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-The Project Gutenberg EBook of Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster
-Theil., by Theodor Hildebrand
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster Theil.
- Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen
-
-Author: Theodor Hildebrand
-
-Release Date: April 8, 2016 [EBook #51694]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VAMPYR: ERSTER THEIL ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.
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- Der
- Vampyr,
- oder:
- Die Todtenbraut.
-
-
- Ein Roman
- nach neugriechischen Volkssagen.
-
- Von
- Theodor Hildebrand.
-
- Erster Theil.
-
- Leipzig, 1828.
- bei Christian Ernst Kollmann.
-
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-
- Der
- Vampyr,
- oder:
- Die Todtenbraut.
-
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-
-
- Erstes Kapitel.
-
-
-Ein unglückliches, aber unverdientes Schicksal zwang den russischen
-Obersten _Alfred Lobenthal_, im Jahr 1818 seinen Abschied zu nehmen. Er
-begab sich nach Berlin, seinem Geburtsorte, wo er gern sein Leben
-beschlossen haben würde; aber sein Verhängniß hatte es anders über ihn
-bestimmt. Nach einem kaum halbjährigen Aufenthalte in dieser prächtigen
-Königsstadt trat Alfred eines Morgens tief bekümmert in das Zimmer
-seiner Gemahlin und kündigte ihr an, daß eine gebieterische
-Nothwendigkeit ihn zwinge, Berlin zu verlassen und in einer entfernten
-Gegend einen einsamen Aufenthaltsort zu suchen, wo sie in Ruhe und
-Frieden leben könnten.
-
-_Helene_, die Gemahlin des Obersten, erschrak über diese Neuigkeit, aber
-sie verlor den Muth nicht. Sie liebte ihren Gatten zärtlich, und ward
-eben so von ihm wieder geliebt; den übrigen Theil ihres Glücks machten
-ihre Kinder aus, und wo sie sich auch befinden mochte, so war sie
-zufrieden, wenn sie nur von ihren Lieben nicht getrennt wurde; die
-Augenblicke der Muße, die ihr die Pflichten als Mutter und Hausfrau noch
-übrig ließen, drohten nirgends, ihr Langeweile zu machen, weil Musik und
-Malerei diesen Feind der Ruhe von ihr verscheuchen konnten. Daher war
-sie auch eben nicht betrübt, als sie die unerwartete Neuigkeit erfuhr;
-kaum fragte sie ihren Gatten nach der Ursach dieses plötzlichen
-Entschlusses. Nur das wünschte sie zu wissen, ob vielleicht seine
-politischen Meinungen abermals Alfred's Sicherheit in Gefahr setzten.
-Nachdem sie hierüber beruhigt worden, und erfahren hatte, daß der
-Bankerott eines bedeutenden Handelshauses ihn um einen großen Theil
-seines Vermögens bringe, weßhalb es nothwendig sei, einige Jahre in der
-größten Zurückgezogenheit zu leben: umarmte sie ihren Gatten voll
-Zärtlichkeit und versicherte ihn, daß sie ohne Mühe das Geräusch der
-Hauptstadt mit der Einsamkeit des Landlebens vertauschen würde.
-
-Der Oberst betrieb seine Abreise mit der größten Eilfertigkeit. Er
-wollte nicht einmal den Verkauf seines prächtigen Mobiliar's abwarten,
-sondern bat einen Freund, dieses Geschäft an seiner Stelle zu
-übernehmen; und schon am folgenden Tage nach der Mittheilung seines
-Entschlusses an seine Frau reisete er mit ihr und seinen Kindern, nur
-von einem einzigen Bedienten begleitet, ab, ohne von seinen Bekannten
-und Verwandten Abschied genommen zu haben.
-
-Sobald Alfred das Thor hinter sich hatte, schien er gleichsam von einer
-großen Last befreit zu sein. Seine Blicke, die unruhig hier und dort
-umherirrten, so lange er sich in der Stadt sahe, nahmen plötzlich den
-Ausdruck der Ruhe an, als er sich im Freien befand; er schien jetzt
-freier athmen zu können, und seiner Frau lebhaft die Hand drückend, rief
-er aus: »Endlich haben wir die Stadt im Rücken! O, wie verhaßt ist sie
-mir, wie lange dauerte mir die Zeit, bis der Wagen zum Thore
-hinausfuhr!«
-
--- Ist es möglich, lieber Alfred, erwiederte seine Frau, daß du so
-sprechen kannst? Ist denn Berlin nicht mehr deine Geburtsstadt? Hat sie
-allen Reiz für dich verloren, da du doch sonst immer mit Entzücken von
-ihr sprachst? Ist sie nicht mehr dieselbe Stadt, und kann sie dir
-deßhalb mißfallen, weil sich unsere Lage geändert hat? --
-
-»Ja, ich gestehe es, antwortete der Oberst, was mich sonst entzückte,
-mag ich jetzt kaum mit Augen sehen. Ich fühle, daß es mir unmöglich sein
-würde, nur noch einen Tag länger in Berlin zu bleiben.«
-
--- Nun, so sei doch jetzt zufrieden, da wir diese dir so verhaßte Stadt
-schon im Rücken haben. Möchtest du in einer andern deine Ruhe
-wiederfinden, und alle unangenehmen Erinnerungen vergessen! --
-
-»Von welcher Stadt sprichst du denn, mein Kind?«
-
--- Nun, von derjenigen, in welcher wir künftig wohnen werden. Wir
-befinden uns auf der Straße nach Potsdam; willst du vielleicht nach
-Dresden, nach Leipzig, oder noch weiter? --
-
-»Ach, liebe Helene, sagte der Oberst verlegen, es wird mir schwer, dich
-ganz mit dem Opfer bekannt zu machen, das du mir bringen sollst. Denkst
-du, ich verlasse Berlin, um in einer andern Stadt zu wohnen? Ach nein,
-in meiner Lage gefällt mir nur die Einsamkeit! Liebe Helene! wirst du
-dich nicht über meinen grausamen, Entschluß beklagen? Ich will eine
-abgelegene ländliche Wohnung suchen, wo nichts ....«
-
-Eine plötzliche Röthe überzog bei diesen Worten die schönen männlichen
-Gesichtszüge des Obersten; er hielt mitten in seiner Rede inne, und sahe
-Helenen mit einem unbeschreiblichen Blicke an, in welchem indessen die
-schmerzhaftesten Empfindungen nicht zu verkennen waren.
-
-Helene würde sich vielleicht hierüber beunruhigt haben, wenn sie
-geglaubt hätte, daß geheime Ursachen dem Schmerze ihres Gatten zum
-Grunde lägen. Allein sie wußte, wie sehr ihm der Verlust eines Theils
-seines Vermögens, bloß aus Liebe zu ihr und ihren Kindern, zu Herzen
-ging; sie kannte seine Zärtlichkeit für sie, und fürchtete, daß es ihn
-bekümmern möchte, sie mitten aus den Vergnügungen der großen Welt in die
-Einsamkeit des Landlebens zu versetzen. Ohne daher weiter über Alfreds
-Betragen nachzudenken, hielt sie sich bloß an den Schein, und sagte,
-ihrem Gatten die Hand drückend:
-
-»Beruhige dich, lieber Alfred; mir ist wenig daran gelegen, welchen
-Winkel der Erde ich bewohne, wenn ich nur mit dir und meinen Kindern
-bin. Meine Pinsel und Farben sind hier in diesem Kästchen, meine Harfe
-wird mir nachgesandt: was könnte mir nun noch zu meinem Glücke fehlen?«
-
--- Wie, theure Helene, du fürchtest dich nicht vor dem einsamen
-Landleben? --
-
-»Es würde der Fall sein, wenn ich von den drei mir theuren Wesen
-entfernt wäre; mit ihnen ist meine Zufriedenheit stets vollkommen.«
-
--- O, von welcher Unruhe befreist du mich; denn ich glaube, daß du
-aufrichtig sprichst! Wohlan, so gestehe ich dir, daß nur die Einsamkeit
-und Zurückgezogenheit meinem jetzigen Zustande anpassend ist, daß ich
-der Entfernung von allem Geräusche des Lebens bedarf. Ich will also
-einen Zufluchtsort aufzufinden suchen, der nicht so nahe bei einer Stadt
-liegt, daß man uns belästigen wird, der aber auch nicht allzuweit
-entfernt ist, um aller Annehmlichkeiten der Städte entbehren zu müssen,
-wozu insbesondere auch die Hülfe der Arzneikunst gehört, wenn die
-Gesundheit _Wilhelms_ und _Juliens_ (die Namen ihrer beiden Kinder)
-derselben bedürfen möchten. -- --
-
-»Nun, Alfred, und wo denkst du diesen Zufluchtsort zu finden?«
-
--- In Böhmen, nicht weit von Prag. --
-
-»Es scheint mir aber, daß du bei allen deinen früheren Reisen noch nie
-in dieser Gegend gewesen bist. Hast du dort vielleicht Bekanntschaften,
-und kennst du schon den Ort unseres künftigen Aufenthalts?«
-
--- Nein, durchaus nicht; ich überlasse Alles dem Zufalle, und gerade,
-weil ich in Böhmen völlig unbekannt bin, reise ich dorthin. Ich hoffe,
-daß so meine Spur völlig verloren gehen wird, daß ich dort keiner
-Verfolgung ausgesetzt sein werde ... denn der Anblick der Menschen ist
-mir jetzt verhaßt. Ach, könnte ich die Vergangenheit aus meinem
-Gedächtnisse verwischen! Theure Helene, wie sehr wünschte ich, nur für
-dich gelebt zu haben! --
-
-Diese zärtlichen Worte, die ihrer Natur nach Helenen nur angenehm sein
-konnten, brachten indessen in ihrem Herzen eine gerade entgegengesetzte
-Empfindung hervor. Der Ton, mit welchem ihr Gemahl sie ausgesprochen
-hatte, schien einen bittern Vorwurf gegen sie selbst anzudeuten, und
-seine Physiognomie sagte dabei mehr als seine Worte. Helene liebte ihren
-Mann noch, wie in den ersten Tagen ihrer Ehe; bis jetzt hatte sich in
-ihrem Herzen noch nie eine eifersüchtige Empfindung geregt, weil Alfreds
-Betragen sie überzeugte, daß sie allein in seinen Gedanken herrschte;
-aber diese Ruhe konnte von einem Augenblick zum andern getrübt werden.
-Helene hatte bis jetzt noch nie ernstlich über das Leben ihres Mannes
-nachgedacht, das er vor der Bekanntschaft mit ihr geführt haben könnte;
-sie wußte, daß ein junger, hübscher Offizier nicht anders als eine Menge
-verliebter Abentheuer gehabt haben konnte; aber sie glaubte, daß Alfred
-nicht Zeit gehabt hatte, sich Gefühlen hinzugeben, die nur dann erst
-gefährlich werden, wenn sie lange dauern. In dieser Hinsicht war also
-Helene frei von Unruhe; indessen stieg ihr doch jetzt der unglückliche
-Gedanke auf, daß wohl eine ältere Liebes-Intrigue ihren guten Theil an
-der so plötzlichen Reise, die einer übereilten Flucht glich, haben
-könnte.
-
-Wie auch die Gedanken Helenens in dieser Hinsicht gewesen sein mochten,
-so hütete sie sich doch wohl, sie laut werden zu lassen; sie suchte
-vielmehr, sie zu unterdrücken, indem sie ein gleichgültiges Gespräch
-anfing. Hierbei kamen ihr die Fragen ihrer Kinder zu Hülfe, und Alfred,
-der sich über ihr unschuldiges Geschwätz freuete, suchte ihre Neugierde
-zu befriedigen. Der Oberst bemerkte indessen, daß die Miene seiner
-Gemahlin ernster und nachdenkender geworden war; da er diesen Anschein
-von Kummer nur ihrer Abreise von Berlin zuschrieb, so gab er sich alle
-Mühe, sie durch seine Zärtlichkeit wieder aufzuheitern, was ihm auch so
-gut gelang, daß Helene, von seiner Liebe zu ihr gerührt, alle ihre
-leeren Muthmaßungen bei Seite warf, und sich ganz dem Glücke überließ,
-mit ihrem Gatten und ihren Kindern leben zu können.
-
-
-
-
- Zweites Kapitel.
-
-
-Kaum war die Familie in Prag angekommen, so verlor der Oberst auch
-keinen Augenblick mehr, die einsame Wohnung ausfindig zu machen, nach
-welcher er sich so herzlich sehnte. Er wendete sich an einen
-Kommissionär, um zu erfahren, ob er irgend eine ländliche Wohnung,
-entfernt von allen großen Straßen, aber doch nicht zu weit von der Stadt
-entlegen, miethen oder kaufen könnte; und der Zufall entsprach hierbei
-völlig seinen Wünschen. Der Eigenthümer des Schlosses R...., in einer
-romantisch schönen und fruchtbaren Gegend, ungefähr zwei Stunden von
-Prag, bewohnte dieses uralte Gebäude nicht; vergebens hatte er schon
-seit längerer Zeit Liebhaber des Landlebens gesucht, aber bis jetzt noch
-keinen Miether finden können; daher ging er auch leicht in die
-Bedingungen ein, die ihm der Oberst Lobenthal machte, und der, kaum
-unterrichtet, daß das Schloß zu vermiethen sei, dahin geeilt war, um es
-zu besichtigen. Entzückt von seiner Lage, die ganz so war, wie er sie
-wünschte, errichtete Alfred sogleich einen Miethsvertrag in gehöriger
-Form, und begab sich mit seiner Familie nach seiner neuen Wohnung. Die
-nöthigen Möbel, einfach aber bequem, nicht prächtig, aber geschmackvoll,
-hatte er in der Stadt gekauft, und ließ sie unter Aufsicht eines alten
-Unteroffiziers von seinem Regiment nachkommen. Dieser, Namens _Werner_,
-ebenfalls ein Deutscher, ein tapferer Soldat, war schon früher in
-Rußland mit einer kleinen Pension verabschiedet worden; allein aus
-Anhänglichkeit an seinen Obersten, der ihm einst in einer Schlacht das
-Leben gerettet hatte, wollte er schlechterdings das Schicksal desselben
-theilen, und er nahm bei ihm weniger die Stelle eines Bedienten, als
-eines treuen und völlig ergebenen Freundes ein. Eine Köchin und ein
-Hausmädchen, beide in Prag in Dienst genommen, machten das Hauswesen des
-Obersten vollständig; denn Helene und ihr Gemahl hatten auf allen Luxus
-verzichtet, weil er durchaus keinen Reiz mehr für sie gewährte.
-
-Die ersten Tage nach ihrer Ankunft im Schlosse R.... verflossen unter
-Beschäftigungen, die gewöhnlich mit der Veränderung des Wohnsitzes
-verbunden sind. Die Arbeiter waren in jener Gegend selten zu haben, oder
-ungeschickt, und die ganze innere Einrichtung beruhte daher auf des
-Obersten und Werners Thätigkeit. Sie leimten die Tapeten an, hingen die
-Spiegel auf, stellten die Möbel an ihren Ort, schlugen die Betten auf,
-u. s. w. und ihre Hände, nur gewohnt, die Waffen zu führen, wußten sich
-äußerst geschickt der Werkzeuge friedlicher Arbeiter zu bedienen.
-
-Auch Helene war ihrerseits nicht müßig; die Wäsche, die Küche, die
-Speisekammer gaben ihr vollauf zu thun; sie vernachlässigte nichts, und
-indem die beiden Gatten so mit einander arbeiteten, verschönerten sie
-ihre Zeit durch die Ergießungen ihrer Zärtlichkeit und durch die
-Glückseligkeit eines vollkommnern gegenseitigen Vertrauens. Doch mitten
-unter diesen leichten Arbeiten verdunkelte oft eine plötzliche
-Erinnerung die heitere Stirn des Obersten; ein unwillkührliches Erbeben,
-das er sogleich wieder zu unterdrücken suchte, bewies, daß ihn ein
-geheimer Kummer drücken müsse, und mehr als einmal mußte Helene ihr
-Gesicht abwenden, um ihrem Gatten nicht noch mehr Unruhe zu verursachen,
-wenn er sähe, daß sie seinetwegen ebenfalls bekümmert sei.
-
-Oefters schien Alfred wieder völlig heiter zu sein; die Gegenwart seiner
-Kinder machte ihm Vergnügen, und sehr häufig nahm er an ihren
-unschuldigen Spielen Theil; bald beschäftigte er sich mit seiner Flöte,
-bald durchstrich er, von einem Jagdhunde begleitet, die zahlreichen
-umliegenden Thäler und Berge. Hier aber, von dickem Gebüsch umgeben,
-setzte er sich oft am Fuße einer Eiche nieder, und überließ sich seinen
-Träumereien, welche dann mehrere Stunden lang dauerten. Erst die
-einbrechende Abenddämmerung, oder einige vorübergehende Landleute
-weckten ihn aus seinem fast bewußtlosen Zustande; er schlug sich dann
-heftig vor die Stirn, und eilte schnellen Schrittes nach dem Schlosse
-zurück.
-
-Hätte Helene nur Geschmack für die Vergnügungen der großen Welt gehabt,
-so würde sie sich in ihrem jetzigen Aufenthalte äußerst unglücklich
-gefühlt haben. An Gesellschaft war hier wenig zu denken; die in der Nähe
-wohnenden Herrschaften kamen nur im Sommer auf's Land, und sechs Monate
-lang im Jahre würde es Niemand von ihnen gewagt haben, sich zwischen die
-Berge und Felsen zu begeben, die im Winter fast gänzlich unzugänglich
-waren. Wir haben aber schon gesagt, daß Helene in sich selbst
-vortreffliche Hülfsmittel zum Zeitvertreib fand. Wenn das Hauswesen ihre
-Thätigkeit nicht in Anspruch nahm, so vergnügte sie sich durch Musik,
-Malerei und das Lesen der besten Werke unserer schönen Literatur, oder
-sie fand hinreichenden Genuß in der Gesellschaft ihres Mannes und ihrer
-Kinder.
-
-Ein ganzes Jahr verging, ohne daß irgend eine außerordentliche
-Begebenheit eine Abwechselung in dem stillen und einförmigen Leben der
-Familie Lobenthal hervorgebracht hätte. Je mehr die Zeit verfloß, desto
-mehr erlangte der Oberst seine Ruhe wieder, und keine unangenehme
-Erinnerung schien ihn mehr zu belästigen. Helene, die ihren Gatten sehr
-genau beobachtet hatte, freute sich heimlich darüber. Nur selten war
-Alfred jetzt vom Schlosse abwesend; er ging nicht mehr so häufig, wie im
-Anfange, auf die Jagd, sondern war fast immer bei seiner Frau und seinen
-Kindern, mit deren Erziehung er sich beschäftigte; zum Zeitvertreib ließ
-er sich auch die Verschönerung des Schloßgartens angelegen sein, den er
-mit mehreren seltenen und schönen Blumen bereichert hatte.
-
-Auch der Winter war an diesem einsamen und abgelegenen Orte für Alfred
-und Helenen nicht ohne allen Reiz, denn sie verstanden, sich selbst
-genug zu sein. Wenn der häufig fallende Regen die Wege in der Umgegend
-so verdorben hatte, daß es völlig unmöglich war, spazieren zu gehen, so
-diente der weite Saal des Schlosses zum gymnastischen Tummelplatz, wo
-Vater und Kinder sich für die körperliche Ausbildung der letztern
-heilsamen Leibesübungen überließen. Ohne Unterlaß hallte dann von den
-langen und hohen leeren Wänden ein lautes und herzliches Gelächter
-wieder. Den Stunden des Vergnügens folgte ein lehrreicher Unterricht;
-die Abende verflossen unter angenehmen Erzählungen, womit Helene ihre
-beiden kleinen aufmerksamen Zuhörer in Erstaunen setzte, und voll
-Entzücken betrachtete dann Alfred dieses Gemälde der häuslichen
-Glückseligkeit. Man achtete nicht der Stürme, des Schnees und Regens,
-der gegen die Fenster prasselte, und nach und nach verschwand jede
-Erinnerung an eine bittere Vergangenheit.
-
-Auch der nächste Frühling verfloß in dieser angenehmen Ruhe. Um die
-Mitte des Monats Juli erhielt aber der Oberst einen Brief, der ihn mit
-neuem Kummer erfüllte. Er hatte eine Schwester, die in Stettin an einen
-königlichen Beamten verheirathet war. Gegenseitiges Unrecht unter den
-beiden Gatten, die beide noch jung und vielleicht Sklaven ihrer
-Leidenschaften waren, hatte schon mehrere unangenehme Auftritte unter
-ihnen herbeigeführt, die sich noch täglich vervielfältigten. Ein
-gemeinschaftlicher Freund dieser beiden Unglücklichen, der einen
-öffentlichen Ausbruch ihrer Uneinigkeiten fürchtete, hielt es für seine
-Pflicht, den Obersten von dem, was vorging, zu benachrichtigen. Er
-forderte ihn auf, keine Zeit zu verlieren, und nach Stettin zu eilen,
-weil, wie er glaubte, seine Gegenwart allein im Stande wäre, die beiden
-Gatten auf die Dauer wieder mit einander zu versöhnen.
-
-Dem Obersten kam diese unangenehme Mittheilung sehr ungelegen. Es schien
-ihm zu hart, sich aus dem Schooße seiner glücklichen Familie entfernen
-zu sollen, um wieder in die Welt zurückzukehren, deren verhaßtem
-Geräusch er nun schon entgangen war. Zwar machte ihm sein Herz Vorwürfe
-wegen seiner Gleichgültigkeit gegen seine junge Schwester, für die er
-die Stelle eines Vaters zu vertreten hatte; er fühlte, wie nützlich ihr
-sein guter Rath sein könnte, wodurch er vielleicht im Stande wäre, sie
-vor dem Abgrunde des Unglücks zu bewahren, dem sie unbedachtsam entgegen
-zu eilen schien; allein von der andern Seite sollte er sich von seiner
-zärtlichen Gattin, von seinen Kindern auf unbestimmte Zeit entfernen;
-das Opfer war ihm zu groß. Er wußte lange nicht, was er thun sollte; ehe
-er indessen einen Entschluß faßte, suchte er durch schriftliche
-Ermahnungen auf seine Schwester einzuwirken. Solche Vorstellungen
-konnten aber da kein Gehör finden, wo heftige Leidenschaften laut ihre
-Stimmen erhoben; die beiden Gatten klagten einander gegenseitig in den
-Antworten an, die sie ihrem Schwager zukommen ließen, und dachten nicht
-daran, sich wieder auszusöhnen. Endlich gedieh ihre Uneinigkeit auf
-einen solchen Punkt, daß Alfreds Schwester keinen Anstand nahm, das Haus
-ihres Mannes zu verlassen, und sich nach dem Landgute einer ihrer
-Freundinnen zurückzuziehen.
-
-
-
-
- Drittes Kapitel.
-
-
-Als der Oberst diese letztere Nachricht erhielt, zögerte er nicht
-länger; er machte sich Vorwürfe, nicht schon früher abgereiset zu sein,
-und schob auf sich selbst einen Theil der Schuld an dem von seiner
-Schwester begangenen Fehler. Jetzt mußte so schnell als möglich Hülfe
-geleistet werden, und nachdem er Helenen um Rath gefragt hatte, die
-völlig seiner Meinung war, begab er sich nach Prag, von wo er mit
-Extrapost weiter nach Stettin eilte. Er reisete ganz allein ab, und ließ
-zum Schutze für seine Frau und Kinder den rechtschaffenen und
-furchtlosen Werner zurück, den er in Allem, was das Interesse seiner
-Familie betraf, als sein zweites Selbst betrachten konnte. Helene mußte
-ihren ganzen Muth zusammennehmen, um sich beim Abschiede von ihrem
-Gatten zu fassen. Dieß war die erste Trennung von ihm, aber sie wußte
-ihren Schmerz in sich zu verschließen, und zeigte nur so viel davon, als
-ihr völlig unmöglich war zurückzuhalten.
-
-»Ach, Geliebter! rief sie unter einem Strom von Thränen aus; eile, daß
-du zu mir zurückkehrst! Erst jetzt wird mir dieser Ort hier als eine
-wirkliche Wüstenei erscheinen; ich werde völlig allein sein, sobald ich
-dich nicht mehr sehe.«
-
-Alfred versuchte, der zärtlichen Helene einigen Trost einzuflößen. Schon
-befand man sich im Monat September, und er versprach ihr, spätestens im
-Monat Dezember wieder zu kommen, hinzusetzend: daß sie seiner
-Zärtlichkeit wohl so viel Vertrauen schenken würde, um zu glauben, daß
-er selbst nichts sehnlicher wünschen könnte, als noch weit früher in
-ihre Arme zu eilen, wenn es nur irgend möglich wäre. Aber wie vergeblich
-sind alle Trostgründe in dem Augenblicke der Trennung! Man fühlt nichts,
-als das gegenwärtige Uebel, und es drückt uns danieder. Die Zukunft ist
-in solcher Stimmung gleichgültig, die Hoffnung verliert allen ihren
-Zauber, und man kennt nur die Qual der Gegenwart.
-
-In den ersten Tagen nach Alfred's Abreise war Helene gleichsam in einem
-Zustande der Bewußtlosigkeit. Ihr Geist, von hundert peinlichen
-Vorstellungen angegriffen, ward für eine abergläubische Furcht
-empfänglich, und nur mit einem geheimen Schauder ging sie des Abends die
-Treppe hinauf und durch den großen Saal. Die Einbildungskraft, die stets
-bereit ist, Alles herbeizuziehen, was uns in Schrecken setzen kann,
-verdoppelte ihre Lebendigkeit, um Helenen mit Schrecken zu erfüllen. Die
-geringste Kleinigkeit war hinreichend, sie in Furcht zu setzen; oft
-stand sie plötzlich zitternd still, weil sie ein sonderbares Geräusch
-gehört zu haben glaubte, oder sie machte ihre Augen zu, aus Scheu,
-irgend eine fürchterliche Erscheinung zu erblicken. Die Gesellschaft
-ihrer Kinder war an den Abenden, die schon lang zu werden anfingen,
-nicht mehr hinreichend, um sie zu beruhigen; sie rief nach dem treuen
-Werner und nach Lisetten, der Köchin, einem guten, aber höchst
-abergläubischen, furchtsamen Mädchen, und behielt Beide Stunden lang bei
-sich, unter dem Vorwande, ihnen Befehle für den folgenden Tag zu geben,
-oder ihnen Rechenschaft von dem, was sie den Tag über gethan hatten,
-abzufordern.
-
-Es mag auf dem Lande auch noch so einsam sein, die Häuser mögen auch
-noch so weit von einander entfernt liegen, so ist dieß Alles doch nicht
-im Stande, die Neugierde der Landbewohner einzuschränken. Für diese
-Klasse von Menschen ist die gewöhnlichste Begebenheit etwas Wichtiges,
-sie geben auf die geringste Kleinigkeit Acht, und Alles wird den
-Nachbarn treulich wiedererzählt. So war es auch bei der Ankunft der
-Familie Lobenthal im Schlosse R.... Was für übertriebene Dinge erzählte
-man sich von ihr, was für lächerliche Mährchen wurden auf ihre Rechnung
-verbreitet! Aber die Zeit verfloß, und ein und derselbe Gegenstand kann
-nicht stets zur Unterhaltung dienen; daher schien die Familie Lobenthal,
-nach Verlauf von funfzehn Monaten, im Lande völlig eingebürgert zu sein,
-und man trat sogar mit der Dienerschaft in freundschaftliche
-Verhältnisse, so daß die Männer im Stalle mit Wernern, die Weiber in der
-Küche mit Lisetten häufig Unterhandlungen anspannen, und ihnen
-erzählten, was sie Sonntags vor der Kirchthür Neues gehört hatten.
-
-Lisette und Werner erzählten gerne, wenn Gelegenheit dazu war, ihrer
-Frau wieder, was sie gehört hatten, und Helene erröthete innerlich über
-das seltsame Vergnügen, das sie dabei genoß, ihnen zuzuhören; indessen
-war ihr, während der Abwesenheit ihres Mannes, Zerstreuung nöthig, und
-gleichviel, welchen Gegenstand man vor ihr abhandelte: sie zog das
-albernste Geschwätz immer noch der Einsamkeit vor.
-
-Schon war der Oberst seit länger als einer Woche nicht mehr im Schlosse,
-als Lisette eines Abends mit so wichtiger Miene in's Zimmer trat, daß
-Helene nicht daran zweifeln konnte, sie habe ihr eine außerordentliche
-Neuigkeit mitzutheilen. Sie irrte sich nicht; sobald das gute Mädchen
-sich bei der Lampe niedergesetzt hatte, die ihr zu ihrer Abendarbeit
-leuchtete, fing sie an:
-
-»Von nun an, Frau Oberstin, werden wir nicht mehr so ganz allein in
-dieser Gegend sein; das Land hier wird immer mehr bevölkert, die Anzahl
-der Fremden vermehrt sich; und wenn das so fortgeht, so wird man bald,
-wie man im Dorfe sagt, des Montags einen Markt auf unserm Schloßplatze
-abhalten können.«
-
--- Ei, mein Gott, antwortete Helene erstaunt, wer sind denn die
-zahlreichen Einwohner, die sich in der Gemeinde angesiedelt haben? --
-
-»Wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen soll, Frau Oberstin, so sind es eben
-noch nicht viel, aber das wird noch kommen. Für's Erste ist da schon der
-Herr Oberst Lobenthal mit seiner Familie, und dann eine Dame, deren
-Geschichte und Herkunft man noch nicht kennt, und die das kleine Haus
-dort unten im Thale, mitten im Walde, gekauft hat.«
-
--- Da hat sie sich eine sehr einsame Wohnung gewählt, und sie muß
-entweder viel Muth besitzen, oder ein großes Gefolge bei sich haben,
-wenn sie ohne Furcht in diesem Hause bleiben kann. --
-
-»Dieser Meinung ist auch das ganze Dorf, und dennoch ist sie ganz
-allein; denn ein alter Bedienter kann hier gar nicht in Anschlag kommen,
-weil er so abgelebt, so bleich und hinfällig ist, daß er weniger einem
-Lebendigen, als einem Bewohner der andern Welt ähnlich sieht. Was die
-Dame betrifft, so sagt man, daß sie schön ist, obgleich ihre Miene etwas
-ganz Außerordentliches haben soll. Ich kann übrigens nichts Näheres
-davon berichten, weil ich sie noch nicht gesehen habe; aber am nächsten
-Sonntage müßte ich sehr krank sein, wenn ich in der Kirche fehlen
-sollte. Die Dame wird doch ohne Zweifel dort sein, und dann will ich sie
-genau betrachten, daß ich Ihnen einen vollkommnern Bericht abstatten
-kann, wenn Sie selbst zufällig nicht im Stande sein sollten, sie zu
-sehen.«
-
--- Ich bezweifle nicht, Lisette, daß du sie genau betrachten wirst; aber
-was spricht man jetzt von ihr? Weiß man, aus welchem Grunde sie sich
-gerade gegen den Winter eine so wenig angenehme Wohnung gewählt hat? Ist
-sie aus Prag? Ist sie Wittwe, oder unverheirathet? --
-
-»Man hat alle diese Fragen schon an ihren Bedienten gerichtet, ohne die
-geringste genügende Antwort zu erhalten; denn dieser Bediente soll ein
-mürrischer und äußerst grober Mensch sein. Seine Antworten sind: Ja,
-nein; vielleicht: das geht Euch nichts an; was er kauft, bezahlt er,
-ohne weiter ein Wort zu sprechen, und entfernt sich dann sogleich
-wieder. So viel weiß man indessen schon gewiß, daß diese Leute keine
-Deutschen sind; denn sie haben eine ganz seltsame Aussprache, und unter
-sich bedienen sie sich fremder, unverständlicher Worte.«
-
--- Ist denn diese Dame schon lange hier? fragte Helene, die schon den
-Wunsch fühlte, in der Fremden eine Gesellschafterin zu finden, die
-einige Abwechselung in ihrer einfachen, gleichförmigen Lebensart
-hervorbringen könnte. --
-
-»Sie ist an demselben Tage hier angekommen, wo der Herr Oberst
-abreisete. Anfangs stieg sie bei dem Schäfer Paul ab, und fragte ihn, ob
-nicht in der Nähe irgend ein Haus zu miethen oder zu kaufen sei? Paul
-erwiederte, daß die Gebrüder Gierschmann das kleine Haus im Walde
-verkaufen wollten; sie ließ sie sogleich herbeiholen, handelte mit
-ihnen, und schlief schon in derselben Nacht in ihrem neuen Wohnsitze.
-Paul und die beiden Gierschmann haben anfangs aus dieser Begebenheit ein
-Geheimniß gemacht, wahrscheinlich weil sie der armen Dame eine übermäßig
-große Summe für das Haus abgenommen haben. Aber am Ende kommt doch Alles
-heraus: die Geschichte wurde bekannt, und ich bin nicht die Letzte, die
-sie erfahren hat. Vor einer Stunde habe ich sie von der Frau des
-Nachtwächters gehört, und ich würde gegen meine Pflicht gehandelt haben,
-wenn ich Ihnen nicht sogleich Alles mitgetheilt hätte.«
-
-Helene dankte Lisetten durch eine Verneigung des Kopfes für ihren guten
-Willen, und nahm sich vor, so bald als möglich Bekanntschaft mit der
-fremden Dame zu machen.
-
-Während dieses langen Gesprächs schwieg Werner, der ebenfalls
-gegenwärtig war, und schüttelte von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe. Diese
-Bewegung und sein Stillschweigen fielen der Oberstin auf, daher sie ihn
-fragte, ob er Mißtrauen gegen die unbekannte Dame hege?
-
-»Ei, erwiederte Werner, ich sehe eben nichts Gutes in ihrem Erscheinen
-in hiesiger Gegend. Eine junge Frau, die auch hübsch sein soll, wie man
-sagt, kommt mit einem einzigen Bedienten hier her, um sich in ein
-abgelegenes Haus einzuschließen: scheint dieß ganz in der Ordnung zu
-sein? Hat sie einen Mann? Wo ist ihre Familie? Sollte sie nicht eine
-Abentheurerin sein? Ich habe ehemals genug von diesen geheimnißvollen
-Prinzessinnen bei unseren Offizieren gesehen, die anfangs alle Blicke
-scheuten, und sich sorgfältig eingezogen hielten, bis sie irgend einen
-Fang gemacht hatten. Dann erschienen sie am hellen Tage, und zeigten
-ihre Reize, ihre Pracht und ihr schlechtes Betragen; hatten sie nun die
-Frucht rein ausgesogen, so verschwanden sie plötzlich, wie die
-Irrwische, die wir oft dort unten auf dem Moraste erblicken.«
-
--- Ich glaube es wohl, antwortete Helene, daß man in einer großen Stadt
-solche unglücklichen Geschöpfe antrifft, die, um einen desto bessern
-Handel mit ihren Reizen zu machen, die Neugierde durch das Dunkel zu
-reizen suchen, mit dem sie sich umhüllen; aber hier in R...., mein guter
-Werner, was sollte eine solche Person hier suchen? Wo ist hier der
-reiche Partikulier, den sie verführen könnte? Ich weiß in der ganzen
-Gegend nur Familien, die in der vollkommensten Eintracht leben, und
-überdieß binnen Kurzem das Land bis zum künftigen Sommer verlassen
-werden. Kann aber diese Dame nicht Unglücksfälle erlitten haben? Schämt
-sie sich nicht vielleicht, in der Welt auf einem niedrigeren Fuße zu
-leben, als ihr früher ihrem Range nach zukam? und wird wohl eine heutige
-Sirene mitten im Walde, fern von jeder Straße, ihren Aufenthalt wählen?
-Wird sie sich nicht vielmehr den Orten nähern, die häufig von Reisenden
-besucht sind? Nein, mein lieber Werner, dein Verdacht ist ungerecht; man
-muß von seinem Nächsten nichts Uebeles denken, als wenn offenbare Gründe
-dazu vorhanden sind. --
-
-Werner erwiederte nichts, aber er schien keinesweges überzeugt zu sein.
-Ihm diente seine Erfahrung zur Richtschnur, wonach er Alles beurtheilen
-zu können glaubte, was ihm jetzt begegnete.
-
-Der folgende Tag war außerordentlich schön. Gegen Abend gingen die
-Kinder unter Werners Aufsicht spazieren, und der Zufall führte sie nach
-dem nahe gelegenen Walde, während Helene selbst sich nicht so weit vom
-Schlosse entfernte, sondern nur bis nach dem Dorfe hinunter ging, wo sie
-mit den Landbewohnern, denen sie begegnete, von der nahe bevorstehenden
-Erndte plauderte. Alle erzählten ihr aber von der fremden Dame; ihre
-Ankunft hatte die allgemeine Neugier gereizt, und man belauschte daher
-jeden ihrer Schritte. Man wußte, daß sie gegen Abend ihre Wohnung
-verließ, um in der Umgegend spazieren zu gehen; so lange aber die Sonne
-noch am Himmel stand, zeigte sie sich nur höchst selten. Den ganzen Tag
-brachte sie in einem Zimmer ihres obern Stockwerks zu, wo Niemand sie zu
-sehen bekam. Ihr alter Bedienter verrichtete sämmtliche Geschäfte des
-Hauswesens, aber er sah stets so mürrisch aus, daß man keine Lust
-fühlte, eine Unterredung mit ihm anzuknüpfen, wenn er dann und wann in's
-Dorf kam, um irgend etwas einzukaufen.
-
-Jemehr Helene von der Unbekannten sprechen hörte, desto fester nahm sie
-sich vor, sie kennen zu lernen; denn bei allen ihren vortrefflichen
-Eigenschaften war die Frau Oberstin doch immer eine Tochter unserer
-gemeinschaftlichen Stamm-Mutter Eva. Indessen wußte sie ihren geheimen
-Wunsch unter eine scheinbar große Gleichgültigkeit zu verbergen, und als
-es finster zu werden anfing, kehrte sie nach dem Schlosse zurück.
-
-Sobald ihre Kinder sie erblickten, liefen sie ihr voll Freude entgegen.
-»Ach, Mutter! liebe Mutter! riefen beide zugleich; wir haben die schöne
-unbekannte Dame gesehen, und mit ihr gesprochen. Sie hat uns diese
-schönen Blumenkränze geschenkt. Ach, wie gut und wie hübsch ist sie!«
-
-Dieses unverhoffte Zusammentreffen und die Worte ihrer Kinder reizten
-Helenens Neugierde noch mehr. »Still, liebe Kinder, sagte sie, sprecht
-nicht beide zugleich; Eines von euch soll mir erzählen, was vorgefallen
-ist, und das Andere kann dann nachholen, was vielleicht das Erste
-vergessen hat.«
-
-Dieser Vorschlag war ganz angemessen, aber es boten sich nur
-Schwierigkeiten dar, ihn auszuführen. Julie, ein höchst lebhaftes
-niedliches Mädchen, schien nicht geneigt, ihrem Bruder das Wort zu
-überlassen, der seinerseits wieder das Recht des Aeltern in Anspruch
-nahm, um der Erzähler des kleinen Abentheuers zu sein. Hieraus entstand
-ein ernsthafter Streit. Helene versuchte anfangs vergebens den Weg der
-Güte: sie drang nicht durch, weil Julie sprechen und Wilhelm nicht
-schweigen wollte: die Mutter sah sich endlich genöthigt, ihr ganzes
-Ansehen zu gebrauchen, und ein bestimmter Befehl legte dem kleinen
-Mädchen Stillschweigen auf. Julie nahm nun eine schmollende Miene an,
-und setzte sich in einen Winkel des Zimmers, wo sie ihr niedliches
-Gesichtchen in den Händen verbarg, indem sie versicherte, daß ihr Bruder
-falsch erzähle, daß sie aber gewiß den Mund nicht öffnen würde, um ihn
-zu berichtigen.
-
-Wilhelm, stolz auf die Auszeichnung, die ihm seine Mutter zu Theil
-werden ließ, stellte sich lächelnd vor sie hin und fing nun seine
-Erzählung an: »Ich hatte Lust, liebe Mutter, in das Thal hinabzugehen,
-um von den schönen Blumen, deren so viele auf der dortigen Wiese
-wachsen, abzupflücken. Ich bat daher unsern Werner, uns dahin zu führen,
-und er willigte ein; wir waren aber kaum einige Augenblicke da, so lief
-auch schon Julie, die niemals ruhig bleiben kann, aus allen Kräften nach
-dem Walde zu.«
-
--- Das ist nicht wahr! rief Julie, voll Aerger über die Beschuldigung
-ihres Bruders; ich verfolgte einen schönen, bunten Schmetterling, und du
-thatest dasselbe. -- Siehst du wohl, liebe Mutter, daß du von Wilhelmen
-nichts Ordentliches erfahren wirst? Ich will dir daher erzählen, was
-geschehen ist, denn mit mir hat ja die Dame zuerst gesprochen. --
-
-»Ich habe dir befohlen zu schweigen, antwortete die Mutter sanft, aber
-ernsthaft; und ich will, daß du mir gehorchst. Daß ich also meinen
-Befehl nicht zum dritten Mal wiederholen muß!«
-
-Die Strenge dieser Worte, welche übrigens so wenig mit Helenens Liebe zu
-ihrem niedlichen Töchterchen übereinstimmte, verursachte dem letzteren
-so viel Schmerz, daß Julie in einen Strom von Thränen ausbrach, und ihre
-kleinen Arme ihrer Mutter um den Hals schlang. Helene sahe nun ein, daß
-sie sich zu strenge gezeigt hatte, und ohne ein Wort zu sagen,
-streichelte sie mit ihrer Hand die schönen blonden Locken ihrer Tochter,
-und drückte dann einen Kuß auf ihre Stirn, worauf die Heiterkeit sich
-bei derselben wieder einzustellen nicht ermangelte. Indessen fuhr
-Wilhelm in seiner Erzählung fort. Er berichtete, wie die fremde Dame
-plötzlich vor seinen erstaunten Blicken erschienen sei, während er
-seiner Schwester habe nachlaufen wollen, die sich mitten in das dickste
-Gebüsch begeben hatte; wie Julie die Hand der fremden Dame gehalten
-habe, welche letztere sich dann mit ihren Spielen vereinigte, obgleich
-sie, bemerkte der Knabe, die Lustigkeit eben nicht zu lieben schiene.
-Sie war immer ernsthaft, und das laute Gelächter Juliens, womit sie
-immer sehr freigebig ist, schien ihr sogar ein gewisses Beben zu
-verursachen. Aber sie behandelte uns mit einer außerordentlichen
-Gütigkeit. Vergebens wollte Werner mehrmals mit uns nach Hause
-zurückkehren, sie hielt uns immer noch auf, weil sie stets noch einige
-Blumen zu den Kränzen hinzuzufügen hatte, die sie uns wand. Aber sie ist
-erstaunlich geschickt; nur weiß ich nicht, warum sie beständig einen
-Handschuh auf der linken Hand trägt; das muß ihr doch sehr beschwerlich
-sein. Julie wollte ihn ihr abziehen, aber sie hinderte es mit einer sehr
-heftigen Bewegung, und warf ihr zugleich einen Blick zu, der mich und
-meine Schwester in Schrecken setzte; so böse schien er uns zu sein.
-
-Diese Erzählung ward in allen Punkten von dem kleinen Mädchen bestätigt,
-das nun ebenfalls das Wort zu nehmen eilte. Julie fügte noch eine Menge
-Einzelnheiten hinzu, und erzählte ihrer Mutter, daß die hübsche Dame ihr
-mitten im Gebüsch so plötzlich erschienen sei, als wenn sie aus der Erde
-hervorgekommen wäre.
-
-»Ich erschrak anfangs sehr, fuhr Julie fort, und da die Dame es
-bemerkte, so schien sie darüber sehr bekümmert zu sein. Sie kam dann
-lächelnd auf mich zu, und ihre freundlichen Worte machten mich nun bald
-dreister. Uebrigens hat sie nicht die geringste Frage an mich gerichtet,
-wie es sonst wohl diejenigen zu thun pflegen, die mich zum ersten Male
-sehen; sie sprach nur von unseren Spielen und Vergnügungen, und wie sehr
-sie meine Freundin zu werden wünschte. Von dir und von meinem Vater hat
-sie nicht ein Wort erwähnt.«
-
-Werner, der nun ebenfalls befragt ward, bestätigte Alles, was die Kinder
-gesagt hatten. Aber über sein ganzes Wesen schien die größte Verwirrung
-verbreitet zu sein, und vergebens suchte er sie zu verbergen; sie ward
-wider seinen Willen so sichtbar, daß Helene aufmerksam werden mußte.
-
-»Nun, Werner! sagte sie; du bist nicht eben so sehr für die fremde Dame
-eingenommen, als Wilhelm und seine Schwester. Hast du immer noch dein
-früheres Mißtrauen gegen sie, oder hast du sie vielleicht gar wieder
-erkannt?«
-
--- Ich! sie wieder erkannt haben! rief der alte Soldat, dessen Gesicht
-in diesem Augenblick alle Farbe verlor. Ich wüßte nicht, Frau Oberstin,
-wie mein Betragen Sie auf solche Muthmaßung hinführen könnte. Ich kenne
-jene Person nicht; aber dennoch beharre ich bei der Meinung, daß ihre
-Ankunft hierselbst zu geheimnißvoll ist, um sich etwas Gutes davon zu
-versprechen. Wenn Sie meinem Rathe folgen wollten, so würden Sie Ihren
-Kindern nicht erlauben, bekannter und vertrauter mit ihr zu werden. Was
-die Erlaubniß betrifft, daß diese Unbekannte ihren Fuß über die Schwelle
-des Schlosses setzt, so wissen Sie selbst, was Sie dabei zu thun haben.
-Wenn ich aber an Ihrer Stelle wäre, so würde ich auch nicht einmal
-zugeben, daß sie auch nur den Hof überschreitet. --
-
-»Um so strenge gegen sie zu verfahren, erwiederte Helene, müßte ich
-überzeugt sein, daß ihre Gesellschaft durchaus nicht für mich paßt, und
-dieß werde ich vielleicht bald erfahren. Aber da du sie heute zum ersten
-Male gesehen hast, da dein Widerwille gegen sie gar keine gegründete
-Ursache hat, so kann ich mein Betragen völlig nach den obwaltenden
-Umständen einrichten. Dennoch bin ich fest entschlossen, mein lieber
-Werner, auf deinen Rath zu hören, wenn du von dieser Dame irgend etwas
-weißt, das dich überzeugt, es würde gefährlich für mich sein, mit ihr
-umzugehen.«
-
-Werner schien einen Augenblick lang ungewiß zu sein, was er der Oberstin
-antworten sollte; plötzlich hörte indessen diese Ungewißheit auf, und er
-versicherte dann mit fester Stimme, daß seine Furcht nur auf
-Vorurtheilen beruhe, daß die fremde Dame ihm völlig unbekannt sei, und
-daß seine Herrschaft völliges Recht habe, zu handeln, wie es ihr gut
-dünke.
-
-Helene kannte die edle Freimüthigkeit des alten Soldaten, und sie
-zweifelte nicht an der Wahrheit dessen, was er sagte. Sie schrieb sein
-Mißtrauen der natürlichen Bedächtigkeit derjenigen zu, die in der Welt
-viel gesehen und erfahren haben; das Böse hat sich ihnen unter allen
-Gestalten gezeigt, und sie fürchten stets, es da anzutreffen, wo der
-Anschein es am Wenigsten vermuthen läßt. Nur in der Zurückgezogenheit
-lernt das menschliche Herz sich einem Vertrauen überlassen, das noch
-durch Nichts getäuscht wurde, und nur der häufige Umgang mit Menschen
-lehrt sie fürchten.
-
-
-
-
- Viertes Kapitel.
-
-
-Indem Werner die Oberstin versicherte, daß die fremde Dame ihm unbekannt
-sei, sprach er wider seine Ueberzeugung. So auffallende Gesichtszüge
-konnten bei ihm unmöglich in Vergessenheit gekommen sein; er wußte, wie
-sehr die, welche damit geschmückt war, würdig gewesen, die zärtlichste
-Neigung einzuflößen, und er zitterte schon im Voraus vor einem
-Zusammentreffen, das für die Zukunft die schrecklichsten Stürme zu
-weissagen schien. Aber sollte er unter diesen Umständen die Ruhe seiner
-würdigen Gebieterin vergiften? War es nöthig, in ihrem Herzen die
-verzehrenden Flammen der Eifersucht anzuzünden? Unglücklicherweise giebt
-es Fälle im menschlichen Leben, wo es nothwendig ist, die Wahrheit zu
-verschweigen, und wo man mit der Lüge in's Bündniß treten muß, um großen
-Uebeln vorzubeugen. Einer von diesen Fällen war hier eingetreten, und
-nur ungern opferte ihm Werner seine natürliche Wahrheitsliebe auf; er
-verschwieg also, was er wußte. Wie sehr wünschte er aber die Nacht
-herbei, wo er hoffen konnte, ruhig über diese schwierige Lage
-nachzudenken. Seine Klugheit sagte ihm, wie wichtig es sei, nichts von
-seiner innern Unruhe merken zu lassen; denn wenn sich einmal der
-Verdacht im Busen der Oberstin erhob, zu welchen Auftritten konnte dieß
-führen! Er nahm daher alle seine Kraft zusammen, und bewachte sich
-selbst so strenge, daß Helene in seinen Gesichtszügen nichts als die
-Gleichgültigkeit des gewöhnlichen Lebens wahrnehmen konnte.
-
-Als Werner endlich nach eilf Uhr in seinem Zimmer allein war, eilte er
-zu seinem Schreibtische, und schrieb an seinen Herrn, was hier
-vorgegangen war.
-
- »Wie groß wird Ihr Erstaunen sein, Herr Oberst, wenn Sie
- erfahren, daß _Lodoiska_ jetzt hier in R.... wohnt, und die
- nächste Nachbarin des Schlosses ist. Was will sie hier, jetzt,
- nach Verlauf so vieler Jahre? was hegt sie für Absichten?
- Diese Fragen kann ich Ihnen nicht beantworten. Sie hat mich nicht
- erkannt, wenigstens ließ sie nicht das geringste Zeichen
- entschlüpfen, woraus ich es hätte schließen können. Lassen Sie
- mir jetzt Ihre Befehle zukommen, und ich werde sie ohne Verzug
- ausführen. Wollen Sie sie wiedersehen, und sich eine
- Zusammenkunft mit ihr verschaffen, um ihre Absichten kennen zu
- lernen? Oder ziehen Sie es vor, daß die Frau Oberstin und Ihre
- Kinder diese Gegend hier augenblicklich verlassen? Dieß würde
- vielleicht der beste Weg sein, den Sie einschlagen könnten.
- Sie werden nie glücklich, noch ruhig sein, so lange diese
- Lodoiska lebt, oder wenigstens, so lange dieselbe Sie mit
- ihrer Gegenwart und ihren Vorwürfen verfolgt.« --
-
-Indem Werner diese letzten Worte niedergeschrieben hatte, erbebte er
-unwillkührlich; denn es schien ihm, als wenn er hinter sich das Geräusch
-eines Gewandes hörte, und den Athem einer Person fühlte, die sich über
-ihn her beugte, um zu lesen, was er geschrieben. Die Täuschung war so
-vollkommen, daß er nicht daran zweifelte, die Oberstin sei dicht hinter
-ihm, und voller Schrecken hierüber, wagte er anfangs nicht, die Augen
-aufzuschlagen, noch den Kopf umzuwenden; da indessen nach Verlauf von
-einer Minute sich noch immer kein neues Geräusch hören ließ, so blickte
-er um sich, und überzeugte sich nun, daß er sich geirrt habe. Kein
-lebendiges Wesen war in seinem Zimmer zu sehen, die tiefste Stille
-herrschte überall, nur dann und wann von dem Geschrei einer einsamen
-Eule unterbrochen, die in dem alten Thurme des Schlosses nistete.
-
-Diese Gewißheit, daß die Oberstin seinen Brief nicht gelesen habe,
-verursachte ihm die größte Freude, und nachdem er sein Zimmer fest
-verschlossen hatte, suchte er sich einem erquickenden Schlafe zu
-überlassen; es gelang ihm aber nicht. Die geheimnißvolle Lodoiska kam
-ihm nicht aus den Gedanken, und in seinem Zorne gegen sie fluchte er
-laut, als wenn er eine Abtheilung Rekruten zu exerziren hätte. Erst sehr
-spät schlossen sich endlich seine Augen, und der Mensch in ihm lebte nur
-noch durch seine nächtlichen Beziehungen mit den himmlischen Geistern
-fort. Gewöhnlich kam Werner sonst dem Erwachen der Morgenröthe zuvor;
-dießmal aber stand die Sonne schon über den umliegenden Hügeln, als der
-alte Unteroffizier plötzlich aus dem Schlafe aufschreckte, und über die
-Art von Bewußtlosigkeit, in der er gewesen zu sein sich erinnerte,
-erstaunte. Ohne Zweifel hatten die Arbeiter auf dem Felde schon
-angefangen, und er war dabei nicht zugegen gewesen. Voller Scham über
-diesen Fehler zog er sich schnell an und eilte hinunter in den Hof; hier
-erinnerte er sich aber, daß er den wichtigen Brief an seinen Herrn auf
-dem Schreibtische vergessen habe, und da die Klugheit ihm rieth,
-denselben nicht vor Jedermanns Augen umher liegen zu lassen, so kehrte
-er um, ihn zu sich zu stecken, und ihn nachher dem täglich nach der
-Stadt gehenden Boten zur Bestellung auf der Post zu übergeben.
