal in Unterwalden kamen zur Nacht auf die heimliche Wiese
-und schwuren im frühen Tag, keine Burg und keinen Vogt in ihrer Freiheit
-zu dulden.</p>
-
-<p>Am Neujahrstag brachen die Berge ins Tal; mit Streitaxt und Morgenstern<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-kamen die Bauern hinab in die Täler, die Burgen zu brechen: da
-wurden die Waldstätten frei von der habsburgischen Plage.</p>
-
-<p>Sie schwuren noch einmal den Bund und nannten sich Eidgenossen; sie
-priesen den tapferen Schützen, der dem bösen Landvogt zu Küßnacht den
-Pfeil in das Herz schoß, und die Gewässer rauschten die Sagen vom
-wackeren Tell.</p>
-
-<p>Aber zum Mai kam Albrecht der König geritten; das Gerücht seiner
-drohenden Rache ging in den Waldstätten um, als Johann von Schwaben,
-der Neffe, den harten Habsburger erschlug.</p>
-
-<p>Da blies das Hifthorn der Habsburg den blutigen Mai, aber die
-Waldstätten grüßten das Frühjahr mit Freuden, denn nun war Heinrich
-von Luxemburg König, den Habsburger Hochmut zu dämpfen.</p>
-
-<p>Sieben Jahre lang ging die Freiheit ins Land, bis Heinrich von Luxemburg
-starb, bis Leopold, der Herzog von Österreich, mit gepanzerten Rittern
-kam, die Eidgenossen in seine Hausmacht zu zwingen.</p>
-
-<p>Aber die Waldstätten hatten die Wachen sorglich gestellt; als die gepanzerten
-Ritter gen Morgarten kamen, über den Ägerisee ins Schwyzerland
-einzubrechen, hatten die Bauern dem Habsburger Wolf die Falle bereitet.</p>
-
-<p>Felsblöcke brachen ins Tal und schlugen blutige Quellen, der Morgarten
-wurde ein rauchender Anger, der See ein rauschendes Grab für den Hochmut
-der eisernen Ritter.</p>
-
-<p>Zehnmal sieben Jahre gingen der Freiheit ins Land, und Wenzel war
-König, als wieder ein Leopold kam, die Eidgenossen zu zwingen; aber nun
-war die Bauernschaft mächtig und die Städte standen ihr zu.</p>
-
-<p>Bei Sempach ritten die Österreicher an, Luzern zu berennen, und das
-Streitfeld war frei, die Hengste zu tummeln; das Fußvolk der Waldstätten
-hatte nach Urväterbrauch den Keil aufgestellt.</p>
-
-<p>Die Ritter stiegen vom Roß, der drohenden Spitze des Keils mit ihren
-Panzern zu wehren: eine Mauer von Eisen stand vor den Bauern, mit
-Speeren gespickt, da mußte die Spitze stumpf werden.</p>
-
-<p>Arnold von Winkelried aber machte sie scharf: gleich einer Garbe band
-er die Spieße in seinen sterbenden Leib und brach eine Gasse, darin sich der
-Keil gewaltig einbohrte.</p>
-
-<p>Da hatten die Streitäxte Arbeit, die eisernen Bäume zu fällen; der
-Tag war heiß, und von den Streichen der Bauern getroffen, erstickten die
-Ritter in ihren Eisengehäusen.</p>
-
-<p>Leopold selber, der Herzog, sank in den Haufen, die fliehenden Lanzenknechte
-mähte der Morgenstern hin: so mußte der Wolf dem Stier den
-Weidgang lassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec5_13">Die deutschen Ordensritter</h3>
-
-<p>In Zank und Schimpf ging das Grab und das Heilige Land den Ordensrittern
-verloren; aber der Hochmeister Hermann von Salza brachte ihr
-Schwert über die heidnischen Preußen, da mähten die Ritter dem schwarzen
-Kreuz ihrer Weißmäntel eine fröhliche Ernte.</p>
-
-<p>Indessen die Kurfürsten in Aachen Rudolf von Habsburg die Krone
-aufsetzten, bauten sie schon ihre feste Burg an der Nogat; als König Albrecht,
-sein Sohn, durch Mörderhand fiel, war ihre Zwingherrschaft so
-sicher gegründet, daß der Hochmeister selber ins preußische Land kam, in
-der Burg an der Nogat zu wohnen.</p>
-
-<p>So wurde die Burg ein gewaltiges Schloß, Marien zu Ehren genannt,
-die Gralsburg der schwarzweißen Ritter.</p>
-
-<p>Denn nun war der Hochmeister Reichsfürst geworden wie keiner: nicht
-Bischofs- noch Bürgergewalt galten im Preußenland, die Weißmäntel
-ritten den Zügel der Zucht, und wie sie Gehorsam gelobten, verlangten
-sie ihn.</p>
-
-<p>Sie waren die eiserne Hand, der Hansa im Osten die Waage zu halten;
-Kurland, Livland und Estland, die reiche Küste der Ostsee, zwangen
-sie ein in den Ring ihrer Herrschaft und hielten den Ring in hartnäckigen
-Kriegen.</p>
-
-<p>Denn herrschen und kämpfen war ihre Lust, weil es ihr Dienst und das
-Gelübde der Ordenspflicht war, über die Heiden das Kreuz und das
-Schwert zu bringen.</p>
-
-<p>Als Winrich von Kniprode Hochmeister war, der gewalttätige listige
-Mann, stand ihre Schwertbrüderschaft höher in Geltung als sonst im Reich
-eine Macht; als er der Hansa den Frieden von Stralsund erzwang gegen
-den Atterdag, wehte die schwarzweiße Fahne stolz auf der Burg an der
-Nogat.</p>
-
-<p>Da wurden die Säle der festen Marienburg weit, da hielten die Säulen
-dem Remter der schwarzweißen Ritter die Decke kunstreich gespannt, da
-waren die Höfe und Hallen geschmückt mit dem Reichtum des preußischen
-Landes wie das maurische Königsschloß der Alhambra.</p>
-
-<p>Aber schon wehte der polnische Wind Sandwellen in ihre Gärten; der
-Eidechsenbund der Preußen weckte den Haß und den Widerstand gegen
-die Willkür der landfremden Ritter; und als der Tag von Tannenberg
-kam, wurde das schwarzweiße Banner rot im Blut der verlorenen Schlacht.</p>
-
-<p>Wohl konnte Heinrich von Plauen die Burg an der Nogat noch einmal
-mit Tapferkeit halten; aber das Glück der schwarzweißen Ritter hatte die<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-Zucht welk gemacht für das Unglück: im blutigen Remter der Marienburg
-hielten die polnischen Sieger das Nachtmahl.</p>
-
-<h3 id="sec5_14">Die Feme</h3>
-
-<p>Saxnot war tot, und die freie Gemeinde lag unter dem Rasen, darüber
-die Rosse der Ritter im Übermut gingen; aber die einsamen Höfe der Roten
-Erde hielten das Herdfeuer wach, und die Wissenden waren beständig.</p>
-
-<p>Die Gewalt hob das Schwert und das Gold in den prahlenden Tag,
-nur das Recht war stärker als Gold und Gewalt; wie der ewige Himmel
-hinter den rastlosen Wolken stand seine Herkunft hinter dem Tag und der
-schweigenden Nacht.</p>
-
-<p>Draußen im Feld unter Bäumen war der steinerne Freistuhl gestellt;
-da hielt der Freigraf Gericht, ihm war der Blutbann des Königs gegeben,
-und die Freischöffen saßen ihm bei im uralten Femrecht der freien Gemeinde.</p>
-
-<p>Da stand die Klage gelöst aus den bunten Kleidern der Welt, da war
-der Ritter ein Schelm, und der Bauer hob seine Hand über ihn, wenn
-seine Sache gerecht stand; denn jeder war frei im Gericht, wie er dem Recht
-untertan war.</p>
-
-<p>Da wurde der Faden der Schuld abgewickelt Mann gegen Mann; und
-wie der Mann vor den Schöffen dastand, so war sein Schicksal verwirkt.</p>
-
-<p>Denn nicht um die kleinen Dinge hatte die Feme den steinernen Stuhl
-aufgestellt, Tod und Leben sahen sich hart ins Gesicht, und der Strick war
-die Buße der Feme.</p>
-
-<p>Wer die Ladung an seiner Tür fand, dem half nicht Gold und Gewalt;
-sein Dasein war fürder versiegelt, bis ihm die Feme das Siegel ablöste.</p>
-
-<p>Der Freispruch der Feme löste das Siegel, oder der Strang schnürte es
-zu; dann lag ein Dolch bei dem Leichnam: Strick, Stein, Gras, Grein
-stand als Zeichen geschrieben, daß hier ein Femspruch vollstreckt war.</p>
-
-<p>Um die Wissenden aber hatte der Eid das Geheimnis gelegt: die heilige
-Feme halten zu helfen und zu verhehlen vor Weib und Kind, vor Vater und
-Mutter, vor Feuer und Wind, vor allem, was die Sonne bescheint und der
-Regen benetzt.</p>
-
-<p>Die Welt war des Unrechts voll, und die Gewalt ritt über die Straßen:
-aber ein Arm griff aus der schweigenden Erde, den Frevler zu packen.</p>
-
-<p>Der Griff war hart und schnürte die Kehle zu, aber er kam aus dem
-Recht, und das Recht war im heiligen Boden der Herkunft lebendig wie
-das Korn in der Scholle.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span></p>
-
-<p>Saxnot war tot, und die freie Gemeinde lag unter dem Rasen, darüber
-die Rosse der Ritter im Übermut gingen; die einsamen Höfe der Roten
-Erde hielten das Herdfeuer wach, und die Wissenden waren beständig.</p>
-
-<h3 id="sec5_15">Der gemeine Mann</h3>
-
-<p>Die Zunftehrbarkeit hielt dem Handwerk den Zirkel geschlossen, aber
-die Zunftstuben wurden im Streit um die Macht die Brutnester der Empörung.</p>
-
-<p>Denn die Macht in der Bürgerschaft war der Rat der reichen Geschlechter;
-sie waren die stolzen Ritter der Stadt, und wie der Burgherr
-den Bauer in Hörigkeit brachte, so hielten die reichen Geschlechter die
-Zünfte im Zwang ihrer Steuerbedrückung.</p>
-
-<p>Aber als die Städte groß wurden und die Zünfte viel Volk waren,
-wollten sie selber im Rat sein und in der Bürgerschaft gelten.</p>
-
-<p>Hitzige Meister und scharfe Gesellen hängten die Fahnen der neuen
-Zeit aus; die Selbstherrlichkeit der Geschlechter wurde bestritten, aus den
-Zunftstuben trat der gemeine Mann auf die Straße.</p>
-
-<p>Er kannte das feine Waffenspiel nicht, er hatte nur seine Fäuste; aber
-die Fäuste waren in täglicher Arbeit gehärtet, und die Fäuste waren die
-Masse.</p>
-
-<p>Rösselmann hieß der Schultheiß in Colmar, der die Ratsherrlichkeit
-der Geschlechter zuerst durch die Stadttore jagte und den Zünften das
-Regiment gab.</p>
-
-<p>Den Rat wieder zu bringen, kam der König selber vor Colmar geritten;
-aber er mußte die Stadt mühsam berennen, ehe das Schwert seiner Ritter
-und Knechte der trotzigen Bürgerschaft Herr war.</p>
-
-<p>Dem Schultheißen schlug der Henker das Haupt ab; aber der Hände
-blieben zuviel in den Zünften, sie alle zu stäupen.</p>
-
-<p>In Worms und Köln, in Ulm und Speyer, in Münster und Lübeck
-blieben die Zunftstuben die Brutnester der Empörung; und eher ruhte die
-Bürgerschaft nicht im Streit um die Macht, bis die Zünfte im Rat
-waren.</p>
-
-<p>Es wurde viel Gut vertan, und viel Blut floß in dem Streit; über der
-Bürgerschaft hingen die blitzenden Wolken von einem Gewitter ins neue;
-die Sonne der Zeit schien grell auf die Städte, und die Blumen des Wohlstandes
-wuchsen darin üppig und wunderlich hoch: der gemeine Mann in
-den Zünften wollte davon seinen Teil haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec5_16">Die braunen Brüder</h3>
-
-<p>Als die Zünfte den Streit um die Macht anfingen, waren die Mönche
-des heiligen Franz nach Deutschland gekommen, eine Heuschreckenplage
-den geistlichen Großen, die Seele des Volkes zu fressen.</p>
-
-<p>Die Predigt von Cluny war kleinlaut geworden, der Reichtum der
-Kirche hatte die Lehre der Einfalt und Strenge getrost überstanden; er gab
-dem Adel treffliche Pfründen und den Bürgern die rauschende Flucht
-seiner Feste.</p>
-
-<p>Nun kamen die braunen Kutten des heiligen Franz, gegürtet mit einem
-Strick, barfuß und bettelnd, und brachten die fröhliche Botschaft der Armut.</p>
-
-<p>Das Himmelreich war in der prahlenden Welt ein verborgener Garten:
-die aus den Sälen und Söllern des Wohlstandes kamen, fanden die Tür
-nicht, wohl aber die in den Kleidern der Armut einfältig gingen; denn eher
-ging ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher ins Himmelreich
-kam.</p>
-
-<p>Jesus von Nazareth ging wieder um auf den Märkten und Gassen,
-lächelnd zu lehren und liebend zu helfen denen, die mühselig und beladen
-waren: aber den Händlern im Tempel warf er zornig den Wechseltisch um.</p>
-
-<p>Der Bischof prahlte auf seiner Burg, die Kaufleute brachten ihm Pelze
-und köstlichen Wein, sie nahmen Zins von den Zünften und taten groß vor
-dem Volk: nun kamen die braunen Kutten und klagten den Reichtum an.</p>
-
-<p>Sie waren selbst eine Zunft und die allergeringste, sie hielten dem
-Wohlstand der Städte den Bettelsack hin, sie sprachen die Worte der
-Straße und trugen die tägliche Not: so war die christliche Lehre zum andernmal
-wiedergeboren, aber nun klopfte sie sacht an die Tür der irdischen
-Wohnung.</p>
-
-<p>Die Kirche hatte den Kreuzzug gepredigt und war mit blinkenden Rittern
-im Morgenland kläglich mißraten; die Barfüßer brachten das Wort
-in den Alltag des Abendlands, das Wort und die Tat ihres demütigen Lebens.</p>
-
-<h3 id="sec5_17">Albertus Magnus</h3>
-
-<p>Aber die Kirche hatte der braunen Einfalt die weiße Klugheit gesellt;
-indessen die Barfüßer den Bettelsack hielten, lehrten die Dominikaner das
-Kirchengeheimnis der göttlichen Dreiheit.</p>
-
-<p>Die weißen Brüder hatten kein Eigentum, wie die braunen, und mußten
-sich von den Abfällen des städtischen Wohlstands nähren; aber sie
-gingen nicht auf die Straße und hielten zu den Geschlechtern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p>
-
-<p>Denn ihr Teil war die Lehre und Wissenschaft von den Dingen, darin
-der Kirchenglaube als Schatzhalter stand; sie brauchten die Stille gesicherter
-Stuben, und nur der Kampf gegen die Ketzer rief sie ans Licht.</p>
-
-<p>Sonst saßen sie über den Schriften und suchten mit Eifer und Scharfsinn
-den Glaubensgrund ab; sie hielten dem zweifelnden Geist das Rüstzeug
-der Kirche blank und lehrten die geistlichen Schüler, das Rüstzeug zu
-gebrauchen.</p>
-
-<p>Sie hießen ihn Albert den Großen, obwohl er kein Fürst oder Bischof,
-nur ein Lehrer und Mönch war: Albert von Bollstädt, von Herkunft ein
-schwäbischer Grafensohn, der bei den Dominikanern in Köln die Wissenschaft
-lehrte.</p>
-
-<p>Juden und Araber hatten dem Meister das Wunder der Wirklichkeit
-aufgeschlossen: er kannte den Lauf der Gestirne und die magischen Kräfte
-des Mondes.</p>
-
-<p>Er wußte das tote Geheimnis der Steine zu wecken und sah den Kreislauf
-der Säfte in allem lebendigen Dasein, er konnte die Kraft der Natur
-mit mancherlei Künsten ans Tageslicht locken.</p>
-
-<p>So viel und bunt spielte die Macht seines Geistes die Wunder der
-Wirklichkeit vor, daß er ein Zauberer hieß; und als er ein schlohweißer Greis
-war, woben die seltsamen Sagen ihm selber ein Wunderkleid: der Teufel,
-so hieß es, habe die feinsten Fäden gesponnen.</p>
-
-<p>Aber die Königin Jungfrau des Himmels hielt ihre huldreiche Hand
-über ihm, denn der Zauberer hatte der Kirche das künstliche Rüstzeug gefunden:
-aus dem Altertum stieg Aristoteles auf, der Priesterstaat zog in die
-Wohnung der griechischen Weltweisheit ein.</p>
-
-<p>Der Geist der Scholastik fing an, die heidnischen Räume wohnbar zu
-machen für die kirchliche Selbstherrlichkeit: Albertus Magnus hatte den
-Einzug geleitet; der dem Volk ein Zauberer schien, war der Kirche sicher
-genug, ihn heilig zu sprechen.</p>
-
-<h3 id="sec5_18">Die fahrenden Schüler</h3>
-
-<p>Wo eine Schule stand, liefen die Schüler zu, und wo eine Schule berühmt
-war, kamen sie viel; als Albert der Große in Köln lehrte, konnte die
-Stadt die Scharen der Scholaren kaum fassen.</p>
-
-<p>Eine Burse hießen die Schüler das Haus, wo sie Unterkunft fanden;
-hunderte summten da ein und aus, und die mönchische Ordnung konnte
-die Zucht nicht mehr halten.</p>
-
-<p>Sie waren weither gewandert und brachten in Kleidern und Sitten den<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-Straßenstaub mit; unterschlüpfend in Klöstern und Pfarrhöfen, bettelnd
-bei Bürgern und Bauern tauchten sie ein in den unreinen Strom der fahrenden
-Leute.</p>
-
-<p>Auch fanden viele das Ufer nicht mehr: ohne Hoffnung, je eine Pfründe
-zu finden, der Ordnung entwöhnt, dem Wein und der Straßenliebe verfallen,
-zogen die lärmenden Scharen durchs Land und suchten die Stadt
-heim, wenn der Winter die Wege verschneite.</p>
-
-<p>Goliarden hießen sie dann und waren die Füchse der fahrenden Leute;
-wo der Bettel versagte und der Diebstahl gefährlich war, half ihre List,
-Speise und Trank zu gewinnen.</p>
-
-<p>Sie hatten alle einmal die Messe bedient, das Mirakel war ihnen geläufig;
-sie wußten die Wundersucht höhnisch zu stillen und hielten sich selber
-zum Spott das Beispiel der Kirche vor Augen.</p>
-
-<p>Sie waren die Schnapphähne des Zweifels und wußten den Unglauben
-am Bratspieß zu wenden; sie sangen dem fahrenden Volk lateinische Lieder,
-aber das Faß stand unter den Füßen Mariens, die himmlische Liebe
-verlief sich in irdische Löcher.</p>
-
-<p>Der Kirche gefiel ihre freche Art nicht, sie kehrte mit scharfem Besen die
-Bursen und machte den fahrenden Schülern die Türen der Klöster und
-Pfarrhöfe zu: aber die Straßen waren zu weit, und zuviel Scheunen standen
-daran.</p>
-
-<p>Sie blieben die Füchse des fahrenden Volkes und mischten ihr schwarzes
-Kleid in die scheckigen Lumpengewänder; sie hingen der geistlichen Würde
-den Straßenlehm an und waren dem Kirchenbetrieb ihrer Tage ein frech
-und verwegenes Schalkspiel.</p>
-
-<h3 id="sec5_19">Das Volkslied</h3>
-
-<p>Unter der Linde war Tanz, und die fahrenden Schüler krähten ihr
-schnödes Latein; aber der mit der Fiedel wußte den Burschen und Mädchen
-andere Lieder zu singen.</p>
-
-<p>Die Jungfrau Maria kam nicht darin vor, auch nicht die zierlichen
-Seufzer der Minne: ein Spaßvogel sang in gewürzten Reimen, wie er die
-Mädchen am Rhein, in Sachsen, in Schwaben und Bayern zur Liebe geneigt
-fand.</p>
-
-<p>Das Lied war frech, und die Worte mußten den Tönen mitlaufen, aber
-die Täglichkeit lockte darin, und alle sangen den Reim, so sprang die Fiedel
-ins Blut.</p>
-
-<p>Der Spielmann wußte noch andere Reime: von einem Geizhals, der<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-sich mit Geld ein leckeres Weibchen einfangen wollte, von einem Knaben,
-den seine Buhlin betrog, von einer Spröden, die nie ihr Vergißmeinnicht
-fand.</p>
-
-<p>Aber die kannten sie schon unter der Linde, Burschen und Mädchen
-sangen die Reime, wenn sie am Abend in Reihen verschränkt die Straßen
-des Dorfes abgingen; denn die Lieder der Fahrenden waren Feldblumen,
-die überall hingestreut überall Wurzeln schlugen.</p>
-
-<p>Feldblumen und Blumen aus Urväterherkunft in Gärten gepflegt;
-denn immer noch blühte die Zeit, die vor dieser war, und die Seele des
-Volkes war heimlich getreu ihr Gärtner.</p>
-
-<p>Dietrich und Hildebrand ritten die klirrenden Fahrten, und Siegfried
-sank in sein Blut, Schwanhild die schöne und Randwer der feine büßten
-die Liebe, Brunhild und Kriemhild kühlten die Rache.</p>
-
-<p>Die fahrenden Spielleute kannten die alten Sagen und wußten die
-neuen, sie hielten die Reime und Töne lebendig, sie flochten die Rosen des
-Tages ein in den Kranz, der im Herzen des Volkes immergrün war.</p>
-
-<p>So wurde aus alten und neuen Gesängen das Volkslied, von Burschen
-und Mädchen gesungen, wenn sie am Abend in Reihen verschränkt die
-Straßen des Dorfes abgingen.</p>
-
-<p>Was der Seele des Volkes Gutes und Böses geschah, was in den Brunnen
-des Mitleids hinein fiel und was auf den rosigen Wolken der Mitfreude
-schwamm, hoben die zärtlichen Hände des Liedes ins ewige Dasein.</p>
-
-<h3 id="sec5_20">Die Meistersinger</h3>
-
-<p>Aber die Straße wurde dem fahrenden Volk nur gestattet, Kaufleute
-kamen mit Wagen und reisigen Knechten, Ritter zogen zu Hof, und Fürsten
-zur Jagd mit lautem Gefolge.</p>
-
-<p>Auch saßen zur Herberge abends die Zunftgesellen da, die auf der
-Wanderschaft waren, mit feierlich stolzen Gesichtern; sie hielten sich fern
-von dem fahrenden Volk und hatten die eigenen Lieder.</p>
-
-<p>Die Singschulen der Zünfte lehrten die Ehrbarkeit loben; und wie die
-Höfe den Minnesang, so pflegten die Meister das Preislied des ehrsamen
-Handwerks.</p>
-
-<p>Denn die Zucht war das Schrittmaß der Zunft, wie das Springseil
-der fahrenden Leute die Lust war.</p>
-
-<p>Sie hielt dem edlen Gesang peinlich das Tönegericht, sie lehrte die
-Worte im Reim künstlich verschlingen, sie stimmte die Laute, daß sie bescheiden
-im Mittelmaß blieb, und hieß das Gefühl in der Ehrbarkeit bleiben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span></p>
-
-<p>Gesellen- und Meisterstück gab sie zu singen, und über der Zunftlade
-standen die Regeln geschrieben, mit denen Frau Musika Hausordnung
-hielt.</p>
-
-<p>So war die Singkunst im Rahmen rühmlicher Künste zünftig geehrt
-und im Richtspruch der Meister peinlich geordnet.</p>
-
-<p>Aber das Lied stieg in den Tag wie die Lerche, es lachte der lehrsamen
-Meister und lachte der täglichen Tugend.</p>
-
-<p>Mit feierlich stolzen Gesichtern sangen die Zunftgesellen der Herberge
-ihren Preisgesang vor, indessen die Burschen und Mädchen in Reihen verschränkt
-singend den Abend abgingen und in den Büschen der fahrenden
-Leute die Nachtigall lockte.</p>
-
-<h3 id="sec5_21">Der Schwank</h3>
-
-<p>Das Lied stieg in den Tag wie die Lerche, aber der Schwank saß mit
-den fahrenden Leuten in rauchigen Schenken, wenn irgendwo reiche Rast
-war.</p>
-
-<p>Er sah das umzirkelte Dasein der sorgsamen Bürger und sah die Plage
-der Bauern, wie sie seitab von der Straßenfreiheit der fahrenden Leute dasaßen,
-gesichert vor Unbill.</p>
-
-<p>Wetter und Wind zauste sie nicht in den Stuben, sie schliefen in Betten
-und waren geschützt vor den Hunden: aber sie sahen den Himmel nur durch
-die Fenster und kannten die Lust nicht, wie das wilde Getier, frei von Sorgen
-und Sachen, auf ihren Läufen zu sein.</p>
-
-<p>Solcher Ehrbarkeit tat der Spott fahrender Leute ein Narrenkleid an:
-Schilda hieß er die Stadt seiner Schwänke, wo sie mit ihren Ratsherrn
-und Zünften selbstgerecht saßen und allem natürlichen Wesen entfremdet
-ihr Winkelgewerk hatten:</p>
-
-<p>Die Schildbürger wollten ein Rathaus bauen und hatten die Fenster
-vergessen; daß der finstere Raum hell sei, schleppten sie Licht in Säcken
-herbei.</p>
-
-<p>Die Schildbürger wollten das Gras auf der Stadtmauer abweiden
-lassen und legten der Kuh den Strick um den Hals; als dem gehängten
-Tier die Zunge heraus hing, brümmelten sie, daß es den Grasgeruch
-schmecke.</p>
-
-<p>Die Schildbürger säten Salz auf den Acker, und als die Brennesseln
-aufgingen, spürten sie an den gebrannten Händen, wie stark das reifende
-Salz ihrer Saat sei!</p>
-
-<p>So zog der Schwank der fahrenden Leute dem Bürger das Narrenkleid<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-an; einer aber von ihnen ging aus, die Beschränktheit mit allerlei Possen
-frech zu verhöhnen.</p>
-
-<p>Eulenspiegel war er geheißen, wo ein Schabernack spielte, hielt er die
-Pritsche, und wo er lachte, lachte das Volk mit; denn wo sein Schabernack
-saß, hatten ihm Dummheit und Bosheit der Bürger selber die Tür aufgetan:</p>
-
-<p>Wenn er den Wirt mit dem Klang seines Geldes bezahlte oder als
-Schneidergesell die Ärmel wortwörtlich an den Rock werfen wollte, wenn
-er in Erfurt den Esel zu lehren versprach oder in Nürnberg die Kranken
-gesund machte: hatten die also Gefoppten sich selber zum Spott den Schaden
-verdient.</p>
-
-<p>Es war die lustige Rache der fahrenden Leute an ihrem Todfeind, dem
-Bürger, der sie und die Menschennatur mit seiner Ordnung beschränkte;
-aber ihr Schicksal wuchs über den Schwank und den Schabernack trotzig
-hinaus, als der Doktor Faust seine Himmel- und Höllenfahrt machte.</p>
-
-<p>Denn da brach der Trotz durch die Schranken; die Menschennatur mit
-Lohn und Strafe zu schrecken, hatte die Kirche Seligkeit und Verdammnis
-über die furchtbaren Seelen gebracht:</p>
-
-<p>Aber der fahrende Mann beugte sich nicht vor Himmel und Hölle, er
-wollte sein Erdenteil haben; den göttlichen Mächten zu trotzen, die seine
-Menschennatur für ihre Zwecke mißbrauchten, schloß er den Pakt mit dem
-Teufel.</p>
-
-<p>Da machte der Schwank die Tore des Schicksals breit auf, da trat der
-fahrende Mann hadernd vor Gott, daß er den Feigen und Furchtsamen
-hülfe, statt mit den Kühnen und Ketzern zu sein.</p>
-
-<h3 id="sec5_22">Die Bauhütte</h3>
-
-<p>So waren die Städte der Bürger gebaut: rund um das Weichbild der
-Stadt lief der Wehrgang auf starker Mauer, durch Zinnen gedeckt und an
-den Toren mit Türmen und steinernen Treppen gestaffelt.</p>
-
-<p>Spitzige Giebel standen der Gasse entlang, hüben und drüben, und
-grämliche Tore sperrten die Höfe; die steinerne Halle am Markt trug dem
-Rathaus die schmuckreichen Säle.</p>
-
-<p>Breit schwang sich der zackige First über die Giebel der Gassen, aber
-gleich einer Tanne ragte der Münsterturm über das Buschwerk der Dächer.</p>
-
-<p>Weit aus der Ferne grüßte das steinerne Wunder den nahenden Wanderer;
-sein blaues Gespinst wuchs in die Nähe hinein mit ragenden Massen
-und stand mit Pfeilern und Pforten, mit Nischen und Narben zuletzt als<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-fleißiges Menschenwerk da. Stein war geschichtet auf Stein, Maßwerk
-auf Maßwerk gezirkelt, die zackige Schnur seltsamer Krabben war sorglich
-gemeißelt, Standbilder priesen den Steinmetz und seine kunstreichen Hände.</p>
-
-<p>Seitwärts im Schatten, unter der steinernen Brandung standen die
-Hütten der Bauleute geduckt; da pochten die Hämmer und klirrten die
-Eisen, da wurden auf breiten Brettern und Tischen die Risse gezirkelt,
-standfest und kühn den steinernen Wuchs zu planen.</p>
-
-<p>Denn nun war der Turm nicht mehr die ragende Last runder Gewölbe,
-wie eine Garbe wurden die Halme dünn und gebrechlich zur Stärke gebunden,
-Halme aus zierlich behauenen Steinen, die steinerne Blume des Kreuzes
-zu tragen.</p>
-
-<p>Die Bauleute waren Steinmetze geworden, und ihre Bruderschaft galt
-über den Zünften; die Bauhütte hütete Zirkel und Richtscheit als hohes
-Geheimnis.</p>
-
-<p>Strenge Gebräuche und seltsame Zeichen hielten der Steinmetzenkunst
-uralte Weisheit lebendig: aus dem Morgenland war sie gekommen, durch
-den blutigen Wechsel der Zeiten heimlich gehütet, aber das Abendland
-brauchte sie neu im Zeichen des Kreuzes.</p>
-
-<p>Im Zeichen des Kreuzes hielten die Hallen die Vierung, aber das Kreuz
-auf dem Turm war eine Blume geworden; himmlische Sucht und irdische
-Lust gaben einander die Hand im Geheimnis hoher Vollendung, das in der
-Bauhütte stolz und streng behütet war.</p>
-
-<h3 id="sec5_23">Die Schilderzunft</h3>
-
-<p>Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, sprach das
-Gebot; aber die Heiligen standen in Stein an den Pforten, und am Hochaltar
-hing, hölzern ans Kreuz geschnitzt, der Erlöser.</p>
-
-<p>Auch waren Gewölbe und Wände bemalt mit den Bildern der kirchlichen
-Gnade; die heiligen Gestalten gingen in farbig getönten Gewändern,
-und die tröstlichen Zeichen der Himmelsverheißung schmückten die
-Felder der Vierung.</p>
-
-<p>Tief aber glühten die Tafeln mit goldenen Gründen, darauf im Troß ihrer
-englischen Knaben die Himmelskönigin selber das bunte Farbenkleid trug.</p>
-
-<p>Sie hielt das Kind auf dem Schoß und war ihm die lächelnde Mutter,
-wie sie der sündigen Menschheit die huldreiche Fürsprecherin war.</p>
-
-<p>Ein Schild hießen sie solch eine Tafel, künstlich auf Goldgrund gemalt,
-und alle Schilder der Ritter waren in bunten Wappen gewirkt nicht so
-schön wie das Schild mit dem Bild der holdseligen Jungfrau.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span></p>
-
-<p>Die kölnischen Meister der Schilderzunft kannten zuerst das köstliche
-Wunder, einem Spiegelbild gleich die süße Erscheinung zu malen, mit sauberem
-Pinsel auf eine Tafel von Holz; aber der Augenstern stand leibhaftig
-darin und lächelnd der liebreiche Mund.</p>
-
-<p>Sie lockten das himmlische Wunder hinein in den staunenden Tag;
-Wirklichkeit wurde den Sinnen, was in den Worten der Priester und im
-Prunk ihrer Gesänge die gläubigen Herzen ahnend erfüllte.</p>
-
-<p>Kunstreiche Meister und ihre Gesellen hoben das Werk ihrer Hände
-hoch in den Ruhm; die Schilderzunft kam ins Glück, als sie dem Himmel
-die Farben und seinem ewigen Glanz einen Schimmer zu stehlen vermochte.</p>
-
-<h3 id="sec5_24">Der Genter Altar</h3>
-
-<p>Aber die Wirklichkeit wollte den Tag, und der ewige Sinn sank im
-Wechsel der Sinne.</p>
-
-<p>Die himmlische Ferne verschwand in der irdischen Nähe, und irdische
-Augen begannen sie warm und froh zu betrachten.</p>
-
-<p>Gott saß im Himmel und hörte die englischen Heerscharen singen, aber
-der Mensch ging im Menschengewand, die Erde blühte mit irdischen Blumen,
-und wo eine Stadt war, füllte das Tagwerk die Gassen.</p>
-
-<p>Ein Bürger zu Gent wollte der Kirche Sankt Bavo einen Schilderschrein
-stiften, und Hubert van Eyck kam aus Brügge, die Tafeln zu malen:</p>
-
-<p>Gott Vater thronte als König des Himmels in einsamer Stille, nur
-das Lamm bot sich der gläubigen Anbetung dar, darüber die Taube des
-Heiligen Geistes die ewige Glorie strahlte.</p>
-
-<p>So dachte Hubert van Eyck den Altar zu malen; er hatte die Tafeln
-mit sehnsüchtiger Andacht gestellt, da ließ ihm das Siechtum den Geist und
-die Hände ermatten.</p>
-
-<p>Jan aber, sein jüngerer Bruder und Helfer, malte den Bilderschrein
-fertig; er kannte das Werkstattgeheimnis, mit zarten Lasuren die Gründe
-leuchtend zu machen, daß sie in gläserner Helle und frischer Farbigkeit
-standen.</p>
-
-<p>Aber er liebte den Tag und die Wirklichkeit, und wo seinen Bruder die
-Sehnsucht der Ferne verzehrte, stand er getrost in der Nähe und sah das
-einzelne gern.</p>
-
-<p>Er malte die Wiesen mit blühenden Blumen und malte den Himmel
-im zärtlichen Blau, er malte die Falten im Felsgestein und malte das Laub
-an den Bäumen.</p>
-
-<p>Er malte den Reitern reiche Gewänder und ließ die Rosse stolzieren im<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span>
-Schmuck der Schabracken; er malte den singenden Engeln schwellende Lippen
-und gab dem Notenpult köstlichen Zierat.</p>
-
-<p>Er malte Gott Vater im Prunkgewand seines Weltkönigtums; und
-daß seinen Tafeln die Herkunft des Fleisches nicht fehle, stellte er Adam
-und Eva hinein in gänzlicher Nacktheit.</p>
-
-<p>Alles war naheste Wirklichkeit, mit fröhlichem Eifer betrachtet; alles
-war irdisches Glück, mit frohen Augen genossen; alles war sinnlicher Glanz,
-aus köstlichen Farben geflossen.</p>
-
-<p>So zog das himmlische Dasein in Gent ein weltliches Bürgerkleid an;
-so fand sich die Kunst in den Tag, als Jan van Eyck in Sankt Bavo den
-frommen Altar seines Bruders zum fröhlichen Bilderschrein machte.</p>
-
-<h3 id="sec5_25">Der Spiegel der Wirklichkeit</h3>
-
-<p>Was in Sankt Bavo zu Gent geschah, wurde Saat allerorten: überall
-waren Bürger aus Wohlstand in Reichtum geraten und wollten Gott und
-sich selber zu Ehren den Kirchenschmuck mehren; überall hatte die Schilderzunft
-fröhlich zu schaffen.</p>
-
-<p>Einen Altar zu stiften, wurde der Ehrgeiz des Bürgers, und seine Tafeln
-zu malen, das Meisterstück in der Zunft.</p>
-
-<p>Wohl gab die Kirche allein die Legende, aber die Bilderkraft sprang aus
-der Schau und dem fröhlichen Tun des täglichen Lebens: die heiligen Männer
-und Frauen des Morgenlands mußten die Kleider und Sitten des
-Abendlands tragen.</p>
-
-<p>So wurde die Herkunft der Christenlegende zum andernmal tapfer ins
-Deutsche versenkt: die Wälder und Wiesen der Heimat sahen die Jüngerschar
-schreiten, und die Burg des Herodes stand bei dem Münster der gotischen
-Stadt.</p>
-
-<p>Aber so wurde die Heilige Schrift auch der Spiegel, in bunten Bildern
-das Leben der Bürger zu fassen, so wurden die kostbaren Schreine der Kirchen
-die treuesten Hüter der eigenen Wirklichkeit.</p>
-
-<p>Da ritt der heilige Georg im blinkenden Panzer des Ritters, da wurde
-Lazarus wach auf dem Kirchhof der Kreuze, da stand das Bett der Maria
-behäbig an der getäfelten Wand, da war die Krippe im Stall nach heimischer
-Sitte aus Balken gefügt.</p>
-
-<p>Wohl wuchsen auch Palmen, und Löwen waren den Heiligen treu,
-aber sie blieben fremd und verscheucht, indessen das heimische Gewächs und
-Getier sich unbesorgt breitmachte.</p>
-
-<p>Bäuerlich fränkische Häuser, städtische Gassen und Stuben boten dem<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-Bauer und Bürger den Vorwand des heiligen Lebens, unbekümmert und
-selbstgefällig ins Bilderdasein zu treten.</p>
-
-<p>Sie waren linkisch, dem kirchlichen Schauspiel zu dienen, die Glieder
-fanden nur selten die rechten Gebärden, und die Gesichter wurden der heiligen
-Handlung nicht froh: aber sie taten ihr Werk mit Eifer, und wo sie
-das Marterzeug brauchten, verstanden sie seinen Gebrauch.</p>
-
-<p>Nicht einer der Zunft hatte die fröhliche Meisterhand wieder, die den
-Altar von Sankt Bavo zum Spiegel irdischer Glückseligkeit machte; es
-war ein linkisch verstiegenes Dasein, grausam und vielmals verzerrt, und
-mehr eine Fratze als ein schönes Abbild der Welt.</p>
-
-<p>Aber es war in die blühende Pracht gläserner Farben gegossen, und seine
-bunte Vielfältigkeit stand stark und verzückt im Licht der gläubigen Einfalt.</p>
-
-<h3 id="sec5_26">Der Altar von Isenheim</h3>
-
-<p>Der Bilderschrein hatte den Bürger ins Schaubild gestellt, Alltäglichkeit
-war das Gewand der heiligen Handlung geworden, da hob sich im Zorn
-eine Zauberhand, dem Himmel das Seine zu geben.</p>
-
-<p>Matthias Grünewald hieß der mächtige Meister, Hofmaler des Bischofs
-von Mainz und ein Franke vom roten Main, der im Kloster zu Isenheim,
-droben im Elsaß, den Hochaltar malte.</p>
-
-<p>Dem heiligen Vater der Mönche und Schutzherrn der Tiere, Antonius
-sollte der Altar geweiht sein; aber der Meister wollte den Urgrund aufreißen
-und im Mirakel die Quellen der brünstigen Heiligkeit zeigen.</p>
-
-<p>Gott war in Schmerzen geboren und war gekreuzigt als Mensch, um
-aus der Nacht des irdischen Todes aufzuerstehen und strahlend zurück in den
-Himmel zu fahren.</p>
-
-<p>Da waren die Tafeln zu klein, zu kläglich die Kleider der Täglichkeit, da
-mußten die Brunnen der Tiefe aufbrechen mit feuriger Fülle, da mußte
-das ewige Sein den glasigen Schein der irdischen Dinge durchleuchten.</p>
-
-<p>Und so war die dreifache Tiefe des Altars gebaut: draußen die Tafeln
-von Golgatha, drinnen die Herrlichkeit Gottes, und erst, wenn die inneren
-Flügel aufgingen, kam der Heilige selber, dem der Altar gemalt war.</p>
-
-<p>Gramvolles Dunkel lag auf der Welt, nur Golgatha stand in beinerner
-Helle, als ob ein Blitz den Himmel durchbräche, den gekreuzigten Gott zu
-beleuchten.</p>
-
-<p>Aber kein göttlicher Dulder hing an dem Holz, ein gemarterter Mensch
-und ein blutrünstiger Leib der Verwesung.</p>
-
-<p>Ein Schrei ging aus von den Frauen und verzagte im Abgrund; nur<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-Johannes der Täufer stand da mit dem Lamm, der sündigen Menschheit
-das göttliche Opfer zu weisen.</p>
-
-<p>Gewaltig war so der Deckel des Buches gebildet, der mitten wie Torflügel
-aufging, der schluchzenden Seele die Herrlichkeit Gottes und das
-Wunder seiner Geburt offenbarend:</p>
-
-<p>Vier Tafeln ragten wie eine im Morgenrot glühende Wand vor den
-Augen der gläubigen Christen; Orgelgewalt und Gesang der Mönche
-schwanden hin in der Fülle farbiger Stimmen, wie ein Menschenruf übers
-Meer klingt.</p>
-
-<p>Der Tempel der himmlischen Mutter stand in der Mitte, aus Licht und
-Farbe gebaut, und Lobgesang schwoll aus den englischen Räumen; die
-Jungfrau saß selig versunken davor mit dem Kind in der blühenden Landschaft,
-darüber Gott Vater im Himmel die Augen der Liebe aufmachte.</p>
-
-<p>Zur Linken wurde der Jungfrau das Wunder der Gnade verkündigt,
-zur Rechten fuhr hell aus dem Kerker des Grabes der Heiland: ein glühender
-Ball brach in die Sterne der Nacht, darin die Lichtgestalt des Erlösers
-von allen Feuern des Himmels beglänzt war.</p>
-
-<p>So übermächtig war der Glanz und das Glück der im Morgenrot
-glühenden Flächen, daß danach die Farbe nichts mehr vermochte: wenn sich
-die inneren Flügel auftaten, standen die Heiligen stumm als geschnitzte
-Figuren inmitten der grellen Erscheinung.</p>
-
-<p>Nur auf den inneren Flächen der letzten Torflügel hatte der Meister
-das Glück und das Grauen der Weltentsagung gemalt: wie das Getier
-der Wüste dem heiligen Antonius diente, und wie das Höllengezücht ihn
-versuchte.</p>
-
-<p>Erde und Hölle sprachen ihr Wort nach dem Himmel: die Erde lockte
-mit üppiger Landschaft; die Hölle schrie das grelle Getön ihrer scheußlichen
-Leiber; aber der Himmel stand hinter den Flügeln mit seinem ewigen Glück.</p>
-
-<p>So war der Altar des fränkischen Meisters gebaut, darin der himmlische
-Zorn den Alltag verscheuchte: die Tiefe der brünstigen Seele brach
-auf und war kein schönes Abbild der irdischen Glückhaftigkeit mehr, weil
-das ewige Wunder nicht mehr den eitlen Traum der Täglichkeit weckte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Buch_der_Freiheit">Das Buch der Freiheit</h2>
-
-<h3 id="sec6_1">Meister Eckhart</h3>
-</div>
-
-<p>Der aus Steinen den gotischen Wunderwald machte, ließ aus dem
-heiligen Hain der erschütterten Herzen eine neue Gläubigkeit blühen.</p>
-
-<p>Wie das Geflecht der Gurten und Rippen, das Laubwerk der Knäufe
-und Sockel die lateinische Messe mit gotischer Inbrunst umfing, so wuchs
-in der nordischen Seele der Gral der christlichen Sendung.</p>
-
-<p>Die Kirche hat ihn als Ketzer verdammt, den Meister Eckhart von Köln,
-der unter den Christen der naheste Jünger des Herrn, der Gotteskindschaft
-des Zimmermannssohns seligster Nachfolger war:</p>
-
-<p>Dominikaner und Prior des Predigerordens in Erfurt, Straßburg und
-Frankfurt; aber die Fackel im Maul seines Hundes war kein brennendes
-Feuer, nur leuchtendes Licht seiner in Gott weißglühenden Seele.</p>
-
-<p>Darum verdammte er nicht und hielt seine Kutte nicht keuscher als sonst
-ein irdisches Kleid; er tat dem Leben kein Büßerhemd an, ging in den Himmel
-zu allen Stunden und sprach in den Wahn der weltflüchtigen Zeit sein
-weisestes Wort, daß gute Menschen das Leben lieb hätten.</p>
-
-<p>«Nie würde ein Mensch, der Durst hat, so sehr zu trinken begehren, wenn
-nicht etwas von Gott darin wäre.</p>
-
-<p>Dasein und Jungsein ist eins in der Ewigkeit; denn sie wäre nicht ewig,
-wenn sie neu werden könnte.</p>
-
-<p>Was der Mensch liebt, das ist der Mensch: liebt er einen Stein, so ist
-er ein Stein; liebt er einen Menschen, so ist er ein Mensch; liebt er Gott &ndash;
-nun zage ich, weiter zu sprechen, ihr könntet mich steinigen wollen!»</p>
-
-<p>So sprach der Meister Eckhart von Köln, lächelnd von Liebe und Weisheit,
-wie weiland der Herr, und hielt nicht ein, auch dies noch zu sagen, daß
-alle Liebe der Welt auf Eigenliebe gebaut sei: «Ließest du die, du hättest die
-Welt gelassen!»</p>
-
-<p>Und ging auf den Straßen und Märkten wie Jesus im jüdischen Land;
-denn da die Lehre zum andernmal Wort ward, zerbrach ihr Frühling den<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-gläsernen Grund des lateinischen Winters, aufquellend im Brunnen der
-eigenen Sprache.</p>
-
-<p>Seine Predigt war deutsch und scheute sich vor der Alltäglichkeit nicht
-und hob aus dem Staub der Straße die Bilder des ewigen Lebens: «Sie
-fragen, was in der Hölle so brennt? Ich sage, das Nicht brennt in der Hölle,
-und sage ein Gleichnis:</p>
-
-<p>Nimm eine brennende Kohle zur Hand! sprächest du da, die Kohle brennt
-mich, du tätest ihr Unrecht; denn hätte die Hand die Feuernatur der brennenden
-Kohle in sich, sie schmerzte nicht: so ist es das Nicht deiner Hand,
-was sie brennt!</p>
-
-<p>Daß die Seelen von Gott geschieden sind durch ein Nicht der Natur,
-ist ihre Hölle; denn hätten sie göttliches Wesen in sich, was könnte sie brennen?
-Darum, wollt ihr vollkommen sein, so müßt ihr frei werden vom
-Nicht!»</p>
-
-<p>In der Klosterkirche zu Köln stand der Mann mit dem weißen Bart vor
-dem Ketzergericht der christlichen Kirche; der naheste Jünger des Herrn war
-verklagt, und der Hohepriester des neuen Bundes zerriß den Rock im Rat
-seiner Richter.</p>
-
-<p>Aber Gott nahm den Greis fort aus den Händen der Torheit und
-schenkte den Priestern die Schuld des zwiefachen Kreuzes. Er gönnte dem
-Meister der Demut, in Frieden zu sterben, und ließ der Gotteskindschaft
-des Zimmermannssohns seligsten Nachfolger eingehen ins ewige Licht.</p>
-
-<h3 id="sec6_2">Suso</h3>
-
-<p>Den sie als Bruder Seuß kannten von Schwaben bis nach Franken
-und dem die Gläubigen zuliefen wie vormals Johannes am Jordan, war
-eines Ritters Sohn aus Überlingen, der früh ins Kloster und als Jüngling
-nach Köln zum Meister Eckhart kam.</p>
-
-<p>Da lernte er das Glück der Abgeschiedenheit und übte es so brünstig,
-daß er wohl zwanzig Jahre in seiner Zelle zu Konstanz blieb mit selbstgewählten
-Bußen, obwohl dem Knaben der Seewind und die Frühlingsblumen
-des Wunders holdeste Erscheinung waren.</p>
-
-<p>Er tötete die Stunde, trank Lust aus Leid und lernte Gott lieben, bis
-ihm der Sinne Untergang der Wahrheit Aufgang wurde.</p>
-
-<p>Dann endlich zog der Bruder Seuß mit grauem Bart aus seiner Wabe
-hinaus ins Menschenland, den Honig der ewigen Weisheit den Wartenden
-zu bringen.</p>
-
-<p>So süß war seine Lehre und so beseligt sang sein Mund das Lob der<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span>
-ewigen Weisheit, wie nie die Stimme eines Predigers gesungen hatte.</p>
-
-<p>Die nicht den Sinn verstanden, fühlten doch den Klang, der wie der
-Sang der Knaben, wie die farbigen Fenster und wie der Duft der Veilchen
-im Frühjahr war.</p>
-
-<p>Darum hörten den Bruder Seuß die Frauen gern, hellhöriger als die
-Männer und dem Geheimnis der Brunnentiefe näher; sie liebten ihn schon,
-wenn seine Stimme gleich einer Nachtigall anschwoll im sursum corda der
-heiligen Messe.</p>
-
-<p>Dann raffte er die Kreatur um sich aus allen Elementen, die bunten
-Vögel und die sanften Rehe, die stummen Fische und die stillen Falter,
-auch das Gewürm der Erde, das Laub und Gras der Wälder und der
-Wiesen, den Gries im Meer und alle Tropfen, die der Tau den Wiesen
-frühmorgens funkeln ließ, das Gestäube im letzten verirrten Sonnenstrahl
-und alle Glut der Berge; und schwollen an im Chor von tausend Tönen
-und fielen ein mit ihm: Empor zu Gott!</p>
-
-<p>Er aber war nicht lässig in solcher Lust, er ließ die Stimme steigen gleich
-einem Strahl, ließ ihn zerstäuben und die Tropfen perlen, und jeder Tropfen
-sank in ein Herz; da wurden wach, die träge schliefen, und schraken auf, die
-in den Tönen die Bilder ihrer Wollust schmeckten, und traten in den Kreis
-der Kreatur und brachten ihren Tropfen dem Bruder Seuß, daß er ihn
-trüge: Empor zu Gott!</p>
-
-<p>Auch die Gerechten, die dasaßen mit ihrer säuerlichen Pflicht und zwischen
-Gott und Kreatur den Hochmut ihrer Werke hatten, sie fühlten seinen
-Tropfen rinnen und zerschäumen in ihrer kalten Brust; das Herz brach
-auf und schäumte sein rotes Blut und wurde leicht von seiner Last der
-harten Menschenheit, und wurde Lust der Kreatur und flog der Stimme
-zu, der Stimme und dem Strahl: Empor zu Gott!</p>
-
-<h3 id="sec6_3">Der Gottesfreund</h3>
-
-<p>Was Eckhart, der naheste Jünger des Herrn, in Straßburg und Köln
-von der Ewigkeit lehrte, war nicht vergangen, weil es im Brunnen der
-eigenen Sprache Quellwasser blieb statt dem Latein der Scholasten.</p>
-
-<p>Gottesfreunde hießen sie droben am Rhein die heimlichen Künder der
-Lehre; wie vormals die Jünger hielten sie abseits der Kirchengemeinde die
-frohe Botschaft lebendig, und wie die Jünger lebten sie zwischen Verfolgung
-und heimlicher Duldung ihr Dasein in Christo.</p>
-
-<p>Die Hoffnung des Himmels, die Furcht vor der Hölle gaben der Kirche
-die Zügel, aber stärker als Hoffnung und Furcht war das Gewissen; und<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span>
-lange schon stand es bereit, vor Gott und der Menschheit das Recht und
-die Pflicht des evangelischen Daseins zu fordern.</p>
-
-<p>Der aber ihr Meister war, kam und ging im Geheimnis: den großen
-Gottesfreund aus dem Oberland hießen sie ihn, Name und Herkunft blieben
-verborgen; kaum anders, als Jesus den Jüngern erschien, trat er hinein
-in den Kreis seiner Freunde als hohe und frohe Erscheinung.</p>
-
-<p>Als Tauler in Straßburg, der Dominikaner, um seiner Redekunst willen
-berühmt war, bat ihn der Gottesfreund einst um eine Predigt, wie sich
-die menschliche Seele am höchsten und nächsten zu Gott aufschwingen möge?</p>
-
-<p>Da wetzte der Meister sein Rüstzeug gelernter Scholastik und tat sich
-groß mit den Künsten der vierzigsten Beschauung und mit den vierundzwanzig
-Stücken, durch die der Geist erleuchtet würde vor Gott.</p>
-
-<p>Aber der Gottesfreund lächelte nur und nannte es pfäffische Künste, den
-Wein mit Hefe zu mischen; denn Jesus der Zimmermannssohn habe zur
-Einfalt der Jünger geredet und solche Künste der Schriftgelehrten verachtet.</p>
-
-<p>Darüber fiel der gelehrte Mönch in Trauer und Trübsinn und verlor
-alle Freude an seiner scholastischen Kunst, sodaß die Brüder sein Alter für
-schwachsinnig hielten und die Beichtkinder seiner lachten.</p>
-
-<p>Zwei Jahre lang blieb er verstört und forschte viel in der Schrift und
-suchte Gott in der Demut, da ihn sein Hochmut nicht fand.</p>
-
-<p>Als er dann wiederkam auf die Kanzel, ein tief geläutertes Gemüt, war
-er den Klugen völlig ein Spott, weil er kein Wort zu sprechen vermochte,
-nur bitterlich weinte.</p>
-
-<p>Da trat ihm zum andernmal heimlich der Gottesfreund bei: Das war die
-beste Predigt vor Gott und deine Berufung, sein Wort zu verkünden! weil
-du selber den Weg zur Demut fandest, sei getrost, ihn den andern zu weisen!</p>
-
-<p>So tat der Gottesfreund dem Dominikaner den Mund wieder auf;
-durch seine Lippen, nicht mehr lateinisch verkünstelt, floß fürder das Labsal
-des Wortes: Tauler, der evangelische Prediger stand auf der Kanzel zu
-Straßburg, der die Einfalt und Gnade gleich einem Becher den Dürstenden
-darbot.</p>
-
-<p>Der aber das Wunder vermochte, der Gottesfreund schwand in die
-Ferne, aus der er kam, denen, die seiner bedurften, weise und wahrhaft
-und stark zu erscheinen.</p>
-
-<h3 id="sec6_4">Die gemeinsamen Brüder</h3>
-
-<p>Er war weder Priester noch Mönch, Gerhart Groot von Deventer; er
-hatte studiert in Paris wie andere Jünglinge auch, Theologie und kanonisches<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span>
-Recht, selbst die magischen Künste, und dachte behaglich zu leben von
-seinen Pfründen als Kanonikus oder Magister.</p>
-
-<p>Da fand ihn das Wort von dem Einen, was not tut; er verbrannte die
-magischen Bücher, legte den silbernen Gürtel und das sarmatische Pelzwerk
-ab und ging in ein Kloster &ndash; doch ohne Gelübde &ndash; den Zweck seines
-Daseins zu finden aus dem Gewissen.</p>
-
-<p>Als er ihn fand in der Schrift, zog er hinaus wie vormals die Jünger,
-der reichgewöhnte in ärmlicher Kleidung, nur im geringsten bedürftig, und
-fing an zu lehren im plattdeutschen Wort seiner Heimat.</p>
-
-<p>So wurde der reiche Jüngling und stolze Magister ein dienender Mann
-der Einfalt; Priester und Laien hörten ihm zu und staunten der einfachen
-Rede und ihrer schlichten Gewalt, bis ihm der Bischof von Utrecht im
-Namen der Kirche zu lehren verbot.</p>
-
-<p>Er hätte Freunde gehabt bis nach Rom, der Weisung zu trotzen; aber
-er folgte in billiger Demut dem Bischof, zog heim nach Deventer, statt der
-Großen die Kleinen zu lehren &ndash; wo das Salz noch nicht dumm war &ndash; und
-wurde ein Lehrer der Jugend, wie keiner vor ihm.</p>
-
-<p>Da hingen ihm Jünglinge an und taten wie er, halfen ihm lehren, nahmen
-nicht Lohn und lebten gemeinsam; nicht mit dem Leinensack bettelnd,
-tätig und treu im Stegreif der Stände und demütig dienend, wo Hilfe und
-Pflege not war: nur im Genuß einfacher Freuden dem Weltleben fremd
-und im Gewissen der gotteinigen Seele.</p>
-
-<p>Bald wurden der Brüder zuviel in Deventer, wo sie mit Gerhart dem
-mildreichen Meister gemeinsam ihr Eigentum hatten; so zogen sie aus in das
-Land und die Länder, lehrten die Jugend und lebten den Eltern ein Vorbild,
-daß Gott im täglichen Wirken, nicht nur im Kirchendienst fröhlich zuhaus sei.</p>
-
-<p>Der aber ihr Meister blieb, Gerhart Groot aus Deventer, starb wie er
-lebte: einen Freund schlug die Pest, er pflegte ihn heil und starb an der
-Seuche, starb heiter und gütig im Kreis seiner Freunde.</p>
-
-<p>Er ließ den schwächlichen Leib im vierundvierzigsten Jahr seines Lebens,
-aber die Brüderschaft blieb und blühte das Lächeln der evangelischen Weisheit
-in furchtsame freudlose Seelen.</p>
-
-<p>Bis ihrer Tausende saßen im deutschen Land, Lehrer der Jugend und
-Brüder eines in fröhlicher Armut und selbstloser Arbeit gemeinsamen
-Lebens.</p>
-
-<h3 id="sec6_5">Konzil in Konstanz</h3>
-
-<p>Während im Norden die neue Gläubigkeit glühte, wuchs in den päpstlichen
-Gärten das Tollkraut der Zwietracht: drei Päpste regierten zugleich<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-und verdammten einander, und der das Konzil nach Konstanz berief, der
-Neapolitaner Johann, war ein Seeräuber von Herkunft und Sitten.</p>
-
-<p>In Konstanz sollte das Schmelzfeuer der Christenheit sein und wurde
-ein Jahrmarkt der Kirchenverderbnis: dreihundert Fürsten und Bischöfe
-samt dem Troß der Prälaten und Äbte, Grafen und Ritter, kamen an mit
-dem reisigen Volk ihrer Knechte, Roßbuben, Spielleute und bauten ihr
-Zeltlager rings um die staunende Stadt.</p>
-
-<p>Alle Zungen Europas schollen im Seewind; Mönche, Gaukler und
-Dirnen der abendländischen Welt begingen die Gassen, die Heuschreckenschwärme
-fahrender Leute begafften die lustreichen Feste, indessen die Kardinäle
-den drohenden Völkern ein neues Kirchengewand zu nähen versprachen.</p>
-
-<p>Es war ein schönes Turnier, das die Konstanzer sahen, draußen im Bühl
-vor den Toren der Stadt; aber der Vogel im Käfig, der Seeräuberpapst
-flog aus unterdessen; er ließ der bestürzten Stadt das verwirrte Konzil und
-dem Kaiser die Sorge zurück, den gefährlichen Geier zu fangen.</p>
-
-<p>Der zollernsche Burggraf von Nürnberg ritt auf die Jagd und holte ihn
-ein, das Konzil zerbrach ihm sein päpstliches Siegel und Wappen; aber der
-Jahrmarkt der Kirche ging weiter und hatte sich schon sein frechstes Schaustück
-bestellt:</p>
-
-<p>Im festen Schloß Gottlieben, wo der Bischof von Konstanz den gestäupten
-König der Kirche mit geistlichen Ehren bewachte, saß auf dem
-steinernen Turm ein anderer Vogel im Käfig: Johann Hus, der böhmische
-Rektor aus Prag und evangelische Priester, der aus der Schrift die Kirchenreform
-an Haupt und Gliedern verlangte.</p>
-
-<p>Der Kaiser gab ihm freies Geleit und hieß den Ketzer verbrennen: im
-Münster zu Konstanz saßen die Fürsten um Sigismund und sahen dem
-Schauspiel zu, wie die hohenpriesterlichen Knechte dem Ketzer die Kleider
-der Kirche abrissen, wie sie den Blutzeugen Christi mit einer Narrentracht
-höhnten und seine Seele dem Teufel befahlen.</p>
-
-<p>Sie kehrten die Asche des Ketzers zuhauf und streuten sie aus in den
-Rhein, sie grüßten das Kreuz und sangen zur Messe, sie wählten Martin
-den Fünften zum Papst, und der Kaiser führte dem Statthalter Christi
-den Zelter.</p>
-
-<p>Sie zogen den Jahrmarkt des Kirchenkonzils mit Zeter und Zank und
-festlichen Fahnen noch hin bis ins dritte Jahr.</p>
-
-<p>Und sahen die Flammen nicht draußen im Bühl vor den Toren der lustreichen
-Stadt, die lohende Flamme der Lehre, und hörten die Asche nicht
-flüstern im Rhein, die Asche der tapferen Treue.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span></p>
-
-<p>Sie webten den Wahn ihrer Macht in den gleißenden Tag und hießen
-sich Christen; sie kannten die Leiden des göttlichen Dulders und sahen den
-Teufel nicht in den Fratzen der kirchlichen Henker.</p>
-
-<h3 id="sec6_6">Die schwarze Kunst</h3>
-
-<p>Die Krämerwaage dem Bürger, der Karst dem geplagten Bauer, das
-Schwert dem Ritter, dem Priester das Wort und den Mönchen die Schrift:
-so war die Ordnung der Welt, und das Wort im Schrein der heiligen
-Schriften gab der Kirche die Schlüsselgewalt.</p>
-
-<p>Bevor die Kirche dem Ketzer den Holzstoß ansteckte, verbrannte sie zuerst
-seine Schriften; denn blieben die Blätter vom Teufel mit Tinte beschrieben,
-so war der Ketzer nicht tot: das Unkraut blühte neu aus der
-schwarzen Saat, und der Samen wucherte weiter im kirchenfeindlichen
-Wind.</p>
-
-<p>Es ging aber in Mainz ein Knabe den grübelnden Weg seiner Jugend,
-der dem geistlichen Vorrecht der Schrift die Schranken zerbrechen und dem
-ängstlich behüteten Wort den Käfig aufmachen sollte.</p>
-
-<p>Johann Gensfleisch hieß er, vom Gutenberg, aus Mainzer Bürgergeschlecht,
-der als Jüngling nach Straßburg kam und dort seine heimliche
-Werkstatt aufmachte.</p>
-
-<p>Er kannte den Holzschnitt, wie er dem Bild und der Schrift einen
-Prägestock machte, auf hundert Blättern zu drucken, was der Holzschneider
-einmal aus seiner Platte heraus schnitt.</p>
-
-<p>Er sägte das Holz mit dem Wort auseinander und hieß die einzelnen
-Buchstaben Lettern; er setzte die Lettern im Wörter zusammen, wie er sie
-brauchte, und druckte die Schrift.</p>
-
-<p>Aber die vielen Lettern zu schneiden, war mühsam, auch zerbrach ihm
-das winzige Holz in der Presse; so nahm er Metall, und weil der Metallschnitt
-mühsamer war, dachte er seine Lettern in Formen zu gießen.</p>
-
-<p>Das aber war eine fremde Kunst, die er nicht kannte, so mußte Jürgen
-Dritzehn ihm helfen; und während das Basler Konzil die Kirchenreform
-an Haupt und Gliedern verlangte, raubte das heimliche Handwerk der
-Männer in Straßburg der Kirche die Schrift.</p>
-
-<p>Als sie in Unfrieden fielen, ging Gutenberg wieder nach Mainz, wo er
-den Fust, einen reichen Bürger bereit fand, den Druck einer Bibel zu
-wagen.</p>
-
-<p>So trat der hitzige Traum seiner Jugend schön in den Tag: mit Gold
-und Farben bunt wie eine kostbare Schrift stand der Druck seiner Lettern<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span>
-sauber und klar auf den Blättern, und waren hundert Bücher, wo sonst nur
-ein einziges war.</p>
-
-<p>Aber der Lohn wollte dem unsteten Mann nicht kommen, auch diesmal
-verschwand ihm der Segen des Werkes im Streit: von Mißgeschicken bedrängt,
-von Schimpf und Schulden beschattet, als Flüchtling schlechter
-Prozesse und Mietling schäbiger Pfründen trug sein fieberndes Leben die
-Pläne goldener Ernten ins leer geplünderte Alter.</p>
-
-<p>Was in Straßburg mit Jürgen Dritzehn begann und in Mainz mit
-Fust und Schöffer dem mißlichen Mann sein Bürgerdasein verwirkte, das
-hörte mit Albrecht Pfister nicht auf: sie halfen dem seltsamen Meister die
-Werkstatt zu rüsten und klagten die Werkzeuge ein, wenn sie das Handwerk
-verstanden.</p>
-
-<p>So starb er selber in Armut zu Eltville am Rhein, der dem Goldschmied
-Fust und seinem Schwiegersohn Schöffer die Goldquellen der schwarzen
-Kunst hinterließ; doch wie seinen Händen das Gold, zerrann das Geheimnis
-den Erben in hundert Schlupfwinkel der abendländischen Welt.</p>
-
-<p>In Rom, Paris und Venedig schlugen deutsche Gesellen die schwarzen
-Werkstuben auf; bald hielten die Messen Europas gleich Ballen vlämischen
-Tuchs und lombardischen Seidenbandrollen gedruckte Bibeln und Heilsbücher
-feil.</p>
-
-<p>Da waren sie nicht mehr allein in den Zellen, die neuen Gedanken hinter
-fiebrigen Stirnen, die schwarze Kunst half ihnen fort in die Köpfe und
-Herzen.</p>
-
-<p>Krähenvögeln gleich flogen die Druckschriften aus in die Städte und
-Häuser der Bürger; und schon pfiff in der Andacht der heiligen Bücher die
-Spottdrossel kommender Zweifel und lachte der kirchlichen Schlüsselgewalt.</p>
-
-<h3 id="sec6_7">Die Humanisten</h3>
-
-<p>Das tausendjährige Reich der Kirche ging zu Ende; blaß und müde
-glühten die Verzückungen der Seele, und roter blühte die Saat der Sinnlichkeit:
-der Gottesstaat der Priester blieb den verheißenen Segen schuldig,
-die Erde trieb geschäftig die alte Fruchtbarkeit.</p>
-
-<p>Wohl waren ihre Tage als Jammertal geschmäht: aber Kaiser und Kurfürsten
-zogen in den Krieg um Gold und Macht der Erde, Städte wurden
-groß und reich im Handel, auf den Meeren gingen ihre Schiffe und auf
-den Straßen ihre Wagen mit dem Gut der Erde, Rathäuser wurden
-Prunkhallen der Erdenbürgerschaft.</p>
-
-<p>Auch die das Jenseits priesen, waren diesseits wohl zuhaus: in Pfründen<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span>
-und Kapiteln saßen sie und sorgten für ihr Teil; denn das Gelübde der
-Armut sperrte nicht die Schleusen, daraus der bürgerliche Reichtum in die
-Keller und Kammern der Klöster floß.</p>
-
-<p>Die aber mühsam den Acker pflügten und sonst im heißen Tagwerk
-standen, sie sahen sich betrogen um die Ernte für einen Lohn, der nicht von
-dieser Welt war; und immer kühner hob die Frage das spöttische Gesicht,
-wieviel an diesem Zustand Gottes Wille oder kluge Lenkung geistlicher
-Hände wäre.</p>
-
-<p>Durch den verschlissenen Teppich der Scholastik wurde der Boden wieder
-sichtbar, darüber ein Jahrtausend mönchischer Weltflucht sinnenfeindlich
-ging: Belladonnen blühten aus dem Unkraut der Ruinen, und Götterbilder
-hoben die Marmorleiber aus der verschütteten Vergangenheit.</p>
-
-<p>Sie fanden ihre Tempelpracht zerstört, die Schönheit ihrer Glieder war
-zerbrochen; aber Mars und Venus reichten die verstümmelten Hände dem
-neuen Zeitalter hin: bestürzt und staunend sah die Menschheit die herrliche
-Gebärde.</p>
-
-<p>Da tönten Stimmen wieder, die längst verklungen schienen; die Sprache
-Ciceros klang marmorkühl aus der Versunkenheit, den Götterbildern gleich
-an Gliederpracht, und war die Sprache einer Zeit, da weder Bischöfe noch
-Mönche, sondern Bürger den Staat bestimmten und das Brevier noch
-nicht das Brot der Bildung war.</p>
-
-<p>Und wie die Marmorbilder nach ihrer Griechenheimat wiesen, so auch
-die alten Schriften: Hellas stand auf in Rom; noch einmal fragte Sokrates
-die listigen Fragen, und Platon gab ihm weise Antwort.</p>
-
-<p>Die aber im Gehäus der mönchischen Scholastik dem ewig-jungen
-Fragespiel entzückt zuhörten, sie glaubten gern, daß nun die Tür ins Freie
-geöffnet wäre.</p>
-
-<p>Als ob sie Totes wiedererwecken und Gewesenes zum andernmal gebären
-könnte, so wurde die Zeit trächtig vom Altertum.</p>
-
-<p>Da dachte wieder ein Erdenmensch zu werden, der nur ein Prüfling
-für den Himmel gewesen war; er ließ die Heiligen und den Christ und fand
-sich selber in der Welt als Wagenlenker seines Schicksals; er maß die Bahn
-mit seinen Rossen und ließ die Räder rollen zum selbstgesteckten Ziel.</p>
-
-<p>So wurden wieder Heiden in der Welt, und reiche Florentiner glaubten,
-noch einmal Bürger Roms und Günstlinge der Götter zu sein.</p>
-
-<p>Sie redeten die Sprache Ciceros und hörten Platon und bauten sein
-Reich der schönen Menschlichkeit, sie sammelten mit Gold und List die
-Schriften der alten Heidenwelt und schrieben sie ab mit zierlicher Bemalung,
-wie vormals die frommen Mönche die Heiligenleben schrieben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p>
-
-<p>Und rafften um ihr Dasein einen Glanz, der unbesorgt von dieser Welt
-war, und setzten sich in ihre Dinge aus eigener Machtvollkommenheit, und
-wagten ihre Seele an jede Lust und schafften sich in Tat und Trutz und
-schöner Edeltierheit die Seligkeit der Erde.</p>
-
-<p>Und sahen einen Papst in Rom, der vor den Römern noch einmal den
-Augustus spielte und ihrer Welt Prunkhalter war auf Petri Stuhl; und
-glaubten &ndash; wie die Knaben den Flaum der Freiheit fühlen &ndash; daß dies die
-Morgenröte einer aus dumpfer Furchtsamkeit und blinder Sucht erlösten
-Menschheit wäre.</p>
-
-<h3 id="sec6_8">Johann Reuchlin</h3>
-
-<p>Als Lorenzo, der Prächtige genannt, seinen Musenhof hielt, kam mit
-dem Grafen Eberhard ein junger Schwabe nach Florenz, der solcher Dinge
-ungewohnt den Reichtum und die Bildung der Medicäer scheu und selig
-genoß, als ob er wirklich in den Garten Platons gekommen wäre.</p>
-
-<p>Er fand die Fürstin ihre Töchter lehren und die Knaben glühen im Glück
-der Wissenschaft, er lauschte dem Lorenzo im Gespräch der tiefen Dinge und
-sah den Traum der Bildung in einer Wirklichkeit erfüllt, die reich und reif
-als Ernte der neuen Menschlichkeit schien.</p>
-
-<p>Als er heimkam in das Land der bürgerlichen Städte und der händelnden
-Fürsten, war Johann Reuchlin ein Humanist, wie all die anderen
-Schmetterlinge im Junglicht der alten Welt: sie hatten ihre Flügel in den
-Goldstaub des Altertums getaucht, da die verschmähte Erde noch im Glanz
-der Bildung verklärt war.</p>
-
-<p>Johann von Dalberg, pfälzischer Kanzler und Bischof von Worms, tat
-seine Tür auf, die Schwärmer zu schützen; er holte sie als Lehrer nach Heidelberg,
-hielt sie als seine Hausgenossen und ließ sie Feste feiern in seinem
-Garten zu Ladenburg.</p>
-
-<p>Und ob es karg war und einsames Männerwerk, kein Florenz der Frauen,
-ob sich im Stubeneifer der Goldstaub verlor: Johann Wessel und der Abt
-Trittheim, Agricola, Pirkheimer, Eitelwolf von Steine, sie alle, die der
-Geist nicht ruhen ließ im neuen Wind, sie fanden in Heidelberg den Ankerplatz
-für ihre Fahrten.</p>
-
-<p>Auch jene, die sich &ndash; wie Conradus Celtis, vormals Konrad Pickel &ndash;
-Wundervögel glaubten, wenn sie den Schopf mit fremden Federn schmückten
-und ihren Namen lateinisch oder griechisch wohlklingend machten, die
-den deutschen Mund von neuem mit Cicero verstopften und aus der Weisheit
-den Dünkel der Gelehrsamkeit quetschten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span></p>
-
-<p>Den Leuchter aber der neuen Wissenschaft trug Johann Reuchlin, der
-sich auf griechisch Capnio, das heißt ein Räuchlein nannte; er war als
-Bundesrichter in Schwaben von den Ständen und Städten gleich geehrt
-und hieß des Kaisers Freund, obwohl er eines Boten Sohn und Singknabe
-des Markgrafen von Baden gewesen war.</p>
-
-<p>Ihm gab Gesundheit rote Wangen und Wohlgestalt; er liebte, was gesittet
-und würdig war, und rüstig pflegte er den Ruhm, Maß und Milde
-aus Weisheit zu besitzen im Lehren und im Tun: so geriet sein Leben wohl,
-bis ihm der Pfefferkorn haßblütig in seine Asche blies.</p>
-
-<p>Als der getaufte Jude dem Kaiser anlag, die Bücher der Hebräer als
-christenfeindlich zu verbrennen, und Reuchlin innig abriet, derlei zu tun,
-da fuhr ihm freilich der Zugwind der Zeit in das gepflegte Silberhaar.</p>
-
-<p>Hoogstraten, der Kölner Ketzermeister, ließ die Meute los, daß die
-Hunde des Herrn den Freund des Kaisers als ketzerisch verbellten: da achtete
-der mild gelehrte Mann den Scheiterhaufen gering und hielt der Meute
-den »Augenspiegel« vor.</p>
-
-<p>Und zitterte danach vor seinem eigenen Mut, als ihm die Kölner das
-tapfere Buch verbrannten, und schrieb besorgt um einen faulen Frieden.</p>
-
-<p>Doch trat die schwarze Kunst dazwischen; ob sie in Köln sein kühnes
-Buch ins Feuer warfen, die Drucker brachten tausend Bücher für eines
-auf den Tisch, und jedes Buch rief einen Mann.</p>
-
-<p>Die Zunft der Humanisten zog aus für ihren Vater, die Jugend ihrer
-Schulen bot den Kutten das Trutzgesicht.</p>
-
-<p>Johann Reuchlin aber, der solchen Aufruhr ganz wider Willen rief, er rettete
-sein Silberhaar mitsamt der Würde und dem Gleichmaß gelehrter
-Meinung in ein umhegtes Alter; und lächelte erlöst, als danach der Mönch
-von Wittenberg die Meute auf sich zog und starb erschrocken, als Blitz und
-Donner die neue Zeit anriefen, der seine Wohlgestalt nicht mehr gewachsen
-war.</p>
-
-<h3 id="sec6_9">Maximilian</h3>
-
-<p>Es war ein Bischof und Kurfürst in Mainz, Berthold der weise und
-strenge; der wollte als Kanzler ein anderes Reich, denn daß die Willkür im
-Namen des Kaisers regierte.</p>
-
-<p>Gesetz und Verantwortung sollten das Reich mit dem Kaiser verbinden;
-Fürsten und Stände sollten nicht länger im blutigen Streit ihrer
-Machthändel bleiben; der Kaiser sollte Verweser der Reichsmacht, nicht
-mehr die oberste Willkür sein.</p>
-
-<p>Max aber der Kaiser, der letzte Ritter genannt, ritt in das Frührot der<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span>
-Zeit mit güldenem Panzer und glühender Tartsche, als ob der staufische
-Kyffhäusertraum noch einmal Wirklichkeit wäre.</p>
-
-<p>Er hatte Marie, die Tochter des kühnen Burgunders gefreit und war
-nach der reichen Erbschaft in Flandern geritten; er hatte dem König von
-Frankreich Streit angesagt wie ein Turnier und hatte die spanische Krone
-gewonnen.</p>
-
-<p>Das Abenteuer war seine Lust, über der Lust aber stand als sein Stern
-die Habsburger Hausmacht; der Reichtum der Stände und Städte im
-Reich sollte ihm seine Ritter bezahlen, die fürstlichen Herren sollten Vollstrecker
-und Zierat ungehinderter Kaisergewalt sein.</p>
-
-<p>Berthold der Kurfürst war stolz und beständig und Max der Kaiser ein
-launischer Herr, sein Kyffhäusertraum war durch den Kanzler gehindert:
-in Lindau und Worms auf dem Reichstag standen die Fürsten, Stände
-und Städte hart gegen ihn.</p>
-
-<p>Aber sein Habsburger Hochmut beugte sich nicht, mehr als die Wohlfahrt
-des Reiches galt ihm die eigene Hausmacht; kaum daß er den pfälzischen
-Feldzug gewann, wies er den Ständen sein Siegesrecht vor: als
-Berthold, der strengweise, starb, hatte der Kanzler sein Spiel gegen den
-selbstherrlichen Kaiser verloren.</p>
-
-<p>Über dem Reich lagen die Schatten kommenden Unheils, der Bauer
-stand auf und die Bürgerschaft grollte: im güldenen Panzer mit glühender
-Tartsche ritt Max, der Kaiser, ins Frührot der Zeit, als ob der staufische
-Kyffhäusertraum noch einmal Wirklichkeit wäre.</p>
-
-<p>Die Humanisten hießen ihn Freund, und die Fahrenden lobten ihn laut,
-weil ihn die Unrast plagte wie sie und weil er, seinem böhmischen Vater
-ungleich, die Schäbigkeit haßte.</p>
-
-<p>Von Flandern bis Rom, von Wien nach Burgund staubten die Straßen
-von seinen Fahrten, und wo sein Rittertum galt, füllte der Dampf
-seiner Rosse die Gassen; das Gold lag nicht locker in seinen Händen, aber
-reich wurden die Ehren gegeben, wie er sich selber zu ehren verstand.</p>
-
-<p>Den Theuerdank hieß er die Ruhmrede eigener Taten, prächtig gedruckt
-und mit prahlenden Bildern geziert; da war das ringende Leben der Völker
-nur eine Bühne, darüber der Kaiser sein wieherndes Roß ritt.</p>
-
-<h3 id="sec6_10">Die Fugger</h3>
-
-<p>Der Sohn eines Webers war nach Augsburg gekommen, zu weben und
-Handel mit Leinen zu treiben; eines Ratsherrn Tochtermann wurde er
-bald, saß selber im Rat und in der Zunft bei den Zwölfen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span></p>
-
-<p>Den reichen Fugger hießen sie schon seinen Sohn, aber der Reichtum
-saß nicht mehr am Webstuhl; sie waren Händler geworden, die Fugger in
-Augsburg, und Herren des Handels von Lübeck bis nach Venedig.</p>
-
-<p>Über den Brennerpaß brachten die Wagen der Fugger den Handelsgewinn
-des Morgenlands her, Gold und Gewürze, Seide und Sandelholz;
-über den Brennerpaß gingen die Schätze des Nordens, Pelze und Bernstein;
-wo ein Handelsplatz war, standen ihre Kontore, und wo ein Handelsgewinn
-war, hielten die Fugger das goldene Becken.</p>
-
-<p>Jakob, der Zweite genannt, hielt Hof wie ein Fürst; immer noch kamen
-die Wagen von Norden und Süden nach Augsburg, Ware zu tauschen,
-aber die goldene Schreibstube der Fugger war die Goldwaage des Reiches
-geworden.</p>
-
-<p>Nicht mehr die Kaufleute allein kamen als Kunden der Fugger, Grafen
-und Fürsten brauchten Silber und Gold und brachten dafür ihre Rechte:
-so wurde Jakob der Fugger ein Bankherr, Zins und Segen des Bergbaus
-gemächlich zu ernten.</p>
-
-<p>So wurde Jakob der Fugger ein Ritter; denn keiner lief ihm so eifrig
-zu wie Max, der Habsburger Kaiser: das Gold seiner Fahrten und seiner
-Pracht floß aus den Quellen der Fugger, so hing er dem Hüter der Quelle
-das Adelskleid um.</p>
-
-<p>Aus Webern wurden die wahren Herrscher der Zeit, weil sie das jüdische
-Amt der Goldwaage erbten; tauschen und täuschen galt einmal gleich vor
-der Zunft, und der Zins war des Teufels: aus dem Boden des redlichen
-Handwerks wuchsen die Fugger geil in das Kraut der Geschäfte.</p>
-
-<p>Sie zahlten dem Kaiser den Feldzug mit Talern und nahmen dem Volk
-seinen Pfennig dafür; sie wurden Reichsgrafen genannt und hatten das
-fürstliche Recht, silber- und goldene Münzen zu schlagen; sie wohnten in
-Schlössern und ließen die Reichsadler wehen über dem Prunk ihrer Tage.</p>
-
-<h3 id="sec6_11">Albrecht Dürer</h3>
-
-<p>Als Wohlgemut Meister der Nürnberger Schilderzunft war, brachte
-ein Goldschmied seinen Knaben zu ihm in die Werkstatt, weil der mit Eifer
-und Tränen zur Malerei wollte.</p>
-
-<p>Albrecht Dürer war er genannt, hielt fleißig die Lehre, obwohl die wilden
-Gesellen des Meisters den zärtlichen Lehrling mit Hochmut und Schabernack
-plagten.</p>
-
-<p>Nach seiner Lehre zog Albrecht Dürer gen Colmar, wo Martin Schongauer
-Meister der Stichelkunst war; er fand den Meister nicht mehr am<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-Leben, aber er blieb als Geselle in Colmar, Straßburg und Basel und
-lernte so trefflich zu zeichnen, daß Menschen, Tiere und Bäume auf seinen
-Blättern leibhaftig dastanden.</p>
-
-<p>Daß er selber in Nürnberg Meister der Schilderzunft würde, rief ihn
-der Vater endlich zurück und hatte ihm auch schon die Hausfrau gesucht aus
-gutem Geschlecht.</p>
-
-<p>Aber der Sohn hob an zu ringen um reicheren Ruhm; er ließ die Frau
-und die Werkstatt und fuhr nach Venedig, begierig, die welschen Meister zu
-sehen und was sie mehr als die Deutschen vermöchten.</p>
-
-<p>Da sah er mit Staunen, wie gut sie den Bau des menschlichen Körpers
-und die Gesetze der Räumlichkeit kannten: rechte Körper recht in den Raum
-zu stellen nach ihrer Bedeutung, das schien ihm danach die Richtschnur, ein
-Meister zu werden wie sie.</p>
-
-<p>Aber er war kein Wechsler, er mußte zurück in die Nürnberger Werkstatt
-und mußte durch Mühsal die Wegspur suchen, wo jene mit lächelnder
-Leichtigkeit gingen.</p>
-
-<p>Als er daheim war, fing er mit Holzschnitten an &ndash; Heiligenbilder machten
-sie so für die Messen, Bilder geschnitten in hölzerne Platten und abgedruckt
-auf geschöpftes Papier &ndash; er aber schnitt die vierzehn Blätter der
-Offenbarung Johannis.</p>
-
-<p>Da thronte inmitten der sieben Leuchter Christus hoch in den Wolken,
-seine Hand blitzte Sterne, aus dem Mund ging das zweischneidige Schwert;
-da kämpften die Geister im Himmel, und Michael traf den teuflischen
-Drachen; da ritten die grausigen Reiter zu viert durch die brausende Luft,
-den vierten Teil der Menschheit vernichtend.</p>
-
-<p>Wirr wie der Troß dieser Träume waren die Striche: zerknitterte
-Wolken mit schäumenden Rändern, geringelte Locken, zackige Faltengewänder,
-flatternde Engel und wehende Bäume füllten den schwarzweißen
-Raum seiner Blätter.</p>
-
-<p>Da war noch einmal die gotische Welt, der Altar von Isenheim glühte
-hinter den Strichen; aber die Sehnsucht des Nürnbergers war auf die
-Klarheit gerichtet: wie der Mond aus Gewölk wollte das Werk seiner Hand
-in den Sternhimmel steigen.</p>
-
-<p>Der Sternhimmel stand, und der Mond stieg tapfer hinauf in die ewigen
-Räume, aber das krause Gewölk hing ihm an; bis der Tod seine Hand
-still legte, rang Albrecht Dürer um Klarheit und blieb in den Wolken der
-neblichten Wälder gehindert.</p>
-
-<p>Rechte Körper recht in den Raum zu stellen nach ihrer Bedeutung, das
-blieb seine Satzung: aber die Körper sperrten sich sehr, und der Raum<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span>
-schwand im Gedränge der Vielheit, bis seinem Alter das Bild der Apostel
-gelang.</p>
-
-<p>Dem evangelischen Wort gleich im Aufruhr der Tage standen sie da und
-füllten den Rahmen mit einfacher Größe: alles war recht, Körper und
-Raum und Bedeutung, nur das Gewand der Empfindung war auf welsche
-Weise gefärbt.</p>
-
-<p>Zwischen den Zeiten war seiner Seele die Weite verschüttet, Herkunft
-und Hingang rangen in all seiner Kunst um die Stärke, weil ihm kein
-Füllhorn der Gegenwart Überfluß schenkte.</p>
-
-<p>Niemals gelang ihm der Guß aus der glühenden Schmelze, wie er dem
-Altar Grünewalds Inbrunst, Grauen und Seligkeit gab.</p>
-
-<p>Aber wie Jakob zwang er den Segen, als er den Stichel ansetzte, die
-deutschesten Blätter in Kupfer zu graben.</p>
-
-<p>Den Ritter zuerst, wie er hinaus ritt von seiner Burg, Tod und Teufel
-zum Trotz den Kampfritt zu wagen: da saß er selber zu Roß und war ein
-Sinnbild der Zeit, die mit gepanzerten Fäusten dem Geist wider die falschen
-Gewalten das Wegrecht zu zwingen gedachte.</p>
-
-<p>Aber der Geist war in die Fesseln der Frage verstrickt; mit lahmen Flügeln
-der Melancholie saß die Mutter der Dinge und konnte der Faust des
-Ritters nicht folgen, weil ihre forschenden Augen den Irrweg erkannten:
-so war das zweite Blatt seiner Stiche.</p>
-
-<p>Aber das dritte war dies: im engen Gehäus saß der Greis und schrieb
-seine Blätter; da war der Tod nur noch ein Schädel, der im Abendlicht zwischen
-den Büchern und Kissen &ndash; der Arbeit und Ruhe &ndash; dem Dasein gehörte;
-Reinecke Fuchs und der Löwe, Klugheit und Herrschergewalt lagen
-im Schlummer zu seinen Füßen, indessen die gläubige Einfalt ihr Tagewerk
-machte.</p>
-
-<p>Drei Blätter in Kupfer gestochen: aber die alte und neue Zeit, Herkunft
-und Eingang des Geistes, waren darin mit deutscher Seele geschrieben.</p>
-
-<h3 id="sec6_12">Hans Holbein</h3>
-
-<p>Als Albrecht Dürer in Nürnberg die Melancholie machte, kam Holbein
-nach Basel, Sohn eines Malers in Augsburg und selber schon seiner Sache
-gewiß.</p>
-
-<p>Ihm war die Weite nicht mehr verschüttet, und keine Wirrnis der Fragen
-hielt ihm den Willen gefesselt; er wollte das Werk seiner kunstreichen
-Hände, wie eine Schwalbe den Flug will.</p>
-
-<p>Den rechten Körper recht in den Raum zu stellen, brauchte er Augen<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-und Hände, nicht aber das Richtmaß schwieriger Gedanken, weil er ein
-Glückskind der Sinnenwelt war.</p>
-
-<p>Wohl mochte sein Silberstift zart und beharrlich die Dinge umschreiben,
-aber zeichnen und malen war ihm wie trinken und essen, und gern hielt er
-der Farbe ein lockeres Mahl.</p>
-
-<p>Das leuchtende Fleisch seiner Hand und Stirn, der rostige Pelz und das
-dunkle Tuch einer Schaube, der weiße Saum zierlicher Spitzen, die rote
-Glut des Brokats und der Perlenschaum im Geschmeide: alles tauchte sein
-Pinsel hinein in den glasklaren Grund seiner Farbe.</p>
-
-<p>Als er in Basel sein großes Madonnenbild malte, klangen die Farben
-wie Glocken; da war die farbige Fülle des Genter Altars von neuem leibhaftig
-geworden in einer einzigen Tafel.</p>
-
-<p>Aber die Basler Bürgerlichkeit war zu karg für die Pracht und die
-Fülle; Erasmus, sein spöttischer Gönner und Freund, half ihm nach England:
-da wurde Hans Holbein der Maler des Königs und seiner reichen
-Hofhaltung.</p>
-
-<p>Denn Max, der Kaiser, war tot; kein Fürst und kein Fugger konnte
-dem Reich den Königshof bauen, der über der Notdurft des Tages der
-Kunst eine Stätte bereiten, der den prahlenden Reichtum zur edlen Zier
-hinlenken sollte.</p>
-
-<p>Machtgier und Habsucht hielten das Gold in schäbigen Händen, und
-wenig fiel ab von den Tischen, daran die Bürgerschaft längst übersatt saß.</p>
-
-<p>Nur die Kaufleute drüben im Stahlhof wurden von Holbein gemalt;
-die Erbherren der Hansa brachten die Tafeln als köstliches Gut zurück aus
-der Fremde.</p>
-
-<h3 id="sec6_13">Erasmus</h3>
-
-<p>Ein blasses blondhaariges Männchen, Sohn einer läßlichen Liebe zu
-Rotterdam, aus klösterlicher Jugend mühsam befreit und in Paris den
-kahmigen Wein scholastischer Wissenschaft trinkend, hatte sich selber Erasmus,
-das ist der Ersehnte, genannt.</p>
-
-<p>Vorzeitig aus dem Nest gefallen, grämlich begönnert und auf die Gunst
-seiner Gaben gestellt, fand er beizeiten den sauren Witz; und wo die Humanisten
-mit Bienenfleiß die Waben bauten, war er die Wespe an den Früchten.</p>
-
-<p>Ob sie in Frankreich oder England hingen, in Florenz oder in Basel,
-sein Vaterland war überall, wo sich gescheite Köpfe an seiner witzigen Vernunft
-erfreuten, wo die Poetenschulen der Humanisten ihm Weihrauch
-schwangen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span></p>
-
-<p>So war Erasmus viel und fehl erfahren, als er sein Büchlein vom Lob
-der Torheit drucken ließ, das bald wie keines auf den Messen Europas hing.</p>
-
-<p>Aus Überdruß geboren und im Spott getauft, hielt Moria, die Torheit
-selber, dem Abendland dreist ihren Spiegel vor.</p>
-
-<p>Alle Stände ließ sie ihr Zerrbild sehen, die jungen und die alten Gecken
-am Gängelband der Frauen, Gelehrte und Rhetoren, Schulmeister, Fürsten,
-die das Volk betrogen, und das Volk selber, das sich willig betrügen ließ.</p>
-
-<p>Alle mußten dem lachenden Leser erst ihren Bocksprung machen, bis mit
-den Kutten das große Fastnachtsspiel der Torheit begann:</p>
-
-<p>Die Theologen mit den gebleichten Fahnen ihrer Spitzfindigkeit, die
-dreisten Bettelmönche und die Possenreißer der Kanzel, Bischöfe und Prälaten
-im Fett der Pfründen, der Statthalter Christi selber mit der dreifachen
-Krone, im Troß der Schreiber, Stallmeister, Advokaten die Schafe
-der Kirche scherend.</p>
-
-<p>Kein Sittenprediger aber schliff der Torheit den Spiegel so blank, ein
-Schalksnarr nur, der viel zu listig war, den Spiegel selber der Fastnacht hinzuhalten,
-und viel zu lustig im Geklingel seiner Schellen, als daß nicht alle
-der dreisten Späße lachten.</p>
-
-<p>Da hatte die Kirche die Tollheit kreuzfahrender Völker bestanden und
-hatte den Kampf mit dem Kaiser gewonnen, sie hatte die Ketzer verbrannt
-und den Reichtum der Länder in ihre Klöster getan: nun lockte ein listiges
-Männchen zu Basel den Leviathan hervor.</p>
-
-<p>Ein Jahrtausend war er zur Weide gegangen, die Abendländer zu fressen;
-als er sich hinlegen wollte, um zu verdauen, stak ihm die Distel im Hals, daß
-er sich würgte.</p>
-
-<p>Da sahen sie alle die Ohren und hörten die Stimme und lachten das
-Ungetüm aus, weil der Leviathan doch nur der Esel war.</p>
-
-<h3 id="sec6_14">Ulrich von Hutten</h3>
-
-<p>Er war mit siebzehn Jahren dem Stift in Fulda entlaufen und als
-Scholar ein Fahrender geworden; doch auf den hohen Schulen in Deutschland
-und Italien hieß Ulrich von Hutten längst ein Poet.</p>
-
-<p>So blank war sein Latein in Reime gebracht, daß sich die Humanisten
-allerorten des abenteuerlichen Jünglings gern annahmen, wenn er in schlechten
-Kleidern und zerrissenen Schuhen an ihre Tür zu klopfen kam.</p>
-
-<p>Catilina habe von Cicero, so hieß es, keine schärfere Schmach erfahren,
-als der Herzog in Württemberg von ihm erfuhr, da Hutten die Ritterschaft
-aufrief, den Mord an seinem Vetter Hans zu rächen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span></p>
-
-<p>Den hatte der Herzog auf der Jagd treulos erschlagen, weil die Frau
-des Ritters die Buhlin des Herzogs war; Ulrich von Hutten ruhte nicht
-mit seiner Feder, schärfer als alle Schwerter seiner Sippe, bis er den Herzog
-von Land und Fürstentum brachte.</p>
-
-<p>Noch aber war der Kranz auf seiner trotzigen Stirn nicht welk &ndash; der Kaiser
-selber ließ ihn zum Dichter krönen, und die Tochter des gelehrten Ratsherrn
-Peutinger in Augsburg band ihm den Lorbeer &ndash; als Ulrich von Hutten
-sich eines größeren Gegners vermaß.</p>
-
-<p>Weil sich das Kölner Pfaffentum an Reuchlin vergriffen hatte, flatterten
-aus Mainz die Briefe der Dunkelmänner in die Welt, den Humanismus
-an seinen Lästerern zu rächen; und jedermann erkannte, daß Hutten
-ihr frecher Spottvogel war.</p>
-
-<p>Es war dies aber zu der Zeit, als Luther den christlichen Adel deutscher
-Nation fürs Evangelium aufrief; der Mönch in Wittenberg schrieb Deutsch
-und kein Latein der Humanisten: da mußte auch der Ritter deutsche Antwort
-geben.</p>
-
-<p>Denn nun hieß Ulrich von Hutten kein Landfahrer mehr; er war dem
-Reichsritter Sickingen auf seine Ebernburg gefolgt und hatte die Faust
-gefunden, seine Fackel zu halten.</p>
-
-<p>Als das Gesprächsbüchlein Herrn Ulrichs von Hutten gedruckt erschien,
-da ritt der deutsche Ritter ins römische Revier, so gegen Tod und Teufel
-gewappnet, als ob der Kupferstich des Meisters Albrecht Dürer Erscheinung
-geworden wäre.</p>
-
-<p>Sie hatten eine Druckerpresse auf ihrer Herberge der Gerechtigkeit, die
-beiden Ritter, davon der eine vordem ein landfahrender Humanist, der andere
-ein kaiserlicher Feldhauptmann gewesen war: nun hielten sie Halbpart
-als Herz und Hand der deutschen Ritterschaft.</p>
-
-<p>Nun träumten sie den frühesten Traum des deutschen Reiches gegen
-Rom: ein Reich wie vormals auf den Stand der Freien so auf den Ritterstand
-gegründet, der hinter sich das Volk und vor sich ohne Fürsten- und Bischofsgewalt
-den Kaiser der Deutschen habe.</p>
-
-<p>Aber Max, der Kaiser, ritterlichem Ruhm rechtschaffen zugewandt, war
-in den zuckenden Blitzen der neuen Zeit gestorben; und Karl der Fünfte
-schleppte die Last der halben Welt auf seinem Rücken.</p>
-
-<p>Er war in Spanien daheim und kannte Deutschland nur als Wallburg
-seiner Weltherrschaft; auch brauchte er für seinen Krieg in Frankreich die
-Fürsten und den Papst nötiger als deutsche Ritter.</p>
-
-<p>Der Sickingen schlug los, schon krank und grämlich von der Gicht, aber
-die Hand war nicht so stark, wie sie das Herz gedacht hatte: all seine Burgen<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span>
-wurden ihm berannt, mit seiner Feste Landstuhl fiel Franz von Sickingen
-seinem Todfeind, dem Bischof Greiffenklau von Trier, tödlich verwundet
-in die Hände.</p>
-
-<p>Der hitzige Morgentraum der deutschen Reichsritterschaft war ausgeträumt,
-als Luthers Tag anfing.</p>
-
-<p>Die Reichsritterschaft zu wecken, war Ulrich von Hutten vergeblich nach
-Schwaben ausgeritten; weil er nicht mehr heimreiten konnte, stieg er ab vom
-Roß, aus einem Ritter gegen Tod und Teufel ein Landfahrender zu werden,
-wie er vormals war, nur daß ihn jetzt die Hunde der Päpstlichen hetzten.</p>
-
-<p>Da war auch dem Erasmus in Basel die Bekanntschaft zu bedenklich;
-häßlich aus der Stadt verwiesen, todkrank und seines Lebens satt, trat Ulrich
-von Hutten mit schlechten Kleidern und zerrissenen Schuhen bei dem
-Prediger Zwingli in Zürich an.</p>
-
-<p>Der nahm den schlimm Gehetzten in Güte auf und gab ihn dem Johannes
-Schneck in Pflege, der auf der Insel Ufenau im blauen Zürichsee Pfarrhalter
-und heilkundig war.</p>
-
-<p>Nur vierzehn Sommertage fraß die Krankheit noch an dem Lebensrest,
-darin die Glut der Zeit wie Zunder brannte; dann starb Ulrich von Hutten,
-der fürwahr ein Fahrender, ein Reiter ohne Roß, ein Herz ohne Hand, und
-einmal ein Ritter gegen Tod und Teufel war.</p>
-
-<p>Als der deutschen Freiheit Verfechter aber ritt sein geharnischtes Bildnis
-auf dem Gesprächbüchlein noch lange durch die Hoffnung der Herzen
-mit seinem Trutzwort: Ich hab's gewagt!</p>
-
-<h3 id="sec6_15">Der Mönch von Wittenberg</h3>
-
-<p>Das Lob der Torheit lachte in den Späßen des Erasmus; der Humanismus
-zahlte den Scholasten den letzten Schimpf; Leo der Medicäer war
-Papst, und Kaiser Maximilian, der letzte Ritter, starb als die unruhvolle
-Spindel verblaßter Herrlichkeit: da schlug zu Wittenberg in Sachsen die
-Stunde der neuen Zeit.</p>
-
-<p>Ein Mönch hob seinen Hammer, das Mauerwerk zu prüfen, darauf im
-Namen Christi die stolze Gralsburg der Kirche gebaut war; ein Augustiner
-rief im Gottesstaat der Priester die Losung der deutschen Seele aus; ein
-Bergmannssohn aus Sachsen trat in den Rat der Fürsten, das Reich von
-Rom zu lösen.</p>
-
-<p>Er hatte Welt und Würde abgetan nach harten Jünglingsjahren und
-schmerzensreich in seiner Zelle um Gott gerungen, bis sein Gewissen den
-Trost der Schrift, sein Glaube den Gnadenquell der Liebe fand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span></p>
-
-<p>Von seinem Orden als Lehrer nach Wittenberg gesandt, fand seine Predigt
-das Ohr des Volkes, und die Inbrunst seiner Lehre zog viel Schüler an,
-als ihm der Ablaßhandel Predigt und Lehre störte.</p>
-
-<p>Sie schlugen ihre Buden auf gleich Kirmesleuten, mit Höllenpein und
-Fegfeuer das Christenvolk zu schrecken, mit gotteslästerlichem Witz die
-Gläubigen zu betrügen, daß sie für einen Groschen den Ablaß ihrer Schuld
-und die Vergebung ihrer Sünden kauften.</p>
-
-<p>Als aber Tetzel sein Marktgeschrei in Jüterbog anhob, so daß dem Doktor
-Martin Luther seine Beichtkinder in Wittenberg die Ablaßzettel brachten:
-da schwoll dem Doktor der gottbemühte Geist im Zorn um diesen
-Seelenhandel.</p>
-
-<p>Er schlug seine Thesen an die Schloßkirchentür, mit jedem in der Welt zu
-streiten: daß die samt ihren Meistern zum Teufel führen, die durch den Groschen
-für einen Ablaßbrief vermeinten, der Seligkeit versichert zu werden.</p>
-
-<p>Es sollte nur eine Streitschrift sein, dem Ablaßhandel zu begegnen, aber
-es wurde eine Botschaft Gottes daraus; denn wie Gewässer von den Bergen,
-so fing die Hoffnung an zu rinnen, daß hier ein Herold des Heliands
-die Wiederkunft verkünde.</p>
-
-<p>Noch schien dem Medicäer der Handel nur Mönchsgezänk; Rom drohte
-mit dem Finger, die Dreistigkeit zu dämpfen: es sandte Cajetan, den Kardinal,
-und danach Miltitz, den Kammerherrn; und was der eine hochmütig
-in die Grube warf, das scharrte der andere mit Taubenklugheit wieder aus.</p>
-
-<p>Schon schien der Trotz des Mönches in Milde eingepackt, da sprang der
-Schwabe Johann Eck dazwischen mit seiner Feuerzange.</p>
-
-<p>Der hielt sich für den Kirchenvater der neuen Zeit, und er gedachte, mit
-Gelehrsamkeit den Mönch zu packen, als er den Kühnen nach Leipzig rief,
-ihm Antwort zu geben auf seine frechen Thesen.</p>
-
-<p>Da focht die fauchende Scholastik den letzten Hahnenkampf; durch
-zwanzig Tage sprangen die Kämpfer an und ließen Federn, bis der Schwabe
-zerrupft abfuhr nach Rom, sich einen neuen Dorn zu schärfen.</p>
-
-<p>Der Bannstrahl, der den Salier barfüßig nach Canossa brachte und der
-dem Hohenstaufen das Henkerbeil zückte, der die Stedinger ausbrannte
-und den Scheiterhaufen in Konstanz flammen ließ: mit dem traf nun der
-Medicäer den Mönch in Wittenberg.</p>
-
-<p>Seines Sieges sicher brachte der Schwabe selber die Bannbulle mit;
-doch war indessen der Doktor Luther hoch in der Gunst gestiegen, und seine
-Sendschreiben hatten den deutschen Zorn gezückt.</p>
-
-<p>Nicht mehr dem Tetzel galt der Zorn und nicht mehr dem Ablaßhandel,
-den Kutten nicht und nicht mehr den Ketzerrichtern, dem Wohlleben der<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span>
-Bischöfe und der Priesterverderbnis: er galt der dreifachen Krone der römischen
-Kirchengewalt.</p>
-
-<p>So konnte der Mönch in Wittenberg wagen, was Jesus von Nazareth
-tat, da er im Tempel die Tische der Wechsler umwarf und seinen Wehruf
-über Jerusalem sprach.</p>
-
-<p>Ein Wintertag klang in den Schritten der Männer und Schüler, die
-ihm vor das Elstertor zum verwegenen Hochgericht folgten; ein Wintertag
-füllte den Himmel mit frostkaltem Licht, als sie den Holzstoß ansteckten,
-daß die zuckenden Flämmchen sich einten zur Flamme, die steil und stolz auf
-dem Opferaltar stand.</p>
-
-<p>Da trat er vor in den Kreis, Magister und Mönch in der Kutte und
-Machthaber der ewigen Gleichung; da warf er die päpstliche Bulle hinein
-in das Feuer, das uralte Sinnbild der Entsühnung, und sprach das Wort
-aus Josua: Weil du den Heiligen des Herrn betrübt hast, so betrübe und
-verzehre dich das ewige Feuer!</p>
-
-<p>Der gerichtet war im päpstlichen Spruch, stand richtend vor seinen Richtern;
-nicht ihren Irrtum allein verwarf er, er verwarf ihren Grund im Gesetz:
-mit der Bulle verbrannten die Bücher der kirchlichen Herkunft, verbrannte
-im Holzstoß des eifernden Doktors das kanonische Recht der römischen
-Kirche.</p>
-
-<p>Nie hatte einer so Kühnes gewagt, seitdem es römisches Kirchentum
-gab; die Flammen fraßen sich fröhlich hinein in die Schrift des tausendjährigen
-Reichs; eine gläubige Schar stand dem Tollkühnen bei auf dem
-Rand der brennenden Welt.</p>
-
-<h3 id="sec6_16">Der Reichstag zu Worms</h3>
-
-<p>Auf einem Rollwagen fuhr er zum Reichstag, und das Volk lief ihm
-zu, der so Kühnes vermochte, die Städte holten ihn ein mit Reitern, und die
-Räte begrüßten ihn vor den Toren: gleich einem Schatz von Hand zu Hand
-weitergereicht, fuhr Martin Luther durchs deutsche Land in zwölf Reisetagen.</p>
-
-<p>In Eisenach wurde er krank, und die Raben vom Kyffhäuser flogen herbei,
-seine Kühnheit zu warnen; aber er hob den widerspenstigen Leib in den
-Willen und verscheuchte die unholden Vögel.</p>
-
-<p>Wenn sie ein Feuer machten von Worms bis hierher, ich müßte hindurch;
-und wenn soviel Teufel da wären wie Ziegel auf den Dächern, ich
-wollte hinein!</p>
-
-<p>Ein Frühlingstag tat sich auf aus dem neblichten Morgen, als er einzog
-durch das drängende Volk der brausend erfüllten Stadt: kein Hosiannahgeschrei,<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span>
-staunende Furcht und hitzige Hoffnung stritten um ihn; aber
-in seiner Herberge kamen und gingen die Ritter bis in die Nacht, das deutsche
-Gewissen mit Schwert und Handschlag zu grüßen.</p>
-
-<p>Dann stand der Mönch am anderen Morgen allein in der bänglichen
-Stille, wo die Brandung verstummte und die Strudel der schweigenden
-Ehrfurcht den Kaiser umkreisten.</p>
-
-<p>Er sah das Jünglingsgesicht blaß wie seines und beinern vor den purpurnen
-Tüchern; denn Fackellicht füllte die Halle mit dem schwelenden
-Spiel rötlicher Lichter und raunender Schatten.</p>
-
-<p>Vor die Fürsten und Stände des Reiches war er gerufen, aber er stand
-vor dem Schlagbaum der Kirche, die nichts als den Widerruf wollte.</p>
-
-<p>Die Stimme der gläubigen Seele traf an das Ohr der römisch-deutschen
-Entscheidung; sie hob die flatternden Flügel, über den Schlagbaum
-zu fliegen, und in die kreisende Stille scholl ihr bänglicher Ruf.</p>
-
-<p>Bis sie die Häupter der Fürsten und geistlichen Herrn und das beinerne
-Antlitz des spanischen Jünglings umschwebte, der die Krone der Habsburger
-trug: da waren der Ohren zu wenig, trotzdem es Tausende hörten, da
-war der Reichstag das Reich.</p>
-
-<p>Ein todblasser Mönch ließ seine zuckende Seele aus dem römischen Käfig
-den ersten Flügelschlag tun: im Gewissen allein war Gott, nicht in der
-Fürbitte bemalter Heiligenbilder, nicht im Ablaß abgewogener Bußen,
-nicht im blinkenden Gold und im Sühnegesang lateinischer Messen, nicht in
-den Listen und Lüsten päpstlicher Schlüsselgewalt.</p>
-
-<p>Der Heliand wachte auf in den Herzen der Hörer; sie sahen die schwebende
-Stimme und fühlten die nahenden Schritte im Schlag der schwingenden
-Flügel: der in den Himmel gefahren war aus dem Hader enttäuschter
-Hoffnung, der Heliand kam wieder herab auf die Erde.</p>
-
-<p>Aber der spanische Jüngling, der deutschen Sprache unkundig, verstand
-nicht die Stimme; er sah nur den Mönch vor dem Schlagbaum der Kirche;
-er wollte den Widerruf hören, weil er den Papst samt den Fürsten und
-Knechten der Deutschen für seine Machthändel brauchte.</p>
-
-<p>Wie einst der Landpfleger tat, wusch er die Hände im silbernen Becken;
-aber Friedrich der Weise von Sachsen, der treue Eckart des Reiches, gab
-seinen Schützling nicht preis, und die Schwerter der Ritter hielten geheime
-Wacht, daß dem deutschen Gewissen kein römisches Unrecht geschähe.</p>
-
-<p>So brannte kein Holzstoß in Worms wie vormals in Konstanz; bei
-Nacht und Nebel entwich Aleander, Roms listenreicher Legat, aus der
-störrischen Stadt, indessen der Mönch durch das festliche Volk, von Rittern
-und Knappen geleitet, als Sieger nach Wittenberg fuhr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span></p>
-
-<p>Wohl flogen die unholden Vögel krächzend um seinen Wagen, die
-Reichsacht lief hinter ihm her, den Ketzer zu fangen; aber Kirche und Kaiser
-vereint vermochten dem Kühnen nichts mehr, weil der Heliand gewaltigen
-Schrittes umging im Reich und die deutsche Seele ihm zulief in unübersehbaren
-Scharen.</p>
-
-<h3 id="sec6_17">Die deutsche Bibel</h3>
-
-<p>Sie taten dem Mönch ein Junkerkleid an mit Sporen, Gürtel und
-Schwert, indessen sein Rollwagen leer aus dem bangen Geheimnis des
-Thüringerwaldes nach Wittenberg kam.</p>
-
-<p>Auf der Wartburg saß Luther in gütiger Haft, Feinden wie Freunden
-verborgen &ndash; und die Raben flogen vergebens &ndash; den Deutschen die Bibel zu
-schenken.</p>
-
-<p>Da wurde dem Baum der römischen Kirchenverderbnis die Axt an die
-Wurzel gelegt: wohl blühte die heilige Schrift von Demut und Güte und
-von der barmherzigen Liebe, aber kein Schaumgold der dreifachen Krone lag
-auf den Zweigen, nicht Klöster und Mönche gab es darin, nicht Ablaß und Fegefeuer,
-nicht Seelenmessen und Bann, Kreuzzüge und Ketzerverbrennung.</p>
-
-<p>Auch hatten scholastische Mönche noch nicht den Irrgarten verklügelter
-Deutung um den Baum des Lebens gezirkelt mit künstlich verschorenen
-Hecken und listig verriegelten Türen.</p>
-
-<p>Noch war das Reich Gottes inwendig und nicht im Ornat gottesstaatlicher
-Großen: Gott kam ins Kämmerlein gläubiger Einfalt, statt in den
-Schatzkammern prunkender Dome als ewiges Irrlicht zu wohnen; und im
-Gewissen allein quoll der Brunnquell göttlicher Gnade.</p>
-
-<p>Da war der Heiland der Sohn einer Magd, im Stall und in Armut geboren;
-er suchte auf Märkten und Straßen des Landes das Volk, statt in
-den Räumen der Reichen zu rasten.</p>
-
-<p>Da war das Wort noch die Saat, in gläubige Seelen gesät, und die
-Lehre kein Priestergeheimnis, im Weihrauch rauschender Messen zum geistlichen
-Schauspiel gemacht.</p>
-
-<p>Da war Gott noch ein Geist, wohnend im reinen Gewissen, und wer ihn
-anrief in Wahrheit, den machte er selig und stark in der Seele, aus der leibhaftigen
-Notdurft den Weg der Allmacht zu finden.</p>
-
-<p>Da kam die Seele zu Gott wie ein Kind, dem Vater vertrauend in lächelnder
-Liebe, und sprach in einfachen Worten mit ihm wie die Jünger zu
-Jesus, und glaubte das Gleichnis der Gnade und bewegte den Sinn gleich
-Maria im feinen, gläubigen Herzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span></p>
-
-<p>So stand das Wort in der Schrift und war in den Sarg der lateinischen
-Sprache gelegt; der Junker Jörg auf der Wartburg zerbrach den gläsernen
-Deckel, er weckte den Scheintoten auf und hieß ihn wandeln im Tag der
-deutschen Beseelung.</p>
-
-<p>So wurde der Heiland geboren, wo der Heliand starb; kein Königssohn
-mehr mit Recken und Degen: der Mühseligen Freund und der Beladenen
-Tröster, lächelnd von Liebe und Weisheit, urvertraut im Klang und Sinn
-der eigenen Sprache.</p>
-
-<p>So kam im deutschen Gewissen die christliche Freiheit zur Welt, gottselig
-eins im Trachten und Tun, im Denken und Dichten des ewigen Daseins,
-und tapfer im irdischen Tagwerk.</p>
-
-<p>Die dreifache Krone prahlte im Glanz des Augustus; die Humanisten
-holten den Hades herauf; der Zimmermannssohn ging ein in die Häuser
-und Hütten, die Heimat der Seelen zu künden: Jesus von Nazareth
