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-The Project Gutenberg EBook of Die Milchstraße, by Fritz Kahn
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Die Milchstraße
-
-Author: Fritz Kahn
-
-Illustrator: Georg Helbig
- R. Oeffinger
-
-Release Date: June 19, 2016 [EBook #52373]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MILCHSTRAßE ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net.
-
-
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- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Im Original fetter Text ist =so ausgezeichnet=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
-[Illustration: Die Milchstraße
-
-von Dr. Fritz Kahn]
-
-
-
-
-Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart
-
-
-Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften und
-damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer Erscheinungen
-in den weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten. -- Dieses Ziel
-glaubt die Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher
-Literatur zu erreichen mittels des
-
- =Kosmos=, Handweiser für Naturfreunde
-
- Jährlich 12 Hefte. Preis M 2.80;
-
-ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfaßter, im guten
-Sinne gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Es
-erscheinen im Vereinsjahr 1915 (Änderungen vorbehalten):
-
- =Wilh. Bölsche, Die Zukunft des Menschen.=
-
- Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
-
- =Dr. Kurt Floericke, Gepanzerte Ritter.= Aus der
- Naturgeschichte der Krebse.
-
- Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K. 1.20 h ö. W.
-
- =Dr. Kurt Weule, Schrift und Sprache.=
-
- Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K. 1.20 h ö. W.
-
-Ferner sind vorgesehen Bände von =Dr. Herm. Dekker= und =Arno Marx=.
-Falls diese nicht rechtzeitig fertig werden, da beide Verfasser im
-Krieg sind, werden sie durch andere gleichwertige ersetzt werden,
-worüber noch im Kosmos-Handweiser berichtet wird.
-
-Diese Veröffentlichungen sind durch +alle Buchhandlungen+ zu beziehen;
-daselbst werden Beitrittserklärungen (Jahresbeitrag nur M 4.80) zum
-=Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde= (auch nachträglich noch
-für die Jahre 1904/14 unter den gleichen günstigen Bedingungen),
-entgegengenommen. (Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der erschienenen
-Werke usw. siehe am Schlusse dieses Werkes.)
-
-
-Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.
-
-
-
-
- Die Milchstraße
-
- Von
-
- Dr. Fritz Kahn
-
- Mit einem farbigen Umschlag und zahlreichen
- Abbildungen nach Photographien u. Zeichnungen
- von Georg +Helbig+, R. +Oeffinger+ und andern
-
- [Illustration]
-
- Stuttgart
-
- Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
- Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung
- 1914
-
-
-
-
- Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht vorbehalten.
-
- Gesetzliche Formel für den Rechtsschutz in
- den Vereinigten Staaten von Amerika:
-
- ~Copyright by Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.~
-
-
- ~STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI
- HOLZINGER & CO. STUTTGART~
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-Wenn man in einer klaren Sternennacht aus der Lichtnähe menschlicher
-Behausungen in die Dunkelheit hinaustritt und den Blick zum Himmel
-wendet, sieht man zuerst nur die hellsten Sterne als leuchtende Punkte
-auf schwarzem Grund. Je länger man aber im Finstern weilt, um so mehr
-Sterne tauchen aus dem Dunkel; Hunderte, Tausende, erst vereinzelt,
-dann in Scharen, und wenn sich das Auge gänzlich an die Finsternis
-gewöhnt hat, so gewahrt es tief hinter dem Heer der übrigen Sterne
-einen schimmernden Nebelstreifen, der sich wie ein silbergraues Band um
-die Himmelskugel schlängelt -- die +Milchstraße+.
-
-Sie erhebt sich als ein 10--12 Mondscheiben breiter Lichtstreifen von
-unregelmäßiger Helle und Gestalt zwischen den beiden auffallenden
-Sternen Sirius und Prokyon über den Horizont, steigt zwischen dem
-glänzenden Bild des Orion und den Zwillingssternen Kastor und Pollux
-aufwärts durch das Dreieck des Fuhrmanns empor mitten durch den Perseus
-und überbrückt im ~W~ der Kassiopeia den Zenit in ihrer größten
-Annäherung an den Himmelspol. Von der Kassiopeia läuft sie zum hellen
-Stern Deneb im Schwan, wo sie sich in zwei Arme teilt, von denen der
-hellere und breitere genau über den Stern Atair im Adler, der schmälere
-und schwächere dagegen am Sternbild der Leier vorüber den Horizont
-hinabstrebt, um sich für unsere Breiten hier im Dunst der Atmosphäre
-zu verlieren. Auf der uns unsichtbaren Südhälfte des Himmels setzt
-sich die Milchstraße in genau der gleichen Weise fort. Die beiden Arme
-laufen getrennt zwischen Schütze und Skorpion und vereinigen sich,
-nachdem sie ein Drittel des ganzen Kreisumfangs gesondert waren, am
-hellen Stern Alpha im Centauern. Von hier aus läuft der ungeteilte
-Ring durch das schönste aller Sternbilder, das Kreuz, dem Südpol zu
-und steigt dann durch das ausgedehnte Bild des Schiffes hinüber in
-die Gegend des Orion, wo sich der Milchstraßengürtel wieder unserem
-nördlichen Firmament nähert.
-
-[Illustration: Abb. 1. Die Milchstraße auf der südlichen Himmelshälfte.]
-
-Erhöbe man sich so hoch über die Erde, daß kein irdischer Horizont mehr
-den Blick begrenzte, so würde man demnach die Milchstraße als einen
-ununterbrochenen Ring um das ganze Himmelsgewölbe ziehen sehen wie
-einen silbernen Reifen um eine gläserne Kugel.
-
-Die Milchstraße ist keineswegs ein regelmäßige Gebilde. In einem
-Drittel ihres Laufes vom Schwan bis zum Centauern ist sie in zwei Arme
-geteilt wie ein Fluß, der eine Insel umfließt. Ihre Breite wechselt,
-erreicht ihr größtes Maß im Bild des Skorpions, ihre geringste
-Ausdehnung nahe dem Südpol im Kreuz. Seitenarme zweigen von ihr ab,
-verlieren sich allmählich im Dunkel des Himmels oder brechen scharf und
-hart ab, als seien sie abgeschnitten. Ihre Lichthelle ist wechselnd.
-An manchen Stellen erscheint sie wolkenartig zusammengeballt und
-auffallend lichtstark, dicht daneben schwach, schattenhaft, zerrissen
-und zerklüftet, ja völlig von finsteren Räumen und Gängen durchbrochen,
-von denen man die zwei größten südlich im Kreuz und nördlich im Schwan
-als die beiden »Kohlensäcke« der Milchstraße bezeichnet hat. (Abb. 1.)
-
-[Illustration: Abb. 2. Die Milchstraße auf der nördlichen
-Himmelshälfte.]
-
-Uns, die wir in hellerleuchteten Städten leben und, wenn wir reisen,
-im Expreßzug sicher unsere Schienenstraße zwischen Telegraphendrähten
-entlangsausen, kommt das Sternenband der Milchstraße nur selten zu
-Gesicht. Wir müssen es suchen, um es zu finden. Uns Kindern der
-Kultur ist zwischen Bogenlampe und Laternenpfahl der Glanz der Sterne
-entschwunden, und der Silbergürtel der Milchstraße gehört nicht zu den
-Schönheiten unserer täglichen Betrachtung. Wozu brauchen wir zu den
-Sternen aufzuschauen? Wann müßten wir durch einen Blick zum Himmel
-einen Weg erkunden, eine Stunde berechnen, eine Jahreszeit bestimmen?
-Der Sekundenschlag der Uhren zählt uns unsere Minuten, Turmglocken
-und Fabriksignale künden uns den Mittag, der Kalender führt uns durch
-Wochen und Monde, Telegraphenstangen und Eisenbahngleise weisen uns
-den Weg über wohlgepflegte Straßen und Dämme, Seekarte und Kompaß
-leiten unsere Dampfer über die Weiten vielbefahrener Meere. Was sind
-uns die Sterne? Sind sie uns mehr als ein Abendschmuck der Natur? Ist
-es uns nicht ein Erlebnis, wenn wir einmal auf Gebirg oder Meer den
-Sternenhimmel in ungetrübter Schönheit sehen? Wer von uns kennt den
-Lauf des nächtlichen Nebelbandes der Milchstraße?
-
-Aber es gab Zeiten, in denen es anders war. Kein Rauch aus steinernen
-Schloten hüllte die Städte ein, kein Lichterglanz der Straßen rötete
-den Himmel über den Dächern der Häuser. Der Schein der Sterne fiel in
-ungedeckte Hallen und in stillverträumte Gärten. Auf seinem Wege durch
-das Land begleitete den Wanderer nichts als am Tag die Sonne und des
-Nachts die Gestirne. Von Meilenstein zu Meilenstein über Busch und
-Tal waren ihm die Himmelsbilder die einzigen Weiser seines Pfades.
-Den Schiffen auf weitem Meere zeigte nichts den Weg zur Heimat als
-die Plejaden und die Milchstraße. Odysseus sitzt des Nachts am Steuer
-und schaut empor zum Großen Bären; die drei Weisen wandern aus dem
-Morgenland einem Sterne nach gen Bethlehem; Kolumbus segelt über das
-Weltmeer unter dem blauen Banner der Sterne. Monde und Jahre wurden
-durch nichts anderes bestimmt als durch die Stellung der Gestirne.
-Wenn der Strahl des Sirius zum ersten Male durch den Mauerspalt des
-Hathortempels fiel und den Altar des Heiligtums mit mildem Glanze
-übergoß, verkündete der ägyptische Priester die Sonnenwende, und der
-Jahrestanz zu Dendera begann. Wenn das Regengestirn in der Dämmerung
-emporstieg, kehrt der Fischer heim vom Meere zur attischen Küste,
-treibt der Hirte seine Herde von den Bergen des Apennin, bricht der
-römische Imperator in Britannien seine Zelte ab, denn sie alle wissen,
-daß der Herbst mit seinen Stürmen naht. Den alten Völkern war der
-Sternenhimmel die Weltenuhr und die Milchstraße der große Zeiger
-auf dem gestirnten Zifferblatt. Der Mensch der Vorzeit fand sich am
-Himmel unter den Sternen zurecht wie wir uns in Fahrplan und Kalender
-zwischen Zahlen und Rubriken. Dem Menschen der Vergangenheit war der
-Sternenhimmel ebenso vertraut, wie er dem Menschen der Gegenwart es
-nicht ist.
-
-Leider. Denn jenseits von allem trockenen Wissen geht dem Menschen,
-der den Himmel nicht kennt, ein sittlicher Reichtum verloren, der ihm
-in der maschinenschnellen Zeit der Moderne doppelt not und doppelt
-teuer wäre. Klein ist die Mühe, groß und nimmer endend der Lohn, ihn
-zu kennen. Ein abendlicher Blick vom Fenster seines Zimmers, vom Wege
-seines Gartens, von der Luke seines Daches, ein kurzes Stillestehen
-beim nächtlichen Gang durch den Park oder beim Überschreiten einer
-Wiese, und bald ist dem Naturfreund mit Hilfe einer Sternenkarte oder
-eines Sternbüchleins der Himmel bekannt. Wir wollen absehen von dem
-Hochgenuß, den ihm das Wissen über die Natur des Himmels bereitet.
-Jedes Wissen birgt Genüsse. Aber einzig und unvergleichlich ist die
-Wirkung auf das Gemüt, die aus der Kenntnis des gestirnten Himmels
-auf den Menschen niederstrahlt. Wer zu den Sternen aufschaut wie zu
-nimmer wankenden Freunden, dem gibt ihre ewige Ruhe im Strom des
-Lebens ein Bild von der Unendlichkeit und Größe der Welt, von der
-Kleinheit und Flüchtigkeit menschlichen Erlebens, den erhebt ihr
-Anblick über die kleinlichen Nöte des menschlichen Tagesdaseins und
-lenkt allabendlich wie ein Nachtgebet seine Gedanken aus der Tiefe des
-Alltagslebens zur Natur, zum Weltempfinden, zur Ewigkeitsidee. Und
-wenn er mit seinen Gedanken aus den Fernen des Universums zurückkehrt
-zu sich, zur Menschheit, zur Erde und bedenkt, daß in derselben Stunde
-Tausende Gleichgesinnter in allen Zonen der Erde zu diesem Himmelsbilde
-aufschauen, Tausende in seinem Anblick das Wesen der Welt bedenken,
-Ruhe, Kraft und Erbauung finden, daß Hunderte von Sternkundigen ihre
-Teleskope ebenso auf den Höhen der Cordilleren wie auf den Türmen des
-Vatikans, ebenso an den eisigen Felsenküsten des Nordens wie in der
-dunklen Tropennacht des Kaps auf diese Sternenpunkte richten, alle
-von gleichem Empfinden beseelt, von der gleichen Schönheit bezaubert
--- dann findet seine nächtliche Gedankenfahrt ins Reich der Sterne
-einen würdigen Abschluß durch das erhebende Gefühl von der Einheit der
-strebenden Menschheit, von dem friedlichen Zusammenschluß, von der
-geistigen Brüderschaft aller naturforschenden und naturverehrenden
-Völker und Menschen.
-
-Unter allen Erscheinungen des Sternenhimmels mußte von frühester Zeit
-an das Band der Milchstraße Geist und Phantasie des Himmelsbetrachters
-am stärksten locken. Ein Nebelweg hoch zwischen glitzernden Sternen,
-der sich vom Firmament aus unerforschter Ferne emporhebt, in
-schwindelnder Höhe das Land überbrückt und jenseits hinter den Bergen,
-hinter denen das Glück wohnt, geheimnisvoll versinkt -- kann etwas die
-Sehnsucht des Menschen mehr reizen, den Wissensdurst des Denkers mehr
-entfachen? In den ältesten Volksmärchen und Göttersagen der grauen
-Vorzeit taucht das Problem der Milchstraße hervor.
-
-Zeus, so erzählt die griechische Sage, wollte seinem Lieblingssohn
-Herkules Unsterblichkeit verleihen und legte ihn daher heimlich an die
-Brust der schlafenden Hera. Als diese erwachte, schleuderte sie im
-Zorn den ihr verhaßten Säugling von sich fort, daß sich die Milch im
-Bogen über den Himmel ergoß und so die Milchstraße bildete. Nach einer
-anderen Sage entstand die Milchstraße bei jenem Weltbrand, den Phaëton
-verschuldete. Phaëton, ein Sohn des Sonnengottes, beschwor seinen
-Vater, ihn einmal den Sonnenwagen über den Himmel lenken zu lassen.
-Der Führung unkundig und in der ungewohnten Höhe schwindelig geworden,
-verlor er die Herrschaft über das Gefährt, die Sonnenrosse jagten
-zügellos über das Gewölbe und entfachten jenen ungeheuren Himmelsbrand,
-durch den nach griechischer Auffassung die Wüsten verdorrten, die
-Vulkane entflammten und die Neger schwarz gebrannt wurden. Als Spur
-dieses Feuerweges, gleichsam als Asche dieses Weltbrands ist die
-Milchstraße geblieben.
-
-In der römischen Mythologie beschreibt Ovid die Milchstraße als den
-Weg, auf dem die Götter vom Olymp zum Palast des Zeus hinschreiten,
-und zu dessen Seiten die Behausungen der Unsterblichen liegen. Bei
-den Arabern ist sie die Mutter des Himmels, die mit ihrer Milch die
-Sternkinder nährt, oder der große Himmelsfluß, an dem die Sternbilder
-der Tiere zur Tränke ziehen. Schön und sinnvoll nannten die Mexikaner
-die Milchstraße die Schwester des Regenbogens, poetisch und
-gedankenreich nennen andere Völker sie den Pfad der Toten hinüber ins
-Land der Seligkeit.
-
-Im Kreise dieser Volksvorstellungen wurde die Wissenschaft geboren.
-Bei Chinesen, Indern, Ägyptern und Chaldäern blühte die Astronomie,
-als Europa noch eine Wildnis war. Aber ihre Wissenschaft war auf das
-Praktische gerichtet und beschränkt auf Landvermessung, Kalenderkunde
-und Finsternisberechnungen. Für die Nebelferne der Milchstraße hatten
-die Astronomen zu Peking und die Irispriester am Nil kein Auge. Um
-sich mit einer so wenig hervortretenden schattenhaften Erscheinung
-zu befassen, mußte man Philosoph sein und den Himmel nicht als ein
-Kalendarium, sondern als eine Naturerscheinung, als ein Welträtsel
-betrachten, das man zu lösen sucht. Daher finden wir die ersten ernsten
-Gedanken über die Milchstraße bei den griechischen Philosophen. Wie
-es sich oft ereignet, daß man in kindlicher Unbefangenheit im ersten
-Zugreifen der Wahrheit näher kommt als durch gewissenhafte Bemühungen,
-so erfaßten die griechischen Philosophen ohne alle wissenschaftlichen
-Grundlagen nur von Vernunft, Gedankenklarheit, Schönheitssinn und
-Wahrheitsdrang geleitet das Bild der Welt in jenen Grundzügen der
-Wahrheit, die erst durch eine jahrtausendlange Forschung Allgemeingut
-der Menschheit geworden sind. Man könnte die griechischen Philosophen
-geradezu die Propheten der Wissenschaft nennen. Pythagoras hat das
-Wesen der Algebra, Euklid die Fundamente der Geometrie, Aristoteles
-die Methoden der Naturbeschreibung, Demokrit die Atomlehre, Aristarch
-die Mechanik unseres Sonnensystems, Epikur mit Lukrez später den
-Entwicklungsgedanken mit allen seinen Konsequenzen durchgeführt. Unsere
-ganze moderne naturwissenschaftliche Weltanschauung, die sich erst
-im 19. Jahrhundert zur vollen Blüte entfaltete, finden wir bei den
-griechischen Philosophen vor über 2000 Jahren als Knospe sprießen.
-
-Im Kreise dieser Männer wurde das Milchstraßenproblem zum ersten Mal
-als wissenschaftliche Frage aufgeworfen. Die Pythagoräer knüpfen noch
-an die Phaëtonmythe an und erklären die Milchstraße für die Spur einer
-ehemaligen Sonnenbahn. Aristoteles hält sie für ein gewaltiges Meteor,
-sein Nachfolger Theophrast beschreibt sie als die Fuge zwischen den
-beiden Halbkugeln des Himmels, durch die das Licht des Zentralfeuers
-hindurchschimmere. +Demokrit+ von Abdera, der geistvolle Begründer der
-Atomlehre (460 v. Chr.), war der erste Sterbliche, der die Milchstraße
-als das erkannte, was sie nach den unzweifelhaften Ergebnissen der
-modernen Wissenschaft in Wahrheit ist: +als eine Anhäufung unendlich
-ferner dichtgedrängter Sterne+.
-
-Die Größe dieser Vorstellung im Hirn eines antiken Griechen können
-wir heute kaum noch würdigen. Man muß bedenken, daß sie im Kopf
-eines Menschen reifte, der in den Anschauungen erzogen wurde, Wald
-und Triften seien bevölkert von Nymphen und Faunen, drüben über den
-Schneegipfeln des Olymp wohnten in Saus und Braus die weltregierenden
-Götter, die Sonne sei der Wagen des Phoebus Apollo, dem die Mondgöttin
-Luna in der Nacht verliebt über die himmlischen Gefilde nachschweife,
-und das Tal zu Delphi sei der Nabel der Welt. In Demokrit verehren wir
-den Vater der Milchstraßenforschung.
-
-Wie all die köstliche Prophetenweisheit der griechischen Philosophen,
-so verhallten auch die Seherworte des Demokrit von der Natur der
-Milchstraße in der allgemeinen Nacht der naturwissenschaftlichen
-Unbildung des Mittelalters. Kein einziger Forscher der nächsten zwei
-Jahrtausende befaßt sich ernsthaft mit dieser Frage, nur in Legenden
-und theologischen Weltbeschreibungen wird hie und da die Milchstraße
-kurz gestreift. Sie soll die Hufspur der Pferde des Attila sein,
-berichtet eine Königssage. Kirchengelehrte halten sie für die Weltfuge,
-in der die beiden Schalen des Firmaments zusammengefügt sind, und
-betrachten die Milchstraße sozusagen als den Leim, der die beiden
-Kugelhälften zusammenkleistert. Niemand nimmt den großen Gedanken des
-Demokrit mehr auf. War das edle Wissen der Griechen spurlos in alle
-Winde zerflattert? War der Menschengeist im Mittelalter wirklich so
-verkommen und gesunken, wie es uns die Zeit zu lehren scheint? Schwankt
-die Kurve der geistigen Entwicklung der Menschheit wirklich so zwischen
-steiler Höhe und tiefem Abfall? Mit nichten. Wie in der Entwicklung der
-Lebewelt die einzelnen Tierarten nacheinander die Erde beherrschen, die
-Kreidetiere, die Ammoniten, die Lurche, die Saurier sich abwechseln
-und heute die Menschen den Planeten regieren, so beherrschen in der
-geistigen Entwicklung nacheinander die verschiedenen Ideenarten die
-Menschheit. Die Art, die Richtung, nicht die Höhe des Geistes schwankt
-in den Jahrhunderten. Derselbe Sinn, der im Altertum die schönsten
-Früchte wissenschaftlicher und künstlerischer Leistungen reifen ließ,
-war im Mittelalter auf das Religiöse, auf das Mystisch-Phantastische
-gerichtet und daher für die Wissenschaft unfruchtbar. Ein Mensch, der
-zur Zeit der Pythagoräer durch seine geistigen Gaben auffiel, wurde
-zu den Naturphilosophen in die Schule gebracht und wurde Philosoph,
-Mathematiker, Naturforscher. Überragte ein Knabe im Mittelalter
-seine Genossen, so kam er ins Kloster und wurde im Ideenkreis der
-Religion erzogen und in die Laufbahn kirchlicher Würden gedrängt.
-Die Intelligenz des Mittelalters wurde von der Kirche aufgesogen wie
-das Wasser eines Beckens von einem riesigen Schwamm, und wir finden
-in ihrem Dienste +alle+ geistigen Elemente vom frömmsten bis zum
-unreligiösesten vereinigt: kriegerische Päpste, weltlich gesinnte
-Kirchenfürsten, schürzenjägerische Kardinäle, freigeistige Mönche, der
-Wissenschaft mehr als dem Glauben huldigende Priester. Wieviel echte
-Milchstraßenforscher mag es unter ihnen gegeben haben! In wieviel
-Tausend erleuchteten Geistern, die nie eine ihrer Überzeugungen zu
-Papier gebracht, nie eine ihrer Ideen zu Papier bringen durften, mag
-der Gedanke Demokrits nachgeleuchtet haben? Wie oft mögen Freunde, die
-in stiller Nacht über Fluren wandelten, zu den Sternen emporgeblickt
-und über das Nebelband zu ihren Häupten gesprochen haben, wie oft
-mögen Priester, wenn sie auf dem Turm ihrer Kirche standen, Mönche
-auf dem Hof ihrer Abtei, Talmudisten in der Gasse ihres Ghettos sich
-in den Anblick der Milchstraße versenkt, sie als ferne Sternenheere
-erkannt haben und in Andacht versunken sein vor dieser geisterhaften
-Offenbarung der Unendlichkeit? Kein Lied, kein Heldenbuch nennt ihre
-Namen, versunken und vergessen ...
-
-2000 Jahre nach Demokrit, um 1550, trat Kopernikus, der Domherr zu
-Frauenburg, mit seiner Schrift über die Bewegungen der Gestirne auf,
-in der er die antike Weltanschauung, daß die Erde im Mittelpunkt des
-Alls stehe und die Sonne um sie kreise, widerlegte und durch die Lehre
-ersetzte, daß die Sonne das Zentrum sei, um das Erde und Planeten
-sich bewegten. Durch diesen Weltgedanken erwarb sich Kopernikus
-unsterbliche Verdienste um den Fortschritt der Menschheit. Aber er
-begründete keineswegs, wie die meisten Menschen annehmen, unsere
-moderne Auffassung vom Universum. Er glaubte, daß die Sonne der
-ruhende Pol des ganzen Weltalls sei, und daß die Fixsterne an einem
-Kugelhimmel angeheftet sich mit diesem um die Sonne drehten. Seine
-Theorie, ideenreich und gedankentief genug, den ganzen Inhalt eines
-großen Forscherlebens auszufüllen, erstreckte sich nur auf den Raum
-unseres Planetensystems. Zum Flug ins Universum hinauf in die Ferne
-der Milchstraße reichte seines Geistes Flügelkraft nicht hin. Das war
-seinem jüngeren Zeitgenossen und begeisterten Herold seiner Lehre,
-+Giordano Bruno+ (geboren 1548), vorbehalten.
-
-Giordano Bruno war wie Kopernikus im Dienst der Kirche aufgewachsen.
-Als ihm das Buch des Kopernikus zu Gesicht kam, griff er diese neue
-Weltidee mit Feuereifer auf, entfloh im offenen Zwiespalt mit der
-Kirchenlehre dem Kloster und wurde auf jahrelangen Reisen durch ganz
-Europa der Wanderprophet der neuen Weltanschauung. Giordano Bruno ist
-in der Tat ein prophetisches Phänomen. In noch ausgeprägterer Art
-als bei den griechischen Philosophen erleben wir an ihm das Wunder,
-daß ein Mensch ohne alle Mittel sicheren Wissens, nur von Gefühl,
-Vernunft und Phantasie geleitet die wissenschaftlichen Ergebnisse der
-kommenden Jahrhunderte vorausahnt. Er hat den Beweis erbracht, daß der
-phantasiebeschwingte Gedanke, der Sinn für Wahrheit, Größe, Rhythmus
-und Einheit mit seinen Dichterflügeln weiter reicht als aller grübelnde
-Verstand, hinausreicht über den Kreis der Planeten in das Reich der
-Sterne und über die Grenzen der Milchstraße hinaus in jene Bezirke der
-Unendlichkeit, in denen sich für alle Zeit der menschliche Gedanke
-hoffnungslos verlieren wird. Giordano Bruno ist der Kopernikus des
-Universums. Was jener für das Sonnensystem, ist Giordano Bruno für die
-Fixsterne, für die Milchstraße, für das Weltall. Während Kopernikus
-als Abschluß des erforschlichen Diesseits die Kristallsphäre der Alten
-mit den in ihr schwebenden Fixsternen bestehen ließ, zerbrach Giordano
-Bruno das gläserne Gewölbe, zerstörte den Wahn von der Übersinnlichkeit
-der Sternenwelt und eröffnete der Forschung das Universum, die
-schrankenlose äthererfüllte Unendlichkeit, wie er es selbst in
-poetischer Verzückung ausgesprochen in den Versen:
-
- »Die Schwingen darf ich selbstgewiß entfalten,
- nicht fürcht' ich ein Gewölbe von Kristall,
- wenn ich des Äthers blauen Duft zerteile,
- und nun empor zu Sternenwelten eile,
- tief unten lassend diesen Erdenball
- und alle niederen Triebe, die hier walten.«
-
-Als erster Sterblicher, der die Gedankenfahrt hinauswagt aus dem engen
-Bezirk unseres Sonnensystems in die unermeßliche Weite der Sternenwelt,
-berauscht sich Giordano Bruno förmlich an der Größe und Schönheit
-des Alls. »Einzig ist der Himmel,« so beginnt einer seiner berühmten
-Dialoge, »der unermeßliche Raum, das Universum, der allumfassende
-Äther, in dem sich alles regt und bewegt. In ihm sind unzählige
-Gestirne, Weltkugeln, Sonnen und Planeten, wahrnehmbare und unzählige
-andere nicht mehr wahrnehmbare müssen vernünftigerweise angenommen
-werden.« »Es gibt zahllose Sonnen und zahllose Erden, die alle in
-gleicher Weise ihre Sonnen umkreisen, so wie wir es an den sieben
-Planeten unseres Systems sehen. Wir erblicken nur die Sonnen, weil
-sie die größten Körper sind und leuchten. Ihre Planeten aber bleiben,
-weil sie kleiner sind und nicht leuchten, für uns unsichtbar.« Er
-durchdenkt diesen Gedanken bis in seine letzten Folgerungen und kommt
-zur Überzeugung von der Bewohnbarkeit der Welten: »Die unzähligen
-Welten des Alls sind um nichts schlechter und nichts weniger bewohnt
-als unsere Erde. Denn unmöglich kann ein vernünftiger Verstand sich
-einbilden, daß jene unzähligen Welten, die doch ebenso und vielleicht
-noch prächtiger sind als unsere, denen doch ebenso wie uns eine
-Sonne befruchtende Strahlen zusendet, unbewohnt seien und nicht
-ähnliche oder gar vollkommenere Bewohner trügen als unsere Erde.
-Die ungezählten Welten des Alls sind alle von der gleichen Gestalt,
-demselben Rang, denselben Kräften und denselben Gesetzen untertan.«
-Mit seinem Seherauge schaut er in die Zukunft kommender Jahrhunderte
-und prophezeit der Wissenschaft ihre Aufgaben und Erfolge: »Schenk
-uns die Lehre von der Universalität der irdischen Gesetze auf allen
-Welten und von der Gleichheit aller kosmischen Stoffe! Vernichte
-die Theorien von dem Weltmittelpunkt der Erde! Zerschmettere die
-überirdischen Mächte, die die Welt bewegen sollen, und die Schalen
-der sogenannten Himmelskugeln! Öffne uns das Tor, durch welches
-wir hinausblicken können in die unermeßliche, einheitliche, ohne
-Unterschiede zusammengesetzte Sternenwelt, zeige uns, daß die anderen
-Welten im Äthermeer schwimmen wie die unsere! Erkläre uns, daß die
-Bewegungen aller Welten aus inneren Kräften hervorgehen, und lehre uns
-im Lichte solcher Anschauungen mit sicherem Schritt vorwärts schreiten
-in der Erforschung und der Erkenntnis der Natur.« Hoffnungsvoll ruft er
-seinen Jüngern das Zukunftswort entgegen: »Seid getrost, die Zeit wird
-kommen, wo alle sehen werden, was ich sehe!«
-
-Schöner, als er es ahnen konnte, kam diese Zeit. Zwar schien es
-hoffnungslos, daß man jemals das Rätsel der Sterne lösen könnte. Keine
-Kunde dringt zu uns aus jenen Fernen, keine Sphärenmusik klingt, wie
-die Pythagoräer glaubten, durch den Weltraum. Nacht für Nacht zieht
-das Heer der Sterne schweigend herauf und hernieder. Nur ein einziger
-stummer Bote eilt vom Himmel zu uns herab: das Licht. Aber bringt uns
-dieser Bote auf leuchtenden Schwingen auch eine Kunde? Birgt sich
-hinter diesen Lichtpünktchen des Himmels eine Sprache wie hinter den
-Punkten des Morsetelegramms? Wird je eine Zeit kommen, in der die
-Menschen diese Himmelssprache auch enträtseln? Diese Zeit kam.
-
-Kaum war die Asche verraucht auf dem Scheiterhaufen Giordano Brunos,
-auf dem er am 16. Februar 1600 zu Rom für sein Weltbekenntnis den
-Märtyrertod erlitten, da drang aus Holland die Kunde nach Italien, daß
-man durch Zusammenstellung mehrerer Linsen ein Instrument verfertigen
-könnte, durch das man ferne Gegenstände nahe sieht. Galilei baute ein
-solches Instrument: das +Fernrohr+ war erfunden. Das goldene Zeitalter
-der Astronomie brach an. Galilei richtete sein Rohr zum Himmel und
-machte wunderbare Entdeckungen. Er sah, daß der Mond eine Kugel war wie
-die Erde, mit Bergen, Tälern und Meeresflächen, daß der Jupiter von
-Monden umkreist wurde wie unser Planet, daß die Sonne ein glühender
-Ball war, auf dem es loderte und brodelte wie in Feuerschlünden,
-und daß er sich um seine Achse drehte wie Erde, Mond, Jupiter und
-Saturn. Die Einheit des Sonnensystems war erkannt, der Sieg der
-Kopernikanischen Lehre über die alte Weltanschauung wurde in allen
-Ländern proklamiert.
-
-Aber für die Milchstraßenforschung war der Frühlingstag noch nicht
-gekommen. Sie hatte von der neuen Erfindung keinen Gewinn. Im
-Gegenteil, man war grenzenlos enttäuscht und konnte sich des Spottes
-der Gegner nicht erwehren. Die Fixsterne erschienen im Fernrohr
-noch kleiner und punkthafter als vordem. Die Milchstraße blieb ein
-undurchdringlicher Nebel, der im schmalen Gesichtsfeld des Fernrohrs
-noch geisterhafter, überirdischer, unerforschlicher aussah. Nur
-schüchtern wagte Galilei angesichts der Unzahl der im Fernrohr
-sichtbaren Sterne den Gedanken Demokrits aufzunehmen, daß die
-Milchstraße aus dichtgedrängten Sternscharen bestehe. Die Gegner des
-Kopernikus triumphierten. Ihr habt recht, sagten sie, Erde und Planeten
-drehen sich um die Sonne. Aber die Sonne ist der Mittelpunkt der Welt,
-»das Herz des Universums«. Jenseits des Saturn wird die Welt vom
-kristallenen Himmelsgewölbe begrenzt, in dem die himmlischen Lichter
-der Fixsterne aufgehängt sind.
-
-Die beobachtende und rechnende Astronomie war ohnmächtig gegenüber
-der Erscheinung der Milchstraße. Aber der grübelnde Sinn des Menschen
-gibt sich nicht zufrieden mit den Schranken des Wissens. Was er sieht,
-will er begreifen, und was er nicht mehr zu sehen vermag, sucht er
-durch Ideen auszufüllen. Wo das exakte Wissen aufhört, setzt der
-Vernunftsschluß, setzt die Spekulation ein. Die Grenze der Wissenschaft
-ist der Markstein der Philosophie; wo jene endet, nimmt diese ihren
-Anfang. So finden wir im 18. Jahrhundert das Milchstraßenproblem wieder
-wie in den Tagen Alt-Griechenlands in den Händen der Philosophen
-und sehen, wie wissensdurstige Männer unabhängig von Berechnung
-und Instrument sich auf den Flügeln ihres Geistes erheben, um das
-Geheimnis der Milchstraße zu entschleiern, und wir erleben abermals die
-Genugtuung, daß der kühne geistvolle Gedanke, daß die klare logische
-Idee über die Grenzen unseres ach, so beschränkten Wissens hinaus auch
-die letzten und größten Wahrheiten in ihren Grundzügen zu erfassen
-vermag; ja, was die Leser dieser Zeilen als Freunde der Natur ganz
-besonders fesseln wird, die befruchtenden Gedanken über das Wesen der
-Milchstraße, die zu den erhabensten gehören, die je dem Menschengeist
-entsprungen sind, gingen nicht aus von zahlenkundigen Astronomen, nicht
-von Männern mit Doktorhut und akademischen Würden, sondern von Menschen
-niederster Herkunft und einfachster Bildung, von Dilettanten in der
-Wissenschaft, die nichts anderes mitgebracht als Liebe zur Allnatur und
-ihrer Erkenntnis, Wissensdrang und unablässige Streben nach den Quellen
-der Wahrheit.
-
-Über das Weltmeer fährt ein armer Matrose. Er war als Sohn eines
-Zimmermanns geboren, zwischen Takelwerk und Teerfaß aufgewachsen und
-führte nun ein hartes Dasein in Wind und Wellen. Stürmisch wie der
-Ozean war sein Leben, einsam und freudlos wie die Wasserwüste waren
-seine Tage. Aber nachts, wenn die Sterne heraufzogen über das Meer,
-dann lag er vorn am Bug des Seglers auf den Tauen und blickte auf
-zu den Lichtern, die über der Wasserfläche glänzten, und wenn in
-der Klarheit der Meeresluft das Band der Milchstraße mit all seinem
-Reichtum an Nebeln, Wolken, Unterbrechungen und Seitenarmen hervortrat,
-dann versenkte sich dieser einfache Seemann in die Wunder des Himmels
-und seine ganze Sehnsucht ging dahin, dieses Weltband zu enträtseln. Er
-erkannte auf seinen Reisen durch alle Zonen, daß die Milchstraße ein
-lückenloser Ring war um den ganzen Himmel. Als ihm später in seinem
-englischen Heimatland ein sorgenloses Dasein winkte, da schrieb dieser
-ehemalige Matrose eine Schrift über das Wesen der Milchstraße und den
-Bau der Welt unter dem Titel »Neue Hypothese über das Weltall« 1740.
-
-Zwei Männer schöpften aus dieser Schrift des Seemanns +Thomas
-Wright+ ihre Ideen über den Aufbau des Universums. Der eine war ein
-Schneidergeselle aus dem Elsaß, der es durch Fleiß und Talent und
-durch die verdiente Gunst Friedrich des Großen bis zum Mitglied der
-Akademie der Wissenschaften brachte, +Heinrich Lambert+. Seine populär
-geschriebenen »Kosmologischen Briefe« (1761) erregten überall durch
-ihren feurig-enthusiastischen Stil die Begeisterung des Publikums
-und wurden in vielen Tausend Exemplaren über alle Länder verbreitet.
-Der andere war der Sohn eines Sattlers. Er kam nie über die Grenze
-seiner abgelegenen Vaterstadt hinaus. Aber sein Geist kannte keine
-Schranken und erhob sich bis in die Weiten des Himmels, dessen Bau und
-Entwicklung er so grundlegend darstellte, daß wir noch heute auf seinem
-Werke fußen. Dieser dritte war +Immanuel Kant+.
-
-Diese drei Männer, vor allem in höchster Vollendung Kant, bauten
-folgendes Weltbild auf. Wir leben auf unserer Erde im Sonnensystem. In
-der Mitte unseres Systems steht die strahlende Sonne, um sie kreisen
-in elliptischen Bahnen die Planeten, deren einer unsere Erde ist.
-Im Gegensatz zur leuchtenden Sonne sind die Planeten infolge ihrer
-Kleinheit erkaltet und dunkel. Dieses Planetensystem ist als ein System
-erster Ordnung zu betrachten. +Jeder Stern am Himmel ist eine glühende
-Sonne wie unsere.+ Diese Sonnen sind so unausdenklich fern, daß sie uns
-als Punkte erscheinen und selbst im Fernrohr kleinste Punkte bleiben.
-Mit größter Wahrscheinlichkeit besitzt jede dieser Sonnen um sich ein
-System von Planeten, die wir aber wegen der großen Entfernung und ihrer
-Dunkelheit nicht wahrnehmen. Mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit sind
-diese Planeten zum Teil bewohnt wie die Erde.
-
-[Illustration: Abb. 3. Sternhaufen im Centaurn. (Photogr. von Gill.)]
-
-Diese Idee von der Sonnennatur der Sterne, von den unsichtbaren
-Planeten dieser Sonnen und der Bewohnbarkeit dieser Welten hatte
-schon Giordano Bruno ausgesprochen. Nun aber überflügeln ihn die drei
-Weltdenker des 18. Jahrhunderts vermöge ihrer größeren astronomischen
-Kenntnisse. Es waren nämlich durch das Fernrohr am Himmel außer einer
-Unzahl kleinerer Sterne ungefähr 100 Sternhaufen und Nebelflecke
-entdeckt worden. Mit unbewaffnetem Auge sind die größten Sternhaufen
-eben als verschwommene Lichtpünktchen wahrnehmbar wie der berühmte
-Sternhaufen im Perseus*[1] genau in der Mitte zwischen dem ~W~ der
-Kassiopeia und den Hauptsternen des Perseus. Im Fernrohr enthüllt
-sich solch ein Sternhaufen als eine kugelförmige Anhäufung Hunderter,
-ja Tausender Sterne, die eng zusammengedrängt sind wie die Brillanten
-eines Diadems. Der Anblick eines solchen Himmelsdiadems gehört zu dem
-schönsten, das die Natur überhaupt dem Menschen zu offenbaren vermag
-(Abb. 3).
-
- [1] Sämtliche mit einem Stern bezeichnete Himmelsobjekte sind
- auf der Sternkarte S. 21 hervorgehoben.
-
-Außer diesen Sternhaufen entdeckte man noch nebelig verwaschene Gebilde
-von teils unregelmäßig zerklüfteter, teils regelmäßig scheiben-, ring-
-und linsenförmiger Gestalt, die man +Nebelflecke+ nannte. Auch von
-ihnen sind die größten mit bloßem Auge gerade noch wahrnehmbar, so
-der Nebelfleck im Bilde der Andromeda* und als größter von allen der
-berühmte Nebel im Orion* dicht unter dem Dreigestirn des Jakobstabes.
-
-Die Sterne sind, so schlossen Wright, Lambert und Kant, nicht
-regellos im Raum verteilt, sondern zu Sternenhaufen gruppiert. Diese
-Sternenhaufen sind die Systeme zweiter Ordnung. Auch wir leben im
-Innern eines Fixsternhaufens. Unsere Sonne bildet mit allen helleren
-Sternen des nächtlichen Himmels zusammen einen Sternenhaufen, wie wir
-ihn im Bilde des Centaurn oder des Perseus aus großer Ferne erblicken.
-Uns erscheinen die helleren Sterne am Himmel so verstreut, weil wir
-uns inmitten dieses Haufens befinden und nach allen Seiten von diesen
-Nachbarsternen umgeben sind. Würden wir aber aus anderen Sternhaufen,
-beispielsweise aus dem abgebildeten Haufen im Centaurn auf unsere Sonne
-herniederschauen, so würden wir die Sterne des Centaurnhaufens rings um
-uns am Himmel verteilt sehen als hellere Sterne, unsere Sonne dagegen
-im Innern eines fernen zusammengedrängten Sternhaufens nach Art des
-abgebildeten als lichtschwaches Pünktchen erblicken. Aber auch diese
-Sternhaufen sind nicht regellos im Raum zerstreut. Sie sind genau so zu
-einem System geordnet wie die Planeten unseres Sonnensystems. Sie sind
-alle in einer Ebene neben- und hintereinander, aber nicht übereinander
-gelagert, so wie unsere Planeten alle in einer Ebene, der sogenannten
-Ekliptik, schweben, und kreisen in dieser Ebene wahrscheinlich um einen
-Weltmittelpunkt wie die Planeten um die Sonne. Während die Sternhaufen
-als Ganzes in dieser Ebene dahinfliegen, bewegen sich die Sonnen
-innerhalb ihres einzelnen Haufens um den Mittelpunkt desselben, so wie
-die Monde während der Sonnenreise ihrer Planeten diese in Kreisen
-umschwingen. Lambert hielt den Orionnebel, Kant den Sirius* für den
-Mittelpunkt unseres Sternhaufen. Alle diese Sternhaufen zusammen bilden
-ein System dritter Ordnung. Die Gestalt dieses Systems ist die einer
-Linse, wie man sie erhält, wenn man zwei Suppenteller mit ihren Rändern
-aufeinanderstellt. Der Sternhaufen, dem unsere Sonne angehört, befindet
-sich in der Mitte einer solchen ungeheuren Weltlinse. Schauen wir durch
-diese Sternenhaufenlinse nach den Breitseiten, den Polen zu, so sehen
-wir verhältnismäßig wenig Sterne. Blicken wir dagegen flach durch das
-ganze Linsensystem, in der Richtung der Sternhaufenebene, so müssen
-wir durch die ganze Masse der Sterne und Sternhaufen hindurchsehen,
-und sie erscheinen uns als ein Ring von dichtgedrängten Sternen und
-Sternhaufen, so fein und so dicht, daß wir ihre Gesamtmasse nur als
-einen zusammenhängenden, verwaschenen Nebelgürtel rings um den Himmel
-wahrnehmen, -- die Milchstraße.
-
-[Illustration: Abb. 4. Sternkarte mit Hervorhebung der für die
-Milchstraßenforschung wichtigen und erwähnten Himmelsobjekte.]
-
-Die Milchstraße ist also nach der Hypothese dieser drei Männer die
-Erscheinung eines ungeheuren Sternsystems, einer linsenförmigen
-Weltinsel, in deren Mitte sich unsere Sonne als ein Stern in einem
-Sternhaufen befindet (Abb. 5). Von den sichtbaren Sternen gehören die
-helleren unserem Sternhaufen, die schwächeren und alle jene, deren
-Licht wir nur als Nebel wahrnehmen, den andern Sternhaufen an, alle
-aber dem einen großen Weltsystem der Milchstraße.
-
-Man stelle sich vor, wir ständen nachts auf dem Deck eines
-illuminierten Schiffes. Vor, hinter, neben und über uns sehen wir
-die Lichter unseres Schiffes in den Masten und am Bordrand hängen.
-In allen Himmelsrichtungen sind wir also von einzelnen hellen,
-uns sehr nahen Lampen umgeben. In weiter Ferne ist das ganze Meer
-bevölkert von gleichfalls illuminierten Schiffen. Man sieht von diesen
-Schiffen, da es Nacht ist, nur die Lichter. Die näheren erkennt man
-als zusammengedrängte Haufen von Lichtern. Hier eine solche Anhäufung
-von Lichtern, ein Schiff, dort eine andere Lichtergruppe, ein zweites
-Schiff. Von den fernen Schiffen nimmt man keine einzelnen Lichtpunkte
-mehr wahr, sondern nur noch einen unbestimmten Schimmer. Da die Schiffe
-weiter verteilt sind, als unser Auge reicht, und allseitig um uns das
-Meer befahren, so sind wir rings umgeben von einem mattleuchtenden
-nebeligen Schein, von einem Lichtgürtel, der den Horizont ringförmig
-umschließt.
-
-Das Meer ist der Weltraum. Das Schiff, auf dem wir uns befinden, ist
-der Sternhaufen, dem unsere Sonne angehört. Die nächste größte Laterne
-ist unsere Sonne selbst. Die kleinen Lichter über, neben und hinter uns
-sind die übrigen Sterne unseres Haufens. In mäßiger Entfernung, aber
-immer noch tausendmal weiter als die letzten Sterne unseres Haufens
-sehen wir andere Sterngruppen als Sternhaufen. Die weitaus meisten
-Sternhaufen aber sind von uns so weit entfernt, daß ihr Glanz mit
-dem der übrigen hinter, neben und vor ihnen verschwimmt, und so ihre
-Gesamtheit uns als leuchtender Gürtel, als Milchstraße umgibt.
-
-Hört die Welt jenseits der Milchstraße auf? Nein. Die Milchstraßenlinse
-ist zwar unvorstellbar groß, aber ein durchaus festbegrenztes
-endliches Gebilde. Sie ist eine Weltinsel. Das Weltall aber ist
-unendlich. Andere Milchstraßensysteme bevölkern es. Diese fremden
-Milchstraßensysteme sehen wir als Nebel von Linsengestalt aus
-ungeheurer Ferne schimmern. Der Andromedanebel ist solch ein fernes
-Milchstraßensystem, das wir weit außerhalb unserer Weltinsel im
-Raum schweben sehen. Unendlich wie das All ist die Zahl solcher
-Milchstraßen. Auch sie sind wieder zu Systemen geordnet, Systemen 4.,
-5. und 6. Ordnung, kreisen um- und ineinander wie Räder, jede von ihnen
-ein Rad im Getriebe einer großen Weltmaschine, ein Rädchen an der
-großen Weltenuhr, deren unerforschlicher Gang dem Menschen ein ewiges
-Rätsel bleibt ...
-
-[Illustration: Abb. 5. Das Milchstraßensystem als Weltlinse nach
-Wright, Kant und Lambert.]
-
-Kann etwas kühner sein als die Hypothese dieser drei Männer? Kopernikus
-stieß die Erde von ihrem ruhenden Thron und wälzte sie zu ewigem Lauf
-um ihre Sonne. Diese Männer hoben die Sonne aus ihrer Angel und stießen
-sie hinein in den Weltraum, daß sie in ihm kreise, ein Stern unter
-Sternen, ein Lichtpunkt im großen Weltgewühl der Milchstraße. Sie
-ordnen mit weltenschöpferischer Kraft das Heer der Sterne zum wahren
-Kosmos, zum Schmuck, zur Weltordnung, zur harmonischen Einheit von Raum
-und Materie, Kraft und Stoff, Masse und Bewegung.
-
-Was konnten sie zur Begründung einer solch kühnen Weltanschauung
-vorbringen? Konnten sie beweisen, daß die Sonne nur ein Stern war und
-nicht, wie Kepler glaubte, »das Herz des Universums«? Daß die Sterne
-Sonnen waren und nur ihrer Ferne wegen als Punkte erschienen? Konnten
-sie beweisen, daß Planeten um sie kreisen, und sie sich wirklich
-zu Haufen gruppieren? Daß die Sonne sich in einem solchen Haufen
-befindet? Daß sich die Sterne im Raum bewegen und keine ~prima sphaera
-immobilis~, keine höchste unbewegliche Himmelssphäre bildeten? Daß sie
-eine Einheit waren aus gleichen Stoffen gebaut, von gleichen Kräften
-regiert? Daß die Milchstraße in der Tat aus Sternen zusammengesetzt
-und keine Fuge im Himmelsgewölbe ist, und daß die Nebelflecke ferne
-Milchstraßensysteme vorstellen?
-
-Alles das hätten sie Punkt für Punkt beweisen müssen, wenn sie ihre
-philosophische Spekulation zum Rang einer wissenschaftlichen Hypothese
-erheben wollten. Und was konnten sie beweisen? Nichts. Der Mond
-war erforscht, die Sonne studiert, Planetenbahnen waren berechnet,
-Kometen bestimmt, aber die Welt der Sterne, die Milchstraße, war ein
-unerforschte Land. Sie schien aller irdischen Erkenntnis zu spotten
-und für die Menschheit, die auf diesem winzigen Erdplaneten gebannt
-ist, ein Rätsel ohne Lösung zu bleiben. Wer hätte auch in jene Fernen
-dringen können? In jene Fernen, in denen Sonnen zu Punkten werden und
-selbst im Fernrohr sich nicht einmal zur kleinsten Scheibe verbreitern,
-ja, in denen selbst diese Punkte schwinden und in ihrer Unzahl zu einem
-milchigen Schimmer verschwimmen, der uns als Nebelgürtel umleuchtet;
-und in jene noch tausendmal größeren Fernen, in denen ganze Systeme
-dieser Art, ganze Milchstraßen zu einem Wölkchen verblassen, so klein,
-daß das Auge sie kaum in den klarsten Nächten als Fleckchen wahrnimmt!
-Mußte nicht für alle Zeiten das junggeniale Machtwort Schillers hier
-dem Menschen eine ewige Grenze bieten:
-
- »Steh! du segelst umsonst -- vor dir Unendlichkeit!«
- »Steh! Du segelst umsonst -- Pilger, auch hinter mir! --
- Senke nieder,
- Adlergedank', dein Gefieder!
- Kühne Seglerin, Phantasie,
- Wirf ein mutloses Anker hie.«
-
-Wer hätte in jene Fernen dringen können, in denen selbst die Phantasie
-ein mutlos Anker wirft? Wer?
-
-Im Jahre 1759 zog die Regimentskapelle der Hannoverschen Grenadiere
-nach England. Mit ihr wanderte ihr Hoboebläser, ein blutarmer
-19jähriger Musikant, dessen Vater selbst Militärmusiker gewesen war,
-aus seiner Heimat aus. In England entsagte er bald dem Dienst und
-schlug sich kümmerlich als Musiklehrer durch. In den Pausen zwischen
-den Stunden aber setzte er sich hin und studierte die Gesetze der
-Optik, um sich ein Fernrohr zu bauen, da er kein Geld besaß, ein
-fertiges zu erwerben. Des Nachts richtete er seine selbstkonstruierten
-Rohre gegen den Himmel und studierte die Welt der Sterne. Das Geheimnis
-der Milchstraße zu entschleiern, war das Ideal seines Lebens. Bruder
-und Schwester entflammte er für sein hohes Ziel, und dieser arme,
-aber erlauchte Kreis der drei Geschwister wetteiferte im Studium der
-Milchstraße. Kein Rohr genügte dieser Aufgabe. Da die Linsen, je größer
-sie geschliffen wurden, um so unschärfere Bilder lieferten, baute er
-Spiegelteleskope, in denen ein Hohlspiegel das Bild der Sterne auffängt
-und in einem Brennpunkt sammelt. Immer größere Spiegel stellte er her,
-immer längere Rohre setzte er zusammen. Es entstanden Teleskope von
-unerhörten Dimensionen. 1781 entdeckte er mit seinem Rieseninstrument
-den Planeten Uranus, sein Ruhm drang bis zum König, der ihn zum
-Hofastronomen ernannte und ihm ein sorgenfreies Leben für weitere
-Forschungen verschaffte. Mit seinem neuen Instrument, dessen Spiegel
-126 ~cm~ Durchmesser und dessen Rohr 12 ~m~ Länge besaß, »durchbrach«
-der ehemalige Militärmusiker +William Herschel+, wie es auf seiner
-Grabschrift heißt, »die Schranken des Himmels« und begründete so die
-moderne Fixstern- und Milchstraßenforschung.
-
-Herschels Riesenteleskope waren die ersten Instrumente, die die
-Milchstraße wirklich auflösten. Er berichtet über seine erste
-Beobachtung der Milchstraße der Kgl. Gesellschaft im Juni 1784: »Als
-ich mein Fernrohr auf einen Teil der Milchstraße richtete, fand
-ich, daß es den weißen Nebel in kleine Sterne auflöste, was meine
-früheren Rohre nicht vermocht hatten. Die bewunderungswerte Zahl von
-Sternen aller Größe, die sich hier meinem Blick offenbarten, war
-in der Tat zum Erstaunen. Ich ließ während einer Stunde die Sterne
-der Milchstraße durch das Gesichtsfeld meines Teleskopes ziehen und
-vermochte nicht weniger als 50000 einzelne zu zählen. Aber es waren
-gewiß doppelt so viel, von denen ich aber wegen ihrer Lichtschwäche
-nur einen unbestimmten Schimmer wahrnehmen konnte.« Die Zahl aller
-mit seinem Rohr erkennbaren Sterne schätzte Herschel auf ungefähr
-30 Millionen. +Die Unzählbarkeit der Sterne, die Sternnatur der
-Milchstraße war bewiesen.+ Auch Herschel kam zu der Überzeugung, daß
-das Milchstraßensystem tatsächlich eine Weltinsel aus vielen Millionen
-Sternen sei. Die meisten dieser Sterne sind zu Haufen gruppiert, die in
-einer linsenförmigen Schicht von großer Ausdehnung und verhältnismäßig
-geringer Dicke verteilt sind. Zwischen diesen Haufen von Sternen
-schweben weite Nebelmassen von verschiedenster Gestalt. Da ihm aber
-seine Rohre in der Milchstraße jene mannigfachen Einzelheiten,
-Verzweigungen, Wolken, Schattierungen, Spalten und Öffnungen
-enthüllten, die wir bei der Beschreibung des Lichtgürtels erwähnten,
-konnte das Milchstraßensystem nach seiner Ansicht nicht die Gestalt
-einer regelmäßigen Linse, sondern nur die Form einer unregelmäßig
-verzweigten Sternenplatte besitzen, deren Umrisse er durch sorgfältige
-Studien zu bestimmen suchte (Abb. 6).
-
-Auch die Stellung der Sonne in diesem System suchte er durch folgende
-Überlegung zu bestimmen. Da der Milchstraßengürtel uns allseitig fast
-in gleicher Breite erscheint, müssen wir uns ungefähr in der Mitte
-des Systems befinden. Die nördliche Hälfte ist etwas breiter als
-die südliche, also stehen wir dieser etwas näher und nicht genau im
-Zentrum. Außerdem schwebt die Sonne nicht ganz genau in der Mittelebene
-des Systems, sondern etwas nördlich über der allgemeinen Ebene der
-Sternhaufen.
-
-Aber je weiter sich Herschel in die Wunder der Milchstraße versenkte,
-um so klarer erkannte er, daß sein Milchstraßenbild unvollkommen war
-und keineswegs die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen erschöpfte. Es
-war seinem Wissen als Forscher und seinem Scharfsinn als Denker nicht
-möglich, alle Widersprüche zu bannen und alle Probleme durch ein
-großes einheitliches Weltbild zu umspannen. Er widerrief in späteren
-Jahren seine Hypothese und bekannte resigniert, daß weder Fernrohr
-noch Gedanke reiche, ein zufriedenstellendes Bild der Welt zu geben,
-und daß es einem späteren Geschlecht vorbehalten sei, das Land, das er
-entdeckt, in seiner wahren Gestalt zu erforschen.
-
-Daß Herschel als erster, mit großen Instrumenten ausgerüstet,
-zielbewußt die Milchstraße erforschte, und ein, wie er selber gestand,
-ungenügende Bild ihrer Natur entwarf, reicht wahrlich nicht hin, ihm
-eine so führende Stellung in der modernen Wissenschaft anzuweisen,
-daß man ihn den »Vater der Stellarastronomie« nennt. Herschels
-unvergleichliches Verdienst liegt tiefer: er lehrte uns das Fernrohr
-für die Erforschung der Fixsternwelt und des Milchstraßengürtels
-anzuwenden. Herschel lehrte uns sehen.
-
-[Illustration: Abb. 6. Das Milchstraßensystem nach Herschel.]
-
-Das Auge des Menschen ist eine Camera obscura wie der photographische
-Apparat. Er besteht aus einer Linse, die das Licht der Außenwelt
-auffängt, sammelt, und als verkleinertes verschärftes Bild auf eine
-lichtempfindliche Platte, die Netzhaut, wirft. Linse und Netzhaut
-sind die beiden wesentlichen Teile des Auges. Das Fernrohr ist
-eine künstliche Linse, die sich der Mensch zur Verstärkung seiner
-natürlichen vor das Auge stellt. Die teleskopische Linse ist hundertmal
-größer, schärfer, lichtstärker. Dadurch verhundertfacht sie die
-Leistungen des menschlichen Auges. Während das Auge günstigenfalls 6000
-Sterne am ganzen Himmel, also von einem Standpunkt aus 3000 wahrnimmt,
-die man nach ihrer Helligkeit in sechs Klassen von der ersten bis
-sechsten Größe einteilt, sieht das Fernrohr viele Millionen bis zur
-12., 13. und 14. Größe. Auf einer Himmelsfläche von dem Umfang einer
-Mondscheibe zählte Herschel 2400 Sterne! Man sieht also im Fernrohr
-tatsächlich »wie Gras der Nacht Myriaden Welten keimen«.
-
-Neben der Erkenntnis der ungeheueren Zahl der Milchstraßensterne
-ermöglicht das Fernrohr genaue Untersuchungen über die +Verteilung+
-dieser Sternheere. Herschel begann diese Untersuchungen mit
-seinen berühmten Sterneichungen, d. s. Auszählungen der Sterne
-nach Stichproben; vollendet wurden sie in unseren Tagen durch die
-eingehenden »Untersuchungen über die Verteilung der Fixsterne« des
-Münchener Forschers v. Seeliger. Diese mühevollen Studien gipfeln in
-dem Ergebnis, daß alle uns sichtbaren Sterne tatsächlich, wie Wright,
-Kant und Lambert angenommen haben, in einer flachen, linsenförmigen
-Scheibe, dem Milchstraßensystem, angeordnet sind. Je mehr man sich von
-den Polen ausgehend dem Milchstraßenäquator nähert, um so zahlreicher,
-dichtgedrängter erscheinen die Sterne als Zeichen ihrer Anordnung in
-einer großen Ebene, der Milchstraße.
-
-Fast noch wichtiger als die Bestimmung der allgemeinen Sternverteilung
-ist die genaue Ortsbestimmung einzelner Sterne durch gewissenhafte
-Fernrohrbeobachtung, da sie allein zur Ermittlung der +Sternentfernung+
-führen kann. Die Kunst, das Fernrohr zu gebrauchen, sollte bald auf
-diesem Gebiet die schönsten Früchte reifen lassen.
-
-Wenn wir uns in einem Eisenbahnzug durch eine Landschaft bewegen,
-so fliegen die Bäume und Kirchturmspitzen an uns vorbei, wobei sie
-sich gegen ihren Hintergrund, den Horizont, verschieben. Je ferner
-ein Gegenstand sich von uns befindet, umso geringer ist diese
-scheinbare Verschiebung. Man nennt diese scheinbare Verschiebung eines
-Gegenstandes gegen seinen Hintergrund bei Ortswechsel des Betrachters
-die +Parallaxe+. Man halte seinen Zeigefinger vor dieses Buch und
-betrachte ihn abwechselnd mit dem rechten und dem linken Auge. Dann
-verschiebt sich seine scheinbare Stellung gegen den Buchhintergrund.
-Aus dieser Parallaxe des Fingers kann man seine Entfernung vom Auge
-berechnen, wenn man den Abstand der beiden Augen voneinander kennt.
-
-Bekanntlich steht die Erde nicht still, sondern bewegt sich in einem
-Kreis um die Sonne. Der Durchmesser dieser Erdbahn beträgt 300
-Millionen Kilometer. Wir stehen im Frühling um 300 Millionen Kilometer
-von jener Stelle entfernt, an der wir uns im Herbst befunden haben.
-Es müssen sich demnach die Gestirne zwischen der Frühlings- und der
-Herbstbetrachtung gegen den Himmelshintergrund genau so verschieben,
-wie der Finger, den wir einmal mit dem rechten, einmal mit dem linken
-Auge betrachten (Abb. 7).
-
-[Illustration: Abb. 7. Entstehung der Sternparallaxe infolge des
-Erdumlaufs um die Sonne.]
-
-Diese Verschiebung ist so minimal, daß sie weder Galilei noch Herschel
-trotz eifrigster Bemühungen feststellen konnten. Dieses gelang erst
-im Jahre 1837 dem berühmten Königsberger Astronomen +Bessel+, der in
-seiner Jugend Kaufmann gewesen war, mit einem neuen stereoskopartigen
-Fernrohr, dem Heliometer. Das von Fraunhofer konstruierte Heliometer
-ist ein so feines Instrument, daß man damit in der Entfernung eines
-Kilometer die Verschiebung eines Körpers um ½ ~mm~ auf das genaueste
-bestimmen kann. Nach jahrelanger, unverdrossener Beobachtung bestimmte
-Bessel die Parallaxe eines kleinen Sternes 61 im Schwan und berechnete
-seine Entfernung auf 80 Billionen ~km~, d.h. auf das 500000fache der
-Sonnenentfernung, die 150 Millionen ~km~ beträgt. +Die unvorstellbare
-Entfernung der Fixsterne war bewiesen.+ Sternentfernungen zu fassen,
-ist Menschensinnen versagt. Wir können uns Meter und Kilometer
-vorstellen, aber nicht Sonnenabstände oder Sternenweiten. Die kühnste
-Phantasie scheitert an jedem Versuch, die Räume des Universums zu
-messen. Wir sind Erdensöhne und durch unsere irdische Organisation an
-planetarische Maße gebunden. Was jenseits dieser Erdenwelt gelegen,
-können wir bewundern, verehren, aber fassen können wir es nicht.
-Astronomische Entfernungen in Kilometer auszudrücken ist ebenso töricht
-wie ein Land in Quadratmillimetern zu vermessen. Fehler, die selbst
-Millionen dieser Einheiten betrügen, wären immer noch unbestimmbar
-klein. Daher hat man als Normalmaß in der Astronomie das +Lichtjahr+
-eingeführt. Die Lichtschwingung des Weltäthers ist die schnellste
-Bewegung, die wir kennen. Die Lichtwelle pflanzt sich in einer Sekunde
-um 300000 ~km~ fort. Man lege seine Hand an seinen Puls und zähle.
-Zwischen zwei Pulsschlägen schwingt die Lichtwelle achtmal um den
-Erdball. Diesen Weg bezeichnet man als Lichtsekunde. Den Weg, den
-das Licht in einem Jahr zurücklegt, ein Jahr hat über 30 Millionen
-Sekunden, d.h. also 10 Millionen mal eine Million ~km~ = 10 Billionen
-~km~ bezeichnet man als ein Lichtjahr und sagt, ein Stern ist 10
-Lichtjahre von uns entfernt, wenn das Licht 10 Jahre braucht, um von
-ihm zu uns zu gelangen. 1 ~km~ verhält sich zu einem Lichtjahr wie
-eine Sekunde zu 60000 Jahren. Die Entfernungen zwischen den einzelnen
-Sternen sind ungeheuer. Sie betragen Lichtjahre, Lichtjahrzehnte,
-Lichtjahrhunderte. Selbst zwischen den benachbarten Sternen einer
-Gruppe gähnen Räume von unheimlicher Länge und Weite, unüberbrückbar
-selbst für den Gedanken. Der nächste Stern ist von der Sonne über 4
-Lichtjahre entfernt, ¼ Million mal weiter als sie von uns. Nur durch
-ein Bild kann man sich einer Vorstellung von den Maßen der Sternenwelt
-nähern. Denkt man sich die Erdkugel, unsere schöne große weite Erdkugel
-zu einer Erbse geschrumpft, so läge die Sonne 100 ~m~ von ihr als ein
-großer Kürbis. Läge dieses Sonnensystem in Berlin, wo würde dann das
-nächste Fixsternsystem liegen? Das allernächste? Draußen vor der Stadt?
-Oder in einem Vorort? Oder gar in Leipzig? In München? Vielleicht
-selbst in Rom, 1500 ~km~ weit entfernt? Nein, es läge über zehnmal
-weiter, 25000 ~km~ weit, also irgendwo im Innern Australien oder in
-der Südsee jenseits dieses Erdteils nahe dem Südpol. Der zweitnächste
-Stern, um die Hälfte weiter entfernt, fände auf Erden gar keinen
-Raum mehr und schwebte jenseits des Gegenpols draußen im Weltraum!
-Wir Menschen sind Wesen auf einer Erbse, die irgendwo im Grase
-versteckt in Mitteleuropa liegt. Im Polareis des Südpols zwischen den
-gefrorenen Schollen liegt ein kürbisgroßer Stein und einige Schritte
-von ihm entfernt liegen wahrscheinlich einige Erbsen, das ist unsere
-nächste Schwesterwelt im Universum! Wenn wir seiner überhaupt fähig
-waren, welch trostloses Einsamkeitsgefühl müßte uns ergreifen! Welch
-grauenhafte Öde umschauert uns als toter kalter dunkler Raum! Was ist
-der Mensch im All? Wenn die Erde eine Erbse wäre in einem Raum so groß
-wie ein Zimmer, so wäre sie schon klein zu nennen und nicht wert, den
-Mittelpunkt der Welt zu bilden. Schon dann wäre es Hochmut, wenn der
-Mensch, der auf dieser Erbse in ganzen Völkerscharen lebt, sich für
-den Herrn der Welt, für die Krone der Schöpfung hielte. Eine Erbse
-inmitten einer großen Stadt ist schon ein Nichts, ein unauffindbares,
-verschwindendes Nichts, dessen Dasein oder Nichtdasein am Bilde der
-Stadt auch nicht einen Deut veränderte. Aber irgendwo im Grase eines
-leeren Europa, vielleicht im Geröll der Alpen oder in einem Sumpfried
-der sibirischen Steppe oder im öden Sande der Sahara oder in den Wellen
-des Atlantischen Ozeans eine Erbse zu sein und auf ihr zu leben,
-weniger, 100000 mal weniger als ein Bazillus -- »wenn ich den Himmel
-anschaue, den Mond und die Sterne, was ist der Mensch, daß du seiner
-gedenkst, und der Menschensohn, daß du auf ihn achtest?«
-
-Nur von den allernächsten Sternen, die naturgemäß die größte Parallaxe
-besitzen, sind zuverlässige Bestimmungen gelungen, so daß wir von nur
-ungefähr 200 der nächsten Sterne die genaue Entfernung kennen, während
-wir von all den übrigen Millionen nur sagen können, daß sie um ein
-vielfaches ferner sein müssen als diese Schwesterwelten, mit denen wir
-zusammen eine Sterngruppe bilden. Von den bekannten Sternen sind von
-uns entfernt:
-
- Alpha Centauri, der nächste aller Fixsterne 4,3 Lichtj.