-
-Der Brief befand sich nicht mehr an dem Orte, wo Werner ihn hatte liegen
-lassen, sondern er sahe ihn, in tausend Stücke zerrissen, auf dem
-Fußboden umhergestreut. Dieser eben so sehr überraschende, als
-verdächtige Anblick entriß Wernern einen lauten Ausruf, und versetzte
-ihn dann in ein peinliches Nachdenken. Wer konnte das Schreiben
-zerrissen haben? Wer war während so weniger Augenblicke in seinem Zimmer
-gewesen, um dort so unverschämt zu handeln? Sollte es die Oberstin, oder
-Lisette, oder das Hausmädchen gewesen sein? Nur diese drei Personen
-konnten um diese Zeit schon aufgestanden sein. Er erinnerte sich, daß er
-das letztere auf dem Hofe gesehen habe; auch erblickte er Lisetten durch
-das Fenster in der Küche mit ihren Arbeiten beschäftigt, und die
-Oberstin schien noch nicht aufgestanden zu sein, wie die geschlossenen
-Fensterladen ihres Zimmers zeigten. Kurz, er wußte nicht, was er von
-diesem außerordentlichen Vorfalle denken sollte; und er gewann es nicht
-über sich, den Brief sogleich von Neuem zu schreiben, sondern sammelte
-nur sorgfältig die Stücke vom Fußboden auf, um sie in's Feuer zu werfen.
-
-Den ganzen Tag über befand sich Werner in einer äußerst peinlichen
-Stimmung. Obgleich er überzeugt war, daß die Oberstin sein Zimmer nicht
-so sehr verletzt habe, so fühlte er doch eine große Verlegenheit, als er
-heute zum ersten Male in ihre Nähe kam. Er suchte sich zu zwingen, und
-in den Gesichtszügen Helenens zu lesen; aber diese waren so ruhig, daß
-sie unmöglich eine so unerwartete Entdeckung, wie die Lesung des Briefes
-ihr gewähren mußte, gemacht haben konnte. Werners Erstaunen ward nun
-immer größer, und er verlor sich vergebens in allerhand Vermuthungen;
-höchst unangenehm aber war es ihm, als die Kinder ihn baten, sie wieder,
-wie gestern, nach dem Walde spazieren zu führen, weil sie hofften, ihre
-neue Freundin, wie sie sagten, wieder zu sehen.
-
-Gern hätte Werner es ihnen abgeschlagen; aber die Oberstin war zugegen,
-und ehe er noch ein Wort sprechen konnte, hatte sie schon ihre
-Einwilligung gegeben. Die Klugheit gebot ihm, von seinen wahren Gedanken
-nichts merken zu lassen, um bei der Gemahlin seines Obersten weder
-Argwohn noch Furcht zu erregen, und mit zurückgehaltenem Unwillen stieg
-er langsam den Hügel hinab, nach dem Orte zu, wie seine jungen Begleiter
-wünschten.
-
-Kaum befanden sie sich am Saume des Waldes, so trat Lodoiska plötzlich
-aus dem Gebüsch hervor, in ihren Händen ein paar Federbälle und eine
-schöne Puppe, die sie den Kindern bestimmt hatte. Sobald diese ihre neue
-Freundin erblickten, liefen sie auf sie zu, und Julie war so dreist,
-sich gerade zu in ihre Arme zu werfen. Diese unschuldige Handlung schien
-die Fremde tief zu bewegen; sie trat einen Schritt zurück, und warf
-einen so finstern, unheimlichen Blick auf das Kind, daß der muthige
-Werner darüber erstarrte. Allein diese anfängliche Bewegung dauerte
-nicht lange; ein leichtes Lächeln überflog die Gesichtszüge der Fremden,
-und mit der größten Liebenswürdigkeit vertheilte sie die mitgebrachten
-Geschenke.
-
-Wilhelm, entzückt über die Federbälle, lief sogleich nach der nahen
-Wiese, um sie zu versuchen, und Julie, ganz glücklich bei dem Anblick
-ihrer Puppe, bat um Erlaubniß, Blumen pflücken zu dürfen, um ihre kleine
-Dame damit zu schmücken. Die Fremde hatte nichts dagegen, und als sie
-die Kinder mit ihren Spielen in voller Beschäftigung sahe, näherte sie
-sich dem alten Unteroffizier, der in tiefem Sinnen an einen Baum gelehnt
-stand, und über die Vergangenheit nachdachte. Er fürchtete, daß neue
-Unfälle die Ruhe seines Obersten stören möchten; er war höchst
-unzufrieden, aber er wußte nicht, wie er dem drohenden Ungewitter
-zuvorkommen sollte.
-
-Werner war so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß er die Annäherung
-der Dame nicht gehört hatte, als er plötzlich aus seinem Nachdenken
-durch eine ihm wohlbekannte Stimme geweckt ward, die aber in diesem
-Augenblick etwas Dumpfes und Feierliches hatte, so daß er sich davon bis
-in's Innerste ergriffen fühlte.
-
-»Nun Werner, redete sie ihn an, was habe ich dir gethan, daß du mir
-stets entgegen bist? Wird deine ungerechte Abneigung gegen mich nicht
-endlich einmal aufhören?«
-
-Auf's Aeußerste überrascht durch diese Worte, schlug der Soldat die
-Augen auf, entfernte sich von dem Baume, an den er sich gelehnt hatte,
-und schien wenig geneigt zur Antwort zu sein. Doch überwand er sich, und
-sagte:
-
-»Was wollen Sie von mir, Lodoiska? Warum haben Sie Ihr Vaterland
-verlassen? Was suchen Sie hier in Deutschland? Hat denn die Zeit keinen
-Einfluß auf Sie? Denken Sie noch eben so, wie in den Jahren Ihrer
-Jugend? Dann bedaure ich Sie, oder vielmehr ich beklage Ihren Wahnsinn.«
-
--- Die Zeit, antwortete die Fremde in dem feierlichsten Tone, vermag
-jetzt nichts mehr über mich; es giebt ein Leben, wo ihre Macht völlig
-aufhört, und wo die Empfindungen unveränderlich werden, wie die
-Ewigkeit, von welcher sie ein Theil sind. Wundere dich nicht über meine
-Gegenwart, denn nicht mein Wille ist es, der mich leitet; ich gehöre mir
-selbst nicht mehr an, sondern einem grausamen, gebieterischen Herrn, der
-mir jeden meiner Schritte vorzeichnet. Meine alte Wunde blutet noch, und
-die Zeit, wie du sie nennst, hat das Recht verloren, sie zu vernarben.
---
-
-»Warum aber, erwiederte Werner, sich mit unnützen Hoffnungen quälen?
-Zwischen Ihnen und dem Obersten ist Alles vorbei. Er hat vielleicht
-Unrecht gegen Sie begangen, aber er darf daran nicht mehr denken. Schon
-seit mehrern Jahren ist er der Gatte einer Frau, die seine Zärtlichkeit
-verdient. Wollen Sie die Ruhe in seinem Hause stören? Treibt die Rache
-Sie so weit, daß Sie das Herz seiner Gemahlin zerreißen können?«
-
--- Durfte er sich verheiraten, Werner? Gehörte dein Herr sich allein an,
-um sich frei hinzugeben? Hat er nicht mit seinem eigenen Blute das
-Versprechen unterschrieben, nur mit mir vor den Altar zu treten? Weißt
-du dieß Alles nicht, du, der du so dreist von der Vergangenheit
-sprichst, die den Treulosen vernichten wird? War ich weniger schön, als
-deine jetzige Gebieterin, oder weniger tugendhaft? Was hatte ich
-Unrechtes gethan? Etwa, weil ich Liebe für Liebe gab, und mich einem
-Gefühle gänzlich überließ, das ich für aufrichtig hielt? Habe ich mein
-Versprechen zurückgenommen, das ich ebenfalls mit meinem Blute
-unterschrieb? Ist es nicht noch in Alfred's Händen, und kann er vor Gott
-der rechtmäßige Gatte einer Andern sein? Was habe ich Unrechtes gethan?
-Er kann mir keine Vorwürfe machen, während ich ihn durch die Menge der
-meinigen zu Boden zu schlagen im Stande bin! --
-
-Während die schöne Fremde so sprach, schien sie der Erde gar nicht mehr
-anzugehören; ihre hohe und schlanke Gestalt, der unstät umherschweifende
-Blick, die in ihren Gesichtszügen bemerkbaren Zeichen des Unwillens,
-welche ihrem Munde einen furchtbaren Ausdruck gaben, alles Dieses
-zusammen gab ihr das Ansehen eines überirdischen Wesens. Werner war
-nicht im Stande, den Blick ihres forschenden Auges auszuhalten, das
-seine Gedanken bis in die innersten Falten seines Herzens zu verfolgen
-schien. Insgeheim mußte er zugeben, daß sein Herr Unrecht gethan; aber
-es war auf keine Weise wieder gut zu machen, und Lodoiska mußte,
-ungeachtet der Gerechtigkeit ihrer Ansprüche, darauf Verzicht leisten.
-Dieß suchte er ihr in seiner Antwort begreiflich zu machen.
-
-Die Fremde hörte ihm mit einem verächtlichen Lächeln zu, ohne weder
-Erstaunen noch Unzufriedenheit blicken zu lassen. Schon schmeichelte er
-sich, sie überzeugt zu haben, und wollte nun seine Ueberredung
-vollenden, als sie ihn plötzlich dadurch unterbrach, daß sie ihm ihre
-rechte Hand auf seine Schulter legte. Diese mit einer Art von
-Nachlässigkeit gemachte Bewegung brachte nichts desto weniger in ihm
-eine außerordentliche Wirkung hervor. Er hatte an dem Orte der Schulter,
-welchen Lodoiska's Hand berührte, ein ganz seltsames Gefühl, und es
-schien ihm, als wenn er mitten aus einem glühenden Ofen in ein Meer von
-Eis geschleudert würde; dieses Gefühl verlor sich aber sogleich wieder,
-sobald die Hand zurückgezogen wurde, die es hervorgebracht hatte.
-
-»Habe ich ihn seines Versprechens entbunden? sagte Lodoiska ruhig, ohne
-auf die Gründe zu antworten, die ihr Werner so eben auseinandergesetzt.
-Hat er unsern schriftlichen Vertrag noch?«
-
--- Gleichviel, ob er ihn noch hat oder nicht, es kann jetzt doch nichts
-mehr darauf ankommen; mag er in seinen Händen sein, oder in den Ihrigen,
-wozu könnte er noch dienen? Die Gerichte werden gar keine Rücksicht
-darauf nehmen. --
-
-»Es ist möglich, leichtsinniger Soldat, daß die menschlichen Gesetze
-gegen diese Art von Meineid nichts vermögen; aber es giebt in jener Welt
-einen unbestechlichen Richter. Dieser war Zeuge jenes Versprechens, an
-ihn habe ich mich gewendet, um Gerechtigkeit zu erlangen, und ich bin
-gewiß, sie zu erhalten.«
-
--- Wahrlich, Lodoiska, erwiederte Werner lächelnd, da könnten Sie lange
-warten, ehe das Urtheil, wovon Sie sprechen, in Vollziehung gesetzt
-wird. Glauben Sie mir, das Beste für Sie ist, wenn Sie in Ihr Vaterland
-zurückkehren, und dort ruhig bei Ihrer Familie bleiben. Sein Sie
-überzeugt, daß der Oberst nicht anstehen wird, Ihnen ruhige und
-sorgenlose Zukunft durch ein anständiges Jahrgehalt zu sichern. --
-
-»Das steht nicht mehr in seiner Macht, antwortete die Fremde in einem
-noch feierlichern Tone als bisher; ich habe keine Familie mehr, die
-ganze Erde ist mein Vaterland, und was die Vortheile betrifft, die du
-mir in Alfred's Namen versprichst, so bedarf ich ihrer nicht. Das Geld
-ist in meinen Augen verächtlich, und ich besitze es im Ueberfluß. Wenn
-du dich anheischig machen willst, deinem Herrn meine Gegenwart
-hierselbst nicht zu melden, so verspreche ich dir mehr Reichthümer, als
-du dir wünschen kannst. Hier, fuhr sie fort, eine sehr große gefüllte
-Geldbörse hervorziehend, nimm dieß auf Abschlag dessen, was du noch in
-Zukunft von mir erhalten sollst.«
-
-Die seltsamen Worte Lodoiska's machten das Erstaunen des alten Soldaten
-vollkommen. Er wußte, daß sie, die Tochter eines moldauischen Bauers,
-nicht reich war, und jetzt gab sie ihm den Beweis des Gegentheils. Dieß
-trug aber nicht zu seiner Beruhigung bei, doch durfte die Fremde sich
-nicht schmeicheln, ihn zu verführen.
-
-»Auch ich, Lodoiska, sagte Werner, bin über meine Bedürfnisse erhaben,
-und ich danke Ihnen für Ihr großmüthiges Anerbieten; es könnte mich
-nicht reizen, wenn ich auch die Absicht hätte, dem Obersten zu
-schreiben, daß Sie hier sind.«
-
--- Lügner! antwortete Lodoiska lebhaft, du hast sie, diese Absicht, und
-du hast schon versucht, sie auszuführen. --
-
-Diese zuversichtliche Behauptung, die ihm zugefügte Beleidigung, die
-eine männliche Person mit ihrem Blute würde haben bezahlen müssen,
-versetzte den erstaunten Werner fast in einen Zustand des Erstarrens. Er
-wußte nicht, ob er seinem Zorn den Lauf lassen, oder ihn zu unterdrücken
-suchen sollte; doch riß ihn die Heftigkeit seines Charakters mit fort,
-und er rief voller Unwillen:
-
-»Danken Sie es Ihrer weiblichen Kleidung, die Sie vor meiner
-augenblicklichen Rache schützt! Aber was für einen Titel verdienen Sie,
-unvorsichtiges Weib, da Sie nicht fürchten, sich heimlich in fremde
-Häuser einzuschleichen, und die Handlungen ihrer Bewohner zu belauschen?
-Sie stehen früh genug auf, wie es scheint; aber sein Sie überzeugt, Sie
-sollen so bald nicht wieder, ohne mein Wissen, ins Schloß eindringen.«
-
-Ein Lächeln, dessen Bedeutung unbegreiflich schien, war Lodoiska's ganze
-Antwort. Dann aber nahm sie eine Miene von Würde an, und sagte:
-
-»Bedenke, Werner, daß du thätigen Antheil an meinem Unglück genommen
-hast; ich warne dich jetzt, nicht blind in den Abgrund des Verderbens zu
-rennen. Glaube mir, es wird am besten für dich sein, unparteiisch bei
-dem Kampfe zu bleiben, der sich bald erheben kann; dieß ist das einzige
-Mittel für dich, dem nahen Ungewitter zu entgehen.«
-
-Bei diesen Worten sprühten ihre Augen gleichsam Feuer, und nach einer
-fürchterlich drohenden Geberde entfernte sie sich mit schnellen
-Schritten auf einen schmalen Fußsteig, der sie bald den Blicken entzog.
-Sie hörte nicht auf die Stimmen der beiden Kinder, die, ihrer Spiele
-müde, sich jetzt näherten, um mit ihr zu plaudern. Werner stand wie
-unbeweglich da, und war in tiefes Nachdenken über die Unglücksfälle
-versunken, die er schon mit Gewißheit vorhersah. Endlich weckte ihn
-Wilhelm aus seiner Träumerei.
-
-»Hörst du den Donner nicht, Werner, der dort aus der schwarzen Wolke
-herüberrollt? Sieh doch, welche schöne Blitze! Es wird gewiß ein
-Gewitter geben.«
-
--- Ein Gewitter! rief Werner aus. Sollte ihre Prophezeihung schon so
-schnell in Erfüllung gehen? -- Er erblickte nun ebenfalls die
-heranziehenden schwarzen Wolken, aus denen häufige Blitze fuhren, und da
-die Vorsicht nicht erlaubte, den Spaziergang noch weiter fortzusetzen,
-so nahm er seine beiden jungen Freunde an die Hand, und kehrte auf dem
-kürzesten Wege nach dem Schlosse zurück.
-
-
-
-
- Fünftes Kapitel.
-
-
-Helene, die aus ihrem Fenster das Gewitter hatte herannahen sehen, war
-schon in großer Unruhe über die verzögerte Rückkehr ihrer Kinder
-gewesen, und voller Ungeduld verließ sie daher das Schloß, um ihnen
-entgegenzugehen. Sie war noch nicht weit gekommen, als sie schon das
-laute Gelächter der kleinen, muthwilligen Julie hörte, und bald darauf
-sahe sie die theuern Wesen auf sich zu laufen. Die Kinder sprachen von
-nichts, als von der schönen Dame, und von den Geschenken, die sie ihnen
-gemacht hatte. Helene war Mutter, und faßte daher schon ein günstiges
-Vorurtheil für diejenige, welche ihren theuern Kindern eine solche
-Freude machte; sie erkundigte sich, was die Fremde gesagt habe?
-
-»O dießmal, antwortete das kleine Mädchen, hat sie nicht lange mit uns
-geplaudert, sondern beständig mit Werner gesprochen, den sie zuletzt
-voll Zorn verließ.«
-
-Diese wenigen Worte des Kindes stürzten alle Pläne über den Haufen, die
-der Unteroffizier schon unterweges gemacht hatte. Er sahe sogleich ein,
-daß er Julien nicht widersprechen könne, weil die Oberstin ihm doch
-nicht Glauben beimessen würde; ein Entschluß mußte aber gefaßt werden,
-und ungeachtet seines Widerwillens gegen die Lüge wartete er nicht ab,
-bis Helene ihn fragte, sondern, nachdem Letztere die Kinder durch einen
-Wink entfernt hatte, sagte er:
-
-»Ich hatte vollkommen Recht, Frau Oberstin, der Unbekannten nicht zu
-trauen. Glauben Sie mir, daß sie ihren Aufenthalt nicht ohne gefährliche
-Absichten hier in R.... gewählt hat. Eine ganze Stunde lang hat sie mich
-mit Fragen über Ihre Familie und alle unsere Nachbarn gleichsam auf die
-Folter gespannt. Sie wollte Alles wissen, das Alter, den Rang, die
-Beschäftigung eines Jeden, und sie wurde gar nicht müde in ihren
-Versuchen, mich auszuforschen. Anfangs suchte ich ihren unverschämten
-Fragen mit Höflichkeit auszuweichen, aber sie hielt sich noch nicht für
-besiegt, und kehrte zum Angriff zurück. Eine Frage folgte auf die
-andere, gleichsam wie ein ununterbrochenes Heckfeuer, so daß ich endlich
-der Sache überdrüssig wurde. Ich nahm meine Truppen zusammen, und rückte
-ihr mit gefälltem Bajonet auf den Leib, so daß ich ihr eine völlige
-Niederlage beibrachte. Mein Widerstand setzte sie in solche Bestürzung,
-daß sie in höchst übler Laune ihren Rückzug antrat.«
-
-Diese mit militärischen Ausdrücken untermischte Rede zwang der Oberstin
-ein Lächeln ab. Die Fragen der Fremden schienen ihr nicht so
-unverschämt, als Werner sie darstellte; sie hielt es für natürlich, daß
-sie sich nach den Familien der Gegend erkundigte, wo sie sich
-niedergelassen hatte.
-
-»Ich hoffe, mein lieber Werner, daß deine Antworten nicht beleidigend
-gewesen sind; man muß Achtung vor den Damen haben, und vorzüglich darf
-ein Soldat dieselbe nicht aus den Augen setzen.«
-
--- Das ist recht gut für unsere Herren Offiziere, erwiederte Werner;
-aber wir, da wir nicht ihre Vorrechte genießen, brauchen auch nicht ihre
-Höflichkeiten nachzuahmen. --
-
-Mit diesen Worten, die er absichtlich etwas hart aussprach, entfernte
-sich der alte Soldat, und Helene kehrte nun zu ihren Kindern zurück,
-während das Gewitter immer näher kam, und der Regen schon in großen
-Strömen niederfiel. Helene fürchtete nicht das Rollen des Donners, so
-wenig als ihre Kinder; aber Lisette und Marie waren in der größten
-Angst. Sie eilten zu ihrer Gebieterin, gleichsam um bei ihr Schutz zu
-suchen, den sie ihnen auch nicht verweigerte. Da Werner unterdessen
-ungestört sein konnte, so begab er sich auf sein Zimmer, und ungeachtet
-eines unwillkührlichen Schauders, der sich zu wiederholten Malen in
-seinem Innern erhob, setzte er sich, um zum zweiten Male an seinen Herrn
-zu schreiben.
-
-Das Gewitter wurde immer heftiger, und die Winde kämpften fürchterlich
-mit einander, so daß sie in ihrer Wuth das Schloß in seinen Grundfesten
-zu erschüttern drohten. Unter das Rollen des Donners und das Heulen des
-Sturmes hörte Werner von Zeit zu Zeit sich gleichsam klagende Stimmen
-mischen; ja er hörte Worte, deren Ton seinem Ohr nicht unbekannt war.
-Mehrere Male hörte er unwillkührlich auf zu schreiben; dann aber, voll
-Scham über seine Schwäche, sammelte er seine Gedanken wieder, und zur
-Stunde des Abendessens war sein Brief an den Obersten fertig.
-
-Da er sein Schreiben nicht abermals den Versuchen Lodoiska's aussetzen
-wollte, schloß er dasselbe in einen Kasten ein, und setzte diesen in
-seinen Kleiderschrank. Von beiden steckte er die Schlüssel zu sich, und
-verließ dann ruhig sein Zimmer, überzeugt, daß sein Geheimniß nun in
-Sicherheit sei. Das Ungewitter tobte immer noch fort, und Lisette so wie
-Marie waren bereits fast todt vor Schrecken. Die Kinder, des Wartens auf
-das Abendessen müde, schliefen auf einem Sopha, und Helene las in einem
-guten Buche. Werners Eintritt in's Zimmer belebte die beiden Mädchen
-wieder, die sich nun entschlossen, jede zu ihren Verrichtungen zu gehen,
-und das verspätete Abendessen wurde endlich aufgetragen.
-
-Erst gegen Mitternacht ward der Himmel wieder heiter, und nach und nach
-kehrte die Natur zur Ruhe zurück. Werner hatte dem Unwetter heimlich mit
-Vergnügen zugesehen, denn er wußte, daß es mehrere Tage lang unmöglich
-blieb, spazieren zu gehen, wenn Regen gefallen war; und er hoffte, daß
-während dieser Zeit irgend ein Umstand eintreten möchte, wodurch die
-neue Bekanntschaft der Kinder seines Herrn mit Lodoiska aufgehoben
-würde; ja, er schmeichelte sich, daß die Antwort des Obersten auf seinen
-Brief dem ganzen Leben der Familie eine andere Richtung geben könnte.
-
-Mit diesen Gedanken beschäftigt, die ihm keine Ruhe ließen, schlief der
-brave Soldat nur wenig. Der neue Tag war noch nicht angebrochen, so
-befand er sich schon auf den Beinen. Er nahm seine Schlüssel und öffnete
-den Schrank und den Kasten, um den Brief herauszunehmen, den er ohne
-Verzug nach Prag auf die Post senden wollte. Er fand ihn nach dem
-Gefühl, und steckte ihn in seine Tasche, ohne ihn zu sehen, da es noch
-dunkel war; hierauf ging er hinunter in den Hof, um den Knecht zu rufen,
-der ihm als Bote dienen sollte.
-
-Ehe er ihn fand, verging einige Zeit, und die heraufsteigende
-Morgenröthe erhellte bereits die Erde rings umher, als er dem alten
-Peter anempfahl, sich sogleich nach der Stadt auf den Weg zu machen, um
-einen höchst eiligen Brief auf die Post zu bringen. Während er mit ihm
-sprach, zog er den Brief aus der Tasche, und warf noch zufällig einen
-Blick darauf, ehe er ihn übergab. O welche Ueberraschung ohne Gleichen!
-Das Papier war mit großen Blutstropfen befleckt, so daß es nicht einmal
-möglich war, die Aufschrift zu lesen! --
-
-Dieser außerordentliche Umstand preßte dem erstaunten Soldaten
-unwillkührlich einen Schrei aus. Kaum konnte er seinen Augen trauen;
-unbeweglich stand er da, den Brief zwischen den Fingern hin- und
-herdrehend, ohne noch immer zu begreifen, was er vor sich sehe. Dann
-kehrte er schnell seine Tasche um, aber sie war völlig rein, und am
-Wenigsten konnte man eine Spur von Blut darin entdecken. Hierauf eilte
-er in's Schloß zurück auf sein Zimmer, und untersuchte den Kasten, in
-welchem der Brief gelegen hatte; aber auch hier fand sich keine Spur von
-der Ursache, die das Papier beschmutzt haben konnte. Der muthige Werner
-starrte vor Schrecken; doch erholte er sich bald, und ohne Zeitverlust
-schrieb er nun den Brief zum dritten Male. Zwar kürzte er ihn ab, aber
-sein Inhalt war desto dringender, und sobald er fertig war, übergab er
-ihn dem Boten, den er zur größeren Sicherheit noch eine gute Strecke
-weit begleitete. --
-
-Werner besaß Muth, aber dennoch konnte er sich jetzt einer gewissen
-abergläubischen Furcht nicht erwehren. Mit der größten Unruhe erinnerte
-er sich an die Erzählungen, die er in Rußland und vorzüglich in der
-Moldau und Wallachei gehört hatte, als er sich daselbst mit seinem
-Regiment befand; an die Sagen von Menschen, die ihre Seele dem Teufel
-verkauft hätten, und dadurch eine übernatürliche Macht zum Schaden ihrer
-Mitmenschen erlangten. Alle jene Mährchen fielen ihm jetzt wieder ein,
-und die beiden so eben erst erlebten Ereignisse verleiteten ihn sogar zu
-dem Glauben, daß wohl Lodoiska durch ein ähnliches Bündniß sich eben
-solche Macht verschafft haben könnte. Doch verwarf er bald diese
-Gedanken wieder. »Was für ein Thor ich bin, sagte er zu sich selbst, an
-solche Fabeln zu glauben. In der Moldau und Wallachei mag dergleichen
-hingehen, es wohnen dort nur Barbaren; aber in Deutschland hat der
-Teufel schon lange sein Recht verloren, oder es bloß den Taschenspielern
-überlassen; diese arbeiten bei uns noch allein für ihn, und vielleicht
-ist Mamsell Lodoiska eine solche geschickte Taschenspielerin. Aber sie
-mag sich in Acht nehmen; denn sie würde übel wegkommen, wenn ich sie
-einmal auf der That ertappe.«
-
-Nachdem er hierauf einer Flasche mit altem guten Rum, die auf seinem
-Tische stand, einen Besuch abgestattet hatte, vergrößerte sich noch sein
-Muth, und er nahm sich vor, von nun an seine Wachsamkeit noch zu
-verdoppeln, um zu entdecken, durch welche Mittel sich Lodoiska's
-Wirksamkeit bis in's Schloß erstrecken könnte. In der Hoffnung, recht
-bald vom Obersten Antwort zu erhalten, ging er dann an seine
-gewöhnlichen Geschäfte.
-
-Die Einsamkeit, in welcher die Familie Lobenthal im Schlosse R....
-lebte, ging indessen nicht so weit, daß sie nicht von Zeit zu Zeit durch
-einige Besuche unterbrochen worden wäre, welche die auf den umliegenden
-Gütern wohnenden Herrschaften im Schlosse abstatteten. Sie wurden stets
-mit großer Höflichkeit und Gastfreundschaft empfangen, und Helene sahe
-sie sogar mit Vergnügen, besonders seitdem ihr Gatte abwesend war; denn
-sie bedurfte jetzt mehr Zerstreuung als früher, und fand sie in dem
-Umgange mit den Nachbarn. Daher fiel es auch im Geringsten nicht auf,
-als noch an demselben Tage, Nachmittags um zwei Uhr, ein alter Edelmann
-aus der Nachbarschaft im Schlosse eintraf, der früher Oberjägermeister
-gewesen war, jetzt aber ruhig sein Feld bauen ließ.
-
-Herr von Krauthof war ein großer Esser, ein erprobter Trinker, der seine
-ganze Zeit beinahe mit Besuchen hinbrachte, und dabei weder die
-Schlösser der Herrschaften, noch die Häuser der Pächter verschmähte.
-Seine Hauptstärke bestand darin, daß er Stunden lang nichts als
-Komplimente herzusagen wußte; und nachdem er dieses wichtige Geschäft
-auch heute beim Eintritt in's Zimmer Helenens beendigt hatte, kam er
-endlich auf einen Gegenstand, der uns hier näher angeht. --
-
-»Nun, Frau Oberstin, fuhr er im Flusse seiner Rede fort, Sie haben ja
-eine liebenswürdige Nachbarin bekommen. Ich sage: liebenswürdig,
-obgleich ich nicht recht weiß, warum; denn mich hat sie mit einer
-verzweifelten Strenge behandelt. Erst am vergangenen Dienstag erfuhr
-ich, daß sich hier in der Gegend eine fremde Dame niedergelassen habe,
-deren Schönheit allgemein gelobt wird; ich hielt es daher für Pflicht,
-und um ihr eine gute Vorstellung von unsern hiesigen Herren
-beizubringen, ihr sogleich einen Besuch abzustatten. Gestern also begab
-ich mich nach dem Häuschen im Walde, meinen Regenschirm unter dem Arme,
-weil man jetzt nicht mehr dem Wetter, so wenig als den Menschen, trauen
-kann. Als ich anlangte, war die Hausthür verschlossen. Ich fand dieß
-ganz in der Ordnung, weil ein Jeder in seinem Hause Herr sein will; ich
-klopfte daher an, und man öffnete. Schon war ich im Begriff einzutreten,
-als ich plötzlich ein wahres Gespenst vor mir sahe, das mir den Weg
-versperrte. Stellen Sie sich den größten und zugleich den magersten
-aller Menschen vor: ein Gesicht wie ein Jesuit, Augen wie eine Eule, und
-eine Miene, als wenn es eher ein Bewohner jener als dieser Welt gewesen
-wäre; eine rauhe und hohle Stimme, eine Manier wie ein Holzblock und
-einen völlig verpesteten Athem.«
-
--- Was wollen Sie hier? fragte er mich, ohne weiter irgend eine
-Höflichkeitsformel hinzuzusetzen. --
-
-»Diese unartige Frage überraschte mich zwar ein wenig, da sich aber ein
-Edelmann aus altem Geschlechte so leicht nicht in Verlegenheit setzen
-läßt, so antwortete ich ihm: Ich bin ein Edelmann aus der Nachbarschaft,
-der deiner Herrschaft seine Hochachtung bezeigen, und also bei ihr
-vorgelassen werden will. -- Nach dieser artigen Rede hatte ich einiges
-Recht zu glauben, daß ich sogleich Zutritt bei der Dame erhalten würde;
-aber ich irrte mich sehr, wie Sie sogleich hören werden. Denn dieser
-neue Cerberus nahm auf meine Höflichkeit gar keine Rücksicht.«
-
--- Ich kann Sie nicht einlassen, antwortete er mir, denn meine
-Herrschaft ist stets mit Geschäften überhäuft, und hat keine Zeit,
-Besuche anzunehmen. Sie ist nicht hier hergekommen, um Gesellschaft zu
-suchen, und Sie würden auch zum zweiten Male vergebens hierherkommen. --
-
-»So sprach der grobe Mensch, und ohne meine Antwort abzuwarten, trat er
-einen Schritt zurück, und schlug mir mit heftigem Geräusch die Thür vor
-der Nase zu. Ich würde nicht im Stande sein, Ihnen meinen Aerger
-hierüber der Wahrheit gemäß zu schildern; allein ich entfernte mich
-sogleich voller Verachtung von diesem ungastfreundlichen Hause, mit dem
-festen Vorsatze, alle meine Nachbarn vor einem gleichen Schicksale zu
-warnen, wenn sie es sich vielleicht einfallen lassen wollten, den
-hergebrachten Formen der Höflichkeit nachzukommen.«
-
-Diese Erzählung belustigte Helenen sehr; sie nahm sich indessen vor,
-sich nicht einer ähnlichen Aufnahme auszusetzen, so groß auch ihr Wunsch
-war, die geheimnißvolle Fremde kennen zu lernen. Sie hoffte, ihr auf
-einem Spaziergange mit ihren Kindern zu begegnen; für jetzt tadelte sie
-aber hart die Unhöflichkeit des Bedienten, indem sie die Bemerkung
-machte, daß der Herr von Krauthof ihm ohne Zweifel völlig unbekannt sein
-müsse; denn, setzte sie hinzu, hätte er gewußt, mit wem er die Ehre
-gehabt, zu sprechen, so würde er gewiß einer solchen Grobheit sich nicht
-schuldig gemacht haben.
-
-Der ehemalige Ober-Jägermeister ward durch ein solches aus einem so
-schönen Munde hervorgegangenes Kompliment wegen seines Mißgeschicks
-beinahe völlig getröstet, und um es desto besser zu vergessen, eilte er,
-eine andere Unterhaltung auf die Bahn zu bringen. Er fing an, von
-Politik zu sprechen. Helene wußte, daß man über dieses Kapitel dem
-Strome seiner Rede freien Lauf lassen mußte, und daß er ganz entzückt
-diejenigen Häuser verließ, wo man ihn, ohne ihn zu unterbrechen,
-anhörte. Auch sprach er heute so ganz nach Herzenslust, der gute Mann!
-Er errieth Alles, alle Geheimnisse der Höfe lagen offen vor ihm; er
-setzte Minister ab, und schuf neue; er sagte den Gang der politischen
-Angelegenheiten vorher, kurz, er spielte eine ganze Stunde lang den
-Gesetzgeber von ganz Europa. Helene hörte ihm mit einem Anschein von
-Theilnahme zu, die ihn ganz bezauberte, und voller Zufriedenheit verließ
-er das Schloß, um einen benachbarten Grafen zu besuchen, wo er im Lobe
-der Oberstin unerschöpflich war.
-
-»Alles recht gut! entgegnete man ihm; aber aus welcher Familie stammt
-sie her? -- Sie und ihr Mann, mein Bester, sind Emporkömmlinge, bleiben
-aber immer nur ehrliche Bürgersleute, was doch wahrhaftig nicht viel
-ist!« --
-
-
-
-
- Sechstes Kapitel.
-
-
-Mehrere Tage lang blieben die Wege in der Umgegend des Schlosses, in
-Folge des gefallenen Regens, so naß und schlüpfrig, daß dadurch die
-Spaziergänge der Kinder des Obersten verhindert wurden, womit Werner
-äußerst zufrieden war. Die Kleinen vergaßen bald ihre neue schöne
-Freundin; aber nicht so war es mit Helenen, welche die Unbekannte
-schlechterdings sehen wollte. Mit Ungeduld erwartete sie den Augenblick,
-wo der Erdboden wieder so trocken sein würde, daß die Spaziergänge
-wieder ihren Anfang nehmen könnten. Am nächsten Mittwoch ward endlich
-ihr Wunsch erfüllt; die Sonne hatte die Feuchtigkeit getrocknet, und der
-Tag war außerordentlich schön. Da Werner Geschäfte halber nicht im
-Schlosse war, so benutzte Helene diesen, Umstand, und ging mit Wilhelm
-und Julien nach der kleinen Wiese im Thale hinab. --
-
-Je näher Helene ihrem Ziele kam, desto Mehr fühlte sie ihr Herz von
-einer ganz sonderbaren Empfindung beklommen, deren Ursache ihr
-unerklärlich war. Es schien ihr, als wenn ihre Brust von einer
-ungeheuren Last eingeengt würde; kaum konnte sie noch Athem holen, und
-ein allgemeines Mißbehagen durchschauderte ihren ganzen Körper. In Folge
-dieser physischen Ermattung erschlaffte auch ihr Geist, und sie verfiel
-in eine schwermüthige Stimmung, die sie vergebens von sich zu bannen
-suchte. Die laute Freude ihrer Kinder war heute nicht im Stande, auch
-sie fröhlicher zu stimmen, und zwei Mal fühlte sie in ihrem Auge eine
-Thräne, die doch in keinem gegründeten Kummer ihre Ursache hatte.
-
-Als sie endlich auf der Wiese angekommen war, setzte sie sich am Fuße
-einer schönen Linde, wo eine natürliche Rasenbank sie zur Ruhe
-einladete, nieder, und indem sie ihr Strickzeug aus dem Arbeitskörbchen
-nahm, gab sie den beiden Kleinen das Zeichen, daß sie nun die Freiheit
-hätten, ihre Spiele anzufangen. Dieß ließen sie sich auch nicht zwei Mal
-bedeuten, und lustig sprangen sie auf dem weichen Grase umher, als
-plötzlich, nach Verlauf von ungefähr einer Viertelstunde, die Silbertöne
-einer melodischen Harfe erschallten.
-
-Ueberrascht gab Helene ihren Kindern ein Zeichen, still zu sein, und
-sich neben ihr in's Gras zu setzen. Begierig lauschte sie auf die
-seltsamen Töne, die der verborgene Virtuos seinem Instrument entlockte:
-anfangs war es nur ein langsames, feierliches Vorspiel, dem aber bald
-ein feuriges und heftiges Ritornell folgte, und eine sanfte weibliche
-Stimme begleitete das Spiel mit ihrem Gesange.
-
-Schon bei den ersten Tönen dieser Stimme fühlte Helene ein
-unwillkührliches Beben. Die Sprache, in welcher die Arie gesungen ward,
-war ihr völlig unbekannt, aber obgleich sie die Worte nicht verstand, so
-machte doch die Musik einen so außerordentlichen und sonderbaren
-Eindruck auf sie, daß sie sich selbst nicht von der dadurch in ihr
-hervorgebrachten Stimmung Rechenschaft zu geben im Stande war. Endlich
-schwieg die Stimme und das Instrument; Helene konnte nicht zweifeln, daß
-es die Unbekannte sei, die sich jetzt in ihrer Nähe befinde, und sie
-dachte darüber nach, auf welche Art sie am besten zu ihr gelangen
-möchte; da fiel ihr aber plötzlich ein Mittel ein. Sie gab ihren Kindern
-die Erlaubniß, sich wieder entfernen zu dürfen, und diese, welche längst
-die Stimme ihrer Freundin erkannt hatten, eilten ohne Verzug nach dem
-Orte hin, wo die Töne hergekommen waren. Sie fanden sie im nahen Gebüsch
-auf einem Baumstamme sitzend, und eine Harfe in der Hand, die sie eben
-wieder zu spielen angefangen hatte, obgleich sie über dem einen ihrer
-Arme immer noch den Handschuh trug.
-
-Sie schien sich über den Anblick der Kinder zu freuen, und rief ihren
-Bedienten, der sich in einiger Entfernung von ihr niedergesetzt hatte.
-Nachdem sie ihm die Harfe übergeben, fragte sie ihren Liebling, die
-kleine Julie, was für ein Spiel sie spielen wolle? Das pfiffige Kind
-hatte die Absicht, die Fremde ihrer Mutter zuzuführen, hütete sich aber
-wohl, ihr zu sagen, daß dieselbe ganz in ihrer Nähe sei; sie antwortete
-daher: daß sie gern springen und laufen möchte, und setzte hinzu, ihre
-Freundin könne sie gewiß nicht einholen, wenn sie ihr einen Vorsprung
-von einigen Schritten geben wollte.
-
-Lodoiska nahm den Vorschlag an. Julie läuft voraus, und wird auf das
-Lebhafteste verfolgt; aber sie richtet ihren Lauf nach dem Orte, wo sich
-ihre Mutter befindet, die von dieser Seite her, des Gebüsches wegen,
-nicht gesehen werden kann; plötzlich eilt das kleine Mädchen in die Arme
-ihrer Mutter, und überrascht bleibt Lodoiska, fast unbeweglich, vor
-derselben stehen. Letztere, voller Freude über diesen günstigen Zufall,
-erhob sich sogleich von ihrem Sitze und ging der Fremden einige Schritte
-entgegen, während sie dieselbe mit forschendem Blicke betrachtete.
-
-Lodoiska hatte den schönsten Wuchs, und ihre äußerst angenehme,
-verführerische Gestalt besaß nur gerade die nöthige Ueppigkeit, um ihre
-Schönheit zu erhöhen. Ihr Gesicht war vollkommen länglich rund; ihr Mund
-klein, ihre Nase griechisch, ihre Augen groß; über ihrer offenen Stirn
-erhob sich ein prächtiger, reicher Haarwuchs, und einige ihrer
-rabenschwarzen Locken fielen auf die alabasterweißen Schultern hinab.
-Kurz, Lodoiska war sehr schön, und dennoch waren es nicht ihre Reize
-allein, die den größten Eindruck auf den Beschauer machten; sie hatte in
-dem Ganzen ihrer Züge etwas Unbegreifliches und Unbeschreibliches, was
-man nicht müde werden konnte, zu betrachten, ohne jedoch jemals mit sich
-selbst einig zu werden, ob es Vergnügen sei, was dadurch hervorgebracht
-würde, oder ein ganz seltsames Gefühl der Furcht. Die Weiße ihrer Haut
-war außerordentlich, durch ein lebhaftes Roth in ihren Gesichtszügen
-verschönert; aber dennoch bemerkte man in dieser Mischung eine
-erdfarbene, gelbgraue Schattirung, die öfters die Harmonie des Ganzen
-störte. Die Frische ihrer Lippen konnte nur mit der Farbe der ersten
-hervorbrechenden Rosenknospe verglichen werden; aber gewisse krampfhafte
-Bewegungen in den Gesichtsmuskeln, ein Lächeln, das nahe an Bosheit
-grenzte, verdarben den Eindruck der Bewunderung, und verriethen, daß das
-Herz der Fremden nicht ruhig sein könne, und daß sie, ungeachtet aller
-Anstrengung, nicht im Stande sei, die Heftigkeit ihrer Leidenschaft zu
-zähmen. Wenn man nun gar ihre Augen betrachtete, was sollte man dann von
-ihr denken! welcher Ausdrücke sollte man sich bedienen, um die
-sonderbare Mischung zu schildern, welche in ihren Blicken eine
-himmlische Sanftmuth und eine furchtbare Lebendigkeit hervorbrachten?
-Bald glüheten ihre Augen von verzehrendem Feuer, bald waren sie düster,
-ausdruckslos und völlig unbeweglich, was eine schauerliche Empfindung
-hervorbrachte. Sie stellten zugleich das Leben und den Tod dar, und
-dennoch bemerkte man keine vollkommene Abgestorbenheit, sondern nur eine
-beispiellose Mischung von beiden, eine Vereinigung dieser beiden
-äußersten Extreme. Ein weißes Kleid, mit schwarzen Bändern besetzt, und
-nach einem in Deutschland unbekannten Schnitte, so wie ein schwarzer
-wollener Shawl, machten ihren ganzen Putz aus.
-
-Da Helene, nach einem schnellen Ueberblick dieses ganzen Wesens der
-Fremden, wobei sie in der eben beschriebenen Ungewißheit blieb, sahe,
-daß die Unbekannte unbeweglich stand, und nicht einmal den Mund zum
-Sprechen öffnete, so hielt sie es für schicklich, die Unterhaltung durch
-Danksagungen für die Güte anzufangen, womit sie zu den Vergnügungen
-ihrer Kinder beigetragen habe.
-
-Kaum hörte Lodoiska diese Worte, so überflog ihr Gesicht eine leichte
-Röthe, ihre Augen wurden lebendiger, und sie öffnete den niedlichen,
-kleinen Mund zum Sprechen.
-
-»Ich habe also die Ehre, die Frau Oberstin Lobenthal vor mir zu sehen?
-Sie werden mir verzeihen, daß ich Ihnen meinen Besuch nicht abgestattet
-habe; aber ich suchte hier die ungestörteste Einsamkeit, und kam nur in
-diese Gegend, um einen Plan auszuführen, dessen Wichtigkeit allein mich
-dem Grabe entreißen konnte. Ich werde mich hier nur kurze Zeit
-aufhalten, und kaum im Stande sein, meine Pflichten zu erfüllen, so
-genau sind meine Stunden gezählt; ich habe daher nur wenige zu meiner
-Erholung übrig.«
-
--- Ich bedaure es sehr, antwortete Helene, daß ich Ihre Gesellschaft
-nicht genießen soll, die mir ohne Zweifel sehr angenehm sein würde. --
-
-»Glauben Sie es nicht, rief Lodoiska, gleichsam wider ihren Willen von
-einer innern Bewegung mit fortgerissen; wünschen Sie meine Gesellschaft
-nicht, sie führt die Verzweiflung, die bittersten Thränen und den Tod
-mit sich.«
-
-Ein Blick, den jetzt Helene auf die Kleidung der Unbekannten warf, gab
-ihr die Auflösung dieser Art von Räthsel. Sie zweifelte nicht, daß der
-Tod der Dame einige Lieben entrissen hätte, und daß ihre Antwort daher
-nur auf ihren Kummer hindeutete; sie erwiederte also, daß man nicht
-hoffen dürfe, in der Einsamkeit seine Betrübniß zu lindern, sondern
-vielmehr in der Gesellschaft guter Menschen Trost suchen müsse.
-
-»Sie irren sich, entgegnete die Fremde; es giebt einen Zeitpunkt im
-Leben, nach dessen Verlauf sich eine unübersteigliche Scheidewand
-aufthürmt, und wo das Schicksal unwiderruflich ist. Ich habe keine
-Linderung meiner Qualen mehr zu hoffen, und meine Zukunft ist
-unveränderlich wie die Ewigkeit, von welcher sie ein Theil ist.«
-
-Diese außerordentliche Rede bestärkte Helenen noch mehr in ihrer
-Meinung, daß die junge Dame sehr heftigen Kummer haben müsse, der wohl
-gar ihren Verstand zerrüttet haben könne. Sie fühlte daher Mitleid mit
-ihr, und um sie zutraulicher zu machen, wollte sie ihr die Hand reichen.
-Da trat Lodoiska schnell einen Schritt zurück.
-
-»Was wollen Sie? sagte sie mit der größten Heftigkeit. Schwache
-Sterbliche! Eilen Sie Ihrem Schicksale nicht im Voraus entgegen! Wissen
-Sie, daß Sie dem Tode verfallen sind, sobald Sie mich berühren?«
-
-Jetzt zweifelte Helene nicht mehr an der Verstandeszerrüttung der
-Fremden, und um sie zu zerstreuen, suchte sie das Gespräch auf einen
-andern Gegenstand zu bringen.
-
-»Wenn Ihnen die Gesellschaft erwachsener Personen so unangenehm ist,
-sagte sie, so scheinen doch wenigstens diese Kinder Gnade vor Ihnen
-gefunden zu haben.«
-
--- Gnade vor mir gefunden, sagen Sie? antwortete Lodoiska mit hohler
-Stimme. Welche Gnade? Ich rathe Ihnen nicht, sich damit zu rühmen; es
-ist vielmehr nur eine Frist, wie sie der Henker seinem Schlachtopfer
-gewährt, indem er die Werkzeuge zu dessen Marter in Bereitschaft setzt.
---
-
-Diese Worte waren so schauerlich, daß Helene voller Furcht eine Bewegung
-machte, gleichsam um die Kinder zu entfernen. Jetzt schwebte aber ein
-Lächeln voller Unschuld auf Lodoiska's Lippen, und ihre Augen nahmen
-einen sanften Ausdruck an.
-
-»O, verzeihen Sie, Frau Oberstin, sagte sie, daß ich Ihnen einen solchen
-Schrecken verursachte; aber es giebt Augenblicke, wo ich ganz nur der
-Vergangenheit und der Zukunft angehöre, wo ich der Gegenwart entrückt
-bin. Wider meinen Willen entschlüpfen dann unsinnige Reden meinen
-Lippen, und mein Herz kann die einzige Empfindung, die ihm noch
-zurückgeblieben ist, nicht bezähmen.«
-
--- Ich werde stets den Schmerz ehren, der Sie peinigt, und mich mit dem
-Wunsche begnügen, daß er bald ganz verschwinden möchte. Wenn der Anblick
-meiner Kinder Ihnen lästig ist, so will ich es denselben verbieten, sich
-Ihnen wieder zu nähern. --
-
-»O, glauben Sie mir, hüten Sie sie wohl, diese Kinder, worauf Sie stolz
-sind; eine grausame Krankheit, ein verzehrendes Gift, oder, weiß ich es?
-tausend andere Ursachen können sie Ihnen entreißen; wachen Sie daher
-über sie, und lassen Sie sie nicht aus den Augen. Sie sind noch so jung
-und schwach, daß sie Ihnen bald die bittersten Thränen verursachen
-könnten.«
-
-Bei diesen Worten verdunkelten sich ihre Augen abermals zu einem
-unbeschreiblichen Wahnsinn; ihr Mund verzog sich fürchterlich, ihr
-Gesicht entfärbte sich, und Helene sahe in ihr mehr einen entstellten
-Leichnam, als ein lebendiges menschliches Wesen. Gern hätte die Letztere
-eine so peinliche Szene abgebrochen, aber ihr Mitleid hielt sie noch
-zurück, weil sie fürchtete, sie in solchem Zustande allein sich selbst
-zu überlassen, und sie für völlig wahnsinnig hielt.
-
-»Mein Gott! sagte sie; Ihnen ist unwohl, und Sie werden in diesem
-Zustande Ihren Spaziergang nicht fortsetzen können. Wollen Sie mir
-erlauben, Sie nach Ihrer Wohnung zu begleiten?«
-
--- Ich, krank sein? O nein, enttäuschen Sie sich! Ich weiß nicht mehr,
-was krank sein heißt; denn ich befinde mich jetzt in meinem gewöhnlichen
-Zustande. Ihnen erscheint er ohne Zweifel als unangenehm, und ich weiß
-nicht, ob er mir selbst gefällt oder nicht; aber Sie ängstigen sich
-darüber, und wir wollen ihn daher zu vergessen suchen. Wohlan! wovon
-wollen wir sprechen? Ich wurde zwar nicht in einem Stande geboren, wo es
-gewöhnlich ist, sich besondere Kenntnisse zu erwerben; aber jetzt
-befinde ich mich an der Quelle alles Wissens; vor meinen Augen ist der
-Vorhang der menschlichen Unwissenheit gefallen, und ich könnte Ihnen
-erklären, was die Menschen nicht begreifen. --
-
-Diese Rede hielt die Oberstin für einen Beweis ihres zerrütteten
-Verstandes, und sie suchte daher die Gedanken der Fremden auf andere
-Gegenstände zu leiten, was ihr auch allmählich gelang. Lodoiska schien
-wieder zu sich selbst zu kommen, und sprach bald über alltägliche Dinge,
-wobei sie einen großen Umfang des Wissens verrieth, obgleich in ihrem
-Betragen etwas Rohes und Wildes war, das einen Beweis ihrer wenig
-sorgfältigen Erziehung gab. Indessen entschlüpfte ihr auch keine Silbe,
-wodurch ihr Herkommen verrathen worden wäre, und man hörte nur an ihrer
-Aussprache, daß sie nicht in Deutschland geboren sei. Helene vermuthete,
-daß sie das Opfer einer heftigen unglücklichen Liebe geworden, und in
-Folge dessen ihren Verstand verloren habe; daher sie es auch ganz
-natürlich fand, daß der Greis, dessen Obhut sie ohne Zweifel übergeben
-war, sie in der größten Eingezogenheit hielt.
-
-Das Gespräch kam auch auf die Musik. Die Oberstin, welche selbst sehr
-gut die Harfe spielte, machte der Unbekannten wohlverdiente
-Lobeserhebungen über das, was sie von ihr gehört hatte. Lodoiska wies
-dieses Lob mit Bescheidenheit von sich, aber es lag dabei in ihrem Wesen
-eine unbeschreibliche Gleichgültigkeit. Sie sprach von ihrer Fertigkeit
-im Spiel und Gesang, wie von der eines ganz fremden Menschen, und nichts
-setzte sie in Bewunderung oder schien ihr nur im Geringsten am Herzen zu
-liegen; sie zeigte so wenig Theilnahme an Allem, was die Menschen reizt
-oder nur beschäftigt, daß man sich unangenehm berührt fühlte, und es war
-nicht etwa Egoismus, sondern eine solche Kälte, ein solcher Ueberdruß an
-allen Dingen, daß man sie deßhalb beklagen mußte. Ist dieß ein
-Frauenzimmer oder nur eine Bildsäule? sagte Helene zu sich selbst. Hängt
-sie nur durch den Schmerz noch mit dem Menschlichen zusammen? -- Da die
-Sonne hinter den Bergen gänzlich verschwunden war, und die
-Abenddämmerung schon einbrach, so kamen die Kinder herbei, und ihrer
-Spiele müde, an denen man keinen Theil nahm, baten sie, nach dem
-Schlosse zurückgeführt zu werden.
-
-»Ja, sagte Lodoiska, es ist Zeit nach Hause zu gehen, und Alles, was
-körperlich ist, wird sich bald zur Ruhe begeben; dann ist der Raum der
-Welt nur mit den höhern Geistern bevölkert. Leben Sie wohl, Frau
-Oberstin; ich wünschte, Ihnen nie begegnet zu sein, und unser
-Zusammentreffen wird mir noch lange Zeit hindurch einen lebhaften Kummer
-verursachen.«
-
-Mit diesen Worten entfernte sie sich schnell, und verschwand im nahen
-Gebüsche.
