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-The Project Gutenberg EBook of Hygiene des Geschlechtslebens, by Max Gruber
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Hygiene des Geschlechtslebens
-
-Author: Max Gruber
-
-Release Date: December 28, 2016 [EBook #53823]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HYGIENE DES GESCHLECHTSLEBENS ***
-
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-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
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-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1916 erschienenen Ausgabe
- der Zeitschrift so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
- Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden
- stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente
- Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der
- damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.
-
- Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter an den Anfang des
- Textes verschoben. Die Erklärungen zu den Tafeln 1 und 2 wurden der
- Übersichtlichkeit halber direkt an die Abbildungen angeschlossen.
-
- Die Originalausgabe wurde in Frakturschrift gesetzt. Für
- abweichende Schriftschnitte wurden die folgenden Sonderzeichen
- verwendet:
-
- fett: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiquaschrift: _Unterstriche_
-
- ####################################################################
-
-
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-
- Bücherei der Gesundheitspflege
-
- Band 13
-
- Prof. Dr. M. v. Gruber
-
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-
-
- Hygiene des Geschlechtslebens
-
-
-
-
- Hygiene des
- Geschlechtslebens
-
- Von
-
- Dr. Max v. Gruber
-
- K. Geh. Rat u. Obermedizinalrat
- o. ö. Professor der Hygiene an
- der Universität München
-
- +11. bis 13., verbesserte Auflage+
- 53.-70. Tausend
-
- Mit vier farbigen Tafeln
-
- [Illustration]
-
- Verlag von Ernst Heinrich Moritz in Stuttgart
-
-
-
-
- Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
-
- Gesetzliche Formel für den Schutz gegen
- Nachdruck in den Vereinigten Staaten:
-
- _Copyright 1916 by
- Ernst Heinrich Moritz, Stuttgart_
-
- Druck der Engelhard-Reyherschen Hofbuchdruckerei in Gotha
-
-
-
-
-Inhalts-Übersicht.
-
-
- Seite
-
- Einleitung 1
-
- 1. Kapitel: Die Befruchtung 3
-
- 2. „ Vererbung und Zuchtwahl 18
-
- 3. „ Die Geschlechtsorgane 40
-
- 4. „ Der Geschlechtstrieb und die angebliche hygienische
- Notwendigkeit des Beischlafs 45
-
- 5. „ Folgen der geschlechtlichen Unmäßigkeit und Regeln
- für den ehelichen Geschlechtsverkehr 58
-
- 6. „ Künstliche Verhinderung der Befruchtung 67
-
- 7. „ Verirrungen des Geschlechtstriebs 76
-
- 8. „ Die venerischen Krankheiten und ihre Verhütung 83
-
- 9. „ Ehe oder freie Liebe 100
-
-
-
-
-Einleitung.
-
-
-Mit einem lebhaften Gefühle von Bangigkeit habe ich diese kleine
-Schrift veröffentlicht. Ich habe in ihr die heikelsten Dinge
-rückhaltlos besprochen. Ich mußte es tun, wenn der Leser volle
-Einsicht in das Geschlechtsleben erhalten sollte. Diese aber wollte
-ich gewähren, weil ich überzeugt bin, daß diese Einsicht, zur rechten
-Zeit empfangen und vernünftig gebraucht, den besten Schutz gegen die
-furchtbaren Gefahren bietet, die dem einzelnen wie der Gesamtheit aus
-dem Geschlechtsleben drohen. „Vernunft und Wissenschaft des Menschen
-allerhöchste Kraft“ gilt hier wie überall!
-
-Aber das scharfgeschliffene Schwert wird in der unrechten Hand,
-unvorsichtig gebraucht, dem, den es schützen sollte, zur Gefahr; was
-Arznei sein sollte, wird zum Gift. Ich bitte daher den Leser dieses
-Schriftchens, es sorgfältig zu bewahren, damit es nicht Unberufenen in
-die Hand falle! Und den Knaben, dem es trotzdem in die Hände kommt,
-bitte ich, wenn sein Ohr bis dahin von unreinen Reden verschont
-geblieben ist und wenn er bis dahin noch nichts von den Regungen des
-Geschlechtstriebes verspürt hat, sich selbst zu beweisen, daß ein
-Mann in ihm steckt, seine Neugierde zu unterdrücken und es ungelesen
-wegzulegen. Möge er sich glücklich schätzen, solange er von diesem
-Triebe noch nicht beunruhigt wird, der ihn zum bloßen Werkzeug
-zur Erhaltung der Gattung machen will und nur allzufrüh eines der
-schlimmsten Hindernisse bilden wird, das zu überwinden er alle Kraft
-wird aufbieten müssen, wenn er seine persönlichen Fähigkeiten zur
-vollen Ausbildung bringen, als +Individuum+ etwas Tüchtiges werden und
-leisten will. Möge er sich hüten, den noch Schlummernden vorzeitig
-selbst zu wecken!
-
-Als Leser habe ich mir vor allen den zum Manne reifenden Jüngling
-gedacht. Aber auch ihm gegenüber muß es meine erste Sorge sein, seinen
-Geist richtig zu stimmen, damit er das, was er hören soll, mit Ernst
-und reinem Willen aufnehme.
-
-Die wichtigste Aufgabe der Söhne ist, gesunde Enkel zu erzeugen.
-So betrachtet, ist das Geschlechtsleben kein Gegenstand schamloser
-Leichtfertigkeit, als der es leider behandelt zu werden pflegt.
-
-So mannigfaltig die Empfindungen sind, die das Nachdenken und die
-Besprechung geschlechtlicher Dinge in uns erwecken, eine müßte
-bei richtiger Betrachtung die stärkste sein: die Empfindung der
-+Ehrfurcht+. Denn was gibt es Ehrwürdigeres auf Erden als den Drang der
-Geschlechter nach Vereinigung, der auch unsere Eltern zusammengeführt
-hat, als den geheimnisvollen Vorgang des Zusammentrittes der
-Zeugungsstoffe, aus dem wir selbst hervorgegangen sind und durch
-den wir wieder Erzeuger unserer Nachkommen werden? Was gibt es
-Ehrwürdigeres als diesen unversieglichen Quell jungen Lebens, der im
-Wechsel vergänglicher Generationen die Gattung unsterblich erhält?
-
-Wahrlich, nicht um unsere Lust handelt es sich, wenn die Natur den
-Geschlechtstrieb in uns zu erwecken beginnt, lange bevor wir selbst
-unsere volle körperliche und geistige Ausbildung erlangt haben.
-Das Individuum ist ihr nur das Werkzeug zur Erhaltung der Gattung.
-Sicherstellung neuer Befruchtungen, neuer Zeugungen ist das Ziel des
-ganzen Geschlechtslebens.
-
-Die Vorgänge, durch welche aus der befruchteten Eizelle das junge Tier
-hervorgeht, sind unfaßbar verwickelt. Der Wissenschaft ist es aber im
-Laufe der letzten Jahrzehnte gelungen, den Vorgang der Befruchtung
-selbst wenigstens im wesentlichen aufzuklären. Wir beginnen unsere
-Aufgabe am würdigsten, wenn wir uns diese Erkenntnisse zu eigen machen.
-Der ganze ungeheure Ernst des Geschlechtslebens und der Zeugung wird
-uns zum Bewußtsein kommen, wenn wir sehen, wie eng das Kind bis in
-jede einzelne seiner Myriaden von Zellen hinein mit dem Leibe seiner
-Eltern und Vorahnen verknüpft ist, in wie hohem Grade daher sein ganzes
-Sein von ihrer Eigenart, Tüchtigkeit, Kraft und Gesundheit abhängig
-ist. Neue Pflichten erwachsen uns aus dieser Einsicht: die Pflicht, in
-unserer Lebensführung alles zu vermeiden, was den von uns abgesonderten
-Keimstoffen schädlich werden kann, und die Pflicht, keine Kinder zu
-erzeugen, die voraussichtlich krank sein werden.
-
-
-
-
-1. Kapitel.
-
-Die Befruchtung.
-
-
-Damit es bei den Organismen (Lebewesen) mit geschlechtlicher
-Fortpflanzung zur Entstehung eines neuen Individuums (Einzelwesens)
-komme, ist es notwendig, daß das weibliche Ei durch den männlichen
-+Samen+ befruchtet werde. Der Samen verdankt seine Fähigkeit, zu
-befruchten, winzig kleinen Körperchen, die massenhaft in ihm enthalten
-sind. Sie sind so klein, daß man sie nur unter dem Mikroskop bei
-starker Vergrößerung sehen kann. In jedem Tröpfchen menschlichen
-Samens sind Zehntausende dieser Körperchen enthalten, die sich,
-solange der Samen frisch und warm ist, lebhaft bewegen. Diese
-Körperchen heißen +Samenfäden+ (Spermatozoen, Spermatosomen, Spermien).
-Man unterscheidet an ihnen drei Abschnitte, den sog. +Kopf+, das
-+Mittelstück+ und den +Schwanz+ oder Geißelfaden. Beim Menschen ist der
-ganze Samenfaden etwa 5/100 _mm_ lang, sein Kopf, der etwa die Gestalt
-einer etwas plattgedrückten Birne hat, aber nur 3/1000 _mm_. Der größte
-Teil der Länge des Spermatosoms entfällt auf den feinen Geißelfaden,
-den Schwanz. Die Vorwärtsbewegung des Samenkörperchens erfolgt durch
-Schwingungen dieses Schwanzes. Mit seiner Hilfe kann es ziemlich
-weite Wege zurücklegen. In einer Sekunde kann ein Samenkörperchen bei
-gradlinig fortschreitender Bewegung einen Weg von 5/100 bis 15/100 _mm_
-zurücklegen, in der Stunde also einen Weg von 180-540 _mm_ oder 18-54
-_cm_. Bei Fischen und bei anderen Tieren, bei denen das unbefruchtete
-Ei nach außen abgesetzt und außerhalb des weiblichen Körpers befruchtet
-wird, kann man sehen, wie die Samenfäden alsbald das Ei aufzusuchen und
-zu umschwärmen beginnen. Auch die in die weiblichen Geschlechtsteile
-entleerten Samenfäden wandern mit Hilfe ihrer Geißelfäden dem Orte zu,
-wo sich das Ei befindet. Diese Bewegung der Samenfäden macht durchaus
-den Eindruck, als ob man mit eigenem Willen begabte Wesen vor sich
-hätte. Man hat die Samenfäden daher früher auch „+Samentierchen+“
-genannt; aber sie sind keine des selbständigen Lebens und der
-Vermehrung fähige Wesen, sondern sehr hinfällige Zellen, die bald
-absterben, wenn sie sich nicht mit dem Ei vereinigen können.
-
-Das Ei ist eine kugelige Zelle, an der man die +Hüllhaut+ (Eihaut,
-Eimembran), den +Dotter+ und das +Keimbläschen+ unterscheiden kann.
-Bei den großen Eiern der Vögel kann man diese drei Teile leicht mit
-unbewaffnetem Auge erkennen: erst wenn die zarte Eihaut zerrissen wird,
-fließt der Dotter aneinander; in der Mitte des weißen Keimfleckes
-gewahrt man das Keimbläschen. Bei den Vögeln ist die Eizelle noch vom
-Eiweiß und der Eischale umhüllt. Beim Menschen ist das unbefruchtete
-Ei so klein, daß es gerade noch mit freiem Auge gesehen werden kann
-(Durchmesser 0,18-0,20 _mm_); aber es ist immer noch riesig groß im
-Verhältnisse zu den Samenfäden. Der Kopf des männlichen Samenfadens
-nimmt nur etwa ein Hunderttausendstel des Raumes eines menschlichen
-Eies ein. Dafür werden aber die Samenfäden in den männlichen
-Geschlechtsdrüsen, den +Hoden+, in ungeheuer viel größeren Mengen
-gebildet als die Eier in den +Eierstöcken+, den Geschlechtsdrüsen
-des Weibes. Im menschlichen Weibe reifen während der ganzen Zeit der
-Fortpflanzungsperiode etwa 400 Eier, während man schätzen kann, daß der
-Mann während der Dauer seiner Zeugungsfähigkeit etwa 400 Milliarden
-Samenfäden bildet, so daß also auf jedes reife Ei etwa 1000 Millionen
-Samenfäden kommen. So viele werden gebildet, damit wenigstens einige
-wenige ihr Ziel, das Ei, erreichen! Die ungeheure Mehrheit verfehlt ihr
-Ziel und geht zugrunde; selbst von jenen, welche bis zum Ei gelangt
-sind, gelingt es als Regel nur einem +einzigen+, ins Innere des Eies zu
-gelangen.
-
-Dort, wo die Befruchtung des Eies außerhalb des weiblichen
-Körpers erfolgt -- die See-Igel liefern besonders geeignetes
-Beobachtungsmaterial --, kann man sehen, wie die Samenfäden, mit
-dem Kopfe voran, da und dort in die Eihaut eindringen. Sobald ein
-Samenfaden sich dem Dotter bis auf eine gewisse Entfernung genähert
-hat, baucht sich der Dotter ihm entgegen aus, so daß sich hier ein
-Wulst, der sog. +Empfängnishügel+, bildet. In diesen Wulst dringt der
-Kopf des Samenfadens ein, während sein Schwanz, der seinen Dienst
-geleistet hat, abgestoßen und aufgelöst wird. Hierauf zieht sich der
-Wulst wieder in die Masse des Dotters zurück; die Befruchtung ist
-vollzogen. In diesem Augenblick umkleidet sich der Dotter mit einem
-neuen Häutchen, das keinen zweiten Samenfaden in den Dotter eindringen
-läßt.
-
-Um verstehen zu können, was nun im befruchteten Ei vor sich geht, ist
-es notwendig, daß wir weiter ausholen.
-
-Jedermann weiß, daß die einzelnen Abschnitte des Körpers, der
-Rumpf, die Gliedmaßen, nicht in sich gleichartige Gebilde sind,
-sondern aus Teilen von sehr verschiedenartigem Aussehen und mit sehr
-verschiedenartigen Leistungen bestehen. So finden wir in den Gliedmaßen
-unter der Haut die roten weichen Muskeln, die harten Knochen, die
-weißen Stränge der Nerven, die Röhren der Blutgefäße usw. Wenn wir
-dann die einzelnen +Organe+ (Werkzeuge) betrachten, so finden wir, daß
-auch sie nicht durch und durch aus einer gleichartigen Masse bestehen,
-sondern wieder aus verschiedenen +Geweben+ zusammengesetzt sind. Dies
-zeigt uns z. B. sofort eine aufmerksame Betrachtung des gekochten
-Fleisches, wie es auf unseren Tisch kommt. Auch die Gewebe wieder sind
-nicht homogene, in sich gleichartige Gebilde, sondern bestehen -- wie
-wir allerdings erst bei der mikroskopischen Untersuchung erkennen
-können -- aus winzig kleinen Elementarteilen, den sog. +Zellen+.
-Ebenso wie der Leib aller Tiere besteht der aller Pflanzen aus solchen
-Elementargebilden, die trotz manchen Verschiedenheiten im einzelnen
-der Hauptsache nach gleichartig gebaut sind. Manche pflanzliche und
-tierische Gewebe sehen zum Verwechseln ähnlich aus, so sehr stimmen sie
-in den Hauptzügen ihres Baues überein.
-
-Die niedrigsten Pflanzen und Tiere bestehen aus einer +einzigen+
-Zelle. Hier leistet also die eine Zelle alle Lebensgeschäfte, wie die
-Aufnahme und Verdauung der Nahrung, die Ausscheidung des Unverdauten
-und der Abfälle des Stoffwechsels, die Wärmeerzeugung, Eigenbewegung,
-Fortpflanzung usw. Man nennt diese niedersten einzelligen Organismen,
-insofern sie tierischen Charakter haben, +Protozoen+. Im Gegensatz zu
-ihnen stehen die +Metazoen+, deren Leib aus einer Mehrheit von Zellen
-besteht. Das Metazoon ist gewissermaßen eine Kolonie von Protozoen.
-Je höher entwickelt das Tier ist, um so mehr unterscheiden sich seine
-einzelnen Zellen in ihrer Gestalt voneinander, um so verschiedener
-werden auch ihre Leistungen, um so vollkommener ist der Grundsatz
-der Teilung der Arbeit durchgeführt, so daß also nicht mehr alle,
-sondern nur ein Teil der Zellen mit der Nahrungsaufnahme und Verdauung
-beschäftigt ist, nur gewisse Zellen die Fortpflanzung besorgen usw.
-
-Der alte Name „Zelle“ bedeutet so viel als Kämmerchen, weil man
-anfangs dachte, daß jeder solcher Elementarorganismus mit eigenen,
-festen Wänden, einer Kapsel oder besonderen Haut umhüllt sei, wie
-man es bei vielen Pflanzenzellen tatsächlich findet. Heute wissen
-wir, daß durchaus nicht alle Zellen derartige Hüllen besitzen. Wir
-unterscheiden heute an jeder Zelle zwei Hauptteile: den +Zelleib+
-oder das +Protoplasma+ und den +Kern+, ein bläschenartiges Gebilde,
-das meistens im Innern des Protoplasmas liegt und für gewöhnlich zu
-ruhen scheint, während ausschließlich vom Protoplasma die Aufnahme und
-Verdauung der Nahrung, die Bildung der Absonderungen, die Fortbewegung
-besorgt zu werden scheinen. Trotz der scheinbaren Ruhe ist aber der
-Kern an allen Vorgängen in der Zelle aufs engste beteiligt; er ist z.
-B. ganz unentbehrlich für die Verdauung der aufgenommenen Nahrung, für
-die Erhaltung und das Wachstum der Zelle, für die Bildung der Zellhaut,
-wo eine solche vorhanden ist. Man kann sagen, der Kern +regiere+ das
-Leben der Zelle. Die Eigenart der Zelle hängt fast ganz von ihm ab.
-
-Auch das Ei und der Samenfaden sind Zellen. Am Ei erkennen wir die
-Hauptteile der Zelle ohne weiteres; das Keimbläschen ist ihr Kern,
-der Dotter ihr Protoplasma, die Eihaut ihre Zellhaut. Der Samenfaden
-dagegen ist eine Zelle von sehr absonderlicher Form und mit einem
-Anhängsel, dem Schwanze. Aber auch bei ihm hat man den Kopf als
-Zellkern erkannt und einen zarten Saum um den Kopf und das Mittelstück
-als eine, allerdings winzig kleine, Menge von Protoplasma. Ei und
-Samenfaden unterscheiden sich dadurch sehr auffällig, daß das erstere
-in seinem Dotter ungeheuer viel Protoplasma besitzt, der letztere sehr
-wenig.
-
-Alle Zellen vermehren sich durch +Teilung+. Dies gilt für die
-mehrzelligen wie für die einzelligen Organismen. Unser ganzer
-Körper ist aus der fortgesetzten Teilung der befruchteten Eizelle
-hervorgegangen. „Jede Zelle stammt wieder von einer Zelle“; das ist
-eine der wichtigsten Feststellungen der Biologie.
-
-Dieser Wachstums- und Vermehrungsprozeß der Organismen ist eines der
-dunkelsten Rätsel, vor denen die Naturforschung steht; vorläufig
-unfaßbar auch dort, wo, wie bei den +Bakterien+, das Ganze sehr einfach
-vor sich zu gehen scheint. Einfach scheint uns die Sache nur deshalb,
-weil wir bei diesen winzigen Wesen von den meisten Vorgängen nichts
-sehen. Wir sehen hier nur, wie die Zelle wächst, eine stäbchenförmige
-Zelle z. B. sich bis zu einem gewissen Grade verlängert, wie dann
-in der Mitte ihrer Länge eine Scheidewand, dann eine Einschnürung
-auftritt, diese letztere immer deutlicher wird, bis schließlich die
-zwei Hälften auseinanderfallen. Jede Hälfte sieht genau so aus wie
-die Mutterzelle, bevor sie sich in die Länge gestreckt hatte, und
-jede hat auch genau dieselben Eigenschaften wie die Mutterzelle und
-ist wie diese befähigt, sofort wieder zu wachsen und sich zu teilen.
-Unter günstigen Umständen erfordert eine solche Teilung nicht mehr
-Zeit als 20 Minuten, so daß bei Fortdauer günstigster Umstände durch
-fortgesetzte Teilung binnen 24 Stunden aus einem einzigen Bakterium
-4700 Trillionen werden könnten.[A]
-
-[Illustration: Tafel 1.
-
-(Nach Boveri.)]
-
- =Erklärung der Fig. 1-10 auf Tafel 1.=
-
- Fig. 1. Ruhende Zelle; _a_) Zelleib oder Protoplasma; _b_)
- ruhender Kern mit Chromatingerüste, Kernhaut und Kernsaft; _c_)
- Zentralkörperchen oder Centrosoma. -- Fig. 2. Zweiteilung des
- Centrosomas; beginnende Chromosomenbildung. -- Fig. 3. Die beiden
- Tochter-Centrosomen rücken gegen die Pole und umgeben sich mit
- Strahlenhöfen; das ganze Chromatin in (4) Chromosomen vereinigt. --
- Fig. 4. Fortschreiten der beiden Vorgänge; Auflösung der Kernhaut,
- Aufsaugung des Kernsaftes. -- Fig. 5. Anordnung der Chromosomen in
- der sog. Äquatorialplatte; fädige Verbindungen mit den Centrosomen.
- -- Fig. 6. Längsteilung aller Chromosomen. -- Fig. 7 und 8.
- Wanderung der Tochter-Chromosomen zu den Polen: beginnende Teilung
- des Zelleibes. -- Fig. 9. Die Zweiteilung der Zelle vollzogen:
- Neubildung von Kernhaut und Kernsaft um jede Chromosomengruppe.
- Schwinden der Strahlenhöfe um die Centrosomen. -- Fig. 10. Übergang
- beider Tochterzellen in die Ruheform; Auswachsen der Chromosomen
- zum Chromatingerüste.
-
-Bei den Bakterien vermag man nicht recht den Kern und das Protoplasma
-zu unterscheiden, und vermag man daher auch nicht zu sagen, wie sich
-beide bei der Teilung verhalten. Anders ist es bei jenen Zellen, bei
-denen Protoplasma und Kern deutlich voneinander geschieden sind. Hier
-hat man die allermerkwürdigsten Vorgänge kennen gelernt. Wir müssen uns
-mit dieser sog. +indirekten+ (Umwegs-) +Zellteilung+ der kernhaltigen
-Zellen genauer beschäftigen, weil wir nur durch sie zu einem tieferen
-Verständnis der Befruchtung vordringen können.
-
-Wenn wir eine nicht in Teilung begriffene Zelle unter sehr starker
-Vergrößerung betrachten, erscheint uns der ruhende Kern als ein
-Bläschen, das in der Regel die Gestalt der Mutterzelle nachahmt. Wenn
-wir die Zelle künstlich färben, sehen wir, daß auch der Kern wieder
-ein zusammengesetztes Gebilde ist. Wir sehen in ihm ein oder mehrere
-rundliche Körperchen, die +Kernkörperchen+, und ein badeschwammartiges
-Gerüstwerk, das mit der deutlich erkennbaren Kernhaut zusammenhängt und
-den ganzen Kern durchzieht. Die Maschen der Waben dieses Gerüstwerkes
-sind vom +Kernsafte+ ausgefüllt. Eine der Substanzen, aus welchen das
-Gerüst besteht, hat die Eigenschaft, sich mit gewissen Farbstoffen
-stark zu beladen, wenn man die Zelle künstlich zu färben sucht; sie
-wird daher +Chromatin+ (färbbarer Stoff) genannt.
-
-Kommt es nun zur sog. indirekten Teilung oder Teilung durch „+Mitose+“
-(+Fadenbildung+ des Chromatins), so verändert sich zunächst der Kern in
-der auffallendsten Weise (s. Tafel 1 Fig. 1-10). Das Chromatingerüste
-zieht sich zu einem zunächst vielfach gewundenen Strange zusammen,
-der weiter zusammenschrumpft, sich dabei verdickt und verkürzt und
-schließlich durch Querteilung in eine Anzahl von Teilstücken zerfällt,
-welche +Chromosomen+ genannt werden. Die Zahl dieser Chromosomen ist
-bei den verschiedenen Organismenarten verschieden (4, 8, 16 und mehr;
-beim Menschen 24), aber für die Zellen jeder Tier- und Pflanzenart
-unveränderlich. Während es zur Bildung der Chromosomen kommt, löst
-sich der Kern als solcher auf, indem die Kernhaut verschwindet und der
-Kernsaft ins Protoplasma übertritt.
-
-Die Chromosomen ordnen sich nun in einer Ebene, die ungefähr dem
-Äquator der Zelle entspricht, parallel hinter- und nebeneinander.
-Dann spaltet sich jedes Chromosoma der Länge nach in zwei genau
-gleichgroße Hälften, und die Hälften jedes Chromosoms wandern nun
-in entgegengesetzter Richtung, die eine nach dem einen, die andere
-nach dem andern Pol der Zelle. Die Zahl der Chromosomen hat sich also
-genau verdoppelt, und in der Nähe jeden Poles versammeln sich genau
-so viele Chromosomen, als die Mutterzelle hatte; also 4, wenn diese 4
-hatte, 8, wenn 8 usw. Um jede der Chromosomengruppen scheidet sich nun
-wieder Flüssigkeit aus dem Protoplasma aus, die Chromosomen fangen an,
-Fortsätze auszusenden, die miteinander verwachsen, so daß wieder ein
-genau solches Gerüstwerk und eine genau solche Kernblase entstehen, wie
-sie die Mutterzelle hatte. Inzwischen hat sich auch das Protoplasma am
-Äquator eingeschnürt. Es wächst hier eine Scheidewand quer durch die
-Mutterzelle durch, die beiden Hälften lösen sich allmählich voneinander
-los, und indem sie wachsen, werden sie mehr und mehr das genaue Abbild
-der Mutterzelle, aus der sie hervorgegangen sind.
-
-So umständlich der Vorgang der Kernteilung und Kernneubildung schon
-nach dem bisher Gesagten ist, in Wirklichkeit ist er noch weit
-verwickelter. Tatsächlich fängt der Teilungsvorgang damit an, daß
-sich ein besonderes, kleines Körperchen, das sich neben dem Kerne
-im Protoplasma der Zelle findet, das +Zentralkörperchen+ oder
-+Centrosoma+, verdoppelt und die beiden Hälften an die Pole der Zelle
-auseinanderrücken. Um jedes der beiden neuen Centrosomen bilden sich
-fädige Strahlen. Ein Teil dieser Fäden heftet sich an die Chromosomen
-an, und mit Hilfe dieser Fäden werden die Chromosomenhälften -- wie
-wir’s beschrieben haben -- schließlich auseinandergezogen und gegen die
-Pole hingeführt. Tatsächlich regiert also das Zentralkörperchen oder
-Centrosoma den ganzen Teilungsvorgang. Aber so wichtig an sich dieser
-Vorgang ist, wollen wir uns auf diese Andeutungen beschränken, die aus
-der Abbildung wohl verständlich werden dürften.
-
-Für uns ist vor allem wichtig die Umwandlung des ruhenden Kernes in
-die Chromosomen, die Halbierung der Chromosomen und die sorgfältige
-Verteilung der Hälften auf die beiden Tochterzellen. Was durch den
-ganzen Vorgang erreicht wird, ist völlig klar: offenbar wird dadurch
-das Chromatin, die färbbare Substanz des Kernes, so gleichmäßig als
-irgend möglich auf die Tochterzellen verteilt. Offenbar ist diese
-gleichmäßige Verteilung des Chromatins Bedingung dafür, daß die
-Tochterzellen der Mutterzelle gleich werden.
-
-Der geschilderte Vorgang der sog. indirekten Zellteilung verläuft in
-der ganzen Tier- und Pflanzenwelt in der Hauptsache völlig gleichartig:
-der überraschendste Beweis für die enge Verwandtschaft alles Lebendigen!
-
-Genau so, wie wir’s hier geschildert haben, verläuft nicht nur die
-Zellteilung beim Wachstum der mehrzelligen Organismen, der Metazoen,
-sondern auch die ungeschlechtliche Fortpflanzung der Protozoen.
-Zellteilung folgt bei ihnen in dieser Weise auf Zellteilung; ohne Ende,
-wenn nicht äußere Hindernisse eintreten.
-
-Neben der ungeschlechtlichen Fortpflanzung sehen wir aber auch schon
-bei vielen Einzelligen geschlechtliche Fortpflanzung auftreten. Wir
-finden bei ihnen sogar mehrere Arten davon. Am einfachsten sind die
-+Kopulation+ und die +Konjugation+.
-
-Es kommt vor, daß sich zwei von diesen einander völlig gleichenden
-einzelligen Wesen aneinanderlegen, ihre Kerne sich spalten, die
-Hüllhäute an der Berührungsstelle der beiden Zellen verschwinden
-und nun die Kernhälften zwischen den beiden Individuen ausgetauscht
-werden. Die Hälfte des Kernes des Individuums _A_ wandert in das
-Individuum _B_ und umgekehrt, worauf sich die beiden Individuen wieder
-voneinander trennen. Die beiden Kernhälften, die eigene und die
-fremde, vereinigen sich, und in jedem Individuum erfolgt nun eine neue
-Kernteilung und die Teilung der Mutterzelle in Tochterzellen, genau so,
-wie wir’s oben geschildert haben.
-
-Noch einfacher ist der Vorgang, wenn geradezu zwei Individuen zu einem
-verschmelzen. Die beiden Kerne legen sich aneinander, und nun erfolgt
-die Vermehrung, indem jeder der beiden aneinanderliegenden Kerne in
-zwei Hälften geteilt wird, so daß jede Tochterzelle den halben Kern der
-Elternzellen _A_ und _B_ erhält und ihre Tochterzellen wieder je ein
-Viertel von _A_ und _B_ usf.
-
-Bei manchen Protozoen, bei den Metazoen und beim Menschen wird die
-Fortpflanzung, wie wir schon besprochen haben, durch +bestimmte
-Geschlechtszellen+ besorgt. Es gibt dann, wie wir bereits wissen, bei
-jeder Art zweierlei Geschlechtszellen, die sich durch ihr Aussehen
-unterscheiden und verschiedene Leistungen zu verrichten haben, aber in
-der Hauptsache, nämlich bezüglich ihrer Kerne, gleichartig sind. Diese
-Geschlechtszellen werden in eigenartigen Mutterzellen, bei den höheren
-Pflanzen und Tieren in besonderen Organen, durch Zellteilung gebildet.
-
-Im Gegensatz zu den anderen Zellen sind diese Geschlechtszellen in
-der Regel unfähig, für sich allein weiterzuleben, zu wachsen, sich zu
-teilen und zu vermehren. Es kommen aber Ausnahmen vor, und bei vielen
-höheren Wesen kann sich unter bestimmten natürlichen oder künstlich
-hergestellten Bedingungen auch aus dem +unbefruchteten+ Ei ein neues
-Individuum entwickeln (sog. +Parthenogenesis+ oder Jungfrauenzeugung,
-z. B. Entstehung der Drohnen aus den unbefruchteten Eiern der Bienen).
-
-In der Regel gehen die Geschlechtszellen zugrunde, wenn sie nicht zur
-Vereinigung gelangen; den Samenfäden fehlt es an Protoplasma, den Eiern
-fehlt das Zentralkörperchen, das Centrosoma, das den ersten Anstoß
-zur Zellteilung gibt. Im reifen, befruchtungsfähigen Zustande haben
-Eizelle und Samenfäden auch nur +halb so viel+ Chromatin und bilden
-auch nur +halb so viele+ Chromosomen als die gewöhnlichen Körperzellen
-ihrer Art, +da bei ihrer Reifung die Hälfte der Chromosomen ausgestoßen
-worden ist+. Dieser Unterschied in der Chromosomenzahl tritt zutage,
-wenn die Befruchtung erfolgt ist, die beiden Geschlechtszellen sich
-vereinigt haben.
-
-Nachdem der Kopf des Samenfadens vom Ei aufgenommen worden ist und die
-neugebildete Dotterhaut das Eindringen eines zweiten Samenfadens in das
-Innere des Eies unmöglich gemacht hat, sehen wir (s. Tafel 2, Fig.
-11 bis 17), wie der Kopf des Spermatozoons sich allmählich dem Kerne
-der Eizelle nähert. Sein Kern nimmt dabei an Größe zu und teilt sich
-dann in +halb+ so viele Chromosomen, als den Kernen des Organismus,
-von dem der Samenfaden abstammt, sonst zukommen; beim Menschen also in
-12. Die Chromosomen wachsen durch Fortsätze zu einem feinen Netzwerk
-aus. Zugleich scheidet sich aus dem Protoplasma der Eizelle Flüssigkeit
-aus, so daß der Kern des Spermatozoons nun genau wie das Kernbläschen
-einer ruhenden Zelle aussieht und dem Kerne der Eizelle zum Verwechseln
-ähnlich geworden ist. +Es besteht kein Geschlechtsunterschied mehr
-zwischen den beiden Kernen.+ Auch ihre Größe ist in diesem Stadium
-vollkommen gleich. Während diese Veränderungen mit dem Kerne vorgehen,
-hat sich ein winziges Körperchen, das mit dem Kopfe des Spermatozoons
-in das Ei mit hereingebracht worden ist, mit einem Strahlenhofe umgeben
-und in zwei Körperchen geteilt. Jedes von diesen bekommt wieder einen
-Strahlenhof. Wir haben ohne Zweifel Gebilde vor uns, die genau den
-Zentralkörperchen oder Centrosomen der gewöhnlichen, in der Teilung
-begriffenen Zellen entsprechen. Während Eikern und Samenkern immer
-näher zusammenrücken, rücken die beiden Centrosomen auseinander. Die
-beiden Kerne fangen nun gleichzeitig an, Chromosomen zu bilden; der
-Kern des Eies genau so viele wie der Kern des Samenkörperchens, also
-ebenfalls nur halb so viele, als die Kerne der betreffenden Tierart
-sonst bilden. Diese Chromosomen ordnen sich in einer Ebene zusammen und
-teilen sich der Länge nach. Ihre Hälften werden durch die Fäden, die
-von den Centrosomen ausgegangen sind, auseinander- und gegen die Pole
-hingezogen; kurz, alles weitere verläuft genau so wie mit dem +einen+
-Kerne einer gewöhnlichen Zelle, die sich in indirekter Zellteilung
-befindet. Der einzige wahrnehmbare Unterschied ist nur der, daß die
-Hälfte der Chromosomen vom Eikern, die andere Hälfte vom Samenkern
-herrührt, und daß +jedem Pole angenähert die Hälfte der väterlichen
-und der mütterlichen Kernsubstanz zugeführt wird, also jede der beiden
-Tochterzellen einen Kern bekommt, der zur Hälfte vom Vater, zur Hälfte
-von der Mutter abstammt+. Da der Spermakern wie der Eikern halb so
-viele Chromosomen bildet als die Kerne der Körperzellen, so liefern
-beide zusammen ebensoviel Chromatin und Chromosomen, wie in einer
-normalen Zelle vorhanden ist, und jede der beiden Tochterzellen bekommt
-daher ebenfalls die normale Menge davon.
-
-Jede der beiden Tochterzellen teilt sich nun in derselben Weise weiter,
-und jedesmal erhält jede der bei der Teilung neu entstehenden Enkel-,
-Urenkel-, Ururenkel- usw. Zellen ungefähr gleichviel mütterliches und
-väterliches Chromatin; die Hälfte ihrer Chromosomen ist väterlicher,
-die andere Hälfte mütterlicher Herkunft. +Die Kernsubstanz jeder Zelle
-unseres Körpers stammt also halb vom Vater, halb von der Mutter her.+
-
-Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, daß während der
-fortgesetzten Teilungen und Wachstumsvorgänge die Gesamtmasse des
-Chromatins sich ganz ungeheuer vermehrt hat. Die Substanzen, aus denen
-das neue Chromatin gebildet wurde, stammen natürlich aus der Nahrung;
-aber sie werden zuerst chemisch umgewandelt, +assimiliert+, dem
-ursprünglichen Chromatin gleichgemacht, bevor sie Teile der Zellkerne
-werden. Die Art dieser Umwandlung und Formung wird in einer noch nicht
-genügend aufgeklärten Weise durch die Beschaffenheit des ursprünglich
-ererbten Chromatins bestimmt.
-
-[Illustration: Tafel 2.
-
-(Nach Boveri.)]
-
- =Erklärung der Fig. 11-17 auf Tafel 2.=
-
- Fig. 11. _A_) +Ei.+ _a_) Eihaut mit ihren Porenkanälen (in den
- späteren Figuren weggelassen); _b_) Eidotter; _c_) ruhender
- Eikern; _d_) Empfängnishügel mit eingedrungenem Samenfaden.
- _B_) +Samenfäden.+ _e_) Kopf; _f_) Mittelstück; _g_) Schwanz
- des Samenfadens. -- Fig. 12. Vordringen des Samenkerns gegen
- den Eikern; Auftreten des Centrosoms der Samenzelle mit
- Strahlenhof; Auflösung des Schwanzes. -- Fig. 13. Teilung
- des Samenfadenkopfes in zwei Chromosomen. -- Fig. 14.
- Fortschreitende Annäherung des Samenkerns an den Eikern unter
- Auseinanderrücken der Tochter-Centrosomen an die Pole; Auswachsen
- der Samenkern-Chromosomen zum Chromatingerüste. -- Fig. 15. Der
- Samenkern ist dem Eikern gleich geworden. -- Fig. 16. Samenkern
- und Eikern haben gleichzeitig (je 2) Chromosomen gebildet. -- Fig.
- 17. Längsteilung der väterlichen und mütterlichen Chromosomen in
- gleiche Hälften und Verbindung der Hälften mit den Centrosomen.
- (Bezüglich der weiteren Entwickelung s. Fig. 7-10.)
-
-+Die Kernsubstanz unserer Zellen ist die eigentliche
-Vererbungssubstanz+; sie ist jedenfalls die Hauptträgerin der die
-einzelnen Individuen einer Art unterscheidenden vererblichen Anlagen.
-Das Protoplasma der Eizelle scheint hauptsächlich die Bedeutung
-eines Nahrungsstoffes für die wachsenden und sich teilenden Kerne zu
-haben, wenn es auch bei den verschiedenen Organismenarten chemisch
-und baulich ebenso spezifisch verschieden ist wie die Kernsubstanz
-und daher die der ganzen Art gemeinsame Beschaffenheit mitbestimmt.
-So wird es begreiflich, daß im allgemeinen das väterliche und das
-mütterliche Erbe gleichgroßen Einfluß auf die körperliche und geistige
-Beschaffenheit ihrer Nachkommen ausüben, obwohl die Mutter das große
-Ei, der Vater den winzigen Samenfaden liefert. Von der ganzen großen
-Masse des Eies ist nur ein winziger Teil, nicht größer als der Kopf des
-Spermatozoons, Vererbungssubstanz.
-
-Wie das Chromatin aller anderen Zellen ist auch das des Samenfadens und
-der Eizelle halb väterlichen, halb mütterlichen Ursprungs, und dies
-macht es wieder verständlich, daß Eigenschaften der Großeltern und viel
-fernerer Ahnen in den Enkeln wieder auftauchen können (+Atavismus+).
-
-Wenn wir uns vor Augen halten, daß auch auf ungeschlechtlichem Wege
-Fortpflanzung durch anscheinend unbegrenzte Zeiten möglich ist (man
-denke nur an die ungeschlechtliche Teilung der Bakterien und anderer
-Protisten [einfachster Lebewesen] und an die Fortzüchtung vieler
-Pflanzen durch sog. Ableger!), so kommt man zu dem Schlusse, daß es die
-Aufgabe der geschlechtlichen Fortpflanzung, der Befruchtung sei, durch
-Vermischung der Keimstoffe einerseits individuelle Eigentümlichkeiten
-und Abnormitäten der Eltern auszugleichen und so die Gesamtheit der
-Anlagen und damit die Haupteigenschaften der Spezies unverändert zu
-erhalten, andererseits wieder neue Kombinationen von Anlagen und
-dadurch Mannigfaltigkeit unter den Individuen herzustellen.
-
-
-
-
-2. Kapitel.
-
-Vererbung und Zuchtwahl.
-
-
-Im vorhergehenden Kapitel ist es mir vor allem darum zu tun gewesen,
-dem Leser zu zeigen, daß die aufeinanderfolgenden Generationen
-aufs allerengste miteinander verknüpft sind. Geformte Teile des
-elterlichen Körpers haben sich losgelöst und setzen in dem neuen
-Gebilde, das wir Individuum nennen, das Leben fort, das sie im
-elterlichen Körper geführt haben. Das +Neue+ an dem neuen Individuum
-ist +nur+, daß eine neue +Mischung+ von Lebendigem erfolgt ist.
-+Wir sind, wenigstens den Anlagen nach durchaus, körperlich und
-geistig, die Geschöpfe unserer Eltern und Ahnen.+ In dem elterlichen
-Chromatin, in dem +Keimplasma+ oder +Idioplasma+, wie es auch
-genannt wird, ist unsere ganze Organisation vorherbestimmt. Durch
-das Keimplasma ist vorherbestimmt gewesen, daß wir Angehörige der
-+Spezies Mensch+ geworden sind; von ihm hängen die Farbe unserer
-Haut, die Beschaffenheit unserer Haare, der Bau des Schädels und
-alle anderen Eigentümlichkeiten der +Menschenrasse+ ab, die wir an
-uns tragen, alle Eigentümlichkeiten unseres +Volksstammes+ innerhalb
-der Rasse; innerhalb der Eigentümlichkeiten des Volksstammes wieder
-alle Besonderheiten der +Familie+ und alles mit der +Individualität+
-unserer Eltern Übereinstimmende in uns. Die Farbe unserer Augen, die
-Gestalt der Nase, des Mundes, der Ohren, die Statur, der Gang, die
-Gebärde, die Sprechweise, die geistige Begabung, der Charakter, das
-Talent und Temperament, kurz +alles+ ist hier im Keimplasma in der
-Hauptsache schon festgelegt, so groß und wichtig auch die äußeren oder
-„+Umwelts+“-(„Milieu-“)Einflüsse sind, die die Keime während ihrer
-Entwicklung und bis zu ihrer Vereinigung und das Individuum +nach+ der
-Vereinigung der elterlichen Keime treffen.
-
-Wenn trotzdem selbst die Kinder gleicher Eltern in der Regel
-untereinander verschieden sind und nicht selten sogar sehr auffällige
-Unterschiede zeigen, so rührt dies -- wenn wir von der merkwürdigen,
-noch nicht genügend aufgeklärten Tatsache der sog. +Mutation+, d.
-h. des plötzlichen Neuauftretens oder Verlustes einer vererbbaren
-Eigenschaft oder Anlage in einem Individuum, hier absehen --
-hauptsächlich von zwei Umständen her. Erstens davon, daß kaum jemals
-die Bedingungen, unter denen sich zwei Individuen entwickeln, ganz
-gleich sind und die +Verschiedenheit der Lebensbedingungen bei
-gleichen Anlagen+ Verschiedenheiten des Aussehens und der Leistungen
-der Individuen herbeiführt (+Modifikation+, +Lebenslage-Variation+).
-Zweitens aber -- und dies ist viel wichtiger! -- davon, daß +kaum
-jemals die Kinder desselben Elternpaares tatsächlich gleiche Anlagen
-erhalten+.
-
-Die Keimstoffe sind nämlich nichts Einheitliches! +Die Erbmasse ist
-ein Konglomerat (Zusammenballung) einer ungeheuren Anzahl einzelner
-Anlagen (Erbeinheiten), welche in hohem Maße unabhängig voneinander
-vererbt werden.+ Wir haben gehört, daß bei der Reife der Keimzellen
-die Hälfte der Chromosomen und des Chromatins ausgestoßen wird. Bei
-dieser Ausstoßung trennen sich die +zusammengehörigen+ väterlichen und
-mütterlichen Anlagen voneinander, und nur eine von ihnen bleibt in
-der reifen Keimzelle zurück (z. B. die Anlage zu brauner Augenfarbe,
-die etwa vom Vater ererbt war, oder die Anlage zu blauer, die von der
-Mutter ererbt war). Es ist aber +rein zufällig+, +welche+ von diesen
-beiden Anlagen im einzelnen Falle zurückbleibt. Da es sich dabei um
-eine ungeheuere Zahl von Anlagenpaaren handelt, ist es klar, daß auf
-diese Weise eine ungeheuere Zahl von Kombinationen (Zusammenstellungen)
-der Anlagen bei der Reifung der Keimzellen entstehen muß; sowohl bei
-denen des Mannes wie bei denen der Frau. Und wieder ist es +völlig dem
-Zufall+ anheimgegeben, welche von diesen verschiedenartigen Keimzellen
-des Vaters und der Mutter bei der einzelnen Befruchtung gerade
-zusammentreffen! Und nun wirken diese neukombinierten zusammengehörigen
-Anlagen wieder in verschiedener Weise aufeinander, mischen sich in
-einem Falle in ihrer Wirkung, während in einem andern Falle die eine
-die andere völlig unterdrückt!
-
-Alle diese Umstände müssen bewirken, daß fast niemals zwei Individuen
-einander ganz gleich werden; müssen jene Unterschiede alles Geborenen
-in bezug auf Gestalt, Körperkraft, Gesundheit, Begabung, Tatkraft
-herbeiführen, die zwar im Vergleiche zu dem Übereinstimmenden klein,
-trotzdem aber für Wert und Schicksal des Individuums entscheidend sind!
-
-Wie weit die Abhängigkeit der Beschaffenheit der Nachkommen von
-der Beschaffenheit der elterlichen Zeugungsstoffe geht, wird durch
-nichts klarer bewiesen als durch das Vorkommen von sog. +identischen
-Zwillingen+, zum Verwechseln ähnlichen Individuen, die infolge einer
-Störung des normalen Entwicklungsganges aus +einem Ei+ und +einem
-Samenkörperchen+ entstanden sind.
-
-Wenn beim Menschen die Vererbung der +Besonderheiten+ der Eltern
-und Familienstämme auf die Nachkommen nicht auffallender ist, so
-rührt dies davon her, daß wir bei der Gattenwahl meistens auf diese
-Eigentümlichkeiten keine Rücksicht nehmen, sondern von ganz anderen
-Beweggründen uns leiten lassen. Mit welcher Vollkommenheit individuelle
-Eigenschaften der Eltern auf die Nachkommenschaft vererbt und bei ihr
-ausgebildet werden können, zeigt die +künstliche Zuchtwahl+, die der
-Mensch unter seinen Haustieren und Kulturpflanzen trifft. Die Mittel,
-die er dabei anwendet, sind: Auslese der vollkommensten oder mit einer
-bestimmten erwünschten Eigenschaft ausgestatteten Exemplare für die
-Zucht, Kreuzung möglichst ähnlicher Individuen, Auslese der Nachkommen
-in demselben Sinne, Inzucht der erwünschten Varietät (Abart), strenge
-Reinzucht der Rasse, strengster Ausschluß aller minderwertigen,
-fehlerhaften oder kranken Exemplare von der Fortpflanzung und jeder
-Vermischung mit fremden Blute, sorgfältige Pflege der Brut. So gelingt
-es, binnen weniger Generationen Stämme von vollendeter Schönheit und
-Tüchtigkeit oder von auffallendester Besonderheit zu züchten. Es
-kann keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn wir unter uns in ähnlich
-sorgfältiger Weise +Zuchtwahl+ treiben würden, +binnen weniger
-Generationen Menschenstämme erzeugt werden könnten, die alles, was es
-bisher von Menschen gegeben hat, an Schönheit, Kraft und Tüchtigkeit
-weit hinter sich lassen würden+.
-
-An nichts kranken die menschlichen Zustände so sehr, als daß viel zu
-viele Minderwertige, Dumme, Schwache, Faule, Gesellschaftsfeindliche
-erzeugt werden und viel zu wenig Vollwertige, Gescheite, Starke,
-Strebsame, Gemeinsinnige, Gewissenhafte!
-
-Zwangsweise läßt sich auf absehbare Zeit die Züchtung einer edlen
-Menschenrasse nicht durchführen. Aber jeder sollte beim Abschluß der
-Ehe daran denken, daß die Kinder nicht vom Himmel fallen und Edles
-nur durch Erbschaft von Edlem entstehen kann, gut geratene Kinder
-nur durch glückliche Vereinigung des gut Geratenen der Ahnen. +Die
-tüchtige Jugend sollte daher das hohe Ideal der bewußten Erzeugung
-und Fortpflanzung körperlich, geistig und sittlich bestbeanlagter
-Familienstämme, =bewußter Zuchtwahl=, erfassen und freiwillig
-befolgen.+ Vor solchen Generationen von Tüchtigen aus Tüchtigen müßten
-Minderwertigkeit und Nichtswürdigkeit bald das Feld räumen.
-
-Wenn wir auch nicht zwangsweise Übermenschen züchten können, mit jener
-Gedankenlosigkeit und Leichtfertigkeit wie bisher darf es bei der
-Kindererzeugung jedenfalls nicht weitergehen! Es muß ins allgemeine
-Bewußtsein übergehen, +daß es eines der schlimmsten Verbrechen
-ist, Kinder zu erzeugen, von denen man vorher wissen kann, daß sie
-höchstwahrscheinlich verkümmert, verkrüppelt, schwer krank oder mit
-schwerer Krankheitsanlage behaftet sein werden+. Tausende und Tausende
-werden erzeugt, die besser unerzeugt geblieben wären. Namenloses Elend,
-eine unendliche Summe von Schmerz und Qual wird dadurch immer von neuem
-in die Welt gebracht! Vernunftbegabten Wesen geziemt es nicht, so zu
-handeln.
-
-Wenn ein Mensch von Geburt auf mit Fehlern oder Krankheit behaftet, zu
-bestimmten Erkrankungen veranlagt oder im allgemeinen schwächlich und
-wenig widerstandsfähig ist, so kann dies sehr verschiedene Ursachen
-haben. Es kann darauf beruhen, daß er aus Keimstoffen hervorgegangen
-ist, die +von den Ahnen her+ fehlerhaft oder minderwertig sind
-(+Vererbung im eigentlichen Sinne+). Es kann sein, daß von Hause aus
-gutgeartete Keimstoffe erst +im Leibe der Eltern+ verschlechtert worden
-sind (+Keimverderb+). Es kann sein, daß ein aus gesunden und kräftigen
-Keimen hervorgegangener Sprößling +während seines Lebens im Mutterleibe
-geschädigt+ oder krank geworden ist.
-
-Es gibt aber auch nicht wenige Fälle, wo es nur so scheint, als ob das
-Kind bereits krank und minderwertig geboren worden wäre und in Wahrheit
-seine Krankheit oder Minderwertigkeit auf Schädigungen beruht, die es
-erst +nach der Geburt in seiner frühesten Kindheit+ erfahren hat. Es
-ist wichtig, diese Dinge zu unterscheiden, da sie beim Abschluß der Ehe
-und bei der Kindererzeugung berücksichtigt werden müssen.
-
-Was die im eigentlichen Sinn vererblichen Fehler und Mängel des
-Keimplasmas anbelangt, so ist zunächst zu sagen, daß es eine Reihe
-von +Bildungsfehlern+ gibt, die bei sonstiger normaler Beschaffenheit
-von Generation auf Generation, manchmal mit Überspringung einzelner
-Glieder der Kette, vererbt werden. Zum Teile sind sie ganz geringfügig
-und nicht beachtenswert, z. B. Muttermale oder Vertauschung von rechts
-und links bei der Lagerung der Eingeweide. Viel bedeutungsvoller
-ist die Vererbung von schlechter, zu Zahnfäule (Karies) neigender
-Zahnbeschaffenheit, von Kurzsichtigkeit, Farbenblindheit und anderen
-Fehlern des Auges, von gewissen Formen unheilbarer, fortschreitender
-Schwerhörigkeit, die Vererbung überzähliger Finger und Zehen, der
-Hasenscharte (gespaltene Oberlippe oder Oberkiefer), des Wolfsrachens
-(gespaltener Gaumen), von Mißbildungen der Finger und der Hände. Höchst
-ungünstig für die Nachkommenschaft ist die vererbliche Verkümmerung
-der Brustdrüse, wegen der damit verbundenen Unfähigkeit zum Stillen.
-Ein anderer böser ererbter Bildungsfehler ist die sog. Bluterkrankheit
-oder Hämophilie. Die geringste Verletzung kann beim „Bluter“ fast
-unstillbare Blutverluste und selbst den Tod durch Verblutung
-herbeiführen.
-
-Höchst merkwürdig ist bei dieser glücklicherweise seltenen Krankheit,
-daß sie nur bei den männlichen Nachkommen auftritt und nur durch
-die selbst gesund bleibenden weiblichen Nachkommen vererbt wird.
-Diese +Latenz+ (das Verborgenbleiben) der Erbeigenschaften in den
-weiblichen Gliedern eines Familienstammes kommt übrigens auch bei
-anderen krankhaften sowie bei lebensnützlichen Anlagen (Talenten) vor;
-geradeso, wie Frau und Mann gewisse Besonderheiten der Merkmale des
-anderen Geschlechtes (z. B. des Bartwuchses, der Form und Größe der
-Brüste) verborgen auf ihre Söhne bzw. Töchter vererben.
-
-Auf vererblichen Fehlern der Keimstoffe beruht ferner die Neigung der
-Mitglieder mancher Familien zu gewissen +Stoffwechselkrankheiten+, wie
-namentlich zur Gicht, zur Fettsucht, zur Zuckerharnruhr; die Neigung
-zu gewissen langwierigen +Hautkrankheiten+, insbesondere zu den sog.
-Flechten. Auch gewisse Erkrankungen des Herzens und der Blutgefäße, die
-zum Schlagflusse führen, scheinen auf erblicher Grundlage zu entstehen.
-
-Allgemein bekannt ist es endlich, daß in einzelnen Familien die Neigung
-zu +Geisteskrankheiten+ und +nervösen Leiden+ mannigfacher Art sich
-forterbt. Dabei ist bemerkenswert, daß die Art des Nervenleidens bei
-den verschiedenen Familiengliedern sehr verschieden sein kann. Einige
-zeigen reizbare Schwäche oder Exzentrizität in ihren Meinungen und
-Neigungen, jähen Wechsel ihrer Stimmung, andere leiden an Krämpfen,
-Lähmungen, Epilepsie; neben eigentlichen Geisteskrankheiten treten
-Hysterie, Hypochondrie, Trunksucht, Neigung zu geschlechtlichen
-Ausschweifungen, zu Selbstmord, zu Verbrechen auf. Das Vererbte
-ist eine abnorm +leichte Störbarkeit+ und +Verwundbarkeit+ des
-Nervensystems. Welche Krankheit sich dann tatsächlich entwickelt,
-scheint bis zu einem gewissen Grade vom „Zufall“ abzuhängen. Nach
-neueren Forschungen ist es aber gewiß, daß es +verschiedenartige+
-krankhafte Veranlagungen des Nervensystems gibt, z. B. besondere
-Anlagen zu Verrücktheit, zu Epilepsie usw. Ein erheblicher Bruchteil
-der Nachkommen pflegt übrigens selbst bei schwerer Belastung von
-wirklicher Erkrankung freizubleiben, und bei manchen Arten solcher
-Vererbungen können neben der fehlerhaften Anlage hohe geistige
-Begabung, Talent, Schwung und Tatkraft einhergehen. Bei schwerster
-Belastung zeigen einzelne Familienglieder auch körperliche Bildungs-
-und Entwicklungsfehler (die sog. Degenerationszeichen).
-
-Viel häufiger als eine solche begrenzte Fehlerhaftigkeit der Keime,
-die sich in bestimmten Bildungsfehlern und Krankheitsanlagen der im
-übrigen vielleicht völlig gesunden und kräftigen Nachkommen äußert,
-ist ihre +Minderwertigkeit und Schwächlichkeit im ganzen+, wie sie in
-der Lebensschwäche und kümmerlichen körperlichen, intellektuellen und
-moralischen Entwicklung des Kindes und in seiner Kränklichkeit, d. h.
-seiner geringen Widerstandsfähigkeit gegen äußere Schädlichkeiten,
-zutage tritt.
-
-Diese Lebensschwäche der Keime kann wieder etwas sein, was schon von
-den Vorfahren ererbt ist. Meistens aber ist sie erst die Folge der
-ungünstigen Bedingungen, unter denen die Keime im Körper der Eltern
-gewachsen sind.
-
-So ist die Schwächlichkeit der Kinder nicht selten einfach auf das
-+unpassende Alter der Eltern+ zurückzuführen. Nur innerhalb einer
-gewissen Lebensperiode steht die Keimbildung auf voller Höhe. Kinder
-zu junger Eltern (Mutter unter 20, Vater unter 24 Jahren) sind nicht
-selten lebensschwach und sterben daher zahlreicher schon im ersten
-Lebensjahr wieder ab. Es kommen bei ihnen auch häufiger als sonst
-Bildungsfehler, wie Hasenscharte, Wolfsrachen, Idiotie, vor, zum
-Zeichen, daß die Keimstoffe der Jugendlichen häufiger nicht allein
-weniger kräftig, sondern auch mit Fehlern behaftet sind. Bemerkenswert
-ist auch, daß jugendliche Mütter verhältnismäßig häufig Zwillinge
-gebären. Sie teilen diese Eigenschaft mit den älteren Frauen. Wie die
-zu jungen gebären zu alte Frauen häufiger lebensschwache Kinder. Auch
-Idiotie kommt unter den Kindern von Frauen über 40 Jahre häufiger vor
-als unter solchen von Frauen in der Vollkraft. Ebenso wie höheres Alter
-der Mutter wirkt das des Vaters (über 50 Jahre) im Durchschnitt nicht
-günstig.
-
-Ungünstig auf die Produktion der Keimstoffe wirken +schlechte
-äußere Lebensbedingungen, wie unzureichende Ernährung, körperliche
-Überanstrengung+ durch Arbeit, durch geschlechtliche Exzesse beim
-Manne, zu zahlreiche und zu rasch aufeinanderfolgende Schwangerschaften
-bei der Frau, +ungünstiges Klima+ (Aussterben der europäischen Familien
-in den +Tropen+) und anderes.
-
-Auch manche akute (heftige und kurzdauernde) und namentlich chronische
-(langwierige) +Erkrankungen+ des elterlichen Körpers schädigen die
-Keimstoffe. Weitaus am gefährlichsten sind diesen die +chronischen
-Vergiftungen+.
-
-Als der Nachkommenschaft besonders gefährliche Gifte sind zu nennen:
-der Alkohol, das Morphium, die giftigen Metalle und unter diesen das
-Blei und das Quecksilber, ferner gewisse von Mikrobien herrührende
-Gifte.
-
-Unter diesen letzteren ist mit Recht besonders berüchtigt das
-+syphilitische Gift+, das bei der +Syphilis+, der wichtigsten unter den
-sog. Geschlechtskrankheiten, im Körper auftritt. Dieses Gift vor allen
-führt zum Verderb vieler von Hause gesunder Keimstoffe und bedroht
-die modernen Völker mit Degeneration; dieses Gift ist es, das die
-städtischen Familien in ungeheuerem Umfang ausrottet.
-
-Infolge der Vergiftung des elterlichen Organismus mit diesem Gifte
-kommt es zu einer Verkümmerung der Zeugungsstoffe, die sich in dem
-Auftreten von Fehl-, Früh- und Totgeburten, in Lebensschwäche der
-Kinder, Mißbildungen und Verkümmerungen, nervösen Leiden, allgemeinem
-Siechtum und geringer Widerstandskraft gegen äußere Schädlichkeiten
-äußert. Besonders nachdrücklich möchte ich darauf hinweisen, daß die
-elterliche Syphilis in sehr hohem Maße für Tuberkulose zu disponieren
-(geneigt machen) scheint.
-
-Nächst dem Syphilisgifte dürfte der +Alkohol+ die wichtigste Ursache
-des Keimverderbs sein. Es ist erwiesen, daß Säufer sehr häufig
-unfruchtbar sind, und daß dies auf einem vorzeitigen Schwund der
-Hoden beruht. Unzählige ärztliche Erfahrungen scheinen zu beweisen,
-daß auch schon eine geringergradige chronische Vergiftung des
-elterlichen Körpers mit Alkohol in geringerer Lebensfähigkeit, in
-Schwächlichkeit und Kränklichkeit der Nachkommen und insbesondere
-in der +Minderwertigkeit ihres Nervensystems+ sich äußert. Kinder
-von eigentlichen Trinkern leiden überaus häufig an Idiotie,
-Geisteskrankheiten, Epilepsie, Trunksucht usw., wobei es allerdings
-schwierig zu entscheiden ist, inwiefern nicht schon die Trunksucht des
-Vaters als ein Zeichen für die +ererbte+ Krankhaftigkeit seines eigenen
-Zentralnervensystems anzusehen ist.
-
-Bei elterlicher Syphilis kommt noch etwas anderes vor als die
-Vergiftung der Keimstoffe im kranken elterlichen Körper. In einem
-gewissen Stadium der Syphilis kann +Ansteckung+ des befruchteten Keimes
-mit dem Syphilisparasiten, der _Spirochaete pallida_, erfolgen, so
-daß das Kind bereits mit Syphilis behaftet geboren wird oder schon im
-Mutterleibe infolge der Ansteckung mit Syphilis abstirbt. Solche Fälle
-sind leider sehr häufig.
-
-Anders steht es bei der +Tuberkulose+ der Eltern. Es kann auch hier
-vorkommen, daß das Kind bereits mit dem Tuberkelbazillus angesteckt
-geboren wird. Dies scheint indessen nicht vom Vater, sondern nur
-von der Mutter aus möglich zu sein und überaus selten vorzukommen.
-Erst nach der Geburt droht dem Kinde die Hauptgefahr, von seinen
-tuberkulösen Eltern oder sonstigen Verwandten angesteckt zu werden.
-Besonders gefährlich ist ihm der Tuberkelbazillen enthaltende Auswurf
-der Mutter und ihre Tuberkelbazillen enthaltende Milch. Die Gefahr
-ist um so größer, als eine überaus häufige Folge der elterlichen
-Tuberkulose Schwächlichkeit und Kränklichkeit der Kinder ist, wodurch
-ihre Widerstandskraft +allen+ äußeren Schädlichkeiten gegenüber von
-vornherein herabgesetzt ist.
-
-Man spricht aber auch von einer +spezifischen+ (einseitigen) Neigung,
-an Tuberkulose zu erkranken. Man spricht sogar von einem „tuberkulösen
-Habitus“ (äußerer Beschaffenheit). Leute mit „tuberkulösem Habitus“
-sind charakterisiert durch große Körperlänge bei geringem Brustumfang,
-langem, flachem, oben engem Brustkorb mit abstehenden Schulterblättern
-und durch schlechte, schlaffe Körperhaltung. Diese Leute sind
-dabei mager, blutarm und größerer körperlicher Anstrengung nicht
-gewachsen, leicht in Schweiß versetzt; sehr häufig sind sie nervös
-leicht erregbar, von rascher Auffassung und lebhaftem Gemüte, aber
-von geringer Ausdauer. Ihre Muskeln sind schwach entwickelt, ihre
-Schleimhäute zart und blaß, ihr Appetit und ihre Verdauungskraft häufig
-gering. Ihr Herz ist leicht erregbar, aber schwach. Auffallend ist
-bei ihnen der rasche Wechsel von Röte und Blässe des Gesichtes, die
-Kühlheit von Händen und Füßen. Die genaue anatomische Untersuchung hat
-gezeigt, daß ihr Herz im Verhältnisse zu ihrer Körpergröße zu klein,
-ihre Blutgefäße zu eng sind.
-
-Dieser Habitus kann indessen auch bei Kindern von Eltern auftreten,
-welche weder tuberkulös erkrankt noch hereditär (erblich) belastet
-sind; andererseits bei Kindern tuberkulöser Eltern fehlen. Er führt
-auch keineswegs mit Notwendigkeit zu tuberkulöser Erkrankung. Es
-ist überhaupt zweifelhaft, ob es eine +spezifische+ Disposition
-(einseitige Empfänglichkeit) für Tuberkulose gibt und ob nicht die
-Häufigkeit der Tuberkulose in gewissen Familien neben der schon
-erwähnten Schwächlichkeit und geringen Widerstandsfähigkeit von
-Kindern kränklicher Eltern überhaupt, einfach auf der frühzeitigen
-massenhaften Ansteckung beruht, der die Kinder in solchen Familien,
-in der Nachbarschaft von Hustenden und Spuckenden ausgesetzt sind.
-Tatsächlich kann man nachweisen, daß die Kinder aus solchen Familien
-schon in den ersten Lebensjahren bis zu 90 und 100 Prozent angesteckt
-werden, während es bei Kindern aus nicht tuberkulösen Familien 18 und
-noch mehr Jahre dauern kann, bis alle infiziert sind. Übrigens kommt es
-auch nach erfolgter Ansteckung in der Regel nur unter Zusammenwirken
-ungünstiger Umstände, unter denen namentlich schlechte oder falsche
-Ernährung, körperliche Überanstrengung, Exzesse _in baccho et venere_
-und schwächende Krankheiten zu nennen sind, zum Ausbruch der Krankheit.
