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-The Project Gutenberg EBook of Der versiegelte Engel und andere Geschichten, by
-Nikolai Leskow
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Der versiegelte Engel und andere Geschichten
- Der versiegelte Engel / Die Epopöe von Wischnewskij und
- seiner Sippe / Der Toupetkünstler / Anläßlich der
- Kreutzersonate
-
-Author: Nikolai Leskow
-
-Translator: Alexander Eliasberg
-
-Release Date: January 13, 2016 [EBook #50911]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VERSIEGELTE ENGEL UND ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
- NIKOLAI LJESSKOW
- DER VERSIEGELTE ENGEL
-
- NIKOLAI
- LJESSKOW
-
-
-
-
- DER
- VERSIEGELTE ENGEL
- UND ANDERE GESCHICHTEN
-
-
- ÜBERTRAGEN VON
- ALEXANDER ELIASBERG
-
- 1922
- MUSARION VERLAG MÜNCHEN
-
- Alle Rechte vorbehalten
- Druck von Dietsch & Brückner in Weimar
-
-
-
-
- INHALTSVERZEICHNIS
-
-
- Der versiegelte Engel 7
- Die Epopöe von Wischnewskij und seiner Sippe 107
- Der Toupetkünstler 169
- Anläßlich der Kreutzersonate 205
-
-
-
-
- DER VERSIEGELTE ENGEL
-
-
-
-
- ERSTES KAPITEL
-
-
-Es war um die Weihnachtszeit, am Vorabend des Wassilijtages. Das Wetter
-ließ sich sehr ungnädig an. Einer der grausamen Landstürme, welche die
-Winter in den Wolgasteppen berüchtigt machen, hatte eine Menge Leute in
-den abgelegenen Gasthof getrieben, ein Bauernhaus inmitten der flachen,
-unabsehbaren Steppe. Dort hatten sich auf einem Haufen Adelige,
-Kaufleute, Bauern zusammengefunden, Russen, Mordwinen und Tschuwaschen.
-Auf Rang und Würden konnte man in einem solchen Nachtquartier keine
-Rücksicht nehmen: wohin man sich wendet, alles ist gedrängt voll, die
-einen trocknen sich, die anderen wärmen sich, die dritten suchen ein
-wenn auch noch so kleines Plätzchen, auf dem sie bleiben können. In der
-dunklen, niederen, mit Menschen überfüllten Stube herrscht eine schwere
-Schwüle und der dichte Dampf der nassen Kleider. Nirgends ist ein
-unbesetzter Fleck zu sehen: auf den Pritschen, dem Ofen, den Bänken, und
-selbst auf dem schmutzigen Erdboden, überall liegen Menschen. Der
-Hauswirt, ein mürrisch blickender Bauer, zeigt weder über seine Gäste,
-noch über den Verdienst irgendwelche Freude. Zornig schlägt er das Tor
-hinter den zwei Kaufleuten zu, die als letzte auf Schlitten in den Hof
-gekommen sind. Er schließt die Pforte ab, hängt den Schlüssel unter den
-Heiligenschrank und erklärt entschieden:
-
-»Nun kann kommen wer will, und wenn er mit dem Kopf ans Tor schlägt, ich
-mach nicht auf!«
-
-Aber kaum hatte er es gesagt, seinen weiten Schafspelz abgelegt, sich
-mit breiter Gebärde auf Raskolniki-Art bekreuzigt und sich fertig
-gemacht, auf den heißen Ofen zu klettern, als jemand zaghaft an die
-Scheibe klopfte.
-
-»Wer ist dort?« rief der Hauswirt mit lauter, ärgerlicher Stimme.
-
-»Wir!« antwortete es dumpf hinter dem Fenster.
-
-»Nun, was wollt ihr noch?«
-
-»Laß uns herein, um Christi willen, wir haben uns verirrt, sind ganz
-erstarrt.«
-
-»Seid ihr viele?«
-
-»Nicht viele, nicht viele, achtzehn im ganzen, achtzehn,« sagte
-stammelnd und mit den Zähnen klappernd ein anscheinend ganz erfrorener
-Mensch hinter der Scheibe.
-
-»Ich kann euch nicht einlassen, die ganze Stube ist mit Menschen
-ausgelegt.«
-
-»Laß uns nur ein wenig in die Wärme!«
-
-»Wer seid ihr denn?«
-
-»Fuhrleute.«
-
-»Mit oder ohne Fuhrwerk?«
-
-»Mit Fuhrwerken, Lieber, Felle führen wir.«
-
-»Felle! Felle führt ihr, und da wollt ihr in der Stube übernachten. Was
-es jetzt für Leute in Rußland gibt. Schert euch fort!«
-
-»Aber was sollen sie tun?« fragte ein Durchreisender, der auf der
-obersten Pritsche unter einem Bärenpelz lag.
-
-»Die Felle herunterwerfen und unter ihnen schlafen, das sollen sie tun,«
-antwortete der Wirt, schimpfte noch kräftig auf die Fuhrleute und legte
-sich dann unbeweglich auf den Ofen.
-
-Der Reisende unter dem Bärenpelz warf dem Wirte im Ton eines sehr
-energischen Protestes seine Härte vor, aber der würdigte seine
-Bemerkungen gar keiner Antwort. An seiner Statt ließ sich aus einer
-entfernten Ecke ein kleiner rothaariger Mensch mit einem Spitzbärtchen
-vernehmen.
-
-»Verurteilen Sie den Wirt nicht, bester Herr,« begann er, »er weiß das
-aus Erfahrung und hat es ganz richtig gesagt: unter Fellen ist es
-ungefährlich.«
-
-»Wirklich?« entgegnete fragend der Reisende unter dem Bärenpelz.
-
-»Ganz ungefährlich, und es ist sogar für sie selbst besser, daß er sie
-nicht hereinläßt.«
-
-»Warum das?«
-
-»Weil sie eine nützliche Lehre erhalten haben, und wenn jetzt jemand
-hilflos hierher kommt, findet er noch ein Plätzchen.«
-
-»Wen soll der Teufel jetzt noch herbringen?« sagte der Pelz.
-
-»Hör, du,« mischte sich der Wirt ein, »schwatz' kein so dummes Zeug.
-Soll vielleicht der Widersacher jemand herbringen, wo ein solches
-Heiligtum ist? Siehst du nicht dort das Erlöserbild und das Antlitz der
-Gottesgebärerin?«
-
-»Das ist wahr,« bekräftigte der Rothaarige, »einen erlösten Menschen
-führt nicht der Teufel, sondern ein Engel geleitet ihn.«
-
-»Den habe ich noch nicht gesehen, und weil es mir hier sehr widerwärtig
-ist, so will ich auch nicht daran glauben, daß mich mein Engel
-hergeführt hat,« antwortete der gesprächige Pelz.
-
-Der Wirt spuckte bloß wütend aus, aber der Rote erklärte gutmütig, daß
-der Engelsweg nicht für jeden sichtbar sei und daß nur der ihn begreifen
-könne, der darin Erfahrung habe.
-
-»Sie reden, als ob Sie selbst eine solche Erfahrung hätten?« sagte der
-Pelz.
-
-»Ja, ich habe sie.«
-
-»Wollen Sie sagen, daß Sie einen Engel gesehen haben, und er Sie geführt
-hat?«
-
-»Ja, ich habe ihn gesehen, und er hat mich geleitet.«
-
-»Scherzen Sie, oder machen Sie sich lustig?«
-
-»Gott behüte mich, über eine solche Sache zu scherzen!«
-
-»So haben Sie also wirklich etwas derartiges gesehen: wie ist Ihnen der
-Engel erschienen?«
-
-»Bester Herr, es ist eine sehr lange Geschichte.«
-
-»Wissen Sie, es ist entschieden unmöglich, hier einzuschlafen. Sie tun
-gut, wenn Sie uns jetzt diese Geschichte erzählen.«
-
-»Nun schön!«
-
-»So erzählen Sie, bitte, wir hören Ihnen zu. Warum hocken Sie aber dort
-auf den Knien! Kommen Sie zu uns her, wir rücken etwas zusammen.«
-
-»Nein, ich danke Ihnen! Warum soll ich Sie beengen, und zudem ist es
-schicklicher, wenn ich Ihnen meine Erzählung auf den Knien berichte,
-denn die Sache ist sehr heilig und sogar schrecklich.«
-
-»Nun, wie Sie wollen, erzählen Sie aber schneller, wie Sie einen Engel
-sehen konnten, und was er mit Ihnen getan hat.«
-
-»Schön, ich beginne.«
-
-
-
-
- ZWEITES KAPITEL
-
-
-»Ich bin, wie Sie mir zweifellos ansehen können, ein ganz unbedeutender
-Mensch, ich bin nur ein Bauer und habe den Umständen gemäß eine
-ländliche Erziehung erhalten. Ich bin kein hiesiger, sondern von weit
-weg, von Beruf bin ich Maurer und im alten russischen Glauben geboren.
-Als Waise bin ich von Kind auf mit meinen Landsleuten auf Wanderarbeit
-gegangen und habe an verschiedenen Orten gearbeitet, aber immer mit
-derselben Gesellschaft, bei meinem Landsmann Luka Kirillow. Dieser Luka
-Kirillow lebt heute noch: er ist unser größter Bauunternehmer. Sein
-Geschäft hatte er von altersher, es war schon von seinen Vätern
-begründet, und er hatte es nicht vergeudet, sondern vergrößert, und sich
-einen großen und reichen Besitz geschaffen, aber er war und ist ein
-prächtiger Mensch, der niemand etwas zuleide tut. Und wo sind wir mit
-ihm nicht gewesen? Ich glaube, wir haben ganz Rußland durchzogen, und
-nirgends habe ich einen besseren und würdigeren Brotherrn getroffen. Und
-wir lebten bei ihm ganz friedlich und patriarchalisch, er war
-Bauunternehmer und unser Leiter wie im Handwerk, so auch im Glauben. Wir
-zogen mit ihm unsern Weg zu den Arbeiten, wie die Juden auf ihren
-Wüstenwanderungen mit Moses, und sogar unsere heilige Stiftshütte
-führten wir mit uns, von der wir uns nie trennten: das heißt, wir hatten
-unseren »Gottessegen« bei uns. Luka Kirillow war ein großer Verehrer
-gemalter Ikonen und besaß, beste Herren, ganz wunderbare, alte, sehr
-kunstvolle, teils echte griechische, teils von den ersten Nowgoroder
-oder Stroganower Malern. Ein Bild strahlte schöner als das andere, aber
-nicht nur durch die Beschläge, sondern durch die Klarheit und
-Gewandtheit der wunderbaren Kunst. So Erhabenes sah ich später nirgends
-mehr! Er hatte Bilder mit Jesus in zwei Gestalten, ein nicht von
-Menschenhänden gefertigtes Erlöserbild mit feucht glänzenden Haaren,
-Heilige, Märtyrer, Apostel, und wunderbarer als alles andere waren
-vielgestaltige Bilder aus der Heiligengeschichte, die zum Beispiele die
-Feiertage darstellten, das Jüngste Gericht, Heilige, Konzile, die
-Schöpfungswoche, die Dreifaltigkeit mit Abrahams Gebet im Haine Mamre,
-mit einem Wort, all diese Pracht kann man gar nicht beschreiben, und
-solche Bilder malt man jetzt nirgends mehr, weder in Moskau, noch in
-Petersburg, noch in Palichow; von Griechenland gar nicht zu reden, wo
-diese Kunst längst untergegangen ist. Wir alle liebten unser Heiligtum
-mit leidenschaftlicher Liebe, wir zündeten vor ihm die heiligen Lampen
-an und hielten uns auf gemeinsame Kosten ein Pferd und ein besonderes
-Fuhrwerk, auf dem wir den Gottessegen in zwei großen Kisten überall mit
-uns führten. Zwei Bilder waren von besonderem Wert; das eine von alten
-Moskauer Meistern, die für den Zaren arbeiteten, den Griechen
-nachgebildet: die allerheiligste Himmelskönigin betet im Garten, und vor
-ihr neigen sich alle Zypressen und Oliven bis zur Erde; das andere aber
-war ein Schutzengel, eine Stroganower Arbeit. Es läßt sich gar nicht
-sagen, was für eine Kunst in diesen beiden Bildern war! Du schaust auf
-die Himmelskönigin, wie sich vor ihrer Reinheit die seelenlosen Bäume
-neigen, und das Herz schmilzt dir im Leibe und zittert, du schaust auf
-den Engel ... und wirst voller Freude! Dieser Engel war wirklich
-unbeschreiblich! Sein Gesicht, ich sehe es auch jetzt vor mir, leuchtet
-himmlisch und so gütig: sein Blick ist mild, an den Ohren hat er ein
-weißes Band als Zeichen des Allhörens, seine Kleidung glänzt, die
-Gewänder sind mit Gold durchwirkt, die Rüstung ist gefiedert, die
-Schultern gepanzert; auf der Brust trägt er das Antlitz des
-Erlöserkindes, in der rechten Hand hält er das Kreuz, in der Linken das
-Flammenschwert. Wunderbar! Wunderbar! ... Die Kopfhaare sind blond
-gelockt, fallen über die Ohren, und Härchen an Härchen ist wie mit der
-Nadel gezogen. Die Flügel sind breit und weiß wie Schnee, der Untergrund
-leuchtender Lasur; Feder sitzt an Feder, und im Flaum jeder Feder
-Härchen an Härchen. Du schaust auf die Flügel, und wohin ist deine ganze
-Angst verschwunden? Du betest: Beschatte mich! Und sogleich wirst du
-ganz still, und in deine Seele kehrt der Friede ein. Was war das für ein
-Bild! Diese beiden Bilder waren für uns dasselbe, wie für die Juden ihr
-Allerheiligstes, das Bezaleel mit wunderbarer Kunst ausgeschmückt hatte.
-Alle anderen Bilder, von denen ich eben erzählte, führten wir in
-besonderen Kasten auf dem Wagen, aber diese beiden legten wir nicht
-einmal auf das Fuhrwerk, sondern trugen sie: das der Himmelskönigin trug
-Michailiza, Luka Kirillows Frau, die Darstellung des Engels aber
-verwahrte Luka selbst auf seiner Brust. Er hatte für dieses Bild ein
-Säckchen aus dunklem Brokat machen lassen mit einem Knopf und mit einem
-scharlachroten Kreuz aus Stoff an der Vorderseite; oben war eine dicke
-grüne Seidenschnur angenäht, um das Bild um den Hals zu hängen. So trug
-Luka die Ikone immer auf der Brust, und wenn wir gingen, zog er voraus,
-als wenn der Engel selbst uns voranschritte. Wir gingen auf Suche nach
-neuer Arbeit von Ort zu Ort durch die Steppen. Allen voran schwingt Luka
-Kirillow ein Klaftermaß, anstelle eines Steckens, hinter ihm fährt im
-Wagen Michailiza mit dem Bilde der Gottesmutter, und hinter ihnen zieht
-unsere ganze Gesellschaft. Um uns her auf den Feldern Gras, Blumen auf
-den Wiesen, wo die Herden weiden und der Hirt die Flöte bläst ... für
-Herz und Seele ist es eine Wonne! Immer ging es uns prächtig, und
-wunderbar war unser Erfolg bei jeder Sache: stets fanden wir gute
-Arbeit, unter uns herrschte Eintracht, von zu Hause kamen immer
-beruhigende Nachrichten. Und dafür segneten wir unseren Engel, der uns
-voranschritt, und ich glaube, wir hätten uns leichter von unserem Leben
-getrennt als von seinem wunderbaren Bild.
-
-Und kann man es sich ausdenken, daß wir irgendwie durch irgendeine
-Schickung unseres kostbarsten Heiligtums beraubt werden würden? Indes
-erwartete uns dieses Leid, und es wurde uns, wie wir später einsahen,
-nicht durch menschliche Hinterlist bereitet, sondern nach dem Willen
-unseres Wegführers selbst. Er begehrte für sich selber diese Kränkung,
-um uns durch Kummer das Heilige begreifen zu machen und uns den wahren
-Weg zu zeigen, vor dem alle Wege, die wir bis zur Stunde gewandert
-waren, durch eine dunkle, pfadlose Schlucht liefen. Aber gestatten Sie
-die Frage, ob meine Erzählung Sie interessiert, oder ob ich Ihre
-Aufmerksamkeit unnütz in Anspruch nehme?«
-
-»Nein, wieso denn: fahren Sie gütigst fort!« riefen wir, voll
-Anteilnahme für seine Erzählung.
-
-»Schön, ich gehorche Ihnen und beginne, so gut ich es kann, von dem
-Wunder zu berichten, das sich mit dem Engel zutrug.«
-
-
-
-
- DRITTES KAPITEL
-
-
-»Wir kamen vor eine große Stadt, an ein großes fließendes Wasser, den
-Dnjeprstrom, um dort eine große und jetzt sehr berühmte Brücke zu bauen.
-Die Stadt erhebt sich auf dem rechten steilen Ufer, während wir auf dem
-linken flachen Wiesenufer standen, und vor uns lag die ganze wundervolle
-Landschaft: alte Kirchen, heilige Klöster mit vielen heiligen Reliquien,
-dichte Gärten und Bäume, wie man sie in alten Büchern abgebildet findet,
-spitzwipfelige Pappeln. Du schaust auf all das, und dein Herz brennt in
-dir gleichsam, so herrlich ist es! Sehen Sie, wir sind natürlich
-einfache Leute, aber wir fühlen doch die Pracht der gottgeschaffenen
-Natur! Der Ort hier gefiel uns so sehr, daß wir am ersten Tag mit dem
-Bau einer vorläufigen Unterkunft für uns begannen; zuerst schlugen wir
-hohe Pfähle ein, da die Stelle nieder gelegen war, ganz neben dem
-Wasser. Dann errichteten wir auf diesen Pfählen eine Stube und daneben
-einen Schuppen. In der Stube stellten wir unser ganzes Heiligtum auf,
-wie es sich nach dem Gesetz der Väter gehört: längs der einen Wand
-stellten wir die zusammenlegbare, dreiteilige Heiligenwand auf, zu
-unterst die großen Bilder, darauf zwei Tafeln für die kleineren Bilder,
-und so errichteten wir eine Art Treppe bis hinauf zum Kruzifix; den
-Engel aber stellten wir auf das Chorpult, auf dem Luka Kirillow die
-Heilige Schrift vorlas. Luka Kirillow wohnte mit Michailiza im Schuppen,
-während wir uns daneben einen Schlafraum errichteten. Andere, die
-ebenfalls gekommen waren, um hier lange zu arbeiten, sahen uns zu und
-begannen ebendort zu bauen, so daß bei uns, der großen Stadt gegenüber,
-ein kleines Städtchen auf Pfählen entstand. Wir arbeiteten, und alles
-ging ganz nach Wunsch. Das Geld zur Auszahlung lag immer pünktlich im
-Kontor der Engländer bereit, und Gott schenkte uns solch eine
-Gesundheit, daß es den ganzen Sommer über keinen einzigen Kranken gab;
-Lukas Michailiza begann sogar zu klagen, daß sie gar nicht froh werden
-könne, so dick werde sie überall. Uns Altgläubigen gefiel besonders gut,
-daß wir, die wir damals sonst überall wegen unserer Bräuche verfolgt
-wurden, hier volle Freiheit hatten: es gab keine Stadt- und keine
-Kreisobrigkeit und keinen Popen; wir sahen niemanden, und niemand
-kümmerte sich um unseren Glauben oder behinderte uns ... Wir beteten
-soviel wir wollten. Wenn wir unsere Stunden abgearbeitet hatten,
-versammelten wir uns in der Stube, wo schon das ganze Heiligtum im
-Lichte der Lämpchen glänzte, so daß einem das Herz erglühte. Luka
-Kirillow stimmte das Segenslied an, und wir fielen ein, so daß unser
-Gesang manchmal bei ruhigem Wetter weit von unserer Ansiedlung zu hören
-war. Unser Glaube störte niemanden, vielen gefiel er sogar, und zwar
-nicht nur den einfachen Leuten, die Gott nach russischem Brauche
-verehren, sondern auch Andersgläubigen. Viele fromme kirchlich Gesinnte,
-die nicht Zeit hatten, zur Kirche jenseits des Flusses zu gehen, standen
-bei uns an den Fenstern, hörten zu und beteten mit. Wir trieben sie von
-da nicht weg, es wäre auch nicht möglich gewesen alle fortzujagen, weil
-auch hin und wieder die Ausländer kamen, die sich für die alten
-russischen Bräuche interessierten und unserem Gesang mit Vergnügen
-zuhörten. Der Oberbaumeister der Engländer, Jakow Jakowlewitsch, stand
-manchmal sogar mit einem Stück Papier hinter dem Fenster und wartete, um
-unsern Gesang in Notenschrift aufzuzeichnen, und wenn er dann zur Arbeit
-kam, summte er nach unserer Weise vor sich hin: »Herr Gott, erscheine
-uns.« Nur geriet es bei ihm, versteht sich, in einem anderen Stil, weil
-dieses Lied in der alten kirchlichen Notenschrift aufgezeichnet ist und
-sich mit den westlichen Noten nicht vollkommen aufzeichnen läßt. Die
-Engländer, man muß ihnen die Ehre lassen, sind umgängliche und
-gottesfürchtige Leute, sie hatten uns sehr gern und schätzten und lobten
-uns als gute Menschen. Mit einem Wort, der Engel Gottes hatte uns an
-einen guten Ort geführt und vor uns die Herzen der Menschen und die
-ganze Natur aufgetan. In solch friedlicher Stimmung, wie ich sie Ihnen
-geschildert habe, lebten wir fast drei Jahre. Alles glückte uns, und die
-Erfolge strömten über uns wie aus einem Zauberhorn, als wir plötzlich
-sahen, daß unter uns zwei Gefäße waren, die Gott zu unserer Bestrafung
-auserwählt hatte. Der eine war der Schmied Maroi, der andere der
-Rechnungsführer Pimen Iwanow. Maroi war ein ganz einfacher Mann, der
-weder lesen noch schreiben konnte, was unter den Altgläubigen selten
-vorkommt, aber doch auffallend: von außen plump wie ein Kamel und wild
-wie ein Eber, seine Brust war um die Hälfte breiter, als bei einem
-anderen Menschen, seine Stirn war mit dichten Haarbüscheln bewachsen,
-aber auf dem Scheitel hatte er sich eine Tonsur geschoren. Seine Sprache
-war dumpf und schwerverständlich, da er immer mit den Lippen schmatzte,
-und sein Verstand war so beschränkt, daß er nicht einmal aus dem
-Gedächtnis beten konnte, sondern nur immer dasselbe Wort vor sich
-hersagte. Aber er sah in die Zukunft, besaß die Gabe der Weissagung und
-konnte Andeutungen über kommende Dinge geben. -- Pimen dagegen war ein
-stutzerhafter Mensch, der sich gern wichtig machte und seine Worte so
-schlau setzte, daß man seine Reden bewundern mußte, aber er hatte einen
-leichtfertigen und beeinflußbaren Charakter. Maroi war ein bejahrter
-Mann, schon über die siebzig, Pimen war mittleren Alters und ansehnlich:
-er hatte krause, in der Mitte gescheitelte Haare, starke Brauen, eine
-gesunde Gesichtsfarbe und war mit einem Wort ein strammer Mensch. Und
-siehe: in diesen beiden Gefäßen gärte der bittere Trank, den wir trinken
-mußten.
-
-
-
-
- VIERTES KAPITEL
-
-
-Die Brücke, die wir auf sieben Granitjochen bauten, war schon weit über
-das Wasser hinausgewachsen, und im Sommer des vierten Jahres begannen
-wir die eisernen Ketten über die Pfeiler zu spannen. Da wurden wir aber
-in unserer Arbeit etwas aufgehalten: als wir die Kettenglieder nach
-ihrer Größe aneinander paßten und mit stählernen Nieten zusammenfügten,
-zeigte es sich, daß viele Bolzen zu lang waren und daß man sie
-abschneiden mußte. Aber jeder dieser Bolzen war eine englische
-Stahlstange und in England hergestellt, aus härtestem Stahl gegossen und
-stark wie der Arm eines erwachsenen Mannes. Man konnte diese Bolzen
-nicht glühen, weil der Stahl darunter gelitten hätte, und kein
-Instrument griff den Stahl an. Da fand plötzlich unser Schmied Maroi ein
-Mittel: er verklebte den Bolzen, an der Stelle, wo man ihn abschneiden
-mußte, mit dickem Wagenteer, den er mit Sand bedeckte, steckte dann das
-ganze Stück in den Schnee, streute Salz herum und drehte und wendete es.
-Dann zog er es mit einem Ruck heraus, glühte es, und wenn er dann mit
-dem Hammer draufschlug, sprang es auseinander, wie man eine Wachskerze
-mit der Schere durchschneidet. Alle die Engländer und Deutschen kamen,
-um die schlaue Erfindung unseres Marois zu sehen; sie schauen und
-schauen, plötzlich lachen sie, sprechen zuerst untereinander in ihrer
-Sprache und sagen dann in unserer Sprache:
-
-»So, Ruß; bist ein tüchtiger Kerl. Verstehst gut Physik.«
-
-Aber was für eine »Physik« konnte unser Maroi kennen! Er hatte ja von
-der Wissenschaft keine Ahnung und tat nur, wie ihn Gott erleuchtete.