-wurde im deutschen Gewissen der Heiland der Welt.</p>
-
-<h3 id="sec6_18">Philipp Melanchthon</h3>
-
-<p>Er war ein Großmutterkind; denn sein Vater, des Pfalzgrafen Waffenschmied
-Schwarzerd in Bretten, starb früh; aber die Großmutter in
-Heilbronn war die Schwester von Reuchlin: so wuchs der bläßliche Knabe
-im Griechentum auf und nannte sich selber Melanchthon.</p>
-
-<p>Mit dreizehn Jahren Student, mit siebzehn Magister, galt er ein Wunder
-frühreifen Geistes; als ihn der Kurfürst von Sachsen nach Wittenberg
-rief, war seine Gelehrsamkeit berühmt an den Schulen wie die des Erasmus.</p>
-
-<p>Er war in Hellas zuhaus, als ob er gestern aus dem Garten Platons
-gegangen und durch einen Zauber in Schwaben aufgewacht wäre; aber die
-Kraft und Schönheit des griechischen Leibes war nicht mit durch den Zauber
-gekommen.</p>
-
-<p>Als er in Wittenberg ankam, schmächtig und schüchtern, war Luther erschrocken,
-daß dies der von Reuchlin gepriesene Lehrmeister wäre; bald aber
-sah er den reichen Geist im kargen Gehäuse: wie einen jüngeren Bruder gewann
-er ihn lieb, zärtlich besorgt und ehrlich bewundernd.</p>
-
-<p>Denn Philipp Melanchthon war nicht erwacht, daß er ein griechischer
-Träumer aus Schwabenland bliebe; ihm hielten die fremden Gewänder der
-Sprache den Geist nicht verhüllt, und wo Platon lebendig war, konnte das
-graue Gespinst der Scholastik nicht bleiben.</p>
-
-<p>Er hatte in Leipzig dem Hahnenkampf zugehört, da Luther und Eck mit<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span>
-den Worten der Kirchenväter einander bestritten; aber er kannte den Urtext
-und sah das Quellwasser der alten Berichte im Kirchengebrauch getrübt
-und unrein gemacht.</p>
-
-<p>Und weil ihm Luthers gläubige Kraft Entschlossenheit gab, nahm er den
-Text der heiligen Schrift als Gesetz, die Lehren der Kirche und ihre Gebote
-ernst und besonnen zu prüfen.</p>
-
-<p>Wie der Gärtner einen verwilderten Baum mit kundigen Händen erneut,
-die geilen Triebe dem Fruchtreis zuliebe beschneidet, den Krebs und
-die Flechte ausrottet, so kam sein Messer, den üppigen Wildwuchs der
-Kirche zu lichten.</p>
-
-<p>Wo aber die Krone zu kahl wurde, gab Luther ein Edelreis her von seinem
-paulinischen Glauben.</p>
-
-<p>So wirkten die Männer in Wittenberg gut ineinander, der mutige
-Mönch und der milde Magister: inbrünstiger Glaube und starkes Gewissen
-gingen der Schärfe und Freiheit des Geistes zur Hand, Griechen- und
-Deutschtum ließ der erschütterten Christenheit den neuen Lebensbaum
-wachsen.</p>
-
-<h3 id="sec6_19">Ulrich Zwingli</h3>
-
-<p>Er kam von den Bergen im Toggenburg; wie das weiße Gewölk im
-blauen Himmel der Heimat, wie die saftgrünen Matten und die hurtigen
-Quellen, indessen die reinen Firnen die zackige Ferne begrenzen: so aus dem
-Jungbrunnen war seine Seele gestiegen.</p>
-
-<p>Sein Vater war Ammann; wie Abraham einst hatte er Weiden und
-Vieh und Raum, acht Söhnen das Ihre zu geben; aber er war auch ein
-Schweizer, der in der Eidgenossenschaft die trotzige Freiheit der Väter bewahrt
-sah: ihm dankte der Sohn den aufrechten Nacken.</p>
-
-<p>Als er mit jungen Jahren schon Pfarrer in Glarus war, zog er tapfer
-hinaus mit dem Haufen der Glarner; bei Marignano deckte sein Pfaffenkleid
-nicht weniger Mut als ein Harnisch.</p>
-
-<p>Aber er sah den Reislauf mit Grimm und wie die Schweizer ihr Blut
-um schäbiges Gold auf den fremden Markt brachten; er rief den Stolz der
-reichen Geschlechter, und als sie nicht auf ihn hörten, ging er mit feuriger
-Rede ans niedere Volk.</p>
-
-<p>Darüber kam er in Streit mit den Großen, er mußte die Pfarre in
-Glarus verlassen, als kleiner Vikar in Einsiedeln neu zu beginnen: aber da
-fand er das Schrittmaß, sein Leben größer zu schreiten.</p>
-
-<p>In Einsiedeln las er die heiligen Schriften, wie sie Erasmus von Rotterdam<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span>
-ans Licht gebracht hatte; so zog seine Predigt das reine Gewand
-des Evangeliums an.</p>
-
-<p>Als ihn die Züricher danach als Prediger holten &ndash; im dreiunddreißigsten
-Jahr seines hurtigen Lebens &ndash; war Ulrich Zwingli ein Jungmann im Priestergewand,
-wie Saul war, da Samuel den Hirten als König in Kanaan
-salbte.</p>
-
-<p>Indessen Luthers gewaltiges Wort das deutsche Gewissen wachrief, indessen
-Hutten mit glühender Feder das Reich gegen Rom hetzte, ging
-Zwingli den aufrechten Gang des Schweizers zu praktischen Zielen:</p>
-
-<p>Er wollte den Staat als Christengemeinschaft, aber die Schrift, nicht
-die Kirche sollte der Macht Rechtfertigung geben; wie in der Urväterzeit
-alemannischer Herkunft sollte die freie Gemeinde sich selber Gesetz und
-Geltung bedeuten.</p>
-
-<p>So wurde der Sohn des Ammanns aus Toggenburg im Predigerrock
-Träger der Staatsgewalt.</p>
-
-<p>So wurde in Zürich der rauschende Prunk der römischen Kirche vor die
-Türe gekehrt; so mußten die Klöster Schulen und die Chorherrn Lehrer
-sein; so wurde das Münster, von Messe und Weihrauch und Wallfahrt gereinigt,
-der Saal der Gemeinde, und der Priester war nur noch ihr Sprecher.</p>
-
-<p>So sank die Hülle des Morgenlandes hin von der neuen Christengemeinde;
-die deutsche Seele blieb tapfer dabei, die christliche Erbschaft zu
-halten, aber sie wollte der Lehre die eigene Ordnung, Haltung und Würde
-geben.</p>
-
-<p>So wurde in Zürich der evangelischen Freiheit die erste Stätte bereitet;
-Basel und Bern traten der Mutigen bei; und dies war der kühne Traum
-Zwinglis, daß die Eidgenossenschaft trotz Fürsten- und Kirchengewalt
-rundum das Freiland christlichen Menschentums würde.</p>
-
-<p>Aber die Bauernschaft in den Bergen wollte dem Beispiel der Bürger
-nicht folgen, und die Gewaltherren der Reisläuferschaft in Zug und Luzern,
-Unterwalden, Uri und Schwyz ergriffen heimlich die Habsburger
-Hand, mit fremder Söldnermacht gegen die Städte zu ziehen.</p>
-
-<p>Da wurde der Bund der Väter gebrochen, da kamen die Eidgenossen
-zum Krieg, den die evangelischen Bürger gegen die katholischen Waldstätten
-bei Kappel kläglich verloren.</p>
-
-<p>Zwingli, das Wort, blieb der Tat treu und zahlte mit seinem kostbaren
-Leben; bei seinem Häuflein erschlagen, lag er im blutigen Anger, bis seine
-Feinde das klare Antlitz erkannten und seinem Leichnam das Ketzergericht
-hielten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span></p>
-
-<p>Gevierteilt, verbrannt, als Asche verstreut in den Wind: ging der edelste
-Schweizer ein in das reine Gedächtnis.</p>
-
-<h3 id="sec6_20">Der Bauernkrieg</h3>
-
-<p>Kaiser und Kirche hatten einander bestritten, aber sie waren die starken
-Machthalter der Welt; nun sahen die Völker die Stärke schwach werden,
-und aus den Tiefen der Unterdrückung hob die Freiheit die drohenden Fäuste.</p>
-
-<p>Was in Zürich durch Zwingli geschah, konnte im Reich nicht werden:
-hart lag die Bischofs- und Fürstengewalt auf dem Bürger, der Bauer war
-höriger Untertan seines Ritters.</p>
-
-<p>Ihm konnte die Freiheit in Christo nicht in sein unfreies Dasein leuchten,
-ihm mußte die Predigt von Wittenberg die Schwarmgeister irdischer
-Hoffnung wecken: Karlstadt und Münzer waren seine Propheten, sein
-Evangelium wurde der Aufruhr.</p>
-
-<p>Indessen der Junker Jörg auf der Wartburg die deutsche Bibel zu
-schreiben begann, war Karlstadt in Wittenberg mächtig geworden: er sah
-die Kirchengebräuche an als Wohnung des Teufels und war mit Eifer dabei,
-sie zu zerstören.</p>
-
-<p>Messe und Klosterdienst, Beichte und Bilderverehrung, das Eheverbot
-und die Geltung des geistlichen Standes griff er mit hitzigen Schriften und
-heftigen Predigten an.</p>
-
-<p>Auch kamen nach Wittenberg Männer, aus Zwickau vertrieben, die
-glaubten und lehrten in hitziger Einfalt die Freiheit der Seele, die selber
-und immer in Gott sei und weder der Schrift noch einer lehrbaren Deutung
-bedürfe, um selig zu werden.</p>
-
-<p>Der gefährlichen Predigt zu wehren, zog Luther sein Junkergewand
-aus; Bann und Reichsacht zum Trotz kam er zurück, sein mächtiges Wort
-gleich einem Damm vor das leckende Feuer zu werfen.</p>
-
-<p>Ihm mußten die Zwickauer Schwärmer aus Wittenberg weichen; aber
-die hart Vertriebenen nahmen den Feuerbrand mit, sie zogen hinaus in die
-süddeutschen Länder: bald fingen die Dörfer in Thüringen, Franken und
-Schwaben hell an zu brennen.</p>
-
-<p>Da fraß die Lehre der Freiheit das faule Gebälk der Obrigkeit nieder,
-da griff die Gleichheit vor Gott die irdische Hörigkeit an, da rief der
-Schwarmgeist den Bauer zur Bruderschaft auf, sein Menschenrecht zu erzwingen.</p>
-
-<p>Die zwölf Artikel hieß das Gelübde, darauf sie den Bund schworen,
-darauf die Bauern den Krieg gegen die Fürsten und Ritter begannen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span></p>
-
-<p>Sie wollten nicht länger leibeigen bleiben und nicht mehr den Zehnten
-bezahlen; wieder wie einst sollte das Land der freien Gemeinde gehören;
-Holz, Fischfang und Jagd sollten für jedermann frei sein; das Recht sollte
-wieder im deutschen Herkommen stehen statt in der römischen Rechtssatzung;
-auch wollten sie selber die Prediger wählen.</p>
-
-<p>Wo es am meisten verschüttet war, stand Menschenrecht auf; der alte
-Bundschuh wurde lebendig, den die Ritterfaust niederschlug; noch einmal
-sein Blut an die Freiheit zu wagen, war der Bauer bereit, und die Bürgerschaft
-rief ihm zu, daß seine Sache gerecht sei.</p>
-
-<p>Schwarz, rot und weiß war die Fahne, die Hans Müller von Bulgenbach
-trug, als er in Waldshut die blutige Kirchweih begann; bald wehte sie
-siegreich in Schwaben: die Herren mußten sich beugen, und wer sich nicht
-beugte, den jagten die Bauern durch ihre Spieße.</p>
-
-<p>Da fiel die Furcht der Vergeltung in reiche Gemächer: Fürsten und Bischöfe
-schworen, die zwölf Artikel zu halten; als auch in Franken die schwarzrotweiße
-Fahne von den Kirchen und Rathäusern wehte, stand hinter dem
-Aufruhr ein neues Reich und wollte Wirklichkeit werden.</p>
-
-<p>Ein neues Reich, auf den Willen des Volkes statt auf die Willkür der
-Fürsten und Herren gegründet: wohl sollten die Stände bestehen, aber
-nicht Vorrechte haben; die Geistlichen sollten die Hirten der Christengemeinde,
-nicht mehr die weltlichen Herren der Kirchenmacht sein.</p>
-
-<p>So war der Plan, und die verschüttete Freiheit des Volkes hob ihre
-Fäuste, ihn zu erfüllen; aber die Schwarmgeister mischten die Brunst ihrer
-unreinen Machtgier hinein.</p>
-
-<p>Thomas Münzer hieß der unselige Mann, der sein blutiges Wahnreich
-in Thüringen träumte, der mit dem Schwert Gideons kam, Fürsten und
-Pfaffen den Reigen der Rache zu tanzen.</p>
-
-<p>In Mühlhausen hielt er gleich einem König der Juden Gericht über die
-Heiden; wo seine grausamen Haufen erschienen, rauchte das Blut der erschlagenen
-Leiber im Brand der Klöster und Burgen.</p>
-
-<p>So sah Luther die Saat aufgehen im Unkraut; er wollte die christliche
-Freiheit allein im Gewissen, nun schrie sie Gewalt und war Aufruhr: zum
-andernmal schwoll ihm der Zorn, und wie er den Ablaß der Kirche mit groben
-Worten verdammte, verdammte er nun den Aufruhr der Bauern.</p>
-
-<p>Totschlagen gleich tollen Hunden hieß er die Bauern; und wie seine
-mächtige Stimme erschallte, so hoben die Fürsten das Schwert: Philipp
-von Hessen und Truchseß von Waldburg kamen mit Harnisch und großem
-Geschütz gegen den Aufruhr gezogen.</p>
-
-<p>Sie fanden die Haufen der Bauern uneins im Streit ihrer Führer;<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span>
-durch die erfahrene Feldkunst der Herren einzeln geschlagen, mußten sie
-überall weichen: so wurde das harte Wort aus Wittenberg wahr.</p>
-
-<p>An ihren Dörfern wurde der Brand der Klöster und Burgen gerächt,
-an ihren Leibern das Blut der erschlagenen Ritter; hundert mußten ins
-Gras um einen, und ehe der Henkertod kam, hatte die Folter gequält.</p>
-
-<p>So ging der Bauernkrieg aus unter dem Galgen; die aber das Blutgericht
-überstanden, wollten nicht mehr das Wort von Wittenberg hören: die
-Freiheit in Christo war ihnen ein höhnischer Traum, davon sie die grausame
-Wirklichkeit sahen.</p>
-
-<h3 id="sec6_21">Marburg</h3>
-
-<p>Als die Bauern im Reich ihre Freiheit begruben, war Zwingli noch
-Meister in Zürich; aber dem zornigen Luther galt er ein Schwärmer wie
-Karlstadt und seine Zwickauer Gesellen.</p>
-
-<p>Gleich diesen hielt er das Abendmahl in der Gemeinde, dem Herrn zum
-Gedächtnis; sie brachen das Brot und tranken vom Wein, wie Jesus den
-Jüngern befahl, sie waren des Wortes gewiß und seiner tiefen Bedeutung.</p>
-
-<p>Aber sie wollten nicht länger im Wunderglauben der Kirche beharren,
-daß sie das Brot und den Wein in den Leib und das Blut des Erlösers zu
-verwandeln vermöchte: sie sahen ein Sinnbild und ließen das Liebesmahl
-gelten, aber sie glaubten kein Sakrament mehr.</p>
-
-<p>Mit polternden Worten fuhr Luther in ihre Meinung und fachte Streit
-an, wo Einigkeit notwendig war; denn noch stand die römische Kirchenmacht
-willens, die Ketzer zu verbrennen, und die Habsburger Hand drohte, dem
-Willen mit ihrer Macht beizuspringen.</p>
-
-<p>Manche Fürsten und viele Städte waren der neuen Lehre geneigt, doch
-der Reichstag zu Speyer gab ihrer Gunst den bösesten Abschied: der spanische
-Kaiser hatte den Papst gefangen und Rom plündern lassen, aber er
-war der gehorsame Sohn der Kirche geblieben und wollte die Ketzer ausrotten.</p>
-
-<p>Philipp, der Landgraf von Hessen, sah die Gefahr und wollte ein Bündnis
-der Schwerter, die evangelische Lehre zu schützen; daß ihre Bekenner
-nicht schwach durch Uneinigkeit wären, lud er die feindlichen Brüder, Luther
-und Zwingli, samt ihrem geistlichen Heerbann nach Marburg.</p>
-
-<p>Da saßen sie einmal zusammen im Saal seines hochragenden Schlosses,
-die einzelnen Männer der Predigt; sie wollten redlich den Hader bezwingen,
-aber die Schlupfwinkel des Glaubens boten der Zwietracht zuviel Verstecke.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span></p>
-
-<p>Zwingli der weiteste war am meisten geneigt: Lehre und Tat in der
-Christengemeinde galten ihm mehr als Wortgläubigkeit; Luther der Mönch
-und Magister brachte die Füße nicht aus dem Glauben der Schrift.</p>
-
-<p>Das ist mein Leib! so standen die Worte vor ihm auf der Tafel mit
-Kreide geschrieben; er ließ sich nichts deuteln und nehmen, weil ihm das
-Wunder der Gottmenschlichkeit Christi mehr als die Lehre, weil ihm der
-Glauben höher als alle Vernunft galt.</p>
-
-<p>So war das Lächeln der Liebe und Weisheit in Zorn und Eifer verkehrt;
-über der tiefen Einfalt der Lehre stand das paulinische Kreuz, und über dem
-Kreuz des Erlösers hatte die Kirche ihr kühnes Gewölbe gebaut: Luther
-blieb brünstigen Glaubens darin, und Zwingli zagte, es zu verlassen.</p>
-
-<p>Sie konnten einander die Hände nicht geben und gingen mit Hast voneinander:
-noch war die Lehre im Schrein des Wunderglaubens begraben,
-noch hing der Erlöser am Kreuz, weil Juden und Judengenossen die göttliche
-Botschaft des Zimmermannssohns nicht verstanden.</p>
-
-<h3 id="sec6_22">Die Wiedertäufer</h3>
-
-<p>Die aber wähnten, die Botschaft des Zimmermannssohns zu besitzen,
-brannten im heimlichen Feuer; Wiedertäufer hieß sie das Volk, weil sie die
-Taufe der Kinder verwarfen: nur, wer mit Wissen und Willen getauft sei,
-könne des heiligen Geistes teilhaftig werden.</p>
-
-<p>Denn Jesus erlöse nur den zur christlichen Freiheit, der seiner Lehre in
-Einfalt nachfolge; wer das Mirakel des Opferlamms lehre, mache nur
-einen Abgott jüdischer Herkunft aus ihm.</p>
-
-<p>Sie wurden verfolgt und heimlich geduldet und führten noch einmal das
-stündliche Dasein der ersten Christengemeinde; sie saßen heimlich zusammen
-in ihren Handwerkerstuben und sandten Apostel hinaus mit seltsamen Zeichen.</p>
-
-<p>Das knisternde Feuer der Lehre wurde gedämpft rundum im Reich, aber
-die zuckenden Flämmchen sprangen gleich Irrlichtern fort; von Lübeck bis
-Basel, von Salzburg bis Leyden wuchs das Geheimnis der Täufer.</p>
-
-<p>Ein Bürger von Münster, Knipperdolling geheißen, kam wieder heim
-aus der Fremde, als Rottmann lutherischer Prediger war; um seines Glaubens
-willen verwiesen, brachte er seltsame Freundschaften mit.</p>
-
-<p>Jan Matthys hieß einer und kam aus Leyden, wo er ein Bäcker gewesen,
-aber Prophet und Apostel geworden war; ihnen trat Rottmann der
-Prediger bei: so wurden in Münster die Wiedertäufer eine Gemeinde.</p>
-
-<p>So stark waren sie bald, daß sie den Rat an sich brachten; da wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span>
-Knipperdolling Bürgermeister, aber Jan Matthys blieb sein Prophet, dem
-er und der Rat in Demut gehorchten.</p>
-
-<p>Münster, die Bischofsstadt in Westfalen, hielt ihre Tore den Wiedertäufern
-geöffnet: da strömten sie zu aus dem Dunkel böser Verfolgung und
-hießen die Stadt ihre Burg Zion.</p>
-
-<p>Aber noch gab es Bürger in Münster, die der neuen Herrlichkeit ungläubig
-waren, auch zog der Bischof heran, die Stadt zu berennen: ihm
-wurden die Ungläubigen &ndash; ihrer Habe beraubt &ndash; entgegen gesandt.</p>
-
-<p>Als die Landsknechte des Bischofs dann die Tore belegten, war Münster
-in Wahrheit die Burg und die Stadt der Wiedertäufer geworden; mit
-Mauern und Gräben stattlich gerüstet, zog sie den stachligen Ring um die
-Täufergemeinde, die nun allein in der Welt war.</p>
-
-<p>Doch ließen die Tapferen sich nicht mit Waffengewalt schrecken; indessen
-die reisigen Völker des Bischofs die Mauern spähend umritten, lebten
-sie treulich nach ihrer Lehre: sie gaben ihr Eigentum her und lebten gemeinsam,
-sie nannten sich Brüder und Schwestern und taten ihr Tagwerk
-im Amt der Gemeinde.</p>
-
-<p>Jan Matthys, ihr Meister, gab die Gesetze; der ein Bäcker gewesen und
-ein Apostel geworden war, saß nun als Fürst unter den Seinen, die der feurigen
-Kraft seines Geistes willig gehorchten.</p>
-
-<p>Aber das Glück verließ ihn, als er bei einem Ausfall tollkühn voraussprang;
-der Meister wurde erschlagen, und der Geselle kam, durch den Willen
-des Volkes erhoben, an seinen Platz.</p>
-
-<p>Jan Bockelson war er geheißen, ein Schneider und Schenkwirt aus
-Leyden und gleich seinem Meister ein Schwarmgeist des Wortes; ihm aber
-war es zu wenig, Prophet und Apostel zu heißen; er wollte, ein rechter König,
-auf seinem Thron in Pracht und Herrlichkeit sitzen.</p>
-
-<p>So wurde die Tollheit in Münster Ereignis: an einer goldenen Kette
-trug Jan, der Schneider und König, die goldene Kugel als Zeichen; denn
-die Welt sollte sein werden, der auf dem Stuhl Davids endlich das Gottesreich
-brachte, das Kaiser und Papst nicht vermochten.</p>
-
-<p>Wie er an Weisheit sich Salomo gleichhielt, so sollte auch Salomos
-Pracht um ihn sein; Knipperdolling der Statthalter sorgte mit scharfem
-Schwert, daß ihn das Murren des Volkes nicht störte, als er dem üppigen
-Davidssohn gleich sein Lager mit Weibern und Saitenspiel füllte.</p>
-
-<p>Indessen der König die Freuden des Thrones genoß, ging in den Gassen
-der Mangel; denn immer noch hielten die Haufen des Bischofs die Tore belagert,
-und langsam zog der Gürtel sich enger, weil endlich die Fürsten von
-Hessen, Sachsen und Köln dem Bischof Hilfsvölker sandten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span></p>
-
-<p>Wohl schlugen die Täufer tapfer den ersten Überfall ab; als aber der
-bittere Hunger den Mangel ablöste, als täglich die gläubige Hoffnung enttäuscht
-auf ein Wunder harrte, als endlich Verdruß und Verrat dem Feind
-einen Schleichweg aufmachte: da sank dem Schneider und Schenkwirt
-aus Leyden sein Königreich hin.</p>
-
-<p>Grausam mußten die Täufer den Traum ihrer Davidsburg büßen; wie
-Jerusalem fiel, sank Münster in Asche und Blut; der sich den König der
-Welt nannte, hing im eisernen Käfig außen am Kirchturm, den Menschen
-zum Spott und den Vögeln zum Fraß.</p>
-
-<h3 id="sec6_23">Die Landeskirche</h3>
-
-<p>Indessen die Schwarmgeister der Schrift so blutiges Schicksal entfachten,
-blieben die Männer in Wittenberg treulich dabei, dem Glauben
-das Wohnhaus zu bauen.</p>
-
-<p>Kaiser und Kirche waren die Mächte der alten Welt; von beiden verworfen
-durch Acht und Bann, stand Luther im Leeren: die Schrift in der
-Hand und der Landesherr über ihm waren seine Gewalten.</p>
-
-<p>Friedrich der weise Kurfürst von Sachsen schätzte den Mönch und seinen
-Magister, obwohl er sich selber bedachtsam zurückhielt; das sächsische Land
-stand schon im neuen Bekenntnis, da war er noch streng in der Kirchenpflicht,
-und erst auf dem Sterbebett nahm er das Abendmahl.</p>
-
-<p>Der aber das sächsische Land und die Männer von Wittenberg erbte,
-Johann der Bruder Friedrichs des Weisen, bekannte sich frei zu den Ketzern
-der Kirche; ihm wurde Luther vertraut, und er hörte auf ihn.</p>
-
-<p>Er machte, daß Luther den Schutz seiner Gemeinde in die Landesgewalt
-stellte, daß er die Kutte der Kirche auszog für einen fürstlichen Predigerrock.</p>
-
-<p>Mensch sein auf Erden hieß einer Obrigkeit untertan sein; konnten die
-Gläubigen nicht mehr der römischen Kirche gehorchen, so mußte die Landesgewalt
-die Predigt behüten, der Landesherr selber stellte die höchste Kirchengewalt
-vor.</p>
-
-<p>So bauten die Männer in Wittenberg abseits der Kirche dem evangelischen
-Glauben das Wohnhaus; Johann der Kurfürst von Sachsen wurde
-der Hausherr des gläubigen Geistes, wie er dem irdischen Leib die Obrigkeit
-war.</p>
-
-<p>Was aber in Sachsen geschah, wurde auch sonst im deutschen Land als
-sächsisches Kirchenrecht gültig: der Landesherr erbte die Kirchengewalt und
-erntete die Güter der Kirche.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span></p>
-
-<p>Wittenberg blieb dem Schwarmgeist zum Trutz die Werkstatt des
-evangelischen Glaubens; er hatte die Freiheit des Christenmenschen gegen
-die Kirche entfesselt, aber daß sein Gewissen nicht Irrwege ginge, band er es
-wieder im Wort der Schrift.</p>
-
-<p>Die Männer von Wittenberg mußten nicht mehr mit großen Gebärden
-Unmögliches tun; sie wirkten gemeinsam an ihrer amtlichen Pflicht und
-konnten den Feierabend wohl mit Fröhlichkeit füllen.</p>
-
-<p>Luther, der todblasse Mönch auf dem Reichstag und die Stimme des
-deutschen Gewissens, war selber ein Hausherr geworden, der seinen Tisch
-gern mit Gästen besetzt sah und seiner Frau Käte samt ihren Kindern die
-Armut und Härte der eigenen Jugend heiter vergalt.</p>
-
-<p>Er wurde nicht mild wie alter Wein, sein kränklicher Leib schaffte ihm
-harte Beschwerden, auch war seine Streitlust geneigt, streitsüchtig zu werden;
-der ein Apostel gewesen war, die rufende Stimme und der Held seines
-Volkes, ging in der Täglichkeit unter.</p>
-
-<p>Aber so tat er das schwerste: die Flügel des Geistes hatten gewaltig um
-seine Stunden gerauscht, als er die Zelle verließ, aber der todblasse Mönch
-hatte den Mann, nicht den Aufruhr gerufen; nun war er selber ein Jünger
-und Protestant, die Täglichkeit mit Hörnern und Zähnen zu packen, statt
-sie im Groll zu zerschlagen oder nach heiliger Sitte sie hadernd zu lassen.</p>
-
-<h3 id="sec6_24">Kopernikus</h3>
-
-<p>So stand in der Bibel am Anfang: Gott schied am ersten Tag Licht
-von der Finsternis, am zweiten Tag Erde und Wasser, am dritten hieß er
-die Erde bewachsen mit Gras und fruchtbaren Bäumen, aber am vierten
-Tag ließ er die Lichter am Himmel steigen, der Erde zu leuchten: die Sonne,
-den Mond und die Sterne.</p>
-
-<p>Die Sonne, der Mond und die Sterne dienten der Erde, ihr den
-strahlenden Tag und die schimmernde Nacht im unermüdlichen Kreislauf
-zu bringen; aber die Erde diente den Menschen, und der Mensch diente
-Gott, der über den irdischen Wolken sein Himmelreich hatte.</p>
-
-<p>Zwar hatte Pythagoras anders gelehrt: Heftig hieß er das helle Feuer,
-um das sich Sonne und Erde, der Mond und die Sterne in ewigen Kreisen
-bewegten.</p>
-
-<p>Ptolemäus aber, der kluge Ägypter, half der Bibel mit seiner einfachen
-Lehre wieder zum Recht: die Erde war wieder die ruhende Mitte der Welt
-im kreisenden Kranz der Gestirne.</p>
-
-<p>So war für ein Jahrtausend und mehr der Glauben der Kirche in den<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span>
-Beweisen der Wissenschaft sicher gebettet; Sterndeuter hießen, die an den
-Höfen der Großen das Schicksal der Menschen aus dem Stand der Gestirne
-zu lesen vorgaben, ihnen waren es Nebenörter der Welt, von Dämonen
-bewohnt.</p>
-
-<p>Indessen aber der Mönch in Wittenberg das Gewissen wachrief gegen
-die Kirche, saß ein Domherr zu Frauenburg nächtlich allein, die Bahn der
-Gestirne zu prüfen.</p>
-
-<p>Ihm war eine Kunde der alten Lehren gekommen, und als er damit die
-Rätsel des Himmels absuchte &ndash; wie die Lichter wohl stiegen und sanken im
-irdischen Tag, wie aber die Bahnen in großen Gezeiten sich hoben und senkten
-&ndash; fand er die Wahrheit im Wahn seltsam verhüllt:</p>
-
-<p>Der leuchtende Sonnenball stand mitten im Kreislauf seiner Planeten;
-und die den Menschen der ruhende Mittelpunkt schien, die Erde war selber
-nur ein Planet und mußte die jährliche Bahn um die Sonne als Kugel abrollen,
-indessen der Mond als getreuer Trabant sie zwölfmal umkreiste.</p>
-
-<p>Als er dem Erdball so einen Platz und Rang im Himmelsgewölbe anwies,
-waren die Rätsel der Jahreszeiten, war der Stillstand und Wechsel
-im Lauf der Planeten gedeutet.</p>
-
-<p>Aber nun stand der Erdball in der ewigen Unrast des Himmels nicht
-mehr als Zuschauer da, nun war er selber hineingerissen in den unendlichen
-Raum und in den ewigen Kreislauf, nun war er selber ein Gestirn, der
-Sonne demütig untertan.</p>
-
-<p>Dann aber war der Anfang der Bibel auch nur ein jüdisches Märchen,
-ein menschliches Sinnbild der göttlichen Schöpfung, das vor der Wahrheit
-kindlich und eitel dastand.</p>
-
-<p>Denn nun tat die Schöpfung erst ihre Unendlichkeit auf; ein kleiner
-Planet, ein winziger Ball, die riesige Sonne umkreisend, ein glimmendes
-Fünkchen im Weltraum: das war die Erde, die sich die Einfalt der Menschen
-als einzigen Wohnraum der göttlichen Gnade ausdachte.</p>
-
-<p>Ein Gebrause kam in die Welt und dann eine grausame Stille, weil
-Gott aus dem irdischen Himmel entwich und in die Unendlichkeit einging.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Buch_der_Zwietracht">Das Buch der Zwietracht</h2>
-
-<h3 id="sec7_1">Loyola</h3>
-</div>
-
-<p>Zur selben Zeit, da Luther der Mönch ein Junkergewand trug auf der
-Wartburg, lag ein spanischer Junker mit Namen Loyola an beiden Füßen
-verwundet und las die Legenda.</p>
-
-<p>Er war ein tapferer Kriegsmann gewesen, nun sah er den Mut der heiligen
-Männer auf andere Dinge gewandt als Lanzenstechen und Schwerthieb;
-er wurde der irdischen Händel von Herzen satt und wollte wie jene ein
-Ritter der Jungfrau Maria heißen.</p>
-
-<p>Als seine Füße geheilt waren, trug er die Waffen in mühsamer Wallfahrt
-zum Gnadenbild der göttlichen Frau; er aber ging in die Wildnis
-und wohnte den Heiligen gleich in einer Höhle, den Leib und die Seele in
-brünstiger Marter zu üben.</p>
-
-<p>Und als er kein Junker mehr war, nur noch ein bärtiger Mönch, zog er
-als Pilgrim ins heilige Land; aber die Mönche des heiligen Landes schickten
-ihn heim als einen unnützen Schwärmer.</p>
-
-<p>Daß er gelehrt sei zu reden wie sie, ging er in eine Schule und schämte
-sich nicht, mit seiner Einfalt unter den Knaben zu sitzen.</p>
-
-<p>Er war schon grau an den Schläfen, als er zum andernmal auszog mit
-seiner Verzückung, dem spanischen Volk sein Erlebnis zu sagen; aber die
-Priester nannten den närrischen Ritter bald einen Ketzer und sperrten
-ihn ein.</p>
-
-<p>So ließ er mit Grimm die spanische Heimat und zog nach Paris, an
-den Brüsten scholastischer Weisheit zu trinken.</p>
-
-<p>Da blieb er lange und wurde Magister; aber nun fand er Genossen seiner
-Verzückung: Streiter Gottes wollten sie sein, ohne Waffen, nur mit
-der Kraft und Einfalt des gläubigen Geistes gerüstet und streng im Gehorsam.</p>
-
-<p>So wurde der Orden Jesu gegründet; aus gläubiger Einfalt und hitzigem
-Eifer blühte die Rose von Jericho wieder: nicht das Gewissen mit seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span>
-Schlupfwinkeln der Seele, der Geist des Gehorsams gegen die Kirchengebote
-allein sollte die Jünger verpflichten.</p>
-
-<p>Da war den Männern in Wittenberg der Gegner gewachsen; gegen
-die Freiheit des Christenmenschen baute die Kirchenzucht ihre Schranken.</p>
-
-<p>Alles zur größeren Ehre Gottes, stand auf den Fahnen, aber Gott war
-die Kirche; sie stellte dem Zweifel die Frage, ob er im Trotz seine eigene
-Seligkeit wagen oder im Glauben des kirchlichen Gnadenschoßes sicher
-sein wollte.</p>
-
-<p>Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben! sagte die
-Schrift; die dem Kriegsmann der Kirche nachfolgten, trugen den Stahl
-des biegsamen Wortes als Panzerhemd unter dem spanischen Priestergewand.</p>
-
-<p>Sie gaben die große Verderbnis der Kirchenweltlichkeit zu, aber sie
-haderten nicht mit der Kirche um der menschlichen Schwäche im Priesterkleid
-willen; sie waren Ritter des Geistes und bauten dem Glauben kunstreiche
-Brücken zu einer anderen Kirche, die hinter dem Schein Wirklichkeit
-war.</p>
-
-<p>Auch gingen sie nicht mit dem Bettelsack auf die Gassen; sie fanden
-die Türen der reichen Gemächer, darin die Landesgewalt auch nur ein
-Mensch war; sie schwiegen dem Volk, aber sie wußten den Fürsten geschickt
-von den Pflichten und Rechten der christlichen Herrschaft zu sprechen.</p>
-
-<p>Sie kamen als Gärtner der Jugend: wo das Holz sich verjüngte und
-wo die Stämme noch schwank waren im Saft, setzten sie klug ihre Stäbe.</p>
-
-<p>Der spanische Kaiser ging kläglich ins Kloster, weil seine Weltherrschaft
-wankte, sie aber kamen ins Reich mit ihren spanischen Hüten; und wo er
-mit all seinem Kriegsvolk nichts gegen den Brand der Ketzer vermochte,
-nahmen sie klug und behutsam das fürstliche Holz aus dem Feuer.</p>
-
-<h3 id="sec7_2">Calvin</h3>
-
-<p>Als Zwingli bei Kappel den Glaubenstod fand, Eidgenosse und Kriegsmann
-trotz seinem Predigerrock, führte in Genf schon Calvin, der fromme
-Franzose, sein strenges Kirchenregiment.</p>
-
-<p>Er wollte die Christengemeinde wie Zwingli; Zucht und Eifer der
-Gläubigen sollten dem Staat das wahre Bürgertum bringen: der paulinische
-Glauben der ersten Christengemeinde zog das Jahrtausend der Papstherrlichkeit
-aus.</p>
-
-<p>Alles, was in den kirchlichen Räumen und Bräuchen Erbschaft des
-Morgenlandes war, sollte dem Sinn der gläubigen Brüderschaft weichen,<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span>
-statt einem prunkvollen Tempel sollte die Kirche ein schmuckloses Gemeindehaus
-sein.</p>
-
-<p>Sie tünchten die Wände weiß und räumten den Hochaltar aus; sie
-nahmen dem Chor den lateinischen Priestergesang fort und ließen die ganze
-Gemeinde das Kirchenlied singen; sie saßen beim Abendmahl fromm miteinander,
-dem leidenden Herrn zum Gedächtnis.</p>
-
-<p>Sie nannten sich Reformierte und achteten streng, daß ihrer Christengemeinschaft
-nichts beigemischt sei, was nicht in der heiligen Schrift als
-Gottes Gebot stände.</p>
-
-<p>So war es in Genf, in Zürich und Bern, in Basel und Straßburg;
-aber die Männer in Wittenberg blieben mit Eifer lutherisch; hatte der
-Meister mit großen Worten gepoltert, so zankten seine Gesellen.</p>
-
-<p>Melanchthon in seinem ermatteten Alter wollte die Geister versöhnen,
-aber sie schalten ihn lau; als er dahinging in bitterer Klage über die geistliche
-Zanksucht, schied das Bekenntnis die Streitlager der Protestanten für
-immer.</p>
-
-<p>Calvinisch hießen die einen, lutherisch die andern, und hätten sich eher
-Ketzer geschmäht, als daß sie die Bruderhand fanden.</p>
-
-<p>Die aber im Gnadenbereich der römisch-katholischen Kirchengewalt
-blieben, hielten das dritte Konzil in Trient, Kirchenverderbnis und Ketzerei
-miteins auszurotten; und wie der Hund die verlaufene Herde umbellt, so
-kamen die Jünger Jesu ins Reich, den Streit nach ihrer Weise zu schlichten.</p>
-
-<h3 id="sec7_3">Die spanische Hand</h3>
-
-<p>Maximilians einziger Sohn, Philipp der Schöne genannt, war spanischer
-König geworden: mit Karl, seinem bläßlichen Sohn, kam das
-Schlingseil der habsburgischen Hausmacht zurück und wollte das Abendland
-binden.</p>
-
-<p>Als ob noch einmal die alte Kaisermacht wäre, trug der spanische Jüngling
-die Kronen Europas, eifrige Lobredner sangen den Ruhm seines Reiches,
-darin die Sonne nicht unterging.</p>
-
-<p>Denn seiner Macht hatte der Westen das Wundertor aufgeschlossen:
-die alte Welt hatte die neue entdeckt, und Spanien münzte das Gold aus,
-das Columbus, der kühne Seefahrer, fand.</p>
-
-<p>Das Märchen der indischen Goldländer trat in den spanischen Tag ein;
-unübersehbaren Reichtum brachten die Schiffe herüber, als Ferdinand
-Cortez mit seinen Soldaten ins Sonnenland Mexiko kam.</p>
-
-<p>Wie Wölfe brachen die eisernen Männer des Abendlandes ein in das<span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span>
-Weideland friedlicher Völker, das Goldfieber brannte die Herzen der
-Christenheit leer; Europa, das Raubtier, begann der Welt seine Krallen
-zu zeigen.</p>
-
-<p>Aber die Kirche wußte die Krallen zu nützen, ihr wuchs aus dem Gold
-die spanische Hand, dem evangelischen Aufruhr der Völker den Nacken zu
-beugen.</p>
-
-<p>Karl, der letzte Schirmherr der Kirche, entfachte noch einmal den
-Kampf um die Stärke, als sich der Papst dem König von Frankreich gegen
-den Kaiser verband; er ließ das Gelüst seiner Landsknechte gehen, und wie
-seit Geiserich nicht mehr, wurde die ewige Stadt gebrannt und geplündert.</p>
-
-<p>Aber Philipp der Zweite, sein Sohn, war nur noch spanischer König,
-kein Schirmherr der Kirche, nur noch ihr grausam gehorsamer Diener; wo
-der spanische Hut kam, hatte das Gold der Neuen Welt auch die spanische
-Hand stark gemacht, im Dienste der Kirche zu reiten.</p>
-
-<h3 id="sec7_4">Die Geusen</h3>
-
-<p>Wo das geteilte Gewässer des Rheins durch Sand und Sümpfe mühsam
-ins Meer sucht, von Friesland hinüber bis Flandern, hatten sich
-Friesen und Flamen ein breites Dasein gebaut, mit Häfen und Städten
-im Niederland, und wurden die lachenden Erben der Hansa.</p>
-
-<p>Karl der kühne Burgunder hatte die Länder mit eisernen Fäusten gehalten
-und Max der Habsburger war nach der reichen Mitgift geritten;
-Karl seinem spanischen Enkel waren sie schon das Land seiner Herkunft;
-Philipp der Zweite ließ sie durch seine Schwester als spanisches Erbland
-regieren.</p>
-
-<p>Aber das Niederland hing der calvinischen Lehre mit Eifer und Zuversicht
-an; als die spanische Hand durch strenge Edikte die Ketzer ausrotten
-wollte, schwuren die Edlen des Landes zu Breda den Bund, mit
-ihrem Blut dem schändlichen Brauch der Ketzergerichte zu trotzen.</p>
-
-<p>Die Geusen hießen sie bald, weil sie als spöttisches Zeichen den Bettelsack
-trugen; noch brauchten sie keine Gewalt, aber das flämische Volk, zu
-trunkenen Taten geneigt, ließ seinen Zorn an den Bildern der Kirche wüst
-und lästerlich aus.</p>
-
-<p>Den Aufruhr zu dämpfen, sandte der König den finsteren Alba ins
-Niederland; da mußten die Grafen Egmond und Hoorn zuerst auf den
-Block.</p>
-
-<p>Sie kamen, den Herzog von Alba zu grüßen, und glaubten als Ritter
-des goldenen Vlieses vor Unbill geschützt zu sein; aber der Finstere fing sie<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span>
-mit lächelnder List: sie waren die Sprecher des Volkes gewesen und mußten
-den leichtgläubigen Mut unter dem Henkerbeil büßen.</p>
-
-<p>Und Tausende folgten den edlen Herrn, der Blutrat des Herzogs kam
-über das Land, und die Wehklage wollte nicht enden; zum andernmal konnten
-die Hunde des Herrn das große Ketzergericht halten, wie es vorzeiten
-den Stedinger Bauern in Friesland geschah.</p>
-
-<p>Aber das Leid hob aus der Tiefe des Volkes die rächende Hand: aus
-der Verborgenheit kamen und in die Verborgenheit schwanden die Geusen,
-dazwischen war eine kühne Tat und eine blutige Rache.</p>
-
-<p>Sie trugen ihr graues Gewand und kamen auf flinken Schiffen; wo
-die spanische Hand schwach war, stach ihr Dolch zu, und wo sie stark wurde,
-verschwand er; sie waren die mutige Seele des Volkes, das sich aus weichlichem
-Wohlstand, durch Schande und Schrecken tollkühn erhob.</p>
-
-<p>Noch war es kein Krieg, bis Wilhelm von Nassau, der schweigsame
-Oranier, wieder ins Land kam; klüger als seine Freunde Egmond und
-Hoorn, war er dem Herzog nicht leichtfertig ins Garn gegangen; nun
-brachte er Kriegsvolk, den Geusen zu helfen.</p>
-
-<p>Die Geusen erkannten ihn gern; und ob das launische Glück im blutigen
-Schicksal hin- und herüber sprang, der Schatten des Herzogs wich
-langsam zurück, bis er verdrossen die Länder verließ.</p>
-
-<p>Aber die spanische Hand blieb im Land, und Wilhelm der schweigsame
-Held wurde grau in den Schlachten; er kannte nicht Übermut und Verzagtheit,
-er war die stete Geduld und der unbeugsame Wille: als er im
-sechzehnten Jahr des nimmersatten Krieges durch Mörderhand fiel, waren
-Holland, Seeland, Utrecht und Friesland befreit.</p>
-
-<p>Moritz, der Sohn des Oraniers, nahm das Schwert auf und wurde
-nicht matt; wie sein schweigender Vater ein Meister der Staatskunst, war
-er ein Meister des Krieges: gegen die spanische Übermacht hob er den Ruhm
-seiner Schlachten.</p>
-
-<p>Als Philipp hinsiechte und starb, war die spanische Weltmacht verronnen
-mit all ihrem Gold aus der Neuen Welt, nur um die Länder der
-Maas ging immer noch Krieg, und wie eine Seuche fraß das Mordwerk
-der Geusen den spanischen Widerstand leer.</p>
-
-<p>Kaum einer noch lebte von denen, die ihn begannen; und wie eine Sage
-erzählten die Greise von glücklichen Zeiten, da Frieden im Niederland war.</p>
-
-<p>Im zweiundvierzigsten Jahr, daß Alba der finstere Herzog ins Niederland
-kam, sanken die spanischen Waffen; sie hielten Flandern und das brabantische
-Land, aber die sieben Provinzen nördlich der Maas hatten die
-Freiheit errungen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span></p>
-
-<p>Durch die spanische Hand ging dem Reich uraltes Stammland verloren:
-an der Mündung wie an den Quellen des Rheins saßen nun freie
-Völker, indessen die Fürstengeschlechter im Reich einander das Futter
-abfraßen.</p>
-
-<h3 id="sec7_5">Donauwörth</h3>
-
-<p>Im Niederland hatten die Ketzer gesiegt, im Reich war die Kirche wie
-Schnee im Frühjahr geschwunden; aber die Jünger Jesu warfen den Samen
-nicht in den Wind: schon stand die heimliche Saat dicht vor der Ernte,
-als Max, der bayrische Herzog, zu Donauwörth den ersten Wagen in seine
-Scheuer einbrachte.</p>
-
-<p>Eine Reichsstadt war Donauwörth, und die Bürgerschaft hatte längst
-ihren Tag in die deutsche Predigt gestellt; nur der Abt zum heiligen Kreuz
-hielt das Kloster der Benediktiner, dicht vor der Stadt.</p>
-
-<p>Aber nach Dillingen war es nicht weit, wo die Jesuiten ihre deutsche
-Pflanzschule hatten; die Nachbarschaft stärkte dem Abt den katholischen
-Rücken, und was das Kloster seit Jahren nicht wagte, den prunkvollen
-Umzug der Kirche begann es nun wieder.</p>
-
-<p>Sie trugen die Fahne zuerst nur gerollt und mieden die Straßen am
-Markt, aber der Eifer von Dillingen wetzte den Mut und die Hoffnung
-auf stärkeren Beistand: die Fahne des heiligen Kreuzes entrollt, mit vollem
-Gepränge und lautem Gesang, so kamen die Mönche in die Straßen der
-evangelischen Stadt.</p>
-
-<p>Wie sie vor Zeiten mit frommer Fröhlichkeit taten, geschah es nun
-wieder; doch knieten die Männer und Frauen nicht mehr, wo sie kamen:
-mit grollenden Mienen sahen sie längst verspottetes Tun ihr Tagwerk durchkreuzen,
-vergessener Zorn eiferte los und fuhr mit Fäusten darein.</p>
-
-<p>Es war kein Bauernkrieg mehr, es war nur ein böser Tumult in den
-Gassen, zornige Männer und hitzige Mönche balgten sich um die Fetzen der
-Fahne, indessen die Frauen und Kinder erschrocken den letzten Gesang
-überschrieen.</p>
-
-<p>Kein Landesfürst galt in der Reichsstadt seit zweihundertfünfzig Jahren,
-ihr einziger Herr war der Kaiser; aber die Jesuiten in Dillingen wiesen
-dem Abt vom heiligen Kreuz die Wege nach Prag.</p>
-
-<p>Da kannten sie längst die heimlichen Türen und wußten das Ohr des
-lichtscheuen Kaisers rascher zu finden als seine Bürger: so wurden die
-Frevler geächtet, und Max, der Herzog von Bayern, zog eilig heran, den
-Spruch zu vollstrecken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p>
-
-<p>Die Stadt gehörte zum schwäbischen Bund, aber der Herzog lachte
-dazu: sie sollten ihm erst die Batzen bezahlen für all sein bemühtes Kriegsvolk!</p>
-
-<p>Er hatte den lang begehrten Vogel gefangen und tat den Käfig nicht
-wieder auf; Rudolf, der lichtscheue Kaiser in Prag, sah nach den Sternen.</p>
-
-<p>Da wurden die Städte und Fürsten gewahr, daß ein anderer Wind
-wehte, was heute einem geschah, konnte morgen manchen geschehen: calvinisch
-oder lutherisch war gleich vor der römischen Kirche, die drohend den
-Arm hob, sie alle als Ketzer zu treffen.</p>
-
-<p>Sie ließen der Kanzel den Predigerzank, aber die Schwerter schlossen
-den evangelischen Bund der Fürsten und Städte, einander die Freiheit des
-Glaubens zu halten.</p>
-
-<p>So stand der bayrische Herzog allein vor den Herren von Hessen und
-Sachsen, Brandenburg und der mächtigen Pfalz, und der Kaiser in Prag
-sah nach den Sternen; da rief er die geistlichen Kurfürsten auf, das katholische
-Schwert gegen den Bund der Ketzer zu schärfen.</p>
-
-<p>Union und Liga hießen die Bünde des kommenden Streites: sie ballten
-die Mächte gegeneinander, sie teilten das Reich und das Volk und lagen
-als drohende Wolken des Unheils über dem deutschen Land, bereit, das Gewitter
-zu bringen.</p>
-
-<h3 id="sec7_6">Der Schwur von Loreto</h3>
-
-<p>Im selben Jahr, da Philipp von Spanien starb, tat vor dem heiligen
-Haus in Loreto ein Habsburger Jüngling den Schwur: mit Gefahr seines
-Lebens jegliche Ketzer aus seinem Land zu vertreiben.</p>
-
-<p>Er war ein Vetter des Kaisers und regierte in Graz den südlichen Teil
-der habsburgischen Länder; weil aber Rudolf, der Kaiser in Prag, samt
-seinem Bruder Matthias kinderlos war, reiften die Kronen der Vettern
-ihm zu.</p>
-
-<p>So hob sein Schwur der katholischen Kirche das Schwert wieder auf,
-das Philipp sterbend hinlegen mußte; die Jünger Jesu hatten gesorgt, daß
-die Schneide gehärtet, daß der Habsburger Hochmut zum andernmal mit
-der Inbrunst der Kirche gestärkt war.</p>
-
-<p>Wo der Schwur Ferdinands galt, deckte er Duldung und Frieden zu;
-als ihm sein Vetter Matthias die böhmische Krone abtrat, war sein Erbland
-gereinigt: Gut oder Glauben, hatte sein Schwert die Untertanen gefragt,
-und die den Glauben der Bibel wählten, waren aus ihrer Heimat
-vertrieben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span></p>
-
-<p>Aber die Böhmen hatten von Rudolf den Freibrief ertrotzt, zu glauben,
-zu predigen und Kirchen zu bauen, wie ihre Lehre gebot; Matthias
-mußte danach den Freibrief beschwören, auch Ferdinand sollte ihm Siegel
-und Unterschrift geben.</p>
-
-<p>Er hatte die Jünger Jesu gefragt, ob er mit gutem Gewissen bestätigen
-könnte, was er gleichwohl nicht zu halten gedächte: sie sagten ihm Ja, und
-Ferdinand gab dem Freibrief Siegel und Unterschrift wie seine Vettern.</p>
-
-<p>Als dann in Braunau und Klostergrab Kirchen gebaut wurden, hieß er
-sie schließen; darüber ergrimmten die böhmischen Herren in Prag und
-kamen hadernd ins Schloß, wo die Räte des Kaisers Matthias als Statthalter
-saßen.</p>
-
-<p>Sie warfen die Räte samt ihrem Schreiber zum Fenster hinaus, sie
-riefen das böhmische Land auf und rafften ein Heer, gleich ihren hussitischen
-Vätern meineidige Kaisergewalt durch ein Volksgericht zu begleichen.</p>
-
-<p>Sie standen vor Wien, als Kaiser Matthias starb und Ferdinand Hausherr
-der Habsburger wurde; schon hatten die Läufer den Aufruhr in seine
-Länder getragen: kaum daß er vermochte, nach Frankfurt zu fahren, die
-deutsche Krone zu holen.</p>
-
-<p>Die Kurfürsten hatten die Wahl getätigt und standen im Dom, den
-Kaiser nach altem Brauch auf den Altar zu heben, als ein Reiter aus Prag
-die Absetzung brachte; die böhmischen Stände hätten statt seiner den Pfalzgrafen
-Friedrich als König gewählt.</p>
-
-<p>Ein Stück aus dem Domgebälk brach nieder neben dem Altar, fast
-hätte sein Sturz den Kaiser erschlagen; die Furcht kommenden Unheils fiel
-in das drängende Volk.</p>
-
-<h3 id="sec7_7">Der Winterkönig</h3>
-
-<p>Noch war der mächtige Herzog von Bayern Schwertherr der Liga,
-nicht Kurfürst, und Ferdinand mußte von Frankfurt nach München; auch
-war es eher ein Bittgang, denn daß er als Kaiser befahl.</p>
-
-<p>Aber was beiden zunutz war, mußte geschehen: indessen Friedrich der
-Pfalzgraf mit seinem Hoflager nach Prag fuhr, einen Winter lang König
-zu spielen, rüstete Max der Herzog im Namen der Liga ein mächtiges Heer,
-und als es Sommer war nach dem Winter, stand er in Böhmen.</p>
-
-<p>Da hatte Friedrich, der pfalzgräfische König, mehr an die Pracht seiner
-Kleider denn an die Waffen gedacht; auch waren die pfälzischen Prediger
-eifrig gewesen, die Böhmen calvinisch zu machen.</p>
-
-<p>Sie hatten die Kirchen geräumt und die Wände gesäubert, sie hatten<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span>
-aus Prag ein neues Streitlager gemacht, den Götzendienst der Lutherischen
-selbstgerecht zu verdammen.</p>
-
-<p>Schon stand der Feind dicht vor der Stadt, als endlich das böhmische
-Heer in nasser Novembernacht auszog: am weißen Berge bei Prag wurde
-es grausam geschlagen, in einer Mittagsstunde zerrann dem Winterkönig
-sein Glück.</p>
-
-<p>Er saß nach pfälzischer Sitte zu Tisch, indessen ihm Tilly, der Feldherr
-der Liga, das Schwert aus der Hand und die böhmische Krone vom Kopf
-schlug; nun raffte er eilig das Seine und ging auf die Flucht, sein unrühmliches
-Leben zu retten.</p>
-
-<p>So hatte der Habsburger wieder das seine, die böhmischen Bürger und
-Bauern mußten den Herren in Prag die falsche Königswahl büßen.</p>
-
-<p>Der Kaiser nahm den böhmischen Freibrief und zerschnitt ihn mit eigener
-Hand; wie ein Gärtner die Knechte ausschickt, Unkraut zu jäten, so
-sandte der Orden Jesu die spanischen Hüte ins böhmische Land und in alle
-österreichischen Länder.</p>
-
-<p>Gut oder Glauben, so hieß noch immer die Frage des Schwertes: Tausend
-und Tausende wählten den Glauben, ließen die Heimat und ließen
-das Haus ihrer Väter, das Land der Verheißung zu finden; aber auf Erden
-war es die Fremde und bittere Armut.</p>
-
-<p>Der Schild und das Schwert der katholischen Liga stand vor dem Kaiser,
-und hinter ihm hob sich der römische Schatten: Glück und Ende des
-Winterkönigs in Prag war nur der spöttische Anfang, nun kam der Ernst
-über Deutschland und wollte zum bitteren Ende.</p>
-
-<h3 id="sec7_8">Die Pfalz</h3>
-
-<p>Der mächtige Herzog von Bayern hatte dem Kaiser das Schwert nicht
-eher geliehen, als bis er den Lohn kannte: die Pfalz fiel ihm zu mit dem
-Kurhut, und spanisches Kriegsvolk mußte ihm helfen, daß er das Pfand in
-der Hand hielt. Spanisches Kriegsvolk und englische Söldner rissen einander
-die Dörfer und Städte der Pfalz aus den Händen; denn Friedrich
-der Pfalzgraf war Eidam des englischen Königs: England und Spanien
-brachten den eigenen Machthandel über die Pfalz.</p>
-
-<p>Indessen der Winterkönig geächtet, der böhmischen Krone wie seines
-Kurhutes verlustig, sein törichtes Leben in Holland hinbrachte, rief englisches
-Gold dem bösen Krieg die Klopffechter auf.</p>
-
-<p>Den tollen Mansfeld hießen sie ihn, der mit allerlei Volk den verlorenen
-Krieg durch die deutschen Landschaften schleppte; Freund oder Feind, sie<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span>
-mußten ihn nähren; wo er von dannen zog, hatte die eiserne Faust manches
-gerafft und vieles zerstört.</p>
-
-<p>Als seine Haufen herzogen, von Tilly verfolgt, als sie den Tanz des
-Krieges begannen mit listigen Sprüngen, einander suchend einander auswichen
-und auf den Überfall lauernd Dörfer und Städte brandschatzten:
-bekam auch die Pfalz den böhmischen Winter zu schmecken.</p>
-
-<p>Und blutiger Schwertschlag wurde der Tanz, als Christian, Prinz von
-Braunschweig, seine wilden Gesellen dem tollen Mansfeld beibrachte; seit
-Sickingen hatten die Landesgewalten nicht mehr einen solchen Verächter
-erfahren.</p>
-
-<p>Er war noch ein Jüngling und hatte nach längst verschollener Sitte die
-Winterkönigin zur Herrin erkoren; er trug ihren Handschuh am Helm;
-alles für Gott und für sie, stand auf den Fahnen.</p>
-
-<p>Zu Paderborn fand er im Dom zwölf Silberapostel, er prägte Taler
-daraus und hieß sie in alle Welt hingehen: Gottes Freund und der Pfaffen
-Feind, stand auf den Talern; und wer nicht für ihn war, war wider ihn.</p>
-
-<p>Sie hätten dem Winterkönig sein Land bis zur Hölle gehalten, er selber
-aber entließ sie; so wurde die Pfalz frei von der Plage, so wurde die Fackel
-des Krieges nach Norden getragen, wo sie von neuem lichterloh brannte,
-weil danach der König von Dänemark antrat, sein Klopffechterglück zu
-versuchen.</p>
-
-<p>Die Pfalz wurde frei von der Plage, aber nun kam der bayrische Herzog
-mit Eifer und Strenge, das calvinische Land wieder katholisch zu
-machen.</p>
-
-<h3 id="sec7_9">Wallenstein</h3>
-
-<p>Der Schwur von Loreto hatte dem Habsburger Erbland gegolten;
-über die Pfalz kam er ins Reich, und Ferdinand wollte noch einmal
-Schirmherr der Christenheit heißen.</p>
-
-<p>Aber das Reich der Habsburger war nicht mehr die Kaiserstandarte
-über den Völkern; Frankreich und England hielten ihm seine Tore im
-Westen gesperrt, im Osten drohten die Türken.</p>
-
-<p>Kein Maifeld am Rhein stellte die Heerschilde auf um den Kaiser,
-daß er den Bogen der Stärke über das Abendland spannte: Ferdinand war
-in der Hofburg zu Wien das Flackerlicht seiner Mönche.</p>
-
-<p>Da saß die Spinne im Netz, die Ketzer zu fangen, aber die Fäden hatte
-die Liga gespannt: der mächtige Herzog in Bayern gebot, und Ferdinand
-mußt ihm seine Dienste teuer bezahlen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span></p>
-
-<p>Als darum Wallenstein kam, dem Kaiser ein eigenes Heer anzubieten,
-gab er dem düsteren Mann gern eine Vollmacht, sich von dem Herzog zu
-lösen.</p>
-
-<p>Es war ein böhmischer Edelmann ärmlicher Herkunft, aber er hatte im
-Dienst des Kaisers reiche Güter in Böhmen erlistet, war Graf und Fürst
-seiner Herrschaft Friedland geworden und galt als guter Soldat, der seinen
-Söldnern reichen Raub gönnte.</p>
-
-<p>Als seine Trommel im Reich scholl, reicheres Werbegeld und reichere
-Beute verheißend, lief das Kriegsvolk ihm zu; bald stand dem Kaiser ein
-Heer zu Feld, stärker als das aller Fürsten.</p>
-
-<p>Da mußte der stolze König der Dänen auf seine Insel entweichen, da
-wurde der tolle Mansfeld gejagt wie ein Wild bis nach Ungarn, da konnte
-der Pfaffenfeind mit dem Handschuh der Königin keine Silbertaler mehr
-prägen.</p>
-
-<p>Da wurde die Hofburg Herr über den Bund der evangelischen Fürsten,
-da kam die römische Hand und strich ein halbes Jahrhundert und mehr aus
-dem Dasein des Reiches.</p>
-
-<p>Die Bischöfe kehrten zurück in den Besitz ihrer weltlichen Macht; alles,
-was einmal Kirchengut war, mußten die Fürsten und Städte der römischen
-Hand überlassen.</p>
-
-<p>Der Schwur von Loreto hatte der Kirche die Fäden von neuem gespannt;
-die Jünger Jesu standen bereit, den letzten Fang zu beginnen.</p>
-
-<h3 id="sec7_10">Stralsund</h3>
-
-<p>Was nicht mehr gewesen war, wurde durch Wallenstein wahr: der
-Kaiser hielt wieder die Macht über die Fürsten; aber der Kaiser saß in der
-Hofburg zu Wien, und der das Schwert führte im Namen des Kaisers,
-war seine eigene Stärke.</p>
-
-<p>Er hieß nun Herzog von Friedland und nannte Mecklenburg sein; ihn
-schierten die Händel der Geistlichen nicht und nicht die Sorgen der Kirche,
-er ging den Schritt der Gewalt und wollte ein anderes Reich als das der
-Pfaffen und Fürsten.</p>
-
-<p>Stärker als alle Kurfürstenmacht war einmal die Hansa gewesen: nun
-wollte der Kaiser die Hansa bedeuten, ihm sollten auch wieder die Städte
-und Häfen der Ostsee gehören, und die im Norden selbstherrlich Könige
-hießen, sollten in seiner Pflicht sein.</p>
-
-<p>Er legte in alle Häfen Besatzung, den Norden zu zwingen; aber Stralsund
-war der Schlüssel, und Stralsund trotzte dem Herzog des Kaisers;<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span>
-als er die Insel Dänholm vor ihren Toren besetzte, wagten die Bürger den
-Handstreich und brachten sie wieder in ihre Hand.</p>
-
-<p>Und wenn sie mit Ketten am Himmel hinge, sie müßte herunter!
-prahlte der Herzog; aber die Bürger von Stralsund hatten die Taten der
-Geusen vernommen: so hitzig sein Kriegsvolk die Wälle berannte, sie hielten
-ihm stand.</p>
-
-<p>Denn der sonst hinter den Wällen der böseste Feind war, der Hunger
-konnte die Stadt nicht bezwingen; höhnisch vor seinen kurzen Kanonen
-gingen und kamen die schwedischen Schiffe, Brot und Waffen, Pulver
-und Kriegsvolk zu bringen.</p>
-
-<p>Soviel die Wälle zu verbergen vermochten, warfen die Dänen und
-Schweden Truppen hinein; Stralsund war in Wahrheit der Schlüssel des
-Nordens, die Könige hielten dem Kaiser das Schloß mit dem Schlüssel
-gesperrt.</p>
-
-<p>So ging dem Herzog von Friedland sein harter Schwur fehl; er hatte die
-Länder gekehrt mit eisernem Besen von Ungarn bis Jütland, er war über
-Fürsten und Völker mit seinem Kriegsvolk gekommen: an der kalten Meerküste
-mußte sein Stolz die Schranken erkennen; und wie es Alba geschah vor
-den Geusen, so wich der Schatten Wallensteins zurück vor Stralsund.</p>
-
-<p>Das aber war zu der Zeit, da die Kurfürsten der Liga den Tag in
-Regensburg hielten: sie wollten den Hochmut des Herzogs nicht länger
-ertragen und zwangen den Kaiser, sich selber den starken Arm abzuschneiden.</p>
-
-<p>Der Friedländer wäre mächtig genug gewesen, den Fürsten zu trotzen,
-aber Seni, sein Sterndeuter, hatte ihm andere Dinge geweissagt; so ging
-er mit lächelnder Miene nach Böhmen in seine stolze Verbannung, wartend
-des Tages, da sie zum andernmal seiner bedürften.</p>
-
-<p>Denn schon war an der rügischen Küste der schwedische König erschienen,
-Kaiser und Kirche zum Trotz sein Schwert an die Bibel zu wagen.</p>
-
-<h3 id="sec7_11">Magdeburg</h3>
-
-<p>Lutherische Prinzen regierten seit langem die reiche Bischofsstadt an
-der Elbe, sie hießen Verweser und hatten der geistlichen Würde entsagt,
-die weltliche Macht zu behalten; aber der letzte Verweser, Christian Wilhelm
-von Brandenburg, wurde vom Kaiser geächtet: ein Bruder des Kaisers
-sollte wieder katholischer Erzbischof in der Ketzerstadt sein.</p>
-
-<p>Kaum standen die Schweden in Pommern, so schlich sich der Prinz
-heimlich zurück in die Stadt und stärkte die Hoffnung der Bürger, daß
-nun die Tage der evangelischen Freiheit nach langer Bedrängnis anbrächen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span></p>
-
-<p>Als aber Tilly, der Feldherr der Liga, Botschaft bekam, zog er mit großer
-Kriegsmacht heran; die reiche Ketzerstadt an der Elbe sollte das Schwert
-des Kaisers erfahren, bevor ihr der König zu helfen vermöchte.</p>
-
-<p>Da hatte der Prinz in Eile die Wälle gerüstet, und ein erfahrener
-Kriegsmann, Dietrich von Falkenberg, kam aus dem Lager der Schweden;
-denn Tilly war ein gewaltiger Feldherr mit Listen und raschen Zügen.</p>
-
-<p>Indessen der Kurfürst von Brandenburg, sein bänglicher Schwager,
-dem schwedischen König verwehrte, durch seine Länder zu ziehen, zog Tilly
-den eisernen Ring um die Stadt immer enger; der Hunger fing an, ihm zu
-helfen, auch ging das Pulver aus für die Geschütze: ein wütender Sturm
-sollte Magdeburg zwingen.</p>
-
-<p>Von allen Seiten liefen sie an, Feuerkugeln fuhren in glühenden Bogen,
-die Dächer zu zünden; schon stürzte ein Turm auf dem Wall, aber er
-legte sich nicht in den Graben, dem stürmenden Feind die Brücke zu bauen:
-die feurigen Krallen und eisernen Zähne konnten die Wälle nicht packen.</p>
-
-<p>Da sollte die Kriegslist den letzten Trumpf wagen, bevor sie abzogen;
-ein Trompeter kam in die Stadt, den blutigen Streit zu begleichen: schon
-sah die Wacht auf den Wällen die Schanzen geräumt und glaubte die
-nahende Hand des Königs zu spüren.</p>
-
-<p>Durch endlose Wachen ermüdet und froh der nahen Befreiung, ließen
-die Bürger die Wälle, endlich einmal zu schlafen: da drangen die Söldner
-Pappenheims ein und weckten die arglosen Schläfer.</p>
-
-<p>Es war nur ein kurzes Erwachen: sie waren Rebellen und Ketzer, nun
-fiel das Schwert über sie her; Männer, Frauen und Kinder mußten mit
-ihrem Blut den Schwur von Loreto bezahlen.</p>
-
-<p>Und über das Schwert kam das Feuer; seit Trojas und Jerusalems
-Fall &ndash; frohlockte die Kunde nach Wien &ndash; hatte die Welt kein Schauspiel
-wie dieses gesehen; drei Tage lang fraßen sich Mord und Brand satt in der
-Ketzerstadt, bis ihre blühende Breite ein Brandhaufen und Schindanger
-war.</p>
-
-<p>Wehklage schwoll aus dem angstvollen Herzen der protestantischen
-Welt; sie sah ihr Schicksal beschlossen, und die Enttäuschung fing an, den
-schwedischen König laut zu verwünschen.</p>
-
-<p>Dietrich von Falkenberg lag unter den rauchenden Trümmern begraben,
-den Prinzen von Brandenburg fingen die Söldner lebendig; er wurde
-in Wien wieder katholisch und lebte noch lange sein wohlbehütetes Leben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec7_12">Gustav Adolf</h3>
-
-<p>Den Schneekönig hießen sie ihn in der Hofburg des Kaisers: er würde
-bald schmelzen, wenn er den Norden verließe; auch wurden die Schweden
-Goten genannt, der römische Spott war darin über die neuen Barbaren.</p>
-
-<p>Aber der schwedische König kam in das Reich, wie ein Seefahrer seine
-Segel auf Sturm stellt: er prüfte den Anker und sah nach den Sternen;
-er wußte das Wagnis, aber er kannte sein Schiff und kannte die Kunst,
-es zu lenken.</p>
-
-<p>Wie es vorzeiten geschah, als Dietrich, der starkweise, Ravenna und
-Rom zu gewinnen gedachte, waren die schwedischen Männer ein Volk und
-Schwert gegen die Söldner des Kaisers.</p>
-
-<p>Tilly, der Feldherr und Sieger in hundert Schlachten, sah die Stärke
-des Königs; aber er sah auch, wie Argwohn und Zweifel der Fürsten dem
-Schweden die Schritte verstellten: er dachte ihn langsam zu schwächen,
-bevor er ihn finge.</p>
-
-<p>Als aber Magdeburg sank und als die Brunnen der evangelischen Wehklage
-aufbrachen, entbrannte dem König der Zorn: herrisch und hart zwang
-er die Fürsten von Sachsen und Brandenburg in seinen Gehorsam.</p>
-
-<p>Und als er Tilly im Breitenfeld stellte, teilte er klüglich die Seinen ab
-von den Sachsen, daß ihre Furcht nicht seine Schweden verwirre: die
-Sachsen liefen bis Eilenburg; als aber Tilly den Flüchtenden folgte,
-nahmen die Schweden ihn scharf in die Zange.</p>
-
-<p>Der Feldherr und Sieger in hundert Schlachten mußte dem König das
-Feld überlassen, als er glaubte, es zu gewinnen; kaum, daß er den Rest
-seiner Söldner nach Halberstadt brachte.</p>
-
-<p>Schon sahen die Priester und Pfründner der Hofburg das blaugelbe
-Banner vor Wien; aber der schwedische König strauchelte nicht in der
-Gunst seiner Stunde.</p>
-
-<p>Er sandte das sächsische Heer nach Böhmen, das Tor des Kaisers in
-Prag zu bedrängen; er aber äugte hinüber zum Rhein, wo die Kurfürstenmacht
-noch immer dem Reich das Krönungsgewand hielt.</p>
-
-<p>Denn mehr als ein günstiger Frieden blühte dem König der Schweden
-aus seinem Sieg: Wien war Byzanz, er aber wollte, wie vormals der starkweise
-Dietrich, das Reich der Goten anders aufrichten.</p>
-
-<p>Die Herbstnebel näßten das Land, als er die neue Heerfahrt begann;
-aber Weihnachten fand ihn schon warm in Mainz, wo er das kurfürstliche
-Nest mit seinem Schwedenvolk füllte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span></p>
-
-<p>Er war den uralten Weg der Sachsen gezogen, er hatte in Würzburg
-das fränkische Maintor gesprengt und hatte die Furt der Franken gefunden:
-wie die salischen Herrn und die Staufer ließ er das Banner der blaugelben
-Macht über dem Maifeld der Reichsherrlichkeit wehen.</p>
-
-<p>Und als ihn Tilly von neuem ins Feld rief nach Franken und Bayern,
-ließ er den Kanzler Oxenstjerna im goldenen Mainz, der schwedischen Herrschaft
-am Rhein den Krönungsmantel zu halten.</p>
-
-<p>Noch lag der Schnee auf den fränkischen Bergen, als ihm die Glocken
-von Nürnberg zu läuten begannen; Tore und Herzen hatte die Reichsstadt
-dem Schutzherrn der evangelischen Freiheit weit aufgetan.</p>
-
-<p>Hier hielt kein Bischof und Fürst seinen Zipfel der Kaisergewalt fest,
-hier war der siebente Heerschild des Reiches im Bürgerkleid und grüßte
-den starken Verwalter.</p>
-
-<p>Fester und fröhlicher, als er den Feldzug begann, stieß er nach Süden,
-den mächtigen Herzog in Bayern zu fassen, der für die römische Macht im
-Reich das listige Schwert und gegen den Kaiser in Wien die stolze Selbstherrlichkeit
-war.</p>
-
-<p>Er traf ihn am Lechfeld gelagert; so stark hatte Tilly, sein greiser Schildhalter,
-die Schanzen gestellt, daß die Getreuen dem König den Angriff abrieten:
-er aber hatte über die Ostsee Brücken geschlagen und wollte nicht
-weichen vor einem steinichten Alpengewässer.</p>
-
-<p>Die Lose waren geschüttelt, und das Glück fiel dem Mutigen zu, indessen
-Tilly, den zweifelnden Greis, eine Stückkugel traf: als der Schildhalter
-fiel, waren die Schanzen noch stark wie zuvor, aber der Kurfürst floh
-mit den Seinen, weil ihn der Mut und der Glaube verließen.</p>
-
-<h3 id="sec7_13">Lützen</h3>
-
-<p>Seni, der Sterndeuter, hatte dem Herzog von Friedland kühne Dinge
-geweissagt, nun kam die Erfüllung: die Fürsten im Reich und ihr Kaiser
-mußten den Tag von Regensburg büßen.</p>
-
-<p>Der Herzog hatte sein Haus in Prag wie einen goldenen Käfig um
-seine Wünsche gehalten, von bösen Schmerzen geplagt und abergläubisch
-den Sternen verschworen, schien er der Welthändel satt.</p>
-
-<p>Er ließ den Gesandten des Kaisers mit Ungnade an; die pfäffischen
-Feinde der Hofburg mußten den bittersten Spott seiner gichtigen Rachlust
-erfahren, bevor er im Rollwagen aufstand.</p>
-
-<p>Eine Katze spielt mit der Maus, so nahm der Herzog den Habsburger
-Hochmut in die Krallen: als er den Feldherrnstab aufhob, war der Name<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span>
-des Kaisers nur noch das Siegel, die Macht hielt der Herzog allein in den
-gichtigen Händen.</p>
-
-<p>So hatte die Zeit das Spiel der Mächte gewandelt: der Habsburger
-mußte dem Herzog von Friedland den Prunkwagen ziehen, der Winterkönig
-war ein Schaustück des Schwedenlagers geworden.</p>
-
-<p>Verwegen den eigenen Zielen verschworen, standen die neuen Spieler
-im Feld: sie hoben den Arm und kreuzten die Degen; aber sie stießen nicht
-zu, weil sie einander erkannten.</p>
-
-<p>Der Herzog kehrte das böhmische Land rein von den Sachsen und ließ
-den hochmütigen Kurfürst von Bayern drängen und betteln, daß er ihm
-hülfe; erst als sich der stolze Kriegsherr der Liga demütig nach Eger bemühte,
-kam er nach Bayern.</p>
-
-<p>Der König hatte um Nürnberg sein festes Lager geworfen, der Herzog
-legte sich auf die Berge von Zirndorf davor, ihn zu belauern: zehn Wochen
-lagen sie da voreinander, und eher wären die Wälder gewandert, als daß
-der Herzog dem König aus seinem Fuchsbau herauskam.</p>
-
-<p>Der Hunger fiel ein hier und dort, und Seuchen fraßen die Heere: der
-Herzog rührte sich nicht; und als der König verbissen und wild den Sturm
-wagte, wies er ihn blutig zurück.</p>
-
-<p>Sie hatten einander gespürt und gingen geschwächt auseinander; als
-aber der Herzog ins Sächsische fiel, Winterquartier zu erlangen, war der
-König noch stark, ihm zu folgen.</p>
-
-<p>Zum andernmal lagen sie da mit dem Nürnberger Spiel bei Naumburg
-und Weißenfels hart aneinander; zum andernmal stieß der König zu,
-als der Herzog die Pappenheimischen Reiter elbabwärts sandte.</p>
-
-<p>Bei Lützen bekam er den Friedländischen Stier bei den Hörnern zu
-packen; so hart griff er ihn an, daß ihm das gewaltige Tier in die Knie
-brach: aber das spitzige Horn durchbohrte ihm selber die Brust, bevor er
-Viktoria rief.</p>
-
-<p>Zwei Kugeln trafen den König, als er im Nebel zu hitzig ins Treffen
-geriet; die eine zerriß ihm den Arm, und als ihn sein Page noch rückwärts
-zu lenken gedachte, durchbohrte die zweite den Rücken.</p>
-
-<p>Die Schlacht war den Schweden gewonnen; als Pappenheim kam mit
-dem Hagelsturm seiner Reiter, konnte der Herzog das Lützener Feld nicht
-mehr erzwingen; aber der König lag unter Leichen begraben.</p>
-
-<p>Der Starke von Norden war in die bängliche Stille gekommen, ein
-Hornruf und Schwertschlag wie keiner im Schlachtlärm der Zeit.</p>
-
-<p>Den Schneekönig hießen sie ihn; im Blut seiner Goten war er geschmolzen,
-aber das blaugelbe Banner flatterte hoch: Bernhard von Weimar<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span>
-riß es im Flug seiner Taten über die deutschen Gefilde, bis ihm die
-Fetzen hingen.</p>
-
-<h3 id="sec7_14">Der Herzog von Friedland</h3>
-
-<p>Die Sonne sank unter im Feld, und der Mond stand allein über Lützen,
-blutrot im schwarzen Gewölk: sie hatten gekämpft um den Tag, nun kam
-die Nacht mit zerrissenen Schatten.</p>
-
-<p>Ein König hatte den Kaisertraum gläubig im Tag seiner Taten empfangen,
-nun war es ein bleicher Glanz der Gestirne, von dem Sterndeuter
-brütend bewacht und von dem Herzog abergläubisch gehütet.</p>
-
-<p>Er war als böhmischer Edelmann in den Schein der Allmacht gekommen,
-Böhmen und Prag verhießen dem Herzog die kommende Krone; als
-er das Feld bei Lützen verlor, wich er zurück, die böhmische Heimat zu halten.</p>
-
-<p>Indessen Bernhard von Weimar den Sieg der blaugelben Fahne ins
-Frankenland trug, als Herr von Würzburg und Bamberg ein neuer Reichsfürst
-zu werden von schwedischen Gnaden; indessen der Kurfürst von Bayern
-sich schlimmer bedroht sah als je durch den König: hielt sich der Herzog in
-Böhmen, bis er, Mähren zu schützen, nach Schlesien kam.</p>
-
-<p>Da hatten die Schweden und Sachsen die leichte Beute geteilt; er kam
-sie zu strafen und hätte sie hart zu treffen vermocht mit zwiefacher Übermacht:
-aber er wollte dem klüglich berechneten Spiel nicht selber die
-Trümpfe ausbrechen, er wollte im Gleichmaß der feindlichen Mächte der
-Unentbehrliche bleiben.</p>
-
-<p>Und als er danach bei Steinau den Grafen von Thurn fing, den böhmischen
-Todfeind des Kaisers, und als in der Hofburg zu Wien schon die
-Folter bereit war, ließ er den Ketzer und Rebellen laufen und hatte nur
-Spott für die Pfaffen.</p>
-
-<p>Die Boten kamen und gingen, als ob er den Krieg mit der Feder statt
-mit dem Schwert zu gewinnen gedächte; sie gingen nach Schweden und
-Frankreich mehr als nach Wien, und niemand sprach näher vom Frieden,
-als der für den Krieg bestellt war.</p>
-
-<p>Aber er hatte die Karten zu listig gemischt; als er am Stich war, traute
-ihm keiner: so ging ihm der Einsatz samt dem geweissagten Kronengewinn
-kläglich verloren.</p>
-
-<p>Die Allmacht des Herzogs zu dämpfen, rief der Kaiser ein spanisches
-Heer ihm zu Hilfe; da mußte der listige Spieler Farbe bekennen, aber nun
-war es zu spät, sie zu halten: als ihm zu Pilsen seine Getreuen den Schwur
-leisten sollten, hielt schon Verrat den Verrat bei den Händen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span></p>
-
-<p>Seines Amtes entsetzt und vogelfrei als Verräter, kam er nach Eger,
-noch immer ein Fürst der Gewalt, abgöttisch geehrt und gefürchtet; er
-wollte sich offen den Schweden zuwenden, aber der kleine Verrat kam dem
-großen zuvor.</p>
-
-<p>Es war ein Gastmahl in Eger, da wurde dem künftigen König von
-Böhmen getrunken, und der Meuchelmord lauerte hinter der Tür; als die
-Lustigkeit satt war, brachen die Mörder hervor und stachen die trunkenen
-Schwertbrüder Wallensteins nieder.</p>
-
-<p>Ihn selber fanden sie wehrlos im Schlaf; er hatte den Abend mit Seni
-verbracht, den drohenden Stand der Gestirne zu deuten, nun trat der
-schwarze Beschluß durch die krachende Tür in seine Wirklichkeit ein.</p>
-
-<p>Er war durch den Lärm geweckt noch ans Fenster getreten, als er die
-Hellebarde vor seiner Brust sah; wortlos mit offenen Armen nahm er sie
-auf: im Tod noch ein finsterer Meister.</p>
-
-<p>Dreitausend Seelenmessen hieß der Kaiser in Wien dem Wallenstein
-lesen, und hängte das Gold an die Mörder; auch floß eine Habsburger
-Träne dem Schicksal, das ihm so grausam und tückisch zu handeln befahl.</p>
-
-<h3 id="sec7_15">Bernhard von Weimar</h3>
-
-<p>Als Wallenstein starb, stand der große Krieg still, aber der kleine Krieg
-wollte Deutschland verderben; Faust und Feuer und Raub hatten ein wildes
-Geschlecht gezüchtet; schon krähte der Hahn nach dem Morgen, aber
-noch hielt die gramvolle Nacht dem bösen Gezücht den Morgenschlaf hin.</p>
-
-<p>Über dem Haß der Parteien hatten noch Sterne gezittert, nun starben
-sie hin im Grauen der Helle: der aber den Schaft der blaugelben Fahne
-hielt &ndash; einen Stumpf nur mit Fetzen behangen &ndash; den Prinzen Bernhard
-von Weimar riß seine Fahrt noch ins Morgenrot hin.</p>
-
-<p>Er hatte das sächsische Feld bei Lützen gehalten und war wie ein Feuer
-im Wind zur bayrischen Donau gefahren, er hatte das fränkische Land mit
-seinen Siegen erfüllt und war der Herzog des Landes um Bamberg und
-Würzburg geworden: aber die Schlacht bei Nördlingen nahm ihm den
-Ruhm und das Land; seit Breitenfeld wurde kein Heer so geschlagen.</p>
-
-<p>Oxenstjerna, der schwedische Kanzler, hatte mit eiserner Stirn den Tod
-seines Freundes, des Königs, erfahren; nun stand er zum andernmal leer
-vor dem Glück: die Schwedenherrschaft im Reich war aus; hoch stieg der
-Kaiser.</p>
-
-<p>Der Kurfürst von Sachsen streckte zuerst die unrühmlichen Waffen,
-ihm folgten geschwind die kleineren Fürsten: der Frieden zu Prag gab den<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span>
-Ländern der Elbe die Hoffnung zurück, daß wieder dem Bauer sein Pflug,
-dem Bürger sein redliches Handwerk gehöre.</p>
-
-<p>Aber noch war die Zuchtrute der Zeit nicht gesättigt, nun blieb der
-Schwede als Feind, wo er als Freund kam; was ihm die Fürsten und
-Städte im Reich nicht mehr gaben, das bot ihm Frankreich mit listiger
-Hand, und Oxenstjerna zögerte nicht, es zu nehmen.</p>
-
-<p>Elf Jahre ging noch der höllische Krieg: Schweden, Franzosen, Spanier
-rissen sich um den Raub mit dem Kaiser; aber der Raub war das Reich
-und der Kaiser die römische Kirchengewalt.</p>
-
-<p>Da ließ auch Bernhard von Weimar den blaugelben Stumpf und
-machte den Pakt mit dem Todfeind der Habsburger Macht: französisches
-Geld half ihm, ein Heer auszurüsten, Elsaß und Hagenau &ndash; stand in dem
-Pakt &ndash; sollten sein Lohn sein.</p>
-
-<p>So stieg noch einmal sein Ruhm, aber nun trug er die eigene Fahne;
-und als sie zum andernmal Sieg trug, als ihm das Elsaß gehörte, als Breisach
-ihm zufiel und der Oberrhein sein war: da wurde der deutsche Herzog
-dem Kanzler von Frankreich und Kardinal Richelieu zu großmächtig.</p>
-
-<p>Er sollte für Frankreich, nicht für sich selber, dem Kaiser das Land abgewinnen;
-den Trotz zu betören, trug er dem Prinzen die Hand seiner
-Nichte als Siegespreis an.</p>
-
-<p>Aber Bernhard von Weimar lachte der Ehre, wie Dietrich gegen Byzanz
-lachte; die hessische Landgräfin war ihm geneigt: von Basel bis Marburg
-sollte &ndash; so ging sein Traum &ndash; sein neues Herzogtum reichen, und sollte
-die Trutzburg des deutschen Evangeliums sein.</p>
-
-<p>Er war die Faust und das Herz, die Trutzburg zu halten, aber der Tod
-fiel ihn an wie ein räudiger Hund: sein Arzt gab ihm Gift, so sagte er selber;
-Breisach ist unser! rief fröhlich der Kardinal.</p>
-
-<p>Elsaß zu halten, doch nie das Reich zu verraten; so ging das Testament
-Bernhards von Weimar an seine Brüder: aber Geld und Gewalt der
-Franzosen hielten den Raub fest, als die Faust und das Herz nicht mehr
-schlugen.</p>
-
-<h3 id="sec7_16">Das Ende</h3>
-
-<p>Älter als die Jünglinge der Menschen war schon der Krieg, da Bernhard
-von Weimar die Faust und das Herz seiner Taten zum Sterben hinlegte,
-und über der Wiege saß manche Mutter, die selber den Frieden nicht
-kannte.</p>
-
-<p>Bernhard von Weimar war noch ein Held der Hoffnung gewesen; die<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span>
-nach ihm kamen, waren Soldaten, sie kannten nichts als Soldatenglück
-und Soldatengewalt:</p>
-
-<p>Banner, der Schwede, üppig und wild und verwegen und allen Lastern
-fröhlich vertraut; mitten im Winter kam er vor Regensburg, den Kaiser
-mitsamt dem Reichstag zu fangen, aber die Donau ging über Nacht in
-Tauwetter auf.</p>
-
-<p>Torstenson dann, von der Podagra übel geplagt, aber sein Lehnstuhl
-fuhr schneller durchs Reich als die Reiter des Kaisers; bei Breitenfeld
-schlug er sie scharf, wie sein König dem Tilly tat, und seine Scharen streiften
-vor Wien.</p>
-
-<p>Johann von Werth, der in Jülich Bauernknecht war und ein spanischer
-Reitersmann wurde; keine Stadt im Reich, die seine Tollheit nicht kannte.</p>
-
-<p>Wie sie einander hinjagten, heute am Rhein und morgen am Lech, wie
-sie Heuschrecken gleich in die Länder einfielen, wie sie die klägliche Bürger-
-und Bauernschaft plagten: das war nicht mehr Krieg, das war nur noch
-Ritt um den Raub und um die Winterquartiere.</p>
-
-<p>Und wie die Herren, so wurden die Knechte: wo ihrer zwölf waren, tat
-sich der dreizehnte auf als ihr Meister; denn plündern und rauben nährte
-den Mann nur noch abseits der Straße.</p>
-
-<p>Längst säte der Bauer nur mehr die Felder versteckt in Wäldern und
-Sümpfen; und was in den Städten noch Bürgerschaft hieß, hielt das zerlöcherte
-Sieb, aus dem Schlamm der wilden Heervölker den traurigen Satz
-zu gewinnen.</p>
-
-<p>Wohl hatten Sachsen und Brandenburg Frieden gemacht mit dem
-Kaiser, aber der Schwede hohnlachte dazu, ihn zu halten; denn längst mit
-dem König war seine Zucht und Frommheit gefallen.</p>
-
-<p>Schlimmer als je galt das Faustrecht, wüster als je lag der Acker, bitterer
-als je war die Armut, wilder das Elend, heißer Hunger und Seuche;
-von Zucht und Sitte war nur ein schmutziger Rest, vom Wohlstand des
-Reiches nur noch die Sage geblieben.</p>
-
-<p>Als dann Turenne, der Mordbrenner, kam, und Wrangel, der Schwede,
-ihm half, die Pfalz auszukehren, als Max, der stolze Kurfürst von Bayern,
-dem Kaiser abfiel im Stillstand von Ulm: da war der Schwur von Loreto
-am Ende.</p>
-
-<h3 id="sec7_17">Der Frieden zu Münster</h3>
-
-<p>Der Frieden kam, wie ein Feuer sich selber die Stätte leer frißt; der
-Hunger der Länder hing sich dem Wagen der Kriegsvölker an, und vor den
-Toren der Stadt saß wartend die Seuche.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span></p>
-
-<p>Sieben Jahre lang siechte der Krieg hin, so hatten die räudigen Hunde
-der Macht sich verbissen; der Reichstag von Regensburg sollte sein Ende
-bedeuten, aber der Schwur von Loreto wollte noch immer Machthalter
-bleiben.</p>
-
-<p>Dann wurde in Hamburg das Ränkespiel anders beschlossen: in Münster
-und Osnabrück sollten die beiden Heerlager der Räte und Vollmachten
-sein; aber drei Jahre vergingen, bis die Perücken der feindlichen Völker
-sich alle einfanden.</p>
-
-<p>Und vier Jahre lang wurden die Akten gewendet, vier Jahre lang zankten
-die Räte sich um den Rang ihrer hohen Personen, vier Jahre lang
-schrieben die Federn sich stumpf an spitzen Prämissen: bis endlich der Troß
-der Gesandten in Münster einfuhr, mit schwarzer Tinte das Blut der
-Völker zu sühnen.</p>
-
-<p>Der Kaiser hatte das Spiel verloren, aber das Reich mußte die Schulden
-bezahlen: Schweden nahm Pommern, Rügen und Bremen, Frankreich
-das Elsaß samt Metz, Toul und Verdun; die Schweiz und das Niederland
-gaben für immer dem Reich ihren Abschied.</p>
-
-<p>So hatte der Schwur von Loreto ein Aas aus Deutschland gemacht,
-Fremden zum Fraß, und hatte dem heiligen römischen Reich deutscher
-Nation den Tag abgeschnitten.</p>
-
-<p>Denn nun waren die Fürsten die Herren; sie durften Bündnisse schließen
-ohne den Kaiser, sie konnten in Frankreich, England und Schweden
-den Trotz stärken gegen den Kaiser: das Reich war keine Reichsherrlichkeit
-mehr.</p>
-
-<p>Kirche und Kaiser waren das Herz und die Hand der christlichen Weltmacht
-gewesen und hatten den Bogen gespannt über die Völker: nun saß
-der Kaiser zwar noch in seiner Hofburg, aber das Reich gehörte den Fürsten.</p>
-
-<p>Katholisch, lutherisch und reformiert konnte der Landesherr sein, wie er
-wollte; nur einen anderen Glauben als seinen brauchte er bei dem Untertan
-nicht zu dulden.</p>
-
-<p>Frieden auf Erden hatte die Botschaft versprochen und hatte den wildesten
-Krieg über Deutschland gebracht; als gläubiger Christ hüben und
-drüben war der deutsche Mensch in die Zwietracht geraten, daß er dem
-Bruder die Glaubensgründe bestritt: in Konfessionen geschieden hatte das
-deutsche Volk die Einheit der Seele verloren.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Buch_der_Fuersten">Das Buch der Fürsten</h2>
-
-<h3 id="sec8_1">Versailles</h3>
-</div>
-
-<p>Ein scharfer Keil in der Habsburger Macht war das Land der Franzosen:
-von Flandern hinauf nach Burgund und drüben in Spanien bot
-ihm das Habsburger Weltreich die Flanken.</p>
-
-<p>So war es geworden, als Philipp der Schöne hinüber nach Spanien
-freite, so wirkte es doppelt, als Karl, der spanische König, zurück in das
-Reich kam, Kaiser der Deutschen zu werden.</p>
-
-<p>Viermal führte er Krieg mit Franz dem Ersten von Frankreich, daß
-ihm der Keil nicht die Flanken zersprenge; viermal nahm er den Keil in die
-Zange und konnte ihm doch die Schärfe nicht brechen.</p>
-
-<p>Was aber Franz mit grimmigen Kriegen begann, vollbrachte mit List
-Richelieu: die Kaisergewalt starb hin an dem Schwur von Loreto, indessen
-der Kardinal den Feinden der Kirche beistand, die Flanken der Habsburger
-Macht einzustoßen.</p>
-
-<p>Der Frieden zu Münster gab den Franzosen am Rhein, was der Kaiser
-verlor: das Reich war leer und zerschlagen, sie aber standen im Glück ihrer
-Stunde, und Ludwig der Vierzehnte kam, die abendländische Uhr auf sich
-einzustellen.</p>
-
-<p>Er war noch ein Jüngling, als er im Jagdrock, die Peitsche keck in der
-Hand, ins Parlament kam, das Fürstenwort seiner Zeit auszusprechen:
-Der Staat, das bin ich!</p>
-
-<p>Die Fürstenmacht hatte den Krieg gegen den Kaiser gewonnen, und
-Ludwig der Vierzehnte lehrte die Fürsten, ihr Siegerrecht auszukosten.</p>
-
-<p>Der Staat war der König: Stände und Standesherrn, Bürger und
-Bauern waren ihm untertan und mußten dem König gehorchen als untertänige
-Diener; er war die Sonne, alles Licht im Staat kam von ihm, und
-alles war sein von Gottes Gnaden.</p>
-
-<p>Seine Soldaten marschierten im Namen des Königs, seine Minister
-waren das Räderwerk höchsteigener Pläne, seine Beamten plagten den
-Untertan.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span></p>
-
-<p>Daß seine Allmacht sichtbar würde dem eigenen Volk der Franzosen
-und den Völkern des Abendlandes, ließ er sich draußen, weit vor den Toren
-der Hauptstadt Paris die neuen Lustgärten bauen: das Schloß und den
-Park von Versailles.</p>
-
-<p>Die starre Flucht seiner Fenster und der umgitterte Hof wiesen der
-stolz anlaufenden Straße den Rücken, das Antlitz war nach den Gärten
-gekehrt, die in unendlicher Weite über den breiten Terrassen ihr grünes
-Schaubild der blauen Ferne vorlegten.</p>
-
-<p>Wachen und Gitter und blinkende Fenster sperrten den Eingang und
-reizten die Neugier; aber drinnen, von hundert Schranken behütet, hielt
-der Hof seine rauschenden Feste.</p>
-
-<p>Da sprangen die Wasser, da lockten die hellen Terrassen den Blick in
-die weiten Alleen, da schritten die Seidengewänder die breiten Treppen hinauf
-und hinunter, da hielt die rauschende Pracht vor sich selber den Atem an.</p>
-
-<p>Denn irgendwo drinnen wohnte der König und war in den schimmernden
-Schalen wie eine Perle geschützt; durch den Marmorsaum herrischer
-Hallen, unter den wuchtigen Decken prahlender Säle führte der zögernde
-Schritt hinein ins Geheimnis der Macht.</p>
-
-<p>Aber kein Fuß durfte ihn gehen, der nicht von hoher Geburt und durch
-die Gnade des Königs bestimmt war; denn wie die Macht seiner Heere, so
-war die Pracht seines Hofes allein auf die Gunst seiner Augen gestellt.</p>
-
-<p>So sahen die Fürsten Europas die Sonne der neuen Herrschergewalt:
-kein Schwertkaiser mehr, der im Harnisch vor seinen Rittern durchs Stadttor
-einritt nach ruhmvollen Taten, kein Richtkaiser mehr, der auf dem
-Marktplatz den goldenen Stuhl hatte.</p>
-
-<p>Reiten und richten war eine Pflicht im Tagwerk der Diener geworden,
-der König gab nur die Gunst ihrer Stunden; sein Dasein war aus der
-Wirklichkeit fort in das freche Theater der fürstlichen Allmacht gegangen.</p>
-
-<h3 id="sec8_2">Alliance du Rhin</h3>
-
-<p>Ein halbes Jahrtausend und mehr hatte das Reich am Rhein seine
-Heimat gehabt; nun saß der Kaiser im Osten, dem Ohr und den Händen
-der geistlichen Kurfürsten fern, indessen die Gnadensonne von Westen reichen
-Glanz über ihr Fürstengewand schien.</p>
-
-<p>Denn nun kam die Zeit, da die Fürsten des Reiches Abgötter bourbonischer
-Herrlichkeit wurden, da die Pracht von Versailles die Höfe betörte,
-da die Kurfürsten den rheinischen Trutzbund schwuren gegen den
-Habsburger Kaiser.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span></p>
-
-<p>Sie liebten als Priester Pracht und Gepränge und wollten als Fürsten
-Hof halten, wie Ludwig der Vierzehnte Hof hielt in Versailles; aber die
-Hofburg in Wien war der fürstlichen Pracht und fröhlichen Weltlust
-verschlossen.</p>
-
-<p>Auch hatte der Kaiser die Fürsten und Stände betrogen; ein Reichstag
-sollte &ndash; so stand es im Frieden von Münster &ndash; die neue Verfassung beschließen;
-aber die Hofburg wollte die Krone aus eigener Vollmacht beerben,
-die Kurfürsten sollten dem Habsburger Erbkaisertum nur noch den
-Prunkmantel halten.</p>
-
-<p>Als darum der dritte Ferdinand starb, mochten die Kurfürsten am
-Rhein seinen Sohn Leopold nicht mehr erwählen; Kaiser im Reich und am
-Rhein sollte Ludwig der Vierzehnte heißen, weil er im Abendland längst
-der mächtigste König und für die Fürsten das Götterbild ihrer Macht war.</p>
-
-<p>Mehr als ein Jahr lang zogen sie kläglich die Wahl hin, die Gunst und
-das Gold von Versailles strömten die Fülle über den Rhein; aber der bängliche
-Kurfürst von Bayern verdarb das französische Spiel: die rheinischen
-Herren mußten in Frankfurt den Habsburger krönen.</p>
-
-<p>Aber am andern Tag saßen sie da um die Gunst und das Gold von
-Versailles und schwuren den Bund mit dem König von Frankreich; drei
-Kurfürsten mit ihren Trabanten versagten dem Kaiser die Treue und
-verrieten den Rhein und das Reich an den Todfeind der Habsburger
-Macht.</p>
-
-<p>Denn nicht nur heimlich stand Ludwig der Vierzehnte Pate, er selber
-trat mit in den Rheinbund; die Gnadensonne von Versailles lag auf den
-fürstlichen Händen, als sie den treulosen Pakt unterschrieben.</p>
-
-<h3 id="sec8_3">Straßburg</h3>
-
-<p>Eine Reichsstadt war Straßburg seit Urvätertagen, und deutsches
-Leben hatte dort seine vornehme Werkstatt gehabt; als der Kaiserglanz noch
-am Rhein seinen Auf- und Untergang hatte, stand es im Mittag reichsdeutscher
-Macht.</p>
-
-<p>Eckhart der Meister und Tauler der Prediger, Murner und Brant
-fanden in Straßburg Ohren und Herzen, die schwarze Kunst Gutenbergs
-hütete hier ihr erstes Geheimnis.</p>
-
-<p>Auch als das Gewitter um Luther und Zwingli schwarze Sturmwolken
-brachte, hielt Straßburg die Reichsfreiheit hoch und war dem Bund der
-evangelischen Fürsten eine wehrhafte Stütze.</p>
-
-<p>Jakob Sturm, sein Stättmeister, stand stolz unter den Fürsten des<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span>
-Reiches; kein Herzog und Bischof konnte am Oberrhein wagen, Straßburger
-Bürgerrecht anzutasten.</p>
-
-<p>Als Frankreich danach im Frieden zu Münster das Habsburger Erbland
-im Elsaß bekam, blieb Straßburg wie eine stolze Bastei der alten
-Reichsherrlichkeit stehen.</p>
-
-<p>Sein Münster, durch Erwin von Steinbach herrlich erhoben, hielt seine
-Hallen der evangelischen Lehre geöffnet; und ob durch die Tore die Gunst
-von Versailles prahlend herein ritt, die Bürgerschaft ließ sich nicht locken.</p>
-
-<p>Nur die Geschlechter äugten sehr nach der welschen Sonne; und der
-Bischof Franz Egon von Fürstenberg hielt der Sonne den Spiegel: er
-wollte die Messe im Münster lesen, und Straßburg die Reichsstadt sollte
-ihm wieder als Bischofsstadt untertan sein.</p>
-
-<p>Er legte die Schlinge, und als sie mit List und Bestechung bereit war,
-zog die Gewalt zu; es war im September, da die Kaufleute mit ihren
-Knechten die Messe in Frankfurt bestritten, als das Heer der Franzosen
-vor Straßburg erschien.</p>
-
-<p>Mitten im Frieden sahen die Bürger blanke Geschütze auf ihre Tore
-gerichtet; der Kaiser saß fern in der Hofburg, und viel zu stark stand das
-welsche Volk vor den Wällen.</p>
-
-<p>Auch waren im Magistrat zuviel Augen betört durch das Gold und die
-Gunst von Versailles; am dritten Tag ritten die Reiter der Lilie mit
-Hörnergeschmetter ein in die Gassen: keinen Schuß und Mann hatte den
-König von Frankreich die deutsche Reichsstadt gekostet.</p>
-
-<p>Und als nach einem Monat die Sonne selber die Stadt und das Münster
-beschien, stand der Bischof davor aus einem deutschen Fürstengeschlecht,
-den neuen Herrn zu begrüßen, und lästerte laut mit dem Wort, das Simeon
-sprach, als er im Tempel das Knäblein begrüßte:</p>
-
-<p>Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden einfahren; denn meine
-Augen haben den Heiland gesehn! so sagte ein deutscher Fürst und Bischof
-dem König von Frankreich, als er in Straßburg als Räuber einzog.</p>
-
-<h3 id="sec8_4">Die Erbschaft der Liselotte</h3>
-
-<p>Die Fürsten Europas waren vervettert, aber den Zank um die Erbschaft
-mußten die Völker bezahlen.</p>
-
-<p>Ludwig des Vierzehnten Mutter war Anna von Österreich und seine
-Frau eine Tochter des spanischen Königs: der Todfeind von Habsburg
-war selber dem Hause versippt; auch hatte der Bruder des Königs Liselotte,
-die Schwester des Pfalzgrafen, zur Frau.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span></p>
-
-<p>Die deutsche Prinzessin am Hof zu Versailles war ein drolliges Weibsbild;
-aber sie wurde der pfälzischen Heimat die Quelle unsäglicher Leiden.</p>
-
-<p>Als Karl, ihr Bruder, kinderlos starb und die von Pfalz-Neuburg rechtmäßig
-die Erbschaft antraten, ließ sie den mächtigen Schwager ihr Erbteil
-vom Reich für Frankreich einfordern.</p>
-
-<p>Das aber war zu der Zeit, da die Türken Belgrad verloren, da der
-allerchristlichste König seinen besten Mithelfer bedrängt sah: dem Halbmond
-gegen das siegreiche Kreuz des Habsburger Feindes zu helfen, fing
-er den pfälzischen Krieg an.</p>
-
-<p>Aber das Reich war besser gerüstet, als da er Straßburg einsteckte;
-Melac, sein Feldherr, konnte die Pfalz nicht behalten.</p>
-
-<p>Wo aber die Sonne des Königs von Frankreich nicht scheinen durfte,
-brauchte die Frucht nicht zu reifen, brauchten die Scheuern und Häuser,
-die Schlösser und Kirchen der Pfalz nicht mehr zu stehen.</p>
-
-<p>Der König will es! so hieß die Mordbrennerlosung; der König will es,
-daß Heidelberg in eine Öde gestellt sei, daß die Dörfer der Bergstraße
-brennen, daß die Straßen im Winter mit flüchtenden Menschen gefüllt
-sind, daß ihrer viele erfrieren!</p>
-
-<p>Der König will es, daß Speyer und Worms die Mordbrennerwut
-schlimmer erfahren, daß die salischen Dome mit brennenden Dächern in
-Brandhaufen stehn, daß den Leichen der Kaiser in ihren Gräbern Schande
-geschieht!</p>
-
-<p>Der König will es, daß eine brennende Wüste von Speyer bis Trier
-den Glanz seiner Sonne grausam umgrenze, daß die grüne Frucht auf den
-Feldern untergepflügt werde!</p>
-
-<p>Melac! so riefen die Pfälzer danach ihre Hunde und hätten sie besser
-Liselotte getauft, die sich im höfischen Glanz von Versailles der glücklichen
-Jugendzeit freute, da sie im Schloßgarten zu Heidelberg Kirschen und
-Kuchen verzehrte.</p>
-
-<p>Indessen so böses Mordbrennertum den rheinischen Winter und Frühling
-bedrängte, zogen die Heere der Fürsten zögernd zu Hilfe, und als sie
-bei Fleurus im Niederland endlich ausholten zum Schlag, fielen sie schlimm
-in den Degen der Welschen.</p>
-
-<p>Zum zweitenmal konnten die Mordbrennerscharen den Rhein überschreiten,
-und diesmal sank Heidelberg hin: in Trümmer zerbrach das herrliche
-Schloß, und düster lag über der Stadt der schwelende Rauch ihrer
-Brände.</p>
-
-<p>Der aber König der Mordbrenner war und der Schwager der Liselotte,
-von ihrer Prinzessinnenseele fröhlich bewundert, er ließ auf die brennende<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span>
-Stadt eine Schaumünze prägen, als ob Brandstiftung auch noch ein Zeichen
-fürstlichen Gottesgnadentums wäre.</p>
-
-<h3 id="sec8_5">Die Türken vor Wien</h3>
-
-<p>Der Schwur von Loreto hatte das Reich leer gebrannt, aber noch immer
-kam der Glaubenskrieg nicht zur Ruhe: ein törichter Aufruhr ehrgeiziger
-Junker gab auch in Ungarn der Ketzerverfolgung endlich das
-Schwert und das Feuer zur Hand.</p>
-
-<p>Vierhundert Pfarrer wurden gleich Dieben gefangen, und die sich des Widerrufs
-weigerten, wurden im Namen des Königs auf die Galeere gebracht.</p>
-
-<p>Aber da fing dem Kaiser in Wien das eigene Haus an zu brennen;
-Graf Tököly rief die Türken ins Land, und Kara Mustapha kam mit dem
-unendlichen Völkergewirr seiner Scharen, den Halbmond gegen das gleißende
-Kreuz von Habsburg zu tragen.</p>
-
-<p>Zum zweitenmal standen die Türken vor Wien, und ihr gewaltiges
-Lager war eine brausende Springflut rings um die zitternde Stadt.</p>
-
-<p>Die Jesuiten mit ihrem gehorsamen Zögling waren nach Passau geflohen;
-so wild war der Zorn des Volkes auf sie, daß ihrer viele das Leben
-verloren, und nur verkleidet konnte der Kaiser die schimpfliche Flucht wagen.</p>
-
-<p>Graf Starhemberg hieß der mutige Mann, der auf den zerschossenen
-Mauern der Stadt noch standhielt, als in der Bürgerschaft schon das Entsetzen
-an keine Rettung mehr glaubte.</p>
-
-<p>Die Burgbastei war gesprengt, nur die eine Nacht noch konnte die
-Stadt den Sturm überstehen: wie Heimdals Horn die Asen aufrief, so
-sandte der Stephansturm den Hilferuf seiner Raketen hinaus in die Nacht.</p>
-
-<p>Lange schon standen die Fürsten am Kahlenberg, aber sie waren zu
-schwach, den Sturm auf das gewaltige Lager der Türken zu wagen, bis
-Johann Sobieski, der tapfere König der Polen, sein starkes Heer brachte.</p>
-
-<p>Die türkischen Sturmleitern standen am Morgen bereit, aber wie Doggen
-den Panther anfallen, so brachen die Polen und Deutschen vereint in
-das Lager und ließen nicht ab, bis das Wild gefällt war.</p>
-
-<p>Zehntausend Türken lagen erschlagen, und ein verspätetes Kreuzritterglück
-holte die Schätze des Morgenlandes heim; denn ein unendlicher Troß
-hatte Kara Mustaphas Heer begleitet, und was sich nicht selber zu retten
-vermochte, war Beute.</p>
-
-<p>Die Glocken läuteten Sieg vom Stephansturm wie niemals zuvor,
-und Johann Sobieski, dem Retter, wurden die Wege mit Blumen bestreut;
-auch der Kaiser war wiedergekommen, aber er konnte den Wahlkönig<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span>
-der Polen nicht in der Hofburg empfangen, weil er kein fürstliches
-Blut hatte.</p>
-
-<p>Draußen im Lager von Ebersdorf wurde mit höfischem Umstand eine
-Begegnung zu Pferd vorbereitet; der Kaiser war gnädig, sein Hütchen zu
-lüpfen und einige Worte &ndash; peinlich bemessen &ndash; dem König zu sagen.</p>
-
-<p>Höher als Wien, seine Hauptstadt, galt ihm der Habsburger Hochmut,
-und über dem Glück der Entscheidung, die das Abendland von der Türkengefahr
-befreite, stand den Schranzen der Hofburg der höfische Brauch.</p>
-
-<h3 id="sec8_6">Holland</h3>
-
-<p>Die sieben Provinzen im Niederland hatten mit Spanien Frieden gemacht,
-sie hießen nun Holland nach ihrer stärksten Provinz und waren ein
-Freistaat, obwohl die oranischen Prinzen Statthalter blieben.</p>
-
-<p>Sie nahmen im Frieden zu Münster Abschied vom Reich, ein Volk der
-freien Gemeinde zu sein wie einmal die Väter; Handel und Handwerk,
-Wohlstand und Weltlust hatten im Schutz ihrer starken Flotte geblüht,
-indessen das Reich sich selber zerstörte im Krieg um den Glauben.</p>
-
-<p>Seit den Tagen, da Rom Republik war, hatte kein Bürgerstolz den
-Staat so in Ordnung gehalten, wie die Brüder de Wit das holländische
-Glück hielten.</p>
-
-<p>Rundum begann die Fürstenselbstherrlichkeit ihre Throne zu bauen, sie
-aber deckten das Dach der Bürgerfreiheit mit blitzblanken Ziegeln und
-wurden die Zuflucht aller Verfolgten.</p>
-
-<p>Der Bürger wurde sich selber das Ziel seiner Wünsche, seine Fröhlichkeit
-schmeckte den Sonntag der werktätigen Woche, sein Stolz sah den
-Reichtum der Welt auf breiten Schiffen ankommen, sein Trotz sah das
-Stadttor von wehrhaften Wächtern behütet &ndash; aber draußen im Land säte
-der Friede das Korn in die Furchen.</p>
-
-<p>Und wie die Häuser behäbiger Bürgerschaft, wie ihre Kleider und Sitten,
-so wurde die Kunst in Holland: sie brauchte nicht mehr die Säle
-der Fürsten und Herren mit dem falschen Prunk ihrer Taten zu füllen, sie
-malte dem Dasein des Bürgers das Schaubild.</p>
-
-<p>Bürger und Bauern sahen sich selber geschildert mit ihrem täglichen
-Umstand; das Vieh auf der Weide, das leckere Wildbret des Händlers, der
-helldunkle Raum ihrer Höfe, alles wurde behaglich auf saubere Tafeln gemalt,
-und die fröhliche Wolkenlast ihrer Landschaft.</p>
-
-<p>So trat in Holland die Kunst aus den Kirchen und Höfen neu in die
-Wirklichkeit ein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec8_7">Rembrandt</h3>
-
-<p>Das Land war reich und seines eigenen Daseins fröhlich das Volk, daraus
-noch einmal ein Großer aufstand, uraltes Geheimnis der Seele neu
-zu verkünden.</p>
-
-<p>Rembrandt hieß er und war der Sohn eines Müllers in Leiden; er
-lernte das Handwerk der Schilderkunst, aber nicht Bürger und Bauern
-zu schildern lag seiner funkelnden Seele im Sinn.</p>
-
-<p>Sie war aus dem Dunkel zu rasch in den Tag geboren, nun sah sie nichts