-Unter dem Zusammenwirken solcher Einflüsse können auch Menschen
-aus gesundem Stamme an Tuberkulose erkranken; die Nachkommen von
-tuberkulösen Eltern erkranken nur häufiger und erliegen der Krankheit
-rascher. In den schlimmsten Fällen vermögen die sorgfältigste Pflege,
-die beste Ernährung, die größte körperliche Schonung Erkrankung und
-Tod im kräftigsten Lebensalter nicht zu hindern. Aber so schlimm steht
-es glücklicherweise selten. In den meisten Fällen kann man durch
-+möglichst frühzeitige Absonderung der Kinder von Personen mit offener
-Tuberkulose+ und durch Schaffung guter hygienischer Verhältnisse,
-durch Vermeidung aller Ausschweifungen, durch Enthaltsamkeit von
-Alkohol auch solche disponierte Personen vor der Krankheit bewahren.
-Man ist jetzt geneigt anzunehmen, daß ihre Neigung, an Tuberkulose
-zu erkranken, davon herrührt, daß sie seit der ersten Kindheit
-in einzelnen tuberkulös erkrankten Organen, z. B. in erkrankten
-Lymphdrüsen, besonders reichliche Mengen von Tuberkelbazillen mit
-sich herumtragen, die gelegentlich in die Lunge geraten und hier die
-Schwindsucht hervorrufen können.
-
-Im Zusammenhange mit der Vererbung muß auch die sog. +Inzucht+
-besprochen werden, d. h. die Kindererzeugung zwischen nahen
-Blutsverwandten. Sie ist nicht +an sich+ schädlich. Dies lehren die
-Erfahrungen der Tier- und Pflanzenzüchter, die gerade durch eine
-vorsichtige Inzucht vorzügliche Rassen herzustellen imstande sind. Sie
-darf sich nur nicht in zu vielen Generationen wiederholen, sonst führt
-sie zur Unfruchtbarkeit. Alle Völker, welche eine bedeutende Rolle in
-der Geschichte gespielt haben, wie die nordische Rasse oder die Juden,
-sind ohne Zweifel aus einer weit getriebenen und lange fortgesetzten
-Inzucht hervorgegangen.
-
-Die Gefahr der Inzucht für den Menschen liegt darin, daß nahe Verwandte
-häufig die +gleichen+ Anlagen zu Bildungsfehlern und Krankheiten
-haben und die ungünstige Wirkung dieser Anlagen sich dann bei den
-Nachkommen summiert. Der Züchter schließt dies so gut als möglich
-aus, indem er nur tadellose Exemplare paart. Beim Menschen fehlt aber
-diese sorgfältige und scharfe Auslese und ließe sich vielfach auch
-gar nicht treffen, weil wir gar nicht jene Kenntnisse über unsere
-Stammbäume haben, über welche der Züchter bei seinen Tieren verfügt.
-Man muß daher vor Verwandtenehen dringend warnen. Daß die Natur
-Einrichtungen getroffen hat, namentlich bei vielen Blütenpflanzen, um
-die Selbstbefruchtung zu verhüten, kann uns auch als Fingerzeig dienen.
-
-Wie +enge+ Blutsverwandtschaft meistens schädlich wirkt, so ist auch
-die Kreuzung von Rassen, die sich +zu ferne+ stehen, nicht günstig.
-Solche Ehen sind häufig auch wenig fruchtbar. So treffen in Preußen
-auf 100 rein christliche Ehen 454 Kinder, auf 100 rein jüdische 421,
-auf 100 Ehen zwischen Juden und Christen aber nur 138 bis 178 Kinder.
-Allerdings ist es wahrscheinlich, daß hierbei auch die sozialen
-Verhältnisse, d. h. die absichtliche Einschränkung der Kinderzahl eine
-sehr große Rolle spielt.
-
-Die vorstehenden Erörterungen dürften genügen, um zu zeigen, welch
-ungeheuer ernstes Geschäft die Gattenwahl ist oder vielmehr sein
-sollte! Freilich dürfen wir auch nicht zu ängstlich und wählerisch
-sein. +Völlig+ normal und frei von fehlerhaften oder minderwertigen
-Anlagen ist kein einziger Mensch. In der Regel ist auch nur ein
-Bruchteil der Keime, welche ein mit -- selbst ernstlicheren --
-vererblichen Fehlern, Krankheiten oder Krankheitsanlagen behaftetes
-Individuum erzeugt, mit der schlimmen Erbschaft behaftet. Selbst dann
-ferner, wenn ein mit der krankhaften Anlage behafteter Keim an der
-Entstehung eines Kindes beteiligt ist, +muß+ nicht in allen Fällen
-der Fehler oder die Krankheit zur Entwicklung kommen, da bei manchen
-Keimfehlern die krankhafte Beschaffenheit des einen Keimes durch die
-gesunde des anderen unwirksam gemacht, unterdrückt wird [+Dominanz+
-oder +Prävalenz+ (Vorherrschaft) der normalen Anlage über die
-krankhafte; +Rezession+ (Rücktritt) der krankhaften Anlage gegenüber
-der normalen], und da bei manchen krankhaften Anlagen +zweckmäßige
-Lebensweise+ den wirklichen Ausbruch der Krankheit zu verhindern
-vermag. Durch fortgesetzte +Kreuzung+ mit Stämmen, welche von der
-gleichen krankhaften Anlage frei sind, kann bei solchen Anlagen das
-Krankhafte dauernd +verborgen+ gehalten und trotz dem Vorhandensein
-der krankhaften Anlage in gar manchen der Nachkommen eine ganze Reihe
-von Generationen erzeugt werden, welche von der betreffenden Krankheit
-vollkommen frei ist. Nur wenn bei unzweckmäßiger Gattenwahl +zwei+
-krankhafte Anlagen +gleicher+ Art zusammentreffen, tritt dann die
-ererbte krankhafte Anlage in dem betroffenen Nachkommen als Krankheit
-hervor. So scheint es sich glücklicherweise mit der Mehrzahl der
-+Krankheitsanlagen des Nervensystems+ zu verhalten, bei denen also die
-+=richtige Kreuzung= für die individuelle Gesundheit der Nachkommen von
-ausschlaggebender Wichtigkeit ist+.
-
-Aber nicht immer ist das Verhältnis der krankhaften zur gesunden Anlage
-ein solches, wie wir es soeben besprochen haben; in nicht wenigen
-Fällen +dominiert+ die krankhafte Anlage über die normale, so daß
-+alle Individuen, welche die abnorme Anlage besitzen, auch tatsächlich
-abnormal geraten+!
-
-Die beiden Tafeln 3 und 4 werden die Regelmäßigkeit klarmachen, mit
-welcher die Vererbung der einzelnen Anlagen (Erbeinheiten) von den
-Eltern auf die Kinder erfolgt, und die verschiedene Wirkung, welche die
-Vererbung einer bestimmten Anlage auf die Beschaffenheit der Kinder
-hat, je nachdem diese Anlage sich dominant oder rezessiv verhält.
-Wir können hier selbstverständlich nur die einfacher gelagerten
-Vererbungsweisen besprechen. Es gibt auch verwickeltere; z. B. solche,
-bei denen eine Mehrheit von Erbeinheiten zusammentreffen muß, damit ein
-Merkmal (Eigenschaft) zum Vorschein kommt.
-
-[Illustration: Tafel 3.
-
-Vererbung einer dominanten Anlage.]
-
-Auf Tafel 3 ist die Vererbung einer +dominanten+ Anlage dargestellt.
-Jeder +kleine+ rote Kreis bedeutet eine väterliche oder mütterliche
-+Keimzelle+, welche die dominante Anlage (z. B. die für
-Sechsfingrigkeit) +besitzt+, jeder kleine weiße eine Keimzelle,
-welche diese Anlage +nicht+ besitzt. Jeder +große+ rote Kreis bedeutet
-eine Person, welche die Anlage +zeigt+, also z. B. mehr als fünf
-Finger (Zehen) an einer Gliedmaße besitzt; jeder große weiße Kreis
-eine Person, welche die Anlage +nicht+ zeigt, durchwegs die normale
-Finger-(Zehen-)Zahl aufweist. Die in die großen Kreise eingezeichneten
-(weißen und roten) Halbkreise bedeuten wieder die Keimzellen, welche
-von der betreffenden Person gebildet werden. Sind beide eingezeichneten
-Halbkreise rot, so heißt das, daß +alle+ Keimzellen, welche die
-betreffende Person hervorbringt oder hervorbringen wird, mit der
-dominanten Anlage +behaftet+ sind; sind beide Halbkreise weiß, so sind
-+sämtliche+ Keimzellen +frei+ von der Anlage; ist ein Halbkreis rot und
-der andere weiß, so heißt das, daß die eine +Hälfte+ der Keimzellen
-dieser Person die Anlage besitzt und die andere nicht.
-
-Die zweimal zwei kleinen Kreise in der ersten Säule bedeuten die je
-zwei Keimzellen, aus deren Vereinigung die +Eltern+ hervorgegangen
-sind, und ebenso die Keimzellen, welche sie selbst produzieren. Wie
-man sieht, sind in bezug auf +eine+ dominante Anlage sechs Fälle
-möglich: 1. Beide Eltern sind aus je +zwei+ Keimzellen +mit+ der Anlage
-hervorgegangen und produzieren auch wieder nur Keimzellen +mit+ der
-Anlage; oder 2. der eine der Eltern ist aus +zwei+ Keimzellen +mit+
-der Anlage hervorgegangen und der andere aus +einer+ Keimzelle +mit+
-und +einer+ Keimzelle +ohne+ diese Anlage, und der erstere produziert
-dabei auch wieder nur Keimzellen mit der Anlage und der zweite je
-zur Hälfte Keimzellen mit und ohne Anlage; oder 3. der eine ist aus
-+zwei+ Keimzellen +mit+, der andere aus +zwei+ Keimzellen +ohne+ die
-Anlage entstanden; oder 4. beide sind aus je +einer+ Keimzelle +mit+
-und +einer ohne+ die Anlage entstanden; oder 5. der eine aus +einer+
-Keimzelle +mit+ und +einer+ Keimzelle +ohne+ die Anlage, der andere
-aus +zwei+ Keimzellen +ohne+ die Anlage; oder endlich 6. +alle+
-Keimzellen waren +frei+ von der Anlage, und daher sind dann auch alle
-neu produzierten frei davon.
-
-In der zweiten Säule bedeuten die viermal zwei kleinen Kreise die
-möglichen Fälle der Kombination der von den Eltern produzierten
-Keimzellen. Also dort, wo die Eltern ausschließlich Keimzellen mit
-der Anlage hervorbringen, ist selbstverständlich nur eine Kombination
-möglich; dort, wo der eine der Eltern nur Keimzellen +mit+ der Anlage,
-der andere +zur Hälfte+ Keimzellen +mit+ und Keimzellen +ohne+ die
-Anlage produziert, sind zweierlei Kombinationen möglich, die mit
-+gleicher Häufigkeit+ auftreten werden usw.
-
-In den folgenden drei Säulen findet man dann die Beschaffenheit der
-Kinder und ihrer Keimzellen angegeben. Im Falle 1 sind alle Kinder
-sechsfingrig und bringen nur Keimzellen +mit+ der Anlage dazu hervor;
-im Falle 6 sind alle Kinder normalfingrig und bringen auch nur normale
-Keimzellen hervor; im Falle 3 sind alle Kinder sechsfingrig und bringen
-alle +zur Hälfte+ Keimzellen +mit+ und zur Hälfte Keimzellen +ohne+ die
-Anlage hervor usw.
-
-Man sieht, daß bei +dominanter+ Anlage +alle+ Personen, welche die
-Anlage +empfangen+ haben, auch diese Anlage +zeigen+, und daß +nur
-solche+ Personen, welche die Anlage +zeigen+, diese Anlage +vererben+
-können.
-
-Ganz anders liegen die Verhältnisse, wenn es sich um eine +rezessive+
-Anlage, z. B. um Taubstummheit, handelt, wie Tafel 4 lehrt. Die Zeichen
-bedeuten hier dasselbe wie auf Tafel 3, nur daß die +kleinen+ roten
-Kreise und Halbkreise hier Keimzellen mit einer +rezessiven+ Anlage
-bedeuten und die großen roten Kreise Personen, welche diese rezessive
-Anlage zeigen; nach der Erklärung, welche soeben für Tafel 3 gegeben
-wurde, wird auch Tafel 4 sofort verständlich sein.
-
-[Illustration: Tafel 4.
-
-Vererbung einer rezessiven Anlage.]
-
-Wieder sind alle sechs möglichen Fälle der Anlagenkombination der
-Eltern in Betracht gezogen. Man sieht, daß hier durchaus nicht alle
-Personen, welche die Anlage empfangen haben, diese auch zeigen, sondern
-+nur jene+, welche die Anlage +zweimal+ empfangen haben, und daß eine
-Generation existieren kann, welche selbst keine Spur der krankhaften
-Anlage zeigt, aber (s. Fall 3) in allen ihren Gliedern Keimzellen
-produziert, welche zur Hälfte die Anlage besitzen und daher beim
-Zusammentreffen mit einer zweiten +gleichartigen+ Keimzelle kranke
-Personen hervorrufen.
-
-Die Angabe in den Tafeln 3 und 4: „Von je 4 Kindern zeigen (zeigen
-nicht) die Anlage“ darf natürlich +nicht wörtlich+ genommen werden, als
-ob in den Fällen 2, 4 und 5 wirklich +in jeder einzelnen Gruppe+ von 4
-Geschwistern die Verteilung der Anlagen und Eigenschaften genau nach
-der Regel vor sich gehen müßte. Es verhält sich hier genau so wie mit
-dem Satze, „daß gleichviel Knaben und Mädchen geboren werden (genau 106
-Knaben auf 100 Mädchen)“. Diese Regelmäßigkeit tritt erst dann hervor,
-wenn eine +sehr große Masse+ von Geburten durchgezählt wird. In den
-einzelnen Familien gibt es bekanntlich die größten Abweichungen davon.
-
-Zusammenfassend wäre als vernünftige Regel für die Zulässigkeit der
-Kindererzeugung etwa folgendes hinzustellen: Leute mit ernsteren
-Bildungsfehlern, Idioten, Schwachsinnige, Irrsinnige, Epileptische,
-Säufer, verbrecherische Naturen, chronisch Kranke wie: an Tuberkulose
-Leidende, Syphilitische im primären und sekundären Stadium, dürfen
-sich an der Fortpflanzung nicht beteiligen. Ebenso taugen wenig zur
-Fortpflanzung Individuen, welche in ihrer körperlichen Entwicklung
-zurückgeblieben sind oder deren Geschlechtscharaktere mangelhaft
-ausgeprägt sind; also namentlich nicht Frauen mit schlecht entwickelten
-Brüsten und Hüften oder solche, die nicht oder von Anfang an
-unregelmäßig oder krankhaft menstruieren. Schlechte Entwicklung des
-Knochengerüstes, deutliche Zeichen früherer Rachitis (englische
-Krankheit) sind bei der Frau besonders deshalb bedenklich, weil dann
-nicht selten auch Fehler am knöchernen Becken vorhanden sind, welche
-das Gebären erschweren oder selbst unmöglich machen können. Schlechte
-Zähne lassen befürchten, daß die Frau nicht imstande sein werde, ihre
-Kinder zu stillen, da beide Gebrechen sehr häufig zusammen auftreten.
-
-Glücklicherweise findet der +unverdorbene+ Geschmack des Mannes nur
-solche Frauen schön und verlockend, bei denen der ganze Körper und
-insbesondere die Geschlechtscharaktere gut entwickelt sind und die
-daher auch zur Zeugung am besten geeignet erscheinen. Wer kräftige
-Kinder zu erhalten wünscht, suche sich überhaupt einen kräftigen,
-gesunden Gatten. Wer selbst nicht ganz kräftig ist, muß um so mehr
-trachten, eine kräftige, blühende Frau zu bekommen.
-
-Leider täuscht aber oft der Schein; die Jugendblüte verhüllt manche
-Mängel. In sehr vielen Fällen ist auch die hervorragende Beschaffenheit
-eines Individuums („+Plusvariante+“) rein individuell und nicht
-vererblich. Ebenso können allerdings auch Schwächlichkeit oder gewisse
-Arten von Kränklichkeit einer +Minusvariante+ rein individuell sein;
-bei guten Keimstoffen! Es ist daher unbedingt notwendig, sich nicht
-allein um die Beschaffenheit des zu ehelichenden Individuums selbst,
-sondern auch um seine +Abstammung+ zu kümmern. +Gute Abstammung
-gibt die beste Bürgschaft für gute Nachkommen!+ Viel verläßlicheren
-Aufschluß als die Betrachtung des einen Individuums allein gewährt
-die Betrachtung der Beschaffenheit und Lebensführung seiner Eltern.
-Haben diese tüchtig und rechtschaffen gelebt, erfreuen sie sich eines
-gesunden Alters, oder sind sie nach einem gesunden Leben an zufälligen
-Krankheiten gestorben, welche ohne ererbte Anlage auftreten, so darf
-man hoffen, daß die Tochter oder der Sohn von tüchtigem und gesundem
-Stamme sei und daher selbst eine gute Beschaffenheit besitzen und gute
-Keime liefern werde. Hat die Mutter ihre Kinder gesäugt, so darf man
-zuversichtlicher hoffen, daß auch die Tochter dazu imstande sein werde,
-als wenn die Mutter dazu unvermögend war.
-
-Man achte aber auch auf die Beschaffenheit etwa vorhandener
-+Geschwister+ und darauf, an welchen Krankheiten verstorbene
-Geschwister zugrunde gegangen sind. Denn wir haben schon gehört,
-daß gewisse krankhafte Anlagen in einzelnen oder allen Individuen
-einer Generation verborgen bleiben, in deren Nachkommen aber wieder
-hervortreten können, also „latent“ (verborgen) vom Großelter auf den
-Enkel übertragen werden können.
-
-Soweit es möglich ist, ziehe man daher auch Erkundigungen über die
-+weitere Aszendenz+ (Ahnenschaft), über die +Großeltern+ usw. ein.
-Man achte insbesondere darauf, ob etwa die +gleiche+ Anomalie oder
-krankhafte Anlage in +beiden+ Familienstämmen, dem väterlichen
-und dem mütterlichen, aufgetreten ist. In diesem Falle ist die
-Wahrscheinlichkeit besonders groß, daß das Individuum selbst erkranken
-oder die krankhafte Anlage auf seine Nachkommen vererben wird, auch
-wenn augenblicklich keine Krankheitserscheinungen an ihm wahrzunehmen
-sind.
-
-Je schwerer das Leiden ist, um das es sich handelt, um so größer
-ist die Gefahr für die Nachkommen, um so weniger läßt es sich daher
-verantworten, wenn ein schwer belastetes Individuum Kinder erzeugt.
-
-Ein rühmenswertes Beispiel von Entsagung haben die Mädchen von +Tenna+,
-einem Dorfe in Graubünden, gegeben. In diesem Dorfe hauste die
-Hämophilie durch viele Generationen und griff infolge der Inzucht immer
-mehr um sich. Da beschlossen die Mädchen aus den belasteten Familien,
-die, wie wir wissen, selbst von dieser Krankheit stets verschont
-bleiben, auf die Ehe zu verzichten und so die Krankheit zum Erlöschen
-zu bringen!
-
-Je unbedeutender sich nach der Häufigkeit des Vorkommens und nach der
-Schwere der Mängel die erbliche Belastung darstellt, um so eher ist die
-Fortpflanzung zulässig.
-
-Von größter Bedeutung ist es natürlich bei Vorhandensein einer
-vererblichen krankhaften Anlage in einer Familie, zu wissen, ob es
-sich um eine +dominante+ oder um eine +rezessive Anlage+ handelt
-(s. o.). Wenn ein Individuum +frei+ ist von einer in seiner Familie
-vorkommenden Krankheit mit einer beim eigenen Geschlechte +dominanten+
-Anlage, dann wird es +sicher+ nur normale Keime liefern. Dagegen wird
-ein Individuum, das selbst von einer Familienkrankheit mit +rezessiver+
-Anlage frei ist und frei bleibt, trotzdem krankhafte Keime liefern
-+können+. Leider ist unsere wissenschaftliche Kenntnis in dieser
-Hinsicht noch nicht sehr groß, so daß es +als eine der wichtigsten
-Regeln bezeichnet werden muß, unter allen Umständen auf Kreuzung mit
-gesundem, d. h. mindestens von der eigenen krankhaften Familienanlage
-freiem Stamme+ zu achten. Am sichersten wäre es für die Zukunft,
-wenn +alle+ Personen, in deren Aszendenz schlimme rezessive Anlagen
-heimisch sind, sich der Fortpflanzung gänzlich enthalten würden,
-gleichgültig, ob sie selbst krank sind oder nicht. Dieser Grundsatz ist
-aber heute, wo gewisse rezessive Anlagen, wie die Krankhaftigkeiten
-des Nervensystems, so häufig sind, völlig undurchführbar. Aber die
-+Kreuzung mit gesundem Stamm+ sollte bei Vorhandensein von rezessiven
-Krankheitsanlagen als Gewissenspflicht betrachtet werden.
-
-Die Gatten müssen auch alles zu tun suchen, um durch entsprechende
-eigene Lebensweise und durch Schaffung günstiger Entwicklungs- und
-Lebensbedingungen für die Nachkommenschaft das +Hervortreten+ der
-ererbten krankhaften Anlagen zu verhindern (s. o.).
-
-Zu junge und zu alte oder erkrankte Personen sollen keine Kinder
-zeugen. Sowohl zu enge Verwandtschaft als zu große Verschiedenheit der
-Abstammung sind der Fortpflanzung ungünstig.
-
-Selbst bei bester Abstammung, passendstem Alter und gesundem Aussehen
-der Erzeuger kann die Nachkommenschaft schlecht ausfallen. Es kommt
-gar nicht selten vor, daß scheinbar völlig gesunde Eltern aus gutem
-Stamme kranke oder schwer zu Krankheit veranlagte Kinder erzeugen.
-Dann ist +Keimverderb+ im Spiele. So kommt es z. B. vor, daß aus
-der Ehe eines +geheilten Syphilitikers+ Kinder hervorgehen, die
-eines nach dem anderen tuberkulös werden. Überaus häufig ist es,
-daß Leute, die +Mißbrauch mit alkoholischen Getränken+ treiben oder
-getrieben haben, selbst scheinbar gesund bleiben, aber unfruchtbar
-sind oder überwiegend lebensschwache, mehr oder weniger verkümmerte
-und minderwertige, insbesondere zu Tuberkulose, zu Herz-, Nieren-,
-Nervenkrankheiten neigende Kinder erzeugen. Die auffallend häufige
-Verkümmerung der Familien der akademisch Gebildeten ist ohne Zweifel
-im wesentlichen die Folge der traurigen akademischen Trink- und
-Sexualsitten und ihrer Fortsetzung weit in die Philisterzeit hinein.
-Auch manche +Berufsschädigungen+ scheinen einen sehr üblen Einfluß
-auf die Keime ausüben zu können, ohne daß das die Keime liefernde
-Individuum selbst auffällig krank zu sein braucht. Besonders schädlich
-wird der Nachkommenschaft +angestrengte Berufstätigkeit der Frau+.
-+Überreichliche Ernährung+ schadet ebenfalls -- wie bei Tieren und
-Pflanzen nachgewiesen ist -- der Erzeugung guter Keime. Vielleicht gibt
-es auch noch andere schädliche Einflüsse im Leben der +Wohlhabenden+
-und der +Städter+, welche ihre Keime verschlechtern. Sicher ist, daß
-die lebenskräftigsten Keime in der Regel von Individuen zu erwarten
-sind, die selbst vom Lande stammen oder väter- oder mütterlicherseits
-aus einer Familie, welche erst jüngst in die Stadt, in eine höhere
-Gesellschaftsklasse gelangt ist. Bei Kreuzung unter sich sterben die
-städtischen Familien und die Familien der höheren Stände in der Regel
-binnen drei Generationen aus. Dies bedeutet für das Volk im ganzen die
-fortgesetzte Ausmerzung seiner begabtesten Zuchtstämme und damit die
-Gefahr einer fortschreitenden Verschlechterung der Beschaffenheit des
-Durchschnittes und zunehmenden Mangels an zur +Führung+ geeigneten
-Persönlichkeiten. Es muß ernstlich versucht werden, durch vernünftige
-Gattenwahl und vernünftige Lebensführung diesem Unheil Einhalt zu tun.
-
-
-
-
-3. Kapitel.
-
-Die Geschlechtsorgane.
-
-
-Die Keime werden in besonderen Drüsen gebildet und abgesondert; die
-Samenkörperchen oder Spermatozoen in den beiden Hoden des Mannes,
-die Eier in den beiden Eierstöcken der Frau. Diese Keimdrüsen sind
-die wichtigsten Teile des ganzen Geschlechtsapparates; sie bestimmen
-den Geschlechtscharakter. Die übrigen Teile sind dazu bestimmt, die
-beiden Keimstoffe zusammenzubringen; bei der Frau außerdem dazu, dem
-befruchteten Keime eine Stätte der Entwicklung und des Wachstums zu
-gewähren und der Ernährung des Neugeborenen zu dienen.
-
-Der männliche Zeugungs- und Begattungsapparat besteht aus den Hoden,
-den Nebenhoden, den Samenleitern, den Samenblasen (oder Blasendrüsen),
-der Vorsteherdrüse, den Cowperschen Drüsen und dem Zeugungsgliede. Alle
-Teile bis auf Vorsteherdrüse und Zeugungsglied sind paarig.
-
-Der weibliche Geschlechtsapparat besteht aus den beiden Eierstöcken,
-den beiden Eileitern, aus der Gebärmutter, der Scheide, den
-Bartholinischen Drüsen, den äußeren Geschlechtsteilen und den Brüsten.
-
-Trotz aller Verschiedenheit im Baue und in der Lage -- die männlichen
-Geschlechtsteile liegen zum größten Teile außerhalb der Leibeshöhlen,
-die weiblichen innerhalb -- läßt sich nachweisen, daß beide
-Geschlechtsapparate aus einer äußerlich ursprünglich gleichartigen
-Anlage durch verschiedenartige Entwicklung hervorgehen.
-
-Die +Hoden+ mit den +Nebenhoden+ haben die Gestalt eines von vorne und
-hinten etwas plattgedrückten Eies. Sie sind beim erwachsenen Manne
-etwa 5 _cm_ lang, 3 _cm_ breit und 2,5 _cm_ dick, jeder wiegt etwa 16
-_g_. Sie hängen am Samenstrange und sind mit mehreren häutigen Hüllen
-versehen. Sie stecken im Hodensacke, der durch eine Scheidewand in
-zwei Hälften, eine rechte und eine linke, geteilt ist. Die Lage der
-Scheidewand ist außen durch die Naht, die von vorne nach hinten über
-den Hodensack wegläuft, bezeichnet.
-
-Bei der mikroskopischen Untersuchung läßt sich erkennen, daß der ganze
-Hoden aus Knäueln von langen Schläuchen besteht, in deren Wänden
-sich eigentümliche Drüsenzellen, die Samenmutterzellen, befinden,
-welche die Spermatozoen liefern. Nach ungefährer Schätzung sind diese
-Drüsenschläuche des Hodens zusammen 500 bis 600 _m_ lang. An einem
-Ende sind sie blind; das andere findet seine Fortsetzung zunächst im
-Nebenhoden, dann im Samenleiter.
-
-Der +Samenleiter+ bildet zusammen mit den Blut- und Lymphgefäßen und
-den Nerven des Hodens den +Samenstrang+, an dem der Hoden hängt und der
-im sogenannten Leistenkanale die Bauchwand durchsetzt. Im Bauchraume
-ziehen die Samenleiter um die Harnblase herum zum Blasengrunde, wo sie
-schließlich in die Harnröhre münden. Die Wand der Samenleiter wird
-hauptsächlich aus einer dicken Schicht von Ring- und Längsmuskeln
-gebildet, die sich wurmartig zusammenziehen können.
-
-Dort, wo die Samenleiter in die Harnröhre münden, unter dem Grunde
-der Harnblase, liegen die zwei +Blasendrüsen+ oder Samenblasen
-und die +Vorsteherdrüse+ oder Prostata. Alle drei Drüsen sondern
-Flüssigkeiten ab, die zusammen mit dem Samen entleert werden und dazu
-dienen, den Spermatozoen ihre Bewegungsfähigkeit und dadurch ihre
-Befruchtungsfähigkeit zu erhalten. Die Vorsteherdrüse, welche etwa die
-Größe und die Gestalt einer Kastanie hat, wird von der Harnröhre, dem
-Abflußrohre der Harnblase, durchbohrt.
-
-An der +Harnröhre+ unterscheidet man drei Abschnitte. Der oberste heißt
-„Vorsteherteil“, weil er von der Vorsteherdrüse umschlossen ist, dann
-kommt der „häutige Teil“, in dessen Wand sich kräftige Ringmuskeln
-befinden, und endlich der Gliedteil, welcher aus dem Körper herausragt,
-während die beiden anderen Teile im Körper verborgen sind. Dort, wo der
-Gliedteil beginnt, münden in die Harnröhre noch die Ausführungsgänge
-zweier etwa erbsengroßer Drüsen, der +Cowperschen Drüsen+.
-
-Der Gliedteil der Harnröhre ist dadurch ausgezeichnet, daß er von
-drei sog. +Schwellkörpern+ umgeben ist. Man unterscheidet zwei
-Schwellkörper des Gliedes und einen Schwellkörper der Harnröhre. Die
-drei Schwellkörper zusammen bilden das +Begattungsglied+ oder männliche
-Glied. Die +Schwellkörper des Gliedes+ liegen nebeneinander an der
-Ober-(Vorder-)seite des Gliedes, die Harnröhre mit ihrem Schwellkörper
-verläuft an ihrer Unter-(Hinter-)seite in der Längsfurche zwischen
-ihnen. Die Schwellkörper des Gliedes sind walzenförmige Gebilde,
-deren inneren Bau man sich ähnlich dem eines Badeschwammes vorstellen
-mag. Ein Netz- und Fachwerk aus Bindegewebe umschließt zahlreiche
-Hohlräume, die untereinander und mit den Schlagadern und Blutadern
-in offener Verbindung stehen und stets mehr oder weniger von Blut
-durchströmt werden. Ganz ähnlich wie die Schwellkörper des Gliedes ist
-auch der +Schwellkörper der Harnröhre+ eingerichtet, welcher wie der
-Mantel eines Mantelrohres die Harnröhre umhüllt. Dieser Schwellkörper
-hat hinten, wo der häutige Teil der Harnröhre in ihn eintritt, eine
-Anschwellung, die sog. +Zwiebel+, und geht vorne in die +Eichel+ über,
-welche über das vordere Ende der Schwellkörper des Gliedes kappenartig
-übergestülpt ist. Die sog. Zwiebel des Schwellkörpers der Harnröhre
-und ebenso die hinteren Enden der Schwellkörper des Gliedes sind an
-der Unterseite von kräftigen Muskeln umschlossen, welche willkürlich
-bewegt werden können. Auf der Kuppe der Eichel mündet die Harnröhre als
-Schlitz mit einer rechten und linken Lippe. Der Rand der Eichel ist
-wulstig verdickt und durch eine tiefe Furche gegen die Schwellkörper
-des Gliedes abgesetzt.
-
-Im gewöhnlichen Zustande hängt das Glied schlaff nach abwärts. Wenn
-sich aber die Schwellkörper stärker mit Blut füllen, dann streckt sich
-das Glied und richtet sich auf. Es nimmt dabei bedeutend an Größe
-zu und wird infolge der prallen Füllung der Schwellkörper mit Blut
-sehr steif und hart. Dabei entblößt sich beim Geschlechtsreifen die
-Eichel, die für gewöhnlich von der +Vorhaut+, einer Falte der leicht
-verschiebbaren Oberhaut des Gliedes, bedeckt ist. Die Vorhaut ist durch
-das +Bändchen+ an der Unterseite des Gliedes mit der Eichel verwachsen.
-Zwischen Vorhaut und Eichel sammelt sich das sog. +Smegma+ an, eine
-käseartig riechende, fettige Masse, welche von Drüsen am Eichelwulst
-abgesondert wird.
-
-Bei der Frau entsprechen den Hoden die +Eierstöcke+. Sie haben eine
-ähnliche Gestalt wie jene, sind aber kleiner. Jeder Eierstock wiegt
-nur etwa 6 _g_. Sie bestehen aus einem Gerüstwerk, in dem Tausende
-(zirka 70000) von winzig kleinen Bläschen liegen, die sog. +Graaf+schen
-+Follikel+. In den Graafschen Follikeln entwickeln sich die +Eier+,
-in jedem Follikel eines. Es werden jedoch nur etwa 400 von den vielen
-Tausenden während des ganzen Lebens reif. Wenn es zur Entwicklung eines
-Eies kommt, dann schwillt der Graafsche Follikel sehr bedeutend an,
-bis zu 15 _mm_ Durchmesser. Er rückt zugleich an die Oberfläche des
-Eierstocks und platzt schließlich, so daß das reife Ei frei wird und
-in die Bauchhöhle austritt, in welche die Eierstöcke hineinragen. Das
-Ei wird dann durch eigentümliche Vorrichtungen in den benachbarten
-+Eileiter+ (die sog. Muttertrompete), ein enges Rohr mit muskulöser
-Wand, hineinbefördert und in diesem der Gebärmutter zugeführt. Die
-+Gebärmutter+ hat etwa die Gestalt einer vorne und hinten etwas
-abgeplatteten kleinen Birne. Sie ist ein enger Sack mit einer dicken
-Muskelwand. Man unterscheidet an ihr den Körper -- der oberste dickste
-Teil -- den Hals und den Scheidenteil. Sie ist durch Aufhängebänder
-am Becken befestigt und mit den Eileitern verwachsen, die oben in den
-Körper der Gebärmutter münden. Unten öffnet sich die Gebärmutter mit
-dem sog. +Muttermunde+ gegen die Scheide. Während der Schwangerschaft,
-wo sich das Kind in der Gebärmutter entwickelt, nimmt diese das 20-
-bis 30fache ihrer normalen Größe an.
-
-Die +Scheide+ ist ein häutiges Rohr mit einem oberen blinden Ende. Sie
-ist zur Aufnahme des männlichen Gliedes bei der Begattung bestimmt.
-In den oberen Teil der Vorderwand der Scheide ragt zapfenartig der
-+Scheidenteil+ der Gebärmutter herein, an dem sich der Muttermund
-befindet. Nach unten geht die Scheide in die +Schamspalte+ über,
-einen Schlitz, der von den inneren kleinen und den äußeren großen
-+Schamlippen+ gebildet wird. Vorne, wo die kleinen Schamlippen
-verwachsen sind, befindet sich die sog. +Klitoris+, ein kleines
-zapfenartiges Gebilde, das aus einem Schwellkörper, ähnlich denen
-des Mannes, besteht. Im Grunde der Schamspalte, am vorderen Rande
-des Einganges der Scheide, mündet die Harnröhre; am hinteren Rande
-des Scheideneinganges münden die Ausführungsgänge der kleinen
-+Bartholinischen Drüsen+. Bei der Jungfrau befindet sich hier
-meist eine Schleimhautfalte, welche den Scheideneingang teilweise
-verschließt, das +Jungfernhäutchen+, das in der Regel unter geringer
-Blutung beim ersten Beischlafe zerreißt.
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-4. Kapitel.
-
-Der Geschlechtstrieb und die angebliche hygienische Notwendigkeit des
-Beischlafes.
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-In unseren Gegenden beginnt beim Knaben etwa im 14. oder 15.
-Lebensjahre die sog. Pubertäts- oder Mannbarkeitsperiode, d. h. die
-Zeit, in welcher die männlichen Geschlechtsdrüsen erst ihre volle
-Reife und Ausbildung erlangen. Sie dauert mehrere Jahre. Um diese Zeit
-stellt sich eine erhebliche Vergrößerung der Hoden ein, in denen jetzt
-erst die Bildung der Spermatozoen beginnt.[B]
-
-Beim Mädchen beginnt die Geschlechtsreife in der Regel etwas früher.
-Sie ist bei diesem durch das rasche Wachstum der Eierstöcke und durch
-die Ausbildung reifer Eier charakterisiert. Alle 28 Tage wird in der
-Regel ein Ei reif und aus dem Eierstock in die Eileiter befördert.
-Zur Zeit dieses Vorganges tritt eine Erweiterung der Gefäße in der
-Schleimhautauskleidung der Gebärmutter ein. Ein Teil der Gefäße
-zerreißt, und Blut tritt aus ihnen aus. Das ausgetretene Blut (etwa
-100-200 _ccm_) fließt aus den äußeren Geschlechtsteilen ab. Der
-Blutausfluß dauert normalerweise drei bis vier Tage (monatliche
-Blutung, Periode, +Menstruation+). Bei der gesunden Frau wiederholt
-sich der Vorgang der Menstruation in der geschilderten Weise vom
-Beginne der Geschlechtsreife bis zum Eintritte des sog. +Klimakteriums+
-oder +Wechsels+ zwischen dem 45. bis 50. Lebensjahre. Nur solange
-die Frau menstruiert, ist sie befruchtungsfähig. Während der
-Schwangerschaft und während des Stillens setzt die Menstruation in der
-Regel vollständig aus.
-
-Beim Manne findet die Samenabsonderung ununterbrochen statt. Sie hält
-auch in viel höheres Alter hinein an als die Bildung reifer Eier bei
-der Frau. Wenn sich eine gewisse Menge Samen in den Ausführungsgängen
-der Hoden angesammelt hat, kommt es zu freiwilliger Samenentleerung;
-normalerweise zur Nachtzeit: nächtliche +Pollution+. Ihr erstes
-Auftreten bezeichnet scharf den Eintritt der Pubertät.
-
-Mit der Pubertät entwickeln sich auch die sogenannten +sekundären
-Geschlechtscharaktere+. Beim Jünglinge wie beim Mädchen beginnen an
-den äußeren Geschlechtsteilen und in den Achselhöhlen, beim Manne auch
-an den Lippen, am Kinne und an den Backen Haare hervorzusprießen;
-die äußeren Geschlechtsteile, beim Manne das Glied, beim Weibe die
-Brustdrüse, beginnen rasch zu wachsen; der ganze Körper, namentlich
-das Knochen- und Muskelsystem, treten in eine Periode stärkeren
-Wachstums ein; auch der Kehlkopf nimmt, insbesondere beim Manne,
-rasch an Größe zu, was die bekannte Veränderung der Stimmlage, das
-+Mutieren+, zur Folge hat. Alle diese Veränderungen sind Folgen des
-Beginnes der Tätigkeit der Geschlechtsdrüsen und bleiben aus, wenn die
-Hoden vor Eintritt der Pubertät entfernt werden (bei Kastraten). Sie
-sind darauf zurückzuführen, daß die tätigen Keimdrüsen neben Samen und
-Ei noch andere Stoffe absondern, die ins Blut übergehen und dann auf
-die verschiedenen Organe des Körpers einwirken (+innere Sekretion+).
-Diese inneren Absonderungen der Geschlechtsdrüsen wirken auch auf das
-Zentralnervensystem ein und führen die Entwicklung des männlichen
-und weiblichen seelischen Geschlechtscharakters und das freiwillige
-Erwachen des +Geschlechtstriebes+ herbei.
-
-Der Geschlechtstrieb äußert sich in verschiedener Weise: als
-Verlangen nach +geschlechtlicher Vereinigung+ und als Verlangen nach
-+Nachkommenschaft+. Bei noch unberührten Frauen guter Art ist meistens
-dieses letztere Verlangen viel stärker als das erstere.
-
-Der Begattungstrieb äußert sich zunächst darin, daß der Anblick oder
-die Vorstellung einer Person des anderen Geschlechtes Freude erregt,
-den Wunsch nach Annäherung, nach Berührung, Umarmung, nach Gegenliebe
-zu erwecken vermag. Bei der unberührten Jungfrau geht das Verlangen in
-der Regel nicht weiter; ja, es gibt nicht wenige Frauen, die zeitlebens
-in Kuß und inniger Umarmung volle Befriedigung finden würden, denen
-der eigentliche Begattungsakt keine besondere Lust gewährt und die den
-Beischlaf nur aus Verlangen nach Nachkommenschaft und aus dem Wunsche,
-dem geliebten Manne Freude zu bereiten, gestatten. Gerade derartige
-Frauen geben häufig treffliche Hausfrauen und Mütter ab.
-
-Beim Manne aber führt die Befriedigung des Verlangens nach Berührung
-zum immer stärker anschwellenden Verlangen nach dem Vollzuge der
-Begattung, zu welcher ihn die inzwischen eingetretene Steifheit des
-Gliedes befähigt.
-
-Beim +Beischlafe+ wird das infolge der geschlechtlichen Erregung steif
-gewordene Glied in die Scheide hineingeschoben und in derselben hin und
-her bewegt. Infolge der Reibung und des dadurch bewirkten Nervenreizes
-kommt es zur Ausschleuderung des Samens, zur +Ejakulation+. Der Samen
-wird zuerst aus den Nebenhoden in die Samenleiter gedrückt und in
-diesen dann durch die erwähnten wurmartigen Zusammenziehungen ihrer
-Muskeln weiter bis in die Harnröhre gepreßt. Zugleich mit dem Samen
-werden auch die Absonderungen der Blasendrüsen und der Vorsteherdrüse
-in die Harnröhre ergossen. Alsbald folgen Zusammenziehung der
-Muskelfasern des häutigen Teiles der Harnröhre und jener Muskeln,
-welche die hinteren Teile der Schwellkörper umhüllen, so daß die
-gemischten Flüssigkeiten aus der Mündung der Harnröhre stoßweise
-herausgeschleudert werden. Der Schließmuskel der Harnblase hat sich
-gleichzeitig ebenfalls so fest als möglich zusammengezogen, so daß der
-Samen aus der Harnröhre nur nach vorne und nicht nach hinten in die
-Blase befördert werden kann.
-
-Der abgeschleuderte Samen gelangt in die Scheide, manchmal aber durch
-den sich öffnenden Muttermund zum Teile unmittelbar in den Halskanal
-der Gebärmutter. Auf alle Fälle gelangt ein Teil der Spermatozoen
-auf der Suche nach dem Ei mit der Zeit in die Gebärmutter und in die
-Eileiter, nicht selten bis in die Bauchhöhle. Nach ihrer Auflösung
-gelangen ihre Bestandteile in die Säfte des Weibes. Es ist also in
-der Anatomie und Physiologie begründet, wenn die Frau instinktiv
-zurückhaltender ist als der Mann, und wenn selbst eine tiefstehende
-Moral, die dem Manne keine Zügel anlegt, von ihr geschlechtliche
-Zurückhaltung streng fordert. Auch wenn es nicht zur Befruchtung mit
-allen ihren für die Frau so gewichtigen Folgen kommt, bedeutet der
-Beischlaf für die Frau eine unvergleichlich tiefere und nachhaltigere
-körperliche Einwirkung als für den Mann.
-
-Mit Eintritt der Ejakulation sinkt das geschlechtliche Verlangen sofort
-auf Null herab, um erst nach einiger -- allerdings sehr ungleich langer
--- Zeit wieder zu erwachen. Das äußere Kennzeichen dafür ist die
-normalerweise alsbald nach der Ejakulation eintretende vollständige
-Erschlaffung des Gliedes.
-
-Auch bei der geschlechtlich stärker erregbaren oder durch das
-geschlechtliche Zusammenleben stärker erregbar gewordenen Frau
-stellt sich unmittelbar vor und während des Beischlafes eine starke
-Blutfüllung in den Geschlechtsteilen und infolgedessen ebenfalls
-ein Verlangen nach Entspannung ein. Beide Erscheinungen erlöschen
-erst dann vollständig, wenn eine gewisse Höhe der Wollustempfindung
-(geschlechtlicher Orgasmus) überschritten worden ist, ähnlich der,
-welche beim Manne die Ejakulation zu begleiten pflegt.
-
-Die Befriedigung des Geschlechtstriebes durch den Beischlaf ist für
-gesunde, reife Menschen ohne Zweifel das Naturgemäße. Indessen ist
-es mit der Heranzucht einer gesunden und tüchtigen Nachkommenschaft,
-mit höherer Kultur und geordnetem Gesellschaftsleben überhaupt
-unvereinbar, daß jeder das auftauchende Verlangen ohne weiteres
-befriedigt -- blindlings Kinder in die Welt setzt. +Die gesetzliche
-Ordnung des Geschlechtsverkehrs ist eine soziale Notwendigkeit.+ Natur
-und Kultur befinden sich da im Widerstreite, und jede Generation ist
-von neuem vor die folgenschwere Entscheidung gestellt, wie sie sich mit
-den einander widerstreitenden Forderungen abfinden kann und abfinden
-will.
-
-Es interessiert uns daher vor allem die Frage, ob die Befriedigung des
-Geschlechtstriebes durch den Beischlaf eine hygienische Notwendigkeit
-ist; ob die Enthaltung vom Beischlaf schädlich ist, etwa wie die
-Nichtbefriedigung des Hungers, des Durstes, des Schlafbedürfnisses.
-
-Muß, ganz abgesehen von der Befriedigung des Verlangens nach Beischlaf,
-der Samen aus dem Körper des Mannes häufig entfernt werden, wie der
-Harn oder der Darmkot?
-
-Von all dem kann keine Rede sein. Der Nahrungstrieb, der Schlaftrieb
-dienen der Erhaltung des Individuums. Sie müssen befriedigt werden,
-wenn nicht das Individuum zugrunde gehen soll; der Geschlechtstrieb
-aber dient nur zur Erhaltung der Gattung; er sucht das Individuum
-rücksichtslos einem seinem individuellen Leben ganz fremden Zwecke zu
-unterjochen.
-
-Der Mann ist bei uns etwa erst im 24. Jahre voll erwachsen; das Mädchen
-etwa erst mit 20 Jahren voll gebärfähig, da erst in diesem Alter das
-Wachstum seines knöchernen Beckens vollendet ist. Lange, bevor die
-volle körperliche Entwicklung eingetreten ist, erwacht aber schon
-der Trieb. Die Befriedigung des Geschlechtstriebes vor Vollendung
-der Entwicklung ist aber keineswegs zuträglich, wie die höhere
-Sterblichkeit jugendlicher Ehemänner und Ehefrauen unter 20 Jahren im
-Vergleiche mit ihren ledigen Altersgenossen lehrt. Ebenso zeigt sich
-der Geschlechtstrieb bei Männern gar nicht selten noch im hohen Alter,
-und auch hier lehrt die Erfahrung, daß seine Befriedigung überaus
-schädlich werden kann. Diese Tatsachen beweisen aufs klarste, wie
-ganz anders es sich mit dem Fortpflanzungstriebe verhält als mit dem
-Selbsterhaltungstriebe.
-
-An eine Schädlichkeit der Zurückhaltung des Samens im Körper ist erst
-recht nicht zu denken. Der Samen ist kein schädlicher Auswurfstoff,
-kein Stoffwechselabfallstoff wie der Harn oder der Kot. Man hat
-darüber Experimente gemacht, indem man Menschen Samenflüssigkeit oder
-wässerige Auszüge aus Tierhoden unter die Haut gespritzt hat. Diese
-Einspritzungen wirken günstig. Namentlich ist es erwiesen, daß sie
-die Wirkung der Übung auf unsere Muskeltätigkeit erhöhen. Bekanntlich
-erhöhen körperliche Übungen die Leistungfähigkeit unserer Muskeln. Dies
-ist nun in viel höherem Grade der Fall, wenn Hodenauszug oder Samen
-eingespritzt wird; die Muskeln und die Muskelnerven ermüden dann viel
-weniger und erholen sich dann viel rascher.
-
-Diese Experimente stehen auch im Einklang mit der uralten Erfahrung,
-daß höchste körperliche Leistungen nur bei vollständiger Enthaltung
-von jeder Art Befriedigung des Geschlechtstriebes erzielt werden
-können. Deshalb enthielten sich die Athleten bei den Griechen und
-Römern ebenso des Beischlafes, wie dies unsere heutigen Sportsleute
-tun, wenn sie sich auf ihre Wettkämpfe vorbereiten (trainieren). Und
-daß es sich auch mit den geistigen Leistungen ganz ähnlich verhält,
-lehren vielfache Erfahrungen von Gelehrten und Künstlern. Während der
-Zeit der Enthaltung wird sicherlich Samen aufgesaugt und gelangen
-seine Bestandteile ins Blut. Dies wirkt also -- wie wir sehen -- nicht
-schädlich, sondern günstig. Wir haben übrigens soeben erst davon
-gesprochen, wie die innere Sekretion der Geschlechtsdrüsen den Körper
-von Mann und Frau erst zur vollen Entwicklung bringt.
-
-Man könnte nun allerdings denken, daß die Aufsaugung von Samen nur dann
-nützlich ist, wenn sie eine gewisse Höhe nicht überschreitet, daß ein
-Zuviel davon aber schädlich werden könne. Diesem Einwande gegenüber muß
-darauf aufmerksam gemacht werden, daß die Natur durch die nächtlichen
-Pollutionen -- die etwas ganz Normales sind, wenn sie nicht allzu
-häufig stattfinden -- schon vorgesorgt hat, daß keine übermäßigen
-Ansammlungen von Samenflüssigkeit stattfinden, ferner darauf, daß die
-Absonderung des Samens von selbst abnimmt, wenn der Geschlechtsapparat
-nicht benützt wird. Mit den Hoden verhält es sich in dieser Beziehung
-geradeso wie mit den anderen Organen. Wenn sie nicht benützt werden,
-erhalten sie weniger Blut zugeführt, und wenn sie weniger Blut
-erhalten, sinkt ihre Ernährung und ihre ganze Lebenstätigkeit. Also
-auch dadurch ist einem Schaden vorgebeugt.
-
-Der Leser wird aber vielleicht sagen: „Es mag sein, daß der Samen keine
-schädliche Flüssigkeit ist, die entfernt werden muß; ich sehe ein, daß
-der Geschlechtstrieb keine Einrichtung zur Erhaltung des Individuums
-ist; aber was hilft es? Ist denn der Trieb nicht unüberwindlich? Und
-wenn er überwunden werden kann, erregt und erschöpft denn dieser
-beständige Kampf unser Nervensystem nicht in solcher Weise, daß dadurch
-die Gesundheit leidet? Das wird doch auch von Ärzten gelehrt.“
-
-Davon, daß bei einem gesunden, normalen Manne das Verlangen nach
-Beischlaf +unüberwindlich+ ist, so daß es befriedigt werden +müßte+,
-kann keine Rede sein. Es ist unleugbar, daß manchem geschlechtsreifen
-Manne der nicht befriedigte Trieb erhebliche Beunruhigungen schafft,
-und daß es ihm zeitweise große Anstrengungen kosten kann, ihn im Zaume
-zu halten. Bei den meisten Männern ist der Geschlechtstrieb aber gar
-nicht so stark, als manchmal behauptet wird, und bei jedem Manne hängt
-die Stärke seiner Regungen in hohem Maße von seiner Lebensweise und von
-seinem ganzen Verhalten ab. Wenn wir unsere Vernunft und unseren Willen
-gebrauchen wollten, würde es der ungeheuren Mehrheit der gesunden
-Männer nicht allzu schwer werden, sich des geschlechtlichen Verkehrs zu
-enthalten und sich auch bei mangelnder geschlechtlicher Befriedigung
-von stärkerer Belästigung und Störung des Wohlbefinden freizuhalten. Um
-darüber klar zu werden, müssen wir zunächst genauer betrachten, wie die
-geschlechtliche Erregung zustande kommt.
-
-Auch der leidenschaftlichste Mann ist nicht +immer+ sexuell erregt. Die
-geschlechtliche Erregung tritt stets nur zeitweise, in der Regel nur
-auf äußere Anstöße hin, ein und läßt von selbst nach einer gewissen
-Dauer wieder nach, wenn der äußere Anlaß zu wirken aufgehört hat.
-Von dem Zustande, in dem sich die Hoden befinden, namentlich von
-ihrer Blutfülle und der Füllung ihrer Ausführungsgänge mit Samen,
-hängt der Grad der Erregbarkeit ab, d. h. ob schwächere oder stärkere
-Einwirkungen erforderlich sind, damit die geschlechtliche Erregung
-wirklich eintritt.
-
-Die Erregung kann zunächst durch örtliche Reizung der Empfindungsnerven
-veranlaßt werden. Von den Geschlechtsteilen, insbesondere vom Gliede,
-laufen Empfindungsnerven zum Rückenmarke. Werden sie, z. B. durch
-Berührung des Gliedes, erregt, so leiten sie diese Erregung zum
-Rückenmarke fort, wo sie unmittelbar auf Nerven übergeht, die wieder
-zum Gliede zurücklaufen, und zwar zu seinen Blutgefäßen. Die Erregung
-dieser Nerven hat zur Folge, daß den Schwellkörpern des Gliedes
-reichlicher Blut zugeführt wird, während gleichzeitig der Abfluß des
-Blutes aus ihnen erschwert wird. Das Blut häuft sich also im Gliede
-an; diesem schwillt an, richtet sich auf und wird steif. Dieser
-Vorgang der Erektion (Aufrichtung) kann völlig unabhängig von unserem
-Bewußtsein verlaufen, kann ein reiner +Reflexvorgang+ sein -- wie wir
-zu sagen pflegen. Er kann auch ohne jede Wollustempfindung stattfinden,
-wie z. B. bei ganz jungen Knaben bei Harndrang. Bei älteren Knaben
-aber erwecken die Erregungen, die von den sensiblen Nerven der
-Geschlechtsteile zum Rückenmark und zum Gehirne weitergeleitet
-werden, oft schon lange vor dem Eintritte der Pubertät eigentümliche
-Lustgefühle; beim Geschlechtsreifen erweckt die Steifheit des Gliedes
-außerdem Bedürfnis nach Entspannung und Verlangen nach dem Weibe. So
-kommen z. B. wollüstige Träume zustande, wenn während des Schlafes
-infolge des Reizes, den der Druck der gefüllten Blase auf die
-Nachbarschaft ausübt, das Glied steif geworden ist (was am häufigsten
-gegen Morgen eintritt, daher die Bezeichnung „Morgensteifheit“).
-Wie durch den Druck der gefüllten Blase kann auch durch den Druck
-des gefüllten Mastdarmes auf seine Nachbarschaft, durch Druck und
-Reibung der äußeren Geschlechtsteile seitens der Kleidung oder der
-übereinandergeschlagenen Beine, durch Jucken infolge von Unreinlichkeit
-der Haut oder von Hautausschlägen Erektion und durch diese wieder
-geschlechtliches Verlangen erregt werden.
-
-Es ist ohne weiteres klar, daß man sehr vieles tun kann, um diesen
-Erregungen vorzubeugen. Man vermeide, abends viel zu trinken, man
-sorge für geregelten Stuhlgang, man trage weite Hosen und vermeide
-auch sonst jeden stärkeren Druck auf die Geschlechtsteile, wie
-durch Übereinanderschlagen der Beine oder durch schwere Bettdecken
-und Überbetten; man vermeide jede überflüssige Berührung der
-Geschlechtsteile mit der Hand, man halte durch Waschungen und Bäder
-die Haut rein, sorge für frühzeitige ärztliche Behandlung von
-Hautausschlägen usw.
-
-Ebenso wie örtliche Erregung wollüstige Vorstellungen hervorrufen
-kann, führen umgekehrt gewisse Vorstellungen zur Erregung der
-Geschlechtslust und zur Erektion. Wenn man derartige erregende
-Vorstellungen zu vermeiden sucht, kann man unendlich viel in der
-Beherrschung des Triebes erreichen. Aber nur allzu häufig geschieht das
-Gegenteil: der Geschlechtstrieb wird durch leichtfertige Gespräche,
-durch Lesen unzüchtiger Bücher, durch Anblick obszöner Bilder und
-Theatervorstellungen u. dgl. künstlich erweckt und gestachelt! Wenn der
-Geschlechtstrieb heute bei so vielen Knaben und unreifen Jünglingen
-frühzeitig zur Äußerung kommt, so ist dies nicht ein natürliches
-Erwachen, sondern sicherlich bei 90 von 100 die Folge von Verführung.
-Und dieselbe verruchte Afterkunst und Afterliteratur, die unsere
-Sinnlichkeit mit allen Mitteln unablässig reizt und stachelt, lehrt
-dann die angebliche Unüberwindlichkeit des Triebes!
-
-Ebenso, wie wir in hohem Maße fähig sind, der geschlechtlichen Erregung
-vorzubeugen, so sind wir auch imstande, die eingetretene Erregung zu
-bändigen. Wenn so viele junge Männer dem geschlechtlichen Verlangen
-ohne weiteres Folge leisten und es durch unehelichen Beischlaf
-befriedigen, so ist dies keineswegs ein Beweis dafür, daß sie ihm
-folgen müssen. Sie +wollen+ nur nicht ernstlich sich beherrschen!
-Weichlichkeit, Neugierde und kindischer Ehrgeiz, es den anderen
-gleichzutun, Betäubung des Gewissens und der Urteilskraft durch
-Alkohol spielen dabei eine viel größere Rolle als der Trieb selbst.
-Die meisten wohlerzogenen jungen Leute machen ihren ersten Besuch
-bei Prostituierten und holen sich ihre venerischen Erkrankungen in
-„angeheitertem“ Zustande, wenn sie nicht mehr fähig sind, die Folgen
-ihres Tuns klar zu überblicken.
-
-Vom Gehirne gehen nicht allein Erregungen des Geschlechtsapparates
-aus, sondern auch +Hemmungen+ des Reflexvorganges der Erektion. Diese
-Hemmungen kommen häufig von selbst, ganz unwillkürlich zustande.
-So ist z. B. bekannt, daß Schrecken, Schmerz und andere heftige
-Empfindungen, daß lebhaft auftauchende Vorstellungen überhaupt, welche
-die Aufmerksamkeit ablenken, ganz plötzlich Erlöschen des Verlangens
-und Erschlaffen des Gliedes herbeiführen können. Intensive geistige
-Beschäftigung pflegt die Erregungen, die von den Geschlechtsorganen
-ausgehen, von vornherein zu übertönen. Wir können nun auch willkürlich
-solche Vorstellungen erwecken, welche die Erregung hemmen, z. B. die
-Vorstellung von unseren Pflichten oder von den Gefahren, welche die
-Befriedigung des Triebes mit sich bringt.
-
-Nicht allein auf dem Gebiete des Geschlechtslebens, sondern allen
-Einwirkungen der Außenwelt gegenüber ist nur derjenige +Herr seiner
-selbst und daher frei+, der die Hemmungseinrichtungen, die in seinem
-Gehirne vorhanden sind, zu gebrauchen gelernt hat; diese Fähigkeit
-kennzeichnet den Kulturmenschen. Der andere bleibt der Sklave des
-Augenblicks.
-
-Wir stehen also keineswegs machtlos da. Die wichtigste Regel aber
-für den, der Selbstbeherrschung üben soll und üben will, ist:
-+Widerstehe dem Anfange!+ „_Principiis obsta!_“ +In ihrem ersten
-Beginne+ ist die einzelne geschlechtliche Erregung meist so schwach,
-daß sie mit leichter Mühe unterdrückt werden kann. Versäumt man aber
-dies Stadium oder gibt man der Empfindung nach, dann schwillt sie
-lawinenartig an und erfordert schließlich eine gewaltige und peinliche
-Willensanstrengung zu ihrer Unterdrückung.
-
-Daß aber die Gesundheit Schaden nimmt, wenn selbst heftigere derartige
-Kämpfe häufiger stattfinden, kommt bei Menschen mit einem von
-vornherein normalen und nicht geschwächten Nervensysteme wohl kaum
-vor. Jene krankhaften Erscheinungen, die man gerne der Enthaltsamkeit
-zuschreibt, sind nicht die Folge von dieser, sondern im Gegenteile
-in der Regel die Folge geschlechtlicher Ausschweifungen und Sünden.
-Es können aber auch nachweisbare Krankheiten des Geschlechtsapparates
-oder des Zentralnervensystems vorliegen. Es sind Fabeln, wenn behauptet
-wird, daß beim Manne Samenfluß oder schmerzhafte Entzündungen im Hoden
-und Nebenhoden, Samenaderbruch (Varikokele), Unfähigkeit zum Beischlaf
-(Impotenz), oder umgekehrt die sog. Satyriasis; beim Weibe weißer
-Fluß, Bleichsucht, Hysterie, Lageveränderungen und Geschwülste der
-Gebärmutter, die sog. Nymphomanie; bei beiden Geschlechtern Irrsinn,
-Neigung zum Selbstmord, zu Verbrechen aus der Nichtbefriedigung des
-Geschlechtstriebes durch den Beischlaf entständen.
-
-Allerdings zeigt der Vergleich der Sterblichkeitsverhältnisse der
-Verheirateten und der Ledigen, daß die Mortalität der verheirateten
-Männer in allen Altern über 20 Jahre und die Mortalität der Ehefrauen,
-nachdem das Alter der größten Geburtenhäufigkeit überschritten ist,
-erheblich geringer ist als die der Ledigen. Aber diese geringere
-Sterblichkeit, ebenso wie die geringere Häufigkeit von Irrsinn,
-Selbstmord, Verbrechen unter ihnen kann schon deshalb nicht auf die
-Befriedigung des Geschlechtstriebes bei den Verheirateten bezogen
-werden, weil die Ledigen leider zum großen Teile durchaus nicht
-Personen sind, die den Trieb nicht durch Beischlaf befriedigen. Die
-geringere Sterblichkeit der Verheirateten beruht zum Teile darauf,
-daß beim Abschlusse der Ehe auch heute schon eine gewisse Auslese
-stattfindet und körperlich elende, kranke oder verkümmerte Individuen,
-Idioten, Irrsinnige, Blinde, Lahme usw., in der Regel nicht geehelicht
-werden. Hauptsächlich aber beruht sie darauf, daß die Verheirateten
-in der Regel ein geordneteres Leben führen, weniger Alkoholmißbrauch
-treiben und viel weniger der Gefahr der Geschlechtskrankheiten
-ausgesetzt sind. Wie gering die Rolle ist, welche die Befriedigung
-des Geschlechtstriebes durch den Beischlaf dabei spielt, geht daraus
-hervor, daß Mönche und Nonnen trotz der Ungunst mancher ihrer
-Lebensbedingungen im allgemeinen keine wesentlich höhere Sterblichkeit
-aufweisen als ihre Altersgenossen unter den Laien.
-
-Leichtere Störungen und Unbehaglichkeiten, wie unruhiger Schlaf infolge
-von Erektionen, häufigere Pollutionen, Kopfschmerzen und eine gewisse
-nervöse Aufregung infolge von Blutfülle, lassen sich durch die früher
-besprochenen Maßregeln, ferner durch Enthaltung von alkoholischen
-Getränken und stark gewürzten Speisen, kühles, nicht zu weiches Bett,
-kalte Waschungen und Bäder, ferner insbesondere durch intensive Pflege
-von körperlichen Übungen bis zu deutlicher Ermüdung in der Regel
-leicht vermeiden oder beseitigen. Je beharrlicher alles vermieden
-wird, was den Geschlechtstrieb erregen könnte, um so leichter fällt im
-allgemeinen die Enthaltsamkeit, da -- wie wir schon besprochen haben
--- die Hoden bei Nichtgebrauch des Geschlechtsapparates ihre Tätigkeit
-einschränken.
-
-
-
-
-5. Kapitel.
-
-Folgen der geschlechtlichen Unmäßigkeit und Regeln für den ehelichen
-Geschlechtsverkehr.
-
-
-Während kaum irgend etwas Sicheres von schädlichen Folgen der
-Enthaltsamkeit vom Beischlaf für Menschen mit gesundem Nervensystem
-bekannt ist, steht es fest, daß +geschlechtliche Unmäßigkeit+ sehr
-häufig schadet. Besonders häufig leidet beim Manne das Nervensystem
-darunter, was leicht begreiflich ist, wenn man die heftige Erregung
-bedenkt, unter welcher sich der Beischlaf vollzieht.[C] Schon deshalb
-darf also auch in der Ehe der Geschlechtstrieb nicht zügellos
-befriedigt werden.