-Aber unser Pimen Iwanow brüstete sich damit. So war es nach beiden
-Seiten schlecht: die einen glaubten an die Wissenschaft, von der unser
-Maroi nicht das geringste wußte, und die anderen sagten, daß Gottes
-Segen über uns sichtbar Wunder wirke, von denen wir niemals etwas sahen.
-Und das letzte war für uns schlimmer als das erste. Ich erklärte Ihnen
-eben, daß Pimen Iwanow ein schwacher Mensch und ein Prahler war, und
-jetzt muß ich erklären, weshalb wir ihn doch in unserer Gesellschaft
-duldeten. Er fuhr für uns in die Stadt, um Lebensmittel zu holen, und
-besorgte die notwendigen Einkäufe; wir schickten ihn auf die Post, um
-Geld und die Pässe heimzuschicken und die neuen Pässe wieder abzuholen.
-Er erledigte alle solche Angelegenheiten und war uns, die Wahrheit zu
-sagen, in dieser Beziehung sogar sehr nützlich. Ein wirklich würdiger
-Altgläubiger meidet natürlich diese Eitelkeiten und flieht den Verkehr
-mit den Beamten, von denen wir außer Ärger nichts hatten; Pimen aber
-freute sich über diese Eitelkeiten und hatte in der Stadt auf dem
-anderen Ufer eine sehr ausgebreitete Bekanntschaft. Händler,
-Herrschaften, mit denen er in unseren Geschäften in Berührung kam, alle
-kannten ihn und hielten ihn für den Ersten bei uns. Natürlich lachten
-wir darüber, aber er liebte es sehr, mit den Herrschaften Tee zu trinken
-und groß daherzureden. Sie nennen ihn unseren Ältesten, und er lächelt
-nur, und in seinem Innersten schmeichelt es ihm. Mit einem Wort:
-Hohlheit! So kam unser Pimen auch zu einer nicht unwichtigen
-Persönlichkeit, die eine Frau aus unserer Gegend hatte. Sie war
-ebenfalls redselig und hatte irgendwelche neue Bücher über uns gelesen,
-in denen, wir wissen nicht was alles über uns geschrieben stand. Auf
-einmal erklärte sie, ich weiß nicht, wie es ihr in den Sinn kam, daß sie
-die Altgläubigen sehr liebe. Das war eine ganz wundersame Sache. Nun sie
-liebt uns halt, und so oft Pimen wegen irgendetwas zu ihrem Manne kommt,
-läßt sie ihn sofort sich niedersetzen, traktiert ihn mit Tee, und er
-freut sich darüber und setzt ihr seine Geschichten vor.
-
-Bei solchem Weibergeschwätz erzählt er ihr, was wir Altgläubige für
-Menschen wären; wir seien wie die Heiligen, rechtschaffen und gesegnet,
-und unser Großsprecher schlägt die Augen nieder, legt den Kopf auf die
-Seite, streicht sich den Bart und sagt süßlich:
-
-»Ja, Gnädige, wir halten eben das väterliche Gesetz und sind so, daß wir
-das Herkommen beobachten und einer für den anderen über die Reinheit der
-Sitten wacht.« Mit einem Wort, er sagt ihr lauter Dinge, die durchaus
-nicht zum Gespräch mit einer weltlichen Frau gehören. Aber denken Sie
-sich nur: sie interessiert sich dafür.
-
-»Ich habe gehört,« sagt sie, »daß sich Gottes Segen sichtbar bei euch
-offenbart.«
-
-Und er bestätigt es ihr sofort:
-
-»Nun ja, Mütterchen,« antwortet er, »er offenbart sich; ganz sichtlich
-offenbart er sich.«
-
-»Sichtlich?«
-
-»Sichtlich,« sagt er, »Gnädige, sichtlich. Gerade dieser Tage hat einer
-unserer Leute den mächtigen Stahl wie ein Spinngewebe durchschnitten.«
-
-Die Gnädige klatscht vor Überraschung in die Hände.
-
-»Ach,« sagt sie, »wie interessant! Ich glaube an Wunder und liebe sie
-schrecklich! Wissen Sie, sagen Sie bitte Ihren Altgläubigen, sie möchten
-beten, daß Gott mir eine Tochter schenke. Ich habe zwei Söhne und möchte
-unbedingt eine Tochter. Ist das möglich?«
-
-»Ja, das ist möglich,« antwortet Pimen, »warum nicht? Es ist sehr wohl
-möglich! Nur ist es in solchen Fällen notwendig, daß Sie für die
-Öllämpchen opfern.«
-
-Zu seiner großen Befriedigung gibt sie ihm zehn Rubel für Öl, er steckt
-das Geld in die Tasche und sagt:
-
-»Schön, seien Sie guten Mutes, ich werde es ausrichten.«
-
-Pimen erzählte uns natürlich davon nichts, aber der Gnädigen wurde eine
-Tochter geboren.
-
-Nun war sie vor Freude außer sich und ließ gleich nach der Geburt
-unseren Hohlkopf rufen; sie feiert ihn, als ob er selbst der Wundertäter
-wäre, und er nimmt das alles hin. So leichtfertig wird ein Mensch, sein
-Verstand verdunkelt sich, und sein Gefühl erstarrt. Nach einem Jahr hat
-die Herrin wieder eine Bitte an unseren Gott, daß nämlich ihr Mann ihr
-ein Landhaus mieten solle, -- und wieder geht es nach ihrem Wunsch, und
-Pimen verwendet das Geld, das sie für Kerzen und Öl spendete, wie er es
-für zweckmäßig hält; zu uns gelangte aber nichts. Und tatsächlich
-ereigneten sich unerklärliche Wunder. Der älteste Sohn der Gnädigen war
-in der Schule der größte Taugenichts und ein fauler Schlingel, der
-nichts lernen wollte; als es zum Examen kam, ging sie zu Pimen und
-beauftragte ihn, zu beten, daß ihr Sohn in die andere Klasse versetzt
-werde. Pimen sagte:
-
-»Das ist eine schwere Sache. Ich muß alle meine Leute die ganze Nacht
-beim Gebet zusammenhalten, damit sie bei Kerzen bis zum Morgen flehen.«
-
-Aber sie besteht auf ihren Willen und händigt ihm dreißig Rubel ein:
-»Betet nur!« Und was denken Sie? Ihr nichtsnutziger Sohn hat solches
-Glück, daß man ihn in die nächste Klasse versetzt. Die Gnädige kommt
-fast von Sinnen darüber, daß Gott ihr solche Gefälligkeiten erweist. Sie
-gibt Pimen Auftrag auf Auftrag, und er hat schon bei Gott für sie
-Gesundheit erwirkt, eine Erbschaft, einen hohen Rang für ihren Mann und
-so viele Orden, daß sie auf seiner Brust keinen Platz mehr finden und er
-einen, wie man sagt, in der Tasche trägt. Es war einfach ein Wunder,
-aber wir erfuhren nichts davon. Es kam jedoch die Zeit, wo alles
-offenbar wurde und ein Wunder die anderen ablöste.
-
-
-
-
- FÜNFTES KAPITEL
-
-
-In einer jüdischen Stadt des Gouvernements war bei den Juden im Handel
-eine schmutzige Geschichte passiert. Ich kann Ihnen nicht genau sagen,
-ob sie falsches Geld gehabt oder ein unredliches Geschäft gemacht
-hatten, jedenfalls mußte die Obrigkeit die Sache aufdecken und hatte
-eine bedeutende Belohnung dafür ausgesetzt. Die Gnädige ging also zu
-unserem Pimen und sagte:
-
-»Pimen Iwanowitsch, hier gebe ich Ihnen zwanzig Rubel für Kerzen und Öl.
-Befehlen Sie den Ihrigen, so eifrig wie möglich zu beten, daß man meinen
-Mann mit dieser Sache beauftragt.«
-
-Das machte ihm wenig Kummer! Er hatte schon Geschmack an diesen
-Opfergaben gefunden und antwortete:
-
-»Gut, Gnädige, ich werde es befehlen.«
-
-»Aber daß sie auch tüchtig beten, die Sache ist für mich sehr wichtig.«
-
-»Die werden sich nicht unterstehen, schlecht zu beten, wenn ich es
-befehle,« beruhigt Pimen, »ich werde ihnen Fasten auferlegen, bis sie es
-erfleht haben.« Er nahm das Geld und ließ es dabei bewenden, ihr Gemahl
-aber erhielt noch in derselben Nacht den von ihr gewünschten Auftrag.
-Bei diesem Segen genügte ihr aber unser Gebet nicht mehr, und sie wollte
-unbedingt selber unserem Heiligtum ihre Lobpreisung darbringen. Sie
-sagte es Pimen, und er bekam Angst, weil er wußte, daß wir sie nicht in
-unser Heiligtum einlassen würden. Die Gnädige gab jedoch nicht nach.
-
-»Ich werde,« sagt sie, »was Sie auch sagen mögen, heute gegen Abend ein
-Boot nehmen und mit meinem Sohne zu Ihnen kommen.«
-
-Pimen redet ihr zu:
-
-»Es ist besser,« sagt er, »wenn wir selber beten. Wir haben einen
-Schutzengel, dem weihen Sie ein Licht, und wir werden ihm den Schutz
-Ihres Gemahls anvertrauen.«
-
-»Ach, das ist vortrefflich,« antwortet sie, »ganz vortrefflich! Ich bin
-sehr froh über diesen Engel; hier ist etwas Geld für Öl, zünden Sie
-unbedingt drei Lämpchen vor ihm an, und ich werde dann kommen, um es mir
-anzusehen.«
-
-Pimen gefiel das gar nicht; er kam zu uns und begann zu jammern, daß die
-Sache so und so stünde.
-
-»Ich habe,« sagte er, »der abscheulichen Ketzerin nicht widersprochen,
-als sie ihr Begehren äußerte, weil wir ihren Mann notwendig brauchen.«
-Und so log er uns ganze Körbe voll vor, aber von all dem, was er getan
-hatte, sagte er nichts. Nun, so unangenehm es uns auch war, es war
-nichts zu machen. Wir nahmen unsere Heiligenbilder möglichst schnell von
-der Wand und legten sie in ihre Kisten, aus denen wir die Ersatzbilder
-holten, die wir aus Furcht vor Beamtenüberfällen bei uns hatten. Diese
-setzten wir auf die Gestelle und erwarteten unseren Gast. Sie kam und
-war so aufgeputzt, daß es zum Erschrecken war. Sie fegte mit ihren
-langen, breiten Bändern nur so hin, schaute alle unsere vertauschten
-Heiligenbilder durch die Lorgnette an und fragte: »Sagen Sie, bitte,
-welcher ist hier der wundertätige Engel?«
-
-Wir wissen schon nicht mehr, wie wir sie von dem Gespräch abbringen
-sollen.
-
-»Wir haben keinen solchen Engel« sagen wir.
-
-Und wie sie auch in uns drang und Pimen schalt, wir zeigten ihr den
-Engel nicht, sondern führten sie möglichst schnell zum Teetisch und
-setzten ihr vor, was wir hatten.
-
-Sie mißfiel uns schrecklich, Gott weiß warum: sie sah irgendwie
-abstoßend aus, obwohl man sie sonst für schön hielt. Wissen Sie, so eine
-lange Hagere, mit zusammengewachsenen Augenbrauen.
-
-»Solch eine Schönheit gefällt Ihnen nicht?« unterbrach der Bärenpelz den
-Erzähler.
-
-»Erlauben Sie, was kann einem an einer solchen schlangenähnlichen
-Gestalt gefallen?« antwortete jener.
-
-»Bei euch hält man wohl eine Frau für schön, wenn sie wie ein Erdhaufen
-aussieht?«
-
-»Ein Erdhaufen!« wiederholte unser Erzähler lächelnd und ohne gekränkt
-zu sein. »Warum nehmen Sie das an? Nach unserer echt russischen
-Auffassung bevorzugen wir einen Typus, der, unserer Meinung nach, viel
-ansprechender ist, als der, den die jetzige Leichtfertigkeit schätzt,
-aber durchaus nicht, was man einen Erdhaufen nennen kann. Wir schätzen
-nur die langen, mageren nicht, sondern lieben es, wenn die Frau nicht
-auf langen, sondern auf kräftigen Beinen steht, damit sie nicht konfus
-herumrennt, sondern wie eine Kugel überall hinrollt und auch hinkommt,
-während die Lange hin und her läuft und stolpert. Die schlangenhafte
-Schlankheit schätzen wir ebenso wenig, sondern fordern, daß die Frau
-erdhafter sei und einen Busen habe, denn wenn er auch für die Figur
-nicht so schön ist, so spricht er doch von der Mutterschaft; die Stirne
-muß bei der echten russischen Frauenart voll und fleischig sein, weil in
-ihr dann mehr Lust und Freundlichkeit liegt. Ähnlich ist es mit der
-Nase. Wir mögen die Hakennasen nicht, sondern die Nase soll wie ein
-Pfeifchen sein, denn so ein Pfeifchen ist, wenn Sie erlauben, für die
-Familie viel freundlicher als eine trockene, stolze Nase. Und ganz
-besonders die Brauen: die Brauen offenbaren den Ausdruck im Gesicht, und
-deshalb dürfen sie bei der Frau nicht zusammenstoßen, sondern müssen
-einen offenen Bogen bilden, weil man mit einer solchen Frau viel
-umgänglicher sprechen kann und sie auf jeden einen ganz anderen, für das
-Haus einnehmenden Eindruck macht. Freilich der jetzige Geschmack ist von
-diesem guten Typus abgekommen und bevorzugt beim Frauengeschlecht
-ätherische Luftigkeit, aber das ist eben schade. Indes, gestatten Sie,
-wir sprachen nicht davon, und ich fahre lieber in meiner Erzählung fort:
-
-Wie wir die Frau hinausbegleitet haben, merkt unser Pimen als eitler
-Mensch, daß wir sie abfällig kritisieren, und sagt:
-
-»Was habt ihr denn? Sie ist doch gut.«
-
-Aber wir antworten: »Die soll gut sein, wo sie schon im Gesicht nichts
-Gutes hat! Aber Gott sei mit ihr: wie sie ist, so wird sie auch
-bleiben.« Wir waren schon froh, daß wir sie hinausbegleitet hatten, und
-räucherten gleich mit Weihrauch, damit bei uns auch kein Hauch von ihr
-zurückbleibe. Danach befreiten wir das Stübchen von den letzten Spuren
-des Gastes. Die Ersatzbilder legten wir in die Kisten zurück in den
-Verschlag und holten unsere richtigen Bilder wieder hervor. Wir hoben
-sie auf die Gestelle, wie vorher, und besprengten sie mit Weihwasser.
-Dann ging ein jeder zu seinem Schlafplatz, und wir legten uns nieder.
-Aber Gott allein weiß, warum wir alle in dieser Nacht nicht schlafen
-konnten und wie ängstlich und unruhig es uns zumute war.
-
-
-
-
- SECHSTES KAPITEL
-
-
-Am Morgen gingen wir alle an unsere Arbeit, nur Luka Kirillow nicht. Das
-war in anbetracht seiner Pünktlichkeit erstaunlich, noch erstaunlicher
-aber war, daß er um acht Uhr ganz verstört und bleich zu uns kam.
-
-Ich wußte, daß er ein Mann war, der sich in der Hand hatte und es nicht
-liebte, sich unnütz zu grämen, und darum wurde ich aufmerksam und
-fragte:
-
-»Was hast du, Luka Kirillow?«
-
-Aber er sagt: »Später sage ich es.«
-
-Jung, wie ich damals war, war ich schrecklich neugierig, zudem hatte
-mich eine Vorahnung gepackt, daß sich irgend etwas Unheilvolles für
-unseren Glauben ereignet habe. Ich hielt aber den Glauben hoch und war
-niemals kleingläubig.
-
-Ich konnte es nicht länger aushalten, verließ unter irgendeinem Vorwand
-die Arbeit und lief nach Hause. Ich dachte mir: solange niemand zu Hause
-ist, kann ich von Michailiza etwas erfahren. Wenn ihr Luka Kirillow auch
-nichts eröffnet hat, so durchschaut sie ihn, trotz ihrer Einfalt, und
-vor mir wird sie nichts verheimlichen, da ich, schon als Kind verwaist,
-bei ihr an Sohnesstatt aufgewachsen bin, und sie mir wie eine zweite
-Mutter gewesen ist.
-
-Ich eile zu ihr und sehe sie in einem alten offenen Halbpelz auf dem
-Freitreppchen sitzen; aber sie ist krank und traurig und ganz fahl im
-Gesicht.
-
-»Warum sitzen Sie hier, Pflegemutter?« frage ich.
-
-Und sie antwortet:
-
-»Wo soll ich denn sonst bleiben, Marotschka?«
-
-Ich heiße Mark Alexandrow, aber sie nannte mich in ihrer mütterlichen
-Zärtlichkeit Marotschka.
-
-Was sind das für Dummheiten, denke ich mir, daß sie nicht weiß, wo sie
-sonst bleiben soll?
-
-»Aber warum,« sage ich, »legen Sie sich denn nicht ein wenig im Schuppen
-hin?«
-
-»Ich kann nicht, Marotschka,« antwortet sie, »in der großen Stube betet
-der alte Maroi.«
-
-Aha, denke ich mir, es wird schon so sein, daß sich irgendetwas mit
-unserm Glauben zugetragen hat; und nun beginnt auch Tante Michailiza:
-
-»Marotschka, du weißt sicher nichts, Kind, von dem, was sich heute nacht
-bei uns ereignet hat?«
-
-»Nein, Pflegemutter, ich weiß nichts.«
-
-»Ach, es ist schrecklich.«
-
-»Erzählen Sie doch schneller, Pflegemutter!«
-
-»Ich weiß nicht, ob ich es erzählen darf.«
-
-»Warum wollen Sie nicht erzählen?« sage ich: »Bin ich denn für Sie ein
-Fremder und nicht an Sohnesstatt?«
-
-»Ich weiß, mein Lieber, daß du mir wie ein Sohn bist,« antwortet sie,
-»aber ich habe kein Vertrauen, daß ich es dir auseinandersetzen kann,
-denn ich bin dumm und einfältig. Warte doch, nach Feierabend kommt der
-Onkel, und der wird dir gewiß alles erzählen.«
-
-Aber ich konnte nicht warten und drang in sie:
-
-»Erzähle doch, erzähle doch gleich, was alles geschehen ist.«
-
-Ich sehe, wie sie mit den Lidern blinzelt und wie sich ihre Augen mit
-Tränen füllen, die sie mit dem Brusttuch abwischt; dann flüstert sie mir
-leise zu:
-
-»Kind, der Schutzengel ist heute Nacht von uns fortgegangen.«
-
-Diese Eröffnung machte mich zittern.
-
-»Sagen Sie doch bitte schnell, wie das Wunder geschehen ist und wer es
-gesehen hat!«
-
-»Das Wunder, Kind, ist unerklärlich, und niemand außer mir hat es
-gesehen, weil es tiefe Mitternacht war, als es geschah und ich allein
-nicht schlief.«
-
-Und dann, meine werten Herren, erzählte sie mir folgende Geschichte:
-
-»Nachdem ich gebetet hatte, war ich eingeschlafen. Ich weiß nicht mehr,
-wie lange ich schlief, aber plötzlich sehe ich im Traum eine
-Feuersbrunst, eine ganz große Feuersbrunst. Es war, als ob alles bei uns
-verbrannt wäre, und der Fluß führe die Asche mit sich fort, aber an den
-Strudeln um die Brückenjoche kreist sie noch, und dann schluckt sie der
-Fluß in die Tiefe.« Und Michailiza träumt, als sei sie hinausgelaufen
-und stehe in einem alten zerrissenen Hemd ganz unten am Wasser, aber ihr
-gegenüber am anderen Ufer erhebe sich eine hohe, rote Säule, und oben
-auf der Säule stehe ein kleiner, weißer Hahn, der in einemfort mit den
-Flügeln schlage. Michailiza fragt: »Wer bist du?«, denn das Gefühl sagt
-ihr, daß dieser Vogel ein Vorzeichen sei. Der Hahn aber ruft plötzlich
-mit menschlicher Stimme »Amen«, sonst nichts, und dann ist er
-verschwunden, aber um Michailiza herum herrscht eine große Stille, und
-die Luft ist so dünn, daß sie keinen Atem mehr bekommt und es ihr
-schrecklich zumute wird. Dann wacht sie auf, liegt da und vernimmt
-deutlich, wie vor der Tür ein Lämmchen blökt. Und an der Stimme merkt
-sie, daß es ein neugeborenes Lämmchen ist. Mit hellem silbernen
-Stimmchen macht es bä-ä-äh, und plötzlich hört Michailiza, daß es durch
-die Gebetsstube geht, mit seinen kleinen Hufen auf den Boden klopft und
-hin und wieder stehen bleibt, als ob es etwas suche. Michailiza
-überlegt: Herr Jesu Christ, was soll das bedeuten? In unserer ganzen
-Ansiedlung gibt es kein Schaf, und woher ist uns jetzt dieses Lämmchen
-zugelaufen? Nun wird sie ganz wach: Aber wie ist es denn in die Stube
-gekommen? In der gestrigen Hast haben wir also vergessen, das Hoftor zu
-schließen, Gott sei Dank, daß nur ein Lämmchen hereingesprungen und
-nicht der Hofhund in das Heiligtum eingedrungen ist. Und nun beginnt sie
-Luka zu wecken: »Kirillytsch«, ruft sie, »Kirillytsch, steh schnell auf!
-Unsere Tür ist offen, und irgendein Jungtier ist zu uns in die Hütte
-gesprungen.« Aber zum Unheil schläft Luka Kirillow wie ein Toter. Und
-wie ihn auch Michailiza zu wecken versucht, es will ihr auf keine Weise
-gelingen. Luka brummt nur und sagt kein Wort. Michailiza schüttelt ihn
-stärker, aber er brummt nur noch lauter. Sie beginnt ihn zu bitten:
-»Gedenk des Namen Jesu!« Aber kaum hat sie das Wort ausgesprochen, als
-in der Stube etwas winselt, und in dem Augenblick springt Luka vom Bett
-auf, stürzt nach vorne und prallt plötzlich mitten in der Stube wie vor
-einer ehernen Wand zurück. »Mach Licht, Weib, mach schneller Licht!«
-ruft er Michailiza zu, er selbst aber rührt sich nicht von der Stelle.
-Sie zündet eine Kerze an und läuft herzu, aber er ist bleich wie ein zum
-Tode Verurteilter und bebt, daß das Kreuz an seinem Hals, ja selbst die
-Fußlappen an seinen Füßen zittern. Die Frau spricht wieder zu ihm:
-»Ernährer, was hast du?« sagt sie. Er aber zeigt mit dem Finger, daß
-dort, wo der Engel war, eine leere Stelle ist und daß der Engel selbst
-vor Lukas Fuße auf dem Boden liegt.
-
-Luka Kirillow geht jetzt unverzüglich zum alten Maroi und sagt ihm, wie
-alles gewesen sei, was seine Frau gesehen habe und was bei uns geschehen
-war: »Komm und schau!« Maroi kommt, kniet vor dem auf der Erde liegenden
-Engel nieder und bleibt vor ihm lange unbeweglich, wie ein marmornes
-Grabbild liegen, dann hebt er aber die Hand, streicht sich über die
-Tonsur auf dem Scheitel und sagt leise:
-
-»Bringt zwölf reine, neugebrannte Ziegelplatten her!«
-
-Luka Kirillow bringt sie sogleich, Maroi schaut sie an und sieht, daß
-sie alle rein sind und gerade aus dem Brennofen kommen, und er befiehlt
-Luka, eine auf die andere zu legen und so eine Art Säule aufzuführen,
-diese mit einem reinen Handtuch zu bedecken und darauf das Heiligenbild
-zu legen. Dann verneigt sich Maroi bis zur Erde, und ruft:
-
-»Engel Gottes, streu deine Spuren aus, wohin du willst!«
-
-Er hat diese Worte kaum ausgesprochen, als an der Türe geklopft wird und
-eine unbekannte Stimme ruft:
-
-»He, ihr Altgläubigen, wer ist euer Ältester?«
-
-Luka Kirillow öffnet die Tür und sieht einen Soldaten mit einer Medaille
-vor sich stehen.
-
-Luka fragt, was für einen Ältesten er wolle. Und der antwortet:
-
-»Den, der oft zur Gnädigen kam und den sie Pimen nennen.«
-
-Luka schickt seine Frau gleich zu Pimen und fragt weiter, worum es sich
-handle und wer ihn in der Nacht nach Pimen gesandt habe.
-
-Der Soldat sagt:
-
-»Etwas Gewisses weiß ich nicht, aber ich habe so etwas gehört, als ob
-die Juden dort eine schlimme Geschichte mit unserem Herrn angestellt
-hätten!«
-
-Aber was es eigentlich sei, kann er nicht erzählen.
-
-»Ich habe gehört,« sagt er, »daß der Herr erst sie versiegelt hätte und
-dann sie ihn.«
-
-Aber darüber, wie sie einander versiegelt haben, weiß er nichts
-verständliches zu erzählen.
-
-Währenddes war Pimen gekommen; er schielt selbst wie ein Jude, bald
-dorthin, bald dahin, und weiß sichtlich selbst nicht, was er sagen soll.
-Und Luka spricht ihn an:
-
-»Was hast du da gemacht, Spielmann? Geh jetzt und spiel dein Stück nur
-zu Ende!«
-
-Der setzt sich mit dem Soldaten ins Boot, und sie fahren ab.
-
-Nach einer Stunde kommt unser Pimen zurück, stellt sich munter, aber man
-sieht, daß es ihm durchaus nicht so zumute ist.
