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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster Theil. - Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen - -Author: Theodor Hildebrand - -Release Date: April 8, 2016 [EBook #51694] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VAMPYR: ERSTER THEIL *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project. - - - - - - - - - - Der - Vampyr, - oder: - Die Todtenbraut. - - - Ein Roman - nach neugriechischen Volkssagen. - - Von - Theodor Hildebrand. - - Erster Theil. - - Leipzig, 1828. - bei Christian Ernst Kollmann. - - - - - Der - Vampyr, - oder: - Die Todtenbraut. - - - - - - Erstes Kapitel. - - -Ein unglückliches, aber unverdientes Schicksal zwang den russischen -Obersten _Alfred Lobenthal_, im Jahr 1818 seinen Abschied zu nehmen. Er -begab sich nach Berlin, seinem Geburtsorte, wo er gern sein Leben -beschlossen haben würde; aber sein Verhängniß hatte es anders über ihn -bestimmt. Nach einem kaum halbjährigen Aufenthalte in dieser prächtigen -Königsstadt trat Alfred eines Morgens tief bekümmert in das Zimmer -seiner Gemahlin und kündigte ihr an, daß eine gebieterische -Nothwendigkeit ihn zwinge, Berlin zu verlassen und in einer entfernten -Gegend einen einsamen Aufenthaltsort zu suchen, wo sie in Ruhe und -Frieden leben könnten. - -_Helene_, die Gemahlin des Obersten, erschrak über diese Neuigkeit, aber -sie verlor den Muth nicht. Sie liebte ihren Gatten zärtlich, und ward -eben so von ihm wieder geliebt; den übrigen Theil ihres Glücks machten -ihre Kinder aus, und wo sie sich auch befinden mochte, so war sie -zufrieden, wenn sie nur von ihren Lieben nicht getrennt wurde; die -Augenblicke der Muße, die ihr die Pflichten als Mutter und Hausfrau noch -übrig ließen, drohten nirgends, ihr Langeweile zu machen, weil Musik und -Malerei diesen Feind der Ruhe von ihr verscheuchen konnten. Daher war -sie auch eben nicht betrübt, als sie die unerwartete Neuigkeit erfuhr; -kaum fragte sie ihren Gatten nach der Ursach dieses plötzlichen -Entschlusses. Nur das wünschte sie zu wissen, ob vielleicht seine -politischen Meinungen abermals Alfred's Sicherheit in Gefahr setzten. -Nachdem sie hierüber beruhigt worden, und erfahren hatte, daß der -Bankerott eines bedeutenden Handelshauses ihn um einen großen Theil -seines Vermögens bringe, weßhalb es nothwendig sei, einige Jahre in der -größten Zurückgezogenheit zu leben: umarmte sie ihren Gatten voll -Zärtlichkeit und versicherte ihn, daß sie ohne Mühe das Geräusch der -Hauptstadt mit der Einsamkeit des Landlebens vertauschen würde. - -Der Oberst betrieb seine Abreise mit der größten Eilfertigkeit. Er -wollte nicht einmal den Verkauf seines prächtigen Mobiliar's abwarten, -sondern bat einen Freund, dieses Geschäft an seiner Stelle zu -übernehmen; und schon am folgenden Tage nach der Mittheilung seines -Entschlusses an seine Frau reisete er mit ihr und seinen Kindern, nur -von einem einzigen Bedienten begleitet, ab, ohne von seinen Bekannten -und Verwandten Abschied genommen zu haben. - -Sobald Alfred das Thor hinter sich hatte, schien er gleichsam von einer -großen Last befreit zu sein. Seine Blicke, die unruhig hier und dort -umherirrten, so lange er sich in der Stadt sahe, nahmen plötzlich den -Ausdruck der Ruhe an, als er sich im Freien befand; er schien jetzt -freier athmen zu können, und seiner Frau lebhaft die Hand drückend, rief -er aus: »Endlich haben wir die Stadt im Rücken! O, wie verhaßt ist sie -mir, wie lange dauerte mir die Zeit, bis der Wagen zum Thore -hinausfuhr!« - --- Ist es möglich, lieber Alfred, erwiederte seine Frau, daß du so -sprechen kannst? Ist denn Berlin nicht mehr deine Geburtsstadt? Hat sie -allen Reiz für dich verloren, da du doch sonst immer mit Entzücken von -ihr sprachst? Ist sie nicht mehr dieselbe Stadt, und kann sie dir -deßhalb mißfallen, weil sich unsere Lage geändert hat? -- - -»Ja, ich gestehe es, antwortete der Oberst, was mich sonst entzückte, -mag ich jetzt kaum mit Augen sehen. Ich fühle, daß es mir unmöglich sein -würde, nur noch einen Tag länger in Berlin zu bleiben.« - --- Nun, so sei doch jetzt zufrieden, da wir diese dir so verhaßte Stadt -schon im Rücken haben. Möchtest du in einer andern deine Ruhe -wiederfinden, und alle unangenehmen Erinnerungen vergessen! -- - -»Von welcher Stadt sprichst du denn, mein Kind?« - --- Nun, von derjenigen, in welcher wir künftig wohnen werden. Wir -befinden uns auf der Straße nach Potsdam; willst du vielleicht nach -Dresden, nach Leipzig, oder noch weiter? -- - -»Ach, liebe Helene, sagte der Oberst verlegen, es wird mir schwer, dich -ganz mit dem Opfer bekannt zu machen, das du mir bringen sollst. Denkst -du, ich verlasse Berlin, um in einer andern Stadt zu wohnen? Ach nein, -in meiner Lage gefällt mir nur die Einsamkeit! Liebe Helene! wirst du -dich nicht über meinen grausamen, Entschluß beklagen? Ich will eine -abgelegene ländliche Wohnung suchen, wo nichts ....« - -Eine plötzliche Röthe überzog bei diesen Worten die schönen männlichen -Gesichtszüge des Obersten; er hielt mitten in seiner Rede inne, und sahe -Helenen mit einem unbeschreiblichen Blicke an, in welchem indessen die -schmerzhaftesten Empfindungen nicht zu verkennen waren. - -Helene würde sich vielleicht hierüber beunruhigt haben, wenn sie -geglaubt hätte, daß geheime Ursachen dem Schmerze ihres Gatten zum -Grunde lägen. Allein sie wußte, wie sehr ihm der Verlust eines Theils -seines Vermögens, bloß aus Liebe zu ihr und ihren Kindern, zu Herzen -ging; sie kannte seine Zärtlichkeit für sie, und fürchtete, daß es ihn -bekümmern möchte, sie mitten aus den Vergnügungen der großen Welt in die -Einsamkeit des Landlebens zu versetzen. Ohne daher weiter über Alfreds -Betragen nachzudenken, hielt sie sich bloß an den Schein, und sagte, -ihrem Gatten die Hand drückend: - -»Beruhige dich, lieber Alfred; mir ist wenig daran gelegen, welchen -Winkel der Erde ich bewohne, wenn ich nur mit dir und meinen Kindern -bin. Meine Pinsel und Farben sind hier in diesem Kästchen, meine Harfe -wird mir nachgesandt: was könnte mir nun noch zu meinem Glücke fehlen?« - --- Wie, theure Helene, du fürchtest dich nicht vor dem einsamen -Landleben? -- - -»Es würde der Fall sein, wenn ich von den drei mir theuren Wesen -entfernt wäre; mit ihnen ist meine Zufriedenheit stets vollkommen.« - --- O, von welcher Unruhe befreist du mich; denn ich glaube, daß du -aufrichtig sprichst! Wohlan, so gestehe ich dir, daß nur die Einsamkeit -und Zurückgezogenheit meinem jetzigen Zustande anpassend ist, daß ich -der Entfernung von allem Geräusche des Lebens bedarf. Ich will also -einen Zufluchtsort aufzufinden suchen, der nicht so nahe bei einer Stadt -liegt, daß man uns belästigen wird, der aber auch nicht allzuweit -entfernt ist, um aller Annehmlichkeiten der Städte entbehren zu müssen, -wozu insbesondere auch die Hülfe der Arzneikunst gehört, wenn die -Gesundheit _Wilhelms_ und _Juliens_ (die Namen ihrer beiden Kinder) -derselben bedürfen möchten. -- -- - -»Nun, Alfred, und wo denkst du diesen Zufluchtsort zu finden?« - --- In Böhmen, nicht weit von Prag. -- - -»Es scheint mir aber, daß du bei allen deinen früheren Reisen noch nie -in dieser Gegend gewesen bist. Hast du dort vielleicht Bekanntschaften, -und kennst du schon den Ort unseres künftigen Aufenthalts?« - --- Nein, durchaus nicht; ich überlasse Alles dem Zufalle, und gerade, -weil ich in Böhmen völlig unbekannt bin, reise ich dorthin. Ich hoffe, -daß so meine Spur völlig verloren gehen wird, daß ich dort keiner -Verfolgung ausgesetzt sein werde ... denn der Anblick der Menschen ist -mir jetzt verhaßt. Ach, könnte ich die Vergangenheit aus meinem -Gedächtnisse verwischen! Theure Helene, wie sehr wünschte ich, nur für -dich gelebt zu haben! -- - -Diese zärtlichen Worte, die ihrer Natur nach Helenen nur angenehm sein -konnten, brachten indessen in ihrem Herzen eine gerade entgegengesetzte -Empfindung hervor. Der Ton, mit welchem ihr Gemahl sie ausgesprochen -hatte, schien einen bittern Vorwurf gegen sie selbst anzudeuten, und -seine Physiognomie sagte dabei mehr als seine Worte. Helene liebte ihren -Mann noch, wie in den ersten Tagen ihrer Ehe; bis jetzt hatte sich in -ihrem Herzen noch nie eine eifersüchtige Empfindung geregt, weil Alfreds -Betragen sie überzeugte, daß sie allein in seinen Gedanken herrschte; -aber diese Ruhe konnte von einem Augenblick zum andern getrübt werden. -Helene hatte bis jetzt noch nie ernstlich über das Leben ihres Mannes -nachgedacht, das er vor der Bekanntschaft mit ihr geführt haben könnte; -sie wußte, daß ein junger, hübscher Offizier nicht anders als eine Menge -verliebter Abentheuer gehabt haben konnte; aber sie glaubte, daß Alfred -nicht Zeit gehabt hatte, sich Gefühlen hinzugeben, die nur dann erst -gefährlich werden, wenn sie lange dauern. In dieser Hinsicht war also -Helene frei von Unruhe; indessen stieg ihr doch jetzt der unglückliche -Gedanke auf, daß wohl eine ältere Liebes-Intrigue ihren guten Theil an -der so plötzlichen Reise, die einer übereilten Flucht glich, haben -könnte. - -Wie auch die Gedanken Helenens in dieser Hinsicht gewesen sein mochten, -so hütete sie sich doch wohl, sie laut werden zu lassen; sie suchte -vielmehr, sie zu unterdrücken, indem sie ein gleichgültiges Gespräch -anfing. Hierbei kamen ihr die Fragen ihrer Kinder zu Hülfe, und Alfred, -der sich über ihr unschuldiges Geschwätz freuete, suchte ihre Neugierde -zu befriedigen. Der Oberst bemerkte indessen, daß die Miene seiner -Gemahlin ernster und nachdenkender geworden war; da er diesen Anschein -von Kummer nur ihrer Abreise von Berlin zuschrieb, so gab er sich alle -Mühe, sie durch seine Zärtlichkeit wieder aufzuheitern, was ihm auch so -gut gelang, daß Helene, von seiner Liebe zu ihr gerührt, alle ihre -leeren Muthmaßungen bei Seite warf, und sich ganz dem Glücke überließ, -mit ihrem Gatten und ihren Kindern leben zu können. - - - - - Zweites Kapitel. - - -Kaum war die Familie in Prag angekommen, so verlor der Oberst auch -keinen Augenblick mehr, die einsame Wohnung ausfindig zu machen, nach -welcher er sich so herzlich sehnte. Er wendete sich an einen -Kommissionär, um zu erfahren, ob er irgend eine ländliche Wohnung, -entfernt von allen großen Straßen, aber doch nicht zu weit von der Stadt -entlegen, miethen oder kaufen könnte; und der Zufall entsprach hierbei -völlig seinen Wünschen. Der Eigenthümer des Schlosses R...., in einer -romantisch schönen und fruchtbaren Gegend, ungefähr zwei Stunden von -Prag, bewohnte dieses uralte Gebäude nicht; vergebens hatte er schon -seit längerer Zeit Liebhaber des Landlebens gesucht, aber bis jetzt noch -keinen Miether finden können; daher ging er auch leicht in die -Bedingungen ein, die ihm der Oberst Lobenthal machte, und der, kaum -unterrichtet, daß das Schloß zu vermiethen sei, dahin geeilt war, um es -zu besichtigen. Entzückt von seiner Lage, die ganz so war, wie er sie -wünschte, errichtete Alfred sogleich einen Miethsvertrag in gehöriger -Form, und begab sich mit seiner Familie nach seiner neuen Wohnung. Die -nöthigen Möbel, einfach aber bequem, nicht prächtig, aber geschmackvoll, -hatte er in der Stadt gekauft, und ließ sie unter Aufsicht eines alten -Unteroffiziers von seinem Regiment nachkommen. Dieser, Namens _Werner_, -ebenfalls ein Deutscher, ein tapferer Soldat, war schon früher in -Rußland mit einer kleinen Pension verabschiedet worden; allein aus -Anhänglichkeit an seinen Obersten, der ihm einst in einer Schlacht das -Leben gerettet hatte, wollte er schlechterdings das Schicksal desselben -theilen, und er nahm bei ihm weniger die Stelle eines Bedienten, als -eines treuen und völlig ergebenen Freundes ein. Eine Köchin und ein -Hausmädchen, beide in Prag in Dienst genommen, machten das Hauswesen des -Obersten vollständig; denn Helene und ihr Gemahl hatten auf allen Luxus -verzichtet, weil er durchaus keinen Reiz mehr für sie gewährte. - -Die ersten Tage nach ihrer Ankunft im Schlosse R.... verflossen unter -Beschäftigungen, die gewöhnlich mit der Veränderung des Wohnsitzes -verbunden sind. Die Arbeiter waren in jener Gegend selten zu haben, oder -ungeschickt, und die ganze innere Einrichtung beruhte daher auf des -Obersten und Werners Thätigkeit. Sie leimten die Tapeten an, hingen die -Spiegel auf, stellten die Möbel an ihren Ort, schlugen die Betten auf, -u. s. w. und ihre Hände, nur gewohnt, die Waffen zu führen, wußten sich -äußerst geschickt der Werkzeuge friedlicher Arbeiter zu bedienen. - -Auch Helene war ihrerseits nicht müßig; die Wäsche, die Küche, die -Speisekammer gaben ihr vollauf zu thun; sie vernachlässigte nichts, und -indem die beiden Gatten so mit einander arbeiteten, verschönerten sie -ihre Zeit durch die Ergießungen ihrer Zärtlichkeit und durch die -Glückseligkeit eines vollkommnern gegenseitigen Vertrauens. Doch mitten -unter diesen leichten Arbeiten verdunkelte oft eine plötzliche -Erinnerung die heitere Stirn des Obersten; ein unwillkührliches Erbeben, -das er sogleich wieder zu unterdrücken suchte, bewies, daß ihn ein -geheimer Kummer drücken müsse, und mehr als einmal mußte Helene ihr -Gesicht abwenden, um ihrem Gatten nicht noch mehr Unruhe zu verursachen, -wenn er sähe, daß sie seinetwegen ebenfalls bekümmert sei. - -Oefters schien Alfred wieder völlig heiter zu sein; die Gegenwart seiner -Kinder machte ihm Vergnügen, und sehr häufig nahm er an ihren -unschuldigen Spielen Theil; bald beschäftigte er sich mit seiner Flöte, -bald durchstrich er, von einem Jagdhunde begleitet, die zahlreichen -umliegenden Thäler und Berge. Hier aber, von dickem Gebüsch umgeben, -setzte er sich oft am Fuße einer Eiche nieder, und überließ sich seinen -Träumereien, welche dann mehrere Stunden lang dauerten. Erst die -einbrechende Abenddämmerung, oder einige vorübergehende Landleute -weckten ihn aus seinem fast bewußtlosen Zustande; er schlug sich dann -heftig vor die Stirn, und eilte schnellen Schrittes nach dem Schlosse -zurück. - -Hätte Helene nur Geschmack für die Vergnügungen der großen Welt gehabt, -so würde sie sich in ihrem jetzigen Aufenthalte äußerst unglücklich -gefühlt haben. An Gesellschaft war hier wenig zu denken; die in der Nähe -wohnenden Herrschaften kamen nur im Sommer auf's Land, und sechs Monate -lang im Jahre würde es Niemand von ihnen gewagt haben, sich zwischen die -Berge und Felsen zu begeben, die im Winter fast gänzlich unzugänglich -waren. Wir haben aber schon gesagt, daß Helene in sich selbst -vortreffliche Hülfsmittel zum Zeitvertreib fand. Wenn das Hauswesen ihre -Thätigkeit nicht in Anspruch nahm, so vergnügte sie sich durch Musik, -Malerei und das Lesen der besten Werke unserer schönen Literatur, oder -sie fand hinreichenden Genuß in der Gesellschaft ihres Mannes und ihrer -Kinder. - -Ein ganzes Jahr verging, ohne daß irgend eine außerordentliche -Begebenheit eine Abwechselung in dem stillen und einförmigen Leben der -Familie Lobenthal hervorgebracht hätte. Je mehr die Zeit verfloß, desto -mehr erlangte der Oberst seine Ruhe wieder, und keine unangenehme -Erinnerung schien ihn mehr zu belästigen. Helene, die ihren Gatten sehr -genau beobachtet hatte, freute sich heimlich darüber. Nur selten war -Alfred jetzt vom Schlosse abwesend; er ging nicht mehr so häufig, wie im -Anfange, auf die Jagd, sondern war fast immer bei seiner Frau und seinen -Kindern, mit deren Erziehung er sich beschäftigte; zum Zeitvertreib ließ -er sich auch die Verschönerung des Schloßgartens angelegen sein, den er -mit mehreren seltenen und schönen Blumen bereichert hatte. - -Auch der Winter war an diesem einsamen und abgelegenen Orte für Alfred -und Helenen nicht ohne allen Reiz, denn sie verstanden, sich selbst -genug zu sein. Wenn der häufig fallende Regen die Wege in der Umgegend -so verdorben hatte, daß es völlig unmöglich war, spazieren zu gehen, so -diente der weite Saal des Schlosses zum gymnastischen Tummelplatz, wo -Vater und Kinder sich für die körperliche Ausbildung der letztern -heilsamen Leibesübungen überließen. Ohne Unterlaß hallte dann von den -langen und hohen leeren Wänden ein lautes und herzliches Gelächter -wieder. Den Stunden des Vergnügens folgte ein lehrreicher Unterricht; -die Abende verflossen unter angenehmen Erzählungen, womit Helene ihre -beiden kleinen aufmerksamen Zuhörer in Erstaunen setzte, und voll -Entzücken betrachtete dann Alfred dieses Gemälde der häuslichen -Glückseligkeit. Man achtete nicht der Stürme, des Schnees und Regens, -der gegen die Fenster prasselte, und nach und nach verschwand jede -Erinnerung an eine bittere Vergangenheit. - -Auch der nächste Frühling verfloß in dieser angenehmen Ruhe. Um die -Mitte des Monats Juli erhielt aber der Oberst einen Brief, der ihn mit -neuem Kummer erfüllte. Er hatte eine Schwester, die in Stettin an einen -königlichen Beamten verheirathet war. Gegenseitiges Unrecht unter den -beiden Gatten, die beide noch jung und vielleicht Sklaven ihrer -Leidenschaften waren, hatte schon mehrere unangenehme Auftritte unter -ihnen herbeigeführt, die sich noch täglich vervielfältigten. Ein -gemeinschaftlicher Freund dieser beiden Unglücklichen, der einen -öffentlichen Ausbruch ihrer Uneinigkeiten fürchtete, hielt es für seine -Pflicht, den Obersten von dem, was vorging, zu benachrichtigen. Er -forderte ihn auf, keine Zeit zu verlieren, und nach Stettin zu eilen, -weil, wie er glaubte, seine Gegenwart allein im Stande wäre, die beiden -Gatten auf die Dauer wieder mit einander zu versöhnen. - -Dem Obersten kam diese unangenehme Mittheilung sehr ungelegen. Es schien -ihm zu hart, sich aus dem Schooße seiner glücklichen Familie entfernen -zu sollen, um wieder in die Welt zurückzukehren, deren verhaßtem -Geräusch er nun schon entgangen war. Zwar machte ihm sein Herz Vorwürfe -wegen seiner Gleichgültigkeit gegen seine junge Schwester, für die er -die Stelle eines Vaters zu vertreten hatte; er fühlte, wie nützlich ihr -sein guter Rath sein könnte, wodurch er vielleicht im Stande wäre, sie -vor dem Abgrunde des Unglücks zu bewahren, dem sie unbedachtsam entgegen -zu eilen schien; allein von der andern Seite sollte er sich von seiner -zärtlichen Gattin, von seinen Kindern auf unbestimmte Zeit entfernen; -das Opfer war ihm zu groß. Er wußte lange nicht, was er thun sollte; ehe -er indessen einen Entschluß faßte, suchte er durch schriftliche -Ermahnungen auf seine Schwester einzuwirken. Solche Vorstellungen -konnten aber da kein Gehör finden, wo heftige Leidenschaften laut ihre -Stimmen erhoben; die beiden Gatten klagten einander gegenseitig in den -Antworten an, die sie ihrem Schwager zukommen ließen, und dachten nicht -daran, sich wieder auszusöhnen. Endlich gedieh ihre Uneinigkeit auf -einen solchen Punkt, daß Alfreds Schwester keinen Anstand nahm, das Haus -ihres Mannes zu verlassen, und sich nach dem Landgute einer ihrer -Freundinnen zurückzuziehen. - - - - - Drittes Kapitel. - - -Als der Oberst diese letztere Nachricht erhielt, zögerte er nicht -länger; er machte sich Vorwürfe, nicht schon früher abgereiset zu sein, -und schob auf sich selbst einen Theil der Schuld an dem von seiner -Schwester begangenen Fehler. Jetzt mußte so schnell als möglich Hülfe -geleistet werden, und nachdem er Helenen um Rath gefragt hatte, die -völlig seiner Meinung war, begab er sich nach Prag, von wo er mit -Extrapost weiter nach Stettin eilte. Er reisete ganz allein ab, und ließ -zum Schutze für seine Frau und Kinder den rechtschaffenen und -furchtlosen Werner zurück, den er in Allem, was das Interesse seiner -Familie betraf, als sein zweites Selbst betrachten konnte. Helene mußte -ihren ganzen Muth zusammennehmen, um sich beim Abschiede von ihrem -Gatten zu fassen. Dieß war die erste Trennung von ihm, aber sie wußte -ihren Schmerz in sich zu verschließen, und zeigte nur so viel davon, als -ihr völlig unmöglich war zurückzuhalten. - -»Ach, Geliebter! rief sie unter einem Strom von Thränen aus; eile, daß -du zu mir zurückkehrst! Erst jetzt wird mir dieser Ort hier als eine -wirkliche Wüstenei erscheinen; ich werde völlig allein sein, sobald ich -dich nicht mehr sehe.« - -Alfred versuchte, der zärtlichen Helene einigen Trost einzuflößen. Schon -befand man sich im Monat September, und er versprach ihr, spätestens im -Monat Dezember wieder zu kommen, hinzusetzend: daß sie seiner -Zärtlichkeit wohl so viel Vertrauen schenken würde, um zu glauben, daß -er selbst nichts sehnlicher wünschen könnte, als noch weit früher in -ihre Arme zu eilen, wenn es nur irgend möglich wäre. Aber wie vergeblich -sind alle Trostgründe in dem Augenblicke der Trennung! Man fühlt nichts, -als das gegenwärtige Uebel, und es drückt uns danieder. Die Zukunft ist -in solcher Stimmung gleichgültig, die Hoffnung verliert allen ihren -Zauber, und man kennt nur die Qual der Gegenwart. - -In den ersten Tagen nach Alfred's Abreise war Helene gleichsam in einem -Zustande der Bewußtlosigkeit. Ihr Geist, von hundert peinlichen -Vorstellungen angegriffen, ward für eine abergläubische Furcht -empfänglich, und nur mit einem geheimen Schauder ging sie des Abends die -Treppe hinauf und durch den großen Saal. Die Einbildungskraft, die stets -bereit ist, Alles herbeizuziehen, was uns in Schrecken setzen kann, -verdoppelte ihre Lebendigkeit, um Helenen mit Schrecken zu erfüllen. Die -geringste Kleinigkeit war hinreichend, sie in Furcht zu setzen; oft -stand sie plötzlich zitternd still, weil sie ein sonderbares Geräusch -gehört zu haben glaubte, oder sie machte ihre Augen zu, aus Scheu, -irgend eine fürchterliche Erscheinung zu erblicken. Die Gesellschaft -ihrer Kinder war an den Abenden, die schon lang zu werden anfingen, -nicht mehr hinreichend, um sie zu beruhigen; sie rief nach dem treuen -Werner und nach Lisetten, der Köchin, einem guten, aber höchst -abergläubischen, furchtsamen Mädchen, und behielt Beide Stunden lang bei -sich, unter dem Vorwande, ihnen Befehle für den folgenden Tag zu geben, -oder ihnen Rechenschaft von dem, was sie den Tag über gethan hatten, -abzufordern. - -Es mag auf dem Lande auch noch so einsam sein, die Häuser mögen auch -noch so weit von einander entfernt liegen, so ist dieß Alles doch nicht -im Stande, die Neugierde der Landbewohner einzuschränken. Für diese -Klasse von Menschen ist die gewöhnlichste Begebenheit etwas Wichtiges, -sie geben auf die geringste Kleinigkeit Acht, und Alles wird den -Nachbarn treulich wiedererzählt. So war es auch bei der Ankunft der -Familie Lobenthal im Schlosse R.... Was für übertriebene Dinge erzählte -man sich von ihr, was für lächerliche Mährchen wurden auf ihre Rechnung -verbreitet! Aber die Zeit verfloß, und ein und derselbe Gegenstand kann -nicht stets zur Unterhaltung dienen; daher schien die Familie Lobenthal, -nach Verlauf von funfzehn Monaten, im Lande völlig eingebürgert zu sein, -und man trat sogar mit der Dienerschaft in freundschaftliche -Verhältnisse, so daß die Männer im Stalle mit Wernern, die Weiber in der -Küche mit Lisetten häufig Unterhandlungen anspannen, und ihnen -erzählten, was sie Sonntags vor der Kirchthür Neues gehört hatten. - -Lisette und Werner erzählten gerne, wenn Gelegenheit dazu war, ihrer -Frau wieder, was sie gehört hatten, und Helene erröthete innerlich über -das seltsame Vergnügen, das sie dabei genoß, ihnen zuzuhören; indessen -war ihr, während der Abwesenheit ihres Mannes, Zerstreuung nöthig, und -gleichviel, welchen Gegenstand man vor ihr abhandelte: sie zog das -albernste Geschwätz immer noch der Einsamkeit vor. - -Schon war der Oberst seit länger als einer Woche nicht mehr im Schlosse, -als Lisette eines Abends mit so wichtiger Miene in's Zimmer trat, daß -Helene nicht daran zweifeln konnte, sie habe ihr eine außerordentliche -Neuigkeit mitzutheilen. Sie irrte sich nicht; sobald das gute Mädchen -sich bei der Lampe niedergesetzt hatte, die ihr zu ihrer Abendarbeit -leuchtete, fing sie an: - -»Von nun an, Frau Oberstin, werden wir nicht mehr so ganz allein in -dieser Gegend sein; das Land hier wird immer mehr bevölkert, die Anzahl -der Fremden vermehrt sich; und wenn das so fortgeht, so wird man bald, -wie man im Dorfe sagt, des Montags einen Markt auf unserm Schloßplatze -abhalten können.« - --- Ei, mein Gott, antwortete Helene erstaunt, wer sind denn die -zahlreichen Einwohner, die sich in der Gemeinde angesiedelt haben? -- - -»Wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen soll, Frau Oberstin, so sind es eben -noch nicht viel, aber das wird noch kommen. Für's Erste ist da schon der -Herr Oberst Lobenthal mit seiner Familie, und dann eine Dame, deren -Geschichte und Herkunft man noch nicht kennt, und die das kleine Haus -dort unten im Thale, mitten im Walde, gekauft hat.« - --- Da hat sie sich eine sehr einsame Wohnung gewählt, und sie muß -entweder viel Muth besitzen, oder ein großes Gefolge bei sich haben, -wenn sie ohne Furcht in diesem Hause bleiben kann. -- - -»Dieser Meinung ist auch das ganze Dorf, und dennoch ist sie ganz -allein; denn ein alter Bedienter kann hier gar nicht in Anschlag kommen, -weil er so abgelebt, so bleich und hinfällig ist, daß er weniger einem -Lebendigen, als einem Bewohner der andern Welt ähnlich sieht. Was die -Dame betrifft, so sagt man, daß sie schön ist, obgleich ihre Miene etwas -ganz Außerordentliches haben soll. Ich kann übrigens nichts Näheres -davon berichten, weil ich sie noch nicht gesehen habe; aber am nächsten -Sonntage müßte ich sehr krank sein, wenn ich in der Kirche fehlen -sollte. Die Dame wird doch ohne Zweifel dort sein, und dann will ich sie -genau betrachten, daß ich Ihnen einen vollkommnern Bericht abstatten -kann, wenn Sie selbst zufällig nicht im Stande sein sollten, sie zu -sehen.« - --- Ich bezweifle nicht, Lisette, daß du sie genau betrachten wirst; aber -was spricht man jetzt von ihr? Weiß man, aus welchem Grunde sie sich -gerade gegen den Winter eine so wenig angenehme Wohnung gewählt hat? Ist -sie aus Prag? Ist sie Wittwe, oder unverheirathet? -- - -»Man hat alle diese Fragen schon an ihren Bedienten gerichtet, ohne die -geringste genügende Antwort zu erhalten; denn dieser Bediente soll ein -mürrischer und äußerst grober Mensch sein. Seine Antworten sind: Ja, -nein; vielleicht: das geht Euch nichts an; was er kauft, bezahlt er, -ohne weiter ein Wort zu sprechen, und entfernt sich dann sogleich -wieder. So viel weiß man indessen schon gewiß, daß diese Leute keine -Deutschen sind; denn sie haben eine ganz seltsame Aussprache, und unter -sich bedienen sie sich fremder, unverständlicher Worte.« - --- Ist denn diese Dame schon lange hier? fragte Helene, die schon den -Wunsch fühlte, in der Fremden eine Gesellschafterin zu finden, die -einige Abwechselung in ihrer einfachen, gleichförmigen Lebensart -hervorbringen könnte. -- - -»Sie ist an demselben Tage hier angekommen, wo der Herr Oberst -abreisete. Anfangs stieg sie bei dem Schäfer Paul ab, und fragte ihn, ob -nicht in der Nähe irgend ein Haus zu miethen oder zu kaufen sei? Paul -erwiederte, daß die Gebrüder Gierschmann das kleine Haus im Walde -verkaufen wollten; sie ließ sie sogleich herbeiholen, handelte mit -ihnen, und schlief schon in derselben Nacht in ihrem neuen Wohnsitze. -Paul und die beiden Gierschmann haben anfangs aus dieser Begebenheit ein -Geheimniß gemacht, wahrscheinlich weil sie der armen Dame eine übermäßig -große Summe für das Haus abgenommen haben. Aber am Ende kommt doch Alles -heraus: die Geschichte wurde bekannt, und ich bin nicht die Letzte, die -sie erfahren hat. Vor einer Stunde habe ich sie von der Frau des -Nachtwächters gehört, und ich würde gegen meine Pflicht gehandelt haben, -wenn ich Ihnen nicht sogleich Alles mitgetheilt hätte.« - -Helene dankte Lisetten durch eine Verneigung des Kopfes für ihren guten -Willen, und nahm sich vor, so bald als möglich Bekanntschaft mit der -fremden Dame zu machen. - -Während dieses langen Gesprächs schwieg Werner, der ebenfalls -gegenwärtig war, und schüttelte von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe. Diese -Bewegung und sein Stillschweigen fielen der Oberstin auf, daher sie ihn -fragte, ob er Mißtrauen gegen die unbekannte Dame hege? - -»Ei, erwiederte Werner, ich sehe eben nichts Gutes in ihrem Erscheinen -in hiesiger Gegend. Eine junge Frau, die auch hübsch sein soll, wie man -sagt, kommt mit einem einzigen Bedienten hier her, um sich in ein -abgelegenes Haus einzuschließen: scheint dieß ganz in der Ordnung zu -sein? Hat sie einen Mann? Wo ist ihre Familie? Sollte sie nicht eine -Abentheurerin sein? Ich habe ehemals genug von diesen geheimnißvollen -Prinzessinnen bei unseren Offizieren gesehen, die anfangs alle Blicke -scheuten, und sich sorgfältig eingezogen hielten, bis sie irgend einen -Fang gemacht hatten. Dann erschienen sie am hellen Tage, und zeigten -ihre Reize, ihre Pracht und ihr schlechtes Betragen; hatten sie nun die -Frucht rein ausgesogen, so verschwanden sie plötzlich, wie die -Irrwische, die wir oft dort unten auf dem Moraste erblicken.« - --- Ich glaube es wohl, antwortete Helene, daß man in einer großen Stadt -solche unglücklichen Geschöpfe antrifft, die, um einen desto bessern -Handel mit ihren Reizen zu machen, die Neugierde durch das Dunkel zu -reizen suchen, mit dem sie sich umhüllen; aber hier in R...., mein guter -Werner, was sollte eine solche Person hier suchen? Wo ist hier der -reiche Partikulier, den sie verführen könnte? Ich weiß in der ganzen -Gegend nur Familien, die in der vollkommensten Eintracht leben, und -überdieß binnen Kurzem das Land bis zum künftigen Sommer verlassen -werden. Kann aber diese Dame nicht Unglücksfälle erlitten haben? Schämt -sie sich nicht vielleicht, in der Welt auf einem niedrigeren Fuße zu -leben, als ihr früher ihrem Range nach zukam? und wird wohl eine heutige -Sirene mitten im Walde, fern von jeder Straße, ihren Aufenthalt wählen? -Wird sie sich nicht vielmehr den Orten nähern, die häufig von Reisenden -besucht sind? Nein, mein lieber Werner, dein Verdacht ist ungerecht; man -muß von seinem Nächsten nichts Uebeles denken, als wenn offenbare Gründe -dazu vorhanden sind. -- - -Werner erwiederte nichts, aber er schien keinesweges überzeugt zu sein. -Ihm diente seine Erfahrung zur Richtschnur, wonach er Alles beurtheilen -zu können glaubte, was ihm jetzt begegnete. - -Der folgende Tag war außerordentlich schön. Gegen Abend gingen die -Kinder unter Werners Aufsicht spazieren, und der Zufall führte sie nach -dem nahe gelegenen Walde, während Helene selbst sich nicht so weit vom -Schlosse entfernte, sondern nur bis nach dem Dorfe hinunter ging, wo sie -mit den Landbewohnern, denen sie begegnete, von der nahe bevorstehenden -Erndte plauderte. Alle erzählten ihr aber von der fremden Dame; ihre -Ankunft hatte die allgemeine Neugier gereizt, und man belauschte daher -jeden ihrer Schritte. Man wußte, daß sie gegen Abend ihre Wohnung -verließ, um in der Umgegend spazieren zu gehen; so lange aber die Sonne -noch am Himmel stand, zeigte sie sich nur höchst selten. Den ganzen Tag -brachte sie in einem Zimmer ihres obern Stockwerks zu, wo Niemand sie zu -sehen bekam. Ihr alter Bedienter verrichtete sämmtliche Geschäfte des -Hauswesens, aber er sah stets so mürrisch aus, daß man keine Lust -fühlte, eine Unterredung mit ihm anzuknüpfen, wenn er dann und wann in's -Dorf kam, um irgend etwas einzukaufen. - -Jemehr Helene von der Unbekannten sprechen hörte, desto fester nahm sie -sich vor, sie kennen zu lernen; denn bei allen ihren vortrefflichen -Eigenschaften war die Frau Oberstin doch immer eine Tochter unserer -gemeinschaftlichen Stamm-Mutter Eva. Indessen wußte sie ihren geheimen -Wunsch unter eine scheinbar große Gleichgültigkeit zu verbergen, und als -es finster zu werden anfing, kehrte sie nach dem Schlosse zurück. - -Sobald ihre Kinder sie erblickten, liefen sie ihr voll Freude entgegen. -»Ach, Mutter! liebe Mutter! riefen beide zugleich; wir haben die schöne -unbekannte Dame gesehen, und mit ihr gesprochen. Sie hat uns diese -schönen Blumenkränze geschenkt. Ach, wie gut und wie hübsch ist sie!« - -Dieses unverhoffte Zusammentreffen und die Worte ihrer Kinder reizten -Helenens Neugierde noch mehr. »Still, liebe Kinder, sagte sie, sprecht -nicht beide zugleich; Eines von euch soll mir erzählen, was vorgefallen -ist, und das Andere kann dann nachholen, was vielleicht das Erste -vergessen hat.« - -Dieser Vorschlag war ganz angemessen, aber es boten sich nur -Schwierigkeiten dar, ihn auszuführen. Julie, ein höchst lebhaftes -niedliches Mädchen, schien nicht geneigt, ihrem Bruder das Wort zu -überlassen, der seinerseits wieder das Recht des Aeltern in Anspruch -nahm, um der Erzähler des kleinen Abentheuers zu sein. Hieraus entstand -ein ernsthafter Streit. Helene versuchte anfangs vergebens den Weg der -Güte: sie drang nicht durch, weil Julie sprechen und Wilhelm nicht -schweigen wollte: die Mutter sah sich endlich genöthigt, ihr ganzes -Ansehen zu gebrauchen, und ein bestimmter Befehl legte dem kleinen -Mädchen Stillschweigen auf. Julie nahm nun eine schmollende Miene an, -und setzte sich in einen Winkel des Zimmers, wo sie ihr niedliches -Gesichtchen in den Händen verbarg, indem sie versicherte, daß ihr Bruder -falsch erzähle, daß sie aber gewiß den Mund nicht öffnen würde, um ihn -zu berichtigen. - -Wilhelm, stolz auf die Auszeichnung, die ihm seine Mutter zu Theil -werden ließ, stellte sich lächelnd vor sie hin und fing nun seine -Erzählung an: »Ich hatte Lust, liebe Mutter, in das Thal hinabzugehen, -um von den schönen Blumen, deren so viele auf der dortigen Wiese -wachsen, abzupflücken. Ich bat daher unsern Werner, uns dahin zu führen, -und er willigte ein; wir waren aber kaum einige Augenblicke da, so lief -auch schon Julie, die niemals ruhig bleiben kann, aus allen Kräften nach -dem Walde zu.« - --- Das ist nicht wahr! rief Julie, voll Aerger über die Beschuldigung -ihres Bruders; ich verfolgte einen schönen, bunten Schmetterling, und du -thatest dasselbe. -- Siehst du wohl, liebe Mutter, daß du von Wilhelmen -nichts Ordentliches erfahren wirst? Ich will dir daher erzählen, was -geschehen ist, denn mit mir hat ja die Dame zuerst gesprochen. -- - -»Ich habe dir befohlen zu schweigen, antwortete die Mutter sanft, aber -ernsthaft; und ich will, daß du mir gehorchst. Daß ich also meinen -Befehl nicht zum dritten Mal wiederholen muß!« - -Die Strenge dieser Worte, welche übrigens so wenig mit Helenens Liebe zu -ihrem niedlichen Töchterchen übereinstimmte, verursachte dem letzteren -so viel Schmerz, daß Julie in einen Strom von Thränen ausbrach, und ihre -kleinen Arme ihrer Mutter um den Hals schlang. Helene sahe nun ein, daß -sie sich zu strenge gezeigt hatte, und ohne ein Wort zu sagen, -streichelte sie mit ihrer Hand die schönen blonden Locken ihrer Tochter, -und drückte dann einen Kuß auf ihre Stirn, worauf die Heiterkeit sich -bei derselben wieder einzustellen nicht ermangelte. Indessen fuhr -Wilhelm in seiner Erzählung fort. Er berichtete, wie die fremde Dame -plötzlich vor seinen erstaunten Blicken erschienen sei, während er -seiner Schwester habe nachlaufen wollen, die sich mitten in das dickste -Gebüsch begeben hatte; wie Julie die Hand der fremden Dame gehalten -habe, welche letztere sich dann mit ihren Spielen vereinigte, obgleich -sie, bemerkte der Knabe, die Lustigkeit eben nicht zu lieben schiene. -Sie war immer ernsthaft, und das laute Gelächter Juliens, womit sie -immer sehr freigebig ist, schien ihr sogar ein gewisses Beben zu -verursachen. Aber sie behandelte uns mit einer außerordentlichen -Gütigkeit. Vergebens wollte Werner mehrmals mit uns nach Hause -zurückkehren, sie hielt uns immer noch auf, weil sie stets noch einige -Blumen zu den Kränzen hinzuzufügen hatte, die sie uns wand. Aber sie ist -erstaunlich geschickt; nur weiß ich nicht, warum sie beständig einen -Handschuh auf der linken Hand trägt; das muß ihr doch sehr beschwerlich -sein. Julie wollte ihn ihr abziehen, aber sie hinderte es mit einer sehr -heftigen Bewegung, und warf ihr zugleich einen Blick zu, der mich und -meine Schwester in Schrecken setzte; so böse schien er uns zu sein. - -Diese Erzählung ward in allen Punkten von dem kleinen Mädchen bestätigt, -das nun ebenfalls das Wort zu nehmen eilte. Julie fügte noch eine Menge -Einzelnheiten hinzu, und erzählte ihrer Mutter, daß die hübsche Dame ihr -mitten im Gebüsch so plötzlich erschienen sei, als wenn sie aus der Erde -hervorgekommen wäre. - -»Ich erschrak anfangs sehr, fuhr Julie fort, und da die Dame es -bemerkte, so schien sie darüber sehr bekümmert zu sein. Sie kam dann -lächelnd auf mich zu, und ihre freundlichen Worte machten mich nun bald -dreister. Uebrigens hat sie nicht die geringste Frage an mich gerichtet, -wie es sonst wohl diejenigen zu thun pflegen, die mich zum ersten Male -sehen; sie sprach nur von unseren Spielen und Vergnügungen, und wie sehr -sie meine Freundin zu werden wünschte. Von dir und von meinem Vater hat -sie nicht ein Wort erwähnt.« - -Werner, der nun ebenfalls befragt ward, bestätigte Alles, was die Kinder -gesagt hatten. Aber über sein ganzes Wesen schien die größte Verwirrung -verbreitet zu sein, und vergebens suchte er sie zu verbergen; sie ward -wider seinen Willen so sichtbar, daß Helene aufmerksam werden mußte. - -»Nun, Werner! sagte sie; du bist nicht eben so sehr für die fremde Dame -eingenommen, als Wilhelm und seine Schwester. Hast du immer noch dein -früheres Mißtrauen gegen sie, oder hast du sie vielleicht gar wieder -erkannt?« - --- Ich! sie wieder erkannt haben! rief der alte Soldat, dessen Gesicht -in diesem Augenblick alle Farbe verlor. Ich wüßte nicht, Frau Oberstin, -wie mein Betragen Sie auf solche Muthmaßung hinführen könnte. Ich kenne -jene Person nicht; aber dennoch beharre ich bei der Meinung, daß ihre -Ankunft hierselbst zu geheimnißvoll ist, um sich etwas Gutes davon zu -versprechen. Wenn Sie meinem Rathe folgen wollten, so würden Sie Ihren -Kindern nicht erlauben, bekannter und vertrauter mit ihr zu werden. Was -die Erlaubniß betrifft, daß diese Unbekannte ihren Fuß über die Schwelle -des Schlosses setzt, so wissen Sie selbst, was Sie dabei zu thun haben. -Wenn ich aber an Ihrer Stelle wäre, so würde ich auch nicht einmal -zugeben, daß sie auch nur den Hof überschreitet. -- - -»Um so strenge gegen sie zu verfahren, erwiederte Helene, müßte ich -überzeugt sein, daß ihre Gesellschaft durchaus nicht für mich paßt, und -dieß werde ich vielleicht bald erfahren. Aber da du sie heute zum ersten -Male gesehen hast, da dein Widerwille gegen sie gar keine gegründete -Ursache hat, so kann ich mein Betragen völlig nach den obwaltenden -Umständen einrichten. Dennoch bin ich fest entschlossen, mein lieber -Werner, auf deinen Rath zu hören, wenn du von dieser Dame irgend etwas -weißt, das dich überzeugt, es würde gefährlich für mich sein, mit ihr -umzugehen.« - -Werner schien einen Augenblick lang ungewiß zu sein, was er der Oberstin -antworten sollte; plötzlich hörte indessen diese Ungewißheit auf, und er -versicherte dann mit fester Stimme, daß seine Furcht nur auf -Vorurtheilen beruhe, daß die fremde Dame ihm völlig unbekannt sei, und -daß seine Herrschaft völliges Recht habe, zu handeln, wie es ihr gut -dünke. - -Helene kannte die edle Freimüthigkeit des alten Soldaten, und sie -zweifelte nicht an der Wahrheit dessen, was er sagte. Sie schrieb sein -Mißtrauen der natürlichen Bedächtigkeit derjenigen zu, die in der Welt -viel gesehen und erfahren haben; das Böse hat sich ihnen unter allen -Gestalten gezeigt, und sie fürchten stets, es da anzutreffen, wo der -Anschein es am Wenigsten vermuthen läßt. Nur in der Zurückgezogenheit -lernt das menschliche Herz sich einem Vertrauen überlassen, das noch -durch Nichts getäuscht wurde, und nur der häufige Umgang mit Menschen -lehrt sie fürchten. - - - - - Viertes Kapitel. - - -Indem Werner die Oberstin versicherte, daß die fremde Dame ihm unbekannt -sei, sprach er wider seine Ueberzeugung. So auffallende Gesichtszüge -konnten bei ihm unmöglich in Vergessenheit gekommen sein; er wußte, wie -sehr die, welche damit geschmückt war, würdig gewesen, die zärtlichste -Neigung einzuflößen, und er zitterte schon im Voraus vor einem -Zusammentreffen, das für die Zukunft die schrecklichsten Stürme zu -weissagen schien. Aber sollte er unter diesen Umständen die Ruhe seiner -würdigen Gebieterin vergiften? War es nöthig, in ihrem Herzen die -verzehrenden Flammen der Eifersucht anzuzünden? Unglücklicherweise giebt -es Fälle im menschlichen Leben, wo es nothwendig ist, die Wahrheit zu -verschweigen, und wo man mit der Lüge in's Bündniß treten muß, um großen -Uebeln vorzubeugen. Einer von diesen Fällen war hier eingetreten, und -nur ungern opferte ihm Werner seine natürliche Wahrheitsliebe auf; er -verschwieg also, was er wußte. Wie sehr wünschte er aber die Nacht -herbei, wo er hoffen konnte, ruhig über diese schwierige Lage -nachzudenken. Seine Klugheit sagte ihm, wie wichtig es sei, nichts von -seiner innern Unruhe merken zu lassen; denn wenn sich einmal der -Verdacht im Busen der Oberstin erhob, zu welchen Auftritten konnte dieß -führen! Er nahm daher alle seine Kraft zusammen, und bewachte sich -selbst so strenge, daß Helene in seinen Gesichtszügen nichts als die -Gleichgültigkeit des gewöhnlichen Lebens wahrnehmen konnte. - -Als Werner endlich nach eilf Uhr in seinem Zimmer allein war, eilte er -zu seinem Schreibtische, und schrieb an seinen Herrn, was hier -vorgegangen war. - - »Wie groß wird Ihr Erstaunen sein, Herr Oberst, wenn Sie - erfahren, daß _Lodoiska_ jetzt hier in R.... wohnt, und die - nächste Nachbarin des Schlosses ist. Was will sie hier, jetzt, - nach Verlauf so vieler Jahre? was hegt sie für Absichten? - Diese Fragen kann ich Ihnen nicht beantworten. Sie hat mich nicht - erkannt, wenigstens ließ sie nicht das geringste Zeichen - entschlüpfen, woraus ich es hätte schließen können. Lassen Sie - mir jetzt Ihre Befehle zukommen, und ich werde sie ohne Verzug - ausführen. Wollen Sie sie wiedersehen, und sich eine - Zusammenkunft mit ihr verschaffen, um ihre Absichten kennen zu - lernen? Oder ziehen Sie es vor, daß die Frau Oberstin und Ihre - Kinder diese Gegend hier augenblicklich verlassen? Dieß würde - vielleicht der beste Weg sein, den Sie einschlagen könnten. - Sie werden nie glücklich, noch ruhig sein, so lange diese - Lodoiska lebt, oder wenigstens, so lange dieselbe Sie mit - ihrer Gegenwart und ihren Vorwürfen verfolgt.« -- - -Indem Werner diese letzten Worte niedergeschrieben hatte, erbebte er -unwillkührlich; denn es schien ihm, als wenn er hinter sich das Geräusch -eines Gewandes hörte, und den Athem einer Person fühlte, die sich über -ihn her beugte, um zu lesen, was er geschrieben. Die Täuschung war so -vollkommen, daß er nicht daran zweifelte, die Oberstin sei dicht hinter -ihm, und voller Schrecken hierüber, wagte er anfangs nicht, die Augen -aufzuschlagen, noch den Kopf umzuwenden; da indessen nach Verlauf von -einer Minute sich noch immer kein neues Geräusch hören ließ, so blickte -er um sich, und überzeugte sich nun, daß er sich geirrt habe. Kein -lebendiges Wesen war in seinem Zimmer zu sehen, die tiefste Stille -herrschte überall, nur dann und wann von dem Geschrei einer einsamen -Eule unterbrochen, die in dem alten Thurme des Schlosses nistete. - -Diese Gewißheit, daß die Oberstin seinen Brief nicht gelesen habe, -verursachte ihm die größte Freude, und nachdem er sein Zimmer fest -verschlossen hatte, suchte er sich einem erquickenden Schlafe zu -überlassen; es gelang ihm aber nicht. Die geheimnißvolle Lodoiska kam -ihm nicht aus den Gedanken, und in seinem Zorne gegen sie fluchte er -laut, als wenn er eine Abtheilung Rekruten zu exerziren hätte. Erst sehr -spät schlossen sich endlich seine Augen, und der Mensch in ihm lebte nur -noch durch seine nächtlichen Beziehungen mit den himmlischen Geistern -fort. Gewöhnlich kam Werner sonst dem Erwachen der Morgenröthe zuvor; -dießmal aber stand die Sonne schon über den umliegenden Hügeln, als der -alte Unteroffizier plötzlich aus dem Schlafe aufschreckte, und über die -Art von Bewußtlosigkeit, in der er gewesen zu sein sich erinnerte, -erstaunte. Ohne Zweifel hatten die Arbeiter auf dem Felde schon -angefangen, und er war dabei nicht zugegen gewesen. Voller Scham über -diesen Fehler zog er sich schnell an und eilte hinunter in den Hof; hier -erinnerte er sich aber, daß er den wichtigen Brief an seinen Herrn auf -dem Schreibtische vergessen habe, und da die Klugheit ihm rieth, -denselben nicht vor Jedermanns Augen umher liegen zu lassen, so kehrte -er um, ihn zu sich zu stecken, und ihn nachher dem täglich nach der -Stadt gehenden Boten zur Bestellung auf der Post zu übergeben. - -Der Brief befand sich nicht mehr an dem Orte, wo Werner ihn hatte liegen -lassen, sondern er sahe ihn, in tausend Stücke zerrissen, auf dem -Fußboden umhergestreut. Dieser eben so sehr überraschende, als -verdächtige Anblick entriß Wernern einen lauten Ausruf, und versetzte -ihn dann in ein peinliches Nachdenken. Wer konnte das Schreiben -zerrissen haben? Wer war während so weniger Augenblicke in seinem Zimmer -gewesen, um dort so unverschämt zu handeln? Sollte es die Oberstin, oder -Lisette, oder das Hausmädchen gewesen sein? Nur diese drei Personen -konnten um diese Zeit schon aufgestanden sein. Er erinnerte sich, daß er -das letztere auf dem Hofe gesehen habe; auch erblickte er Lisetten durch -das Fenster in der Küche mit ihren Arbeiten beschäftigt, und die -Oberstin schien noch nicht aufgestanden zu sein, wie die geschlossenen -Fensterladen ihres Zimmers zeigten. Kurz, er wußte nicht, was er von -diesem außerordentlichen Vorfalle denken sollte; und er gewann es nicht -über sich, den Brief sogleich von Neuem zu schreiben, sondern sammelte -nur sorgfältig die Stücke vom Fußboden auf, um sie in's Feuer zu werfen. - -Den ganzen Tag über befand sich Werner in einer äußerst peinlichen -Stimmung. Obgleich er überzeugt war, daß die Oberstin sein Zimmer nicht -so sehr verletzt habe, so fühlte er doch eine große Verlegenheit, als er -heute zum ersten Male in ihre Nähe kam. Er suchte sich zu zwingen, und -in den Gesichtszügen Helenens zu lesen; aber diese waren so ruhig, daß -sie unmöglich eine so unerwartete Entdeckung, wie die Lesung des Briefes -ihr gewähren mußte, gemacht haben konnte. Werners Erstaunen ward nun -immer größer, und er verlor sich vergebens in allerhand Vermuthungen; -höchst unangenehm aber war es ihm, als die Kinder ihn baten, sie wieder, -wie gestern, nach dem Walde spazieren zu führen, weil sie hofften, ihre -neue Freundin, wie sie sagten, wieder zu sehen. - -Gern hätte Werner es ihnen abgeschlagen; aber die Oberstin war zugegen, -und ehe er noch ein Wort sprechen konnte, hatte sie schon ihre -Einwilligung gegeben. Die Klugheit gebot ihm, von seinen wahren Gedanken -nichts merken zu lassen, um bei der Gemahlin seines Obersten weder -Argwohn noch Furcht zu erregen, und mit zurückgehaltenem Unwillen stieg -er langsam den Hügel hinab, nach dem Orte zu, wie seine jungen Begleiter -wünschten. - -Kaum befanden sie sich am Saume des Waldes, so trat Lodoiska plötzlich -aus dem Gebüsch hervor, in ihren Händen ein paar Federbälle und eine -schöne Puppe, die sie den Kindern bestimmt hatte. Sobald diese ihre neue -Freundin erblickten, liefen sie auf sie zu, und Julie war so dreist, -sich gerade zu in ihre Arme zu werfen. Diese unschuldige Handlung schien -die Fremde tief zu bewegen; sie trat einen Schritt zurück, und warf -einen so finstern, unheimlichen Blick auf das Kind, daß der muthige -Werner darüber erstarrte. Allein diese anfängliche Bewegung dauerte -nicht lange; ein leichtes Lächeln überflog die Gesichtszüge der Fremden, -und mit der größten Liebenswürdigkeit vertheilte sie die mitgebrachten -Geschenke. - -Wilhelm, entzückt über die Federbälle, lief sogleich nach der nahen -Wiese, um sie zu versuchen, und Julie, ganz glücklich bei dem Anblick -ihrer Puppe, bat um Erlaubniß, Blumen pflücken zu dürfen, um ihre kleine -Dame damit zu schmücken. Die Fremde hatte nichts dagegen, und als sie -die Kinder mit ihren Spielen in voller Beschäftigung sahe, näherte sie -sich dem alten Unteroffizier, der in tiefem Sinnen an einen Baum gelehnt -stand, und über die Vergangenheit nachdachte. Er fürchtete, daß neue -Unfälle die Ruhe seines Obersten stören möchten; er war höchst -unzufrieden, aber er wußte nicht, wie er dem drohenden Ungewitter -zuvorkommen sollte. - -Werner war so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß er die Annäherung -der Dame nicht gehört hatte, als er plötzlich aus seinem Nachdenken -durch eine ihm wohlbekannte Stimme geweckt ward, die aber in diesem -Augenblick etwas Dumpfes und Feierliches hatte, so daß er sich davon bis -in's Innerste ergriffen fühlte. - -»Nun Werner, redete sie ihn an, was habe ich dir gethan, daß du mir -stets entgegen bist? Wird deine ungerechte Abneigung gegen mich nicht -endlich einmal aufhören?