-
-Helene, stets geneigt, von der Unbekannten nur Gutes zu urtheilen, sahe
-in dieser Rede ein Zeichen ihres Wohlwollens, und bedauerte, sie nicht
-zum gesellschaftlichen Umgange mit andern Menschen überreden zu können.
-In Begleitung ihrer Kinder trat sie den Rückweg nach dem Schlosse an,
-und zufrieden, die Fremde gesehen, auch die Ursache ihres Kummers und
-ihrer Eingezogenheit errathen zu haben, theilte sie am Abend dem treuen
-Werner ihr Zusammentreffen mit der Unbekannten mit. Der brave Bediente
-zeigte aber gar keine Ueberraschung bei Allem, was er von der Oberstin
-hörte; nur hätte er gern gewußt, ob Lodoiska irgend einen Argwohn in ihr
-zu erregen gesucht habe. Aber er bemerkte, daß die Gesichtszüge seiner
-Herrschaft völlig heiter waren, und schloß daraus, daß Lodoiska
-verschwiegen und vorsichtig gewesen sein müsse.
-
-
-
-
- Siebentes Kapitel.
-
-
-Am folgenden Nachmittage baten die Kinder, wieder auf der Wiese spielen
-zu dürfen, und Werner, der bestimmt wurde, sie dahin zu begleiten,
-gehorchte nur mit Widerwillen. Zu seiner größten Zufriedenheit ließ sich
-aber Lodoiska gar nicht sehen, so wenig als am folgenden Tage, wo Werner
-die Antwort des Obersten auf seinen Brief erwartete. Er schickte den
-Boten nach der Stadt, um die nach dem Schlosse R.... bestimmten Briefe
-von der Post abzuholen, und harrte den ganzen Tag über mit der größten
-Ungeduld auf dessen Rückkehr. Schon war die Nacht angebrochen, als der
-Bote endlich an das Schloßthor klopfte.
-
-»Die Briefe! Schnell die Briefe her! rief ihm Werner entgegen. Tausend
-Millionen Bomben und Granaten! ich glaubte, du würdest gar nicht
-wiederkommen.«
-
--- Die Briefe? antwortete der Bote. Sie irren sich, Herr Werner, denn
-ich habe nur einen Brief; hier ist er, und ich wünsche, daß es der sein
-mag, den Sie erwarten. --
-
-Werner griff hastig danach, und sahe beim Schein der Lampe, die er in
-der Hand hatte, nach der Aufschrift. Sie war allerdings vom Obersten,
-indessen nicht an ihn, sondern an Helenen gerichtet. Ein Dolchstich
-hätte Wernern nicht mehr Schmerzen verursachen können, als das
-Ausbleiben des so sehnlich erwarteten Briefes. Die Nachlässigkeit des
-Obersten schien ihm unbegreiflich; er drehte den in der Hand habenden
-Brief hin und her; manchmal bildete er sich ein, sein Herr könnte sich
-bei der Aufschrift geirrt haben, und der Brief könnte also dennoch für
-ihn sein. Indessen wagte er es nicht, sich hiervon zu überzeugen, und
-zitternd händigte er endlich das Schreiben der Oberstin ein.
-
-Helene kannte die große Anhänglichkeit des guten Unteroffiziers an ihren
-Gemahl, und hatte daher die Gewohnheit, ihm lange Stellen aus den von
-ihm erhaltenen Briefen vorzulesen, wenn gerade keine persönlichen
-Angelegenheiten darin vorkamen. Auch dießmal wich sie nicht von ihrer
-Gewohnheit ab, und der erstaunte Zuhörer erfuhr, daß der Oberst sich
-wohl befinde, aber daß er die Zeit seiner Rückkehr noch nicht bestimmen
-könne. Die beiden Gatten, welche er wieder zu vereinigen strebte, waren
-äußerst aufgebracht gegen einander, und es war daher nicht so leicht,
-sie gänzlich auszusöhnen. Der Oberst schloß endlich seinen Brief mit der
-Bitte an seine Frau, dem guten Werner seine Freundschaft zu versichern,
-und sich bei ihm wegen seines Stillschweigens zu beklagen, da er doch
-versprochen hätte, zu schreiben, und ihm die nöthigen Nachrichten über
-den Zustand der Gärten und Felder mitzutheilen.
-
-Dieser letztere Theil des Briefes machte einen zu großen Eindruck auf
-Werner, als daß er sich länger hätte halten können.
-
-»Alle Teufel! rief er aus, das ist ein Vorwurf, den ich wahrlich nicht
-verdiene. Ist es meine Schuld, wenn der Oberst meine Briefe nicht
-erhält? Denn ich habe ihm an demselben Tage geschrieben, wo Sie, Frau
-Oberstin, Ihren Brief absendeten, und den dieser hier beantwortet. O,
-Herr Bote, wart' er nur, ich will seinen Rücken schon bedienen, wie er
-es verdient hat!«
-
-Helene war im Begriff, Werner's Zorn zu besänftigen, als dieser sich
-plötzlich besann und fortfuhr:
-
-»Da fällt mir aber eben ein, daß der arme Teufel von Bote nicht daran
-Schuld sein kann, wenn der Brief verloren ist. Ich hatte Mißtrauen, ich
-weiß selbst nicht warum, und empfahl daher dem Boten, mir von der Post
-in Prag einen Empfangschein über den Brief mitzubringen, was er auch
-gethan hat. Wahrlich, dabei steht mir der Verstand still!«
-
-Helene, die nicht ahnete, welche Wichtigkeit Werner mit Recht auf den
-Verlust seines Briefes setzte, dachte nicht weiter daran; und voller
-Freude, Nachrichten von ihrem Gatten erhalten zu haben, fühlte sie
-weiter keine Unruhe, als über das gezwungene längere Ausbleiben
-desselben. Sie begab sich bald darauf in ihr Zimmer, und Werner auf das
-seinige, wo er einen vierten Brief zu schreiben beabsichtigte, den er
-selbst mit Tagesanbruch nach Prag bringen wollte. Denn er ging in seinem
-Zorne so weit, daß er selbst die Rechtlichkeit des Postoffizianten in
-Verdacht hatte. --
-
-Voll von diesem Entschlusse öffnete er seinen Schreibtisch, um Papier
-und Feder zur Hand zu nehmen, als er beim Schein der Lampe einen Brief
-erblickte, der ihm nicht unbekannt zu sein schien -- -- es war sein
-eigener Brief, den er an den Obersten geschrieben hatte. Er war abermals
-mit einigen Blutstropfen befleckt, und eine zitternde Hand hatte
-Folgendes auf den Umschlag geschrieben:
-
- _Dein Briefschreiben ist vergeblich; Alfred wird nie eine Zeile
- von Dir erhalten, wenn Du ihn nicht bloß von den Gegenständen
- der Landwirthschaft unterhältst._
-
-Schon oft hatte Werner den Mündungen der Kanonen gegenüber gestanden,
-die auf tausend verschiedene Arten den Tod von sich spieen; mehr als
-einmal hatte er den Säbel eines feindlichen Husaren über seinen Kopf
-schwingen sehen; aber noch niemals hatte er einen solchen Schreck
-empfunden, als den, welcher jetzt sein Herz zu Eis erstarrte.
-
-Maschinenmäßig irrte sein Blick im Zimmer umher, als wenn er erwartete,
-irgend eine gespenstische Gestalt vor seinen Augen erscheinen zu sehen;
-wiederholt wischte er sich mit der Hand den Schweiß von der Stirne, aber
-der übrige Theil des Körpers blieb unbeweglich, als wenn er festgebannt
-gewesen wäre. Jemehr er über Alles nachdachte, was ihm seit Kurzem
-geschehen war, desto mehr verlor er sich in allerhand Muthmaßungen. Oft
-wollte er sich überreden, daß er nur durch seine Einbildungskraft
-getäuscht würde; aber der Brief lag ja vor ihm, wie er ihn dem Boten
-übergeben hatte; zugleich sah er den Empfangschein des Postoffizianten
-vor sich, und dieser mußte also der Schuldige sein. Doch jetzt boten
-sich neue Schwierigkeiten dar. Wie war der Brief nach dem Schlosse
-zurückgekommen? Wer besaß die drei Schlüssel seines Zimmers, des
-Schreibtisches und des darin enthaltenen Schubfaches? Befand sich also
-der Verräther im Schlosse selbst? War er unter den Tagelöhnern und
-Knechten, oder unter den beiden Dienstmädchen? Werner konnte sich über
-alle diese Fragen keine Auskunft geben, weil er stets auf unauflösliche
-Schwierigkeiten stieß. Mehr als einmal sah er sich gezwungen, beinah an
-überirdische Geister zu glauben, wie er so oft in der Moldau und
-Wallachei davon hatte erzählen hören, und er verfluchte die Zauberer und
-Hexen, von deren Macht man dort allgemein überzeugt war. Ja selbst die
-fürchterlichen Vampyre fielen ihm ein, die nach den dortigen Sagen die
-Gräber wieder verlassen, um auf der Erde, deren Schrecken sie sind,
-umherzuirren, und aus den Adern der Lebendigen, deren Blut sie
-aussaugen, ein Dasein zu fristen, das kein völliges Leben, aber auch
-kein Tod ist. Dann aber verlachte Werner dergleichen Aberglauben wieder,
-und suchte seinen Verdacht auf natürlichere Art zu begründen; er nahm
-sich vor, die größte Wachsamkeit zu verwenden, um zu erfahren, wer im
-Schlosse der Lodoiska seinen Beistand leistete.
-
-Ehe Werner diese Art von Krieg beginnen wollte, die wenig mit seinem
-offenen und freimüthigen Charakter übereinstimmte, nahm er sich vor,
-seine Feindin persönlich zu sprechen, und dieß gleich am andern Morgen
-auszuführen. Kaum konnte er erwarten, bis der Tag wieder angebrochen
-war, und als er glaubte, daß es spät genug sei, um vorgelassen zu
-werden, machte er sich nach dem Häuschen im Walde auf den Weg.
-
-Als er hier ankam, war die Hausthür verschlossen. Er klopfte, aber man
-antwortete nicht; er verdoppelte seine Anstrengungen, um gehört zu
-werden, und nichts unterbrach die Stille im Innern des Hauses. Je länger
-er wartete, desto höher stieg seine Ungeduld, und er setzte den Klopfer
-zum dritten Male in Bewegung, ohne einen bessern Erfolg zu erlangen. Was
-sollte er thun? War das Haus verlassen, oder wollte man ihm nicht
-aufmachen? Sollte er die Belagerung aufheben oder sie am andern Morgen
-hartnäckiger fortsetzen?
-
-Während er darüber nachdachte, was er zu thun habe, hörte er nicht weit
-von sich ein leises Geräusch, und kaum hatte er sich umgedreht, so sahe
-er den alten Bedienten Lodoiska's sich gegenüber stehen. Dieser war von
-einer riesenmäßigen Größe; sein Scheitel war gänzlich von allem Haar
-entblößt, und über seinem mageren Gesichte herrschte eine schaudervolle
-Leichenblässe. Seine Augen, völlig erloschen, waren unbeweglich; der Ton
-seiner Stimme war schleppend und heiser, und ein verpestender Athem
-strömte aus seinem Munde, in welchem man kaum noch einige Zähne
-erblickte. Ein weiter Mantel von grobem Tuche bedeckte die ganze Gestalt
-dieser kolossalen Figur, und Alles an ihm kündigte an, daß er des Lebens
-müde sei, daß er Alles, was dem gewöhnlichen Menschen gefallen kann,
-verachtete.
-
-»Holla! sagte Werner, ohne vor seinem unangenehmen Aeußern zu
-erschrecken. Ist deine Herrschaft schon so früh ausgeflogen?«
-
--- Hoho! Patron! Wer giebt dir ein Recht zu solcher Frage? antwortete
-der alte Bediente. Sind wir denn schon so bekannt, daß du so vertraut
-mit mir sprechen darfst? --
-
-Der Ton dieser Rede war nichts weniger als freundschaftlich, so daß
-Werner, ungeachtet seines Selbstvertrauens, davon überrascht ward.
-Indessen wollte er nicht gleich beim Anfange der Feindseligkeiten als
-Besiegter erscheinen, und er erwiederte daher:
-
-»Nun, sei nur nicht gleich so böse, alter Eisenfresser. Ich will deine
-Herrschaft sprechen, und ich habe hier lange vergebens geklopft, ohne
-daß ich auch nur den Anschein eines lebendigen Wesens wahrnehmen konnte.
-Ist es nun nicht ganz natürlich, daß ich dich, da ich dich hier vor mir
-sehe, nach deiner Herrschaft frage? Oder bist du vielleicht einer von
-jenen Leuten, denen es leichter wird, Streit anzufangen, als eine Frage
-richtig zu beantworten?«
-
--- Wenn du mich kenntest, Freund, sagte der Greis, so würdest du leicht
-einsehen, daß ich eigentlich mit dir gar keinen Streit anfangen kann. Du
-gehst deinen Weg, der meinige hat aber schon seit langer Zeit sein Ziel
-erreicht. Deßhalb bin ich indessen nicht geneigt, Beleidigungen oder
-Drohungen so ungestraft hingehen zu lassen; aber ich hoffe, es wird so
-weit unter uns nicht kommen, und wir werden sogleich fertig mit einander
-sein. Was willst du von meiner Herrschaft? Ich kann deinen Auftrag bei
-ihr so ausrichten, ganz so, als wenn du es selbst gethan hättest. --
-
-»Nein, Alter, antwortete Werner, ziemlich unwillig über die Art, wie ihn
-dieser Bediente behandelte; meine Geschäfte mit Lodoiska bedürfen keiner
-Mittelsperson. Zwar ist es möglich, daß sie dir zum Theil bekannt sind,
-ja daß du selbst in die Taschenspielerei verwickelt bist, welche mich
-eigentlich bewogen hat, hierher zu kommen; indessen gefällt es mir nun
-einmal nicht, dich zum Vertrauten zu machen, und ich will mit Lodoiska
-selbst sprechen. Verstehst du mich?«
-
--- Ich verstehe dich; allein deßhalb habe ich noch keine Lust, deinen
-Wunsch zu erfüllen. Lodoiska, wie du sie kurzweg zu nennen beliebst, hat
-mit dir gar nichts zu schaffen; gieb dich also nur zufrieden, und da du
-Soldat gewesen bist, wie es mir scheint, so mache die Wendung, die ihr
-Linksumkehrt nennt, und geh deiner Wege. --
-
-»Weißt du wohl, Alter, daß eine zahlreichere Artillerie dazu gehört, um
-mich zum Rückzuge zu zwingen?«
-
--- Nun gut, so wollen wir sie schon finden, sagte der Bediente mit der
-größten Ruhe, und zu gleicher Zeit, ehe Werner sich dessen versahe,
-ergriff er ihn vor der Brust, und zwar mit solcher Stärke, daß er ihn
-mit einer Hand hoch vom Boden in die Luft hob, und ihn, ungeachtet aller
-Anstrengungen des Ex-Unteroffiziers, auf einem Fußsteige in einiger
-Entfernung wieder niedersetzte.
-
-Ach, wie sehr bedauerte es Werner in diesem Augenblicke, seinen Säbel
-nicht bei sich zu haben, um diese schwere Beleidigung augenblicklich
-rächen zu können! Sein handfester Gegner hatte ihm auch zu gleicher Zeit
-seinen Stock entrissen, und in der Nähe bot sich ihm Nichts dar, das er
-als Waffe hätte gebrauchen können. Aber konnte er die erlittene
-Beleidigung ungestraft lassen? Der Zorn verblendete den Unteroffizier
-nicht so sehr, daß er nicht hätte einsehen sollen, wie es unmöglich war,
-mit dem Alten zu ringen, da seine körperliche Stärke Alles übertraf, was
-Werner je gesehen hatte; es blieb ihm also nichts übrig, als seinen
-Gegner auf den Zweikampf mit Säbel oder Pistolen herauszufordern.
-
-Der Bediente, stets voll unerschütterlicher Ruhe, sahe ihn kaltblütig
-an. »Was willst du von mir? sagte er. Wozu soll ich mich noch anderer
-Waffen bedienen, um deinen Stolz zu demüthigen? Gieb deinen Vorsatz auf.
-Ich schlage mich nicht, ich vertheidige mich bloß, und vernichte
-denjenigen auf der Stelle, der nicht fürchtet, mich zu beleidigen. Du
-hast mich nun schon kennen gelernt; geh ruhig deinen Weg, schwacher und
-eitler Thor, und wage dich nicht wieder hierher, von wo ich dich
-vielleicht zum zweiten Male nicht lebendig entkommen lassen würde.«
-
-Der rauhe Ton, womit er diese Worte aussprach, die todtverkündende
-Geberde, womit er sie begleitete, die Flamme der Mordsucht, welche in
-seinen Augen leuchtete, alles Dieses brachte Wernern, ungeachtet seines
-Muthes, aus aller Fassung. Er war sogar in Zweifel, ob er seine
-Aufforderung erneuern sollte, als sich plötzlich die Thür des Hauses
-öffnete, und Lodoiska, in einem schwarzen Kleide, das ihr ein höchst
-seltsames Ansehen gab, heraustrat.
-
-»Wirst du denn immer vergessen, Ladislaus, sagte sie, daß ich dir
-verboten habe, dich deinem heftigen Charakter zu überlassen? Ist es
-möglich, daß die Thorheiten der Menschen dich noch immer nicht gänzlich
-verlassen haben? Und mußt du diejenigen beleidigen, die mich zu sprechen
-wünschen?«
-
-Der Alte fuhr bei diesen Worten seiner Herrschaft zusammen, aber in
-seinem gleichgültigen Gesichte zeigte sich weder Hochachtung noch
-Verwirrung. Bloß seine Lippen verzogen sich in ein scheußliches Lächeln,
-und ohne etwas zu erwiedern, ging er langsamen Schrittes in das Haus
-hinein, als wenn er an der eben stattgefundenen Szene gar keinen Theil
-gehabt hätte.
-
-Nichts konnte Wernern in diesem Augenblicke erwünschter sein, als das
-Erscheinen Lodoiska's. Bloß um sie zu sprechen, war er hierher gekommen,
-und das Benehmen ihres Bedienten ließ ihm wenig Hoffnung übrig, seinen
-Zweck zu erreichen; er war also froh, als er sahe, daß Lodoiska ihn
-anzuhören geneigt schien, und näherte sich ihr, konnte jedoch nicht
-umhin, ihr bei seiner Anrede sein Mißvergnügen über das Betragen ihres
-Bedienten zu erkennen zu geben.
-
-»Wahrlich, Lodoiska, sagte er, Ihr Wächter, denn anders kann ich ihn
-nicht nennen, mag sich glücklich preisen, daß ich jetzt eine gewisse Art
-von Eisen nicht bei mir hatte, die mich sonst niemals verließ, als ich
-mich noch in Ihrem Vaterlande befand. Hätte er damals eine Grobheit, wie
-heute, gezeigt, ich würde ihm den scharfen Stahl einige Zoll tief in die
-verdammte Brust gestoßen haben; aber nur Geduld! er soll mich nicht
-immer so wehrlos finden, und ich bin fest entschlossen, ihm mit Zinsen
-zurückzuzahlen, was ich ihm heute schuldig bleiben mußte.«
-
--- Laß es gut sein, Werner, antwortete Lodoiska, und vergiß den
-unangenehmen Vorfall. Ladislaus hat allerdings Unrecht; aber du hast ihn
-gereizt, und, ihn nach dem Anschein seines Alters beurtheilend,
-geglaubt, daß es leicht sein würde, ihn zur Erfüllung deiner Wünsche zu
-zwingen. Dein Irrthum zeigte sich bald; aber glaube mir, vergiß, was
-vorgegangen ist, es ist für dich am Besten. Deine Rache würde sonst auf
-dich selbst zurückfallen. --
-
-»Das ist recht schön gesagt, aber ein alter Soldat läßt nicht mit sich
-spielen wie mit einem Rekruten. Ich werde niemals eine Beleidigung
-ungeahndet lassen; und habe ich überdieß Ursache, mit der Herrschaft
-zufriedener zu sein, als mit dem Bedienten? Haben wir Beide nicht auch
-etwas abzumachen? Steht es Ihnen an, sich mit Taschenspielerkünsten
-abzugeben, und kann ich ruhig zusehen, daß Sie hierherkommen, mich zu
-beleidigen, und die Ruhe der Familie meines Obersten zu stören?«
-
--- Werner, sagte Lodoiska kalt, ich weiß nicht, welche höhere Macht dich
-deinem Untergange entgegentreibt. Wie kannst du es wagen, dich gegen
-mich zu beklagen? Wer von uns Beiden hat dem Andern das meiste Unrecht
-zugefügt? Bist du es nicht, Elender, der in dem Hause meines Vaters
-vorzüglich zu meinem Falle beitrug? Erinnerst du dich der Zeit nicht
-mehr, wo du, zu Gunsten der verbrecherischen Absichten des Obersten,
-mich von seiner treulosen Liebe ohne Aufhören unterhieltest? Warst du
-nicht stets bei mir, um meine Vernunft irre zu führen und meiner Tugend
-Fallstricke zu legen? Unglücklicher, dir steht es wohl an, in einem
-anmaßenden Tone gegen mich zu sprechen, und mir Unrecht gegen dich
-vorzuwerfen! Fort aus meinen Augen, wenn dir dein Leben lieb ist,
-elender Wurm des Staubes, den ich schon hätte zertreten sollen! --
-
-»Teufel noch einmal! Lodoiska, Sie gehen ja rasch zu Werke! Doch, ich
-mache mir nichts daraus, weil Sie ein Weib sind, und was schon vor so
-vielen Jahren geschehen ist, dessen erinnere ich mich nicht mehr. Wenn
-Sie leichtgläubig waren, so ist es nur Ihre Schuld. Aber woraus ich mir
-viel mache, und was ich nie erlauben werde, ist: wenn man in meine
-Geheimnisse eindringt, wenn man meinen Briefwechsel stört, und sich auf
-eine strafwürdige Art in das Haus meiner Herrschaft einschleicht.«
-
-Lodoiska antwortete nicht; sie warf nur einen Blick auf Werner, in dem
-sich die auffallendste Bosheit malte, gleichsam als Triumph einer schon
-gewissen Rache.
-
-»Ich wiederhole es Ihnen, fuhr Werner fort, daß ich Ihrer Ränke und
-Spielereien müde bin. Schon zwei meiner Briefe haben Sie aufgehalten;
-denn wer anders, als Sie, könnte es gethan haben? Ich weiß zwar noch
-nicht, durch welche Mittel Sie Ihre Absicht erreichten; aber sein Sie
-überzeugt, wenn ich einst Jemanden auf der That ertappen sollte, sein
-Prozeß würde nicht lange dauern, und sein Rücken würde sich über meine
-Dazwischenkunft eben nicht zu erfreuen haben.«
-
--- Wie! so grausam wolltest du verfahren, und selbst mit dem armen
-Ladislaus? sagte Lodoiska spottend und mit einem boshaften Lächeln. --
-
-»O, bei allen Teufeln! lassen Sie ihn kommen -- mit ihm vor allen
-Andern. Ich habe eine gute Jagdflinte, mit welcher er genaue
-Bekanntschaft machen, und gegen welche seine Faust nichts ausrichten
-soll.«
-
--- Werner, ich wiederhole es dir zum letzten Male, du gehst mit starken
-Schritten deinem nahen Untergange entgegen. --
-
-»Und Sie, Lodoiska, dem Ende Ihrer verbrecherischen Intriguen. Ich werde
-sie nicht länger ertragen, und wenn auch ein vierter Brief nicht an den
-Obersten gelangt, so wollen wir sehen, ob ich mit Hülfe der Obrigkeit
-nicht Recht erlangen kann.«
-
--- Unsinniger! worauf willst du deine Klage gründen? Soll ich für deine
-Thorheit verantwortlich gemacht werden? Wem willst du es einbilden, daß
-ich im Stande bin, den Briefwechsel zwischen dir und deinem Herrn zu
-hindern? Du wirst vor den Augen der Welt zum Gelächter werden! Armer
-Schwächling, die Strafe für deine Kühnheit soll dir dann auf dem Fuße
-folgen. --
-
-»Lodoiska, Sie können mir vorreden, was Sie wollen. Ich weiß, daß ich
-einiges Unrecht gegen Sie begangen habe, wenn es nämlich unrecht ist,
-einen jungen Offizier und ein hübsches Mädchen einander näher zu
-bringen; aber ich beschwöre Sie, vergessen Sie das Geschehene, und
-lassen Sie mich in Ruhe.«
-
--- Ich habe dir versprochen, dich in Ruhe zu lassen, ja, habe dir
-Belohnungen angeboten, wenn du dich anheischig machen wolltest, den
-Obersten nicht von meinem Hiersein zu benachrichtigen. Wie kannst du mir
-eine solche Kleinigkeit abschlagen? Laß ihn zurückkommen, und erlaube,
-daß ich ihn zum letzten Male sehen darf; sein Glück, seine Ruhe, ja sein
-Leben hängt davon ab. Uebrigens wirst du mir vergeblich entgegenstreben,
-denn mir stehen Mittel zu Gebote, denen du nicht zu widerstehen
-vermagst. Aber zittere, wenn dir ein einziges Wort entschlüpft, wodurch
-die glückliche Nebenbuhlerinn, welche meine Stelle an Alfreds Seite
-einnimmt, von meinem Verhältnisse benachrichtigt wird. Deine
-Unvorsichtigkeit würde dir das Leben kosten; ja Werner, ich würde dich
-auf der Stelle aufopfern! --
-
-Bei diesen Worten machte Lodoiska eine so heftige Bewegung, daß dadurch
-ein Theil ihres Kleides zerrissen wurde, und Werner unter ihrer linken
-Brust eine Wunde erblicken konnte, aus welcher einige Tropfen Blut
-hervorrieselten. Der unwillkührliche Schrecken, in welchen ihn dieser
-unerwartete Anblick versetzte, entging der Fremden nicht, und da sie
-ohne Mühe die Ursache davon errieth, so suchte sie mit ihrer Hand die
-zerrissene Stelle des Kleides zu bedecken.
-
-Sobald Werner sich von seiner Erstarrung erholt hatte, fühlte er sein
-Herz von plötzlichem Mitleiden bewegt. »Unglückliches Mädchen! rief er,
-was haben Sie gethan? Wie können Sie sich in Ihrem jetzigen Zustande
-noch einer so gefährlichen Leidenschaft hingeben? Eilen Sie schnell nach
-Ihrer Wohnung; Ihre Wunde ist wieder aufgebrochen, und Sie kennen
-wahrscheinlich die Gefahr nicht, in der Sie sich befinden.«
-
--- Von welcher Gefahr sprichst du? Ich kenne keine mehr auf der Erde. --
-
-»Aber Ihr Blut fließt ja aus der Wunde, von welcher wahrscheinlich der
-Verband losgegangen ist. Eilen Sie, ihn wieder herzustellen, und wenn
-Sie meiner Hülfe bedürfen, so zögern Sie nicht, sie anzunehmen.«
-
--- Beunruhige dich meinetwegen nicht. Mein Blut kann nicht mehr fließen,
-denn ich habe keines mehr, und schon vor langer Zeit verlor ich es bis
-auf den letzten Tropfen. An Blut, um das verlorne zu ersetzen, mangelt
-es mir nicht; denn ich weiß, wo ich es finden kann. Laß dieses Blut hier
-nur fließen, und kümmere dich deßhalb nicht. --
-
-Bei diesen seltsamen Worten zweifelte Werner, gleich wie die Oberstin,
-nicht länger, daß Lodoiska's Unglücksfälle sie um den Verstand gebracht
-haben möchten, und sein ganzer Zorn gegen sie war verschwunden. Er
-wollte es daher versuchen, sie durch gelinde Worte zu beruhigen, und da
-er bemerkte, daß ihr Gesicht schon von einer schauerlichen Todtenblässe
-bedeckt ward, so eilte er auf sie zu, um sie unter den Arm zu fassen und
-nach ihrem Hause zu geleiten.
-
-»Keinen Schritt weiter! rief sie ihm mit heiserer und schwacher Stimme
-entgegen. Rühre mich nicht an, oder eile vielmehr, zu entfliehen! Was
-jetzt vorgehen wird, darfst du nicht erblicken! Ladislaus! Ladislaus!
-komm geschwind, oder ich bin nicht ferner im Stande, die Absichten
-meiner Sendung in ihrem ganzen Umfange zu erfüllen!«
-
-Ladislaus hörte diesen Ruf, und kam noch schnell genug herbei, um
-Lodoiska, die ohnmächtig in seine Arme sank, zu halten. Nachdem der
-Greis sie einen Augenblick betrachtet hatte, sahe er mit wilden Blicken
-um sich her, und ohne ein Wort zu sprechen, gab er Wernern ein Zeichen,
-sich zu entfernen. Dieser schien anfangs nicht geneigt, ihm Folge zu
-leisten; allein er entschloß sich dazu, als er bedachte, daß er
-vielleicht durch seine Hartnäckigkeit den Tod der Fremden herbeiführen
-könnte. Er kehrte daher auf den Fußsteig zurück, der nach dem Schlosse
-führte. Bei einer Krümmung des Weges, wodurch der Ort, wo Lodoiska auf
-dem Grase ausgestreckt lag, ihm wieder zu Gesichte kam, blieb er stehen
-und sahe nun, wie der alte Bediente sich über die Ohnmächtige hinbeugte,
-und ihr eine rothe Flüssigkeit in den Mund goß. In demselben Augenblick
-aber erhielt Werner einen so heftigen Schlag auf den Kopf, daß er davon
-zu Boden stürzte. Er raffte sich schnell wieder auf, um dem Feinde, der
-ihn geschlagen hatte, die Spitze zu bieten; aber keine lebendige Seele
-war rings um ihn her zu erblicken, und er mußte daher seinen Fall einem
-Stoße an einen Baumast zuschreiben, da er eben durch einen Wald ging.
-
-Seine Neugierde bewog ihn, zum zweiten Male nach der Gruppe auf der
-Wiese hinzublicken; aber er sahe sie nicht mehr. Dieses plötzliche
-Verschwinden setzte ihn in das größte Erstaunen, und in tiefes
-Nachdenken versunken, kam er nach dem Schlosse zurück. »Gebe Gott! sagte
-er zu sich selbst, daß dieß Alles eine natürlichere Wendung nimmt; denn
-was ich gesehen habe, ist unbegreiflich; und ich wünschte wohl, die
-Geheimnisse zu durchdringen, mit denen wir umgeben sind.« --
-
-
-
-
- Achtes Kapitel.
-
-
-Da die Fremde immer fortfuhr, in der größten Zurückgezogenheit zu leben,
-so ward am Ende auch die Neugier der Nachbarn müde, sich mit ihr zu
-beschäftigen, und schon sprach man kaum mehr von den Bewohnern des
-Hauses im Walde, als eine neue Begebenheit die Aufmerksamkeit der
-Landbewohner auf sich zog, und Lodoiska ganz bei ihnen in Vergessenheit
-brachte.
-
-Es gab in der Gemeinde ein junges Mädchen von ausgezeichneter Schönheit,
-das auch ziemlich wohlhabend war, und daher allen jungen Leuten in der
-Umgegend den Wunsch einflößte, sie zu heirathen. So oft _Röschen_ sich
-bei einer öffentlichen Lustbarkeit sehen ließ, bildete sich sogleich ein
-Kreis von Anbetern um sie her, die ihr nach ihrer Art den Hof machten;
-allein sie blieb lange Zeit völlig gleichgültig. Röschen nahm die ihr
-dargebrachten Huldigungen an, ohne einen von den Anbetern im Geringsten
-auszuzeichnen, bis endlich ein junger Pächter das Herz der schönen
-Gleichgültigen zu rühren verstand.
-
-Sobald Röschens Wahl bekannt wurde, setzte dieß die übrigen nun
-hoffnungslosen Anbeter in Wuth, und man brach in die schrecklichsten
-Drohungen gegen das glückliche Paar aus. Es wurden mehrere Verträge
-geschlossen, um dieser Heirath alle möglichen Hindernisse in den Weg zu
-legen; aber ohne sich an alle diese Anfeindungen zu kehren, traf das
-junge Paar Anstalten zu seiner Hochzeit, und schon war der Tag der
-Trauung in der Kirche auf den nächsten Sonntag festgesetzt.
-
-Der Sonnabend vor der Hochzeit war derselbe Tag, wo Werner seinen Besuch
-bei Lodoiska abgestattet, und so wenig befriedigt nach dem Schlosse
-zurückkehren mußte. Auch er war zur Hochzeit Röschens eingeladen, und
-sollte sich am andern Morgen schon mit Tagesanbruch mit den Freunden des
-Bräutigams vereinigen, theils um mit ihnen vergnügt zu sein, theils um,
-mit ihnen vereint, die wüthenden Versuche zu vereiteln, welche die
-verschmähten Nebenbuhler etwa machen könnten.
-
-Nach dem Abendessen begab sich Werner auf sein Zimmer, noch ganz mit dem
-Gedanken an das beschäftigt, was er heute gesehen und gehört hatte.
-Unaufhörlich fiel ihm immer wieder die riesenmäßige Stärke des alten
-Bedienten ein, und es schien ihm, als wenn er vor seinen Augen das Blut
-aus Lodoiska's Wunde fließen sähe. Während er so, in ein peinliches
-Nachdenken vertieft, in seinem Lehnstuhl saß, warf er seine zerstreuten
-Blicke hier und da im Zimmer umher, bis sich seine Augen endlich starr
-auf einen Punkt hefteten, und er in einen lauten Angstruf des Schreckens
-ausbrach. Seine Flinte, mit welcher er dem alten Ladislaus gedroht
-hatte, war in hundert Stücke zerbrochen, und was ihn am meisten in
-Erstaunen setzte, auch selbst der Lauf war eben so zerstückelt, wie die
-übrigen Theile des Gewehres.
-
-Bei diesem unerwarteten Anblick, wobei er sich überzeugen mußte, daß
-eine übermenschliche Kraft gewirkt habe, fühlte er sich von einem
-eiskalten Schauer ergriffen, und eine gute Zeit lang blieb er wie
-versteinert vor seiner zerbrochenen Flinte stehen. Diese Begebenheit
-überstieg seine Fassungskraft, da er keine natürliche Ursache dafür
-auffinden konnte; und in seinem unwillkührlichen Schrecken hätte er fast
-bei sich selbst angelobt, sich nicht mehr in Lodoiska's Angelegenheiten
-zu mischen, da er einsahe, daß er einer höheren Kraft, als die schwachen
-Mittel, die ihm zu Gebote standen, bedurfte, um mit Vortheil gegen sie
-in die Schranken zu treten. Es dauerte lange, ehe er einschlafen konnte.
-Bei jedem leisen Geräusch schreckte er hoch empor, bis endlich seine
-Abspannung so hoch stieg, daß er in eine Art von Schlafsucht verfiel;
-denn es war schon sieben Uhr, als er von dem starken Lärm, den eine
-heftig an seine Thür klopfende Person verursachte, erwachte. Jetzt fiel
-ihm die Hochzeit ein, zu welcher er eingeladen war, und da er glaubte,
-daß man ihn dazu herbeiholen wollte, stand er schnell auf, voller Scham
-über seinen langen Schlaf. Als er die Thür öffnete, sahe er einen seiner
-guten Bekannten aus dem Dorfe, dessen Miene so traurig war, daß er
-darüber erschrak. Schon war er im Begriff, ihn nach der Ursache zu
-fragen, als dieser ihm zuvorkam.
-
-»Ach, lieber Werner, sagte er mit halb erstickter Stimme, welche
-fürchterliche That ist in dieser Nacht geschehen! Röschen ist todt, auf
-die schrecklichste Art ermordet!«
-
--- Was sagst du da, Mathes? Wer hat dieses schändliche Verbrechen
-begangen? Du machst mich vor Schrecken erstarren! --
-
-»Ach, leider ist es nur allzuwahr! Der Mörder ist noch völlig unbekannt.
-Er hat sich auf eine unbegreifliche Art in's Zimmer geschlichen, und dem
-armen Mädchen zwei Adern geöffnet; aber das Sonderbarste dabei ist, daß
-durchaus kein Blut mehr in dem Körper der Unglücklichen gefunden wird,
-und kaum hat man einige kleine Blutflecke an ihrem Bette bemerkt.«
-
--- Kein Blut mehr! rief Werner, wie vom Blitz getroffen. Kein Blut mehr!
-O Himmel, sollten sich denn die Schrecken der Moldau und Wallachei auch
-hier nach Deutschland fortpflanzen! --
-
-Er schwieg, vielleicht bereuend, daß er schon zu viel gesagt habe; aber
-das Uebel, was er gern vermieden hätte, war schon geschehen. Voller
-Neugierde bestand Mathes auf die Erklärung dessen, was er nicht
-verstand, und vergebens suchte Werner das Gespräch auf andere Dinge zu
-bringen, indem er sich näher nach den Umständen bei der Mordthat
-erkundigte; sein Freund ließ sich nicht abweisen, und nachdem er ihm
-erzählt hatte, was er wußte, drang er abermals darauf, zu wissen, von
-welchen Schrecken der Moldau und Wallachei Werner gesprochen habe. Er
-zeigte dabei eine solche Hartnäckigkeit in seinen Fragen, daß Werner ihn
-wohl befriedigen mußte, wenn er sich nicht mit ihm gänzlich erzürnen
-wollte.
-
-»Wahrhaftig, lieber Mathes, sagte Werner, du läßt mir auch gar keine
-Ruhe; da du es denn doch willst, so sollst du Alles erfahren; aber
-schiebe nicht die Schuld auf mich, wenn du dich vielleicht heute Abend
-fürchtest. Die Schrecken der Moldau und Wallachei, deren ich vorher
-erwähnte, sind nämlich gewisse Wesen, die des Nachts aus den Gräbern
-auferstehen, um die Lebendigen zu morden. Wie ich gehört habe, sollen
-sie auch in Ungarn und in Griechenland allgemein sein; kurz diese Wesen,
-welche weder todt noch lebendig sind, kommen des Nachts selbst in die
-Wohnungen ihrer Verwandten und Freunde. Sie legen sich dann neben ihnen
-in's Bett, öffnen ihnen die Adern, und saugen ihnen das Blut aus, was
-ihnen zur Erhaltung ihres schändlichen Daseins nöthig ist. Diese
-Handlung wiederholen sie alle Nächte von zwölf bis ein Uhr, so lange,
-bis alles Blut aus dem Körper verschwunden ist, und so den Tod ihres
-Schlachtopfers verursacht. Sobald eins dieser Wesen, welche man dort
-_Vampyre_ nennt, sich in einem Dorfe eingefunden hat, ist allenthalben
-Furcht und Trauer verbreitet; man ruft die Priester zu Hülfe, aber ihre
-Beschwörungen bleiben fruchtlos, und der Vampyr treibt ungestört sein
-Wesen fort. Nur ein Mittel ist vorhanden, sich von ihm zu befreien: man
-muß nämlich suchen, seinen Körper im Grabe aufzufinden. Beim ersten
-Anblick scheint dieser Körper leblos zu sein; aber an seiner
-Wohlbeleibtheit, an der Röthe seiner Wangen und Lippen, die oft noch mit
-Blute beschmutzt sind, erkennt man ihn dann leicht. Sogleich entreißt
-man dieses verabscheuungswürdige Ungeheuer seinem Sarge, haut ihm die
-Hände, die Füße und den Kopf ab; aber damit wäre noch nichts geschehen,
-wenn man nicht zuletzt sein Herz mit einem spitzigen Pfahle durchbohrte.
-Dann entströmt der Wunde, unter einem schrecklichen Schrei des Vampyrs,
-eine Menge von blutiger Materie, und mit ihm das Leben. Sämmtliche
-Theile des Körpers werden nun in's Feuer geworfen und verbrannt, worauf
-das Land ruhig wird, bis ein neuer Vampyr aus dem Grabe aufersteht.
-Diese schreckliche Plage der Menschen ist um so furchtbarer, als es
-scheint, daß die Vampyre sich fortpflanzen, indem oft ein Mensch, der
-durch sie geopfert wurde, ebenfalls ein Vampyr wird. Uebrigens giebt es
-sowohl männliche als weibliche Vampyre, und ich würde gar nicht fertig
-werden, wenn ich dir Alles erzählen wollte, was ich darüber bei meinem
-Aufenthalt in jenen Ländern gehört habe.«
-
-Werner hätte noch lange fortsprechen können, ohne von seinem Zuhörer
-unterbrochen zu werden; dieser verlor kein Wort von seiner Erzählung,
-und wendete schon in Gedanken den fürchterlichen Vampyrismus auf den
-plötzlichen Tod des jungen Röschens an.
-
-»Herr Jesus! rief er aus, ist dergleichen möglich? Sieh, Werner, es ist
-mir jetzt schon leid, daß ich dich danach gefragt habe, obgleich ich
-dadurch über etwas belehrt worden bin, was ich bisher noch nicht wußte.
-Gott sei Dank! wir hatten hier in unserm Lande bis jetzt nur einige
-Gespenster, die manchmal den Lebendigen einen Schreck einjagten, ohne
-ihnen weiter ein Leid zuzufügen. Aber sich von Blut zu nähren! man
-könnte bei dem bloßen Gedanken daran schon vor Furcht sterben. Armes
-Röschen! ja gewiß, ein Vampyr hat dich gemordet, es ist nicht daran zu
-zweifeln!« --
-
-Ungeachtet Werner im Geheimen selbst daran glaubte, so suchte er doch
-seinen Freund Mathes zu überreden, daß Röschens Tode eine andere Ursache
-zum Grunde liege; aber Mathes war zu begierig, die neu erlangten
-Kenntnisse weiter zu verbreiten, als daß er seine Voraussetzung hätte
-aufgeben können.
-
-»Du magst mir sagen, was du willst, rief Mathes aus; ich bin und bleibe
-überzeugt, daß hier ein Vampyr sein Wesen getrieben hat, und ich will es
-sogleich im ganzen Dorfe bekannt machen.«
-
-Mit diesen Worten rannte er aus dem Zimmer, ungeachtet Werner ihn gern
-zurückhalten wollte. Den ersten Bekannten, denen er begegnete, eilte er,
-seine wunderbare Geschichte von den Vampyren zu erzählen, welche so
-allgemein Eingang fand, daß man bald in der ganzen Gegend von nichts
-Anderem sprach, und darüber die Fremde im Häuschen im Walde und ihre
-Sonderbarkeiten vergaß.
-
-Unterdessen drückte Wernern die Sorge, zu erforschen, wie es Lodoiska
-möglich gemacht habe, sich heimlichen Eingang in's Schloß zu
-verschaffen. Er fing damit an, alle Bewohner desselben auf das Genaueste
-zu beobachten, und wachte über jede ihrer gleichgültigsten Handlungen;
-ganze Stunden lang blieb er in einem Winkel seines Zimmers versteckt, um
-Jemanden zu ertappen, der sich vielleicht hineinschleichen würde. Alle
-seine Bemühungen blieben indessen fruchtlos, und er fand nicht einmal
-Veranlassung, gegen irgend Jemanden gerechterweise den kleinsten
-Verdacht zu hegen.
-
-Weit entfernt, deßhalb seine Nachforschungen jetzt schon einzustellen,
-richtete er sie nach einer andern Seite hin. Er wußte nämlich, daß die
-alten Schlösser fast immer mit unterirdischen Gewölben und geheimen
-Gängen versehen waren, welche dazu dienen konnten, Werke der Finsterniß
-dem Tageslichte zu entziehen; um sich daher auch in dieser Hinsicht zu
-beruhigen, hielt er, unter dem Vorwande, die Festigkeit der Grundmauern
-und des Gebälkes zu untersuchen, in Gesellschaft eines geschickten
-Maurers eine genaue Besichtigung des Schlosses. Zwei ganze Tage brachten
-sie damit zu, die Wände, die Fußböden und alle Mauern zu untersuchen;
-allenthalben, wo man durch Klopfen eine Höhlung wahrnahm, überzeugte man
-sich sogleich, was etwa daselbst verborgen sein könnte.
-
-Die Genauigkeit dieser Untersuchung führte endlich zu der Kenntniß eines
-unterirdischen Ganges, welcher in einem Winkel eines der Zimmer des
-untersten Stockwerks seinen Anfang nahm, von hier auf einer sehr engen
-Treppe hinabführte, und sich sehr weit unter der Erde hin, in der
-Richtung nach Nordwesten, erstreckte. Bei der Entdeckung dieses Ganges,
-und noch mehr an der Richtung desselben, glaubte Werner den Weg entdeckt
-zu haben, auf welchem man sich heimlich ins Schloß schleichen könnte.
-Von seinem Gefährten begleitet, jeder mit einer Laterne versehen, trat
-er die Wanderung in diesem unterirdischen Gang an; allein als sie
-ungefähr hundert Schritte weit vorgedrungen waren, sahen sie sich durch
-große Felsenmassen aufgehalten, die nirgends einen Ausweg zeigten.
-Nachdem sie versucht hatten, dieses Hinderniß zu beseitigen, überzeugte
-sie endlich der Widerstand, den diese Felsen ihren Werkzeugen
-entgegensetzten, daß ihre Bemühungen vergeblich seien. Sie kehrten daher
-um, und Werner ließ nun den innern Eingang mit einer Mauer verschließen;
-denn dieser unterirdische Gang schien ihm dennoch gefährlich, weil er
-leicht durch irgend eine geheime Thür, die sie nicht bemerkt hatten, mit
-dem Häuschen im Walde zusammenhängen konnte. Jetzt erst war er
-zufrieden, weil er sich schmeichelte, nun die Pläne der Feindin seiner
-Ruhe vernichtet zu haben.
-
-
-
-
- Neuntes Kapitel.
-
-
-Schon war man dem Ende des Monats Oktober nahe. Alle Verbindung der
-Familie Lobenthal mit der Fremden hatte aufgehört, und Helene verlor
-nach und nach einen Theil der Neugierde, welche ihr anfangs ihre
-geheimnißvolle Nachbarin einflößte; aber der Zeitpunkt war gekommen, der
-sie näher als je mit derselben in Berührung bringen sollte.
-
-Helene saß eines Abends noch ziemlich spät, mit einem neuen sehr
-anziehenden Buche beschäftigt, als sie plötzlich einen hellen rothen
-Schein am Himmel erblickte. Sie sprang auf und näherte sich dem Fenster;
-da hörte sie die Sturmglocke im Dorfe läuten, und unten im Schloßhofe
-erscholl das Geschrei: Feuer! Feuer! und Helene erkannte an der Richtung
-des hellen Scheines, welcher über dem Walde schwebte, daß es nur das
-Haus der Fremden sein könne, welches jetzt in Flammen stand. Sogleich
-eilte sie zum Zimmer hinaus, die Treppe hinab, über den Schloßhof und
-dem Walde zu. Vergebens stellte sich ihr Werner entgegen; vergebens
-bewies er ihr unterweges, daß sie Unrecht habe, selbst dem Orte der
-Feuersbrunst zuzueilen: sie beschleunigte ihre Schritte, ohne auf seine
-Vorstellungen zu hören, und überließ sich ganz dem edlen Gefühle ihres
-mitleidigen Herzens.
-
-Mit welchem Schmerze betrachtete sie die Fortschritte der helllodernden
-Flammen, als sie an den Ort der Feuersbrunst gelangte! Es war keine
-Hoffnung mehr übrig, das Haus zu retten. Vergeblich strengten sich
-einige von den herbeigeeilten Bauern an, dem Feuer Einhalt zu thun; es
-mangelte ihnen an den nöthigen Mitteln, und man mußte zuletzt der
-völligen Zerstörung des Hauses ruhig zusehen.
-
-Helene war kaum angekommen, so suchte sie eifrig nach der Fremden, und
-bei der schauerlichen Helle, die das Feuer umherwarf, entdeckte sie sie
-bald, wie sie, in ein großes weißes Bettlaken eingewickelt, an einen
-Baum angelehnt stand. Dieß gab ihr das schreckliche Ansehen eines
-Gespenstes; ihr Gesicht war leichenblaß, ihre Augen stier und ohne
-irgend einen Ausdruck, so daß ihre völlige Unempfindlichkeit, ihre kalte
-Ruhe Jedermann auffiel. Man irrte um sie her, beklagte und tröstete sie,
-aber sie antwortete nicht; und bei Allem, was man auch sagen mochte,
-beharrte sie in ihrem Stillschweigen. Nur Helenens Ankunft weckte sie
-aus ihrem dumpfen Hinstarren, und kaum hatte sie dieselbe erkannt, so
-schwebte ein schreckliches Lächeln über ihre Lippen, verschwand aber
-sogleich wieder, worauf Lodoiska in ihren vorigen träumerischen Zustand
-zurückkehrte.
-
-»Bis jetzt, redete Helene sie an, habe ich Ihren Willen befolgt, und Sie
-völlig Ihrer Einsamkeit überlassen; da aber nun das Unglück mit neuer
-Wuth über Sie ausgebrochen ist, so bewilligen Sie mir die Bitte, eine
-Wohnung im Schlosse anzunehmen. Es ist keine Hoffnung mehr vorhanden,
-daß Sie je wieder in diesem Hause wohnen können; nehmen Sie daher den
-Zufluchtsort an, den Ihnen die aufrichtigste Theilnahme anbietet.«
-
-Lodoiska schien jetzt völlig aus ihrer Träumerei zu erwachen, und suchte
-sogar ihrer finsteren Miene einen angenehmern Ausdruck zu geben. Ohne
-Weigerung nahm sie das ihr gemachte großmüthige Anerbieten an. Sie
-erzählte Helenen: daß das Feuer auf dem Heerde schlecht ausgelöscht
-gewesen sein müsse, und wahrscheinlich einige Kohlen in einem Bunde
-Flachs Feuer gefaßt haben könnten, das in der Nähe des Heerdes
-befindlich gewesen sei. Bald darauf wäre die ganze Küche und der
-anstoßende Hausflur in Flammen gewesen. »Kaum hatte ich noch so viel
-Zeit, fuhr sie fort, einige Kleider, meine Börse und Kostbarkeiten zum
-Fenster hinauszuwerfen. Dann eilte ich die Treppe hinab, welche bereits
-brannte, und suchte hier im Freien einen Zufluchtsort. Aber was mag aus
-meinem alten Bedienten geworden sein? Ich sehe ihn nirgends.«
-
--- Ich habe ihn nach dem Dorfe eilen sehen, antwortete Helene, die der
-Fremden die Wahrheit, welche sie vermuthete, verhehlen wollte. Aber
-kommen Sie jetzt in's Schloß; die Nacht ist kalt, und Sie sind nicht
-angezogen; dieses Betttuch kann Sie unmöglich vor den schädlichen
-Eindrücken der Nachtluft beschützen. --
-
-Ohne weiter eine Einwendung zu machen, nahm Lodoiska, jedoch mit vielen
-Danksagungen, das Anerbieten an. Werner, der in der Nähe stand und Alles
-mit anhörte, gerieth darüber in eine unbeschreibliche Verwirrung. Den
-Gedanken, daß Lodoiska mit seiner Gebieterin unter einem Dache wohnen
-sollte, konnte er kaum ertragen; ein besonderes Vorgefühl ließ ihn die
-schrecklichsten Auftritte, die daraus entstehen würden, voraussehen, und
-zwei Mal hatte er schon den Mund geöffnet, um der Oberstin die Wahrheit
-zu entdecken, damit sie erführe, welche Schlange sie an ihrem Busen
-erwärmen wollte; aber immer hielt ihn die Furcht vor den Folgen einer
-solchen Entdeckung wieder zurück, und er behielt das Geheimniß in seinem
-Herzen verschlossen. Ein Blick des Triumphs, den ihm seine Feindin
-zuwarf, brachte ihn vollends zur Verzweiflung; indessen nahm er sich
-vor, sie so genau zu bewachen, daß es ihr unmöglich werden würde, ihre
-geheimen Triebfedern in Bewegung zu setzen. Schweigend folgte er den
-beiden Damen nach dem Schlosse zurück.
-
-Am andern Morgen entdeckte man unter den Trümmern des Hauses die
-Ueberbleibsel eines fürchterlich verstümmelten und verbrannten
-Leichnams, der schon in Verwesung übergegangen war. Er verpestete die
-ganze Luft umher; übrigens konnte man keine Spur mehr von seinem
-Gesichte erkennen. Da man jedoch den Körper nicht weit von den
-Ueberbleibseln eines Bettes fand, so zweifelte man keinen Augenblick,
-daß es der Bediente der Unbekannten sei, vorzüglich da er nie wieder im
-Dorfe gesehen wurde.
-
-Als die beiden Damen auf dem Schlosse angekommen waren, bat Helene die
-Fremde, sich unverzüglich zu Bett zu legen, und Lisette trat näher, um
-sie von ihrer Umhüllung zu befreien. Allein Lodoiska stieß sie lebhaft
-zurück, und äußerte den Wunsch, einige Minuten allein zu bleiben. Man
-willfahrtete ihr. Als man voraussetzen konnte, daß sie sich niedergelegt
-haben würde, trat Helene wieder zu ihr ins Zimmer, um ihr einige
-Erfrischungen anzubieten, die Lodoiska indessen hartnäckig ausschlug;
-und da Lisette ihr ein Glas mit Glühwein darreichen wollte, gab sie mit
-ihrer linken Hand ein Zeichen, daß sie auch dieses Getränk verschmähe.