-
-Luka fragt ihn:
-
-»Sprich,« sagt er, »du Windbeutel, und sag ganz aufrichtig, was du dort
-getan hast.«
-
-Aber jener erwidert: »Nichts«.
-
-Nun, bei dem Nichts blieb es, obwohl es durchaus kein Nichts gewesen
-war.
-
-
-
-
- SIEBENTES KAPITEL
-
-
-Mit dem Herrn, für den unser Pimen gebetet hatte, war eine erstaunliche
-Geschichte geschehen. Er war, wie ich Ihnen berichtet habe, in die
-jüdische Stadt gefahren, war dort spät in der Nacht angekommen, als
-niemand an ihn dachte, hatte sofort alle Läden unter Siegel genommen und
-die Polizei verständigt, daß er am nächsten Morgen mit der Revision
-beginnen werde. Die Juden erfuhren es natürlich sofort und gingen
-gleich, noch in der Nacht, zu ihm, um ihn um ein Übereinkommen zu
-bitten, da sie große Vorräte von gesetzwidrigen Waren auf Lager hatten.
-Sie kamen zu ihm und steckten ihm auf einmal zehntausend Rubel zu. Er
-sagte: Ich kann nicht, ich bin ein hoher Beamter, genieße Vertrauen und
-nehme keine Bestechungsgelder. Die Juden schnattern untereinander:
-»Fünfzehntausend«. Er wieder: »Ich kann nicht.« Sie »Zwanzig«. Er
-darauf: »Versteht ihr denn nicht, daß ich nicht kann: ich habe schon die
-Polizei verständigt, daß ich morgen mit ihr zusammen revidieren werde«.
-Sie schnattern wieder und sagen dann:
-
-»Ach, Eure Durchlaucht, das macht nichts, daß Sie die Polizei
-verständigt haben, wir geben Ihnen fünfundzwanzigtausend, und Sie geben
-uns dafür bloß bis zum Morgen Ihr Petschaft und legen sich ruhig
-schlafen: wir brauchen nichts mehr.«
-
-Der Herr überlegt hin und her: Wenn er sich auch für eine hohe Person
-hält, so scheint auch bei den hohen Personen das Herz nicht von Stein zu
-sein; er nahm die fünfundzwanzigtausend, gab ihnen das Petschaft, mit
-dem er siegelte, und legte sich schlafen. Die Juden holten, versteht
-sich, in der Nacht alles Notwendige aus ihren Lagern heraus und
-versiegelten sie wieder mit demselben Petschaft. Der Herr schlief noch,
-als sie am Morgen schon wieder in seinem Vorzimmer lärmten. Er geht zu
-ihnen hinaus; sie danken ihm und sagen:
-
-»Nun, Euer Hochwohlgeboren, nun halten Sie bitte Revision.«
-
-Er scheint es aber zu überhören und sagt:
-
-»Gebt mir schnell mein Siegel.«
-
-Aber die Juden sagen:
-
-»Ja, geben Sie uns unser Geld.«
-
-Der Herr: »Was? Wie?« Aber sie bleiben dabei:
-
-»Wir haben,« sagen sie, »das Geld Ihnen als Pfand zurückgelassen.«
-
-Er wieder:
-
-»Was, als Pfand?«
-
-»Freilich,« sagen sie, »als Pfand.«
-
-»Ihr lügt,« sagt er, »ihr Halunken, ihr Christusverkäufer, ihr habt mir
-das Geld ganz gegeben.«
-
-Sie stoßen einander an und lachen.
-
-»Hörst du,« sagen sie, »hörst, wir haben ihm das Geld ganz gegeben ...
-Hm, hm, ai, ai, wie könnten wir so dumm sein und so unpolitisch,
-einer so hohen Persönlichkeit Chabar geben.« (So nennen sie
-Bestechungsgelder.)
-
-Nun, können Sie sich etwas Schöneres vorstellen als diese Geschichte?
-Der Herr, versteht sich, hätte nun das Geld zurückgeben sollen, und die
-Sache wäre zu Ende gewesen, aber er war eigensinnig und wollte sich
-davon nicht trennen. So verging der Morgen. Der ganze Handel in der
-Stadt ist gesperrt. Die Leute kommen und wundern sich. Die Polizei
-fordert das Siegel, und die Juden schreien: »Ai wai, was ist das für
-eine staatliche Regierung! Die hohe Obrigkeit will uns ruinieren.« Ein
-schreckliches Durcheinander. Der Herr sitzt eingeschlossen zu Hause und
-hat bis Mittag schier den Verstand verloren. Am Abend ruft er dann die
-listigen Juden zu sich und sagt: »Hier, ihr Verfluchten, nehmt euer Geld
-und gebt mir nur mein Petschaft wieder!« Aber sie wollen nicht und
-sagen: »Ja, wenn das so ginge! Wir haben den ganzen Tag nicht gehandelt:
-jetzt müssen Euer Wohlgeboren uns fünfzehntausend dazu geben!« Sehen
-Sie, so kam es! Und die Juden drohen: »Wenn Sie uns jetzt nicht die
-fünfzehntausend geben, kostet die Sache morgen fünfundzwanzigtausend
-Rubel mehr.« Der Herr schlief die ganze Nacht nicht, am Morgen schickte
-er wieder zu den Juden, gab ihnen das ganze Geld, das er von ihnen
-erhalten hatte, zurück und unterschrieb einen Wechsel auf
-fünfundzwanzigtausend; dann begann er so eine Art Revision. Natürlich
-fand er nichts, fuhr so schnell wie möglich nach Haus und tobte vor
-seiner Frau, woher er die fünfundzwanzigtausend Rubel nehmen solle, um
-den Juden den Wechsel zu bezahlen. »Wir müssen dein Gut, das du in die
-Ehe mitgebracht hast, verkaufen,« sagt er. Aber sie erwidert: »Um nichts
-in der Welt, ich bin mit ihm verwachsen.« Er sagt: »Du bist schuld, du
-hast mir mit deinen Altgläubigen diesen Auftrag erbetet und warst
-überzeugt, daß mir ihr Engel helfen würde; so schön hat er mir nun
-geholfen!« Aber sie antwortet darauf: »Du bist selber schuld, warum bist
-du so dumm und hast die Juden nicht verhaftet und erklärt, daß sie dir
-das Petschaft gestohlen haben? Aber im übrigen,« sagt sie, »macht es
-nichts, folge nur mir, ich werde die Sache schon wieder einrichten, und
-für deine Unvernunft werden andere zahlen.« Und mit einem Male plärrt
-sie: »Sofort, schnell den Dnjepr hinunterfahren und mir den Ältesten der
-Altgläubigen herholen!« Der Bote kam, brachte unseren Pimen, und die
-Frau sagte ihm ohne Umschweife: »Hören Sie, ich weiß, daß Sie ein
-verständiger Mensch sind und daß Sie verstehen werden, was ich brauche:
-Meinem Mann ist eine kleine Unannehmlichkeit widerfahren. Nichtswürdige
-haben ihn ausgeraubt, die Juden ... Sie verstehen ... und wir brauchen
-unbedingt dieser Tage fünfundzwanzigtausend Rubel, die ich nirgends so
-schnell auftreiben kann. Aber ich habe Sie gerufen, und da ich weiß, daß
-ihr Altgläubige kluge und reiche Leute seid, und weil ich mich selbst
-überzeugt habe, daß Gott euch in allen Dingen hilft, bin ich sicher, daß
-ihr mir den Gefallen tun und die fünfundzwanzigtausend geben werdet. Ich
-werde dafür meinerseits allen Damen von euren wundertätigen
-Heiligenbildern erzählen, und ihr werdet sehen, wieviel ihr für Wachs
-und Öl erhalten werdet.« Ich glaube, meine werten Herren, daß Sie sich
-ohne Mühe vorstellen können, was unser Spielmann bei dieser Wendung
-empfand. Ich weiß nicht, was er alles sagte, aber ich glaube es ihm, daß
-er nun anfing sich zu winden und zu schwören und sie unserer Dürftigkeit
-zu versichern; aber sie, die neue Herodias, wollte davon nichts wissen.
-»Nein,« sagte sie, »ich weiß sehr gut, daß die Altgläubigen reich sind
-und daß fünfundzwanzigtausend Rubel für euch nichts bedeuten. Als mein
-Vater in Moskau Beamter war, haben ihm die Altgläubigen mehrmals solche
-Gefälligkeiten erwiesen; und fünfundzwanzigtausend Rubel sind gar nicht
-der Rede wert.« Pimen versuchte natürlich ihr vorzustellen, daß die
-Moskauer Altgläubigen kapitalskräftige Leute seien, wir aber einfache
-Bauern und Taglöhner ... Aber sie hatte anscheinend sehr gute Moskauer
-Erfahrungen und fiel über ihn auf einmal her: »Warum erzählen Sie mir
-das? Als ob ich nicht wüßte, wieviel wundertätige Heiligenbilder ihr
-habt! Haben Sie mir nicht selbst erzählt, wie viel man euch aus ganz
-Rußland für Wachs und Öl schickt? Nein, ich will nichts hören, entweder
-bekomme ich sofort das Geld, oder mein Mann fährt gleich zum Gouverneur
-und erzählt ihm alles, wie ihr betet und die Leute verführt, und es wird
-euch schlecht gehen.« Der arme Pimen fiel schier die Treppe hinunter; er
-kam nach Hause und sagte, wie ich Ihnen berichtet habe, nur das eine
-Wort: »Nichts«. Dabei war er aber rot, als käme er aus dem Dampfbad,
-ging gleich in einen Winkel und schneuzte sich in einem fort.
-Schließlich nahm ihn Luka Kirillow ein wenig ins Verhör. Pimen gestand
-ihm natürlich nicht alles, sondern enthüllte ihm nur ganz wenig und
-sagte: »Die Gnädige hat von mir verlangt, daß ich ihr von euch
-fünftausend Rubel Bestechungsgelder bringe.« Daraufhin braust Luka
-natürlich auf: »Ach du Spielmann,« sagte er, »was brauchtest du mit den
-Leuten verkehren und sie auch noch herbringen? Sind wir denn reiche
-Leute, haben wir soviel Geld zu verschenken? Wofür sollen wir es denn
-geben? Und wo ist es? Wie du alles angestellt hast, so bringe es auch
-wieder in Ordnung, aber wir können die fünftausend Rubel nirgends
-hernehmen.« Damit ging Luka an seine Arbeit und kam, wie ich berichtete,
-bleich wie ein zum Tode Verurteilter zu uns, weil das nächtliche
-Ereignis ihn ahnen ließ, daß die Sache uns Unannehmlichkeiten bringen
-werde. Pimen aber ging ans andere Flußufer. Wir alle sahen, wie er mit
-einem Boot aus dem Schilf herausfuhr und sich der Stadt zuwandte. Als
-Michailiza mir jetzt dies alles der Reihe nach erzählte, wie er sich um
-die fünftausend Rubel bemüht hatte, dachte ich mir, daß er nun bestimmt
-zur Gnädigen gefahren sei, um sie zu besänftigen. Mit solchen Gedanken
-stand ich neben Michailiza und dachte nach, ob aus all dem nicht ein
-Schaden für uns erwachsen könne und ob es nicht notwendig sei,
-irgendwelche Maßnahmen dagegen zu ergreifen, als ich plötzlich sah, daß
-alle Maßnahmen schon zu spät waren, da ein großes Boot am Ufer anlegte
-und ich hinter mir den Lärm vieler Stimmen hörte. Ich drehte mich um und
-erblickte einige Beamte in allerlei Uniformen und mit ihnen eine
-erhebliche Anzahl von Gendarmen und Soldaten. Meine werten Herren, ich
-kann Michailiza kaum einen Blick zuwerfen, als sie alle an uns vorbei zu
-Lukas Stube gehen und an der Türe zwei Posten mit bloßen Säbeln
-aufstellen. Michailiza stürzt auf die Posten zu, nicht nur, um in die
-Stube zu kommen, sondern auch, um zu eifern. Natürlich stoßen sie sie
-zurück, und wie sie noch wilder auf sie eindringt und mit ihnen ins
-Handgemenge kommt, versetzt ihr einer der Gendarmen einen solchen Stoß,
-daß sie kopfüber die Treppe hinunterstürzt. Ich schicke mich an, zu Luka
-auf die Brücke zu laufen, aber ich sehe schon, wie Luka mir
-entgegenläuft und hinter ihm unsere ganze Gesellschaft, alle in Aufruhr,
-jeder mit dem Werkzeug in der Hand, mit dem er eben gearbeitet hat, der
-eine mit einer Brechstange, der andere mit einem Hammer, und alle
-laufen, um ihr Heiligtum zu verteidigen. Alle, die im Boot keinen Platz
-gefunden und kein anderes Mittel hatten, das Ufer zu erreichen, waren in
-den Kleidern, wie sie bei der Arbeit gewesen waren, von der Brücke ins
-Wasser gesprungen und schwammen nun einer hinter dem anderen durch den
-kalten Fluß. Stellen Sie sich vor, es war schrecklich auszudenken, wie
-das enden sollte. Die Soldatenabteilung war etwa zwanzig Mann stark, und
-wenn sie auch alle mehr oder weniger kriegerisch ausgerüstet waren, so
-waren die Unseren mehr als ein halbes Hundert und alle von glühendem
-Glaubenseifer beseelt. Jetzt schwimmen sie wie die Seehunde durch das
-Wasser, und man hätte sie mit einem Knüppel auf den Kopf schlagen
-können, sie hätten die Absicht, ihr Heiligtum zu beschützen, nicht
-aufgegeben. Nun stürmen sie, naß wie sie sind, vorwärts, als hätten
-Steine plötzlich Leben bekommen.
-
-
-
-
- ACHTES KAPITEL
-
-
-Gestatten Sie mir jetzt daran zu erinnern, daß, während ich mit
-Michailiza auf der Treppe sprach, der alte Maroi sich in der Stube im
-Gebet befand, wo ihn die Herren Beamten bei ihrem Eindringen auch
-vorfanden. Er erzählte später, daß sie, gleich als sie hereingekommen
-waren, die Türe zugeschlagen hätten und gerade auf die Heiligenbilder
-zugegangen wären. Die einen löschen die Lämpchen aus, die anderen reißen
-die Bilder von der Wand, legen sie auf den Boden und schreien ihn an:
-»Bist du der Pope?« Er sagt: »Nein, ich bin kein Pope.« Sie: »Wer ist
-denn euer Pope?« Aber er antwortet: »Wir haben keinen Popen.« Sie
-darauf: »Ihr werdet keinen Popen haben! Wie wagst du zu sagen, daß ihr
-keinen Popen habt!« Er begann ihnen zu erklären, daß wir keine Popen
-haben, aber weil er so unverständlich sprach, daß sie nicht begriffen,
-wovon die Rede war, sagten sie: »Bindet ihn, er ist verhaftet.« Maroi
-läßt sich binden, als gehe es ihn nichts an, daß ihm ein Dutzend
-Soldaten mit einem Strickende die Hände binden. Er steht da und sieht
-zu, was weiter geschieht. Die Beamten hatten inzwischen Kerzen
-angezündet und die Bilder zu versiegeln begonnen. Der eine legte die
-Siegel an, die anderen machten ein Verzeichnis, die dritten bohrten
-Löcher in die Bilder und reihten sie auf eine Eisenstange aneinander.
-Maroi sah diesem gotteslästerlichen Treiben zu und zuckte nicht einmal
-mit den Schultern, weil er bei sich dachte, daß es wohl Gott gefalle,
-diese Schändung des Heiligtums zuzulassen. Im selben Augenblick hört
-Maroi draußen einen Gendarmen aufschreien, und dann einen zweiten. Die
-Tür fliegt auf, und unsere Seehunde stürzen naß, wie sie aus dem Wasser
-gestiegen sind, herein. Glücklicherweise war ihnen jedoch Luka Kirillow
-zuvorgekommen; er schrie sie an:
-
-»Haltet ein, Christenmenschen! Ereifert euch nicht!« Dann wendet er sich
-an die Beamten, weist auf die an die Eisenstange aufgespießten Ikonen
-und spricht: »Weshalb beschädigt ihr so das Heiligtum, ihr Herren
-Beamten? Wenn ihr das Recht habt, es uns zu nehmen, dann werden wir der
-Gewalt keinen Widerstand leisten, -- nehmt es nur. Aber weshalb müßt ihr
-so seltene, von den Vätern ererbte Kunstwerke beschädigen?«
-
-Aber der Mann der Bekannten Pimens, der die ganze Sache leitete, schrie
-Luka an:
-
-»Still, Halunke! Du wagst noch zu räsonieren!«
-
-Luka war ein stolzer Bauer, aber er demütigte sich und antwortete leise:
-
-»Erlauben, Euer Hochwohlgeboren, wir kennen diesen Brauch, wir haben in
-der Stube anderthalb Hundert Ikonen. Wenn Sie wünschen, geben wir Ihnen
-für jede Ikone drei Rubel, nehmen Sie sie mit, aber beschädigen Sie die
-alten Kunstwerke nicht.«
-
-In den Augen des Herrn blitzte es, und er schrie ihn laut an: »Hinaus!«
-Ganz leise setzte er aber hinzu: »Gib hundert Rubel für das Stück, sonst
-stecke ich sie alle in den Ofen.«
-
-Luka konnte eine solche Summe weder geben, noch sie sich überhaupt
-vorstellen und sagte:
-
-»Gott sei mit euch, vernichtet alles, wie ihr wollt, aber wir haben das
-Geld nicht.«
-
-Aber der Herr schrie ihn wütend an: »Ach du bärtiger Ziegenbock, wie
-wagst du es, mit uns von Geld zu sprechen?«
-
-Er wurde plötzlich ganz wild, ließ alles, was er an heiligen
-Darstellungen in der Stube fand, auf die Stange spießen, schraubte dann
-Muttern an beide Enden und versiegelte diese, so daß niemand die Bilder
-herunternehmen oder vertauschen konnte. Sie hatten bereits alle Ikonen
-gesammelt und schickten sich an, fortzugehen. Die Soldaten nahmen die
-Stange mit den Bildern auf die Schultern und trugen sie zu den Booten.
-Michailiza hatte sich indes mit dem übrigen Volk unbemerkt in die Stube
-gedrängt, heimlich das Engelsbild vom Chorpult heruntergestohlen und
-trug es unter der Schürze in die Kammer. Ihre Hände zitterten dabei aber
-so, daß sie es fallen ließ. Ihr Heiligen, wie da der Herr in Wut geriet,
-uns Diebe und Betrüger nannte und schrie:
-
-»Aha, ihr Betrüger, ihr wolltet das Bild stehlen, damit es nicht auf die
-Stange kommt? Nun, da soll es auch nicht hinkommen, aber so werde ich es
-machen!« -- Mit diesen Worten zündete er die Siegellackstange an und
-drückte das brennende Harz mitten auf das Gesicht des Engels!
-
-Meine besten Herren, seien Sie nicht böse, wenn ich nicht versuche,
-Ihnen zu beschreiben, was in uns vorging, als der Herr das kochende Harz
-auf das Antlitz des Engels goß und als dann der grausame Mensch das Bild
-auch noch emporhob, um sich damit zu rühmen, wie gut er es verstanden
-hatte, uns zu kränken. Ich entsinne mich nur noch, daß das helle heilige
-Antlitz rot und versiegelt war, daß das brennende Harz unter dem
-Petschaft in zwei Strömen, wie Blut mit Tränen gemischt, herabfloß.
-
-Wir stöhnten alle auf, bedeckten unsre Augen mit den Händen und
-stöhnten, als lägen wir auf der Folter. Dann verloren wir uns in
-Weheklagen, so daß uns die einbrechende Nacht noch immer weinend und
-jammernd um unseren versiegelten Engel antraf. Da kam uns in dem Dunkel
-und der Ruhe, die über dem zerstörten Heiligtum lag, der Gedanke,
-ausfindig zu machen, wohin man unseren Beschützer gebracht hatte, und
-wir gelobten, ihn selbst unter Lebensgefahr zu rauben und zu entsiegeln.
-Zur Ausführung dieses Entschlusses wählte man mich und den jungen
-Lewontij. Er zählte kaum siebzehn Jahre, war fast noch ein Knabe, aber
-kräftigen Wuchses und guten Herzens, von Kind auf gottesfürchtig,
-gehorsam und gutartig, wie ein weißes Roß mit Silberzaum.
-
-Für das gefährliche Unternehmen, den versiegelten Engel, dessen
-erblindetes Antlitz wir nicht ertragen konnten, aufzufinden und zu
-rauben, konnte ich mir einen besseren Gefährten und Helfer gar nicht
-wünschen.
-
-
-
-
- NEUNTES KAPITEL
-
-
-Ich will Sie nicht mit Einzelheiten aufhalten, wie ich und mein Gefährte
-durch alle Nadelöhre schlüpften und überall hinkamen; ich will Ihnen
-gleich von der Trauer berichten, die uns ergriff, als wir erfuhren, daß
-man unsere von den Beamten durchbohrten Ikonen, so wie sie auf die
-Stange aufgespießt waren, in den Keller des Konsistoriums geworfen
-hatte. Damit war die Sache für uns verloren und wie im Sarge begraben;
-es war vergeblich, noch weiter an sie zu denken. Erfreulich dagegen war,
-daß man sich erzählte, der Erzbischof selbst habe diese barbarische
-Handlungsweise nicht gebilligt, sondern im Gegenteil gesagt: »Wozu das?«
-Er sei sogar für das alte Kunstwerk eingetreten und habe erklärt: »Es
-ist ein altes Stück, das man schützen muß«. Schlimm dagegen war, daß,
-als das durch die Schändung entstandene Unheil noch nicht überwunden
-war, uns ein neues, größeres durch diesen neuen Verehrer traf: Derselbe
-Erzbischof nahm, was man hinzufügen muß, nicht in schlimmer, sondern in
-guter Absicht unseren versiegelten Engel in die Hand und betrachtete ihn
-lange, dann legte er ihn zur Seite und sagte: »Das verstörte Antlitz!
-Wie schrecklich hat man es zugerichtet! Man tue dieses Bild nicht in den
-Keller, sondern stelle es in meine Kapelle aufs Fenster neben den
-Opfertisch.« Die Diener des Erzbischofes führten den Befehl aus, und
-wenn uns einerseits, wie ich gestehen muß, diese Aufmerksamkeit des
-Hierarchen sehr angenehm berührte, so sahen wir andererseits doch ein,
-daß dadurch jede Aussicht, unseren Engel rauben zu können, vereitelt
-war. Es blieb nur ein Mittel übrig: die Diener des Erzbischofs zu
-bestechen und mit ihrer Hilfe das Bild mit einem kunstvoll ähnlich
-gemalten zu vertauschen. Das hatten unsere Altgläubigen schon oft mit
-Erfolg gemacht, aber dazu wäre vor allen Dingen ein kunstfertiger
-Heiligenbildmaler mit einer erprobten Hand nötig gewesen, der es
-verstanden hätte, heimlich ein genaues Abbild herzustellen. Einen
-solchen Maler gab es jedoch in dieser Gegend nicht. Zudem befiel uns
-seit dieser Zeit doppelte Trauer, die wie Wassersnot über uns kam. In
-der Stube, in der man früher nur Lobsingen hörte, vernahm man nichts als
-Schluchzen, und in kurzer Zeit hatten wir uns so krank geweint, daß wir
-mit unseren tränenerfüllten Augen den Boden nicht mehr sehen konnten,
-und dadurch, oder aus einem anderen Grunde entstand dann bei uns eine
-Augenkrankheit, die mit der Zeit alle ergriff. Was es bisher nicht
-gegeben hatte, geschah jetzt: wir hatten Kranke ohne Zahl. Das ganze
-Arbeitervolk fand dafür die Deutung, daß es nicht ohne Grund geschehe,
-sondern wegen des Engels der Altgläubigen. »Man hat ihn,« sagten sie,
-»durch das Siegel geblendet, und jetzt müssen wir alle erblinden.« Diese
-Auslegung fand nicht nur bei uns allein Glauben, sondern auch alle
-kirchlich Gesinnten waren aufgebracht.
-
-Obwohl unsere Brotgeber, die Engländer, Ärzte kommen ließen, ging
-niemand zu ihnen hin, und auch ihre Arzneien wollte niemand nehmen,
-sondern wir alle flehten nur um das eine:
-
-»Bring uns den versiegelten Engel. Wir wollen vor ihm einen
-Bittgottesdienst halten, er allein kann uns helfen!«
-
-Unser Engländer Jakow Jakowlewitsch nahm sich der Sache an, fuhr selbst
-zum Erzbischof und sagte ihm:
-
-»So steht es, Eminenz: der Glaube ist eine große Sache, und einem jeden
-wird alles nach seinem Glauben gegeben; geben Sie uns doch den Engel
-aufs andere Ufer!«
-
-Der Erzbischof aber wollte davon nichts wissen und sagte:
-
-»Dem darf kein Vorschub geleistet werden.«
-
-Damals erschien uns dieses Wort grausam, und wir verurteilten den
-Erzbischof leichtfertig, später aber wurde uns offenbar, daß dies alles
-nicht aus Hartherzigkeit, sondern durch Gottes Vorsehung geschah.