-als das Licht an den Dingen, das siegreiche Licht und seinen unheimlichen
-Bruder, den Schatten.</p>
-
-<p>Alles was war, wurde dem Auge in Licht geboren; der dämmrige Raum
-und die weithin schimmernde Ferne, die Menschen darin und die Bäume:
-alles war angetan mit einer Krone von Licht und mit dem Schleppengewand
-seiner Schatten.</p>
-
-<p>Alles war Wunder, was den Augen Wirklichkeit hieß, und wurde Erscheinung
-im Märchenkleid seiner Beleuchtung.</p>
-
-<p>Und wenn die Seele die staunenden Augen zumachte, war das Wunder
-nicht aus: dann standen die Räume inwendig gleich so im zarten
-Helldunkelgeheimnis, schritten Gestalten ihr zu, magisch umleuchtet
-oder zu dunklen Gruppen gespenstisch vereinigt vor den schimmernden
-Gründen.</p>
-
-<p>Und waren nicht mehr die Menschen des Tages; als ob die Seele ein
-Zauberglas wäre, durch Zeit und Raum alle Fernen des irdischen Daseins
-zu spiegeln, so kamen sie an aus der alt- und neuen Geschichte, aber zumeist
-aus der Bibel:</p>
-
-<p>David und Saul und die heroische Esther, die Erzväter und der geblendete
-Simson; und hatten die Kleider an, wie sie die Juden in Amsterdam
-trugen, faltenfarbige Gewänder und buntes Geschmeide.</p>
-
-<p>So war der Sohn des Müllers in Leiden, der als ein Meistergesell der
-Schilderkunst nach Amsterdam kam, ein Märchenprinz seiner Augen, und
-hatte die Hände geübt, die Zauberkünste des Lichts aus den Raumtiefen der
-staunenden Seele auf seine Tafeln zu bringen.</p>
-
-<p>Da liefen ihm bald die Ratsherren zu und die reichen Kaufleute, sein
-Wunder mit gnädigen Worten und auch mit silbernem Kauf zu belohnen;
-und Saskia trat aus der Lichtflut sonniger Träume lächelnd und lockend
-in seine Wirklichkeit ein.</p>
-
-<p>Sie wohnte mit ihm und hieß seine Frau, und es wurde ein glühendes
-Glück um den Sohn des Müllers aus Leiden in seinem kostbaren Haus,<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span>
-darin sich die Pracht und die Schönheit jubelnd und inniger fanden als in
-dem prunkenden Schloß zu Versailles.</p>
-
-<p>Er malte die Männer und Frauen der Stadt auf seine Tafeln; so reich
-war sein Glück, daß er die derben Gesichter und weißen Halskrausen leuchtend
-damit übergoß.</p>
-
-<p>Aber wenn ihn der funkelnde Reichtum ganz überschäumte, dann malte
-er Saskia; und nie stand die sinnenfrohe Jugend so glühend im Glück, wie
-er das liebe Gesicht und die Hände, den selig gebeugten Nacken in bernsteingoldener
-Lichtflut verklärte.</p>
-
-<p>Sechs Jahre nur währte die glühende Hochzeit, dann starb ihm das
-jubelnde Licht in die Dunkelheit hin; aus allen Raumtiefen krochen die
-Schatten heran und wollten sein eigenes Licht heimholen in ihren dunklen
-Bereich, wo Saskia war.</p>
-
-<p>Der Tod war das dunkle Geheimnis, darin sich jede Flamme und jeder
-Lichtstrahl verirrte: aber der Tod war auch die unendliche Weite, daraus
-sich das irdische Leben im Licht seiner Augen endlich abgrenzte.</p>
-
-<p>Das war die Zeit, da Rembrandt die Schützengenossenschaft malte,
-die im Sonnenschein auszog zur festlichen Freude, und die eine ängstliche
-Insel des Lichts in der brandenden Dunkelheit, eine Nachtwache wurde.</p>
-
-<p>Der Gram saß mit ihm, und bald kam die Sorge als dritte dazu,
-er konnte die derben Gesichter und weißen Halskrausen nicht mehr besonnen;
-der ein Märchenprinz war, konnte nicht mehr seine Schulden
-bezahlen.</p>
-
-<p>Es war ein Hammer in Amsterdam, der klopfte zum ersten, zum zweiten
-und dritten, und als er zum drittenmal klopfte, war es sein kostbares Haus
-und alles Geschmeide und all das edle Gewand, das Saskia trug.</p>
-
-<p>Hendrikje hieß sie, die tapfere Magd, die dem darbenden Mann alles
-zubrachte, was sie besaß: ihre schaffenden Hände, ihre dienende Treue und
-furchtsame Liebe und ihren gesunden Leib.</p>
-
-<p>Sie lebten zusammen, die Magd und der Meister, und ihre Beharrlichkeit
-hielt ihm die Kammer, darin er mit schwerer Hand und suchenden
-Sinnen seine letzten Tafeln und Leinwände bemalte.</p>
-
-<p>Das Licht war eine düstere Glut in seinen Augen geworden und seinem
-Bruder, dem Schatten, unheimlich verwandt: Berge und Bäume und all
-die vertrauten Gestalten der Bibel tauchten nun auf aus der dunklen Tiefe,
-wie ein Feuer bei Nacht brennt.</p>
-
-<p>Wie ein Zauberer gespenstische Zeichen ausschreibt, so jagte sein Pinsel
-die Farben groß ineinander, fremd für die Ratsherren und reichen Kaufleute
-und nicht mit gnädigen Worten und silbernem Kauf belohnt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span></p>
-
-<p>Arm und fast schon vergessen starb Rembrandt, der ein Märchenprinz
-war und sein Alter am Leuchtturm des Schicksals verbrachte.</p>
-
-<p>Noch einmal hatte ein Großer uraltes Geheimnis der Seele verkündigt,
-nun kam der französische Tag, die Fürsten und Völker mit seinem gleißenden
-Glanz zu betören.</p>
-
-<p>Das jubelnde Licht und die düstere Glut seiner jungen und alten Stunden
-blieb einsam lebendig, wie eine Seele nicht stirbt und ein Stern nicht
-versinkt.</p>
-
-<h3 id="sec8_8">Der große Kurfürst</h3>
-
-<p>Der Kurfürst von Brandenburg war vor dem Kaiser ein Sperling,
-aber er war in Holland erzogen und hatte im Haag den Habsburger Zorn
-ohnmächtig gesehen, weil ihm ein tüchtiges Volk mit Klugheit und Kraft
-die Tür wies.</p>
-
-<p>Auch war der Prinz von Berlin der Eidam des Statthalters geworden,
-so fiel ihm ein Schein der oranischen Macht zu, neue Kerzen in Brandenburg
-anzubrennen; denn schlimmer als eines hatte sein Land die Leiden des
-Krieges erfahren.</p>
-
-<p>Weitab vom Rhein, hinter den Städten der Hansa, mit kärglicher
-Wüste und künstlichen Grenzen, in Sand und Sümpfen von Slavien lag
-sein verzipfeltes Kurfürstentum: germanisches Vorwerk und mühsames
-Ansiedlerland.</p>
-
-<p>Kolonisten, aus Frankreich vertrieben und Bauern aus Holland, durch
-Freiland und mancherlei Gunst angelockt, mußten das Land von der Havel
-zur Warthe notdürftig füllen, das durch den langen Krieg menschenleer
-war.</p>
-
-<p>Der Staat, das bin ich! so hatte der Jüngling in Frankreich die Losung
-des Fürsten gesprochen; daß sie dem Kurfürsten in Brandenburg wahr
-werde, mußte sein schlimm verwüstetes Land erst ein Staat und er selber
-sein Herr werden.</p>
-
-<p>Allerlei Völker, Städte und Stände waren ihm untertan und wollten
-regiert sein nach ihren Rechten; er aber wollte sein Herrschergewand nach
-eigenem Maß nähen und warf das Flickwerk der Herkunft ins Feuer.</p>
-
-<p>Kein Fürst nahm seinen Städten und Ständen mehr Freiheit und
-Herkunft, als Friedrich Wilhelm in Brandenburg tat, den sie danach den
-großen Kurfürsten nannten.</p>
-
-<p>An der sumpfigen Spree in Berlin stand seine düstere Burg, den Trotz
-der eigenen Bürgerschaft blutig zu dämpfen; alles, was er besaß, war ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span>
-bestritten, und nur sein immer gerüstetes Heer gab ihm die Macht, es zu
-halten.</p>
-
-<p>Wohl baute auch er sein Versailles draußen in Potsdam, aber es blieb
-nur ein rüstiges Landschloß, und den Lustgarten davor hielt die Havel ängstlich
-begrenzt.</p>
-
-<p>Vor dem Kaiser war er ein Sperling, vor dem König von Frankreich
-nur eine zornige Biene; aber er wurde nicht lässig, die Waben zu bauen, bis
-Ordnung und Wohlstand in Brandenburg schüchtern begannen.</p>
-
-<p>Als Turenne nach der Pfalz auch Holland mit Krieg überzog, bekam
-der König von Frankreich den Stachel zu fühlen: mit seinem trefflichen
-Heer sprang der Kurfürst dem Oranier bei und rastete nicht, bis den Franzosen
-endlich der Reichskrieg erklärt war.</p>
-
-<p>Aber Ludwig, der Hofmeister der Fürsten, hetzte ihm listig die Schweden
-ins Land; so mußte die zornige Biene eilig nach Hause.</p>
-
-<p>Die reitenden Boten hatten kaum seine Ankunft gemeldet, da fiel ein
-Handstreich schon über die Schweden in Rathenow her; und als er die
-Hauptmacht bei Fehrbellin fand, griff er sie an, wo sie stand, und jagte sie
-in die märkischen Sümpfe.</p>
-
-<p>Die Schweden mußten den Einbruch teuer bezahlen, Pommern samt
-Rügen ging ihnen verloren; als sie im Winter durch Livland in Preußen
-einbrachen, kam der Kurfürst mit Schlitten über das Kurische Haff und
-jagte die Scharen bis Riga.</p>
-
-<p>Da war der Sperling ein Sperber geworden, der kleine Kurfürst von
-Brandenburg hatte allein die schwedische Großmacht geschlagen.</p>
-
-<p>Ob er den Schweden noch einmal Pommern und Rügen hergeben
-mußte, weil ihn der Kaiser im Frieden verließ: Ludwig, der listige Rechner,
-hatte die Stärke erkannt und sandte ihm heimliche Botschaft.</p>
-
-<p>Zwischen Wien und Versailles stand er nun schlagfertig da; im Handel
-der Großen galt er kaum mehr denn ein hitziger Klopffechter, aber sie mußten
-ihm seine Verträge halten.</p>
-
-<p>Was Sachsen einst war, war Brandenburg durch ihn geworden: die
-protestantische Schutzmacht im Reich, die Hoffnung aller Vertriebenen
-und der Anwalt aller Bedrohten.</p>
-
-<p>Mehr Untertanen gewann er durch Gunst als durch Kriege, und Landesvater
-hießen sie ihn, denen der Kurfürst in Brandenburg nach bitterer
-Verfolgung ein evangelischer Kirchenherr war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec8_9">August der Starke</h3>
-
-<p>Den deutschen Simson hießen die Lobredner ihn, weil er so stark war:
-Hufeisen zerbrach er wie Holz, und das wildeste Pferd wurde schwach unter
-seinen gewaltigen Schenkeln.</p>
-
-<p>Er war nur ein Prinz aus Kursachsen, wo sein Vater, der Kurfürst, sich
-täglich betrank und sein Bruder, der Kurprinz, Sybilla von Neitschütz als
-lockeres Liebchen genoß.</p>
-
-<p>So ging er wie alle Prinzen auf Reisen, und an den Höfen Europas
-war bald von dem unbändigen Jüngling die Rede, der die Frauen und
-Pferde wie keiner zu bändigen wußte, und der die Laster der höfischen Welt
-lachend genoß.</p>
-
-<p>Sein Bruder starb an den Blattern, so wurde August, der Starke geheißen,
-Kurfürst in Sachsen und sollte daheim in Dresden regieren; aber er
-zog in den Türkenkrieg als prahlender Feldherr des Kaisers, und als ihm das
-rauhe Handwerk nicht paßte, blieb er in Wien, bequemeren Ehrgeiz zu
-pflegen.</p>
-
-<p>Johann Sobieski, der tapfere König in Polen, war tot, und August der
-Starke wollte sein Nachfolger werden.</p>
-
-<p>Er brauchte viel Geld, die Gunst der polnischen Großen zu kaufen, auch
-mußten die Höfe in Wien und im Reich ihm willfährig sein: so gab er den
-Fürsten sächsisches Erbland dahin und nahm die silbernen Taler dafür.</p>
-
-<p>Auch mußte er seinen lutherischen Glauben abschwören; wofür seine
-Väter Not und Verfolgung litten, er warf es hin wie einen verschlissenen
-Mantel.</p>
-
-<p>So wurde August der Starke König in Polen, und Dresden stand ihm
-wohl an, darin zu regieren; denn nun war der rauschende Glanz um ihn,
-gleich seinem Abgott in Frankreich die Majestät seines Hofes zu spielen.</p>
-
-<p>Die Sachsen mußten es teuer bezahlen, daß ein polnischer König ihr
-Kurfürst war, Schulden und Nöte bedrängten das ärmliche Land, indessen
-zu Dresden die höfische Üppigkeit anschwoll.</p>
-
-<p>Frauen und Pferde waren noch immer die Liebe August des Starken,
-aber nun prangte die Krone an ihrem Kleid und Geschirr: Feste und Jagden
-hielten dem lüsternen König das Jahr in der Schwebe und der unendliche
-Umstand kostbarer Bauten.</p>
-
-<p>Den deutschen Simson hießen die Höflinge ihn, der sein Leben in Lust
-und Liederlichkeit hinbrachte, und ein vergoldetes Reiterbild stellten sie ihm
-auf den Markt, der das sächsische Haus um die stolze Vergangenheit und
-sein Land um die Zukunft betrog.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec8_10">Der König in Preußen</h3>
-
-<p>Der Sohn des großen Kurfürsten war nur ein schwaches Gewächs;
-aber sein Ehrgeiz brannte die flackernde Flamme, König zu heißen, statt nur
-ein Kurfürst des Reiches zu sein.</p>
-
-<p>Kurfürst des Reiches hieß er in Brandenburg; als Herzog in Preußen
-jedoch war er dem Kaiser nicht untertan, dort saß er aus eigenem Thronrecht.</p>
-
-<p>Herzöge in Preußen waren die Hohenzollern, seitdem Albrecht von
-Brandenburg, der letzte Hochmeister, das Ordensland Preußen zum weltlichen
-Fürstentum machte und seinem Hause vererbte.</p>
-
-<p>Aber der Kaiser konnte dem Herzog in Preußen den Königstitel verwehren,
-weil er ein Reichsfürst war: sieben Jahre lang mußte der Kurfürst
-von Brandenburg an der Hofburg in Wien Bittsteller sein, bevor seine
-Stunde kam.</p>
-
-<p>Der Kaiser brauchte Soldaten zum spanischen Erbfolgekrieg und Friedrich
-der Kurfürst mußte ihm für die preußische Krone mehr als die reichsfürstliche
-Heerfolge leisten.</p>
-
-<p>So kam der Prinz Eugen zu den preußischen Truppen, die bei Turin,
-bei Höchstädt, in Flandern und Frankreich tapfer den Ladestock hielten;
-und der Dessauer fluchte dazu seine Schwüre.</p>
-
-<p>Die Schwüre und Flüche störten den Kurfürsten nicht, als er in Königsberg
-die bebende Hand nach der Krone ausstreckte; er war in Scharlach gekleidet
-mit Knöpfen aus Diamant, deren jeder ein stattliches Bürgerhaus
-wert war.</p>
-
-<p>Juweliere und Schneider hatten das ihre getan, aus ihm einen König
-zu machen; auch ließ er sich salben mit Öl und hatte zwei Bischöfe ernannt,
-die sonst ehrsame Prediger in Königsberg waren, daß sie den kirchlichen
-Pomp an ihm übten.</p>
-
-<p>Das Volk aber konnte die Freuden des Tages wie bei der Kaiserkrönung
-in Frankfurt genießen: der Weinbrunnen floß, und der Ochs am Spieß
-bot seine gebratenen Lenden den lüsternen Mäulern dar.</p>
-
-<p>Der Sohn des großen Kurfürsten war nur ein schwaches Gewächs;
-aber der Hermelin deckte die kränklichen Schultern, als er im Glanz der
-neuen Königskrone zurück nach Berlin kam.</p>
-
-<p>Da hatte ihm Schlüter die düstere Burg an der Spree mit Höfen und
-Sälen erweitert, daß sie ein Königsschloß war ohnegleichen in Deutschland:
-die Pracht kam vor der Macht; aber als die preußische Macht danach kam,
-wollte sie nicht in der Pracht wohnen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec8_11">Prinz Eugen</h3>
-
-<p>Der Frieden zu Rijswijk hatte den kläglichen Krieg um die Erbschaft
-der Liselotte beendigt, aber er war nur ein Stillstand im Erbstreit der Fürsten,
-ein Notdach, das schwarze Gewölk zu erwarten, das über dem Abendland
-hing.</p>
-
-<p>Denn Karl, der spanische König, war krank, ohne Erben; die Sippe der
-Habsburger stand lauernd am Bett, seinen Tod zu erwarten: Wien und
-Versailles hielten die Schwerter bereit, das Blut ihrer Völker an die spanische
-Erbschaft zu wagen.</p>
-
-<p>Der König von Spanien starb, und wie das Getier des Waldes über
-ein brechendes Wild, so brachen die Heere ins Land; bald war Europa vom
-Kriegslärm erfüllt und voll vom Ruhm des Prinzen Eugen.</p>
-
-<p>Er war ein Prinz von Savoyen und Feldherr des Kaisers; seitdem er
-bei Zenta die große Türkenschlacht schlug, hing seinen Fahnen der Sieg an.</p>
-
-<p>Vierzehn Jahre lang hielt der spanische Erbfolgekrieg den Prinzen im
-Sattel: er schlug die Franzosen zuerst bei Cremona, er traf sie bei Höchstädt
-im bayerischen Donautal schwer und schlug sie zum drittenmal hart bei Turin.</p>
-
-<p>Er ritt nach Neapel und lag vor Toulon, er kämpfte in Holland und
-Flandern, von der blutigen Walstatt zu Malplaquet fuhr er nach Frankreich
-und brach dem König das prahlende Lille aus dem Stachelkranz seiner
-bewaffneten Plätze.</p>
-
-<p>Er war ein Herzog, wie einmal die Helden der Völker Herzöge waren;
-wo es am heißesten herging, war er zu finden, und so viel Kugeln trafen den
-Kühnen, daß kein Musketier böser vernarbt war als er.</p>
-
-<p>Der Prinz Eugen hieß er bei Großen und Kleinen, sein Name allein
-war eine flatternde Fahne, wo er sein Lager hielt, liefen Reiter und Fußvolk
-ihm über.</p>
-
-<p>Und als der blutige Krieg um die spanische Herrschaft endlich ausging,
-nicht gut für das Reich und den Kaiser, weil ihm das englische Ränkespiel
-zuletzt den Sieg aus der Hand nahm: machte er selber den Frieden zu Rastatt
-und war ein kluger Staatsmann, wie er ein kühner Feldherr gewesen
-war.</p>
-
-<p>Zwei Jahre lang saß er in Wien, und war schon grau und dachte der
-Ruhe zu pflegen, als ihn die Türkengefahr noch einmal ins Feld rief.</p>
-
-<p>Er hatte als Jüngling vor Wien nach dem ersten Lorbeer getastet, bei
-Ofen und Belgrad die ersten Wunden empfangen, bei Zenta den feurigen
-Ruhm seines Namens gefunden: nun zog der Graukopf gegen den alten
-Feind, sein Leben zu krönen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span></p>
-
-<p>Der blutige Krieg um die spanische Erbschaft hatte ihm einen fremden
-Dienstmantel umgehängt, nun war er wieder daheim, und siegesgewiß kam
-das Heer, mit dem Prinzen Eugen zum letztenmal gegen die Türken zu
-fahren.</p>
-
-<p>So war der Sieg bei Peterwardein die Ehrenschrift seines Ruhmes
-und der Sturm auf Belgrad das Siegel; als er dann wieder nach Hause
-kam, standen die Türen der Hofburg weit auf, aber das Volk von Wien
-herzte den Namen des Prinzen wie eine Liebe.</p>
-
-<p>Max, der ruhmvolle Kaiser, war durch die Straßen geritten, und Wallensteins
-Sänfte hatte den Prunk seines düsteren Daseins getragen: aber
-der Prinz Eugen war der Türkenbezwinger, er hatte den Halbmond gebannt,
-daß wieder die Sonne auf Wien schien.</p>
-
-<p>Wie einer sein Glück in der Welt macht und danach die Zinsen daheim
-fröhlich genießt, so lebte der Prinz sein Alter in Wien, sein Haus reich und
-schön zu bestellen.</p>
-
-<p>Den Belvedere hieß er den feinen Palast, darin er gepudert und zierlich
-gekleidet die alternden Tage hinbrachte, schöne Dinge zu sammeln und
-kluge Menschen zu hören, Musik und eine stolze Geliebte als Greis zu genießen.</p>
-
-<p>Der seine Mannheit auf den Schlachtfeldern Europas hinbrachte,
-hauchte sein zärtlich umhegtes Leben aus wie ein Windspiel; in seinem
-prunkreichen Bett starb Eugen, dem das Glück von Wien zufiel, obwohl er
-ein Prinz von Savoyen war.</p>
-
-<h3 id="sec8_12">Die fürstlichen Schlösser</h3>
-
-<p>Das war die Zeit der fürstlichen Schlösser; nicht mehr die Burgen der
-Ritter von einst, auf waldigen Bergen, im sumpfigen Wasser, mit moosigen
-Mauern und plumpen Türmen befestigt: Prunkstätten der höfischen
-Hoffahrt und fürstlichen Willkür standen sorglos im offenen Land.</p>
-
-<p>Wasserkünste und Lauben, aus Buchs künstlich geschnitten, gezirkelte
-Wege und breite Terrassen mit Lorbeerkugeln bestellt, marmorne Götter
-und Faune, hängende Gärten und heimliche Brücken ahmten das Bild von
-Versailles abgöttisch nach.</p>
-
-<p>Und wie die Gärten dienten die Schlösser dem Abgott der Fürsten:
-Der Staat, das bin ich! so stand ihr prahlendes Wesen mitten in Armut
-und mühsamer Arbeit.</p>
-
-<p>Der Winzer pflegte den Weinberg, der Bauer bestellte die Felder, der
-Bürger versuchte sein redliches Handwerk zu treiben, wie es in alter Zeit<span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span>
-war: aber dem kläglich zerbrochenen Dasein der Deutschen war ein fremder
-Prunkmantel angetan.</p>
-
-<p>Längst sprachen die Fürsten und Herren französisch, französische Kleider
-und Sitten hielten den Hof hochmütig fern vom verachteten Wesen
-der Bürger und Bauern.</p>
-
-<p>Und Höfe gab es in Deutschland, als ob das Reich der Eulenhorst fürstlicher
-Herrlichkeit wäre; Länder und Länderchen hielten die Grenzen peinlich
-gehütet, damit überall eigene Fürstenmacht sei.</p>
-
-<p>Auch waren die adligen Herren dem Hof und den Höfchen gelehrige
-Schüler; kein Dorf stand im Reich, das nicht sein Krähennest hatte, und
-wer nicht fürstlicher Untertan war, hieß ihrer Herrschaft leibeigen.</p>
-
-<p>Untertan sein aber hieß, der fürstlichen Allmacht demütiger Diener, mit
-Leib und Blut der höfischen Zwingherrschaft verfallen sein.</p>
-
-<p>So war die freie Gemeinde in Sonntag und Werktag geschieden: indessen
-Bürger und Bauern den mühsamen Trott der Werktage gingen, saß
-in den Schlössern der ewige Sonntag zu Tisch.</p>
-
-<p>Blinkende Gläser und dampfende Schüsseln, seidene Kleider und stolze
-Perücken, lüsterne Tänze und Spiele, faule Tage und fleißige Nächte füllten
-die Säle und Hallen der Schlösser, indessen draußen die Arbeit und
-Plage den schweren Stundenschlag hatten.</p>
-
-<p>Leichtsinn und Laster nahmen der ehrlichen Arbeit den Lohn; Frechheit
-und Faulheit fraßen den Trog leer, den die verachteten Hände der Bürger
-und Bauern mühselig füllten.</p>
-
-<p>Gott war nach Frankreich gegangen, und die sein Priesterkleid trugen,
-dienten ihm gern in der Fremde; Fürsten und Pfaffen glänzten im Glück
-der welschen Erhöhung, die Seele der Deutschen saß stumm und verachtet
-im Turm der Bedrängnis.</p>
-
-<h3 id="sec8_13">Der Soldatenkönig</h3>
-
-<p>Indessen die Fürsten und Höfe in Deutschland verwelschten, indessen
-der Troß ihrer Minister, Mätressen, Pferde und Jäger den mageren Wohlstand
-der Länder verzehrte, wurde in Preußen, so hieß es, ein geiziger Grobian
-König.</p>
-
-<p>Hermelin und Krone hielt er für unnützen Zierrat, der Soldatenrock
-war sein tägliches Kleid und der Krückstock sein Zepter; er schnitt dem prunkenden
-Hofstaat des Vaters die Goldlitzen ab und wohnte wie ein Landedelmann
-draußen in Potsdam.</p>
-
-<p>Soldaten, Bürger und Bauern: mehr brauchte er nicht für das Land,<span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span>
-nur Prediger noch und Schulmeister, daß sie dem Untertan Zucht und
-Sitte beibrächten und den rechten Gehorsam.</p>
-
-<p>Der Staat, das bin ich! galt auch für ihn; aber sein Wille war keine
-Willkür sondern Dienst am Gesetz, dem er der oberste Richter sowohl wie
-der unterste Büttel war.</p>
-
-<p>Wie Peter der Große, sein russischer Nachbar und Freund, hielt er
-vom Galgen mehr als von sonst einer Weisheit; Männer und Frauen
-eigenhändig zu prügeln, wo er sie ungehorsam fand, galt ihm keine Schande
-für einen König.</p>
-
-<p>Künste und Wissenschaft schienen ihm Laster und Torheit; Gesangbuch
-und Bibel, mehr brauchte es nicht, und wen die Musik lockte, der mochte
-ein Kirchenlied singen.</p>
-
-<p>So war der preußische Königshof keine Stätte, sich bunt und leicht zu
-vergnügen; seine Stunden gingen im Trommeltakt, und sein Abendgenuß
-war eine Wachstube mit Tabak und Bier und saftigen Späßen.</p>
-
-<p>Aber der König im Soldatenrock, der seinen Stock als Überredung gebrauchte
-und der seinem Untertan kein anderes Recht gab, als zu gehorchen,
-tat seine Pflicht so treu und genau, wie er sie selber verlangte.</p>
-
-<p>Sie lachten seufzend und liefen erschrocken davon, wenn er sich nahte;
-aber sie sahen den Staat trefflich bestellt; und wo in den anderen Ländern
-die Löcher der Schuldenlast faulten, wuchsen bei ihm die silbernen Haufen
-der Taler.</p>
-
-<p>Denn der König von Preußen, den die anderen Fürsten für einen geizigen
-Grobian hielten und der in Potsdam wie ein Landedelmann wohnte,
-war ein kluger Haushalter und ein Meister gerechter Verwaltung.</p>
-
-<p>Es gab keinen kargeren Dienst als in Preußen, aber es gab auch keine
-höhere Ehre: wie der Soldat den Rock des Königs trug, so hielt der Beamte
-sein Siegel.</p>
-
-<p>Der Staat des Soldatenkönigs war wie eine Kaserne verwaltet; aber
-der Bürger und Bauer kam zu dem Seinen, indessen Minister, Mätressen,
-Pferde und Jäger den kargen Wohlstand der Länder rundum verzehrten.</p>
-
-<h3 id="sec8_14">Der Gutsherr von Rheinsberg</h3>
-
-<p>Der preußische König, sein Land mit dem Krückstock regierend, wollte
-den Sohn nach seinem Bilde erziehen; der aber hing an den Schößen der
-Mutter, die eine welfische Fürstin und heimlich dem höfischen Prunk zugetan
-war, wie der König ihn haßte.</p>
-
-<p>Auch war der Kronprinz ein kränkliches Kind, dem alles soldatische Wesen<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span>
-leid war; verstohlen die Flöte zu blasen und die Bücher französischer
-Dichter zu lesen, rief seiner Sehnsucht ein anderes Königreich wach, als das
-der König regierte.</p>
-
-<p>Als danach der Prinz am sächsischen Königshof weilte, sah er die Freuden
-der Welt leichtfertig verschüttet, davon er in Preußen nur sparsam zu
-kosten bekam; er trank sich voll daran, und hätte die Hand eher abgeschnitten,
-als daß er sie hieß, nicht nach dem Lustbecher zu greifen.</p>
-
-<p>Aber der Stock des preußischen Königs schonte sein eigenes Blut nicht;
-ob es der Thronerbe war, er mußte mit Schlägen die Lust und den Trotz
-büßen, und der Hof sah zu, wie dem Kronprinzen solches geschah.</p>
-
-<p>Der Schmach und der Zucht zu entweichen, rief der Prinz seine Freunde
-Katte und Keith und dachte, nach England zu fliehen; aber er wurde ergriffen
-und wie ein Verbrecher nach Preußen zurück auf die Festung gebracht.</p>
-
-<p>Küstrin hieß der düstere Ort, wo Katte, den Freund, vor seinen Augen
-das Richtschwert ereilte; ein Turm am Wasser im festen Schloß war dem
-Kronprinzen ein hartes Gefängnis, bis er sich beugte.</p>
-
-<p>Als seines Vaters treu gehorsamer Diener und Sohn saß er danach bei
-den Akten der Kammer; als seines Vaters treu gehorsamer Diener ließ er
-sich eine Gemahlin auswählen, die er nicht kannte, und die ihm fremd blieb
-Zeit seines Lebens.</p>
-
-<p>In jeder Stunde bewacht und bemißtraut, an der dünnen Schnur hängend,
-die ihm die Schere der Ungnade täglich durchschneiden konnte, wurde
-der Kronprinz ein Zögling mißtrauischer List und kalter Verstellung, bis er
-in Rheinsberg die Meisterschaft lernte.</p>
-
-<p>Da hatte der König dem Prinzen ein Schloß aufgemacht, weitab von
-der Hauptstadt, daß er als Landedelmann lerne, ein einfaches Leben mit
-seiner Gemahlin zu führen.</p>
-
-<p>Mitten in Wiesen und sumpfigen Wäldern, mit einer steinernen Halle
-zum See lag das schlanke Gebäude in der Einsamkeit da, ein Gutsherrenhaus
-für den Jäger und Landwirt: aber der Prinz machte Versailles zum
-Trotz das neue Wunder Europas daraus.</p>
-
-<p>Wohl gab es allerlei Höfe, wo sich der Geist in Nebengemächern aufhalten
-konnte, auch hielten die Fürsten sich Künstler, mit prahlenden Leinwänden
-und Marmorbildern den Glanz ihrer Herrschaft der staunenden
-Nachwelt zu zeigen: aber hier war der Geist selber zu Haus, und die Kunst
-ging den eigenen Weg, ihm zu dienen.</p>
-
-<p>Wie ein Jagdherr fröhliche Freunde versammelt, so rief der preußische
-Kronprinz die Seinen nach Rheinsberg: sprühender Witz und spöttische<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span>
-Laune, helle Musik und freie Gespräche saßen zu Tisch und kreisten sich aus
-in zierlichen Tänzen.</p>
-
-<p>Fürstlich allein war der Geist; kein höfischer Zwang, kein starres Gepränge
-hing ihm den staubigen Prunkmantel um: und eher hätte in Rheinsberg
-ein Frosch in die Zimmer gefunden, als daß die stelzende Würde hinein
-kam.</p>
-
-<p>Soldaten und Pfarrer, Gelehrte und Dichter und Künstler waren die
-Gäste des Gutsherrn, aber ihr Amt und die Würde hing mit den Mänteln
-und Mützen am Nagel; nur was der Mann war kraft seiner Bildung,
-durfte im Schimmer der Kerzen sein Angesicht zeigen.</p>
-
-<p>Der Menschengeist hob in Rheinsberg sein freies Gesicht gegen die staubigen
-Mächte; was in der Jugend Europas zu brennen begann, saß mit dem
-Prinzen am Feuer; und ob er die Sprache Ludwig des Vierzehnten sprach,
-hinter den Worten stand doch der Geist, anderer Taten gewärtig.</p>
-
-<p>Einen Musenhof hießen sie bald das Gutsherrenhaus in der Mark und
-einen Medici seinen gastlichen Herrn; die aber in hitzigen Nächten sein großes
-Auge gewahrten und seinen Zorn funkeln sahen, ahnten, daß andere
-Dinge in seinem Feuerkopf brannten, als ein Beschützer der Dichter und
-Denker und Künstler zu sein.</p>
-
-<h3 id="sec8_15">Der König</h3>
-
-<p>Dreimal brach Friedrich, der König von Preußen, den Frieden; sein
-Recht war nicht rein, und die Habsburger hießen es Raub, daß er sich
-Schlesien nahm: aber der Ruhm seiner freien Gesinnung, die Kraft seiner
-Taten, seine Standhaftigkeit in der Not und seine Klugheit im Glück
-machten ihn groß vor den Völkern.</p>
-
-<p>Ein alter Erbstreit um Schlesien schien durch die Jahre geschlichtet, als
-Friedrich die Not der Hofburg benutzte, den Streit auf die Spitze des
-Schwertes zu stellen.</p>
-
-<p>In Wien war der letzte Habsburger Kaiser gestorben, und seine Tochter
-Maria Theresia sollte die Erbin der österreichischen Fürstenmacht sein, aber
-die Höfe bestritten der Tochter das Recht zu regieren: Bayern, Sachsen,
-Frankreich und Spanien sagten der Hofburg den Erbfolgekrieg an.</p>
-
-<p>Schneller als einer war Friedrich von Preußen zur Hand; er stand im
-ersten Jahr der Regierung und brannte mit Inbrunst auf seine Stunde:
-im Herbst war der Kaiser gestorben, zu Weihnachten schon war Schlesien
-in seiner Gewalt.</p>
-
-<p>Seine Kassen waren mit silbernen Talern gefüllt, und das preußische<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span>
-Heer kam aus der strengen Zucht seines Vaters: Österreich allein, bedrängt
-und verschuldet, konnte sich seiner schnellen Schläge nicht wehren; Maria
-Theresia mußte im Frieden zu Breslau Schlesien lassen.</p>
-
-<p>Der König von Preußen hatte die Gunst der Stunde kaltblütig genützt,
-aber nun war sein Schicksal verstrickt; was er gegriffen hatte, mußte
-er halten, das preußische Dasein hing an dem Raub.</p>
-
-<p>Maria Theresia wehrte sich tapfer all ihrer sonstigen Feinde, und Friedrich
-wußte, wie sie um Schlesien weinte: der Frieden von Breslau war für
-die Hofburg nur erst ein Stillstand, bevor der zweite Waffengang kam.</p>
-
-<p>Im zweiten Gang schlugen die Waffen schon schärfer; als Friedrich in
-Böhmen einrückte, ließen Franzosen und Bayern, auf die er gehofft hatte,
-ihn kläglich im Stich; der eben noch Jäger war, hörte nun selber die Hunde
-bellen.</p>
-
-<p>Schon bliesen die Habsburger Halali, weil sie den König in Böhmen
-eingekreist hatten; er aber wußte die harte Bedrängnis in Sieg zu verkehren,
-indem er die feindlichen Heere nach Schlesien lockte, wo er die ruhmreiche
-Schlacht bei Hohenfriedberg mit einem tollkühnen Nachtmarsch gewann.</p>
-
-<p>Es war sein erstes Soldatenstück, weil er mit seinem gerüttelten Heer
-mitten in starker Übermacht stand: aber schon hatte der König im Unglück
-gelernt, das Glück zu versuchen: nun sah er, daß es dem Mutigen beistand.</p>
-
-<p>Noch aber konnte er seinen Gewinn nicht lässig heimtragen, bei Soor
-in den böhmischen Bergen stand sein Glück auf der Schneide; erst als der
-alte Dessauer dem König bei Kesselsdorf Luft machte, gab Habsburg den
-zweiten Gang auch verloren.</p>
-
-<p>Der Frieden von Dresden beschwor den Frieden von Breslau; Maria
-Theresia mußte zum andernmal Schlesien lassen, zum andernmal ritt der
-König von Preußen als Sieger nach Haus.</p>
-
-<p>Aber es war ein härteres Spiel und ein kühnerer Einsatz gewesen, keine
-Gunst der Stunde hatte ihm leichten Gewinn und Lorbeer gelassen: er
-hatte auf Tod und Leben gerungen und hatte das Schicksal erkannt, wie es
-nur seinem Meister Kühnes zu tun gestattet.</p>
-
-<h3 id="sec8_16">Der Spötter von Sanssouci</h3>
-
-<p>Es war im fünften Jahr seiner Regierung, als Friedrich der König in
-seine Hauptstadt zurück kam; er hatte den preußischen Staat vermehrt um
-eine reiche Provinz, er hatte den Ruhm des Sieges gekostet, aber er war
-noch immer der Gutsherr von Rheinsberg.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span></p>
-
-<p>Er wollte sein Fürstentum anders als sonst die Fürsten genießen, emsige
-Tätigkeit innen und außen sollte den Tag füllen &ndash; denn König hieß ihm
-als oberster Diener des Staates die Unruhe aller Pflichträder sein &ndash; aber
-der Abend sollte ihm selber gehören.</p>
-
-<p>Sanssouci hieß er sein helles Lustschloß bei Potsdam, das ihm der heitere
-Knobelsdorff baute, der Hausgenosse von Rheinsberg; gleich einem
-Abendgewölk stand es da auf den grünen Terrassen.</p>
-
-<p>Nicht wie Versailles hielt es sein Angesicht abgewandt: über die roten
-Dächer von Potsdam, über die blinkende Havel und ihre schwarzgrünen
-Wälder führte der Blick in sein fleißiges Land.</p>
-
-<p>Da war er der König des Geistes, dem seine Tafel ein anderes galt als
-ein Tisch mit leckeren Genüssen, da war er der witzige Hausherr, der seine
-Gäste verblüffte im kühnen Spiel der Gedanken, da war er der Spötter von
-Sanssouci.</p>
-
-<p>Keiner von seinen Freunden in Rheinsberg war ihm geblieben, und
-seine Gemahlin, die dort noch die anmutige Hausfrau war, durfte die
-Schwelle von Sanssouci nicht überschreiten; wo Friedrich, der König,
-sich wohl fühlte, war er Franzose.</p>
-
-<p>Der seinen Staat genau nach den barschen Hausväterplänen des Soldatenkönigs
-regierte, blieb seinem eigenen Volk fremd in der Seele, wie je
-ein Fürst seinem Volk fremd war.</p>
-
-<p>Voltaire, der Meister boshaften Witzes, stand als der Stern seiner Bildung
-über dem Ehrgeiz des Königs, und Sanssouci wurde die lockende
-Insel im Osten für alle französischen Geister, die in Paris keinen Ankerplatz
-fanden.</p>
-
-<p>Als Voltaire selber zu Gast kam, als er in Sanssouci saß, fürstlich geehrt
-durch die Freundschaft des Königs, war das zierliche Schloß über den
-schlanken Terrassen die Gralsburg der Zeit und ihrer spöttischen Laune geworden.</p>
-
-<p>Sanssouci war, wenn sie zur Tafel dasaßen im kreisrunden Saal, von
-Kerzenlicht hell überschüttet, wenn sie mit funkelnder Rede und dolchblanken
-Witzen einander die Grenzen bestritten.</p>
-
-<p>Da konnte der König sich selber und einen mühsamen Tag für flüchtige
-Stunden vergessen, da konnte der Spötter von Sanssouci, boshaft und
-wild und seines Witzes vermessen, den Übermut zeigen.</p>
-
-<p>Manch boshaftes Wort ging seinen blitzschnellen Weg an die Höfe, bis
-es das richtige Ohr fand; was er an bitterer Feindschaft danach zu fühlen
-bekam, hatte der König in Sanssouci keck übernommen.</p>
-
-<p>Im preußischen Volk ging die Sage von seinen seltsamen Nächten, wo<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span>
-er um witzige Worte die Schlachten nicht weniger heiß als um Schlesien
-schlug, wo er auf blankem Parkett mit ledernen Stiefeln stand, zärtlich die
-Flöte zu blasen, wo der König im Kreis seiner Franzosen ein Mensch war,
-indessen sie nur den scharfen Herrn und kargen Sachwalter zu sehen bekamen.</p>
-
-<p>Ein Fremdling im eigenen Land, verzaubert in fremdes Wort und Werk
-und fremde Wertschätzung, saß Friedrich in Sanssouci; wo ein funkelnder
-Geist die letzte Erfüllung fand, war sein Volk nicht zu Hause.</p>
-
-<h3 id="sec8_17">Der Kriegsherr</h3>
-
-<p>Als Friedrich zum drittenmal auszog, den Frieden zu brechen, hatte sich
-rings um das preußische Glück der Kreis seiner Feinde geschlossen: Frankreich
-und Österreich, Rußland und Sachsen und Schweden standen im
-Bündnis gegen den König; und mehr als Schlesien sollte es gelten.</p>
-
-<p>Elf Jahre lang hatte die Hofburg heimliche Fäden geflochten, im zwölften
-sollte das Netz den frechen Spötter von Sanssouci fangen: aber der
-König bekam warnende Kunde aus Holland und hieb in die Maschen.</p>
-
-<p>Wohl fing er bei Pirna das sächsische Heer und konnte in Böhmen eindringen,
-aber der Feldmarschall Daun stand besser gerüstet; bei Kolin schlug
-er dem König das Glück und das Schwert aus der Hand.</p>
-
-<p>Indessen der siegreiche Feind ihm Schlesien nahm, mußte Friedrich nach
-Sachsen zurück, den kläglichen Rest seiner Kriegsmacht zu sammeln.</p>
-
-<p>Da kam schon Soubise mit der Reichsarmee an, und das Glück lachte
-den stolzen Franzosen, den schweißenden Fuchs zu fangen; bei Roßbach hatten
-sie ihre Falle gestellt, aber der Fuchs biß sich durch, ehe sie dachten.</p>
-
-<p>So zornig schlug seine Rute unter die Hasen, daß sie zu laufen begannen
-von Sachsen bis an den Rhein; und ob es die Reichsarmee war, die mit
-den Franzosen davon lief: das Gelächter sprang schadenfroh hinterdrein
-und der Jubel, daß der französische Übermut so zu Fall kam.</p>
-
-<p>Und als der König den Atem nicht anhielt, als er &ndash; ein todwundes Wild
-&ndash; in dreißig Tagen sein kärgliches Heer von Sachsen nach Schlesien führte,
-den Schlag gegen die Habsburger Hauptmacht zu wagen, als er das Schalksspiel
-von Roßbach bei Leuthen feierlich krönte: da staunte die Welt, daß
-wieder ein Kriegsherr und Held war.</p>
-
-<p>Aber noch waren zwei Jahre erst von den sieben des Krieges bestanden,
-und schwer trug das Land an den Leiden: zweimal mußte Berlin Lösegeld
-zahlen, und als der Tag von Kunersdorf kam, schien alles zu Ende.</p>
-
-<p>Das letzte Heer war geschlagen, die besten Führer waren gefallen, Mangel<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span>
-und Mutlosigkeit saßen beim Feuer, kein Lied klang mehr aus den Zelten.</p>
-
-<p>Ein ganzes Jahr lang wollte das Unglück nicht weichen, bis endlich bei
-Liegnitz wieder ein Sieg kam; aber es war nur ein Loch in den Maschen,
-und die Übermacht blieb.</p>
-
-<p>Der König war matt und von Schmerzen geplagt; schlug er den Feind
-hier, standen ihm dort drei neue: der rasch begonnene Krieg konnte im bösen
-Siechtum nicht sterben.</p>
-
-<p>Da sah die Welt, daß der König ein Held und ein Mann war: standhaft
-und stolz zog er die Lose, und nahm das schwärzeste hin, wie ein Held
-das Schicksal hin nimmt, um es zu meistern.</p>
-
-<p>Bis endlich des Blutes genug war und aus den Bränden so vieler Zerstörung
-der blasse Frieden zurück kam: in Hubertusburg mußte Maria
-Theresia zum drittenmal Schlesien lassen.</p>
-
-<p>Die großen Mächte Europas mußten den König von Preußen als Sieger
-anerkennen; sie hatten Berge gewälzt, ihn zu verschütten, aber immer
-noch stand der Sieger von Roßbach und Leuthen.</p>
-
-<p>Aber nun war es nicht mehr der heitere Gutsherr von Rheinsberg und
-nicht mehr der Spötter von Sanssouci: als er zum drittenmal heimkam,
-hager, gebeugt von der Gicht und den unsäglichen Leiden, ließ er dem Sieg
-das Tedeum blasen und singen; er aber saß in dem hölzernen Stuhl und hielt
-sein Auge allein auf den Jammer gerichtet, und seine Getreuen sahen ihn
-weinen.</p>
-
-<h3 id="sec8_18">Der alte Fritz</h3>
-
-<p>Als Friedrich wieder in Sanssouci saß, hatte das Alter ihn hart berührt,
-sein Rücken war steif, und seine gichtigen Beine hatten zu tanzen verlernt;
-wie sein zorniger Vater ging er nun selber am Krückstock, aber ihm mußte
-das Holz redlicher dienen.</p>
-
-<p>Sein Spott war scharf wie die Klinge geworden, mit der er bei Roßbach
-und Leuthen den Feind aus dem Felde schlug; mehr wußten die großen
-Augen zu blitzen, als daß sein schmaler Mund lachte.</p>
-
-<p>Den Philosophen von Sanssouci hatten ihn seine Freunde aus Frankreich
-geheißen; nun waren sie fort; und die den einsamen König daher reiten
-sahen, grau und gebeugt, kannten nur seine Taten, nicht seine Schriften,
-ihnen war er der alte Fritz.</p>
-
-<p>Er hatte im Krieg den Schlaf verlernt, nun war sein Tag lang, und in
-der frühesten Frühe kam schon die Sorge nach Sanssouci; aber sie saß nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span>
-im Stuhl, mit schlaffen Händen zu warten, sie war die Sorge der schaffenden
-Pflicht und des rastlosen Fleißes.</p>
-
-<p>Wie ein Gutsherr das Seine fest in der Hand behält &ndash; wohl gehen die
-Knechte hinaus in die Felder, die Mägde besorgen den Stall und auf den
-Vorwerken sitzen Verwalter, aber er reitet hinaus, ehe sie denken, und läßt
-sich das Kleinste nicht reuen, weil er im Kleinen den Wohlstand bedingt sieht
-&ndash; so sah der König in Sanssouci das preußische Land als sein Eigentum an.</p>
-
-<p>Bauern und Bürger waren ihm sein Gesinde und die adligen Stände
-seine Verwalter; er ritt in ihr Tagwerk hinein, zu loben und schelten, wie er
-es fand, er führte das Hauptbuch und saß an der Kasse, und wehe, dem sie
-nicht stimmte.</p>
-
-<p>Daß seine leeren Staatskassen wieder voll würden, nahm er den Städten
-die Zölle und ließ aus Frankreich Zollpächter kommen, die ihr Geschäft
-mit harter Findigkeit trieben.</p>
-
-<p>Und ob die Bürgerschaft klagte und heimlich den König samt seinen
-Zöllnern verwünschte: er ließ sie klagen und schimpfen, soviel sie mochten,
-aber er nahm ihren Schimpf und die Klage nicht an.</p>
-
-<p>Denn der in der schaffenden Sorge zu Sanssouci saß, kannte den Staat,
-aber sein Volk war ihm fremd; er hatte im Krieg den Adel brauchen gelernt
-und half ihm mit silbernen Talern; er lobte den Bauern, wie ein Gutsherr
-klug sein Gesinde zu loben versteht; er schätzte den Wohlstand der Bürger,
-der ihm die Steuern bezahlte.</p>
-
-<p>Wohl ließ er jedem das Seine und seinen Glauben dazu, wohl nahm er
-den Dreispitz und nickte von seinem Pferd, wenn sie ihm jubelnd zuliefen,
-der ihrer Liebe und Ehrfurcht der alte Fritz und der preußische Ruhm blieb:
-aber er konnte die Liebe mit keiner Liebe entgelten und war im Alter mit
-Kälte, was er in seiner Jugend mit Hitzigkeit wurde, ein harter Menschenverächter.</p>
-
-<p>Der Liebling des Volkes schrieb seine Bücher französisch, weil er die
-deutsche Sprache nicht anders zu sprechen vermochte, als sie ein Feldwebel
-sprach; seiner hochmütigen Lebensluft blieb jeder als Untertan fremd, weil
-er ein König und Feldherr wie keiner, aber ein Fürst seiner Zeit war.</p>
-
-<p>So hing ihm der Ruhm seiner freien Gesinnung, seines funkelnden
-Geistes und seiner Kriegstaten an wie ein geliehenes Kleid; er war der
-oberste Diener des Staates, aber nicht seines Volkes.</p>
-
-<p>Einsam und bitter ins Abendrot blickend von seiner hohen Terrasse,
-starb Friedrich, der König von Preußen; nur noch sein Windspiel war um
-ihn, als er die großen Augen zu Sanssouci schloß, um die Messerspur seiner
-Lippen den grausamen Zug der Menschenverachtung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec8_19">Maria Theresia</h3>
-
-<p>Sich selber und Habsburg die Kronen zu retten, mußte die Tochter des
-Kaisers acht Jahre lang den Erbfolgekrieg führen, bevor ihr das Erbteil
-im Frieden zu Aachen anerkannt wurde.</p>
-
-<p>Sie war nur eine Frau; denn Franz, ihr Gemahl, das Franzl geheißen,
-zählte nicht einmal in Österreich; aber sie hatte ein tapferes Herz, und ihre
-freundliche Schönheit rührte die Liebe der Völker.</p>
-
-<p>Auch war sie klug und entschlossen und wußte zu geben, wo sie zu nehmen
-vorhatte: als sie in Ungarn erschien, bedrängt und genötigt, um Beistand
-zu bitten, war ihre Hand nicht leer; die Magnaten dankten der jungen
-und schönen Königin, daß sie so klug in der Not war.</p>
-
-<p>So wurde Ungarn das Herz ihrer Länder; hier war sie gewählt und gekrönt,
-hier konnte ihr keiner das Recht zu herrschen bestreiten, hier fand sie
-den Mut und die Macht, die anderen Kronen zu halten.</p>
-
-<p>All ihre Feinde bezwang sie, zuerst die Puppe der Pompadour, den Kurfürsten
-Karl Albert von Bayern, den die Mätresse des Königs von Frankreich
-als Kaiser in Frankfurt ausrufen und aushalten ließ.</p>
-
-<p>Nur Friedrich, dem preußischen König, mußte sie Schlesien lassen;
-zweimal verlor sie den Krieg, nicht aber den Zorn auf den Räuber und
-den glühenden Wunsch ihrer Rache, das preußische Unkraut zu vernichten.</p>
-
-<p>Elf Jahre lang ließ sie die Saat mit Ungeduld wachsen: die Kaiserpuppe
-der Pompadour starb in Erbärmlichkeit hin, Franz, ihr Gemahl,
-wurde als Kaiser gekrönt, und Kaunitz, ihr kluger Minister, kam sacht in
-das Spiel.</p>
-
-<p>Er machte den Frieden zu Aachen als Sieger, aber er ließ den Franzosen
-klüglich den Ruhm, aus Edelmut zu verzichten; er saß als Gesandter in
-Frankreich und knüpfte die Fäden in stiller Geduld, bis das unmögliche
-Band gewebt war, bis die Tochter des Kaisers mit der Pompadour einen
-Pakt schloß.</p>
-
-<p>Nur Frauenhaß konnte so fremde Fäden verschlingen; als die Zarin als
-dritte dazukam, gereizt durch den Spötter, als die drei Großmächte noch
-Schweden und Sachsen in ihren Rachebund nahmen: da schien die Tochter
-des Kaisers am Ziel.</p>
-
-<p>Aber der Spötter in Sanssouci hatte nur scheinbar getändelt, der Fuchs
-brach aus, ehe die Jäger den Bau umstellten, und aus der listig bereiteten
-Jagd wurde die siebenjährige Plage des Krieges.</p>
-
-<p>Sieben Jahre vergeblicher Hoffnung und harter Enttäuschung machten<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span>
-Maria Theresia alt; als ihr Franzl zu kränkeln begann, mußte sie hoffnungslos
-den Frieden von Hubertusburg unterschreiben.</p>
-
-<p>Der Spötter von Sanssouci hatte gesiegt; der ihrer katholischen Frommheit
-der Ketzer und ihrem Frauenstolz eher der Teufel denn ein Menschenkind
-war, konnte als Sieger heimreiten, indessen ihr nur die Tränen um
-Schlesien blieben.</p>
-
-<p>Der grausame Krieg und die Hoffnung so vieler Jahre gingen Maria
-Theresia schmerzlich verloren, aber sie war in der schlimmen Bedrängnis die
-Mutter des Landes geworden.</p>
-
-<p>Sie hatte kein Sanssouci, wo sie in fürstlicher Laune dem Untertan
-fremd blieb; sie war eine Frau und allzeit zärtlich besorgt, und hielt ihre
-Brust der Menschlichkeit warm.</p>
-
-<p>Sie stärkte den Bauernstand gegen die adligen Herren, sie sorgte für
-Schulen und baute Spitäler; wo eine Not war, kam ihre Hilfe, und wo ein
-unmenschlicher Brauch quälte, wie bei der Folter, schnitt sie das Unrecht
-der Herkunft ab.</p>
-
-<p>Eine fleißige Schaffnerin saß in der Hofburg und ging durch die Straßen
-von Wien, Ordnung zu halten; eine Mutter und weiße Matrone lächelte
-auf dem Thron und nahm die Liebe des Volkes als Dank.</p>
-
-<p>Und als ihr der Tod kam, der um den einsamen Spötter in Sanssouci
-hüstelnd herum ging, war ihren Völkern das eigene Blut abgestorben: wie
-Kinder weinten am Sarge Maria Theresias Männer und Frauen, ihr
-schmerzvolles Begräbnis hatte ein Bürgerkleid an.</p>
-
-<h3 id="sec8_20">Joseph der Zweite</h3>
-
-<p>Ein silberner Mond schien über Wien und das österreichische Land, da
-Maria Theresia Hausfrau und Kaiserin war; aber ihr hitziger Sohn ging
-auf in der Frühe als ein sehr starker Komet.</p>
-
-<p>Er sah den Stern von Sanssouci strahlen, und schon dem Jüngling
-entbrannte der Ehrgeiz, sein grelles Gefunkel zu überglänzen: was Friedrich
-als König in Preußen dem Volk schuldig blieb, das wollte Joseph der
-Zweite im Reich als Kaiser bedeuten.</p>
-
-<p>Fröhlicher als sonst eine Krönung wurde die seine in Frankfurt gefeiert;
-der schlanke Jungmann, leutselig und licht gegen jedermann, gefiel der staunenden
-Menge; nur die Fürsten und Räte der Reichsherrlichkeit krausten
-die Stirnen.</p>
-
-<p>Sie sahen den Ehrgeiz auf andere Dinge als auf den Glanz der
-Reichskleinodien gerichtet, sie hörten den Habsburger Hochmut in seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span>
-Leutseligkeit knistern und waren besorgt, das Reich möchte wiederkommen.</p>
-
-<p>Als der Kaiser dann hitzig anfing, den Staub auszuklopfen, als er dem
-Reichshofrat und dem Lindwurm des Reichskammergerichts hart auf den
-Leib rückte, als das Gespenst eines klaren gemeinsamen Reichsrechtes die
-Hüter des Lindwurmes erschreckte: fing heimlich und boshaft der Widerstand
-an.</p>
-
-<p>Der scheckige Reichsmantel war aus den Lappen und Flicken der Fürsten
-und Fürstchen geschneidert; als Joseph der Kaiser ihn nach dem prunkvollen
-Umstand der Krönung anziehen wollte, rissen die Nähte.</p>
-
-<p>Er mußte mit seiner Gerechtigkeit warten, bis ihm die eigenen Erbländer
-gehörten, die seine Mutter noch immer als Hausfrau regierte.</p>
-
-<p>Er stand im vierzigsten Jahr, als sie starb, nur ein Jahrzehnt blieb seinem
-hitzigen Tun; als ob er den frühen Tod spürte, ließ er den Kehrbesen
-nicht aus der Hand, der Staub wirbelte hoch und manche Gasse wurde
-rein, wo er sich regte.</p>
-
-<p>Er hob die Leibeigenschaft auf, daß der Staat im Recht der freien Gemeinde
-statt in der Willkür reicher Machthaber stände; er sah nach den
-Schulen der Armen und daß die reichen Grundherren mit an den Lasten des
-Staates trügen, dem sie den Genuß ihres sorglosen Daseins verdankten.</p>
-
-<p>Er tat, was nie ein Habsburger wagte, er sagte der Kirche die Hörigkeit
-auf.</p>
-
-<p>Wo eine üppige Weide, ein prangender Weinberg, fruchtbares Feld
-war, wo fleißiges Bauernvolk schaffte, hatten im Habsburgerland die Klöster
-sich breit aufgetan; er ließ sie schätzen und schließen, wo ihr Dasein nur
-eine Pfründe für den fürstlichen Abt und wo die Schar der Bettelmönche
-nur eine Landplage war.</p>
-
-<p>Als er das Letzte zu tun nicht zagte, als Joseph der Zweite im Erbland
-Ferdinands das kühne Toleranzedikt gab, das jedem Christen die Kirchenform
-seines Glaubens freistellte: da ging ein Seufzer durch Österreich, daß
-nun der Antichrist käme.</p>
-
-<p>Der Papst fuhr selber nach Wien, den Kaiser zu warnen; der nahm ihn
-auf, wie es dem Statthalter Petri gebührte, aber er wollte seinen Völkern
-Gerechtigkeit tun und folgte allein seinem Gewissen.</p>
-
-<p>So legte er selber die Wurzeln der Habsburger Macht bloß; als er danach
-aus all seinen Kronländern einen Staat machen wollte, fehlten der
-Hofburg die eifrigen Hände, die Habsburg stark gemacht hatten.</p>
-
-<p>Böhmen und Ungarn wollten den Habsburger dulden als Träger
-der eigenen Kronen, aber niemals Österreich untertan sein; als er<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span>
-die Herkunft zu zwingen begann, säte er selber die Drachensaat der
-Empörung.</p>
-
-<p>Im brabantischen Land fing sein Mißgeschick an, wo die Schwester
-Christine als Statthalterin spöttisch regierte: wie die sieben Provinzen
-Philipp von Spanien den Gehorsam aufsagten, so taten ihm nun die andern,
-als er die Landesverfassung aufhob.</p>
-
-<p>Der Staat, das bin ich! sagte auch Joseph der Zweite und wollte den
-Völkern Gerechtigkeit bringen; aber sie waren das Unrecht gewohnt und
-wollten lieber darin verharren, als der Herkunft der Väter ungetreu sein.</p>
-
-<p>Wie Karl der Fünfte einst in St. Just legte der sterbende Kaiser die
-Zügel der Herrschaft hin; die Kronländer für Habsburg zu retten, zerriß
-er mit fiebernden Händen die neuen Gesetze.</p>
-
-<p>Nur unter den Armen in Wien, die er aus Willkür und Unrecht befreite,
-blieb sein Bild rein im Gedächtnis: seine Mutter hatte das Land
-in der alten Ordnung gehalten und starb mit Liebe gesegnet, er wollte die
-neue Gerechtigkeit bringen und siechte im Haß hin.</p>
-
-<h3 id="sec8_21">Die Pompadour</h3>
-
-<p>Die zierliche Frau eines Zöllners hatte den König von Frankreich gefangen,
-wie ihn die Hofdamen fingen; als seine Gier ihres Leibes satt war,
-ließ sie den König getrost seinen weiteren Lüsten, aber den Hof und die
-Macht ihrer Stellung behielt sie klug in der Hand, sodaß sie die heimliche
-Königin wurde.</p>
-
-<p>Sie hieß nun Marquise von Pompadour, und die Großen der Welt
-mußten nach ihrer Gunst gehen, die eine geborene Fisch und eine Zöllnersfrau
-war.</p>
-
-<p>Denn anders als sonst eine Königin war diese zierliche Frau; sie kannte
-die wirklichen Mächte der Welt und wußte, daß Macht haben allein ihr
-kluger Gebrauch sei.</p>
-
-<p>In dieser Klugheit wußte sie trefflich die Fäden zu flechten; und weil
-der König von Frankreich ein blödes Tier, sie aber ein handfestes Weibsbild
-war, so hielt sie das Land vor böseren Dingen bewahrt.</p>
-
-<p>Auch stand ihr zierliches Bild gut in dem Rahmen, den ihr die Kunst der
-galanten Zeit gab; denn nun war der höfische Prunk zum köstlichen Zierat
-geworden, den sie das Rokoko hießen.</p>
-
-<p>Der Altsilberglanz chinesischer Seiden, die zärtliche Kühle des Porzellans,
-die launischen Formen und Farben der Teller und Kannen waren im
-Abendland Mode geworden, darin es fremd gespiegelt ein neues Gesicht fand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span></p>
-
-<p>Die gläsernen Leuchter weißgoldener Säle ließen auf blumigen Seidengewändern
-kristallisches Licht spielen; Stühle und Tische standen mit zierlich
-gebogenen Beinen auf blankem Parkett; Rahmen von Altgold hielten
-gleich Ranken die Ränder verschnörkelter Spiegel; auf dem Marmorkamin
-blinkten die Silberfiguren der Standuhr.</p>
-
-<p>Alles war hell und kühl wie ein Frühlingstag, darin die Damen auf
-Stöckelschuhen spazierten; alles war leicht und verschnörkelt wie die Scherze,
-damit die spitzengeschmückten Herren die Herzen der Damen gewannen.</p>
-
-<p>So war die Welt, darin die Marquise von Pompadour Königin spielte;
-so war der Traum von Versailles, darin der Adel des Abendlands leichtsinnig
-lebte; so war der Hof, darin der König faul und verachtet sein Dasein
-hinbrachte.</p>
-
-<p>Als die Pompadour starb und die rote Dubarry dem alternden König
-ins Bett kam &ndash; die eine Dirne war und eine Gräfin wurde &ndash; brach der Untergrund
-all dieser Zierlichkeit durch: das Laster legte die Maske der Wohlerzogenheit
-ab und war nur noch freche Gemeinheit.</p>
-
-<p>Das war die Zeit, da der Neffe des Menschenverächters in Sanssouci
-sein verächtlicher Nachfolger wurde, da die Fürsten in Deutschland sich eine
-Pompadour hielten, da die adligen Herren auf Kosten der Bürger und
-Bauern einen fröhlichen Himmel auf Erden genossen.</p>
-
-<p>Aber schon blies der kalte Wind in die fröhlichen Lichter; als Ludwig der
-Fünfzehnte in seinen Lüsten verdarb und Ludwig der Sechzehnte den Namen
-des Königs von Frankreich wieder ehrlich machen wollte, war es zu
-spät für den redlichen Eifer.</p>
-
-<h3 id="sec8_22">Maria Antoinette</h3>
-
-<p>Als die Habsburger Prinzessin nach Frankreich fuhr, Gemahlin des
-Dauphin zu werden, war sie fast noch ein Kind; sie machten ein Feuerwerk
-in Paris, ihr zu Ehren, es wurde ein großes Unglück daraus, und viele
-Menschen verbrannten: der Brandgeruch blieb in den Kleidern der blonden
-Prinzessin.</p>
-
-<p>Die Tochter Maria Theresias hatte die ehrbaren Lehren der Mutter im
-Sinn, aber ihr Köpfchen stand nach den Freuden der Jugend: sie wollte
-gut und gerecht sein und eine tapfere Königin werden, ihr eigener Tag aber
-sollte der fröhlichen Laune gehören.</p>
-
-<p>In Trianon draußen die schelmische Schäferin spielen, schien ihr viel
-schöner und freier, als in der starren Pracht von Versailles Königin sein.</p>
-
-<p>Aber die Zeit war vorüber, da die Könige Blindekuh spielten; indessen<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span>
-die Königin harmlose Fröhlichkeit naschend in Trianon ging, hing an den
-Gittern der Groll, und die Not zählte die Stunden, die der Königin sorglos
-verflogen.</p>
-
-<p>Der Staat war in Schulden, und drückende Steuern hielten die Last
-nicht mehr hin; das Land war leer, und das Volk sah mit Grimm den prahlenden
-Reichtum, indessen ihm längst das Nötigste fehlte.</p>
-
-<p>Auch war das niedere Volk nicht mehr verlassen: kühne Schriften gingen
-ins Land und glühende Herzen riefen nach einer anderen Gerechtigkeit,
-als daß nur einer das Leben genoß, indessen Hunderte seufzten.</p>
-
-<p>Was in dem Himmel der Priester verheißen war &ndash; die selber die Erde
-genossen &ndash; das sollte wahr werden in der irdischen Wirklichkeit; in den Gassen
-der Städte und draußen im Acker waren die Flüche und Fäuste bereit,
-das verheißene Reich zu erzwingen, wo Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit
-waren.</p>
-
-<p>Ein Diamantenhalsband ging übel verloren: die Königin habe den
-Schmuck mit Liebesstunden bezahlt und Rohan, so hieß es, ihr zärtlicher
-Freund, müsse die Falschheit der Königin öffentlich büßen.</p>
-
-<p>Eine Schwindlerin hatte der Welt den üblen Spaß angerührt; wie der
-Brandgeruch an der blonden Prinzessin blieb nun der wilde Verdacht an
-der Königin haften: der Groll an den Gittern entbrannte zum Haß.</p>
-
-<p>Da war das harmlose Spiel in Trianon aus, die fröhliche Schäferin
-mußte die leidvolle Königin spielen; die Lehren Maria Theresias wurden
-wach, aber nun war es zu spät, ihrer zu achten.</p>
-
-<p>Die gläsernen Leuchter der Fürsten waren herunter gebrannt, kein Diener
-kam mit den Kerzen; es wurde dunkel im Schloß zu Versailles; nur über
-der brodelnden Nacht von Paris lag wieder der fahle Schein des Brandes.</p>
-
-<p>Als danach der Tag kam, hatte der Brand den Traum von Versailles
-verschlungen, in der Wirklichkeit wurde die Königin wach: ein Fallbeil stand
-zu Paris, ihr den blonden Kopf abzuschlagen.</p>
-
-<h3 id="sec8_23">Mozart</h3>
-
-<p>Ein Wunderkind kam nach Wien; ein Knabe aus Salzburg, Mozart
-geheißen, spielte der Kaiserin auf dem Klavier, und alle die Herren und Damen
-Maria Theresias staunten, wie solch ein Kind schon ein Zauberer wäre,
-mit seinen Tönen den süßen Genuß der Gefühle zu lenken.</p>
-
-<p>Und wie in Wien, geschah es in London, im Haag, in Paris: überall
-staunte das Kerzenlicht um den Knaben aus Salzburg, der das Klavier
-gleich einem Großen zu meistern verstand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span></p>
-
-<p>Lärmender Beifall und lockender Ruhm war um den Knaben, aber der
-strenge Vater ließ ihn nicht locker in der Zucht seiner Kunst: Beifall und
-Ruhm sollten seiner Musik nicht die Quellen verschütten.</p>
-
-<p>Vor den Herren und Damen der Höfe zu spielen, war nur ein Gauklergewerbe;
-aber den Menschenseelen Gesang und dem Wohllaut der Geigen,
-Flöten und Hörner harmonische Fülle zu geben, hieß ein Musikmeister der
-Ewigkeit sein.</p>
-
-<p>So wurde das Wunderkind Mozart ein Jüngling und Mann, der seiner
-Musik den echten Zauberstab hielt; so wuchsen dem Rosenjahrhundert
-der Pompadour Flügel, in den Himmel der Töne zu fliegen.</p>
-
-<p>Als Maria Theresia starb, rief Joseph, ihr schwärmender Sohn, Mozart
-nach Wien, daß er sein Kammermusikus würde; doch hatte der hitzige
-Schmied kühner Herrscherpläne kein Ohr, das Wunder der Töne zu hören.</p>
-
-<p>Indessen der Kaiser den Blasebalg zog, das störrische Eisen der Herkunft
-zu schmieden, indessen sein Hof ein kühner Gedankenplatz war, indessen die
-Stadt an der Donau, unbesorgt solcher Gedanken, die Fröhlichen lockte mit
-reichen und rauschenden Festen, saß Mozart in mancher Bedrängnis.</p>
-
-<p>Er hatte die schöne Konstanze gefreit, und sein Klavier stand nicht still,
-um die Gulden zu spielen, die seine Frau fröhlich verbrauchte; auch waren
-die welschen Musiker dem Neuling aus Salzburg feind, und den Höflingen
-galt er als eine Marotte des neuerungssüchtigen Kaisers.</p>
-
-<p>Aber in blinkenden Nächten, von den Plagegeistern der Tage, von Sorgen
-und Süchten umlauert, riß seine Seele die Sterne vom Himmel und
-barg ihre ewige Tröstung in seiner Musik.</p>
-
-<p>Als sie in Wien die Hochzeit des Figaro spielten, das fröhliche Stück
-von dem frechen Barbier im Perlengewand Mozartscher Töne, da flog dem
-Zauberer aus Salzburg anderer Beifall und Ruhm zu, denn da er als
-Wunderkind am Klavier die Herren und Damen der Höfe mit flinken Fingern
-entzückte.</p>
-
-<p>Da hörte das leichtgeschürzte Jahrhundert den gläsernen Ton seiner
-Schalmei, da war die Marquise von Pompadour seine schelmische Göttin
-geworden; der Zauberer hielt ihr das Schellenband hin, mit schlanken Beinen
-hinüber zu springen.</p>
-
-<p>Ihm aber, der ihr und der Zeit mit seiner hellen Musik das Schellenband
-hielt, ihm lagen schon andere Töne im Ohr: aus der Tiefe stieg die
-Vergeltung mit steinernen Schritten; der Boden barst und die Zeit versank
-mit ihren Lüsten und Lastern, mit ihrem Gelächter und gläsernen Glück
-in den Abgrund, als Mozart den Don Juan schrieb.</p>
-
-<p>Nie hatte die Kühnheit heller geprahlt, als da der freche Verführer<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span>
-Himmel und Hölle zum Trotz sein Champagnerlied sang; nie hatte die
-Ewigkeit so ihren Donnermund aufgetan, als da der steinerne Gast den
-Lästerer holte.</p>
-
-<p>So rief er der Zeit den Tag seines Zorns und war doch ihr eigenstes
-Kind; zwischen Himmel und Hölle tapfer ein Mensch zu sein, ließ Mozart
-zuletzt die Zauberflöte erklingen.</p>
-
-<p>Da hing die irdische Liebe gläubig der eigenen Glückseligkeit an, Schuld
-und Bedrängnis vermochten nicht, ihren Weg zu beschatten: wie die Sonne
-am Mittag schritt ihre Allgewalt über die Ströme und finsteren Wälder,
-über die Felsen und Abgründe in seligen Tönen hinüber.</p>
-
-<p>Als Mozart der Menschheit solche Musik schrieb, hatte der Tod sein
-Herz schon berührt; noch konnten die fiebernden Hände sein Requiem
-schreiben, dann sank er selber hinein in die ewige Ruhe.</p>
-
-<p>Er war ein Kind seiner Zeit wie keiner: alles, was sie zu lächeln vermochte,
-lächelte er; als ob die Erde ein Blühegarten der Freude, als ob der
-Mensch aller Blüten und Freuden Nutznießer wäre, so machte Mozart,
-der Meister des Wohllauts, Musik.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Buch_der_Propheten">Das Buch der Propheten</h2>
-
-<h3 id="sec9_1">Hans Sachs</h3>
-</div>
-
-<p>Zu der Zeit, da Dürer sein köstliches Schilderwerk malte, da die Ratsherrn,
-Humanisten und Zunftmeister die wachsamen Hüter der Bürgerschaft
-waren, da es noch Stadtfreiheit gab gegen die Frechheit der Fürsten,
-saß in seiner Schuhmacherwerkstatt zu Nürnberg der fröhliche Meister
-Hans Sachs.</p>
-
-<p>Er hatte als Jüngling den Meistergesang fleißig geübt und war auf der
-Wanderschaft eifrig gewesen, die neuen Weisen zu lernen: nun galt er als
-Meister der Singschule, wie er ein Schuhmachermeister war.</p>
-
-<p>Der aber im Meisterlied seinen Mund auf alle Töne zu spitzen verstand,
-hielt der Natur Augen und Ohren geöffnet, auch saß ihm ein fröhliches
-Weib auf der Diele, das ein anderes Mundspitzen übte.</p>
-
-<p>So war der Meister Hans Sachs ein rechtschaffener Mann, der von
-den Sachen der Welt mancherlei wußte; als er in redlichen Reimen davon
-zu erzählen begann, mußte das zierhafte Meisterlied erschrocken die Ohren
-zuhalten.</p>
-
-<p>Keifende Weiber und krätzige Bauern, fahrendes Volk und schlimme
-Gesellen, alles was um den Meister Hans Sachs gemeine Wirklichkeit
-war, ließ er in spaßhaften Reimen spazieren.</p>
-
-<p>Aber der Spaß wurde fröhlicher Lärm, und die Frechheit sah manchmal
-hinein, wenn er sein Fastnachtsspiel machte; da konnten die Spitzbuben
-recht die Bauern betrügen, die Dummen konnten von Herzen gemein und
-die Völler betrunken sein.</p>
-
-<p>Wenn dann der Meister Hans Sachs mit dem warnenden Finger hinzu
-kam, merkten die Zuschauer wohl, daß er schalkhaft mitlachte.</p>
-
-<p>Der so fröhlich die Täglichkeit sah, wußte, so war es immer gewesen: die
-Guten und Bösen, die Dummen und Schlauen, die Vornehmen und die<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span>
-Gemeinen füllten die Erde wie kalt und warm, wie Regen und Dürre,
-wie Flamme und Rauch; wo sie einander am hitzigsten trafen, war das Leben
-am liebsten geschäftig.</p>
-
-<p>So las er die alten Berichte und sah das Leben nur als das Gestern an,
-darin das Heute geschah; und alles Heute war sein, ob es Salomo, Kaiser
-Karl oder die schöne Melusine genannt war.</p>
-
-<p>Aber der reichste Schatzhalter war ihm die Bibel: gleich Bilderbogen
-zog er die alten Judengestalten und ihre Handlungen ab, angemalt mit den
-Farben, die ihm die eigene Täglichkeit schenkte, und mit der fröhlichen Weisheit
-unterschrieben, die der Schuhmachermeister darin fand.</p>
-
-<p>So emsig suchte sein Eifer, daß ihm keiner entging, von Adam bis
-Archelaus; alle mußten aus seiner fröhlichen Feder neu in die Welt spazieren,
-und alle mußten zu Nürnberg im fränkischen Land noch einmal
-Wirklichkeit sein.</p>
-
-<p>Er wurde in Fröhlichkeit alt und war noch als Greis ein fleißiger Schaffner,
-nur die Schuhmacherwerkstatt verließ er, an seinem Schreibpult zu
-sitzen.</p>
-
-<p>Und als ihm im achtzigsten Jahr seines Lebens die Sprache versagte,
-saß er noch immer an seinem Pult und las in den Büchern, die er kaum
-noch verstand.</p>
-
-<p>Nur in den Augen war noch das fröhliche Leben geblieben, und wer als
-Gast in seinen Altenteil trat, dem nickten sie schelmisch zu.</p>
-
-<h3 id="sec9_2">Das Kirchenlied</h3>
-
-<p>Als der große Krieg unsägliches Leid auf das deutsche Land legte, als der
-Reichtum der Bürger in Armut versank, als die fröhliche Flur leer wurde
-wie die fleißige Werkstatt und auf den Straßen nur noch das Elend dem
-Hunger begegnete, als der Menschengeist seiner blutigen Tat satt war, sang
-eine Stimme der Seele Trost und Erbauung.</p>
-
-<p>Luther hatte das Lied von der festen Burg gläubig gesungen, es war die
-Fahne des evangelischen Glaubens gewesen, und manche trotzige Faust
-hatte die Fahne geschwungen; nun lag sie verkohlt unter dem Brandschutt.</p>
-
-<p>Aber die Stimme der deutschen Seele hob wieder an, die alten Weisen
-mit neuen Worten zu singen; und ob sie zitternd sang und mit Tränen:
-Gott war wieder darin, und sein gesungener Trost fand wieder Ohren und
-Herzen.</p>
-
-<p>Spitzfindigkeit, Wortgläubigkeit und Sittenhochmut hatten der evangelischen
-Lehre ein neues Kirchenkleid angetan, darin die Landesobrigkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span>
-die Papstgewalt war; aber das Kleid war zerrissen, nur das Lied blieb wie
-ein Licht in der Nacht.</p>
-
-<p>Wenn die Gemeinde beisammen saß, es zu singen, wenn das schwellende
-Wort sich in den Orgelton legte, dann kehrte die gläubige Seele in ihre
-Heimat zurück.</p>
-
-<p>Befiehl du deine Wege! sang ihr Wiegenlied den Kindern und Alten;
-und wo ein Grab den Sarg in das schwarze Loch nahm, stand die Stimme
-dabei: Jesus meine Zuversicht! trotz Tod und Betrübnis zu singen.</p>
-
-<p>So kam es, daß die deutsche Seele den lauten Jammer und die leise
-Klage, den Trotz und die Verzagtheit überwand, daß sie an den Gräbern
-der stolzen Vergangenheit und im Elend der bittersten Gegenwart den Heldenmut
-fand, noch mitten im Krieg: Nun danket alle Gott! mit gläubigem
-Herzen zu singen.</p>
-
-<h3 id="sec9_3">Bach</h3>
-
-<p>Eine Hütte am Brunnen der Wüste, so nahm das Kirchenlied die
-Flüchtlinge des Krieges unter sein Dach; aber Gott sandte den Meister,
-der deutschen Seele noch einmal Zion zu bauen.</p>
-
-<p>Der von allen Meistern der Kunst der gewaltigste war, der aus der Seelengewalt
-noch einmal die Schöpfung vollbrachte, der einzige, der seinen
-Turm in den Himmel zu bauen vermochte: er wurde den Deutschen, wie
-einmal der jüdische Zimmermannssohn, in Niedrigkeit eingeboren.</p>
-
-<p>Johann Sebastian Bach war eines Ratsmusikers Sohn, der durch die
-Gunst der Ratsherren sein unfreies Gewerbe in Eisenach trieb; aber Vater
-und Mutter starben dem Knaben, den danach sein Bruder in Ohrdruf aufzog.</p>
-
-<p>Als Singknabe in Lüneburg mußte er schon im fünfzehnten Jahr sein
-kärgliches Brot selber verdienen; als Geiger und Organist in Weimar, Arnstadt,
-Mühlhausen und Köthen trug er sein mühsames Tagwerk nach Leipzig,
-wo er Musikmeister hieß und an der Thomaskirche den Kantor vorstellte.</p>
-
-<p>So kärglich und mühsam, wie er sein irdisches Dasein begann, so kärglich
-und mühsam ging es zu Ende; bis er grau wurde und starb, mußte der
-übergewaltige Mann den Krämern in Leipzig den Kirchenchor leiten.</p>
-
-<p>Einmal im Alter fiel eine Ehre der Welt auf ihn, als ihn der König von
-Preußen nach Sanssouci rief, weil er der Vater von seinem Kammermusikus
-war; er durfte dem Spötter die Orgel vorspielen und auf dem Klavier
-seine Flöte begleiten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span></p>
-
-<p>Sonst blieb sein Dasein im Schatten des Kleinbürgertums, darin der
-Meister mit seiner Hausfrau und Kinderschar untergeschlüpft war.</p>
-
-<p>Wenn Johann Sebastian Bach in der Thomaskirche in Leipzig den
-Choral spielte, dann sang die Gemeinde ihr gläubiges Wort in die Orgel
-und wußte nicht, warum ihr die Seele im Gesang so übergewaltig anschwoll.</p>
-
-<p>Aber der Meister konnte nicht eine Stimme begleiten, ohne daß ihm die
-Brunnen der Tiefe aufbrachen, darin die gewaltigen Ströme stark und
-brausend nach Freiheit begehrten.</p>
-
-<p>Eine Stimme allein war eine Taube, die kläglich flatternd den Raum
-nach den andern absuchte; erst wenn der Baß ein Paar daraus machte und
-wenn die Brut der Mittelstimmen dazukam, daß sie zu Vieren mit gleichem
-Flügelschlag selig dahin schwebten, jede auf eigenen Flügeln und doch gemeinsam
-im Flug: dann konnte sie fliegen.</p>
-
-<p>Dann glaubte die fromme Gemeinde, das Lied gewaltig zu singen, weil
-ihre Stimmen sich in der Melodie fanden; aber stärker als ihre Stimme
-war der Baß in der Orgelgewalt, er trug den singenden Ton durch Höhen
-und Tiefen, und daß er beruhigt in seinem starken Arm läge, deckten die
-Mittelstimmen ihn weich und warm zu.</p>
-
-<p>Die Melodie war nicht mehr das Wort und das Lied der singenden
-Seele allein, aus der Tiefe des Raumes kam ihr die starke Gottesgewalt zu,
-und daß sie nicht über das Wunder so starker Begleitung erschräke, schwebten
-die Engel harmonisch dazwischen.</p>
-
-<p>Erde und Himmel waren vereint, wenn die Orgel des Meisters den
-starken Viergesang machte; ob er brausend anschwoll oder im sanften Gesäuse
-wohlig dahin schwebte, die Seele war nicht mehr allein.</p>
-
-<p>Keine Donnergewalt fiel ihren Sang an, und keine selige Flöte hieß ihn
-verstummen, der Sang war in Gott und Gott in ihm, weil jenseits von
-Zeit und Raum die Harmonie in der Ewigkeit schwebte.</p>
-
-<p>Auch wenn der Meister die Stimmen der Orgel allein in den Raum
-sandte, gingen sie nicht wie Fremdlinge hin über die Ohren der Leute; jede
-stieg aus der Erde der Toten ans Licht, und jede fuhr in den Himmel, die
-staunende Seele auferstand mit.</p>
-
-<p>Und ob es schwingende Geigen und blasende Hörner, ob es Schalmeien
-und Flöten, Fagott und Klarinetten, ob es ein Saitenklavier oder ein
-menschlicher Stimmenchor war: immer entzückte der Meister das starke
-Geheimnis, daß eine Stimme Antwort im Raum, starke Begleitung und
-seliges Glück in der Gemeinsamkeit fand.</p>
-
-<p>Aber das Wunder wurde Erscheinung, wenn er den ganzen Heerbann<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span>
-der Stimmen aufriß, wenn das große Orchester den hundertstimmigen
-Chor nahm und gegen die Orgelgewalt herrlich anstürmte: dann baute der
-Meister noch einmal die Schöpfung über dem ewigen Abgrund.</p>
-
-<p>Sünde und Schicksal, Schuld und Versuchung, das dunkle Leid und
-die blitzende Lust sanken zurück in die Allmacht, daraus sie kamen.</p>
-
-<p>Wohl brandete die Hölle und wohl traf der Tod, aber ihr Sieg und sein
-Stachel lagen beschlossen in Gottes allgütiger Hand; tiefer als Trauer und
-Furcht, höher als Freude und Hoffnung trugen die Flügel der Gnade und
-Liebe die Seele in Ewigkeit hin.</p>
-
-<p>So war der Meister und so war seine Musik, und die seine Schöpfergewalt
-spürten, ahnten nicht das Geheimnis, daß in den Tönen bereits
-das Himmelreich war, das ihre Gläubigkeit jenseits erhoffte.</p>
-
-<h3 id="sec9_4">Die Pietisten</h3>
-
-<p>Blut und Verwüstung des Krieges hatten die Herzen der Harten nicht
-zu erweichen vermocht: in Wittenberg saßen die Pfaffen nicht anders als
-vormals in Rom, die geistliche Herrschsucht hatte ein neues Kirchenkleid
-angezogen.</p>
-
-<p>Ein Prediger kam aus dem Elsaß nach Frankfurt, Jakob Spener geheißen,
-und anderen Geistes, als ihn der Hochmut der lutherischen Kirchenobrigkeit
-kannte.</p>
-
-<p>Er hatte das Theologengezänk und die Wortgläubigkeit an den Schulen
-erfahren und wußte, daß andere Dinge als Liebe und Freiheit den Gang
-der Kirche und ihrer Pfarrer bestimmten; er aber wollte eher der Unmündigen
-einer denn der lieblose Knecht kirchlicher Rechtgläubigkeit sein.</p>
-
-<p>Er schlug keine Thesen an eine Schloßkirchentür, er band keinen Aufruhr
-der Geister an seine Sendung, auch war er kein härener Täufer, nach
-Buße zu schreien: er zündete nur das vergessene Licht an und wartete still,
-ob es den Wanderer riefe.</p>
-
-<p>Christ sein hieß ihm, die Wiedergeburt seiner Seele erleben, wie es den
-Jüngern geschah, als sie Jesum erkannten; und wer ein Gläubiger solcher
-Wiedergeburt war, brauchte die Priester und Schriftgelehrten des Lehrkirchentums
-nicht.</p>
-
-<p>Die Liebe war in der Dürre vertrocknet und die Freiheit im Katechismus
-gefangen, als Spener, der Schwärmer in Christo, sein zaghaftes Licht in
-Frankfurt ansteckte; aber die evangelischen Seelen im Land, die danach
-seufzten, strömten dem blassen Schein zu.</p>
-
-<p>Wie es der ersten Christengemeinde geschah, erwachte das Leben der<span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span>
-Liebe in den Winkeln: kein loderndes Feuer, kein krachender Brand, nur
-eine heimliche Glut, aber Deutschland stand seltsam durchleuchtet.</p>
-
-<p>Die Rechtgläubigkeit schrie, und die Obrigkeit strafte; Wittenberg trat
-auf den Plan, die Irrlehre zu verdammen: aber die hochmütigen Herren
-der Kirche hatten das Herz des evangelischen Volkes verloren.</p>
-
-<p>Die Gläubigen hießen sich selbst die Erweckten und wurden zum Spott
-die Pietisten genannt; sie trugen den Spott mit Geduld und die Verfolgung
-mit Eifer: bald waren der Stundenbrüder so viel, daß die Kirchen
-leer standen.</p>
-
-<p>So hatte Spener, der Schwärmer in Christo, die Lehre des Nazareners
-noch einmal erweckt; aber das Lächeln der Liebe und Weisheit war nicht
-auf den Lippen, nur in den Augen blinkte die blasse Verzückung der Nachfolger
-Christi, indessen die Aufklärung schon auf den Straßen in stolzen
-Karossen dahinfuhr.</p>
-
-<h3 id="sec9_5">Die Aufklärung</h3>
-
-<p>Der Menschengeist hatte den Himmel der Priester und ihre Hölle geglaubt,
-ein Jammertal war ihm die Erde geworden; nun wollte er selber
-kraft seiner Vernunft das Schicksal gestalten und wollte nicht länger dem
-Glauben der Priester am Gängelband gehen.</p>
-
-<p>Die Erde war seine Wohnung, und alles, was seine forschenden Augen
-aus ihren Fenstern erkannten, hieß er Natur: Natur war Wasser und
-Luft, Feuer und Erde, Natur war das Gewächs und Getier, Natur war
-der unermeßliche Himmel mit seinen Sternen, Natur war der Mensch
-mit seinen Sinnen und Süchten.</p>
-
-<p>Natur aber hieß, im eigenen Gesetz dasein: Naturgesetz war die Bahn
-der Gestirne und alle Waltung der Kräfte, Blühen und Welken, Leben und
-Sterben stand darin beschlossen, und keine Willkür konnte sich abseits erfüllen.</p>
-
-<p>Galilei hatte der kühne Pisaner geheißen, der gleich dem Genuesen
-Columbus hinaus fuhr, die Neue Welt zu entdecken, der Himmel und
-Erde in das Gesetz der Natur stellte.</p>
-
-<p>Zur selben Zeit, da Seni der Sterndeuter Wallensteins log, stand Galilei
-als Greis in Rom vor den Priestern und mußte, sein Leben zu retten,
-den Widerruf schwören.</p>
-
-<p>Aber die Tage der Kirche waren gezählt, und ein anderer Ketzer war
-dies, als die mit der heiligen Schrift in der Hand gegen die Kirchenverderbnis
-aufstanden; die Wissenschaft kam mit dem Rüstzeug ihrer Beweise,<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span>
-der Menschengeist wollte mit seiner Vernunft Naturgewißheiten
-sehen, statt an das Mirakel der Priester zu glauben.</p>
-
-<p>Denn alle Verheißung der Kirche hatte gelogen, statt Frieden auf
-Erden war blutiger Zank um die Lehre der gläubigen Völker gekommen;
-Vernunft und Natur konnten kein Glück im Himmel verheißen, aber sie
-prahlten, dem Menschen die sichere Wohnung auf Erden bauen zu können.</p>
-
-<h3 id="sec9_6">Christian Fürchtegott Gellert</h3>
-
-<p>Es war ein schwächliches Predigerkind aus Hainichen und sollte selber
-ein Prediger werden; aber sein schlechtes Gedächtnis und seine Schüchternheit
-machten dem Armen die Kanzel zum Schrecken.</p>
-
-<p>Auch war er heimlich der Poesie zugetan und hielt einen rundlichen
-Reim lieber im Sinn als eine polternde Predigt: so wurde er Lehrer in
-Leipzig und las mit zärtlicher Liebe über die Schönheit.</p>
-
-<p>Sie war keine strahlende Göttin für ihn, und den Pegasus liebte er
-nicht, der seinen Reiter mit rauschenden Flügeln in die olympischen Lüfte
-hinaufriß; ihm war die Schönheit ein sauberer Garten hinter dem Haus,
-mit reinlichem Sand auf den Wegen, von Buchsbaumhecken umhegt.</p>
-
-<p>Da pflegte er seine bescheidenen Blümchen: Schneeglöckchen, Aurikeln
-und rotbraunen Goldlack, Reseda und blaues Vergißmeinnicht, vielfarbene
-Astern im Herbst, und für den Winter die haltbaren Strohblumen.</p>
-
-<p>Und wußte wohl, daß den Blumen allein kein häuslicher Garten gehöre,
-daß allerlei Kräuter und Suppengrün, reichlich Salat und ein wenig
-Kohl, Gurken, Erbsen und Bohnen, an Stangen gesteckt, samt krausen
-Mohrrübenbeeten für einen Haushalt vonnöten, und daß ein reifender
-Kürbis ebensowohl ein behaglicher Anblick sei als auch eine schmackhafte
-Nahrung.</p>
-
-<p>Denn der Professor der hausbackenen Schönheit war selber ihr Dichter:
-Oden und geistliche Lieder, Fabeln mit frommer Moral, Schäferspiele
-sogar und sein Roman von der schwedischen Gräfin hielten sich ängstlich
-dem Flügelroß fern.</p>
-
-<p>Ein bißchen Aufklärung und ein bißchen Erweckung; der kleinste Zuschnitt
-des Lebens mit erlaubter Vernunft und erlaubten Gefühlen fand
-seinen empfindsamen Sprecher.</p>
-
-<p>So lehrte, lebte und schrieb Christian Fürchtegott Gellert in Leipzig
-und war der demütigen Jugend der liebe Gott selber im Schlafrock; die
-Fürsten sandten ihm Geld, die Bürger Schinken und Holz, daß sein kränklicher
-Körper im Winter gewärmt und ernährt sei.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span></p>
-
-<p>Und als er tot war, flossen die Tränen um ihn wie nie um einen Dichter
-in Deutschland, Denkmäler zeugten der Nachwelt für seine Verehrung;
-seine Fabeln blieben im Mund der genügsamen Jugend und seine geistlichen
-Lieder im Kirchengesangbuch.</p>
-
-<h3 id="sec9_7">Klopstock</h3>
-
-<p>Zu der Zeit, da der Gutsherr in Rheinsberg seinen Freunden französische
-Verse vorlas, weil seine fürstliche Bildung den Weg zur eigenen
-Sprache nicht fand, wuchs in Schulpforta ein Jüngling, Klopstock geheißen,
-der diesen Weg strenger als einer der Dichter vor ihm zu gehen
-bereit war.</p>
-
-<p>Er hieß noch ein Schüler der unteren Klassen, aber schon tastete er
-stolz nach dem Ruhm, seinem Volk den Messias zu schreiben, der übermenschliches
-Leben und göttliches Tun in deutschen Versen berichten und
-eine erhabene Dichtung sein sollte, wie es die hohen Gesänge der Griechenwelt
-waren.</p>
-
-<p>Tief erkannte der Jüngling, daß Worte zu reimen und Sprache zu
-dichten zweierlei wäre, und daß der Vers kein Silbengeklapper sein dürfe,
-sondern der hohe Hinschritt stolzer und schöner und liebreicher Worte.</p>
-
-<p>Als die drei ersten Gesänge gedruckt waren, ohne den seltsamen Namen
-des Jünglings, war ihre Wirkung, als ob im nüchternen Alltag wieder ein
-Priester dastände, den Göttern zu opfern, aber sein Opfergott war der
-Messias.</p>
-
-<p>Da schnaubte das Flügelroß Feuer, das in den Fabeln von Christian
-Fürchtegott Gellert unpäßlich war; einsame Herzen fühlten die stolzen
-Gesänge als die Wiedergeburt der deutschen Dichtung.</p>
-
-<p>Bald war der seltsame Name des Jünglings bekannt, und Bodmer,
-der brave Professor, rief ihn nach Zürich, daß er im Kreis begeisterter
-Freunde als Ehrengast weile.</p>
-
-<p>Sie hatten den Sänger wie seine Gesänge erwartet und waren erschrocken,
-den brausenden Jüngling zu haben, der seine verlassene Fanny
-in hundert Tollheiten verschmerzte und in der peinlichen Zucht der Zürchergeschlechter
-ein Feuerbrand war.</p>
-
-<p>Er fuhr auf dem See mit bekränztem Becher, er stand auf dem Uto
-mit wehenden Haaren, und als ihm der mahnende Zuruf bänglicher Freunde
-zuviel war, lief er hinaus in die Berge, im Aufruhr der großen Natur sein
-Herz zu versöhnen.</p>
-
-<p>Daß er sein heiliges Werk frei von den Sorgen des Tages vollende,<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span>
-berief ihn der dänische König; und während Voltaire, der Franzose, fürstlich
-geehrt bei dem Spötter von Sanssouci saß, war Klopstock, dem Deutschen,
-in Kopenhagen die dänische Freistatt bereitet.</p>
-
-<p>Aber ihn band keine Laune fürstlicher Freundschaft; als der Franzose
-mit Feuer und Schwefel aus Sanssouci abfuhr, kam Klopstock nach Hamburg,
-seine Cidli heimzuführen.</p>
-
-<p>So sicher war ihm das Dasein durch dänische Gunst bis in sein hohes
-Alter bereitet, daß er nicht einen Tag sorgte und, wie ein Priester geehrt,
-seinen Dichterstand trug.</p>
-
-<p>Er ging in sein fünfzigstes Jahr, als endlich die letzten Gesänge von
-seinem Messias erschienen; ein Vierteljahrhundert hatte die rauschenden
-Flügel müde gemacht, und manches, was einmal stolzer Schritt war,
-ging nun auf Stelzen; doch wie ein Dom über den Häusern stand sein
-Messias.</p>
-
-<p>Und während sein Name im Zweifel der Frommen langsam gefror,
-hatten ihm seine Oden wärmere Freunde gewonnen.</p>
-
-<p>Da war ein höheres Priestertum als die blasse Verzückung der Pietisten,
-da war die reine Luft hoher Berge, darin die Gedanken gleich seligen
-Wolken über dem blauen Hügelfeld standen, da war die große Schönheit
-der Natur in Silber gespiegelt.</p>
-
-<p>Und wie die Gesinnung rein und erhaben, so war die Kunst der Sprache
-vollendet, weitab vom Gleichklang des Reimes ließ sie die Worte stark und
-schön klingen nach ihrer Bedeutung.</p>
-
-<p>Er alterte früh, der solch ein Dichter der reinen Erhabenheit war, und
-als er im Alter zusah, hatte die Jugend sich dreimal zu anderen Dingen gewendet,
-so daß er der Zeit fremd und seines Ruhmes verdrossen die Augen
-zumachte.</p>
-
-<p>Sein Grab aber in Ottensen wurde ein heiliger Ort und ein Tempel
-der Geister, die in der bunten Vielfältigkeit und in der täglichen Torheit
-der Sprache das Schaubild der Ewigkeit suchten.</p>
-
-<h3 id="sec9_8">Der Hainbund</h3>
-
-<p>Hoch über den Alltag hin und heilig im Morgenlicht ihrer Sendung
-waren die Verse Klopstocks gewandelt: im griechischen Silbenfall fremd,
-fromm und deutsch im Selbstgefühl ihrer Würde und im Bardenton ihrer
-Sprache.</p>
-
-<p>Denn ob es Ossian war, der keltische Sänger, der darin wiederklang,
-ob der Traum des Dichters nur einen Olymp im Nordlicht vorstellte: er<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span>
-trat in den gezirkelten Garten französischer Bildung als der erhabene Hochklang
-der deutschen Vergangenheit ein.</p>
-
-<p>Und was ein Irrtum des Dichters seine Bardieten nannte, die Oden
-germanischer Herkunft, das wurde ein heiliges Feuer der Jugend, daraus
-sie den Stolz und die Liebe der eigenen Sprache und ihrer reichen Geschichte
-wiedergewann.</p>
-
-<p>Es war ein blaßblauer Herbsttag, da der Jünglinge fünf aus Göttingen
-den ehrwürdigen Eichenhain fanden, da sie den heißen Freundschaftsbund
-schworen, da sie mit Eichenblättern bekränzt sich selber die Barden
-der deutschen Erneuerung nannten.</p>
-
-<p>Denn nicht nur zu dichten war ihr Traum; sie wollten, wie es der
-Meister war, Sendlinge sein einer neuen Gesittung: die deutsche Seele,
-von ihren Höfen und Herren treulos vergessen, sollte im Bürgertum wiedergeboren
-und sollte dem deutschen Volk wieder die Schicksalsmacht sein.</p>
-
-<p>Als den Jünglingen danach das Wunder geschah, daß Klopstock der
-Meister selber in ihrer Mitte dasaß, den sie wie keinen Menschen verehrten,
-als sie ihm Treue gelobten in seine herrlichen Augen, und an dem Klang
-seiner Stimme beglückt dem Edelwort lauschten, da saß die Seele der
-Deutschen am Tisch, ihre Wiedergeburt zu feiern.</p>
-
-<p>Sie trugen alle im Sinn, Dichter zu werden, aber nur einem hatten
-die Musen das Herz berührt: Hölty war er geheißen, ein Jüngling der heiteren
-Schwermut und süßen Liebe.</p>
-
-<p>Aber ihm stand schon die Grenze gesteckt; wo er mit Freunden schwärmerisch
-ging, war ein Schatten allen sichtbar dabei.</p>
-
-<p>Eine Handvoll Frühlingsblumen zu pflücken und sie auf den Weg der
-Freundschaft zu streuen, war ihm vergönnt, dann blieb sein Schatten allein.</p>
-
-<p>Den Hainbund hatten die Jünglinge ihre helle Freundschaft genannt
-und mit Eichenlaub ihre Hüte bekränzt; als Hölty dahin war, hingen die
-Kränze verdorrt an seinem einsamen Hügel.</p>
-
-<p>Aber was ihren flüchtigen Bund so hoch und heilig entflammte, blieb
-in der Welt: die deutsche Seele war wieder wach und wollte sich endlich
-vollenden.</p>
-
-<h3 id="sec9_9">Lenore</h3>
-
-<p>Als die zärtlichen Freunde in Göttingen den Hainbund hatten, lebte
-da ein Student, Bürger geheißen, schon nicht mehr jung, in Schulden und
-schlimmere Dinge verstrickt, aber der Reimkunst mächtig wie keiner von
-ihnen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span></p>
-
-<p>Venus und Bacchus hießen die Götter in seinem unsteten Leben; wo
-Klopstock erhaben hinschritt, lief er auf läßlichen Wegen der Leidenschaft
-nach.</p>
-
-<p>Aber die Freunde hielten ihn fest und fackelten nicht, bis sie dem unseligen
-Mann, von seinen bösesten Schulden befreit, als Amtmann in Altengleichen
-noch eine Tür ins Dasein aufgemacht hatten.</p>
-
-<p>Da schrieb er den Freunden zum Dank und sich selber zum Ruhm die
-hämmernden Strophen seiner Lenore.</p>
-
-<p>Sie waren zart und empfindsam, die Göttinger Freunde, sie standen im
-Alltag wie Blumen im Korn; ihm aber sprang aus der Seele des Volkes
-ein Nachtgespenst zu.</p>
-
-<p>Lenore stand, ein geschlagenes Herz, hadernd vom Morgenrot bis in die
-Nacht, weil ihr der Liebste nicht wiederkam aus der Schlacht; aber im
-gleißenden Mondlicht kam er aus Böhmen geritten, die Braut in sein Bett
-heimzuholen.</p>
-
-<p>Eine Stunde vor Mitternacht klopfte er an, und hundert Meilen mußten
-sie reiten in der selben Nacht; aber schnell reiten die Toten: als es zwölf
-Uhr schlug auf dem Turm, sprang die Kirchhofstür auf vor dem schnaubenden
-Roß, und ein Leichenstein stand, wo die hadernde Seele ihr Hochzeitsbett
-suchte.</p>
-
-<p>Seitdem der Sänger Kriemhildens Rache beschwor, hatte der Mond
-nicht so grausig geschienen: aus dem Bodensatz uralter Herkunft rissen die
-hämmernden Strophen die Seele des Volkes ans Licht.</p>
-
-<p>Der ein schlimmer Student in Göttingen war und durch die Sorge
-der Freunde sein klägliches Amt hatte, war über Nacht der Mund seines
-Volkes geworden, und mehr als die Namen der Freunde, mehr als der
-Name sonst eines Dichters, wurde der seine genannt.</p>
-
-<p>So schienen dem unseligen Mann die Türen weit aufgetan, aber ihm
-waren die Füße verstrickt; wo er den Schritt hinsetzte, ging seine Leidenschaft
-mit, bis er selber an seinen Leichenstein kam.</p>
-
-<p>Als Gottfried August Bürger in Göttingen starb, schloß sich ein Buch,
-darin kein Blatt rein beschrieben und vor den Augen der Menschen schuldenfrei
-war: der auch die dunklen Mächte in seiner Hand hält, band es in
-Gnade, daß Schlimmes und Gutes klar vor der Vergessenheit stand.</p>
-
-<h3 id="sec9_10">Lessing</h3>
-
-<p>Klopstock der Sänger hatte der deutschen Seele die Herkunft gesungen,
-und die Jünglinge im Hainbund waren sein zärtlicher Nachhall gewesen;<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span>
-Lenore, die hadernde Braut, war durch den Mondschein der Herzen geritten:
-aber die Höfe und Herren merkten nicht, was aus der Seele des
-Volkes ans Licht kam.</p>
-
-<p>Sie sahen noch immer nach Westen und ahmten die Sprache und Sitte
-französischer Zierlichkeit nach und blieben die Puppen der Pompadour, bis
-Lessing den Sängern und Schwärmern beisprang mit dem geschliffenen
-Schwert seines Verstandes und mit dem männlichen Mut seiner Meinung.</p>
-
-<p>Er war das elfte Kind des Pfarrers in Kamenz und sollte die Theologie
-in Leipzig studieren, wo Gellert der frommen Moral den Hausgarten bestellte;
-aber der junge Gelehrte, halb noch ein Knabe und halb schon ein
-gefährlicher Geist, fand es gescheiter, tanzen, reiten und fechten zu lernen
-und der witzige Freund der Schauspieler zu heißen.</p>
-
-<p>Eine andere Kanzel schien ihm die Schaubühne und der Menschengeist
-eine andere Gemeinde, denn daß ein Pfarrer dastand mit seiner Predigt.</p>
-
-<p>Und wie der Jüngling in Leipzig sein Freibeuterdasein begann, unstet
-und arm, von schwacher Gesundheit: so bot er dem Alltag sein helles
-Sonntagsgesicht, das ein früher Tod vor dem Alter Klopstocks bewahrte.</p>
-
-<p>Der König von Preußen stand noch im schlesischen Feld, aber die Namen
-von Roßbach und Leuthen hatten geklungen, als Lessing den Klang
-in sein Herz nahm, dem preußischen Ruhm das lustige Loblied zu blasen.</p>
-
-<p>Minna von Barnhelm hieß er sein Stück, und es war nur der Alltag,
-mit dem sich darin ein stolzer Major des Königs herum schlug; aber der
-trotzig erbitterte Mann war ein Sonntagskind wie sein Dichter und führte
-die fröhliche Braut heim.</p>
-
-<p>Seit Hans Sachs war es nicht mehr geschehen, daß die Zeit auf den
-Brettern ihr eigenes Spiel sah, daß der Alltag sich selber zur Schau stand
-und staunend bedeutendes Tun in seinen Taten erkannte.</p>
-
-<p>Wo das lustige Stück auf den Brettern erschien, kam das Vertrauen
-des eigenen Daseins zurück; wie Friedrich der König bei Roßbach hob
-Lessing der Dichter den Stolz und Spott des deutschen Bürgertums auf
-gegen das Welschtum der Höfe und adligen Herren.</p>
-
-<p>Der aber den Brettern dies treffliche Spiel gab, war kein Dichter der
-tönenden Harfe; mehr als ein klingendes Wort galt ihm der scharfe Gedanke:
-Wahrheit und Klarheit fegten die Luft rein, wo Lessing am Werk
-war.</p>
-
-<p>Den Staub auszuklopfen und durch zerbrochene Scheiben in dumpfe
-Stuben frische Luft einlassen, in frömmelnder Enge und gegen den Dünkel
-gelehrter Schulmeister der Freimut zu sein, war seine Lust; und eher hätte
-der Hund den Hasen gelassen, als daß Lessing der Unredlichkeit Raum ließ.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span></p>
-
-<p>Wie sein Geist wachsam und mutig, so war seine Sprache hell und
-stark im Gelenk; seit Luther hatte der deutsche Mund nicht mehr so bündig
-gesprochen.</p>
-
-<p>Aber die Not des Herzens war Freiheit der Vernunft geworden, und
-über den Tiefen der brünstigen Seele schritt der Menschengeist hin, Himmel
-und Hölle zum Trotz den irdischen Weg zu versuchen.</p>
-
-<p>Da galt es nicht mehr den Papst und nicht mehr die römische Kirche;
-ein Pastor Goetze in Hamburg war Lessing wichtig genug, die Unduldsamkeit
-zu bestreiten, damit der Mensch, jenseits der Kirchengebote und
-über dem Katechismus, wieder das Maß seiner Dinge bedeute.</p>
-
-<p>Pietisten und römischen Priestern den Spiegel der duldsamen Weisheit
-zu halten und über den Kirchengewölben dem Menschengeist selber den
-Tempel zu bauen, schrieb er &ndash; schon grau an den Schläfen und schon beschattet
-vom Tod &ndash; sein mildes Vermächtnis.</p>
-
-<p>Nathan den Weisen hieß er das lehrhafte Spiel seines Alters, und als
-die uralte Weisheit des Morgenlands ließ er den Christen, Juden und Türken
-das scherzhafte Märchen von ihren drei falschen Ringen erzählen: aber
-es war das Abendland, das darin den Geist der Duldsamkeit fand.</p>
-
-<p>Zu Wolfenbüttel starb Lessing, indessen der Spötter von Sanssouci
-vereinsamt ins Abendrot starrte; der König erkannte die Bruderhand nicht,
-die ihm der Menschengeist reichte, weil er die Sprache des eigenen Volkes
-noch nicht verstand.</p>
-
-<h3 id="sec9_11">Herder</h3>
-
-<p>Zu der Zeit, da Lessing Minna von Barnhelm ausschickte, die eigene
-Gegenwart lieben zu lernen, liefen die Deutschen in Riga einem Prediger
-zu namens Herder, Sohn eines Kantors in Mohrungen und fast noch ein
-Jüngling, der an der Domschule lehrte.</p>
-
-<p>Anders als sonst Wort und Weisung der Bibel wurde sie Bild und
-Gleichnis in seinem Mund; denn tiefer als eins ihrer Wunder war dies,
-daß die Seele selber den Heiland gebar, daß Himmel und Hölle nur Bilder
-der eigenen Tiefe vorstellen.</p>
-
-<p>Hamann, der Magus im Norden, war dem Adepten, der so an der
-Domschule in Riga die ewigen Kerzen aufsteckte, in Königsberg Meister
-und Lehnsherr gewesen.</p>
-
-<p>Verhangene Weisheit und grell aufspringende Gedanken, geheimnisvolle
-Nächte und blinkendes Irrlicht hatten die Zauberwerkstatt des seltsamen
-Mannes erfüllt, daraus Herder den Talisman nahm.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span></p>
-
-<p>Die römische Mutter war dem Abendland Weltmutter gewesen, sie
-hatte den blonden Kindern des Nordens den Saal des Augustus und danach
-die Kirche über dem Stuhl Petri gebaut, und Luther der Ketzer hatte
-an ihren Brüsten gesogen.</p>
-
-<p>Der Magus im Norden lehrte die weitere Weisheit der Mutter, daß
-auch die Wölfin nur ihrem Wurf angehöre; Christ sein im Abendland, hieß
-in den Stunden der Menschheit die jüngste Gegenwart sein.</p>
-
-<p>Die Menschheit war die unendliche Fülle der Seele, die in den Völkern
-und Zeiten zum ewigen Dasein erwachte; nur wer die stumme Natur als
-die ewige Mutter und im Geist den Vater erkannte, der wurde ein Mensch
-und ging als Kind Gottes erlöst in seine Allgegenwart ein.</p>
-
-<p>So war die Lehre des Meisters in dunklen Sprüchen verhüllt, aber der
-Jüngling wußte sie zu erhellen: alles Leben wuchs aus den heiligen Tiefen,
-und die Vergangenheit war sein behutsamer Gärtner; was sie als Dichtung
-behielt im Dasein der Völker, war blühende Blume im ewigen Dasein.</p>
-
-<p>Die älteste Urkunde der Menschheit hieß Herder danach die Bibel; er
-nahm die heilige Schrift aus dem Kirchengewölbe und trug sie hinaus in
-die Weiten der Wolken und Winde, dem Menschengeist die blauen Fernen
-der Heimat zu weisen.</p>
-
-<p>Da waren die Völker nicht mehr die gemeine Masse, darüber die Bildung
-hochmütig hinging, sie waren die bunten Beete im Garten Gottes
-auf Erden, und was ihre Seele in Liedern, Sagen und Märchen bewahrte,
-hieß er die Stimmen der Menschheit.</p>
-
-<p>Als er die Stimmen der Völker in Liedern heraus gab, fing für das
-Abendland ein neuer Augenblick an: die Christenheit wurde zur Menschheit
-erweitert, und Herder war ihr Prophet.</p>
-
-<h3 id="sec9_12">Götz</h3>
-
-<p>Als Herder seufzend in Straßburg saß, daß ihm Jungstilling, der Arzt,
-seine Fistel kuriere, kam ein Student zu ihm, Wolfgang Goethe geheißen,
-ein Frankfurter Ratsherrensohn und schon eines jungen Dichtertums voll.</p>
-
-<p>Da wurde der kluge Adept dem brausenden Jüngling ein strenger Lehrmeister:
-Stauwehre und Dämme baute er ihm und wies seinem stürmischen
-Eifer die Richtung:</p>
-
-<p>Daß hinter dem ragenden Münster und seiner krausen Gestaltung mehr
-als ein Baumeister stünde, daß es ein Wahrzeichen alter Reichsherrlichkeit
-sei, und daß die rechte Betrachtung an ihm das Portal in eine große Vergangenheit
-fände.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span></p>
-
-<p>Von Shakespeare, dem britischen Dichter, sprach er dem Jüngling,
-und daß sein freies Geäst über den Hecken und künstlich geschorenen Kronen
-der allzuklugen Franzosen wie ein Urwaldgewächs schwanke.</p>