-
-Auch in jenen Perioden der Ehe, während deren der Beischlaf erlaubt
-ist, darf er nicht zu häufig ausgeübt werden. Viele alte Gesetzgeber
-haben darüber Vorschriften gegeben: Zoroaster erlaubte ihn alle neun
-Tage, Solon dreimal im Monate, Mohammed einmal wöchentlich. Eine uralte
-deutsche Regel, die auch ich früher fälschlich Luther zugeschrieben
-habe, lautet:
-
- „Alle Wochen zwier
- Schadet weder ihr noch mir,
- Macht im Jahr hundertundvier“,
-
-wobei allerdings auf die Menstruation vergessen wurde. Es ist nicht
-möglich, eine feste Regel aufzustellen. Wie oft der Beischlaf ausgeübt
-werden kann, ohne daß es schadet, hängt nämlich in hohem Maße von der
-persönlichen Anlage, vom Alter, der Ernährung und der Arbeitsleistung
-des Mannes ab. Stark geistig Arbeitende müssen in der Regel mäßig
-sein. Wer auf die Winke der Natur achtet, wird leicht selbst das
-zuträgliche Maß finden. Wenn lebhaftes Verlangen nach dem Beischlaf
-besteht, die Erektion rasch und kräftig eintritt, wenn nach vollzogenem
-Beischlaf eine angenehme Müdigkeit empfunden wird, die nach kurzer
-Ruhe dem Gefühle voller Frische Platz macht, tiefer und ruhiger Schlaf
-nachfolgt, so ist nicht zuviel geschehen, auch wenn die obige alte
-Regel weit überschritten wird. Dagegen lasse man sich durch träge
-Erektionen, durch das Gefühl von Ermüdung und Unlust, Gefühl von Druck
-in der Kreuzgegend, Aufgeregtheit und Schlaflosigkeit hinterher warnen.
-Der Satz: „Jedes Tier ist nach dem Beischlafe traurig,“ gilt nur für
-Kranke und Unmäßige.
-
-Was die beste Tageszeit für die Vornahme des Beischlafes anbelangt,
-so bevorzugen die einen die Zeit unmittelbar nach dem Zubettlegen,
-wobei dann die ganze Nacht der Erholung dient, die anderen die Zeit
-unmittelbar nach dem Erwachen, wenn die Gatten völlig ausgeruht
-und frisch sind. Im letzteren Falle ist es aber ratsam, sich nach
-Vollendung des Beischlafs noch eine kurze Ruhezeit und ein Schläfchen
-zu gönnen. Überhaupt wird der Beischlaf am zuträglichsten sein, wenn
-er in voller Bequemlichkeit und Ungestörtheit, frei von Sorgen oder
-Gewissensbissen, vollzogen wird. Der eheliche Geschlechtsverkehr ist
-deshalb viel zuträglicher als der außereheliche. Am zweckmäßigsten ist
-die Rückenlage der Frau mit gespreizten Schenkeln unter dem Manne.
-Diese Lage ist schon durch den Bau der Geschlechtsteile als die
-natürliche vorgezeichnet. Andere Stellungen ermüden stärker. Bei Lage
-des Mannes unten und der Frau oben sinkt die Gebärmutter zu sehr nach
-unten, sie wird schädlichen Erschütterungen ausgesetzt und an ihren
-Bändern gezerrt. Die Frau empfindet dann häufig hinterher Schmerzen,
-ja, es kann zu Entzündungen im Innern kommen. Jede Künstelei ist
-überhaupt zu vermeiden, insbesondere die willkürliche Verzögerung der
-Samenausschleuderung, um die Dauer der Wollustempfindung zu verlängern.
-Dagegen ist es für die physische und psychische Gesundheit der Frau
-und für das Glück der Ehe sehr wichtig, daß auch +die geschlechtliche
-Erregung der Frau durch den Eintritt des Orgasmus beim Geschlechtsakt
-voll befriedigt und gelöst wird+.
-
-Man darf nie vergessen, daß die Ehe weder wegen des wirtschaftlichen
-Nutzens allein noch wegen der seelischen Freuden, die sie mit sich
-führt, sondern im wesentlichen um des physischen Zweckes willen,
-behufs regelmäßiger Befriedigung des geschlechtlichen Bedürfnisse
-geschlossen wird. Dies muß mit Nachdruck betont werden. Die verstiegene
-Sentimentalität und der fleischlose Intellektualismus sind ebensowenig
-imstande, eine befriedigende Ordnung in das Verhältnis von Mann
-und Weib zu bringen, als der brutale Sensualismus. Wohl niemals
-würden es zwei Menschen auf die Dauer ertragen, in der Weise von
-Ehegatten miteinander verkettet zu sein, wenn sie nicht dabei die
-physische Befriedigung ihres Geschlechtstriebes suchen und finden
-würden. Auch bei solchen Frauen, welche mit noch schlummerndem
-Geschlechtstriebe in die Ehe eingetreten sind, wird er durch die Ehe
-notwendigerweise geweckt. Erregung von Wollustempfindungen durch
-geschlechtliche Handlungen ohne nachfolgende vollständige Befriedigung
-aber wirkt schädlicher und verstimmt mehr als völlige Enthaltung vom
-geschlechtlichen Verkehr. +Der kluge und rücksichtsvolle Gatte wird
-sich daher nicht allein um seine eigene Befriedigung kümmern, sondern
-auch auf die seiner Frau bedacht sein.+ Mit einer Frau, die nur langsam
-in höhere Grade geschlechtlicher Erregung gerät, wird er den Beischlaf
-erst dann beginnen, wenn auch bei ihr starke Erregung eingetreten ist;
-etwa infolge fortgesetzter Liebkosungen.
-
-Je einfacher man in seinen Genüssen bleibt, um so gesünder. Eheleute
-mögen sich immer vor Augen halten, daß, je mäßiger sie im Genusse
-sind, um so länger der normale Beischlaf seinen Reiz für sie behält,
-um so länger die beiderseitige geschlechtliche Gesundheit, besonders
-die Leistungsfähigkeit des Mannes vorhalten wird, sie um so länger
-also der ehelichen Genüsse sich erfreuen zu können hoffen dürfen.
-Eine gewisse zeitliche Regelmäßigkeit im Vollzuge des Beischlafes ist
-durchaus ratsam. Die ganze Funktion des männlichen Geschlechtsapparates
-richtet sich dann darauf ein, und der Beischlaf geht dann ohne
-schädliches Übermaß von Erregung vor sich. Selbstverständlich soll man
-aber nur dann beischlafen, wenn man sich vollkommen gesund und kräftig
-fühlt, und nur dann, wenn die Erektion sich von selbst eingestellt
-hat. Sie zum Zwecke des Beischlafes künstlich herbeizuführen, ist
-ein Mißbrauch, der sich mit der Zeit an der Gesundheit rächt.
-In berauschtem Zustande den Beischlaf auszuführen, ist durchaus
-verwerflich, weil die Gefahr besteht, daß ein in solchem Zustande
-erzeugtes Kind krank und schwächlich wird. Wer noch Kinder zu erzeugen
-die Absicht hat, sollte sich überhaupt regelmäßigen oder irgend
-häufigeren Genusses von alkoholischen Getränken enthalten und auch
-niemals ausnahmsweise ein Übermaß davon zu sich nehmen. +Je besser die
-Gatten für Gesundheit und Kraft ihres Körpers sorgen, um so gesündere
-und lebensfrischere Kinder dürfen sie erwarten. Diese Fürsorge für die
-eigene Gesundheit, die geordnete, vernünftige Lebensführung ist eine
-der größten und wichtigsten Pflichten derjenigen, welche Kinder in die
-Welt setzen wollen.+
-
-Unmäßigkeit und Unordnung im Geschlechtsverkehre schaden hauptsächlich
-dem Manne. Die Frau, welche sich beim Beischlafe lediglich duldend
-verhält, kann in dieser Hinsicht viel mehr vertragen als er. Da die
-weiblichen Geschlechtsteile stets zum Vollzuge des Beischlafes bereit
-sind, während beim Manne erst Gliedsteife eingetreten sein muß, kann
-die Frau beliebig oft hintereinander den Beischlaf an sich vollziehen
-lassen. Wenn sie nur langsam in Erregung gerät, bleibt sie oft
-nach dem ersten Beischlafe noch in starker unbefriedigter Erregung
-und brächte ihr erst der zweite oder dritte Vollzug die volle Höhe
-des Genusses. Wenn solche Frauen einmal Erfahrung gewonnen und die
-schamhafte Scheu abgestreift haben, suchen sie mit allen Künsten den
-Mann möglichst rasch nach dem Beischlaf wieder zu einem neuen zu
-stacheln. Es gibt Frauen von wahrhaft unersättlicher Begierde, die den
-Mann buchstäblich bis auf den letzten Tropfen auszusaugen vermögen.
-Da ihnen Jünglinge mit unabgestumpfter geschlechtlicher Reizbarkeit
-besonders erwünscht sind, sei der junge Mann vor solchen Frau Potiphars
-auf der Hut.
-
-Die ersten Folgen der Unmäßigkeit sind Abnahme der Wollustempfindung
-beim Beischlafe, damit zusammenhängend Verzögerung des Eintrittes
-der Ejakulation, Verminderung der Kraft, mit welcher der Samen
-ausgeschleudert wird. Nach dem Beischlafe Gefühl der Verstimmung,
-der Ermüdung, der Mattigkeit in den Beinen, die länger und länger
-anhalten, je länger und ärger die Unmäßigkeit fortgetrieben wurde. Als
-weitere Folgen können auftreten: Druck in der Lendengegend, nervöse
-Erregbarkeit, Gefühl von Druck im Kopf, von Eingenommensein des Kopfes,
-gestörter Schlaf, Ohrensausen, Flimmern vor den Augen, Lichtscheu,
-zittriges Gefühl und wirkliches Zittern, Neigung zum Schwitzen. Es kann
-ferner Herzklopfen eintreten; Muskelschwäche, die sich schon in den
-schlaffen Mienen, in der schlaffen Haltung des geschlechtlich Ermüdeten
-und Erschöpften verrät; Unlust zu anhaltender, schwerer Arbeit und
-Unfähigkeit, sie zu leisten, Gedächtnisschwäche, Neurasthenie und
-Melancholie. Die Verdauungstätigkeit sinkt, die Ernährung wird
-schlechter; infolge davon Blutarmut und Schwächung der Widerstandskraft
-gegen äußere Schädlichkeiten, insbesondere gegen Infektionskeime und
-unter diesen wieder insbesondere gegen den Tuberkelbazillus. Auch der
-Geschlechtsapparat selbst funktioniert bald noch schlechter und weist
-die Erscheinungen der sog. reizbaren Schwäche auf: die Erektionen
-verlieren an Kraft und Dauer; bei unvollkommener Erektion oder alsbald
-nach der Einführung des Gliedes in die Scheide tritt die Ejakulation
-ein, ohne daß die Höhe des Wollustgefühles erreicht wird; die Fähigkeit
-zum Beischlaf geht damit mehr und mehr verloren; nächtliche Pollutionen
-treten häufig auf und hinterlassen eine gesteigerte nervöse Erregung
-und Mattigkeit.
-
-Die leichteren Störungen des Wohlbefinden gehen übrigens im allgemeinen
-rasch wieder vorüber, wenn Enthaltsamkeit geübt wird, wenn die
-Ernährung gut und die ganze sonstige Lebensweise den hygienischen
-Grundsätzen gemäß ist. Insbesondere erholen sich vollkommen
-geschlechtsreife junge Männer, die von vornherein gesund und kräftig
-waren, von den Torheiten der Flitterwochen bald, wenn die Vernunft
-die Herrschaft wiedererlangt hat. Je länger die Exzesse gedauert
-haben, je schwächlicher das Individuum von vornherein war, um so
-schwieriger tritt volle Wiederherstellung ein. Am gefährlichsten wird
-die geschlechtliche Unmäßigkeit unreifen oder nicht voll erwachsenen
-Jünglingen, sowie Männern, die sich bereits dem Greisenalter nähern;
-sind sie etwa von vornherein nicht ganz gesund, so können sie sich
-dadurch dauerndes Siechtum, ja selbst raschen Tod zuziehen.
-
-+Auch in der Ehe kommen Zeiten, in welchen vollständige Enthaltsamkeit
-geübt werden muß.+ Sie sind durch Rücksichten auf die Frau und auf
-die Nachkommenschaft unbedingt gefordert. Zur Zeit der Menstruation
-darf der Beischlaf nicht ausgeübt werden. Er verbietet sich übrigens
-für das feinere Empfinden von selbst durch den Zustand der weiblichen
-Geschlechtsteile. Während der Menstruation ist das Innere der
-Gebärmutter wund, der ganze Geschlechtsapparat des Weibes gereizt
-und mit Blut überfüllt. Unter diesen Umständen ist, wie bei allen
-Wundflächen, die Gefahr vorhanden, daß eine Wundinfektion eintritt,
-diese dann zu Entzündungen der Gebärmutter und ihrer Anhänge führt und
-so die Frau auf die Dauer krank macht. Diese Gefahr wird durch das
-Einführen des Gliedes in die Scheide sehr gesteigert.[D] Jedenfalls muß
-der Beischlaf während des Blutabganges unterbleiben; noch besser ist
-es, ihn auch während der darauffolgenden Woche zu unterlassen, bis die
-Innenfläche der Gebärmutter wieder vollkommen überhäutet ist.
-
-Bei dieser Gelegenheit sei Ehemännern der Rat erteilt, das Glied durch
-Waschungen immer reinzuhalten, wobei insbesondere auf die Furche hinter
-dem Randwulst der Eichel und auf die Falten des Bändchens zu achten
-ist. Ebenso soll die Frau die äußeren Geschlechtsteile, namentlich
-die Schamspalte, reinhalten. Sehr empfehlenswert ist es, einige Zeit
-nach vollzogenem Beischlaf mit Hilfe eines +Irrigators+ und eines
-+Mutterrohres+ die Scheide mit lauwarmer, reiner Kochsalzlösung (1
-Kaffeelöffel Kochsalz auf 1 _l_ Wasser) auszuspülen. Dies darf aber
-nicht sogleich nach dem Beischlafe geschehen, da sonst die Empfängnis
-verhindert werden könnte. Der Irrigator und das Mutterrohr müssen
-reingehalten und durch Waschen mit einer Desinfektionsflüssigkeit, z.
-B. mit 2 prozentiger Lysollösung (20 _ccm_ Lysol auf 1 _l_ Wasser), vor
-dem Gebrauche desinfiziert werden. Die Kochsalzlösung soll abgekocht
-sein. Desinfektionsmittel dürfen ihr aber nicht zugesetzt werden.
-Ich kenne Fälle, wo die sehnlichst gewünschte Schwängerung infolge
-solcher fehlerhafter Reinlichkeit ausblieb, aber sofort eintrat, als
-die „hygienischen“ Ausspülungen ausgesetzt wurden. Durch alle diese
-Maßregeln wird manchen Erkrankungen, namentlich dem sogenannten weißen
-Flusse, vorgebeugt, einem Katarrhe der Scheide, der der Frau wie ihrem
-Ehemann recht lästig werden kann.
-
-Sehr vorsichtig muß man mit dem Beischlafe auch während der
-Schwangerschaft sein. Er darf nicht zu häufig und nie stürmisch
-ausgeführt werden. In den ersten Monaten der Schwangerschaft,
-namentlich bei Erstgeschwängerten, wird er am besten ganz unterlassen.
-Werden diese Vorschriften nicht beachtet, dann kommt es leicht zu Fehl-
-und Frühgeburt, durch die nicht allein das Kind verloren geht oder
-geschädigt wird, sondern auch die Frau dauernden Schaden nehmen kann.
-
-Unbedingt verboten ist der Beischlaf während des Wochenbettes, wenn
-nicht die Frau, deren innere Geschlechtsteile arg verwundet sind,
-schwerer Gefahr ausgesetzt werden soll. Auch bei ganz normalem Verlaufe
-des Wochenbettes soll mindestens vier Wochen damit gewartet werden, und
-auch dann noch ist weise Beschränkung dringend anzuraten.
-
-Mit Rücksicht auf die Frau wie auf das Kind wäre es eigentlich geboten,
-der Frau, die geboren hat, eine monatelange Schonzeit zu gewähren.
-Man muß auf das dringendste fordern, daß jede gesunde Mutter ihr
-Kind stillt, wenn möglich 8-9 Monate lang. Das Leben des Kindes im
-ersten Lebensjahre ist in hohem Grade gefährdet, wenn es nicht seine
-natürliche Nahrung erhält; und die üblen Folgen der künstlichen
-Fütterung scheinen auch noch in der späteren Lebenszeit nachzuwirken.
-Die Erfahrung lehrt aber, daß bei sexuell erregbaren Frauen durch
-Ausübung des Beischlafes, namentlich wenn er häufiger oder stürmisch
-unter größerer Aufregung erfolgt, die Milchabsonderung frühzeitig zum
-Stillstand kommen kann oder die Menstruation und damit zugleich die
-Befruchtungsfähigkeit trotz des Stillgeschäftes wieder eintritt. Für
-den Säugling wie für die Mutter ist es aber schädlich, wenn es bald
-zu einer neuen Schwangerschaft kommt; für den Säugling, weil dann die
-Milchabsonderung bald unzureichend wird und aufhört; für die Mutter,
-weil die Frauen durch allzu rasch aufeinanderfolgende Schwangerschaften
-überanstrengt werden, rasch verblühen und Neigung zu Krankheiten,
-insbesondere zu Tuberkulose, bekommen. Bei zu rascher Geburtenfolge
-werden auch meist schwächliche Kinder geboren. Rascher als etwa alle
-2½ Jahre sollten die Schwangerschaften nicht aufeinanderfolgen, wenn
-die Frau bei voller Kraft und Gesundheit bleiben und einer kräftigen
-Nachkommenschaft das Leben schenken soll.
-
-
-
-
-6. Kapitel.
-
-Künstliche Verhinderung der Befruchtung.
-
-
-Die Natur hat uns nicht allein das Verlangen nach Begattung
-eingepflanzt, sondern auch den Wunsch, Nachkommen zu erzeugen und
-großzuziehen. Bei der Frau, deren natürliche Lebensaufgabe es ist,
-Kinder zu tragen und zu gebären, pflegt dieser Wunsch von klein auf
-überaus lebhaft zu sein. Beim Manne pflegt er erst mit der Zahl
-der Jahre zu wachsen. Je älter der Kinderlose wird, je mehr seine
-persönliche Leistungfähigkeit abnimmt, um so mehr überkommt ihn ein
-Gefühl der Leere, der Entbehrung eines wichtigsten Lebensgutes und
-zugleich ein Gefühl seiner Überflüssigkeit in der Welt. Eine Ehe
-ohne Kinder hat ihren Hauptzweck verfehlt. Nur wer Vaterfreuden und
-Vaterleiden empfunden hat, hat voll ausgelebt, was das Dasein zu bieten
-vermag.
-
-Ein Volk, dessen Angehörige nicht mehr die Tatkraft und den Lebensmut
-haben, die Last der Aufzucht von Kindern auf sich zu nehmen, dafür
-Opfer zu bringen, dafür etwas zu wagen, ein Staat, dessen Bürger die
-Zahl der Kinder aufs äußerste beschränken, nur um nicht zuviel Sorgen
-zu haben, nicht zu hart arbeiten zu müssen, um ein schlaffes Wohlleben
-führen oder um Besitz anhäufen zu können, sind dem Untergange geweiht.
-Für ein Volk von bequemen Rentnern oder von raffiniert genießenden
-Intellektuellen und Ästheten ist kein dauernder Platz auf der Erde. Nur
-derben Völkern, die nicht erst besonderer Reizmittel der Zivilisation
-und der Kunst bedürfen, um ihres Lebens froh zu werden, die sich
-kräftig vermehren und fröhlich im Gefühle des Gebrauches ihrer Kräfte
-für ihre Kinder sich rühren, gehört die Zukunft. Wenn wir Deutsche uns
-nicht kräftig vermehren, wird uns Rußland mit seiner Volksmasse binnen
-100 Jahren erdrücken.
-
-Mit Rücksicht darauf, daß ein erheblicher Bruchteil der Geborenen
-abstirbt, bevor das Alter der vollen Fortpflanzungsfähigkeit erreicht
-ist, daß nicht wenige, welche dieses Alter erreichen, doch zur
-Erzeugung gesunder Kinder untauglich sind, daß viele aus äußeren
-Gründen an der Eheschließung verhindert werden, müßte jede Ehe
-zwischen Gesunden heute +mindestens vier+ Kinder tragen, wenn das
-ganze Volk in gesundem Blühen erhalten werden soll. Die Überhandnahme
-der willkürlichen Einschränkung der Kinderzahl („Zweikindersystem“,
-Einkind-, Keinkindehen) muß daher die größte Besorgnis für die Zukunft
-des deutschen Volkes erwecken. Besonders verhängnisvoll ist die
-zunehmende Ehelosigkeit, Verspätung der Verehelichung, absichtliche
-Verhinderung der Befruchtung und unzulängliche Kindererzeugung bei
-den besser Begabten. (S. o.) Das Ein- und Zweikindersystem ist auch
-deshalb schädlich, weil sich statistisch herauszustellen scheint, daß
-das dritte und vierte Kind der Frau im Durchschnitt am kräftigsten
-und besten geraten. Nebenbei hat das Kleinhalten der Familie auch
-schlimme Folgen für die +Kultur+. Die Kinder in solchen kinderarmen
-Familien werden sehr häufig +verzogen+, zu anspruchsvollen, beständig
-auf ihr eigenes Wohlsein bedachten, eigensüchtigen Menschen gemacht.
-Das Aufziehen von ein oder zwei Kindern vermag die Frau nicht genügend
-zu beschäftigen. Schon in jungen Jahren, im Vollbesitze ihrer Kräfte
-hat sie keine ausfüllende Lebensaufgabe mehr und sucht dann -- nicht
-selten auf bedenklichsten Wegen -- Zerstreuung oder drängt sich in das
-Arbeitsgebiet des Mannes, auf dem sie in der Regel doch nur zu stümpern
-vermag. Sie schwärmt für „soziale Tätigkeit“, weil ihr die natürliche
-soziale Tätigkeit -- die wichtigste und wertvollste von allen! --, die
-Erfüllung des Mutterberufes, genommen oder verkümmert worden ist.
-
-Es gilt, das +richtige Maß der Kindererzeugung+ zu treffen, denn
-blindlings darf die Vermehrung auch nicht vor sich gehen. Allerdings
-bietet vorläufig die Erde noch reichlich Raum für die Vermehrung der
-Menschheit im ganzen und kann ihr Ertrag an Nahrungsmitteln noch ums
-Mehrfache gesteigert werden. Wir dürfen auch hoffen, daß der Weltkrieg,
-der zu unserer Vernichtung führen sollte, uns einen solchen Zuwachs
-an Siedelungs- und Ackerland verschaffen wird, daß nicht so bald ein
-Mißverhältnis zwischen der Zahl der zu Nährenden und zu Pflegenden und
-der Menge der verfügbaren Nahrung, Wohnung und Kleidung entstehen kann.
-Der Krieg hat leider auch so stark unter den erwerbstätigen Männern
-aufgeräumt, daß es den Überlebenden nicht an reichlicher Gelegenheit zu
-lohnender Tätigkeit fehlen wird.
-
-Bei jeder einzelnen Familie lassen sich aber darüber Erfahrungen
-machen, daß der Haushalt nur so lange gedeiht, als die Zahl der
-Kinder im richtigen Verhältnisse zur Größe des Einkommen und der
-wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Eltern steht, so daß die Kinder
-genügend ernährt, mit genügender Sorgfalt gewartet, beaufsichtigt
-und erzogen werden können, während zugleich jedes schädliche Übermaß
-darin ausgeschlossen bleibt. Sind der Nachkommen zu wenige, dann werden
-sie leicht verwöhnt, verzärtelt und verzogen; werden der Nachkommen
-zu viele, dann verkommt alles. Die Frau leidet physisch unter den
-ungeheuren Zumutungen, welche die gehäuften Schwangerschaften und
-Säugungen an ihren Körper stellen, und vermag um so weniger die sich
-stets vermehrende Last des Haushalts zu tragen; die angeborene Kraft
-und Gesundheit der Kinder nimmt im Mittel vom 8. bis 9. Kinde einer
-Mutter an merklich ab -- auch dann, wenn die Pausen zwischen den
-einzelnen Geburten lange genug waren --, und die schwächlichen und
-kränklichen, die um so größerer Sorgfalt bedürften, finden sie nicht
-mehr. Ordnung und Reinlichkeit sind nicht mehr aufrechtzuerhalten, die
-Familie verfällt und zerfällt; Krankheit und Laster räumen unter ihr
-auf.
-
-Die Vernunft gebietet also, nicht mehr Kinder zu erzeugen, als man
-bei Arbeitslust und frischem Mut und bei einiger Gunst des Schicksals
-voraussichtlich ernähren und aufziehen können wird. Die Kindererzeugung
-muß in Schranken gehalten werden, wenn sich der Mensch von dem
-grausamen Zustande befreien will, der in der unvernünftigen Natur das
-Gleichgewicht erhält: Massentod neben Massenzeugung!
-
-Es gibt noch andere Gründe, welche einzelne zwingen oder wenigstens
-zwingen sollten, auf die Erzeugung von Kindern vollständig oder
-zeitweise zu verzichten. Wir haben schon ausführlich von der Vererbung
-gesprochen, und wie in manchen Stämmen die erbliche Belastung, die
-Fehlerhaftigkeit des Keimplasmas derartig ist, daß keine Hoffnung auf
-Erzielung einer wenigstens ihrer Erscheinung nach (s. S. 31) gesunden
-Generation durch Kreuzung mit gesundem Stamme besteht; eine elende,
-kranke Nachkommenschaft mit Bestimmtheit oder großer Wahrscheinlichkeit
-zu erwarten ist.
-
-Aber auch wenn der Stamm ein guter ist, kann die Aussicht auf gesunde
-Nachkommenschaft schlecht sein wegen chronischer, zeitweise auch wegen
-akuter Krankheit der Frau oder des Mannes. Dann ist es ebenfalls
-Pflicht, sich der Zeugung zu enthalten. Daß die Schwangerschaften
-überhaupt nicht rasch aufeinanderfolgen dürfen, wenn die Güte der
-Kinder nicht leiden und das Selbststillen lange genug fortgesetzt
-werden soll, wurde schon oben erwähnt.
-
-Ein Mann, welcher das 50. Lebensjahr überschritten hat, sollte, auch
-wenn er sich noch vollkommen gesund und rüstig fühlt, in der Regel
-keine Kinder mehr erzeugen, da die Kinder älterer Männer nicht selten
-schwächlich sind und da er kaum hoffen darf, so lange zu leben, bis die
-Kinder, erwerbsfähig geworden, seiner Unterstützung nicht mehr bedürfen.
-
-In anderen Fällen verbietet sich eine neue Schwängerung, weil
-eine frühere Geburt Veränderungen im Geschlechtsapparate der Frau
-hinterlassen hat oder weil eine der so häufigen Frauenkrankheiten sie
-befallen hat, die eine neue Schwangerschaft, eine neue Entbindung zur
-Lebensgefahr machen.
-
-Die Notwendigkeit, der Erzeugung von Kindern Schranken zu setzen,
-ist daher unbestreitbar, und mit dieser Forderung dürfte auch jeder
-ohne weiteres einverstanden sein. Weniger Neigung besteht aber zur
-Beschränkung im Geschlechtsgenusse. Man will die Erzeugung von Kindern
-vermeiden, aber auf den Geschlechtsgenuß nicht verzichten, und man
-wendet daher +künstliche Mittel+ an, um die Befruchtung zu verhindern.
-Wir müssen darüber hier sprechen, weil durchaus nicht alle diese Mittel
-so ganz harmlos sind, wie angepriesen wird. Wir müssen auch deshalb
-warnen, weil die meisten von ihnen den Zweck, dem sie dienen sollen,
-nur sehr unvollkommen erreichen.
-
-Das älteste und am häufigsten angewandte Verfahren ist wohl der sog.
-+unterbrochene Beischlaf+ (_Coïtus interruptus_). Das Glied wird
-vor der Ejakulation aus der Scheide herausgezogen, so daß der Samen
-außerhalb der weiblichen Geschlechtsteile ergossen wird. Wird dies
-pünktlich vollzogen und die etwa mit Samen benetzte Außenseite der
-Geschlechtsteile und ihre Nachbarschaft alsbald gereinigt[E], dann
-ist selbstverständlich die Schwängerung vollständig ausgeschlossen.
-Aber die Ausführung stellt an die Aufmerksamkeit und Willenskraft des
-Mannes eine nicht geringe Zumutung. Der Mann darf sich nicht sorglos
-den Wollustgefühlen überlassen und findet daher auch nicht so leicht
-volle Befriedigung. Die Samenentleerung findet, wenn nicht zum Schlusse
-manuell nachgeholfen wird, nicht mit jener Kraft statt, die sie beim
-normalen Akte hat und die notwendig ist, um volle Lösung der nervösen
-Spannung und der Blutfüllung herbeizuführen. Der Widerstreit zwischen
-dem Triebe und dem bewußten Willen scheint bei manchen das Nervensystem
-stärker anzugreifen als die Aufregung des natürlichen Beischlafes,
-wenn sich auch ohne Zweifel die meisten an diese Art des Vollzuges des
-Beischlafes allmählich völlig gewöhnen.
-
-Auch die Frau bleibt unbefriedigt, falls der Beischlaf unterbrochen
-wird, bevor bei ihr der Orgasmus eingetreten ist. Wie schädlich
-dies nach verschiedener Richtung werden kann, wurde schon früher
-hervorgehoben. Es wurde aber dort auch schon angedeutet, wie sich
-durch geeignete Vorbereitung erreichen läßt, daß der Gipfel der
-Wollustempfindung bei der Frau eintritt, bevor es beim Mann zur
-Ausspritzung des Samens kommt.
-
-Ohne Zweifel wird der unterbrochene Beischlaf von sehr vielen
-jahrzehntelang fortgetrieben, ohne daß sie merklich Schaden nehmen.
-Aber früher oder später scheinen sich doch bei manchen Störungen
-einzustellen, und es gibt Menschen, die dadurch in einen krankhaften
-Zustand geraten. Als Wirkungen des unterbrochenen Beischlafes
-+können+ auftreten: beim Manne Neurasthenie in den mannigfaltigsten
-Formen, Störungen der Erektion und Ejakulation und damit rasche
-Abnahme der Potenz bis zum vorzeitigen, vollständigen Erlöschen der
-Fähigkeit, den Beischlaf auszuführen (s. o.), Nervenschmerzen in den
-Genitalien, Vergrößerung und Verhärtung der Vorsteherdrüse; bei der
-Frau ebenfalls Neurasthenie, dann chronische Blutüberfülle der inneren
-Geschlechtsteile, Lockerung der Aufhängebänder der Gebärmutter,
-Lageveränderungen der letzteren und im Gefolge davon Hysterie. Durch
-Enthaltsamkeit und entsprechende ärztliche Behandlung, namentlich
-durch passende Wasser- oder Luftkur, können übrigens viele von diesen
-Störungen wieder beseitigt werden, wenn sie noch nicht einen allzu
-hohen Grad erreicht haben.
-
-Viel gesundheitsschädlicher als der _Coïtus interruptus_ dürfte die
-namentlich in England und Nordamerika vielfach geübte sogenannte
-„_Male Continence_“ („männliche Zurückhaltung“) sein, für welche in
-zahlreichen Schriften der Neo-Malthusianer Propaganda gemacht wird. Das
-Glied wird in die Scheide eingeführt und hier ruhig liegen gelassen,
-so daß es überhaupt nicht zur Ejakulation kommt. Hier wird also eine
-überaus starke geschlechtliche Erregung herbeigeführt und überlang
-aufrechterhalten, ohne daß die physiologisch erforderliche Entladung
-nachfolgt. Dies muß schädlich werden. In der Regel wird wohl die
-Befriedigung schließlich durch Masturbation erzielt werden, wenn auch
-davon nicht gesprochen wird.
-
-Alle anderen Mittel zur Verhütung der Empfängnis sollen verhindern,
-daß der +innerhalb+ der Scheide entleerte Samen bis zum Ei gelangt.
-Hierher gehören einerseits der +Kondom+ (Präservativ), ein Überzug
-aus Gummi oder aus Fischblase, der vor dem Beischlafe über das Glied
-gezogen und an der Wurzel des Gliedes durch einen darübergezogenen
-Kautschukring festgehalten und in den dann der Samen ergossen wird,
-andererseits +Schwämmchen+, +Scheidenkugeln+ aus Fett oder Leim mit
-keimtötenden Stoffen, Kautschukringe mit darin ausgespannter Membran
-(das sog. _+Pessarium occlusivum+_), welche, vor dem Beischlafe in
-die Scheide eingeführt, dem Samen den Weg zur Gebärmutter versperren
-sollen, +Einblasung von pulverigen Spermatozoengiften+ in die Scheide
-unmittelbar vor dem Beischlafe, endlich +Ausspülung der Scheide+
-unmittelbar nach demselben.
-
-Von diesen Mitteln ist zu sagen, daß in der Praxis keines derselben
-volle Sicherheit gewährt. Am verläßlichsten ist der Kondom. Aber der
-Überzug über das Glied kann die Befruchtung nur dann verhindern,
-wenn er die Dehnungen und Zerrungen während des Beischlafes aushält
-und nicht zerreißt. Ist der Kondom dickwandig und daher fest und
-haltbar, dann stört er das Zustandekommen der Wollustempfindung des
-Mannes in beträchtlichem Maße; dies gilt besonders von den Kondoms aus
-Gummi, welche überdies bald brüchig werden. Ist der Kondom dagegen
-dünn und zart, wie die feineren Kondoms aus Fischblase, Kalbs- oder
-Schafsblinddarm, dann spürt man allerdings nicht viel von ihm,
-besonders, wenn man ihn nach dem Überziehen über das Glied mit Wasser
-befeuchtet, dann kann er aber während des Beischlafes leicht zerreißen.
-
-Die Verstopfungen der Scheide durch Schwämmchen usw. sind viel
-unsicherer, wenn sie nicht von sachkundiger Hand vorgenommen werden.
-Außerdem stören sie die geschlechtliche Befriedigung der Frau in mehr
-oder minder hohem Maße und können ihr dadurch in derselben Weise
-schädlich werden wie der unterbrochene Beischlaf. Endlich kommt es
-durch die Hantierungen in der Scheide, durch den Druck der Einlagen und
-durch Infektion sehr leicht zu Entzündungen und Katarrhen.
-
-Am harmlosesten für Mann und Frau sind die Ausspülungen der Scheide mit
-lauem Wasser oder lauer Kochsalzlösung unmittelbar nach dem in normaler
-Weise vollzogenen Beischlafe (s. o.). Aber dieses Verfahren ist das
-unsicherste von allen, da sogleich bei der Ejakulation Samen in den
-äußeren Muttermund und in den Halskanal der Gebärmutter eingedrungen
-sein kann und dieser Teil des Samens durch die nachfolgende Ausspülung
-nicht entfernt wird. Ich kenne mehrere Fälle, wo trotz der Ausspülungen
-bald Befruchtung erfolgte.
-
-Kaum weniger unzuverlässig als die Ausspülung nach dem Beischlafe ist
-das Einblasen von gepulverter Borsäure und ähnlichen Stoffen vor dem
-Beischlafe. Sie können auch durch den chemischen Reiz, den sie ausüben,
-schädlich werden.
-
-Der Leser sei also bei allen diesen künstlichen Verhinderungen der
-Befruchtung auf der Hut!
-
-Er darf auch ihren schlechten Einfluß auf das sittliche Verhältnis von
-Mann und Frau nicht übersehen. Ein solcher wird wohl nicht eintreten
-in einer Ehe, die bereits mit Kindern gesegnet ist und in welcher die
-durch jahrelanges Zusammenleben gefestigte innige Zuneigung der Gatten
-zueinander das Abstoßende derartiger Praktiken verhüllt. Wird dagegen
-der Geschlechtsverkehr von vornherein lediglich zum Zwecke des Genusses
-gepflegt, so vergiftet dies die Beziehung der Gatten zueinander, und
-schädigt es namentlich die Sittlichkeit der Frau. Sie betrachtet den
-Vollzug des Beischlafes nicht mehr, wie sie von Natur aus geneigt ist,
-mit Ehrfurcht als eine folgenschwere und feierliche Handlung, bei der
-die geheimnisvollen Urmächte des Lebens das verborgen Treibende sind,
-sondern lernt allmählich, daß es sich bloß um ein Vergnügen handle, das
-man sich bei einiger Klugheit gönnen kann, ohne verräterische Folgen
-fürchten zu müssen.
-
-Ein Gatte, welcher sich nicht überhaupt seiner Frau gegenüber
-Zurückhaltung bezüglich der geschlechtlichen Vergnügungen auferlegt,
-die angeborene Schamhaftigkeit der Frau nicht schont, sondern im
-Gegenteile ihre Sinnlichkeit künstlich weckt und stachelt, darf sich
-dann über ihre gelegentliche Untreue nicht wundern und beklagen.
-
-
-
-
-7. Kapitel.
-
-Verirrungen des Geschlechtstriebes.
-
-
-Ich habe nicht die Absicht, in diesem Büchelchen alle Verirrungen des
-Geschlechtstriebes ausführlich zu besprechen. Im allgemeinen will
-ich nur sagen, daß jene Verirrung, über welche in unserer Zeit so
-viel Lärm gemacht wird, die Neigung zum eigenen, Abneigung gegen das
-andere Geschlecht, nur höchst selten angeboren sein dürfte. Wo diese
-Neigung wirklich angeboren ist, beruht sie auf einer Mißbildung. In
-den allermeisten Fällen ist sie aber gar nicht angeboren, sondern
-zurückzuführen auf die Weise, in welcher das Individuum zum ersten
-Male zum Genusse von intensivsten Wollustempfindungen gekommen ist;
-ein Erlebnis, das bei stark sinnlichen Naturen einen ungemein tiefen
-Eindruck zu hinterlassen pflegt und namentlich Personen mit krankhafter
-psychischer Veranlagung dauernd aus der Bahn normalen Empfindens
-abzulenken vermag.
-
-Wie sich’s übrigens verhalten möge, ob die Verirrung angeboren oder
-erworben ist, keineswegs dürfen Staat und Gesellschaft dulden, daß
-diese Personen („Homosexuelle“, „Urninge“) ihre Neigungen ungestört
-befriedigen, ungestört um ihre Art von Liebe werben. Denn wenn man dies
-zuließe, würde die Verführung bald in ungeheurem Maße um sich greifen,
-und wenn nicht die Zahl der Urninge, so doch die der sog. Bisexuellen
-bald zu einem Heere heranwachsen und eine Zeit geschlechtlicher
-Ausartung kommen, wie die, welche den Untergang der antiken Kultur
-herbeiführen half. Der gesetzliche und gesellschaftliche Gegendruck
-ist übrigens eine Wohltat für die Verirrten selbst. Ich kenne mehrere
-Fälle, wo unter diesem Druck solche zur Homosexualität Verführte wieder
-zu durchaus normalem Geschlechtsempfinden zurückgebracht und glückliche
-Gatten und Väter geworden sind.
-
-Über eine einzige Art von abnormaler Befriedigung des
-Geschlechtstriebes muß ich mehr sagen: über die +Masturbation+ oder
-+Onanie+, da dieses Übel ungemein verbreitet ist und darüber die
-verkehrtesten Ansichten herrschen, welche die Schäden noch vergrößern.
-Während die einen erklären, daß das Masturbieren ein sehr zweckmäßiges
-Mittel sei, sich Erleichterung zu verschaffen, wenn sich zuviel Samen
-angesammelt hat und der eheliche Beischlaf nicht möglich ist, und daher
-ebensowenig Tadel verdiene als der Gebrauch des Taschentuches oder der
-Klistierspritze, mit denen man auch der Natur nachhilft, sehen andere
-im Masturbieren das furchtbarste Übel mit den schädlichsten Folgen für
-die Gesundheit. Beide Meinungen sind falsch.
-
-Beim normalen Beischlafe wird die Ejakulation durch mechanische
-Einwirkung der Scheide auf das Glied herbeigeführt. Es ist nicht
-einzusehen, warum es schädlicher sein soll, warum die nervöse
-Erschütterung größer sein soll, wenn die mechanische Einwirkung auf
-einem anderen Wege vor sich geht als beim natürlichen Beischlaf.
-Mäßig getriebenes Masturbieren ist für den Geschlechtsreifen wohl
-ganz unschädlich, wahrscheinlich sogar weniger gefährlich als der
-unterbrochene Beischlaf.
-
-Nicht in der absoluten Schädlichkeit des einzelnen Aktes liegt
-die Gefahr der Masturbation, sondern vor allem darin, daß, da zum
-Beischlafe zwei Personen notwendig sind, zur Masturbation aber nur
-eine, +die Gelegenheit zum Masturbieren ungeheuer viel größer ist als
-die zum Beischlaf und damit auch die Verlockung zur Unmäßigkeit ganz
-ungeheuer wächst+! Die Leiden, die der Arzt so häufig bei Onanisten
-findet, sind dieselben, wie sie nach exzessiver Unmäßigkeit im
-Beischlafe auftreten: also Verstimmung, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit,
-Druck und Schmerzen in der Lendengegend, Störungen der Ernährung,
-Schwächung des Gedächtnisse und der übrigen geistigen Fähigkeiten,
-Schwäche der Willenskraft, Schwäche der Erektionen, vorzeitiger
-Eintritt der Ejakulation und damit Schwierigkeiten, den normalen
-Beischlaf auszuführen. Wenn diese Störungen so viel häufiger und
-ausgeprägter bei Onanisten als bei Koitierenden angetroffen werden,
-so liegt dies eben daran, daß der Koitus selten durch längere Zeit so
-unmäßig geübt wird, wie dies bei Masturbation vorkommt, und dann daran,
-daß +die Masturbation vor allem von geschlechtsunreifen oder halbreifen
-Knaben und Jünglingen betrieben wird, für welche jede Betätigung des
-Geschlechtstriebes ungesund ist+.
-
-Es muß daher die ernsteste Sorge der Eltern und Erzieher sein, die
-Kinder vor diesem hygienischen Laster zu behüten. (Auch Mädchen
-masturbieren!)
-
-In den allermeisten Fällen verfallen die Kinder nicht von selbst
-darauf, sondern kommen durch Verführung und böses Beispiel dazu.
-+Sorgfältige Auswahl der Spielkameraden und Gefährten und beständige
-Überwachung des Verkehrs der Kinder miteinander sind daher der
-wichtigste Schutz.+
-
-Nichts macht die Kinder der Verführung zugänglicher als die
-unbefriedigte Neugierde bezüglich der Herkunft der Kinder. Es ist
-daher im höchsten Grade töricht, die Kinder mit dem Storchenmärchen
-abzuspeisen, statt sie rechtzeitig in +beschränktem Umfange+
-aufzuklären. Die Zeit zwischen dem zehnten und zwölften Jahre ist dazu
-am besten geeignet; die Kinder haben schon genug Verständnis, während
-ihr Geschlechtstrieb noch nicht erwacht ist. Ohne viel Aufheben zu
-machen, zeige man den Kindern in der Blüte auch die Staubfäden und den
-Fruchtknoten mit seinen Eiern und erkläre ihnen, daß die Eier durch
-den Pollenstaub befruchtet werden müssen, damit neue Pflanzen daraus
-hervorgehen können. Wenn die Kinder Käfer oder Schmetterlinge finden
-oder Hunde auf der Straße sehen, die gerade in der Begattung begriffen
-sind, +und man ihrer Frage nicht ausweichen kann, ohne ihr Mißtrauen
-gegen unsere Aufrichtigkeit zu erwecken+, so sage man ihnen kaltblütig,
-ohne Verlegenheit oder verdächtiges Schmunzeln, mit kurzen Worten,
-daß dies geschehe, damit das Weibchen Eier lege bzw. Junge bekomme;
-+ohne die geringste Andeutung, daß dies für die Tiere mit Lustgefühlen
-verbunden ist+! Bei einigem Geschicke läßt sich dies so machen, daß
-das Kind von selbst den erforderlichen Analogieschluß zieht, ohne daß
-seine Phantasie ungebührlich erregt wird. +Sollte+ das Kind fragen,
-ob es beim Menschen ebenso sei, so antworte man +ohne Zögern trocken+
-mit Ja, schneide aber weitere Fragen mit einem: „Das kannst du noch
-nicht verstehen!“ ab. Schon dem ganz kleinen Kinde, das fragt, sage
-man, daß es von seiner lieben Mutter unter Schmerzen geboren worden
-sei. Man wird davon nur günstige Wirkungen sehen. +Dagegen hüte man
-sich, mit der Aufklärung vorzeitig zu weit zu gehen+ und dadurch erst
-Aufmerksamkeit und Phantasie des Kindes auf das Geschlechtliche zu
-lenken.
-
-Von frühester Jugend auf muß darauf geachtet werden, daß das Kind
-nicht die üble Gewohnheit annimmt, seine Geschlechtsteile anzufassen,
-das Glied zwischen den Schenkeln zu drücken und ähnliches. Lange vor
-Erwachen des Geschlechtstriebes können sich, wie wir gehört haben,
-Erektionen und Lustempfindungen einstellen, und so kann es kommen,
-daß manchmal Knaben von zwei und drei Jahren schon masturbieren;
-selbstverständlich, ohne daß es zu einer Samenergießung kommt. Wie
-ich aus Erfahrung weiß, kann man dem Kinde sehr leicht Sorge vor den
-schädlichen Folgen der Betastung der Geschlechtsteile beibringen, ohne
-daß man ihm deren Bestimmung auseinanderzusetzen braucht. Der Umstand,
-daß die Geschlechtswerkzeuge zugleich Harnwerkzeuge sind, macht es sehr
-bequem, dem Kinde die üblen gesundheitlichen Folgen von Hantierungen
-an ihnen verständlich zu machen. Diese Belehrung wird dem Kinde um so
-weniger auffallen, je mehr man ihm auch sonst hygienische Ratschläge
-gibt und es zu hygienischer Lebensweise anleitet.
-
-Überaus wichtig ist es, den Körper der Kinder, namentlich die
-Geschlechtsteile, reinzuhalten -- selbstverständlich, ohne sie durch
-+zartes+ Reiben zu reizen --, Hautausschläge rasch behandeln zu lassen,
-damit nicht Jucken zur Masturbation führe. Die Körperwaschungen müssen
-auch benützt werden, um einen lebhaften +Ekel gegen alles Unreine+,
-alle unreinen Berührungen usw. anzuerziehen. Dieser Ekel wird zu einem
-nicht zu unterschätzenden Schutzmittel sowohl gegen widernatürliche
-Hantierungen als gegen den Verkehr mit den von so vielen Männern
-besudelten Prostituierten.
-
-Die Kinder sollen geschlossene Hosen tragen, so daß sie die
-Geschlechtsteile nicht ohne weiteres mit der Hand erreichen können;
-andererseits sollen die Hosen weit genug sein, um nicht zu drücken
-und zu spannen. Man bringe die Kinder müde zu Bett, so daß sie sofort
-einschlafen, und lasse sie alsbald nach dem Erwachen aufstehen.
-Man dulde nicht, daß sie die Hände unter die Bettdecke schieben,
-geradesowenig als daß die Knaben mit den Händen in den Hosentaschen
-umhergehen und sitzen. Man sehe häufig nach, ob die Nähte der
-Hosentaschen nicht zerrissen sind und so nicht etwa ein verborgener
-Weg zu den Geschlechtsteilen eröffnet ist. Im übrigen helfen alle
-jene Maßregeln, die wir früher schon als Mittel zur Erleichterung
-der Enthaltsamkeit kennen gelernt haben, auch zur Verhütung der
-Masturbation.
-
-Die wichtigsten Vorbeugungsmaßregeln, um die Kinder von sexuellen
-Verirrungen und späterhin von ungezügeltem Geschlechtsgenusse
-zurückzuhalten, sind +Erziehung zu Pflichterfüllung, Selbstbeherrschung
-und freiwilliger Enthaltung von einzelnen Genüssen+ überhaupt; ohne
-diese werden alle anderen wenig helfen.
-
-Ist ein Kind bereits auf das Masturbieren verfallen, so sind alle
-eben besprochenen Maßregeln um so strenger anzuwenden und das Kind
-beständig zu überwachen. Namentlich achte man auch darauf, daß es
-nicht zu lange auf dem Abort verweile. Übertriebene Strenge und harte
-Bestrafungen sind nicht am Platze. Viel nützlicher ist es, das Kind
-selbst zu belehren und sein Vertrauen zu gewinnen. Im übrigen lasse
-man sich durch die übertriebenen Schilderungen, die man nicht selten
-auch in ärztlichen Schriften aus früherer Zeit findet, nicht allzusehr
-erschrecken. Wenn die Masturbation nicht exzessiv getrieben wird,
-tritt geradeso wie nach Übermaß im Beischlaf bei Enthaltsamkeit und
-passender Lebensweise wieder vollständige Erholung ein. Sehr schwere
-Gesundheitsstörungen sind überhaupt selten. Wenn man liest, daß infolge
-von exzessiver Masturbation Geistesstörungen, Krämpfe, Veitstanz und
-Epilepsie auftreten, so liegt eine Verwechslung von Ursache und Wirkung
-vor. Das Verhältnis ist vielmehr dies, daß zügellose Masturbation ein
-Zeichen einer schon bestehenden psychischen Krankhaftigkeit ist, die
-sich dann später zu den genannten Krankheiten ausbildet.
-
-Eine sehr häufige Erscheinung ist, daß junge Männer, die, nachdem sie
-gewohnheitsmäßig masturbiert haben, in die Ehe treten, fürs erste nicht
-fähig sind, den Beischlaf auszuführen. Es ist dies fast immer nur die
-Folge ihrer Besorgnis, daß sie zum Beischlafe nicht fähig sein werden,
-da sie in den populären Schriften gelesen haben, daß die Masturbation
-zur Impotenz führe. Ihre Aufregung hemmt das Zustandekommen der
-Erektion. In einem solchen Falle heißt es nichts erzwingen wollen und
-+in Geduld die gute Stunde abwarten+. Sie kommt ganz bestimmt, und mit
-dem ersten Gelingen sind alle Schwierigkeiten überwunden.
-
-Die Neigung zur Masturbation erlischt beim gesunden Manne meist
-sofort, wenn er den normalen Geschlechtsverkehr kennen gelernt hat.
-Dies ist der Grund dafür, daß masturbierenden jungen Männern häufig
-der Rat gegeben wird, Prostituierte aufzusuchen. Ich halte dies aber
-für eine verwerfliche Torheit, da -- um von allem anderen zu schweigen
--- das +Masturbieren für den gesunden Geschlechtsreifen eine winzige
-Schädlichkeit ist verglichen mit den venerischen Krankheiten+, die
-man sich im Verkehr mit Prostituierten früher oder später fast mit
-Gewißheit holt. Einen Unreifen aber frühzeitig zum Beischlafe mit
-Prostituierten verlocken hieße erst recht ihn völlig in die Gefahr des
-Verderbens stürzen.
-
-Ich mußte die Besorgnis wegen der Schädlichkeit des Masturbierens
-auf das richtige Maß zurückführen, da die beständige Angst und die
-Verzweiflung des Masturbierenden die Schädlichkeit seines Tuns ganz
-wesentlich steigert. Der Jüngling möge aber darin keinen Anlaß finden,
-weniger energisch gegen eine etwa bei ihm vorhandene Neigung dazu
-anzukämpfen. Denn grade für den Jüngling ist es fast unmöglich, Maß zu
-halten, wenn er einmal der Verlockung erlegen ist. Und wenn ihm die
-strotzenden Hoden Beunruhigung schaffen, so möge er stets bedenken,
-daß von dieser strotzenden Fülle seiner Geschlechtsdrüsen auch das
-beglückende Gefühl der Lebensfreude und der Jugendkraft, sein Wagemut
-und seine Tatenkraft abhängen, und daß er sich des größten irdischen
-Glücken beraubt, wenn er sich durch Gebrauch eines elenden Surrogats
-bereits abgestumpft hat, bevor er zum ersten Male ein geliebtes Weib
-umarmt.
-
-In der Anziehung, welche die beiden Geschlechter aufeinander ausüben,
-liegt der reizvolle Zauber der Jugend. Das geschlechtliche Verlangen
-zieht uns zu unserem Wohle unwiderstehlich in die menschliche
-Gemeinschaft. Derjenige, der sich selbst befriedigt, wird leicht zum
-vereinsamten Sonderling und Selbstling.
-
-
-
-
-8. Kapitel.
-
-Die venerischen Krankheiten und ihre Verhütung.
-
-
-„Die Wollust der Kreaturen ist gemengt mit Bitterkeit.“ Der Leser
-dieser Blätter hat bereits die Wahrheit dieses Ausspruches vielfach
-bestätigt gesehen. Und noch haben wir von den schlimmsten Übeln, die
-der Geschlechtsverkehr bringen kann, gar nicht eingehender gesprochen.
-
-Es gibt drei ansteckende Krankheiten, die hauptsächlich durch den
-Geschlechtsverkehr verbreitet werden und daher +venerische+ Krankheiten
-genannt werden. Es sind diese der +weiche Schanker+, der +Tripper+ und
-die +Syphilis+. Es ist möglich, sich mit allen drei Krankheiten auf
-einmal anzustecken.
-
-Der +weiche Schanker+ ist unter ihnen die am wenigsten gefährliche,
-ein Geschwür an den Geschlechtsteilen, beim Manne besonders häufig
-am Randwulste der Eichel, das bei frühzeitiger geeigneter Behandlung
-in der Regel bald heilt, ohne schlimme Folgen zu hinterlassen. Doch
-kann auch diese Krankheit ärger verlaufen. Insbesondere kommt es nicht
-selten zu Anschwellungen der Vorhaut, die so stark werden können,
-daß die Vorhaut nicht mehr über die Eichel vor- oder zurückgeschoben
-werden kann, wodurch äußerst heftige Schmerzen entstehen; ferner zu
-schmerzhaften und gefährlichen Vereiterungen der Lymphdrüsen in der
-Leistenbeuge, den sog. +Bubonen+. Jedes kleinste Geschwürchen, jede
-kleinste Abschürfung am Gliede darf übrigens schon deshalb nicht leicht
-genommen werden, weil es sich dabei um syphilitische Ansteckung handeln
-kann und der Laie dies nicht zu entscheiden vermag.
-
-Mit großem Unrechte hält man vielfach den +Tripper+ für eine ganz
-ungefährliche Krankheit. Die bakteriologischen Forschungen haben erst
-ins volle Licht gesetzt, wie gefährlich diese Krankheit dem Manne
-werden kann und ein wie schreckliches Leiden sie sehr häufig für die
-Frau ist.
-
-Beim Manne tritt der Tripper als eine eiternde Entzündung der
-Schleimhaut des vorderen Teiles der Harnröhre auf. Er beginnt meistens
-am dritten Tage nach dem unreinen Beischlafe, seltener später, im
-Laufe der ersten oder der zweiten Woche, mit einem geringfügigen,
-wasserhellen Ausflusse aus der Harnröhre, Rötung der Lippen der
-Harnröhre und Brennen und Kitzeln in derselben. Der Ausfluß wird
-bald eitrig und nimmt rasch an Menge zu. Der Tripper ist immer sehr
-schmerzhaft, heilt aber in der Regel leicht, wenn der Erkrankte so
-rasch als möglich ärztliche Hilfe sucht. In böseren Fällen aber, oder
-wenn die Erkrankung vernachlässigt worden ist, greift die Entzündung
-in der Harnröhre weiter nach hinten und von der Schleimhaut in die
-darunterliegenden Gewebe. Bei der Ausheilung, die dann nur schwierig
-und oft erst nach Monaten und Jahren vollständig wird, kommt es häufig
-zu Narben, die sich mit der Zeit zusammenziehen (sog. +Strikturen+)
-und durch die Beschwerden, welche sie, namentlich beim Beischlafe
-und beim Harnlassen, beim Reiten und Fahren, aber auch schon bei
-ruhigem Sitzen veranlassen, das Leben für immer verbittern können.
-Die Tripperentzündung kann sich aber auch noch weiter ausbreiten: auf
-die Cowperschen Drüsen, auf die Vorsteherdrüse, auf die Blasendrüsen
-(„Samenblasen“), auf die Harnblase und durch die Harnleiter hinauf bis
-auf die Nieren. Gar nicht selten ergreift sie auch die Nebenhoden und
-führt dadurch zur Unfruchtbarkeit. Auch in entfernte Körpergegenden
-kann der Erreger des Trippers, der Gonokokkus, durch den Blut- und
-Lymphstrom verschleppt werden und dort Entzündungen hervorrufen. So
-kommen Tripperentzündungen und Eiterungen in den Gelenken vor; so
-können Entzündungen der Herzklappen, des Rippenfells, des Rückenmarkes
-entstehen; schwere Leiden, die selbst zum Tod führen können.
-
-Noch viel gefährlicher als für den Mann ist der Tripper für die Frau.
-Auch bei ihr beginnt die Erkrankung in der Regel in der Harnröhre; sie
-verbreitet sich aber rasch weiter und ergreift zunächst hauptsächlich
-die Bartholinischen Drüsen und den Mutterhals. Sie hat eine große
-Neigung, in das innere Genitale einzudringen. Es kommt zu Entzündungen
-der Gebärmutter, der Eileiter, der Eierstöcke und des diese Organe
-umgebenden Bindegewebes. Ist die Entzündung einmal in diese tieferen
-Teile eingedrungen, dann ist sie meistens unheilbar. In der Regel
-ist sie nicht geradezu lebensgefährlich, obwohl Fälle vorkommen, wo
-Bauchfellentzündung verhältnismäßig rasch zum Tode führt, und obwohl
-natürlich bei der Frau wie beim Manne entfernte lebenswichtige Organe
-ergriffen werden können. Aber stets ist die unheilbar gewordene
-Tripperentzündung der inneren Geschlechtsorgane ein Leiden, das der
-Frau durch beständige Schmerzen und Beschwerden das Leben verbittert,
-ihre Blüte und körperliche Leistungfähigkeit vernichtet und ihr
-meistens die Fähigkeit, befruchtet zu werden, raubt.
-
-Der Trippereiter bzw. der in ihm befindliche Gonokokkus ist äußerst
-ansteckend. Außer durch den Beischlaf kann er auch durch die Finger,
-durch mit frischem Eiter beschmutzte Kleidungsstücke und Instrumente
-übertragen werden. Wiederholt sind auch Ansteckungen kleiner Mädchen
-durch Wasser in Badebecken und Badewannen, in denen Tripperkranke
-gebadet hatten, vorgekommen. Besonders muß betont werden, daß die
-+Bindehaut des Auges+ sehr leicht mit dem Gonokokkus zu infizieren ist
-und die so entstehenden Augenentzündungen zu den allerbösartigsten
-gehören. Zu dieser Infektion der Augen kommt es besonders leicht, wenn
-das Kind bei der Geburt durch die Scheide und die Schamspalte der
-tripperkranken Mutter durchgedrückt wird. Es kommt so die berüchtigte
-ansteckende Augenentzündung der Neugeborenen zustande, welche in mehr
-als zehn Prozent der Fälle beiderseitiger Blindheit die Ursache der
-Erblindung ist!
-
-+Die Tripperkrankheit ist während ihrer ganzen Dauer
-ansteckungsfähig.+ Besonders schlimm ist dabei, daß die sichtbaren
-Krankheitserscheinungen bei einem lange bestehenden Tripper so
-unbedeutend werden können, daß selbst der Arzt sie leicht übersieht.
-Da der chronische Tripper in der Regel keine Schmerzen verursacht,
-kann der Mann glauben, er sei völlig genesen, und doch die Gattin beim
-ersten Beischlafe anstecken!
-
-Der Tripper ist furchtbar verbreitet. In manchen Städten bekommen
-nach und nach alle Männer, welche außerehelichen Beischlaf ausüben,
-den Tripper, und auf manchen Frauenkliniken hat man festgestellt, daß
-der vierte Teil aller Patientinnen daran leidet. Etwa sieben Prozent
-der heutigen Ehen sind wegen dieser Krankheit völlig unfruchtbar, sei
-es, daß der Mann, sei es, daß die Frau zeugungsunfähig geworden ist!
-Und weitere etwa sieben Prozent bringen es nur zu einem Kinde, weil
-der Mann seine Frau zugleich mit der ersten Schwängerung tripperkrank
-gemacht hat!
-
-Noch schlimmer als der Tripper ist die dritte venerische Krankheit, die
-durch die _Spirochaete pallida_ erzeugte +Syphilis+, da sie den ganzen
-Organismus ergreift. Man unterscheidet drei Stadien der Krankheit.
-
-Etwa vierzehn Tage bis drei Wochen nach der Ansteckung bildet sich ein
-derbes, rotes Knötchen, das an der Oberfläche wund oder geschwürig
-wird. (+Primäre Syphilis, harter Schanker.+) Bald stellt sich auch
-Schwellung der benachbarten Drüsen ein. Nicht selten sind diese
-Krankheitserscheinungen so unbedeutend, daß sie leicht vollständig
-übersehen werden.
-
-Acht bis zehn Wochen nach Auftreten des Geschwürs kommt es zu
-Allgemeinerscheinungen: die Ernährung leidet, der Kranke wird nervös
-reizbar, unter Fieber und Kopfschmerzen bilden sich Ausschläge auf
-der Haut und auf den Schleimhäuten, besonders auf denen des Mundes
-und des Rachens; auch Knochenhautentzündungen sind sehr häufig.
-Nach einiger Zeit verschwinden diese Krankheitserscheinungen. Nach
-einer Pause von etwa sechs Monaten kommen sie aber wieder, und dieses
-Verschwinden und Wiederauftreten wiederholt sich nun durch zwei bis
-drei Jahre alle drei bis sechs Monate. Man nennt dieses Stadium der
-Krankheit +sekundäre Syphilis+. Während der harte Schanker im Beginne
-ein rein örtliches Leiden ist, krankt bei der sekundären Syphilis der
-ganze Körper. Nach der angegebenen Zeit, also nach zwei bis drei und
-vier Jahren vom Beginne der Krankheit an, tritt scheinbar Genesung
-ein. Aber oft zeigen +schwere+ Erkrankungen, die +nach vielen Jahren+
-auftreten, daß der Schein getrogen hat. Namentlich sind Erkrankungen
-des Zentralnervensystems, Geschwülste (sog. +tertiäre Syphilis+),
-+Tabes+ (oder Rückenmarksdarre) und +progressive Paralyse+ (oder
-fortschreitende Verblödung) solche späte Folgen der syphilitischen
-Ansteckung.[F] Überaus häufig bleibt auch nach der definitiven Genesung
-von der Syphilis der Organismus dauernd geschädigt und geschwächt.
-Insbesondere nehmen die Blutgefäße dauernden Schaden. +Syphilitiker
-haben im Durchschnitte eine erheblich kürzere Lebensdauer als Leute,
-welche niemals an Syphilis erkrankt waren.+ Nach den Erfahrungen der
-Gothaer Lebensversicherungsanstalt in den Jahren 1852 bis 1905 ist die
-Sterblichkeit jener Versicherten, welche Syphilis durchgemacht haben,
-um 68 Prozent höher als jene der von Syphilis verschont gebliebenen.
-In der Altersklasse von 36 bis 50 Jahren beträgt die Sterblichkeit
-der ersteren sogar 186 Prozent von jener der letzteren, also fast das
-Doppelte.
-
-Die Kranken sind +sicher ansteckend während des ganzen ersten und
-zweiten Stadiums+ und während des letzteren sowohl zur Zeit, wo
-Krankheitserscheinungen wahrnehmbar sind (Floreszenz), +als in den
-Pausen+ (Latenz). Nach neueren Erfahrungen können sogar auch noch in
-späterer Zeit, wenn schon lange keine Krankheitserscheinungen mehr
-aufgetreten sind, Ansteckungen erfolgen.
-
-Der Ansteckungsstoff ist vorhanden in den Absonderungen der Geschwüre
-und wunden, nässenden Stellen, in den abgestoßenen Oberhautschüppchen
-der erkrankten Hautstellen, während des sekundären Stadiums im Blute
-und in +allen+ Absonderungen, besonders auch im Speichel und im
-Mundschleime.
-
-Die Ansteckung erfolgt daher, +wenn auch weitaus am häufigsten+ beim
-Beischlafe, so doch nicht allein dabei, sondern auch von Mund zu Mund
-beim +Kusse+ oder durch gemeinsam benutzte Eß- und Trinkgeschirre,
-Tabakpfeifen, Musikinstrumente u. dgl., bei kleinen Verletzungen direkt
-auf die Finger, Hände und andere Körperstellen, von der Brustwarze der
-Amme auf den Säugling und umgekehrt vom Säugling auf die Amme. Auch bei
-kleinsten Operationen, z. B. bei der Impfung, kann durch infizierte
-Instrumente die Übertragung erfolgen.
-
-Von den Eltern kann direkt schon bei der Zeugung Syphilis auf die
-Nachkommenschaft übertragen werden. Ein gesund erzeugtes Kind
-kann im Mutterleibe infiziert werden, wenn die Mutter während der
-Schwangerschaft syphilitisch wird. Wir haben schon davon gesprochen,
-sowie davon, daß die elterliche Syphilis für die Nachkommenschaft
-auch dann verderblich werden kann, wenn das Kind nicht angesteckt
-wird, indem die Schädigung des elterlichen Körpers durch das vom
-Krankheitserreger erzeugte Gift auch eine Schädigung der Keime zur
-Folge hat, so daß die Kinder lebensschwach und elend ausfallen,
-Entwicklungshemmungen und Bildungsfehler, Skrofulose und andere
-Krankheiten der Ernährung aufweisen. Noch in der zweiten Generation
-kann, namentlich wenn die Frau hereditär syphilitisch ist, Neigung zu
-Abortus, Totgeburt und Geburt lebensschwacher Kinder vorhanden sein.