-Bei dieser Gelegenheit bemerkte Helene, daß die linke Hand der Fremden
-noch immer mit einem Handschuhe versehen sei; noch mehr erstaunte sie
-aber, als Lisette das Betttuch, in welches Lodoiska eingehüllt gewesen,
-aufnahm, und man nun bemerkte, daß es von Blut benetzt sei.
-
-»Sie haben sich verwundet, sagte Helene mit lebhafter Besorgniß; warum
-wollen Sie nicht zugeben, daß man Ihnen die bei solchen Zufällen
-gewöhnliche Hülfe leiste? Warum wollen Sie eine so natürliche Sache
-ausschlagen? Die Blässe Ihres Gesichts beweiset, daß Sie derselben
-höchst nöthig bedürfen.«
-
--- Nein, nein! rief die Fremde voller Schrecken aus, wofür man gar keine
-gerechte Ursache auffinden konnte; ich will, ich mag keine Hülfe! Es ist
-wahr, daß ich verwundet bin; aber ich bin es schon seit sehr langer
-Zeit, und ich habe jetzt nichts mehr zu fürchten. Um Alles in der Welt
-wollte ich Niemanden meine blutende Wunde zeigen; glauben Sie mir, daß
-ich mir selbst genug bin. Lassen Sie mich jetzt allein, wenn ich bitten
-darf, und beruhigen Sie sich, denn für mich ist keine Gefahr mehr zu
-befürchten. --
-
-In der Stimme, womit sie diese Worte aussprach, lag eine so
-unbegreifliche Mischung von Gefühl und Gefühllosigkeit, ja selbst von
-Ironie, daß man nicht ohne einen geheimen Schauder zuhören konnte.
-Helene glaubte sich ihren Wünschen nicht länger widersetzen zu dürfen,
-und ließ sie daher allein.
-
-Am andern Morgen stand sie erst sehr spät wieder auf; man wagte nicht,
-eher in ihr Zimmer einzutreten, als bis man sie darin umhergehen hörte;
-dann klopfte Helene leise an, und erhielt die Einladung, hineinzukommen.
-Die Fremde war bereits völlig angezogen; das schwarze Kleid, das sie
-heute trug, machte die außerordentliche Blässe ihres Gesichts noch
-bemerkbarer.
-
-Die Nachricht von dem Tode des alten Ladislaus war schon im Schlosse
-bekannt, und Helene glaubte nicht, daß es möglich sein würde, sie vor
-der Fremden stets geheim zu halten. Um sie aber nicht zu sehr zu
-erschüttern, wandte Helene alle mögliche Vorsicht an, und bereitete sie
-nur ganz allmählich darauf vor. Sie gab sich eine völlig unnütze Mühe.
-Schon bei den ersten Worten ward sie von der Fremden errathen, und
-sowohl in ihren Gesichtszügen, als in ihrer Antwort bemerkte man nichts
-als die ruhigste Gleichgültigkeit. Sie schien völlig gefühllos bei
-Helenens Erzählung zu sein, und zeigte nicht einmal das gewöhnliche
-Gefühl des Mitleidens, welches dergleichen Unglücksfälle sonst bei den
-Menschen hervorbringen.
-
-Ueber ein solches Benehmen mußte Helene natürlich auf's Höchste
-erstaunen; Lodoiska bemerkte es, und gleichsam als wenn sie ihren Fehler
-hätte wieder gut machen wollen, sagte sie: »Frau Oberstin, Sie wundern
-sich über mich, und fassen vielleicht eine schlechte Meinung von mir,
-daß ich nicht mehr Gefühl bei dem Tode des armen Ladislaus zeige; aber
-glauben Sie mir, ihm ist wenig an solchen Zeichen des Mitleids gelegen.
-Ich stand mit ihm durchaus nicht in näherer Verbindung; wir kamen Beide
-von demselben Orte her, und fanden uns zusammen, weil es so sein mußte.
-Jetzt hat uns der Wille des Allmächtigen wieder getrennt, aber wir
-werden zum zweiten Male, und dann auf ewig, mit einander vereinigt
-werden. Warum sollte ich daher Thränen vergießen? Ich habe keine Thränen
-mehr; sie sind ausgetrocknet für jede Art von Schmerz: denn ich habe
-während meines sterblichen Lebens zu viel geweint. Jetzt, da ich nur
-noch ein Dasein besitze, weil ich mich nicht in ein Grab legen kann,
-ungeachtet ich das sehnlichste Verlangen nach dieser kühlen Wohnung
-trage, soll ich mich mit Dingen beschäftigen, die mich nichts angehen?
-Nein, nein! Nur ein einziger Zweck belebt mich noch, nur eine einzige
-Absicht strebe ich zu erreichen! Dann werde ich ohne Freude, wie ohne
-Leid, einen Körper verlassen, in welchem ich mich selbst nicht mehr
-leiden mag.«
-
-Lodoiska hätte noch lange so fortsprechen können, ohne von der Oberstin
-unterbrochen zu werden. In Allem, was jene junge Person sagte, lag immer
-etwas so Unbegreifliches und Unzusammenhängendes, daß man nicht wußte,
-ob man sie bemitleiden oder fürchten sollte. Die Worte kamen so eintönig
-aus ihrem Munde, daß dadurch immer die Wirkung zerstört wurde, welche
-sie sonst hätten machen können; das unbewegliche Hinstarren ihres Auges
-schien zu beweisen, daß sie dem, was sie sprach, völlig fremd war; kurz,
-bei ihr wich Alles von der gewöhnlichen Regel ab, und man konnte sich
-nicht erinnern, je etwas ihr Aehnliches gesehen zu haben.
-
-Helene war so erstaunt über die Rede der Fremden, daß sie darauf nichts
-zu antworten wußte; sie suchte dem Gespräch eine andere Wendung zu
-geben, und fragte: ob sie vielleicht jetzt einige Nahrungsmittel zu sich
-nehmen wolle. Lodoiska machte ein bejahendes Zeichen, worauf die
-Oberstin Befehl gab, das Frühstück hereinzubringen.
-
-Jetzt traten auch die Kinder herein, die schon ungeduldig darauf
-gewartet hatten, bei ihrer Freundin vorgelassen zu werden. Lodoiska
-empfing sie mit einem Lächeln, welchem sie den Ausdruck des Wohlwollens
-zu geben strebte, und eine plötzliche Röthe überflog ihr Gesicht, das zu
-gleicher Zeit so verzerrt wurde, als wenn ihr Herz von einem tödtlichen
-Stiche durchbohrt worden wäre. Alles dieses wurde jedoch von Niemanden
-bemerkt. Helene, stolz auf ihre Kinder, überhäufte dieselben mit ihren
-zärtlichsten Liebkosungen, während die Fremde heimlich Blicke voll Zorn
-und Verachtung auf diese allerliebste Gruppe warf. Um zu verbergen, was
-in ihrem Innern vorging, bedeckte sie oft ihr Gesicht mit beiden Händen,
-von denen die eine stets mit einem Handschuh bedeckt war, und lange
-Zeiträume hindurch schien sie in das tiefste Nachdenken versunken zu
-sein.
-
-
-
-
- Zehntes Kapitel.
-
-
-Bei den russischen Truppen, die im Jahre 1812 die Moldau und Wallachei
-besetzt hatten, befand sich auch das Regiment, in welchem Alfred
-Lobenthal damals als Rittmeister diente. Er war einer der kühnsten und
-tapfersten unter allen Offizieren, und sein Muth verwickelte ihn öfters
-in die gefährlichsten Unternehmungen; auch war ihm das Glück, welches
-gern die Kühnheit krönt, gewöhnlich hold, bis die unbeständige Göttin
-ihn einst auf einige Zeit verließ: der Rittmeister Lobenthal erhielt in
-einem Gefechte, in dem Augenblicke, wo der Feind die Flucht ergriff,
-einen Flintenschuß in den Leib, der ihn vom Pferde stürzte.
-
-Werner, der brave Unteroffizier, den die Dankbarkeit auf immer an ihn
-gefesselt hatte, befand sich in der Nähe, und eilte sogleich zur Hülfe
-herbei. Von einigen Soldaten unterstützt, brachte er den Rittmeister in
-das benachbarte Haus eines Pächters, der einer gewissen Wohlhabenheit
-genoß, und da die Ankunft eines verwundeten Offiziers für die Einwohner
-eine Schutzwehr war, so nahmen sie ihn mit Freude und Wohlwollen auf.
-Der Hausvater, ein ehrwürdiger Greis, ließ ihm das beste Zimmer
-einräumen, und ihm alle Hülfe leisten, die ihm zu Gebote stand. Der
-Wundarzt des Regiments ward herbeigeholt; nach dem ersten Verbande
-erklärte er, daß die Wunde zwar nicht tödtlich sei, aber nur langsam
-wieder heilen würde.
-
-Beinah vierzehn Tage lang befand sich Lobenthal in einer fast völligen
-Bewußtlosigkeit; er hörte kaum das Geräusch, was man um sein Bett her
-machte, und da seine Augen stets geschlossen waren, so sahe er nicht,
-wie sorgsam man ihn pflegte; sonst hätte er sogleich bemerkt, wie unter
-den Personen, die über die Erhaltung seines Lebens wachten, sich
-vorzüglich die junge Tochter des Hauses auszeichnete, die nicht nur
-durch ihre außerordentliche Schönheit, sondern auch durch ihr
-liebenswürdiges, unschuldiges Wesen Jedermann auffiel. Von einem
-Mitleiden bewegt, dessen wahre Ursachen sie selbst noch nicht kannte,
-brachte sie ganze Tage am Bette des Kranken zu, der ungeachtet seiner
-Todtenblässe, dennoch in seinen Gesichtszügen die Spuren einer hohen
-Schönheit verrieth.
-
-Lodoiska fand stets einen neuen Vorwand, in das Krankenzimmer
-zurückzukehren, aus welchem man sie öfters forttrieb; mehrere Stunden
-brachte sie häufig bloß mit einem Anschauen zu, dessen Folgen für sie
-höchst gefährlich werden konnten. Sobald aber befreundete Offiziere
-Lobenthals oder Soldaten von seiner Schwadron kamen, um sich nach seinem
-Befinden zu erkundigen, floh das unschuldige Mädchen, voller Scham, hier
-überrascht worden zu sein, so leicht wie ein junges Reh von dannen, und
-wartete mit Ungeduld, bis die lästigen Besuche sich wieder entfernt
-haben würden.
-
-Die ersten Blicke, welche Lobenthal aufschlug, fielen auf diesen
-irdischen Engel; wie konnte er sie anders, als mit der höchsten
-Bewunderung ansehen? Er fühlte bald das Bedürfniß eines Vertrauten, mit
-welchem er nach Herzenslust von derjenigen sprechen könnte, die seine
-ganze Seele erfüllte; hierzu wurde Werner erwählt, und stolz auf diese
-Auszeichnung eilte er, sich derselben würdig zu machen, indem er
-Gelegenheit suchte, die schöne Lodoiska von den glänzenden Eigenschaften
-seines Rittmeisters zu unterhalten, ohne ihr jedoch auf eine bestimmte
-Art zu erklären, was dieser schöne junge Offizier von ihr dachte.
-
-Werners Erzählungen nahmen die Aufmerksamkeit des jungen Mädchens auf
-eine außerordentliche Art in Anspruch. Mit welcher Spannung hörte sie
-der Beschreibung einer Schlacht zu! Sie folgte in Gedanken dem
-Rittmeister bis mitten in die sich immer erneuernden Gefahren; bald
-erblaßte, bald erröthete sie; ihr Athemzug wurde kürzer, wenn die Gefahr
-am augenscheinlichsten war. Endigte aber dann die Erzählung mit einem
-Siege, den Lobenthal nicht mit einer Wunde bezahlt hatte, so erhob sie
-ihre ausdrucksvollen Augen gen Himmel, und stattete der Vorsehung
-tausend Mal ihren wärmsten Dank ab.
-
-In der Stille der Nacht, so wie am Tage mitten unter ihren Arbeiten, war
-sie nur von einem einzigen Gedanken beschäftigt: der schöne und tapfere
-Rittmeister war ihrer Einbildungskraft, so wie ihrem Herzen,
-unaufhörlich gegenwärtig. Je länger dieß dauerte, desto tiefer drang der
-Pfeil in's Innere; schon empfand sie das ganze Entzücken der Liebe, und
-doch hatte der Gegenstand derselben noch kein Wort mit ihr davon
-gesprochen. Indessen beobachtete Lobenthal nicht lange diese
-Zurückhaltung, die weder mit seinem Stande noch mit seinem Charakter
-übereinstimmte; er erklärte sich endlich, und ward sogleich erhört.
-Lodoiska befand sich in jenem Alter, wo das Mißtrauen noch unbekannt
-ist; sie liebte mit Leidenschaft, und es schien ihr ganz natürlich, daß
-sie eben so wieder geliebt würde. Sie kannte weder den Unterschied der
-Stände noch des Vermögens; ihr Geliebter war schön und jung, sie war
-beides ebenfalls: alles schien ihr daher gleich, und für sie konnte die
-Zukunft nichts sein, als eine glückliche Verlängerung der Gegenwart.
-
-Aber mitten in diesem Entzücken erhielt sie sich rein, wie die Tugend
-selbst; kein unreiner Gedanke befleckte ihre Unschuld, und Lobenthal,
-voll Erstaunen über eine Leidenschaft, vereinigt mit so viel Tugend,
-machte keinen Versuch, sie zu entweihen. Je länger er seine Lodoiska
-sahe, desto größer wurde seine Zärtlichkeit für sie, bis sie endlich den
-höchsten Gipfel erreichte. Eines Abends, nachdem er den ganzen Tag in
-dem reinsten, entzückendsten Vergnügen zugebracht hatte, ritzte er sich
-mit einem Federmesser den Arm, und schrieb mit seinem Blute ein
-Heirathsversprechen auf, welches er seiner Geliebten übergab. Lodoiska
-eilte, ein Gleiches zu thun; nach dem uralten Gebrauche der dortigen
-Gegenden ward der doppelte Vertrag fünf Nächte lang unter dem
-Leichenstein eines Grabes verwahrt, und dadurch im Himmel selbst
-geheiligt.
-
-Man zweifelt in jenen Ländern nicht, daß zwei Liebende durch einen
-solchen Vertrag unwiderruflich an einander gefesselt werden; jede andere
-Ehe, die nicht unter ihnen beiden vollzogen würde, kann nur höchst
-unglücklich sein. Die Jungfrau, welche sich auf solche Art verlobt, kann
-nach ihrem Tode aus dem Grabe wieder auferstehen, um als Vampyr den
-Treulosen zu quälen, der sie verlassen hat. Lobenthal wußte nichts von
-allen diesen Eigenheiten, und fürchtete die Zukunft nicht; denn es
-schien ihm unmöglich, seine Lodoiska je zu vergessen.
-
-Wochen und Monate vergingen; schon waren die russischen Truppen aus der
-Moldau und Wallachei wieder abgezogen, um im Norden ihren Mitbrüdern
-gegen die Franzosen zu Hülfe zu eilen. Lobenthals Wunde war geheilt, und
-dennoch verlängerte er seinen Aufenthalt, da die Liebe ihn einen Theil
-seiner Pflicht vergessen machte; aber ein strenger Befehl seines Chefs
-lösete bald die Bezauberung des neuen Rinaldo, und es blieb ihm keine
-Wahl, als sich zu entehren, oder sich von Lodoiska zu trennen. Der Kampf
-in seinem Innern war fürchterlich, doch trugen endlich Ruhm und Pflicht
-den Sieg über die Liebe davon. Nachdem Lobenthal seine eigene
-Schwachheit überwunden hatte, mußte er noch die seiner Geliebten
-bekämpfen; er suchte sie durch die feierlichsten Versprechungen zu
-beruhigen, und gelobte, höchstens in Zeit von einem Jahre
-wiederzukommen. Endlich fand sich Lodoiska geduldig, aber nicht
-getröstet, und willigte in die unglückliche Abreise.
-
-Lobenthal sahe seine Braut nicht wieder; lange Zeit hindurch blieb er
-ihr treu, aber die Abwesenheit brachte endlich auch bei ihm die
-gewöhnliche Wirkung hervor. Lodoiska wurde ihm nach und nach
-gleichgültig, er vergaß seine Versprechungen, und endlich erlosch das
-Andenken an seine frühere Liebe völlig durch seine Vermählung mit
-Helenen. Indessen blieb es ihm unmöglich ganz mit Lodoiska zu brechen.
-Sie schrieb ihm regelmäßig, und ergab sich geduldig in eine verlängerte
-Zögerung, die der Krieg nothwendig machte; als aber der Frieden endlich
-in ganz Europa hergestellt war, wurden ihre Briefe dringender, und sie
-kündigte dem nun zum Obersten beförderten Lobenthal an, daß sie ihn
-selbst aufsuchen wolle, wenn er nicht zu ihr zurückkehren würde.
-
-Lobenthal beantwortete diese Briefe nicht, und er hörte lange nichts von
-seiner ehemaligen Braut, bis er endlich in Berlin, nach seiner
-Verabschiedung und nach langer Unterbrechung, abermals einen Brief von
-Lodoiska erhielt, worin sie ihm ihre nahe Ankunft in Berlin meldete.
-Dieses Schreiben mußte ihm, als Gatten Helenens, den höchsten Schrecken
-verursachen; er that daher einen verzweifelten Schritt, und machte seine
-unglückliche Braut mit seiner Vermählung bekannt. Voller Angst erwartete
-er ihre Antwort, die auch nicht lange ausblieb. Kaum hatte er sie
-erhalten, so trat er zu Helenen in's Zimmer, schützte einen bedeutenden
-Verlust an seinem Vermögen vor, der ihn zwänge, die Hauptstadt sogleich
-zu verlassen, und trat die Reise nach Böhmen an, wie wir am Eingange
-dieses Buches gesehen haben. Auf die Antwort Lodoiska's wagte er nie
-wieder einen Blick zu werfen, und in einem neuen Anfall von Schrecken
-vernichtete er diesen Brief, so daß man nie erfahren hat, was er
-eigentlich enthalten habe. --
-
-
-
-
- Eilftes Kapitel.
-
-
-Lodoiska's jetziger Aufenthalt im Schlosse R.... konnte nur von übler
-Vorbedeutung für die Familie Lobenthal sein; Werner, der genau von den
-früheren Verhältnissen des Obersten unterrichtet war, fürchtete das
-Schrecklichste, und gerieth fast in Verzweiflung, seine Furcht weder
-Jemanden zu entdecken, noch den Obersten davon benachrichtigen zu
-können. Er entschloß sich endlich, sich Lodoiska so viel als möglich zu
-nähern, um ihre wahren Absichten kennen zu lernen.
-
-Hierzu wählte er einen Nachmittag, als die Oberstin gerade einige
-Gesellschaft aus der Nachbarschaft bei sich hatte. Als er in Lodoiska's
-Zimmer trat, saß dieselbe in der Nähe eines Fensters, während der junge
-Wilhelm vor ihr stand, und auf ihren Schooß ein Bilderbuch gelegt hatte,
-das er mit vielem Vergnügen durchblätterte. Die Fremde schien in das
-tiefste Nachdenken versunken zu sein, und sahe den Knaben mit Blicken
-an, die nichts weniger als Wohlwollen verriethen; Werners Schritte
-weckten sie aber aus ihren Träumereien, worauf sie augenblicklich ihre
-Miene änderte, und ihre gewöhnliche außerordentliche Gleichgültigkeit
-annahm. Der alte Unteroffizier trat näher und grüßte sie, was aber nicht
-erwidert wurde; doch ließ er sich durch diese Unhöflichkeit nicht irre
-machen, sondern fing sogleich seinen Angriff an, wie er sich vorgenommen
-hatte.
-
-»Vortrefflich, Lodoiska, sagte er; da haben Sie sich nun in ein Haus
-eingeführt, wo Sie der Klugheit gemäß lieber hätten wegbleiben, und das
-Sie hätten scheuen sollen, zu Ihrer eigenen Ruhe und zur Ruhe einer
-achtungswürdigen Familie. Was haben Sie jetzt für Absichten? Wollen Sie
-hier, zum Lohne für die gute Aufnahme, die Sie genießen, Schmerz und
-Zank erregen? Halten Sie es nicht für angemessener, da Sie denn nun
-einmal den Obersten noch wiedersehen wollen, seine Rückkehr in Prag
-abzuwarten?«
-
--- Ich halte dafür, Werner, daß man sich in wichtigen Angelegenheiten
-nicht bei seinen Feinden Raths erholen müsse, und überdieß bist du in
-deinen Rathschlägen eben nicht glücklich. Warst du es nicht, der mich
-einst aufforderte, mich von der Liebe des treulosesten aller Männer
-rühren zu lassen? Und dennoch kanntest du ihn genau, und wußtest, wie
-groß sein Leichtsinn sei. Aber dieß hinderte dich nicht, mich dem Rande
-des Abgrundes näher zu führen, und wer steht mir dafür, daß dein
-jetziger Rath nicht ebenfalls ähnliche Betrügereien im Hinterhalt hat?
---
-
-»Wenn ich Unrecht that, so ward dieß mehr in Folge meines damaligen
-Alters, als meines Herzens geübt. Jetzt leitet mich nur meine Theilnahme
-für ....«
-
--- Ich glaube nicht mehr an die Worte der Menschen, und gehe auch nicht
-von dem mir einmal vorgeschriebenen Wege ab. Da ich mich jetzt in diesem
-Hause befinde, so werde ich darin so lange bleiben, bis Alles für mich
-aus ist, und ich den ewigen Qualen entgegengehe, die mich erwarten. --
-
-»Was haben Sie aber zu fürchten, wenn Sie nichts Böses gethan haben?«
-
--- Nicht mit dir, rief die Fremde im heftigsten Tone, werde ich über
-diesen Punkt sprechen. Ich bin es müde, dich anzuhören und dir zu
-antworten; ja deine Gegenwart ist mir so lästig, daß ich ungeduldig auf
-den Zeitpunkt warte, wo ich deiner Gesellschaft überhoben werde. --
-
-»Es thut mir leid, Ihnen zu mißfallen; aber obgleich meine Anwesenheit
-Ihnen so lästig ist, so dürfen Sie sich doch nicht schmeicheln, mich aus
-den Augen zu verlieren, so lange Sie sich in diesem Schlosse befinden,
-und ich werde meine Wachsamkeit nur noch verdoppeln.«
-
--- Wahrlich, Werner, deine Wachsamkeit wird auch höchst nöthig sein, und
-du wirst großen Vortheil davon haben. Fürchtest du nicht, mich endlich
-auf's Aeußerste zu treiben? Kannst du die Frechheit haben, mich so zu
-beleidigen, indem du mir geradezu dein Mißtrauen gegen mich ausdrückst?
-Schwacher Sterblicher! Sobald ich deiner Obhut müde bin, wirst du
-aufhören, meinen Absichten Hindernisse in den Weg zu legen. Sei
-überzeugt, daß du, der du mit so vieler Kühnheit zu mir sprichst, das
-Schloß eher verlassen wirst, als ich! --
-
-»Ich zweifle nicht, daß meine Gegenwart Ihnen lästig ist; allein wenn
-ich will, so soll keine Stunde vergehen, und Sie werden einen Laufpaß
-erhalten, sich Ihre Wohnung anderswo zu suchen, wo es Ihnen belieben
-wird. Ich darf nur ein Wort sagen ....«
-
--- Du wirst es nicht sagen, dieses Wort, denn du kennst die Folgen
-davon! Glaube mir, Werner, wenn dir das Glück der Oberstin theuer ist,
-so laß sie den noch übrigen Theil ihres Lebens in Ruhe zubringen. Ich
-werde ihr nur im äußersten Falle die schreckliche Aufklärung geben, und
-wenn ihr Leben vergiftet wird, so bist du allein die Ursache davon. --
-
-»Aber kurz, was wollen Sie hier? Worauf gründen Sie Ihre Hoffnung?«
-
--- Hoffnungen habe ich nicht und kann ich nicht mehr haben, denn mein
-Schicksal ist unwiderruflich bestimmt. Aber ich habe noch Pflichten zu
-erfüllen, Befehle zu vollziehen. Früherhin hätten sie mein Herz
-zerrissen, das sich dagegen aufgelehnt haben würde; aber jetzt kommt es
-mir nicht mehr darauf an, da ich schon im Voraus in der Zukunft lesen
-kann; die Gefühle, denen ich früher hingegeben war, sind jetzt für mich
-verloren. --
-
-»Wahrhaftig, Lodoiska, ich höre Sie sprechen, aber es ist mir unmöglich,
-Sie zu verstehen. Als Sie noch in Ihrem Vaterlande waren, brauchte ich
-nicht erst über jedes Ihrer Worte nachzudenken; aber jetzt sind sie mir
-so dunkel, daß ich mir vergebens den Kopf darüber zerbreche. Ich bitte
-Sie, drücken Sie sich deutlicher und ohne Umschweife gegen mich aus!«
-
-Lodoiska antwortete nicht; ein triumphirendes Lächeln schwebte über
-ihren Lippen, während sie gleichgültig mit dem Buche spielte, welches
-Wilhelm, der sich beim Eintritte des Unteroffiziers entfernte,
-zurückgelassen hatte. Dadurch entstand ein ziemlich langes
-Stillschweigen, das Werner endlich zuerst brach.
-
-»Ich sehe wohl, sagte er voller Aerger, daß es vergebens ist, Sie auf
-vernünftige Gedanken zu bringen. Aber, wenn Sie darauf bestehen, einen
-Plan auszuführen, den ich schlechterdings nicht errathen kann, so
-vergessen Sie wenigstens nicht, mit welcher Güte Sie im Schlosse R....
-aufgenommen worden sind, und lassen Sie uns unsere Gastfreundschaft
-gegen Sie nicht bereuen!«
-
-Diese Worte brachten ein flüchtiges Erröthen in den Gesichtszügen der
-Fremden hervor; aber sie nahmen bald ihre gewöhnliche Blässe wieder an,
-und Lodoiska antwortete mit großer Ruhe:
-
-»Welchen Vorwurf über mein Betragen, sei es auch in der Folge wie es
-wolle, könnte mir derjenige machen, der voll Entzücken in dem Hause
-meines Vaters aufgenommen wurde, und zum Lohne dafür nur Verzweiflung
-und Tod darin zurückließ?«
-
-Eine so kräftige Erwiderung setzte Wernern in Verlegenheit. Er fühlte
-die Richtigkeit dieses Vorwurfs, doch suchte er seine Verwirrung zu
-verbergen, indem er sagte:
-
-»Geschehene Dinge sind nicht zu ändern; aber die Fehler der andern sind
-für uns keine Entschuldigung, und das Böse, was erst noch geschehen
-soll, kann das frühere Uebel nicht wieder gut machen.«
-
-Lodoiska antwortete ihm nicht. Sie gab ihm nur ein Zeichen, daß sie
-wünsche, allein zu sein, und da Werner fürchtete, von der Oberstin hier
-überrascht zu werden, so entfernte er sich, aber mit dem festen
-Vorsatze, jeden Schritt der Feindin des Hauses, wie er sie nannte, zu
-belauschen.
-
-Helene, deren Einsamkeit nur selten durch die Besuche der Nachbarn
-gestört wurde, hoffte durch die Gesellschaft der jungen Fremden für die
-Folge einigen Zeitvertreib zu haben; aber sie überzeugte sich bald, daß
-der Umgang mit ihr nichts weniger als angenehm sei. Ihre beständige
-Traurigkeit, ihr Schweigen, wenn man sie nicht fragte, ihre kurzen
-Antworten, und mehr als Alles, das Unbeschreibliche in ihren
-Gesichtszügen, waren höchst zurückstoßend für Helenen, die bald dem
-mehrmals ausgesprochenen Wunsche der Fremden nachgab, sie in ihrem
-Zimmer völlig allein zu lassen. Lodoiska verließ dasselbe nur zur Zeit
-der Mahlzeiten, und setzte sich schweigend an den Tisch, wo sie kaum so
-viel Nahrung zu sich nahm, als zur Erhaltung ihres Lebens höchst
-nothwendig war. Vergebens drang man in sie, mehr zu essen; sie schlug
-hartnäckig die besten Speisen aus, und begnügte sich mit etwas Fleisch,
-das sie bloß aussaugte; Nahrungsmittel aus dem Pflanzenreich waren ihr
-höchst zuwider. Die Ruhe, deren sie in ihrem Zimmer genoß, ward nur
-durch die täglichen Besuche der Kinder unterbrochen. Sie zeigte sich
-stets freundlich gegen dieselben, obgleich sie öfters ganz
-unbeschreibliche Blicke auf sie warf.
-
-Vierzehn Tage wohnte sie bereits auf dem Schlosse, und ihr Betragen
-blieb immer dasselbe. Vergebens wurde sie stets von Werner belauscht; er
-konnte durchaus nichts Verdächtiges entdecken, obgleich er des Nachts zu
-allen Stunden aufstand, und im Schlosse umherschlich. Wider seinen
-Willen fing er daher am Ende zu glauben an, er habe sie falsch
-beurtheilt, und ließ auch allmählich in seiner Wachsamkeit nach.
-
-Zu dieser Zeit fing Wilhelm zu kränkeln an, und setzte seine Mutter in
-die größte Unruhe. Das Kind beklagte sich eigentlich über nichts
-insbesondere, und dennoch sahe man die Röthe seiner Wangen schwinden,
-und seinen Körper immer mehr abmagern. Bald wurde er so schwach, daß er
-nicht mehr gehen konnte; auch das Tageslicht ward ihm zuwider; aber zu
-gleicher Zeit nahm seine Anhänglichkeit an die Fremde zu, die er kaum
-mehr verlassen wollte. Wenn man ihn mit Gewalt von seiner Freundin
-trennte, gerieth er in Zorn, und ganze Stunden lang brachte er in ihrem
-Arm liegend zu. Lodoiska sahe indessen diese Zuneigung mit
-Gleichgültigkeit an, obgleich sie das Kind nicht von sich entfernte, und
-darein willigte, daß es vorzugsweise ihrer Pflege überlassen wurde.
-
-Helene schrieb Briefe über Briefe an ihren Mann, theilte ihm den
-bedenklichen Krankheitszustand ihres Sohnes mit, und bat ihn, doch
-endlich seiner Abwesenheit ein Ziel zu setzen. Von der Feuersbrunst und
-dem Aufenthalte der unglücklichen Fremden im Schlosse hatte sie ihn
-schon früher benachrichtigt. Lobenthal theilte in seinen Antworten
-Helenens Aengstlichkeit, und versprach ihr, sich sobald als möglich auf
-den Rückweg zu machen, da aller Anschein da sei, eine völlige Aussöhnung
-zwischen seiner Schwester und ihrem Gatten zu Stande zu bringen. Der
-Begebenheit mit der Feuersbrunst hatte er nur wenig seine Aufmerksamkeit
-geschenkt, und berührte sie nur im Vorübergehen, indem er das Betragen
-Helenens völlig billigte. Alle seine Briefe schloß er mit den heißesten
-Wünschen für die Genesung seines geliebten Wilhelm.
-
-Der Himmel schien seine Wünsche nicht erhören zu wollen; die Kräfte des
-Kindes schwanden immer mehr, sein Athem wurde immer kürzer, und schon
-konnte er kaum seinen Kopf in gerader Richtung über den Schultern
-erhalten, auf welche er aller Anstrengungen ungeachtet immer wieder
-zurückfiel. Helene war außer sich. Zwar suchte ein geschickter Arzt, der
-täglich nach dem Schlosse kam, ihr Trost einzusprechen, allein auch
-dieser wußte selbst nicht, was er von der außerordentlichen Krankheit
-denken sollte. Das Kind behielt bei seiner großen Schwäche eine Eßlust,
-die mit der Krankheit immer zunahm; es beklagte sich stets über Hunger,
-der nur schwer zu stillen war, und dieß am meisten des Morgens, sobald
-er aus seinem todtenähnlichen Schlafe erwachte. Dann forderte er die
-kräftigsten und schwersten Nahrungsmittel, die er verschlang, als wenn
-er mehrere Tage lang gar nichts gegessen hätte. Um die Mutter nicht noch
-mehr in Angst zu setzen, that der Arzt, als wenn er gute Hoffnung habe,
-das Kind wieder herzustellen; aber insgeheim sahe er kein Mittel vor
-Augen, wie er sein Versprechen erfüllen sollte.
-
-Lodoiska verließ ihren kleinen Freund nur selten; sie hörte die Fragen
-des Arztes, die Klagen der Mutter mit an, ohne sich je in das Gespräch
-zu mischen. Nur wenn das Kind die Arznei einnehmen sollte, wendete sie
-ihren Einfluß auf den kleinen Wilhelm an, der sie dann freundlich
-anlächelte, ihre Hand nahm, und artig zu sein versprach, wenn Lodoiska
-bei ihm bleiben wollte.
-
-»Sei ruhig, mein Kind, sagte sie, und fürchte deßhalb nichts. Ich habe
-mich zu innig mit deinem Wesen vereinigt, als daß ich mich von dir
-trennen könnte, und ich werde dich nur in dem verhängnißvollen
-Augenblicke aufgeben, wo man Alles auf der Erde verlassen muß.«
-
-Diese liebreichen Worte verloren für die Zuhörer allen Werth, weil sie
-mit der äußersten Gleichgültigkeit und Trockenheit ausgesprochen wurden.
-Die Fremde legte überhaupt nur selten einen Ausdruck in das, was sie
-sagte oder that, so daß man sie weniger für ein lebendiges Geschöpf, als
-für ein belebtes Automat zu halten geneigt war, das sich bloß nach dem
-Uhrwerk in seinem Innern auf eine stets gleichförmige Weise bewegte. So
-viel Kälte erregte öfters bei Helenen eine leichte Anwandlung von Zorn,
-die aber sogleich wieder unterdrückt wurde, wenn sie sich erinnerte, daß
-der Verstand dieser unglücklichen Fremden ohne Zweifel gelitten haben
-müsse. Auch war dieß die Ursache, warum sie nicht die Fragen an sie
-that, die man sonst wohl das Recht hat, an Jemanden zu richten, der in
-ein Haus eingeführt und aufgenommen ist. Sie wußte von Lodoiska selbst,
-daß deren Aufenthalt in Deutschland nicht mehr lange dauern würde, daher
-sie sich auch vorgenommen hatte, bis zum nächsten Frühling der Fremden
-die Gastfreundschaft zu gewähren.
-
-Der gute Werner, der den kleinen Wilhelm über allen Ausdruck liebte, war
-über seine Krankheit ganz untröstlich. Er selbst lebte kaum nur noch zur
-Hälfte, da es augenscheinlich war, daß der Knabe seinem Grabe
-entgegenging; ja er gerieth endlich in eine Art von Verzweiflung, so daß
-er den Verdacht schöpfte: Wilhelm möchte wohl vergiftet sein, und
-Lodoiska sei die Urheberin dieses abscheulichen Verbrechens. Dieser
-Gedanke ließ ihm von nun an keine Ruhe mehr, und er sann auf nichts, als
-auf die Art, wie er seinen Verdacht entweder aufklären oder wieder
-vernichten könnte.
-
-
-
-
- Zwölftes Kapitel.
-
-
-Werner beobachtete seit einigen Tagen die Fremde mit erneuerter und
-verdoppelter Wachsamkeit, ohne indessen etwas Verdächtiges auffinden zu
-können. Wilhelm schien mit jeder Minute den Geist aufgeben zu wollen,
-und es ward also angeordnet, daß seine Mutter, Werner oder Lisette
-abwechselnd des Nachts bei ihm wachen sollten. Dieser Zeitpunkt, welcher
-entscheidend zu sein schien, war derjenige, wo ein ziemlich merkbares
-Besserbefinden einige Hoffnung gab, daß das Kind dennoch wieder genesen
-könnte. Sein völlig abgemagerter Körper erhielt einige Kräfte wieder;
-schon verbreitete sich eine leichte Röthe über seine eingefallenen
-Wangen, und im ganzen Schlosse herrschte die lauteste Freude. Nur
-Lodoiska blieb völlig gefühllos. Der lauschende Blick Werners, der sie
-nicht aus den Augen verlor, glaubte bei ihr eine Veränderung zu
-bemerken, die der des Kindes gerade entgegengesetzt war; sie verlor
-einen guten Theil von ihrem körperlichen Umfange. Ueber ihr
-leichenblasses Gesicht war eine verdächtige Unruhe verbreitet, und ihr
-Gang wurde holperig und schleppend. Oft legte sie eine Hand auf die
-Wunde, welche Werner unter ihrer linken Brust gesehen hatte, und drückte
-sie mit Heftigkeit, als wenn sie das Leben, das hier zu entschlüpfen
-drohte, hätte zurückhalten wollen. Zweimal überraschte Werner sie, wie
-sie das kranke Kind mit der Aufmerksamkeit einer wilden Ungeduld
-betrachtete, und eine Bewegung, schrecklich für den, welcher sie
-verstanden hätte, drückte dabei ihre Gedanken aus. Allein Werner errieth
-sie nicht; er sah jedoch genug, um überzeugt zu sein, daß entweder die
-Fremde mit dem morgenden Tage das Schloß verlassen, oder daß das Kind
-sein Leben endigen müsse. Er nahm sich vor, mit der größten Klugheit zu
-Werke zu gehen, und der Oberstin so viel zu sagen, daß sie zuerst die
-Fremde auffordern würde, sich anderswo eine Wohnung zu suchen, weil es
-nicht anginge, daß sie noch länger in ihrer jetzigen bleiben könne.
-
-Unterdessen war die Nacht schon angebrochen. Die Oberstin, von
-Mattigkeit fast erschöpft, weil sie seit mehreren Tagen selbst bei ihrem
-Sohne gewacht hatte, fühlte heute ein unwiderstehliches Bedürfniß, etwas
-Ruhe zu genießen, und sie wollte daher eins der Dienstmädchen zur Wache
-für diese Nacht bestimmen, als Lodoiska, von dieser Absicht
-unterrichtet, sich selbst erbot, ihrem jungen Freunde diesen Dienst zu
-leisten. Helene glaubte, es ihr nicht abschlagen zu dürfen, vorzüglich
-da sie bisher noch nicht bei dem kleinen Wilhelm gewacht hatte, was man
-nicht wagen wollte, ihr anzumuthen.
-
-Die Sache wurde sogleich abgemacht, und Lisette brachte, wahrscheinlich
-aus Vergeßlichkeit, dem guten Werner davon keine Nachricht. Dieser legte
-sich also in der Ueberzeugung zu Bett, daß der Sohn seines Obersten die
-Nacht unter der Obhut der zärtlichsten Mutter zubringen würde; aber kaum
-hatte er sich niedergelegt, so durchkreuzte seinen Kopf eine Menge der
-peinlichsten Ideen. Einige Augenblicke lang bemächtigte sich dann der
-Schlaf seiner Sinne, ohne ihm jedoch Ruhe zu verschaffen; er ward von
-den seltsamsten Träumen bis auf's Aeußerste geängstigt. Bald glaubte er
-mitten im Walde, welcher sich hinter dem Garten des Schlosses R....
-befand, umherzuirren; plötzlich stürzte eine Räuberbande über ihn her,
-und er blieb nach einem heftigen Kampfe sterbend auf der Erde liegen;
-bald versetzte ihn eine Erinnerung aus früheren Zeiten in die Wohnung
-von Lodoiska's Vater. Er sah auf dem Hausflur einen Sarg, mit einem
-schwarz und weißen Leichentuche behangen, und mit einer Krone von Lilien
-und weißen Nelken geschmückt; eine Menge junger Mädchen stand umher, bis
-ein Geistlicher erschien, und den Zug nach dem Kirchhofe führte. Hier
-wurde der Sarg in ein offenes Grab versenkt; die Zuschauer entfernten
-sich. Werner allein war noch stehen geblieben, und sahe, daß es
-plötzlich tiefe Nacht um ihn her geworden. Mit einem fürchterlichen
-Donnerschlage erschien der Mond; kaum hatte dieser die Gegend umher
-erleuchtet, so öffnete sich unter dumpfem Brausen eines heftigen
-Sturmwindes die Erde, und in ein Leichentuch gehüllt steigt langsam eine
-Gestalt aus dem frischen Grabe empor. Immer höher erhebt sie sich in die
-Lüfte, und durch eine unwiderstehliche Macht wird Werner ihr nach mit
-fortgerissen. Sie durchfliegt mit reißender Schnelligkeit ungeheure
-Räume, während der halb betäubte Soldat sie stets begleitet, bis endlich
-beide sich wieder zur Erde niederlassen. Werner erkennt das Schloß R....
-und schaudert über das, was hier vorgehen soll. Sein geheimnißvoller
-Führer zieht unter seinem Leichentuche eine Hand hervor, welche aber
-nichts als ein Gerippe ist, und klopft damit an die Thür des Schlosses;
-sie wird ihm aufgethan, und in demselben Augenblicke dreht die Gestalt
-sich um; der erstaunte Werner erkennt in ihr das zornige Gesicht
-Lodoiska's. --
-
-Ein so fürchterlicher Traum konnte nicht länger dauern; Werner erwachte,
-ganz in seinem Schweiße gebadet, und kaum wagte er in der ihn umgebenden
-Finsterniß die Augen aufzuschlagen. Als er sich nach und nach besann,
-schien es ihm, als wenn der Himmel selbst ihm eine schreckliche
-Aufklärung gegeben hätte, von welcher er jetzt Gebrauch machen müsse.
-Alle Wunder, über die er bisher erstaunte, sind ihm jetzt erklärt, denn
-im Grabe hat Lodoiska die Macht geschöpft, womit sie ihn überraschte.
-Bisher hatte er geglaubt, bloß gegen ein von Leidenschaft verblendetes
-Weib zu kämpfen, und jetzt ist es ein höllischer Geist, mit dem er sich
-messen soll.
-
-Während sich Werner so dem Fluge seiner Einbildungskraft überließ,
-erinnerte er sich, daß die Oberstin heute bei ihrem Sohne wachen würde:
-ein günstiger Zeitpunkt, um ihr die wichtigen Entdeckungen zu machen,
-wodurch Werner sie und ihre Familie zu retten hoffte; denn leicht war es
-möglich, daß Lodoiska jetzt in einen irdischen Schlaf versunken sein
-konnte, und daher nicht im Stande war, sich seinem Vorhaben zu
-widersetzen. Dieser Gedanke gab ihm einen raschen Entschluß; er sprang
-sogleich aus dem Bette, kleidete sich rasch an und eilte nach der Thür;
-aber hier fiel ihm ein, daß es gefährlich sein könne, ohne Waffen durch
-die weitläuftigen Gänge und Säle des Schlosses zu gehen, weil es möglich
-sei, daß vielleicht ein schrecklicher Vampyr darin umherirre. Beim
-Schein des Mondes, der seine Strahlen durch das Fenster warf, suchte er
-seine Pistolen, die stets geladen waren; dann verließ er endlich sein
-Zimmer, und nahm seinen Weg nach dem des kranken Kindes, wo er die
-Gemahlin seines Obersten anzutreffen hoffte.
-
-In beständiger Furcht, daß das geringste Geräusch Lodoiska's
-Aufmerksamkeit wecken könnte, ging er nur langsam und so leise als
-möglich vorwärts; er hielt seinen Athem an, und zitterte bei dem
-Gedanken, überrascht zu werden. Schon hat er die Haupttreppe erstiegen
-und befindet sich in dem großen Saale, ohne das Geringste wahrgenommen
-zu haben; er tritt jetzt in den Gesellschaftssaal, den er ebenfalls
-unangefochten durchschleicht, und ist schon im Begriff, die Thür des
-Zimmers zu öffnen, in welchem sich die Oberstin bei ihrem Kinde
-befindet, als es ihm einfällt, daß sie wohl eingeschlummert sein könnte,
-und daß er durch sein plötzliches Erscheinen ihr einen großen Schrecken
-verursachen würde. Um sich vorher zu überzeugen, ob sie schläft oder
-wacht, näherte er also sein Auge dem Schlüsselloche, und blickt in's
-Zimmer hinein.
-
-Welche Ueberraschung! Nicht Helene befindet sich hier, sondern die
-unerklärbare Lodoiska! Sie geht mit langsamen Schritten auf und nieder,
-aber scheint nichts desto weniger in der größten Ungeduld zu sein; bald
-blickt sie auf das Bett, in welchem das kranke Kind ruht, bald auf den
-Mond, der in einem völlig wolkenleeren Himmel immer höher steigt .....
-Jetzt schlägt die Schloßuhr zwölfe! ..... In demselben Augenblicke
-werden Lodoiska's Gesichtszüge völlig entstellt, und eine schreckliche
-Freude scheint ihre Muskeln zusammenzuziehen; mit der größten Heftigkeit
-reißt sie sich den Handschuh ab und stürzt sich wie wüthend über das
-Bett her. Hier legt sie ihren Mund auf den des Kindes und scheint mit
-langen Zügen das Blut zu trinken, das sie aus der Brust und von da aus
-allen Adern dieses unglücklichen Wesens hervorsaugt! --
-
-Dieß ist zu viel für den guten Werner. Sollte er auch sein Leben
-verlieren, er kann dieses schreckliche Schauspiel nicht länger mit
-ansehen; er spannt eine seiner Pistolen, reißt die Thür mit Gewalt auf,
-und stürzt sich auf das Ungeheuer los, um ihm den Lohn für seine
-Verbrechen zu geben.
-
-»Endlich habe ich dich ertappt! rief er aus. Kehre jetzt zur Hölle
-zurück, und besudele die Erde nicht mehr mit deiner Gegenwart!« Er
-drückt seine Pistole auf sie ab, und Lodoiska wird von der Kugel
-getroffen; aber schneller als der Adler, der in seinem Neste von dem
-kühnen Jäger überrascht wird, springt sie von dem Lager auf, das sie so
-eben entweihete.
-
--- Elender, sagte sie, deine Mühe ist vergebens! du selbst sollst jetzt
-mein Geheimniß mit in's Grab nehmen! --
-
-Ein scharf geschliffener Dolch blitzt in ihrer Hand; Werner giebt zum
-zweiten Male Feuer, aber die Kugel fährt unschädlich neben Lodoiska
-vorbei in die Mauer, und in demselben Augenblicke wühlt das mörderische
-Eisen in seinem Herzen. Ohne einen Laut von sich zu geben fällt Werner
-todt auf den Fußboden nieder.
-
- Ende des ersten Theils.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
-Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
-gekennzeichnet.
-
-Die variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des Originales
-wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler
-wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 7]:
- ... deine Ruhe wiederfinden, und alle unangenehme ...
- ... deine Ruhe wiederfinden, und alle unangenehmen ...
-
- [S. 37]:
- ... unglückliche Geschöpfe antrifft, die, um einen ...
- ... unglücklichen Geschöpfe antrifft, die, um einen ...
-
- [S. 62]:
- ... einer Frau, die seine Zärtlicheeit verdient. ...
- ... einer Frau, die seine Zärtlichkeit verdient. ...
-
- [S. 68]:
- ... Er wußte nicht, ob er seinen Zorn den Lauf ...
- ... Er wußte nicht, ob er seinem Zorn den Lauf ...
-
- [S. 83]:
- ... Dinstag erfuhr ich, daß sich hier in der ...
- ... Dienstag erfuhr ich, daß sich hier in der ...
-
- [S. 100]:
- ... Eilen Sie Ihren Schicksale nicht im Voraus ...
- ... Eilen Sie Ihrem Schicksale nicht im Voraus ...
-
- [S. 104]:
- ... sich selbst zn kommen, und sprach bald über ...
- ... sich selbst zu kommen, und sprach bald über ...
-
- [S. 105]:
- ... zusamen? -- Da die Sonne hinter den ...
- ... zusammen? -- Da die Sonne hinter den ...
-
- [S. 120]:
- ... Bedienter behandelte; meine Geschäfte mit ...
- ... Bediente behandelte; meine Geschäfte mit ...
-
- [S. 123]:
- ... Zweifel, ob er seine Ausforderung erneuern ...
- ... Zweifel, ob er seine Aufforderung erneuern ...
-
- [S. 158]:
- ... als Lisette das Bettuch, in welches Lodoiska ...
- ... als Lisette das Betttuch, in welches Lodoiska ...
-
- [S. 190]:
- ... war; sie verlor einen guten Theil von ihren körperlichen ...
- ... war; sie verlor einen guten Theil von ihrem körperlichen ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut.
-Erster Theil., by Theodor Hildebrand
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VAMPYR: ERSTER THEIL ***
-
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-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
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-1.E.8.
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-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
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-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-
-
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
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-For additional contact information:
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- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
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-increasing the number of public domain and licensed works that can be
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-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster Theil, by Theodor Hildebrand</title>
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-The Project Gutenberg EBook of Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster
-Theil., by Theodor Hildebrand
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-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-Title: Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster Theil.
- Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen
-
-Author: Theodor Hildebrand
-
-Release Date: April 8, 2016 [EBook #51694]
-
-Language: German
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-Character set encoding: ISO-8859-1
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VAMPYR: ERSTER THEIL ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
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-<div class="frontmatter">
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-<span class="line1">Der</span><br />
-<span class="line2">Vampyr,</span><br />
-<span class="line3">oder:</span><br />
-<span class="line4">Die Todtenbraut.</span>
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-<p class="aut">
-<span class="line1">Von</span><br />
-<span class="line2">Theodor Hildebrand.</span>
-</p>
-
-<p class="vol">
-Erster Theil.
-</p>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">Leipzig, 1828.</span><br />
-<span class="line2">bei Christian Ernst Kollmann.</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="tit">
-<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
-<span class="line1">Der</span><br />
-<span class="line2">Vampyr,</span><br />
-<span class="line3">oder:</span><br />
-<span class="line4">Die Todtenbraut.</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-1">
-<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
-Erstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>in unglückliches, aber unverdientes Schicksal
-zwang den russischen Obersten <em>Alfred
-Lobenthal</em>, im Jahr 1818 seinen Abschied
-zu nehmen. Er begab sich nach Berlin, seinem
-Geburtsorte, wo er gern sein Leben
-beschlossen haben würde; aber sein Verhängniß
-hatte es anders über ihn bestimmt. Nach
-einem kaum halbjährigen Aufenthalte in dieser
-prächtigen Königsstadt trat Alfred eines
-Morgens tief bekümmert in das Zimmer seiner
-Gemahlin und kündigte ihr an, daß eine
-gebieterische Nothwendigkeit ihn zwinge, Berlin
-<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
-zu verlassen und in einer entfernten Gegend
-einen einsamen Aufenthaltsort zu suchen,
-wo sie in Ruhe und Frieden leben könnten.
-</p>
-
-<p>
-<em>Helene</em>, die Gemahlin des Obersten,
-erschrak über diese Neuigkeit, aber sie verlor
-den Muth nicht. Sie liebte ihren Gatten
-zärtlich, und ward eben so von ihm wieder
-geliebt; den übrigen Theil ihres Glücks machten
-ihre Kinder aus, und wo sie sich auch
-befinden mochte, so war sie zufrieden, wenn
-sie nur von ihren Lieben nicht getrennt
-wurde; die Augenblicke der Muße, die ihr
-die Pflichten als Mutter und Hausfrau noch
-übrig ließen, drohten nirgends, ihr Langeweile
-zu machen, weil Musik und Malerei
-diesen Feind der Ruhe von ihr verscheuchen
-konnten. Daher war sie auch eben nicht betrübt,
-als sie die unerwartete Neuigkeit erfuhr;
-kaum fragte sie ihren Gatten nach der
-Ursach dieses plötzlichen Entschlusses. Nur
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-das wünschte sie zu wissen, ob vielleicht seine
-politischen Meinungen abermals Alfred&rsquo;s Sicherheit
-in Gefahr setzten. Nachdem sie hierüber
-beruhigt worden, und erfahren hatte,
-daß der Bankerott eines bedeutenden Handelshauses
-ihn um einen großen Theil seines
-Vermögens bringe, weßhalb es nothwendig
-sei, einige Jahre in der größten Zurückgezogenheit
-zu leben: umarmte sie ihren Gatten
-voll Zärtlichkeit und versicherte ihn, daß sie
-ohne Mühe das Geräusch der Hauptstadt mit
-der Einsamkeit des Landlebens vertauschen
-würde.
-</p>
-
-<p>
-Der Oberst betrieb seine Abreise mit
-der größten Eilfertigkeit. Er wollte nicht
-einmal den Verkauf seines prächtigen Mobiliar&rsquo;s
-abwarten, sondern bat einen Freund,
-dieses Geschäft an seiner Stelle zu übernehmen;
-und schon am folgenden Tage nach der
-Mittheilung seines Entschlusses an seine Frau
-reisete er mit ihr und seinen Kindern, nur
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-von einem einzigen Bedienten begleitet, ab,
-ohne von seinen Bekannten und Verwandten
-Abschied genommen zu haben.