-
-<p>Herder saß hinter verhangenen Fenstern, sein Auge zu heilen, Goethe
-lief rasch und waghalsig hinauf auf den Turm und sah die Giebel und
-Gassen der alten Reichsstadt im Abendrot brennen und brausen.</p>
-
-<p>Und als er der alten Zeit voll war, als ihn die wilde Romantik des
-britischen Dichters bedrängte, beschwor er aus einer fränkischen Chronik
-den stegreifen Ritter und schrieb sein Stück von dem Götz mit der eisernen
-Hand.</p>
-
-<p>Da wurden sie wieder geweckt, die Ritter der alten Reichsherrlichkeit,
-die Bretter donnerten von ihren eisernen Schritten, der Kaiser ritt wieder
-ins Maifeld, die sieben Heerschilde hielten Wacht, wo jetzt die Zöpfe demütiger
-Bürger den welschen Zierat der Fürsten bedienten.</p>
-
-<p>Der Spötter von Sanssouci geriet in Zorn über das Stück und hieß
-es geschmacklos; aber die Jugend schwoll daran auf und schäumte über, als
-ob jeder Student der Mann mit der eisernen Hand und jeder Bürger ein
-Nürnberger Pfeffersack wäre.</p>
-
-<h3 id="sec9_13">Werthers Leiden</h3>
-
-<p>Indessen der Ruhm und der Lärm seines Götz mit der eisernen Hand
-Goethe den Jüngling umschwärmten, kam er nach Wetzlar und sollte am
-Reichskammergericht Rechtspraktikant werden; wo Schönheit und brausendes
-Leben sein sollte, war Staub und Papier.</p>
-
-<p>Im Elsaß hatte sein Herz gefährlich gebrannt, als er Friederike, die
-Tochter des Pfarrers in Sesenheim liebte, in Frankfurt fing er zum andernmal
-Feuer: so kam die Krankheit auch über ihn, die wie der Tauwind
-im Abendland die jungen Gemüter weich machte.</p>
-
-<p>Ein Genfer Uhrmacherssohn, Rousseau geheißen, hatte das welke Laub
-von Versailles auf einen Haufen gekehrt und aus dem Kehricht hochmütiger
-Bildung der Allmutter Natur ein Opferfeuer gemacht.</p>
-
-<p>Alles &ndash; so ging seine Lehre &ndash; kam gut aus den Händen des Schöpfers,
-und alles mußte entarten, wenn sich der menschliche Hochmut vermaß, die
-Natur zu verleugnen: alle Bildung samt ihren Künsten hatte die Menschheit
-darum nicht so glücklich gemacht wie den Wilden sein Feuer.</p>
-
-<p>Es war die alte Lehre der Einfalt, aber die Einfältigen brauchten sie
-nicht; und die den bittersüßen Trunk tranken, weil er so feurig gemischt
-war, tranken sich krank statt gesund an der Sehnsucht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span></p>
-
-<p>Die Empfindsamkeit kam in die Welt und war ein gefährliches Gift für
-die zärtlichen Herzen; als Goethe, der Dichter des Götz, daran krank war,
-schrieb er die Leiden des jungen Werther und schrieb sich selber gesund.</p>
-
-<p>Lotte hieß er das liebliche Wesen, das für den empfindsamen Werther
-das Lockbild reiner Natur war; ihr zu entsagen vermochte er nicht, sie zu
-besitzen war ihm verwehrt: so kam aus reiner Quelle trübes Gewässer.</p>
-
-<p>An seiner empfindsamen Liebe zu leiden, wurde dem Jüngling Genuß;
-alle Schmerzen riß er sich auf und alle Launen des Unglücks rief er heran,
-bis nur noch der Tod die Wollust der Leiden auslösen konnte.</p>
-
-<p>Er glaubte an seiner Liebe zu sterben, aber sie war nur der Mantel, den
-seine Empfindsamkeit umhing; er pries die Einfalt, weil er am Überdruß
-krank war; er löckte den Stachel der Liebe, weil er den Brand und die Fäulnis
-der Wunde genoß.</p>
-
-<p>Noch hatte kein Buch der deutschen Sprache solche Wirkung getan:
-Werther zu lesen, Werther zu leiden und Werther zu sein, wurde die Mode
-empfindsamer Herzen; der Himmel sank hin und die Hölle brach auf und
-ertranken in Tränen.</p>
-
-<p>Goethe, der Dichter des Götz und der brausenden Jugend, wurde der
-seufzende Herold der Zeit; mehr Kränze als je einem Helden wurden von
-zärtlichen Händen geflochten, den Abgott zu schmücken.</p>
-
-<p>Und niemand kannte den heimlichen Schatz, den der Jüngling aus
-Frankfurt in seiner Lade bewahrte, niemand wußte, daß der gepriesene
-Dichter in seinen Liedern ein Königssohn war.</p>
-
-<p>Da waren nicht seufzende Worte und launische Leiden gehäuft, da hatte
-das zärtliche Gift nicht an der Kraft der Seele gerührt, da war ein Jungmännerherz
-vom Blut des Lebens erfüllt, da war ein Mund, wirkliche Leiden
-und Freuden zu sagen, da war ein Dichter, das Höchste wie das Geringste
-in Schönheit zu wagen.</p>
-
-<h3 id="sec9_14">Weimar</h3>
-
-<p>Karl August, der junge Herzog in Weimar, lud Goethe, den Dichter
-des Götz und des Werther, zu Gast; aus der fürstlichen Laune wuchs eine
-lange Liebe und eine Blutsbrüderschaft.</p>
-
-<p>Der Herzog war allzu behutsam erzogen, Goethe der Günstling sollte
-ihn erst den rechten Lebensgenuß lehren; aber der Dichter wurde dem Jungherzog
-Führer und Freund und wußte die fürstliche Tollheit sacht in die
-Pflicht umzulenken.</p>
-
-<p>Als aber die Freunde zuerst ihr Feuerwerk brannten, als sie die Tage<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span>
-mit Trunk, Jagd, Narrheit und Maskerade hinbrachten, machten die
-Bürger von Weimar drei Kreuze, wenn sie den Namen Goethe aussprachen.</p>
-
-<p>Und als der Herzog den landfremden Doktor aus Frankfurt zum Minister
-machte, rangen die geheimen Räte die Hände, daß nun das Land mit
-dem leichtsinnigen Herzog an den Teufel verkauft sei.</p>
-
-<p>Aber der landfremde Doktor wußte die hitzigen Rosse zu lenken; als
-sie am wildesten schnaubten, griff seine Hand fest in die Zügel.</p>
-
-<p>Das Land des Herzogs war klein und kläglich verwaltet, die Lässigkeit
-schlechter Beamten machte dem neuen Minister das Amt schwer, auch blieb
-der Widerstand gegen den landfremden Doktor geschäftig.</p>
-
-<p>Ihn zu besiegen ging Goethe allein mit dem Herzog auf Reisen und
-blieb ein Vierteljahr in der Schweiz, wo sie reitend und wandernd allein in
-der großen Natur waren.</p>
-
-<p>Da konnte kein höfischer Neid ihm den Schatten verdrehen, da konnte
-er sprechen und wirken und konnte den jungen Herzog sich tiefer verbinden
-als durch lärmende Feste.</p>
-
-<p>Als sie dann wieder in Weimar anlangten, war ihm der Herzog in
-Wahrheit verfallen; Goethe der Dichter wurde allmächtig und konnte im
-Ländchen Regen und Sonnenschein spielen.</p>
-
-<p>Der den Götz und den Werther schrieb, und der seinen Ruhm wie seinen
-Geist mit Selbstgefühl trug, gab ein Jahrzehnt seines einzigen Lebens
-daran, ein treuer Beamter zu sein, dem die Alltäglichkeit wichtig und dienende
-Pflicht die Erfüllung war.</p>
-
-<p>So wurde Weimar, das Ländchen kläglich und klein zwischen den Mächten,
-das Vorbild kluger Verwaltung und eine ruhmvolle Stelle im Reich,
-weil ein großer Geist nicht verschmähte, treu und besonnen die täglichen
-Dienste zu leisten, weil ein Dichter das Gleichnis der tätigen Hände auskosten
-wollte.</p>
-
-<h3 id="sec9_15">Winckelmann</h3>
-
-<p>Dem Sohn eines Schusters in Stendal war es geglückt, Theologie zu
-studieren, aber zu einem Amt gelangte er nicht: Armut und andere Neigung
-warfen ihn bald aus der Bahn.</p>
-
-<p>Statt einem Pfarrer wurde ein fahrender Schüler aus ihm, der sich
-mit allerlei niederen Ämtern und Almosen ernährte, bis ihn der Graf auf
-Nöthnitz bei Dresden in einen besseren Dienst nahm.</p>
-
-<p>In Dresden ging ihm die Galerie auf; ob es nur staubiger Gips war,<span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span>
-die griechischen Bildwerke wurden dem Sohn des Schusters aus Stendal
-vertraut wie ein Garten der Heimat.</p>
-
-<p>Er sah die Leiber und Glieder im Ebenmaß ihrer Gestaltung, er sah die
-herrliche Haltung und schöne Gewandung, als ob in Griechenland Götter
-gewandelt wären, indessen die nordische Menschheit in Häßlichkeit ging.</p>
-
-<p>Wohl gab es noch immer Maler und Bildhauer, aber sein trunkenes
-Auge suchte die edle Einfalt und stille Größe vergebens, davon es die Fülle
-in den alten Bildwerken fand.</p>
-
-<p>Ein Paradies ging den Menschen verloren und war ihnen doch &ndash; so
-schien es dem Schwärmer &ndash; noch immer geöffnet, wenn sie erst wieder,
-die griechischen Vorbilder nachahmend, den Weg zur wirklichen Kunst
-fanden.</p>
-
-<p>Als Winckelmann so jahrelang in den Gedanken seiner einsamen Leidenschaft
-suchte und staunte, als ihm die Seele bis an den Rand mit dem Glück
-der Griechen gefüllt war, ließ er die erste Sendschrift ausgehen.</p>
-
-<p>So voll war er des griechischen Geistes, daß seine Worte und Sätze
-im griechischen Ebenmaß schritten: edle Einfalt und stille Größe schienen
-auch seiner innigen Liebe geschenkt.</p>
-
-<p>Noch aber blieb er ein einsamer Sucher und für den Alltag ein Narr,
-der sein griechisches Steckenpferd schirrte, und den die Inbrunst verzehrte,
-das Land seiner Seele leibhaftig zu sehen.</p>
-
-<p>Er kam nicht hinein, er kam nur nach Rom und Neapel, und daß ihm
-die mächtigen Hände der Kirche dahin verhalfen, mußte der Protestant
-seinen Glauben abschwören.</p>
-
-<p>Da endlich sah er die marmornen Leiber statt staubigem Gips, und die
-ewige Stadt hatte nicht solchen Pilger erfahren, der die prahlenden Kirchen
-verschmähte, der scheu und verzückt unter den alten Bildwerken umher ging.</p>
-
-<p>Albani, der Kardinal und Kunstfreund, erkor sich den seltsamen Mann
-aus Stendal als Gast: in seinen Sammlungen konnte Winckelmanns Eifer
-als Zauberer walten, aus den Ruinen und Resten die alte Welt neu zu
-bauen, die seiner Seele sehnsüchtig vertraut war.</p>
-
-<p>Als Winckelmann seine Geschichte der Kunst im Altertum schrieb, war
-es getan: das verschüttete Tor war geöffnet, durch das die Menschheit zurück
-schreiten konnte ins Paradies, das für immer Griechenland hieß.</p>
-
-<p>Was einmal einfältiges Leben und göttergleiches Dasein der Menschenwelt
-war, hatte in ewiger Kunst sein marmornes Sinnbild hinterlassen, daß
-die Menschheit daran in edle Einfalt und stille Größe zurück die klassische
-Wiedergeburt fände.</p>
-
-<p>Mehr denn ein Jahrtausend hatte die Kirche in Rom an ihren Gewölben<span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span>
-und Domen gebaut, sie hatte die Pracht der päpstlichen Herrschaft
-über die alten Ruinen gebreitet, als der Sohn eines Schusters aus Stendal
-nach Rom kam, ihre Geltung abzustreifen wie einen vermessenen Irrtum.</p>
-
-<h3 id="sec9_16">Goethe in Rom</h3>
-
-<p>Elf Jahre lang hatte Goethe in Weimar gewirkt; der als flackerndes
-Feuer kam, war für das Land seines herzoglichen Freundes das Herdfeuer
-geworden, von vielen gesegnet: das Land seiner Dichtung lag als Trümmerfeld
-da.</p>
-
-<p>Der tätige Geist hatte dem Leben sein Opfer gebracht, aber der Dichter
-begehrte wieder das seine; als der Winter zum zwölftenmal kam, sollte die
-römische Sonne ihm Blut und Seele neu glühen.</p>
-
-<p>Heimlich wie eine Flucht war seine Reise; als ob noch einmal Wertherzeit
-sei, fuhr seine Sehnsucht nächtlich davon, und eher ließ ihn die Furcht
-nicht frei, bis ihn die ewige Stadt als den heimgekehrten Sohn mit ihren
-Mauern umfing.</p>
-
-<p>Denn Goethe, der Dichter des Götz und der das Straßburger Münster
-mit feurigem Wort pries, war der Lehre Winckelmanns voll wie eine
-schwellende Frucht: nur die südliche Sonne &ndash; so schien es dem Flüchtling &ndash;
-konnte der Kunst wie dem Leben Glück und Gemessenheit schenken, der
-Nebel des Nordens hatte sie unstet und freudlos gemacht.</p>
-
-<p>Es sollte nur eine Reise sein, aber er fand den Weg nicht zurück, bis er
-ganz ins römische Leben untergetaucht war, bis der Minister wieder ein
-Dichter, bis der neue Werther aus Weimar seiner Seele und seines Leibes
-von Urbeginn froh wurde.</p>
-
-<p>Da reiften endlich die Früchte, denen im Land der neblichten Wälder
-der Sonnenschein fehlte, da wurde der Werther aus Wetzlar als Tasso
-glühend gehärtet, da wurde der Dichter der Iphigenie den Deutschen fremd,
-wie ein Priester den Seinigen fremd wird, da zog der Minister aus Weimar
-sein olympisches Feierkleid an.</p>
-
-<p>Als Goethe im zweiundzwanzigsten Monat seiner Flucht wieder heimkam
-nach Weimar, war er kein Herdfeuer mehr für das Ländchen: als
-Freund seines Herzogs blieb er in all seinen Würden, aber das Werktagskleid
-seiner Bürden legte er ab.</p>
-
-<p>Wie die silberne Sonne durch eine Nebelwand scheint, so war sein
-Wesen fortab verhüllt; die seine Freunde hießen, hatten den Mann an
-einen fremden Himmel verloren.</p>
-
-<p>Was Winckelmann träumte, wurde ihm Wirklichkeit: er hatte das<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span>
-Land der Griechen mit seiner Seele gesucht und hatte den Leib seiner Sinne
-in südlicher Sonne gebräunt; nun wuchs ihm sein irdischer Tag aus solcher
-Vergangenheit ewige Gegenwart zu.</p>
-
-<h3 id="sec9_17">Die Räuber</h3>
-
-<p>Indessen Goethe den Griechen zuneigte und seiner eigenen Jugend fast
-feind war, stand seinen vergessenen Tagen ein flackerndes Spiegelbild auf.</p>
-
-<p>Ein schwäbischer Jüngling, Friedrich Schiller geheißen, schrieb auf der
-Schule des Herzogs in Stuttgart ein Stück für das Theater, darin der
-Raubritter Götz ein Räuberhauptmann geworden, darin die Freiheit ein
-düsterer Feuerschein war.</p>
-
-<p>Das uralte Stück des verlorenen Sohnes wurde in neuen Gewändern
-gespielt, aber kein gütiges Vaterherz lief dem Verlorenen zu: im finsteren
-Turm klagte ein Greis, indessen der schurkische Bruder die Braut und das
-erschlichene Erbteil genoß.</p>
-
-<p>Denn so war die Welt in den neuen Gewändern geworden; die Schurken
-saßen an goldenen Tafeln, aber die Edlen, in ihrer Einfalt betrogen,
-sagten der schurkischen Ordnung ihr Räuberrecht an.</p>
-
-<p>Als sie das Stück zum erstenmal spielten in Mannheim, hatten vorsichtige
-Hände seinen Brand erst gelöscht, aber der wilde Jubel der Jugend
-blies in die Glut, bis sie himmelhoch flammte.</p>
-
-<p>Da legten die Jünglinge trotzig das Wertherkleid ab und zogen ein
-Räuberwams an; die an der Empfindsamkeit krank waren, lachten sich
-höhnisch gesund, sie ließen die seufzende Wollust den Töchtern und fuhren
-mit Frechheit und Flüchen zur Hölle.</p>
-
-<p>Der aber solchen Aufruhr der Jugend entzückte, war ein bläßlicher
-Medicus beim Regiment; er konnte nur heimlich nach Mannheim fahren,
-und als er nach Stuttgart zurück kam, warf ihm der Herzog sein Dichterglück
-vor die Hunde.</p>
-
-<p>Der Medicus Schiller hatte den Fluch der Freiheit geschworen; Tod
-den Tyrannen war seine Losung; und mußte die Tage in knirschender Demut
-hinbringen, bis er das Land des Herzogs heimlich verließ.</p>
-
-<p>Anders als Goethe der Flüchtling nach Rom, kam Schiller der Flüchtling
-nach Mannheim: krank an der Brust, von Sorgen und Schulden gehetzt;
-gütige Freunde mußten ihm helfen, daß er die bitteren Jahre durchhielt,
-bevor ihm endlich in Weimar das Leben günstiger aufging.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec9_18">Jena</h3>
-
-<p>Als Schiller zum erstenmal kam, Goethe zu suchen, war Goethe in
-Rom; aber der schwäbische Flüchtling fand den Namen des Dichters in
-Weimar gesegnet und hoffte das seine, der schon im fünften Jahr seiner
-Flucht unstet herum fuhr.</p>
-
-<p>Er war von hoher Gestalt, rothaarig und blaß und gebeugt von der
-Schwindsucht, als er in Weimar Unterkunft suchte; aber der Herzog sah
-ihn nicht gern, und der Musenhof war dem Dichter der Räuber nicht
-günstig.</p>
-
-<p>Als Goethe dann heimkam, fremd und braun von der römischen Sonne,
-half er dem Flüchtling wohl in ein Amt, aber er hielt sich dem Menschen
-verschlossen und kannte den Dichter nicht.</p>
-
-<p>So wurde Schiller, der schwäbische Flüchtling, in Jena Professor; der
-Dichter der Räuber hieß Hofrat und lehrte Geschichte; Charlotte von
-Lengefeld war seine zärtliche Frau, und vielerlei Freunde fanden sein Haus.</p>
-
-<p>Nur Goethe in Weimar blieb wie ein Leuchtfeuer fern: er sandte sein
-Licht in die Weite, aber die Nähe war ihm verleidet; und wie er der eigenen
-Jugend fast feind war, blieb ihm ihr hastiges Spiegelbild doppelt verdrießlich.</p>
-
-<p>Sechs Jahre lang zog der Minister in Weimar den Mantel nicht aus;
-sechs Jahre lang würgte den stolzen Professor in Jena der Grimm, daß
-ihn, den Dichter, der Dichter nicht kannte.</p>
-
-<p>Denn heller als einer sah Schiller das einsame Licht die Himmelsfernen
-absuchen, indessen die eifrigen Lampen der Zeit Stuben und Kammern
-erhellten.</p>
-
-<p>Weil er nicht abließ von seiner Liebe, kam endlich der Tag, da die beiden
-sich fanden, da die Bürger von Jena die hohen Gestalten einander zugeneigt
-sahen, da der stolze Minister eintrat in das Haus des Professors.</p>
-
-<p>Da wurde der Reif gerundet, der Weimar und Jena verband, da wurde
-die hoheste Freundschaft geboren, da ging am Himmel der Deutschen das
-Doppelgestirn auf, über den dunkelsten Nächten zu leuchten.</p>
-
-<p>Weil jeder ein Einziger war, stand keiner dem andern im Schatten:
-Schiller, der jüngere, drängte mit stürmischer Neigung; Goethe, der ältere,
-ließ es geschehen mit dankbar besonnter Kraft.</p>
-
-<p>Er hatte die Freunde der Jugend vertan, nun fand die einsame Mannheit
-ihre Genossen; da drängten die Quellen wieder zu Tag, die in der Tiefe
-geheimnisvoll flossen, da wurde Goethe der Dichter zum andernmal wach,
-da traten die weisen Werke der Goetheschen Mannheit froh in Erscheinung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span></p>
-
-<p>Hermann und Dorothea hieß er den herrlichen Sang der zwei Lieben,
-darin sich der Dichter des Tasso wieder zur Heimat zurückfand.</p>
-
-<p>Der Rhein glänzte hinein aus nahester Ferne, ein flinker Fluß floß ihm
-zu, Wiesen und Felder, Wälder und Weinberge umrahmten das freundliche
-Bild der deutschen Kleinbürgerstadt.</p>
-
-<p>Kein Fürstenhof, keine Prinzessin: Wirtsleute waren die einfachen Helden
-der Handlung, Apotheker und Pfarrer priesen mit ihrem behaglichen
-Wesen das Leben der täglichen Arbeit.</p>
-
-<p>Aber vom Klang geruhsamer Verse umflossen, gab ihr bescheidenes Dasein
-ein Sinnbild der Menschheit nicht minder, als es die reine Höhe der
-Iphigenie war.</p>
-
-<p>Homerische Rundung der Bildergestalten, Dürersche Sorgfalt und
-Treue, die Seelengewalt der deutschen Musik gingen miteins, in deutscher
-Landschaft und deutscher Kleinbürgerschaft edle Einfalt und stille Größe
-zu walten.</p>
-
-<p>Der aber mit seiner drängenden Neigung so Großes über den Dichter
-in Weimar vermochte, ihm fiel von seiner besonnten Kraft ein größerer
-Segen zu.</p>
-
-<p>Schiller, der Dichter der Räuber, trat ein in die klassischen Gärten des
-Meisters; wohl blieb er der Sturmvogel der Freiheit, der Wortgeist hoher
-Gedanken, aber die Heftigkeit seiner Gebärden wurde vor Goethe still an
-der Gelassenheit seiner Erscheinung.</p>
-
-<p>Als Schiller das Riesenbild Wallensteins in eine große Wirklichkeit
-stellte, als er der Glocke den hohen Feiergesang schrieb, Maß und Würde
-des Bürgertums preisend, da kannte der Dichter den Dichter, wie er dem
-Menschen aufgetan war.</p>
-
-<p>Und als dem Dichter der Räuber zuletzt sein Tellspiel gelang, rief es
-noch einmal Tod den Tyrannen, aber nun waren die Räuber ein Volk, das
-sich aus frecher Bedrückung mannhaft und maßvoll die Freiheit gewann.</p>
-
-<p>Elf Jahre lang blühte der Bund seine stolzesten Blumen und reifte den
-starken Saft seiner Früchte; im Dasein der Deutschen war es die Hochzeit,
-sie wurde gefeiert zur selben Zeit, da die reichsfürstliche Herrlichkeit
-hinstürzte in Staub und Stank.</p>
-
-<p>Nicht Frankfurt und Nürnberg, nicht Mainz und Köln, nicht Wien
-und Berlin: eine Kleinbürgerstadt an der Saale war der gesegnete Platz
-ihrer Feier.</p>
-
-<p>Da gingen die hohen Gestalten im stillen Gespräch starker Gedanken,
-da war die feurige Fülle begeisterter Jugend um sie, da wuchsen im Licht
-ihres Geistes die Männer heran, die danach Deutschland erfüllten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span></p>
-
-<p>Elf Jahre lang blühte der Bund, dann sanken der drängenden Neigung
-die Hände: im sechsundvierzigsten Jahr seines stürmischen Lebens starb
-Schiller; die lohende Flamme losch hin, das einsame Leuchtfeuer stand in
-der Brandung der Zeit, weiter und weißer als je in die nächtlichen Fernen
-zu dringen.</p>
-
-<h3 id="sec9_19">Hölderlin</h3>
-
-<p>Hold wie sein Name war Hölderlin und hell wie Apoll der Jüngling
-aus Schwaben, der bei dem Kaufmann Gontard in Frankfurt Hauslehrer
-wurde; schön war Susette, die sittige Hausfrau, edel an Geist und Gestalt
-und aller Sehnsucht Vollendung: der helle Gott fand die Göttin.</p>
-
-<p>Die aber in göttlicher Ferne ihm vorbestimmt war, stand in der irdischen
-Nähe durch Pflicht und Neigung dem Kreis verbunden, darin sie die Hausfrau
-und Mutter und für den armen Lehrer aus Schwaben die reiche Herrin
-vorstellte.</p>
-
-<p>Sie sah das Licht der eigenen Ferne in seinen Augen gespiegelt, sie hörte
-den Klang seiner Stimme, wie ein Wanderer die Glocken der Heimat vernimmt,
-sie ging den Wolkenweg seiner Gedanken Hand in Hand; Schwester
-und Mutter war sie dem Jüngling, aber sie ließ seine Leidenschaft nicht
-über die Schwelle des Hauses, darin sie die Frau war.</p>
-
-<p>Ihn hatten, vaterlos, zärtliche Frauen erzogen, er wußte den Schritt
-nach der Sitte frei zu bemessen; so trat er nicht fehl, und ehe die Fäden der
-Schuld ihm die Füße verstrickten, verließ er die Nähe.</p>
-
-<p>Der Hauslehrer ging nach Schwaben zurück, die Hausfrau blieb in
-der Pflicht ihrer Tage; kein Schatten fiel auf den irdischen Weg, die
-lohende Flamme stand auf dem Altar der Liebe im Tempel der hohen Herkunft
-behütet.</p>
-
-<p>Diotima hieß er die Schwester und reine Geliebte im Glück seiner
-stolzen Gedichte, ein Stirnband aus Sternen band er der Göttin ins Haar,
-und keusch verhüllt war die Herrlichkeit ihrer Glieder.</p>
-
-<p>Wohl gab der Schmerz des Abschieds seine Schatten her, ihr Bild zu
-verdunkeln; aber das Licht ewiger Fernen erhellte die Schatten, daß auch
-der Schmerz ihre Schönheit bediente.</p>
-
-<p>Die Ewigkeit war im Wandel der Sinne verhüllt, und der Schmerz
-war ihr tiefes Geheimnis; Herkunft und Hingang der Seele bedeckten die
-Wolken des Tages, über den Wolken stand die Heimat der Götter in ewiger
-Bläue.</p>
-
-<p>Der so mit Sternen sein Götterbild kränzte, der hell wie Apoll seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span>
-Schmerz in den Abgrund versenkte, der ein Sendling der göttlichen Wiederkunft
-war, indessen die hohen Gestalten in Jena frei durch die Wirklichkeit
-schritten, mußte sein Dasein anders als irdisch vollenden.</p>
-
-<p>Fern seiner schwäbischen Heimat, im hitzigen Süden von Frankreich,
-wo er zum andernmal Hauslehrer wurde, fiel das Geschick über Hölderlin
-her wie ein Geier, gesandt von den Göttern.</p>
-
-<p>Sein Geist, längst aller Tätigkeit fern, wurde mit in die Lüfte gerissen;
-seine Seele, der Schwingen beraubt, blieb im Gehäus des irdischen
-Leibes.</p>
-
-<p>Ein Frühsommertag hing seine schimmernde Wolkenlast über das schwäbische
-Land, als Hölderlin heimkam, braun von der glühenden Sonne,
-einem Landstreicher gleich in zerrissenen Kleidern, im Schoß der Mutter
-sein Leid auszuweinen.</p>
-
-<p>In Frankfurt sank zur selben Zeit Susette, die sittige Hausfrau, dem
-frühen Tod in die Arme: Diotima, die Schwester und reine Geliebte, kehrte
-zurück in die Ferne, indessen der Dichter, im Wahnsinn der Nähe gefesselt,
-noch vierzig Jahre zubrachte.</p>
-
-<p>Ein letzter Sendling der Götter hatte der Erde sein Opfer gebracht;
-seine Gesänge blieben im Dasein der Deutschen, als ob ein Harfenlied
-fremd im Tageslärm klänge, als ob das Geheimnis der Wehmut selber den
-göttlichen Ursprung besänge.</p>
-
-<h3 id="sec9_20">Die Romantik</h3>
-
-<p>Jena, die Kleinbürgerstadt an der Saale, war die hohe Schule des
-Geistes geworden, Lehrer und Schüler liefen ihr zu; der Große von Weimar
-war gern zu Gast.</p>
-
-<p>Nie hatte die Sonne der Griechen heller geschienen; als sie im Mittag
-stand, kamen die Wolken, sie zu verhüllen: von Götz zu den Griechen war
-Goethe gegangen, die aber in Jena Romantiker hießen, gingen den nämlichen
-Weg mit Inbrunst zurück.</p>
-
-<p>Sie sahen die Gegenwart kläglich und klein wie der Meister und drangen
-mit hungrigen Augen in die Vergangenheit ein, sich eine schönere Welt für
-ihre Sehnsucht zu finden.</p>
-
-<p>Aber sie mochten die Heimat nicht missen; sie liebten das krause Giebelgebälk
-ihrer Gassen, sie liebten die ragenden Dome mit dem Figurenwerk
-der Portale, sie liebten die Burgen, gleich Adlerhorsten auf zackige Felsen
-gebaut, sie liebten die Klöster tief in den waldigen Tälern.</p>
-
-<p>So wurde die alte Empfindsamkeit wach, und ihre schweifende Sehnsucht<span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span>
-erkannte, daß einmal doch Segen im nordischen Menschenwerk war,
-daß Liebe und Schönheit, Weisheit und Stärke regierten, als über der
-Willkür selbstsüchtiger Fürsten die alte Reichsherrlichkeit wachte.</p>
-
-<p>Sie saßen auf ihren Ruinen und träumten der alten Zeit die neuen
-Sehnsüchte zu; sie fuhren den Strom hinunter und grüßten die hohen
-Fenster der Burgen, als ob ein Fräulein dastände, den frohen Gesellen
-zu winken.</p>
-
-<p>Sie sahen den alten Kran auf dem Dom und wie sein graues Gemäuer
-halbfertig dastand, ein Wahrzeichen der Wehmut inmitten der harmlosen
-Wirklichkeit; aber sie wollten das Werk der Väter vollenden,
-wenn einmal &ndash; so ging ihr glühender Eifer &ndash; das Reich wieder Gegenwart
-wäre.</p>
-
-<p>Daß solches geschähe, mußten die neuen Herzen der alten Zeit gläubig
-die Türen aufmachen; dessen wollten sie Herolde sein.</p>
-
-<p>So hob ein anderer Lobgesang an, als der vom Griechentum war: die
-Brunnen begannen zu rauschen, der Wind im Wald wurde wach mit heiliger
-Mahnung, Donner und Blitz sprachen laut und das Heimchen am
-Herd zirpte leise, daß einmal die Heimat glücklich und groß, daß einmal
-das Vaterland hoch im Ruhm und groß in der Welt war.</p>
-
-<p>Sie sahen den starken Bogen wieder gespannt, den Kaiser und Kirche
-dem Abendland hielten, den Bogen der neuen Verheißung, darunter
-die Ferne griechischer Schönheit und römischer Weltbürgerschaft verblaßte.</p>
-
-<p>Nie war die Inbrunst der Seelen so mächtig gewesen, nie standen Groß
-und Gering so nahe in gleicher Gesinnung, nie war der Geist so der Täglichkeit
-abwendig, und nie hatte der Tag so geblüht, als da der Bogen die
-Ewigkeit über ihn spannte.</p>
-
-<p>Die Kaiserpfalzen am Rhein und die stolzen Rathäuser, die Marktplätze
-mit der steinernen Zier ihrer Brunnen, die Torburgen der Städte
-riefen den Ruhm der vergangenen Tage nicht weniger aus, als die Glocken
-der Klöster und Kirchen die Ewigkeit klangen.</p>
-
-<p>So kreuzte das junge Geschlecht den Weg der hohen Gestalten, indessen
-die beiden feierlich schritten, schwärmten sie hin, das Herz der Heimat auf
-ihren Händen zu tragen.</p>
-
-<p>Es war die gotische Seele, die wieder zu drängen begann; ob es zunächst
-nur ein glühender Traum und eine irrende Sehnsucht in die Vergangenheit
-war: Deutschland stand auf, mit allen Teufeln und Engeln der eigenen
-Herkunft zu ringen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec9_21">Des Knaben Wunderhorn</h3>
-
-<p>Brentano und Arnim hießen die beiden Gesellen, die in der Frühe auszogen,
-am Rhein, in Franken und Schwaben Schatzgräber der deutschen
-Seele zu sein.</p>
-
-<p>Die Stimmen der Völker in ihren Liedern hatte Herder gesammelt
-und war der neuen Weltbürgerschaft Prophet und Apostel gewesen; sie
-aber wollten dem eigenen Volk den Schatz seiner Lieder heben, daß es die
-Zukunft erkenne.</p>
-
-<p>In den Stuben und Höfen der Handwerker bot das Lied seine Strophen
-dem Bänkelsang dar, draußen im Land hielt es den Mund der Burschen
-und Mädchen fröhlich geöffnet.</p>
-
-<p>Was die Urahne sang, als sie noch selber im Schmuck der Bänder den
-Reigen abging, das sangen die Enkel: wie der Bach und der Wald, die
-Wiesen und Wolken im Wechsel der Tage die Unvergänglichkeit waren,
-jährlich im Frühling verjüngt, so hielt das Lied über Jugend und Alter die
-Herkunft lebendig.</p>
-
-<p>Immer aufs neue gesungen, in Leid und Freude gleich mächtig, bot es
-der Liebe den Raum, darin die Wirklichkeit nur durch die Fenster herein
-sah, indessen das Pfeilergewölbe, zum Sternhimmel geweitet, der Sehnsucht
-die heimlichen Türen aufmachte.</p>
-
-<p>Da waren die Zelter der Träume bunt aufgeschirrt und lockten zum
-Ritt in selige Fernen, da schwollen die Geigen, als ob in den Tönen die
-Seele auf Mondstrahlen ginge, da war das Herz eine Amsel, die letzte
-Seligkeit flötend vor dem Geheimnis der Nacht.</p>
-
-<p>Brentano und Arnim, die beiden Gesellen, selber von Jugend und
-Liebe der Zauberei mächtig, drangen hinein in den Berg, darin das Lied
-solchergestalt seine heimliche Wunderwelt hatte.</p>
-
-<p>Und alles Lied war Wort, das mit den Wellen der Melodie auf den
-Strömen der Urtiefe selig dahin fuhr; sie fischten das Wort aus den Strömen
-und brachten es glücklich zu Tag.</p>
-
-<p>Da waren es Perlen, im Reim zu Kränzen gebunden; so reich war der
-Raub, daß ihre Hände nicht alles zu fassen vermochten.</p>
-
-<p>Des Knaben Wunderhorn hießen sie dann die stattlichen Bände, darin
-die Worte, wie andere Worte zu lesen, abgelöst vom Gesang, fremd und
-frierend auf Papier gedruckt waren.</p>
-
-<p>Aber das Wunder war noch im Wort, es brauchte nur Augen und Ohren
-zu finden, die seinen Zauber verstanden, so wurde die Seele des Wortes lebendig
-im Sang: aus des Knaben Wunderhorn stiegen die Lieder wie Lerchen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec9_22">Das Märchen</h3>
-
-<p>Das Wunderhorn hatte geklungen, da gingen zwei Brüder im Hessenland
-um, noch einmal Schatzgräber zu heißen.</p>
-
-<p>Die Lieder flogen wie Lerchen, aber das Heimchen am Herd zirpte von
-heimlichen Dingen, die nur die Großmutter erzählte, wenn ihr die Enkel
-am Abend dasaßen; das Öllämpchen brannte und ließ an der Wand die
-Spukgestalten der Schatten tanzen und drohen.</p>
-
-<p>Da wurden die uralten Mären lebendig, aber die Riesen und Zwerge
-waren geschäftige Nachbarn der Menschen geworden, und nur im Spuk
-ihrer Schatten gingen die Götter, aus Himmel und Hölle vertrieben, durch
-die entgötterte Wirklichkeit hin.</p>
-
-<p>Die einmal Urmächte hießen, dienten als Spielzeug, und wo eine Großmutter
-Märchen erzählte, war ihre bunte Puppenwelt da, den Menschenkindern
-Freude und Leid vorzutäuschen.</p>
-
-<p>Die Brüder Grimm wußten, daß solche Puppenwelt nur die Verkleidung
-vergangener Urmächte war, aber sie rührten nicht an das Kleid
-und brachten die Märchen getreu an den Tag, wie sie in Heimlichkeit
-waren.</p>
-
-<p>Sie schrieben der Ahne das Wort vom Mund und deutelten nicht, sie
-waren wissend und wurden horchende Kinder, bis sie aus Sammlung und
-Sichtung ihr Märchenbuch hatten.</p>
-
-<p>Da ging Rotkäppchen aus mit dem Korb, Großmutter Kuchen zu
-bringen; aber der böse Wolf kam, das Kind vom Weg zu locken, und hatte
-Großmutter und Kind aufgefressen, als die Schere des Jägers sie aus dem
-Bauch des Wolfes wieder ans Licht brachte.</p>
-
-<p>Da schlief Dornröschen, die schöne Prinzessin, hinter dem Zauber der
-Dornheckenwände, bis der Prinz kam, die liebliche Braut aus dem Bann
-der Hexe zu lösen.</p>
-
-<p>Da lag Schneewittchen im gläsernen Sarg bei den Zwergen, von der
-bösen Stiefmutter vergiftet; da fand der Königssohn Aschenbrödel im
-Haus der häßlichen Schwestern, weil ihr allein der goldene Schuh paßte.</p>
-
-<p>Da saß Frau Holle im Brunnen und fackelte nicht, die Guten zu lohnen,
-die Bösen zu strafen; und wenn ihre Magd das Bett schüttelte, dann
-schneite es in der Welt.</p>
-
-<p>Kinder- und Hausmärchen hießen die hessischen Brüder das Buch,
-darin die Wirklichkeit war wie ein Wasser, das eilig glitzernd dahin fließt
-über die Steine des Grundes, die uralt daliegen und seine gläserne Flut
-bunt und beharrlich durchleuchten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span></p>
-
-<p>Die Kinder sahen hinein mit glänzenden Augen, die Großen standen
-sinnend dabei: sie freuten sich an der bunten Erscheinung, und ahnten nur
-fern, daß es der Jungbrunnen war und gegen die jüdische Bibel das Buch
-der eigenen Herkunft.</p>
-
-<h3 id="sec9_23">Novalis</h3>
-
-<p>Mancherlei Geister ritten das Roß der Romantik, und die Jugend lief
-ihrer bunten Herrlichkeit zu; nur einer vermochte als Dichter zu sein, was
-sie als Schwarmgeister wollten.</p>
-
-<p>Hardenberg hieß er und war ein brustkranker Jüngling aus edlem Geschlecht,
-der sich als Dichter Novalis nannte.</p>
-
-<p>Er träumte die blaue Blume: am Rand einer Quelle stand sie, deren
-Wasser die Luft verzehrte und deren Tiefe von blauen Felsen umhegt war;
-als die Traumaugen des Dichters staunend und weh in den blauen Kelch
-blickten, schwebte darin ein zartes Gesicht.</p>
-
-<p>Die Wirklichkeit selbst war das Wunder, und nur die Ordnung der
-Sinne hatte den Schein der Erfahrung um ihr Geheimnis gelegt; aber der
-Traum befreite die Seele, wieder im Wunder zu leben.</p>
-
-<p>Und dichten hieß träumen, hieß außer der Täglichkeit sein, hieß aus der
-Täuschung der Sinne eingehen ins Dasein der Seele, die ihrer eigenen
-Wirklichkeit froh das Wunder in allen Dingen erkannte.</p>
-
-<p>Novalis, der brustkranke Jüngling aus edlem Geschlecht, hatte nicht
-Zeit, das Wunder in allen Weiten zu träumen: der Tod hielt ihm das Tor
-schon geöffnet, aus der Scheinwelt der Dinge einzutauchen in die verjüngende
-Flut.</p>
-
-<p>So schrieb er der Nacht seine Hymnen, wie ein Liebender an seine
-Braut schreibt; nicht der bleichen Schwester des Tages galten die bunten
-Gesänge, der wahrhaften Nacht, die keinen Morgen mehr kennt, galt seine
-Verzückung.</p>
-
-<p>Ein Dichter des Todes war er, wie andere vom Wein und der Liebe
-singen; als er dahin war, blieb das Blut seiner blauen Gesänge, als ob der
-Schierlingsbecher die wahre Lust an der Wirklichkeit wäre.</p>
-
-<h3 id="sec9_24">Eichendorff</h3>
-
-<p>Einer der Jünglinge liebte sein Land, wie die Braut am Sonntag einen
-Feldblumenstrauß liebt: der Schierlingsbecher der Nacht und die Sehnsüchte
-der blauen Blume, die Fahnen stolzer Vergangenheit und der Morgentau<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span>
-künftiger Dinge konnten den hellen Augen des schlesischen Jünglings
-den Tag nicht trüben.</p>
-
-<p>Er sah die Täler und Höhen, die Wiesen und Wolken, den Wald und
-all sein Getier; wo er auch wanderte, war blaue Ferne und blühende Nähe,
-überall lauschten die Mädchen am Fenster, überall rauschten die Blumen
-der Sommernacht, und überall mußte sein Herz im Lied jubilieren.</p>
-
-<p>Ein Waldhorn rief seiner Freude die frohen Gefährten und eine Quelle
-im Wiesengrund seine Morgenfeier, die Lerchen schwirrten hoch vor Lust, und
-die Bächlein sprangen von den Bergen, Gespielen seiner frohen Seele zu sein.</p>
-
-<p>Blau war die Ferne und der Postillon blies sich fröhlich hinein; irgendwo
-standen Paläste im Mondenschein und Marmorbilder in dämmernden
-Lauben, irgendwo lockte das welsche Land über den Bergen: aber die blühende
-Nähe hieß Deutschland, da war die Seele daheim und brauchte nicht
-nach der römischen Sonne zu frieren.</p>
-
-<p>Denn nirgendwo war der Frühling so festlich geschmückt wie da, wo
-der deutsche Buchenwald heimliche Wiesen umsäumte; nirgendwo trug der
-Sommer so selige Blumen im Haar wie im deutschen Feldergebreite; nirgendwo
-war die deutsche Seele so kindlich daheim wie in den frohmütigen
-Liedern, die der junge Eichendorff sang.</p>
-
-<h3 id="sec9_25">Johann Peter Hebel</h3>
-
-<p>Säen und ernten im Zwang der Gezeiten und der Natur demütig nah
-sein in all ihren Launen, war dem Landmann bestimmt.</p>
-
-<p>Plünderndes Kriegsvolk konnte die Frucht auf den Feldern zerstampfen,
-das Vieh aus den Ställen fortführen, die Scheunen verbrennen: aber der
-Boden blieb ewig geschäftig, der Wald wuchs Holz, die Wiese wuchs Futter,
-die Scholle hielt ihre fruchtbaren Schalen dem Segen des Himmels
-geöffnet.</p>
-
-<p>Prahlende Städte verkamen und Throne wurden gestürzt; der Bauer
-ging hinter dem Pflug, stand auf der Tenne und füllte die Scheuer: er
-wußte, daß über den Fürsten der Erde ein himmlischer Herr war, und über
-allen Gesetzen der Obrigkeit stand der Kalender.</p>
-
-<p>So geschah es, daß Hebel, der geistliche Herr in der badischen Hauptstadt,
-durch allen Spektakel der Zeit harmlos dahin ging, weil er ein Kalendermann
-wurde.</p>
-
-<p>Er war der einzige Sohn einer Witwe, und Taglöhnerarbeit hielt seine
-ärmliche Wiege; aber die Wiege stand droben im Markgräflerland, wo die
-muntere Wiese dem strengen Schwarzwald entspringt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span></p>
-
-<p>Da gingen dem Knaben die Wege in fröhlicher Freiheit, da waren die
-Wolkenweiten über die grünen Gebreite bis hinter die blauen Fernen gespannt,
-da sangen die Vögel zur Arbeit, da war ein emsiges Landvolk im
-Kreislauf des Jahres geborgen.</p>
-
-<p>Den Dank seiner fröhlichen Jugend brachte der Kirchenrat und Prälat
-als Kalendermann seiner Heimat zurück.</p>
-
-<p>Er konnte darüber die geistliche Würde vergessen und alle Gelehrsamkeit
-seiner Bücher; auch blieb er ein Schalk und wußte genau, was ein
-Zirkelschmied war; einen lustigen Diebstahl erfinden, schien seinen schlaflosen
-Nächten gesunder als Cicero lesen.</p>
-
-<p>Schnurren und Späße, die draußen im Land herum liefen, fing sein
-Kalenderwort ein, und sparte den Spott nicht, wenn der Müller von
-Brassenheim allzu fett und selbstgerecht war.</p>
-
-<p>Er konnte auch ernst wie ein Landpfarrer werden, und die Moral hing
-seinen Geschichten gern einen Zopf an, wie es die Großmutter tat, wenn
-sie den Enkeln Märchen erzählte; doch waren sie darum nicht weniger trefflich,
-und jedes Ding stand in der klugen Wahl seiner Worte und blühenden
-Bilder leibhaftig da.</p>
-
-<p>Die dankbaren Leser merkten die weise Kunst nicht, die der kluge Kalendermann
-übte; sie lasen sich selber und sahen ihr ländliches Leben gespiegelt,
-so wie sie es kannten.</p>
-
-<p>Wohl kam auch der Bürger hinein aus den Gassen der Kleinstadt, aber
-der Rock war gelüftet von seinen muffigen Stuben, und die Wiesenluft
-blies ihm sein grämliches Angesicht frisch, daß er die ländliche Fröhlichkeit
-lernte.</p>
-
-<p>Die aber Weltbegebenheit machten, über Schlachtfelder ritten, Städte
-verbrannten, deren Stiefel in mancherlei Dreck unsauber wurden, mußten
-auch manchmal beim Huf- oder Wagenschmied warten; der Kalendermann
-sah sie dann in der Nähe, wo sie nur Menschlichkeit waren mit staubigen
-Röcken, Schnupfen oder einem Karbunkel.</p>
-
-<p>So mußten sie anders durch seine Geschichten spazieren, als sie sonst
-taten, und der verborgenen Demut war ein Rößlein geschirrt; indessen der
-Hochmut zu Fuß ging.</p>
-
-<p>Leben und Sterben war in den Kalender getan, darin die Natur den
-menschlichen Nucken und Nöten mit Saat und Ernte, Blüte und Frucht,
-Sonne und Regen, im Wechsel des Mondes und seiner blanken Gestirne
-die ewigen Sinnbilder hielt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec9_26">Jean Paul</h3>
-
-<p>Eines Schulmeisters Sohn aus Wunsiedel wurde der Abgott der Bürger
-und Frauen; indessen Goethe und Schiller in hoher Einsamkeit gingen,
-indessen Romantik landfahrend war, wurden Jean Paul Kränze und Kissen
-der zärtlichen Liebe gebracht.</p>
-
-<p>Seine Jugend war arm, und beschränkt blieb der Kreis seines Daseins,
-bis er in Bayreuth, erblindet und abseits der Welt, die letzte Pfeife
-hinlegte.</p>
-
-<p>Aber sein Geist war reich, wie der Wald an Bäumen reich ist, und seine
-Seele ging darin spazieren, als ob es nur Sonntag-Nachmittag gäbe.</p>
-
-<p>Er sah den Bach und das Moos an den Steinen, von der Sonne zärtlich
-besprenkelt, er sah das blaue Tuch des Himmels über das grüne Geflecht
-der Zweige gebreitet, er hörte den krausen Wind in den Wipfeln
-wispern und weinen.</p>
-
-<p>Er war voll Liebe zu jeglichem Ding, das seine Sinne berührte; er
-liebte die Blume und liebte die Biene, die daran naschte; er liebte die Luft
-um seine Wangen und liebte den Weg, darauf er ging.</p>
-
-<p>Er liebte sich selber und seine Liebe, und war von Seligkeit trunken, wie
-er die Krone der Schöpfung dahin trug, Gott und sein herrliches Werk im
-Wechselspiel seiner krausen Gedanken und bunten Gefühle zu sehen und
-zu preisen.</p>
-
-<p>Auch war seine Feder voll Tinte, alles auf saubere Zettel zu schreiben,
-was seiner Seele in Wonne und Wehmut behagte, und den entferntesten
-Einfall mitten ins tägliche Dasein zu stellen.</p>
-
-<p>Unzählige Kästen waren mit solchen Zetteln gefüllt, bis er, den krausen
-Reichtum zu lesen, den Überfluß in ein Buch schrieb, das einen verschnörkelten
-Titel und unter dem Titel sein zärtliches Herz in der Hand
-trug.</p>
-
-<p>Sechzig Bände füllte er so, und jeder Band wurde von zärtlichen
-Augen mit neuem Eifer gelesen, und jeder war das Buch des Propheten.</p>
-
-<p>Er lehrte die Deutschen, weinenden Auges zu lächeln, und hieß es Humor,
-die Welt zu betrachten, als ob das Schicksal nur eine Laune der Ewigkeit
-wäre und das Glück die Gunst bunter Einfälle.</p>
-
-<p>Er brauchte viel Worte dazu, seinen Geist zu entleeren, und brauchte
-viel weiches Gefühl, das krause Gefäß seiner Worte mit Seele zu füllen.</p>
-
-<p>Auch war er ein Meister, die Worte blitzblank zu putzen, daß sie gleich
-einer Kette aus blinkendem Zierat weise Gedanken und liebes Gefühl
-drollig verbanden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span></p>
-
-<p>Und war ein Meister, den Leser zu fangen und ihn, wie den Fisch an
-der Angel, so durch das krause Pflanzengewühl seiner untiefen Gewässer
-zu ziehen.</p>
-
-<h3 id="sec9_27">Faust</h3>
-
-<p>Indessen dies alles in Deutschland geschah, indessen die Herkunft des
-Volkes gegen das Welschtum der Fürsten aufstand, indessen das Morgenrot
-der Romantik in den silbernen Griechentraum kam: war Goethe, der
-Dichter des Götz und des Werther, der Alte von Weimar geworden.</p>
-
-<p>Alle die Rufer der großen Zeit waren verstummt, Klopstock und Lessing,
-Herder und Schiller; er aber, der mehr als ein Rufer war, stand im
-Sturmwind der Zeit als Leuchtfeuer da, aus der Vergangenheit in die
-Zukunft zu leuchten.</p>
-
-<p>Ein altes Puppenspiel hatte dem Knaben in Frankfurt die Taten des
-Faust vorgeprahlt, der seine Seele dem Teufel verschrieb und ein Schwarzkünstler
-wurde.</p>
-
-<p>Als danach den Jüngling in Straßburg das junge Blut plagte, als ihm
-die Brust schwoll und der Kopf brannte von Zweifeln und trotzigen Fragen,
-kam ihm der Faust aus dem Puppenspiel wieder, und er sah seinesgleichen.</p>
-
-<p>Er sah der Tugend den Fallstrick gelegt in der täglichen Ordnung der
-Väter, Himmel und Hölle halfen ihn halten; aber der Menschengeist trotzte
-den Vätern samt ihren allmächtigen Helfern: er wollte sich selber gerecht
-sein und jede Art Lust büßen, statt in der fremden Gerechtigkeit bleiben.</p>
-
-<p>So wurde dem Jüngling in Straßburg das alte Puppenspiel neu,
-Himmel und Hölle zum Trotz sollte sein Faust sein, der Menschheit zur
-Fackel.</p>
-
-<p>Herder der Herbe wies den hitzigen Jüngling auf nähere Wege, er
-wurde der Dichter des Götz mit der eisernen Hand; aber schon auf den
-Wertherwiesen in Wetzlar trug er den trotzigen Plan von neuem umher,
-wenn ihm die Brust eng war vom Staub seiner Tage.</p>
-
-<p>Als der Herzog von Weimar den Dichter zu Gast lud, brachte er ihm
-sein Puppenspiel mit: Schattenrisse, in raschen Auftritten wechselnd, mit
-Worten wie von Hans Sachs, nur weiter und wehender.</p>
-
-<p>Wie ein Bräutigam seinen Freunden die Braut zeigt, so aus dem heimlichen
-Glück las er sein Stück vor; aber er wußte, daß seine trotzige
-Neigung noch keine Liebe, daß die rasch gepflückte Frucht noch keine
-Ernte war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span></p>
-
-<p>Er wurde in Weimar Minister und legte den Faust in die Lade, der
-Schwarzkünstler paßte nicht in sein Dasein geheimrätlicher Pflicht; und
-als er danach in Rom wieder faustisch zu denken begann, nahm ihm die
-klassische Luft die Lust an dem nordischen Spuk.</p>
-
-<p>Erst Schiller, der treffliche Treiber, vermochte ihn wieder an das verlassene
-Werk der Jugend zu bringen; aber dem reifen Mann wollte der
-Jünglingstrotz nicht mehr ziemen: eine leuchtende Lohe wuchs aus dem
-Höllenbrand seiner Jugend.</p>
-
-<p>Als Schiller, der glühende, starb, und Goethe, grämlich allein, das unübersehbare
-Gut seines Daseins bestellte, ließ er sein Faustfragment zum
-drittenmal liegen.</p>
-
-<p>Er war im sechzigsten Jahr seines Lebens, und sechzehn Jahre vergingen,
-bevor er als Greis &ndash; nach einem halben Jahrhundert &ndash; sich wieder
-den schwankenden Gestalten der Jugend zuwandte.</p>
-
-<p>Längst hieß sein Werk kein Puppenspiel mehr; Himmel und Hölle
-rangen um Faust, der ein Schwarzkünstler war und der Menschengeist
-wurde.</p>
-
-<p>In allen Weiten und Winden des Lebens, in allen Sorgen und Sünden
-wissend, genießend und tätig sollte er sein, und allen höllischen Mächten
-zum Trotz seinen Weg in den Himmel schreiten.</p>
-
-<p>Aber kein Wunder konnte die Seele erlösen, das Wunder vermochte
-der Geist allein: er mußte den Kampf der Mächte ausmachen, er mußte
-durch Himmel und Hölle der eigenen Brust Meister des Schicksals
-bleiben.</p>
-
-<p>So hatte ein halbes Jahrhundert über dem hitzigen Plan seiner Jugend
-den stolzen Dombau begonnen; der Greis sah das Pfeilerwerk riesenhoch
-ragen, aber noch fehlten der Helm auf dem Turm und die Wölbung.</p>
-
-<p>Am glutroten Münster in Straßburg hatte sein trunkenes Auge gehangen,
-als er den Riesenbau plante; nun war der Dichter des Götz ein
-Grieche geworden, und über dem gotischen Grundriß sollte ein marmorner
-Tempelbau prangen.</p>
-
-<p>Der Schwarzkünstler ging aus den Nürnberger Gassen in Griechenland
-ein, Faust wurde Herzog und Fürst, und Helena herrschte, wo Gretchen,
-das deutsche Bürgerkind, ihre schmerzreiche Gunst gab.</p>
-
-<p>Aber der faustische Schritt ging in die Leere des Alters; Schattenfiguren
-wuchsen ihm aus der blassen Unendlichkeit zu, der aus der bunten
-Täglichkeit einmal sein starkes Puppenspiel machte.</p>
-
-<p>Was unmöglich war, konnte auch Goethe der Greis nicht mehr zwingen;
-vieles gelang ihm, manches Portal war mit schönen Gestalten bestellt,<span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span>
-und manches Glasfenster gab farbige Glut: der Traum seines Tempels
-blieb ein Turmbau zu Babel.</p>
-
-<p>Je mehr ihm der Schatten des nahenden Todes in seinen gewaltigen
-Dom fiel, je eifriger war er am Werk, bis ihm zuletzt das Notdach gelang,
-den herrlich verzettelten Bau mit allen Hallen und Weiten des Lebens vor
-Wind und Wetter zu schützen.</p>
-
-<p>So stand der Tempeldom da, als Goethe, der Greis, die sterblichen
-Augen zumachte; so steht er im Reich als der mächtigste Bau, so wird er
-den Völkern und Zeiten ein Wunderwerk bleiben, ein ragendes Zeugnis,
-was einmal ein Mensch aus eigener Vollmacht vermochte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Buch_der_Erhebung">Das Buch der Erhebung</h2>
-
-<h3 id="sec10_1">Beethoven</h3>
-</div>
-
-<p>Als Mozart, der Meister des großen Wohllauts, starb, war das Jahrhundert
-der Pompadour aus; die Blutrache der Freiheit hatte in Frankreich
-begonnen, als Beethoven kam, dem Menschengeist die bräunliche
-Stimme der Erde zu bringen.</p>
-
-<p>Musikanten aus Holland waren die Seinen, in Bonn dem Kölner Kurfürsten
-dienend; aber den Enkel und Sohn verlangte nach Wien, wo Mozart
-den Zauberstab hielt, wo Haydn, der unerschöpfliche Meister, Musik
-machte.</p>
-
-<p>Mozart war tot, als Beethoven kam, Haydn nahm sich des rheinischen
-Jünglings an wie ein Vater; er führte ihn ein in das große Orchester und
-in die sinfonische Fülle der Geigen und Bässe, Hörner und Pauken, Flöten
-und Klarinetten.</p>
-
-<p>Beethoven wurde, wie Mozart es war, ein Meister auf dem Klavier &ndash;
-nur daß er tief aus der braunen Dämmerung kam, indessen jener im hellichten
-Morgenrot ging &ndash; wo er sein trotziges Spiel hören ließ, wurde der
-Menschengeist wach, seinen eigenen Atem zu spüren.</p>
-
-<p>Da brach in die Säle von Wien, in die Kerzen und goldenen Stühle
-der Menschentrotz ein und ballte die Fäuste, lachte und weinte, wo leichtes
-Gelächter, wo Seufzer und Rührung und spöttische Heiterkeit war.</p>
-
-<p>Aber das Schicksal schlug den gesegneten Mann, seine Macht zu erhöhen:
-es nahm ihm sein Ohr und nahm ihm sein Spiel, es führte ihn heim
-aus dem rauschenden Beifall der Hörer in die einsame Stille der Taubheit.</p>
-
-<p>Da saß der unselig gesegnete Mann noch immer an seinem Klavier und
-glaubte zu hören, was nur die Brandung der Seele, was nur das Meer der
-Gefühle im Sturm seiner Leidenschaft war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span></p>
-
-<p>Abgelöst von der irdischen Wirklichkeit seiner Töne schrieb er Musik,
-die seine Ohren nie hören, die seine Seele nur aus den Noten ablesen
-konnte.</p>
-
-<p>So sank er hinein in die Gründe, darin er allein mit seinem Trotz das
-Leben bestand: ein Titan war unter die Menschen verbannt, den sie wie
-Donner und Blitz, wie sausenden Wind und rauschendes Wasser verstanden;
-nur ihre Antwort hörte er nicht.</p>
-
-<p>Er war den Göttern verfeindet wie alle Titanen, er haßte ihr neidisches
-Wesen und daß sie dem Geist sein trotziges Tun hochmütig mißgönnten; er
-brachte den göttlichen Funken in seiner Musik zu den Menschen, daß ihnen
-die Götter Rede stehn mußten.</p>
-
-<p>Haydn, der heitere, hatte den Jüngling das große Orchester gelehrt,
-aber die Fülle der Geigen und Bässe, Hörner und Pauken, Flöten und
-Klarinetten war nur ein reicherer Wohlklang gewesen: nun brauste der
-Geist in die Fülle, da Beethoven, der taube Meister in Wien, den Sinfonien
-der Menschheit die ewigen Noten hinschrieb.</p>
-
-<p>Da war kein Himmel und war keine Hölle, nur die Urgewalt der Natur,
-und der Menschengeist war ihr selbstherrlicher Meister.</p>
-
-<p>Er konnte schwellen, wie der Frühling die Knospen schwillt, er konnte
-den Bogen bauen über die Berge, er konnte stürmen und stürzen, wie Hochwasser
-im Alpental stürzt, er konnte breit und gewaltig sein wie das Meer
-und konnte in seinen Wellen den Sonnenball fangen.</p>
-
-<p>Seliges Spiel und trotzigen Aufruhr, schmerzliche Sehnsucht und drohende
-Kraft, blutrote Trauer und weißglühenden Zorn: alles schrieb Beethoven
-hinein in das Bibelbuch seiner Musik.</p>
-
-<p>Und als er am Ende war seiner irdischen Tage, als er die Summe zog
-seines gewaltigen Lebens, als er die letzte schrieb seiner neun Sinfonien,
-schwoll Menschengesang in die Geigen und Hörner: über die trotzige Leidenschaft
-hin rauschte die Urmacht der Freude.</p>
-
-<p>Sie war nicht aus der Gunst der Götter geboren, sie floß nicht hinein
-in das Menschenland, wie ein Bach blumige Ufer und blinkendes Wellenspiel
-bringt.</p>
-
-<p>Die trotzige Hand des Titanen hatte das eigene Herz aufgerissen; da
-war es kein Blut, kein Feuer und Wasser, da waren es Ströme des Geistes,
-einmal den Jüngern in einer Taube vom Himmel gebracht und nun die
-Erde mit Allgewalt füllend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec10_2">Die Blutrache der Freiheit</h3>
-
-<p>An einem Julitag stürmte das Volk von Paris die feste Bastille, die uralte
-Zwingburg des Königs und das Gefängnis all seiner Feinde.</p>
-
-<p>Der Staat, das bin ich! hatte der Sonnenkönig geprahlt; als danach
-der Herbst den Park von Versailles zu färben begann, holte das Volk von
-Paris sich den König als Geisel; der von Gottes Gnaden regiert hatte,
-mußte dem Parlament die Verfassung beschwören.</p>
-
-<p>Und als die Fürsten Europas mit ihrer Heeresmacht kamen, dem Thron
-in Frankreich zu helfen, flammte das Volk der Franzosen auf und war ein
-gewaltiger Brand vor den Söldnern der Fürsten: bei Valmy mußte das
-preußische Heer den unrühmlichen Rückzug beginnen.</p>
-
-<p>Seitdem war Frankreich die Schmiede der Völker; der Untertan wollte
-der freien Gemeinde und ihrer vergessenen Herkunft die dreifache Pflugschar
-der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit schmieden.</p>
-
-<p>Die Schmiede stand in düsterer Glut, und der Widerschein schreckte die
-Sippe der Fürsten; denn vor der Gleichheit und Brüderlichkeit kam die
-Blutrache der Freiheit.</p>
-
-<p>Sie kam nicht über das Land, wie ein zärtlicher Morgen im Frühling
-endlich den Sonnenschein bringt, sie brach aus den Tiefen und war der Haß
-des entfesselten Volkes und seine Rache.</p>
-
-<p>Als die Pariser den Freiheitsbaum pflanzten, als sie die adligen Herren,
-Junker und Pfaffen, zu jagen begannen wie Freiwild, als sie den König
-köpften trotz seiner geheiligten Krone und die Königin mit ihm: wollte die
-blasse Furcht an den Höfen den Übermut von Jahrhunderten rächen.</p>
-
-<p>Tod den Tyrannen! hatte der Dichter der Räuber gerufen, nun trat
-sein Ruf in den Tag und hatte ein Fallbeil zur Hand: im grausigen Takte
-seiner Schläge fielen die Köpfe, und adliges Blut floß im Unrat der Rinnen.</p>
-
-<p>Gewalt riß Gewalt aus den Händen, Rache rief Rache, und Mord
-fiel auf Mord, bis das blutige Maß voll war.</p>
-
-<p>Danton, Marat und Robespierre hießen die Hyänen der Freiheit, ihr
-heißes Geheul schrie sich heiser, ihr hungriges Maul fraß sich satt, bis es im
-blutigen Schaum erstickte.</p>
-
-<p>Über dem Abendland stand in Paris das Fallbeil böser Vergeltung; im
-schaurigen Takt seiner Schläge mußte das neue Blut das alte abwaschen,
-weil die Gewalt der Freiheit zuvor kam, weil die Gerechtigkeit ihre ewige
-Gleichung aus schuldiger Menschenhand nahm.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec10_3">Bonaparte</h3>
-
-<p>Die Freiheit ging den Weg der Gewalt, und die Gewalt sank in Blut
-und Verbrechen; da sie am Ende stand ihrer Schrecken, kam der Gewaltherr,
-sie zu vollenden.</p>
-
-<p>Es war ein Tag in Paris, da die Scharfrichter der Macht ein kaltes
-Herz und eine grausame Hand brauchten, als der Korse mit seinen Kartätschen
-über sie kam, die Freiheit zu retten.</p>
-
-<p>Napoleon Bonaparte war er geheißen; als danach ein Maitag der staunenden
-Welt sein Bild zeigte, wie er, die Fahne kühn in der Hand, im Kugelregen
-die Brücke von Lodi gewann, rief der Ruhm seinen Namen aus
-wie einmal den Prinzen Eugen.</p>
-
-<p>Nie hatte ein Meister des Krieges kühnere Dinge getan, als da der
-Korse den Dreitagekampf um Arcole bestand: in Hunger und Lumpen gewann
-seine Schar, ein Heer kaum zu nennen, den lombardischen Krieg, weil
-sein Genie ihren Todesmut führte.</p>
-
-<p>Und seit den Kreuzrittern hatte kein Abenteuer das Abend- und Morgenland
-so erfüllt wie seine tollkühne Fahrt nach Ägypten, da er die Türken
-bei Abukir schlug.</p>
-
-<p>Und uraltes Glück des Kühnen wurde lebendig, da der Sohn des korsischen
-Advokaten heimkam, den Scharfrichtern der Macht in Paris sein
-Schwertherrenglück aufzuzwingen.</p>
-
-<p>Als Konsul von Frankreich zog der Sieger von Lodi, Arcole und Abukir
-ein in das Königsschloß der Bourbonen, daraus die Häscher der Freiheit
-Ludwig den Sechzehnten auf das Schafott holten; er aber war geschützt
-durch das Bajonett seiner Grenadiere.</p>
-
-<p>Zehn Jahre hatte die Freiheit Tod den Tyrannen geschrien und war
-eine Mutter gewesen, die ihre eigenen Kinder verzehrte; als die Zeit der
-neuen Gewalt reif war, saß der Korse darauf und regierte.</p>
-
-<h3 id="sec10_4">Napoleon</h3>
-
-<p>Wie Samuel der Priester vor Saul, zog einmal Stephan der Papst
-hinaus ins gallische Land, Pipin, den fränkischen König, zu salben.</p>
-
-<p>Der Pontifex maximus suchte das nordische Schwert; und als der gewaltige
-Sohn des fränkischen Königs nach Rom in die Christmesse kam,
-grüßte die Priesterklugheit Carolus Augustus, den römischen Cäsar, weil
-ihm das Abendland untertan war.</p>
-
-<p>Der König der Deutschen war Kaiser jahrtausendlang, der Turm des<span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span>
-Reiches stand über den Dächern der Staaten, und über den Fahnen der
-Völker wehte die Kaiserstandarte.</p>
-
-<p>Aber die Habsburger stellten die Kaiserstandarte auf ihre Hofburg in
-Wien, die Habsucht der Fürsten und Herren fraß das Reich leer, bis ihm
-der Schwur von Loreto den Untergang brachte.</p>
-
-<p>Als der große Krieg aus war im Frieden zu Münster, herrschte Ludwig
-der Vierzehnte, Habsburg zum Hohn und dem Reich zum Raub, über das
-Abendland: nun aber kam der Sohn der Gewalt und wurde in Wahrheit
-Kaiser.</p>
-
-<p>Als er sich selber in Frankreich die Krone aufsetzte, der kühner als Cäsar
-und stärker als Karl war, kam der Papst demütig aus Rom, ihn als Kaiser
-zu salben.</p>
-
-<p>Zum letztenmal glühte der Bogen, den Kaiser und Kirche über das
-Abendland spannten, aber der Sohn der Gewalt hielt seine feurige Pracht
-allein in der Hand.</p>
-
-<p>Er machte die Fürsten zu seinen Vasallen, und als er in Erfurt sein
-Maifeld abhielt, mußten die Könige von Gottes Gnaden demütig erscheinen,
-sich ihrem Kaiser zu beugen.</p>
-
-<p>Er nahm auch der Kirche die weltliche Macht aus den Händen und hieß
-die Bischöfe wieder die geistlichen Hirten der Gläubigen sein: so wurde der
-Bogen zerbrochen, den Kaiser und Kirche ein Jahrtausend lang über das
-Abendland spannten; so fing die neue Zeit an.</p>
-
-<h3 id="sec10_5">Der Rheinbund</h3>
-
-<p>Als die Söhne Ludwigs des Frommen das karolische Reich unter sich
-teilten, nahm Lothar das Land in der Mitte.</p>
-
-<p>Es war nur ein schmales Band von der kalten Meerküste über die Alpen
-hinüber nach Welschland; aber der Rhein zog seine reiche Straße hindurch,
-und die Kaiserkrone hing an dem Band.</p>
-
-<p>Lothar, der Kaiser, war schwach und ging in ein Kloster; die stärkeren
-Brüder im Westen und Osten zerschnitten das Band, aber sie konnten die
-Krone nicht teilen.</p>
-
-<p>Wer den Rhein hatte, der hatte das Reich: hier war der goldene Schlüssel
-der Macht, hier saßen die Kurfürsten von Köln und Trier und der von
-Mainz, der Kanzler der Reichsherrlichkeit, hier zogen die Heerschilde auf,
-den Kaiser zu wählen, hier hielten die mächtigen Städte von Straßburg
-bis Utrecht dem Kaiser die Tore geöffnet, wenn die Fürsten ihm trotzten.</p>
-
-<p>Hier stand der Aachener Krönungssaal, hier waren die Kaisergräber in<span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span>
-Speyer, hier hielt Barbarossa das herrliche Maifeld, ehe den Herrscher des
-Abendlands sein Ritt ins Morgenland führte.</p>
-
-<p>Hier wurde Rudolf von Habsburg, der Graf aus dem Aargau, nach
-schmählicher Zeit König der Deutschen; aber sein karges Geschlecht verriet
-den Rhein und das Reich um die Habsburger Hausmacht im Osten.</p>
-
-<p>So kam Lothars Reich zum andernmal in den Streit der stärkeren Brüder
-von Osten nach Westen: Wien und Versailles kreuzten die Schwerter
-über dem Rhein um die Krone.</p>
-
-<p>Ludwig der Vierzehnte brach einen Stein aus dem Stirnreif: die wunderschöne
-Stadt Straßburg; er kaufte die rheinischen Fürsten mit Gold
-und Gunst gegen das Reich und den Kaiser.</p>
-
-<p>Alliance du Rhin hieß er das listige Bündnis, aber es blieb eine teure
-Gunst der Minister, bis das Schwert Napoleons kam und eine billige Vasallenschaft
-daraus machte: er aber hieß es den Rheinbund.</p>
-
-<p>Das linke Ufer Lothars nahm er zu Frankreich, dem rechten setzte er Fürsten
-nach seiner Laune: Vasallen trugen die Kronen, die er verschenkte im
-Rheinbund, Vasallen mußten ihm Heerfolge leisten gegen den Kaiser.</p>
-
-<p>Denn noch hielt dem Korsen Habsburg stand, und nie war es so tapfer
-wie nun im Unglück gewesen; erst als ihm die Sonne von Austerlitz unterging,
-blutig rot im Dezember, losch die letzte Reichsherrlichkeit hin.</p>
-
-<p>In Regensburg trat der Gesandte von Frankreich den kläglichen Rest
-des Reichs auseinander; da wurde der Thron leer, der durch ein Jahrtausend
-die Mitte der Welt war: der Kaiser von Österreich blieb der Fürst vielerlei
-Völker, aber er war kein Herrscher des Abendlands mehr.</p>
-
-<p>Die reiche Straße des Rheins wurde die Grenze der Mächte im Westen
-und Osten; aber versunken im Strom lag die Krone der alten Kurfürstenmacht.</p>
-
-<p>Die Fürsten im Rheinbund feierten fröhliche Feste, sie waren der alten
-Kaisermacht ledig; daß sie Trabanten des neuen Cäsars waren, störte ihr
-Eintagsglück nicht.</p>
-
-<h3 id="sec10_6">Jena und Auerstädt</h3>
-
-<p>Indessen der korsische Hammer das faule Gebälk der alten Reichsherrlichkeit
-einstürzen machte, gedachte der König von Preußen das seine zu
-retten.</p>
-
-<p>Torheit und Dünkel blähten sich auf dem Mist, als ob noch immer der
-Große in Sanssouci säße; aber der Fuchs sprang dem Hahn an die Gurgel,
-da er am stolzesten krähte: bei Jena und Auerstädt ließ der preußische
-Hochmut das Feld und die Federn.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span></p>
-
-<p>Seit Roßbach hatte die deutsche Erde nicht mehr so eilige Flucht gesehen
-und seit Straßburg nicht mehr solche Schande, als da nun der preußische
-Hochmut den Ladestock schluckte.</p>
-
-<p>Wie eine Hasenjagd ritten die flinken Husaren die leichte Verfolgung:
-ihrer zwölf fingen fliehende Heerhaufen ab; die starken Festungen fielen vor
-einem Trompetenschall hin.</p>
-
-<p>Von Greisen geführt und von Feiglingen verraten, mußte der Grenadier
-den Gamaschendienst büßen; bevor ein Monat ins Land ging, war das
-preußische Land voll Franzosen.</p>
-
-<p>Weit über die Weichsel hinaus nach Tilsit und Memel mußte der preußische
-Königshof fliehen; wenn nicht der Zar aus dem russischen Winter
-den zitternden Händen seinen starken Arm reichte, verlor der König von
-Preußen sein Land und den Thron.</p>
-
-<p>In Tilsit wurde der schimpfliche Krieg mit einem schimpflichen Frieden
-beschlossen: auf einem Floß über den kalten Memelfluß traten Kaiser und
-Zar zueinander und hießen den König von Preußen abwarten, was aus
-dem Handel der Mächtigen für ihn übrig bliebe.</p>
-
-<p>Er durfte sich weiter König von Preußen heißen, aber die Hälfte des
-Landes ging ihm verloren; und was er behielt, gehörte ihm nur als Vasallen.</p>
-
-<p>Mut und Verwegenheit, Glück und Geschick hatten den Spötter von
-Sanssouci groß gemacht unter den Fürsten; Degen und Schärpe aus seiner
-Gruft nahm sich Napoleon mit, weil er als Gunst des Glücks und als Verwalter
-der Verwegenheit sein Nachfolger war.</p>
-
-<h3 id="sec10_7">Der Tyrann</h3>
-
-<p>Der Spötter von Sanssouci war ein Meister der klugen Beschränkung:
-er band den Ruhm an sein Schwert, er mehrte die Macht seines Staates,
-und blieb im Reich, der er war, der König von Preußen.</p>
-
-<p>Aber der Korse war Kaiser geworden, wie Kolumbus Amerika fand; sein
-Ozean war der Aufruhr gewesen, sein Schiff die Soldatengewalt.</p>
-
-<p>Der Kaisermantel umhing seine Schultern, der Papst salbte sein Haupt
-mit Öl: aber er blieb der Sohn der Gewalt, und die Gewalt konnte den
-Namen der Freiheit nicht leugnen, damit sie zur Welt kam.</p>
-
-<p>Den Sohn der Hölle hießen sie ihn, denen die alte Zeit den Himmel auf
-Erden vorstellte, da die Willkür der Höfe und adligen Herrn die Völker regierte,
-da der Bürger und Bauer Untertan war.</p>
-
-<p>Der Sohn der Hölle mähte die höfische Herrlichkeit nieder, vor seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span>
-Sense sanken die falschen Vorrechte hin: den Junkern nahm er die geistlichen
-Pfründen, den Pfaffen zog er das Weltfürstenkleid aus.</p>
-
-<p>So war der Zauber der Freiheit um seine Taten, die Herzen der Jugend
-flammten dem Sieger von Lodi und Austerlitz zu, im Abend- und Morgenland
-galt er der Held und Türhalter der neuen Zeit, die dem Sohn der Gewalt
-das Recht zuerkannte.</p>
-
-<p>Die aber die Pfründen verloren und die das Weltfürstenkleid ausziehen
-mußten, blieben die heimlichen Herren der Welt, trotz seiner Kanonen; sie
-waren dem Aufruhr der Freiheit gewichen, dem Zwingherrn der neuen Gewalt
-wichen sie nicht: Junker und Pfaffen hielten den alten Bund gegen
-den Korsen, der Papst in Rom war ihr Meister.</p>
-
-<p>Als der Sohn der Gewalt an den Kirchenstaat rührte, als er den heiligen
-Vater gefangen nach Frankreich zu bringen befahl, stand das katholische
-Bauernvolk auf, den Junkern und Pfaffen gegen den Sohn der Hölle zu
-helfen; und als er nach Erfurt zum Fürstentag fuhr, das Maifeld der neuen
-Kaisermacht prahlend zu feiern, fuhren die bösesten Nachrichten mit.</p>
-
-<p>In Spanien und Tirol fing der knisternde Brand allmählich lichterloh
-an zu brennen, über das Abendland fielen die Funken; da mußte der Meister
-der Macht bekennen, daß die Herkunft mächtiger war als seine Kanonen.</p>
-
-<p>Der die Throne Europas verschenkte und die Fürsten Vasallendienst
-tun hieß, warb um die Kaisertochter in Wien; die Unsicherheit seiner Macht
-zu verankern, beugte der Sohn der Gewalt sich vor dem Recht der Geburt.</p>
-
-<p>Er war im Namen der Freiheit gekommen, und Frankreich hatte im
-Namen der Freiheit die Jugend Europas begeistert; nun beugte der Korse
-sein Knie vor der geheiligten Herkunft der Krone: die Jugend sah den Verrat
-und grollte dem neuen Tyrannen.</p>
-
-<h3 id="sec10_8">Andreas Hofer</h3>
-
-<p>Der Sandwirt war er geheißen, Händler und Wirt im Tal von Passeyr,
-aber er kannte den Krieg als Hauptmann der Schützen und galt in Tirol
-mehr, als ein Landmann sonst unter Landmännern gilt.</p>
-
-<p>Als die Hofburg den Aufruhr der Bauernschaft brauchte, rief sie den
-Sandwirt nach Wien; der Erzherzog selber hörte dem mutigen Mann herablassend
-zu.</p>
-
-<p>Napoleon hatte Tirol dem König von Bayern geschenkt; aber &ndash; so ging
-die Rechnung der Hofburg &ndash; ein Aufstand der Bauernschaft sollte dem
-neuen Krieg gegen den Korsen Urgewalt geben, das Volk selber sollte das
-Land von Tirol für Habsburg befreien.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span></p>
-
-<p>Andreas Hofer, der Sandwirt geheißen, glaubte den Herren in Wien,
-weil er ein Mann aus Tirol war; als er wieder daheim saß im herbstlichen
-Tal von Passeyr, sah seine Wirtschaft seltene Gäste, und als im Frühjahr
-die Laufzettel das Aufgebot riefen, war er mehr als ein Hauptmann der
-Schützen.</p>
-
-<p>Am Sterzinger Moos fing er sein Tagwerk an, und als er die Schlachten
-am Iselberg schlug, machte der Sandwirt sein Wort wahr: Tirol war
-befreit, und die Herren in Wien konnten den Treueid der Landschaft empfangen.</p>
-
-<p>Sie sparten nicht in der Habsburger Hofburg, die Gesandten der
-Bauernschaft zu beehren; der Kaiser selber gab ihnen gnädig sein Wort mit,
-niemals Frieden mit Frankreich zu machen, es sei denn, daß auch Tirol wieder
-zu Österreich gehöre.</p>
-
-<p>Als aber den Herren in Wien bei Wagram ihr kurzes Kriegsglück fehl
-ging, als sie von dem Korsen Waffenstillstand begehrten, dachten sie
-nicht an ihr Wort: die Bauernschaft war von Habsburg verlassen, Bayern,
-Franzosen und Sachsen rückten mit Übermacht an, den Trotz der Tiroler zu
-brechen.</p>
-
-<p>Doch hatte der stolze General Lefebvre die Rechnung ohne den Sandwirt
-gemacht: wieder am Iselberg wurde sein <span id="corr272">Heer</span> von den herzhaften
-Bauern geschlagen, und nun war Tirol zum andernmal frei für sich
-selber.</p>
-
-<p>Der Kaiser saß im Käfig der Hofburg, und auf den Straßen nach
-Wien ritten die flinken Husaren von Frankreich: so mußte der Sandwirt
-auf eigene Faust Herzog und Fürst der Bauernschaft sein.</p>
-
-<p>In der Hofburg zu Innsbruck hielt er mit seinen Getreuen dem Land
-die Regierung; ein Bauernwirt aus dem Passeyr trotzte dem Sohn der
-Hölle und war die Hoffnung der deutschen Herzen im Reich.</p>
-
-<p>Aber es buntete nur ein Herbst vor dem Winter: als im Frieden zu
-Schönbrunn das Kaiserwort log, als Habsburg Tirol an Bayern abtrat,
-als die Übermacht kam von Norden und Süden, war das Glück der Bauernschaft
-aus.</p>
-
-<p>Sie sperrten die Täler mit Ketten, sie rollten die Steine von den Bergen,
-sie riefen das Land zur letzten Wehr auf und mußten in Brand und Blut
-zuletzt doch ersticken.</p>
-
-<p>In einer Alphütte hoch im Passeyr saß Hofer der Sandwirt lange verborgen,
-aber ein Judas verriet ihn um Geld, und die Häscher fingen den
-Starken.</p>
-
-<p>Er blieb auch im Unglück der mutige Mann; als er in Mantua fiel unter<span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span>
-den Kugeln der Feinde, aufrecht und stolz, weil er ein gläubiger Mann aus
-Tirol war, wurde er groß im deutschen Gedächtnis.</p>
-
-<p>Das aber geschah zu der Zeit, da der Habsburger Kaiser in Wien seine
-Tochter dem Korsen verlobte.</p>
-
-<h3 id="sec10_9">Luise</h3>
-
-<p>Eine Prinzessin aus Mecklenburg wurde in Preußen Königin; ein
-Kind fast noch, als sie im Brautwagen kam, und eine junge Mutter, als sie
-nach harmlosen Jahren harmvoll dahin ging.</p>
-
-<p>Goethe hatte an ihre Jugend gerührt, Anmut und Frohsinn waren um
-ihre Tage gewesen, da sie in Paretz die liebliche Gutsherrin spielte, bis ihr
-der Sturmwind das Kartenhaus umblies.</p>
-
-<p>Da mußte die Gutsherrin Königin werden, und alle Schmach, die auf
-Preußen fiel, legte Herzeleid über die Frau, die so stolz wie schön und so
-stark wie anmutig war.</p>
-
-<p>Eine böse Winterfahrt war es nach Königsberg von Berlin, und die
-flinken Husaren ritten den Wagen des flüchtenden Hofes dicht auf der
-Spur; in Memel erst, wo die russischen Weiten sie schützten, konnten sie
-bleiben und warten, was dem preußischen Land und seinem König von dem
-Korsen geschähe.</p>
-
-<p>Die Königin haßte den Sohn der Hölle wie eine Kröte, die ihr das
-Sonntagsglück störte, und mußte ihm doch die zitternde Hand geben, als
-ihre Anmut Napoleon dargereicht wurde, seinen harten Sinn zu erweichen.</p>
-
-<p>Die kalten Stunden in Königsberg konnte ihr Stolz nicht mehr vergessen;
-viele Feinde hatte der Korse im Abendland, aber kein Haß zog ihre
-Herzen so an wie die preußische Königin: so kam es, daß Preußen zum andernmal
-den deutschen Geist zu erheben vermochte.</p>
-
-<p>Der Spötter von Sanssouci hatte den Jubel von Roßbach geweckt und
-hatte den Staat der preußischen Pflicht gegen die Habsburger Hofburg
-gerichtet; Dünkel und Leichtfertigkeit hatten die Erbschaft verschleudert,
-und ein dürftiger König hatte sich seines Ruhmes vermessen: nun war eine
-Frau in das Leid und das Frühlicht der jungen Erhebung gestellt.</p>
-
-<p>Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hatte die Stimme in Frankreich
-gerufen, die Herzen der Völker hatten sie jubelnd vernommen: aber Napoleon
-hielt im Namen der Freiheit die Ernte und war ihr zum Hohn ein
-Sohn der Gewalt.</p>
-
-<p>Eine andere Freiheit lehrte in Königsberg Immanuel Kant und band<span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span>
-die Willkür in Pflicht: so wurde dem Korsen eine reinere Feindschaft bereitet
-als die der Junker und Pfaffen, und ihre Priesterin wollte die preußische
-Königin sein.</p>
-
-<h3 id="sec10_10">Kant</h3>
-
-<p>Der Sohn eines Pietisten und Sattlers in Königsberg sollte als Pfarrer
-studieren, aber die Wissenschaft lockte ihn mehr als die Kirche, ihre dogmatische
-Enge konnte ihm keine Lebensluft sein.</p>
-
-<p>Alles, was es zu lernen gab, lernte der Jüngling; nichts lag ihm so fern,
-daß er nicht seinen Eifer daran versuchte, nichts lag ihm so nah, daß er nicht
-seine Lust daran büßte, Wesen und Sinn zu erkennen.</p>
-
-<p>So konnte Immanuel Kant in der täglichen Welt nichts als ein Hofmeister
-werden: neun Jahre lang mußte der Sohn des Sattlers auf mehreren
-Gütern sein Dasein dienend hinbringen; aber der Sohn des Pietisten
-hatte schon früh die Tugend geübt, an der Täglichkeit nicht zu leiden.</p>
-
-<p>Als er dann wieder nach Königsberg kam, lehrend zu lernen &ndash; ein ältlicher
-Jüngling, aber gesellig und heiter &ndash; kam schon der Ruf mit ihm, daß
-er schärfer zu denken und mit helleren Worten von seinen Gedanken zu reden
-vermöge als sonst ein Professor.</p>
-
-<p>Das war im selben Jahr, da der Spötter von Sanssouci den großen
-Krieg plante; und bis der Stern Napoleons stieg &ndash; fast ein halbes Jahrhundert
-&ndash; blieb Kant in Königsberg, lehrend und lernend, und wurde ein Licht,
-das Abendland zu erhellen.</p>
-
-<p>Lächelnd von Liebe und Weisheit hatte der Zimmermannssohn die Freiheit
-der Seele gelehrt, und daß ihr heimliches Reich jenseits der Wirklichkeit
-wäre und höher als alle Menschengewalt.</p>
-
-<p>Aber die Kirche des Juden aus Tarsus hatte das Kreuz vor die Lehre
-gestellt, hatte der gläubigen Seele Lohn und Strafe verheißen und zwischen
-Himmel und Hölle ihr Gnadentor der Erlösung gebaut.</p>
-
-<p>Ein Jahrtausend und mehr hatte sein Wahnreich der Priester die
-Menschheit in Hoffnung gehalten, selige Schauer und fromme Verzückung,
-Furcht und Zittern verzwickter Gedanken waren um seine Himmels- und
-Höllenverheißung gewesen.</p>
-
-<p>Bis endlich der Menschengeist wieder erwachte, lieber zur Hölle zu fahren,
-als daß er sich in den Himmel der Priester hinein glaubte: Zweifel und
-Trotz stellten die uralte Frage der Wahrheit, und die Wirklichkeit gab grausame
-Antwort.</p>
-
-<p>Die Wirklichkeit war die Notwendigkeit der Natur und die Unabänderlichkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span>
-ihrer Gesetze; ihr galt der Mensch nur ein Ding und ein Tier und
-alles, was er zu denken, fühlen und ahnen vermochte, stand im Zwang ihrer
-Gleichung.</p>
-
-<p>So konnte der Menschengeist nur seine Unfreiheit erkennen, und all
-seine Wissenschaft baute nur an der Mauer dieser Erkenntnis um ihn; aber
-der Sohn eines Sattlers in Königsberg wurde zum andernmal sein Erlöser,
-er öffnete ihm die verschüttete Tür in der Mauer und machte ihn frei von
-der Wirklichkeit seiner Sinne.</p>
-
-<p>Alle Erkenntnis der Wirklichkeit war gebunden an Raum und Zeit,
-und alle Gesetze ruhten darin wie die Tür in der Angel; aber Raum und Zeit
-hafteten nicht an den Dingen, sie waren dem Menschengeist eigen, Ordnung
-in die Erscheinung der Sinne zu bringen.</p>
-
-<p>Die Tafeln des Gesetzes kamen nicht aus der Wirklichkeit, der Menschengeist
-schrieb sie ihr vor, und die vermeintliche Ordnung der Sinnenerscheinung
-war seine Schöpfung der Welt.</p>
-
-<p>Das war die Tür, die Immanuel Kant aus dem Zwang der Wirklichkeit
-fand, aber sie führte in keine Willkür hinaus; denn dem Menschengeist
-war das eigene Reich eingeboren, darin er von aller Sinnenwelt frei blieb,
-um seiner eigenen Wirklichkeit tiefer verpflichtet zu sein.</p>
-
-<p>Gut und böse in seinem Willen zu scheiden, aus seiner Vernunft allein
-die Pflicht seiner Tat zu empfangen: war seine Wirklichkeit unter dem
-Wasserspiegel aller Erfahrung, war seine Wahrheit und Freiheit.</p>
-
-<p>Nicht anders als einmal der Zimmermannssohn hatte Immanuel Kant
-den Weg und die Pflicht der Freiheit gefunden, nur daß er die Gnade
-der gläubigen Seele nicht kannte, daß er im Frage- und Antwortspiel
-seiner Gedanken der friedlose Menschengeist blieb.</p>
-
-<p>Und daß er nicht ging auf den Straßen zu lehren, lächelnd von Liebe
-und Weisheit, daß er im Tempel der Schriftgelehrsamkeit blieb.</p>
-
-<p>Wie ein Städtebaumeister Straßen und Plätze, Häuser und Gärten
-in seinem Grundriß bestimmt, wie er die Willkür ausschaltet und jedem
-Teil seinen Platz im Ganzen erzirkelt, so gab er dem Menschengeist seinen
-Plan, sich gegen Gott und Welt den Tempel der Freiheit zu bauen.</p>
-
-<p>Er wurde sehr alt und ein schlohweißes Männchen und mußte das klägliche
-Schauspiel erleben, daß ein Minister im Namen des Königs von Preußen
-ihm Lehre und Schrift unterband.</p>
-
-<p>Als er gestorben war, trugen Studenten den Sarg in den Dom, und
-alle Glocken in Königsberg läuteten seinem Leichnam zu Grabe, wie wenn
-der heimliche Herzog in Preußen zum ewigen Schlaf einginge.</p>
-
-<p>Aber ihm war das ewige Leben gesegnet: sein Werk war bestellt, sein<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span>
-Plan war vollendet, neben den heimlichen Gärten der Seele den sichtbaren
-Tempel der Freiheit zu bauen.</p>
-
-<h3 id="sec10_11">Fichte</h3>
-
-<p>Als Napoleon Preußen zerschlug, als er nach Königsberg kam mit seinen
-flinken Husaren, war Kant schon begraben; aber die Lehre des Meisters
-hatte ihr leises Leben begonnen, indessen der laute Schritt des Eroberers
-über das Abendland ging.</p>
-
-<p>Stark wie jemals ein Kaiser hielt er sein Schwert über die Fürsten und
-Völker Europas, aber die stärkeren Mächte der Herkunft boten ihm Trotz,
-und nun kam die stärkste, ihn zu bezwingen.</p>
-
-<p>Denn stärker als je ein Schwert war, stärker als Herkunft und stärker
-als Herrschsucht und Haß der Bedrückten, stärker als alle Macht in der
-Welt ist der Geist, der um die wahre Freiheit zu ringen beginnt.</p>
-
-<p>Eines Leinewebers Sohn aus der Lausitz war durch Armut hinauf in
-das Licht der kantischen Lehre gestiegen; weil er kein Weiser der Wissenschaft
-war wie der Meister, nahm er die Fackel zur Hand, das Licht aus
-dem Tempel zu tragen.</p>
-
-<p>Sei dir selbst alles, oder du bist nichts! stand in den Flammen geschrieben,
-damit er den Brand in die Herzen der Deutschen zu bringen gedachte;
-denn Fichte war aus dem Weltbürgertraum seiner Zeit und der eigenen
-Jugend in den Entschluß der völkischen Pflicht eingegangen.</p>
-
-<p>Nur Ewiges könne der Mensch wahrhaftig lieben, Dauerndes tun und
-bewirken, sei die innerste Mahnung und Lockung all seiner Wünsche: Dauer
-allein könne dem Menschen nur werden im Dasein des Volkes, darin sein
-einzelnes Leben mit Herkunft, Sprache und Sitte unlösbar in Dankespflicht
-sei.</p>
-
-<p>So war die Lehre der freien Pflicht tapferer Wille geworden, dem irdischen
-Dasein redlich zu dienen, statt jenseits der Dinge das selige Leben zu
-suchen; Fichte, der furchtlose Mann, zögerte nicht, die Lehre als Tat zu erfüllen.</p>
-
-<p>Indessen die Straßen Berlins von dem Schritt und dem Hörnerschall
-französischer Bataillone widerhallten, indessen Spione das Wort und die
-Haltung des Bürgers allerorts überwachten, stand er am Pult, von Deutschen
-für Deutsche schlechthin seine mutigen Reden zu halten.</p>
-
-<p>Er sah und wußte, das deutsche Volk war die Spreu seiner Ernte geworden;
-aber die Ernte, zerstreut und verzettelt, war noch zu retten, wenn
-sich der Deutsche treu und tapfer zu seiner Herkunft bekannte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_277">[277]</a></span></p>
-
-<p>Er sah und wußte, über das deutsche Volk waren Schmach und Schande
-gekommen, aber sein Unglück war Schicksal; es mußte sich wenden, wenn
-der Deutsche seine Sendung im Dasein der Völker erkannte.</p>
-
-<p>Daß dieses geschähe, mußte ein junges Geschlecht das alte ablösen,
-mußte Erziehung zur deutschen Gesinnung die Abrichtung brauchbarer
-Untertanen ersetzen.</p>
-
-<p>Er wurde nicht müde, der mutige Mann in Berlin, die neue Gesinnung
-zu fordern; wie die drei Könige mit ihrem Stern nach Bethlehem kamen, so
-pries er den Mann, Pestalozzi geheißen, der für die neue Gesinnung das
-neue Erziehungswerk brachte.</p>
-
-<p>Die Bataillone des Korsen marschierten, und ihre Hörner klangen hinein,
-als der Leineweberssohn aus der Lausitz die Deutschen aufrief, wieder
-Deutsche im Schicksal der Herkunft und Sendung zu sein.</p>
-
-<p>Die Stimme des mutigen Mannes verhallte, aber das Wort, einmal
-gesprochen, fiel als die Saat in furchtsame Herzen und ging als die Ernte
-der deutschen Gläubigkeit auf.</p>
-
-<h3 id="sec10_12">Pestalozzi</h3>
-
-<p>Es war ein Schweizer, Sohn einer Witwe in Zürich, der früher als
-einer das Elend des Landvolkes sah, wie es in Armut und mühsamer Arbeit
-sein Leben hinbrachte, wie es unwissend und blöd, abergläubisch, furchtsam
-und faul in der Fron reicher Stadtleute war.</p>
-
-<p>Er wollte ihm helfen, doch nicht wie ein Reicher an der Kirchentür Almosen
-gibt: Gerechtigkeit sollte dem Armen das Herz in die Sonne heben,
-darin er den Reichen mit Groll lustwandeln sah.</p>
-
-<p>Aber Gerechtigkeit kam, das mußte der Sohn einer Witwe in Zürich
-frühzeitig erfahren, nicht aus den Herzen der Edlen allein in die Welt: sie
-brauchte das Schwert und die Waage, Macht und Gewicht, und daß sie
-den Armen mitwog, mußte er selber gewichtig sein.</p>
-
-<p>Bildung allein könnte den Armen erheben, daß er das seine zu fordern
-verstünde, Bildung allein machte ihn frei zu den Gütern des Lebens, Bildung
-allein konnte dem Haus des Unrechts die Treppe einbauen, daß die
-Stockwerke der Stände und Klassen einander in Menschlichkeit fänden.</p>
-
-<p>Pestalozzi, der Menschenfreund, mußte mit eisgrauem Haar ein Schulmeister
-werden; im Neuhof und danach in Stans war er ein liebender Vater
-der Armen und Waisen, in Burgdorf und Ifferten wurde sein zorniger
-Eifer der Lehrer der Menschheit.</p>
-
-<p>Denn als er den Kindern der Armen die Bildung zu bringen ausging,<span class="pagenum"><a id="Seite_278">[278]</a></span>
-suchte sein liebender Eifer vergebens die Lehrer; der Gang der Natur, der
-das Kind aus dem Schoß der Mutter fröhlich ins Leben brachte, fehlte den
-Schulen der Armen und Reichen.</p>
-
-<p>Schulmeister trieben ihr hartes Gewerbe mit Schelten und Strafen;
-trockenes Klapperwerk war, wo Liebe und Einsicht, Frohsinn und Freisinn,
-Vernunft und Methode sein sollten.</p>
-
-<p>So kam es, daß er die Schule der Armen zu suchen ausging, und Armen
-wie Reichen den Weg der Erziehung fand: das Kind aus den Gärten der
-Jugend fröhlich ins Leben der Pflicht und Arbeit zu leiten, aus Spiel und
-Kindersinn das Bild einer neuen Menschheit zu bauen.</p>
-
-<p>Er war ein ärmlicher Greis, dem solches gelang, und seine Werke zerrannen
-in Streit und Enttäuschung; Sorge, Entbehrung und bitterer
-Zorn über die Härte, Bosheit und Dummheit der Menschen liefen den
-langen Lebensweg mit.</p>
-
-<p>Aber die Liebe hielt seinem Alter den Quell des Lebens lebendig, und als
-er versiegte, strömte sie noch, die Herzen zu rühren: daß dem Geringsten unsterbliche
-Seele einwohne, und daß es Menschenpflicht wäre und höchstes
-Ziel der Gemeinschaft, jegliche Seele ins Dasein zu wecken.</p>
-
-<h3 id="sec10_13">Der Freiherr vom Stein</h3>
-
-<p>Als die Preußen bei Jena den Krieg und den Kopf verloren, als das
-Heer in schimpflicher Flucht die Ängstlichen mitriß, als der Hof aus Berlin
-in Eilwagen floh, tat ein Mann kaltblütig das seine.</p>
-
-<p>Es war ein Freiherr vom Stein bei Nassau und früh in preußischen
-Diensten; ihm waren die Kassen des Staates anvertraut, und er wußte sie
-klug und besonnen zu retten.</p>
-
-<p>Der König von Preußen, einfältig und karg, mochte den eisernen Mann
-nicht; aber die Königin hörte ihm zu, und die Not zeigte mit allen Fingern
-auf ihn: so wurde der Reichsfreiherr vom Stein in Preußen Minister.</p>
-
-<p>Seit dem Spötter von Sanssouci kam zum erstenmal wieder ein Kopf
-und ein Herz in die Leitung des preußischen Landes, und ein Wille, anders
-als jener der oberste Diener des Staates zu sein.</p>
-
-<p>Denn der Reichsfreiherr haßte den dumpfen Betrieb peinlich bezopfter
-Beamten; ihm war der Staat ein lebendiges Wesen, bestimmt von sittlichen
-Kräften, und er kannte den Untertan nicht.</p>
-
-<p>Alle Stände und Klassen, Junker, Bürger und Bauern waren als
-Staatsbürger gleich in Rechten und Pflichten; sie dienten dem Staat als
-der Rechtsgewalt ihres Volkes.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_279">[279]</a></span></p>
-
-<p>Weil der Staat die Rechtsgewalt war, durfte er nicht über Knechte regieren;
-die freie Gemeinde der Bürger mußte sich selber verwalten, wie es
-in Urväterzeiten das Mannesrecht war.</p>
-
-<p>Und keine Willkür der Junkergewalt durfte den Bauern in Leibeigenschaft
-halten; auf eigener Scholle, frei von Fron und Gedinge, sollte er
-wieder der fröhlichen Arbeit gehören.</p>
-
-<p>So kam die Freiheit in Preußen an den Tag, und der sie brachte, scheute
-kein Dohlengeschrei; über Beamten- und Junkertum kam sein Gesetz, wie
-der Tag über den Kreuzen und Steinen der Kirchhöfe steht.</p>
-
-<h3 id="sec10_14">Kleist</h3>
-
-<p>Ein Stern ging auf über dem preußischen Land, als es noch Nacht war,
-und schien in den Morgen, und niemand sah seinen Glanz, bis er blutrot
-verzuckte.</p>
-
-<p>Heinrich von Kleist hieß der Jüngling, der höher als einer in Preußen
-sein Angesicht hob, und tiefer als einer mit seinen Füßen im Schicksal verstrickt
-ging.</p>
-
-<p>Er war ein Junker aus altem Preußengeschlecht und diente dem König,
-bis er im siebenten Jahr den Soldatenrock auszog, bis er die Zucht und die
-Ehren des Standes verließ, anderer Zucht und anderer Ehren sehnsüchtig.</p>
-
-<p>So hatte Ulrich von Hutten den Stern seines unsteten Lebens durch
-Länder und Leiden getragen wie Heinrich von Kleist, da er fünf Jahre lang
-irrte und ruhelos war auf der Erde, die Bahn seines Himmels zu finden.</p>
-
-<p>Den göttlichen Weg der Großen in Weimar und Jena wollte er schreiten,
-aber sein flackernder Gang wurde kein Schritt; der glühende Geist
-konnte die Flamme nicht zünden und schwelte in funkelnden Dünsten.</p>
-
-<p>Als er wieder daheim war im preußischen Land, kein Jüngling mehr
-und doch kein Mann, wie ihn der Tag brauchte, wollte er seinen unsteten
-Geist in die Täglichkeit zwingen: zwei Jahre lang blieb er im Staatsdienst,
-schlafwandelnd und stumm, bis ihn der Donner von Jena und
-Auerstädt weckte.</p>
-
-<p>Flüchtig in Königsberg, gefangen in Frankreich, landfremd in Dresden,
-schrie er die eigene Wirklichkeit wach, als er sein kühnes Amazonenspiel
-schrieb, von der Königin Penthesilea, die den Achill liebte im Haß und seinen
-sterbenden Leib den Hunden preisgab.</p>
-
-<p>Der Alte in Weimar wollte den Dichter der Penthesilea nicht kennen,
-wie er den Dichter der Räuber nicht kannte: doch wie ein gotischer Turm
-über ein griechisches Tempeldach wächst, so wuchs dem preußischen Jüngling<span class="pagenum"><a id="Seite_280">[280]</a></span>
-sein grausames Griechengedicht über das edle Gebälk des Meisters
-trotzig hinauf in den nordischen Himmel.</p>
-
-<p>Das aber war zu der Zeit, da durch die Herzen der Deutschen der erste
-Feuerschein ging, dem Korsen das Haus zu verbrennen; Heinrich von Kleist,
-der Preuße in Dresden, half hitzig den Brand schüren.</p>
-
-<p>Der preußische Junker haßte den fremden Tyrannen; der deutsche
-Mensch träumte den Traum einer neuen Reichsherrlichkeit: aber der Tag
-von Wagram zertrat ihm den Haß und den Traum.</p>
-
-<p>Zum andernmal kam er nach Preußen zurück, der Hoffnungen ledig,
-der Täglichkeit taub, der eigenen Dinge trächtig, wie eine Wolke geschwellt
-im Abendrot steht.</p>
-
-<p>Ein Genius kam nach Berlin, aber die klugen Bürger der Stadt an
-der Spree sahen nur einen geschäftigen Mann, der ihnen zum Sonntag das
-Abendblatt füllte mit Anekdoten und anderer Unterhaltung.</p>
-
-<p>Zwei Jahre lang ließen die kargen Berliner Heinrich von Kleist sein
-Krümperwerk tun, zwei Jahre noch blieb sein einsamer Geist auf der Erde;
-er hatte schreiten gelernt wie die Großen in Weimar und Jena, aber sein
-war der Sturmschritt.</p>
-
-<p>Nur raffen konnte er noch, was ihm die letzte Fülle zuströmte, raffen und
-aus der Schmiede mühsamer Jahre das köstliche Gut bergen.</p>
-
-<p>Erzählungen hieß er die Schicksalsberichte, darin ein starkes Stück Leben
-in einer Kette von schmucklosen Worten eng aufgeschnürt war: als ob
-ein Wanderer, kurz nur zur Rast, von einem Erlebnis mit fliegendem Atem
-berichte.</p>
-
-<p>Kohlhaas, der Roßhändler von Jüterbog, hatte dem Unrecht der Zeit
-samt ihren Junkern und Fürsten getrotzt, weil ihm sein Recht das höchste
-Mannesgut in der Welt war; er hatte den Trotz mit dem Schwert des
-Henkers bezahlt, und war noch dem Henker zum Trotz Sieger geblieben
-über Junker und Fürsten.</p>
-
-<p>So waren die Dinge noch nie einem Dichter über die Klinge gesprungen,
-als da der Junker Heinrich von Kleist den Roßhändler Michael Kohlhaas
-beschwor, als da er das Schattenbild einer Chronik in ewige Gegenwart
-stellte.</p>
-
-<p>Aber die seinen Schicksalsbericht lasen, waren der ewigen Gegenwart
-fern; sie hörten von einem Roßhändler und sahen den Dichter nicht, wie er
-die hämmernden Worte in einen Marmorstein grub, Urtümliches sichtbar
-zu machen.</p>
-
-<p>Sie hörten danach sein Spiel vom Zerbrochenen Krug und konnten
-nicht lachen, weil sie die Seufzer und Sittensentenzen schlechter Schauspieler<span class="pagenum"><a id="Seite_281">[281]</a></span>
-vermißten, weil der blühende Scherz und derbe Spaß vom bocksfüßigen
-Richter in Husum ihnen zu handgreifliche Wirklichkeit war.</p>
-
-<p>Sie sahen das Kätchen von Heilbronn um seinen Ritter Ungemach leiden
-und fanden es dumm von dem Dichter, daß er das rührende Spiel ihrer
-Liebe in soviel Unheil vertiefte.</p>
-
-<p>Der aber dies alles den Ohren und Augen der Bürger noch hinwarf,
-ging längst auf dem Messergrat seiner letzten Entscheidung; als er ein
-armes Menschenkind fand, entschlossen hinunter zu springen, sprang
-Heinrich von Kleist mit in den Tod, der ihn von der Zeitung, von den
-Berlinern, von seiner schmählichen Zeit und seiner Enttäuschung in
-Einem erlöste.</p>
-
-<p>Es war im fünfunddreißigsten Jahr seines Lebens, als Heinrich von
-Kleist sich mit der Schicksalsgenossin am Wannsee erschoß; die gute Gesellschaft
-schwieg peinlich betreten, daß es die Frau eines Kleinbürgers war,
-der sich der Junker im Tode verband.</p>
-
-<p>Zehn Jahre lang blieb sein Gedächtnis vergessen, dann hoben Freunde
-den Nachlaß und fanden den Schatz, den ein Dichter dem Preußentum
-schenkte, als ihm sein eigenes Leben in Preußen vergällt war.</p>
-
-<p>Den Prinzen von Homburg hieß er sein Testament, und ob sie es lange
-mit blödem Gesicht lasen, einmal mußte sein Geist auferstehn, und einmal
-mußten die kargen Berliner und Preußen erkennen, daß nichts in der Welt
-diesem Bühnenspiel gleich war.</p>
-
-<p>Klopstock und Herder, Lessing und Schiller hatten um eine Dichtung
-gerungen, die jenseits des Tages doch seines Wesens innerstes Angebind
-war, Novalis sank in den Tod, Hölderlin floh zu den Griechen, indessen
-Goethe, der Leuchtturm in nächtlicher Brandung, über den Zeiten dastand:</p>
-
-<p>Alle sahen den Stern auf ihren mühsamen Wegen; dem er am fernsten
-stand, und der sich selber als Pfand dem Schicksal einsetzte, ihm wurde sein
-Glanz erfüllt, als er verzuckte.</p>
-
-<p>Wo der Prinz von Homburg den Tag des Kurfürsten von Brandenburg
-zur Ewigkeit machte, da wurde im deutschen Geist Preußen, da wurde
-im Preußengeist Deutschland wiedergeboren.</p>
-
-<h3 id="sec10_15">1812</h3>
-
-<p>Den Herrscher des Abendlandes priesen die Zungen; aber vor seiner
-Tür lag die englische Flotte, auch hielt die russische Mauer den Osten verriegelt:
-noch waren Napoleon Grenzen gesteckt.</p>
-
-<p>Er aber hieß seinen Sohn in der Wiege den König von Rom und ließ<span class="pagenum"><a id="Seite_282">[282]</a></span>
-ihm das Zepter darbringen; er wollte die russische Mauer durchbrechen und
-wollte dem englischen Stolz die Segel absetzen.</p>
-
-<p>Mit einem gewaltigen Heer zog er aus gegen den Osten; die Völker Europas
-mußten ihm Heerfolge leisten, und als er in Dresden sein letztes Maifeld
-abhielt, kam der Habsburger Kaiser, kamen die Könige von Preußen,
-Sachsen und Bayern im Troß der Rheinbundfürsten herbei, ihm zu dienen.</p>
-
-<p>Sie saßen in prahlenden Festen zusammen, sie tanzten und hörten den
-schmachtenden Versen französischer Schauspieler zu, indessen die Söhne
-aus allen Gauen der deutschen Landschaft nach Rußland marschierten.</p>
-
-<p>Der Frühling blühte in Polen, und die Fahnen flogen im Sommerwind,
-als sie das Herzogtum Warschau verließen; aber dann fing die starrende
-Weite der russischen Unendlichkeit an.</p>
-
-<p>Regen ersäufte die Felder, und eine glühende Hitze kam, den Schlamm
-auszudörren; Menschen und Pferde erschraken, daß nur noch die Weiten
-des Himmels über der Öde, daß nicht mehr Wiesen und grüne Alleen, daß
-nicht mehr Dörfer und Städte fröhliche Zeugen der Menschenwelt waren.</p>
-
-<p>Als sie das Tal von Wilna erreichten, als in der Weite die erste Stadt,
-als wieder Straßen und Schatten, Stuben und Ställe da waren, hatte
-die große Armee den russischen Sommer erfahren, und eine lange Rast
-mußte den Troß der Mutlosen stärken.</p>
-
-<p>Noch aber hatte die Schlacht nicht begonnen, kein russisches Heer schien
-den Sieger zu hemmen, bis bei Smolensk die Kanonen zu donnern anfingen;
-tief in die Nacht ging der grausame Kampf, und schon stand das Glück
-auf der Scheide: als die Franzosen endlich die Brücke genommen, brannte
-die Stadt und ein Schutthaufen war ihre Rast.</p>
-
-<p>Der Weg nach Moskau stand offen, aber es war nur das Tor ins Verderben:
-als sie nach täglichen Kämpfen und stündlichen Leiden endlich im
-Herbst das bunte Getürm über dem unermeßlichen Meer der Dächer erblickten,
-stand keine Bürgerschaft an den Toren, dem Sieger die Schlüssel
-zu bringen.</p>
-
-<p>Und als die flinken Husaren zögernd einritten, war die Riesenstadt leer,
-der Hörnerschall starb an verschlossenen Fenstern und Türen.</p>
-
-<p>Es war schon tief im September, und der weiße Winter lauerte vor den
-Toren, das rote Blut zu vergelten: in Moskau sollte der Frieden mit Ölzweigen
-kommen, in Moskau sollte nach böser Entbehrung reiche Winterrast
-sein, aber da fing die leere Stadt an zu brennen.</p>
-
-<p>In einem Flammenmeer schwamm schon am dritten Tag der düstere
-Kreml; dem Korsen wurde es heiß auf der Zarenburg, er suchte sich vor den
-Toren ein kühles Quartier, aber sein Heer konnte die Stadt nicht verlassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_283">[283]</a></span></p>
-
-<p>Denn draußen stand lauernd die Weite, der sie erst gestern entrannen,
-und aus der Weite hob der russische Winter drohend die Fäuste: sie waren
-als Sieger mit Hörnerschall eingezogen und saßen schaurig gefangen in der
-leeren brennenden Stadt.</p>
-
-<p>Ihr Meister und Herr wollte das Unglück noch zwingen, Boten und
-Briefe heuchelten dem Zaren Friedensbereitschaft; aber der Zar war in der
-russischen Weite verschwunden, nur seine Heere spannten von Osten den
-Ring um die Stadt.</p>
-
-<p>Die Sieger von gestern konnten nicht bleiben und mußten zurück, mehr
-als die hundert Meilen durch das verwüstete Land; schon aber gab der Oktober
-dem kommenden Winter die eisigen Hände.</p>
-
-<p>Kutusow hieß der seltsame Greis, der dem Rückzug aus Moskau das
-böse Geleit gab: da war die Weite lebendig geworden, zur Rechten und Linken
-hielten die russischen Klammern die Flanken gefaßt, von hinten drängten
-die Lanzen der wilden Kosaken.</p>