-
-Indessen nahmen die Zeichen kein Ende, und der strafende Finger traf
-auch den Hauptschuldigen in dieser Sache, Pimen, selbst, der nach diesem
-Unheil von uns geflohen war, auf dem anderen Ufer lebte und der
-Staatskirche beitrat. Ich begegnete ihm einmal dort in der Stadt, er
-begrüßte mich, und ich grüßte ihn wieder. Dann sagte er mir:
-
-»Ich habe gesündigt, Bruder Mark, daß ich mich von eurem Glauben
-abgeschieden habe.«
-
-Ich antwortete ihm:
-
-»Was einer glaubt, das ist Gottes Sache, aber daß du den Armen um ein
-Paar Stiefel verkauft hast, das war nicht gut gehandelt; verzeih mir,
-daß ich dir, wie es der Prophet Amos befiehlt, brüderliche Vorwürfe
-mache.«
-
-Bei der Nennung des Propheten überlief ihn ein Schauder.
-
-»Sprich mir nicht von den Propheten,« sagte er, »ich kenne die Schrift
-selbst und fühle, wie die Propheten die auf der Erde Lebenden strafen.
-Ich selbst habe dafür ein Zeichen.« Und er klagte mir, daß er, als er
-neulich im Flusse gebadet hatte, am ganzen Körper fleckig geworden sei;
-er machte seine Brust frei und zeigte mir auf ihr Flecken, wie bei einem
-gescheckten Pferde, die sich von der Brust bis hinauf zum Halse zogen.
-
-Ich sündiger Mensch hatte schon im Sinne, ihm zu sagen, daß »Gott den
-Schelm zeichne«, aber ich unterdrückte diese Worte und sagte:
-
-»Nun, was hat das zu bedeuten? Bete nur und sei froh, daß du auf dieser
-Welt gezeichnet bist, vielleicht wirst du dann in der kommenden rein
-dastehen.«
-
-Aber er klagte mir, wie unglücklich er darüber sei und was er einbüße,
-wenn die Flecken auch das Gesicht ergreifen würden. Der Gouverneur
-selbst habe, als er ihn, Pimen, bei seinem Übertritt in die Kirche sah,
-große Freude an seiner Schönheit gehabt und dem Stadthauptmann gesagt,
-er solle Pimen beim Empfang vornehmer Personen unbedingt ganz vorne mit
-der silbernen Schüssel in den Händen aufstellen. Aber einen fleckigen
-Menschen könne man doch nicht aufstellen! Was brauchte ich aber seine
-eitlen und hohlen Worte weiter anzuhören? -- Ich drehte mich um und
-ging.
-
-Seit der Zeit waren wir von ihm geschieden. Seine Flecken wurden immer
-sichtbarer, aber auch bei uns hörten die Zeichen nicht auf. Schließlich
-setzte im Herbst, als der Fluß kaum zugefroren war, plötzlich Tauwetter
-ein, das das ganze Eis auseinanderriß und unsere Behausungen zerstörte.
-Und jetzt folgte Schaden auf Schaden, bis einmal sogar einer der
-Granitpfeiler unterspült wurde und der Strudel das Werk vieler Jahre,
-das viele Tausende gekostet hatte, verschlang.
-
-Dies machte sogar unsere Brotgeber, die Engländer, bestürzt, und
-irgendjemand riet ihrem Ältesten, Jakow Jakowlewitsch, uns Altgläubige
-wegzuschicken, um von all dem Übel wieder erlöst zu werden. Der
-Engländer aber war ein Mensch mit rechtschaffnem Herzen und hörte nicht
-darauf; er ließ sogar mich und Luka Kirillow zu sich rufen und sagte:
-
-»Kinder, gebt mir selbst einen Rat: kann ich euch nicht irgendwie helfen
-und euch trösten?«
-
-Wir antworteten ihm, daß es für uns keinen Trost gäbe, solange das uns
-heilige Antlitz des Engels, das uns überall begleitet hatte, mit
-Feuerharz versiegelt sei, und daß wir vor Leid vergingen.
-
-»Was gedenkt ihr zu tun?« fragte er.
-
-»Wir wollen ihn einmal vertauschen und sein reines Antlitz, das die
-gottlose Hand des Beamten unter dem Siegel verborgen hat, entsiegeln.«
-
-»Warum ist euch der Engel so teuer, und kann man euch nicht einen
-anderen ebensolchen verschaffen?«
-
-»Er ist uns deshalb so teuer,« antworteten wir, »weil er uns beschützt
-hat; einen anderen können wir aber nicht bekommen, weil dieser in
-schwerer Zeit von gottesfürchtiger Hand gemalt und von einem Priester
-des alten Glaubens nach dem Brevier des Pjotr Mogila geweiht worden ist.
-Jetzt aber haben wir weder Priester noch jenes Brevier.«
-
-»Aber wie wollt ihr ihn entsiegeln, wo doch der Siegellack das ganze
-Gesicht ausgebrannt hat?«
-
-Wir antworteten:
-
-»Euer Gnaden, was das anbelangt, so haben Sie keine Sorge: wenn wir ihn
-nur in unsere Hände bekommen, wird er, unser Beschützer, schon selbst
-für sich sorgen. Er ist keine Handelsware, sondern eine echte
-Stroganower Arbeit, und die Stroganower wie die Kostromaer Lacke sind so
-zubereitet, daß das Bild nicht einmal den Feuerbrand zu fürchten
-braucht, er läßt das Harz an die zarten Farben nicht einmal heran.«
-
-»Seid ihr davon überzeugt?«
-
-»Ja, das sind wir: dieser Lack ist so stark wie der alte russische
-Glaube selbst.«
-
-Er schimpfte noch auf jene, die ein solches Kunstwerk nicht zu schätzen
-verstanden hatten, gab uns die Hand und sagte nochmals:
-
-»Nun, verzagt nicht, ich bin euer Helfer, wir werden euern Engel
-bekommen. Braucht ihr ihn für lange?«
-
-»Nein,« antworteten wir, »für ganz kurze Zeit.«
-
-»Nun, dann sage ich den Leuten, daß ich für euren versiegelten Engel
-kostbare goldene Beschläge machen lassen will, und wenn man ihn mir dann
-gibt, vertauschen wir ihn. Gleich morgen will ich mich daran machen.«
-
-Wir dankten ihm und erwiderten:
-
-»Herr, unternehmen Sie bitte morgen und auch übermorgen noch nichts.«
-
-»Warum das?« fragte er.
-
-Wir antworteten:
-
-»Weil wir, Herr, vor allen Dingen ein Bild zum Vertauschen haben müssen,
-das dem echten wie ein Wassertropfen dem andern gleicht. Solche Meister
-gibt es hier aber nicht und werden auch in der Nähe nicht zu finden
-sein.«
-
-»Das ist eine Kleinigkeit,« sagte er, »ich werde euch selbst aus der
-Stadt einen Künstler mitbringen, der nicht nur Kopien malt, sondern
-selbst vortreffliche Porträts.«
-
-»Nein,« antworteten wir, »tun Sie das bitte nicht: erstens würde durch
-diesen weltlichen Maler vielleicht ein unziemliches Gerede entstehen,
-zweitens kann ein Maler diese Aufgabe gar nicht erfüllen.«
-
-Der Engländer glaubte es nicht, und so trat ich vor und legte ihm den
-ganzen Unterschied klar: daß die jetzigen weltlichen Maler eine andere
-Kunstart haben, daß sie nämlich mit Ölfarben malen, während dort die
-Farben mit Eiweiß angerieben werden und ganz zart sind. In der neuen
-weltlichen Malerei ist die Darstellung hingeschmiert und erscheint nur
-in einiger Entfernung natürlich, während hier alles fließend und noch in
-der Nähe deutlich ist. Einem weltlichen Maler würde selbst die
-Wiedergabe der Zeichnung nicht gelingen, weil sie nur gelernt haben, den
-irdischen Körper abzubilden und was den körperlichen Menschen ausmacht,
-während in der heiligen russischen Ikonenmalerei der verklärte
-himmlische Leib dargestellt wird, den sich der materielle Mensch nicht
-einmal vorstellen kann.
-
-Das interessierte ihn, und er fragte:
-
-»Aber wo gibt es denn solche Meister, die sich heute noch auf diese
-besondere Art verstehen?«
-
-»Sie sind heute,« berichtete ich ihm weiter, »sehr selten, und selbst
-damals lebten sie in tiefer Verborgenheit. Im Dorfe Mstera lebt ein
-Meister namens Chochlow, aber er ist schon hoch in den Jahren und kann
-die weite Reise nicht machen. Auch in Palichow leben zwei, aber auch die
-werden die Reise nicht unternehmen, zudem taugen uns weder die Msterer
-noch die Palichower Meister.«
-
-»Weshalb denn das?« forschte er weiter.
-
-»Weil sie,« antwortete ich, »eine andere Manier haben: bei den Msterern
-ist die Zeichnung schwerfällig und der Farbton trüb, bei den Palichowern
-dagegen ist der Ton türkisfarbig, alles schimmert bei ihnen bläulich.«
-
-»Was soll man nun machen?« fragte er.
-
-»Ich weiß es selbst nicht,« antwortete ich. »Ich habe zwar gehört, es
-gäbe in Moskau noch einen guten Meister, namens Ssilatschow. Er hat in
-ganz Rußland, auch bei den Unsrigen einen guten Namen, aber er
-entspricht mehr der Nowgorodschen und der Zarisch-Moskowitischen Art.
-Unsere Ikone aber ist Stroganower Zeichnung mit den klarsten heiligsten
-Farben, so daß uns einzig der Meister Ssewastian von der Wolga helfen
-könnte, aber der ist ein leidenschaftlicher Wanderer und zieht durch
-ganz Rußland, macht bei den Altgläubigen Ausbesserungen, und niemand
-weiß, wo er zu finden ist.«
-
-Der Engländer hatte meinen ganzen Bericht mit Vergnügen angehört,
-lächelte ein wenig und antwortete:
-
-»Ihr seid sehr wunderliche Leute,« sagte er, »aber wenn man euch zuhört,
-wird es einem wohl, denn ihr scheint alles, was euch angeht, gut zu
-kennen und sogar in der Kunst Bescheid zu wissen.«
-
-»Warum sollen wir denn von der Kunst nichts erfaßt haben, Herr?« sage
-ich: »Hier handelt es sich doch um Gotteskunst, und bei uns gibt es
-unter den ganz einfachen Bauern so große Liebhaber dieser Kunst, daß sie
-nicht nur alle Schulen auseinanderhalten, wodurch sich zum Beispiel eine
-von der anderen unterscheidet, die Ustjuger oder die Nowgoroder, die
-Moskauer oder die Wologdaer, die Sibirische oder die Stroganower,
-sondern die sogar in derselben Schule die Werke der berühmten, alten
-russischen Meister fehlerlos unterscheiden.«
-
-»Kann denn das sein?«
-
-»Genau so, wie Sie die Handschrift eines Menschen von der eines anderen
-unterscheiden, so auch jene«, antwortete ich. »Sie schauen nur hin und
-sehen gleich, ob es Kusjma, Andrej oder Prokofij gemalt hat.«
-
-»An welchen Merkmalen?«
-
-»Es gibt Unterschiede in der Zeichnung, im Ton, in der Raumverteilung,
-in den Gesichtszügen und in den Bewegungen.«
-
-Er hörte immerfort zu, und ich erzählte ihm, was ich über die Malerei
-eines Uschakow und eines Rubljow wußte, und vom ältesten russischen
-Maler Paramschin, dessen Heiligenbilder unsere gottesfürchtigen Fürsten
-und Zaren ihren Kindern zum Segen schenkten, denen sie sogar in ihren
-Vermächtnissen befahlen, diese Ikonen wie ihren Augapfel zu hüten.
-
-Der Engländer zog gleich sein Notizbuch heraus, ließ mich den Namen
-dieses Malers wiederholen und fragte, wo man Arbeiten von ihm sehen
-könnte. Aber ich antwortete:
-
-»Sie werden vergeblich suchen, Herr. Nirgends ist eine Erinnerung an sie
-zurückgeblieben.«
-
-»Wo sind sie denn geblieben?«
-
-»Ich weiß nicht,« sagte ich, »ob man sie zum Pfeifenreinigen verwendet
-oder bei den Deutschen gegen Tabak eingetauscht hat.«
-
-»Es kann nicht sein!«
-
-»Im Gegenteil,« antwortete ich, »es kann sehr wohl sein, es gibt
-Beispiele dafür: der römische Papst hat im Vatikan ein Triptychon, das
-unsere russischen Ikonenmaler Andrej, Ssergej und Nikita im dreizehnten
-Jahrhundert gemalt haben. Diese vielfigurigen Miniaturen sollen so
-wunderbar sein, daß selbst die größten ausländischen Maler, die sie
-sahen, vor diesem wundervollen Werk in Begeisterung gerieten.«
-
-»Aber wie ist es nach Rom gekommen?«
-
-»Peter der Erste hat es einem ausländischen Mönch geschenkt, und der hat
-es verkauft.«
-
-Der Engländer lächelte ein wenig, wurde dann nachdenklich und sagte
-leise, daß bei ihnen in England jedes Bildchen von Geschlecht zu
-Geschlecht bewahrt werde und daß es so für seine Herkunft selbst Zeugnis
-ablege.
-
-»Nun, bei uns herrscht wahrhaftig eine andere Sitte,« sagte ich, »das
-Band der Überlieferungen der Vorfahren ist zerrissen, damit alles neu
-erscheine, als sei das ganze russische Geschlecht erst gestern von der
-Henne in den Nesseln ausgebrütet worden.«
-
-»Wenn die bei euch gezüchtete Unwissenheit so groß ist, warum bemühen
-sich dann nicht wenigstens diejenigen, die die Liebe zum Heimatlichen
-bewahrt haben, die einheimische Kunst zu erhalten?«
-
-Ich antwortete: »Es ist niemand da, Herr, der uns unterstützen würde,
-denn in den neuen Kunstschulen verfault allerorts das Gefühl, und der
-Verstand unterwirft sich der Eitelkeit. Die Fähigkeit zur hohen
-Begeisterung ist verloren gegangen, alles wird vom Irdischen abgeleitet
-und atmet irdische Leidenschaft. Unsere neuesten Maler haben damit
-begonnen, den Erzengel Michael nach dem Bildnis des Fürsten Potjomkin
-von Taurien darzustellen, und jetzt sind sie so weit, daß sie Christus
-den Erlöser als Juden abbilden. Was soll man von solchen Menschen
-erwarten? Ihre unbeschnittenen Herzen werden schließlich noch andere
-Dinge malen und verlangen, daß man die als Gottheit verehre. Hat man
-doch in Ägypten einen Stier und eine rotgefiederte Zwiebel angebetet;
-nur wir werden uns nicht vor den fremden Göttern beugen und werden das
-Judengesicht nicht als das Antlitz des Erlösers anerkennen. Ja, so
-kunstfertig diese Bilder auch sein mögen, wir halten sie für eine
-herzlose Frechheit und wollen von ihnen nichts wissen, weil es in der
-Überlieferung der Väter heißt, daß die Ergötzung der Augen die Reinheit
-der Vernunft zerstört, wie ein schadhafter Wasserspeier das Wasser
-trübt.«
-
-Damit schloß ich und schwieg, aber der Engländer sagte:
-
-»Fahre fort, mir gefällt es, wie du urteilst!«
-
-Ich antwortete: »Ich habe schon alles erzählt.« Er aber erwiderte:
-
-»Nein, erzähle mir noch, was ihr unter einem beseelten Bilde versteht.«
-
-Diese Frage, meine werten Herren, war für einen einfachen Menschen
-ziemlich schwierig, aber es war nichts zu machen, und ich begann zu
-erzählen, wie in Nowgorod der Sternenhimmel gemalt ist, und dann
-berichtete ich von dem Kiewer Bild in der Sophienkathedrale, wo zu
-Seiten des Herrn Zebaoth sieben geflügelte Erzengel stehen, die
-natürlich keine Ähnlichkeit mit dem Fürsten Potjomkin haben, und auf den
-Stufen der Vorhalle die Erzväter und Propheten dargestellt sind, unter
-ihnen Moses mit der Gesetzestafel, noch tiefer Ahron mit Mitra und Stab,
-und auf der anderen Seite der Stufen König David mit der Krone, der
-Prophet Jesaias mit der Schriftrolle, Hesekiel mit der Geschlossenen
-Pforte, Daniel mit dem Stein, und um diese Fürbitter, die den Weg zum
-Himmel weisen, sind die Gaben abgebildet, durch die der Mensch diesen
-Ruhmesweg erklimmen mag, wie: das Buch mit den sieben Siegeln als die
-Gabe der Allweisheit, der siebenarmige Leuchter als die Gabe der
-Vernunft, die sieben Augen als die Gabe des Rates, die sieben Posaunen
-als die Gabe der Kraft, die Hand Gottes inmitten von sieben Sternen als
-die Gabe der Gesichte, die sieben Räucherbecken als die Gabe der
-Frömmigkeit und die sieben Blitze als die Gabe der Gottesfurcht. »Sehen
-Sie,« sagte ich, »eine solche Darstellung ist erhebend.«
-
-Der Engländer antwortete: »Verzeih mir, mein Lieber, ich verstehe nicht,
-weshalb du dies erhebend nennst.«
-
-»Weil eine solche Darstellung uns klar sagt, daß es dem Christenmenschen
-ansteht, zu beten und darnach zu lechzen, sich von dieser Welt zu Gottes
-unsagbarem Glanze zu erheben.«
-
-»Ja,« erwiderte er, »das kann aber doch ein jeder aus der Schrift und
-aus dem Gebete erfassen.«
-
-»Nein, durchaus nicht,« antwortete ich, »es ist nicht jedem gegeben, die
-Schrift zu verstehen, und dem, der sie nicht versteht, gibt auch das
-Gebet nur Finsternis. Mancher hört die Verheißung der großen und reichen
-Gnade und schließt daraus, daß damit Geld gemeint sei und betet voller
-Habsucht; sieht er aber vor sich den himmlischen Glanz dargestellt, so
-vergißt er hierüber das höchste irdische Glück und sieht ein, daß er
-dieses Ziel erreichen müsse, weil dort alles so klar und einleuchtend
-geschildert ist. Hat dann der Mensch für seine Seele zunächst die Gabe
-der Gottesfurcht erbetet, so erhebt sie sich gleich, von der irdischen
-Schwere befreit, von Stufe zu Stufe und erringt mit jedem Schritte mehr
-vom Überfluß der göttlichen Gaben. Und von der Zeit an erscheint dem
-Menschen im Gebet das Geld und aller irdischer Ruhm nur als
-verabscheuungswürdig vor dem Herrn.«
-
-Der Engländer erhob sich von seinem Platze und sagte lächelnd: »Und ihr,
-Sonderlinge, was erbetet ihr euch?«
-
-»Wir beten,« antwortete ich, »um ein christliches Ende und um ein mildes
-Gericht am jüngsten Tag.«
-
-Er lächelte wieder und zog plötzlich an einer goldgelben Schnur; ein
-grüner Vorhang ging auf, und hinter ihm saß seine Frau, die Engländerin,
-auf einem Sessel und strickte vor einer Kerze mit langen Stricknadeln.
-Sie war eine schöne freundliche Dame, und wenn sie auch nur wenig
-russisch sprechen konnte, so verstand sie doch alles und hatte gewiß
-unser Gespräch mit ihrem Manne über die Religion mit anhören wollen.
-
-Und was denken Sie wohl? Kaum war der Vorhang, der sie verdeckt hatte,
-zurückgezogen, als die Gute sogleich wie erschrocken aufstand, an mich
-und Luka herantrat und uns Bauern ihre beiden Händchen entgegenstreckte.
-In ihren Augen blinkten Tränen, und sie sagte:
-
-»Gute Menschen, gute russische Menschen!«
-
-Ich und Luka küßten ihr für dieses gute Wort beide Hände, aber sie
-drückte ihre Lippen auf unsere Bauernköpfe.
-
-Der Erzähler hielt inne, bedeckte die Augen mit dem Ärmel, wischte sie
-still und flüsterte dann: »Sie war eine rührende Frau.« Nachdem er sich
-gefaßt hatte, fuhr er fort:
-
-Nach ihrer freundlichen Tat begann die Engländerin ihrem Manne etwas in
-ihrer Sprache auseinanderzusetzen. Wenn wir es auch nicht verstanden, so
-hörten wir an der Stimme, daß sie ihn für uns bat. Und der Engländer
-freute sich über die Güte seiner Frau, strahlte vor Stolz, streichelte
-der Frau immerfort das Köpfchen und girrte in seiner Sprache wie eine
-Taube: »Gut, gut«, oder was er ihr sonst gesagt haben mag; aber es war
-ersichtlich, wie er sie lobte und sie in etwas bestärkte. Dann trat er
-an seinen Schreibtisch, nahm zwei Hundertrubelscheine heraus und sagte:
-
-»Luka, hier hast du Geld, geh und suche den kunstfertigen
-Heiligenbildermaler, wo du ihn zu finden meinst, damit er euch
-anfertigt, was ihr braucht. Er kann auch für meine Frau etwas in eurer
-Art malen; sie will ihrem Sohne eine solche Ikone schenken und gibt euch
-für eure Bemühungen und Auslagen das Geld.«
-
-Sie aber lächelt durch die Tränen und entgegnet rasch: »Nein, nein,
-nein, das ist von ihm, aber ich will von mir extra.« Und mit diesen
-Worten geht sie zur Tür hinaus und bringt einen dritten Hunderter.
-
-»Mein Mann,« sagt sie, »hat mir das für ein Kleid geschenkt, aber ich
-will kein Kleid, ich stifte es euch.«
-
-Wir weigern uns natürlich es anzunehmen, aber sie will davon gar nichts
-hören und läuft hinaus, während er sagt:
-
-»Nein, wagt nicht, es ihr zu verweigern und nehmt, was sie euch gibt.«
-Damit wendet er sich weg und sagt: »Geht jetzt, ihr Sonderlinge!«
-
-Wir waren durch diese Verabschiedung natürlich nicht beleidigt, weil wir
-wohl bemerkt hatten, daß sich der Engländer von uns weggewandt hatte,
-nur um seine Rührung vor uns zu verbergen.
-
-So haben uns, meine werten Herren, unsere eigenen Landsleute in ihrer
-Herzensfinsternis verurteilt, und die englische Nation hat uns getröstet
-und unserer Seele den Eifer wiedergegeben.
-
-Nun wendet sich, meine besten Herren, meine Erzählung dem Ende zu, und
-ich will Ihnen in Kürze berichten, wie ich meinen lieben,
-»silbergezäumten« Lewontij mitnahm, wie wir nach dem Ikonenmaler
-auszogen, welche Ortschaften wir durchwanderten, was für Leute wir
-sahen, welche neuen Wunder sich uns offenbarten, wie wir zuguterletzt
-fanden, was wir verloren hatten und womit wir zurückkehrten.
-
-
-
-
- ZEHNTES KAPITEL
-
-
-Für einen Menschen, der eine Wanderschaft unternimmt, ist der
-Weggefährte die wichtigste Angelegenheit. Mit einem guten und klugen
-Kameraden sind selbst die Kälte und der Hunger leichter zu ertragen. Mir
-ward diese Gabe durch den wunderbaren Jüngling Lewontij zuteil. Wir
-machten uns zu Fuß auf den Weg. Wir trugen unsere Bündel, hatten eine
-hinreichende Summe Geldes bei uns und nahmen zum Schutze unseres Lebens
-und auch des Geldes einen alten, kurzen Säbel mit breiter Klinge mit,
-der uns für den Fall einer Gefahr immer begleitet hatte. Wir zogen wie
-Handelsleute unseres Wegs und hatten für alle Fälle Ausflüchte bereit,
-hatten aber natürlich stets nur unsere Sache im Auge.
-
-Zu allererst waren wir in Klinzy und Slynka, kehrten dann bei einem der
-Unsern in Orjol ein, aber nirgends hatten wir ein brauchbares Resultat,
-nirgends fanden wir einen guten Ikonenmaler. So erreichten wir
-schließlich Moskau. Was soll ich sagen! Heil dir, Moskau! Heil dir,
-ruhmvolle Zarin des alten Rußlands! Aber wir Altgläubigen haben in dir
-keinen Trost gefunden!
-
-Ich spreche ungern davon, aber ich kann nicht verschweigen, daß wir in
-Moskau nicht den Geist antrafen, den wir erwartet hatten. Wir
-überzeugten uns mit jedem Tag mehr davon, daß die Altgläubigkeit dort
-nicht auf Liebe zum Guten und zur Wohlanständigkeit begründet ist,
-sondern auf purem Eigensinn, und Lewontij und ich begannen uns darüber
-zu schämen, weil wir dort nur solches sahen, was für den friedlichen
-Gläubigen beleidigend ist. Aber indes wir uns schämten, schwiegen wir
-darüber.