-</p>
-
-<p>
-Sobald Alfred das Thor hinter sich
-hatte, schien er gleichsam von einer großen
-Last befreit zu sein. Seine Blicke, die unruhig
-hier und dort umherirrten, so lange
-er sich in der Stadt sahe, nahmen plötzlich
-den Ausdruck der Ruhe an, als er sich im
-Freien befand; er schien jetzt freier athmen
-zu können, und seiner Frau lebhaft die Hand
-drückend, rief er aus: &bdquo;Endlich haben wir
-die Stadt im Rücken! O, wie verhaßt ist sie
-mir, wie lange dauerte mir die Zeit, bis der
-Wagen zum Thore hinausfuhr!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ist es möglich, lieber Alfred, erwiederte
-seine Frau, daß du so sprechen
-kannst? Ist denn Berlin nicht mehr deine
-Geburtsstadt? Hat sie allen Reiz für dich
-verloren, da du doch sonst immer mit Entzücken
-von ihr sprachst? Ist sie nicht mehr
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-dieselbe Stadt, und kann sie dir deßhalb mißfallen,
-weil sich unsere Lage geändert hat? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ich gestehe es, antwortete der
-Oberst, was mich sonst entzückte, mag ich
-jetzt kaum mit Augen sehen. Ich fühle, daß
-es mir unmöglich sein würde, nur noch einen
-Tag länger in Berlin zu bleiben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nun, so sei doch jetzt zufrieden, da
-wir diese dir so verhaßte Stadt schon im
-Rücken haben. Möchtest du in einer andern
-deine Ruhe wiederfinden, und alle <a id="corr-0"></a>unangenehmen
-Erinnerungen vergessen! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Von welcher Stadt sprichst du denn,
-mein Kind?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nun, von derjenigen, in welcher wir
-künftig wohnen werden. Wir befinden uns
-auf der Straße nach Potsdam; willst du vielleicht
-nach Dresden, nach Leipzig, oder noch
-weiter? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, liebe Helene, sagte der Oberst verlegen,
-es wird mir schwer, dich ganz mit dem
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-Opfer bekannt zu machen, das du mir bringen
-sollst. Denkst du, ich verlasse Berlin,
-um in einer andern Stadt zu wohnen? Ach
-nein, in meiner Lage gefällt mir nur die
-Einsamkeit! Liebe Helene! wirst du dich
-nicht über meinen grausamen, Entschluß beklagen?
-Ich will eine abgelegene ländliche
-Wohnung suchen, wo nichts ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine plötzliche Röthe überzog bei diesen
-Worten die schönen männlichen Gesichtszüge
-des Obersten; er hielt mitten in seiner Rede
-inne, und sahe Helenen mit einem unbeschreiblichen
-Blicke an, in welchem indessen
-die schmerzhaftesten Empfindungen nicht zu
-verkennen waren.
-</p>
-
-<p>
-Helene würde sich vielleicht hierüber beunruhigt
-haben, wenn sie geglaubt hätte, daß
-geheime Ursachen dem Schmerze ihres Gatten
-zum Grunde lägen. Allein sie wußte, wie
-sehr ihm der Verlust eines Theils seines Vermögens,
-bloß aus Liebe zu ihr und ihren
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-Kindern, zu Herzen ging; sie kannte seine
-Zärtlichkeit für sie, und fürchtete, daß es
-ihn bekümmern möchte, sie mitten aus den
-Vergnügungen der großen Welt in die Einsamkeit
-des Landlebens zu versetzen. Ohne daher
-weiter über Alfreds Betragen nachzudenken,
-hielt sie sich bloß an den Schein, und
-sagte, ihrem Gatten die Hand drückend:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Beruhige dich, lieber Alfred; mir ist
-wenig daran gelegen, welchen Winkel der
-Erde ich bewohne, wenn ich nur mit dir
-und meinen Kindern bin. Meine Pinsel
-und Farben sind hier in diesem Kästchen,
-meine Harfe wird mir nachgesandt: was
-könnte mir nun noch zu meinem Glücke
-fehlen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wie, theure Helene, du fürchtest
-dich nicht vor dem einsamen Landleben? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es würde der Fall sein, wenn ich von
-den drei mir theuren Wesen entfernt wäre;
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-mit ihnen ist meine Zufriedenheit stets vollkommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; O, von welcher Unruhe befreist du
-mich; denn ich glaube, daß du aufrichtig
-sprichst! Wohlan, so gestehe ich dir, daß nur
-die Einsamkeit und Zurückgezogenheit meinem
-jetzigen Zustande anpassend ist, daß ich der
-Entfernung von allem Geräusche des Lebens
-bedarf. Ich will also einen Zufluchtsort aufzufinden
-suchen, der nicht so nahe bei einer
-Stadt liegt, daß man uns belästigen wird,
-der aber auch nicht allzuweit entfernt ist, um
-aller Annehmlichkeiten der Städte entbehren
-zu müssen, wozu insbesondere auch die Hülfe
-der Arzneikunst gehört, wenn die Gesundheit
-<em>Wilhelms</em> und <em>Juliens</em> (die Namen
-ihrer beiden Kinder) derselben bedürfen möchten. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, Alfred, und wo denkst du diesen
-Zufluchtsort zu finden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-&mdash; In Böhmen, nicht weit von Prag. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es scheint mir aber, daß du bei allen
-deinen früheren Reisen noch nie in dieser
-Gegend gewesen bist. Hast du dort vielleicht
-Bekanntschaften, und kennst du schon den
-Ort unseres künftigen Aufenthalts?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein, durchaus nicht; ich überlasse
-Alles dem Zufalle, und gerade, weil ich in
-Böhmen völlig unbekannt bin, reise ich dorthin.
-Ich hoffe, daß so meine Spur völlig
-verloren gehen wird, daß ich dort keiner
-Verfolgung ausgesetzt sein werde ... denn
-der Anblick der Menschen ist mir jetzt verhaßt.
-Ach, könnte ich die Vergangenheit aus
-meinem Gedächtnisse verwischen! Theure Helene,
-wie sehr wünschte ich, nur für dich gelebt
-zu haben! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Diese zärtlichen Worte, die ihrer Natur
-nach Helenen nur angenehm sein konnten,
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-brachten indessen in ihrem Herzen eine gerade
-entgegengesetzte Empfindung hervor. Der
-Ton, mit welchem ihr Gemahl sie ausgesprochen
-hatte, schien einen bittern Vorwurf gegen
-sie selbst anzudeuten, und seine Physiognomie
-sagte dabei mehr als seine Worte. Helene
-liebte ihren Mann noch, wie in den ersten
-Tagen ihrer Ehe; bis jetzt hatte sich in ihrem
-Herzen noch nie eine eifersüchtige Empfindung
-geregt, weil Alfreds Betragen sie überzeugte,
-daß sie allein in seinen Gedanken
-herrschte; aber diese Ruhe konnte von einem
-Augenblick zum andern getrübt werden. Helene
-hatte bis jetzt noch nie ernstlich über
-das Leben ihres Mannes nachgedacht, das er
-vor der Bekanntschaft mit ihr geführt haben
-könnte; sie wußte, daß ein junger, hübscher
-Offizier nicht anders als eine Menge verliebter
-Abentheuer gehabt haben konnte; aber sie
-glaubte, daß Alfred nicht Zeit gehabt hatte,
-sich Gefühlen hinzugeben, die nur dann erst
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-gefährlich werden, wenn sie lange dauern.
-In dieser Hinsicht war also Helene frei von
-Unruhe; indessen stieg ihr doch jetzt der unglückliche
-Gedanke auf, daß wohl eine ältere
-Liebes-Intrigue ihren guten Theil an der
-so plötzlichen Reise, die einer übereilten Flucht
-glich, haben könnte.
-</p>
-
-<p>
-Wie auch die Gedanken Helenens in dieser
-Hinsicht gewesen sein mochten, so hütete
-sie sich doch wohl, sie laut werden zu lassen;
-sie suchte vielmehr, sie zu unterdrücken,
-indem sie ein gleichgültiges Gespräch anfing.
-Hierbei kamen ihr die Fragen ihrer Kinder
-zu Hülfe, und Alfred, der sich über ihr unschuldiges
-Geschwätz freuete, suchte ihre Neugierde
-zu befriedigen. Der Oberst bemerkte
-indessen, daß die Miene seiner Gemahlin
-ernster und nachdenkender geworden war; da
-er diesen Anschein von Kummer nur ihrer
-Abreise von Berlin zuschrieb, so gab er sich
-alle Mühe, sie durch seine Zärtlichkeit wieder
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-aufzuheitern, was ihm auch so gut gelang,
-daß Helene, von seiner Liebe zu ihr gerührt,
-alle ihre leeren Muthmaßungen bei Seite
-warf, und sich ganz dem Glücke überließ,
-mit ihrem Gatten und ihren Kindern leben
-zu können.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-2">
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-Zweites Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">K</span>aum war die Familie in Prag angekommen,
-so verlor der Oberst auch keinen
-Augenblick mehr, die einsame Wohnung ausfindig
-zu machen, nach welcher er sich so herzlich
-sehnte. Er wendete sich an einen Kommissionär,
-um zu erfahren, ob er irgend
-eine ländliche Wohnung, entfernt von allen
-großen Straßen, aber doch nicht zu weit von
-der Stadt entlegen, miethen oder kaufen
-könnte; und der Zufall entsprach hierbei völlig
-seinen Wünschen. Der Eigenthümer des
-Schlosses R...., in einer romantisch schönen
-und fruchtbaren Gegend, ungefähr zwei Stunden
-von Prag, bewohnte dieses uralte Gebäude
-nicht; vergebens hatte er schon seit
-längerer Zeit Liebhaber des Landlebens gesucht,
-aber bis jetzt noch keinen Miether finden
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-können; daher ging er auch leicht in die
-Bedingungen ein, die ihm der Oberst Lobenthal
-machte, und der, kaum unterrichtet, daß
-das Schloß zu vermiethen sei, dahin geeilt
-war, um es zu besichtigen. Entzückt von
-seiner Lage, die ganz so war, wie er sie
-wünschte, errichtete Alfred sogleich einen
-Miethsvertrag in gehöriger Form, und begab
-sich mit seiner Familie nach seiner neuen
-Wohnung. Die nöthigen Möbel, einfach
-aber bequem, nicht prächtig, aber geschmackvoll,
-hatte er in der Stadt gekauft, und ließ
-sie unter Aufsicht eines alten Unteroffiziers
-von seinem Regiment nachkommen. Dieser,
-Namens <em>Werner</em>, ebenfalls ein Deutscher,
-ein tapferer Soldat, war schon früher in
-Rußland mit einer kleinen Pension verabschiedet
-worden; allein aus Anhänglichkeit an
-seinen Obersten, der ihm einst in einer Schlacht
-das Leben gerettet hatte, wollte er schlechterdings
-das Schicksal desselben theilen, und er
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-nahm bei ihm weniger die Stelle eines Bedienten,
-als eines treuen und völlig ergebenen
-Freundes ein. Eine Köchin und ein
-Hausmädchen, beide in Prag in Dienst genommen,
-machten das Hauswesen des Obersten
-vollständig; denn Helene und ihr Gemahl
-hatten auf allen Luxus verzichtet, weil er
-durchaus keinen Reiz mehr für sie gewährte.
-</p>
-
-<p>
-Die ersten Tage nach ihrer Ankunft im
-Schlosse R.... verflossen unter Beschäftigungen,
-die gewöhnlich mit der Veränderung
-des Wohnsitzes verbunden sind. Die Arbeiter
-waren in jener Gegend selten zu haben, oder
-ungeschickt, und die ganze innere Einrichtung
-beruhte daher auf des Obersten und Werners
-Thätigkeit. Sie leimten die Tapeten an,
-hingen die Spiegel auf, stellten die Möbel
-an ihren Ort, schlugen die Betten auf, u. s. w.
-und ihre Hände, nur gewohnt, die Waffen
-zu führen, wußten sich äußerst geschickt der
-Werkzeuge friedlicher Arbeiter zu bedienen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-Auch Helene war ihrerseits nicht müßig;
-die Wäsche, die Küche, die Speisekammer
-gaben ihr vollauf zu thun; sie vernachlässigte
-nichts, und indem die beiden Gatten so mit
-einander arbeiteten, verschönerten sie ihre
-Zeit durch die Ergießungen ihrer Zärtlichkeit und
-durch die Glückseligkeit eines vollkommnern
-gegenseitigen Vertrauens. Doch mitten unter
-diesen leichten Arbeiten verdunkelte oft
-eine plötzliche Erinnerung die heitere Stirn
-des Obersten; ein unwillkührliches Erbeben,
-das er sogleich wieder zu unterdrücken suchte,
-bewies, daß ihn ein geheimer Kummer drücken
-müsse, und mehr als einmal mußte Helene
-ihr Gesicht abwenden, um ihrem Gatten
-nicht noch mehr Unruhe zu verursachen,
-wenn er sähe, daß sie seinetwegen ebenfalls
-bekümmert sei.
-</p>
-
-<p>
-Oefters schien Alfred wieder völlig heiter
-zu sein; die Gegenwart seiner Kinder machte
-ihm Vergnügen, und sehr häufig nahm er an
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-ihren unschuldigen Spielen Theil; bald beschäftigte
-er sich mit seiner Flöte, bald durchstrich
-er, von einem Jagdhunde begleitet, die
-zahlreichen umliegenden Thäler und Berge.
-Hier aber, von dickem Gebüsch umgeben,
-setzte er sich oft am Fuße einer Eiche nieder,
-und überließ sich seinen Träumereien, welche
-dann mehrere Stunden lang dauerten. Erst
-die einbrechende Abenddämmerung, oder einige
-vorübergehende Landleute weckten ihn
-aus seinem fast bewußtlosen Zustande; er
-schlug sich dann heftig vor die Stirn, und
-eilte schnellen Schrittes nach dem Schlosse
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-Hätte Helene nur Geschmack für die
-Vergnügungen der großen Welt gehabt, so
-würde sie sich in ihrem jetzigen Aufenthalte
-äußerst unglücklich gefühlt haben. An Gesellschaft
-war hier wenig zu denken; die in
-der Nähe wohnenden Herrschaften kamen nur
-im Sommer auf&rsquo;s Land, und sechs Monate
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-lang im Jahre würde es Niemand von ihnen
-gewagt haben, sich zwischen die Berge und
-Felsen zu begeben, die im Winter fast gänzlich
-unzugänglich waren. Wir haben aber
-schon gesagt, daß Helene in sich selbst vortreffliche
-Hülfsmittel zum Zeitvertreib fand.
-Wenn das Hauswesen ihre Thätigkeit nicht
-in Anspruch nahm, so vergnügte sie sich durch
-Musik, Malerei und das Lesen der besten
-Werke unserer schönen Literatur, oder sie
-fand hinreichenden Genuß in der Gesellschaft
-ihres Mannes und ihrer Kinder.
-</p>
-
-<p>
-Ein ganzes Jahr verging, ohne daß irgend
-eine außerordentliche Begebenheit eine
-Abwechselung in dem stillen und einförmigen
-Leben der Familie Lobenthal hervorgebracht
-hätte. Je mehr die Zeit verfloß, desto mehr
-erlangte der Oberst seine Ruhe wieder, und
-keine unangenehme Erinnerung schien ihn
-mehr zu belästigen. Helene, die ihren Gatten
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-sehr genau beobachtet hatte, freute sich
-heimlich darüber. Nur selten war Alfred
-jetzt vom Schlosse abwesend; er ging nicht
-mehr so häufig, wie im Anfange, auf die
-Jagd, sondern war fast immer bei seiner
-Frau und seinen Kindern, mit deren Erziehung
-er sich beschäftigte; zum Zeitvertreib
-ließ er sich auch die Verschönerung des
-Schloßgartens angelegen sein, den er mit
-mehreren seltenen und schönen Blumen bereichert
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Auch der Winter war an diesem einsamen
-und abgelegenen Orte für Alfred und
-Helenen nicht ohne allen Reiz, denn sie verstanden,
-sich selbst genug zu sein. Wenn der
-häufig fallende Regen die Wege in der Umgegend
-so verdorben hatte, daß es völlig unmöglich
-war, spazieren zu gehen, so diente
-der weite Saal des Schlosses zum gymnastischen
-Tummelplatz, wo Vater und Kinder sich
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-für die körperliche Ausbildung der letztern
-heilsamen Leibesübungen überließen. Ohne
-Unterlaß hallte dann von den langen und
-hohen leeren Wänden ein lautes und herzliches
-Gelächter wieder. Den Stunden des
-Vergnügens folgte ein lehrreicher Unterricht;
-die Abende verflossen unter angenehmen Erzählungen,
-womit Helene ihre beiden kleinen
-aufmerksamen Zuhörer in Erstaunen setzte,
-und voll Entzücken betrachtete dann Alfred
-dieses Gemälde der häuslichen Glückseligkeit.
-Man achtete nicht der Stürme, des Schnees
-und Regens, der gegen die Fenster prasselte,
-und nach und nach verschwand jede Erinnerung
-an eine bittere Vergangenheit.
-</p>
-
-<p>
-Auch der nächste Frühling verfloß in
-dieser angenehmen Ruhe. Um die Mitte
-des Monats Juli erhielt aber der Oberst einen
-Brief, der ihn mit neuem Kummer erfüllte.
-Er hatte eine Schwester, die in Stettin
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-an einen königlichen Beamten verheirathet
-war. Gegenseitiges Unrecht unter den beiden
-Gatten, die beide noch jung und vielleicht
-Sklaven ihrer Leidenschaften waren, hatte
-schon mehrere unangenehme Auftritte unter
-ihnen herbeigeführt, die sich noch täglich vervielfältigten.
-Ein gemeinschaftlicher Freund
-dieser beiden Unglücklichen, der einen öffentlichen
-Ausbruch ihrer Uneinigkeiten fürchtete,
-hielt es für seine Pflicht, den Obersten von
-dem, was vorging, zu benachrichtigen. Er
-forderte ihn auf, keine Zeit zu verlieren, und
-nach Stettin zu eilen, weil, wie er glaubte,
-seine Gegenwart allein im Stande wäre, die
-beiden Gatten auf die Dauer wieder mit einander
-zu versöhnen.
-</p>
-
-<p>
-Dem Obersten kam diese unangenehme
-Mittheilung sehr ungelegen. Es schien ihm
-zu hart, sich aus dem Schooße seiner glücklichen
-Familie entfernen zu sollen, um wieder
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-in die Welt zurückzukehren, deren verhaßtem
-Geräusch er nun schon entgangen war. Zwar
-machte ihm sein Herz Vorwürfe wegen seiner
-Gleichgültigkeit gegen seine junge Schwester,
-für die er die Stelle eines Vaters zu vertreten
-hatte; er fühlte, wie nützlich ihr sein
-guter Rath sein könnte, wodurch er vielleicht
-im Stande wäre, sie vor dem Abgrunde des
-Unglücks zu bewahren, dem sie unbedachtsam
-entgegen zu eilen schien; allein von der andern
-Seite sollte er sich von seiner zärtlichen
-Gattin, von seinen Kindern auf unbestimmte
-Zeit entfernen; das Opfer war ihm zu groß.
-Er wußte lange nicht, was er thun sollte;
-ehe er indessen einen Entschluß faßte, suchte
-er durch schriftliche Ermahnungen auf seine
-Schwester einzuwirken. Solche Vorstellungen
-konnten aber da kein Gehör finden, wo heftige
-Leidenschaften laut ihre Stimmen erhoben;
-die beiden Gatten klagten einander gegenseitig
-in den Antworten an, die sie ihrem
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-Schwager zukommen ließen, und dachten nicht
-daran, sich wieder auszusöhnen. Endlich gedieh
-ihre Uneinigkeit auf einen solchen Punkt,
-daß Alfreds Schwester keinen Anstand nahm,
-das Haus ihres Mannes zu verlassen, und
-sich nach dem Landgute einer ihrer Freundinnen
-zurückzuziehen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-3">
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-Drittes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>ls der Oberst diese letztere Nachricht erhielt,
-zögerte er nicht länger; er machte sich Vorwürfe,
-nicht schon früher abgereiset zu sein,
-und schob auf sich selbst einen Theil der
-Schuld an dem von seiner Schwester begangenen
-Fehler. Jetzt mußte so schnell als
-möglich Hülfe geleistet werden, und nachdem
-er Helenen um Rath gefragt hatte, die völlig
-seiner Meinung war, begab er sich nach
-Prag, von wo er mit Extrapost weiter nach
-Stettin eilte. Er reisete ganz allein ab, und
-ließ zum Schutze für seine Frau und Kinder
-den rechtschaffenen und furchtlosen Werner
-zurück, den er in Allem, was das Interesse
-seiner Familie betraf, als sein zweites Selbst
-betrachten konnte. Helene mußte ihren ganzen
-Muth zusammennehmen, um sich beim
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-Abschiede von ihrem Gatten zu fassen. Dieß
-war die erste Trennung von ihm, aber sie
-wußte ihren Schmerz in sich zu verschließen,
-und zeigte nur so viel davon, als ihr völlig
-unmöglich war zurückzuhalten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, Geliebter! rief sie unter einem
-Strom von Thränen aus; eile, daß du zu
-mir zurückkehrst! Erst jetzt wird mir dieser
-Ort hier als eine wirkliche Wüstenei erscheinen;
-ich werde völlig allein sein, sobald ich
-dich nicht mehr sehe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Alfred versuchte, der zärtlichen Helene
-einigen Trost einzuflößen. Schon befand
-man sich im Monat September, und er versprach
-ihr, spätestens im Monat Dezember
-wieder zu kommen, hinzusetzend: daß sie seiner
-Zärtlichkeit wohl so viel Vertrauen schenken
-würde, um zu glauben, daß er selbst
-nichts sehnlicher wünschen könnte, als noch
-weit früher in ihre Arme zu eilen, wenn es
-nur irgend möglich wäre. Aber wie vergeblich
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-sind alle Trostgründe in dem Augenblicke
-der Trennung! Man fühlt nichts, als das
-gegenwärtige Uebel, und es drückt uns danieder.
-Die Zukunft ist in solcher Stimmung
-gleichgültig, die Hoffnung verliert allen ihren
-Zauber, und man kennt nur die Qual der
-Gegenwart.
-</p>
-
-<p>
-In den ersten Tagen nach Alfred&rsquo;s Abreise
-war Helene gleichsam in einem Zustande
-der Bewußtlosigkeit. Ihr Geist, von hundert
-peinlichen Vorstellungen angegriffen, ward
-für eine abergläubische Furcht empfänglich,
-und nur mit einem geheimen Schauder ging
-sie des Abends die Treppe hinauf und durch
-den großen Saal. Die Einbildungskraft, die
-stets bereit ist, Alles herbeizuziehen, was uns
-in Schrecken setzen kann, verdoppelte ihre Lebendigkeit,
-um Helenen mit Schrecken zu erfüllen.
-Die geringste Kleinigkeit war hinreichend,
-sie in Furcht zu setzen; oft stand sie
-plötzlich zitternd still, weil sie ein sonderbares
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-Geräusch gehört zu haben glaubte, oder sie
-machte ihre Augen zu, aus Scheu, irgend eine
-fürchterliche Erscheinung zu erblicken. Die
-Gesellschaft ihrer Kinder war an den Abenden,
-die schon lang zu werden anfingen, nicht
-mehr hinreichend, um sie zu beruhigen; sie
-rief nach dem treuen Werner und nach Lisetten,
-der Köchin, einem guten, aber höchst
-abergläubischen, furchtsamen Mädchen, und
-behielt Beide Stunden lang bei sich, unter
-dem Vorwande, ihnen Befehle für den folgenden
-Tag zu geben, oder ihnen Rechenschaft
-von dem, was sie den Tag über gethan
-hatten, abzufordern.
-</p>
-
-<p>
-Es mag auf dem Lande auch noch so
-einsam sein, die Häuser mögen auch noch so
-weit von einander entfernt liegen, so ist dieß
-Alles doch nicht im Stande, die Neugierde
-der Landbewohner einzuschränken. Für diese
-Klasse von Menschen ist die gewöhnlichste
-Begebenheit etwas Wichtiges, sie geben auf
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-die geringste Kleinigkeit Acht, und Alles wird
-den Nachbarn treulich wiedererzählt. So
-war es auch bei der Ankunft der Familie
-Lobenthal im Schlosse R.... Was für
-übertriebene Dinge erzählte man sich von ihr,
-was für lächerliche Mährchen wurden auf
-ihre Rechnung verbreitet! Aber die Zeit
-verfloß, und ein und derselbe Gegenstand
-kann nicht stets zur Unterhaltung dienen;
-daher schien die Familie Lobenthal, nach
-Verlauf von funfzehn Monaten, im Lande
-völlig eingebürgert zu sein, und man trat
-sogar mit der Dienerschaft in freundschaftliche
-Verhältnisse, so daß die Männer im
-Stalle mit Wernern, die Weiber in der Küche
-mit Lisetten häufig Unterhandlungen anspannen,
-und ihnen erzählten, was sie Sonntags
-vor der Kirchthür Neues gehört hatten.
-</p>
-
-<p>
-Lisette und Werner erzählten gerne,
-wenn Gelegenheit dazu war, ihrer Frau wieder,
-was sie gehört hatten, und Helene erröthete
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-innerlich über das seltsame Vergnügen,
-das sie dabei genoß, ihnen zuzuhören;
-indessen war ihr, während der Abwesenheit
-ihres Mannes, Zerstreuung nöthig, und gleichviel,
-welchen Gegenstand man vor ihr abhandelte:
-sie zog das albernste Geschwätz immer
-noch der Einsamkeit vor.
-</p>
-
-<p>
-Schon war der Oberst seit länger als
-einer Woche nicht mehr im Schlosse, als
-Lisette eines Abends mit so wichtiger Miene
-in&rsquo;s Zimmer trat, daß Helene nicht daran
-zweifeln konnte, sie habe ihr eine außerordentliche
-Neuigkeit mitzutheilen. Sie irrte
-sich nicht; sobald das gute Mädchen sich bei
-der Lampe niedergesetzt hatte, die ihr zu ihrer
-Abendarbeit leuchtete, fing sie an:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Von nun an, Frau Oberstin, werden
-wir nicht mehr so ganz allein in dieser Gegend
-sein; das Land hier wird immer mehr
-bevölkert, die Anzahl der Fremden vermehrt
-sich; und wenn das so fortgeht, so wird man
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-bald, wie man im Dorfe sagt, des Montags
-einen Markt auf unserm Schloßplatze abhalten
-können.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ei, mein Gott, antwortete Helene
-erstaunt, wer sind denn die zahlreichen Einwohner,
-die sich in der Gemeinde angesiedelt
-haben? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen
-soll, Frau Oberstin, so sind es eben noch
-nicht viel, aber das wird noch kommen. Für&rsquo;s
-Erste ist da schon der Herr Oberst Lobenthal
-mit seiner Familie, und dann eine Dame,
-deren Geschichte und Herkunft man noch nicht
-kennt, und die das kleine Haus dort unten
-im Thale, mitten im Walde, gekauft hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Da hat sie sich eine sehr einsame
-Wohnung gewählt, und sie muß entweder
-viel Muth besitzen, oder ein großes Gefolge
-bei sich haben, wenn sie ohne Furcht in diesem
-Hause bleiben kann. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-&bdquo;Dieser Meinung ist auch das ganze
-Dorf, und dennoch ist sie ganz allein; denn
-ein alter Bedienter kann hier gar nicht in
-Anschlag kommen, weil er so abgelebt, so
-bleich und hinfällig ist, daß er weniger einem
-Lebendigen, als einem Bewohner der andern
-Welt ähnlich sieht. Was die Dame betrifft,
-so sagt man, daß sie schön ist, obgleich ihre
-Miene etwas ganz Außerordentliches haben
-soll. Ich kann übrigens nichts Näheres davon
-berichten, weil ich sie noch nicht gesehen
-habe; aber am nächsten Sonntage müßte ich
-sehr krank sein, wenn ich in der Kirche fehlen
-sollte. Die Dame wird doch ohne Zweifel
-dort sein, und dann will ich sie genau betrachten,
-daß ich Ihnen einen vollkommnern
-Bericht abstatten kann, wenn Sie selbst zufällig
-nicht im Stande sein sollten, sie zu
-sehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich bezweifle nicht, Lisette, daß du
-sie genau betrachten wirst; aber was spricht
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-man jetzt von ihr? Weiß man, aus welchem
-Grunde sie sich gerade gegen den Winter eine
-so wenig angenehme Wohnung gewählt hat?
-Ist sie aus Prag? Ist sie Wittwe, oder unverheirathet?
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man hat alle diese Fragen schon an ihren
-Bedienten gerichtet, ohne die geringste
-genügende Antwort zu erhalten; denn dieser
-Bediente soll ein mürrischer und äußerst grober
-Mensch sein. Seine Antworten sind:
-Ja, nein; vielleicht: das geht Euch nichts an;
-was er kauft, bezahlt er, ohne weiter ein
-Wort zu sprechen, und entfernt sich dann sogleich
-wieder. So viel weiß man indessen
-schon gewiß, daß diese Leute keine Deutschen
-sind; denn sie haben eine ganz seltsame Aussprache,
-und unter sich bedienen sie sich fremder,
-unverständlicher Worte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ist denn diese Dame schon lange
-hier? fragte Helene, die schon den Wunsch
-fühlte, in der Fremden eine Gesellschafterin
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-zu finden, die einige Abwechselung in ihrer
-einfachen, gleichförmigen Lebensart hervorbringen
-könnte. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie ist an demselben Tage hier angekommen,
-wo der Herr Oberst abreisete. Anfangs
-stieg sie bei dem Schäfer Paul ab,
-und fragte ihn, ob nicht in der Nähe irgend
-ein Haus zu miethen oder zu kaufen sei?
-Paul erwiederte, daß die Gebrüder Gierschmann
-das kleine Haus im Walde verkaufen
-wollten; sie ließ sie sogleich herbeiholen, handelte
-mit ihnen, und schlief schon in derselben
-Nacht in ihrem neuen Wohnsitze. Paul
-und die beiden Gierschmann haben anfangs
-aus dieser Begebenheit ein Geheimniß gemacht,
-wahrscheinlich weil sie der armen
-Dame eine übermäßig große Summe für
-das Haus abgenommen haben. Aber am
-Ende kommt doch Alles heraus: die Geschichte
-wurde bekannt, und ich bin nicht die Letzte,
-die sie erfahren hat. Vor einer Stunde habe
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-ich sie von der Frau des Nachtwächters gehört,
-und ich würde gegen meine Pflicht gehandelt
-haben, wenn ich Ihnen nicht sogleich
-Alles mitgetheilt hätte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Helene dankte Lisetten durch eine Verneigung
-des Kopfes für ihren guten Willen,
-und nahm sich vor, so bald als möglich Bekanntschaft
-mit der fremden Dame zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Während dieses langen Gesprächs schwieg
-Werner, der ebenfalls gegenwärtig war, und
-schüttelte von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe.
-Diese Bewegung und sein Stillschweigen fielen
-der Oberstin auf, daher sie ihn fragte,
-ob er Mißtrauen gegen die unbekannte Dame
-hege?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ei, erwiederte Werner, ich sehe eben
-nichts Gutes in ihrem Erscheinen in hiesiger
-Gegend. Eine junge Frau, die auch hübsch
-sein soll, wie man sagt, kommt mit einem
-einzigen Bedienten hier her, um sich in ein
-abgelegenes Haus einzuschließen: scheint dieß
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-ganz in der Ordnung zu sein? Hat sie einen
-Mann? Wo ist ihre Familie? Sollte sie
-nicht eine Abentheurerin sein? Ich habe
-ehemals genug von diesen geheimnißvollen
-Prinzessinnen bei unseren Offizieren gesehen,
-die anfangs alle Blicke scheuten, und sich
-sorgfältig eingezogen hielten, bis sie irgend
-einen Fang gemacht hatten. Dann erschienen
-sie am hellen Tage, und zeigten ihre
-Reize, ihre Pracht und ihr schlechtes Betragen;
-hatten sie nun die Frucht rein ausgesogen,
-so verschwanden sie plötzlich, wie die
-Irrwische, die wir oft dort unten auf dem
-Moraste erblicken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich glaube es wohl, antwortete Helene,
-daß man in einer großen Stadt solche
-<a id="corr-1"></a>unglücklichen Geschöpfe antrifft, die, um einen
-desto bessern Handel mit ihren Reizen zu
-machen, die Neugierde durch das Dunkel zu
-reizen suchen, mit dem sie sich umhüllen;
-aber hier in R...., mein guter Werner,
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-was sollte eine solche Person hier suchen?
-Wo ist hier der reiche Partikulier, den sie
-verführen könnte? Ich weiß in der ganzen
-Gegend nur Familien, die in der vollkommensten
-Eintracht leben, und überdieß binnen
-Kurzem das Land bis zum künftigen Sommer
-verlassen werden. Kann aber diese Dame
-nicht Unglücksfälle erlitten haben? Schämt
-sie sich nicht vielleicht, in der Welt auf einem
-niedrigeren Fuße zu leben, als ihr früher
-ihrem Range nach zukam? und wird
-wohl eine heutige Sirene mitten im Walde,
-fern von jeder Straße, ihren Aufenthalt wählen?
-Wird sie sich nicht vielmehr den Orten
-nähern, die häufig von Reisenden besucht
-sind? Nein, mein lieber Werner, dein Verdacht
-ist ungerecht; man muß von seinem
-Nächsten nichts Uebeles denken, als wenn
-offenbare Gründe dazu vorhanden sind. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Werner erwiederte nichts, aber er schien
-keinesweges überzeugt zu sein. Ihm diente
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-seine Erfahrung zur Richtschnur, wonach er
-Alles beurtheilen zu können glaubte, was ihm
-jetzt begegnete.
-</p>
-
-<p>
-Der folgende Tag war außerordentlich
-schön. Gegen Abend gingen die Kinder unter
-Werners Aufsicht spazieren, und der Zufall
-führte sie nach dem nahe gelegenen Walde,
-während Helene selbst sich nicht so weit vom
-Schlosse entfernte, sondern nur bis nach dem
-Dorfe hinunter ging, wo sie mit den Landbewohnern,
-denen sie begegnete, von der nahe
-bevorstehenden Erndte plauderte. Alle erzählten
-ihr aber von der fremden Dame; ihre
-Ankunft hatte die allgemeine Neugier gereizt,
-und man belauschte daher jeden ihrer Schritte.
-Man wußte, daß sie gegen Abend ihre Wohnung
-verließ, um in der Umgegend spazieren
-zu gehen; so lange aber die Sonne noch am
-Himmel stand, zeigte sie sich nur höchst selten.
-Den ganzen Tag brachte sie in einem Zimmer
-ihres obern Stockwerks zu, wo Niemand
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-sie zu sehen bekam. Ihr alter Bedienter verrichtete
-sämmtliche Geschäfte des Hauswesens,
-aber er sah stets so mürrisch aus, daß man
-keine Lust fühlte, eine Unterredung mit ihm
-anzuknüpfen, wenn er dann und wann in&rsquo;s
-Dorf kam, um irgend etwas einzukaufen.
-</p>
-
-<p>
-Jemehr Helene von der Unbekannten
-sprechen hörte, desto fester nahm sie sich vor,
-sie kennen zu lernen; denn bei allen ihren
-vortrefflichen Eigenschaften war die Frau
-Oberstin doch immer eine Tochter unserer
-gemeinschaftlichen Stamm-Mutter Eva.
-Indessen wußte sie ihren geheimen Wunsch
-unter eine scheinbar große Gleichgültigkeit
-zu verbergen, und als es finster zu werden
-anfing, kehrte sie nach dem Schlosse zurück.
-</p>
-
-<p>
-Sobald ihre Kinder sie erblickten, liefen
-sie ihr voll Freude entgegen. &bdquo;Ach, Mutter!
-liebe Mutter! riefen beide zugleich;
-wir haben die schöne unbekannte Dame gesehen,
-und mit ihr gesprochen. Sie hat uns
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-diese schönen Blumenkränze geschenkt. Ach,
-wie gut und wie hübsch ist sie!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dieses unverhoffte Zusammentreffen und
-die Worte ihrer Kinder reizten Helenens
-Neugierde noch mehr. &bdquo;Still, liebe Kinder,
-sagte sie, sprecht nicht beide zugleich; Eines
-von euch soll mir erzählen, was vorgefallen
-ist, und das Andere kann dann nachholen,
-was vielleicht das Erste vergessen hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dieser Vorschlag war ganz angemessen,
-aber es boten sich nur Schwierigkeiten dar,
-ihn auszuführen. Julie, ein höchst lebhaftes
-niedliches Mädchen, schien nicht geneigt, ihrem
-Bruder das Wort zu überlassen, der seinerseits
-wieder das Recht des Aeltern in Anspruch
-nahm, um der Erzähler des kleinen
-Abentheuers zu sein. Hieraus entstand ein
-ernsthafter Streit. Helene versuchte anfangs
-vergebens den Weg der Güte: sie drang
-nicht durch, weil Julie sprechen und Wilhelm
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-nicht schweigen wollte: die Mutter sah
-sich endlich genöthigt, ihr ganzes Ansehen
-zu gebrauchen, und ein bestimmter Befehl
-legte dem kleinen Mädchen Stillschweigen
-auf. Julie nahm nun eine schmollende
-Miene an, und setzte sich in einen Winkel
-des Zimmers, wo sie ihr niedliches Gesichtchen
-in den Händen verbarg, indem sie versicherte,
-daß ihr Bruder falsch erzähle, daß
-sie aber gewiß den Mund nicht öffnen würde,
-um ihn zu berichtigen.
-</p>
-
-<p>
-Wilhelm, stolz auf die Auszeichnung,
-die ihm seine Mutter zu Theil werden ließ,
-stellte sich lächelnd vor sie hin und fing nun
-seine Erzählung an: &bdquo;Ich hatte Lust, liebe
-Mutter, in das Thal hinabzugehen, um von
-den schönen Blumen, deren so viele auf der
-dortigen Wiese wachsen, abzupflücken. Ich
-bat daher unsern Werner, uns dahin zu führen,
-und er willigte ein; wir waren aber
-kaum einige Augenblicke da, so lief auch schon
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Julie, die niemals ruhig bleiben kann, aus
-allen Kräften nach dem Walde zu.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Das ist nicht wahr! rief Julie, voll
-Aerger über die Beschuldigung ihres Bruders;
-ich verfolgte einen schönen, bunten
-Schmetterling, und du thatest dasselbe. &mdash;
-Siehst du wohl, liebe Mutter, daß du von
-Wilhelmen nichts Ordentliches erfahren wirst?
-Ich will dir daher erzählen, was geschehen
-ist, denn mit mir hat ja die Dame zuerst
-gesprochen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe dir befohlen zu schweigen,
-antwortete die Mutter sanft, aber ernsthaft;
-und ich will, daß du mir gehorchst. Daß ich
-also meinen Befehl nicht zum dritten Mal
-wiederholen muß!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Strenge dieser Worte, welche übrigens
-so wenig mit Helenens Liebe zu ihrem
-niedlichen Töchterchen übereinstimmte, verursachte
-dem letzteren so viel Schmerz, daß
-Julie in einen Strom von Thränen ausbrach,
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-und ihre kleinen Arme ihrer Mutter
-um den Hals schlang. Helene sahe nun ein,
-daß sie sich zu strenge gezeigt hatte, und ohne
-ein Wort zu sagen, streichelte sie mit ihrer
-Hand die schönen blonden Locken ihrer Tochter,
-und drückte dann einen Kuß auf ihre
-Stirn, worauf die Heiterkeit sich bei derselben
-wieder einzustellen nicht ermangelte. Indessen
-fuhr Wilhelm in seiner Erzählung fort.
-Er berichtete, wie die fremde Dame plötzlich
-vor seinen erstaunten Blicken erschienen sei,
-während er seiner Schwester habe nachlaufen
-wollen, die sich mitten in das dickste Gebüsch
-begeben hatte; wie Julie die Hand der fremden
-Dame gehalten habe, welche letztere sich
-dann mit ihren Spielen vereinigte, obgleich
-sie, bemerkte der Knabe, die Lustigkeit eben
-nicht zu lieben schiene. Sie war immer
-ernsthaft, und das laute Gelächter Juliens,
-womit sie immer sehr freigebig ist, schien
-ihr sogar ein gewisses Beben zu verursachen.
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-Aber sie behandelte uns mit einer außerordentlichen
-Gütigkeit. Vergebens wollte Werner
-mehrmals mit uns nach Hause zurückkehren,
-sie hielt uns immer noch auf, weil sie
-stets noch einige Blumen zu den Kränzen
-hinzuzufügen hatte, die sie uns wand. Aber
-sie ist erstaunlich geschickt; nur weiß ich nicht,
-warum sie beständig einen Handschuh auf der
-linken Hand trägt; das muß ihr doch sehr
-beschwerlich sein. Julie wollte ihn ihr abziehen,
-aber sie hinderte es mit einer sehr
-heftigen Bewegung, und warf ihr zugleich
-einen Blick zu, der mich und meine Schwester
-in Schrecken setzte; so böse schien er uns
-zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Diese Erzählung ward in allen Punkten
-von dem kleinen Mädchen bestätigt, das nun
-ebenfalls das Wort zu nehmen eilte. Julie
-fügte noch eine Menge Einzelnheiten hinzu,
-und erzählte ihrer Mutter, daß die hübsche
-Dame ihr mitten im Gebüsch so plötzlich erschienen
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-sei, als wenn sie aus der Erde hervorgekommen
-wäre.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich erschrak anfangs sehr, fuhr Julie
-fort, und da die Dame es bemerkte, so
-schien sie darüber sehr bekümmert zu sein.
-Sie kam dann lächelnd auf mich zu, und
-ihre freundlichen Worte machten mich nun
-bald dreister. Uebrigens hat sie nicht die geringste
-Frage an mich gerichtet, wie es sonst
-wohl diejenigen zu thun pflegen, die mich
-zum ersten Male sehen; sie sprach nur von
-unseren Spielen und Vergnügungen, und
-wie sehr sie meine Freundin zu werden
-wünschte. Von dir und von meinem Vater
-hat sie nicht ein Wort erwähnt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Werner, der nun ebenfalls befragt ward,
-bestätigte Alles, was die Kinder gesagt hatten.
-Aber über sein ganzes Wesen schien die
-größte Verwirrung verbreitet zu sein, und
-vergebens suchte er sie zu verbergen; sie
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-ward wider seinen Willen so sichtbar, daß
-Helene aufmerksam werden mußte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, Werner! sagte sie; du bist nicht
-eben so sehr für die fremde Dame eingenommen,
-als Wilhelm und seine Schwester. Hast
-du immer noch dein früheres Mißtrauen gegen
-sie, oder hast du sie vielleicht gar wieder
-erkannt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich! sie wieder erkannt haben! rief
-der alte Soldat, dessen Gesicht in diesem Augenblick
-alle Farbe verlor. Ich wüßte nicht,
-Frau Oberstin, wie mein Betragen Sie auf
-solche Muthmaßung hinführen könnte. Ich
-kenne jene Person nicht; aber dennoch beharre
-ich bei der Meinung, daß ihre Ankunft
-hierselbst zu geheimnißvoll ist, um sich etwas
-Gutes davon zu versprechen. Wenn Sie
-meinem Rathe folgen wollten, so würden
-Sie Ihren Kindern nicht erlauben, bekannter
-und vertrauter mit ihr zu werden. Was
-die Erlaubniß betrifft, daß diese Unbekannte
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-ihren Fuß über die Schwelle des Schlosses
-setzt, so wissen Sie selbst, was Sie dabei zu
-thun haben. Wenn ich aber an Ihrer Stelle
-wäre, so würde ich auch nicht einmal zugeben,
-daß sie auch nur den Hof überschreitet. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Um so strenge gegen sie zu verfahren,
-erwiederte Helene, müßte ich überzeugt sein,
-daß ihre Gesellschaft durchaus nicht für mich
-paßt, und dieß werde ich vielleicht bald erfahren.
-Aber da du sie heute zum ersten
-Male gesehen hast, da dein Widerwille gegen
-sie gar keine gegründete Ursache hat, so kann
-ich mein Betragen völlig nach den obwaltenden
-Umständen einrichten. Dennoch bin ich fest entschlossen,
-mein lieber Werner, auf deinen Rath
-zu hören, wenn du von dieser Dame irgend
-etwas weißt, das dich überzeugt, es würde gefährlich
-für mich sein, mit ihr umzugehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Werner schien einen Augenblick lang
-ungewiß zu sein, was er der Oberstin antworten
-sollte; plötzlich hörte indessen diese
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-Ungewißheit auf, und er versicherte dann mit
-fester Stimme, daß seine Furcht nur auf
-Vorurtheilen beruhe, daß die fremde Dame
-ihm völlig unbekannt sei, und daß seine Herrschaft
-völliges Recht habe, zu handeln, wie
-es ihr gut dünke.
-</p>
-
-<p>
-Helene kannte die edle Freimüthigkeit
-des alten Soldaten, und sie zweifelte nicht
-an der Wahrheit dessen, was er sagte. Sie
-schrieb sein Mißtrauen der natürlichen Bedächtigkeit
-derjenigen zu, die in der Welt
-viel gesehen und erfahren haben; das Böse
-hat sich ihnen unter allen Gestalten gezeigt,
-und sie fürchten stets, es da anzutreffen, wo
-der Anschein es am Wenigsten vermuthen
-läßt. Nur in der Zurückgezogenheit lernt das
-menschliche Herz sich einem Vertrauen überlassen,
-das noch durch Nichts getäuscht wurde,
-und nur der häufige Umgang mit Menschen
-lehrt sie fürchten.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-Viertes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ndem Werner die Oberstin versicherte, daß
-die fremde Dame ihm unbekannt sei, sprach
-er wider seine Ueberzeugung. So auffallende
-Gesichtszüge konnten bei ihm unmöglich in
-Vergessenheit gekommen sein; er wußte, wie
-sehr die, welche damit geschmückt war, würdig
-gewesen, die zärtlichste Neigung einzuflößen,
-und er zitterte schon im Voraus vor einem
-Zusammentreffen, das für die Zukunft die
-schrecklichsten Stürme zu weissagen schien.
-Aber sollte er unter diesen Umständen die
-Ruhe seiner würdigen Gebieterin vergiften?
-War es nöthig, in ihrem Herzen die verzehrenden
-Flammen der Eifersucht anzuzünden?
-Unglücklicherweise giebt es Fälle im menschlichen
-Leben, wo es nothwendig ist, die Wahrheit
-zu verschweigen, und wo man mit der
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-Lüge in&rsquo;s Bündniß treten muß, um großen
-Uebeln vorzubeugen. Einer von diesen Fällen
-war hier eingetreten, und nur ungern
-opferte ihm Werner seine natürliche Wahrheitsliebe
-auf; er verschwieg also, was er
-wußte. Wie sehr wünschte er aber die Nacht
-herbei, wo er hoffen konnte, ruhig über diese
-schwierige Lage nachzudenken. Seine Klugheit
-sagte ihm, wie wichtig es sei, nichts
-von seiner innern Unruhe merken zu lassen;
-denn wenn sich einmal der Verdacht im Busen
-der Oberstin erhob, zu welchen Auftritten
-konnte dieß führen! Er nahm daher alle
-seine Kraft zusammen, und bewachte sich selbst
-so strenge, daß Helene in seinen Gesichtszügen
-nichts als die Gleichgültigkeit des gewöhnlichen
-Lebens wahrnehmen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Als Werner endlich nach eilf Uhr in
-seinem Zimmer allein war, eilte er zu seinem
-Schreibtische, und schrieb an seinen Herrn,
-was hier vorgegangen war.
-</p>
-
-<div class="letter">
-<p>
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-&bdquo;Wie groß wird Ihr Erstaunen sein,
-Herr Oberst, wenn Sie erfahren, daß <em>Lodoiska</em>
-jetzt hier in R.... wohnt, und
-die nächste Nachbarin des Schlosses ist.
-Was will sie hier, jetzt, nach Verlauf so
-vieler Jahre? was hegt sie für Absichten?
-Diese Fragen kann ich Ihnen nicht beantworten.
-Sie hat mich nicht erkannt, wenigstens
-ließ sie nicht das geringste Zeichen entschlüpfen,
-woraus ich es hätte schließen können.
-Lassen Sie mir jetzt Ihre Befehle
-zukommen, und ich werde sie ohne Verzug
-ausführen. Wollen Sie sie wiedersehen,
-und sich eine Zusammenkunft mit ihr verschaffen,
-um ihre Absichten kennen zu lernen?
-Oder ziehen Sie es vor, daß die Frau Oberstin
-und Ihre Kinder diese Gegend hier
-augenblicklich verlassen? Dieß würde vielleicht
-der beste Weg sein, den Sie einschlagen
-könnten. Sie werden nie glücklich, noch
-ruhig sein, so lange diese Lodoiska lebt,
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-oder wenigstens, so lange dieselbe Sie mit
-ihrer Gegenwart und ihren Vorwürfen verfolgt.&ldquo;
-&mdash;
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Indem Werner diese letzten Worte niedergeschrieben
-hatte, erbebte er unwillkührlich;
-denn es schien ihm, als wenn er hinter sich
-das Geräusch eines Gewandes hörte, und den
-Athem einer Person fühlte, die sich über ihn
-her beugte, um zu lesen, was er geschrieben.
-Die Täuschung war so vollkommen, daß er
-nicht daran zweifelte, die Oberstin sei dicht
-hinter ihm, und voller Schrecken hierüber,
-wagte er anfangs nicht, die Augen aufzuschlagen,
-noch den Kopf umzuwenden; da indessen
-nach Verlauf von einer Minute sich
-noch immer kein neues Geräusch hören ließ,
-so blickte er um sich, und überzeugte sich nun,
-daß er sich geirrt habe. Kein lebendiges Wesen
-war in seinem Zimmer zu sehen, die
-tiefste Stille herrschte überall, nur dann und
-wann von dem Geschrei einer einsamen Eule
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-unterbrochen, die in dem alten Thurme des
-Schlosses nistete.
-</p>
-
-<p>
-Diese Gewißheit, daß die Oberstin seinen
-Brief nicht gelesen habe, verursachte ihm
-die größte Freude, und nachdem er sein Zimmer
-fest verschlossen hatte, suchte er sich einem
-erquickenden Schlafe zu überlassen; es
-gelang ihm aber nicht. Die geheimnißvolle
-Lodoiska kam ihm nicht aus den Gedanken,
-und in seinem Zorne gegen sie fluchte er
-laut, als wenn er eine Abtheilung Rekruten
-zu exerziren hätte. Erst sehr spät schlossen
-sich endlich seine Augen, und der Mensch in
-ihm lebte nur noch durch seine nächtlichen
-Beziehungen mit den himmlischen Geistern
-fort. Gewöhnlich kam Werner sonst dem
-Erwachen der Morgenröthe zuvor; dießmal
-aber stand die Sonne schon über den umliegenden
-Hügeln, als der alte Unteroffizier
-plötzlich aus dem Schlafe aufschreckte, und
-über die Art von Bewußtlosigkeit, in der
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-er gewesen zu sein sich erinnerte, erstaunte.
-Ohne Zweifel hatten die Arbeiter auf dem
-Felde schon angefangen, und er war dabei
-nicht zugegen gewesen. Voller Scham über
-diesen Fehler zog er sich schnell an und eilte
-hinunter in den Hof; hier erinnerte er sich
-aber, daß er den wichtigen Brief an seinen
-Herrn auf dem Schreibtische vergessen habe,
-und da die Klugheit ihm rieth, denselben
-nicht vor Jedermanns Augen umher liegen
-zu lassen, so kehrte er um, ihn zu sich zu
-stecken, und ihn nachher dem täglich nach der
-Stadt gehenden Boten zur Bestellung auf
-der Post zu übergeben.
-</p>
-
-<p>
-Der Brief befand sich nicht mehr an
-dem Orte, wo Werner ihn hatte liegen lassen,
-sondern er sahe ihn, in tausend Stücke
-zerrissen, auf dem Fußboden umhergestreut.
-Dieser eben so sehr überraschende, als verdächtige
-Anblick entriß Wernern einen lauten
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-Ausruf, und versetzte ihn dann in ein peinliches
-Nachdenken. Wer konnte das Schreiben
-zerrissen haben? Wer war während so
-weniger Augenblicke in seinem Zimmer gewesen,
-um dort so unverschämt zu handeln?
-Sollte es die Oberstin, oder Lisette, oder
-das Hausmädchen gewesen sein? Nur diese
-drei Personen konnten um diese Zeit schon
-aufgestanden sein. Er erinnerte sich, daß er
-das letztere auf dem Hofe gesehen habe; auch
-erblickte er Lisetten durch das Fenster in der
-Küche mit ihren Arbeiten beschäftigt, und
-die Oberstin schien noch nicht aufgestanden
-zu sein, wie die geschlossenen Fensterladen
-ihres Zimmers zeigten. Kurz, er wußte
-nicht, was er von diesem außerordentlichen
-Vorfalle denken sollte; und er gewann es
-nicht über sich, den Brief sogleich von Neuem
-zu schreiben, sondern sammelte nur sorgfältig
-die Stücke vom Fußboden auf, um
-sie in&rsquo;s Feuer zu werfen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-Den ganzen Tag über befand sich Werner
-in einer äußerst peinlichen Stimmung.
-Obgleich er überzeugt war, daß die Oberstin
-sein Zimmer nicht so sehr verletzt habe, so
-fühlte er doch eine große Verlegenheit, als
-er heute zum ersten Male in ihre Nähe kam.