-
-Die Gefahr für die Nachkommenschaft besteht hauptsächlich während des
-primären und sekundären Stadiums, in den ersten drei bis vier Jahren
-nach der Infektion. Nach Ablauf dieses Stadiums werden in der Regel
-normale Kinder erzeugt. Doch auch noch bei manchen von diesen später
-Erzeugten gibt sich durch mancherlei krankhafte Zustände und Anlagen
-die Andauer der Störung der elterlichen Keimbildung kund.
-
-Das Überstehen der Syphilis macht für eine neue Infektion
-unempfänglich, es ruft, wie man zu sagen pflegt, +erworbene Immunität+
-hervor.
-
-Auch die Syphilis ist ungeheuer verbreitet. In den verschiedenen
-Gebieten Mitteleuropa dürften mindestens fünf bis zehn Prozent der
-ganzen Bevölkerung im Laufe ihres Lebens syphilitisch infiziert werden;
-in den Großstädten sind es noch sehr viel mehr; in Berlin mindestens 40
-Prozent der geschlechtsreifen Männer!
-
-Es ist klar, daß unter diesen Umständen der +außereheliche
-Geschlechtsverkehr stets gefährlich ist+. +Jede Frau, die bereits
-geschlechtlich verkehrt hat, ist verdächtig, eine venerische Krankheit
-durchgemacht zu haben oder noch venerisch krank zu sein+, und ebenso
-muß die Frau jeden Mann, der bereits den Beischlaf ausgeübt hat, von
-vornherein als verdächtig ansehen. Die Hauptquelle der Ansteckung sind
-jedoch ohne Zweifel die Prostituierten (Dirnen, Huren), die gegen
-Bezahlung jeden zum Beischlaf zulassen. Nahezu +alle+ erkranken früher
-oder später an Tripper und weichem Schanker, die meisten auch an
-Syphilis. Man hat in St. Petersburg konstatiert, daß von 100 Mädchen,
-die das Gewerbe der Prostitution beginnen, binnen fünf Jahren 80
-syphilitisch wurden. Von 100 Bordellmädchen wurden jährlich 12 bis 51
-wegen Syphilis ärztlich behandelt. In Berlin erkrankten laut Erhebungen
-von den freilebenden Prostituierten jährlich 32 bis 82 Prozent an
-venerischen Krankheiten, in Budapest von den Bordellmädchen 144 bis 180
-Prozent.
-
-Man bemüht sich, durch polizeiliche Überwachung die Prostitution
-ungefährlich zu machen, indem man die erkrankten Prostituierten so
-rasch als möglich herauszufinden sucht, um sie dann abzusondern und
-ärztlich zu behandeln bis zur Genesung oder wenigstens bis zu dem
-Zeitpunkte, wo sie nicht mehr ansteckungsfähig sind.
-
-Dieses Ziel läßt sich aber nur höchst unvollkommen erreichen. Vor allem
-ist es unmöglich, alle Prostituierten zur Untersuchung heranzuziehen,
-da die Prostitution in allen möglichen verlarvten Formen auftritt
-(geheime Prostitution) und auch die unverhüllte Prostitution sich den
-Augen der Polizei so viel als möglich zu entziehen sucht; -- in den
-Großstädten wenigstens -- zum guten Teile mit Erfolg. Je schärfer
-die Polizei gegen die Prostituierten vorgeht, um so hartnäckiger und
-erfinderischer suchen sich die Prostituierten vor ihr zu verbergen.
-
-Ferner ist es unter Umständen ungemein schwierig, festzustellen, ob
-die Prostituierte krank ist oder nicht. Ein chronisch gewordener
-Tripper macht auch bei der Frau so geringe wahrnehmbare Erscheinungen,
-daß sehr häufig nur wiederholte mikroskopische Untersuchungen die
-Diagnose der Krankheit ermöglichen. Floride Syphilis ist zwar leicht zu
-erkennen, aber im latenten Stadium der sekundären Syphilis können alle
-Krankheitszeichen fehlen, während die Prostituierte doch infektiös ist.
-Sechs Siebentel aller syphilitischen Männer, die +Sperk+ in Petersburg
-behandelt hat, haben sich bei latent syphilitischen Dirnen angesteckt.
-
-Ein Mädchen, das heute gesund befunden worden ist, kann bei der
-ungeheuren Häufigkeit der venerischen Krankheiten in der nächsten
-Stunde angesteckt werden. Sie kann schon angesteckt sein, ohne daß die
-Krankheitserscheinungen schon ausgebrochen sind. Aber am nächsten Tage
-brechen sie aus, und nun ist sie ansteckend. Ja, es sind sogar Fälle
-sichergestellt, wo die Dirne die Krankheit von einem Manne unmittelbar
-auf den nächsten Besucher übertragen hat, ohne selbst zu erkranken.
-Etwas von dem, was der erste Besucher gebracht hat, hat der zweite
-sofort wieder mitgenommen.
-
-Hat man die Erkrankten herausgefunden, so ist es fast unmöglich,
-sie so lange abzusondern, bis sie nicht mehr ansteckungsfähig sind;
-die syphilitischen Dirnen müßten durch drei bis vier Jahre, die
-tripperkranken, sobald ihre inneren Organe ergriffen sind, eigentlich
-für immer abgeschlossen gehalten werden!
-
-+Jeder, dem Leben und Gesundheit lieb sind, jeder, der sich eine
-gesunde Nachkommenschaft wünscht, sollte schon dieser ungeheuren Gefahr
-wegen die Prostitution meiden.+
-
-Ebenso wie den größten +physischen+ Abscheu sollte der Verkehr mit
-Prostituierten auch den größten +moralischen+ Abscheu erwecken. Lust
-ohne Liebe ist gemein und macht gemein, und die Hingabe des Körpers
-gegen Geld ist die tiefste Erniedrigung der Frau. Der Mitmensch in der
-Frau sollte uns zu hoch stehen, als daß wir sie einfach zum Werkzeug
-unserer Lust herabwürdigen; das Mitleid sollte uns abhalten, dieses
-Gewerbe fördern zu helfen, das die ungeheure Mehrzahl der unglücklichen
-Frauen, die sich ihm ergeben haben, körperlich und geistig zugrunde
-richtet!
-
-Wie sehr sind auch die armen Wichte selbst zu bedauern, die das Feuer
-ihrer ungebrochenen Jugendkraft an Wesen verschwenden, die, wie die
-Dirnen, zum größten Teile von Geburt aus tiefstehende, psychisch
-verkrüppelte Geschöpfe sind -- Vagabunden- und Verbrechernaturen
-ins Weibliche übersetzt! --, die auch infolge des Mißbrauchs ihrer
-Organe die rein physische Genußfähigkeit längst verloren haben und nur
-des Geschäft wegen mühsam heucheln, als ob sie beim Beischlaf noch
-irgendeine Wollustempfindung hätten!
-
-Als Moralist könnte ich damit schließen; aber ich bin Arzt und fühle
-Erbarmen mit der menschlichen Schwäche und fühle die Verpflichtung,
-wenigstens physischen Schaden so viel als möglich zu verhüten, wenn ich
-schon den sittlichen Schaden nicht verhindern kann. Ich fühle diese
-Verpflichtung um so lebhafter, als die venerischen Krankheiten nicht
-bloß den Sünder bedrohen, der sich leichtfertig in die Gefahr stürzt,
-sondern auch völlig Unschuldige und das Volk in seiner Gesamtheit.
-
-Ich will daher zunächst sagen, wie man die Gefahr, im
-Geschlechtsverkehr angesteckt zu werden, +vermindern+ kann; +sie mit
-Sicherheit auszuschließen, ist bis jetzt unmöglich+!
-
-Das weitaus beste Mittel gegen die Ansteckung, das wir heute kennen,
-ist der +Kondom+ (s. S. 74); +ihn beim Verkehr mit Dirnen, =beim
-außerehelichen Beischlafe überhaupt= nicht gebrauchen ist bodenloser
-Leichtsinn+! Wenn er während des Beischlafes hält, schützt er das
-Glied, den am meisten gefährdeten Körperteil, gegen alle drei
-Infektionen, und ebenso schützt er auch die Frau vor dem angesteckten,
-z. B. mit chronischem Tripper behafteten Manne. Aber dünnere Fabrikate
-reißen leicht; billigere und schlechtere sogenannte Fischblasen sind
-sehr häufig von vornherein nicht völlig dicht; Gummikondoms werden bei
-der Aufbewahrung sehr rasch brüchig. Es wäre daher töricht, dem Kondom
-ganz sorglos zu vertrauen. Ferner ist zu bedenken, daß der Kondom nach
-dem Beischlafe an seiner +Außenseite+ Infektionskeime tragen kann, daß
-man sich daher auch noch beim Abziehen desselben infizieren kann. Auch
-an die Nachbarschaft des Gliedes, auf den Hodensack usw., kann beim
-Beischlafe Infektionsstoff gekommen sein, und auch mit den Fingern
-kann man welchen aufgenommen haben, während das syphilitische Gift,
-wie wir gehört haben, an den verschiedensten Stellen der Haut und der
-Schleimhäute haften und durch die kleinsten Verletzungen eindringen
-kann. Die Benützung des Kondoms muß daher auf alle Fälle durch
-sorgfältige Waschung mit einer kräftigen Desinfektionsflüssigkeit, am
-besten mit 1 Promille Sublimatlösung (eine 1 _g_-Pastille auf 1 _l_
-Wasser) ergänzt werden. Mit dieser Lösung muß vor allem die Außenseite
-des Kondoms abgewaschen werden, bevor dieser vom Gliede abgezogen wird,
-dann Glied, Hodensack und ihre ganze Nachbarschaft sowie die Hände.
-
-+Viel unsicherer+ als der Kondom ist die Anwendung chemischer
-Desinfektionsmittel. Ich kann sie +nur dann+ empfehlen, +wenn kein
-Kondom+ zu haben ist. +Ihre Anwendung ist aber jedenfalls viel besser
-als nichts!+ Gegen den Tripper gewähren Einträufelungen von 10- bis
-20prozentigem +Protargol+, einer Silberverbindung, in die Harnröhre
-einen verhältnismäßig sicheren Schutz, wenn sie unmittelbar nach dem
-Beischlaf oder wenigstens so rasch als möglich -- keinesfalls später
-als fünf Stunden danach! -- vorgenommen werden. Dagegen ist es recht
-schwierig, durch Waschen oder Einsalben des Gliedes die Ansteckung mit
-Syphilis zu verhüten. Bei der deutschen Marine wird nach folgender
-Vorschrift verfahren: +So bald als möglich+ nach dem Beischlaf wird
-das Glied, insbesondere die Eichel, die Kranzfurche und die Vorhaut,
-mit Benzin gründlich gereinigt. Hierauf werden in die durch Druck mit
-zwei Fingern senkrecht auf den Schlitz der Eichel zum Klaffen gebrachte
-Harnröhrenmündung mittels einer Pipette zwei bis drei Tropfen 20
-prozentiger Protargollösung eingeträufelt. Einige Tropfen werden auch
-auf ihre äußere Umgebung verteilt. Die Flüssigkeit muß 1 bis 2 Minuten
-lang in der Harnröhrenmündung stehen bleiben; so lange muß diese daher
-nach oben gerichtet und offengehalten werden. Hierauf wird das Glied
-mit 1 promilliger Sublimatlösung gewaschen, schließlich ein mit der
-Sublimatlösung getränkter Wattestreifen in die Eichelfurche eingelegt
-und dort bis zu 12 Stunden lang liegen gelassen. Die Waschung mit der
-Desinfektionslösung muß sehr gründlich vorgenommen werden, und man
-muß darauf achten, daß die +ganze+ Oberfläche des Gliedes, die Furche
-um die Eichel, das Bändchen, die beiden Blätter der Vorhaut wirklich
-von der Desinfektionsflüssigkeit benetzt werden, und daß alle Teile
-etwa zwei Minuten lang unter der Wirkung der Desinfektionsflüssigkeit
-stehen. Dem Laien wird es nicht so leicht gelingen, alle diese
-Vorschriften zu erfüllen. Die Nachbarschaft des Gliedes und die Hände
-wäscht und desinfiziert man selbstverständlich mit. Die Waschung darf
-natürlich auch nicht so grob ausgeführt werden, daß dabei die zarte
-Oberhaut abgeschürft und dem Ansteckungsstoff geradezu eine Pforte
-eröffnet wird. +Den Beischlaf auszuführen, wenn am Gliede auch nur
-die geringfügigsten Abschürfungen vorhanden sind, ist ganz besonders
-gefährlich und töricht.+
-
-Statt der Waschungen wird auch +Einsalbung+ des Gliedes +vor+
-und +nach+ dem Beischlaf angewendet. Die beste Salbe dürfte die
-„+Neisser-Siebertsche Desinfektionssalbe+“ sein, welche ebenfalls
-Sublimat enthält. Selbstverständlich muß auch ihre Anwendung mit der
-Einträufelung von Protargol in die Harnröhre verbunden werden. Billige
-Schutzbestecke mit Benützungsvorschrift (20-25 Pfg. für einmalige
-Anwendung) sind jetzt wohl in allen Apotheken käuflich. Man verlange
-ausdrücklich solche mit Protargol und Neisser-Siebertscher Salbe.
-
-Wer einen Beischlaf vollzogen hat, der unrein sein konnte, tut gut,
-sein Glied drei Wochen lang jeden Tag genau zu betrachten, ob er daran
-keine Krankheitszeichen wahrnimmt. +Jede Hautabschürfung+, jedes
-Eiterpünktchen, Knötchen oder Geschwürchen muß beachtet werden. Man
-untersuche besonders die Eichel und die Furche hinter ihrem Randwulste,
-das Bändchen und die Innenseite der Vorhaut. Sobald man +irgend
-etwas+ Verdächtiges wahrnimmt, eile man +sofort+ zum Arzte, um die
-verdächtigen Stellen gründlich verätzen zu lassen. Wenn dies in den
-ersten 24 Stunden, nachdem sich die angegebenen Erscheinungen gezeigt
-haben, geschieht, gelingt es nicht selten, die weitere Entwicklung des
-Schankers und der sekundären Syphilis abzuschneiden.
-
-Nach Besichtigung des Gliedes streife man mit dem Finger der
-Unterseite der Harnröhre entlang von hinten nach vorne und beachte,
-ob sich auf diese Weise ein Tropfen Flüssigkeit aus der Harnröhre
-herausdrücken läßt. Am besten ist es, diesen Versuch am Morgen vor dem
-ersten Harnlassen anzustellen. Tritt ein Tropfen aus der Harnröhre
-heraus, so suche man ebenfalls +sofort+ den Arzt auf, der sehr häufig
-imstande ist, durch energische Behandlung die Entwicklung des Trippers
-abzuschneiden.
-
-Überhaupt muß jedem, der in bezug auf Geschlechtsverkehr kein
-reines Gewissen hat, auf das allerdringendste empfohlen werden, bei
-Auftreten +irgendwelcher+ Krankheitserscheinungen nicht allein an den
-Geschlechtsteilen, sondern auch auf der Haut, an den Lippen, an der
-Schleimhaut des Mundes und des Rachens sogleich zum Arzt zu gehen und
-ihm volle Wahrheit einzuschenken. Verschämtheit oder Unwahrhaftigkeit
-dem Arzte gegenüber wäre das Allertörichteste.
-
-Auch wenn der Tripper, der weiche oder harte Schanker oder die
-sekundäre Syphilis sich schon entwickelt haben, ist volle Heilung
-möglich, wenn frühzeitig kräftige ärztliche Behandlung eingeleitet
-wird. Man befolge daher gewissenhaft die ärztlichen Verordnungen und
-lasse sich nicht durch törichtes Gerede von Naturheilkundigen und
-Kurpfuschern irremachen. Insbesondere bitte ich die Leser, mir, der
-ich gar nicht ärztliche Praxis ausübe, also ganz unverdächtig bin, zu
-glauben, daß die Behandlung der Syphilis mit Quecksilber (z. B. die
-sog. Schmierkur) eines der allerwirksamsten Heilverfahren ist, über das
-die Medizin verfügt, und daß es damit fast immer gelingt, die Syphilis
-wirklich zu heilen, während bei allen anderen seit längerer Zeit
-bekannten Heilverfahren die Gefahr der tertiären Syphilis, der Paralyse
-usw. viel größer ist. Die Heilung der sekundären Syphilis durch
-Quecksilber dauert stets sehr lange, und die Kur muß durch zwei bis
-drei Jahre mehrmals wiederholt werden, bis man des Erfolges sicher sein
-kann. Wir haben ja schon gehört, daß die Syphilis die Eigentümlichkeit
-hat, Pausen zu machen und nach mehreren Monaten zu rezidivieren. Der
-Patient darf also ja nicht die Geduld verlieren, wie dies so häufig
-geschieht. Vorzügliche und rasche Wirkung übt das neue von +Ehrlich+
-empfohlene Arsenpräparat „+Salvarsan+“ aus. Es hilft aber auch nicht
-in allen Fällen und ist selbst keineswegs ganz harmlos für den Körper
--- ebensowenig wie das Quecksilber --, so daß es höchst töricht wäre,
-im Vertrauen auf das Salvarsan die Gefahr der Ansteckung mit Syphilis
-leicht zu nehmen. Die Erfahrungen über das Salvarsan dauern noch nicht
-lange genug, um ein abschließendes Urteil über dieses Heilmittel zu
-gestatten; es muß aber schon jetzt dem Angesteckten auf das dringendste
-empfohlen werden, sich so früh als möglich der Salvarsankur zu
-unterziehen.
-
-Sorgt der Geschlechtskranke für sich, so muß er auch für andere sorgen.
-Er darf keinen Augenblick vergessen, daß er an einer ansteckenden
-Krankheit leidet. +Jeder Geschlechtsverkehr ist ein nichtswürdiges
-Verbrechen, wenn man weiß, daß man geschlechtskrank ist!+
-
-Aber auch abgesehen davon muß der Geschlechtskranke vorsichtig sein.
-Der Tripperkranke muß darauf achten, daß er nichts von dem eitrigen
-Ausflusse, der das Ansteckende ist, in seine eigenen Augen bringt. Er
-muß seine Finger, wenn er sie damit beschmutzt haben könnte, stets
-sofort reinigen und desinfizieren, ebenso dafür Sorge tragen, daß alle
-Gegenstände, die infiziert sein können, z. B. Leibwäsche, desinfiziert
-werden, bevor sie anderen Leuten in die Hand kommen.
-
-Wir haben schon gehört, daß der Tripper sehr häufig chronisch wird,
-daß solche langwierige Tripper in der Regel höchst unbedeutende
-Erscheinungen machen, daß sie aber trotzdem noch im hohen Maße
-ansteckend sind. Die Vorsichtsmaßregeln dürfen daher erst dann
-eingestellt werden, wenn durch gründliche ärztliche Untersuchung
-mit Hilfe des Mikroskops die volle Ausheilung bzw. das Ende der
-Ansteckungsfähigkeit festgestellt ist. Dies gilt insbesondere von
-der Ausübung des Beischlafes[G] und von dem Eingehen der Ehe. Da der
-chronische Tripper jahrelang fortbestehen kann, +darf niemand, der an
-Tripper erkrankt war, heiraten, ohne daß ihm dies ein erfahrener Arzt
-nach gründlicher Untersuchung erlaubt hat+. Wer anders handelt, ist
-gewissenlos. Tausende und Abertausende von armen Frauen werden ohne
-geringstes eigenes Verschulden für die Dauer ihres Lebens siech, weil
-sie von ihrem Gatten, vielleicht gleich in der Hochzeitsnacht, mit
-Tripper angesteckt werden!
-
-Hat der Tripperkranke nur darauf zu achten, daß nichts von dem
-Ausflusse der Harnröhre an einen unrechten Ort gebracht wird, so
-muß der Syphilitische noch viel vorsichtiger sein, da +alle+ seine
-Absonderungen ansteckend sind und insbesondere durch den Speichel und
-den Mundschleim die Krankheit leicht übertragen wird. Also während
-der ganzen zwei- bis dreijährigen Dauer der sekundären Syphilis nicht
-küssen! insbesondere nicht auf den Mund! Keine gemeinschaftliche
-Benützung von Eß- und Trinkgeschirr, von Tabakpfeifen, von Gerät, das,
-wie Musikinstrumente oder Glasbläserpfeifen, in den Mund genommen
-werden muß.
-
-+Wie der Tripperkranke darf auch der Syphilitische nicht heiraten
-bzw. nicht den Beischlaf ausüben, bevor jede Gefahr der Ansteckung
-der Frau und der Erzeugung kranker Kinder ausgeschlossen ist.+ Da
-dies keinesfalls vor Ablauf von vier Jahren nach erfolgter Ansteckung
-sicher ist, muß mit der Ehe so lange gewartet werden. Aber auch nach
-vier Jahren ist eine Ehe nur dann zulässig, wenn eine sorgfältige
-ärztliche Behandlung stattgefunden hat, und wenn mindestens seit einem
-Jahre nicht die geringsten Erscheinungen von Syphilis aufgetreten
-sind. Diese Vorschriften mögen drakonisch scheinen, sie sind aber bei
-der Furchtbarkeit der Folgen eines vorzeitigen Abschlusses der Ehe
-unbedingt geboten.
-
-Alles dieses über die venerischen Krankheiten Gesagte möge sich nicht
-allein der Ehekandidat vor Augen halten, sondern auch die Frau, um die
-geworben wird, bzw. ihre Eltern und Vormünder. Sie sollen unbedingt
-verlangen, daß der Brautwerber sein +Freisein von venerischen
-Krankheiten+ durch ein ärztliches Zeugnis nachweist. Eigentlich sollte
-keine Ehe geschlossen werden dürfen, bevor beide Brautleute ärztlich
-untersucht, gesund und frei von gefährlicher erblicher Belastung
-befunden worden sind; zum mindesten sollte gesetzlich vorgeschrieben
-werden, daß die Brautleute ärztliche Untersuchungszeugnisse austauschen
-müssen, damit sie wissen, woran sie sind. Unendliches Unheil könnte
-dadurch verhütet werden! Einen gewissen Schutz gegen die Verehelichung
-mit Kranken wird es schon gewähren, wenn es zur allgemeinen Gewohnheit
-wird, was ja auch aus wirtschaftlichen Gründen dringend zu empfehlen
-ist, +daß die Gatten bei Abschluß der Ehe ihr Leben versichern+,
-und die Ehe unterbleibt, wenn die Versicherung versagt wird, was in
-der Regel auf Grund eines ungünstigen Ergebnisses der ärztlichen
-Untersuchung geschieht. Möge sich wenigstem dieser Gebrauch rasch
-einbürgern.
-
-
-
-
-9. Kapitel.
-
-Ehe oder freie Liebe.
-
-
-Angesichts der Ekelhaftigkeit und Gefährlichkeit der Prostitution, wie
-sie soeben geschildert worden ist, werden sich gar manche versucht
-fühlen, in einem sog. „Verhältnis“ Befriedigung zu suchen bis zu dem
-Zeitpunkte, wo sie imstande sind, eine Ehe zu schließen. Sie mögen aber
-folgendes zu Herzen nehmen:
-
-Volle Sicherheit vor Ansteckung würde ein solches Verhältnis nur
-dann bieten, wenn es mit einer Jungfrau eingegangen wird und wenn
-beiderseits strenge Treue bewahrt wird, denn bei der heutigen
-Verbreitung der Geschlechtskrankheiten ist, wie schon früher betont
-wurde, +jeder+ polygamische Verkehr in hohem Grade gefährlich. Bei
-einem Mädchen, das sich leichten Herzens, etwa gar gegen Entgelt
-in irgendwelcher, wenn auch verhüllter Form, zu einem solchen
-„Verhältnisse“ hergibt, darf man aber nicht auf Treue rechnen. Wenn
-es, wie dies so häufig der Fall ist, schon von Hand zu Hand gewandert
-ist, ist es kaum weniger gefährlich als die offenkundige Prostituierte.
-Auch davor sollte sich der von Streben nach Höherem erfüllte junge
-Mann scheuen, daß das Zusammenleben mit einem Mädchen, das geistig und
-gemütlich tief steht, das kein Verständnis für seine Ziele hat und nur
-triviale Vergnügungen kennt, sein eigenes Kulturniveau erniedrigen muß.
-Ein solches „Liebesverhältnis“ beschmutzt +seelisch+ weit mehr als der
-gelegentliche Besuch bei einer Prostituierten, der den Charakter einer
-Notdurftsverrichtung, wie der Besuch eines öffentlichen Aborts, hat.
-
-Der unerfahrene Jüngling lasse sich auch gesagt sein, daß für ein
-weibliches Wesen nichts leichter ist, als Liebe und Verlangen zu
-heucheln, und daß es nicht wenige niedrig denkende Weiber gibt, die mit
-klarer Überlegung auf den Fang von solchen Gimpeln ausgehen, die, durch
-den Geschlechtstrieb blind gemacht, bereit sind, der Frau, welche ihnen
-Liebe heuchelt und die letzte Gunst gewährt, Geld und Arbeitskraft zu
-opfern, ihr die Sorge um den Lebensunterhalt wenigstens für einige
-Zeit, wenn nicht für immer abzunehmen, ihre Luxusbedürfnisse und
-Launen zu befriedigen. Gar mancher Harmlose meint zu erobern, während
-er wehrlos gefangen wird. Die Frau, die im selbständigen Lebenskampfe
-dem Manne nicht gewachsen ist, besitzt in der klugen Benutzung des
-männlichen Triebes eine Waffe, deren rücksichtsloser Gebrauch ihr nicht
-allzu selten vollen Triumph verschafft.
-
-In den Augen der Kurtisane ist der Mann ein dumm-gieriges Tier, das
-dazu da ist, für die Frau zu arbeiten, und, wenn es ihr Gut und Blut
-geopfert hat, noch immer dankbar sein muß, wenn sie es zu sich ins
-Bett läßt. Eine solche Gesinnung hat früher in der bürgerlichen Welt
-als verächtlich gegolten; die moderne Selbstvergötterung der Frau hat
-es aber fertiggebracht, auch die „Dame“ für diese Auffassung und deren
-sehr einträgliche Verwertung in der Ehe zu begeistern. Die Frau ist
-die Krone der Schöpfung; der Mann ein Wesen niederer Art, geschaffen,
-sie zu ernähren und zu bedienen! Amerika und England sind hierin die
-leuchtenden Vorbilder für das „rückständige“ Deutschland. Für diese
-Sorte Weiber gilt das Wort Nietzsches: „Wenn du zum Weibe gehst, vergiß
-die Peitsche nicht!“
-
-Ein ehrbares, hochgesinntes Mädchen zu einem „Liebesverhältnisse
-auf Zeit“ verleiten ist auch dann ein unverantwortliches Beginnen,
-wenn es mit voller Offenheit über die Endabsichten geschieht.
-Selbstverständlich ist es eine Schlechtigkeit, Kinder in die Welt zu
-setzen, für die man nicht sorgen will oder nicht sorgen kann. Das
-Schicksal der unehelichen Kinder ist ein überaus trauriges. Ihre
-Sterblichkeit ist im Vergleiche mit jener der ehelichen Kinder sehr
-hoch; die Zahl der Militärdiensttauglichen unter ihnen ist niedrig.
-Zeigen diese Tatsachen, wie schlecht es im Durchschnitt mit ihrer
-körperlichen Gesundheit steht, so lehrt die verhältnismäßig große Zahl
-von Geisteskranken, Selbstmördern, Trinkern und Verbrechern unter
-ihnen, daß auch ihre geistige Gesundheit keine bessere ist. Wenn auch
-sehr viel davon Erbschaft der Minderwertigkeit ihrer leichtsinnigen
-Erzeuger ist, so haben doch auch ungenügende Pflege und Erziehung einen
-wesentlichen Anteil daran. Kein halbwegs gewissenhafter Mann wird
-es also auf die Möglichkeit der Erzeugung eines unehelichen Kindes
-ankommen lassen wollen. Er könnte von vornherein bei einem solchen
-Verhältnisse nur an Geschlechtsverkehr mit Verhinderung der Empfängnis
-denken. Er möge aber zunächst sich klarmachen, wie leicht in einem
-Augenblicke leidenschaftlichster Erregung alle Vorsätze vergessen
-werden, das Nichtbeabsichtigte doch geschehen kann. Und selbst dann,
-wenn das Schlimmste, leichtsinnige Schwängerung, vermieden wird, bleibt
-ein solches Verhältnis unsittlich, ein Verstoß gegen die Nächstenliebe
-wie gegen eine der wichtigsten Forderungen sozialen Lebens.
-
-Ich will nicht davon reden, daß schon die Entjungferung an sich dem
-Mädchen Schaden bringt, indem sie ihm das spätere Eingehen der Ehe
-erschwert, da der Mann mit vollem Recht die unberührte Frau als Gattin
-bevorzugt.
-
-Die Hauptsache ist, daß es ohne Schädigung oder tiefe Verwundung
-der weiblichen Seele dabei nicht abgeht. Der Wunsch nach
-Mutterschaft ist der gutgearteten Frau eingeboren. Nur dann, wenn
-der Geschlechtsverkehr ihr die Hoffnung eröffnet, Mutter zu werden,
-beglückt er sie vollkommen. Wer eine Frau unter erbärmlichen Praktiken
-in den Geschlechtsverkehr einführt, beraubt sie um die Stunde
-höchster Glücksempfindung, die ihr die redliche Ehe mit den ersten
-schrankenlosen Umarmungen gebracht hätte.
-
-Noch schlimmer ist der Schaden, den ihr die Auflösung des
-Liebesverhältnisses bringt. Die Frau, der von der Natur die Last der
-Mutterschaft auferlegt ist, sucht instinktiv bei dem Manne dauernden
-Anschluß, dauernden Schutz. Daher die Innigkeit der Liebe der rechten
-Ehefrau, die weit über ihre Freude am physischen Genusse hinausgeht,
-daher ihre Treue und ihr Verlangen nach Treue. Auch wenn sie das
-Liebesverhältnis eingegangen haben sollte mit dem vollen Bewußtsein,
-daß es nur eine Episode werden solle, unvermerkt wird es ihr zum
-wesentlichen Lebensinhalt, so daß seine Auflösung eine Wunde setzt,
-die nur schwierig vernarbt und fürs ganze Leben schmerzt. Der besser
-veranlagte Mann, der diesen Kummer kommen sieht, fühlt sich dann oft
-außerstande, das Band zu zerreißen, und sieht sich durch Mitleid an
-ein Wesen gefesselt, das vielleicht doch nicht in seine Lebenssphäre
-paßt, doch nicht alle jene Eigenschaften besitzt, die er bei seiner
-Lebensgefährtin gewünscht hätte.
-
-Gelingt es dem Manne aber, der Frau seine eigenen brutal sinnlichen,
-polygamischen Neigungen beizubringen, dann zerstört er in ihr die
-sozial wertvollsten Empfindungen, dann macht er sie auch seelisch
-untauglich, eine gute Gattin und Mutter zu werden.
-
-Wir müssen die Keuschheit der Frau als höchstes soziales Gut schätzen
-und pflegen, denn in der Keuschheit der Frau ist die einzige sichere
-Bürgschaft dafür gegeben, daß wir wirklich die Väter unserer Kinder
-sein werden, daß wir für unser eigenes Blut uns mühen und schaffen.
-Ohne diese Bürgschaft aber keine Möglichkeit eines gesicherten, innigen
-Familienlebens, dieser auf absehbare Zeit unentbehrlichen Grundlage für
-das Gedeihen von Volk und Staat. Darin und nicht in der selbstsüchtigen
-Willkür des Mannes ist es begründet, daß Gesetz und Sitte strengere
-Anforderungen an die Frau bezüglich Keuschheit vor der Ehe und Treue in
-der Ehe stellen als an den Mann. Es steht bei ihrer Ungebundenheit viel
-mehr auf dem Spiele als bei seiner.
-
-Man schwärmt heute viel von der „Freien Liebe“ mit wirtschaftlicher
-Unabhängigkeit von Mann und Frau, als Ersatz für die heutige,
-bürgerliche Ehe, deren Schattenseiten und Härten man nicht schwarz
-genug zu schildern weiß. Aber diese Schwärmereien, die ihr Bestechendes
-haben, sind vom hygienischen Standpunkte aus verwerflich. Sie müssen
-daran scheitern, daß es über die physische Leistungfähigkeit der
-ungeheuren Mehrheit der Frauen hinausgeht, neben den Bürden der
-Mutterschaft und der Pflege und Aufzucht der Kinder auch noch die des
-selbständigen Erwerbes zu tragen.
-
-Das Verderblichste an der sog. Frauenemanzipation und der Erwerbsarbeit
-der verheirateten Frau liegt darin, daß in dem Widerstreite zwischen
-Mutterschaft und Berufspflichten in der Regel die erstere den kürzeren
-zieht. Wenn überhaupt Kinder kommen, sind sie meistens kümmerlich. In
-der Regel hintertreibt man die Entstehung von Kindern von vornherein.
-Nichts gefährdet die Fruchtbarkeit der Kulturvölker mehr als die
-moderne außerhäusliche Erwerbsarbeit der Frau und die aus ihr
-hervorgegangene Frauenbewegung.
-
-Die Teilung der Arbeit zwischen Mann und Weib im gemeinschaftlichen
-Wirtschaftsbetriebe der Familie ist gerade für die Frau ein
-physiologisches und kulturelles Bedürfnis. Sie sichert auch den
-Kindern am besten Pflege und Erziehung. Es wäre ein ungeheurer
-Rückschritt gerade im Sinne individueller Entwicklung, wenn an Stelle
-der Familienerziehung Massenaufzucht in öffentlichen Anstalten treten
-würde. Dies wäre, nebenbei bemerkt, auch ein ungeheurer Verlust an
-jenen Lustempfindungen, die dem Menschen aus dem Zusammenleben von
-Eltern und Kindern erwachsen.
-
-Gewiß wird es in jeder Ehe Zeiten -- wenn auch vielleicht nur
-Augenblicke -- hochgradiger Verstimmung geben, wo es als drückende Last
-empfunden wird, aneinandergefesselt zu sein. Über solche unglückliche
-Störungen werden jene Gatten am leichtesten hinwegkommen, die keusch in
-die Ehe eingetreten und einander treu geblieben sind. Der Liebesgenuß,
-den sie ausschließlich beieinander zu suchen und zu finden gewohnt
-sind, ist etwas unendlich Süßes, das sie immer wieder zusammenführt und
-versöhnt.
-
-Alles in allem genommen ist die Ehe der richtige Boden für heiteres
-Gedeihen von Mann, Weib und Kind, und gehen diejenigen nicht irre, die
-sich nach der Ehe sehnen und nach ihr trachten!
-
-Wie wenig wissen überhaupt diejenigen, welche immer nur an die
-körperliche Schönheit des jungen Weibes und an den physischen
-Geschlechtsgenuß denken und welche die Menschen bejammern, daß sie
-durch Gesetz und öffentliche Meinung im geschlechtlichen Verkehr auf
-ein einziges Individuum beschränkt werden, von dem Glücke, das aus dem
-+seelischen+ Unterschiede und der +seelischen+ Anziehung von Mann und
-Weib zu erwachsen vermag! Wie bedauernswert sind diejenigen, die im
-Weibe nur das jagdbare Wild sehen, an dem man seine Stärke und seine
-List übt und an dem man, wenn man es gefangen hat, als Tier mit dem
-Tiere seinen physischen Drang befriedigt, solange einem dies Spaß
-macht! Sie ahnen nicht, daß auf der Grundlage gegenseitiger Achtung,
-Treue und Güte zwischen Mann und Weib ein Bund der Kameradschaft und
-Freundschaft entsteht, der, indem er Leib +und+ Gemüt befriedigt,
-weit höhere und dauerhaftere Glücksgefühle bereitet als der rasch
-verfliegende Rausch der Brunst.
-
-Der erwachende Jüngling betrachtet das Weib, dessen Leib und Seele dazu
-geschaffen ist, Mutter zu werden, mit Ehrfurcht; mit jener Ehrfurcht,
-die er seiner eigenen Mutter widmet, die ihn geboren, gesäugt und
-aufgezogen hat. Möchte er doch diese Empfindung, stark und rein,
-unbefleckt durch gemeinen Genuß, in die Ehe hinübernehmen. Dann wird
-diese an ihm das Dichterwort völlig wahr machen können. „Das ewig
-Weibliche zieht uns hinan!“
-
-Mit diesen Worten soll keineswegs eine blinde Schwärmerei für das
-Weib in der Wirklichkeit erweckt werden. Nur allzu viele Weiber haben
-recht wenig „Ewigweibliches“, dafür aber ein ausgiebiges Maß von
-„Allzuweiblichem“ in sich, geradeso wie die meisten Männer Mangel
-an „Ewigmännlichem“ und Überfluß an „Allzumännlichem“ leiden. Aber
-durch gewissenhafte Arbeit kann aus wenigem viel und aus viel wenig
-gemacht werden. Je höher das Ziel ist, nach dem wir streben, um so
-Höheres werden wir erreichen. Wer einem anderen Menschen von vornherein
-zeigt, daß er ihn keiner höheren Leistung für fähig hält, wird ihn
-auch niemals zu einer solchen bringen. Je reiner und edler das Ideal
-der Weiblichkeit ist, das der Mann erträumt und ersehnt, je größeres
-Vertrauen er in die Fähigkeit der Frau setzt, sich diesem Ideale zu
-nähern, um so besser wird es ihm gelingen, die vorhandenen Keime
-des Ewigweiblichen im Weibe zu wecken. Je niedriger er die Frau von
-vornherein bewertet, um so mehr Niedriges wird er auch in ihr finden.
-Der Mann vergesse nie, daß er zur Führerschaft berufen ist, und daß,
-wenn er als Führer versagt, das ganze Volk in die Irre gehen muß.
-
-Natürlich gilt ganz Ähnliches wie von dem Einflusse des Mannes auf die
-Frau auch vom Einflusse der Frau auf den Mann. Kaum etwas spornt den
-Mann mehr zur Tat als der Beifall der Frau. Nicht als Kämpferin auf dem
-Kampfplatz der Männer, aber als +Kranzspenderin+ lenkt die Frau die
-völkische Entwicklung mit. Wenn sie nur dem +edlen+ Wettstreit ihren
-Beifall spendet, nur +nützliches+, +tüchtiges+ und +rechtschaffenes
-Handeln+ belobt und belohnt, leistet sie ihrem Volk den besten
-Dienst. Der Adel ihres Wesens und Verhaltens bestimmt den Adel ihres
-Hauswesens, die Gesittung ihrer Familie.
-
-Die Macht der Frau als Gattin und Mutter ist so groß, daß sie mitten
-in einer Wüste von Dummheit und Ichsucht, an deren Urbarmachung die
-treueste Arbeit des Mannes scheitert, eine Oase von Seelenhoheit und
-Glück zu schaffen vermag, -- wenn sie nur selbst ein reines Herz
-besitzt! Nur der Umstand, daß in der modernen Frauenbewegung alte
-Jungfern das große Wort führen, die infolge ihres bedauerlichen
-Schicksals von der Größe und Herrlichkeit des wahren Frauenberufes
-nichts ahnen, macht es verständlich, daß die „moderne Frau“ das
-Reich der Ehe und Familie, wo die Frau als Verwirklicherin des
-Ideals edler Menschlichkeit den Kreis ihrer Lieben beglücken und
-dadurch unberechenbare Fernwirkungen ausüben kann, als Gefängnis
-haßt und verachtet und mit unbelehrbarer Leidenschaftlichkeit in die
-unerfreuliche Welt des Mannes hineindrängt, um dort auf seinen Wegen
-kümmerlich dahinzukriechen. Dorthin, wo ein -- wenn auch kleines --
-Reich dauernden Friedens bestehen kann, trägt die „Emanzipierte“ mit
-ihrer Selbstsucht Unruhe und Kampf; in der Welt des Mannes aber, für
-welche Kampf und Krieg unerschütterliches Gesetz sind, will sie, in
-der richtigen Einsicht, daß der Krieg die Unfähigkeit der Frau für
-das Staatsleben zu völliger Nacktheit enthüllt, den „ewigen Frieden“
-stiften, wobei sie nichts anderes erreichen kann, als den Herzen der
-Männer Schwachheit, Wehleidigkeit und Feigheit einzuflößen.
-
-Es gehört zu den größten Mängeln unserer gesellschaftlichen
-Einrichtungen, daß sie der Mehrzahl erst lange nach Eintritt der
-Geschlechtsreife das Eingehen der Ehe gestatten. +Wie viele könnten
-aber auch unter den heutigen Verhältnissen längst die Wonnen
-jugendkräftiger Liebe ohne Gewissensskrupel in der Ehe genießen, wenn
-sie mit einem bescheidenen Haushalte zufrieden wären, wenn nicht
-der Hang nach trägem Wohlleben und nichtigem Luxus oder töricht
-überspannter Ehrgeiz sie von der Ehe zurückschrecken würde!+
-
- * * * * *
-
-Ich bin am Schlusse meiner Erörterungen angelangt. Aus der
-ungeschminkten Darstellung der Wirklichkeit ergeben sich ungezwungen
-die Folgerungen. Die Hygiene kommt zu ganz denselben Forderungen
-wie die Moral. Die oberste Forderung ist: +daß jeder seinen
-Geschlechtstrieb beherrschen lernen muß+! Enthaltsamkeit von allen
-geschlechtlichen Genüssen bis zum Eintritt der vollen Geschlechtsreife
-und bis zur Vollendung des eigenen Wachstums! Befriedigung des
-Geschlechtstriebes ausschließlich in der Ehe! Maßhalten im Genusse;
-auch in der Ehe!
-
-Die Zahl der Kinder darf man nicht so weit anwachsen lassen, daß es der
-Familie unmöglich wird, sie zu ernähren und aufzuziehen.
-
-Die Erzeugung von Kindern, die voraussichtlich krank oder minderwertig
-geraten würden, muß unterlassen werden.
-
-Dagegen hat der Gesunde und Tüchtige seinem Volke gegenüber
-geradezu die Pflicht, zahlreiche Nachkommen zu erzeugen. Es ist
-ein unersetzlicher Verlust für die Nation und eine Sünde an ihr,
-wenn -- wie dies so häufig geschieht -- gerade geistig und sittlich
-hochstehende und dabei körperlich gesunde Männer ehelos bleiben und
-sich der Fortpflanzung enthalten, wenn so gerade der edelste Keimstoff
-vergeudet wird! Heute mehr als je, da uns der Weltkrieg Hunderttausende
-von Männern bester Art geraubt hat!
-
-+Regelung des ganzen Geschlechtslebens im Dienste der Fortpflanzung!
-Veredelung des rein tierischen Verkehrs zu einer sittlichen
-Gemeinschaft!+
-
-Dies ist das Ideal! Möge die Jungmannschaft ihm aus allen Kräften
-nachstreben zum Wohle von Volk und Staat!
-
- [Illustration]
-
-
-
-
- Soeben erschien:
-
- Hygiene der Nerven und des
- Geistes
-
- Von Prof. Dr. =Aug. Forel=
-
- Vierte, verbesserte und erweiterte Auflage
-
- 348 Seiten mit Tafeln und Textbildern
-
- Geheftet M 3.40 :: Gebunden M 4.20
-
-Der berühmte Gelehrte räumt in diesem Werke mit den vielen landläufigen
-Vorurteilen, all den bequemen Schlagwörtern von Modekrankheit,
-von Überbürdung mit Arbeit u. a. und all den verkehrten Ansichten
-über unsere Lebensweise gründlich auf. Seine Darstellung spricht
-zum Verstande und zum Herzen, sie weist klar und sicher auf die
-vielfältigen Ursachen der Nervosität hin und auf die Fehler, die
-der Kulturmensch gewohnheitsmäßig Tag für Tag macht und dadurch
-sein Nervenleiden selbst verschuldet. Der Verfasser zeigt Mittel
-und Wege zur Gesunderhaltung der Nerven und zur Herbeiführung ihrer
-Wiedergesundung. Die Darstellung der Nervenhygiene des Kindesalters,
-die das Buch gibt, verdient die besondere Beachtung aller Kreise.
-
-
- _Bücherei der
- Gesundheitspflege_
-
- ········ Herausgeber: ········
-
- Obermed.-Rat =Dr. F. v. Gußmann= und Geh. Medizinalrat =Prof. Dr.
- M. Rubner= a. d. Universität Berlin
-
-Die Bedeutung einer verständigen Gesundheitspflege erschließt sich
-in neuerer Zeit immer weiteren Kreisen. Dem Laien, der sich über
-ihre Aufgaben und Ziele genau unterrichten will, bietet sich in
-der „Bücherei der Gesundheitspflege“ die beste Gelegenheit, über
-alle Fragen der allgemeinen wie der speziellen Hygiene belehrt zu
-werden. Die Arbeiten dieser Sammlung sind wahre Meisterstücke der
-Volksaufklärungskunst. Wissenschaftlicher Ernst durchdringt ein jedes
-der prächtigen Bücher. Klare, übersichtliche Anordnung des Materials,
-deutliche, schöne Abbildungen, die berühmten Namen der Autoren, von
-denen jeder eine Größe in seinem Fache ist, endlich der äußerst
-geringe Preis lassen die „Bücherei der Gesundheitspflege“ ungemein
-empfehlenswert erscheinen. Die Sammlung wurde auf der Ausstellung
-für Wohlfahrts- und Gesundheitspflege in Berlin sowohl wie auf
-der Allgemeinen hygienischen Ausstellung in Wien mit der goldenen
-Medaille, und auf der Weltausstellung in Brüssel mit dem Ehrendiplom
-ausgezeichnet.
-
- -- Verzeichnis der erschienenen Bände nebenstehend. --
-
-
- =Aufgaben, Zweck und Ziele der Gesundheitspflege= von Geh.
- Med.-Rat Prof. Dr. Orth. Brosch. M --.80. Eleg. geb. M 1.--.
-
- =Bakterien, Infektionskrankheiten und deren Bekämpfung= von
- Hofrat Pro. Dr. Schottelius. Mit 33 Taf. Br. M 5.--. Eleg. geb. M
- 6.--.
-
- =Gesundheitspflege im täglichen Leben= von Prof. Dr. Grawitz.
- Brosch. M 1.50. Geb. M 2.--.
-
- =Hygiene des Auges= von Prof. Dr. v. Sicherer. Mit vielen
- Abbild. Brosch. M 1.80. Geb. M 2.25.
-
- =Hygiene der Nase, des Rachens und des Kehlkopfes= von Prof.
- Dr. Neumayer. Mit Tafeln und Abbildungen. Br. M 1.80. Geb. M 2.25.
-
- =Hygiene der Zähne und des Mundes= von Prof. Dr. Port. Mit 4
- Taf. u. Abbildungen. Brosch. M 1.40. Geb. M 1.80.
-
- =Hygiene der Lunge= von Prof. Dr. v. Schrötter. Mit 18
- Originalabbildungen. Brosch. M 1.80. Geb. M 2.25.
-
- =Hygiene der Nerven und des Geistes= von Prof. Dr. Forel. Mit
- 4 Tafeln und 6 Textabbild. Brosch. M 3.40. Geb. M 4.20.
-
- =Hygiene des Magens, des Darms, der Leber und der Niere= von
- Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Ewald. Mit Tafeln und Illustrationen.
- Brosch. M 2.--. Geb. M 2.50.
-
- =Hygiene des Stoffwechsels= von Prof. Dr. Dennig. Brosch. M
- 1.20. Geb. M 1.50.
-
- =Hygiene des Blutes= von Medizinalrat Dr. Walz. Mit 4 kol.
- Abbild. Br. M 1.20. Geb. M 1.50.
-
- =Hygiene des Herzens und der Blutgefäße= von Prof. Dr.
- Eichhorst. Mit 9 Tafeln. Brosch. M 2.--. Geb. M 2.50.
-
- =Hygiene der Haut, Haare und Nägel= von Prof. Dr. Riecke. Mit
- 17 Originalabbildungen. Brosch. M 2.40. Geb. M 3.--.
-
- =Hygiene des Geschlechtslebens= von Obermedizinalrat Professor
- Dr. v. Gruber. Mit 4 Taf. Brosch. M 1.40. Geb. M 1.80.
-
- =Entstehung und Verhütung der menschlichen Mißgestalt= von
- Prof. Dr. Lange und Prof. Dr. Trumpp. Mit 125 Abbildungen. Brosch.
- M 1.60. Geb. M 2.--.
-
- =Säuglingspflege und allgemeine Kinderpflege= von Prof. Dr.
- Trumpp. Mit 35 Abbildungen. Brosch. M 1.80. Geb. M 2.25.
-
- =Körper- und Geistespflege im schulpflichtigen Alter= von
- Professor Dr. Trumpp. Brosch. M 1.40. Geb. M 1.80.
-
- =Gesundheitspflege für Frauen und Mütter= von Prof. Dr. S.
- Gottschalk. Mit 7 Tafeln und 32 Textbildern. Brosch. M 2.40.
- Gebunden M 3.--.
-
- =Körperpflege durch Gymnastik, Licht und Luft= von Dr.
- Jaerschky. Mit 42 Illustrationen. Brosch. M 1.60. Elegant geb. M
- 2.--. Übungstafeln apart M --.80.
-
- =Körperpflege durch Wasseranwendung= von Prof. Dr. Rieder. Mit
- 10 Tafeln und 16 Textabbild. Brosch. M 2.40. Eleg. geb. M 3.--.
-
- =Hygiene der Kleidung= von Prof. Dr. Jaeger und Frau Anna
- Jaeger. Mit 94 Abbildungen. Brosch. M 2.50. Geb. M 5.--.
-
- =Nahrungsmittel- u. Ernährungskunde= von Geh. Medizinalrat
- Prof. Dr. Rubner. Mit viel. Tabellen. Brosch. M. 2.--. Eleg. geb. M
- 2.50.
-
-
- Ausführliche Prospekte versendet kostenfrei der Verlag:
-
- _Ernst Heinrich Moritz, Stuttgart._
-
-
-
-
-FUSSNOTEN:
-
-[A] Zum Glück für die anderen Organismen mit geringerer
-Vermehrungsfähigkeit werden die Umstände rasch ungünstiger in dem Maße,
-als die Zahl der Nachkommen zunimmt, so daß in der Wirklichkeit die
-Nachkommenschaft niemals in annähernd so raschem Tempo wächst. Immerhin
-macht uns ihre außerordentlich große Vermehrungsfähigkeit begreiflich,
-wieso diese winzig kleinen Wesen rasch so gewaltige Veränderungen
-hervorrufen können, wie wir sie bei der Gärung und Fäulnis oder bei
-gewissen ansteckenden Krankheiten beobachten.
-
-[B] Von dieser Regel gibt es viele Ausnahmen. Es sind Fälle von
-Befruchtung durch 11jährige Knaben bekannt. Ebenso kommt verspäteter
-Eintritt der Geschlechtsreife vor.
-
-[C] Auch der Säfteverlust durch die häufige Samenentleerung mag
-schädlich sein, obwohl die entleerten Mengen selbst bei extremer
-Ausschweifung so klein sind, daß an einen schädlichen Verlust von
-Eiweiß nicht zu denken ist. Es ist möglich, daß der Verlust von
-spezifischen Absonderungsprodukten der Hoden empfunden wird, die bei
-Mäßigkeit zum Teil wieder aufgesogen worden wären. (S. o.)
-
-[D] Die Einführung des Gliedes in die durch zersetztes Blut
-verunreinigten weiblichen Geschlechtsteile kann übrigens auch beim
-Manne zu Entzündungen und kleinen Abszessen an der Eichel und an der
-Vorhaut Anlaß geben.
-
-[E] Es kann auch Schwängerung erfolgen, wenn der Samen außen auf die
-Schamspalte oder in deren Nähe ergossen worden ist.
-
-[F] Bei der Entstehung der Paralyse scheint auch nicht selten der
-Alkoholmißbrauch beteiligt zu sein.
-
-[G] Auch in diesen Fällen gewährt der Kondom einen wertvollen, wenn
-auch keineswegs ganz sicheren Schutz.
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Hygiene des Geschlechtslebens, by Max Gruber
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HYGIENE DES GESCHLECHTSLEBENS ***
-
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-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
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-electronic works. See paragraph 1.E below.
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-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
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-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
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-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
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-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
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-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
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-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
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-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
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-}
-
- </style>
- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Hygiene des Geschlechtslebens, by Max Gruber
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Hygiene des Geschlechtslebens
-
-Author: Max Gruber
-
-Release Date: December 28, 2016 [EBook #53823]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HYGIENE DES GESCHLECHTSLEBENS ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1916 erschienenen
-Ausgabe der Zeitschrift so weit wie möglich originalgetreu
-wiedergegeben. Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler
-wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente
-Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der
-damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.</p>
-
-<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter an den Anfang
-des Textes verschoben. Die Erklärungen zu den <a href="#tafel1">Tafeln 1</a>
-und <a href="#tafel2">2</a> wurden der Übersichtlichkeit halber direkt
-an die Abbildungen angeschlossen.</p>
-
-<p class="p0"><span class="htmlnoshow"> Abhängig von der im jeweiligen
-Lesegerät installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
-gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
-serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</span></p>
-
-</div>
-
-<p class="s2 center break-before">Bücherei der Gesundheitspflege</p>
-
-<p class="s3 center">Band 13</p>
-
-<p class="s3 center mtop5">Prof. Dr. M. v. Gruber</p>
-
-<p class="s2 center">Hygiene des Geschlechtslebens</p>
-
-<h1>Hygiene des<br />
-Geschlechtslebens</h1>
-
-<p class="s4 center mbot2">Von</p>
-
-<p class="s2 center">Dr. Max v. Gruber</p>
-
-<p class="center mbot2">K. Geh. Rat u. Obermedizinalrat<br />
-o. ö. Professor der Hygiene an<br />
-der Universität München</p>
-
-<p class="s4 center w50 bt bb mbot2"><em class="gesperrt">11. bis 13., verbesserte Auflage</em><br />
-53.&ndash;70. Tausend</p>
-
-<p class="s4 center">Mit vier farbigen Tafeln</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="signet" name="signet"></a>
- <img class="mtop5" src="images/signet.jpg"
- alt="Verlagssignet" />
-</div>
-
-<p class="s3 center">Verlag von Ernst Heinrich Moritz in Stuttgart</p>
-
-<p class="center padtop5 break-before">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung,
-vorbehalten</p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p class="center mbot1">Gesetzliche Formel für den Schutz gegen<br />
-Nachdruck in den Vereinigten Staaten:</p>
-
-<p class="center"><span class="antiqua">Copyright 1916 by</span><br />
-Ernst Heinrich Moritz, Stuttgart</p>
-
-<p class="s5 center padtop3">Druck der Engelhard-Reyherschen
-Hofbuchdruckerei in Gotha</p>
-
-<hr class="full" />
-
-<h2 id="Inhalts-Uebersicht">Inhalts-Übersicht.</h2>
-
-<table class="inhalt" summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdc vat">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdl vat hang1">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <span class="s5">Seite</span>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat" colspan="2">
- Einleitung
- </td>
- <td class="tdl vat hang1">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Einleitung">1</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- 1.
- </td>
- <td class="tdc vat">
- Kapitel:&nbsp;
- </td>
- <td class="tdl vat hang1">
- Die Befruchtung
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Kapitel_1">3</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- 2.
- </td>
- <td class="tdc vat">
- „
- </td>
- <td class="tdl vat hang1">
- Vererbung und Zuchtwahl
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Kapitel_2">18</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- 3.
- </td>
- <td class="tdc vat">
- „
- </td>
- <td class="tdl vat hang1">
- Die Geschlechtsorgane
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Kapitel_3">40</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- 4.
- </td>
- <td class="tdc vat">
- „
- </td>
- <td class="tdl vab hang1">
- Der Geschlechtstrieb und die angebliche hygienische
- Notwendigkeit des Beischlafs
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Kapitel_4">45</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- 5.
- </td>
- <td class="tdc vat">
- „
- </td>
- <td class="tdl vat hang1">
- Folgen der geschlechtlichen Unmäßigkeit und Regeln für den
- ehelichen Geschlechtsverkehr
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Kapitel_5">58</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- 6.
- </td>
- <td class="tdc vat">
- „
- </td>
- <td class="tdl vat hang1">
- Künstliche Verhinderung der Befruchtung
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Kapitel_6">67</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- 7.
- </td>
- <td class="tdc vat">
- „
- </td>
- <td class="tdl vat hang1">
- Verirrungen des Geschlechtstriebs
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Kapitel_7">76</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- 8.
- </td>
- <td class="tdc vat">
- „
- </td>
- <td class="tdl vat hang1">
- Die venerischen Krankheiten und ihre Verhütung
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Kapitel_8">83</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- 9.
- </td>
- <td class="tdc vat">
- „
- </td>
- <td class="tdl vat hang1">
- Ehe oder freie Liebe
- </td>
- <td class="tdr vab">
- <a href="#Kapitel_9">100</a>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">= 1 =</a></span></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 id="Einleitung">Einleitung.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Mit einem lebhaften Gefühle von Bangigkeit habe ich diese kleine
-Schrift veröffentlicht. Ich habe in ihr die heikelsten Dinge
-rückhaltlos besprochen. Ich mußte es tun, wenn der Leser volle
-Einsicht in das Geschlechtsleben erhalten sollte. Diese aber wollte
-ich gewähren, weil ich überzeugt bin, daß diese Einsicht, zur rechten
-Zeit empfangen und vernünftig gebraucht, den besten Schutz gegen die
-furchtbaren Gefahren bietet, die dem einzelnen wie der Gesamtheit aus
-dem Geschlechtsleben drohen. „Vernunft und Wissenschaft des Menschen
-allerhöchste Kraft“ gilt hier wie überall!</p>
-
-<p>Aber das scharfgeschliffene Schwert wird in der unrechten Hand,
-unvorsichtig gebraucht, dem, den es schützen sollte, zur Gefahr; was
-Arznei sein sollte, wird zum Gift. Ich bitte daher den Leser dieses
-Schriftchens, es sorgfältig zu bewahren, damit es nicht Unberufenen in
-die Hand falle! Und den Knaben, dem es trotzdem in die Hände kommt,
-bitte ich, wenn sein Ohr bis dahin von unreinen Reden verschont
-geblieben ist und wenn er bis dahin noch nichts von den Regungen des
-Geschlechtstriebes verspürt hat, sich selbst zu beweisen, daß ein
-Mann in ihm steckt, seine Neugierde zu unterdrücken und es ungelesen
-wegzulegen. Möge er sich glücklich schätzen, solange er von diesem
-Triebe noch nicht beunruhigt wird, der ihn zum bloßen Werkzeug
-zur Erhaltung der Gattung machen will und nur allzufrüh eines der
-schlimmsten Hindernisse bilden wird, das zu über<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">= 2 =</a></span>winden er alle Kraft
-wird aufbieten müssen, wenn er seine persönlichen Fähigkeiten zur
-vollen Ausbildung bringen, als <em class="gesperrt">Individuum</em> etwas Tüchtiges werden
-und leisten will. Möge er sich hüten, den noch Schlummernden vorzeitig
-selbst zu wecken!</p>
-
-<p>Als Leser habe ich mir vor allen den zum Manne reifenden Jüngling
-gedacht. Aber auch ihm gegenüber muß es meine erste Sorge sein, seinen
-Geist richtig zu stimmen, damit er das, was er hören soll, mit Ernst
-und reinem Willen aufnehme.</p>
-
-<p>Die wichtigste Aufgabe der Söhne ist, gesunde Enkel zu erzeugen.
-So betrachtet, ist das Geschlechtsleben kein Gegenstand schamloser
-Leichtfertigkeit, als der es leider behandelt zu werden pflegt.</p>
-
-<p>So mannigfaltig die Empfindungen sind, die das Nachdenken und die
-Besprechung geschlechtlicher Dinge in uns erwecken, eine müßte
-bei richtiger Betrachtung die stärkste sein: die Empfindung der
-<em class="gesperrt">Ehrfurcht</em>. Denn was gibt es Ehrwürdigeres auf Erden als
-den Drang der Geschlechter nach Vereinigung, der auch unsere
-Eltern zusammengeführt hat, als den geheimnisvollen Vorgang des
-Zusammentrittes der Zeugungsstoffe, aus dem wir selbst hervorgegangen
-sind und durch den wir wieder Erzeuger unserer Nachkommen werden? Was
-gibt es Ehrwürdigeres als diesen unversieglichen Quell jungen Lebens,
-der im Wechsel vergänglicher Generationen die Gattung unsterblich
-erhält?</p>
-
-<p>Wahrlich, nicht um unsere Lust handelt es sich, wenn die Natur den
-Geschlechtstrieb in uns zu erwecken beginnt, lange bevor wir selbst
-unsere volle körperliche und geistige Ausbildung erlangt haben.
-Das Individuum ist ihr nur das Werkzeug zur Erhaltung der Gattung.
-Sicherstellung neuer Befruchtungen, neuer Zeugungen ist das Ziel des
-ganzen Geschlechtslebens.</p>
-
-<p>Die Vorgänge, durch welche aus der befruchteten Eizelle<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">= 3 =</a></span> das junge Tier
-hervorgeht, sind unfaßbar verwickelt. Der Wissenschaft ist es aber im
-Laufe der letzten Jahrzehnte gelungen, den Vorgang der Befruchtung
-selbst wenigstens im wesentlichen aufzuklären. Wir beginnen unsere
-Aufgabe am würdigsten, wenn wir uns diese Erkenntnisse zu eigen machen.
-Der ganze ungeheure Ernst des Geschlechtslebens und der Zeugung wird
-uns zum Bewußtsein kommen, wenn wir sehen, wie eng das Kind bis in
-jede einzelne seiner Myriaden von Zellen hinein mit dem Leibe seiner
-Eltern und Vorahnen verknüpft ist, in wie hohem Grade daher sein ganzes
-Sein von ihrer Eigenart, Tüchtigkeit, Kraft und Gesundheit abhängig
-ist. Neue Pflichten erwachsen uns aus dieser Einsicht: die Pflicht, in
-unserer Lebensführung alles zu vermeiden, was den von uns abgesonderten
-Keimstoffen schädlich werden kann, und die Pflicht, keine Kinder zu
-erzeugen, die voraussichtlich krank sein werden.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 id="Kapitel_1">1. Kapitel.<br />
-
-<b>Die Befruchtung.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p>Damit es bei den Organismen (Lebewesen) mit geschlechtlicher
-Fortpflanzung zur Entstehung eines neuen Individuums (Einzelwesens)
-komme, ist es notwendig, daß das weibliche Ei durch den männlichen
-<em class="gesperrt">Samen</em> befruchtet werde. Der Samen verdankt seine Fähigkeit,
-zu befruchten, winzig kleinen Körperchen, die massenhaft in ihm
-enthalten sind. Sie sind so klein, daß man sie nur unter dem Mikroskop
-bei starker Vergrößerung sehen kann. In jedem Tröpfchen menschlichen
-Samens sind Zehntausende dieser Körperchen enthalten, die sich, solange
-der Samen frisch und warm ist, lebhaft bewegen. Diese Körperchen
-heißen <em class="gesperrt">Samenfäden</em> (Spermatozoen, Spermatosomen, Spermien).