- Sirius im Großen Hund 8,6 "
- Prokyon im Kleinen Hund 9,5 "
- Atair im Adler 14 "
- Kastor in den Zwillingen 17 "
- Aldebaran im Stier 30 "
- Regulus im Löwen 36 "
- Wega in der Leier 39 "
- Kapella im Fuhrmann 40 "
- Polarstern im Kleinen Bären 46 "
- Pollux in den Zwillingen 57 "
- Arktur im Bootes 136 "
- Beteigeuze im Orion 142 "
- Rigel im Orion 320 "
-
-Man wende seinen Blick zum glänzenden Pollux*. Die Lichtwellen, die
-jetzt unser Auge treffen, haben vor 57 Jahren diese Sonne verlassen.
-Dieser Stern steht gar nicht an jener Stelle, wo wir ihn jetzt sehen,
-so wenig wie der Sirius oder die Kapella sich in Wirklichkeit jetzt
-an ihrem scheinbaren Platz befinden, sondern stand vor 57 Jahren an
-diesem Punkt. Als diese Ätherwellen, die jetzt unsere Netzhaut erregen,
-dem flammenden Chaos dieser Welt vor 57 Jahren entwirbelten, waren wir
-noch nicht geboren, unsere Eltern kannten sich in jener Stunde noch
-nicht, und während jener Strahl durch den Weltraum zu uns eilte, 57
-Jahre lang in jeder Sekunde 300000 ~km~ fliegend, wuchsen wir heran aus
-einer kleinen Gallertzelle, wurden wir als ein hilf- und ahnungsloses
-Wesen geboren, lagen wir in der Wiege, lernten wir gehen und sprechen,
-lesen und schreiben vom ABC und Einmaleins durch Märchenbuch und
-Räubergeschichte bis zu diesen Zeilen, die uns Kunde bringen von den
-Wundern, die uns umschwingen. Was haben wir nicht alles in dieser Zeit
-gesehen und gehört, erlebt und erlitten? Was ist nicht alles geschehen
-auf diesem kleinen Erdball in 57 Jahren! Und was auf jener Sternenwelt
-dort droben? Vielleicht ist sie in dieser Zeit erloschen, vielleicht
-zusammengeprallt mit einem dunklen Körper und in den Weltraum
-zerstoben, ist vielleicht vor 30 Jahren in glühenden Nebel verdampft
-und existiert nicht mehr. Wir aber sehen dann in dieser Stunde etwas,
-was gar nicht mehr ist, und werden es morgen noch sehen und in zehn
-und in zwanzig Jahren, und wenn die Lichtwellen, die jetzt jene Welt
-verlassen, in 57 Jahren unsere Atmosphäre überfluten, liegen wir längst
-draußen im Feld unter dem Rasen, heimgekehrt in den Allmutterschoß
-der Erde, und kein Sehnerv zittert mehr in unserer Augenhöhle, keine
-Zellfaser schwingt mehr in unserer Hirnschale in dem Gedanken von der
-Größe und Erhabenheit der Welt -- kurz ist die Frist, die dem Menschen
-gegeben, zu forschen und zu fühlen, kürzer als die Spanne, die das
-Licht von einem Stern zum andern schwingt -- ~carpe diem~, nützen wir
-den Tag und die Stunde!
-
-Die äußersten Sterne des Milchstraßensystems, deren verschwommener,
-zusammenfließender Schein das Milchlicht dieses Gürtels erzeugt, sind
-von uns 10000 Lichtjahre entfernt. Wenn wir auf den Planeten einer
-solchen Sonne lebten und unsere Erde beobachten könnten, so sähen wir
-die Welt vor drei-, sechs-, acht-, zehntausend Jahren. Die Bewohner
-einer Sternenwelt in der noch mäßigen Entfernung von 3000 Lichtjahren
-sähen heute Griechen und Trojaner in der Ebene von Ilion kämpfen,
-sähen den greisen Priamus im Kreis der Alten auf der Mauer, die schöne
-Helena auf ihrem Ruhelager im fürstlichen Gemach, Achill grübelnd in
-seinem Zelte sitzen und Hektor im Kampf mit dem fallenden Patroklus.
-Wenn wirklich denkende Wesen uns aus dieser Ferne beobachteten --
-und wer will diese Möglichkeit in unserer Welt der Wunder einfach
-leugnen? -- so sähen sie Europa als Sumpf und Urwald, bevölkert von
-Heiden und Barbaren, und spotten vielleicht unserer, nicht ahnend,
-daß auf derselben Stelle, wo sie Götzenaltäre und Göttereichen sehen,
-in Wahrheit schon Kuppelhallen stehen mit gewaltigen Teleskopen,
-elektrischen Uhren, Tabellen und Sterntafeln, und daß Menschen unter
-ihnen sitzen, die die Geheimnisse des Weltalls bis in tausendjährige
-Lichtentfernungen ergründen ...
-
-Bei den genauen Ortsbestimmungen, die zur Feststellung der Parallaxe
-notwendig waren, entdeckte Bessel an manchen Sternen kleine
-Verschiebungen, die sich nicht durch die Bewegung der Erde um die
-Sonne erklären ließen. Vor allem an den beiden hellen Sternen Sirius
-und Prokyon fielen ihm kleine periodische Bahnbewegungen auf, die
-er nach jahrelanger reiflicher Beobachtung und Überlegung auf die
-Anwesenheit unsichtbarer Trabanten zurückführte. Der Sirius sollte
-von einer Begleitsonne umkreist werden, die ihn in 50 Jahren umläuft
-und durch ihre Anziehungskraft die Störungen der Siriusstellung
-hervorruft. Dieser von Bessel vermutete Siriusbegleiter war aber
-selbst in den stärksten Fernrohren nicht zu entdecken. 18 Monate nach
-Veröffentlichung seiner Arbeit über den unsichtbaren Siriusbegleiter
-starb Bessel. Sein Nachfolger Peters führte die Untersuchungen fort und
-berechnete, daß dieser Begleiter augenblicklich in dem und dem Abstand
-an einem ganz bestimmten Punkt stehen müßte. Eine verwegene Behauptung!
-Einen Körper in einer Entfernung von ½ Millionen Sonnenweiten, den
-kein menschliche Auge sehen konnte, nicht nur zu vermuten, sondern
-sogar genau seine Bahn, seine Bewegungsgeschwindigkeit, seinen Standort
-zu berechnen! Klingt es nicht wie ein Märchen, daß ein Mensch im
-Dunkel nie gesehener Welten, in Fernen, die sich keine Vorstellung
-mehr auszudenken vermag, unsichtbare Trabanten berechnet, und mit der
-Bestimmtheit einer eidlichen Versicherung ihr Gewicht, ihre Entfernung,
-ihre Bahn und ihre Geschwindigkeit zu kennen behauptet? Wer sollte den
-Sternenguckern solche Phantasien glauben, zumal niemand selbst mit
-den immer besseren Teleskopen der folgenden Jahre diesen Begleiter zu
-entdecken vermochte! Aber es kam anders, als die Zweifler glaubten
-und die Spötter lachten. 20 Jahre nach dem Tode Bessels erprobte der
-berühmte amerikanische Linsengießer Clark sein neuestes Glas, richtet
-es auf den Sirius -- und entdeckt genau an der Stelle, die Peters
-für dieses Jahr als Stand des Siriustrabanten angegeben hatte, ein
-Sternchen! Man verfolgte seinen Lauf und siehe da, es bewegte sich
-in 50 Jahren um den Sirius und stand in jedem Jahr an jenem Punkt,
-den Bessel und Peters vor seiner Entdeckung für diese Zeit berechnet
-hatten! Welches Wunder ist größer? Daß es Welten gibt in dieser Fülle
-und in diesen Fernen, die sich umkreisen wie Sonne und Planeten, oder
-daß auf einem dunklen Sonnenstäubchen zwischen ihnen ein Eintagswesen
-lebt mit einer grauen Gallertmasse in seiner Schädelschale, das die
-Bahnen dieser Welten bestimmt, ohne sie in ihrer Größe und Entfernung
-sich vorstellen zu können, ja selbst ohne sie im schärfsten Fernrohr
-überhaupt zu sehen?
-
-Sterne, die mit einem anderen Stern ein kreisendes System bilden, nennt
-man Doppelsterne. Fast jeder dritte Stern unserer näheren Umgebung
-ist ein Doppelstern, so daß wir heute ungefähr 15000 Doppelsterne
-kennen. Weit auseinander stehende Doppelsterne wie das Sternpaar rechts
-neben dem Aldebaran* kann man mit bloßem Auge als solche erkennen,
-die meisten aber sind erst im Fernrohr und sehr viele auch mit diesem
-nicht mehr zu trennen. Die Umlaufszeiten der Doppelsterne schwanken
-zwischen einigen Tagen und mehreren Tausend Jahren, je nach dem Abstand
-der Sonnen, wie ja auch die Umlaufszeiten unserer Planeten von Merkur
-bis Neptun zwischen 88 Tagen und 165 Jahren voneinander abweichen. Die
-Umlaufszeiten betragen im Doppelsystem des
-
- Prokyon 40 Jahre
- Sirius 50 "
- Alpha Centauri 87 "
- Kastor 997 "
-
-Es gibt aber nicht nur Systeme von zwei Sonnen, sondern solche von 3,
-4, 6, 8, 16, ja 20 Sonnen. Dicht neben der Wega in der Leier steht ein
-Sternsystem*, von dem ein mäßiges Auge nur ein Pünktchen sieht; ein
-gutes Auge sieht diesen Stern als längliche Linie; ein sehr gutes Auge
-erkennt zwei eng zusammenstehende Sterne 5. Größe. Schon ein kleines
-Fernrohr aber zerlegt jeden dieser beiden Sterne in zwei Körper, so daß
-wir hier ein Sternsystem von vier Sonnen vor uns haben. Der hellste
-Stern der Plejadengruppe,* Alkyone, ist ein vierfacher, der mittlere
-Deichselstern im großen Wagen Mizar* ist ein fünffacher Stern. Der
-Lichtschimmer des Orionnebels* unter dem Jakobstab geht von einem
-sechsfachen Sternsystem aus, das seiner Gestalt wegen Trapez genannt
-wird.
-
-Die Entdeckung dieser Doppelsterne und ihrer Bewegungen bedeutet einen
-großen Fortschritt in der Erkenntnis des Milchstraßensystems. Diese
-umeinanderkreisenden Sonnen beweisen uns das Wirken der Schwerkraft
-zwischen den Sternsystemen anderer Welten. Dieselbe Kraft, die uns
-an den Boden unseres Planeten fesselt, die den Mond an die Erde,
-die Erde an die Sonne kettet, waltet droben zwischen den Sonnen der
-Milchstraßenferne und heißt sie umeinanderkreisen in nimmer endendem
-Doppellauf. +Die Doppelsterne beweisen die Einheit und Allheit der
-Schwerkraft im System der Milchstraße.+
-
-Aber nicht nur dies. Die Planeten unseres Systems bewegen sich nach
-bestimmten Gesetzen um die Sonne, die nach ihrem Entdecker die
-Keplerschen Gesetze genannt werden. Die drei Keplerschen Gesetze
-sagen, daß die Planeten sich in Ellipsen um die Sonne bewegen, die im
-Brennpunkt dieser Ellipsen steht, daß die Bewegung der Planeten um so
-rascher wird, je näher sie der Sonne kommen, und daß ihre Umlaufszeiten
-in bestimmtem Verhältnis von ihrer Sonnenentfernung abhängig sind.
-Als man die Bahnen der Doppelsterne verfolgte, fand man, daß sie sich
-genau nach den Keplerschen Gesetzen wie die Planeten unseres Systems
-bewegen. Mit Hilfe der Keplerschen Gesetze kann man, und das haben ja
-die Vorentdecker des Sirius- und Prokyontrabanten getan, die Stellung
-jedes Doppelsterns für jeden beliebigen Zeitpunkt der Zukunft ebenso
-genau bestimmen, wie wir es von den Ortsbestimmungen der Planeten
-gewöhnt sind. +Durch diese Entdeckung ist neben der Einheit der Kraft
-die Einheit des Gesetzes innerhalb des Milchstraßensystems bewiesen.+
-
-Die Planetengesetze wirken im All. Gibt es aber auch Planeten, die
-ihnen folgen? Werden die Sonnen von dunklen Körpern umkreist wie unsere?
-
-Es gibt dunkle Sterntrabanten. Rechts abseits von der hellen Sternlinie
-des Perseus steht ein einzelner auffälliger Stern 2. Größe, Algol*.
-Dieser Stern wechselt seine Lichtstärke. Zwei Tage 20 Stunden 48
-Minuten 53 Sekunden ist er hell, dann sinkt sein Licht innerhalb 4½
-Stunden von der 2. auf die 4. Größe, so daß er ein unscheinbares
-Pünktchen wird, verharrt 18 Minuten in dieser Lichtschwäche, um danach
-wieder in 4½ Stunden zur gewöhnlichen Helle anzusteigen. Derartige
-»Algolsterne« kennt man über 50, und jährlich werden neue Vertreter
-dieses Algoltypus entdeckt. Das charakteristische für die Algolsterne
-liegt in der astronomischen Pünktlichkeit ihrer Periode. Mit derselben
-Genauigkeit, mit der sich eine Sonnenfinsternis für 100 und für 1000
-Jahre voraussagen läßt, kann man von jedem Algolstern die Zeiten
-seiner Verdunkelungen auf die Sekunde vorhersagen, so daß es keinem
-Zweifel unterliegt, daß wir hier tatsächlich die Verfinsterungen von
-Sonnen durch dunkle Begleiter wahrnehmen (Abb. 8). Alle Algolsterne
-sind Sonnen, die von dunklen Trabanten umkreist und verfinstert werden.
-+Die Algolsterne beweisen die allgemeine Existenz von Planeten um die
-Sonnen des Milchstraßensystems.+
-
-[Illustration: Abb. 8. Das Algolsystem im Augenblick der größten
-Verfinsterung.]
-
-Natürlich können wir nur große und den Sonnen nahe Planeten wahrnehmen,
-denn nur solche können eine merkliche Verfinsterung verursachen. Ein
-Planet von der Größe und der Sonnenentfernung der Erde, der sich zu
-seiner Sonne verhält wie einer dieser hier gedruckten Lettern zur
-ganzen Buchseite und dabei von dieser Seite noch 30 ~m~ entfernt
-wäre, kann keinen verdunkelnden Schatten durch den Weltraum werfen.
-Außerdem können nur solche Planeten nachgewiesen werden, deren Bahn
-in der Blickrichtung gelegen ist, also von uns aus gesehen an der
-Sonnenscheibe vorbei und nicht daneben oder darüber hinwegzieht, da
-sonst von uns keine Verfinsterung beobachtet werden kann. Infolge ihrer
-Größe und Sonnennähe leuchten diese Planeten vom Algoltypus meist noch
-selbstständig. Wenn es aber große leuchtende sonnennahe Planeten gibt,
-die nach den Keplerschen Gesetzen ihr Zentralgestirn umkreisen, so gibt
-es auch ganz gewiß kleinere kalte und sonnenferne Planeten, wie wir sie
-in unserem System sehen und wie einer von ihnen unsere Erde ist; und
-um diese Planeten schwingen ganz gewiß Ringe und Monde wie um Erde,
-Mars und Saturn. So erhebt uns die Kenntnis der Algolsterne abermals
-um eine Stufe auf der Leiter der Milchstraßenerforschung. Blicken wir
-empor zu den Sternen, die uns zu Häupten glühen und die zu Myriaden
-zusammengedrängt den Schimmer der Milchstraße zu uns niedersenden
--- jeder einzelne von ihnen ist eine Sonne, umkreist von Trabanten,
-eine Welt von Planeten und Monden, von denselben Kräften, denselben
-Gesetzen beherrscht wie unsere, und so weitet sich uns der Anblick
-des sternbesäten Firmaments zu einem Gedanken von überwältigender
-Größe und Erhabenheit, während andererseits vor dem geistigen Auge des
-Weltbetrachters unser groß-gewaltiges harmonisches Sonnensystem mit all
-seinem Reichtum an Licht, Farben, Körpern und Leben abermals schrumpft,
-zusammenschrumpft zu einem Pünktchen im All, einem Lichtfünkchen in dem
-großen leuchtenden Sonnenkranz der Milchstraße.
-
-Auf allen Lippen schwebt an dieser Stelle eine Frage: sind diese Welten
-auch bewohnt wie unsere? Wir wissen es nicht. Wie könnten wir auch aus
-diesen Weiten, in denen ganze Welten Punkte werden, ein Lebenszeichen
-erwarten? Aber es gibt ein höheres als das verstandesmäßige Wissen, das
-uns Instrument und Zahlenreihe vermitteln, das ist der Gedankenschluß
-der Vernunft. Dieselbe Vernunft, die Demokrit und Giordano Bruno,
-Wright, Kant und Lambert geleitet und ihrem Seherauge die Welt in
-jenem Lichte offenbarte, in dem sie sich Jahrhunderte später unseren
-Instrumenten enthüllte, dieselbe Vernunft läßt uns mit Giordano Bruno
-schwören, daß es unzählige bewohnte Welten gibt. Anzunehmen, daß
-unsere Erde, dieses dunkle unsichtbare Sonnenstäubchen, dieses Nichts
-im System der Milchstraße einzig und allein belebt sei, während jene
-100 Millionen andere Sonnensysteme, jene Milliarden andere Planeten
-der Milchstraße, die alle aus den gleichen Stoffen und in den gleichen
-Größen wie unsere Welt gebaut sind, von denselben Kräften und denselben
-Gesetzen gelenkt werden wie diese, unter den gleichen Bedingungen sich
-entwickeln, daß alle diese tot und öde wären, zu nichts und abernichts
-kreisten, als allein um unsere Nacht zu schmücken, dieses anzunehmen,
-verlangte einen Mut, den man nur als Hochmut bezeichnen kann. Der
-Schimmelpilz, der in einem dunklen Honigtopfe wuchert und sich für das
-einzig lebende Wesen auf der Erde erklärt, ist weniger anmaßend als
-der Mensch, der sich zum Alleinbewohner des Universums proklamiert.
-Was nützen uns alle Wissenschaften, was alle Zahlen mit 10 Nullen,
-alle Teleskope mit ihren Schrauben und Hebeln, alle Kenntnisse des
-Weltenbaues, wenn wir nichts +lernen+!? Kopernikus und Kepler, Newton
-und Herschel hätten umsonst gelebt, wenn wir uns in dieser höchsten
-aller Fragen, in der Lebensfrage zurückbegäben auf den geistigen
-Standpunkt des Ptolemäus, der das Weltall um die Erde kreisen läßt.
-Hüten wir uns, daß wir nicht groß sind in Taten und klein in Gedanken.
-Kühn wie das Fernrohr und zielsicher wie die Rechnung des Astronomen
-sei unser Geist und füge sich den Wundern, die die Wissenschaft
-entdeckt: wenn die Sonne ein Stern ist unter Legionen von Sternen
-gleicher Art, unser System eine Welt unter ungezählten Schwesterwelten,
-die Erde ein Planet unter Milliarden ähnlicher Planeten, dann sind auch
-wir ein Volk unter Völkern, eine Blüte am großen Stamm des Lebens, der
-sich durch den Sonnengarten des Universums rankt.
-
- »Aus allewigem Grün des Frühlings steigt der Lebensbaum empor;
- Milchstraß' und Plejaden reichen diesem Baum zur Leiter nicht.«
-
-Wenn die Milchstraße wirklich ein großes Sternsystem darstellt, in
-dem die Schwerkraft wirkt, müssen sich alle Glieder dieses Systems
-gegenseitig anziehen -- und bewegen. Dann können die Gestirne keine
-Fixsterne, Haftsterne sein, angeheftet an das Himmelsdach wie die
-Glühbirnen an die Decken unserer Zimmer, sondern müssen Sonnen sein,
-die im Raume schweben wie die unsere und der Schwerkraft unterliegen,
-sich in Bahnen bewegen wie Planeten, Planeten jenes einzig wahren
-großen Sonnensystems, dessen Sternenfülle uns als Milchstraßengürtel
-nächtlich umschimmert.
-
-[Illustration: Abb. 9. Der große Wagen vor 50000 Jahren, heute und in
-50000 Jahren.]
-
-Als im Jahre 1718 der berühmte Kometenberechner Halley die Sternkarten
-seiner Zeit mit denen des Altertums verglich, bemerkte er, daß
-der Stern Aldebaran sich um ⅕, Arktur um 1½ und Sirius sogar um 2
-Vollmondbreiten von ihrem Standpunkt vor ungefähr 2000 Jahren entfernt
-haben müßten. Diese erste Bemerkung von Sternortsveränderungen
-wurde später durch mehrere Forscher bestätigt. Die Sterne sind kein
-»festgenagelt unbeweglich Heer«, sondern bewegen sich. Natürlich
-ist diese Sternbewegung nicht unmittelbar zu verfolgen. Die kurze
-Spanne eines Menschenlebens von 70 Jahren reicht nicht aus, die
-Ortsveränderungen eines Sternes zu bemerken, so wenig 70 Sekunden
-genügen, um die Bewegung eines Schiffes am Horizont festzustellen,
-selbst wenn es in voller Fahrt dahinsegelt. Wenn Aristoteles aus seinem
-Todesschlaf erstünde und den Himmel anschaute, würde er an seinem
-falschen Lehrsatz von der ewigen Unveränderlichkeit des Himmels
-festhalten. Das Bild des Orion, die Plejaden und der Große Bär würden
-ihm in derselben Stellung erscheinen, die er vor 20 Jahrhunderten sich
-einprägte. Würde er dagegen den Himmel nach 20 Jahrtausenden wieder
-erblicken, so böte sich ihm ein völlig verändertes Bild, und der große
-Forscher des Altertums würde des Satzes belehrt, den wir mit unseren
-Instrumenten als unwiderlegliche Tatsache erkannt haben: +alle Sterne
-bewegen sich+. Der große Himmelswagen konnte ebensowenig vor 50000
-Jahren in der Urzeit als ein Wagen gelten wie nach 50000 Jahren in
-der Zukunft, denn seine Sterne streben gruppenweise in verschiedener
-Richtung auseinander (Abb. 9). Der Sirius bewegt sich in je 1500
-Jahren um eine scheinbare Vollmondsbreite von seinem Standort und
-würde demnach in 1 Million Jahren den ganzen Himmel umkreist haben.
-Die größte im Bild festgehaltene Sternverschiebung zeigt der Stern
-1830, der sich zwischen den Jahren 1800 und 1900 um ¼ Vollmondsbreite
-gegen das benachbarte Sternenpaar verschoben hat (Abb. 10). Als man
-die Sterne in der Umgebung dieses Objektes untersuchte, stellte man
-eine auffallend ähnlich starke Eigenbewegung an den beiden benachbarten
-Sternen 21258 und 21185 fest. Man verfolgte die Richtungen, aus denen
-diese drei schnellfliegenden Sterne kommen, und fand zur großen
-Überraschung, daß sie von einem gemeinsamen Punkt nach verschiedenen
-Seiten auseinanderstreben wie die Splitter einer explodierten Granate.
-Sind sie vielleicht Weltensplitter einer Sonnenexplosion?
-
-[Illustration: Abb. 10. Ortsverschiebung des Sternes 1830 zwischen den
-Jahren 1800 und 1900.]
-
-Wir wissen es nicht. Aber wir sehen hier drei Weltkörper in einer
-Bewegung, die mit größter Wahrscheinlichkeit +eine+ treibende
-Ursache besitzt. Wir sehen hier drei Sterne in einer offenbaren
-+Gruppenbewegung+. Diese Beobachtungen regten die Forscher an, auch
-die Sonnen der großen Sterngruppen Plejaden*, Hyaden*, Haar der
-Berenice* auf ihre Eigenbewegung zu untersuchen. Wie erstaunt war
-man, als man in der Tat an diesen großen Sterngruppen einheitliche
-Bewegungen entdeckte! Die fünf mittleren Hauptsterne des Großen Bären
-bilden nicht nur eine scheinbare, sondern tatsächlich zusammengehörige
-»Bärenfamilie«. Ihre durchschnittliche Entfernung von uns beträgt 6
-Millionen Sonnenweiten = 100 Lichtjahre. Auch untereinander ist ihr
-Abstand trotz ihrer Zusammengehörigkeit noch gewaltig. Der äußerste
-Stern Merak in der rechten unteren Ecke des Vierecks ist von Mizar in
-der Deichsel viermal weiter als der Sirius von uns entfernt, und das
-Licht braucht zum Durcheilen dieser Strecke 30 Jahre. Trotzdem verraten
-diese Sterne durch Übereinstimmung ihrer Entfernung, Größe, Farbe,
-Temperatur, stofflichen Beschaffenheit und Bewegung ihre unzweifelhafte
-Zusammengehörigkeit. Sie bewegen sich sämtlich mit der gleichen
-Geschwindigkeit in der Richtung auf den Stern Wega* in der Leier und
-legen auf diesem Sonnenlauf jährlich 600 Millionen Kilometer zurück.
-Weniger schwer als bei dieser ausgedehnten Sternfamilie läßt sich die
-Zusammengehörigkeit jener eng gedrängten Sonnen verstehen, die wir
-als die bekannten Sternhaufen Plejaden, Krippe und Hyaden am Himmel
-erblicken. 45 von den 150 helleren Sternen der Plejaden* besitzen neben
-gemeinsamer Entfernung, Größe, Temperatur und Stoffbeschaffenheit
-eine gemeinsame Eigenbewegung, an der sich von den mit bloßem Auge
-sichtbaren Sternen Elektra, Atlas und das Alkyonesystem beteiligen.
-Fast noch auffälliger ist die gemeinsame Bewegung der benachbarten
-Hyadengruppe im Stier rings um den Hauptstern Aldebaran. Ihre
-Entfernung von uns beträgt ungefähr 120 Lichtjahre. Zeichnet man die
-Bewegung dieser Sterne auf, so laufen alle Richtungslinien in einem
-Punkt des Fuhrmanns zusammen (Abb. 11). Eilen diese Sterne unaufhaltsam
-einer Katastrophe entgegen? Werden sie eines Tages an diesem Punkt
-zusammenprallen und das Firmament durch einen ungeheuren Weltbrand
-entflammen? Nein. Diese Sterne entfernen sich von uns und laufen auf
-diesem Wege parallel nebeneinander her wie die Gleise einer Eisenbahn,
-und wie die Schienen scheinbar in der Ferne zusammenlaufen, während
-sie in Wahrheit in immer gleichem Abstand bleiben, so scheinen die
-Hyaden auf ihrem Lauf in die Himmelstiefe zusammenzuströmen, während
-sie in der Tat nur in einer Richtung nebeneinander eilen. Um 40 ~km~
-entfernen sie sich in jeder Sekunde von uns, enger und enger für
-unsere Blicke zusammenströmend wie die roten Lichter eines enteilenden
-Zuges. In 50000 Jahren haben sie sich um die Länge der eingezeichneten
-Pfeile bewegt, in 50 Millionen Jahren ist die ausgedehnte Gruppe
-für uns in der Weltraumferne zusammengeschrumpft zu einem winzigen
-Haufen, in dem nur das Fernrohr kleinste Sterne 10. Größe wahrnimmt --
-für immer verschwunden wie ein Zug von Vögeln, der sich im Blau der
-Ferne als Punkt verliert. Nicht sehr fern von den Hyaden steht eine
-Sterngruppe, Praesepe oder Krippe* genannt. Zehn Sterne dieser Gruppe
-stimmen in der Richtung ihrer Bewegung, in ihrer Schnelligkeit, ihrer
-physischen Beschaffenheit, Temperatur und Größe so vollkommen mit den
-Hyadensternen überein, daß an einer inneren Verwandtschaft zwischen
-den Sternen dieser beiden Gruppen wohl kaum ein Zweifel bestehen kann.
-Leider gestattet die Lückenhaftigkeit unserer Kenntnisse uns heute
-noch nicht einmal eine Wahrscheinlichkeitshypothese über das Wesen der
-Verwandtschaft zwischen diesen beiden hervorragenden Sternfamilien.
-
-[Illustration: Abb. 11. Gruppenbewegung der Hyaden. Die Länge der
-Pfeile gibt die Ortsveränderung in 50000 Jahren an.]
-
-Diese Gruppenbewegungen der Sterne offenbaren uns ein neues
-Prinzip in der Mechanik der Milchstraße: +es herrscht Ordnung im
-Milchstraßensystem und in den Bewegungen seiner Sonnen+. Die Sterne
-sind nicht regellos wie der Sand am Meer verstreut, die Schwerkraft
-treibt sie nicht wahllos durch den weiten Plan. Sie sind geordnet
-zu Paaren und Familien, sie bewegen sich in Gruppen und Zügen, wie
-Zugvögel fliegen sie durch das All. Angesichts dieser Gruppenbewegungen
-fühlen wir das Wirken sonnenordnender Mächte und weltbeherrschender
-Gesetze, uns durchweht ein Ahnen vom »Kosmos«, vom großen Schmuck
-des Alls, von der Weltenordnung des Universums. Aber die Grenzen
-dieses Wissens und Gefühls sind beschränkt. Alle jene Sterne, deren
-Gruppenbewegung wir verfolgt, sind unsere Nachbarwelten, sind
-Glieder jenes kleinen im Ring der Milchstraße verschwindend kleinen
-Haufens, in dessen Mitte unsere Sonne sich befindet. Was wir über
-die Bewegung dieser helleren Sterne erfahren, betrifft immer nur das
-Leben dieser kleinen Sternenfamilie von einigen hundert Sternen und
-nicht den großen millionenzähligen Sonnenstrom der Milchstraße. Um
-die allgemeine Sternbewegung im System der Milchstraße zu ergründen,
-müßten wir die Ortsverschiebung all jener unzähligen kleinsten und
-feinsten Lichtpünktchen, deren Herschel Tausende auf dem Raum einer
-Vollmondscheibe zählte, erforschen, müßten wir den Sternort jedes
-dieser Sonnenfünkchen, deren Gesamtlicht uns als Milchschimmer
-entgegendämmert, aufs genaueste bestimmen. Ein aussichtsloses
-Unternehmen! Welcher Menschenfleiß könnte diese Scharen bannen? Eine
-Armee von Astronomen müßte dieser Riesenarbeit ihr Leben opfern. Ganze
-Batterien von Teleskopen müßten gegen die Milchstraße aufgefahren
-werden. Und auch dann wäre es unmöglich, sich mit Menschensinnen ohne
-Irren zurechtzufinden in dem Lichtgeflimmer dieser dichtgedrängten
-Legionen. Wer kann die Tropfen zählen, die aus Wolken fallen, wer die
-Flocken berechnen, die im Schneegestöber wirbeln? Der Mensch hätte
-bedingungslos auf die Erfüllung dieses Wunsches verzichten müssen,
-wenn es ihm nicht gelungen wäre, der Erfindung des Fernrohrs, das ihm
-diese Wunder enthüllte, eine zweite hinzuzufügen, die ihm diese Wunder
-festhielt: die +Photographie+.
-
-Die photographische Kamera kann man das dritte Auge der Menschheit
-nennen. Sie ist ein echtes Auge. Sie besteht aus einem Augenkasten,
-der wie der menschliche Augapfel schwarz ausgekleidet ist, einer Linse
-wie die menschliche Linse und einer lichtempfindlichen Tapete wie die
-Netzhaut unseres Augenhintergrundes. Genau wie das menschliche Auge
-stellt sich dieses dritte Auge ein auf nah und fern. Aber es übertrifft
-das Menschenauge in der verschiedensten Weise. Das menschliche Auge
-besitzt nur einen Momentverschluß. Es nimmt nur Augenblicksbilder von
-jedem Punkt auf. Bei scharfer Einstellung auf einen Punkt ermüdet es
-nach wenigen Augenblicken und liefert nunmehr nur noch verschwommene
-Bilder. Das photographische Auge arbeitet mit Zeitaufnahmen. Es sieht
-10 Minuten, 10 Stunden. Je länger es offen steht, desto mehr sieht
-es. Es blickt 5 Tausendstel Sekunden hin und sieht die 20 hellsten
-Sterne erster Größe. Es blickt 10 Tausendstel Sekunden und sieht die
-50 Sterne 2. Größe. Es schaut 30 Tausendstel Sekunden und erblickt 200
-Sterne 3. Größe. Es öffnet sich 1 Zehntel Sekunde und bannt 600 Sterne
-4. Größe auf seine künstliche Netzhaut. Nach 2 Zehntel Sekunden gibt
-es uns das Bild von 1200 Sternen 5. Größe und nach 5 Zehntel Sekunden
-das von 4000 Sternen 6. Größe. Wir sind an die Grenze dessen gelangt,
-was das menschliche Auge unbewaffnet sieht. Eine Sekunde braucht das
-photographische Auge, um die Sterne 7. Größe, 3 Sekunden, um die der
-8. Größe, 8 Sekunden, um die der 9., 20 Sekunden, um die Sterne 10.
-und 30 Sekunden, um die Sterne 11. Größe, die in der Entfernung von
-1000 Lichtjahren leuchten, festzuhalten. Nach 2 Minuten sieht es alle
-Sterne der 12., nach 5 Minuten alle Sonnen 13. Klasse. In 13 Minuten
-hat es 44 Millionen Sterne 14. Klasse erfaßt, in 33 Minuten 134
-Millionen 15. und in 80 Minuten 400 Millionen Sterne 16. Größe. Die
-drei Bilder der Abb. 12 illustrieren die Sehkraft des photographischen
-Auges. Das unbewaffnete Auge sieht an dieser Stelle nur den Stern
-Deneb*. Im Fernrohr nimmt es noch die Sterne des oberen Feldes wahr,
-die photographische Platte erblickt in vier Stunden die Sterne des
-mittleren und in 13 Stunden die Sterne des unteren Feldes.
-
-Da die photographische Platte außerdem im Gegensatz zum menschlichen
-Auge für die unsichtbaren ultravioletten Strahlen sehr empfindlich ist,
-sieht die Camera obscura Tausende von Sternen ultravioletter Farbe, die
-das Menschenauge selbst in phantastisch großen Teleskopen nie erblicken
-könnte.
-
-Das photographische Auge sieht also mehr. Es sieht aber auch ohne
-Fehler. Es fälscht nicht wie der menschliche Sehapparat. Wenn ein
-Astronom einen Sternort bestimmt, muß er das Bild von seiner Netzhaut
-in die Sehsphäre des Großhirns, von hier ins Muskelerregungszentrum
-leiten, von hier durch die Nervenbahnen des Rückenmarks in die
-Handmuskeln schicken, die das Bild des Sternes in ein vorgedrucktes
-Netz eintragen. Wieviel Fehler können und müssen sich auf diesem
-mehrfachen Schaltweg einschleichen? Das photographische Auge kennt
-keine Umschaltung. Es vereinigt auf seiner Netzhaut Sehen, Erfassen und
-Zeichnen. Was es sieht, hat es schon erfaßt, und was es erfaßt hat, ist
-schon in seinem Bilde eingezeichnet. Es hält das Bild da fest, wo es
-physikalisch in Wirklichkeit erscheint. Jedes Pünktchen, und sei es das
-kleinste, steht an seiner Stelle und keinen Deut daneben.
-
-Das photographische Auge arbeitet schneller. In einer Stunde entwirft
-es eine Himmelskarte, zu deren Anfertigung ein Astronom ein Jahr
-gebraucht. Während nämlich das menschliche Auge zu einer Zeit nur
-eine Stelle scharf erkennen kann, das menschliche Hirn nur eine
-Ortsbestimmung übernehmen, die menschliche Hand nur eine Sternzeichnung
-ausführen kann, sieht das photographische Auge zu gleicher Zeit
-1000 Sterne und zeichnet alle 1000 in Sekunden auf die Platte ein.
-Jedes Bromsilberkörnchen in der Gelatineschicht einer Platte ist
-ein Auge, ein Hirn, eine Hand für sich, ist ein Mensch, der für uns
-sieht, denkt und zeichnet, und eine einzige unscheinbare gelbe Platte
-ersetzt die Arbeitskraft einer ganzen Warte. Die Photographie hat
-durch den automatisch technischen Betrieb das Maschinentempo in die
-Himmelsforschung eingeführt.
-
-Das photographische Auge besitzt eine grenzenlose Erinnerung. Während
-der Eindruck eines Bildes auf der menschlichen Netzhaut verblaßt,
-sobald der Lidverschluß sich senkt, und von nun an immer mehr
-verwischt, so daß ein Bild, das nicht sofort übertragen wird, schon
-nach Minuten für alle Zeit verloren ist, bewahrt die photographische
-Platte den Eindruck des Moments für alle Zukunft. Was es in der Nacht
-gesehen, enthüllt das photographische Auge am Tage, was es in den
-Tropen erschaut, erzählt es ohne einen Schattenhauch zu lügen nach
-einem Jahr in London und Paris. Ehedem mußte der Astronom in Nacht und
-Kälte an dem Fernrohr sitzen, Stern für Stern aufsuchen, einstellen,
-ausmessen, berechnen und einzeichnen. An einem anderen Abend mußte er
-diese Arbeit genau so wiederholen, um die Ergebnisse zu kontrollieren
-und bei Entdeckung von Fehlern zum dritten Male ausführen. Und heute?
-Am hellen Tage bei Wolkenhimmel und Nebelatmosphäre werden alle
-Vorbereitungen für eine Sternphotographie erledigt. Man erwartet die
-Nacht, prüft den Stand des Rohres, ein Hebeldruck, das photographische
-Auge öffnet sich, blickt stumm in Finsternis, die Menschenaugen nichts
-enthüllt, stumm schließt es sich -- tausend Sterne sind fixiert.
-
-[Illustration: Abb. 12. Die Gegend des Sternes Deneb, wie sie sich 1.
-dem Auge. 2. der photographischen Platte nach vier Stunden, 3. nach 13
-Stunden offenbart.]
-
-Nur dem photographischen Auge verdanken wir die Erfüllung eines
-Wunsches, der vor 100 Jahren einem Herschel und selbst vor 50 noch
-einem Argelander als märchenhafter Traum erscheinen mußte und für
-die Milchstraßenforschung ein Ereignis ersten Ranges bedeutet: die
-Anfertigung einer Himmelskarte, in der alle Sterne bis zu den kleinsten
-hinab aufs genaueste eingezeichnet sind. Im Jahre 1887 trat in Paris
-ein internationaler Astronomenkongreß zusammen, der die Ausführung
-einer photographischen Himmelskarte beschloß. Die Aufgabe, nach
-festgelegten Grundsätzen mit einem bestimmten Instrument den ganzen
-Himmel photographisch aufzunehmen, wurde verteilt unter die Sternwarten
-Greenwich, Oxford, Helsingfors, Potsdam, Paris, San Fernando, Tacubaya,
-Perth, Kapstadt, Sidney, Melbourne, Santiago, Hyderabad, Kordoba und La
-Plata. Jede Sternwarte hatte eine Himmelszone zu photographieren und
-zwar in zwei Serien. Sie hat 1200 Aufnahmen von 5 Minuten und 1200 von
-50 Minuten Belichtungsdauer anzufertigen. Die kurzen Aufnahmen, die
-400000 Sterne bis zur 11. Größe festhalten, werden zu einem Katalog
-vereinigt, die langen Aufnahmen, die über 3 Millionen Sterne fixieren,
-sind für einen Himmelsatlas bestimmt. Jede Platte umfaßt den 10313.
-Teil des Himmels. Dadurch, daß die Ecke jeder folgenden Platte mit dem
-Mittelpunkt der vorhergehenden zusammenfällt, ist jeder Stern auf zwei
-verschiedenen Platten aufzufinden, wodurch vorkommende Plattenfehler
-aufgedeckt und ausgeschaltet werden. Im ganzen werden 40000 Platten
-angefertigt, die in Paris gesammelt und mit besonderen Meßapparaten
-ausgemessen werden.
-
-Gerade in unseren Tagen geht dieses Gigantenwerk seiner Vollendung
-entgegen. Nicht das Werk eines Mannes, nicht die Tat eines Volkes,
-nicht die Leistung eines Kontinents, hier wird ein Menschheitswerk
-vollbracht. Länder überbrücken ihre Grenzen, Völker reichen sich die
-Hände, Antipoden grüßen sich. Über den Dächern von Paris, in den Ebenen
-Schottlands, an Spaniens südlichster Küste, am Kap der guten Hoffnung,
-am Abhang des südamerikanischen Hochgebirges, auf den Mauern indischer
-Festen, an den Küsten des 5. Erdteils in der Südsee -- überall richten
-sich die Rohre gegen den Himmel, öffnen sich die stummen Augen der
-Camera obscura, und ihr Blick bannt auf die gläserne Netzhaut für
-alle Zeit das Bild der Sterne, wie es sich der Menschheit um die
-Wende des 20. Jahrhunderts darbot. Schon der Geist, der über diesem
-internationalen Friedenswerke liegt, ist erhebend, und um seinetwillen
-ist es die Mühe wert. Menschen, die sich nie gesehen, nie voneinander
-gehört, ihre Sprache nicht verstehen, einen sich zu gemeinsamem Tun,
-dienen einer Idee; widmen ihre Arbeitskraft, ihre Lebensideale einem
-Werk, an das sich nie der Name derer knüpft, die es verwirklicht,
-von dem die Schaffer nicht einmal den Lohn genießen werden. Denn die
-photographische Himmelskarte ist ein Werk der Zukunft. Die Astronomen,
-die heute den Himmel photographieren, handeln selbstlos wie jener
-Greis, der Bäume pflanzte, damit die Enkel Schatten und Früchte
-genießen. Sie selbst pflücken nicht die Früchte ihrer Arbeit. Aber die
-Saat, die sie ausstreuen, verheißt den Enkeln eine reiche Ernte. In 50
-Jahren nämlich wird man die photographische Himmelskarte wiederholen,
-und dann wird jede noch so geringe Verschiebung auch der kleinsten
-und letzten Sternchen aufs genaueste festgestellt werden. Nach der
-Neuauflage der internationalen Himmelskarte in einem halben Jahrhundert
-wird man die Eigenbewegungen nicht von hundert, sondern von 100000
-Sternen feststellen können, und einen, wenn auch infolge der kurzen
-Zeitspanne nur allgemeinen, so doch umfassenden Einblick in das Wesen
-der Sternbewegungen innerhalb der Milchstraße gewinnen.
-
-Bei aller Großartigkeit gibt uns die photographische Maßmethode
-doch nur ein einseitiges Bild von den Bewegungen im Weltall. Sie
-unterrichtet uns nur über die seitlichen Verschiebungen der Sterne
-in der Bildfläche, über die Sternbewegungen in der Bildtiefe, in der
-Blickrichtung gibt sie uns keinen Aufschluß. Der einfache Verstand
-kann sich keine einzige Methode ausdenken, die uns über die Annäherung
-oder die Entfernung der Sterne Aufschluß zu geben vermöchte. Jeder
-dieser Sterne ist ein Pünktchen, seit Jahrtausenden unverändert,
-und er müßte um ein Zehntel, um ein Viertel, um die Hälfte seines
-ungeheuren Abstandes näher oder weiter rücken, müßte also in viel
-tausend Jahren phantastisch große Strecken zurücklegen, ehe wir an
-der Zu- oder Abnahme seiner Helligkeit die Richtung seiner Bewegung
-erkennen könnten. Und wenn wir selbst durch irgendeinen wunderbaren
-Apparat die Richtung dieser Bewegung in kurzer Zeit feststellen,
-könnten wir jemals hoffen, die Geschwindigkeit dieser Bewegung zu
-erfahren? Könnten wir nicht eher glauben, daß die Träume Jules Vernes
-von der Mondfahrt und der Reise ins Zentrum der Erde Wahrheit würden,
-als daß wir sagen können, der Sirius nähert sich uns in jeder Sekunde
-um 7 ~km~, Aldebaran dagegen entfernt sich von der Erde mit einer
-Sekundeneile von 50 ~km~? Müßten dazu nicht Märchen Wahrheit werden?
-
-Diese Märchen sind Wahrheit geworden. Zwar kümmert sich die große
-Welt nicht um diese Wunder, weiß nichts von ihnen. Seit jeher war
-es so der Lauf der Dinge, daß Marktgeschrei und Tagessensation die
-Menschen locken. Vor einem neuen Gauklertrick jauchzt das Parterre, vor
-einem neuen Lichteffekt staut sich die Menge, ein neuer Sportrekord
-begeistert das Publikum, und das Wunder sucht man in Bühnenromantik
-und am Spiritistentisch. Einen altrömischen König nicht zu kennen, die
-Jahreszahl eines Kreuzzuges nicht zu wissen, den Roman des neuesten
-Tagesdichters nicht gelesen zu haben, schämt sich der »Gebildete«. Aber
-am wahren Wissen, an den wahren Wundern geht die Welt vorüber. Denn die
-wahren Wunder sind stumm und bescheiden.
-
-Das Fernrohr ist die künstliche Linse, die photographische Platte
-die künstliche Netzhaut der Menschheit. Sie sind nichts anderes als
-Verbesserungen unseres natürlichen Sehapparates. Sie erschließen
-uns nichts neues, unbekanntes, sondern verstärken nur die beiden
-Grundfähigkeiten unseres Auges: mit der Linse Licht zu sammeln und
-ein Bild zu entwerfen, mit der Netzhaut dieses Bild aufzunehmen und
-festzuhalten. Das dritte Instrument des Astronomen aber bereichert
-uns um eine ganz neue Anschauungsmöglichkeit, es schenkt uns ein
-neues Organ, gleichsam einen sechsten Sinn. Es eröffnet uns eine
-ganz neue Welt, sozusagen eine vierte Dimension. Dieses neue
-Weltbetrachtungsorgan ist das +Prisma+.
-
-Jeder kennt das Prisma oder den Dreikant. Zu Dutzenden hängt es an den
-alten Kronleuchtern und hat uns schon als Kind Freude gemacht durch
-die Buntheit seiner Lichter. Jede geschliffene Spiegelkante ist ein
-Prisma. Der Kristallschliff unserer Vasen und Schalen zerlegt die
-glatte Glasfläche in lauter kleine Prismen. Jeder Diamant ist in seinem
-Schliff ein vielfaches Prisma.
-
-Das Prisma ist das Gegenteil der Linse. Die Linse ist rund, glatt und
-strebt nach Breite und Wölbung. Das Prisma ist eben, eckig und strebt
-nach Kante und Spitze. Die Linse sammelt das Licht zu einem Punkt,
-das Prisma breitet es aus zu einem Band. Wenn man den Lichtstrahl
-mit einem Zentimeterband vergleicht, so kann man sagen: die Linse
-rollt dieses Band zusammen, das Prisma rollt es auseinander. Diese
-Fähigkeit des Prismas, Lichtbündel bandartig zu entfalten, ist den
-Organismen fremd. Wenn es Menschen gäbe, die Fernrohrlinsen in den
-Augen und photographische Platten als Netzhaut trügen, so würden
-sie die Welt genau so sehen wie wir. Wenn es aber Menschen gäbe mit
-Prismen statt Linsen im Auge, so würden sie ein völlig neues Bild der
-Welt erhalten. Sie würden alle Dinge statt verkleinert und zu Bildern
-zusammengedrängt, auseinandergezerrt und zu bunten Bändern entfächert
-sehen. Welch anderes und doch auch wiederum naturgetreue Bild würden
-jene Wesen mit Prismenaugen von der Welt erhalten! Wie anders würden
-sie die Welt erforschen und beurteilen!
-
-Da wir von Natur aus nicht gewohnt sind, mit Prismen statt mit Linsen
-zu sehen, so sind uns seine Eigenschaften nicht so vertraut und ohne
-gewisse Vorkenntnisse über die Natur des Lichtes nicht verständlich.
-Das Licht fassen wir als eine Wellenbewegung des Weltäthers auf.
-Der Weltäther ist ein unendlich feiner Stoff mit einzigartigen
-Eigenschaften, der das ganze Weltall von den kleinsten Zwischenräumen
-zwischen den einzelnen Atomen bis zu den Räumen zwischen den Sternen
-ausfüllt. Entsprechend seiner Feinheit -- er soll 15 Trillionen mal
-leichter sein als die Luft, -- pflanzen sich die Wellen dieses Äthers
-unvorstellbar schnell fort, und zwar mit der Geschwindigkeit von
-300000 ~km~ in der Sekunde. Aber nicht alle Lichtwellen sind gleich
-lang. So wie ein großer Dampfer größere Wasserwellen von sich wirft
-als ein kleiner, wie eine Kanone größere Luftwellen aussendet als
-eine Pistole, so senden die schwingenden Moleküle und Atome je nach
-ihrer Größe Ätherwellen von verschiedener Länge aus. Die Röntgenröhre
-erzeugt Ätherwellen von ein Zehnmilliontstel ~mm~, die Röntgenstrahlen,
-die infolge ihrer Kleinheit die meisten Stoffe durchdringen. Der
-Telefunkenapparat entsendet Ätherwellen von 5 ~km~ Länge, die infolge
-ihrer Größe über den ganzen Erdball schwingen. Da alle Ätherwellen
-unabhängig von ihrer Länge in der Sekunde 300000 ~km~ zurücklegen,
-schwingen die langen in der Sekunde nicht so häufig wie die kurzen,
-so wie ein Mensch mit langen Beinen nicht so viel Schritte zu machen
-braucht wie ein ebenso schnell laufender mit kurzen Beinen. Es folgen
-sich in der Sekunde nur 60000 telegraphische Wellen, dagegen viele
-Tausend Billionen Röntgenwellen. Wir können nur einen ganz bestimmten
-Teil von Ätherwellen direkt wahrnehmen. Wir empfinden nur Ätherwellen
-zwischen 100 und 1000 Billionen Schwingungen in der Sekunde, die erste
-Hälfte davon als Wärme, die zweite Hälfte davon als Licht, und zwar als
-
- rot Äther- von 700 million- ~mm~ Länge mit 450 Billionen Wellen
- wellen stel
- orange " " 600 " " " " 500 " "
- gelb " " 550 " " " " 550 " "
- grün " " 500 " " " " 600 " "
- blau " " 475 " " " " 650 " "
- indigo " " 425 " " " " 700 " "
- violett " " 400 " " " " 775 " "
-
-Diese Ätherwellen werden von den schwingenden Atomen und Molekülen der
-leuchtenden Körper erzeugt. Die schwingenden Atome eines glühenden
-Sternes schlagen den Weltäther, wie Mühlräder oder Schiffsschaufeln
-Wasser in Wellen von sich schlagen. Diese Wellen pflanzen sich im
-Weltäther des Weltraumes fort, gelangen in unsere Atmosphäre, und
-wir empfinden sie als das Licht des Sternes. Von der Geschwindigkeit
-der Atomumdrehungen, von der Zahl und Länge der Wellen hängt die
-Farbe eines Körpers ab. Schwingt eine Atomart z. B. das Natriumatom
-allein in ungestörtem Rhythmus, so erzeugt sie eine Ätherwellenart
-von bestimmter Größe und Zahl und zwar 550 Billionen in der Sekunde,
-also gelb erscheinende Wellen. Natriumlicht ist gelb. Die Ätherwelle
-der Kaliumatome erscheint rot, der Indiumatome blau usf. Schwingen
-dagegen die Atome verschiedener Stoffe mit verschiedenem Rhythmus
-durcheinander, so laufen diese verschiedenen Ätherwellen neben- und
-durcheinander her, und es entsteht kein reiner Rhythmus, keine reine
-Farbe, sondern ein Gemisch von verschiedenen Farben: weiß. Das weiße
-Licht ist gemischtes Licht und verhält sich zu den einzelnen Farben wie
-ein vielstimmiges Geräusch zu den einzelnen Tönen. Die Sterne senden
-gemischtes Licht aus. Treffen Ätherwellen nun ein Prisma, so werden
-sie von diesem abgelenkt, weil das Glas des Prismas für Ätherwellen
-ein ähnliches Hindernis bildet wie etwa ein Wehr für Wasserwellen oder
-ein Sandhaufen für einen Fußgänger. Aber das Prisma hält nicht alle
-Ätherwellen gleichmäßig auf, sondern lenkt natürlich die großen und
-kräftigen Ätherwellen weniger ab als die kleinen und schwachen, wie
-eine Klippe im Meer die großen Wellen weniger stört als die kleinen.
-Kommt also ein schmales Bündel Sternenlicht, das alle Wellenarten
-enthält, durch ein Prisma, so lenkt dieses die einzelnen Wellenarten
-nach ihrer Länge geordnet, die längsten roten am wenigsten, die
-kürzesten violetten am stärksten von ihrem Wege ab und breitet so das
-weiße Lichtbündel, in dem alle diese Strahlen zusammenlaufen zu einem
-Band auseinander, in dem die einzelnen Wellenarten, d. h. Farben nach
-Wellenlänge sortiert nebeneinander erscheinen. Solch ein Farbenband,
-das die Farben rot, orange, gelb, grün, blau, indigo, violett
-nebeneinander enthält, nennt man Spektrum (Abb. 13). Über einem solchen
-Spektrum, das jedermann vom Anblick des Regenbogens kennt, kann man
-eine Skala anbringen, die die Anzahl der Ätherwellen an den einzelnen
-Punkten des Spektrums anzeigt. Am roten Ende steht dann die Zahl 450
-(Billionen), über dem orange 500, an der Grenze zwischen grün und blau
-600, am violetten Ende die Zahl 800. Man weiß dann, an dem Teilstrich
-800 des Spektrums treffen in der Sekunde 800 Billionen Ätherwellen
-ein, die die Farbenempfindung violett in uns hervorrufen, an dem
-Teilstrich 500 500 Billionen Wellen, die orangefarben erscheinen.
-
-[Illustration: Abb. 13. Entstehung eines Spektrums bei Durchgang eines
-Lichtbündels durch ein Prisma.]
-
-Bewegt sich nun eine Lichtquelle mit großer Geschwindigkeit auf uns zu,
-so treffen uns natürlich in der Sekunde mehr Ätherwellen, entfernt sie
-sich von uns, so nimmt die Zahl der Wellen in der Sekunde ab. Steht ein
-Stern im Raum still, und entrollen wir durch ein Prisma sein Licht zu
-einem Spektrum, so werden an dem Teilstrich 600 unserer Skala in der
-Sekunde 600 Billionen Wellen in der Sekunde eintreffen. Es wird hier
-die Grenze zwischen grün und blau liegen. Nähert sich uns dieser Stern
-mit einer gewissen Geschwindigkeit, so treffen statt 600 Billionen 650
-Billionen Ätherwellen ein, diese Stelle des Spektrums erscheint blau.
-Entfernt sich dieser Stern, so kommen nur 550 Billionen Ätherwellen in
-der Sekunde an und diese Stelle erscheint grün. Genau so ändert sich
-natürlich das Spektrum in allen seinen anderen Teilen. Bei Annäherung
-der Lichtquelle wandelt sich das Rot in Orange, das Gelb in Grün, das
-Blau in Indigo und dieses in Violett um. Bei Annäherung der Lichtquelle
-verschiebt sich das ganze Spektrum im Vergleich zum Farbenband eines
-ruhenden Körpers nach der Seite des Violett, bei Entfernung der
-Lichtquelle verschiebt es sich umgekehrt nach dem roten Ende. Aus der
-Größe dieser Verschiebung, die in Wahrheit natürlich nur mikroskopisch
-wahrnehmbar ist, läßt sich die Geschwindigkeit selbst der fernsten
-Sterne bis auf ½ ~km~ Genauigkeit für die Sekundenbewegung in der
-Blickrichtung bestimmen (Abb. 14).
-
-Die Anwendung dieser einfach erscheinenden Methode ist in der Praxis
-äußerst kompliziert. Das Prisma wird in einen Apparat eingebaut, den
-man Spektroskop nennt. Dieser wird an ein Fernrohr angeschlossen. Um
-das winzige Spektrum breit auseinanderzuziehen, schaltet man eine ganze
-Reihe von Prismen hintereinander, von denen jedes folgende das Spektrum
-des vorhergehenden wieder verbreitert. In neuester Zeit verwendet man
-an Stelle der Prismen die wirkungsvolleren Beugungsgitter, Spiegel mit
-feinsten eingeschliffenen Querstrichen, die so eng zusammenstehen, daß
-600 von ihnen zwischen 2 Millimeterstrichen nebeneinander laufen. Diese
-Rowlandschen Konkavgitter stellen sozusagen Tausende kleinster Prismen
-nebeneinander vor. Das Spektrum wird nicht mit dem Auge betrachtet,
-sondern photographiert. Das photographische Spektroskop nennt man
-Spektrograph. Die Photographie wird mit besonders eingerichteten
-Mikroskopen durchmustert. Neben der Genauigkeit und Arbeitsersparnis
-deckt die Photographie, da das Bromsilber für die unsichtbaren
-ultravioletten Strahlen sehr empfindlich ist, noch jene ultravioletten
-Teile des Spektrums jenseits des violetten Endes auf, die das Auge
-nicht mehr wahrnimmt. Dagegen ist die photographische Platte für die
-langwelligen unsichtbaren ultraroten Strahlen jenseits des roten
-Spektralendes nicht empfindlich. Aber diese Strahlen erzeugen weit über
-die Grenze der Sichtbarkeit hinaus noch Wärme. Diese Wärme wird mit
-einem thermoelektrischen Apparat des Amerikaners Langley gemessen, dem
-Bolometer. Dieser Apparat registriert Temperaturunterschiede von ein
-Zehnmillionstel Grad Celsius. Also während ein gewöhnliches Thermometer
-um einen einzigen Grad ohne Zwischenstufe steigt, kann das Bolometer
-auf dieser Strecke an 10 Millionen verschiedenen Punkten haltmachen.
-Ja, selbst Schwankungen von ein Hundertmillionstel Grad ergeben am
-Bolometer noch einen nachweisbaren Ausschlag des Zeigers. Das Bolometer
-hat »im dunklen Reich des Lichts« Entdeckungen gemacht, wie sie in
-ähnlicher Feinheit selbst Auge und Photographie im sichtbaren Teile
-des Spektrums nicht erreichen können. Mit dem Bolometer erwies sich
-der unsichtbare Teil des Spektrums jenseits des Rot um 20mal länger
-als der sichtbare! Mit Hilfe dieser »Spektroskopie« kann man die
-Bewegungsgeschwindigkeit der Sterne auf uns zu und von uns weg aufs
-genaueste berechnen. Die Fehlergröße beträgt selbst bei Sternen, die
-100 Lichtjahre von uns entfernt sind, noch nicht 1 ~km~. Man bedenke:
-wir sehen über uns am Himmelsgrund kleine Pünktchen, die sich selbst im
-größten Fernrohr nicht verändern. Seit Menschengedenken stehen diese
-Pünktchen angeheftet an ihrem Himmelsplatz wie aufgehängte Lampen.
-Wir wissen nun nicht nur, daß diese Pünktchen Sonnen sind wie unsere
-Sonne, daß sie 100 Lichtjahre von uns entfernt sind, von Planeten
-umkreist werden wie unsere Sonne, nein, wir richten unser Rohr auf
-solch einen Punkt, stellen einen Prismenapparat an sein Okular und
-schrauben an das untere Ende eine photographische Kamera. Wir öffnen
-den Lichtschlitz, schließen ihn nach einer Weile wieder, gehen mit
-einer verschlossenen Kassette in ein Dunkelzimmer, tauchen eine gelbe
-Glasplatte in ein Bad, legen sie unter ein Mikroskop und sagen: diese
-Sonne in 100 Lichtjahren Entfernung bewegt sich auf uns zu mit einer
-Sekundengeschwindigkeit von 23 ~km~. Wir sind bereit zu schwören, daß
-es nicht 30 und nicht 20 sind, sondern 23. Ist der Mensch nicht auch
-ein Wunder, den größten Wundern des Weltalls ebenbürtig?
-
-[Illustration: Abb. 14. Verschiebung der Spektrallinien eines Sternes
-bei (oben) 38, (unten) 72 ~km~ Entfernung in der Sekunde. Man erkennt
-deutlich, wie die Linien gegen das Spektrum des ruhenden Eisens (die
-weißen Linien an den Rändern) nach rechts verschoben sind.]
-
-Die spektroskopischen Untersuchungen haben auch bei diesen
-Sternbewegungen die Einheit des Milchstraßensystem glänzend bewiesen.
-Sämtliche Sterngeschwindigkeiten schwanken innerhalb kleiner Grenzen.
-Es gibt im System der Milchstraße keine gesetzlosen Ausnahmen.
-Phantastische Sonnengeschwindigkeiten, die etwa der Lichteile
-gleichkommen, sind in ihm ebensowenig zu finden wie Stillstand, größere
-Abweichungen vom Mittelwert als das Zehnfache werden kaum gefunden. Im
-allgemeinen bewegen sich die Sterne mit denselben Schnelligkeiten, die
-wir an den Welten unseres Planetensystems bemerken. Die Geschwindigkeit
-des Erdlaufes um die Sonne, 30 ~km~ in der Sekunde oder 100000 ~km~ in
-der Stunde, ist geradezu ein Mittelwert für die Bewegungen der Sterne
-innerhalb der Milchstraße. Von den bekannten Sternen
-
- entfernen sich von uns:
-
- Pollux Sek.-Geschwindigkeit 3 ~km~
- Bellatrix " 9 "
- Rigel " 17 "
- Beteigeuze " 17 "
- Sterne d. Jakobstabes
- der linke " 18 "
- der rechte " 23 "
- Kapella " 24 "
- Die Hyaden " 40 "
- Aldebaran " 51 "
-
- nähern sich uns:
-
- Kastor Sek.-Geschwindigkeit 1 ~km~
- Deneb " 2 "
- Algol " 4 "
- Arktur " 5 "
- Bärenfamilie " 6 "
- Prokyon " 6,5 "
- Sirius " 7,5 "
- Regulus " 9 "
- Wega " 13 "
- Polarstern " 13 "
- Mizar " 31 "
- Atair " 38 "
-
-Der Gedanke, daß eine gewaltige Sonne wie der Sirius sich uns in jeder
-Stunde um 25000 ~km~ nähert, übt zuerst einen eigenartig unheimlichen
-Eindruck aus. In der Phantasie sieht man diesen glühenden Weltball
-größer und größer werden, zur Scheibe anschwellen, unsere Nacht zum
-Tag erleuchten, uns mit Wärme überfluten, schließlich das Firmament
-mit seiner gewaltigen Sonnensphäre füllen und eines Tages, nachdem
-gewaltige Störungen das ganze Planetensystem ins Schwanken gebracht
-haben, zerschellt unsere Welt an dem Koloß, und in einem feurigen
-Rachen versinkt die ganze Herrlichkeit unseres Daseins! Weit gefehlt!
-Nur der Mensch in seiner eingeborenen Beschränktheit kann sich einem
-solchen Trugbild hingeben. Selbst der nahe Sirius braucht fast eine
-Million Jahre, ehe er unseren jetzigen Standpunkt im Weltall erreicht.
-Aber wenn alles kreist und alles sich bewegt, kann dann die Sonne
-stille stehen? Ist sie der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht, das
-»Herz des Universums«, wie es Kepler glaubte? Nein, die Sonne ist ein
-Stern unter Sternen, schwebt dahin mit ihrem ganzen Anhang von Planeten
-wie alle Sterne:
-
- »Die Sonne tönt in alter Weise
- in Brudersphären Wettgesang,
- und ihre vorgeschriebene Reise
- vollendet sie mit Donnergang.«
-
-Die Sonne bewegt sich mit einer Sekundengeschwindigkeit von ungefähr 29
-~km~ durch den Weltraum, und wenn der Sirius in 1 Million Jahren jene
-Stelle passiert, an der wir uns jetzt befinden, ist die Sonne um 600
-Billionen ~km~, um 60 Lichtjahre von ihrem heutigen Standort entfernt.
-Unser Sonnensystem fliegt durch den Weltraum! Während wir uns auf der
-Erdkugel um die Erdachse bewegen und durch diese Drehung im Lauf von
-24 Stunden aus der Sonnenseite in die Schattenhälfte herumrollen (Tag
-und Nacht), und während wir mit einer Sekundengeschwindigkeit von 30
-~km~ in gewaltiger Bahn um die Sonne kreisen und durch die Jahreszeiten
-Frühling, Sommer, Herbst und Winter rollen, fliegt unser ganzes System
-von der Sonne bis zum Neptun mit all seinem Inhalt durch den Weltraum.
-
-Wir stehen im Sonnenschein auf dem Deck eines Schiffes und spielen
-mit einem Kreisel. Dieser Kreisel ist die Erde. Er dreht sich rasch
-um seine eigene Achse, jeder Punkt seiner Oberfläche läuft bei jeder
-Drehung zur Hälfte über die Sonnenseite, zur Hälfte über die abgekehrte
-Schattenseite. Dies ist das Spiel von Tag und Nacht. Der Kreisel steht
-aber nicht still an seinem Fleck. In langsamem Lauf beschreibt er große
-Kreise über den Boden des Decks. Diese Kreise sind der Jahreslauf der
-Erde um die Sonne. Außerdem fährt das ganze Schiff über das Weltmeer.