-
-Es gab natürlich in Moskau Ikonenmaler, und sogar recht kunstfertige,
-aber was nützte uns das, wenn alle diese Leute nicht den Geist hatten,
-von dem die väterlichen Überlieferungen berichten. Bevor sich die
-gottesfürchtigen Maler der alten Zeiten an die heilige Kunst machten,
-fasteten und beteten sie, und sie leisteten für viel und für wenig Geld
-das Gleiche, wie es die Ehre der heiligen Darstellung erforderte. Aber
-jene malen nur für eine kurze Zeit, nicht mehr für die Dauer, grundieren
-nur schwach mit Kreidefarben, statt mit alabasternen, und tragen in
-ihrer Faulheit die Farbe mit einemmal auf, statt wie damals vier- und
-selbst fünfmal mit wasserdünner Farbe zu malen, wodurch jene die
-wundervolle Zartheit erreichten, die den jetzigen mangelt. Und über der
-Liederlichkeit in der Kunst sind sie selbst alle schwach geworden, so
-daß sich jeder vor dem anderen rühmt und einer den anderen zu
-erniedrigen sucht. Aber noch schlimmer ist, daß sie sich in den Schenken
-zu Haufen herumtreiben, dort die schlauesten Betrügereien verüben, Wein
-trinken und ihre Kunst schreierisch loben, das Werk der anderen aber
-gotteslästerlich und »Teufelsmalerei« nennen. Und um sie herum sitzen
-die Altertumshändler wie die Sperlinge hinter den Eulen, lassen die
-altgemalten Heiligenbilder von Hand zu Hand gehen, sie tauschen und
-fälschen, räuchern sie im Kamin und machen Risse und Wurmfraß hinein.
-Aus Kupfer gießen sie alle möglichen Beschläge, nach den Vorbildern der
-alten getriebenen Originale und legen Emaille nach der altüberlieferten
-Art auf. Aus gewöhnlichen Schüsseln schmieden sie Taufbecken mit den
-alten gerupften Adlern, wie man sie zur Zeit Iwans des Grausamen
-herstellte. Sie stellen sie aus und verkaufen sie an unerfahrene
-Leichtgläubige als echte Taufbecken »aus den Zeiten des Grausamen«.
-Solcher Taufbecken gibt es jetzt viele in Rußland, aber es ist alles
-Betrug und gewissenloser Schwindel. Mit einem Wort, die Leute betrügen
-einander mit Heiligtümern, wie die schwarzen Zigeuner mit Pferden, und
-treiben es so, daß man sich für sie schämen muß, wenn man überall die
-Sünde, die Versuchung und den Verrat am Glauben sieht. Wer sich diese
-Schamlosigkeit zu eigen gemacht hat, dem geht es nicht schlecht; selbst
-unter den Moskauer Liebhabern finden sich viele, die sich für diesen
-unehrlichen Handel interessieren und sich damit brüsten: hier habe einer
-einen mit einem Christusbild betrogen, dort ein anderer einen andern mit
-einem Nikolai geprellt oder einem auf irgendeine niederträchtige Weise
-ein gefälschtes Muttergottesbild untergeschoben. All dies wurde ganz
-offen betrieben, man eiferte sogar darin, die unerfahrenen Gläubigen mit
-den Heiligtümern zum Narren zu halten. Aber mir und Lewontij als
-bäuerisch einfachen Gottesverehrern erschien dies alles so unerträglich,
-daß wir uns darüber grämten und erschraken:
-
-»Ist es denn möglich,« denken wir uns, »daß unser alter unglücklicher
-Glaube derartig entstellt worden ist?« Und indem ich mir das denke, sehe
-ich, daß auch er dasselbe in seinem betrübten Herzen trägt. Aber wir
-sprachen nicht miteinander darüber, und ich bemerkte nur, wie sich mein
-Jüngling immer mehr in die Einsamkeit flüchtete.
-
-Einmal schaue ich ihn an und habe Sorge, daß er jetzt in der Verwirrung
-seines Herzens nur nicht auf unnötige Gedanken kommen möge; und ich sage
-ihm:
-
-»Was hast du, Lewontij, worüber grämst du dich?«
-
-Und er antwortet:
-
-»Nichts, Onkel, nichts; ich bin einmal so.«
-
-»Komm, gehen wir in die Boscheninstraße, in die Eriwaner Schenke und
-versuchen dort einen Ikonenmaler zu überreden. Heute haben zwei
-versprochen hinzukommen und alte Ikonen mitzubringen. Ich habe schon
-eine eingehandelt und will heute noch eine bekommen.«
-
-Aber Lewontij antwortet:
-
-»Nein, Onkelchen, geh du allein, ich gehe nicht mit.«
-
-»Warum gehst du nicht mit?« frage ich.
-
-»So,« antwortet er, »mir ist heute nicht ganz wohl.«
-
-Einmal, zweimal nötigte ich ihn nicht, aber das drittemal fordere ich
-ihn wieder auf:
-
-»Gehen wir, Lewontjuschka, gehen wir, Junge.«
-
-Aber er verneigt sich rührend und bittet:
-
-»Nein, Onkelchen, weißes Täubchen, laß mich zu Hause bleiben.«
-
-»Aber was ist denn das, Ljowa, du bist doch mit mir als Helfer
-mitgekommen und sitzt immer zu Hause. So habe ich nicht viel von deiner
-Hilfe, mein Täubchen.«
-
-»Nun, du Teurer, Väterchen Mark Alexandrowitsch, Gebieter, fordere mich
-nicht auf, dorthin zu gehen, wo man ißt und trinkt und unziemliche Reden
-über das Heilige führt, ich könnte der Versuchung unterliegen.«
-
-Das war das erste bewußte Wort über seine Gefühle, und es traf mich ins
-Herz, aber ich stritt nicht mit ihm und ging allein. An jenem Abend
-hatte ich ein langes Gespräch mit zwei Ikonenmalern, und durch sie
-widerfuhr mir ein schreckliches Leid. Es ist entsetzlich, was sie mit
-mir gemacht haben. Der eine hatte mir für vierzig Rubel eine Ikone
-verkauft und ging weg; der andere aber sagte:
-
-»Schau zu, Mensch, daß du vor dieser Ikone nicht betest.«
-
-Ich frage: »Warum?«
-
-Er antwortet: »Weil es Teufelsmalerei ist.« Damit kratzt er mit dem
-Nagel an dem Bild, an der einen Ecke fällt die Farbschicht ab, und auf
-dem Grund darunter ist ein Teufelchen mit einem Schwanz gemalt. Er
-kratzt an einer anderen Stelle die Schicht herunter, und unter ihr ist
-wieder ein Teufelchen.
-
-»Großer Gott, was ist denn das?« Ich begann zu weinen.
-
-»Das bedeutet, daß du nicht bei ihm, sondern bei mir bestellen sollst«.
-
-Da sah ich klar, daß sie derselben Bande angehörten und verabredet
-hatten, an mir schlecht und unehrlich zu handeln. Ich ließ ihnen die
-Ikone zurück und ging fort, die Augen voller Tränen, und lobte Gott, daß
-mein Lewontij, dessen Glaube eben im Gären war, dies nicht gesehen
-hatte. Wie ich nach Hause komme, sehe ich in den Fenstern des Stübchens,
-das wir gemietet hatten, kein Licht, sondern höre von dort ein leises,
-zartes Singen. Sogleich erkenne ich Lewontijs angenehme Stimme, und er
-singt mit einem Ausdruck, als ob er jedes Wort in Tränen badete. Ich
-trete leise ein und bleibe, damit er mich nicht hört, vor der Türe
-stehen und höre, wie er die Josephsklage singt:
-
- »Wem soll ich meine Trauer sagen,
- Wen rufe ich zum Weheklagen?«
-
-Dieser Vers, wenn Sie ihn zu kennen geruhen, ist ohnedies so klagevoll,
-daß man ihn nicht gleichgültig anhören kann, und Lewontij singt ihn und
-weint und schluchzt dabei:
-
- »Meine Brüder haben mich verkauft.«
-
-Er weint, und weint, als ob er am Grabe seiner Mutter stehe und singt
-weiter, und ruft die Erde an zur Weheklage über die Sünde der Brüder.
-
-Diese Worte können einen Menschen immer erregen, mich erregten sie aber
-jetzt besonders, da ich doch eben von ähnlich streitenden Brüdern
-weggegangen war. Die Worte hatten mich so gerührt, daß ich selbst
-aufschluchzte. Lewontij hört es, verstummt und ruft: »Onkel, hör Onkel!«
-
-»Was denn, mein guter Junge?« sage ich.
-
-»Weißt du, wer unsere Mutter ist, von der hier gesungen wird?« fragt er.
-
-»Rahel,« antworte ich.
-
-»Nein,« entgegnet er, »in alter Zeit war es die Rahel, jetzt hat es aber
-eine andere, geheimnisvolle Bedeutung.«
-
-»Wieso geheimnisvoll?« frage ich.
-
-»Nun, dieses Wort hat einen verwandelten Sinn.«
-
-»Du Kind,« sage ich, »paß auf: ist es nicht gefährlich, was du hier
-grübelst?«
-
-»Nein,« erwidert er, »ich fühle es in meinem Herzen, daß unser Erlöser
-sich unseretwegen kreuzigen läßt, weil wir ihn nicht mit einigen Herzen
-und einigen Lippen suchen.«
-
-Ich erschrak noch mehr: wohin will der Junge nur damit hinaus? Und ich
-sage ihm:
-
-»Weißt du, Lewontjuschka, gehen wir lieber schneller aus Moskau fort in
-die Gegend von Nischnij-Nowgorod, um dort den Ikonenmaler Ssewastjan zu
-suchen; ich habe heute gehört, daß er dort umherzieht.«
-
-»Gut, gehen wir,« antwortet er, »hier in Moskau quält mich schmerzhaft
-ein böser Geist, aber dort sind Wälder, die Luft ist reiner, und dort,
-hörte ich, lebt auch der Starez Pamwa, ein Einsiedler ganz ohne Neid und
-Zorn, den ich gern gesehen hätte.«
-
-»Der Einsiedler Pamwa,« erwidere ich ihm streng, »dient der herrschenden
-Kirche, was haben wir mit ihm zu schaffen?«
-
-»Nun, was ist das für ein Unglück?« antwortet er: »Ebendeshalb will ich
-ihn ja sehen, um zu begreifen, was für ein Segen auf der herrschenden
-Kirche ruht.«
-
-Ich wasche ihm den Kopf und sage: »Was ist denn das für ein Segen?,«
-aber ich fühle selbst, daß er mehr Recht hat als ich, da er darnach
-drängt, zu erforschen, während ich einfach verwerfe, was ich nicht
-kenne, und in meinem Widerstande trotzig bin, ihm also nur Unsinn
-entgegne.
-
-»Die Angehörigen der herrschenden Kirche,« sage ich, »richten sich in
-ihrem Glauben nicht nach dem Himmel, sondern nach dem Tor des
-Aristoteles und bestimmen den Weg auf dem Meere nach dem Stern des
-heidnischen Gottes Remphan, du aber willst mit ihnen den Blickpunkt
-gemeinsam haben?«
-
-Aber Lewontij antwortet: »Du fabelst, Onkel: es hat nie einen Gott
-Remphan gegeben, sondern alles ist durch die eine Allweisheit
-geschaffen.«
-
-Daraufhin werde ich noch dümmer und sage: »Die Kirchlichen trinken
-Kaffee«.
-
-»Nun, was ist das für ein Unglück?« antwortet Lewontij; »Der Kaffee ist
-eine Bohne und wurde dem König David als Geschenk dargebracht.«
-
-»Woher,« sage ich, »weißt du denn das alles?«
-
-»Ich hab es in Büchern gelesen.«
-
-»Nun, wisse dann: alles steht in den Büchern nicht geschrieben.«
-
-»Was ist dort nicht geschrieben?« fragt er.
-
-»Was? Was dort noch nicht geschrieben ist?« Ich weiß gar nicht mehr, was
-ich sagen soll, und poltere los:
-
-»Die Kirchlichen essen Hasen, und der Hase ist unrein.«
-
-»Beschimpfe nicht, was Gott geschaffen hat, es ist Sünde.«
-
-»Wie soll ich den Hasen nicht beschimpfen, wo er doch unrein ist, von
-Eselsart, Zwittereigenschaften hat und beim Menschen dickes,
-melancholisches Blut erzeugt?«
-
-Aber Lewontij lacht nur und sagt:
-
-»Schlaf, Onkel, du redest ungereimtes Zeug.«
-
-Ich muß Ihnen gestehen, daß ich damals noch nicht klar wußte, was in der
-Seele dieses gesegneten Jünglings vorging; ich war nur sehr erfreut, daß
-er nicht weitersprechen wollte, denn ich sah selbst ein, daß mein Herz
-nichts von dem wußte, was ich sprach, und so schwieg ich denn und dachte
-mir nur, während ich mich niederlegte:
-
-»Nein, diese Zweifel sind bei ihm aus Gram entstanden. Morgen werden wir
-aufstehen und uns auf den Weg machen; dann wird sich alles in ihm
-zerstreuen.« Für alle Fälle aber hatte ich in meinem Sinn beschlossen,
-einige Zeit schweigend neben ihm einherzugehen, um ihm zu zeigen, daß
-ich noch sehr zornig auf ihn sei.
-
-Nur brachte ich in meinem wetterwendischen Charakter nicht die Kraft
-auf, mich böse zu stellen, und so begannen wir bald wieder miteinander
-zu sprechen, und nicht über göttliche Dinge, weil er viel belesener war
-als ich, sondern über die Gegend, wozu uns die riesigen dunklen Wälder
-anregten, durch die unser Weg führte. Ich bemühte mich, mein Moskauer
-Gespräch mit Lewontij zu vergessen, und entschloß mich, auf der Hut zu
-sein und nicht irgendwie auf den Starez Pamwa, den Einsiedler zu stoßen,
-der Lewontij so begeistert hatte und über dessen erhabenen Lebenswandel
-ich selbst unfaßbare Wunder von kirchlich Gläubigen gehört hatte.
-
-»Nun,« denke ich mir, »was soll ich mir große Sorgen machen, wenn ich
-ihm aus dem Wege gehe? Er selbst wird uns doch gewiß nicht suchen.«
-
-Und so wandern wir wieder friedlich und wohlbehalten und kommen
-schließlich in Ortschaften, in denen wir Kunde davon erhalten, daß der
-Ikonenmaler Ssewastjan die Gegend durchziehe. Nun beginnen wir, ihn von
-Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf zu suchen, wir folgen ihm schon auf
-frischer Fährte, wir erreichen ihn fast und können ihn doch nicht
-einholen. Wir laufen wie gekoppelte Hunde, legen Strecken von zwanzig
-bis dreißig Werst ohne Rast zurück, aber wenn wir irgendwohin kommen, so
-sagt man uns:
-
-»Er ist hier gewesen und ist eben, vor einer Stunde weggegangen.«
-
-Wir eilen ihm nach, aber es gelingt uns nicht ihn einzuholen.
-
-Einmal an einer Wegkreuzung gerate ich mit Lewontij in Streit. Ich sage:
-»wir müssen rechts gehen«, und er sagt: »links«. Schließlich hätte er
-mich beinahe überredet, aber ich beharrte auf meiner Meinung. Wir gehen
-also und gehen, und schließlich merke ich, daß ich nicht mehr weiß,
-wohin wir geraten sind, und daß weder ein Pfad, noch eine Spur
-weiterführt.
-
-Ich sage dem Jüngling: »Kehren wir um, Ljowa!«
-
-Aber er antwortet: »Nein ich kann nicht mehr weitergehen, Onkel, ich
-habe keine Kraft mehr.«
-
-Ich frage besorgt: »Kindchen, was fehlt dir denn?«
-
-Und er erwidert: »Siehst du denn nicht, wie mich der Frost schüttelt?«
-
-Ich sehe, wie er am ganzen Körper zittert und wie seine Augen
-umherirren. So plötzlich war es geschehen, meine werten Herren. Er hat
-über nichts geklagt, ist flink einhergegangen, und nun setzt er sich mit
-einem Male in einem Wäldchen aufs Gras, lehnt seinen Kopf an einen
-hohlen Baumstumpf und sagt:
-
-»Oh, mein Kopf, oh mein Kopf! Mein Kopf brennt wie Feuerflammen. Ich
-kann nicht weiter gehen, ich kann keinen Schritt mehr machen.« Und damit
-neigt sich der Arme zur Erde und fällt hin.
-
-Dies geschah gegen Abend.
-
-Ich war sehr erschrocken, und während ich wartete, ob sein Anfall nicht
-nachlassen würde, brach die Nacht herein. Es war Herbstzeit und trüb,
-die Gegend war unbekannt, ringsum nichts als Fichten und alte Tannen,
-und der Knabe starb einfach hin. Was sollte ich tun? Unter Tränen sagte
-ich ihm:
-
-»Ljowuschka, Väterchen, raff dich zusammen, vielleicht erreichen wir ein
-Nachtlager.«
-
-Aber er neigt das Köpfchen zur Seite, wie eine abgemähte Blume, und
-spricht wie im Fiebertraum:
-
-»Rühr mich nicht an, Onkel Marko, rühr mich nicht an und fürchte dich
-nicht.«
-
-Ich sage: »Ich bitte dich, Ljowa, wie soll man sich in solch einer
-unwegsamen Einöde nicht fürchten?«
-
-Aber er sagt: »Wache, und du wirst behütet werden.«
-
-Ich denke: »Herrgott, was ist denn mit ihm los?« Trotz meiner Angst
-beginne ich zu horchen, und es scheint mir, als höre ich tief im Wald
-etwas knistern. »Gnadenreicher Herr!« denke ich mir: »Das ist gewiß ein
-wildes Tier, das uns gleich zerreißen wird!« Lewontij kann ich schon
-nichts mehr zurufen, denn ich sehe, daß er gleichsam aus sich selbst
-herausgeflogen ist und mir enteilt, und so bete ich nur noch: »Engel
-Christi, beschütze uns in dieser schrecklichen Stunde!« Das Knistern
-kommt immer näher und ist schon dicht bei uns. Ich muß Ihnen hier, meine
-werten Herren, eine große Gemeinheit gestehen: ich war so verzagt, daß
-ich den kranken Lewontij an der Stelle, an der er lag, zurückließ,
-schneller als eine Eichkatze auf einen Baum kletterte, mich auf einen
-Ast setzte, mein Säbelchen zog und, mit den Zähnen wie ein erschreckter
-Wolf klappernd, wartete, was da kommen würde.
-
-Plötzlich sehe ich aus der Dunkelheit, an die sich meine Augen bereits
-gewöhnt haben, etwas heraustreten, aber ich kann durchaus nicht
-erkennen, ob es ein Tier oder ein Räuber ist. Aber wie ich genauer
-hinschaue, kann ich genau unterscheiden, daß es weder das eine, noch das
-andere ist, sondern ein kleiner Greis in einer Kutte; ja, ich kann sogar
-das Beil erkennen, das er im Gürtel stecken hat, und das große
-Holzbündel auf seinem Rücken. Er kommt auf die Lichtung heraus, atmet
-hastig, als wolle er die Luft von allen Seiten her einsammeln, wirft
-dann mit einem Male sein Bündel zur Erde und geht sofort, als habe er
-die Nähe eines Menschen gewittert, gerade auf meinen Gefährten zu. Er
-tritt an ihn heran, beugt sich über ihn, schaut ihm ins Gesicht, nimmt
-ihn dann bei der Hand und sagt: »Steh auf, Bruder.« Und was glauben Sie?
-Ich sehe, wie er Lewontij aufstehen hilft, ihn zu seinem Bündel führt,
-es ihm auf die Schultern legt und sagt: »Trag es hinter mir her!« Und
-Lewontij trägt es.
-
-
-
-
- ELFTES KAPITEL
-
-
-Sie können sich vorstellen, meine werten Herren, wie ich vor solch einem
-Wunder erschrecken mußte. Woher war dieser stille, gebieterische Alte
-gekommen, und wie hatte mein Ljowa, der noch eben dem Tode nahe schien,
-die Kraft gewonnen, gleich das Holzbündel zu tragen!
-
-Ich stieg, so schnell ich vermochte, vom Baum herunter, warf mein
-Säbelchen an seinem Strick auf den Rücken, brach mir für alle Fälle
-einen verläßlichen kräftigen Knüppel und eilte ihnen nach. Ich hatte sie
-bald eingeholt und sah: der Alte ging voran und war genau so, wie er mir
-im ersten Augenblick erschienen war, -- klein und bucklig, das Bärtchen
-auf beiden Wangen buschig und weiß wie Seifenschaum, und mein Lewontij
-folgte schnell seiner Spur und blickte mich dabei unverwandt an. Aber
-wenn ich ihn ansprach und mit der Hand berührte, schenkte er mir nicht
-die geringste Aufmerksamkeit und ging wie im Schlaf daher.
-
-Ich trat an den Alten heran und rief:
-
-»Verehrter!«
-
-Und er erwiderte: »Was willst du?«
-
-»Wohin führst du uns?«
-
-»Ich führe niemanden,« sagte er, »alle führt Gott.«
-
-Bei diesen Worten blieb er stehen, und ich sah, daß sich vor uns eine
-niedrige Mauer mit einem Tor erhob, und in dem Tor ein kleines Pförtchen
-angebracht war. Der Alte begann daran zu klopfen und rief: »Bruder
-Miron! Bruder Miron!«
-
-Aber von drinnen antwortet unwirsch eine grobe Stimme:
-
-»Wieder hast du dich nachts herumgetrieben. Bleib im Wald zu Nacht! Ich
-lasse dich nicht herein!«
-
-Doch der kleine Greis begann zu flehen und freundlich zu bitten:
-
-»Laß ein, Bruder!«
-
-Plötzlich riß der Grobian von innen die Türe auf, und ich sah einen
-Menschen in der gleichen Kutte, wie sie der Alte trug, vor mir. Er war
-ein roher Kerl, und kaum hatte der Alte die Füße über die Schwelle
-gesetzt, als jener ihm einen Stoß versetzte, daß er beinahe zur Erde
-gefallen wäre. Aber er sagte:
-
-»Segne dich Gott, mein Bruder, für diesen Dienst.«
-
-»Heiland«, denke ich mir, »wohin sind wir geraten!«
-
-Und plötzlich erleuchtet und entsetzt es mich wie ein Blitz:
-
-»Gott sei mir gnädig! Wenn es nur nicht Pamwa, der zornlose Einsiedler
-ist. Dann wäre es besser gewesen, ich wäre im dunklen Wald umgekommen
-oder hätte mir bei einem wilden Tier oder einem Räuber ein Lager
-gesucht, als unter diesem Dache!«
-
-Kaum hatte er uns in seine kleine Hütte hineingeführt und ein gelbes
-Wachslicht angezündet, als ich schon erriet, daß wir uns wirklich in
-einer Waldeinsiedelei befanden. Und ich kann mich nicht mehr beherrschen
-und frage:
-
-»Verzeih mir, gottesfürchtiger Mann, wenn ich dich frage, ob es sich für
-mich und meinen Gefährten geziemt, hier zu bleiben, wohin du uns geführt
-hast?«
-
-Er aber antwortet:
-
-»Gottes ist die ganze Erde, und gesegnet sind alle Lebenden. -- Lege
-dich hin und schlafe!«
-
-»Nein«, erwidere ich, »erlaube, daß ich dir sage: wir gehören dem alten
-Glauben an.«
-
-»Wir sind alle vom Leibe Christi, er umfängt uns alle.«
-
-Und damit führt er uns in einen Winkel, wo auf dem Boden eine dürftige
-Lagerstatt aus Matten hergerichtet ist und am Kopfende ein mit Stroh
-bedeckter Holzklotz liegt, und sagt zu uns beiden: »Schlaft!«
-
-Mein Lewontij legt sich als gehorsamer Junge gleich hin, während ich
-meine Vorsicht beibehalte und frage:
-
-»Verzeih, Mann Gottes, noch eine Frage ...«
-
-Er antwortet: »Wozu fragen: Gott weiß alles.«
-
-»Nein, sage mir: wie heißt du?«
-
-Aber er erwidert mit dem für ihn ganz unpassenden Weiberspruch:
-
-»Man nennet mich den Enterich, wie man mich heißt, das weiß ich nicht.«
-Und mit diesen leeren Worten kriecht er mit seinem Lichtlein in eine
-kleine Kammer, eng wie ein Holzsärglein, aber hinter der Wand vernimmt
-man wieder die Stimme des Grobians:
-
-»Untersteh dich nicht, Licht zu brennen: du zündest noch die Zelle an.
-Aus dem Büchlein kannst du am Tage beten, jetzt aber bete im Dunkeln.«
-
-»Ich werde nicht, Bruder Miron«, antwortet jener, »ich werde nicht.« Und
-bläst das Lichtlein aus.
-
-Ich flüstere: »Vater, wer ist es, der Euch so barsch bedroht?«
-
-»Es ist mein Diener Miron, ein guter Mensch ... er behütet mich.«
-
-»Nun ist es aus«, denke ich mir, »es ist der Einsiedler Pamwa. Es kann
-niemand anders sein, als er, der Zorn- und Neidlose. Jetzt ist das
-Unglück da! Er hat uns hieher gebracht und sengt uns jetzt, wie der
-Feuerbrand das Fett. Das einzige, was übrigbleibt, ist, morgen beim
-Morgengrauen Lewontij von hier zu entführen und zu fliehen, damit er
-nicht wisse, wo wir sind.« Ich klammerte mich an diesen Plan und
-beschloß nicht zu schlafen, um den Jüngling beim ersten Morgenschimmer
-zu wecken und zu fliehen.