« - -Auf's Aeußerste überrascht durch diese Worte, schlug der Soldat die -Augen auf, entfernte sich von dem Baume, an den er sich gelehnt hatte, -und schien wenig geneigt zur Antwort zu sein. Doch überwand er sich, und -sagte: - -»Was wollen Sie von mir, Lodoiska? Warum haben Sie Ihr Vaterland -verlassen? Was suchen Sie hier in Deutschland? Hat denn die Zeit keinen -Einfluß auf Sie? Denken Sie noch eben so, wie in den Jahren Ihrer -Jugend? Dann bedaure ich Sie, oder vielmehr ich beklage Ihren Wahnsinn.« - --- Die Zeit, antwortete die Fremde in dem feierlichsten Tone, vermag -jetzt nichts mehr über mich; es giebt ein Leben, wo ihre Macht völlig -aufhört, und wo die Empfindungen unveränderlich werden, wie die -Ewigkeit, von welcher sie ein Theil sind. Wundere dich nicht über meine -Gegenwart, denn nicht mein Wille ist es, der mich leitet; ich gehöre mir -selbst nicht mehr an, sondern einem grausamen, gebieterischen Herrn, der -mir jeden meiner Schritte vorzeichnet. Meine alte Wunde blutet noch, und -die Zeit, wie du sie nennst, hat das Recht verloren, sie zu vernarben. --- - -»Warum aber, erwiederte Werner, sich mit unnützen Hoffnungen quälen? -Zwischen Ihnen und dem Obersten ist Alles vorbei. Er hat vielleicht -Unrecht gegen Sie begangen, aber er darf daran nicht mehr denken. Schon -seit mehrern Jahren ist er der Gatte einer Frau, die seine Zärtlichkeit -verdient. Wollen Sie die Ruhe in seinem Hause stören? Treibt die Rache -Sie so weit, daß Sie das Herz seiner Gemahlin zerreißen können?« - --- Durfte er sich verheiraten, Werner? Gehörte dein Herr sich allein an, -um sich frei hinzugeben? Hat er nicht mit seinem eigenen Blute das -Versprechen unterschrieben, nur mit mir vor den Altar zu treten? Weißt -du dieß Alles nicht, du, der du so dreist von der Vergangenheit -sprichst, die den Treulosen vernichten wird? War ich weniger schön, als -deine jetzige Gebieterin, oder weniger tugendhaft? Was hatte ich -Unrechtes gethan? Etwa, weil ich Liebe für Liebe gab, und mich einem -Gefühle gänzlich überließ, das ich für aufrichtig hielt? Habe ich mein -Versprechen zurückgenommen, das ich ebenfalls mit meinem Blute -unterschrieb? Ist es nicht noch in Alfred's Händen, und kann er vor Gott -der rechtmäßige Gatte einer Andern sein? Was habe ich Unrechtes gethan? -Er kann mir keine Vorwürfe machen, während ich ihn durch die Menge der -meinigen zu Boden zu schlagen im Stande bin! -- - -Während die schöne Fremde so sprach, schien sie der Erde gar nicht mehr -anzugehören; ihre hohe und schlanke Gestalt, der unstät umherschweifende -Blick, die in ihren Gesichtszügen bemerkbaren Zeichen des Unwillens, -welche ihrem Munde einen furchtbaren Ausdruck gaben, alles Dieses -zusammen gab ihr das Ansehen eines überirdischen Wesens. Werner war -nicht im Stande, den Blick ihres forschenden Auges auszuhalten, das -seine Gedanken bis in die innersten Falten seines Herzens zu verfolgen -schien. Insgeheim mußte er zugeben, daß sein Herr Unrecht gethan; aber -es war auf keine Weise wieder gut zu machen, und Lodoiska mußte, -ungeachtet der Gerechtigkeit ihrer Ansprüche, darauf Verzicht leisten. -Dieß suchte er ihr in seiner Antwort begreiflich zu machen. - -Die Fremde hörte ihm mit einem verächtlichen Lächeln zu, ohne weder -Erstaunen noch Unzufriedenheit blicken zu lassen. Schon schmeichelte er -sich, sie überzeugt zu haben, und wollte nun seine Ueberredung -vollenden, als sie ihn plötzlich dadurch unterbrach, daß sie ihm ihre -rechte Hand auf seine Schulter legte. Diese mit einer Art von -Nachlässigkeit gemachte Bewegung brachte nichts desto weniger in ihm -eine außerordentliche Wirkung hervor. Er hatte an dem Orte der Schulter, -welchen Lodoiska's Hand berührte, ein ganz seltsames Gefühl, und es -schien ihm, als wenn er mitten aus einem glühenden Ofen in ein Meer von -Eis geschleudert würde; dieses Gefühl verlor sich aber sogleich wieder, -sobald die Hand zurückgezogen wurde, die es hervorgebracht hatte. - -»Habe ich ihn seines Versprechens entbunden? sagte Lodoiska ruhig, ohne -auf die Gründe zu antworten, die ihr Werner so eben auseinandergesetzt. -Hat er unsern schriftlichen Vertrag noch?« - --- Gleichviel, ob er ihn noch hat oder nicht, es kann jetzt doch nichts -mehr darauf ankommen; mag er in seinen Händen sein, oder in den Ihrigen, -wozu könnte er noch dienen? Die Gerichte werden gar keine Rücksicht -darauf nehmen. -- - -»Es ist möglich, leichtsinniger Soldat, daß die menschlichen Gesetze -gegen diese Art von Meineid nichts vermögen; aber es giebt in jener Welt -einen unbestechlichen Richter. Dieser war Zeuge jenes Versprechens, an -ihn habe ich mich gewendet, um Gerechtigkeit zu erlangen, und ich bin -gewiß, sie zu erhalten.« - --- Wahrlich, Lodoiska, erwiederte Werner lächelnd, da könnten Sie lange -warten, ehe das Urtheil, wovon Sie sprechen, in Vollziehung gesetzt -wird. Glauben Sie mir, das Beste für Sie ist, wenn Sie in Ihr Vaterland -zurückkehren, und dort ruhig bei Ihrer Familie bleiben. Sein Sie -überzeugt, daß der Oberst nicht anstehen wird, Ihnen ruhige und -sorgenlose Zukunft durch ein anständiges Jahrgehalt zu sichern. -- - -»Das steht nicht mehr in seiner Macht, antwortete die Fremde in einem -noch feierlichern Tone als bisher; ich habe keine Familie mehr, die -ganze Erde ist mein Vaterland, und was die Vortheile betrifft, die du -mir in Alfred's Namen versprichst, so bedarf ich ihrer nicht. Das Geld -ist in meinen Augen verächtlich, und ich besitze es im Ueberfluß. Wenn -du dich anheischig machen willst, deinem Herrn meine Gegenwart -hierselbst nicht zu melden, so verspreche ich dir mehr Reichthümer, als -du dir wünschen kannst. Hier, fuhr sie fort, eine sehr große gefüllte -Geldbörse hervorziehend, nimm dieß auf Abschlag dessen, was du noch in -Zukunft von mir erhalten sollst.« - -Die seltsamen Worte Lodoiska's machten das Erstaunen des alten Soldaten -vollkommen. Er wußte, daß sie, die Tochter eines moldauischen Bauers, -nicht reich war, und jetzt gab sie ihm den Beweis des Gegentheils. Dieß -trug aber nicht zu seiner Beruhigung bei, doch durfte die Fremde sich -nicht schmeicheln, ihn zu verführen. - -»Auch ich, Lodoiska, sagte Werner, bin über meine Bedürfnisse erhaben, -und ich danke Ihnen für Ihr großmüthiges Anerbieten; es könnte mich -nicht reizen, wenn ich auch die Absicht hätte, dem Obersten zu -schreiben, daß Sie hier sind.« - --- Lügner! antwortete Lodoiska lebhaft, du hast sie, diese Absicht, und -du hast schon versucht, sie auszuführen. -- - -Diese zuversichtliche Behauptung, die ihm zugefügte Beleidigung, die -eine männliche Person mit ihrem Blute würde haben bezahlen müssen, -versetzte den erstaunten Werner fast in einen Zustand des Erstarrens. Er -wußte nicht, ob er seinem Zorn den Lauf lassen, oder ihn zu unterdrücken -suchen sollte; doch riß ihn die Heftigkeit seines Charakters mit fort, -und er rief voller Unwillen: - -»Danken Sie es Ihrer weiblichen Kleidung, die Sie vor meiner -augenblicklichen Rache schützt! Aber was für einen Titel verdienen Sie, -unvorsichtiges Weib, da Sie nicht fürchten, sich heimlich in fremde -Häuser einzuschleichen, und die Handlungen ihrer Bewohner zu belauschen? -Sie stehen früh genug auf, wie es scheint; aber sein Sie überzeugt, Sie -sollen so bald nicht wieder, ohne mein Wissen, ins Schloß eindringen.« - -Ein Lächeln, dessen Bedeutung unbegreiflich schien, war Lodoiska's ganze -Antwort. Dann aber nahm sie eine Miene von Würde an, und sagte: - -»Bedenke, Werner, daß du thätigen Antheil an meinem Unglück genommen -hast; ich warne dich jetzt, nicht blind in den Abgrund des Verderbens zu -rennen. Glaube mir, es wird am besten für dich sein, unparteiisch bei -dem Kampfe zu bleiben, der sich bald erheben kann; dieß ist das einzige -Mittel für dich, dem nahen Ungewitter zu entgehen.« - -Bei diesen Worten sprühten ihre Augen gleichsam Feuer, und nach einer -fürchterlich drohenden Geberde entfernte sie sich mit schnellen -Schritten auf einen schmalen Fußsteig, der sie bald den Blicken entzog. -Sie hörte nicht auf die Stimmen der beiden Kinder, die, ihrer Spiele -müde, sich jetzt näherten, um mit ihr zu plaudern. Werner stand wie -unbeweglich da, und war in tiefes Nachdenken über die Unglücksfälle -versunken, die er schon mit Gewißheit vorhersah. Endlich weckte ihn -Wilhelm aus seiner Träumerei. - -»Hörst du den Donner nicht, Werner, der dort aus der schwarzen Wolke -herüberrollt? Sieh doch, welche schöne Blitze! Es wird gewiß ein -Gewitter geben.« - --- Ein Gewitter! rief Werner aus. Sollte ihre Prophezeihung schon so -schnell in Erfüllung gehen? -- Er erblickte nun ebenfalls die -heranziehenden schwarzen Wolken, aus denen häufige Blitze fuhren, und da -die Vorsicht nicht erlaubte, den Spaziergang noch weiter fortzusetzen, -so nahm er seine beiden jungen Freunde an die Hand, und kehrte auf dem -kürzesten Wege nach dem Schlosse zurück. - - - - - Fünftes Kapitel. - - -Helene, die aus ihrem Fenster das Gewitter hatte herannahen sehen, war -schon in großer Unruhe über die verzögerte Rückkehr ihrer Kinder -gewesen, und voller Ungeduld verließ sie daher das Schloß, um ihnen -entgegenzugehen. Sie war noch nicht weit gekommen, als sie schon das -laute Gelächter der kleinen, muthwilligen Julie hörte, und bald darauf -sahe sie die theuern Wesen auf sich zu laufen. Die Kinder sprachen von -nichts, als von der schönen Dame, und von den Geschenken, die sie ihnen -gemacht hatte. Helene war Mutter, und faßte daher schon ein günstiges -Vorurtheil für diejenige, welche ihren theuern Kindern eine solche -Freude machte; sie erkundigte sich, was die Fremde gesagt habe? - -»O dießmal, antwortete das kleine Mädchen, hat sie nicht lange mit uns -geplaudert, sondern beständig mit Werner gesprochen, den sie zuletzt -voll Zorn verließ.« - -Diese wenigen Worte des Kindes stürzten alle Pläne über den Haufen, die -der Unteroffizier schon unterweges gemacht hatte. Er sahe sogleich ein, -daß er Julien nicht widersprechen könne, weil die Oberstin ihm doch -nicht Glauben beimessen würde; ein Entschluß mußte aber gefaßt werden, -und ungeachtet seines Widerwillens gegen die Lüge wartete er nicht ab, -bis Helene ihn fragte, sondern, nachdem Letztere die Kinder durch einen -Wink entfernt hatte, sagte er: - -»Ich hatte vollkommen Recht, Frau Oberstin, der Unbekannten nicht zu -trauen. Glauben Sie mir, daß sie ihren Aufenthalt nicht ohne gefährliche -Absichten hier in R.... gewählt hat. Eine ganze Stunde lang hat sie mich -mit Fragen über Ihre Familie und alle unsere Nachbarn gleichsam auf die -Folter gespannt. Sie wollte Alles wissen, das Alter, den Rang, die -Beschäftigung eines Jeden, und sie wurde gar nicht müde in ihren -Versuchen, mich auszuforschen. Anfangs suchte ich ihren unverschämten -Fragen mit Höflichkeit auszuweichen, aber sie hielt sich noch nicht für -besiegt, und kehrte zum Angriff zurück. Eine Frage folgte auf die -andere, gleichsam wie ein ununterbrochenes Heckfeuer, so daß ich endlich -der Sache überdrüssig wurde. Ich nahm meine Truppen zusammen, und rückte -ihr mit gefälltem Bajonet auf den Leib, so daß ich ihr eine völlige -Niederlage beibrachte. Mein Widerstand setzte sie in solche Bestürzung, -daß sie in höchst übler Laune ihren Rückzug antrat.« - -Diese mit militärischen Ausdrücken untermischte Rede zwang der Oberstin -ein Lächeln ab. Die Fragen der Fremden schienen ihr nicht so -unverschämt, als Werner sie darstellte; sie hielt es für natürlich, daß -sie sich nach den Familien der Gegend erkundigte, wo sie sich -niedergelassen hatte. - -»Ich hoffe, mein lieber Werner, daß deine Antworten nicht beleidigend -gewesen sind; man muß Achtung vor den Damen haben, und vorzüglich darf -ein Soldat dieselbe nicht aus den Augen setzen.« - --- Das ist recht gut für unsere Herren Offiziere, erwiederte Werner; -aber wir, da wir nicht ihre Vorrechte genießen, brauchen auch nicht ihre -Höflichkeiten nachzuahmen. -- - -Mit diesen Worten, die er absichtlich etwas hart aussprach, entfernte -sich der alte Soldat, und Helene kehrte nun zu ihren Kindern zurück, -während das Gewitter immer näher kam, und der Regen schon in großen -Strömen niederfiel. Helene fürchtete nicht das Rollen des Donners, so -wenig als ihre Kinder; aber Lisette und Marie waren in der größten -Angst. Sie eilten zu ihrer Gebieterin, gleichsam um bei ihr Schutz zu -suchen, den sie ihnen auch nicht verweigerte. Da Werner unterdessen -ungestört sein konnte, so begab er sich auf sein Zimmer, und ungeachtet -eines unwillkührlichen Schauders, der sich zu wiederholten Malen in -seinem Innern erhob, setzte er sich, um zum zweiten Male an seinen Herrn -zu schreiben. - -Das Gewitter wurde immer heftiger, und die Winde kämpften fürchterlich -mit einander, so daß sie in ihrer Wuth das Schloß in seinen Grundfesten -zu erschüttern drohten. Unter das Rollen des Donners und das Heulen des -Sturmes hörte Werner von Zeit zu Zeit sich gleichsam klagende Stimmen -mischen; ja er hörte Worte, deren Ton seinem Ohr nicht unbekannt war. -Mehrere Male hörte er unwillkührlich auf zu schreiben; dann aber, voll -Scham über seine Schwäche, sammelte er seine Gedanken wieder, und zur -Stunde des Abendessens war sein Brief an den Obersten fertig. - -Da er sein Schreiben nicht abermals den Versuchen Lodoiska's aussetzen -wollte, schloß er dasselbe in einen Kasten ein, und setzte diesen in -seinen Kleiderschrank. Von beiden steckte er die Schlüssel zu sich, und -verließ dann ruhig sein Zimmer, überzeugt, daß sein Geheimniß nun in -Sicherheit sei. Das Ungewitter tobte immer noch fort, und Lisette so wie -Marie waren bereits fast todt vor Schrecken. Die Kinder, des Wartens auf -das Abendessen müde, schliefen auf einem Sopha, und Helene las in einem -guten Buche. Werners Eintritt in's Zimmer belebte die beiden Mädchen -wieder, die sich nun entschlossen, jede zu ihren Verrichtungen zu gehen, -und das verspätete Abendessen wurde endlich aufgetragen. - -Erst gegen Mitternacht ward der Himmel wieder heiter, und nach und nach -kehrte die Natur zur Ruhe zurück. Werner hatte dem Unwetter heimlich mit -Vergnügen zugesehen, denn er wußte, daß es mehrere Tage lang unmöglich -blieb, spazieren zu gehen, wenn Regen gefallen war; und er hoffte, daß -während dieser Zeit irgend ein Umstand eintreten möchte, wodurch die -neue Bekanntschaft der Kinder seines Herrn mit Lodoiska aufgehoben -würde; ja, er schmeichelte sich, daß die Antwort des Obersten auf seinen -Brief dem ganzen Leben der Familie eine andere Richtung geben könnte. - -Mit diesen Gedanken beschäftigt, die ihm keine Ruhe ließen, schlief der -brave Soldat nur wenig. Der neue Tag war noch nicht angebrochen, so -befand er sich schon auf den Beinen. Er nahm seine Schlüssel und öffnete -den Schrank und den Kasten, um den Brief herauszunehmen, den er ohne -Verzug nach Prag auf die Post senden wollte. Er fand ihn nach dem -Gefühl, und steckte ihn in seine Tasche, ohne ihn zu sehen, da es noch -dunkel war; hierauf ging er hinunter in den Hof, um den Knecht zu rufen, -der ihm als Bote dienen sollte. - -Ehe er ihn fand, verging einige Zeit, und die heraufsteigende -Morgenröthe erhellte bereits die Erde rings umher, als er dem alten -Peter anempfahl, sich sogleich nach der Stadt auf den Weg zu machen, um -einen höchst eiligen Brief auf die Post zu bringen. Während er mit ihm -sprach, zog er den Brief aus der Tasche, und warf noch zufällig einen -Blick darauf, ehe er ihn übergab. O welche Ueberraschung ohne Gleichen! -Das Papier war mit großen Blutstropfen befleckt, so daß es nicht einmal -möglich war, die Aufschrift zu lesen! -- - -Dieser außerordentliche Umstand preßte dem erstaunten Soldaten -unwillkührlich einen Schrei aus. Kaum konnte er seinen Augen trauen; -unbeweglich stand er da, den Brief zwischen den Fingern hin- und -herdrehend, ohne noch immer zu begreifen, was er vor sich sehe. Dann -kehrte er schnell seine Tasche um, aber sie war völlig rein, und am -Wenigsten konnte man eine Spur von Blut darin entdecken. Hierauf eilte -er in's Schloß zurück auf sein Zimmer, und untersuchte den Kasten, in -welchem der Brief gelegen hatte; aber auch hier fand sich keine Spur von -der Ursache, die das Papier beschmutzt haben konnte. Der muthige Werner -starrte vor Schrecken; doch erholte er sich bald, und ohne Zeitverlust -schrieb er nun den Brief zum dritten Male. Zwar kürzte er ihn ab, aber -sein Inhalt war desto dringender, und sobald er fertig war, übergab er -ihn dem Boten, den er zur größeren Sicherheit noch eine gute Strecke -weit begleitete. -- - -Werner besaß Muth, aber dennoch konnte er sich jetzt einer gewissen -abergläubischen Furcht nicht erwehren. Mit der größten Unruhe erinnerte -er sich an die Erzählungen, die er in Rußland und vorzüglich in der -Moldau und Wallachei gehört hatte, als er sich daselbst mit seinem -Regiment befand; an die Sagen von Menschen, die ihre Seele dem Teufel -verkauft hätten, und dadurch eine übernatürliche Macht zum Schaden ihrer -Mitmenschen erlangten. Alle jene Mährchen fielen ihm jetzt wieder ein, -und die beiden so eben erst erlebten Ereignisse verleiteten ihn sogar zu -dem Glauben, daß wohl Lodoiska durch ein ähnliches Bündniß sich eben -solche Macht verschafft haben könnte. Doch verwarf er bald diese -Gedanken wieder. »Was für ein Thor ich bin, sagte er zu sich selbst, an -solche Fabeln zu glauben. In der Moldau und Wallachei mag dergleichen -hingehen, es wohnen dort nur Barbaren; aber in Deutschland hat der -Teufel schon lange sein Recht verloren, oder es bloß den Taschenspielern -überlassen; diese arbeiten bei uns noch allein für ihn, und vielleicht -ist Mamsell Lodoiska eine solche geschickte Taschenspielerin. Aber sie -mag sich in Acht nehmen; denn sie würde übel wegkommen, wenn ich sie -einmal auf der That ertappe.« - -Nachdem er hierauf einer Flasche mit altem guten Rum, die auf seinem -Tische stand, einen Besuch abgestattet hatte, vergrößerte sich noch sein -Muth, und er nahm sich vor, von nun an seine Wachsamkeit noch zu -verdoppeln, um zu entdecken, durch welche Mittel sich Lodoiska's -Wirksamkeit bis in's Schloß erstrecken könnte. In der Hoffnung, recht -bald vom Obersten Antwort zu erhalten, ging er dann an seine -gewöhnlichen Geschäfte. - -Die Einsamkeit, in welcher die Familie Lobenthal im Schlosse R.... -lebte, ging indessen nicht so weit, daß sie nicht von Zeit zu Zeit durch -einige Besuche unterbrochen worden wäre, welche die auf den umliegenden -Gütern wohnenden Herrschaften im Schlosse abstatteten. Sie wurden stets -mit großer Höflichkeit und Gastfreundschaft empfangen, und Helene sahe -sie sogar mit Vergnügen, besonders seitdem ihr Gatte abwesend war; denn -sie bedurfte jetzt mehr Zerstreuung als früher, und fand sie in dem -Umgange mit den Nachbarn. Daher fiel es auch im Geringsten nicht auf, -als noch an demselben Tage, Nachmittags um zwei Uhr, ein alter Edelmann -aus der Nachbarschaft im Schlosse eintraf, der früher Oberjägermeister -gewesen war, jetzt aber ruhig sein Feld bauen ließ. - -Herr von Krauthof war ein großer Esser, ein erprobter Trinker, der seine -ganze Zeit beinahe mit Besuchen hinbrachte, und dabei weder die -Schlösser der Herrschaften, noch die Häuser der Pächter verschmähte. -Seine Hauptstärke bestand darin, daß er Stunden lang nichts als -Komplimente herzusagen wußte; und nachdem er dieses wichtige Geschäft -auch heute beim Eintritt in's Zimmer Helenens beendigt hatte, kam er -endlich auf einen Gegenstand, der uns hier näher angeht. -- - -»Nun, Frau Oberstin, fuhr er im Flusse seiner Rede fort, Sie haben ja -eine liebenswürdige Nachbarin bekommen. Ich sage: liebenswürdig, -obgleich ich nicht recht weiß, warum; denn mich hat sie mit einer -verzweifelten Strenge behandelt. Erst am vergangenen Dienstag erfuhr -ich, daß sich hier in der Gegend eine fremde Dame niedergelassen habe, -deren Schönheit allgemein gelobt wird; ich hielt es daher für Pflicht, -und um ihr eine gute Vorstellung von unsern hiesigen Herren -beizubringen, ihr sogleich einen Besuch abzustatten. Gestern also begab -ich mich nach dem Häuschen im Walde, meinen Regenschirm unter dem Arme, -weil man jetzt nicht mehr dem Wetter, so wenig als den Menschen, trauen -kann. Als ich anlangte, war die Hausthür verschlossen. Ich fand dieß -ganz in der Ordnung, weil ein Jeder in seinem Hause Herr sein will; ich -klopfte daher an, und man öffnete. Schon war ich im Begriff einzutreten, -als ich plötzlich ein wahres Gespenst vor mir sahe, das mir den Weg -versperrte. Stellen Sie sich den größten und zugleich den magersten -aller Menschen vor: ein Gesicht wie ein Jesuit, Augen wie eine Eule, und -eine Miene, als wenn es eher ein Bewohner jener als dieser Welt gewesen -wäre; eine rauhe und hohle Stimme, eine Manier wie ein Holzblock und -einen völlig verpesteten Athem.« - --- Was wollen Sie hier? fragte er mich, ohne weiter irgend eine -Höflichkeitsformel hinzuzusetzen. -- - -»Diese unartige Frage überraschte mich zwar ein wenig, da sich aber ein -Edelmann aus altem Geschlechte so leicht nicht in Verlegenheit setzen -läßt, so antwortete ich ihm: Ich bin ein Edelmann aus der Nachbarschaft, -der deiner Herrschaft seine Hochachtung bezeigen, und also bei ihr -vorgelassen werden will. -- Nach dieser artigen Rede hatte ich einiges -Recht zu glauben, daß ich sogleich Zutritt bei der Dame erhalten würde; -aber ich irrte mich sehr, wie Sie sogleich hören werden. Denn dieser -neue Cerberus nahm auf meine Höflichkeit gar keine Rücksicht.« - --- Ich kann Sie nicht einlassen, antwortete er mir, denn meine -Herrschaft ist stets mit Geschäften überhäuft, und hat keine Zeit, -Besuche anzunehmen. Sie ist nicht hier hergekommen, um Gesellschaft zu -suchen, und Sie würden auch zum zweiten Male vergebens hierherkommen. -- - -»So sprach der grobe Mensch, und ohne meine Antwort abzuwarten, trat er -einen Schritt zurück, und schlug mir mit heftigem Geräusch die Thür vor -der Nase zu. Ich würde nicht im Stande sein, Ihnen meinen Aerger -hierüber der Wahrheit gemäß zu schildern; allein ich entfernte mich -sogleich voller Verachtung von diesem ungastfreundlichen Hause, mit dem -festen Vorsatze, alle meine Nachbarn vor einem gleichen Schicksale zu -warnen, wenn sie es sich vielleicht einfallen lassen wollten, den -hergebrachten Formen der Höflichkeit nachzukommen.« - -Diese Erzählung belustigte Helenen sehr; sie nahm sich indessen vor, -sich nicht einer ähnlichen Aufnahme auszusetzen, so groß auch ihr Wunsch -war, die geheimnißvolle Fremde kennen zu lernen. Sie hoffte, ihr auf -einem Spaziergange mit ihren Kindern zu begegnen; für jetzt tadelte sie -aber hart die Unhöflichkeit des Bedienten, indem sie die Bemerkung -machte, daß der Herr von Krauthof ihm ohne Zweifel völlig unbekannt sein -müsse; denn, setzte sie hinzu, hätte er gewußt, mit wem er die Ehre -gehabt, zu sprechen, so würde er gewiß einer solchen Grobheit sich nicht -schuldig gemacht haben. - -Der ehemalige Ober-Jägermeister ward durch ein solches aus einem so -schönen Munde hervorgegangenes Kompliment wegen seines Mißgeschicks -beinahe völlig getröstet, und um es desto besser zu vergessen, eilte er, -eine andere Unterhaltung auf die Bahn zu bringen. Er fing an, von -Politik zu sprechen. Helene wußte, daß man über dieses Kapitel dem -Strome seiner Rede freien Lauf lassen mußte, und daß er ganz entzückt -diejenigen Häuser verließ, wo man ihn, ohne ihn zu unterbrechen, -anhörte. Auch sprach er heute so ganz nach Herzenslust, der gute Mann! -Er errieth Alles, alle Geheimnisse der Höfe lagen offen vor ihm; er -setzte Minister ab, und schuf neue; er sagte den Gang der politischen -Angelegenheiten vorher, kurz, er spielte eine ganze Stunde lang den -Gesetzgeber von ganz Europa. Helene hörte ihm mit einem Anschein von -Theilnahme zu, die ihn ganz bezauberte, und voller Zufriedenheit verließ -er das Schloß, um einen benachbarten Grafen zu besuchen, wo er im Lobe -der Oberstin unerschöpflich war. - -»Alles recht gut! entgegnete man ihm; aber aus welcher Familie stammt -sie her? -- Sie und ihr Mann, mein Bester, sind Emporkömmlinge, bleiben -aber immer nur ehrliche Bürgersleute, was doch wahrhaftig nicht viel -ist!« -- - - - - - Sechstes Kapitel. - - -Mehrere Tage lang blieben die Wege in der Umgegend des Schlosses, in -Folge des gefallenen Regens, so naß und schlüpfrig, daß dadurch die -Spaziergänge der Kinder des Obersten verhindert wurden, womit Werner -äußerst zufrieden war. Die Kleinen vergaßen bald ihre neue schöne -Freundin; aber nicht so war es mit Helenen, welche die Unbekannte -schlechterdings sehen wollte. Mit Ungeduld erwartete sie den Augenblick, -wo der Erdboden wieder so trocken sein würde, daß die Spaziergänge -wieder ihren Anfang nehmen könnten. Am nächsten Mittwoch ward endlich -ihr Wunsch erfüllt; die Sonne hatte die Feuchtigkeit getrocknet, und der -Tag war außerordentlich schön. Da Werner Geschäfte halber nicht im -Schlosse war, so benutzte Helene diesen, Umstand, und ging mit Wilhelm -und Julien nach der kleinen Wiese im Thale hinab. -- - -Je näher Helene ihrem Ziele kam, desto Mehr fühlte sie ihr Herz von -einer ganz sonderbaren Empfindung beklommen, deren Ursache ihr -unerklärlich war. Es schien ihr, als wenn ihre Brust von einer -ungeheuren Last eingeengt würde; kaum konnte sie noch Athem holen, und -ein allgemeines Mißbehagen durchschauderte ihren ganzen Körper. In Folge -dieser physischen Ermattung erschlaffte auch ihr Geist, und sie verfiel -in eine schwermüthige Stimmung, die sie vergebens von sich zu bannen -suchte. Die laute Freude ihrer Kinder war heute nicht im Stande, auch -sie fröhlicher zu stimmen, und zwei Mal fühlte sie in ihrem Auge eine -Thräne, die doch in keinem gegründeten Kummer ihre Ursache hatte. - -Als sie endlich auf der Wiese angekommen war, setzte sie sich am Fuße -einer schönen Linde, wo eine natürliche Rasenbank sie zur Ruhe -einladete, nieder, und indem sie ihr Strickzeug aus dem Arbeitskörbchen -nahm, gab sie den beiden Kleinen das Zeichen, daß sie nun die Freiheit -hätten, ihre Spiele anzufangen. Dieß ließen sie sich auch nicht zwei Mal -bedeuten, und lustig sprangen sie auf dem weichen Grase umher, als -plötzlich, nach Verlauf von ungefähr einer Viertelstunde, die Silbertöne -einer melodischen Harfe erschallten. - -Ueberrascht gab Helene ihren Kindern ein Zeichen, still zu sein, und -sich neben ihr in's Gras zu setzen. Begierig lauschte sie auf die -seltsamen Töne, die der verborgene Virtuos seinem Instrument entlockte: -anfangs war es nur ein langsames, feierliches Vorspiel, dem aber bald -ein feuriges und heftiges Ritornell folgte, und eine sanfte weibliche -Stimme begleitete das Spiel mit ihrem Gesange. - -Schon bei den ersten Tönen dieser Stimme fühlte Helene ein -unwillkührliches Beben. Die Sprache, in welcher die Arie gesungen ward, -war ihr völlig unbekannt, aber obgleich sie die Worte nicht verstand, so -machte doch die Musik einen so außerordentlichen und sonderbaren -Eindruck auf sie, daß sie sich selbst nicht von der dadurch in ihr -hervorgebrachten Stimmung Rechenschaft zu geben im Stande war. Endlich -schwieg die Stimme und das Instrument; Helene konnte nicht zweifeln, daß -es die Unbekannte sei, die sich jetzt in ihrer Nähe befinde, und sie -dachte darüber nach, auf welche Art sie am besten zu ihr gelangen -möchte; da fiel ihr aber plötzlich ein Mittel ein. Sie gab ihren Kindern -die Erlaubniß, sich wieder entfernen zu dürfen, und diese, welche längst -die Stimme ihrer Freundin erkannt hatten, eilten ohne Verzug nach dem -Orte hin, wo die Töne hergekommen waren. Sie fanden sie im nahen Gebüsch -auf einem Baumstamme sitzend, und eine Harfe in der Hand, die sie eben -wieder zu spielen angefangen hatte, obgleich sie über dem einen ihrer -Arme immer noch den Handschuh trug. - -Sie schien sich über den Anblick der Kinder zu freuen, und rief ihren -Bedienten, der sich in einiger Entfernung von ihr niedergesetzt hatte. -Nachdem sie ihm die Harfe übergeben, fragte sie ihren Liebling, die -kleine Julie, was für ein Spiel sie spielen wolle? Das pfiffige Kind -hatte die Absicht, die Fremde ihrer Mutter zuzuführen, hütete sich aber -wohl, ihr zu sagen, daß dieselbe ganz in ihrer Nähe sei; sie antwortete -daher: daß sie gern springen und laufen möchte, und setzte hinzu, ihre -Freundin könne sie gewiß nicht einholen, wenn sie ihr einen Vorsprung -von einigen Schritten geben wollte. - -Lodoiska nahm den Vorschlag an. Julie läuft voraus, und wird auf das -Lebhafteste verfolgt; aber sie richtet ihren Lauf nach dem Orte, wo sich -ihre Mutter befindet, die von dieser Seite her, des Gebüsches wegen, -nicht gesehen werden kann; plötzlich eilt das kleine Mädchen in die Arme -ihrer Mutter, und überrascht bleibt Lodoiska, fast unbeweglich, vor -derselben stehen. Letztere, voller Freude über diesen günstigen Zufall, -erhob sich sogleich von ihrem Sitze und ging der Fremden einige Schritte -entgegen, während sie dieselbe mit forschendem Blicke betrachtete. - -Lodoiska hatte den schönsten Wuchs, und ihre äußerst angenehme, -verführerische Gestalt besaß nur gerade die nöthige Ueppigkeit, um ihre -Schönheit zu erhöhen. Ihr Gesicht war vollkommen länglich rund; ihr Mund -klein, ihre Nase griechisch, ihre Augen groß; über ihrer offenen Stirn -erhob sich ein prächtiger, reicher Haarwuchs, und einige ihrer -rabenschwarzen Locken fielen auf die alabasterweißen Schultern hinab. -Kurz, Lodoiska war sehr schön, und dennoch waren es nicht ihre Reize -allein, die den größten Eindruck auf den Beschauer machten; sie hatte in -dem Ganzen ihrer Züge etwas Unbegreifliches und Unbeschreibliches, was -man nicht müde werden konnte, zu betrachten, ohne jedoch jemals mit sich -selbst einig zu werden, ob es Vergnügen sei, was dadurch hervorgebracht -würde, oder ein ganz seltsames Gefühl der Furcht. Die Weiße ihrer Haut -war außerordentlich, durch ein lebhaftes Roth in ihren Gesichtszügen -verschönert; aber dennoch bemerkte man in dieser Mischung eine -erdfarbene, gelbgraue Schattirung, die öfters die Harmonie des Ganzen -störte. Die Frische ihrer Lippen konnte nur mit der Farbe der ersten -hervorbrechenden Rosenknospe verglichen werden; aber gewisse krampfhafte -Bewegungen in den Gesichtsmuskeln, ein Lächeln, das nahe an Bosheit -grenzte, verdarben den Eindruck der Bewunderung, und verriethen, daß das -Herz der Fremden nicht ruhig sein könne, und daß sie, ungeachtet aller -Anstrengung, nicht im Stande sei, die Heftigkeit ihrer Leidenschaft zu -zähmen. Wenn man nun gar ihre Augen betrachtete, was sollte man dann von -ihr denken! welcher Ausdrücke sollte man sich bedienen, um die -sonderbare Mischung zu schildern, welche in ihren Blicken eine -himmlische Sanftmuth und eine furchtbare Lebendigkeit hervorbrachten? -Bald glüheten ihre Augen von verzehrendem Feuer, bald waren sie düster, -ausdruckslos und völlig unbeweglich, was eine schauerliche Empfindung -hervorbrachte. Sie stellten zugleich das Leben und den Tod dar, und -dennoch bemerkte man keine vollkommene Abgestorbenheit, sondern nur eine -beispiellose Mischung von beiden, eine Vereinigung dieser beiden -äußersten Extreme. Ein weißes Kleid, mit schwarzen Bändern besetzt, und -nach einem in Deutschland unbekannten Schnitte, so wie ein schwarzer -wollener Shawl, machten ihren ganzen Putz aus. - -Da Helene, nach einem schnellen Ueberblick dieses ganzen Wesens der -Fremden, wobei sie in der eben beschriebenen Ungewißheit blieb, sahe, -daß die Unbekannte unbeweglich stand, und nicht einmal den Mund zum -Sprechen öffnete, so hielt sie es für schicklich, die Unterhaltung durch -Danksagungen für die Güte anzufangen, womit sie zu den Vergnügungen -ihrer Kinder beigetragen habe. - -Kaum hörte Lodoiska diese Worte, so überflog ihr Gesicht eine leichte -Röthe, ihre Augen wurden lebendiger, und sie öffnete den niedlichen, -kleinen Mund zum Sprechen. - -»Ich habe also die Ehre, die Frau Oberstin Lobenthal vor mir zu sehen? -Sie werden mir verzeihen, daß ich Ihnen meinen Besuch nicht abgestattet -habe; aber ich suchte hier die ungestörteste Einsamkeit, und kam nur in -diese Gegend, um einen Plan auszuführen, dessen Wichtigkeit allein mich -dem Grabe entreißen konnte. Ich werde mich hier nur kurze Zeit -aufhalten, und kaum im Stande sein, meine Pflichten zu erfüllen, so -genau sind meine Stunden gezählt; ich habe daher nur wenige zu meiner -Erholung übrig.« - --- Ich bedaure es sehr, antwortete Helene, daß ich Ihre Gesellschaft -nicht genießen soll, die mir ohne Zweifel sehr angenehm sein würde. -- - -»Glauben Sie es nicht, rief Lodoiska, gleichsam wider ihren Willen von -einer innern Bewegung mit fortgerissen; wünschen Sie meine Gesellschaft -nicht, sie führt die Verzweiflung, die bittersten Thränen und den Tod -mit sich.« - -Ein Blick, den jetzt Helene auf die Kleidung der Unbekannten warf, gab -ihr die Auflösung dieser Art von Räthsel. Sie zweifelte nicht, daß der -Tod der Dame einige Lieben entrissen hätte, und daß ihre Antwort daher -nur auf ihren Kummer hindeutete; sie erwiederte also, daß man nicht -hoffen dürfe, in der Einsamkeit seine Betrübniß zu lindern, sondern -vielmehr in der Gesellschaft guter Menschen Trost suchen müsse. - -»Sie irren sich, entgegnete die Fremde; es giebt einen Zeitpunkt im -Leben, nach dessen Verlauf sich eine unübersteigliche Scheidewand -aufthürmt, und wo das Schicksal unwiderruflich ist. Ich habe keine -Linderung meiner Qualen mehr zu hoffen, und meine Zukunft ist -unveränderlich wie die Ewigkeit, von welcher sie ein Theil ist.« - -Diese außerordentliche Rede bestärkte Helenen noch mehr in ihrer -Meinung, daß die junge Dame sehr heftigen Kummer haben müsse, der wohl -gar ihren Verstand zerrüttet haben könne. Sie fühlte daher Mitleid mit -ihr, und um sie zutraulicher zu machen, wollte sie ihr die Hand reichen. -Da trat Lodoiska schnell einen Schritt zurück. - -»Was wollen Sie? sagte sie mit der größten Heftigkeit. Schwache -Sterbliche! Eilen Sie Ihrem Schicksale nicht im Voraus entgegen! Wissen -Sie, daß Sie dem Tode verfallen sind, sobald Sie mich berühren?« - -Jetzt zweifelte Helene nicht mehr an der Verstandeszerrüttung der -Fremden, und um sie zu zerstreuen, suchte sie das Gespräch auf einen -andern Gegenstand zu bringen. - -»Wenn Ihnen die Gesellschaft erwachsener Personen so unangenehm ist, -sagte sie, so scheinen doch wenigstens diese Kinder Gnade vor Ihnen -gefunden zu haben.« - --- Gnade vor mir gefunden, sagen Sie? antwortete Lodoiska mit hohler -Stimme. Welche Gnade? Ich rathe Ihnen nicht, sich damit zu rühmen; es -ist vielmehr nur eine Frist, wie sie der Henker seinem Schlachtopfer -gewährt, indem er die Werkzeuge zu dessen Marter in Bereitschaft setzt. --- - -Diese Worte waren so schauerlich, daß Helene voller Furcht eine Bewegung -machte, gleichsam um die Kinder zu entfernen. Jetzt schwebte aber ein -Lächeln voller Unschuld auf Lodoiska's Lippen, und ihre Augen nahmen -einen sanften Ausdruck an. - -»O, verzeihen Sie, Frau Oberstin, sagte sie, daß ich Ihnen einen solchen -Schrecken verursachte; aber es giebt Augenblicke, wo ich ganz nur der -Vergangenheit und der Zukunft angehöre, wo ich der Gegenwart entrückt -bin. Wider meinen Willen entschlüpfen dann unsinnige Reden meinen -Lippen, und mein Herz kann die einzige Empfindung, die ihm noch -zurückgeblieben ist, nicht bezähmen.« - --- Ich werde stets den Schmerz ehren, der Sie peinigt, und mich mit dem -Wunsche begnügen, daß er bald ganz verschwinden möchte. Wenn der Anblick -meiner Kinder Ihnen lästig ist, so will ich es denselben verbieten, sich -Ihnen wieder zu nähern. -- - -»O, glauben Sie mir, hüten Sie sie wohl, diese Kinder, worauf Sie stolz -sind; eine grausame Krankheit, ein verzehrendes Gift, oder, weiß ich es? -tausend andere Ursachen können sie Ihnen entreißen; wachen Sie daher -über sie, und lassen Sie sie nicht aus den Augen. Sie sind noch so jung -und schwach, daß sie Ihnen bald die bittersten Thränen verursachen -könnten.« - -Bei diesen Worten verdunkelten sich ihre Augen abermals zu einem -unbeschreiblichen Wahnsinn; ihr Mund verzog sich fürchterlich, ihr -Gesicht entfärbte sich, und Helene sahe in ihr mehr einen entstellten -Leichnam, als ein lebendiges menschliches Wesen. Gern hätte die Letztere -eine so peinliche Szene abgebrochen, aber ihr Mitleid hielt sie noch -zurück, weil sie fürchtete, sie in solchem Zustande allein sich selbst -zu überlassen, und sie für völlig wahnsinnig hielt. - -»Mein Gott! sagte sie; Ihnen ist unwohl, und Sie werden in diesem -Zustande Ihren Spaziergang nicht fortsetzen können. Wollen Sie mir -erlauben, Sie nach Ihrer Wohnung zu begleiten?« - --- Ich, krank sein? O nein, enttäuschen Sie sich! Ich weiß nicht mehr, -was krank sein heißt; denn ich befinde mich jetzt in meinem gewöhnlichen -Zustande. Ihnen erscheint er ohne Zweifel als unangenehm, und ich weiß -nicht, ob er mir selbst gefällt oder nicht; aber Sie ängstigen sich -darüber, und wir wollen ihn daher zu vergessen suchen. Wohlan! wovon -wollen wir sprechen? Ich wurde zwar nicht in einem Stande geboren, wo es -gewöhnlich ist, sich besondere Kenntnisse zu erwerben; aber jetzt -befinde ich mich an der Quelle alles Wissens; vor meinen Augen ist der -Vorhang der menschlichen Unwissenheit gefallen, und ich könnte Ihnen -erklären, was die Menschen nicht begreifen. -- - -Diese Rede hielt die Oberstin für einen Beweis ihres zerrütteten -Verstandes, und sie suchte daher die Gedanken der Fremden auf andere -Gegenstände zu leiten, was ihr auch allmählich gelang. Lodoiska schien -wieder zu sich selbst zu kommen, und sprach bald über alltägliche Dinge, -wobei sie einen großen Umfang des Wissens verrieth, obgleich in ihrem -Betragen etwas Rohes und Wildes war, das einen Beweis ihrer wenig -sorgfältigen Erziehung gab. Indessen entschlüpfte ihr auch keine Silbe, -wodurch ihr Herkommen verrathen worden wäre, und man hörte nur an ihrer -Aussprache, daß sie nicht in Deutschland geboren sei. Helene vermuthete, -daß sie das Opfer einer heftigen unglücklichen Liebe geworden, und in -Folge dessen ihren Verstand verloren habe; daher sie es auch ganz -natürlich fand, daß der Greis, dessen Obhut sie ohne Zweifel übergeben -war, sie in der größten Eingezogenheit hielt. - -Das Gespräch kam auch auf die Musik. Die Oberstin, welche selbst sehr -gut die Harfe spielte, machte der Unbekannten wohlverdiente -Lobeserhebungen über das, was sie von ihr gehört hatte. Lodoiska wies -dieses Lob mit Bescheidenheit von sich, aber es lag dabei in ihrem Wesen -eine unbeschreibliche Gleichgültigkeit. Sie sprach von ihrer Fertigkeit -im Spiel und Gesang, wie von der eines ganz fremden Menschen, und nichts -setzte sie in Bewunderung oder schien ihr nur im Geringsten am Herzen zu -liegen; sie zeigte so wenig Theilnahme an Allem, was die Menschen reizt -oder nur beschäftigt, daß man sich unangenehm berührt fühlte, und es war -nicht etwa Egoismus, sondern eine solche Kälte, ein solcher Ueberdruß an -allen Dingen, daß man sie deßhalb beklagen mußte. Ist dieß ein -Frauenzimmer oder nur eine Bildsäule? sagte Helene zu sich selbst. Hängt -sie nur durch den Schmerz noch mit dem Menschlichen zusammen? -- Da die -Sonne hinter den Bergen gänzlich verschwunden war, und die -Abenddämmerung schon einbrach, so kamen die Kinder herbei, und ihrer -Spiele müde, an denen man keinen Theil nahm, baten sie, nach dem -Schlosse zurückgeführt zu werden. - -»Ja, sagte Lodoiska, es ist Zeit nach Hause zu gehen, und Alles, was -körperlich ist, wird sich bald zur Ruhe begeben; dann ist der Raum der -Welt nur mit den höhern Geistern bevölkert. Leben Sie wohl, Frau -Oberstin; ich wünschte, Ihnen nie begegnet zu sein, und unser -Zusammentreffen wird mir noch lange Zeit hindurch einen lebhaften Kummer -verursachen.« - -Mit diesen Worten entfernte sie sich schnell, und verschwand im nahen -Gebüsche. - -Helene, stets geneigt, von der Unbekannten nur Gutes zu urtheilen, sahe -in dieser Rede ein Zeichen ihres Wohlwollens, und bedauerte, sie nicht -zum gesellschaftlichen Umgange mit andern Menschen überreden zu können. -In Begleitung ihrer Kinder trat sie den Rückweg nach dem Schlosse an, -und zufrieden, die Fremde gesehen, auch die Ursache ihres Kummers und -ihrer Eingezogenheit errathen zu haben, theilte sie am Abend dem treuen -Werner ihr Zusammentreffen mit der Unbekannten mit. Der brave Bediente -zeigte aber gar keine Ueberraschung bei Allem, was er von der Oberstin -hörte; nur hätte er gern gewußt, ob Lodoiska irgend einen Argwohn in ihr -zu erregen gesucht habe. Aber er bemerkte, daß die Gesichtszüge seiner -Herrschaft völlig heiter waren, und schloß daraus, daß Lodoiska -verschwiegen und vorsichtig gewesen sein müsse. - - - - - Siebentes Kapitel. - - -Am folgenden Nachmittage baten die Kinder, wieder auf der Wiese spielen -zu dürfen, und Werner, der bestimmt wurde, sie dahin zu begleiten, -gehorchte nur mit Widerwillen. Zu seiner größten Zufriedenheit ließ sich -aber Lodoiska gar nicht sehen, so wenig als am folgenden Tage, wo Werner -die Antwort des Obersten auf seinen Brief erwartete. Er schickte den -Boten nach der Stadt, um die nach dem Schlosse R.... bestimmten Briefe -von der Post abzuholen, und harrte den ganzen Tag über mit der größten -Ungeduld auf dessen Rückkehr. Schon war die Nacht angebrochen, als der -Bote endlich an das Schloßthor klopfte. - -»Die Briefe! Schnell die Briefe her! rief ihm Werner entgegen. Tausend -Millionen Bomben und Granaten! ich glaubte, du würdest gar nicht -wiederkommen.« - --- Die Briefe? antwortete der Bote. Sie irren sich, Herr Werner, denn -ich habe nur einen Brief; hier ist er, und ich wünsche, daß es der sein -mag, den Sie erwarten. -- - -Werner griff hastig danach, und sahe beim Schein der Lampe, die er in -der Hand hatte, nach der Aufschrift. Sie war allerdings vom Obersten, -indessen nicht an ihn, sondern an Helenen gerichtet. Ein Dolchstich -hätte Wernern nicht mehr Schmerzen verursachen können, als das -Ausbleiben des so sehnlich erwarteten Briefes. Die Nachlässigkeit des -Obersten schien ihm unbegreiflich; er drehte den in der Hand habenden -Brief hin und her; manchmal bildete er sich ein, sein Herr könnte sich -bei der Aufschrift geirrt haben, und der Brief könnte also dennoch für -ihn sein. Indessen wagte er es nicht, sich hiervon zu überzeugen, und -zitternd händigte er endlich das Schreiben der Oberstin ein. - -Helene kannte die große Anhänglichkeit des guten Unteroffiziers an ihren -Gemahl, und hatte daher die Gewohnheit, ihm lange Stellen aus den von -ihm erhaltenen Briefen vorzulesen, wenn gerade keine persönlichen -Angelegenheiten darin vorkamen. Auch dießmal wich sie nicht von ihrer -Gewohnheit ab, und der erstaunte Zuhörer erfuhr, daß der Oberst sich -wohl befinde, aber daß er die Zeit seiner Rückkehr noch nicht bestimmen -könne. Die beiden Gatten, welche er wieder zu vereinigen strebte, waren -äußerst aufgebracht gegen einander, und es war daher nicht so leicht, -sie gänzlich auszusöhnen. Der Oberst schloß endlich seinen Brief mit der -Bitte an seine Frau, dem guten Werner seine Freundschaft zu versichern, -und sich bei ihm wegen seines Stillschweigens zu beklagen, da er doch -versprochen hätte, zu schreiben, und ihm die nöthigen Nachrichten über -den Zustand der Gärten und Felder mitzutheilen. - -Dieser letztere Theil des Briefes machte einen zu großen Eindruck auf -Werner, als daß er sich länger hätte halten können. - -»Alle Teufel! rief er aus, das ist ein Vorwurf, den ich wahrlich nicht -verdiene. Ist es meine Schuld, wenn der Oberst meine Briefe nicht -erhält? Denn ich habe ihm an demselben Tage geschrieben, wo Sie, Frau -Oberstin, Ihren Brief absendeten, und den dieser hier beantwortet. O, -Herr Bote, wart' er nur, ich will seinen Rücken schon bedienen, wie er -es verdient hat!