-
-<p>Eine geängstigte Herde, von Wölfen gestellt, so wollte die große Armee
-die Rettung gewinnen, aber der Winter kam früh mit grausamer Kälte:
-die am Weg blieben, lagen erfroren, und die den Weg fanden durch Hunger
-und weißen Schnee, tappten täglich tiefer ins Elend hinein.</p>
-
-<p>Noch immer war es ein Heer, das Napoleon führte; an der Beresina
-verlor er die Zügel: schwarz kam der Fluß durch die gefrorene Weite, und die
-Brücke war fort; zwei neue wurden gebaut im Feuer der Russenkanonen.</p>
-
-<p>Tausende fanden den Tod in dem trägen Gewässer, tausende fielen
-unter den Lanzen der wilden Kosaken, tausende wurden gefangen: was im
-Dezember endlich in Wilna ankam, konnte nicht mehr ein Heer heißen.</p>
-
-<p>Auf einem Schlitten, heimlich und schnell fuhr der Korse nach Frankreich;
-mancher in Deutschland sah eine vermummte Gestalt, darin er den
-Kaiser nicht wieder erkannte; und die ihn erkannten, glaubten eher an ein
-Gespenst, als daß es der Herrscher des Abendlandes wäre.</p>
-
-<p>Denn nur langsam kam das Gerücht von der großen Armee aus dem
-russischen Winter, und wenige wagten zu glauben, daß die Lumpengestalten
-wirklich der klägliche Rest und nicht nur versprengte Flüchtlinge waren.</p>
-
-<p>An vielen Häusern klopften sie an, und selten geschah es, daß einer
-heimkam in Sachsen, Bayern und Schwaben; wo einer heimkam, blieben
-hundert verschollen.</p>
-
-<p>Die Klage um die verlorenen Söhne fing an zu weinen in Deutschland;
-aber ein Brunnen brach aus der Tiefe, der alle Klage ersäufte, daß nun der
-Tag der Vergeltung und das Ende der frechen Fremdherrschaft käme.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_284">[284]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec10_16">Tauroggen</h3>
-
-<p>Eine Mühle liegt bei Tauroggen im litauischen Land; da wurde der
-Treubruch vollzogen, der die Erhebung des Deutschen gegen die fränkische
-Fremdherrschaft ansagte.</p>
-
-<p>York, der stählerne Mann, hatte das preußische Korps von Riga zurück
-an den Niemen gebracht; Klinge an Klinge dem russischen Freund, Schulter
-an Schulter dem fränkischen Feind, blieb er zweideutig zögernd zurück,
-bis ihn die Russen bei Tauroggen stellten, dann tauschte er die Parole.</p>
-
-<p>Er war Soldat und wußte, er brach seinem König den Eid, sein Kopf
-war verwirkt in Berlin; aber die preußische Sache wurde in Rußland geführt,
-und der Reichsfreiherr vom Stein, der Freund und Berater des
-Zaren, war ihr starker Verwalter.</p>
-
-<p>Ein Jahr lang war der mächtige Mann in Preußen Minister gewesen,
-dann hatte der Korse den Todfeind erkannt und geächtet: aber sein Testament
-war die Saat in der preußischen Scholle geblieben.</p>
-
-<p>Jetzt oder nie! so brach der Schrei aus den zornigen Herzen, jetzt oder
-nie mußte die Zwingherrschaft fallen, jetzt oder nie konnten die deutschen
-Völker die Freiheit erringen, gegen den fremden Tyrannen und gegen die
-Feigheit der eigenen Fürsten.</p>
-
-<p>Die in Tauroggen den Treubruch vollzogen, waren Soldaten; sie dienten
-dem Zaren und dienten dem König von Preußen nach ihrem Eid, und
-einer war mutig genug, ihn zu brechen: aber sie standen im Schachbrett der
-Zeit nur als Figuren, geschoben nach einem größeren Plan und einem mächtigen
-Willen.</p>
-
-<h3 id="sec10_17">Die Landwehr</h3>
-
-<p>Der König hielt Soldaten in Sold, und der Untertan diente im Heer,
-wie ein Knecht sich verdingte; so holte der Spötter von Sanssouci sich seine
-Soldaten aus allen Winden zusammen, so lagen die preußischen Werber
-auf der Lauer mit ihrem Handgeld.</p>
-
-<p>Es war aber ein Mann namens Scharnhorst, ein Bürgerssohn aus
-Hannover, im preußischen Heer durch tapfere Taten und kluge Lehren zu
-Rang und Geltung gekommen: der trug ein anderes Bild des Soldaten
-im Sinn, als daß er ein Söldner im Dienst einer Fürstlichkeit wäre.</p>
-
-<p>Soldat sein hieß ihm, die Waffen des eigenen Volkes in Ehrenpflicht
-tragen, wie es in Urväterzeiten war, da die freie Gemeinde den Jüngling
-für wehrhaft erklärte, wenn er gesund, unbescholten und mit den Waffen
-geübt war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_285">[285]</a></span></p>
-
-<p>Wie die Schule die Knaben, so rief das Heer die Söhne des Volkes auf
-in den Krieg &ndash; nur die Krüppel und Kranken blieben zu Haus &ndash; und wie die
-Schüler kamen und gingen nach ihrem Alter, so kamen und gingen die
-Söhne des Volkes, das Handwerk der Waffen zu üben.</p>
-
-<p>Denn nicht mehr um Höfe und Fürsten zog der Soldat hinaus in den
-Kampf, nur für das Vaterland durfte sein Blut fließen.</p>
-
-<p>So plante Scharnhorst, der Bürgerssohn aus Hannover, das Volksheer;
-und als der Reichsfreiherr vom Stein den Volksstaat zu bauen gedachte,
-als er den Untertan aufrief, Staatsbürger zu werden, war
-Scharnhorst sein Mann, dem Volksstaat das Volksheer zu schaffen.</p>
-
-<p>Auch Scharnhorst waren Spione gesetzt, aber er wußte das Ziel seiner
-Pläne klug zu verhüllen; sie sahen die Krümper kommen und gehen und
-merkten nicht, wie er aus Krümpern die Landwehr und aus der Landwehr
-das preußische Volksheer machte.</p>
-
-<p>Als aber York von Tauroggen kam und mit ihm Stein, der mächtige
-Mann, als sie zusammen in Königsberg saßen, war Scharnhorst der Dritte
-im Bund, der Erhebung die Waffenschmiede zu bauen.</p>
-
-<p>Da wurden die Krümper zur Landwehr gerufen; und wie sie kamen mit
-Bärten und breiten Fäusten, wurde ein anderes Heer als vormals die
-Söldner: sie standen nicht gut zur Parade mit ihren Schirmmützen und
-konnten nicht nach dem Dessauermarsch den Stelzenschritt machen, aber
-sie wollten ihr Vaterland retten und freuten sich auf den Tag, da sie dem
-Übermut der Franzosen mit deutscher Münze heimzahlten.</p>
-
-<h3 id="sec10_18">Die Erhebung</h3>
-
-<p>Indessen die Männer der neuen Zeit Preußen erhoben, saß der König
-stumm und bedrängt in Berlin; er konnte den Geist der Zeit nicht erfassen
-und fürchtete eher, daß ihn der Aufruhr verschlänge, als daß er ans Volk
-glaubte.</p>
-
-<p>Denn immer noch war die französische Hand stark in Berlin; weil
-Hardenberg aber, sein Staatsminister, die List und die Lüge verstand, ließ
-er den König vor den Franzosen sein Puppenspiel machen, er aber wußte
-die Fäden mit Königsberg heimlich zu halten.</p>
-
-<p>Als die Franzosen den preußischen Bundesgenossen noch fest in der
-Hand zu haben gedachten, war der König, durch Hardenberg listig gewarnt
-und geschreckt, nach Breslau geflohen.</p>
-
-<p>Da waren die Russen schon nahe, und der Reichsfreiherr vom Stein flog
-wie ein Geier herzu, den Zagenden zu packen; dem Freund und Berater<span class="pagenum"><a id="Seite_286">[286]</a></span>
-des siegreichen Zaren konnte der König von Preußen nicht widerstehen:
-was York zu Tauroggen tat, wagte er selber, er gab dem Gesandten von
-Frankreich die Pässe und trat in das russische Bündnis.</p>
-
-<p>So war es endlich geschehen, was hitzige Herzen lange ersehnten: der
-Tag der Erhebung war da und schwoll mit Sturmgewalt an; als der Zar
-selber in Breslau anlangte, als sich die Fürstengestalten dem wartenden
-Volk zeigten, dankte der Jubel der Menge den beiden.</p>
-
-<p>Zwar hatte der Herr aller Reußen kürzlich erst so mit dem Korsen gestanden;
-aber die hinter dem höfischen Hergang den Willen des Reichsfreiherrn
-vom Stein erkannten, wußten genau: nun hatte der mächtige
-Mann über bänglichen Widerstand, über Kabalen und Interessen und
-über die Eitelkeit fürstlicher Schauspieler gesiegt.</p>
-
-<p>Indessen die Fürsten mit ihren goldenen Litzen zur Schau standen, lag
-er in seiner Kammer, vom Fieber geschüttelt; aber die fiebernde Stirn des
-Reichsfreiherrn vom Stein behielt den eisernen Willen, und sein jagendes
-Herz blieb, was es war: das deutsche Gewissen.</p>
-
-<p>Nie sollte wieder, so brannte sein Feuer, Deutschland der fürstlichen
-Willkür verfallen, nie sollte der Staatsbürger wieder ein Untertan werden;
-in freier Gemeinschaft sollten die Männer wieder ein Volk sein.</p>
-
-<p>Das war die Flamme, die auf den Bergen rundum als Wachtfeuer
-brannte, das war der Wind, der aus den Herzen der Jugend die Flammen
-lohend anblies, das war der Blick, der aus den Augen der Männer in all
-die wehende Glut schaute.</p>
-
-<p>So war es in Wahrheit ein Tag der Erhebung: das Vaterland hatte
-den Opferaltar vor seine neue Zukunft gestellt, und wer kein Hundsfott
-war, eilte herzu, Leben und Gut dem Altar zu bringen.</p>
-
-<p>Die mit goldenen Litzen dastanden, wurden ängstlich darüber, daß die
-Befreiung zur Freiheit anschwellen möchte; aber der fiebernde Wille in
-seiner Kammer hatte sie kühn als Figuren in seine Rechnung gestellt, er
-hatte das Schicksal entfesselt, und Schicksal hieß seinem gläubigen Geist,
-im Schutz des Ewigen sein.</p>
-
-<h3 id="sec10_19">Leyer und Schwert</h3>
-
-<p>Es war ein junger Dichter in Wien, Karl Theodor Körner geheißen,
-fast noch ein Fant, aber in seiner Kindheit hatte Schiller, der Freund seines
-Vaters in Dresden, dem Knaben die Locken gestreichelt.</p>
-
-<p>Wie nun die Wolken in Deutschland zu wehen begannen, daraus sich
-das Ungewitter über Napoleon ballte, ließ Theodor Körner die schöne Braut<span class="pagenum"><a id="Seite_287">[287]</a></span>
-und den jungen Ruhm in Wien hinter sich, zu den preußischen Waffen zu
-eilen, obwohl er ein sächsischer Untertan war.</p>
-
-<p>Die schwarze Freischar der Lützower Jäger und Reiter nahm ihn mit
-den andern Jünglingen auf, die nicht zur Armee konnten, und ihre Eigenlust
-suchten, das Vaterland zu befreien.</p>
-
-<p>Sie führten den kleinen Krieg zwischen den Kanonen der Großen und
-hätten mit ihren Waffen allein dem Korsen kaum Schaden getan; aber
-der Ruhm der schwarzen Freischar umflatterte den Mächtigen, wie die
-Raben den Bussard.</p>
-
-<p>Und der fast noch ein Fant war und ein Füllhorn leichter Gedichte,
-sang der Schar seine Lieder, darin die Jünglingslust am reiten, klirren und
-siegen brauste; darin sich der Frieden wegwarf in den Krieg und der Tand
-in den Tod; darin das Schwert der Zweck der Hand wurde und die Kugel
-ihre Tücke verlor.</p>
-
-<p>Bei Kitzen verwundet und, kaum gesund, schon wieder im Feld, sank
-Theodor Körner bei Gadebusch zu früh in den Tod, mehr als die herrliche
-Hoffnung des Sieges zu erleben; und die Freunde begruben ihn da unter
-der Eiche.</p>
-
-<p>Aber die Lieder blieben und wurden nach Frankreich hinein gesungen:
-Leyer und Schwert hieß das kleine Buch, darin sie gesammelt standen, den
-Namen des Dichters in alle deutschen Herzen zu tragen.</p>
-
-<p>Denn nun war die Wendung geschehen: nicht mehr geworbene Söldner
-hatten den Krieg geführt; das Volk war aufgestanden, die Landwehr hatte
-den Sieg über die fremden Bedrücker errungen.</p>
-
-<p>Nach einem Jahrtausend war das Schwertrecht des freien Mannes
-wieder zur Geltung gekommen, und Theodor Körner hatte dem alten
-Schwertrecht die neuen Lieder gesungen.</p>
-
-<h3 id="sec10_20">Blücher</h3>
-
-<p>Als die Erhebung des preußischen Volkes Blücher ins Feld rief, war
-der Feldmarschall schon ein Greis, aber sein Name warf Mut in die
-Menge.</p>
-
-<p>Blücher allein hatte nach Jena und Auerstädt den Säbel in der Faust
-behalten; aus flüchtigem Volk raffte er noch ein Heer mit dem Rest seiner
-Reiter, sich über See mit englischen Schiffen nach Danzig zu schlagen.</p>
-
-<p>Er kämpfte sich durch bis nach Lübeck, er brachte die Wut der Franzosen
-und unermeßliches Leid über die Reichsstadt und wurde trotzdem gefangen;
-aber der tollkühne Ritt hob seinen Ruhm aus der Schande.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_288">[288]</a></span></p>
-
-<p>Wo eine Hoffnung war, je aus der Knechtschaft zu kommen, wurde sein
-Name genannt; als sein weißer Schnauzbart in Breslau erkannt war,
-hatte der kommende Krieg seinen Meister gefunden.</p>
-
-<p>Den Marschall Vorwärts hießen die Russen zuerst den fröhlichen Alten,
-der nie ein bänglicher Zauderer war, der jeglichen Stier bei den Hörnern
-packte und für den schwankenden Mut der Verbündeten den zornigen Treiber
-vorstellte.</p>
-
-<p>Denn es ging nicht so rasch in dem Feldzug, wie die preußischen Herzen
-erhofften; immer noch war der Korse Meister im Feld, immer noch wußte
-der Kaiser neue Heere zu raffen.</p>
-
-<p>Bei Lützen und Bautzen wurde die preußische Landwehr zweimal geschlagen,
-und Scharnhorst, ihr Schöpfer, sank in die blutige Mahd; schon
-fingen die Federn ihr Kritzelwerk an, schon schien den Schwachen der Feldzug
-verloren.</p>
-
-<p>Aber der Waffenstillstand wurde kein Friede, und als der Kampf im
-Sommer neu brannte, war die Habsburger Hofburg, zögernd und zweideutig
-zwar, dem Bund beigetreten.</p>
-
-<p>Da endlich gelang es dem zornigen Marschall, das Wasser auf seine
-Mühlen zu bringen; an der Katzbach schlug er die erste siegreiche Schlacht
-über die stolzen Franzosen, und nun blieb das Glück seiner Landwehr günstig,
-bis sie bei Möckern Sieger der großen Völkerschlacht wurde.</p>
-
-<p>Der Marschall Blücher blieb der zornige Treiber, und eher ruhte sein
-Ungestüm nicht, bis die Fürsten und Federn seinem Säbel den Weg nach
-Frankreich freigaben.</p>
-
-<p>Er war kein Meister der langen Berechnung, und er liebte die hohe
-Strategie nicht; ein Haudegen nur &ndash; von Gneisenau, seinem Feldherrn,
-mit Umsicht geleitet &ndash; ritt tollkühn ins Feld: aber den fröhlichen Schnauzbart
-liebten die Jungen und Alten, weil er aus uraltem Holz germanischer
-Reiter- und Kriegslust geschnitzt war.</p>
-
-<h3 id="sec10_21">Die Völkerschlacht</h3>
-
-<p>Schlimmes hatten die Völker ertragen, und Krieg war gewesen seit
-Menschengedenken, auf allen Straßen Europas waren die Heere des Korsen
-marschiert, in vielen Hauptstädten hatten die Hörner den siegreichen Einzug
-geblasen: nun ballte der Krieg sich zusammen, einmal ein Ende zu haben.</p>
-
-<p>In Sachsen hatte die Meute das korsische Raubwild gestellt, noch schlugen
-die Tatzen gewaltig, aber schon schweißte die Spur, als es bei Leipzig
-sein letztes Versteck nahm.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_289">[289]</a></span></p>
-
-<p>Von Norden, Süden und Osten bedrängten die Heere das Lager, darin
-der Meister des Schlachtfeldes stand, bereit, seine Gegner zu packen.</p>
-
-<p>Solange die neue Welt war, hatte die Menschheit solche Schlacht nicht
-gesehen, fünfhunderttausend Soldaten brachten ihr Leben, zweitausend
-Kanonen brüllten hinein, meilenweit brannten die Dörfer, meilenweit wurden
-die Felder zerstampft, bis in die brütende Ferne brauste die Erde.</p>
-
-<p>Macht wollte der Macht die Wurzeln ausreißen, aber die Wurzeln
-hingen im Blut lebendigen Daseins: mehr Leichen lagen um Leipzig, als
-in der erschrockenen Stadt Einwohner waren, und das Blut der Erschlagenen
-färbte die sumpfige Pleiße.</p>
-
-<p>Drei Tage lang liefen die Heere an, drei Tage lang spannte der Ring
-seine gewaltigen Kräfte, bis es am dritten Abend gelang, den Höllenschlund
-zu umfassen.</p>
-
-<p>Eine Mühle stand auf dem Hügel hinter Probstheida: da saß zur Nacht
-bei dem flackernden Feuer ein Mann auf dem Feldstuhl, der einmal der
-Herrscher des Abendlandes war.</p>
-
-<p>Er hatte die Fürsten Europas bezwungen und ihre Throne verschenkt
-und hatte die Völker mißachtet; er war aus dem Aufruhr der Freiheit gestiegen
-und hatte die Macht aufgerichtet, nun kam die Freiheit zurück und
-stürzte ihn selbst als Tyrannen.</p>
-
-<p>Denn die auf dem anderen Hügel jenseits Probstheida am Nachmittag
-standen, hoch zu Roß und im blinkenden Kreis ihrer Gefolge, die Fürsten
-von Rußland, Österreich und Preußen, waren nicht seine Besieger.</p>
-
-<p>Sieger war der mächtige Mann, der den Willen des deutschen Volkes
-entflammte zu einer neuen Reichsherrlichkeit, auf den Staatsbürgerwillen
-des freien Mannes, nicht auf die Willkür der Fürsten gebaut.</p>
-
-<p>Nicht darum war es die Völkerschlacht, weil vielerlei Völker dem Fürstengebot
-folgten: die Völker selber rangen darin um Befreiung von einem
-und vielen Tyrannen.</p>
-
-<p>Als der vierte Morgen aufging über dem brennenden Schlachtfeld von
-Leipzig, war das Große getan: die Völker hatten die korsische Schwertmacht
-zerschlagen, der Zwingherr der Macht mußte fliehen, und brausend
-scholl hinter ihm her der Sturmschritt kommender Freiheit.</p>
-
-<h3 id="sec10_22">Caub</h3>
-
-<p>Eine Winternacht hing über dem Rhein, und das alte Gemäuer der
-Pfalz stand bei Caub in den schwarzen Gewässern; da wurde es seltsam
-lebendig, viel hundert Kähne lagen bereit, und es klirrte von Waffen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_290">[290]</a></span></p>
-
-<p>Blücher, der Feldmarschall, wollte zu Neujahr nach Frankreich hinein,
-und noch war der Rhein die Grenze.</p>
-
-<p>Schlesier, Pommern und Preußen füllten die Kähne, und als die ersten
-Schüsse den Neujahrstag weckten, sprangen die bärtigen Männer der Landwehr
-ans Ufer und riefen Hurra, als ob zum andernmal Völkerschlacht
-wäre.</p>
-
-<p>Aber nur Grenzwachen und Zollwächter liefen davon vor den Schüssen;
-denn meilenfern standen die Heere des Korsen im Herzen von Frankreich
-bereit, die Sieger hart zu empfangen.</p>
-
-<p>So war es nur ein fröhliches Fest, das die preußische Landwehr beging;
-Neujahr zwischen den Schlachten; aber im neblichten Morgen wurden die
-Kähne zur Brücke gefügt, und am Mittag begannen die Räder zu rollen.</p>
-
-<p>Ein deutsches Heer ging über den Strom, der einmal die goldene Ader
-der Reichsherrlichkeit war.</p>
-
-<p>Herrschsucht der Fürsten hatte das Reich der Kaiser verzettelt; der
-Rhein der alten Kurfürstenmacht mit seinen Domen, Pfalzen und mächtigen
-Städten war Grenzland geworden, bis ihn die Fürsten des Rheinbunds,
-Vasallen des Korsen, völlig an Frankreich verrieten.</p>
-
-<p>Nun war mit der korsischen Macht auch das Lumpenglück der Rheinbundfürsten
-zerschlagen: Deutschland trat wieder seinen Stammbesitz an,
-über den rheinischen Domen von Köln, Mainz und Straßburg sollte von
-neuem der Reichsadler wehen.</p>
-
-<p>So riefen die freudigen Herzen Hurra, als sie den Boden jenseits des
-Rheins am Neujahrsmorgen betraten; das Elend der Fürsten war aus, die
-Völker und Stämme der Deutschen kamen, die Reichsherrlichkeit neu aufzubauen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_291">[291]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Buch_der_Minister">Das Buch der Minister</h2>
-
-<h3 id="sec11_1">Das Reich</h3>
-</div>
-
-<p>Das Wunder der Völker gelang: die Heere marschierten nach Frankreich,
-und deutsch war wieder der Rhein.</p>
-
-<p>Aber vom Rhein bis zur Elbe lagen die Länder von ihren Fürsten verlassen,
-und das Bauernvolk sah die wilden Kosaken von heute nicht freundlicher
-an als die flinken Husaren von gestern.</p>
-
-<p>Das eroberte Land zu verwalten, war der Reichsfreiherr vom Stein
-eingesetzt von den Siegern; indessen die Bänglichen noch den Atem anhielten
-vor dem kühnen Wagnis im Westen, war er geschäftig, das kommende
-Reich zu gestalten.</p>
-
-<p>Er haßte die Rheinbundfürsten, die nun den Korsen verließen, um ihre
-Throne und Thrönchen zu retten; er war der deutsche Gedanke und wollte
-seine Gestalt, daß von Straßburg bis Memel, von der Etsch bis zum Belt
-wieder ein deutsches Vaterland wäre.</p>
-
-<p>Wie seine starke Hand im Namen der Sieger die Länder aufraffte,
-so sollte bald wieder über den Völkern die starke Reichs- und Kaisergewalt
-sein.</p>
-
-<p>Aber nicht mehr ein Kaiser der Fürsten und die vergoldete Puppe nur
-einer Scheingewalt: eine starke Verfassung sollte ihm zu der Krone das
-Schwert in die Hand geben, und Träger solcher Verfassung sollte die
-einige Volksgewalt sein.</p>
-
-<p>So baute der deutsche Gedanke das Reich, indessen die siegreichen Heere
-in Frankreich das korsische Schreckbild der Fürsten zerschlugen; so träumte
-die deutsche Erhebung noch ihren herrlichen Traum, indessen die Höfe, des
-Schreckbildes ledig, das Ränkespiel ihrer dynastischen Hoffart schon wieder
-begannen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_292">[292]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec11_2">Der Wiener Kongreß</h3>
-
-<p>Die Völker hatten das ihre getan, nun kamen die Fürsten, Ernte zu
-halten; Napoleon wurde nach Elba verbannt, und die Bourbonen brachten
-die Lilie nach Frankreich zurück; den Ländergewinn zu verteilen, beriefen die
-Sieger den Wiener Kongreß.</p>
-
-<p>Da kamen sie alle wieder wie gestern, die gekrönten Häupter der Zeit
-im Gefolge der Bänder und Litzen; Wien, die üppige Herrin des Ostens,
-schaukelte endlich die goldene Wiege der Zeit.</p>
-
-<p>Versailles war leer, und Wien sah die Gäste; da strahlte der Kaiser
-Franz als der bevorzugte Wirt mit den Sälen der Hofburg.</p>
-
-<p>Er war keine Sonne, wie einmal der König von Frankreich den Fürsten
-Europas das Lebenslicht borgte: ein fleißiger Hausvater schrieb seinen
-fürstlichen Gästen die Bälle und Tanzweisen vor, das Fest ihrer Wiederkunft
-fröhlich zu feiern.</p>
-
-<p>Denn wie im Märchen der böse Wolf tot war, und wie die Geißlein
-sprangen und sangen am Brunnen, darinnen das garstige Tier lag, so wollten
-die wiedergekehrten Herren ihr Siegesfest halten.</p>
-
-<p>Nie hatte die Stadt an der Donau solchen Jahrmarkt gesehen, als da
-der Wiener Kongreß im Triumph der wiedergekehrten Vergangenheit die
-Kränze der adligen Herrlichkeit band.</p>
-
-<p>Zwar hatten die Kronen und Fürsten den Völkern vieles versprochen,
-aber das war vergessen mit ihrer Not: Untertan hieß wieder der Bauer
-und Bürger; das Schaubild der neuen Reichsherrlichkeit fraßen die
-Hunde.</p>
-
-<p>Indessen die Fürsten mit ihrem Gefolge die Freuden des Jahrmarktes
-genossen, feilschten Minister und Räte in ihren Buden, den Herren mit
-Ländergewinn die Taschen zu füllen.</p>
-
-<p>Sie waren die neuen Meister der Macht; sie führten den Krieg mit
-Listen und Kniffen, und ihre beißende Eifersucht wachte, daß keinem die
-Beute völlig gelang.</p>
-
-<p>Als über die Bälle des Winters die Märzwinde kamen, waren die
-Mächte im Wiener Kongreß schon wieder feindlich geschieden: hie Rußland
-und Preußen, hie Österreich, England und Frankreich! waren die
-Lager geteilt, und schon fingen die Heere an zu marschieren.</p>
-
-<p>Da kam der Schrecken aus Elba über die tanzenden Fürsten und über
-die Eifersucht ihrer Minister: der Korse hatte die Insel verlassen, und als
-sie noch suchten nach seinen Schiffen und Plänen, war er in Frankreich
-gelandet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_293">[293]</a></span></p>
-
-<p>Der Jahrmarkt in Wien mußte die Buden zumachen; der Hausherr
-konnte nicht mehr den fröhlichen Ballvater spielen; über die Treppen der
-Hofburg liefen verstaubte Kuriere.</p>
-
-<h3 id="sec11_3">Die hundert Tage</h3>
-
-<p>Noch einmal mußten die Völker Europas marschieren, die Fürstenthrone
-zu schützen; schlechten Schauspielern gleich waren die feigen Bourbonen
-aus Frankreich hinaus gelacht worden: in seinen Tuilerien saß wieder
-der Kaiser.</p>
-
-<p>Die Herren in Wien hatten ihm Elba gegeben, als ob der Weltbezwinger
-ein Auszügler wäre; sie hatten um seine Kleider mit gierigen
-Händen gewürfelt, nun schlug die gewaltige Faust in ihr klägliches Spiel.</p>
-
-<p>Der Wolf war zurückgekehrt, und das Geißengeschlecht schrie nach dem
-Jäger; sie waren gekrönt an den Häuptern, aber keiner war Herrscher und
-Fürst wie der gewaltige Mann, der das klagende Kind Europa noch einmal
-auf seinen Stiernacken nahm.</p>
-
-<p>Die Herzen der Völker erbebten bis in den Grund, weil nun die Macht
-wiederkam; sie hörten den eisernen Schritt gehen und sahen den Himmel
-von neuem gerötet.</p>
-
-<p>Aber der eiserne Schritt und die Röte waren nur Untergang; die gewaltige
-Bahn war vollendet, der korsische Tag im Abendland wollte sein
-letztes Abendrot leuchten.</p>
-
-<p>Wohl lief die Garde des Kaisers noch einmal dem Ruhm zu, die Fahne
-von Lodi wurde entrollt, und die Adler von Austerlitz stiegen: aber die Adern,
-einmal von Glück und glorreichen Taten geschwellt, waren entkräftet.</p>
-
-<p>Um das Genie der korsischen Macht war der Zauber der Freiheit gewesen:
-der Zauber war fort und Frankreich war leer, wie das Abendland
-leer war; so konnten die Mächte der Herkunft den Zaubermeister besiegen.</p>
-
-<p>Noch einmal gelang es dem Meister der Schlachten, die Preußen bei
-Ligny zu schlagen, und Blücher der greise Feldmarschall mußte sein Ungestüm
-büßen; aber die preußische Landwehr, durch Gneisenau trefflich geführt,
-vollbrachte das Wunder, am dritten Tag wieder im Feld, auf schlechten,
-verregneten Wegen bei Waterloo siegreich zu sein.</p>
-
-<p>Von seinen Ministern verraten, verlassen von seinem Volk mußte der
-Kaiser zum andernmal in die Verbannung; aber nun sollte der Wolf nicht
-wieder den Geißen das Siegerglück stören.</p>
-
-<p>Eine Insel im Weltmeer, tausend Meilen entfernt von seinen Taten,
-bewacht von englischen Schiffen, wurde dem letzten Kaiser der abendländischen<span class="pagenum"><a id="Seite_294">[294]</a></span>
-Welt sein hartes Gefängnis, indessen die Fürsten zum andernmal
-kamen, den Jahrmarkt der Kronen und Krönchen zu feiern.</p>
-
-<h3 id="sec11_4">Die heilige Allianz</h3>
-
-<p>Das Blut der Völker hatte den Tag der Befreiung gebracht; aber die
-Fürsten, von ihrer Bedrängnis befreit, wußten den Völkern das Morgen-
-und Abendrot frech zu verstellen.</p>
-
-<p>Nie sollte Deutschland wieder der fürstlichen Willkür verfallen, in
-freier Gemeinschaft sollten die Stämme ein Volk, die Länder ein Reich
-sein: so hatte der Reichsfreiherr vom Stein die Erhebung gewollt, so hatte
-sie Fichte mit glühenden Worten verkündigt, so hatten die Wachtfeuer
-von den Bergen geflammt.</p>
-
-<p>Aber die Fürsten in Wien und ihre Minister brauchten das Feuer nicht
-mehr, sie bliesen es aus und dämpften die glühenden Kohlen; sie flickten das
-Bundesgebäude der Fürsten zusammen und stellten ihr Kerzenlicht auf, es
-zu erhellen.</p>
-
-<p>Nur ein Staatenbund sollte das deutsche Vaterland werden; kein Reich,
-kein Kaiser, kein Kurfürst sollte die Fürstenherrlichkeit stören, kein Wappen
-und keine Fahne durften Sinnbilder der Einigkeit sein.</p>
-
-<p>Daß nicht noch einmal ein Aufruhr die Staaten in Unordnung brächte,
-schlossen die Träger der Kronen den ewigen Bund, dazu der Zar aller Reußen
-mit eigener Hand die Worte aufsetzte.</p>
-
-<p>Die heilige Allianz hießen sie selber das Bündnis, als ob die Gestirne
-des Himmels, durch einen Ausbruch der Hölle gestört, nun wieder, durch
-Gottes Gnaden mit fürstlicher Würde beschienen, die ewige Bahn fänden.</p>
-
-<p>Da war die Freiheit auch nur ein Übel aus Frankreich; Freiheit, Verfassung
-und Vaterland, die Aufruhrgedanken der Zeit, hatten den Kampf
-gegen die heilige Herkunft verloren; und Hüter der heiligen Herkunft hießen
-die Fürsten.</p>
-
-<p>So waren die Völker um ihre Hoffnung zwiefach betrogen: Staatsbürgerrecht
-und Verfassung, in fürstlicher Not mit fürstlichen Worten verheißen,
-folgten dem Korsen in die Verbannung; über dem Flickwerk des
-deutschen Bundes glänzten die Kronen und Krönchen der Fürsten, von der
-Gnadensonne der heiligen Allianz eifrig beschienen.</p>
-
-<h3 id="sec11_5">Der Siebenschläfer</h3>
-
-<p>Indessen Jerome, der Bruder des Korsen, als König Lustik in Kassel
-regierte, hatte der Kurfürst von Hessen auf seinen Gütern in Böhmen gewartet;<span class="pagenum"><a id="Seite_295">[295]</a></span>
-als dann im siebenten Jahr seiner Verbannung das Blut der Völker
-die Fürsten von ihrem Zwingherrn befreite, kam auch der Kurfürst nach
-Kassel zurück.</p>
-
-<p>Er war schon ein Greis, als er wiederkam, und stellte die Uhren zurück
-auf die Stunde, da ihn der Korse verjagte: über das Reich und über sein
-Land war das Schicksal mit scharfen Besen gefahren, er hatte in Böhmen
-nichts als den Ärger gespürt, daß ihm ein frecher Franzose, nicht einmal
-fürstlich geboren, sein Eigentum nahm.</p>
-
-<p>Denn daß ihm das hessische Land mit allen Feldern und Häusern,
-Pferden, Bauern und Bürgern als irdisches Erbgut gehörte, das war sein
-fürstlicher Glaube.</p>
-
-<p>So sah er mit Zorn, daß seine Soldaten ihr Haar neumodisch schnitten
-und kämmten, ihm aber war ein Soldat ohne Zopf ein Gaul ohne Geschirr:
-sie mußten ihm wieder mit Zöpfen marschieren.</p>
-
-<p>Gleich dem Zopf der Soldaten gehörte der Frondienst der Bauern seiner
-fürstlichen Weltordnung an: leibeigen zu sein, war ländliche Pflicht,
-und Frondienst zu fordern, war göttliches Recht der adligen Herrschaft.</p>
-
-<p>Und wie den Zopf und den Fron sah der Kurfürst von Hessen jegliches
-Ding; um ein Jahrhundert verirrt, ließ er sein Hessenvolk spüren, daß nicht
-mehr der König Lustik auf Wilhelmshöhe regierte.</p>
-
-<p>Den Siebenschläfer hieß ihn das hessische Volk: als ob er der Bannerherr
-der heiligen Allianz wäre, so wurde nach sieben verschlafenen Jahren
-der Greisenspuk seines Daseins lebendig; der Hochmut und Eigensinn
-fürstlicher Willkür zeigte noch einmal der Welt seine Fratze.</p>
-
-<h3 id="sec11_6">Der Geheimrat</h3>
-
-<p>Es war ein Bücherwurm in Berlin, zu alt für den Krieg, aber in seiner
-Stube ein streitbarer Herr, seines Zeichens Jurist und Professor.</p>
-
-<p>Der sah mit hämischer Seele den Glanz der Erhebung, und wie das
-Feuer die Jugend durchglühte; weil ihm das Feuer gut für die Öfen, sonst
-aber ein höllisches Element war, geriet er in Zorn.</p>
-
-<p>Freiheit und Vaterland hieß er böse Gedanken, gefährlich dem Staat,
-weil sie den Untertan störrisch, begehrlich und unfreudig machten, der
-Obrigkeit Demut, Respekt und Gehorsam zu leisten.</p>
-
-<p>So schnitt der Geheimrat Schmaltz in Berlin seinen Gänsekiel scharf
-und tauchte ihn tief in den Zorn seiner devoten Gesinnung; so schrieb er
-die Schrift, die seinen Namen unlöschbar mit Schande beschmierte.</p>
-
-<p>Da waren die Männer, die Preußen erhoben und Deutschland befreiten,<span class="pagenum"><a id="Seite_296">[296]</a></span>
-Stein, Fichte und ihre Gesellen, Verführer des Volkes; da waren
-Staatsbürgerschaft und Verfassung gefährliches Gift, in die Ohren und
-Herzen der Jugend geträufelt.</p>
-
-<p>Indessen die Tapferen draußen im Feld standen, saß der Professor daheim,
-sie zu schmähen; und als sie einrückten, Sträuße des Sieges an ihren
-Gewehren, empfing sie die schändliche Schrift.</p>
-
-<p>Da schlug ihre Faust auf den Tisch, und ihre Flüche wünschten den
-Schuft an den Galgen; aber der Schuft saß in der Gunst seiner Obrigkeit
-vor ihren Flüchen und Fäusten gesichert, und wo sie das eiserne Kreuz ihrer
-Tapferkeit trugen, hing ihm die goldene Fracht seiner Orden.</p>
-
-<p>Der Geheimrat trat in den preußischen Tag und wurde der Würger
-deutscher Erhebung, fremd allen lebendigen Dingen der Welt, verachtet
-von guten und tapferen Herzen, aber von oben mit Gnaden und Würden
-gesegnet.</p>
-
-<h3 id="sec11_7">Die deutsche Burschenschaft</h3>
-
-<p>Ein Junitag wars, da standen im Gasthof zur Tanne in Kamsdorf bei
-Jena Studenten und hörten dem Sprecher zu; einhundertdreizehn war ihre
-Zahl, der Sprecher hieß Horn.</p>
-
-<p>Er war ein Kieler Blut und sprach von anderen Dingen als sonst ein
-Student; die ihm zuhörten, waren mit hellen Herzen gekommen, von solchen
-Dingen zu hören.</p>
-
-<p>Der große Krieg war ihre Schule geworden und der doppelte Sieg ihr
-Examen; sie hatten es tapfer bestanden, doch da sie den Sieg heimbrachten
-aus endlosen Märschen, heißen Gefechten und brüllenden Schlachten, fanden
-sie keinen Raum, ihn zu betten.</p>
-
-<p>Sie waren Deutsche gewesen im Feld und sollten nun wieder der
-Landsmannschaft dienen, die dem Studenten das Flickwerk der Fürsten
-mit ihren Farben und Feindschaften aufklebte.</p>
-
-<p>Sie waren Männer gewesen im Krieg und sollten nun wieder den Tag
-mit Narrheiten füllen, saufen und singen mit heiseren Kehlen, mit seichtem
-Geschwätz und albernen Streichen die Stunden abstechen.</p>
-
-<p>Sie waren Kämpfer gewesen im täglichen Tod und sollten wieder mit
-Liebesgetändel und lüsterner Buhlschaft dem Leben die trüben Becher leertrinken.</p>
-
-<p>So standen sie tapfer und treu in der Tanne zu Kamsdorf zusammen,
-selber dem Sieg die Räume zu bauen, die ihnen die Heimat versagte: Burschen
-wollten sie bleiben, aber die Burse, darin sie wohnten, sollte das ganze
-Vaterland sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_297">[297]</a></span></p>
-
-<p>Keine landsmännische Feindschaft sollte die Österreicher, Preußen,
-Bayern, Sachsen, Schwaben, Holsteiner, Schlesier, Westfalen und Rheinländer
-trennen: deutsch sollte deutsch sein, von Straßburg bis Riga, von
-der Etsch bis zum Belt; die Farben schwarz, rot und gold, darin sie im
-Lützowschen Freikorps die Freiheit erhoben, sollten die Farben der deutschen
-Burschenschaften bleiben.</p>
-
-<h3 id="sec11_8">Das Fest auf der Wartburg</h3>
-
-<p>Einhundertdreizehn Studenten hatten den Bund bei Jena geschworen,
-bald waren es tausend: die deutsche Burschenschaft wurde im deutschen
-Bund ein Gesang junger Herzen, der immer herzhafter schwoll; ihre Farben,
-schwarz, rot und gold wurden das Banner der Zukunft.</p>
-
-<p>Ehre, Freiheit und Vaterland bekannte ihr Wahlspruch; alles, was jemals
-deutsche Herrlichkeit war, hob seinen stürmischen Blick darin auf
-gegen das Flickwerk der Fürsten.</p>
-
-<p>Als sich die Tage der Völkerschlacht zum viertenmal jährten, klangen
-die Hammerschläge von Wittenberg mahnend hinein: vor dreihundert Jahren
-hatte der blasse Magister sein kühnes Blatt an die Schloßkirchentür
-angeschlagen; der deutschen Burschenschaft sollte das stolze Gedächtnis ein
-Feiertag werden.</p>
-
-<p>Ein Verbrüderungsfest auf der Wartburg wollten sie feiern, ein sichtbares
-Zeichen der bänglichen Zeit, daß in den Herzen der Jugend über den
-Farben und Ländern der Fürsten eine Fahne, ein Vaterland sei.</p>
-
-<p>Ihrer fünfhundert stiegen durch herbstroten Wald den alten Burgweg
-hinauf und füllten das alte Gemäuer mit ihrer lärmenden Freude; die
-Fahne wehte schwarz, rot und golden, und aus dem Rittersaal erscholl der
-brausende Jungmännerschwur, den Schläger blank und den Sinn frei zu
-halten für das einige Vaterland.</p>
-
-<p>Als dann der Abend sank über die herbstroten Wälder, über das alte
-Gemäuer und über die lärmende Freude, als ihrer Viele auf mancherlei
-Wegen heimgingen, stand noch ein Häuflein da oben und wollte den strahlenden
-Tag in die sinkende Nacht ziehen.</p>
-
-<p>Einen Holzstoß ließen sie brennen als Siegesfeier der Völkerschlacht;
-aber das lodernde Feuer rief ihnen den Wintertag wach, da Luther am
-Rand der Welt mit seiner Jüngerschar stand, die Bannbulle zu verbrennen.</p>
-
-<p>So sollten sie alle ins Feuer, die schmählichen Schriften der Schmaltz
-und Genossen; auch eine Schnürbrust brachten sie her von den Preußenulanen,
-einen hessischen Zopf und einen Stock der österreichischen Korporale:<span class="pagenum"><a id="Seite_298">[298]</a></span>
-Schriften und Sinnbilder mußten den Feuertod sterben, und die Wangen
-der Jugend glühten darüber.</p>
-
-<p>Die heldische Tat des Magisters wurde verkehrt in den Übermut hitziger
-Knaben; aber die Flammen fraßen mit gleicher Gier, und als die Asche verglüht
-war, hatte die Burschenschaft übel getan vor dem strengen Blick der
-Minister.</p>
-
-<p>Der Rauch blieb über der Wartburg hängen und schwelte hinüber nach
-Jena; böse Gesinnung, so hieß es, habe ihr Angesicht gegen die Ordnung,
-gegen die Throne und gegen die Fürsten erhoben: der Geheimrat trat auf
-im Zorn, dem Aufruhr anders als mit dem Gänsekiel zu begegnen.</p>
-
-<h3 id="sec11_9">Sand</h3>
-
-<p>Bei dem Feuerstoß auf der Wartburg stand ein Student namens
-Sand heller im Feuer als seine Genossen; er hatte dem Tag die Festschrift
-geschrieben und fühlte sein Leben als Priester der Freiheit geweiht.</p>
-
-<p>Anders als nur mit Worten wollte sein Schwärmersinn wirken: einen
-Dolch und ein Schwert schliff er scharf, mit einer Opfertat sein Leben dem
-Vaterlande darzubringen.</p>
-
-<p>Einen der vielen Verräter der Freiheit sollte sein Dolch treffen; und
-als er zu suchen ausging, fand seine Verachtung keinen, der so erbärmlich
-wie Kotzebue war.</p>
-
-<p>Mit seinen kläglichen Stücken auf allen Theatern gespielt, mit Orden
-und Ehren der Fürsten befrachtet, als deutscher Spion von den Russen bezahlt,
-lebte er recht als die Laus im Pelz der heiligen Allianz sein verächtliches
-Leben; an ihm die geschmähte Freiheit zu rächen, zog Sand zum
-Meuchelmord aus.</p>
-
-<p>Von Jena bis Mannheim mußte er manchen Tag wandern, aber kein
-Pilger war je mit größerer Inbrunst die Wallfahrt gegangen, als er durch
-den schwellenden Frühling dahin ging.</p>
-
-<p>Mitten ins Herz stieß er dem kläglichen Mann seinen Dolch und lief
-auf die Straße hinaus, die Tat zu bekennen, kniete noch zum Gebet, und
-grub das Schwert in die Brust.</p>
-
-<p>Wohl traf er das eigene Herz schlecht und mußte ein langes Jahr leiden,
-bevor ihn der Henker erlöste; aber die Seele des Jünglings blieb standhaft
-und lächelte nur, wenn sie ihm drohten, und starb ohne Reue den
-Scharfrichtertod.</p>
-
-<p>Ein Meuchelmord war in Mannheim geschehen, Herdfrieden mißachtet,<span class="pagenum"><a id="Seite_299">[299]</a></span>
-Jammer der Kinder stand um den ermordeten Vater: aber den
-Mörder traf keine Verwünschung.</p>
-
-<p>Männer und Frauen priesen den Jüngling, empfindsame Seelen weinten
-um sein Geschick, wie sie um Werther weinten; als ob er ein Held und
-der Stolz des Vaterlandes wäre, hing an den Wänden sein Bild, hing
-seine Tat in den Herzen.</p>
-
-<p>Keinem Tyrannen, keinem Minister, nur einem kläglichen Söldling
-hatte der Dolch des Studenten die Rache gebracht; der feilen Gesinnung
-und allen Verächtern der Freiheit sollte die Tat ein Wahrzeichen sein.</p>
-
-<h3 id="sec11_10">Metternich</h3>
-
-<p>Ein Spinnennetz hatte der deutsche Bund über die Länder und Völker
-gebreitet, Fürsten und ihre Minister samt den geheimen Räten hielten dem
-Netz die Fäden gespannt, darin die Kreuzspinne Metternich hing, auf die
-Opfer zu warten.</p>
-
-<p>Er hatte den Wiener Kongreß arglistig geleitet, er war der heiligen
-Allianz Handlanger und heimlicher Lenker: Fürsten und ihre Minister klug
-zu verspinnen, galt ihm die Kunst, darin er die eigene Meisterschaft übte.</p>
-
-<p>Denn Metternich blieb der gelehrige Schüler von Frankreich; was
-Richelieu war und Mazarin wurde, das wollte er ohne ihr Priesterkleid
-sein: Meister der Macht allein durch die List, damit er die Fürsten und
-ihre Schwerter, ihre Ruhmsucht, Habgier und Eitelkeit lenkte.</p>
-
-<p>Er sah nicht den Willen der neuen Zeit, er sah nur die Wege der alten;
-den Aufruhr der Hölle hatten die Mächte der Herkunft gedämpft; und
-ihre eifrigsten Helfer waren die Schwärmer der Freiheit gewesen: nun
-aber sollte ihr tolles Geschwärm nicht länger sein Spinnennetz stören.</p>
-
-<p>Den Mord von Mannheim zu rächen, rief er die deutschen Minister
-nach Karlsbad zur Kur; da saß die Sorge um das bedrohte Leben der Fürsten
-und ihre Minister zusammen, da wußte der arglistige Mann die Angst
-und den eifernden Zorn zu erhitzen.</p>
-
-<p>Den gefährlichen Geist der Zeit auszurotten, der heiligen Ordnung des
-deutschen Bundes die wackelnden Wände zu halten, ihr eigenes Dasein vor
-Mordgefahren zu schützen, kamen die Hausmeister der Fürstengewalt in
-Karlsbad zu ihren Beschlüssen.</p>
-
-<p>Wie der Geheimrat Schmaltz in seiner schmählichen Schrift schrieb, so
-machte es Metternich wahr: nicht länger mehr sollte der Geist der Erhebung,
-nicht länger mehr sollte die deutsche Gesinnung von Stein, Fichte
-und ihren Gesellen den Fürstenbund stören.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_300">[300]</a></span></p>
-
-<p>Als Volksverführer wurden verfolgt, die dem Untertan lockende Bilder
-der Staatsbürgerschaft zeigten; als ein gefährliches Gift, in die Ohren und
-Herzen der Jugend geträufelt, wurde die Lehre verboten, daß über der
-Fürstengewalt das deutsche Vaterland sei.</p>
-
-<h3 id="sec11_11">Ernst Moritz Arndt</h3>
-
-<p>Die Farben der Burschenschaft waren die Farben der deutschen Zukunft
-geworden, schwarz, rot und golden sollten die Fahnen dem Vaterland
-wehen: aber nun kam der Geheimrat und wollte nicht länger das deutsche
-Vaterland dulden.</p>
-
-<p>Die Burschenschaft wurde verboten, und ihre Farben, schwarz, rot und
-golden, wurden verfolgt als Zeichen böser Gesinnung; die Erhebung von
-gestern war die Empörung von heute geworden, die Heerrufer der Befreiung
-hießen Verbrecher.</p>
-
-<p>Ein Heerrufer war Ernst Moritz Arndt wie keiner gewesen; dem
-rügischen Bauernsohn hatte die Luthersche Bibel mit ihren Sprüchen
-und Psalmen, mit ihrer Einfalt und Bilderkraft den Mund aufgetan.</p>
-
-<p>Von den Franzosen verfolgt als der Freund des Freiherrn vom Stein,
-war er dem mächtigen Mann in Rußland ein treuer Begleiter, bis ihn das
-brausende Frühjahr über Tauroggen nach Königsberg rief, Herold der
-Volkserhebung und ihr hell klingender Mund zu heißen.</p>
-
-<p>Er sang die Lieder, die mit der Landwehr nach Frankreich marschierten,
-er sagte der horchenden Zeit die Merkworte vaterländischer Tugend, er
-schrieb dem preußischen Volk den Katechismus der freien Staatsbürgergesinnung.</p>
-
-<p>Nun lehrte sein hell klingender Mund in Bonn die rheinische Jugend,
-aber was einmal sein deutscher Ruhm war, das machte den tapferen Mann
-in Berlin bei den Schranzen verdächtig.</p>
-
-<p>Sie schämten sich nicht ihrer Schande, sie schickten Ernst Moritz Arndt
-die Schergen ins Haus, sie sperrten den deutschen Mund ein wie einen
-Landstreicher und Roßdieb.</p>
-
-<p>Sie klagten den Sänger der deutschen Befreiung des Hochverrats an,
-und als ihre Niedertracht nichts an der reinen Erscheinung vermochte, als
-sie den Mann freilassen mußten, versagten sie Ernst Moritz Arndt, dem
-Professor, dennoch sein Amt.</p>
-
-<p>Im Namen des Königs wurde das Unrecht getan; Undank und Dummheit
-und Niedertracht waren im Namen des Königs von Preußen verschworen,<span class="pagenum"><a id="Seite_301">[301]</a></span>
-der deutschen Seele so kläglichen Frevel, dem Gedächtnis der
-deutschen Erhebung gemeine Schmach anzutun.</p>
-
-<h3 id="sec11_12">Der Turnvater Jahn</h3>
-
-<p>Als Deutschland noch in der Fremdherrschaft war, als die Franzosen
-in Preußen regierten, hatte der Turnvater Jahn die Jugend auf seinen
-Turnplatz gebracht.</p>
-
-<p>Jedermann sollte &ndash; so rief seine begeisterte Lehre &ndash; wie es in Urväterzeit
-war, wieder geschickt sein, die Glieder zu rühren; die Leibesübungen sollten
-ein anderes Volk als das der Schuster und Schneider, der Schreiber und
-Händler erziehen: der Turner sollte wieder der deutsche Jüngling und Mann
-sein, in der geübten Kraft seines Leibes und in der Zucht seiner Sitten.</p>
-
-<p>Tausende waren dem Ruf des neuen Propheten gefolgt; die Turner
-brachten dem Heer der Befreiung die tüchtigsten Streiter, und in der deutschen
-Burschenschaft galt Turnerei das Brot des tüchtigen Lebens.</p>
-
-<p>Aber Turner sein hieß nach dem schwärmenden Wort des Propheten
-das deutsche Vaterland lieben, und vaterländisch hieß dem Geheimrat ein
-verdächtiger Untertan sein.</p>
-
-<p>Auch war der Turnvater Jahn ein lärmbegeisterter Mann, er liebte die
-Trommeln und Pfeifen, er liebte das tönende Wort und war in Gang und
-Gebärden, auch in der seltsamen Kleidung der Mann, den Geheimrat zu
-reizen.</p>
-
-<p>So kamen die Schergen nachts über ihn her und schleppten ihn fort auf
-die Festung; als das gefährliche Haupt der vaterländischen Verschwörung
-galt er dem frommen Geheimrat, der Mord in Mannheim sollte der erste
-Beweis seines Hochverrates sein.</p>
-
-<p>Sechs Jahre lang mußte der Turnvater Jahn seinen deutschtümelnden
-Überschwall büßen, von Festung zu Festung geschleppt, in hundert Verhören
-geplagt, von gemeinen Anklägern verdächtigt, empfing der treudeutsche
-Mann den Dank seines Königs.</p>
-
-<p>Gestern noch von der Gunst der Regierung besonnt, wurden die Turnplätze
-geschlossen; Turner hieß dem Geheimrat Demagoge sein, und Demagogie
-war sein Mirakel, damit er die Fürsten und Höfe in Schrecken, sich
-aber hoch in der Gunst und die gemeine Gesinnung zur Macht brachte.</p>
-
-<h3 id="sec11_13">Der Kirchhof</h3>
-
-<p>Der König von Preußen, einfältig und karg, hatte das Wort seiner
-Not vergessen, wie eine geringe Seele das heiße Gelöbnis der Wallfahrt<span class="pagenum"><a id="Seite_302">[302]</a></span>
-vergißt; Stein, das verdrießliche Alter, saß an der Asche all seiner stolzen
-Gebäude; Kamptz, der neue Geheimrat in Preußen, drehte das knarrende
-Rad seiner Stunde.</p>
-
-<p>Wer von der deutschen Burschenschaft war, den jagten die Hunde:
-Wir hatten gebaut ein stattliches Haus! sangen sie scheidend in Jena,
-dann waren sie Freiwild für schuftige Büttel und Richter.</p>
-
-<p>Daheim und in Herbergen, bei Verwandten und Freunden, wurden sie
-wie Verbrecher gefangen und wie Verbrecher durch Kälte und schlimmere
-Leiden zur Hauptstadt gebracht, wo die Hausvogtei war mit ihren gefürchteten
-Kammern.</p>
-
-<p>Jahrelang harrten sie da auf den Spruch des Gerichts; Verhöre und
-falsche Gerüchte, leere Tage und lauernde Nächte, törichte Hoffnung und
-graue Enttäuschung zogen die grausame Zeit hin, bis endlich das Urteil,
-verlogen und feig wie die Richter, den Tag der Verzweiflung brachte.</p>
-
-<p>Zum Tode verurteilt, zur Festung begnadigt, um ihre Jugend und ihre
-Mannheit gebracht, mußten die Opfer geheimrätlicher Rachgier den Übermut
-büßen, daß sie ans deutsche Vaterland glaubten.</p>
-
-<p>Und wie den Burschen geschah es den Männern der Zeit; bis in die
-Tage der Fremdherrschaft spürten die Richter zurück, längst war die Freiheit
-der Rede und Schrift verschüttet, Willkür, Verleumdung und Machtwahn
-regierten den Tag, von Spionen war jedes Dasein umstellt.</p>
-
-<p>So brachen die Fürsten ihr Wort, verhöhnten Minister den Glauben
-der Völker, so blies der deutsche Bund von Metternichs Gnaden der deutschen
-Verfassung das Lebenslicht aus, so wurde dem Reich der kommende
-Tag auf den Kirchhof getragen.</p>
-
-<p>Einmal war brausender Frühling gewesen, durch Opfer und Blut,
-durch Märsche und Siege hatten die Rosen der Hoffnung in tausend Herzen
-den kurzen Sommer geblüht: nun hatte der Herbst die Fäule gebracht,
-kahl stand das dürre Geäst, in den gefrorenen Blättern am Weg rauschte
-Novemberwind über den Kirchhof.</p>
-
-<h3 id="sec11_14">Der Biedermaier</h3>
-
-<p>Indessen dem deutschen Geist solches geschah, hatte der Bürger in seiner
-Stube gesessen; er hatte das seine bescheiden gesichert, und mehr als
-Bescheidenheit ging ihn nicht an.</p>
-
-<p>Auch war nach den Jahren des Aufruhrs die Ordnung der alten Zeit
-wiedergekommen, wie Untertanengesinnung die Ordnung gewohnt war.</p>
-
-<p>Die Stände sauber getrennt, und die Krone glänzte darüber; denn er<span class="pagenum"><a id="Seite_303">[303]</a></span>
-liebte den Landesherrn und war ihm in Demut gehorsam, auch wenn er am
-Prügelstock ging; und wie ihm von oben geschah, so ließ er nach unten
-geschehen.</p>
-
-<p>Er war der Frau und den Kindern, mehr noch dem kleinen und großen
-Gesinde der Hausherr, wie es der Fürst seinem Lande war: er durfte poltern
-und großtun wie er, er durfte befehlen wie Einer, und alles, was unter
-ihm war, mußte gehorchen.</p>
-
-<p>Verfassung und Vaterland schierten ihn wenig: sein Vaterland war,
-wo es ihm gut ging, und von Verfassung zu reden, hieß ihm, den Teufel
-des Aufruhrs noch einmal beschwören.</p>
-
-<p>Seine Väter waren Pietisten gewesen, aber er hatte erfahren, daß es
-nicht gut sei, gegen den Obrigkeitsgott noch einen andern zu haben; denn
-der Landesherr war auch die oberste Kirchengewalt, und dem Landesherrn
-hieß es gehorchen.</p>
-
-<p>Auch hatte die Aufklärung bei seiner Taufe Pate gestanden: Himmel
-und Hölle gönnten dem Erdentag seine schmackhaften Früchte, wenn er
-nicht unbescheiden oder gar unverschämt war.</p>
-
-<p>Denn auch der Herrgott war ein vernünftiger Mann und ließ den
-Biedermann gelten; er konnte wohl kollern mit Donner und Blitz &ndash; und
-es war gut, dann die Hände zu falten &ndash; aber nachher war wieder blauer
-Himmel, wie es beim Landesherrn und auch bei ihm selber, dem Hausherrn
-war.</p>
-
-<p>So baute der biedere Bürger die Welt auf vier Pfähle, statt in die
-Wolken; er konnte wohl schmälen, aber nicht unzufrieden sein, weil alles
-gottgewollt war: der Fürst wie der Bürger, der Junker und der Minister,
-die geheimen Räte und ihre Polizei; nur, daß die adligen Herren zu wenig
-Steuern bezahlten, schien ihm nicht richtig.</p>
-
-<p>Schiller in Jena war längst gestorben, und Goethe in Weimar hatte
-für ihn nie gelebt; wenn seine Tochter ein Buch las, war es von Clauren,
-und wenn er ein Stück sah mit seiner sonntäglichen Hausfrau, stand
-Kotzebue auf dem Zettel; nur die gebildete Tante aus Prenzlau schwärmte
-noch von Jean Paul, aber die hatte auch sonst die altdeutschen Grillen, gar
-in der Kleidung.</p>
-
-<p>Denn daß ihm die Vaterlandsschwärmer auch noch den altdeutschen
-Rock vorschreiben wollten, das war von all ihren unnützen Dingen das
-albernste für den Bürger; er wußte genau, was sich schickte für einen geachteten
-Mann, der seinen Meisterbrief von der Zunft und als Presbyter
-seinen Kirchenstuhl hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_304">[304]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec11_15">Goethe stirbt</h3>
-
-<p>Dumpfes Gerücht und totes Licht lag über dem Land der neblichten
-Wälder, als Goethe in Weimar die göttlichen Augen zumachte.</p>
-
-<p>Er hatte den Korsen gesehen und hatte Blücher die rühmende Grabschrift
-geschrieben; Erhebung der Völker und Undank der Fürsten waren
-vor seinem Geist wie Wolken am Abend gewesen.</p>
-
-<p>Er sah in die Zeit, wie ein Vogel aus seliger Bläue über die Dächer und
-Gassen, über die Wiesen und ihre Silbergewässer, über die Bergwälder,
-tief in die Wolkengebilde blinkender Seespiegel sieht.</p>
-
-<p>Er sah die lastende Schwere und sah den blutroten Glast, aber sein Herz
-wartete gläubig der Sterne.</p>
-
-<p>Ihm war sein Volk nur ein Blatt im Kranz der Völker auf Erden; er
-liebte das Blatt als das seine, aber er flocht an dem Kranz mit unermüdlichen
-Händen.</p>
-
-<p>Ihm hatte Prometheus das Feuer gebracht, und er hielt es dem Menschengeist
-wach; nicht wie Schiller die Fackel der Freiheit zu tragen, stürmte
-er hin: dem Herdfeuer der Menschheit diente er treu und geduldig wie der
-Priester dem Opferaltar.</p>
-
-<p>Als er die göttlichen Augen zumachte, stand seine Flamme steil in der
-Stille und war nur noch ein fernes Licht für sein Volk.</p>
-
-<p>Sie hatten den Wertherjüngling vergessen, und den greisen Faust kannten
-sie nicht; so fiel keine Trauer über das Land und keine Furcht in die
-Herzen.</p>
-
-<p>Nur wo ein Kerzenlicht brannte, wo einer Seele die Kammer weit
-wurde, weil die Gestalten des Dichters durch ihre Einsamkeit gingen, zuckte
-die Flamme in den gewaltigen Schatten.</p>
-
-<p>Der Zaubermeister von Weimar war tot, der all dem blühenden Leben,
-der Weisheit und Schönheit der Worte, der Wahrheit und Hoheit ihrer
-Gebärden Gottvater war.</p>
-
-<p>Die Schöpfung stand still, die aus dem Sechstagewerk kam mit anderen
-Bergen und Bäumen, anderen Nächten und anderen Sternen und
-anderen Menschen, als sie die Täglichkeit kannte.</p>
-
-<p>Der Menschengeist hatte sein Angesicht gläubig und stark gegen die
-Gärten der Götter erhoben, er hatte sich selber auf die verlassenen Throne
-gesetzt: nun ging er schlafen, weil seinem übermenschlichen Tun die Müdigkeit
-kam.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_305">[305]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec11_16">Das Volk der Denker und Dichter</h3>
-
-<p>Von der Maas bis zur Memel, von der Etsch bis zum Belt war ein
-Kirchhof, Deutschland hieß den verdrossenen Herzen kein Vaterland mehr.</p>
-
-<p>Willkür und Wortbruch der Fürsten hatte das tote Gespenst der Verfassung
-eingesargt und begraben; der fromme Geheimrat stand mit gefalteten
-Händen dabei.</p>
-
-<p>Gottlosigkeit habe &ndash; so sagte der fromme Geheimrat &ndash; das Fieber der
-Wünsche gebracht, Rechtgläubigkeit würde das Fieber ausheilen; oberste
-Staatsbürgerpflicht solle der Kirchgang sein.</p>
-
-<p>Thron und Altar, als Kaiser und Kirche Schicksalsgewalten, mußten
-dem Staat die Stützbalken halten, der aller Vergangenheit bar kläglich am
-Abhang der Gegenwart klebte.</p>
-
-<p>Doch hatte das Blut der Wünsche zu heftig gefiebert, und stärker begann
-die heimliche Ader zu rinnen, daraus die Kraft des entrechteten Volkes
-dahin floß.</p>
-
-<p>Goldene Ernten hielten die Reeder in Bremen und Hamburg, indessen
-die deutschen Landschaften mehr Menschen über das Weltmeer verloren,
-als Krieg und Seuchen sonst hingerafft hatten.</p>
-
-<p>Goethe und alle Guten hatten gewirkt, daß Größe und Würde den
-deutschen Namen umklängen, aber das Volk blieb stumm und geschlagen.</p>
-
-<p>Das Volk der Denker und Dichter! so hatte der Hochmut an seine Tore
-geschrieben: Dichter und Denker waren die Stimme der Freiheit gewesen;
-die Ohren hatten den Deutschen geklungen, aber lebendig wurden sie nicht.</p>
-
-<p>Die danach der deutschen Seele gläubige Schatzhalter waren, gingen
-als Pfarrer, Lehrer und Richter treu in die Täglichkeit ein, aber als Dichter
-und Denker und Hüter des ewigen Lebens saßen sie in der Verbannung.</p>
-
-<h3 id="sec11_17">Die schwäbischen Dichter</h3>
-
-<p>Aus schwäbischer Enge war Schiller geflohen, und Hölderlin hatte das
-Land seiner Seele nicht in der schwäbischen Heimat gesucht; als aber der
-flammende Braus von Jena ausgelöscht war, fing Tübingen an, bescheiden
-im Dunkel zu leuchten.</p>
-
-<p>Kein Musenhof stand hinter dem Tübinger Stift, und keine allmächtige
-Hand hielt ihm die Tage geweitet wie Goethe in Weimar; es war der Garten,
-die schwäbischen Pfarrer zu züchten, aber die Frucht gedieh zu seltsamen
-Blüten.</p>
-
-<p>Hölderlin war ein Stiftler gewesen; als sein herrlicher Geist sich in<span class="pagenum"><a id="Seite_306">[306]</a></span>
-heilige Höhen verstieg, lebte sein Körper die langen Jahrzehnte in Tübingen
-hin, und noch das leere Gefäß seiner umnachteten Seele war ein Heiligtum
-unter den Menschen.</p>
-
-<p>Die schwäbischen Jünglinge sahen die Göttergestalt bei Tischlersleuten
-sanft und geduldig ihr Erdenlos tragen; sie sprachen die großen Gesänge
-und ahnten die ewige Waltung in seinem Geschick.</p>
-
-<p>Nie wieder kam einer von seiner Art, sie waren alle aus Schwaben gebürtig
-und blieben der Heimat verbunden; aber sie standen in seiner heiligen
-Zucht und nahmen das Bild der hohen Erinnerung mit, wenn sie gingen:
-daß alle Dinge des Tages nur bunter Schein vor dem ewigen Sein, daß
-alle irdischen Ziele der Seele nur Wegweiser wären.</p>
-
-<p>So wuchs am Tübinger Stift ein neues Geschlecht in Schwaben, das
-wieder wie einmal die Griechen in edler Bildung dahin ging, obwohl es die
-engen Wege der Heimat nicht überschritt.</p>
-
-<p>Sie hatten alle ein Amt, sie waren Pfarrer und Lehrer, Ärzte und Richter,
-sie dienten dem Tag bescheiden und treu; aber wie einmal Hans Sachs,
-der Nürnberger Schuhmacher tat, pflegten sie eifrig den Meistergesang;
-und einige wurden Dichter geheißen:</p>
-
-<p>Ludwig Uhland, der aufrechte Mann und Meister am Dombau der
-deutschen Gesinnung, der seine Lieder wie Luther sang, aus reinem Gemüt
-mit reinem Wort und abhold allen romantischen Künsten, ein deutsches
-Herz und ein Protestant.</p>
-
-<p>Justinus Kerner, der Doktor in Weinsberg, den Rätseln des Lebens
-hellsichtig nah und dem Tod wie ein Bruder vertraut; Gustav Schwab,
-der geistliche Herr in der schwäbischen Hauptstadt, in allen Dingen der
-Bildung zuhause, plauderfroh sagend und singend; Wilhelm Hauff, der
-schwärmende Jüngling und frohe Phantast, mit glücklichen Händen vielerlei
-greifend und manchmal der Meisterschaft nah.</p>
-
-<p>Sie reichten nicht an den Himmel, da Hölderlins Stern im milden
-Glanz stand, sie blieben Diener der schwäbischen Erde, aber den Sternen
-ehrfürchtig zugewandt; und allen gelang es, den Liederschatz der deutschen
-Seele zu mehren.</p>
-
-<h3 id="sec11_18">Mörike</h3>
-
-<p>Nur Einem hatten die Nornen die silberne Spindel in seine ärmliche
-Wiege gelegt, nur Einem wurde die Enge zum Schicksal, das er mit stolzer
-Bescheidung bezwang.</p>
-
-<p>Vikar an mancherlei Orten, zu Cleversulzbach im Unterland Pfarrer,
-dann kränkelnd in Mergentheim, fünfzehn Jahre lang als Lehrer in Stuttgart<span class="pagenum"><a id="Seite_307">[307]</a></span>
-geplagt und dreizehn danach auf seinen Tod wartend: trug Eduard
-Mörike recht wie ein Stiftler sein irdisches Leben.</p>
-
-<p>Ein zarter Jüngling wurde ein kränklicher Mann und ein Greis, von
-den Nöten des Alters geplagt; eine gläserne Seele, zart und zerbrechlich,
-mußte ein langes Leben aushalten, bevor ihr der Tod den dünnen Stengel
-abbrach.</p>
-
-<p>Aber die gläserne Seele, zart und zerbrechlich, nahm ihre irdische Enge
-hin, wie eine Blume im Garten den Lärm spielender Kinder, Hundegebell
-und Hammerschlag aus der Schmiede, Rädergerassel und Glockengeläut
-still übersteht.</p>
-
-<p>Der säuselnde Wind sang in das Lied ihrer steigenden Säfte; die Sterne
-der Nacht, ihre ewigen Schwestern, standen im Schlaf ihr zu Häupten,
-und ihre Mutter, die Sonne, küßte sie wach in den Morgen.</p>
-
-<p>Da war der irdische Tag nur die bunte Verkleidung, darin sie mit ihren
-Wurzeln und Säften, mit ihrem schwellenden Kelch und der leuchtenden
-Blüte ein dankbares Kind der ewigen Wiederkunft war.</p>
-
-<p>So machte der kränkliche Pfarrer im schwäbischen Unterland seine Gedichte;
-eine unsterbliche Seele war ihrer Wirklichkeit froh in der schlichten
-Verkleidung, ein Sendling der Ewigkeit ging durch den Tag, staunend und
-stolz seiner Demut.</p>
-
-<p>Da wurden ihm alle Dinge dankbar vertraut, und allen sprach er den
-zärtlichen Gruß seiner Seele; die Freuden trank er, wie einer den Trunk
-auf der Wanderschaft nimmt, die Leiden hob er wie Spinngeweb auf und
-ließ sie im Sonnenschein schimmern.</p>
-
-<p>Nie wieder nahm Einer die kleinen Dinge so innig zur Hand, nie
-streichelte Einer das Leben so dankbar, dem es im Tiefsten so fremd war.</p>
-
-<p>Nur einmal verriet er die Herkunft, als Weyla, das göttliche Kind
-seiner Seele, Orplid die Heimat besang, als Könige kamen, seiner Gottheit
-Wärter zu sein.</p>
-
-<h3 id="sec11_19">Stifter</h3>
-
-<p>Dem Pfarrer in Cleversulzbach lebte ein heimlicher Bruder in Österreich,
-seines Zeichens ein Schulrat in Linz, Adalbert Stifter geheißen.</p>
-
-<p>Der Sohn eines böhmischen Leinewebers war mühsam zur Bildung
-gekommen; unschlüssig und keiner Zukunft gewiß hatte der Jüngling in
-Wien studiert; als er kein Ende fand, mußte er Hauslehrer sein, bis er,
-schon grau, durch vermögende Freunde als Schulrat in Linz ein erträgliches
-Amt fand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_308">[308]</a></span></p>
-
-<p>Fünfzehn Jahre lang hielt er sein Amt aus, dann nahm er den Abschied,
-sich selber zu leben; aber der Tod erlöste ihn bald aus der Plage.</p>
-
-<p>So lag die Pflicht auf dem Leben Adalbert Stifters, als die Sorge
-nicht mehr darin war, und peinigte ihn, der einen Libellensinn hatte und
-eher ein Landfahrer war denn ein Beamter; aber die tägliche Pflicht und
-alle Verstimmung leer gedroschener Stunden reichten nicht auf den Grund,
-wo der Dichter unterirdisch im Glück war.</p>
-
-<p>Adalbert Stifter hatte in Wien malen gelernt, und wie ein Maler sein
-Bild wohl aus der Wirklichkeit nimmt, aber die Bäume und Bäche, die
-Menschen darin und das Gewölk über den Fernen in seinen Farbengrund
-senkt, daß alles, was einzeln war, Einheit gewinnt in der Fülle des Ganzen:
-so malte sein Wort die sanften Gebilde.</p>
-
-<p>Er konnte von einem Schicksal berichten, wie einer den Mittag mit all
-seiner lodernden Glut im blanken Seespiegel sieht: gestern und heute waren
-eins; alles, was Gegenwart schien, war schon gewesen, wenn seine Sinne
-es sahen, und alles Vergangene stand wieder zur Gegenwart auf, wenn
-seine Gedanken es fanden.</p>
-
-<p>Denn jenseits von Zeit und Raum war die Seele ein Spiegel des
-ewigen Anblicks; was sie verband, war ewig verbunden, und was ihr Gedächtnis
-behielt, war ewig getrennt vom Versunkenen.</p>
-
-<p>Darum waren die Bücher des Schulrats in Linz seltsam mit Dingen
-gefüllt, die, allen bekannt, unsagbar fremd erschienen, wie ihre Einzelerscheinung
-in seinen Schwarzspiegel versenkt war:</p>
-
-<p>Rot hieß nicht rot, und blau hieß nicht blau, und dennoch stand alles
-in farbiger Glut; wie ein Kind durch buntes Glas die Welt unheimlich
-fremd und dennoch mit all ihren Dingen vertraut, staunend betrachtet.</p>
-
-<h3 id="sec11_20">Hebbel</h3>
-
-<p>Goethe war tot und sein gewaltiges Werk wurde noch nicht lebendig,
-Heinrich von Kleist war vergessen, Stifter und Mörike blieben dem deutschen
-Volk unbekannt: da wuchs zum andernmal ein Gewaltiger auf, mit
-seiner Dichtung das Höchste zu wagen.</p>
-
-<p>Zu Wesselburen im friesischen Land hielt sich der Kirchspielvogt einen
-Schreiber, Friedrich Hebbel geheißen, das Kind armer Leute; aber dem
-Knaben, schüchtern und ungelenk, wuchsen die blonden Haare um eine hohe
-Stirn, die von anderen Dingen als seinem täglichen Schreiberdienst
-voll war.</p>
-
-<p>Sieben Jahre lang schrieb er tagsüber um kärglichen Lohn bei dem<span class="pagenum"><a id="Seite_309">[309]</a></span>
-Vogt, sieben Jahre lang aber gehörten die Nächte dem Dichter, der in dem
-friesischen Maurersohn mit schneidenden Schmerzen zur Welt kam.</p>
-
-<p>Als ihm dann endlich die Tür aufgemacht wurde, als ihm Amalie
-Schoppe altjüngferlich half, nach Hamburg zu kommen, als er in München
-und Heidelberg wie ein Kolkrabe unter dem bunten Gevögel der andern Studenten
-in die Hörsäle ging: hielt die Wohltätigkeit seine Armut am Leben.</p>
-
-<p>Sie verließ ihn auch nicht, als sein Trauerspiel von der biblischen Judith
-offenbar machte, daß wieder ein großer Dichter in Deutschland war, daß
-in der Gewalttätigkeit seiner Figuren ein Riesengeist seinen Schritt maß.</p>
-
-<p>Das Schicksal hatte den Dichter um seine Jugend gebracht, er trat als
-Mann in die Welt: das Jünglingsfeuer konnte an ihm nicht mehr entbrennen,
-wie es vordem an Schillers Räubern entbrannte, und die Männer
-der Zeit fand er als dumpfes Geschlecht.</p>
-
-<p>So mußte Hebbel den Weg einsam beginnen, und niemand holte ihn
-ein, bis er im Felsengebirg seiner Höhe sich abseits der Zeit, abseits der
-Liebe, abseits der Ehrfurcht trotzig allein fand.</p>
-
-<p>Einmal rief er zurück, als er den Menschen seiner Zeit den Meister
-Anton hinstellte, als er die Kleinbürgerwelt in sein bitterstes Stück ballte,
-ihre Enge und seine Herkunft zermalmend.</p>
-
-<p>Aber die seine Stimme vernahmen, wichen erschrocken vor seinem Ingrimm
-und seiner grausamen Kälte zurück, weil sie die Sehnsucht darin
-nicht verstanden.</p>
-
-<p>So stürmte er weiter ohne Genossen und schrieb, schon im Geleucht der
-Firnen, das Hohelied der Keuschheit, als er Gyges und den entweihten
-Ring vor den Richterstuhl stellte.</p>
-
-<p>Als er zuletzt, seinem Volk in der dumpfen Gegenwart fremd, in die
-Ferne der Herkunft hinein blickte, ritten am Himmelsrand hin die gewaltigen
-Recken der Nibelungen zu ihrem Blutfest in Ungarn.</p>
-
-<p>Was keiner zu wagen vermessen sein konnte, er tat es: er rief die Gewaltigen
-an samt ihrer Riesenfrau Schwester Kriemhild und bannte die
-Schatten auf seine Bretter.</p>
-
-<p>Seit Goethe den Faust rief, seit Kleist die homerischen Helden beschwor,
-wurde nicht mehr so Großes gewagt: die Zeit kam und staunte in
-ihre riesige Herkunft, aber sie konnte aus ihrer Kleinheit die Größe nicht
-mehr ermessen.</p>
-
-<p>Wie ein Kolkrabe unter dem bunten Gevögel der jungdeutschen Dichter
-stand Hebbel, als er sein Tagebuch schrieb: sein Riesengeist fand sich selber
-zuletzt als Genossen; es schauerte ihn vor den eigenen Blättern, wie seine
-Seele allein in der Zeit und seinem Volk war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_310">[310]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec11_21">Grillparzer</h3>
-
-<p>Als Hebbel nach Wien kam, war Grillparzer schon in die Stille gegangen;
-der Dichter von gestern wollte nicht mehr in der Gegenwart sein.</p>
-
-<p>Schiller und Goethe und die Romantik hatten in seine Jugend geleuchtet,
-und wie ein Steinboden im Licht der Glasfenster glüht &ndash; alle
-Farben trinkt sein graues Gestein aus den Scheiben und macht ein sanftes
-Spiel aus der Glut &ndash; so war seine Dichtung ein Abglanz.</p>
-
-<p>Aber Grillparzer war ein Österreicher Kind, und die Kaiserstadt legte
-den Abglanz des Dichters auf köstlichen Marmor, daß keiner die Glasfenster
-sah, nur noch den sanften Schein auf den Fliesen und seine vielfarbige
-Kühle.</p>
-
-<p>Medea, Sappho und Hero, all seine Frauengestalten waren wohl Töchter
-der Iphigenie; aber im Hause Maria Theresias hatten sie irdischer
-schreiten, lächeln und leiden gelernt als ihre erhabene Mutter in Weimar.</p>
-
-<p>Auch hieß ein Dichter in Wien anders, als sonst im Reich, ein Schildhalter
-der alten Herrlichkeit sein; denn Wien war die Habsburger Hofburg:
-wie einmal der britische Dichter die Dramen der Könige schrieb, wollte
-Grillparzer den Habsburger Kaisertraum auf die Schaubühne bringen.</p>
-
-<p>Aber den Herren der Hofburg gefiel solcher Bühnenruhm nicht; in
-Wien ein Österreicher hieß eine Maske Metternichs sein; weil er zu hochmütig
-war, sich zu verstecken, und zu schwach, sich zu zeigen, ging er beiseite.</p>
-
-<p>Denn weder ein Mann seiner Zeit wie Uhland, der wackere Schwabe,
-noch seiner ewigen Sendung gewiß in stolzer Bescheidung wie der Pfarrer
-in Cleversulzbach, war Grillparzer, der Dichter in Wien.</p>
-
-<p>Vergrollt und von Grillen geplagt, wurde er alt; als die Glut der
-Fenster verblaßte, schwand auch der Abglanz auf seinen marmornen Fliesen
-dahin; der einsame Dichter in Wien wurde vergessen, bis ein später Ruhm
-den Spätling wieder ans Tageslicht brachte.</p>
-
-<h3 id="sec11_22">Schopenhauer</h3>
-
-<p>Als Goethe ein Greis und fast schon ein Götterbild war, fand er Gefallen
-an einem Jüngling, der ihm als der Sohn einer schreibenden Dame
-in Weimar über den Weg kam: Schopenhauer geheißen und Schüler des
-großen Immanuel Kant.</p>
-
-<p>Der Jüngling hatte freilich den Weisen von Königsberg nicht mehr
-gesehen, aber in seinen gewaltigen Schriften die Heimat erkannt, darin er
-sich einzig als Erbhalter fühlte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_311">[311]</a></span></p>
-
-<p>Wohl standen Fichte, Hegel und Schelling im Reichtum der Kantischen
-Erbschaft geehrt, er aber hieß sie Erbschleicher und Fälscher; wie ein
-Prinz mündig wird, kam er, im Reich der Wahrheit der rechte Thronfolger
-zu heißen.</p>
-
-<p>Alle Erscheinung der Dinge &ndash; so hatte der Meister gelehrt &ndash; ist nur
-das Blendwerk der Sinne; in Zeit und Raum eingehängt, vermag die
-Erfahrung keine Erkenntnis zu bringen über das Ding jenseits der Sinne,
-über das Wesen der Welt.</p>
-
-<p>Die Welt als Vorstellung nannte der Schüler den Schein, er aber
-wollte im Schein das Wesen benennen, und er hieß es die Welt als Wille.</p>
-
-<p>Der Wille allein war der Schlüssel zum Wesen, der Wille war frei in
-der Ursächlichkeit aller Dinge, aus ihm allein kam Erkenntnis, das Rätsel
-der Sinne zu lösen, weil er der ewige Antrieb, weil er das Leben im Schein,
-die Seele im Sinnbild der Welt war.</p>
-
-<p>So wollte der Schüler den Schleier der Maja durchleuchten, den der
-Meister als Blendwerk der Sinne erkannte; so glaubte sein Eifer den Spiegel
-der Wahrheit zu halten, darin er sein Ich und sein Du in einem erblickte.</p>
-
-<p>Weil ihm ein irdisches Wort den Schlüssel zur Welt gab, dachte er
-seine Gedanken diesseits und brauchte nicht schwindelnden Pfades im Jenseits
-zu irren; aber die Zeit war im Jenseits befangen, und die der Jüngling
-Fälscher und Erbschleicher nannte, regierten trotz seinem Zorn.</p>
-
-<p>Er hatte sein Tagwerk zu früh getan und mußte in Einsamkeit warten;
-wie Buddha zu den Brahmanen hatte sein Mund die Weisheit der Erde
-gegen den Himmel der Priester gesprochen, aber ihm fehlten die Jünger.</p>
-
-<p>In seinen Wünschen &ndash; dies war seine Lehre &ndash; waren dem Menschen die
-Wurzeln des Guten und Bösen verstrickt, das Leben mit Wirrsal zu füllen:
-seinen Willen verneinen, hieß auch vom Leiden erlöst werden.</p>
-
-<p>Denn wollen hieß leben, und leben hieß noch im Blendwerk der Wünsche
-verbannt sein: der Weise ging, durch Erkenntnis das Nichts seiner
-Wünsche, aber das All seiner Stille zu finden.</p>
-
-<p>Der so im Abendland lehrte, uralte Erkenntnis der Erde gegen den
-Himmel der Priester, war seiner irdischen Weisheit kein Weiser; grimmig
-und germanischer Streitlust stachlig wie ein Igel, schaffend und scheltend
-saß er sein Leben lang in Frankfurt am Main, den Aufgang seines Werkes
-zu erwarten.</p>
-
-<p>Als ihm das Alter endlich den Ruhm brachte, war seine Stirn zu müde,
-den Lorbeer zu tragen; aber die Greisenhände streichelten noch an den wintergrünen
-Blättern, ehe er bitter lachend dahin fuhr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_312">[312]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec11_23">Die Nazarener</h3>
-
-<p>Deutsche Jünglinge kamen nach Rom, schwärmenden Sinnes und
-ihrem Vaterland tief abgewandt; denn mehr als je wirkte Winckelmanns
-Lehre, daß nur in südlicher Sonne, nicht im Land der neblichten Wälder
-die Heimat der Kunst sei.</p>
-
-<p>Sie kannten die gotischen Tafeln und die Glasfensterglut ihrer Farben,
-aber sie mochten das krause Figurenwerk nicht und die Eckigkeit ihrer Gebärden;
-ihr Sinn war sanft und auf den erhabenen Schwung, auf die
-Süße und auf die edle Figur der Italiener gerichtet.</p>
-
-<p>Wie Dürer, der Meister von Nürnberg, die welsche Pilgerschaft machte,
-so kamen auch sie; aber sie liebten die Nachtigall nicht, die jenen aus Wittenberg
-lockte; sie kehrten, romantisch verzückt, in den Schoß der Kirche
-zurück.</p>
-
-<p>Ein Barfüßerkloster stand leer in der ewigen Stadt, da fingen sie an,
-als Brüder zu leben, Nazarener genannt in den römischen Gassen mit ihren
-Faltengewändern, aber sich selber zu Stärkung.</p>
-
-<p>Wie die Frühmeister malten, bevor das rauschende Gold Tizians kam,
-bevor die Leiber, einst bläßlich gebildet, mit blühendem Fleisch prahlten,
-bevor die bräunlichen Tiefen die klaren Gebilde der Fläche verhüllten: so
-sollten ihre Gestalten die Wände heiliger Räume abschreiten.</p>
-
-<p>Denn nicht mehr prahlende Schilderkunst im goldenen Rahmen mochte
-ihr Werk sein; wieder wie einst wollten sie fein und geduldig Wände bemalen:
-die Haltung edler Figuren, der Faltenwurf großer Gewänder, die
-Einfalt frommer Gebärden allein sollten der Stolz ihrer Kunst sein.</p>
-
-<p>Ihr Sinn war sanft, des wurden die Wandbilder Zeichen; die dunklen
-Gründe wurden erhellt, die glühenden Farben erblaßten, das brünstige
-Spiel des Lichts im Schatten verschwand: edle Einfalt und stille Größe,
-wie Winckelmann lehrte, wurden zärtlich lebendig.</p>
-
-<p>Aber die Zärtlichkeit war wie das Mondlicht am Morgen, sie fror im
-mühsamen Tag und seufzte zurück in die schwellende Nacht, da noch Gestirne
-den Himmel umstanden.</p>
-
-<p>Nur einem der Jünglinge stürmte das Blut in den Tag hin; Peter
-Cornelius war er geheißen, Protestant im Mönchskleid mehr denn sie alle,
-weil er allein katholisch geboren, aber ein nordischer Mensch war.</p>
-
-<p>Er riß die edlen Gestalten aus ihrer Stille hinein in den Strudel starker
-Bewegung; er machte die schlafenden Umrisse wach, mit dem Linienwerk
-aufgescheuchter Gestalten ihr bläßliches Dasein hart zu umreißen.</p>
-
-<p>Da wurde die Farbe den goldenen Rahmen und räumlichen Tiefen der<span class="pagenum"><a id="Seite_313">[313]</a></span>
-Schilderkunst nachgesandt in die Verdammnis; die schwarze Kohle fing an,
-die weiße Fläche zu meistern, aus Wänden im Raum wurde der dürre
-Karton, in der Werkstatt mit Strichen gezeichnet.</p>
-
-<p>So wurde im Barfüßerkloster zu Rom, im brünstigen Glauben der
-Kirche, dem Protestantismus die Kunst nachgeboren; deutsche Jünglinge
-wurden in Welschland katholisch, das seltsame Wunder zu wirken.</p>
-
-<h3 id="sec11_24">Der Baukönig</h3>
-
-<p>Als sich der König Ludwig von Bayern im vierzigsten Jahr die Krone
-aufsetzte, sahen die Guten nach ihm, und seine Lobredner sagten, daß nun
-ein neues Sanssouci käme, nicht von Franzosen bevölkert.</p>
-
-<p>Er hatte als Kronprinz gern mit den Nazarenern in Rom gesessen,
-hatte gespart und Bilder gekauft, er war den Dichtern und Malern ein
-Freund und einer freien Verfassung der eifrigste Fürsprecher gewesen, und
-allem Welschtum feind.</p>
-
-<p>Dichter, Gelehrte und Künstler rief er nach München; auch fing sogleich
-ein Bauwesen an, wie es die Welt seit Versailles nicht kannte.</p>
-
-<p>Aber nicht Lustschlösser galt es dem König von Bayern; die Stadt an
-der steinichten Isar sollte mit Straßen und Plätzen, Hallen und Säulen
-und Bildwerken, reicher und schöner als Wien oder Berlin, die deutsche
-Kunst- und Königsstadt werden.</p>
-
-<p>So wurde das Füllhorn aller Baukünste über die Stadt an der Isar
-geschüttet: griechisch und römisch, florentinisch und gotisch wuchsen die steinernen
-Wünsche der staunenden Bürgerschaft zu.</p>
-
-<p>Eine Glyptothek kam und eine Pinakothek, die Propyläen stellten dem
-neuen Musenhof die prächtige Torwacht, und eine Prunkstraße lief zwischen
-Palästen hinaus in die Felder von Schwabing.</p>
-
-<p>Napoleon hatte mit all seinen Siegen Paris nicht so geschmückt wie
-Ludwig, der Baukönig, München; Jahrhunderte staunten aus biederen
-Giebeln darüber, die backsteinernen Türme der alten Domkirche sahen
-barock dem gebildeten Quaderwerk zu.</p>
-
-<p>Altdeutsch und florentinisch, romantisch und klassisch galten dem König
-gleichviel, er hieß sich gern einen Dichter; und als er im höchsten Schwung
-war, wurde dem deutschen Volk die Walhalla gebaut.</p>
-
-<p>Bei Regensburg stand sie und war eine Halle hoch über der Donau, sie
-sollte das Heiligtum deutscher Vergangenheit sein; aber das Heiligtum
-deutscher Vergangenheit war ein Tempel mit griechischen Giebeln, dorischen
-Säulen und einer ionischen Halle.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_314">[314]</a></span></p>
-
-<p>Seine Baumeister priesen den Bauherrn, sein Volk pries den Landesherrn
-nicht; indessen sein Schwärmersinn aus der Vergangenheit lebte,
-indessen er Tempel und Kirchen, Kunsthallen, Paläste und Prunktore
-baute mit seinen mühsamen Groschen, regierte die Willkür übler Minister
-sein Land.</p>
-
-<p>Auf Sanssouci saß ein Despot und er liebte sein Volk nicht, aber er
-hielt sich selber in Pflicht als oberster Diener des Staates; in München
-wollte ein Schwärmer der Schatzhalter deutscher Herrlichkeit sein, aber
-Willkür und Schmeichel banden ihm beide Hände, und Herren im Land
-waren die Jesuiten.</p>
-
-<h3 id="sec11_25">Der Redekönig</h3>
-
-<p>Die Hoffnung der Guten hatte in Bayern getrogen, nun kam sie nach
-Preußen: Friedrich Wilhelm der Vierte sollte ihr neuer Schildhalter sein;
-aber die Hoffnung der Guten trug den romantischen Rock in Bayern und
-Preußen.</p>
-
-<p>Einfältig und stumm war der Vater gewesen, und vaterländisch hieß
-seiner kärglichen Seele ein Fürstenfeind sein; zwiespältig und laut war der
-Sohn: die oberste Fürstenpflicht sollte, so rief seine begeisterte Rede, das
-Vaterland heißen.</p>
-
-<p>Er redete gern, der neue König in Preußen, die alte Herrlichkeit rauschte
-im Flügelschlag edler Romantik, wenn das Wort über ihn kam.</p>
-
-<p>Ein deutscher Fürst hieß ihm die Vollmacht großer Vergangenheit sein:
-was jemals die Ahnen mit heiligem Eifer begehrten, was sie mit Blut und
-mit Leiden bezahlten, des sollten die Fürsten von Gottes Gnaden Vollstrecker
-und Schwurhalter heißen.</p>
-
-<p>So schwoll die Rede des Königs von Preußen, als er in Königsberg
-stand, den Eid auf die Verfassung zu schwören; Tausende hörten ihm atemlos
-zu, und Tausende nahmen die Worte für Taten.</p>
-
-<p>So wurde die Rede des Königs von Preußen ein Ruf an sein Volk,
-als er danach in Berlin aus dem Schloßfenster sprach; Tausende drängten
-im Lustgarten und spürten den strömenden Regen nicht, weil in den Worten
-des Königs die neue Zeit nahte.</p>
-
-<p>So legte die Rede des Königs von Preußen den Grundstein, als er
-beim Domfest in Köln die Fürsten und Völker anrief: Tausende sahen das
-Reich wie den Dom in Trümmern, und Tausende glaubten, daß mit dem
-Dom die Herrlichkeit auferstände.</p>
-
-<p>Aber die Reichsherrlichkeit war mehr als ein Domfest gewesen, und<span class="pagenum"><a id="Seite_315">[315]</a></span>
-eine Rede des Königs von Preußen war noch kein Maifeld: neben dem
-redenden König stand Metternich taub und der Rührung verwundert; leer
-war der Kaiserthron; Armut stockte, wo einmal die Fahnen der Hansa dem
-Welthandel wehten.</p>
-
-<p>Friedrich Wilhelm der Vierte hatte viel Bücher gelesen und war ein
-Meister der Rede, wie ein Schauspieler Klang und Wirkung der Worte
-kennt; aber er war seiner Zeit fremd und allen lebendigen Dingen feind,
-die sein romantisches Herrenglück störten.</p>
-
-<p>Als die Jahre seiner Regierung leer liefen, als er im Land herum fuhr
-zu unaufhörlichen Empfängen, Girlanden, Böllerschüssen und Reden,
-mußte die Hoffnung der Guten einsehen, daß er ein Narr seiner Worte,
-keine Tat und keine Hand, kein Fürst und Herrscher, nur ein Redekönig
-war.</p>
-
-<p>Die Spötter begannen zu munkeln, er liebe die Flasche, sein Wort sei
-trunken vom Wein, und seine Tränen der Rührung flössen aus einer befeuchteten
-Seele.</p>
-
-<p>Das niedere Volk, das die ewige Festlichkeit sah, indessen ihm Mangel
-und Not an den Leib kam, fing an, den frömmelnden König zu hassen.</p>
-
-<h3 id="sec11_26">Die Auswanderer</h3>
-
-<p>Mangel, Not und Bedrückung nahmen einander den deutschen Tag
-aus den Händen.</p>
-
-<p>Noch immer war Metternich Meister, und wo ein Fürst Hof hielt,
-hielt der Geheimrat das Schwert und die Waage der Willkür, die sich von
-Gottes Gnaden Gerechtigkeit nannte.</p>
-
-<p>Kein Vaterland war, nur Länder, den Fürsten erbzugehörig samt Krone,
-Zepter und Untertan; und wer in den Ländern ans deutsche Vaterland
-glaubte, war dem Geheimrat böser Gesinnung verdächtig.</p>
-
-<p>Indessen dem Übermut adliger Herren der Tag und die Stunde willfahrten,
-mußten Bürger und Bauern in Demut verharren, was ihnen der
-Übermut gönnte.</p>
-
-<p>Mit karger Gemarkung lagen die Dörfer zwischen den reichen Ritterschaftsgütern,
-allen Gesetzen zum Trotz mußte das niedere Landvolk der
-Gutsherrschaft fronen.</p>
-
-<p>Und daß in der Stadt Gleiches geschah, fing die Fabrik ihr Teufelswerk
-an: Armut und Häßlichkeit gaben einander die Hände und hoben den
-Haß aus der Tiefe, weil in der Arbeit um Lohn kein Segen mehr war.</p>
-
-<p>Aber &ndash; so kam die Kunde &ndash; über dem Wasser war Arbeit, Freiheit und<span class="pagenum"><a id="Seite_316">[316]</a></span>
-Achtung des ehrlichen Mannes, über dem Wasser war Land, unermeßlich,
-ein neues Leben zu bauen.</p>
-
-<p>Listige Werber wußten mit bunten Bildern der Wohlfahrt zu locken:
-die neue Welt wurde die Hoffnung der alten; Amerika rief die Not und
-den Überdruß auf, das Abendland zu verlassen.</p>
-
-<p>So fing in den Dörfern der Pfalz, in Baden und Schwaben, in
-Bayern, Sachsen und Preußen die Auswanderung an zu rinnen, und ging
-als ein Strom in das Meer bei Hamburg und Bremen.</p>
-
-<p>Felder und Wiesen, seit Urvätertagen mit Saat und Ernte gesegnet,
-wurden vergantet; Stall und Garten und Vieh, vertraut wie die Berge
-und Bäche, das Haus und der Hausrat, ererbt von den Eltern und ihrer
-Erinnerung voll: alles, was Fleiß, Sorge und Hoffnung der Heimat verband,
-die Gräber, mit Ehrfurcht gepflegt, wurde verlassen.</p>
-
-<p>Anders als einst, da die Stämme mit ihrer Wagenburg zogen, war nun
-die Ausfahrt; das Dorf blieb stehen mit seinen Häusern und Nachbarn,
-nur der Mann mit den Seinen ging fort aus der Sippe; der Einzelne, verdrossen
-und fremder Lockung verfallen, verließ die Gemeinschaft.</p>
-
-<p>Nicht länger mehr sollte das Schicksal der Väter über ihm sein, dem
-fremden Landfahrer gleich wollte der einzelne Trotz das eigene Schicksal
-beschwören, in der neuen Welt die Wohlfahrt zu finden, die ihm die alte
-versagte.</p>
-
-<p>Einzelne nur verließen so harten Mutes die Heimat, aber Tausende
-kamen nach Bremen und Hamburg; da standen die Schiffe, für andere
-Fracht als Ballen und Säcke und Tonnen gerüstet; da saßen die Reeder
-an ihren Tischen, aus solcher Fracht üblen Lohn zu gewinnen.</p>
-
-<p>Gewinnsucht und Händlersinn sahen nur das Geschäft und ließen die
-Menschlichkeit leiden: wohl hatten die Schiffe im Oberdeck Säle und reiche
-Kabinen, unten im Zwischendeck wurde den Armen die Fahrt über das
-Wasser zur Hölle.</p>
-
-<p>Aber die Höllenfahrt war nur das Tor in die Welt, die mit grellem
-Schein lockte, weil sie voll Dunkelheit war; Gewinnsucht und Händlergier
-blieben an ihre Fersen geheftet, und Viele mußten im Elend verderben,
-bis Einem die Fahrt glückte.</p>
-
-<h3 id="sec11_27">Die schlesischen Weber</h3>
-
-<p>Sie woben die Leinwand wie ihre Väter, sie waren fleißig und fluchten
-dem Webstuhl nicht, darin sie um kargen Verdienst saßen, wie das Eichhorn
-im Tretrad die flinken Füße vertritt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_317">[317]</a></span></p>
-
-<p>Aber dann kam die Fabrik und schnallte den Webstuhl an ihre Maschinen;
-da schnurrten die Räder und sausten die Spindeln, wie nie ein
-Weber sein Schiffchen zu werfen vermochte; da wurde die Leinwand wohlfeil
-und drückte den kargen Verdienst, bis er ein Hungerlohn war.</p>
-
-<p>Sie aber hatten nichts auf der Welt als den Webstuhl, sie lebten vom
-Lohn ihrer mühseligen Arbeit und sahen ihr ärmliches Dasein verloren: der
-Mangel wurde zur Not und die Not zur Verwünschung der neuen Fabriken
-und ihrer wohlhabenden Herren.</p>
-
-<p>Als Mißwachs und Dürre das Brot teuer machten, als der Hunger
-mit hohlen Backen herum ging, als den Müttern das Kind an den welken
-Brüsten verdarb: stand fiebernden Auges die Kreatur auf, ihren Jammer
-zu rächen.</p>
-
-<p>Das Stroh sei wohlfeil und Häcksel zu essen nahrhaft genug für die
-Weber! höhnte ein satter Fabrikant, aber das Wort war Feuer in Zunder
-geworfen; sein reiches Haus mußte den frechen Hohn büßen; und wie es
-in Peterswaldau geschah, so drohte es bald allerorten.</p>
-
-<p>Rache den Reichen, Feuer ihren Fabriken! so raste das schlesische Fieber;
-aber die hohe Regierung in Breslau zögerte nicht, die Krankheit zu
-dämpfen.</p>
-
-<p>Soldaten des Königs von Preußen mit blanken Helmspitzen und scharfen
-Gewehren marschierten auf harten Befehl; sie schossen und halfen der
-Not, den Kirchhof der Weber zu füllen.</p>
-
-<p>Einen Dom in Berlin zu bauen, reicher und schöner, als ihn die alte
-Herrlichkeit kannte, plante der König, indessen in Schlesien solches geschah:
-einen Dom im Namen der Liebe, die unter den Armen und Mühseligen
-suchte, aber den Tempel zerbrach.</p>
-
-<h3 id="sec11_28">Die Fabrik</h3>
-
-<p>Seit urgrauer Zeit liehen Wasser, Feuer und Wind dem Menschenwerk
-ihre Kräfte; nun kam der Dampf in die Hände der Menschen, das
-stärkere Kind aus Wasser und Feuer.</p>
-
-<p>Mühlräder pochten und mahlten, die Segel blähten im Wind übers
-Meer, wenn er nicht schlief: es war ein friedliches Tun der elementarischen
-Mächte, dem Menschen zu helfen, starkes Behagen gütiger Kraft.</p>
-
-<p>Aber der Dampf diente dem Menschen nicht frei, in eisernen Kesseln,
-Röhren und Kolben gefangen wurde das luftige Kind aus Wasser und
-Feuer ein Dämon, Knechtsarbeit zu tun und zu zeugen.</p>
-
-<p>Zischend sprangen die Kolben vor seinen zornigen Stößen, Schwungräder<span class="pagenum"><a id="Seite_318">[318]</a></span>
-sausten und flackernde Treibriemen brachten die wilde Bewegung auf
-Spindeln, Spulen, Sägen, Hämmer und Zangen.</p>
-
-<p>Es war ein friedloses Tun und ein Teufelswerk tückischer Kräfte; denn
-die Natur, listig und grausam bezwungen, sparte der Arbeit wohl Hände,
-aber sie band den Menschen an die Maschine und machte ihn, der sich ihr
-Herr dünkte, zu ihrem Knecht.</p>
-
-<p>Sie brachte den Mann in die Fabrik: wo Weide und Ackerfeld war,
-wo Wiesenluft wehte, starrte ihr düsteres Werk mit rußigen Wänden und
-rauchenden Schornsteinen; wie eine ewige Brandstätte stand ihre Unnatur
-da.</p>
-
-<p>Früh, wenn die Sonne den Tag weckte, rief das schrille Getön der
-Sirene die Männer in ihre Tore; rund aus den Dörfern kamen sie her, wo
-Frauen und Kinder den Vater nicht sahen, bis er am Abend &ndash; schmutzig
-und schwer von der Arbeit &ndash; seinen Schlaf zu tun für kurze Stunden
-heimkehrte.</p>
-
-<p>Der einmal der Feldarbeit folgte, mühsam und karg, war ein Fabrikler
-geworden, dem eigenen Dasein entfremdet und seiner Lohnarbeit nicht mehr
-durch Saat und Ernte verbunden; denn die Maschine regierte die Arbeit;
-er war ihr Knecht, wie der Fabrikherr ihr Nutznießer war.</p>
-
-<p>Wohl aber dem, der am Abend noch heimkehrte; andere lockte der Lohn
-in die Stadt, wo keine Felder mehr waren, keine Bäche und Berge mit
-Wiesen und Wolkenschatten, nur Häuser und finstere Gassen, dem Elend
-gebaut.</p>
-
-<p>Heimat und Herkunft gingen verloren um einen Lohn, der den Mann
-und die Seinen an die Maschine verkaufte; Heimweh und Hunger, hündische
-Furcht und hündischer Haß hießen die höllischen Herren in seinem
-entwurzelten Leben.</p>
-
-<h3 id="sec11_29">Wilhelm Weitling</h3>
-
-<p>Die aber noch Handwerker hießen, alle die Schneider, Sattler, Schuster,
-Schreiner, Schlosser und Bäcker, die als Gesellen zu keiner Meisterschaft
-kamen, Straßen und Herbergen füllten und landfahrend dem Gefängnis
-nicht unvertraut waren, vermehrten den Troß der Fabrikler.</p>
-
-<p>Einmal der Zunft untertan und dem Zwang harter Gesetze, aber behütet
-in ihrer Gemeinschaft und ihrer Herkunft anders als um den Lohn
-der täglichen Arbeit verpflichtet, waren sie fahrendes Volk und vogelfreie
-Gesellen der Straße geworden.</p>
-
-<p>Sie hatten frechere Dinge erfahren, als die aus den Dörfern; demütig<span class="pagenum"><a id="Seite_319">[319]</a></span>
-zu dulden, stand ihnen nicht an; wo ihnen die Suppe nicht schmeckte, saßen
-sie auf und warfen den Löffel der Meisterin hin.</p>
-
-<p>Sie glaubten den Priestern nicht mehr, daß dies die einzige Ordnung
-der Welt, und glaubten der Obrigkeit nicht, daß sie gottgewollt sei; sie
-sahen den Reichtum über die Armut regieren, und sahen den Teufel des
-Goldes als Zwingherrn jeder Abhängigkeit.</p>
-
-<p>Er wußte den goldenen Klumpfuß klug zu verstecken, aber in jedem
-Besitz, im Land, im Haus, in den Maschinen, überall wo er um Lohn die
-Menschenhand brauchte, war seine heimliche Hölle.</p>
-
-<p>Er teilte die Menschheit schärfer als Völker und Rassen und Kirchen
-in Herren und Knechte; die Seinigen konnten die Freuden des Lebens genießen,
-den andern blieb seine Mühe.</p>
-
-<p>Damit sie nicht murrten, machte die Kirche den Armen das Tor der
-ewigen Seligkeit auf, das irdische Leid zu bezahlen mit ewiger Freude; aber
-&ndash; so höhnten die Handwerksgesellen &ndash; Kirche und Klumpfuß hatten den
-Pakt miteinander gemacht, den Armen ein besseres Jenseits zu malen, damit
-sie das schlechtere Diesseits betrogen ertrügen!</p>
-
-<p>Wie zu den Armen im römischen Reich des Augustus das Evangelium
-kam, so ging die neue Botschaft durchs Abendland hin und war den Armen
-ein heimliches Licht, aus der Nacht in den Morgen zu leuchten.</p>
-
-<p>Nicht erst im Himmel der Priester dürfe das Reich der Gerechtigkeit
-kommen, hier auf der Erde müßte es sein: Armut und Reichtum, Herren-
-und Knechttum würden verschwinden, wenn nicht mehr der goldene Klumpfuß
-der Hölle die Menschen beherrschte.</p>
-
-<p>Und wie die Apostel im Römerreich gingen die Sendlinge um, mit
-heimlicher Botschaft die Herzen zu wecken, Flüchtlinge nur vor den Gewalthabern
-der Zeit, verfemt und verfolgt, aber geliebt von den glühenden
-Herzen, die ihre Botschaft vernahmen.</p>
-
-<p>Wilhelm Weitling, ein Schneidergesell aus Magdeburg, fand in der
-Schweiz eine sichere Zuflucht; da schrieb er die Schriften, die heimlich gedruckt
-und verbreitet, Flugfeuer waren.</p>
-
-<p>Kein Testament, kein Psalter und kein Gesangbuch wurden so glühend
-gedeutet und wurden so heimlich am Herzen getragen wie seine zerlesenen
-Blätter, darin die uralte Lehre der Gütergemeinschaft wieder zu
-Wort kam.</p>
-
-<p>Eigentum haben hieß Hehler und Dieb sein, hieß sträflich Güter der
-Erde besitzen, die allen gehörten; Eigentum haben hieß Armut und Knechtschaft
-beschwören; Eigentum haben hieß weder Christ noch Mensch vor der
-wahren Gerechtigkeit sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_320">[320]</a></span></p>
-
-<p>Es war nur ein Schneidergesell, der so lehrte, und Handwerksgesellen
-trugen die Lehre ins Land; aber er rührte tief an die Not der Enterbten
-und rief dem Reich Gottes uralte Hoffnungen wach.</p>
-
-<h3 id="sec11_30">Das junge Deutschland</h3>
-
-<p>Zum andernmal taten die raschen Franzosen zuerst, was die andern
-Völker zu tun gewillt waren; sie warfen dem letzten Bourbonen den Gottesgnadenthron
-um und riefen den Orleans her, König von Frankreich im
-Namen der Bürger zu heißen.</p>
-
-<p>Da riß ein Loch in das Metternichnetz; der Wind blies scharf um die
-Kronen und Krönchen; aus mancher fürstlichen Hand fiel das Zepter.</p>
-
-<p>Romantik hatte das Reich regiert, seitdem die Fürsten das Volk um
-die versprochene Freiheit betrogen; Romantik hatte gebaut und geredet, als
-ob bauen und reden die alte Herrlichkeit wäre; Romantik hatte Junkern
-und Pfaffen noch einmal das alte Herrenkleid angetan.</p>
-
-<p>Nun aber wollte der Tag nicht länger das Prunkkleid der Vergangenheit
-tragen; der Menschengeist, müde und matt der ewigen Plage, wollte
-sich selber genug sein als Bürger der Erde.</p>
-
-<p>Die blaue Blume blieb welk und entzaubert in seiner Wirklichkeit
-stehen; die Dichter dachten Rufer im Streit, Fechtmeister der Zeit und
-Führer der grollenden Völker zu werden.</p>
-
-<p>Es waren spöttische Geister, die so aus der alten Zeit gingen, Klopffechter
-der Wahrheit, Schellenträger des gesunden Menschenverstandes.</p>
-
-<p>Gemeinsamkeit war das Schicksal der Menschheit, war ihre Hoffnung
-und Inbrunst gewesen: ihnen jedoch sollte der einzelne Mensch die eigene
-Glückseligkeit sein.</p>
-
-<p>Sie waren witzig und scharf und vermessen; sie hieben und stachen, wo
-sie die alte Zeit fanden; sie hießen den Staat und die Kirche das Zwiegespann
-aller Tyrannei; sie haßten Junker und Pfaffen und ihren gehorsamen
-Diener, den frommen Geheimrat.</p>
-
-<h3 id="sec11_31">Drei Dichter</h3>
-
-<p>Drei Dichter sangen der stürmischen Zeit die Gesänge; sie waren der
-Mund ihrer Not, der Geißelhieb ihrer Enge, der Posaunenton ihrer
-Hoffnung.</p>
-
-<p>Heinrich Heine, funkelnd von Witz, grollend von Hohn und der süßesten
-Liedergewalt mächtig, ließ über den Rhein sein Feuerwerk blitzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_321">[321]</a></span></p>
-
-<p>Dem Juden aus Düsseldorf konnte das dumpfe Deutschland der Fürsten
-und ihrer Minister nicht Lebensluft sein; auch war die rheinische Heimat
-an Preußen gefallen, und preußisch sein hieß seinem Hohn, hinter vergitterten
-Stuben gefangen sitzen.</p>
-
-<p>So war er in Frankreich verbannt und wurde als Emigrant fast ein
-Franzose, nur seine Feder hielt ihn mit Deutschland verbunden.</p>
-
-<p>Er hatte sie besser brauchen gelernt als seine Genossen; wie seine unstete
-Seele nicht Heimat und Ruhestatt fand, wie sein buntschillernder
-Geist die Grenzen der Menschheit abirrte, wie er sein Leben stets in den
-Augenblick stellte, aber als Kind seiner Stunde der ewigen Unrast bewußt
-war: das alles konnte die Feder dem Leser in witzigen Worten hinschreiben.</p>
-
-<p>Und weil er in gallischer Lebensluft ging, indessen der Leser im Spinnennetz
-Metternichs saß, wehte mit seinen Worten die Freiheit über den Rhein,
-der fremdeste Vogel im Dasein der Deutschen.</p>
-
-<p>So rührte der schmerzlich unselige Dichter die Herzen; seine Lieder
-wurden gesungen, seine Verse geseufzt, sein Witz sprang wie ein Feuerbrand
-über, sein Spott warf dem frommen Geheimrat das Tintenfaß um.</p>
-
-<p>Nie schrieb eine Feder so ihrer Zeit die Gefühle, wie Heinrich Heine der
-Jude aus Düsseldorf tat, der in Paris unselig krank in seiner Matratzengruft
-lag, seiner Krankheit noch spottend, bis ihn der Tod von seinem Leiden
-und Leben erlöste.</p>
-
-<p>Anders als Heine war Herwegh ein Sänger der Freiheit; er glaubte
-an seinen Stern, wie nur ein Schwabe zu glauben versteht, und trotzte dem
-Schicksal, als es den Stern vor der Zeit sinken ließ, wie nur ein Stiftler
-aus Tübingen Gott und der Welt Trotz bieten kann.</p>
-
-<p>Gedichte eines Lebendigen hieß er den Band seiner Gesänge, die, eine
-Botschaft der Freiheit, Deutschland durcheilten; Blumen und Jubel beschütteten
-seinen Weg, als er, den Sängern der alten Zeit gleich, von Stadt
-zu Stadt zog, seine Harfe zu schlagen.</p>
-
-<p>Er war noch ein Jüngling, als Herwegh solches geschah, und gern genoß
-er den Ruhm, Dichter der Freiheit zu heißen; sie war der einzige Ton
-seiner Harfe: als er ein Mann und ein Greis wurde, waren die Saiten noch
-zornig gespannt, aber die Freiheit war tot und sein Ruhm lag mit ihr begraben.</p>
-
-<p>Der Dritte aber war wild und vulkanisch und in der Tiefe der großen
-Gestalten und starken Gedanken gewachsen.</p>
-
-<p>Indessen der Ruhm seiner Genossen von Mund zu Mund ging, indessen
-Herwegh als fahrender Sänger der Freiheit die Könige schreckte und Heine
-den funkelnden Witz aus Paris über den Rhein blitzen ließ, war Georg
-Büchner aus Darmstadt, kaum daß er kam, schon wieder gestorben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_322">[322]</a></span></p>
-
-<p>Er hatte in Straßburg studiert und war nach Gießen gekommen,
-trunken der neuen Zeit und kaum seiner wilden Leidenschaft mächtig, als
-ihm sein trotziger Wahlspruch: Frieden den Hütten, Krieg den Palästen!