-Man<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">= 4 =</a></span> unterscheidet an ihnen drei Abschnitte, den sog. <em class="gesperrt">Kopf</em>,
-das <em class="gesperrt">Mittelstück</em> und den <em class="gesperrt">Schwanz</em> oder Geißelfaden. Beim
-Menschen ist der ganze Samenfaden etwa <span class="zaehler">5</span>&frasl;<span class="nenner">100</span> <span class="antiqua">mm</span> lang, sein
-Kopf, der etwa die Gestalt einer etwas plattgedrückten Birne hat,
-aber nur <span class="zaehler">3</span>&frasl;<span class="nenner">1000</span> <span class="antiqua">mm</span>. Der größte Teil der Länge des Spermatosoms
-entfällt auf den feinen Geißelfaden, den Schwanz. Die Vorwärtsbewegung
-des Samenkörperchens erfolgt durch Schwingungen dieses Schwanzes. Mit
-seiner Hilfe kann es ziemlich weite Wege zurücklegen. In einer Sekunde
-kann ein Samenkörperchen bei gradlinig fortschreitender Bewegung einen
-Weg von <span class="zaehler">5</span>&frasl;<span class="nenner">100</span>
-bis <span class="zaehler">15</span>&frasl;<span class="nenner">100</span> <span class="antiqua">mm</span> zurücklegen, in der Stunde also
-einen Weg von 180&ndash;540 <span class="antiqua">mm</span> oder 18&ndash;54 <span class="antiqua">cm</span>. Bei Fischen und
-bei anderen Tieren, bei denen das unbefruchtete Ei nach außen abgesetzt
-und außerhalb des weiblichen Körpers befruchtet wird, kann man sehen,
-wie die Samenfäden alsbald das Ei aufzusuchen und zu umschwärmen
-beginnen. Auch die in die weiblichen Geschlechtsteile entleerten
-Samenfäden wandern mit Hilfe ihrer Geißelfäden dem Orte zu, wo sich das
-Ei befindet. Diese Bewegung der Samenfäden macht durchaus den Eindruck,
-als ob man mit eigenem Willen begabte Wesen vor sich hätte. Man hat die
-Samenfäden daher früher auch „<em class="gesperrt">Samentierchen</em>“ genannt; aber sie
-sind keine des selbständigen Lebens und der Vermehrung fähige Wesen,
-sondern sehr hinfällige Zellen, die bald absterben, wenn sie sich nicht
-mit dem Ei vereinigen können.</p>
-
-<p>Das Ei ist eine kugelige Zelle, an der man die <em class="gesperrt">Hüllhaut</em> (Eihaut,
-Eimembran), den <em class="gesperrt">Dotter</em> und das <em class="gesperrt">Keimbläschen</em> unterscheiden
-kann. Bei den großen Eiern der Vögel kann man diese drei Teile leicht
-mit unbewaffnetem Auge erkennen: erst wenn die zarte Eihaut zerrissen
-wird, fließt der Dotter aneinander; in der Mitte des weißen Keimfleckes
-gewahrt man das Keimbläschen.<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">= 5 =</a></span> Bei den Vögeln ist die Eizelle noch vom
-Eiweiß und der Eischale umhüllt. Beim Menschen ist das unbefruchtete
-Ei so klein, daß es gerade noch mit freiem Auge gesehen werden kann
-(Durchmesser 0,18&ndash;0,20 <span class="antiqua">mm</span>); aber es ist immer noch riesig groß
-im Verhältnisse zu den Samenfäden. Der Kopf des männlichen Samenfadens
-nimmt nur etwa ein Hunderttausendstel des Raumes eines menschlichen
-Eies ein. Dafür werden aber die Samenfäden in den männlichen
-Geschlechtsdrüsen, den <em class="gesperrt">Hoden</em>, in ungeheuer viel größeren Mengen
-gebildet als die Eier in den <em class="gesperrt">Eierstöcken</em>, den Geschlechtsdrüsen
-des Weibes. Im menschlichen Weibe reifen während der ganzen Zeit der
-Fortpflanzungsperiode etwa 400 Eier, während man schätzen kann, daß der
-Mann während der Dauer seiner Zeugungsfähigkeit etwa 400 Milliarden
-Samenfäden bildet, so daß also auf jedes reife Ei etwa 1000 Millionen
-Samenfäden kommen. So viele werden gebildet, damit wenigstens einige
-wenige ihr Ziel, das Ei, erreichen! Die ungeheure Mehrheit verfehlt ihr
-Ziel und geht zugrunde; selbst von jenen, welche bis zum Ei gelangt
-sind, gelingt es als Regel nur einem <em class="gesperrt">einzigen</em>, ins Innere des
-Eies zu gelangen.</p>
-
-<p>Dort, wo die Befruchtung des Eies außerhalb des weiblichen
-Körpers erfolgt &mdash; die See-Igel liefern besonders geeignetes
-Beobachtungsmaterial &mdash;, kann man sehen, wie die Samenfäden, mit
-dem Kopfe voran, da und dort in die Eihaut eindringen. Sobald ein
-Samenfaden sich dem Dotter bis auf eine gewisse Entfernung genähert
-hat, baucht sich der Dotter ihm entgegen aus, so daß sich hier ein
-Wulst, der sog. <em class="gesperrt">Empfängnishügel</em>, bildet. In diesen Wulst dringt
-der Kopf des Samenfadens ein, während sein Schwanz, der seinen Dienst
-geleistet hat, abgestoßen und aufgelöst wird. Hierauf zieht sich der
-Wulst wieder in die Masse des Dotters zurück; die Befruchtung ist
-vollzogen. In diesem Augenblick umkleidet sich der Dotter mit einem<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">= 6 =</a></span>
-neuen Häutchen, das keinen zweiten Samenfaden in den Dotter eindringen
-läßt.</p>
-
-<p>Um verstehen zu können, was nun im befruchteten Ei vor sich geht, ist
-es notwendig, daß wir weiter ausholen.</p>
-
-<p>Jedermann weiß, daß die einzelnen Abschnitte des Körpers, der
-Rumpf, die Gliedmaßen, nicht in sich gleichartige Gebilde sind,
-sondern aus Teilen von sehr verschiedenartigem Aussehen und mit sehr
-verschiedenartigen Leistungen bestehen. So finden wir in den Gliedmaßen
-unter der Haut die roten weichen Muskeln, die harten Knochen, die
-weißen Stränge der Nerven, die Röhren der Blutgefäße usw. Wenn wir dann
-die einzelnen <em class="gesperrt">Organe</em> (Werkzeuge) betrachten, so finden wir, daß
-auch sie nicht durch und durch aus einer gleichartigen Masse bestehen,
-sondern wieder aus verschiedenen <em class="gesperrt">Geweben</em> zusammengesetzt sind.
-Dies zeigt uns z. B. sofort eine aufmerksame Betrachtung des gekochten
-Fleisches, wie es auf unseren Tisch kommt. Auch die Gewebe wieder sind
-nicht homogene, in sich gleichartige Gebilde, sondern bestehen &mdash; wie
-wir allerdings erst bei der mikroskopischen Untersuchung erkennen
-können &mdash; aus winzig kleinen Elementarteilen, den sog. <em class="gesperrt">Zellen</em>.
-Ebenso wie der Leib aller Tiere besteht der aller Pflanzen aus solchen
-Elementargebilden, die trotz manchen Verschiedenheiten im einzelnen
-der Hauptsache nach gleichartig gebaut sind. Manche pflanzliche und
-tierische Gewebe sehen zum Verwechseln ähnlich aus, so sehr stimmen sie
-in den Hauptzügen ihres Baues überein.</p>
-
-<p>Die niedrigsten Pflanzen und Tiere bestehen aus einer <em class="gesperrt">einzigen</em>
-Zelle. Hier leistet also die eine Zelle alle Lebensgeschäfte, wie die
-Aufnahme und Verdauung der Nahrung, die Ausscheidung des Unverdauten
-und der Abfälle des Stoffwechsels, die Wärmeerzeugung, Eigenbewegung,
-Fortpflanzung usw. Man nennt diese niedersten einzelligen<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">= 7 =</a></span> Organismen,
-insofern sie tierischen Charakter haben, <em class="gesperrt">Protozoen</em>. Im Gegensatz
-zu ihnen stehen die <em class="gesperrt">Metazoen</em>, deren Leib aus einer Mehrheit
-von Zellen besteht. Das Metazoon ist gewissermaßen eine Kolonie von
-Protozoen. Je höher entwickelt das Tier ist, um so mehr unterscheiden
-sich seine einzelnen Zellen in ihrer Gestalt voneinander, um so
-verschiedener werden auch ihre Leistungen, um so vollkommener ist
-der Grundsatz der Teilung der Arbeit durchgeführt, so daß also nicht
-mehr alle, sondern nur ein Teil der Zellen mit der Nahrungsaufnahme
-und Verdauung beschäftigt ist, nur gewisse Zellen die Fortpflanzung
-besorgen usw.</p>
-
-<p>Der alte Name „Zelle“ bedeutet so viel als Kämmerchen, weil man anfangs
-dachte, daß jeder solcher Elementarorganismus mit eigenen, festen
-Wänden, einer Kapsel oder besonderen Haut umhüllt sei, wie man es
-bei vielen Pflanzenzellen tatsächlich findet. Heute wissen wir, daß
-durchaus nicht alle Zellen derartige Hüllen besitzen. Wir unterscheiden
-heute an jeder Zelle zwei Hauptteile: den <em class="gesperrt">Zelleib</em> oder das
-<em class="gesperrt">Protoplasma</em> und den <em class="gesperrt">Kern</em>, ein bläschenartiges Gebilde,
-das meistens im Innern des Protoplasmas liegt und für gewöhnlich zu
-ruhen scheint, während ausschließlich vom Protoplasma die Aufnahme und
-Verdauung der Nahrung, die Bildung der Absonderungen, die Fortbewegung
-besorgt zu werden scheinen. Trotz der scheinbaren Ruhe ist aber der
-Kern an allen Vorgängen in der Zelle aufs engste beteiligt; er ist z.
-B. ganz unentbehrlich für die Verdauung der aufgenommenen Nahrung, für
-die Erhaltung und das Wachstum der Zelle, für die Bildung der Zellhaut,
-wo eine solche vorhanden ist. Man kann sagen, der Kern <em class="gesperrt">regiere</em>
-das Leben der Zelle. Die Eigenart der Zelle hängt fast ganz von ihm ab.</p>
-
-<p>Auch das Ei und der Samenfaden sind Zellen. Am Ei erkennen wir die
-Hauptteile der Zelle ohne weiteres;<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">= 8 =</a></span> das Keimbläschen ist ihr Kern,
-der Dotter ihr Protoplasma, die Eihaut ihre Zellhaut. Der Samenfaden
-dagegen ist eine Zelle von sehr absonderlicher Form und mit einem
-Anhängsel, dem Schwanze. Aber auch bei ihm hat man den Kopf als
-Zellkern erkannt und einen zarten Saum um den Kopf und das Mittelstück
-als eine, allerdings winzig kleine, Menge von Protoplasma. Ei und
-Samenfaden unterscheiden sich dadurch sehr auffällig, daß das erstere
-in seinem Dotter ungeheuer viel Protoplasma besitzt, der letztere sehr
-wenig.</p>
-
-<p>Alle Zellen vermehren sich durch <em class="gesperrt">Teilung</em>. Dies gilt für
-die mehrzelligen wie für die einzelligen Organismen. Unser ganzer
-Körper ist aus der fortgesetzten Teilung der befruchteten Eizelle
-hervorgegangen. „Jede Zelle stammt wieder von einer Zelle“; das ist
-eine der wichtigsten Feststellungen der Biologie.</p>
-
-<p>Dieser Wachstums- und Vermehrungsprozeß der Organismen ist eines der
-dunkelsten Rätsel, vor denen die Naturforschung steht; vorläufig
-unfaßbar auch dort, wo, wie bei den <em class="gesperrt">Bakterien</em>, das Ganze sehr
-einfach vor sich zu gehen scheint. Einfach scheint uns die Sache
-nur deshalb, weil wir bei diesen winzigen Wesen von den meisten
-Vorgängen nichts sehen. Wir sehen hier nur, wie die Zelle wächst,
-eine stäbchenförmige Zelle z. B. sich bis zu einem gewissen Grade
-verlängert, wie dann in der Mitte ihrer Länge eine Scheidewand, dann
-eine Einschnürung auftritt, diese letztere immer deutlicher wird, bis
-schließlich die zwei Hälften auseinanderfallen. Jede Hälfte sieht genau
-so aus wie die Mutterzelle, bevor sie sich in die Länge gestreckt
-hatte, und jede hat auch genau dieselben Eigenschaften wie die
-Mutterzelle und ist wie diese befähigt, sofort wieder zu wachsen und
-sich zu teilen. Unter günstigen Umständen erfordert eine solche Teilung
-nicht mehr Zeit als 20 Minuten, so daß bei Fortdauer günstigster
-Umstände durch fort<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">= 9 =</a></span>gesetzte Teilung binnen 24 Stunden aus einem
-einzigen Bakterium 4700 Trillionen werden könnten.<a name="FNAnker_A_1" id="FNAnker_A_1"></a><a href="#Fussnote_A_1" class="fnanchor">[A]</a></p>
-
-<div class="figcenter">
- <div class="caption_top">
- Tafel 1.
- </div>
- <a id="tafel1" name="tafel1">
- <img class="mtop1" src="images/tafel1.jpg" alt="" /></a>
- <p class="s5 center">(Nach Boveri.)</p>
- <p class="s5 center mbot2 ebhide"><a href="images/tafel1_hr.jpg">&#10063;<br />
- <span class="smaller">GRÖSSERES BILD</span></a></p>
-</div>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="center"><b>Erklärung der Fig. 1&ndash;10 auf Tafel 1.</b></p>
-
-<p>Fig. 1. Ruhende Zelle; <span class="antiqua">a</span>) Zelleib oder Protoplasma; <span class="antiqua">b</span>)
-ruhender Kern mit Chromatingerüste, Kernhaut und Kernsaft; <span class="antiqua">c</span>)
-Zentralkörperchen oder Centrosoma. &mdash; Fig. 2. Zweiteilung des
-Centrosomas; beginnende Chromosomenbildung. &mdash; Fig. 3. Die beiden
-Tochter-Centrosomen rücken gegen die Pole und umgeben sich mit
-Strahlenhöfen; das ganze Chromatin in (4) Chromosomen vereinigt. &mdash;
-Fig. 4. Fortschreiten der beiden Vorgänge; Auflösung der Kernhaut,
-Aufsaugung des Kernsaftes. &mdash; Fig. 5. Anordnung der Chromosomen in der
-sog. Äquatorialplatte; fädige Verbindungen mit den Centrosomen. &mdash;
-Fig. 6. Längsteilung aller Chromosomen. &mdash; Fig. 7 und 8. Wanderung der
-Tochter-Chromosomen zu den Polen: beginnende Teilung des Zelleibes. &mdash;
-Fig. 9. Die Zweiteilung der Zelle vollzogen: Neubildung von Kernhaut
-und Kernsaft um jede Chromosomengruppe. Schwinden der Strahlenhöfe
-um die Centrosomen. &mdash; Fig. 10. Übergang beider Tochterzellen in die
-Ruheform; Auswachsen der Chromosomen zum Chromatingerüste.]</p>
-
-</div>
-
-<p>Bei den Bakterien vermag man nicht recht den Kern und das Protoplasma
-zu unterscheiden, und vermag man daher auch nicht zu sagen, wie sich
-beide bei der Teilung verhalten. Anders ist es bei jenen Zellen, bei
-denen Protoplasma und Kern deutlich voneinander geschieden sind. Hier
-hat man die allermerkwürdigsten Vorgänge kennen gelernt. Wir müssen
-uns mit dieser sog. <em class="gesperrt">indirekten</em> (Umwegs-) <em class="gesperrt">Zellteilung</em> der
-kernhaltigen Zellen genauer beschäftigen, weil wir nur durch sie zu
-einem tieferen Verständnis der Befruchtung vordringen können.</p>
-
-<p>Wenn wir eine nicht in Teilung begriffene Zelle unter sehr starker
-Vergrößerung betrachten, erscheint uns der ruhende Kern als ein
-Bläschen, das in der Regel die Gestalt der Mutterzelle nachahmt.
-Wenn wir die Zelle künstlich färben, sehen wir, daß auch der Kern
-wieder ein zusammengesetztes Gebilde ist. Wir sehen in ihm ein oder
-mehrere rundliche Körperchen, die <em class="gesperrt">Kernkörperchen</em>, und ein
-badeschwammartiges Gerüstwerk, das mit der deutlich erkennbaren
-Kernhaut zusammenhängt und den ganzen Kern durchzieht. Die Maschen der
-Waben dieses Gerüstwerkes sind vom <em class="gesperrt">Kernsafte</em> ausgefüllt. Eine
-der Substanzen, aus welchen das Gerüst besteht, hat die Eigenschaft,
-sich mit gewissen Farbstoffen stark zu beladen, wenn man<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">= 10 =</a></span> die Zelle
-künstlich zu färben sucht; sie wird daher <em class="gesperrt">Chromatin</em> (färbbarer
-Stoff) genannt.</p>
-
-<p>Kommt es nun zur sog. indirekten Teilung oder Teilung durch
-„<em class="gesperrt">Mitose</em>“ (<em class="gesperrt">Fadenbildung</em> des Chromatins), so verändert
-sich zunächst der Kern in der auffallendsten Weise (s. <a href="#tafel1">Tafel 1</a> Fig.
-1&ndash;10). Das Chromatingerüste zieht sich zu einem zunächst vielfach
-gewundenen Strange zusammen, der weiter zusammenschrumpft, sich dabei
-verdickt und verkürzt und schließlich durch Querteilung in eine Anzahl
-von Teilstücken zerfällt, welche <em class="gesperrt">Chromosomen</em> genannt werden.
-Die Zahl dieser Chromosomen ist bei den verschiedenen Organismenarten
-verschieden (4, 8, 16 und mehr; beim Menschen 24), aber für die Zellen
-jeder Tier- und Pflanzenart unveränderlich. Während es zur Bildung
-der Chromosomen kommt, löst sich der Kern als solcher auf, indem die
-Kernhaut verschwindet und der Kernsaft ins Protoplasma übertritt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">= 11 =</a></span></p>
-
-<p>Die Chromosomen ordnen sich nun in einer Ebene, die ungefähr dem
-Äquator der Zelle entspricht, parallel hinter- und nebeneinander.
-Dann spaltet sich jedes Chromosoma der Länge nach in zwei genau
-gleichgroße Hälften, und die Hälften jedes Chromosoms wandern nun
-in entgegengesetzter Richtung, die eine nach dem einen, die andere
-nach dem andern Pol der Zelle. Die Zahl der Chromosomen hat sich also
-genau verdoppelt, und in der Nähe jeden Poles versammeln sich genau
-so viele Chromosomen, als die Mutterzelle hatte; also 4, wenn diese 4
-hatte, 8, wenn 8 usw. Um jede der Chromosomengruppen scheidet sich nun
-wieder Flüssigkeit aus dem Protoplasma aus, die Chromosomen fangen an,
-Fortsätze auszusenden, die miteinander verwachsen, so daß wieder ein
-genau solches Gerüstwerk und eine genau solche Kernblase entstehen, wie
-sie die Mutterzelle hatte. Inzwischen hat sich auch das Protoplasma am
-Äquator eingeschnürt. Es wächst hier eine Scheidewand quer durch die
-Mutterzelle durch, die beiden Hälften lösen sich allmählich voneinander
-los, und indem sie wachsen, werden sie mehr und mehr das genaue Abbild
-der Mutterzelle, aus der sie hervorgegangen sind.</p>
-
-<p>So umständlich der Vorgang der Kernteilung und Kernneubildung schon
-nach dem bisher Gesagten ist, in Wirklichkeit ist er noch weit
-verwickelter. Tatsächlich fängt der Teilungsvorgang damit an, daß
-sich ein besonderes, kleines Körperchen, das sich neben dem Kerne
-im Protoplasma der Zelle findet, das <em class="gesperrt">Zentralkörperchen</em> oder
-<em class="gesperrt">Centrosoma</em>, verdoppelt und die beiden Hälften an die Pole
-der Zelle auseinanderrücken. Um jedes der beiden neuen Centrosomen
-bilden sich fädige Strahlen. Ein Teil dieser Fäden heftet sich
-an die Chromosomen an, und mit Hilfe dieser Fäden werden die
-Chromosomenhälften &mdash; wie wir’s beschrieben haben &mdash; schließlich
-auseinandergezogen und gegen die Pole hingeführt. Tatsächlich regiert
-also das<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> Zentralkörperchen oder Centrosoma den ganzen Teilungsvorgang.
-Aber so wichtig an sich dieser Vorgang ist, wollen wir uns auf diese
-Andeutungen beschränken, die aus der Abbildung wohl verständlich werden
-dürften.</p>
-
-<p>Für uns ist vor allem wichtig die Umwandlung des ruhenden Kernes in
-die Chromosomen, die Halbierung der Chromosomen und die sorgfältige
-Verteilung der Hälften auf die beiden Tochterzellen. Was durch den
-ganzen Vorgang erreicht wird, ist völlig klar: offenbar wird dadurch
-das Chromatin, die färbbare Substanz des Kernes, so gleichmäßig als
-irgend möglich auf die Tochterzellen verteilt. Offenbar ist diese
-gleichmäßige Verteilung des Chromatins Bedingung dafür, daß die
-Tochterzellen der Mutterzelle gleich werden.</p>
-
-<p>Der geschilderte Vorgang der sog. indirekten Zellteilung verläuft in
-der ganzen Tier- und Pflanzenwelt in der Hauptsache völlig gleichartig:
-der überraschendste Beweis für die enge Verwandtschaft alles Lebendigen!</p>
-
-<p>Genau so, wie wir’s hier geschildert haben, verläuft nicht nur die
-Zellteilung beim Wachstum der mehrzelligen Organismen, der Metazoen,
-sondern auch die ungeschlechtliche Fortpflanzung der Protozoen.
-Zellteilung folgt bei ihnen in dieser Weise auf Zellteilung; ohne Ende,
-wenn nicht äußere Hindernisse eintreten.</p>
-
-<p>Neben der ungeschlechtlichen Fortpflanzung sehen wir aber auch schon
-bei vielen Einzelligen geschlechtliche Fortpflanzung auftreten. Wir
-finden bei ihnen sogar mehrere Arten davon. Am einfachsten sind die
-<em class="gesperrt">Kopulation</em> und die <em class="gesperrt">Konjugation</em>.</p>
-
-<p>Es kommt vor, daß sich zwei von diesen einander völlig gleichenden
-einzelligen Wesen aneinanderlegen, ihre Kerne sich spalten, die
-Hüllhäute an der Berührungsstelle der beiden Zellen verschwinden
-und nun die Kernhälften zwischen den beiden Individuen ausgetauscht
-werden.<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">= 13 =</a></span> Die Hälfte des Kernes des Individuums <span class="antiqua">A</span> wandert in das
-Individuum <span class="antiqua">B</span> und umgekehrt, worauf sich die beiden Individuen
-wieder voneinander trennen. Die beiden Kernhälften, die eigene und die
-fremde, vereinigen sich, und in jedem Individuum erfolgt nun eine neue
-Kernteilung und die Teilung der Mutterzelle in Tochterzellen, genau so,
-wie wir’s oben geschildert haben.</p>
-
-<p>Noch einfacher ist der Vorgang, wenn geradezu zwei Individuen zu einem
-verschmelzen. Die beiden Kerne legen sich aneinander, und nun erfolgt
-die Vermehrung, indem jeder der beiden aneinanderliegenden Kerne in
-zwei Hälften geteilt wird, so daß jede Tochterzelle den halben Kern der
-Elternzellen <span class="antiqua">A</span> und <span class="antiqua">B</span> erhält und ihre Tochterzellen wieder
-je ein Viertel von <span class="antiqua">A</span> und <span class="antiqua">B</span> usf.</p>
-
-<p>Bei manchen Protozoen, bei den Metazoen und beim Menschen wird die
-Fortpflanzung, wie wir schon besprochen haben, durch <em class="gesperrt">bestimmte
-Geschlechtszellen</em> besorgt. Es gibt dann, wie wir bereits wissen,
-bei jeder Art zweierlei Geschlechtszellen, die sich durch ihr Aussehen
-unterscheiden und verschiedene Leistungen zu verrichten haben, aber in
-der Hauptsache, nämlich bezüglich ihrer Kerne, gleichartig sind. Diese
-Geschlechtszellen werden in eigenartigen Mutterzellen, bei den höheren
-Pflanzen und Tieren in besonderen Organen, durch Zellteilung gebildet.</p>
-
-<p>Im Gegensatz zu den anderen Zellen sind diese Geschlechtszellen in
-der Regel unfähig, für sich allein weiterzuleben, zu wachsen, sich
-zu teilen und zu vermehren. Es kommen aber Ausnahmen vor, und bei
-vielen höheren Wesen kann sich unter bestimmten natürlichen oder
-künstlich hergestellten Bedingungen auch aus dem <em class="gesperrt">unbefruchteten</em>
-Ei ein neues Individuum entwickeln (sog. <em class="gesperrt">Parthenogenesis</em> oder
-Jungfrauenzeugung, z. B. Entstehung der Drohnen aus den unbefruchteten
-Eiern der Bienen).</p>
-
-<p>In der Regel gehen die Geschlechtszellen zugrunde,<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">= 14 =</a></span> wenn sie nicht
-zur Vereinigung gelangen; den Samenfäden fehlt es an Protoplasma, den
-Eiern fehlt das Zentralkörperchen, das Centrosoma, das den ersten
-Anstoß zur Zellteilung gibt. Im reifen, befruchtungsfähigen Zustande
-haben Eizelle und Samenfäden auch nur <em class="gesperrt">halb so viel</em> Chromatin und
-bilden auch nur <em class="gesperrt">halb so viele</em> Chromosomen als die gewöhnlichen
-Körperzellen ihrer Art, <em class="gesperrt">da bei ihrer Reifung die Hälfte der
-Chromosomen ausgestoßen worden ist</em>. Dieser Unterschied in der
-Chromosomenzahl tritt zutage, wenn die Befruchtung erfolgt ist, die
-beiden Geschlechtszellen sich vereinigt haben.</p>
-
-<p>Nachdem der Kopf des Samenfadens vom Ei aufgenommen worden ist und
-die neugebildete Dotterhaut das Eindringen eines zweiten Samenfadens
-in das Innere des Eies unmöglich gemacht hat, sehen wir (s. <a href="#tafel2">Tafel 2</a>,
-Fig. 11 bis 17), wie der Kopf des Spermatozoons sich
-allmählich dem Kerne der Eizelle nähert. Sein Kern nimmt<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">= 15 =</a></span> dabei an
-Größe zu und teilt sich dann in <em class="gesperrt">halb</em> so viele Chromosomen, als
-den Kernen des Organismus, von dem der Samenfaden abstammt, sonst
-zukommen; beim Menschen also in 12. Die Chromosomen wachsen durch
-Fortsätze zu einem feinen Netzwerk aus. Zugleich scheidet sich aus
-dem Protoplasma der Eizelle Flüssigkeit aus, so daß der Kern des
-Spermatozoons nun genau wie das Kernbläschen einer ruhenden Zelle
-aussieht und dem Kerne der Eizelle zum Verwechseln ähnlich geworden
-ist. <em class="gesperrt">Es besteht kein Geschlechtsunterschied mehr zwischen den
-beiden Kernen.</em> Auch ihre Größe ist in diesem Stadium vollkommen
-gleich. Während diese Veränderungen mit dem Kerne vorgehen, hat sich
-ein winziges Körperchen, das mit dem Kopfe des Spermatozoons in das
-Ei mit hereingebracht worden ist, mit einem Strahlenhofe umgeben und
-in zwei Körperchen geteilt. Jedes von diesen bekommt wieder einen
-Strahlenhof. Wir haben ohne Zweifel Gebilde vor uns, die genau den
-Zentralkörperchen oder Centrosomen der gewöhnlichen, in der Teilung
-begriffenen Zellen entsprechen. Während Eikern und Samenkern immer
-näher zusammenrücken, rücken die beiden Centrosomen auseinander. Die
-beiden Kerne fangen nun gleichzeitig an, Chromosomen zu bilden; der
-Kern des Eies genau so viele wie der Kern des Samenkörperchens, also
-ebenfalls nur halb so viele, als die Kerne der betreffenden Tierart
-sonst bilden. Diese Chromosomen ordnen sich in einer Ebene zusammen
-und teilen sich der Länge nach. Ihre Hälften werden durch die Fäden,
-die von den Centrosomen ausgegangen sind, auseinander- und gegen die
-Pole hingezogen; kurz, alles weitere verläuft genau so wie mit dem
-<em class="gesperrt">einen</em> Kerne einer gewöhnlichen Zelle, die sich in indirekter
-Zellteilung befindet. Der einzige wahrnehmbare Unterschied ist nur
-der, daß die Hälfte der Chromosomen vom Eikern, die andere Hälfte vom
-Samenkern herrührt, und daß<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">= 16 =</a></span> <em class="gesperrt">jedem Pole angenähert die Hälfte der
-väterlichen und der mütterlichen Kernsubstanz zugeführt wird, also jede
-der beiden Tochterzellen einen Kern bekommt, der zur Hälfte vom Vater,
-zur Hälfte von der Mutter abstammt</em>. Da der Spermakern wie der
-Eikern halb so viele Chromosomen bildet als die Kerne der Körperzellen,
-so liefern beide zusammen ebensoviel Chromatin und Chromosomen, wie in
-einer normalen Zelle vorhanden ist, und jede der beiden Tochterzellen
-bekommt daher ebenfalls die normale Menge davon.</p>
-
-<p>Jede der beiden Tochterzellen teilt sich nun in derselben Weise weiter,
-und jedesmal erhält jede der bei der Teilung neu entstehenden Enkel-,
-Urenkel-, Ururenkel- usw. Zellen ungefähr gleichviel mütterliches und
-väterliches Chromatin; die Hälfte ihrer Chromosomen ist väterlicher,
-die andere Hälfte mütterlicher Herkunft. <em class="gesperrt">Die Kernsubstanz jeder
-Zelle unseres Körpers stammt also halb vom Vater, halb von der Mutter
-her.</em></p>
-
-<p>Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, daß während der
-fortgesetzten Teilungen und Wachstumsvorgänge die Gesamtmasse des
-Chromatins sich ganz ungeheuer vermehrt hat. Die Substanzen, aus denen
-das neue Chromatin gebildet wurde, stammen natürlich aus der Nahrung;
-aber sie werden zuerst chemisch umgewandelt, <em class="gesperrt">assimiliert</em>, dem
-ursprünglichen Chromatin gleichgemacht, bevor sie Teile der Zellkerne
-werden. Die Art dieser Umwandlung und Formung wird in einer noch nicht
-genügend aufgeklärten Weise durch die Beschaffenheit des ursprünglich
-ererbten Chromatins bestimmt.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <div class="caption_top">
- Tafel 2.
- </div>
- <a id="tafel2" name="tafel2">
- <img class="mtop1" src="images/tafel2.jpg" alt="" /></a>
- <p class="s5 center">(Nach Boveri.)</p>
- <p class="s5 center mbot2 ebhide"><a href="images/tafel2_hr.jpg">&#10063;<br />
- <span class="smaller">GRÖSSERES BILD</span></a></p>
-</div>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="center"><b>Erklärung der Fig. 11&ndash;17 auf Tafel 2.</b></p>
-
-<p>Fig. 11. <span class="antiqua">A</span>) <em class="gesperrt">Ei.</em> <span class="antiqua">a</span>) Eihaut mit ihren Porenkanälen
-(in den späteren Figuren weggelassen); <span class="antiqua">b</span>) Eidotter; <span class="antiqua">c</span>)
-ruhender Eikern; <span class="antiqua">d</span>) Empfängnishügel mit eingedrungenem
-Samenfaden. <span class="antiqua">B</span>) <em class="gesperrt">Samenfäden.</em> <span class="antiqua">e</span>) Kopf; <span class="antiqua">f</span>)
-Mittelstück; <span class="antiqua">g</span>) Schwanz des Samenfadens. &mdash; Fig. 12.
-Vordringen des Samenkerns gegen den Eikern; Auftreten des Centrosoms
-der Samenzelle mit Strahlenhof; Auflösung des Schwanzes. &mdash; Fig.
-13. Teilung des Samenfadenkopfes in zwei Chromosomen. &mdash; Fig. 14.
-Fortschreitende Annäherung des Samenkerns an den Eikern unter
-Auseinanderrücken der Tochter-Centrosomen an die Pole; Auswachsen der
-Samenkern-Chromosomen zum Chromatingerüste. &mdash; Fig. 15. Der Samenkern
-ist dem Eikern gleich geworden. &mdash; Fig. 16. Samenkern und Eikern haben
-gleichzeitig (je 2) Chromosomen gebildet. &mdash; Fig. 17. Längsteilung
-der väterlichen und mütterlichen Chromosomen in gleiche Hälften und
-Verbindung der Hälften mit den Centrosomen. (Bezüglich der weiteren
-Entwickelung s. Fig. 7&ndash;10.)]</p>
-
-</div>
-
-<p><em class="gesperrt">Die Kernsubstanz unserer Zellen ist die eigentliche
-Vererbungssubstanz</em>; sie ist jedenfalls die Hauptträgerin der die
-einzelnen Individuen einer Art unterscheidenden vererblichen Anlagen.
-Das Proto<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">= 17 =</a></span>plasma der Eizelle scheint hauptsächlich die Bedeutung
-eines Nahrungsstoffes für die wachsenden und sich teilenden Kerne zu
-haben, wenn es auch bei den verschiedenen Organismenarten chemisch
-und baulich ebenso spezifisch verschieden ist wie die Kernsubstanz
-und daher die der ganzen Art gemeinsame Beschaffenheit mitbestimmt.
-So wird es begreiflich, daß im allgemeinen das väterliche und das
-mütterliche Erbe gleichgroßen Einfluß auf die körperliche und geistige
-Beschaffenheit ihrer Nachkommen ausüben, obwohl die Mutter das große
-Ei, der Vater den winzigen Samenfaden liefert. Von der ganzen großen
-Masse des Eies ist nur ein winziger Teil, nicht größer als der Kopf des
-Spermatozoons, Vererbungssubstanz.</p>
-
-<p>Wie das Chromatin aller anderen Zellen ist auch das des Samenfadens
-und der Eizelle halb väterlichen, halb mütterlichen Ursprungs, und
-dies macht es wieder verständlich, daß Eigenschaften der Großeltern
-und viel fernerer Ahnen in den Enkeln wieder auftauchen können
-(<em class="gesperrt">Atavismus</em>).</p>
-
-<p>Wenn wir uns vor Augen halten, daß auch auf ungeschlechtlichem Wege
-Fortpflanzung durch anscheinend unbegrenzte Zeiten möglich ist (man
-denke nur an die ungeschlechtliche Teilung der Bakterien und anderer
-Protisten [einfachster Lebewesen] und an die Fortzüchtung vieler
-Pflanzen durch sog. Ableger!), so kommt man zu dem Schlusse, daß es die
-Aufgabe der geschlechtlichen Fortpflanzung, der Befruchtung sei, durch
-Vermischung der Keimstoffe einerseits individuelle Eigentümlichkeiten
-und Abnormitäten der Eltern auszugleichen und so die Gesamtheit der
-Anlagen und damit die Haupteigenschaften der Spezies unverändert zu
-erhalten, andererseits wieder neue Kombinationen von Anlagen und
-dadurch Mannigfaltigkeit unter den Individuen herzustellen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">= 18 =</a></span></p>
-
-<h2 id="Kapitel_2">2. Kapitel.<br />
-
-<b>Vererbung und Zuchtwahl.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p>Im vorhergehenden Kapitel ist es mir vor allem darum zu tun gewesen,
-dem Leser zu zeigen, daß die aufeinanderfolgenden Generationen aufs
-allerengste miteinander verknüpft sind. Geformte Teile des elterlichen
-Körpers haben sich losgelöst und setzen in dem neuen Gebilde, das
-wir Individuum nennen, das Leben fort, das sie im elterlichen Körper
-geführt haben. Das <em class="gesperrt">Neue</em> an dem neuen Individuum ist <em class="gesperrt">nur</em>,
-daß eine neue <em class="gesperrt">Mischung</em> von Lebendigem erfolgt ist. <em class="gesperrt">Wir
-sind, wenigstens den Anlagen nach durchaus, körperlich und geistig,
-die Geschöpfe unserer Eltern und Ahnen.</em> In dem elterlichen
-Chromatin, in dem <em class="gesperrt">Keimplasma</em> oder <em class="gesperrt">Idioplasma</em>, wie es
-auch genannt wird, ist unsere ganze Organisation vorherbestimmt.
-Durch das Keimplasma ist vorherbestimmt gewesen, daß wir Angehörige
-der <em class="gesperrt">Spezies Mensch</em> geworden sind; von ihm hängen die Farbe
-unserer Haut, die Beschaffenheit unserer Haare, der Bau des Schädels
-und alle anderen Eigentümlichkeiten der <em class="gesperrt">Menschenrasse</em> ab, die
-wir an uns tragen, alle Eigentümlichkeiten unseres <em class="gesperrt">Volksstammes</em>
-innerhalb der Rasse; innerhalb der Eigentümlichkeiten des Volksstammes
-wieder alle Besonderheiten der <em class="gesperrt">Familie</em> und alles mit der
-<em class="gesperrt">Individualität</em> unserer Eltern Übereinstimmende in uns. Die Farbe
-unserer Augen, die Gestalt der Nase, des Mundes, der Ohren, die Statur,
-der Gang, die Gebärde, die Sprechweise, die geistige Begabung, der
-Charakter, das Talent und Temperament, kurz <em class="gesperrt">alles</em> ist hier im
-Keimplasma in der Hauptsache schon festgelegt, so groß und wichtig auch
-die äußeren oder „<em class="gesperrt">Umwelts</em>“-(„Milieu-“)Einflüsse<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">= 19 =</a></span> sind, die die
-Keime während ihrer Entwicklung und bis zu ihrer Vereinigung und das
-Individuum <em class="gesperrt">nach</em> der Vereinigung der elterlichen Keime treffen.</p>
-
-<p>Wenn trotzdem selbst die Kinder gleicher Eltern in der Regel
-untereinander verschieden sind und nicht selten sogar sehr auffällige
-Unterschiede zeigen, so rührt dies &mdash; wenn wir von der merkwürdigen,
-noch nicht genügend aufgeklärten Tatsache der sog. <em class="gesperrt">Mutation</em>,
-d. h. des plötzlichen Neuauftretens oder Verlustes einer vererbbaren
-Eigenschaft oder Anlage in einem Individuum, hier absehen &mdash;
-hauptsächlich von zwei Umständen her. Erstens davon, daß kaum jemals
-die Bedingungen, unter denen sich zwei Individuen entwickeln,
-ganz gleich sind und die <em class="gesperrt">Verschiedenheit der Lebensbedingungen
-bei gleichen Anlagen</em> Verschiedenheiten des Aussehens und
-der Leistungen der Individuen herbeiführt (<em class="gesperrt">Modifikation</em>,
-<em class="gesperrt">Lebenslage-Variation</em>). Zweitens aber &mdash; und dies ist viel
-wichtiger! &mdash; davon, daß <em class="gesperrt">kaum jemals die Kinder desselben
-Elternpaares tatsächlich gleiche Anlagen erhalten</em>.</p>
-
-<p>Die Keimstoffe sind nämlich nichts Einheitliches! <em class="gesperrt">Die Erbmasse ist
-ein Konglomerat (Zusammenballung) einer ungeheuren Anzahl einzelner
-Anlagen (Erbeinheiten), welche in hohem Maße unabhängig voneinander
-vererbt werden.</em> Wir haben gehört, daß bei der Reife der Keimzellen
-die Hälfte der Chromosomen und des Chromatins ausgestoßen wird. Bei
-dieser Ausstoßung trennen sich die <em class="gesperrt">zusammengehörigen</em> väterlichen
-und mütterlichen Anlagen voneinander, und nur eine von ihnen bleibt in
-der reifen Keimzelle zurück (z. B. die Anlage zu brauner Augenfarbe,
-die etwa vom Vater ererbt war, oder die Anlage zu blauer, die von der
-Mutter ererbt war). Es ist aber <em class="gesperrt">rein zufällig</em>, <em class="gesperrt">welche</em>
-von diesen<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">= 20 =</a></span> beiden Anlagen im einzelnen Falle zurückbleibt. Da es
-sich dabei um eine ungeheuere Zahl von Anlagenpaaren handelt, ist
-es klar, daß auf diese Weise eine ungeheuere Zahl von Kombinationen
-(Zusammenstellungen) der Anlagen bei der Reifung der Keimzellen
-entstehen muß; sowohl bei denen des Mannes wie bei denen der Frau.
-Und wieder ist es <em class="gesperrt">völlig dem Zufall</em> anheimgegeben, welche von
-diesen verschiedenartigen Keimzellen des Vaters und der Mutter bei der
-einzelnen Befruchtung gerade zusammentreffen! Und nun wirken diese
-neukombinierten zusammengehörigen Anlagen wieder in verschiedener Weise
-aufeinander, mischen sich in einem Falle in ihrer Wirkung, während in
-einem andern Falle die eine die andere völlig unterdrückt!</p>
-
-<p>Alle diese Umstände müssen bewirken, daß fast niemals zwei Individuen
-einander ganz gleich werden; müssen jene Unterschiede alles Geborenen
-in bezug auf Gestalt, Körperkraft, Gesundheit, Begabung, Tatkraft
-herbeiführen, die zwar im Vergleiche zu dem Übereinstimmenden klein,
-trotzdem aber für Wert und Schicksal des Individuums entscheidend sind!</p>
-
-<p>Wie weit die Abhängigkeit der Beschaffenheit der Nachkommen von der
-Beschaffenheit der elterlichen Zeugungsstoffe geht, wird durch nichts
-klarer bewiesen als durch das Vorkommen von sog. <em class="gesperrt">identischen
-Zwillingen</em>, zum Verwechseln ähnlichen Individuen, die infolge
-einer Störung des normalen Entwicklungsganges aus <em class="gesperrt">einem Ei</em> und
-<em class="gesperrt">einem Samenkörperchen</em> entstanden sind.</p>
-
-<p>Wenn beim Menschen die Vererbung der <em class="gesperrt">Besonderheiten</em> der Eltern
-und Familienstämme auf die Nachkommen nicht auffallender ist, so
-rührt dies davon her, daß wir bei der Gattenwahl meistens auf diese
-Eigentümlichkeiten keine Rücksicht nehmen, sondern von ganz anderen<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">= 21 =</a></span>
-Beweggründen uns leiten lassen. Mit welcher Vollkommenheit individuelle
-Eigenschaften der Eltern auf die Nachkommenschaft vererbt und bei ihr
-ausgebildet werden können, zeigt die <em class="gesperrt">künstliche Zuchtwahl</em>,
-die der Mensch unter seinen Haustieren und Kulturpflanzen trifft.
-Die Mittel, die er dabei anwendet, sind: Auslese der vollkommensten
-oder mit einer bestimmten erwünschten Eigenschaft ausgestatteten
-Exemplare für die Zucht, Kreuzung möglichst ähnlicher Individuen,
-Auslese der Nachkommen in demselben Sinne, Inzucht der erwünschten
-Varietät (Abart), strenge Reinzucht der Rasse, strengster Ausschluß
-aller minderwertigen, fehlerhaften oder kranken Exemplare von der
-Fortpflanzung und jeder Vermischung mit fremden Blute, sorgfältige
-Pflege der Brut. So gelingt es, binnen weniger Generationen Stämme
-von vollendeter Schönheit und Tüchtigkeit oder von auffallendester
-Besonderheit zu züchten. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß,
-wenn wir unter uns in ähnlich sorgfältiger Weise <em class="gesperrt">Zuchtwahl</em>
-treiben würden, <em class="gesperrt">binnen weniger Generationen Menschenstämme erzeugt
-werden könnten, die alles, was es bisher von Menschen gegeben hat, an
-Schönheit, Kraft und Tüchtigkeit weit hinter sich lassen würden</em>.</p>
-
-<p>An nichts kranken die menschlichen Zustände so sehr, als daß viel zu
-viele Minderwertige, Dumme, Schwache, Faule, Gesellschaftsfeindliche
-erzeugt werden und viel zu wenig Vollwertige, Gescheite, Starke,
-Strebsame, Gemeinsinnige, Gewissenhafte!</p>
-
-<p>Zwangsweise läßt sich auf absehbare Zeit die Züchtung einer edlen
-Menschenrasse nicht durchführen. Aber jeder sollte beim Abschluß der
-Ehe daran denken, daß die Kinder nicht vom Himmel fallen und Edles
-nur durch Erbschaft von Edlem entstehen kann, gut geratene Kinder nur
-durch<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">= 22 =</a></span> glückliche Vereinigung des gut Geratenen der Ahnen. <em class="gesperrt">Die
-tüchtige Jugend sollte daher das hohe Ideal der bewußten Erzeugung
-und Fortpflanzung körperlich, geistig und sittlich bestbeanlagter
-Familienstämme, <b>bewußter Zuchtwahl</b>, erfassen und freiwillig
-befolgen.</em> Vor solchen Generationen von Tüchtigen aus Tüchtigen
-müßten Minderwertigkeit und Nichtswürdigkeit bald das Feld räumen.</p>
-
-<p>Wenn wir auch nicht zwangsweise Übermenschen züchten können, mit jener
-Gedankenlosigkeit und Leichtfertigkeit wie bisher darf es bei der
-Kindererzeugung jedenfalls nicht weitergehen! Es muß ins allgemeine
-Bewußtsein übergehen, <em class="gesperrt">daß es eines der schlimmsten Verbrechen
-ist, Kinder zu erzeugen, von denen man vorher wissen kann, daß sie
-höchstwahrscheinlich verkümmert, verkrüppelt, schwer krank oder
-mit schwerer Krankheitsanlage behaftet sein werden</em>. Tausende
-und Tausende werden erzeugt, die besser unerzeugt geblieben wären.
-Namenloses Elend, eine unendliche Summe von Schmerz und Qual wird
-dadurch immer von neuem in die Welt gebracht! Vernunftbegabten Wesen
-geziemt es nicht, so zu handeln.</p>
-
-<p>Wenn ein Mensch von Geburt auf mit Fehlern oder Krankheit behaftet, zu
-bestimmten Erkrankungen veranlagt oder im allgemeinen schwächlich und
-wenig widerstandsfähig ist, so kann dies sehr verschiedene Ursachen
-haben. Es kann darauf beruhen, daß er aus Keimstoffen hervorgegangen
-ist, die <em class="gesperrt">von den Ahnen her</em> fehlerhaft oder minderwertig sind
-(<em class="gesperrt">Vererbung im eigentlichen Sinne</em>). Es kann sein, daß von
-Hause aus gutgeartete Keimstoffe erst <em class="gesperrt">im Leibe der Eltern</em>
-verschlechtert worden sind (<em class="gesperrt">Keimverderb</em>). Es kann<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">= 23 =</a></span> sein, daß ein
-aus gesunden und kräftigen Keimen hervorgegangener Sprößling <em class="gesperrt">während
-seines Lebens im Mutterleibe geschädigt</em> oder krank geworden ist.</p>
-
-<p>Es gibt aber auch nicht wenige Fälle, wo es nur so scheint, als ob das
-Kind bereits krank und minderwertig geboren worden wäre und in Wahrheit
-seine Krankheit oder Minderwertigkeit auf Schädigungen beruht, die es
-erst <em class="gesperrt">nach der Geburt in seiner frühesten Kindheit</em> erfahren hat.
-Es ist wichtig, diese Dinge zu unterscheiden, da sie beim Abschluß der
-Ehe und bei der Kindererzeugung berücksichtigt werden müssen.</p>
-
-<p>Was die im eigentlichen Sinn vererblichen Fehler und Mängel des
-Keimplasmas anbelangt, so ist zunächst zu sagen, daß es eine Reihe von
-<em class="gesperrt">Bildungsfehlern</em> gibt, die bei sonstiger normaler Beschaffenheit
-von Generation auf Generation, manchmal mit Überspringung einzelner
-Glieder der Kette, vererbt werden. Zum Teile sind sie ganz geringfügig
-und nicht beachtenswert, z. B. Muttermale oder Vertauschung von rechts
-und links bei der Lagerung der Eingeweide. Viel bedeutungsvoller
-ist die Vererbung von schlechter, zu Zahnfäule (Karies) neigender
-Zahnbeschaffenheit, von Kurzsichtigkeit, Farbenblindheit und anderen
-Fehlern des Auges, von gewissen Formen unheilbarer, fortschreitender
-Schwerhörigkeit, die Vererbung überzähliger Finger und Zehen, der
-Hasenscharte (gespaltene Oberlippe oder Oberkiefer), des Wolfsrachens
-(gespaltener Gaumen), von Mißbildungen der Finger und der Hände. Höchst
-ungünstig für die Nachkommenschaft ist die vererbliche Verkümmerung
-der Brustdrüse, wegen der damit verbundenen Unfähigkeit zum Stillen.
-Ein anderer böser ererbter Bildungsfehler ist die sog. Bluterkrankheit
-oder Hämophilie. Die geringste Verletzung kann beim „Bluter“ fast
-unstillbare Blutverluste und selbst den Tod durch Verblutung
-herbeiführen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">= 24 =</a></span></p>
-
-<p>Höchst merkwürdig ist bei dieser glücklicherweise seltenen Krankheit,
-daß sie nur bei den männlichen Nachkommen auftritt und nur durch die
-selbst gesund bleibenden weiblichen Nachkommen vererbt wird. Diese
-<em class="gesperrt">Latenz</em> (das Verborgenbleiben) der Erbeigenschaften in den
-weiblichen Gliedern eines Familienstammes kommt übrigens auch bei
-anderen krankhaften sowie bei lebensnützlichen Anlagen (Talenten) vor;
-geradeso, wie Frau und Mann gewisse Besonderheiten der Merkmale des
-anderen Geschlechtes (z. B. des Bartwuchses, der Form und Größe der
-Brüste) verborgen auf ihre Söhne bzw. Töchter vererben.</p>
-
-<p>Auf vererblichen Fehlern der Keimstoffe beruht ferner die Neigung der
-Mitglieder mancher Familien zu gewissen <em class="gesperrt">Stoffwechselkrankheiten</em>,
-wie namentlich zur Gicht, zur Fettsucht, zur Zuckerharnruhr; die
-Neigung zu gewissen langwierigen <em class="gesperrt">Hautkrankheiten</em>, insbesondere
-zu den sog. Flechten. Auch gewisse Erkrankungen des Herzens und der
-Blutgefäße, die zum Schlagflusse führen, scheinen auf erblicher
-Grundlage zu entstehen.</p>
-
-<p>Allgemein bekannt ist es endlich, daß in einzelnen Familien die Neigung
-zu <em class="gesperrt">Geisteskrankheiten</em> und <em class="gesperrt">nervösen Leiden</em> mannigfacher
-Art sich forterbt. Dabei ist bemerkenswert, daß die Art des
-Nervenleidens bei den verschiedenen Familiengliedern sehr verschieden
-sein kann. Einige zeigen reizbare Schwäche oder Exzentrizität in ihren
-Meinungen und Neigungen, jähen Wechsel ihrer Stimmung, andere leiden an
-Krämpfen, Lähmungen, Epilepsie; neben eigentlichen Geisteskrankheiten
-treten Hysterie, Hypochondrie, Trunksucht, Neigung zu geschlechtlichen
-Ausschweifungen, zu Selbstmord, zu Verbrechen auf. Das Vererbte ist
-eine abnorm <em class="gesperrt">leichte Störbarkeit</em> und <em class="gesperrt">Verwundbarkeit</em> des
-Nervensystems. Welche Krankheit sich dann tatsächlich entwickelt,
-scheint bis zu einem gewissen<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">= 25 =</a></span> Grade vom „Zufall“ abzuhängen. Nach
-neueren Forschungen ist es aber gewiß, daß es <em class="gesperrt">verschiedenartige</em>
-krankhafte Veranlagungen des Nervensystems gibt, z. B. besondere
-Anlagen zu Verrücktheit, zu Epilepsie usw. Ein erheblicher Bruchteil
-der Nachkommen pflegt übrigens selbst bei schwerer Belastung von
-wirklicher Erkrankung freizubleiben, und bei manchen Arten solcher
-Vererbungen können neben der fehlerhaften Anlage hohe geistige
-Begabung, Talent, Schwung und Tatkraft einhergehen. Bei schwerster
-Belastung zeigen einzelne Familienglieder auch körperliche Bildungs-
-und Entwicklungsfehler (die sog. Degenerationszeichen).</p>
-
-<p>Viel häufiger als eine solche begrenzte Fehlerhaftigkeit der Keime,
-die sich in bestimmten Bildungsfehlern und Krankheitsanlagen der im
-übrigen vielleicht völlig gesunden und kräftigen Nachkommen äußert, ist
-ihre <em class="gesperrt">Minderwertigkeit und Schwächlichkeit im ganzen</em>, wie sie
-in der Lebensschwäche und kümmerlichen körperlichen, intellektuellen
-und moralischen Entwicklung des Kindes und in seiner Kränklichkeit, d.
-h. seiner geringen Widerstandsfähigkeit gegen äußere Schädlichkeiten,
-zutage tritt.</p>
-
-<p>Diese Lebensschwäche der Keime kann wieder etwas sein, was schon von
-den Vorfahren ererbt ist. Meistens aber ist sie erst die Folge der
-ungünstigen Bedingungen, unter denen die Keime im Körper der Eltern
-gewachsen sind.</p>
-
-<p>So ist die Schwächlichkeit der Kinder nicht selten einfach auf das
-<em class="gesperrt">unpassende Alter der Eltern</em> zurückzuführen. Nur innerhalb einer
-gewissen Lebensperiode steht die Keimbildung auf voller Höhe. Kinder
-zu junger Eltern (Mutter unter 20, Vater unter 24 Jahren) sind nicht
-selten lebensschwach und sterben daher zahlreicher schon im ersten
-Lebensjahr wieder ab. Es kommen bei ihnen auch häufiger als sonst
-Bildungsfehler, wie Hasenscharte,<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">= 26 =</a></span> Wolfsrachen, Idiotie, vor, zum
-Zeichen, daß die Keimstoffe der Jugendlichen häufiger nicht allein
-weniger kräftig, sondern auch mit Fehlern behaftet sind. Bemerkenswert
-ist auch, daß jugendliche Mütter verhältnismäßig häufig Zwillinge
-gebären. Sie teilen diese Eigenschaft mit den älteren Frauen. Wie die
-zu jungen gebären zu alte Frauen häufiger lebensschwache Kinder. Auch
-Idiotie kommt unter den Kindern von Frauen über 40 Jahre häufiger vor
-als unter solchen von Frauen in der Vollkraft. Ebenso wie höheres Alter
-der Mutter wirkt das des Vaters (über 50 Jahre) im Durchschnitt nicht
-günstig.</p>
-
-<p>Ungünstig auf die Produktion der Keimstoffe wirken <em class="gesperrt">schlechte
-äußere Lebensbedingungen, wie unzureichende Ernährung, körperliche
-Überanstrengung</em> durch Arbeit, durch geschlechtliche Exzesse beim
-Manne, zu zahlreiche und zu rasch aufeinanderfolgende Schwangerschaften
-bei der Frau, <em class="gesperrt">ungünstiges Klima</em> (Aussterben der europäischen
-Familien in den <em class="gesperrt">Tropen</em>) und anderes.</p>
-
-<p>Auch manche akute (heftige und kurzdauernde) und namentlich chronische
-(langwierige) <em class="gesperrt">Erkrankungen</em> des elterlichen Körpers schädigen die
-Keimstoffe. Weitaus am gefährlichsten sind diesen die <em class="gesperrt">chronischen
-Vergiftungen</em>.</p>
-
-<p>Als der Nachkommenschaft besonders gefährliche Gifte sind zu nennen:
-der Alkohol, das Morphium, die giftigen Metalle und unter diesen das
-Blei und das Quecksilber, ferner gewisse von Mikrobien herrührende
-Gifte.</p>
-
-<p>Unter diesen letzteren ist mit Recht besonders berüchtigt das
-<em class="gesperrt">syphilitische Gift</em>, das bei der <em class="gesperrt">Syphilis</em>, der wichtigsten
-unter den sog. Geschlechtskrankheiten, im Körper auftritt. Dieses Gift
-vor allen führt zum Verderb vieler von Hause gesunder Keimstoffe und
-bedroht die modernen Völker mit Degeneration; dieses Gift ist es,<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">= 27 =</a></span> das
-die städtischen Familien in ungeheuerem Umfang ausrottet.</p>
-
-<p>Infolge der Vergiftung des elterlichen Organismus mit diesem Gifte
-kommt es zu einer Verkümmerung der Zeugungsstoffe, die sich in dem
-Auftreten von Fehl-, Früh- und Totgeburten, in Lebensschwäche der
-Kinder, Mißbildungen und Verkümmerungen, nervösen Leiden, allgemeinem
-Siechtum und geringer Widerstandskraft gegen äußere Schädlichkeiten
-äußert. Besonders nachdrücklich möchte ich darauf hinweisen, daß die
-elterliche Syphilis in sehr hohem Maße für Tuberkulose zu disponieren
-(geneigt machen) scheint.</p>
-
-<p>Nächst dem Syphilisgifte dürfte der <em class="gesperrt">Alkohol</em> die wichtigste
-Ursache des Keimverderbs sein. Es ist erwiesen, daß Säufer sehr
-häufig unfruchtbar sind, und daß dies auf einem vorzeitigen Schwund
-der Hoden beruht. Unzählige ärztliche Erfahrungen scheinen zu
-beweisen, daß auch schon eine geringergradige chronische Vergiftung
-des elterlichen Körpers mit Alkohol in geringerer Lebensfähigkeit,
-in Schwächlichkeit und Kränklichkeit der Nachkommen und insbesondere
-in der <em class="gesperrt">Minderwertigkeit ihres Nervensystems</em> sich äußert.
-Kinder von eigentlichen Trinkern leiden überaus häufig an Idiotie,
-Geisteskrankheiten, Epilepsie, Trunksucht usw., wobei es allerdings
-schwierig zu entscheiden ist, inwiefern nicht schon die Trunksucht des
-Vaters als ein Zeichen für die <em class="gesperrt">ererbte</em> Krankhaftigkeit seines
-eigenen Zentralnervensystems anzusehen ist.</p>
-
-<p>Bei elterlicher Syphilis kommt noch etwas anderes vor als die
-Vergiftung der Keimstoffe im kranken elterlichen Körper. In einem
-gewissen Stadium der Syphilis kann <em class="gesperrt">Ansteckung</em> des befruchteten
-Keimes mit dem Syphilisparasiten, der <span class="antiqua">Spirochaete pallida</span>,
-erfolgen, so daß das Kind bereits mit Syphilis behaftet geboren wird
-oder schon im Mutterleibe infolge der Ansteckung mit Syphilis abstirbt.
-Solche Fälle sind leider sehr häufig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">= 28 =</a></span></p>
-
-<p>Anders steht es bei der <em class="gesperrt">Tuberkulose</em> der Eltern. Es kann
-auch hier vorkommen, daß das Kind bereits mit dem Tuberkelbazillus
-angesteckt geboren wird. Dies scheint indessen nicht vom Vater, sondern
-nur von der Mutter aus möglich zu sein und überaus selten vorzukommen.
-Erst nach der Geburt droht dem Kinde die Hauptgefahr, von seinen
-tuberkulösen Eltern oder sonstigen Verwandten angesteckt zu werden.
-Besonders gefährlich ist ihm der Tuberkelbazillen enthaltende Auswurf
-der Mutter und ihre Tuberkelbazillen enthaltende Milch. Die Gefahr
-ist um so größer, als eine überaus häufige Folge der elterlichen
-Tuberkulose Schwächlichkeit und Kränklichkeit der Kinder ist, wodurch
-ihre Widerstandskraft <em class="gesperrt">allen</em> äußeren Schädlichkeiten gegenüber
-von vornherein herabgesetzt ist.</p>
-
-<p>Man spricht aber auch von einer <em class="gesperrt">spezifischen</em> (einseitigen)
-Neigung, an Tuberkulose zu erkranken. Man spricht sogar von
-einem „tuberkulösen Habitus“ (äußerer Beschaffenheit). Leute mit
-„tuberkulösem Habitus“ sind charakterisiert durch große Körperlänge
-bei geringem Brustumfang, langem, flachem, oben engem Brustkorb
-mit abstehenden Schulterblättern und durch schlechte, schlaffe
-Körperhaltung. Diese Leute sind dabei mager, blutarm und größerer
-körperlicher Anstrengung nicht gewachsen, leicht in Schweiß versetzt;
-sehr häufig sind sie nervös leicht erregbar, von rascher Auffassung
-und lebhaftem Gemüte, aber von geringer Ausdauer. Ihre Muskeln sind
-schwach entwickelt, ihre Schleimhäute zart und blaß, ihr Appetit und
-ihre Verdauungskraft häufig gering. Ihr Herz ist leicht erregbar, aber
-schwach. Auffallend ist bei ihnen der rasche Wechsel von Röte und
-Blässe des Gesichtes, die Kühlheit von Händen und Füßen. Die genaue
-anatomische Untersuchung hat gezeigt, daß ihr Herz im Verhältnisse zu
-ihrer Körpergröße zu klein, ihre Blutgefäße zu eng sind.</p>
-
-<p>Dieser Habitus kann indessen auch bei Kindern von<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">= 29 =</a></span> Eltern auftreten,
-welche weder tuberkulös erkrankt noch hereditär (erblich) belastet
-sind; andererseits bei Kindern tuberkulöser Eltern fehlen. Er führt
-auch keineswegs mit Notwendigkeit zu tuberkulöser Erkrankung. Es ist
-überhaupt zweifelhaft, ob es eine <em class="gesperrt">spezifische</em> Disposition
-(einseitige Empfänglichkeit) für Tuberkulose gibt und ob nicht die
-Häufigkeit der Tuberkulose in gewissen Familien neben der schon
-erwähnten Schwächlichkeit und geringen Widerstandsfähigkeit von
-Kindern kränklicher Eltern überhaupt, einfach auf der frühzeitigen
-massenhaften Ansteckung beruht, der die Kinder in solchen Familien,
-in der Nachbarschaft von Hustenden und Spuckenden ausgesetzt sind.
-Tatsächlich kann man nachweisen, daß die Kinder aus solchen Familien
-schon in den ersten Lebensjahren bis zu 90 und 100 Prozent angesteckt
-werden, während es bei Kindern aus nicht tuberkulösen Familien 18 und
-noch mehr Jahre dauern kann, bis alle infiziert sind. Übrigens kommt es
-auch nach erfolgter Ansteckung in der Regel nur unter Zusammenwirken
-ungünstiger Umstände, unter denen namentlich schlechte oder falsche
-Ernährung, körperliche Überanstrengung, Exzesse <span class="antiqua">in baccho et
-venere</span> und schwächende Krankheiten zu nennen sind, zum Ausbruch
-der Krankheit. Unter dem Zusammenwirken solcher Einflüsse können auch
-Menschen aus gesundem Stamme an Tuberkulose erkranken; die Nachkommen
-von tuberkulösen Eltern erkranken nur häufiger und erliegen der
-Krankheit rascher. In den schlimmsten Fällen vermögen die sorgfältigste
-Pflege, die beste Ernährung, die größte körperliche Schonung
-Erkrankung und Tod im kräftigsten Lebensalter nicht zu hindern. Aber
-so schlimm steht es glücklicherweise selten. In den meisten Fällen
-kann man durch <em class="gesperrt">möglichst frühzeitige Absonderung der Kinder von
-Personen mit offener Tuberkulose</em> und durch Schaffung guter
-hygienischer Verhältnisse, durch Vermeidung<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">= 30 =</a></span> aller Ausschweifungen,
-durch Enthaltsamkeit von Alkohol auch solche disponierte Personen
-vor der Krankheit bewahren. Man ist jetzt geneigt anzunehmen, daß
-ihre Neigung, an Tuberkulose zu erkranken, davon herrührt, daß sie
-seit der ersten Kindheit in einzelnen tuberkulös erkrankten Organen,
-z. B. in erkrankten Lymphdrüsen, besonders reichliche Mengen von
-Tuberkelbazillen mit sich herumtragen, die gelegentlich in die Lunge
-geraten und hier die Schwindsucht hervorrufen können.</p>
-
-<p>Im Zusammenhange mit der Vererbung muß auch die sog. <em class="gesperrt">Inzucht</em>
-besprochen werden, d. h. die Kindererzeugung zwischen nahen
-Blutsverwandten. Sie ist nicht <em class="gesperrt">an sich</em> schädlich. Dies lehren
-die Erfahrungen der Tier- und Pflanzenzüchter, die gerade durch eine
-vorsichtige Inzucht vorzügliche Rassen herzustellen imstande sind. Sie
-darf sich nur nicht in zu vielen Generationen wiederholen, sonst führt
-sie zur Unfruchtbarkeit. Alle Völker, welche eine bedeutende Rolle in
-der Geschichte gespielt haben, wie die nordische Rasse oder die Juden,
-sind ohne Zweifel aus einer weit getriebenen und lange fortgesetzten
-Inzucht hervorgegangen.</p>
-
-<p>Die Gefahr der Inzucht für den Menschen liegt darin, daß nahe Verwandte
-häufig die <em class="gesperrt">gleichen</em> Anlagen zu Bildungsfehlern und Krankheiten
-haben und die ungünstige Wirkung dieser Anlagen sich dann bei den
-Nachkommen summiert. Der Züchter schließt dies so gut als möglich
-aus, indem er nur tadellose Exemplare paart. Beim Menschen fehlt aber
-diese sorgfältige und scharfe Auslese und ließe sich vielfach auch
-gar nicht treffen, weil wir gar nicht jene Kenntnisse über unsere
-Stammbäume haben, über welche der Züchter bei seinen Tieren verfügt.