« - -Helene war im Begriff, Werner's Zorn zu besänftigen, als dieser sich -plötzlich besann und fortfuhr: - -»Da fällt mir aber eben ein, daß der arme Teufel von Bote nicht daran -Schuld sein kann, wenn der Brief verloren ist. Ich hatte Mißtrauen, ich -weiß selbst nicht warum, und empfahl daher dem Boten, mir von der Post -in Prag einen Empfangschein über den Brief mitzubringen, was er auch -gethan hat. Wahrlich, dabei steht mir der Verstand still!« - -Helene, die nicht ahnete, welche Wichtigkeit Werner mit Recht auf den -Verlust seines Briefes setzte, dachte nicht weiter daran; und voller -Freude, Nachrichten von ihrem Gatten erhalten zu haben, fühlte sie -weiter keine Unruhe, als über das gezwungene längere Ausbleiben -desselben. Sie begab sich bald darauf in ihr Zimmer, und Werner auf das -seinige, wo er einen vierten Brief zu schreiben beabsichtigte, den er -selbst mit Tagesanbruch nach Prag bringen wollte. Denn er ging in seinem -Zorne so weit, daß er selbst die Rechtlichkeit des Postoffizianten in -Verdacht hatte. -- - -Voll von diesem Entschlusse öffnete er seinen Schreibtisch, um Papier -und Feder zur Hand zu nehmen, als er beim Schein der Lampe einen Brief -erblickte, der ihm nicht unbekannt zu sein schien -- -- es war sein -eigener Brief, den er an den Obersten geschrieben hatte. Er war abermals -mit einigen Blutstropfen befleckt, und eine zitternde Hand hatte -Folgendes auf den Umschlag geschrieben: - - _Dein Briefschreiben ist vergeblich; Alfred wird nie eine Zeile - von Dir erhalten, wenn Du ihn nicht bloß von den Gegenständen - der Landwirthschaft unterhältst._ - -Schon oft hatte Werner den Mündungen der Kanonen gegenüber gestanden, -die auf tausend verschiedene Arten den Tod von sich spieen; mehr als -einmal hatte er den Säbel eines feindlichen Husaren über seinen Kopf -schwingen sehen; aber noch niemals hatte er einen solchen Schreck -empfunden, als den, welcher jetzt sein Herz zu Eis erstarrte. - -Maschinenmäßig irrte sein Blick im Zimmer umher, als wenn er erwartete, -irgend eine gespenstische Gestalt vor seinen Augen erscheinen zu sehen; -wiederholt wischte er sich mit der Hand den Schweiß von der Stirne, aber -der übrige Theil des Körpers blieb unbeweglich, als wenn er festgebannt -gewesen wäre. Jemehr er über Alles nachdachte, was ihm seit Kurzem -geschehen war, desto mehr verlor er sich in allerhand Muthmaßungen. Oft -wollte er sich überreden, daß er nur durch seine Einbildungskraft -getäuscht würde; aber der Brief lag ja vor ihm, wie er ihn dem Boten -übergeben hatte; zugleich sah er den Empfangschein des Postoffizianten -vor sich, und dieser mußte also der Schuldige sein. Doch jetzt boten -sich neue Schwierigkeiten dar. Wie war der Brief nach dem Schlosse -zurückgekommen? Wer besaß die drei Schlüssel seines Zimmers, des -Schreibtisches und des darin enthaltenen Schubfaches? Befand sich also -der Verräther im Schlosse selbst? War er unter den Tagelöhnern und -Knechten, oder unter den beiden Dienstmädchen? Werner konnte sich über -alle diese Fragen keine Auskunft geben, weil er stets auf unauflösliche -Schwierigkeiten stieß. Mehr als einmal sah er sich gezwungen, beinah an -überirdische Geister zu glauben, wie er so oft in der Moldau und -Wallachei davon hatte erzählen hören, und er verfluchte die Zauberer und -Hexen, von deren Macht man dort allgemein überzeugt war. Ja selbst die -fürchterlichen Vampyre fielen ihm ein, die nach den dortigen Sagen die -Gräber wieder verlassen, um auf der Erde, deren Schrecken sie sind, -umherzuirren, und aus den Adern der Lebendigen, deren Blut sie -aussaugen, ein Dasein zu fristen, das kein völliges Leben, aber auch -kein Tod ist. Dann aber verlachte Werner dergleichen Aberglauben wieder, -und suchte seinen Verdacht auf natürlichere Art zu begründen; er nahm -sich vor, die größte Wachsamkeit zu verwenden, um zu erfahren, wer im -Schlosse der Lodoiska seinen Beistand leistete. - -Ehe Werner diese Art von Krieg beginnen wollte, die wenig mit seinem -offenen und freimüthigen Charakter übereinstimmte, nahm er sich vor, -seine Feindin persönlich zu sprechen, und dieß gleich am andern Morgen -auszuführen. Kaum konnte er erwarten, bis der Tag wieder angebrochen -war, und als er glaubte, daß es spät genug sei, um vorgelassen zu -werden, machte er sich nach dem Häuschen im Walde auf den Weg. - -Als er hier ankam, war die Hausthür verschlossen. Er klopfte, aber man -antwortete nicht; er verdoppelte seine Anstrengungen, um gehört zu -werden, und nichts unterbrach die Stille im Innern des Hauses. Je länger -er wartete, desto höher stieg seine Ungeduld, und er setzte den Klopfer -zum dritten Male in Bewegung, ohne einen bessern Erfolg zu erlangen. Was -sollte er thun? War das Haus verlassen, oder wollte man ihm nicht -aufmachen? Sollte er die Belagerung aufheben oder sie am andern Morgen -hartnäckiger fortsetzen? - -Während er darüber nachdachte, was er zu thun habe, hörte er nicht weit -von sich ein leises Geräusch, und kaum hatte er sich umgedreht, so sahe -er den alten Bedienten Lodoiska's sich gegenüber stehen. Dieser war von -einer riesenmäßigen Größe; sein Scheitel war gänzlich von allem Haar -entblößt, und über seinem mageren Gesichte herrschte eine schaudervolle -Leichenblässe. Seine Augen, völlig erloschen, waren unbeweglich; der Ton -seiner Stimme war schleppend und heiser, und ein verpestender Athem -strömte aus seinem Munde, in welchem man kaum noch einige Zähne -erblickte. Ein weiter Mantel von grobem Tuche bedeckte die ganze Gestalt -dieser kolossalen Figur, und Alles an ihm kündigte an, daß er des Lebens -müde sei, daß er Alles, was dem gewöhnlichen Menschen gefallen kann, -verachtete. - -»Holla! sagte Werner, ohne vor seinem unangenehmen Aeußern zu -erschrecken. Ist deine Herrschaft schon so früh ausgeflogen?« - --- Hoho! Patron! Wer giebt dir ein Recht zu solcher Frage? antwortete -der alte Bediente. Sind wir denn schon so bekannt, daß du so vertraut -mit mir sprechen darfst? -- - -Der Ton dieser Rede war nichts weniger als freundschaftlich, so daß -Werner, ungeachtet seines Selbstvertrauens, davon überrascht ward. -Indessen wollte er nicht gleich beim Anfange der Feindseligkeiten als -Besiegter erscheinen, und er erwiederte daher: - -»Nun, sei nur nicht gleich so böse, alter Eisenfresser. Ich will deine -Herrschaft sprechen, und ich habe hier lange vergebens geklopft, ohne -daß ich auch nur den Anschein eines lebendigen Wesens wahrnehmen konnte. -Ist es nun nicht ganz natürlich, daß ich dich, da ich dich hier vor mir -sehe, nach deiner Herrschaft frage? Oder bist du vielleicht einer von -jenen Leuten, denen es leichter wird, Streit anzufangen, als eine Frage -richtig zu beantworten?« - --- Wenn du mich kenntest, Freund, sagte der Greis, so würdest du leicht -einsehen, daß ich eigentlich mit dir gar keinen Streit anfangen kann. Du -gehst deinen Weg, der meinige hat aber schon seit langer Zeit sein Ziel -erreicht. Deßhalb bin ich indessen nicht geneigt, Beleidigungen oder -Drohungen so ungestraft hingehen zu lassen; aber ich hoffe, es wird so -weit unter uns nicht kommen, und wir werden sogleich fertig mit einander -sein. Was willst du von meiner Herrschaft? Ich kann deinen Auftrag bei -ihr so ausrichten, ganz so, als wenn du es selbst gethan hättest. -- - -»Nein, Alter, antwortete Werner, ziemlich unwillig über die Art, wie ihn -dieser Bediente behandelte; meine Geschäfte mit Lodoiska bedürfen keiner -Mittelsperson. Zwar ist es möglich, daß sie dir zum Theil bekannt sind, -ja daß du selbst in die Taschenspielerei verwickelt bist, welche mich -eigentlich bewogen hat, hierher zu kommen; indessen gefällt es mir nun -einmal nicht, dich zum Vertrauten zu machen, und ich will mit Lodoiska -selbst sprechen. Verstehst du mich?« - --- Ich verstehe dich; allein deßhalb habe ich noch keine Lust, deinen -Wunsch zu erfüllen. Lodoiska, wie du sie kurzweg zu nennen beliebst, hat -mit dir gar nichts zu schaffen; gieb dich also nur zufrieden, und da du -Soldat gewesen bist, wie es mir scheint, so mache die Wendung, die ihr -Linksumkehrt nennt, und geh deiner Wege. -- - -»Weißt du wohl, Alter, daß eine zahlreichere Artillerie dazu gehört, um -mich zum Rückzuge zu zwingen?« - --- Nun gut, so wollen wir sie schon finden, sagte der Bediente mit der -größten Ruhe, und zu gleicher Zeit, ehe Werner sich dessen versahe, -ergriff er ihn vor der Brust, und zwar mit solcher Stärke, daß er ihn -mit einer Hand hoch vom Boden in die Luft hob, und ihn, ungeachtet aller -Anstrengungen des Ex-Unteroffiziers, auf einem Fußsteige in einiger -Entfernung wieder niedersetzte. - -Ach, wie sehr bedauerte es Werner in diesem Augenblicke, seinen Säbel -nicht bei sich zu haben, um diese schwere Beleidigung augenblicklich -rächen zu können! Sein handfester Gegner hatte ihm auch zu gleicher Zeit -seinen Stock entrissen, und in der Nähe bot sich ihm Nichts dar, das er -als Waffe hätte gebrauchen können. Aber konnte er die erlittene -Beleidigung ungestraft lassen? Der Zorn verblendete den Unteroffizier -nicht so sehr, daß er nicht hätte einsehen sollen, wie es unmöglich war, -mit dem Alten zu ringen, da seine körperliche Stärke Alles übertraf, was -Werner je gesehen hatte; es blieb ihm also nichts übrig, als seinen -Gegner auf den Zweikampf mit Säbel oder Pistolen herauszufordern. - -Der Bediente, stets voll unerschütterlicher Ruhe, sahe ihn kaltblütig -an. »Was willst du von mir? sagte er. Wozu soll ich mich noch anderer -Waffen bedienen, um deinen Stolz zu demüthigen? Gieb deinen Vorsatz auf. -Ich schlage mich nicht, ich vertheidige mich bloß, und vernichte -denjenigen auf der Stelle, der nicht fürchtet, mich zu beleidigen. Du -hast mich nun schon kennen gelernt; geh ruhig deinen Weg, schwacher und -eitler Thor, und wage dich nicht wieder hierher, von wo ich dich -vielleicht zum zweiten Male nicht lebendig entkommen lassen würde.« - -Der rauhe Ton, womit er diese Worte aussprach, die todtverkündende -Geberde, womit er sie begleitete, die Flamme der Mordsucht, welche in -seinen Augen leuchtete, alles Dieses brachte Wernern, ungeachtet seines -Muthes, aus aller Fassung. Er war sogar in Zweifel, ob er seine -Aufforderung erneuern sollte, als sich plötzlich die Thür des Hauses -öffnete, und Lodoiska, in einem schwarzen Kleide, das ihr ein höchst -seltsames Ansehen gab, heraustrat. - -»Wirst du denn immer vergessen, Ladislaus, sagte sie, daß ich dir -verboten habe, dich deinem heftigen Charakter zu überlassen? Ist es -möglich, daß die Thorheiten der Menschen dich noch immer nicht gänzlich -verlassen haben? Und mußt du diejenigen beleidigen, die mich zu sprechen -wünschen?« - -Der Alte fuhr bei diesen Worten seiner Herrschaft zusammen, aber in -seinem gleichgültigen Gesichte zeigte sich weder Hochachtung noch -Verwirrung. Bloß seine Lippen verzogen sich in ein scheußliches Lächeln, -und ohne etwas zu erwiedern, ging er langsamen Schrittes in das Haus -hinein, als wenn er an der eben stattgefundenen Szene gar keinen Theil -gehabt hätte. - -Nichts konnte Wernern in diesem Augenblicke erwünschter sein, als das -Erscheinen Lodoiska's. Bloß um sie zu sprechen, war er hierher gekommen, -und das Benehmen ihres Bedienten ließ ihm wenig Hoffnung übrig, seinen -Zweck zu erreichen; er war also froh, als er sahe, daß Lodoiska ihn -anzuhören geneigt schien, und näherte sich ihr, konnte jedoch nicht -umhin, ihr bei seiner Anrede sein Mißvergnügen über das Betragen ihres -Bedienten zu erkennen zu geben. - -»Wahrlich, Lodoiska, sagte er, Ihr Wächter, denn anders kann ich ihn -nicht nennen, mag sich glücklich preisen, daß ich jetzt eine gewisse Art -von Eisen nicht bei mir hatte, die mich sonst niemals verließ, als ich -mich noch in Ihrem Vaterlande befand. Hätte er damals eine Grobheit, wie -heute, gezeigt, ich würde ihm den scharfen Stahl einige Zoll tief in die -verdammte Brust gestoßen haben; aber nur Geduld! er soll mich nicht -immer so wehrlos finden, und ich bin fest entschlossen, ihm mit Zinsen -zurückzuzahlen, was ich ihm heute schuldig bleiben mußte.« - --- Laß es gut sein, Werner, antwortete Lodoiska, und vergiß den -unangenehmen Vorfall. Ladislaus hat allerdings Unrecht; aber du hast ihn -gereizt, und, ihn nach dem Anschein seines Alters beurtheilend, -geglaubt, daß es leicht sein würde, ihn zur Erfüllung deiner Wünsche zu -zwingen. Dein Irrthum zeigte sich bald; aber glaube mir, vergiß, was -vorgegangen ist, es ist für dich am Besten. Deine Rache würde sonst auf -dich selbst zurückfallen. -- - -»Das ist recht schön gesagt, aber ein alter Soldat läßt nicht mit sich -spielen wie mit einem Rekruten. Ich werde niemals eine Beleidigung -ungeahndet lassen; und habe ich überdieß Ursache, mit der Herrschaft -zufriedener zu sein, als mit dem Bedienten? Haben wir Beide nicht auch -etwas abzumachen? Steht es Ihnen an, sich mit Taschenspielerkünsten -abzugeben, und kann ich ruhig zusehen, daß Sie hierherkommen, mich zu -beleidigen, und die Ruhe der Familie meines Obersten zu stören?« - --- Werner, sagte Lodoiska kalt, ich weiß nicht, welche höhere Macht dich -deinem Untergange entgegentreibt. Wie kannst du es wagen, dich gegen -mich zu beklagen? Wer von uns Beiden hat dem Andern das meiste Unrecht -zugefügt? Bist du es nicht, Elender, der in dem Hause meines Vaters -vorzüglich zu meinem Falle beitrug? Erinnerst du dich der Zeit nicht -mehr, wo du, zu Gunsten der verbrecherischen Absichten des Obersten, -mich von seiner treulosen Liebe ohne Aufhören unterhieltest? Warst du -nicht stets bei mir, um meine Vernunft irre zu führen und meiner Tugend -Fallstricke zu legen? Unglücklicher, dir steht es wohl an, in einem -anmaßenden Tone gegen mich zu sprechen, und mir Unrecht gegen dich -vorzuwerfen! Fort aus meinen Augen, wenn dir dein Leben lieb ist, -elender Wurm des Staubes, den ich schon hätte zertreten sollen! -- - -»Teufel noch einmal! Lodoiska, Sie gehen ja rasch zu Werke! Doch, ich -mache mir nichts daraus, weil Sie ein Weib sind, und was schon vor so -vielen Jahren geschehen ist, dessen erinnere ich mich nicht mehr. Wenn -Sie leichtgläubig waren, so ist es nur Ihre Schuld. Aber woraus ich mir -viel mache, und was ich nie erlauben werde, ist: wenn man in meine -Geheimnisse eindringt, wenn man meinen Briefwechsel stört, und sich auf -eine strafwürdige Art in das Haus meiner Herrschaft einschleicht.« - -Lodoiska antwortete nicht; sie warf nur einen Blick auf Werner, in dem -sich die auffallendste Bosheit malte, gleichsam als Triumph einer schon -gewissen Rache. - -»Ich wiederhole es Ihnen, fuhr Werner fort, daß ich Ihrer Ränke und -Spielereien müde bin. Schon zwei meiner Briefe haben Sie aufgehalten; -denn wer anders, als Sie, könnte es gethan haben? Ich weiß zwar noch -nicht, durch welche Mittel Sie Ihre Absicht erreichten; aber sein Sie -überzeugt, wenn ich einst Jemanden auf der That ertappen sollte, sein -Prozeß würde nicht lange dauern, und sein Rücken würde sich über meine -Dazwischenkunft eben nicht zu erfreuen haben.« - --- Wie! so grausam wolltest du verfahren, und selbst mit dem armen -Ladislaus? sagte Lodoiska spottend und mit einem boshaften Lächeln. -- - -»O, bei allen Teufeln! lassen Sie ihn kommen -- mit ihm vor allen -Andern. Ich habe eine gute Jagdflinte, mit welcher er genaue -Bekanntschaft machen, und gegen welche seine Faust nichts ausrichten -soll.« - --- Werner, ich wiederhole es dir zum letzten Male, du gehst mit starken -Schritten deinem nahen Untergange entgegen. -- - -»Und Sie, Lodoiska, dem Ende Ihrer verbrecherischen Intriguen. Ich werde -sie nicht länger ertragen, und wenn auch ein vierter Brief nicht an den -Obersten gelangt, so wollen wir sehen, ob ich mit Hülfe der Obrigkeit -nicht Recht erlangen kann.« - --- Unsinniger! worauf willst du deine Klage gründen? Soll ich für deine -Thorheit verantwortlich gemacht werden? Wem willst du es einbilden, daß -ich im Stande bin, den Briefwechsel zwischen dir und deinem Herrn zu -hindern? Du wirst vor den Augen der Welt zum Gelächter werden! Armer -Schwächling, die Strafe für deine Kühnheit soll dir dann auf dem Fuße -folgen. -- - -»Lodoiska, Sie können mir vorreden, was Sie wollen. Ich weiß, daß ich -einiges Unrecht gegen Sie begangen habe, wenn es nämlich unrecht ist, -einen jungen Offizier und ein hübsches Mädchen einander näher zu -bringen; aber ich beschwöre Sie, vergessen Sie das Geschehene, und -lassen Sie mich in Ruhe.« - --- Ich habe dir versprochen, dich in Ruhe zu lassen, ja, habe dir -Belohnungen angeboten, wenn du dich anheischig machen wolltest, den -Obersten nicht von meinem Hiersein zu benachrichtigen. Wie kannst du mir -eine solche Kleinigkeit abschlagen? Laß ihn zurückkommen, und erlaube, -daß ich ihn zum letzten Male sehen darf; sein Glück, seine Ruhe, ja sein -Leben hängt davon ab. Uebrigens wirst du mir vergeblich entgegenstreben, -denn mir stehen Mittel zu Gebote, denen du nicht zu widerstehen -vermagst. Aber zittere, wenn dir ein einziges Wort entschlüpft, wodurch -die glückliche Nebenbuhlerinn, welche meine Stelle an Alfreds Seite -einnimmt, von meinem Verhältnisse benachrichtigt wird. Deine -Unvorsichtigkeit würde dir das Leben kosten; ja Werner, ich würde dich -auf der Stelle aufopfern! -- - -Bei diesen Worten machte Lodoiska eine so heftige Bewegung, daß dadurch -ein Theil ihres Kleides zerrissen wurde, und Werner unter ihrer linken -Brust eine Wunde erblicken konnte, aus welcher einige Tropfen Blut -hervorrieselten. Der unwillkührliche Schrecken, in welchen ihn dieser -unerwartete Anblick versetzte, entging der Fremden nicht, und da sie -ohne Mühe die Ursache davon errieth, so suchte sie mit ihrer Hand die -zerrissene Stelle des Kleides zu bedecken. - -Sobald Werner sich von seiner Erstarrung erholt hatte, fühlte er sein -Herz von plötzlichem Mitleiden bewegt. »Unglückliches Mädchen! rief er, -was haben Sie gethan? Wie können Sie sich in Ihrem jetzigen Zustande -noch einer so gefährlichen Leidenschaft hingeben? Eilen Sie schnell nach -Ihrer Wohnung; Ihre Wunde ist wieder aufgebrochen, und Sie kennen -wahrscheinlich die Gefahr nicht, in der Sie sich befinden.« - --- Von welcher Gefahr sprichst du? Ich kenne keine mehr auf der Erde. -- - -»Aber Ihr Blut fließt ja aus der Wunde, von welcher wahrscheinlich der -Verband losgegangen ist. Eilen Sie, ihn wieder herzustellen, und wenn -Sie meiner Hülfe bedürfen, so zögern Sie nicht, sie anzunehmen.« - --- Beunruhige dich meinetwegen nicht. Mein Blut kann nicht mehr fließen, -denn ich habe keines mehr, und schon vor langer Zeit verlor ich es bis -auf den letzten Tropfen. An Blut, um das verlorne zu ersetzen, mangelt -es mir nicht; denn ich weiß, wo ich es finden kann. Laß dieses Blut hier -nur fließen, und kümmere dich deßhalb nicht. -- - -Bei diesen seltsamen Worten zweifelte Werner, gleich wie die Oberstin, -nicht länger, daß Lodoiska's Unglücksfälle sie um den Verstand gebracht -haben möchten, und sein ganzer Zorn gegen sie war verschwunden. Er -wollte es daher versuchen, sie durch gelinde Worte zu beruhigen, und da -er bemerkte, daß ihr Gesicht schon von einer schauerlichen Todtenblässe -bedeckt ward, so eilte er auf sie zu, um sie unter den Arm zu fassen und -nach ihrem Hause zu geleiten. - -»Keinen Schritt weiter! rief sie ihm mit heiserer und schwacher Stimme -entgegen. Rühre mich nicht an, oder eile vielmehr, zu entfliehen! Was -jetzt vorgehen wird, darfst du nicht erblicken! Ladislaus! Ladislaus! -komm geschwind, oder ich bin nicht ferner im Stande, die Absichten -meiner Sendung in ihrem ganzen Umfange zu erfüllen!« - -Ladislaus hörte diesen Ruf, und kam noch schnell genug herbei, um -Lodoiska, die ohnmächtig in seine Arme sank, zu halten. Nachdem der -Greis sie einen Augenblick betrachtet hatte, sahe er mit wilden Blicken -um sich her, und ohne ein Wort zu sprechen, gab er Wernern ein Zeichen, -sich zu entfernen. Dieser schien anfangs nicht geneigt, ihm Folge zu -leisten; allein er entschloß sich dazu, als er bedachte, daß er -vielleicht durch seine Hartnäckigkeit den Tod der Fremden herbeiführen -könnte. Er kehrte daher auf den Fußsteig zurück, der nach dem Schlosse -führte. Bei einer Krümmung des Weges, wodurch der Ort, wo Lodoiska auf -dem Grase ausgestreckt lag, ihm wieder zu Gesichte kam, blieb er stehen -und sahe nun, wie der alte Bediente sich über die Ohnmächtige hinbeugte, -und ihr eine rothe Flüssigkeit in den Mund goß. In demselben Augenblick -aber erhielt Werner einen so heftigen Schlag auf den Kopf, daß er davon -zu Boden stürzte. Er raffte sich schnell wieder auf, um dem Feinde, der -ihn geschlagen hatte, die Spitze zu bieten; aber keine lebendige Seele -war rings um ihn her zu erblicken, und er mußte daher seinen Fall einem -Stoße an einen Baumast zuschreiben, da er eben durch einen Wald ging. - -Seine Neugierde bewog ihn, zum zweiten Male nach der Gruppe auf der -Wiese hinzublicken; aber er sahe sie nicht mehr. Dieses plötzliche -Verschwinden setzte ihn in das größte Erstaunen, und in tiefes -Nachdenken versunken, kam er nach dem Schlosse zurück. »Gebe Gott! sagte -er zu sich selbst, daß dieß Alles eine natürlichere Wendung nimmt; denn -was ich gesehen habe, ist unbegreiflich; und ich wünschte wohl, die -Geheimnisse zu durchdringen, mit denen wir umgeben sind.« -- - - - - - Achtes Kapitel. - - -Da die Fremde immer fortfuhr, in der größten Zurückgezogenheit zu leben, -so ward am Ende auch die Neugier der Nachbarn müde, sich mit ihr zu -beschäftigen, und schon sprach man kaum mehr von den Bewohnern des -Hauses im Walde, als eine neue Begebenheit die Aufmerksamkeit der -Landbewohner auf sich zog, und Lodoiska ganz bei ihnen in Vergessenheit -brachte. - -Es gab in der Gemeinde ein junges Mädchen von ausgezeichneter Schönheit, -das auch ziemlich wohlhabend war, und daher allen jungen Leuten in der -Umgegend den Wunsch einflößte, sie zu heirathen. So oft _Röschen_ sich -bei einer öffentlichen Lustbarkeit sehen ließ, bildete sich sogleich ein -Kreis von Anbetern um sie her, die ihr nach ihrer Art den Hof machten; -allein sie blieb lange Zeit völlig gleichgültig. Röschen nahm die ihr -dargebrachten Huldigungen an, ohne einen von den Anbetern im Geringsten -auszuzeichnen, bis endlich ein junger Pächter das Herz der schönen -Gleichgültigen zu rühren verstand. - -Sobald Röschens Wahl bekannt wurde, setzte dieß die übrigen nun -hoffnungslosen Anbeter in Wuth, und man brach in die schrecklichsten -Drohungen gegen das glückliche Paar aus. Es wurden mehrere Verträge -geschlossen, um dieser Heirath alle möglichen Hindernisse in den Weg zu -legen; aber ohne sich an alle diese Anfeindungen zu kehren, traf das -junge Paar Anstalten zu seiner Hochzeit, und schon war der Tag der -Trauung in der Kirche auf den nächsten Sonntag festgesetzt. - -Der Sonnabend vor der Hochzeit war derselbe Tag, wo Werner seinen Besuch -bei Lodoiska abgestattet, und so wenig befriedigt nach dem Schlosse -zurückkehren mußte. Auch er war zur Hochzeit Röschens eingeladen, und -sollte sich am andern Morgen schon mit Tagesanbruch mit den Freunden des -Bräutigams vereinigen, theils um mit ihnen vergnügt zu sein, theils um, -mit ihnen vereint, die wüthenden Versuche zu vereiteln, welche die -verschmähten Nebenbuhler etwa machen könnten. - -Nach dem Abendessen begab sich Werner auf sein Zimmer, noch ganz mit dem -Gedanken an das beschäftigt, was er heute gesehen und gehört hatte. -Unaufhörlich fiel ihm immer wieder die riesenmäßige Stärke des alten -Bedienten ein, und es schien ihm, als wenn er vor seinen Augen das Blut -aus Lodoiska's Wunde fließen sähe. Während er so, in ein peinliches -Nachdenken vertieft, in seinem Lehnstuhl saß, warf er seine zerstreuten -Blicke hier und da im Zimmer umher, bis sich seine Augen endlich starr -auf einen Punkt hefteten, und er in einen lauten Angstruf des Schreckens -ausbrach. Seine Flinte, mit welcher er dem alten Ladislaus gedroht -hatte, war in hundert Stücke zerbrochen, und was ihn am meisten in -Erstaunen setzte, auch selbst der Lauf war eben so zerstückelt, wie die -übrigen Theile des Gewehres. - -Bei diesem unerwarteten Anblick, wobei er sich überzeugen mußte, daß -eine übermenschliche Kraft gewirkt habe, fühlte er sich von einem -eiskalten Schauer ergriffen, und eine gute Zeit lang blieb er wie -versteinert vor seiner zerbrochenen Flinte stehen. Diese Begebenheit -überstieg seine Fassungskraft, da er keine natürliche Ursache dafür -auffinden konnte; und in seinem unwillkührlichen Schrecken hätte er fast -bei sich selbst angelobt, sich nicht mehr in Lodoiska's Angelegenheiten -zu mischen, da er einsahe, daß er einer höheren Kraft, als die schwachen -Mittel, die ihm zu Gebote standen, bedurfte, um mit Vortheil gegen sie -in die Schranken zu treten. Es dauerte lange, ehe er einschlafen konnte. -Bei jedem leisen Geräusch schreckte er hoch empor, bis endlich seine -Abspannung so hoch stieg, daß er in eine Art von Schlafsucht verfiel; -denn es war schon sieben Uhr, als er von dem starken Lärm, den eine -heftig an seine Thür klopfende Person verursachte, erwachte. Jetzt fiel -ihm die Hochzeit ein, zu welcher er eingeladen war, und da er glaubte, -daß man ihn dazu herbeiholen wollte, stand er schnell auf, voller Scham -über seinen langen Schlaf. Als er die Thür öffnete, sahe er einen seiner -guten Bekannten aus dem Dorfe, dessen Miene so traurig war, daß er -darüber erschrak. Schon war er im Begriff, ihn nach der Ursache zu -fragen, als dieser ihm zuvorkam. - -»Ach, lieber Werner, sagte er mit halb erstickter Stimme, welche -fürchterliche That ist in dieser Nacht geschehen! Röschen ist todt, auf -die schrecklichste Art ermordet!« - --- Was sagst du da, Mathes? Wer hat dieses schändliche Verbrechen -begangen? Du machst mich vor Schrecken erstarren! -- - -»Ach, leider ist es nur allzuwahr! Der Mörder ist noch völlig unbekannt. -Er hat sich auf eine unbegreifliche Art in's Zimmer geschlichen, und dem -armen Mädchen zwei Adern geöffnet; aber das Sonderbarste dabei ist, daß -durchaus kein Blut mehr in dem Körper der Unglücklichen gefunden wird, -und kaum hat man einige kleine Blutflecke an ihrem Bette bemerkt.« - --- Kein Blut mehr! rief Werner, wie vom Blitz getroffen. Kein Blut mehr! -O Himmel, sollten sich denn die Schrecken der Moldau und Wallachei auch -hier nach Deutschland fortpflanzen! -- - -Er schwieg, vielleicht bereuend, daß er schon zu viel gesagt habe; aber -das Uebel, was er gern vermieden hätte, war schon geschehen. Voller -Neugierde bestand Mathes auf die Erklärung dessen, was er nicht -verstand, und vergebens suchte Werner das Gespräch auf andere Dinge zu -bringen, indem er sich näher nach den Umständen bei der Mordthat -erkundigte; sein Freund ließ sich nicht abweisen, und nachdem er ihm -erzählt hatte, was er wußte, drang er abermals darauf, zu wissen, von -welchen Schrecken der Moldau und Wallachei Werner gesprochen habe. Er -zeigte dabei eine solche Hartnäckigkeit in seinen Fragen, daß Werner ihn -wohl befriedigen mußte, wenn er sich nicht mit ihm gänzlich erzürnen -wollte. - -»Wahrhaftig, lieber Mathes, sagte Werner, du läßt mir auch gar keine -Ruhe; da du es denn doch willst, so sollst du Alles erfahren; aber -schiebe nicht die Schuld auf mich, wenn du dich vielleicht heute Abend -fürchtest. Die Schrecken der Moldau und Wallachei, deren ich vorher -erwähnte, sind nämlich gewisse Wesen, die des Nachts aus den Gräbern -auferstehen, um die Lebendigen zu morden. Wie ich gehört habe, sollen -sie auch in Ungarn und in Griechenland allgemein sein; kurz diese Wesen, -welche weder todt noch lebendig sind, kommen des Nachts selbst in die -Wohnungen ihrer Verwandten und Freunde. Sie legen sich dann neben ihnen -in's Bett, öffnen ihnen die Adern, und saugen ihnen das Blut aus, was -ihnen zur Erhaltung ihres schändlichen Daseins nöthig ist. Diese -Handlung wiederholen sie alle Nächte von zwölf bis ein Uhr, so lange, -bis alles Blut aus dem Körper verschwunden ist, und so den Tod ihres -Schlachtopfers verursacht. Sobald eins dieser Wesen, welche man dort -_Vampyre_ nennt, sich in einem Dorfe eingefunden hat, ist allenthalben -Furcht und Trauer verbreitet; man ruft die Priester zu Hülfe, aber ihre -Beschwörungen bleiben fruchtlos, und der Vampyr treibt ungestört sein -Wesen fort. Nur ein Mittel ist vorhanden, sich von ihm zu befreien: man -muß nämlich suchen, seinen Körper im Grabe aufzufinden. Beim ersten -Anblick scheint dieser Körper leblos zu sein; aber an seiner -Wohlbeleibtheit, an der Röthe seiner Wangen und Lippen, die oft noch mit -Blute beschmutzt sind, erkennt man ihn dann leicht. Sogleich entreißt -man dieses verabscheuungswürdige Ungeheuer seinem Sarge, haut ihm die -Hände, die Füße und den Kopf ab; aber damit wäre noch nichts geschehen, -wenn man nicht zuletzt sein Herz mit einem spitzigen Pfahle durchbohrte. -Dann entströmt der Wunde, unter einem schrecklichen Schrei des Vampyrs, -eine Menge von blutiger Materie, und mit ihm das Leben. Sämmtliche -Theile des Körpers werden nun in's Feuer geworfen und verbrannt, worauf -das Land ruhig wird, bis ein neuer Vampyr aus dem Grabe aufersteht. -Diese schreckliche Plage der Menschen ist um so furchtbarer, als es -scheint, daß die Vampyre sich fortpflanzen, indem oft ein Mensch, der -durch sie geopfert wurde, ebenfalls ein Vampyr wird. Uebrigens giebt es -sowohl männliche als weibliche Vampyre, und ich würde gar nicht fertig -werden, wenn ich dir Alles erzählen wollte, was ich darüber bei meinem -Aufenthalt in jenen Ländern gehört habe.« - -Werner hätte noch lange fortsprechen können, ohne von seinem Zuhörer -unterbrochen zu werden; dieser verlor kein Wort von seiner Erzählung, -und wendete schon in Gedanken den fürchterlichen Vampyrismus auf den -plötzlichen Tod des jungen Röschens an. - -»Herr Jesus! rief er aus, ist dergleichen möglich? Sieh, Werner, es ist -mir jetzt schon leid, daß ich dich danach gefragt habe, obgleich ich -dadurch über etwas belehrt worden bin, was ich bisher noch nicht wußte. -Gott sei Dank! wir hatten hier in unserm Lande bis jetzt nur einige -Gespenster, die manchmal den Lebendigen einen Schreck einjagten, ohne -ihnen weiter ein Leid zuzufügen. Aber sich von Blut zu nähren! man -könnte bei dem bloßen Gedanken daran schon vor Furcht sterben. Armes -Röschen! ja gewiß, ein Vampyr hat dich gemordet, es ist nicht daran zu -zweifeln!« -- - -Ungeachtet Werner im Geheimen selbst daran glaubte, so suchte er doch -seinen Freund Mathes zu überreden, daß Röschens Tode eine andere Ursache -zum Grunde liege; aber Mathes war zu begierig, die neu erlangten -Kenntnisse weiter zu verbreiten, als daß er seine Voraussetzung hätte -aufgeben können. - -»Du magst mir sagen, was du willst, rief Mathes aus; ich bin und bleibe -überzeugt, daß hier ein Vampyr sein Wesen getrieben hat, und ich will es -sogleich im ganzen Dorfe bekannt machen.« - -Mit diesen Worten rannte er aus dem Zimmer, ungeachtet Werner ihn gern -zurückhalten wollte. Den ersten Bekannten, denen er begegnete, eilte er, -seine wunderbare Geschichte von den Vampyren zu erzählen, welche so -allgemein Eingang fand, daß man bald in der ganzen Gegend von nichts -Anderem sprach, und darüber die Fremde im Häuschen im Walde und ihre -Sonderbarkeiten vergaß. - -Unterdessen drückte Wernern die Sorge, zu erforschen, wie es Lodoiska -möglich gemacht habe, sich heimlichen Eingang in's Schloß zu -verschaffen. Er fing damit an, alle Bewohner desselben auf das Genaueste -zu beobachten, und wachte über jede ihrer gleichgültigsten Handlungen; -ganze Stunden lang blieb er in einem Winkel seines Zimmers versteckt, um -Jemanden zu ertappen, der sich vielleicht hineinschleichen würde. Alle -seine Bemühungen blieben indessen fruchtlos, und er fand nicht einmal -Veranlassung, gegen irgend Jemanden gerechterweise den kleinsten -Verdacht zu hegen. - -Weit entfernt, deßhalb seine Nachforschungen jetzt schon einzustellen, -richtete er sie nach einer andern Seite hin. Er wußte nämlich, daß die -alten Schlösser fast immer mit unterirdischen Gewölben und geheimen -Gängen versehen waren, welche dazu dienen konnten, Werke der Finsterniß -dem Tageslichte zu entziehen; um sich daher auch in dieser Hinsicht zu -beruhigen, hielt er, unter dem Vorwande, die Festigkeit der Grundmauern -und des Gebälkes zu untersuchen, in Gesellschaft eines geschickten -Maurers eine genaue Besichtigung des Schlosses. Zwei ganze Tage brachten -sie damit zu, die Wände, die Fußböden und alle Mauern zu untersuchen; -allenthalben, wo man durch Klopfen eine Höhlung wahrnahm, überzeugte man -sich sogleich, was etwa daselbst verborgen sein könnte. - -Die Genauigkeit dieser Untersuchung führte endlich zu der Kenntniß eines -unterirdischen Ganges, welcher in einem Winkel eines der Zimmer des -untersten Stockwerks seinen Anfang nahm, von hier auf einer sehr engen -Treppe hinabführte, und sich sehr weit unter der Erde hin, in der -Richtung nach Nordwesten, erstreckte. Bei der Entdeckung dieses Ganges, -und noch mehr an der Richtung desselben, glaubte Werner den Weg entdeckt -zu haben, auf welchem man sich heimlich ins Schloß schleichen könnte. -Von seinem Gefährten begleitet, jeder mit einer Laterne versehen, trat -er die Wanderung in diesem unterirdischen Gang an; allein als sie -ungefähr hundert Schritte weit vorgedrungen waren, sahen sie sich durch -große Felsenmassen aufgehalten, die nirgends einen Ausweg zeigten. -Nachdem sie versucht hatten, dieses Hinderniß zu beseitigen, überzeugte -sie endlich der Widerstand, den diese Felsen ihren Werkzeugen -entgegensetzten, daß ihre Bemühungen vergeblich seien. Sie kehrten daher -um, und Werner ließ nun den innern Eingang mit einer Mauer verschließen; -denn dieser unterirdische Gang schien ihm dennoch gefährlich, weil er -leicht durch irgend eine geheime Thür, die sie nicht bemerkt hatten, mit -dem Häuschen im Walde zusammenhängen konnte. Jetzt erst war er -zufrieden, weil er sich schmeichelte, nun die Pläne der Feindin seiner -Ruhe vernichtet zu haben. - - - - - Neuntes Kapitel. - - -Schon war man dem Ende des Monats Oktober nahe. Alle Verbindung der -Familie Lobenthal mit der Fremden hatte aufgehört, und Helene verlor -nach und nach einen Theil der Neugierde, welche ihr anfangs ihre -geheimnißvolle Nachbarin einflößte; aber der Zeitpunkt war gekommen, der -sie näher als je mit derselben in Berührung bringen sollte. - -Helene saß eines Abends noch ziemlich spät, mit einem neuen sehr -anziehenden Buche beschäftigt, als sie plötzlich einen hellen rothen -Schein am Himmel erblickte. Sie sprang auf und näherte sich dem Fenster; -da hörte sie die Sturmglocke im Dorfe läuten, und unten im Schloßhofe -erscholl das Geschrei: Feuer! Feuer! und Helene erkannte an der Richtung -des hellen Scheines, welcher über dem Walde schwebte, daß es nur das -Haus der Fremden sein könne, welches jetzt in Flammen stand. Sogleich -eilte sie zum Zimmer hinaus, die Treppe hinab, über den Schloßhof und -dem Walde zu. Vergebens stellte sich ihr Werner entgegen; vergebens -bewies er ihr unterweges, daß sie Unrecht habe, selbst dem Orte der -Feuersbrunst zuzueilen: sie beschleunigte ihre Schritte, ohne auf seine -Vorstellungen zu hören, und überließ sich ganz dem edlen Gefühle ihres -mitleidigen Herzens. - -Mit welchem Schmerze betrachtete sie die Fortschritte der helllodernden -Flammen, als sie an den Ort der Feuersbrunst gelangte! Es war keine -Hoffnung mehr übrig, das Haus zu retten. Vergeblich strengten sich -einige von den herbeigeeilten Bauern an, dem Feuer Einhalt zu thun; es -mangelte ihnen an den nöthigen Mitteln, und man mußte zuletzt der -völligen Zerstörung des Hauses ruhig zusehen. - -Helene war kaum angekommen, so suchte sie eifrig nach der Fremden, und -bei der schauerlichen Helle, die das Feuer umherwarf, entdeckte sie sie -bald, wie sie, in ein großes weißes Bettlaken eingewickelt, an einen -Baum angelehnt stand. Dieß gab ihr das schreckliche Ansehen eines -Gespenstes; ihr Gesicht war leichenblaß, ihre Augen stier und ohne -irgend einen Ausdruck, so daß ihre völlige Unempfindlichkeit, ihre kalte -Ruhe Jedermann auffiel. Man irrte um sie her, beklagte und tröstete sie, -aber sie antwortete nicht; und bei Allem, was man auch sagen mochte, -beharrte sie in ihrem Stillschweigen. Nur Helenens Ankunft weckte sie -aus ihrem dumpfen Hinstarren, und kaum hatte sie dieselbe erkannt, so -schwebte ein schreckliches Lächeln über ihre Lippen, verschwand aber -sogleich wieder, worauf Lodoiska in ihren vorigen träumerischen Zustand -zurückkehrte. - -»Bis jetzt, redete Helene sie an, habe ich Ihren Willen befolgt, und Sie -völlig Ihrer Einsamkeit überlassen; da aber nun das Unglück mit neuer -Wuth über Sie ausgebrochen ist, so bewilligen Sie mir die Bitte, eine -Wohnung im Schlosse anzunehmen. Es ist keine Hoffnung mehr vorhanden, -daß Sie je wieder in diesem Hause wohnen können; nehmen Sie daher den -Zufluchtsort an, den Ihnen die aufrichtigste Theilnahme anbietet.« - -Lodoiska schien jetzt völlig aus ihrer Träumerei zu erwachen, und suchte -sogar ihrer finsteren Miene einen angenehmern Ausdruck zu geben. Ohne -Weigerung nahm sie das ihr gemachte großmüthige Anerbieten an. Sie -erzählte Helenen: daß das Feuer auf dem Heerde schlecht ausgelöscht -gewesen sein müsse, und wahrscheinlich einige Kohlen in einem Bunde -Flachs Feuer gefaßt haben könnten, das in der Nähe des Heerdes -befindlich gewesen sei. Bald darauf wäre die ganze Küche und der -anstoßende Hausflur in Flammen gewesen. »Kaum hatte ich noch so viel -Zeit, fuhr sie fort, einige Kleider, meine Börse und Kostbarkeiten zum -Fenster hinauszuwerfen. Dann eilte ich die Treppe hinab, welche bereits -brannte, und suchte hier im Freien einen Zufluchtsort. Aber was mag aus -meinem alten Bedienten geworden sein? Ich sehe ihn nirgends.« - --- Ich habe ihn nach dem Dorfe eilen sehen, antwortete Helene, die der -Fremden die Wahrheit, welche sie vermuthete, verhehlen wollte. Aber -kommen Sie jetzt in's Schloß; die Nacht ist kalt, und Sie sind nicht -angezogen; dieses Betttuch kann Sie unmöglich vor den schädlichen -Eindrücken der Nachtluft beschützen. -- - -Ohne weiter eine Einwendung zu machen, nahm Lodoiska, jedoch mit vielen -Danksagungen, das Anerbieten an. Werner, der in der Nähe stand und Alles -mit anhörte, gerieth darüber in eine unbeschreibliche Verwirrung. Den -Gedanken, daß Lodoiska mit seiner Gebieterin unter einem Dache wohnen -sollte, konnte er kaum ertragen; ein besonderes Vorgefühl ließ ihn die -schrecklichsten Auftritte, die daraus entstehen würden, voraussehen, und -zwei Mal hatte er schon den Mund geöffnet, um der Oberstin die Wahrheit -zu entdecken, damit sie erführe, welche Schlange sie an ihrem Busen -erwärmen wollte; aber immer hielt ihn die Furcht vor den Folgen einer -solchen Entdeckung wieder zurück, und er behielt das Geheimniß in seinem -Herzen verschlossen. Ein Blick des Triumphs, den ihm seine Feindin -zuwarf, brachte ihn vollends zur Verzweiflung; indessen nahm er sich -vor, sie so genau zu bewachen, daß es ihr unmöglich werden würde, ihre -geheimen Triebfedern in Bewegung zu setzen. Schweigend folgte er den -beiden Damen nach dem Schlosse zurück. - -Am andern Morgen entdeckte man unter den Trümmern des Hauses die -Ueberbleibsel eines fürchterlich verstümmelten und verbrannten -Leichnams, der schon in Verwesung übergegangen war. Er verpestete die -ganze Luft umher; übrigens konnte man keine Spur mehr von seinem -Gesichte erkennen. Da man jedoch den Körper nicht weit von den -Ueberbleibseln eines Bettes fand, so zweifelte man keinen Augenblick, -daß es der Bediente der Unbekannten sei, vorzüglich da er nie wieder im -Dorfe gesehen wurde. - -Als die beiden Damen auf dem Schlosse angekommen waren, bat Helene die -Fremde, sich unverzüglich zu Bett zu legen, und Lisette trat näher, um -sie von ihrer Umhüllung zu befreien. Allein Lodoiska stieß sie lebhaft -zurück, und äußerte den Wunsch, einige Minuten allein zu bleiben. Man -willfahrtete ihr. Als man voraussetzen konnte, daß sie sich niedergelegt -haben würde, trat Helene wieder zu ihr ins Zimmer, um ihr einige -Erfrischungen anzubieten, die Lodoiska indessen hartnäckig ausschlug; -und da Lisette ihr ein Glas mit Glühwein darreichen wollte, gab sie mit -ihrer linken Hand ein Zeichen, daß sie auch dieses Getränk verschmähe. -Bei dieser Gelegenheit bemerkte Helene, daß die linke Hand der Fremden -noch immer mit einem Handschuhe versehen sei; noch mehr erstaunte sie -aber, als Lisette das Betttuch, in welches Lodoiska eingehüllt gewesen, -aufnahm, und man nun bemerkte, daß es von Blut benetzt sei. - -»Sie haben sich verwundet, sagte Helene mit lebhafter Besorgniß; warum -wollen Sie nicht zugeben, daß man Ihnen die bei solchen Zufällen -gewöhnliche Hülfe leiste? Warum wollen Sie eine so natürliche Sache -ausschlagen? Die Blässe Ihres Gesichts beweiset, daß Sie derselben -höchst nöthig bedürfen.« - --- Nein, nein! rief die Fremde voller Schrecken aus, wofür man gar keine -gerechte Ursache auffinden konnte; ich will, ich mag keine Hülfe! Es ist -wahr, daß ich verwundet bin; aber ich bin es schon seit sehr langer -Zeit, und ich habe jetzt nichts mehr zu fürchten. Um Alles in der Welt -wollte ich Niemanden meine blutende Wunde zeigen; glauben Sie mir, daß -ich mir selbst genug bin. Lassen Sie mich jetzt allein, wenn ich bitten -darf, und beruhigen Sie sich, denn für mich ist keine Gefahr mehr zu -befürchten. -- - -In der Stimme, womit sie diese Worte aussprach, lag eine so -unbegreifliche Mischung von Gefühl und Gefühllosigkeit, ja selbst von -Ironie, daß man nicht ohne einen geheimen Schauder zuhören konnte. -Helene glaubte sich ihren Wünschen nicht länger widersetzen zu dürfen, -und ließ sie daher allein. - -Am andern Morgen stand sie erst sehr spät wieder auf; man wagte nicht, -eher in ihr Zimmer einzutreten, als bis man sie darin umhergehen hörte; -dann klopfte Helene leise an, und erhielt die Einladung, hineinzukommen. -Die Fremde war bereits völlig angezogen; das schwarze Kleid, das sie -heute trug, machte die außerordentliche Blässe ihres Gesichts noch -bemerkbarer. - -Die Nachricht von dem Tode des alten Ladislaus war schon im Schlosse -bekannt, und Helene glaubte nicht, daß es möglich sein würde, sie vor -der Fremden stets geheim zu halten. Um sie aber nicht zu sehr zu -erschüttern, wandte Helene alle mögliche Vorsicht an, und bereitete sie -nur ganz allmählich darauf vor. Sie gab sich eine völlig unnütze Mühe. -Schon bei den ersten Worten ward sie von der Fremden errathen, und -sowohl in ihren Gesichtszügen, als in ihrer Antwort bemerkte man nichts -als die ruhigste Gleichgültigkeit. Sie schien völlig gefühllos bei -Helenens Erzählung zu sein, und zeigte nicht einmal das gewöhnliche -Gefühl des Mitleidens, welches dergleichen Unglücksfälle sonst bei den -Menschen hervorbringen. - -Ueber ein solches Benehmen mußte Helene natürlich auf's Höchste -erstaunen; Lodoiska bemerkte es, und gleichsam als wenn sie ihren Fehler -hätte wieder gut machen wollen, sagte sie: »Frau Oberstin, Sie wundern -sich über mich, und fassen vielleicht eine schlechte Meinung von mir, -daß ich nicht mehr Gefühl bei dem Tode des armen Ladislaus zeige; aber -glauben Sie mir, ihm ist wenig an solchen Zeichen des Mitleids gelegen. -Ich stand mit ihm durchaus nicht in näherer Verbindung; wir kamen Beide -von demselben Orte her, und fanden uns zusammen, weil es so sein mußte. -Jetzt hat uns der Wille des Allmächtigen wieder getrennt, aber wir -werden zum zweiten Male, und dann auf ewig, mit einander vereinigt -werden. Warum sollte ich daher Thränen vergießen? Ich habe keine Thränen -mehr; sie sind ausgetrocknet für jede Art von Schmerz: denn ich habe -während meines sterblichen Lebens zu viel geweint. Jetzt, da ich nur -noch ein Dasein besitze, weil ich mich nicht in ein Grab legen kann, -ungeachtet ich das sehnlichste Verlangen nach dieser kühlen Wohnung -trage, soll ich mich mit Dingen beschäftigen, die mich nichts angehen? -Nein, nein! Nur ein einziger Zweck belebt mich noch, nur eine einzige -Absicht strebe ich zu erreichen! Dann werde ich ohne Freude, wie ohne -Leid, einen Körper verlassen, in welchem ich mich selbst nicht mehr -leiden mag.