-die Heimat verwirkte.</p>
-
-<p>Als Flüchtling in Straßburg und Zürich konnte er noch mit fiebernden
-Händen den ersten Beginn seiner Dichtung erraffen, dann holte der Tod
-den Feuergeist heim in den Abgrund der ewigen Dinge.</p>
-
-<p>Wie ein Sonnenwendfeuer war dem Jüngling sein Leben verbrannt;
-er konnte nur Flamme, nicht Mensch und Bürger oder gar Untertan sein;
-als seine Freunde den Feuerplatz fanden, lagen noch glühend in seiner Asche
-die wenigen Dinge, die das Erbgut des Jünglings ausmachten.</p>
-
-<p>Ein einziger Band konnte sein ganzes Dichtwerk umfassen, aber es
-blinkte wie Stahl, im Feuer geglüht.</p>
-
-<h3 id="sec11_32">Metternichs Ende</h3>
-
-<p>Zum andernmal hatten die raschen Franzosen den König auf Reisen
-geschickt, aber nun stürzte der Thron hinterher: Frankreich war Republik,
-und diesmal wollte der Bürger im Reich nicht länger Fürstenknecht heißen.</p>
-
-<p>Wo ein Fürstenhof war, ein Schloß und eine Wache im Schilderhaus,
-kam er in Scharen; und wie er sein Vivat gerufen hatte, so rief er nun
-nach Verfassung.</p>
-
-<p>Die Fürsten samt ihren Schranzen erschraken, daß draußen das Volk
-stand und schrie; sie hörten die Trommel der Bürgerwehr und hörten den
-Aufruhr der Glocken; sie waren noch immer gewarnt durch das Fallbeil
-und gaben dem Volk die Verfassung.</p>
-
-<p>Da wurde das Volk wieder der Untertan, dem ein Glück widerfuhr,
-wenn sein Fürst am Fenster erschien; da wurden die Kappen und Hüte
-geschwenkt, da wurde Vivat gerufen; ein mannhafter Trunk auf die große
-Zeit brachte den Bürger ins Bett, von der goldenen Zukunft zu träumen.</p>
-
-<p>So war es in Baden und Hessen, Hannover und Sachsen, Bayern
-und Württemberg, so war es in Schleiz und Greiz und all den Plätzen
-reichsfürstlicher Erbherrlichkeit; die alten Minister von Metternichs Gnaden
-wurden ungnädig entlassen und neue berufen, das Volk zu beglücken.</p>
-
-<p>Und wie es dem Netz geschah, geschah es der Spinne: sie war die Vollmacht
-der Fürsten gewesen und die Allmacht für den Geheimrat, sie hatte
-ein halbes Jahrhundert gelähmt mit der List und Furcht ihrer Fäden; nun
-waren die Fäden zerrissen und alle Welt sah, was für ein klägliches Wesen
-darin saß.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_323">[323]</a></span></p>
-
-<p>Der auf dem Wiener Kongreß die Völker Europas mit ihren Fürsten
-betrog, der den deutschen Bund machte und das Ränkespiel der heiligen
-Allianz, der Liebling der Damen und Stern der Wiener Gesellschaft: war
-längst ein zittriger Greis und stocktaub; gleich einem Dieb in der Nacht
-mußte Metternich fliehen.</p>
-
-<p>Der Kaiser aber fuhr durch die brausenden Straßen von Wien und
-nickte gnädig der siegreichen Bürgerschaft zu; er schwenkte sein Fähnchen
-schwarz, rot und golden: die Farben, gestern noch Hochverrat, hielt nun der
-Habsburger selber in Händen.</p>
-
-<h3 id="sec11_33">Der achtzehnte März</h3>
-
-<p>Am selben Tag, da der Habsburger Kaiser mit seinem Fähnchen
-schwarz, rot und golden durch Wien fuhr, stand in Berlin der König von
-Preußen auf seinem Balkon, das dankbare Volk zu empfangen.</p>
-
-<p>Er sah die Ernte aus seinen Reden aufgehen, aber das Unkraut verdroß
-ihn; von Gottes Gnaden hatte sein Schwarmsinn das preußische Volk beglücken
-gewollt, nun rief es mit Ungeduld nach einer Verfassung.</p>
-
-<p>Anders, als da er zum Lustgarten sprach, drängte die Menge; wohl wurden
-die Hüte geschwenkt und die Kappen, aber dicht um das Schloß standen
-Soldaten mit scharfem Gewehr: als die Bürger noch riefen und
-schwenkten, fielen zwei Schüsse.</p>
-
-<p>Keiner wußte den Schützen, und keiner wurde getroffen, doch das Volk
-schrie Verrat; die Bürgerschaft floh; die mit den Kappen liefen nach Waffen;
-Barrikaden sperrten die Straßen rings um das Schloß, und als der
-Nachmittag kam, hallte die Stadt von den Schüssen.</p>
-
-<p>Der Abend des achtzehnten März sank über Berlin, und der Mond warf
-sein Licht auf die Dächer, aber der Straßenkampf hörte nicht auf, sein höllisches
-Feuer zu brennen; Sturmgeläut, Hornruf und Hurra der Truppen
-und Aufruhrgeschrei gellten hinein und der Feuerschein brennender Häuser.</p>
-
-<p>In der zweiten Stunde der Nacht wurde dem König das Herz schwer;
-er zog die Soldaten zurück und ließ die Bürgerwehr schalten: so wurde der
-blutige Aufruhr gestillt, aber die Toten weckte kein Königswort mehr.</p>
-
-<p>Als die Reihe der Särge am dritten Tag gegen das Schloß kam, stand
-der König zum andernmal auf dem Balkon, barhaupt und schweigend, von
-vielen gehaßt und von keinem geachtet; sein romantischer Sinn, mit tauben
-Wünschen und Worten befrachtet, blieb in der Gegenwart stumm.</p>
-
-<p>Er war am Tage zuvor durch die Straßen geritten, Prinzen, Minister,
-Generäle in seinem Gefolge, schwarz, rot und golden bebändert, als ob der<span class="pagenum"><a id="Seite_324">[324]</a></span>
-Burschenschaftstraum von der Wartburg, als ob das deutsche Vaterland
-in Preußen Wirklichkeit wäre.</p>
-
-<p>Nur einer war trotzig beiseite geritten, der Bruder des Königs, Prinz
-Wilhelm geheißen, von vielen gehaßt und von keinem verachtet, weil er ein
-Volksfeind, ein schwarzweißer Preuße, aber ein Mann war.</p>
-
-<h3 id="sec11_34">Hecker</h3>
-
-<p>Die Fürsten, um ihre Throne besorgt und erschrocken vor wilden Gerüchten,
-verhießen den Völkern Verfassung; aber die Väter hatten den
-Wortbruch des Fürsten zu bitter bezahlt.</p>
-
-<p>Nicht alle Bürger schwenkten die Hüte, und aus den Tiefen des Volkes
-grollte ein Ton, der andere Dinge als neue Minister, neuen Betrug und
-neue Verfolgung begehrte.</p>
-
-<p>Noch immer tagte der deutsche Bund, noch immer gab es kein Vaterland,
-nur Länder der Fürstengewalt; sollte ein deutsches Vaterland werden,
-mußte das Reich zuvor von der Habsucht, Willkür und Eitelkeit seiner
-Fürsten befreit sein.</p>
-
-<p>In Baden sollte der Kehraus der Fürsten beginnen, und Hecker, der
-Fürsprech aus Mannheim, die Feder am Hut, wollte der Herold und
-eiserne Besen der deutschen Volksherrlichkeit werden.</p>
-
-<p>Über den nächtlichen Rhein kamen die Scharen derer zurück, die in der
-Schweiz und in Frankreich, der Heimat verdrossen, Flüchtlinge waren; sie
-wollten ihr Leben einsetzen, daß endlich ein deutsches Vaterland würde.</p>
-
-<p>Auch Herwegh, die feurige Zunge der Freiheit, kam wieder aus der
-Verbannung; und kühnere Worte hatte der deutsche Bund nicht gehört,
-als da der Schwabe den Brief an sein Vaterland schrieb.</p>
-
-<p>Von Süden und Westen brachen sie ein und waren zwei Tage lang
-Wort und Gewalt im badischen Oberland; dann kamen die Truppen des
-Bundes aus Hessen, Bayern und Schwaben und bliesen das Strohfeuer
-aus.</p>
-
-<p>Sie trugen die Feder am Hut und die Freiheit im Herzen, die Truppen
-der Bundesgewalt trugen nur ihr Gewehr: in einer einzigen Stunde bei
-Kandern schossen sie Feder und Freiheit zu schanden.</p>
-
-<p>Feder und Freiheit ließ Hecker dahinten, sein Leben zu retten; so hitzig
-sie suchten, sie fingen ihn nicht, so gern sie es wollten, sie konnten den Fürsprech
-aus Mannheim nicht hängen.</p>
-
-<p>Wie eine Hummel summte das Heckerlied hin über die Straßen und
-Dörfer, der deutschen Republik dennoch die Herzen zu wecken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_325">[325]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec11_35">In der Paulskirche</h3>
-
-<p>Indessen im Reich solches geschah, indessen sich Groll, Blut und Haß
-mit Narrheit und Niedertracht mischten im fressenden Brand der Empörung,
-brach aus den Herzen der Guten die Flamme; die deutsche Seele erwachte
-und wollte das Land der Väter erneuern in freier Gestaltung.</p>
-
-<p>Aus allen Gauen der deutschen Gemeinde kamen die Männer nach
-Frankfurt, gewählt durch die Stimme des Volkes, dem Vaterland eine
-Verfassung, eine Gewalt, ein Gesetz und eine Freiheit zu bringen.</p>
-
-<p>Die Glocken der alten Kaiserstadt schwollen zu mächtigem Klang;
-Fahnen und Blumen und jubelndes Volk war um die Männer, als sie vom
-Römer zur Paulskirche gingen, das deutsche Parlament zu beginnen.</p>
-
-<p>Endlich war Wirklichkeit da, wo die Sehnsucht schon nichts mehr erhoffte;
-grau und gebeugt standen die Männer, die einmal Befreier des
-Vaterlandes hießen von einem Tyrannen, um ihrer mehr zu gewinnen, als
-Höfe und Landesherren waren: sie sahen den Tag und weinten.</p>
-
-<p>Denn nun war das Wunder des Dichters geschehen: von der Maas
-bis zur Memel, von der Etsch bis zum Belt waren die Deutschen gekommen,
-und keine fürstliche Willkür konnte sie hindern; die Bundesgewalt
-mußte den Spruch der Paulskirche hören.</p>
-
-<p>Daß ihr Spruch selber die Bundesgewalt sei, wählten die Männer
-Johann von Österreich als ihren Verwalter; sie hießen ihn Reichsverweser
-und gaben ihm Vollmacht, Minister des Reichs zu ernennen; sie aber wollten
-im Namen des Volkes das Haupt und Herz der Reichsgewalt bleiben.</p>
-
-<p>Das Reich solle sein wie ein Dom, sprach Uhland, der mannhafte Dichter
-aus Schwaben: Österreich und Preußen die ragenden Türme über den
-Türmchen und Wimpergen der kleineren Staaten, alle gegründet im Fundament
-der starken Domeinheit.</p>
-
-<p>Und als dann wieder ein Domfest war zu Köln am Rhein, trank der
-König von Preußen den wackeren Bauleuten zu und ihrem Baumeister,
-dem Erzherzog am Dombau der Deutschen.</p>
-
-<p>Alles schien herrlich gerüstet, aber die Werkleute wußten, daß ein gefährlicher
-Sprung die ragenden Türme entzweite, daß nur ein Notdach
-war statt einem Gewölbe, und daß durch die Fenster des Königs von
-Bayern, mit großer Gebärde gestiftet, das neue Licht allzu bunt in den
-ehrwürdigen Raum fiel.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_326">[326]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec11_36">Malmö</h3>
-
-<p>Schleswig-Holstein meerumschlungen! sangen die Kinder und Greise
-in Deutschland, da die Landstände in Kiel ihrem Herzog, dem König der
-Dänen, den Gehorsam absagten.</p>
-
-<p>Ewig ungeteilt sollten Schleswig und Holstein zueinander gehören &ndash; so
-hatte der Spruch der Belehnung vierhundert Jahre gegolten &ndash; nun wollte
-der dänische König und Herzog für Holstein eigene Stände gewähren,
-Schleswig sollte für immer dem dänischen Staat zugeteilt sein.</p>
-
-<p>Aber das Volk diesseits und jenseits der Eider war deutsch und wollte
-im neuen Vaterland bleiben, statt einem fremden Herrn zu gehören; so
-kamen die Boten nach Frankfurt, Hilfe für Schleswig-Holstein zu holen.</p>
-
-<p>Die Männer in Frankfurt hießen die Boten willkommen; als ob noch
-einmal die große Zeit käme, strömten Freiwillige zu, den deutschen Brüdern
-gegen die Dänen zu helfen; auch der Bundestag wollte nicht fehlen und
-gab seine Vollmacht dem König von Preußen.</p>
-
-<p>Da konnte die preußische Garde marschieren, und Wrangel, ihr zorniger
-Feldherr, konnte nach Herzenslust schießen und schlagen: Aprilwetter war,
-da die Truppen auszogen; schon am zweiten Mai stand ihre Übermacht siegreich
-in Jütland.</p>
-
-<p>Aber die Dogge bekämpfte den Seehund; auf ihren Inseln saßen die
-Dänen geschützt vor den Preußenkanonen; ihre Kriegsschiffe plagten die
-wehrlosen Küsten, sie fingen die Schiffe und schossen die Städte in Brand;
-und ob der zornige Wrangel in Jütland den Wallenstein spielte, sie ließen
-nicht ab und höhnten den täppischen Sieger.</p>
-
-<p>Denn hinter Dänemark standen drohend die Mächte: England und
-Rußland hielten dem dänischen König die Arme, bis der Waffenstillstand
-von Malmö der Dogge den Fang nahm.</p>
-
-<p>Die preußische Garde mußte noch einmal durch Schleswig-Holstein
-marschieren; Wrangel, ihr zorniger Feldmarschall, konnte nicht mehr nach
-Herzenslust schießen und schlagen: die Sieger vom Mai kamen im Sommer
-betrogen zurück.</p>
-
-<p>Die Männer von Frankfurt wollten den Pakt von Malmö verwerfen,
-die Paulskirche dampfte von glühenden Reden, durch das deutsche Volk
-lief der Zorn seiner Schwäche.</p>
-
-<p>Denn nun sahen alle, daß noch kein Vaterland war: der König von
-Preußen hatte den Frieden gemacht, als ob kein Parlament wäre; die
-Männer von Frankfurt mußten sich beugen, weil ihr Beschluß keine Macht,
-ihre Rede keine Waffe, ihr Verweser kein Kaiser über der Fürstengewalt war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_327">[327]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec11_37">Die Kaiserwahl</h3>
-
-<p>Deutschland wollte ein Vaterland werden, weil es ein Volk war; aber
-der Habsburger Rest der alten Reichsherrlichkeit hing ihm das Schneckenhaus
-seiner undeutschen Völker an: Polen, Magyaren, Slovenen, Italiener,
-Tschechen, Ruthenen waren der Hofburg in Wien untertan.</p>
-
-<p>Großes Schicksal hatte der Kaisergedanke über die Deutschen gebracht,
-und die alte Reichsherrlichkeit war der Traum der Romantik gewesen: nun
-die Männer in der Paulskirche das deutsche Haus bauen wollten, stand
-ihnen der Rest des Reiches im Wege.</p>
-
-<p>Sie hatten an der Vielheit der Fürsten genug und waren keiner Vielheit
-der Völker bedürftig; von der Maas bis zur Memel, von der Etsch
-bis zum Belt waren sie im Namen der deutschen Stämme nach Frankfurt
-gekommen, die deutsche Einheit zu bauen.</p>
-
-<p>Sie bauten am Dom der deutschen Verfassung, und als die Märztage
-jährten, war das Gewölbe geschlossen: ein Volks- und ein Staatenhaus
-sollten den deutschen Reichstag darstellen, ein Erbkaiser sollte der deutschen
-Einigkeit Schildhalter sein.</p>
-
-<p>Die besten Männer des Volkes hatten das Werk mit dem unbeugsamen
-Mut ihrer Meinung vollendet, sie hatten gedacht und geglüht und gestritten,
-und niemals war deutscher Geist so tätig am Vaterland als in der
-Paulskirche zu Frankfurt.</p>
-
-<p>Als dann die Kaiserwahl war, sprachen die Männer aus allen Gauen
-und Ständen echter und rechter die Stimme des Volkes, als je die Heerschilde
-taten; die stürmische Zeit hielt in der Paulskirche zu Frankfurt den
-Stundenschlag an, als die Gemeinde der Freien, uralte Herkunft erfüllend,
-sich selber zum Kurfürsten machte.</p>
-
-<p>Sie wählten den König von Preußen als Kaiser; die Glocken begannen
-zu läuten wie nie, Böller und brausender Ruf in den Gassen verkündeten
-laut, daß endlich wieder ein Reich, daß über den Stämmen und Ständen,
-über den Fürsten und Ländern ein Schirmherr des deutschen Vaterlandes
-wäre.</p>
-
-<h3 id="sec11_38">Der König von Preußen</h3>
-
-<p>Aber der König von Preußen war weder ein Mann noch ein Mut, nur
-eine schweifende Rede, er haßte den Geist seiner Zeit und spielte mit Worten,
-deren Gedanken ihm mißfällig waren, deren Taten er niemals vermochte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_328">[328]</a></span></p>
-
-<p>Als ihm die Männer aus Frankfurt die Gabe des deutschen Volkes
-darbrachten, schwoll seine romantische Seele im Rittersaal auf, wo er die
-Sendung mit großem Gefolge empfing.</p>
-
-<p>Statt einem männlichen Ja gab er nur eine Rede, die keine Tür schloß
-und keinen Weg ging, die alle Herzen verdrießen mußte.</p>
-
-<p>Nur aus den Händen der Fürsten, nicht aus dem Aufruhr der Völker
-&ndash; so ging der Sinn seiner Worte &ndash; könne der König von Preußen die Krone
-annehmen.</p>
-
-<p>So kamen die Männer betrogen nach Frankfurt zurück, betrogen um
-ihre Sendung, betrogen um ihren Glauben, betrogen um Deutschlands
-Geschick.</p>
-
-<p>Die Völker erkannten, daß ihre Fürsten kein Vaterland wollten; sie
-hatten Verfassung und Freiheit versprochen, nun war der Schrecken vorüber,
-und sie schickten die Kammern nach Haus.</p>
-
-<p>Wollten die Fürsten kein Vaterland, so wollte das Volk keine Fürsten!
-wollte der König von Preußen die Krone nicht haben, so brauchte die deutsche
-Republik keinen Kaiser.</p>
-
-<p>In Sachsen mußte der König zuerst auf den Königstein flüchten, bald
-fing es am Rhein, in der Pfalz, in Baden hell an zu brennen: das Heckerlied
-kam wieder auf, den fürstlichen Abschied zu singen.</p>
-
-<p>Da zeigte der König von Preußen Deutschland sein wahres Gesicht:
-seine Soldaten marschierten nach Westen und Süden, den Fürsten zu helfen;
-das preußische Strafgericht kam, in Mannheim, Rastatt und Freiburg
-der Freiheit anders zu dienen.</p>
-
-<p>Die Männer von Frankfurt verzagten und gingen nach Haus, nur eine
-tapfere Schar blieb auf dem sinkenden Schiff; Uhland der Dichter und
-deutsche Mann stand treu und gelassen am Steuer.</p>
-
-<p>Sie konnten in Frankfurt nicht bleiben und flohen nach Stuttgart, wo
-ihnen ein Trommelwirbel die letzte Rede erstickte.</p>
-
-<p>Der stolze Plan seines Domes wurde Uhland zerrissen; wohl standen
-die Türme und Wimperge der Fürsten und ihre Wimpel wehten daran,
-aber das hohe Gewölbe brach ein, in seinem Schutt lag die Fahne schwarz,
-rot und golden.</p>
-
-<h3 id="sec11_39">Olmütz</h3>
-
-<p>Bis an den Bodensee standen die Bataillone des Königs von Preußen,
-sie hatten den Fürsten die Throne gerettet und hielten ihr Strafgericht ab
-über die Völker.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_329">[329]</a></span></p>
-
-<p>Die Schwäche der Fürsten zu nützen, dachte der König von Preußen
-aus ihren Händen die Krone zu gewinnen, die er den Männern aus Frankfurt
-hochmütig zurück wies: ein Fürstenbund sollte das deutsche Vaterland
-werden, und Preußen wollte die Kaisermacht sein.</p>
-
-<p>Aber in Frankfurt saß, fast vergessen, noch immer Johann, Erzherzog
-des Habsburger Hauses und immer noch Reichsverweser geheißen; er
-mußte der alten Zeit die Türspalte halten, bis die wachsamen Augen in
-Wien ihre Stunde erkannten.</p>
-
-<p>Nur Bayern und Württemberg zögerten noch, dem preußischen Fürstenbund
-beizutreten; schon schien das klügliche Spiel des Königs von Preußen
-gewonnen, als Österreich selbstherrlich die alte Bundesgewalt nach
-Frankfurt berief.</p>
-
-<p>Zwei Jahre lang hatten die Völker an ihren Ketten gerüttelt, sie hatten
-den Fürsten geglaubt und gezürnt, sie hatten die Glocken geläutet in Frankfurt,
-weil wieder ein Reich und ein Kaiser, weil wieder ein Vaterland war.</p>
-
-<p>Nun war das Märzenglück aus; wieder wie einst kamen die hohen Gesandten
-nach Frankfurt gefahren, wieder wie einst war der deutsche Bund
-der Minister über den Völkern.</p>
-
-<p>Wohl zuckte dem König von Preußen die Hand nach dem Schwert;
-noch einmal glaubten die Narren der Hoffnung, dann wurden alle gewahr,
-was für ein Irrlicht im Hause des Spötters von Sanssouci wohnte.</p>
-
-<p>In Olmütz mußte der König von Preußen den Pakt unterschreiben,
-daß Habsburg noch immer der Hausherr im deutschen Bund war.</p>
-
-<p>Über den Aufruhr und über die Wallung des Volkes zur Einheit hatte
-der fromme Geheimrat gesiegt; und als er in Wien sein Siegesfest gab, saß
-Metternich wieder auf seinem Stuhl, ein stocktauber Greis, und lächelte
-nur, daß eine neue Seite im Buch der Minister begänne.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_330">[330]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Buch_der_Preussen">Das Buch der Preußen</h2>
-
-<h3 id="sec12_1">Der Ordensstaat</h3>
-</div>
-
-<p>Hermann von Salza, der die schwarzweißen Ritter des deutschen Ordens
-ins Land der heidnischen Preußen brachte, war ein Vertrauter des
-Staufers Friedrich II. gewesen, der sich die sizilianische Verwaltung ausdachte,
-darin es nicht Stände und Heerschilde gab wie im Reich, darin nur
-noch der Untertan war, den die Beamten des Königs regierten.</p>
-
-<p>Hermann von Salza der Hochmeister suchte, als er mit seinen Ordensrittern
-ins Land der Preußen kam, kein Volk, sondern den Raum seines
-Staates und brachte den Bauer und Bürger mit, den er als Untertan
-brauchte.</p>
-
-<p>So wuchs sich am Rand des baltischen Meeres ein Herrenstaat aus
-kraft seines Schwertes; aber das Schwert stand im Dienst des Kreuzes,
-und das Herrentum war eine strenge Pflicht.</p>
-
-<p>Während der sizilianische Staufer hinschwand wie ein Komet, blieb
-darum der deutsche Ordensstaat Hermann von Salzas leben, und wurde
-der Arm des Deutschtums, mit dem es weit hinaus in den slavischen Osten
-griff, zu herrschen und zu kolonisieren.</p>
-
-<p>Wo in Sümpfen und Steppen Fischer und Hirten gewohnt hatten,
-wurden deutsche Bauern gesiedelt, und um die Burgen der Komthureien
-wuchsen die Städte der rheinischen Handwerksleute.</p>
-
-<p>Wie einen Garten im Ödland, so bauten die Ordensritter den Staat,
-darin die gesiedelten Bauern und Bürger den Schutz des Schwertes und
-die Gewähr ihrer Verträge hatten.</p>
-
-<p>Der Staat aber war der Orden allein, und seine Gesetze galten aus
-keinem andern Recht als der Ordenspflicht, deren Zuchthalter der Hochmeister
-war: darum kannte der Staat der schwarzweißen Ritter kein Volk,
-nur Bewohner.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_331">[331]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec12_2">Brandenburg</h3>
-
-<p>Des heiligen römischen Reiches Streusandbüchse hießen die Spötter
-das brandenburgische Land, als es der Schwabe Friedrich von Zollern,
-Burggraf zu Nürnberg, von Sigismund dem Schuldenkaiser bekam.</p>
-
-<p>Denn die Spree war kein Neckar, und der gerodete Boden zwischen
-Kiefern und Seen barg keine Fruchtbarkeit: wie den Wenden das Land,
-so waren die kargen Weiden und Felder dem Sand abgerungen.</p>
-
-<p>Auch hatten die Erbhändel um die askanische Mark ein Jahrhundert
-gedauert: Städte und Ämter waren verpfändet; die Rittergeschlechter, der
-Landesherrschaft entwöhnt, saßen auf ihren Burgen, dem hergewehten
-Schwaben zu trotzen.</p>
-
-<p>Sollte auf solchem Grund je Wohlstand wachsen, mußten sich harter
-Fleiß und härtere Sparsamkeit paaren; nur in der mühsamen Kunst karger
-Verwaltung konnten die Hohenzollern in Brandenburg zu Ansehen kommen.</p>
-
-<p>Als ihnen endlich nach zweihundert hausgehaltenen Jahren das Glück
-in den Schoß fiel, als sie das Ordensland der schwarzweißen Ritter durch
-Erbschaft gewannen, weil der letzte Hochmeister Albrecht von Brandenburg
-ein weltliches Herzogtum daraus gemacht hatte: da war es im selben
-Jahr, daß die fressenden Feuer des dreißigjährigen Krieges über das Reich
-zu flackern begannen.</p>
-
-<p>Die schwachen Hände des Kurfürsten Georg Wilhelm zogen wie alle
-Schwachheit das Unglück an, und Brandenburg wurde das Blachfeld der
-Schweden bis zu dem Tag, da sie nur noch auf Raub am Reich sannen,
-weil der Kaisertraum Gustav Adolfs kläglich zerronnen war.</p>
-
-<p>Als Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst, mit zwanzig Jahren das
-Land übernahm, hatte der Krieg Brandenburg wieder zur Öde gemacht:
-Dörfer und Fluren lagen vernichtet, und wo noch Stadttore standen, waren
-die Häuser verbrannt.</p>
-
-<p>Elend und Entsetzen wohnte in Hütten und in den Burgen die alte Unbotmäßigkeit:
-es war eine magere Erbschaft, die dem Schöpfer des preußischen
-Staates zufiel, und alle Hoffnung war ihr bestritten.</p>
-
-<h3 id="sec12_3">Der preußische Staat</h3>
-
-<p>Aus brandenburgischer Kargheit und schwarzweißer Ordenszucht wurde
-der preußische Staat; als er in Deutschland zur Geltung kam, war er ein
-starkes Heer und eine gerechte Verwaltung: nicht ein Volk hatte sich einen
-Staat, sondern ein Staat sich das Volk nach seinem Bilde geschaffen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_332">[332]</a></span></p>
-
-<p>Ob es deutsche Bauernschaft war, die zur Siedlung kam, ob sie aus
-Rheinland oder Westfalen, aus Salzburg und Holland stammte: sie hatte
-das Urvätertum der Heimat verlassen und war in einen Staat eingegangen,
-der eine freundliche Fremde, doch Fremde vorstellte.</p>
-
-<p>Soviel Hunderttausende zuletzt im Oder- und Weichselgebiet saßen,
-sie wären in der kahlen Gemeinschaft eines Heeres und einer Verwaltung
-nicht warm geworden, wenn sie nicht ihre Bibel und das Gesangbuch und
-Sonntags die Predigt gehabt hätten, darin ihr Leben ein Pilgrimstand
-hieß.</p>
-
-<p>Denn Protestanten waren sie alle, ob sie aus Rheinland oder Westfalen,
-aus Salzburg und Holland oder gar aus Frankreich stammten; und
-der Staat, der die um ihres Glaubens willen Vertriebenen aufnahm, war
-es so sehr, daß Preußen- und Protestantentum zueinander gehörten wie
-Kirche und Sonntag.</p>
-
-<p>Als dann die Tage des unbesiegbaren Königs kamen, der sich im siebenjährigen
-Krieg den Ruhm seiner Schlachten holte, sodaß die Preußen zuletzt
-vom alten Fritz sprachen, wie man vom Rübezahl spricht: da wurde es
-offenbar, daß der preußische Staat seine Kolonisten zu einem Volk zusammen
-geschweißt hatte.</p>
-
-<p>Seit Roßbach und Leuthen gab es ein preußisches Volk, dem die Kolonie
-im slavischen Osten eine neue Heimat geworden war; und die schwarzweißen
-Fahnen bedeuteten mehr als die kahle Gemeinschaft eines starken
-Heeres und einer gerechten Verwaltung.</p>
-
-<p>Darum, als der Reichsfreiherr vom Stein ein deutsches Vaterland
-wollte statt dem Flickwerk der Fürsten, ging er zum König von Preußen,
-nicht zum Kaiser nach Wien; und daß sich Deutschland gegen die Fremdherrschaft
-des Korsen erhob, war eine Tat des preußischen Volkes.</p>
-
-<p>Denn in der Not war die Umkehr geschehen, daß der preußische König
-den Ruf «An mein Volk» wagte, und nicht nur Preußen hörte den Ruf,
-sondern Deutschland gab ihm jubelnde Antwort, weil das Heer durch
-Scharnhorst ein Volksheer und die Verwaltung durch Stein die Selbstverwaltung
-der Stände und Städte geworden war.</p>
-
-<p>Aus der Ordenszucht der schwarzweißen Ritter und aus der Kargheit
-Brandenburgs war in der Kolonie ein Staat und Volk aufgewachsen, daraus
-für Deutschland der Wille und Mut wiederkam, sich gegen das Flickwerk
-der Fürsten mit Blut und Eisen zu wagen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_333">[333]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec12_4">Der Keil</h3>
-
-<p>Als Friedrich der Große in Sanssouci starb, hatte der preußische Staat
-das Kolonialland im Osten zusammengerafft; seine Gestalt war auf der
-deutschen Karte ein breiter Keil, dessen Schärfe mit der Festung Magdeburg
-nach Westen gegen den Rhein wies.</p>
-
-<p>Der Keil des preußischen Staates war angesetzt, das morsche Holz des
-Reiches zu sprengen, und hatte den Spalt über Minden schon vorgetrieben
-bis Wesel, wo seit dem Großen Kurfürsten die Schildwache Brandenburgs
-stand.</p>
-
-<p>Als die Schere Napoleons dann die Karte Europas zurecht schnitt und
-vom Reich nur den Rheinbund, Preußen und Österreich übrig ließ, hatte
-der Keil seine Schärfe und Breite verloren: ihm selber war der polnische
-Keil bis ins Mark vorgetrieben.</p>
-
-<p>Aber zum achten Neujahr nach Jena schon ging das preußische Heer bei
-Caub über den Rhein, die Schärfe nach Frankreich zu tragen; und wo die
-Truppen gegangen waren, saß der Reichsfreiherr vom Stein, das befreite
-Land zu verwalten.</p>
-
-<p>Und ob der Wiener Kongreß mehr Fürsten auf ihre Throne zurück setzte,
-als dem Reichsfreiherrn recht war: Preußen hatte die Wacht am Rhein
-errungen; von Wesel bis Saarlouis standen die schwarzweißen Schildwachen.</p>
-
-<p>Die Rheinprovinz war der Siegespreis, der dem preußischen Schwert
-zufiel, weil das Reich der geistlichen Kurfürsten tot war; die Kolonie kehrte
-ins Herzland des Reiches zurück, daraus seine Bauernschaft einmal um des
-Glaubens willen auszog.</p>
-
-<p>Im deutschen Volk blieb seit der Romantik ein Raunen: wer den Rhein
-hat, der hat das Reich! Seitdem der preußische Keil im rheinischen Querholz
-stak, wußte es jedermann: im preußischen Staat mußte das Reich
-wiederkommen.</p>
-
-<h3 id="sec12_5">Unter den Linden</h3>
-
-<p>Dorothea, die zweite Gemahlin des Großen Kurfürsten, pflanzte die erste
-Linde der breiten Straße, die von der Schloßinsel schnurgerade in den Tiergarten
-führte; aber das Schloß war noch die düstere Burg an der Spree.</p>
-
-<p>Erst Friedrich, der ruhmsüchtige Sohn des Großen Kurfürsten, begann
-den gewaltigen Schloßbau, zu dem er den Bildhauer und Baumeister Andreas
-Schlüter in seinen Dienst holte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_334">[334]</a></span></p>
-
-<p>Mit zwei sehr großen Höfen warf Schlüter den Grundriß über die
-Breite der Schloßinsel hin, und der Größe des Planes entsprach die Kraft
-einer barocken Gestaltung.</p>
-
-<p>Gebändigte Wildheit war alles, was dieser Mann aus seiner großen
-Natur zu bauen und bilden unternahm: seine Portale standen als wahrhafte
-Königstore am Schloß; und als er dem Großen Kurfürsten sein Reiterbild
-auf der Langen Brücke aufstellen durfte, verkündigte es seinen Ruhm
-mit dem des Fürsten, weil es das stärkste Sinnbild gebändigter Kraft auf
-deutschem Grund war.</p>
-
-<p>Weder das Schloß noch das Zeughaus, daran die Masken der sterbenden
-Krieger in die Ewigkeit starren, durfte Andreas Schlüter vollenden,
-weil sein Ungestüm in Ungnade fiel und durch den Schweden Eosander von
-Göthe gefällig ersetzt wurde; aber durch seine Wirksamkeit war der Kunst
-in Preußen Gewicht und Weisung gegeben.</p>
-
-<p>Zwar der Soldatenkönig werkelte draußen in Potsdam, und der alte
-Fritz wohnte in Sanssouci, das ihm nach seiner Idee Knobelsdorff baute,
-der mit seiner großen Leibesgestalt ein Tafelgenosse des Königs, in seinen
-Bauträumen ein Künstler von zartesten Gnaden war.</p>
-
-<p>Ehe Knobelsdorff aber das Märchen von Sanssouci schuf, hatte er den
-Berlinern ein Opernhaus hingestellt, darin der Weg aus dem Barock
-Schlüters zur preußischen Einfachheit sein erstes Wegzeichen erhielt, trotzdem
-es Rokoko war.</p>
-
-<p>Die seine Zauberhand ablösten, waren die Holländer Boumann, Vater
-und Sohn; sie bauten den Dom und die Hedwigskirche, die Universität
-und die Bibliothek, wie der alternde König es wünschte und Knobelsdorff
-nicht erfüllen konnte: sie bauten sie schlecht und recht nach dem befohlenen
-Vorbild, aber mit Haltung.</p>
-
-<p>Der Weg der preußischen Baukunst führte erst weiter, als der Schlesier
-Langhans nach Berlin kam und der Straße Unter den Linden das Brandenburger
-Tor vorsetzte mit dorischen Säulen, aber in einer Wucht und
-Freiheit zugleich, die für diese Stelle gefühlt war.</p>
-
-<p>Das Viergespann auf dem flachen Dach bildete Schadow, den sie später
-den alten Schadow nannten, der aber damals im Vollbesitz seiner derb-feinen
-Bildnerkunst war und in den köstlichen Standbildern Zietens und
-des alten Dessauer selber ein Doriker wurde.</p>
-
-<p>Denn in dieser Zeit geschah das Wunder, daß die Kunst in Preußen den
-Weg zu sich selber zurückgelegt hatte, indem sie Natur zwar im Gesetz der
-Antike sah, aber mit eigenen Augen.</p>
-
-<p>Als Friedrich Gilly, der Jüngling, lehrend und kühne Beispiele zeigend,<span class="pagenum"><a id="Seite_335">[335]</a></span>
-das kurze Gastspiel seines Lebens gab, da schienen die Musen dem Preußentum
-zugeneigter, als sie es sonst im Reich waren.</p>
-
-<p>Schinkel, sein Schüler, durfte die Hauptwache als das höchste Beispiel
-preußischer Baukunst hinstellen: Wiedergeburt der Antike aus eigener
-Vollmacht.</p>
-
-<p>Als er den Lustgarten mit der Säulenhalle des alten Museums abgeriegelt
-und durch die Schloßbrücke mit der Prunkstraße Berlins verbunden
-hatte: da war die Flucht unter den Linden vom Brandenburger Tor bis
-zum Dom die schönste Straße in Deutschland und eine der schönsten der
-Welt.</p>
-
-<h3 id="sec12_6">Berlin</h3>
-
-<p>Während Weimar der deutsche Musenhof wurde und Jena sich rühmte,
-die Wiege der deutschen Romantik zu sein, blieb die Stadt an der Spree
-stumm; so volkstümlich der alte Fritz war, so abseits der deutschen Bildung
-stand der Spötter von Sanssouci.</p>
-
-<p>Weder Lessing noch Winckelmann fanden ein Amt im preußischen Staat,
-dem der eine nach seiner Natur, der andere nach seiner Geburt angehörte;
-erst, als Berlin die Rüstkammer der vaterländischen Bewegung wurde,
-fing der deutsche Geist an, eine preußische Wohnung zu haben.</p>
-
-<p>Fichte hielt seine Reden an die deutsche Nation in Berlin, und Heinrich
-von Kleist war der preußische Gegenwurf zu der Botschaft von Weimar.</p>
-
-<p>Und als die Erhebung verrauscht, als Deutschland durch Preußen befreit
-war, trat Hegel, der Kanzelredner des Staates, die Nachfolge Fichtes
-an.</p>
-
-<p>Er baute den Raum der Vernunft so umfänglich aus, daß alles darin
-seinen Platz fand, und baute ihn so mit logischen Klammern befestigt, daß
-keine Unordnung des Geistes mehr den Weltenplan störte.</p>
-
-<p>Gleich einem Propheten des alten Bundes bewahrte er der neuen Vernunft
-das Siegel, ohne das keine Wissenschaft gültig war.</p>
-
-<p>Die Philosophie, aus dem Latein Leibnizens in den mühsamen Perioden
-Kants eine deutsche Tatsache geworden, dachte nicht mehr Begriffe, sie
-glaubte Leben zu denken; und daß sie es dunkel tat, lag im Logos beschlossen,
-dahinein sie den Tag tauchte.</p>
-
-<p>Daß neben dem Propheten der Held nicht fehle, kam mit seinem europäischen
-Ruhm Alexander von Humboldt nach Berlin zurück, der ein neuer
-Napoleon war, die Welt zu erobern, und der unter allen Männern seiner
-Zeit der gefeiertste war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_336">[336]</a></span></p>
-
-<p>Daß er und sein Bruder Wilhelm, der Minister, daß die beiden Humboldt
-durch den Berliner Tag gingen, gab ihm einen Stundenschlag, der
-in Europa gehört wurde.</p>
-
-<p>In diesem Stundenschlag verschwand für die Menge, aber es war den
-Guten bewußt, daß in Berlin die Serapionsbrüder des Kammergerichtsrats
-Hoffmann schwärmten, daß im botanischen Garten Chamisso saß,
-der Dichter des Peter Schlemihl, daß Achim von Arnim mit seiner Bettina
-gern von Wiepersdorf in die Stadt kam, und daß die Rahel dort ihren
-Salon hatte.</p>
-
-<p>Der gute Geist aber, der sie alle kommen und gehen sah, die in Berlin
-für kurze oder lange Zeit ihr Nest bauten, hieß Schleiermacher; und wenn
-den Karlsbader Beschlüssen zum Trotz der deutsche Geist sich nicht mehr
-aus seiner preußischen Wohnung vertreiben ließ, war Schleiermacher ihm
-der getreue Eckart.</p>
-
-<h3 id="sec12_7">Der Schillertag</h3>
-
-<p>Um die Lebendigen war eine Leere, und Gras wuchs über das große Gedächtnis;
-die Zeit der deutschen Bildung begann, aber die Bildung hatte
-bei Gellert zu Abend gegessen und dreist Goethes Schlafrock angetan.</p>
-
-<p>Glauben und Glück gingen am Sonntag spazieren; die Kunst als Pudel
-der Bildung spaßhaft geschoren, sprang nebenher.</p>
-
-<p>Das war die Zeit, da Beethoven einsam sein Alterswerk schrieb, indessen
-der Freischütz dem Bürger das Morgen- und Abendlied wurde.</p>
-
-<p>Das war die Zeit, da fleißige Maler der Bildung Romantik ins Album
-malten, da die Sehnsucht der Sänger nur noch die Wohllust der häuslichen
-Herrlichkeit war.</p>
-
-<p>Da Ludwig Richter um die Gestalten der Märchen und Sagen sein
-liebes Rankenwerk machte, da jeder Malergesell ein Taugenichts wurde
-von Eichendorffs Gnaden.</p>
-
-<p>Das war die Malkastenzeit, da die Stadt an der Düssel sich ihrer Gärten
-und Künstlerschaft rühmte, da der Rhein eitel Mondschein und Becherklang
-war.</p>
-
-<p>Da die Raffaeliten in Remagen ihre blasse Frömmigkeit malten und
-Rethels herrliche Hand, die den Totentanz machte, an den Bildern im
-Aachener Kaisersaal traurig verdorrte.</p>
-
-<p>Da Kaulbach ein neuer Michelangelo wurde, bis endlich Piloty, der
-deutsche Tizian kam, seinen unsterblichen Ruhm unsterblicher zu verdunkeln.</p>
-
-<p>Das war die Zeit, da Schillers Geburtstag zum hundertsten Mal
-jährte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_337">[337]</a></span></p>
-
-<p>Der Goethetag war eine verborgene Feier gewesen, ein Sternbild über
-dem stummen Land; der Schillertag wurde das rauschende Fest seines
-Volkes.</p>
-
-<p>Den Sänger der Freiheit hießen sie ihn, und weil die Freiheit im deutschen
-Bund eingesargt war, kam die deutsche Bildung mit Kränzen und
-Fahnen, mit Böllern und Glockengeläut, mit Reden und Männergesängen,
-das Grab der Freiheit zu feiern.</p>
-
-<p>Um die Lebendigen war eine Leere, und Gras wuchs über das große Gedächtnis;
-aber am Schillertag blühte im Kornfeld der Bildung das Unkraut
-der deutschen Begeisterung auf.</p>
-
-<p>Der Geheimrat hörte das Glockengeläut gern; wohl brauste die Jugend
-hinein und manche Rede klang scharf in den Tag: aber das Wahre, Schöne
-und Gute hatte gesiegt über die Geister von gestern, und hatte die Völker
-in seiner Hand fromm und glücklich gemacht.</p>
-
-<h3 id="sec12_8">Friedrich List</h3>
-
-<p>Als die Deutschen den Schillertag feierten, war es im dreizehnten Jahr,
-daß ein anderer Schwabe, verdüstert und müde der deutschen Ermattung,
-in Kufstein sein rastloses Leben mit einer Kugel beschloß.</p>
-
-<p>Er war kein Dichter, und als er am Tübinger Stift Staatswissenschaft
-lehrte, hieß ihm Hölderlin wenig; unnütze Träume galten dem praktischen
-Schwaben Griechenlands Götter, und bläßliche Feiertagsfreude galt ihm
-ein Frühlingsgedicht.</p>
-
-<p>Ein fröhlicher Hammerschlag lockte ihn mehr als die Wehmut versunkener
-Dinge; und weil seinem Gegenwartssinn verschimmelte Weisheit zu
-lehren nicht mehr behagte, weil zuviel Pastorengeruch in der Tübinger Luft
-war, ließ er sein Amt, das Stift und die Stadt, in Stuttgart den Stätten
-der Arbeit näher zu sein.</p>
-
-<p>Das aber war zu der Zeit, da Sand den Kotzebue totstach, da die Karlsbader
-Beschlüsse den Mord an der deutschen Burschenschaft rächten; sie
-fanden auch List, der die Regierung in Stuttgart mit zornigen Eingaben
-plagte, und setzten den lästigen Mahner hinter das eisenbeschlagene Tor auf
-dem Asperg.</p>
-
-<p>Sich aus der harten Haft zu befreien, versprach er, das schwäbische Land
-mit der neuen Welt zu vertauschen und über dem Meer dem frommen Geheimrat
-nicht mehr im Weg zu sein.</p>
-
-<p>So kam der Reutlinger Schwabe zu seiner Weltbürgerschaft, so kam
-der arme Professor zum Reichtum; denn als er drüben das Glück in einem<span class="pagenum"><a id="Seite_338">[338]</a></span>
-Kohlenflöz fand, griff seine Schwabenhand zu: solch einen Hans im Glück
-hatten die Leute im Osten längst nicht mehr gesehen, wie es der Schwabe
-in Pennsylvanien war.</p>
-
-<p>Aber er wollte ein anderer Glücksritter werden als für den eigenen Beutel;
-er hatte die Quelle des Reichtums gefunden und wollte sie fließen
-machen für alle: Deutschland sollte nicht länger das Hungerland seiner
-Fürsten und ihrer höfischen Bettelschaft sein.</p>
-
-<p>Der Traum einer anderen Wirtschaft blühte ihm auf, als der Zünfte
-und kleinen Gewerke: der deutsche Boden war schwer an Schätzen; Kohlen
-und Eisen konnten dem Vaterland Wohlstand und Freiheit bedeuten; denn
-die Armut allein &ndash; so glaubte sein glühender Traum &ndash; machte die Menschen
-unfrei.</p>
-
-<p>Bahnen, quer durch die Grenzen der Fürsten gebaut, sollten den Städten
-die Nahrung der Bauernschaft bringen; die Städte hingegen sollten die
-Werkstätten sein für alles Gerät, das die Landwirtschaft brauchte.</p>
-
-<p>Eines sollte dem andern die Waage des Wohlstandes halten, rascher Verkehr
-und planvoller Handel sollten die Preise bestimmen, Zölle die heimischen
-Werkstätten schützen, Ausfuhr und Einfuhr die kluge Benützung des
-Weltverkehrs sein.</p>
-
-<p>Ehe sein glühender Eifer mit solchem Traum in die Wirklichkeit ging,
-schrieb er ihn auf in dem klugen und heftigen Buch seiner Volkswirtschaftslehre;
-dann kam er zurück übers Meer wie der Hans im Glück, mit dem
-Goldklumpen seiner Pläne das deutsche Volk zu beglücken.</p>
-
-<p>Aber das deutsche Volk saß im Spinnennetz seiner Fürsten, seine Gegenwart
-war an den Grenzpfahl gebunden und seine Zukunft an den Geheimrat;
-wo ein Stück grünes Land war, ging die Vergangenheit auf die
-Weide.</p>
-
-<p>Was in der neuen Welt ein Kinderspiel schien, war ein Herkuleswerk in
-der alten; jahrelang ringend mußte der schwäbische Hans seinen Goldklumpen
-tauschen, bis er am Ende von all seinen Täuschen den grauen Wetzstein
-behielt.</p>
-
-<p>Da wußte er freilich, daß es zuerst die Schärfe der deutschen Sensen
-und Sinne aus ihrer Stumpfheit zu wetzen galt; und er wetzte, daß aus
-den Funken der Brand in die faulen Strohdächer sprang.</p>
-
-<p>Bis der Hans im Glück ein verdrossener Mann und seine Volkswirtschaftslehre
-ein durchlöcherter Regenschirm war, bis eine Kugel die letzte
-Enttäuschung bezahlte, bis Friedrich List in Kufstein verscharrt wurde.</p>
-
-<p>Aber sein Goldklumpen war unterdessen in rüstige Hände gefallen: was
-Friedrich List nicht vermochte, das münzten sie aus, ihren Beutel zu füllen;<span class="pagenum"><a id="Seite_339">[339]</a></span>
-und als sich im Flickwerk der Fürsten Wohlstand und Freiheit zu regen begannen,
-regte sich sein Vermächtnis.</p>
-
-<h3 id="sec12_9">Die Eisenbahn</h3>
-
-<p>Der Menschengeist hatte den Dämon aus Feuer und Wasser gebändigt;
-im Eisenbauch schwerer Maschinen saß er gefangen, Mühlen und
-Hämmer, Räder und Spindeln zu treiben: nun wurde er Roß vor dem
-Wagen.</p>
-
-<p>Von England kam das neue Wunder der Welt; als es zuerst von Nürnberg
-nach Fürth lief, strömten die Leute weither, die sausende Fahrt mit
-Feuer und Dampf zu bestaunen.</p>
-
-<p>Der Eisenbauch der Maschine war auf Räder gestellt; die aber liefen,
-vom zischenden Dampf in den Kolben getrieben, auf eisernen Schienen
-schneller durchs Land hin, als je ein Roß zu rennen vermochte.</p>
-
-<p>Ein Feuerroß schien die neue Maschine den Menschen, mit dampfenden
-Nüstern; so stark war das bauchige Ungetüm, daß es gleich einen ganzen
-Wagenzug hinter sich herzog.</p>
-
-<p>Die Ärzte hatten die Hände gerungen, und der Geheimrat sah grollend
-dem leichtfertigen Untertan zu; aber die Kaufleute wollten die Eisenbahn
-haben, und wie eine Hummel fuhr List, ihr Herold, herum.</p>
-
-<p>In Sachsen gelang es dem Schwaben, den ersten Fernweg in Deutschland
-von Dresden nach Leipzig zu bauen; er mußte den Elbe- und Muldefluß
-überbrücken, er mußte bei Oberau gar durch einen Berg gehen &ndash; einen
-Tunnel hießen sie solch eine Höhle, daraus das Ungetüm brausend hervorkam
-&ndash; aber die Eisenbahn brachte den Passagier, der einen langen gerumpelten
-Tag mit der Post oder drei Tagesmärsche brauchte, in fünfeinhalb
-Stunden von Dresden nach Leipzig.</p>
-
-<p>Zwar rauchte der Schornstein unaufhörlich, und im Feuerschein flogen
-die Funken über die offenen Wagen; doch brach kein Rad in den Löchern
-der Straße, und es wurde kein Pferd lahm.</p>
-
-<p>Der Postillon hatte verspielt trotz Mondschein und Horn, und auf der
-langen Allee von Leipzig nach Dresden blieben die Planwagen aus, bis die
-Straße leer wurde vom Fremdenverkehr und nur noch das Bauernfuhrwerk
-seine langsamen Räder hinrollte.</p>
-
-<p>Und wie es in Sachsen geschah, wurden in Preußen, am Rhein und in
-Bayern die eisernen Schienen quer über die Felder und Wiesen, durch Hügeleinschnitte
-und über haushohe Dämme gelegt; staunende Dörfer und
-schweigende Wälder sahen das rauchende Ungetüm fahren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_340">[340]</a></span></p>
-
-<p>Städte, sonst tagefern voneinander, wurden auf Stunden genähert;
-wer in der Frühe aus Hamburg wegfuhr, konnte abends schon in Berlin
-den Freischütz hören.</p>
-
-<p>So wurde ein anderes Netz über Deutschland gespannt, als es das Spinnennetz
-Metternichs war; noch konnten die Grenzen der Fürsten die Strecken
-biegen und brechen, aber die Schienen bohrten sich durch und bohrten
-dem freien Verkehr der Völker die Gasse.</p>
-
-<p>Wo die Eisenbahn hinkam, brachte sie Kohle, und wo die Kohle hinkam,
-konnten die Schornsteine rauchen; so ging der Traum des Reutlinger
-Schwaben doch in Erfüllung, Handel und Wandel, aus ihrer Enge befreit,
-wuchsen ins Weite, an seinen Bahnen wollte das Flickwerk der Fürsten ein
-Vaterland werden.</p>
-
-<h3 id="sec12_10">Der Zollverein</h3>
-
-<p>Die Eisenbahn baute die Wege, die Völker im Reich zu verbinden; aber
-die Zölle legten landaus, landein die Schranken der Fürsten darüber.</p>
-
-<p>Länder und Landschaften, Städte und Märkte hielten mit Eifersucht
-ihre Grenzen gesperrt; je rascher die Eisenbahn Waren und Güter herbrachte,
-je zorniger wurde der Zank um den Zoll, der sie tagelang hinhielt.</p>
-
-<p>Die preußischen Länder, vom Rhein bis zum Memel aus langer Erwerbschaft
-geflickt und seit dem Wiener Kongreß mit der Schere zerschnitten,
-mußten den Mangel am meisten erfahren: so kam es, daß Preußen die
-Unrast der kommenden Einheit im Vaterland wurde.</p>
-
-<p>Habsburg und Brandenburg rangen im Reich um die Macht, seitdem
-der Spötter von Sanssouci Maria Theresia Schlesien nahm; als der zähen
-Preußengeduld der deutsche Zollverein glückte, waren der Habsburger Vormacht
-die Stränge zerschnitten.</p>
-
-<p>Mit den kleinen Nachbarn fing Preußen sein zähes Geduldspiel an; die
-größeren wollten sich wehren, und jahrelang rangen die Mächte im deutschen
-Bund gegen die preußischen Pläne.</p>
-
-<p>Wie ein böses Geschwür sahen die Herren der Hofburg den neumodischen
-Bund wachsen, darin statt dem Schwert die Waage des Kaufmanns
-regierte, darin Habsburg, am Rande des Reiches, nicht mehr das Schwungrad
-im deutschen Räderwerk war.</p>
-
-<p>Preußen hatte den Rhein, und wer den Rhein hatte, konnte den Handel
-in Deutschland bestimmen; auch war es die Zange, die norddeutschen
-Länder zu packen, und die preußische Zange scheute sich nicht, wo sie konnte,
-zu zwicken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_341">[341]</a></span></p>
-
-<p>So wurde erstmals im Zollverein wahr, was deutsche Herzen erhofften;
-wohl blieben die Grenzpfähle stehen, mit den Farben von vielerlei Fürsten
-zu prahlen und all ihrem bunten Wappengetier; aber von Preußen nach
-Bayern, von Hamburg zum Bodensee gingen die zollfreien Waren, als ob
-das Vaterland Wirklichkeit wäre.</p>
-
-<p>Der Kaufmann hatte gesiegt über den frommen Geheimrat; doch Preußen
-hatte dem Zoll das Ziel und dem Handel die Wege bereitet; der Fuchs
-in Berlin wußte genau: der Zollverein war die Vernunft, und die Vernunft
-war der Vorteil im Zwang der kommenden Macht.</p>
-
-<h3 id="sec12_11">Der preußische Bundesgesandte</h3>
-
-<p>Als der preußische Junker Otto von Bismarck nach Frankfurt zum
-Bundestag kam, war die Paulskirche wieder geschlossen, der deutsche Bund
-hielt seine Sitzungen ab, als wäre niemals ein März in seinen Winter gefahren.</p>
-
-<p>Der Junker von Bismarck hatte das Handwerk der Diplomatie in keiner
-Schule gelernt, er konnte reiten, fechten und tanzen, er konnte ein frecher
-und fröhlicher Kerl sein: weil alle die anderen Gesandten auf Schleichwegen
-gingen, hörten sie bald seine Stiefel knarren.</p>
-
-<p>Die Märztage hatten dem Junker von Bismarck eine Narbe ins Herz
-gebrannt, die schwarzweiße Fahne war durch die schwarzrotgoldenen Farben
-in Schande gekommen: er konnte dem Teufel ins Angesicht lachen, aber
-die Märzfarben ertrug er nicht.</p>
-
-<p>Mehr als ein Deutscher war er ein Preuße, und mehr als ein Preuße
-ein Junker: der König war Herr, und er war seiner Herrlichkeit Träger;
-wer ihm hinein sprach, hatte den König gekränkt; und Kränkungen des Königs
-ertrug ein Junkerblut nicht.</p>
-
-<p>So paßte der Todfeind des Liberalismus den schwarzgelben Herren der
-Hofburg; aber sein dreistes Preußentum verdroß ihren Hochmut.</p>
-
-<p>Sie waren gewohnt, im Bundestag ihre Schlingen zu legen, und
-der Troß der Gesandten war nur die Meute der Hofburg; aber der
-Junker von Bismarck war weder Hase noch Fuchs oder sonst ein jagdbares
-Tier, eher ein Jäger und also bereit, sie selber in ihrer Schlinge zu
-fangen.</p>
-
-<p>Sie waren Meister der Schule, er lachte zu ihren Ränken und stellte die
-hohe Diplomatie getrost auf den Kopf; er nannte die Dinge tolldreist beim
-Namen und war seiner Sache gewiß, daß Klugheit und Mut ohne Verkleidung
-stärker und sicherer wären.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_342">[342]</a></span></p>
-
-<p>So machte er, der bei den Schwarzgelben heiter zu Tisch saß, der ihren
-Damen ein witziger Kavalier und ihren Neunmalgescheiten ein dummdreister
-Gernegroß schien, die schwarzweißen Farben wieder frisch, die seit
-Olmütz verstaubt waren.</p>
-
-<p>Nur das Volk sah nichts als den preußischen Junker in seiner Hünengestalt;
-ihm galt der Preußengesandte in Frankfurt der Todfeind des Vaterlandes
-und der Klopffechter verschimmelter Fürstengewalt.</p>
-
-<h3 id="sec12_12">Der Regent</h3>
-
-<p>Der König von Preußen hatte die schwarzrotgoldene Schärpe getragen
-und war nach Olmütz gegangen; er hatte geschwärmt und geredet und Kirchen
-gebaut, er hatte die Hoffnung, den Groll und die Ohnmacht der Deutschen
-nacheinander betrogen: als er ins Alter kam, waren nur schwankende
-Schatten von seinem Umriß geblieben.</p>
-
-<p>Lange bevor ihn ein Schlaganfall hinwarf, seinen Schwarmgeist völlig
-umnachtend, hatte der festere Schatten von seinem Bruder hinter dem
-König gestanden, wie ein Pfahl bei dem schwankenden Baum steht.</p>
-
-<p>Er war weder geistreich noch redebegabt, nur ein Soldat; alles, was
-einen Fürsten bei seinem Volk beliebt machen kann, fehlte dem wortkargen
-Mann; doch jedermann wußte, Prinz Wilhelm war, was der König nicht
-war, ein Charakter.</p>
-
-<p>Niemand sah ihn je schwanken und zagen; als die Märztage kamen, riet
-er dem König, unbeugsam zu bleiben, und als im badischen Aufstand die
-preußische Hand gebraucht wurde, gab sie der Kartätschenprinz her.</p>
-
-<p>So stand seine karge Erscheinung recht in der Zeit als ein Stück Fürstengewalt;
-die Junker hielten ihm zu, weil er ein Stockpreuße wie sie und
-lieber ein Gutsherr in Brandenburg als ein Fürst nach dem deutschen
-Volkswillen war.</p>
-
-<p>Nichts an ihm, außer der langen Gestalt, ging über den Zoll; kein
-Schatten der Größe witterte um seinen Namen, aber hochmütig und unbeugsam
-hielt er der Krone die Torwache.</p>
-
-<p>Das preußische Volk sah ihn verdrossen neben dem Thron stehen, der
-seinem romantischen Bruder Kanzel und Kirchenstuhl und nun ein Krankenbett
-war; ihm aber sollte er wieder, das ließ er den Untertan merken, ein
-Königsstuhl sein.</p>
-
-<p>Ein Königsstuhl ohne Schwall und Gepränge, ein Königsstuhl mit dem
-Schwert und der Waage als Zeichen der höchsten Gewalt.</p>
-
-<p>Fremd seinem Volk und von allen gehaßt, die an die neue Zeit glaubten,<span class="pagenum"><a id="Seite_343">[343]</a></span>
-hielt er dem kranken Bruder die Krone, und dennoch heimlich begrüßt, weil
-wieder nach schwankenden Schatten ein fester Umriß am Fenster der Königsgewalt
-stand.</p>
-
-<h3 id="sec12_13">Der Konflikt</h3>
-
-<p>Die deutsche Frage war seit Olmütz in die Enge der unabwendbaren
-Entscheidung geraten: Österreich und Preußen rangen im Deutschen Bund
-um die Macht, wie einmal die Welfen und Staufer taten.</p>
-
-<p>Großes Schicksal hatte der Kaisergedanke über die Deutschen gebracht;
-aber der Deutsche Bund war nicht mehr das Reich und der Zollverein
-hatte den Spalt quer durch die deutschen Länder gerissen.</p>
-
-<p>Der Prinzregent war Soldat; er sah die kommenden Dinge mehr mit
-dem Zündnadelgewehr als mit den Fußangeln der Diplomaten.</p>
-
-<p>Er legte, König geworden, dem preußischen Landtag die neue Wehrordnung
-vor, von vierzigtausend Rekruten auf sechzigtausend zu kommen,
-statt die andern auslosen zu lassen.</p>
-
-<p>Aber der Landtag war widerspenstig; er sah nach Bürgerart mehr in die
-Gegenwart als in die kommenden Dinge und wollte für eine so kostspielige
-Heeresverstärkung nicht die Mittel beschließen.</p>
-
-<p>Darum, als Österreich mit Frankreich in den italienischen Krieg kam
-und der Deutsche Bund rüsten mußte, ließ sich der König die Mittel der
-Mobilmachung gewähren und führte die neue Wehrordnung ein, wie er sie
-wollte.</p>
-
-<p>So sah sich der Landtag umgangen: das Heer war verstärkt, die neue
-Wehrordnung war da, und er sollte seine Bewilligung nachträglich geben;
-aber er weigerte sich nach dem Buchstabenrecht der Verfassung.</p>
-
-<p>Dreimal versuchte der König den Widerstand des Bürgers zu brechen;
-dreimal wurde der Landtag entlassen; dreimal kamen die Männer im Willen
-des Volkes gestärkt zurück, und immer trotziger wurde ihr Nein.</p>
-
-<p>Denn nun war das schärfste geschehen: der König, bedrängt und gehaßt,
-von vielen Guten verlassen, hatte den Junker von Bismarck als seinen Minister
-gerufen; und nun stand der eiserne Wille gegen den Trotz, die Unabänderlichkeit
-kluger Gewalt gegen die Rechtsbehauptung lahmer Gesetze.</p>
-
-<p>Nicht durch Reden und Kammerbeschlüsse, höhnte der Junker den
-Landtag: durch Eisen und Blut würden die Fragen der Zeit zur Entscheidung
-gebracht.</p>
-
-<p>Er hatte den Bund mit dem Zaren geschlossen, das Heer stand bereit;
-und was seinem Dämon als Schicksal und Größe von Preußen im Sinn
-lag, das sollte für Deutschland geschehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_344">[344]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec12_14">Der dänische Krieg</h3>
-
-<p>Der dänische Seehund hatte die preußische Dogge gebissen, die meerumschlungene
-Nordmark war dänisch geblieben trotz allem Gesang der
-Kinder und Greise: nun nahm der Junker von Bismarck den Augenblick
-wahr, dem Seehund die Zähne zu zeigen.</p>
-
-<p>Friedrich, der dänische König, war ohne Kinder gestorben; der Gottorper
-Christian erbte sein Land, der ein Prinz des schleswig-holsteinischen Hauses
-und durch den Willen der Stände Thronfolger in Dänemark war.</p>
-
-<p>Sie wollten mit ihm Schleswig für immer an Dänemark binden; aber
-ein anderer Prinz des schleswig-holsteinischen Hauses bestritt seinem Vetter
-die Nordmark und hieß sich als Friedrich der Achte Herzog von Schleswig
-und Holstein.</p>
-
-<p>Ihm wollte der deutsche Bund helfen, und als die Preußen und Österreicher
-in Holstein einrückten, riefen ihn Ritterschaft, Städte und Landschaften
-zu Kiel als Landesherrn aus.</p>
-
-<p>Die Dänen hießen die Stände samt ihrem Herzog Rebellen, sie rückten
-mit Schiffen und Heeresmacht aus, der deutschen Bundesarmee noch einmal
-die Zähne des Seehunds zu zeigen.</p>
-
-<p>Aber nun hatte die preußische Dogge packen und beißen gelernt und
-wollte die Schande von Olmütz auslöschen; Wrangel konnte noch einmal
-den zornigen Feldmarschall spielen, und diesmal gingen die Sieger nicht
-wieder nach Haus.</p>
-
-<p>Bei Düppel hatte der Seehund sein festes Lager gegraben, aber die
-Dogge wühlte sich durch bis an die Wälle, drei Wochen lang lag sie in Regen
-und Lehm, dann sprang sie dem dänischen Feind an die Kehle.</p>
-
-<p>Zum zweitenmal wollten die Dänen das Spiel der Mächte beginnen,
-aber nun hatte der Junker von Bismarck die Karten klüger gemischt: sein
-Bündnis mit Rußland schreckte die andern, besiegt und verlassen von allen
-Höfen mußte der dänische Hochmut die Demut auskosten.</p>
-
-<p>Die schwarzweißen und schwarzgelben Fahnen blieben im schleswig-holsteinischen
-Land, und Wrangel der Feldmarschall brauchte nicht wieder
-fluchend nach Hause zu gehen; die Kinder und Greise konnten getrost das
-alte Lied singen: das Wunder, kaum noch geglaubt, blieb in der Wirklichkeit
-gültig.</p>
-
-<p>Aber das Lied, einmal so stark in den Herzen, wollte nicht klingen; ein
-Dämon, das fühlten sie alle, hatte das Wunder gemacht: die deutsche Seele,
-blaß und erschrocken, ahnte, daß dies nur ein Anbeginn war, sie wartete
-stumm auf den Fortgang, weil ihr vor dem Bruderkampf graute.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_345">[345]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec12_15">Gastein</h3>
-
-<p>Schleswig-Holstein, meerumschlungen, war dem Seehund entrissen,
-aber die Dogge duldete nicht, daß Friedrich der Achte als Herzog ins Land
-kam; vor der preußischen Haustür sollte kein neuer Bundesstaat sein.</p>
-
-<p>Seit Friedrich der Große Schlesien nahm, hatte kein Landgewinn so
-den preußischen Dämon gelockt; wie damals war wieder ein Mut da, kalt
-und verwegen, um solchen Gewinn den höchsten Einsatz zu wagen.</p>
-
-<p>Die Bundesgesandten in Frankfurt hörten die knarrenden Stiefel des
-Junkers von Bismarck; sie waren gekränkt, daß er den hitzigen Eifer der
-schwarzgelben Fahnen nach Schleswig-Holstein gelockt, aber die Bundesarmee
-kalt abgewehrt hatte.</p>
-
-<p>Und wie die Bundesgesandten, so haßten die Völker den preußischen
-Junker, daß er so dreist das alte Mächtespiel trieb; sie wollten ein deutsches
-Vaterland sein und wollten die friesische Nordmark friedlich und frei im
-deutschen Staatenverband haben.</p>
-
-<p>Indessen der Herzog der schleswig-holsteinischen Stände sein Glück
-schwinden sah, gingen die Boten von Wien nach Berlin: der neue Zankapfel
-hatte den alten locker gemacht, Schlesien wurde für Schleswig gewogen,
-ein Handel sollte den Machtstreit begraben.</p>
-
-<p>Dem schmählichen Handel zu wehren, hoben die Bundesgesandten in
-Frankfurt den Schild der Gerechtigkeit auf: das neue Bundesland müsse
-sein Schicksal selber bestimmen; ein Landtag, in Schleswig-Holstein gewählt,
-könne das einzige Schiedsgericht sein!</p>
-
-<p>Solche Gerechtigkeit konnte der Junker von Bismarck nicht brauchen;
-Eisen und Blut sollten entscheiden, noch aber war ihm das Spiel zu gewagt:
-dem Gegner die letzte Falle zu stellen, lockte er ihn nach Gastein.</p>
-
-<p>Kein Bundestag konnte ihn da mit dem Schild der Gerechtigkeit
-stören; die Habsüchte von Preußen und Österreich waren allein, und
-als sie einander die feindliche Bruderhand gaben, hatte die Hofburg
-dem deutschen Bund die preußische Kränkung mit eigener Kränkung vergolten.</p>
-
-<p>Was ewig ungeteilt bleiben wollte, wurde als Beute der Mächte zerrissen:
-Preußen nahm Schleswig und Österreich Holstein; Lauenburg
-wurde um dänische Taler an Preußen verhandelt.</p>
-
-<p>Da sahen die Völker im Vaterland, daß über dem Schild der Gerechtigkeit
-die Schwerter der Macht gekreuzt waren; die Großen allein wollten
-den Handel begleichen, die Großen in Wien und Berlin, die den deutschen
-Bund kaltblütig übergingen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_346">[346]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec12_16">Die Zange</h3>
-
-<p>Seit Gastein begannen die Klugen das tolldreiste Glücksspiel zu
-ahnen; der König von Preußen hatte den Junker von Bismarck zum
-Grafen gemacht, und keine Bedenklichkeit konnte den kühnen Spieler
-erreichen.</p>
-
-<p>Er trotzte dem preußischen Landtag, er höhnte die Bundesgesandten,
-und mehr als ein Bruch der Verfassung geschah dem deutschen Gewissen,
-als er dem schwarzgelben Bruder den welschen Feind auf den
-Hals hetzte.</p>
-
-<p>Frankreich und Österreich hatten den letzten Gang um die römische
-Erbschaft der Kaiser gewagt, und Victor Emanuel war, der sardinische
-König, der Spieler Frankreichs gewesen.</p>
-
-<p>Er hatte in blutigen Kämpfen den Einsatz gewonnen; aus einem Flickwerk
-von Staaten war endlich ein einiges Volk auferstanden: Italien hieß
-es sein Land und Victor Emanuel seinen ruhmreichen König.</p>
-
-<p>Noch einmal hatte das uralte Schlachtfeld der Völker den Lärm und
-die Leiden des Krieges erfahren, und schwer waren die Schläge Radetzkys
-gefallen, ehe die Lombardei von den schwarzgelben Fahnen befreit war.</p>
-
-<p>Nur noch Venetien blieb in der Habsburger Hand; die reiche Provinz
-heimzuholen, winkte ein Bündnis mit Preußen: über die Alpen reichte der
-Sieger von Gastein den Welschen die schwarzweiße Hand, den schwarzgelben
-Feind in der Zange zu haben.</p>
-
-<h3 id="sec12_17">Das Zündnadelgewehr</h3>
-
-<p>Als Preußen den Bruderkrieg anfing, war Österreich immer noch mächtig
-im Bund, auch brach ein Schrei aus der Tiefe des deutschen Volkes gegen
-den preußischen Frevel: aber der eiserne Graf glaubte an den Soldaten,
-und der Soldat glaubte ans Zündnadelgewehr.</p>
-
-<p>Der Teufel &ndash; hieß es &ndash; habe den Preußen die Waffe erfunden, schneller
-zu schießen als sonst ein redlicher Schütze; indessen er kniete und mit dem Ladestock
-lud, hatte der Preuße schon zweimal geschossen.</p>
-
-<p>Und wie das Gewehr war sein Gefecht vom Teufel gesegnet; alles ging
-nach der Uhr: hierhin und dorthin marschierten die Heere, aber zur Stunde
-der Schlacht waren sie da mit der Zange.</p>
-
-<p>Drei preußische Heere zogen nach Böhmen, wo Benedek langsam gegen
-die Lausitz vorrückte; drei Muren brachen aus dem Gebirge ins böhmische
-Land, das österreichische Heer zu erdrücken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_347">[347]</a></span></p>
-
-<p>Die erste bot ihm die Front, aber die andern waren die Zange; als die
-schwarzgelben Fahnen bei Königgrätz standen, den Stoß aufzufangen, war
-die Schlacht schon verloren.</p>
-
-<p>Gleich einer Burg waren die Hügel von Chlum vorgebaut gegen die
-Sümpfe der Bistritz, und Benedek stand jedem Sturm, seit früh ging die
-Schlacht und mittags kam sie zu stehen, schon winkte der Sieg den schwarzgelben
-Fahnen, als rechts im Rücken Kanonendonner begann.</p>
-
-<p>Die zweite Mure war da, und schon kam die dritte von links, die Zange
-zu schließen; da half den schwarzgelben Fahnen die Burg und die Tapferkeit
-nichts, und alles Blut des grausamen Tages war ihnen vergeblich geflossen:
-sie mußten die Hügel von Chlum, sie mußten die Burg, das Feld
-und den Sieg dem flinkeren Feind lassen.</p>
-
-<p>Die Schlacht war verloren und mit ihr der Krieg; bald standen die Sieger
-im Marchfeld: da hatte einmal das Glück von Habsburg begonnen,
-da ging es zu Ende.</p>
-
-<p>Einen dreißigjährigen Krieg hatten die Neunmalklugen verheißen, nun
-war er in einem Monat vorüber; die hitzigen Sieger wollten nach Wien reiten,
-aber der eiserne Graf fiel ihrem Roß in die Zügel.</p>
-
-<p>Ihm galt es nicht Preußen und Österreich, ihm galt es Deutschland;
-und ob ihn sein König selber zuerst nicht verstand: zu Nikolsburg machte ein
-rascher Friede dem raschen Feldzug ein Ende.</p>
-
-<p>Indessen die großen Dinge in Böhmen geschahen, liefen die kleinen emsig
-in Franken: bei Langensalza hatten die Preußen das Heer von Hannover
-mit ihrem blinden König gefangen, aber die Kurhessen und Bayern,
-Schwaben und Badenser schlugen sich mit den Preußen auf vielerlei Straßen
-und Brücken herum.</p>
-
-<p>Die Preußen schossen auch hier mit dem Zündnadelgewehr; die großen
-Kanonen standen in Böhmen, ehe sie kamen, wehten die weißen Fahnen
-auch schon in Franken.</p>
-
-<p>Nie hatte ein Frieden den Ölzweig so eilig gebracht, wie der von Nikolsburg
-tat; kaum wußte der Bauer vom Krieg, kamen die Krieger schon heim,
-die Ernte zu halten.</p>
-
-<p>Es war nur ein Sommergewitter, sagten die Völker, weil es zu schwül
-im Vaterland war! und die das Wort hörten, spürten es wohl: das Wetter
-war aus, und die Luft war gereinigt.</p>
-
-<p>Noch standen die preußischen Heere im Feld, als der Gesandte von
-Frankreich, Benedetti geheißen, hochmütig in Preußen anklopfte: Mainz
-oder Krieg! &ndash; Dann Krieg! höhnte der Graf, und Deutschland fühlte den
-Sieg, der in dem stolzen Wort lag.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_348">[348]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec12_18">Der norddeutsche Bund</h3>
-
-<p>Zum drittenmal hatte der preußische Dämon die Falle gestellt, aber
-nun fing er die Fürsten von Hessen, Hannover und Nassau und auch die
-freie Stadt Frankfurt.</p>
-
-<p>Sie hatten Preußen gehaßt und Habsburg getraut, der Frieden von
-Nikolsburg machte sie vogelfrei; von Habsburg verlassen, mußten sie
-Thron und Land an Preußen verlieren.</p>
-
-<p>Noch war der König von Preußen nicht Kaiser, aber sein Kanzler, der
-eiserne Graf, übte die Kaisergewalt Barbarossas; wie der Staufer sein
-stolzes Maifeld, berief er den norddeutschen Bund.</p>
-
-<p>Nicht auf den goldenen Feldern bei Mainz, nicht an den fröhlichen Ufern
-des Rheinstroms, in der kargen Königsstadt an der Spree, glanzlos und
-nüchtern mußte der neue Reichstag den Bau des Bundes beginnen.</p>
-
-<p>Auch rief kein Herold die sieben Heerschilde auf, von dem stolzen Turmbau
-der Stände war nur noch die Stimme geblieben, die einmal in Urväterzeiten
-der Freiemann war und die nun im freien und gleichen Wahlrecht
-der Männer wieder zu Wort kam.</p>
-
-<p>So hatte es Bismarck den Deutschen versprochen, bevor sie nach Königgrätz
-gingen, so hielt er nun Wort; die dem Junker mißtraut hatten, mußten
-erkennen, wie klug und stark der preußische Wille auf die Kaisergewalt
-zielte.</p>
-
-<p>Denn noch schied der Main Süddeutschland vom Bund; mit Ingrimm
-und Sorge sahen die Fürsten und Völker nach Norden, was nun der Preuße
-begänne.</p>
-
-<p>Die Fürsten schonte er nicht, das sahen sie alle; die Völker indessen konnte
-das Zündnadelgewehr nicht gewinnen: wohl aber, wie nun im norddeutschen
-Bund das Flickwerk der Fürsten ein Vaterland wurde mit einer freien
-Verfassung.</p>
-
-<h3 id="sec12_19">Der neue Napoleon</h3>
-
-<p>Ein Abendrot brannte am Himmel von Frankreich sein Feuerwerk ab,
-der gallische Hahn stand in greller Beleuchtung und spreizte sein buntes
-Gefieder, daß wieder ein Kaiser Napoleon war.</p>
-
-<p>Der den gewaltigen Namen und sein Gedächtnis, den Ruhm des Kaisers
-und den Rausch des französischen Volkes als seinen Glorienschein trug,
-hatte nur einen Ehrgeiz, nicht die Natur des korsischen Oheims überkommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_349">[349]</a></span></p>
-
-<p>Mit Abenteuern und Listen mancherlei Art war ihm der Aufstieg
-geglückt, aber der Atem wurde ihm eng, als er auf dem Kaiserthron saß;
-Großes zu tun vermochte er nicht, so gab er dem Kleinen den Anschein der
-Größe.</p>
-
-<p>Zwar schien ihm das Kriegsglück gewogen, auf den lombardischen Feldern
-gewann er die Schlachten gegen den Habsburger Erbfeind: Magenta
-und Solferino klangen dem fränkischen Ehrgeiz nicht weniger stolz als
-einmal Arcole und Lodi.</p>
-
-<p>Nie hatte ein Kaiser der alten Zeit die Straßen von Mailand so blumenbestreut
-gesehen, als da er der stolzen Stadt ihren König Victor Emanuel
-zeigte; und seit den Tagen des Korsen hatte kein Jubel Paris so erfüllt,
-als da er Savoyen und Nizza als Siegesbeute heimbrachte.</p>
-
-<p>Da standen die Tore der Tuilerien geöffnet wie einst, Könige kamen, den
-neuen Herrn der Welt zu begrüßen; die Völker des Abendlands sahen den
-Kaiser von Frankreich wieder als Schiedsrichter walten.</p>
-
-<p>In seinen Glanz fiel der Schatten, als Preußen der Tag von Königgrätz
-glückte; wohl rief die Hofburg den Kaiser als Schiedsrichter an, und
-das alte Rheinbundspiel schien zu glücken: als aber Napoleon Mainz und
-die Pfalz als Siegesbeute heimbringen wollte, wies Bismarck, der eiserne
-Graf in Berlin, seinem Gesandten die Tür.</p>
-
-<p>Den Tag von Sadowa hießen die Franzosen die böhmische Schlacht,
-die ihrem Kaiser das Glücksspiel verdarb; den Tag von Sadowa zu rächen,
-blieb danach ihr Feldgeschrei, bis es dem Kaiser zum Schicksal und seinem
-ruhmgierigen Volk zur Demütigung wurde.</p>
-
-<h3 id="sec12_20">Die Emser Depesche</h3>
-
-<p>Durch Eisen und Blut sollten die Dinge geschehen: Bruderblut war
-um den norddeutschen Bund in Böhmen und Franken geflossen; um das
-Reich mußte Krieg sein mit dem Erbfeind im Westen.</p>
-
-<p>Denn immer noch lag der Schatten des Rheinbundes quer vor den
-kommenden Dingen: bei dem Schiedsrichter der Tuilerien hatten die süddeutschen
-Fürsten Schutz gesucht gegen Preußen; Österreich war, Sadowa
-zu rächen, im Bündnis mit Frankreich.</p>
-
-<p>Sollte ein einiges Vaterland werden, so mußte die welsche Hand aus
-dem deutschen Spiel sein; Bismarck der eiserne Kanzler war tollkühn genug,
-den Schlag gegen den Kaiser von Frankreich zu wagen.</p>
-
-<p>Als sich der Kaiser danach um Luxemburg mühte, sagten die Spötter in
-Frankreich: Napoleon habe das Wild von Sadowa gefehlt und wolle nun<span class="pagenum"><a id="Seite_350">[350]</a></span>
-rasch einen Hasen vom Händler heimbringen; aber der Sieger von Gastein
-brachte ihn auch um den Hasen.</p>
-
-<p>Alles verdarb der Dämon in Preußen dem grämlichen Kaiser, bis
-ihm der spanische Handel das rote Tuch war, seinen Zorn unklug zu
-machen.</p>
-
-<p>Isabella, die spanische Königin, war nach Frankreich geflüchtet; die
-Großen des Landes boten die Krone dem Eidam des Königs von Portugal
-an, der selber dem Kaiser verwandt, aber ein Hohenzoller war.</p>
-
-<p>Seitdem der Burggraf von Nürnberg nach Brandenburg kam und die
-fränkische Sippe der Zollern in Preußen ihr Glück machte, hatte der schwäbische
-Stamm bescheiden im Dunkel gesessen, bis Napoleon selber den Prinzen
-Carol auf den rumänischen Thron brachte.</p>
-
-<p>Nun sollte sein Bruder König von Spanien werden; das aber rief den
-Franzosen die Furcht der spanischen Weltherrschaft wach: was einmal
-Habsburg vermochte, sollte den Zollern nicht wieder gelingen.</p>
-
-<p>Der Zorn von Sadowa schrie Rache; Kaiser und Kammer in Frankreich,
-noch eben im Streit, sahen den Tag der Vergeltung und sprangen dem
-Kanzler hinein in die klug gestellte Verblendung.</p>
-
-<p>Einen Krieg über Deutschland zu bringen, vermochte der Prinz Leopold
-nicht; als der Sturm in Paris schon Donner und Blitz zuckte, meldete
-er seinen Verzicht.</p>
-
-<p>Wir haben gewonnen! rief der Minister von Frankreich; aber so billig
-wollte der gallische Zorn nicht verrauchen: diesmal sollte der König von
-Preußen das fränkische Siegerrecht fühlen.</p>
-
-<p>Der König von Preußen war schon ein Greis; er machte in Ems seine
-Kur, als der Gesandte von Frankreich, Benedetti, ihm morgens über den
-Weg kam: er solle dem Kaiser versprechen, daß niemals mit seinem Willen
-ein Hohenzoller in Spanien König würde.</p>
-
-<p>Das konnte kein König versprechen; und als der Gesandte den höflichen
-Greis am selben Tag weiter bedrängte, ließ er ihn wissen: der König von
-Preußen habe ihm nichts mehr zu sagen!</p>
-
-<p>Durch Eisen und Blut sollten die Dinge geschehen! nun war die Stunde
-gekommen, da Deutschland dem Kanzler einstehen mußte für sein geharnischtes
-Wort.</p>
-
-<p>Was keiner zu denken kühn genug war, das vermochte die Emser Depesche;
-sie war nur ein rascher Bericht nach Berlin; der Kanzler kürzte und
-klärte den Ton und gab ihn der Zeitung: da las der Deutsche mit Zorn und
-mit Stolz, wessen sich ein Gesandter von Frankreich vermaß, und wie ein
-deutscher König die Würde bewahrte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_351">[351]</a></span></p>
-
-<p>Sie fühlten in Frankreich den Hieb, und rot brach die Flamme aus
-ihrem rauchenden Zorn: der Kanzler wollte den Krieg haben, sie wichen ihm
-nicht zurück und wollten die Antwort bald nach Berlin bringen.</p>
-
-<p>Aber die Völker im Reich verstanden die Stunde: jetzt oder nie mußte
-das Vaterland sein! und was an den Höfen der Fürsten noch hemmte und
-zagte, war durch den brausenden Willen gezwungen.</p>
-
-<h3 id="sec12_21">Die Männer</h3>
-
-<p>Der König von Preußen kehrte von Ems zurück nach Berlin; das Volk
-jauchzte ihm zu als dem kommenden Kaiser; denn nun trennte kein Main
-mehr das Vaterland in Norden und Süden.</p>
-
-<p>Wo im Norden und Süden ein deutsches Herz war, es spürte die
-Wende: lange genug hatten die Fürsten das feige Spiel mit Frankreich getrieben,
-wo eine deutsche Uneinigkeit war, hatte der Franzmann die Finger
-gerührt; nun aber sollte ein einiges Vaterland sein, und alle Augen sahen
-nach Preußen.</p>
-
-<p>Da standen die Männer der Stunde und wollten das Tor der deutschen
-Zukunft aufmachen: da war der König, den sie einmal Kartätschenprinz
-hießen; aber der Sieger von Königgrätz, besonnen im Ausmaß
-des Friedens, hatte dem fränkischen Hochmut deutsche Würde gewiesen.</p>
-
-<p>Da war der Kanzler des kommenden Reichs, unbeugsamen Willens
-und seiner Sache gewiß; wie er die Dinge bei Namen nannte, so nahm er
-sie auch zur Hand, und was seine Hand nahm, ließ sie nicht fallen.</p>
-
-<p>Da war der Feldherr des Königs, ein Greis wie er und ein Schweiger,
-kein Feldmarschall zu Roß, aber der heimliche Meister der Zange; wo
-Moltke den Feldzug führte, war der Soldat nicht verlassen: wo er ihn
-brauchte, da stand er, und wo er stand, war er getrost, den Feind anzupacken.</p>
-
-<p>Da war der Zeugmeister des preußischen Heeres, Graf Roon, dem alles
-an seiner Schnur ging, der als getreuer Feldwebel sorgte, daß dem Soldaten
-das Seine zukam.</p>
-
-<p>Da war der Kronprinz, dessen Kanonen den Sieg nach Königgrätz
-brachten, blondbärtig und jedermanns Freund und immer bereit, mit jedem
-zu lachen.</p>
-
-<p>Als er den Oberbefehl nahm über die süddeutschen Heere, vergaßen sie
-alle den Preußen, weil er ein fröhlicher Mann und für die Bayern, Schwaben
-wie Hessen bald «Unser Fritz» war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_352">[352]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec12_22">Nach Frankreich hinein</h3>
-
-<p>Wieder wie einmal nach Böhmen ließ Moltke drei Heere nach Frankreich
-marschieren, und wieder wie damals kam ihre schnelle Bewegung dem
-Feind in die Flanken.</p>
-
-<p>Über den Rhein nach Baden, Schwaben und Bayern wollte Napoleon
-ziehen, die süddeutschen Mächte gegen den norddeutschen Bund zu gebrauchen;
-aber sein Heer kam nicht los von Straßburg und Metz.</p>
-
-<p>Ehe Mac Mahon in Marsch kam mit seiner saumseligen Macht, hatte
-der Kronprinz den Lauterbach überschritten, den Feind im Elsaß zu packen.</p>
-
-<p>Der Geisberg bei Weißenburg wurde von Preußen und Bayern erstürmt
-und danach bei Wörth der stolze Mac Mahon geschlagen; ehe sein
-Heer beisammen war, riß schon der Strudel der schmählich verlorenen
-Schlacht die fliehenden Massen über den Wasgenwald hin.</p>
-
-<p>Die Steige von Zabern war frei, als Sieger marschierten die Söhne der
-süddeutschen Länder hinein in das uralte Schlachtfeld der katalaunischen
-Felder.</p>
-
-<p>Am selben Tag, da Mac Mahon bei Wörth den Ruhm von Magenta
-verlor, berannten die Preußen der ersten Armee die Spicherer Höhen hinter
-Saarbrücken; blutige Stürme liefen vom Mittag bis in die Nacht gegen
-die steilen Waldberge an, Tausende mußten ihr Leben um einen Schritt lassen.</p>
-
-<p>Aber der Schritt machte den Weg nach Lothringen frei, und Lothringen
-war mit seiner gewaltigen Festung der Schlüssel, den Krieg nach Frankreich
-zu tragen.</p>
-
-<h3 id="sec12_23">Metz</h3>
-
-<p>Auf einer Insel der Mosel, durch waldige Hügel gedeckt, von einem
-Stachelring starker Vorwerke umschlossen, lag Metz, die mächtigste Festung
-der Welt, dem Einmarsch nach Frankreich zu wehren.</p>
-
-<p>Hier sollte der Feldzug des Kaisers nach Mainz und Preußen beginnen,
-aber die Sieger von Spichern und Wörth nahmen ihn gleich in die Zange;
-auch die stolze Rheinarmee fand den geträumten Siegesweg nicht, und der
-Marschall Bazaine nahm dem erschrockenen Kaiser den Oberbefehl ab.</p>
-
-<p>Der Marschall wollte zurück, Mac Mahon zu finden, aber er säumte zu
-lange; bevor sein Abmarsch begann, standen die Preußen vor Metz, und das
-blutige Sechstagewerk fing an, sein Heer zu zermalmen.</p>
-
-<p>Sechs Tage lang riefen die großen Kanonen der Festung zum Tanz,
-sechs Tage lang brüllte die Schlacht ihre Antwort, sechs Tage lang bebte
-die Erde, sechs Tage lang waren die Hügel um Metz eine Hölle.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_353">[353]</a></span></p>
-
-<p>Nie hatte die Welt solches Schlachtfeld gesehen, Jena und Austerlitz,
-Leipzig und Waterloo, Königgrätz: alles versank vor der Wirklichkeit solcher
-Vernichtung.</p>
-
-<p>Stirn an Stirn standen die Heere am ersten Tag und maßen die Stärke;
-am zweiten Tag setzten die Preußen im Süden die Zange; am dritten Tag
-wollte Bazaine den Abmarsch erzwingen, aber der Feind hielt ihn fest in der
-Flanke; am vierten Tag grub er sich ein, das Antlitz nach Westen; am fünften
-Tag hielt ihn der eiserne Griff von Süden und Norden umklammert,
-bis in die Nacht ging der Kampf; am sechsten Tag saß sein mächtiges Heer
-in der Festung, und die Festung saß in der Zange.</p>
-
-<p>Mehr Tote als sonst ein Kriegsjahr hatten die Tage gekostet, die Wälder
-und Wiesen, Brücken und Bäche um Metz lagen voll Leichen, die Dörfer
-brannten, die Sonne konnte nicht mehr durch den Pulverdampf scheinen.</p>
-
-<p>Da kämpften nicht Feldherrn und Heere um ihren Sieg, da rangen
-zwei Völker um ihre Stärke: Frankreich und Deutschland trugen den
-Streit, den Zorn und die Vergeltung aus von einem halben Jahrtausend.</p>
-
-<h3 id="sec12_24">Sedan</h3>
-
-<p>Auf den katalaunischen Feldern hatten die Deutschen gedacht, Mac
-Mahon zu finden; aber er war von Chalons nach Norden gezogen, Bazaine
-in Metz zu entsetzen; weil aber die deutschen Soldaten zum andernmal
-schneller marschierten als die Franzosen, gelang es, den Flankenstoß an der
-Maas abzufangen.</p>
-
-<p>Bei Beaumont geschlagen, mußte Mac Mahon nach Sedan zurück,
-wo ihn das Schicksal Bazaines schneller und schlimmer erreichte.</p>
-
-<p>Da machte Moltke das letzte Meisterstück seiner Zange; von Osten nach
-Westen gepackt, wurde das zweite Feldheer des Kaisers nach blutiger
-Schlacht durch die Tore von Sedan getrieben.</p>
-
-<p>Aber nun war es nicht Metz, die mächtige Festung, mit dem Stachelring
-ihrer starken Vorwerke, nun war es Sedan mit seinen ärmlichen Wällen,
-daraus die Feuerschlünde von allen Höhen rundum einen Höllenkessel
-machten.</p>
-
-<p>Am selben Nachmittag noch mußte die Zitadelle die weiße Fahne aufziehn;
-und als der Parlamentär aus der Festung zurück kam, war mit dem
-Heer von Mac Mahon der Kaiser Napoleon selber gefangen.</p>
-
-<p>Der in den Tuilerien als Schiedsrichter über dem Abendland saß, der
-den Ruhm seines gewaltigen Namens und den Glanz des zweiten Kaiserreichs
-trug, sandte dem König von Preußen seinen Degen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_354">[354]</a></span></p>
-
-<p>Noch in der selben Nacht streckte das Heer Mac Mahons die Waffen;
-durch den nebligen Morgen des zweiten September ritt Bismarck als
-Kürassier neben dem Wagen des Kaisers, seinem König, dem Sieger, den
-kläglich Besiegten zu bringen.</p>
-
-<p>Ein Hurrah lief durch die Reihen und füllte das waldige Tal von Sedan;
-ein Siegesfest nahm seinen Anfang wie keines der neuen Geschichte.</p>
-
-<p>Vier Wochen lang standen die Heere im Feld, und schon war die Kriegsmacht
-des Kaisers vernichtet, Napoleon selber gefangen: da mußte der
-Krieg aus sein und jeder Soldat, fröhlich geschmückt, konnte der Heimat
-den Frieden mitbringen.</p>
-
-<h3 id="sec12_25">Der Ringkampf der Völker</h3>
-
-<p>Die deutschen Sieger hatten das letzte Feldheer des Kaisers geschlagen,
-aber der Kaiser war nicht das Volk der Franzosen; der Ringkampf der Völker
-fing seinen Schrecken erst an, und weit lag der Friede.</p>
-
-<p>Wohl standen die deutschen Heere bald vor Paris, aber das Herz von
-Frankreich hörte nicht auf zu schlagen; hinter dem Gürtel starker Vorwerke
-war es gerüstet, auf seine Kinder zu warten.</p>
-
-<p>Der sie rief, war ein anderer Mann als der kränkelnde Kaiser; in einem