-Das Schiff ist das Sonnensystem, das Weltmeer ist das Weltall. Wie
-dieses Schiff, so steuert auch das Sonnensystem nicht ziellos durch den
-Weltraum. Es bewegt sich um das Schwerkraftzentrum des Sternenhaufens,
-in dessen Innern es sich befindet, gemeinsam mit allen helleren
-Sternen des Himmels, die diesem Haufen angehören. Die Sonne läuft auf
-einer Linie, die ungefähr vom Sirius* zur Wega* in der Leier oder dem
-benachbarten Stern Deneb* im Schwan führt. Welch wundersames Empfinden
-muß den denkenden Menschen überschleichen, wenn er den hellen Stern
-Wega betrachtet. Zu ihm ist unsere Sonnenfahrt gerichtet. In jeder
-Sekunde, da wir ihn anschauen, nähern wir uns ihm um 30 ~km~. Ehe
-wir diese Seite hinabgelesen haben, sind wir ihm schon um 1000 ~km~
-nähergerückt, und wenn wir ihn heute abend betrachtet haben, uns
-niederlegen, morgen unser kurzes Tagewerk verrichten und ihn des Abends
-wieder anschauen, so sind wir ihm in diesen 24 Stunden um 2 Millionen
-~km~ näher gekommen. Tag für Tag zwei Millionen Kilometer, und dabei
-steht sein Bild seit Jahrtausenden unverrückt, als gäbe es keine
-Bewegung im All! Täglich 2 Millionen ~km~! Das sind die Pendelschläge
-der großen Weltuhr, auf der die Tage Sekunden, die Jahre Minuten,
-Jahrhunderte die Stunden und Jahrtausende die Tage sind. Empfand nicht
-schon der biblische Sänger diesen Rhythmus des Weltenlaufs, als er die
-Worte sprach: »Und tausend Jahre sind vor ihm als wie ein Tag«?
-
-Die Ansicht der älteren Astronomen, daß die Sternbewegungen regellos
-seien, ist im Hinblick auf die wunderbare Harmonie der Weltbewegungen
-geradezu unbegreiflich. Wie könnte in einem so entwickelten System, wie
-es die Milchstraße darstellt, irgendwo Gesetzlosigkeit und Anarchie
-herrschen? Die neueren Forschungen haben sogar über die erwähnten
-Gruppenbewegungen hinaus eine Gesetzmäßigkeit der Sternbewegungen
-aufgedeckt, die geradezu an den Kreislauf des Blutes im tierischen
-Körper erinnert und so abermals in die Harmonie des Weltganzen einen
-neuen vollen Akkord hineinträgt. Die Mehrzahl der untersuchten Sterne
-bewegt sich nämlich in gewissen Sternströmen, in zwei »Heerstraßen«,
-die in entgegengesetzter Richtung aneinander vorbeilaufen wie zwei sich
-begegnende Eisenbahnzüge, oder, noch richtiger, sich wahrscheinlich
-in Kreislinien aneinander vorbeibewegen, wie die beiden Ringe mancher
-modernen Karussels, von denen der innere Ring sich links herum, der
-äußere rechts herum im Kreise dreht. Der eine Sternstrom ist gegen das
-Bild des Orion zum Stern Beteigeuze gerichtet.* In ihm fliegen die
-Hyaden. Der andere entgegengesetzte Strom, dem unsere Sonne angehört,
-strebt in die Gegend zwischen Adler, Schwan und Leier.* In ihm fliegen
-die Sterne des Großen Bären, die »Bärenfamilie«. Beide Ströme liegen
-in der Ebene der Milchstraße. Als man 1924 Sterne auf ihr Verhalten zu
-diesen beiden Heerstraßen untersuchte, fand man, daß sich unzweifelhaft
-1023 in dem einen Strom, 574 in dem anderen bewegten. Bei 207 Sternen
-ist die Zugehörigkeit noch zweifelhaft, während nur 110 Sterne, also
-ungefähr 5% sich abweichend von den Heerstraßen bewegen.
-
-Es ist nicht zu entscheiden, ob diese Heerstraßen den allgemeinen
-großen Sternzügen in der Milchstraße angehören oder ob sie nur
-die Bahnen der Sterne in unserem Sonnensternhaufen darstellen.
-Höchstwahrscheinlich ist letzteres der Fall. Unsere Sonne kreist
-mit allen ihr benachbarten Sternen in diesen Heerstraßen innerhalb
-ihres Sternhaufens um einen gemeinsamen Schwerpunkt, und während
-diese Sonnen auf ihren beiden aneinander vorbeifließenden Heerstraßen
-diesen abgeschlossenen Sternhaufen wahrscheinlich in steigenden und
-fallenden Spiralbahnen durchwandern, fliegt die ganze kreisende
-Sterngruppe auf einer weiteren Bahn durch das große allgemeine System
-der Milchstraße. Wie dem auch sei, auf jeden Fall enthüllt diese
-Entdeckung der entgegenlaufenden Heerstraßen, daß die Sternbewegungen
-zwar keineswegs plan- und gesetzlos sind, daß aber andererseits in den
-Sternhaufen und wahrscheinlich ebenso in der Milchstraße nicht jene
-einfach einheitliche Bewegungsmechanik herrscht wie im Planetensystem,
-in dem sich alle Sterne in einer Richtung und einer Ebene bewegen. +Die
-Entdeckung der Heerstraßen beweist die Einheit und Gesetzmäßigkeit der
-Sternbewegungen im Milchstraßensystem.+
-
-So wichtig und grundlegend die Entdeckung der Heerstraßen auch ist,
-so hat sie uns doch nur über die Existenz geordneter Sonnenströme,
-nicht über die Natur und Bahn der Sternbewegungen innerhalb der
-Milchstraße aufgeklärt. Kommende Geschlechter, die die begonnene Arbeit
-unserer zeitgenössischen Astronomen fortsetzen, werden erst die Pfade
-entschleiern, auf denen die Sonnen im System kreisen.
-
-Die Kraft, die diese Sterne in die Bahnen geordneter Heerstraßen
-bannt, kann entweder eine Explosivkraft sein, die die Sonnen wie die
-Funken einer explodierenden Rakete in Wirbeln durch den Weltraum
-treibt oder eine Schwerkraft, die von Massen ausgeht. Die älteren
-Astronomen, an der Spitze Lambert und Kant, suchten nach einer riesigen
-Zentralsonne, die im Mittelpunkt des Systems stehend die Sterne um sich
-kreisen läßt wie die Sonne die Planeten. Lambert hielt den Orionnebel,
-Kant den Sirius, Mädler später den Hauptstern der Plejadengruppe
-Alkyone für die Zentralsonne, und diese Vorstellung einer gewaltigen
-Allweltssonne erfüllte sie und ihre Zeitgenossen so tief, daß sie
-selbst in den Dichtern Widerhall fand. Schillers Lied an die Freude ist
-ein Hymnus über die Organisation des Weltalls. Klopstock sang:
-
- »Um Erden wandeln Monde,
- Erden um Sonnen;
- Aller Sonnen Heere wandeln
- Um eine große Sonne.«
-
-Die moderne Astronomie hat diese Idee einer Zentralsonne aufgegeben.
-Eine Sonne, die durch ihre Anziehungskraft eine solche Unzahl von
-Sternen um sich bewegt, müßte durch ihre phantastische Größe nicht nur
-alle Grenzen der Wahrscheinlichkeit überschreiten, sondern auch mit
-den Gesetzen der Physik und Chemie in Widerspruch stehen. Heute weiß
-man, daß ein System ein Schwerkraftszentrum besitzen kann ohne eine
-Masse im Mittelpunkt. Es gibt keine Zentralsonne im Milchstraßensystem.
-Die Milchstraße ist im Gegensatz zum monarchischen Sonnensystem, in
-dem die übermächtige Herrscherin Sonne im Mittelpunkt steht, ein
-republikanisches Sternsystem, in dem sich alle Sterne gegenseitig
-anziehen und im Gleichgewicht halten. Sucht man das ideale Zentrum
-der uns bekannten Sternbewegungen, so findet man als Achsenpunkt der
-beiden Heerstraßen eine Stelle im Schwan, die genau mit dem von Easton
-berechneten Mittelpunkt des gesamten Milchstraßensystems übereinstimmt.
-
-Aber der gläserne Zauberstab des Astronomen, das Prisma, hat uns mehr
-gelehrt als die Einheit der Sternbewegungen. Es hat uns die letzte
-größte und grundlegendste Einheit des Milchstraßensystems bewiesen,
-+die Einheit des Stoffes und seiner Entwicklung+.
-
-Das Licht ist eine Schwingung des Weltäthers, wie der Schall eine
-Schwingung der Luft ist. Diese Ätherwellen werden von den schwingenden
-Atomen der Elemente erzeugt wie die Luftwellen von schwingenden Saiten.
-Wie es verschiedene Arten von Saiten gibt, so gibt es verschiedene
-Atomarten, die wir als einzelne Elemente bezeichnen. Eisen, Gold,
-Wasserstoff, Stickstoff, Natrium, Kalzium, Titan sind Elemente. Wie
-jede Saitenart eine ganz bestimmte Luftschwingung, einen bestimmten
-Ton hervorbringt, so erzeugt jede Atomart bei ihren Schwingungen
-eine bestimmte Art von Lichtwellen. Die ~a~-Saite sendet immer 435
-Luftwellen aus, den Ton ~a~, eine ~c~-Saite 530 Wellen, die wir als
-den Ton ~c~ empfinden. Die Atome des Elements Natrium senden immer 505
-Billionen Ätherwellen aus, die als gelbe Farbe erscheinen, das Element
-Kalzium 750 Billionen Wellen, die als Violett empfunden werden.
-
-Läßt man in einem Zimmer vor einem offenen Klavier eine ~a~-Saite
-schwingen, so versetzt der Rhythmus dieser 435 Wellen in der Sekunde
-von allen Saiten des Klaviers natürlich nur jene in Schwingungen,
-die ebenfalls 435 mal in der Sekunde schwingen kann, also die Saite
-~a~. An den Schwingungen der Saite ~a~ im Klavier kann man, ohne
-die tönende Saite zu sehen oder zu hören, erkennen, daß hier am
-Entstehungsort der Luftwellen eine ~a~-Saite schwingt. Genau dasselbe
-geschieht mit den Ätherwellen im Prisma. Glüht das Element Natrium,
-und man läßt die Ätherwellen durch ein Prisma gehen, so tritt im
-Spektrum in der Klaviatur der Farben an dem Teilstrich 505 der Skala
-eine gelbe Linie auf, die nur das Natrium aussendet. Erscheint also
-in einem Spektrum an dieser Stelle eine gelbe Linie, so kann man mit
-absoluter Sicherheit sagen, diese Lichtwellen gehen von glühendem
-Natrium aus. Erscheinen an einem ganz bestimmten Platz zwei rote
-Linien, so weiß man, daß hier das Element Kalium glüht, denn keine
-andere Atomart entsendet diesen Doppelton des Lichts. Jedes Element
-erzeugt im Spektrum ganz bestimmte unveränderliche helle Linien, an
-deren Farbe, Stellung, Zahl und Verteilung man dieses Element erkennen
-kann. Glüht Sauerstoff, so erscheinen zwei Linien im Rot bei 392 und
-433 (Billionen Ätherwellen), leuchtet Wasserstoff, so erscheinen
-drei Linien bei 454 im Gelb, 613 im Blaugrün und 694 im Violett usw.
-Der Anblick eines Spektrums gibt uns also genau Auskunft über die
-chemische Natur der Stoffe, die in der Lichtquelle glühen. Man nennt
-diese Methode, aus dem Spektrum die chemische Natur der glühenden
-Stoffe zu erkennen, die +Spektralanalyse+. In der Praxis ist die
-Spektralanalyse ein äußerst schwieriges Verfahren. Neben den erwähnten
-Hauptlinien erscheinen nämlich noch Nebenlinien, die das Bild eines
-Spektrums bis zur Unkenntlichkeit verwirren. Die Zahl dieser Linien
-steigt im allgemeinen mit der Höhe des Atomgewichts, also mit der
-Größe des Atoms, mit der Zahl der Elektronen, die ein Atom aufbauen.
-Die Linienzahl beträgt bei den leichten Elementen Natrium 8, Chlor 11,
-Kohlenstoff 13, Kalium 27, Stickstoff 89; bei den schweren Elementen
-Silber 372, Eisen 1517, Thorium 2070, Uran 5270. Im ganzen sind bis
-heute ungefähr 50000 Spektrallinien bestimmt worden. Aber für die
-Schwierigkeit entschädigt die Feinheit der Methode im vollsten Maß.
-Die Genauigkeit des spektroskopischen Nachweises übertrifft nämlich
-nicht nur alle übrigen Verfahren, sondern überhaupt jede menschliche
-Vorstellung. Man kann mit dem Spektroskop von dem Element Natrium noch
-den 3 Milliardstel Teil eines Gramms = 1/3000000000 ~g~ nachweisen.
-Wo uns nur ein Lichtpünktchen entgegenstrahlt, stark genug, daß wir
-es zum Bande auseinanderziehen können, daß wir die Linien erkennen,
-die in seinem Streifen leuchten, da gibt dieses Lichttelegramm uns
-Kunde von den Stoffen, die in Sternweiten auf fremden Sonnen glühen.
-In Flammenlettern, die niemals trügen, spricht das Universum zu uns.
-Und was hat es uns gekündet? Kurz und bündig wie ein Telegramm ist das
-Spektrum eines Sternes. Wie ein Depeschenstreifen entrollt es sich,
-und wie Morsezeichen stehen die Linien auf dem Band. Aber wie ein
-Telegrammstreif dem Kundigen in Strichen und Punkten Schlachtberichte
-und Liebesgrüße, Freudenbotschaft und Hiobsposten kündet, so erzählt
-das Lichttelegramm dem Wissenden die ganze Lebensgeschichte des
-Weltalls.
-
-Die spektralanalytische Untersuchung von über 10000 Sternen erwies,
-daß auf allen Sternen die gleichen chemischen Elemente glühen, die
-wir in unserer Sonne leuchten sehen und die sich am Aufbau der Erde
-beteiligen. Wenn es auch noch nicht gelungen ist, all die Tausende von
-Spektrallinien restlos zu entziffern, +so hat uns die Spektralanalyse
-dennoch schon heute die stoffliche Einheit des Milchstraßensystems in
-geradezu grandioser Beweisführung dargelegt+. Die spektroskopische
-Erforschung des Weltalls ist einer der größten Triumphe des
-Menschengeists und das Diadem in der Kette der Beweise für die Einheit
-des Milchstraßensystems.
-
-Aber hinter diesen telegraphisch kurzen Flammenlinien der
-Lichtdepeschen bergen sich tiefere Geheimnisse.
-
-Wenn in einem Raum 10 verschiedene Saiten frei nebeneinander schwingen,
-so sendet jede ihre Wellenart aus, und im Nebenraum zittern am offenen
-Klavier die 10 entsprechenden Saiten mit und belehren uns über die
-Natur der im Nachbarzimmer schwingenden Saiten, ohne daß wir sie zu
-sehen oder zu hören brauchen. Wenn 10 verschiedene Atomarten frei
-schwingen, erscheinen 10 verschiedene Liniensysteme im Spektrum, und
-wir erkennen die Natur der 10 glühenden Elemente. Saiten können nur
-frei vibrieren, wenn ihnen genügend Platz zur Verfügung steht, Atome
-nur frei schwingen, wenn ihnen Raum dazu gegeben ist. Dies ist nur der
-Fall, wenn sie sich in jenem fein verteilten Zustand befinden, den wir
-als den »gasförmigen Zustand« bezeichnen. Sind dagegen die 10 Saiten
-zusammengespannt oder zu Bündeln gefaßt, so können sie beim Anschlagen
-nicht frei schwingen, stören sich gegenseitig und erzeugen keine
-reinen 10 Töne, sondern zittern unregelmäßig und rufen ein Geräusch
-hervor, in dem alle möglichen Wellenarten durcheinander schwirren. In
-diesem Geräusch sind alle Töne, alle Wellenarten neben-, durch- und
-nacheinander enthalten, und so schwingen am offenen Klavier nicht die
-10 entsprechenden Saiten mit, sondern +alle+ Saiten vibrieren. Man kann
-also die Natur der schwingenden Saiten nicht erkennen, weiß nicht,
-welche 10 Saiten schwingen, wohl aber, daß sie eng zusammengepackt sein
-müssen. Glühen 10 Elemente nicht in freier Gasform, sondern in festem
-oder flüssigem Zustand, so sind die Atome so zusammengedrängt, daß
-sie ihre Schwingungen nicht frei ausführen können, sich gegenseitig
-stören und alle möglichen Arten von Ätherwellen aussenden. Folglich
-erscheinen im Farbenklavier des Spektrums nicht die 10 Einzelsysteme
-von Linien, sondern alle Linien, alle Farben treten auf, so dicht
-aneinandergedrängt, daß sie zusammenfließen zu breiten Farben+bändern+.
-Der Regenbogen, das Spektrum hinter den Prismen der Kronleuchter
-sind solche Farbenbänder. Aus der Art des Spektrums kann man also
-auf den Zustand der glühenden Materie Schlüsse ziehen. Erscheint ein
-zusammenhängendes Bänderspektrum, wie es der Regenbogen darstellt, so
-befindet sich der leuchtende Stoff in festem oder flüssigem Zustand;
-erscheinen im Spektrum einzelne scharfe Linien, so befindet sich der
-leuchtende Stoff in gasförmigem Zustand.
-
-Wir schlagen im Nebenzimmer 10 verschiedene Saiten an, von denen eine
-eine ~a~-Saite ist. Am offenen Klavier zittern die 10 entsprechenden
-Saiten, und wir erkennen, welche Saiten drüben schwingen. Jetzt
-schließen wir die beiden Zimmer schalldicht voneinander ab und lassen
-nur eine kleine Öffnung in der Zwischenwand, durch die die Schallwellen
-hindurchdringen. In diese Öffnung spannen wir eine ~a~-Saite. Schlagen
-wir jetzt drüben die 10 Saiten an, so dringen alle Wellen ungehindert
-durch die Öffnung. Die Wellen der ~a~-Saite dagegen werden, da sie
-genau die Länge und Häufigkeit der ~a~-Saitenschwingung besitzen,
-die in der Wandöffnung eingespannte ~a~-Saite in Bewegung setzen und
-hierbei ihre Kraft einbüßen. Sie werden bei der Ankunft am Klavier
-fehlen. Die ~a~-Saite bleibt stumm. Spannen wir nun die 10 Saiten zu
-einem Bündel zusammen und lassen dieses schwingen, so entsteht ein
-Geräusch, und +alle+ Saiten des Klaviers erzittern, nur die ~a~-Saite
-ruht, da eine ~a~-Saite in der Öffnung eingespannt ist, die von allen
-Wellenarten nur die ~a~-Wellen auffängt. An dem Ruhen der ~a~-Saite
-erkennen wir die Existenz einer ~a~-Saite +zwischen+ der Tonquelle und
-dem Klavier.
-
-Wir ahmen dieses Experiment mit den Lichtwellen und dem Spektrum
-nach. Wir bringen in die Wandöffnung statt der ~a~-Saite ein Gefäß
-mit Natriumdampf. Dann lassen wir ein Lichtbündel, das von den
-verschiedensten glühenden Elementen in flüssigem Zustand ausgeht,
-durch diese Öffnung laufen, fangen es drüben mit dem Prisma auf und
-beobachten das Spektrum. Alle Lichtwellen laufen ungehindert durch den
-Natriumdampf, das ganze Spektrum leuchtet als Farbenband auf. Nur die
-Natriumwellen fehlen. Sie haben beim Passieren des Natriumdampfes die
-Natriumatome in Schwingungen versetzt, hierbei ihre Kraft verloren
-und fehlen im Spektrum. Wo sie sonst stehen, an der Zahl 505 der
-Skala, ist eine dunkle Lücke im Spektrum, tritt im farbigen Band eine
-schwarze Linie auf (Abb. 15). Das Auftreten von dunklen Linien im
-Spektrum beweist, daß das Licht dieses Spektrums durch eine Dampfhülle
-hindurchgegangen ist, in der jene Elemente sich befinden, deren Linien
-im Farbenband fehlen.
-
-Nehmen wir an, die Erde würde in ihrem heutigen Zustand leuchten
-und wir fingen ihre Strahlen im Weltraum mit einem Prisma auf. Die
-Lichtwellen müßten dann die Lufthülle, in der sich Stickstoff und
-Sauerstoff befinden, durchlaufen. Die Strahlen aller irdischen Elemente
-würden diese Atmosphäre ungehindert passieren, nur die Stickstoff-
-und Sauerstoffwellen würden in der Atmosphäre dadurch, daß sie die
-Stickstoff- und Sauerstoffatome in Schwingungen versetzen, ihre
-Kraft verlieren und würden fehlen. An dem Fehlen der Stickstoff- und
-Sauerstofflinien im Spektrum würden wir erkennen: die Erde besteht aus
-einem festen, leuchtenden Kern, der von einer Atmosphäre umgeben ist,
-in der sich Stickstoff und Sauerstoff befinden.
-
-Das Spektrum der Sterne zeigt ein Farbenband, in dem nicht eine, nicht
-10 dunkle Linien, sondern viele Hunderte und Tausende von verschiedener
-Stellung und Stärke stehen (Abb. 14). Diese viellinigen Farbenbänder
-beweisen uns, daß Sonne und Sterne aus einem feuerflüssigen oder
-festgasigen leuchtenden Kern bestehen, der von einer Gashülle, einer
-Dampfatmosphäre umgeben ist, in der jene Elemente sich befinden, deren
-Linien mit den dunklen Lücken im Spektrum übereinstimmen.
-
-[Illustration: Abb. 15. Die Auslöschung der hellen Natriumlinie (unten)
-beim Durchgang von Licht durch Natriumdampf.]
-
-Diese Erklärung der Sternspektren, die uns jetzt so einfach, fast
-selbstverständlich erscheint, war ein Jahrhundert hindurch eines
-der schwersten Probleme der Naturwissenschaft. Man versetze sich
-in die Lage der ersten Beobachter. Sie sehen hinter dem Prisma,
-das das Sternenlicht ablenkt, ein Farbenband erscheinen, durch das
-Tausende dunkler Linien ziehen, bald weiter auseinanderstehend,
-bald dicht aneinandergedrängt, bald einzeln, bald zu Gruppen sich
-findend. Was konnten diese Linien bedeuten? Man denke sich, wir
-senden den Marsbewohnern ein Morsetelegramm aus Strichen und Punkten
-zusammengesetzt; wie sollen sie es entzaubern? Ein stummer Streifen,
-aus nichts als Linien und Punkten zusammengesetzt! Geht es uns anders?
-Die Sterne senden uns Lichttelegramme, bunte Bänder, und in den
-Farben Linien, Linien, nichts als Linien! Assyrische Hieroglyphen zu
-entziffern, ist ein Kinderspiel gegenüber der Aufgabe, ein Spektrum zu
-lösen. 30 Zeichen hat die Sprache der Tonscherben, jedes von anderer
-Gestalt; 30000 hat die Sprache der Sonnen, eines wie das andere eine
-Linie. Um dieses Riesenalphabet des Weltalls zu erfassen, mußte ein
-Genie geboren werden.
-
-Dieses Genie war +Joseph Fraunhofer+. Als Sohn eines armen Glasers
-geboren, hatte er als Schleiferlehrling das Unglück oder vielmehr
-Glück, von einem stürzenden Spiegel schwer verletzt zu werden. Für
-die 18 Dukaten Schmerzensgeld nämlich, die ihm der König von Bayern
-zahlen ließ, kaufte er sich Bücher und Instrumente und wurde einer
-der größten Optiker und scharfsinnigsten Naturforscher, die je gelebt
-haben. Er entdeckte zu Beginn des vorigen Jahrhunderts im Spektrum
-der Sonne die nach ihm benannten +Fraunhoferschen Linien+. Ehe er sie
-zu erklären vermochte, starb er im frühen Alter von 39 Jahren zum
-unersetzlichen Schaden der Wissenschaft. Sein vorzeitiger Tod hielt
-den Fortschritt der Himmelskunde um ein halbes Jahrhundert auf. Denn
-50 Jahre währte es, bis Männer von ihm ebenbürtigem Genie das Spektrum
-erforschten und das Wesen der dunklen Linien erkannten. Diese beiden
-Männer waren +Kirchhoff+ und +Bunsen+, deren spektralanalytische
-Gesetze das Fundament dieser einzigartigen Wissenschaft bilden, die
-uns die chemische Einheit des Weltalls bewies. Wie einfach in ihren
-Mitteln, wie großartig in ihren Resultaten ist diese Spektralanalyse!
-Ein gläsernes Prisma lehrt uns die Stoffe, den Zustand, die Temperatur,
-den Kern und die Hülle fernster Sonnen erkennen! Ein Glassplitter wird
-unter den Händen vernunftgemäß handelnder Menschen zum Diamant, der
-alle Brillantgeschmeide der Welt überstrahlt. Was haben die Diamanten
-aus den Gruben Afrikas der Menschheit genützt? Steingewordene Tränen
-sind sie, und das Gold, das sie umrahmt, ist geschmolzene Blut. Kriege
-wurden um sie geführt, ganze Völker in Amerika ihretwegen ausgerottet,
-und tagtäglich zerstören Menschen um diesen Flitterglanz, an dem
-alles hängt und zu dem alles drängt, Frieden und Glück ihres Lebens
-und Hauses. Aber der einfache Dreikant aus Glas wurde in der Hand
-forschender Geister zum Schlüssel der Himmelspforte und hat uns den
-Glanz der Himmelsherrlichkeit schöner erschauen lassen, als es die
-Vergangenheit selbst in ihren kühnsten Hoffnungen je erwarten konnte.
-
-Den Abschluß und die Krone der spektralanalytischen Forschung bildet
-die Enthüllung des +Entwicklungsprinzips im Weltall+. Im System der
-Milchstraße herrschen nicht nur jene äußeren Bewegungsformen, die wir
-als Planetenumläufe, als Trabantenbahn und Sternenflug erkundet haben,
-in ihm herrscht das weltbewegende und weltenfördernde Prinzip der
-Entwicklung in dem gleichen Sinn, in dem es Darwin für die irdische
-Welt uns enthüllte. Sterne werden geboren, entwickeln sich, entfalten
-Kraft und Glanz, altern und sterben wie Mensch, Tier und Pflanze. +Ein+
-Prinzip ist es, das die Sonnen oben in den Himmeln leitet und den Wurm
-im Sande lenkt, durch dessen Macht im Gras die Blumen blühen und im
-Raum Kometen glühen, das den Stein am Grunde formt und den Stern im
-Nebel ballt -- +Entwicklung+.
-
-[Illustration: Abb. 16. ~a~ Spektrum eine Nebelflecks, ~b~ Spektrum
-eines Sternes 1. Klasse (Deneb im Schwan), ~c~ Spektrum eines Sternes
-2. Klasse (Sonne), ~d~ Spektrum eines Sternes 3. Klasse (roter Stern).]
-
-Sterne entstehen aus Nebel. Wenn das Fernrohr das Milchstraßensystem
-durchstreift, entdeckt es eine Fülle von Nebeln kugeliger Gestalt.
-Tausende sind bekannt, Hunderttausende existieren. Diese Nebel
-erscheinen im Fernrohr als matte Scheiben wie Planeten, weswegen
-man ihnen den schlechten Namen planetarische Nebel gegeben hat,
-obwohl sie mit Planeten und unserem Planetensystem nichts gemein
-haben. Sie sind Gaskugeln, von denen die kleinsten vielleicht unser
-Sonnensystem bis zur Neptunbahn ausfüllen würden, während die größeren
-tausend- und hunderttausendmal größer sein müssen (Abb. 18~a~).
-Diese Gaskugeln schweben zwischen den Sternen der Milchstraße in
-außerordentlichen Entfernungen von uns und bewegen sich wie diese
-mit Geschwindigkeiten zwischen 5 und 50 ~km~ in der Sekunde in der
-allgemeinen Milchstraßenebene. Das Spektrum dieser Kugelnebel beweist
-uns, daß wir leuchtende Materie im gasigen Zustand vor uns sehen. Es
-erscheinen in ihm drei helle Linien auf dunklem Grund, eine im Blau,
-die dem Wasserstoffgas entspricht, und zwei im Grün, von denen eine
-höchstwahrscheinlich dem Stickstoff angehört, während die andere noch
-nicht gedeutet ist (Abbildung 16~a~). Offenbar befindet sich die
-Materie in einem solchen kosmischen Gasball in einem Urzustand, wie
-wir ihn auf der chemisch hochentwickelten Erde nicht mehr finden, und
-wahrscheinlich sehen wir hier die Elemente in Vorstufen, vielleicht
-sogar in ihrer gemeinsamen Mutterform als jenes Urelement vor uns, aus
-dem sich alle übrigen entwickeln. Seitdem man durch die Radiumforschung
-die Wandlungsfähigkeit der Elemente experimentell bewiesen hat,
-gewinnt die Ansicht, daß alle Elemente sich aus einem Urelement
-allmählich entwickeln, immer mehr an Wahrscheinlichkeit. Wenn alles
-sich entwickelt, kann dann die Materie selbst, aus der sich dieses
-alles bildet, ohne Entwicklung bleiben? Ist nicht alle Entwicklung von
-Stein, Pflanze, Tier eigentlich nichts anderes als Entwicklung der
-Materie, der Elektronen, Atome und Moleküle? Auch die Elemente, die
-wir als die Grundstoffe aller Dinge anzusehen gewöhnt sind, stellen
-schon hohe Stufen der Weltentwicklung, der Materiebildung dar, die in
-jenen Gasnebeln noch nicht erreicht sind. Offenbar entwickeln sich
-aus dieser Urmaterie nach- und nebeneinander die einzelnen Elemente,
-und zwar scheinen sich zuerst die leichten Atomarten Wasserstoff und
-Stickstoff, die ja noch heute auf unserer Erde die verbreitetsten
-und grundlegendsten Elemente sind, zu bilden, während die übrigen
-in gesetzmäßiger Reihenfolge nacheinander auftreten, wie in der
-Entwicklungsgeschichte der Tierwelt in geordneter Folge Urtiere,
-Würmer, Fische, Lurche, Säuger erscheinen.
-
-Die weitverstreuten Atome des Gasnebels ziehen sich gegenseitig
-an, nähern sich, wodurch der ganze Nebelball sich verdichtet und
-geraten dadurch in immer schnellere Schwingung: es entsteht Wärme.
-(Abb. 18~b~). Durch die Zusammendrängung der Materie im Zentrum der
-Kugel entsteht ein glühender Kern, um den der Nebel eine ungeheure
-Gashülle bildet, -- der Nebel ist zum Stern geworden. Infolge der
-Zusammenziehung ist seine ehemals gewaltige scheibenförmige Ausdehnung
-auf die Punktgröße aller Sterne gesunken, und nur das Spektroskop gibt
-uns durch die Spektral+linien+ Kunde von der Nebelnatur dieser jüngsten
-Sterne. Man bezeichnet diese jungen weitausgedehnten dünngasigen Sterne
-als +Nebelstern+ (Abb. 18~c~).
-
-[Illustration: Abb. 17. Die Plejaden.]
-
-Aus diesen kugeligen Nebeln entstehen nicht nur einzelne Sterne,
-sondern bei genügender Anhäufung von Materie ganze Sternhaufen. Wie
-sich die Tropfen in einem dampferfüllten Zimmer an den kalten Wänden
-und Scheiben niederschlagen, treten aus dem Dunst des Nebelballs
-infolge der Abkühlung durch die Weltraumkälte Sonnen hervor. Man kennt
-solche Gaskugeln im Stadium der Sternhaufenbildung. Im Herkules sieht
-man solch einen entstehenden Sternhaufen*, in dem 3000 Sonnen sich aus
-Nebelmaterie bilden. In der Mitte dieses Systems stehen die Sonnen so
-dicht, daß sich ihre Nebelatmosphären berühren, an den Rändern stehen
-sie weit voneinander und bilden isolierte freischwebende Sonnensysteme
-(vgl. Abb. 3 S. 19). Ein vorgeschrittenes Stadium der gruppenweisen
-Sternbildung aus Nebelmaterie stellen die Plejaden* dar, die schönste
-aller Sterngruppen des nördlichen Sternhimmels. Diese Gruppe ist,
-wie die Photographie enthüllt hat, von ungeheuren Nebeln durchzogen
-und umwoben, von Sonne zu Sonne ziehen sich Nebelbrücken durch das
-ganze System, und weit über die Grenzen der Gruppe hinaus kann man die
-verwehenden Reste des chaotischen Nebels verfolgen (Abb. 17).
-
-Auf dieser Stufe der Entwicklung, auf der die Sterne eben aus Nebeln
-hervortreten, erreichen sie ihren größten Glanz und ihre höchste
-Temperatur, die man auf 20000 Grad schätzt. In ihrer weiten Atmosphäre
-glüht neben dem Wasserstoff vor allem das Helium in so herrschendem
-Maß, daß man diese heißesten Sterne auch +Heliumsterne+ nennt. Kühlt
-sich die Atmosphäre dieser Sterne ab, so daß ihr eigenes Licht
-schwächer wird als das des inneren Kernes, so fängt die Gashülle in der
-beschriebenen Weise die einzelnen Wellen des Kernlichtes ab, und es
-erscheinen die dunklen Fraunhoferschen Linien im Spektralband. Zuerst
-wenig und schwach und fast nur Wasserstofflinien (Abb. 16~b~). Dem
-Auge erscheint ihr Licht strahlend weiß. Sirius, Wega in der Leier,
-Deneb im Schwan, Atair im Adler, Regulus im Löwen, Prokyon im Kleinen
-Hund gehören dieser nach dem Vorschlag des verstorbenen Potsdamer
-Astronomen +Vogel+ als 1. Spektralklasse zusammengefaßten Gruppe an,
-die man nach ihrem glänzendsten Vertreter als Klasse der +Siriussterne+
-bezeichnet. (Abb. 18~d~). Fast alle jene zahllosen kleinen Sterne,
-die den Nebelschimmer der Milchstraße erzeugen, sind heiße Sonnen der
-ersten Spektralklasse, vielleicht darum in der Milchstraße so zahlreich
-erscheinend, weil sie hier wirklich in der Überzahl sind, vielleicht
-auch nur darum, weil aus jenen Fernen nur ihr strahlendes Licht, aber
-nicht mehr das der schwächeren kälteren Sterne zu uns dringt. Die
-Temperatur dieser Siriussterne in Weißglut beträgt ungefähr 12000 Grad.
-
-[Illustration:
-
- ~a~ Planetarischer Nebel
- ~b~ Verdichteter Nebel
- ~c~ Nebelstern
- ~d~ Siriusstern
- ~e~ Sonnenstern
- ~f~ Roter Stern
- ~g~ Veränderlicher Stern
- ~h~ Erloschener Stern
-
-Abb. 18. Entwicklungsgeschichte der Sterne.]
-
-Die zunehmende Verdichtung und hierdurch bedingte Wärmeerzeugung der
-Sterne vermag der Abkühlung durch die Weltraumkälte nicht die Wagschale
-zu halten. Die Sonnen kühlen sich unaufhaltsam ab (Abb. 18~e~). Ist
-die Temperatur eines weißen Sternes der ersten Klasse um abermals
-ungefähr die Hälfte auf 6000 Grad gefallen, so treten neue Elemente
-in der glühenden Atmosphäre auf. Neben dem noch immer überwiegenden
-Wasserstoff erscheint vor allem das Kalzium, dessen Verbindungen als
-Kalk am Aufbau der Weltkörper großen Anteil haben, daneben durch
-Tausende schwarzer Spektrallinien sich ankündend Eisen, Nickel,
-Kobalt, Titan, Mangan, Chrom, Kohle, Magnesium, Natrium, Silizium,
-Aluminium, Strontium, Baryum, Kupfer, Zink, Silber, Zinn, Blei, Kalium
-und andere Metalle. Das Spektrum dieser Sterne, die nicht mehr weiß,
-sondern schon blasser in gelbem Lichtton leuchten, stimmt so völlig
-mit dem unserer ebenfalls gelben Sonne überein, daß man sie als 2.
-Spektralklasse oder +Sonnensterne+ bezeichnet (Abb. 16~c~). Während die
-heißen weißen Sterne der ersten Klasse vornehmlich in dem weiten Bogen
-der Milchstraße angehäuft scheinen, stehen die gelben kühleren Sterne
-in ihrer Mehrzahl uns näher. Arktur, Aldebaran, der Mittelstern im
-Perseus, Pollux sind Sonnensterne; das Spektrum der Kapella im Fuhrmann
-gleicht sogar bis in die feinsten Einzelheiten seiner 20000 dunklen
-Linien so vollkommen dem unseres Zentralgestirns, daß man die Kapella
-geradezu als Bruderstern unserer Sonne bezeichnen muß, und kaum ein
-Zweifel an der innigsten Verwandtschaft dieser beiden Sterne bestehen
-kann. Wahrscheinlich ging unser Sonnensystem unter denselben Umständen
-aus der gleichen Nebelmaterie hervor wie die Welt der Kapella, die
-wir als unsere Schwesterwelt im All verehren können, wenngleich ihr
-entgegengesetzter Lauf sie von uns um die Weite von 40 Lichtjahren
-entfernte. Offenbar bilden die gelben Sonnensterne im Gegensatz zu den
-weißen Milchstraßensternen jenen großen Haufen, in dessen Mitte sich
-unsere Sonne mit ungefähr 400 Nachbarwelten befindet. Aus großer Ferne
-betrachtet, würden wir unsere Sonne wahrscheinlich inmitten dieses
-Sternenhaufens sehen, dessen Glieder Kapella, Arktur, Aldebaran, Pollux
-und viele andere wären, und in dem die Sterne sich ebenso an Größe,
-Alter und Beschaffenheit gleichen, wie die Sterne der Plejaden und der
-Hyaden oder des Sternenhaufens im Herkules und im Centaurn.
-
-[Illustration: Abb. 19. Entstehung des Lichtwechsels des Sternes Mira
-Ceti nach Zoellner.]
-
-Wie das Eisen, das weißglühend aus dem Feuer geholt wird, zuerst in
-Gelbglut übergeht und dann rot und röter glüht und verglüht, wie die
-Sonne, wenn sie sich dem Untergange nähert, im Dunst der Atmosphäre
-immer blasser, gelber, röter strahlt und schließlich als glutroter
-Sonnenball den Horizont berührt, so verglühen die Sonnen im All auf
-ihrer Lebensbahn. Rot ist die Farbe des Sternenalters. Schon der
-rötliche Arktur ist älter, kälter als die Sonne, sein Spektrum ist
-linienreicher, verwaschener. Der rötliche Stern Beteigeuze* in der
-linken oberen Ecke des Orionbildes ist der auffallendste Vertreter
-dieser Klasse der alternden +roten Sterne+. (Abb. 16~d~ u. 18~f~).
-Höchst bemerkenswert ist, daß man in der Gashülle dieser roten Sterne
-nicht nur freie Elemente, sondern sogar die Verbindungen dieser
-Elemente und unter diesen Kohlenstoffverbindungen nachgewiesen hat,
-dieselben Kohlenstoffverbindungen, aus denen bei weiterer Entwicklung
-auf unserer Erde das Leben, die höchste Form des uns bekannten
-kosmischen Daseins, entstanden ist.
-
-Auch unsere Sonne zeigt Spuren des nahenden Alters, sozusagen Falten
-und Runzeln auf ihrem strahlenden Antlitz, das sind die Sonnenflecken.
-Sonnenflecke sind dunkle, in ihrem Wesen noch keineswegs aufgeklärte
-Stellen der Sonnenoberfläche, an denen wir jedenfalls, wie die
-Spektralanalyse beweist, die Sonnenmaterie in einem vorgeschritteneren
-Zustand der Abkühlung vor uns sehen. Das Spektrum der roten Sterne
-stimmt mit dem der Sonnenflecken so vollkommen überein, daß man diese
-geradezu als Sonnenfleckensterne bezeichnen kann. Unter zunehmender
-Erkaltung der Sonne und Ausbreitung der Flecken müssen schließlich
-ungeheure Schollen die Oberfläche solcher Sterne bedecken, ganze
-Kontinente erkalteter Materie müssen auf den glühenden Feuermeeren
-dieser Sonnen schwimmen (Abb. 18~g~). Sind diese Massen unregelmäßig
-verteilt wie Meere und Festländer auf unserer Erde, und dreht sich
-solch ein Stern wie unsere Sonne um seine Achse, so wenden sich
-uns bald die leuchtenden Meere, bald die dunklen Schollen zu, die
-Helligkeit dieses Sternes wird also wechseln. Dieser Lichtwechsel wird
-zwar auch gemäß der Umdrehungszeit des Sternes in ziemlich regelmäßigen
-Zeitabständen eintreten, aber je nach der Form der Schlackenkontinente
-in unregelmäßiger Folge und keineswegs in jener mathematischen Kurve
-wie bei den Algolsternen ablaufen, die von Planeten verfinstert werden.
-Tatsächlich finden sich auffallend viele unregelmäßig veränderliche
-Sterne gerade unter den roten Sternen. Seit Jahrhunderten berühmt
-ist die Mira Ceti*, der Wunderstern im Walfisch, dessen Helligkeit
-in einer Periode von ungefähr 11 Monaten zwischen 2. und 9. Größe in
-unregelmäßiger Kurve schwankt (Abb. 19).
-
-Schließlich ist die ganze Sonnenoberfläche von Flecken überdeckt,
-verdunkelt, erkaltet, -- der Stern ist erloschen; als dunkler toter
-Körper kreist er durch das All (Abb. 18~h~). Da man als sicher annehmen
-muß, daß der Glutzustand im Leben eines Sternes, so wie die Jugend im
-Menschendasein, nur den kürzeren Teil seiner Entwicklung darstellt, so
-treiben gewiß mehr erloschene Sonnen als leuchtende im Raum. Wenn sich
-uns 100 Millionen strahlende Sterne durch ihren Glanz offenbaren, so
-mögen Milliarden nichtleuchtender Sonnen das All bevölkern, unsichtbar
-für Menschenblicke, unerforschbar für die Wissenschaft, bis der Fleiß
-der Astronomen auch diese durch Zahl und Formel aus dem Dunkel hebt,
-so wie Adams und Leverrier den unentdeckten Neptun, wie Bessel und
-Peters die unsichtbaren Trabanten des Sirius und Prokyon, wie Vogel und
-Scheiner die dunkle Dreiwelt des Algol, ohne daß ein Menschenauge sie
-gesehen, nach Größe, Zahl, Gewicht und Bahn berechnet haben.
-
-[Illustration: Abb. 20. Photographie der Nebelspiralen um den neuen
-Stern im Perseus 1901 von Ritchey.]
-
-Jahrtausende, Jahrmillionen treiben diese erloschenen Sonnen durch
-den Äther mit ihrem Anhang von erkalteten Planeten und verglühten
-Kometen. Alles Leben ist auf ihnen erstorben, die Kultur, die auf
-diesen Erden blühte, ist in Nacht und Eis versunken. Das ganze System
-ein gewaltiger Friedhof. Wie ein Wrack mit seinen leeren Kabinen,
-seinen verrosteten Maschinen, seinen verwesten Leichnamen über das
-Weltmeer treibt, so wandert solch ein erstorbenes Sonnensystem als
-unheimliches Gespensterschiff durch das Äthermeer des Weltalls. Äonen
-mag es gefahrlos durch die Räume treiben, denn die Weltkörper sind
-ja so spärlich verteilt, als wenn man ein Dutzend Erbsen über den
-Atlantischen Ozean verstreute und sie treiben ließe. Selbst wenn
-sich die Sonnen, was nicht der Fall ist, in geraden Linien regellos
-durcheinander bewegten, und wenn es hundertmal mehr erloschene Sonnen
-gäbe, als wir wahrnehmen können, so träfe die Wahrscheinlichkeit
-eines Sternzusammenstoßes je einmal in 1000000 mal 1000000 Jahren
-ein. Aber sind im All nicht tausend Jahre wie ein Tag? Gibt es in
-der Ewigkeit Jahrhunderte und Jahrmillionen? Schließlich kommt auch
-für jedes erloschene System die Zeit des völligen Unterganges -- und
-der Wiedergeburt. Die tote Sonnenwelt gerät in das Anziehungsbereich
-einer anderen Sonne, die beiden Weltkörper lenken sich ab von ihrer
-Bahn, umkreisen sich in weiten, dann in immer engeren Spiralen
-als Doppelstern, näher und näher, schneller und schneller sich
-umschwingend, bis sie in rasender Spiraldrehung zusammenprallen;
-oder das dunkle System gerät auf seiner Fahrt in eine jener weit
-verbreiteten Nebelwolken, die den leeren Raum erfüllen; oder es saust
-in einen Hagel kosmischen Staubes, in eine Meteorwolke -- wie die
-Sternschnuppe, die in unsere Atmosphäre jagt, durch die Reibung an der
-Luft aufglüht und zerstiebt, so entflammt der erstarrte Sonnenkörper
-bei dieser Katastrophe und verdampft wie ein gewaltiges Meteor. In
-Spiralen, die durch die Kreisnatur aller kosmischen Bewegung entstehen,
-verflüchtet sich der glühende Nebel in Nacht und Raum. Am 21. Februar
-1901 genossen wir das Schauspiel eines solchen Sonnenunterganges. In
-der Milchstraßenebene im Bilde des Perseus leuchtete innerhalb 30
-Stunden ein bis dahin unsichtbarer Stern zu solcher Helligkeit auf,
-daß er nur vom Sirius an Glanz übertroffen wurde. Das Spektroskop
-zeigte, daß das Licht von zwei Massen ausging, von denen die eine die
-normale Geschwindigkeit von 20 ~km~ besaß, die andere dagegen fast 50
-mal schneller auf diese zustürzte. Ihre Bewegungen waren gegeneinander
-gerichtet. Die Entfernung des Katastrophenortes betrug ungefähr 200
-Lichtjahre, so daß der Zusammenstoß in Wahrheit um das Jahr 1700
-erfolgt sein mußte. Die Materie der zusammengeprallten Welten --
-oder vielleicht auch jener einen Welt, die hier in eine Meteorwolke
-geraten war, -- verdampfte. Man sah die glühenden Gase in Spiralen mit
-Lichtgeschwindigkeit hinauseilen in den Weltraum -- zwei tote Sonnen,
-die sich einst aus Nebel geballt, geleuchtet hatten und erloschen
-waren, kehrten hier zurück in die Urform des Sterndaseins, in den
-Urzustand aller Materie, in den Nebel (Abb. 21).
-
-[Illustration: Abb. 21. Der Kreislauf der Sternmaterie vom Spiralnebel
-zum Doppelstern über die Sternenkatastrophe zurück zum Spiralnebel.]
-
-Der Kreislauf ist vollendet. Von Nebel zu Sonne, von Sonne zu Nebel,
-das ist der Kreislauf im Leben der Sterne. Staub bist du und Staub
-wirst du sein! ruft man dem Erdensohn an seinem Grabe nach, Nebel warst
-du und Nebel wirst du sein! kann man den Sternen in ihrer flammenden
-Todesnacht entgegenrufen.
-
-Da nicht nur die Sonnen innerhalb ihres Haufens einsam durch ihre
-Bezirke wandern, sondern ganze Sterngruppen, ganze Sternhaufen
-dahinziehen wie die Hyaden, die Bärenfamilie, der Sternhaufen im
-Perseus, so gehen nicht nur einzelne Sonnen, sondern ganze Sonnenhaufen
-unter. Dann muß sich ein Weltbrand von überwältigender Größe und Tragik
-abspielen. Während wir Untergang und Wiedergeburt von Einzelsternen
-schon mehrere hundert Male sahen und jetzt mit der photographischen
-und spektroskopischen Methode alljährlich beobachten, wurde solch ein
-Schauspiel, das sich in sichtbarer Nähe vielleicht in Trillionen Jahren
-einmal zutragen mag, von Menschenaugen nicht erschaut. Aber wir sehen
-einen gewaltigen Nebel, der möglicherweise durch den Untergang eines
-Sternhaufens entstanden ist, und in dessen wilddurchwühltem Chaos sich
-nun die Sonnengeburt neuer Weltsysteme vollzieht: den Orionnebel*.
-
-[Illustration: Abb. 22. Photographie des Orionnebels. (Phot. Wolf.)]
-
-Die Entfernung dieses größten aller Himmelsnebel, den selbst ein
-ungeübtes Auge mühelos unter den drei Sternen des Jakobstabes schimmern
-sieht, schätzt man auf 500 Lichtjahre. Wenn man auch seit den 30 Jahren
-der Himmelsphotographie noch keine Veränderung wahrgenommen hat, so
-ist doch alles an ihm untrüglich in Wallen und Wogen begriffen wie in
-Sturmeswolken, die der Orkan zerfetzt. Welche Fülle phantastischer
-Bilder zaubert der Anblick dieses Nebels nicht in uns hervor!
-Phantasien ohne Ende, ohne Schranken, aber auch ohne Halt und Beweis.
-Daher wollen wir uns bescheiden mit dem, was die Photographie uns als
-Tatsache von dieser Urwelt offenbarte: während in den Außenbezirken die
-Nebel in weiten Bögen und Zügen zehnmal weiter sichtbar, als dieses
-Bild hier reicht, sich im Raum verlieren, bilden sich im Kern schon
-neue Sonnen, neue Welten -- aus der Asche steigt verjüngt der Phönix
-des Alls empor.
-
-Und wir? Unsere Sonne leuchtet nicht mehr in Weißglut, Sonnenflecken,
-die Runzeln des Alters auf dem Antlitz der Sterne, trüben schon
-den Glanz ihrer Oberfläche, die äußersten Planeten, einst die
-Lieblingskinder der Mutter Sonne, sind erkaltet, erstorben, sind tote
-Felsenkugeln, auf denen selbst die Luft zu Eis gefror. Mag es noch
-Millionen und Millionen Jahre dauern, einst wird auch unsere Sonne in
-Rotglut verglühen und dann -- auf Erden ist längst alles Leben erstarrt
--- treiben wir hin durch den Raum, ein Totenschiff im weiten Ozean des
-Alls, hin in jene Gegend, in der das Bild des Schwanes glänzt. Eine
-alte Sage erzählt, daß die Milchstraße den Schwalben den Weg zeige auf
-ihrem Flug, und daß sie dem Schwan am Himmel folgten. Die Legende des
-Volkes wird im Gewand der Wissenschaft zur Wahrheit. Fliegen wir nicht
-dahin wie ein Schwarm von Vögeln, wir Planeten und Monde, geschart um
-unsere Führerin im glänzenden Gefieder, um unsere Mutter Sonne, fliegen
-und fliegen, bis sich an uns das tragisch-schöne Dichterwort erfüllt:
-
- »Einst wird vom raschen Flug ihr strahlend Heer,
- ein müdes Schwalbenvolk, heruntersinken«?
-
-Mit diesem Flammentod der Sterne findet nicht nur ihre
-Entwicklungsgeschichte, sondern auch unser Wissen über die Sonnen,
-die das Milchstraßensystem zusammensetzen, einen natürlichen
-Abschluß. Wir haben von der Zusammensetzung, von den Einzelgliedern
-der Milchstraße ein zwar in fast allen Einzelheiten unsicheres, in
-seinen Grundzügen aber gewißlich zutreffendes Bild gewonnen. Was
-alle hervorragenden Weltbetrachter seit Demokrit vermutet haben,
-ist nunmehr wissenschaftlich bewiesen: die Milchstraße ist ein
-ungeheures Sternsystem. Ihr gürtelförmiger Anblick entsteht durch
-unsere Stellung inmitten dieser Weltinsel. Alle Sterne, die wir am
-Himmel erblicken, gehören diesem System an. Die helleren von ihnen
-sind uns verhältnismäßig nah und bilden mit unserer Sonne einen
-Sternhaufen, wie wir deren im Centaurn, im Herkules, im Tukan und an
-vielen anderen Stellen sehen. Die Zahl der Sterne, die das ganze System
-vereinigt, schätzt man auf 50--200 Millionen leuchtende und vielleicht
-hundertmal mehr nichtleuchtende Weltkörper. Der Abstand der Sterne
-voneinander ist unvorstellbar groß: das Licht braucht Jahre, um ihn
-zu überbrücken. Nichtsdestoweniger bildet das Milchstraßensystem eine
-geschlossene Einheit. Alle seine Sterne werden durch die Schwerkraft
-zusammengehalten. Jeder Stern ist eine Sonne von ähnlicher Größe und
-Beschaffenheit wie unsere Sonne, alle Sonnen sind aus den gleichen
-Elementen aufgebaut; alle entstehen in gleicher Weise aus Nebelkugeln
-durch Abkühlung und Zusammenziehung der gasigen Materie, leuchten
-zuerst weiß, dann gelb und verglühen schließlich in Rotglut; viele,
-wahrscheinlich alle werden von dunklen Planeten umkreist, die sich
-genau wie unsere Planeten nach den Keplerschen Gesetzen in Ellipsen
-um ihr Zentralgestirn bewegen und wie diese auf einem gewissen
-Stadium der Abkühlung nach allen Voraussetzungen der Vernunft und
-Wahrscheinlichkeit als bewohnbar und bewohnt anzusehen sind; alle
-diese Sonnensysteme bewegen sich mit ungefähr gleicher Geschwindigkeit
-von durchschnittlich 30 ~km~ in der Sekunde in ihren Sternhaufen
-und diese wieder durch das Milchstraßensystem; diese Bewegung ist
-nicht regellos, sondern erfolgt einerseits in Gruppen (Plejaden,
-Hyaden), andererseits in bestimmten Strömen, den sog. Heerstraßen der
-Sterne; auf ihrer Sonnenfahrt geraten die Sterne früher oder später
-in das Anziehungsbereich eines Nachbarsterns, bilden mit ihm ein
-Doppelsystem, indem sie sich in immer engeren Spiralen umkreisen, bis
-sie nach unvorstellbar langem Lebenslauf, meist längst erloschen,
-zusammenprallen und wieder zu Nebel verdampfen, womit der Kreislauf der
-Weltmaterie von neuem beginnt.
-
-An der Existenz des Milchstraßensystems und seiner Einheit in Kraft,
-Stoff, Gesetz, Form und Entwicklungsgang kann somit kein Zweifel mehr
-bestehen. Das Milchstraßensystem existiert. Aber nun erst tauchen die
-großen Schlußfragen nach Gestalt, Größe und Mechanik des Gesamtsystems
-in ihrer ganzen Inhaltsschwere vor uns auf.
-
-Die ersten mehr philosophierenden als forschenden
-Milchstraßenbetrachter hielten sie für ein einfaches linsenförmiges
-System, in dem die Sterne gleichmäßig verteilt sind. Nach ihrer Ansicht
-ist die Milchstraße nicht etwa, wie es uns scheint, als ein Ring von
-Sternen um uns vorhanden, sondern tritt nur dadurch in Erscheinung,
-daß wir in der Richtung der Linsenfläche außerordentlich viel weiter
-durch die gleichmäßig verteilten Sterne hindurchsehen müssen als in der
-Richtung der kurzen Linsenachse.
-
-Allein von dieser Annahme einer gleichmäßigen Verteilung der Sterne
-kam schon Herschel durch seine Sterneichungen ab. Er erkannte, daß die
-Sterne in der Milchstraßenebene viel dichter zusammengedrängt stehen
-als außerhalb dieser Fläche, daß also die Milchstraße keine einfache
-optische Erscheinung infolge der Linsengestalt des Systems, sondern
-das Innenbild einer tatsächlich existierenden +Sternebene+ ist. Von
-dieser Ansicht, daß die Mehrzahl der Sonnen des Milchstraßensystems
-in einer Hauptebene zusammengedrängt sind, ist kein späterer Forscher
-mehr abgewichen. Schon Kant bekennt sich zu ihr und vergleicht in
-tiefdenkerischer Betrachtung die Sonnenebene der Milchstraße mit jener
-Ebene, in der sich die Planeten des Sonnensystems bewegen (Ekliptik).
-Um jenen Spalt, der den Milchstraßengürtel auf ein Drittel seines
-Umfangs in zwei Ströme teilt, zu erklären, nehmen Herschel und Kant
-nicht eine, sondern zwei Hauptebenen im System an, die gegeneinander
-leicht geneigt sind und sich kreuzen wie die Bahnebenen der Planeten,
-und deren Auseinanderweichen uns als Stromspalt erscheint.
-
-Aber die genauere Durchforschung der Milchstraße mit Fernrohr und
-vor allem mit der photographischen Platte hat eine solche Fülle
-von Einzelheiten und so viele Spuren feinerer Struktur in ihr
-zutage gefördert, daß auch diese Hypothesen nicht zur Erklärung der
-tatsächlichen Erscheinungen ausreichen. Schon die verschiedenen
-Seitenarme, die von der Milchstraße ausgehen und entweder scharf im
-Dunkel des Raumes abbrechen oder sich allmählich in den Weiten des
-Universums verlieren, widerstehen der Annahme einer Linsengestalt des
-Systems, auch wenn man diesem System zwei sich kreuzende Hauptebenen
-zuspricht. Einer dieser Seitenäste trennt sich im Bild der Kassiopeia
-vom Hauptstrom und verliert sich zwischen Hyaden und Plejaden. Ein
-anderer Nebenast geht von der Teilungsstelle bei Alpha Centauri ab und
-verliert sich im Sternbild des Wolfs. Ein dritter scharf abbrechender
-Ausläufer ist im südlichen Bilde des Schiffes wahrzunehmen. Außerdem
-bemerkt schon das unbewaffnete Auge, daß die Milchstraße keineswegs
-in gleichmäßigem Lichte schimmert, daß sie also nicht aus gleichmäßig
-verteilten Sternen besteht, sondern daß die Sterne in Haufen, Wolken
-und Zügen angeordnet sind. Nicht Myriaden einzelner Sterne, sondern
-hunderttausend Sternhaufen, deren jeder einige Hundert oder Tausend
-Sonnen vereinigt, setzen das System zusammen. Wie die Wolken über uns
-in einzelnen Ballen und Haufen ziehen, wie ein Heer nicht aus einzelnen
-Soldaten, sondern aus Regimentern und Bataillonen zusammengesetzt
-ist, so schweben die Sonnen in der Milchstraße in Gruppen, Scharen
-und Heereszügen. Die auffallendste der leicht wahrnehmbaren Wolken
-ist die berühmte Lichtwolke im Schwan.* Bei ihrem Anblick kann man
-sich des Gefühls nicht erwehren, daß hier Teile der Milchstraße uns
-bedeutend näher stehen als die übrigen lichtschwächeren Partien.
-Neben solchen Lichtwolken und Sternanhäufungen findet man wieder,
-wie ebenfalls schon erwähnt wurde, auffallend stern- und nebelarme
-Stellen, ja direkte Lücken, Risse, Spalten, Kanäle und Löcher. Die
-größte Milchstraßenöffnung liegt gerade dicht neben der Lichtwolke
-im Schwan und wurde von Oehl die dunkle Weltwolke genannt, von den
-späteren Forschern dagegen mit dem jetzt üblichen Namen »nördlicher
-Kohlensack«* bezeichnet. Der große südliche Kohlensack liegt im
-Kreuz. Der hervorragende Milchstraßenforscher Easton, der 10 Jahre
-seines Lebens von 1882 bis 1892 dem Studium der Milchstraße widmete,
-führt in einem besonderen Katalog 164 helle und dunkle Flecke in ihrem
-Gürtel an. Von diesen geben uns die prachtvollen Photographien der
-Milchstraße, wie sie uns namentlich Wolf, Barnard, Gill, geliefert
-haben, eine anschauliche Vorstellung.
-
-[Illustration: Abb. 23. Photographie eines Teiles der Milchstraße.]
-
-Welch eine Macht strahlt uns von diesen Bildern! Kann ein Abendmahl
-von Leonardo, eine Madonna von Raffael, eine Toteninsel von Böcklin
-tiefer auf uns wirken als diese schwarze Fläche besprenkelt mit Punkten
-und Pünktchen? Jeder Punkt eine Welt! Wir selbst, unsere große weite
-Erde, ja unsere ganze Sonnenwelt bis zum 4000 Millionen ~km~ entfernten
-Neptun, nichts als ein kleiner leuchtender Punkt! Gibt es einen
-Gedanken, der einerseits gewaltiger und erhabener ist, andererseits uns
-zu tieferer Demut führen kann als ein solches Bild der Milchstraße?
-Verwirklicht sich in diesen Photographien nicht geradezu jene Vision,
-die den jugendlichen Schiller angesichts des Himmels begeisterte zu der
-Hymne von der Größe der Welt:
-
- »Anzufeuern den Flug weiter zum Reich des Nichts,
- Steur' ich mutig fort, nehme den Flug des Lichts,
- Neblicht trüber
- Himmel an mir vorüber,
- Weltsysteme, Fluten im Bach,
- Strudeln dem Sonnenwanderer nach.«
-
-Gewinnt nicht das Goethesche Wort »Seele des Menschen, wie gleichst
-du dem Wasser, Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind«
-angesichts dieser Offenbarungen des Himmels einen geradezu kosmischen
-Inhalt? Wehen diese Sonnen nicht dahin im All wie Sand im Winde?
-Bezeugt uns nicht jedes dieser Pünktchen, daß nicht nur das Leben des
-einzelnen Menschen, sondern das Leben unseres ganzen Geschlechts, der
-ganzen Erde, unserer ganzen immensen Sonnenwelt nur eine Welle ist im
-großen Ozean der Welt, emportaucht als eine Welle aus dem Chaos des
-Urnebels, um nach kurzen Rhythmen zu verrinnen im großen Strom der
-Sonnen? Aber zu der Demut, im Ring der Milchstraße mit all unserem
-Können, Wissen und Wollen, mit unserer ganzen heiß errungenen Kultur
-und Kulturgeschichte nur ein Staubkorn in der Nähe eines solchen
-leuchtenden Pünktchens zu sein, fügt sich der Stolz, von diesem
-Sonnenstäubchen Erde dieses Bild der Welt erfaßt zu haben kraft des
-Geistes, der uns beseelt, kraft der moralischen Idee, die uns befiehlt,
-das Erforschliche zu erforschen und das Unerforschliche zu verehren,
-und die Kant, der große bahnbrechende Milchstraßenforscher, der Macht
-des Himmels als einzig würdig gegenüber gestellt in seinem berühmten
-Satz: »Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender
-Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken
-damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische
-Gesetz in mir.«
-
-[Illustration: Abb. 24. Milchstraßensystem nach Proktor.]
-
-Um alle Einzelheiten des Milchstraßenanblicks durch eine einheitliche
-Hypothese zu erklären, nahm +Proktor+ an, sie sei ein Ringsystem von
-Sternen, wie es uns der berühmte Ringnebel in der Leier vor Augen führt
-(Abb. 25). Entweder sei sie ein offener aufgerollter Ring, dessen eines
-Drittel sich nahe an uns vorbei winde und so erstens die Lichthelle
-der Schwanwolke, zweitens infolge des Durchblicks die Stromspaltung
-und drittens durch seine Öffnung den Kohlensack neben der Schwanwolke
-erkläre (Abb. 24~a~). Oder aber, und das schien ihm wahrscheinlicher,
-die Milchstraße sei ein Doppelringsystem mit leicht spiralischer
-Aufrollung, das aus einem inneren kleineren Ring besteht, in dem sich
-die Sonne befindet und dem die hellen Milchstraßenteile angehören,
-und einem entfernteren größeren Ring, dem die matten Teile des Gürtels
-entsprechen. Durch die Lage der Bänder, durch Unregelmäßigkeiten,
-Unterbrechungen und Schlingen ließen sich die Einzelheiten des
-Milchstraßenbildes erklären (Abb. 24~b~).
-
-Die Milchstraßenhypothese von Proktor ist als ein großer Fortschritt
-gegenüber den Kant-Herschelschen Ideen zu bezeichnen, da sie wenigstens
-die Haupterscheinungen zu erklären sucht. Aber abgesehen davon, daß
-sie in vieler Hinsicht einer tieferen Kritik nicht standhält, ist
-ihre Hauptstütze, nämlich der Hinweis auf das Vorhandensein ähnlicher
-ringförmiger Sternsysteme am Himmel, hinfällig geworden. Alle
-Ringnebel sind, wie die Spektralanalyse bewiesen hat, echte Gasnebel
-in verhältnismäßig geringer Entfernung, stehen unzweifelhaft innerhalb
-der Milchstraße und sind keine entfernten nebelig erscheinenden
-Sternsysteme. Der Ringnebel in der Leier* ist nur ungefähr 32
-Lichtjahre von uns entfernt, also eines der uns allernächsten
-Himmelsobjekte und dementsprechend kein gewaltiges Sternsystem, sondern
-nur etwa 100- bis 1000fach größer als unser Sonnensystem. Der Ring, der
-schon einzelne Lichtknoten zeigt und offenbar kurz vor seinem Zerfall
-in einzelne Weltkörper steht, umläuft sein schon stark verdichtetes
-Zentrum in schätzungsweise 10000 Jahren.
-
-Dagegen hat ein anderer Forscher, +Easton+, mit größerem Glück
-versucht, die Milchstraße gewissen Nebelgebilden gleichzusetzen,
-die wir am Himmel erblicken, nämlich den +Spiralnebeln+. Um nämlich
-von einem Nebel sagen zu können, er sei ein sehr fernes als Nebel
-erscheinendes Milchstraßensystem, muß man von ihm beweisen oder
-wenigstens wahrscheinlich machen können, daß er nicht innerhalb
-unserer Milchstraße, sondern weit außerhalb derselben im freien
-Allraum schwebt. Wenn es uns auch bis heute noch nicht gelungen ist,
-von irgendeinem Nebel eine sichere zahlenmäßige Bestimmung seiner
-Entfernung auszuführen, so kann man doch von den meisten aus ihrer
-Stellung ihre Zugehörigkeit zum Milchstraßensystem erkennen. Die
-planetarischen Nebel, aus deren Gaskugeln sich durch Verdichtung
-die Sonnen bilden, und die eigentlich nichts anderes vorstellen als
-Sonnen und Sonnenhaufen in jugendlichem Zustand, finden sich fast
-ausschließlich in der schmalen Zone der Milchstraße und hier in solcher
-Fülle, daß ihre Zugehörigkeit zur Milchstraße nicht angezweifelt werden
-kann. Ebenso schließen sich die ihnen verwandten Ringnebel, wie
-jener in der Leier, eng an die Milchstraße an. Die Sternhaufen, die
-aus diesen Kugel- und Ringnebeln entstehen, und deren Entfernung wir
-ebenfalls nicht genau bestimmen können, sind in der Milchstraßenebene
-so dicht zusammengedrängt, daß sie geradezu eine Kette bilden, die
-mit der Milchstraße zusammen den Himmel umschließt. Zeichnet man in
-eine Sternkarte unter Fortlassung der Milchstraße alle bekannten
-Sternhaufen ein, so erhält man ein Sternhaufenband, das genau dem Laufe
-der Milchstraße entspricht und das man die Milchstraße der Sternhaufen
-nennen könnte.
-
-[Illustration: Abb. 25. Ringnebel in der Leier (Phot. Ritchey.)]