« - -Lodoiska hätte noch lange so fortsprechen können, ohne von der Oberstin -unterbrochen zu werden. In Allem, was jene junge Person sagte, lag immer -etwas so Unbegreifliches und Unzusammenhängendes, daß man nicht wußte, -ob man sie bemitleiden oder fürchten sollte. Die Worte kamen so eintönig -aus ihrem Munde, daß dadurch immer die Wirkung zerstört wurde, welche -sie sonst hätten machen können; das unbewegliche Hinstarren ihres Auges -schien zu beweisen, daß sie dem, was sie sprach, völlig fremd war; kurz, -bei ihr wich Alles von der gewöhnlichen Regel ab, und man konnte sich -nicht erinnern, je etwas ihr Aehnliches gesehen zu haben. - -Helene war so erstaunt über die Rede der Fremden, daß sie darauf nichts -zu antworten wußte; sie suchte dem Gespräch eine andere Wendung zu -geben, und fragte: ob sie vielleicht jetzt einige Nahrungsmittel zu sich -nehmen wolle. Lodoiska machte ein bejahendes Zeichen, worauf die -Oberstin Befehl gab, das Frühstück hereinzubringen. - -Jetzt traten auch die Kinder herein, die schon ungeduldig darauf -gewartet hatten, bei ihrer Freundin vorgelassen zu werden. Lodoiska -empfing sie mit einem Lächeln, welchem sie den Ausdruck des Wohlwollens -zu geben strebte, und eine plötzliche Röthe überflog ihr Gesicht, das zu -gleicher Zeit so verzerrt wurde, als wenn ihr Herz von einem tödtlichen -Stiche durchbohrt worden wäre. Alles dieses wurde jedoch von Niemanden -bemerkt. Helene, stolz auf ihre Kinder, überhäufte dieselben mit ihren -zärtlichsten Liebkosungen, während die Fremde heimlich Blicke voll Zorn -und Verachtung auf diese allerliebste Gruppe warf. Um zu verbergen, was -in ihrem Innern vorging, bedeckte sie oft ihr Gesicht mit beiden Händen, -von denen die eine stets mit einem Handschuh bedeckt war, und lange -Zeiträume hindurch schien sie in das tiefste Nachdenken versunken zu -sein. - - - - - Zehntes Kapitel. - - -Bei den russischen Truppen, die im Jahre 1812 die Moldau und Wallachei -besetzt hatten, befand sich auch das Regiment, in welchem Alfred -Lobenthal damals als Rittmeister diente. Er war einer der kühnsten und -tapfersten unter allen Offizieren, und sein Muth verwickelte ihn öfters -in die gefährlichsten Unternehmungen; auch war ihm das Glück, welches -gern die Kühnheit krönt, gewöhnlich hold, bis die unbeständige Göttin -ihn einst auf einige Zeit verließ: der Rittmeister Lobenthal erhielt in -einem Gefechte, in dem Augenblicke, wo der Feind die Flucht ergriff, -einen Flintenschuß in den Leib, der ihn vom Pferde stürzte. - -Werner, der brave Unteroffizier, den die Dankbarkeit auf immer an ihn -gefesselt hatte, befand sich in der Nähe, und eilte sogleich zur Hülfe -herbei. Von einigen Soldaten unterstützt, brachte er den Rittmeister in -das benachbarte Haus eines Pächters, der einer gewissen Wohlhabenheit -genoß, und da die Ankunft eines verwundeten Offiziers für die Einwohner -eine Schutzwehr war, so nahmen sie ihn mit Freude und Wohlwollen auf. -Der Hausvater, ein ehrwürdiger Greis, ließ ihm das beste Zimmer -einräumen, und ihm alle Hülfe leisten, die ihm zu Gebote stand. Der -Wundarzt des Regiments ward herbeigeholt; nach dem ersten Verbande -erklärte er, daß die Wunde zwar nicht tödtlich sei, aber nur langsam -wieder heilen würde. - -Beinah vierzehn Tage lang befand sich Lobenthal in einer fast völligen -Bewußtlosigkeit; er hörte kaum das Geräusch, was man um sein Bett her -machte, und da seine Augen stets geschlossen waren, so sahe er nicht, -wie sorgsam man ihn pflegte; sonst hätte er sogleich bemerkt, wie unter -den Personen, die über die Erhaltung seines Lebens wachten, sich -vorzüglich die junge Tochter des Hauses auszeichnete, die nicht nur -durch ihre außerordentliche Schönheit, sondern auch durch ihr -liebenswürdiges, unschuldiges Wesen Jedermann auffiel. Von einem -Mitleiden bewegt, dessen wahre Ursachen sie selbst noch nicht kannte, -brachte sie ganze Tage am Bette des Kranken zu, der ungeachtet seiner -Todtenblässe, dennoch in seinen Gesichtszügen die Spuren einer hohen -Schönheit verrieth. - -Lodoiska fand stets einen neuen Vorwand, in das Krankenzimmer -zurückzukehren, aus welchem man sie öfters forttrieb; mehrere Stunden -brachte sie häufig bloß mit einem Anschauen zu, dessen Folgen für sie -höchst gefährlich werden konnten. Sobald aber befreundete Offiziere -Lobenthals oder Soldaten von seiner Schwadron kamen, um sich nach seinem -Befinden zu erkundigen, floh das unschuldige Mädchen, voller Scham, hier -überrascht worden zu sein, so leicht wie ein junges Reh von dannen, und -wartete mit Ungeduld, bis die lästigen Besuche sich wieder entfernt -haben würden. - -Die ersten Blicke, welche Lobenthal aufschlug, fielen auf diesen -irdischen Engel; wie konnte er sie anders, als mit der höchsten -Bewunderung ansehen? Er fühlte bald das Bedürfniß eines Vertrauten, mit -welchem er nach Herzenslust von derjenigen sprechen könnte, die seine -ganze Seele erfüllte; hierzu wurde Werner erwählt, und stolz auf diese -Auszeichnung eilte er, sich derselben würdig zu machen, indem er -Gelegenheit suchte, die schöne Lodoiska von den glänzenden Eigenschaften -seines Rittmeisters zu unterhalten, ohne ihr jedoch auf eine bestimmte -Art zu erklären, was dieser schöne junge Offizier von ihr dachte. - -Werners Erzählungen nahmen die Aufmerksamkeit des jungen Mädchens auf -eine außerordentliche Art in Anspruch. Mit welcher Spannung hörte sie -der Beschreibung einer Schlacht zu! Sie folgte in Gedanken dem -Rittmeister bis mitten in die sich immer erneuernden Gefahren; bald -erblaßte, bald erröthete sie; ihr Athemzug wurde kürzer, wenn die Gefahr -am augenscheinlichsten war. Endigte aber dann die Erzählung mit einem -Siege, den Lobenthal nicht mit einer Wunde bezahlt hatte, so erhob sie -ihre ausdrucksvollen Augen gen Himmel, und stattete der Vorsehung -tausend Mal ihren wärmsten Dank ab. - -In der Stille der Nacht, so wie am Tage mitten unter ihren Arbeiten, war -sie nur von einem einzigen Gedanken beschäftigt: der schöne und tapfere -Rittmeister war ihrer Einbildungskraft, so wie ihrem Herzen, -unaufhörlich gegenwärtig. Je länger dieß dauerte, desto tiefer drang der -Pfeil in's Innere; schon empfand sie das ganze Entzücken der Liebe, und -doch hatte der Gegenstand derselben noch kein Wort mit ihr davon -gesprochen. Indessen beobachtete Lobenthal nicht lange diese -Zurückhaltung, die weder mit seinem Stande noch mit seinem Charakter -übereinstimmte; er erklärte sich endlich, und ward sogleich erhört. -Lodoiska befand sich in jenem Alter, wo das Mißtrauen noch unbekannt -ist; sie liebte mit Leidenschaft, und es schien ihr ganz natürlich, daß -sie eben so wieder geliebt würde. Sie kannte weder den Unterschied der -Stände noch des Vermögens; ihr Geliebter war schön und jung, sie war -beides ebenfalls: alles schien ihr daher gleich, und für sie konnte die -Zukunft nichts sein, als eine glückliche Verlängerung der Gegenwart. - -Aber mitten in diesem Entzücken erhielt sie sich rein, wie die Tugend -selbst; kein unreiner Gedanke befleckte ihre Unschuld, und Lobenthal, -voll Erstaunen über eine Leidenschaft, vereinigt mit so viel Tugend, -machte keinen Versuch, sie zu entweihen. Je länger er seine Lodoiska -sahe, desto größer wurde seine Zärtlichkeit für sie, bis sie endlich den -höchsten Gipfel erreichte. Eines Abends, nachdem er den ganzen Tag in -dem reinsten, entzückendsten Vergnügen zugebracht hatte, ritzte er sich -mit einem Federmesser den Arm, und schrieb mit seinem Blute ein -Heirathsversprechen auf, welches er seiner Geliebten übergab. Lodoiska -eilte, ein Gleiches zu thun; nach dem uralten Gebrauche der dortigen -Gegenden ward der doppelte Vertrag fünf Nächte lang unter dem -Leichenstein eines Grabes verwahrt, und dadurch im Himmel selbst -geheiligt. - -Man zweifelt in jenen Ländern nicht, daß zwei Liebende durch einen -solchen Vertrag unwiderruflich an einander gefesselt werden; jede andere -Ehe, die nicht unter ihnen beiden vollzogen würde, kann nur höchst -unglücklich sein. Die Jungfrau, welche sich auf solche Art verlobt, kann -nach ihrem Tode aus dem Grabe wieder auferstehen, um als Vampyr den -Treulosen zu quälen, der sie verlassen hat. Lobenthal wußte nichts von -allen diesen Eigenheiten, und fürchtete die Zukunft nicht; denn es -schien ihm unmöglich, seine Lodoiska je zu vergessen. - -Wochen und Monate vergingen; schon waren die russischen Truppen aus der -Moldau und Wallachei wieder abgezogen, um im Norden ihren Mitbrüdern -gegen die Franzosen zu Hülfe zu eilen. Lobenthals Wunde war geheilt, und -dennoch verlängerte er seinen Aufenthalt, da die Liebe ihn einen Theil -seiner Pflicht vergessen machte; aber ein strenger Befehl seines Chefs -lösete bald die Bezauberung des neuen Rinaldo, und es blieb ihm keine -Wahl, als sich zu entehren, oder sich von Lodoiska zu trennen. Der Kampf -in seinem Innern war fürchterlich, doch trugen endlich Ruhm und Pflicht -den Sieg über die Liebe davon. Nachdem Lobenthal seine eigene -Schwachheit überwunden hatte, mußte er noch die seiner Geliebten -bekämpfen; er suchte sie durch die feierlichsten Versprechungen zu -beruhigen, und gelobte, höchstens in Zeit von einem Jahre -wiederzukommen. Endlich fand sich Lodoiska geduldig, aber nicht -getröstet, und willigte in die unglückliche Abreise. - -Lobenthal sahe seine Braut nicht wieder; lange Zeit hindurch blieb er -ihr treu, aber die Abwesenheit brachte endlich auch bei ihm die -gewöhnliche Wirkung hervor. Lodoiska wurde ihm nach und nach -gleichgültig, er vergaß seine Versprechungen, und endlich erlosch das -Andenken an seine frühere Liebe völlig durch seine Vermählung mit -Helenen. Indessen blieb es ihm unmöglich ganz mit Lodoiska zu brechen. -Sie schrieb ihm regelmäßig, und ergab sich geduldig in eine verlängerte -Zögerung, die der Krieg nothwendig machte; als aber der Frieden endlich -in ganz Europa hergestellt war, wurden ihre Briefe dringender, und sie -kündigte dem nun zum Obersten beförderten Lobenthal an, daß sie ihn -selbst aufsuchen wolle, wenn er nicht zu ihr zurückkehren würde. - -Lobenthal beantwortete diese Briefe nicht, und er hörte lange nichts von -seiner ehemaligen Braut, bis er endlich in Berlin, nach seiner -Verabschiedung und nach langer Unterbrechung, abermals einen Brief von -Lodoiska erhielt, worin sie ihm ihre nahe Ankunft in Berlin meldete. -Dieses Schreiben mußte ihm, als Gatten Helenens, den höchsten Schrecken -verursachen; er that daher einen verzweifelten Schritt, und machte seine -unglückliche Braut mit seiner Vermählung bekannt. Voller Angst erwartete -er ihre Antwort, die auch nicht lange ausblieb. Kaum hatte er sie -erhalten, so trat er zu Helenen in's Zimmer, schützte einen bedeutenden -Verlust an seinem Vermögen vor, der ihn zwänge, die Hauptstadt sogleich -zu verlassen, und trat die Reise nach Böhmen an, wie wir am Eingange -dieses Buches gesehen haben. Auf die Antwort Lodoiska's wagte er nie -wieder einen Blick zu werfen, und in einem neuen Anfall von Schrecken -vernichtete er diesen Brief, so daß man nie erfahren hat, was er -eigentlich enthalten habe. -- - - - - - Eilftes Kapitel. - - -Lodoiska's jetziger Aufenthalt im Schlosse R.... konnte nur von übler -Vorbedeutung für die Familie Lobenthal sein; Werner, der genau von den -früheren Verhältnissen des Obersten unterrichtet war, fürchtete das -Schrecklichste, und gerieth fast in Verzweiflung, seine Furcht weder -Jemanden zu entdecken, noch den Obersten davon benachrichtigen zu -können. Er entschloß sich endlich, sich Lodoiska so viel als möglich zu -nähern, um ihre wahren Absichten kennen zu lernen. - -Hierzu wählte er einen Nachmittag, als die Oberstin gerade einige -Gesellschaft aus der Nachbarschaft bei sich hatte. Als er in Lodoiska's -Zimmer trat, saß dieselbe in der Nähe eines Fensters, während der junge -Wilhelm vor ihr stand, und auf ihren Schooß ein Bilderbuch gelegt hatte, -das er mit vielem Vergnügen durchblätterte. Die Fremde schien in das -tiefste Nachdenken versunken zu sein, und sahe den Knaben mit Blicken -an, die nichts weniger als Wohlwollen verriethen; Werners Schritte -weckten sie aber aus ihren Träumereien, worauf sie augenblicklich ihre -Miene änderte, und ihre gewöhnliche außerordentliche Gleichgültigkeit -annahm. Der alte Unteroffizier trat näher und grüßte sie, was aber nicht -erwidert wurde; doch ließ er sich durch diese Unhöflichkeit nicht irre -machen, sondern fing sogleich seinen Angriff an, wie er sich vorgenommen -hatte. - -»Vortrefflich, Lodoiska, sagte er; da haben Sie sich nun in ein Haus -eingeführt, wo Sie der Klugheit gemäß lieber hätten wegbleiben, und das -Sie hätten scheuen sollen, zu Ihrer eigenen Ruhe und zur Ruhe einer -achtungswürdigen Familie. Was haben Sie jetzt für Absichten? Wollen Sie -hier, zum Lohne für die gute Aufnahme, die Sie genießen, Schmerz und -Zank erregen? Halten Sie es nicht für angemessener, da Sie denn nun -einmal den Obersten noch wiedersehen wollen, seine Rückkehr in Prag -abzuwarten?« - --- Ich halte dafür, Werner, daß man sich in wichtigen Angelegenheiten -nicht bei seinen Feinden Raths erholen müsse, und überdieß bist du in -deinen Rathschlägen eben nicht glücklich. Warst du es nicht, der mich -einst aufforderte, mich von der Liebe des treulosesten aller Männer -rühren zu lassen? Und dennoch kanntest du ihn genau, und wußtest, wie -groß sein Leichtsinn sei. Aber dieß hinderte dich nicht, mich dem Rande -des Abgrundes näher zu führen, und wer steht mir dafür, daß dein -jetziger Rath nicht ebenfalls ähnliche Betrügereien im Hinterhalt hat? --- - -»Wenn ich Unrecht that, so ward dieß mehr in Folge meines damaligen -Alters, als meines Herzens geübt. Jetzt leitet mich nur meine Theilnahme -für ....« - --- Ich glaube nicht mehr an die Worte der Menschen, und gehe auch nicht -von dem mir einmal vorgeschriebenen Wege ab. Da ich mich jetzt in diesem -Hause befinde, so werde ich darin so lange bleiben, bis Alles für mich -aus ist, und ich den ewigen Qualen entgegengehe, die mich erwarten. -- - -»Was haben Sie aber zu fürchten, wenn Sie nichts Böses gethan haben?« - --- Nicht mit dir, rief die Fremde im heftigsten Tone, werde ich über -diesen Punkt sprechen. Ich bin es müde, dich anzuhören und dir zu -antworten; ja deine Gegenwart ist mir so lästig, daß ich ungeduldig auf -den Zeitpunkt warte, wo ich deiner Gesellschaft überhoben werde. -- - -»Es thut mir leid, Ihnen zu mißfallen; aber obgleich meine Anwesenheit -Ihnen so lästig ist, so dürfen Sie sich doch nicht schmeicheln, mich aus -den Augen zu verlieren, so lange Sie sich in diesem Schlosse befinden, -und ich werde meine Wachsamkeit nur noch verdoppeln.« - --- Wahrlich, Werner, deine Wachsamkeit wird auch höchst nöthig sein, und -du wirst großen Vortheil davon haben. Fürchtest du nicht, mich endlich -auf's Aeußerste zu treiben? Kannst du die Frechheit haben, mich so zu -beleidigen, indem du mir geradezu dein Mißtrauen gegen mich ausdrückst? -Schwacher Sterblicher! Sobald ich deiner Obhut müde bin, wirst du -aufhören, meinen Absichten Hindernisse in den Weg zu legen. Sei -überzeugt, daß du, der du mit so vieler Kühnheit zu mir sprichst, das -Schloß eher verlassen wirst, als ich! -- - -»Ich zweifle nicht, daß meine Gegenwart Ihnen lästig ist; allein wenn -ich will, so soll keine Stunde vergehen, und Sie werden einen Laufpaß -erhalten, sich Ihre Wohnung anderswo zu suchen, wo es Ihnen belieben -wird. Ich darf nur ein Wort sagen ....« - --- Du wirst es nicht sagen, dieses Wort, denn du kennst die Folgen -davon! Glaube mir, Werner, wenn dir das Glück der Oberstin theuer ist, -so laß sie den noch übrigen Theil ihres Lebens in Ruhe zubringen. Ich -werde ihr nur im äußersten Falle die schreckliche Aufklärung geben, und -wenn ihr Leben vergiftet wird, so bist du allein die Ursache davon. -- - -»Aber kurz, was wollen Sie hier? Worauf gründen Sie Ihre Hoffnung?« - --- Hoffnungen habe ich nicht und kann ich nicht mehr haben, denn mein -Schicksal ist unwiderruflich bestimmt. Aber ich habe noch Pflichten zu -erfüllen, Befehle zu vollziehen. Früherhin hätten sie mein Herz -zerrissen, das sich dagegen aufgelehnt haben würde; aber jetzt kommt es -mir nicht mehr darauf an, da ich schon im Voraus in der Zukunft lesen -kann; die Gefühle, denen ich früher hingegeben war, sind jetzt für mich -verloren. -- - -»Wahrhaftig, Lodoiska, ich höre Sie sprechen, aber es ist mir unmöglich, -Sie zu verstehen. Als Sie noch in Ihrem Vaterlande waren, brauchte ich -nicht erst über jedes Ihrer Worte nachzudenken; aber jetzt sind sie mir -so dunkel, daß ich mir vergebens den Kopf darüber zerbreche. Ich bitte -Sie, drücken Sie sich deutlicher und ohne Umschweife gegen mich aus!« - -Lodoiska antwortete nicht; ein triumphirendes Lächeln schwebte über -ihren Lippen, während sie gleichgültig mit dem Buche spielte, welches -Wilhelm, der sich beim Eintritte des Unteroffiziers entfernte, -zurückgelassen hatte. Dadurch entstand ein ziemlich langes -Stillschweigen, das Werner endlich zuerst brach. - -»Ich sehe wohl, sagte er voller Aerger, daß es vergebens ist, Sie auf -vernünftige Gedanken zu bringen. Aber, wenn Sie darauf bestehen, einen -Plan auszuführen, den ich schlechterdings nicht errathen kann, so -vergessen Sie wenigstens nicht, mit welcher Güte Sie im Schlosse R.... -aufgenommen worden sind, und lassen Sie uns unsere Gastfreundschaft -gegen Sie nicht bereuen!« - -Diese Worte brachten ein flüchtiges Erröthen in den Gesichtszügen der -Fremden hervor; aber sie nahmen bald ihre gewöhnliche Blässe wieder an, -und Lodoiska antwortete mit großer Ruhe: - -»Welchen Vorwurf über mein Betragen, sei es auch in der Folge wie es -wolle, könnte mir derjenige machen, der voll Entzücken in dem Hause -meines Vaters aufgenommen wurde, und zum Lohne dafür nur Verzweiflung -und Tod darin zurückließ?« - -Eine so kräftige Erwiderung setzte Wernern in Verlegenheit. Er fühlte -die Richtigkeit dieses Vorwurfs, doch suchte er seine Verwirrung zu -verbergen, indem er sagte: - -»Geschehene Dinge sind nicht zu ändern; aber die Fehler der andern sind -für uns keine Entschuldigung, und das Böse, was erst noch geschehen -soll, kann das frühere Uebel nicht wieder gut machen.« - -Lodoiska antwortete ihm nicht. Sie gab ihm nur ein Zeichen, daß sie -wünsche, allein zu sein, und da Werner fürchtete, von der Oberstin hier -überrascht zu werden, so entfernte er sich, aber mit dem festen -Vorsatze, jeden Schritt der Feindin des Hauses, wie er sie nannte, zu -belauschen. - -Helene, deren Einsamkeit nur selten durch die Besuche der Nachbarn -gestört wurde, hoffte durch die Gesellschaft der jungen Fremden für die -Folge einigen Zeitvertreib zu haben; aber sie überzeugte sich bald, daß -der Umgang mit ihr nichts weniger als angenehm sei. Ihre beständige -Traurigkeit, ihr Schweigen, wenn man sie nicht fragte, ihre kurzen -Antworten, und mehr als Alles, das Unbeschreibliche in ihren -Gesichtszügen, waren höchst zurückstoßend für Helenen, die bald dem -mehrmals ausgesprochenen Wunsche der Fremden nachgab, sie in ihrem -Zimmer völlig allein zu lassen. Lodoiska verließ dasselbe nur zur Zeit -der Mahlzeiten, und setzte sich schweigend an den Tisch, wo sie kaum so -viel Nahrung zu sich nahm, als zur Erhaltung ihres Lebens höchst -nothwendig war. Vergebens drang man in sie, mehr zu essen; sie schlug -hartnäckig die besten Speisen aus, und begnügte sich mit etwas Fleisch, -das sie bloß aussaugte; Nahrungsmittel aus dem Pflanzenreich waren ihr -höchst zuwider. Die Ruhe, deren sie in ihrem Zimmer genoß, ward nur -durch die täglichen Besuche der Kinder unterbrochen. Sie zeigte sich -stets freundlich gegen dieselben, obgleich sie öfters ganz -unbeschreibliche Blicke auf sie warf. - -Vierzehn Tage wohnte sie bereits auf dem Schlosse, und ihr Betragen -blieb immer dasselbe. Vergebens wurde sie stets von Werner belauscht; er -konnte durchaus nichts Verdächtiges entdecken, obgleich er des Nachts zu -allen Stunden aufstand, und im Schlosse umherschlich. Wider seinen -Willen fing er daher am Ende zu glauben an, er habe sie falsch -beurtheilt, und ließ auch allmählich in seiner Wachsamkeit nach. - -Zu dieser Zeit fing Wilhelm zu kränkeln an, und setzte seine Mutter in -die größte Unruhe. Das Kind beklagte sich eigentlich über nichts -insbesondere, und dennoch sahe man die Röthe seiner Wangen schwinden, -und seinen Körper immer mehr abmagern. Bald wurde er so schwach, daß er -nicht mehr gehen konnte; auch das Tageslicht ward ihm zuwider; aber zu -gleicher Zeit nahm seine Anhänglichkeit an die Fremde zu, die er kaum -mehr verlassen wollte. Wenn man ihn mit Gewalt von seiner Freundin -trennte, gerieth er in Zorn, und ganze Stunden lang brachte er in ihrem -Arm liegend zu. Lodoiska sahe indessen diese Zuneigung mit -Gleichgültigkeit an, obgleich sie das Kind nicht von sich entfernte, und -darein willigte, daß es vorzugsweise ihrer Pflege überlassen wurde. - -Helene schrieb Briefe über Briefe an ihren Mann, theilte ihm den -bedenklichen Krankheitszustand ihres Sohnes mit, und bat ihn, doch -endlich seiner Abwesenheit ein Ziel zu setzen. Von der Feuersbrunst und -dem Aufenthalte der unglücklichen Fremden im Schlosse hatte sie ihn -schon früher benachrichtigt. Lobenthal theilte in seinen Antworten -Helenens Aengstlichkeit, und versprach ihr, sich sobald als möglich auf -den Rückweg zu machen, da aller Anschein da sei, eine völlige Aussöhnung -zwischen seiner Schwester und ihrem Gatten zu Stande zu bringen. Der -Begebenheit mit der Feuersbrunst hatte er nur wenig seine Aufmerksamkeit -geschenkt, und berührte sie nur im Vorübergehen, indem er das Betragen -Helenens völlig billigte. Alle seine Briefe schloß er mit den heißesten -Wünschen für die Genesung seines geliebten Wilhelm. - -Der Himmel schien seine Wünsche nicht erhören zu wollen; die Kräfte des -Kindes schwanden immer mehr, sein Athem wurde immer kürzer, und schon -konnte er kaum seinen Kopf in gerader Richtung über den Schultern -erhalten, auf welche er aller Anstrengungen ungeachtet immer wieder -zurückfiel. Helene war außer sich. Zwar suchte ein geschickter Arzt, der -täglich nach dem Schlosse kam, ihr Trost einzusprechen, allein auch -dieser wußte selbst nicht, was er von der außerordentlichen Krankheit -denken sollte. Das Kind behielt bei seiner großen Schwäche eine Eßlust, -die mit der Krankheit immer zunahm; es beklagte sich stets über Hunger, -der nur schwer zu stillen war, und dieß am meisten des Morgens, sobald -er aus seinem todtenähnlichen Schlafe erwachte. Dann forderte er die -kräftigsten und schwersten Nahrungsmittel, die er verschlang, als wenn -er mehrere Tage lang gar nichts gegessen hätte. Um die Mutter nicht noch -mehr in Angst zu setzen, that der Arzt, als wenn er gute Hoffnung habe, -das Kind wieder herzustellen; aber insgeheim sahe er kein Mittel vor -Augen, wie er sein Versprechen erfüllen sollte. - -Lodoiska verließ ihren kleinen Freund nur selten; sie hörte die Fragen -des Arztes, die Klagen der Mutter mit an, ohne sich je in das Gespräch -zu mischen. Nur wenn das Kind die Arznei einnehmen sollte, wendete sie -ihren Einfluß auf den kleinen Wilhelm an, der sie dann freundlich -anlächelte, ihre Hand nahm, und artig zu sein versprach, wenn Lodoiska -bei ihm bleiben wollte. - -»Sei ruhig, mein Kind, sagte sie, und fürchte deßhalb nichts. Ich habe -mich zu innig mit deinem Wesen vereinigt, als daß ich mich von dir -trennen könnte, und ich werde dich nur in dem verhängnißvollen -Augenblicke aufgeben, wo man Alles auf der Erde verlassen muß.« - -Diese liebreichen Worte verloren für die Zuhörer allen Werth, weil sie -mit der äußersten Gleichgültigkeit und Trockenheit ausgesprochen wurden. -Die Fremde legte überhaupt nur selten einen Ausdruck in das, was sie -sagte oder that, so daß man sie weniger für ein lebendiges Geschöpf, als -für ein belebtes Automat zu halten geneigt war, das sich bloß nach dem -Uhrwerk in seinem Innern auf eine stets gleichförmige Weise bewegte. So -viel Kälte erregte öfters bei Helenen eine leichte Anwandlung von Zorn, -die aber sogleich wieder unterdrückt wurde, wenn sie sich erinnerte, daß -der Verstand dieser unglücklichen Fremden ohne Zweifel gelitten haben -müsse. Auch war dieß die Ursache, warum sie nicht die Fragen an sie -that, die man sonst wohl das Recht hat, an Jemanden zu richten, der in -ein Haus eingeführt und aufgenommen ist. Sie wußte von Lodoiska selbst, -daß deren Aufenthalt in Deutschland nicht mehr lange dauern würde, daher -sie sich auch vorgenommen hatte, bis zum nächsten Frühling der Fremden -die Gastfreundschaft zu gewähren. - -Der gute Werner, der den kleinen Wilhelm über allen Ausdruck liebte, war -über seine Krankheit ganz untröstlich. Er selbst lebte kaum nur noch zur -Hälfte, da es augenscheinlich war, daß der Knabe seinem Grabe -entgegenging; ja er gerieth endlich in eine Art von Verzweiflung, so daß -er den Verdacht schöpfte: Wilhelm möchte wohl vergiftet sein, und -Lodoiska sei die Urheberin dieses abscheulichen Verbrechens. Dieser -Gedanke ließ ihm von nun an keine Ruhe mehr, und er sann auf nichts, als -auf die Art, wie er seinen Verdacht entweder aufklären oder wieder -vernichten könnte. - - - - - Zwölftes Kapitel. - - -Werner beobachtete seit einigen Tagen die Fremde mit erneuerter und -verdoppelter Wachsamkeit, ohne indessen etwas Verdächtiges auffinden zu -können. Wilhelm schien mit jeder Minute den Geist aufgeben zu wollen, -und es ward also angeordnet, daß seine Mutter, Werner oder Lisette -abwechselnd des Nachts bei ihm wachen sollten. Dieser Zeitpunkt, welcher -entscheidend zu sein schien, war derjenige, wo ein ziemlich merkbares -Besserbefinden einige Hoffnung gab, daß das Kind dennoch wieder genesen -könnte. Sein völlig abgemagerter Körper erhielt einige Kräfte wieder; -schon verbreitete sich eine leichte Röthe über seine eingefallenen -Wangen, und im ganzen Schlosse herrschte die lauteste Freude. Nur -Lodoiska blieb völlig gefühllos. Der lauschende Blick Werners, der sie -nicht aus den Augen verlor, glaubte bei ihr eine Veränderung zu -bemerken, die der des Kindes gerade entgegengesetzt war; sie verlor -einen guten Theil von ihrem körperlichen Umfange. Ueber ihr -leichenblasses Gesicht war eine verdächtige Unruhe verbreitet, und ihr -Gang wurde holperig und schleppend. Oft legte sie eine Hand auf die -Wunde, welche Werner unter ihrer linken Brust gesehen hatte, und drückte -sie mit Heftigkeit, als wenn sie das Leben, das hier zu entschlüpfen -drohte, hätte zurückhalten wollen. Zweimal überraschte Werner sie, wie -sie das kranke Kind mit der Aufmerksamkeit einer wilden Ungeduld -betrachtete, und eine Bewegung, schrecklich für den, welcher sie -verstanden hätte, drückte dabei ihre Gedanken aus. Allein Werner errieth -sie nicht; er sah jedoch genug, um überzeugt zu sein, daß entweder die -Fremde mit dem morgenden Tage das Schloß verlassen, oder daß das Kind -sein Leben endigen müsse. Er nahm sich vor, mit der größten Klugheit zu -Werke zu gehen, und der Oberstin so viel zu sagen, daß sie zuerst die -Fremde auffordern würde, sich anderswo eine Wohnung zu suchen, weil es -nicht anginge, daß sie noch länger in ihrer jetzigen bleiben könne. - -Unterdessen war die Nacht schon angebrochen. Die Oberstin, von -Mattigkeit fast erschöpft, weil sie seit mehreren Tagen selbst bei ihrem -Sohne gewacht hatte, fühlte heute ein unwiderstehliches Bedürfniß, etwas -Ruhe zu genießen, und sie wollte daher eins der Dienstmädchen zur Wache -für diese Nacht bestimmen, als Lodoiska, von dieser Absicht -unterrichtet, sich selbst erbot, ihrem jungen Freunde diesen Dienst zu -leisten. Helene glaubte, es ihr nicht abschlagen zu dürfen, vorzüglich -da sie bisher noch nicht bei dem kleinen Wilhelm gewacht hatte, was man -nicht wagen wollte, ihr anzumuthen. - -Die Sache wurde sogleich abgemacht, und Lisette brachte, wahrscheinlich -aus Vergeßlichkeit, dem guten Werner davon keine Nachricht. Dieser legte -sich also in der Ueberzeugung zu Bett, daß der Sohn seines Obersten die -Nacht unter der Obhut der zärtlichsten Mutter zubringen würde; aber kaum -hatte er sich niedergelegt, so durchkreuzte seinen Kopf eine Menge der -peinlichsten Ideen. Einige Augenblicke lang bemächtigte sich dann der -Schlaf seiner Sinne, ohne ihm jedoch Ruhe zu verschaffen; er ward von -den seltsamsten Träumen bis auf's Aeußerste geängstigt. Bald glaubte er -mitten im Walde, welcher sich hinter dem Garten des Schlosses R.... -befand, umherzuirren; plötzlich stürzte eine Räuberbande über ihn her, -und er blieb nach einem heftigen Kampfe sterbend auf der Erde liegen; -bald versetzte ihn eine Erinnerung aus früheren Zeiten in die Wohnung -von Lodoiska's Vater. Er sah auf dem Hausflur einen Sarg, mit einem -schwarz und weißen Leichentuche behangen, und mit einer Krone von Lilien -und weißen Nelken geschmückt; eine Menge junger Mädchen stand umher, bis -ein Geistlicher erschien, und den Zug nach dem Kirchhofe führte. Hier -wurde der Sarg in ein offenes Grab versenkt; die Zuschauer entfernten -sich. Werner allein war noch stehen geblieben, und sahe, daß es -plötzlich tiefe Nacht um ihn her geworden. Mit einem fürchterlichen -Donnerschlage erschien der Mond; kaum hatte dieser die Gegend umher -erleuchtet, so öffnete sich unter dumpfem Brausen eines heftigen -Sturmwindes die Erde, und in ein Leichentuch gehüllt steigt langsam eine -Gestalt aus dem frischen Grabe empor. Immer höher erhebt sie sich in die -Lüfte, und durch eine unwiderstehliche Macht wird Werner ihr nach mit -fortgerissen. Sie durchfliegt mit reißender Schnelligkeit ungeheure -Räume, während der halb betäubte Soldat sie stets begleitet, bis endlich -beide sich wieder zur Erde niederlassen. Werner erkennt das Schloß R.... -und schaudert über das, was hier vorgehen soll. Sein geheimnißvoller -Führer zieht unter seinem Leichentuche eine Hand hervor, welche aber -nichts als ein Gerippe ist, und klopft damit an die Thür des Schlosses; -sie wird ihm aufgethan, und in demselben Augenblicke dreht die Gestalt -sich um; der erstaunte Werner erkennt in ihr das zornige Gesicht -Lodoiska's. -- - -Ein so fürchterlicher Traum konnte nicht länger dauern; Werner erwachte, -ganz in seinem Schweiße gebadet, und kaum wagte er in der ihn umgebenden -Finsterniß die Augen aufzuschlagen. Als er sich nach und nach besann, -schien es ihm, als wenn der Himmel selbst ihm eine schreckliche -Aufklärung gegeben hätte, von welcher er jetzt Gebrauch machen müsse. -Alle Wunder, über die er bisher erstaunte, sind ihm jetzt erklärt, denn -im Grabe hat Lodoiska die Macht geschöpft, womit sie ihn überraschte. -Bisher hatte er geglaubt, bloß gegen ein von Leidenschaft verblendetes -Weib zu kämpfen, und jetzt ist es ein höllischer Geist, mit dem er sich -messen soll. - -Während sich Werner so dem Fluge seiner Einbildungskraft überließ, -erinnerte er sich, daß die Oberstin heute bei ihrem Sohne wachen würde: -ein günstiger Zeitpunkt, um ihr die wichtigen Entdeckungen zu machen, -wodurch Werner sie und ihre Familie zu retten hoffte; denn leicht war es -möglich, daß Lodoiska jetzt in einen irdischen Schlaf versunken sein -konnte, und daher nicht im Stande war, sich seinem Vorhaben zu -widersetzen. Dieser Gedanke gab ihm einen raschen Entschluß; er sprang -sogleich aus dem Bette, kleidete sich rasch an und eilte nach der Thür; -aber hier fiel ihm ein, daß es gefährlich sein könne, ohne Waffen durch -die weitläuftigen Gänge und Säle des Schlosses zu gehen, weil es möglich -sei, daß vielleicht ein schrecklicher Vampyr darin umherirre. Beim -Schein des Mondes, der seine Strahlen durch das Fenster warf, suchte er -seine Pistolen, die stets geladen waren; dann verließ er endlich sein -Zimmer, und nahm seinen Weg nach dem des kranken Kindes, wo er die -Gemahlin seines Obersten anzutreffen hoffte. - -In beständiger Furcht, daß das geringste Geräusch Lodoiska's -Aufmerksamkeit wecken könnte, ging er nur langsam und so leise als -möglich vorwärts; er hielt seinen Athem an, und zitterte bei dem -Gedanken, überrascht zu werden. Schon hat er die Haupttreppe erstiegen -und befindet sich in dem großen Saale, ohne das Geringste wahrgenommen -zu haben; er tritt jetzt in den Gesellschaftssaal, den er ebenfalls -unangefochten durchschleicht, und ist schon im Begriff, die Thür des -Zimmers zu öffnen, in welchem sich die Oberstin bei ihrem Kinde -befindet, als es ihm einfällt, daß sie wohl eingeschlummert sein könnte, -und daß er durch sein plötzliches Erscheinen ihr einen großen Schrecken -verursachen würde. Um sich vorher zu überzeugen, ob sie schläft oder -wacht, näherte er also sein Auge dem Schlüsselloche, und blickt in's -Zimmer hinein. - -Welche Ueberraschung! Nicht Helene befindet sich hier, sondern die -unerklärbare Lodoiska! Sie geht mit langsamen Schritten auf und nieder, -aber scheint nichts desto weniger in der größten Ungeduld zu sein; bald -blickt sie auf das Bett, in welchem das kranke Kind ruht, bald auf den -Mond, der in einem völlig wolkenleeren Himmel immer höher steigt ..... -Jetzt schlägt die Schloßuhr zwölfe! ..... In demselben Augenblicke -werden Lodoiska's Gesichtszüge völlig entstellt, und eine schreckliche -Freude scheint ihre Muskeln zusammenzuziehen; mit der größten Heftigkeit -reißt sie sich den Handschuh ab und stürzt sich wie wüthend über das -Bett her. Hier legt sie ihren Mund auf den des Kindes und scheint mit -langen Zügen das Blut zu trinken, das sie aus der Brust und von da aus -allen Adern dieses unglücklichen Wesens hervorsaugt! -- - -Dieß ist zu viel für den guten Werner. Sollte er auch sein Leben -verlieren, er kann dieses schreckliche Schauspiel nicht länger mit -ansehen; er spannt eine seiner Pistolen, reißt die Thür mit Gewalt auf, -und stürzt sich auf das Ungeheuer los, um ihm den Lohn für seine -Verbrechen zu geben. - -»Endlich habe ich dich ertappt! rief er aus. Kehre jetzt zur Hölle -zurück, und besudele die Erde nicht mehr mit deiner Gegenwart!« Er -drückt seine Pistole auf sie ab, und Lodoiska wird von der Kugel -getroffen; aber schneller als der Adler, der in seinem Neste von dem -kühnen Jäger überrascht wird, springt sie von dem Lager auf, das sie so -eben entweihete. - --- Elender, sagte sie, deine Mühe ist vergebens! du selbst sollst jetzt -mein Geheimniß mit in's Grab nehmen! -- - -Ein scharf geschliffener Dolch blitzt in ihrer Hand; Werner giebt zum -zweiten Male Feuer, aber die Kugel fährt unschädlich neben Lodoiska -vorbei in die Mauer, und in demselben Augenblicke wühlt das mörderische -Eisen in seinem Herzen. Ohne einen Laut von sich zu geben fällt Werner -todt auf den Fußboden nieder. - - Ende des ersten Theils. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - -Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im -Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ -gekennzeichnet. - -Die variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des Originales -wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler -wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 7]: - ... deine Ruhe wiederfinden, und alle unangenehme ... - ... deine Ruhe wiederfinden, und alle unangenehmen ... - - [S. 37]: - ... unglückliche Geschöpfe antrifft, die, um einen ... - ... unglücklichen Geschöpfe antrifft, die, um einen ... - - [S. 62]: - ... einer Frau, die seine Zärtlicheeit verdient. ... - ... einer Frau, die seine Zärtlichkeit verdient. ... - - [S. 68]: - ... Er wußte nicht, ob er seinen Zorn den Lauf ... - ... Er wußte nicht, ob er seinem Zorn den Lauf ... - - [S. 83]: - ... Dinstag erfuhr ich, daß sich hier in der ... - ... Dienstag erfuhr ich, daß sich hier in der ... - - [S. 100]: - ... Eilen Sie Ihren Schicksale nicht im Voraus ... - ... Eilen Sie Ihrem Schicksale nicht im Voraus ... - - [S. 104]: - ... sich selbst zn kommen, und sprach bald über ... - ... sich selbst zu kommen, und sprach bald über ... - - [S. 105]: - ... zusamen? -- Da die Sonne hinter den ... - ... zusammen? -- Da die Sonne hinter den ... - - [S. 120]: - ... Bedienter behandelte; meine Geschäfte mit ... - ... Bediente behandelte; meine Geschäfte mit ... - - [S. 123]: - ... Zweifel, ob er seine Ausforderung erneuern ... - ... Zweifel, ob er seine Aufforderung erneuern ... - - [S. 158]: - ... als Lisette das Bettuch, in welches Lodoiska ... - ... als Lisette das Betttuch, in welches Lodoiska ... - - [S. 190]: - ... war; sie verlor einen guten Theil von ihren körperlichen ... - ... war; sie verlor einen guten Theil von ihrem körperlichen ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. -Erster Theil., by Theodor Hildebrand - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VAMPYR: ERSTER THEIL *** - -***** This file should be named 51694-8.txt or 51694-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/1/6/9/51694/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. 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Erster Theil, by Theodor Hildebrand</title> - <link rel="coverpage" href="images/cover-page.jpg" /> - <!-- TITLE="Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster Theil" --> - <!-- AUTHOR="Theodor Hildebrand" --> - <!-- LANGUAGE="de" --> - <!-- PUBLISHER="Christian Ernst Kollmann, Leipzig" --> - <!-- DATE="1828" --> - <!-- COVER="images/cover-page.jpg" --> - -<style type='text/css'> - -body { margin-left:15%; margin-right:15%; } - -div.frontmatter { page-break-before:always; } - -h1.title { margin-top:0.5em; margin-bottom:1em; text-align:center; letter-spacing:0.2em; } -h1.title .line1 { font-size:0.8em; } -h1.title .line3 { font-size:0.5em; } -h1.title .line4 { font-size:0.8em; } -p.subt { text-indent:0; text-align:center; line-height:2em; margin-bottom:2em; - letter-spacing:0.2em; } -p.aut { text-indent:0; text-align:center; line-height:2em; margin-bottom:2em; } -p.aut .line1 { font-size:0.8em; } -p.vol { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:2em; font-size:0.8em; } -p.pub { text-indent:0; text-align:center; line-height:1.5em; } -p.pub .line2 { border-top:2px solid black; padding-top:2.5em; font-size:0.8em; - letter-spacing:0.15em; } -p.tit { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; margin-bottom:6em; - letter-spacing:0.2em; font-size:2em; font-weight:bold; } -.tit .line1 { font-size:0.8em; } -.tit .line3 { font-size:0.5em; } -.tit .line4 { font-size:0.8em; } - -h2.chapter { text-align:center; margin-top:4em; margin-bottom:2em; - page-break-before:always; } - -p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; } -p.first { text-indent:0; } -span.firstchar { font-size:2em; } -div.letter { margin:1em; } -p.end { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; letter-spacing:0.2em; } - -/* "emphasis"--used for spaced out text */ -em { letter-spacing:.2em; margin-right:-0.2em; font-style:normal; } - -.underline { text-decoration: underline; } - -a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } -a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } -a:hover { text-decoration: underline; } -a:active { text-decoration: underline; } - -/* Transcriber's note */ -.trnote { font-family:sans-serif; font-size:0.8em; background-color: #ccc; - color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em; - page-break-before:always; margin-top:3em; } -.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; } -.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } -.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; } -.trnote ul li { list-style-type: square; } -p.handheld-only { display:none; } - -/* page numbers */ -a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; } -a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit; - letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal; - font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small; - border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px; - display: inline; } - -@media handheld { - body { margin-left:0; margin-right:0; } - em { letter-spacing:0; margin-right:0; font-style:italic; } - a.pagenum { display:none; } - a.pagenum:after { display:none; } - p.handheld-only { display:block; } -} - -</style> -</head> - -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster -Theil., by Theodor Hildebrand - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster Theil. - Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen - -Author: Theodor Hildebrand - -Release Date: April 8, 2016 [EBook #51694] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VAMPYR: ERSTER THEIL *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project. - - - - - - -</pre> - - -<div class="frontmatter"> -<h1 class="title"> -<span class="line1">Der</span><br /> -<span class="line2">Vampyr,</span><br /> -<span class="line3">oder:</span><br /> -<span class="line4">Die Todtenbraut.</span> -</h1> - -<p class="subt"> -<span class="line1">Ein Roman</span><br /> -<span class="line2">nach neugriechischen Volkssagen.</span> -</p> - -<p class="aut"> -<span class="line1">Von</span><br /> -<span class="line2">Theodor Hildebrand.</span> -</p> - -<p class="vol"> -Erster Theil. -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">Leipzig, 1828.</span><br /> -<span class="line2">bei Christian Ernst Kollmann.</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="tit"> -<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> -<span class="line1">Der</span><br /> -<span class="line2">Vampyr,</span><br /> -<span class="line3">oder:</span><br /> -<span class="line4">Die Todtenbraut.</span> -</p> - -</div> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-1"> -<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> -Erstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>in unglückliches, aber unverdientes Schicksal -zwang den russischen Obersten <em>Alfred -Lobenthal</em>, im Jahr 1818 seinen Abschied -zu nehmen. Er begab sich nach Berlin, seinem -Geburtsorte, wo er gern sein Leben -beschlossen haben würde; aber sein Verhängniß -hatte es anders über ihn bestimmt. Nach -einem kaum halbjährigen Aufenthalte in dieser -prächtigen Königsstadt trat Alfred eines -Morgens tief bekümmert in das Zimmer seiner -Gemahlin und kündigte ihr an, daß eine -gebieterische Nothwendigkeit ihn zwinge, Berlin -<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> -zu verlassen und in einer entfernten Gegend -einen einsamen Aufenthaltsort zu suchen, -wo sie in Ruhe und Frieden leben könnten. -</p> - -<p> -<em>Helene</em>, die Gemahlin des Obersten, -erschrak über diese Neuigkeit, aber sie verlor -den Muth nicht. Sie liebte ihren Gatten -zärtlich, und ward eben so von ihm wieder -geliebt; den übrigen Theil ihres Glücks machten -ihre Kinder aus, und wo sie sich auch -befinden mochte, so war sie zufrieden, wenn -sie nur von ihren Lieben nicht getrennt -wurde; die Augenblicke der Muße, die ihr -die Pflichten als Mutter und Hausfrau noch -übrig ließen, drohten nirgends, ihr Langeweile -zu machen, weil Musik und Malerei -diesen Feind der Ruhe von ihr verscheuchen -konnten. Daher war sie auch eben nicht betrübt, -als sie die unerwartete Neuigkeit erfuhr; -kaum fragte sie ihren Gatten nach der -Ursach dieses plötzlichen Entschlusses. Nur -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -das wünschte sie zu wissen, ob vielleicht seine -politischen Meinungen abermals Alfred’s Sicherheit -in Gefahr setzten. Nachdem sie hierüber -beruhigt worden, und erfahren hatte, -daß der Bankerott eines bedeutenden Handelshauses -ihn um einen großen Theil seines -Vermögens bringe, weßhalb es nothwendig -sei, einige Jahre in der größten Zurückgezogenheit -zu leben: umarmte sie ihren Gatten -voll Zärtlichkeit und versicherte ihn, daß sie -ohne Mühe das Geräusch der Hauptstadt mit -der Einsamkeit des Landlebens vertauschen -würde. -</p> - -<p> -Der Oberst betrieb seine Abreise mit -der größten Eilfertigkeit. Er wollte nicht -einmal den Verkauf seines prächtigen Mobiliar’s -abwarten, sondern bat einen Freund, -dieses Geschäft an seiner Stelle zu übernehmen; -und schon am folgenden Tage nach der -Mittheilung seines Entschlusses an seine Frau -reisete er mit ihr und seinen Kindern, nur -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -von einem einzigen Bedienten begleitet, ab, -ohne von seinen Bekannten und Verwandten -Abschied genommen zu haben. -</p> - -<p> -Sobald Alfred das Thor hinter sich -hatte, schien er gleichsam von einer großen -Last befreit zu sein. Seine Blicke, die unruhig -hier und dort umherirrten, so lange -er sich in der Stadt sahe, nahmen plötzlich -den Ausdruck der Ruhe an, als er sich im -Freien befand; er schien jetzt freier athmen -zu können, und seiner Frau lebhaft die Hand -drückend, rief er aus: „Endlich haben wir -die Stadt im Rücken! O, wie verhaßt ist sie -mir, wie lange dauerte mir die Zeit, bis der -Wagen zum Thore hinausfuhr!“ -</p> - -<p> -— Ist es möglich, lieber Alfred, erwiederte -seine Frau, daß du so sprechen -kannst? Ist denn Berlin nicht mehr deine -Geburtsstadt? Hat sie allen Reiz für dich -verloren, da du doch sonst immer mit Entzücken -von ihr sprachst? Ist sie nicht mehr -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -dieselbe Stadt, und kann sie dir deßhalb mißfallen, -weil sich unsere Lage geändert hat? — -</p> - -<p> -„Ja, ich gestehe es, antwortete der -Oberst, was mich sonst entzückte, mag ich -jetzt kaum mit Augen sehen. Ich fühle, daß -es mir unmöglich sein würde, nur noch einen -Tag länger in Berlin zu bleiben.“ -</p> - -<p> -— Nun, so sei doch jetzt zufrieden, da -wir diese dir so verhaßte Stadt schon im -Rücken haben. Möchtest du in einer andern -deine Ruhe wiederfinden, und alle <a id="corr-0"></a>unangenehmen -Erinnerungen vergessen! — -</p> - -<p> -„Von welcher Stadt sprichst du denn, -mein Kind?“ -</p> - -<p> -— Nun, von derjenigen, in welcher wir -künftig wohnen werden. Wir befinden uns -auf der Straße nach Potsdam; willst du vielleicht -nach Dresden, nach Leipzig, oder noch -weiter? — -</p> - -<p> -„Ach, liebe Helene, sagte der Oberst verlegen, -es wird mir schwer, dich ganz mit dem -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -Opfer bekannt zu machen, das du mir bringen -sollst. Denkst du, ich verlasse Berlin, -um in einer andern Stadt zu wohnen? Ach -nein, in meiner Lage gefällt mir nur die -Einsamkeit! Liebe Helene! wirst du dich -nicht über meinen grausamen, Entschluß beklagen? -Ich will eine abgelegene ländliche -Wohnung suchen, wo nichts ....“ -</p> - -<p> -Eine plötzliche Röthe überzog bei diesen -Worten die schönen männlichen Gesichtszüge -des Obersten; er hielt mitten in seiner Rede -inne, und sahe Helenen mit einem unbeschreiblichen -Blicke an, in welchem indessen -die schmerzhaftesten Empfindungen nicht zu -verkennen waren. -</p> - -<p> -Helene würde sich vielleicht hierüber beunruhigt -haben, wenn sie geglaubt hätte, daß -geheime Ursachen dem Schmerze ihres Gatten -zum Grunde lägen. Allein sie wußte, wie -sehr ihm der Verlust eines Theils seines Vermögens, -bloß aus Liebe zu ihr und ihren -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -Kindern, zu Herzen ging; sie kannte seine -Zärtlichkeit für sie, und fürchtete, daß es -ihn bekümmern möchte, sie mitten aus den -Vergnügungen der großen Welt in die Einsamkeit -des Landlebens zu versetzen. Ohne daher -weiter über Alfreds Betragen nachzudenken, -hielt sie sich bloß an den Schein, und -sagte, ihrem Gatten die Hand drückend: -</p> - -<p> -„Beruhige dich, lieber Alfred; mir ist -wenig daran gelegen, welchen Winkel der -Erde ich bewohne, wenn ich nur mit dir -und meinen Kindern bin. Meine Pinsel -und Farben sind hier in diesem Kästchen, -meine Harfe wird mir nachgesandt: was -könnte mir nun noch zu meinem Glücke -fehlen?“ -</p> - -<p> -— Wie, theure Helene, du fürchtest -dich nicht vor dem einsamen Landleben? — -</p> - -<p> -„Es würde der Fall sein, wenn ich von -den drei mir theuren Wesen entfernt wäre; -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -mit ihnen ist meine Zufriedenheit stets vollkommen.