-Er suchte sich zu zwingen, und in den Gesichtszügen
-Helenens zu lesen; aber diese waren
-so ruhig, daß sie unmöglich eine so unerwartete
-Entdeckung, wie die Lesung des
-Briefes ihr gewähren mußte, gemacht haben
-konnte. Werners Erstaunen ward nun immer
-größer, und er verlor sich vergebens in
-allerhand Vermuthungen; höchst unangenehm
-aber war es ihm, als die Kinder ihn baten,
-sie wieder, wie gestern, nach dem Walde spazieren
-zu führen, weil sie hofften, ihre neue
-Freundin, wie sie sagten, wieder zu sehen.
-</p>
-
-<p>
-Gern hätte Werner es ihnen abgeschlagen;
-aber die Oberstin war zugegen, und ehe
-er noch ein Wort sprechen konnte, hatte sie
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-schon ihre Einwilligung gegeben. Die Klugheit
-gebot ihm, von seinen wahren Gedanken
-nichts merken zu lassen, um bei der Gemahlin
-seines Obersten weder Argwohn noch
-Furcht zu erregen, und mit zurückgehaltenem
-Unwillen stieg er langsam den Hügel hinab,
-nach dem Orte zu, wie seine jungen Begleiter
-wünschten.
-</p>
-
-<p>
-Kaum befanden sie sich am Saume des
-Waldes, so trat Lodoiska plötzlich aus dem
-Gebüsch hervor, in ihren Händen ein paar
-Federbälle und eine schöne Puppe, die sie den
-Kindern bestimmt hatte. Sobald diese ihre
-neue Freundin erblickten, liefen sie auf sie
-zu, und Julie war so dreist, sich gerade zu
-in ihre Arme zu werfen. Diese unschuldige
-Handlung schien die Fremde tief zu bewegen;
-sie trat einen Schritt zurück, und warf einen
-so finstern, unheimlichen Blick auf das Kind,
-daß der muthige Werner darüber erstarrte.
-Allein diese anfängliche Bewegung dauerte
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-nicht lange; ein leichtes Lächeln überflog die
-Gesichtszüge der Fremden, und mit der größten
-Liebenswürdigkeit vertheilte sie die mitgebrachten
-Geschenke.
-</p>
-
-<p>
-Wilhelm, entzückt über die Federbälle,
-lief sogleich nach der nahen Wiese, um sie zu
-versuchen, und Julie, ganz glücklich bei dem
-Anblick ihrer Puppe, bat um Erlaubniß, Blumen
-pflücken zu dürfen, um ihre kleine Dame
-damit zu schmücken. Die Fremde hatte nichts
-dagegen, und als sie die Kinder mit ihren
-Spielen in voller Beschäftigung sahe, näherte
-sie sich dem alten Unteroffizier, der in tiefem
-Sinnen an einen Baum gelehnt stand, und
-über die Vergangenheit nachdachte. Er fürchtete,
-daß neue Unfälle die Ruhe seines Obersten
-stören möchten; er war höchst unzufrieden,
-aber er wußte nicht, wie er dem drohenden
-Ungewitter zuvorkommen sollte.
-</p>
-
-<p>
-Werner war so sehr mit sich selbst beschäftigt,
-daß er die Annäherung der Dame
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-nicht gehört hatte, als er plötzlich aus seinem
-Nachdenken durch eine ihm wohlbekannte
-Stimme geweckt ward, die aber in diesem
-Augenblick etwas Dumpfes und Feierliches
-hatte, so daß er sich davon bis in&rsquo;s Innerste
-ergriffen fühlte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun Werner, redete sie ihn an, was
-habe ich dir gethan, daß du mir stets entgegen
-bist? Wird deine ungerechte Abneigung
-gegen mich nicht endlich einmal aufhören?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Auf&rsquo;s Aeußerste überrascht durch diese
-Worte, schlug der Soldat die Augen auf, entfernte
-sich von dem Baume, an den er sich
-gelehnt hatte, und schien wenig geneigt zur
-Antwort zu sein. Doch überwand er sich,
-und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was wollen Sie von mir, Lodoiska?
-Warum haben Sie Ihr Vaterland verlassen?
-Was suchen Sie hier in Deutschland? Hat
-denn die Zeit keinen Einfluß auf Sie? Denken
-Sie noch eben so, wie in den Jahren
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-Ihrer Jugend? Dann bedaure ich Sie, oder
-vielmehr ich beklage Ihren Wahnsinn.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Die Zeit, antwortete die Fremde in
-dem feierlichsten Tone, vermag jetzt nichts
-mehr über mich; es giebt ein Leben, wo
-ihre Macht völlig aufhört, und wo die Empfindungen
-unveränderlich werden, wie die
-Ewigkeit, von welcher sie ein Theil sind.
-Wundere dich nicht über meine Gegenwart,
-denn nicht mein Wille ist es, der mich leitet;
-ich gehöre mir selbst nicht mehr an, sondern
-einem grausamen, gebieterischen Herrn,
-der mir jeden meiner Schritte vorzeichnet.
-Meine alte Wunde blutet noch, und die
-Zeit, wie du sie nennst, hat das Recht verloren,
-sie zu vernarben. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum aber, erwiederte Werner, sich
-mit unnützen Hoffnungen quälen? Zwischen
-Ihnen und dem Obersten ist Alles vorbei.
-Er hat vielleicht Unrecht gegen Sie begangen,
-aber er darf daran nicht mehr denken.
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-Schon seit mehrern Jahren ist er der Gatte
-einer Frau, die seine <a id="corr-2"></a>Zärtlichkeit verdient.
-Wollen Sie die Ruhe in seinem Hause stören?
-Treibt die Rache Sie so weit, daß
-Sie das Herz seiner Gemahlin zerreißen
-können?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Durfte er sich verheiraten, Werner?
-Gehörte dein Herr sich allein an, um sich
-frei hinzugeben? Hat er nicht mit seinem
-eigenen Blute das Versprechen unterschrieben,
-nur mit mir vor den Altar zu treten? Weißt
-du dieß Alles nicht, du, der du so dreist von
-der Vergangenheit sprichst, die den Treulosen
-vernichten wird? War ich weniger schön, als
-deine jetzige Gebieterin, oder weniger tugendhaft?
-Was hatte ich Unrechtes gethan? Etwa,
-weil ich Liebe für Liebe gab, und mich
-einem Gefühle gänzlich überließ, das ich für
-aufrichtig hielt? Habe ich mein Versprechen
-zurückgenommen, das ich ebenfalls mit meinem
-Blute unterschrieb? Ist es nicht noch in
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-Alfred&rsquo;s Händen, und kann er vor Gott der
-rechtmäßige Gatte einer Andern sein? Was
-habe ich Unrechtes gethan? Er kann mir
-keine Vorwürfe machen, während ich ihn durch
-die Menge der meinigen zu Boden zu schlagen
-im Stande bin! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Während die schöne Fremde so sprach,
-schien sie der Erde gar nicht mehr anzugehören;
-ihre hohe und schlanke Gestalt, der
-unstät umherschweifende Blick, die in ihren
-Gesichtszügen bemerkbaren Zeichen des Unwillens,
-welche ihrem Munde einen furchtbaren Ausdruck
-gaben, alles Dieses zusammen gab
-ihr das Ansehen eines überirdischen Wesens.
-Werner war nicht im Stande, den Blick ihres
-forschenden Auges auszuhalten, das seine
-Gedanken bis in die innersten Falten seines
-Herzens zu verfolgen schien. Insgeheim
-mußte er zugeben, daß sein Herr Unrecht
-gethan; aber es war auf keine Weise wieder
-gut zu machen, und Lodoiska mußte, ungeachtet
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-der Gerechtigkeit ihrer Ansprüche, darauf
-Verzicht leisten. Dieß suchte er ihr in
-seiner Antwort begreiflich zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Die Fremde hörte ihm mit einem verächtlichen
-Lächeln zu, ohne weder Erstaunen
-noch Unzufriedenheit blicken zu lassen. Schon
-schmeichelte er sich, sie überzeugt zu haben,
-und wollte nun seine Ueberredung vollenden,
-als sie ihn plötzlich dadurch unterbrach, daß
-sie ihm ihre rechte Hand auf seine Schulter
-legte. Diese mit einer Art von Nachlässigkeit
-gemachte Bewegung brachte nichts desto
-weniger in ihm eine außerordentliche Wirkung
-hervor. Er hatte an dem Orte der
-Schulter, welchen Lodoiska&rsquo;s Hand berührte,
-ein ganz seltsames Gefühl, und es schien ihm,
-als wenn er mitten aus einem glühenden
-Ofen in ein Meer von Eis geschleudert
-würde; dieses Gefühl verlor sich aber sogleich
-wieder, sobald die Hand zurückgezogen
-wurde, die es hervorgebracht hatte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-&bdquo;Habe ich ihn seines Versprechens entbunden?
-sagte Lodoiska ruhig, ohne auf die
-Gründe zu antworten, die ihr Werner so
-eben auseinandergesetzt. Hat er unsern schriftlichen
-Vertrag noch?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Gleichviel, ob er ihn noch hat oder
-nicht, es kann jetzt doch nichts mehr darauf
-ankommen; mag er in seinen Händen sein,
-oder in den Ihrigen, wozu könnte er noch
-dienen? Die Gerichte werden gar keine
-Rücksicht darauf nehmen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist möglich, leichtsinniger Soldat,
-daß die menschlichen Gesetze gegen diese Art
-von Meineid nichts vermögen; aber es giebt
-in jener Welt einen unbestechlichen Richter.
-Dieser war Zeuge jenes Versprechens, an ihn
-habe ich mich gewendet, um Gerechtigkeit zu
-erlangen, und ich bin gewiß, sie zu erhalten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wahrlich, Lodoiska, erwiederte Werner
-lächelnd, da könnten Sie lange warten,
-ehe das Urtheil, wovon Sie sprechen, in
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-Vollziehung gesetzt wird. Glauben Sie mir,
-das Beste für Sie ist, wenn Sie in Ihr Vaterland
-zurückkehren, und dort ruhig bei Ihrer
-Familie bleiben. Sein Sie überzeugt,
-daß der Oberst nicht anstehen wird, Ihnen
-ruhige und sorgenlose Zukunft durch ein anständiges
-Jahrgehalt zu sichern. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das steht nicht mehr in seiner Macht,
-antwortete die Fremde in einem noch feierlichern
-Tone als bisher; ich habe keine Familie
-mehr, die ganze Erde ist mein Vaterland,
-und was die Vortheile betrifft, die du
-mir in Alfred&rsquo;s Namen versprichst, so bedarf
-ich ihrer nicht. Das Geld ist in meinen
-Augen verächtlich, und ich besitze es im Ueberfluß.
-Wenn du dich anheischig machen willst,
-deinem Herrn meine Gegenwart hierselbst
-nicht zu melden, so verspreche ich dir mehr
-Reichthümer, als du dir wünschen kannst.
-Hier, fuhr sie fort, eine sehr große gefüllte
-Geldbörse hervorziehend, nimm dieß auf Abschlag
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-dessen, was du noch in Zukunft von
-mir erhalten sollst.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die seltsamen Worte Lodoiska&rsquo;s machten
-das Erstaunen des alten Soldaten vollkommen.
-Er wußte, daß sie, die Tochter eines
-moldauischen Bauers, nicht reich war, und
-jetzt gab sie ihm den Beweis des Gegentheils.
-Dieß trug aber nicht zu seiner Beruhigung
-bei, doch durfte die Fremde sich nicht schmeicheln,
-ihn zu verführen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Auch ich, Lodoiska, sagte Werner, bin
-über meine Bedürfnisse erhaben, und ich
-danke Ihnen für Ihr großmüthiges Anerbieten;
-es könnte mich nicht reizen, wenn ich
-auch die Absicht hätte, dem Obersten zu schreiben,
-daß Sie hier sind.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Lügner! antwortete Lodoiska lebhaft,
-du hast sie, diese Absicht, und du hast schon
-versucht, sie auszuführen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Diese zuversichtliche Behauptung, die
-ihm zugefügte Beleidigung, die eine männliche
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-Person mit ihrem Blute würde haben
-bezahlen müssen, versetzte den erstaunten Werner
-fast in einen Zustand des Erstarrens.
-Er wußte nicht, ob er <a id="corr-3"></a>seinem Zorn den Lauf
-lassen, oder ihn zu unterdrücken suchen sollte;
-doch riß ihn die Heftigkeit seines Charakters
-mit fort, und er rief voller Unwillen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Danken Sie es Ihrer weiblichen Kleidung,
-die Sie vor meiner augenblicklichen
-Rache schützt! Aber was für einen Titel verdienen
-Sie, unvorsichtiges Weib, da Sie
-nicht fürchten, sich heimlich in fremde Häuser
-einzuschleichen, und die Handlungen ihrer
-Bewohner zu belauschen? Sie stehen früh
-genug auf, wie es scheint; aber sein Sie
-überzeugt, Sie sollen so bald nicht wieder,
-ohne mein Wissen, ins Schloß eindringen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein Lächeln, dessen Bedeutung unbegreiflich
-schien, war Lodoiska&rsquo;s ganze Antwort.
-Dann aber nahm sie eine Miene von Würde
-an, und sagte:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-&bdquo;Bedenke, Werner, daß du thätigen Antheil
-an meinem Unglück genommen hast;
-ich warne dich jetzt, nicht blind in den Abgrund
-des Verderbens zu rennen. Glaube
-mir, es wird am besten für dich sein, unparteiisch
-bei dem Kampfe zu bleiben, der sich
-bald erheben kann; dieß ist das einzige
-Mittel für dich, dem nahen Ungewitter zu
-entgehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Worten sprühten ihre Augen
-gleichsam Feuer, und nach einer fürchterlich
-drohenden Geberde entfernte sie sich mit
-schnellen Schritten auf einen schmalen Fußsteig,
-der sie bald den Blicken entzog. Sie
-hörte nicht auf die Stimmen der beiden Kinder,
-die, ihrer Spiele müde, sich jetzt näherten,
-um mit ihr zu plaudern. Werner stand
-wie unbeweglich da, und war in tiefes Nachdenken
-über die Unglücksfälle versunken, die
-er schon mit Gewißheit vorhersah. Endlich
-weckte ihn Wilhelm aus seiner Träumerei.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-&bdquo;Hörst du den Donner nicht, Werner,
-der dort aus der schwarzen Wolke herüberrollt?
-Sieh doch, welche schöne Blitze! Es
-wird gewiß ein Gewitter geben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ein Gewitter! rief Werner aus.
-Sollte ihre Prophezeihung schon so schnell in
-Erfüllung gehen? &mdash; Er erblickte nun ebenfalls
-die heranziehenden schwarzen Wolken,
-aus denen häufige Blitze fuhren, und da die
-Vorsicht nicht erlaubte, den Spaziergang
-noch weiter fortzusetzen, so nahm er seine
-beiden jungen Freunde an die Hand, und
-kehrte auf dem kürzesten Wege nach dem
-Schlosse zurück.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-Fünftes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">H</span>elene, die aus ihrem Fenster das Gewitter
-hatte herannahen sehen, war schon in großer
-Unruhe über die verzögerte Rückkehr ihrer
-Kinder gewesen, und voller Ungeduld
-verließ sie daher das Schloß, um ihnen entgegenzugehen.
-Sie war noch nicht weit gekommen,
-als sie schon das laute Gelächter
-der kleinen, muthwilligen Julie hörte, und
-bald darauf sahe sie die theuern Wesen auf
-sich zu laufen. Die Kinder sprachen von
-nichts, als von der schönen Dame, und von
-den Geschenken, die sie ihnen gemacht hatte.
-Helene war Mutter, und faßte daher schon
-ein günstiges Vorurtheil für diejenige, welche
-ihren theuern Kindern eine solche Freude
-machte; sie erkundigte sich, was die Fremde
-gesagt habe?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-&bdquo;O dießmal, antwortete das kleine Mädchen,
-hat sie nicht lange mit uns geplaudert,
-sondern beständig mit Werner gesprochen,
-den sie zuletzt voll Zorn verließ.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese wenigen Worte des Kindes stürzten
-alle Pläne über den Haufen, die der
-Unteroffizier schon unterweges gemacht hatte.
-Er sahe sogleich ein, daß er Julien nicht widersprechen
-könne, weil die Oberstin ihm doch
-nicht Glauben beimessen würde; ein Entschluß
-mußte aber gefaßt werden, und ungeachtet
-seines Widerwillens gegen die Lüge
-wartete er nicht ab, bis Helene ihn fragte,
-sondern, nachdem Letztere die Kinder durch einen
-Wink entfernt hatte, sagte er:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich hatte vollkommen Recht, Frau
-Oberstin, der Unbekannten nicht zu trauen.
-Glauben Sie mir, daß sie ihren Aufenthalt
-nicht ohne gefährliche Absichten hier in R....
-gewählt hat. Eine ganze Stunde lang hat
-sie mich mit Fragen über Ihre Familie und
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-alle unsere Nachbarn gleichsam auf die Folter
-gespannt. Sie wollte Alles wissen, das
-Alter, den Rang, die Beschäftigung eines
-Jeden, und sie wurde gar nicht müde in ihren
-Versuchen, mich auszuforschen. Anfangs
-suchte ich ihren unverschämten Fragen mit
-Höflichkeit auszuweichen, aber sie hielt sich
-noch nicht für besiegt, und kehrte zum Angriff
-zurück. Eine Frage folgte auf die andere,
-gleichsam wie ein ununterbrochenes Heckfeuer,
-so daß ich endlich der Sache überdrüssig
-wurde. Ich nahm meine Truppen
-zusammen, und rückte ihr mit gefälltem Bajonet
-auf den Leib, so daß ich ihr eine völlige
-Niederlage beibrachte. Mein Widerstand
-setzte sie in solche Bestürzung, daß sie in
-höchst übler Laune ihren Rückzug antrat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese mit militärischen Ausdrücken untermischte
-Rede zwang der Oberstin ein Lächeln
-ab. Die Fragen der Fremden schienen
-ihr nicht so unverschämt, als Werner
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-sie darstellte; sie hielt es für natürlich, daß
-sie sich nach den Familien der Gegend erkundigte,
-wo sie sich niedergelassen hatte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich hoffe, mein lieber Werner, daß
-deine Antworten nicht beleidigend gewesen
-sind; man muß Achtung vor den Damen haben,
-und vorzüglich darf ein Soldat dieselbe
-nicht aus den Augen setzen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Das ist recht gut für unsere Herren
-Offiziere, erwiederte Werner; aber wir, da
-wir nicht ihre Vorrechte genießen, brauchen
-auch nicht ihre Höflichkeiten nachzuahmen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten, die er absichtlich
-etwas hart aussprach, entfernte sich der alte
-Soldat, und Helene kehrte nun zu ihren Kindern
-zurück, während das Gewitter immer
-näher kam, und der Regen schon in großen
-Strömen niederfiel. Helene fürchtete nicht
-das Rollen des Donners, so wenig als ihre
-Kinder; aber Lisette und Marie waren in
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-der größten Angst. Sie eilten zu ihrer Gebieterin,
-gleichsam um bei ihr Schutz zu suchen,
-den sie ihnen auch nicht verweigerte.
-Da Werner unterdessen ungestört sein konnte,
-so begab er sich auf sein Zimmer, und ungeachtet
-eines unwillkührlichen Schauders,
-der sich zu wiederholten Malen in seinem
-Innern erhob, setzte er sich, um zum zweiten
-Male an seinen Herrn zu schreiben.
-</p>
-
-<p>
-Das Gewitter wurde immer heftiger,
-und die Winde kämpften fürchterlich mit einander,
-so daß sie in ihrer Wuth das Schloß
-in seinen Grundfesten zu erschüttern drohten.
-Unter das Rollen des Donners und das Heulen
-des Sturmes hörte Werner von Zeit zu
-Zeit sich gleichsam klagende Stimmen mischen;
-ja er hörte Worte, deren Ton seinem Ohr
-nicht unbekannt war. Mehrere Male hörte
-er unwillkührlich auf zu schreiben; dann
-aber, voll Scham über seine Schwäche, sammelte
-er seine Gedanken wieder, und zur
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-Stunde des Abendessens war sein Brief an
-den Obersten fertig.
-</p>
-
-<p>
-Da er sein Schreiben nicht abermals den
-Versuchen Lodoiska&rsquo;s aussetzen wollte, schloß
-er dasselbe in einen Kasten ein, und setzte
-diesen in seinen Kleiderschrank. Von beiden
-steckte er die Schlüssel zu sich, und verließ
-dann ruhig sein Zimmer, überzeugt, daß sein
-Geheimniß nun in Sicherheit sei. Das Ungewitter
-tobte immer noch fort, und Lisette
-so wie Marie waren bereits fast todt vor
-Schrecken. Die Kinder, des Wartens auf
-das Abendessen müde, schliefen auf einem Sopha,
-und Helene las in einem guten Buche.
-Werners Eintritt in&rsquo;s Zimmer belebte die
-beiden Mädchen wieder, die sich nun entschlossen,
-jede zu ihren Verrichtungen zu gehen,
-und das verspätete Abendessen wurde endlich
-aufgetragen.
-</p>
-
-<p>
-Erst gegen Mitternacht ward der Himmel
-wieder heiter, und nach und nach kehrte
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-die Natur zur Ruhe zurück. Werner hatte
-dem Unwetter heimlich mit Vergnügen zugesehen,
-denn er wußte, daß es mehrere Tage
-lang unmöglich blieb, spazieren zu gehen,
-wenn Regen gefallen war; und er hoffte, daß
-während dieser Zeit irgend ein Umstand eintreten
-möchte, wodurch die neue Bekanntschaft
-der Kinder seines Herrn mit Lodoiska aufgehoben
-würde; ja, er schmeichelte sich, daß die
-Antwort des Obersten auf seinen Brief dem
-ganzen Leben der Familie eine andere Richtung
-geben könnte.
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Gedanken beschäftigt, die
-ihm keine Ruhe ließen, schlief der brave
-Soldat nur wenig. Der neue Tag war
-noch nicht angebrochen, so befand er sich schon
-auf den Beinen. Er nahm seine Schlüssel und
-öffnete den Schrank und den Kasten, um den
-Brief herauszunehmen, den er ohne Verzug
-nach Prag auf die Post senden wollte. Er
-fand ihn nach dem Gefühl, und steckte ihn
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-in seine Tasche, ohne ihn zu sehen, da es noch
-dunkel war; hierauf ging er hinunter in den
-Hof, um den Knecht zu rufen, der ihm als
-Bote dienen sollte.
-</p>
-
-<p>
-Ehe er ihn fand, verging einige Zeit,
-und die heraufsteigende Morgenröthe erhellte
-bereits die Erde rings umher, als er dem
-alten Peter anempfahl, sich sogleich nach der
-Stadt auf den Weg zu machen, um einen
-höchst eiligen Brief auf die Post zu bringen.
-Während er mit ihm sprach, zog er den
-Brief aus der Tasche, und warf noch zufällig
-einen Blick darauf, ehe er ihn übergab.
-O welche Ueberraschung ohne Gleichen! Das
-Papier war mit großen Blutstropfen befleckt,
-so daß es nicht einmal möglich war, die
-Aufschrift zu lesen! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Dieser außerordentliche Umstand preßte
-dem erstaunten Soldaten unwillkührlich einen
-Schrei aus. Kaum konnte er seinen Augen
-trauen; unbeweglich stand er da, den Brief
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-zwischen den Fingern hin- und herdrehend,
-ohne noch immer zu begreifen, was er vor
-sich sehe. Dann kehrte er schnell seine Tasche
-um, aber sie war völlig rein, und am Wenigsten
-konnte man eine Spur von Blut
-darin entdecken. Hierauf eilte er in&rsquo;s Schloß
-zurück auf sein Zimmer, und untersuchte den
-Kasten, in welchem der Brief gelegen hatte;
-aber auch hier fand sich keine Spur von der
-Ursache, die das Papier beschmutzt haben konnte.
-Der muthige Werner starrte vor Schrecken;
-doch erholte er sich bald, und ohne Zeitverlust
-schrieb er nun den Brief zum dritten Male.
-Zwar kürzte er ihn ab, aber sein Inhalt war
-desto dringender, und sobald er fertig war,
-übergab er ihn dem Boten, den er zur größeren
-Sicherheit noch eine gute Strecke weit
-begleitete. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Werner besaß Muth, aber dennoch konnte
-er sich jetzt einer gewissen abergläubischen
-Furcht nicht erwehren. Mit der größten Unruhe
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-erinnerte er sich an die Erzählungen,
-die er in Rußland und vorzüglich in der
-Moldau und Wallachei gehört hatte, als er
-sich daselbst mit seinem Regiment befand; an
-die Sagen von Menschen, die ihre Seele dem
-Teufel verkauft hätten, und dadurch eine übernatürliche
-Macht zum Schaden ihrer Mitmenschen
-erlangten. Alle jene Mährchen fielen ihm
-jetzt wieder ein, und die beiden so eben erst
-erlebten Ereignisse verleiteten ihn sogar zu
-dem Glauben, daß wohl Lodoiska durch ein
-ähnliches Bündniß sich eben solche Macht
-verschafft haben könnte. Doch verwarf er
-bald diese Gedanken wieder. &bdquo;Was für ein
-Thor ich bin, sagte er zu sich selbst, an solche
-Fabeln zu glauben. In der Moldau und
-Wallachei mag dergleichen hingehen, es wohnen
-dort nur Barbaren; aber in Deutschland
-hat der Teufel schon lange sein Recht verloren,
-oder es bloß den Taschenspielern überlassen;
-diese arbeiten bei uns noch allein für
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-ihn, und vielleicht ist Mamsell Lodoiska eine
-solche geschickte Taschenspielerin. Aber sie
-mag sich in Acht nehmen; denn sie würde
-übel wegkommen, wenn ich sie einmal auf
-der That ertappe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nachdem er hierauf einer Flasche mit
-altem guten Rum, die auf seinem Tische
-stand, einen Besuch abgestattet hatte, vergrößerte
-sich noch sein Muth, und er nahm sich
-vor, von nun an seine Wachsamkeit noch zu
-verdoppeln, um zu entdecken, durch welche
-Mittel sich Lodoiska&rsquo;s Wirksamkeit bis in&rsquo;s
-Schloß erstrecken könnte. In der Hoffnung,
-recht bald vom Obersten Antwort zu erhalten,
-ging er dann an seine gewöhnlichen
-Geschäfte.
-</p>
-
-<p>
-Die Einsamkeit, in welcher die Familie
-Lobenthal im Schlosse R.... lebte, ging indessen
-nicht so weit, daß sie nicht von Zeit
-zu Zeit durch einige Besuche unterbrochen
-worden wäre, welche die auf den umliegenden
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-Gütern wohnenden Herrschaften im Schlosse
-abstatteten. Sie wurden stets mit großer
-Höflichkeit und Gastfreundschaft empfangen,
-und Helene sahe sie sogar mit Vergnügen,
-besonders seitdem ihr Gatte abwesend war;
-denn sie bedurfte jetzt mehr Zerstreuung als
-früher, und fand sie in dem Umgange mit
-den Nachbarn. Daher fiel es auch im Geringsten
-nicht auf, als noch an demselben
-Tage, Nachmittags um zwei Uhr, ein alter
-Edelmann aus der Nachbarschaft im Schlosse
-eintraf, der früher Oberjägermeister gewesen
-war, jetzt aber ruhig sein Feld bauen ließ.
-</p>
-
-<p>
-Herr von Krauthof war ein großer Esser,
-ein erprobter Trinker, der seine ganze
-Zeit beinahe mit Besuchen hinbrachte, und
-dabei weder die Schlösser der Herrschaften,
-noch die Häuser der Pächter verschmähte.
-Seine Hauptstärke bestand darin, daß er
-Stunden lang nichts als Komplimente herzusagen
-wußte; und nachdem er dieses wichtige
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-Geschäft auch heute beim Eintritt in&rsquo;s Zimmer
-Helenens beendigt hatte, kam er endlich
-auf einen Gegenstand, der uns hier näher
-angeht. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, Frau Oberstin, fuhr er im Flusse
-seiner Rede fort, Sie haben ja eine liebenswürdige
-Nachbarin bekommen. Ich sage: liebenswürdig,
-obgleich ich nicht recht weiß,
-warum; denn mich hat sie mit einer verzweifelten
-Strenge behandelt. Erst am vergangenen
-<a id="corr-4"></a>Dienstag erfuhr ich, daß sich hier in der
-Gegend eine fremde Dame niedergelassen habe,
-deren Schönheit allgemein gelobt wird; ich
-hielt es daher für Pflicht, und um ihr eine
-gute Vorstellung von unsern hiesigen Herren
-beizubringen, ihr sogleich einen Besuch abzustatten.
-Gestern also begab ich mich nach dem
-Häuschen im Walde, meinen Regenschirm unter
-dem Arme, weil man jetzt nicht mehr dem
-Wetter, so wenig als den Menschen, trauen
-kann. Als ich anlangte, war die Hausthür
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-verschlossen. Ich fand dieß ganz in der Ordnung,
-weil ein Jeder in seinem Hause Herr
-sein will; ich klopfte daher an, und man öffnete.
-Schon war ich im Begriff einzutreten, als ich
-plötzlich ein wahres Gespenst vor mir sahe,
-das mir den Weg versperrte. Stellen Sie
-sich den größten und zugleich den magersten
-aller Menschen vor: ein Gesicht wie ein Jesuit,
-Augen wie eine Eule, und eine Miene,
-als wenn es eher ein Bewohner jener als dieser
-Welt gewesen wäre; eine rauhe und hohle
-Stimme, eine Manier wie ein Holzblock und
-einen völlig verpesteten Athem.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Was wollen Sie hier? fragte er mich,
-ohne weiter irgend eine Höflichkeitsformel hinzuzusetzen.
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Diese unartige Frage überraschte mich
-zwar ein wenig, da sich aber ein Edelmann
-aus altem Geschlechte so leicht nicht in Verlegenheit
-setzen läßt, so antwortete ich ihm:
-Ich bin ein Edelmann aus der Nachbarschaft,
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-der deiner Herrschaft seine Hochachtung bezeigen,
-und also bei ihr vorgelassen werden
-will. &mdash; Nach dieser artigen Rede hatte ich
-einiges Recht zu glauben, daß ich sogleich
-Zutritt bei der Dame erhalten würde; aber
-ich irrte mich sehr, wie Sie sogleich hören
-werden. Denn dieser neue Cerberus nahm
-auf meine Höflichkeit gar keine Rücksicht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich kann Sie nicht einlassen, antwortete
-er mir, denn meine Herrschaft ist
-stets mit Geschäften überhäuft, und hat keine
-Zeit, Besuche anzunehmen. Sie ist nicht hier
-hergekommen, um Gesellschaft zu suchen, und
-Sie würden auch zum zweiten Male vergebens
-hierherkommen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So sprach der grobe Mensch, und ohne
-meine Antwort abzuwarten, trat er einen
-Schritt zurück, und schlug mir mit heftigem
-Geräusch die Thür vor der Nase zu. Ich
-würde nicht im Stande sein, Ihnen meinen
-Aerger hierüber der Wahrheit gemäß zu schildern;
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-allein ich entfernte mich sogleich voller
-Verachtung von diesem ungastfreundlichen
-Hause, mit dem festen Vorsatze, alle meine
-Nachbarn vor einem gleichen Schicksale zu
-warnen, wenn sie es sich vielleicht einfallen
-lassen wollten, den hergebrachten Formen der
-Höflichkeit nachzukommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese Erzählung belustigte Helenen sehr;
-sie nahm sich indessen vor, sich nicht einer
-ähnlichen Aufnahme auszusetzen, so groß auch
-ihr Wunsch war, die geheimnißvolle Fremde
-kennen zu lernen. Sie hoffte, ihr auf einem
-Spaziergange mit ihren Kindern zu begegnen;
-für jetzt tadelte sie aber hart die Unhöflichkeit
-des Bedienten, indem sie die Bemerkung
-machte, daß der Herr von Krauthof ihm ohne
-Zweifel völlig unbekannt sein müsse; denn,
-setzte sie hinzu, hätte er gewußt, mit wem er
-die Ehre gehabt, zu sprechen, so würde er
-gewiß einer solchen Grobheit sich nicht schuldig
-gemacht haben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-Der ehemalige Ober-Jägermeister ward
-durch ein solches aus einem so schönen Munde
-hervorgegangenes Kompliment wegen seines
-Mißgeschicks beinahe völlig getröstet, und um
-es desto besser zu vergessen, eilte er, eine andere
-Unterhaltung auf die Bahn zu bringen.
-Er fing an, von Politik zu sprechen. Helene
-wußte, daß man über dieses Kapitel dem
-Strome seiner Rede freien Lauf lassen mußte,
-und daß er ganz entzückt diejenigen Häuser
-verließ, wo man ihn, ohne ihn zu unterbrechen,
-anhörte. Auch sprach er heute so ganz
-nach Herzenslust, der gute Mann! Er errieth
-Alles, alle Geheimnisse der Höfe lagen offen
-vor ihm; er setzte Minister ab, und schuf
-neue; er sagte den Gang der politischen Angelegenheiten
-vorher, kurz, er spielte eine
-ganze Stunde lang den Gesetzgeber von ganz
-Europa. Helene hörte ihm mit einem Anschein
-von Theilnahme zu, die ihn ganz bezauberte,
-und voller Zufriedenheit verließ er
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-das Schloß, um einen benachbarten Grafen
-zu besuchen, wo er im Lobe der Oberstin unerschöpflich
-war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Alles recht gut! entgegnete man ihm;
-aber aus welcher Familie stammt sie her? &mdash;
-Sie und ihr Mann, mein Bester, sind Emporkömmlinge,
-bleiben aber immer nur ehrliche
-Bürgersleute, was doch wahrhaftig nicht
-viel ist!&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-6">
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-Sechstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span>ehrere Tage lang blieben die Wege in
-der Umgegend des Schlosses, in Folge des
-gefallenen Regens, so naß und schlüpfrig,
-daß dadurch die Spaziergänge der Kinder des
-Obersten verhindert wurden, womit Werner
-äußerst zufrieden war. Die Kleinen vergaßen
-bald ihre neue schöne Freundin; aber
-nicht so war es mit Helenen, welche die
-Unbekannte schlechterdings sehen wollte. Mit
-Ungeduld erwartete sie den Augenblick, wo
-der Erdboden wieder so trocken sein würde,
-daß die Spaziergänge wieder ihren Anfang
-nehmen könnten. Am nächsten Mittwoch ward
-endlich ihr Wunsch erfüllt; die Sonne hatte
-die Feuchtigkeit getrocknet, und der Tag war
-außerordentlich schön. Da Werner Geschäfte
-halber nicht im Schlosse war, so benutzte Helene
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-diesen, Umstand, und ging mit Wilhelm
-und Julien nach der kleinen Wiese im Thale
-hinab. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Je näher Helene ihrem Ziele kam, desto
-Mehr fühlte sie ihr Herz von einer ganz sonderbaren
-Empfindung beklommen, deren Ursache
-ihr unerklärlich war. Es schien ihr,
-als wenn ihre Brust von einer ungeheuren
-Last eingeengt würde; kaum konnte sie noch
-Athem holen, und ein allgemeines Mißbehagen
-durchschauderte ihren ganzen Körper. In
-Folge dieser physischen Ermattung erschlaffte
-auch ihr Geist, und sie verfiel in eine schwermüthige
-Stimmung, die sie vergebens von sich
-zu bannen suchte. Die laute Freude ihrer
-Kinder war heute nicht im Stande, auch sie
-fröhlicher zu stimmen, und zwei Mal fühlte
-sie in ihrem Auge eine Thräne, die doch in
-keinem gegründeten Kummer ihre Ursache hatte.
-</p>
-
-<p>
-Als sie endlich auf der Wiese angekommen
-war, setzte sie sich am Fuße einer schönen
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-Linde, wo eine natürliche Rasenbank sie zur
-Ruhe einladete, nieder, und indem sie ihr
-Strickzeug aus dem Arbeitskörbchen nahm,
-gab sie den beiden Kleinen das Zeichen, daß
-sie nun die Freiheit hätten, ihre Spiele anzufangen.
-Dieß ließen sie sich auch nicht
-zwei Mal bedeuten, und lustig sprangen
-sie auf dem weichen Grase umher, als plötzlich,
-nach Verlauf von ungefähr einer Viertelstunde,
-die Silbertöne einer melodischen
-Harfe erschallten.
-</p>
-
-<p>
-Ueberrascht gab Helene ihren Kindern
-ein Zeichen, still zu sein, und sich neben ihr
-in&rsquo;s Gras zu setzen. Begierig lauschte sie
-auf die seltsamen Töne, die der verborgene
-Virtuos seinem Instrument entlockte: anfangs
-war es nur ein langsames, feierliches Vorspiel,
-dem aber bald ein feuriges und heftiges
-Ritornell folgte, und eine sanfte weibliche
-Stimme begleitete das Spiel mit ihrem
-Gesange.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-Schon bei den ersten Tönen dieser Stimme
-fühlte Helene ein unwillkührliches Beben. Die
-Sprache, in welcher die Arie gesungen ward,
-war ihr völlig unbekannt, aber obgleich sie
-die Worte nicht verstand, so machte doch die
-Musik einen so außerordentlichen und sonderbaren
-Eindruck auf sie, daß sie sich selbst nicht
-von der dadurch in ihr hervorgebrachten Stimmung
-Rechenschaft zu geben im Stande war.
-Endlich schwieg die Stimme und das Instrument;
-Helene konnte nicht zweifeln, daß es
-die Unbekannte sei, die sich jetzt in ihrer Nähe
-befinde, und sie dachte darüber nach, auf welche
-Art sie am besten zu ihr gelangen möchte;
-da fiel ihr aber plötzlich ein Mittel ein. Sie
-gab ihren Kindern die Erlaubniß, sich wieder
-entfernen zu dürfen, und diese, welche längst
-die Stimme ihrer Freundin erkannt hatten,
-eilten ohne Verzug nach dem Orte hin, wo
-die Töne hergekommen waren. Sie fanden
-sie im nahen Gebüsch auf einem Baumstamme
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-sitzend, und eine Harfe in der Hand, die sie
-eben wieder zu spielen angefangen hatte, obgleich
-sie über dem einen ihrer Arme immer
-noch den Handschuh trug.
-</p>
-
-<p>
-Sie schien sich über den Anblick der Kinder
-zu freuen, und rief ihren Bedienten, der
-sich in einiger Entfernung von ihr niedergesetzt
-hatte. Nachdem sie ihm die Harfe übergeben,
-fragte sie ihren Liebling, die kleine
-Julie, was für ein Spiel sie spielen wolle?
-Das pfiffige Kind hatte die Absicht, die Fremde
-ihrer Mutter zuzuführen, hütete sich aber
-wohl, ihr zu sagen, daß dieselbe ganz in ihrer
-Nähe sei; sie antwortete daher: daß sie
-gern springen und laufen möchte, und setzte
-hinzu, ihre Freundin könne sie gewiß nicht
-einholen, wenn sie ihr einen Vorsprung von
-einigen Schritten geben wollte.
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska nahm den Vorschlag an. Julie
-läuft voraus, und wird auf das Lebhafteste
-verfolgt; aber sie richtet ihren Lauf nach
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-dem Orte, wo sich ihre Mutter befindet, die
-von dieser Seite her, des Gebüsches wegen,
-nicht gesehen werden kann; plötzlich eilt das
-kleine Mädchen in die Arme ihrer Mutter,
-und überrascht bleibt Lodoiska, fast unbeweglich,
-vor derselben stehen. Letztere, voller
-Freude über diesen günstigen Zufall, erhob
-sich sogleich von ihrem Sitze und ging der
-Fremden einige Schritte entgegen, während
-sie dieselbe mit forschendem Blicke betrachtete.
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska hatte den schönsten Wuchs, und
-ihre äußerst angenehme, verführerische Gestalt
-besaß nur gerade die nöthige Ueppigkeit,
-um ihre Schönheit zu erhöhen. Ihr Gesicht
-war vollkommen länglich rund; ihr Mund
-klein, ihre Nase griechisch, ihre Augen groß;
-über ihrer offenen Stirn erhob sich ein prächtiger,
-reicher Haarwuchs, und einige ihrer
-rabenschwarzen Locken fielen auf die alabasterweißen
-Schultern hinab. Kurz, Lodoiska
-war sehr schön, und dennoch waren es nicht
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-ihre Reize allein, die den größten Eindruck
-auf den Beschauer machten; sie hatte in dem
-Ganzen ihrer Züge etwas Unbegreifliches und
-Unbeschreibliches, was man nicht müde werden
-konnte, zu betrachten, ohne jedoch jemals
-mit sich selbst einig zu werden, ob es Vergnügen
-sei, was dadurch hervorgebracht würde,
-oder ein ganz seltsames Gefühl der Furcht.
-Die Weiße ihrer Haut war außerordentlich,
-durch ein lebhaftes Roth in ihren Gesichtszügen
-verschönert; aber dennoch bemerkte man
-in dieser Mischung eine erdfarbene, gelbgraue
-Schattirung, die öfters die Harmonie des
-Ganzen störte. Die Frische ihrer Lippen
-konnte nur mit der Farbe der ersten hervorbrechenden
-Rosenknospe verglichen werden;
-aber gewisse krampfhafte Bewegungen in den
-Gesichtsmuskeln, ein Lächeln, das nahe an
-Bosheit grenzte, verdarben den Eindruck der
-Bewunderung, und verriethen, daß das Herz
-der Fremden nicht ruhig sein könne, und daß
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-sie, ungeachtet aller Anstrengung, nicht im
-Stande sei, die Heftigkeit ihrer Leidenschaft
-zu zähmen. Wenn man nun gar ihre Augen
-betrachtete, was sollte man dann von ihr
-denken! welcher Ausdrücke sollte man sich bedienen,
-um die sonderbare Mischung zu schildern,
-welche in ihren Blicken eine himmlische
-Sanftmuth und eine furchtbare Lebendigkeit
-hervorbrachten? Bald glüheten ihre Augen
-von verzehrendem Feuer, bald waren sie düster,
-ausdruckslos und völlig unbeweglich, was
-eine schauerliche Empfindung hervorbrachte.
-Sie stellten zugleich das Leben und den Tod
-dar, und dennoch bemerkte man keine vollkommene
-Abgestorbenheit, sondern nur eine
-beispiellose Mischung von beiden, eine Vereinigung
-dieser beiden äußersten Extreme. Ein
-weißes Kleid, mit schwarzen Bändern besetzt,
-und nach einem in Deutschland unbekannten
-Schnitte, so wie ein schwarzer wollener Shawl,
-machten ihren ganzen Putz aus.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-Da Helene, nach einem schnellen Ueberblick
-dieses ganzen Wesens der Fremden, wobei
-sie in der eben beschriebenen Ungewißheit
-blieb, sahe, daß die Unbekannte unbeweglich
-stand, und nicht einmal den Mund zum Sprechen
-öffnete, so hielt sie es für schicklich, die
-Unterhaltung durch Danksagungen für die
-Güte anzufangen, womit sie zu den Vergnügungen
-ihrer Kinder beigetragen habe.
-</p>
-
-<p>
-Kaum hörte Lodoiska diese Worte, so
-überflog ihr Gesicht eine leichte Röthe, ihre
-Augen wurden lebendiger, und sie öffnete den
-niedlichen, kleinen Mund zum Sprechen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe also die Ehre, die Frau Oberstin
-Lobenthal vor mir zu sehen? Sie werden
-mir verzeihen, daß ich Ihnen meinen Besuch
-nicht abgestattet habe; aber ich suchte hier die
-ungestörteste Einsamkeit, und kam nur in diese
-Gegend, um einen Plan auszuführen, dessen
-Wichtigkeit allein mich dem Grabe entreißen
-konnte. Ich werde mich hier nur kurze Zeit
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-aufhalten, und kaum im Stande sein, meine
-Pflichten zu erfüllen, so genau sind meine
-Stunden gezählt; ich habe daher nur wenige
-zu meiner Erholung übrig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich bedaure es sehr, antwortete Helene,
-daß ich Ihre Gesellschaft nicht genießen
-soll, die mir ohne Zweifel sehr angenehm sein
-würde. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Glauben Sie es nicht, rief Lodoiska,
-gleichsam wider ihren Willen von einer innern
-Bewegung mit fortgerissen; wünschen
-Sie meine Gesellschaft nicht, sie führt die
-Verzweiflung, die bittersten Thränen und den
-Tod mit sich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein Blick, den jetzt Helene auf die Kleidung
-der Unbekannten warf, gab ihr die
-Auflösung dieser Art von Räthsel. Sie zweifelte
-nicht, daß der Tod der Dame einige Lieben
-entrissen hätte, und daß ihre Antwort
-daher nur auf ihren Kummer hindeutete; sie
-erwiederte also, daß man nicht hoffen dürfe,
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-in der Einsamkeit seine Betrübniß zu lindern,
-sondern vielmehr in der Gesellschaft guter
-Menschen Trost suchen müsse.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie irren sich, entgegnete die Fremde;
-es giebt einen Zeitpunkt im Leben, nach dessen
-Verlauf sich eine unübersteigliche Scheidewand
-aufthürmt, und wo das Schicksal unwiderruflich
-ist. Ich habe keine Linderung
-meiner Qualen mehr zu hoffen, und meine
-Zukunft ist unveränderlich wie die Ewigkeit,
-von welcher sie ein Theil ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese außerordentliche Rede bestärkte Helenen
-noch mehr in ihrer Meinung, daß die
-junge Dame sehr heftigen Kummer haben
-müsse, der wohl gar ihren Verstand zerrüttet
-haben könne. Sie fühlte daher Mitleid mit
-ihr, und um sie zutraulicher zu machen, wollte
-sie ihr die Hand reichen. Da trat Lodoiska
-schnell einen Schritt zurück.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was wollen Sie? sagte sie mit der
-größten Heftigkeit. Schwache Sterbliche!
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-Eilen Sie <a id="corr-5"></a>Ihrem Schicksale nicht im Voraus
-entgegen! Wissen Sie, daß Sie dem Tode
-verfallen sind, sobald Sie mich berühren?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Jetzt zweifelte Helene nicht mehr an der
-Verstandeszerrüttung der Fremden, und um
-sie zu zerstreuen, suchte sie das Gespräch auf
-einen andern Gegenstand zu bringen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn Ihnen die Gesellschaft erwachsener
-Personen so unangenehm ist, sagte sie, so
-scheinen doch wenigstens diese Kinder Gnade
-vor Ihnen gefunden zu haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Gnade vor mir gefunden, sagen Sie?
-antwortete Lodoiska mit hohler Stimme.
-Welche Gnade? Ich rathe Ihnen nicht, sich
-damit zu rühmen; es ist vielmehr nur eine
-Frist, wie sie der Henker seinem Schlachtopfer
-gewährt, indem er die Werkzeuge zu dessen
-Marter in Bereitschaft setzt. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Diese Worte waren so schauerlich, daß
-Helene voller Furcht eine Bewegung machte,
-gleichsam um die Kinder zu entfernen. Jetzt
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-schwebte aber ein Lächeln voller Unschuld auf
-Lodoiska&rsquo;s Lippen, und ihre Augen nahmen
-einen sanften Ausdruck an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O, verzeihen Sie, Frau Oberstin, sagte
-sie, daß ich Ihnen einen solchen Schrecken
-verursachte; aber es giebt Augenblicke, wo ich
-ganz nur der Vergangenheit und der Zukunft
-angehöre, wo ich der Gegenwart entrückt bin.
-Wider meinen Willen entschlüpfen dann unsinnige
-Reden meinen Lippen, und mein Herz
-kann die einzige Empfindung, die ihm noch
-zurückgeblieben ist, nicht bezähmen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich werde stets den Schmerz ehren,
-der Sie peinigt, und mich mit dem Wunsche
-begnügen, daß er bald ganz verschwinden
-möchte. Wenn der Anblick meiner Kinder
-Ihnen lästig ist, so will ich es denselben verbieten,
-sich Ihnen wieder zu nähern. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O, glauben Sie mir, hüten Sie sie
-wohl, diese Kinder, worauf Sie stolz sind;
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-eine grausame Krankheit, ein verzehrendes
-Gift, oder, weiß ich es? tausend andere Ursachen
-können sie Ihnen entreißen; wachen
-Sie daher über sie, und lassen Sie sie nicht
-aus den Augen. Sie sind noch so jung und
-schwach, daß sie Ihnen bald die bittersten
-Thränen verursachen könnten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Worten verdunkelten sich ihre
-Augen abermals zu einem unbeschreiblichen
-Wahnsinn; ihr Mund verzog sich fürchterlich,
-ihr Gesicht entfärbte sich, und Helene sahe in
-ihr mehr einen entstellten Leichnam, als ein
-lebendiges menschliches Wesen. Gern hätte
-die Letztere eine so peinliche Szene abgebrochen,
-aber ihr Mitleid hielt sie noch zurück,
-weil sie fürchtete, sie in solchem Zustande allein
-sich selbst zu überlassen, und sie für völlig
-wahnsinnig hielt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Gott! sagte sie; Ihnen ist unwohl,
-und Sie werden in diesem Zustande
-Ihren Spaziergang nicht fortsetzen können.
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-Wollen Sie mir erlauben, Sie nach Ihrer
-Wohnung zu begleiten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich, krank sein? O nein, enttäuschen
-Sie sich! Ich weiß nicht mehr, was
-krank sein heißt; denn ich befinde mich jetzt
-in meinem gewöhnlichen Zustande. Ihnen
-erscheint er ohne Zweifel als unangenehm,
-und ich weiß nicht, ob er mir selbst gefällt
-oder nicht; aber Sie ängstigen sich darüber,
-und wir wollen ihn daher zu vergessen suchen.
-Wohlan! wovon wollen wir sprechen? Ich
-wurde zwar nicht in einem Stande geboren, wo
-es gewöhnlich ist, sich besondere Kenntnisse zu
-erwerben; aber jetzt befinde ich mich an der
-Quelle alles Wissens; vor meinen Augen ist
-der Vorhang der menschlichen Unwissenheit
-gefallen, und ich könnte Ihnen erklären, was
-die Menschen nicht begreifen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Diese Rede hielt die Oberstin für einen
-Beweis ihres zerrütteten Verstandes, und sie
-suchte daher die Gedanken der Fremden auf
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-andere Gegenstände zu leiten, was ihr auch
-allmählich gelang. Lodoiska schien wieder zu
-sich selbst <a id="corr-6"></a>zu kommen, und sprach bald über
-alltägliche Dinge, wobei sie einen großen Umfang
-des Wissens verrieth, obgleich in ihrem
-Betragen etwas Rohes und Wildes war, das
-einen Beweis ihrer wenig sorgfältigen Erziehung
-gab. Indessen entschlüpfte ihr auch
-keine Silbe, wodurch ihr Herkommen verrathen
-worden wäre, und man hörte nur an
-ihrer Aussprache, daß sie nicht in Deutschland
-geboren sei. Helene vermuthete, daß sie das
-Opfer einer heftigen unglücklichen Liebe geworden,
-und in Folge dessen ihren Verstand
-verloren habe; daher sie es auch ganz natürlich
-fand, daß der Greis, dessen Obhut sie
-ohne Zweifel übergeben war, sie in der größten
-Eingezogenheit hielt.
-</p>
-
-<p>
-Das Gespräch kam auch auf die Musik.
-Die Oberstin, welche selbst sehr gut die Harfe
-spielte, machte der Unbekannten wohlverdiente
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-Lobeserhebungen über das, was sie von ihr
-gehört hatte. Lodoiska wies dieses Lob mit
-Bescheidenheit von sich, aber es lag dabei in
-ihrem Wesen eine unbeschreibliche Gleichgültigkeit.
-Sie sprach von ihrer Fertigkeit im
-Spiel und Gesang, wie von der eines ganz
-fremden Menschen, und nichts setzte sie in
-Bewunderung oder schien ihr nur im Geringsten
-am Herzen zu liegen; sie zeigte so
-wenig Theilnahme an Allem, was die Menschen
-reizt oder nur beschäftigt, daß man sich
-unangenehm berührt fühlte, und es war nicht
-etwa Egoismus, sondern eine solche Kälte,
-ein solcher Ueberdruß an allen Dingen, daß
-man sie deßhalb beklagen mußte. Ist dieß
-ein Frauenzimmer oder nur eine Bildsäule?
-sagte Helene zu sich selbst. Hängt sie nur
-durch den Schmerz noch mit dem Menschlichen
-<a id="corr-7"></a>zusammen? &mdash; Da die Sonne hinter den
-Bergen gänzlich verschwunden war, und die
-Abenddämmerung schon einbrach, so kamen
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-die Kinder herbei, und ihrer Spiele müde,
-an denen man keinen Theil nahm, baten sie,
-nach dem Schlosse zurückgeführt zu werden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, sagte Lodoiska, es ist Zeit nach
-Hause zu gehen, und Alles, was körperlich ist,
-wird sich bald zur Ruhe begeben; dann ist
-der Raum der Welt nur mit den höhern
-Geistern bevölkert. Leben Sie wohl, Frau
-Oberstin; ich wünschte, Ihnen nie begegnet
-zu sein, und unser Zusammentreffen wird mir
-noch lange Zeit hindurch einen lebhaften Kummer
-verursachen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten entfernte sie sich
-schnell, und verschwand im nahen Gebüsche.