-
-Im Gegensatz zu den regelmäßigen Nebeln und den Sternhaufen, die im
-Milchstraßenzug gruppiert sind, bekunden die unregelmäßig gestalteten
-Gasnebel ihre Zugehörigkeit zum System gerade durch ihre Stellung
-außerhalb der Milchstraßenzone und durch ihre Anhäufung an den Polen
-der Milchstraße, also an jenen Stellen, die von dieser am weitesten
-entfernt sind. Der nördliche Pol* der Milchstraße liegt im Haar
-der Berenice, nicht weit vom Arktur. Hier sind die Nebel so dicht
-zusammengedrängt, daß sie ganze Ketten und Gruppen bilden, die man
-»Nebelnester« nennt. Der erfolgreiche Milchstraßenforscher Max Wolf in
-Heidelberg, dem wir die meisten unserer Nebelphotographien verdanken,
-entdeckte hier auf einer einzigen photographischen Platte 1528 einzelne
-Nebel! In gleicher Fülle sind am entgegengesetzten Südpol, der jedoch
-bei weitem noch nicht so genau erforscht ist, Tausende von Gasnebeln
-aufs engste zusammengeschart. Aber auch zwischen Milchstraßenpol und
-Äquator ist der ganze Himmel mit Nebeln aller Art geradezu übersät.
-Die photographische Durchforschung des Himmels, die bisher schon
-Zehntausende entdeckt hat, wird diese Zahl auf 100000 vermehren.
-Trotz der Überfülle der Nebel, die den ganzen Raum um uns allseitig
-bevölkern, scheinen auch hier gewisse Verteilungsgesetze zu wirken.
-So zieht ein besonders dichter Zug vom Milchstraßenpol über das Bild
-des Großen Bären, kreuzt die Milchstraße im ~W~ der Kassiopeia und
-läuft durch die Andromeda zum Südhimmel hinüber, wo er sich offenbar
-fortsetzt, um sich wieder zum vollständigen Kreis zu schließen. Dieser
-Nebelstrang, den man »die Milchstraße der Nebelflecke«* genannt
-hat, läuft also senkrecht zur Milchstraßenebene von Pol zu Pol, so
-wie die Erdachse senkrecht zur Äquatorebene von Nordpol zu Südpol
-läuft. Für die weitere Erklärung der Milchstraßenmechanik wird diese
-Nebelstraße von großer Bedeutung sein. Jedenfalls verrät die Stellung
-der planetarischen Nebel und der aus ihnen hervorgehenden Sternhaufen
-in der Milchstraßenebene und der unregelmäßigen Nebel in der Nähe und
-in der Verbindungslinie der Milchstraßenpole einen Gegensatz, der gewiß
-nicht seiner tieferen Ursachen entbehrt und in jedem Erklärungsversuch
-des Milchstraßensystems unbedingt weitgehendste Berücksichtigung
-erfahren muß.
-
-[Illustration: Abb. 26. Photographie des Heringsnebels (nach Wolf).]
-
-Von diesen unzweifelhaft systematisch verteilten und dem
-Milchstraßensystem angehörenden echten Gasnebeln sind jene Nebelflecke
-streng zu trennen, die nicht aus leuchtenden Gasen, sondern aus
-einzelnen Weltkörpern zusammengesetzt sind. Im Fernrohr sind sie von
-jenen nicht zu unterscheiden und wurden -- und werden noch leider
-allzuhäufig -- mit ihnen ohne Unterschied zusammengestellt und zusammen
-behandelt, als seien es dieselben Gebilde. Während sich aber alle
-echten Gasnebel durch ihr helliniges Spektrum als leuchtende Urmaterie
-zu erkennen geben und einzig darum so hell und plastisch erscheinen
-können, weil sie uns verhältnismäßig nahe stehen, enthüllen uns die
-nun zu besprechenden Nebelgebilde ein von dunklen Linien durchzogenes
-schwaches Bänderspektrum, wie es die Sonne und die Sterne zeigen,
-und charakterisieren sich uns damit als tausendmal weiter entfernte
-gewaltige Sternsysteme, als Weltinseln, als Milchstraßen, die von uns
-so fern sind, daß ihr ganzer Glanz zu einem blassen Nebelschimmer
-verschwimmt, den kein Auge, kein Fernrohr, sondern nur noch das
-Spektroskop und die photographische Platte als Sonnenwelt erkennen. Wem
-ist es nicht schon zugestoßen, daß er eine Wolke, die im Abendglühen
-über seinem Hause schwebte, für eine Alpenlandschaft ansah, in der er
-Berge und Täler, Firne und Gletscher, Nebel und Himmel und dahinter
-ein weites blaues Meer zu sehen vermeinte? Und wer sah nicht schon
-ein Gebirge in der Ferne am Horizont aus dem Dunst der Atmosphäre
-emportauchen mit echten Bergen und Tälern, Firnen und Gletschern, so
-weit und so entfernt, daß es wie eine Wolke erschien, die am Firmamente
-hängt? Wie die nahe Wolke so umschweben uns in Sternennähe jene
-Nebel aus leuchtenden Gasen. Aber wie das wolkenartig schattenhaft
-erscheinende Gebirge, so schimmern aus Unendlichkeitsfernen jenseits
-unserer Milchstraßenwelt uns die fremden Sternsysteme entgegen, Wolken
-scheinend, doch in Wahrheit Sonnenwelten, Milchstraßen.
-
-[Illustration: Abb. 27. Photographie des Nebels ~H. V.~ 24 (nach Wolf).]
-
-Diese Milchstraßensysteme besitzen ausnahmslos Spiralgestalt, die sich
-je nach der Lage des Systems mehr oder minder deutlich zu erkennen
-gibt. Im Haar der Berenice entdeckte Wolf den Nebel der Abb. 26,
-den die Astronomen den »Hering« nennen. Aber dieser Hering ist ein
-Weltsystem von unerkennbar vielen Sonnen, ist eine Milchstraße von
-der Kante gesehen. Wenn uns eine Macht in jene Fernen des Weltalls
-führte, in denen dieser Heringsnebel schwebt, und uns in sein Inneres
-versetzte, so weitete sich dieses Wölkchen vor und um uns zum
-Milchstraßengürtel, der unseren Himmel umringte, unsere Milchstraße
-hinter uns aber schrumpfte und schrumpfte, bis sie in der Ferne
-entschwände, verdämmernd zu einem Heringsstreif.
-
-Dicht daneben fand Wolf den Nebel der Abb. 27, der zu den schönsten
-Erscheinungen des Himmels gehört. Er unterscheidet sich vom Hering
-durch seinen deutlich hervortretenden Kern, wodurch er auffällig
-an den ringsumkreisten Saturn erinnert. Aber dieser Nebel ist kein
-naheschwebender Planet im frühen Zustand seines Werdens, auch er ist
-ein Weltsystem von Sonnen wie unsere Milchstraße, das durch seine
-ungeheure Entfernung, -- Wolf schätzt sie auf 500000 Lichtjahre -- als
-zierlicher Nebel erscheint. Schon an diesem flach gesehenen Nebel kann
-man besonders in der oberen Hälfte deutlich die Spiralen erkennen, in
-denen die Sonnen um das Zentrum des Systems kreisen.
-
-Erheben wir uns mit unserem Blick noch mehr über die Fläche einer
-solchen Sonnenwelt, so erscheint sie uns in der entrollten Schönheit
-des großen Andromedanebels*, den das unbewaffnete Auge in klaren
-Nächten rechts neben dem oberen Leitstern im Bilde der Andromeda
-als verwaschenes Fleckchen erkennt (Abb. 28). Linse, Prisma und
-photographische Platte haben sich erfolgreich wie in keinem anderen
-Fall zur Enträtselung dieses Nebelpünktchens verbündet und unter der
-Feldherrnführung scharfsinniger Astronomen einen der schönsten Triumphe
-der entdeckenden Himmelsforschung erstritten. Kein Himmelsgebilde
-jenseits unseres Planetensystems ist mit dem gleichen Aufwand von Fleiß
-und Ausdauer erforscht worden wie dieser Nebel. Der Astronom +Bohlin+
-allein soll den Andromedanebel über 40000 mal eingestellt haben. Aber
-wie überall, wo sich Können und Wollen zur Tat vereinigten, ist auch
-hier die Mühe belohnt worden, denn über keine Erscheinung ähnlicher Art
-sind wir annähernd so gut unterrichtet wie über den Andromedanebel.
-
-Auch hier glühen uns nicht, wie es den Anschein hat, leuchtende Gase
-in chaotischer Glut entgegen, sondern Sonnen: der Andromedanebel ist
-ein fernes Sternsystem und zwar von allen das unserer Milchstraße nach
-Bau, Entwicklungsstand und Form ähnlichste. Wie in unserer Milchstraße
-sind in ihm echte Sonnen und verstreute Nebelmaterie gemischt. Diese
-Sonnen, die wir einzeln nicht erkennen, sondern nur mit Hilfe der
-Spektralanalyse durch die Natur ihres Gesamtlichts erforschen können,
-bestehen wie die Sonnen unserer Milchstraßen aus einem feuerflüssigen
-oder festgasigen Kern und einer leuchtenden Gasatmosphäre. In diesen
-Sonnen des Andromedanebels glühen dieselben Stoffe Wasserstoff, Helium,
-Eisen, Kohlenstoff, Titan unter denselben Bedingungen wie in unserer
-Milchstraße. Die Welt ist eines, einzig und einig!
-
-Während aber in unserer Milchstraße die jungen heißen Siriussonnen
-der ersten Spektralklasse weitaus überwiegen und die kälteren Sterne
-von der Art unserer Sonne in der Minderzahl sind, setzt sich das
-Andromedasystem aus vorwiegend gelbleuchtenden Sternen der zweiten
-Spektralklasse zusammen. Das Andromedasystem ist älter als unsere
-Milchstraße. Ganz unverkennbar ist die Spiralnatur dieser Welt. Von
-einer gewaltigen Sternanhäufung im Mittelpunkt laufen die Sonnenströme
-in drei großen Spiralwindungen um das Zentrum. Die einzelnen Spiralen
-sind durch sternleere Spalten getrennt. An den Umbiegungsstellen
-der Spiralen scheinen die Sonnen dichter zusammenzustehen als in
-den Längsseiten. Die Entfernung des Systems schätzt Wolf auf 32000,
-Scheiner sogar auf 500000 Lichtjahre. Seine Eigenbewegung im Raum
-nähert es uns in jeder Sekunde um 300 ~km~.
-
-[Illustration: Abb. 28. Photographie des Andromedanebels.]
-
-Wer kann von nun an ohne tieferes Gefühl zu diesem Wolkenpünktchen
-am Himmel aufschauen? Der Andromedanebel ein Weltsystem wie unsere
-Milchstraße! 100 Millionen Sonnen kreisen in ihm wie in unserer
-Milchstraße, jede einer Schar von Planeten und Monden Licht und
-Wärme spendend, Planeten, auf denen Wesen wohnen wie auf unserer
-Erde oder gewohnt haben wie auf Neptun und Uranus oder einst wohnen
-werden, wie vielleicht auf Jupiter und Venus! Auf wieviel Myriaden
-sonnenbeschienener Planeten dieses Weltsystems mögen Wesen wohnen auf
-der gleichen Stufe der geistigen und körperlichen Entwicklung wie
-auf unserem Erdball, auf wievielen mögen naive Wesen hinausschauen
-in die Nacht und Märchen und Legenden spinnen über die leuchtende
-Pracht zu ihren Häupten, wie es unsere Vorfahren getan. Auf wieviel
-anderen mögen forschende Wesen ansässig sein, die mit Instrumenten,
-mit Fernrohrlinsen, Prismenapparaten ins Universum lugen und
-unsere Milchstraßenwelt als ein Wölkchen am Firmament erblicken,
-unseren großen himmelfüllenden Sonnenkranz, unsere weltumspannende
-Milchstraßenherrlichkeit -- ein Wölkchen in dunkler Nacht!
-
-Der Andromedanebel ist das einzige Gebilde, von dem man mit einer
-Wahrscheinlichkeit, die fast an Gewißheit grenzt, behaupten kann, daß
-es ein fernes Milchstraßensystem darstellt. Hier müßte alles trügen,
-wenn wir nicht eine Milchstraßenwelt vor uns sehen. Weit weniger
-sicher erscheint uns die Milchstraßennatur des Spiralnebels im Großen
-Bären, der ebenfalls aus Sonnen und Nebeln zusammengesetzt ist und
-unzweifelhaft jenes Bild darbietet, das eine Milchstraßenspirale in
-voller Flächenansicht uns vor Augen führen würde (Abb. 29).
-
-Von einem Nebelzentrum laufen sternbesäte Spiralen in harmonischen
-Windungen nach allen Seiten aus wie die Feuerarme einer kreisenden
-Rakete, bis sie in immer schwächeren Läufen sich in Nacht und
-Nichts verlieren. Aber im Gegensatz zu dem dämmerig schimmernden
-Andromedanebel, in dem alle Teile der breiten Spiralen in gleichmäßiger
-Mattheit verschwimmen, ist dieser Nebel so plastisch reich an
-Einzelheiten, an scharfen Kontrasten zwischen Lichtknoten und
-dunklen Stellen, an Übergängen und Ausläufern, Nebelschweifen und
-Wolkenbrücken, daß man sich des Gefühls -- nur das Gefühl vermag
-hier zu entscheiden -- nicht erwehren kann, dieses Gebilde ist uns
-unverhältnismäßig näher als der Andromedanebel, schwebt innerhalb
-unserer Milchstraße und ist kein Weltsystem, sondern ein Sternnebel,
-aus dem sich die Sonnen eines engen Haufens aus Nebelchaos ringen. Mag
-er nur 370, oder, wie Wolf schätzt, 370000 Lichtjahre von uns entfernt
-sein, mag er ein wahres Schwestersystem unserer Milchstraße sein oder
-nur ein Sternhaufen in ihr und uns nur lehren, daß im Kosmos auch das
-kleinere Einzelsystem ein treues Spiegelbild des großen Ganzen ist, auf
-jeden Fall gibt uns dieser Spiralnebel eine anschauliche Vorstellung
-von dem Anblick einer Sternspirale in ihrer ganzen Flächenausbreitung.
-
-[Illustration: Abb. 29. Photographie des Spiralnebels im Großen Bären
-(nach Wolf).]
-
-Die Reihenübersicht über die Spiralgebilde vom Kantenbild des Herings
-über die Schrägansicht des Andromedanebels zur Flächenbetrachtung des
-Sternsystems im Großen Bären wird vervollständigt durch die Erscheinung
--- der Milchstraße. +Die Milchstraße ist nach der Hypothese von
-Easton das Innenbild einer großen Weltspirale.+ Wir leben im Innern
-eines Spiralsystems, wie wir es als Andromedanebel in weiter Ferne
-erblicken. Von ihrer genaueren Gestalt entwarf Easton folgendes Bild.
-Von einem Zentralkern, der von uns aus betrachtet in der Richtung des
-Schwans gelegen ist, und den wir als Lichtwolke im Schwan leuchten
-sehen, laufen die Sternzüge in drei breiten Hauptspiralen aus. Der
-erste uns nächste Arm umkreist uns direkt und läuft -- immer in der
-scheinbaren Projektion auf die uns nahen Sternbilder gesehen --
-vom Schwan über den Adler um den ganzen südlichen Himmel, bis er
-sich an der Gegenseite in der Nähe des Sirius verläuft. Der zweite
-Hauptarm liegt von uns aus betrachtet hinter dem ersten, ist uns also
-ferner und daher lichtschwächer. Indem er sich dicht hinter seiner
-Ursprungsstelle vom ersten Arm trennt und bald darauf wieder mit
-ihm vereinigt, entsteht nahe der Lichtwolke im Schwan der nördliche
-Kohlensack, durch den wir zwischen den beiden Armen in den dunklen
-Raum hinausschauen. Nach seiner Trennung vom ersten Arm umkreist er
-das ganze System und hat den Hauptanteil an der Gürtelerscheinung der
-südlichen Milchstraße. Der dritte kurze kräftige Hauptarm läuft in
-entgegengesetzter Richtung nach Norden ins Bild des Perseus, wo er
-ziemlich scharf und unvermittelt abbricht. Zwischen seinem und des
-ersten Armes Ende bleibt eine Lücke im Milchstraßenring, jene dunkle
-Gasse, die wir zwischen dem Fuhrmann und dem Perseus erkennen. Diese
-drei Spiralarme liegen nicht genau in einer Ebene, sondern weichen
-ähnlich wie die Planetenbahnen im Sonnensystem etwas vom idealen
-Äquator des Systems ab. Da außerdem zwischen ihnen ebenso wie zwischen
-den Armen des Andromedasystems sternfreie Spalten bleiben, so sehen
-wir zwischen den beiden Hauptspiralen hindurch in den dunklen Weltraum
-hinaus -- die Milchstraße erscheint uns in einem Drittel ihres Laufes
-durch einen dunklen Spalt in zwei Ströme geteilt. Dieser oft erwähnte
-Milchstraßenspalt entspricht also genau den dunklen Spalten, die wir
-zwischen den Spiralwindungen des Andromedanebels erkennen.
-
-Die wahre Größe dieser Spirale kann man natürlich nur schätzungsweise
-bestimmen. Die Milchstraße ist offenbar wie der Andromedanebel
-ungefähr halb so breit wie lang und von geringer Höhe, so daß man an
-die Linsengestalt des Systems, wie sie Kant und Herschel vorschwebte,
-festhalten kann. Aus der Entfernung der äußersten Sterne hat man die
-Längsachse des Systems auf 15000--50000 Lichtjahre, die Querachse auf
-5000--20000 Lichtjahre geschätzt, Grenzwerte, die zwar in ihren Zahlen
-stark voneinander abweichen, aber übereinstimmen in einem, in ihrer
-Unfaßlichkeit für menschliche Begriffe.
-
-[Illustration: Abb. 30. Milchstraßensystem nach Easton (unter Benutzung
-einer Zeichnung von Riem).]
-
-Mit größerer Sicherheit läßt sich die Stellung unserer Sonne in diesem
-Spiralsystem bestimmen. Da uns der Milchstraßengürtel von Einzelheiten
-abgesehen allseitig fast gleich breit und hell erscheint, müssen wir
-uns im zentralen Teil des Systems befinden. Stände die Sonne genau in
-der Äquatorebene der Milchstraße, so müßte ihr Ring den Himmel in zwei
-genau gleiche Hälften teilen, sie müßte, wie der technische Ausdruck
-lautet, einen größten Kreis am Himmel beschreiben. Dies ist aber nicht
-der Fall. Die Milchstraße schneidet den Himmel in zwei Teile, die sich
-wie 7:8 verhalten. Da der nördliche Teil der größere ist, steht unsere
-Sonne etwas nördlich von der Mittelebene des Systems. Sie schwebt aber
-nicht etwa isoliert außerhalb der allgemeinen Ebene, sondern inmitten
-eines kugeligen, leicht abgeplatteten Haufens, dem fast alle helleren
-Sterne des uns sichtbaren Himmels angehören, und dessen Mittelebene
-gegen die Milchstraße um 20 Grad geneigt ist. Der Mittelpunkt dieses
-Haufens, gegen den sich die Sterne ebenso verdichten wie in dem S. 19
-abgebildeten Haufen im Centaurn, liegt im Sternbild Norma (auf dem
-südlichen Himmel nicht weit von Alpha Centauri). In diesem Sternhaufen,
-dessen Sterne fast sämtlich der 2. Spektralklasse, dem Sonnentyp,
-angehören, stehen wir ziemlich weit in der Richtung auf den Perseus vom
-Zentrum entfernt. Unsere Sonne bildet hier mit den 6 Sternen Kapella,
-Beteigeuze, Wega, Atair, Theta im Großen Bären und dem berühmten
-Doppelstern 61 im Schwan, an dem Bessel die erste Fixsternentfernung
-bestimmte, eine engere Gruppe nach Art der Plejaden, die durch eine
-gemeinsame Gruppenbewegung auch äußerlich charakterisiert ist.
-Vielleicht gehören diesem Siebengestirn, dessen Entdeckung wir dem
-verdienstvollen Fixsternforscher Kobold in Kiel verdanken, noch die
-drei Sterne Antares im Skorpion, Aldebaran und Etha in der Kassiopeia
-an. Die beiden fernsten Sterne dieser Gruppe, Beteigeuze und Antares,
-stehen 150 Lichtjahre, also fünfmal weiter auseinander als die beiden
-äußersten Sterne der Bärenfamilie Merak und Mizar. Rings um den großen
-Sternhaufen, in dem dieses Siebengestirn eine kleine Gruppe bildet,
-liegt eine sternarme Zone wie um den Haufen im Centaurn. Aber auch
-dieser große Haufen ist keineswegs vom allgemeinen Spiralzug der
-Milchstraßensterne getrennt. Es scheint vielmehr, als ob von ihm aus
-zwei kleinere Sternströme ins Milchstraßeninnere führen, einer direkt
-zum Knotenpunkt im Schwan, der andere in die Gegend des Fuhrmanns
-laufend, so daß uns in diesen beiden Richtungen die Sterne mittlerer
-Größe, also jene Sterne, die uns näher stehen als die eigentlichen
-Milchstraßensterne aber ferner als die Sterne unseres Haufens, dichter
-und zahlreicher erscheinen als in den übrigen Teilen des Himmels. Die
-Entfernung unseres Sonnensternhaufens von der Lichtwolke im Schwan, dem
-Knotenpunkt der Milchstraßenspirale, beträgt ungefähr 1300 Lichtjahre.
-
-So sind wir im Rahmen einer großzügigen Hypothese über die Gestalt
-des Milchstraßensystem und über unsere Stellung in ihm gut
-unterrichtet. Bedeutend haltloser ist unser Wissen über den Ursprung,
-die Entwicklung und den Bewegungsmechanismus dieser Sterninsel. Daß
-unsere Milchstraßenwelt keine tote Schöpfung, kein starr glitzerndes
-Naturgemälde, sondern eine treibende Weltmaschine ist, bedarf
-keines Beweises mehr. Wenn es uns die Tatsachen der allgemeinen
-Sternbewegungen, das Aufleuchten neuer Sterne, das Dahinstieben
-dampfender Nebel und der Reichtum der Übergänge von heißen Nebelsternen
-bis zu halberloschenen Sonnenkörpern nicht untrüglich verraten hätten,
-so würde es uns ebenso der Anblick der fremden Weltnebel auf allen
-Stadien der Entwicklung und Bewegung wie die Umschau in der Milchstraße
-selbst bezeugen. Die Spiralsysteme des Himmels sind sprühende
-Weltraketen und jeder Funke ist eine Sonne! +Wir+ sehen diese Bewegung
-nicht, sehen nicht das Sprühen und Glühen, Drehen und Wehen, wir
-nicht, wir staubgeborenen Erdensöhne. Denn wenn eine einzige Umdrehung
-dieser Weltraketen nach der Schätzung der Astronomen 20 Millionen
-Jahre dauert, und wenn, wie wir erfahren haben, diese Sonnenräder so
-weit von uns entfernt sind, daß die ganze Milchstraßenpracht zu einem
-Nebelpünktchen verblaßt, wie sollten Menschen, die 70 Jahre leben, auch
-nur die Hälfte, ein Viertel, ja ein Hundertstel oder Zehntausendstel
-solcher Umdrehung sehen? Wir stehen vor diesen Welten wie ein Mensch,
-dem man in finsterer Nacht eine hunderträdrige Maschine während
-eines kurzen Blitzes schauen läßt. Die Maschine dreht sich, aber
-die Blitzsekunde ist zu kurz, um auch nur +einen+ Radlauf, +einen+
-Kolbengang, +einen+ Hebelschwung zu sehen -- die kreisende Maschine
-steht vor seinem Auge still. Kann man erwarten, daß dieser Mensch den
-Mechanismus der Maschine in diesem Bruchteil der Sekunde begreift?
-
-[Illustration: Abb. 31. Der Kokon-Nebel im Schwan. (Phot. Wolf.)]
-
-Unbeweglich starr und stumm steht die Milchstraße in allen ihren
-Teilen vor uns. Aber selbst in ihrer Starrheit gibt uns jeder Punkt
-und jedes Wölkchen Kunde von dem großen πάντα ῥεῖ, dem »alles fließt«
-im Sternenstrom der Welt. Wohin wir das Fernrohr richten, überall
-sehen wir neben dem ruhigen Fluß der großen Milchstraßenspiralen die
-Spuren gewaltiger katastrophaler Bewegungen. Allenthalben entdeckt das
-Fernrohr Nebelströme, Wolkenzüge, vom Weltsturm zerfetzte Streifen,
-vom Strom der Sonnen durchflutete Kanäle; bald kreuzen sich die Züge,
-bald spalten sich die Straßen; hier lodern Nebel wie Weltenfackeln,
-dort stieben Sonnen auseinander wie Granatensplitter; feurige Kugeln
-bahnen sich durch kosmisches Gewölk ihren Flammenweg, alles verheerend,
-was sich ihnen entgegenstellt, beiseite schiebend, was ihnen ihren
-Sonnenflug versperrt. Wie eine Kartätsche durch Wolkenfetzen schlägt,
-so bahnt sich jener Feuerball, den wir als den sog. Kokonnebel im
-Bild des Schwans erblicken, seinen Weg durch die Weltwolken der
-Milchstraße, weit hinter sich durch eine dunkle Gasse die Spuren seines
-Pfades verratend. (Abb. 31). Wieviel Trillionen Meilen mag sich diese
-Weltgranate durch den Sternenstrom geschlagen haben, seit wieviel Äonen
-von Jahren mag sie schon auf ihrer Fahrt begriffen sein? Wieviel
-Myriaden von Welten mag sie auf ihrer Flammenbahn zermalmt, versengt,
-vernichtet haben?
-
-Im Schlangenträger sehen wir einen Kranz von glühenden Welten wie
-Fackeln in neblichter Nacht schwelen (Abb. 32). Leuchten hier die
-Totenfackeln einer Sternengruppe, ähnlich den Plejaden unserer
-Nachbarschaft, Totenfackeln, die uns an die Vergänglichkeit +aller+
-Dinge dieser Welt, auch an den Tod der Sterne mahnen?
-
-[Illustration: Abb. 32. Photographie der Milchstraße im
-Schlangenträger. (Phot. der Yerkes-Sternwarte.)]
-
-Im Bilde des Schwans, jener Himmelsstelle, an der uns die Milchstraße
-durch ihre wahrscheinliche Nähe die größte Zahl von Wundern
-offenbart, fand Wolf auf photographischem Weg einen Nebel, von dem
-selbst das stärkste Fernrohr keine Spur entdecken ließ, weil er in
-ultraviolettem Lichte leuchtet. Er nannte diesen Nebel wegen seiner
-Ähnlichkeit mit dem amerikanischen Kontinent den Amerikanebel. (Abb.
-33). Wir sehen diese Nebelwolke nur in der Fläche. Man muß sie sich
-aber als plastischen Körper denken, von der Gestalt eines Kreisels,
-wahrscheinlich sogar hohl wie ein Trichter. Dieser Nebeltrichter
-sprudelt offenbar in rasender Wirbelbewegung mit seiner abwärts
-gerichteten Spitze nach vorn durch den Raum, alle Welten, denen er
-sich naht, in seinen feurigen Wirbel reißend, so daß er rings von
-einer sternarmen Hülle, von einer verödeten Himmelszone umrändert
-ist. Wo gibt es eine Phantasie, die sich die Wirklichkeit, die hinter
-diesem wallenden Nebel sich verschleiert, auszumalen imstande wäre,
-wo einen Geist, der diese Welttragödie, deren Aktschluß wir hier in
-Flammenschrift geschrieben sehen, in Gedanken zu umspannen vermöchte?
-
-So überzeugend diese Bilder für die Bewegungen im Milchstraßensystem
-sprechen, so wenig klären sie uns über die Natur und die Gesetze dieser
-Bewegung auf. Nur eines können wir unmittelbar aus dem Überblick
-über die Richtungen der Nebelzüge, Brücken und Kanäle wahrnehmen.
-+Die allgemeine Drehrichtung des Milchstraßensystems ist eine
-einheitliche+ und zwar ebenso wie die unseres Planetensystems und die
-der Doppelsterne eine linksläufige, dem Uhrzeiger entgegengesetzt. Die
-Einheitlichkeit der Gesamtbewegung des Systems erhellt auch aus der
-Spiralgestalt, die nur durch eine gesetzmäßige Drehung zustande kommen
-kann. Es ist unentschieden, ob diese Spirale durch den Zusammenstoß
-zweier sich bewegender Systeme entstand, wie wir es von den Gasnebeln,
-z. B. dem Orionnebel annehmen müssen, oder ob sie sich, was
-wahrscheinlicher ist, als natürliche Folge einfacher Systemdrehungen
-einstellt. Da sich nämlich in jedem kreisenden System die inneren
-Massen schneller bewegen als die äußeren, so bleiben diese hinter jenen
-zurück, wodurch das System allmählich Spiralgestalt annimmt (Abb. 34).
-
-[Illustration: Abb. 33. Photographie des Amerikanebels (nach Wolf).]
-
-Auch unser Planetensystem ist in Wirklichkeit ein Spiralsystem, dessen
-wahre Gestalt wir nicht wahrnehmen, weil es nur aus wenigen Körpern
-besteht. Wären die Planeten durch Nebelmassen verbunden oder in so
-großer Zahl vorhanden wie die Milchstraßensterne, so würde auch dieses
-uns als Spirale erscheinen. Denn während sich der äußerste Planet
-Neptun einmal um die Sonne bewegt, haben Uranus 2, Saturn 6, Jupiter
-15, die Erde 200 und Merkur fast 1000 Umläufe vollendet. Je älter ein
-Spiralsystem ist, je mehr Umdrehungen seine Glieder vollführt haben, um
-so windungsreicher muß es werden, wovon der ältere Andromedanebel mit
-seinen 5 Hauptwindungen gegenüber dem dreiarmigen Milchstraßensystem
-ein Zeugnis gibt. Da außerdem die Sonnen eines solchen Spiralsystems
-nach den Gesetzen der Schwerkraft dem Mittelpunkt zustreben müssen, so
-wie unsere Planeten der Sonne in Spiralzügen näher und näher rücken,
-muß sich ein Milchstraßensystem mit zunehmendem Alter im Mittelpunkt
-verdichten. Der ältere Andromedanebel scheint in der Tat ein viel
-dichteres Zentrum zu besitzen als unsere Milchstraße, in der die
-Überzahl der Sonnen noch in den äußeren Spiralzügen zerstreut ist.
-
-Versucht man alle Ergebnisse der Milchstraßenforschung mit diesen
-theoretischen Erwägungen in Einklang zu bringen, so kann man im Rahmen
-einer Hypothese ein großartiges Naturgemälde vom Entwicklungsgang
-und Kreislauf des Milchstraßensystems entwerfen, das an äußerer
-Größe und innerem Reichtum einzig dasteht und unser gesamtes Wissen
-vom Weltall in eine große Formel bringt. Eine solche Hypothese ist
-unter anderen von Adolf Drescher vertreten worden und verdient durch
-ihre Übereinstimmung mit den Tatsachen der Forschung und durch die
-sinngemäße Verwertung des Gedankens von der Entwicklung und dem
-Kreislauf aller Materie wohl als ideale Krone unsere Betrachtungen über
-die Milchstraße zum Abschluß zu bringen.
-
-[Illustration: Abb. 34. Entstehung der Milchstraßenspirale infolge der
-schnellen Umdrehung der Innenteile.]
-
-Nach dieser Hypothese bewegen sich die Sonnen zu Haufen geordnet
-im Spiralsystem der Milchstraße von den äußeren Windungen nach
-dem inneren Zentrum. Sie beginnen ihre Spiralfahrt als Nebel, als
-kugelige Gasmassen, die wir als planetarische Nebel in der Milchstraße
-schwebend sehen. Während diese Nebel in der äußeren Spirale ihren
-Umlauf vollenden, kühlen sie sich ab, verdichten sie sich und werden zu
-Sonnen oder Sonnenhaufen, zuerst zu Nebelsternen, dann zu den heißen
-weißglühenden Siriussternen der ersten Klasse, wie wir sie in allen
-Teilen der fernen Milchstraße neben den planetarischen Nebeln angehäuft
-finden. Auf der Spiralfahrt ins Zentrum schreitet der Abkühlungs- und
-Verdichtungsprozeß immer weiter fort. Die Sonnen schnüren Planeten
-ab und bilden jene Sonnensysteme, in denen alle Bedingungen für die
-höhere Entwicklung der Materie und für das Auftreten des Lebens gegeben
-sind. In den inneren Windungen angekommen -- man kann einen Umlauf in
-den äußeren auf 100, in den inneren Spiralen auf 20 Millionen Jahre
-schätzen -- haben die Sonnen über die Hälfte ihrer Wärme verloren
-und leuchten nunmehr nur noch in gelblichem Licht wie unsere Sonne.
-Die meisten Sterne unserer Nachbarschaft, die mit uns nicht weit
-vom Zentrum des Systems in einer inneren Windung kreisen, sind im
-Gegensatz zu den Siriussonnen der äußeren Windungen, deren Weißglut
-eine Hitze von 16000 Grad vermuten läßt, Sterne der 2. Spektralklasse
-vom Sonnentyp, deren Wärme auf 6000 Grad gesunken ist. Je mehr sich
-die Sonnen dem Mittelpunkt des Systems nähern, um so enger werden
-natürlich die Spiralen, um so geringer der Raum, so daß sie immer näher
-aneinander rücken müssen. Sie gelangen in das Machtbereich einer ihrer
-Nachbarsonnen, werden von dieser abgelenkt, beginnen mit ihr um einen
-gemeinsamen Schwerpunkt erst in großen, dann in immer engeren Bahnen zu
-kreisen, bis sie mit ihr ein Doppelsystem, einen Doppelstern bilden.
-Über ein Drittel der sonnennahen Sterne ist bereits in dieses Stadium
-der Doppelsysteme gelangt. Die Wärmeerzeugung durch Verdichtung wird
-immer geringer, die Schnelligkeit der Abkühlung immer größer, die
-Temperatur der Sonnen sinkt um Tausende von Graden, die Sonnenflecken
-werden größer und größer, das gelbe Licht geht in Rotglut über,
-Schlacken bedecken ihre Oberfläche und verdunkeln in unregelmäßiger
-Kurve ihren Glanz: die Sterne werden »veränderlich«, eine Sonne nach
-der anderen erlischt. Als tote Weltkörper treiben die erloschenen
-Sonnen und Doppelsonnen in den innersten Spiralen dem Knotenpunkt der
-Milchstraße zu, immer enger sich zusammendrängend, bis sie schließlich
-in der Mitte des Zentrums mit unvorstellbarer Geschwindigkeit gegen
-einander rasend zusammenprallen. Der Zusammenstoß entfacht mit der
-Gewalt einer Explosion ungeheure Energien, die gehemmte Bewegung des
-Gesamtkörpers setzt sich um in Schwingung seiner kleinsten Teile,
-der Atome, in Wärme. Die zusammengeprallten Sonnen leuchten auf als
-»neue Sterne«. Ihre Materie verdampft und eilt als glühender Nebel
-in Spiralen aus dem Innern des Systems davon, nach allen Richtungen
-sich verbreitend, zurück in die Milchstraße und hier jene Nebel,
-Feuerkugeln und Kanäle bildend, die wir hier zu Hunderten entdecken,
-aber auch über die Ebene der Milchstraße hinaus hinauf nach den Polen
-des Systems fliehend. In ihrer feinen Verteilung entschwinden uns
-diese leuchtenden Gase bald, so wie der Rauch einer Zigarre verweht.
-Aber je weiter diese Gasmassen hinauseilen in den kalten Weltraum,
-desto mehr kühlen sie sich ab, verdichten sie sich wieder, und wie
-die Wasserdämpfe, die unsichtbar der Erde entfliehen, sich in den
-kühleren Höhen zu sichtbaren Wolken verdichten, so ballen sich an
-den Polen der Milchstraße hoch über der Ebene der Sternspirale die
-Sonnengase zu Wolken zusammen, zu jenen Nebeln, die wir in der Polachse
-der Milchstraße und besonders an ihren Polen selbst als Nebelzüge
-und Nebelnester auftauchen sehen. Je weiter diese Nebel hinauseilen,
-um so mehr verlieren sie an lebendiger Bewegung. Mit zunehmender
-Verdichtung unterliegen sie wieder der gegenseitigen Anziehung und der
-Schwerkraft des ganzen Systems, die Spiralbahnen, in denen sie wie
-Tabaksdämpfe höher und höher entflohen, werden flacher und flacher,
-bis sie umkehren und sie wieder zur Milchstraßenebene hinabführen. An
-den Grenzen des Systems treiben die Nebel in weiten Spiralen aus der
-Polhöhe zur Äquatorebene hinab, wo sie durch die ständige Verdichtung
-und den dauernden Zustrom kosmischer Materie als Gaskugeln wieder in
-die Milchstraßenebene einmünden und hier von neuem ihren Kreislauf von
-Nebelkugel zum Sonnenball beginnen (Abb. 35).
-
-[Illustration: Abb. 35. Kreislauf der Sonnen im Milchstraßensystem.]
-
-Diese Milchstraßenhypothese, die nach Zeit, Raum und Inhalt wohl der
-umfassendste Gedanke ist, den ein Mensch auf naturwissenschaftlichem
-Boden erdenken kann, setzt uns in den Innenteil einer großen
-Sternspirale als Trabantenbewohner einer erlöschenden Sonne, der das
-Schicksal winkt, mit einer ihrer Schwestern einst zusammenzuprallen und
-im Zentrum des Systems zu verdampfen. Aber keine bange Menschenfurcht
-um unser kleines Leben braucht darum das Herz zu beschleichen.
-Millionen und Abermillionen Jahre werden vergehen, ehe wir an jenem
-End- und Sterbepunkt des Sonnenstromes angelangt sind und hier in
-Asche und Dampf zerschellen. Längst ist bis dahin alles Sein auf
-Erden geschwunden. Selbst auf der erkaltenden Sonne hat Leben sich
-entwickelt, geblüht und ist längst wieder erstorben, denn aller
-Lebenslauf vom Urschleim bis zum Menschen und über ihn hinaus bis
-zum Endglied, das trotz Technik und Kultur im Planeteneis erfriert
-und unter der Eisdecke der kristallisierten Luft in Weltraumkälte
-versteint, -- das alles ist im Strom des Sonnenlaufs nur wie ein
-Frühling und ein Herbst auf Erden. Wenn also in Wirklichkeit jenes
-Katastrophenende kommt, -- sterben wir dann nicht, um neu zu leben?
-Flammt dann nicht alles, was kalt, erloschen, tot, morsch und gefühllos
-ist, auf zu neuem Kreislauf, neuem Dasein, neuem Leben? Ist dieses
-Ende nicht eine Erlösung, eine Auferstehung, eine Wiedergeburt? So
-großartig, so gewaltig, so gerecht, wie kein Weltgericht gerechter,
-größer und gewaltiger sein kann? Sonnen werden neu geboren, Planeten
-erwachen, Monde verjüngen sich. Und was als flammende Wiedergeburt
-hinausdampft in den Weltenraum, das sind +wir+, das ist die Materie,
-die in +uns+ gelebt und geliebt, gelitten und genossen. Was in
-jener Katastrophennacht den Sternenwelten des Alls als neuer Stern
-entgegenstrahlt, das hat einst als Goethe, Darwin, Plato und Homer über
-diese Welt geleuchtet, und was als Dampf dort neu entfacht hinauseilt,
-das trägt in sich den Keim zu neuen Welten, neuem Leben, neuer Kultur.
-Vielleicht führt diese Neugeburt uns über Nebelwolken und Sonnenglut
-einem schöneren Dasein zu mit weiteren Entwicklungsmöglichkeiten,
-höheren Erkenntnisfähigkeiten, durch die wir tiefer einzudringen
-vermögen in das Rätsel der Milchstraße, als es uns die Wissenschaft
-des Menschenhirns gewährt. Denn selbst im höchsten Stolze seines
-Wissens darf der wahre Weltbetrachter eines nie vergessen: mögen
-wir das System der Milchstraße mit Linse, Platte und Prisma noch
-so tief erforschen, mögen uns Instrumente mit tausendmal größeren
-Kräften zur Verfügung stehen, so daß wir lückenlos das Sternendasein
-vom Nebelchaos bis zur Sonnenkatastrophe überschauen, so enthüllt
-sich uns durch diese Wissenschaft doch immer nur die +Form+ und die
-+Mechanik+ des Weltgeschehens. Über das innere +Wesen+ des Universums,
-über den Sinn all dieser Sonnenwelten und Weltspiralen, über ihren
-Ursprung und den Zweck ihres Daseins gibt uns weder die astronomische
-Forschung noch irgendeine andere geistige Erkenntnismöglichkeit,
-mag sie sich Philosophie, Wissenschaft oder Glaube nennen, auch nur
-den kleinsten Aufschluß. Niemals können wir als Teile des Ganzen
-das Ganze begreifen, können wir als ein Produkt der Welt die Welt
-enträtseln, niemals werden wir, selbst nichts als denkende Materie,
-das Wesen dieser Materie erdenken. Seien wir auch am Abschluß dieses
-erhabensten Naturbildes, das der menschlichen Forschung zugänglich ist,
-im Angesicht der Milchstraße uns dieser ewigen Grenzen menschlichen
-Wissens bewußt.
-
-
-
-
-Sachregister.
-
-
- Algol 35
-
- Algolsterne 35, 36
-
- Amerikanebel 94
-
- Andromedanebel 86 ff.
-
-
- Bär Gr. 39, 40, 57
-
- Bessel 28
-
- Beteigeuze 71
-
- Bewohnbarkeit der Welten 15, 37
-
- Bohlin 86
-
- Bolometer 53
-
- Bunsen 64
-
-
- Clark 33
-
-
- Demokrit 11
-
- Deneb 43
-
- Doppelsterne 34, 73, 97
-
-
- Easton 80, 82, 89 ff.
-
-
- Fernrohr 27
-
- Fraunhofer 64
-
- Fraunhofersche Linien 64
-
-
- Galilei 16
-
- Gruppenbewegung der Sterne 40, 41
-
-
- Halley 38
-
- Heerstraßen der Sterne 56
-
- Heliumsterne 68
-
- Heringsnebel 84, 85
-
- Herschel 25
-
- Himmelskarte, photogr. 46, 47
-
- Hyaden 41
-
-
- Kant 18
-
- Kirchhoff 64
-
- Kohlensack 7, 79, 81, 90
-
- Kopernikus 13
-
- Krippe 41
-
-
- Lambert 18
-
- Lichtjahr 29
-
- Lichtwolke im Schwan 78, 81, 89
-
-
- Milchstraße
-
- -- Äquator 23, 98
-
- -- Drehrichtung 95
-
- -- Entstehung der Spirale 95
-
- -- Größe 90
-
- -- Hypothese von Demokrit 11
-
- -- Hypothese von Easton 89 ff.
-
- -- Hypothese von Herschel 25
-
- -- Hypothese von Proktor 81, 82
-
- -- Hypothese von Wright, Kant, Lambert 18 ff.
-
- -- Kohlensäcke 7, 79, 81, 90
-
- -- Lauf am Himmel 5
-
- -- Mechanik 97 ff.
-
- -- Pol 23, 83
-
- -- Seitenäste 78
-
- -- Stromspalt 5, 81, 90
-
- -- Umlaufszeit 98
-
- -- Zahl der Milchstraßensonnen 76
-
- -- Zentralsonne 58
-
- -- Zentrum 89
-
- ~Mira Ceti~ 70, 72
-
-
- Nebel
-
- -- Amerikanebel 94
-
- -- Andromedanebel 86 ff.
-
- -- Nebel im gr. Bären 88
-
- -- Entfernung 82 ff.
-
- -- Entstehung 73
-
- -- Gestalt 20
-
- -- Heringsnebel 84, 85
-
- -- Kokonnebel 93
-
- -- Nebel in der Leier 82, 83
-
- -- Milchstraße der Nebelflecke 84
-
- -- Nebelnester 83
-
- -- Orionnebel 75
-
- -- Planetarische Nebel 65
-
- -- Ringnebel 82, 83
-
- -- Nebel im Schlangenträger 94
-
- -- Spektrum 66
-
- -- Spiralnebel 82 ff.
-
- -- Verteilung 83, 84
-
- -- Zahl 83
-
- Nebelsterne 67
-
- Neue Sterne 73
-
-
- Orionnebel 75
-
-
- Parallaxe 28
-
- Peters 33
-
- Photographie 43 ff.
-
- Plejaden 40, 67
-
- Prisma 48
-
-
- Rowlandsches Konkavgitter 52
-
-
- Sirius 31, 33, 38, 54
-
- Siriussterne 68
-
- Sonne 55, 69, 70, 73, 76, 90, 91, 100
-
- Sonnenflecke 71
-
- Sonnensterne 70
-
- Spektralanalyse 59 ff.
-
- Spektrograph 52
-
- Spektroskop 52
-
- Spektrum 51, 59 ff.
-
- Sterne
-
- -- Algolsterne 35, 36
-
- -- Bewohnbarkeit 15, 37
-
- -- Chemische Beschaffenheit 60 ff., 68
-
- -- Eigenbewegung 38 ff., 53, 54
-
- -- Entfernung 29 ff.
-
- -- Entwicklung 65 ff.
-
- -- Erloschene Sterne 72
-
- -- Gruppenbewegung 40
-
- -- Heliumsterne 68
-
- -- Kreislauf der Sterne 73, 97 ff.
-
- -- Nebelsterne 67
-
- -- Neue Sterne 73
-
- -- Rote Sterne 71
-
- -- Siriussterne 68
-
- -- Spektren 65 ff.
-
- -- Untergang 98
-
- -- Veränderliche Sterne 35, 36 71 ff.
-
- -- Verteilung 28
-
- -- Zahl 76
-
- -- Zusammenstoß 73, 98
-
- Sternhaufen
-
- -- im Centaurn 20
-
- -- im Herkules 67
-
- -- Sonnenhaufen 91
-
-
- Veränderliche Sterne 35, 36, 71 ff.
-
- Vogel 68
-
-
- Wega 40, 56
-
- Weltuntergang 73, 100
-
- Wolf 83 ff.
-
- Wright 18
-
-
- Zentralsonne 58
-
- Zoellner 70
-
-
-
-
-Naturwissenschaftliche Bildung ist die Forderung des Tages!
-
-
-Zum Beitritt in den »Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde«, laden wir
-
- alle Naturfreunde
-
-jeden Standes, sowie alle Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw. ein.
--- Außer dem geringen
-
- Jahresbeitrag von nur M 4.80
-
- (Beim Bezug durch den Buchhandel 20 Pf. Bestellgeld,
- durch die Post Porto besonders.)
-
-= K 5.80 h ö. W. = Frs 6.40 erwachsen dem Mitglied =keinerlei=
-Verpflichtungen, dagegen werden ihm folgende große Vorteile geboten:
-
-Die Mitglieder erhalten laut § 5 als Gegenleistung für ihren
-Jahresbeitrag im Jahre 1915 kostenlos:
-
- I. =Die Monatsschrift Kosmos, Handweiser für Naturfreunde.=
- Reich illustr. Mit mehreren Beiblättern.
- Preis für Nichtmitgl. M. 2.80.
-
- II. =Die ordentlichen Veröffentlichungen.=
-
- Nichtmitglieder zahlen den Einzelpreis von M 1.-- pro Band.
-
- =Wilhelm Boelsche, Die Zukunft des Menschen.=
-
- =Dr. Kurt Floericke, Gepanzerte Ritter.=
- Aus der Naturgeschichte der Krebse.
-
- =Dr. Kurt Weule, Schrift und Sprache.=
-
- Ferner sind vorgesehen die Bände von =Dr. Herm. Dekker= und
- =Arno Marx=. Falls diese nicht rechtzeitig fertig werden,
- da beide Verfasser im Krieg sind, werden sie durch andere
- gleichwertige ersetzt werden, worüber noch im Kosmos-Handweiser
- berichtet wird.
-
- III. =Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden
- naturwissenschaftlichen Werken= (siehe nächste Seite).
-
-
- Jedermann kann jederzeit Mitglied werden.
- Bereits Erschienenes wird nachgeliefert.
-
-
-
-
-Die Mitglieder des +Kosmos+ haben bekanntlich nach Paragraph 5 III das
-Recht, außerordentliche Veröffentlichungen und die den Mitgliedern
-angebotenen Bücher zu +einem Ausnahmepreis+ zu beziehen. Es befinden
-sich u. a. darunter folgende Werke:
-
- +------+--------
- |Preis |Mit-
- |f. |glieder-
- |Nicht-|preis
- |mitgl.|
- +------+--------
- =Altpeter, ABC der Chemie= | 2.40 | 1.--
- =Bergmiller, Erfahr. a. d. Gebiete d. hoh. Jagd.= | |
- Geb. | 4.50 | 3.50
- =Bölsche, W., Der Sieg des Lebens.= Fein gebunden | 1.80 | 1.50
- =Diezels Erfahrungen a. d. Gebiete d. Niederjagd.= | |
- Geb. | 4.50 | 2.90
- =Ewald, Mutter Natur erzählt.= Gebunden | 4.80 | 3.60
- =Ewald, Der Zweifüssler.= Gebunden | 4.80 | 3.60
- =Ewald, Vier feine Freunde.= Gebunden | 4.80 | 3.60
- =Fabre, J. H., Sternhimmel.= Gebunden | 4.80 | 3.60
- =Fabre, J. H., Bilder a. d. Insektenwelt.= | |
- I/II, III/IV. 2 Bde. geb. je | 4.50 | 3.40
- =Fabre, J. H., Blick ins Käferleben.= Broschiert | 1.-- |--.50
- =Floericke, Dr. Kurt, Deutsches Vogelbuch.= Gebunden|10.-- | 8.40
- =Floericke, Dr. Kurt, Taschenbuch zum | |
- Vogelbestimmen.= Geb. | 3.80 | 2.90
- =Fruwirth, Die Pflanzen der Feldwirtschaft.= Geb. | 3.80 | 2.90
- =Gräbner, Taschenbuch zum Pflanzenbestimmen.= Geb. | 3.80 | 2.90
- =Hepner, Cl., 100 neue Tiergeschichten.= Gebunden | 3.60 | 2.80
- =Jaeger, Prof. Dr. Gust., Das Leben im Wasser.= | |
- Kart. | 4.50 | 1.70
- =Kuhlmann, Wunderwelt des Wassertropfens.= Brosch. | 1.-- |--.50
- =Lange, Der Garten und seine Bepflanzung.= Geb. | 4.50 | 3.50
- =Leben der Pflanze.= Bd. I, II, III, IV, V, VI, | |
- VII, VIII, geb. je |15.00 |13.50
- =Lindemann, Die Erde.= Bd. I. Gebunden | 9.-- | 8.--
- =Lindemann, Die Erde.= Bd. II. Gebunden | 9.-- | 8.--
- =Meyer, Dr. M. Wilh., Die ägyptische Finsternis.= | |
- Geb. | 3.-- | 1.90
- =Monographien unserer Haustiere.= Bd. I Schumann, | |
- Kaninchen; Bd. II Schuster, Hauskatze; Bd. III | |
- Morgan, Hund; Bd. IV Schwind, Haushuhn ~à~ | 1.40 | 1.05
- =Sauer, Prof. Dr. A., Mineralkunde.= Gebunden |13.60 |12.20
- =Schrader, Liebesleben der Tiere.= Broschiert | 1.40 | 1.10
- =Schroeder-Rothe, Handbuch f. Naturfreunde.= Bd. I | |
- geb. | 4.20 | 3.60
- =Schroeder-Rothe, Handbuch f. Naturfreunde.= Bd. II | |
- geb. | 3.80 | 3.30
- =Schwind-Gemen, Rosenbüchlein.= Gebunden | 1.50 | 1.25
- =Stevens, Frank, Ausflüge ins Ameisenreich.= Geb. | 2.50 | 1.85
- =Stevens, Frank, Die Reise ins Bienenland.= Geb. | 2.50 | 1.85
- =Strandbüchlein.= Gebunden | 1.25 | 1.--
- =Stridde, Allgemeine Zoologie.= Gebunden | 7.-- | 6.20
- =Thompson, E. S., Bingo u. a. Tiergeschichten.= Geb.| 4.80 | 3.60
- =Thompson, E. S., Prärietiere und ihre Schicksale.= | |
- Fein geb. | 4.80 | 3.60
- =Thompson, E. S., Tierhelden.= Fein gebunden | 4.80 | 3.60
- =Wurm, Waldgeheimnisse.= Gebunden | 4.80 | 3.60
-
-und zahlreiche andere Werke mehr.
-
-
-
-
-Vollständige Chronik des europäisch. Krieges
-
-
- Der Krieg
-
- Illustrierte Chronik des Krieges 1914
-
- Monatlich zwei reich illustrierte Hefte
-
- Preis je 30 Pfennig
-
-Die Herausgeber dieser Kriegs-Chronik haben sich die Aufgabe gestellt,
-aus der Fülle der sich oft widersprechenden und übertriebenen
-Nachrichten mit scharfem Blick von erhöhter Warte aus das Wesentliche
-und Wahre des gewaltigen Kampfes der Völker Europas herauszuschälen und
-historisch richtig darzustellen.
-
-Jedes der reich ausgestatteten Hefte wird eine fortlaufende Chronik der
-wichtigeren Ereignisse enthalten, dann
-
-=packende Schlachtschilderungen=
-
-aus der Feder erster Schriftsteller wie
-
-=Dr. Kurt Floericke, Anton Fendrich u. a.=
-
-Lebensbilder der Heerführer; Berichte von See- und Luftkrieg und vieles
-andere mehr. Besonderer Wert wird gelegt auf vorzüglichen Bilderschmuck
-und gutes Kartenmaterial; von allen in Betracht kommenden Ländern
-erscheinen
-
-=ausgezeichnete Reliefkarten=.
-
-Bestellungen nimmt jede Buchhandlung entgegen
-
-Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart
-
-
-Das Kriegsbuch der Gebildeten
-
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
- korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Der Schmutztitel wurde entfernt.
-
- Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
-
- S. 47: ist → ist es
- um seinetwillen {ist es} die Mühe wert
-
- S. 53: Sonnen → Sonne
- daß diese Pünktchen Sonnen sind wie unsere {Sonne}
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Milchstraße, by Fritz Kahn
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MILCHSTRAßE ***
-
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- The Project Gutenberg eBook of Die Milchstraße, by Fritz Kahn.
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- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Die Milchstraße, by Fritz Kahn
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Die Milchstraße
-
-Author: Fritz Kahn
-
-Illustrator: Georg Helbig
- R. Oeffinger
-
-Release Date: June 19, 2016 [EBook #52373]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MILCHSTRAßE ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net.
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am <a href="#tnextra">Ende des
-Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-001.jpg" alt="Die Milchstraße von Dr. Fritz Kahn" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart</p>
-</div>
-
-<p>Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften
-und damit die Freude an der Natur und das Verständnis
-ihrer Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres
-Volkes verbreiten. &ndash; Dieses Ziel glaubt die Gesellschaft durch
-Verbreitung guter naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen
-mittels des</p>
-
-<p class="h2"><b>Kosmos</b>, Handweiser für Naturfreunde</p>
-
-<p class="center">Jährlich 12 Hefte. Preis M 2.80;
-</p>
-
-<p class="noind">ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfaßter,
-im guten Sinne gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen
-Inhalts. Es erscheinen im Vereinsjahr 1915 (Änderungen
-vorbehalten):</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Wilh. Bölsche, Die Zukunft des Menschen.</b></p>
-
-<p class="ind">Reich illustriert. Geheftet M 1.&ndash; = K 1.20 h ö. W.</p>
-
-<p><b>Dr. Kurt Floericke, Gepanzerte Ritter.</b> Aus der
-Naturgeschichte der Krebse.</p>
-
-<p class="ind">Reich illustriert. Geheftet M 1.&ndash; = K. 1.20 h ö. W.</p>
-
-<p><b>Dr. Kurt Weule, Schrift und Sprache.</b></p>
-
-<p class="ind">Reich illustriert. Geheftet M 1.&ndash; = K. 1.20 h ö. W.</p></div>
-
-<p>Ferner sind vorgesehen Bände von <b>Dr. Herm. Dekker</b> und
-<b>Arno Marx</b>. Falls diese nicht rechtzeitig fertig werden, da beide
-Verfasser im Krieg sind, werden sie durch andere gleichwertige ersetzt
-werden, worüber noch im Kosmos-Handweiser berichtet wird.</p>
-
-<p>Diese Veröffentlichungen sind durch <em class="gesperrt">alle Buchhandlungen</em>
-zu beziehen; daselbst werden Beitrittserklärungen (Jahresbeitrag
-nur M 4.80) zum <b>Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde</b>
-(auch nachträglich noch für die Jahre 1904/14 unter den gleichen
-günstigen Bedingungen), entgegengenommen. (Satzung, Bestellkarte,
-Verzeichnis der erschienenen Werke usw. siehe am Schlusse
-dieses Werkes.)</p>
-
-<p>Geschäftsstelle des Kosmos: <span class="larger">Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart</span>.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h1>Die Milchstraße</h1>
-
-<p class="center">Von</p>
-
-<p class="h2">Dr. Fritz Kahn</p>
-
-<p class="smallblock">Mit einem farbigen Umschlag und zahlreichen
-Abbildungen nach Photographien u. Zeichnungen
-von Georg <em class="gesperrt">Helbig</em>, R. <em class="gesperrt">Oeffinger</em> und andern</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="Signet" />
-</div>
-
-<p class="center">Stuttgart</p>
-
-<p class="center">Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde<br />
-Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung<br />
-1914
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<p class="center">Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht vorbehalten.</p>
-
-<p class="smallblock">Gesetzliche Formel für den Rechtsschutz in
-den Vereinigten Staaten von Amerika:</p>
-
-<p class="center"><em class="antiqua">Copyright by Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.</em>
-</p>
-
-<p class="center p2"><em class="antiqua">STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI<br />
-HOLZINGER &amp; CO. STUTTGART</em>
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-007.png" alt="" />
-</div>
-</div>
-
-<p>Wenn man in einer klaren Sternennacht aus der Lichtnähe
-menschlicher Behausungen in die Dunkelheit hinaustritt und den
-Blick zum Himmel wendet, sieht man zuerst nur die hellsten Sterne
-als leuchtende Punkte auf schwarzem Grund. Je länger man aber
-im Finstern weilt, um so mehr Sterne tauchen aus dem Dunkel;
-Hunderte, Tausende, erst vereinzelt, dann in Scharen, und wenn sich
-das Auge gänzlich an die Finsternis gewöhnt hat, so gewahrt es tief
-hinter dem Heer der übrigen Sterne einen schimmernden Nebelstreifen,
-der sich wie ein silbergraues Band um die Himmelskugel
-schlängelt &ndash; die <em class="gesperrt">Milchstraße</em>.</p>
-
-<p>Sie erhebt sich als ein 10&ndash;12 Mondscheiben breiter Lichtstreifen
-von unregelmäßiger Helle und Gestalt zwischen den beiden
-auffallenden Sternen Sirius und Prokyon über den Horizont, steigt
-zwischen dem glänzenden Bild des Orion und den Zwillingssternen
-Kastor und Pollux aufwärts durch das Dreieck des Fuhrmanns
-empor mitten durch den Perseus und überbrückt im <em class="antiqua">W</em> der Kassiopeia
-den Zenit in ihrer größten Annäherung an den Himmelspol.
-Von der Kassiopeia läuft sie zum hellen Stern Deneb im Schwan,
-wo sie sich in zwei Arme teilt, von denen der hellere und breitere
-genau über den Stern Atair im Adler, der schmälere und schwächere
-dagegen am Sternbild der Leier vorüber den Horizont hinabstrebt,
-um sich für unsere Breiten hier im Dunst der Atmosphäre zu verlieren.
-Auf der uns unsichtbaren Südhälfte des Himmels setzt sich
-die Milchstraße in genau der gleichen Weise fort. Die beiden Arme
-laufen getrennt zwischen Schütze und Skorpion und vereinigen sich,
-nachdem sie ein Drittel des ganzen Kreisumfangs gesondert waren,
-am hellen Stern Alpha im Centauern. Von hier aus läuft der ungeteilte
-Ring durch das schönste aller Sternbilder, das Kreuz, dem
-Südpol zu und steigt dann durch das ausgedehnte Bild des Schiffes<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span>
-hinüber in die Gegend des Orion, wo sich der Milchstraßengürtel
-wieder unserem nördlichen Firmament nähert.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb01">
-<img src="images/abb01.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 1. Die Milchstraße auf der südlichen Himmelshälfte.</div>
-</div>
-
-<p>Erhöbe man sich so hoch über die Erde, daß kein irdischer
-Horizont mehr den Blick begrenzte, so würde man demnach die
-Milchstraße als einen ununterbrochenen Ring um das ganze Himmelsgewölbe
-ziehen sehen wie einen silbernen Reifen um eine gläserne
-Kugel.</p>
-
-<p>Die Milchstraße ist keineswegs ein regelmäßige Gebilde. In
-einem Drittel ihres Laufes vom Schwan bis zum Centauern ist sie
-in zwei Arme geteilt wie ein Fluß, der eine Insel umfließt. Ihre
-Breite wechselt, erreicht ihr größtes Maß im Bild des Skorpions,
-ihre geringste Ausdehnung nahe dem Südpol im Kreuz. Seitenarme<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span>
-zweigen von ihr ab, verlieren sich allmählich im Dunkel des Himmels
-oder brechen scharf und hart ab, als seien sie abgeschnitten. Ihre
-Lichthelle ist wechselnd. An manchen Stellen erscheint sie wolkenartig
-zusammengeballt und auffallend lichtstark, dicht daneben
-schwach, schattenhaft, zerrissen und zerklüftet, ja völlig von finsteren
-Räumen und Gängen durchbrochen, von denen man die zwei
-größten südlich im Kreuz und nördlich im Schwan als die beiden
-»Kohlensäcke« der Milchstraße bezeichnet hat. (<a href="#abb01">Abb. 1.</a>)</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb02">
-<img src="images/abb02.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 2. Die Milchstraße auf der nördlichen Himmelshälfte.</div>
-</div>
-
-<p>Uns, die wir in hellerleuchteten Städten leben und, wenn wir
-reisen, im Expreßzug sicher unsere Schienenstraße zwischen Telegraphendrähten
-entlangsausen, kommt das Sternenband der Milchstraße
-nur selten zu Gesicht. Wir müssen es suchen, um es zu<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-finden. Uns Kindern der Kultur ist zwischen Bogenlampe und
-Laternenpfahl der Glanz der Sterne entschwunden, und der Silbergürtel
-der Milchstraße gehört nicht zu den Schönheiten unserer täglichen
-Betrachtung. Wozu brauchen wir zu den Sternen aufzuschauen?
-Wann müßten wir durch einen Blick zum Himmel einen
-Weg erkunden, eine Stunde berechnen, eine Jahreszeit bestimmen?
-Der Sekundenschlag der Uhren zählt uns unsere Minuten, Turmglocken
-und Fabriksignale künden uns den Mittag, der Kalender
-führt uns durch Wochen und Monde, Telegraphenstangen und Eisenbahngleise
-weisen uns den Weg über wohlgepflegte Straßen und
-Dämme, Seekarte und Kompaß leiten unsere Dampfer über die
-Weiten vielbefahrener Meere. Was sind uns die Sterne? Sind sie
-uns mehr als ein Abendschmuck der Natur? Ist es uns nicht ein
-Erlebnis, wenn wir einmal auf Gebirg oder Meer den Sternenhimmel
-in ungetrübter Schönheit sehen? Wer von uns kennt den
-Lauf des nächtlichen Nebelbandes der Milchstraße?</p>
-
-<p>Aber es gab Zeiten, in denen es anders war. Kein Rauch aus
-steinernen Schloten hüllte die Städte ein, kein Lichterglanz der
-Straßen rötete den Himmel über den Dächern der Häuser. Der
-Schein der Sterne fiel in ungedeckte Hallen und in stillverträumte
-Gärten. Auf seinem Wege durch das Land begleitete den Wanderer
-nichts als am Tag die Sonne und des Nachts die Gestirne. Von
-Meilenstein zu Meilenstein über Busch und Tal waren ihm die Himmelsbilder
-die einzigen Weiser seines Pfades. Den Schiffen auf
-weitem Meere zeigte nichts den Weg zur Heimat als die Plejaden
-und die Milchstraße. Odysseus sitzt des Nachts am Steuer und schaut
-empor zum Großen Bären; die drei Weisen wandern aus dem Morgenland
-einem Sterne nach gen Bethlehem; Kolumbus segelt über
-das Weltmeer unter dem blauen Banner der Sterne. Monde und
-Jahre wurden durch nichts anderes bestimmt als durch die Stellung
-der Gestirne. Wenn der Strahl des Sirius zum ersten Male durch
-den Mauerspalt des Hathortempels fiel und den Altar des Heiligtums
-mit mildem Glanze übergoß, verkündete der ägyptische
-Priester die Sonnenwende, und der Jahrestanz zu Dendera begann.
-Wenn das Regengestirn in der Dämmerung emporstieg, kehrt der
-Fischer heim vom Meere zur attischen Küste, treibt der Hirte seine
-Herde von den Bergen des Apennin, bricht der römische Imperator
-in Britannien seine Zelte ab, denn sie alle wissen, daß der Herbst mit<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-seinen Stürmen naht. Den alten Völkern war der Sternenhimmel
-die Weltenuhr und die Milchstraße der große Zeiger auf dem
-gestirnten Zifferblatt. Der Mensch der Vorzeit fand sich am Himmel
-unter den Sternen zurecht wie wir uns in Fahrplan und Kalender
-zwischen Zahlen und Rubriken. Dem Menschen der Vergangenheit
-war der Sternenhimmel ebenso vertraut, wie er dem Menschen der
-Gegenwart es nicht ist.</p>
-
-<p>Leider. Denn jenseits von allem trockenen Wissen geht dem
-Menschen, der den Himmel nicht kennt, ein sittlicher Reichtum verloren,
-der ihm in der maschinenschnellen Zeit der Moderne doppelt
-not und doppelt teuer wäre. Klein ist die Mühe, groß und nimmer
-endend der Lohn, ihn zu kennen. Ein abendlicher Blick vom Fenster
-seines Zimmers, vom Wege seines Gartens, von der Luke seines
-Daches, ein kurzes Stillestehen beim nächtlichen Gang durch den Park
-oder beim Überschreiten einer Wiese, und bald ist dem Naturfreund
-mit Hilfe einer Sternenkarte oder eines Sternbüchleins der Himmel
-bekannt. Wir wollen absehen von dem Hochgenuß, den ihm das
-Wissen über die Natur des Himmels bereitet. Jedes Wissen birgt
-Genüsse. Aber einzig und unvergleichlich ist die Wirkung auf das
-Gemüt, die aus der Kenntnis des gestirnten Himmels auf den Menschen
-niederstrahlt. Wer zu den Sternen aufschaut wie zu nimmer
-wankenden Freunden, dem gibt ihre ewige Ruhe im Strom des
-Lebens ein Bild von der Unendlichkeit und Größe der Welt, von
-der Kleinheit und Flüchtigkeit menschlichen Erlebens, den erhebt
-ihr Anblick über die kleinlichen Nöte des menschlichen Tagesdaseins
-und lenkt allabendlich wie ein Nachtgebet seine Gedanken aus der
-Tiefe des Alltagslebens zur Natur, zum Weltempfinden, zur Ewigkeitsidee.