“ -</p> - -<p> -— O, von welcher Unruhe befreist du -mich; denn ich glaube, daß du aufrichtig -sprichst! Wohlan, so gestehe ich dir, daß nur -die Einsamkeit und Zurückgezogenheit meinem -jetzigen Zustande anpassend ist, daß ich der -Entfernung von allem Geräusche des Lebens -bedarf. Ich will also einen Zufluchtsort aufzufinden -suchen, der nicht so nahe bei einer -Stadt liegt, daß man uns belästigen wird, -der aber auch nicht allzuweit entfernt ist, um -aller Annehmlichkeiten der Städte entbehren -zu müssen, wozu insbesondere auch die Hülfe -der Arzneikunst gehört, wenn die Gesundheit -<em>Wilhelms</em> und <em>Juliens</em> (die Namen -ihrer beiden Kinder) derselben bedürfen möchten. — — -</p> - -<p> -„Nun, Alfred, und wo denkst du diesen -Zufluchtsort zu finden?“ -</p> - -<p> -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -— In Böhmen, nicht weit von Prag. — -</p> - -<p> -„Es scheint mir aber, daß du bei allen -deinen früheren Reisen noch nie in dieser -Gegend gewesen bist. Hast du dort vielleicht -Bekanntschaften, und kennst du schon den -Ort unseres künftigen Aufenthalts?“ -</p> - -<p> -— Nein, durchaus nicht; ich überlasse -Alles dem Zufalle, und gerade, weil ich in -Böhmen völlig unbekannt bin, reise ich dorthin. -Ich hoffe, daß so meine Spur völlig -verloren gehen wird, daß ich dort keiner -Verfolgung ausgesetzt sein werde ... denn -der Anblick der Menschen ist mir jetzt verhaßt. -Ach, könnte ich die Vergangenheit aus -meinem Gedächtnisse verwischen! Theure Helene, -wie sehr wünschte ich, nur für dich gelebt -zu haben! — -</p> - -<p> -Diese zärtlichen Worte, die ihrer Natur -nach Helenen nur angenehm sein konnten, -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -brachten indessen in ihrem Herzen eine gerade -entgegengesetzte Empfindung hervor. Der -Ton, mit welchem ihr Gemahl sie ausgesprochen -hatte, schien einen bittern Vorwurf gegen -sie selbst anzudeuten, und seine Physiognomie -sagte dabei mehr als seine Worte. Helene -liebte ihren Mann noch, wie in den ersten -Tagen ihrer Ehe; bis jetzt hatte sich in ihrem -Herzen noch nie eine eifersüchtige Empfindung -geregt, weil Alfreds Betragen sie überzeugte, -daß sie allein in seinen Gedanken -herrschte; aber diese Ruhe konnte von einem -Augenblick zum andern getrübt werden. Helene -hatte bis jetzt noch nie ernstlich über -das Leben ihres Mannes nachgedacht, das er -vor der Bekanntschaft mit ihr geführt haben -könnte; sie wußte, daß ein junger, hübscher -Offizier nicht anders als eine Menge verliebter -Abentheuer gehabt haben konnte; aber sie -glaubte, daß Alfred nicht Zeit gehabt hatte, -sich Gefühlen hinzugeben, die nur dann erst -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -gefährlich werden, wenn sie lange dauern. -In dieser Hinsicht war also Helene frei von -Unruhe; indessen stieg ihr doch jetzt der unglückliche -Gedanke auf, daß wohl eine ältere -Liebes-Intrigue ihren guten Theil an der -so plötzlichen Reise, die einer übereilten Flucht -glich, haben könnte. -</p> - -<p> -Wie auch die Gedanken Helenens in dieser -Hinsicht gewesen sein mochten, so hütete -sie sich doch wohl, sie laut werden zu lassen; -sie suchte vielmehr, sie zu unterdrücken, -indem sie ein gleichgültiges Gespräch anfing. -Hierbei kamen ihr die Fragen ihrer Kinder -zu Hülfe, und Alfred, der sich über ihr unschuldiges -Geschwätz freuete, suchte ihre Neugierde -zu befriedigen. Der Oberst bemerkte -indessen, daß die Miene seiner Gemahlin -ernster und nachdenkender geworden war; da -er diesen Anschein von Kummer nur ihrer -Abreise von Berlin zuschrieb, so gab er sich -alle Mühe, sie durch seine Zärtlichkeit wieder -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -aufzuheitern, was ihm auch so gut gelang, -daß Helene, von seiner Liebe zu ihr gerührt, -alle ihre leeren Muthmaßungen bei Seite -warf, und sich ganz dem Glücke überließ, -mit ihrem Gatten und ihren Kindern leben -zu können. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-2"> -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -Zweites Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">K</span>aum war die Familie in Prag angekommen, -so verlor der Oberst auch keinen -Augenblick mehr, die einsame Wohnung ausfindig -zu machen, nach welcher er sich so herzlich -sehnte. Er wendete sich an einen Kommissionär, -um zu erfahren, ob er irgend -eine ländliche Wohnung, entfernt von allen -großen Straßen, aber doch nicht zu weit von -der Stadt entlegen, miethen oder kaufen -könnte; und der Zufall entsprach hierbei völlig -seinen Wünschen. Der Eigenthümer des -Schlosses R...., in einer romantisch schönen -und fruchtbaren Gegend, ungefähr zwei Stunden -von Prag, bewohnte dieses uralte Gebäude -nicht; vergebens hatte er schon seit -längerer Zeit Liebhaber des Landlebens gesucht, -aber bis jetzt noch keinen Miether finden -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -können; daher ging er auch leicht in die -Bedingungen ein, die ihm der Oberst Lobenthal -machte, und der, kaum unterrichtet, daß -das Schloß zu vermiethen sei, dahin geeilt -war, um es zu besichtigen. Entzückt von -seiner Lage, die ganz so war, wie er sie -wünschte, errichtete Alfred sogleich einen -Miethsvertrag in gehöriger Form, und begab -sich mit seiner Familie nach seiner neuen -Wohnung. Die nöthigen Möbel, einfach -aber bequem, nicht prächtig, aber geschmackvoll, -hatte er in der Stadt gekauft, und ließ -sie unter Aufsicht eines alten Unteroffiziers -von seinem Regiment nachkommen. Dieser, -Namens <em>Werner</em>, ebenfalls ein Deutscher, -ein tapferer Soldat, war schon früher in -Rußland mit einer kleinen Pension verabschiedet -worden; allein aus Anhänglichkeit an -seinen Obersten, der ihm einst in einer Schlacht -das Leben gerettet hatte, wollte er schlechterdings -das Schicksal desselben theilen, und er -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -nahm bei ihm weniger die Stelle eines Bedienten, -als eines treuen und völlig ergebenen -Freundes ein. Eine Köchin und ein -Hausmädchen, beide in Prag in Dienst genommen, -machten das Hauswesen des Obersten -vollständig; denn Helene und ihr Gemahl -hatten auf allen Luxus verzichtet, weil er -durchaus keinen Reiz mehr für sie gewährte. -</p> - -<p> -Die ersten Tage nach ihrer Ankunft im -Schlosse R.... verflossen unter Beschäftigungen, -die gewöhnlich mit der Veränderung -des Wohnsitzes verbunden sind. Die Arbeiter -waren in jener Gegend selten zu haben, oder -ungeschickt, und die ganze innere Einrichtung -beruhte daher auf des Obersten und Werners -Thätigkeit. Sie leimten die Tapeten an, -hingen die Spiegel auf, stellten die Möbel -an ihren Ort, schlugen die Betten auf, u. s. w. -und ihre Hände, nur gewohnt, die Waffen -zu führen, wußten sich äußerst geschickt der -Werkzeuge friedlicher Arbeiter zu bedienen. -</p> - -<p> -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -Auch Helene war ihrerseits nicht müßig; -die Wäsche, die Küche, die Speisekammer -gaben ihr vollauf zu thun; sie vernachlässigte -nichts, und indem die beiden Gatten so mit -einander arbeiteten, verschönerten sie ihre -Zeit durch die Ergießungen ihrer Zärtlichkeit und -durch die Glückseligkeit eines vollkommnern -gegenseitigen Vertrauens. Doch mitten unter -diesen leichten Arbeiten verdunkelte oft -eine plötzliche Erinnerung die heitere Stirn -des Obersten; ein unwillkührliches Erbeben, -das er sogleich wieder zu unterdrücken suchte, -bewies, daß ihn ein geheimer Kummer drücken -müsse, und mehr als einmal mußte Helene -ihr Gesicht abwenden, um ihrem Gatten -nicht noch mehr Unruhe zu verursachen, -wenn er sähe, daß sie seinetwegen ebenfalls -bekümmert sei. -</p> - -<p> -Oefters schien Alfred wieder völlig heiter -zu sein; die Gegenwart seiner Kinder machte -ihm Vergnügen, und sehr häufig nahm er an -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -ihren unschuldigen Spielen Theil; bald beschäftigte -er sich mit seiner Flöte, bald durchstrich -er, von einem Jagdhunde begleitet, die -zahlreichen umliegenden Thäler und Berge. -Hier aber, von dickem Gebüsch umgeben, -setzte er sich oft am Fuße einer Eiche nieder, -und überließ sich seinen Träumereien, welche -dann mehrere Stunden lang dauerten. Erst -die einbrechende Abenddämmerung, oder einige -vorübergehende Landleute weckten ihn -aus seinem fast bewußtlosen Zustande; er -schlug sich dann heftig vor die Stirn, und -eilte schnellen Schrittes nach dem Schlosse -zurück. -</p> - -<p> -Hätte Helene nur Geschmack für die -Vergnügungen der großen Welt gehabt, so -würde sie sich in ihrem jetzigen Aufenthalte -äußerst unglücklich gefühlt haben. An Gesellschaft -war hier wenig zu denken; die in -der Nähe wohnenden Herrschaften kamen nur -im Sommer auf’s Land, und sechs Monate -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -lang im Jahre würde es Niemand von ihnen -gewagt haben, sich zwischen die Berge und -Felsen zu begeben, die im Winter fast gänzlich -unzugänglich waren. Wir haben aber -schon gesagt, daß Helene in sich selbst vortreffliche -Hülfsmittel zum Zeitvertreib fand. -Wenn das Hauswesen ihre Thätigkeit nicht -in Anspruch nahm, so vergnügte sie sich durch -Musik, Malerei und das Lesen der besten -Werke unserer schönen Literatur, oder sie -fand hinreichenden Genuß in der Gesellschaft -ihres Mannes und ihrer Kinder. -</p> - -<p> -Ein ganzes Jahr verging, ohne daß irgend -eine außerordentliche Begebenheit eine -Abwechselung in dem stillen und einförmigen -Leben der Familie Lobenthal hervorgebracht -hätte. Je mehr die Zeit verfloß, desto mehr -erlangte der Oberst seine Ruhe wieder, und -keine unangenehme Erinnerung schien ihn -mehr zu belästigen. Helene, die ihren Gatten -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -sehr genau beobachtet hatte, freute sich -heimlich darüber. Nur selten war Alfred -jetzt vom Schlosse abwesend; er ging nicht -mehr so häufig, wie im Anfange, auf die -Jagd, sondern war fast immer bei seiner -Frau und seinen Kindern, mit deren Erziehung -er sich beschäftigte; zum Zeitvertreib -ließ er sich auch die Verschönerung des -Schloßgartens angelegen sein, den er mit -mehreren seltenen und schönen Blumen bereichert -hatte. -</p> - -<p> -Auch der Winter war an diesem einsamen -und abgelegenen Orte für Alfred und -Helenen nicht ohne allen Reiz, denn sie verstanden, -sich selbst genug zu sein. Wenn der -häufig fallende Regen die Wege in der Umgegend -so verdorben hatte, daß es völlig unmöglich -war, spazieren zu gehen, so diente -der weite Saal des Schlosses zum gymnastischen -Tummelplatz, wo Vater und Kinder sich -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -für die körperliche Ausbildung der letztern -heilsamen Leibesübungen überließen. Ohne -Unterlaß hallte dann von den langen und -hohen leeren Wänden ein lautes und herzliches -Gelächter wieder. Den Stunden des -Vergnügens folgte ein lehrreicher Unterricht; -die Abende verflossen unter angenehmen Erzählungen, -womit Helene ihre beiden kleinen -aufmerksamen Zuhörer in Erstaunen setzte, -und voll Entzücken betrachtete dann Alfred -dieses Gemälde der häuslichen Glückseligkeit. -Man achtete nicht der Stürme, des Schnees -und Regens, der gegen die Fenster prasselte, -und nach und nach verschwand jede Erinnerung -an eine bittere Vergangenheit. -</p> - -<p> -Auch der nächste Frühling verfloß in -dieser angenehmen Ruhe. Um die Mitte -des Monats Juli erhielt aber der Oberst einen -Brief, der ihn mit neuem Kummer erfüllte. -Er hatte eine Schwester, die in Stettin -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -an einen königlichen Beamten verheirathet -war. Gegenseitiges Unrecht unter den beiden -Gatten, die beide noch jung und vielleicht -Sklaven ihrer Leidenschaften waren, hatte -schon mehrere unangenehme Auftritte unter -ihnen herbeigeführt, die sich noch täglich vervielfältigten. -Ein gemeinschaftlicher Freund -dieser beiden Unglücklichen, der einen öffentlichen -Ausbruch ihrer Uneinigkeiten fürchtete, -hielt es für seine Pflicht, den Obersten von -dem, was vorging, zu benachrichtigen. Er -forderte ihn auf, keine Zeit zu verlieren, und -nach Stettin zu eilen, weil, wie er glaubte, -seine Gegenwart allein im Stande wäre, die -beiden Gatten auf die Dauer wieder mit einander -zu versöhnen. -</p> - -<p> -Dem Obersten kam diese unangenehme -Mittheilung sehr ungelegen. Es schien ihm -zu hart, sich aus dem Schooße seiner glücklichen -Familie entfernen zu sollen, um wieder -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -in die Welt zurückzukehren, deren verhaßtem -Geräusch er nun schon entgangen war. Zwar -machte ihm sein Herz Vorwürfe wegen seiner -Gleichgültigkeit gegen seine junge Schwester, -für die er die Stelle eines Vaters zu vertreten -hatte; er fühlte, wie nützlich ihr sein -guter Rath sein könnte, wodurch er vielleicht -im Stande wäre, sie vor dem Abgrunde des -Unglücks zu bewahren, dem sie unbedachtsam -entgegen zu eilen schien; allein von der andern -Seite sollte er sich von seiner zärtlichen -Gattin, von seinen Kindern auf unbestimmte -Zeit entfernen; das Opfer war ihm zu groß. -Er wußte lange nicht, was er thun sollte; -ehe er indessen einen Entschluß faßte, suchte -er durch schriftliche Ermahnungen auf seine -Schwester einzuwirken. Solche Vorstellungen -konnten aber da kein Gehör finden, wo heftige -Leidenschaften laut ihre Stimmen erhoben; -die beiden Gatten klagten einander gegenseitig -in den Antworten an, die sie ihrem -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -Schwager zukommen ließen, und dachten nicht -daran, sich wieder auszusöhnen. Endlich gedieh -ihre Uneinigkeit auf einen solchen Punkt, -daß Alfreds Schwester keinen Anstand nahm, -das Haus ihres Mannes zu verlassen, und -sich nach dem Landgute einer ihrer Freundinnen -zurückzuziehen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-3"> -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -Drittes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>ls der Oberst diese letztere Nachricht erhielt, -zögerte er nicht länger; er machte sich Vorwürfe, -nicht schon früher abgereiset zu sein, -und schob auf sich selbst einen Theil der -Schuld an dem von seiner Schwester begangenen -Fehler. Jetzt mußte so schnell als -möglich Hülfe geleistet werden, und nachdem -er Helenen um Rath gefragt hatte, die völlig -seiner Meinung war, begab er sich nach -Prag, von wo er mit Extrapost weiter nach -Stettin eilte. Er reisete ganz allein ab, und -ließ zum Schutze für seine Frau und Kinder -den rechtschaffenen und furchtlosen Werner -zurück, den er in Allem, was das Interesse -seiner Familie betraf, als sein zweites Selbst -betrachten konnte. Helene mußte ihren ganzen -Muth zusammennehmen, um sich beim -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -Abschiede von ihrem Gatten zu fassen. Dieß -war die erste Trennung von ihm, aber sie -wußte ihren Schmerz in sich zu verschließen, -und zeigte nur so viel davon, als ihr völlig -unmöglich war zurückzuhalten. -</p> - -<p> -„Ach, Geliebter! rief sie unter einem -Strom von Thränen aus; eile, daß du zu -mir zurückkehrst! Erst jetzt wird mir dieser -Ort hier als eine wirkliche Wüstenei erscheinen; -ich werde völlig allein sein, sobald ich -dich nicht mehr sehe.“ -</p> - -<p> -Alfred versuchte, der zärtlichen Helene -einigen Trost einzuflößen. Schon befand -man sich im Monat September, und er versprach -ihr, spätestens im Monat Dezember -wieder zu kommen, hinzusetzend: daß sie seiner -Zärtlichkeit wohl so viel Vertrauen schenken -würde, um zu glauben, daß er selbst -nichts sehnlicher wünschen könnte, als noch -weit früher in ihre Arme zu eilen, wenn es -nur irgend möglich wäre. Aber wie vergeblich -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -sind alle Trostgründe in dem Augenblicke -der Trennung! Man fühlt nichts, als das -gegenwärtige Uebel, und es drückt uns danieder. -Die Zukunft ist in solcher Stimmung -gleichgültig, die Hoffnung verliert allen ihren -Zauber, und man kennt nur die Qual der -Gegenwart. -</p> - -<p> -In den ersten Tagen nach Alfred’s Abreise -war Helene gleichsam in einem Zustande -der Bewußtlosigkeit. Ihr Geist, von hundert -peinlichen Vorstellungen angegriffen, ward -für eine abergläubische Furcht empfänglich, -und nur mit einem geheimen Schauder ging -sie des Abends die Treppe hinauf und durch -den großen Saal. Die Einbildungskraft, die -stets bereit ist, Alles herbeizuziehen, was uns -in Schrecken setzen kann, verdoppelte ihre Lebendigkeit, -um Helenen mit Schrecken zu erfüllen. -Die geringste Kleinigkeit war hinreichend, -sie in Furcht zu setzen; oft stand sie -plötzlich zitternd still, weil sie ein sonderbares -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -Geräusch gehört zu haben glaubte, oder sie -machte ihre Augen zu, aus Scheu, irgend eine -fürchterliche Erscheinung zu erblicken. Die -Gesellschaft ihrer Kinder war an den Abenden, -die schon lang zu werden anfingen, nicht -mehr hinreichend, um sie zu beruhigen; sie -rief nach dem treuen Werner und nach Lisetten, -der Köchin, einem guten, aber höchst -abergläubischen, furchtsamen Mädchen, und -behielt Beide Stunden lang bei sich, unter -dem Vorwande, ihnen Befehle für den folgenden -Tag zu geben, oder ihnen Rechenschaft -von dem, was sie den Tag über gethan -hatten, abzufordern. -</p> - -<p> -Es mag auf dem Lande auch noch so -einsam sein, die Häuser mögen auch noch so -weit von einander entfernt liegen, so ist dieß -Alles doch nicht im Stande, die Neugierde -der Landbewohner einzuschränken. Für diese -Klasse von Menschen ist die gewöhnlichste -Begebenheit etwas Wichtiges, sie geben auf -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -die geringste Kleinigkeit Acht, und Alles wird -den Nachbarn treulich wiedererzählt. So -war es auch bei der Ankunft der Familie -Lobenthal im Schlosse R.... Was für -übertriebene Dinge erzählte man sich von ihr, -was für lächerliche Mährchen wurden auf -ihre Rechnung verbreitet! Aber die Zeit -verfloß, und ein und derselbe Gegenstand -kann nicht stets zur Unterhaltung dienen; -daher schien die Familie Lobenthal, nach -Verlauf von funfzehn Monaten, im Lande -völlig eingebürgert zu sein, und man trat -sogar mit der Dienerschaft in freundschaftliche -Verhältnisse, so daß die Männer im -Stalle mit Wernern, die Weiber in der Küche -mit Lisetten häufig Unterhandlungen anspannen, -und ihnen erzählten, was sie Sonntags -vor der Kirchthür Neues gehört hatten. -</p> - -<p> -Lisette und Werner erzählten gerne, -wenn Gelegenheit dazu war, ihrer Frau wieder, -was sie gehört hatten, und Helene erröthete -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -innerlich über das seltsame Vergnügen, -das sie dabei genoß, ihnen zuzuhören; -indessen war ihr, während der Abwesenheit -ihres Mannes, Zerstreuung nöthig, und gleichviel, -welchen Gegenstand man vor ihr abhandelte: -sie zog das albernste Geschwätz immer -noch der Einsamkeit vor. -</p> - -<p> -Schon war der Oberst seit länger als -einer Woche nicht mehr im Schlosse, als -Lisette eines Abends mit so wichtiger Miene -in’s Zimmer trat, daß Helene nicht daran -zweifeln konnte, sie habe ihr eine außerordentliche -Neuigkeit mitzutheilen. Sie irrte -sich nicht; sobald das gute Mädchen sich bei -der Lampe niedergesetzt hatte, die ihr zu ihrer -Abendarbeit leuchtete, fing sie an: -</p> - -<p> -„Von nun an, Frau Oberstin, werden -wir nicht mehr so ganz allein in dieser Gegend -sein; das Land hier wird immer mehr -bevölkert, die Anzahl der Fremden vermehrt -sich; und wenn das so fortgeht, so wird man -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -bald, wie man im Dorfe sagt, des Montags -einen Markt auf unserm Schloßplatze abhalten -können.“ -</p> - -<p> -— Ei, mein Gott, antwortete Helene -erstaunt, wer sind denn die zahlreichen Einwohner, -die sich in der Gemeinde angesiedelt -haben? — -</p> - -<p> -„Wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen -soll, Frau Oberstin, so sind es eben noch -nicht viel, aber das wird noch kommen. Für’s -Erste ist da schon der Herr Oberst Lobenthal -mit seiner Familie, und dann eine Dame, -deren Geschichte und Herkunft man noch nicht -kennt, und die das kleine Haus dort unten -im Thale, mitten im Walde, gekauft hat.“ -</p> - -<p> -— Da hat sie sich eine sehr einsame -Wohnung gewählt, und sie muß entweder -viel Muth besitzen, oder ein großes Gefolge -bei sich haben, wenn sie ohne Furcht in diesem -Hause bleiben kann. — -</p> - -<p> -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -„Dieser Meinung ist auch das ganze -Dorf, und dennoch ist sie ganz allein; denn -ein alter Bedienter kann hier gar nicht in -Anschlag kommen, weil er so abgelebt, so -bleich und hinfällig ist, daß er weniger einem -Lebendigen, als einem Bewohner der andern -Welt ähnlich sieht. Was die Dame betrifft, -so sagt man, daß sie schön ist, obgleich ihre -Miene etwas ganz Außerordentliches haben -soll. Ich kann übrigens nichts Näheres davon -berichten, weil ich sie noch nicht gesehen -habe; aber am nächsten Sonntage müßte ich -sehr krank sein, wenn ich in der Kirche fehlen -sollte. Die Dame wird doch ohne Zweifel -dort sein, und dann will ich sie genau betrachten, -daß ich Ihnen einen vollkommnern -Bericht abstatten kann, wenn Sie selbst zufällig -nicht im Stande sein sollten, sie zu -sehen.“ -</p> - -<p> -— Ich bezweifle nicht, Lisette, daß du -sie genau betrachten wirst; aber was spricht -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -man jetzt von ihr? Weiß man, aus welchem -Grunde sie sich gerade gegen den Winter eine -so wenig angenehme Wohnung gewählt hat? -Ist sie aus Prag? Ist sie Wittwe, oder unverheirathet? -— -</p> - -<p> -„Man hat alle diese Fragen schon an ihren -Bedienten gerichtet, ohne die geringste -genügende Antwort zu erhalten; denn dieser -Bediente soll ein mürrischer und äußerst grober -Mensch sein. Seine Antworten sind: -Ja, nein; vielleicht: das geht Euch nichts an; -was er kauft, bezahlt er, ohne weiter ein -Wort zu sprechen, und entfernt sich dann sogleich -wieder. So viel weiß man indessen -schon gewiß, daß diese Leute keine Deutschen -sind; denn sie haben eine ganz seltsame Aussprache, -und unter sich bedienen sie sich fremder, -unverständlicher Worte.“ -</p> - -<p> -— Ist denn diese Dame schon lange -hier? fragte Helene, die schon den Wunsch -fühlte, in der Fremden eine Gesellschafterin -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -zu finden, die einige Abwechselung in ihrer -einfachen, gleichförmigen Lebensart hervorbringen -könnte. — -</p> - -<p> -„Sie ist an demselben Tage hier angekommen, -wo der Herr Oberst abreisete. Anfangs -stieg sie bei dem Schäfer Paul ab, -und fragte ihn, ob nicht in der Nähe irgend -ein Haus zu miethen oder zu kaufen sei? -Paul erwiederte, daß die Gebrüder Gierschmann -das kleine Haus im Walde verkaufen -wollten; sie ließ sie sogleich herbeiholen, handelte -mit ihnen, und schlief schon in derselben -Nacht in ihrem neuen Wohnsitze. Paul -und die beiden Gierschmann haben anfangs -aus dieser Begebenheit ein Geheimniß gemacht, -wahrscheinlich weil sie der armen -Dame eine übermäßig große Summe für -das Haus abgenommen haben. Aber am -Ende kommt doch Alles heraus: die Geschichte -wurde bekannt, und ich bin nicht die Letzte, -die sie erfahren hat. Vor einer Stunde habe -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -ich sie von der Frau des Nachtwächters gehört, -und ich würde gegen meine Pflicht gehandelt -haben, wenn ich Ihnen nicht sogleich -Alles mitgetheilt hätte.“ -</p> - -<p> -Helene dankte Lisetten durch eine Verneigung -des Kopfes für ihren guten Willen, -und nahm sich vor, so bald als möglich Bekanntschaft -mit der fremden Dame zu machen. -</p> - -<p> -Während dieses langen Gesprächs schwieg -Werner, der ebenfalls gegenwärtig war, und -schüttelte von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe. -Diese Bewegung und sein Stillschweigen fielen -der Oberstin auf, daher sie ihn fragte, -ob er Mißtrauen gegen die unbekannte Dame -hege? -</p> - -<p> -„Ei, erwiederte Werner, ich sehe eben -nichts Gutes in ihrem Erscheinen in hiesiger -Gegend. Eine junge Frau, die auch hübsch -sein soll, wie man sagt, kommt mit einem -einzigen Bedienten hier her, um sich in ein -abgelegenes Haus einzuschließen: scheint dieß -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -ganz in der Ordnung zu sein? Hat sie einen -Mann? Wo ist ihre Familie? Sollte sie -nicht eine Abentheurerin sein? Ich habe -ehemals genug von diesen geheimnißvollen -Prinzessinnen bei unseren Offizieren gesehen, -die anfangs alle Blicke scheuten, und sich -sorgfältig eingezogen hielten, bis sie irgend -einen Fang gemacht hatten. Dann erschienen -sie am hellen Tage, und zeigten ihre -Reize, ihre Pracht und ihr schlechtes Betragen; -hatten sie nun die Frucht rein ausgesogen, -so verschwanden sie plötzlich, wie die -Irrwische, die wir oft dort unten auf dem -Moraste erblicken.“ -</p> - -<p> -— Ich glaube es wohl, antwortete Helene, -daß man in einer großen Stadt solche -<a id="corr-1"></a>unglücklichen Geschöpfe antrifft, die, um einen -desto bessern Handel mit ihren Reizen zu -machen, die Neugierde durch das Dunkel zu -reizen suchen, mit dem sie sich umhüllen; -aber hier in R...., mein guter Werner, -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -was sollte eine solche Person hier suchen? -Wo ist hier der reiche Partikulier, den sie -verführen könnte? Ich weiß in der ganzen -Gegend nur Familien, die in der vollkommensten -Eintracht leben, und überdieß binnen -Kurzem das Land bis zum künftigen Sommer -verlassen werden. Kann aber diese Dame -nicht Unglücksfälle erlitten haben? Schämt -sie sich nicht vielleicht, in der Welt auf einem -niedrigeren Fuße zu leben, als ihr früher -ihrem Range nach zukam? und wird -wohl eine heutige Sirene mitten im Walde, -fern von jeder Straße, ihren Aufenthalt wählen? -Wird sie sich nicht vielmehr den Orten -nähern, die häufig von Reisenden besucht -sind? Nein, mein lieber Werner, dein Verdacht -ist ungerecht; man muß von seinem -Nächsten nichts Uebeles denken, als wenn -offenbare Gründe dazu vorhanden sind. — -</p> - -<p> -Werner erwiederte nichts, aber er schien -keinesweges überzeugt zu sein. Ihm diente -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -seine Erfahrung zur Richtschnur, wonach er -Alles beurtheilen zu können glaubte, was ihm -jetzt begegnete. -</p> - -<p> -Der folgende Tag war außerordentlich -schön. Gegen Abend gingen die Kinder unter -Werners Aufsicht spazieren, und der Zufall -führte sie nach dem nahe gelegenen Walde, -während Helene selbst sich nicht so weit vom -Schlosse entfernte, sondern nur bis nach dem -Dorfe hinunter ging, wo sie mit den Landbewohnern, -denen sie begegnete, von der nahe -bevorstehenden Erndte plauderte. Alle erzählten -ihr aber von der fremden Dame; ihre -Ankunft hatte die allgemeine Neugier gereizt, -und man belauschte daher jeden ihrer Schritte. -Man wußte, daß sie gegen Abend ihre Wohnung -verließ, um in der Umgegend spazieren -zu gehen; so lange aber die Sonne noch am -Himmel stand, zeigte sie sich nur höchst selten. -Den ganzen Tag brachte sie in einem Zimmer -ihres obern Stockwerks zu, wo Niemand -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -sie zu sehen bekam. Ihr alter Bedienter verrichtete -sämmtliche Geschäfte des Hauswesens, -aber er sah stets so mürrisch aus, daß man -keine Lust fühlte, eine Unterredung mit ihm -anzuknüpfen, wenn er dann und wann in’s -Dorf kam, um irgend etwas einzukaufen. -</p> - -<p> -Jemehr Helene von der Unbekannten -sprechen hörte, desto fester nahm sie sich vor, -sie kennen zu lernen; denn bei allen ihren -vortrefflichen Eigenschaften war die Frau -Oberstin doch immer eine Tochter unserer -gemeinschaftlichen Stamm-Mutter Eva. -Indessen wußte sie ihren geheimen Wunsch -unter eine scheinbar große Gleichgültigkeit -zu verbergen, und als es finster zu werden -anfing, kehrte sie nach dem Schlosse zurück. -</p> - -<p> -Sobald ihre Kinder sie erblickten, liefen -sie ihr voll Freude entgegen. „Ach, Mutter! -liebe Mutter! riefen beide zugleich; -wir haben die schöne unbekannte Dame gesehen, -und mit ihr gesprochen. Sie hat uns -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -diese schönen Blumenkränze geschenkt. Ach, -wie gut und wie hübsch ist sie!“ -</p> - -<p> -Dieses unverhoffte Zusammentreffen und -die Worte ihrer Kinder reizten Helenens -Neugierde noch mehr. „Still, liebe Kinder, -sagte sie, sprecht nicht beide zugleich; Eines -von euch soll mir erzählen, was vorgefallen -ist, und das Andere kann dann nachholen, -was vielleicht das Erste vergessen hat.“ -</p> - -<p> -Dieser Vorschlag war ganz angemessen, -aber es boten sich nur Schwierigkeiten dar, -ihn auszuführen. Julie, ein höchst lebhaftes -niedliches Mädchen, schien nicht geneigt, ihrem -Bruder das Wort zu überlassen, der seinerseits -wieder das Recht des Aeltern in Anspruch -nahm, um der Erzähler des kleinen -Abentheuers zu sein. Hieraus entstand ein -ernsthafter Streit. Helene versuchte anfangs -vergebens den Weg der Güte: sie drang -nicht durch, weil Julie sprechen und Wilhelm -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -nicht schweigen wollte: die Mutter sah -sich endlich genöthigt, ihr ganzes Ansehen -zu gebrauchen, und ein bestimmter Befehl -legte dem kleinen Mädchen Stillschweigen -auf. Julie nahm nun eine schmollende -Miene an, und setzte sich in einen Winkel -des Zimmers, wo sie ihr niedliches Gesichtchen -in den Händen verbarg, indem sie versicherte, -daß ihr Bruder falsch erzähle, daß -sie aber gewiß den Mund nicht öffnen würde, -um ihn zu berichtigen. -</p> - -<p> -Wilhelm, stolz auf die Auszeichnung, -die ihm seine Mutter zu Theil werden ließ, -stellte sich lächelnd vor sie hin und fing nun -seine Erzählung an: „Ich hatte Lust, liebe -Mutter, in das Thal hinabzugehen, um von -den schönen Blumen, deren so viele auf der -dortigen Wiese wachsen, abzupflücken. Ich -bat daher unsern Werner, uns dahin zu führen, -und er willigte ein; wir waren aber -kaum einige Augenblicke da, so lief auch schon -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -Julie, die niemals ruhig bleiben kann, aus -allen Kräften nach dem Walde zu.“ -</p> - -<p> -— Das ist nicht wahr! rief Julie, voll -Aerger über die Beschuldigung ihres Bruders; -ich verfolgte einen schönen, bunten -Schmetterling, und du thatest dasselbe. — -Siehst du wohl, liebe Mutter, daß du von -Wilhelmen nichts Ordentliches erfahren wirst? -Ich will dir daher erzählen, was geschehen -ist, denn mit mir hat ja die Dame zuerst -gesprochen. — -</p> - -<p> -„Ich habe dir befohlen zu schweigen, -antwortete die Mutter sanft, aber ernsthaft; -und ich will, daß du mir gehorchst. Daß ich -also meinen Befehl nicht zum dritten Mal -wiederholen muß!“ -</p> - -<p> -Die Strenge dieser Worte, welche übrigens -so wenig mit Helenens Liebe zu ihrem -niedlichen Töchterchen übereinstimmte, verursachte -dem letzteren so viel Schmerz, daß -Julie in einen Strom von Thränen ausbrach, -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -und ihre kleinen Arme ihrer Mutter -um den Hals schlang. Helene sahe nun ein, -daß sie sich zu strenge gezeigt hatte, und ohne -ein Wort zu sagen, streichelte sie mit ihrer -Hand die schönen blonden Locken ihrer Tochter, -und drückte dann einen Kuß auf ihre -Stirn, worauf die Heiterkeit sich bei derselben -wieder einzustellen nicht ermangelte. Indessen -fuhr Wilhelm in seiner Erzählung fort. -Er berichtete, wie die fremde Dame plötzlich -vor seinen erstaunten Blicken erschienen sei, -während er seiner Schwester habe nachlaufen -wollen, die sich mitten in das dickste Gebüsch -begeben hatte; wie Julie die Hand der fremden -Dame gehalten habe, welche letztere sich -dann mit ihren Spielen vereinigte, obgleich -sie, bemerkte der Knabe, die Lustigkeit eben -nicht zu lieben schiene. Sie war immer -ernsthaft, und das laute Gelächter Juliens, -womit sie immer sehr freigebig ist, schien -ihr sogar ein gewisses Beben zu verursachen. -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -Aber sie behandelte uns mit einer außerordentlichen -Gütigkeit. Vergebens wollte Werner -mehrmals mit uns nach Hause zurückkehren, -sie hielt uns immer noch auf, weil sie -stets noch einige Blumen zu den Kränzen -hinzuzufügen hatte, die sie uns wand. Aber -sie ist erstaunlich geschickt; nur weiß ich nicht, -warum sie beständig einen Handschuh auf der -linken Hand trägt; das muß ihr doch sehr -beschwerlich sein. Julie wollte ihn ihr abziehen, -aber sie hinderte es mit einer sehr -heftigen Bewegung, und warf ihr zugleich -einen Blick zu, der mich und meine Schwester -in Schrecken setzte; so böse schien er uns -zu sein. -</p> - -<p> -Diese Erzählung ward in allen Punkten -von dem kleinen Mädchen bestätigt, das nun -ebenfalls das Wort zu nehmen eilte. Julie -fügte noch eine Menge Einzelnheiten hinzu, -und erzählte ihrer Mutter, daß die hübsche -Dame ihr mitten im Gebüsch so plötzlich erschienen -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -sei, als wenn sie aus der Erde hervorgekommen -wäre. -</p> - -<p> -„Ich erschrak anfangs sehr, fuhr Julie -fort, und da die Dame es bemerkte, so -schien sie darüber sehr bekümmert zu sein. -Sie kam dann lächelnd auf mich zu, und -ihre freundlichen Worte machten mich nun -bald dreister. Uebrigens hat sie nicht die geringste -Frage an mich gerichtet, wie es sonst -wohl diejenigen zu thun pflegen, die mich -zum ersten Male sehen; sie sprach nur von -unseren Spielen und Vergnügungen, und -wie sehr sie meine Freundin zu werden -wünschte. Von dir und von meinem Vater -hat sie nicht ein Wort erwähnt.“ -</p> - -<p> -Werner, der nun ebenfalls befragt ward, -bestätigte Alles, was die Kinder gesagt hatten. -Aber über sein ganzes Wesen schien die -größte Verwirrung verbreitet zu sein, und -vergebens suchte er sie zu verbergen; sie -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -ward wider seinen Willen so sichtbar, daß -Helene aufmerksam werden mußte. -</p> - -<p> -„Nun, Werner! sagte sie; du bist nicht -eben so sehr für die fremde Dame eingenommen, -als Wilhelm und seine Schwester. Hast -du immer noch dein früheres Mißtrauen gegen -sie, oder hast du sie vielleicht gar wieder -erkannt?“ -</p> - -<p> -— Ich! sie wieder erkannt haben! rief -der alte Soldat, dessen Gesicht in diesem Augenblick -alle Farbe verlor. Ich wüßte nicht, -Frau Oberstin, wie mein Betragen Sie auf -solche Muthmaßung hinführen könnte. Ich -kenne jene Person nicht; aber dennoch beharre -ich bei der Meinung, daß ihre Ankunft -hierselbst zu geheimnißvoll ist, um sich etwas -Gutes davon zu versprechen. Wenn Sie -meinem Rathe folgen wollten, so würden -Sie Ihren Kindern nicht erlauben, bekannter -und vertrauter mit ihr zu werden. Was -die Erlaubniß betrifft, daß diese Unbekannte -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -ihren Fuß über die Schwelle des Schlosses -setzt, so wissen Sie selbst, was Sie dabei zu -thun haben. Wenn ich aber an Ihrer Stelle -wäre, so würde ich auch nicht einmal zugeben, -daß sie auch nur den Hof überschreitet. — -</p> - -<p> -„Um so strenge gegen sie zu verfahren, -erwiederte Helene, müßte ich überzeugt sein, -daß ihre Gesellschaft durchaus nicht für mich -paßt, und dieß werde ich vielleicht bald erfahren. -Aber da du sie heute zum ersten -Male gesehen hast, da dein Widerwille gegen -sie gar keine gegründete Ursache hat, so kann -ich mein Betragen völlig nach den obwaltenden -Umständen einrichten. Dennoch bin ich fest entschlossen, -mein lieber Werner, auf deinen Rath -zu hören, wenn du von dieser Dame irgend -etwas weißt, das dich überzeugt, es würde gefährlich -für mich sein, mit ihr umzugehen.“ -</p> - -<p> -Werner schien einen Augenblick lang -ungewiß zu sein, was er der Oberstin antworten -sollte; plötzlich hörte indessen diese -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -Ungewißheit auf, und er versicherte dann mit -fester Stimme, daß seine Furcht nur auf -Vorurtheilen beruhe, daß die fremde Dame -ihm völlig unbekannt sei, und daß seine Herrschaft -völliges Recht habe, zu handeln, wie -es ihr gut dünke. -</p> - -<p> -Helene kannte die edle Freimüthigkeit -des alten Soldaten, und sie zweifelte nicht -an der Wahrheit dessen, was er sagte. Sie -schrieb sein Mißtrauen der natürlichen Bedächtigkeit -derjenigen zu, die in der Welt -viel gesehen und erfahren haben; das Böse -hat sich ihnen unter allen Gestalten gezeigt, -und sie fürchten stets, es da anzutreffen, wo -der Anschein es am Wenigsten vermuthen -läßt. Nur in der Zurückgezogenheit lernt das -menschliche Herz sich einem Vertrauen überlassen, -das noch durch Nichts getäuscht wurde, -und nur der häufige Umgang mit Menschen -lehrt sie fürchten. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-4"> -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -Viertes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>ndem Werner die Oberstin versicherte, daß -die fremde Dame ihm unbekannt sei, sprach -er wider seine Ueberzeugung. So auffallende -Gesichtszüge konnten bei ihm unmöglich in -Vergessenheit gekommen sein; er wußte, wie -sehr die, welche damit geschmückt war, würdig -gewesen, die zärtlichste Neigung einzuflößen, -und er zitterte schon im Voraus vor einem -Zusammentreffen, das für die Zukunft die -schrecklichsten Stürme zu weissagen schien. -Aber sollte er unter diesen Umständen die -Ruhe seiner würdigen Gebieterin vergiften? -War es nöthig, in ihrem Herzen die verzehrenden -Flammen der Eifersucht anzuzünden? -Unglücklicherweise giebt es Fälle im menschlichen -Leben, wo es nothwendig ist, die Wahrheit -zu verschweigen, und wo man mit der -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -Lüge in’s Bündniß treten muß, um großen -Uebeln vorzubeugen. Einer von diesen Fällen -war hier eingetreten, und nur ungern -opferte ihm Werner seine natürliche Wahrheitsliebe -auf; er verschwieg also, was er -wußte. Wie sehr wünschte er aber die Nacht -herbei, wo er hoffen konnte, ruhig über diese -schwierige Lage nachzudenken. Seine Klugheit -sagte ihm, wie wichtig es sei, nichts -von seiner innern Unruhe merken zu lassen; -denn wenn sich einmal der Verdacht im Busen -der Oberstin erhob, zu welchen Auftritten -konnte dieß führen! Er nahm daher alle -seine Kraft zusammen, und bewachte sich selbst -so strenge, daß Helene in seinen Gesichtszügen -nichts als die Gleichgültigkeit des gewöhnlichen -Lebens wahrnehmen konnte. -</p> - -<p> -Als Werner endlich nach eilf Uhr in -seinem Zimmer allein war, eilte er zu seinem -Schreibtische, und schrieb an seinen Herrn, -was hier vorgegangen war. -</p> - -<div class="letter"> -<p> -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -„Wie groß wird Ihr Erstaunen sein, -Herr Oberst, wenn Sie erfahren, daß <em>Lodoiska</em> -jetzt hier in R.... wohnt, und -die nächste Nachbarin des Schlosses ist. -Was will sie hier, jetzt, nach Verlauf so -vieler Jahre? was hegt sie für Absichten? -Diese Fragen kann ich Ihnen nicht beantworten. -Sie hat mich nicht erkannt, wenigstens -ließ sie nicht das geringste Zeichen entschlüpfen, -woraus ich es hätte schließen können. -Lassen Sie mir jetzt Ihre Befehle -zukommen, und ich werde sie ohne Verzug -ausführen. Wollen Sie sie wiedersehen, -und sich eine Zusammenkunft mit ihr verschaffen, -um ihre Absichten kennen zu lernen? -Oder ziehen Sie es vor, daß die Frau Oberstin -und Ihre Kinder diese Gegend hier -augenblicklich verlassen? Dieß würde vielleicht -der beste Weg sein, den Sie einschlagen -könnten. Sie werden nie glücklich, noch -ruhig sein, so lange diese Lodoiska lebt, -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -oder wenigstens, so lange dieselbe Sie mit -ihrer Gegenwart und ihren Vorwürfen verfolgt.“ -— -</p> - -</div> - -<p> -Indem Werner diese letzten Worte niedergeschrieben -hatte, erbebte er unwillkührlich; -denn es schien ihm, als wenn er hinter sich -das Geräusch eines Gewandes hörte, und den -Athem einer Person fühlte, die sich über ihn -her beugte, um zu lesen, was er geschrieben. -Die Täuschung war so vollkommen, daß er -nicht daran zweifelte, die Oberstin sei dicht -hinter ihm, und voller Schrecken hierüber, -wagte er anfangs nicht, die Augen aufzuschlagen, -noch den Kopf umzuwenden; da indessen -nach Verlauf von einer Minute sich -noch immer kein neues Geräusch hören ließ, -so blickte er um sich, und überzeugte sich nun, -daß er sich geirrt habe. Kein lebendiges Wesen -war in seinem Zimmer zu sehen, die -tiefste Stille herrschte überall, nur dann und -wann von dem Geschrei einer einsamen Eule -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -unterbrochen, die in dem alten Thurme des -Schlosses nistete. -</p> - -<p> -Diese Gewißheit, daß die Oberstin seinen -Brief nicht gelesen habe, verursachte ihm -die größte Freude, und nachdem er sein Zimmer -fest verschlossen hatte, suchte er sich einem -erquickenden Schlafe zu überlassen; es -gelang ihm aber nicht. Die geheimnißvolle -Lodoiska kam ihm nicht aus den Gedanken, -und in seinem Zorne gegen sie fluchte er -laut, als wenn er eine Abtheilung Rekruten -zu exerziren hätte. Erst sehr spät schlossen -sich endlich seine Augen, und der Mensch in -ihm lebte nur noch durch seine nächtlichen -Beziehungen mit den himmlischen Geistern -fort. Gewöhnlich kam Werner sonst dem -Erwachen der Morgenröthe zuvor; dießmal -aber stand die Sonne schon über den umliegenden -Hügeln, als der alte Unteroffizier -plötzlich aus dem Schlafe aufschreckte, und -über die Art von Bewußtlosigkeit, in der -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -er gewesen zu sein sich erinnerte, erstaunte. -Ohne Zweifel hatten die Arbeiter auf dem -Felde schon angefangen, und er war dabei -nicht zugegen gewesen. Voller Scham über -diesen Fehler zog er sich schnell an und eilte -hinunter in den Hof; hier erinnerte er sich -aber, daß er den wichtigen Brief an seinen -Herrn auf dem Schreibtische vergessen habe, -und da die Klugheit ihm rieth, denselben -nicht vor Jedermanns Augen umher liegen -zu lassen, so kehrte er um, ihn zu sich zu -stecken, und ihn nachher dem täglich nach der -Stadt gehenden Boten zur Bestellung auf -der Post zu übergeben. -</p> - -<p> -Der Brief befand sich nicht mehr an -dem Orte, wo Werner ihn hatte liegen lassen, -sondern er sahe ihn, in tausend Stücke -zerrissen, auf dem Fußboden umhergestreut. -Dieser eben so sehr überraschende, als verdächtige -Anblick entriß Wernern einen lauten -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -Ausruf, und versetzte ihn dann in ein peinliches -Nachdenken. Wer konnte das Schreiben -zerrissen haben? Wer war während so -weniger Augenblicke in seinem Zimmer gewesen, -um dort so unverschämt zu handeln? -Sollte es die Oberstin, oder Lisette, oder -das Hausmädchen gewesen sein? Nur diese -drei Personen konnten um diese Zeit schon -aufgestanden sein. Er erinnerte sich, daß er -das letztere auf dem Hofe gesehen habe; auch -erblickte er Lisetten durch das Fenster in der -Küche mit ihren Arbeiten beschäftigt, und -die Oberstin schien noch nicht aufgestanden -zu sein, wie die geschlossenen Fensterladen -ihres Zimmers zeigten. Kurz, er wußte -nicht, was er von diesem außerordentlichen -Vorfalle denken sollte; und er gewann es -nicht über sich, den Brief sogleich von Neuem -zu schreiben, sondern sammelte nur sorgfältig -die Stücke vom Fußboden auf, um -sie in’s Feuer zu werfen. -</p> - -<p> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -Den ganzen Tag über befand sich Werner -in einer äußerst peinlichen Stimmung. -Obgleich er überzeugt war, daß die Oberstin -sein Zimmer nicht so sehr verletzt habe, so -fühlte er doch eine große Verlegenheit, als -er heute zum ersten Male in ihre Nähe kam. -Er suchte sich zu zwingen, und in den Gesichtszügen -Helenens zu lesen; aber diese waren -so ruhig, daß sie unmöglich eine so unerwartete -Entdeckung, wie die Lesung des -Briefes ihr gewähren mußte, gemacht haben -konnte. Werners Erstaunen ward nun immer -größer, und er verlor sich vergebens in -allerhand Vermuthungen; höchst unangenehm -aber war es ihm, als die Kinder ihn baten, -sie wieder, wie gestern, nach dem Walde spazieren -zu führen, weil sie hofften, ihre neue -Freundin, wie sie sagten, wieder zu sehen. -</p> - -<p> -Gern hätte Werner es ihnen abgeschlagen; -aber die Oberstin war zugegen, und ehe -er noch ein Wort sprechen konnte, hatte sie -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -schon ihre Einwilligung gegeben. Die Klugheit -gebot ihm, von seinen wahren Gedanken -nichts merken zu lassen, um bei der Gemahlin -seines Obersten weder Argwohn noch -Furcht zu erregen, und mit zurückgehaltenem -Unwillen stieg er langsam den Hügel hinab, -nach dem Orte zu, wie seine jungen Begleiter -wünschten. -</p> - -<p> -Kaum befanden sie sich am Saume des -Waldes, so trat Lodoiska plötzlich aus dem -Gebüsch hervor, in ihren Händen ein paar -Federbälle und eine schöne Puppe, die sie den -Kindern bestimmt hatte. Sobald diese ihre -neue Freundin erblickten, liefen sie auf sie -zu, und Julie war so dreist, sich gerade zu -in ihre Arme zu werfen. Diese unschuldige -Handlung schien die Fremde tief zu bewegen; -sie trat einen Schritt zurück, und warf einen -so finstern, unheimlichen Blick auf das Kind, -daß der muthige Werner darüber erstarrte. -Allein diese anfängliche Bewegung dauerte -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -nicht lange; ein leichtes Lächeln überflog die -Gesichtszüge der Fremden, und mit der größten -Liebenswürdigkeit vertheilte sie die mitgebrachten -Geschenke. -</p> - -<p> -Wilhelm, entzückt über die Federbälle, -lief sogleich nach der nahen Wiese, um sie zu -versuchen, und Julie, ganz glücklich bei dem -Anblick ihrer Puppe, bat um Erlaubniß, Blumen -pflücken zu dürfen, um ihre kleine Dame -damit zu schmücken. Die Fremde hatte nichts -dagegen, und als sie die Kinder mit ihren -Spielen in voller Beschäftigung sahe, näherte -sie sich dem alten Unteroffizier, der in tiefem -Sinnen an einen Baum gelehnt stand, und -über die Vergangenheit nachdachte. Er fürchtete, -daß neue Unfälle die Ruhe seines Obersten -stören möchten; er war höchst unzufrieden, -aber er wußte nicht, wie er dem drohenden -Ungewitter zuvorkommen sollte. -</p> - -<p> -Werner war so sehr mit sich selbst beschäftigt, -daß er die Annäherung der Dame -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -nicht gehört hatte, als er plötzlich aus seinem -Nachdenken durch eine ihm wohlbekannte -Stimme geweckt ward, die aber in diesem -Augenblick etwas Dumpfes und Feierliches -hatte, so daß er sich davon bis in’s Innerste -ergriffen fühlte. -</p> - -<p> -„Nun Werner, redete sie ihn an, was -habe ich dir gethan, daß du mir stets entgegen -bist? Wird deine ungerechte Abneigung -gegen mich nicht endlich einmal aufhören?