-</p>
-
-<p>
-Helene, stets geneigt, von der Unbekannten
-nur Gutes zu urtheilen, sahe in dieser Rede
-ein Zeichen ihres Wohlwollens, und bedauerte,
-sie nicht zum gesellschaftlichen Umgange
-mit andern Menschen überreden zu
-können. In Begleitung ihrer Kinder trat
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-sie den Rückweg nach dem Schlosse an, und
-zufrieden, die Fremde gesehen, auch die Ursache
-ihres Kummers und ihrer Eingezogenheit errathen
-zu haben, theilte sie am Abend dem
-treuen Werner ihr Zusammentreffen mit der
-Unbekannten mit. Der brave Bediente zeigte
-aber gar keine Ueberraschung bei Allem, was
-er von der Oberstin hörte; nur hätte er gern
-gewußt, ob Lodoiska irgend einen Argwohn
-in ihr zu erregen gesucht habe. Aber er bemerkte,
-daß die Gesichtszüge seiner Herrschaft
-völlig heiter waren, und schloß daraus, daß
-Lodoiska verschwiegen und vorsichtig gewesen
-sein müsse.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-7">
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-Siebentes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>m folgenden Nachmittage baten die Kinder,
-wieder auf der Wiese spielen zu dürfen, und
-Werner, der bestimmt wurde, sie dahin zu begleiten,
-gehorchte nur mit Widerwillen. Zu
-seiner größten Zufriedenheit ließ sich aber Lodoiska
-gar nicht sehen, so wenig als am folgenden
-Tage, wo Werner die Antwort des
-Obersten auf seinen Brief erwartete. Er
-schickte den Boten nach der Stadt, um die
-nach dem Schlosse R.... bestimmten Briefe
-von der Post abzuholen, und harrte den ganzen
-Tag über mit der größten Ungeduld auf
-dessen Rückkehr. Schon war die Nacht angebrochen,
-als der Bote endlich an das Schloßthor
-klopfte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Briefe! Schnell die Briefe her!
-rief ihm Werner entgegen. Tausend Millionen
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-Bomben und Granaten! ich glaubte, du
-würdest gar nicht wiederkommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Die Briefe? antwortete der Bote.
-Sie irren sich, Herr Werner, denn ich habe
-nur einen Brief; hier ist er, und ich wünsche,
-daß es der sein mag, den Sie erwarten. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Werner griff hastig danach, und sahe
-beim Schein der Lampe, die er in der Hand
-hatte, nach der Aufschrift. Sie war allerdings
-vom Obersten, indessen nicht an ihn,
-sondern an Helenen gerichtet. Ein Dolchstich
-hätte Wernern nicht mehr Schmerzen verursachen
-können, als das Ausbleiben des so sehnlich
-erwarteten Briefes. Die Nachlässigkeit
-des Obersten schien ihm unbegreiflich; er drehte
-den in der Hand habenden Brief hin und her;
-manchmal bildete er sich ein, sein Herr könnte
-sich bei der Aufschrift geirrt haben, und der
-Brief könnte also dennoch für ihn sein. Indessen
-wagte er es nicht, sich hiervon zu überzeugen,
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-und zitternd händigte er endlich das
-Schreiben der Oberstin ein.
-</p>
-
-<p>
-Helene kannte die große Anhänglichkeit
-des guten Unteroffiziers an ihren Gemahl,
-und hatte daher die Gewohnheit, ihm lange
-Stellen aus den von ihm erhaltenen Briefen
-vorzulesen, wenn gerade keine persönlichen
-Angelegenheiten darin vorkamen. Auch dießmal
-wich sie nicht von ihrer Gewohnheit ab,
-und der erstaunte Zuhörer erfuhr, daß der
-Oberst sich wohl befinde, aber daß er die Zeit
-seiner Rückkehr noch nicht bestimmen könne.
-Die beiden Gatten, welche er wieder zu vereinigen
-strebte, waren äußerst aufgebracht
-gegen einander, und es war daher nicht so
-leicht, sie gänzlich auszusöhnen. Der Oberst
-schloß endlich seinen Brief mit der Bitte an
-seine Frau, dem guten Werner seine Freundschaft
-zu versichern, und sich bei ihm wegen
-seines Stillschweigens zu beklagen, da er doch
-versprochen hätte, zu schreiben, und ihm die
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-nöthigen Nachrichten über den Zustand der
-Gärten und Felder mitzutheilen.
-</p>
-
-<p>
-Dieser letztere Theil des Briefes machte
-einen zu großen Eindruck auf Werner, als
-daß er sich länger hätte halten können.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Alle Teufel! rief er aus, das ist ein
-Vorwurf, den ich wahrlich nicht verdiene.
-Ist es meine Schuld, wenn der Oberst meine
-Briefe nicht erhält? Denn ich habe ihm an
-demselben Tage geschrieben, wo Sie, Frau
-Oberstin, Ihren Brief absendeten, und den
-dieser hier beantwortet. O, Herr Bote, wart&rsquo;
-er nur, ich will seinen Rücken schon bedienen,
-wie er es verdient hat!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Helene war im Begriff, Werner&rsquo;s Zorn
-zu besänftigen, als dieser sich plötzlich besann
-und fortfuhr:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da fällt mir aber eben ein, daß der
-arme Teufel von Bote nicht daran Schuld
-sein kann, wenn der Brief verloren ist. Ich
-hatte Mißtrauen, ich weiß selbst nicht warum,
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-und empfahl daher dem Boten, mir von der
-Post in Prag einen Empfangschein über den
-Brief mitzubringen, was er auch gethan hat.
-Wahrlich, dabei steht mir der Verstand still!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Helene, die nicht ahnete, welche Wichtigkeit
-Werner mit Recht auf den Verlust seines
-Briefes setzte, dachte nicht weiter daran;
-und voller Freude, Nachrichten von ihrem
-Gatten erhalten zu haben, fühlte sie weiter
-keine Unruhe, als über das gezwungene längere
-Ausbleiben desselben. Sie begab sich
-bald darauf in ihr Zimmer, und Werner auf
-das seinige, wo er einen vierten Brief zu
-schreiben beabsichtigte, den er selbst mit Tagesanbruch
-nach Prag bringen wollte. Denn
-er ging in seinem Zorne so weit, daß er selbst
-die Rechtlichkeit des Postoffizianten in Verdacht
-hatte. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Voll von diesem Entschlusse öffnete er
-seinen Schreibtisch, um Papier und Feder
-zur Hand zu nehmen, als er beim Schein
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-der Lampe einen Brief erblickte, der ihm
-nicht unbekannt zu sein schien &mdash; &mdash; es war
-sein eigener Brief, den er an den Obersten
-geschrieben hatte. Er war abermals mit einigen
-Blutstropfen befleckt, und eine zitternde
-Hand hatte Folgendes auf den Umschlag
-geschrieben:
-</p>
-
-<div class="letter">
-<p>
-<em>Dein Briefschreiben ist vergeblich;
-Alfred wird nie eine Zeile
-von Dir erhalten, wenn Du ihn
-nicht bloß von den Gegenständen
-der Landwirthschaft unterhältst.</em>
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Schon oft hatte Werner den Mündungen
-der Kanonen gegenüber gestanden, die
-auf tausend verschiedene Arten den Tod von
-sich spieen; mehr als einmal hatte er den Säbel
-eines feindlichen Husaren über seinen
-Kopf schwingen sehen; aber noch niemals
-hatte er einen solchen Schreck empfunden, als
-den, welcher jetzt sein Herz zu Eis erstarrte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-Maschinenmäßig irrte sein Blick im
-Zimmer umher, als wenn er erwartete, irgend
-eine gespenstische Gestalt vor seinen Augen
-erscheinen zu sehen; wiederholt wischte er sich
-mit der Hand den Schweiß von der Stirne,
-aber der übrige Theil des Körpers blieb unbeweglich,
-als wenn er festgebannt gewesen
-wäre. Jemehr er über Alles nachdachte, was
-ihm seit Kurzem geschehen war, desto mehr
-verlor er sich in allerhand Muthmaßungen.
-Oft wollte er sich überreden, daß er nur durch
-seine Einbildungskraft getäuscht würde; aber
-der Brief lag ja vor ihm, wie er ihn dem
-Boten übergeben hatte; zugleich sah er den
-Empfangschein des Postoffizianten vor sich,
-und dieser mußte also der Schuldige sein.
-Doch jetzt boten sich neue Schwierigkeiten
-dar. Wie war der Brief nach dem Schlosse
-zurückgekommen? Wer besaß die drei Schlüssel
-seines Zimmers, des Schreibtisches und
-des darin enthaltenen Schubfaches? Befand
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-sich also der Verräther im Schlosse selbst?
-War er unter den Tagelöhnern und Knechten,
-oder unter den beiden Dienstmädchen? Werner
-konnte sich über alle diese Fragen keine
-Auskunft geben, weil er stets auf unauflösliche
-Schwierigkeiten stieß. Mehr als einmal
-sah er sich gezwungen, beinah an überirdische
-Geister zu glauben, wie er so oft in der Moldau
-und Wallachei davon hatte erzählen hören,
-und er verfluchte die Zauberer und Hexen,
-von deren Macht man dort allgemein überzeugt
-war. Ja selbst die fürchterlichen Vampyre
-fielen ihm ein, die nach den dortigen
-Sagen die Gräber wieder verlassen, um auf
-der Erde, deren Schrecken sie sind, umherzuirren,
-und aus den Adern der Lebendigen, deren
-Blut sie aussaugen, ein Dasein zu fristen,
-das kein völliges Leben, aber auch kein Tod
-ist. Dann aber verlachte Werner dergleichen
-Aberglauben wieder, und suchte seinen Verdacht
-auf natürlichere Art zu begründen; er
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-nahm sich vor, die größte Wachsamkeit zu
-verwenden, um zu erfahren, wer im Schlosse
-der Lodoiska seinen Beistand leistete.
-</p>
-
-<p>
-Ehe Werner diese Art von Krieg beginnen
-wollte, die wenig mit seinem offenen und
-freimüthigen Charakter übereinstimmte, nahm
-er sich vor, seine Feindin persönlich zu sprechen,
-und dieß gleich am andern Morgen auszuführen.
-Kaum konnte er erwarten, bis der
-Tag wieder angebrochen war, und als er
-glaubte, daß es spät genug sei, um vorgelassen
-zu werden, machte er sich nach dem Häuschen
-im Walde auf den Weg.
-</p>
-
-<p>
-Als er hier ankam, war die Hausthür
-verschlossen. Er klopfte, aber man antwortete
-nicht; er verdoppelte seine Anstrengungen,
-um gehört zu werden, und nichts unterbrach
-die Stille im Innern des Hauses. Je länger
-er wartete, desto höher stieg seine Ungeduld,
-und er setzte den Klopfer zum dritten Male
-in Bewegung, ohne einen bessern Erfolg zu
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-erlangen. Was sollte er thun? War das
-Haus verlassen, oder wollte man ihm nicht
-aufmachen? Sollte er die Belagerung aufheben
-oder sie am andern Morgen hartnäckiger
-fortsetzen?
-</p>
-
-<p>
-Während er darüber nachdachte, was er
-zu thun habe, hörte er nicht weit von sich
-ein leises Geräusch, und kaum hatte er sich
-umgedreht, so sahe er den alten Bedienten
-Lodoiska&rsquo;s sich gegenüber stehen. Dieser war
-von einer riesenmäßigen Größe; sein Scheitel
-war gänzlich von allem Haar entblößt,
-und über seinem mageren Gesichte herrschte
-eine schaudervolle Leichenblässe. Seine Augen,
-völlig erloschen, waren unbeweglich; der Ton
-seiner Stimme war schleppend und heiser,
-und ein verpestender Athem strömte aus seinem
-Munde, in welchem man kaum noch einige
-Zähne erblickte. Ein weiter Mantel von
-grobem Tuche bedeckte die ganze Gestalt dieser
-kolossalen Figur, und Alles an ihm kündigte
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-an, daß er des Lebens müde sei, daß er
-Alles, was dem gewöhnlichen Menschen gefallen
-kann, verachtete.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Holla! sagte Werner, ohne vor seinem
-unangenehmen Aeußern zu erschrecken. Ist
-deine Herrschaft schon so früh ausgeflogen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Hoho! Patron! Wer giebt dir ein
-Recht zu solcher Frage? antwortete der alte
-Bediente. Sind wir denn schon so bekannt,
-daß du so vertraut mit mir sprechen darfst? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Der Ton dieser Rede war nichts weniger
-als freundschaftlich, so daß Werner, ungeachtet
-seines Selbstvertrauens, davon überrascht
-ward. Indessen wollte er nicht gleich
-beim Anfange der Feindseligkeiten als Besiegter
-erscheinen, und er erwiederte daher:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, sei nur nicht gleich so böse, alter
-Eisenfresser. Ich will deine Herrschaft sprechen,
-und ich habe hier lange vergebens geklopft,
-ohne daß ich auch nur den Anschein eines lebendigen
-Wesens wahrnehmen konnte. Ist
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-es nun nicht ganz natürlich, daß ich dich, da
-ich dich hier vor mir sehe, nach deiner Herrschaft
-frage? Oder bist du vielleicht einer
-von jenen Leuten, denen es leichter wird,
-Streit anzufangen, als eine Frage richtig
-zu beantworten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wenn du mich kenntest, Freund,
-sagte der Greis, so würdest du leicht einsehen,
-daß ich eigentlich mit dir gar keinen Streit
-anfangen kann. Du gehst deinen Weg, der
-meinige hat aber schon seit langer Zeit sein
-Ziel erreicht. Deßhalb bin ich indessen nicht
-geneigt, Beleidigungen oder Drohungen so
-ungestraft hingehen zu lassen; aber ich hoffe,
-es wird so weit unter uns nicht kommen, und
-wir werden sogleich fertig mit einander sein.
-Was willst du von meiner Herrschaft? Ich
-kann deinen Auftrag bei ihr so ausrichten, ganz
-so, als wenn du es selbst gethan hättest. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Alter, antwortete Werner, ziemlich
-unwillig über die Art, wie ihn dieser
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-<a id="corr-8"></a>Bediente behandelte; meine Geschäfte mit
-Lodoiska bedürfen keiner Mittelsperson. Zwar
-ist es möglich, daß sie dir zum Theil bekannt
-sind, ja daß du selbst in die Taschenspielerei
-verwickelt bist, welche mich eigentlich bewogen
-hat, hierher zu kommen; indessen gefällt es
-mir nun einmal nicht, dich zum Vertrauten
-zu machen, und ich will mit Lodoiska selbst
-sprechen. Verstehst du mich?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich verstehe dich; allein deßhalb
-habe ich noch keine Lust, deinen Wunsch zu
-erfüllen. Lodoiska, wie du sie kurzweg zu
-nennen beliebst, hat mit dir gar nichts zu
-schaffen; gieb dich also nur zufrieden, und da
-du Soldat gewesen bist, wie es mir scheint,
-so mache die Wendung, die ihr Linksumkehrt
-nennt, und geh deiner Wege. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weißt du wohl, Alter, daß eine zahlreichere
-Artillerie dazu gehört, um mich zum
-Rückzuge zu zwingen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-&mdash; Nun gut, so wollen wir sie schon
-finden, sagte der Bediente mit der größten
-Ruhe, und zu gleicher Zeit, ehe Werner sich
-dessen versahe, ergriff er ihn vor der Brust,
-und zwar mit solcher Stärke, daß er ihn mit
-einer Hand hoch vom Boden in die Luft hob,
-und ihn, ungeachtet aller Anstrengungen des
-Ex-Unteroffiziers, auf einem Fußsteige in
-einiger Entfernung wieder niedersetzte.
-</p>
-
-<p>
-Ach, wie sehr bedauerte es Werner in
-diesem Augenblicke, seinen Säbel nicht bei
-sich zu haben, um diese schwere Beleidigung
-augenblicklich rächen zu können! Sein handfester
-Gegner hatte ihm auch zu gleicher Zeit
-seinen Stock entrissen, und in der Nähe bot
-sich ihm Nichts dar, das er als Waffe hätte
-gebrauchen können. Aber konnte er die erlittene
-Beleidigung ungestraft lassen? Der
-Zorn verblendete den Unteroffizier nicht so
-sehr, daß er nicht hätte einsehen sollen, wie
-es unmöglich war, mit dem Alten zu ringen,
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-da seine körperliche Stärke Alles übertraf,
-was Werner je gesehen hatte; es blieb ihm
-also nichts übrig, als seinen Gegner auf den
-Zweikampf mit Säbel oder Pistolen herauszufordern.
-</p>
-
-<p>
-Der Bediente, stets voll unerschütterlicher
-Ruhe, sahe ihn kaltblütig an. &bdquo;Was willst
-du von mir? sagte er. Wozu soll ich mich
-noch anderer Waffen bedienen, um deinen
-Stolz zu demüthigen? Gieb deinen Vorsatz
-auf. Ich schlage mich nicht, ich vertheidige
-mich bloß, und vernichte denjenigen auf der
-Stelle, der nicht fürchtet, mich zu beleidigen.
-Du hast mich nun schon kennen gelernt; geh
-ruhig deinen Weg, schwacher und eitler Thor,
-und wage dich nicht wieder hierher, von wo
-ich dich vielleicht zum zweiten Male nicht lebendig
-entkommen lassen würde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der rauhe Ton, womit er diese Worte
-aussprach, die todtverkündende Geberde, womit
-er sie begleitete, die Flamme der Mordsucht,
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-welche in seinen Augen leuchtete, alles
-Dieses brachte Wernern, ungeachtet seines Muthes,
-aus aller Fassung. Er war sogar in
-Zweifel, ob er seine <a id="corr-9"></a>Aufforderung erneuern
-sollte, als sich plötzlich die Thür des Hauses
-öffnete, und Lodoiska, in einem schwarzen
-Kleide, das ihr ein höchst seltsames Ansehen
-gab, heraustrat.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wirst du denn immer vergessen, Ladislaus,
-sagte sie, daß ich dir verboten habe,
-dich deinem heftigen Charakter zu überlassen?
-Ist es möglich, daß die Thorheiten der Menschen
-dich noch immer nicht gänzlich verlassen
-haben? Und mußt du diejenigen beleidigen,
-die mich zu sprechen wünschen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Alte fuhr bei diesen Worten seiner
-Herrschaft zusammen, aber in seinem gleichgültigen
-Gesichte zeigte sich weder Hochachtung
-noch Verwirrung. Bloß seine Lippen verzogen
-sich in ein scheußliches Lächeln, und
-ohne etwas zu erwiedern, ging er langsamen
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-Schrittes in das Haus hinein, als wenn er
-an der eben stattgefundenen Szene gar keinen
-Theil gehabt hätte.
-</p>
-
-<p>
-Nichts konnte Wernern in diesem Augenblicke
-erwünschter sein, als das Erscheinen
-Lodoiska&rsquo;s. Bloß um sie zu sprechen, war er
-hierher gekommen, und das Benehmen ihres
-Bedienten ließ ihm wenig Hoffnung übrig,
-seinen Zweck zu erreichen; er war also froh,
-als er sahe, daß Lodoiska ihn anzuhören geneigt
-schien, und näherte sich ihr, konnte jedoch
-nicht umhin, ihr bei seiner Anrede sein
-Mißvergnügen über das Betragen ihres Bedienten
-zu erkennen zu geben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wahrlich, Lodoiska, sagte er, Ihr Wächter,
-denn anders kann ich ihn nicht nennen,
-mag sich glücklich preisen, daß ich jetzt eine
-gewisse Art von Eisen nicht bei mir hatte,
-die mich sonst niemals verließ, als ich mich
-noch in Ihrem Vaterlande befand. Hätte
-er damals eine Grobheit, wie heute, gezeigt,
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-ich würde ihm den scharfen Stahl einige Zoll
-tief in die verdammte Brust gestoßen haben;
-aber nur Geduld! er soll mich nicht immer
-so wehrlos finden, und ich bin fest entschlossen,
-ihm mit Zinsen zurückzuzahlen, was ich
-ihm heute schuldig bleiben mußte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Laß es gut sein, Werner, antwortete
-Lodoiska, und vergiß den unangenehmen Vorfall.
-Ladislaus hat allerdings Unrecht; aber
-du hast ihn gereizt, und, ihn nach dem Anschein
-seines Alters beurtheilend, geglaubt, daß
-es leicht sein würde, ihn zur Erfüllung deiner
-Wünsche zu zwingen. Dein Irrthum zeigte
-sich bald; aber glaube mir, vergiß, was vorgegangen
-ist, es ist für dich am Besten.
-Deine Rache würde sonst auf dich selbst zurückfallen.
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist recht schön gesagt, aber ein alter
-Soldat läßt nicht mit sich spielen wie mit
-einem Rekruten. Ich werde niemals eine Beleidigung
-ungeahndet lassen; und habe ich
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-überdieß Ursache, mit der Herrschaft zufriedener
-zu sein, als mit dem Bedienten? Haben
-wir Beide nicht auch etwas abzumachen? Steht
-es Ihnen an, sich mit Taschenspielerkünsten
-abzugeben, und kann ich ruhig zusehen, daß
-Sie hierherkommen, mich zu beleidigen, und die
-Ruhe der Familie meines Obersten zu stören?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Werner, sagte Lodoiska kalt, ich weiß
-nicht, welche höhere Macht dich deinem Untergange
-entgegentreibt. Wie kannst du es wagen,
-dich gegen mich zu beklagen? Wer von
-uns Beiden hat dem Andern das meiste Unrecht
-zugefügt? Bist du es nicht, Elender,
-der in dem Hause meines Vaters vorzüglich
-zu meinem Falle beitrug? Erinnerst du dich
-der Zeit nicht mehr, wo du, zu Gunsten der
-verbrecherischen Absichten des Obersten, mich
-von seiner treulosen Liebe ohne Aufhören unterhieltest?
-Warst du nicht stets bei mir, um
-meine Vernunft irre zu führen und meiner
-Tugend Fallstricke zu legen? Unglücklicher, dir
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-steht es wohl an, in einem anmaßenden Tone
-gegen mich zu sprechen, und mir Unrecht gegen
-dich vorzuwerfen! Fort aus meinen Augen,
-wenn dir dein Leben lieb ist, elender Wurm des
-Staubes, den ich schon hätte zertreten sollen! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Teufel noch einmal! Lodoiska, Sie gehen
-ja rasch zu Werke! Doch, ich mache mir
-nichts daraus, weil Sie ein Weib sind, und
-was schon vor so vielen Jahren geschehen ist,
-dessen erinnere ich mich nicht mehr. Wenn
-Sie leichtgläubig waren, so ist es nur Ihre
-Schuld. Aber woraus ich mir viel mache,
-und was ich nie erlauben werde, ist: wenn
-man in meine Geheimnisse eindringt, wenn
-man meinen Briefwechsel stört, und sich auf
-eine strafwürdige Art in das Haus meiner
-Herrschaft einschleicht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska antwortete nicht; sie warf nur
-einen Blick auf Werner, in dem sich die auffallendste
-Bosheit malte, gleichsam als Triumph
-einer schon gewissen Rache.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-&bdquo;Ich wiederhole es Ihnen, fuhr Werner
-fort, daß ich Ihrer Ränke und Spielereien
-müde bin. Schon zwei meiner Briefe haben
-Sie aufgehalten; denn wer anders, als Sie,
-könnte es gethan haben? Ich weiß zwar noch
-nicht, durch welche Mittel Sie Ihre Absicht
-erreichten; aber sein Sie überzeugt, wenn ich
-einst Jemanden auf der That ertappen sollte,
-sein Prozeß würde nicht lange dauern, und
-sein Rücken würde sich über meine Dazwischenkunft
-eben nicht zu erfreuen haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wie! so grausam wolltest du verfahren,
-und selbst mit dem armen Ladislaus?
-sagte Lodoiska spottend und mit einem boshaften
-Lächeln. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O, bei allen Teufeln! lassen Sie ihn
-kommen &mdash; mit ihm vor allen Andern. Ich
-habe eine gute Jagdflinte, mit welcher er genaue
-Bekanntschaft machen, und gegen welche
-seine Faust nichts ausrichten soll.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-&mdash; Werner, ich wiederhole es dir zum
-letzten Male, du gehst mit starken Schritten
-deinem nahen Untergange entgegen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und Sie, Lodoiska, dem Ende Ihrer
-verbrecherischen Intriguen. Ich werde sie
-nicht länger ertragen, und wenn auch ein
-vierter Brief nicht an den Obersten gelangt,
-so wollen wir sehen, ob ich mit Hülfe der
-Obrigkeit nicht Recht erlangen kann.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Unsinniger! worauf willst du deine
-Klage gründen? Soll ich für deine Thorheit
-verantwortlich gemacht werden? Wem willst
-du es einbilden, daß ich im Stande bin, den
-Briefwechsel zwischen dir und deinem Herrn
-zu hindern? Du wirst vor den Augen der
-Welt zum Gelächter werden! Armer Schwächling,
-die Strafe für deine Kühnheit soll dir
-dann auf dem Fuße folgen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lodoiska, Sie können mir vorreden, was
-Sie wollen. Ich weiß, daß ich einiges Unrecht
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-gegen Sie begangen habe, wenn es nämlich
-unrecht ist, einen jungen Offizier und ein
-hübsches Mädchen einander näher zu bringen;
-aber ich beschwöre Sie, vergessen Sie das
-Geschehene, und lassen Sie mich in Ruhe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich habe dir versprochen, dich in Ruhe
-zu lassen, ja, habe dir Belohnungen angeboten,
-wenn du dich anheischig machen wolltest, den
-Obersten nicht von meinem Hiersein zu benachrichtigen.
-Wie kannst du mir eine solche
-Kleinigkeit abschlagen? Laß ihn zurückkommen,
-und erlaube, daß ich ihn zum letzten Male
-sehen darf; sein Glück, seine Ruhe, ja sein
-Leben hängt davon ab. Uebrigens wirst du
-mir vergeblich entgegenstreben, denn mir
-stehen Mittel zu Gebote, denen du nicht zu
-widerstehen vermagst. Aber zittere, wenn dir
-ein einziges Wort entschlüpft, wodurch die
-glückliche Nebenbuhlerinn, welche meine Stelle
-an Alfreds Seite einnimmt, von meinem Verhältnisse
-benachrichtigt wird. Deine Unvorsichtigkeit
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-würde dir das Leben kosten; ja Werner,
-ich würde dich auf der Stelle aufopfern! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Worten machte Lodoiska
-eine so heftige Bewegung, daß dadurch ein
-Theil ihres Kleides zerrissen wurde, und Werner
-unter ihrer linken Brust eine Wunde erblicken
-konnte, aus welcher einige Tropfen
-Blut hervorrieselten. Der unwillkührliche
-Schrecken, in welchen ihn dieser unerwartete
-Anblick versetzte, entging der Fremden nicht,
-und da sie ohne Mühe die Ursache davon errieth,
-so suchte sie mit ihrer Hand die zerrissene
-Stelle des Kleides zu bedecken.
-</p>
-
-<p>
-Sobald Werner sich von seiner Erstarrung
-erholt hatte, fühlte er sein Herz von plötzlichem
-Mitleiden bewegt. &bdquo;Unglückliches Mädchen!
-rief er, was haben Sie gethan? Wie
-können Sie sich in Ihrem jetzigen Zustande
-noch einer so gefährlichen Leidenschaft hingeben?
-Eilen Sie schnell nach Ihrer Wohnung;
-Ihre Wunde ist wieder aufgebrochen, und Sie
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-kennen wahrscheinlich die Gefahr nicht, in der
-Sie sich befinden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Von welcher Gefahr sprichst du? Ich
-kenne keine mehr auf der Erde. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber Ihr Blut fließt ja aus der Wunde,
-von welcher wahrscheinlich der Verband losgegangen
-ist. Eilen Sie, ihn wieder herzustellen,
-und wenn Sie meiner Hülfe bedürfen,
-so zögern Sie nicht, sie anzunehmen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Beunruhige dich meinetwegen nicht.
-Mein Blut kann nicht mehr fließen, denn ich
-habe keines mehr, und schon vor langer Zeit
-verlor ich es bis auf den letzten Tropfen. An
-Blut, um das verlorne zu ersetzen, mangelt
-es mir nicht; denn ich weiß, wo ich es finden
-kann. Laß dieses Blut hier nur fließen, und
-kümmere dich deßhalb nicht. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen seltsamen Worten zweifelte
-Werner, gleich wie die Oberstin, nicht länger,
-daß Lodoiska&rsquo;s Unglücksfälle sie um den Verstand
-gebracht haben möchten, und sein ganzer
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-Zorn gegen sie war verschwunden. Er
-wollte es daher versuchen, sie durch gelinde
-Worte zu beruhigen, und da er bemerkte, daß
-ihr Gesicht schon von einer schauerlichen Todtenblässe
-bedeckt ward, so eilte er auf sie zu,
-um sie unter den Arm zu fassen und nach
-ihrem Hause zu geleiten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Keinen Schritt weiter! rief sie ihm mit
-heiserer und schwacher Stimme entgegen.
-Rühre mich nicht an, oder eile vielmehr, zu
-entfliehen! Was jetzt vorgehen wird, darfst
-du nicht erblicken! Ladislaus! Ladislaus!
-komm geschwind, oder ich bin nicht ferner
-im Stande, die Absichten meiner Sendung
-in ihrem ganzen Umfange zu erfüllen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ladislaus hörte diesen Ruf, und kam
-noch schnell genug herbei, um Lodoiska, die
-ohnmächtig in seine Arme sank, zu halten.
-Nachdem der Greis sie einen Augenblick betrachtet
-hatte, sahe er mit wilden Blicken
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-um sich her, und ohne ein Wort zu sprechen,
-gab er Wernern ein Zeichen, sich zu entfernen.
-Dieser schien anfangs nicht geneigt,
-ihm Folge zu leisten; allein er entschloß sich
-dazu, als er bedachte, daß er vielleicht durch
-seine Hartnäckigkeit den Tod der Fremden
-herbeiführen könnte. Er kehrte daher auf
-den Fußsteig zurück, der nach dem Schlosse
-führte. Bei einer Krümmung des Weges,
-wodurch der Ort, wo Lodoiska auf dem Grase
-ausgestreckt lag, ihm wieder zu Gesichte kam,
-blieb er stehen und sahe nun, wie der alte
-Bediente sich über die Ohnmächtige hinbeugte,
-und ihr eine rothe Flüssigkeit in den Mund
-goß. In demselben Augenblick aber erhielt
-Werner einen so heftigen Schlag auf den
-Kopf, daß er davon zu Boden stürzte. Er
-raffte sich schnell wieder auf, um dem Feinde,
-der ihn geschlagen hatte, die Spitze zu bieten;
-aber keine lebendige Seele war rings um ihn
-her zu erblicken, und er mußte daher seinen
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-Fall einem Stoße an einen Baumast zuschreiben,
-da er eben durch einen Wald ging.
-</p>
-
-<p>
-Seine Neugierde bewog ihn, zum zweiten
-Male nach der Gruppe auf der Wiese
-hinzublicken; aber er sahe sie nicht mehr.
-Dieses plötzliche Verschwinden setzte ihn in
-das größte Erstaunen, und in tiefes Nachdenken
-versunken, kam er nach dem Schlosse
-zurück. &bdquo;Gebe Gott! sagte er zu sich selbst,
-daß dieß Alles eine natürlichere Wendung
-nimmt; denn was ich gesehen habe, ist unbegreiflich;
-und ich wünschte wohl, die Geheimnisse
-zu durchdringen, mit denen wir umgeben
-sind.&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-8">
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-Achtes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>a die Fremde immer fortfuhr, in der größten
-Zurückgezogenheit zu leben, so ward am
-Ende auch die Neugier der Nachbarn müde,
-sich mit ihr zu beschäftigen, und schon sprach
-man kaum mehr von den Bewohnern des
-Hauses im Walde, als eine neue Begebenheit
-die Aufmerksamkeit der Landbewohner auf
-sich zog, und Lodoiska ganz bei ihnen in
-Vergessenheit brachte.
-</p>
-
-<p>
-Es gab in der Gemeinde ein junges Mädchen
-von ausgezeichneter Schönheit, das auch
-ziemlich wohlhabend war, und daher allen
-jungen Leuten in der Umgegend den Wunsch
-einflößte, sie zu heirathen. So oft <em>Röschen</em>
-sich bei einer öffentlichen Lustbarkeit sehen ließ,
-bildete sich sogleich ein Kreis von Anbetern
-um sie her, die ihr nach ihrer Art den Hof
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-machten; allein sie blieb lange Zeit völlig
-gleichgültig. Röschen nahm die ihr dargebrachten
-Huldigungen an, ohne einen von den
-Anbetern im Geringsten auszuzeichnen, bis
-endlich ein junger Pächter das Herz der schönen
-Gleichgültigen zu rühren verstand.
-</p>
-
-<p>
-Sobald Röschens Wahl bekannt wurde,
-setzte dieß die übrigen nun hoffnungslosen
-Anbeter in Wuth, und man brach in die
-schrecklichsten Drohungen gegen das glückliche
-Paar aus. Es wurden mehrere Verträge
-geschlossen, um dieser Heirath alle möglichen
-Hindernisse in den Weg zu legen; aber ohne
-sich an alle diese Anfeindungen zu kehren, traf
-das junge Paar Anstalten zu seiner Hochzeit,
-und schon war der Tag der Trauung in der
-Kirche auf den nächsten Sonntag festgesetzt.
-</p>
-
-<p>
-Der Sonnabend vor der Hochzeit war
-derselbe Tag, wo Werner seinen Besuch bei
-Lodoiska abgestattet, und so wenig befriedigt
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-nach dem Schlosse zurückkehren mußte. Auch
-er war zur Hochzeit Röschens eingeladen,
-und sollte sich am andern Morgen schon mit
-Tagesanbruch mit den Freunden des Bräutigams
-vereinigen, theils um mit ihnen vergnügt
-zu sein, theils um, mit ihnen vereint,
-die wüthenden Versuche zu vereiteln, welche
-die verschmähten Nebenbuhler etwa machen
-könnten.
-</p>
-
-<p>
-Nach dem Abendessen begab sich Werner
-auf sein Zimmer, noch ganz mit dem Gedanken
-an das beschäftigt, was er heute gesehen
-und gehört hatte. Unaufhörlich fiel ihm immer
-wieder die riesenmäßige Stärke des alten
-Bedienten ein, und es schien ihm, als wenn
-er vor seinen Augen das Blut aus Lodoiska&rsquo;s
-Wunde fließen sähe. Während er so, in ein
-peinliches Nachdenken vertieft, in seinem Lehnstuhl
-saß, warf er seine zerstreuten Blicke hier
-und da im Zimmer umher, bis sich seine Augen
-endlich starr auf einen Punkt hefteten,
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-und er in einen lauten Angstruf des Schreckens
-ausbrach. Seine Flinte, mit welcher er
-dem alten Ladislaus gedroht hatte, war in
-hundert Stücke zerbrochen, und was ihn am
-meisten in Erstaunen setzte, auch selbst der
-Lauf war eben so zerstückelt, wie die übrigen
-Theile des Gewehres.
-</p>
-
-<p>
-Bei diesem unerwarteten Anblick, wobei
-er sich überzeugen mußte, daß eine übermenschliche
-Kraft gewirkt habe, fühlte er sich von
-einem eiskalten Schauer ergriffen, und eine
-gute Zeit lang blieb er wie versteinert vor
-seiner zerbrochenen Flinte stehen. Diese Begebenheit
-überstieg seine Fassungskraft, da er
-keine natürliche Ursache dafür auffinden konnte;
-und in seinem unwillkührlichen Schrecken hätte
-er fast bei sich selbst angelobt, sich nicht mehr
-in Lodoiska&rsquo;s Angelegenheiten zu mischen, da
-er einsahe, daß er einer höheren Kraft, als
-die schwachen Mittel, die ihm zu Gebote standen,
-bedurfte, um mit Vortheil gegen sie in
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-die Schranken zu treten. Es dauerte lange,
-ehe er einschlafen konnte. Bei jedem leisen
-Geräusch schreckte er hoch empor, bis endlich
-seine Abspannung so hoch stieg, daß er in
-eine Art von Schlafsucht verfiel; denn es
-war schon sieben Uhr, als er von dem starken
-Lärm, den eine heftig an seine Thür klopfende
-Person verursachte, erwachte. Jetzt fiel ihm
-die Hochzeit ein, zu welcher er eingeladen
-war, und da er glaubte, daß man ihn dazu
-herbeiholen wollte, stand er schnell auf, voller
-Scham über seinen langen Schlaf. Als er
-die Thür öffnete, sahe er einen seiner guten
-Bekannten aus dem Dorfe, dessen Miene so
-traurig war, daß er darüber erschrak. Schon
-war er im Begriff, ihn nach der Ursache zu
-fragen, als dieser ihm zuvorkam.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, lieber Werner, sagte er mit halb
-erstickter Stimme, welche fürchterliche That
-ist in dieser Nacht geschehen! Röschen ist
-todt, auf die schrecklichste Art ermordet!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-&mdash; Was sagst du da, Mathes? Wer hat
-dieses schändliche Verbrechen begangen? Du
-machst mich vor Schrecken erstarren! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, leider ist es nur allzuwahr! Der
-Mörder ist noch völlig unbekannt. Er hat
-sich auf eine unbegreifliche Art in&rsquo;s Zimmer
-geschlichen, und dem armen Mädchen zwei
-Adern geöffnet; aber das Sonderbarste dabei
-ist, daß durchaus kein Blut mehr in dem
-Körper der Unglücklichen gefunden wird, und
-kaum hat man einige kleine Blutflecke an
-ihrem Bette bemerkt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Kein Blut mehr! rief Werner, wie
-vom Blitz getroffen. Kein Blut mehr! O
-Himmel, sollten sich denn die Schrecken der
-Moldau und Wallachei auch hier nach Deutschland
-fortpflanzen! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Er schwieg, vielleicht bereuend, daß er
-schon zu viel gesagt habe; aber das Uebel,
-was er gern vermieden hätte, war schon geschehen.
-Voller Neugierde bestand Mathes
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-auf die Erklärung dessen, was er nicht verstand,
-und vergebens suchte Werner das Gespräch
-auf andere Dinge zu bringen, indem
-er sich näher nach den Umständen bei der
-Mordthat erkundigte; sein Freund ließ sich
-nicht abweisen, und nachdem er ihm erzählt
-hatte, was er wußte, drang er abermals darauf,
-zu wissen, von welchen Schrecken der
-Moldau und Wallachei Werner gesprochen
-habe. Er zeigte dabei eine solche Hartnäckigkeit
-in seinen Fragen, daß Werner ihn wohl
-befriedigen mußte, wenn er sich nicht mit
-ihm gänzlich erzürnen wollte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wahrhaftig, lieber Mathes, sagte Werner,
-du läßt mir auch gar keine Ruhe; da
-du es denn doch willst, so sollst du Alles erfahren;
-aber schiebe nicht die Schuld auf mich,
-wenn du dich vielleicht heute Abend fürchtest.
-Die Schrecken der Moldau und Wallachei,
-deren ich vorher erwähnte, sind nämlich gewisse
-Wesen, die des Nachts aus den Gräbern
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-auferstehen, um die Lebendigen zu morden.
-Wie ich gehört habe, sollen sie auch in Ungarn
-und in Griechenland allgemein sein; kurz
-diese Wesen, welche weder todt noch lebendig
-sind, kommen des Nachts selbst in die Wohnungen
-ihrer Verwandten und Freunde. Sie
-legen sich dann neben ihnen in&rsquo;s Bett, öffnen
-ihnen die Adern, und saugen ihnen das Blut
-aus, was ihnen zur Erhaltung ihres schändlichen
-Daseins nöthig ist. Diese Handlung
-wiederholen sie alle Nächte von zwölf bis ein
-Uhr, so lange, bis alles Blut aus dem Körper
-verschwunden ist, und so den Tod ihres
-Schlachtopfers verursacht. Sobald eins dieser
-Wesen, welche man dort <em>Vampyre</em>
-nennt, sich in einem Dorfe eingefunden hat,
-ist allenthalben Furcht und Trauer verbreitet;
-man ruft die Priester zu Hülfe, aber ihre
-Beschwörungen bleiben fruchtlos, und der
-Vampyr treibt ungestört sein Wesen fort.
-Nur ein Mittel ist vorhanden, sich von ihm
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-zu befreien: man muß nämlich suchen, seinen
-Körper im Grabe aufzufinden. Beim ersten
-Anblick scheint dieser Körper leblos zu sein;
-aber an seiner Wohlbeleibtheit, an der Röthe
-seiner Wangen und Lippen, die oft noch mit
-Blute beschmutzt sind, erkennt man ihn dann
-leicht. Sogleich entreißt man dieses verabscheuungswürdige
-Ungeheuer seinem Sarge,
-haut ihm die Hände, die Füße und den Kopf
-ab; aber damit wäre noch nichts geschehen,
-wenn man nicht zuletzt sein Herz mit einem
-spitzigen Pfahle durchbohrte. Dann entströmt
-der Wunde, unter einem schrecklichen Schrei
-des Vampyrs, eine Menge von blutiger Materie,
-und mit ihm das Leben. Sämmtliche
-Theile des Körpers werden nun in&rsquo;s Feuer
-geworfen und verbrannt, worauf das Land
-ruhig wird, bis ein neuer Vampyr aus dem
-Grabe aufersteht. Diese schreckliche Plage der
-Menschen ist um so furchtbarer, als es scheint,
-daß die Vampyre sich fortpflanzen, indem oft
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-ein Mensch, der durch sie geopfert wurde,
-ebenfalls ein Vampyr wird. Uebrigens giebt
-es sowohl männliche als weibliche Vampyre,
-und ich würde gar nicht fertig werden, wenn
-ich dir Alles erzählen wollte, was ich darüber
-bei meinem Aufenthalt in jenen Ländern
-gehört habe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Werner hätte noch lange fortsprechen
-können, ohne von seinem Zuhörer unterbrochen
-zu werden; dieser verlor kein Wort von
-seiner Erzählung, und wendete schon in Gedanken
-den fürchterlichen Vampyrismus auf
-den plötzlichen Tod des jungen Röschens an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr Jesus! rief er aus, ist dergleichen
-möglich? Sieh, Werner, es ist mir jetzt schon
-leid, daß ich dich danach gefragt habe, obgleich
-ich dadurch über etwas belehrt worden
-bin, was ich bisher noch nicht wußte. Gott
-sei Dank! wir hatten hier in unserm Lande
-bis jetzt nur einige Gespenster, die manchmal
-den Lebendigen einen Schreck einjagten, ohne
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-ihnen weiter ein Leid zuzufügen. Aber sich
-von Blut zu nähren! man könnte bei dem
-bloßen Gedanken daran schon vor Furcht sterben.
-Armes Röschen! ja gewiß, ein Vampyr
-hat dich gemordet, es ist nicht daran
-zu zweifeln!&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ungeachtet Werner im Geheimen selbst
-daran glaubte, so suchte er doch seinen Freund
-Mathes zu überreden, daß Röschens Tode
-eine andere Ursache zum Grunde liege; aber
-Mathes war zu begierig, die neu erlangten
-Kenntnisse weiter zu verbreiten, als daß er
-seine Voraussetzung hätte aufgeben können.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du magst mir sagen, was du willst,
-rief Mathes aus; ich bin und bleibe überzeugt,
-daß hier ein Vampyr sein Wesen getrieben
-hat, und ich will es sogleich im ganzen
-Dorfe bekannt machen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten rannte er aus dem
-Zimmer, ungeachtet Werner ihn gern zurückhalten
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-wollte. Den ersten Bekannten, denen
-er begegnete, eilte er, seine wunderbare Geschichte
-von den Vampyren zu erzählen, welche
-so allgemein Eingang fand, daß man bald in
-der ganzen Gegend von nichts Anderem sprach,
-und darüber die Fremde im Häuschen im
-Walde und ihre Sonderbarkeiten vergaß.
-</p>
-
-<p>
-Unterdessen drückte Wernern die Sorge,
-zu erforschen, wie es Lodoiska möglich gemacht
-habe, sich heimlichen Eingang in&rsquo;s
-Schloß zu verschaffen. Er fing damit an,
-alle Bewohner desselben auf das Genaueste zu
-beobachten, und wachte über jede ihrer gleichgültigsten
-Handlungen; ganze Stunden lang
-blieb er in einem Winkel seines Zimmers
-versteckt, um Jemanden zu ertappen, der sich
-vielleicht hineinschleichen würde. Alle seine
-Bemühungen blieben indessen fruchtlos, und
-er fand nicht einmal Veranlassung, gegen irgend
-Jemanden gerechterweise den kleinsten
-Verdacht zu hegen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-Weit entfernt, deßhalb seine Nachforschungen
-jetzt schon einzustellen, richtete er sie nach
-einer andern Seite hin. Er wußte nämlich,
-daß die alten Schlösser fast immer mit unterirdischen
-Gewölben und geheimen Gängen
-versehen waren, welche dazu dienen konnten,
-Werke der Finsterniß dem Tageslichte zu entziehen;
-um sich daher auch in dieser Hinsicht
-zu beruhigen, hielt er, unter dem Vorwande,
-die Festigkeit der Grundmauern und des Gebälkes
-zu untersuchen, in Gesellschaft eines
-geschickten Maurers eine genaue Besichtigung
-des Schlosses. Zwei ganze Tage brachten sie
-damit zu, die Wände, die Fußböden und alle
-Mauern zu untersuchen; allenthalben, wo
-man durch Klopfen eine Höhlung wahrnahm,
-überzeugte man sich sogleich, was etwa daselbst
-verborgen sein könnte.
-</p>
-
-<p>
-Die Genauigkeit dieser Untersuchung
-führte endlich zu der Kenntniß eines unterirdischen
-Ganges, welcher in einem Winkel
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-eines der Zimmer des untersten Stockwerks
-seinen Anfang nahm, von hier auf einer sehr
-engen Treppe hinabführte, und sich sehr weit
-unter der Erde hin, in der Richtung nach
-Nordwesten, erstreckte. Bei der Entdeckung
-dieses Ganges, und noch mehr an der Richtung
-desselben, glaubte Werner den Weg entdeckt
-zu haben, auf welchem man sich heimlich
-ins Schloß schleichen könnte. Von seinem
-Gefährten begleitet, jeder mit einer Laterne
-versehen, trat er die Wanderung in diesem
-unterirdischen Gang an; allein als sie ungefähr
-hundert Schritte weit vorgedrungen waren,
-sahen sie sich durch große Felsenmassen
-aufgehalten, die nirgends einen Ausweg zeigten.
-Nachdem sie versucht hatten, dieses Hinderniß
-zu beseitigen, überzeugte sie endlich
-der Widerstand, den diese Felsen ihren Werkzeugen
-entgegensetzten, daß ihre Bemühungen
-vergeblich seien. Sie kehrten daher um, und
-Werner ließ nun den innern Eingang mit
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-einer Mauer verschließen; denn dieser unterirdische
-Gang schien ihm dennoch gefährlich,
-weil er leicht durch irgend eine geheime Thür,
-die sie nicht bemerkt hatten, mit dem Häuschen
-im Walde zusammenhängen konnte. Jetzt
-erst war er zufrieden, weil er sich schmeichelte,
-nun die Pläne der Feindin seiner Ruhe vernichtet
-zu haben.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-9">
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-Neuntes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span>chon war man dem Ende des Monats
-Oktober nahe. Alle Verbindung der Familie
-Lobenthal mit der Fremden hatte aufgehört,
-und Helene verlor nach und nach einen Theil
-der Neugierde, welche ihr anfangs ihre geheimnißvolle
-Nachbarin einflößte; aber der
-Zeitpunkt war gekommen, der sie näher als
-je mit derselben in Berührung bringen sollte.
-</p>
-
-<p>
-Helene saß eines Abends noch ziemlich
-spät, mit einem neuen sehr anziehenden Buche
-beschäftigt, als sie plötzlich einen hellen rothen
-Schein am Himmel erblickte. Sie sprang
-auf und näherte sich dem Fenster; da hörte
-sie die Sturmglocke im Dorfe läuten, und unten
-im Schloßhofe erscholl das Geschrei: Feuer!
-Feuer! und Helene erkannte an der Richtung
-des hellen Scheines, welcher über dem Walde
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-schwebte, daß es nur das Haus der Fremden
-sein könne, welches jetzt in Flammen stand.
-Sogleich eilte sie zum Zimmer hinaus, die
-Treppe hinab, über den Schloßhof und dem
-Walde zu. Vergebens stellte sich ihr Werner
-entgegen; vergebens bewies er ihr unterweges,
-daß sie Unrecht habe, selbst dem Orte der
-Feuersbrunst zuzueilen: sie beschleunigte ihre
-Schritte, ohne auf seine Vorstellungen zu hören,
-und überließ sich ganz dem edlen Gefühle
-ihres mitleidigen Herzens.
-</p>
-
-<p>
-Mit welchem Schmerze betrachtete sie die
-Fortschritte der helllodernden Flammen, als
-sie an den Ort der Feuersbrunst gelangte!
-Es war keine Hoffnung mehr übrig, das Haus
-zu retten. Vergeblich strengten sich einige
-von den herbeigeeilten Bauern an, dem Feuer
-Einhalt zu thun; es mangelte ihnen an
-den nöthigen Mitteln, und man mußte zuletzt
-der völligen Zerstörung des Hauses ruhig
-zusehen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-Helene war kaum angekommen, so suchte
-sie eifrig nach der Fremden, und bei der schauerlichen
-Helle, die das Feuer umherwarf, entdeckte
-sie sie bald, wie sie, in ein großes
-weißes Bettlaken eingewickelt, an einen Baum
-angelehnt stand. Dieß gab ihr das schreckliche
-Ansehen eines Gespenstes; ihr Gesicht war
-leichenblaß, ihre Augen stier und ohne irgend
-einen Ausdruck, so daß ihre völlige Unempfindlichkeit,
-ihre kalte Ruhe Jedermann auffiel.
-Man irrte um sie her, beklagte und tröstete
-sie, aber sie antwortete nicht; und bei Allem,
-was man auch sagen mochte, beharrte sie in
-ihrem Stillschweigen. Nur Helenens Ankunft
-weckte sie aus ihrem dumpfen Hinstarren, und
-kaum hatte sie dieselbe erkannt, so schwebte ein
-schreckliches Lächeln über ihre Lippen, verschwand
-aber sogleich wieder, worauf Lodoiska in ihren
-vorigen träumerischen Zustand zurückkehrte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bis jetzt, redete Helene sie an, habe ich
-Ihren Willen befolgt, und Sie völlig Ihrer
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-Einsamkeit überlassen; da aber nun das Unglück
-mit neuer Wuth über Sie ausgebrochen
-ist, so bewilligen Sie mir die Bitte,
-eine Wohnung im Schlosse anzunehmen. Es
-ist keine Hoffnung mehr vorhanden, daß Sie
-je wieder in diesem Hause wohnen können;
-nehmen Sie daher den Zufluchtsort an, den
-Ihnen die aufrichtigste Theilnahme anbietet.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska schien jetzt völlig aus ihrer
-Träumerei zu erwachen, und suchte sogar ihrer
-finsteren Miene einen angenehmern Ausdruck
-zu geben. Ohne Weigerung nahm sie
-das ihr gemachte großmüthige Anerbieten an.
-Sie erzählte Helenen: daß das Feuer auf
-dem Heerde schlecht ausgelöscht gewesen sein
-müsse, und wahrscheinlich einige Kohlen in
-einem Bunde Flachs Feuer gefaßt haben
-könnten, das in der Nähe des Heerdes befindlich
-gewesen sei. Bald darauf wäre die
-ganze Küche und der anstoßende Hausflur in
-Flammen gewesen. &bdquo;Kaum hatte ich noch
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-so viel Zeit, fuhr sie fort, einige Kleider,
-meine Börse und Kostbarkeiten zum Fenster
-hinauszuwerfen. Dann eilte ich die Treppe
-hinab, welche bereits brannte, und suchte hier
-im Freien einen Zufluchtsort. Aber was
-mag aus meinem alten Bedienten geworden
-sein? Ich sehe ihn nirgends.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich habe ihn nach dem Dorfe eilen
-sehen, antwortete Helene, die der Fremden die
-Wahrheit, welche sie vermuthete, verhehlen
-wollte. Aber kommen Sie jetzt in&rsquo;s Schloß;
-die Nacht ist kalt, und Sie sind nicht angezogen;
-dieses Betttuch kann Sie unmöglich
-vor den schädlichen Eindrücken der Nachtluft
-beschützen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ohne weiter eine Einwendung zu machen,
-nahm Lodoiska, jedoch mit vielen Danksagungen,
-das Anerbieten an. Werner, der
-in der Nähe stand und Alles mit anhörte,
-gerieth darüber in eine unbeschreibliche Verwirrung.