-
-Um nicht einzuschlafen und womöglich zu verschlafen, liege ich da und
-spreche in einem fort das Glaubensbekenntnis, wie es der alte Glaube
-vorschreibt, und wenn ich damit fertig bin, setze ich gleich hinzu:
-»Dieser Glaube ist der Apostolische, dieser Glaube ist der Katholische,
-dieser Glaube hält das All ...« und beginne von neuem. Ich weiß nicht,
-wie oft ich das Glaubensbekenntnis wiederholt habe, um nicht
-einzuschlafen, aber gewiß waren es viele Male. Und auch der Alte betet
-noch immer in seinem Sarge, und mir scheint, als zeige mir das Licht in
-den Balkenritzen, wie er sich immer von neuem verneigt. Und plötzlich
-meine ich ein Gespräch zu hören, und was für eines ... ein ganz
-unerklärliches ... als sei Lewontij beim Starez eingetreten und spräche
-mit ihm über den Glauben ... aber ohne Worte, sondern sie sehen einander
-nur an und verstehen sich. Dieses Bild stand mir lange vor Augen, und
-ich hatte darüber schon vergessen, mein Glaubensbekenntnis zu
-wiederholen. Da glaube ich zu hören, wie der Starez dem Jüngling sagt:
-»Gehe und entsündige dich!« Und jener antwortet: »Ja, ich will mich
-entsündigen.« Auch jetzt kann ich Ihnen nicht sagen, ob es im Traume
-oder in der Wirklichkeit geschehen ist, aber sicher habe ich darauf
-lange geschlafen. Wie ich endlich erwache, sehe ich: es ist heller Tag,
-und der Starez, unser Wirt, der Einsiedler, sitzt da und zieht eine Aale
-durch einen Lindenbastschuh, den er auf seinen Knien hält. Ich beginne
-ihn aufmerksam zu betrachten:
-
-Ach, wie schön ist er! Wie vergeistigt! Als wenn ein Engel vor mir säße
-und für seine Erdenwandlung in unscheinbarer Gestalt Bastschuhe flechte.
-Ich betrachte ihn und sehe, daß auch er mich anschaut, lächelt und sagt:
-
-»Hast du genug geschlafen, Mark? Es ist Zeit, ans Werk zu gehen.«
-
-Ich erwidere: »Was ist denn mein Werk, gottesfürchtiger Mann? Oder weißt
-du alles?«
-
-»Ich weiß, ich weiß,« sagt er, »macht denn der Mensch einen weiten Weg
-ohne Zweck? Alle, Bruder, alle suchen die Wege Gottes. Helfe dir Gott in
-deiner Demut.«
-
-»Was sagst du, heiliger Mann, meine >Demut<? Du bist demütig, aber was
-habe ich in meiner Eitelkeit für eine Demut?«
-
-Aber er antwortet:
-
-»Ach nein, Bruder, nein, ich bin nicht demütig, ich bin ein großer
-Sünder, denn ich wünsche teilzuhaben am Himmelreich.«
-
-Und im Bewußtsein dieser Sünde faltet er mit einem Male die Hände und
-beginnt wie ein kleines Kind zu weinen.
-
-»Herr!« betet er, »zürne mir nicht für diesen Eigenwillen, werfe mich
-auf den Grund der Hölle und befiehl deinen Teufeln, mich zu quälen, wie
-ich es verdient habe!«
-
-»Nein,« denke ich mir, »nein, es ist, Gott sei Dank, nicht der
-scharfsichtige Einsiedler Pamwa, es ist einfach ein geistesumnachteter
-Greis.« Ich dachte mir, daß doch niemand bei gesundem Verstande auf das
-Himmelreich verzichten und beten könne, Gott möge ihn zur Peinigung den
-Teufeln geben. Einen solchen Wunsch hatte ich in meinem ganzen Leben
-noch von niemand gehört, und so wandte ich mich von der Klage des
-Greises ab, da ich sie für eine Verrücktheit und eine von den Teufeln
-geschickte Versuchung hielt. Dann dachte ich mir, daß ich noch immer
-hier liege, während es doch Zeit zum Aufstehen sei; plötzlich sehe ich
-aber, wie sich die Türe öffnet und mein Lewontij hereintritt, den ich
-ganz vergessen hatte. Er tritt ein, fällt vor dem Starez nieder und
-sagt:
-
-»Vater, ich habe alles vollbracht, jetzt segne mich!«
-
-Der Starez sieht ihn an und antwortet:
-
-»Friede sei mit dir: ruhe dich aus!«
-
-Und ich sehe, wie sich mein Jüngling vor ihm wieder bis zur Erde
-verneigt, hinausgeht, und der Einsiedler wieder an seinen Bastschuhen
-arbeitet.
-
-Da springe ich mit einem Male auf und denke:
-
-»Nein, jetzt nehme ich schnell meinen Ljowa, und fort von hier!« Damit
-trete ich in den kleinen Vorraum und sehe dort meinen Jüngling
-ausgestreckt auf der Holzbank daliegen, die Hände auf der Brust
-gefaltet.
-
-Um meine Unruhe nicht zu verraten, frage ich ihn laut:
-
-»Weißt du vielleicht, wo ich Wasser schöpfen kann, um das Gesicht zu
-waschen?« Und ich setze flüsternd hinzu: »Beim lebendigen Gott beschwöre
-ich dich, laß uns so schnell wie möglich von hier gehen!«
-
-Dabei sehe ich ihn genauer an und merke, daß Ljowa nicht atmet ... Er
-ist dahingegangen ... Gestorben ...
-
-Und ich schreie mit einer Stimme, die wie eine fremde klingt:
-
-»Pamwa, Vater Pamwa, du hast meinen Knaben getötet!«
-
-Aber Pamwa tritt leise auf die Schwelle und sagt freudig:
-
-»Fortgeflogen ist unser Ljowa!«
-
-Mich packt der Zorn:
-
-»Ja,« antworte ich unter Tränen, »er ist fortgeflogen. Du hast seine
-Seele hinausgelassen, wie eine Taube aus dem Käfig.«
-
-Und dann werfe ich mich zu den Füßen des Entschlafenen nieder und stöhne
-und weine, bis am Abend die Mönche aus dem kleinen Kloster kommen,
-seinen Leichnam waschen, in einen Sarg legen und davontragen, denn er
-war am Morgen, während ich schlief, zur herrschenden Kirche
-übergetreten.
-
-Mit dem Vater Pamwa sprach ich kein Wort mehr. Was hätte ich ihm auch
-sagen können: beschimpfte man ihn, so segnete er, -- hätte man ihn
-geschlagen, so würde er sich bis zur Erde verneigt haben. Unüberwindlich
-war dieser Mensch in seiner Demut! Wovor sollte er auch erschrecken,
-wenn ihm selbst die Hölle begehrenswert erschien? Nein, ich hatte nicht
-umsonst vor ihm gezittert und gefürchtet, daß er uns ansengen werde wie
-der Feuerbrand das Fett. Mit seiner Demut würde er selbst alle Teufel
-aus der Hölle vertreiben oder zu Gott bekehren. Wenn sie anfingen ihn zu
-quälen, würde er sie bitten: »Peinigt mich grausamer, ich habe es
-verdient.« Nein, nein, solche Demut kann nicht einmal der Satan
-ertragen. Er würde sich beide Hände an ihm wundschlagen, würde sich die
-Nägel abreißen und dann selber seine ganze Ohnmacht vor Dem, der solche
-Liebe erschaffen, erkennen und in Scham vor Ihm vergehen!
-
-So sagte ich mir denn, daß dieser Greis mit den Lindenbastschuhen der
-Hölle zum Verderben geschaffen sei. Und ich streifte die ganze Nacht im
-Walde umher, wußte selbst nicht, weshalb ich nicht das Weite suchte, und
-dachte unablässig:
-
-»Wie mag er wohl beten, auf welche Weise, nach welchen Büchern?« Und
-dabei fiel mir ein, daß ich bei ihm kein einziges Heiligenbild gesehen
-hatte, bloß ein Kreuz aus zwei mit Lindenbast aneinander gebundenen
-Stäbchen, und auch keine dicken Bücher.
-
-»Gott!« erdreiste ich mich zu urteilen, »wenn die herrschende Kirche nur
-zwei solche Menschen hat, so sind wir verloren, denn dieser Mensch ist
-ganz beseelt von Liebe.«
-
-Immer wieder muß ich an ihn denken, und gegen Morgen ergreift mich ein
-heftiges Verlangen, ihn vor meinem Weggang wenn auch nur für einen
-Augenblick wiederzusehen.
-
-Kaum habe ich dies gedacht, als ich wieder dasselbe Knistern vernehme,
-und der Vater Pamwa wieder mit Beil und Holzbündel aus dem Walde
-heraustritt und sagt:
-
-»Was säumst du so lange? Beeile dich, dein Babylon zu errichten!«
-
-Dieses Wort schien mir bitter, und ich sagte:
-
-»Weshalb machst du mir diesen Vorwurf? Ich errichte kein Babylon und
-scheide mich vom babylonischen Pfuhl.«
-
-Aber er antwortet:
-
-»Was ist Babylon? Eine Säule des Dünkels, schmeichle dir nicht mit
-deiner Rechtschaffenheit, sonst verläßt dich dein Engel.«
-
-Ich sage: »Vater, weißt du denn, weshalb ich wandere?« Und ich erzähle
-ihm unser ganzes Leid. Und er hört alles an, hört und antwortet:
-
-»Der Engel ist geduldig, der Engel ist mild; wie es der Herr ihm
-befiehlt, so kleidet er sich, was er ihm befiehlt, das wirkt er. Also
-ist der Engel! Er lebt in der Seele des Menschen, die Unwissenheit hat
-ihn versiegelt, aber die Liebe wird das Siegel zerbrechen.«
-
-Damit entfernt er sich von mir, aber ich kann die Augen nicht von ihm
-wenden, kann mich nicht bezwingen, falle nieder und verneige mich vor
-ihm bis zur Erde. Als ich das Gesicht erhebe, ist er nicht mehr da, ob
-ihn nun die Bäume verdeckten, oder ... Gott weiß, wohin er verschwunden
-ist.
-
-Ich begann über seine Worte nachzudenken: der Engel lebt in der Seele
-des Menschen und ist versiegelt, aber die Liebe wird ihn befreien, und
-plötzlich kommt mir in den Sinn: »Wenn er selbst der Engel war, und Gott
-ihm befohlen hat, mir in dieser Gestalt zu erscheinen, -- so werde ich
-nun wie Lewontij sterben!«
-
-Von diesem Gedanken erfaßt, entsinne ich mich kaum mehr, wie ich auf
-einem Baumstamm über den Bach komme und zu laufen beginne: sechzig Werst
-ohne Rast, immer in der Angst und der Vorstellung, den Engel gesehen zu
-haben, bis ich auf einmal ein Dorf erreiche und dort den Ikonenmaler
-Ssewastjan finde. Wir verständigten uns bald, besprachen alles und
-beschlossen, uns schon am nächsten Tag auf den Weg zu machen. Aber
-unsere Vereinbarung war ohne jede Wärme, und unsere Reise noch weniger,
-einmal weil der Ikonenmaler Ssewastjan ein nachdenklicher Mensch war,
-und dann wohl noch mehr, weil ich nicht mehr derselbe war, wie zuvor.
-Vor meiner Seele stand der Einsiedler Pamwa, und meine Lippen flüsterten
-die Worte des Propheten Jesajas: »Der Geist Gottes spricht aus dem Munde
-dieses Menschen.«
-
-
-
-
- ZWÖLFTES KAPITEL
-
-
-Der Ikonenmaler Ssewastjan und ich legten den Rückweg rasch zurück und
-fanden, nachts bei unserer Baustelle angelangt, alles wohlbehalten vor.
-Nachdem wir die Unsrigen begrüßt hatten, gingen wir gleich zu Jakow
-Jakowlewitsch. Der verlangte voll Neugierde gleich den Ikonenmaler zu
-sehen; er betrachtete dann in einem fort dessen Hände und zuckte nur mit
-den Achseln, weil seine Hände übergroß, wie Harken waren und ganz
-schwarz, wie auch Ssewastjan selbst schwarz wie ein Zigeuner aussah.
-Jakow Jakowlewitsch sagte ihm:
-
-»Ich wundere mich, Bruder, wie du mit diesen Riesenhänden zeichnen
-kannst!«
-
-»Warum denn? Warum sollen meine Hände nicht dazu taugen?«
-
-»Du kannst doch,« sagt er, »etwas Kleines mit ihnen gar nicht
-ausführen?«
-
-Jener fragt: »Warum?«
-
-»Ja, weil deinen Gelenken die Geschmeidigkeit fehlt.«
-
-Aber Ssewastjan erwidert: »Das ist Unsinn! Können mir denn meine Finger
-etwas erlauben oder nicht erlauben? Ich bin ihr Herr, und sie sind meine
-Diener, die mir gehorchen.«
-
-Der Engländer lächelt: »Also wirst du unseren versiegelten Engel
-nachbilden?«
-
-»Warum denn nicht?« antwortete jener. »Ich gehöre nicht zu den Meistern,
-die ihr Werk fürchten, sondern mich fürchtet das Werk. So genau werde
-ich ihn nachbilden, daß Sie ihn vom echten nicht werden unterscheiden
-können.«
-
-»Gut,« sagte Jakow Jakowlewitsch, »wir werden uns unverzüglich bemühen,
-die echte Ikone herbeizuschaffen, in der Zwischenzeit beweise mir aber,
-um mich zu überzeugen, deine Kunstfertigkeit. Male meiner Frau eine
-Ikone nach altrussischer Art und so, daß sie ihr auch gefällt.«
-
-»Welchem Heiligen zu Ehren soll sie sein?«
-
-»Ja, das weiß ich nicht,« antwortete er, »ihr ist das gleich, nur daß es
-ihr gefällt.«
-
-Ssewastjan dachte nach und fragte:
-
-»Worum betet denn deine Gemahlin am meisten zu Gott?«
-
-»Ich weiß nicht, mein Freund, ich weiß es nicht, aber ich denke,
-wahrscheinlich daß aus den Kindern ehrliche Menschen werden.«
-
-Ssewastjan dachte wieder nach und antwortete:
-
-»Gut, ich werde ihren Geschmack treffen.«
-
-»Wie willst du ihn treffen?«
-
-»Ich werde etwas darstellen, was die Beschaulichkeit vertieft und dem
-Geist des Gebetes Ihrer Gemahlin wohlgefällig ist.«
-
-Der Engländer ließ für ihn im Dachstübchen seines eigenen Hauses alles
-herrichten, aber er arbeitete nicht dort, sondern setzte sich an das
-Fensterchen auf dem Dachboden über Luka Kirillows Stube und begann dort
-seine Tätigkeit.
-
-Aber was er da gemacht hat, meine werten Herren, das hatten wir uns gar
-nicht vorgestellt. Als das Gespräch auf die Kinder kam, da dachten wir,
-er werde Roman den Wundertäter darstellen, zu dem man wegen
-Unfruchtbarkeit betet, oder den Kindermord in Jerusalem, was den
-Müttern, die ihre Fruchtbarkeit verloren haben, immer gefällt, weil
-Rahel dort mit ihnen über die Kinder weint und sich nicht trösten kann.
-Aber dieser kluge Ikonenmaler hatte erwogen, daß die Engländerin schon
-Kinder habe und nicht darum bete, daß der Himmel ihr welche schenke,
-sondern daß er den Charakter der Kinder festige, und malte etwas ganz
-anderes, was ihrem Streben noch mehr entsprechen mußte. Er wählte dazu
-ein altes Holztäfelchen, so groß wie eine Handfläche, und begann darauf
-seine Kunst zu zeigen. Vor allen Dingen trug er, natürlich, den Grund
-mit starkem Kasanschen Alabaster auf, daß er glatt und hart wie
-Elfenbein wurde; darauf teilte er das Täfelchen in vier gleiche Flächen
-und zeichnete auf jede eine besondere kleine Ikone, die er nochmals mit
-einer goldgemalten Fassung umrahmte. Das erste Quadrat stellte dar: die
-Geburt Johannes des Täufers mit acht Figuren, dem neugeborenen Kind und
-dem Gemach; -- das zweite die Geburt der hochheiligen Gottesmutter mit
-sieben Figuren, dem Kind und dem Gemach; -- das dritte die unbefleckte
-Geburt des Erlösers, den Stall und die Krippe, und davor stehend die
-Himmelskönigin, Joseph, die gottesfürchtigen Hirten, Salome und allerlei
-Vieh: Ochsen, Schafe, Ziegen und Esel, und die Möwe, die den Juden
-verboten ist, zum Zeichen, daß das Ganze nicht vom Judentum kommt,
-sondern von der Gottheit, die alles geschaffen hat. Auf dem vierten
-Bildchen ist die Geburt Nikolai des Wundertäters zu sehen; der Heilige
-wieder als neugeborenes Kind, das Gemach und viele Umherstehende. Soviel
-Sinn war darin enthalten, daß man vor sich die Erzieher so vieler guter
-Kinder sah, und soviel Kunst in all den stecknadelgroßen Figuren in
-ihrer Beseeltheit und Bewegung! So liegt bei der Geburt der Muttergottes
-die heilige Anna, wie es im griechischen Original dargestellt ist, auf
-dem Lager, und vor ihr stehen zymbelschlagende Mädchen und andere, die
-Gaben halten, und solche mit Sonnenschirmen in den Händen und wieder
-andere, die Lichter tragen. Die eine Frau hält die heilige Anna unter
-den Schultern, Joachim späht in die vorderen Gemächer; eine zweite Frau
-wäscht die heilige Gottesgebärerin bis zu den Lenden, ein
-danebenstehendes Mädchen gießt aus einem Gefäß Wasser in das Becken. Die
-Räume sind alle mit dem Zirkel voneinander getrennt, und in dem
-äußersten Gemach sitzen Joachim und Anna auf dem Thron, und Anna hält
-die hochheilige Gottesgebärerin; aber um das Gemach herum erheben sich
-steinerne Pfeiler mit roten Vorhängen, und draußen ist eine weiße und
-gelbe Mauer. Wunderbar, wunderbar hatte Ssewastjan das alles
-dargestellt, und in jedem kleinsten Gesichtchen hatte er das ganze
-Schauen Gottes ausgedrückt! Er nannte das Bild »Fruchtbarkeit« und
-brachte es den Engländern. Die betrachteten es und schlugen die Hände
-zusammen: Niemals, sagten sie, hätten sie solche Phantasie erwartet und
-solche Feinheit der Kleinmalerei geahnt. Sie betrachteten es dann sogar
-noch mit dem Vergrößerungsglas und fanden auch damit keinen Fehler. Sie
-gaben Ssewastjan für die Ikone zweihundert Rubel und sagten:
-
-»Kannst du noch kleiner darstellen?«
-
-Ssewastjan antwortet: »Ja«.
-
-»Dann kopiere mir auf meinen Fingerring das Porträt meiner Frau.«
-
-Aber Ssewastjan antwortet: »Nein, das kann ich nicht.«
-
-»Warum denn nicht?«
-
-»Weil ich mich in dieser Kunst noch nie versucht habe, und dann auch
-weil ich meine Kunst nicht erniedrigen will, um nicht den Unwillen der
-Väter auf mich zu ziehen.«
-
-»Was ist das für ein Unsinn!«
-
-»Das ist durchaus kein Unsinn,« antwortet er. »Wir haben aus
-gottesfürchtiger Zeit eine Bestimmung, die auch in einem
-Patriarchenbrief bestätigt wird: Wenn einer zu einem so heiligen Werk
-wie die Ikonenmalerei berufen ist, so ist es einem geziemend lebenden
-Ikonenmaler geboten, nichts denn heilige Darstellungen zu malen.«
-
-Jakow Jakowlewitsch sagt darauf:
-
-»Und wenn ich dir fünfhundert Rubel dafür gebe?«
-
-»Und wenn Sie mir fünfhunderttausend bieten würden, es wäre ganz gleich,
-Sie würden sie behalten.«
-
-Das Gesicht des Engländers strahlte, aber er sagte im Scherz zu seiner
-Frau: »Wie gefällt dir das, daß er es für eine Erniedrigung hält, dein
-Gesicht zu malen?«
-
-Aber auf englisch fügte er hinzu: »Oh, ein guter Charakter«. Und dann
-sagte er:
-
-»Nun seht zu, Brüder, jetzt bringen wir die Sache zum Abschluß. Wie ich
-sehe, habt ihr für alles Regeln: also nehmt euch jetzt in acht, um
-nichts zu versäumen oder zu vergessen, was irgendwie stören könnte.«
-
-Wir antworteten, daß wir nichts derartiges voraussähen.
-
-»Nun, dann gebt acht,« sagt er, »ich beginne.« Und dann fährt er zum
-Erzbischof mit der Bitte, er möge ihm erlauben, um seinen Eifer zu
-beweisen, die Beschläge des versiegelten Engels vergolden und den Rahmen
-neu malen zu lassen. Der Erzbischof will weder zusagen, noch ihn
-abweisen, aber Jakow Jakowlewitsch gibt nicht nach und erreicht es
-endlich. Wir warteten indes schon, wie Pulver aufs Feuer.
-
-
-
-
- DREIZEHNTES KAPITEL
-
-
-Erlauben Sie, meine werten Herren, hier daran zu erinnern, daß seit dem
-Beginn meiner Geschichte ziemlich viel Zeit verflossen war und es schon
-auf Weihnachten ging. Aber dort ist das Wetter um diese Zeit mit dem
-unsrigen nicht zu vergleichen; es ist launisch, und einmal verbringt man
-diesen Feiertag bei Winterwetter, das anderemal vom Regen durchnäßt; den
-einen Tag friert es, den nächsten taut es; bald ist der Fluß mit
-schmutzigem Eise bedeckt, bald schwillt er an und führt Eisschollen wie
-beim Hochwasser im Frühling. Mit einem Wort, es herrscht dort um diese
-Zeit ganz unbeständiges Wetter, oder, wie man es in der Gegend nennt:
-»Schlackwetter«, -- und so war es auch jetzt.
-
-In dem Jahre, in das meine Erzählung fällt, war diese Unbeständigkeit
-sehr verdrießlich. Während ich mit dem Ikonenmaler auf dem Wege war,
-hatten wir, ich weiß nicht wie oft, bald Winter-, bald Sommerwetter. Was
-unseren Bau betrifft, war die Zeit sehr dringend, da die sieben Pfeiler
-fertig waren und eben die Ketten von einem zum anderen Ufer gespannt
-wurden. Unsere Arbeitgeber wollten natürlich die Ketten so schnell wie
-möglich miteinander verbinden, um an ihnen eine Notbrücke zur
-Materialbeschaffung während des Hochwassers aufzuhängen. Es gelang aber
-nicht, denn kaum hatte man die Ketten gespannt, als ein derartiger Frost
-einsetzte, daß man die Arbeit an der Brücke einstellen mußte. So blieb
-es auch, die Ketten hingen ohne Brücke. Dafür schuf Gott eine andere
-Brücke: der Fluß war zugefroren, und unser Engländer fuhr über das Eis
-des Dnjepr, um sich um unsere Ikone zu bemühen. Als er zurückkam, sagte
-er zu mir und Luka:
-
-»Wartet, Kinder, morgen bringe ich euch euren Schatz.«
-
-Herrgott, was empfanden wir bei dieser Nachricht! Zuerst wollten wir es
-geheim halten und nur dem Ikonenmaler mitteilen; aber kann denn das
-Menschenherz so etwas für sich behalten? Anstatt das Geheimnis zu
-wahren, liefen wir zu allen unsrigen, klopften an die Fensterchen,
-flüsterten miteinander und bemerkten gar nicht, daß wir von Hütte zu
-Hütte liefen. Der Schnee erstrahlte im Frost wie Edelsteine, und am
-klaren Himmel funkelte der Hesperus.
-
-In dieser freudigen Hast verbrachten wir die ganze Nacht, und in der
-gleichen begeisterten Stimmung erwarteten wir den Tag. Vom frühen Morgen
-ab wichen wir keinen Schritt von unserem Ikonenmaler und wußten kaum,
-wohin wir ihm die Stiefel nachtragen sollten, denn jetzt war die Stunde
-da, in der alles von seiner Kunst abhing. Er brauchte nur einen Wunsch
-über eine Handreichung oder etwas ähnliches laut werden zu lassen, als
-schon gleich zehn davonrannten und in ihrem Eifer übereinander
-stolperten. Selbst der alte Maroi lief sich die Absätze von den Stiefeln
-weg. Nur der Ikonenmaler selbst war ruhig, da er ähnliches schon mehr
-als einmal erlebt hatte, und bereitete sich ohne alle Hast zu seiner
-Arbeit vor: er rührte Eiklar mit Kwas an, prüfte den Lack, legte ein
-altes Brettchen in der Größe der Ikone zurecht, richtete eine scharfe,
-haarfeine Säge her, spannte sie in einen starken Bogen, setzte sich dann
-an das Fensterchen und verrieb die voraussichtlich notwendigen Farben
-auf der Handfläche mit den Fingern. Wir hatten uns alle vor dem Ofen
-gewaschen, reine Hemden angezogen, und standen nun am Ufer und schauten
-nach der Stadt hinüber, aus der unser segenbringender Gast kommen
-sollte. Unsere Herzen schlugen bald hoch, bald verzagt.
-
-Ach, was waren es für Augenblicke, und sie dauerten vom Morgengrauen bis
-gegen Abend. Endlich sehen wir, wie von der Stadt her der Schlitten des
-Engländers auf dem Eise daherjagt, gerade auf uns zu ... Uns alle
-überläuft ein Schauer, wir werfen die Mützen zur Erde und beten:
-
-»Gott, Vater der Geister und der Engel, sei Deinen Knechten gnädig!« Und
-während des Gebetes fallen wir nieder auf den Schnee und breiten voll
-Verlangen die Hände aus, als wir plötzlich über uns die Stimme des
-Engländers hören:
-
-»He, ihr Altgläubigen, da habe ich euch was mitgebracht!« Und er
-übergibt uns ein kleines Bündel in einem weißen Tuch.