“ -</p> - -<p> -Auf’s Aeußerste überrascht durch diese -Worte, schlug der Soldat die Augen auf, entfernte -sich von dem Baume, an den er sich -gelehnt hatte, und schien wenig geneigt zur -Antwort zu sein. Doch überwand er sich, -und sagte: -</p> - -<p> -„Was wollen Sie von mir, Lodoiska? -Warum haben Sie Ihr Vaterland verlassen? -Was suchen Sie hier in Deutschland? Hat -denn die Zeit keinen Einfluß auf Sie? Denken -Sie noch eben so, wie in den Jahren -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -Ihrer Jugend? Dann bedaure ich Sie, oder -vielmehr ich beklage Ihren Wahnsinn.“ -</p> - -<p> -— Die Zeit, antwortete die Fremde in -dem feierlichsten Tone, vermag jetzt nichts -mehr über mich; es giebt ein Leben, wo -ihre Macht völlig aufhört, und wo die Empfindungen -unveränderlich werden, wie die -Ewigkeit, von welcher sie ein Theil sind. -Wundere dich nicht über meine Gegenwart, -denn nicht mein Wille ist es, der mich leitet; -ich gehöre mir selbst nicht mehr an, sondern -einem grausamen, gebieterischen Herrn, -der mir jeden meiner Schritte vorzeichnet. -Meine alte Wunde blutet noch, und die -Zeit, wie du sie nennst, hat das Recht verloren, -sie zu vernarben. — -</p> - -<p> -„Warum aber, erwiederte Werner, sich -mit unnützen Hoffnungen quälen? Zwischen -Ihnen und dem Obersten ist Alles vorbei. -Er hat vielleicht Unrecht gegen Sie begangen, -aber er darf daran nicht mehr denken. -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -Schon seit mehrern Jahren ist er der Gatte -einer Frau, die seine <a id="corr-2"></a>Zärtlichkeit verdient. -Wollen Sie die Ruhe in seinem Hause stören? -Treibt die Rache Sie so weit, daß -Sie das Herz seiner Gemahlin zerreißen -können?“ -</p> - -<p> -— Durfte er sich verheiraten, Werner? -Gehörte dein Herr sich allein an, um sich -frei hinzugeben? Hat er nicht mit seinem -eigenen Blute das Versprechen unterschrieben, -nur mit mir vor den Altar zu treten? Weißt -du dieß Alles nicht, du, der du so dreist von -der Vergangenheit sprichst, die den Treulosen -vernichten wird? War ich weniger schön, als -deine jetzige Gebieterin, oder weniger tugendhaft? -Was hatte ich Unrechtes gethan? Etwa, -weil ich Liebe für Liebe gab, und mich -einem Gefühle gänzlich überließ, das ich für -aufrichtig hielt? Habe ich mein Versprechen -zurückgenommen, das ich ebenfalls mit meinem -Blute unterschrieb? Ist es nicht noch in -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -Alfred’s Händen, und kann er vor Gott der -rechtmäßige Gatte einer Andern sein? Was -habe ich Unrechtes gethan? Er kann mir -keine Vorwürfe machen, während ich ihn durch -die Menge der meinigen zu Boden zu schlagen -im Stande bin! — -</p> - -<p> -Während die schöne Fremde so sprach, -schien sie der Erde gar nicht mehr anzugehören; -ihre hohe und schlanke Gestalt, der -unstät umherschweifende Blick, die in ihren -Gesichtszügen bemerkbaren Zeichen des Unwillens, -welche ihrem Munde einen furchtbaren Ausdruck -gaben, alles Dieses zusammen gab -ihr das Ansehen eines überirdischen Wesens. -Werner war nicht im Stande, den Blick ihres -forschenden Auges auszuhalten, das seine -Gedanken bis in die innersten Falten seines -Herzens zu verfolgen schien. Insgeheim -mußte er zugeben, daß sein Herr Unrecht -gethan; aber es war auf keine Weise wieder -gut zu machen, und Lodoiska mußte, ungeachtet -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -der Gerechtigkeit ihrer Ansprüche, darauf -Verzicht leisten. Dieß suchte er ihr in -seiner Antwort begreiflich zu machen. -</p> - -<p> -Die Fremde hörte ihm mit einem verächtlichen -Lächeln zu, ohne weder Erstaunen -noch Unzufriedenheit blicken zu lassen. Schon -schmeichelte er sich, sie überzeugt zu haben, -und wollte nun seine Ueberredung vollenden, -als sie ihn plötzlich dadurch unterbrach, daß -sie ihm ihre rechte Hand auf seine Schulter -legte. Diese mit einer Art von Nachlässigkeit -gemachte Bewegung brachte nichts desto -weniger in ihm eine außerordentliche Wirkung -hervor. Er hatte an dem Orte der -Schulter, welchen Lodoiska’s Hand berührte, -ein ganz seltsames Gefühl, und es schien ihm, -als wenn er mitten aus einem glühenden -Ofen in ein Meer von Eis geschleudert -würde; dieses Gefühl verlor sich aber sogleich -wieder, sobald die Hand zurückgezogen -wurde, die es hervorgebracht hatte. -</p> - -<p> -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -„Habe ich ihn seines Versprechens entbunden? -sagte Lodoiska ruhig, ohne auf die -Gründe zu antworten, die ihr Werner so -eben auseinandergesetzt. Hat er unsern schriftlichen -Vertrag noch?“ -</p> - -<p> -— Gleichviel, ob er ihn noch hat oder -nicht, es kann jetzt doch nichts mehr darauf -ankommen; mag er in seinen Händen sein, -oder in den Ihrigen, wozu könnte er noch -dienen? Die Gerichte werden gar keine -Rücksicht darauf nehmen. — -</p> - -<p> -„Es ist möglich, leichtsinniger Soldat, -daß die menschlichen Gesetze gegen diese Art -von Meineid nichts vermögen; aber es giebt -in jener Welt einen unbestechlichen Richter. -Dieser war Zeuge jenes Versprechens, an ihn -habe ich mich gewendet, um Gerechtigkeit zu -erlangen, und ich bin gewiß, sie zu erhalten.“ -</p> - -<p> -— Wahrlich, Lodoiska, erwiederte Werner -lächelnd, da könnten Sie lange warten, -ehe das Urtheil, wovon Sie sprechen, in -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -Vollziehung gesetzt wird. Glauben Sie mir, -das Beste für Sie ist, wenn Sie in Ihr Vaterland -zurückkehren, und dort ruhig bei Ihrer -Familie bleiben. Sein Sie überzeugt, -daß der Oberst nicht anstehen wird, Ihnen -ruhige und sorgenlose Zukunft durch ein anständiges -Jahrgehalt zu sichern. — -</p> - -<p> -„Das steht nicht mehr in seiner Macht, -antwortete die Fremde in einem noch feierlichern -Tone als bisher; ich habe keine Familie -mehr, die ganze Erde ist mein Vaterland, -und was die Vortheile betrifft, die du -mir in Alfred’s Namen versprichst, so bedarf -ich ihrer nicht. Das Geld ist in meinen -Augen verächtlich, und ich besitze es im Ueberfluß. -Wenn du dich anheischig machen willst, -deinem Herrn meine Gegenwart hierselbst -nicht zu melden, so verspreche ich dir mehr -Reichthümer, als du dir wünschen kannst. -Hier, fuhr sie fort, eine sehr große gefüllte -Geldbörse hervorziehend, nimm dieß auf Abschlag -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -dessen, was du noch in Zukunft von -mir erhalten sollst.“ -</p> - -<p> -Die seltsamen Worte Lodoiska’s machten -das Erstaunen des alten Soldaten vollkommen. -Er wußte, daß sie, die Tochter eines -moldauischen Bauers, nicht reich war, und -jetzt gab sie ihm den Beweis des Gegentheils. -Dieß trug aber nicht zu seiner Beruhigung -bei, doch durfte die Fremde sich nicht schmeicheln, -ihn zu verführen. -</p> - -<p> -„Auch ich, Lodoiska, sagte Werner, bin -über meine Bedürfnisse erhaben, und ich -danke Ihnen für Ihr großmüthiges Anerbieten; -es könnte mich nicht reizen, wenn ich -auch die Absicht hätte, dem Obersten zu schreiben, -daß Sie hier sind.“ -</p> - -<p> -— Lügner! antwortete Lodoiska lebhaft, -du hast sie, diese Absicht, und du hast schon -versucht, sie auszuführen. — -</p> - -<p> -Diese zuversichtliche Behauptung, die -ihm zugefügte Beleidigung, die eine männliche -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -Person mit ihrem Blute würde haben -bezahlen müssen, versetzte den erstaunten Werner -fast in einen Zustand des Erstarrens. -Er wußte nicht, ob er <a id="corr-3"></a>seinem Zorn den Lauf -lassen, oder ihn zu unterdrücken suchen sollte; -doch riß ihn die Heftigkeit seines Charakters -mit fort, und er rief voller Unwillen: -</p> - -<p> -„Danken Sie es Ihrer weiblichen Kleidung, -die Sie vor meiner augenblicklichen -Rache schützt! Aber was für einen Titel verdienen -Sie, unvorsichtiges Weib, da Sie -nicht fürchten, sich heimlich in fremde Häuser -einzuschleichen, und die Handlungen ihrer -Bewohner zu belauschen? Sie stehen früh -genug auf, wie es scheint; aber sein Sie -überzeugt, Sie sollen so bald nicht wieder, -ohne mein Wissen, ins Schloß eindringen.“ -</p> - -<p> -Ein Lächeln, dessen Bedeutung unbegreiflich -schien, war Lodoiska’s ganze Antwort. -Dann aber nahm sie eine Miene von Würde -an, und sagte: -</p> - -<p> -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -„Bedenke, Werner, daß du thätigen Antheil -an meinem Unglück genommen hast; -ich warne dich jetzt, nicht blind in den Abgrund -des Verderbens zu rennen. Glaube -mir, es wird am besten für dich sein, unparteiisch -bei dem Kampfe zu bleiben, der sich -bald erheben kann; dieß ist das einzige -Mittel für dich, dem nahen Ungewitter zu -entgehen.“ -</p> - -<p> -Bei diesen Worten sprühten ihre Augen -gleichsam Feuer, und nach einer fürchterlich -drohenden Geberde entfernte sie sich mit -schnellen Schritten auf einen schmalen Fußsteig, -der sie bald den Blicken entzog. Sie -hörte nicht auf die Stimmen der beiden Kinder, -die, ihrer Spiele müde, sich jetzt näherten, -um mit ihr zu plaudern. Werner stand -wie unbeweglich da, und war in tiefes Nachdenken -über die Unglücksfälle versunken, die -er schon mit Gewißheit vorhersah. Endlich -weckte ihn Wilhelm aus seiner Träumerei. -</p> - -<p> -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -„Hörst du den Donner nicht, Werner, -der dort aus der schwarzen Wolke herüberrollt? -Sieh doch, welche schöne Blitze! Es -wird gewiß ein Gewitter geben.“ -</p> - -<p> -— Ein Gewitter! rief Werner aus. -Sollte ihre Prophezeihung schon so schnell in -Erfüllung gehen? — Er erblickte nun ebenfalls -die heranziehenden schwarzen Wolken, -aus denen häufige Blitze fuhren, und da die -Vorsicht nicht erlaubte, den Spaziergang -noch weiter fortzusetzen, so nahm er seine -beiden jungen Freunde an die Hand, und -kehrte auf dem kürzesten Wege nach dem -Schlosse zurück. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-5"> -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -Fünftes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">H</span>elene, die aus ihrem Fenster das Gewitter -hatte herannahen sehen, war schon in großer -Unruhe über die verzögerte Rückkehr ihrer -Kinder gewesen, und voller Ungeduld -verließ sie daher das Schloß, um ihnen entgegenzugehen. -Sie war noch nicht weit gekommen, -als sie schon das laute Gelächter -der kleinen, muthwilligen Julie hörte, und -bald darauf sahe sie die theuern Wesen auf -sich zu laufen. Die Kinder sprachen von -nichts, als von der schönen Dame, und von -den Geschenken, die sie ihnen gemacht hatte. -Helene war Mutter, und faßte daher schon -ein günstiges Vorurtheil für diejenige, welche -ihren theuern Kindern eine solche Freude -machte; sie erkundigte sich, was die Fremde -gesagt habe? -</p> - -<p> -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -„O dießmal, antwortete das kleine Mädchen, -hat sie nicht lange mit uns geplaudert, -sondern beständig mit Werner gesprochen, -den sie zuletzt voll Zorn verließ.“ -</p> - -<p> -Diese wenigen Worte des Kindes stürzten -alle Pläne über den Haufen, die der -Unteroffizier schon unterweges gemacht hatte. -Er sahe sogleich ein, daß er Julien nicht widersprechen -könne, weil die Oberstin ihm doch -nicht Glauben beimessen würde; ein Entschluß -mußte aber gefaßt werden, und ungeachtet -seines Widerwillens gegen die Lüge -wartete er nicht ab, bis Helene ihn fragte, -sondern, nachdem Letztere die Kinder durch einen -Wink entfernt hatte, sagte er: -</p> - -<p> -„Ich hatte vollkommen Recht, Frau -Oberstin, der Unbekannten nicht zu trauen. -Glauben Sie mir, daß sie ihren Aufenthalt -nicht ohne gefährliche Absichten hier in R.... -gewählt hat. Eine ganze Stunde lang hat -sie mich mit Fragen über Ihre Familie und -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -alle unsere Nachbarn gleichsam auf die Folter -gespannt. Sie wollte Alles wissen, das -Alter, den Rang, die Beschäftigung eines -Jeden, und sie wurde gar nicht müde in ihren -Versuchen, mich auszuforschen. Anfangs -suchte ich ihren unverschämten Fragen mit -Höflichkeit auszuweichen, aber sie hielt sich -noch nicht für besiegt, und kehrte zum Angriff -zurück. Eine Frage folgte auf die andere, -gleichsam wie ein ununterbrochenes Heckfeuer, -so daß ich endlich der Sache überdrüssig -wurde. Ich nahm meine Truppen -zusammen, und rückte ihr mit gefälltem Bajonet -auf den Leib, so daß ich ihr eine völlige -Niederlage beibrachte. Mein Widerstand -setzte sie in solche Bestürzung, daß sie in -höchst übler Laune ihren Rückzug antrat.“ -</p> - -<p> -Diese mit militärischen Ausdrücken untermischte -Rede zwang der Oberstin ein Lächeln -ab. Die Fragen der Fremden schienen -ihr nicht so unverschämt, als Werner -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -sie darstellte; sie hielt es für natürlich, daß -sie sich nach den Familien der Gegend erkundigte, -wo sie sich niedergelassen hatte. -</p> - -<p> -„Ich hoffe, mein lieber Werner, daß -deine Antworten nicht beleidigend gewesen -sind; man muß Achtung vor den Damen haben, -und vorzüglich darf ein Soldat dieselbe -nicht aus den Augen setzen.“ -</p> - -<p> -— Das ist recht gut für unsere Herren -Offiziere, erwiederte Werner; aber wir, da -wir nicht ihre Vorrechte genießen, brauchen -auch nicht ihre Höflichkeiten nachzuahmen. — -</p> - -<p> -Mit diesen Worten, die er absichtlich -etwas hart aussprach, entfernte sich der alte -Soldat, und Helene kehrte nun zu ihren Kindern -zurück, während das Gewitter immer -näher kam, und der Regen schon in großen -Strömen niederfiel. Helene fürchtete nicht -das Rollen des Donners, so wenig als ihre -Kinder; aber Lisette und Marie waren in -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -der größten Angst. Sie eilten zu ihrer Gebieterin, -gleichsam um bei ihr Schutz zu suchen, -den sie ihnen auch nicht verweigerte. -Da Werner unterdessen ungestört sein konnte, -so begab er sich auf sein Zimmer, und ungeachtet -eines unwillkührlichen Schauders, -der sich zu wiederholten Malen in seinem -Innern erhob, setzte er sich, um zum zweiten -Male an seinen Herrn zu schreiben. -</p> - -<p> -Das Gewitter wurde immer heftiger, -und die Winde kämpften fürchterlich mit einander, -so daß sie in ihrer Wuth das Schloß -in seinen Grundfesten zu erschüttern drohten. -Unter das Rollen des Donners und das Heulen -des Sturmes hörte Werner von Zeit zu -Zeit sich gleichsam klagende Stimmen mischen; -ja er hörte Worte, deren Ton seinem Ohr -nicht unbekannt war. Mehrere Male hörte -er unwillkührlich auf zu schreiben; dann -aber, voll Scham über seine Schwäche, sammelte -er seine Gedanken wieder, und zur -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -Stunde des Abendessens war sein Brief an -den Obersten fertig. -</p> - -<p> -Da er sein Schreiben nicht abermals den -Versuchen Lodoiska’s aussetzen wollte, schloß -er dasselbe in einen Kasten ein, und setzte -diesen in seinen Kleiderschrank. Von beiden -steckte er die Schlüssel zu sich, und verließ -dann ruhig sein Zimmer, überzeugt, daß sein -Geheimniß nun in Sicherheit sei. Das Ungewitter -tobte immer noch fort, und Lisette -so wie Marie waren bereits fast todt vor -Schrecken. Die Kinder, des Wartens auf -das Abendessen müde, schliefen auf einem Sopha, -und Helene las in einem guten Buche. -Werners Eintritt in’s Zimmer belebte die -beiden Mädchen wieder, die sich nun entschlossen, -jede zu ihren Verrichtungen zu gehen, -und das verspätete Abendessen wurde endlich -aufgetragen. -</p> - -<p> -Erst gegen Mitternacht ward der Himmel -wieder heiter, und nach und nach kehrte -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -die Natur zur Ruhe zurück. Werner hatte -dem Unwetter heimlich mit Vergnügen zugesehen, -denn er wußte, daß es mehrere Tage -lang unmöglich blieb, spazieren zu gehen, -wenn Regen gefallen war; und er hoffte, daß -während dieser Zeit irgend ein Umstand eintreten -möchte, wodurch die neue Bekanntschaft -der Kinder seines Herrn mit Lodoiska aufgehoben -würde; ja, er schmeichelte sich, daß die -Antwort des Obersten auf seinen Brief dem -ganzen Leben der Familie eine andere Richtung -geben könnte. -</p> - -<p> -Mit diesen Gedanken beschäftigt, die -ihm keine Ruhe ließen, schlief der brave -Soldat nur wenig. Der neue Tag war -noch nicht angebrochen, so befand er sich schon -auf den Beinen. Er nahm seine Schlüssel und -öffnete den Schrank und den Kasten, um den -Brief herauszunehmen, den er ohne Verzug -nach Prag auf die Post senden wollte. Er -fand ihn nach dem Gefühl, und steckte ihn -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -in seine Tasche, ohne ihn zu sehen, da es noch -dunkel war; hierauf ging er hinunter in den -Hof, um den Knecht zu rufen, der ihm als -Bote dienen sollte. -</p> - -<p> -Ehe er ihn fand, verging einige Zeit, -und die heraufsteigende Morgenröthe erhellte -bereits die Erde rings umher, als er dem -alten Peter anempfahl, sich sogleich nach der -Stadt auf den Weg zu machen, um einen -höchst eiligen Brief auf die Post zu bringen. -Während er mit ihm sprach, zog er den -Brief aus der Tasche, und warf noch zufällig -einen Blick darauf, ehe er ihn übergab. -O welche Ueberraschung ohne Gleichen! Das -Papier war mit großen Blutstropfen befleckt, -so daß es nicht einmal möglich war, die -Aufschrift zu lesen! — -</p> - -<p> -Dieser außerordentliche Umstand preßte -dem erstaunten Soldaten unwillkührlich einen -Schrei aus. Kaum konnte er seinen Augen -trauen; unbeweglich stand er da, den Brief -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -zwischen den Fingern hin- und herdrehend, -ohne noch immer zu begreifen, was er vor -sich sehe. Dann kehrte er schnell seine Tasche -um, aber sie war völlig rein, und am Wenigsten -konnte man eine Spur von Blut -darin entdecken. Hierauf eilte er in’s Schloß -zurück auf sein Zimmer, und untersuchte den -Kasten, in welchem der Brief gelegen hatte; -aber auch hier fand sich keine Spur von der -Ursache, die das Papier beschmutzt haben konnte. -Der muthige Werner starrte vor Schrecken; -doch erholte er sich bald, und ohne Zeitverlust -schrieb er nun den Brief zum dritten Male. -Zwar kürzte er ihn ab, aber sein Inhalt war -desto dringender, und sobald er fertig war, -übergab er ihn dem Boten, den er zur größeren -Sicherheit noch eine gute Strecke weit -begleitete. — -</p> - -<p> -Werner besaß Muth, aber dennoch konnte -er sich jetzt einer gewissen abergläubischen -Furcht nicht erwehren. Mit der größten Unruhe -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -erinnerte er sich an die Erzählungen, -die er in Rußland und vorzüglich in der -Moldau und Wallachei gehört hatte, als er -sich daselbst mit seinem Regiment befand; an -die Sagen von Menschen, die ihre Seele dem -Teufel verkauft hätten, und dadurch eine übernatürliche -Macht zum Schaden ihrer Mitmenschen -erlangten. Alle jene Mährchen fielen ihm -jetzt wieder ein, und die beiden so eben erst -erlebten Ereignisse verleiteten ihn sogar zu -dem Glauben, daß wohl Lodoiska durch ein -ähnliches Bündniß sich eben solche Macht -verschafft haben könnte. Doch verwarf er -bald diese Gedanken wieder. „Was für ein -Thor ich bin, sagte er zu sich selbst, an solche -Fabeln zu glauben. In der Moldau und -Wallachei mag dergleichen hingehen, es wohnen -dort nur Barbaren; aber in Deutschland -hat der Teufel schon lange sein Recht verloren, -oder es bloß den Taschenspielern überlassen; -diese arbeiten bei uns noch allein für -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -ihn, und vielleicht ist Mamsell Lodoiska eine -solche geschickte Taschenspielerin. Aber sie -mag sich in Acht nehmen; denn sie würde -übel wegkommen, wenn ich sie einmal auf -der That ertappe.“ -</p> - -<p> -Nachdem er hierauf einer Flasche mit -altem guten Rum, die auf seinem Tische -stand, einen Besuch abgestattet hatte, vergrößerte -sich noch sein Muth, und er nahm sich -vor, von nun an seine Wachsamkeit noch zu -verdoppeln, um zu entdecken, durch welche -Mittel sich Lodoiska’s Wirksamkeit bis in’s -Schloß erstrecken könnte. In der Hoffnung, -recht bald vom Obersten Antwort zu erhalten, -ging er dann an seine gewöhnlichen -Geschäfte. -</p> - -<p> -Die Einsamkeit, in welcher die Familie -Lobenthal im Schlosse R.... lebte, ging indessen -nicht so weit, daß sie nicht von Zeit -zu Zeit durch einige Besuche unterbrochen -worden wäre, welche die auf den umliegenden -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -Gütern wohnenden Herrschaften im Schlosse -abstatteten. Sie wurden stets mit großer -Höflichkeit und Gastfreundschaft empfangen, -und Helene sahe sie sogar mit Vergnügen, -besonders seitdem ihr Gatte abwesend war; -denn sie bedurfte jetzt mehr Zerstreuung als -früher, und fand sie in dem Umgange mit -den Nachbarn. Daher fiel es auch im Geringsten -nicht auf, als noch an demselben -Tage, Nachmittags um zwei Uhr, ein alter -Edelmann aus der Nachbarschaft im Schlosse -eintraf, der früher Oberjägermeister gewesen -war, jetzt aber ruhig sein Feld bauen ließ. -</p> - -<p> -Herr von Krauthof war ein großer Esser, -ein erprobter Trinker, der seine ganze -Zeit beinahe mit Besuchen hinbrachte, und -dabei weder die Schlösser der Herrschaften, -noch die Häuser der Pächter verschmähte. -Seine Hauptstärke bestand darin, daß er -Stunden lang nichts als Komplimente herzusagen -wußte; und nachdem er dieses wichtige -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -Geschäft auch heute beim Eintritt in’s Zimmer -Helenens beendigt hatte, kam er endlich -auf einen Gegenstand, der uns hier näher -angeht. — -</p> - -<p> -„Nun, Frau Oberstin, fuhr er im Flusse -seiner Rede fort, Sie haben ja eine liebenswürdige -Nachbarin bekommen. Ich sage: liebenswürdig, -obgleich ich nicht recht weiß, -warum; denn mich hat sie mit einer verzweifelten -Strenge behandelt. Erst am vergangenen -<a id="corr-4"></a>Dienstag erfuhr ich, daß sich hier in der -Gegend eine fremde Dame niedergelassen habe, -deren Schönheit allgemein gelobt wird; ich -hielt es daher für Pflicht, und um ihr eine -gute Vorstellung von unsern hiesigen Herren -beizubringen, ihr sogleich einen Besuch abzustatten. -Gestern also begab ich mich nach dem -Häuschen im Walde, meinen Regenschirm unter -dem Arme, weil man jetzt nicht mehr dem -Wetter, so wenig als den Menschen, trauen -kann. Als ich anlangte, war die Hausthür -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -verschlossen. Ich fand dieß ganz in der Ordnung, -weil ein Jeder in seinem Hause Herr -sein will; ich klopfte daher an, und man öffnete. -Schon war ich im Begriff einzutreten, als ich -plötzlich ein wahres Gespenst vor mir sahe, -das mir den Weg versperrte. Stellen Sie -sich den größten und zugleich den magersten -aller Menschen vor: ein Gesicht wie ein Jesuit, -Augen wie eine Eule, und eine Miene, -als wenn es eher ein Bewohner jener als dieser -Welt gewesen wäre; eine rauhe und hohle -Stimme, eine Manier wie ein Holzblock und -einen völlig verpesteten Athem.“ -</p> - -<p> -— Was wollen Sie hier? fragte er mich, -ohne weiter irgend eine Höflichkeitsformel hinzuzusetzen. -— -</p> - -<p> -„Diese unartige Frage überraschte mich -zwar ein wenig, da sich aber ein Edelmann -aus altem Geschlechte so leicht nicht in Verlegenheit -setzen läßt, so antwortete ich ihm: -Ich bin ein Edelmann aus der Nachbarschaft, -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -der deiner Herrschaft seine Hochachtung bezeigen, -und also bei ihr vorgelassen werden -will. — Nach dieser artigen Rede hatte ich -einiges Recht zu glauben, daß ich sogleich -Zutritt bei der Dame erhalten würde; aber -ich irrte mich sehr, wie Sie sogleich hören -werden. Denn dieser neue Cerberus nahm -auf meine Höflichkeit gar keine Rücksicht.“ -</p> - -<p> -— Ich kann Sie nicht einlassen, antwortete -er mir, denn meine Herrschaft ist -stets mit Geschäften überhäuft, und hat keine -Zeit, Besuche anzunehmen. Sie ist nicht hier -hergekommen, um Gesellschaft zu suchen, und -Sie würden auch zum zweiten Male vergebens -hierherkommen. — -</p> - -<p> -„So sprach der grobe Mensch, und ohne -meine Antwort abzuwarten, trat er einen -Schritt zurück, und schlug mir mit heftigem -Geräusch die Thür vor der Nase zu. Ich -würde nicht im Stande sein, Ihnen meinen -Aerger hierüber der Wahrheit gemäß zu schildern; -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -allein ich entfernte mich sogleich voller -Verachtung von diesem ungastfreundlichen -Hause, mit dem festen Vorsatze, alle meine -Nachbarn vor einem gleichen Schicksale zu -warnen, wenn sie es sich vielleicht einfallen -lassen wollten, den hergebrachten Formen der -Höflichkeit nachzukommen.“ -</p> - -<p> -Diese Erzählung belustigte Helenen sehr; -sie nahm sich indessen vor, sich nicht einer -ähnlichen Aufnahme auszusetzen, so groß auch -ihr Wunsch war, die geheimnißvolle Fremde -kennen zu lernen. Sie hoffte, ihr auf einem -Spaziergange mit ihren Kindern zu begegnen; -für jetzt tadelte sie aber hart die Unhöflichkeit -des Bedienten, indem sie die Bemerkung -machte, daß der Herr von Krauthof ihm ohne -Zweifel völlig unbekannt sein müsse; denn, -setzte sie hinzu, hätte er gewußt, mit wem er -die Ehre gehabt, zu sprechen, so würde er -gewiß einer solchen Grobheit sich nicht schuldig -gemacht haben. -</p> - -<p> -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -Der ehemalige Ober-Jägermeister ward -durch ein solches aus einem so schönen Munde -hervorgegangenes Kompliment wegen seines -Mißgeschicks beinahe völlig getröstet, und um -es desto besser zu vergessen, eilte er, eine andere -Unterhaltung auf die Bahn zu bringen. -Er fing an, von Politik zu sprechen. Helene -wußte, daß man über dieses Kapitel dem -Strome seiner Rede freien Lauf lassen mußte, -und daß er ganz entzückt diejenigen Häuser -verließ, wo man ihn, ohne ihn zu unterbrechen, -anhörte. Auch sprach er heute so ganz -nach Herzenslust, der gute Mann! Er errieth -Alles, alle Geheimnisse der Höfe lagen offen -vor ihm; er setzte Minister ab, und schuf -neue; er sagte den Gang der politischen Angelegenheiten -vorher, kurz, er spielte eine -ganze Stunde lang den Gesetzgeber von ganz -Europa. Helene hörte ihm mit einem Anschein -von Theilnahme zu, die ihn ganz bezauberte, -und voller Zufriedenheit verließ er -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -das Schloß, um einen benachbarten Grafen -zu besuchen, wo er im Lobe der Oberstin unerschöpflich -war. -</p> - -<p> -„Alles recht gut! entgegnete man ihm; -aber aus welcher Familie stammt sie her? — -Sie und ihr Mann, mein Bester, sind Emporkömmlinge, -bleiben aber immer nur ehrliche -Bürgersleute, was doch wahrhaftig nicht -viel ist!“ — -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-6"> -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -Sechstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span>ehrere Tage lang blieben die Wege in -der Umgegend des Schlosses, in Folge des -gefallenen Regens, so naß und schlüpfrig, -daß dadurch die Spaziergänge der Kinder des -Obersten verhindert wurden, womit Werner -äußerst zufrieden war. Die Kleinen vergaßen -bald ihre neue schöne Freundin; aber -nicht so war es mit Helenen, welche die -Unbekannte schlechterdings sehen wollte. Mit -Ungeduld erwartete sie den Augenblick, wo -der Erdboden wieder so trocken sein würde, -daß die Spaziergänge wieder ihren Anfang -nehmen könnten. Am nächsten Mittwoch ward -endlich ihr Wunsch erfüllt; die Sonne hatte -die Feuchtigkeit getrocknet, und der Tag war -außerordentlich schön. Da Werner Geschäfte -halber nicht im Schlosse war, so benutzte Helene -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -diesen, Umstand, und ging mit Wilhelm -und Julien nach der kleinen Wiese im Thale -hinab. — -</p> - -<p> -Je näher Helene ihrem Ziele kam, desto -Mehr fühlte sie ihr Herz von einer ganz sonderbaren -Empfindung beklommen, deren Ursache -ihr unerklärlich war. Es schien ihr, -als wenn ihre Brust von einer ungeheuren -Last eingeengt würde; kaum konnte sie noch -Athem holen, und ein allgemeines Mißbehagen -durchschauderte ihren ganzen Körper. In -Folge dieser physischen Ermattung erschlaffte -auch ihr Geist, und sie verfiel in eine schwermüthige -Stimmung, die sie vergebens von sich -zu bannen suchte. Die laute Freude ihrer -Kinder war heute nicht im Stande, auch sie -fröhlicher zu stimmen, und zwei Mal fühlte -sie in ihrem Auge eine Thräne, die doch in -keinem gegründeten Kummer ihre Ursache hatte. -</p> - -<p> -Als sie endlich auf der Wiese angekommen -war, setzte sie sich am Fuße einer schönen -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -Linde, wo eine natürliche Rasenbank sie zur -Ruhe einladete, nieder, und indem sie ihr -Strickzeug aus dem Arbeitskörbchen nahm, -gab sie den beiden Kleinen das Zeichen, daß -sie nun die Freiheit hätten, ihre Spiele anzufangen. -Dieß ließen sie sich auch nicht -zwei Mal bedeuten, und lustig sprangen -sie auf dem weichen Grase umher, als plötzlich, -nach Verlauf von ungefähr einer Viertelstunde, -die Silbertöne einer melodischen -Harfe erschallten. -</p> - -<p> -Ueberrascht gab Helene ihren Kindern -ein Zeichen, still zu sein, und sich neben ihr -in’s Gras zu setzen. Begierig lauschte sie -auf die seltsamen Töne, die der verborgene -Virtuos seinem Instrument entlockte: anfangs -war es nur ein langsames, feierliches Vorspiel, -dem aber bald ein feuriges und heftiges -Ritornell folgte, und eine sanfte weibliche -Stimme begleitete das Spiel mit ihrem -Gesange. -</p> - -<p> -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -Schon bei den ersten Tönen dieser Stimme -fühlte Helene ein unwillkührliches Beben. Die -Sprache, in welcher die Arie gesungen ward, -war ihr völlig unbekannt, aber obgleich sie -die Worte nicht verstand, so machte doch die -Musik einen so außerordentlichen und sonderbaren -Eindruck auf sie, daß sie sich selbst nicht -von der dadurch in ihr hervorgebrachten Stimmung -Rechenschaft zu geben im Stande war. -Endlich schwieg die Stimme und das Instrument; -Helene konnte nicht zweifeln, daß es -die Unbekannte sei, die sich jetzt in ihrer Nähe -befinde, und sie dachte darüber nach, auf welche -Art sie am besten zu ihr gelangen möchte; -da fiel ihr aber plötzlich ein Mittel ein. Sie -gab ihren Kindern die Erlaubniß, sich wieder -entfernen zu dürfen, und diese, welche längst -die Stimme ihrer Freundin erkannt hatten, -eilten ohne Verzug nach dem Orte hin, wo -die Töne hergekommen waren. Sie fanden -sie im nahen Gebüsch auf einem Baumstamme -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -sitzend, und eine Harfe in der Hand, die sie -eben wieder zu spielen angefangen hatte, obgleich -sie über dem einen ihrer Arme immer -noch den Handschuh trug. -</p> - -<p> -Sie schien sich über den Anblick der Kinder -zu freuen, und rief ihren Bedienten, der -sich in einiger Entfernung von ihr niedergesetzt -hatte. Nachdem sie ihm die Harfe übergeben, -fragte sie ihren Liebling, die kleine -Julie, was für ein Spiel sie spielen wolle? -Das pfiffige Kind hatte die Absicht, die Fremde -ihrer Mutter zuzuführen, hütete sich aber -wohl, ihr zu sagen, daß dieselbe ganz in ihrer -Nähe sei; sie antwortete daher: daß sie -gern springen und laufen möchte, und setzte -hinzu, ihre Freundin könne sie gewiß nicht -einholen, wenn sie ihr einen Vorsprung von -einigen Schritten geben wollte. -</p> - -<p> -Lodoiska nahm den Vorschlag an. Julie -läuft voraus, und wird auf das Lebhafteste -verfolgt; aber sie richtet ihren Lauf nach -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -dem Orte, wo sich ihre Mutter befindet, die -von dieser Seite her, des Gebüsches wegen, -nicht gesehen werden kann; plötzlich eilt das -kleine Mädchen in die Arme ihrer Mutter, -und überrascht bleibt Lodoiska, fast unbeweglich, -vor derselben stehen. Letztere, voller -Freude über diesen günstigen Zufall, erhob -sich sogleich von ihrem Sitze und ging der -Fremden einige Schritte entgegen, während -sie dieselbe mit forschendem Blicke betrachtete. -</p> - -<p> -Lodoiska hatte den schönsten Wuchs, und -ihre äußerst angenehme, verführerische Gestalt -besaß nur gerade die nöthige Ueppigkeit, -um ihre Schönheit zu erhöhen. Ihr Gesicht -war vollkommen länglich rund; ihr Mund -klein, ihre Nase griechisch, ihre Augen groß; -über ihrer offenen Stirn erhob sich ein prächtiger, -reicher Haarwuchs, und einige ihrer -rabenschwarzen Locken fielen auf die alabasterweißen -Schultern hinab. Kurz, Lodoiska -war sehr schön, und dennoch waren es nicht -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -ihre Reize allein, die den größten Eindruck -auf den Beschauer machten; sie hatte in dem -Ganzen ihrer Züge etwas Unbegreifliches und -Unbeschreibliches, was man nicht müde werden -konnte, zu betrachten, ohne jedoch jemals -mit sich selbst einig zu werden, ob es Vergnügen -sei, was dadurch hervorgebracht würde, -oder ein ganz seltsames Gefühl der Furcht. -Die Weiße ihrer Haut war außerordentlich, -durch ein lebhaftes Roth in ihren Gesichtszügen -verschönert; aber dennoch bemerkte man -in dieser Mischung eine erdfarbene, gelbgraue -Schattirung, die öfters die Harmonie des -Ganzen störte. Die Frische ihrer Lippen -konnte nur mit der Farbe der ersten hervorbrechenden -Rosenknospe verglichen werden; -aber gewisse krampfhafte Bewegungen in den -Gesichtsmuskeln, ein Lächeln, das nahe an -Bosheit grenzte, verdarben den Eindruck der -Bewunderung, und verriethen, daß das Herz -der Fremden nicht ruhig sein könne, und daß -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -sie, ungeachtet aller Anstrengung, nicht im -Stande sei, die Heftigkeit ihrer Leidenschaft -zu zähmen. Wenn man nun gar ihre Augen -betrachtete, was sollte man dann von ihr -denken! welcher Ausdrücke sollte man sich bedienen, -um die sonderbare Mischung zu schildern, -welche in ihren Blicken eine himmlische -Sanftmuth und eine furchtbare Lebendigkeit -hervorbrachten? Bald glüheten ihre Augen -von verzehrendem Feuer, bald waren sie düster, -ausdruckslos und völlig unbeweglich, was -eine schauerliche Empfindung hervorbrachte. -Sie stellten zugleich das Leben und den Tod -dar, und dennoch bemerkte man keine vollkommene -Abgestorbenheit, sondern nur eine -beispiellose Mischung von beiden, eine Vereinigung -dieser beiden äußersten Extreme. Ein -weißes Kleid, mit schwarzen Bändern besetzt, -und nach einem in Deutschland unbekannten -Schnitte, so wie ein schwarzer wollener Shawl, -machten ihren ganzen Putz aus. -</p> - -<p> -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -Da Helene, nach einem schnellen Ueberblick -dieses ganzen Wesens der Fremden, wobei -sie in der eben beschriebenen Ungewißheit -blieb, sahe, daß die Unbekannte unbeweglich -stand, und nicht einmal den Mund zum Sprechen -öffnete, so hielt sie es für schicklich, die -Unterhaltung durch Danksagungen für die -Güte anzufangen, womit sie zu den Vergnügungen -ihrer Kinder beigetragen habe. -</p> - -<p> -Kaum hörte Lodoiska diese Worte, so -überflog ihr Gesicht eine leichte Röthe, ihre -Augen wurden lebendiger, und sie öffnete den -niedlichen, kleinen Mund zum Sprechen. -</p> - -<p> -„Ich habe also die Ehre, die Frau Oberstin -Lobenthal vor mir zu sehen? Sie werden -mir verzeihen, daß ich Ihnen meinen Besuch -nicht abgestattet habe; aber ich suchte hier die -ungestörteste Einsamkeit, und kam nur in diese -Gegend, um einen Plan auszuführen, dessen -Wichtigkeit allein mich dem Grabe entreißen -konnte. Ich werde mich hier nur kurze Zeit -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -aufhalten, und kaum im Stande sein, meine -Pflichten zu erfüllen, so genau sind meine -Stunden gezählt; ich habe daher nur wenige -zu meiner Erholung übrig.“ -</p> - -<p> -— Ich bedaure es sehr, antwortete Helene, -daß ich Ihre Gesellschaft nicht genießen -soll, die mir ohne Zweifel sehr angenehm sein -würde. — -</p> - -<p> -„Glauben Sie es nicht, rief Lodoiska, -gleichsam wider ihren Willen von einer innern -Bewegung mit fortgerissen; wünschen -Sie meine Gesellschaft nicht, sie führt die -Verzweiflung, die bittersten Thränen und den -Tod mit sich.“ -</p> - -<p> -Ein Blick, den jetzt Helene auf die Kleidung -der Unbekannten warf, gab ihr die -Auflösung dieser Art von Räthsel. Sie zweifelte -nicht, daß der Tod der Dame einige Lieben -entrissen hätte, und daß ihre Antwort -daher nur auf ihren Kummer hindeutete; sie -erwiederte also, daß man nicht hoffen dürfe, -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -in der Einsamkeit seine Betrübniß zu lindern, -sondern vielmehr in der Gesellschaft guter -Menschen Trost suchen müsse. -</p> - -<p> -„Sie irren sich, entgegnete die Fremde; -es giebt einen Zeitpunkt im Leben, nach dessen -Verlauf sich eine unübersteigliche Scheidewand -aufthürmt, und wo das Schicksal unwiderruflich -ist. Ich habe keine Linderung -meiner Qualen mehr zu hoffen, und meine -Zukunft ist unveränderlich wie die Ewigkeit, -von welcher sie ein Theil ist.“ -</p> - -<p> -Diese außerordentliche Rede bestärkte Helenen -noch mehr in ihrer Meinung, daß die -junge Dame sehr heftigen Kummer haben -müsse, der wohl gar ihren Verstand zerrüttet -haben könne. Sie fühlte daher Mitleid mit -ihr, und um sie zutraulicher zu machen, wollte -sie ihr die Hand reichen. Da trat Lodoiska -schnell einen Schritt zurück. -</p> - -<p> -„Was wollen Sie? sagte sie mit der -größten Heftigkeit. Schwache Sterbliche! -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -Eilen Sie <a id="corr-5"></a>Ihrem Schicksale nicht im Voraus -entgegen! Wissen Sie, daß Sie dem Tode -verfallen sind, sobald Sie mich berühren?“ -</p> - -<p> -Jetzt zweifelte Helene nicht mehr an der -Verstandeszerrüttung der Fremden, und um -sie zu zerstreuen, suchte sie das Gespräch auf -einen andern Gegenstand zu bringen. -</p> - -<p> -„Wenn Ihnen die Gesellschaft erwachsener -Personen so unangenehm ist, sagte sie, so -scheinen doch wenigstens diese Kinder Gnade -vor Ihnen gefunden zu haben.“ -</p> - -<p> -— Gnade vor mir gefunden, sagen Sie? -antwortete Lodoiska mit hohler Stimme. -Welche Gnade? Ich rathe Ihnen nicht, sich -damit zu rühmen; es ist vielmehr nur eine -Frist, wie sie der Henker seinem Schlachtopfer -gewährt, indem er die Werkzeuge zu dessen -Marter in Bereitschaft setzt. — -</p> - -<p> -Diese Worte waren so schauerlich, daß -Helene voller Furcht eine Bewegung machte, -gleichsam um die Kinder zu entfernen. Jetzt -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -schwebte aber ein Lächeln voller Unschuld auf -Lodoiska’s Lippen, und ihre Augen nahmen -einen sanften Ausdruck an. -</p> - -<p> -„O, verzeihen Sie, Frau Oberstin, sagte -sie, daß ich Ihnen einen solchen Schrecken -verursachte; aber es giebt Augenblicke, wo ich -ganz nur der Vergangenheit und der Zukunft -angehöre, wo ich der Gegenwart entrückt bin. -Wider meinen Willen entschlüpfen dann unsinnige -Reden meinen Lippen, und mein Herz -kann die einzige Empfindung, die ihm noch -zurückgeblieben ist, nicht bezähmen.“ -</p> - -<p> -— Ich werde stets den Schmerz ehren, -der Sie peinigt, und mich mit dem Wunsche -begnügen, daß er bald ganz verschwinden -möchte. Wenn der Anblick meiner Kinder -Ihnen lästig ist, so will ich es denselben verbieten, -sich Ihnen wieder zu nähern. — -</p> - -<p> -„O, glauben Sie mir, hüten Sie sie -wohl, diese Kinder, worauf Sie stolz sind; -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -eine grausame Krankheit, ein verzehrendes -Gift, oder, weiß ich es? tausend andere Ursachen -können sie Ihnen entreißen; wachen -Sie daher über sie, und lassen Sie sie nicht -aus den Augen. Sie sind noch so jung und -schwach, daß sie Ihnen bald die bittersten -Thränen verursachen könnten.“ -</p> - -<p> -Bei diesen Worten verdunkelten sich ihre -Augen abermals zu einem unbeschreiblichen -Wahnsinn; ihr Mund verzog sich fürchterlich, -ihr Gesicht entfärbte sich, und Helene sahe in -ihr mehr einen entstellten Leichnam, als ein -lebendiges menschliches Wesen. Gern hätte -die Letztere eine so peinliche Szene abgebrochen, -aber ihr Mitleid hielt sie noch zurück, -weil sie fürchtete, sie in solchem Zustande allein -sich selbst zu überlassen, und sie für völlig -wahnsinnig hielt. -</p> - -<p> -„Mein Gott! sagte sie; Ihnen ist unwohl, -und Sie werden in diesem Zustande -Ihren Spaziergang nicht fortsetzen können. -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -Wollen Sie mir erlauben, Sie nach Ihrer -Wohnung zu begleiten?“ -</p> - -<p> -— Ich, krank sein? O nein, enttäuschen -Sie sich! Ich weiß nicht mehr, was -krank sein heißt; denn ich befinde mich jetzt -in meinem gewöhnlichen Zustande. Ihnen -erscheint er ohne Zweifel als unangenehm, -und ich weiß nicht, ob er mir selbst gefällt -oder nicht; aber Sie ängstigen sich darüber, -und wir wollen ihn daher zu vergessen suchen. -Wohlan! wovon wollen wir sprechen? Ich -wurde zwar nicht in einem Stande geboren, wo -es gewöhnlich ist, sich besondere Kenntnisse zu -erwerben; aber jetzt befinde ich mich an der -Quelle alles Wissens; vor meinen Augen ist -der Vorhang der menschlichen Unwissenheit -gefallen, und ich könnte Ihnen erklären, was -die Menschen nicht begreifen. — -</p> - -<p> -Diese Rede hielt die Oberstin für einen -Beweis ihres zerrütteten Verstandes, und sie -suchte daher die Gedanken der Fremden auf -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -andere Gegenstände zu leiten, was ihr auch -allmählich gelang. Lodoiska schien wieder zu -sich selbst <a id="corr-6"></a>zu kommen, und sprach bald über -alltägliche Dinge, wobei sie einen großen Umfang -des Wissens verrieth, obgleich in ihrem -Betragen etwas Rohes und Wildes war, das -einen Beweis ihrer wenig sorgfältigen Erziehung -gab. Indessen entschlüpfte ihr auch -keine Silbe, wodurch ihr Herkommen verrathen -worden wäre, und man hörte nur an -ihrer Aussprache, daß sie nicht in Deutschland -geboren sei. Helene vermuthete, daß sie das -Opfer einer heftigen unglücklichen Liebe geworden, -und in Folge dessen ihren Verstand -verloren habe; daher sie es auch ganz natürlich -fand, daß der Greis, dessen Obhut sie -ohne Zweifel übergeben war, sie in der größten -Eingezogenheit hielt. -</p> - -<p> -Das Gespräch kam auch auf die Musik. -Die Oberstin, welche selbst sehr gut die Harfe -spielte, machte der Unbekannten wohlverdiente -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -Lobeserhebungen über das, was sie von ihr -gehört hatte. Lodoiska wies dieses Lob mit -Bescheidenheit von sich, aber es lag dabei in -ihrem Wesen eine unbeschreibliche Gleichgültigkeit. -Sie sprach von ihrer Fertigkeit im -Spiel und Gesang, wie von der eines ganz -fremden Menschen, und nichts setzte sie in -Bewunderung oder schien ihr nur im Geringsten -am Herzen zu liegen; sie zeigte so -wenig Theilnahme an Allem, was die Menschen -reizt oder nur beschäftigt, daß man sich -unangenehm berührt fühlte, und es war nicht -etwa Egoismus, sondern eine solche Kälte, -ein solcher Ueberdruß an allen Dingen, daß -man sie deßhalb beklagen mußte. Ist dieß -ein Frauenzimmer oder nur eine Bildsäule? -sagte Helene zu sich selbst. Hängt sie nur -durch den Schmerz noch mit dem Menschlichen -<a id="corr-7"></a>zusammen? — Da die Sonne hinter den -Bergen gänzlich verschwunden war, und die -Abenddämmerung schon einbrach, so kamen -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -die Kinder herbei, und ihrer Spiele müde, -an denen man keinen Theil nahm, baten sie, -nach dem Schlosse zurückgeführt zu werden. -</p> - -<p> -„Ja, sagte Lodoiska, es ist Zeit nach -Hause zu gehen, und Alles, was körperlich ist, -wird sich bald zur Ruhe begeben; dann ist -der Raum der Welt nur mit den höhern -Geistern bevölkert. Leben Sie wohl, Frau -Oberstin; ich wünschte, Ihnen nie begegnet -zu sein, und unser Zusammentreffen wird mir -noch lange Zeit hindurch einen lebhaften Kummer -verursachen.“ -</p> - -<p> -Mit diesen Worten entfernte sie sich -schnell, und verschwand im nahen Gebüsche. -</p> - -<p> -Helene, stets geneigt, von der Unbekannten -nur Gutes zu urtheilen, sahe in dieser Rede -ein Zeichen ihres Wohlwollens, und bedauerte, -sie nicht zum gesellschaftlichen Umgange -mit andern Menschen überreden zu -können. In Begleitung ihrer Kinder trat -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -sie den Rückweg nach dem Schlosse an, und -zufrieden, die Fremde gesehen, auch die Ursache -ihres Kummers und ihrer Eingezogenheit errathen -zu haben, theilte sie am Abend dem -treuen Werner ihr Zusammentreffen mit der -Unbekannten mit. Der brave Bediente zeigte -aber gar keine Ueberraschung bei Allem, was -er von der Oberstin hörte; nur hätte er gern -gewußt, ob Lodoiska irgend einen Argwohn -in ihr zu erregen gesucht habe. Aber er bemerkte, -daß die Gesichtszüge seiner Herrschaft -völlig heiter waren, und schloß daraus, daß -Lodoiska verschwiegen und vorsichtig gewesen -sein müsse. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-7"> -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -Siebentes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>m folgenden Nachmittage baten die Kinder, -wieder auf der Wiese spielen zu dürfen, und -Werner, der bestimmt wurde, sie dahin zu begleiten, -gehorchte nur mit Widerwillen. Zu -seiner größten Zufriedenheit ließ sich aber Lodoiska -gar nicht sehen, so wenig als am folgenden -Tage, wo Werner die Antwort des -Obersten auf seinen Brief erwartete. Er -schickte den Boten nach der Stadt, um die -nach dem Schlosse R.... bestimmten Briefe -von der Post abzuholen, und harrte den ganzen -Tag über mit der größten Ungeduld auf -dessen Rückkehr. Schon war die Nacht angebrochen, -als der Bote endlich an das Schloßthor -klopfte. -</p> - -<p> -„Die Briefe! Schnell die Briefe her! -rief ihm Werner entgegen. Tausend Millionen -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -Bomben und Granaten! ich glaubte, du -würdest gar nicht wiederkommen.