-Und wenn er mit seinen Gedanken aus den Fernen des
-Universums zurückkehrt zu sich, zur Menschheit, zur Erde und
-bedenkt, daß in derselben Stunde Tausende Gleichgesinnter in allen
-Zonen der Erde zu diesem Himmelsbilde aufschauen, Tausende in
-seinem Anblick das Wesen der Welt bedenken, Ruhe, Kraft und
-Erbauung finden, daß Hunderte von Sternkundigen ihre Teleskope
-ebenso auf den Höhen der Cordilleren wie auf den Türmen des
-Vatikans, ebenso an den eisigen Felsenküsten des Nordens wie in der
-dunklen Tropennacht des Kaps auf diese Sternenpunkte richten, alle
-von gleichem Empfinden beseelt, von der gleichen Schönheit bezaubert
-&ndash; dann findet seine nächtliche Gedankenfahrt ins Reich<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-der Sterne einen würdigen Abschluß durch das erhebende Gefühl
-von der Einheit der strebenden Menschheit, von dem friedlichen
-Zusammenschluß, von der geistigen Brüderschaft aller naturforschenden
-und naturverehrenden Völker und Menschen.</p>
-
-<p>Unter allen Erscheinungen des Sternenhimmels mußte von
-frühester Zeit an das Band der Milchstraße Geist und Phantasie
-des Himmelsbetrachters am stärksten locken. Ein Nebelweg hoch
-zwischen glitzernden Sternen, der sich vom Firmament aus unerforschter
-Ferne emporhebt, in schwindelnder Höhe das Land überbrückt
-und jenseits hinter den Bergen, hinter denen das Glück wohnt,
-geheimnisvoll versinkt &ndash; kann etwas die Sehnsucht des Menschen
-mehr reizen, den Wissensdurst des Denkers mehr entfachen? In
-den ältesten Volksmärchen und Göttersagen der grauen Vorzeit taucht
-das Problem der Milchstraße hervor.</p>
-
-<p>Zeus, so erzählt die griechische Sage, wollte seinem Lieblingssohn
-Herkules Unsterblichkeit verleihen und legte ihn daher heimlich
-an die Brust der schlafenden Hera. Als diese erwachte, schleuderte
-sie im Zorn den ihr verhaßten Säugling von sich fort, daß sich
-die Milch im Bogen über den Himmel ergoß und so die Milchstraße
-bildete. Nach einer anderen Sage entstand die Milchstraße bei jenem
-Weltbrand, den Phaëton verschuldete. Phaëton, ein Sohn des
-Sonnengottes, beschwor seinen Vater, ihn einmal den Sonnenwagen
-über den Himmel lenken zu lassen. Der Führung unkundig und in
-der ungewohnten Höhe schwindelig geworden, verlor er die Herrschaft
-über das Gefährt, die Sonnenrosse jagten zügellos über das
-Gewölbe und entfachten jenen ungeheuren Himmelsbrand, durch den
-nach griechischer Auffassung die Wüsten verdorrten, die Vulkane entflammten
-und die Neger schwarz gebrannt wurden. Als Spur dieses
-Feuerweges, gleichsam als Asche dieses Weltbrands ist die Milchstraße
-geblieben.</p>
-
-<p>In der römischen Mythologie beschreibt Ovid die Milchstraße
-als den Weg, auf dem die Götter vom Olymp zum Palast des Zeus
-hinschreiten, und zu dessen Seiten die Behausungen der Unsterblichen
-liegen. Bei den Arabern ist sie die Mutter des Himmels, die mit
-ihrer Milch die Sternkinder nährt, oder der große Himmelsfluß,
-an dem die Sternbilder der Tiere zur Tränke ziehen. Schön und
-sinnvoll nannten die Mexikaner die Milchstraße die Schwester des<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-Regenbogens, poetisch und gedankenreich nennen andere Völker sie
-den Pfad der Toten hinüber ins Land der Seligkeit.</p>
-
-<p>Im Kreise dieser Volksvorstellungen wurde die Wissenschaft
-geboren. Bei Chinesen, Indern, Ägyptern und Chaldäern blühte
-die Astronomie, als Europa noch eine Wildnis war. Aber ihre Wissenschaft
-war auf das Praktische gerichtet und beschränkt auf Landvermessung,
-Kalenderkunde und Finsternisberechnungen. Für die
-Nebelferne der Milchstraße hatten die Astronomen zu Peking und
-die Irispriester am Nil kein Auge. Um sich mit einer so wenig hervortretenden
-schattenhaften Erscheinung zu befassen, mußte man
-Philosoph sein und den Himmel nicht als ein Kalendarium, sondern
-als eine Naturerscheinung, als ein Welträtsel betrachten, das man zu
-lösen sucht. Daher finden wir die ersten ernsten Gedanken über die
-Milchstraße bei den griechischen Philosophen. Wie es sich oft ereignet,
-daß man in kindlicher Unbefangenheit im ersten Zugreifen der
-Wahrheit näher kommt als durch gewissenhafte Bemühungen, so
-erfaßten die griechischen Philosophen ohne alle wissenschaftlichen
-Grundlagen nur von Vernunft, Gedankenklarheit, Schönheitssinn und
-Wahrheitsdrang geleitet das Bild der Welt in jenen Grundzügen
-der Wahrheit, die erst durch eine jahrtausendlange Forschung Allgemeingut
-der Menschheit geworden sind. Man könnte die griechischen
-Philosophen geradezu die Propheten der Wissenschaft nennen. Pythagoras
-hat das Wesen der Algebra, Euklid die Fundamente der Geometrie,
-Aristoteles die Methoden der Naturbeschreibung, Demokrit
-die Atomlehre, Aristarch die Mechanik unseres Sonnensystems, Epikur
-mit Lukrez später den Entwicklungsgedanken mit allen seinen Konsequenzen
-durchgeführt. Unsere ganze moderne naturwissenschaftliche
-Weltanschauung, die sich erst im 19. Jahrhundert zur vollen
-Blüte entfaltete, finden wir bei den griechischen Philosophen vor
-über 2000 Jahren als Knospe sprießen.</p>
-
-<p>Im Kreise dieser Männer wurde das Milchstraßenproblem zum
-ersten Mal als wissenschaftliche Frage aufgeworfen. Die Pythagoräer
-knüpfen noch an die Phaëtonmythe an und erklären die
-Milchstraße für die Spur einer ehemaligen Sonnenbahn. Aristoteles
-hält sie für ein gewaltiges Meteor, sein Nachfolger Theophrast beschreibt
-sie als die Fuge zwischen den beiden Halbkugeln des Himmels,
-durch die das Licht des Zentralfeuers hindurchschimmere.
-<em class="gesperrt">Demokrit</em> von Abdera, der geistvolle Begründer der Atomlehre<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-(460 v. Chr.), war der erste Sterbliche, der die Milchstraße als das
-erkannte, was sie nach den unzweifelhaften Ergebnissen der modernen
-Wissenschaft in Wahrheit ist: <em class="gesperrt">als eine Anhäufung unendlich
-ferner dichtgedrängter Sterne</em>.</p>
-
-<p>Die Größe dieser Vorstellung im Hirn eines antiken Griechen
-können wir heute kaum noch würdigen. Man muß bedenken, daß
-sie im Kopf eines Menschen reifte, der in den Anschauungen erzogen
-wurde, Wald und Triften seien bevölkert von Nymphen und Faunen,
-drüben über den Schneegipfeln des Olymp wohnten in Saus und
-Braus die weltregierenden Götter, die Sonne sei der Wagen des
-Phoebus Apollo, dem die Mondgöttin Luna in der Nacht verliebt über
-die himmlischen Gefilde nachschweife, und das Tal zu Delphi sei
-der Nabel der Welt. In Demokrit verehren wir den Vater der
-Milchstraßenforschung.</p>
-
-<p>Wie all die köstliche Prophetenweisheit der griechischen Philosophen,
-so verhallten auch die Seherworte des Demokrit von der
-Natur der Milchstraße in der allgemeinen Nacht der naturwissenschaftlichen
-Unbildung des Mittelalters. Kein einziger Forscher der
-nächsten zwei Jahrtausende befaßt sich ernsthaft mit dieser Frage, nur
-in Legenden und theologischen Weltbeschreibungen wird hie und da
-die Milchstraße kurz gestreift. Sie soll die Hufspur der Pferde des
-Attila sein, berichtet eine Königssage. Kirchengelehrte halten sie
-für die Weltfuge, in der die beiden Schalen des Firmaments zusammengefügt
-sind, und betrachten die Milchstraße sozusagen als den
-Leim, der die beiden Kugelhälften zusammenkleistert. Niemand
-nimmt den großen Gedanken des Demokrit mehr auf. War das
-edle Wissen der Griechen spurlos in alle Winde zerflattert? War
-der Menschengeist im Mittelalter wirklich so verkommen und gesunken,
-wie es uns die Zeit zu lehren scheint? Schwankt die Kurve
-der geistigen Entwicklung der Menschheit wirklich so zwischen steiler
-Höhe und tiefem Abfall? Mit nichten. Wie in der Entwicklung
-der Lebewelt die einzelnen Tierarten nacheinander die Erde beherrschen,
-die Kreidetiere, die Ammoniten, die Lurche, die Saurier sich
-abwechseln und heute die Menschen den Planeten regieren, so beherrschen
-in der geistigen Entwicklung nacheinander die verschiedenen
-Ideenarten die Menschheit. Die Art, die Richtung, nicht die Höhe
-des Geistes schwankt in den Jahrhunderten. Derselbe Sinn, der im
-Altertum die schönsten Früchte wissenschaftlicher und künstlerischer<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-Leistungen reifen ließ, war im Mittelalter auf das Religiöse, auf
-das Mystisch-Phantastische gerichtet und daher für die Wissenschaft
-unfruchtbar. Ein Mensch, der zur Zeit der Pythagoräer durch seine
-geistigen Gaben auffiel, wurde zu den Naturphilosophen in die
-Schule gebracht und wurde Philosoph, Mathematiker, Naturforscher.
-Überragte ein Knabe im Mittelalter seine Genossen, so kam er ins
-Kloster und wurde im Ideenkreis der Religion erzogen und in die
-Laufbahn kirchlicher Würden gedrängt. Die Intelligenz des Mittelalters
-wurde von der Kirche aufgesogen wie das Wasser eines Beckens
-von einem riesigen Schwamm, und wir finden in ihrem Dienste <em class="gesperrt">alle</em>
-geistigen Elemente vom frömmsten bis zum unreligiösesten vereinigt:
-kriegerische Päpste, weltlich gesinnte Kirchenfürsten, schürzenjägerische
-Kardinäle, freigeistige Mönche, der Wissenschaft mehr als dem
-Glauben huldigende Priester. Wieviel echte Milchstraßenforscher mag
-es unter ihnen gegeben haben! In wieviel Tausend erleuchteten
-Geistern, die nie eine ihrer Überzeugungen zu Papier gebracht, nie
-eine ihrer Ideen zu Papier bringen durften, mag der Gedanke Demokrits
-nachgeleuchtet haben? Wie oft mögen Freunde, die in stiller
-Nacht über Fluren wandelten, zu den Sternen emporgeblickt und
-über das Nebelband zu ihren Häupten gesprochen haben, wie oft
-mögen Priester, wenn sie auf dem Turm ihrer Kirche standen, Mönche
-auf dem Hof ihrer Abtei, Talmudisten in der Gasse ihres Ghettos
-sich in den Anblick der Milchstraße versenkt, sie als ferne Sternenheere
-erkannt haben und in Andacht versunken sein vor dieser
-geisterhaften Offenbarung der Unendlichkeit? Kein Lied, kein Heldenbuch
-nennt ihre Namen, versunken und vergessen&nbsp;…</p>
-
-<p>2000 Jahre nach Demokrit, um 1550, trat Kopernikus, der
-Domherr zu Frauenburg, mit seiner Schrift über die Bewegungen
-der Gestirne auf, in der er die antike Weltanschauung, daß die Erde
-im Mittelpunkt des Alls stehe und die Sonne um sie kreise, widerlegte
-und durch die Lehre ersetzte, daß die Sonne das Zentrum sei,
-um das Erde und Planeten sich bewegten. Durch diesen Weltgedanken
-erwarb sich Kopernikus unsterbliche Verdienste um den Fortschritt
-der Menschheit. Aber er begründete keineswegs, wie die meisten
-Menschen annehmen, unsere moderne Auffassung vom Universum.
-Er glaubte, daß die Sonne der ruhende Pol des ganzen Weltalls sei,
-und daß die Fixsterne an einem Kugelhimmel angeheftet sich mit
-diesem um die Sonne drehten. Seine Theorie, ideenreich und gedankentief<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-genug, den ganzen Inhalt eines großen Forscherlebens auszufüllen,
-erstreckte sich nur auf den Raum unseres Planetensystems.
-Zum Flug ins Universum hinauf in die Ferne der Milchstraße reichte
-seines Geistes Flügelkraft nicht hin. Das war seinem jüngeren Zeitgenossen
-und begeisterten Herold seiner Lehre, <em class="gesperrt">Giordano Bruno</em>
-(geboren 1548), vorbehalten.</p>
-
-<p>Giordano Bruno war wie Kopernikus im Dienst der Kirche aufgewachsen.
-Als ihm das Buch des Kopernikus zu Gesicht kam, griff
-er diese neue Weltidee mit Feuereifer auf, entfloh im offenen Zwiespalt
-mit der Kirchenlehre dem Kloster und wurde auf jahrelangen
-Reisen durch ganz Europa der Wanderprophet der neuen Weltanschauung.
-Giordano Bruno ist in der Tat ein prophetisches Phänomen.
-In noch ausgeprägterer Art als bei den griechischen Philosophen erleben
-wir an ihm das Wunder, daß ein Mensch ohne alle Mittel
-sicheren Wissens, nur von Gefühl, Vernunft und Phantasie geleitet
-die wissenschaftlichen Ergebnisse der kommenden Jahrhunderte vorausahnt.
-Er hat den Beweis erbracht, daß der phantasiebeschwingte
-Gedanke, der Sinn für Wahrheit, Größe, Rhythmus und Einheit
-mit seinen Dichterflügeln weiter reicht als aller grübelnde Verstand,
-hinausreicht über den Kreis der Planeten in das Reich der Sterne
-und über die Grenzen der Milchstraße hinaus in jene Bezirke der Unendlichkeit,
-in denen sich für alle Zeit der menschliche Gedanke hoffnungslos
-verlieren wird. Giordano Bruno ist der Kopernikus des
-Universums. Was jener für das Sonnensystem, ist Giordano Bruno
-für die Fixsterne, für die Milchstraße, für das Weltall. Während
-Kopernikus als Abschluß des erforschlichen Diesseits die Kristallsphäre
-der Alten mit den in ihr schwebenden Fixsternen bestehen
-ließ, zerbrach Giordano Bruno das gläserne Gewölbe, zerstörte den
-Wahn von der Übersinnlichkeit der Sternenwelt und eröffnete der
-Forschung das Universum, die schrankenlose äthererfüllte Unendlichkeit,
-wie er es selbst in poetischer Verzückung ausgesprochen in den
-Versen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Die Schwingen darf ich selbstgewiß entfalten,<br /></span>
-<span class="i0">nicht fürcht' ich ein Gewölbe von Kristall,<br /></span>
-<span class="i0">wenn ich des Äthers blauen Duft zerteile,<br /></span>
-<span class="i0">und nun empor zu Sternenwelten eile,<br /></span>
-<span class="i0">tief unten lassend diesen Erdenball<br /></span>
-<span class="i0">und alle niederen Triebe, die hier walten.«<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p>
-<p>Als erster Sterblicher, der die Gedankenfahrt hinauswagt aus
-dem engen Bezirk unseres Sonnensystems in die unermeßliche Weite
-der Sternenwelt, berauscht sich Giordano Bruno förmlich an der
-Größe und Schönheit des Alls. »Einzig ist der Himmel,« so beginnt
-einer seiner berühmten Dialoge, »der unermeßliche Raum, das Universum,
-der allumfassende Äther, in dem sich alles regt und bewegt.
-In ihm sind unzählige Gestirne, Weltkugeln, Sonnen und Planeten,
-wahrnehmbare und unzählige andere nicht mehr wahrnehmbare
-müssen vernünftigerweise angenommen werden.« »Es gibt zahllose
-Sonnen und zahllose Erden, die alle in gleicher Weise ihre Sonnen
-umkreisen, so wie wir es an den sieben Planeten unseres Systems
-sehen. Wir erblicken nur die Sonnen, weil sie die größten Körper
-sind und leuchten. Ihre Planeten aber bleiben, weil sie kleiner
-sind und nicht leuchten, für uns unsichtbar.« Er durchdenkt diesen
-Gedanken bis in seine letzten Folgerungen und kommt zur Überzeugung
-von der Bewohnbarkeit der Welten: »Die unzähligen Welten
-des Alls sind um nichts schlechter und nichts weniger bewohnt als
-unsere Erde. Denn unmöglich kann ein vernünftiger Verstand sich
-einbilden, daß jene unzähligen Welten, die doch ebenso und vielleicht
-noch prächtiger sind als unsere, denen doch ebenso wie uns eine Sonne
-befruchtende Strahlen zusendet, unbewohnt seien und nicht ähnliche
-oder gar vollkommenere Bewohner trügen als unsere Erde. Die
-ungezählten Welten des Alls sind alle von der gleichen Gestalt, demselben
-Rang, denselben Kräften und denselben Gesetzen untertan.«
-Mit seinem Seherauge schaut er in die Zukunft kommender Jahrhunderte
-und prophezeit der Wissenschaft ihre Aufgaben und Erfolge:
-»Schenk uns die Lehre von der Universalität der irdischen Gesetze
-auf allen Welten und von der Gleichheit aller kosmischen Stoffe!
-Vernichte die Theorien von dem Weltmittelpunkt der Erde! Zerschmettere
-die überirdischen Mächte, die die Welt bewegen sollen, und die
-Schalen der sogenannten Himmelskugeln! Öffne uns das Tor, durch
-welches wir hinausblicken können in die unermeßliche, einheitliche,
-ohne Unterschiede zusammengesetzte Sternenwelt, zeige uns, daß die
-anderen Welten im Äthermeer schwimmen wie die unsere! Erkläre
-uns, daß die Bewegungen aller Welten aus inneren Kräften hervorgehen,
-und lehre uns im Lichte solcher Anschauungen mit sicherem
-Schritt vorwärts schreiten in der Erforschung und der Erkenntnis
-der Natur.« Hoffnungsvoll ruft er seinen Jüngern das Zukunftswort<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-entgegen: »Seid getrost, die Zeit wird kommen, wo alle sehen
-werden, was ich sehe!«</p>
-
-<p>Schöner, als er es ahnen konnte, kam diese Zeit. Zwar schien
-es hoffnungslos, daß man jemals das Rätsel der Sterne lösen könnte.
-Keine Kunde dringt zu uns aus jenen Fernen, keine Sphärenmusik
-klingt, wie die Pythagoräer glaubten, durch den Weltraum. Nacht
-für Nacht zieht das Heer der Sterne schweigend herauf und hernieder.
-Nur ein einziger stummer Bote eilt vom Himmel zu uns
-herab: das Licht. Aber bringt uns dieser Bote auf leuchtenden
-Schwingen auch eine Kunde? Birgt sich hinter diesen Lichtpünktchen
-des Himmels eine Sprache wie hinter den Punkten des Morsetelegramms?
-Wird je eine Zeit kommen, in der die Menschen diese
-Himmelssprache auch enträtseln? Diese Zeit kam.</p>
-
-<p>Kaum war die Asche verraucht auf dem Scheiterhaufen Giordano
-Brunos, auf dem er am 16. Februar 1600 zu Rom für sein
-Weltbekenntnis den Märtyrertod erlitten, da drang aus Holland die
-Kunde nach Italien, daß man durch Zusammenstellung mehrerer Linsen
-ein Instrument verfertigen könnte, durch das man ferne Gegenstände
-nahe sieht. Galilei baute ein solches Instrument: das <em class="gesperrt">Fernrohr</em>
-war erfunden. Das goldene Zeitalter der Astronomie brach
-an. Galilei richtete sein Rohr zum Himmel und machte wunderbare
-Entdeckungen. Er sah, daß der Mond eine Kugel war wie die Erde,
-mit Bergen, Tälern und Meeresflächen, daß der Jupiter von Monden
-umkreist wurde wie unser Planet, daß die Sonne ein glühender Ball
-war, auf dem es loderte und brodelte wie in Feuerschlünden, und daß
-er sich um seine Achse drehte wie Erde, Mond, Jupiter und Saturn.
-Die Einheit des Sonnensystems war erkannt, der Sieg der Kopernikanischen
-Lehre über die alte Weltanschauung wurde in allen Ländern
-proklamiert.</p>
-
-<p>Aber für die Milchstraßenforschung war der Frühlingstag noch
-nicht gekommen. Sie hatte von der neuen Erfindung keinen Gewinn.
-Im Gegenteil, man war grenzenlos enttäuscht und konnte sich des
-Spottes der Gegner nicht erwehren. Die Fixsterne erschienen im
-Fernrohr noch kleiner und punkthafter als vordem. Die Milchstraße
-blieb ein undurchdringlicher Nebel, der im schmalen Gesichtsfeld des
-Fernrohrs noch geisterhafter, überirdischer, unerforschlicher aussah.
-Nur schüchtern wagte Galilei angesichts der Unzahl der im Fernrohr
-sichtbaren Sterne den Gedanken Demokrits aufzunehmen, daß die<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-Milchstraße aus dichtgedrängten Sternscharen bestehe. Die Gegner
-des Kopernikus triumphierten. Ihr habt recht, sagten sie, Erde
-und Planeten drehen sich um die Sonne. Aber die Sonne ist der
-Mittelpunkt der Welt, »das Herz des Universums«. Jenseits des
-Saturn wird die Welt vom kristallenen Himmelsgewölbe begrenzt,
-in dem die himmlischen Lichter der Fixsterne aufgehängt sind.</p>
-
-<p>Die beobachtende und rechnende Astronomie war ohnmächtig
-gegenüber der Erscheinung der Milchstraße. Aber der grübelnde
-Sinn des Menschen gibt sich nicht zufrieden mit den Schranken des
-Wissens. Was er sieht, will er begreifen, und was er nicht mehr zu
-sehen vermag, sucht er durch Ideen auszufüllen. Wo das exakte
-Wissen aufhört, setzt der Vernunftsschluß, setzt die Spekulation ein.
-Die Grenze der Wissenschaft ist der Markstein der Philosophie; wo
-jene endet, nimmt diese ihren Anfang. So finden wir im 18. Jahrhundert
-das Milchstraßenproblem wieder wie in den Tagen Alt-Griechenlands
-in den Händen der Philosophen und sehen, wie wissensdurstige
-Männer unabhängig von Berechnung und Instrument sich
-auf den Flügeln ihres Geistes erheben, um das Geheimnis der Milchstraße
-zu entschleiern, und wir erleben abermals die Genugtuung,
-daß der kühne geistvolle Gedanke, daß die klare logische Idee über
-die Grenzen unseres ach, so beschränkten Wissens hinaus auch die
-letzten und größten Wahrheiten in ihren Grundzügen zu erfassen
-vermag; ja, was die Leser dieser Zeilen als Freunde der Natur ganz
-besonders fesseln wird, die befruchtenden Gedanken über das Wesen
-der Milchstraße, die zu den erhabensten gehören, die je dem Menschengeist
-entsprungen sind, gingen nicht aus von zahlenkundigen
-Astronomen, nicht von Männern mit Doktorhut und akademischen
-Würden, sondern von Menschen niederster Herkunft und einfachster
-Bildung, von Dilettanten in der Wissenschaft, die nichts anderes mitgebracht
-als Liebe zur Allnatur und ihrer Erkenntnis, Wissensdrang
-und unablässige Streben nach den Quellen der Wahrheit.</p>
-
-<p>Über das Weltmeer fährt ein armer Matrose. Er war als Sohn
-eines Zimmermanns geboren, zwischen Takelwerk und Teerfaß aufgewachsen
-und führte nun ein hartes Dasein in Wind und Wellen.
-Stürmisch wie der Ozean war sein Leben, einsam und freudlos wie
-die Wasserwüste waren seine Tage. Aber nachts, wenn die Sterne
-heraufzogen über das Meer, dann lag er vorn am Bug des Seglers
-auf den Tauen und blickte auf zu den Lichtern, die über der Wasserfläche<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-glänzten, und wenn in der Klarheit der Meeresluft das Band
-der Milchstraße mit all seinem Reichtum an Nebeln, Wolken, Unterbrechungen
-und Seitenarmen hervortrat, dann versenkte sich dieser
-einfache Seemann in die Wunder des Himmels und seine ganze
-Sehnsucht ging dahin, dieses Weltband zu enträtseln. Er erkannte
-auf seinen Reisen durch alle Zonen, daß die Milchstraße ein lückenloser
-Ring war um den ganzen Himmel. Als ihm später in seinem
-englischen Heimatland ein sorgenloses Dasein winkte, da schrieb
-dieser ehemalige Matrose eine Schrift über das Wesen der Milchstraße
-und den Bau der Welt unter dem Titel »Neue Hypothese
-über das Weltall« 1740.</p>
-
-<p>Zwei Männer schöpften aus dieser Schrift des Seemanns <em class="gesperrt">Thomas
-Wright</em> ihre Ideen über den Aufbau des Universums. Der
-eine war ein Schneidergeselle aus dem Elsaß, der es durch Fleiß und
-Talent und durch die verdiente Gunst Friedrich des Großen bis zum
-Mitglied der Akademie der Wissenschaften brachte, <em class="gesperrt">Heinrich Lambert</em>.
-Seine populär geschriebenen »Kosmologischen Briefe« (1761)
-erregten überall durch ihren feurig-enthusiastischen Stil die Begeisterung
-des Publikums und wurden in vielen Tausend Exemplaren
-über alle Länder verbreitet. Der andere war der Sohn eines Sattlers.
-Er kam nie über die Grenze seiner abgelegenen Vaterstadt
-hinaus. Aber sein Geist kannte keine Schranken und erhob sich bis
-in die Weiten des Himmels, dessen Bau und Entwicklung er so grundlegend
-darstellte, daß wir noch heute auf seinem Werke fußen.
-Dieser dritte war <em class="gesperrt">Immanuel Kant</em>.</p>
-
-<p>Diese drei Männer, vor allem in höchster Vollendung Kant,
-bauten folgendes Weltbild auf. Wir leben auf unserer Erde im
-Sonnensystem. In der Mitte unseres Systems steht die strahlende
-Sonne, um sie kreisen in elliptischen Bahnen die Planeten, deren
-einer unsere Erde ist. Im Gegensatz zur leuchtenden Sonne sind
-die Planeten infolge ihrer Kleinheit erkaltet und dunkel. Dieses
-Planetensystem ist als ein System erster Ordnung zu betrachten.
-<em class="gesperrt">Jeder Stern am Himmel ist eine glühende Sonne wie
-unsere.</em> Diese Sonnen sind so unausdenklich fern, daß sie uns als
-Punkte erscheinen und selbst im Fernrohr kleinste Punkte bleiben.
-Mit größter Wahrscheinlichkeit besitzt jede dieser Sonnen um sich
-ein System von Planeten, die wir aber wegen der großen Entfernung
-und ihrer Dunkelheit nicht wahrnehmen. Mit ebenso großer<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-Wahrscheinlichkeit sind diese Planeten zum Teil bewohnt wie
-die Erde.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb03">
-<img src="images/abb03.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 3. Sternhaufen im Centaurn. (Photogr. von Gill.)</div>
-</div>
-
-<p>Diese Idee von der Sonnennatur der Sterne, von den unsichtbaren
-Planeten dieser Sonnen und der Bewohnbarkeit dieser Welten
-hatte schon Giordano Bruno ausgesprochen. Nun aber überflügeln
-ihn die drei Weltdenker des 18. Jahrhunderts vermöge ihrer
-größeren astronomischen Kenntnisse. Es waren nämlich durch das
-Fernrohr am Himmel außer einer Unzahl kleinerer Sterne ungefähr
-100 Sternhaufen und Nebelflecke entdeckt worden. Mit unbewaffnetem
-Auge sind die größten Sternhaufen eben als verschwommene
-Lichtpünktchen wahrnehmbar wie der berühmte Sternhaufen im
-Perseus*<a id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> genau in der Mitte zwischen dem <em class="antiqua">W</em> der Kassiopeia und<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-den Hauptsternen des Perseus. Im Fernrohr enthüllt sich solch ein
-Sternhaufen als eine kugelförmige Anhäufung Hunderter, ja
-Tausender Sterne, die eng zusammengedrängt sind wie die Brillanten
-eines Diadems. Der Anblick eines solchen Himmelsdiadems gehört
-zu dem schönsten, das die Natur überhaupt dem Menschen zu
-offenbaren vermag (<a href="#abb03">Abb. 3</a>).</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Sämtliche mit einem Stern bezeichnete Himmelsobjekte sind auf der Sternkarte
-S. 21 hervorgehoben.</p></div>
-</div>
-
-<p>Außer diesen Sternhaufen entdeckte man noch nebelig verwaschene
-Gebilde von teils unregelmäßig zerklüfteter, teils regelmäßig
-scheiben-, ring- und linsenförmiger Gestalt, die man <em class="gesperrt">Nebelflecke</em>
-nannte. Auch von ihnen sind die größten mit bloßem Auge
-gerade noch wahrnehmbar, so der Nebelfleck im Bilde der Andromeda*
-und als größter von allen der berühmte Nebel im Orion*
-dicht unter dem Dreigestirn des Jakobstabes.</p>
-
-<p>Die Sterne sind, so schlossen Wright, Lambert und Kant, nicht
-regellos im Raum verteilt, sondern zu Sternenhaufen gruppiert.
-Diese Sternenhaufen sind die Systeme zweiter Ordnung. Auch wir
-leben im Innern eines Fixsternhaufens. Unsere Sonne bildet mit
-allen helleren Sternen des nächtlichen Himmels zusammen einen
-Sternenhaufen, wie wir ihn im Bilde des Centaurn oder des Perseus
-aus großer Ferne erblicken. Uns erscheinen die helleren Sterne
-am Himmel so verstreut, weil wir uns inmitten dieses Haufens befinden
-und nach allen Seiten von diesen Nachbarsternen umgeben sind.
-Würden wir aber aus anderen Sternhaufen, beispielsweise aus dem
-abgebildeten Haufen im Centaurn auf unsere Sonne herniederschauen,
-so würden wir die Sterne des Centaurnhaufens rings um
-uns am Himmel verteilt sehen als hellere Sterne, unsere Sonne dagegen
-im Innern eines fernen zusammengedrängten Sternhaufens
-nach Art des abgebildeten als lichtschwaches Pünktchen erblicken.
-Aber auch diese Sternhaufen sind nicht regellos im Raum zerstreut.
-Sie sind genau so zu einem System geordnet wie die Planeten
-unseres Sonnensystems. Sie sind alle in einer Ebene neben-
-und hintereinander, aber nicht übereinander gelagert, so wie unsere
-Planeten alle in einer Ebene, der sogenannten Ekliptik, schweben,
-und kreisen in dieser Ebene wahrscheinlich um einen Weltmittelpunkt
-wie die Planeten um die Sonne. Während die Sternhaufen als
-Ganzes in dieser Ebene dahinfliegen, bewegen sich die Sonnen innerhalb
-ihres einzelnen Haufens um den Mittelpunkt desselben, so wie
-die Monde während der Sonnenreise ihrer Planeten diese in Kreisen<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span>
-umschwingen. Lambert hielt den Orionnebel, Kant den Sirius* für
-den Mittelpunkt unseres Sternhaufen. Alle diese Sternhaufen zusammen
-bilden ein System dritter Ordnung. Die Gestalt dieses
-Systems ist die einer Linse, wie man sie erhält, wenn man zwei
-Suppenteller mit ihren Rändern aufeinanderstellt. Der Sternhaufen,
-dem unsere Sonne angehört, befindet sich in der Mitte einer solchen
-ungeheuren Weltlinse. Schauen wir durch diese Sternenhaufenlinse
-nach den Breitseiten, den Polen zu, so sehen wir verhältnismäßig
-wenig Sterne. Blicken wir dagegen flach durch das ganze Linsensystem,
-in der Richtung der Sternhaufenebene, so müssen wir durch
-die ganze Masse der Sterne und Sternhaufen hindurchsehen, und<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-sie erscheinen uns als ein Ring von dichtgedrängten Sternen und
-Sternhaufen, so fein und so dicht, daß wir ihre Gesamtmasse nur als
-einen zusammenhängenden, verwaschenen Nebelgürtel rings um den
-Himmel wahrnehmen, &ndash; die Milchstraße.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb04">
-<img src="images/abb04.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 4. Sternkarte mit Hervorhebung der für die Milchstraßenforschung
-wichtigen und erwähnten Himmelsobjekte.</div>
-</div>
-
-<p>Die Milchstraße ist also nach der Hypothese dieser drei Männer
-die Erscheinung eines ungeheuren Sternsystems, einer linsenförmigen
-Weltinsel, in deren Mitte sich unsere Sonne als ein Stern in einem
-Sternhaufen befindet (<a href="#abb05">Abb. 5</a>). Von den sichtbaren Sternen gehören
-die helleren unserem Sternhaufen, die schwächeren und alle jene,
-deren Licht wir nur als Nebel wahrnehmen, den andern Sternhaufen
-an, alle aber dem einen großen Weltsystem der Milchstraße.</p>
-
-<p>Man stelle sich vor, wir ständen nachts auf dem Deck eines
-illuminierten Schiffes. Vor, hinter, neben und über uns sehen wir
-die Lichter unseres Schiffes in den Masten und am Bordrand hängen.
-In allen Himmelsrichtungen sind wir also von einzelnen hellen,
-uns sehr nahen Lampen umgeben. In weiter Ferne ist das ganze
-Meer bevölkert von gleichfalls illuminierten Schiffen. Man sieht
-von diesen Schiffen, da es Nacht ist, nur die Lichter. Die näheren
-erkennt man als zusammengedrängte Haufen von Lichtern. Hier
-eine solche Anhäufung von Lichtern, ein Schiff, dort eine andere
-Lichtergruppe, ein zweites Schiff. Von den fernen Schiffen nimmt
-man keine einzelnen Lichtpunkte mehr wahr, sondern nur noch einen
-unbestimmten Schimmer. Da die Schiffe weiter verteilt sind, als
-unser Auge reicht, und allseitig um uns das Meer befahren, so sind
-wir rings umgeben von einem mattleuchtenden nebeligen Schein, von
-einem Lichtgürtel, der den Horizont ringförmig umschließt.</p>
-
-<p>Das Meer ist der Weltraum. Das Schiff, auf dem wir uns
-befinden, ist der Sternhaufen, dem unsere Sonne angehört. Die
-nächste größte Laterne ist unsere Sonne selbst. Die kleinen Lichter
-über, neben und hinter uns sind die übrigen Sterne unseres Haufens.
-In mäßiger Entfernung, aber immer noch tausendmal weiter als
-die letzten Sterne unseres Haufens sehen wir andere Sterngruppen
-als Sternhaufen. Die weitaus meisten Sternhaufen aber sind von
-uns so weit entfernt, daß ihr Glanz mit dem der übrigen hinter,
-neben und vor ihnen verschwimmt, und so ihre Gesamtheit uns als
-leuchtender Gürtel, als Milchstraße umgibt.</p>
-
-<p>Hört die Welt jenseits der Milchstraße auf? Nein. Die Milchstraßenlinse
-ist zwar unvorstellbar groß, aber ein durchaus festbegrenztes<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-endliches Gebilde. Sie ist eine Weltinsel. Das Weltall aber
-ist unendlich. Andere Milchstraßensysteme bevölkern es. Diese
-fremden Milchstraßensysteme sehen wir als Nebel von Linsengestalt
-aus ungeheurer Ferne schimmern. Der Andromedanebel ist solch
-ein fernes Milchstraßensystem, das wir weit außerhalb unserer
-Weltinsel im Raum schweben sehen. Unendlich wie das All ist die
-Zahl solcher Milchstraßen. Auch sie sind wieder zu Systemen geordnet,
-Systemen 4., 5. und 6. Ordnung, kreisen um- und ineinander
-wie Räder, jede von ihnen ein Rad im Getriebe einer großen Weltmaschine,
-ein Rädchen an der großen Weltenuhr, deren unerforschlicher
-Gang dem Menschen ein ewiges Rätsel bleibt&nbsp;…</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb05">
-<img src="images/abb05.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 5. Das Milchstraßensystem als Weltlinse nach Wright, Kant und Lambert.</div>
-</div>
-
-<p>Kann etwas kühner sein als die Hypothese dieser drei Männer?
-Kopernikus stieß die Erde von ihrem ruhenden Thron und wälzte
-sie zu ewigem Lauf um ihre Sonne. Diese Männer hoben die Sonne
-aus ihrer Angel und stießen sie hinein in den Weltraum, daß sie in
-ihm kreise, ein Stern unter Sternen, ein Lichtpunkt im großen Weltgewühl
-der Milchstraße. Sie ordnen mit weltenschöpferischer Kraft
-das Heer der Sterne zum wahren Kosmos, zum Schmuck, zur Weltordnung,
-zur harmonischen Einheit von Raum und Materie, Kraft
-und Stoff, Masse und Bewegung.</p>
-
-<p>Was konnten sie zur Begründung einer solch kühnen Weltanschauung
-vorbringen? Konnten sie beweisen, daß die Sonne nur ein<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-Stern war und nicht, wie Kepler glaubte, »das Herz des Universums«?
-Daß die Sterne Sonnen waren und nur ihrer Ferne wegen
-als Punkte erschienen? Konnten sie beweisen, daß Planeten um sie
-kreisen, und sie sich wirklich zu Haufen gruppieren? Daß die Sonne
-sich in einem solchen Haufen befindet? Daß sich die Sterne im Raum
-bewegen und keine <em class="antiqua">prima sphaera immobilis</em>, keine höchste unbewegliche
-Himmelssphäre bildeten? Daß sie eine Einheit waren aus
-gleichen Stoffen gebaut, von gleichen Kräften regiert? Daß die Milchstraße
-in der Tat aus Sternen zusammengesetzt und keine Fuge im
-Himmelsgewölbe ist, und daß die Nebelflecke ferne Milchstraßensysteme
-vorstellen?</p>
-
-<p>Alles das hätten sie Punkt für Punkt beweisen müssen, wenn
-sie ihre philosophische Spekulation zum Rang einer wissenschaftlichen
-Hypothese erheben wollten. Und was konnten sie beweisen? Nichts.
-Der Mond war erforscht, die Sonne studiert, Planetenbahnen waren
-berechnet, Kometen bestimmt, aber die Welt der Sterne, die Milchstraße,
-war ein unerforschte Land. Sie schien aller irdischen Erkenntnis
-zu spotten und für die Menschheit, die auf diesem winzigen
-Erdplaneten gebannt ist, ein Rätsel ohne Lösung zu bleiben. Wer hätte
-auch in jene Fernen dringen können? In jene Fernen, in denen
-Sonnen zu Punkten werden und selbst im Fernrohr sich nicht einmal
-zur kleinsten Scheibe verbreitern, ja, in denen selbst diese Punkte
-schwinden und in ihrer Unzahl zu einem milchigen Schimmer verschwimmen,
-der uns als Nebelgürtel umleuchtet; und in jene noch
-tausendmal größeren Fernen, in denen ganze Systeme dieser Art,
-ganze Milchstraßen zu einem Wölkchen verblassen, so klein, daß das
-Auge sie kaum in den klarsten Nächten als Fleckchen wahrnimmt!
-Mußte nicht für alle Zeiten das junggeniale Machtwort Schillers
-hier dem Menschen eine ewige Grenze bieten:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Steh! du segelst umsonst &ndash; vor dir Unendlichkeit!«<br /></span>
-<span class="i0">»Steh! Du segelst umsonst &ndash; Pilger, auch hinter mir!&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i4">Senke nieder,<br /></span>
-<span class="i4">Adlergedank', dein Gefieder!<br /></span>
-<span class="i4">Kühne Seglerin, Phantasie,<br /></span>
-<span class="i4">Wirf ein mutloses Anker hie.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Wer hätte in jene Fernen dringen können, in denen selbst die
-Phantasie ein mutlos Anker wirft? Wer?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p>
-
-<p>Im Jahre 1759 zog die Regimentskapelle der Hannoverschen
-Grenadiere nach England. Mit ihr wanderte ihr Hoboebläser, ein
-blutarmer 19jähriger Musikant, dessen Vater selbst Militärmusiker
-gewesen war, aus seiner Heimat aus. In England entsagte er bald
-dem Dienst und schlug sich kümmerlich als Musiklehrer durch. In
-den Pausen zwischen den Stunden aber setzte er sich hin und studierte
-die Gesetze der Optik, um sich ein Fernrohr zu bauen, da er kein
-Geld besaß, ein fertiges zu erwerben. Des Nachts richtete er seine
-selbstkonstruierten Rohre gegen den Himmel und studierte die Welt
-der Sterne. Das Geheimnis der Milchstraße zu entschleiern, war das
-Ideal seines Lebens. Bruder und Schwester entflammte er für sein
-hohes Ziel, und dieser arme, aber erlauchte Kreis der drei Geschwister
-wetteiferte im Studium der Milchstraße. Kein Rohr genügte dieser
-Aufgabe. Da die Linsen, je größer sie geschliffen wurden, um so
-unschärfere Bilder lieferten, baute er Spiegelteleskope, in denen ein
-Hohlspiegel das Bild der Sterne auffängt und in einem Brennpunkt
-sammelt. Immer größere Spiegel stellte er her, immer längere Rohre
-setzte er zusammen. Es entstanden Teleskope von unerhörten Dimensionen.
-1781 entdeckte er mit seinem Rieseninstrument den Planeten
-Uranus, sein Ruhm drang bis zum König, der ihn zum Hofastronomen
-ernannte und ihm ein sorgenfreies Leben für weitere Forschungen
-verschaffte. Mit seinem neuen Instrument, dessen Spiegel
-126 <em class="antiqua">cm</em> Durchmesser und dessen Rohr 12 <em class="antiqua">m</em> Länge besaß, »durchbrach«
-der ehemalige Militärmusiker <em class="gesperrt">William Herschel</em>, wie es
-auf seiner Grabschrift heißt, »die Schranken des Himmels« und begründete
-so die moderne Fixstern- und Milchstraßenforschung.</p>
-
-<p>Herschels Riesenteleskope waren die ersten Instrumente, die die
-Milchstraße wirklich auflösten. Er berichtet über seine erste Beobachtung
-der Milchstraße der Kgl. Gesellschaft im Juni 1784: »Als
-ich mein Fernrohr auf einen Teil der Milchstraße richtete, fand ich,
-daß es den weißen Nebel in kleine Sterne auflöste, was meine früheren
-Rohre nicht vermocht hatten. Die bewunderungswerte Zahl von
-Sternen aller Größe, die sich hier meinem Blick offenbarten, war
-in der Tat zum Erstaunen. Ich ließ während einer Stunde die
-Sterne der Milchstraße durch das Gesichtsfeld meines Teleskopes
-ziehen und vermochte nicht weniger als 50&nbsp;000 einzelne zu zählen.
-Aber es waren gewiß doppelt so viel, von denen ich aber wegen ihrer
-Lichtschwäche nur einen unbestimmten Schimmer wahrnehmen<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-konnte.« Die Zahl aller mit seinem Rohr erkennbaren Sterne
-schätzte Herschel auf ungefähr 30 Millionen. <em class="gesperrt">Die Unzählbarkeit
-der Sterne, die Sternnatur der Milchstraße war
-bewiesen.</em> Auch Herschel kam zu der Überzeugung, daß das Milchstraßensystem
-tatsächlich eine Weltinsel aus vielen Millionen Sternen
-sei. Die meisten dieser Sterne sind zu Haufen gruppiert, die in
-einer linsenförmigen Schicht von großer Ausdehnung und verhältnismäßig
-geringer Dicke verteilt sind. Zwischen diesen Haufen von
-Sternen schweben weite Nebelmassen von verschiedenster Gestalt. Da
-ihm aber seine Rohre in der Milchstraße jene mannigfachen Einzelheiten,
-Verzweigungen, Wolken, Schattierungen, Spalten und Öffnungen
-enthüllten, die wir bei der Beschreibung des Lichtgürtels
-erwähnten, konnte das Milchstraßensystem nach seiner Ansicht nicht
-die Gestalt einer regelmäßigen Linse, sondern nur die Form einer
-unregelmäßig verzweigten Sternenplatte besitzen, deren Umrisse er
-durch sorgfältige Studien zu bestimmen suchte (<a href="#abb06">Abb. 6</a>).</p>
-
-<p>Auch die Stellung der Sonne in diesem System suchte er durch
-folgende Überlegung zu bestimmen. Da der Milchstraßengürtel uns
-allseitig fast in gleicher Breite erscheint, müssen wir uns ungefähr
-in der Mitte des Systems befinden. Die nördliche Hälfte ist etwas
-breiter als die südliche, also stehen wir dieser etwas näher und nicht
-genau im Zentrum. Außerdem schwebt die Sonne nicht ganz genau
-in der Mittelebene des Systems, sondern etwas nördlich über der allgemeinen
-Ebene der Sternhaufen.</p>
-
-<p>Aber je weiter sich Herschel in die Wunder der Milchstraße versenkte,
-um so klarer erkannte er, daß sein Milchstraßenbild unvollkommen
-war und keineswegs die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen
-erschöpfte. Es war seinem Wissen als Forscher und seinem Scharfsinn
-als Denker nicht möglich, alle Widersprüche zu bannen und alle
-Probleme durch ein großes einheitliches Weltbild zu umspannen. Er
-widerrief in späteren Jahren seine Hypothese und bekannte resigniert,
-daß weder Fernrohr noch Gedanke reiche, ein zufriedenstellendes
-Bild der Welt zu geben, und daß es einem späteren Geschlecht
-vorbehalten sei, das Land, das er entdeckt, in seiner wahren Gestalt
-zu erforschen.</p>
-
-<p>Daß Herschel als erster, mit großen Instrumenten ausgerüstet,
-zielbewußt die Milchstraße erforschte, und ein, wie er selber gestand,
-ungenügende Bild ihrer Natur entwarf, reicht wahrlich nicht hin,<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span>
-ihm eine so führende Stellung in der modernen Wissenschaft anzuweisen,
-daß man ihn den »Vater der Stellarastronomie« nennt. Herschels
-unvergleichliches Verdienst liegt tiefer: er lehrte uns das Fernrohr
-für die Erforschung der Fixsternwelt und des Milchstraßengürtels
-anzuwenden. Herschel lehrte uns sehen.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb06">
-<img src="images/abb06.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 6. Das Milchstraßensystem nach Herschel.</div>
-</div>
-
-<p>Das Auge des Menschen ist eine Camera obscura wie der photographische
-Apparat. Er besteht aus einer Linse, die das Licht der
-Außenwelt auffängt, sammelt, und als verkleinertes verschärftes Bild
-auf eine lichtempfindliche Platte, die Netzhaut, wirft. Linse und Netzhaut
-sind die beiden wesentlichen Teile des Auges. Das Fernrohr
-ist eine künstliche Linse, die sich der Mensch zur Verstärkung seiner
-natürlichen vor das Auge stellt. Die teleskopische Linse ist hundertmal
-größer, schärfer, lichtstärker. Dadurch verhundertfacht sie die
-Leistungen des menschlichen Auges. Während das Auge günstigenfalls
-6000 Sterne am ganzen Himmel, also von einem Standpunkt
-aus 3000 wahrnimmt, die man nach ihrer Helligkeit in sechs Klassen
-von der ersten bis sechsten Größe einteilt, sieht das Fernrohr viele
-Millionen bis zur 12., 13. und 14. Größe. Auf einer Himmelsfläche
-von dem Umfang einer Mondscheibe zählte Herschel 2400
-Sterne! Man sieht also im Fernrohr tatsächlich »wie Gras der Nacht
-Myriaden Welten keimen«.</p>
-
-<p>Neben der Erkenntnis der ungeheueren Zahl der Milchstraßensterne
-ermöglicht das Fernrohr genaue Untersuchungen über
-die <em class="gesperrt">Verteilung</em> dieser Sternheere. Herschel begann diese Untersuchungen
-mit seinen berühmten Sterneichungen, d. s. Auszählungen
-der Sterne nach Stichproben; vollendet wurden sie in unseren Tagen
-durch die eingehenden »Untersuchungen über die Verteilung der
-Fixsterne« des Münchener Forschers v. Seeliger. Diese mühevollen<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-Studien gipfeln in dem Ergebnis, daß alle uns sichtbaren Sterne tatsächlich,
-wie Wright, Kant und Lambert angenommen haben, in einer
-flachen, linsenförmigen Scheibe, dem Milchstraßensystem, angeordnet
-sind. Je mehr man sich von den Polen ausgehend dem Milchstraßenäquator
-nähert, um so zahlreicher, dichtgedrängter erscheinen die
-Sterne als Zeichen ihrer Anordnung in einer großen Ebene, der
-Milchstraße.</p>
-
-<p>Fast noch wichtiger als die Bestimmung der allgemeinen Sternverteilung
-ist die genaue Ortsbestimmung einzelner Sterne durch
-gewissenhafte Fernrohrbeobachtung, da sie allein zur Ermittlung der
-<em class="gesperrt">Sternentfernung</em> führen kann. Die Kunst, das Fernrohr zu
-gebrauchen, sollte bald auf diesem Gebiet die schönsten Früchte reifen
-lassen.</p>
-
-<p>Wenn wir uns in einem Eisenbahnzug durch eine Landschaft
-bewegen, so fliegen die Bäume und Kirchturmspitzen an uns vorbei,
-wobei sie sich gegen ihren Hintergrund, den Horizont, verschieben.
-Je ferner ein Gegenstand sich von uns befindet, umso geringer ist
-diese scheinbare Verschiebung. Man nennt diese scheinbare Verschiebung
-eines Gegenstandes gegen seinen Hintergrund bei Ortswechsel
-des Betrachters die <em class="gesperrt">Parallaxe</em>. Man halte seinen Zeigefinger vor
-dieses Buch und betrachte ihn abwechselnd mit dem rechten und dem
-linken Auge. Dann verschiebt sich seine scheinbare Stellung gegen
-den Buchhintergrund. Aus dieser Parallaxe des Fingers kann man
-seine Entfernung vom Auge berechnen, wenn man den Abstand der
-beiden Augen voneinander kennt.</p>
-
-<p>Bekanntlich steht die Erde nicht still, sondern bewegt sich in einem
-Kreis um die Sonne. Der Durchmesser dieser Erdbahn beträgt 300
-Millionen Kilometer. Wir stehen im Frühling um 300 Millionen
-Kilometer von jener Stelle entfernt, an der wir uns im Herbst befunden
-haben. Es müssen sich demnach die Gestirne zwischen der
-Frühlings- und der Herbstbetrachtung gegen den Himmelshintergrund
-genau so verschieben, wie der Finger, den wir einmal mit dem
-rechten, einmal mit dem linken Auge betrachten (<a href="#abb07">Abb. 7</a>).</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb07">
-<img src="images/abb07.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 7. Entstehung der Sternparallaxe infolge des Erdumlaufs um die Sonne.</div>
-</div>
-
-<p>Diese Verschiebung ist so minimal, daß sie weder Galilei noch
-Herschel trotz eifrigster Bemühungen feststellen konnten. Dieses
-gelang erst im Jahre 1837 dem berühmten Königsberger Astronomen
-<em class="gesperrt">Bessel</em>, der in seiner Jugend Kaufmann gewesen war, mit
-einem neuen stereoskopartigen Fernrohr, dem Heliometer. Das von<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-Fraunhofer konstruierte Heliometer ist ein so feines Instrument,
-daß man damit in der Entfernung eines Kilometer die Verschiebung
-eines Körpers um ½&nbsp;<em class="antiqua">mm</em> auf das genaueste bestimmen kann.
-Nach jahrelanger, unverdrossener Beobachtung bestimmte Bessel die
-Parallaxe eines kleinen Sternes 61 im Schwan und berechnete seine
-Entfernung auf 80 Billionen <em class="antiqua">km</em>, d.h. auf das 500&nbsp;000fache der
-Sonnenentfernung, die 150 Millionen <em class="antiqua">km</em> beträgt. <em class="gesperrt">Die unvorstellbare
-Entfernung der Fixsterne war bewiesen.</em>
-Sternentfernungen zu fassen, ist Menschensinnen versagt. Wir können
-uns Meter und Kilometer vorstellen, aber nicht Sonnenabstände oder
-Sternenweiten. Die kühnste Phantasie scheitert an jedem Versuch,
-die Räume des Universums zu messen. Wir sind Erdensöhne und
-durch unsere irdische Organisation an planetarische Maße gebunden.
-Was jenseits dieser Erdenwelt gelegen, können wir bewundern, verehren,
-aber fassen können wir es nicht. Astronomische Entfernungen
-in Kilometer auszudrücken ist ebenso töricht wie ein Land in Quadratmillimetern
-zu vermessen. Fehler, die selbst Millionen dieser Einheiten
-betrügen, wären immer noch unbestimmbar klein. Daher
-hat man als Normalmaß in der Astronomie das <em class="gesperrt">Lichtjahr</em> eingeführt.
-Die Lichtschwingung des Weltäthers ist die schnellste
-Bewegung, die wir kennen. Die Lichtwelle pflanzt sich in einer
-Sekunde um 300&nbsp;000 <em class="antiqua">km</em> fort. Man lege seine Hand an seinen
-Puls und zähle. Zwischen zwei Pulsschlägen schwingt die Lichtwelle
-achtmal um den Erdball. Diesen Weg bezeichnet man als Lichtsekunde.<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-Den Weg, den das Licht in einem Jahr zurücklegt, ein Jahr
-hat über 30 Millionen Sekunden, d.h. also 10 Millionen mal eine
-Million <em class="antiqua">km</em> = 10 Billionen <em class="antiqua">km</em> bezeichnet man als ein Lichtjahr
-und sagt, ein Stern ist 10 Lichtjahre von uns entfernt, wenn das
-Licht 10 Jahre braucht, um von ihm zu uns zu gelangen. 1 <em class="antiqua">km</em>
-verhält sich zu einem Lichtjahr wie eine Sekunde zu 60&nbsp;000 Jahren.
-Die Entfernungen zwischen den einzelnen Sternen sind ungeheuer.
-Sie betragen Lichtjahre, Lichtjahrzehnte, Lichtjahrhunderte. Selbst
-zwischen den benachbarten Sternen einer Gruppe gähnen Räume
-von unheimlicher Länge und Weite, unüberbrückbar selbst für den
-Gedanken. Der nächste Stern ist von der Sonne über 4 Lichtjahre
-entfernt, ¼&nbsp;Million mal weiter als sie von uns. Nur durch ein
-Bild kann man sich einer Vorstellung von den Maßen der Sternenwelt
-nähern. Denkt man sich die Erdkugel, unsere schöne große
-weite Erdkugel zu einer Erbse geschrumpft, so läge die Sonne 100 <em class="antiqua">m</em>
-von ihr als ein großer Kürbis. Läge dieses Sonnensystem in Berlin,
-wo würde dann das nächste Fixsternsystem liegen? Das allernächste?
-Draußen vor der Stadt? Oder in einem Vorort? Oder gar in
-Leipzig? In München? Vielleicht selbst in Rom, 1500 <em class="antiqua">km</em> weit
-entfernt? Nein, es läge über zehnmal weiter, 25&nbsp;000 <em class="antiqua">km</em> weit,
-also irgendwo im Innern Australien oder in der Südsee jenseits
-dieses Erdteils nahe dem Südpol. Der zweitnächste Stern, um die
-Hälfte weiter entfernt, fände auf Erden gar keinen Raum mehr
-und schwebte jenseits des Gegenpols draußen im Weltraum! Wir
-Menschen sind Wesen auf einer Erbse, die irgendwo im Grase versteckt
-in Mitteleuropa liegt. Im Polareis des Südpols zwischen den
-gefrorenen Schollen liegt ein kürbisgroßer Stein und einige Schritte
-von ihm entfernt liegen wahrscheinlich einige Erbsen, das ist unsere
-nächste Schwesterwelt im Universum! Wenn wir seiner überhaupt
-fähig waren, welch trostloses Einsamkeitsgefühl müßte uns ergreifen!
-Welch grauenhafte Öde umschauert uns als toter kalter
-dunkler Raum! Was ist der Mensch im All? Wenn die Erde
-eine Erbse wäre in einem Raum so groß wie ein Zimmer, so wäre
-sie schon klein zu nennen und nicht wert, den Mittelpunkt der
-Welt zu bilden. Schon dann wäre es Hochmut, wenn der Mensch, der
-auf dieser Erbse in ganzen Völkerscharen lebt, sich für den Herrn der
-Welt, für die Krone der Schöpfung hielte. Eine Erbse inmitten
-einer großen Stadt ist schon ein Nichts, ein unauffindbares, verschwindendes<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-Nichts, dessen Dasein oder Nichtdasein am Bilde der
-Stadt auch nicht einen Deut veränderte. Aber irgendwo im Grase
-eines leeren Europa, vielleicht im Geröll der Alpen oder in einem
-Sumpfried der sibirischen Steppe oder im öden Sande der Sahara
-oder in den Wellen des Atlantischen Ozeans eine Erbse zu sein und
-auf ihr zu leben, weniger, 100&nbsp;000 mal weniger als ein Bazillus
-&ndash; »wenn ich den Himmel anschaue, den Mond und die Sterne,
-was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst, und der Menschensohn,
-daß du auf ihn achtest?«</p>
-
-<p>Nur von den allernächsten Sternen, die naturgemäß die größte
-Parallaxe besitzen, sind zuverlässige Bestimmungen gelungen, so daß
-wir von nur ungefähr 200 der nächsten Sterne die genaue Entfernung
-kennen, während wir von all den übrigen Millionen nur sagen
-können, daß sie um ein vielfaches ferner sein müssen als diese
-Schwesterwelten, mit denen wir zusammen eine Sterngruppe bilden.
-Von den bekannten Sternen sind von uns entfernt:</p>
-
-<table summary="Sternentfernungen">
-<tr>
-<td>Alpha Centauri, der nächste aller Fixsterne</td>
- <td class="tdr">4,3</td><td class="tdc">Lichtj.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Sirius im Großen Hund</td>
- <td class="tdr">8,6</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Prokyon im Kleinen Hund</td>
- <td class="tdr">9,5</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Atair im Adler</td>
- <td class="tdr">14&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Kastor in den Zwillingen</td>
- <td class="tdr">17&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Aldebaran im Stier</td>
- <td class="tdr">30&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Regulus im Löwen</td>
- <td class="tdr">36&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Wega in der Leier</td>
- <td class="tdr">39&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Kapella im Fuhrmann</td>
- <td class="tdr">40&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Polarstern im Kleinen Bären</td>
- <td class="tdr">46&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Pollux in den Zwillingen</td>
- <td class="tdr">57&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Arktur im Bootes</td>
- <td class="tdr">136&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Beteigeuze im Orion</td>
- <td class="tdr">142&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Rigel im Orion</td>
- <td class="tdr">320&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-</table>
-
-<p>Man wende seinen Blick zum glänzenden Pollux*. Die Lichtwellen,
-die jetzt unser Auge treffen, haben vor 57 Jahren diese
-Sonne verlassen. Dieser Stern steht gar nicht an jener Stelle, wo
-wir ihn jetzt sehen, so wenig wie der Sirius oder die Kapella sich in
-Wirklichkeit jetzt an ihrem scheinbaren Platz befinden, sondern stand
-vor 57 Jahren an diesem Punkt. Als diese Ätherwellen, die jetzt
-unsere Netzhaut erregen, dem flammenden Chaos dieser Welt vor
-57 Jahren entwirbelten, waren wir noch nicht geboren, unsere Eltern
-kannten sich in jener Stunde noch nicht, und während jener Strahl
-durch den Weltraum zu uns eilte, 57 Jahre lang in jeder Sekunde
-300&nbsp;000 <em class="antiqua">km</em> fliegend, wuchsen wir heran aus einer kleinen Gallertzelle,
-wurden wir als ein hilf- und ahnungsloses Wesen geboren,
-lagen wir in der Wiege, lernten wir gehen und sprechen, lesen und<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-schreiben vom ABC und Einmaleins durch Märchenbuch und Räubergeschichte
-bis zu diesen Zeilen, die uns Kunde bringen von den
-Wundern, die uns umschwingen. Was haben wir nicht alles in dieser
-Zeit gesehen und gehört, erlebt und erlitten? Was ist nicht alles
-geschehen auf diesem kleinen Erdball in 57 Jahren! Und was auf
-jener Sternenwelt dort droben? Vielleicht ist sie in dieser Zeit erloschen,
-vielleicht zusammengeprallt mit einem dunklen Körper und
-in den Weltraum zerstoben, ist vielleicht vor 30 Jahren in glühenden
-Nebel verdampft und existiert nicht mehr. Wir aber sehen dann in dieser
-Stunde etwas, was gar nicht mehr ist, und werden es morgen noch
-sehen und in zehn und in zwanzig Jahren, und wenn die Lichtwellen,
-die jetzt jene Welt verlassen, in 57 Jahren unsere Atmosphäre
-überfluten, liegen wir längst draußen im Feld unter dem
-Rasen, heimgekehrt in den Allmutterschoß der Erde, und kein Sehnerv
-zittert mehr in unserer Augenhöhle, keine Zellfaser schwingt
-mehr in unserer Hirnschale in dem Gedanken von der Größe und
-Erhabenheit der Welt &ndash; kurz ist die Frist, die dem Menschen
-gegeben, zu forschen und zu fühlen, kürzer als die Spanne, die das
-Licht von einem Stern zum andern schwingt &ndash; <em class="antiqua">carpe diem</em>, nützen
-wir den Tag und die Stunde!</p>
-
-<p>Die äußersten Sterne des Milchstraßensystems, deren verschwommener,
-zusammenfließender Schein das Milchlicht dieses Gürtels erzeugt,
-sind von uns 10&nbsp;000 Lichtjahre entfernt. Wenn wir auf den
-Planeten einer solchen Sonne lebten und unsere Erde beobachten
-könnten, so sähen wir die Welt vor drei-, sechs-, acht-,
-zehntausend Jahren. Die Bewohner einer Sternenwelt in der
-noch mäßigen Entfernung von 3000 Lichtjahren sähen heute Griechen
-und Trojaner in der Ebene von Ilion kämpfen, sähen den greisen
-Priamus im Kreis der Alten auf der Mauer, die schöne Helena auf
-ihrem Ruhelager im fürstlichen Gemach, Achill grübelnd in seinem Zelte
-sitzen und Hektor im Kampf mit dem fallenden Patroklus. Wenn
-wirklich denkende Wesen uns aus dieser Ferne beobachteten &ndash; und
-wer will diese Möglichkeit in unserer Welt der Wunder einfach
-leugnen? &ndash; so sähen sie Europa als Sumpf und Urwald, bevölkert
-von Heiden und Barbaren, und spotten vielleicht unserer, nicht
-ahnend, daß auf derselben Stelle, wo sie Götzenaltäre und Göttereichen
-sehen, in Wahrheit schon Kuppelhallen stehen mit gewaltigen
-Teleskopen, elektrischen Uhren, Tabellen und Sterntafeln, und daß<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-Menschen unter ihnen sitzen, die die Geheimnisse des Weltalls bis
-in tausendjährige Lichtentfernungen ergründen&nbsp;…</p>
-
-<p>Bei den genauen Ortsbestimmungen, die zur Feststellung der
-Parallaxe notwendig waren, entdeckte Bessel an manchen Sternen
-kleine Verschiebungen, die sich nicht durch die Bewegung der Erde
-um die Sonne erklären ließen. Vor allem an den beiden hellen Sternen
-Sirius und Prokyon fielen ihm kleine periodische Bahnbewegungen
-auf, die er nach jahrelanger reiflicher Beobachtung und Überlegung
-auf die Anwesenheit unsichtbarer Trabanten zurückführte.
-Der Sirius sollte von einer Begleitsonne umkreist werden, die ihn
-in 50 Jahren umläuft und durch ihre Anziehungskraft die Störungen
-der Siriusstellung hervorruft. Dieser von Bessel vermutete
-Siriusbegleiter war aber selbst in den stärksten Fernrohren nicht zu
-entdecken. 18 Monate nach Veröffentlichung seiner Arbeit über den
-unsichtbaren Siriusbegleiter starb Bessel. Sein Nachfolger Peters
-führte die Untersuchungen fort und berechnete, daß dieser Begleiter
-augenblicklich in dem und dem Abstand an einem ganz bestimmten
-Punkt stehen müßte. Eine verwegene Behauptung! Einen Körper
-in einer Entfernung von ½&nbsp;Millionen Sonnenweiten, den kein
-menschliche Auge sehen konnte, nicht nur zu vermuten, sondern
-sogar genau seine Bahn, seine Bewegungsgeschwindigkeit, seinen
-Standort zu berechnen! Klingt es nicht wie ein Märchen, daß ein
-Mensch im Dunkel nie gesehener Welten, in Fernen, die sich keine
-Vorstellung mehr auszudenken vermag, unsichtbare Trabanten berechnet,
-und mit der Bestimmtheit einer eidlichen Versicherung ihr
-Gewicht, ihre Entfernung, ihre Bahn und ihre Geschwindigkeit zu
-kennen behauptet? Wer sollte den Sternenguckern solche Phantasien
-glauben, zumal niemand selbst mit den immer besseren Teleskopen
-der folgenden Jahre diesen Begleiter zu entdecken vermochte!
-Aber es kam anders, als die Zweifler glaubten und die Spötter
-lachten. 20 Jahre nach dem Tode Bessels erprobte der berühmte
-amerikanische Linsengießer Clark sein neuestes Glas, richtet es auf
-den Sirius &ndash; und entdeckt genau an der Stelle, die Peters für dieses
-Jahr als Stand des Siriustrabanten angegeben hatte, ein Sternchen!