-Man muß daher vor Verwandtenehen dringend warnen. Daß die Natur
-Einrichtungen getroffen hat, namentlich bei vielen Blütenpflanzen, um
-die Selbstbefruchtung zu verhüten, kann uns auch als Fingerzeig dienen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">= 31 =</a></span></p>
-
-<p>Wie <em class="gesperrt">enge</em> Blutsverwandtschaft meistens schädlich wirkt, so ist
-auch die Kreuzung von Rassen, die sich <em class="gesperrt">zu ferne</em> stehen, nicht
-günstig. Solche Ehen sind häufig auch wenig fruchtbar. So treffen in
-Preußen auf 100 rein christliche Ehen 454 Kinder, auf 100 rein jüdische
-421, auf 100 Ehen zwischen Juden und Christen aber nur 138 bis 178
-Kinder. Allerdings ist es wahrscheinlich, daß hierbei auch die sozialen
-Verhältnisse, d. h. die absichtliche Einschränkung der Kinderzahl eine
-sehr große Rolle spielt.</p>
-
-<p>Die vorstehenden Erörterungen dürften genügen, um zu zeigen,
-welch ungeheuer ernstes Geschäft die Gattenwahl ist oder vielmehr
-sein sollte! Freilich dürfen wir auch nicht zu ängstlich und
-wählerisch sein. <em class="gesperrt">Völlig</em> normal und frei von fehlerhaften oder
-minderwertigen Anlagen ist kein einziger Mensch. In der Regel ist auch
-nur ein Bruchteil der Keime, welche ein mit &mdash; selbst ernstlicheren &mdash;
-vererblichen Fehlern, Krankheiten oder Krankheitsanlagen behaftetes
-Individuum erzeugt, mit der schlimmen Erbschaft behaftet. Selbst
-dann ferner, wenn ein mit der krankhaften Anlage behafteter Keim
-an der Entstehung eines Kindes beteiligt ist, <em class="gesperrt">muß</em> nicht in
-allen Fällen der Fehler oder die Krankheit zur Entwicklung kommen,
-da bei manchen Keimfehlern die krankhafte Beschaffenheit des einen
-Keimes durch die gesunde des anderen unwirksam gemacht, unterdrückt
-wird [<em class="gesperrt">Dominanz</em> oder <em class="gesperrt">Prävalenz</em> (Vorherrschaft) der
-normalen Anlage über die krankhafte; <em class="gesperrt">Rezession</em> (Rücktritt)
-der krankhaften Anlage gegenüber der normalen], und da bei manchen
-krankhaften Anlagen <em class="gesperrt">zweckmäßige Lebensweise</em> den wirklichen
-Ausbruch der Krankheit zu verhindern vermag. Durch fortgesetzte
-<em class="gesperrt">Kreuzung</em> mit Stämmen, welche von der gleichen krankhaften
-Anlage frei sind, kann bei solchen Anlagen das Krankhafte dauernd
-<em class="gesperrt">verborgen</em> gehalten und trotz dem Vorhandensein der krankhaften<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">= 32 =</a></span>
-Anlage in gar manchen der Nachkommen eine ganze Reihe von Generationen
-erzeugt werden, welche von der betreffenden Krankheit vollkommen frei
-ist. Nur wenn bei unzweckmäßiger Gattenwahl <em class="gesperrt">zwei</em> krankhafte
-Anlagen <em class="gesperrt">gleicher</em> Art zusammentreffen, tritt dann die ererbte
-krankhafte Anlage in dem betroffenen Nachkommen als Krankheit
-hervor. So scheint es sich glücklicherweise mit der Mehrzahl der
-<em class="gesperrt">Krankheitsanlagen des Nervensystems</em> zu verhalten, bei denen also
-die <em class="gesperrt"><b>richtige Kreuzung</b> für die individuelle Gesundheit der
-Nachkommen von ausschlaggebender Wichtigkeit ist</em>.</p>
-
-<p>Aber nicht immer ist das Verhältnis der krankhaften zur gesunden Anlage
-ein solches, wie wir es soeben besprochen haben; in nicht wenigen
-Fällen <em class="gesperrt">dominiert</em> die krankhafte Anlage über die normale, so
-daß <em class="gesperrt">alle Individuen, welche die abnorme Anlage besitzen, auch
-tatsächlich abnormal geraten</em>!</p>
-
-<p>Die beiden <a href="#tafel3">Tafeln 3</a> und <a href="#tafel4">4</a> werden die Regelmäßigkeit klarmachen, mit
-welcher die Vererbung der einzelnen Anlagen (Erbeinheiten) von den
-Eltern auf die Kinder erfolgt, und die verschiedene Wirkung, welche die
-Vererbung einer bestimmten Anlage auf die Beschaffenheit der Kinder
-hat, je nachdem diese Anlage sich dominant oder rezessiv verhält.
-Wir können hier selbstverständlich nur die einfacher gelagerten
-Vererbungsweisen besprechen. Es gibt auch verwickeltere; z. B. solche,
-bei denen eine Mehrheit von Erbeinheiten zusammentreffen muß, damit ein
-Merkmal (Eigenschaft) zum Vorschein kommt.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <div class="caption_top">
- Tafel 3.
- </div>
- <a id="tafel3" name="tafel3">
- <img class="mtop1" src="images/tafel3.jpg" alt="" /></a>
- <p class="s5 center">Vererbung einer dominanten Anlage.</p>
- <p class="s5 center mbot2 ebhide"><a href="images/tafel3_hr.jpg">&#10063;<br />
- <span class="smaller">GRÖSSERES BILD</span></a></p>
-</div>
-
-<p>Auf <a href="#tafel3">Tafel 3</a> ist die Vererbung einer <em class="gesperrt">dominanten</em> Anlage
-dargestellt. Jeder <em class="gesperrt">kleine</em> rote Kreis bedeutet eine väterliche
-oder mütterliche <em class="gesperrt">Keimzelle</em>, welche die dominante Anlage (z. B.
-die für Sechsfingrigkeit) <em class="gesperrt">be<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">= 33 =</a></span>sitzt</em>, jeder kleine weiße eine
-Keimzelle, welche diese Anlage <em class="gesperrt">nicht</em> besitzt. Jeder <em class="gesperrt">große</em>
-rote Kreis bedeutet eine Person, welche die Anlage <em class="gesperrt">zeigt</em>,
-also z. B. mehr als fünf Finger (Zehen) an einer Gliedmaße besitzt;
-jeder große weiße Kreis eine Person, welche die Anlage <em class="gesperrt">nicht</em>
-zeigt, durchwegs die normale Finger-(Zehen-)Zahl aufweist. Die in die
-großen Kreise eingezeichneten (weißen und roten) Halbkreise bedeuten
-wieder die Keimzellen, welche von der betreffenden Person gebildet
-werden. Sind beide eingezeichneten Halbkreise rot, so heißt das, daß
-<em class="gesperrt">alle</em> Keimzellen, welche die betreffende Person hervorbringt
-oder hervorbringen wird, mit der dominanten Anlage <em class="gesperrt">behaftet</em>
-sind; sind beide Halbkreise weiß, so sind <em class="gesperrt">sämtliche</em> Keimzellen
-<em class="gesperrt">frei</em> von der Anlage; ist ein Halbkreis rot und der andere weiß,
-so heißt das, daß die eine <em class="gesperrt">Hälfte</em> der Keimzellen dieser Person
-die Anlage besitzt und die andere nicht.</p>
-
-<p>Die zweimal zwei kleinen Kreise in der ersten Säule bedeuten die je
-zwei Keimzellen, aus deren Vereinigung die <em class="gesperrt">Eltern</em> hervorgegangen
-sind, und ebenso die Keimzellen, welche sie selbst produzieren. Wie
-man sieht, sind in bezug auf <em class="gesperrt">eine</em> dominante Anlage sechs
-Fälle möglich: 1. Beide Eltern sind aus je <em class="gesperrt">zwei</em> Keimzellen
-<em class="gesperrt">mit</em> der Anlage hervorgegangen und produzieren auch wieder nur
-Keimzellen <em class="gesperrt">mit</em> der Anlage; oder 2. der eine der Eltern ist aus
-<em class="gesperrt">zwei</em> Keimzellen <em class="gesperrt">mit</em> der Anlage hervorgegangen und der
-andere aus <em class="gesperrt">einer</em> Keimzelle <em class="gesperrt">mit</em> und <em class="gesperrt">einer</em> Keimzelle
-<em class="gesperrt">ohne</em> diese Anlage, und der erstere produziert dabei auch wieder
-nur Keimzellen mit der Anlage und der zweite je zur Hälfte Keimzellen
-mit und ohne Anlage; oder 3. der eine ist aus <em class="gesperrt">zwei</em> Keimzellen
-<em class="gesperrt">mit</em>, der andere aus <em class="gesperrt">zwei</em> Keimzellen <em class="gesperrt">ohne</em> die
-Anlage entstanden; oder 4. beide sind aus je <em class="gesperrt">einer</em> Keimzelle
-<em class="gesperrt">mit</em> und <em class="gesperrt">einer ohne</em> die Anlage entstanden; oder 5.
-der eine aus <em class="gesperrt">einer</em> Keimzelle<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">= 34 =</a></span> <em class="gesperrt">mit</em> und <em class="gesperrt">einer</em>
-Keimzelle <em class="gesperrt">ohne</em> die Anlage, der andere aus <em class="gesperrt">zwei</em> Keimzellen
-<em class="gesperrt">ohne</em> die Anlage; oder endlich 6. <em class="gesperrt">alle</em> Keimzellen
-waren <em class="gesperrt">frei</em> von der Anlage, und daher sind dann auch alle neu
-produzierten frei davon.</p>
-
-<p>In der zweiten Säule bedeuten die viermal zwei kleinen Kreise die
-möglichen Fälle der Kombination der von den Eltern produzierten
-Keimzellen. Also dort, wo die Eltern ausschließlich Keimzellen mit
-der Anlage hervorbringen, ist selbstverständlich nur eine Kombination
-möglich; dort, wo der eine der Eltern nur Keimzellen <em class="gesperrt">mit</em>
-der Anlage, der andere <em class="gesperrt">zur Hälfte</em> Keimzellen <em class="gesperrt">mit</em>
-und Keimzellen <em class="gesperrt">ohne</em> die Anlage produziert, sind zweierlei
-Kombinationen möglich, die mit <em class="gesperrt">gleicher Häufigkeit</em> auftreten
-werden usw.</p>
-
-<p>In den folgenden drei Säulen findet man dann die Beschaffenheit der
-Kinder und ihrer Keimzellen angegeben. Im Falle 1 sind alle Kinder
-sechsfingrig und bringen nur Keimzellen <em class="gesperrt">mit</em> der Anlage dazu
-hervor; im Falle 6 sind alle Kinder normalfingrig und bringen auch nur
-normale Keimzellen hervor; im Falle 3 sind alle Kinder sechsfingrig und
-bringen alle <em class="gesperrt">zur Hälfte</em> Keimzellen <em class="gesperrt">mit</em> und zur Hälfte
-Keimzellen <em class="gesperrt">ohne</em> die Anlage hervor usw.</p>
-
-<p>Man sieht, daß bei <em class="gesperrt">dominanter</em> Anlage <em class="gesperrt">alle</em> Personen,
-welche die Anlage <em class="gesperrt">empfangen</em> haben, auch diese Anlage
-<em class="gesperrt">zeigen</em>, und daß <em class="gesperrt">nur solche</em> Personen, welche die Anlage
-<em class="gesperrt">zeigen</em>, diese Anlage <em class="gesperrt">vererben</em> können.</p>
-
-<p>Ganz anders liegen die Verhältnisse, wenn es sich um eine
-<em class="gesperrt">rezessive</em> Anlage, z. B. um Taubstummheit, handelt, wie <a href="#tafel4">Tafel 4</a>
-lehrt. Die Zeichen bedeuten hier dasselbe wie auf <a href="#tafel3">Tafel 3</a>, nur daß die
-<em class="gesperrt">kleinen</em> roten Kreise und Halbkreise hier Keimzellen mit einer
-<em class="gesperrt">rezessiven</em> Anlage bedeuten und die großen roten Kreise Personen,
-welche diese rezessive Anlage zeigen; nach der Erklärung,<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">= 35 =</a></span> welche
-soeben für <a href="#tafel3">Tafel 3</a> gegeben wurde, wird auch <a href="#tafel4">Tafel 4</a> sofort verständlich
-sein.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <div class="caption_top">
- Tafel 4.
- </div>
- <a id="tafel4" name="tafel4">
- <img class="mtop1" src="images/tafel4.jpg" alt="" /></a>
- <p class="s5 center">Vererbung einer rezessiven Anlage.</p>
- <p class="s5 center mbot2 ebhide"><a href="images/tafel4_hr.jpg">&#10063;<br />
- <span class="smaller">GRÖSSERES BILD</span></a></p>
-</div>
-
-<p>Wieder sind alle sechs möglichen Fälle der Anlagenkombination der
-Eltern in Betracht gezogen. Man sieht, daß hier durchaus nicht alle
-Personen, welche die Anlage empfangen haben, diese auch zeigen, sondern
-<em class="gesperrt">nur jene</em>, welche die Anlage <em class="gesperrt">zweimal</em> empfangen haben,
-und daß eine Generation existieren kann, welche selbst keine Spur der
-krankhaften Anlage zeigt, aber (s. Fall 3) in allen ihren Gliedern
-Keimzellen produziert, welche zur Hälfte die Anlage besitzen und daher
-beim Zusammentreffen mit einer zweiten <em class="gesperrt">gleichartigen</em> Keimzelle
-kranke Personen hervorrufen.</p>
-
-<p>Die Angabe in den <a href="#tafel3">Tafeln 3</a> und <a href="#tafel4">4</a>: „Von je 4 Kindern zeigen (zeigen
-nicht) die Anlage“ darf natürlich <em class="gesperrt">nicht wörtlich</em> genommen
-werden, als ob in den Fällen 2, 4 und 5 wirklich <em class="gesperrt">in jeder
-einzelnen Gruppe</em> von 4 Geschwistern die Verteilung der Anlagen
-und Eigenschaften genau nach der Regel vor sich gehen müßte. Es
-verhält sich hier genau so wie mit dem Satze, „daß gleichviel Knaben
-und Mädchen geboren werden (genau 106 Knaben auf 100 Mädchen)“.
-Diese Regelmäßigkeit tritt erst dann hervor, wenn eine <em class="gesperrt">sehr große
-Masse</em> von Geburten durchgezählt wird. In den einzelnen Familien
-gibt es bekanntlich die größten Abweichungen davon.</p>
-
-<p>Zusammenfassend wäre als vernünftige Regel für die Zulässigkeit der
-Kindererzeugung etwa folgendes hinzustellen: Leute mit ernsteren
-Bildungsfehlern, Idioten, Schwachsinnige, Irrsinnige, Epileptische,
-Säufer, verbrecherische Naturen, chronisch Kranke wie: an Tuberkulose
-Leidende, Syphilitische im primären und sekundären Stadium, dürfen
-sich an der Fortpflanzung nicht beteiligen. Ebenso taugen wenig zur
-Fortpflanzung Individuen, welche in ihrer körperlichen Entwicklung
-zurückgeblieben sind oder deren Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">= 36 =</a></span>schlechtscharaktere mangelhaft
-ausgeprägt sind; also namentlich nicht Frauen mit schlecht entwickelten
-Brüsten und Hüften oder solche, die nicht oder von Anfang an
-unregelmäßig oder krankhaft menstruieren. Schlechte Entwicklung des
-Knochengerüstes, deutliche Zeichen früherer Rachitis (englische
-Krankheit) sind bei der Frau besonders deshalb bedenklich, weil dann
-nicht selten auch Fehler am knöchernen Becken vorhanden sind, welche
-das Gebären erschweren oder selbst unmöglich machen können. Schlechte
-Zähne lassen befürchten, daß die Frau nicht imstande sein werde, ihre
-Kinder zu stillen, da beide Gebrechen sehr häufig zusammen auftreten.</p>
-
-<p>Glücklicherweise findet der <em class="gesperrt">unverdorbene</em> Geschmack des Mannes
-nur solche Frauen schön und verlockend, bei denen der ganze Körper und
-insbesondere die Geschlechtscharaktere gut entwickelt sind und die
-daher auch zur Zeugung am besten geeignet erscheinen. Wer kräftige
-Kinder zu erhalten wünscht, suche sich überhaupt einen kräftigen,
-gesunden Gatten. Wer selbst nicht ganz kräftig ist, muß um so mehr
-trachten, eine kräftige, blühende Frau zu bekommen.</p>
-
-<p>Leider täuscht aber oft der Schein; die Jugendblüte verhüllt manche
-Mängel. In sehr vielen Fällen ist auch die hervorragende Beschaffenheit
-eines Individuums („<em class="gesperrt">Plusvariante</em>“) rein individuell und nicht
-vererblich. Ebenso können allerdings auch Schwächlichkeit oder gewisse
-Arten von Kränklichkeit einer <em class="gesperrt">Minusvariante</em> rein individuell
-sein; bei guten Keimstoffen! Es ist daher unbedingt notwendig, sich
-nicht allein um die Beschaffenheit des zu ehelichenden Individuums
-selbst, sondern auch um seine <em class="gesperrt">Abstammung</em> zu kümmern. <em class="gesperrt">Gute
-Abstammung gibt die beste Bürgschaft für gute Nachkommen!</em> Viel
-verläßlicheren Aufschluß als die Betrachtung des einen Individuums
-allein gewährt die<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">= 37 =</a></span> Betrachtung der Beschaffenheit und Lebensführung
-seiner Eltern. Haben diese tüchtig und rechtschaffen gelebt, erfreuen
-sie sich eines gesunden Alters, oder sind sie nach einem gesunden
-Leben an zufälligen Krankheiten gestorben, welche ohne ererbte
-Anlage auftreten, so darf man hoffen, daß die Tochter oder der Sohn
-von tüchtigem und gesundem Stamme sei und daher selbst eine gute
-Beschaffenheit besitzen und gute Keime liefern werde. Hat die Mutter
-ihre Kinder gesäugt, so darf man zuversichtlicher hoffen, daß auch die
-Tochter dazu imstande sein werde, als wenn die Mutter dazu unvermögend
-war.</p>
-
-<p>Man achte aber auch auf die Beschaffenheit etwa vorhandener
-<em class="gesperrt">Geschwister</em> und darauf, an welchen Krankheiten verstorbene
-Geschwister zugrunde gegangen sind. Denn wir haben schon gehört,
-daß gewisse krankhafte Anlagen in einzelnen oder allen Individuen
-einer Generation verborgen bleiben, in deren Nachkommen aber wieder
-hervortreten können, also „latent“ (verborgen) vom Großelter auf den
-Enkel übertragen werden können.</p>
-
-<p>Soweit es möglich ist, ziehe man daher auch Erkundigungen über die
-<em class="gesperrt">weitere Aszendenz</em> (Ahnenschaft), über die <em class="gesperrt">Großeltern</em>
-usw. ein. Man achte insbesondere darauf, ob etwa die <em class="gesperrt">gleiche</em>
-Anomalie oder krankhafte Anlage in <em class="gesperrt">beiden</em> Familienstämmen, dem
-väterlichen und dem mütterlichen, aufgetreten ist. In diesem Falle
-ist die Wahrscheinlichkeit besonders groß, daß das Individuum selbst
-erkranken oder die krankhafte Anlage auf seine Nachkommen vererben
-wird, auch wenn augenblicklich keine Krankheitserscheinungen an ihm
-wahrzunehmen sind.</p>
-
-<p>Je schwerer das Leiden ist, um das es sich handelt, um so größer
-ist die Gefahr für die Nachkommen, um so weniger läßt es sich daher
-verantworten, wenn ein schwer belastetes Individuum Kinder erzeugt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">= 38 =</a></span></p>
-
-<p>Ein rühmenswertes Beispiel von Entsagung haben die Mädchen von
-<em class="gesperrt">Tenna</em>, einem Dorfe in Graubünden, gegeben. In diesem Dorfe
-hauste die Hämophilie durch viele Generationen und griff infolge
-der Inzucht immer mehr um sich. Da beschlossen die Mädchen aus den
-belasteten Familien, die, wie wir wissen, selbst von dieser Krankheit
-stets verschont bleiben, auf die Ehe zu verzichten und so die Krankheit
-zum Erlöschen zu bringen!</p>
-
-<p>Je unbedeutender sich nach der Häufigkeit des Vorkommens und nach der
-Schwere der Mängel die erbliche Belastung darstellt, um so eher ist die
-Fortpflanzung zulässig.</p>
-
-<p>Von größter Bedeutung ist es natürlich bei Vorhandensein einer
-vererblichen krankhaften Anlage in einer Familie, zu wissen, ob es
-sich um eine <em class="gesperrt">dominante</em> oder um eine <em class="gesperrt">rezessive Anlage</em>
-handelt (s. o.). Wenn ein Individuum <em class="gesperrt">frei</em> ist von einer
-in seiner Familie vorkommenden Krankheit mit einer beim eigenen
-Geschlechte <em class="gesperrt">dominanten</em> Anlage, dann wird es <em class="gesperrt">sicher</em> nur
-normale Keime liefern. Dagegen wird ein Individuum, das selbst von
-einer Familienkrankheit mit <em class="gesperrt">rezessiver</em> Anlage frei ist und frei
-bleibt, trotzdem krankhafte Keime liefern <em class="gesperrt">können</em>. Leider ist
-unsere wissenschaftliche Kenntnis in dieser Hinsicht noch nicht sehr
-groß, so daß es <em class="gesperrt">als eine der wichtigsten Regeln bezeichnet werden
-muß, unter allen Umständen auf Kreuzung mit gesundem, d. h. mindestens
-von der eigenen krankhaften Familienanlage freiem Stamme</em> zu achten.
-Am sichersten wäre es für die Zukunft, wenn <em class="gesperrt">alle</em> Personen, in
-deren Aszendenz schlimme rezessive Anlagen heimisch sind, sich der
-Fortpflanzung gänzlich enthalten würden, gleichgültig, ob sie selbst
-krank sind oder nicht. Dieser Grundsatz ist aber heute, wo gewisse
-rezessive Anlagen, wie die Krankhaftigkeiten des Nervensystems, so
-häufig sind, völlig undurch<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">= 39 =</a></span>führbar. Aber die <em class="gesperrt">Kreuzung mit gesundem
-Stamm</em> sollte bei Vorhandensein von rezessiven Krankheitsanlagen als
-Gewissenspflicht betrachtet werden.</p>
-
-<p>Die Gatten müssen auch alles zu tun suchen, um durch entsprechende
-eigene Lebensweise und durch Schaffung günstiger Entwicklungs- und
-Lebensbedingungen für die Nachkommenschaft das <em class="gesperrt">Hervortreten</em> der
-ererbten krankhaften Anlagen zu verhindern (s. o.).</p>
-
-<p>Zu junge und zu alte oder erkrankte Personen sollen keine Kinder
-zeugen. Sowohl zu enge Verwandtschaft als zu große Verschiedenheit der
-Abstammung sind der Fortpflanzung ungünstig.</p>
-
-<p>Selbst bei bester Abstammung, passendstem Alter und gesundem Aussehen
-der Erzeuger kann die Nachkommenschaft schlecht ausfallen. Es kommt
-gar nicht selten vor, daß scheinbar völlig gesunde Eltern aus gutem
-Stamme kranke oder schwer zu Krankheit veranlagte Kinder erzeugen.
-Dann ist <em class="gesperrt">Keimverderb</em> im Spiele. So kommt es z. B. vor, daß
-aus der Ehe eines <em class="gesperrt">geheilten Syphilitikers</em> Kinder hervorgehen,
-die eines nach dem anderen tuberkulös werden. Überaus häufig ist
-es, daß Leute, die <em class="gesperrt">Mißbrauch mit alkoholischen Getränken</em>
-treiben oder getrieben haben, selbst scheinbar gesund bleiben, aber
-unfruchtbar sind oder überwiegend lebensschwache, mehr oder weniger
-verkümmerte und minderwertige, insbesondere zu Tuberkulose, zu Herz-,
-Nieren-, Nervenkrankheiten neigende Kinder erzeugen. Die auffallend
-häufige Verkümmerung der Familien der akademisch Gebildeten ist ohne
-Zweifel im wesentlichen die Folge der traurigen akademischen Trink-
-und Sexualsitten und ihrer Fortsetzung weit in die Philisterzeit
-hinein. Auch manche <em class="gesperrt">Berufsschädigungen</em> scheinen einen sehr
-üblen Einfluß auf die Keime ausüben zu können, ohne daß das die Keime
-liefernde Individuum selbst auffällig<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">= 40 =</a></span> krank zu sein braucht. Besonders
-schädlich wird der Nachkommenschaft <em class="gesperrt">angestrengte Berufstätigkeit
-der Frau</em>. <em class="gesperrt">Überreichliche Ernährung</em> schadet ebenfalls &mdash;
-wie bei Tieren und Pflanzen nachgewiesen ist &mdash; der Erzeugung guter
-Keime. Vielleicht gibt es auch noch andere schädliche Einflüsse im
-Leben der <em class="gesperrt">Wohlhabenden</em> und der <em class="gesperrt">Städter</em>, welche ihre
-Keime verschlechtern. Sicher ist, daß die lebenskräftigsten Keime
-in der Regel von Individuen zu erwarten sind, die selbst vom Lande
-stammen oder väter- oder mütterlicherseits aus einer Familie, welche
-erst jüngst in die Stadt, in eine höhere Gesellschaftsklasse gelangt
-ist. Bei Kreuzung unter sich sterben die städtischen Familien und die
-Familien der höheren Stände in der Regel binnen drei Generationen aus.
-Dies bedeutet für das Volk im ganzen die fortgesetzte Ausmerzung seiner
-begabtesten Zuchtstämme und damit die Gefahr einer fortschreitenden
-Verschlechterung der Beschaffenheit des Durchschnittes und zunehmenden
-Mangels an zur <em class="gesperrt">Führung</em> geeigneten Persönlichkeiten. Es muß
-ernstlich versucht werden, durch vernünftige Gattenwahl und vernünftige
-Lebensführung diesem Unheil Einhalt zu tun.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 id="Kapitel_3">3. Kapitel.<br />
-
-<b>Die Geschlechtsorgane.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p>Die Keime werden in besonderen Drüsen gebildet und abgesondert; die
-Samenkörperchen oder Spermatozoen in den beiden Hoden des Mannes,
-die Eier in den beiden Eierstöcken der Frau. Diese Keimdrüsen sind
-die wichtigsten Teile des ganzen Geschlechtsapparates; sie bestimmen
-den Geschlechtscharakter. Die übrigen Teile sind dazu bestimmt, die
-beiden Keimstoffe zusammenzubringen; bei der Frau<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">= 41 =</a></span> außerdem dazu, dem
-befruchteten Keime eine Stätte der Entwicklung und des Wachstums zu
-gewähren und der Ernährung des Neugeborenen zu dienen.</p>
-
-<p>Der männliche Zeugungs- und Begattungsapparat besteht aus den Hoden,
-den Nebenhoden, den Samenleitern, den Samenblasen (oder Blasendrüsen),
-der Vorsteherdrüse, den Cowperschen Drüsen und dem Zeugungsgliede. Alle
-Teile bis auf Vorsteherdrüse und Zeugungsglied sind paarig.</p>
-
-<p>Der weibliche Geschlechtsapparat besteht aus den beiden Eierstöcken,
-den beiden Eileitern, aus der Gebärmutter, der Scheide, den
-Bartholinischen Drüsen, den äußeren Geschlechtsteilen und den Brüsten.</p>
-
-<p>Trotz aller Verschiedenheit im Baue und in der Lage &mdash; die männlichen
-Geschlechtsteile liegen zum größten Teile außerhalb der Leibeshöhlen,
-die weiblichen innerhalb &mdash; läßt sich nachweisen, daß beide
-Geschlechtsapparate aus einer äußerlich ursprünglich gleichartigen
-Anlage durch verschiedenartige Entwicklung hervorgehen.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Hoden</em> mit den <em class="gesperrt">Nebenhoden</em> haben die Gestalt eines von
-vorne und hinten etwas plattgedrückten Eies. Sie sind beim erwachsenen
-Manne etwa 5 <span class="antiqua">cm</span> lang, 3 <span class="antiqua">cm</span> breit und 2,5 <span class="antiqua">cm</span> dick,
-jeder wiegt etwa 16 <span class="antiqua">g</span>. Sie hängen am Samenstrange und sind mit
-mehreren häutigen Hüllen versehen. Sie stecken im Hodensacke, der durch
-eine Scheidewand in zwei Hälften, eine rechte und eine linke, geteilt
-ist. Die Lage der Scheidewand ist außen durch die Naht, die von vorne
-nach hinten über den Hodensack wegläuft, bezeichnet.</p>
-
-<p>Bei der mikroskopischen Untersuchung läßt sich erkennen, daß der ganze
-Hoden aus Knäueln von langen Schläuchen besteht, in deren Wänden
-sich eigentümliche Drüsenzellen, die Samenmutterzellen, befinden,
-welche die Spermatozoen liefern. Nach ungefährer Schätzung sind diese
-Drüsen<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">= 42 =</a></span>schläuche des Hodens zusammen 500 bis 600 <span class="antiqua">m</span> lang. An
-einem Ende sind sie blind; das andere findet seine Fortsetzung zunächst
-im Nebenhoden, dann im Samenleiter.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Samenleiter</em> bildet zusammen mit den Blut- und Lymphgefäßen
-und den Nerven des Hodens den <em class="gesperrt">Samenstrang</em>, an dem der Hoden
-hängt und der im sogenannten Leistenkanale die Bauchwand durchsetzt.
-Im Bauchraume ziehen die Samenleiter um die Harnblase herum zum
-Blasengrunde, wo sie schließlich in die Harnröhre münden. Die Wand der
-Samenleiter wird hauptsächlich aus einer dicken Schicht von Ring- und
-Längsmuskeln gebildet, die sich wurmartig zusammenziehen können.</p>
-
-<p>Dort, wo die Samenleiter in die Harnröhre münden, unter dem Grunde
-der Harnblase, liegen die zwei <em class="gesperrt">Blasendrüsen</em> oder Samenblasen
-und die <em class="gesperrt">Vorsteherdrüse</em> oder Prostata. Alle drei Drüsen sondern
-Flüssigkeiten ab, die zusammen mit dem Samen entleert werden und dazu
-dienen, den Spermatozoen ihre Bewegungsfähigkeit und dadurch ihre
-Befruchtungsfähigkeit zu erhalten. Die Vorsteherdrüse, welche etwa die
-Größe und die Gestalt einer Kastanie hat, wird von der Harnröhre, dem
-Abflußrohre der Harnblase, durchbohrt.</p>
-
-<p>An der <em class="gesperrt">Harnröhre</em> unterscheidet man drei Abschnitte. Der oberste
-heißt „Vorsteherteil“, weil er von der Vorsteherdrüse umschlossen ist,
-dann kommt der „häutige Teil“, in dessen Wand sich kräftige Ringmuskeln
-befinden, und endlich der Gliedteil, welcher aus dem Körper herausragt,
-während die beiden anderen Teile im Körper verborgen sind. Dort, wo der
-Gliedteil beginnt, münden in die Harnröhre noch die Ausführungsgänge
-zweier etwa erbsengroßer Drüsen, der <em class="gesperrt">Cowperschen Drüsen</em>.</p>
-
-<p>Der Gliedteil der Harnröhre ist dadurch ausgezeichnet, daß er von
-drei sog. <em class="gesperrt">Schwellkörpern</em> umgeben ist.<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">= 43 =</a></span> Man unterscheidet zwei
-Schwellkörper des Gliedes und einen Schwellkörper der Harnröhre.
-Die drei Schwellkörper zusammen bilden das <em class="gesperrt">Begattungsglied</em>
-oder männliche Glied. Die <em class="gesperrt">Schwellkörper des Gliedes</em> liegen
-nebeneinander an der Ober-(Vorder-)seite des Gliedes, die Harnröhre
-mit ihrem Schwellkörper verläuft an ihrer Unter-(Hinter-)seite
-in der Längsfurche zwischen ihnen. Die Schwellkörper des Gliedes
-sind walzenförmige Gebilde, deren inneren Bau man sich ähnlich dem
-eines Badeschwammes vorstellen mag. Ein Netz- und Fachwerk aus
-Bindegewebe umschließt zahlreiche Hohlräume, die untereinander und
-mit den Schlagadern und Blutadern in offener Verbindung stehen und
-stets mehr oder weniger von Blut durchströmt werden. Ganz ähnlich
-wie die Schwellkörper des Gliedes ist auch der <em class="gesperrt">Schwellkörper der
-Harnröhre</em> eingerichtet, welcher wie der Mantel eines Mantelrohres
-die Harnröhre umhüllt. Dieser Schwellkörper hat hinten, wo der häutige
-Teil der Harnröhre in ihn eintritt, eine Anschwellung, die sog.
-<em class="gesperrt">Zwiebel</em>, und geht vorne in die <em class="gesperrt">Eichel</em> über, welche über
-das vordere Ende der Schwellkörper des Gliedes kappenartig übergestülpt
-ist. Die sog. Zwiebel des Schwellkörpers der Harnröhre und ebenso die
-hinteren Enden der Schwellkörper des Gliedes sind an der Unterseite von
-kräftigen Muskeln umschlossen, welche willkürlich bewegt werden können.
-Auf der Kuppe der Eichel mündet die Harnröhre als Schlitz mit einer
-rechten und linken Lippe. Der Rand der Eichel ist wulstig verdickt und
-durch eine tiefe Furche gegen die Schwellkörper des Gliedes abgesetzt.</p>
-
-<p>Im gewöhnlichen Zustande hängt das Glied schlaff nach abwärts. Wenn
-sich aber die Schwellkörper stärker mit Blut füllen, dann streckt sich
-das Glied und richtet sich auf. Es nimmt dabei bedeutend an Größe
-zu und wird infolge der prallen Füllung der Schwellkörper mit Blut
-sehr steif<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">= 44 =</a></span> und hart. Dabei entblößt sich beim Geschlechtsreifen die
-Eichel, die für gewöhnlich von der <em class="gesperrt">Vorhaut</em>, einer Falte der
-leicht verschiebbaren Oberhaut des Gliedes, bedeckt ist. Die Vorhaut
-ist durch das <em class="gesperrt">Bändchen</em> an der Unterseite des Gliedes mit der
-Eichel verwachsen. Zwischen Vorhaut und Eichel sammelt sich das sog.
-<em class="gesperrt">Smegma</em> an, eine käseartig riechende, fettige Masse, welche von
-Drüsen am Eichelwulst abgesondert wird.</p>
-
-<p>Bei der Frau entsprechen den Hoden die <em class="gesperrt">Eierstöcke</em>. Sie haben
-eine ähnliche Gestalt wie jene, sind aber kleiner. Jeder Eierstock
-wiegt nur etwa 6 <span class="antiqua">g</span>. Sie bestehen aus einem Gerüstwerk, in
-dem Tausende (zirka 70000) von winzig kleinen Bläschen liegen, die
-sog. <em class="gesperrt">Graaf</em>schen <em class="gesperrt">Follikel</em>. In den Graafschen Follikeln
-entwickeln sich die <em class="gesperrt">Eier</em>, in jedem Follikel eines. Es werden
-jedoch nur etwa 400 von den vielen Tausenden während des ganzen Lebens
-reif. Wenn es zur Entwicklung eines Eies kommt, dann schwillt der
-Graafsche Follikel sehr bedeutend an, bis zu 15 <span class="antiqua">mm</span> Durchmesser.
-Er rückt zugleich an die Oberfläche des Eierstocks und platzt
-schließlich, so daß das reife Ei frei wird und in die Bauchhöhle
-austritt, in welche die Eierstöcke hineinragen. Das Ei wird dann
-durch eigentümliche Vorrichtungen in den benachbarten <em class="gesperrt">Eileiter</em>
-(die sog. Muttertrompete), ein enges Rohr mit muskulöser Wand,
-hineinbefördert und in diesem der Gebärmutter zugeführt. Die
-<em class="gesperrt">Gebärmutter</em> hat etwa die Gestalt einer vorne und hinten etwas
-abgeplatteten kleinen Birne. Sie ist ein enger Sack mit einer dicken
-Muskelwand. Man unterscheidet an ihr den Körper &mdash; der oberste dickste
-Teil &mdash; den Hals und den Scheidenteil. Sie ist durch Aufhängebänder
-am Becken befestigt und mit den Eileitern verwachsen, die oben in
-den Körper der Gebärmutter münden. Unten öffnet sich die Gebärmutter
-mit dem sog. <em class="gesperrt">Muttermunde</em> gegen die Scheide. Während der
-Schwangerschaft, wo sich das<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">= 45 =</a></span> Kind in der Gebärmutter entwickelt, nimmt
-diese das 20- bis 30fache ihrer normalen Größe an.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Scheide</em> ist ein häutiges Rohr mit einem oberen blinden Ende.
-Sie ist zur Aufnahme des männlichen Gliedes bei der Begattung bestimmt.
-In den oberen Teil der Vorderwand der Scheide ragt zapfenartig der
-<em class="gesperrt">Scheidenteil</em> der Gebärmutter herein, an dem sich der Muttermund
-befindet. Nach unten geht die Scheide in die <em class="gesperrt">Schamspalte</em> über,
-einen Schlitz, der von den inneren kleinen und den äußeren großen
-<em class="gesperrt">Schamlippen</em> gebildet wird. Vorne, wo die kleinen Schamlippen
-verwachsen sind, befindet sich die sog. <em class="gesperrt">Klitoris</em>, ein kleines
-zapfenartiges Gebilde, das aus einem Schwellkörper, ähnlich denen
-des Mannes, besteht. Im Grunde der Schamspalte, am vorderen Rande
-des Einganges der Scheide, mündet die Harnröhre; am hinteren Rande
-des Scheideneinganges münden die Ausführungsgänge der kleinen
-<em class="gesperrt">Bartholinischen Drüsen</em>. Bei der Jungfrau befindet sich hier
-meist eine Schleimhautfalte, welche den Scheideneingang teilweise
-verschließt, das <em class="gesperrt">Jungfernhäutchen</em>, das in der Regel unter
-geringer Blutung beim ersten Beischlafe zerreißt.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 id="Kapitel_4">4. Kapitel.<br />
-
-<b>Der Geschlechtstrieb und die angebliche hygienische Notwendigkeit des
-Beischlafes.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p>In unseren Gegenden beginnt beim Knaben etwa im 14. oder 15.
-Lebensjahre die sog. Pubertäts- oder Mannbarkeitsperiode, d. h. die
-Zeit, in welcher die männlichen Geschlechtsdrüsen erst ihre volle
-Reife und Ausbildung erlangen. Sie dauert mehrere Jahre. Um diese Zeit
-stellt<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">= 46 =</a></span> sich eine erhebliche Vergrößerung der Hoden ein, in denen jetzt
-erst die Bildung der Spermatozoen beginnt.<a name="FNAnker_B_2" id="FNAnker_B_2"></a><a href="#Fussnote_B_2" class="fnanchor">[B]</a></p>
-
-<p>Beim Mädchen beginnt die Geschlechtsreife in der Regel etwas früher.
-Sie ist bei diesem durch das rasche Wachstum der Eierstöcke und durch
-die Ausbildung reifer Eier charakterisiert. Alle 28 Tage wird in der
-Regel ein Ei reif und aus dem Eierstock in die Eileiter befördert.
-Zur Zeit dieses Vorganges tritt eine Erweiterung der Gefäße in der
-Schleimhautauskleidung der Gebärmutter ein. Ein Teil der Gefäße
-zerreißt, und Blut tritt aus ihnen aus. Das ausgetretene Blut (etwa
-100&ndash;200 <span class="antiqua">ccm</span>) fließt aus den äußeren Geschlechtsteilen ab.
-Der Blutausfluß dauert normalerweise drei bis vier Tage (monatliche
-Blutung, Periode, <em class="gesperrt">Menstruation</em>). Bei der gesunden Frau
-wiederholt sich der Vorgang der Menstruation in der geschilderten
-Weise vom Beginne der Geschlechtsreife bis zum Eintritte des
-sog. <em class="gesperrt">Klimakteriums</em> oder <em class="gesperrt">Wechsels</em> zwischen dem 45.
-bis 50. Lebensjahre. Nur solange die Frau menstruiert, ist sie
-befruchtungsfähig. Während der Schwangerschaft und während des Stillens
-setzt die Menstruation in der Regel vollständig aus.</p>
-
-<p>Beim Manne findet die Samenabsonderung ununterbrochen statt. Sie hält
-auch in viel höheres Alter hinein an als die Bildung reifer Eier bei
-der Frau. Wenn sich eine gewisse Menge Samen in den Ausführungsgängen
-der Hoden angesammelt hat, kommt es zu freiwilliger Samenentleerung;
-normalerweise zur Nachtzeit: nächtliche <em class="gesperrt">Pollution</em>. Ihr erstes
-Auftreten bezeichnet scharf den Eintritt der Pubertät.</p>
-
-<p>Mit der Pubertät entwickeln sich auch die sogenannten <em class="gesperrt">sekundären
-Geschlechtscharaktere</em>. Beim Jüng<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">= 47 =</a></span>linge wie beim Mädchen beginnen
-an den äußeren Geschlechtsteilen und in den Achselhöhlen, beim Manne
-auch an den Lippen, am Kinne und an den Backen Haare hervorzusprießen;
-die äußeren Geschlechtsteile, beim Manne das Glied, beim Weibe die
-Brustdrüse, beginnen rasch zu wachsen; der ganze Körper, namentlich das
-Knochen- und Muskelsystem, treten in eine Periode stärkeren Wachstums
-ein; auch der Kehlkopf nimmt, insbesondere beim Manne, rasch an Größe
-zu, was die bekannte Veränderung der Stimmlage, das <em class="gesperrt">Mutieren</em>,
-zur Folge hat. Alle diese Veränderungen sind Folgen des Beginnes
-der Tätigkeit der Geschlechtsdrüsen und bleiben aus, wenn die Hoden
-vor Eintritt der Pubertät entfernt werden (bei Kastraten). Sie sind
-darauf zurückzuführen, daß die tätigen Keimdrüsen neben Samen und Ei
-noch andere Stoffe absondern, die ins Blut übergehen und dann auf die
-verschiedenen Organe des Körpers einwirken (<em class="gesperrt">innere Sekretion</em>).
-Diese inneren Absonderungen der Geschlechtsdrüsen wirken auch auf das
-Zentralnervensystem ein und führen die Entwicklung des männlichen
-und weiblichen seelischen Geschlechtscharakters und das freiwillige
-Erwachen des <em class="gesperrt">Geschlechtstriebes</em> herbei.</p>
-
-<p>Der Geschlechtstrieb äußert sich in verschiedener Weise: als Verlangen
-nach <em class="gesperrt">geschlechtlicher Vereinigung</em> und als Verlangen nach
-<em class="gesperrt">Nachkommenschaft</em>. Bei noch unberührten Frauen guter Art ist
-meistens dieses letztere Verlangen viel stärker als das erstere.</p>
-
-<p>Der Begattungstrieb äußert sich zunächst darin, daß der Anblick oder
-die Vorstellung einer Person des anderen Geschlechtes Freude erregt,
-den Wunsch nach Annäherung, nach Berührung, Umarmung, nach Gegenliebe
-zu erwecken vermag. Bei der unberührten Jungfrau geht das Verlangen in
-der Regel nicht weiter; ja, es gibt nicht wenige Frauen, die zeitlebens
-in Kuß und inniger Umarmung<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">= 48 =</a></span> volle Befriedigung finden würden, denen
-der eigentliche Begattungsakt keine besondere Lust gewährt und die den
-Beischlaf nur aus Verlangen nach Nachkommenschaft und aus dem Wunsche,
-dem geliebten Manne Freude zu bereiten, gestatten. Gerade derartige
-Frauen geben häufig treffliche Hausfrauen und Mütter ab.</p>
-
-<p>Beim Manne aber führt die Befriedigung des Verlangens nach Berührung
-zum immer stärker anschwellenden Verlangen nach dem Vollzuge der
-Begattung, zu welcher ihn die inzwischen eingetretene Steifheit des
-Gliedes befähigt.</p>
-
-<p>Beim <em class="gesperrt">Beischlafe</em> wird das infolge der geschlechtlichen
-Erregung steif gewordene Glied in die Scheide hineingeschoben und in
-derselben hin und her bewegt. Infolge der Reibung und des dadurch
-bewirkten Nervenreizes kommt es zur Ausschleuderung des Samens, zur
-<em class="gesperrt">Ejakulation</em>. Der Samen wird zuerst aus den Nebenhoden in die
-Samenleiter gedrückt und in diesen dann durch die erwähnten wurmartigen
-Zusammenziehungen ihrer Muskeln weiter bis in die Harnröhre gepreßt.
-Zugleich mit dem Samen werden auch die Absonderungen der Blasendrüsen
-und der Vorsteherdrüse in die Harnröhre ergossen. Alsbald folgen
-Zusammenziehung der Muskelfasern des häutigen Teiles der Harnröhre und
-jener Muskeln, welche die hinteren Teile der Schwellkörper umhüllen,
-so daß die gemischten Flüssigkeiten aus der Mündung der Harnröhre
-stoßweise herausgeschleudert werden. Der Schließmuskel der Harnblase
-hat sich gleichzeitig ebenfalls so fest als möglich zusammengezogen, so
-daß der Samen aus der Harnröhre nur nach vorne und nicht nach hinten in
-die Blase befördert werden kann.</p>
-
-<p>Der abgeschleuderte Samen gelangt in die Scheide, manchmal aber durch
-den sich öffnenden Muttermund zum Teile unmittelbar in den Halskanal
-der Gebärmutter. Auf<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">= 49 =</a></span> alle Fälle gelangt ein Teil der Spermatozoen
-auf der Suche nach dem Ei mit der Zeit in die Gebärmutter und in die
-Eileiter, nicht selten bis in die Bauchhöhle. Nach ihrer Auflösung
-gelangen ihre Bestandteile in die Säfte des Weibes. Es ist also in
-der Anatomie und Physiologie begründet, wenn die Frau instinktiv
-zurückhaltender ist als der Mann, und wenn selbst eine tiefstehende
-Moral, die dem Manne keine Zügel anlegt, von ihr geschlechtliche
-Zurückhaltung streng fordert. Auch wenn es nicht zur Befruchtung mit
-allen ihren für die Frau so gewichtigen Folgen kommt, bedeutet der
-Beischlaf für die Frau eine unvergleichlich tiefere und nachhaltigere
-körperliche Einwirkung als für den Mann.</p>
-
-<p>Mit Eintritt der Ejakulation sinkt das geschlechtliche Verlangen sofort
-auf Null herab, um erst nach einiger &mdash; allerdings sehr ungleich langer
-&mdash; Zeit wieder zu erwachen. Das äußere Kennzeichen dafür ist die
-normalerweise alsbald nach der Ejakulation eintretende vollständige
-Erschlaffung des Gliedes.</p>
-
-<p>Auch bei der geschlechtlich stärker erregbaren oder durch das
-geschlechtliche Zusammenleben stärker erregbar gewordenen Frau
-stellt sich unmittelbar vor und während des Beischlafes eine starke
-Blutfüllung in den Geschlechtsteilen und infolgedessen ebenfalls
-ein Verlangen nach Entspannung ein. Beide Erscheinungen erlöschen
-erst dann vollständig, wenn eine gewisse Höhe der Wollustempfindung
-(geschlechtlicher Orgasmus) überschritten worden ist, ähnlich der,
-welche beim Manne die Ejakulation zu begleiten pflegt.</p>
-
-<p>Die Befriedigung des Geschlechtstriebes durch den Beischlaf ist für
-gesunde, reife Menschen ohne Zweifel das Naturgemäße. Indessen ist
-es mit der Heranzucht einer gesunden und tüchtigen Nachkommenschaft,
-mit höherer Kultur und geordnetem Gesellschaftsleben überhaupt
-un<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">= 50 =</a></span>vereinbar, daß jeder das auftauchende Verlangen ohne weiteres
-befriedigt &mdash; blindlings Kinder in die Welt setzt. <em class="gesperrt">Die gesetzliche
-Ordnung des Geschlechtsverkehrs ist eine soziale Notwendigkeit.</em>
-Natur und Kultur befinden sich da im Widerstreite, und jede Generation
-ist von neuem vor die folgenschwere Entscheidung gestellt, wie sie
-sich mit den einander widerstreitenden Forderungen abfinden kann und
-abfinden will.</p>
-
-<p>Es interessiert uns daher vor allem die Frage, ob die Befriedigung des
-Geschlechtstriebes durch den Beischlaf eine hygienische Notwendigkeit
-ist; ob die Enthaltung vom Beischlaf schädlich ist, etwa wie die
-Nichtbefriedigung des Hungers, des Durstes, des Schlafbedürfnisses.</p>
-
-<p>Muß, ganz abgesehen von der Befriedigung des Verlangens nach Beischlaf,
-der Samen aus dem Körper des Mannes häufig entfernt werden, wie der
-Harn oder der Darmkot?</p>
-
-<p>Von all dem kann keine Rede sein. Der Nahrungstrieb, der Schlaftrieb
-dienen der Erhaltung des Individuums. Sie müssen befriedigt werden,
-wenn nicht das Individuum zugrunde gehen soll; der Geschlechtstrieb
-aber dient nur zur Erhaltung der Gattung; er sucht das Individuum
-rücksichtslos einem seinem individuellen Leben ganz fremden Zwecke zu
-unterjochen.</p>
-
-<p>Der Mann ist bei uns etwa erst im 24. Jahre voll erwachsen; das Mädchen
-etwa erst mit 20 Jahren voll gebärfähig, da erst in diesem Alter das
-Wachstum seines knöchernen Beckens vollendet ist. Lange, bevor die
-volle körperliche Entwicklung eingetreten ist, erwacht aber schon
-der Trieb. Die Befriedigung des Geschlechtstriebes vor Vollendung
-der Entwicklung ist aber keineswegs zuträglich, wie die höhere
-Sterblichkeit jugendlicher Ehemänner und Ehefrauen unter 20 Jahren im
-Vergleiche mit ihren ledigen Altersgenossen lehrt. Ebenso zeigt sich
-der Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">= 51 =</a></span>schlechtstrieb bei Männern gar nicht selten noch im hohen Alter,
-und auch hier lehrt die Erfahrung, daß seine Befriedigung überaus
-schädlich werden kann. Diese Tatsachen beweisen aufs klarste, wie
-ganz anders es sich mit dem Fortpflanzungstriebe verhält als mit dem
-Selbsterhaltungstriebe.</p>
-
-<p>An eine Schädlichkeit der Zurückhaltung des Samens im Körper ist erst
-recht nicht zu denken. Der Samen ist kein schädlicher Auswurfstoff,
-kein Stoffwechselabfallstoff wie der Harn oder der Kot. Man hat
-darüber Experimente gemacht, indem man Menschen Samenflüssigkeit oder
-wässerige Auszüge aus Tierhoden unter die Haut gespritzt hat. Diese
-Einspritzungen wirken günstig. Namentlich ist es erwiesen, daß sie
-die Wirkung der Übung auf unsere Muskeltätigkeit erhöhen. Bekanntlich
-erhöhen körperliche Übungen die Leistungfähigkeit unserer Muskeln. Dies
-ist nun in viel höherem Grade der Fall, wenn Hodenauszug oder Samen
-eingespritzt wird; die Muskeln und die Muskelnerven ermüden dann viel
-weniger und erholen sich dann viel rascher.</p>
-
-<p>Diese Experimente stehen auch im Einklang mit der uralten Erfahrung,
-daß höchste körperliche Leistungen nur bei vollständiger Enthaltung
-von jeder Art Befriedigung des Geschlechtstriebes erzielt werden
-können. Deshalb enthielten sich die Athleten bei den Griechen und
-Römern ebenso des Beischlafes, wie dies unsere heutigen Sportsleute
-tun, wenn sie sich auf ihre Wettkämpfe vorbereiten (trainieren). Und
-daß es sich auch mit den geistigen Leistungen ganz ähnlich verhält,
-lehren vielfache Erfahrungen von Gelehrten und Künstlern. Während der
-Zeit der Enthaltung wird sicherlich Samen aufgesaugt und gelangen
-seine Bestandteile ins Blut. Dies wirkt also &mdash; wie wir sehen &mdash; nicht
-schädlich, sondern günstig. Wir haben übrigens soeben erst davon
-gesprochen, wie die innere<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">= 52 =</a></span> Sekretion der Geschlechtsdrüsen den Körper
-von Mann und Frau erst zur vollen Entwicklung bringt.</p>
-
-<p>Man könnte nun allerdings denken, daß die Aufsaugung von Samen nur dann
-nützlich ist, wenn sie eine gewisse Höhe nicht überschreitet, daß ein
-Zuviel davon aber schädlich werden könne. Diesem Einwande gegenüber muß
-darauf aufmerksam gemacht werden, daß die Natur durch die nächtlichen
-Pollutionen &mdash; die etwas ganz Normales sind, wenn sie nicht allzu
-häufig stattfinden &mdash; schon vorgesorgt hat, daß keine übermäßigen
-Ansammlungen von Samenflüssigkeit stattfinden, ferner darauf, daß die
-Absonderung des Samens von selbst abnimmt, wenn der Geschlechtsapparat
-nicht benützt wird. Mit den Hoden verhält es sich in dieser Beziehung
-geradeso wie mit den anderen Organen. Wenn sie nicht benützt werden,
-erhalten sie weniger Blut zugeführt, und wenn sie weniger Blut
-erhalten, sinkt ihre Ernährung und ihre ganze Lebenstätigkeit. Also
-auch dadurch ist einem Schaden vorgebeugt.</p>
-
-<p>Der Leser wird aber vielleicht sagen: „Es mag sein, daß der Samen keine
-schädliche Flüssigkeit ist, die entfernt werden muß; ich sehe ein, daß
-der Geschlechtstrieb keine Einrichtung zur Erhaltung des Individuums
-ist; aber was hilft es? Ist denn der Trieb nicht unüberwindlich? Und
-wenn er überwunden werden kann, erregt und erschöpft denn dieser
-beständige Kampf unser Nervensystem nicht in solcher Weise, daß dadurch
-die Gesundheit leidet? Das wird doch auch von Ärzten gelehrt.“</p>
-
-<p>Davon, daß bei einem gesunden, normalen Manne das Verlangen nach
-Beischlaf <em class="gesperrt">unüberwindlich</em> ist, so daß es befriedigt werden
-<em class="gesperrt">müßte</em>, kann keine Rede sein. Es ist unleugbar, daß manchem
-geschlechtsreifen Manne der nicht befriedigte Trieb erhebliche
-Beunruhigungen schafft, und daß es ihm zeitweise große Anstrengungen
-kosten kann, ihn im Zaume zu halten. Bei den meisten Männern ist der<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">= 53 =</a></span>
-Geschlechtstrieb aber gar nicht so stark, als manchmal behauptet wird,
-und bei jedem Manne hängt die Stärke seiner Regungen in hohem Maße
-von seiner Lebensweise und von seinem ganzen Verhalten ab. Wenn wir
-unsere Vernunft und unseren Willen gebrauchen wollten, würde es der
-ungeheuren Mehrheit der gesunden Männer nicht allzu schwer werden, sich
-des geschlechtlichen Verkehrs zu enthalten und sich auch bei mangelnder
-geschlechtlicher Befriedigung von stärkerer Belästigung und Störung
-des Wohlbefinden freizuhalten. Um darüber klar zu werden, müssen wir
-zunächst genauer betrachten, wie die geschlechtliche Erregung zustande
-kommt.</p>
-
-<p>Auch der leidenschaftlichste Mann ist nicht <em class="gesperrt">immer</em> sexuell
-erregt. Die geschlechtliche Erregung tritt stets nur zeitweise, in der
-Regel nur auf äußere Anstöße hin, ein und läßt von selbst nach einer
-gewissen Dauer wieder nach, wenn der äußere Anlaß zu wirken aufgehört
-hat. Von dem Zustande, in dem sich die Hoden befinden, namentlich von
-ihrer Blutfülle und der Füllung ihrer Ausführungsgänge mit Samen,
-hängt der Grad der Erregbarkeit ab, d. h. ob schwächere oder stärkere
-Einwirkungen erforderlich sind, damit die geschlechtliche Erregung
-wirklich eintritt.</p>
-
-<p>Die Erregung kann zunächst durch örtliche Reizung der Empfindungsnerven
-veranlaßt werden. Von den Geschlechtsteilen, insbesondere vom Gliede,
-laufen Empfindungsnerven zum Rückenmarke. Werden sie, z. B. durch
-Berührung des Gliedes, erregt, so leiten sie diese Erregung zum
-Rückenmarke fort, wo sie unmittelbar auf Nerven übergeht, die wieder
-zum Gliede zurücklaufen, und zwar zu seinen Blutgefäßen. Die Erregung
-dieser Nerven hat zur Folge, daß den Schwellkörpern des Gliedes
-reichlicher Blut zugeführt wird, während gleichzeitig der Abfluß des
-Blutes aus ihnen erschwert wird. Das Blut häuft sich also im Gliede
-an; diesem schwillt an, richtet sich auf und wird<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">= 54 =</a></span> steif. Dieser
-Vorgang der Erektion (Aufrichtung) kann völlig unabhängig von unserem
-Bewußtsein verlaufen, kann ein reiner <em class="gesperrt">Reflexvorgang</em> sein &mdash;
-wie wir zu sagen pflegen. Er kann auch ohne jede Wollustempfindung
-stattfinden, wie z. B. bei ganz jungen Knaben bei Harndrang. Bei
-älteren Knaben aber erwecken die Erregungen, die von den sensiblen
-Nerven der Geschlechtsteile zum Rückenmark und zum Gehirne
-weitergeleitet werden, oft schon lange vor dem Eintritte der Pubertät
-eigentümliche Lustgefühle; beim Geschlechtsreifen erweckt die Steifheit
-des Gliedes außerdem Bedürfnis nach Entspannung und Verlangen nach dem
-Weibe. So kommen z. B. wollüstige Träume zustande, wenn während des
-Schlafes infolge des Reizes, den der Druck der gefüllten Blase auf die
-Nachbarschaft ausübt, das Glied steif geworden ist (was am häufigsten
-gegen Morgen eintritt, daher die Bezeichnung „Morgensteifheit“).
-Wie durch den Druck der gefüllten Blase kann auch durch den Druck
-des gefüllten Mastdarmes auf seine Nachbarschaft, durch Druck und
-Reibung der äußeren Geschlechtsteile seitens der Kleidung oder der
-übereinandergeschlagenen Beine, durch Jucken infolge von Unreinlichkeit
-der Haut oder von Hautausschlägen Erektion und durch diese wieder
-geschlechtliches Verlangen erregt werden.</p>
-
-<p>Es ist ohne weiteres klar, daß man sehr vieles tun kann, um diesen
-Erregungen vorzubeugen. Man vermeide, abends viel zu trinken, man
-sorge für geregelten Stuhlgang, man trage weite Hosen und vermeide
-auch sonst jeden stärkeren Druck auf die Geschlechtsteile, wie
-durch Übereinanderschlagen der Beine oder durch schwere Bettdecken
-und Überbetten; man vermeide jede überflüssige Berührung der
-Geschlechtsteile mit der Hand, man halte durch Waschungen und Bäder
-die Haut rein, sorge für frühzeitige ärztliche Behandlung von
-Hautausschlägen usw.</p>
-
-<p>Ebenso wie örtliche Erregung wollüstige Vorstellungen<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">= 55 =</a></span> hervorrufen
-kann, führen umgekehrt gewisse Vorstellungen zur Erregung der
-Geschlechtslust und zur Erektion. Wenn man derartige erregende
-Vorstellungen zu vermeiden sucht, kann man unendlich viel in der
-Beherrschung des Triebes erreichen. Aber nur allzu häufig geschieht das
-Gegenteil: der Geschlechtstrieb wird durch leichtfertige Gespräche,
-durch Lesen unzüchtiger Bücher, durch Anblick obszöner Bilder und
-Theatervorstellungen u. dgl. künstlich erweckt und gestachelt! Wenn der
-Geschlechtstrieb heute bei so vielen Knaben und unreifen Jünglingen
-frühzeitig zur Äußerung kommt, so ist dies nicht ein natürliches
-Erwachen, sondern sicherlich bei 90 von 100 die Folge von Verführung.
-Und dieselbe verruchte Afterkunst und Afterliteratur, die unsere
-Sinnlichkeit mit allen Mitteln unablässig reizt und stachelt, lehrt
-dann die angebliche Unüberwindlichkeit des Triebes!</p>
-
-<p>Ebenso, wie wir in hohem Maße fähig sind, der geschlechtlichen
-Erregung vorzubeugen, so sind wir auch imstande, die eingetretene
-Erregung zu bändigen. Wenn so viele junge Männer dem geschlechtlichen
-Verlangen ohne weiteres Folge leisten und es durch unehelichen
-Beischlaf befriedigen, so ist dies keineswegs ein Beweis dafür, daß
-sie ihm folgen müssen. Sie <em class="gesperrt">wollen</em> nur nicht ernstlich sich
-beherrschen! Weichlichkeit, Neugierde und kindischer Ehrgeiz, es den
-anderen gleichzutun, Betäubung des Gewissens und der Urteilskraft durch
-Alkohol spielen dabei eine viel größere Rolle als der Trieb selbst.
-Die meisten wohlerzogenen jungen Leute machen ihren ersten Besuch
-bei Prostituierten und holen sich ihre venerischen Erkrankungen in
-„angeheitertem“ Zustande, wenn sie nicht mehr fähig sind, die Folgen
-ihres Tuns klar zu überblicken.</p>
-
-<p>Vom Gehirne gehen nicht allein Erregungen des Geschlechtsapparates
-aus, sondern auch <em class="gesperrt">Hemmungen</em> des Reflexvorganges der Erektion.
-Diese Hemmungen kommen häufig von selbst, ganz unwillkürlich zustande.
-So ist z. B.<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">= 56 =</a></span> bekannt, daß Schrecken, Schmerz und andere heftige
-Empfindungen, daß lebhaft auftauchende Vorstellungen überhaupt, welche
-die Aufmerksamkeit ablenken, ganz plötzlich Erlöschen des Verlangens
-und Erschlaffen des Gliedes herbeiführen können. Intensive geistige
-Beschäftigung pflegt die Erregungen, die von den Geschlechtsorganen
-ausgehen, von vornherein zu übertönen. Wir können nun auch willkürlich
-solche Vorstellungen erwecken, welche die Erregung hemmen, z. B. die
-Vorstellung von unseren Pflichten oder von den Gefahren, welche die
-Befriedigung des Triebes mit sich bringt.</p>
-
-<p>Nicht allein auf dem Gebiete des Geschlechtslebens, sondern allen
-Einwirkungen der Außenwelt gegenüber ist nur derjenige <em class="gesperrt">Herr seiner
-selbst und daher frei</em>, der die Hemmungseinrichtungen, die in seinem
-Gehirne vorhanden sind, zu gebrauchen gelernt hat; diese Fähigkeit
-kennzeichnet den Kulturmenschen. Der andere bleibt der Sklave des
-Augenblicks.</p>
-
-<p>Wir stehen also keineswegs machtlos da. Die wichtigste Regel aber für
-den, der Selbstbeherrschung üben soll und üben will, ist: <em class="gesperrt">Widerstehe
-dem Anfange!</em> „<span class="antiqua">Principiis obsta!</span>“ <em class="gesperrt">In ihrem ersten
-Beginne</em> ist die einzelne geschlechtliche Erregung meist so schwach,
-daß sie mit leichter Mühe unterdrückt werden kann. Versäumt man aber
-dies Stadium oder gibt man der Empfindung nach, dann schwillt sie
-lawinenartig an und erfordert schließlich eine gewaltige und peinliche
-Willensanstrengung zu ihrer Unterdrückung.</p>
-
-<p>Daß aber die Gesundheit Schaden nimmt, wenn selbst heftigere derartige
-Kämpfe häufiger stattfinden, kommt bei Menschen mit einem von
-vornherein normalen und nicht geschwächten Nervensysteme wohl kaum
-vor. Jene krankhaften Erscheinungen, die man gerne der Enthaltsamkeit
-zuschreibt, sind nicht die Folge von dieser, sondern im<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">= 57 =</a></span> Gegenteile
-in der Regel die Folge geschlechtlicher Ausschweifungen und Sünden.