-Luftballon verließ Gambetta die Hauptstadt, und wo sein Feuerwort hinfiel,
-standen die Söhne des Vaterlandes auf, Frankreich zu retten.</p>
-
-<p>Von Norden, Süden und Westen liefen die Sturmwellen an, den dünnen
-Wall um Paris zu durchbrechen: in Lumpen und Leiden noch einmal
-Soldaten der großen Armee.</p>
-
-<p>Das Sagenbild der neunköpfigen Schlange wurde den deutschen Soldaten
-zur bösen Erscheinung; wo ein Mann war, war auch ein Feind, und
-viele Männer waren in Frankreich.</p>
-
-<p>Der siegreiche Sommer sank längst in den Herbst, und der Winter fing
-an zu schneien: immer noch warf das tapfere Land neue Heere ins Feld,
-immer noch sorgten die siegreichen Führer, ob sie des Feindes wohl Herr
-blieben.</p>
-
-<p>Bis endlich der Hunger die mächtigen Tore von Metz aufmachte, bis
-endlich die Deutschen im Feld die Übermacht hatten, der Hydra den letzten
-Kopf abzuhauen.</p>
-
-<p>Bei Orleans an der Loire, bei Amiens und Le Mans, bei Dijon, an der
-Lisaine, bei St. Quentin: überall hatte das Blut verzweifelter Kämpfe den
-Schnee gerötet, ehe der Donner der großen Kanonen das Herz und die
-Hauptstadt von Frankreich bezwang.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_355">[355]</a></span></p>
-
-<p>Einhundertachtzehn Tage lang war der eiserne Ring um ihre Tore gewesen;
-Hunger und Schrecken hatten das Herz von Frankreich müde gemacht,
-bis sein Mut aufhörte zu schlagen.</p>
-
-<p>Tief im Süden, im waldigen Jura fiel noch ein letzter Streich gegen den
-kühnen Bourbaki; bei Pontarlier wälzte sich der blutige Rumpf der Hydra
-hinüber zur Schweiz.</p>
-
-<p>Dann endlich war dieser schwere Krieg aus, der ein Ringkampf war
-zwischen den Völkern, und dem die Welt staunend zusah; denn noch war es
-Preußen mit seinen süddeutschen Brüdern, das solches gegen das mächtige
-Frankreich vermochte.</p>
-
-<h3 id="sec12_26">Versailles</h3>
-
-<p>Der erste Napoleon hatte das Reich auseinander getreten, weil er der
-Kaiser im Abendland war; als der dritte Napoleon seine Wiederkunft sah,
-die er selber erweckte, saß er in Wilhelmshöhe gefangen.</p>
-
-<p>Er hatte um seines Namens willen den Großen gespielt, aber der Große
-saß in Berlin und war ein preußischer Junker; als der Kaiser seinen Gegner
-erkannte, war das Spiel schon verloren; als ihm der Krieg an die Gurgel
-sprang, war Preußen schon Deutschland.</p>
-
-<p>Was die Burschenschaft sang auf der Wartburg, was in der Paulskirche
-als Wort und Wille des deutschen Volkes aufstand, war in Wirklichkeit
-da, als Deutschland nach Frankreich marschierte, seinen Zorn an
-dem Erbfeind zu rächen.</p>
-
-<p>Aus Preußen und Bayern, aus Schwaben und Sachsen, aus Hessen
-und Baden waren die deutschen Söhne gekommen, weil ihre Fürsten ein
-Schutz- und Trutzbündnis hatten; aber sie standen im Feld füreinander,
-weil sie aus einem Vaterland waren.</p>
-
-<p>Niemals konnte der Mann aus dem Heer in eine andere Heimat heimkehren
-als die seiner deutschen Blutsbrüderschaft vor dem Feind; er hatte
-den Erbfeind geschlagen, der lange genug der Nutznießer seiner Zwieträchtigkeit
-war: sollten noch länger Fürsten in Deutschland regieren, durften sie
-nicht mehr Vögte der Zwietracht, mußten sie Hüter der Eintracht sein.</p>
-
-<p>Durch Eisen und Blut hatte der Kanzler die Eintracht beschworen,
-aber nun wußte er klug abzuwarten, daß ihr kein Zwang angetan wurde:
-sollte das Reich kommen, so mußte es sein, wie die Sonne sich selber den
-Tag weckt.</p>
-
-<p>Erst wurde der Bund der Völker geschlossen, und mancherlei mußte gegeben,
-gepflegt und geschont sein, ehe die Boten befriedigt heimgingen, ehe
-Vertrag um Vertrag zum Vaterland wuchs.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_356">[356]</a></span></p>
-
-<p>Als so das Reich auf der Einigkeit stand, kamen die Fürsten, den Kaiser
-zu küren; kein anderer konnte es sein als der Greis, der Preußen und Deutschland
-in diesen siegreichen Krieg führte.</p>
-
-<p>Der König von Bayern mußte ihn nennen; er tat es mit stolzer Gebärde,
-weil seiner romantischen Seele nichts so verhaßt wie die kleine Erbärmlichkeit
-war, und weil er kein Neidling sein mochte.</p>
-
-<p>So konnte endlich das Wunder geschehen: im Spiegelsaal zu Versailles
-standen die Fürsten und Stände der Staaten, Minister, Generäle, Soldaten,
-dem greisen König von Preußen die deutsche Kaiserkrone zu bringen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_357">[357]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Schuldbuch_der_Menschen">Das Schuldbuch der Menschen</h2>
-
-<h3 id="sec13_1">Der Reichstag</h3>
-</div>
-
-<p>Tapfere Dinge waren getan, und Großes war ruhmreich gegründet:
-wie seit den Staufern nicht mehr war das Vaterland mächtig, Deutschland
-war wieder ein Reich, und ein Kaiser stand über der Vielheit der
-Fürsten.</p>
-
-<p>Aber es war nicht mehr der alte Fürstenbau; weder in Aachen gekrönt
-noch in Frankfurt gefeiert, blieb der Kaiser von Deutschland König in
-Preußen; der eiserne Kanzler gebot an der Spree; die Krone im Rhein lag
-versunken.</p>
-
-<p>Scharf schnitten die Grenzen das neue Reich ab von den feindlichen
-Völkern; Dänen, Franzosen und Polen sahen mit Haß die Fahnen schwarzweißrot
-wehen, indessen die Deutschen von Österreich und Tirol, von Salzburg
-und Steiermark im bunten Staatenverband der Habsburger Erbherrschaft
-blieben.</p>
-
-<p>So hielt die harte Preußenhand eine kargere Kaisermacht fest als die
-der Staufen, Franken und Sachsen: aber sie war durch den Willen der
-Völker, nicht durch die Willkür der Fürsten gehalten.</p>
-
-<p>Zweiundzwanzig Residenzen, Höfe und Fürsten hatten sich aus der
-Vielheit gerettet, und Thüringen trug noch das alte Narrengewand; ihr
-Bundesrat saß in Berlin, er konnte dem Reichstag der Deutschen Hemmschuh
-und Hindernis, aber nicht mehr die alte Herrengewalt sein.</p>
-
-<p>Da saßen die Boten der Deutschen von Schleswig bis Lindau, von
-Schlesien bis Xanten, von Straßburg bis Memel, dem Vaterland die
-Hände frei zu halten durch den Willen des Volkes.</p>
-
-<p>Da gab es nicht mehr die Stände der alten Reichsherrlichkeit, nur
-Stimmen: Arbeiter-, Bürger- und Bauernschaft galten nach ihrer Zahl;
-Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit sollten die Hüter und Walter der
-deutschen Volksrechte sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_358">[358]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec13_2">Die alte Zwietracht</h3>
-
-<p>Durch Eisen und Blut war Deutschland einig geworden, die Eintracht
-des Krieges hatte dem Frieden die stolze Frucht eingetragen: nicht länger
-mehr sollte die Zwietracht das deutsche Verhängnis bedeuten.</p>
-
-<p>So waren die Sieger bekränzt aus Frankreich wiedergekommen, so
-hatte der Jubel in Deutschland Greise und Kinder, Männer und Frauen
-erfüllt, so stand der Frühlingstag hell, da in Berlin die Truppen einritten
-mit ihrem König und Kaiser.</p>
-
-<p>Als aber der Reichstag die Stimmen gezählt hatte, als die Sendlinge
-ankamen aus allen Gauen, als sie eintraten in den Saal, dahin sie einträchtig
-zu raten gesandt waren, saßen sie vielfältig nach Parteien.</p>
-
-<p>Zur Rechten die Junker und alle die Alten, die sorgenvoll in die neue Zeit
-sahen; zur Linken die Neuen und Demokraten: beide Hände wollten dem
-Reich das Gleichgewicht halten, die Dränger den Siegelbewahrern des Alten.</p>
-
-<p>Doch in der Mitte schob eine schwarze Schar ihren Keil zwischen die
-streitbaren Hände; sie wollten das Reich nicht von rechts und links der
-neuen Preußengewalt, sie wollten die alte Herrlichkeit haben, da sich der
-Bogen der römischen Kirchen- und Reichsgewalt über die Christenheit
-spannte.</p>
-
-<p>Der Papst und der Kaiser hatten der Kirche den Bogen über die Völker
-gehalten; der aber nun Kaiser hieß, war ein Ketzer, und der als Kanzler die
-starke Regierungsgewalt übte, war ein Preuße und Protestant.</p>
-
-<p>Sie aber blieben der römischen Kirche gehorsam und wollten nicht dulden,
-daß ihrer Geltung im Reich der Preußen und Ketzer Geringes geschähe;
-darum saßen sie da in der Mitte und ließen sich schelten, daß sie die
-schwarzen Raben vom Kyffhäuser wären.</p>
-
-<p>So wurde der uralte Streit noch einmal entfacht, was dem Papst und
-dem Kaiser gehöre; der römische Papst war die Sonne der christlichen Welt,
-unfehlbar hieß er sich nun: wollte der preußische Mond aus eigenem Licht
-leuchten, so war es vom Teufel.</p>
-
-<p>Noch einmal wurden die Worte von Worms und Augsburg gesprochen,
-noch einmal wollte der deutsche Mann dem römischen Übermut wehren:
-der Schwedenkönig ritt um im Gedächtnis von Lützen, und die feste Burg
-Luthers wurde gesungen.</p>
-
-<p>Kein Wallenstein kam, und Magdeburg brauchte die Brandfackel
-Tillys nicht mehr zu fürchten: die Schwerter hatten gerungen, bis Deutschland
-ein Leichenfeld war; nun rangen die Stimmen.</p>
-
-<p>Aber die jubelnden Herzen mußten noch einmal den wilden Untergrund<span class="pagenum"><a id="Seite_359">[359]</a></span>
-spüren, darauf die neue Herrlichkeit stand; indessen die Tore und Türme der
-Einigkeit noch bekränzt waren, kamen die Raben der Zwietracht geflogen.</p>
-
-<p>Wir gehen nicht nach Canossa! trotzte der Kanzler; aber der eiserne
-Mann, der Habsburg besiegte und den dritten Napoleon fing, der dem
-Abendland stärker als sonst ein Mann seiner Zeit das Gesicht gab, der Graf
-von Gastein und Fürst von Versailles mußte das unbedachte Wort büßen.</p>
-
-<h3 id="sec13_3">Die neue Zwietracht</h3>
-
-<p>Ein Jahrtausend deutscher Geschichte hob sein Gesicht zur Gegenwart
-auf, als die schwarzen Männer im Zentrum noch einmal den Streit der
-Kirche begannen; das Gesicht war von Gram und finsteren Leiden zerrissen.</p>
-
-<p>Aber der Bogen, einmal der Christenheit mächtig, war nicht mehr gespannt;
-die Augen, glühend vor Haß, waren erloschen.</p>
-
-<p>Wohl wußte der Mund noch die Worte, aber sie zückten nicht mehr:
-aus Schicksal war Zank, aus Schuld war Schmähung, aus Haß war
-hitziger Eifer geworden.</p>
-
-<p>Indessen die alte Zwietracht so an der Gegenwart starb, war die neue
-Zwietracht gewachsen; aber ihr glühten die Augen, ihr zückten die Worte,
-sie kannte Schicksal und Schuld, sie kannte den brennenden Haß.</p>
-
-<p>Aus Menschen hatte der Zwang der Maschine Fabrikler gemacht; in
-rußigen Hallen und Höfen mußten sie um den Tageslohn dienen, die von
-der Scholle enterbt waren und die im Handwerk verfilzter Zünfte kein Heil
-fanden, weil die Maschine der menschlichen Hand die Arbeit wegnahm.</p>
-
-<p>Wohl hatte List, der Reutlinger Schwabe, dem Wohlstand die neuen
-Wege gewiesen: der deutsche Bürger begann, Bahnen, Fabriken und
-Lagerhäuser zu bauen, die Schornsteine rauchten, aber dem Arbeiter brachten
-sie keinen Segen.</p>
-
-<p>Der Lohn hielt sein Dasein in ehernen Klammern; je mehr ihrer kamen,
-ihn zu verdienen, je billiger wurden die Groschen in seiner entwerteten Hand.</p>
-
-<p>So ging die Saat auf, die Wilhelm Weitling aus Magdeburg säte;
-der Profit des privaten Erwerbes sollte dem Recht der Gemeinschaft verfallen:
-der Sozialismus wurde die Zwietracht der kommenden Tage.</p>
-
-<p>Ein Evangelium kam zu den Armen, anders als jenes, das Jesus von
-Nazareth brachte, und eine andere Lohnlehre, als die der Priester; nicht
-erst vor Gott, vor den Menschen sollte Gleichheit gelten; statt himmlischer
-Freuden der Frommen sollte auf Erden Gerechtigkeit wohnen.</p>
-
-<p>Lassalle hatte sein lautester Verkünder geheißen, der wie ein Irrwisch
-dem frommen Geheimrat ins Tintenfaß fuhr und ein fressender Feuerbrand<span class="pagenum"><a id="Seite_360">[360]</a></span>
-war in den Herzen der Armen; vom Zorn der Behörden verfolgt,
-von Prozeß zu Prozeß hingerissen, jagte sein Leben dahin, bis ihn &ndash; um
-eine Frau &ndash; die Kugel hinstreckte.</p>
-
-<p>Aber sein landfremder Name, scharf und schnell wie der hämmernde
-Hall seiner Worte, blieb in den Herzen der Armen lebendig, bis hinter der
-heißen Gebärde ein drohender Schatten aufkam, sein flackerndes Bild zu
-verscheuchen.</p>
-
-<h3 id="sec13_4">Die goldene Spinne</h3>
-
-<p>Zwei Rheinländer saßen flüchtig in London und waren Freunde, wie
-Kopf und Herz Freunde sind: Karl Marx, der Jude aus Trier, Friedrich
-Engels, der Protestant und Kaufmann aus Barmen.</p>
-
-<p>Sie stickten der neuen Zwietracht die Fahne; auf blutrotem Grund
-strahlte mit goldener Schrift der Name des Feindes, den sie in aller Verkleidung
-des Wohlstandes verfolgten.</p>
-
-<p>Wo ein Zins, eine Grundrente war, wo eine Eisenbahn lief, wo eine
-Fabrik rauchte, wo die Feuergarbe der Hochöfen lohte und wo der Förderkorb
-Kohlen zu Tage brachte: überall saß die goldene Spinne und nützte
-das Netz.</p>
-
-<p>Das Kapital war sie geheißen, und alles Lebendige fing sie mit ihren
-gleißenden Fäden, um es zu fressen: weil sie der Nutznießer der Zinsen und
-Renten, in aller fleißigen Arbeit der Fluch der Lohnherrschaft war.</p>
-
-<p>Einmal als goldenes Kalb von Israel gläubig umsungen, von Moses
-mit jähen Worten zerschmettert, war sie die Herrin der Welt, all ihres
-Wohlstandes und all ihrer Armut geworden.</p>
-
-<p>Fürsten und Könige mußten ihr dienen, Kriege wurden geführt ihr zuliebe
-und Frieden nach ihrem Vorteil geschlossen: wo irgend ein Menschenwerk
-war, hielt sie dem Hunger die Geißel in ihrer Linken, aber den Mehrwert
-der Arbeit in ihrer lockenden Rechten.</p>
-
-<p>Gegen die Allmacht des Goldes rief Marx, der Jude aus Trier, die
-Zwietracht der Gegenwart auf; und dies war seine Lehre vom Mehrwert:
-aller Gewinn in der Welt bestahl die fleißige Arbeit; denn der Lohn zahlte
-nicht den Gewinn, er hielt nur die Peitsche, daß Arbeit geschähe.</p>
-
-<p>Um ihren Mehrwert betrogen, gab die Arbeit dem Armen die Notdurft
-und hielt ihn als Knecht in der Fessel des Lohnes; Sorge und Fleiß und
-Mühseligkeit der besitzlosen Klasse dienten der goldenen Spinne, daß ihr
-das Leben fauler Genuß würde.</p>
-
-<p>Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! höhnte ihr Sprichwort; aber
-den Goldspinnen war zu fressen die einzige Arbeit; so wild war ihre Gier,<span class="pagenum"><a id="Seite_361">[361]</a></span>
-daß sie einander auffraßen, die großen die kleinen, bis einmal das Gold aller
-Welt in einem einzigen Bauch war.</p>
-
-<p>Dann war das Unrecht gesühnt und das Schicksal vollendet; denn dann
-kam der Staat mit dem Schwert und schlug dem Ungetüm das Freßwerkzeug
-ab, dann war der Bauch mit dem Gold der Gemeinschaft verfallen,
-dann hatte der Mehrwert der Arbeit den Kreislauf vollendet.</p>
-
-<p>Denn dann war der Staat nicht wieder das Fangnetz der goldenen
-Spinne, dann hatten die Arbeiter selber die Macht, dann konnte der
-Mehrwert den goldenen Segen ausströmen, weil endlich die Menschheit
-vom Kapital, dem faulen Blutsauger des ehrlichen Fleißes, erlöst war.</p>
-
-<p>Die Botschaft klang anders, als die aus Bethlehem kam: sie wollte den
-Himmel auf Erden bringen, statt eine Verheißung über den Wolken zu sein.</p>
-
-<p>Zwar hatte Jesus milde gelächelt, daß Einer sorgte um Speise und Trank,
-um Kleidung und andere Notdurft des Leibes, weil er die ewige Seligkeit
-lehrte, die jeder Seele als ihre Heimat gewiß war, wenn sie ihm glaubte.</p>
-
-<p>Aber der Jude aus Trier sah nur Schliche in der christlichen Botschaft;
-alle Lehre der Priester und alle Gläubigkeit galten ihm List der Spinne,
-ihre höllische Herrschaft zu halten: sie wollte des irdischen Goldes gewiß
-sein, drum gab sie die himmlischen Träume.</p>
-
-<p>Irdisches Leben hieß auf der Erde beheimatet sein, hieß ihre Früchte als
-Segen des Fleißes fröhlich genießen: das sollte der Preis seiner Lehre, das
-sollte der greifbare Segen seines neuen Evangeliums werden.</p>
-
-<p>Die da in Not und Kümmernis lebten, indessen der Reichtum auf
-leichten Rädern dahin fuhr, denen ein Tag Sorgenfreiheit ein Märchenland
-hieß: sie hörten die Worte wie einmal die Hirten, da sie in kalter Nacht
-auf den Feldern die Botschaft der Engel vernahmen.</p>
-
-<p>Sie sahen die Fahne der Zwietracht flattern vor einer schönen Zukunft;
-tausend mal tausend glaubten mit glühenden Augen, daß der mühselig beladenen
-Menschheit zum Wohlgefallen endlich Gerechtigkeit käme.</p>
-
-<h3 id="sec13_5">Darwin</h3>
-
-<p>In England wurde dem Sozialismus die Fahne gestickt, aus England
-kam auch die neue Schöpfungsgeschichte, die Bildung des Bürgers vom
-Bibelbuch abzulösen.</p>
-
-<p>Auf seinem behaglichen Landgut bei London saß Darwin, der Forscher
-und Freund der Pflanzen und Tiere, und kannte kein schöneres Glück, als
-ihnen das Lebensgeheimnis besonnen und still abzulauschen.</p>
-
-<p>Er hatte auf mancherlei Reisen den rauschenden Reichtum der tropischen<span class="pagenum"><a id="Seite_362">[362]</a></span>
-Pflanzen- und Tierwelt gesehen; aber wie bei den Menschen Blutsverwandtschaft
-war unter Brüdern und hinaus lief in Sippen und Völker,
-so sah er die Unzahl der Arten verbunden.</p>
-
-<p>Tastenden Schrittes suchte er Strecken des Lebens zu finden; und immer
-gewisser wurde dem still besonnenen Mann, daß all der rauschende
-Reichtum des Lebens aus wenigen Urformen stammte.</p>
-
-<p>Tausendmal älter als alle Berichte wirkte das tiefe Geheimnis der
-Artenentwicklung; was sich das einzelne Leben im Kampf ums Dasein
-mühsam erwarb, wurde vererbtes Vorrecht der Art; Jahrtausende waren
-darin wie eine Stunde.</p>
-
-<p>So war die Schöpfungsgeschichte der Bibel ein Märchen der Juden,
-einfältig und sinnvoll gebildet; das Sechstagewerk Gottes war nur die
-Tür frommer Betrachtung, dahinter die Wege der Pflanzen- und Tier-
-und Menschennatur in uralte Vergangenheit wiesen.</p>
-
-<p>Darwin, der Forscher und Freund der Pflanzen und Tiere, hatte nur
-klarer erkannt und feiner verfolgt, was andere Geister vor ihm ahnten und
-fanden; als aber der übersehbare Weg seiner Lehre in die Unendlichkeit
-führte, erschraken die Frommen.</p>
-
-<p>Denn nun wurde offenbar, daß die jüdische Bibel auch nur ein Menschenwerk
-war und also ein Stückwerk: auf ihren Buchstaben war der evangelische
-Glaube verpflichtet; wenn aber der Buchstabe des alten Testaments
-falsch war, wurde dem Glauben die starke Gewißheit des neuen genommen.</p>
-
-<p>Eine Wehklage kam aus den gläubigen Herzen, Wutgeschrei der Zeloten
-rief Zeter und Zorn über den Forscher; der seiner eigenen Frommheit
-nur eine neue Gewißheit gewann, staunend der göttlichen Tiefe im Wunder
-des Lebens, wurde als gottlos verdammt von den Priestern.</p>
-
-<p>So mußte der still besonnene Mann seiner Zeit wider Willen das Feldgeschrei
-leihen: der Menschengeist wollte sich selber genug sein als Herrscher
-der Erde; hier fand er die Lehre, den Kirchengott abzusetzen.</p>
-
-<p>Alles Jenseits war solcher Lehre verdächtig; menschliche Not und kirchlicher
-Wahn hatten die Götter und danach den Gott der Priester geschaffen,
-der für den Überschwall der neuen Erkenntnis und Forschung ein Hirngespinst
-war.</p>
-
-<p>Mit Himmel und Hölle habe der Priester &ndash; so hieß es &ndash; die Menschheit
-in Furcht und Hoffnung gehalten, nun sei das alte Täuscherspiel aus;
-der Erde allein sollten die Taten gehören; der Tod sollte ein tapferes Ende
-des einzelnen Lebens, kein Tor für eine vermessene Ewigkeit sein.</p>
-
-<p>Unendliche Zeugung habe ihr Ziel im Menschen gefunden; kein Sechstagewerk
-eines fragwürdigen Gottes, sondern die Artenvermehrung durch<span class="pagenum"><a id="Seite_363">[363]</a></span>
-Zuchtwahl habe aus Urzellen endlich den Menschen gemacht, der so in
-Wahrheit die Krone der Schöpfung vorstellte, wie er sich rühmte.</p>
-
-<h3 id="sec13_6">Der Trompeter von Säckingen</h3>
-
-<p>Indessen, durch solches Wissen mündig gemacht, der Menschengeist in
-der Natur die Mutter des Lebens erkannte, ging in verschlissenen Kleidern
-noch immer Romantik spazieren.</p>
-
-<p>Als die Geschichte Gottes im Menschen war ihm die Vergangenheit
-tot, Schicksal und Schuld waren im Schoß der Natur für immer begraben;
-den Bilderbogen der Menschheit in seinem Geist zu bemalen, waren
-Poeten- und Malerhände geschäftig.</p>
-
-<p>Einen Messias zu singen, hatte die deutsche Dichtung begonnen, der
-eiserne Götz und die Räuber, Nathan der Weise und Minna von Barnhelm,
-Don Carlos und Tasso, Iphigenie und Penthesilea, Wallenstein und
-der Prinz von Homburg waren mit herrlichen Schritten über die Bühne
-gegangen, Faust hatte mit Himmel und Hölle gerungen: nun kam der
-Trompeter von Säckingen her, sein blechernes Stück in die Herzen zu blasen.</p>
-
-<p>Hölty und Hölderlin waren vergessen, Stifter und Mörike kaum gekannt,
-Hebbel und Kleist gingen der Bildung als Schreckgespenst um: dem
-Trompeterdichter flog ihr Herz zu wie die Braut dem Geliebten.</p>
-
-<p>Allzulang war die Dichtung auf Stelzen gegangen, große Gedanken
-und hohe Gefühle hatten dem Bürger den Eingang verwehrt: nun lehrte
-ein Kater die Lieder der Bildung zu singen, und ein Trompeter, die Leiden
-der schmachtenden Liebe zu seufzen.</p>
-
-<p>Auch Maiengrün gab es für süße Gefühle, für den Durst einen köstlichen
-Tropfen, für den Trompeter eine holde Maid zu erringen; und wenn
-das Lied aus war, das die deutsche Bildung entzückte, hatten sich Maid
-und Maiengrün, Trompeter und Tropfen glücklich gefunden, und jedermann
-konnte sich träumen, daß ihm ein gleiches Glück blühte.</p>
-
-<p>Zwar in der Wirklichkeit standen die Dinge nicht mehr so rosig vergoldet,
-und Nüchternheit nahm der Bildung das dürre Maiengrün aus den
-Händen; desto emsiger mußten die neuen Poeten von der Vergangenheit
-ihre bunten Bilderbogen abziehen.</p>
-
-<h3 id="sec13_7">Unserer Väter Werke</h3>
-
-<p>Als der siegreiche König von Preußen aus Frankreich die Kaiserkrone
-heimbrachte, als wieder ein Kanzler im Reich und das Reich eine Macht
-war, weckten die Rufer den schlafenden Kaiser im Kyffhäuserberg.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_364">[364]</a></span></p>
-
-<p>Die neue Herrlichkeit mußte der alten die Hand reichen, wollte sie mehr
-sein als dreistes Glück, wollte sie Schicksal und aus den Tiefen der deutschen
-Vergangenheit Erfüllung bedeuten.</p>
-
-<p>Unserer Väter Werke! stand über dem Tor der Halle, darin begeisterte
-Männer aus München der staunenden Zeit ein stolzes Schaubild deutscher
-Vergangenheit gaben.</p>
-
-<p>Die Zeit, da Dürer in Nürnberg Meister der Malerzunft war, da
-Hans Sachs auf der Diele des Hauses als freundlicher Greis saß, da
-Peter Vischer die festen Erzgüsse machte, da die Rathäuser wuchsen und
-in den Stuben der Bürger reiches Kunstgerät war, wurde in köstlichen
-Kammern vor der Gegenwart ausgebreitet.</p>
-
-<p>Da sah sie, was einmal deutsche Bürgerschaft war, wie sie wohnte und
-ihr Gerät schmuckreich und edel gefügt aus einem Handwerk bekam, das
-noch ein Meisterstück kannte.</p>
-
-<p>Es sollte nur eine kurze Schau sein, nur ein Blick in das herrlichste Buch
-der deutschen Geschichte, ein Vorbild und eine Predigt, desgleichen zu tun.</p>
-
-<p>Aber die Schau konnte den Geist nicht wecken, der solche Dinge brauchte
-und schuf; sie zeigte der Gegenwart nur sein schönes Gewand; und die
-Gegenwart eilte sich sehr, es zu tragen.</p>
-
-<p>Überall wurden dem alten Handwerk Museen gebaut, überall wollte
-die Gegenwart mit der Vergangenheit prahlen, überall mußte der neue
-Reichtum in alten Prunkkammern wohnen.</p>
-
-<p>Weil aber die Kunst kein Leihgewand hat, weil sie das Kleid ihrer Zeit
-nicht anders sein kann, als Blätter und Blüten an einem Baum wachsen,
-seine Krone in eigene Anmut zu hüllen: wurde, was Leben sein wollte, nur
-ein Theater.</p>
-
-<p>Als ob die Gegenwart keine Wirklichkeit wäre, Schönes zu wachsen,
-hing sich der Deutsche die Prunkmäntel vergangener Herrlichkeit um,
-seufzend, daß seine Zeit der eigenen Schönheit entbehre.</p>
-
-<h3 id="sec13_8">Bayreuth</h3>
-
-<p>Einer aber ging durch die Gegenwart hin, mit seinem Taktstock der Zeit
-einen neuen Pulsschlag zu bringen.</p>
-
-<p>Als die Deutschen nach Frankreich marschierten, war er schon grau; in
-Triebschen am See von Luzern saß er landfremd und verlästert: aber die
-Lohe brannte um seinen Garten, und die sein Angesicht sahen, erkannten
-den Dämon darin.</p>
-
-<p>Wie Klingsor der Zauberer war er gekommen, den Singsang braver<span class="pagenum"><a id="Seite_365">[365]</a></span>
-Musikmeister mit höllischen Künsten zu stören; und als einen Dämon des
-Königs hatte die Hetze den herrischen Mann aus München vertrieben.</p>
-
-<p>Denn anders als sonst ein Fürst war Ludwig der Zweite von Bayern;
-ihn hatte der Zauber berührt, der um den romantischen Kaiser der Sage
-im Kyffhäuserberg war: König sein hieß ihm der Schönheit gehören, die
-über der Täglichkeit kalter Geschäfte und lauer Genüsse mit goldenen Fäden
-am Himmelreich hing.</p>
-
-<p>Schlafwandelnd ließ er die Dinge des Tages geschehen; wo aber ein
-Mensch aus der Ewigkeit kam, säumte er nicht, mit Fackeln zu leuchten,
-daß er zur Nacht den Weg in sein Königsschloß fände und seinen Thronsaal
-der Träume.</p>
-
-<p>Richard Wagner den Zauberer hatte der eigene Dämon zum Flüchtling
-gemacht; hingerissene Liebe, Verzückung, Unverstand, Bosheit und
-Not waren um seinen Lebensweg, bis er im Thronsaal der Träume den
-Schlafwandler fand.</p>
-
-<p>Der hieß den Kahn bringen, der aus Ebenholz war, und der Bug war
-von Silber, das Licht ein Rubin, durch blassen Opal wie rinnendes Blut
-bleich leuchtend auf purpurne Kissen.</p>
-
-<p>So fuhr er hinaus in die Nacht, dem Zauberer und seinen Tönen zu
-lauschen, die aus der ewigen Melodie des Wassers im Wind, aus der ewigen
-Unrast der Menschenbrust, aus Werden, Sein und Vergehen der ewigen
-Wiedergeburt kamen.</p>
-
-<p>Wenn Tristan den Liebestrank nahm von Isolde, wenn er den König
-verriet und den Verrat büßte mit seinem Leben, um dennoch der tödlichen
-Liebe selig zu sein: dann konnten nicht Lieder und Arien singen, dann mußte
-Musik der ewigen Waltung ertönen, ewige Unrast, ewige Sehnsucht, niemals
-Erfüllung, nur selig gefühltes Erfülltsein.</p>
-
-<p>Ludwig der König horchte den Tönen, als ob es der Weltgruß wäre für
-seine schlafwandelnde Seele; aber die Münchener haßten den landfremden
-Zauberer, und wie sie die Tänzerin Lola austrieben, so taten sie ihm.</p>
-
-<p>Sechs Jahre lang saß er in Triebschen, noch einmal ein Flüchtling, aber
-sein Zauber hielt den König im Bann aus der Ferne; als das deutsche
-Kaisertum aufstand, als wieder ein Reich und Raum war für große Dinge,
-rief der König Richard Wagner zurück, sie zu gestalten.</p>
-
-<p>Einmal war Baukunst die Mutter der Künste gewesen, nun wollte
-Musik, ihre Schwester, den Zauberdom bauen; alle Künste sollten ihr dienen,
-daß der Menschengeist endlich von seiner Zerspaltung genese: in Bayreuth
-sollte die Gralsburg sein, der Welt zur Erlösung.</p>
-
-<p>Als im Festspielhaus zu Bayreuth die ersten Töne erklangen, als der<span class="pagenum"><a id="Seite_366">[366]</a></span>
-greise Kaiser neben dem romantischen König saß, den Zauber zu hören, als
-die Bühnen in Deutschland dem Bann von Bayreuth verfielen, als die
-Nibelungen allerorten ihr Getön und Gepränge begannen: da schien ein
-anderer Zauber gelungen, als den der Trompeter weckte.</p>
-
-<p>Der Bürger mußte sich wieder der Größe beugen; der Bann von Bayreuth
-zwang die Herzen nicht weniger hin als der eiserne Bismarck die
-Hände.</p>
-
-<p>Der Dämon des Königs von Preußen hatte das Reich durch Eisen und
-Blut wieder errichtet; der Dämon des Königs von Bayern machte das Tor
-zur alten Herrlichkeit auf: was starke Hände ergriffen, sollten die Herzen
-als Heiligtum halten.</p>
-
-<p>Aber das Heiligtum war ein Theater geworden; wie einmal die Glocken
-des Münsters die Heiligen riefen, so taten nun seine Posaunen; daß sie die
-letzte Verwandlung vermochten, mußte die Heilsmusik der Erlösung im
-Parzival tönen.</p>
-
-<p>So war der Zauber von Bayreuth vollendet; aus aller Welt kam die
-Gläubigkeit her, ihm zu lauschen: der Priestergott hatte die letzte Verwandlung
-begonnen, das Mirakel der Messe war auf die Bühne gestiegen, das
-Kreuz von Golgatha stand auf dem Dach des Theaters.</p>
-
-<h3 id="sec13_9">Bruckner</h3>
-
-<p>Indessen der Weihrauch in Bayreuth um solche Zauberei dampfte,
-indessen Tannhäuser und Wolfram, Elsa und Lohengrin, Siegfried, Walküren
-und Rheintöchter das deutsche Theater erfüllten, saß der Hofkapellorganist
-Anton Bruckner in Wien und spielte die Orgel, wie weiland
-Johann Sebastian Bach.</p>
-
-<p>Wie jener als Protestant war er katholischen Glaubens ein demütiger
-Diener der Kirche, obwohl er Gewalt hatte über die Bässe und Flöten der
-Orgel, über die Geigen und Hörner im ganzen Reich der Musik.</p>
-
-<p>Ihm war kein Dämon gegeben, die Großen der Welt zu betören, kein
-Königsschloß stand in der Nacht, ihm mit Fackeln zu leuchten; wohl aber
-kamen die Gaffer von Wien, den seltsamen Kauz zu bestaunen, der ihnen
-den Dank, wenn sie klatschten, mit dem roten Taschentuch winkte.</p>
-
-<p>Sein Taschentuch machte sie lustig, er aber nahm ihren Pöbellärm dankbar
-als Ehrung für seine Kunst hin; und wenn die Kinder der Gasse den närrischen
-Mann neckten, stand er gerührt vor dem Ruhm in der Liebe der Kleinen.</p>
-
-<p>So war er im Leben ein wahrer Knecht Gottes; einfältig und ohne
-Groll nahm er sein Los hin, als Narr vor den Menschen zu gelten, die seine<span class="pagenum"><a id="Seite_367">[367]</a></span>
-Hände zu küssen versäumten, weil sie die karge Knechtsgestalt sahen, aber
-den blühenden Geist Gottes in seiner Musik nicht erkannten.</p>
-
-<p>Er war ein Österreicher Kind und ein gläubiger Sohn der katholischen
-Kirche; wie Johann Sebastian Bach brauchte er nicht mit Himmel und
-Hölle zu ringen, weil ihm der Himmel gewiß war, einmal und hier schon
-auf Erden: aber wo jener die Stimmen mit Stärke und Strenge bezwang,
-ließ er sie schwelgen im Wohllaut.</p>
-
-<p>Auch war er ein Hagestolz, und keine elf Söhne füllten sein Haus mit
-fröhlichem Lärm wie bei dem Kantor in Leipzig; die Einsamkeit war seine
-stille Gefährtin, sie konnte ihm in den Überschwall fallen, daß jeder Stimme
-der Atem stockte.</p>
-
-<p>Dann stand seine stumme Seele vor Gott wie eine Kerze am Hochaltar
-steht; aber ein Engel kam aus der Stille und führte ihn an der Hand
-heilig hinein in die neue Anbetung der Stimmen, bis wieder ihr brausender
-Chor und Wohlklang erschallte.</p>
-
-<p>Die Menschen konnten die Stille nicht hören, sie spürten auch nicht
-den Engel darin, der ihn vor Gottes Thron führte; sie lachten des Organisten,
-der selber Musik machen wollte und mit dem roten Taschentuch
-winkte; sie blieben vor seiner Einsamkeit stumm, bis er im vierundsiebzigsten
-Jahr seines Lebens still aus der Welt ging.</p>
-
-<p>Als Beethoven starb, an dessen Grab Bruckner oftmals gekniet hatte,
-bezeugten ihm Tausende schweigend die Ehrfurcht; als Bruckner sich leise
-hinweg stahl, wußten nicht hundert, wer dieser Knecht Gottes war.</p>
-
-<p>Neun Sinfonien hatte auch er der Menschheit geschrieben, neun Bücher
-vom ewigen Leben: Dem lieben Gott! stand auf der letzten, darüber ihm
-seine Hände hinsanken.</p>
-
-<p>Der seiner Einsamkeit Freund und Gefährte, der seiner treuen Knechtsdienste
-Herr war, sollte gnädig hinnehmen, was die Menschen nicht mochten.</p>
-
-<h3 id="sec13_10">Nietzsche</h3>
-
-<p>Es war ein Professor in Basel, Sohn eines Pfarrers aus Röcken bei
-Lützen, Friedrich Nietzsche geheißen; dem war die Einsamkeit nicht von
-närrischer Einfalt umgütet wie dem Knecht Gottes in Wien.</p>
-
-<p>Sein gläserner Geist litt unter dem dreisten Gelichter, sein heller Mund
-höhnte, daß ihre Ohren so taub, ihre Herzen so leer, ihre Gefühle so unrein,
-ihre Gedanken so lendenlahm waren.</p>
-
-<p>Als er es nicht mehr auszuhalten vermochte unter den Menschen, floh
-er hinauf ins Gebirge, in einer helleren Luft einsam zu sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_368">[368]</a></span></p>
-
-<p>Einmal war Bayreuth dem unerbittlichen Frager noch eine Hoffnung
-gewesen, aber sein herrischer Jasagegeist konnte nicht knien am Kreuz der
-Verneinung; als der Zauberer seinen Parzival schrieb, hieß er ihn einen
-Verleugner und Täuscher.</p>
-
-<p>Ein deutscher Christ galt ihm ein zwiefach verzwickter Knecht der Vergangenheit;
-er aber wollte der Zukunft den hellen Geist zeugen, er wollte
-der Wahrheit die Wohnung der Stärke bauen, er wollte getrost der Antichrist
-heißen.</p>
-
-<p>Denn das Christentum galt ihm die Feindschaft der Kranken und Verderbten;
-Knechtstugenden hieß er Mitleid und Demut und Bängnis um
-Strafe und Lohn.</p>
-
-<p>Herrenmoral war anders gerüstet: sie kannte den Hochmut, den Haß
-und die Liebe des Blutes, den tapferen Tod vor dem Feind; sie brauchte
-kein Jenseits für ihre Gewißheit der Dinge, sie war mit Sinnen und Sinn
-Jasager zum irdischen Leben.</p>
-
-<p>So waren die Griechen gläubige Kinder der Erde gewesen, so hatten die
-Römer das Reich der männlichen Stärke gebaut, bis ihm der tückische
-Kreuzgott im Aufruhr der Sklaven und Christen den Untergang brachte.</p>
-
-<p>Nun galt es dem Menschengeist, die Schmach auszulöschen, wieder wie
-einst die Dinge als groß und gering, rar und gemein, biegsam und brüchig,
-gesund und krank zu werten, wieder der frohe Herr seiner selber statt der
-Knecht düsterer Mächte zu sein.</p>
-
-<p>Hündisch hieß er, für einen Himmelsgott gut oder böse zu gelten, herrlich,
-um seiner selbst willen den Bogen der Stärke zu spannen.</p>
-
-<p>Helläugig, schnellfüßig und hochgemut mußte der Geist im Abendland
-werden, sollte ihm wieder die Erde gehören; kein gekreuzigter Gott, keine
-olympischen Götter: der Mensch allein sollte das Ziel seiner Tat und Sinndeutung
-stellen.</p>
-
-<p>Als so der Professor aus Basel den Übermenschen lehrte, war ihm das
-Land der neblichten Wälder und kalten Meerküsten unheimlich und fremd
-geworden, wie einem Zugvogel sein Nestland fremd wird: im sonnigen Süden,
-am kaltklaren See von Silvaplana ging er die steilen Wege seiner
-Gedanken.</p>
-
-<p>Da fand er sein Spiegelbild und hieß es den Zarathustra; aber er nahm
-von dem persischen Weisen nur das Gewand und den Namen, den Menschen
-sein kühnes Schalksspiel zu bringen; denn nun war er der Einsamkeit
-satt, wie eine Biene vom Honig schwer ist.</p>
-
-<p>Er sandte ihn aus mit Reden und Sprüchen, Liedern und allerlei Sinnbild
-und Schicksal, den Übermenschen zu lehren; was der Affe dem Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_369">[369]</a></span>
-war, das sollte der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter
-und eine schmerzliche Scham.</p>
-
-<p>Er selber wollte bei seinem Werk bleiben, der Moral eine neue Münze
-zu prägen, die jegliches Ding in der eigenen Geltung bezahlte; denn steiler
-als je ging der Weg seiner Gedanken, und über ihm schwebte sein heiliger
-Geist, den er die ewige Wiederkehr nannte.</p>
-
-<p>Aber das Schicksal zerbrach ihm die Antwort, als er die Schärfe der
-letzten Fragen ansetzte: höher als je eine Kühnheit war seine gestiegen, da
-riß ihn die Tobsucht hinunter in ihre greulichen Tiefen.</p>
-
-<p>In Weimar, wo Goethe die Grenzen des Daseins sorgfältig umging,
-wo jeder Weg seine Spur zeigte und jeder Wind sein Wort wehte, verdämmerte
-langsam der kühnste Geist, den das Abendland zeugte.</p>
-
-<h3 id="sec13_11">Die dritte Zwietracht</h3>
-
-<p>Als Friedrich Nietzsche erloschenen Auges ins Abendrot starrte, wie einmal
-der Spötter in Sanssouci saß, aber der Spott war von ihm genommen;
-als der gläserne Geist taub war und keinen Mittag mehr schimmerte:
-machte sein Spiegelbild Glück bei der Jugend.</p>
-
-<p>Der Dichter hatte dem Denker steiler Gedanken das Spiegelbild listig
-verkleidet, daß die bunten Gewänder vielerlei Augen anlockten, daß um die
-Sprüche des Zarathustra heißes Gedränge, daß seine Schalksspielbude begehrt
-im Jahrmarkt der Gegenwart war.</p>
-
-<p>Wohl fraß die Gegenwart sich an der Vergangenheit satt, und der
-Trompeter blies ihr sein blechernes Stück zur Verdauung; aber der Trotz
-mißratener Söhne sah das Reich seiner Väter auf Bürgertugend gebaut,
-die er haßte.</p>
-
-<p>Durch Eisen und Blut waren die Dinge geschehen, nun saß der Bürger
-zu Tisch, sie zu genießen; emsige Sorge um kleines Behagen, redlicher
-Fleiß um Wohlergehn, gehorsame Erfüllung der Staatsbürgerpflichten
-hielten sein Hausväterdasein behütet, darüber der Gott seiner Kirche auch
-nur ein Hausvater war.</p>
-
-<p>Tapfere Dinge waren getan, und Starkes war durch die eiserne Hand
-des Kanzlers vollendet: aber das rasche Wunder konnte nichts Großes entzücken,
-weil es dem Bürger nur fremde Erfüllung, nur der prahlende Schein
-einer großen Zeit, kein Ende und Anbeginn war.</p>
-
-<p>Die alte Zwietracht ging um als blasses Gespenst, und die neue war
-erst eine Fahne; zwischen den Zwietrachten stand die Zeit still, Feierabend
-war mit faltigen Schürzen und vollen Fässern; auch daß der Forscher die<span class="pagenum"><a id="Seite_370">[370]</a></span>
-Bibel Gott aus der Hand nahm, konnte den Feierabend nicht stören, weil
-der Bibelgott selber ein blasses Gespenst war.</p>
-
-<p>So konnte auch Zarathustra die Zeit nicht wecken; kein Zorn war um
-seine Schmähung, kein Glaube um sein Glück, keine Verzückung um seine
-fressende Flamme.</p>
-
-<p>Nur der Trotz mißratener Söhne, das Racheglück kindlicher Hasser,
-das Traumgesicht eifriger Dichter nahm das Schalkspiel des Zarathustra
-hin als ein neues Vergnügen; nur wenigen brannte der Dornbusch seiner
-Verheißung.</p>
-
-<p>Nur wenige sahen, daß hier eine tollkühne Hand die Tafel der Tugend
-zerschlug, daß über der falschen Eintracht der Zeit die dritte Zwietracht
-aufstand, die Schuld der genügsamen Väter zu rächen.</p>
-
-<p>Noch war ihr Herz nicht bereit für das wilde Ereignis; aber sie ahnten
-den Blitz, dessen Wetterleuchten sie sahen, weil ihre Jugend darin war.</p>
-
-<p>Als die Verneinung der Väter war die Vergangenheit über den Drang
-des jungen Blutes gelegt; wo ein Wunsch war, stand eine Sünde; und wo
-eine Erfahrung lehrte, wurde ein Wille gebrochen.</p>
-
-<p>Das Leichentuch der Entsagung war über die Wünsche gebreitet; Leidenschaft,
-Lust, Liebe und Haß, Tapferkeit, Hochmut, Stolz und Verachtung:
-alles, was in den Herzen der Knaben als kommende Mannheit
-Macht werden wollte, war in den Wurzeln zerschnitten.</p>
-
-<p>Noch war die dritte Zwietracht ein Schalkspiel im Jahrmarkt, davor
-die Jugend sich drängte, über das Alter zu lachen; einmal sollte die Lehre
-des Zarathustra das neue Evangelium sein, im Namen der Jugend die
-Mannheit ehrlich zu sprechen.</p>
-
-<h3 id="sec13_12">Gottfried Keller</h3>
-
-<p>Zur selben Zeit, da den Verkünder des Zarathustra die grausame Krankheit
-zerstörte, siechte in Zürich Gottfried Keller dahin, der kein Verkünder,
-kein Fragesteller des Übermenschen, nur ein Mensch, und gar ein Bürger,
-dennoch ein Jasager war.</p>
-
-<p>Staatsschreiber in Zürich hieß er in Ehren, als Bismarck das neue
-Reich machte; aber er hatte die alte Zeit lieber gehabt als die neue, weil er
-ein Eidgenoß, kein Fürstenfreund war.</p>
-
-<p>Die Paulskirche blieb ihm ein hohes Gedächtnis, und manche Männer
-von damals hießen ihm Freund; ihr Deutschland war seine Schule gewesen,
-dem Maler zuerst und danach dem Dichter, und dieser Schule dankte er gern.</p>
-
-<p>Denn der ein deutscher Sprachmeister wurde, hatte ein anderes Handwerk<span class="pagenum"><a id="Seite_371">[371]</a></span>
-zu lernen getrachtet, und mancherlei Lüfte waren dem Schweizer in
-München, Heidelberg und Berlin durch die Haare geweht, ehe ihn endlich
-die Heimat als ihren Sohn anerkannte.</p>
-
-<p>Als er Staatsschreiber wurde, sollte das Amt den vielfach gescheiterten
-Mann retten, es sollte dem Wandervogel das Nest sein, seine Lieder zu
-singen und seine bunten Träume zu spinnen.</p>
-
-<p>Denn längst hatte der unstete Mann seinen Freunden den Grünen
-Heinrich geschrieben, die Beichte der eigenen Jugend, in Goethescher Weise
-Wahrheit und Dichtung vermischend; aber ihm war die Jugend noch nah
-mit ihrer grünen unübersehbaren Wildnis.</p>
-
-<p>Auch waren der grünen Wildnis des Malergesellen aus Zürich andere
-Bäume und Blumen gewachsen als dem Frankfurter Ratsherrenkind: der
-Maler hatte die Augen gegeben, die unübersehbare Fülle bildhaft zu fangen,
-der Poet hatte die Gläser mit vielerlei Farben gestellt, die grüne Wildnis
-nach Knabenart blau und rot und gelb zu betrachten.</p>
-
-<p>Nirgend marschierte das Schicksal mit lauten Kanonen; aber ein leises
-Gefüge von Schuld und Verpflichtung, Täuschung und Mißgeschick verschob
-dem Knaben und Jüngling die grünen Kulissen, bis der Malergesell
-aus der unübersehbaren Wildnis keinen Ausweg mehr fand.</p>
-
-<p>So war die Jugend des Malergesellen; aber der Dichter hatte dem
-Mann das Lebenstor breit aufgemacht, daß die Landschaft dalag in der
-Fülle gerundeter Bilder.</p>
-
-<p>Die Leute von Seldwyla hieß er den Band seiner Geschichten, die alle
-mit Worten gemalt, mit Farben gedichtet, alle homerisch gebildet, aber von
-einem Schalk ins Wasser getaucht waren, sodaß ihre blinkende Nässe im
-Sonnenschein wehmütig fast und geneigt, sich zu schämen, und dennoch im
-Frohgefühl ihres Daseins leise durchlächert dastand.</p>
-
-<p>Klopstock hatte von Ossian her nach deutschem Wesen getrachtet, Lessing
-hatte der welschen Manier das deutsche Wort abgerungen, Goethe
-und Schiller waren tief in den Jungbrunnen der Griechen getaucht, die
-Romantiker hatten sich in den Traum vergangener Größe geflüchtet, Kleist
-und Hebbel hatten die Kleider der Weltflucht vom Leibe gerissen: nun kam
-ein Poet aus der Schweiz und vermochte, was keinem gelang, aus deutscher
-Seele allein die Fülle lebendig zu machen.</p>
-
-<p>Aber die Deutschen saßen zu sehr in der Not ihrer schimpflichen Jahre,
-so frohe und freie Entfaltung der eigenen Wesenheit zu erkennen; vermögende
-Freunde daheim bauten dem Dichter das Nest.</p>
-
-<p>Fünfzehn Jahre lang mußte der Schalk von Seldwyla Staatsschreiber
-heißen, fünfzehn Jahre lang auf der Höhe seines Lebens der<span class="pagenum"><a id="Seite_372">[372]</a></span>
-Bürgerschaft dienen, nicht wie Goethe regierend, nur eine Schreibfeder
-der Großen.</p>
-
-<p>Aber wie jener tat er den Dienst treu und beharrlich; der Dichter goldener
-Träume konnte dem Alltag dienen, weil keine blasse Romantik ihn
-lebensfremd machte, weil die volle Hinwendung zum Dasein des Bürgers
-sein Werk wie sein Wesen erfüllte.</p>
-
-<p>Als er in Ehren Abschied nahm, war er grau; aber das Leben hielt ihm
-die Treue, die er ihm gab in all seinen Stunden: noch sechzehn Jahre lang
-konnte der Alt-Staatsschreiber von Zürich das Seine beschließen.</p>
-
-<p>Da kam die Fülle breit an den Tag: der Schalk von Seldwyla wurde
-der Meister der Zürcher Novellen; das Sinngedicht und die Sieben Legenden
-legten ihr Gold auf die Waage, bis endlich Martin Salander das
-stattliche Bürgerhaus mit seinem Reichtum erfüllte.</p>
-
-<p>Der Malergesell in München, der dichtende Wandervogel im Reich,
-der Freund vieler Männer von Achtundvierzig war wieder der Heimat verwachsen,
-der deutsche Dichter war Eidgenoß, der Eidgenoß ein Zürcher
-geworden.</p>
-
-<p>Das neue Reich hatte die Grenzen der Macht karg abgeschnitten; eine
-Stimme von draußen war der Meister Gottfried den Deutschen, der die
-Stimme des Blutes trotz Einem im Reiche war.</p>
-
-<h3 id="sec13_13">Wilhelm Raabe</h3>
-
-<p>Indessen Seldwyla der deutschen Seele ein fröhlicher Sommertag
-wurde, aber nur wenige sahen die Türme und Wimpel der seltsamen Stadt,
-grub die selbe Seele in Braunschweig den Dachsbau all ihrer verzwickten
-Verstecke.</p>
-
-<p>Der da die Chronik der Sperlingsgasse, den Hungerpastor, den Schüdderump
-schrieb und die schier endlose Fracht großer und kleiner Geschichten:
-Wilhelm Raabe, der Dichter und Sterndeuter deutscher Vergangenheit,
-liebte die Schlupfwinkel mehr und die heimlichen Gänge als den fröhlichen
-Tag.</p>
-
-<p>Auch ihm behagte das neue Reich nicht, obwohl es dem Mann mitten
-ins Leben hinein kam, nicht erst im Alter; der neue Glanz war seinen Augen
-zu grell, die das alte Lampenlicht liebten, lieber noch in die Dämmerung
-sahen oder hinauf in die Sterne.</p>
-
-<p>Früh seßhaft geworden und seiner norddeutschen Heimat so innig verbunden,
-daß er selber ein Stück Norddeutschland war, Kleinstädter von
-Neigung und Wesen, gern auf dem Wall die gewohnten Gänge spazierend<span class="pagenum"><a id="Seite_373">[373]</a></span>
-und mit der Pfeife beim Glas unter den Stammgästen sitzend: blieb er der
-alten Zeit treu, die der neuen nicht nachrennen konnte.</p>
-
-<p>Der alten Zwietracht als Protestant still zugehörig, der neuen fremd
-wie ihren Fabriken, aber der dritten feind, wie eine verschlossene Haustür
-den Dieben feind ist, sah er dem Wandel der Welt zu mit schweigender
-Wehmut und listigem Lächeln.</p>
-
-<p>Er wußte genau, sie liefen am Leben vorbei mit ihren Geschäften, mit
-ihren Fahnen und Trommeln, mit ihrem Lärm um das Heute, mit ihrem
-Streit und Geschrei.</p>
-
-<p>Denn leben hieß ihm, daß eine Seele sich selber zusah, wie ihr die Dinge
-der Erde das Licht und die Luft verstellten, wie irgend ein Zufall sie mitten
-ins Schicksal hinein wehte, und wie ihr doch nie ein Neues geschah.</p>
-
-<p>Denn Licht und Luft und Schicksal waren der Ewigkeit eingestellt wie
-eine Herde der Hürde; sie konnten blenden und blasen und blindes Ungestüm
-tun: einmal war doch wieder Nacht und Stille und das Glück
-der Sterne.</p>
-
-<p>Auch war die Erde rund und zu klein, ihr zuliebe zu rennen: einer ging
-fort nach Osten und kam aus Westen zurück, weil Osten und Westen sich
-drüben die Hand reichten.</p>
-
-<p>Groß und weit allein war die Tiefe der Zeit, war die Tiefe des Raumes;
-da konnte die Seele den Geist als Sendboten schicken, da konnte er
-seine Kühnheit auskosten bis an die Grenzen des Nichts, das immer von
-neuem nur Nichtigkeit war: Nichtigkeit vor den Menschen, aber die Allgegenwart
-Gottes lebte darin wie der Ton im Gehäuse der Geige!</p>
-
-<p>Alles das dachte und sagte der einsame Mann in seinem Dachsbau zu
-Braunschweig, und alles das wurde die Fracht seiner großen und kleinen
-Geschichten; aber die neue Zeit rannte vorbei an der alten, sie sah den
-Sommertag nicht in Seldwyla, sie beachtete nicht sein Gerümpel.</p>
-
-<h3 id="sec13_14">Die Neuzeit</h3>
-
-<p>Der guten alten Zeit wuchsen die Türme der neuen Zeit über die Dächer:
-alles, was dunkel und dumpf und beschränkt war, wollte sie hell und
-gelüftet und grenzenlos machen; denn der Menschengeist hatte die Elemente
-gebändigt.</p>
-
-<p>Dampfzüge brachten auf eisernen Schienen die Güter herbei; die hohen
-Hallen der Bahnhöfe standen im Lärm und Rauch der Maschinen; rund
-um die Städte wuchsen Fabriken hinaus in die Felder; Kohle und Eisen,
-die Schätze der Erde, wurden in Waren und Wohlstand verwandelt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_374">[374]</a></span></p>
-
-<p>Der Stadtbürger brauchte nicht mehr die Groschen zu zählen, der Taler
-rollte, und prahlend wollte die Neuzeit den neuen Reichtum zur Schau
-stellen.</p>
-
-<p>Nicht mehr das krumme Gewinkel der Gassen und nicht mehr die engen
-Geschosse altmodischer Häuser sollten die Stadt sein; schnurgerade an breiten
-Straßen gerichtet wollten die Bauten der Neuzeit dastehen mit Erkern
-und Türmen an schmuckreichen Fassaden.</p>
-
-<p>Statt dunkler Gewölbe breiteten Schaufenster die bunte Fülle der
-Waren aus vor der drängenden Menge, statt rauchiger Trinkstuben prahlten
-die Spiegelwände der Bierhallen.</p>
-
-<p>Überall wurde der Ring der alten Wälle und Schanzen gesprengt; wie
-es in Wien und Paris war, wollte der Stadtbürgerstolz allerorts seine
-Ringstraßen haben: breite Alleen mit Rasenbeeten und Blumen, mit
-Brunnen und Denkmälern reichlich bestanden, sollten dem neuen Bürgerstand
-Wohnquartier geben, sollten den fremden Besucher erstaunen.</p>
-
-<p>Prahlender Wohlstand baute die Straßen und Brücken, Kirchen und
-Rathäuser der Neuzeit und sparte nicht mit dem Prunk; aber der Prunk
-war mit raschen Händen gerafft wie der Wohlstand.</p>
-
-<p>Unserer Väter Werke stand an den Toren und Türmen geschrieben;
-aber die Väter hatten das ihre mit Würde und weiser Beschränkung getan,
-die Enkel zogen den Stil aller Vergangenheit an wie Theatergewänder.</p>
-
-<p>Romanisch und gotisch, Renaissance und Barock, Rokoko und Empire:
-alles konnten sie bauen, als ob die Neuzeit der Maskenball jeder Vergangenheit
-wäre.</p>
-
-<h3 id="sec13_15">Die Vorstadt</h3>
-
-<p>Springbrunnen sprangen in sauber gezirkelten Beeten, und Denkmäler
-standen auf blankem Granit: aber die Schienen der Straßenbahn schnitten
-quer über die breite Allee und liefen hinaus in die steinerne Wüste der
-Vorstadt.</p>
-
-<p>Einförmiger wurden die schmalen Fassaden und enger die Straßen,
-kleine Geschäfte ahmten den größeren nach mit trüben Schaufenstern und
-trugreichen Schildern, schmutziges Pflaster löste den blanken Asphalt ab,
-bis endlich der schwarze Kohlenweg kam zwischen verödeten Fenstern.</p>
-
-<p>Noch ragten die Häuser mit vielen Stockwerken; öde Brandmauern,
-mit grellen Schriftzeichen bemalt, rissen die Lücken hinein, wo alte Kiesgruben
-waren und verwaschene Schutthalden.</p>
-
-<p>Da wohnten die Frauen und Kinder all der Fabrikler, die dem prahlenden
-Reichtum der Stadt der drohende Untergrund waren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_375">[375]</a></span></p>
-
-<p>Schmächtige Stiegen und schmale Zimmer, eng ineinander geschachtelt,
-ärmliche Höfe, kein Gartengrün, grauer Zement, von Ruß und Regen beronnen,
-als Spielplatz der Kinder das Pflaster der Straße: aber vor all der
-Dürftigkeit noch das blöde Gesims und Gesockel falscher Fassaden.</p>
-
-<p>So war die Armut der Vorstadt zu Haus, und die Armut hing am
-prahlenden Wohlstand mit dem kärglichen Lohn ihrer Arbeit.</p>
-
-<p>In grauer Frühe gingen die Haustüren auf, und der eilige Schritt auf
-dem Pflaster strebte der Stadt zu, ihren Kaufhäusern, Büros und Fabriken,
-wo die Hände der Vorstadt ihr Sechstagewerk taten.</p>
-
-<p>Wo ein Rad rollte, wo ein Schornstein rauchte, wo ein Licht brannte,
-wo eine Maschine ihr blitzschnelles Werk tat in Spindeln und Pressen, wo
-gebaut, gehämmert, genietet, gewebt, wo gewogen, gemessen, verladen und
-eingepackt wurde: überall waren die Hände der Vorstadt geschäftig, den
-Reichtum zu raffen, der in den Straßen und Stuben der neuen Bürgerschaft
-prahlte.</p>
-
-<p>Wie durch ein Sieb sickerte der dünne Wochen- und Tagelohn durch,
-indessen der Mehrgewinn das Gold in den Maschen anschwemmte, die
-Taschen der Klugen und Harten zu füllen.</p>
-
-<h3 id="sec13_16">Das Sozialistengesetz</h3>
-
-<p>Die da in Not und Kümmernis lebten, indessen der Reichtum auf
-leichten Rädern dahin fuhr, denen ein Tag Sorgenfreiheit ein Märchenland
-hieß: sie trugen die rote Zwietracht im Herzen, wie einmal die Hirten
-in kalter Nacht auf dem Feld die Botschaft der Engel vernahmen.</p>
-
-<p>Sie hießen sich Sozialisten und glaubten mit glühenden Augen, daß
-einmal das Reich der Gerechtigkeit käme; ihrem Glauben war Hoffnung,
-doch keine Liebe gesellt: Haß hieß der Quell, daraus sie tranken.</p>
-
-<p>Sie haßten den Reichtum und seine Nutznießer, sie haßten die Prunkstraßen
-der Stadt und alle, die darauf spazierten, sie haßten den Bürger,
-der seinen Tag lebte, und haßten den Staat, der seinen Wohlstand beschützte.</p>
-
-<p>Sie haßten die Kirche, weil sie den Armen den Himmel versprach für
-die entgangenen Freuden der Erde; sie haßten den Kaiser dazu, weil Thron
-und Altar die Stützen der alten Klassengewalt waren.</p>
-
-<p>Der Kaiser war längst ein Greis, und drei Jahrzehnte waren vergangen,
-seitdem er Kartätschenprinz hieß; drei Jahrzehnte hatten sein greises Haupt
-ehrwürdig gemacht; wenn seine gebeugte Gestalt im Wagen ausfuhr,
-freundlich nickend nach allen Seiten, strömten ihm Liebe und Dank, Ehrfurcht
-und Jubel des Volkes zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_376">[376]</a></span></p>
-
-<p>Aber der Jubel reizte den Haß, und dem Haß sind die Wege zur Hölle
-gepflastert: Hödel, der Klempnergeselle, fehlte mit seiner Kugel den König;
-Nobiling schoß ihn mit Rehposten nieder wie der Wilderer ein Wild.</p>
-
-<p>Indessen der schmählich verwundete Greis von seinen Wunden genas,
-beschloß der Reichstag das Sozialistengesetz, das um den Abgrund der roten
-Zwietracht den bösen Stacheldraht zog.</p>
-
-<p>Wie einmal den Burschenschaften geschah, geschah nun den Sozialisten:
-Verfolgung, Gefängnis und Landesverweisung waren das grausame Los
-aller, die sich bekannten.</p>
-
-<p>Zum andernmal kam dem Geheimrat der Büttel zur Hand, aber der
-Wille der Mehrheit, nicht Willkür der Fürsten, gab ihm die Macht, im
-Namen des Rechtes Unrecht zu walten.</p>
-
-<p>Haß löckte wider den Haß: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
-hatte es einmal geheißen, da der Bürger sein Dasein gegen die Junker und
-Pfaffen erhob; nun klang der gleiche Ruf gegen ihn, den Feind des Genossen.</p>
-
-<h3 id="sec13_17">Der Deutsche Soldat</h3>
-
-<p>Wenn der deutsche Jüngling ein Mann werden wollte, mußte er auf
-die Ziehung: so hieß der Volksmund den Tag, da die Jungmänner gemustert
-wurden, ob sie zum Heeresdienst taugten.</p>
-
-<p>Die es traf, weil sie gesunden Leibes und gut bei Sinnen waren, kamen
-mit bunten Bändern am Hut nach Haus; und hatten die Kehlen heiser an
-den alten Soldatenliedern gesungen.</p>
-
-<p>Denn Soldat hieß nicht mehr ein Söldner sein, der um Sold in den
-Krieg ging; Soldat sein war eine stolze Pflicht, die dem Gesunden zufiel,
-und den Rock des Königs zu tragen, war eine Ehre.</p>
-
-<p>Ob sie mit langen Schritten hinter dem Pflug gegangen waren oder
-mit flinken Händen im Laden bedient hatten; ob sie vom Handwerk kamen
-oder aus der Fabrik; ob sie sanft oder rauh, in der guten Stube verzärtelt
-oder schon von den Hunden der Not gehetzt worden waren: die Kaserne
-raffte sie in ihre Kameradschaft.</p>
-
-<p>Da hießen sie alle Rekruten und lernten den gleichen Schritt aus dem
-Vielerlei ihrer Herkunft; da trugen sie alle das Krätzchen auf ihrem geschorenen
-Kopf und aßen das gleiche Kommißbrot.</p>
-
-<p>Statt schmieden und sägen, mauern, schreiben und nähen lernten sie
-die Beine werfen im Gleichschritt und die harten Griffe mit dem Gewehr,
-lernten sie den Befehl mit dem unbedingten Gehorsam.</p>
-
-<p>Wenn sie dann in den ersten Urlaub kamen, waren sie in die Uniform<span class="pagenum"><a id="Seite_377">[377]</a></span>
-eingewachsen und warfen den Augen der Mädchen die stolzen Blicke zurück;
-sie hatten den Schritt des Mannes gelernt, der im Dienst geht.</p>
-
-<p>Denn zu schmieden und sägen, mauern, schreiben und nähen war längst
-aus der ehrbaren Zunft in den Alltag des Lohnes geraten; das Handwerk
-hatte nicht nur seinen goldenen Boden, sondern auch seinen Stolz verloren:
-es gab dem einzelnen Dasein Unterschlupf; aber Soldat sein raffte den
-Einzelnen in die Gemeinschaft.</p>
-
-<p>Ob sie in Königsberg oder Ingolstadt, in Mainz oder Flensburg zum
-Paukenschlag und Hörnerschall durch die klingenden Straßen marschierten
-oder gar ritten: überall war die gleiche Parole um sie, der gleiche Schritt
-und der gleiche oberste Kriegsherr.</p>
-
-<p>Zu Hause hatten sie Schwaben und Bayern, Sachsen und Preußen,
-Rheinländer und Schleswig-Holsteiner geheißen; aber das Heer war
-deutsch, und sein Vaterland hieß das Reich.</p>
-
-<p>So hing ein Glanz um den Schritt des Soldaten, den der Alltag vermißte;
-und wenn die Herbstmanöver den Schritt aus der Garnison hinaus
-führten in die Dörfer und verschlafenen Städte der Landschaft, hing sich
-dem Glanz die Romantik heißer Marschtage und fröhlicher Einquartierung
-an.</p>
-
-<p>Ein anderer Jungmann als der aus den Händen der Mutter kehrte nach
-seinem Dienst in die Herkunft zurück; er hatte erfahren, daß die Heimat
-nicht nur das Dorf oder die Stadt seiner Eltern, sondern das Vaterland
-war.</p>
-
-<p>Er war in der Schule des deutschen Volkes gewesen; und wie ihn danach
-der Alltag in seine Hände bekam, die Schulzeit konnte er nicht mehr
-vergessen: dem gedienten Mann blieb die schönste Lebenszeit jene, da er den
-Tornister trug; und noch dem Greis wurden die Augen hell, wenn er von
-seinem Hauptmann erzählte.</p>
-
-<h3 id="sec13_18">Kaiser und Kanzler</h3>
-
-<p>Siebzehn Jahre lang trug der greise König von Preußen die Kaiserkrone
-von Deutschland, wahrhaft geliebt von seinem Volk und geachtet
-unter den Völkern.</p>
-
-<p>Als er im einundneunzigsten Jahr seines Lebens einging zu den Vätern,
-war sein Sohn ein todkranker Mann, und jedermann sah, wie der Zeiger
-der Zeit auf den Enkelsohn übersprang.</p>
-
-<p>Noch aber hielt der Kanzler dem Reich die Gewichte; auch er war ein
-Greis, und die Jahre der Zwietracht hatten dem Gründer des Reichs<span class="pagenum"><a id="Seite_378">[378]</a></span>
-manchen Kampf aufgezwungen, der nicht mehr durch Eisen und Blut zum
-ruhmreichen Sieg führte: aber sein Ankergriff war zu fest und das Gewicht
-seiner Taten zu schwer, als daß ihm der Streit den Gang seiner Uhr störte.</p>
-
-<p>Auch der König hatte sich redlich gebeugt vor der Größe; er hieß sein
-Herr und war hochmütig genug, es zu bleiben; aber der Diener regierte und
-wußte den Hof aus seinen Geschäften zu halten.</p>
-
-<p>Wenn der Kanzler im Reichstag zum deutschen Volk sprach und die
-Parteien ihn hörten, stand ihm der Feind vorn; kein Dolchstoß fand seinen
-Rücken, solange sein König ihn deckte.</p>
-
-<p>Treue um Treue: so sah das Volk die Gestalten, und Hagen von Tronje
-hießen ihn manche, die seinen Junkerstolz kannten, als Lenker der deutschen
-Geschichte doch nur der oberste Diener des Königs von Preußen zu sein.</p>
-
-<p>Als aber der König zur letzten Ruhestatt fuhr, waren viel Prinzen und
-Fürsten zwischen dem Sarg und seinem gewaltigen Leibwächter; und als
-der todkranke Sohn sein König und Herr war, trug eine Prinzessin von
-England die Krone, die, Preußen und Deutschland gleich fremd, dennoch
-dem Kanzler den Gang seiner Uhr störte.</p>
-
-<p>Ein kurzes Wetterspiel zuckte: Kanzler und Kaiserin standen im Blitzlicht;
-aber am neunundneunzigsten Tag seiner Regierung lag Friedrich der
-Dritte als Leiche in Potsdam, und Wilhelm der Zweite, der Enkel, war
-Kaiser von Deutschland.</p>
-
-<p>Zu jung für sein Volk, zu alt für den Kanzler, nahm er das Zepter der
-Macht; im goldblauen Himmel hatte der Abendstern Wilhelm des Siegreichen
-stark und tröstlich gestanden: als er gesunken war, gerannen die Lüfte
-in dichtem Dämmergewölk, indessen das kurze Gewitter hinter den Bergen
-vergrollte.</p>
-
-<h3 id="sec13_19">Der Alte im Sachsenwald</h3>
-
-<p>Der Zeiger der Uhr hatte den Sohn übersprungen; dem Enkel zu dienen,
-wurde dem eisernen Kanzler als Schicksal ins Alter gelegt.</p>
-
-<p>Er hatte das Reich als Bund der Fürsten gegründet, denen der König
-von Preußen wohl Kaiser, aber nicht Lehnsherr war.</p>
-
-<p>So führte der Kanzler im Namen des Kaisers die deutschen Geschäfte
-und stand dem Bundesrat vor, darin die Minister der Fürsten nach ihrer
-Stärke abstimmten; aber er blieb der Minister des Königs von Preußen.</p>
-
-<p>Seinen gnädigen Herrn mußte der mächtigste Mann im Reich den
-Enkelsohn heißen; aber nun war keine Weisheit und Würde mehr da, nach
-seinem Rat zu befehlen: Wilhelm der Zweite wollte sein eigener Ratgeber
-heißen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_379">[379]</a></span></p>
-
-<p>Friedrich den Großen hieß er sein Vorbild; aber er war dem Spötter von
-Sanssouci fremd, wie der prahlende Schein der schlichten Größe fremd ist.</p>
-
-<p>Alles, was jemals groß war, wollte er scheinen: fromm und von Gottes
-Gnaden geführt, tapfer und treu, weise und wahr, unermüdlich, gerecht und
-allen Dingen durch eigenes Urteil gerüstet! Alles wollte er scheinen, weil er
-ein Spiegel und Widerschein war.</p>
-
-<p>Zwei Jahre lang ließ sich das ungleiche Kräftespiel halten, zwei Jahre
-lang diente der eiserne Kanzler dem Irrlicht als seinem gnädigen Herrn,
-dann brach die Gnade in Stücke: der Minister hatte dem König von Preußen
-getrotzt, der Minister wurde entlassen.</p>
-
-<p>Weltwende war, als solches geschah, und das deutsche Reich bebte; aber
-das Volk war gewöhnt, blind zu gehorchen; auch war den Parteien der
-schwarzen und roten Zwietracht der Kanzler verhaßt, ihr Siegerglück sah
-den Eckpfeiler der Preußenwacht wanken.</p>
-
-<p>Drei Rosen legte der Kanzler dem alten Kaiser aufs Grab, dann fuhr
-er hinaus in den Sachsenwald, den ihm vordem sein König aus Dankbarkeit
-schenkte, und der seinem Alter der niemals begehrte Ruhesitz wurde.</p>
-
-<p>Er hatte das Seine getan, wie nur ein Großer das Seine vollendet; er
-hatte das Reich nach seinem Willen und Wesen gebaut, aber sein Werk
-war kein Tempel und Sinnbild, auf heiliger Höhe zu stehen; sein Werk war
-ein Haus und das deutsche Volk sollte drin wohnen.</p>
-
-<p>Er durfte nicht Haushalter bleiben; sorgend sah er zurück, ob alles nach
-seinem Willen geschähe, und zornig, daß allzuviel anders geschah.</p>
-
-<p>Zwietracht und Haß hatten den Abschied des Starken begleitet; seit er
-im Sachsenwald war, sank die Vergessenheit über die Tage, da er im Streit
-der Parteien selber den streitbarsten Mann stellte.</p>
-
-<p>Gleich den Helden der Sage wuchs seine Gestalt grimmig zur Größe,
-bis er im Helldunkel seines Waldes selber ein Sagenbild wurde.</p>
-
-<p>Der Alte im Sachsenwald war nicht mehr der Graf von Gastein und
-nicht mehr der Fürst von Versailles, nicht mehr der Kanzler und Kürassier
-am Bundesratstisch: er war ein Wanderer im Wald mit schwarzem Mantel
-und Hut.</p>
-
-<p>Zwei Doggen umsprangen den großen Schritt, und wen seine buschigen
-Augen erblickten, den sprangen sie an; denn niemand durfte in seinen Wald
-kommen, den er nicht rief.</p>
-
-<p>Der Spötter von Sanssouci starrte ins Abendrot, der Alte im Sachsenwald
-ging unter uralten Bäumen und hörte dem Wind zu: Heimdall, der
-Wächter am Welteschenbaum, machte die Runde, indessen Wodan unruhig
-wehenden Atems im Sachsenwald schlief.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_380">[380]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec13_20">Der deutsche Welthandel</h3>
-
-<p>Der Reutlinger Schwabe hatte die deutsche Zukunft verkündigt: Kohle
-und Eisen waren die Herren der Wohlfahrt geworden, die Eisenbahn war
-ihr gehorsamer Diener.</p>
-
-<p>Wo einmal die Straßen der alten Zeit mühselig ihre Räderspur suchten,
-legten die blanken Schienen ihr Netz über Berge und Täler; gleich Spinnen
-saßen die Städte darin, sich satt an den Gütern zu fressen; wo eine Kreuzung
-der Eisenbahn war, wuchsen Fabriken.</p>
-
-<p>Karg war das Land der neblichten Wälder, und seine Felder konnten
-das deutsche Volk nicht ernähren; harte Arbeit und billige Löhne schufen
-die Waren, wohlfeil zu tauschen, wo in der Welt ein Überfluß war: die
-reichen Kornkammern im Osten und über dem Wasser machte der deutsche
-Welthandel auf.</p>
-
-<p>So fingen die Röhren des Wohlstandes an, dünne Strahlen zu fließen;
-aber sie flossen an vielerlei Orten, und als das Jahrhundert zu Ende ging,
-das so reich im Geist wie arm im Beutel begann, hatte sich Reichtum in
-manchem Beutel gesammelt.</p>
-
-<p>Der Beutel blieb in der Stadt, die Bauernschaft sah nur den goldenen
-Schein; sie mußte dem Bürger den Reichtum mit Mühsal und Sorge bezahlen;
-denn billiges Brot hielt billigen Lohn, und ihr Brot war zu teuer.</p>
-
-<p>Einmal hatten die Kätner das Heim ihrer Armut verkauft, über dem
-Wasser ein besseres Dasein zu suchen; nun lockte die Stadt, Fabrikler zu
-werden; einer unheimlichen Krankheit verfallen, schwollen die Vorstädte
-an, indessen die Dörfer dünn wurden an Menschen und Händen.</p>
-
-<p>Aus einem Bauernland machten Not und Gewinnsucht ein Fabrikland;
-aber mit jedem rauchenden Schornstein, mit jedem sausenden
-Schwungrad wurde das Dasein der Deutschen der Fremde verpflichtet.</p>
-
-<p>Wo irgend ein Markt in der Welt war, mußten die Händler deutsche
-Ware feilhalten; wo irgend ein Angebot lockte, mußten sie lauern und listen,
-und wo die Haustür geschlossen war, mußten sie Schlupflöcher suchen.</p>
-
-<p>Nicht lange, so kamen die Schiffe gefahren &ndash; schwarzweißrot wehte die
-Flagge &ndash; Waren zu bringen und Güter zu holen; und wo sie den Weg zum
-erstenmal fanden, blieben sie nicht mehr aus.</p>
-
-<p>So mußte der deutsche Kaufmann der Störenfried werden; denn die
-Welt war verteilt, wohin er auch kam, und überall sah das alte Geschäft
-scheel auf das neue.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_381">[381]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec13_21">Die deutsche Flotte</h3>
-
-<p>Einmal hatte die Hansa die Meere befahren, und die Kaufleute des
-Kaisers waren die Herren des Handels gewesen; so weit die kalte Meerküste
-reichte, galt keine Macht über der ihren: Fürsten und Könige mußten
-sich beugen vor ihrer gewaltigen Flotte.</p>
-
-<p>Aber die großen Seewege befuhr die Hansa nicht mehr; Spanien, Holland
-und England wurden die neuen Seemächte, indessen über das Reich
-der große Krieg kam.</p>
-
-<p>Der letzte Hansetag war in den Tagen Turennes: Hamburg, Bremen
-und Lübeck, Danzig, Braunschweig und Köln saßen noch einmal zusammen
-im Schatten vergangener Macht, aber ihr Mut war für immer verdrossen.</p>
-
-<p>Was die Städte nicht mehr vermochten, gedachte der große Kurfürst
-zu tun; er hatte als Prinz in Holland den Nutzen der Schiffahrt gesehen
-und ließ seine Flotte das Weltmeer befahren: an der Goldküste Afrikas
-wehte der rote Adler im weißen Grund über der Festung, die sich der Kriegsherr
-aus Brandenburg baute.</p>
-
-<p>Aber es war nur der kühne Griff eines Fürsten; sein Volk war zu ärmlich,
-sein Land zu zerstückelt an der kalten Meerküste, so langen Arm zu
-behalten.</p>
-
-<p>Der rote Adler im weißen Grund verschwand vom Weltmeer, während
-das Königreich Preußen im Sand von Brandenburg wuchs; der Sieger
-von Roßbach und Leuthen machte daraus ein wehrhaftes Land, aber er
-brauchte das Maß seiner Sorgen nicht aus dem Weltmeer zu füllen.</p>
-
-<p>Mit sandigen Häfen und Küsten blieb Preußen das Land an der Ostsee,
-dem der dänische Seehund das Weltmeer versperrte.</p>
-
-<p>Romantischer Eifer der Männer in Frankfurt ließ die Wimpel der
-deutschen Kriegsflotte wehen, bevor noch ein Reich war; aber der englische
-Seeherr verbot ihr das Weltmeer, und kläglich wurden die Schiffe der deutschen
-Flotte versteigert.</p>
-
-<p>Erst als der Kyffhäuserberg endlich die Tore auftat, als wieder ein Kaiser
-im Zankreich der Fürsten und ihrer geplagten Völker regierte, war das
-Reich mächtig, auch das Hansaglück wieder zu wecken.</p>
-
-<p>Der schwarzrote Adler im schwarzweißen Kreuz erschien auf den Meeren;
-der englische Seeherr mußte die deutsche Kriegsflagge grüßen.</p>
-
-<p>Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser! prahlte der Kaiser, und wie der
-Großvater das Heer zu rüsten anfing, so der eifrige Enkel die Flotte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_382">[382]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec13_22">Der Dreibund</h3>
-
-<p>Rußland den mächtigen Freund und Nachbarn im Rücken, hatte der
-Kanzler den Krieg mit Frankreich gewagt und gewonnen; aber die Freundschaft
-fing an, sich zur Feindschaft zu wandeln, als Rußland den Weg nach
-Byzanz zugesperrt fand.</p>
-
-<p>Solange ein Zar in Rußland regierte, hatte das goldene Horn gelockt,
-wie einmal die römische Krone das deutsche Kaisertum lockte.</p>
-
-<p>Da stand die Agia Sophia unter dem Halbmond, die einmal das griechische
-Kreuz der Gläubigen trug, da war die Herkunft der russischen Kirche
-in türkischen Händen, da war den Russen das Tor der Dardanellen verriegelt.</p>
-
-<p>Wohl hingen die unermeßlichen Weiten der russischen Länder am Kreuz
-ihrer nordischen Küsten, aber das Eismeer hielt ihre Häfen im Winter geschlossen;
-das schwarze Meer mit Odessa, der lieblichen Krim und dem
-Kriegshafen Sebastopol sperrten die Türken mit eisernen Ketten.</p>
-
-<p>Längst war die Türkengefahr für die Christenheit aus; den kranken
-Mann hießen die Spötter den Sultan, der nur noch ein Schattenbild war:
-dem kranken Mann wollten die Russen endlich zum Tode verhelfen.</p>
-
-<p>Bis unter die Tore von Konstantinopel führte ein rascher Feldzug den
-Zaren, aber England und Österreich hemmten sein siegreiches Schwert:
-als ehrlichen Makler riefen die streitenden Mächte den Kanzler.</p>
-
-<p>So kam der stolze Tag für Berlin, da Bismarck obenan saß unter den
-Mächtigen, dem Streit die Waage zu halten, wie einmal der Kaiser von
-Frankreich Schiedsrichter im Abendland war.</p>
-
-<p>Aber die Würde, so klug er sie übte, brachte dem Schiedsrichter keinen
-Dank und Gewinn; der stolze Tag von Berlin wurde dem Reich die Glückswende
-des Schicksals.</p>
-
-<p>Die Mächte mit ihrem Gewicht hatten die Russen gehindert, Byzanz
-zu erreichen; aber der russische Groll fiel auf die Hand, die den Mächten
-die Waage zu halten gedingt war.</p>
-
-<p>Rußland, der mächtige Nachbar im Rücken des Reichs, ging zu
-dem Todfeind im Westen: ihr böses Bündnis begann, das Reich zu umfassen.</p>
-
-<p>Der Drohung zu wehren, rief Bismarck Nothelfer an: Österreich,
-Italien und Deutschland im Dreibund vereinigt, sollten dem Zweibund
-von Rußland und Frankreich das Gleichgewicht halten.</p>
-
-<p>Als ob noch einmal das römische Reich seinen Bogen über das Abendland
-spannte, so zog der Dreibund die Grenzen der alten Kaisergewalt: aber<span class="pagenum"><a id="Seite_383">[383]</a></span>
-die Krone war für zwei Kaiser gespalten und statt dem Papst sollte ein
-König in Rom Widerpart sein.</p>
-
-<p>Und so war das Schicksal: der Graf von Gastein hatte das preußische
-Reich gegen Habsburg gegründet; aber es war nicht das Land von der
-Maas bis zum Memel, von der Etsch bis zum Belt, wie es die deutsche
-Hoffnung ersehnte.</p>
-
-<p>Nun kamen die Deutschen von Österreich, Salzburg, Tirol und der
-Steiermark zwar in den Dreibund, aber sie brachten das Habsburger
-Schneckenhaus mitsamt den slawischen Völkern und dem bösen Streit um
-den Balkan.</p>
-
-<h3 id="sec13_23">Feinde ringsum</h3>
-
-<p>Der Oheim Wilhelm des Zweiten war König von England geworden;
-er haßte den Neffen in Potsdam und hing seinem Prunkmantel hämisch
-ein Schellenband an.</p>
-
-<p>Er war schon ins Alter gekommen, als seine Mutter Victoria starb;
-aber die Welt kannte den Prinzen von Wales, der in Paris und in London
-gleichviel als Lebemann galt, weil er das Reich der Mode regierte.</p>
-
-<p>Neun Jahre nur blieben ihm noch für den Thron, aber neun Jahre
-reichten dem König Eduard aus, in den Machthändeln der Welt nicht
-weniger gut als in der Mode zu führen.</p>
-
-<p>Vielerlei Feinde zählte der britische Stolz auf der Erde; der stärkste war
-Rußland, aber der nächste war ihm der deutsche Vetter geworden: den
-stärksten Feind auf den nächsten zu hetzen, sollte das Meisterstück Eduards
-sein.</p>
-
-<p>Er trug keine schimmernde Wehr wie sein Neffe, er war ein König im
-Straßenkleid, der besser die Kunst, sanft und höhnisch zu lächeln, als die
-der schwellenden Rede verstand; er wußte als Weltmann auf Reisen höflich
-zu sein, nur in Berlin war er es nicht.</p>
-
-<p>Als seine Lebenszeit um war, hatte sich nichts im Abendland sichtbar
-verändert: der deutsche Welthandel wuchs aus Wohlstand zu Reichtum,
-Wilhelm der Zweite sprach von der gepanzerten Faust und hieß der Zukunft
-auf dem Wasser die Schlachtflotte bauen.</p>
-
-<p>Frankreich war trächtig an seinem Traum der Revanche, Rußland
-sah nach Byzanz, Italien unterschrieb dem Dreibund die Wechsel auf kurze
-Sicht, Österreich wühlte sich ein in den Balkan.</p>
-
-<p>Alles war wie zuvor, die Waffen starrten im Gleichgewicht und der
-Frieden hing an der Waage: nur die heimlichen Tiefen der Mächte hatten
-sich trübe gefüllt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_384">[384]</a></span></p>
-
-<p>Ein Vierteljahrhundert war seit den stolzen Tagen vergangen, da Bismarck
-als ehrlicher Makler am Tisch saß, obenan bei den Mächten; ein
-Vierteljahrhundert hatte den Haß gegen Deutschland gerüstet, und der ihm
-der treueste Freund schien, war in der Rechnung der Mächte sein gefährlichster
-Feind.</p>
-
-<h3 id="sec13_24">Habsburg</h3>
-
-<p>Das Habsburger Kaisertum war die Erbschaft vergangener Fürstengewalt
-über widerstreitende Völker: Ungarn und Tschechen, Polen, Slowaken,
-Ruthenen, Kroaten und Serben, Rumänen und Italiener waren
-der deutschen Vorherrschaft feind.</p>
-
-<p>Und keiner Regierung gelang es, den Ausgleich zu finden; was den
-einen zuliebe geschah, geschah den andern zuleide: ein babylonischer Turm
-blieb der Reichsrat in Wien mit seiner Völker- und Sprachenverwirrung.</p>
-
-<p>Bunt wie das Völkergemisch war auch das Wechselspiel seiner Minister,
-der klugen und dummen, der gerechten und schlechten: die Völker im
-Reichsrat ließen sie kommen und hießen sie gehen; und keiner war mehr als
-ein flüchtiger Schatten.</p>
-
-<p>Nur der Kaiser Franz Joseph in Wien gab seinen schläfrigen Stundenschlag
-durch die Verwirrung; seit Metternich ging, war er da, längst mehr
-als ein halbes Jahrhundert; die Kaiserin wurde erstochen, der Kronprinz,
-sein einziger Sohn, lag auf der blutigen Bahre: den Kaiser Franz Joseph
-hatte das Schicksal vergessen.</p>
-
-<p>Ein kahler Baum im Schlinggewächs streitender Völker war die Habsburger
-Macht; ein geiler Trieb wollte ihm neues Holz geben: der Thronfolger-Erzherzog
-wollte noch einmal ein Habsburger Ferdinand sein.</p>
-
-<p>Denn die Kirche allein war die Einheit der streitenden Völker in Österreich,
-nur ihr gehorsamer Diener konnte noch einmal die Vielheit beherrschen:
-und Franz Ferdinand war ein gehorsamer Diener der Kirche.</p>
-
-<p>Groß-Österreich wollte er bauen und tief in den Balkan hinein sollte
-das Fundament seines babylonischen Turms reichen; indessen der Staat
-Metternichs starb, weil seine Vielheit feindlicher Völker kein Volk war,
-hörte die Habsburger Habsucht nicht auf, von Ländergewinn und Eroberungskriegen
-zu träumen.</p>
-
-<p>Als sie das Recht ihrer Krone über Bosnien streckte, war der Krieg angesagt,
-der Krieg mit den slawischen Völkern im Balkan und ihrem mächtigen
-Schutzherrn im Osten.</p>
-
-<p>Denn Serbien lag als ein Stein vor der Tür in den Balkan; sollte
-Groß-Österreich werden, war Belgrad der Schlüssel, und sollte der Schlüssel<span class="pagenum"><a id="Seite_385">[385]</a></span>
-Habsburg gehören, mußte das serbische Volk samt seinem russischen
-Schutzherrn gedemütigt sein.</p>
-
-<p>Frechheit und Leichtsinn reichten einander die Hände, da Habsburg
-solch ein vermessenes Glücksspiel begann; und Habsburg wußte genau, daß
-es allein nichts vermochte: aber der mächtige Bruder im Norden sollte sein
-ehrliches Schwert über der blinden Vermessenheit halten.</p>
-
-<h3 id="sec13_25">Serajewo</h3>
-
-<p>Franz Ferdinand wollte den bosniakischen Völkern den kommenden
-Landesherrn zeigen; in Serajewo traf ihn die Kugel eines Studenten; die
-zweite Kugel sollte den Statthalter treffen und fand die Thronfolger-Fürstin.</p>
-
-<p>Die Tat geschah am hellichten Tag, und der Mörder wurde ergriffen
-samt seinen Genossen; aber der Mord schrie nach größerer Rache.</p>
-
-<p>In Belgrad war der Mord von Serajewo geplant und beschworen; ihn
-zu sühnen, wurde das serbische Volk vor eine kurze Frist und eine harte Entscheidung
-gestellt.</p>
-
-<p>Sie wußten genau in der Hofburg, Serbien treffen, hieß Rußland
-entfachen; das sollte die Sorge des stärkeren Bruders im Dreibund sein.</p>
-
-<p>Der stärkere Bruder im Dreibund hatte für einen Glücksspieler gebürgt;
-als er die Karten aufgedeckt sah, war es zu spät, die Bürgschaft zu
-lösen.</p>
-
-<p>Er hatte in schimmernder Wehr mit seiner Treue geprahlt; nun brannte
-der Saal und der Nibelungenkampf begann auf Leben und Sterben.</p>
-
-<h3 id="sec13_26">Der Weltkrieg</h3>
-
-<p>Deutschland erklärte Rußland den Krieg, und die Welt verfluchte den
-Friedensstörer; Deutschland marschierte in Belgien ein, und die Welt schrie
-nach Rache; Deutschland stand auf, wie ein Volk um sein Dasein aufsteht,
-und die Welt war bereit, sein Dasein zu löschen.</p>
-
-<p>So war es schon einmal, als Friedrich in Sachsen einbrach, als Österreich,
-Rußland und Frankreich, samt seinen Trabanten im Rheinbund, mit
-ihrer Unschuld dastanden und engelrein kamen, den Bösewicht zu bestrafen.</p>
-
-<p>Frankreich hatte nicht Jahr für Jahr um seine Revanche gefiebert;
-Rußland hatte nicht Bahnen gebaut und zum Krieg gerüstet mit dem Geld
-der Franzosen; England hatte nur friedliche Freundschaft gesät in Frankreich
-und Rußland.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_386">[386]</a></span></p>
-
-<p>Nie sah die Welt so ehrlich entrüstete Mienen, als da der Tag kam, den
-sie alle gewollt hatten; nie ging ein Volk so blind in die Falle, als da die
-Deutschen Habsburg zuliebe in das geschliffene Schwert rannten; nie hatte
-ein Volk seinen Führern so töricht getraut und sie leichtfertig gehen lassen;
-nie war eine Schuld so schief und ein Schicksal so aus der Schulter gerissen.</p>
-
-<p>Der Krieg stand vor der Tür, und Wilhelm der Zweite ging auf die
-Reise; sein Kanzler sah weisheitsvoll zu, wie das Reich eingespannt wurde
-vor den Habsburger Wagen; die Bundesfürsten und all ihre klugen Minister
-ließen die Dinge geschehen, als ob der kommende Tag ein Manöver und
-das heiligste Ding in der Welt eine mißbrauchte Bundespflicht wäre.</p>
-
-<p>Aber tief in den Gründen des Volkes gerannen die Säfte der Zeit; die
-alte und neue Zwietracht fühlten die Stunde gekommen für ihre Ernte, die
-dritte stand todesbereit.</p>
-
-<p>Aller Wohlstand der Städte und all die neue Reichsherrlichkeit war nur
-der Tanz um das goldene Kalb, all die prahlende Pracht nur die Jagd nach
-dem Glück und all die fiebernde Hast nur die tiefe Enttäuschung gewesen.</p>
-
-<p>Die goldene Spinne hatte in allen Herzen gesessen, sie hatte den Armen
-geplagt und den Reichen gehetzt und hatte den Menschen die Seele gefressen:
-Glück war Genuß, Genuß war Gier, Freiheit war Willkür, Schönheit
-war Schein und Würde war falsche Währung geworden.</p>
-
-<p>So stieg der Groll aus den Tiefen und sah ein anderes Glück auf die
-Spitze des Degens gestellt, als das in all den Geschäften, Büros und Fabriken,
-Straßen und Bierhallen der prahlenden Städte zuhaus war.</p>
-
-<p>Aber der Groll war nur Schaum in den Wogen; die Wogen gingen um