-Man verfolgte seinen Lauf und siehe da, es bewegte sich in 50
-Jahren um den Sirius und stand in jedem Jahr an jenem Punkt, den
-Bessel und Peters vor seiner Entdeckung für diese Zeit berechnet
-hatten! Welches Wunder ist größer? Daß es Welten gibt in dieser<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-Fülle und in diesen Fernen, die sich umkreisen wie Sonne und
-Planeten, oder daß auf einem dunklen Sonnenstäubchen zwischen
-ihnen ein Eintagswesen lebt mit einer grauen Gallertmasse in seiner
-Schädelschale, das die Bahnen dieser Welten bestimmt, ohne sie in
-ihrer Größe und Entfernung sich vorstellen zu können, ja selbst ohne
-sie im schärfsten Fernrohr überhaupt zu sehen?</p>
-
-<p>Sterne, die mit einem anderen Stern ein kreisendes System
-bilden, nennt man Doppelsterne. Fast jeder dritte Stern unserer
-näheren Umgebung ist ein Doppelstern, so daß wir heute ungefähr
-15&nbsp;000 Doppelsterne kennen. Weit auseinander stehende Doppelsterne
-wie das Sternpaar rechts neben dem Aldebaran* kann man
-mit bloßem Auge als solche erkennen, die meisten aber sind erst
-im Fernrohr und sehr viele auch mit diesem nicht mehr zu trennen.
-Die Umlaufszeiten der Doppelsterne schwanken zwischen einigen
-Tagen und mehreren Tausend Jahren, je nach dem Abstand
-der Sonnen, wie ja auch die Umlaufszeiten unserer Planeten von
-Merkur bis Neptun zwischen 88 Tagen und 165 Jahren voneinander
-abweichen. Die Umlaufszeiten betragen im Doppelsystem des</p>
-
-<table summary="Umlaufzeiten">
-<tr>
-<td>Prokyon</td><td class="tdr">40</td><td class="tdc">Jahre</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Sirius</td><td class="tdr">50</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Alpha Centauri</td><td class="tdr">87</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Kastor</td><td class="tdr">997</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-</table>
-
-<p>Es gibt aber nicht nur Systeme von zwei Sonnen, sondern solche von
-3, 4, 6, 8, 16, ja 20 Sonnen. Dicht neben der Wega in der Leier
-steht ein Sternsystem*, von dem ein mäßiges Auge nur ein Pünktchen
-sieht; ein gutes Auge sieht diesen Stern als längliche Linie; ein
-sehr gutes Auge erkennt zwei eng zusammenstehende Sterne 5. Größe.
-Schon ein kleines Fernrohr aber zerlegt jeden dieser beiden Sterne
-in zwei Körper, so daß wir hier ein Sternsystem von vier Sonnen
-vor uns haben. Der hellste Stern der Plejadengruppe,* Alkyone,
-ist ein vierfacher, der mittlere Deichselstern im großen Wagen Mizar*
-ist ein fünffacher Stern. Der Lichtschimmer des Orionnebels* unter
-dem Jakobstab geht von einem sechsfachen Sternsystem aus, das seiner
-Gestalt wegen Trapez genannt wird.</p>
-
-<p>Die Entdeckung dieser Doppelsterne und ihrer Bewegungen
-bedeutet einen großen Fortschritt in der Erkenntnis des Milchstraßensystems.
-Diese umeinanderkreisenden Sonnen beweisen uns
-das Wirken der Schwerkraft zwischen den Sternsystemen anderer
-Welten. Dieselbe Kraft, die uns an den Boden unseres Planeten<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-fesselt, die den Mond an die Erde, die Erde an die Sonne kettet,
-waltet droben zwischen den Sonnen der Milchstraßenferne und heißt
-sie umeinanderkreisen in nimmer endendem Doppellauf. <em class="gesperrt">Die Doppelsterne
-beweisen die Einheit und Allheit der Schwerkraft
-im System der Milchstraße.</em></p>
-
-<p>Aber nicht nur dies. Die Planeten unseres Systems bewegen
-sich nach bestimmten Gesetzen um die Sonne, die nach ihrem Entdecker
-die Keplerschen Gesetze genannt werden. Die drei Keplerschen
-Gesetze sagen, daß die Planeten sich in Ellipsen um die Sonne
-bewegen, die im Brennpunkt dieser Ellipsen steht, daß die Bewegung
-der Planeten um so rascher wird, je näher sie der Sonne
-kommen, und daß ihre Umlaufszeiten in bestimmtem Verhältnis von
-ihrer Sonnenentfernung abhängig sind. Als man die Bahnen der
-Doppelsterne verfolgte, fand man, daß sie sich genau nach den Keplerschen
-Gesetzen wie die Planeten unseres Systems bewegen. Mit
-Hilfe der Keplerschen Gesetze kann man, und das haben ja die
-Vorentdecker des Sirius- und Prokyontrabanten getan, die Stellung
-jedes Doppelsterns für jeden beliebigen Zeitpunkt der Zukunft
-ebenso genau bestimmen, wie wir es von den Ortsbestimmungen der
-Planeten gewöhnt sind. <em class="gesperrt">Durch diese Entdeckung ist neben
-der Einheit der Kraft die Einheit des Gesetzes innerhalb
-des Milchstraßensystems bewiesen.</em></p>
-
-<p>Die Planetengesetze wirken im All. Gibt es aber auch Planeten,
-die ihnen folgen? Werden die Sonnen von dunklen Körpern umkreist
-wie unsere?</p>
-
-<p>Es gibt dunkle Sterntrabanten. Rechts abseits von der hellen
-Sternlinie des Perseus steht ein einzelner auffälliger Stern 2. Größe,
-Algol*. Dieser Stern wechselt seine Lichtstärke. Zwei Tage 20 Stunden
-48 Minuten 53 Sekunden ist er hell, dann sinkt sein Licht
-innerhalb 4½ Stunden von der 2. auf die 4. Größe, so daß er ein
-unscheinbares Pünktchen wird, verharrt 18 Minuten in dieser Lichtschwäche,
-um danach wieder in 4½ Stunden zur gewöhnlichen Helle
-anzusteigen. Derartige »Algolsterne« kennt man über 50, und jährlich
-werden neue Vertreter dieses Algoltypus entdeckt. Das charakteristische
-für die Algolsterne liegt in der astronomischen Pünktlichkeit
-ihrer Periode. Mit derselben Genauigkeit, mit der sich eine Sonnenfinsternis
-für 100 und für 1000 Jahre voraussagen läßt, kann man<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-von jedem Algolstern die Zeiten seiner Verdunkelungen auf die
-Sekunde vorhersagen, so daß es keinem Zweifel unterliegt, daß wir
-hier tatsächlich die Verfinsterungen von Sonnen durch dunkle Begleiter
-wahrnehmen (<a href="#abb08">Abb. 8</a>). Alle Algolsterne sind Sonnen, die
-von dunklen Trabanten umkreist und verfinstert werden. <em class="gesperrt">Die Algolsterne
-beweisen die allgemeine Existenz von Planeten
-um die Sonnen des Milchstraßensystems.</em></p>
-
-<div class="figcenter" id="abb08">
-<img src="images/abb08.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 8. Das Algolsystem im Augenblick der größten Verfinsterung.</div>
-</div>
-
-<p>Natürlich können wir nur große und den Sonnen nahe Planeten
-wahrnehmen, denn nur solche können eine merkliche Verfinsterung
-verursachen.
-Ein Planet von der
-Größe und der Sonnenentfernung
-der
-Erde, der sich zu
-seiner Sonne verhält
-wie einer dieser
-hier gedruckten
-Lettern zur ganzen
-Buchseite und dabei
-von dieser Seite
-noch 30 <em class="antiqua">m</em> entfernt
-wäre, kann keinen
-verdunkelnden
-Schatten durch den
-Weltraum werfen. Außerdem können nur solche Planeten
-nachgewiesen werden, deren Bahn in der Blickrichtung gelegen ist,
-also von uns aus gesehen an der Sonnenscheibe vorbei und nicht
-daneben oder darüber hinwegzieht, da sonst von uns keine Verfinsterung
-beobachtet werden kann. Infolge ihrer Größe und Sonnennähe
-leuchten diese Planeten vom Algoltypus meist noch selbstständig.
-Wenn es aber große leuchtende sonnennahe Planeten
-gibt, die nach den Keplerschen Gesetzen ihr Zentralgestirn umkreisen,
-so gibt es auch ganz gewiß kleinere kalte und sonnenferne
-Planeten, wie wir sie in unserem System sehen und wie einer von
-ihnen unsere Erde ist; und um diese Planeten schwingen ganz gewiß
-Ringe und Monde wie um Erde, Mars und Saturn. So erhebt uns
-die Kenntnis der Algolsterne abermals um eine Stufe auf der Leiter
-der Milchstraßenerforschung. Blicken wir empor zu den Sternen,<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-die uns zu Häupten glühen und die zu Myriaden zusammengedrängt
-den Schimmer der Milchstraße zu uns niedersenden &ndash; jeder einzelne
-von ihnen ist eine Sonne, umkreist von Trabanten, eine Welt von
-Planeten und Monden, von denselben Kräften, denselben Gesetzen
-beherrscht wie unsere, und so weitet sich uns der Anblick des sternbesäten
-Firmaments zu einem Gedanken von überwältigender Größe
-und Erhabenheit, während andererseits vor dem geistigen Auge des
-Weltbetrachters unser groß-gewaltiges harmonisches Sonnensystem
-mit all seinem Reichtum an Licht, Farben, Körpern und Leben abermals
-schrumpft, zusammenschrumpft zu einem Pünktchen im All,
-einem Lichtfünkchen in dem großen leuchtenden Sonnenkranz der
-Milchstraße.</p>
-
-<p>Auf allen Lippen schwebt an dieser Stelle eine Frage: sind diese
-Welten auch bewohnt wie unsere? Wir wissen es nicht. Wie könnten
-wir auch aus diesen Weiten, in denen ganze Welten Punkte werden,
-ein Lebenszeichen erwarten? Aber es gibt ein höheres als das
-verstandesmäßige Wissen, das uns Instrument und Zahlenreihe vermitteln,
-das ist der Gedankenschluß der Vernunft. Dieselbe Vernunft,
-die Demokrit und Giordano Bruno, Wright, Kant und Lambert
-geleitet und ihrem Seherauge die Welt in jenem Lichte offenbarte,
-in dem sie sich Jahrhunderte später unseren Instrumenten
-enthüllte, dieselbe Vernunft läßt uns mit Giordano Bruno schwören,
-daß es unzählige bewohnte Welten gibt. Anzunehmen, daß unsere
-Erde, dieses dunkle unsichtbare Sonnenstäubchen, dieses Nichts im
-System der Milchstraße einzig und allein belebt sei, während jene
-100 Millionen andere Sonnensysteme, jene Milliarden andere Planeten
-der Milchstraße, die alle aus den gleichen Stoffen und in den
-gleichen Größen wie unsere Welt gebaut sind, von denselben Kräften
-und denselben Gesetzen gelenkt werden wie diese, unter den gleichen
-Bedingungen sich entwickeln, daß alle diese tot und öde wären, zu
-nichts und abernichts kreisten, als allein um unsere Nacht zu
-schmücken, dieses anzunehmen, verlangte einen Mut, den man nur
-als Hochmut bezeichnen kann. Der Schimmelpilz, der in einem
-dunklen Honigtopfe wuchert und sich für das einzig lebende Wesen
-auf der Erde erklärt, ist weniger anmaßend als der Mensch, der sich
-zum Alleinbewohner des Universums proklamiert. Was nützen uns
-alle Wissenschaften, was alle Zahlen mit 10 Nullen, alle Teleskope
-mit ihren Schrauben und Hebeln, alle Kenntnisse des Weltenbaues,<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-wenn wir nichts <em class="gesperrt">lernen</em>!? Kopernikus und Kepler, Newton und
-Herschel hätten umsonst gelebt, wenn wir uns in dieser höchsten aller
-Fragen, in der Lebensfrage zurückbegäben auf den geistigen Standpunkt
-des Ptolemäus, der das Weltall um die Erde kreisen läßt.
-Hüten wir uns, daß wir nicht groß sind in Taten und klein in Gedanken.
-Kühn wie das Fernrohr und zielsicher wie die Rechnung
-des Astronomen sei unser Geist und füge sich den Wundern, die die
-Wissenschaft entdeckt: wenn die Sonne ein Stern ist unter Legionen
-von Sternen gleicher Art, unser System eine Welt unter ungezählten
-Schwesterwelten, die Erde ein Planet unter Milliarden ähnlicher Planeten,
-dann sind auch wir ein Volk unter Völkern, eine Blüte am
-großen Stamm des Lebens, der sich durch den Sonnengarten des
-Universums rankt.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Aus allewigem Grün des Frühlings steigt der Lebensbaum empor;<br /></span>
-<span class="i0">Milchstraß' und Plejaden reichen diesem Baum zur Leiter nicht.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Wenn die Milchstraße wirklich ein großes Sternsystem darstellt,
-in dem die Schwerkraft wirkt, müssen sich alle Glieder dieses Systems
-gegenseitig anziehen &ndash; und bewegen. Dann können die Gestirne
-keine Fixsterne, Haftsterne sein, angeheftet an das Himmelsdach wie
-die Glühbirnen an die Decken unserer Zimmer, sondern müssen
-Sonnen sein, die im Raume schweben wie die unsere und der Schwerkraft
-unterliegen, sich in Bahnen bewegen wie Planeten, Planeten
-jenes einzig wahren großen Sonnensystems, dessen Sternenfülle uns
-als Milchstraßengürtel nächtlich umschimmert.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb09">
-<img src="images/abb09.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 9. Der große Wagen vor 50&nbsp;000 Jahren, heute und in 50&nbsp;000 Jahren.</div>
-</div>
-
-<p>Als im Jahre 1718 der berühmte Kometenberechner Halley die
-Sternkarten seiner Zeit mit denen des Altertums verglich, bemerkte
-er, daß der Stern Aldebaran sich um ⅕, Arktur um 1½ und Sirius
-sogar um 2 Vollmondbreiten von ihrem Standpunkt vor ungefähr
-2000 Jahren entfernt haben müßten. Diese erste Bemerkung von
-Sternortsveränderungen wurde später durch mehrere Forscher bestätigt.
-Die Sterne sind kein »festgenagelt unbeweglich Heer«, sondern
-bewegen sich. Natürlich ist diese Sternbewegung nicht unmittelbar
-zu verfolgen. Die kurze Spanne eines Menschenlebens von
-70 Jahren reicht nicht aus, die Ortsveränderungen eines Sternes zu
-bemerken, so wenig 70 Sekunden genügen, um die Bewegung eines
-Schiffes am Horizont festzustellen, selbst wenn es in voller Fahrt
-dahinsegelt. Wenn Aristoteles aus seinem Todesschlaf erstünde und
-den Himmel anschaute, würde er an seinem falschen Lehrsatz von der<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span>
-ewigen Unveränderlichkeit des Himmels festhalten. Das Bild des
-Orion, die Plejaden und der Große Bär würden ihm in derselben
-Stellung erscheinen, die er vor 20 Jahrhunderten sich einprägte.
-Würde er dagegen den Himmel nach 20 Jahrtausenden wieder erblicken,
-so böte sich ihm ein völlig verändertes Bild, und der große
-Forscher des Altertums würde des Satzes belehrt, den wir mit unseren
-Instrumenten als unwiderlegliche Tatsache erkannt haben: <em class="gesperrt">alle
-Sterne bewegen sich</em>. Der große Himmelswagen konnte ebensowenig
-vor 50&nbsp;000 Jahren in der Urzeit als ein Wagen gelten wie
-nach 50&nbsp;000 Jahren in der Zukunft, denn seine Sterne streben gruppenweise
-in verschiedener Richtung auseinander (<a href="#abb09">Abb. 9</a>). Der Sirius
-bewegt sich in je 1500 Jahren um eine scheinbare Vollmondsbreite
-von seinem Standort und würde demnach in 1 Million Jahren den
-ganzen Himmel umkreist haben. Die größte im Bild festgehaltene
-Sternverschiebung zeigt der Stern 1830, der sich zwischen den Jahren
-1800 und 1900 um ¼&nbsp;Vollmondsbreite gegen das benachbarte
-Sternenpaar verschoben hat (<a href="#abb10">Abb. 10</a>). Als man die Sterne in der
-Umgebung dieses Objektes untersuchte, stellte man eine auffallend
-ähnlich starke Eigenbewegung an den beiden benachbarten Sternen
-21&nbsp;258 und 21&nbsp;185 fest. Man verfolgte die Richtungen, aus denen
-diese drei schnellfliegenden Sterne kommen, und fand zur großen
-Überraschung, daß sie von einem gemeinsamen Punkt nach verschiedenen
-Seiten auseinanderstreben wie die Splitter einer explodierten
-Granate. Sind sie vielleicht Weltensplitter einer Sonnenexplosion?</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb10">
-<img src="images/abb10.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 10. Ortsverschiebung des Sternes 1830 zwischen den Jahren 1800 und 1900.</div>
-</div>
-
-<p>Wir wissen es nicht. Aber wir sehen hier drei Weltkörper in
-einer Bewegung, die mit größter Wahrscheinlichkeit <em class="gesperrt">eine</em> treibende
-Ursache besitzt. Wir sehen hier drei Sterne in einer offenbaren
-<em class="gesperrt">Gruppenbewegung</em>. Diese Beobachtungen regten die Forscher
-an, auch die Sonnen der großen Sterngruppen Plejaden*, Hyaden*,
-Haar der Berenice* auf ihre Eigenbewegung zu untersuchen. Wie<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-erstaunt war man, als man in der Tat an diesen großen Sterngruppen
-einheitliche Bewegungen entdeckte! Die fünf mittleren Hauptsterne
-des Großen Bären bilden nicht nur eine scheinbare, sondern
-tatsächlich zusammengehörige »Bärenfamilie«. Ihre durchschnittliche
-Entfernung von uns beträgt 6 Millionen Sonnenweiten
-= 100 Lichtjahre. Auch untereinander ist ihr Abstand trotz
-ihrer Zusammengehörigkeit noch gewaltig. Der äußerste Stern Merak
-in der rechten unteren Ecke des Vierecks ist von Mizar in der
-Deichsel viermal weiter als der Sirius von uns entfernt, und das
-Licht braucht zum Durcheilen dieser Strecke 30 Jahre. Trotzdem
-verraten diese Sterne durch Übereinstimmung ihrer Entfernung,
-Größe, Farbe, Temperatur, stofflichen Beschaffenheit und Bewegung
-ihre unzweifelhafte Zusammengehörigkeit. Sie bewegen sich sämtlich
-mit der gleichen Geschwindigkeit in der Richtung auf den Stern Wega*
-in der Leier und legen auf diesem Sonnenlauf jährlich 600 Millionen
-Kilometer zurück. Weniger schwer als bei dieser ausgedehnten Sternfamilie
-läßt sich die Zusammengehörigkeit jener eng gedrängten
-Sonnen verstehen, die wir als die bekannten Sternhaufen Plejaden,
-Krippe und Hyaden am Himmel erblicken. 45 von den 150
-helleren Sternen der Plejaden* besitzen neben gemeinsamer Entfernung,
-Größe, Temperatur und Stoffbeschaffenheit eine gemeinsame
-Eigenbewegung, an der sich von den mit bloßem Auge sichtbaren
-Sternen Elektra, Atlas und das Alkyonesystem beteiligen. Fast noch
-auffälliger ist die gemeinsame Bewegung der benachbarten Hyadengruppe<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-im Stier rings um den Hauptstern Aldebaran. Ihre Entfernung
-von uns beträgt ungefähr 120 Lichtjahre. Zeichnet man die
-Bewegung dieser Sterne auf, so laufen alle Richtungslinien in einem
-Punkt des Fuhrmanns zusammen (<a href="#abb11">Abb. 11</a>). Eilen diese Sterne
-unaufhaltsam einer Katastrophe entgegen? Werden sie eines Tages
-an diesem Punkt zusammenprallen und das Firmament durch einen
-ungeheuren Weltbrand entflammen? Nein. Diese Sterne entfernen
-sich von uns und laufen auf diesem Wege parallel nebeneinander her
-wie die Gleise einer Eisenbahn, und wie die Schienen scheinbar in
-der Ferne zusammenlaufen, während sie in Wahrheit in immer
-gleichem Abstand bleiben, so scheinen die Hyaden auf ihrem Lauf in
-die Himmelstiefe zusammenzuströmen, während sie in der Tat nur
-in einer Richtung nebeneinander eilen. Um 40 <em class="antiqua">km</em> entfernen sie sich
-in jeder Sekunde von uns, enger und enger für unsere Blicke zusammenströmend
-wie die roten Lichter eines enteilenden Zuges. In
-50&nbsp;000 Jahren haben sie sich um die Länge der eingezeichneten Pfeile
-bewegt, in 50 Millionen Jahren ist die ausgedehnte Gruppe für uns
-in der Weltraumferne zusammengeschrumpft zu einem winzigen
-Haufen, in dem nur das Fernrohr kleinste Sterne 10. Größe wahrnimmt
-&ndash; für immer verschwunden wie ein Zug von Vögeln, der sich
-im Blau der Ferne als Punkt verliert. Nicht sehr fern von den
-Hyaden steht eine Sterngruppe, Praesepe oder Krippe* genannt.
-Zehn Sterne dieser Gruppe stimmen in der Richtung ihrer Bewegung,<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-in ihrer Schnelligkeit, ihrer physischen Beschaffenheit, Temperatur
-und Größe so vollkommen mit den Hyadensternen überein, daß an
-einer inneren Verwandtschaft zwischen den Sternen dieser beiden
-Gruppen wohl kaum ein Zweifel bestehen kann. Leider gestattet die
-Lückenhaftigkeit unserer Kenntnisse uns heute noch nicht einmal eine
-Wahrscheinlichkeitshypothese über das Wesen der Verwandtschaft
-zwischen diesen beiden hervorragenden Sternfamilien.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb11">
-<img src="images/abb11.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 11. Gruppenbewegung der Hyaden. Die Länge der Pfeile gibt die Ortsveränderung
-in 50&nbsp;000 Jahren an.</div>
-</div>
-
-<p>Diese Gruppenbewegungen der Sterne offenbaren uns ein neues
-Prinzip in der Mechanik der Milchstraße: <em class="gesperrt">es herrscht Ordnung
-im Milchstraßensystem und in den Bewegungen seiner
-Sonnen</em>. Die Sterne sind nicht regellos wie der Sand am Meer
-verstreut, die Schwerkraft treibt sie nicht wahllos durch den weiten
-Plan. Sie sind geordnet zu Paaren und Familien, sie bewegen sich
-in Gruppen und Zügen, wie Zugvögel fliegen sie durch das All. Angesichts
-dieser Gruppenbewegungen fühlen wir das Wirken sonnenordnender
-Mächte und weltbeherrschender Gesetze, uns durchweht
-ein Ahnen vom »Kosmos«, vom großen Schmuck des Alls, von der
-Weltenordnung des Universums. Aber die Grenzen dieses Wissens
-und Gefühls sind beschränkt. Alle jene Sterne, deren Gruppenbewegung
-wir verfolgt, sind unsere Nachbarwelten, sind Glieder jenes
-kleinen im Ring der Milchstraße verschwindend kleinen Haufens,
-in dessen Mitte unsere Sonne sich befindet. Was wir über die Bewegung
-dieser helleren Sterne erfahren, betrifft immer nur das Leben
-dieser kleinen Sternenfamilie von einigen hundert Sternen und nicht
-den großen millionenzähligen Sonnenstrom der Milchstraße. Um die
-allgemeine Sternbewegung im System der Milchstraße zu ergründen,
-müßten wir die Ortsverschiebung all jener unzähligen kleinsten und
-feinsten Lichtpünktchen, deren Herschel Tausende auf dem Raum einer
-Vollmondscheibe zählte, erforschen, müßten wir den Sternort jedes
-dieser Sonnenfünkchen, deren Gesamtlicht uns als Milchschimmer
-entgegendämmert, aufs genaueste bestimmen. Ein aussichtsloses
-Unternehmen! Welcher Menschenfleiß könnte diese Scharen bannen?
-Eine Armee von Astronomen müßte dieser Riesenarbeit ihr Leben
-opfern. Ganze Batterien von Teleskopen müßten gegen die Milchstraße
-aufgefahren werden. Und auch dann wäre es unmöglich, sich
-mit Menschensinnen ohne Irren zurechtzufinden in dem Lichtgeflimmer
-dieser dichtgedrängten Legionen. Wer kann die Tropfen zählen,
-die aus Wolken fallen, wer die Flocken berechnen, die im Schneegestöber<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-wirbeln? Der Mensch hätte bedingungslos auf die
-Erfüllung dieses Wunsches verzichten müssen, wenn es ihm nicht
-gelungen wäre, der Erfindung des Fernrohrs, das ihm diese Wunder
-enthüllte, eine zweite hinzuzufügen, die ihm diese Wunder festhielt:
-die <em class="gesperrt">Photographie</em>.</p>
-
-<p>Die photographische Kamera kann man das dritte Auge der
-Menschheit nennen. Sie ist ein echtes Auge. Sie besteht aus einem
-Augenkasten, der wie der menschliche Augapfel schwarz ausgekleidet
-ist, einer Linse wie die menschliche Linse und einer lichtempfindlichen
-Tapete wie die Netzhaut unseres Augenhintergrundes. Genau wie
-das menschliche Auge stellt sich dieses dritte Auge ein auf nah und
-fern. Aber es übertrifft das Menschenauge in der verschiedensten
-Weise. Das menschliche Auge besitzt nur einen Momentverschluß.
-Es nimmt nur Augenblicksbilder von jedem Punkt auf. Bei scharfer
-Einstellung auf einen Punkt ermüdet es nach wenigen Augenblicken
-und liefert nunmehr nur noch verschwommene Bilder. Das photographische
-Auge arbeitet mit Zeitaufnahmen. Es sieht 10 Minuten,
-10 Stunden. Je länger es offen steht, desto mehr sieht es. Es
-blickt 5 Tausendstel Sekunden hin und sieht die 20 hellsten Sterne
-erster Größe. Es blickt 10 Tausendstel Sekunden und sieht die 50
-Sterne 2. Größe. Es schaut 30 Tausendstel Sekunden und erblickt
-200 Sterne 3. Größe. Es öffnet sich 1 Zehntel Sekunde und bannt
-600 Sterne 4. Größe auf seine künstliche Netzhaut. Nach 2 Zehntel
-Sekunden gibt es uns das Bild von 1200 Sternen 5. Größe und
-nach 5 Zehntel Sekunden das von 4000 Sternen 6. Größe. Wir
-sind an die Grenze dessen gelangt, was das menschliche Auge unbewaffnet
-sieht. Eine Sekunde braucht das photographische Auge, um
-die Sterne 7. Größe, 3 Sekunden, um die der 8. Größe, 8 Sekunden,
-um die der 9., 20 Sekunden, um die Sterne 10. und 30 Sekunden,
-um die Sterne 11. Größe, die in der Entfernung von 1000
-Lichtjahren leuchten, festzuhalten. Nach 2 Minuten sieht es alle
-Sterne der 12., nach 5 Minuten alle Sonnen 13. Klasse. In 13 Minuten
-hat es 44 Millionen Sterne 14. Klasse erfaßt, in 33 Minuten
-134 Millionen 15. und in 80 Minuten 400 Millionen Sterne 16.
-Größe. Die drei Bilder der <a href="#abb12">Abb. 12</a> illustrieren die Sehkraft des
-photographischen Auges. Das unbewaffnete Auge sieht an dieser
-Stelle nur den Stern Deneb*. Im Fernrohr nimmt es noch die Sterne
-des oberen Feldes wahr, die photographische Platte erblickt in vier<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-Stunden die Sterne des mittleren und in 13 Stunden die Sterne
-des unteren Feldes.</p>
-
-<p>Da die photographische Platte außerdem im Gegensatz zum
-menschlichen Auge für die unsichtbaren ultravioletten Strahlen sehr
-empfindlich ist, sieht die Camera obscura Tausende von Sternen
-ultravioletter Farbe, die das Menschenauge selbst in phantastisch
-großen Teleskopen nie erblicken könnte.</p>
-
-<p>Das photographische Auge sieht also mehr. Es sieht aber auch
-ohne Fehler. Es fälscht nicht wie der menschliche Sehapparat. Wenn
-ein Astronom einen Sternort bestimmt, muß er das Bild von seiner
-Netzhaut in die Sehsphäre des Großhirns, von hier ins Muskelerregungszentrum
-leiten, von hier durch die Nervenbahnen des
-Rückenmarks in die Handmuskeln schicken, die das Bild des Sternes
-in ein vorgedrucktes Netz eintragen. Wieviel Fehler können und
-müssen sich auf diesem mehrfachen Schaltweg einschleichen? Das
-photographische Auge kennt keine Umschaltung. Es vereinigt
-auf seiner Netzhaut Sehen, Erfassen und Zeichnen. Was es
-sieht, hat es schon erfaßt, und was es erfaßt hat, ist schon in seinem
-Bilde eingezeichnet. Es hält das Bild da fest, wo es physikalisch in
-Wirklichkeit erscheint. Jedes Pünktchen, und sei es das kleinste,
-steht an seiner Stelle und keinen Deut daneben.</p>
-
-<p>Das photographische Auge arbeitet schneller. In einer Stunde
-entwirft es eine Himmelskarte, zu deren Anfertigung ein Astronom
-ein Jahr gebraucht. Während nämlich das menschliche Auge
-zu einer Zeit nur eine Stelle scharf erkennen kann, das menschliche
-Hirn nur eine Ortsbestimmung übernehmen, die menschliche Hand
-nur eine Sternzeichnung ausführen kann, sieht das photographische
-Auge zu gleicher Zeit 1000 Sterne und zeichnet alle 1000 in Sekunden
-auf die Platte ein. Jedes Bromsilberkörnchen in der Gelatineschicht
-einer Platte ist ein Auge, ein Hirn, eine Hand für sich, ist ein
-Mensch, der für uns sieht, denkt und zeichnet, und eine einzige
-unscheinbare gelbe Platte ersetzt die Arbeitskraft einer ganzen Warte.
-Die Photographie hat durch den automatisch technischen Betrieb das
-Maschinentempo in die Himmelsforschung eingeführt.</p>
-
-<p>Das photographische Auge besitzt eine grenzenlose Erinnerung.
-Während der Eindruck eines Bildes auf der menschlichen Netzhaut
-verblaßt, sobald der Lidverschluß sich senkt, und von nun an immer
-mehr verwischt, so daß ein Bild, das nicht sofort übertragen wird,<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-schon nach Minuten für
-alle Zeit verloren ist,
-bewahrt die photographische
-Platte den Eindruck
-des Moments für
-alle Zukunft. Was es
-in der Nacht gesehen,
-enthüllt das photographische
-Auge am Tage,
-was es in den Tropen
-erschaut, erzählt es ohne
-einen Schattenhauch zu
-lügen nach einem Jahr
-in London und Paris.
-Ehedem mußte der
-Astronom in Nacht und
-Kälte an dem Fernrohr
-sitzen, Stern für Stern
-aufsuchen, einstellen, ausmessen,
-berechnen und
-einzeichnen. An einem
-anderen Abend mußte er
-diese Arbeit genau so
-wiederholen, um die Ergebnisse
-zu kontrollieren
-und bei Entdeckung von
-Fehlern zum dritten
-Male ausführen. Und
-heute? Am hellen Tage
-bei Wolkenhimmel und
-Nebelatmosphäre werden
-alle Vorbereitungen für
-eine Sternphotographie
-erledigt. Man erwartet
-die Nacht, prüft den
-Stand des Rohres, ein
-Hebeldruck, das photographische
-Auge öffnet<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-sich, blickt stumm in Finsternis, die Menschenaugen nichts enthüllt,
-stumm schließt es sich &ndash; tausend Sterne sind fixiert.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb12">
-<img src="images/abb12.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 12. Die Gegend des Sternes Deneb, wie sie sich 1. dem
-Auge. 2. der photographischen Platte nach vier Stunden,
-3. nach 13 Stunden offenbart.</div>
-</div>
-
-<p>Nur dem photographischen Auge verdanken wir die Erfüllung
-eines Wunsches, der vor 100 Jahren einem Herschel und selbst vor
-50 noch einem Argelander als märchenhafter Traum erscheinen
-mußte und für die Milchstraßenforschung ein Ereignis ersten Ranges
-bedeutet: die Anfertigung einer Himmelskarte, in der alle Sterne
-bis zu den kleinsten hinab aufs genaueste eingezeichnet sind. Im
-Jahre 1887 trat in Paris ein internationaler Astronomenkongreß
-zusammen, der die Ausführung einer photographischen Himmelskarte
-beschloß. Die Aufgabe, nach festgelegten Grundsätzen mit einem
-bestimmten Instrument den ganzen Himmel photographisch aufzunehmen,
-wurde verteilt unter die Sternwarten Greenwich, Oxford,
-Helsingfors, Potsdam, Paris, San Fernando, Tacubaya, Perth,
-Kapstadt, Sidney, Melbourne, Santiago, Hyderabad, Kordoba und
-La Plata. Jede Sternwarte hatte eine Himmelszone zu photographieren
-und zwar in zwei Serien. Sie hat 1200 Aufnahmen von
-5 Minuten und 1200 von 50 Minuten Belichtungsdauer anzufertigen.
-Die kurzen Aufnahmen, die 400&nbsp;000 Sterne bis zur 11. Größe
-festhalten, werden zu einem Katalog vereinigt, die langen Aufnahmen,
-die über 3 Millionen Sterne fixieren, sind für einen Himmelsatlas
-bestimmt. Jede Platte umfaßt den 10&nbsp;313. Teil des Himmels.
-Dadurch, daß die Ecke jeder folgenden Platte mit dem Mittelpunkt
-der vorhergehenden zusammenfällt, ist jeder Stern auf zwei verschiedenen
-Platten aufzufinden, wodurch vorkommende Plattenfehler
-aufgedeckt und ausgeschaltet werden. Im ganzen werden 40&nbsp;000
-Platten angefertigt, die in Paris gesammelt und mit besonderen Meßapparaten
-ausgemessen werden.</p>
-
-<p>Gerade in unseren Tagen geht dieses Gigantenwerk seiner Vollendung
-entgegen. Nicht das Werk eines Mannes, nicht die Tat
-eines Volkes, nicht die Leistung eines Kontinents, hier wird ein
-Menschheitswerk vollbracht. Länder überbrücken ihre Grenzen,
-Völker reichen sich die Hände, Antipoden grüßen sich. Über den
-Dächern von Paris, in den Ebenen Schottlands, an Spaniens südlichster
-Küste, am Kap der guten Hoffnung, am Abhang des südamerikanischen
-Hochgebirges, auf den Mauern indischer Festen, an
-den Küsten des 5. Erdteils in der Südsee &ndash; überall richten sich die
-Rohre gegen den Himmel, öffnen sich die stummen Augen der Camera<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-obscura, und ihr Blick bannt auf die gläserne Netzhaut für alle Zeit
-das Bild der Sterne, wie es sich der Menschheit um die Wende des
-20. Jahrhunderts darbot. Schon der Geist, der über diesem internationalen
-Friedenswerke liegt, ist erhebend, und um seinetwillen <span id="corr047">ist es</span>
-die Mühe wert. Menschen, die sich nie gesehen, nie voneinander
-gehört, ihre Sprache nicht verstehen, einen sich zu gemeinsamem
-Tun, dienen einer Idee; widmen ihre Arbeitskraft, ihre Lebensideale
-einem Werk, an das sich nie der Name derer knüpft, die es
-verwirklicht, von dem die Schaffer nicht einmal den Lohn genießen
-werden. Denn die photographische Himmelskarte ist ein Werk der
-Zukunft. Die Astronomen, die heute den Himmel photographieren,
-handeln selbstlos wie jener Greis, der Bäume pflanzte, damit die Enkel
-Schatten und Früchte genießen. Sie selbst pflücken nicht die Früchte
-ihrer Arbeit. Aber die Saat, die sie ausstreuen, verheißt den Enkeln
-eine reiche Ernte. In 50 Jahren nämlich wird man die photographische
-Himmelskarte wiederholen, und dann wird jede noch so
-geringe Verschiebung auch der kleinsten und letzten Sternchen aufs
-genaueste festgestellt werden. Nach der Neuauflage der internationalen
-Himmelskarte in einem halben Jahrhundert wird man die
-Eigenbewegungen nicht von hundert, sondern von 100&nbsp;000 Sternen
-feststellen können, und einen, wenn auch infolge der kurzen Zeitspanne
-nur allgemeinen, so doch umfassenden Einblick in das Wesen
-der Sternbewegungen innerhalb der Milchstraße gewinnen.</p>
-
-<p>Bei aller Großartigkeit gibt uns die photographische Maßmethode
-doch nur ein einseitiges Bild von den Bewegungen im Weltall.
-Sie unterrichtet uns nur über die seitlichen Verschiebungen der
-Sterne in der Bildfläche, über die Sternbewegungen in der Bildtiefe,
-in der Blickrichtung gibt sie uns keinen Aufschluß. Der einfache
-Verstand kann sich keine einzige Methode ausdenken, die uns
-über die Annäherung oder die Entfernung der Sterne Aufschluß zu
-geben vermöchte. Jeder dieser Sterne ist ein Pünktchen, seit Jahrtausenden
-unverändert, und er müßte um ein Zehntel, um ein
-Viertel, um die Hälfte seines ungeheuren Abstandes näher oder
-weiter rücken, müßte also in viel tausend Jahren phantastisch große
-Strecken zurücklegen, ehe wir an der Zu- oder Abnahme seiner
-Helligkeit die Richtung seiner Bewegung erkennen könnten. Und
-wenn wir selbst durch irgendeinen wunderbaren Apparat die Richtung
-dieser Bewegung in kurzer Zeit feststellen, könnten wir jemals<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-hoffen, die Geschwindigkeit dieser Bewegung zu erfahren? Könnten
-wir nicht eher glauben, daß die Träume Jules Vernes von der
-Mondfahrt und der Reise ins Zentrum der Erde Wahrheit würden,
-als daß wir sagen können, der Sirius nähert sich uns in jeder
-Sekunde um 7 <em class="antiqua">km</em>, Aldebaran dagegen entfernt sich von der Erde
-mit einer Sekundeneile von 50 <em class="antiqua">km</em>? Müßten dazu nicht Märchen
-Wahrheit werden?</p>
-
-<p>Diese Märchen sind Wahrheit geworden. Zwar kümmert sich
-die große Welt nicht um diese Wunder, weiß nichts von ihnen.
-Seit jeher war es so der Lauf der Dinge, daß Marktgeschrei und
-Tagessensation die Menschen locken. Vor einem neuen Gauklertrick
-jauchzt das Parterre, vor einem neuen Lichteffekt staut sich die
-Menge, ein neuer Sportrekord begeistert das Publikum, und das
-Wunder sucht man in Bühnenromantik und am Spiritistentisch. Einen
-altrömischen König nicht zu kennen, die Jahreszahl eines Kreuzzuges
-nicht zu wissen, den Roman des neuesten Tagesdichters nicht
-gelesen zu haben, schämt sich der »Gebildete«. Aber am wahren
-Wissen, an den wahren Wundern geht die Welt vorüber. Denn
-die wahren Wunder sind stumm und bescheiden.</p>
-
-<p>Das Fernrohr ist die künstliche Linse, die photographische Platte
-die künstliche Netzhaut der Menschheit. Sie sind nichts anderes als
-Verbesserungen unseres natürlichen Sehapparates. Sie erschließen
-uns nichts neues, unbekanntes, sondern verstärken nur die beiden
-Grundfähigkeiten unseres Auges: mit der Linse Licht zu sammeln
-und ein Bild zu entwerfen, mit der Netzhaut dieses Bild aufzunehmen
-und festzuhalten. Das dritte Instrument des Astronomen aber
-bereichert uns um eine ganz neue Anschauungsmöglichkeit, es schenkt
-uns ein neues Organ, gleichsam einen sechsten Sinn. Es eröffnet uns
-eine ganz neue Welt, sozusagen eine vierte Dimension. Dieses neue
-Weltbetrachtungsorgan ist das <em class="gesperrt">Prisma</em>.</p>
-
-<p>Jeder kennt das Prisma oder den Dreikant. Zu Dutzenden
-hängt es an den alten Kronleuchtern und hat uns schon als Kind
-Freude gemacht durch die Buntheit seiner Lichter. Jede geschliffene
-Spiegelkante ist ein Prisma. Der Kristallschliff unserer Vasen und
-Schalen zerlegt die glatte Glasfläche in lauter kleine Prismen. Jeder
-Diamant ist in seinem Schliff ein vielfaches Prisma.</p>
-
-<p>Das Prisma ist das Gegenteil der Linse. Die Linse ist rund,
-glatt und strebt nach Breite und Wölbung. Das Prisma ist eben,<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-eckig und strebt nach Kante und Spitze. Die Linse sammelt das
-Licht zu einem Punkt, das Prisma breitet es aus zu einem Band.
-Wenn man den Lichtstrahl mit einem Zentimeterband vergleicht, so
-kann man sagen: die Linse rollt dieses Band zusammen, das Prisma
-rollt es auseinander. Diese Fähigkeit des Prismas, Lichtbündel
-bandartig zu entfalten, ist den Organismen fremd. Wenn es Menschen
-gäbe, die Fernrohrlinsen in den Augen und photographische
-Platten als Netzhaut trügen, so würden sie die Welt genau so sehen
-wie wir. Wenn es aber Menschen gäbe mit Prismen statt Linsen
-im Auge, so würden sie ein völlig neues Bild der Welt erhalten.
-Sie würden alle Dinge statt verkleinert und zu Bildern zusammengedrängt,
-auseinandergezerrt und zu bunten Bändern entfächert
-sehen. Welch anderes und doch auch wiederum naturgetreue Bild
-würden jene Wesen mit Prismenaugen von der Welt erhalten! Wie
-anders würden sie die Welt erforschen und beurteilen!</p>
-
-<p>Da wir von Natur aus nicht gewohnt sind, mit Prismen statt
-mit Linsen zu sehen, so sind uns seine Eigenschaften nicht so vertraut
-und ohne gewisse Vorkenntnisse über die Natur des Lichtes
-nicht verständlich. Das Licht fassen wir als eine Wellenbewegung
-des Weltäthers auf. Der Weltäther ist ein unendlich feiner Stoff
-mit einzigartigen Eigenschaften, der das ganze Weltall von den
-kleinsten Zwischenräumen zwischen den einzelnen Atomen bis
-zu den Räumen zwischen den Sternen ausfüllt. Entsprechend seiner
-Feinheit &ndash; er soll 15 Trillionen mal leichter sein als die Luft, &ndash;
-pflanzen sich die Wellen dieses Äthers unvorstellbar schnell fort,
-und zwar mit der Geschwindigkeit von 300&nbsp;000 <em class="antiqua">km</em> in der Sekunde.
-Aber nicht alle Lichtwellen sind gleich lang. So wie ein großer
-Dampfer größere Wasserwellen von sich wirft als ein kleiner, wie
-eine Kanone größere Luftwellen aussendet als eine Pistole, so senden
-die schwingenden Moleküle und Atome je nach ihrer Größe Ätherwellen
-von verschiedener Länge aus. Die Röntgenröhre erzeugt
-Ätherwellen von ein Zehnmilliontstel <em class="antiqua">mm</em>, die Röntgenstrahlen, die
-infolge ihrer Kleinheit die meisten Stoffe durchdringen. Der Telefunkenapparat
-entsendet Ätherwellen von 5 <em class="antiqua">km</em> Länge, die infolge
-ihrer Größe über den ganzen Erdball schwingen. Da alle Ätherwellen
-unabhängig von ihrer Länge in der Sekunde 300&nbsp;000 <em class="antiqua">km</em>
-zurücklegen, schwingen die langen in der Sekunde nicht so häufig
-wie die kurzen, so wie ein Mensch mit langen Beinen nicht so viel<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-Schritte zu machen braucht wie ein ebenso schnell laufender mit kurzen
-Beinen. Es folgen sich in der Sekunde nur 60&nbsp;000 telegraphische
-Wellen, dagegen viele Tausend Billionen Röntgenwellen. Wir können
-nur einen ganz bestimmten Teil von Ätherwellen direkt wahrnehmen.
-Wir empfinden nur Ätherwellen zwischen 100 und 1000 Billionen
-Schwingungen in der Sekunde, die erste Hälfte davon als Wärme,
-die zweite Hälfte davon als Licht, und zwar als</p>
-
-<table summary="Wellenlängen">
-<tr>
-<td>rot</td><td class="tdc">Ätherwellen</td>
- <td class="tdc">von</td><td class="tdr">700</td><td class="tdc">millionstel</td><td class="tdc"><em class="antiqua">mm</em></td><td class="tdc">Länge</td>
- <td class="tdc">mit</td><td class="tdr">450</td><td class="tdc">Billionen</td><td class="tdc">Wellen</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>orange</td><td class="tdc">"</td>
- <td class="tdc">"</td><td class="tdr">600</td><td class="tdc">"</td><td class="tdc">"</td><td class="tdc">"</td>
- <td class="tdc">"</td><td class="tdr">500</td><td class="tdc">"</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>gelb</td><td class="tdc">"</td>
- <td class="tdc">"</td><td class="tdr">550</td><td class="tdc">"</td><td class="tdc">"</td><td class="tdc">"</td>
- <td class="tdc">"</td><td class="tdr">550</td><td class="tdc">"</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>grün</td><td class="tdc">"</td>
- <td class="tdc">"</td><td class="tdr">500</td><td class="tdc">"</td><td class="tdc">"</td><td class="tdc">"</td>
- <td class="tdc">"</td><td class="tdr">600</td><td class="tdc">"</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>blau</td><td class="tdc">"</td>
- <td class="tdc">"</td><td class="tdr">475</td><td class="tdc">"</td><td class="tdc">"</td><td class="tdc">"</td>
- <td class="tdc">"</td><td class="tdr">650</td><td class="tdc">"</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>indigo</td><td class="tdc">"</td>
- <td class="tdc">"</td><td class="tdr">425</td><td class="tdc">"</td><td class="tdc">"</td><td class="tdc">"</td>
- <td class="tdc">"</td><td class="tdr">700</td><td class="tdc">"</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>violett</td><td class="tdc">"</td>
- <td class="tdc">"</td><td class="tdr">400</td><td class="tdc">"</td><td class="tdc">"</td><td class="tdc">"</td>
- <td class="tdc">"</td><td class="tdr">775</td><td class="tdc">"</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-</table>
-
-<p>Diese Ätherwellen werden von den schwingenden Atomen und Molekülen
-der leuchtenden Körper erzeugt. Die schwingenden Atome
-eines glühenden Sternes schlagen den Weltäther, wie Mühlräder
-oder Schiffsschaufeln Wasser in Wellen von sich schlagen. Diese
-Wellen pflanzen sich im Weltäther des Weltraumes fort, gelangen
-in unsere Atmosphäre, und wir empfinden sie als das Licht des
-Sternes. Von der Geschwindigkeit der Atomumdrehungen, von der
-Zahl und Länge der Wellen hängt die Farbe eines Körpers ab.
-Schwingt eine Atomart z. B. das Natriumatom allein in ungestörtem
-Rhythmus, so erzeugt sie eine Ätherwellenart von bestimmter Größe
-und Zahl und zwar 550 Billionen in der Sekunde, also gelb erscheinende
-Wellen. Natriumlicht ist gelb. Die Ätherwelle der Kaliumatome
-erscheint rot, der Indiumatome blau usf. Schwingen dagegen
-die Atome verschiedener Stoffe mit verschiedenem Rhythmus durcheinander,
-so laufen diese verschiedenen Ätherwellen neben- und durcheinander
-her, und es entsteht kein reiner Rhythmus, keine reine
-Farbe, sondern ein Gemisch von verschiedenen Farben: weiß. Das
-weiße Licht ist gemischtes Licht und verhält sich zu den einzelnen Farben
-wie ein vielstimmiges Geräusch zu den einzelnen Tönen. Die
-Sterne senden gemischtes Licht aus. Treffen Ätherwellen nun ein
-Prisma, so werden sie von diesem abgelenkt, weil das Glas des Prismas
-für Ätherwellen ein ähnliches Hindernis bildet wie etwa ein Wehr
-für Wasserwellen oder ein Sandhaufen für einen Fußgänger. Aber
-das Prisma hält nicht alle Ätherwellen gleichmäßig auf, sondern lenkt<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-natürlich die großen und kräftigen Ätherwellen weniger ab als
-die kleinen und schwachen, wie eine Klippe im Meer die großen
-Wellen weniger stört als die kleinen. Kommt also ein schmales
-Bündel Sternenlicht, das alle Wellenarten enthält, durch ein Prisma,
-so lenkt dieses die einzelnen Wellenarten nach ihrer Länge geordnet,
-die längsten roten am wenigsten, die kürzesten violetten am stärksten
-von ihrem Wege ab und breitet so das weiße Lichtbündel, in dem
-alle diese Strahlen zusammenlaufen zu einem Band auseinander, in
-dem die einzelnen Wellenarten, d. h. Farben nach Wellenlänge sortiert
-nebeneinander erscheinen. Solch ein Farbenband, das die Farben
-rot, orange, gelb, grün, blau, indigo, violett nebeneinander enthält,
-nennt man Spektrum (<a href="#abb13">Abb. 13</a>). Über einem solchen Spektrum,
-das jedermann vom Anblick des Regenbogens kennt, kann man
-eine Skala anbringen, die die Anzahl der Ätherwellen an den einzelnen
-Punkten des Spektrums anzeigt. Am roten Ende steht dann
-die Zahl 450 (Billionen), über dem orange 500, an der Grenze
-zwischen grün und blau 600, am violetten Ende die Zahl 800. Man
-weiß dann, an dem Teilstrich 800 des Spektrums treffen in der
-Sekunde 800 Billionen Ätherwellen ein, die die Farbenempfindung
-violett in uns hervorrufen, an dem Teilstrich&nbsp;500 500&nbsp;Billionen Wellen,
-die orangefarben erscheinen.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb13">
-<img src="images/abb13.png" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 13. Entstehung eines Spektrums bei Durchgang eines
-Lichtbündels durch ein Prisma.</div>
-</div>
-
-<p>Bewegt sich nun eine Lichtquelle mit großer Geschwindigkeit
-auf uns zu, so treffen uns natürlich in der Sekunde mehr Ätherwellen,
-entfernt sie sich von uns, so nimmt die Zahl der Wellen in
-der Sekunde ab. Steht ein Stern im Raum still, und entrollen wir
-durch ein Prisma sein Licht zu einem Spektrum, so werden an dem
-Teilstrich 600 unserer Skala in der Sekunde 600 Billionen Wellen in
-der Sekunde eintreffen. Es wird hier die Grenze zwischen grün und<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-blau liegen. Nähert sich uns dieser Stern mit einer gewissen Geschwindigkeit,
-so treffen statt 600 Billionen 650 Billionen Ätherwellen
-ein, diese Stelle des Spektrums erscheint blau. Entfernt
-sich dieser Stern, so kommen nur 550 Billionen Ätherwellen in der
-Sekunde an und diese Stelle erscheint grün. Genau so ändert sich
-natürlich das Spektrum in allen seinen anderen Teilen. Bei Annäherung
-der Lichtquelle wandelt sich das Rot in Orange, das Gelb
-in Grün, das Blau in Indigo und dieses in Violett um. Bei Annäherung
-der Lichtquelle verschiebt sich das ganze Spektrum im
-Vergleich zum Farbenband eines ruhenden Körpers nach der Seite
-des Violett, bei Entfernung der Lichtquelle verschiebt es sich umgekehrt
-nach dem roten Ende. Aus der Größe dieser Verschiebung,
-die in Wahrheit natürlich nur mikroskopisch wahrnehmbar ist, läßt
-sich die Geschwindigkeit selbst der fernsten Sterne bis auf ½&nbsp;<em class="antiqua">km</em>
-Genauigkeit für die Sekundenbewegung in der Blickrichtung bestimmen
-(<a href="#abb14">Abb. 14</a>).</p>
-
-<p>Die Anwendung dieser einfach erscheinenden Methode ist in der
-Praxis äußerst kompliziert. Das Prisma wird in einen Apparat
-eingebaut, den man Spektroskop nennt. Dieser wird an ein Fernrohr
-angeschlossen. Um das winzige Spektrum breit auseinanderzuziehen,
-schaltet man eine ganze Reihe von Prismen hintereinander,
-von denen jedes folgende das Spektrum des vorhergehenden
-wieder verbreitert. In neuester Zeit verwendet man an Stelle der
-Prismen die wirkungsvolleren Beugungsgitter, Spiegel mit feinsten
-eingeschliffenen Querstrichen, die so eng zusammenstehen, daß 600
-von ihnen zwischen 2 Millimeterstrichen nebeneinander laufen. Diese
-Rowlandschen Konkavgitter stellen sozusagen Tausende kleinster
-Prismen nebeneinander vor. Das Spektrum wird nicht mit dem
-Auge betrachtet, sondern photographiert. Das photographische Spektroskop
-nennt man Spektrograph. Die Photographie wird mit
-besonders eingerichteten Mikroskopen durchmustert. Neben der
-Genauigkeit und Arbeitsersparnis deckt die Photographie, da das
-Bromsilber für die unsichtbaren ultravioletten Strahlen sehr empfindlich
-ist, noch jene ultravioletten Teile des Spektrums jenseits
-des violetten Endes auf, die das Auge nicht mehr wahrnimmt. Dagegen
-ist die photographische Platte für die langwelligen unsichtbaren
-ultraroten Strahlen jenseits des roten Spektralendes nicht empfindlich.
-Aber diese Strahlen erzeugen weit über die Grenze der Sichtbarkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-hinaus noch Wärme. Diese Wärme wird mit einem thermoelektrischen
-Apparat des Amerikaners Langley gemessen, dem Bolometer.
-Dieser Apparat registriert Temperaturunterschiede von ein
-Zehnmillionstel Grad Celsius. Also während ein gewöhnliches Thermometer
-um einen einzigen Grad ohne Zwischenstufe steigt, kann
-das Bolometer auf dieser Strecke an 10 Millionen verschiedenen
-Punkten haltmachen. Ja, selbst Schwankungen von ein Hundertmillionstel
-Grad ergeben am Bolometer noch einen nachweisbaren
-Ausschlag des Zeigers. Das Bolometer hat »im dunklen Reich des
-Lichts« Entdeckungen gemacht, wie sie in ähnlicher Feinheit selbst
-Auge und Photographie im sichtbaren Teile des Spektrums nicht
-erreichen können. Mit dem Bolometer erwies sich der unsichtbare
-Teil des Spektrums jenseits des Rot um 20mal länger als der sichtbare!
-Mit Hilfe dieser »Spektroskopie« kann man die Bewegungsgeschwindigkeit
-der Sterne auf uns zu und von uns weg aufs
-genaueste berechnen. Die Fehlergröße beträgt selbst bei Sternen, die
-100 Lichtjahre von uns entfernt sind, noch nicht 1 <em class="antiqua">km</em>. Man bedenke:
-wir sehen über uns am Himmelsgrund kleine Pünktchen,
-die sich selbst im größten Fernrohr nicht verändern. Seit Menschengedenken
-stehen diese Pünktchen angeheftet an ihrem Himmelsplatz
-wie aufgehängte Lampen. Wir wissen nun nicht nur, daß diese
-Pünktchen Sonnen sind wie unsere <span id="corr053">Sonne</span>, daß sie 100 Lichtjahre
-von uns entfernt sind, von Planeten umkreist werden wie unsere
-Sonne, nein, wir richten unser Rohr auf solch einen Punkt, stellen
-einen Prismenapparat an sein Okular und schrauben an das untere
-Ende eine photographische Kamera. Wir öffnen den Lichtschlitz,
-schließen ihn nach einer Weile wieder, gehen mit einer verschlossenen<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span>
-Kassette in ein Dunkelzimmer, tauchen eine gelbe Glasplatte in
-ein Bad, legen sie unter ein Mikroskop und sagen: diese Sonne in
-100 Lichtjahren Entfernung bewegt sich auf uns zu mit einer Sekundengeschwindigkeit
-von 23 <em class="antiqua">km</em>. Wir sind bereit zu schwören, daß
-es nicht 30 und nicht 20 sind, sondern 23. Ist der Mensch nicht
-auch ein Wunder, den größten Wundern des Weltalls ebenbürtig?</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb14">
-<img src="images/abb14.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 14. Verschiebung der Spektrallinien eines Sternes bei (oben) 38, (unten) 72 <em class="antiqua">km</em> Entfernung
-in der Sekunde. Man erkennt deutlich, wie die Linien gegen das Spektrum des ruhenden
-Eisens (die weißen Linien an den Rändern) nach rechts verschoben sind.</div>
-</div>
-
-<p>Die spektroskopischen Untersuchungen haben auch bei diesen
-Sternbewegungen die Einheit des Milchstraßensystem glänzend bewiesen.
-Sämtliche Sterngeschwindigkeiten schwanken innerhalb
-kleiner Grenzen. Es gibt im System der Milchstraße keine gesetzlosen
-Ausnahmen. Phantastische Sonnengeschwindigkeiten, die etwa der
-Lichteile gleichkommen, sind in ihm ebensowenig zu finden wie Stillstand,
-größere Abweichungen vom Mittelwert als das Zehnfache
-werden kaum gefunden. Im allgemeinen bewegen sich die Sterne
-mit denselben Schnelligkeiten, die wir an den Welten unseres Planetensystems
-bemerken. Die Geschwindigkeit des Erdlaufes um die
-Sonne, 30 <em class="antiqua">km</em> in der Sekunde oder 100&nbsp;000 <em class="antiqua">km</em> in der Stunde, ist
-geradezu ein Mittelwert für die Bewegungen der Sterne innerhalb
-der Milchstraße. Von den bekannten Sternen</p>
-
-<table summary="Abstandsänderung">
-<tr>
-<td colspan="4" class="tdc">entfernen sich von uns:</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Pollux</td><td class="tdc">Sek.-Geschwindigkeit</td>
- <td class="tdr">3&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc"><em class="antiqua">km</em></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Bellatrix</td><td class="tdc">"</td><td class="tdr">9&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Rigel</td><td class="tdc">"</td><td class="tdr">17&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Beteigeuze</td><td class="tdc">"</td><td class="tdr">17&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td colspan="4">Sterne d. Jakobstabes</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc">der linke</td><td class="tdc">"</td><td class="tdr">18&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdc">der rechte</td><td class="tdc">"</td><td class="tdr">23&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Kapella</td><td class="tdc">"</td><td class="tdr">24&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Hyaden</td><td class="tdc">"</td><td class="tdr">40&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Aldebaran</td><td class="tdc">"</td><td class="tdr">51&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td colspan="4" class="tdc">nähern sich uns:</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Kastor</td><td class="tdc">Sek.-Geschwindigkeit</td><td class="tdr">1&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc"><em class="antiqua">km</em></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Deneb</td><td class="tdc">"</td><td class="tdr">2&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Algol</td><td class="tdc">"</td><td class="tdr">4&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Arktur</td><td class="tdc">"</td><td class="tdr">5&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Bärenfamilie</td><td class="tdc">"</td><td class="tdr">6&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Prokyon</td><td class="tdc">"</td><td class="tdr">6,5</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Sirius</td><td class="tdc">"</td><td class="tdr">7,5</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Regulus</td><td class="tdc">"</td><td class="tdr">9&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Wega</td><td class="tdc">"</td><td class="tdr">13&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Polarstern</td><td class="tdc">"</td><td class="tdr">13&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Mizar</td><td class="tdc">"</td><td class="tdr">31&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Atair</td><td class="tdc">"</td><td class="tdr">38&nbsp;&nbsp;</td><td class="tdc">"</td>
-</tr>
-</table>
-
-<p>Der Gedanke, daß eine gewaltige Sonne wie der Sirius sich
-uns in jeder Stunde um 25&nbsp;000 <em class="antiqua">km</em> nähert, übt zuerst einen eigenartig
-unheimlichen Eindruck aus. In der Phantasie sieht man diesen
-glühenden Weltball größer und größer werden, zur Scheibe anschwellen,
-unsere Nacht zum Tag erleuchten, uns mit Wärme überfluten,
-schließlich das Firmament mit seiner gewaltigen Sonnensphäre<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span>
-füllen und eines Tages, nachdem gewaltige Störungen das
-ganze Planetensystem ins Schwanken gebracht haben, zerschellt unsere
-Welt an dem Koloß, und in einem feurigen Rachen versinkt die
-ganze Herrlichkeit unseres Daseins! Weit gefehlt! Nur der Mensch
-in seiner eingeborenen Beschränktheit kann sich einem solchen Trugbild
-hingeben. Selbst der nahe Sirius braucht fast eine Million Jahre,
-ehe er unseren jetzigen Standpunkt im Weltall erreicht. Aber wenn
-alles kreist und alles sich bewegt, kann dann die Sonne stille stehen?
-Ist sie der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht, das »Herz des
-Universums«, wie es Kepler glaubte? Nein, die Sonne ist ein Stern
-unter Sternen, schwebt dahin mit ihrem ganzen Anhang von Planeten
-wie alle Sterne:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Die Sonne tönt in alter Weise<br /></span>
-<span class="i0">in Brudersphären Wettgesang,<br /></span>
-<span class="i0">und ihre vorgeschriebene Reise<br /></span>
-<span class="i0">vollendet sie mit Donnergang.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Die Sonne bewegt sich mit einer Sekundengeschwindigkeit von
-ungefähr 29 <em class="antiqua">km</em> durch den Weltraum, und wenn der Sirius in
-1 Million Jahren jene Stelle passiert, an der wir uns jetzt befinden,
-ist die Sonne um 600 Billionen <em class="antiqua">km</em>, um 60 Lichtjahre von ihrem
-heutigen Standort entfernt. Unser Sonnensystem fliegt durch den
-Weltraum! Während wir uns auf der Erdkugel um die Erdachse
-bewegen und durch diese Drehung im Lauf von 24 Stunden aus
-der Sonnenseite in die Schattenhälfte herumrollen (Tag und Nacht),
-und während wir mit einer Sekundengeschwindigkeit von 30 <em class="antiqua">km</em>
-in gewaltiger Bahn um die Sonne kreisen und durch die Jahreszeiten
-Frühling, Sommer, Herbst und Winter rollen, fliegt unser
-ganzes System von der Sonne bis zum Neptun mit all seinem Inhalt
-durch den Weltraum.</p>
-
-<p>Wir stehen im Sonnenschein auf dem Deck eines Schiffes und
-spielen mit einem Kreisel. Dieser Kreisel ist die Erde. Er dreht
-sich rasch um seine eigene Achse, jeder Punkt seiner Oberfläche läuft
-bei jeder Drehung zur Hälfte über die Sonnenseite, zur Hälfte über
-die abgekehrte Schattenseite. Dies ist das Spiel von Tag und Nacht.
-Der Kreisel steht aber nicht still an seinem Fleck. In langsamem
-Lauf beschreibt er große Kreise über den Boden des Decks. Diese
-Kreise sind der Jahreslauf der Erde um die Sonne. Außerdem<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-fährt das ganze Schiff über das Weltmeer. Das Schiff ist das Sonnensystem,
-das Weltmeer ist das Weltall. Wie dieses Schiff, so steuert
-auch das Sonnensystem nicht ziellos durch den Weltraum. Es bewegt
-sich um das Schwerkraftzentrum des Sternenhaufens, in dessen
-Innern es sich befindet, gemeinsam mit allen helleren Sternen des
-Himmels, die diesem Haufen angehören. Die Sonne läuft auf einer
-Linie, die ungefähr vom Sirius* zur Wega* in der Leier oder dem
-benachbarten Stern Deneb* im Schwan führt. Welch wundersames
-Empfinden muß den denkenden Menschen überschleichen, wenn er
-den hellen Stern Wega betrachtet. Zu ihm ist unsere Sonnenfahrt
-gerichtet. In jeder Sekunde, da wir ihn anschauen, nähern wir
-uns ihm um 30 <em class="antiqua">km</em>. Ehe wir diese Seite hinabgelesen haben, sind
-wir ihm schon um 1000 <em class="antiqua">km</em> nähergerückt, und wenn wir ihn heute
-abend betrachtet haben, uns niederlegen, morgen unser kurzes Tagewerk
-verrichten und ihn des Abends wieder anschauen, so sind wir
-ihm in diesen 24 Stunden um 2 Millionen <em class="antiqua">km</em> näher gekommen.
-Tag für Tag zwei Millionen Kilometer, und dabei steht sein Bild
-seit Jahrtausenden unverrückt, als gäbe es keine Bewegung im All!
-Täglich 2 Millionen <em class="antiqua">km</em>! Das sind die Pendelschläge der großen
-Weltuhr, auf der die Tage Sekunden, die Jahre Minuten, Jahrhunderte
-die Stunden und Jahrtausende die Tage sind. Empfand nicht
-schon der biblische Sänger diesen Rhythmus des Weltenlaufs, als er
-die Worte sprach: »Und tausend Jahre sind vor ihm als wie ein Tag«?</p>
-
-<p>Die Ansicht der älteren Astronomen, daß die Sternbewegungen
-regellos seien, ist im Hinblick auf die wunderbare Harmonie der
-Weltbewegungen geradezu unbegreiflich. Wie könnte in einem so
-entwickelten System, wie es die Milchstraße darstellt, irgendwo Gesetzlosigkeit
-und Anarchie herrschen? Die neueren Forschungen haben
-sogar über die erwähnten Gruppenbewegungen hinaus eine Gesetzmäßigkeit
-der Sternbewegungen aufgedeckt, die geradezu an den
-Kreislauf des Blutes im tierischen Körper erinnert und so abermals
-in die Harmonie des Weltganzen einen neuen vollen Akkord hineinträgt.
-Die Mehrzahl der untersuchten Sterne bewegt sich nämlich
-in gewissen Sternströmen, in zwei »Heerstraßen«, die in entgegengesetzter
-Richtung aneinander vorbeilaufen wie zwei sich begegnende
-Eisenbahnzüge, oder, noch richtiger, sich wahrscheinlich in Kreislinien
-aneinander vorbeibewegen, wie die beiden Ringe mancher modernen
-Karussels, von denen der innere Ring sich links herum,<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span>
-der äußere rechts herum im Kreise dreht. Der eine Sternstrom ist
-gegen das Bild des Orion zum Stern Beteigeuze gerichtet.* In ihm
-fliegen die Hyaden. Der andere entgegengesetzte Strom, dem unsere
-Sonne angehört, strebt in die Gegend zwischen Adler, Schwan und
-Leier.* In ihm fliegen die Sterne des Großen Bären, die »Bärenfamilie«.