-Es können aber auch nachweisbare Krankheiten des Geschlechtsapparates
-oder des Zentralnervensystems vorliegen. Es sind Fabeln, wenn behauptet
-wird, daß beim Manne Samenfluß oder schmerzhafte Entzündungen im Hoden
-und Nebenhoden, Samenaderbruch (Varikokele), Unfähigkeit zum Beischlaf
-(Impotenz), oder umgekehrt die sog. Satyriasis; beim Weibe weißer
-Fluß, Bleichsucht, Hysterie, Lageveränderungen und Geschwülste der
-Gebärmutter, die sog. Nymphomanie; bei beiden Geschlechtern Irrsinn,
-Neigung zum Selbstmord, zu Verbrechen aus der Nichtbefriedigung des
-Geschlechtstriebes durch den Beischlaf entständen.</p>
-
-<p>Allerdings zeigt der Vergleich der Sterblichkeitsverhältnisse der
-Verheirateten und der Ledigen, daß die Mortalität der verheirateten
-Männer in allen Altern über 20 Jahre und die Mortalität der Ehefrauen,
-nachdem das Alter der größten Geburtenhäufigkeit überschritten ist,
-erheblich geringer ist als die der Ledigen. Aber diese geringere
-Sterblichkeit, ebenso wie die geringere Häufigkeit von Irrsinn,
-Selbstmord, Verbrechen unter ihnen kann schon deshalb nicht auf die
-Befriedigung des Geschlechtstriebes bei den Verheirateten bezogen
-werden, weil die Ledigen leider zum großen Teile durchaus nicht
-Personen sind, die den Trieb nicht durch Beischlaf befriedigen. Die
-geringere Sterblichkeit der Verheirateten beruht zum Teile darauf,
-daß beim Abschlusse der Ehe auch heute schon eine gewisse Auslese
-stattfindet und körperlich elende, kranke oder verkümmerte Individuen,
-Idioten, Irrsinnige, Blinde, Lahme usw., in der Regel nicht geehelicht
-werden. Hauptsächlich aber beruht sie darauf, daß die Verheirateten
-in der Regel ein geordneteres Leben führen, weniger Alkoholmißbrauch
-treiben und viel weniger der Gefahr der Geschlechtskrankheiten
-ausgesetzt sind. Wie gering die Rolle ist, welche die<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">= 58 =</a></span> Befriedigung
-des Geschlechtstriebes durch den Beischlaf dabei spielt, geht daraus
-hervor, daß Mönche und Nonnen trotz der Ungunst mancher ihrer
-Lebensbedingungen im allgemeinen keine wesentlich höhere Sterblichkeit
-aufweisen als ihre Altersgenossen unter den Laien.</p>
-
-<p>Leichtere Störungen und Unbehaglichkeiten, wie unruhiger Schlaf infolge
-von Erektionen, häufigere Pollutionen, Kopfschmerzen und eine gewisse
-nervöse Aufregung infolge von Blutfülle, lassen sich durch die früher
-besprochenen Maßregeln, ferner durch Enthaltung von alkoholischen
-Getränken und stark gewürzten Speisen, kühles, nicht zu weiches Bett,
-kalte Waschungen und Bäder, ferner insbesondere durch intensive Pflege
-von körperlichen Übungen bis zu deutlicher Ermüdung in der Regel
-leicht vermeiden oder beseitigen. Je beharrlicher alles vermieden
-wird, was den Geschlechtstrieb erregen könnte, um so leichter fällt im
-allgemeinen die Enthaltsamkeit, da &mdash; wie wir schon besprochen haben
-&mdash; die Hoden bei Nichtgebrauch des Geschlechtsapparates ihre Tätigkeit
-einschränken.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 id="Kapitel_5">5. Kapitel.<br />
-
-<b>Folgen der geschlechtlichen Unmäßigkeit und Regeln für den ehelichen
-Geschlechtsverkehr.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p>Während kaum irgend etwas Sicheres von schädlichen Folgen der
-Enthaltsamkeit vom Beischlaf für Menschen mit gesundem Nervensystem
-bekannt ist, steht es fest, daß <em class="gesperrt">geschlechtliche Unmäßigkeit</em> sehr
-häufig schadet. Besonders häufig leidet beim Manne das Nervensystem
-darunter, was leicht begreiflich ist, wenn man die heftige<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">= 59 =</a></span> Erregung
-bedenkt, unter welcher sich der Beischlaf vollzieht.<a name="FNAnker_C_3" id="FNAnker_C_3"></a><a href="#Fussnote_C_3" class="fnanchor">[C]</a> Schon deshalb
-darf also auch in der Ehe der Geschlechtstrieb nicht zügellos
-befriedigt werden.</p>
-
-<p>Auch in jenen Perioden der Ehe, während deren der Beischlaf erlaubt
-ist, darf er nicht zu häufig ausgeübt werden. Viele alte Gesetzgeber
-haben darüber Vorschriften gegeben: Zoroaster erlaubte ihn alle neun
-Tage, Solon dreimal im Monate, Mohammed einmal wöchentlich. Eine uralte
-deutsche Regel, die auch ich früher fälschlich Luther zugeschrieben
-habe, lautet:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Alle Wochen zwier</div>
- <div class="verse">Schadet weder ihr noch mir,</div>
- <div class="verse">Macht im Jahr hundertundvier“,</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">wobei allerdings auf die Menstruation vergessen wurde. Es ist nicht
-möglich, eine feste Regel aufzustellen. Wie oft der Beischlaf ausgeübt
-werden kann, ohne daß es schadet, hängt nämlich in hohem Maße von der
-persönlichen Anlage, vom Alter, der Ernährung und der Arbeitsleistung
-des Mannes ab. Stark geistig Arbeitende müssen in der Regel mäßig
-sein. Wer auf die Winke der Natur achtet, wird leicht selbst das
-zuträgliche Maß finden. Wenn lebhaftes Verlangen nach dem Beischlaf
-besteht, die Erektion rasch und kräftig eintritt, wenn nach vollzogenem
-Beischlaf eine angenehme Müdigkeit empfunden wird, die nach kurzer
-Ruhe dem Gefühle voller Frische Platz macht, tiefer und ruhiger Schlaf
-nachfolgt, so ist nicht zuviel geschehen, auch wenn die obige alte
-Regel weit überschritten wird.<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">= 60 =</a></span> Dagegen lasse man sich durch träge
-Erektionen, durch das Gefühl von Ermüdung und Unlust, Gefühl von Druck
-in der Kreuzgegend, Aufgeregtheit und Schlaflosigkeit hinterher warnen.
-Der Satz: „Jedes Tier ist nach dem Beischlafe traurig,“ gilt nur für
-Kranke und Unmäßige.</p>
-
-<p>Was die beste Tageszeit für die Vornahme des Beischlafes anbelangt,
-so bevorzugen die einen die Zeit unmittelbar nach dem Zubettlegen,
-wobei dann die ganze Nacht der Erholung dient, die anderen die Zeit
-unmittelbar nach dem Erwachen, wenn die Gatten völlig ausgeruht
-und frisch sind. Im letzteren Falle ist es aber ratsam, sich nach
-Vollendung des Beischlafs noch eine kurze Ruhezeit und ein Schläfchen
-zu gönnen. Überhaupt wird der Beischlaf am zuträglichsten sein, wenn
-er in voller Bequemlichkeit und Ungestörtheit, frei von Sorgen oder
-Gewissensbissen, vollzogen wird. Der eheliche Geschlechtsverkehr ist
-deshalb viel zuträglicher als der außereheliche. Am zweckmäßigsten ist
-die Rückenlage der Frau mit gespreizten Schenkeln unter dem Manne.
-Diese Lage ist schon durch den Bau der Geschlechtsteile als die
-natürliche vorgezeichnet. Andere Stellungen ermüden stärker. Bei Lage
-des Mannes unten und der Frau oben sinkt die Gebärmutter zu sehr nach
-unten, sie wird schädlichen Erschütterungen ausgesetzt und an ihren
-Bändern gezerrt. Die Frau empfindet dann häufig hinterher Schmerzen,
-ja, es kann zu Entzündungen im Innern kommen. Jede Künstelei ist
-überhaupt zu vermeiden, insbesondere die willkürliche Verzögerung der
-Samenausschleuderung, um die Dauer der Wollustempfindung zu verlängern.
-Dagegen ist es für die physische und psychische Gesundheit der Frau und
-für das Glück der Ehe sehr wichtig, daß auch <em class="gesperrt">die geschlechtliche
-Erregung der Frau durch den Eintritt des Orgasmus beim Geschlechtsakt
-voll befriedigt und gelöst wird</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">= 61 =</a></span></p>
-
-<p>Man darf nie vergessen, daß die Ehe weder wegen des wirtschaftlichen
-Nutzens allein noch wegen der seelischen Freuden, die sie mit sich
-führt, sondern im wesentlichen um des physischen Zweckes willen,
-behufs regelmäßiger Befriedigung des geschlechtlichen Bedürfnisse
-geschlossen wird. Dies muß mit Nachdruck betont werden. Die verstiegene
-Sentimentalität und der fleischlose Intellektualismus sind ebensowenig
-imstande, eine befriedigende Ordnung in das Verhältnis von Mann
-und Weib zu bringen, als der brutale Sensualismus. Wohl niemals
-würden es zwei Menschen auf die Dauer ertragen, in der Weise von
-Ehegatten miteinander verkettet zu sein, wenn sie nicht dabei die
-physische Befriedigung ihres Geschlechtstriebes suchen und finden
-würden. Auch bei solchen Frauen, welche mit noch schlummerndem
-Geschlechtstriebe in die Ehe eingetreten sind, wird er durch die Ehe
-notwendigerweise geweckt. Erregung von Wollustempfindungen durch
-geschlechtliche Handlungen ohne nachfolgende vollständige Befriedigung
-aber wirkt schädlicher und verstimmt mehr als völlige Enthaltung vom
-geschlechtlichen Verkehr. <em class="gesperrt">Der kluge und rücksichtsvolle Gatte wird
-sich daher nicht allein um seine eigene Befriedigung kümmern, sondern
-auch auf die seiner Frau bedacht sein.</em> Mit einer Frau, die nur
-langsam in höhere Grade geschlechtlicher Erregung gerät, wird er
-den Beischlaf erst dann beginnen, wenn auch bei ihr starke Erregung
-eingetreten ist; etwa infolge fortgesetzter Liebkosungen.</p>
-
-<p>Je einfacher man in seinen Genüssen bleibt, um so gesünder. Eheleute
-mögen sich immer vor Augen halten, daß, je mäßiger sie im Genusse
-sind, um so länger der normale Beischlaf seinen Reiz für sie behält,
-um so länger die beiderseitige geschlechtliche Gesundheit, besonders
-die Leistungsfähigkeit des Mannes vorhalten wird, sie um so länger<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">= 62 =</a></span>
-also der ehelichen Genüsse sich erfreuen zu können hoffen dürfen.
-Eine gewisse zeitliche Regelmäßigkeit im Vollzuge des Beischlafes ist
-durchaus ratsam. Die ganze Funktion des männlichen Geschlechtsapparates
-richtet sich dann darauf ein, und der Beischlaf geht dann ohne
-schädliches Übermaß von Erregung vor sich. Selbstverständlich
-soll man aber nur dann beischlafen, wenn man sich vollkommen
-gesund und kräftig fühlt, und nur dann, wenn die Erektion sich von
-selbst eingestellt hat. Sie zum Zwecke des Beischlafes künstlich
-herbeizuführen, ist ein Mißbrauch, der sich mit der Zeit an der
-Gesundheit rächt. In berauschtem Zustande den Beischlaf auszuführen,
-ist durchaus verwerflich, weil die Gefahr besteht, daß ein in solchem
-Zustande erzeugtes Kind krank und schwächlich wird. Wer noch Kinder
-zu erzeugen die Absicht hat, sollte sich überhaupt regelmäßigen oder
-irgend häufigeren Genusses von alkoholischen Getränken enthalten und
-auch niemals ausnahmsweise ein Übermaß davon zu sich nehmen. <em class="gesperrt">Je
-besser die Gatten für Gesundheit und Kraft ihres Körpers sorgen, um
-so gesündere und lebensfrischere Kinder dürfen sie erwarten. Diese
-Fürsorge für die eigene Gesundheit, die geordnete, vernünftige
-Lebensführung ist eine der größten und wichtigsten Pflichten
-derjenigen, welche Kinder in die Welt setzen wollen.</em></p>
-
-<p>Unmäßigkeit und Unordnung im Geschlechtsverkehre schaden hauptsächlich
-dem Manne. Die Frau, welche sich beim Beischlafe lediglich duldend
-verhält, kann in dieser Hinsicht viel mehr vertragen als er. Da die
-weiblichen Geschlechtsteile stets zum Vollzuge des Beischlafes bereit
-sind, während beim Manne erst Gliedsteife eingetreten sein muß, kann
-die Frau beliebig oft hintereinander den Beischlaf an sich vollziehen
-lassen. Wenn sie nur langsam<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">= 63 =</a></span> in Erregung gerät, bleibt sie oft
-nach dem ersten Beischlafe noch in starker unbefriedigter Erregung
-und brächte ihr erst der zweite oder dritte Vollzug die volle Höhe
-des Genusses. Wenn solche Frauen einmal Erfahrung gewonnen und die
-schamhafte Scheu abgestreift haben, suchen sie mit allen Künsten den
-Mann möglichst rasch nach dem Beischlaf wieder zu einem neuen zu
-stacheln. Es gibt Frauen von wahrhaft unersättlicher Begierde, die den
-Mann buchstäblich bis auf den letzten Tropfen auszusaugen vermögen.
-Da ihnen Jünglinge mit unabgestumpfter geschlechtlicher Reizbarkeit
-besonders erwünscht sind, sei der junge Mann vor solchen Frau Potiphars
-auf der Hut.</p>
-
-<p>Die ersten Folgen der Unmäßigkeit sind Abnahme der Wollustempfindung
-beim Beischlafe, damit zusammenhängend Verzögerung des Eintrittes
-der Ejakulation, Verminderung der Kraft, mit welcher der Samen
-ausgeschleudert wird. Nach dem Beischlafe Gefühl der Verstimmung,
-der Ermüdung, der Mattigkeit in den Beinen, die länger und länger
-anhalten, je länger und ärger die Unmäßigkeit fortgetrieben wurde. Als
-weitere Folgen können auftreten: Druck in der Lendengegend, nervöse
-Erregbarkeit, Gefühl von Druck im Kopf, von Eingenommensein des Kopfes,
-gestörter Schlaf, Ohrensausen, Flimmern vor den Augen, Lichtscheu,
-zittriges Gefühl und wirkliches Zittern, Neigung zum Schwitzen. Es kann
-ferner Herzklopfen eintreten; Muskelschwäche, die sich schon in den
-schlaffen Mienen, in der schlaffen Haltung des geschlechtlich Ermüdeten
-und Erschöpften verrät; Unlust zu anhaltender, schwerer Arbeit und
-Unfähigkeit, sie zu leisten, Gedächtnisschwäche, Neurasthenie und
-Melancholie. Die Verdauungstätigkeit sinkt, die Ernährung wird
-schlechter; infolge davon Blutarmut und Schwächung der Widerstandskraft
-gegen äußere Schädlichkeiten, insbesondere gegen Infektionskeime und
-unter diesen wieder insbesondere gegen den Tuberkelbazillus.<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">= 64 =</a></span> Auch der
-Geschlechtsapparat selbst funktioniert bald noch schlechter und weist
-die Erscheinungen der sog. reizbaren Schwäche auf: die Erektionen
-verlieren an Kraft und Dauer; bei unvollkommener Erektion oder alsbald
-nach der Einführung des Gliedes in die Scheide tritt die Ejakulation
-ein, ohne daß die Höhe des Wollustgefühles erreicht wird; die Fähigkeit
-zum Beischlaf geht damit mehr und mehr verloren; nächtliche Pollutionen
-treten häufig auf und hinterlassen eine gesteigerte nervöse Erregung
-und Mattigkeit.</p>
-
-<p>Die leichteren Störungen des Wohlbefinden gehen übrigens im allgemeinen
-rasch wieder vorüber, wenn Enthaltsamkeit geübt wird, wenn die
-Ernährung gut und die ganze sonstige Lebensweise den hygienischen
-Grundsätzen gemäß ist. Insbesondere erholen sich vollkommen
-geschlechtsreife junge Männer, die von vornherein gesund und kräftig
-waren, von den Torheiten der Flitterwochen bald, wenn die Vernunft
-die Herrschaft wiedererlangt hat. Je länger die Exzesse gedauert
-haben, je schwächlicher das Individuum von vornherein war, um so
-schwieriger tritt volle Wiederherstellung ein. Am gefährlichsten wird
-die geschlechtliche Unmäßigkeit unreifen oder nicht voll erwachsenen
-Jünglingen, sowie Männern, die sich bereits dem Greisenalter nähern;
-sind sie etwa von vornherein nicht ganz gesund, so können sie sich
-dadurch dauerndes Siechtum, ja selbst raschen Tod zuziehen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Auch in der Ehe kommen Zeiten, in welchen vollständige
-Enthaltsamkeit geübt werden muß.</em> Sie sind durch Rücksichten auf die
-Frau und auf die Nachkommenschaft unbedingt gefordert. Zur Zeit der
-Menstruation darf der Beischlaf nicht ausgeübt werden. Er verbietet
-sich übrigens für das feinere Empfinden von selbst durch den Zustand
-der weiblichen Geschlechtsteile. Während der Menstruation ist das
-Innere der Gebärmutter wund, der ganze Geschlechtsapparat des Weibes<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">= 65 =</a></span>
-gereizt und mit Blut überfüllt. Unter diesen Umständen ist, wie bei
-allen Wundflächen, die Gefahr vorhanden, daß eine Wundinfektion
-eintritt, diese dann zu Entzündungen der Gebärmutter und ihrer Anhänge
-führt und so die Frau auf die Dauer krank macht. Diese Gefahr wird
-durch das Einführen des Gliedes in die Scheide sehr gesteigert.<a name="FNAnker_D_4" id="FNAnker_D_4"></a><a href="#Fussnote_D_4" class="fnanchor">[D]</a>
-Jedenfalls muß der Beischlaf während des Blutabganges unterbleiben;
-noch besser ist es, ihn auch während der darauffolgenden Woche zu
-unterlassen, bis die Innenfläche der Gebärmutter wieder vollkommen
-überhäutet ist.</p>
-
-<p>Bei dieser Gelegenheit sei Ehemännern der Rat erteilt, das Glied durch
-Waschungen immer reinzuhalten, wobei insbesondere auf die Furche hinter
-dem Randwulst der Eichel und auf die Falten des Bändchens zu achten
-ist. Ebenso soll die Frau die äußeren Geschlechtsteile, namentlich
-die Schamspalte, reinhalten. Sehr empfehlenswert ist es, einige Zeit
-nach vollzogenem Beischlaf mit Hilfe eines <em class="gesperrt">Irrigators</em> und eines
-<em class="gesperrt">Mutterrohres</em> die Scheide mit lauwarmer, reiner Kochsalzlösung
-(1 Kaffeelöffel Kochsalz auf 1 <span class="antiqua">l</span> Wasser) auszuspülen.
-Dies darf aber nicht sogleich nach dem Beischlafe geschehen, da
-sonst die Empfängnis verhindert werden könnte. Der Irrigator und
-das Mutterrohr müssen reingehalten und durch Waschen mit einer
-Desinfektionsflüssigkeit, z. B. mit 2 prozentiger Lysollösung (20
-<span class="antiqua">ccm</span> Lysol auf 1 <span class="antiqua">l</span> Wasser), vor dem Gebrauche desinfiziert
-werden. Die Kochsalzlösung soll abgekocht sein. Desinfektionsmittel
-dürfen ihr aber nicht zugesetzt werden. Ich kenne Fälle, wo die
-sehnlichst gewünschte Schwängerung infolge solcher fehlerhafter
-Reinlichkeit ausblieb, aber sofort eintrat, als die „hygienischen“<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">= 66 =</a></span>
-Ausspülungen ausgesetzt wurden. Durch alle diese Maßregeln wird manchen
-Erkrankungen, namentlich dem sogenannten weißen Flusse, vorgebeugt,
-einem Katarrhe der Scheide, der der Frau wie ihrem Ehemann recht lästig
-werden kann.</p>
-
-<p>Sehr vorsichtig muß man mit dem Beischlafe auch während der
-Schwangerschaft sein. Er darf nicht zu häufig und nie stürmisch
-ausgeführt werden. In den ersten Monaten der Schwangerschaft,
-namentlich bei Erstgeschwängerten, wird er am besten ganz unterlassen.
-Werden diese Vorschriften nicht beachtet, dann kommt es leicht zu Fehl-
-und Frühgeburt, durch die nicht allein das Kind verloren geht oder
-geschädigt wird, sondern auch die Frau dauernden Schaden nehmen kann.</p>
-
-<p>Unbedingt verboten ist der Beischlaf während des Wochenbettes, wenn
-nicht die Frau, deren innere Geschlechtsteile arg verwundet sind,
-schwerer Gefahr ausgesetzt werden soll. Auch bei ganz normalem Verlaufe
-des Wochenbettes soll mindestens vier Wochen damit gewartet werden, und
-auch dann noch ist weise Beschränkung dringend anzuraten.</p>
-
-<p>Mit Rücksicht auf die Frau wie auf das Kind wäre es eigentlich geboten,
-der Frau, die geboren hat, eine monatelange Schonzeit zu gewähren.
-Man muß auf das dringendste fordern, daß jede gesunde Mutter ihr
-Kind stillt, wenn möglich 8&ndash;9 Monate lang. Das Leben des Kindes im
-ersten Lebensjahre ist in hohem Grade gefährdet, wenn es nicht seine
-natürliche Nahrung erhält; und die üblen Folgen der künstlichen
-Fütterung scheinen auch noch in der späteren Lebenszeit nachzuwirken.
-Die Erfahrung lehrt aber, daß bei sexuell erregbaren Frauen durch
-Ausübung des Beischlafes, namentlich wenn er häufiger oder stürmisch
-unter größerer Aufregung erfolgt, die Milchabsonderung frühzeitig zum
-Stillstand kommen kann oder die Menstruation und damit zugleich die
-Befruchtungsfähig<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">= 67 =</a></span>keit trotz des Stillgeschäftes wieder eintritt. Für
-den Säugling wie für die Mutter ist es aber schädlich, wenn es bald
-zu einer neuen Schwangerschaft kommt; für den Säugling, weil dann die
-Milchabsonderung bald unzureichend wird und aufhört; für die Mutter,
-weil die Frauen durch allzu rasch aufeinanderfolgende Schwangerschaften
-überanstrengt werden, rasch verblühen und Neigung zu Krankheiten,
-insbesondere zu Tuberkulose, bekommen. Bei zu rascher Geburtenfolge
-werden auch meist schwächliche Kinder geboren. Rascher als etwa alle
-2&frac12; Jahre sollten die Schwangerschaften nicht aufeinanderfolgen, wenn
-die Frau bei voller Kraft und Gesundheit bleiben und einer kräftigen
-Nachkommenschaft das Leben schenken soll.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 id="Kapitel_6">6. Kapitel.<br />
-
-<b>Künstliche Verhinderung der Befruchtung.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p>Die Natur hat uns nicht allein das Verlangen nach Begattung
-eingepflanzt, sondern auch den Wunsch, Nachkommen zu erzeugen und
-großzuziehen. Bei der Frau, deren natürliche Lebensaufgabe es ist,
-Kinder zu tragen und zu gebären, pflegt dieser Wunsch von klein auf
-überaus lebhaft zu sein. Beim Manne pflegt er erst mit der Zahl
-der Jahre zu wachsen. Je älter der Kinderlose wird, je mehr seine
-persönliche Leistungfähigkeit abnimmt, um so mehr überkommt ihn ein
-Gefühl der Leere, der Entbehrung eines wichtigsten Lebensgutes und
-zugleich ein Gefühl seiner Überflüssigkeit in der Welt. Eine Ehe
-ohne Kinder hat ihren Hauptzweck verfehlt. Nur wer Vaterfreuden und
-Vaterleiden empfunden hat, hat voll ausgelebt, was das Dasein zu bieten
-vermag.</p>
-
-<p>Ein Volk, dessen Angehörige nicht mehr die Tatkraft und den Lebensmut
-haben, die Last der Aufzucht von Kin<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">= 68 =</a></span>dern auf sich zu nehmen, dafür
-Opfer zu bringen, dafür etwas zu wagen, ein Staat, dessen Bürger die
-Zahl der Kinder aufs äußerste beschränken, nur um nicht zuviel Sorgen
-zu haben, nicht zu hart arbeiten zu müssen, um ein schlaffes Wohlleben
-führen oder um Besitz anhäufen zu können, sind dem Untergange geweiht.
-Für ein Volk von bequemen Rentnern oder von raffiniert genießenden
-Intellektuellen und Ästheten ist kein dauernder Platz auf der Erde. Nur
-derben Völkern, die nicht erst besonderer Reizmittel der Zivilisation
-und der Kunst bedürfen, um ihres Lebens froh zu werden, die sich
-kräftig vermehren und fröhlich im Gefühle des Gebrauches ihrer Kräfte
-für ihre Kinder sich rühren, gehört die Zukunft. Wenn wir Deutsche uns
-nicht kräftig vermehren, wird uns Rußland mit seiner Volksmasse binnen
-100 Jahren erdrücken.</p>
-
-<p>Mit Rücksicht darauf, daß ein erheblicher Bruchteil der Geborenen
-abstirbt, bevor das Alter der vollen Fortpflanzungsfähigkeit erreicht
-ist, daß nicht wenige, welche dieses Alter erreichen, doch zur
-Erzeugung gesunder Kinder untauglich sind, daß viele aus äußeren
-Gründen an der Eheschließung verhindert werden, müßte jede Ehe zwischen
-Gesunden heute <em class="gesperrt">mindestens vier</em> Kinder tragen, wenn das ganze
-Volk in gesundem Blühen erhalten werden soll. Die Überhandnahme der
-willkürlichen Einschränkung der Kinderzahl („Zweikindersystem“,
-Einkind-, Keinkindehen) muß daher die größte Besorgnis für die Zukunft
-des deutschen Volkes erwecken. Besonders verhängnisvoll ist die
-zunehmende Ehelosigkeit, Verspätung der Verehelichung, absichtliche
-Verhinderung der Befruchtung und unzulängliche Kindererzeugung bei
-den besser Begabten. (S. o.) Das Ein- und Zweikindersystem ist auch
-deshalb schädlich, weil sich statistisch herauszustellen scheint, daß
-das dritte und vierte Kind der Frau im Durchschnitt am kräftigsten und
-besten geraten. Nebenbei hat das Kleinhalten der Familie<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">= 69 =</a></span> auch schlimme
-Folgen für die <em class="gesperrt">Kultur</em>. Die Kinder in solchen kinderarmen
-Familien werden sehr häufig <em class="gesperrt">verzogen</em>, zu anspruchsvollen,
-beständig auf ihr eigenes Wohlsein bedachten, eigensüchtigen Menschen
-gemacht. Das Aufziehen von ein oder zwei Kindern vermag die Frau nicht
-genügend zu beschäftigen. Schon in jungen Jahren, im Vollbesitze ihrer
-Kräfte hat sie keine ausfüllende Lebensaufgabe mehr und sucht dann &mdash;
-nicht selten auf bedenklichsten Wegen &mdash; Zerstreuung oder drängt sich
-in das Arbeitsgebiet des Mannes, auf dem sie in der Regel doch nur zu
-stümpern vermag. Sie schwärmt für „soziale Tätigkeit“, weil ihr die
-natürliche soziale Tätigkeit &mdash; die wichtigste und wertvollste von
-allen! &mdash;, die Erfüllung des Mutterberufes, genommen oder verkümmert
-worden ist.</p>
-
-<p>Es gilt, das <em class="gesperrt">richtige Maß der Kindererzeugung</em> zu treffen, denn
-blindlings darf die Vermehrung auch nicht vor sich gehen. Allerdings
-bietet vorläufig die Erde noch reichlich Raum für die Vermehrung der
-Menschheit im ganzen und kann ihr Ertrag an Nahrungsmitteln noch ums
-Mehrfache gesteigert werden. Wir dürfen auch hoffen, daß der Weltkrieg,
-der zu unserer Vernichtung führen sollte, uns einen solchen Zuwachs
-an Siedelungs- und Ackerland verschaffen wird, daß nicht so bald ein
-Mißverhältnis zwischen der Zahl der zu Nährenden und zu Pflegenden und
-der Menge der verfügbaren Nahrung, Wohnung und Kleidung entstehen kann.
-Der Krieg hat leider auch so stark unter den erwerbstätigen Männern
-aufgeräumt, daß es den Überlebenden nicht an reichlicher Gelegenheit zu
-lohnender Tätigkeit fehlen wird.</p>
-
-<p>Bei jeder einzelnen Familie lassen sich aber darüber Erfahrungen
-machen, daß der Haushalt nur so lange gedeiht, als die Zahl der
-Kinder im richtigen Verhältnisse zur Größe des Einkommen und der
-wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Eltern steht, so daß die Kinder
-ge<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">= 70 =</a></span>nügend ernährt, mit genügender Sorgfalt gewartet, beaufsichtigt
-und erzogen werden können, während zugleich jedes schädliche Übermaß
-darin ausgeschlossen bleibt. Sind der Nachkommen zu wenige, dann werden
-sie leicht verwöhnt, verzärtelt und verzogen; werden der Nachkommen
-zu viele, dann verkommt alles. Die Frau leidet physisch unter den
-ungeheuren Zumutungen, welche die gehäuften Schwangerschaften und
-Säugungen an ihren Körper stellen, und vermag um so weniger die sich
-stets vermehrende Last des Haushalts zu tragen; die angeborene Kraft
-und Gesundheit der Kinder nimmt im Mittel vom 8. bis 9. Kinde einer
-Mutter an merklich ab &mdash; auch dann, wenn die Pausen zwischen den
-einzelnen Geburten lange genug waren &mdash;, und die schwächlichen und
-kränklichen, die um so größerer Sorgfalt bedürften, finden sie nicht
-mehr. Ordnung und Reinlichkeit sind nicht mehr aufrechtzuerhalten, die
-Familie verfällt und zerfällt; Krankheit und Laster räumen unter ihr
-auf.</p>
-
-<p>Die Vernunft gebietet also, nicht mehr Kinder zu erzeugen, als man
-bei Arbeitslust und frischem Mut und bei einiger Gunst des Schicksals
-voraussichtlich ernähren und aufziehen können wird. Die Kindererzeugung
-muß in Schranken gehalten werden, wenn sich der Mensch von dem
-grausamen Zustande befreien will, der in der unvernünftigen Natur das
-Gleichgewicht erhält: Massentod neben Massenzeugung!</p>
-
-<p>Es gibt noch andere Gründe, welche einzelne zwingen oder wenigstens
-zwingen sollten, auf die Erzeugung von Kindern vollständig oder
-zeitweise zu verzichten. Wir haben schon ausführlich von der Vererbung
-gesprochen, und wie in manchen Stämmen die erbliche Belastung, die
-Fehlerhaftigkeit des Keimplasmas derartig ist, daß keine Hoffnung auf
-Erzielung einer wenigstens ihrer Erscheinung nach (s. <a href="#Seite_31">S. 31</a>) gesunden
-Generation durch Kreuzung<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">= 71 =</a></span> mit gesundem Stamme besteht; eine elende,
-kranke Nachkommenschaft mit Bestimmtheit oder großer Wahrscheinlichkeit
-zu erwarten ist.</p>
-
-<p>Aber auch wenn der Stamm ein guter ist, kann die Aussicht auf gesunde
-Nachkommenschaft schlecht sein wegen chronischer, zeitweise auch wegen
-akuter Krankheit der Frau oder des Mannes. Dann ist es ebenfalls
-Pflicht, sich der Zeugung zu enthalten. Daß die Schwangerschaften
-überhaupt nicht rasch aufeinanderfolgen dürfen, wenn die Güte der
-Kinder nicht leiden und das Selbststillen lange genug fortgesetzt
-werden soll, wurde schon oben erwähnt.</p>
-
-<p>Ein Mann, welcher das 50. Lebensjahr überschritten hat, sollte, auch
-wenn er sich noch vollkommen gesund und rüstig fühlt, in der Regel
-keine Kinder mehr erzeugen, da die Kinder älterer Männer nicht selten
-schwächlich sind und da er kaum hoffen darf, so lange zu leben, bis die
-Kinder, erwerbsfähig geworden, seiner Unterstützung nicht mehr bedürfen.</p>
-
-<p>In anderen Fällen verbietet sich eine neue Schwängerung, weil
-eine frühere Geburt Veränderungen im Geschlechtsapparate der Frau
-hinterlassen hat oder weil eine der so häufigen Frauenkrankheiten sie
-befallen hat, die eine neue Schwangerschaft, eine neue Entbindung zur
-Lebensgefahr machen.</p>
-
-<p>Die Notwendigkeit, der Erzeugung von Kindern Schranken zu setzen,
-ist daher unbestreitbar, und mit dieser Forderung dürfte auch jeder
-ohne weiteres einverstanden sein. Weniger Neigung besteht aber zur
-Beschränkung im Geschlechtsgenusse. Man will die Erzeugung von Kindern
-vermeiden, aber auf den Geschlechtsgenuß nicht verzichten, und man
-wendet daher <em class="gesperrt">künstliche Mittel</em> an, um die Befruchtung zu
-verhindern. Wir müssen darüber hier sprechen, weil durchaus nicht alle
-diese Mittel so ganz<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">= 72 =</a></span> harmlos sind, wie angepriesen wird. Wir müssen
-auch deshalb warnen, weil die meisten von ihnen den Zweck, dem sie
-dienen sollen, nur sehr unvollkommen erreichen.</p>
-
-<p>Das älteste und am häufigsten angewandte Verfahren ist wohl der sog.
-<em class="gesperrt">unterbrochene Beischlaf</em> (<span class="antiqua">Coïtus interruptus</span>). Das Glied
-wird vor der Ejakulation aus der Scheide herausgezogen, so daß der
-Samen außerhalb der weiblichen Geschlechtsteile ergossen wird. Wird
-dies pünktlich vollzogen und die etwa mit Samen benetzte Außenseite
-der Geschlechtsteile und ihre Nachbarschaft alsbald gereinigt<a name="FNAnker_E_5" id="FNAnker_E_5"></a><a href="#Fussnote_E_5" class="fnanchor">[E]</a>, dann
-ist selbstverständlich die Schwängerung vollständig ausgeschlossen.
-Aber die Ausführung stellt an die Aufmerksamkeit und Willenskraft des
-Mannes eine nicht geringe Zumutung. Der Mann darf sich nicht sorglos
-den Wollustgefühlen überlassen und findet daher auch nicht so leicht
-volle Befriedigung. Die Samenentleerung findet, wenn nicht zum Schlusse
-manuell nachgeholfen wird, nicht mit jener Kraft statt, die sie beim
-normalen Akte hat und die notwendig ist, um volle Lösung der nervösen
-Spannung und der Blutfüllung herbeizuführen. Der Widerstreit zwischen
-dem Triebe und dem bewußten Willen scheint bei manchen das Nervensystem
-stärker anzugreifen als die Aufregung des natürlichen Beischlafes,
-wenn sich auch ohne Zweifel die meisten an diese Art des Vollzuges des
-Beischlafes allmählich völlig gewöhnen.</p>
-
-<p>Auch die Frau bleibt unbefriedigt, falls der Beischlaf unterbrochen
-wird, bevor bei ihr der Orgasmus eingetreten ist. Wie schädlich
-dies nach verschiedener Richtung werden kann, wurde schon früher
-hervorgehoben. Es wurde aber dort auch schon angedeutet, wie sich
-durch geeignete<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">= 73 =</a></span> Vorbereitung erreichen läßt, daß der Gipfel der
-Wollustempfindung bei der Frau eintritt, bevor es beim Mann zur
-Ausspritzung des Samens kommt.</p>
-
-<p>Ohne Zweifel wird der unterbrochene Beischlaf von sehr vielen
-jahrzehntelang fortgetrieben, ohne daß sie merklich Schaden
-nehmen. Aber früher oder später scheinen sich doch bei manchen
-Störungen einzustellen, und es gibt Menschen, die dadurch in einen
-krankhaften Zustand geraten. Als Wirkungen des unterbrochenen
-Beischlafes <em class="gesperrt">können</em> auftreten: beim Manne Neurasthenie in den
-mannigfaltigsten Formen, Störungen der Erektion und Ejakulation und
-damit rasche Abnahme der Potenz bis zum vorzeitigen, vollständigen
-Erlöschen der Fähigkeit, den Beischlaf auszuführen (s. o.),
-Nervenschmerzen in den Genitalien, Vergrößerung und Verhärtung
-der Vorsteherdrüse; bei der Frau ebenfalls Neurasthenie, dann
-chronische Blutüberfülle der inneren Geschlechtsteile, Lockerung der
-Aufhängebänder der Gebärmutter, Lageveränderungen der letzteren und
-im Gefolge davon Hysterie. Durch Enthaltsamkeit und entsprechende
-ärztliche Behandlung, namentlich durch passende Wasser- oder Luftkur,
-können übrigens viele von diesen Störungen wieder beseitigt werden,
-wenn sie noch nicht einen allzu hohen Grad erreicht haben.</p>
-
-<p>Viel gesundheitsschädlicher als der <span class="antiqua">Coïtus interruptus</span> dürfte
-die namentlich in England und Nordamerika vielfach geübte sogenannte
-„<span class="antiqua">Male Continence</span>“ („männliche Zurückhaltung“) sein, für welche
-in zahlreichen Schriften der Neo-Malthusianer Propaganda gemacht
-wird. Das Glied wird in die Scheide eingeführt und hier ruhig liegen
-gelassen, so daß es überhaupt nicht zur Ejakulation kommt. Hier wird
-also eine überaus starke geschlechtliche Erregung herbeigeführt und
-überlang aufrechterhalten, ohne daß die physiologisch erforderliche
-Entladung nachfolgt. Dies muß schädlich werden. In der Regel wird wohl
-die Befriedigung<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">= 74 =</a></span> schließlich durch Masturbation erzielt werden, wenn
-auch davon nicht gesprochen wird.</p>
-
-<p>Alle anderen Mittel zur Verhütung der Empfängnis sollen verhindern, daß
-der <em class="gesperrt">innerhalb</em> der Scheide entleerte Samen bis zum Ei gelangt.
-Hierher gehören einerseits der <em class="gesperrt">Kondom</em> (Präservativ), ein Überzug
-aus Gummi oder aus Fischblase, der vor dem Beischlafe über das Glied
-gezogen und an der Wurzel des Gliedes durch einen darübergezogenen
-Kautschukring festgehalten und in den dann der Samen ergossen wird,
-andererseits <em class="gesperrt">Schwämmchen</em>, <em class="gesperrt">Scheidenkugeln</em> aus Fett oder
-Leim mit keimtötenden Stoffen, Kautschukringe mit darin ausgespannter
-Membran (das sog. <span class="antiqua"><em class="gesperrt">Pessarium occlusivum</em></span>), welche, vor dem
-Beischlafe in die Scheide eingeführt, dem Samen den Weg zur Gebärmutter
-versperren sollen, <em class="gesperrt">Einblasung von pulverigen Spermatozoengiften</em>
-in die Scheide unmittelbar vor dem Beischlafe, endlich <em class="gesperrt">Ausspülung
-der Scheide</em> unmittelbar nach demselben.</p>
-
-<p>Von diesen Mitteln ist zu sagen, daß in der Praxis keines derselben
-volle Sicherheit gewährt. Am verläßlichsten ist der Kondom. Aber der
-Überzug über das Glied kann die Befruchtung nur dann verhindern,
-wenn er die Dehnungen und Zerrungen während des Beischlafes aushält
-und nicht zerreißt. Ist der Kondom dickwandig und daher fest und
-haltbar, dann stört er das Zustandekommen der Wollustempfindung des
-Mannes in beträchtlichem Maße; dies gilt besonders von den Kondoms aus
-Gummi, welche überdies bald brüchig werden. Ist der Kondom dagegen
-dünn und zart, wie die feineren Kondoms aus Fischblase, Kalbs- oder
-Schafsblinddarm, dann spürt man allerdings nicht viel von ihm,
-besonders, wenn man ihn nach dem Überziehen über das Glied mit Wasser
-befeuchtet, dann kann er aber während des Beischlafes leicht zerreißen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">= 75 =</a></span></p>
-
-<p>Die Verstopfungen der Scheide durch Schwämmchen usw. sind viel
-unsicherer, wenn sie nicht von sachkundiger Hand vorgenommen werden.
-Außerdem stören sie die geschlechtliche Befriedigung der Frau in mehr
-oder minder hohem Maße und können ihr dadurch in derselben Weise
-schädlich werden wie der unterbrochene Beischlaf. Endlich kommt es
-durch die Hantierungen in der Scheide, durch den Druck der Einlagen und
-durch Infektion sehr leicht zu Entzündungen und Katarrhen.</p>
-
-<p>Am harmlosesten für Mann und Frau sind die Ausspülungen der Scheide mit
-lauem Wasser oder lauer Kochsalzlösung unmittelbar nach dem in normaler
-Weise vollzogenen Beischlafe (s. o.). Aber dieses Verfahren ist das
-unsicherste von allen, da sogleich bei der Ejakulation Samen in den
-äußeren Muttermund und in den Halskanal der Gebärmutter eingedrungen
-sein kann und dieser Teil des Samens durch die nachfolgende Ausspülung
-nicht entfernt wird. Ich kenne mehrere Fälle, wo trotz der Ausspülungen
-bald Befruchtung erfolgte.</p>
-
-<p>Kaum weniger unzuverlässig als die Ausspülung nach dem Beischlafe ist
-das Einblasen von gepulverter Borsäure und ähnlichen Stoffen vor dem
-Beischlafe. Sie können auch durch den chemischen Reiz, den sie ausüben,
-schädlich werden.</p>
-
-<p>Der Leser sei also bei allen diesen künstlichen Verhinderungen der
-Befruchtung auf der Hut!</p>
-
-<p>Er darf auch ihren schlechten Einfluß auf das sittliche Verhältnis von
-Mann und Frau nicht übersehen. Ein solcher wird wohl nicht eintreten
-in einer Ehe, die bereits mit Kindern gesegnet ist und in welcher die
-durch jahrelanges Zusammenleben gefestigte innige Zuneigung der Gatten
-zueinander das Abstoßende derartiger Praktiken verhüllt. Wird dagegen
-der Geschlechtsverkehr von vornherein lediglich zum Zwecke des Genusses
-gepflegt, so vergiftet dies die Beziehung der Gatten zueinander, und<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">= 76 =</a></span>
-schädigt es namentlich die Sittlichkeit der Frau. Sie betrachtet den
-Vollzug des Beischlafes nicht mehr, wie sie von Natur aus geneigt ist,
-mit Ehrfurcht als eine folgenschwere und feierliche Handlung, bei der
-die geheimnisvollen Urmächte des Lebens das verborgen Treibende sind,
-sondern lernt allmählich, daß es sich bloß um ein Vergnügen handle, das
-man sich bei einiger Klugheit gönnen kann, ohne verräterische Folgen
-fürchten zu müssen.</p>
-
-<p>Ein Gatte, welcher sich nicht überhaupt seiner Frau gegenüber
-Zurückhaltung bezüglich der geschlechtlichen Vergnügungen auferlegt,
-die angeborene Schamhaftigkeit der Frau nicht schont, sondern im
-Gegenteile ihre Sinnlichkeit künstlich weckt und stachelt, darf sich
-dann über ihre gelegentliche Untreue nicht wundern und beklagen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 id="Kapitel_7">7. Kapitel.<br />
-
-<b>Verirrungen des Geschlechtstriebes.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich habe nicht die Absicht, in diesem Büchelchen alle Verirrungen des
-Geschlechtstriebes ausführlich zu besprechen. Im allgemeinen will
-ich nur sagen, daß jene Verirrung, über welche in unserer Zeit so
-viel Lärm gemacht wird, die Neigung zum eigenen, Abneigung gegen das
-andere Geschlecht, nur höchst selten angeboren sein dürfte. Wo diese
-Neigung wirklich angeboren ist, beruht sie auf einer Mißbildung. In
-den allermeisten Fällen ist sie aber gar nicht angeboren, sondern
-zurückzuführen auf die Weise, in welcher das Individuum zum ersten
-Male zum Genusse von intensivsten Wollustempfindungen gekommen ist;
-ein Erlebnis, das bei stark sinnlichen Naturen einen ungemein tiefen
-Eindruck zu hinterlassen pflegt und namentlich Personen mit krankhafter
-psychischer Veranlagung dauernd aus der Bahn normalen Empfindens
-abzulenken vermag.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">= 77 =</a></span></p>
-
-<p>Wie sich’s übrigens verhalten möge, ob die Verirrung angeboren oder
-erworben ist, keineswegs dürfen Staat und Gesellschaft dulden, daß
-diese Personen („Homosexuelle“, „Urninge“) ihre Neigungen ungestört
-befriedigen, ungestört um ihre Art von Liebe werben. Denn wenn man dies
-zuließe, würde die Verführung bald in ungeheurem Maße um sich greifen,
-und wenn nicht die Zahl der Urninge, so doch die der sog. Bisexuellen
-bald zu einem Heere heranwachsen und eine Zeit geschlechtlicher
-Ausartung kommen, wie die, welche den Untergang der antiken Kultur
-herbeiführen half. Der gesetzliche und gesellschaftliche Gegendruck
-ist übrigens eine Wohltat für die Verirrten selbst. Ich kenne mehrere
-Fälle, wo unter diesem Druck solche zur Homosexualität Verführte wieder
-zu durchaus normalem Geschlechtsempfinden zurückgebracht und glückliche
-Gatten und Väter geworden sind.</p>
-
-<p>Über eine einzige Art von abnormaler Befriedigung des
-Geschlechtstriebes muß ich mehr sagen: über die <em class="gesperrt">Masturbation</em>
-oder <em class="gesperrt">Onanie</em>, da dieses Übel ungemein verbreitet ist und
-darüber die verkehrtesten Ansichten herrschen, welche die Schäden
-noch vergrößern. Während die einen erklären, daß das Masturbieren ein
-sehr zweckmäßiges Mittel sei, sich Erleichterung zu verschaffen, wenn
-sich zuviel Samen angesammelt hat und der eheliche Beischlaf nicht
-möglich ist, und daher ebensowenig Tadel verdiene als der Gebrauch des
-Taschentuches oder der Klistierspritze, mit denen man auch der Natur
-nachhilft, sehen andere im Masturbieren das furchtbarste Übel mit den
-schädlichsten Folgen für die Gesundheit. Beide Meinungen sind falsch.</p>
-
-<p>Beim normalen Beischlafe wird die Ejakulation durch mechanische
-Einwirkung der Scheide auf das Glied herbeigeführt. Es ist nicht
-einzusehen, warum es schädlicher sein soll, warum die nervöse
-Erschütterung größer sein soll,<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">= 78 =</a></span> wenn die mechanische Einwirkung auf
-einem anderen Wege vor sich geht als beim natürlichen Beischlaf.
-Mäßig getriebenes Masturbieren ist für den Geschlechtsreifen wohl
-ganz unschädlich, wahrscheinlich sogar weniger gefährlich als der
-unterbrochene Beischlaf.</p>
-
-<p>Nicht in der absoluten Schädlichkeit des einzelnen Aktes liegt
-die Gefahr der Masturbation, sondern vor allem darin, daß, da zum
-Beischlafe zwei Personen notwendig sind, zur Masturbation aber nur
-eine, <em class="gesperrt">die Gelegenheit zum Masturbieren ungeheuer viel größer ist als
-die zum Beischlaf und damit auch die Verlockung zur Unmäßigkeit ganz
-ungeheuer wächst</em>! Die Leiden, die der Arzt so häufig bei Onanisten
-findet, sind dieselben, wie sie nach exzessiver Unmäßigkeit im
-Beischlafe auftreten: also Verstimmung, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit,
-Druck und Schmerzen in der Lendengegend, Störungen der Ernährung,
-Schwächung des Gedächtnisse und der übrigen geistigen Fähigkeiten,
-Schwäche der Willenskraft, Schwäche der Erektionen, vorzeitiger
-Eintritt der Ejakulation und damit Schwierigkeiten, den normalen
-Beischlaf auszuführen. Wenn diese Störungen so viel häufiger und
-ausgeprägter bei Onanisten als bei Koitierenden angetroffen werden,
-so liegt dies eben daran, daß der Koitus selten durch längere Zeit
-so unmäßig geübt wird, wie dies bei Masturbation vorkommt, und dann
-daran, daß <em class="gesperrt">die Masturbation vor allem von geschlechtsunreifen oder
-halbreifen Knaben und Jünglingen betrieben wird, für welche jede
-Betätigung des Geschlechtstriebes ungesund ist</em>.</p>
-
-<p>Es muß daher die ernsteste Sorge der Eltern und Erzieher sein, die
-Kinder vor diesem hygienischen Laster zu behüten. (Auch Mädchen
-masturbieren!)</p>
-
-<p>In den allermeisten Fällen verfallen die Kinder nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">= 79 =</a></span> von selbst
-darauf, sondern kommen durch Verführung und böses Beispiel dazu.
-<em class="gesperrt">Sorgfältige Auswahl der Spielkameraden und Gefährten und beständige
-Überwachung des Verkehrs der Kinder miteinander sind daher der
-wichtigste Schutz.</em></p>
-
-<p>Nichts macht die Kinder der Verführung zugänglicher als die
-unbefriedigte Neugierde bezüglich der Herkunft der Kinder. Es ist
-daher im höchsten Grade töricht, die Kinder mit dem Storchenmärchen
-abzuspeisen, statt sie rechtzeitig in <em class="gesperrt">beschränktem Umfange</em>
-aufzuklären. Die Zeit zwischen dem zehnten und zwölften Jahre ist dazu
-am besten geeignet; die Kinder haben schon genug Verständnis, während
-ihr Geschlechtstrieb noch nicht erwacht ist. Ohne viel Aufheben zu
-machen, zeige man den Kindern in der Blüte auch die Staubfäden und
-den Fruchtknoten mit seinen Eiern und erkläre ihnen, daß die Eier
-durch den Pollenstaub befruchtet werden müssen, damit neue Pflanzen
-daraus hervorgehen können. Wenn die Kinder Käfer oder Schmetterlinge
-finden oder Hunde auf der Straße sehen, die gerade in der Begattung
-begriffen sind, <em class="gesperrt">und man ihrer Frage nicht ausweichen kann, ohne
-ihr Mißtrauen gegen unsere Aufrichtigkeit zu erwecken</em>, so sage
-man ihnen kaltblütig, ohne Verlegenheit oder verdächtiges Schmunzeln,
-mit kurzen Worten, daß dies geschehe, damit das Weibchen Eier lege
-bzw. Junge bekomme; <em class="gesperrt">ohne die geringste Andeutung, daß dies für
-die Tiere mit Lustgefühlen verbunden ist</em>! Bei einigem Geschicke
-läßt sich dies so machen, daß das Kind von selbst den erforderlichen
-Analogieschluß zieht, ohne daß seine Phantasie ungebührlich erregt
-wird. <em class="gesperrt">Sollte</em> das Kind fragen, ob es beim Menschen ebenso sei, so
-antworte man <em class="gesperrt">ohne Zögern trocken</em> mit Ja, schneide aber weitere
-Fragen mit einem:<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">= 80 =</a></span> „Das kannst du noch nicht verstehen!“ ab. Schon
-dem ganz kleinen Kinde, das fragt, sage man, daß es von seiner lieben
-Mutter unter Schmerzen geboren worden sei. Man wird davon nur günstige
-Wirkungen sehen. <em class="gesperrt">Dagegen hüte man sich, mit der Aufklärung vorzeitig
-zu weit zu gehen</em> und dadurch erst Aufmerksamkeit und Phantasie des
-Kindes auf das Geschlechtliche zu lenken.</p>
-
-<p>Von frühester Jugend auf muß darauf geachtet werden, daß das Kind
-nicht die üble Gewohnheit annimmt, seine Geschlechtsteile anzufassen,
-das Glied zwischen den Schenkeln zu drücken und ähnliches. Lange vor
-Erwachen des Geschlechtstriebes können sich, wie wir gehört haben,
-Erektionen und Lustempfindungen einstellen, und so kann es kommen,
-daß manchmal Knaben von zwei und drei Jahren schon masturbieren;
-selbstverständlich, ohne daß es zu einer Samenergießung kommt. Wie
-ich aus Erfahrung weiß, kann man dem Kinde sehr leicht Sorge vor den
-schädlichen Folgen der Betastung der Geschlechtsteile beibringen, ohne
-daß man ihm deren Bestimmung auseinanderzusetzen braucht. Der Umstand,
-daß die Geschlechtswerkzeuge zugleich Harnwerkzeuge sind, macht es sehr
-bequem, dem Kinde die üblen gesundheitlichen Folgen von Hantierungen
-an ihnen verständlich zu machen. Diese Belehrung wird dem Kinde um so
-weniger auffallen, je mehr man ihm auch sonst hygienische Ratschläge
-gibt und es zu hygienischer Lebensweise anleitet.</p>
-
-<p>Überaus wichtig ist es, den Körper der Kinder, namentlich die
-Geschlechtsteile, reinzuhalten &mdash; selbstverständlich, ohne sie durch
-<em class="gesperrt">zartes</em> Reiben zu reizen &mdash;, Hautausschläge rasch behandeln zu
-lassen, damit nicht Jucken zur Masturbation führe. Die Körperwaschungen
-müssen auch benützt werden, um einen lebhaften <em class="gesperrt">Ekel gegen alles
-Unreine</em>, alle unreinen Berührungen usw. anzuerziehen.<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">= 81 =</a></span> Dieser Ekel
-wird zu einem nicht zu unterschätzenden Schutzmittel sowohl gegen
-widernatürliche Hantierungen als gegen den Verkehr mit den von so
-vielen Männern besudelten Prostituierten.</p>
-
-<p>Die Kinder sollen geschlossene Hosen tragen, so daß sie die
-Geschlechtsteile nicht ohne weiteres mit der Hand erreichen können;
-andererseits sollen die Hosen weit genug sein, um nicht zu drücken
-und zu spannen. Man bringe die Kinder müde zu Bett, so daß sie sofort
-einschlafen, und lasse sie alsbald nach dem Erwachen aufstehen.
-Man dulde nicht, daß sie die Hände unter die Bettdecke schieben,
-geradesowenig als daß die Knaben mit den Händen in den Hosentaschen
-umhergehen und sitzen. Man sehe häufig nach, ob die Nähte der
-Hosentaschen nicht zerrissen sind und so nicht etwa ein verborgener
-Weg zu den Geschlechtsteilen eröffnet ist. Im übrigen helfen alle
-jene Maßregeln, die wir früher schon als Mittel zur Erleichterung
-der Enthaltsamkeit kennen gelernt haben, auch zur Verhütung der
-Masturbation.</p>
-
-<p>Die wichtigsten Vorbeugungsmaßregeln, um die Kinder von sexuellen
-Verirrungen und späterhin von ungezügeltem Geschlechtsgenusse
-zurückzuhalten, sind <em class="gesperrt">Erziehung zu Pflichterfüllung,
-Selbstbeherrschung und freiwilliger Enthaltung von einzelnen
-Genüssen</em> überhaupt; ohne diese werden alle anderen wenig helfen.</p>
-
-<p>Ist ein Kind bereits auf das Masturbieren verfallen, so sind alle
-eben besprochenen Maßregeln um so strenger anzuwenden und das Kind
-beständig zu überwachen. Namentlich achte man auch darauf, daß es
-nicht zu lange auf dem Abort verweile. Übertriebene Strenge und harte
-Bestrafungen sind nicht am Platze. Viel nützlicher ist es, das Kind
-selbst zu belehren und sein Vertrauen zu gewinnen. Im übrigen lasse
-man sich durch die übertriebenen Schilderungen, die man nicht selten
-auch in ärztlichen Schriften aus früherer Zeit findet, nicht allzusehr
-erschrecken. Wenn die<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">= 82 =</a></span> Masturbation nicht exzessiv getrieben wird,
-tritt geradeso wie nach Übermaß im Beischlaf bei Enthaltsamkeit und
-passender Lebensweise wieder vollständige Erholung ein. Sehr schwere
-Gesundheitsstörungen sind überhaupt selten. Wenn man liest, daß infolge
-von exzessiver Masturbation Geistesstörungen, Krämpfe, Veitstanz und
-Epilepsie auftreten, so liegt eine Verwechslung von Ursache und Wirkung
-vor. Das Verhältnis ist vielmehr dies, daß zügellose Masturbation ein
-Zeichen einer schon bestehenden psychischen Krankhaftigkeit ist, die
-sich dann später zu den genannten Krankheiten ausbildet.</p>
-
-<p>Eine sehr häufige Erscheinung ist, daß junge Männer, die, nachdem sie
-gewohnheitsmäßig masturbiert haben, in die Ehe treten, fürs erste nicht
-fähig sind, den Beischlaf auszuführen. Es ist dies fast immer nur die
-Folge ihrer Besorgnis, daß sie zum Beischlafe nicht fähig sein werden,
-da sie in den populären Schriften gelesen haben, daß die Masturbation
-zur Impotenz führe. Ihre Aufregung hemmt das Zustandekommen der
-Erektion. In einem solchen Falle heißt es nichts erzwingen wollen und
-<em class="gesperrt">in Geduld die gute Stunde abwarten</em>. Sie kommt ganz bestimmt, und
-mit dem ersten Gelingen sind alle Schwierigkeiten überwunden.</p>
-
-<p>Die Neigung zur Masturbation erlischt beim gesunden Manne meist sofort,
-wenn er den normalen Geschlechtsverkehr kennen gelernt hat. Dies ist
-der Grund dafür, daß masturbierenden jungen Männern häufig der Rat
-gegeben wird, Prostituierte aufzusuchen. Ich halte dies aber für eine
-verwerfliche Torheit, da &mdash; um von allem anderen zu schweigen &mdash;
-das <em class="gesperrt">Masturbieren für den gesunden Geschlechtsreifen eine winzige
-Schädlichkeit ist verglichen mit den venerischen Krankheiten</em>, die
-man sich im Verkehr mit Prostituierten früher oder später fast mit
-Gewißheit<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">= 83 =</a></span> holt. Einen Unreifen aber frühzeitig zum Beischlafe mit
-Prostituierten verlocken hieße erst recht ihn völlig in die Gefahr des
-Verderbens stürzen.</p>
-
-<p>Ich mußte die Besorgnis wegen der Schädlichkeit des Masturbierens
-auf das richtige Maß zurückführen, da die beständige Angst und die
-Verzweiflung des Masturbierenden die Schädlichkeit seines Tuns ganz
-wesentlich steigert. Der Jüngling möge aber darin keinen Anlaß finden,
-weniger energisch gegen eine etwa bei ihm vorhandene Neigung dazu
-anzukämpfen. Denn grade für den Jüngling ist es fast unmöglich, Maß zu
-halten, wenn er einmal der Verlockung erlegen ist. Und wenn ihm die
-strotzenden Hoden Beunruhigung schaffen, so möge er stets bedenken,
-daß von dieser strotzenden Fülle seiner Geschlechtsdrüsen auch das
-beglückende Gefühl der Lebensfreude und der Jugendkraft, sein Wagemut
-und seine Tatenkraft abhängen, und daß er sich des größten irdischen
-Glücken beraubt, wenn er sich durch Gebrauch eines elenden Surrogats
-bereits abgestumpft hat, bevor er zum ersten Male ein geliebtes Weib
-umarmt.</p>
-
-<p>In der Anziehung, welche die beiden Geschlechter aufeinander ausüben,
-liegt der reizvolle Zauber der Jugend. Das geschlechtliche Verlangen
-zieht uns zu unserem Wohle unwiderstehlich in die menschliche
-Gemeinschaft. Derjenige, der sich selbst befriedigt, wird leicht zum
-vereinsamten Sonderling und Selbstling.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 id="Kapitel_8">8. Kapitel.<br />
-
-<b>Die venerischen Krankheiten und ihre Verhütung.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p>„Die Wollust der Kreaturen ist gemengt mit Bitterkeit.“ Der Leser
-dieser Blätter hat bereits die Wahrheit dieses Ausspruches vielfach
-bestätigt gesehen. Und noch haben wir von den schlimmsten Übeln, die
-der Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">= 84 =</a></span>schlechtsverkehr bringen kann, gar nicht eingehender gesprochen.</p>
-
-<p>Es gibt drei ansteckende Krankheiten, die hauptsächlich durch den
-Geschlechtsverkehr verbreitet werden und daher <em class="gesperrt">venerische</em>
-Krankheiten genannt werden. Es sind diese der <em class="gesperrt">weiche Schanker</em>,
-der <em class="gesperrt">Tripper</em> und die <em class="gesperrt">Syphilis</em>. Es ist möglich, sich mit
-allen drei Krankheiten auf einmal anzustecken.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">weiche Schanker</em> ist unter ihnen die am wenigsten
-gefährliche, ein Geschwür an den Geschlechtsteilen, beim Manne
-besonders häufig am Randwulste der Eichel, das bei frühzeitiger
-geeigneter Behandlung in der Regel bald heilt, ohne schlimme Folgen
-zu hinterlassen. Doch kann auch diese Krankheit ärger verlaufen.
-Insbesondere kommt es nicht selten zu Anschwellungen der Vorhaut, die
-so stark werden können, daß die Vorhaut nicht mehr über die Eichel vor-
-oder zurückgeschoben werden kann, wodurch äußerst heftige Schmerzen
-entstehen; ferner zu schmerzhaften und gefährlichen Vereiterungen
-der Lymphdrüsen in der Leistenbeuge, den sog. <em class="gesperrt">Bubonen</em>. Jedes
-kleinste Geschwürchen, jede kleinste Abschürfung am Gliede darf
-übrigens schon deshalb nicht leicht genommen werden, weil es sich dabei
-um syphilitische Ansteckung handeln kann und der Laie dies nicht zu
-entscheiden vermag.</p>
-
-<p>Mit großem Unrechte hält man vielfach den <em class="gesperrt">Tripper</em> für eine ganz
-ungefährliche Krankheit. Die bakteriologischen Forschungen haben erst
-ins volle Licht gesetzt, wie gefährlich diese Krankheit dem Manne
-werden kann und ein wie schreckliches Leiden sie sehr häufig für die
-Frau ist.</p>
-
-<p>Beim Manne tritt der Tripper als eine eiternde Entzündung der
-Schleimhaut des vorderen Teiles der Harnröhre auf. Er beginnt meistens
-am dritten Tage nach dem unreinen Beischlafe, seltener später, im
-Laufe der ersten oder der zweiten Woche, mit einem geringfügigen,
-wasser<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">= 85 =</a></span>hellen Ausflusse aus der Harnröhre, Rötung der Lippen der
-Harnröhre und Brennen und Kitzeln in derselben. Der Ausfluß wird
-bald eitrig und nimmt rasch an Menge zu. Der Tripper ist immer sehr
-schmerzhaft, heilt aber in der Regel leicht, wenn der Erkrankte so
-rasch als möglich ärztliche Hilfe sucht. In böseren Fällen aber,
-oder wenn die Erkrankung vernachlässigt worden ist, greift die
-Entzündung in der Harnröhre weiter nach hinten und von der Schleimhaut
-in die darunterliegenden Gewebe. Bei der Ausheilung, die dann nur
-schwierig und oft erst nach Monaten und Jahren vollständig wird,
-kommt es häufig zu Narben, die sich mit der Zeit zusammenziehen (sog.
-<em class="gesperrt">Strikturen</em>) und durch die Beschwerden, welche sie, namentlich
-beim Beischlafe und beim Harnlassen, beim Reiten und Fahren, aber
-auch schon bei ruhigem Sitzen veranlassen, das Leben für immer
-verbittern können. Die Tripperentzündung kann sich aber auch noch
-weiter ausbreiten: auf die Cowperschen Drüsen, auf die Vorsteherdrüse,
-auf die Blasendrüsen („Samenblasen“), auf die Harnblase und durch die
-Harnleiter hinauf bis auf die Nieren. Gar nicht selten ergreift sie
-auch die Nebenhoden und führt dadurch zur Unfruchtbarkeit. Auch in
-entfernte Körpergegenden kann der Erreger des Trippers, der Gonokokkus,
-durch den Blut- und Lymphstrom verschleppt werden und dort Entzündungen
-hervorrufen. So kommen Tripperentzündungen und Eiterungen in den
-Gelenken vor; so können Entzündungen der Herzklappen, des Rippenfells,
-des Rückenmarkes entstehen; schwere Leiden, die selbst zum Tod führen
-können.</p>
-
-<p>Noch viel gefährlicher als für den Mann ist der Tripper für die Frau.