-
-Luka empfängt es und erstarrt: er fühlt etwas zu Kleines und zu Leichtes
-darin. Er lüftet die eine Ecke des Tuches und sieht, daß es nur der
-Beschlag von unserer Ikone ist und nicht der Engel selbst.
-
-Wir stürzen auf den Engländer zu und sagen ihm unter Weinen:
-
-»Man hat Euch betrogen, Euer Gnaden, das ist nicht die Ikone, man hat
-Euch nur ihren silbernen Beschlag mitgegeben.«
-
-Aber der Engländer ist auf einmal nicht mehr der gleiche, der er bis
-jetzt zu uns gewesen ist. Sicher hat ihn die Langwierigkeit der Sache
-verärgert, und er schreit uns an:
-
-»Was faselt ihr da? Ihr habt mir doch selbst gesagt, daß ich nur um den
-Beschlag bitten solle, und den habe ich auch erbeten, aber ihr wißt
-einfach nicht, was ihr wollt!«
-
-Wir sehen, daß er aufgebracht ist, und versuchen ganz vorsichtig, ihm
-klarzumachen, daß wir die Ikone selbst brauchen, um eine Kopie von ihr
-herzustellen. Aber er hört uns nicht mehr an, jagt uns davon und erweist
-uns einzig die Gnade, zu befehlen, ihm den Ikonenmaler zu schicken.
-
-Ssewastjan begibt sich zu ihm, und der Engländer fährt auf ähnliche
-Weise auch ihn an:
-
-»Deine Bauern,« sagt er, »wissen nicht, was sie wollen, sie haben nur um
-den Beschlag gebeten und erklärt, daß du, um einen Abriß zu machen, nur
-die Maße brauchtest. Jetzt heulen sie, daß er ihnen nichts nütze. Aber
-ich kann weiter nichts tun, weil der Erzbischof das Bild selbst nicht
-hergibt. Also fälsche rasch das Bild, wir wollen es mit dem Beschlag
-bekleiden, und dann stiehlt mir der Sekretär das echte Bild.«
-
-Der Ikonenmaler Ssewastjan versucht, als verständiger Mensch, ihn mit
-milder Rede umzustimmen und antwortete:
-
-»Nein, Euer Gnaden, unsere Bauern verstehen ihre Sache schon; wir
-brauchen wirklich das Bild selbst. Das hat man nur zu unserer Kränkung
-ausgedacht, daß wir angeblich nur feststehende Nachahmungen malen
-könnten. Wir haben zwar Vorschriften, aber ihre Ausführung ist der
-freien Kunst überlassen. So ist uns beispielsweise vorgeschrieben, die
-Heiligen Sossima oder Gerassim mit dem Löwen abzubilden; der Phantasie
-des Heiligenmalers aber ist es freigestellt, den Löwen nach seiner
-Auffassung darzustellen. Ebenso wird der heilige Neophit mit einer Taube
-abgebildet, Konon Gradarij mit einem Blümchen, Timofej mit einem
-Heiligenschrein, Georgij und Ssawwa der Stratilate mit Lanzen und
-Kondrat mit Wolken, weil er die Wolken abgerichtet hat, aber jeder
-Ikonenmaler hat die Freiheit darzustellen, wie die Phantasie seiner
-Kunstfertigkeit es ihm erlaubt, und so kann ich wiederum nicht wissen,
-wie dieser Engel gemalt ist, den man vertauschen will.«
-
-Der Engländer hörte sich das alles an, aber dann jagte er den Ssewastjan
-wie uns hinaus; wir hören auch keine weiteren Entschlüsse mehr von ihm,
-und so sitzen wir, meine werten Herren, wie die Krähen am Flusse und
-wissen nicht, ob wir ganz verzweifeln, oder ob wir noch hoffen sollen.
-Zum Engländer wagen wir uns nicht mehr, und nun beginnt auch noch das
-Wetter mit unsrer Stimmung wesenseins zu werden. Ein entsetzliches
-Tauwetter bricht an, es regnet ohne Unterlaß, der Himmel sieht tagsüber
-wie eine Rauchwolke aus und ist nachts so finster, daß der Hesperus, der
-doch sonst im Dezember kaum vom Himmelsbogen verschwindet, kein einziges
-Mal aufglänzt. Alles war düster wie in einem Gefängnis. Und ebenso
-begingen wir auch das Weihnachtsfest. Am Heiligenabend aber brach ein
-Gewitter los, und dann setzte ein Gußregen ein, der zwei Tage und zwei
-Nächte unaufhörlich niederströmte. Er schwemmte den ganzen Schnee weg
-und spülte ihn in den Fluß, auf dem das Eis blau zu werden und sich zu
-blähen begann, um am letzten Jahrestag zu bersten und stromabwärts zu
-treiben. In den trüben Wellen schiebt sich Scholle auf Scholle, und
-alles staut sich bei unseren Bauten. Berstend und krachend türmt sich
-das Eis zu Bergen, und dröhnt -- Gott verzeih es mir! -- wie entfesselte
-Höllengeister. Daß die Pfeiler diesen Druck aushielten und stehen
-blieben, war erstaunlich. Millionen hätten verloren gehen können. Aber
-uns war es nicht darum zu tun: unser Ikonenmaler Ssewastjan wurde
-ungeduldig, packte seine Sachen und wollte in andere Gegenden ziehen,
-weil er sah, daß er hier keine Arbeit erhalten werde, und wir konnten
-ihn durch nichts zurückhalten.
-
-Auch der Engländer hatte anderes zu tun; das Unwetter hatte auf ihn
-solchen Eindruck gemacht, daß er fast von Sinnen gekommen wäre: er ging,
-wie man sich erzählte, immer umher und fragte alle, denen er begegnete:
-»Wohin bloß, wohin?« Dann hatte er sich plötzlich beherrscht, ließ Luka
-zu sich rufen und sagte:
-
-»Weißt du was, Bauer: gehen wir deinen Engel stehlen!«
-
-Luka antwortete: »Einverstanden!«
-
-Aus Lukas Erzählung war zu entnehmen, daß der Engländer geradezu danach
-dürstete, Gefahren auszukosten. Er hatte also vor, morgen zum Erzbischof
-in das Kloster zu fahren, den Ikonenmaler als einen Vergolder
-mitzunehmen und zu bitten, man möge ihm die Ikone zeigen, damit sein
-Begleiter eine genaue Kopie für die Beschläge anfertigen könne.
-Währenddessen würde Ssewastjan Gelegenheit haben, sich den Engel
-deutlich einzuprägen, um dann zu Hause eine Nachahmung herzustellen.
-Wenn dann der wirkliche Vergolder die Beschläge fertig hat, wird man sie
-zu uns über den Fluß herüberbringen und Jakow Jakowlewitsch wird wieder
-ins Kloster fahren und den Wunsch äußern, dem festtäglichen Gottesdienst
-des Erzbischofes beizuwohnen. Er würde im Mantel in die Kapelle treten,
-sich in dem dunklen Altarraum an den Opfertisch stellen, hinter dem
-unsere Ikone auf dem Fenster steht, das Bild stehlen, es unter den
-Mantel stecken und jemandem befehlen, den Mantel, angeblich wegen der
-Hitze, hinauszutragen. Auf dem Hofe hinter der Kirche würde dann einer
-der Unsrigen das Bild aus dem Mantel in Empfang nehmen und mit ihm auf
-das andere Ufer eilen, und hier würde dann unser Ikonenmaler das alte
-Bild während des Gottesdienstes aus dem Rahmen lösen und das gefälschte
-hineinstellen, dann sollte es jemand so zurückschaffen, daß Jakow
-Jakowlewitsch es wieder aufs Fenster stellen könne, als sei nichts
-geschehen.
-
-»Warum nicht?« sagten wir. »Wir sind mit allem einverstanden.«
-
-»Nur gebt acht,« sagte er, »und denkt daran, daß ich sonst als Dieb
-dastehe; aber ich will euch glauben, daß ihr mich nicht preisgebt.«
-
-Luka Kirillow antwortete:
-
-»Wir sind nicht, Jakow Jakowlewitsch, solchen Geistes, daß wir unsere
-Wohltäter verraten. Ich werde die Ikone in Empfang nehmen und Ihnen die
-beiden zurückbringen, die echte und die Kopie.«
-
-»Nun, und wenn du durch etwas daran verhindert wirst?«
-
-»Was soll mich verhindern können?«
-
-»Nun, du stirbst plötzlich oder ertrinkst?«
-
-Luka dachte nach: wie soll plötzlich ein derartiges Hindernis eintreten?
-Aber dann bedenkt er, daß etwas derartiges in der Tat vorkommen könne,
-daß der Schatzgräber den Schatz finde, aber auf dem Weg zum Markte einem
-tollen Hunde begegne, -- und er antwortete:
-
-»Für diesen Fall, gnädiger Herr, lasse ich Ihnen einen Menschen zurück,
-der, wenn ich nicht eintreffe, die ganze Schuld auf sich nimmt und
-selbst den Tod erduldet, Sie aber nicht preisgibt.«
-
-»Und wer ist es, auf den du dich so verläßt?«
-
-»Der Schmied Maroi,« antwortete Luka.
-
-»Dieser Alte?«
-
-»Ja, er ist nicht jung.«
-
-»Aber er sieht gar zu einfältig aus!«
-
-»Wir brauchen auch seinen Verstand nicht. Aber er ist ein Mensch, der
-würdigen Geist in sich trägt.«
-
-»Was für ein Geist kann denn in einem dummen Menschen wohnen?«
-
-»Der Geist, Herr,« antwortete Luka, »wird nicht nach dem Verstande
-bemessen, der Geist atmet, wo er will und wächst gleich dem Haar bei dem
-einen lang und üppig und bei dem andern spärlich.«
-
-Der Engländer überlegte:
-
-»Gut, gut. Das sind alles interessante Empfindungen. Aber wie soll er
-mir heraushelfen, wenn ich in die Patsche gerate?«
-
-»Das macht er so,« antwortete Luka: »Sie werden in der Kirche am
-Fenster, und Maroi draußen vor dem Fenster stehen. Bin ich dann bis zum
-Schlusse des Gottesdienstes nicht mit dem Bilde gekommen, so wird Maroi
-die Scheibe einschlagen, durch das Fenster steigen und alle Schuld auf
-sich nehmen.«
-
-Das gefiel dem Engländer:
-
-»Interessant,« sagte er, »interessant. Aber warum soll ich dem dummen
-Menschen mit dem Geiste glauben, daß er nicht selbst davonläuft?«
-
-»Nun, das ist eben Sache des gegenseitigen Vertrauens.«
-
-»Gegenseitiges Vertrauen,« wiederholte er ... »Hm, gegenseitiges
-Vertrauen! Soll ich für einen dummen Bauern nach Sibirien, oder er für
-mich unter die Knute? Hm, hm, wenn er sein Wort hält ... unter die Knute
-... Das ist interessant.«
-
-Man schickte nach Maroi, erklärte ihm, worum es sich handle, und er
-sagte: »Nun, was ist dabei?«
-
-»Und du wirst nicht davonlaufen?« fragte der Engländer.
-
-Maroi antwortete: »Warum denn?«
-
-»Damit man dich nicht peitscht und nach Sibirien verschickt.«
-
-Aber Maroi erwiderte: »Nun, weiter nichts?«
-
-Der Engländer ist vor Freude lebendig geworden:
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-»Reizend,« sagt er, »wie interessant!«
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- VIERZEHNTES KAPITEL
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-Gleich nach der Unterredung begann die Aktion. Am Morgen setzten wir die
-große herrschaftliche Barkasse in Stand und fuhren den Engländer ans
-andere Ufer. Dort setzte er sich mit dem Ikonenmaler Ssewastjan in eine
-Kalesche und fuhr zum Kloster. Nach einer guten Stunde sehen wir unseren
-Ikonenmaler dahereilen mit einem Blatt in den Händen.
-
-Wir fragen:
-
-»Hast du sie gesehen, Teurer, und kannst du sie jetzt nachmachen?«
-
-»Ich habe sie gesehen,« antwortet er, »und werde sie genau treffen,
-vielleicht, daß sie etwas lebhafter in den Farben wird, aber das ist
-kein Unglück, denn wenn die echte Ikone herkommt, werde ich in einem Nu
-das Leuchten der Farben dämpfen.«
-
-»Väterchen,« bitten wir, »gib dir Mühe!«
-
-»Schon gut,« erwidert er, »werde mich schon bemühen.«
-
-Und kaum hatten wir ihn zurückgerudert, als er sich auch gleich an seine
-Arbeit setzte, und um die Dämmerung war der Engel auf dem Täfelchen
-fertig und glich unserm versiegelten, wie ein Tropfen Wasser dem andern,
-nur die Farben schienen etwas frischer.
-
-Gegen Abend schickte der Vergolder die neuen Beschläge, und nun kam die
-gefährliche Stunde unseres Diebstahls.
-
-Wir hatten, wie es sich versteht, alles vorbereitet und warteten auf den
-gegebenen Augenblick. Kaum ließen sich vom anderen Ufer her die ersten
-Glockenklänge zur Abendmesse vernehmen, als wir zu dritt ein Boot
-bestiegen, ich, Luka und der alte Maroi, der ein Beil, einen Meißel,
-eine Brechstange und ein Seil mitgenommen hatte, um mehr einem Diebe zu
-gleichen. Wir steuerten gerade auf die Klostermauer zu.
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-Die Dämmerung bricht um diese Jahreszeit früh an, und obwohl es
-Vollmondwoche war, blieb die Nacht pechschwarz, eine richtige
-Diebesnacht. Am anderen Ufer angelangt, ließen Maroi und Luka mich im
-Boot zurück und schlichen zum Kloster hinauf. Ich wartete voll Ungeduld.
-Die Ruder hatte ich ins Boot genommen, das ich an einem Strickende am
-Ufer festhielt, und war bereit abzustoßen, sobald Luka seinen Fuß ins
-Boot setzen würde. In der Besorgnis, wie alles gelingen würde und ob wir
-die Spuren unseres Diebstahls rechtzeitig verwischen könnten, erschien
-mir die Zeit schrecklich lang. Es dünkte mir, es sei schon viel Zeit
-verstrichen. Die Dunkelheit war entsetzlich, der Wind fegte nunmehr
-anstatt des Regens nassen Schnee daher. Das Boot schaukelte, und ich
-treuloser Knecht begann, mich allmählich in meinem Mantel erwärmend,
-einzuschlummern. Plötzlich beginnt das Boot unter einem Stoß zu
-schwanken, ich zucke zusammen und sehe den Onkel Luka im Boote stehen,
-der mit fremder, gepreßter Stimme sagt: »Rudre!«
-
-Ich ergreife die Ruder, kann sie aber vor Schreck nicht in die Dollen
-einlegen. Schließlich gelingt es mir, ich stoße vom Ufer ab und frage:
-»Onkel, habt ihr den Engel bekommen?«
-
-»Ich habe ihn, rudre stärker!«
-
-»Erzähle doch,« forsche ich weiter, »wie habt ihr ihn bekommen?«
-
-»Genau wie es geplant war.«
-
-»Werden wir noch rechtzeitig zurückkommen können?«
-
-»Wir müssen es können: eben erst haben sie mit der großen Litanei
-begonnen. Rudre! Wohin ruderst du?«
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-Ich sehe mich um: Großer Gott, ich rudere wirklich nicht in unsere
-Richtung, und doch scheint es mir, daß ich richtig quer über die
-Strömung halte, aber unsere Siedlung ist nicht zu sehen, weil Schnee und
-Sturm schrecklich daherfegen und mich blind machen. Ringsum heult der
-Wind und schaukelt das Boot, und oben vom Fluß weht es wie von Eis her.
-
-Aber mit Gottes Gnade erreichen wir das Ufer, springen beide aus dem
-Boot und laufen, was wir laufen können. Der Ikonenmaler ist schon
-bereit; er handelt kaltblütig und entschlossen. Vor allem nimmt er die
-Ikone, und als alle vor ihr niederfallen und sich verneigen, läßt er sie
-den versiegelten Engel küssen und schaut selbst bald auf ihn, bald auf
-die Kopie und sagt: »Sie ist gut! Man muß sie nur ein wenig mit Safran
-dämpfen und etwas mit schmutziger Farbe tönen.« Damit nimmt er die
-Ikone, spannt sie in den Schraubstock, richtet die Säge her ... und dann
-fliegt sie nur. Wir alle stehen herum und schauen voller Angst zu, ob er
-die Ikone nicht beschädige. Stellen Sie sich vor, wie er mit seinen
-übergroßen Händen das Bild, welches kaum stärker als ein Blättchen
-dünnsten Schreibpapieres ist, vom Brett abtrennt. Wie leicht ist da ein
-Unglück geschehen: wenn die Säge nur um ein Haar schief geht, so
-schneidet sie es durch und zerreißt das Antlitz! Der Ikonenmaler
-Ssewastjan aber verrichtete die schwierige Arbeit mit solcher
-Kaltblütigkeit und Kunstfertigkeit, daß es einem, wenn man ihn dabei
-betrachtete, gleich ruhig ums Herz wurde. Wie er das Bild als dünnste
-Schicht abgetrennt hat, schneidet er in einem Augenblick das Ausgesägte
-aus den Rändern heraus, nimmt seine Kopie, zerknittert sie in der Faust
-und schlägt sie dann auf die Tischkante, als wolle er sie zerreißen und
-vernichten; schließlich betrachtet er die Leinwand gegen das Licht, und
-nun ist das neue Bildchen voller Sprünge wie ein feines Sieb, Ssewastjan
-klebt es nun auf das alte Brett, nimmt dunkle Schmutzfarbe auf die Hand,
-mischt sie mit dem Finger mit Safran und altem Firnis zu einer Art Kitt
-und reibt damit kräftig, mit der vollen Handfläche das zerknitterte
-Bildchen ein. Dies alles hatte er mit großer Schnelligkeit vollführt,
-und nun sah die neue Ikone aus wie eine alte und glich aufs genaueste
-der echten.
-
-Dann wurde die Kopie in einem Nu mit Lack bedeckt, und wir setzten sie
-in den Rahmen. Nun nahm Ssewastjan das echte, vom Brett abgetrennte Bild
-und verlangte so schnell wie möglich einen Fetzen von einem alten
-Filzhute.
-
-Damit begann der äußerst schwierige Prozeß der Entsiegelung.
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-Man gab dem Ikonenmaler einen Hut, und er zerriß ihn sofort über dem
-Knie in zwei Teile, bedeckte mit dem einen den versiegelten Engel und
-schrie: »Das heiße Plätteisen!«
-
-Im Ofen lag auf sein Geheiß ein schweres Schneiderbügeleisen. Michailiza
-packte es mit der Ofengabel und reichte es Ssewastjan. Jener umwickelte
-den Griff mit einem Lappen, spuckte auf das Eisen und legte es auf den
-Filzfetzen. Von dem Filz steigt ein böser Gestank auf, aber der
-Ikonenmaler wiederholt es noch und noch einmal und nimmt es dann
-plötzlich weg. Seine Hand fliegt wie der Blitz; der Rauch steigt schon
-in einer Säule hoch, aber Ssewastjan versteht zu backen: mit der einen
-Hand dreht er langsam den Filzlappen und mit der anderen führt er
-geschickt das Eisen. Mit jedemmal fährt er langsamer, aber fester
-darüber und dann wirft er plötzlich den Fetzen und das Eisen weg und
-hält die Ikone ans Licht: das Siegel ist fort, als wäre es nie
-dagewesen! Der starke Stroganower Lack hat standgehalten, der Siegellack
-ist vollständig verschwunden, nur ein schwacher feuerroter Tau ist
-zurückgeblieben, aber das leuchtende, heilige Antlitz ist jetzt ganz zu
-sehen.
-
-Der eine weint, der andere betet, der dritte beugt sich über die Hände
-des Ikonenmalers, um sie zu küssen, nur Luka Kirillow vergißt seine
-Aufgabe nicht, sondern kargt mit jeder Minute. Er reicht Ssewastjan die
-Kopie und sagt:
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-»Nun, mach schneller fertig!«
-
-Aber jener antwortet: »Mein Werk ist beendet, ich habe alles getan, was
-ich übernommen habe.«
-
-»Und das Siegel aufdrücken?«
-
-»Wohin?«
-
-»Ja hierher, auf das Gesicht des neuen Engels, wie es bei jenem alten
-war.«
-
-Aber Ssewastjan schüttelt den Kopf und antwortet:
-
-»Nein, ich bin kein Beamter, daß ich mich erfrechen würde, so etwas zu
-tun.«
-
-»Was sollen wir nun anfangen?«
-
-»Ja, das weiß ich doch nicht. Ihr hättet dafür einen Beamten oder einen
-Deutschen herbitten sollen. Das habt ihr jetzt versäumt, nun tut es
-selbst.«
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-Luka erwidert:
-
-»Was glaubst du wohl! Um nichts in der Welt werden wir uns dazu
-erfrechen.«
-
-Und der Ikonenmaler antwortet:
-
-»Auch ich werde mich nicht erfrechen.«
-
-Während der wenigen Minuten dieses Streites stürzt plötzlich die Frau
-Jakow Jakowlewitschs totenbleich ins Zimmer und spricht:
-
-»Seid ihr denn noch nicht fertig?«
-
-Wir antworten, wir seien fertig und auch wieder nicht fertig: das
-Wichtige sei vollbracht, aber eine Kleinigkeit vermöchten wir nun nicht.
-
-Sie erwidert: »Auf was wartet ihr denn? Hört ihr denn nicht, was sich
-draußen tut?«
-
-Wir horchen und erbleichen noch mehr als sie. In unserer Sorge hatten
-wir dem Wetter keine Aufmerksamkeit geschenkt, und nun hören wir es
-draußen toben: das Eis geht!
-
-Ich springe hinaus und sehe, wie das Eis schon über den ganzen Fluß
-treibt, wie die Schollen krachend und berstend übereinander springen.
-Besinnungslos stürze ich zu den Booten, ... kein einziges ist mehr da,
-alle sind fortgeschwemmt. Mir stockt die Zunge im Munde, so daß ich kein
-Wort über die Lippen bringe, und mir scheint es, ich versinke in die
-Erde ... Ich stehe da ... rühre mich nicht ... und gebe keinen Laut von
-mir.
-
-Aber während wir hier im Dunkeln umherirren, hatte die Engländerin, die
-mit Michailiza in der Stube zurückgeblieben war, die Ursache der
-Verzögerung erfahren, die Ikone ergriffen ... und einen Augenblick
-später eilt sie, in der einen Hand eine Laterne haltend, mit dem Bild
-auf die Treppe hinaus und schreit:
-
-»Nehmt! Fertig!«
-
-Wir schauen hin: auf dem Antlitz des neuen Engels ist das Siegel!
-
-Luka steckt die beiden Ikonen sofort in den Busen und schreit:
-
-»Das Boot!«
-
-Ich eröffne ihm, daß kein Boot da ist, daß alle fortgetrieben sind.
-
-Und ich sage Ihnen, das Eis treibt daher wie eine Herde, zerschellt an
-den Pfeilern und erschüttert die Brücke, so daß die armdicken Ketten
-dröhnen.
-
-Wie die Engländerin dies hört, wirft sie die Hände empor und schreit mit
-unmenschlicher Stimme: »James!« Und sie fällt in Ohnmacht.
-
-Und wir stehen dabei und fühlen nur das eine: »Wo bleibt jetzt unser
-Wort? Was wird jetzt mit dem Engländer, was mit dem alten Maroi?«
-
-Eben ertönt vom Glockenturm des Klosters das dritte Läuten.
-
-Da rafft sich Onkel Luka auf und ruft der Engländerin zu:
-
-»Komm zu dir, Gnädige, deinem Manne wird nichts geschehen. Vielleicht
-wird der Henker das alte Fell unseres Maroi peitschen und sein ehrliches
-Gesicht mit dem Brandzeichen entehren, aber das soll erst nach meinem
-Tode geschehen.« Dabei bekreuzigt er sich und geht.
-
-Ich schreie ihm zu: »Onkel Luka, wo willst du hin? Lewontij ist
-umgekommen, auch du wirst es!« Und ich eile ihm nach, um ihn
-aufzuhalten. Allein er hebt das vor seinen Füßen liegende Ruder auf, das
-ich bei unserer Ankunft auf die Erde geworfen habe, schwingt es über
-mich und schreit: »Fort, oder ich schlage dich tot!«
-
-Meine werten Herren, ich habe mich in meiner Erzählung offen genug als
-kleinmütig bekannt, als ich den verstorbenen Knaben Lewontij auf der
-Erde seinem Schicksal überließ und selbst auf einen Baum kletterte; aber
-ehrlich und offen sage ich Ihnen, daß ich hier vor dem Ruder Onkel Lukas
-nicht erschrocken und auch nicht zurückgewichen wäre ... aber, ob Sie es
-mir glauben oder nicht, in dem Augenblick, als ich mich des Namens
-Lewontijs erinnerte, sah ich, wie die Gestalt des Jünglings zwischen mir
-und Luka in der Dunkelheit erstand und drohend gegen mich die Hand
-erhob. Diesen Schrecken konnte ich nicht ertragen und wich zurück. Aber
-Luka stand schon am Ende der Kette und rief uns plötzlich, den einen Fuß
-auf die Kette setzend, zu:
-
-»Stimmt den Chor an!«
-
-Unser Vorsänger Arefa steht bei uns, vernimmt es und beginnt sogleich:
-»Ich öffne die Lippen«. Die anderen fallen ein, und so schreien wir den
-Chor dem Sturmgeheul entgegen, und Luka bangt nicht vor den
-Todesschrecken und schreitet über die Brückenketten weiter. Binnen einer
-Minute hat er das erste Joch zurückgelegt und steigt zum zweiten nieder
-... Und weiter? Die Dunkelheit umfängt ihn, er ist nicht mehr zu sehen:
-ob er noch geht oder schon herabgestürzt ist und von den verfluchten
-Schollen in den Strudel getrieben wird, wir wissen es nicht, wir wissen
-nicht, ob wir für seine Rettung oder für die ewige Ruhe seiner starken,
-liebenswerten Seele beten sollen.