-Macht, wie sie in England, Frankreich und Rußland um Macht gingen;
-und Macht hieß vom Reichtum der Erde mehr als die andern besitzen.</p>
-
-<h3 id="sec13_27">Die Schuld</h3>
-
-<p>Willst du den Frieden, so rüste für den Krieg! stand über den Türen
-der Staaten, aber das doppelzüngige Wort hatte das Abendland in die
-Hölle geführt; denn wer den Krieg rüstet, der züchtet ihn groß, und wer
-ihn züchtet, den will er fressen.</p>
-
-<p>Eisen und Blut hatte Bismarck verkündigt, aber Eisen und Blut heißt
-die Gewalt; Gewalt heißt mißbrauchte Macht; Widergewalt oder Knechtschaft,
-anderes kann sie nicht züchten: Widergewalt gaben einander die
-Staaten im Abendland, Knechtschaft war über den wehrlosen Völkern
-der Erde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_387">[387]</a></span></p>
-
-<p>Sie hießen sich christliche Völker und lebten im Haß; sie sangen Frieden
-auf Erden und starrten auf Krieg; sie rühmten sich ihrer Kultur und
-maßen sich mit Kanonen.</p>
-
-<p>Raubtieren gleich saßen sie hinter den Gittern, Raubtieren gleich streiften
-sie über die fernsten Felder der Erde, ihren Raub unter den wehrlosen
-Völkern zu finden.</p>
-
-<p>Und all ihr Begehren, ihr Streit und die tödliche Feindschaft ging um
-den Fraß: Kolonien hießen sie ihren Futterplatz, Kriegsflotten ihre Krallen,
-und abendländische Kultur die Verderbnis und Sklaverei, die sie in alle
-Erdteile brachten.</p>
-
-<p>Willst du Gewalt, so rüste den Krieg! willst du den Mißbrauch der
-Macht, so mache dich mächtig, Gewalt zu gebrauchen! und willst du Frieden,
-so bist du ein Schaf unter Wölfen!</p>
-
-<p>Rußland mußte das Meer haben, aber das Meer stand ihm offen für
-alle seine Schiffe, solange nicht Krieg war; England mußte den Seeweg
-nach Indien schützen, aber im Frieden konnte ein Hochzeitspaar mit der
-Schaluppe nach Indien fahren; Deutschland mußte die englische Seeherrschaft
-brechen, aber die Häfen der Welt waren der schwarzweißroten Flagge
-geöffnet, bis sie der Krieg zumachte.</p>
-
-<p>Das Abendland wollte den Krieg, weil sein Dasein Gewalt war; als es
-ihn vierzig Jahre lang gezüchtet hatte, konnten die Gitterstäbe des Friedens
-das Raubgetier nicht mehr halten.</p>
-
-<h3 id="sec13_28">Die Marneschlacht</h3>
-
-<p>Als die Deutschen wieder nach Frankreich marschierten, sollte noch einmal
-die Zange den raschen Feldzug gewinnen; indessen von Metz bis Mühlhausen
-nur eine Scheinmacht anrannte, sollte der weitaus gewaltigere Flügel
-von Norden einschwenkend das feindliche Heer in seinen eigenen Festungswall
-pressen.</p>
-
-<p>Wohl konnte das übergewaltige Kriegsvolk der Deutschen das belgische
-Heer überrennen, aber von Lüttich bis Charleroi floß viel Blut in die Spur;
-und jedes Dorf, das an der Maas brannte, war der Welt eine lodernde
-Fackel, das deutsche Unrecht grell zu beleuchten.</p>
-
-<p>Auch hielten die harten Kämpfe den Einmarsch tagelang hin; als die
-Deutschen nach Charleroi kamen, fanden sie schon die Franzosen.</p>
-
-<p>Von Verdun bis Lille stand ihre Front kampfbereit und mußte in
-schweren Stürmen berannt sein, indessen aus Flandern das englische Heer
-die deutsche Flanke bedrohte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_388">[388]</a></span></p>
-
-<p>Aber dem Ungetüm schien der gewaltige Schlag doch zu gelingen: in
-breiter Flucht wankte die Mauer der stolzen Franzosen, über die katalaunischen
-Felder rollten die Trümmer hin.</p>
-
-<p>Schon schwärmten die deutschen Ulanen gegen die Seine, der Donner
-naher Kanonen schreckte Paris, der Präsident samt den Ministern floh
-nach Bordeaux, als sich die Absicht der Zange enthüllte.</p>
-
-<p>Einem gewaltigen Torflügel gleich drehte die deutsche Front sich nach
-Osten, die Riegel streiften Paris und gingen bei Meaux über die Marne
-hinüber, die katalaunischen Felder von Westen umfassend.</p>
-
-<p>Zu riesenhaft waren die Massen der Männer, Rosse, Kanonen und
-Wagen, die tagelang vorgestürmt waren; als sich die Heerhaufen zu kreuzen
-begannen, als der Befehl sich verwirrte, mußten die Deutschen zurück: die
-Schwenkung war über die eigenen Füße gestolpert; die Führung hatte den
-Griff der Zange verloren.</p>
-
-<p>Wohl konnten die Heere sich sammeln und über dem weißen Staub der
-Champagne eine festere Mauer aufstellen, als vordem die der Franzosen:
-aber die Marneschlacht war verspielt, der große Schlag war mißglückt, ein
-anderer Feldzug mußte beginnen.</p>
-
-<p>Nur noch am äußersten Flügel im Westen fraß sich der Feuerbrand hin;
-die Heere wollten einander umfassen und rissen die Schlacht nach Norden,
-bis sie nach blutigen Wochen in Flandern erstickte, bis die Mauer der Deutschen
-von Basel bis Ypern kampfbereit stand.</p>
-
-<p>Die rasende Fahrt der Kanonen über die Straßen und Felder, das
-rasche Reitergefecht, der nächtliche Marsch zur Umfassung, der Sturmangriff
-der Bajonette: was sonst den fröhlichen Feldzug machte, kam nun zur
-Ruhe, der Schützengraben wühlte den Krieg in die Erde.</p>
-
-<h3 id="sec13_29">Hindenburg</h3>
-
-<p>Indessen der Krieg mit seinen Schrecken und Leiden über Belgien hinfuhr,
-indessen die Schlacht an der Marne den deutschen Siegeszug hemmte,
-daß der fressende Feuerbrand aus Frankreich nach Flandern hinüber
-flammte; kam er von Osten gegen Deutschland gezogen.</p>
-
-<p>Österreich wollte der Russenmacht wehren, aber sein Holzschwert zerbrach
-ihm; unwiderstehlich drängten die russischen Heere nach Westen: das
-Abendland hatte gerufen und Asien kam, den Ruf zu erfüllen.</p>
-
-<p>Wie ein Land unter Wasser gerät &ndash; ein Damm ist gebrochen, und überall
-quellen die Ströme &ndash; so kam die Russengefahr über Preußen: Tilsit,
-Gumbinnen und Insterburg waren von ihren Scharen erfüllt, Königsberg<span class="pagenum"><a id="Seite_389">[389]</a></span>
-wurde bedroht von den raschen Kosaken, der Schrecken schäumte die Flüchtlinge
-gegen Berlin.</p>
-
-<p>Aber die Tage von Tannenberg setzten der Furcht und der Flucht ein
-fröhliches Ende: Hindenburg kam, den sie danach den Russenschreck nannten,
-und wurde der Retter des preußischen Landes.</p>
-
-<p>Er war schon ein Greis und niemand hatte den Mann gekannt, der über
-allen Männern des Krieges fortab gerühmt war: ein Vater Blücher zum
-andernmal und wie der Held an der Katzbach geliebt von seinen Soldaten.</p>
-
-<p>Er lockte das russische Heer in die masurischen Sümpfe und stellte die
-Falle so listig, daß nach der verlorenen Schlacht nur noch der Nachhut der
-Russen die eilige Flucht glückte.</p>
-
-<p>Seit Sedan sah kein Schlachtfeld solch einen Sieg, wie der bei Tannenberg
-wurde; die Welt horchte auf, daß wieder ein Feldherr am Werk war;
-den Deutschen wurde der Name Hindenburg teuer, als ob der Name allein
-ein Siegespfand wäre.</p>
-
-<h3 id="sec13_30">Die Blockade</h3>
-
-<p>So hatte der Krieg mit gewaltigen Schlägen begonnen, froh wehten die
-Fahnen in Deutschland: sie wehten Sieg, aber sie wehten kein Ende; denn
-der Feind war nicht Frankreich und Rußland, der Feind war England, und
-England saß hinter dem Wasser.</p>
-
-<p>Wohl lagen die großen Schlachtschiffe gerüstet zum Kampf im Troß
-ihrer Kreuzer; sie konnten die Küsten beschützen, den Kampf in Feindesland
-tragen konnten sie nicht: sie mußten lauern und warten, was England, dem
-Seeherrn, beliebte.</p>
-
-<p>England, der Seeherr, brauchte sich nicht zu beeilen; ihm saß der Feind
-in der Falle, ihm konnte er siegen gegen die Russen und festhalten in Frankreich,
-und war doch verloren.</p>
-
-<p>Denn England sperrte die Nordsee; und Deutschland mit all seinen Soldaten
-und ihrer Todesbereitschaft, mit seinen Fabriken und volkreichen
-Städten im kargen Land, Deutschland mit all seinen flatternden Fahnen
-und allen Wimpeln der Flotte war nur eine belagerte Festung; und eine belagerte
-Festung besiegte der Hunger.</p>
-
-<p>Englische List und Gewalt mußten der Festung den letzten Weg in die
-Welt verriegeln; daß aber List und Gewalt gerecht und geehrt unter den
-Völkern daständen, mußte der Deutsche das Recht und die Achtung des
-ehrlichen Mannes verlieren.</p>
-
-<p>So wurden auf allen Straßen der Welt die deutschen Greuel verkündigt;<span class="pagenum"><a id="Seite_390">[390]</a></span>
-so wurde ein ehrliches Volk unehrlich gesprochen; so wurden Groll und
-Geschäftsneid der Völker zum Haß aufgestachelt.</p>
-
-<p>Alle die Völker der Erde, die weißen, schwarzen und gelben: alle wurden
-gerufen, als Kläger, Richter und Büttel der englischen Feindschaft Gericht
-über Deutschland zu halten.</p>
-
-<p>Alle hatten angeblich den Nächsten geliebt und seine Rechte geachtet,
-keiner hatte je einem Gewalt angetan, wie der Burenbezwinger, der Schutzherr
-Ägyptens und gütige Pfleger der indischen Völker mit ehrlicher Miene
-bezeugte: nur Deutschland allein hatte zuerst das Geschäft und danach den
-Frieden gestört.</p>
-
-<p>List und Gewalt der Blockade sperrten der Festung die letzte Hintertür
-zu; mochten die deutschen Soldaten in Frankreich und Flandern, in Polen
-und Rußland ihr hartes Männerwerk tun, an ihren Frauen und Kindern
-mußten sie dennoch verlieren; England stand vor der Welt im Glorienschein
-seiner Gerechtigkeit da.</p>
-
-<h3 id="sec13_31">Der Schützengraben</h3>
-
-<p>Die Feldheere hatten in Frankreich vergeblich gerungen; als die Russengefahr
-Hindenburg rief, lag im Westen der Krieg an der Kette, die Ring
-um Ring ineinander geschmiedet von Flandern zum Elsaß die feindlichen
-Heere verband.</p>
-
-<p>Ein stummes Gewühl war gewesen durch Tage und Nächte, Spaten
-und Hacken hatten die Löcher gegraben, darin die Männer nun saßen, vor
-Kugeln gesichert, darin sie Rast und Unterstand hatten nach wilden Märschen
-und blutigen Schlachten.</p>
-
-<p>Aber der Unterstand wurde die Wohnung für Wochen, und Wochen
-liefen in Monaten hin; da waren die Gräben und Löcher nichts nütze, da
-wurde die Front vom Elsaß nach Flandern als Festung gebaut.</p>
-
-<p>Schützengräben, künstlich gewinkelt, waren die Brustwehr, wenn irgend
-ein Angriff die Männer aus ihren Höhlen heraus rief; sonst saßen sie
-sicher geschützt in den Kammern, dahin die Treppen tief in die Erde hinunter
-gingen.</p>
-
-<p>Nur die Horchposten standen im Stahlhelm; wie einmal die Torwächter
-spähten sie aus nach dem Feind, der drüben gleichso verbaut saß.</p>
-
-<p>Hüben und drüben der Graben mit seiner Brustwehr, kaum sichtbar
-erhöht, manchmal am Himmel das dralle Gewölk der Schrapnelle oder der
-bräunliche Rauch großer Kanonen, selten ein Schuß in der Nähe, nur unaufhörlich
-das ferne Gegroll: so war der Krieg in die Stille gesunken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_391">[391]</a></span></p>
-
-<p>Aber die Stille war Tücke: tief in der Erde wurden die heimlichen Gänge
-gebohrt, eine Mine sprang gegen den Unterstand auf, alles mit Feuer und
-Eisen und Hölle vernichtend; oder ein Schuß schnitt seinen Blitz zu spät
-in die Nacht, Siegergeheul und Todesröcheln erfüllten die Gräben.</p>
-
-<p>Aber die Raubtiere, einander belauernd vom Elsaß bis Flandern, konnten
-auch friedlicher sein: ein sonniger Wintertag rief sie heraus aus den
-Löchern; da saßen sie da in den Gräben, rauchten und lachten und riefen
-einander mit fremdem Mund spöttische Worte hinüber.</p>
-
-<p>Auch konnte die Neugier sie packen, einander mit Augen zu messen; dann
-trauten sie ihren Zeichen, kamen herauf auf die Brustwehr und sahen die
-fremde Lehmgestalt an mit seltsamen Augen, daß solches geschähe: Mensch
-gegen Mensch entfesselt durch Wochen und Monde, gestern noch blutrünstige
-Tiere und heute harmlose und fröhliche Knaben.</p>
-
-<p>Alle hatten daheim eine Mutter, eine Braut oder gar eine Frau mit
-ihren Kindern, den Stall und das Feld, den Schraubstock oder den Schreibtisch
-treu zu besorgen, indessen sie hier in der Fremde dem Tod und der Trübsal
-verkauft waren.</p>
-
-<p>Es konnte schon morgen geschehen, daß die grollende Ferne über sie fiel
-mit Granaten, daß die Kanonen hüben und drüben den Feuerkampf um
-den Graben begannen.</p>
-
-<p>Dann kam das Unheil heulend geflogen, Zentner von Eisen bohrten sich
-ein in den Grund und zersprangen im Feuer; brüllender Donner, Blitz und
-Schlag unaufhörlich; ein feuriger Krater, tief aus der Erde gerissen, verschüttete
-Männer, Graben und Unterstand.</p>
-
-<p>Trommelfeuer hießen sie das, wenn sie in ihren Höhlen dasaßen, stumm
-und geduckt, und die Hölle raste über sie hin, Stunden um Stunden, manchesmal
-Tage erbarmungslos füllend.</p>
-
-<p>Da wurde die letzte Fröhlichkeit still, da bebte die tapferste Seele, da war
-der Mensch nur noch Kreatur, aus Raum und Zeit zurück in den Abgrund
-der Schöpfung gerissen.</p>
-
-<p>Und wenn die Hölle ausgerast hatte, wenn das Donnergebrüll schwieg
-und die gepeinigte Erde zu zittern aufhörte, fing die Vernichtung ihr letztes
-Mörderwerk an: Hyänen kamen gesprungen, die Opfermahlzeit zu halten;
-Handgranaten und Messer mußten dem letzten Verzweiflungskampf dienen.</p>
-
-<p>Und einmal war alles vorüber, die Verwundeten waren verbunden, die
-Verschütteten ausgescharrt, die Toten begraben, Brustwehr und Graben
-von Blut und Gedärm, vom Unrat des Todes gereinigt: Stille stand über
-dem Graben, nur das dumpfe Gegroll in der Ferne, am Himmel das dralle
-Gewölk der Schrapnelle.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_392">[392]</a></span></p>
-
-<p>Bis wieder nach Stunden, nach Tagen, nach Wochen die Hölle anfing,
-wie es der Heerbefehl wollte, dem alle diese Männer hüben und drüben in
-ihren Höhlen, als ihrem Schicksal blind untertan waren.</p>
-
-<h3 id="sec13_32">Die belagerte Festung</h3>
-
-<p>Eine belagerte Festung war Deutschland im Weltkrieg, und alle Tapferkeit
-konnte dem Hunger kein Tor öffnen.</p>
-
-<p>Hindenburg hatte im Osten den russischen Sturm abgeschlagen und
-Polen zum Bollwerk der Festung gemacht; im Westen hielt eine Mauer
-aus Stahl und Treue der Heimat den Feind fern: aber das Außenwerk hier
-wie dort konnte den Frauen und Kindern kein Brot bringen.</p>
-
-<p>Als Mackensen dann mit Conrad von Hötzendorf in Galizien siegte und
-die russische Front weit in die Sümpfe zurückwarf, waren unendliche Weiten
-und Wüsten erobert, die russische Kornkammer war es nicht.</p>
-
-<p>So mußte die Tapferkeit weiteren Weg suchen; über den Balkan brauste
-sie hin zu den Türken; Serbiens kurzes Siegerglück sank vor der deutschen
-Übermacht nieder: aber der Weg nach Bagdad führte nur in die Wüste.</p>
-
-<p>Auch der heilige Krieg des Propheten half der Festung nicht aus dem
-Hunger; der Halbmond war in den türkischen Angeln verrostet, der kranke
-Mann in Byzanz konnte kein Wunder im Morgenland wirken.</p>
-
-<p>Die deutsche Tapferkeit hatte &ndash; das mußte sie bitter erfahren &ndash; nichts
-als ihr Schwert; nie hatte sein Schlag so harte Taten getan, als da es vor
-seinem Untergang stand.</p>
-
-<p>Wie einmal die Goten ihr kurzes Schwertherrenglück hatten, wie Alarich
-über Rom siegte und doch nur ein Straßenkönig war, wie der Ruhm
-des tapferen Todes um Totilas blühte: so wurde das deutsche Schicksal noch
-einmal erfüllt.</p>
-
-<p>Völkerwanderung war wieder wie damals; die Straßen des Abendlandes
-hallten von ihren Schritten; von Ypern über die Dardanellen, vom
-Idsteiner Klotz bis Riga donnerten ihre Kanonen, und wie zu Kreuzritterzeiten
-flatterten deutsche Fahnen im heiligen Land.</p>
-
-<p>Seit dem Kriegsherrn aus Korsika sah der Dämon des Krieges nicht
-solche Taten; und wo seine große Armee im russischen Winter verdarb,
-standen die Deutschen getrost und rasteten nicht, bis sie die Zarenherrschaft
-zerschlugen.</p>
-
-<p>So grausamen Hohn hatte das Schicksal dem deutschen Schwert aufgespart,
-daß es der englischen Weltherrschaft diente, indem sein tödlicher
-Schlag das Russenreich traf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_393">[393]</a></span></p>
-
-<p>Unter den Feinden Englands war Deutschland der nächste, Rußland
-der stärkste; als der nächste den stärksten bezwang, hatte das deutsche Schwert
-den Krieg für den englischen Seeherrn gewonnen.</p>
-
-<p>Denn nun stand Deutschland als Todfeind Englands allein; die belagerte
-Festung hatte sich selber das letzte Bollwerk zerstört: England konnte
-getrost auf den Tag warten, da der Hunger der deutschen Tapferkeit das
-Schwert aus der Hand nahm.</p>
-
-<h3 id="sec13_33">Das Unterseeboot</h3>
-
-<p>Wohl streckten die norddeutschen Länder sich an der kalten Meerküste
-hin, aber die Ostsee war nur ein Schlauch, und die Nordsee hießen die Seeleute
-spöttisch den nassen Sack.</p>
-
-<p>Die englischen Schlachtschiffe brauchten sich nicht aus den sicheren Häfen
-zu rühren; die schnellen Kreuzer allein hielten Wacht, sie zu rufen, wenn
-ein Feind in den nassen Sack kam.</p>
-
-<p>So lag die Flotte des Kaisers wie ein Hund an der Kette; die noch
-draußen im Weltmeer schwammen, als der Krieg kam, die großen und kleinen
-Kreuzer konnten die Heimfahrt nicht finden und mußten tollkühn den
-eigenen Straßenkrieg wagen.</p>
-
-<p>Goeben und Breslau, die Kreuzer im Mittelmeer, schlugen sich durch
-zu den Türken; das kleine Geschwader des Grafen Spee mehrte vor Chile
-den deutschen Sieg und fand am Kap Horn seinen grausamen Untergang.</p>
-
-<p>Die Königsberg kreuzte bei Sansibar und die Emden bei Singapure; sie
-führten den Kaperkrieg, und wie ein Wolf unter den Schafen störte die
-Emden die englische Schiffahrt, bis eine ganze Flotte auslief, den frechen
-Kreuzer zu fangen.</p>
-
-<p>Tapfer und tollkühn waren die Taten, und die Welt hörte erstaunt,
-was der tollkühne Seemann vermochte; und als die versprengte Mannschaft
-der Emden auf einem Kutter die Argonautenfahrt machte und aus
-der Südsee über Arabien glücklich heimfand, sang der Ruhm um die
-Männer.</p>
-
-<p>Aber der tollkühne Mut und der Ruhm, das Seefahrerglück und der
-tapfere Untergang halfen der deutschen Schlachtflotte nicht aus dem nassen
-Sack und der darbenden Heimat nicht aus der Blockade.</p>
-
-<p>Das Unterseeboot allein konnte ihr trotzen, konnte den hungernden
-Frauen und Kindern ein Rächer, den Brüdern in Frankreich ein Nothelfer
-sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_394">[394]</a></span></p>
-
-<p>Einem Seehund gleich schwamm es hinaus, kaum sichtbar über den
-Wellen; wenn Gefahr kam, konnte es tauchen, und wenn es den Feind
-suchte, ragte sein Sehrohr allein aus dem Wasser.</p>
-
-<p>Ehe die feindlichen Augen sein tückisches Dasein erspäht hatten, riß
-sein Torpedo den Schaumstreifen auf; zu spät erblickten sie ihn, schon kam
-der krachende Stoß und warf das Schiff auseinander.</p>
-
-<p>Im eisernen Bauch des Seehunds saßen die Männer, eng aneinander
-gedrängt neben dem stampfenden Raum der Maschinen, die tagelang so
-durch die Meerwüste schwammen, immer des Todes gewärtig und immer
-bereit, ihn zu senden.</p>
-
-<p>Noch waren der tückischen Boote zu wenig, dem Seeherrn Sorge zu
-machen; als aber ein einziges Boot im Kanal in einer Stunde drei große
-Kreuzer trotz ihren Kanonen und ihrem gepanzerten Bauch auf den Meeresgrund
-schickte, ging das Gespenst der Furcht um die Küsten von England
-und wurde nicht nur von den Kindern gesehen.</p>
-
-<p>Auf den Werften der kalten Meeresküste lagen die eisernen Bäuche der
-Unterseeboote dicht bei einander, Tag und Nacht wurde daran mit hundert
-Händen gehämmert, und wo ein grauer Bauch in das schäumende Wasser
-abrollte, lag ein neues Gerüst schon bereit.</p>
-
-<p>So war der nasse Sack nicht mehr zu; die schnellen Kreuzer konnten nicht
-mehr die großen Schlachtschiffe rufen, sie konnten nur warnen vor dem
-gefährlichen Feind und mußten in jeder Minute bereit sein, am eigenen
-Leib den Stachel zu fühlen.</p>
-
-<p>Die englische Insel kam in Gefahr, selber belagerte Festung zu werden,
-selber an Frauen und Kindern die Grausamkeit ihrer Blockade zu spüren;
-und Deutschland fieberte auf, doch noch den Sieg heim zu bringen.</p>
-
-<p>Immer größere Boote wurden gebaut und immer grausamer rasten die
-Dieselmotore, die eisernen Bäuche durchs Wasser zu peitschen, immer mehr
-stolze Schiffsleiber sanken durch ihre Torpedos, immer mehr Augen in England
-sahen das graue Gespenst an den Küsten.</p>
-
-<p>Aber das Weltmeer war groß, zu stark waren die englischen Häfen, der
-Schiffe zuviel und mehr noch der Werften, neue zu bauen; auch war der
-Kanal durch Netze und Minen gesperrt und der Weg um die schottische
-Felsküste ging weit und gefährlich.</p>
-
-<p>Als die Ziffer der Riesenverluste langsam zu sinken begann, hatte der
-Seeherr den Krieg doch wieder gewonnen; ihm den sicheren Sieg zu entreißen,
-mußte die Mauer aus Stahl und Treue im Westen noch einmal die
-Marneschlacht wagen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_395">[395]</a></span></p>
-
-<h3 id="sec13_34">Ludendorff</h3>
-
-<p>Als die deutschen Soldaten nach Frankreich marschierten, trug der
-Mann sein Gewehr, wie einmal der Landsknecht die Lanze; marschieren
-und stürmen, die Kugel senden und empfangen, sollte sein Kriegshandwerk
-sein.</p>
-
-<p>So aber wurde der Krieg in den Jahren, da ihn der Schützengraben
-verschluckte, da die feldgrauen Männer Monde und Jahre in ihren Erdlöchern
-hausten, da die Mauer aus Stahl und Treue dem Trommelfeuer
-standhalten mußte: Das Gewehr hing am Nagel, aber die Handgranate
-am Gürtel; denn das Handgemenge im Graben war nun das Gefecht,
-Mann gegen Mann, Messer gegen Messer.</p>
-
-<p>Und auch das Grabengefecht war nur noch das Blutgerinnsel des Krieges;
-denn der Krieg war die Menschenvernichtung der elementarischen
-Mächte.</p>
-
-<p>Feuer, Wasser und Luft: alles hatte der Menschengeist auf seiner Erde
-gebändigt; wie ein Zauberer die Geister in seinen Zirkel zwingt, mußten
-die Mächte ihm dienen zur Arbeit; als er sie aufrief zum Streit, war der Zirkel
-gesprengt, und über ihn selber kamen die Mächte mit ihrer Vernichtung.</p>
-
-<p>Denn ein Krieg der Fabriken, nicht mehr der tapferen Männer war dies,
-daß eiserne Särge voll Feuer und Gift und Vernichtung meilenweit durch
-die Luft kamen, daß ihr Niederschlag die Krater der Erde aufriß.</p>
-
-<p>Daß giftige Gasschwaden über die Erde hinkrochen, in alle Spalten,
-Gräben und Erdlöcher dringend und alles Dasein bis in die Gründe vernichtend.</p>
-
-<p>Daß die Soldaten, hüben und drüben gleiches erduldend, mit ihren
-Gasmasken unter dem Stahlhelm gleich unheimlichen Tieren am Rande
-des Todes hausten.</p>
-
-<p>Daß Fliegergeschwader &ndash; über den Vögeln zu fliegen wie unter den
-Fischen zu schwimmen hatte der Mensch die Maschine gelehrt &ndash; die eiserne
-Fracht ihrer Bomben abwarfen, hoch aus den Lüften, weit hinter der
-Schlacht die Städte zerstörend.</p>
-
-<p>Aber der Krieg der Fabriken wurde genährt durch die Schätze der Erde;
-wollte sich die belagerte Festung solcher Übermacht wehren, mußte sie gegen
-die Länder der Feinde die stärkste Fabrik sein.</p>
-
-<p>Der Dämon des Krieges raste zur letzten Vernichtung, und Ludendorff
-wollte sein harter Zuchtmeister werden; der lange im Schatten Hindenburgs
-stand und der eiserne Wille der deutschen Feldsiege war, trat grell in
-den Tag, den Sieg und den Frieden unbeugsam zu zwingen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_396">[396]</a></span></p>
-
-<p>Den Krieg gewann die stärkste Fabrik, und Ludendorff hieß der Fabrikherr:
-alles, was nicht an der Front war, Männer, Frauen und Kinder, alles
-was noch einen Arm hatte, mußte dem Vaterland dienen; denn das Vaterland
-war der Krieg, und der Krieg war die Fabrik.</p>
-
-<p>So war der Krieg ehrlicher Heere zum Haßkampf der Völker geworden,
-aber der Haßkampf der Völker wurde zur Menschenvernichtung der elementarischen
-Mächte.</p>
-
-<p>Der sich hochmütig den Herrn der Natur hieß, der Menschengeist hatte
-vergessen, daß er selber nur ihr Geschöpf, zwischen den höll- und himmlischen
-Mächten der Knecht ihrer und seiner Leidenschaft war.</p>
-
-<h3 id="sec13_35">Die vierzehn Punkte</h3>
-
-<p>Götterdämmerung war über die Menschheit gefallen, im Aufruhr der
-Mächte brannte das Abendland hin; da kam eine Stimme von Westen und
-mahnte den Menschen an seine Vernunft.</p>
-
-<p>Millionen Männer waren gefallen, Millionen verkrüppelt, Städte und
-Dörfer verbrannt, und blühende Landschaften lagen verödet: die Völker
-waren der Greuel von Herzen müde, aber der Krieg raste weiter, weil der
-Aufruhr der Mächte über dem Menschengeist war.</p>
-
-<p>Wilson war die Stimme geheißen und die Stelle, wo sie erklang &ndash; das
-Weiße Haus der Vereinigten Staaten &ndash; war die stärkste Stelle der Welt:
-so mußte die Menschheit die Botschaft anhören.</p>
-
-<p>Frieden und Völkerbund waren die Worte der Botschaft: ein Frieden,
-gerecht und gegen die Raubgier der Staaten gerichtet; ein Völkerbund,
-stark und streng, dem Frieden auf Erden das Schild der Gerechtigkeit vorzuhalten.</p>
-
-<p>Vierzehn Punkte, in klaren Sätzen eindeutig gesprochen, sollten den
-Frieden erzwingen: wer sie verwarf, verwarf die Vernunft und war vor der
-Menschheit verworfen; wer sie annahm, erklärte sich an die Vernunft des
-Völkerbundes gebunden.</p>
-
-<p>So sprach die Stimme von Westen und ihre Stelle war stärker als eine
-auf Erden; die neue Welt wollte der alten Schiedsrichter sein, aber sie
-konnte die Zeit nicht erwarten: sie wurde Kläger, Richter und Büttel.</p>
-
-<p>Amerika kam in den Krieg, als Kläger, Richter und Büttel für England
-den Sieg zu erzwingen; England war die Gerechtigkeit, und Deutschland
-war der Verbrecher.</p>
-
-<p>Aber die vierzehn Punkte waren geblieben; die selben Sätze sollten den
-Frieden bereiten und wurden das böseste Mittel des Krieges:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_397">[397]</a></span></p>
-
-<p>Granaten schütteten Feuer über die Front und Flieger Brand auf die
-Städte, aber sie konnten die Mauer aus Stahl und Treue und die Stärke
-der Heimat nicht brechen; die vierzehn Sätze trafen die Herzen und höhlten
-sie aus.</p>
-
-<p>Denn so war der raunende Klang ihrer Stimme: der Frieden steht längst
-vor der Tür, nur die den Krieg führten, halten die Tür zu; Macht ringt mit
-Macht und will die Vernunft nicht hören; Macht mordet die Männer umsonst,
-und die Vernunft könnte ihr Leben erhalten!</p>
-
-<p>Eine schleichende Krankheit fiel auf den Krieg, das Blut in den Adern
-zu schwächen; und mählich begann das deutsche Gewissen, sein gläubiges
-Recht mit der Sorge des Unrechts zu mischen.</p>
-
-<h3 id="sec13_36">Der letzte Ausfall</h3>
-
-<p>Das Ende kam, wie es mußte; aber als wollte es aller Tapferkeit höhnen,
-ließ es den deutschen Stern steigen, bis es den Glanz und das Glück
-der Macht in einem begrub.</p>
-
-<p>Unbesiegt standen die Deutschen in Frankreich; das mächtige Zarenreich
-hatte der deutsche Hammer zerschlagen und den rumänischen Dünkel
-dazu; Italien mußte zuletzt seinen Schlag spüren.</p>
-
-<p>Der Bundesbruder im Dreibund hatte den Wechsel gefälscht, weil ihm
-der Lohn winkte; Trient und Triest heimzuholen, ließ er die Fahnen flattern,
-als Habsburg in Not war.</p>
-
-<p>Aber die Männer der Steiermark, von Tirol und Kärnten trugen kein
-Holzschwert; sie kannten die Welschen und wußten die Heimat vor ihrem
-Todfeind zu schützen.</p>
-
-<p>Elfmal liefen die Welschen Sturm am Isonzo und konnten den Weg
-nach Triest doch nicht erzwingen; die Grenzwacht der alten Grafschaft
-Tirol stand in den Bergen, als ob Andreas Hofer noch einmal bei ihrer
-Jungmannschaft wäre.</p>
-
-<p>Zwei Jahre lang hielten sie tapfer die Südmark, dann hatte der Bruder
-im Norden das Schwert frei, den welschen Bedränger zu strafen: was
-er in Monden und Jahren mühsam ernagt hatte, mußte er lassen in Tagen;
-statt am Isonzo stand nun die Front am Piave.</p>
-
-<p>So war der Feind vor den Toren der Festung im Süden und Osten
-geschlagen, aber im Westen drohte seine gewaltigste Macht; sollte das
-Ende der langen Belagerung kommen, mußte das Tor gegen Westen befreit
-sein.</p>
-
-<p>Der vierte Frühling des Krieges fing an, in den Knospen zu drängen,<span class="pagenum"><a id="Seite_398">[398]</a></span>
-die Leiden des vierten Winters hatten die Frauen und Kinder ertragen, als
-die belagerte Festung den letzten Ausfall zu wagen bereit war.</p>
-
-<p>Hindenburg hieß noch immer der Feldherr, aber nun wußten das Heer
-und die Heimat, wie es der Feind wußte, daß Ludendorff hinter ihm stand,
-wie die Hand des Lenkers hinter dem Pflug geht.</p>
-
-<p>Er hatte den Krieg in seinen schwersten Stunden getan und hatte ihm
-seine letzten Waffen gerüstet; nun sollte, was an der Marne im ersten Ansturm
-mißlang, im letzten Ansturm gelingen.</p>
-
-<p>Wieder wie einmal fuhren die Züge nach Westen, das flandrische Land
-füllte sich mit den Siegern von Osten, der Mauer aus Stahl und Treue
-die letzte Entsatzung zu bringen.</p>
-
-<p>Sie sangen die alten Lieder nicht mehr und waren nicht mehr mit Blumen
-geschmückt; sie hatten den Krieg unsäglich erfahren und wollten das
-Ende der Mühsal Tod und Teufel zum Trotz einmal erzwingen.</p>
-
-<p>Der letzte Ausfall geschah, wo der Wall am weitesten vorsprang; so stark
-war der Stoß, daß er das feindliche Lager erreichte: Soissons, der starke
-Eckpunkt der Feinde wurde genommen; zum andernmal sahen die deutschen
-Soldaten das graue Gewässer der Marne.</p>
-
-<p>Wie ein gewaltiger Keil schob sich der Ausfall nach Westen und wollte
-das englische Heer nach Norden abdrängen; aber so dünn sich das Band der
-Einschließung spannte, es hielt den Stoß aus: der Keil wurde stumpf an
-der Spitze, und als er stand, war der Feldzug im Westen, der Krieg mit seinen
-Siegen und unsäglichen Leiden verloren.</p>
-
-<h3 id="sec13_37">Der Zusammenbruch</h3>
-
-<p>Sieg oder Untergang! stand auf den Fahnen der Festung: als dem Sieg
-im Westen die Spitze abbrach, als der Keil stumpf wurde, fing der Untergang
-an; denn nun ging der Glaube verloren, daß Waffengewalt jemals
-den Ring der Feinde zu sprengen vermöchte.</p>
-
-<p>Vier Jahre lang hatte die Festung der Welt standgehalten; aus Lumpen
-und Leiden hatten die Männer im Westen den letzten Ausfall gewagt:
-nun war die Not groß und die Kraft leer.</p>
-
-<p>Was je und überall war, wenn eine Festung dem Hunger nicht mehr
-zu wehren vermochte, das mußte Deutschland erfahren: die Klage, so lange
-gewaltsam versteckt, fing an auf den Gassen zu gehen.</p>
-
-<p>Draußen am Wall standen die Männer und Knaben, müde der Leiden,
-aber noch trotzig und treu ihrer Pflicht; die drinnen der Pflicht die Parole ausgaben,
-glaubten nicht mehr; die Sorge fraß den Befehl aus der leeren Hand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_399">[399]</a></span></p>
-
-<p>Die Saat der vierzehn Punkte ging auf und war ein Unkraut, in allen
-verzagten Herzen zu wuchern: Der Frieden steht längst vor der Tür, nur
-die den Krieg führen und die er ernährt, wollen ihn nicht.</p>
-
-<h3 id="sec13_38">Der Aufruhr</h3>
-
-<p>Der dritte Napoleon wurde bei Sedan mit seinen Soldaten gefangen;
-Wilhelm der Zweite floh vor dem eigenen Volk in sein Heer und aus dem
-eigenen Heer nach Holland.</p>
-
-<p>Die ihm rieten, sein Heer und Volk zu verlassen, wollten dem Vaterland
-die Greuel des Bürgerkrieges ersparen; denn nun stand die Mauer aus
-Stahl und Treue verraten im Feld und in der Heimat wehten die roten
-Fahnen des Aufruhrs.</p>
-
-<p>Die rote Zwietracht nutzte die Stunde, da der alten Gewalt das Gewehr
-aus der Hand fiel; die Vorstadt kam in die Prunkstraßen der Bürger,
-die dumpf und bänglich den Umsturz erlebten; wie schlechte Hausmeister
-wurden die Bundesfürsten aus ihren Schlössern vertrieben.</p>
-
-<p>Die Liebe der Untertanen hatte um ihre Throne gesungen, Fahnen und
-Blumen waren um all ihre Wege gewesen; Liebe, Fahnen und Blumen
-hingen die Köpfe, als der böse Novemberwind ging.</p>
-
-<p>Frieden, Arbeit und Brot verhieß die neue Gewalt; denn so hatte die
-Stimme Wilsons gesprochen: wir kämpfen nicht gegen das deutsche Volk,
-nur gegen den Kaiser!</p>
-
-<p>War also der Kaiser fort mit seinen Fürsten, so kamen die goldenen
-Tage der Völkerversöhnung.</p>
-
-<p>Es war ein schuftiges Spiel und eine klägliche Täuschung: irgendwie
-wollte die ewige Hand der Gerechtigkeit walten; was aber sichtbar im bösen
-November geschah, war Aufruhr der Gasse.</p>
-
-<p>Denn dies war aus dem Volk der Deutschen geworden, das im Aufbruch
-ein Heer, ein Mut und ein Glaube war: die Zwietracht der Klassen
-hatte die Eintracht gefressen, der rote Haß war zwischen Führer und
-Mannschaft gestellt.</p>
-
-<p>Die einen befahlen, die andern gehorchten; und die da befahlen, standen
-nicht auf den Wällen: zwischen den Wällen und zwischen der Festung war
-der Sumpf der Etappe, da ging die Pflicht vielfach auf schmutzigen Wegen.</p>
-
-<p>Feigheit und Faulheit, Genuß- und Gewinnsucht suhlten sich in den
-Sümpfen; indessen die Tapferen drinnen und draußen den kargen Weg
-ihrer Pflicht gingen, rafften die Schurken sich Reichtum.</p>
-
-<p>Der Wohlstand der Städte sank hin, und der Staat stieg in schwindelnde<span class="pagenum"><a id="Seite_400">[400]</a></span>
-Schulden; die Teuerung legte die knochigen Hände des Hungers über das
-tägliche Leben: aber die goldene Spinne hatte sich nie so übersatt vollgefressen.</p>
-
-<p>Durchhalten! riefen die Herolde aus auf den Gassen; wozu? sagten die
-mutlos Verzagten; für wen? die aus dem roten Klassenhaß tranken.</p>
-
-<p>Als der Krieg in sein fünftes Jahr ging, wehten die Fahnen nicht mehr
-und kein Helm trug den Blumenstrauß; ausgehöhlt war der Glaube, der
-Mut, die Treue, die Pflicht; dumpf hinstarrend stand der Mann auf den
-Wällen, in den Gassen ballten Unmut und Haß die Empörung.</p>
-
-<p>Dann half der roten Zwietracht der schwarze Verrat: Habsburg hatte
-die Nibelungen zur Hochzeit gelockt, nun brannte der Saal um die Treue;
-indessen die Mauer im Westen noch stand hielt, waren im Süden die Tore
-zerbrochen.</p>
-
-<p>So kam der Tag, wo die eiserne Hand die Pflugschar losließ: der besiegte
-Sieger des Krieges streckte die Waffen.</p>
-
-<h3 id="sec13_39">Versailles</h3>
-
-<p>Wehe den Besiegten! sagte der gallische Fürst und warf sein Schwert
-auf die Waage, als sich die Römer beschwerten über sein falsches Gewicht;
-denn tausend Pfund mußten sie Brennus als Lösegeld zahlen.</p>
-
-<p>Wehe den Besiegten! stand über dem Tor von Versailles, als die Sieger
-den Frieden diktierten; der mächtige Feind war wehrlos gemacht, so konnte
-ihr Übermut schalten.</p>
-
-<p>Frieden und Völkerbund! hatte die Stimme über das Weltmeer gerufen,
-und die Herzen der Hoffenden hatten sie gläubig gehört; nun saß die
-Stimme im Rat zu Versailles, da war der Prophet der Völkerversöhnung
-nur ein Professor.</p>
-
-<p>Sie drehten den vierzehn Punkten sanft das Genick ab und wickelten
-jeden Satz ein in den Stacheldraht ihrer Paragraphen; sie höhnten den
-weisen Professor und sagten: dies sei nur die abendländische Art der Verpackung.</p>
-
-<p>Sie hielten im Namen der Völkerversöhnung ihr Strafgericht ab als
-Kläger, Richter und Büttel; sie teilten den Raub im Namen des Rechtes
-und rächten sich an dem wehrlosen Feind, der ihnen so lange ein Alpdruck war.</p>
-
-<p>Sie sprachen den Willen der Völker frei und legten den ewigen Bann
-zwischen die Deutschen im Reich und ihren Brüdern in Österreich.</p>
-
-<p>Sie trennten das deutsche Elsaß vom Reich und ließen den gallischen
-Hahn sein altes Rheinbundlied krähen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_401">[401]</a></span></p>
-
-<p>Sie gaben den Welschen vom deutschen Tirol, soviel sie für ihren falschen
-Wechsel verlangten; aber sie wogen mit zweierlei Waagen, daß sie den
-slawischen Völkern nichts nähmen.</p>
-
-<p>Sie raubten den Deutschen die Kolonien und ihre Schiffe dazu, sie legten
-die Schuld und die Schulden des Krieges auf sie und kränkten ihre
-Ehre.</p>
-
-<p>Sie machten alles genau, wie der englische Seeherr es wollte: der
-nächste Feind Englands, Deutschland, hatte den stärksten, Rußland, erschlagen,
-nun legte er ihn an die Kette; aber die Kette gab er klug in die
-Hand der Franzosen, weil sie nun unter den Feinden Englands die nächsten
-waren.</p>
-
-<p>Allen den Völkern und Völkchen im Abendland wurde ihr Dasein entfaltet;
-nur der Deutsche war vogelfrei, weil er ein Hunne, ein Boche, ein
-Barbar, ein Feind der Menschheit und unter den Tugendvölkern der Erde
-des Teufels Nothelfer war.</p>
-
-<p>So wurden dem falschen Propheten der Völkerversöhnung die vierzehn
-Punkte des Friedens erfüllt; und daß der Professor sein Steckenpferd habe,
-wurde der Völkerbund auch in den Stacheldraht ihrer Paragraphen gewickelt.</p>
-
-<p>Die vierzehn Punkte hatten das ihre getan, nun konnte die Stimme der
-Vernunft wieder schweigen; aus dem Schiedsrichter der Welt war in
-Paris ein Stockmeister Frankreichs geworden; als er die Spottgeburt seines
-Völkerbundes heimbrachte, lachte sein eigenes Volk ihn aus.</p>
-
-<h3 id="sec13_40">Moskau</h3>
-
-<p>Die rote Zwietracht hatte gesiegt, wie ein Strandräuber siegt, wenn
-der Sturm das Schiff auf den Sand wirft; Frieden, Arbeit und Brot hatte
-sie prahlend verheißen, aber das Schiff war leer und in den Fugen gebrochen.</p>
-
-<p>Ein halbes Jahrhundert lang hatte sie auf die Stunde der Herrschaft
-gefiebert; als sie nun kam über Nacht, als die rote Fahne sich blähte auf
-allen Dächern, konnte sie auch nur im Wind wehen; aber der Wind wehte
-von Osten.</p>
-
-<p>Wo einmal der Zar als Herr aller Reußen despotisch regierte, hatte die
-rote Zwietracht am ersten gesiegt; und was in Deutschland nur ein Novemberwind
-war, hatte im russischen Frühjahr den Winter gebrochen.</p>
-
-<p>Die Räteregierung des russischen Volkes in Moskau kannte den Bürger
-nicht mehr und war der Bauernschaft Herr durch die rote Armee der Fabrikler:<span class="pagenum"><a id="Seite_402">[402]</a></span>
-sie hatte der goldenen Spinne den Kopf abgeschlagen und saß im
-Blut wartend, daß nun das Wunder geschähe.</p>
-
-<p>Wehe den Besiegten! stand über dem Tor von Versailles; aber die Sieger
-im Westen wollten dem Schicksal die Türen zuhalten, durch die nun der
-Osten hereinbrach, die Fragen der Menschheit zu stellen:</p>
-
-<p>War eine Menschheit, die solchen Massenmord um das Wohlsein der
-Völker rüsten und ausführen konnte, war eine Menschheit wie diese noch
-wert, so zu heißen?</p>
-
-<p>War es ein Unglück, das über sie kam, oder war es ein Schicksal, verdient
-und notwendig, weil Raub- und Gewinngier des Abendlandes einmal
-sich selber auffressen mußten?</p>
-
-<p>Die in den Erdhöhlen des Krieges wie in den Fabriken des Friedens um
-kärglichen Lohn den gemeinen Mann spielten: sollten sie länger ertragen, daß
-in Versailles die goldene Spinne dasaß, das alte Beutespiel neu zu beginnen?</p>
-
-<p>Hatte die goldene Spinne nicht ihren Leib noch im Krieg vollgefressen,
-wie sie mit blutigen Zangen auf Massengräbern dasaß, der Armut das Blut
-auszusaugen? und war es nicht Zeit, ihr den Kopf abzuschlagen?</p>
-
-<p>Sollte die Masse all der Enterbten nicht aufstehen gegen den Bürger,
-wenn seine Gewinn- und Genußsucht keine andere Ordnung zu schaffen
-vermochte? sollte der Sozialismus nicht endlich die Weltordnung werden?</p>
-
-<p>So kamen die Fragen von Osten, wo die rote Zwietracht am Ziel war;
-denn die rote Armee der Fabrikler saß in den Prunkstraßen der Bürger, das
-russische Riesenland zu regieren.</p>
-
-<p>Sie wollten das Schwert nicht eher hinlegen, als bis die Vorstadt
-in allen Ländern der Erde am gleichen Ziel war, bis die Diktatur des Proletariats
-die Menschheit von der goldenen Spinne des Kapitalismus erlöste.</p>
-
-<p>Der Krieg der Staaten mit allem Haß ihrer Völker hatte den Krieg
-der Klassen entzündet: dem Krieg der Staaten und Völker konnten die Sieger
-noch einmal den Frieden diktieren, dem Krieg der Klassen mußte ihr
-letztes Diktat die Blutbahn aufreißen.</p>
-
-<p>Versailles oder Moskau: so stand nun der Feind! im Völkerbund zu
-Versailles wollte der Kapitalismus die Erde für immer beschatten; im
-Bolschewismus zu Moskau war seinem Hochmut die Axt an die Wurzeln
-gelegt.</p>
-
-<h3 id="sec13_41">Menschendämmerung</h3>
-
-<p>Vier Winter wurden der Welt nicht zum Frühling; in die Blüte fiel
-Schnee, und Hagel über den Mißwachs; auf den zerstörten Feldern der
-Erde war Krieg; Krankheit, Hunger und Furcht fraßen die Welt leer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_403">[403]</a></span></p>
-
-<p>Da kam die Wolfsbrut der dritten Zwietracht ans Ziel; denn nun waren
-die Herzen bereit für das wilde Ereignis, das dem Bürger die Tafeln
-der Tugend zerbrach.</p>
-
-<p>Durch Eisen und Blut war die Wohlfahrt gekommen, in Blut
-und Eisen sank sie dahin; und als die Wohlfahrt dahin war, war von
-der Tugend des Bürgers nur noch der Hohn seiner zerbrochenen Tafeln
-geblieben.</p>
-
-<p>Mit vergoldeten Buchstaben hatte die Neuzeit geprahlt, daß sie die
-glückreiche Erbin aller Vergangenheit wäre, daß die Zukunft des Menschengeistes
-nicht mehr den Irrlichtern der Seele, sondern dem Tageslicht
-seiner Werkstätten überantwortet sei.</p>
-
-<p>Nun fiel die Schrift von den Wänden, und der Menschengeist mußte
-erkennen, daß ihm allein der Hochmut gehörte, daran das falsche Gold aufgeklebt
-war.</p>
-
-<p>Der Hochmut zerbrach mit den Tafeln der Wände: alle Dämonen der
-Tiefe sandte der Abgrund über ihn her; und die schlimmsten Unholde krochen
-&ndash; das mußte er schauernd erkennen &ndash; aus seiner eigenen Brust.</p>
-
-<p>Der Staat und sein starkes Gesetz war dem Bürger der Stockmeister
-all seiner Ordnung gewesen; nun ihm der Stock aus der Hand fiel, war der
-Tugend die Strafe der eigenen Torheit gesetzt, aber dem Laster der blinkende
-Lohn seiner List.</p>
-
-<p>Alles, was schlecht und schlau, gemein, zwiezüngig und selbstsüchtig war,
-sah sich gesegnet; alles was treu und einfältig, großmütig, gerecht und
-uneigennützig war, sah sich verlassen.</p>
-
-<p>Menschendämmerung war; aber kein Surtur aus Süden kam mit
-dem weißglühenden Schwert, keine Flamme zückte aus Muspilheim, das
-Gezücht zu verbrennen.</p>
-
-<p>Nur in den Brunnen der Seele wurde die Tiefe lebendig, und die Frage
-schwoll an: warum der gekreuzigte Gott noch immer auf Golgatha hinge?</p>
-
-<p>Der sich den Menschensohn nannte, hatte Gott in den Herzen der
-Menschen erweckt, daß er stark würde in jedem, des irdischen Daseins zu
-lächeln; aber mit Strafe und Lohn seiner Weltgerichtslehre hatte der Priester
-die Freiheit der unsterblichen Seele wieder in Furcht und Hoffnung der
-Knechtschaft gebunden.</p>
-
-<p>Nun brach aus den Brunnen der Tiefe die Sintflut, alles Dasein ersäufend,
-das in der Furcht und Hoffnung solcher Knechtschaft verharrte,
-statt seiner unsterblichen Seele gläubig zu sein.</p>
-
-<p>Weil ihm der Himmel verschlossen war, hatte der Menschengeist trotzig
-getrachtet, sich die Erde zu retten; er hatte der Menschenvernunft Werkstätten<span class="pagenum"><a id="Seite_404">[404]</a></span>
-gebaut, die seine Tempel sein sollten: nun kam die Sintflut über den
-Wahn und den Hochmut.</p>
-
-<p>Aber die Männer der dritten Zwietracht bauten die Arche, der Flut zu
-entrinnen; sie lachten des Gottes, der Himmel und Hölle bedurfte, auf Erden
-mächtig zu sein; sie wollten das dritte Reich finden, da weder Engel noch
-Teufel Gottes Allgegenwart störten.</p>
-
-<p>Sie wollten des ewigen Grundes in allen Untiefen gewiß sein: wo eine
-Seele erwachte, war Gott ins Dasein getreten, in ihrer Unsterblichkeit war
-seine Stärke, in ihrer Liebe war seine Gnade, in ihrer Vollendung war
-seine Entfaltung.</p>
-
-<p>So bauten die Männer der dritten Zwietracht die Arche, so fuhren sie
-gläubig hinein in die Nacht und Brandung der Zeit, den Berg der Eintracht
-zu finden, indessen die Sintflut dem Hochmut und Wahn den schäumenden
-Untergang brachte.</p>
-
-<h3 id="sec13_42">Wiederkunft</h3>
-
-<p>Das Land der Mitte zu heißen, ist Deutschlands Geschick: zwischen
-Versailles und Moskau liegen die Gräber seiner gefallenen Söhne, zwischen
-Versailles und Moskau liegt seine kommende Not.</p>
-
-<p>Die rote Zwietracht reißt seine Hoffnung nach Osten, die goldene
-Spinne im Westen saugt ihm sein Blut; was es der einen läßt, muß es der
-andern nehmen: so ist es noch einmal das Schlachtfeld der Welt.</p>
-
-<p>Denn nun kann nicht Frieden auf Erden gesungen sein, als bis das dritte
-Reich kam; aber das dritte Reich wird keinem der Völker gehören, die
-Menschheit wird sein Herrscher und Untertan heißen.</p>
-
-<p>Die Menschheit will werden, aber sie kommt nicht mit Lorbeer und
-Psalmen: Gewalt muß Gewalt bezwingen, ein Meer von Blut muß den
-Abgrund ersäufen, daraus sie geboren sein will.</p>
-
-<p>Versöhnung und Friedensschalmeien müssen verstummen, wenn der
-Abgrund zu kreißen beginnt; denn alles was dumm und gemein, was selbstsüchtig
-und eitel, was schlecht und schlau und zwiezüngig ist, will die Geburt
-stören.</p>
-
-<p>Die rote Zwietracht im Osten wird einmal die goldene Spinne im Westen
-erschlagen; aber das rote Elend wird nach dem goldenen schreien, bis
-die erste Eintracht beginnt.</p>
-
-<p>Daß aber das Reich der Eintracht uns widerfahre auf Erden, wird es
-der Herzen bedürfen, die das Kreuz der Zwietracht tapfer und treu nach
-Golgatha tragen; der deutschen Seele wird seine bitterste Botschaft gehören.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_405">[405]</a></span></p>
-
-<p>Zu töricht, im Rat von Versailles zu sitzen, zu töricht, im Haß von
-Moskau zu sein, niemandens Freund und aller Welt Feind, wird sie in langer
-Einsamkeit bleiben.</p>
-
-<p>Die Einsamkeit wird ihre schwarzen Unholde gebären und ihre Lichtalben;
-wenn der Morgen der Menschendämmerung anbricht, wird sie nicht
-mehr auf Allerweltsstraßen gehen.</p>
-
-<p>Alle Kämpfe der Menschheit werden der deutschen Seele auferlegt sein,
-bis sie, Besiegter und Sieger in Einem, der kommenden Eintracht Christophorus
-wird; bis einmal Wiederkunft ist, bis endlich den Kindern Gottes
-auf Erden die grüne Wiese, das blanke Meer und der blaue Himmel gehören.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_407">[407]</a></span></p>
-
-<h2 id="Ausgang">Ausgang</h2>
-</div>
-
-<p>Deutscher, der du die bittere Gegenwart leidest, der du geschlagen, bedrückt
-und verachtet bist unter den Völkern, der du die wehrlosen Hände
-rachsüchtigen Feinden hinhalten mußt; Deutscher, dem Wohlstand und
-Wohlfahrt zerbrachen, dem aus Gewinn und Genuß hoffärtiger Tage Armut
-und Ärgernis, Not und Verzweiflung kamen;</p>
-
-<p>Deutscher, den mehr als die Rachsucht der Feinde und mehr als die Not
-die Leichtfertigkeit schreckte, darin er sein Volk am Rand der Verkommenheit
-tanzen und Niedertracht über die Guten Gewalt haben sah;</p>
-
-<p>Deutscher, bedenke die Herkunft! Bedenke, daß deine Gegenwart gefüllt
-mit dem Schicksal all deiner Vergangenheit ist!</p>
-
-<p>Deutscher, laß ab von der Klage! Denn siehe, was dir geschah, geschieht
-deinen Vätern: deine Väter sind gegenwärtig in dir, weil dein Schicksal
-die Waage des Guten und Bösen aus ihrer Vergangenheit ist.</p>
-
-<p>Deutscher, sei ehrfürchtig deinen Großen; ob sie ihr Werk nur mühsam
-vermochten gegen dein träges, törichtes Herz, ob sie hinrauschten wie Adler
-oder mit gläubiger Einfalt durch deine taube Genügsamkeit gingen: alle
-sind deine Väter, und alle sind gegenwärtig in dir!</p>
-
-<p>Deutscher, sei deiner Vergangenheit trächtig, wie der Mittag von seinem
-Morgen gefüllt ist; Tracht und Trotz all ihrer Männer, Tat und Gedanken
-all ihres Schicksals bist du!</p>
-
-<p>Deutscher, sei deiner Gegenwart tapfer, weil du der Erbhalter bist
-größerer Dinge, als die an dem Tag hängen: Gutes und Böses will werden,
-wie Unkraut und Saat wird, und der Acker bist du!</p>
-
-<p>Deutscher, sei gläubig der Zukunft, der du die bittere Gegenwart leidest:
-Kinder und Kindeskinder, und alles, was über sie kommt, Stärke und
-Schwäche, Demut und Stolz, Hoffart und Kleinmut, alles, was einmal
-deutscher Lebenstag wird, alles bist du!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_408">[408]</a></span></p>
-
-<h2 id="Nachwort">Nachwort</h2>
-</div>
-
-<p>Als ich »Die dreizehn Bücher der deutschen Seele« zu Weihnachten
-1921 nach fünfjähriger Arbeit heraus brachte, wußte ich, daß sie namentlich
-im neueren Teil noch Mängel aufwiesen. Meine Kraft reichte damals nicht
-aus, ihnen die Vollendung zu geben, die ich mir geträumt hatte. Sollte das
-Buch meinem Volk in seiner bitteren Geschlagenheit Trost bringen, durfte
-ich nicht länger mit der Drucklegung zögern.</p>
-
-<p>Diese Volksausgabe endlich bot mir nach zwölf Jahren Gelegenheit,
-noch einmal Hand an das Werk zu legen. Es wäre undankbar, wollte ich
-nicht die beiden Männer nennen, die mich durch eine kritische Durcharbeitung
-meiner Kapitel unterstützten: Graf Adolf Dubsky und Graf zu
-Eulenburg-Wicken. Beide, der österreichische Katholik und der preußische
-Protestant, werden auch heute noch nicht mit jeder Einzelheit zufrieden
-sein können; aber ich hoffe, sie billigen mir zu, daß ich jeden Einwand bedachte
-und der Zwiespälte Herr zu werden suchte, die eine gerechte Darstellung
-der deutschen Geschichte so schwierig machen, weil sie weder den
-Katholiken noch Protestanten, weder den Preußen noch Österreicher,
-sondern den Deutschen schlechthin fordert.</p>
-
-<p>Daß ich mit meinem Buch vielen Tausenden Trost brachte, als die
-Tröstungen in Deutschland noch selten waren, ist mir genügend bezeugt;
-daß seine Mission noch nicht erfüllt sei, ist der Glaube dieser Volksausgabe.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_409">[409]</a></span></p>
-
-<h2 id="Inhalt">Inhalt</h2>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td>Eingang</td><td class="tdr"><a href="#Eingang">5</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Schuldbuch der Götter</td><td class="tdr"><a href="#Das_Schuldbuch_der_Goetter">7</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdsub">
-Er&nbsp;<a href="#sec1_1">7</a>&nbsp;/
-Die Götter&nbsp;<a href="#sec1_2">7</a>&nbsp;/
-Der Kampf mit den Vanen&nbsp;<a href="#sec1_3">8</a>&nbsp;/
-Wodan&nbsp;<a href="#sec1_4">9</a>&nbsp;/
-Frigga&nbsp;<a href="#sec1_5">10</a>&nbsp;/
-Freya und Fro&nbsp;<a href="#sec1_6">11</a>&nbsp;/
-Donar&nbsp;<a href="#sec1_7">11</a>&nbsp;/
-Loki&nbsp;<a href="#sec1_8">12</a>&nbsp;/
-Baldur&nbsp;<a href="#sec1_9">13</a>&nbsp;/
-Baldurs Beweinung&nbsp;<a href="#sec1_10">14</a>&nbsp;/
-Die Rache&nbsp;<a href="#sec1_11">15</a>&nbsp;/
-Götterdämmerung&nbsp;<a href="#sec1_12">15</a>&nbsp;/
-Wiederkunft&nbsp;<a href="#sec1_13">17</a></td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Buch der Könige</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Koenige">18</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdsub">
-Die blonden Räuber der Frühe&nbsp;<a href="#sec2_1">18</a>&nbsp;/
-Die olympischen Götter&nbsp;<a href="#sec2_2">19</a>&nbsp;/
-Die Griechen&nbsp;<a href="#sec2_3">19</a>&nbsp;/
-Die Römer&nbsp;<a href="#sec2_4">21</a>&nbsp;/
-Das Land der neblichten Wälder&nbsp;<a href="#sec2_5">22</a>&nbsp;/
-Der kimbrische Schrecken&nbsp;<a href="#sec2_6">23</a>&nbsp;/
-Die Stachelschnur der Kastelle&nbsp;<a href="#sec2_7">24</a>&nbsp;/
-Arminius&nbsp;<a href="#sec2_8">25</a>&nbsp;/
-Der Pfahlgraben&nbsp;<a href="#sec2_9">27</a>&nbsp;/
-Tacitus&nbsp;<a href="#sec2_10">28</a>&nbsp;/
-Die Springflut&nbsp;<a href="#sec2_11">29</a>&nbsp;/
-Ermanerich&nbsp;<a href="#sec2_12">29</a>&nbsp;/
-Alarich&nbsp;<a href="#sec2_13">30</a>&nbsp;/
-Die Hochzeit von Narbonne&nbsp;<a href="#sec2_14">32</a>&nbsp;/
-Geiserich&nbsp;<a href="#sec2_15">33</a>&nbsp;/
-Die Hunnenschlacht&nbsp;<a href="#sec2_16">34</a>&nbsp;/
-Burgund&nbsp;<a href="#sec2_17">35</a>&nbsp;/
-Dietrich, Theodemirs Sohn&nbsp;<a href="#sec2_18">36</a>&nbsp;/
-Dietrich, der Gotenkönig&nbsp;<a href="#sec2_19">37</a>&nbsp;/
-Dietrich von Bern&nbsp;<a href="#sec2_20">38</a>&nbsp;/
-Der Kampf um Rom&nbsp;<a href="#sec2_21">40</a>&nbsp;/
-Die Alemannen&nbsp;<a href="#sec2_22">41</a>&nbsp;/
-Die Gepiden&nbsp;<a href="#sec2_23">42</a>&nbsp;/
-Die Langobarden&nbsp;<a href="#sec2_24">43</a>&nbsp;/
-Hengist und Horsa&nbsp;<a href="#sec2_25">44</a>&nbsp;/
-Chlodevech&nbsp;<a href="#sec2_26">45</a>&nbsp;/
-Brunhilde&nbsp;<a href="#sec2_27">46</a>&nbsp;/
-Gudrun&nbsp;<a href="#sec2_28">48</a>&nbsp;/
-Karl Martell&nbsp;<a href="#sec2_29">49</a>&nbsp;/
-Pipin der Kleine&nbsp;<a href="#sec2_30">49</a>&nbsp;/
-Karl der Große&nbsp;<a href="#sec2_31">50</a>&nbsp;/
-Die Nibelungen&nbsp;<a href="#sec2_32">52</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Buch der Kirche</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Kirche">54</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdsub">
-Jesus von Nazareth&nbsp;<a href="#sec3_1">54</a>&nbsp;/
-Paulus&nbsp;<a href="#sec3_2">55</a>&nbsp;/
-Das Kreuz über den Gräbern&nbsp;<a href="#sec3_3">56</a>&nbsp;/
-Das Schaumgold der Kirche&nbsp;<a href="#sec3_4">57</a>&nbsp;/
-Simeon aus Sesam&nbsp;<a href="#sec3_5">58</a>&nbsp;/
-Augustinus&nbsp;<a href="#sec3_6">59</a>&nbsp;/
-Nicäa&nbsp;<a href="#sec3_7">60</a>&nbsp;/
-Wulfila&nbsp;<a href="#sec3_8">61</a>&nbsp;/
-Der Pontifex maximus&nbsp;<a href="#sec3_9">61</a>&nbsp;/
-Winfried&nbsp;<a href="#sec3_10">62</a>&nbsp;/
-Widukind&nbsp;<a href="#sec3_11">63</a>&nbsp;/
-Carolus Augustus&nbsp;<a href="#sec3_12">65</a>&nbsp;/
-Der gläserne Grund&nbsp;<a href="#sec3_13">66</a>&nbsp;/
-Die schwarzen Mönche&nbsp;<a href="#sec3_14">67</a>&nbsp;/
-Die Legende&nbsp;<a href="#sec3_15">67</a>&nbsp;/
-Der Heliand&nbsp;<a href="#sec3_16">68</a>&nbsp;/
-Die Heliandsburgen&nbsp;<a href="#sec3_17">69</a>&nbsp;/
-Cluny&nbsp;<a href="#sec3_18">70</a>&nbsp;/
-Canossa&nbsp;<a href="#sec3_19">71</a>&nbsp;/
-Die Kreuzzüge&nbsp;<a href="#sec3_20">72</a>&nbsp;/
-Die Hunde des Herrn&nbsp;<a href="#sec3_21">73</a>&nbsp;/
-Die Stedinger&nbsp;<a href="#sec3_22">74</a>&nbsp;/
-Der Kinderkreuzzug&nbsp;<a href="#sec3_23">75</a>&nbsp;/
-Die Scholastik&nbsp;<a href="#sec3_24">76</a>&nbsp;/
-Die gotischen Dome&nbsp;<a href="#sec3_25">77</a>&nbsp;/
-Der schwarze Tod&nbsp;<a href="#sec3_26">78</a></td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Buch der Kaiser</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Kaiser">80</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdsub">
-Kaiser und Kirche&nbsp;<a href="#sec4_1">80</a>&nbsp;/
-Das Lügenfeld&nbsp;<a href="#sec4_2">81</a>&nbsp;/
-Stellinga&nbsp;<a href="#sec4_3">82</a>&nbsp;/
-Die fränkische Ohnmacht&nbsp;<a href="#sec4_4">83</a>&nbsp;/
-Heinrich der Finkler&nbsp;<a href="#sec4_5">84</a>&nbsp;/
-Mathilde&nbsp;<a href="#sec4_6">85</a>&nbsp;/
-Otto, Sohn der Mathilde&nbsp;<a href="#sec4_7">86</a>&nbsp;/
-Otto der König&nbsp;<a href="#sec4_8">87</a>&nbsp;/
-Otto der Kaiser&nbsp;<a href="#sec4_9">88</a>&nbsp;/
-Die Ottonen&nbsp;<a href="#sec4_10">89</a>&nbsp;/
-Der<span class="pagenum"><a id="Seite_410">[410]</a></span>
-Weltuntergangskaiser&nbsp;<a href="#sec4_11">91</a>&nbsp;/
-Heinrich der Heilige&nbsp;<a href="#sec4_12">92</a>&nbsp;/
-Der siebente Heerschild&nbsp;<a href="#sec4_13">93</a>&nbsp;/
-Heinrich der Dritte&nbsp;<a href="#sec4_14">94</a>&nbsp;/
-Kaiserswerth&nbsp;<a href="#sec4_15">95</a>&nbsp;/
-Der Aufruhr der Sachsen&nbsp;<a href="#sec4_16">96</a>&nbsp;/
-Der Streit um die Stärke&nbsp;<a href="#sec4_17">98</a>&nbsp;/
-Der Gottesfrieden&nbsp;<a href="#sec4_18">100</a>&nbsp;/
-Der Kaiser des Volkes&nbsp;<a href="#sec4_19">101</a>&nbsp;/
-Der Sieg der Fürsten&nbsp;<a href="#sec4_20">103</a>&nbsp;/
-Die goldenen Tage der Kirche&nbsp;<a href="#sec4_21">105</a>&nbsp;/
-Der heilige Bernhard&nbsp;<a href="#sec4_22">106</a>&nbsp;/
-Heinrich der Löwe&nbsp;<a href="#sec4_23">107</a>&nbsp;/
-Friedrich von Schwaben&nbsp;<a href="#sec4_24">108</a>&nbsp;/
-Barbarossa&nbsp;<a href="#sec4_25">109</a>&nbsp;/
-Das Maifeld in Mainz&nbsp;<a href="#sec4_26">111</a>&nbsp;/
-Der Sohn der Macht&nbsp;<a href="#sec4_27">111</a>&nbsp;/
-Der Sizilianer&nbsp;<a href="#sec4_28">112</a>&nbsp;/
-Konradin&nbsp;<a href="#sec4_29">113</a>&nbsp;/
-Der Kyffhäuser&nbsp;<a href="#sec4_30">114</a></td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Buch der Bürger</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Buerger">116</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdsub">
-Der Sachsenspiegel&nbsp;<a href="#sec5_1">116</a>&nbsp;/
-Huld und Treue&nbsp;<a href="#sec5_2">117</a>&nbsp;/
-Der Ritter&nbsp;<a href="#sec5_3">118</a>&nbsp;/
-Minnegesang&nbsp;<a href="#sec5_4">119</a>&nbsp;/
-Walter von der Vogelweide&nbsp;<a href="#sec5_5">120</a>&nbsp;/
-Die Bürgerschaft&nbsp;<a href="#sec5_6">122</a>&nbsp;/
-Die Zunft&nbsp;<a href="#sec5_7">123</a>&nbsp;/
-Die Gilde&nbsp;<a href="#sec5_8">123</a>&nbsp;/
-Walpod&nbsp;<a href="#sec5_9">124</a>&nbsp;/
-Die Hansa&nbsp;<a href="#sec5_10">125</a>&nbsp;/
-Rudolf von Habsburg&nbsp;<a href="#sec5_11">126</a>&nbsp;/
-Die Eidgenossen&nbsp;<a href="#sec5_12">127</a>&nbsp;/
-Die deutschen Ordensritter&nbsp;<a href="#sec5_13">129</a>&nbsp;/
-Die Feme&nbsp;<a href="#sec5_14">130</a>&nbsp;/
-Der gemeine Mann&nbsp;<a href="#sec5_15">131</a>&nbsp;/
-Die braunen Brüder&nbsp;<a href="#sec5_16">132</a>&nbsp;/
-Albertus Magnus&nbsp;<a href="#sec5_17">132</a>&nbsp;/
-Die fahrenden Schüler&nbsp;<a href="#sec5_18">133</a>&nbsp;/
-Das Volkslied&nbsp;<a href="#sec5_19">134</a>&nbsp;/
-Die Meistersinger&nbsp;<a href="#sec5_20">135</a>&nbsp;/
-Der Schwank&nbsp;<a href="#sec5_21">136</a>&nbsp;/
-Die Bauhütte&nbsp;<a href="#sec5_22">137</a>&nbsp;/
-Die Schilderzunft&nbsp;<a href="#sec5_23">138</a>&nbsp;/
-Der Genter Altar&nbsp;<a href="#sec5_24">139</a>&nbsp;/
-Der Spiegel der Wirklichkeit&nbsp;<a href="#sec5_25">140</a>&nbsp;/
-Der Altar von Isenheim&nbsp;<a href="#sec5_26">141</a></td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Buch der Freiheit</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Freiheit">143</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdsub">
-Meister Eckhart&nbsp;<a href="#sec6_1">143</a>&nbsp;/
-Suso&nbsp;<a href="#sec6_2">144</a>&nbsp;/
-Der Gottesfreund&nbsp;<a href="#sec6_3">145</a>&nbsp;/
-Die gemeinsamen Brüder&nbsp;<a href="#sec6_4">146</a>&nbsp;/
-Konzil in Konstanz&nbsp;<a href="#sec6_5">147</a>&nbsp;/
-Die schwarze Kunst&nbsp;<a href="#sec6_6">149</a>&nbsp;/
-Die Humanisten&nbsp;<a href="#sec6_7">150</a>&nbsp;/
-Johann Reuchlin&nbsp;<a href="#sec6_8">152</a>&nbsp;/
-Maximilian&nbsp;<a href="#sec6_9">153</a>&nbsp;/
-Die Fugger&nbsp;<a href="#sec6_10">154</a>&nbsp;/
-Albrecht Dürer&nbsp;<a href="#sec6_11">155</a>&nbsp;/
-Hans Holbein&nbsp;<a href="#sec6_12">157</a>&nbsp;/
-Erasmus&nbsp;<a href="#sec6_13">158</a>&nbsp;/
-Ulrich von Hutten&nbsp;<a href="#sec6_14">159</a>&nbsp;/
-Der Mönch von Wittenberg&nbsp;<a href="#sec6_15">161</a>&nbsp;/
-Der Reichstag zu Worms&nbsp;<a href="#sec6_16">163</a>&nbsp;/
-Die deutsche Bibel&nbsp;<a href="#sec6_17">165</a>&nbsp;/
-Philipp Melanchthon&nbsp;<a href="#sec6_18">166</a>&nbsp;/
-Ulrich Zwingli&nbsp;<a href="#sec6_19">167</a>&nbsp;/
-Der Bauernkrieg&nbsp;<a href="#sec6_20">169</a>&nbsp;/
-Marburg&nbsp;<a href="#sec6_21">171</a>&nbsp;/
-Die Wiedertäufer&nbsp;<a href="#sec6_22">172</a>&nbsp;/
-Die Landeskirche&nbsp;<a href="#sec6_23">174</a>&nbsp;/
-Kopernikus&nbsp;<a href="#sec6_24">175</a></td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Buch der Zwietracht</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Zwietracht">177</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdsub">
-Loyola&nbsp;<a href="#sec7_1">177</a>&nbsp;/
-Calvin&nbsp;<a href="#sec7_2">178</a>&nbsp;/
-Die spanische Hand&nbsp;<a href="#sec7_3">179</a>&nbsp;/
-Die Geusen&nbsp;<a href="#sec7_4">180</a>&nbsp;/
-Donauwörth&nbsp;<a href="#sec7_5">182</a>&nbsp;/
-Der Schwur von Loreto&nbsp;<a href="#sec7_6">183</a>&nbsp;/
-Der Winterkönig&nbsp;<a href="#sec7_7">184</a>&nbsp;/
-Die Pfalz&nbsp;<a href="#sec7_8">185</a>&nbsp;/
-Wallenstein&nbsp;<a href="#sec7_9">186</a>&nbsp;/
-Stralsund&nbsp;<a href="#sec7_10">187</a>&nbsp;/
-Magdeburg&nbsp;<a href="#sec7_11">188</a>&nbsp;/
-Gustav Adolf&nbsp;<a href="#sec7_12">190</a>&nbsp;/
-Lützen&nbsp;<a href="#sec7_13">191</a>&nbsp;/
-Der Herzog von Friedland&nbsp;<a href="#sec7_14">193</a>&nbsp;/
-Bernhard von Weimar&nbsp;<a href="#sec7_15">194</a>&nbsp;/
-Das Ende&nbsp;<a href="#sec7_16">195</a>&nbsp;/
-Der Frieden zu Münster&nbsp;<a href="#sec7_17">196</a></td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Buch der Fürsten</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Fuersten">198</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdsub">
-Versailles&nbsp;<a href="#sec8_1">198</a>&nbsp;/
-Alliance du Rhin&nbsp;<a href="#sec8_2">199</a>&nbsp;/
-Straßburg&nbsp;<a href="#sec8_3">200</a>&nbsp;/
-Die Erbschaft der Liselotte&nbsp;<a href="#sec8_4">201</a>&nbsp;/
-Die Türken vor Wien&nbsp;<a href="#sec8_5">203</a>&nbsp;/
-Holland&nbsp;<a href="#sec8_6">204</a>&nbsp;/
-Rembrandt&nbsp;<a href="#sec8_7">205</a>&nbsp;/
-Der große Kurfürst&nbsp;<a href="#sec8_8">207</a>&nbsp;/
-August der Starke&nbsp;<a href="#sec8_9">209</a>&nbsp;/
-Der König in Preußen&nbsp;<a href="#sec8_10">210</a>&nbsp;/
-Prinz Eugen&nbsp;<a href="#sec8_11">211</a>&nbsp;/
-Die fürstlichen Schlösser&nbsp;<a href="#sec8_12">212</a>&nbsp;/
-Der Soldatenkönig&nbsp;<a href="#sec8_13">213</a>&nbsp;/
-Der Gutsherr zu Rheinsberg&nbsp;<a href="#sec8_14">214</a>&nbsp;/
-Der König&nbsp;<a href="#sec8_15">216</a>&nbsp;/
-Der Spötter von Sanssouci&nbsp;<a href="#sec8_16">217</a>&nbsp;/
-Der Kriegsherr&nbsp;<a href="#sec8_17">219</a>&nbsp;/
-Der alte Fritz&nbsp;<a href="#sec8_18">220</a>&nbsp;/
-Maria Theresia&nbsp;<a href="#sec8_19">222</a>&nbsp;/
-Joseph der Zweite&nbsp;<a href="#sec8_20">223</a>&nbsp;/
-Die Pompadour&nbsp;<a href="#sec8_21">225</a>&nbsp;/
-Maria<span class="pagenum"><a id="Seite_411">[411]</a></span>
-Antoinette&nbsp;<a href="#sec8_22">226</a>&nbsp;/
-Mozart&nbsp;<a href="#sec8_23">227</a></td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Buch der Propheten</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Propheten">230</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdsub">
-Hans Sachs&nbsp;<a href="#sec9_1">230</a>&nbsp;/
-Das Kirchenlied&nbsp;<a href="#sec9_2">231</a>&nbsp;/
-Bach&nbsp;<a href="#sec9_3">232</a>&nbsp;/
-Die Pietisten&nbsp;<a href="#sec9_4">234</a>&nbsp;/
-Die Aufklärung&nbsp;<a href="#sec9_5">235</a>&nbsp;/
-Christian Fürchtegott Gellert&nbsp;<a href="#sec9_6">236</a>&nbsp;/
-Klopstock&nbsp;<a href="#sec9_7">237</a>&nbsp;/
-Der Hainbund&nbsp;<a href="#sec9_8">238</a>&nbsp;/
-Lenore&nbsp;<a href="#sec9_9">239</a>&nbsp;/
-Lessing&nbsp;<a href="#sec9_10">240</a>&nbsp;/
-Herder&nbsp;<a href="#sec9_11">242</a>&nbsp;/
-Götz&nbsp;<a href="#sec9_12">243</a>&nbsp;/
-Werthers Leiden&nbsp;<a href="#sec9_13">244</a>&nbsp;/
-Weimar&nbsp;<a href="#sec9_14">245</a>&nbsp;/
-Winckelmann&nbsp;<a href="#sec9_15">246</a>&nbsp;/
-Goethe in Rom&nbsp;<a href="#sec9_16">248</a>&nbsp;/
-Die Räuber&nbsp;<a href="#sec9_17">249</a>&nbsp;/
-Jena&nbsp;<a href="#sec9_18">250</a>&nbsp;/
-Hölderlin&nbsp;<a href="#sec9_19">252</a>&nbsp;/
-Die Romantik&nbsp;<a href="#sec9_20">253</a>&nbsp;/
-Des Knaben Wunderhorn&nbsp;<a href="#sec9_21">255</a>&nbsp;/
-Das Märchen&nbsp;<a href="#sec9_22">256</a>&nbsp;/
-Novalis&nbsp;<a href="#sec9_23">257</a>&nbsp;/
-Eichendorff&nbsp;<a href="#sec9_24">257</a>&nbsp;/
-Johann Peter Hebel&nbsp;<a href="#sec9_25">258</a>&nbsp;/
-Jean Paul&nbsp;<a href="#sec9_26">260</a>&nbsp;/
-Faust&nbsp;<a href="#sec9_27">261</a></td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Buch der Erhebung</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Erhebung">264</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdsub">
-Beethoven&nbsp;<a href="#sec10_1">264</a>&nbsp;/
-Die Blutrache der Freiheit&nbsp;<a href="#sec10_2">266</a>&nbsp;/
-Bonaparte&nbsp;<a href="#sec10_3">267</a>&nbsp;/
-Napoleon&nbsp;<a href="#sec10_4">267</a>&nbsp;/
-Der Rheinbund&nbsp;<a href="#sec10_5">268</a>&nbsp;/
-Jena und Auerstädt&nbsp;<a href="#sec10_6">269</a>&nbsp;/
-Der Tyrann&nbsp;<a href="#sec10_7">270</a>&nbsp;/
-Andreas Hofer&nbsp;<a href="#sec10_8">271</a>&nbsp;/
-Luise&nbsp;<a href="#sec10_9">273</a>&nbsp;/
-Kant&nbsp;<a href="#sec10_10">274</a>&nbsp;/
-Fichte&nbsp;<a href="#sec10_11">276</a>&nbsp;/
-Pestalozzi&nbsp;<a href="#sec10_12">277</a>&nbsp;/
-Der Freiherr vom Stein&nbsp;<a href="#sec10_13">278</a>&nbsp;/
-Kleist&nbsp;<a href="#sec10_14">279</a>&nbsp;/
-1812&nbsp;<a href="#sec10_15">281</a>&nbsp;/
-Tauroggen&nbsp;<a href="#sec10_16">284</a>&nbsp;/
-Die Landwehr&nbsp;<a href="#sec10_17">284</a>&nbsp;/
-Die Erhebung&nbsp;<a href="#sec10_18">285</a>&nbsp;/
-Leyer und Schwert&nbsp;<a href="#sec10_19">286</a>&nbsp;/
-Blücher&nbsp;<a href="#sec10_20">287</a>&nbsp;/
-Die Völkerschlacht&nbsp;<a href="#sec10_21">288</a>&nbsp;/
-Caub&nbsp;<a href="#sec10_22">289</a></td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Buch der Minister</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Minister">291</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdsub">
-Das Reich&nbsp;<a href="#sec11_1">291</a>&nbsp;/
-Der Wiener Kongreß&nbsp;<a href="#sec11_2">292</a>&nbsp;/
-Die hundert Tage&nbsp;<a href="#sec11_3">293</a>&nbsp;/
-Die heilige Allianz&nbsp;<a href="#sec11_4">294</a>&nbsp;/
-Der Siebenschläfer&nbsp;<a href="#sec11_5">294</a>&nbsp;/
-Der Geheimrat&nbsp;<a href="#sec11_6">295</a>&nbsp;/
-Die deutsche Burschenschaft&nbsp;<a href="#sec11_7">296</a>&nbsp;/
-Das Fest auf der Wartburg&nbsp;<a href="#sec11_8">297</a>&nbsp;/
-Sand&nbsp;<a href="#sec11_9">298</a>&nbsp;/
-Metternich&nbsp;<a href="#sec11_10">299</a>&nbsp;/
-Ernst Moritz Arndt&nbsp;<a href="#sec11_11">300</a>&nbsp;/
-Der Turnvater Jahn&nbsp;<a href="#sec11_12">301</a>&nbsp;/
-Der Kirchhof&nbsp;<a href="#sec11_13">301</a>&nbsp;/
-Der Biedermaier&nbsp;<a href="#sec11_14">302</a>&nbsp;/
-Goethe stirbt&nbsp;<a href="#sec11_15">304</a>&nbsp;/
-Das Volk der Denker und Dichter&nbsp;<a href="#sec11_16">305</a>&nbsp;/
-Die schwäbischen Dichter&nbsp;<a href="#sec11_17">305</a>&nbsp;/
-Mörike&nbsp;<a href="#sec11_18">306</a>&nbsp;/
-Stifter&nbsp;<a href="#sec11_19">307</a>&nbsp;/
-Hebbel&nbsp;<a href="#sec11_20">308</a>&nbsp;/
-Grillparzer&nbsp;<a href="#sec11_21">310</a>&nbsp;/
-Schopenhauer&nbsp;<a href="#sec11_22">310</a>&nbsp;/
-Die Nazarener&nbsp;<a href="#sec11_23">312</a>&nbsp;/
-Der Baukönig&nbsp;<a href="#sec11_24">313</a>&nbsp;/
-Der Redekönig&nbsp;<a href="#sec11_25">314</a>&nbsp;/
-Die Auswanderer&nbsp;<a href="#sec11_26">315</a>&nbsp;/
-Die schlesischen Weber&nbsp;<a href="#sec11_27">316</a>&nbsp;/
-Die Fabrik&nbsp;<a href="#sec11_28">317</a>&nbsp;/
-Wilhelm Weitling&nbsp;<a href="#sec11_29">318</a>&nbsp;/
-Das junge Deutschland&nbsp;<a href="#sec11_30">320</a>&nbsp;/
-Drei Dichter&nbsp;<a href="#sec11_31">320</a>&nbsp;/
-Metternichs Ende&nbsp;<a href="#sec11_32">322</a>&nbsp;/
-Der achtzehnte März&nbsp;<a href="#sec11_33">323</a>&nbsp;/
-Hecker&nbsp;<a href="#sec11_34">324</a>&nbsp;/
-In der Paulskirche&nbsp;<a href="#sec11_35">325</a>&nbsp;/
-Malmö&nbsp;<a href="#sec11_36">326</a>&nbsp;/
-Die Kaiserwahl&nbsp;<a href="#sec11_37">327</a>&nbsp;/
-Der König von Preußen&nbsp;<a href="#sec11_38">327</a>&nbsp;/
-Olmütz&nbsp;<a href="#sec11_39">328</a></td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Buch der Preußen</td><td class="tdr"><a href="#Das_Buch_der_Preussen">330</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdsub">
-Der Ordensstaat&nbsp;<a href="#sec12_1">330</a>&nbsp;/
-Brandenburg&nbsp;<a href="#sec12_2">331</a>&nbsp;/
-Der preußische Staat&nbsp;<a href="#sec12_3">331</a>&nbsp;/
-Der Keil&nbsp;<a href="#sec12_4">333</a>&nbsp;/
-Unter den Linden&nbsp;<a href="#sec12_5">333</a>&nbsp;/
-Berlin&nbsp;<a href="#sec12_6">335</a>&nbsp;/
-Der Schillertag&nbsp;<a href="#sec12_7">336</a>&nbsp;/
-Friedrich List&nbsp;<a href="#sec12_8">337</a>&nbsp;/
-Die Eisenbahn&nbsp;<a href="#sec12_9">339</a>&nbsp;/
-Der Zollverein&nbsp;<a href="#sec12_10">340</a>&nbsp;/
-Der preußische Bundesgesandte&nbsp;<a href="#sec12_11">341</a>&nbsp;/
-Der Regent&nbsp;<a href="#sec12_12">342</a>&nbsp;/
-Der Konflikt&nbsp;<a href="#sec12_13">343</a>&nbsp;/
-Der dänische Krieg&nbsp;<a href="#sec12_14">344</a>&nbsp;/
-Gastein&nbsp;<a href="#sec12_15">345</a>&nbsp;/
-Die Zange&nbsp;<a href="#sec12_16">346</a>&nbsp;/
-Das Zündnadelgewehr&nbsp;<a href="#sec12_17">346</a>&nbsp;/
-Der norddeutsche Bund&nbsp;<a href="#sec12_18">348</a>&nbsp;/
-Der neue Napoleon&nbsp;<a href="#sec12_19">348</a>&nbsp;/
-Die Emser Depesche&nbsp;<a href="#sec12_20">349</a>&nbsp;/
-Die Männer&nbsp;<a href="#sec12_21">351</a>&nbsp;/
-Nach Frankreich hinein&nbsp;<a href="#sec12_22">352</a>&nbsp;/
-Metz&nbsp;<a href="#sec12_23">352</a>&nbsp;/
-Sedan&nbsp;<a href="#sec12_24">353</a>&nbsp;/
-Der Ringkampf der Völker&nbsp;<a href="#sec12_25">354</a>&nbsp;/
-Versailles&nbsp;<a href="#sec12_26">355</a></td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Schuldbuch der Menschen</td><td class="tdr"><a href="#Das_Schuldbuch_der_Menschen">357</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdsub">
-Der Reichstag&nbsp;<a href="#sec13_1">357</a>&nbsp;/
-Die alte Zwietracht&nbsp;<a href="#sec13_2">358</a>&nbsp;/
-Die neue Zwietracht&nbsp;<a href="#sec13_3">359</a>&nbsp;/
-Die goldene Spinne&nbsp;<a href="#sec13_4">360</a>&nbsp;/
-Darwin&nbsp;<a href="#sec13_5">361</a>&nbsp;/<span class="pagenum"><a id="Seite_412">[412]</a></span>
-Der Trompeter von Säckingen&nbsp;<a href="#sec13_6">363</a>&nbsp;/
-Unserer Väter Werke&nbsp;<a href="#sec13_7">363</a>&nbsp;/
-Bayreuth&nbsp;<a href="#sec13_8">364</a>&nbsp;/
-Bruckner&nbsp;<a href="#sec13_9">366</a>&nbsp;/
-Nietzsche&nbsp;<a href="#sec13_10">367</a>&nbsp;/
-Die dritte Zwietracht&nbsp;<a href="#sec13_11">369</a>&nbsp;/
-Gottfried Keller&nbsp;<a href="#sec13_12">370</a>&nbsp;/
-Wilhelm Raabe&nbsp;<a href="#sec13_13">372</a>&nbsp;/
-Die Neuzeit&nbsp;<a href="#sec13_14">373</a>&nbsp;/
-Die Vorstadt&nbsp;<a href="#sec13_15">374</a>&nbsp;/
-Das Sozialistengesetz&nbsp;<a href="#sec13_16">375</a>&nbsp;/
-Der Deutsche Soldat&nbsp;<a href="#sec13_17">376</a>&nbsp;/
-Kaiser und Kanzler&nbsp;<a href="#sec13_18">377</a>&nbsp;/
-Der Alte im Sachsenwald&nbsp;<a href="#sec13_19">378</a>&nbsp;/
-Der deutsche Welthandel&nbsp;<a href="#sec13_20">380</a>&nbsp;/
-Die deutsche Flotte&nbsp;<a href="#sec13_21">381</a>&nbsp;/
-Der Dreibund&nbsp;<a href="#sec13_22">382</a>&nbsp;/
-Feinde ringsum&nbsp;<a href="#sec13_23">383</a>&nbsp;/
-Habsburg&nbsp;<a href="#sec13_24">384</a>&nbsp;/
-Serajewo&nbsp;<a href="#sec13_25">385</a>&nbsp;/
-Der Weltkrieg&nbsp;<a href="#sec13_26">385</a>&nbsp;/
-Die Schuld&nbsp;<a href="#sec13_27">386</a>&nbsp;/
-Die Marneschlacht&nbsp;<a href="#sec13_28">387</a>&nbsp;/
-Hindenburg&nbsp;<a href="#sec13_29">388</a>&nbsp;/
-Die Blockade&nbsp;<a href="#sec13_30">389</a>&nbsp;/
-Der Schützengraben&nbsp;<a href="#sec13_31">390</a>&nbsp;/
-Die belagerte Festung&nbsp;<a href="#sec13_32">392</a>&nbsp;/
-Das Unterseeboot&nbsp;<a href="#sec13_33">393</a>&nbsp;/
-Ludendorff&nbsp;<a href="#sec13_34">395</a>&nbsp;/
-Die vierzehn Punkte&nbsp;<a href="#sec13_35">396</a>&nbsp;/
-Der letzte Ausfall&nbsp;<a href="#sec13_36">397</a>&nbsp;/
-Der Zusammenbruch&nbsp;<a href="#sec13_37">398</a>&nbsp;/
-Der Aufruhr&nbsp;<a href="#sec13_38">399</a>&nbsp;/
-Versailles&nbsp;<a href="#sec13_39">400</a>&nbsp;/
-Moskau&nbsp;<a href="#sec13_40">401</a>&nbsp;/
-Menschendämmerung&nbsp;<a href="#sec13_41">402</a>&nbsp;/
-Wiederkunft&nbsp;<a href="#sec13_42">404</a></td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Ausgang</td><td class="tdr"><a href="#Ausgang">407</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Nachwort</td><td class="tdr"><a href="#Nachwort">408</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_413">[413]</a></span></p>
-
-<p class="center">
-Die Werke<br />
-von<br />
-Wilhelm Schäfer</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_414">[414]</a></span></p>
-
-<p class="h2">WILHELM SCHÄFER</p>
-
-<p class="h3">Wendekreis neuer Anekdoten</p>
-
-<p class="center smaller">15. Tausend · In Leinen 4.50 Mk.</p>
-
-<p class="noind">»Wie in einer scheinbar belanglosen Angelegenheit plötzlich das unendliche Wesen
-sichtbar wird und wie dann doch diese einzelne Geschichte rein um ihrer selbst
-willen geschrieben scheint und doch die Erinnerung des Größeren zurückläßt,
-darin ist die starke dichterische Wirkung dieser kurzen Erzählungen begründet.«
-(Kölnische Zeitung) / »Sie sind seit langem zu dem Ruhm eines klassischen Erzählgutes
-unseres Volkes gelangt. Von der neuen Reihe ist zu sagen, daß sie
-alle Vorzüge der früheren erhalten, aber noch eine eigentümliche Vertiefung
-gewonnen hat.« (Die Neue Literatur)</p>
-
-<p class="h3">Die Anekdoten</p>
-
-<p class="center smaller">Gesamtauflage 45000 · In Leinen 4.80 Mk.</p>
-
-<p class="noind">»Schäfers Anekdoten sind jenes epische Werk, das fernen Geschlechtern den
-Ruhm unserer Dichtung überbringen wird.« (Völkischer Beobachter) / »Selten
-schließt ein Buch so viel Humor, so viel tiefe Weisheit, so viel Kenntnisse, so
-viel Schönheit in sich, wie diese Geschichten.« (Völkischer Beobachter)</p>
-
-<p class="h3">Meine Eltern</p>
-
-<p class="center smaller">In Leinen 3.20 Mk.</p>
-
-<p class="noind">Ein Buch von besonderer Art: Es ist des fast 70jährigen Dichters Bekenntnis
-zu Vater und Mutter, ein Dank an seine Eltern, eine Lebensbeschreibung, wie
-wir sie kaum schöner besitzen. Denn mit all seiner großen Kunst, mit ergreifender
-Wärme und mit der ganzen verehrenden Liebe des Sohnes zu seinen Eltern
-erzählt er uns ihr arbeitreiches, wechselvolles und gesegnetes Leben und darin
-zugleich seine eigene Kindheit. Die dem bedeutsamen Buche beigegebenen Bilder
-der Eltern sind von der Hand Wilhelm Schäfers gemalt.</p>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_415">[415]</a></span></p>
-
-<p class="center smaller p2"><i>Drei Erzählungen um ein Thema:</i></p>
-
-<p class="h3">Das Haus mit den drei Türen</p>
-
-<p class="center smaller">Ein kleiner Roman. 10. Tausend. Kartoniert 2.50 Mk., Leinen 3.50 Mk.</p>
-
-<p class="h3">Ein Mann namens Schmitz</p>
-
-<p class="center smaller">Novelle. (Die Kleine Bücherei Band 28). 30. Tausend. Gebunden &ndash;.80 Mk.</p>
-
-<p class="h3">Der Fabrikant Anton Beilharz und das Theresle</p>
-
-<p class="center smaller">Roman. 10. Tausend. Kartoniert 2.50 Mk., Leinen 3.80 Mk.</p>
-
-<p class="h3 p2">Lebenstag eines Menschenfreundes</p>
-
-<p class="center smaller">Ein Pestalozziroman. 40. Tausend. Leinen 5.80 Mk.</p>
-
-<p class="h3">Karl Stauffers Lebensgang</p>
-
-<p class="center smaller">Eine Chronik der Leidenschaft<br />
-13. Tausend. Geheftet 4.&ndash; Mk., Halbleinen 5.&ndash; Mk.</p>
-
-<p class="h3">Huldreich Zwingli</p>
-
-<p class="center smaller">Ein deutsches Volksbuch<br />
-10. Tausend. Halbleinen 4.50 Mk., Leinen 4.80 Mk.</p>
-
-<p class="h3">Der Hauptmann von Köpenick</p>
-
-<p class="center smaller">Roman. 30. Tausend. Leinen 3.50 Mk., Geschenkausgabe 6.&ndash; Mk.</p>
-
-<p class="h3">Novellen</p>
-
-<p class="center smaller">5. Tausend. Leinen 8.50 Mk.</p>
-
-<p class="h3">Winckelmanns Ende</p>
-
-<p class="center smaller">Novelle. Halbpergament 18.&ndash; Mk.</p>
-
-<p class="h3">Anckemanns Tristan</p>
-
-<p class="center smaller">Novelle. 20. Tausend. Biegsam gebunden mit Goldaufdruck 2.50 Mk.</p>
-
-<p class="h3">Hölderlins Einkehr</p>
-
-<p class="center smaller">Novelle. Halbpergament 3.50 Mk.</p>
-
-<p class="h3">Die unterbrochene Rheinfahrt</p>
-
-<p class="center smaller">Erzählung. 20. Tausend. Biegsam gebunden 2.50 Mk., Ganzleder 4.80 Mk.</p>
-
-<p class="h3">Die Mißgeschickten</p>
-
-<p class="center smaller">Novelle. (Die Kleine Bücherei Band 6). 25. Tausend. Gebunden &ndash;.80 Mk.</p>
-
-<p class="h3">Die Fahrt in den heiligen Abend</p>
-
-<p class="center smaller">Eine Weihnachtsgeschichte. Mit 20 Zeichnungen von Hermann Schäfer<br />
-30. Tausend. (Die Kleine Bücherei Band 56). Gebunden &ndash;.80 Mk.</p>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_416">[416]</a></span></p>
-
-<p class="h3">Rheinsagen</p>
-
-<p class="center smaller">16. Tausend. Kartoniert 1.&ndash; Mk., Sonderausgabe mit Holzschnitten, Halbpergament 12.&ndash; Mk.</p>
-
-<p class="h3">Das Lied von Kriemhilds Not</p>
-
-<p class="center smaller">Mit einer Einführung von Uhl. Halbleinen 5.50 Mk.<br />
-Ausgabe ohne Einführung mit Holzschnitten 5.50 Mk.<br />
-Halbpergament 9.&ndash; Mk.</p>
-
-<p class="h3">Briefe aus der Schweiz und Erlebnis in Tirol</p>
-
-<p class="center smaller">Gebunden 2.80 Mk.</p>
-
-<p class="h3">Deutsche Reden</p>
-
-<p class="center smaller">Geheftet 4.40 Mk., Leinen 5.80 Mk.</p>
-
-<p class="h3">Johann Sebastian Bach</p>
-
-<p class="center smaller">Eine Rede. Kartoniert &ndash;.80 Mk.</p>
-
-<p class="h3">Der deutsche Rückfall ins Mittelalter</p>
-
-<p class="center smaller">Eine Rede. Kartoniert &ndash;.80 Mk.</p>
-
-<p class="h3">Christophorusrede</p>
-
-<p class="center smaller">Kartoniert 1.&ndash; Mk.</p>
-
-<p class="h3">Der Dichter des Michael Kohlhaas</p>
-
-<p class="center smaller">Eine Kleist-Rede. Kartoniert &ndash;.80 Mk.</p>
-
-<p class="h3">Deutschland</p>
-
-<p class="center smaller">Eine Rede. Kartoniert 1.50 Mk.</p>
-
-<p class="h3">Lebensabriß</p>
-
-<p class="center smaller">3. Tausend. Kartoniert 1.&ndash; Mk.</p>
-
-<hr class="r65" />
-
-<p class="h3">Bekenntnis zu Wilhelm Schäfer</p>
-
-<p class="center smaller">Herausgegeben von Otto Doderer. Geheftet 1.50 Mk.</p>
-
-<p class="h3">Wilhelm Schäfer. Ein Volksdichter unserer Zeit</p>
-
-<p class="center smaller">Von Franz Stuckert. Kartoniert 1.80 Mk.</p>
-
-<p class="center p2">Ausführlicher Prospekt der Werke Wilhelm Schäfers kostenlos</p>
-
-<p class="center p2">VERLAG ALBERT LANGEN &ndash; GEORG MÜLLER MÜNCHEN</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="center smaller">Satz und Druck der Offizin Haag-Drugulin in Leipzig</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter transnote" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Unterschiedliche
-Schreibweisen wurden beibehalten.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 272: Herr → Heer<br />
-wurde sein <a href="#corr272">Heer</a> von den herzhaften Bauern geschlagen</p>
-</div></div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die dreizehn Bücher der deutschen Seele, by
-Wilhelm Schäfer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE DREIZEHN BÜCHER ***
-
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