“ -</p> - -<p> -— Die Briefe? antwortete der Bote. -Sie irren sich, Herr Werner, denn ich habe -nur einen Brief; hier ist er, und ich wünsche, -daß es der sein mag, den Sie erwarten. — -</p> - -<p> -Werner griff hastig danach, und sahe -beim Schein der Lampe, die er in der Hand -hatte, nach der Aufschrift. Sie war allerdings -vom Obersten, indessen nicht an ihn, -sondern an Helenen gerichtet. Ein Dolchstich -hätte Wernern nicht mehr Schmerzen verursachen -können, als das Ausbleiben des so sehnlich -erwarteten Briefes. Die Nachlässigkeit -des Obersten schien ihm unbegreiflich; er drehte -den in der Hand habenden Brief hin und her; -manchmal bildete er sich ein, sein Herr könnte -sich bei der Aufschrift geirrt haben, und der -Brief könnte also dennoch für ihn sein. Indessen -wagte er es nicht, sich hiervon zu überzeugen, -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -und zitternd händigte er endlich das -Schreiben der Oberstin ein. -</p> - -<p> -Helene kannte die große Anhänglichkeit -des guten Unteroffiziers an ihren Gemahl, -und hatte daher die Gewohnheit, ihm lange -Stellen aus den von ihm erhaltenen Briefen -vorzulesen, wenn gerade keine persönlichen -Angelegenheiten darin vorkamen. Auch dießmal -wich sie nicht von ihrer Gewohnheit ab, -und der erstaunte Zuhörer erfuhr, daß der -Oberst sich wohl befinde, aber daß er die Zeit -seiner Rückkehr noch nicht bestimmen könne. -Die beiden Gatten, welche er wieder zu vereinigen -strebte, waren äußerst aufgebracht -gegen einander, und es war daher nicht so -leicht, sie gänzlich auszusöhnen. Der Oberst -schloß endlich seinen Brief mit der Bitte an -seine Frau, dem guten Werner seine Freundschaft -zu versichern, und sich bei ihm wegen -seines Stillschweigens zu beklagen, da er doch -versprochen hätte, zu schreiben, und ihm die -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -nöthigen Nachrichten über den Zustand der -Gärten und Felder mitzutheilen. -</p> - -<p> -Dieser letztere Theil des Briefes machte -einen zu großen Eindruck auf Werner, als -daß er sich länger hätte halten können. -</p> - -<p> -„Alle Teufel! rief er aus, das ist ein -Vorwurf, den ich wahrlich nicht verdiene. -Ist es meine Schuld, wenn der Oberst meine -Briefe nicht erhält? Denn ich habe ihm an -demselben Tage geschrieben, wo Sie, Frau -Oberstin, Ihren Brief absendeten, und den -dieser hier beantwortet. O, Herr Bote, wart’ -er nur, ich will seinen Rücken schon bedienen, -wie er es verdient hat!“ -</p> - -<p> -Helene war im Begriff, Werner’s Zorn -zu besänftigen, als dieser sich plötzlich besann -und fortfuhr: -</p> - -<p> -„Da fällt mir aber eben ein, daß der -arme Teufel von Bote nicht daran Schuld -sein kann, wenn der Brief verloren ist. Ich -hatte Mißtrauen, ich weiß selbst nicht warum, -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -und empfahl daher dem Boten, mir von der -Post in Prag einen Empfangschein über den -Brief mitzubringen, was er auch gethan hat. -Wahrlich, dabei steht mir der Verstand still!“ -</p> - -<p> -Helene, die nicht ahnete, welche Wichtigkeit -Werner mit Recht auf den Verlust seines -Briefes setzte, dachte nicht weiter daran; -und voller Freude, Nachrichten von ihrem -Gatten erhalten zu haben, fühlte sie weiter -keine Unruhe, als über das gezwungene längere -Ausbleiben desselben. Sie begab sich -bald darauf in ihr Zimmer, und Werner auf -das seinige, wo er einen vierten Brief zu -schreiben beabsichtigte, den er selbst mit Tagesanbruch -nach Prag bringen wollte. Denn -er ging in seinem Zorne so weit, daß er selbst -die Rechtlichkeit des Postoffizianten in Verdacht -hatte. — -</p> - -<p> -Voll von diesem Entschlusse öffnete er -seinen Schreibtisch, um Papier und Feder -zur Hand zu nehmen, als er beim Schein -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -der Lampe einen Brief erblickte, der ihm -nicht unbekannt zu sein schien — — es war -sein eigener Brief, den er an den Obersten -geschrieben hatte. Er war abermals mit einigen -Blutstropfen befleckt, und eine zitternde -Hand hatte Folgendes auf den Umschlag -geschrieben: -</p> - -<div class="letter"> -<p> -<em>Dein Briefschreiben ist vergeblich; -Alfred wird nie eine Zeile -von Dir erhalten, wenn Du ihn -nicht bloß von den Gegenständen -der Landwirthschaft unterhältst.</em> -</p> - -</div> - -<p> -Schon oft hatte Werner den Mündungen -der Kanonen gegenüber gestanden, die -auf tausend verschiedene Arten den Tod von -sich spieen; mehr als einmal hatte er den Säbel -eines feindlichen Husaren über seinen -Kopf schwingen sehen; aber noch niemals -hatte er einen solchen Schreck empfunden, als -den, welcher jetzt sein Herz zu Eis erstarrte. -</p> - -<p> -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -Maschinenmäßig irrte sein Blick im -Zimmer umher, als wenn er erwartete, irgend -eine gespenstische Gestalt vor seinen Augen -erscheinen zu sehen; wiederholt wischte er sich -mit der Hand den Schweiß von der Stirne, -aber der übrige Theil des Körpers blieb unbeweglich, -als wenn er festgebannt gewesen -wäre. Jemehr er über Alles nachdachte, was -ihm seit Kurzem geschehen war, desto mehr -verlor er sich in allerhand Muthmaßungen. -Oft wollte er sich überreden, daß er nur durch -seine Einbildungskraft getäuscht würde; aber -der Brief lag ja vor ihm, wie er ihn dem -Boten übergeben hatte; zugleich sah er den -Empfangschein des Postoffizianten vor sich, -und dieser mußte also der Schuldige sein. -Doch jetzt boten sich neue Schwierigkeiten -dar. Wie war der Brief nach dem Schlosse -zurückgekommen? Wer besaß die drei Schlüssel -seines Zimmers, des Schreibtisches und -des darin enthaltenen Schubfaches? Befand -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -sich also der Verräther im Schlosse selbst? -War er unter den Tagelöhnern und Knechten, -oder unter den beiden Dienstmädchen? Werner -konnte sich über alle diese Fragen keine -Auskunft geben, weil er stets auf unauflösliche -Schwierigkeiten stieß. Mehr als einmal -sah er sich gezwungen, beinah an überirdische -Geister zu glauben, wie er so oft in der Moldau -und Wallachei davon hatte erzählen hören, -und er verfluchte die Zauberer und Hexen, -von deren Macht man dort allgemein überzeugt -war. Ja selbst die fürchterlichen Vampyre -fielen ihm ein, die nach den dortigen -Sagen die Gräber wieder verlassen, um auf -der Erde, deren Schrecken sie sind, umherzuirren, -und aus den Adern der Lebendigen, deren -Blut sie aussaugen, ein Dasein zu fristen, -das kein völliges Leben, aber auch kein Tod -ist. Dann aber verlachte Werner dergleichen -Aberglauben wieder, und suchte seinen Verdacht -auf natürlichere Art zu begründen; er -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -nahm sich vor, die größte Wachsamkeit zu -verwenden, um zu erfahren, wer im Schlosse -der Lodoiska seinen Beistand leistete. -</p> - -<p> -Ehe Werner diese Art von Krieg beginnen -wollte, die wenig mit seinem offenen und -freimüthigen Charakter übereinstimmte, nahm -er sich vor, seine Feindin persönlich zu sprechen, -und dieß gleich am andern Morgen auszuführen. -Kaum konnte er erwarten, bis der -Tag wieder angebrochen war, und als er -glaubte, daß es spät genug sei, um vorgelassen -zu werden, machte er sich nach dem Häuschen -im Walde auf den Weg. -</p> - -<p> -Als er hier ankam, war die Hausthür -verschlossen. Er klopfte, aber man antwortete -nicht; er verdoppelte seine Anstrengungen, -um gehört zu werden, und nichts unterbrach -die Stille im Innern des Hauses. Je länger -er wartete, desto höher stieg seine Ungeduld, -und er setzte den Klopfer zum dritten Male -in Bewegung, ohne einen bessern Erfolg zu -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -erlangen. Was sollte er thun? War das -Haus verlassen, oder wollte man ihm nicht -aufmachen? Sollte er die Belagerung aufheben -oder sie am andern Morgen hartnäckiger -fortsetzen? -</p> - -<p> -Während er darüber nachdachte, was er -zu thun habe, hörte er nicht weit von sich -ein leises Geräusch, und kaum hatte er sich -umgedreht, so sahe er den alten Bedienten -Lodoiska’s sich gegenüber stehen. Dieser war -von einer riesenmäßigen Größe; sein Scheitel -war gänzlich von allem Haar entblößt, -und über seinem mageren Gesichte herrschte -eine schaudervolle Leichenblässe. Seine Augen, -völlig erloschen, waren unbeweglich; der Ton -seiner Stimme war schleppend und heiser, -und ein verpestender Athem strömte aus seinem -Munde, in welchem man kaum noch einige -Zähne erblickte. Ein weiter Mantel von -grobem Tuche bedeckte die ganze Gestalt dieser -kolossalen Figur, und Alles an ihm kündigte -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -an, daß er des Lebens müde sei, daß er -Alles, was dem gewöhnlichen Menschen gefallen -kann, verachtete. -</p> - -<p> -„Holla! sagte Werner, ohne vor seinem -unangenehmen Aeußern zu erschrecken. Ist -deine Herrschaft schon so früh ausgeflogen?“ -</p> - -<p> -— Hoho! Patron! Wer giebt dir ein -Recht zu solcher Frage? antwortete der alte -Bediente. Sind wir denn schon so bekannt, -daß du so vertraut mit mir sprechen darfst? — -</p> - -<p> -Der Ton dieser Rede war nichts weniger -als freundschaftlich, so daß Werner, ungeachtet -seines Selbstvertrauens, davon überrascht -ward. Indessen wollte er nicht gleich -beim Anfange der Feindseligkeiten als Besiegter -erscheinen, und er erwiederte daher: -</p> - -<p> -„Nun, sei nur nicht gleich so böse, alter -Eisenfresser. Ich will deine Herrschaft sprechen, -und ich habe hier lange vergebens geklopft, -ohne daß ich auch nur den Anschein eines lebendigen -Wesens wahrnehmen konnte. Ist -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -es nun nicht ganz natürlich, daß ich dich, da -ich dich hier vor mir sehe, nach deiner Herrschaft -frage? Oder bist du vielleicht einer -von jenen Leuten, denen es leichter wird, -Streit anzufangen, als eine Frage richtig -zu beantworten?“ -</p> - -<p> -— Wenn du mich kenntest, Freund, -sagte der Greis, so würdest du leicht einsehen, -daß ich eigentlich mit dir gar keinen Streit -anfangen kann. Du gehst deinen Weg, der -meinige hat aber schon seit langer Zeit sein -Ziel erreicht. Deßhalb bin ich indessen nicht -geneigt, Beleidigungen oder Drohungen so -ungestraft hingehen zu lassen; aber ich hoffe, -es wird so weit unter uns nicht kommen, und -wir werden sogleich fertig mit einander sein. -Was willst du von meiner Herrschaft? Ich -kann deinen Auftrag bei ihr so ausrichten, ganz -so, als wenn du es selbst gethan hättest. — -</p> - -<p> -„Nein, Alter, antwortete Werner, ziemlich -unwillig über die Art, wie ihn dieser -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -<a id="corr-8"></a>Bediente behandelte; meine Geschäfte mit -Lodoiska bedürfen keiner Mittelsperson. Zwar -ist es möglich, daß sie dir zum Theil bekannt -sind, ja daß du selbst in die Taschenspielerei -verwickelt bist, welche mich eigentlich bewogen -hat, hierher zu kommen; indessen gefällt es -mir nun einmal nicht, dich zum Vertrauten -zu machen, und ich will mit Lodoiska selbst -sprechen. Verstehst du mich?“ -</p> - -<p> -— Ich verstehe dich; allein deßhalb -habe ich noch keine Lust, deinen Wunsch zu -erfüllen. Lodoiska, wie du sie kurzweg zu -nennen beliebst, hat mit dir gar nichts zu -schaffen; gieb dich also nur zufrieden, und da -du Soldat gewesen bist, wie es mir scheint, -so mache die Wendung, die ihr Linksumkehrt -nennt, und geh deiner Wege. — -</p> - -<p> -„Weißt du wohl, Alter, daß eine zahlreichere -Artillerie dazu gehört, um mich zum -Rückzuge zu zwingen?“ -</p> - -<p> -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -— Nun gut, so wollen wir sie schon -finden, sagte der Bediente mit der größten -Ruhe, und zu gleicher Zeit, ehe Werner sich -dessen versahe, ergriff er ihn vor der Brust, -und zwar mit solcher Stärke, daß er ihn mit -einer Hand hoch vom Boden in die Luft hob, -und ihn, ungeachtet aller Anstrengungen des -Ex-Unteroffiziers, auf einem Fußsteige in -einiger Entfernung wieder niedersetzte. -</p> - -<p> -Ach, wie sehr bedauerte es Werner in -diesem Augenblicke, seinen Säbel nicht bei -sich zu haben, um diese schwere Beleidigung -augenblicklich rächen zu können! Sein handfester -Gegner hatte ihm auch zu gleicher Zeit -seinen Stock entrissen, und in der Nähe bot -sich ihm Nichts dar, das er als Waffe hätte -gebrauchen können. Aber konnte er die erlittene -Beleidigung ungestraft lassen? Der -Zorn verblendete den Unteroffizier nicht so -sehr, daß er nicht hätte einsehen sollen, wie -es unmöglich war, mit dem Alten zu ringen, -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -da seine körperliche Stärke Alles übertraf, -was Werner je gesehen hatte; es blieb ihm -also nichts übrig, als seinen Gegner auf den -Zweikampf mit Säbel oder Pistolen herauszufordern. -</p> - -<p> -Der Bediente, stets voll unerschütterlicher -Ruhe, sahe ihn kaltblütig an. „Was willst -du von mir? sagte er. Wozu soll ich mich -noch anderer Waffen bedienen, um deinen -Stolz zu demüthigen? Gieb deinen Vorsatz -auf. Ich schlage mich nicht, ich vertheidige -mich bloß, und vernichte denjenigen auf der -Stelle, der nicht fürchtet, mich zu beleidigen. -Du hast mich nun schon kennen gelernt; geh -ruhig deinen Weg, schwacher und eitler Thor, -und wage dich nicht wieder hierher, von wo -ich dich vielleicht zum zweiten Male nicht lebendig -entkommen lassen würde.“ -</p> - -<p> -Der rauhe Ton, womit er diese Worte -aussprach, die todtverkündende Geberde, womit -er sie begleitete, die Flamme der Mordsucht, -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -welche in seinen Augen leuchtete, alles -Dieses brachte Wernern, ungeachtet seines Muthes, -aus aller Fassung. Er war sogar in -Zweifel, ob er seine <a id="corr-9"></a>Aufforderung erneuern -sollte, als sich plötzlich die Thür des Hauses -öffnete, und Lodoiska, in einem schwarzen -Kleide, das ihr ein höchst seltsames Ansehen -gab, heraustrat. -</p> - -<p> -„Wirst du denn immer vergessen, Ladislaus, -sagte sie, daß ich dir verboten habe, -dich deinem heftigen Charakter zu überlassen? -Ist es möglich, daß die Thorheiten der Menschen -dich noch immer nicht gänzlich verlassen -haben? Und mußt du diejenigen beleidigen, -die mich zu sprechen wünschen?“ -</p> - -<p> -Der Alte fuhr bei diesen Worten seiner -Herrschaft zusammen, aber in seinem gleichgültigen -Gesichte zeigte sich weder Hochachtung -noch Verwirrung. Bloß seine Lippen verzogen -sich in ein scheußliches Lächeln, und -ohne etwas zu erwiedern, ging er langsamen -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -Schrittes in das Haus hinein, als wenn er -an der eben stattgefundenen Szene gar keinen -Theil gehabt hätte. -</p> - -<p> -Nichts konnte Wernern in diesem Augenblicke -erwünschter sein, als das Erscheinen -Lodoiska’s. Bloß um sie zu sprechen, war er -hierher gekommen, und das Benehmen ihres -Bedienten ließ ihm wenig Hoffnung übrig, -seinen Zweck zu erreichen; er war also froh, -als er sahe, daß Lodoiska ihn anzuhören geneigt -schien, und näherte sich ihr, konnte jedoch -nicht umhin, ihr bei seiner Anrede sein -Mißvergnügen über das Betragen ihres Bedienten -zu erkennen zu geben. -</p> - -<p> -„Wahrlich, Lodoiska, sagte er, Ihr Wächter, -denn anders kann ich ihn nicht nennen, -mag sich glücklich preisen, daß ich jetzt eine -gewisse Art von Eisen nicht bei mir hatte, -die mich sonst niemals verließ, als ich mich -noch in Ihrem Vaterlande befand. Hätte -er damals eine Grobheit, wie heute, gezeigt, -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -ich würde ihm den scharfen Stahl einige Zoll -tief in die verdammte Brust gestoßen haben; -aber nur Geduld! er soll mich nicht immer -so wehrlos finden, und ich bin fest entschlossen, -ihm mit Zinsen zurückzuzahlen, was ich -ihm heute schuldig bleiben mußte.“ -</p> - -<p> -— Laß es gut sein, Werner, antwortete -Lodoiska, und vergiß den unangenehmen Vorfall. -Ladislaus hat allerdings Unrecht; aber -du hast ihn gereizt, und, ihn nach dem Anschein -seines Alters beurtheilend, geglaubt, daß -es leicht sein würde, ihn zur Erfüllung deiner -Wünsche zu zwingen. Dein Irrthum zeigte -sich bald; aber glaube mir, vergiß, was vorgegangen -ist, es ist für dich am Besten. -Deine Rache würde sonst auf dich selbst zurückfallen. -— -</p> - -<p> -„Das ist recht schön gesagt, aber ein alter -Soldat läßt nicht mit sich spielen wie mit -einem Rekruten. Ich werde niemals eine Beleidigung -ungeahndet lassen; und habe ich -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -überdieß Ursache, mit der Herrschaft zufriedener -zu sein, als mit dem Bedienten? Haben -wir Beide nicht auch etwas abzumachen? Steht -es Ihnen an, sich mit Taschenspielerkünsten -abzugeben, und kann ich ruhig zusehen, daß -Sie hierherkommen, mich zu beleidigen, und die -Ruhe der Familie meines Obersten zu stören?“ -</p> - -<p> -— Werner, sagte Lodoiska kalt, ich weiß -nicht, welche höhere Macht dich deinem Untergange -entgegentreibt. Wie kannst du es wagen, -dich gegen mich zu beklagen? Wer von -uns Beiden hat dem Andern das meiste Unrecht -zugefügt? Bist du es nicht, Elender, -der in dem Hause meines Vaters vorzüglich -zu meinem Falle beitrug? Erinnerst du dich -der Zeit nicht mehr, wo du, zu Gunsten der -verbrecherischen Absichten des Obersten, mich -von seiner treulosen Liebe ohne Aufhören unterhieltest? -Warst du nicht stets bei mir, um -meine Vernunft irre zu führen und meiner -Tugend Fallstricke zu legen? Unglücklicher, dir -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -steht es wohl an, in einem anmaßenden Tone -gegen mich zu sprechen, und mir Unrecht gegen -dich vorzuwerfen! Fort aus meinen Augen, -wenn dir dein Leben lieb ist, elender Wurm des -Staubes, den ich schon hätte zertreten sollen! — -</p> - -<p> -„Teufel noch einmal! Lodoiska, Sie gehen -ja rasch zu Werke! Doch, ich mache mir -nichts daraus, weil Sie ein Weib sind, und -was schon vor so vielen Jahren geschehen ist, -dessen erinnere ich mich nicht mehr. Wenn -Sie leichtgläubig waren, so ist es nur Ihre -Schuld. Aber woraus ich mir viel mache, -und was ich nie erlauben werde, ist: wenn -man in meine Geheimnisse eindringt, wenn -man meinen Briefwechsel stört, und sich auf -eine strafwürdige Art in das Haus meiner -Herrschaft einschleicht.“ -</p> - -<p> -Lodoiska antwortete nicht; sie warf nur -einen Blick auf Werner, in dem sich die auffallendste -Bosheit malte, gleichsam als Triumph -einer schon gewissen Rache. -</p> - -<p> -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -„Ich wiederhole es Ihnen, fuhr Werner -fort, daß ich Ihrer Ränke und Spielereien -müde bin. Schon zwei meiner Briefe haben -Sie aufgehalten; denn wer anders, als Sie, -könnte es gethan haben? Ich weiß zwar noch -nicht, durch welche Mittel Sie Ihre Absicht -erreichten; aber sein Sie überzeugt, wenn ich -einst Jemanden auf der That ertappen sollte, -sein Prozeß würde nicht lange dauern, und -sein Rücken würde sich über meine Dazwischenkunft -eben nicht zu erfreuen haben.“ -</p> - -<p> -— Wie! so grausam wolltest du verfahren, -und selbst mit dem armen Ladislaus? -sagte Lodoiska spottend und mit einem boshaften -Lächeln. — -</p> - -<p> -„O, bei allen Teufeln! lassen Sie ihn -kommen — mit ihm vor allen Andern. Ich -habe eine gute Jagdflinte, mit welcher er genaue -Bekanntschaft machen, und gegen welche -seine Faust nichts ausrichten soll.“ -</p> - -<p> -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -— Werner, ich wiederhole es dir zum -letzten Male, du gehst mit starken Schritten -deinem nahen Untergange entgegen. — -</p> - -<p> -„Und Sie, Lodoiska, dem Ende Ihrer -verbrecherischen Intriguen. Ich werde sie -nicht länger ertragen, und wenn auch ein -vierter Brief nicht an den Obersten gelangt, -so wollen wir sehen, ob ich mit Hülfe der -Obrigkeit nicht Recht erlangen kann.“ -</p> - -<p> -— Unsinniger! worauf willst du deine -Klage gründen? Soll ich für deine Thorheit -verantwortlich gemacht werden? Wem willst -du es einbilden, daß ich im Stande bin, den -Briefwechsel zwischen dir und deinem Herrn -zu hindern? Du wirst vor den Augen der -Welt zum Gelächter werden! Armer Schwächling, -die Strafe für deine Kühnheit soll dir -dann auf dem Fuße folgen. — -</p> - -<p> -„Lodoiska, Sie können mir vorreden, was -Sie wollen. Ich weiß, daß ich einiges Unrecht -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -gegen Sie begangen habe, wenn es nämlich -unrecht ist, einen jungen Offizier und ein -hübsches Mädchen einander näher zu bringen; -aber ich beschwöre Sie, vergessen Sie das -Geschehene, und lassen Sie mich in Ruhe.“ -</p> - -<p> -— Ich habe dir versprochen, dich in Ruhe -zu lassen, ja, habe dir Belohnungen angeboten, -wenn du dich anheischig machen wolltest, den -Obersten nicht von meinem Hiersein zu benachrichtigen. -Wie kannst du mir eine solche -Kleinigkeit abschlagen? Laß ihn zurückkommen, -und erlaube, daß ich ihn zum letzten Male -sehen darf; sein Glück, seine Ruhe, ja sein -Leben hängt davon ab. Uebrigens wirst du -mir vergeblich entgegenstreben, denn mir -stehen Mittel zu Gebote, denen du nicht zu -widerstehen vermagst. Aber zittere, wenn dir -ein einziges Wort entschlüpft, wodurch die -glückliche Nebenbuhlerinn, welche meine Stelle -an Alfreds Seite einnimmt, von meinem Verhältnisse -benachrichtigt wird. Deine Unvorsichtigkeit -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -würde dir das Leben kosten; ja Werner, -ich würde dich auf der Stelle aufopfern! — -</p> - -<p> -Bei diesen Worten machte Lodoiska -eine so heftige Bewegung, daß dadurch ein -Theil ihres Kleides zerrissen wurde, und Werner -unter ihrer linken Brust eine Wunde erblicken -konnte, aus welcher einige Tropfen -Blut hervorrieselten. Der unwillkührliche -Schrecken, in welchen ihn dieser unerwartete -Anblick versetzte, entging der Fremden nicht, -und da sie ohne Mühe die Ursache davon errieth, -so suchte sie mit ihrer Hand die zerrissene -Stelle des Kleides zu bedecken. -</p> - -<p> -Sobald Werner sich von seiner Erstarrung -erholt hatte, fühlte er sein Herz von plötzlichem -Mitleiden bewegt. „Unglückliches Mädchen! -rief er, was haben Sie gethan? Wie -können Sie sich in Ihrem jetzigen Zustande -noch einer so gefährlichen Leidenschaft hingeben? -Eilen Sie schnell nach Ihrer Wohnung; -Ihre Wunde ist wieder aufgebrochen, und Sie -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -kennen wahrscheinlich die Gefahr nicht, in der -Sie sich befinden.“ -</p> - -<p> -— Von welcher Gefahr sprichst du? Ich -kenne keine mehr auf der Erde. — -</p> - -<p> -„Aber Ihr Blut fließt ja aus der Wunde, -von welcher wahrscheinlich der Verband losgegangen -ist. Eilen Sie, ihn wieder herzustellen, -und wenn Sie meiner Hülfe bedürfen, -so zögern Sie nicht, sie anzunehmen.“ -</p> - -<p> -— Beunruhige dich meinetwegen nicht. -Mein Blut kann nicht mehr fließen, denn ich -habe keines mehr, und schon vor langer Zeit -verlor ich es bis auf den letzten Tropfen. An -Blut, um das verlorne zu ersetzen, mangelt -es mir nicht; denn ich weiß, wo ich es finden -kann. Laß dieses Blut hier nur fließen, und -kümmere dich deßhalb nicht. — -</p> - -<p> -Bei diesen seltsamen Worten zweifelte -Werner, gleich wie die Oberstin, nicht länger, -daß Lodoiska’s Unglücksfälle sie um den Verstand -gebracht haben möchten, und sein ganzer -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -Zorn gegen sie war verschwunden. Er -wollte es daher versuchen, sie durch gelinde -Worte zu beruhigen, und da er bemerkte, daß -ihr Gesicht schon von einer schauerlichen Todtenblässe -bedeckt ward, so eilte er auf sie zu, -um sie unter den Arm zu fassen und nach -ihrem Hause zu geleiten. -</p> - -<p> -„Keinen Schritt weiter! rief sie ihm mit -heiserer und schwacher Stimme entgegen. -Rühre mich nicht an, oder eile vielmehr, zu -entfliehen! Was jetzt vorgehen wird, darfst -du nicht erblicken! Ladislaus! Ladislaus! -komm geschwind, oder ich bin nicht ferner -im Stande, die Absichten meiner Sendung -in ihrem ganzen Umfange zu erfüllen!“ -</p> - -<p> -Ladislaus hörte diesen Ruf, und kam -noch schnell genug herbei, um Lodoiska, die -ohnmächtig in seine Arme sank, zu halten. -Nachdem der Greis sie einen Augenblick betrachtet -hatte, sahe er mit wilden Blicken -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -um sich her, und ohne ein Wort zu sprechen, -gab er Wernern ein Zeichen, sich zu entfernen. -Dieser schien anfangs nicht geneigt, -ihm Folge zu leisten; allein er entschloß sich -dazu, als er bedachte, daß er vielleicht durch -seine Hartnäckigkeit den Tod der Fremden -herbeiführen könnte. Er kehrte daher auf -den Fußsteig zurück, der nach dem Schlosse -führte. Bei einer Krümmung des Weges, -wodurch der Ort, wo Lodoiska auf dem Grase -ausgestreckt lag, ihm wieder zu Gesichte kam, -blieb er stehen und sahe nun, wie der alte -Bediente sich über die Ohnmächtige hinbeugte, -und ihr eine rothe Flüssigkeit in den Mund -goß. In demselben Augenblick aber erhielt -Werner einen so heftigen Schlag auf den -Kopf, daß er davon zu Boden stürzte. Er -raffte sich schnell wieder auf, um dem Feinde, -der ihn geschlagen hatte, die Spitze zu bieten; -aber keine lebendige Seele war rings um ihn -her zu erblicken, und er mußte daher seinen -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -Fall einem Stoße an einen Baumast zuschreiben, -da er eben durch einen Wald ging. -</p> - -<p> -Seine Neugierde bewog ihn, zum zweiten -Male nach der Gruppe auf der Wiese -hinzublicken; aber er sahe sie nicht mehr. -Dieses plötzliche Verschwinden setzte ihn in -das größte Erstaunen, und in tiefes Nachdenken -versunken, kam er nach dem Schlosse -zurück. „Gebe Gott! sagte er zu sich selbst, -daß dieß Alles eine natürlichere Wendung -nimmt; denn was ich gesehen habe, ist unbegreiflich; -und ich wünschte wohl, die Geheimnisse -zu durchdringen, mit denen wir umgeben -sind.“ — -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-8"> -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -Achtes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>a die Fremde immer fortfuhr, in der größten -Zurückgezogenheit zu leben, so ward am -Ende auch die Neugier der Nachbarn müde, -sich mit ihr zu beschäftigen, und schon sprach -man kaum mehr von den Bewohnern des -Hauses im Walde, als eine neue Begebenheit -die Aufmerksamkeit der Landbewohner auf -sich zog, und Lodoiska ganz bei ihnen in -Vergessenheit brachte. -</p> - -<p> -Es gab in der Gemeinde ein junges Mädchen -von ausgezeichneter Schönheit, das auch -ziemlich wohlhabend war, und daher allen -jungen Leuten in der Umgegend den Wunsch -einflößte, sie zu heirathen. So oft <em>Röschen</em> -sich bei einer öffentlichen Lustbarkeit sehen ließ, -bildete sich sogleich ein Kreis von Anbetern -um sie her, die ihr nach ihrer Art den Hof -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -machten; allein sie blieb lange Zeit völlig -gleichgültig. Röschen nahm die ihr dargebrachten -Huldigungen an, ohne einen von den -Anbetern im Geringsten auszuzeichnen, bis -endlich ein junger Pächter das Herz der schönen -Gleichgültigen zu rühren verstand. -</p> - -<p> -Sobald Röschens Wahl bekannt wurde, -setzte dieß die übrigen nun hoffnungslosen -Anbeter in Wuth, und man brach in die -schrecklichsten Drohungen gegen das glückliche -Paar aus. Es wurden mehrere Verträge -geschlossen, um dieser Heirath alle möglichen -Hindernisse in den Weg zu legen; aber ohne -sich an alle diese Anfeindungen zu kehren, traf -das junge Paar Anstalten zu seiner Hochzeit, -und schon war der Tag der Trauung in der -Kirche auf den nächsten Sonntag festgesetzt. -</p> - -<p> -Der Sonnabend vor der Hochzeit war -derselbe Tag, wo Werner seinen Besuch bei -Lodoiska abgestattet, und so wenig befriedigt -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -nach dem Schlosse zurückkehren mußte. Auch -er war zur Hochzeit Röschens eingeladen, -und sollte sich am andern Morgen schon mit -Tagesanbruch mit den Freunden des Bräutigams -vereinigen, theils um mit ihnen vergnügt -zu sein, theils um, mit ihnen vereint, -die wüthenden Versuche zu vereiteln, welche -die verschmähten Nebenbuhler etwa machen -könnten. -</p> - -<p> -Nach dem Abendessen begab sich Werner -auf sein Zimmer, noch ganz mit dem Gedanken -an das beschäftigt, was er heute gesehen -und gehört hatte. Unaufhörlich fiel ihm immer -wieder die riesenmäßige Stärke des alten -Bedienten ein, und es schien ihm, als wenn -er vor seinen Augen das Blut aus Lodoiska’s -Wunde fließen sähe. Während er so, in ein -peinliches Nachdenken vertieft, in seinem Lehnstuhl -saß, warf er seine zerstreuten Blicke hier -und da im Zimmer umher, bis sich seine Augen -endlich starr auf einen Punkt hefteten, -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -und er in einen lauten Angstruf des Schreckens -ausbrach. Seine Flinte, mit welcher er -dem alten Ladislaus gedroht hatte, war in -hundert Stücke zerbrochen, und was ihn am -meisten in Erstaunen setzte, auch selbst der -Lauf war eben so zerstückelt, wie die übrigen -Theile des Gewehres. -</p> - -<p> -Bei diesem unerwarteten Anblick, wobei -er sich überzeugen mußte, daß eine übermenschliche -Kraft gewirkt habe, fühlte er sich von -einem eiskalten Schauer ergriffen, und eine -gute Zeit lang blieb er wie versteinert vor -seiner zerbrochenen Flinte stehen. Diese Begebenheit -überstieg seine Fassungskraft, da er -keine natürliche Ursache dafür auffinden konnte; -und in seinem unwillkührlichen Schrecken hätte -er fast bei sich selbst angelobt, sich nicht mehr -in Lodoiska’s Angelegenheiten zu mischen, da -er einsahe, daß er einer höheren Kraft, als -die schwachen Mittel, die ihm zu Gebote standen, -bedurfte, um mit Vortheil gegen sie in -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -die Schranken zu treten. Es dauerte lange, -ehe er einschlafen konnte. Bei jedem leisen -Geräusch schreckte er hoch empor, bis endlich -seine Abspannung so hoch stieg, daß er in -eine Art von Schlafsucht verfiel; denn es -war schon sieben Uhr, als er von dem starken -Lärm, den eine heftig an seine Thür klopfende -Person verursachte, erwachte. Jetzt fiel ihm -die Hochzeit ein, zu welcher er eingeladen -war, und da er glaubte, daß man ihn dazu -herbeiholen wollte, stand er schnell auf, voller -Scham über seinen langen Schlaf. Als er -die Thür öffnete, sahe er einen seiner guten -Bekannten aus dem Dorfe, dessen Miene so -traurig war, daß er darüber erschrak. Schon -war er im Begriff, ihn nach der Ursache zu -fragen, als dieser ihm zuvorkam. -</p> - -<p> -„Ach, lieber Werner, sagte er mit halb -erstickter Stimme, welche fürchterliche That -ist in dieser Nacht geschehen! Röschen ist -todt, auf die schrecklichste Art ermordet!“ -</p> - -<p> -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -— Was sagst du da, Mathes? Wer hat -dieses schändliche Verbrechen begangen? Du -machst mich vor Schrecken erstarren! — -</p> - -<p> -„Ach, leider ist es nur allzuwahr! Der -Mörder ist noch völlig unbekannt. Er hat -sich auf eine unbegreifliche Art in’s Zimmer -geschlichen, und dem armen Mädchen zwei -Adern geöffnet; aber das Sonderbarste dabei -ist, daß durchaus kein Blut mehr in dem -Körper der Unglücklichen gefunden wird, und -kaum hat man einige kleine Blutflecke an -ihrem Bette bemerkt.“ -</p> - -<p> -— Kein Blut mehr! rief Werner, wie -vom Blitz getroffen. Kein Blut mehr! O -Himmel, sollten sich denn die Schrecken der -Moldau und Wallachei auch hier nach Deutschland -fortpflanzen! — -</p> - -<p> -Er schwieg, vielleicht bereuend, daß er -schon zu viel gesagt habe; aber das Uebel, -was er gern vermieden hätte, war schon geschehen. -Voller Neugierde bestand Mathes -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -auf die Erklärung dessen, was er nicht verstand, -und vergebens suchte Werner das Gespräch -auf andere Dinge zu bringen, indem -er sich näher nach den Umständen bei der -Mordthat erkundigte; sein Freund ließ sich -nicht abweisen, und nachdem er ihm erzählt -hatte, was er wußte, drang er abermals darauf, -zu wissen, von welchen Schrecken der -Moldau und Wallachei Werner gesprochen -habe. Er zeigte dabei eine solche Hartnäckigkeit -in seinen Fragen, daß Werner ihn wohl -befriedigen mußte, wenn er sich nicht mit -ihm gänzlich erzürnen wollte. -</p> - -<p> -„Wahrhaftig, lieber Mathes, sagte Werner, -du läßt mir auch gar keine Ruhe; da -du es denn doch willst, so sollst du Alles erfahren; -aber schiebe nicht die Schuld auf mich, -wenn du dich vielleicht heute Abend fürchtest. -Die Schrecken der Moldau und Wallachei, -deren ich vorher erwähnte, sind nämlich gewisse -Wesen, die des Nachts aus den Gräbern -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -auferstehen, um die Lebendigen zu morden. -Wie ich gehört habe, sollen sie auch in Ungarn -und in Griechenland allgemein sein; kurz -diese Wesen, welche weder todt noch lebendig -sind, kommen des Nachts selbst in die Wohnungen -ihrer Verwandten und Freunde. Sie -legen sich dann neben ihnen in’s Bett, öffnen -ihnen die Adern, und saugen ihnen das Blut -aus, was ihnen zur Erhaltung ihres schändlichen -Daseins nöthig ist. Diese Handlung -wiederholen sie alle Nächte von zwölf bis ein -Uhr, so lange, bis alles Blut aus dem Körper -verschwunden ist, und so den Tod ihres -Schlachtopfers verursacht. Sobald eins dieser -Wesen, welche man dort <em>Vampyre</em> -nennt, sich in einem Dorfe eingefunden hat, -ist allenthalben Furcht und Trauer verbreitet; -man ruft die Priester zu Hülfe, aber ihre -Beschwörungen bleiben fruchtlos, und der -Vampyr treibt ungestört sein Wesen fort. -Nur ein Mittel ist vorhanden, sich von ihm -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -zu befreien: man muß nämlich suchen, seinen -Körper im Grabe aufzufinden. Beim ersten -Anblick scheint dieser Körper leblos zu sein; -aber an seiner Wohlbeleibtheit, an der Röthe -seiner Wangen und Lippen, die oft noch mit -Blute beschmutzt sind, erkennt man ihn dann -leicht. Sogleich entreißt man dieses verabscheuungswürdige -Ungeheuer seinem Sarge, -haut ihm die Hände, die Füße und den Kopf -ab; aber damit wäre noch nichts geschehen, -wenn man nicht zuletzt sein Herz mit einem -spitzigen Pfahle durchbohrte. Dann entströmt -der Wunde, unter einem schrecklichen Schrei -des Vampyrs, eine Menge von blutiger Materie, -und mit ihm das Leben. Sämmtliche -Theile des Körpers werden nun in’s Feuer -geworfen und verbrannt, worauf das Land -ruhig wird, bis ein neuer Vampyr aus dem -Grabe aufersteht. Diese schreckliche Plage der -Menschen ist um so furchtbarer, als es scheint, -daß die Vampyre sich fortpflanzen, indem oft -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -ein Mensch, der durch sie geopfert wurde, -ebenfalls ein Vampyr wird. Uebrigens giebt -es sowohl männliche als weibliche Vampyre, -und ich würde gar nicht fertig werden, wenn -ich dir Alles erzählen wollte, was ich darüber -bei meinem Aufenthalt in jenen Ländern -gehört habe.“ -</p> - -<p> -Werner hätte noch lange fortsprechen -können, ohne von seinem Zuhörer unterbrochen -zu werden; dieser verlor kein Wort von -seiner Erzählung, und wendete schon in Gedanken -den fürchterlichen Vampyrismus auf -den plötzlichen Tod des jungen Röschens an. -</p> - -<p> -„Herr Jesus! rief er aus, ist dergleichen -möglich? Sieh, Werner, es ist mir jetzt schon -leid, daß ich dich danach gefragt habe, obgleich -ich dadurch über etwas belehrt worden -bin, was ich bisher noch nicht wußte. Gott -sei Dank! wir hatten hier in unserm Lande -bis jetzt nur einige Gespenster, die manchmal -den Lebendigen einen Schreck einjagten, ohne -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -ihnen weiter ein Leid zuzufügen. Aber sich -von Blut zu nähren! man könnte bei dem -bloßen Gedanken daran schon vor Furcht sterben. -Armes Röschen! ja gewiß, ein Vampyr -hat dich gemordet, es ist nicht daran -zu zweifeln!“ — -</p> - -<p> -Ungeachtet Werner im Geheimen selbst -daran glaubte, so suchte er doch seinen Freund -Mathes zu überreden, daß Röschens Tode -eine andere Ursache zum Grunde liege; aber -Mathes war zu begierig, die neu erlangten -Kenntnisse weiter zu verbreiten, als daß er -seine Voraussetzung hätte aufgeben können. -</p> - -<p> -„Du magst mir sagen, was du willst, -rief Mathes aus; ich bin und bleibe überzeugt, -daß hier ein Vampyr sein Wesen getrieben -hat, und ich will es sogleich im ganzen -Dorfe bekannt machen.“ -</p> - -<p> -Mit diesen Worten rannte er aus dem -Zimmer, ungeachtet Werner ihn gern zurückhalten -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -wollte. Den ersten Bekannten, denen -er begegnete, eilte er, seine wunderbare Geschichte -von den Vampyren zu erzählen, welche -so allgemein Eingang fand, daß man bald in -der ganzen Gegend von nichts Anderem sprach, -und darüber die Fremde im Häuschen im -Walde und ihre Sonderbarkeiten vergaß. -</p> - -<p> -Unterdessen drückte Wernern die Sorge, -zu erforschen, wie es Lodoiska möglich gemacht -habe, sich heimlichen Eingang in’s -Schloß zu verschaffen. Er fing damit an, -alle Bewohner desselben auf das Genaueste zu -beobachten, und wachte über jede ihrer gleichgültigsten -Handlungen; ganze Stunden lang -blieb er in einem Winkel seines Zimmers -versteckt, um Jemanden zu ertappen, der sich -vielleicht hineinschleichen würde. Alle seine -Bemühungen blieben indessen fruchtlos, und -er fand nicht einmal Veranlassung, gegen irgend -Jemanden gerechterweise den kleinsten -Verdacht zu hegen. -</p> - -<p> -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -Weit entfernt, deßhalb seine Nachforschungen -jetzt schon einzustellen, richtete er sie nach -einer andern Seite hin. Er wußte nämlich, -daß die alten Schlösser fast immer mit unterirdischen -Gewölben und geheimen Gängen -versehen waren, welche dazu dienen konnten, -Werke der Finsterniß dem Tageslichte zu entziehen; -um sich daher auch in dieser Hinsicht -zu beruhigen, hielt er, unter dem Vorwande, -die Festigkeit der Grundmauern und des Gebälkes -zu untersuchen, in Gesellschaft eines -geschickten Maurers eine genaue Besichtigung -des Schlosses. Zwei ganze Tage brachten sie -damit zu, die Wände, die Fußböden und alle -Mauern zu untersuchen; allenthalben, wo -man durch Klopfen eine Höhlung wahrnahm, -überzeugte man sich sogleich, was etwa daselbst -verborgen sein könnte. -</p> - -<p> -Die Genauigkeit dieser Untersuchung -führte endlich zu der Kenntniß eines unterirdischen -Ganges, welcher in einem Winkel -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -eines der Zimmer des untersten Stockwerks -seinen Anfang nahm, von hier auf einer sehr -engen Treppe hinabführte, und sich sehr weit -unter der Erde hin, in der Richtung nach -Nordwesten, erstreckte. Bei der Entdeckung -dieses Ganges, und noch mehr an der Richtung -desselben, glaubte Werner den Weg entdeckt -zu haben, auf welchem man sich heimlich -ins Schloß schleichen könnte. Von seinem -Gefährten begleitet, jeder mit einer Laterne -versehen, trat er die Wanderung in diesem -unterirdischen Gang an; allein als sie ungefähr -hundert Schritte weit vorgedrungen waren, -sahen sie sich durch große Felsenmassen -aufgehalten, die nirgends einen Ausweg zeigten. -Nachdem sie versucht hatten, dieses Hinderniß -zu beseitigen, überzeugte sie endlich -der Widerstand, den diese Felsen ihren Werkzeugen -entgegensetzten, daß ihre Bemühungen -vergeblich seien. Sie kehrten daher um, und -Werner ließ nun den innern Eingang mit -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -einer Mauer verschließen; denn dieser unterirdische -Gang schien ihm dennoch gefährlich, -weil er leicht durch irgend eine geheime Thür, -die sie nicht bemerkt hatten, mit dem Häuschen -im Walde zusammenhängen konnte. Jetzt -erst war er zufrieden, weil er sich schmeichelte, -nun die Pläne der Feindin seiner Ruhe vernichtet -zu haben. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-9"> -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -Neuntes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span>chon war man dem Ende des Monats -Oktober nahe. Alle Verbindung der Familie -Lobenthal mit der Fremden hatte aufgehört, -und Helene verlor nach und nach einen Theil -der Neugierde, welche ihr anfangs ihre geheimnißvolle -Nachbarin einflößte; aber der -Zeitpunkt war gekommen, der sie näher als -je mit derselben in Berührung bringen sollte. -</p> - -<p> -Helene saß eines Abends noch ziemlich -spät, mit einem neuen sehr anziehenden Buche -beschäftigt, als sie plötzlich einen hellen rothen -Schein am Himmel erblickte. Sie sprang -auf und näherte sich dem Fenster; da hörte -sie die Sturmglocke im Dorfe läuten, und unten -im Schloßhofe erscholl das Geschrei: Feuer! -Feuer! und Helene erkannte an der Richtung -des hellen Scheines, welcher über dem Walde -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -schwebte, daß es nur das Haus der Fremden -sein könne, welches jetzt in Flammen stand. -Sogleich eilte sie zum Zimmer hinaus, die -Treppe hinab, über den Schloßhof und dem -Walde zu. Vergebens stellte sich ihr Werner -entgegen; vergebens bewies er ihr unterweges, -daß sie Unrecht habe, selbst dem Orte der -Feuersbrunst zuzueilen: sie beschleunigte ihre -Schritte, ohne auf seine Vorstellungen zu hören, -und überließ sich ganz dem edlen Gefühle -ihres mitleidigen Herzens. -</p> - -<p> -Mit welchem Schmerze betrachtete sie die -Fortschritte der helllodernden Flammen, als -sie an den Ort der Feuersbrunst gelangte! -Es war keine Hoffnung mehr übrig, das Haus -zu retten. Vergeblich strengten sich einige -von den herbeigeeilten Bauern an, dem Feuer -Einhalt zu thun; es mangelte ihnen an -den nöthigen Mitteln, und man mußte zuletzt -der völligen Zerstörung des Hauses ruhig -zusehen. -</p> - -<p> -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -Helene war kaum angekommen, so suchte -sie eifrig nach der Fremden, und bei der schauerlichen -Helle, die das Feuer umherwarf, entdeckte -sie sie bald, wie sie, in ein großes -weißes Bettlaken eingewickelt, an einen Baum -angelehnt stand. Dieß gab ihr das schreckliche -Ansehen eines Gespenstes; ihr Gesicht war -leichenblaß, ihre Augen stier und ohne irgend -einen Ausdruck, so daß ihre völlige Unempfindlichkeit, -ihre kalte Ruhe Jedermann auffiel. -Man irrte um sie her, beklagte und tröstete -sie, aber sie antwortete nicht; und bei Allem, -was man auch sagen mochte, beharrte sie in -ihrem Stillschweigen. Nur Helenens Ankunft -weckte sie aus ihrem dumpfen Hinstarren, und -kaum hatte sie dieselbe erkannt, so schwebte ein -schreckliches Lächeln über ihre Lippen, verschwand -aber sogleich wieder, worauf Lodoiska in ihren -vorigen träumerischen Zustand zurückkehrte. -</p> - -<p> -„Bis jetzt, redete Helene sie an, habe ich -Ihren Willen befolgt, und Sie völlig Ihrer -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -Einsamkeit überlassen; da aber nun das Unglück -mit neuer Wuth über Sie ausgebrochen -ist, so bewilligen Sie mir die Bitte, -eine Wohnung im Schlosse anzunehmen. Es -ist keine Hoffnung mehr vorhanden, daß Sie -je wieder in diesem Hause wohnen können; -nehmen Sie daher den Zufluchtsort an, den -Ihnen die aufrichtigste Theilnahme anbietet.“ -</p> - -<p> -Lodoiska schien jetzt völlig aus ihrer -Träumerei zu erwachen, und suchte sogar ihrer -finsteren Miene einen angenehmern Ausdruck -zu geben. Ohne Weigerung nahm sie -das ihr gemachte großmüthige Anerbieten an. -Sie erzählte Helenen: daß das Feuer auf -dem Heerde schlecht ausgelöscht gewesen sein -müsse, und wahrscheinlich einige Kohlen in -einem Bunde Flachs Feuer gefaßt haben -könnten, das in der Nähe des Heerdes befindlich -gewesen sei. Bald darauf wäre die -ganze Küche und der anstoßende Hausflur in -Flammen gewesen. „Kaum hatte ich noch -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -so viel Zeit, fuhr sie fort, einige Kleider, -meine Börse und Kostbarkeiten zum Fenster -hinauszuwerfen. Dann eilte ich die Treppe -hinab, welche bereits brannte, und suchte hier -im Freien einen Zufluchtsort. Aber was -mag aus meinem alten Bedienten geworden -sein? Ich sehe ihn nirgends.“ -</p> - -<p> -— Ich habe ihn nach dem Dorfe eilen -sehen, antwortete Helene, die der Fremden die -Wahrheit, welche sie vermuthete, verhehlen -wollte. Aber kommen Sie jetzt in’s Schloß; -die Nacht ist kalt, und Sie sind nicht angezogen; -dieses Betttuch kann Sie unmöglich -vor den schädlichen Eindrücken der Nachtluft -beschützen. — -</p> - -<p> -Ohne weiter eine Einwendung zu machen, -nahm Lodoiska, jedoch mit vielen Danksagungen, -das Anerbieten an. Werner, der -in der Nähe stand und Alles mit anhörte, -gerieth darüber in eine unbeschreibliche Verwirrung. -Den Gedanken, daß Lodoiska mit -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -seiner Gebieterin unter einem Dache wohnen -sollte, konnte er kaum ertragen; ein besonderes -Vorgefühl ließ ihn die schrecklichsten Auftritte, -die daraus entstehen würden, voraussehen, -und zwei Mal hatte er schon den Mund -geöffnet, um der Oberstin die Wahrheit zu -entdecken, damit sie erführe, welche Schlange -sie an ihrem Busen erwärmen wollte; aber -immer hielt ihn die Furcht vor den Folgen -einer solchen Entdeckung wieder zurück, und -er behielt das Geheimniß in seinem Herzen -verschlossen. Ein Blick des Triumphs, den -ihm seine Feindin zuwarf, brachte ihn vollends -zur Verzweiflung; indessen nahm er sich -vor, sie so genau zu bewachen, daß es ihr -unmöglich werden würde, ihre geheimen Triebfedern -in Bewegung zu setzen. Schweigend -folgte er den beiden Damen nach dem -Schlosse zurück. -</p> - -<p> -Am andern Morgen entdeckte man unter -den Trümmern des Hauses die Ueberbleibsel -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -eines fürchterlich verstümmelten und verbrannten -Leichnams, der schon in Verwesung übergegangen -war. Er verpestete die ganze Luft -umher; übrigens konnte man keine Spur -mehr von seinem Gesichte erkennen. Da man -jedoch den Körper nicht weit von den Ueberbleibseln -eines Bettes fand, so zweifelte man -keinen Augenblick, daß es der Bediente der -Unbekannten sei, vorzüglich da er nie wieder -im Dorfe gesehen wurde. -</p> - -<p> -Als die beiden Damen auf dem Schlosse -angekommen waren, bat Helene die Fremde, -sich unverzüglich zu Bett zu legen, und Lisette -trat näher, um sie von ihrer Umhüllung zu -befreien. Allein Lodoiska stieß sie lebhaft zurück, -und äußerte den Wunsch, einige Minuten -allein zu bleiben. Man willfahrtete ihr. Als -man voraussetzen konnte, daß sie sich niedergelegt -haben würde, trat Helene wieder zu -ihr ins Zimmer, um ihr einige Erfrischungen -anzubieten, die Lodoiska indessen hartnäckig -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -ausschlug; und da Lisette ihr ein Glas mit -Glühwein darreichen wollte, gab sie mit ihrer -linken Hand ein Zeichen, daß sie auch dieses -Getränk verschmähe. Bei dieser Gelegenheit -bemerkte Helene, daß die linke Hand der -Fremden noch immer mit einem Handschuhe -versehen sei; noch mehr erstaunte sie aber, -als Lisette das <a id="corr-10"></a>Betttuch, in welches Lodoiska -eingehüllt gewesen, aufnahm, und man nun -bemerkte, daß es von Blut benetzt sei. -</p> - -<p> -„Sie haben sich verwundet, sagte Helene -mit lebhafter Besorgniß; warum wollen Sie -nicht zugeben, daß man Ihnen die bei solchen -Zufällen gewöhnliche Hülfe leiste? Warum -wollen Sie eine so natürliche Sache ausschlagen? -Die Blässe Ihres Gesichts beweiset, daß -Sie derselben höchst nöthig bedürfen.