-Beide Ströme liegen in der Ebene der Milchstraße. Als man
-1924 Sterne auf ihr Verhalten zu diesen beiden Heerstraßen untersuchte,
-fand man, daß sich unzweifelhaft 1023 in dem einen Strom,
-574 in dem anderen bewegten. Bei 207 Sternen ist die Zugehörigkeit
-noch zweifelhaft, während nur 110 Sterne, also ungefähr 5%
-sich abweichend von den Heerstraßen bewegen.</p>
-
-<p>Es ist nicht zu entscheiden, ob diese Heerstraßen den allgemeinen
-großen Sternzügen in der Milchstraße angehören oder ob sie nur die
-Bahnen der Sterne in unserem Sonnensternhaufen darstellen. Höchstwahrscheinlich
-ist letzteres der Fall. Unsere Sonne kreist mit allen ihr
-benachbarten Sternen in diesen Heerstraßen innerhalb ihres Sternhaufens
-um einen gemeinsamen Schwerpunkt, und während diese
-Sonnen auf ihren beiden aneinander vorbeifließenden Heerstraßen
-diesen abgeschlossenen Sternhaufen wahrscheinlich in steigenden und
-fallenden Spiralbahnen durchwandern, fliegt die ganze kreisende
-Sterngruppe auf einer weiteren Bahn durch das große allgemeine
-System der Milchstraße. Wie dem auch sei, auf jeden Fall enthüllt
-diese Entdeckung der entgegenlaufenden Heerstraßen, daß die Sternbewegungen
-zwar keineswegs plan- und gesetzlos sind, daß aber
-andererseits in den Sternhaufen und wahrscheinlich ebenso in der
-Milchstraße nicht jene einfach einheitliche Bewegungsmechanik herrscht
-wie im Planetensystem, in dem sich alle Sterne in einer Richtung
-und einer Ebene bewegen. <em class="gesperrt">Die Entdeckung der Heerstraßen
-beweist die Einheit und Gesetzmäßigkeit der Sternbewegungen
-im Milchstraßensystem.</em></p>
-
-<p>So wichtig und grundlegend die Entdeckung der Heerstraßen
-auch ist, so hat sie uns doch nur über die Existenz geordneter Sonnenströme,
-nicht über die Natur und Bahn der Sternbewegungen innerhalb
-der Milchstraße aufgeklärt. Kommende Geschlechter, die die
-begonnene Arbeit unserer zeitgenössischen Astronomen fortsetzen,
-werden erst die Pfade entschleiern, auf denen die Sonnen im System
-kreisen.</p>
-
-<p>Die Kraft, die diese Sterne in die Bahnen geordneter Heerstraßen<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-bannt, kann entweder eine Explosivkraft sein, die die Sonnen
-wie die Funken einer explodierenden Rakete in Wirbeln durch
-den Weltraum treibt oder eine Schwerkraft, die von Massen ausgeht.
-Die älteren Astronomen, an der Spitze Lambert und Kant,
-suchten nach einer riesigen Zentralsonne, die im Mittelpunkt
-des Systems stehend die Sterne um sich kreisen läßt wie
-die Sonne die Planeten. Lambert hielt den Orionnebel, Kant den
-Sirius, Mädler später den Hauptstern der Plejadengruppe Alkyone
-für die Zentralsonne, und diese Vorstellung einer gewaltigen Allweltssonne
-erfüllte sie und ihre Zeitgenossen so tief, daß sie selbst
-in den Dichtern Widerhall fand. Schillers Lied an die Freude ist
-ein Hymnus über die Organisation des Weltalls. Klopstock sang:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Um Erden wandeln Monde,<br /></span>
-<span class="i0">Erden um Sonnen;<br /></span>
-<span class="i0">Aller Sonnen Heere wandeln<br /></span>
-<span class="i0">Um eine große Sonne.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Die moderne Astronomie hat diese Idee einer Zentralsonne aufgegeben.
-Eine Sonne, die durch ihre Anziehungskraft eine solche
-Unzahl von Sternen um sich bewegt, müßte durch ihre phantastische
-Größe nicht nur alle Grenzen der Wahrscheinlichkeit überschreiten,
-sondern auch mit den Gesetzen der Physik und Chemie in Widerspruch
-stehen. Heute weiß man, daß ein System ein Schwerkraftszentrum
-besitzen kann ohne eine Masse im Mittelpunkt. Es gibt
-keine Zentralsonne im Milchstraßensystem. Die Milchstraße ist im
-Gegensatz zum monarchischen Sonnensystem, in dem die übermächtige
-Herrscherin Sonne im Mittelpunkt steht, ein republikanisches
-Sternsystem, in dem sich alle Sterne gegenseitig anziehen und im
-Gleichgewicht halten. Sucht man das ideale Zentrum der uns bekannten
-Sternbewegungen, so findet man als Achsenpunkt der beiden
-Heerstraßen eine Stelle im Schwan, die genau mit dem von Easton
-berechneten Mittelpunkt des gesamten Milchstraßensystems übereinstimmt.</p>
-
-<p>Aber der gläserne Zauberstab des Astronomen, das Prisma,
-hat uns mehr gelehrt als die Einheit der Sternbewegungen. Es hat
-uns die letzte größte und grundlegendste Einheit des Milchstraßensystems
-bewiesen, <em class="gesperrt">die Einheit des Stoffes und seiner Entwicklung</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span></p>
-
-<p>Das Licht ist eine Schwingung des Weltäthers, wie der Schall
-eine Schwingung der Luft ist. Diese Ätherwellen werden von den
-schwingenden Atomen der Elemente erzeugt wie die Luftwellen von
-schwingenden Saiten. Wie es verschiedene Arten von Saiten gibt,
-so gibt es verschiedene Atomarten, die wir als einzelne Elemente
-bezeichnen. Eisen, Gold, Wasserstoff, Stickstoff, Natrium, Kalzium,
-Titan sind Elemente. Wie jede Saitenart eine ganz bestimmte Luftschwingung,
-einen bestimmten Ton hervorbringt, so erzeugt jede
-Atomart bei ihren Schwingungen eine bestimmte Art von Lichtwellen.
-Die <em class="antiqua">a</em>-Saite sendet immer 435 Luftwellen aus, den Ton <em class="antiqua">a</em>,
-eine <em class="antiqua">c</em>-Saite 530 Wellen, die wir als den Ton <em class="antiqua">c</em> empfinden. Die
-Atome des Elements Natrium senden immer 505 Billionen Ätherwellen
-aus, die als gelbe Farbe erscheinen, das Element Kalzium
-750 Billionen Wellen, die als Violett empfunden werden.</p>
-
-<p>Läßt man in einem Zimmer vor einem offenen Klavier eine <em class="antiqua">a</em>-Saite
-schwingen, so versetzt der Rhythmus dieser 435 Wellen in
-der Sekunde von allen Saiten des Klaviers natürlich nur jene in
-Schwingungen, die ebenfalls 435 mal in der Sekunde schwingen
-kann, also die Saite <em class="antiqua">a</em>. An den Schwingungen der Saite <em class="antiqua">a</em> im
-Klavier kann man, ohne die tönende Saite zu sehen oder zu hören,
-erkennen, daß hier am Entstehungsort der Luftwellen eine <em class="antiqua">a</em>-Saite
-schwingt. Genau dasselbe geschieht mit den Ätherwellen im Prisma.
-Glüht das Element Natrium, und man läßt die Ätherwellen durch ein
-Prisma gehen, so tritt im Spektrum in der Klaviatur der Farben
-an dem Teilstrich 505 der Skala eine gelbe Linie auf, die nur das
-Natrium aussendet. Erscheint also in einem Spektrum an dieser
-Stelle eine gelbe Linie, so kann man mit absoluter Sicherheit sagen,
-diese Lichtwellen gehen von glühendem Natrium aus. Erscheinen
-an einem ganz bestimmten Platz zwei rote Linien, so weiß man, daß
-hier das Element Kalium glüht, denn keine andere Atomart entsendet
-diesen Doppelton des Lichts. Jedes Element erzeugt im
-Spektrum ganz bestimmte unveränderliche helle Linien, an deren
-Farbe, Stellung, Zahl und Verteilung man dieses Element erkennen
-kann. Glüht Sauerstoff, so erscheinen zwei Linien im Rot bei 392
-und 433 (Billionen Ätherwellen), leuchtet Wasserstoff, so erscheinen
-drei Linien bei 454 im Gelb, 613 im Blaugrün und 694 im Violett
-usw. Der Anblick eines Spektrums gibt uns also genau Auskunft
-über die chemische Natur der Stoffe, die in der Lichtquelle glühen.<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-Man nennt diese Methode, aus dem Spektrum die chemische Natur
-der glühenden Stoffe zu erkennen, die <em class="gesperrt">Spektralanalyse</em>. In
-der Praxis ist die Spektralanalyse ein äußerst schwieriges Verfahren.
-Neben den erwähnten Hauptlinien erscheinen nämlich noch Nebenlinien,
-die das Bild eines Spektrums bis zur Unkenntlichkeit verwirren.
-Die Zahl dieser Linien steigt im allgemeinen mit der Höhe
-des Atomgewichts, also mit der Größe des Atoms, mit der Zahl der
-Elektronen, die ein Atom aufbauen. Die Linienzahl beträgt bei
-den leichten Elementen Natrium 8, Chlor 11, Kohlenstoff 13, Kalium
-27, Stickstoff 89; bei den schweren Elementen Silber 372, Eisen 1517,
-Thorium 2070, Uran 5270. Im ganzen sind bis heute ungefähr
-50&nbsp;000 Spektrallinien bestimmt worden. Aber für die Schwierigkeit
-entschädigt die Feinheit der Methode im vollsten Maß. Die
-Genauigkeit des spektroskopischen Nachweises übertrifft nämlich nicht
-nur alle übrigen Verfahren, sondern überhaupt jede menschliche Vorstellung.
-Man kann mit dem Spektroskop von dem Element Natrium
-noch den 3 Milliardstel Teil eines Gramms = <sup>1</sup>/<sub>3&nbsp;000&nbsp;000&nbsp;000</sub> <em class="antiqua">g</em> nachweisen.
-Wo uns nur ein Lichtpünktchen entgegenstrahlt, stark genug,
-daß wir es zum Bande auseinanderziehen können, daß wir die
-Linien erkennen, die in seinem Streifen leuchten, da gibt dieses Lichttelegramm
-uns Kunde von den Stoffen, die in Sternweiten auf
-fremden Sonnen glühen. In Flammenlettern, die niemals trügen,
-spricht das Universum zu uns. Und was hat es uns gekündet? Kurz
-und bündig wie ein Telegramm ist das Spektrum eines Sternes. Wie
-ein Depeschenstreifen entrollt es sich, und wie Morsezeichen stehen die
-Linien auf dem Band. Aber wie ein Telegrammstreif dem Kundigen
-in Strichen und Punkten Schlachtberichte und Liebesgrüße, Freudenbotschaft
-und Hiobsposten kündet, so erzählt das Lichttelegramm dem
-Wissenden die ganze Lebensgeschichte des Weltalls.</p>
-
-<p>Die spektralanalytische Untersuchung von über 10&nbsp;000 Sternen
-erwies, daß auf allen Sternen die gleichen chemischen Elemente
-glühen, die wir in unserer Sonne leuchten sehen und die sich am Aufbau
-der Erde beteiligen. Wenn es auch noch nicht gelungen ist,
-all die Tausende von Spektrallinien restlos zu entziffern, <em class="gesperrt">so hat uns
-die Spektralanalyse dennoch schon heute die stoffliche
-Einheit des Milchstraßensystems in geradezu grandioser
-Beweisführung dargelegt</em>. Die spektroskopische Erforschung<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-des Weltalls ist einer der größten Triumphe des Menschengeists
-und das Diadem in der Kette der Beweise für die Einheit des
-Milchstraßensystems.</p>
-
-<p>Aber hinter diesen telegraphisch kurzen Flammenlinien der Lichtdepeschen
-bergen sich tiefere Geheimnisse.</p>
-
-<p>Wenn in einem Raum 10 verschiedene Saiten frei nebeneinander
-schwingen, so sendet jede ihre Wellenart aus, und im Nebenraum
-zittern am offenen Klavier die 10 entsprechenden Saiten mit und
-belehren uns über die Natur der im Nachbarzimmer schwingenden
-Saiten, ohne daß wir sie zu sehen oder zu hören brauchen. Wenn 10
-verschiedene Atomarten frei schwingen, erscheinen 10 verschiedene
-Liniensysteme im Spektrum, und wir erkennen die Natur der 10
-glühenden Elemente. Saiten können nur frei vibrieren, wenn ihnen
-genügend Platz zur Verfügung steht, Atome nur frei schwingen, wenn
-ihnen Raum dazu gegeben ist. Dies ist nur der Fall, wenn sie sich
-in jenem fein verteilten Zustand befinden, den wir als den »gasförmigen
-Zustand« bezeichnen. Sind dagegen die 10 Saiten zusammengespannt
-oder zu Bündeln gefaßt, so können sie beim Anschlagen
-nicht frei schwingen, stören sich gegenseitig und erzeugen keine reinen
-10 Töne, sondern zittern unregelmäßig und rufen ein Geräusch
-hervor, in dem alle möglichen Wellenarten durcheinander schwirren.
-In diesem Geräusch sind alle Töne, alle Wellenarten
-neben-, durch- und nacheinander enthalten, und so schwingen
-am offenen Klavier nicht die 10 entsprechenden Saiten
-mit, sondern <em class="gesperrt">alle</em> Saiten vibrieren. Man kann also die Natur der
-schwingenden Saiten nicht erkennen, weiß nicht, welche 10 Saiten
-schwingen, wohl aber, daß sie eng zusammengepackt sein müssen.
-Glühen 10 Elemente nicht in freier Gasform, sondern in festem oder
-flüssigem Zustand, so sind die Atome so zusammengedrängt, daß
-sie ihre Schwingungen nicht frei ausführen können, sich gegenseitig
-stören und alle möglichen Arten von Ätherwellen aussenden. Folglich
-erscheinen im Farbenklavier des Spektrums nicht die 10 Einzelsysteme
-von Linien, sondern alle Linien, alle Farben treten auf,
-so dicht aneinandergedrängt, daß sie zusammenfließen zu breiten
-Farben<em class="gesperrt">bändern</em>. Der Regenbogen, das Spektrum hinter den Prismen
-der Kronleuchter sind solche Farbenbänder. Aus der Art des
-Spektrums kann man also auf den Zustand der glühenden Materie
-Schlüsse ziehen. Erscheint ein zusammenhängendes Bänderspektrum,<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-wie es der Regenbogen darstellt, so befindet sich der leuchtende Stoff
-in festem oder flüssigem Zustand; erscheinen im Spektrum einzelne
-scharfe Linien, so befindet sich der leuchtende Stoff in gasförmigem
-Zustand.</p>
-
-<p>Wir schlagen im Nebenzimmer 10 verschiedene Saiten an, von
-denen eine eine <em class="antiqua">a</em>-Saite ist. Am offenen Klavier zittern die 10
-entsprechenden Saiten, und wir erkennen, welche Saiten drüben
-schwingen. Jetzt schließen wir die beiden Zimmer schalldicht voneinander
-ab und lassen nur eine kleine Öffnung in der Zwischenwand,
-durch die die Schallwellen hindurchdringen. In diese Öffnung
-spannen wir eine <em class="antiqua">a</em>-Saite. Schlagen wir jetzt drüben die 10 Saiten
-an, so dringen alle Wellen ungehindert durch die Öffnung. Die
-Wellen der <em class="antiqua">a</em>-Saite dagegen werden, da sie genau die Länge und
-Häufigkeit der <em class="antiqua">a</em>-Saitenschwingung besitzen, die in der Wandöffnung
-eingespannte <em class="antiqua">a</em>-Saite in Bewegung setzen und hierbei ihre
-Kraft einbüßen. Sie werden bei der Ankunft am Klavier fehlen.
-Die <em class="antiqua">a</em>-Saite bleibt stumm. Spannen wir nun die 10 Saiten zu
-einem Bündel zusammen und lassen dieses schwingen, so entsteht ein
-Geräusch, und <em class="gesperrt">alle</em> Saiten des Klaviers erzittern, nur die <em class="antiqua">a</em>-Saite
-ruht, da eine <em class="antiqua">a</em>-Saite in der Öffnung eingespannt ist, die von allen
-Wellenarten nur die <em class="antiqua">a</em>-Wellen auffängt. An dem Ruhen der <em class="antiqua">a</em>-Saite
-erkennen wir die Existenz einer <em class="antiqua">a</em>-Saite <em class="gesperrt">zwischen</em> der Tonquelle
-und dem Klavier.</p>
-
-<p>Wir ahmen dieses Experiment mit den Lichtwellen und dem
-Spektrum nach. Wir bringen in die Wandöffnung statt der <em class="antiqua">a</em>-Saite
-ein Gefäß mit Natriumdampf. Dann lassen wir ein Lichtbündel,
-das von den verschiedensten glühenden Elementen in flüssigem Zustand
-ausgeht, durch diese Öffnung laufen, fangen es drüben mit dem
-Prisma auf und beobachten das Spektrum. Alle Lichtwellen laufen
-ungehindert durch den Natriumdampf, das ganze Spektrum leuchtet
-als Farbenband auf. Nur die Natriumwellen fehlen. Sie haben
-beim Passieren des Natriumdampfes die Natriumatome in Schwingungen
-versetzt, hierbei ihre Kraft verloren und fehlen im Spektrum.
-Wo sie sonst stehen, an der Zahl 505 der Skala, ist eine dunkle Lücke
-im Spektrum, tritt im farbigen Band eine schwarze Linie auf (<a href="#abb15">Abb. 15</a>).
-Das Auftreten von dunklen Linien im Spektrum beweist, daß das Licht
-dieses Spektrums durch eine Dampfhülle hindurchgegangen ist, in
-der jene Elemente sich befinden, deren Linien im Farbenband fehlen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span></p>
-
-<p>Nehmen wir an, die Erde würde in ihrem heutigen Zustand
-leuchten und wir fingen ihre Strahlen im Weltraum mit einem
-Prisma auf. Die Lichtwellen müßten dann die Lufthülle, in der
-sich Stickstoff und Sauerstoff befinden, durchlaufen. Die Strahlen
-aller irdischen Elemente würden diese Atmosphäre ungehindert passieren,
-nur die Stickstoff- und Sauerstoffwellen würden in der Atmosphäre
-dadurch, daß sie die Stickstoff- und Sauerstoffatome in Schwingungen
-versetzen, ihre Kraft verlieren und würden fehlen. An dem
-Fehlen der Stickstoff- und Sauerstofflinien im Spektrum würden
-wir erkennen: die Erde besteht aus einem festen, leuchtenden Kern,
-der von einer Atmosphäre umgeben ist, in der sich Stickstoff und
-Sauerstoff befinden.</p>
-
-<p>Das Spektrum der Sterne zeigt ein Farbenband, in dem nicht
-eine, nicht 10 dunkle Linien, sondern viele Hunderte und Tausende von
-verschiedener Stellung und Stärke stehen (<a href="#abb14">Abb. 14</a>). Diese viellinigen
-Farbenbänder beweisen uns, daß
-Sonne und Sterne aus einem
-feuerflüssigen oder festgasigen
-leuchtenden Kern bestehen, der
-von einer Gashülle, einer
-Dampfatmosphäre umgeben ist,
-in der jene Elemente sich befinden,
-deren Linien mit den
-dunklen Lücken im Spektrum
-übereinstimmen.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb15">
-<img src="images/abb15.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 15. Die Auslöschung der hellen Natriumlinie (unten) beim Durchgang von Licht durch Natriumdampf.</div>
-</div>
-
-<p>Diese Erklärung der Sternspektren, die uns jetzt so einfach,
-fast selbstverständlich erscheint, war ein Jahrhundert hindurch eines
-der schwersten Probleme der Naturwissenschaft. Man versetze sich
-in die Lage der ersten Beobachter. Sie sehen hinter dem Prisma, das
-das Sternenlicht ablenkt, ein Farbenband erscheinen, durch das Tausende
-dunkler Linien ziehen, bald weiter auseinanderstehend, bald
-dicht aneinandergedrängt, bald einzeln, bald zu Gruppen sich findend.
-Was konnten diese Linien bedeuten? Man denke sich, wir
-senden den Marsbewohnern ein Morsetelegramm aus Strichen und
-Punkten zusammengesetzt; wie sollen sie es entzaubern? Ein stummer
-Streifen, aus nichts als Linien und Punkten zusammengesetzt! Geht
-es uns anders? Die Sterne senden uns Lichttelegramme, bunte
-Bänder, und in den Farben Linien, Linien, nichts als Linien!<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-Assyrische Hieroglyphen zu entziffern, ist ein Kinderspiel gegenüber
-der Aufgabe, ein Spektrum zu lösen. 30 Zeichen hat die Sprache der
-Tonscherben, jedes von anderer Gestalt; 30&nbsp;000 hat die Sprache der
-Sonnen, eines wie das andere eine Linie. Um dieses Riesenalphabet
-des Weltalls zu erfassen, mußte ein Genie geboren werden.</p>
-
-<p>Dieses Genie war <em class="gesperrt">Joseph Fraunhofer</em>. Als Sohn eines
-armen Glasers geboren, hatte er als Schleiferlehrling das Unglück
-oder vielmehr Glück, von einem stürzenden Spiegel schwer verletzt
-zu werden. Für die 18 Dukaten Schmerzensgeld nämlich, die ihm
-der König von Bayern zahlen ließ, kaufte er sich Bücher und Instrumente
-und wurde einer der größten Optiker und scharfsinnigsten
-Naturforscher, die je gelebt haben. Er entdeckte zu Beginn des vorigen
-Jahrhunderts im Spektrum der Sonne die nach ihm benannten
-<em class="gesperrt">Fraunhoferschen Linien</em>. Ehe er sie zu erklären vermochte,
-starb er im frühen Alter von 39 Jahren zum unersetzlichen Schaden
-der Wissenschaft. Sein vorzeitiger Tod hielt den Fortschritt der
-Himmelskunde um ein halbes Jahrhundert auf. Denn 50 Jahre
-währte es, bis Männer von ihm ebenbürtigem Genie das Spektrum
-erforschten und das Wesen der dunklen Linien erkannten. Diese
-beiden Männer waren <em class="gesperrt">Kirchhoff</em> und <em class="gesperrt">Bunsen</em>, deren spektralanalytische
-Gesetze das Fundament dieser einzigartigen Wissenschaft
-bilden, die uns die chemische Einheit des Weltalls bewies.
-Wie einfach in ihren Mitteln, wie großartig in ihren Resultaten ist
-diese Spektralanalyse! Ein gläsernes Prisma lehrt uns die Stoffe,
-den Zustand, die Temperatur, den Kern und die Hülle fernster
-Sonnen erkennen! Ein Glassplitter wird unter den Händen vernunftgemäß
-handelnder Menschen zum Diamant, der alle Brillantgeschmeide
-der Welt überstrahlt. Was haben die Diamanten aus den
-Gruben Afrikas der Menschheit genützt? Steingewordene Tränen
-sind sie, und das Gold, das sie umrahmt, ist geschmolzene Blut.
-Kriege wurden um sie geführt, ganze Völker in Amerika ihretwegen
-ausgerottet, und tagtäglich zerstören Menschen um diesen
-Flitterglanz, an dem alles hängt und zu dem alles drängt, Frieden
-und Glück ihres Lebens und Hauses. Aber der einfache Dreikant
-aus Glas wurde in der Hand forschender Geister zum Schlüssel der
-Himmelspforte und hat uns den Glanz der Himmelsherrlichkeit
-schöner erschauen lassen, als es die Vergangenheit selbst in ihren
-kühnsten Hoffnungen je erwarten konnte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span></p>
-
-<p>Den Abschluß und die Krone der spektralanalytischen Forschung
-bildet die Enthüllung des <em class="gesperrt">Entwicklungsprinzips im Weltall</em>.
-Im System der Milchstraße herrschen nicht nur jene äußeren
-Bewegungsformen, die wir als Planetenumläufe, als Trabantenbahn
-und Sternenflug erkundet haben, in ihm herrscht das weltbewegende
-und weltenfördernde Prinzip der Entwicklung in dem gleichen Sinn,
-in dem es Darwin für die irdische Welt uns enthüllte. Sterne werden
-geboren, entwickeln sich, entfalten Kraft und Glanz, altern und
-sterben wie Mensch, Tier und Pflanze. <em class="gesperrt">Ein</em> Prinzip ist es, das die
-Sonnen oben in den Himmeln leitet und den Wurm im Sande lenkt,
-durch dessen Macht im Gras die Blumen blühen und im Raum
-Kometen glühen, das den Stein am Grunde formt und den Stern
-im Nebel ballt &ndash; <em class="gesperrt">Entwicklung</em>.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb16">
-<img src="images/abb16.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 16. <em class="antiqua">a</em> Spektrum eine Nebelflecks, <em class="antiqua">b</em> Spektrum eines Sternes 1. Klasse (Deneb im Schwan),
-<em class="antiqua">c</em> Spektrum eines Sternes 2. Klasse (Sonne), <em class="antiqua">d</em> Spektrum eines Sternes 3. Klasse (roter Stern).</div>
-</div>
-
-<p>Sterne entstehen aus Nebel. Wenn das Fernrohr das Milchstraßensystem
-durchstreift, entdeckt es eine Fülle von Nebeln kugeliger
-Gestalt. Tausende sind bekannt, Hunderttausende existieren.
-Diese Nebel erscheinen im Fernrohr als matte Scheiben wie Planeten,
-weswegen man ihnen den schlechten Namen planetarische Nebel
-gegeben hat, obwohl sie mit Planeten und unserem Planetensystem
-nichts gemein haben. Sie sind Gaskugeln, von denen die kleinsten<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-vielleicht unser Sonnensystem bis zur Neptunbahn ausfüllen würden,
-während die größeren tausend- und hunderttausendmal größer sein
-müssen (<a href="#abb18">Abb. 18<em class="antiqua">a</em></a>). Diese Gaskugeln schweben zwischen den Sternen der
-Milchstraße in außerordentlichen Entfernungen von uns und bewegen
-sich wie diese mit Geschwindigkeiten zwischen 5 und 50 <em class="antiqua">km</em> in der
-Sekunde in der allgemeinen Milchstraßenebene. Das Spektrum dieser
-Kugelnebel beweist uns, daß wir leuchtende Materie im gasigen Zustand
-vor uns sehen. Es erscheinen in ihm drei helle Linien auf
-dunklem Grund, eine im Blau, die dem Wasserstoffgas entspricht,
-und zwei im Grün, von denen eine höchstwahrscheinlich dem Stickstoff
-angehört, während die andere noch nicht gedeutet ist (<a href="#abb16">Abbildung
-16<em class="antiqua">a</em></a>). Offenbar befindet sich die Materie in einem solchen
-kosmischen Gasball in einem Urzustand, wie wir ihn auf der chemisch
-hochentwickelten Erde nicht mehr finden, und wahrscheinlich sehen
-wir hier die Elemente in Vorstufen, vielleicht sogar in ihrer gemeinsamen
-Mutterform als jenes Urelement vor uns, aus dem sich alle
-übrigen entwickeln. Seitdem man durch die Radiumforschung die
-Wandlungsfähigkeit der Elemente experimentell bewiesen hat, gewinnt
-die Ansicht, daß alle Elemente sich aus einem Urelement allmählich
-entwickeln, immer mehr an Wahrscheinlichkeit. Wenn alles
-sich entwickelt, kann dann die Materie selbst, aus der sich dieses
-alles bildet, ohne Entwicklung bleiben? Ist nicht alle Entwicklung
-von Stein, Pflanze, Tier eigentlich nichts anderes als Entwicklung
-der Materie, der Elektronen, Atome und Moleküle? Auch die Elemente,
-die wir als die Grundstoffe aller Dinge anzusehen gewöhnt
-sind, stellen schon hohe Stufen der Weltentwicklung, der Materiebildung
-dar, die in jenen Gasnebeln noch nicht erreicht sind. Offenbar
-entwickeln sich aus dieser Urmaterie nach- und nebeneinander die einzelnen
-Elemente, und zwar scheinen sich zuerst die leichten Atomarten
-Wasserstoff und Stickstoff, die ja noch heute auf unserer Erde die verbreitetsten
-und grundlegendsten Elemente sind, zu bilden, während
-die übrigen in gesetzmäßiger Reihenfolge nacheinander auftreten,
-wie in der Entwicklungsgeschichte der Tierwelt in geordneter Folge
-Urtiere, Würmer, Fische, Lurche, Säuger erscheinen.</p>
-
-<p>Die weitverstreuten Atome des Gasnebels ziehen sich gegenseitig
-an, nähern sich, wodurch der ganze Nebelball sich verdichtet und
-geraten dadurch in immer schnellere Schwingung: es entsteht Wärme.
-(<a href="#abb18">Abb. 18<em class="antiqua">b</em></a>). Durch die Zusammendrängung der Materie im Zentrum der<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-Kugel entsteht ein glühender Kern, um den der Nebel eine ungeheure
-Gashülle bildet, &ndash; der Nebel ist zum Stern geworden. Infolge der
-Zusammenziehung ist seine ehemals gewaltige scheibenförmige Ausdehnung
-auf die Punktgröße aller Sterne gesunken, und nur das
-Spektroskop gibt uns durch die Spektral<em class="gesperrt">linien</em> Kunde von der
-Nebelnatur dieser jüngsten Sterne. Man bezeichnet diese jungen
-weitausgedehnten
-dünngasigen Sterne
-als <em class="gesperrt">Nebelstern</em>
-(<a href="#abb18">Abb. 18<em class="antiqua">c</em></a>).</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb17">
-<img src="images/abb17.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 17. Die Plejaden.</div>
-</div>
-
-<p>Aus diesen kugeligen
-Nebeln entstehen
-nicht nur einzelne
-Sterne, sondern
-bei genügender Anhäufung
-von Materie
-ganze Sternhaufen.
-Wie sich die
-Tropfen in einem
-dampferfüllten Zimmer
-an den kalten
-Wänden und Scheiben
-niederschlagen,
-treten aus dem Dunst
-des Nebelballs infolge
-der Abkühlung
-durch die Weltraumkälte
-Sonnen
-hervor. Man kennt solche Gaskugeln im Stadium der Sternhaufenbildung.
-Im Herkules sieht man solch einen entstehenden Sternhaufen*,
-in dem 3000 Sonnen sich aus Nebelmaterie bilden. In der
-Mitte dieses Systems stehen die Sonnen so dicht, daß sich ihre Nebelatmosphären
-berühren, an den Rändern stehen sie weit voneinander und
-bilden isolierte freischwebende Sonnensysteme (vgl. <a href="#abb03">Abb. 3 S. 19</a>). Ein
-vorgeschrittenes Stadium der gruppenweisen Sternbildung aus Nebelmaterie
-stellen die Plejaden* dar, die schönste aller Sterngruppen des
-nördlichen Sternhimmels. Diese Gruppe ist, wie die Photographie enthüllt
-hat, von ungeheuren Nebeln durchzogen und umwoben, von<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-Sonne zu Sonne ziehen sich Nebelbrücken durch das ganze System,
-und weit über die Grenzen der Gruppe hinaus kann man die verwehenden
-Reste des chaotischen Nebels verfolgen (<a href="#abb17">Abb. 17</a>).</p>
-
-<p>Auf dieser Stufe der Entwicklung, auf der die Sterne eben aus
-Nebeln hervortreten, erreichen sie ihren größten Glanz und ihre
-höchste Temperatur, die man auf 20&nbsp;000 Grad schätzt. In ihrer weiten
-Atmosphäre glüht neben dem Wasserstoff vor allem das Helium in
-so herrschendem Maß, daß man diese heißesten Sterne auch <em class="gesperrt">Heliumsterne</em>
-nennt. Kühlt sich die Atmosphäre dieser Sterne ab, so daß
-ihr eigenes Licht schwächer wird als das des inneren Kernes, so fängt
-die Gashülle in der beschriebenen Weise die einzelnen Wellen des
-Kernlichtes ab, und es erscheinen die dunklen Fraunhoferschen Linien
-im Spektralband. Zuerst wenig und schwach und fast nur Wasserstofflinien
-(<a href="#abb16">Abb. 16<em class="antiqua">b</em></a>). Dem Auge erscheint ihr Licht strahlend weiß.
-Sirius, Wega in der Leier, Deneb im Schwan, Atair im
-Adler, Regulus im Löwen, Prokyon im Kleinen Hund gehören
-dieser nach dem Vorschlag des verstorbenen Potsdamer Astronomen
-<em class="gesperrt">Vogel</em> als 1. Spektralklasse zusammengefaßten Gruppe an,
-die man nach ihrem glänzendsten Vertreter als Klasse der <em class="gesperrt">Siriussterne</em>
-bezeichnet. (<a href="#abb18">Abb. 18<em class="antiqua">d</em></a>). Fast alle jene zahllosen kleinen Sterne,
-die den Nebelschimmer der Milchstraße erzeugen, sind heiße Sonnen
-der ersten Spektralklasse, vielleicht darum in der Milchstraße so zahlreich
-erscheinend, weil sie hier wirklich in der Überzahl sind, vielleicht
-auch nur darum, weil aus jenen Fernen nur ihr strahlendes Licht, aber
-nicht mehr das der schwächeren kälteren Sterne zu uns dringt. Die Temperatur
-dieser Siriussterne in Weißglut beträgt ungefähr 12&nbsp;000 Grad.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb18">
-<img src="images/abb18.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 18. Entwicklungsgeschichte der Sterne.</div>
-</div>
-
-<p>Die zunehmende Verdichtung und hierdurch bedingte Wärmeerzeugung
-der Sterne vermag der Abkühlung durch die Weltraumkälte
-nicht die Wagschale zu halten. Die Sonnen kühlen sich unaufhaltsam
-ab (<a href="#abb18">Abb. 18<em class="antiqua">e</em></a>). Ist die Temperatur eines weißen Sternes der ersten
-Klasse um abermals ungefähr die Hälfte auf 6000 Grad gefallen,
-so treten neue Elemente in der glühenden Atmosphäre auf. Neben
-dem noch immer überwiegenden Wasserstoff erscheint vor allem das
-Kalzium, dessen Verbindungen als Kalk am Aufbau der Weltkörper
-großen Anteil haben, daneben durch Tausende schwarzer Spektrallinien
-sich ankündend Eisen, Nickel, Kobalt, Titan, Mangan, Chrom,
-Kohle, Magnesium, Natrium, Silizium, Aluminium, Strontium,
-Baryum, Kupfer, Zink, Silber, Zinn, Blei, Kalium und andere<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a><br /><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-Metalle. Das Spektrum dieser Sterne,
-die nicht mehr weiß, sondern schon blasser
-in gelbem Lichtton leuchten, stimmt
-so völlig mit dem unserer ebenfalls gelben
-Sonne überein, daß man sie als
-2. Spektralklasse oder <em class="gesperrt">Sonnensterne</em>
-bezeichnet (<a href="#abb16">Abb. 16<em class="antiqua">c</em></a>). Während die
-heißen weißen Sterne der ersten Klasse
-vornehmlich in dem weiten Bogen der
-Milchstraße angehäuft scheinen, stehen die
-gelben kühleren Sterne in ihrer Mehrzahl
-uns näher. Arktur, Aldebaran, der Mittelstern
-im Perseus, Pollux sind Sonnensterne;
-das Spektrum der Kapella im
-Fuhrmann gleicht sogar bis in die feinsten
-Einzelheiten seiner 20&nbsp;000 dunklen
-Linien so vollkommen dem unseres Zentralgestirns,
-daß man die Kapella geradezu
-als Bruderstern unserer Sonne
-bezeichnen muß, und kaum ein Zweifel
-an der innigsten Verwandtschaft dieser
-beiden Sterne bestehen kann. Wahrscheinlich
-ging unser Sonnensystem unter
-denselben Umständen aus der gleichen
-Nebelmaterie hervor wie die Welt der
-Kapella, die wir als unsere Schwesterwelt
-im All verehren können, wenngleich
-ihr entgegengesetzter Lauf sie von uns um
-die Weite von 40 Lichtjahren entfernte.
-Offenbar bilden die gelben Sonnensterne
-im Gegensatz zu den weißen Milchstraßensternen
-jenen großen Haufen, in dessen
-Mitte sich unsere Sonne mit ungefähr
-400 Nachbarwelten befindet. Aus großer
-Ferne betrachtet, würden wir unsere
-Sonne wahrscheinlich inmitten dieses Sternenhaufens
-sehen, dessen Glieder Kapella,
-Arktur, Aldebaran, Pollux und viele andere<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span>
-wären, und in dem die Sterne sich ebenso an Größe, Alter
-und Beschaffenheit gleichen, wie die Sterne der Plejaden und der
-Hyaden oder des Sternenhaufens im Herkules und im Centaurn.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb19">
-<img src="images/abb19.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 19. Entstehung des Lichtwechsels des Sternes Mira Ceti nach Zoellner.</div>
-</div>
-
-<p>Wie das Eisen, das weißglühend aus dem Feuer geholt wird,
-zuerst in Gelbglut übergeht und dann rot und röter glüht und verglüht,
-wie die Sonne, wenn sie sich dem Untergange nähert, im
-Dunst der Atmosphäre immer blasser, gelber, röter strahlt und
-schließlich als glutroter Sonnenball den Horizont berührt, so verglühen
-die Sonnen im All auf ihrer Lebensbahn. Rot ist die Farbe
-des Sternenalters. Schon der rötliche Arktur ist älter, kälter als die
-Sonne, sein Spektrum ist linienreicher, verwaschener. Der rötliche
-Stern Beteigeuze* in der linken oberen Ecke des Orionbildes ist der
-auffallendste Vertreter dieser Klasse der alternden <em class="gesperrt">roten Sterne</em>.
-(<a href="#abb16">Abb. 16<em class="antiqua">d</em></a> u. <a href="#abb18">18<em class="antiqua">f</em></a>). Höchst bemerkenswert ist, daß man in der Gashülle
-dieser roten Sterne nicht nur freie Elemente, sondern sogar die
-Verbindungen dieser Elemente und unter diesen Kohlenstoffverbindungen
-nachgewiesen hat, dieselben Kohlenstoffverbindungen, aus
-denen bei weiterer Entwicklung auf unserer Erde das Leben, die
-höchste Form des uns bekannten kosmischen Daseins, entstanden ist.</p>
-
-<p>Auch unsere Sonne zeigt Spuren des nahenden Alters, sozusagen
-Falten und Runzeln auf ihrem strahlenden Antlitz, das sind
-die Sonnenflecken. Sonnenflecke sind dunkle, in ihrem Wesen noch
-keineswegs aufgeklärte Stellen der Sonnenoberfläche, an denen wir
-jedenfalls, wie die Spektralanalyse beweist, die Sonnenmaterie in
-einem vorgeschritteneren Zustand der Abkühlung vor uns sehen.
-Das Spektrum der roten Sterne stimmt mit dem der Sonnenflecken
-so vollkommen überein, daß man diese geradezu als Sonnenfleckensterne
-bezeichnen kann. Unter zunehmender Erkaltung der Sonne
-und Ausbreitung der Flecken müssen schließlich ungeheure Schollen
-die Oberfläche solcher Sterne bedecken, ganze Kontinente erkalteter
-Materie müssen auf den glühenden Feuermeeren dieser Sonnen schwimmen
-(<a href="#abb18">Abb. 18<em class="antiqua">g</em></a>). Sind diese Massen unregelmäßig verteilt wie Meere
-und Festländer auf unserer Erde, und dreht sich solch ein Stern wie
-unsere Sonne um seine Achse, so wenden sich uns bald die leuchtenden
-Meere, bald die dunklen Schollen zu, die Helligkeit dieses Sternes
-wird also wechseln. Dieser Lichtwechsel wird zwar auch gemäß der
-Umdrehungszeit des Sternes in ziemlich regelmäßigen Zeitabständen
-eintreten, aber je nach der Form der Schlackenkontinente in unregelmäßiger<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-Folge und keineswegs in jener mathematischen Kurve wie
-bei den Algolsternen ablaufen, die von Planeten verfinstert werden.
-Tatsächlich finden sich auffallend viele unregelmäßig veränderliche
-Sterne gerade unter den roten Sternen. Seit Jahrhunderten berühmt
-ist die Mira Ceti*, der Wunderstern im Walfisch, dessen Helligkeit in
-einer Periode von ungefähr 11 Monaten zwischen 2. und 9. Größe
-in unregelmäßiger Kurve schwankt (<a href="#abb19">Abb. 19</a>).</p>
-
-<p>Schließlich ist die ganze Sonnenoberfläche von Flecken überdeckt,
-verdunkelt, erkaltet, &ndash; der Stern ist erloschen; als dunkler toter Körper
-kreist er durch das All (<a href="#abb18">Abb. 18<em class="antiqua">h</em></a>). Da man als sicher annehmen muß,
-daß der Glutzustand im Leben eines Sternes, so wie die Jugend im
-Menschendasein, nur den kürzeren Teil seiner Entwicklung darstellt,
-so treiben gewiß mehr erloschene Sonnen als leuchtende im Raum.
-Wenn sich uns 100 Millionen strahlende Sterne durch ihren Glanz
-offenbaren, so mögen Milliarden nichtleuchtender Sonnen das All
-bevölkern, unsichtbar für Menschenblicke, unerforschbar für die Wissenschaft,
-bis der Fleiß der Astronomen auch diese durch Zahl und Formel
-aus dem Dunkel hebt, so wie Adams und Leverrier den unentdeckten
-Neptun, wie Bessel und Peters die unsichtbaren Trabanten des Sirius
-und Prokyon, wie Vogel und Scheiner die dunkle Dreiwelt des Algol,
-ohne daß ein Menschenauge sie gesehen, nach Größe, Zahl, Gewicht und
-Bahn berechnet haben.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb20">
-<img src="images/abb20.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 20. Photographie der Nebelspiralen um den neuen Stern im Perseus 1901 von Ritchey.</div>
-</div>
-
-<p>Jahrtausende, Jahrmillionen treiben diese erloschenen Sonnen
-durch den Äther mit ihrem Anhang von erkalteten Planeten und
-verglühten Kometen. Alles Leben ist auf ihnen erstorben, die Kultur,
-die auf diesen Erden blühte, ist in Nacht und Eis versunken.
-Das ganze System ein gewaltiger Friedhof. Wie ein Wrack mit
-seinen leeren Kabinen, seinen verrosteten Maschinen, seinen verwesten
-Leichnamen über das Weltmeer treibt, so wandert solch ein erstorbenes
-Sonnensystem als unheimliches Gespensterschiff durch das Äthermeer
-des Weltalls. Äonen mag es gefahrlos durch die Räume treiben,
-denn die Weltkörper sind ja so spärlich verteilt, als wenn man ein
-Dutzend Erbsen über den Atlantischen Ozean verstreute und
-sie treiben ließe. Selbst wenn sich die Sonnen, was nicht der
-Fall ist, in geraden Linien regellos durcheinander bewegten,
-und wenn es hundertmal mehr erloschene Sonnen gäbe, als wir wahrnehmen
-können, so träfe die Wahrscheinlichkeit eines Sternzusammenstoßes
-je einmal in 1&nbsp;000&nbsp;000 mal 1&nbsp;000&nbsp;000 Jahren ein. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-sind im All nicht tausend Jahre wie ein Tag? Gibt es in der Ewigkeit
-Jahrhunderte und Jahrmillionen? Schließlich kommt auch für jedes
-erloschene System die Zeit des völligen Unterganges &ndash; und der
-Wiedergeburt. Die tote Sonnenwelt gerät in das Anziehungsbereich
-einer anderen Sonne, die beiden Weltkörper lenken sich ab von ihrer
-Bahn, umkreisen sich in weiten, dann in immer engeren Spiralen
-als Doppelstern, näher und näher, schneller und schneller sich umschwingend,
-bis sie in rasender Spiraldrehung zusammenprallen;
-oder das dunkle System
-gerät auf seiner
-Fahrt in eine jener
-weit verbreiteten
-Nebelwolken, die den
-leeren Raum erfüllen;
-oder es saust in einen
-Hagel kosmischen
-Staubes, in eine
-Meteorwolke &ndash; wie
-die Sternschnuppe, die
-in unsere Atmosphäre
-jagt, durch die Reibung
-an der Luft
-aufglüht und zerstiebt,
-so entflammt
-der erstarrte Sonnenkörper
-bei dieser Katastrophe und verdampft wie ein gewaltiges
-Meteor. In Spiralen, die durch die Kreisnatur aller
-kosmischen Bewegung entstehen, verflüchtet sich der glühende Nebel
-in Nacht und Raum. Am 21. Februar 1901 genossen wir das Schauspiel
-eines solchen Sonnenunterganges. In der Milchstraßenebene
-im Bilde des Perseus leuchtete innerhalb 30 Stunden ein bis dahin
-unsichtbarer Stern zu solcher Helligkeit auf, daß er nur vom Sirius
-an Glanz übertroffen wurde. Das Spektroskop zeigte, daß das Licht
-von zwei Massen ausging, von denen die eine die normale Geschwindigkeit
-von 20 <em class="antiqua">km</em> besaß, die andere dagegen fast 50 mal schneller
-auf diese zustürzte. Ihre Bewegungen waren gegeneinander gerichtet.
-Die Entfernung des Katastrophenortes betrug ungefähr 200 Lichtjahre,
-so daß der Zusammenstoß in Wahrheit um das Jahr 1700 erfolgt<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-sein mußte. Die Materie der zusammengeprallten Welten &ndash;
-oder vielleicht auch jener einen Welt, die hier in eine Meteorwolke
-geraten war, &ndash; verdampfte. Man sah die glühenden Gase in
-Spiralen mit Lichtgeschwindigkeit hinauseilen in den Weltraum &ndash;
-zwei tote Sonnen, die sich einst aus Nebel geballt, geleuchtet hatten
-und erloschen waren, kehrten hier zurück in die Urform des Sterndaseins,
-in den Urzustand aller Materie, in den Nebel (<a href="#abb21">Abb. 21</a>).</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb21">
-<img src="images/abb21.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 21. Der Kreislauf der Sternmaterie vom Spiralnebel zum Doppelstern über die
-Sternenkatastrophe zurück zum Spiralnebel.</div>
-</div>
-
-<p>Der Kreislauf ist vollendet. Von Nebel zu Sonne, von Sonne
-zu Nebel, das ist der Kreislauf im Leben der Sterne. Staub bist du
-und Staub wirst du sein! ruft man dem Erdensohn an seinem Grabe
-nach, Nebel warst du und Nebel wirst du sein! kann man den Sternen
-in ihrer flammenden Todesnacht entgegenrufen.</p>
-
-<p>Da nicht nur die Sonnen innerhalb ihres Haufens einsam durch
-ihre Bezirke wandern, sondern ganze Sterngruppen, ganze Sternhaufen
-dahinziehen wie die Hyaden, die Bärenfamilie, der Sternhaufen
-im Perseus, so gehen nicht nur einzelne Sonnen, sondern
-ganze Sonnenhaufen unter. Dann muß sich ein Weltbrand von überwältigender
-Größe und Tragik abspielen. Während wir Untergang
-und Wiedergeburt von Einzelsternen schon mehrere hundert Male<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-sahen und jetzt mit der photographischen und spektroskopischen
-Methode alljährlich beobachten, wurde solch ein Schauspiel, das sich
-in sichtbarer Nähe vielleicht in Trillionen Jahren einmal zutragen
-mag, von Menschenaugen nicht erschaut. Aber wir sehen einen gewaltigen
-Nebel, der möglicherweise durch den Untergang eines Sternhaufens
-entstanden ist, und in dessen wilddurchwühltem Chaos sich
-nun die Sonnengeburt neuer Weltsysteme vollzieht: den Orionnebel*.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb22">
-<img src="images/abb22.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 22. Photographie des Orionnebels. (Phot. Wolf.)</div>
-</div>
-
-<p>Die Entfernung dieses größten aller Himmelsnebel, den selbst
-ein ungeübtes Auge mühelos unter den drei Sternen des Jakobstabes
-schimmern sieht, schätzt man auf 500 Lichtjahre. Wenn man
-auch seit den 30 Jahren der Himmelsphotographie noch keine Veränderung
-wahrgenommen hat, so ist doch alles an ihm untrüglich in
-Wallen und Wogen begriffen wie in Sturmeswolken, die der Orkan
-zerfetzt. Welche Fülle phantastischer Bilder zaubert der Anblick
-dieses Nebels nicht in uns hervor! Phantasien ohne Ende, ohne
-Schranken, aber auch ohne Halt und Beweis. Daher wollen wir
-uns bescheiden mit dem, was die Photographie uns als Tatsache von
-dieser Urwelt offenbarte: während in den Außenbezirken die Nebel<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-in weiten Bögen und Zügen zehnmal weiter sichtbar, als dieses Bild
-hier reicht, sich im Raum verlieren, bilden sich im Kern schon neue
-Sonnen, neue Welten &ndash; aus der Asche steigt verjüngt der Phönix
-des Alls empor.</p>
-
-<p>Und wir? Unsere Sonne leuchtet nicht mehr in Weißglut,
-Sonnenflecken, die Runzeln des Alters auf dem Antlitz der Sterne,
-trüben schon den Glanz ihrer Oberfläche, die äußersten Planeten,
-einst die Lieblingskinder der Mutter Sonne, sind erkaltet, erstorben,
-sind tote Felsenkugeln, auf denen selbst die Luft zu Eis gefror.
-Mag es noch Millionen und Millionen Jahre dauern, einst wird auch
-unsere Sonne in Rotglut verglühen und dann &ndash; auf Erden ist längst
-alles Leben erstarrt &ndash; treiben wir hin durch den Raum, ein Totenschiff
-im weiten Ozean des Alls, hin in jene Gegend, in der das Bild
-des Schwanes glänzt. Eine alte Sage erzählt, daß die Milchstraße den
-Schwalben den Weg zeige auf ihrem Flug, und daß sie dem Schwan
-am Himmel folgten. Die Legende des Volkes wird im Gewand der
-Wissenschaft zur Wahrheit. Fliegen wir nicht dahin wie ein Schwarm
-von Vögeln, wir Planeten und Monde, geschart um unsere Führerin
-im glänzenden Gefieder, um unsere Mutter Sonne, fliegen und
-fliegen, bis sich an uns das tragisch-schöne Dichterwort erfüllt:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Einst wird vom raschen Flug ihr strahlend Heer,<br /></span>
-<span class="i0">ein müdes Schwalbenvolk, heruntersinken«?<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Mit diesem Flammentod der Sterne findet nicht nur ihre Entwicklungsgeschichte,
-sondern auch unser Wissen über die Sonnen, die
-das Milchstraßensystem zusammensetzen, einen natürlichen Abschluß.
-Wir haben von der Zusammensetzung, von den Einzelgliedern der
-Milchstraße ein zwar in fast allen Einzelheiten unsicheres, in seinen
-Grundzügen aber gewißlich zutreffendes Bild gewonnen. Was alle
-hervorragenden Weltbetrachter seit Demokrit vermutet haben, ist
-nunmehr wissenschaftlich bewiesen: die Milchstraße ist ein ungeheures
-Sternsystem. Ihr gürtelförmiger Anblick entsteht durch unsere
-Stellung inmitten dieser Weltinsel. Alle Sterne, die wir am Himmel
-erblicken, gehören diesem System an. Die helleren von ihnen sind
-uns verhältnismäßig nah und bilden mit unserer Sonne einen Sternhaufen,
-wie wir deren im Centaurn, im Herkules, im Tukan und
-an vielen anderen Stellen sehen. Die Zahl der Sterne, die das ganze
-System vereinigt, schätzt man auf 50&ndash;200 Millionen leuchtende und<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span>
-vielleicht hundertmal mehr nichtleuchtende Weltkörper. Der Abstand
-der Sterne voneinander ist unvorstellbar groß: das Licht braucht
-Jahre, um ihn zu überbrücken. Nichtsdestoweniger bildet das Milchstraßensystem
-eine geschlossene Einheit. Alle seine Sterne werden
-durch die Schwerkraft zusammengehalten. Jeder Stern ist eine Sonne
-von ähnlicher Größe und Beschaffenheit wie unsere Sonne, alle
-Sonnen sind aus den gleichen Elementen aufgebaut; alle entstehen
-in gleicher Weise aus Nebelkugeln durch Abkühlung und Zusammenziehung
-der gasigen Materie, leuchten zuerst weiß, dann gelb
-und verglühen schließlich in Rotglut; viele, wahrscheinlich alle werden
-von dunklen Planeten umkreist, die sich genau wie unsere Planeten
-nach den Keplerschen Gesetzen in Ellipsen um ihr Zentralgestirn
-bewegen und wie diese auf einem gewissen Stadium der Abkühlung
-nach allen Voraussetzungen der Vernunft und Wahrscheinlichkeit als
-bewohnbar und bewohnt anzusehen sind; alle diese Sonnensysteme
-bewegen sich mit ungefähr gleicher Geschwindigkeit von durchschnittlich
-30 <em class="antiqua">km</em> in der Sekunde in ihren Sternhaufen und diese wieder
-durch das Milchstraßensystem; diese Bewegung ist nicht regellos, sondern
-erfolgt einerseits in Gruppen (Plejaden, Hyaden), andererseits
-in bestimmten Strömen, den sog. Heerstraßen der Sterne; auf
-ihrer Sonnenfahrt geraten die Sterne früher oder später in das
-Anziehungsbereich eines Nachbarsterns, bilden mit ihm ein Doppelsystem,
-indem sie sich in immer engeren Spiralen umkreisen, bis
-sie nach unvorstellbar langem Lebenslauf, meist längst erloschen, zusammenprallen
-und wieder zu Nebel verdampfen, womit der Kreislauf
-der Weltmaterie von neuem beginnt.</p>
-
-<p>An der Existenz des Milchstraßensystems und seiner Einheit in
-Kraft, Stoff, Gesetz, Form und Entwicklungsgang kann somit kein
-Zweifel mehr bestehen. Das Milchstraßensystem existiert. Aber nun
-erst tauchen die großen Schlußfragen nach Gestalt, Größe und
-Mechanik des Gesamtsystems in ihrer ganzen Inhaltsschwere vor
-uns auf.</p>
-
-<p>Die ersten mehr philosophierenden als forschenden Milchstraßenbetrachter
-hielten sie für ein einfaches linsenförmiges System, in
-dem die Sterne gleichmäßig verteilt sind. Nach ihrer Ansicht ist
-die Milchstraße nicht etwa, wie es uns scheint, als ein Ring von
-Sternen um uns vorhanden, sondern tritt nur dadurch in Erscheinung,
-daß wir in der Richtung der Linsenfläche außerordentlich viel weiter<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-durch die gleichmäßig verteilten Sterne hindurchsehen müssen als
-in der Richtung der kurzen Linsenachse.</p>
-
-<p>Allein von dieser Annahme einer gleichmäßigen Verteilung der
-Sterne kam schon Herschel durch seine Sterneichungen ab. Er erkannte,
-daß die Sterne in der Milchstraßenebene viel dichter zusammengedrängt
-stehen als außerhalb dieser Fläche, daß also die Milchstraße
-keine einfache optische Erscheinung infolge der Linsengestalt
-des Systems, sondern das Innenbild einer tatsächlich existierenden
-<em class="gesperrt">Sternebene</em> ist. Von dieser Ansicht, daß die Mehrzahl der Sonnen
-des Milchstraßensystems in einer Hauptebene zusammengedrängt sind,
-ist kein späterer Forscher mehr abgewichen. Schon Kant bekennt
-sich zu ihr und vergleicht in tiefdenkerischer Betrachtung die Sonnenebene
-der Milchstraße mit jener Ebene, in der sich die Planeten des
-Sonnensystems bewegen (Ekliptik). Um jenen Spalt, der den Milchstraßengürtel
-auf ein Drittel seines Umfangs in zwei Ströme teilt,
-zu erklären, nehmen Herschel und Kant nicht eine, sondern zwei
-Hauptebenen im System an, die gegeneinander leicht geneigt sind
-und sich kreuzen wie die Bahnebenen der Planeten, und deren
-Auseinanderweichen uns als Stromspalt erscheint.</p>
-
-<p>Aber die genauere Durchforschung der Milchstraße mit Fernrohr
-und vor allem mit der photographischen Platte hat eine solche
-Fülle von Einzelheiten und so viele Spuren feinerer Struktur in ihr
-zutage gefördert, daß auch diese Hypothesen nicht zur Erklärung der
-tatsächlichen Erscheinungen ausreichen. Schon die verschiedenen Seitenarme,
-die von der Milchstraße ausgehen und entweder scharf im
-Dunkel des Raumes abbrechen oder sich allmählich in den Weiten
-des Universums verlieren, widerstehen der Annahme einer Linsengestalt
-des Systems, auch wenn man diesem System zwei sich kreuzende
-Hauptebenen zuspricht. Einer dieser Seitenäste trennt sich
-im Bild der Kassiopeia vom Hauptstrom und verliert sich zwischen
-Hyaden und Plejaden. Ein anderer Nebenast geht von der Teilungsstelle
-bei Alpha Centauri ab und verliert sich im Sternbild
-des Wolfs. Ein dritter scharf abbrechender Ausläufer ist im südlichen
-Bilde des Schiffes wahrzunehmen. Außerdem bemerkt schon
-das unbewaffnete Auge, daß die Milchstraße keineswegs in gleichmäßigem
-Lichte schimmert, daß sie also nicht aus gleichmäßig verteilten
-Sternen besteht, sondern daß die Sterne in Haufen, Wolken
-und Zügen angeordnet sind. Nicht Myriaden einzelner Sterne, sondern<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-hunderttausend Sternhaufen, deren jeder einige Hundert oder
-Tausend Sonnen vereinigt, setzen das System zusammen. Wie die
-Wolken über uns in einzelnen Ballen und Haufen ziehen, wie ein
-Heer nicht aus einzelnen Soldaten, sondern aus Regimentern und
-Bataillonen zusammengesetzt ist, so schweben die Sonnen in der
-Milchstraße in Gruppen, Scharen und Heereszügen. Die auffallendste
-der leicht wahrnehmbaren Wolken ist die berühmte Lichtwolke im
-Schwan.* Bei ihrem Anblick kann man sich des Gefühls nicht erwehren,
-daß hier Teile der Milchstraße uns bedeutend näher stehen als
-die übrigen lichtschwächeren Partien. Neben solchen Lichtwolken und
-Sternanhäufungen findet man wieder, wie ebenfalls schon erwähnt
-wurde, auffallend stern- und nebelarme Stellen, ja direkte Lücken,
-Risse, Spalten, Kanäle und Löcher. Die größte Milchstraßenöffnung
-liegt gerade dicht neben der Lichtwolke im Schwan und wurde von
-Oehl die dunkle Weltwolke genannt, von den späteren Forschern
-dagegen mit dem jetzt üblichen Namen »nördlicher Kohlensack«*<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-bezeichnet. Der große südliche Kohlensack liegt im Kreuz. Der hervorragende
-Milchstraßenforscher Easton, der 10 Jahre seines Lebens
-von 1882 bis 1892 dem Studium der Milchstraße widmete, führt in
-einem besonderen Katalog 164 helle und dunkle Flecke in ihrem
-Gürtel an. Von diesen geben uns die prachtvollen Photographien der
-Milchstraße, wie sie uns namentlich Wolf, Barnard, Gill, geliefert
-haben, eine anschauliche Vorstellung.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb23">
-<img src="images/abb23.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 23. Photographie eines Teiles der Milchstraße.</div>
-</div>
-
-<p>Welch eine Macht strahlt uns von diesen Bildern! Kann ein
-Abendmahl von Leonardo, eine Madonna von Raffael, eine Toteninsel
-von Böcklin tiefer auf uns wirken als diese schwarze Fläche
-besprenkelt mit Punkten und Pünktchen? Jeder Punkt eine Welt!
-Wir selbst, unsere große weite Erde, ja unsere ganze Sonnenwelt bis
-zum 4000 Millionen <em class="antiqua">km</em> entfernten Neptun, nichts als ein kleiner
-leuchtender Punkt! Gibt es einen Gedanken, der einerseits gewaltiger
-und erhabener ist, andererseits uns zu tieferer Demut führen
-kann als ein solches Bild der Milchstraße? Verwirklicht sich in diesen
-Photographien nicht geradezu jene Vision, die den jugendlichen
-Schiller angesichts des Himmels begeisterte zu der Hymne von der
-Größe der Welt:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Anzufeuern den Flug weiter zum Reich des Nichts,<br /></span>
-<span class="i0">Steur' ich mutig fort, nehme den Flug des Lichts,<br /></span>
-<span class="i6">Neblicht trüber<br /></span>
-<span class="i6">Himmel an mir vorüber,<br /></span>
-<span class="i0">Weltsysteme, Fluten im Bach,<br /></span>
-<span class="i0">Strudeln dem Sonnenwanderer nach.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Gewinnt nicht das Goethesche Wort »Seele des Menschen, wie
-gleichst du dem Wasser, Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem
-Wind« angesichts dieser Offenbarungen des Himmels einen geradezu
-kosmischen Inhalt? Wehen diese Sonnen nicht dahin im All wie
-Sand im Winde? Bezeugt uns nicht jedes dieser Pünktchen, daß
-nicht nur das Leben des einzelnen Menschen, sondern das Leben
-unseres ganzen Geschlechts, der ganzen Erde, unserer ganzen immensen
-Sonnenwelt nur eine Welle ist im großen Ozean der Welt, emportaucht
-als eine Welle aus dem Chaos des Urnebels, um nach kurzen
-Rhythmen zu verrinnen im großen Strom der Sonnen? Aber zu
-der Demut, im Ring der Milchstraße mit all unserem Können,
-Wissen und Wollen, mit unserer ganzen heiß errungenen Kultur<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-und Kulturgeschichte nur ein Staubkorn in der Nähe eines solchen
-leuchtenden Pünktchens zu sein, fügt sich der Stolz, von diesem
-Sonnenstäubchen Erde dieses Bild der Welt erfaßt zu haben kraft
-des Geistes, der uns beseelt, kraft der moralischen Idee, die uns
-befiehlt, das Erforschliche zu erforschen und das Unerforschliche zu
-verehren, und die
-Kant, der große
-bahnbrechende
-Milchstraßenforscher,
-der Macht des
-Himmels als einzig
-würdig gegenüber
-gestellt in seinem
-berühmten Satz:
-»Zwei Dinge erfüllen
-das Gemüt
-mit immer neuer
-und zunehmender
-Bewunderung und
-Ehrfurcht, je öfter
-und anhaltender
-sich das Nachdenken
-damit beschäftigt:
-der bestirnte Himmel
-über mir und
-das moralische Gesetz
-in mir.«</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb24">
-<img src="images/abb24.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 24. Milchstraßensystem nach Proktor.</div>
-</div>
-
-<p>Um alle Einzelheiten des Milchstraßenanblicks durch eine einheitliche
-Hypothese zu erklären, nahm <em class="gesperrt">Proktor</em> an, sie sei ein
-Ringsystem von Sternen, wie es uns der berühmte Ringnebel in der
-Leier vor Augen führt (<a href="#abb25">Abb. 25</a>). Entweder sei sie ein offener aufgerollter
-Ring, dessen eines Drittel sich nahe an uns vorbei winde und so
-erstens die Lichthelle der Schwanwolke, zweitens infolge des Durchblicks
-die Stromspaltung und drittens durch seine Öffnung den Kohlensack
-neben der Schwanwolke erkläre (<a href="#abb24">Abb. 24<em class="antiqua">a</em></a>). Oder aber, und das
-schien ihm wahrscheinlicher, die Milchstraße sei ein Doppelringsystem
-mit leicht spiralischer Aufrollung, das aus einem inneren kleineren
-Ring besteht, in dem sich die Sonne befindet und dem die hellen Milchstraßenteile<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-angehören, und einem entfernteren größeren Ring, dem
-die matten Teile des Gürtels entsprechen. Durch die Lage der Bänder,
-durch Unregelmäßigkeiten, Unterbrechungen und Schlingen ließen sich
-die Einzelheiten des Milchstraßenbildes erklären (<a href="#abb24">Abb. 24<em class="antiqua">b</em></a>).</p>
-
-<p>Die Milchstraßenhypothese von Proktor ist als ein großer Fortschritt
-gegenüber den Kant-Herschelschen Ideen zu bezeichnen, da
-sie wenigstens die Haupterscheinungen zu erklären sucht. Aber abgesehen
-davon, daß sie in vieler Hinsicht einer tieferen Kritik nicht
-standhält, ist ihre Hauptstütze, nämlich der Hinweis auf das Vorhandensein
-ähnlicher ringförmiger Sternsysteme am Himmel, hinfällig
-geworden. Alle Ringnebel sind, wie die Spektralanalyse
-bewiesen hat, echte Gasnebel in verhältnismäßig geringer Entfernung,
-stehen unzweifelhaft innerhalb der Milchstraße und sind keine
-entfernten nebelig erscheinenden Sternsysteme. Der Ringnebel in der
-Leier* ist nur ungefähr 32 Lichtjahre von uns entfernt, also eines
-der uns allernächsten Himmelsobjekte und dementsprechend kein
-gewaltiges Sternsystem, sondern nur etwa 100- bis 1000fach größer
-als unser Sonnensystem. Der Ring, der schon einzelne Lichtknoten
-zeigt und offenbar kurz vor seinem Zerfall in einzelne Weltkörper
-steht, umläuft sein schon stark verdichtetes Zentrum in schätzungsweise
-10&nbsp;000 Jahren.</p>
-
-<p>Dagegen hat ein anderer Forscher, <em class="gesperrt">Easton</em>, mit größerem Glück
-versucht, die Milchstraße gewissen Nebelgebilden gleichzusetzen, die
-wir am Himmel erblicken, nämlich den <em class="gesperrt">Spiralnebeln</em>. Um nämlich
-von einem Nebel sagen zu können, er sei ein sehr fernes als
-Nebel erscheinendes Milchstraßensystem, muß man von ihm beweisen
-oder wenigstens wahrscheinlich machen können, daß er nicht innerhalb
-unserer Milchstraße, sondern weit außerhalb derselben im freien Allraum
-schwebt. Wenn es uns auch bis heute noch nicht gelungen ist,
-von irgendeinem Nebel eine sichere zahlenmäßige Bestimmung seiner
-Entfernung auszuführen, so kann man doch von den meisten aus ihrer
-Stellung ihre Zugehörigkeit zum Milchstraßensystem erkennen. Die
-planetarischen Nebel, aus deren Gaskugeln sich durch Verdichtung die
-Sonnen bilden, und die eigentlich nichts anderes vorstellen als Sonnen
-und Sonnenhaufen in jugendlichem Zustand, finden sich fast ausschließlich
-in der schmalen Zone der Milchstraße und hier in solcher
-Fülle, daß ihre Zugehörigkeit zur Milchstraße nicht angezweifelt
-werden kann. Ebenso schließen sich die ihnen verwandten Ringnebel,<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-wie jener in der Leier, eng an die Milchstraße an. Die Sternhaufen,
-die aus diesen Kugel- und Ringnebeln entstehen, und deren Entfernung
-wir ebenfalls nicht genau bestimmen können, sind in der
-Milchstraßenebene so dicht zusammengedrängt, daß sie geradezu eine
-Kette bilden, die mit der Milchstraße zusammen den Himmel umschließt.