-Auch bei ihr beginnt die Erkrankung in der Regel in der Harnröhre; sie
-verbreitet sich aber rasch weiter und ergreift zunächst hauptsächlich
-die Bartholinischen Drüsen und den Mutterhals. Sie hat eine große
-Neigung,<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">= 86 =</a></span> in das innere Genitale einzudringen. Es kommt zu Entzündungen
-der Gebärmutter, der Eileiter, der Eierstöcke und des diese Organe
-umgebenden Bindegewebes. Ist die Entzündung einmal in diese tieferen
-Teile eingedrungen, dann ist sie meistens unheilbar. In der Regel
-ist sie nicht geradezu lebensgefährlich, obwohl Fälle vorkommen, wo
-Bauchfellentzündung verhältnismäßig rasch zum Tode führt, und obwohl
-natürlich bei der Frau wie beim Manne entfernte lebenswichtige Organe
-ergriffen werden können. Aber stets ist die unheilbar gewordene
-Tripperentzündung der inneren Geschlechtsorgane ein Leiden, das der
-Frau durch beständige Schmerzen und Beschwerden das Leben verbittert,
-ihre Blüte und körperliche Leistungfähigkeit vernichtet und ihr
-meistens die Fähigkeit, befruchtet zu werden, raubt.</p>
-
-<p>Der Trippereiter bzw. der in ihm befindliche Gonokokkus ist äußerst
-ansteckend. Außer durch den Beischlaf kann er auch durch die Finger,
-durch mit frischem Eiter beschmutzte Kleidungsstücke und Instrumente
-übertragen werden. Wiederholt sind auch Ansteckungen kleiner Mädchen
-durch Wasser in Badebecken und Badewannen, in denen Tripperkranke
-gebadet hatten, vorgekommen. Besonders muß betont werden, daß die
-<em class="gesperrt">Bindehaut des Auges</em> sehr leicht mit dem Gonokokkus zu infizieren
-ist und die so entstehenden Augenentzündungen zu den allerbösartigsten
-gehören. Zu dieser Infektion der Augen kommt es besonders leicht, wenn
-das Kind bei der Geburt durch die Scheide und die Schamspalte der
-tripperkranken Mutter durchgedrückt wird. Es kommt so die berüchtigte
-ansteckende Augenentzündung der Neugeborenen zustande, welche in mehr
-als zehn Prozent der Fälle beiderseitiger Blindheit die Ursache der
-Erblindung ist!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Die Tripperkrankheit ist während ihrer ganzen Dauer
-ansteckungsfähig.</em> Besonders<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">= 87 =</a></span> schlimm ist dabei, daß die sichtbaren
-Krankheitserscheinungen bei einem lange bestehenden Tripper so
-unbedeutend werden können, daß selbst der Arzt sie leicht übersieht.
-Da der chronische Tripper in der Regel keine Schmerzen verursacht,
-kann der Mann glauben, er sei völlig genesen, und doch die Gattin beim
-ersten Beischlafe anstecken!</p>
-
-<p>Der Tripper ist furchtbar verbreitet. In manchen Städten bekommen
-nach und nach alle Männer, welche außerehelichen Beischlaf ausüben,
-den Tripper, und auf manchen Frauenkliniken hat man festgestellt, daß
-der vierte Teil aller Patientinnen daran leidet. Etwa sieben Prozent
-der heutigen Ehen sind wegen dieser Krankheit völlig unfruchtbar, sei
-es, daß der Mann, sei es, daß die Frau zeugungsunfähig geworden ist!
-Und weitere etwa sieben Prozent bringen es nur zu einem Kinde, weil
-der Mann seine Frau zugleich mit der ersten Schwängerung tripperkrank
-gemacht hat!</p>
-
-<p>Noch schlimmer als der Tripper ist die dritte venerische Krankheit,
-die durch die <span class="antiqua">Spirochaete pallida</span> erzeugte <em class="gesperrt">Syphilis</em>, da
-sie den ganzen Organismus ergreift. Man unterscheidet drei Stadien der
-Krankheit.</p>
-
-<p>Etwa vierzehn Tage bis drei Wochen nach der Ansteckung bildet sich ein
-derbes, rotes Knötchen, das an der Oberfläche wund oder geschwürig
-wird. (<em class="gesperrt">Primäre Syphilis, harter Schanker.</em>) Bald stellt sich
-auch Schwellung der benachbarten Drüsen ein. Nicht selten sind diese
-Krankheitserscheinungen so unbedeutend, daß sie leicht vollständig
-übersehen werden.</p>
-
-<p>Acht bis zehn Wochen nach Auftreten des Geschwürs kommt es zu
-Allgemeinerscheinungen: die Ernährung leidet, der Kranke wird nervös
-reizbar, unter Fieber und Kopfschmerzen bilden sich Ausschläge auf der
-Haut und auf den Schleimhäuten, besonders auf denen des Mundes und des
-Rachens; auch Knochenhautentzündungen sind sehr häufig.<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">= 88 =</a></span> Nach einiger
-Zeit verschwinden diese Krankheitserscheinungen. Nach einer Pause von
-etwa sechs Monaten kommen sie aber wieder, und dieses Verschwinden
-und Wiederauftreten wiederholt sich nun durch zwei bis drei Jahre
-alle drei bis sechs Monate. Man nennt dieses Stadium der Krankheit
-<em class="gesperrt">sekundäre Syphilis</em>. Während der harte Schanker im Beginne ein
-rein örtliches Leiden ist, krankt bei der sekundären Syphilis der
-ganze Körper. Nach der angegebenen Zeit, also nach zwei bis drei und
-vier Jahren vom Beginne der Krankheit an, tritt scheinbar Genesung
-ein. Aber oft zeigen <em class="gesperrt">schwere</em> Erkrankungen, die <em class="gesperrt">nach vielen
-Jahren</em> auftreten, daß der Schein getrogen hat. Namentlich sind
-Erkrankungen des Zentralnervensystems, Geschwülste (sog. <em class="gesperrt">tertiäre
-Syphilis</em>), <em class="gesperrt">Tabes</em> (oder Rückenmarksdarre) und <em class="gesperrt">progressive
-Paralyse</em> (oder fortschreitende Verblödung) solche späte Folgen
-der syphilitischen Ansteckung.<a name="FNAnker_F_6" id="FNAnker_F_6"></a><a href="#Fussnote_F_6" class="fnanchor">[F]</a> Überaus häufig bleibt auch nach
-der definitiven Genesung von der Syphilis der Organismus dauernd
-geschädigt und geschwächt. Insbesondere nehmen die Blutgefäße dauernden
-Schaden. <em class="gesperrt">Syphilitiker haben im Durchschnitte eine erheblich kürzere
-Lebensdauer als Leute, welche niemals an Syphilis erkrankt waren.</em>
-Nach den Erfahrungen der Gothaer Lebensversicherungsanstalt in den
-Jahren 1852 bis 1905 ist die Sterblichkeit jener Versicherten, welche
-Syphilis durchgemacht haben, um 68 Prozent höher als jene der von
-Syphilis verschont gebliebenen. In der Altersklasse von 36 bis 50
-Jahren beträgt die Sterblichkeit der ersteren sogar 186 Prozent von
-jener der letzteren, also fast das Doppelte.</p>
-
-<p>Die Kranken sind <em class="gesperrt">sicher ansteckend während<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">= 89 =</a></span> des ganzen ersten und
-zweiten Stadiums</em> und während des letzteren sowohl zur Zeit, wo
-Krankheitserscheinungen wahrnehmbar sind (Floreszenz), <em class="gesperrt">als in den
-Pausen</em> (Latenz). Nach neueren Erfahrungen können sogar auch noch
-in späterer Zeit, wenn schon lange keine Krankheitserscheinungen mehr
-aufgetreten sind, Ansteckungen erfolgen.</p>
-
-<p>Der Ansteckungsstoff ist vorhanden in den Absonderungen der Geschwüre
-und wunden, nässenden Stellen, in den abgestoßenen Oberhautschüppchen
-der erkrankten Hautstellen, während des sekundären Stadiums im Blute
-und in <em class="gesperrt">allen</em> Absonderungen, besonders auch im Speichel und im
-Mundschleime.</p>
-
-<p>Die Ansteckung erfolgt daher, <em class="gesperrt">wenn auch weitaus am häufigsten</em>
-beim Beischlafe, so doch nicht allein dabei, sondern auch von Mund
-zu Mund beim <em class="gesperrt">Kusse</em> oder durch gemeinsam benutzte Eß- und
-Trinkgeschirre, Tabakpfeifen, Musikinstrumente u. dgl., bei kleinen
-Verletzungen direkt auf die Finger, Hände und andere Körperstellen, von
-der Brustwarze der Amme auf den Säugling und umgekehrt vom Säugling auf
-die Amme. Auch bei kleinsten Operationen, z. B. bei der Impfung, kann
-durch infizierte Instrumente die Übertragung erfolgen.</p>
-
-<p>Von den Eltern kann direkt schon bei der Zeugung Syphilis auf die
-Nachkommenschaft übertragen werden. Ein gesund erzeugtes Kind
-kann im Mutterleibe infiziert werden, wenn die Mutter während der
-Schwangerschaft syphilitisch wird. Wir haben schon davon gesprochen,
-sowie davon, daß die elterliche Syphilis für die Nachkommenschaft
-auch dann verderblich werden kann, wenn das Kind nicht angesteckt
-wird, indem die Schädigung des elterlichen Körpers durch das vom
-Krankheitserreger erzeugte Gift auch eine Schädigung der Keime zur
-Folge hat, so daß die Kinder lebensschwach und elend ausfallen,
-Entwicklungshemmungen und Bildungsfehler, Skrofulose und andere<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">= 90 =</a></span>
-Krankheiten der Ernährung aufweisen. Noch in der zweiten Generation
-kann, namentlich wenn die Frau hereditär syphilitisch ist, Neigung zu
-Abortus, Totgeburt und Geburt lebensschwacher Kinder vorhanden sein.</p>
-
-<p>Die Gefahr für die Nachkommenschaft besteht hauptsächlich während des
-primären und sekundären Stadiums, in den ersten drei bis vier Jahren
-nach der Infektion. Nach Ablauf dieses Stadiums werden in der Regel
-normale Kinder erzeugt. Doch auch noch bei manchen von diesen später
-Erzeugten gibt sich durch mancherlei krankhafte Zustände und Anlagen
-die Andauer der Störung der elterlichen Keimbildung kund.</p>
-
-<p>Das Überstehen der Syphilis macht für eine neue Infektion
-unempfänglich, es ruft, wie man zu sagen pflegt, <em class="gesperrt">erworbene
-Immunität</em> hervor.</p>
-
-<p>Auch die Syphilis ist ungeheuer verbreitet. In den verschiedenen
-Gebieten Mitteleuropa dürften mindestens fünf bis zehn Prozent der
-ganzen Bevölkerung im Laufe ihres Lebens syphilitisch infiziert werden;
-in den Großstädten sind es noch sehr viel mehr; in Berlin mindestens 40
-Prozent der geschlechtsreifen Männer!</p>
-
-<p>Es ist klar, daß unter diesen Umständen der <em class="gesperrt">außereheliche
-Geschlechtsverkehr stets gefährlich ist</em>. <em class="gesperrt">Jede Frau, die bereits
-geschlechtlich verkehrt hat, ist verdächtig, eine venerische Krankheit
-durchgemacht zu haben oder noch venerisch krank zu sein</em>, und ebenso
-muß die Frau jeden Mann, der bereits den Beischlaf ausgeübt hat, von
-vornherein als verdächtig ansehen. Die Hauptquelle der Ansteckung sind
-jedoch ohne Zweifel die Prostituierten (Dirnen, Huren), die gegen
-Bezahlung jeden zum Beischlaf zulassen. Nahezu <em class="gesperrt">alle</em> erkranken
-früher oder später an Tripper und weichem Schanker, die meisten auch an
-Syphilis. Man hat in St. Petersburg konstatiert,<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">= 91 =</a></span> daß von 100 Mädchen,
-die das Gewerbe der Prostitution beginnen, binnen fünf Jahren 80
-syphilitisch wurden. Von 100 Bordellmädchen wurden jährlich 12 bis 51
-wegen Syphilis ärztlich behandelt. In Berlin erkrankten laut Erhebungen
-von den freilebenden Prostituierten jährlich 32 bis 82 Prozent an
-venerischen Krankheiten, in Budapest von den Bordellmädchen 144 bis 180
-Prozent.</p>
-
-<p>Man bemüht sich, durch polizeiliche Überwachung die Prostitution
-ungefährlich zu machen, indem man die erkrankten Prostituierten so
-rasch als möglich herauszufinden sucht, um sie dann abzusondern und
-ärztlich zu behandeln bis zur Genesung oder wenigstens bis zu dem
-Zeitpunkte, wo sie nicht mehr ansteckungsfähig sind.</p>
-
-<p>Dieses Ziel läßt sich aber nur höchst unvollkommen erreichen. Vor allem
-ist es unmöglich, alle Prostituierten zur Untersuchung heranzuziehen,
-da die Prostitution in allen möglichen verlarvten Formen auftritt
-(geheime Prostitution) und auch die unverhüllte Prostitution sich den
-Augen der Polizei so viel als möglich zu entziehen sucht; &mdash; in den
-Großstädten wenigstens &mdash; zum guten Teile mit Erfolg. Je schärfer
-die Polizei gegen die Prostituierten vorgeht, um so hartnäckiger und
-erfinderischer suchen sich die Prostituierten vor ihr zu verbergen.</p>
-
-<p>Ferner ist es unter Umständen ungemein schwierig, festzustellen, ob
-die Prostituierte krank ist oder nicht. Ein chronisch gewordener
-Tripper macht auch bei der Frau so geringe wahrnehmbare Erscheinungen,
-daß sehr häufig nur wiederholte mikroskopische Untersuchungen die
-Diagnose der Krankheit ermöglichen. Floride Syphilis ist zwar leicht
-zu erkennen, aber im latenten Stadium der sekundären Syphilis können
-alle Krankheitszeichen fehlen, während die Prostituierte doch infektiös
-ist. Sechs Siebentel aller syphilitischen Männer, die <em class="gesperrt">Sperk</em> in
-Petersburg behandelt hat, haben sich bei latent syphilitischen Dirnen
-angesteckt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">= 92 =</a></span></p>
-
-<p>Ein Mädchen, das heute gesund befunden worden ist, kann bei der
-ungeheuren Häufigkeit der venerischen Krankheiten in der nächsten
-Stunde angesteckt werden. Sie kann schon angesteckt sein, ohne daß die
-Krankheitserscheinungen schon ausgebrochen sind. Aber am nächsten Tage
-brechen sie aus, und nun ist sie ansteckend. Ja, es sind sogar Fälle
-sichergestellt, wo die Dirne die Krankheit von einem Manne unmittelbar
-auf den nächsten Besucher übertragen hat, ohne selbst zu erkranken.
-Etwas von dem, was der erste Besucher gebracht hat, hat der zweite
-sofort wieder mitgenommen.</p>
-
-<p>Hat man die Erkrankten herausgefunden, so ist es fast unmöglich,
-sie so lange abzusondern, bis sie nicht mehr ansteckungsfähig sind;
-die syphilitischen Dirnen müßten durch drei bis vier Jahre, die
-tripperkranken, sobald ihre inneren Organe ergriffen sind, eigentlich
-für immer abgeschlossen gehalten werden!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Jeder, dem Leben und Gesundheit lieb sind, jeder, der sich eine
-gesunde Nachkommenschaft wünscht, sollte schon dieser ungeheuren Gefahr
-wegen die Prostitution meiden.</em></p>
-
-<p>Ebenso wie den größten <em class="gesperrt">physischen</em> Abscheu sollte der Verkehr mit
-Prostituierten auch den größten <em class="gesperrt">moralischen</em> Abscheu erwecken.
-Lust ohne Liebe ist gemein und macht gemein, und die Hingabe des
-Körpers gegen Geld ist die tiefste Erniedrigung der Frau. Der Mitmensch
-in der Frau sollte uns zu hoch stehen, als daß wir sie einfach zum
-Werkzeug unserer Lust herabwürdigen; das Mitleid sollte uns abhalten,
-dieses Gewerbe fördern zu helfen, das die ungeheure Mehrzahl der
-unglücklichen Frauen, die sich ihm ergeben haben, körperlich und
-geistig zugrunde richtet!</p>
-
-<p>Wie sehr sind auch die armen Wichte selbst zu bedauern, die das Feuer
-ihrer ungebrochenen Jugendkraft an Wesen verschwenden, die, wie die
-Dirnen, zum größten Teile<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">= 93 =</a></span> von Geburt aus tiefstehende, psychisch
-verkrüppelte Geschöpfe sind &mdash; Vagabunden- und Verbrechernaturen
-ins Weibliche übersetzt! &mdash;, die auch infolge des Mißbrauchs ihrer
-Organe die rein physische Genußfähigkeit längst verloren haben und nur
-des Geschäft wegen mühsam heucheln, als ob sie beim Beischlaf noch
-irgendeine Wollustempfindung hätten!</p>
-
-<p>Als Moralist könnte ich damit schließen; aber ich bin Arzt und fühle
-Erbarmen mit der menschlichen Schwäche und fühle die Verpflichtung,
-wenigstens physischen Schaden so viel als möglich zu verhüten, wenn ich
-schon den sittlichen Schaden nicht verhindern kann. Ich fühle diese
-Verpflichtung um so lebhafter, als die venerischen Krankheiten nicht
-bloß den Sünder bedrohen, der sich leichtfertig in die Gefahr stürzt,
-sondern auch völlig Unschuldige und das Volk in seiner Gesamtheit.</p>
-
-<p>Ich will daher zunächst sagen, wie man die Gefahr, im
-Geschlechtsverkehr angesteckt zu werden, <em class="gesperrt">vermindern</em> kann; <em class="gesperrt">sie
-mit Sicherheit auszuschließen, ist bis jetzt unmöglich</em>!</p>
-
-<p>Das weitaus beste Mittel gegen die Ansteckung, das wir heute kennen,
-ist der <em class="gesperrt">Kondom</em> (s. <a href="#Seite_74">S. 74</a>); <em class="gesperrt">ihn beim Verkehr mit Dirnen,
-<b>beim außerehelichen Beischlafe überhaupt</b> nicht gebrauchen ist
-bodenloser Leichtsinn</em>! Wenn er während des Beischlafes hält,
-schützt er das Glied, den am meisten gefährdeten Körperteil, gegen
-alle drei Infektionen, und ebenso schützt er auch die Frau vor
-dem angesteckten, z. B. mit chronischem Tripper behafteten Manne.
-Aber dünnere Fabrikate reißen leicht; billigere und schlechtere
-sogenannte Fischblasen sind sehr häufig von vornherein nicht völlig
-dicht; Gummikondoms werden bei der Aufbewahrung sehr rasch brüchig.
-Es wäre daher töricht, dem Kondom ganz sorglos zu vertrauen.
-Ferner ist zu be<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">= 94 =</a></span>denken, daß der Kondom nach dem Beischlafe an
-seiner <em class="gesperrt">Außenseite</em> Infektionskeime tragen kann, daß man sich
-daher auch noch beim Abziehen desselben infizieren kann. Auch an
-die Nachbarschaft des Gliedes, auf den Hodensack usw., kann beim
-Beischlafe Infektionsstoff gekommen sein, und auch mit den Fingern
-kann man welchen aufgenommen haben, während das syphilitische Gift,
-wie wir gehört haben, an den verschiedensten Stellen der Haut und der
-Schleimhäute haften und durch die kleinsten Verletzungen eindringen
-kann. Die Benützung des Kondoms muß daher auf alle Fälle durch
-sorgfältige Waschung mit einer kräftigen Desinfektionsflüssigkeit, am
-besten mit 1 Promille Sublimatlösung (eine 1 <span class="antiqua">g</span>-Pastille auf 1
-<span class="antiqua">l</span> Wasser) ergänzt werden. Mit dieser Lösung muß vor allem die
-Außenseite des Kondoms abgewaschen werden, bevor dieser vom Gliede
-abgezogen wird, dann Glied, Hodensack und ihre ganze Nachbarschaft
-sowie die Hände.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Viel unsicherer</em> als der Kondom ist die Anwendung chemischer
-Desinfektionsmittel. Ich kann sie <em class="gesperrt">nur dann</em> empfehlen,
-<em class="gesperrt">wenn kein Kondom</em> zu haben ist. <em class="gesperrt">Ihre Anwendung ist aber
-jedenfalls viel besser als nichts!</em> Gegen den Tripper gewähren
-Einträufelungen von 10- bis 20prozentigem <em class="gesperrt">Protargol</em>, einer
-Silberverbindung, in die Harnröhre einen verhältnismäßig sicheren
-Schutz, wenn sie unmittelbar nach dem Beischlaf oder wenigstens so
-rasch als möglich &mdash; keinesfalls später als fünf Stunden danach! &mdash;
-vorgenommen werden. Dagegen ist es recht schwierig, durch Waschen
-oder Einsalben des Gliedes die Ansteckung mit Syphilis zu verhüten.
-Bei der deutschen Marine wird nach folgender Vorschrift verfahren:
-<em class="gesperrt">So bald als möglich</em> nach dem Beischlaf wird das Glied,
-insbesondere die Eichel, die Kranzfurche und die Vorhaut, mit Benzin
-gründlich gereinigt. Hierauf werden in<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">= 95 =</a></span> die durch Druck mit zwei
-Fingern senkrecht auf den Schlitz der Eichel zum Klaffen gebrachte
-Harnröhrenmündung mittels einer Pipette zwei bis drei Tropfen 20
-prozentiger Protargollösung eingeträufelt. Einige Tropfen werden auch
-auf ihre äußere Umgebung verteilt. Die Flüssigkeit muß 1 bis 2 Minuten
-lang in der Harnröhrenmündung stehen bleiben; so lange muß diese daher
-nach oben gerichtet und offengehalten werden. Hierauf wird das Glied
-mit 1 promilliger Sublimatlösung gewaschen, schließlich ein mit der
-Sublimatlösung getränkter Wattestreifen in die Eichelfurche eingelegt
-und dort bis zu 12 Stunden lang liegen gelassen. Die Waschung mit der
-Desinfektionslösung muß sehr gründlich vorgenommen werden, und man muß
-darauf achten, daß die <em class="gesperrt">ganze</em> Oberfläche des Gliedes, die Furche
-um die Eichel, das Bändchen, die beiden Blätter der Vorhaut wirklich
-von der Desinfektionsflüssigkeit benetzt werden, und daß alle Teile
-etwa zwei Minuten lang unter der Wirkung der Desinfektionsflüssigkeit
-stehen. Dem Laien wird es nicht so leicht gelingen, alle diese
-Vorschriften zu erfüllen. Die Nachbarschaft des Gliedes und die Hände
-wäscht und desinfiziert man selbstverständlich mit. Die Waschung darf
-natürlich auch nicht so grob ausgeführt werden, daß dabei die zarte
-Oberhaut abgeschürft und dem Ansteckungsstoff geradezu eine Pforte
-eröffnet wird. <em class="gesperrt">Den Beischlaf auszuführen, wenn am Gliede auch nur
-die geringfügigsten Abschürfungen vorhanden sind, ist ganz besonders
-gefährlich und töricht.</em></p>
-
-<p>Statt der Waschungen wird auch <em class="gesperrt">Einsalbung</em> des Gliedes <em class="gesperrt">vor</em>
-und <em class="gesperrt">nach</em> dem Beischlaf angewendet. Die beste Salbe dürfte die
-„<em class="gesperrt">Neisser-Siebertsche Desinfektionssalbe</em>“ sein, welche ebenfalls
-Sublimat enthält. Selbstverständlich muß auch ihre Anwendung mit<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">= 96 =</a></span> der
-Einträufelung von Protargol in die Harnröhre verbunden werden. Billige
-Schutzbestecke mit Benützungsvorschrift (20&ndash;25 Pfg. für einmalige
-Anwendung) sind jetzt wohl in allen Apotheken käuflich. Man verlange
-ausdrücklich solche mit Protargol und Neisser-Siebertscher Salbe.</p>
-
-<p>Wer einen Beischlaf vollzogen hat, der unrein sein konnte, tut gut,
-sein Glied drei Wochen lang jeden Tag genau zu betrachten, ob er daran
-keine Krankheitszeichen wahrnimmt. <em class="gesperrt">Jede Hautabschürfung</em>, jedes
-Eiterpünktchen, Knötchen oder Geschwürchen muß beachtet werden. Man
-untersuche besonders die Eichel und die Furche hinter ihrem Randwulste,
-das Bändchen und die Innenseite der Vorhaut. Sobald man <em class="gesperrt">irgend
-etwas</em> Verdächtiges wahrnimmt, eile man <em class="gesperrt">sofort</em> zum Arzte, um
-die verdächtigen Stellen gründlich verätzen zu lassen. Wenn dies in den
-ersten 24 Stunden, nachdem sich die angegebenen Erscheinungen gezeigt
-haben, geschieht, gelingt es nicht selten, die weitere Entwicklung des
-Schankers und der sekundären Syphilis abzuschneiden.</p>
-
-<p>Nach Besichtigung des Gliedes streife man mit dem Finger der Unterseite
-der Harnröhre entlang von hinten nach vorne und beachte, ob sich auf
-diese Weise ein Tropfen Flüssigkeit aus der Harnröhre herausdrücken
-läßt. Am besten ist es, diesen Versuch am Morgen vor dem ersten
-Harnlassen anzustellen. Tritt ein Tropfen aus der Harnröhre heraus,
-so suche man ebenfalls <em class="gesperrt">sofort</em> den Arzt auf, der sehr häufig
-imstande ist, durch energische Behandlung die Entwicklung des Trippers
-abzuschneiden.</p>
-
-<p>Überhaupt muß jedem, der in bezug auf Geschlechtsverkehr kein reines
-Gewissen hat, auf das allerdringendste empfohlen werden, bei Auftreten
-<em class="gesperrt">irgendwelcher</em> Krankheitserscheinungen nicht allein an den
-Geschlechtsteilen, sondern auch auf der Haut, an den Lippen, an der<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">= 97 =</a></span>
-Schleimhaut des Mundes und des Rachens sogleich zum Arzt zu gehen und
-ihm volle Wahrheit einzuschenken. Verschämtheit oder Unwahrhaftigkeit
-dem Arzte gegenüber wäre das Allertörichteste.</p>
-
-<p>Auch wenn der Tripper, der weiche oder harte Schanker oder die
-sekundäre Syphilis sich schon entwickelt haben, ist volle Heilung
-möglich, wenn frühzeitig kräftige ärztliche Behandlung eingeleitet
-wird. Man befolge daher gewissenhaft die ärztlichen Verordnungen und
-lasse sich nicht durch törichtes Gerede von Naturheilkundigen und
-Kurpfuschern irremachen. Insbesondere bitte ich die Leser, mir, der
-ich gar nicht ärztliche Praxis ausübe, also ganz unverdächtig bin, zu
-glauben, daß die Behandlung der Syphilis mit Quecksilber (z. B. die
-sog. Schmierkur) eines der allerwirksamsten Heilverfahren ist, über
-das die Medizin verfügt, und daß es damit fast immer gelingt, die
-Syphilis wirklich zu heilen, während bei allen anderen seit längerer
-Zeit bekannten Heilverfahren die Gefahr der tertiären Syphilis, der
-Paralyse usw. viel größer ist. Die Heilung der sekundären Syphilis
-durch Quecksilber dauert stets sehr lange, und die Kur muß durch
-zwei bis drei Jahre mehrmals wiederholt werden, bis man des Erfolges
-sicher sein kann. Wir haben ja schon gehört, daß die Syphilis die
-Eigentümlichkeit hat, Pausen zu machen und nach mehreren Monaten zu
-rezidivieren. Der Patient darf also ja nicht die Geduld verlieren, wie
-dies so häufig geschieht. Vorzügliche und rasche Wirkung übt das neue
-von <em class="gesperrt">Ehrlich</em> empfohlene Arsenpräparat „<em class="gesperrt">Salvarsan</em>“ aus. Es
-hilft aber auch nicht in allen Fällen und ist selbst keineswegs ganz
-harmlos für den Körper &mdash; ebensowenig wie das Quecksilber &mdash;, so daß
-es höchst töricht wäre, im Vertrauen auf das Salvarsan die Gefahr der
-Ansteckung mit Syphilis leicht zu nehmen. Die Erfahrungen über das
-Salvarsan dauern noch nicht lange genug, um ein abschließendes Urteil
-über dieses<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">= 98 =</a></span> Heilmittel zu gestatten; es muß aber schon jetzt dem
-Angesteckten auf das dringendste empfohlen werden, sich so früh als
-möglich der Salvarsankur zu unterziehen.</p>
-
-<p>Sorgt der Geschlechtskranke für sich, so muß er auch für andere sorgen.
-Er darf keinen Augenblick vergessen, daß er an einer ansteckenden
-Krankheit leidet. <em class="gesperrt">Jeder Geschlechtsverkehr ist ein nichtswürdiges
-Verbrechen, wenn man weiß, daß man geschlechtskrank ist!</em></p>
-
-<p>Aber auch abgesehen davon muß der Geschlechtskranke vorsichtig sein.
-Der Tripperkranke muß darauf achten, daß er nichts von dem eitrigen
-Ausflusse, der das Ansteckende ist, in seine eigenen Augen bringt. Er
-muß seine Finger, wenn er sie damit beschmutzt haben könnte, stets
-sofort reinigen und desinfizieren, ebenso dafür Sorge tragen, daß alle
-Gegenstände, die infiziert sein können, z. B. Leibwäsche, desinfiziert
-werden, bevor sie anderen Leuten in die Hand kommen.</p>
-
-<p>Wir haben schon gehört, daß der Tripper sehr häufig chronisch wird,
-daß solche langwierige Tripper in der Regel höchst unbedeutende
-Erscheinungen machen, daß sie aber trotzdem noch im hohen Maße
-ansteckend sind. Die Vorsichtsmaßregeln dürfen daher erst dann
-eingestellt werden, wenn durch gründliche ärztliche Untersuchung
-mit Hilfe des Mikroskops die volle Ausheilung bzw. das Ende der
-Ansteckungsfähigkeit festgestellt ist. Dies gilt insbesondere von
-der Ausübung des Beischlafes<a name="FNAnker_G_7" id="FNAnker_G_7"></a><a href="#Fussnote_G_7" class="fnanchor">[G]</a> und von dem Eingehen der Ehe. Da der
-chronische Tripper jahrelang fortbestehen kann, <em class="gesperrt">darf niemand, der an
-Tripper erkrankt war, heiraten, ohne daß ihm dies ein erfahrener Arzt
-nach gründlicher Untersuchung erlaubt hat</em>. Wer anders handelt, ist
-ge<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">= 99 =</a></span>wissenlos. Tausende und Abertausende von armen Frauen werden ohne
-geringstes eigenes Verschulden für die Dauer ihres Lebens siech, weil
-sie von ihrem Gatten, vielleicht gleich in der Hochzeitsnacht, mit
-Tripper angesteckt werden!</p>
-
-<p>Hat der Tripperkranke nur darauf zu achten, daß nichts von dem
-Ausflusse der Harnröhre an einen unrechten Ort gebracht wird, so muß
-der Syphilitische noch viel vorsichtiger sein, da <em class="gesperrt">alle</em> seine
-Absonderungen ansteckend sind und insbesondere durch den Speichel und
-den Mundschleim die Krankheit leicht übertragen wird. Also während
-der ganzen zwei- bis dreijährigen Dauer der sekundären Syphilis nicht
-küssen! insbesondere nicht auf den Mund! Keine gemeinschaftliche
-Benützung von Eß- und Trinkgeschirr, von Tabakpfeifen, von Gerät, das,
-wie Musikinstrumente oder Glasbläserpfeifen, in den Mund genommen
-werden muß.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wie der Tripperkranke darf auch der Syphilitische nicht heiraten
-bzw. nicht den Beischlaf ausüben, bevor jede Gefahr der Ansteckung
-der Frau und der Erzeugung kranker Kinder ausgeschlossen ist.</em> Da
-dies keinesfalls vor Ablauf von vier Jahren nach erfolgter Ansteckung
-sicher ist, muß mit der Ehe so lange gewartet werden. Aber auch nach
-vier Jahren ist eine Ehe nur dann zulässig, wenn eine sorgfältige
-ärztliche Behandlung stattgefunden hat, und wenn mindestens seit einem
-Jahre nicht die geringsten Erscheinungen von Syphilis aufgetreten
-sind. Diese Vorschriften mögen drakonisch scheinen, sie sind aber bei
-der Furchtbarkeit der Folgen eines vorzeitigen Abschlusses der Ehe
-unbedingt geboten.</p>
-
-<p>Alles dieses über die venerischen Krankheiten Gesagte möge sich
-nicht allein der Ehekandidat vor Augen halten, sondern auch die
-Frau, um die geworben wird, bzw. ihre Eltern und Vormünder. Sie
-sollen unbedingt verlangen,<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">= 100 =</a></span> daß der Brautwerber sein <em class="gesperrt">Freisein von
-venerischen Krankheiten</em> durch ein ärztliches Zeugnis nachweist.
-Eigentlich sollte keine Ehe geschlossen werden dürfen, bevor beide
-Brautleute ärztlich untersucht, gesund und frei von gefährlicher
-erblicher Belastung befunden worden sind; zum mindesten sollte
-gesetzlich vorgeschrieben werden, daß die Brautleute ärztliche
-Untersuchungszeugnisse austauschen müssen, damit sie wissen, woran sie
-sind. Unendliches Unheil könnte dadurch verhütet werden! Einen gewissen
-Schutz gegen die Verehelichung mit Kranken wird es schon gewähren, wenn
-es zur allgemeinen Gewohnheit wird, was ja auch aus wirtschaftlichen
-Gründen dringend zu empfehlen ist, <em class="gesperrt">daß die Gatten bei Abschluß
-der Ehe ihr Leben versichern</em>, und die Ehe unterbleibt, wenn die
-Versicherung versagt wird, was in der Regel auf Grund eines ungünstigen
-Ergebnisses der ärztlichen Untersuchung geschieht. Möge sich wenigstem
-dieser Gebrauch rasch einbürgern.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 id="Kapitel_9">9. Kapitel.<br />
-
-<b>Ehe oder freie Liebe.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p>Angesichts der Ekelhaftigkeit und Gefährlichkeit der Prostitution, wie
-sie soeben geschildert worden ist, werden sich gar manche versucht
-fühlen, in einem sog. „Verhältnis“ Befriedigung zu suchen bis zu dem
-Zeitpunkte, wo sie imstande sind, eine Ehe zu schließen. Sie mögen aber
-folgendes zu Herzen nehmen:</p>
-
-<p>Volle Sicherheit vor Ansteckung würde ein solches Verhältnis nur
-dann bieten, wenn es mit einer Jungfrau eingegangen wird und wenn
-beiderseits strenge Treue bewahrt wird, denn bei der heutigen
-Verbreitung der Geschlechtskrankheiten ist, wie schon früher betont
-wurde, <em class="gesperrt">jeder</em><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">= 101 =</a></span> polygamische Verkehr in hohem Grade gefährlich.
-Bei einem Mädchen, das sich leichten Herzens, etwa gar gegen Entgelt
-in irgendwelcher, wenn auch verhüllter Form, zu einem solchen
-„Verhältnisse“ hergibt, darf man aber nicht auf Treue rechnen. Wenn
-es, wie dies so häufig der Fall ist, schon von Hand zu Hand gewandert
-ist, ist es kaum weniger gefährlich als die offenkundige Prostituierte.
-Auch davor sollte sich der von Streben nach Höherem erfüllte junge
-Mann scheuen, daß das Zusammenleben mit einem Mädchen, das geistig und
-gemütlich tief steht, das kein Verständnis für seine Ziele hat und nur
-triviale Vergnügungen kennt, sein eigenes Kulturniveau erniedrigen muß.
-Ein solches „Liebesverhältnis“ beschmutzt <em class="gesperrt">seelisch</em> weit mehr als
-der gelegentliche Besuch bei einer Prostituierten, der den Charakter
-einer Notdurftsverrichtung, wie der Besuch eines öffentlichen Aborts,
-hat.</p>
-
-<p>Der unerfahrene Jüngling lasse sich auch gesagt sein, daß für ein
-weibliches Wesen nichts leichter ist, als Liebe und Verlangen zu
-heucheln, und daß es nicht wenige niedrig denkende Weiber gibt, die mit
-klarer Überlegung auf den Fang von solchen Gimpeln ausgehen, die, durch
-den Geschlechtstrieb blind gemacht, bereit sind, der Frau, welche ihnen
-Liebe heuchelt und die letzte Gunst gewährt, Geld und Arbeitskraft zu
-opfern, ihr die Sorge um den Lebensunterhalt wenigstens für einige
-Zeit, wenn nicht für immer abzunehmen, ihre Luxusbedürfnisse und
-Launen zu befriedigen. Gar mancher Harmlose meint zu erobern, während
-er wehrlos gefangen wird. Die Frau, die im selbständigen Lebenskampfe
-dem Manne nicht gewachsen ist, besitzt in der klugen Benutzung des
-männlichen Triebes eine Waffe, deren rücksichtsloser Gebrauch ihr nicht
-allzu selten vollen Triumph verschafft.</p>
-
-<p>In den Augen der Kurtisane ist der Mann ein dumm-gieriges Tier, das
-dazu da ist, für die Frau zu<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">= 102 =</a></span> arbeiten, und, wenn es ihr Gut und Blut
-geopfert hat, noch immer dankbar sein muß, wenn sie es zu sich ins
-Bett läßt. Eine solche Gesinnung hat früher in der bürgerlichen Welt
-als verächtlich gegolten; die moderne Selbstvergötterung der Frau hat
-es aber fertiggebracht, auch die „Dame“ für diese Auffassung und deren
-sehr einträgliche Verwertung in der Ehe zu begeistern. Die Frau ist
-die Krone der Schöpfung; der Mann ein Wesen niederer Art, geschaffen,
-sie zu ernähren und zu bedienen! Amerika und England sind hierin die
-leuchtenden Vorbilder für das „rückständige“ Deutschland. Für diese
-Sorte Weiber gilt das Wort Nietzsches: „Wenn du zum Weibe gehst, vergiß
-die Peitsche nicht!“</p>
-
-<p>Ein ehrbares, hochgesinntes Mädchen zu einem „Liebesverhältnisse
-auf Zeit“ verleiten ist auch dann ein unverantwortliches Beginnen,
-wenn es mit voller Offenheit über die Endabsichten geschieht.
-Selbstverständlich ist es eine Schlechtigkeit, Kinder in die Welt zu
-setzen, für die man nicht sorgen will oder nicht sorgen kann. Das
-Schicksal der unehelichen Kinder ist ein überaus trauriges. Ihre
-Sterblichkeit ist im Vergleiche mit jener der ehelichen Kinder sehr
-hoch; die Zahl der Militärdiensttauglichen unter ihnen ist niedrig.
-Zeigen diese Tatsachen, wie schlecht es im Durchschnitt mit ihrer
-körperlichen Gesundheit steht, so lehrt die verhältnismäßig große Zahl
-von Geisteskranken, Selbstmördern, Trinkern und Verbrechern unter
-ihnen, daß auch ihre geistige Gesundheit keine bessere ist. Wenn auch
-sehr viel davon Erbschaft der Minderwertigkeit ihrer leichtsinnigen
-Erzeuger ist, so haben doch auch ungenügende Pflege und Erziehung einen
-wesentlichen Anteil daran. Kein halbwegs gewissenhafter Mann wird
-es also auf die Möglichkeit der Erzeugung eines unehelichen Kindes
-ankommen lassen wollen. Er könnte von vornherein bei einem solchen
-Verhältnisse nur an Geschlechtsverkehr mit<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">= 103 =</a></span> Verhinderung der Empfängnis
-denken. Er möge aber zunächst sich klarmachen, wie leicht in einem
-Augenblicke leidenschaftlichster Erregung alle Vorsätze vergessen
-werden, das Nichtbeabsichtigte doch geschehen kann. Und selbst dann,
-wenn das Schlimmste, leichtsinnige Schwängerung, vermieden wird, bleibt
-ein solches Verhältnis unsittlich, ein Verstoß gegen die Nächstenliebe
-wie gegen eine der wichtigsten Forderungen sozialen Lebens.</p>
-
-<p>Ich will nicht davon reden, daß schon die Entjungferung an sich dem
-Mädchen Schaden bringt, indem sie ihm das spätere Eingehen der Ehe
-erschwert, da der Mann mit vollem Recht die unberührte Frau als Gattin
-bevorzugt.</p>
-
-<p>Die Hauptsache ist, daß es ohne Schädigung oder tiefe Verwundung
-der weiblichen Seele dabei nicht abgeht. Der Wunsch nach
-Mutterschaft ist der gutgearteten Frau eingeboren. Nur dann, wenn
-der Geschlechtsverkehr ihr die Hoffnung eröffnet, Mutter zu werden,
-beglückt er sie vollkommen. Wer eine Frau unter erbärmlichen Praktiken
-in den Geschlechtsverkehr einführt, beraubt sie um die Stunde
-höchster Glücksempfindung, die ihr die redliche Ehe mit den ersten
-schrankenlosen Umarmungen gebracht hätte.</p>
-
-<p>Noch schlimmer ist der Schaden, den ihr die Auflösung des
-Liebesverhältnisses bringt. Die Frau, der von der Natur die Last der
-Mutterschaft auferlegt ist, sucht instinktiv bei dem Manne dauernden
-Anschluß, dauernden Schutz. Daher die Innigkeit der Liebe der rechten
-Ehefrau, die weit über ihre Freude am physischen Genusse hinausgeht,
-daher ihre Treue und ihr Verlangen nach Treue. Auch wenn sie das
-Liebesverhältnis eingegangen haben sollte mit dem vollen Bewußtsein,
-daß es nur eine Episode werden solle, unvermerkt wird es ihr zum
-wesentlichen Lebensinhalt, so daß seine Auflösung eine Wunde setzt,
-die nur schwierig vernarbt und fürs ganze Leben schmerzt. Der besser
-ver<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">= 104 =</a></span>anlagte Mann, der diesen Kummer kommen sieht, fühlt sich dann oft
-außerstande, das Band zu zerreißen, und sieht sich durch Mitleid an
-ein Wesen gefesselt, das vielleicht doch nicht in seine Lebenssphäre
-paßt, doch nicht alle jene Eigenschaften besitzt, die er bei seiner
-Lebensgefährtin gewünscht hätte.</p>
-
-<p>Gelingt es dem Manne aber, der Frau seine eigenen brutal sinnlichen,
-polygamischen Neigungen beizubringen, dann zerstört er in ihr die
-sozial wertvollsten Empfindungen, dann macht er sie auch seelisch
-untauglich, eine gute Gattin und Mutter zu werden.</p>
-
-<p>Wir müssen die Keuschheit der Frau als höchstes soziales Gut schätzen
-und pflegen, denn in der Keuschheit der Frau ist die einzige sichere
-Bürgschaft dafür gegeben, daß wir wirklich die Väter unserer Kinder
-sein werden, daß wir für unser eigenes Blut uns mühen und schaffen.
-Ohne diese Bürgschaft aber keine Möglichkeit eines gesicherten, innigen
-Familienlebens, dieser auf absehbare Zeit unentbehrlichen Grundlage für
-das Gedeihen von Volk und Staat. Darin und nicht in der selbstsüchtigen
-Willkür des Mannes ist es begründet, daß Gesetz und Sitte strengere
-Anforderungen an die Frau bezüglich Keuschheit vor der Ehe und Treue in
-der Ehe stellen als an den Mann. Es steht bei ihrer Ungebundenheit viel
-mehr auf dem Spiele als bei seiner.</p>
-
-<p>Man schwärmt heute viel von der „Freien Liebe“ mit wirtschaftlicher
-Unabhängigkeit von Mann und Frau, als Ersatz für die heutige,
-bürgerliche Ehe, deren Schattenseiten und Härten man nicht schwarz
-genug zu schildern weiß. Aber diese Schwärmereien, die ihr Bestechendes
-haben, sind vom hygienischen Standpunkte aus verwerflich. Sie müssen
-daran scheitern, daß es über die physische Leistungfähigkeit der
-ungeheuren Mehrheit der Frauen hinausgeht, neben den Bürden der
-Mutterschaft und der<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">= 105 =</a></span> Pflege und Aufzucht der Kinder auch noch die des
-selbständigen Erwerbes zu tragen.</p>
-
-<p>Das Verderblichste an der sog. Frauenemanzipation und der Erwerbsarbeit
-der verheirateten Frau liegt darin, daß in dem Widerstreite zwischen
-Mutterschaft und Berufspflichten in der Regel die erstere den kürzeren
-zieht. Wenn überhaupt Kinder kommen, sind sie meistens kümmerlich. In
-der Regel hintertreibt man die Entstehung von Kindern von vornherein.
-Nichts gefährdet die Fruchtbarkeit der Kulturvölker mehr als die
-moderne außerhäusliche Erwerbsarbeit der Frau und die aus ihr
-hervorgegangene Frauenbewegung.</p>
-
-<p>Die Teilung der Arbeit zwischen Mann und Weib im gemeinschaftlichen
-Wirtschaftsbetriebe der Familie ist gerade für die Frau ein
-physiologisches und kulturelles Bedürfnis. Sie sichert auch den
-Kindern am besten Pflege und Erziehung. Es wäre ein ungeheurer
-Rückschritt gerade im Sinne individueller Entwicklung, wenn an Stelle
-der Familienerziehung Massenaufzucht in öffentlichen Anstalten treten
-würde. Dies wäre, nebenbei bemerkt, auch ein ungeheurer Verlust an
-jenen Lustempfindungen, die dem Menschen aus dem Zusammenleben von
-Eltern und Kindern erwachsen.</p>
-
-<p>Gewiß wird es in jeder Ehe Zeiten &mdash; wenn auch vielleicht nur
-Augenblicke &mdash; hochgradiger Verstimmung geben, wo es als drückende Last
-empfunden wird, aneinandergefesselt zu sein. Über solche unglückliche
-Störungen werden jene Gatten am leichtesten hinwegkommen, die keusch in
-die Ehe eingetreten und einander treu geblieben sind. Der Liebesgenuß,
-den sie ausschließlich beieinander zu suchen und zu finden gewohnt
-sind, ist etwas unendlich Süßes, das sie immer wieder zusammenführt und
-versöhnt.</p>
-
-<p>Alles in allem genommen ist die Ehe der richtige Boden für heiteres
-Gedeihen von Mann, Weib und Kind, und<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">= 106 =</a></span> gehen diejenigen nicht irre, die
-sich nach der Ehe sehnen und nach ihr trachten!</p>
-
-<p>Wie wenig wissen überhaupt diejenigen, welche immer nur an die
-körperliche Schönheit des jungen Weibes und an den physischen
-Geschlechtsgenuß denken und welche die Menschen bejammern, daß sie
-durch Gesetz und öffentliche Meinung im geschlechtlichen Verkehr auf
-ein einziges Individuum beschränkt werden, von dem Glücke, das aus dem
-<em class="gesperrt">seelischen</em> Unterschiede und der <em class="gesperrt">seelischen</em> Anziehung von
-Mann und Weib zu erwachsen vermag! Wie bedauernswert sind diejenigen,
-die im Weibe nur das jagdbare Wild sehen, an dem man seine Stärke und
-seine List übt und an dem man, wenn man es gefangen hat, als Tier mit
-dem Tiere seinen physischen Drang befriedigt, solange einem dies Spaß
-macht! Sie ahnen nicht, daß auf der Grundlage gegenseitiger Achtung,
-Treue und Güte zwischen Mann und Weib ein Bund der Kameradschaft und
-Freundschaft entsteht, der, indem er Leib <em class="gesperrt">und</em> Gemüt befriedigt,
-weit höhere und dauerhaftere Glücksgefühle bereitet als der rasch
-verfliegende Rausch der Brunst.</p>
-
-<p>Der erwachende Jüngling betrachtet das Weib, dessen Leib und Seele dazu
-geschaffen ist, Mutter zu werden, mit Ehrfurcht; mit jener Ehrfurcht,
-die er seiner eigenen Mutter widmet, die ihn geboren, gesäugt und
-aufgezogen hat. Möchte er doch diese Empfindung, stark und rein,
-unbefleckt durch gemeinen Genuß, in die Ehe hinübernehmen. Dann wird
-diese an ihm das Dichterwort völlig wahr machen können. „Das ewig
-Weibliche zieht uns hinan!“</p>
-
-<p>Mit diesen Worten soll keineswegs eine blinde Schwärmerei für das
-Weib in der Wirklichkeit erweckt werden. Nur allzu viele Weiber haben
-recht wenig „Ewigweibliches“, dafür aber ein ausgiebiges Maß von
-„Allzuweiblichem“ in sich, geradeso wie die meisten Männer Mangel
-an „Ewig<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">= 107 =</a></span>männlichem“ und Überfluß an „Allzumännlichem“ leiden. Aber
-durch gewissenhafte Arbeit kann aus wenigem viel und aus viel wenig
-gemacht werden. Je höher das Ziel ist, nach dem wir streben, um so
-Höheres werden wir erreichen. Wer einem anderen Menschen von vornherein
-zeigt, daß er ihn keiner höheren Leistung für fähig hält, wird ihn
-auch niemals zu einer solchen bringen. Je reiner und edler das Ideal
-der Weiblichkeit ist, das der Mann erträumt und ersehnt, je größeres
-Vertrauen er in die Fähigkeit der Frau setzt, sich diesem Ideale zu
-nähern, um so besser wird es ihm gelingen, die vorhandenen Keime
-des Ewigweiblichen im Weibe zu wecken. Je niedriger er die Frau von
-vornherein bewertet, um so mehr Niedriges wird er auch in ihr finden.
-Der Mann vergesse nie, daß er zur Führerschaft berufen ist, und daß,
-wenn er als Führer versagt, das ganze Volk in die Irre gehen muß.</p>
-
-<p>Natürlich gilt ganz Ähnliches wie von dem Einflusse des Mannes auf die
-Frau auch vom Einflusse der Frau auf den Mann. Kaum etwas spornt den
-Mann mehr zur Tat als der Beifall der Frau. Nicht als Kämpferin auf dem
-Kampfplatz der Männer, aber als <em class="gesperrt">Kranzspenderin</em> lenkt die Frau
-die völkische Entwicklung mit. Wenn sie nur dem <em class="gesperrt">edlen</em> Wettstreit
-ihren Beifall spendet, nur <em class="gesperrt">nützliches</em>, <em class="gesperrt">tüchtiges</em> und
-<em class="gesperrt">rechtschaffenes Handeln</em> belobt und belohnt, leistet sie ihrem
-Volk den besten Dienst. Der Adel ihres Wesens und Verhaltens bestimmt
-den Adel ihres Hauswesens, die Gesittung ihrer Familie.</p>
-
-<p>Die Macht der Frau als Gattin und Mutter ist so groß, daß sie mitten
-in einer Wüste von Dummheit und Ichsucht, an deren Urbarmachung die
-treueste Arbeit des Mannes scheitert, eine Oase von Seelenhoheit und
-Glück zu schaffen vermag, &mdash; wenn sie nur selbst ein reines Herz
-besitzt! Nur der Umstand, daß in der modernen Frauenbewegung alte
-Jungfern das große Wort führen, die in<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">= 108 =</a></span>folge ihres bedauerlichen
-Schicksals von der Größe und Herrlichkeit des wahren Frauenberufes
-nichts ahnen, macht es verständlich, daß die „moderne Frau“ das
-Reich der Ehe und Familie, wo die Frau als Verwirklicherin des
-Ideals edler Menschlichkeit den Kreis ihrer Lieben beglücken und
-dadurch unberechenbare Fernwirkungen ausüben kann, als Gefängnis
-haßt und verachtet und mit unbelehrbarer Leidenschaftlichkeit in die
-unerfreuliche Welt des Mannes hineindrängt, um dort auf seinen Wegen
-kümmerlich dahinzukriechen. Dorthin, wo ein &mdash; wenn auch kleines &mdash;
-Reich dauernden Friedens bestehen kann, trägt die „Emanzipierte“ mit
-ihrer Selbstsucht Unruhe und Kampf; in der Welt des Mannes aber, für
-welche Kampf und Krieg unerschütterliches Gesetz sind, will sie, in
-der richtigen Einsicht, daß der Krieg die Unfähigkeit der Frau für
-das Staatsleben zu völliger Nacktheit enthüllt, den „ewigen Frieden“
-stiften, wobei sie nichts anderes erreichen kann, als den Herzen der
-Männer Schwachheit, Wehleidigkeit und Feigheit einzuflößen.</p>
-
-<p>Es gehört zu den größten Mängeln unserer gesellschaftlichen
-Einrichtungen, daß sie der Mehrzahl erst lange nach Eintritt der
-Geschlechtsreife das Eingehen der Ehe gestatten. <em class="gesperrt">Wie viele
-könnten aber auch unter den heutigen Verhältnissen längst die Wonnen
-jugendkräftiger Liebe ohne Gewissensskrupel in der Ehe genießen, wenn
-sie mit einem bescheidenen Haushalte zufrieden wären, wenn nicht
-der Hang nach trägem Wohlleben und nichtigem Luxus oder töricht
-überspannter Ehrgeiz sie von der Ehe zurückschrecken würde!</em></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">= 109 =</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ich bin am Schlusse meiner Erörterungen angelangt. Aus der
-ungeschminkten Darstellung der Wirklichkeit ergeben sich ungezwungen
-die Folgerungen. Die Hygiene kommt zu ganz denselben Forderungen
-wie die Moral. Die oberste Forderung ist: <em class="gesperrt">daß jeder seinen
-Geschlechtstrieb beherrschen lernen muß</em>! Enthaltsamkeit von allen
-geschlechtlichen Genüssen bis zum Eintritt der vollen Geschlechtsreife
-und bis zur Vollendung des eigenen Wachstums! Befriedigung des
-Geschlechtstriebes ausschließlich in der Ehe! Maßhalten im Genusse;
-auch in der Ehe!</p>
-
-<p>Die Zahl der Kinder darf man nicht so weit anwachsen lassen, daß es der
-Familie unmöglich wird, sie zu ernähren und aufzuziehen.</p>
-
-<p>Die Erzeugung von Kindern, die voraussichtlich krank oder minderwertig
-geraten würden, muß unterlassen werden.</p>
-
-<p>Dagegen hat der Gesunde und Tüchtige seinem Volke gegenüber
-geradezu die Pflicht, zahlreiche Nachkommen zu erzeugen. Es ist
-ein unersetzlicher Verlust für die Nation und eine Sünde an ihr,
-wenn &mdash; wie dies so häufig geschieht &mdash; gerade geistig und sittlich
-hochstehende und dabei körperlich gesunde Männer ehelos bleiben und
-sich der Fortpflanzung enthalten, wenn so gerade der edelste Keimstoff
-vergeudet wird! Heute mehr als je, da uns der Weltkrieg Hunderttausende
-von Männern bester Art geraubt hat!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Regelung des ganzen Geschlechtslebens im Dienste der Fortpflanzung!
-Veredelung des rein tierischen Verkehrs zu einer sittlichen
-Gemeinschaft!</em></p>
-
-<p>Dies ist das Ideal! Möge die Jungmannschaft ihm aus allen Kräften
-nachstreben zum Wohle von Volk und Staat!</p>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="reklame bbox">
-
-<p class="center mbot1">Soeben erschien:</p>
-
-<p class="s2 center">Hygiene der Nerven und des Geistes</p>
-
-<p class="s4 center mtop1">Von Prof. Dr. <b>Aug. Forel</b></p>
-
-<p class="center mtop1 u">Vierte, verbesserte und erweiterte Auflage</p>
-
-<p class="center mtop1"><em class="gesperrt">348 Seiten mit Tafeln und Textbildern</em></p>
-
-<p class="center mbot1">Geheftet M 3.40 :: Gebunden M 4.20</p>
-
-<p class="p0 s5"><span class="drop-cap">D</span>er berühmte Gelehrte räumt in diesem Werke mit den vielen landläufigen
-Vorurteilen, all den bequemen Schlagwörtern von Modekrankheit,
-von Überbürdung mit Arbeit u. a. und all den verkehrten Ansichten
-über unsere Lebensweise gründlich auf. Seine Darstellung spricht
-zum Verstande und zum Herzen, sie weist klar und sicher auf die
-vielfältigen Ursachen der Nervosität hin und auf die Fehler, die
-der Kulturmensch gewohnheitsmäßig Tag für Tag macht und dadurch
-sein Nervenleiden selbst verschuldet. Der Verfasser zeigt Mittel
-und Wege zur Gesunderhaltung der Nerven und zur Herbeiführung ihrer
-Wiedergesundung. Die Darstellung der Nervenhygiene des Kindesalters,
-die das Buch gibt, verdient die besondere Beachtung aller Kreise.</p>
-
-</div>
-
-<div class="reklame">
-
-<p class="s2 center padtop3 mbot1 break-before"><b>Bücherei der
-Gesundheitspflege</b></p>
-
-<p class="center mbot1 nowrap">········ Herausgeber: ········</p>
-
-<p class="center mbot3">Obermed.-Rat <b>Dr. F. v. Gußmann</b> und Geh.
-Medizinalrat <b>Prof. Dr. M. Rubner</b> a. d. Universität Berlin</p>
-
-<p class="p0 s5 mbot1">Die Bedeutung einer verständigen Gesundheitspflege erschließt sich
-in neuerer Zeit immer weiteren Kreisen. Dem Laien, der sich über
-ihre Aufgaben und Ziele genau unterrichten will, bietet sich in
-der „Bücherei der Gesundheitspflege“ die beste Gelegenheit, über
-alle Fragen der allgemeinen wie der speziellen Hygiene belehrt zu
-werden. Die Arbeiten dieser Sammlung sind wahre Meisterstücke der
-Volksaufklärungskunst. Wissenschaftlicher Ernst durchdringt ein jedes
-der prächtigen Bücher. Klare, übersichtliche Anordnung des Materials,
-deutliche, schöne Abbildungen, die berühmten Namen der Autoren, von
-denen jeder eine Größe in seinem Fache ist, endlich der äußerst
-geringe Preis lassen die „Bücherei der Gesundheitspflege“ ungemein
-empfehlenswert erscheinen. Die Sammlung wurde auf der Ausstellung
-für Wohlfahrts- und Gesundheitspflege in Berlin sowohl wie auf
-der Allgemeinen hygienischen Ausstellung in Wien mit der goldenen
-Medaille, und auf der Weltausstellung in Brüssel mit dem Ehrendiplom
-ausgezeichnet.</p>
-
-<p class="center">&mdash; Verzeichnis der erschienenen Bände
-nebenstehend. &mdash;</p>
-
-</div>
-
-
-<div class="reklame">
-
-<div class="s6">
-
-<p class="hang1_5"><b>Aufgaben, Zweck und Ziele der Gesundheitspflege</b> von Geh.
-Med.-Rat Prof. Dr. Orth. Brosch. M &mdash;.80. Eleg. geb. M 1.&mdash;.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Bakterien, Infektionskrankheiten und deren Bekämpfung</b> von
-Hofrat Pro. Dr. Schottelius. Mit 33 Taf. Br. M 5.&mdash;. Eleg. geb. M
-6.&mdash;.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Gesundheitspflege im täglichen Leben</b> von Prof. Dr. Grawitz.
-Brosch. M 1.50. Geb. M 2.&mdash;.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Hygiene des Auges</b> von Prof. Dr. v. Sicherer. Mit vielen
-Abbild. Brosch. M 1.80. Geb. M 2.25.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Hygiene der Nase, des Rachens und des Kehlkopfes</b> von Prof.
-Dr. Neumayer. Mit Tafeln und Abbildungen. Br. M 1.80. Geb. M 2.25.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Hygiene der Zähne und des Mundes</b> von Prof. Dr. Port. Mit 4
-Taf. u. Abbildungen. Brosch. M 1.40. Geb. M 1.80.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Hygiene der Lunge</b> von Prof. Dr. v. Schrötter. Mit 18
-Originalabbildungen. Brosch. M 1.80. Geb. M 2.25.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Hygiene der Nerven und des Geistes</b> von Prof. Dr. Forel. Mit
-4 Tafeln und 6 Textabbild. Brosch. M 3.40. Geb. M 4.20.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Hygiene des Magens, des Darms, der Leber und der Niere</b> von
-Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Ewald. Mit Tafeln und Illustrationen.
-Brosch. M 2.&mdash;. Geb. M 2.50.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Hygiene des Stoffwechsels</b> von Prof. Dr. Dennig. Brosch. M
-1.20. Geb. M 1.50.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Hygiene des Blutes</b> von Medizinalrat Dr. Walz. Mit 4 kol.
-Abbild. Br. M 1.20. Geb. M 1.50.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Hygiene des Herzens und der Blutgefäße</b> von Prof. Dr.
-Eichhorst. Mit 9 Tafeln. Brosch. M 2.&mdash;. Geb. M 2.50.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Hygiene der Haut, Haare und Nägel</b> von Prof. Dr. Riecke. Mit
-17 Originalabbildungen. Brosch. M 2.40. Geb. M 3.&mdash;.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Hygiene des Geschlechtslebens</b> von Obermedizinalrat Professor
-Dr. v. Gruber. Mit 4 Taf. Brosch. M 1.40. Geb. M 1.80.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Entstehung und Verhütung der menschlichen Mißgestalt</b> von
-Prof. Dr. Lange und Prof. Dr. Trumpp. Mit 125 Abbildungen. Brosch.
-M 1.60. Geb. M 2.&mdash;.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Säuglingspflege und allgemeine Kinderpflege</b> von Prof. Dr.
-Trumpp. Mit 35 Abbildungen. Brosch. M 1.80. Geb. M 2.25.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Körper- und Geistespflege im schulpflichtigen Alter</b> von
-Professor Dr. Trumpp. Brosch. M 1.40. Geb. M 1.80.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Gesundheitspflege für Frauen und Mütter</b> von Prof. Dr. S.
-Gottschalk. Mit 7 Tafeln und 32 Textbildern. Brosch. M 2.40.
-Gebunden M 3.&mdash;.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Körperpflege durch Gymnastik, Licht und Luft</b> von Dr.
-Jaerschky. Mit 42 Illustrationen. Brosch. M 1.60. Elegant geb. M
-2.&mdash;. Übungstafeln apart M &mdash;.80.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Körperpflege durch Wasseranwendung</b> von Prof. Dr. Rieder. Mit
-10 Tafeln und 16 Textabbild. Brosch. M 2.40. Eleg. geb. M 3.&mdash;.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Hygiene der Kleidung</b> von Prof. Dr. Jaeger und Frau Anna
-Jaeger. Mit 94 Abbildungen. Brosch. M 2.50. Geb. M 5.&mdash;.</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Nahrungsmittel- u. Ernährungskunde</b> von Geh. Medizinalrat
-Prof. Dr. Rubner. Mit viel. Tabellen. Brosch. M. 2.&mdash;. Eleg. geb. M
-2.50.</p></div>
-
-<p class="s5 center mtop1 mbot1">Ausführliche Prospekte versendet kostenfrei
-der Verlag:</p>
-
-<p class="s3 center"><b>Ernst Heinrich Moritz, Stuttgart.</b></p>
-
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="footnotes break-before">
-
-<p class="s2 center">FUSSNOTEN:</p>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_A_1" id="Fussnote_A_1"></a><a href="#FNAnker_A_1"><span class="label">[A]</span></a> Zum Glück für die anderen Organismen mit geringerer
-Vermehrungsfähigkeit werden die Umstände rasch ungünstiger in dem Maße,
-als die Zahl der Nachkommen zunimmt, so daß in der Wirklichkeit die
-Nachkommenschaft niemals in annähernd so raschem Tempo wächst. Immerhin
-macht uns ihre außerordentlich große Vermehrungsfähigkeit begreiflich,
-wieso diese winzig kleinen Wesen rasch so gewaltige Veränderungen
-hervorrufen können, wie wir sie bei der Gärung und Fäulnis oder bei
-gewissen ansteckenden Krankheiten beobachten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_B_2" id="Fussnote_B_2"></a><a href="#FNAnker_B_2"><span class="label">[B]</span></a> Von dieser Regel gibt es viele Ausnahmen. Es sind
-Fälle von Befruchtung durch 11jährige Knaben bekannt. Ebenso kommt
-verspäteter Eintritt der Geschlechtsreife vor.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_C_3" id="Fussnote_C_3"></a><a href="#FNAnker_C_3"><span class="label">[C]</span></a> Auch der Säfteverlust durch die häufige Samenentleerung
-mag schädlich sein, obwohl die entleerten Mengen selbst bei extremer
-Ausschweifung so klein sind, daß an einen schädlichen Verlust von
-Eiweiß nicht zu denken ist. Es ist möglich, daß der Verlust von
-spezifischen Absonderungsprodukten der Hoden empfunden wird, die bei
-Mäßigkeit zum Teil wieder aufgesogen worden wären. (S. o.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_D_4" id="Fussnote_D_4"></a><a href="#FNAnker_D_4"><span class="label">[D]</span></a> Die Einführung des Gliedes in die durch zersetztes Blut
-verunreinigten weiblichen Geschlechtsteile kann übrigens auch beim
-Manne zu Entzündungen und kleinen Abszessen an der Eichel und an der
-Vorhaut Anlaß geben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_E_5" id="Fussnote_E_5"></a><a href="#FNAnker_E_5"><span class="label">[E]</span></a> Es kann auch Schwängerung erfolgen, wenn der Samen außen
-auf die Schamspalte oder in deren Nähe ergossen worden ist.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_F_6" id="Fussnote_F_6"></a><a href="#FNAnker_F_6"><span class="label">[F]</span></a> Bei der Entstehung der Paralyse scheint auch nicht selten
-der Alkoholmißbrauch beteiligt zu sein.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_G_7" id="Fussnote_G_7"></a><a href="#FNAnker_G_7"><span class="label">[G]</span></a> Auch in diesen Fällen gewährt der Kondom einen wertvollen,
-wenn auch keineswegs ganz sicheren Schutz.</p></div>
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Hygiene des Geschlechtslebens, by Max Gruber
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HYGIENE DES GESCHLECHTSLEBENS ***
-
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
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-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
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-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
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-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
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-
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-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
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-beginning of this work.
-
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-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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