“ -</p> - -<p> -— Nein, nein! rief die Fremde voller -Schrecken aus, wofür man gar keine gerechte -Ursache auffinden konnte; ich will, ich mag -keine Hülfe! Es ist wahr, daß ich verwundet -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -bin; aber ich bin es schon seit sehr langer -Zeit, und ich habe jetzt nichts mehr zu fürchten. -Um Alles in der Welt wollte ich Niemanden -meine blutende Wunde zeigen; glauben -Sie mir, daß ich mir selbst genug bin. -Lassen Sie mich jetzt allein, wenn ich bitten -darf, und beruhigen Sie sich, denn für mich -ist keine Gefahr mehr zu befürchten. — -</p> - -<p> -In der Stimme, womit sie diese Worte -aussprach, lag eine so unbegreifliche Mischung -von Gefühl und Gefühllosigkeit, ja selbst von -Ironie, daß man nicht ohne einen geheimen -Schauder zuhören konnte. Helene glaubte -sich ihren Wünschen nicht länger widersetzen -zu dürfen, und ließ sie daher allein. -</p> - -<p> -Am andern Morgen stand sie erst sehr -spät wieder auf; man wagte nicht, eher in -ihr Zimmer einzutreten, als bis man sie darin -umhergehen hörte; dann klopfte Helene leise -an, und erhielt die Einladung, hineinzukommen. -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -Die Fremde war bereits völlig angezogen; -das schwarze Kleid, das sie heute trug, -machte die außerordentliche Blässe ihres Gesichts -noch bemerkbarer. -</p> - -<p> -Die Nachricht von dem Tode des alten -Ladislaus war schon im Schlosse bekannt, und -Helene glaubte nicht, daß es möglich sein -würde, sie vor der Fremden stets geheim zu -halten. Um sie aber nicht zu sehr zu erschüttern, -wandte Helene alle mögliche Vorsicht -an, und bereitete sie nur ganz allmählich -darauf vor. Sie gab sich eine völlig unnütze -Mühe. Schon bei den ersten Worten ward -sie von der Fremden errathen, und sowohl in -ihren Gesichtszügen, als in ihrer Antwort -bemerkte man nichts als die ruhigste Gleichgültigkeit. -Sie schien völlig gefühllos bei -Helenens Erzählung zu sein, und zeigte nicht -einmal das gewöhnliche Gefühl des Mitleidens, -welches dergleichen Unglücksfälle sonst -bei den Menschen hervorbringen. -</p> - -<p> -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -Ueber ein solches Benehmen mußte Helene -natürlich auf’s Höchste erstaunen; Lodoiska -bemerkte es, und gleichsam als wenn sie ihren -Fehler hätte wieder gut machen wollen, -sagte sie: „Frau Oberstin, Sie wundern sich -über mich, und fassen vielleicht eine schlechte -Meinung von mir, daß ich nicht mehr Gefühl -bei dem Tode des armen Ladislaus zeige; -aber glauben Sie mir, ihm ist wenig an solchen -Zeichen des Mitleids gelegen. Ich stand -mit ihm durchaus nicht in näherer Verbindung; -wir kamen Beide von demselben Orte -her, und fanden uns zusammen, weil es so -sein mußte. Jetzt hat uns der Wille des -Allmächtigen wieder getrennt, aber wir werden -zum zweiten Male, und dann auf ewig, -mit einander vereinigt werden. Warum sollte -ich daher Thränen vergießen? Ich habe keine -Thränen mehr; sie sind ausgetrocknet für jede -Art von Schmerz: denn ich habe während -meines sterblichen Lebens zu viel geweint. -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -Jetzt, da ich nur noch ein Dasein besitze, weil -ich mich nicht in ein Grab legen kann, ungeachtet -ich das sehnlichste Verlangen nach -dieser kühlen Wohnung trage, soll ich mich -mit Dingen beschäftigen, die mich nichts -angehen? Nein, nein! Nur ein einziger Zweck -belebt mich noch, nur eine einzige Absicht -strebe ich zu erreichen! Dann werde ich ohne -Freude, wie ohne Leid, einen Körper verlassen, -in welchem ich mich selbst nicht mehr -leiden mag.“ -</p> - -<p> -Lodoiska hätte noch lange so fortsprechen -können, ohne von der Oberstin unterbrochen -zu werden. In Allem, was jene -junge Person sagte, lag immer etwas so Unbegreifliches -und Unzusammenhängendes, daß -man nicht wußte, ob man sie bemitleiden oder -fürchten sollte. Die Worte kamen so eintönig -aus ihrem Munde, daß dadurch immer -die Wirkung zerstört wurde, welche sie sonst -hätten machen können; das unbewegliche Hinstarren -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -ihres Auges schien zu beweisen, daß -sie dem, was sie sprach, völlig fremd war; -kurz, bei ihr wich Alles von der gewöhnlichen -Regel ab, und man konnte sich nicht erinnern, -je etwas ihr Aehnliches gesehen zu haben. -</p> - -<p> -Helene war so erstaunt über die Rede -der Fremden, daß sie darauf nichts zu antworten -wußte; sie suchte dem Gespräch eine -andere Wendung zu geben, und fragte: ob -sie vielleicht jetzt einige Nahrungsmittel zu -sich nehmen wolle. Lodoiska machte ein bejahendes -Zeichen, worauf die Oberstin Befehl -gab, das Frühstück hereinzubringen. -</p> - -<p> -Jetzt traten auch die Kinder herein, die -schon ungeduldig darauf gewartet hatten, bei -ihrer Freundin vorgelassen zu werden. Lodoiska -empfing sie mit einem Lächeln, welchem -sie den Ausdruck des Wohlwollens zu geben -strebte, und eine plötzliche Röthe überflog ihr -Gesicht, das zu gleicher Zeit so verzerrt wurde, -als wenn ihr Herz von einem tödtlichen Stiche -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -durchbohrt worden wäre. Alles dieses wurde -jedoch von Niemanden bemerkt. Helene, stolz -auf ihre Kinder, überhäufte dieselben mit ihren -zärtlichsten Liebkosungen, während die -Fremde heimlich Blicke voll Zorn und Verachtung -auf diese allerliebste Gruppe warf. -Um zu verbergen, was in ihrem Innern vorging, -bedeckte sie oft ihr Gesicht mit beiden -Händen, von denen die eine stets mit einem -Handschuh bedeckt war, und lange Zeiträume -hindurch schien sie in das tiefste Nachdenken -versunken zu sein. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-10"> -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -Zehntes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">B</span>ei den russischen Truppen, die im Jahre -1812 die Moldau und Wallachei besetzt hatten, -befand sich auch das Regiment, in welchem -Alfred Lobenthal damals als Rittmeister -diente. Er war einer der kühnsten und tapfersten -unter allen Offizieren, und sein Muth -verwickelte ihn öfters in die gefährlichsten -Unternehmungen; auch war ihm das Glück, -welches gern die Kühnheit krönt, gewöhnlich -hold, bis die unbeständige Göttin ihn einst -auf einige Zeit verließ: der Rittmeister Lobenthal -erhielt in einem Gefechte, in dem -Augenblicke, wo der Feind die Flucht ergriff, -einen Flintenschuß in den Leib, der ihn vom -Pferde stürzte. -</p> - -<p> -Werner, der brave Unteroffizier, den die -Dankbarkeit auf immer an ihn gefesselt hatte, -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -befand sich in der Nähe, und eilte sogleich -zur Hülfe herbei. Von einigen Soldaten -unterstützt, brachte er den Rittmeister in das -benachbarte Haus eines Pächters, der einer -gewissen Wohlhabenheit genoß, und da die -Ankunft eines verwundeten Offiziers für die -Einwohner eine Schutzwehr war, so nahmen -sie ihn mit Freude und Wohlwollen auf. -Der Hausvater, ein ehrwürdiger Greis, ließ -ihm das beste Zimmer einräumen, und ihm -alle Hülfe leisten, die ihm zu Gebote stand. -Der Wundarzt des Regiments ward herbeigeholt; -nach dem ersten Verbande erklärte er, -daß die Wunde zwar nicht tödtlich sei, aber -nur langsam wieder heilen würde. -</p> - -<p> -Beinah vierzehn Tage lang befand sich -Lobenthal in einer fast völligen Bewußtlosigkeit; -er hörte kaum das Geräusch, was man -um sein Bett her machte, und da seine Augen -stets geschlossen waren, so sahe er nicht, -wie sorgsam man ihn pflegte; sonst hätte er -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -sogleich bemerkt, wie unter den Personen, die -über die Erhaltung seines Lebens wachten, -sich vorzüglich die junge Tochter des Hauses -auszeichnete, die nicht nur durch ihre außerordentliche -Schönheit, sondern auch durch -ihr liebenswürdiges, unschuldiges Wesen Jedermann -auffiel. Von einem Mitleiden bewegt, -dessen wahre Ursachen sie selbst noch -nicht kannte, brachte sie ganze Tage am Bette -des Kranken zu, der ungeachtet seiner Todtenblässe, -dennoch in seinen Gesichtszügen die -Spuren einer hohen Schönheit verrieth. -</p> - -<p> -Lodoiska fand stets einen neuen Vorwand, -in das Krankenzimmer zurückzukehren, aus -welchem man sie öfters forttrieb; mehrere -Stunden brachte sie häufig bloß mit einem -Anschauen zu, dessen Folgen für sie höchst -gefährlich werden konnten. Sobald aber befreundete -Offiziere Lobenthals oder Soldaten -von seiner Schwadron kamen, um sich nach -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -seinem Befinden zu erkundigen, floh das unschuldige -Mädchen, voller Scham, hier überrascht -worden zu sein, so leicht wie ein junges -Reh von dannen, und wartete mit Ungeduld, -bis die lästigen Besuche sich wieder entfernt -haben würden. -</p> - -<p> -Die ersten Blicke, welche Lobenthal aufschlug, -fielen auf diesen irdischen Engel; wie -konnte er sie anders, als mit der höchsten -Bewunderung ansehen? Er fühlte bald das -Bedürfniß eines Vertrauten, mit welchem er -nach Herzenslust von derjenigen sprechen könnte, -die seine ganze Seele erfüllte; hierzu wurde -Werner erwählt, und stolz auf diese Auszeichnung -eilte er, sich derselben würdig zu -machen, indem er Gelegenheit suchte, die -schöne Lodoiska von den glänzenden Eigenschaften -seines Rittmeisters zu unterhalten, -ohne ihr jedoch auf eine bestimmte Art zu -erklären, was dieser schöne junge Offizier -von ihr dachte. -</p> - -<p> -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -Werners Erzählungen nahmen die Aufmerksamkeit -des jungen Mädchens auf eine -außerordentliche Art in Anspruch. Mit welcher -Spannung hörte sie der Beschreibung einer -Schlacht zu! Sie folgte in Gedanken -dem Rittmeister bis mitten in die sich immer -erneuernden Gefahren; bald erblaßte, bald -erröthete sie; ihr Athemzug wurde kürzer, -wenn die Gefahr am augenscheinlichsten war. -Endigte aber dann die Erzählung mit einem -Siege, den Lobenthal nicht mit einer Wunde -bezahlt hatte, so erhob sie ihre ausdrucksvollen -Augen gen Himmel, und stattete der Vorsehung -tausend Mal ihren wärmsten Dank ab. -</p> - -<p> -In der Stille der Nacht, so wie am -Tage mitten unter ihren Arbeiten, war sie -nur von einem einzigen Gedanken beschäftigt: -der schöne und tapfere Rittmeister war ihrer -Einbildungskraft, so wie ihrem Herzen, unaufhörlich -gegenwärtig. Je länger dieß dauerte, -desto tiefer drang der Pfeil in’s Innere; schon -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -empfand sie das ganze Entzücken der Liebe, -und doch hatte der Gegenstand derselben noch -kein Wort mit ihr davon gesprochen. Indessen -beobachtete Lobenthal nicht lange diese -Zurückhaltung, die weder mit seinem Stande -noch mit seinem Charakter übereinstimmte; er -erklärte sich endlich, und ward sogleich erhört. -Lodoiska befand sich in jenem Alter, wo das -Mißtrauen noch unbekannt ist; sie liebte mit -Leidenschaft, und es schien ihr ganz natürlich, -daß sie eben so wieder geliebt würde. Sie -kannte weder den Unterschied der Stände noch -des Vermögens; ihr Geliebter war schön und -jung, sie war beides ebenfalls: alles schien ihr -daher gleich, und für sie konnte die Zukunft -nichts sein, als eine glückliche Verlängerung -der Gegenwart. -</p> - -<p> -Aber mitten in diesem Entzücken erhielt -sie sich rein, wie die Tugend selbst; kein unreiner -Gedanke befleckte ihre Unschuld, und -Lobenthal, voll Erstaunen über eine Leidenschaft, -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -vereinigt mit so viel Tugend, machte -keinen Versuch, sie zu entweihen. Je länger -er seine Lodoiska sahe, desto größer wurde -seine Zärtlichkeit für sie, bis sie endlich den -höchsten Gipfel erreichte. Eines Abends, -nachdem er den ganzen Tag in dem reinsten, -entzückendsten Vergnügen zugebracht hatte, -ritzte er sich mit einem Federmesser den Arm, -und schrieb mit seinem Blute ein Heirathsversprechen -auf, welches er seiner Geliebten -übergab. Lodoiska eilte, ein Gleiches zu -thun; nach dem uralten Gebrauche der dortigen -Gegenden ward der doppelte Vertrag -fünf Nächte lang unter dem Leichenstein -eines Grabes verwahrt, und dadurch im -Himmel selbst geheiligt. -</p> - -<p> -Man zweifelt in jenen Ländern nicht, -daß zwei Liebende durch einen solchen Vertrag -unwiderruflich an einander gefesselt werden; -jede andere Ehe, die nicht unter ihnen -beiden vollzogen würde, kann nur höchst unglücklich -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -sein. Die Jungfrau, welche sich -auf solche Art verlobt, kann nach ihrem Tode -aus dem Grabe wieder auferstehen, um als -Vampyr den Treulosen zu quälen, der sie -verlassen hat. Lobenthal wußte nichts von -allen diesen Eigenheiten, und fürchtete die -Zukunft nicht; denn es schien ihm unmöglich, -seine Lodoiska je zu vergessen. -</p> - -<p> -Wochen und Monate vergingen; schon -waren die russischen Truppen aus der Moldau -und Wallachei wieder abgezogen, um im -Norden ihren Mitbrüdern gegen die Franzosen -zu Hülfe zu eilen. Lobenthals Wunde war -geheilt, und dennoch verlängerte er seinen Aufenthalt, -da die Liebe ihn einen Theil seiner -Pflicht vergessen machte; aber ein strenger Befehl -seines Chefs lösete bald die Bezauberung -des neuen Rinaldo, und es blieb ihm keine -Wahl, als sich zu entehren, oder sich von Lodoiska -zu trennen. Der Kampf in seinem -Innern war fürchterlich, doch trugen endlich -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -Ruhm und Pflicht den Sieg über die Liebe davon. -Nachdem Lobenthal seine eigene Schwachheit -überwunden hatte, mußte er noch die seiner -Geliebten bekämpfen; er suchte sie durch -die feierlichsten Versprechungen zu beruhigen, -und gelobte, höchstens in Zeit von einem -Jahre wiederzukommen. Endlich fand sich -Lodoiska geduldig, aber nicht getröstet, und -willigte in die unglückliche Abreise. -</p> - -<p> -Lobenthal sahe seine Braut nicht wieder; -lange Zeit hindurch blieb er ihr treu, aber -die Abwesenheit brachte endlich auch bei ihm -die gewöhnliche Wirkung hervor. Lodoiska -wurde ihm nach und nach gleichgültig, er -vergaß seine Versprechungen, und endlich erlosch -das Andenken an seine frühere Liebe -völlig durch seine Vermählung mit Helenen. -Indessen blieb es ihm unmöglich ganz mit -Lodoiska zu brechen. Sie schrieb ihm regelmäßig, -und ergab sich geduldig in eine verlängerte -Zögerung, die der Krieg nothwendig -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -machte; als aber der Frieden endlich in ganz -Europa hergestellt war, wurden ihre Briefe -dringender, und sie kündigte dem nun zum -Obersten beförderten Lobenthal an, daß sie -ihn selbst aufsuchen wolle, wenn er nicht zu -ihr zurückkehren würde. -</p> - -<p> -Lobenthal beantwortete diese Briefe nicht, -und er hörte lange nichts von seiner ehemaligen -Braut, bis er endlich in Berlin, nach -seiner Verabschiedung und nach langer Unterbrechung, -abermals einen Brief von Lodoiska -erhielt, worin sie ihm ihre nahe Ankunft -in Berlin meldete. Dieses Schreiben -mußte ihm, als Gatten Helenens, den höchsten -Schrecken verursachen; er that daher einen -verzweifelten Schritt, und machte seine -unglückliche Braut mit seiner Vermählung -bekannt. Voller Angst erwartete er ihre -Antwort, die auch nicht lange ausblieb. -Kaum hatte er sie erhalten, so trat er zu -Helenen in’s Zimmer, schützte einen bedeutenden -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -Verlust an seinem Vermögen vor, der -ihn zwänge, die Hauptstadt sogleich zu verlassen, -und trat die Reise nach Böhmen an, -wie wir am Eingange dieses Buches gesehen -haben. Auf die Antwort Lodoiska’s -wagte er nie wieder einen Blick zu werfen, -und in einem neuen Anfall von Schrecken -vernichtete er diesen Brief, so daß man nie -erfahren hat, was er eigentlich enthalten -habe. — -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-11"> -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -Eilftes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">L</span>odoiska’s jetziger Aufenthalt im Schlosse -R.... konnte nur von übler Vorbedeutung -für die Familie Lobenthal sein; Werner, der -genau von den früheren Verhältnissen des Obersten -unterrichtet war, fürchtete das Schrecklichste, -und gerieth fast in Verzweiflung, seine -Furcht weder Jemanden zu entdecken, noch den -Obersten davon benachrichtigen zu können. Er -entschloß sich endlich, sich Lodoiska so viel als -möglich zu nähern, um ihre wahren Absichten -kennen zu lernen. -</p> - -<p> -Hierzu wählte er einen Nachmittag, als -die Oberstin gerade einige Gesellschaft aus der -Nachbarschaft bei sich hatte. Als er in Lodoiska’s -Zimmer trat, saß dieselbe in der Nähe eines -Fensters, während der junge Wilhelm vor ihr -stand, und auf ihren Schooß ein Bilderbuch -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -gelegt hatte, das er mit vielem Vergnügen -durchblätterte. Die Fremde schien in das tiefste -Nachdenken versunken zu sein, und sahe den Knaben -mit Blicken an, die nichts weniger als Wohlwollen -verriethen; Werners Schritte weckten sie -aber aus ihren Träumereien, worauf sie augenblicklich -ihre Miene änderte, und ihre gewöhnliche -außerordentliche Gleichgültigkeit annahm. -Der alte Unteroffizier trat näher und grüßte -sie, was aber nicht erwidert wurde; doch ließ -er sich durch diese Unhöflichkeit nicht irre machen, -sondern fing sogleich seinen Angriff an, -wie er sich vorgenommen hatte. -</p> - -<p> -„Vortrefflich, Lodoiska, sagte er; da haben -Sie sich nun in ein Haus eingeführt, wo -Sie der Klugheit gemäß lieber hätten wegbleiben, -und das Sie hätten scheuen sollen, zu Ihrer -eigenen Ruhe und zur Ruhe einer achtungswürdigen -Familie. Was haben Sie jetzt für -Absichten? Wollen Sie hier, zum Lohne für die -gute Aufnahme, die Sie genießen, Schmerz -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -und Zank erregen? Halten Sie es nicht für angemessener, -da Sie denn nun einmal den Obersten -noch wiedersehen wollen, seine Rückkehr in -Prag abzuwarten?“ -</p> - -<p> -— Ich halte dafür, Werner, daß man sich -in wichtigen Angelegenheiten nicht bei seinen -Feinden Raths erholen müsse, und überdieß bist -du in deinen Rathschlägen eben nicht glücklich. -Warst du es nicht, der mich einst aufforderte, -mich von der Liebe des treulosesten aller Männer -rühren zu lassen? Und dennoch kanntest du -ihn genau, und wußtest, wie groß sein Leichtsinn -sei. Aber dieß hinderte dich nicht, mich -dem Rande des Abgrundes näher zu führen, -und wer steht mir dafür, daß dein jetziger -Rath nicht ebenfalls ähnliche Betrügereien im -Hinterhalt hat? — -</p> - -<p> -„Wenn ich Unrecht that, so ward dieß mehr -in Folge meines damaligen Alters, als meines -Herzens geübt. Jetzt leitet mich nur meine -Theilnahme für ....“ -</p> - -<p> -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -— Ich glaube nicht mehr an die Worte -der Menschen, und gehe auch nicht von dem mir -einmal vorgeschriebenen Wege ab. Da ich mich -jetzt in diesem Hause befinde, so werde ich darin -so lange bleiben, bis Alles für mich aus ist, -und ich den ewigen Qualen entgegengehe, die -mich erwarten. — -</p> - -<p> -„Was haben Sie aber zu fürchten, wenn -Sie nichts Böses gethan haben?“ -</p> - -<p> -— Nicht mit dir, rief die Fremde im heftigsten -Tone, werde ich über diesen Punkt sprechen. -Ich bin es müde, dich anzuhören und dir zu antworten; -ja deine Gegenwart ist mir so lästig, daß -ich ungeduldig auf den Zeitpunkt warte, wo ich -deiner Gesellschaft überhoben werde. — -</p> - -<p> -„Es thut mir leid, Ihnen zu mißfallen; aber -obgleich meine Anwesenheit Ihnen so lästig ist, -so dürfen Sie sich doch nicht schmeicheln, mich -aus den Augen zu verlieren, so lange Sie sich in -diesem Schlosse befinden, und ich werde meine -Wachsamkeit nur noch verdoppeln.“ -</p> - -<p> -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -— Wahrlich, Werner, deine Wachsamkeit -wird auch höchst nöthig sein, und du wirst großen -Vortheil davon haben. Fürchtest du nicht, mich -endlich auf’s Aeußerste zu treiben? Kannst du die -Frechheit haben, mich so zu beleidigen, indem du -mir geradezu dein Mißtrauen gegen mich ausdrückst? -Schwacher Sterblicher! Sobald ich deiner -Obhut müde bin, wirst du aufhören, meinen -Absichten Hindernisse in den Weg zu legen. Sei -überzeugt, daß du, der du mit so vieler Kühnheit -zu mir sprichst, das Schloß eher verlassen wirst, -als ich! — -</p> - -<p> -„Ich zweifle nicht, daß meine Gegenwart -Ihnen lästig ist; allein wenn ich will, so soll keine -Stunde vergehen, und Sie werden einen Laufpaß -erhalten, sich Ihre Wohnung anderswo zu -suchen, wo es Ihnen belieben wird. Ich darf -nur ein Wort sagen ....“ -</p> - -<p> -— Du wirst es nicht sagen, dieses Wort, -denn du kennst die Folgen davon! Glaube mir, -Werner, wenn dir das Glück der Oberstin theuer -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -ist, so laß sie den noch übrigen Theil ihres Lebens -in Ruhe zubringen. Ich werde ihr nur im äußersten -Falle die schreckliche Aufklärung geben, und -wenn ihr Leben vergiftet wird, so bist du allein -die Ursache davon. — -</p> - -<p> -„Aber kurz, was wollen Sie hier? Worauf -gründen Sie Ihre Hoffnung?“ -</p> - -<p> -— Hoffnungen habe ich nicht und kann ich -nicht mehr haben, denn mein Schicksal ist unwiderruflich -bestimmt. Aber ich habe noch Pflichten -zu erfüllen, Befehle zu vollziehen. Früherhin -hätten sie mein Herz zerrissen, das sich dagegen -aufgelehnt haben würde; aber jetzt kommt es -mir nicht mehr darauf an, da ich schon im Voraus -in der Zukunft lesen kann; die Gefühle, denen -ich früher hingegeben war, sind jetzt für mich -verloren. — -</p> - -<p> -„Wahrhaftig, Lodoiska, ich höre Sie sprechen, -aber es ist mir unmöglich, Sie zu verstehen. -Als Sie noch in Ihrem Vaterlande waren, -brauchte ich nicht erst über jedes Ihrer -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -Worte nachzudenken; aber jetzt sind sie mir so -dunkel, daß ich mir vergebens den Kopf darüber -zerbreche. Ich bitte Sie, drücken Sie sich deutlicher -und ohne Umschweife gegen mich aus!“ -</p> - -<p> -Lodoiska antwortete nicht; ein triumphirendes -Lächeln schwebte über ihren Lippen, während -sie gleichgültig mit dem Buche spielte, welches -Wilhelm, der sich beim Eintritte des Unteroffiziers -entfernte, zurückgelassen hatte. Dadurch -entstand ein ziemlich langes Stillschweigen, das -Werner endlich zuerst brach. -</p> - -<p> -„Ich sehe wohl, sagte er voller Aerger, daß es -vergebens ist, Sie auf vernünftige Gedanken zu -bringen. Aber, wenn Sie darauf bestehen, einen -Plan auszuführen, den ich schlechterdings nicht -errathen kann, so vergessen Sie wenigstens nicht, -mit welcher Güte Sie im Schlosse R.... aufgenommen -worden sind, und lassen Sie uns unsere -Gastfreundschaft gegen Sie nicht bereuen!“ -</p> - -<p> -Diese Worte brachten ein flüchtiges Erröthen -in den Gesichtszügen der Fremden hervor; -aber sie nahmen bald ihre gewöhnliche Blässe -wieder an, und Lodoiska antwortete mit großer -Ruhe: -</p> - -<p> -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -„Welchen Vorwurf über mein Betragen, -sei es auch in der Folge wie es wolle, könnte -mir derjenige machen, der voll Entzücken in -dem Hause meines Vaters aufgenommen wurde, -und zum Lohne dafür nur Verzweiflung und -Tod darin zurückließ?“ -</p> - -<p> -Eine so kräftige Erwiderung setzte Wernern -in Verlegenheit. Er fühlte die Richtigkeit -dieses Vorwurfs, doch suchte er seine Verwirrung -zu verbergen, indem er sagte: -</p> - -<p> -„Geschehene Dinge sind nicht zu ändern; -aber die Fehler der andern sind für uns keine -Entschuldigung, und das Böse, was erst noch -geschehen soll, kann das frühere Uebel nicht -wieder gut machen.“ -</p> - -<p> -Lodoiska antwortete ihm nicht. Sie gab -ihm nur ein Zeichen, daß sie wünsche, allein -zu sein, und da Werner fürchtete, von der Oberstin -hier überrascht zu werden, so entfernte -er sich, aber mit dem festen Vorsatze, jeden -Schritt der Feindin des Hauses, wie er sie -nannte, zu belauschen. -</p> - -<p> -Helene, deren Einsamkeit nur selten durch -die Besuche der Nachbarn gestört wurde, hoffte -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -durch die Gesellschaft der jungen Fremden für -die Folge einigen Zeitvertreib zu haben; aber -sie überzeugte sich bald, daß der Umgang mit -ihr nichts weniger als angenehm sei. Ihre beständige -Traurigkeit, ihr Schweigen, wenn man -sie nicht fragte, ihre kurzen Antworten, und mehr -als Alles, das Unbeschreibliche in ihren Gesichtszügen, -waren höchst zurückstoßend für Helenen, -die bald dem mehrmals ausgesprochenen Wunsche -der Fremden nachgab, sie in ihrem Zimmer völlig -allein zu lassen. Lodoiska verließ dasselbe nur -zur Zeit der Mahlzeiten, und setzte sich schweigend -an den Tisch, wo sie kaum so viel Nahrung zu -sich nahm, als zur Erhaltung ihres Lebens höchst -nothwendig war. Vergebens drang man in sie, -mehr zu essen; sie schlug hartnäckig die besten -Speisen aus, und begnügte sich mit etwas -Fleisch, das sie bloß aussaugte; Nahrungsmittel -aus dem Pflanzenreich waren ihr höchst zuwider. -Die Ruhe, deren sie in ihrem Zimmer genoß, -ward nur durch die täglichen Besuche der -Kinder unterbrochen. Sie zeigte sich stets freundlich -gegen dieselben, obgleich sie öfters ganz unbeschreibliche -Blicke auf sie warf. -</p> - -<p> -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -Vierzehn Tage wohnte sie bereits auf dem -Schlosse, und ihr Betragen blieb immer dasselbe. -Vergebens wurde sie stets von Werner belauscht; -er konnte durchaus nichts Verdächtiges entdecken, -obgleich er des Nachts zu allen Stunden aufstand, -und im Schlosse umherschlich. Wider seinen -Willen fing er daher am Ende zu glauben an, -er habe sie falsch beurtheilt, und ließ auch allmählich -in seiner Wachsamkeit nach. -</p> - -<p> -Zu dieser Zeit fing Wilhelm zu kränkeln an, -und setzte seine Mutter in die größte Unruhe. -Das Kind beklagte sich eigentlich über nichts insbesondere, -und dennoch sahe man die Röthe seiner -Wangen schwinden, und seinen Körper immer -mehr abmagern. Bald wurde er so schwach, daß -er nicht mehr gehen konnte; auch das Tageslicht -ward ihm zuwider; aber zu gleicher Zeit nahm -seine Anhänglichkeit an die Fremde zu, die er -kaum mehr verlassen wollte. Wenn man ihn mit -Gewalt von seiner Freundin trennte, gerieth er in -Zorn, und ganze Stunden lang brachte er in -ihrem Arm liegend zu. Lodoiska sahe indessen diese -Zuneigung mit Gleichgültigkeit an, obgleich sie -das Kind nicht von sich entfernte, und darein willigte, -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> -daß es vorzugsweise ihrer Pflege überlassen -wurde. -</p> - -<p> -Helene schrieb Briefe über Briefe an ihren -Mann, theilte ihm den bedenklichen Krankheitszustand -ihres Sohnes mit, und bat ihn, doch -endlich seiner Abwesenheit ein Ziel zu setzen. Von -der Feuersbrunst und dem Aufenthalte der unglücklichen -Fremden im Schlosse hatte sie ihn -schon früher benachrichtigt. Lobenthal theilte in -seinen Antworten Helenens Aengstlichkeit, und -versprach ihr, sich sobald als möglich auf den -Rückweg zu machen, da aller Anschein da sei, -eine völlige Aussöhnung zwischen seiner Schwester -und ihrem Gatten zu Stande zu bringen. -Der Begebenheit mit der Feuersbrunst hatte er -nur wenig seine Aufmerksamkeit geschenkt, und -berührte sie nur im Vorübergehen, indem er das -Betragen Helenens völlig billigte. Alle seine -Briefe schloß er mit den heißesten Wünschen für -die Genesung seines geliebten Wilhelm. -</p> - -<p> -Der Himmel schien seine Wünsche nicht erhören -zu wollen; die Kräfte des Kindes schwanden -immer mehr, sein Athem wurde immer kürzer, -und schon konnte er kaum seinen Kopf in gerader -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -Richtung über den Schultern erhalten, auf welche -er aller Anstrengungen ungeachtet immer -wieder zurückfiel. Helene war außer sich. Zwar -suchte ein geschickter Arzt, der täglich nach dem -Schlosse kam, ihr Trost einzusprechen, allein auch -dieser wußte selbst nicht, was er von der außerordentlichen -Krankheit denken sollte. Das Kind -behielt bei seiner großen Schwäche eine Eßlust, -die mit der Krankheit immer zunahm; es beklagte -sich stets über Hunger, der nur schwer zu stillen -war, und dieß am meisten des Morgens, sobald -er aus seinem todtenähnlichen Schlafe erwachte. -Dann forderte er die kräftigsten und schwersten -Nahrungsmittel, die er verschlang, als wenn er -mehrere Tage lang gar nichts gegessen hätte. Um -die Mutter nicht noch mehr in Angst zu setzen, -that der Arzt, als wenn er gute Hoffnung habe, -das Kind wieder herzustellen; aber insgeheim -sahe er kein Mittel vor Augen, wie er sein Versprechen -erfüllen sollte. -</p> - -<p> -Lodoiska verließ ihren kleinen Freund nur -selten; sie hörte die Fragen des Arztes, die Klagen -der Mutter mit an, ohne sich je in das Gespräch -zu mischen. Nur wenn das Kind die Arznei -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -einnehmen sollte, wendete sie ihren Einfluß auf -den kleinen Wilhelm an, der sie dann freundlich -anlächelte, ihre Hand nahm, und artig zu sein -versprach, wenn Lodoiska bei ihm bleiben wollte. -</p> - -<p> -„Sei ruhig, mein Kind, sagte sie, und fürchte -deßhalb nichts. Ich habe mich zu innig mit deinem -Wesen vereinigt, als daß ich mich von dir -trennen könnte, und ich werde dich nur in dem -verhängnißvollen Augenblicke aufgeben, wo man -Alles auf der Erde verlassen muß.“ -</p> - -<p> -Diese liebreichen Worte verloren für die -Zuhörer allen Werth, weil sie mit der äußersten -Gleichgültigkeit und Trockenheit ausgesprochen -wurden. Die Fremde legte überhaupt nur selten -einen Ausdruck in das, was sie sagte oder that, so -daß man sie weniger für ein lebendiges Geschöpf, -als für ein belebtes Automat zu halten geneigt -war, das sich bloß nach dem Uhrwerk in seinem -Innern auf eine stets gleichförmige Weise bewegte. -So viel Kälte erregte öfters bei Helenen eine -leichte Anwandlung von Zorn, die aber sogleich -wieder unterdrückt wurde, wenn sie sich erinnerte, -daß der Verstand dieser unglücklichen Fremden -ohne Zweifel gelitten haben müsse. Auch war dieß -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -die Ursache, warum sie nicht die Fragen an sie that, -die man sonst wohl das Recht hat, an Jemanden -zu richten, der in ein Haus eingeführt und aufgenommen -ist. Sie wußte von Lodoiska selbst, -daß deren Aufenthalt in Deutschland nicht mehr -lange dauern würde, daher sie sich auch vorgenommen -hatte, bis zum nächsten Frühling der Fremden -die Gastfreundschaft zu gewähren. -</p> - -<p> -Der gute Werner, der den kleinen Wilhelm -über allen Ausdruck liebte, war über seine Krankheit -ganz untröstlich. Er selbst lebte kaum nur -noch zur Hälfte, da es augenscheinlich war, daß -der Knabe seinem Grabe entgegenging; ja er gerieth -endlich in eine Art von Verzweiflung, so -daß er den Verdacht schöpfte: Wilhelm möchte -wohl vergiftet sein, und Lodoiska sei die Urheberin -dieses abscheulichen Verbrechens. Dieser Gedanke -ließ ihm von nun an keine Ruhe mehr, und -er sann auf nichts, als auf die Art, wie er seinen -Verdacht entweder aufklären oder wieder vernichten -könnte. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-12"> -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> -Zwölftes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>erner beobachtete seit einigen Tagen die -Fremde mit erneuerter und verdoppelter Wachsamkeit, -ohne indessen etwas Verdächtiges auffinden -zu können. Wilhelm schien mit jeder Minute -den Geist aufgeben zu wollen, und es ward -also angeordnet, daß seine Mutter, Werner oder -Lisette abwechselnd des Nachts bei ihm wachen -sollten. Dieser Zeitpunkt, welcher entscheidend -zu sein schien, war derjenige, wo ein ziemlich -merkbares Besserbefinden einige Hoffnung gab, -daß das Kind dennoch wieder genesen könnte. -Sein völlig abgemagerter Körper erhielt einige -Kräfte wieder; schon verbreitete sich eine leichte -Röthe über seine eingefallenen Wangen, und im -ganzen Schlosse herrschte die lauteste Freude. Nur -Lodoiska blieb völlig gefühllos. Der lauschende -Blick Werners, der sie nicht aus den Augen verlor, -glaubte bei ihr eine Veränderung zu bemerken, -die der des Kindes gerade entgegengesetzt -war; sie verlor einen guten Theil von <a id="corr-11"></a>ihrem körperlichen -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -Umfange. Ueber ihr leichenblasses Gesicht -war eine verdächtige Unruhe verbreitet, und -ihr Gang wurde holperig und schleppend. Oft -legte sie eine Hand auf die Wunde, welche Werner -unter ihrer linken Brust gesehen hatte, und drückte -sie mit Heftigkeit, als wenn sie das Leben, das -hier zu entschlüpfen drohte, hätte zurückhalten -wollen. Zweimal überraschte Werner sie, wie sie -das kranke Kind mit der Aufmerksamkeit einer -wilden Ungeduld betrachtete, und eine Bewegung, -schrecklich für den, welcher sie verstanden hätte, -drückte dabei ihre Gedanken aus. Allein Werner -errieth sie nicht; er sah jedoch genug, um überzeugt -zu sein, daß entweder die Fremde mit dem -morgenden Tage das Schloß verlassen, oder daß -das Kind sein Leben endigen müsse. Er nahm sich -vor, mit der größten Klugheit zu Werke zu gehen, -und der Oberstin so viel zu sagen, daß sie zuerst -die Fremde auffordern würde, sich anderswo -eine Wohnung zu suchen, weil es nicht anginge, -daß sie noch länger in ihrer jetzigen bleiben könne. -</p> - -<p> -Unterdessen war die Nacht schon angebrochen. -Die Oberstin, von Mattigkeit fast erschöpft, weil -sie seit mehreren Tagen selbst bei ihrem Sohne gewacht -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -hatte, fühlte heute ein unwiderstehliches -Bedürfniß, etwas Ruhe zu genießen, und sie -wollte daher eins der Dienstmädchen zur Wache -für diese Nacht bestimmen, als Lodoiska, von -dieser Absicht unterrichtet, sich selbst erbot, ihrem -jungen Freunde diesen Dienst zu leisten. Helene -glaubte, es ihr nicht abschlagen zu dürfen, vorzüglich -da sie bisher noch nicht bei dem kleinen -Wilhelm gewacht hatte, was man nicht wagen -wollte, ihr anzumuthen. -</p> - -<p> -Die Sache wurde sogleich abgemacht, und -Lisette brachte, wahrscheinlich aus Vergeßlichkeit, -dem guten Werner davon keine Nachricht. Dieser -legte sich also in der Ueberzeugung zu Bett, -daß der Sohn seines Obersten die Nacht unter -der Obhut der zärtlichsten Mutter zubringen würde; -aber kaum hatte er sich niedergelegt, so durchkreuzte -seinen Kopf eine Menge der peinlichsten -Ideen. Einige Augenblicke lang bemächtigte sich -dann der Schlaf seiner Sinne, ohne ihm jedoch -Ruhe zu verschaffen; er ward von den seltsamsten -Träumen bis auf’s Aeußerste geängstigt. Bald -glaubte er mitten im Walde, welcher sich hinter -dem Garten des Schlosses R.... befand, umherzuirren; -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -plötzlich stürzte eine Räuberbande über -ihn her, und er blieb nach einem heftigen Kampfe -sterbend auf der Erde liegen; bald versetzte ihn -eine Erinnerung aus früheren Zeiten in die Wohnung -von Lodoiska’s Vater. Er sah auf dem -Hausflur einen Sarg, mit einem schwarz und -weißen Leichentuche behangen, und mit einer -Krone von Lilien und weißen Nelken geschmückt; -eine Menge junger Mädchen stand umher, bis ein -Geistlicher erschien, und den Zug nach dem Kirchhofe -führte. Hier wurde der Sarg in ein offenes -Grab versenkt; die Zuschauer entfernten sich. -Werner allein war noch stehen geblieben, und -sahe, daß es plötzlich tiefe Nacht um ihn her geworden. -Mit einem fürchterlichen Donnerschlage -erschien der Mond; kaum hatte dieser die Gegend -umher erleuchtet, so öffnete sich unter dumpfem -Brausen eines heftigen Sturmwindes die Erde, -und in ein Leichentuch gehüllt steigt langsam eine -Gestalt aus dem frischen Grabe empor. Immer -höher erhebt sie sich in die Lüfte, und durch eine -unwiderstehliche Macht wird Werner ihr nach -mit fortgerissen. Sie durchfliegt mit reißender -Schnelligkeit ungeheure Räume, während der -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> -halb betäubte Soldat sie stets begleitet, bis endlich -beide sich wieder zur Erde niederlassen. Werner -erkennt das Schloß R.... und schaudert -über das, was hier vorgehen soll. Sein geheimnißvoller -Führer zieht unter seinem Leichentuche -eine Hand hervor, welche aber nichts als ein Gerippe -ist, und klopft damit an die Thür des -Schlosses; sie wird ihm aufgethan, und in demselben -Augenblicke dreht die Gestalt sich um; -der erstaunte Werner erkennt in ihr das zornige -Gesicht Lodoiska’s. — -</p> - -<p> -Ein so fürchterlicher Traum konnte nicht -länger dauern; Werner erwachte, ganz in seinem -Schweiße gebadet, und kaum wagte er in der ihn -umgebenden Finsterniß die Augen aufzuschlagen. -Als er sich nach und nach besann, schien es ihm, -als wenn der Himmel selbst ihm eine schreckliche -Aufklärung gegeben hätte, von welcher er jetzt -Gebrauch machen müsse. Alle Wunder, über die -er bisher erstaunte, sind ihm jetzt erklärt, denn -im Grabe hat Lodoiska die Macht geschöpft, womit -sie ihn überraschte. Bisher hatte er geglaubt, -bloß gegen ein von Leidenschaft verblendetes Weib -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> -zu kämpfen, und jetzt ist es ein höllischer Geist, -mit dem er sich messen soll. -</p> - -<p> -Während sich Werner so dem Fluge seiner -Einbildungskraft überließ, erinnerte er sich, daß -die Oberstin heute bei ihrem Sohne wachen würde: -ein günstiger Zeitpunkt, um ihr die wichtigen -Entdeckungen zu machen, wodurch Werner -sie und ihre Familie zu retten hoffte; denn leicht -war es möglich, daß Lodoiska jetzt in einen irdischen -Schlaf versunken sein konnte, und daher -nicht im Stande war, sich seinem Vorhaben zu widersetzen. -Dieser Gedanke gab ihm einen raschen -Entschluß; er sprang sogleich aus dem Bette, -kleidete sich rasch an und eilte nach der Thür; aber -hier fiel ihm ein, daß es gefährlich sein könne, -ohne Waffen durch die weitläuftigen Gänge und -Säle des Schlosses zu gehen, weil es möglich sei, -daß vielleicht ein schrecklicher Vampyr darin umherirre. -Beim Schein des Mondes, der seine -Strahlen durch das Fenster warf, suchte er seine -Pistolen, die stets geladen waren; dann verließ -er endlich sein Zimmer, und nahm seinen Weg -nach dem des kranken Kindes, wo er die Gemahlin -seines Obersten anzutreffen hoffte. -</p> - -<p> -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -In beständiger Furcht, daß das geringste Geräusch -Lodoiska’s Aufmerksamkeit wecken könnte, -ging er nur langsam und so leise als möglich vorwärts; -er hielt seinen Athem an, und zitterte bei -dem Gedanken, überrascht zu werden. Schon hat -er die Haupttreppe erstiegen und befindet sich in -dem großen Saale, ohne das Geringste wahrgenommen -zu haben; er tritt jetzt in den Gesellschaftssaal, -den er ebenfalls unangefochten durchschleicht, -und ist schon im Begriff, die Thür des -Zimmers zu öffnen, in welchem sich die Oberstin -bei ihrem Kinde befindet, als es ihm einfällt, daß -sie wohl eingeschlummert sein könnte, und daß -er durch sein plötzliches Erscheinen ihr einen großen -Schrecken verursachen würde. Um sich vorher -zu überzeugen, ob sie schläft oder wacht, näherte -er also sein Auge dem Schlüsselloche, und blickt -in’s Zimmer hinein. -</p> - -<p> -Welche Ueberraschung! Nicht Helene befindet -sich hier, sondern die unerklärbare Lodoiska! -Sie geht mit langsamen Schritten auf und nieder, -aber scheint nichts desto weniger in der größten -Ungeduld zu sein; bald blickt sie auf das Bett, -in welchem das kranke Kind ruht, bald auf den -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -Mond, der in einem völlig wolkenleeren Himmel -immer höher steigt ..... Jetzt schlägt die Schloßuhr -zwölfe! ..... In demselben Augenblicke -werden Lodoiska’s Gesichtszüge völlig entstellt, -und eine schreckliche Freude scheint ihre Muskeln -zusammenzuziehen; mit der größten Heftigkeit -reißt sie sich den Handschuh ab und stürzt sich wie -wüthend über das Bett her. Hier legt sie ihren -Mund auf den des Kindes und scheint mit langen -Zügen das Blut zu trinken, das sie aus der Brust -und von da aus allen Adern dieses unglücklichen -Wesens hervorsaugt! — -</p> - -<p> -Dieß ist zu viel für den guten Werner. Sollte -er auch sein Leben verlieren, er kann dieses -schreckliche Schauspiel nicht länger mit ansehen; -er spannt eine seiner Pistolen, reißt die Thür mit -Gewalt auf, und stürzt sich auf das Ungeheuer los, -um ihm den Lohn für seine Verbrechen zu geben. -</p> - -<p> -„Endlich habe ich dich ertappt! rief er aus. -Kehre jetzt zur Hölle zurück, und besudele die Erde -nicht mehr mit deiner Gegenwart!“ Er drückt -seine Pistole auf sie ab, und Lodoiska wird von -der Kugel getroffen; aber schneller als der Adler, -der in seinem Neste von dem kühnen Jäger überrascht -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> -wird, springt sie von dem Lager auf, das -sie so eben entweihete. -</p> - -<p> -— Elender, sagte sie, deine Mühe ist vergebens! -du selbst sollst jetzt mein Geheimniß mit -in’s Grab nehmen! — -</p> - -<p> -Ein scharf geschliffener Dolch blitzt in ihrer -Hand; Werner giebt zum zweiten Male Feuer, -aber die Kugel fährt unschädlich neben Lodoiska -vorbei in die Mauer, und in demselben Augenblicke -wühlt das mörderische Eisen in seinem Herzen. -Ohne einen Laut von sich zu geben fällt -Werner todt auf den Fußboden nieder. -</p> - -<p class="end"> -Ende des ersten Theils. -</p> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="part"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="handheld-only"> -Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Im Original -g e s p e r r t -hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert. -</p> - -<p> -Die variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des Originales -wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden -korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... deine Ruhe wiederfinden, und alle <span class="underline">unangenehme</span> ...<br /> -... deine Ruhe wiederfinden, und alle <a href="#corr-0"><span class="underline">unangenehmen</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">unglückliche</span> Geschöpfe antrifft, die, um einen ...<br /> -... <a href="#corr-1"><span class="underline">unglücklichen</span></a> Geschöpfe antrifft, die, um einen ...<br /> -</li> - -<li> -... einer Frau, die seine <span class="underline">Zärtlicheeit</span> verdient. ...<br /> -... einer Frau, die seine <a href="#corr-2"><span class="underline">Zärtlichkeit</span></a> verdient. ...<br /> -</li> - -<li> -... Er wußte nicht, ob er <span class="underline">seinen</span> Zorn den Lauf ...<br /> -... Er wußte nicht, ob er <a href="#corr-3"><span class="underline">seinem</span></a> Zorn den Lauf ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Dinstag</span> erfuhr ich, daß sich hier in der ...<br /> -... <a href="#corr-4"><span class="underline">Dienstag</span></a> erfuhr ich, daß sich hier in der ...<br /> -</li> - -<li> -... Eilen Sie <span class="underline">Ihren</span> Schicksale nicht im Voraus ...<br /> -... Eilen Sie <a href="#corr-5"><span class="underline">Ihrem</span></a> Schicksale nicht im Voraus ...<br /> -</li> - -<li> -... sich selbst <span class="underline">zn</span> kommen, und sprach bald über ...<br /> -... sich selbst <a href="#corr-6"><span class="underline">zu</span></a> kommen, und sprach bald über ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">zusamen</span>? — Da die Sonne hinter den ...<br /> -... <a href="#corr-7"><span class="underline">zusammen</span></a>? — Da die Sonne hinter den ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Bedienter</span> behandelte; meine Geschäfte mit ...<br /> -... <a href="#corr-8"><span class="underline">Bediente</span></a> behandelte; meine Geschäfte mit ...<br /> -</li> - -<li> -... Zweifel, ob er seine <span class="underline">Ausforderung</span> erneuern ...<br /> -... Zweifel, ob er seine <a href="#corr-9"><span class="underline">Aufforderung</span></a> erneuern ...<br /> -</li> - -<li> -... als Lisette das <span class="underline">Bettuch</span>, in welches Lodoiska ...<br /> -... als Lisette das <a href="#corr-10"><span class="underline">Betttuch</span></a>, in welches Lodoiska ...<br /> -</li> - -<li> -... war; sie verlor einen guten Theil von <span class="underline">ihren</span> körperlichen ...<br /> -... war; sie verlor einen guten Theil von <a href="#corr-11"><span class="underline">ihrem</span></a> körperlichen ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. -Erster Theil., by Theodor Hildebrand - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VAMPYR: ERSTER THEIL *** - -***** This file should be named 51694-h.htm or 51694-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/1/6/9/51694/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. 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