-Zeichnet man in eine Sternkarte unter Fortlassung der
-Milchstraße alle bekannten Sternhaufen ein, so erhält man ein Sternhaufenband,
-das genau dem Laufe der Milchstraße entspricht und das
-man die Milchstraße der Sternhaufen nennen könnte.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb25">
-<img src="images/abb25.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 25. Ringnebel in der Leier
-(Phot. Ritchey.)</div>
-</div>
-
-<p>Im Gegensatz zu den regelmäßigen
-Nebeln und den Sternhaufen, die im
-Milchstraßenzug gruppiert sind, bekunden
-die unregelmäßig gestalteten Gasnebel
-ihre Zugehörigkeit zum System
-gerade durch ihre Stellung außerhalb
-der Milchstraßenzone und durch ihre
-Anhäufung an den Polen der Milchstraße,
-also an jenen Stellen, die von
-dieser am weitesten entfernt sind. Der
-nördliche Pol* der Milchstraße liegt
-im Haar der Berenice, nicht weit vom
-Arktur. Hier sind die Nebel so dicht
-zusammengedrängt, daß sie ganze Ketten
-und Gruppen bilden, die man »Nebelnester« nennt. Der erfolgreiche
-Milchstraßenforscher Max Wolf in Heidelberg, dem wir die meisten
-unserer Nebelphotographien verdanken, entdeckte hier auf einer einzigen
-photographischen Platte 1528 einzelne Nebel! In gleicher
-Fülle sind am entgegengesetzten Südpol, der jedoch bei weitem noch
-nicht so genau erforscht ist, Tausende von Gasnebeln aufs engste zusammengeschart.
-Aber auch zwischen Milchstraßenpol und Äquator
-ist der ganze Himmel mit Nebeln aller Art geradezu übersät. Die
-photographische Durchforschung des Himmels, die bisher schon Zehntausende
-entdeckt hat, wird diese Zahl auf 100&nbsp;000 vermehren. Trotz
-der Überfülle der Nebel, die den ganzen Raum um uns allseitig
-bevölkern, scheinen auch hier gewisse Verteilungsgesetze zu wirken.
-So zieht ein besonders dichter Zug vom Milchstraßenpol über das
-Bild des Großen Bären, kreuzt die Milchstraße im <em class="antiqua">W</em> der Kassiopeia
-und läuft durch die Andromeda zum Südhimmel hinüber, wo er<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-sich offenbar fortsetzt, um sich wieder zum vollständigen Kreis zu
-schließen. Dieser Nebelstrang, den man »die Milchstraße der
-Nebelflecke«* genannt hat, läuft also senkrecht zur Milchstraßenebene
-von Pol zu Pol, so wie die Erdachse senkrecht zur
-Äquatorebene von Nordpol zu Südpol läuft. Für die weitere Erklärung
-der Milchstraßenmechanik wird diese Nebelstraße von großer
-Bedeutung sein. Jedenfalls verrät die Stellung der planetarischen
-Nebel und der aus ihnen hervorgehenden Sternhaufen in der Milchstraßenebene
-und der unregelmäßigen Nebel in der Nähe und in der
-Verbindungslinie
-der Milchstraßenpole
-einen Gegensatz,
-der gewiß
-nicht seiner tieferen
-Ursachen entbehrt
-und in jedem Erklärungsversuch
-des Milchstraßensystems
-unbedingt
-weitgehendste Berücksichtigung
-erfahren
-muß.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb26">
-<img src="images/abb26.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 26. Photographie des Heringsnebels (nach Wolf).</div>
-</div>
-
-<p>Von diesen unzweifelhaft systematisch verteilten und dem Milchstraßensystem
-angehörenden echten Gasnebeln sind jene Nebelflecke
-streng zu trennen, die nicht aus leuchtenden Gasen, sondern aus einzelnen
-Weltkörpern zusammengesetzt sind. Im Fernrohr sind sie von
-jenen nicht zu unterscheiden und wurden &ndash; und werden noch leider
-allzuhäufig &ndash; mit ihnen ohne Unterschied zusammengestellt und zusammen
-behandelt, als seien es dieselben Gebilde. Während sich
-aber alle echten Gasnebel durch ihr helliniges Spektrum als leuchtende
-Urmaterie zu erkennen geben und einzig darum so hell und
-plastisch erscheinen können, weil sie uns verhältnismäßig nahe stehen,
-enthüllen uns die nun zu besprechenden Nebelgebilde ein von dunklen
-Linien durchzogenes schwaches Bänderspektrum, wie es die Sonne
-und die Sterne zeigen, und charakterisieren sich uns damit als tausendmal
-weiter entfernte gewaltige Sternsysteme, als Weltinseln,
-als Milchstraßen, die von uns so fern sind, daß ihr ganzer Glanz zu
-einem blassen Nebelschimmer verschwimmt, den kein Auge, kein<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-Fernrohr, sondern nur noch das Spektroskop und die photographische
-Platte als Sonnenwelt erkennen. Wem ist es nicht schon zugestoßen,
-daß er eine Wolke, die im Abendglühen über seinem Hause schwebte,
-für eine Alpenlandschaft ansah, in der er Berge und Täler, Firne und
-Gletscher, Nebel und Himmel und dahinter ein weites blaues Meer
-zu sehen vermeinte? Und wer sah nicht schon ein Gebirge in der
-Ferne am Horizont aus dem Dunst der Atmosphäre emportauchen
-mit echten Bergen und Tälern, Firnen und Gletschern, so weit und
-so entfernt, daß es
-wie eine Wolke erschien,
-die am Firmamente
-hängt? Wie
-die nahe Wolke so
-umschweben uns in
-Sternennähe jene
-Nebel aus leuchtenden
-Gasen. Aber
-wie das wolkenartig
-schattenhaft
-erscheinende Gebirge,
-so schimmern
-aus Unendlichkeitsfernen
-jenseits
-unserer Milchstraßenwelt uns die fremden Sternsysteme entgegen,
-Wolken scheinend, doch in Wahrheit Sonnenwelten, Milchstraßen.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb27">
-<img src="images/abb27.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 27. Photographie des Nebels <em class="antiqua">H. V.</em> 24 (nach Wolf).</div>
-</div>
-
-<p>Diese Milchstraßensysteme besitzen ausnahmslos Spiralgestalt, die
-sich je nach der Lage des Systems mehr oder minder deutlich zu erkennen
-gibt. Im Haar der Berenice entdeckte Wolf den Nebel der
-<a href="#abb26">Abb. 26</a>, den die Astronomen den »Hering« nennen. Aber dieser
-Hering ist ein Weltsystem von unerkennbar vielen Sonnen, ist eine
-Milchstraße von der Kante gesehen. Wenn uns eine Macht in jene
-Fernen des Weltalls führte, in denen dieser Heringsnebel schwebt,
-und uns in sein Inneres versetzte, so weitete sich dieses Wölkchen vor
-und um uns zum Milchstraßengürtel, der unseren Himmel umringte,
-unsere Milchstraße hinter uns aber schrumpfte und schrumpfte, bis sie
-in der Ferne entschwände, verdämmernd zu einem Heringsstreif.</p>
-
-<p>Dicht daneben fand Wolf den Nebel der <a href="#abb27">Abb. 27</a>, der zu den
-schönsten Erscheinungen des Himmels gehört. Er unterscheidet sich<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-vom Hering durch seinen deutlich hervortretenden Kern, wodurch er
-auffällig an den ringsumkreisten Saturn erinnert. Aber dieser Nebel
-ist kein naheschwebender Planet im frühen Zustand seines Werdens,
-auch er ist ein Weltsystem von Sonnen wie unsere Milchstraße, das
-durch seine ungeheure Entfernung, &ndash; Wolf schätzt sie auf 500&nbsp;000
-Lichtjahre &ndash; als zierlicher Nebel erscheint. Schon an diesem flach
-gesehenen Nebel kann man besonders in der oberen Hälfte deutlich
-die Spiralen erkennen, in denen die Sonnen um das Zentrum
-des Systems kreisen.</p>
-
-<p>Erheben wir uns mit unserem Blick noch mehr über die Fläche
-einer solchen Sonnenwelt, so erscheint sie uns in der entrollten Schönheit
-des großen Andromedanebels*, den das unbewaffnete Auge in
-klaren Nächten rechts neben dem oberen Leitstern im Bilde der Andromeda
-als verwaschenes Fleckchen erkennt (<a href="#abb28">Abb. 28</a>). Linse, Prisma und
-photographische Platte haben sich erfolgreich wie in keinem anderen
-Fall zur Enträtselung dieses Nebelpünktchens verbündet und unter
-der Feldherrnführung scharfsinniger Astronomen einen der schönsten
-Triumphe der entdeckenden Himmelsforschung erstritten. Kein Himmelsgebilde
-jenseits unseres Planetensystems ist mit dem gleichen
-Aufwand von Fleiß und Ausdauer erforscht worden wie dieser Nebel.
-Der Astronom <em class="gesperrt">Bohlin</em> allein soll den Andromedanebel über 40&nbsp;000
-mal eingestellt haben. Aber wie überall, wo sich Können und Wollen
-zur Tat vereinigten, ist auch hier die Mühe belohnt worden, denn
-über keine Erscheinung ähnlicher Art sind wir annähernd so gut
-unterrichtet wie über den Andromedanebel.</p>
-
-<p>Auch hier glühen uns nicht, wie es den Anschein hat, leuchtende
-Gase in chaotischer Glut entgegen, sondern Sonnen: der Andromedanebel
-ist ein fernes Sternsystem und zwar von allen das unserer
-Milchstraße nach Bau, Entwicklungsstand und Form ähnlichste.
-Wie in unserer Milchstraße sind in ihm echte Sonnen und verstreute
-Nebelmaterie gemischt. Diese Sonnen, die wir einzeln nicht erkennen,
-sondern nur mit Hilfe der Spektralanalyse durch die Natur ihres
-Gesamtlichts erforschen können, bestehen wie die Sonnen unserer
-Milchstraßen aus einem feuerflüssigen oder festgasigen Kern und
-einer leuchtenden Gasatmosphäre. In diesen Sonnen des Andromedanebels
-glühen dieselben Stoffe Wasserstoff, Helium, Eisen, Kohlenstoff,
-Titan unter denselben Bedingungen wie in unserer Milchstraße.
-Die Welt ist eines, einzig und einig!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span></p>
-
-<p>Während aber in unserer Milchstraße die jungen heißen Siriussonnen
-der ersten Spektralklasse weitaus überwiegen und die kälteren
-Sterne von der Art unserer Sonne in der Minderzahl sind,
-setzt sich das Andromedasystem aus vorwiegend gelbleuchtenden Sternen
-der zweiten Spektralklasse zusammen. Das Andromedasystem ist
-älter als unsere Milchstraße. Ganz unverkennbar ist die Spiralnatur
-dieser Welt. Von einer gewaltigen Sternanhäufung im Mittelpunkt
-laufen die Sonnenströme in drei großen Spiralwindungen um das
-Zentrum. Die einzelnen Spiralen sind durch sternleere Spalten getrennt.
-An den Umbiegungsstellen der Spiralen scheinen die Sonnen
-dichter zusammenzustehen als in den Längsseiten. Die Entfernung
-des Systems schätzt Wolf auf 32&nbsp;000, Scheiner sogar auf 500&nbsp;000
-Lichtjahre. Seine Eigenbewegung im Raum nähert es uns in jeder
-Sekunde um 300 <em class="antiqua">km</em>.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb28">
-<img src="images/abb28.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 28. Photographie des Andromedanebels.</div>
-</div>
-
-<p>Wer kann von nun an ohne tieferes Gefühl zu diesem Wolkenpünktchen
-am Himmel aufschauen? Der Andromedanebel ein Weltsystem
-wie unsere Milchstraße! 100 Millionen Sonnen kreisen in ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-wie in unserer Milchstraße, jede einer Schar von Planeten und Monden
-Licht und Wärme spendend, Planeten, auf denen Wesen wohnen
-wie auf unserer Erde oder gewohnt haben wie auf Neptun und
-Uranus oder einst wohnen werden, wie vielleicht auf Jupiter und
-Venus! Auf wieviel Myriaden sonnenbeschienener Planeten dieses
-Weltsystems mögen Wesen wohnen auf der gleichen Stufe der geistigen
-und körperlichen Entwicklung wie auf unserem Erdball, auf wievielen
-mögen naive Wesen hinausschauen in die Nacht und Märchen
-und Legenden spinnen über die leuchtende Pracht zu ihren Häupten,
-wie es unsere Vorfahren getan. Auf wieviel anderen mögen forschende
-Wesen ansässig sein, die mit Instrumenten, mit Fernrohrlinsen,
-Prismenapparaten ins Universum lugen und unsere Milchstraßenwelt
-als ein Wölkchen am Firmament erblicken, unseren großen himmelfüllenden
-Sonnenkranz, unsere weltumspannende Milchstraßenherrlichkeit
-&ndash; ein Wölkchen in dunkler Nacht!</p>
-
-<p>Der Andromedanebel ist das einzige Gebilde, von dem man mit
-einer Wahrscheinlichkeit, die fast an Gewißheit grenzt, behaupten
-kann, daß es ein fernes Milchstraßensystem darstellt. Hier müßte
-alles trügen, wenn wir nicht eine Milchstraßenwelt vor uns sehen.
-Weit weniger sicher erscheint uns die Milchstraßennatur des Spiralnebels
-im Großen Bären, der ebenfalls aus Sonnen und Nebeln
-zusammengesetzt ist und unzweifelhaft jenes Bild darbietet, das eine
-Milchstraßenspirale in voller Flächenansicht uns vor Augen führen
-würde (<a href="#abb29">Abb. 29</a>).</p>
-
-<p>Von einem Nebelzentrum laufen sternbesäte Spiralen in harmonischen
-Windungen nach allen Seiten aus wie die Feuerarme
-einer kreisenden Rakete, bis sie in immer schwächeren Läufen sich in
-Nacht und Nichts verlieren. Aber im Gegensatz zu dem dämmerig
-schimmernden Andromedanebel, in dem alle Teile der breiten Spiralen
-in gleichmäßiger Mattheit verschwimmen, ist dieser Nebel so
-plastisch reich an Einzelheiten, an scharfen Kontrasten zwischen Lichtknoten
-und dunklen Stellen, an Übergängen und Ausläufern, Nebelschweifen
-und Wolkenbrücken, daß man sich des Gefühls &ndash; nur das
-Gefühl vermag hier zu entscheiden &ndash; nicht erwehren kann, dieses
-Gebilde ist uns unverhältnismäßig näher als der Andromedanebel,
-schwebt innerhalb unserer Milchstraße und ist kein Weltsystem, sondern
-ein Sternnebel, aus dem sich die Sonnen eines engen Haufens
-aus Nebelchaos ringen. Mag er nur 370, oder, wie Wolf schätzt,<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-370&nbsp;000 Lichtjahre von uns entfernt sein, mag er ein wahres
-Schwestersystem unserer Milchstraße sein oder nur ein Sternhaufen
-in ihr und uns nur lehren, daß im Kosmos auch das kleinere Einzelsystem
-ein treues Spiegelbild des großen Ganzen ist, auf jeden
-Fall gibt uns dieser Spiralnebel eine anschauliche Vorstellung von
-dem Anblick einer Sternspirale in ihrer ganzen Flächenausbreitung.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb29">
-<img src="images/abb29.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 29. Photographie des Spiralnebels im Großen Bären (nach Wolf).</div>
-</div>
-
-<p>Die Reihenübersicht über die Spiralgebilde vom Kantenbild des
-Herings über die Schrägansicht des Andromedanebels zur Flächenbetrachtung
-des Sternsystems im Großen Bären wird vervollständigt
-durch die Erscheinung &ndash; der Milchstraße. <em class="gesperrt">Die Milchstraße ist
-nach der Hypothese von Easton das Innenbild einer
-großen Weltspirale.</em> Wir leben im Innern eines Spiralsystems,
-wie wir es als Andromedanebel in weiter Ferne erblicken. Von
-ihrer genaueren Gestalt entwarf Easton folgendes Bild. Von einem
-Zentralkern, der von uns aus betrachtet in der Richtung des Schwans
-gelegen ist, und den wir als Lichtwolke im Schwan leuchten
-sehen, laufen die Sternzüge in drei breiten Hauptspiralen aus.
-Der erste uns nächste Arm umkreist uns direkt und läuft &ndash;
-immer in der scheinbaren Projektion auf die uns nahen Sternbilder
-gesehen &ndash; vom Schwan über den Adler um den ganzen
-südlichen Himmel, bis er sich an der Gegenseite in der<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-Nähe des Sirius verläuft. Der zweite Hauptarm liegt von uns
-aus betrachtet hinter dem ersten, ist uns also ferner und daher lichtschwächer.
-Indem er sich dicht hinter seiner Ursprungsstelle vom
-ersten Arm trennt und bald darauf wieder mit ihm vereinigt, entsteht
-nahe der Lichtwolke im Schwan der nördliche Kohlensack, durch den
-wir zwischen den beiden Armen in den dunklen Raum hinausschauen.
-Nach seiner Trennung vom ersten Arm umkreist er das ganze System
-und hat den Hauptanteil an der Gürtelerscheinung der südlichen
-Milchstraße. Der dritte kurze kräftige Hauptarm läuft in entgegengesetzter
-Richtung nach Norden ins Bild des Perseus, wo er ziemlich
-scharf und unvermittelt abbricht. Zwischen seinem und des ersten
-Armes Ende bleibt eine Lücke im Milchstraßenring, jene dunkle
-Gasse, die wir zwischen dem Fuhrmann und dem Perseus erkennen.
-Diese drei Spiralarme liegen nicht genau in einer Ebene, sondern
-weichen ähnlich wie die Planetenbahnen im Sonnensystem etwas vom
-idealen Äquator des Systems ab. Da außerdem zwischen ihnen ebenso
-wie zwischen den Armen des Andromedasystems sternfreie Spalten
-bleiben, so sehen wir zwischen den beiden Hauptspiralen hindurch
-in den dunklen Weltraum hinaus &ndash; die Milchstraße erscheint uns
-in einem Drittel ihres Laufes durch einen dunklen Spalt in zwei
-Ströme geteilt. Dieser oft erwähnte Milchstraßenspalt entspricht also
-genau den dunklen Spalten, die wir zwischen den Spiralwindungen
-des Andromedanebels erkennen.</p>
-
-<p>Die wahre Größe dieser Spirale kann man natürlich nur
-schätzungsweise bestimmen. Die Milchstraße ist offenbar wie der Andromedanebel
-ungefähr halb so breit wie lang und von geringer Höhe,
-so daß man an die Linsengestalt des Systems, wie sie Kant und Herschel
-vorschwebte, festhalten kann. Aus der Entfernung der äußersten
-Sterne hat man die Längsachse des Systems auf 15&nbsp;000&ndash;50&nbsp;000 Lichtjahre,
-die Querachse auf 5000&ndash;20&nbsp;000 Lichtjahre geschätzt, Grenzwerte,
-die zwar in ihren Zahlen stark voneinander abweichen,
-aber übereinstimmen in einem, in ihrer Unfaßlichkeit für menschliche
-Begriffe.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb30">
-<img src="images/abb30.png" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 30. Milchstraßensystem nach Easton
-(unter Benutzung einer Zeichnung von Riem).</div>
-</div>
-
-<p>Mit größerer Sicherheit läßt sich die Stellung unserer Sonne in
-diesem Spiralsystem bestimmen. Da uns der Milchstraßengürtel von
-Einzelheiten abgesehen allseitig fast gleich breit und hell erscheint,
-müssen wir uns im zentralen Teil des Systems befinden. Stände die
-Sonne genau in der Äquatorebene der Milchstraße, so müßte ihr Ring<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-den Himmel in zwei genau gleiche Hälften teilen, sie müßte, wie der
-technische Ausdruck lautet, einen größten Kreis am Himmel beschreiben.
-Dies ist aber nicht der Fall. Die Milchstraße schneidet den
-Himmel in zwei Teile, die sich wie 7:8 verhalten. Da der nördliche
-Teil der größere ist, steht unsere Sonne etwas nördlich von der Mittelebene
-des Systems. Sie schwebt aber nicht etwa isoliert außerhalb
-der allgemeinen Ebene, sondern inmitten eines kugeligen, leicht abgeplatteten
-Haufens, dem fast alle helleren Sterne des uns sichtbaren
-Himmels angehören, und dessen Mittelebene gegen die Milchstraße
-um 20 Grad geneigt ist. Der
-Mittelpunkt dieses Haufens,
-gegen den sich die Sterne
-ebenso verdichten wie in dem
-<a href="#Seite_19">S.&nbsp;19</a> abgebildeten Haufen im
-Centaurn, liegt im Sternbild
-Norma (auf dem südlichen Himmel
-nicht weit von Alpha Centauri).
-In diesem Sternhaufen,
-dessen Sterne fast sämtlich
-der 2. Spektralklasse, dem Sonnentyp,
-angehören, stehen wir
-ziemlich weit in der Richtung
-auf den Perseus vom Zentrum
-entfernt. Unsere Sonne bildet
-hier mit den 6 Sternen
-Kapella, Beteigeuze, Wega, Atair, Theta im Großen Bären und
-dem berühmten Doppelstern 61 im Schwan, an dem Bessel die
-erste Fixsternentfernung bestimmte, eine engere Gruppe nach Art der
-Plejaden, die durch eine gemeinsame Gruppenbewegung auch äußerlich
-charakterisiert ist. Vielleicht gehören diesem Siebengestirn, dessen
-Entdeckung wir dem verdienstvollen Fixsternforscher Kobold in Kiel
-verdanken, noch die drei Sterne Antares im Skorpion, Aldebaran
-und Etha in der Kassiopeia an. Die beiden fernsten Sterne dieser
-Gruppe, Beteigeuze und Antares, stehen 150 Lichtjahre, also fünfmal
-weiter auseinander als die beiden äußersten Sterne der Bärenfamilie
-Merak und Mizar. Rings um den großen Sternhaufen, in
-dem dieses Siebengestirn eine kleine Gruppe bildet, liegt eine
-sternarme Zone wie um den Haufen im Centaurn. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-auch dieser große Haufen ist keineswegs vom allgemeinen Spiralzug
-der Milchstraßensterne getrennt. Es scheint vielmehr, als ob von ihm
-aus zwei kleinere Sternströme ins Milchstraßeninnere führen, einer
-direkt zum Knotenpunkt im Schwan, der andere in die Gegend des
-Fuhrmanns laufend, so daß uns in diesen beiden Richtungen die
-Sterne mittlerer Größe, also jene Sterne, die uns näher stehen als
-die eigentlichen Milchstraßensterne aber ferner als die Sterne unseres
-Haufens, dichter und zahlreicher erscheinen als in den übrigen Teilen
-des Himmels. Die Entfernung unseres Sonnensternhaufens von der
-Lichtwolke im Schwan, dem Knotenpunkt der Milchstraßenspirale,
-beträgt ungefähr 1300 Lichtjahre.</p>
-
-<p>So sind wir im Rahmen einer großzügigen Hypothese über die
-Gestalt des Milchstraßensystem und über unsere Stellung in ihm gut
-unterrichtet. Bedeutend haltloser ist unser Wissen über den Ursprung,
-die Entwicklung und den Bewegungsmechanismus dieser Sterninsel.
-Daß unsere Milchstraßenwelt keine tote Schöpfung, kein starr
-glitzerndes Naturgemälde, sondern eine treibende Weltmaschine ist,
-bedarf keines Beweises mehr. Wenn es uns die Tatsachen der allgemeinen
-Sternbewegungen, das Aufleuchten neuer Sterne, das Dahinstieben
-dampfender Nebel und der Reichtum der Übergänge von
-heißen Nebelsternen bis zu halberloschenen Sonnenkörpern nicht
-untrüglich verraten hätten, so würde es uns ebenso der Anblick der
-fremden Weltnebel auf allen Stadien der Entwicklung und Bewegung
-wie die Umschau in der Milchstraße selbst bezeugen. Die Spiralsysteme
-des Himmels sind sprühende Weltraketen und jeder Funke ist
-eine Sonne! <em class="gesperrt">Wir</em> sehen diese Bewegung nicht, sehen nicht das Sprühen
-und Glühen, Drehen und Wehen, wir nicht, wir staubgeborenen
-Erdensöhne. Denn wenn eine einzige Umdrehung dieser Weltraketen
-nach der Schätzung der Astronomen 20 Millionen Jahre dauert, und
-wenn, wie wir erfahren haben, diese Sonnenräder so weit von uns entfernt
-sind, daß die ganze Milchstraßenpracht zu einem Nebelpünktchen
-verblaßt, wie sollten Menschen, die 70 Jahre leben, auch nur die Hälfte,
-ein Viertel, ja ein Hundertstel oder Zehntausendstel solcher Umdrehung
-sehen? Wir stehen vor diesen Welten wie ein Mensch,
-dem man in finsterer Nacht eine hunderträdrige Maschine während
-eines kurzen Blitzes schauen läßt. Die Maschine dreht sich, aber die
-Blitzsekunde ist zu kurz, um auch nur <em class="gesperrt">einen</em> Radlauf, <em class="gesperrt">einen</em> Kolbengang,
-<em class="gesperrt">einen</em> Hebelschwung zu sehen &ndash; die kreisende Maschine<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-steht vor seinem Auge still. Kann man erwarten, daß dieser Mensch
-den Mechanismus der Maschine in diesem Bruchteil der Sekunde begreift?</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb31">
-<img src="images/abb31.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 31. Der Kokon-Nebel im Schwan. (Phot. Wolf.)</div>
-</div>
-
-<p>Unbeweglich starr und stumm steht die Milchstraße in allen ihren
-Teilen vor uns. Aber selbst in ihrer Starrheit gibt uns jeder Punkt
-und jedes Wölkchen Kunde von dem großen πάντα ῥεῖ, dem »alles
-fließt« im Sternenstrom der Welt. Wohin wir das Fernrohr richten,
-überall sehen wir neben dem ruhigen Fluß der großen Milchstraßenspiralen
-die Spuren gewaltiger katastrophaler Bewegungen. Allenthalben
-entdeckt das Fernrohr Nebelströme, Wolkenzüge, vom Weltsturm
-zerfetzte Streifen, vom Strom der Sonnen durchflutete Kanäle;
-bald kreuzen sich die Züge, bald spalten sich die Straßen; hier lodern
-Nebel wie Weltenfackeln, dort stieben Sonnen auseinander wie
-Granatensplitter; feurige Kugeln bahnen sich durch kosmisches Gewölk
-ihren Flammenweg, alles verheerend, was sich ihnen entgegenstellt,
-beiseite schiebend, was ihnen ihren Sonnenflug versperrt. Wie
-eine Kartätsche durch Wolkenfetzen schlägt, so bahnt sich jener Feuerball,
-den wir als den sog. Kokonnebel im Bild des Schwans erblicken,
-seinen Weg durch die Weltwolken der Milchstraße, weit hinter sich
-durch eine dunkle Gasse die Spuren seines Pfades verratend.
-(<a href="#abb31">Abb. 31</a>). Wieviel Trillionen Meilen mag sich diese Weltgranate
-durch den Sternenstrom geschlagen haben, seit wieviel Äonen von<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-Jahren mag sie schon auf ihrer Fahrt begriffen sein? Wieviel
-Myriaden von Welten mag sie auf ihrer Flammenbahn zermalmt,
-versengt, vernichtet haben?</p>
-
-<p>Im Schlangenträger sehen wir einen Kranz von glühenden Welten
-wie Fackeln in neblichter Nacht schwelen (<a href="#abb32">Abb. 32</a>). Leuchten hier
-die Totenfackeln einer Sternengruppe, ähnlich den Plejaden unserer
-Nachbarschaft, Totenfackeln, die uns an die Vergänglichkeit <em class="gesperrt">aller</em>
-Dinge dieser Welt, auch an
-den Tod der Sterne mahnen?</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb32">
-<img src="images/abb32.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 32. Photographie der Milchstraße im Schlangenträger.
-(Phot. der Yerkes-Sternwarte.)</div>
-</div>
-
-<p>Im Bilde des Schwans,
-jener Himmelsstelle, an der
-uns die Milchstraße durch
-ihre wahrscheinliche Nähe
-die größte Zahl von Wundern
-offenbart, fand Wolf
-auf photographischem Weg
-einen Nebel, von dem selbst
-das stärkste Fernrohr keine
-Spur entdecken ließ, weil
-er in ultraviolettem Lichte
-leuchtet. Er nannte diesen
-Nebel wegen seiner Ähnlichkeit
-mit dem amerikanischen
-Kontinent den Amerikanebel.
-(<a href="#abb33">Abb. 33</a>). Wir
-sehen diese Nebelwolke nur
-in der Fläche. Man muß sie
-sich aber als plastischen Körper denken, von der Gestalt
-eines Kreisels, wahrscheinlich sogar hohl wie ein Trichter. Dieser
-Nebeltrichter sprudelt offenbar in rasender Wirbelbewegung mit
-seiner abwärts gerichteten Spitze nach vorn durch den Raum, alle
-Welten, denen er sich naht, in seinen feurigen Wirbel reißend, so daß
-er rings von einer sternarmen Hülle, von einer verödeten Himmelszone
-umrändert ist. Wo gibt es eine Phantasie, die sich die Wirklichkeit,
-die hinter diesem wallenden Nebel sich verschleiert, auszumalen
-imstande wäre, wo einen Geist, der diese Welttragödie, deren
-Aktschluß wir hier in Flammenschrift geschrieben sehen, in Gedanken
-zu umspannen vermöchte?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span></p>
-
-<p>So überzeugend diese Bilder für die Bewegungen im Milchstraßensystem
-sprechen, so wenig klären sie uns über die Natur
-und die Gesetze dieser Bewegung auf. Nur eines können wir unmittelbar
-aus dem Überblick über die Richtungen der Nebelzüge,
-Brücken und Kanäle wahrnehmen. <em class="gesperrt">Die allgemeine Drehrichtung
-des Milchstraßensystems ist eine einheitliche</em> und
-zwar ebenso wie die unseres Planetensystems und die der Doppelsterne
-eine linksläufige, dem Uhrzeiger entgegengesetzt. Die Einheitlichkeit
-der Gesamtbewegung des Systems erhellt auch aus der Spiralgestalt,
-die nur durch eine gesetzmäßige Drehung zustande kommen
-kann. Es ist unentschieden,
-ob diese Spirale
-durch den Zusammenstoß
-zweier sich bewegender
-Systeme entstand, wie
-wir es von den Gasnebeln,
-z. B. dem Orionnebel
-annehmen müssen,
-oder ob sie sich, was
-wahrscheinlicher ist, als
-natürliche Folge einfacher
-Systemdrehungen
-einstellt. Da sich nämlich
-in jedem kreisenden
-System die inneren Massen
-schneller bewegen als
-die äußeren, so bleiben diese hinter jenen zurück, wodurch das
-System allmählich Spiralgestalt annimmt (<a href="#abb34">Abb. 34</a>).</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb33">
-<img src="images/abb33.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 33. Photographie des Amerikanebels (nach Wolf).</div>
-</div>
-
-<p>Auch unser Planetensystem ist in Wirklichkeit ein Spiralsystem,
-dessen wahre Gestalt wir nicht wahrnehmen, weil es nur aus wenigen
-Körpern besteht. Wären die Planeten durch Nebelmassen verbunden
-oder in so großer Zahl vorhanden wie die Milchstraßensterne, so
-würde auch dieses uns als Spirale erscheinen. Denn während sich der
-äußerste Planet Neptun einmal um die Sonne bewegt, haben Uranus
-2, Saturn 6, Jupiter 15, die Erde 200 und Merkur fast 1000 Umläufe
-vollendet. Je älter ein Spiralsystem ist, je mehr Umdrehungen
-seine Glieder vollführt haben, um so windungsreicher muß es werden,
-wovon der ältere Andromedanebel mit seinen 5 Hauptwindungen<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-gegenüber dem dreiarmigen Milchstraßensystem ein Zeugnis gibt.
-Da außerdem die Sonnen eines solchen Spiralsystems nach den Gesetzen
-der Schwerkraft dem Mittelpunkt zustreben müssen, so wie
-unsere Planeten der Sonne in Spiralzügen näher und näher rücken,
-muß sich ein Milchstraßensystem mit zunehmendem Alter im Mittelpunkt
-verdichten. Der ältere Andromedanebel scheint in der Tat
-ein viel dichteres Zentrum zu besitzen als unsere Milchstraße, in der
-die Überzahl der Sonnen noch in den äußeren Spiralzügen zerstreut
-ist.</p>
-
-<p>Versucht man alle Ergebnisse der Milchstraßenforschung mit
-diesen theoretischen Erwägungen in Einklang zu bringen, so kann
-man im Rahmen einer Hypothese ein großartiges Naturgemälde
-vom Entwicklungsgang und Kreislauf des Milchstraßensystems entwerfen,
-das an äußerer Größe und innerem Reichtum einzig dasteht
-und unser gesamtes Wissen vom Weltall in eine große Formel bringt.
-Eine solche Hypothese ist unter anderen von Adolf Drescher vertreten
-worden und verdient durch ihre Übereinstimmung mit den Tatsachen
-der Forschung und durch die sinngemäße Verwertung des Gedankens
-von der Entwicklung und dem Kreislauf aller Materie wohl als
-ideale Krone unsere Betrachtungen über die Milchstraße zum Abschluß
-zu bringen.</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb34">
-<img src="images/abb34.png" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 34. Entstehung der Milchstraßenspirale infolge der schnellen Umdrehung der Innenteile.</div>
-</div>
-
-<p>Nach dieser Hypothese bewegen sich die Sonnen zu Haufen geordnet
-im Spiralsystem der Milchstraße von den äußeren Windungen
-nach dem inneren Zentrum. Sie beginnen ihre Spiralfahrt als Nebel,
-als kugelige Gasmassen, die wir als planetarische Nebel in der Milchstraße
-schwebend sehen. Während diese Nebel in der äußeren Spirale
-ihren Umlauf vollenden, kühlen sie sich ab, verdichten sie sich und
-werden zu Sonnen oder Sonnenhaufen, zuerst zu Nebelsternen, dann
-zu den heißen weißglühenden Siriussternen der ersten Klasse, wie wir
-sie in allen Teilen der fernen Milchstraße neben den planetarischen
-Nebeln angehäuft finden. Auf der Spiralfahrt ins Zentrum schreitet
-der Abkühlungs- und Verdichtungsprozeß immer weiter fort. Die
-Sonnen schnüren Planeten ab und bilden jene Sonnensysteme, in
-denen alle Bedingungen für die höhere Entwicklung der Materie und
-für das Auftreten des Lebens gegeben sind. In den inneren Windungen
-angekommen &ndash; man kann einen Umlauf in den äußeren
-auf 100, in den inneren Spiralen auf 20 Millionen Jahre schätzen &ndash;
-haben die Sonnen über die Hälfte ihrer Wärme verloren und leuchten<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-nunmehr nur noch in gelblichem Licht wie unsere Sonne. Die meisten
-Sterne unserer Nachbarschaft, die mit uns nicht weit vom Zentrum
-des Systems in einer inneren Windung kreisen, sind im Gegensatz
-zu den Siriussonnen der äußeren Windungen, deren Weißglut eine
-Hitze von 16&nbsp;000 Grad vermuten läßt, Sterne der 2. Spektralklasse
-vom Sonnentyp, deren Wärme auf 6000 Grad gesunken ist. Je
-mehr sich die Sonnen dem Mittelpunkt des Systems nähern, um so
-enger werden natürlich die Spiralen, um so geringer der Raum,
-so daß sie immer näher aneinander rücken müssen. Sie gelangen
-in das Machtbereich einer ihrer Nachbarsonnen, werden von dieser
-abgelenkt, beginnen mit ihr um einen gemeinsamen Schwerpunkt
-erst in großen, dann in immer engeren Bahnen zu kreisen, bis sie
-mit ihr ein Doppelsystem, einen Doppelstern bilden. Über ein Drittel
-der sonnennahen Sterne ist bereits in dieses Stadium der Doppelsysteme
-gelangt. Die Wärmeerzeugung durch Verdichtung wird
-immer geringer, die Schnelligkeit der Abkühlung immer größer, die
-Temperatur der Sonnen sinkt um Tausende von Graden, die Sonnenflecken
-werden größer und größer, das gelbe Licht geht in Rotglut
-über, Schlacken bedecken ihre Oberfläche und verdunkeln in unregelmäßiger
-Kurve ihren Glanz: die Sterne werden »veränderlich«,
-eine Sonne nach der anderen erlischt. Als tote Weltkörper
-treiben die erloschenen Sonnen und Doppelsonnen in den innersten
-Spiralen dem Knotenpunkt der Milchstraße zu, immer enger sich zusammendrängend,
-bis sie schließlich in der Mitte des Zentrums mit<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-unvorstellbarer Geschwindigkeit gegen einander rasend zusammenprallen.
-Der Zusammenstoß entfacht mit der Gewalt einer Explosion
-ungeheure Energien, die gehemmte Bewegung des Gesamtkörpers
-setzt sich um in Schwingung seiner kleinsten Teile, der Atome, in
-Wärme. Die zusammengeprallten Sonnen leuchten auf als »neue
-Sterne«. Ihre Materie verdampft und eilt als glühender Nebel in Spiralen
-aus dem Innern des Systems davon, nach allen Richtungen sich verbreitend,
-zurück in die Milchstraße und hier jene Nebel, Feuerkugeln
-und Kanäle bildend, die wir hier zu Hunderten entdecken, aber auch
-über die Ebene der Milchstraße hinaus hinauf nach den Polen des
-Systems fliehend. In ihrer feinen Verteilung entschwinden uns diese
-leuchtenden Gase bald, so wie der Rauch einer Zigarre verweht.
-Aber je weiter diese Gasmassen hinauseilen in den kalten Weltraum,
-desto mehr kühlen sie sich ab, verdichten sie sich wieder, und
-wie die Wasserdämpfe, die unsichtbar der Erde entfliehen, sich in
-den kühleren Höhen zu sichtbaren Wolken verdichten, so ballen sich
-an den Polen der Milchstraße hoch über der Ebene der Sternspirale
-die Sonnengase zu Wolken zusammen, zu jenen Nebeln, die wir in
-der Polachse der Milchstraße und besonders an ihren Polen selbst als
-Nebelzüge und Nebelnester auftauchen sehen. Je weiter diese Nebel
-hinauseilen, um so mehr verlieren sie an lebendiger Bewegung. Mit
-zunehmender Verdichtung unterliegen sie wieder der gegenseitigen
-Anziehung und der Schwerkraft des ganzen Systems, die Spiralbahnen,
-in denen sie wie Tabaksdämpfe höher und höher entflohen,
-werden flacher und flacher, bis sie umkehren und sie wieder zur
-Milchstraßenebene hinabführen. An den Grenzen des Systems treiben
-die Nebel in weiten Spiralen aus der Polhöhe zur Äquatorebene
-hinab, wo sie durch die ständige Verdichtung und den dauernden Zustrom
-kosmischer Materie als Gaskugeln wieder in die Milchstraßenebene
-einmünden und hier von neuem ihren Kreislauf von Nebelkugel
-zum Sonnenball beginnen (<a href="#abb35">Abb. 35</a>).</p>
-
-<div class="figcenter" id="abb35">
-<img src="images/abb35.jpg" alt="" />
-<div class="caption">Abb. 35. Kreislauf der Sonnen im Milchstraßensystem.</div>
-</div>
-
-<p>Diese Milchstraßenhypothese, die nach Zeit, Raum und Inhalt
-wohl der umfassendste Gedanke ist, den ein Mensch auf naturwissenschaftlichem
-Boden erdenken kann, setzt uns in den Innenteil einer
-großen Sternspirale als Trabantenbewohner einer erlöschenden
-Sonne, der das Schicksal winkt, mit einer ihrer Schwestern einst
-zusammenzuprallen und im Zentrum des Systems zu verdampfen.
-Aber keine bange Menschenfurcht um unser kleines Leben braucht<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-darum das Herz zu beschleichen. Millionen und Abermillionen Jahre
-werden vergehen, ehe wir an jenem End- und Sterbepunkt des
-Sonnenstromes angelangt sind und hier in Asche und Dampf zerschellen.
-Längst ist bis dahin alles Sein auf Erden geschwunden.<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-Selbst auf der erkaltenden Sonne hat Leben sich entwickelt,
-geblüht und ist längst wieder erstorben, denn aller Lebenslauf vom
-Urschleim bis zum Menschen und über ihn hinaus bis zum Endglied,
-das trotz Technik und Kultur im Planeteneis erfriert und unter
-der Eisdecke der kristallisierten Luft in Weltraumkälte versteint,
-&ndash; das alles ist im Strom des Sonnenlaufs nur wie ein Frühling und
-ein Herbst auf Erden. Wenn also in Wirklichkeit jenes Katastrophenende
-kommt, &ndash; sterben wir dann nicht, um neu zu leben? Flammt
-dann nicht alles, was kalt, erloschen, tot, morsch und gefühllos ist,
-auf zu neuem Kreislauf, neuem Dasein, neuem Leben? Ist dieses
-Ende nicht eine Erlösung, eine Auferstehung, eine Wiedergeburt?
-So großartig, so gewaltig, so gerecht, wie kein Weltgericht gerechter,
-größer und gewaltiger sein kann? Sonnen werden neu geboren,
-Planeten erwachen, Monde verjüngen sich. Und was als flammende
-Wiedergeburt hinausdampft in den Weltenraum, das sind <em class="gesperrt">wir</em>, das
-ist die Materie, die in <em class="gesperrt">uns</em> gelebt und geliebt, gelitten und genossen.
-Was in jener Katastrophennacht den Sternenwelten des Alls als
-neuer Stern entgegenstrahlt, das hat einst als Goethe, Darwin, Plato
-und Homer über diese Welt geleuchtet, und was als Dampf dort neu
-entfacht hinauseilt, das trägt in sich den Keim zu neuen Welten,
-neuem Leben, neuer Kultur. Vielleicht führt diese Neugeburt uns
-über Nebelwolken und Sonnenglut einem schöneren Dasein zu mit
-weiteren Entwicklungsmöglichkeiten, höheren Erkenntnisfähigkeiten,
-durch die wir tiefer einzudringen vermögen in das Rätsel der Milchstraße,
-als es uns die Wissenschaft des Menschenhirns gewährt. Denn
-selbst im höchsten Stolze seines Wissens darf der wahre Weltbetrachter
-eines nie vergessen: mögen wir das System der Milchstraße
-mit Linse, Platte und Prisma noch so tief erforschen, mögen
-uns Instrumente mit tausendmal größeren Kräften zur Verfügung
-stehen, so daß wir lückenlos das Sternendasein vom
-Nebelchaos bis zur Sonnenkatastrophe überschauen, so enthüllt
-sich uns durch diese Wissenschaft doch immer nur die <em class="gesperrt">Form</em>
-und die <em class="gesperrt">Mechanik</em> des Weltgeschehens. Über das innere <em class="gesperrt">Wesen</em>
-des Universums, über den Sinn all dieser Sonnenwelten und Weltspiralen,
-über ihren Ursprung und den Zweck ihres Daseins gibt
-uns weder die astronomische Forschung noch irgendeine andere geistige
-Erkenntnismöglichkeit, mag sie sich Philosophie, Wissenschaft oder
-Glaube nennen, auch nur den kleinsten Aufschluß. Niemals können<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span>
-wir als Teile des Ganzen das Ganze begreifen, können wir als ein
-Produkt der Welt die Welt enträtseln, niemals werden wir, selbst
-nichts als denkende Materie, das Wesen dieser Materie erdenken.
-Seien wir auch am Abschluß dieses erhabensten Naturbildes, das der
-menschlichen Forschung zugänglich ist, im Angesicht der Milchstraße
-uns dieser ewigen Grenzen menschlichen Wissens bewußt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2><a id="Sachregister">Sachregister.</a></h2>
-</div>
-
-<ul class="index">
-<li class="ifrst">Algol <a href="#Seite_35">35</a></li>
-
-<li class="indx">Algolsterne <a href="#Seite_35">35</a>, <a href="#Seite_36">36</a></li>
-
-<li class="indx">Amerikanebel <a href="#Seite_94">94</a></li>
-
-<li class="indx">Andromedanebel <a href="#Seite_86">86</a> ff.</li>
-
-<li class="ifrst">Bär Gr. <a href="#Seite_39">39</a>, <a href="#Seite_40">40</a>, <a href="#Seite_57">57</a></li>
-
-<li class="indx">Bessel <a href="#Seite_28">28</a></li>
-
-<li class="indx">Beteigeuze <a href="#Seite_71">71</a></li>
-
-<li class="indx">Bewohnbarkeit der Welten <a href="#Seite_15">15</a>, <a href="#Seite_37">37</a></li>
-
-<li class="indx">Bohlin <a href="#Seite_86">86</a></li>
-
-<li class="indx">Bolometer <a href="#Seite_53">53</a></li>
-
-<li class="indx">Bunsen <a href="#Seite_64">64</a></li>
-
-<li class="ifrst">Clark <a href="#Seite_33">33</a></li>
-
-<li class="ifrst">Demokrit <a href="#Seite_11">11</a></li>
-
-<li class="indx">Deneb <a href="#Seite_43">43</a></li>
-
-<li class="indx">Doppelsterne <a href="#Seite_34">34</a>, <a href="#Seite_73">73</a>, <a href="#Seite_97">97</a></li>
-
-<li class="ifrst">Easton <a href="#Seite_80">80</a>, <a href="#Seite_82">82</a>, <a href="#Seite_89">89</a> ff.</li>
-
-<li class="ifrst">Fernrohr <a href="#Seite_27">27</a></li>
-
-<li class="indx">Fraunhofer <a href="#Seite_64">64</a></li>
-
-<li class="indx">Fraunhofersche Linien <a href="#Seite_64">64</a></li>
-
-<li class="ifrst">Galilei <a href="#Seite_16">16</a></li>
-
-<li class="indx">Gruppenbewegung der Sterne <a href="#Seite_40">40</a>, <a href="#Seite_41">41</a></li>
-
-<li class="ifrst">Halley <a href="#Seite_38">38</a></li>
-
-<li class="indx">Heerstraßen der Sterne <a href="#Seite_56">56</a></li>
-
-<li class="indx">Heliumsterne <a href="#Seite_68">68</a></li>
-
-<li class="indx">Heringsnebel <a href="#Seite_84">84</a>, <a href="#Seite_85">85</a></li>
-
-<li class="indx">Herschel <a href="#Seite_25">25</a></li>
-
-<li class="indx">Himmelskarte, photogr. <a href="#Seite_46">46</a>, <a href="#Seite_47">47</a></li>
-
-<li class="indx">Hyaden <a href="#Seite_41">41</a></li>
-
-<li class="ifrst">Kant <a href="#Seite_18">18</a></li>
-
-<li class="indx">Kirchhoff <a href="#Seite_64">64</a></li>
-
-<li class="indx">Kohlensack <a href="#Seite_7">7</a>, <a href="#Seite_79">79</a>, <a href="#Seite_81">81</a>, <a href="#Seite_90">90</a></li>
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-
-<li class="indx">Krippe <a href="#Seite_41">41</a></li>
-
-<li class="ifrst">Lambert <a href="#Seite_18">18</a></li>
-
-<li class="indx">Lichtjahr <a href="#Seite_29">29</a></li>
-
-<li class="indx">Lichtwolke im Schwan <a href="#Seite_78">78</a>, <a href="#Seite_81">81</a>, <a href="#Seite_89">89</a></li>
-
-<li class="ifrst">Milchstraße</li>
-
-<li class="indx">&ndash; Äquator <a href="#Seite_23">23</a>, <a href="#Seite_98">98</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Drehrichtung <a href="#Seite_95">95</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Entstehung der Spirale <a href="#Seite_95">95</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Größe <a href="#Seite_90">90</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Hypothese von Demokrit <a href="#Seite_11">11</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Hypothese von Easton <a href="#Seite_89">89</a> ff.</li>
-
-<li class="indx">&ndash; Hypothese von Herschel <a href="#Seite_25">25</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Hypothese von Proktor <a href="#Seite_81">81</a>, <a href="#Seite_82">82</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Hypothese von Wright, Kant, Lambert <a href="#Seite_18">18</a> ff.</li>
-
-<li class="indx">&ndash; Kohlensäcke <a href="#Seite_7">7</a>, <a href="#Seite_79">79</a>, <a href="#Seite_81">81</a>, <a href="#Seite_90">90</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Lauf am Himmel <a href="#Seite_5">5</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Mechanik <a href="#Seite_97">97</a> ff.</li>
-
-<li class="indx">&ndash; Pol <a href="#Seite_23">23</a>, <a href="#Seite_83">83</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Seitenäste <a href="#Seite_78">78</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Stromspalt <a href="#Seite_5">5</a>, <a href="#Seite_81">81</a>, <a href="#Seite_90">90</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Umlaufszeit <a href="#Seite_98">98</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Zahl der Milchstraßensonnen <a href="#Seite_76">76</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Zentralsonne <a href="#Seite_58">58</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Zentrum <a href="#Seite_89">89</a></li>
-
-<li class="indx"><em class="antiqua">Mira Ceti</em> <a href="#Seite_70">70</a>, <a href="#Seite_72">72</a></li>
-
-<li class="ifrst">Nebel</li>
-
-<li class="indx">&ndash; Amerikanebel <a href="#Seite_94">94</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Andromedanebel <a href="#Seite_86">86</a> ff.</li>
-
-<li class="indx">&ndash; Nebel im gr. Bären <a href="#Seite_88">88</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Entfernung <a href="#Seite_82">82</a> ff.</li>
-
-<li class="indx">&ndash; Entstehung <a href="#Seite_73">73</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Gestalt <a href="#Seite_20">20</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Heringsnebel <a href="#Seite_84">84</a>, <a href="#Seite_85">85</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Kokonnebel <a href="#Seite_93">93</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Nebel in der Leier <a href="#Seite_82">82</a>, <a href="#Seite_83">83</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Milchstraße der Nebelflecke <a href="#Seite_84">84</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Nebelnester <a href="#Seite_83">83</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Orionnebel <a href="#Seite_75">75</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Planetarische Nebel <a href="#Seite_65">65</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Ringnebel <a href="#Seite_82">82</a>, <a href="#Seite_83">83</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Nebel im Schlangenträger <a href="#Seite_94">94</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Spektrum <a href="#Seite_66">66</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Spiralnebel <a href="#Seite_82">82</a> ff.</li>
-
-<li class="indx">&ndash; Verteilung <a href="#Seite_83">83</a>, <a href="#Seite_84">84</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Zahl <a href="#Seite_83">83</a></li>
-
-<li class="indx">Nebelsterne <a href="#Seite_67">67</a></li>
-
-<li class="indx">Neue Sterne <a href="#Seite_73">73</a></li>
-
-<li class="ifrst">Orionnebel <a href="#Seite_75">75</a></li>
-
-<li class="ifrst">Parallaxe <a href="#Seite_28">28</a></li>
-
-<li class="indx">Peters <a href="#Seite_33">33</a></li>
-
-<li class="indx">Photographie <a href="#Seite_43">43</a> ff.</li>
-
-<li class="indx">Plejaden <a href="#Seite_40">40</a>, <a href="#Seite_67">67</a></li>
-
-<li class="indx">Prisma <a href="#Seite_48">48</a></li>
-
-<li class="ifrst">Rowlandsches Konkavgitter <a href="#Seite_52">52</a></li>
-
-<li class="ifrst">Sirius <a href="#Seite_31">31</a>, <a href="#Seite_33">33</a>, <a href="#Seite_38">38</a>, <a href="#Seite_54">54</a></li>
-
-<li class="indx">Siriussterne <a href="#Seite_68">68</a></li>
-
-<li class="indx">Sonne <a href="#Seite_55">55</a>, <a href="#Seite_69">69</a>, <a href="#Seite_70">70</a>, <a href="#Seite_73">73</a>, <a href="#Seite_76">76</a>, <a href="#Seite_90">90</a>, <a href="#Seite_91">91</a>, <a href="#Seite_100">100</a></li>
-
-<li class="indx">Sonnenflecke <a href="#Seite_71">71</a></li>
-
-<li class="indx">Sonnensterne <a href="#Seite_70">70</a></li>
-
-<li class="indx">Spektralanalyse <a href="#Seite_59">59</a> ff.</li>
-
-<li class="indx">Spektrograph <a href="#Seite_52">52</a></li>
-
-<li class="indx">Spektroskop <a href="#Seite_52">52</a></li>
-
-<li class="indx">Spektrum <a href="#Seite_51">51</a>, <a href="#Seite_59">59</a> ff.</li>
-
-<li class="indx">Sterne</li>
-
-<li class="indx">&ndash; Algolsterne <a href="#Seite_35">35</a>, <a href="#Seite_36">36</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Bewohnbarkeit <a href="#Seite_15">15</a>, <a href="#Seite_37">37</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Chemische Beschaffenheit <a href="#Seite_60">60</a> ff., <a href="#Seite_68">68</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Eigenbewegung <a href="#Seite_38">38</a> ff., <a href="#Seite_53">53</a>, <a href="#Seite_54">54</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Entfernung <a href="#Seite_29">29</a> ff.</li>
-
-<li class="indx">&ndash; Entwicklung <a href="#Seite_65">65</a> ff.</li>
-
-<li class="indx">&ndash; Erloschene Sterne <a href="#Seite_72">72</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Gruppenbewegung <a href="#Seite_40">40</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Heliumsterne <a href="#Seite_68">68</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Kreislauf der Sterne <a href="#Seite_73">73</a>, <a href="#Seite_97">97</a> ff.</li>
-
-<li class="indx">&ndash; Nebelsterne <a href="#Seite_67">67</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Neue Sterne <a href="#Seite_73">73</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Rote Sterne <a href="#Seite_71">71</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Siriussterne <a href="#Seite_68">68</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Spektren <a href="#Seite_65">65</a> ff.</li>
-
-<li class="indx">&ndash; Untergang <a href="#Seite_98">98</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Veränderliche Sterne <a href="#Seite_35">35</a>, <a href="#Seite_36">36</a> 71 ff.</li>
-
-<li class="indx">&ndash; Verteilung <a href="#Seite_28">28</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Zahl <a href="#Seite_76">76</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Zusammenstoß <a href="#Seite_73">73</a>, <a href="#Seite_98">98</a></li>
-
-<li class="indx">Sternhaufen</li>
-
-<li class="indx">&ndash; im Centaurn <a href="#Seite_20">20</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; im Herkules <a href="#Seite_67">67</a></li>
-
-<li class="indx">&ndash; Sonnenhaufen <a href="#Seite_91">91</a></li>
-
-<li class="ifrst">Veränderliche Sterne <a href="#Seite_35">35</a>, <a href="#Seite_36">36</a>, <a href="#Seite_71">71</a> ff.</li>
-
-<li class="indx">Vogel <a href="#Seite_68">68</a></li>
-
-<li class="ifrst">Wega <a href="#Seite_40">40</a>, <a href="#Seite_56">56</a></li>
-
-<li class="indx">Weltuntergang <a href="#Seite_73">73</a>, <a href="#Seite_100">100</a></li>
-
-<li class="indx">Wolf <a href="#Seite_83">83</a> ff.</li>
-
-<li class="indx">Wright <a href="#Seite_18">18</a></li>
-
-<li class="ifrst">Zentralsonne <a href="#Seite_58">58</a></li>
-
-<li class="indx">Zoellner <a href="#Seite_70">70</a></li>
-</ul>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Naturwissenschaftliche Bildung<br />
-ist die Forderung des Tages!</p>
-</div>
-
-<p>Zum Beitritt in den »Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde«,
-laden wir</p>
-
-<p class="h2">alle Naturfreunde
-</p>
-
-<p class="noind">jeden Standes, sowie alle Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw.
-ein. &ndash; Außer dem geringen</p>
-
-<p class="center larger">Jahresbeitrag von nur M 4.80</p>
-
-<p class="center smaller">(Beim Bezug durch den Buchhandel 20 Pf. Bestellgeld, durch die Post Porto besonders.)
-</p>
-
-<p>= K 5.80 h ö. W. = Frs 6.40 erwachsen dem Mitglied <b>keinerlei</b>
-Verpflichtungen, dagegen werden ihm folgende große Vorteile
-geboten:</p>
-
-<p>Die Mitglieder erhalten laut § 5 als Gegenleistung für ihren
-Jahresbeitrag im Jahre 1915 kostenlos:</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p>I. <b>Die Monatsschrift Kosmos, Handweiser für Naturfreunde.</b>
-Reich illustr. Mit mehreren Beiblättern. Preis für Nichtmitgl. M. 2.80.</p>
-
-<p>II. <b>Die ordentlichen Veröffentlichungen.</b></p>
-
-<p class="ind">Nichtmitglieder zahlen den Einzelpreis von M 1.&ndash; pro Band.</p>
-
-<p><b>Wilhelm Boelsche, Die Zukunft des Menschen.</b></p>
-
-<p><b>Dr. Kurt Floericke, Gepanzerte Ritter.</b> Aus der Naturgeschichte
-der Krebse.</p>
-
-<p><b>Dr. Kurt Weule, Schrift und Sprache.</b></p>
-
-<p class="ind">Ferner sind vorgesehen die Bände von <b>Dr. Herm. Dekker</b> und
-<b>Arno Marx</b>. Falls diese nicht rechtzeitig fertig werden, da beide
-Verfasser im Krieg sind, werden sie durch andere gleichwertige ersetzt
-werden, worüber noch im Kosmos-Handweiser berichtet wird.</p>
-
-<p>III. <b>Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden
-naturwissenschaftlichen Werken</b> (siehe nächste Seite).</p></div>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><b>Jedermann kann jederzeit Mitglied werden.</b></p>
-<p class="right"><b>Bereits Erschienenes wird nachgeliefert.</b></p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="noind">Die Mitglieder des <em class="gesperrt">Kosmos</em> haben bekanntlich nach Paragraph 5 III
-das Recht, außerordentliche Veröffentlichungen und die den Mitgliedern
-angebotenen Bücher zu <em class="gesperrt">einem Ausnahmepreis</em> zu
-beziehen. Es befinden sich u. a. darunter folgende Werke:</p>
-
-<table summary="Katalog">
-<tr>
-<td></td>
- <td class="tdr">Preis f. Nicht&shy;mitgl.</td>
- <td class="tdr">Mitglieder&shy;preis</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Altpeter, ABC der Chemie</b></td>
- <td class="tdr">2.40</td><td class="tdr">1.&ndash;</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Bergmiller, Erfahr. a. d. Gebiete d. hoh. Jagd.</b> Geb.</td>
- <td class="tdr">4.50</td><td class="tdr">3.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Bölsche, W., Der Sieg des Lebens.</b> Fein gebunden</td>
- <td class="tdr">1.80</td><td class="tdr">1.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Diezels Erfahrungen a. d. Gebiete d. Niederjagd.</b> Geb.</td>
- <td class="tdr">4.50</td><td class="tdr">2.90</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Ewald, Mutter Natur erzählt.</b> Gebunden</td>
- <td class="tdr">4.80</td><td class="tdr">3.60</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Ewald, Der Zweifüssler.</b> Gebunden</td><td class="tdr">4.80</td>
- <td class="tdr">3.60</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Ewald, Vier feine Freunde.</b> Gebunden</td>
- <td class="tdr">4.80</td><td class="tdr">3.60</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Fabre, J. H., Sternhimmel.</b> Gebunden</td>
- <td class="tdr">4.80</td><td class="tdr">3.60</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Fabre, J. H., Bilder a. d. Insektenwelt.</b> I/II, III/IV. 2 Bde. geb. je</td>
- <td class="tdr">4.50</td><td class="tdr">3.40</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Fabre, J. H., Blick ins Käferleben.</b> Broschiert</td>
- <td class="tdr">1.&ndash;</td><td class="tdr">&ndash;.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Floericke, Dr. Kurt, Deutsches Vogelbuch.</b> Gebunden</td>
- <td class="tdr">10.&ndash;</td><td class="tdr">8.40</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Floericke, Dr. Kurt, Taschenbuch zum Vogelbestimmen.</b> Geb.</td>
- <td class="tdr">3.80</td><td class="tdr">2.90</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Fruwirth, Die Pflanzen der Feldwirtschaft.</b> Geb.</td>
- <td class="tdr">3.80</td><td class="tdr">2.90</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Gräbner, Taschenbuch zum Pflanzenbestimmen.</b> Geb.</td>
- <td class="tdr">3.80</td><td class="tdr">2.90</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Hepner, Cl., 100 neue Tiergeschichten.</b> Gebunden</td>
- <td class="tdr">3.60</td><td class="tdr">2.80</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Jaeger, Prof. Dr. Gust., Das Leben im Wasser.</b> Kart.</td>
- <td class="tdr">4.50</td><td class="tdr">1.70</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Kuhlmann, Wunderwelt des Wassertropfens.</b> Brosch.</td>
- <td class="tdr">1.&ndash;</td><td class="tdr">&ndash;.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Lange, Der Garten und seine Bepflanzung.</b> Geb.</td>
- <td class="tdr">4.50</td><td class="tdr">3.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Leben der Pflanze.</b> Bd. I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, geb. je</td>
- <td class="tdr">15.00</td><td class="tdr">13.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Lindemann, Die Erde.</b> Bd. I. Gebunden</td>
- <td class="tdr">9.&ndash;</td><td class="tdr">8.&ndash;</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Lindemann, Die Erde.</b> Bd. II. Gebunden</td>
- <td class="tdr">9.&ndash;</td><td class="tdr">8.&ndash;</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Meyer, Dr. M. Wilh., Die ägyptische Finsternis.</b> Geb.</td>
- <td class="tdr">3.&ndash;</td><td class="tdr">1.90</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Monographien unserer Haustiere.</b> Bd. I Schumann,
- Kaninchen; Bd. II Schuster, Hauskatze; Bd. III
- Morgan, Hund; Bd. IV Schwind, Haushuhn <em class="antiqua">à</em></td>
- <td class="tdr">1.40</td><td class="tdr">1.05</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Sauer, Prof. Dr. A., Mineralkunde.</b> Gebunden</td>
- <td class="tdr">13.60</td><td class="tdr">12.20</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Schrader, Liebesleben der Tiere.</b> Broschiert</td>
- <td class="tdr">1.40</td><td class="tdr">1.10</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Schroeder-Rothe, Handbuch f. Naturfreunde.</b> Bd. I geb.</td>
- <td class="tdr">4.20</td><td class="tdr">3.60</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Schroeder-Rothe, Handbuch f. Naturfreunde.</b> Bd. II geb.</td>
- <td class="tdr">3.80</td><td class="tdr">3.30</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Schwind-Gemen, Rosenbüchlein.</b> Gebunden</td>
- <td class="tdr">1.50</td><td class="tdr">1.25</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Stevens, Frank, Ausflüge ins Ameisenreich.</b> Geb.</td>
- <td class="tdr">2.50</td><td class="tdr">1.85</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Stevens, Frank, Die Reise ins Bienenland.</b> Geb.</td>
- <td class="tdr">2.50</td><td class="tdr">1.85</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Strandbüchlein.</b> Gebunden</td>
- <td class="tdr">1.25</td><td class="tdr">1.&ndash;</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Stridde, Allgemeine Zoologie.</b> Gebunden</td>
- <td class="tdr">7.&ndash;</td><td class="tdr">6.20</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Thompson, E. S., Bingo u. a. Tiergeschichten.</b> Geb.</td>
- <td class="tdr">4.80</td><td class="tdr">3.60</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Thompson, E. S., Prärietiere und ihre Schicksale.</b> Fein geb.</td>
- <td class="tdr">4.80</td><td class="tdr">3.60</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Thompson, E. S., Tierhelden.</b> Fein gebunden</td>
- <td class="tdr">4.80</td><td class="tdr">3.60</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Wurm, Waldgeheimnisse.</b> Gebunden</td>
- <td class="tdr">4.80</td><td class="tdr">3.60</td>
-</tr>
-</table>
-
-<p>und zahlreiche andere Werke mehr.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="center">Vollständige Chronik des europäisch. Krieges</p>
-
-<p class="h2">Der Krieg</p>
-
-<p class="center larger">Illustrierte Chronik des Krieges 1914</p>
-
-<p class="center">Monatlich zwei reich illustrierte Hefte</p>
-
-<p class="center">Preis je 30 Pfennig</p>
-
-<p>Die Herausgeber dieser Kriegs-Chronik haben sich die
-Aufgabe gestellt, aus der Fülle der sich oft widersprechenden
-und übertriebenen Nachrichten mit scharfem Blick von erhöhter
-Warte aus das Wesentliche und Wahre des gewaltigen
-Kampfes der Völker Europas herauszuschälen und historisch
-richtig darzustellen.</p>
-
-<p>Jedes der reich ausgestatteten Hefte wird eine fortlaufende
-Chronik der wichtigeren Ereignisse enthalten, dann</p>
-
-<p class="center"><b>packende Schlachtschilderungen</b></p>
-
-<p class="center">aus der Feder erster Schriftsteller wie</p>
-
-<p class="center"><b>Dr. Kurt Floericke, Anton Fendrich u. a.</b></p>
-
-<p class="noind">Lebensbilder der Heerführer; Berichte von See- und Luftkrieg
-und vieles andere mehr. Besonderer Wert wird gelegt
-auf vorzüglichen Bilderschmuck und gutes Kartenmaterial;
-von allen in Betracht kommenden Ländern erscheinen</p>
-
-<p class="center"><b>ausgezeichnete Reliefkarten</b>.</p>
-
-<p class="center">Bestellungen nimmt jede Buchhandlung entgegen</p>
-
-<p class="center"><b>Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart</b></p>
-
-<hr class="tb" />
-<p class="center">Das Kriegsbuch der Gebildeten</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-107.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-108.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Der Schmutztitel wurde entfernt.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 47: ist → ist es<br />
-um seinetwillen <a href="#corr047">ist es</a> die Mühe wert</p>
-<p>
-S. 53: Sonnen → Sonne<br />
-daß diese Pünktchen Sonnen sind wie unsere <a href="#corr053">Sonne</a></p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Milchstraße, by Fritz Kahn
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MILCHSTRAßE ***
-
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-even without complying with the full terms of this agreement. See
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-
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-
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