-Den Gedanken, daß Lodoiska mit
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-seiner Gebieterin unter einem Dache wohnen
-sollte, konnte er kaum ertragen; ein besonderes
-Vorgefühl ließ ihn die schrecklichsten Auftritte,
-die daraus entstehen würden, voraussehen,
-und zwei Mal hatte er schon den Mund
-geöffnet, um der Oberstin die Wahrheit zu
-entdecken, damit sie erführe, welche Schlange
-sie an ihrem Busen erwärmen wollte; aber
-immer hielt ihn die Furcht vor den Folgen
-einer solchen Entdeckung wieder zurück, und
-er behielt das Geheimniß in seinem Herzen
-verschlossen. Ein Blick des Triumphs, den
-ihm seine Feindin zuwarf, brachte ihn vollends
-zur Verzweiflung; indessen nahm er sich
-vor, sie so genau zu bewachen, daß es ihr
-unmöglich werden würde, ihre geheimen Triebfedern
-in Bewegung zu setzen. Schweigend
-folgte er den beiden Damen nach dem
-Schlosse zurück.
-</p>
-
-<p>
-Am andern Morgen entdeckte man unter
-den Trümmern des Hauses die Ueberbleibsel
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-eines fürchterlich verstümmelten und verbrannten
-Leichnams, der schon in Verwesung übergegangen
-war. Er verpestete die ganze Luft
-umher; übrigens konnte man keine Spur
-mehr von seinem Gesichte erkennen. Da man
-jedoch den Körper nicht weit von den Ueberbleibseln
-eines Bettes fand, so zweifelte man
-keinen Augenblick, daß es der Bediente der
-Unbekannten sei, vorzüglich da er nie wieder
-im Dorfe gesehen wurde.
-</p>
-
-<p>
-Als die beiden Damen auf dem Schlosse
-angekommen waren, bat Helene die Fremde,
-sich unverzüglich zu Bett zu legen, und Lisette
-trat näher, um sie von ihrer Umhüllung zu
-befreien. Allein Lodoiska stieß sie lebhaft zurück,
-und äußerte den Wunsch, einige Minuten
-allein zu bleiben. Man willfahrtete ihr. Als
-man voraussetzen konnte, daß sie sich niedergelegt
-haben würde, trat Helene wieder zu
-ihr ins Zimmer, um ihr einige Erfrischungen
-anzubieten, die Lodoiska indessen hartnäckig
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-ausschlug; und da Lisette ihr ein Glas mit
-Glühwein darreichen wollte, gab sie mit ihrer
-linken Hand ein Zeichen, daß sie auch dieses
-Getränk verschmähe. Bei dieser Gelegenheit
-bemerkte Helene, daß die linke Hand der
-Fremden noch immer mit einem Handschuhe
-versehen sei; noch mehr erstaunte sie aber,
-als Lisette das <a id="corr-10"></a>Betttuch, in welches Lodoiska
-eingehüllt gewesen, aufnahm, und man nun
-bemerkte, daß es von Blut benetzt sei.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie haben sich verwundet, sagte Helene
-mit lebhafter Besorgniß; warum wollen Sie
-nicht zugeben, daß man Ihnen die bei solchen
-Zufällen gewöhnliche Hülfe leiste? Warum
-wollen Sie eine so natürliche Sache ausschlagen?
-Die Blässe Ihres Gesichts beweiset, daß
-Sie derselben höchst nöthig bedürfen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein, nein! rief die Fremde voller
-Schrecken aus, wofür man gar keine gerechte
-Ursache auffinden konnte; ich will, ich mag
-keine Hülfe! Es ist wahr, daß ich verwundet
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-bin; aber ich bin es schon seit sehr langer
-Zeit, und ich habe jetzt nichts mehr zu fürchten.
-Um Alles in der Welt wollte ich Niemanden
-meine blutende Wunde zeigen; glauben
-Sie mir, daß ich mir selbst genug bin.
-Lassen Sie mich jetzt allein, wenn ich bitten
-darf, und beruhigen Sie sich, denn für mich
-ist keine Gefahr mehr zu befürchten. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-In der Stimme, womit sie diese Worte
-aussprach, lag eine so unbegreifliche Mischung
-von Gefühl und Gefühllosigkeit, ja selbst von
-Ironie, daß man nicht ohne einen geheimen
-Schauder zuhören konnte. Helene glaubte
-sich ihren Wünschen nicht länger widersetzen
-zu dürfen, und ließ sie daher allein.
-</p>
-
-<p>
-Am andern Morgen stand sie erst sehr
-spät wieder auf; man wagte nicht, eher in
-ihr Zimmer einzutreten, als bis man sie darin
-umhergehen hörte; dann klopfte Helene leise
-an, und erhielt die Einladung, hineinzukommen.
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-Die Fremde war bereits völlig angezogen;
-das schwarze Kleid, das sie heute trug,
-machte die außerordentliche Blässe ihres Gesichts
-noch bemerkbarer.
-</p>
-
-<p>
-Die Nachricht von dem Tode des alten
-Ladislaus war schon im Schlosse bekannt, und
-Helene glaubte nicht, daß es möglich sein
-würde, sie vor der Fremden stets geheim zu
-halten. Um sie aber nicht zu sehr zu erschüttern,
-wandte Helene alle mögliche Vorsicht
-an, und bereitete sie nur ganz allmählich
-darauf vor. Sie gab sich eine völlig unnütze
-Mühe. Schon bei den ersten Worten ward
-sie von der Fremden errathen, und sowohl in
-ihren Gesichtszügen, als in ihrer Antwort
-bemerkte man nichts als die ruhigste Gleichgültigkeit.
-Sie schien völlig gefühllos bei
-Helenens Erzählung zu sein, und zeigte nicht
-einmal das gewöhnliche Gefühl des Mitleidens,
-welches dergleichen Unglücksfälle sonst
-bei den Menschen hervorbringen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-Ueber ein solches Benehmen mußte Helene
-natürlich auf&rsquo;s Höchste erstaunen; Lodoiska
-bemerkte es, und gleichsam als wenn sie ihren
-Fehler hätte wieder gut machen wollen,
-sagte sie: &bdquo;Frau Oberstin, Sie wundern sich
-über mich, und fassen vielleicht eine schlechte
-Meinung von mir, daß ich nicht mehr Gefühl
-bei dem Tode des armen Ladislaus zeige;
-aber glauben Sie mir, ihm ist wenig an solchen
-Zeichen des Mitleids gelegen. Ich stand
-mit ihm durchaus nicht in näherer Verbindung;
-wir kamen Beide von demselben Orte
-her, und fanden uns zusammen, weil es so
-sein mußte. Jetzt hat uns der Wille des
-Allmächtigen wieder getrennt, aber wir werden
-zum zweiten Male, und dann auf ewig,
-mit einander vereinigt werden. Warum sollte
-ich daher Thränen vergießen? Ich habe keine
-Thränen mehr; sie sind ausgetrocknet für jede
-Art von Schmerz: denn ich habe während
-meines sterblichen Lebens zu viel geweint.
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-Jetzt, da ich nur noch ein Dasein besitze, weil
-ich mich nicht in ein Grab legen kann, ungeachtet
-ich das sehnlichste Verlangen nach
-dieser kühlen Wohnung trage, soll ich mich
-mit Dingen beschäftigen, die mich nichts
-angehen? Nein, nein! Nur ein einziger Zweck
-belebt mich noch, nur eine einzige Absicht
-strebe ich zu erreichen! Dann werde ich ohne
-Freude, wie ohne Leid, einen Körper verlassen,
-in welchem ich mich selbst nicht mehr
-leiden mag.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska hätte noch lange so fortsprechen
-können, ohne von der Oberstin unterbrochen
-zu werden. In Allem, was jene
-junge Person sagte, lag immer etwas so Unbegreifliches
-und Unzusammenhängendes, daß
-man nicht wußte, ob man sie bemitleiden oder
-fürchten sollte. Die Worte kamen so eintönig
-aus ihrem Munde, daß dadurch immer
-die Wirkung zerstört wurde, welche sie sonst
-hätten machen können; das unbewegliche Hinstarren
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-ihres Auges schien zu beweisen, daß
-sie dem, was sie sprach, völlig fremd war;
-kurz, bei ihr wich Alles von der gewöhnlichen
-Regel ab, und man konnte sich nicht erinnern,
-je etwas ihr Aehnliches gesehen zu haben.
-</p>
-
-<p>
-Helene war so erstaunt über die Rede
-der Fremden, daß sie darauf nichts zu antworten
-wußte; sie suchte dem Gespräch eine
-andere Wendung zu geben, und fragte: ob
-sie vielleicht jetzt einige Nahrungsmittel zu
-sich nehmen wolle. Lodoiska machte ein bejahendes
-Zeichen, worauf die Oberstin Befehl
-gab, das Frühstück hereinzubringen.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt traten auch die Kinder herein, die
-schon ungeduldig darauf gewartet hatten, bei
-ihrer Freundin vorgelassen zu werden. Lodoiska
-empfing sie mit einem Lächeln, welchem
-sie den Ausdruck des Wohlwollens zu geben
-strebte, und eine plötzliche Röthe überflog ihr
-Gesicht, das zu gleicher Zeit so verzerrt wurde,
-als wenn ihr Herz von einem tödtlichen Stiche
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-durchbohrt worden wäre. Alles dieses wurde
-jedoch von Niemanden bemerkt. Helene, stolz
-auf ihre Kinder, überhäufte dieselben mit ihren
-zärtlichsten Liebkosungen, während die
-Fremde heimlich Blicke voll Zorn und Verachtung
-auf diese allerliebste Gruppe warf.
-Um zu verbergen, was in ihrem Innern vorging,
-bedeckte sie oft ihr Gesicht mit beiden
-Händen, von denen die eine stets mit einem
-Handschuh bedeckt war, und lange Zeiträume
-hindurch schien sie in das tiefste Nachdenken
-versunken zu sein.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-10">
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-Zehntes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">B</span>ei den russischen Truppen, die im Jahre
-1812 die Moldau und Wallachei besetzt hatten,
-befand sich auch das Regiment, in welchem
-Alfred Lobenthal damals als Rittmeister
-diente. Er war einer der kühnsten und tapfersten
-unter allen Offizieren, und sein Muth
-verwickelte ihn öfters in die gefährlichsten
-Unternehmungen; auch war ihm das Glück,
-welches gern die Kühnheit krönt, gewöhnlich
-hold, bis die unbeständige Göttin ihn einst
-auf einige Zeit verließ: der Rittmeister Lobenthal
-erhielt in einem Gefechte, in dem
-Augenblicke, wo der Feind die Flucht ergriff,
-einen Flintenschuß in den Leib, der ihn vom
-Pferde stürzte.
-</p>
-
-<p>
-Werner, der brave Unteroffizier, den die
-Dankbarkeit auf immer an ihn gefesselt hatte,
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-befand sich in der Nähe, und eilte sogleich
-zur Hülfe herbei. Von einigen Soldaten
-unterstützt, brachte er den Rittmeister in das
-benachbarte Haus eines Pächters, der einer
-gewissen Wohlhabenheit genoß, und da die
-Ankunft eines verwundeten Offiziers für die
-Einwohner eine Schutzwehr war, so nahmen
-sie ihn mit Freude und Wohlwollen auf.
-Der Hausvater, ein ehrwürdiger Greis, ließ
-ihm das beste Zimmer einräumen, und ihm
-alle Hülfe leisten, die ihm zu Gebote stand.
-Der Wundarzt des Regiments ward herbeigeholt;
-nach dem ersten Verbande erklärte er,
-daß die Wunde zwar nicht tödtlich sei, aber
-nur langsam wieder heilen würde.
-</p>
-
-<p>
-Beinah vierzehn Tage lang befand sich
-Lobenthal in einer fast völligen Bewußtlosigkeit;
-er hörte kaum das Geräusch, was man
-um sein Bett her machte, und da seine Augen
-stets geschlossen waren, so sahe er nicht,
-wie sorgsam man ihn pflegte; sonst hätte er
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-sogleich bemerkt, wie unter den Personen, die
-über die Erhaltung seines Lebens wachten,
-sich vorzüglich die junge Tochter des Hauses
-auszeichnete, die nicht nur durch ihre außerordentliche
-Schönheit, sondern auch durch
-ihr liebenswürdiges, unschuldiges Wesen Jedermann
-auffiel. Von einem Mitleiden bewegt,
-dessen wahre Ursachen sie selbst noch
-nicht kannte, brachte sie ganze Tage am Bette
-des Kranken zu, der ungeachtet seiner Todtenblässe,
-dennoch in seinen Gesichtszügen die
-Spuren einer hohen Schönheit verrieth.
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska fand stets einen neuen Vorwand,
-in das Krankenzimmer zurückzukehren, aus
-welchem man sie öfters forttrieb; mehrere
-Stunden brachte sie häufig bloß mit einem
-Anschauen zu, dessen Folgen für sie höchst
-gefährlich werden konnten. Sobald aber befreundete
-Offiziere Lobenthals oder Soldaten
-von seiner Schwadron kamen, um sich nach
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-seinem Befinden zu erkundigen, floh das unschuldige
-Mädchen, voller Scham, hier überrascht
-worden zu sein, so leicht wie ein junges
-Reh von dannen, und wartete mit Ungeduld,
-bis die lästigen Besuche sich wieder entfernt
-haben würden.
-</p>
-
-<p>
-Die ersten Blicke, welche Lobenthal aufschlug,
-fielen auf diesen irdischen Engel; wie
-konnte er sie anders, als mit der höchsten
-Bewunderung ansehen? Er fühlte bald das
-Bedürfniß eines Vertrauten, mit welchem er
-nach Herzenslust von derjenigen sprechen könnte,
-die seine ganze Seele erfüllte; hierzu wurde
-Werner erwählt, und stolz auf diese Auszeichnung
-eilte er, sich derselben würdig zu
-machen, indem er Gelegenheit suchte, die
-schöne Lodoiska von den glänzenden Eigenschaften
-seines Rittmeisters zu unterhalten,
-ohne ihr jedoch auf eine bestimmte Art zu
-erklären, was dieser schöne junge Offizier
-von ihr dachte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-Werners Erzählungen nahmen die Aufmerksamkeit
-des jungen Mädchens auf eine
-außerordentliche Art in Anspruch. Mit welcher
-Spannung hörte sie der Beschreibung einer
-Schlacht zu! Sie folgte in Gedanken
-dem Rittmeister bis mitten in die sich immer
-erneuernden Gefahren; bald erblaßte, bald
-erröthete sie; ihr Athemzug wurde kürzer,
-wenn die Gefahr am augenscheinlichsten war.
-Endigte aber dann die Erzählung mit einem
-Siege, den Lobenthal nicht mit einer Wunde
-bezahlt hatte, so erhob sie ihre ausdrucksvollen
-Augen gen Himmel, und stattete der Vorsehung
-tausend Mal ihren wärmsten Dank ab.
-</p>
-
-<p>
-In der Stille der Nacht, so wie am
-Tage mitten unter ihren Arbeiten, war sie
-nur von einem einzigen Gedanken beschäftigt:
-der schöne und tapfere Rittmeister war ihrer
-Einbildungskraft, so wie ihrem Herzen, unaufhörlich
-gegenwärtig. Je länger dieß dauerte,
-desto tiefer drang der Pfeil in&rsquo;s Innere; schon
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-empfand sie das ganze Entzücken der Liebe,
-und doch hatte der Gegenstand derselben noch
-kein Wort mit ihr davon gesprochen. Indessen
-beobachtete Lobenthal nicht lange diese
-Zurückhaltung, die weder mit seinem Stande
-noch mit seinem Charakter übereinstimmte; er
-erklärte sich endlich, und ward sogleich erhört.
-Lodoiska befand sich in jenem Alter, wo das
-Mißtrauen noch unbekannt ist; sie liebte mit
-Leidenschaft, und es schien ihr ganz natürlich,
-daß sie eben so wieder geliebt würde. Sie
-kannte weder den Unterschied der Stände noch
-des Vermögens; ihr Geliebter war schön und
-jung, sie war beides ebenfalls: alles schien ihr
-daher gleich, und für sie konnte die Zukunft
-nichts sein, als eine glückliche Verlängerung
-der Gegenwart.
-</p>
-
-<p>
-Aber mitten in diesem Entzücken erhielt
-sie sich rein, wie die Tugend selbst; kein unreiner
-Gedanke befleckte ihre Unschuld, und
-Lobenthal, voll Erstaunen über eine Leidenschaft,
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-vereinigt mit so viel Tugend, machte
-keinen Versuch, sie zu entweihen. Je länger
-er seine Lodoiska sahe, desto größer wurde
-seine Zärtlichkeit für sie, bis sie endlich den
-höchsten Gipfel erreichte. Eines Abends,
-nachdem er den ganzen Tag in dem reinsten,
-entzückendsten Vergnügen zugebracht hatte,
-ritzte er sich mit einem Federmesser den Arm,
-und schrieb mit seinem Blute ein Heirathsversprechen
-auf, welches er seiner Geliebten
-übergab. Lodoiska eilte, ein Gleiches zu
-thun; nach dem uralten Gebrauche der dortigen
-Gegenden ward der doppelte Vertrag
-fünf Nächte lang unter dem Leichenstein
-eines Grabes verwahrt, und dadurch im
-Himmel selbst geheiligt.
-</p>
-
-<p>
-Man zweifelt in jenen Ländern nicht,
-daß zwei Liebende durch einen solchen Vertrag
-unwiderruflich an einander gefesselt werden;
-jede andere Ehe, die nicht unter ihnen
-beiden vollzogen würde, kann nur höchst unglücklich
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-sein. Die Jungfrau, welche sich
-auf solche Art verlobt, kann nach ihrem Tode
-aus dem Grabe wieder auferstehen, um als
-Vampyr den Treulosen zu quälen, der sie
-verlassen hat. Lobenthal wußte nichts von
-allen diesen Eigenheiten, und fürchtete die
-Zukunft nicht; denn es schien ihm unmöglich,
-seine Lodoiska je zu vergessen.
-</p>
-
-<p>
-Wochen und Monate vergingen; schon
-waren die russischen Truppen aus der Moldau
-und Wallachei wieder abgezogen, um im
-Norden ihren Mitbrüdern gegen die Franzosen
-zu Hülfe zu eilen. Lobenthals Wunde war
-geheilt, und dennoch verlängerte er seinen Aufenthalt,
-da die Liebe ihn einen Theil seiner
-Pflicht vergessen machte; aber ein strenger Befehl
-seines Chefs lösete bald die Bezauberung
-des neuen Rinaldo, und es blieb ihm keine
-Wahl, als sich zu entehren, oder sich von Lodoiska
-zu trennen. Der Kampf in seinem
-Innern war fürchterlich, doch trugen endlich
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-Ruhm und Pflicht den Sieg über die Liebe davon.
-Nachdem Lobenthal seine eigene Schwachheit
-überwunden hatte, mußte er noch die seiner
-Geliebten bekämpfen; er suchte sie durch
-die feierlichsten Versprechungen zu beruhigen,
-und gelobte, höchstens in Zeit von einem
-Jahre wiederzukommen. Endlich fand sich
-Lodoiska geduldig, aber nicht getröstet, und
-willigte in die unglückliche Abreise.
-</p>
-
-<p>
-Lobenthal sahe seine Braut nicht wieder;
-lange Zeit hindurch blieb er ihr treu, aber
-die Abwesenheit brachte endlich auch bei ihm
-die gewöhnliche Wirkung hervor. Lodoiska
-wurde ihm nach und nach gleichgültig, er
-vergaß seine Versprechungen, und endlich erlosch
-das Andenken an seine frühere Liebe
-völlig durch seine Vermählung mit Helenen.
-Indessen blieb es ihm unmöglich ganz mit
-Lodoiska zu brechen. Sie schrieb ihm regelmäßig,
-und ergab sich geduldig in eine verlängerte
-Zögerung, die der Krieg nothwendig
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-machte; als aber der Frieden endlich in ganz
-Europa hergestellt war, wurden ihre Briefe
-dringender, und sie kündigte dem nun zum
-Obersten beförderten Lobenthal an, daß sie
-ihn selbst aufsuchen wolle, wenn er nicht zu
-ihr zurückkehren würde.
-</p>
-
-<p>
-Lobenthal beantwortete diese Briefe nicht,
-und er hörte lange nichts von seiner ehemaligen
-Braut, bis er endlich in Berlin, nach
-seiner Verabschiedung und nach langer Unterbrechung,
-abermals einen Brief von Lodoiska
-erhielt, worin sie ihm ihre nahe Ankunft
-in Berlin meldete. Dieses Schreiben
-mußte ihm, als Gatten Helenens, den höchsten
-Schrecken verursachen; er that daher einen
-verzweifelten Schritt, und machte seine
-unglückliche Braut mit seiner Vermählung
-bekannt. Voller Angst erwartete er ihre
-Antwort, die auch nicht lange ausblieb.
-Kaum hatte er sie erhalten, so trat er zu
-Helenen in&rsquo;s Zimmer, schützte einen bedeutenden
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-Verlust an seinem Vermögen vor, der
-ihn zwänge, die Hauptstadt sogleich zu verlassen,
-und trat die Reise nach Böhmen an,
-wie wir am Eingange dieses Buches gesehen
-haben. Auf die Antwort Lodoiska&rsquo;s
-wagte er nie wieder einen Blick zu werfen,
-und in einem neuen Anfall von Schrecken
-vernichtete er diesen Brief, so daß man nie
-erfahren hat, was er eigentlich enthalten
-habe. &mdash;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-11">
-<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
-Eilftes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">L</span>odoiska&rsquo;s jetziger Aufenthalt im Schlosse
-R.... konnte nur von übler Vorbedeutung
-für die Familie Lobenthal sein; Werner, der
-genau von den früheren Verhältnissen des Obersten
-unterrichtet war, fürchtete das Schrecklichste,
-und gerieth fast in Verzweiflung, seine
-Furcht weder Jemanden zu entdecken, noch den
-Obersten davon benachrichtigen zu können. Er
-entschloß sich endlich, sich Lodoiska so viel als
-möglich zu nähern, um ihre wahren Absichten
-kennen zu lernen.
-</p>
-
-<p>
-Hierzu wählte er einen Nachmittag, als
-die Oberstin gerade einige Gesellschaft aus der
-Nachbarschaft bei sich hatte. Als er in Lodoiska&rsquo;s
-Zimmer trat, saß dieselbe in der Nähe eines
-Fensters, während der junge Wilhelm vor ihr
-stand, und auf ihren Schooß ein Bilderbuch
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-gelegt hatte, das er mit vielem Vergnügen
-durchblätterte. Die Fremde schien in das tiefste
-Nachdenken versunken zu sein, und sahe den Knaben
-mit Blicken an, die nichts weniger als Wohlwollen
-verriethen; Werners Schritte weckten sie
-aber aus ihren Träumereien, worauf sie augenblicklich
-ihre Miene änderte, und ihre gewöhnliche
-außerordentliche Gleichgültigkeit annahm.
-Der alte Unteroffizier trat näher und grüßte
-sie, was aber nicht erwidert wurde; doch ließ
-er sich durch diese Unhöflichkeit nicht irre machen,
-sondern fing sogleich seinen Angriff an,
-wie er sich vorgenommen hatte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vortrefflich, Lodoiska, sagte er; da haben
-Sie sich nun in ein Haus eingeführt, wo
-Sie der Klugheit gemäß lieber hätten wegbleiben,
-und das Sie hätten scheuen sollen, zu Ihrer
-eigenen Ruhe und zur Ruhe einer achtungswürdigen
-Familie. Was haben Sie jetzt für
-Absichten? Wollen Sie hier, zum Lohne für die
-gute Aufnahme, die Sie genießen, Schmerz
-<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
-und Zank erregen? Halten Sie es nicht für angemessener,
-da Sie denn nun einmal den Obersten
-noch wiedersehen wollen, seine Rückkehr in
-Prag abzuwarten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich halte dafür, Werner, daß man sich
-in wichtigen Angelegenheiten nicht bei seinen
-Feinden Raths erholen müsse, und überdieß bist
-du in deinen Rathschlägen eben nicht glücklich.
-Warst du es nicht, der mich einst aufforderte,
-mich von der Liebe des treulosesten aller Männer
-rühren zu lassen? Und dennoch kanntest du
-ihn genau, und wußtest, wie groß sein Leichtsinn
-sei. Aber dieß hinderte dich nicht, mich
-dem Rande des Abgrundes näher zu führen,
-und wer steht mir dafür, daß dein jetziger
-Rath nicht ebenfalls ähnliche Betrügereien im
-Hinterhalt hat? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn ich Unrecht that, so ward dieß mehr
-in Folge meines damaligen Alters, als meines
-Herzens geübt. Jetzt leitet mich nur meine
-Theilnahme für ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-&mdash; Ich glaube nicht mehr an die Worte
-der Menschen, und gehe auch nicht von dem mir
-einmal vorgeschriebenen Wege ab. Da ich mich
-jetzt in diesem Hause befinde, so werde ich darin
-so lange bleiben, bis Alles für mich aus ist,
-und ich den ewigen Qualen entgegengehe, die
-mich erwarten. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was haben Sie aber zu fürchten, wenn
-Sie nichts Böses gethan haben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nicht mit dir, rief die Fremde im heftigsten
-Tone, werde ich über diesen Punkt sprechen.
-Ich bin es müde, dich anzuhören und dir zu antworten;
-ja deine Gegenwart ist mir so lästig, daß
-ich ungeduldig auf den Zeitpunkt warte, wo ich
-deiner Gesellschaft überhoben werde. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es thut mir leid, Ihnen zu mißfallen; aber
-obgleich meine Anwesenheit Ihnen so lästig ist,
-so dürfen Sie sich doch nicht schmeicheln, mich
-aus den Augen zu verlieren, so lange Sie sich in
-diesem Schlosse befinden, und ich werde meine
-Wachsamkeit nur noch verdoppeln.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-&mdash; Wahrlich, Werner, deine Wachsamkeit
-wird auch höchst nöthig sein, und du wirst großen
-Vortheil davon haben. Fürchtest du nicht, mich
-endlich auf&rsquo;s Aeußerste zu treiben? Kannst du die
-Frechheit haben, mich so zu beleidigen, indem du
-mir geradezu dein Mißtrauen gegen mich ausdrückst?
-Schwacher Sterblicher! Sobald ich deiner
-Obhut müde bin, wirst du aufhören, meinen
-Absichten Hindernisse in den Weg zu legen. Sei
-überzeugt, daß du, der du mit so vieler Kühnheit
-zu mir sprichst, das Schloß eher verlassen wirst,
-als ich! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich zweifle nicht, daß meine Gegenwart
-Ihnen lästig ist; allein wenn ich will, so soll keine
-Stunde vergehen, und Sie werden einen Laufpaß
-erhalten, sich Ihre Wohnung anderswo zu
-suchen, wo es Ihnen belieben wird. Ich darf
-nur ein Wort sagen ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du wirst es nicht sagen, dieses Wort,
-denn du kennst die Folgen davon! Glaube mir,
-Werner, wenn dir das Glück der Oberstin theuer
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-ist, so laß sie den noch übrigen Theil ihres Lebens
-in Ruhe zubringen. Ich werde ihr nur im äußersten
-Falle die schreckliche Aufklärung geben, und
-wenn ihr Leben vergiftet wird, so bist du allein
-die Ursache davon. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber kurz, was wollen Sie hier? Worauf
-gründen Sie Ihre Hoffnung?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Hoffnungen habe ich nicht und kann ich
-nicht mehr haben, denn mein Schicksal ist unwiderruflich
-bestimmt. Aber ich habe noch Pflichten
-zu erfüllen, Befehle zu vollziehen. Früherhin
-hätten sie mein Herz zerrissen, das sich dagegen
-aufgelehnt haben würde; aber jetzt kommt es
-mir nicht mehr darauf an, da ich schon im Voraus
-in der Zukunft lesen kann; die Gefühle, denen
-ich früher hingegeben war, sind jetzt für mich
-verloren. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wahrhaftig, Lodoiska, ich höre Sie sprechen,
-aber es ist mir unmöglich, Sie zu verstehen.
-Als Sie noch in Ihrem Vaterlande waren,
-brauchte ich nicht erst über jedes Ihrer
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-Worte nachzudenken; aber jetzt sind sie mir so
-dunkel, daß ich mir vergebens den Kopf darüber
-zerbreche. Ich bitte Sie, drücken Sie sich deutlicher
-und ohne Umschweife gegen mich aus!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska antwortete nicht; ein triumphirendes
-Lächeln schwebte über ihren Lippen, während
-sie gleichgültig mit dem Buche spielte, welches
-Wilhelm, der sich beim Eintritte des Unteroffiziers
-entfernte, zurückgelassen hatte. Dadurch
-entstand ein ziemlich langes Stillschweigen, das
-Werner endlich zuerst brach.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich sehe wohl, sagte er voller Aerger, daß es
-vergebens ist, Sie auf vernünftige Gedanken zu
-bringen. Aber, wenn Sie darauf bestehen, einen
-Plan auszuführen, den ich schlechterdings nicht
-errathen kann, so vergessen Sie wenigstens nicht,
-mit welcher Güte Sie im Schlosse R.... aufgenommen
-worden sind, und lassen Sie uns unsere
-Gastfreundschaft gegen Sie nicht bereuen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese Worte brachten ein flüchtiges Erröthen
-in den Gesichtszügen der Fremden hervor;
-aber sie nahmen bald ihre gewöhnliche Blässe
-wieder an, und Lodoiska antwortete mit großer
-Ruhe:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-&bdquo;Welchen Vorwurf über mein Betragen,
-sei es auch in der Folge wie es wolle, könnte
-mir derjenige machen, der voll Entzücken in
-dem Hause meines Vaters aufgenommen wurde,
-und zum Lohne dafür nur Verzweiflung und
-Tod darin zurückließ?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine so kräftige Erwiderung setzte Wernern
-in Verlegenheit. Er fühlte die Richtigkeit
-dieses Vorwurfs, doch suchte er seine Verwirrung
-zu verbergen, indem er sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geschehene Dinge sind nicht zu ändern;
-aber die Fehler der andern sind für uns keine
-Entschuldigung, und das Böse, was erst noch
-geschehen soll, kann das frühere Uebel nicht
-wieder gut machen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska antwortete ihm nicht. Sie gab
-ihm nur ein Zeichen, daß sie wünsche, allein
-zu sein, und da Werner fürchtete, von der Oberstin
-hier überrascht zu werden, so entfernte
-er sich, aber mit dem festen Vorsatze, jeden
-Schritt der Feindin des Hauses, wie er sie
-nannte, zu belauschen.
-</p>
-
-<p>
-Helene, deren Einsamkeit nur selten durch
-die Besuche der Nachbarn gestört wurde, hoffte
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-durch die Gesellschaft der jungen Fremden für
-die Folge einigen Zeitvertreib zu haben; aber
-sie überzeugte sich bald, daß der Umgang mit
-ihr nichts weniger als angenehm sei. Ihre beständige
-Traurigkeit, ihr Schweigen, wenn man
-sie nicht fragte, ihre kurzen Antworten, und mehr
-als Alles, das Unbeschreibliche in ihren Gesichtszügen,
-waren höchst zurückstoßend für Helenen,
-die bald dem mehrmals ausgesprochenen Wunsche
-der Fremden nachgab, sie in ihrem Zimmer völlig
-allein zu lassen. Lodoiska verließ dasselbe nur
-zur Zeit der Mahlzeiten, und setzte sich schweigend
-an den Tisch, wo sie kaum so viel Nahrung zu
-sich nahm, als zur Erhaltung ihres Lebens höchst
-nothwendig war. Vergebens drang man in sie,
-mehr zu essen; sie schlug hartnäckig die besten
-Speisen aus, und begnügte sich mit etwas
-Fleisch, das sie bloß aussaugte; Nahrungsmittel
-aus dem Pflanzenreich waren ihr höchst zuwider.
-Die Ruhe, deren sie in ihrem Zimmer genoß,
-ward nur durch die täglichen Besuche der
-Kinder unterbrochen. Sie zeigte sich stets freundlich
-gegen dieselben, obgleich sie öfters ganz unbeschreibliche
-Blicke auf sie warf.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
-Vierzehn Tage wohnte sie bereits auf dem
-Schlosse, und ihr Betragen blieb immer dasselbe.
-Vergebens wurde sie stets von Werner belauscht;
-er konnte durchaus nichts Verdächtiges entdecken,
-obgleich er des Nachts zu allen Stunden aufstand,
-und im Schlosse umherschlich. Wider seinen
-Willen fing er daher am Ende zu glauben an,
-er habe sie falsch beurtheilt, und ließ auch allmählich
-in seiner Wachsamkeit nach.
-</p>
-
-<p>
-Zu dieser Zeit fing Wilhelm zu kränkeln an,
-und setzte seine Mutter in die größte Unruhe.
-Das Kind beklagte sich eigentlich über nichts insbesondere,
-und dennoch sahe man die Röthe seiner
-Wangen schwinden, und seinen Körper immer
-mehr abmagern. Bald wurde er so schwach, daß
-er nicht mehr gehen konnte; auch das Tageslicht
-ward ihm zuwider; aber zu gleicher Zeit nahm
-seine Anhänglichkeit an die Fremde zu, die er
-kaum mehr verlassen wollte. Wenn man ihn mit
-Gewalt von seiner Freundin trennte, gerieth er in
-Zorn, und ganze Stunden lang brachte er in
-ihrem Arm liegend zu. Lodoiska sahe indessen diese
-Zuneigung mit Gleichgültigkeit an, obgleich sie
-das Kind nicht von sich entfernte, und darein willigte,
-<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
-daß es vorzugsweise ihrer Pflege überlassen
-wurde.
-</p>
-
-<p>
-Helene schrieb Briefe über Briefe an ihren
-Mann, theilte ihm den bedenklichen Krankheitszustand
-ihres Sohnes mit, und bat ihn, doch
-endlich seiner Abwesenheit ein Ziel zu setzen. Von
-der Feuersbrunst und dem Aufenthalte der unglücklichen
-Fremden im Schlosse hatte sie ihn
-schon früher benachrichtigt. Lobenthal theilte in
-seinen Antworten Helenens Aengstlichkeit, und
-versprach ihr, sich sobald als möglich auf den
-Rückweg zu machen, da aller Anschein da sei,
-eine völlige Aussöhnung zwischen seiner Schwester
-und ihrem Gatten zu Stande zu bringen.
-Der Begebenheit mit der Feuersbrunst hatte er
-nur wenig seine Aufmerksamkeit geschenkt, und
-berührte sie nur im Vorübergehen, indem er das
-Betragen Helenens völlig billigte. Alle seine
-Briefe schloß er mit den heißesten Wünschen für
-die Genesung seines geliebten Wilhelm.
-</p>
-
-<p>
-Der Himmel schien seine Wünsche nicht erhören
-zu wollen; die Kräfte des Kindes schwanden
-immer mehr, sein Athem wurde immer kürzer,
-und schon konnte er kaum seinen Kopf in gerader
-<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
-Richtung über den Schultern erhalten, auf welche
-er aller Anstrengungen ungeachtet immer
-wieder zurückfiel. Helene war außer sich. Zwar
-suchte ein geschickter Arzt, der täglich nach dem
-Schlosse kam, ihr Trost einzusprechen, allein auch
-dieser wußte selbst nicht, was er von der außerordentlichen
-Krankheit denken sollte. Das Kind
-behielt bei seiner großen Schwäche eine Eßlust,
-die mit der Krankheit immer zunahm; es beklagte
-sich stets über Hunger, der nur schwer zu stillen
-war, und dieß am meisten des Morgens, sobald
-er aus seinem todtenähnlichen Schlafe erwachte.
-Dann forderte er die kräftigsten und schwersten
-Nahrungsmittel, die er verschlang, als wenn er
-mehrere Tage lang gar nichts gegessen hätte. Um
-die Mutter nicht noch mehr in Angst zu setzen,
-that der Arzt, als wenn er gute Hoffnung habe,
-das Kind wieder herzustellen; aber insgeheim
-sahe er kein Mittel vor Augen, wie er sein Versprechen
-erfüllen sollte.
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska verließ ihren kleinen Freund nur
-selten; sie hörte die Fragen des Arztes, die Klagen
-der Mutter mit an, ohne sich je in das Gespräch
-zu mischen. Nur wenn das Kind die Arznei
-<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-einnehmen sollte, wendete sie ihren Einfluß auf
-den kleinen Wilhelm an, der sie dann freundlich
-anlächelte, ihre Hand nahm, und artig zu sein
-versprach, wenn Lodoiska bei ihm bleiben wollte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sei ruhig, mein Kind, sagte sie, und fürchte
-deßhalb nichts. Ich habe mich zu innig mit deinem
-Wesen vereinigt, als daß ich mich von dir
-trennen könnte, und ich werde dich nur in dem
-verhängnißvollen Augenblicke aufgeben, wo man
-Alles auf der Erde verlassen muß.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese liebreichen Worte verloren für die
-Zuhörer allen Werth, weil sie mit der äußersten
-Gleichgültigkeit und Trockenheit ausgesprochen
-wurden. Die Fremde legte überhaupt nur selten
-einen Ausdruck in das, was sie sagte oder that, so
-daß man sie weniger für ein lebendiges Geschöpf,
-als für ein belebtes Automat zu halten geneigt
-war, das sich bloß nach dem Uhrwerk in seinem
-Innern auf eine stets gleichförmige Weise bewegte.
-So viel Kälte erregte öfters bei Helenen eine
-leichte Anwandlung von Zorn, die aber sogleich
-wieder unterdrückt wurde, wenn sie sich erinnerte,
-daß der Verstand dieser unglücklichen Fremden
-ohne Zweifel gelitten haben müsse. Auch war dieß
-<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
-die Ursache, warum sie nicht die Fragen an sie that,
-die man sonst wohl das Recht hat, an Jemanden
-zu richten, der in ein Haus eingeführt und aufgenommen
-ist. Sie wußte von Lodoiska selbst,
-daß deren Aufenthalt in Deutschland nicht mehr
-lange dauern würde, daher sie sich auch vorgenommen
-hatte, bis zum nächsten Frühling der Fremden
-die Gastfreundschaft zu gewähren.
-</p>
-
-<p>
-Der gute Werner, der den kleinen Wilhelm
-über allen Ausdruck liebte, war über seine Krankheit
-ganz untröstlich. Er selbst lebte kaum nur
-noch zur Hälfte, da es augenscheinlich war, daß
-der Knabe seinem Grabe entgegenging; ja er gerieth
-endlich in eine Art von Verzweiflung, so
-daß er den Verdacht schöpfte: Wilhelm möchte
-wohl vergiftet sein, und Lodoiska sei die Urheberin
-dieses abscheulichen Verbrechens. Dieser Gedanke
-ließ ihm von nun an keine Ruhe mehr, und
-er sann auf nichts, als auf die Art, wie er seinen
-Verdacht entweder aufklären oder wieder vernichten
-könnte.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-12">
-<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
-Zwölftes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>erner beobachtete seit einigen Tagen die
-Fremde mit erneuerter und verdoppelter Wachsamkeit,
-ohne indessen etwas Verdächtiges auffinden
-zu können. Wilhelm schien mit jeder Minute
-den Geist aufgeben zu wollen, und es ward
-also angeordnet, daß seine Mutter, Werner oder
-Lisette abwechselnd des Nachts bei ihm wachen
-sollten. Dieser Zeitpunkt, welcher entscheidend
-zu sein schien, war derjenige, wo ein ziemlich
-merkbares Besserbefinden einige Hoffnung gab,
-daß das Kind dennoch wieder genesen könnte.
-Sein völlig abgemagerter Körper erhielt einige
-Kräfte wieder; schon verbreitete sich eine leichte
-Röthe über seine eingefallenen Wangen, und im
-ganzen Schlosse herrschte die lauteste Freude. Nur
-Lodoiska blieb völlig gefühllos. Der lauschende
-Blick Werners, der sie nicht aus den Augen verlor,
-glaubte bei ihr eine Veränderung zu bemerken,
-die der des Kindes gerade entgegengesetzt
-war; sie verlor einen guten Theil von <a id="corr-11"></a>ihrem körperlichen
-<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-Umfange. Ueber ihr leichenblasses Gesicht
-war eine verdächtige Unruhe verbreitet, und
-ihr Gang wurde holperig und schleppend. Oft
-legte sie eine Hand auf die Wunde, welche Werner
-unter ihrer linken Brust gesehen hatte, und drückte
-sie mit Heftigkeit, als wenn sie das Leben, das
-hier zu entschlüpfen drohte, hätte zurückhalten
-wollen. Zweimal überraschte Werner sie, wie sie
-das kranke Kind mit der Aufmerksamkeit einer
-wilden Ungeduld betrachtete, und eine Bewegung,
-schrecklich für den, welcher sie verstanden hätte,
-drückte dabei ihre Gedanken aus. Allein Werner
-errieth sie nicht; er sah jedoch genug, um überzeugt
-zu sein, daß entweder die Fremde mit dem
-morgenden Tage das Schloß verlassen, oder daß
-das Kind sein Leben endigen müsse. Er nahm sich
-vor, mit der größten Klugheit zu Werke zu gehen,
-und der Oberstin so viel zu sagen, daß sie zuerst
-die Fremde auffordern würde, sich anderswo
-eine Wohnung zu suchen, weil es nicht anginge,
-daß sie noch länger in ihrer jetzigen bleiben könne.
-</p>
-
-<p>
-Unterdessen war die Nacht schon angebrochen.
-Die Oberstin, von Mattigkeit fast erschöpft, weil
-sie seit mehreren Tagen selbst bei ihrem Sohne gewacht
-<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-hatte, fühlte heute ein unwiderstehliches
-Bedürfniß, etwas Ruhe zu genießen, und sie
-wollte daher eins der Dienstmädchen zur Wache
-für diese Nacht bestimmen, als Lodoiska, von
-dieser Absicht unterrichtet, sich selbst erbot, ihrem
-jungen Freunde diesen Dienst zu leisten. Helene
-glaubte, es ihr nicht abschlagen zu dürfen, vorzüglich
-da sie bisher noch nicht bei dem kleinen
-Wilhelm gewacht hatte, was man nicht wagen
-wollte, ihr anzumuthen.
-</p>
-
-<p>
-Die Sache wurde sogleich abgemacht, und
-Lisette brachte, wahrscheinlich aus Vergeßlichkeit,
-dem guten Werner davon keine Nachricht. Dieser
-legte sich also in der Ueberzeugung zu Bett,
-daß der Sohn seines Obersten die Nacht unter
-der Obhut der zärtlichsten Mutter zubringen würde;
-aber kaum hatte er sich niedergelegt, so durchkreuzte
-seinen Kopf eine Menge der peinlichsten
-Ideen. Einige Augenblicke lang bemächtigte sich
-dann der Schlaf seiner Sinne, ohne ihm jedoch
-Ruhe zu verschaffen; er ward von den seltsamsten
-Träumen bis auf&rsquo;s Aeußerste geängstigt. Bald
-glaubte er mitten im Walde, welcher sich hinter
-dem Garten des Schlosses R.... befand, umherzuirren;
-<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-plötzlich stürzte eine Räuberbande über
-ihn her, und er blieb nach einem heftigen Kampfe
-sterbend auf der Erde liegen; bald versetzte ihn
-eine Erinnerung aus früheren Zeiten in die Wohnung
-von Lodoiska&rsquo;s Vater. Er sah auf dem
-Hausflur einen Sarg, mit einem schwarz und
-weißen Leichentuche behangen, und mit einer
-Krone von Lilien und weißen Nelken geschmückt;
-eine Menge junger Mädchen stand umher, bis ein
-Geistlicher erschien, und den Zug nach dem Kirchhofe
-führte. Hier wurde der Sarg in ein offenes
-Grab versenkt; die Zuschauer entfernten sich.
-Werner allein war noch stehen geblieben, und
-sahe, daß es plötzlich tiefe Nacht um ihn her geworden.
-Mit einem fürchterlichen Donnerschlage
-erschien der Mond; kaum hatte dieser die Gegend
-umher erleuchtet, so öffnete sich unter dumpfem
-Brausen eines heftigen Sturmwindes die Erde,
-und in ein Leichentuch gehüllt steigt langsam eine
-Gestalt aus dem frischen Grabe empor. Immer
-höher erhebt sie sich in die Lüfte, und durch eine
-unwiderstehliche Macht wird Werner ihr nach
-mit fortgerissen. Sie durchfliegt mit reißender
-Schnelligkeit ungeheure Räume, während der
-<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
-halb betäubte Soldat sie stets begleitet, bis endlich
-beide sich wieder zur Erde niederlassen. Werner
-erkennt das Schloß R.... und schaudert
-über das, was hier vorgehen soll. Sein geheimnißvoller
-Führer zieht unter seinem Leichentuche
-eine Hand hervor, welche aber nichts als ein Gerippe
-ist, und klopft damit an die Thür des
-Schlosses; sie wird ihm aufgethan, und in demselben
-Augenblicke dreht die Gestalt sich um;
-der erstaunte Werner erkennt in ihr das zornige
-Gesicht Lodoiska&rsquo;s. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ein so fürchterlicher Traum konnte nicht
-länger dauern; Werner erwachte, ganz in seinem
-Schweiße gebadet, und kaum wagte er in der ihn
-umgebenden Finsterniß die Augen aufzuschlagen.
-Als er sich nach und nach besann, schien es ihm,
-als wenn der Himmel selbst ihm eine schreckliche
-Aufklärung gegeben hätte, von welcher er jetzt
-Gebrauch machen müsse. Alle Wunder, über die
-er bisher erstaunte, sind ihm jetzt erklärt, denn
-im Grabe hat Lodoiska die Macht geschöpft, womit
-sie ihn überraschte. Bisher hatte er geglaubt,
-bloß gegen ein von Leidenschaft verblendetes Weib
-<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
-zu kämpfen, und jetzt ist es ein höllischer Geist,
-mit dem er sich messen soll.
-</p>
-
-<p>
-Während sich Werner so dem Fluge seiner
-Einbildungskraft überließ, erinnerte er sich, daß
-die Oberstin heute bei ihrem Sohne wachen würde:
-ein günstiger Zeitpunkt, um ihr die wichtigen
-Entdeckungen zu machen, wodurch Werner
-sie und ihre Familie zu retten hoffte; denn leicht
-war es möglich, daß Lodoiska jetzt in einen irdischen
-Schlaf versunken sein konnte, und daher
-nicht im Stande war, sich seinem Vorhaben zu widersetzen.
-Dieser Gedanke gab ihm einen raschen
-Entschluß; er sprang sogleich aus dem Bette,
-kleidete sich rasch an und eilte nach der Thür; aber
-hier fiel ihm ein, daß es gefährlich sein könne,
-ohne Waffen durch die weitläuftigen Gänge und
-Säle des Schlosses zu gehen, weil es möglich sei,
-daß vielleicht ein schrecklicher Vampyr darin umherirre.
-Beim Schein des Mondes, der seine
-Strahlen durch das Fenster warf, suchte er seine
-Pistolen, die stets geladen waren; dann verließ
-er endlich sein Zimmer, und nahm seinen Weg
-nach dem des kranken Kindes, wo er die Gemahlin
-seines Obersten anzutreffen hoffte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
-In beständiger Furcht, daß das geringste Geräusch
-Lodoiska&rsquo;s Aufmerksamkeit wecken könnte,
-ging er nur langsam und so leise als möglich vorwärts;
-er hielt seinen Athem an, und zitterte bei
-dem Gedanken, überrascht zu werden. Schon hat
-er die Haupttreppe erstiegen und befindet sich in
-dem großen Saale, ohne das Geringste wahrgenommen
-zu haben; er tritt jetzt in den Gesellschaftssaal,
-den er ebenfalls unangefochten durchschleicht,
-und ist schon im Begriff, die Thür des
-Zimmers zu öffnen, in welchem sich die Oberstin
-bei ihrem Kinde befindet, als es ihm einfällt, daß
-sie wohl eingeschlummert sein könnte, und daß
-er durch sein plötzliches Erscheinen ihr einen großen
-Schrecken verursachen würde. Um sich vorher
-zu überzeugen, ob sie schläft oder wacht, näherte
-er also sein Auge dem Schlüsselloche, und blickt
-in&rsquo;s Zimmer hinein.
-</p>
-
-<p>
-Welche Ueberraschung! Nicht Helene befindet
-sich hier, sondern die unerklärbare Lodoiska!
-Sie geht mit langsamen Schritten auf und nieder,
-aber scheint nichts desto weniger in der größten
-Ungeduld zu sein; bald blickt sie auf das Bett,
-in welchem das kranke Kind ruht, bald auf den
-<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
-Mond, der in einem völlig wolkenleeren Himmel
-immer höher steigt ..... Jetzt schlägt die Schloßuhr
-zwölfe! ..... In demselben Augenblicke
-werden Lodoiska&rsquo;s Gesichtszüge völlig entstellt,
-und eine schreckliche Freude scheint ihre Muskeln
-zusammenzuziehen; mit der größten Heftigkeit
-reißt sie sich den Handschuh ab und stürzt sich wie
-wüthend über das Bett her. Hier legt sie ihren
-Mund auf den des Kindes und scheint mit langen
-Zügen das Blut zu trinken, das sie aus der Brust
-und von da aus allen Adern dieses unglücklichen
-Wesens hervorsaugt! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Dieß ist zu viel für den guten Werner. Sollte
-er auch sein Leben verlieren, er kann dieses
-schreckliche Schauspiel nicht länger mit ansehen;
-er spannt eine seiner Pistolen, reißt die Thür mit
-Gewalt auf, und stürzt sich auf das Ungeheuer los,
-um ihm den Lohn für seine Verbrechen zu geben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Endlich habe ich dich ertappt! rief er aus.
-Kehre jetzt zur Hölle zurück, und besudele die Erde
-nicht mehr mit deiner Gegenwart!&ldquo; Er drückt
-seine Pistole auf sie ab, und Lodoiska wird von
-der Kugel getroffen; aber schneller als der Adler,
-der in seinem Neste von dem kühnen Jäger überrascht
-<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
-wird, springt sie von dem Lager auf, das
-sie so eben entweihete.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Elender, sagte sie, deine Mühe ist vergebens!
-du selbst sollst jetzt mein Geheimniß mit
-in&rsquo;s Grab nehmen! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ein scharf geschliffener Dolch blitzt in ihrer
-Hand; Werner giebt zum zweiten Male Feuer,
-aber die Kugel fährt unschädlich neben Lodoiska
-vorbei in die Mauer, und in demselben Augenblicke
-wühlt das mörderische Eisen in seinem Herzen.
-Ohne einen Laut von sich zu geben fällt
-Werner todt auf den Fußboden nieder.
-</p>
-
-<p class="end">
-Ende des ersten Theils.
-</p>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="part"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="handheld-only">
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Im Original
-g&nbsp;e&nbsp;s&nbsp;p&nbsp;e&nbsp;r&nbsp;r&nbsp;t
-hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert.
-</p>
-
-<p>
-Die variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des Originales
-wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
-korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
-... deine Ruhe wiederfinden, und alle <span class="underline">unangenehme</span> ...<br />
-... deine Ruhe wiederfinden, und alle <a href="#corr-0"><span class="underline">unangenehmen</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">unglückliche</span> Geschöpfe antrifft, die, um einen ...<br />
-... <a href="#corr-1"><span class="underline">unglücklichen</span></a> Geschöpfe antrifft, die, um einen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... einer Frau, die seine <span class="underline">Zärtlicheeit</span> verdient. ...<br />
-... einer Frau, die seine <a href="#corr-2"><span class="underline">Zärtlichkeit</span></a> verdient. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Er wußte nicht, ob er <span class="underline">seinen</span> Zorn den Lauf ...<br />
-... Er wußte nicht, ob er <a href="#corr-3"><span class="underline">seinem</span></a> Zorn den Lauf ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Dinstag</span> erfuhr ich, daß sich hier in der ...<br />
-... <a href="#corr-4"><span class="underline">Dienstag</span></a> erfuhr ich, daß sich hier in der ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Eilen Sie <span class="underline">Ihren</span> Schicksale nicht im Voraus ...<br />
-... Eilen Sie <a href="#corr-5"><span class="underline">Ihrem</span></a> Schicksale nicht im Voraus ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... sich selbst <span class="underline">zn</span> kommen, und sprach bald über ...<br />
-... sich selbst <a href="#corr-6"><span class="underline">zu</span></a> kommen, und sprach bald über ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">zusamen</span>? &mdash; Da die Sonne hinter den ...<br />
-... <a href="#corr-7"><span class="underline">zusammen</span></a>? &mdash; Da die Sonne hinter den ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Bedienter</span> behandelte; meine Geschäfte mit ...<br />
-... <a href="#corr-8"><span class="underline">Bediente</span></a> behandelte; meine Geschäfte mit ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Zweifel, ob er seine <span class="underline">Ausforderung</span> erneuern ...<br />
-... Zweifel, ob er seine <a href="#corr-9"><span class="underline">Aufforderung</span></a> erneuern ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... als Lisette das <span class="underline">Bettuch</span>, in welches Lodoiska ...<br />
-... als Lisette das <a href="#corr-10"><span class="underline">Betttuch</span></a>, in welches Lodoiska ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... war; sie verlor einen guten Theil von <span class="underline">ihren</span> körperlichen ...<br />
-... war; sie verlor einen guten Theil von <a href="#corr-11"><span class="underline">ihrem</span></a> körperlichen ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut.
-Erster Theil., by Theodor Hildebrand
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VAMPYR: ERSTER THEIL ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-
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-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-
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-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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-
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-
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-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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