-
-
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- FÜNFZEHNTES KAPITEL
-
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-Was war inzwischen am anderen Ufer geschehen? Seine Eminenz der
-Erzbischof zelebrierte wie gewöhnlich die Abendmesse und ahnte nicht,
-daß inzwischen am Nebenaltar ein Diebstahl ausgeführt wurde. Unser
-Engländer Jakow Jakowlewitsch, der mit seiner Erlaubnis an diesem Altar
-stand, stahl den Engel und schickte ihn, wie er es geplant hatte, mit
-seinem Mantel hinaus, wo Luka mit ihm davoneilte. Der alte Maroi blieb
-seinem Worte getreu vor dem gleichen Fenster stehen und wartete bis zur
-letzten Minute. Kehrte Luka nicht zurück, so würde er, gleich nachdem
-sich der Engländer zurückgezogen hätte, das Fenster einschlagen und mit
-der Brechstange und dem Meißel wie ein wirklicher Dieb durch das Fenster
-in die Kirche steigen. Der Engländer wendet kein Auge von ihm und sieht,
-wie der alte Maroi, gehorsam und seinem Versprechen getreu, dasteht und
-ihm zunickt, wenn er das Gesicht des Engländers dem Fenster zugewendet
-erblickt, als ob er sagen wollte: »Hier bin ich, der verantwortliche
-Dieb«.
-
-So beweisen sie einander ihren Edelmut, und keiner will dem anderen
-gestatten, ihn im gegenseitigen Vertrauen zu übertreffen. Aber zu ihrer
-beider Glauben gesellt sich noch ein dritter, stärkerer, von dessen
-Wirken sie jedoch nichts wissen. Als der letzte Glockenschlag der
-Nachtmesse verklungen war, öffnete der Engländer leise das Klappfenster,
-damit der alte Maroi hereinsteige, und war schon im Begriff, sich
-zurückzuziehen, als er plötzlich bemerkte, daß sich der alte Maroi
-abgewendet hatte, ihn nicht mehr ansah, sondern gespannt nach dem Flusse
-hinüberschaute und in einem fort wiederholte:
-
-»Helfe ihm Gott herüber, helfe ihm Gott herüber, helfe ihm Gott
-herüber!«
-
-Dann sprang er plötzlich auf, tanzte wie betrunken und schrie:
-
-»Gott hat ihm herübergeholfen, Gott hat ihm herübergeholfen!«
-
-Jakow Jakowlewitsch geriet in helle Verzweiflung und dachte:
-
-»Jetzt ist es zu Ende: der dumme Alte ist verrückt geworden, ich bin
-verloren!« Da sieht er auf einmal, wie Maroi den Luka umarmt.
-
-Der alte Maroi stammelt: »Ich habe geschaut, wie du mit Laternen über
-die Ketten gingst.«
-
-Luka erwidert: »Ich hatte keine Laterne dabei.«
-
-»Woher kam das Leuchten?«
-
-Luka antwortet:
-
-»Ich weiß nicht, ich habe kein Leuchten gesehen, ich bin so schnell
-gelaufen, wie ich konnte, und weiß nicht einmal, wie ich herübergekommen
-und nicht gefallen bin.«
-
-»Das waren Engel ... ich habe sie gesehen, und darum überlebe ich diesen
-Tag nicht und sterbe noch heute.«
-
-Luka aber hat keine Zeit, viel zu reden, und so antwortet er dem Alten
-nicht, sondern reicht dem Engländer beide Ikonen durch das Fenster. Der
-nimmt sie und fragt:
-
-»Warum ist kein Siegel darauf?«
-
-Luka fragt: »Wieso ist keines?«
-
-»Ja, es ist keines.«
-
-Da bekreuzigt sich Luka und sagt:
-
-»Nun ist es aus. Jetzt ist keine Zeit, es auszubessern. Dieses Wunder
-hat der Engel der herrschenden Kirche vollbracht, und ich weiß weshalb.«
-
-Damit stürzt Luka in die Kirche, drängt sich in den Altarraum, wo man
-den Erzbischof eben entkleidet, wirft sich ihm zu Füßen und spricht:
-
-»Ich bin ein Gotteslästerer, und das habe ich getan!« Und er erzählt ihm
-alles. »Nun befehlen Sie, daß man mich in Ketten legt und ins Gefängnis
-abführt.«
-
-Der Bischof hört voll Würde alles an und antwortet:
-
-»Durch Betrug habt ihr das Siegel von eurem Engel genommen, unser Engel
-hat es selbst von sich genommen und dich hergeführt.«
-
-Luka erwidert:
-
-»Ich sehe es, Eminenz, und erbebe. Befehlen Sie nur rasch, daß man mich
-dem Strafgericht überliefert.«
-
-Aber der Erzbischof antwortet in vergebendem Tone:
-
-»Kraft der mir von Gott gegebenen Gewalt vergebe ich dir und spreche
-dich los. Bereite dich vor, morgen Christi allerreinsten Leib zu
-empfangen.«
-
-Nun, und weiter, meine werten Herren, glaube ich, daß ich Ihnen nichts
-mehr zu erzählen habe. Luka Kirillow und der alte Maroi kehrten am
-nächsten Morgen zurück und sagten:
-
-»Väter und Brüder, wir haben die Herrlichkeit des Engels der
-herrschenden Kirche gesehen, die Vorsehung Gottes über ihr und die Güte
-ihres Hierarchen; wir sind selbst von ihm mit dem heiligen Öl gesalbt
-worden und haben heute bei der Messe den Leib und das Blut des Erlösers
-empfangen.«
-
-Ich trug in mir schon lange, seit dem Besuch beim Starez Pamwa, das
-Verlangen, mich im Geiste mit ganz Rußland zu vereinigen und rief:
-
-»Und wir gehen mit dir, Onkel Luka!«
-
-Und so versammelten wir uns alle zu einer Herde, wie Schäflein unter
-einem Hirten, und hatten kaum begriffen, wozu und wohin der versiegelte
-Engel uns alle geführt hatte, warum seine Wege zu Beginn verworren
-waren, und wie er sich dann der Menschenliebe willen entsiegelte, die
-sich in jener schrecklichen Nacht offenbarte.
-
-
-
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- SECHZEHNTES KAPITEL
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-Der Erzähler war zu Ende. Die Hörer schwiegen; schließlich aber
-räusperte sich jemand und bemerkte, daß in dieser Geschichte alles zu
-erklären sei: Michailizas Träume, die Erscheinung, die sie im Halbschlaf
-erblickte, das Herunterfallen des Engels, den eine hereingelaufene Katze
-oder ein Hund herabgestoßen hatte, auch Lewontijs Tod, der schon vor
-seiner Begegnung mit Pamwa krank gewesen war, das alles sei erklärlich.
-Zu erklären sei schließlich auch die zufällige Erfüllung der Worte des
-in Rätseln sprechenden Pamwa.
-
-»Begreiflich ist auch«, fügte der Hörer hinzu, »daß Luka mit dem Ruder
-über die Ketten gegangen ist: die Maurer sind bekannt als Meister im
-Steigen und Klettern, und mit dem Ruder hatte er das Gleichgewicht
-gehalten. Es ist schließlich auch begreiflich, daß Maroi um Luka ein
-Leuchten gesehen hat, das er für Engel hielt. Einem aufs äußerste
-gespannten, vor Kälte erstarrten Menschen mag allerlei vor den Augen
-flimmern! Ich würde es selbst noch begreiflich finden, wenn zum Beispiel
-der alte Maroi, seiner Voraussage nach, den Tag nicht überlebt hätte
-...«
-
-»Er hat ihn nicht überlebt«, erwiderte Mark.
-
-»Vortrefflich! Auch hierin ist nichts Verwunderliches, wenn ein
-achtzigjähriger Greis nach solchen Aufregungen und einer derartigen
-Erkältung stirbt. Aber was mir in der Geschichte ganz unerklärlich
-bleibt, ist, wie das Siegel, das die Engländerin auf den neuen Engel
-aufgedrückt hatte, verschwinden konnte?«
-
-»Nun, das ist gerade das Allereinfachste«, sagte Mark heiter, und
-erzählte, wie man bald darauf das Siegel zwischen Beschlag und Bild
-gefunden habe.
-
-»Wie konnte das geschehen?«
-
-»Nun so: auch die Engländerin wollte sich nicht erdreisten, das Gesicht
-des Engels zu beschädigen, und so befestigte sie das Siegel auf einem
-Papier, das sie unter den Beschlag schob. Das war sehr klug und
-kunstfertig von ihr gehandelt, als aber Luka die Heiligenbilder auf
-seiner Brust beim Tragen erschütterte, fiel das Siegel ab.«
-
-»Nun, jetzt ist also die ganze Geschichte einfach und natürlich.«
-
-»Ja, so schließen viele, daß hier alles auf ganz gewöhnliche Weise vor
-sich gegangen sei, und nicht nur die gebildeten Herrschaften, denen sie
-bekannt geworden ist, sondern auch die Unsrigen, die im Schisma
-verblieben sind, lachen darüber, daß uns eine Engländerin mit einem
-Papierchen der Kirche zugeschoben habe. Aber wir streiten nicht gegen
-solche Beweise. Jeder beurteilt es so, wie er es glaubt, uns aber ist es
-gleich, auf welchen Wegen der Herr den Menschen zu finden weiß und aus
-welchem Gefäß er ihn tränkt, wenn er ihn nur sucht und seinen Durst nach
-Vereinigung mit dem Vaterlande stillt. -- Aber da kommen schon die
-Fell-Bauern aus dem Schnee gekrochen. Haben sich anscheinend ausgeruht,
-die Herzigen, und werden gleich weiterfahren. Vielleicht nehmen sie mich
-ein Stück mit. Die Wassilijnacht ist vorbei. Ich habe Sie ermüdet und
-Ihnen vielerlei von mir berichtet. Dafür habe ich die Ehre, Sie zum
-neuen Jahr zu beglückwünschen, und verzeihen Sie mir Unwissendem um
-Christi Willen!«
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- DIE EPOPÖE VON WISCHNEWSKIJ UND SEINER SIPPE
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- ERSTES KAPITEL
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-Im Perejaslawer Kreise des Poltawaschen Gouvernements lebte der
-Gutsbesitzer Iwan Gawrilowitsch Wischnewskij. Durch die Freigebigkeit
-der Kaiserin Jelisaweta Petrowna hatte er ein großes Gut an beiden Ufern
-des Flusses Ssupoi erhalten. (Die Flüsse Udai und Ssupoi werden in einem
-Lehrbuch der Geographie als »wegen ihrer vielen Mängel zur Schiffahrt
-ungeeignet« bezeichnet.) Das Gut bestand aus zwei großen Dörfern, von
-denen das eine Farbowanaja hieß, das andere Ssosnowka.
-
-Der alte Pan Iwan Wischnewskij lebte und starb auf diesem Gut. Nach
-seinem Tode gingen Farbowanaja und Ssosnowka auf seinen Sohn, Stepan
-Iwanowitsch Wischnewskij über, der eine heroische Berühmtheit erlangte.
-Es ist freilich möglich, daß die Phantasie diese durch Legenden ergänzt
-und ausgeschmückt hat.
-
-Stepan Iwanowitsch war athletisch gebaut, ein Recke, dabei
-gastfreundlich, starrköpfig und ein schrecklicher Wüstling, aber er
-besaß Bildung. Er war einer der jungen Leute gewesen, die die Kaiserin
-Jekaterina nach England geschickt hatte, »zur Ausbildung des Verstands
-und des Herzens«. Nach seiner Rückkehr aus England trat er ins
-Garderegiment zu Pferd ein, aber als er den Rang eines Leutnants
-erhalten hatte, nahm er seinen Abschied, heiratete eine Adelige aus dem
-Twerschen Gouvernement, Stepanida Wassiljewna aus dem Geschlechte der
-Schubinskijs, und ließ sich in seinem eigenen Hause zu Moskau nieder.
-
-Zu tun hatte Wischnewskij hier nichts, und er begann »wunderlich« zu
-werden.
-
-Vor allem gedachte er, den Moskowitern durch seine kosakische
-Nationalität zu imponieren. Er wollte mit niemand verkehren, kleidete
-sich kleinrussisch, trank viel »Gebrannten« und aß angeblich nur
-Bärenfleisch.
-
-Der Kaiserin wurde berichtet, daß Wischnewskij »die gesellschaftlichen
-Sitten außer Acht lasse«, und dem Starrkopf wurde eine Rüge zuteil. Er
-beschloß sich zu bessern und ließ sich zu diesem Zwecke aus Kleinrußland
-einen Kosakenwagen mit einem Ochsengespann nach Moskau bringen und dazu
-einen Burschen, der mit den Ochsen umzugehen verstand. Am Tage der
-üblichen und für alle angesehenen Personen der Residenz obligatorischen
-Visiten schickte sich Stepan Iwanowitsch an, »bei allen Respektpersonen
-Visite zu machen«. Aber er fuhr nicht etwa leichthin in einer Equipage
-aus, sondern mit einem ganzen Zuge. Voraus galoppierte ein Jockei auf
-einer stutzschwänzigen englischen Stute, ihm folgte eine prächtige mit
-sechsen bespannte Kutsche, in der der Kammerdiener saß, und hinter ihr
-kam der Wagen, oder die kleinrussische »Fuhre«, auf der Pan Wischnewskij
-thronte. Der Wagen war bespannt mit einem Paar schwarzgrauer
-krummhörniger Ochsen. Der Pan saß, wie die kleinrussischen Bauern zu
-sitzen pflegen, -- d. h. in der Mitte des Wagens auf einem Haufen
-Roggenstroh und rauchte phlegmatisch eine Weichselpfeife kleinrussischer
-Fasson. Der Kleinrusse, der die Ochsen lenkte, trug Pluderhosen »so weit
-wie Wolken«, ein geteertes Hemd, schwere Stiefel und eine hohe, zottige
-Mütze. Er ging mit einer Peitsche neben den Ochsen her, hielt sie mit
-einem Riemen am Nasenring, »damit sie in der lärmenden Stadt« nicht
-scheuen, und schrie ihnen bald »Zo--be« und bald »Zob« zu.
-
-Der Jockei hatte die Liste der Personen, die dieser verwilderte Europäer
-besuchen sollte. Er sprengte voran, ritt in den Hof der auf der Liste
-stehenden hochmögenden Persönlichkeit und meldete laut:
-
-»Mein Pan kommt!«
-
-Wenn dann der Zug in Sicht kam, wendete sich ihm der Jockei mit dem
-Gesichte zu und rief wieder:
-
-»Da ist der Pan Wischnewskij selbst gekommen!«
-
-Dann hielt die Kutsche vor der Freitreppe, ihr entstieg der Kammerdiener
-Stepan Iwanowitschs und trat ins Haus, um zu fragen, ob es den
-Herrschaften genehm sei, seinen Herrn zu empfangen.
-
-Empfing man Wischnewskij, so fuhr die Kutsche weiter, und an der
-Freitreppe hielt die »Fuhre« mit dem Ochsengespann; Stepan Iwanowitsch
-stieg aus, begab sich in die Gemächer und beschenkte freigebig die ihm
-unter die Augen kommende Dienerschaft. In den Appartements benahm er
-sich als vornehmer Herr und Europäer, prunkte mit prächtigen Manieren,
-vorzüglichen Sprachkenntnissen und der schlagfertigen Bissigkeit seines
-kleinrussischen Verstandes.
-
-»Denn er war ein zu Scherzen aufgelegter Herr, sprach Französisch und
-Italienisch und vermochte in diesen Sprachen Gott zu preisen. Nur war er
-zu faul dazu.«
-
-
-
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- ZWEITES KAPITEL
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-Wischnewskij aß, wie oben erwähnt, angeblich nur Bärenfleisch und hielt
-deshalb auf einem der Twerschen Güter seiner Frau einen Bärenzwinger.
-Man mästete dort die Bären und brachte sie nach Moskau zum Tisch Stepan
-Iwanowitschs. Gegen die Polizei hegte Wischnewskij einen eingeborenen
-und unbesiegbaren Haß, und kein Polizist durfte es wagen, sich zu
-erkühnen, seinen Hof zu betreten, ohne zu riskieren, allen möglichen
-Beleidigungen ausgesetzt zu sein, wenn ihn Stepan Iwanowitsch erblickte.
-Wischnewskijs Haus zu Moskau war für die Polizei unzugänglich, und aus
-diesem oder einem anderen Grunde stand es bald in einem sehr
-geheimnisvollen, aber wenig schmeichelhaften Rufe. Vor allem wurde
-dieser durch die sittenlosen Instinkte Wischnewskijs in Bezug auf die
-Frauen, oder um es genauer zu bezeichnen, auf die Kinder weiblichen
-Geschlechts gefördert. Die Polizei haßte ihrerseits Stepan Iwanowitsch
-ebenfalls und suchte einen Anlaß, um ihm seine Flegelhaftigkeit
-heimzuzahlen, fand aber lange keinen geeigneten Grund dafür. Schließlich
-stellte sich ein solcher ein. Ein Hofhund hatte einen noch nicht ganz
-der Muskel beraubten Knochen auf die Straße geschleppt und dort fallen
-lassen, und in diesem Knochen erkannte man das Gelenk eines kleinen
-menschlichen Fußes. Einige Tage später wiederholte sich dasselbe. Man
-beobachtete den Hund und sah, daß er diese Knochen aus der Abfallgrube
-holte. Die Dienerschaft der Nachbarhäuser begann davon zu reden, daß
-Wischnewskij mit seinen leibeigenen Mädchen Schändliches treibe und sie
-dann töte. Bald zählte man auch schon die spurlos verschwundenen Mädchen
-auf und nannte sogar ihre Namen.
-
-Die Polizei erblickte hierin nicht nur einen hinreichenden Grund
-einzuschreiten, sondern hielt es geradezu für ihre Pflicht, -- was es in
-der Tat auch war. Zu diesem Zweck erschienen der Polizeikommissar und
-der Revieraufseher auf dem Hofe Stepan Iwanowitschs und schritten zur
-Besichtigung der Grube, aus der der Hund die verdächtigen Knochen geholt
-hatte. Die treuen Diener Stepan Iwanowitschs ließen die Polizei nicht
-zur Besichtigung zu, ehe sie ihren »Pan« davon in Kenntnis gesetzt
-hatten. Stepan Iwanowitsch zog seinen Rock an, ging selbst zu den
-Polizisten hinaus und befahl ihnen, die Grube zu öffnen. Zur Freude der
-Polizisten fand sich dort eine ganze Menge derselben Knochen, die den
-Anlaß zu dem Verdachte gegeben hatten. Aber zugleich stellte sich
-freilich heraus, daß sie keineswegs Überreste menschlicher Füße waren,
-sondern die Tatzen der jungen, für den Tisch Wischnewskijs getöteten
-Bären.
-
-Die Polizisten gerieten in Verlegenheit und begannen sich bei
-Wischnewskij zu entschuldigen, indem sie erklärten, sie seien durch
-Verdächtigungen und verleumderische Gerüchte zu diesem Mißgriff
-verleitet worden.
-
-Wischnewskij verzieh ihnen und ... prügelte sie mit der Knute.
-
-Dieser krasse Vorfall hatte zur Folge, daß ihm befohlen wurde, Moskau zu
-verlassen und auf seinen kleinrussischen Dörfern zu leben, die sein
-Vater durch die Freigebigkeit der Kaiserin Jelisaweta Petrowna erhalten
-hatte.
-
-Wischnewskij mußte sich dem Befehle unterwerfen und fuhr nach
-Farbowanaja im Perejaslawschen Kreis, um dort sein Treiben in noch
-größerer Freiheit fortzusetzen.
-
-Der Vorfall mit den Bärentatzen wird nach Moskauer Darstellungen
-verschiedenen Personen zugeschrieben; Stepan Iwanowitsch Wischnewskij
-wird er nur in einigen kleinrussischen Überlieferungen zugeeignet, die
-vor allem in den vom Udai und Ssupoi befruchteten Tälern verbreitet
-sind. Bezüglich der Visiten mit dem Ochsengespann suchte ich in Moskauer
-Überlieferungen vergeblich nach einer Erinnerung an diese originelle
-Ausfahrt. Diese Erzählung muß man daher als zweifelhaft ansehen. Aber
-unter den Bewohnern der Täler von Udai und Ssupoi behaupten viele
-Liebhaber solcher Überlieferungen nachdrücklich die Wahrheit dieser
-Geschichte und weisen alle Beweisgründe, daß sie in Moskau nicht
-bestätigt werde, mit Selbstvertrauen und voll Verachtung zurück, indem
-sie ihre dicken Kosakenlippen aufwerfen und sagen:
-
-»Ja dort, -- wenn ihr die Wahrheit in Moskau suchen wollt!«
-
-
-
-
- DRITTES KAPITEL
-
-
-Als Stepan Iwanowitsch Wischnewskij auf seine kleinrussischen Dörfer
-übersiedelte, baute er sich in den beiden Orten an den beiden Ufern des
-ruhmwürdigen Ssupoi, in Farbowanaja und in Ssosnowka je ein Haus. In
-beiden in großherrschaftlichem Stile errichteten Häusern hielt er
-zahlreiche Dienerschaft, Jagdgefolge, Gestüte und Harems. Mit den
-letzteren begnügte sich Stepan Iwanowitsch übrigens nicht, sondern
-machte überdies bei allen Frauen seiner Herrschaft ausgedehnten Gebrauch
-von den Rechten eines Padischah. Er lebte abwechselnd bald auf dem
-einen, bald auf dem anderen Gut und hielt überall die von ihm
-eingeführten willkürlichen Sitten aufrecht. Er hielt es für sein
-vollstes Recht, jeden, wie er sich ausdrückte, »zu seinem
-Christenglauben« zu bekehren, und erreichte frei und schrankenlos alles,
-was er zu erreichen wünschte.
-
-Unter allen Launen seines Eigensinns nahm Wischnewskijs unbezähmbarer
-Haß gegen die Polizei die erste Stelle ein. Kaum war er angekommen, als
-er die Anordnung traf, daß weder der Kreischef, noch der
-Polizeikommissar, noch überhaupt irgendein Beamter es wagen dürfen, mit
-Schellen durch seine Herrschaft zu fahren. Den Bauern war befohlen,
-jeden, der mit Geläute durchs Dorf fuhr, anzuhalten und sich zu
-erkundigen, wer er sei. Wenn der Durchreisende ein Adeliger oder
-überhaupt eine Privatperson war, so mußten sie ihn weiterfahren lassen
-und ihm sagen, daß das Land, durch das er fahre, dem Pan Wischnewskij
-gehöre, und daß dieser Pan ehrliche Gäste »liebe und schätze«. Sie luden
-die Durchreisenden ein, zum Herrn zu kommen, um sich dort von den
-Reisemühen zu erholen und die Gastfreundschaft des Pan zu genießen. Wenn
-der Durchreisende Eile hatte und nicht »zu Gast« fahren wollte, sondern
-sich höflich bedankte, hielt man ihn nicht mit Gewalt zurück, sondern
-gestattete ihm ebenso höflich, weiterzufahren und ungehindert seine
-Schellen läuten zu lassen. Hatte dagegen der Reisende Zeit und erklärte
-er sich damit einverstanden, zum Pan zu fahren, so begleitete man ihn
-nach Farbowanaja oder nach Ssosnowka, je nachdem, in welchem der beiden
-Dörfer der Pan Wischnewskij zur Zeit lebte.
-
-Stepan Iwanowitsch empfing alle diese Gäste freundlich, fragte nicht
-nach Rang und Amt und bewirtete sie nach damaligem Brauch üppig und
-reichlich, -- manchmal allzu reichlich, so daß manchen seine
-Gastfreundschaft schlecht bekam. Doch gab es weder beim Essen noch beim
-Trinken irgendeinen Zwang, nur wurde alles im Übermaß aufgetragen, und
-wenn sich einer dadurch zur Unmäßigkeit verleiten ließ, so lag darin
-keinerlei Zwang oder Gewalt von Seiten Wischnewskijs, und der
-unvorsichtige Gast hatte es sich selbst zuzuschreiben, wenn er für seine
-Völlerei büßen mußte.
-
-Vielen Gästen, die Not zu leiden schienen, gab Stepan Iwanowitsch
-beträchtliche Unterstützungen, Offizieren aber pflegte er stets etwas
-Wertvolles zum Andenken zu schenken. Gegen Beamte jedoch, besonders aber
-gegen die Polizei, zeigte sich Stepan Iwanowitsch als roher Tyrann, und
-die Forderungen, die er an diese unglücklichen Menschen stellte, waren
-derartig hart und erniedrigend, daß es schwer verständlich ist, wie sie
-sich ihnen unterwerfen konnten und keine Mittel fanden, sich vor dem
-Sonderling von Farbowanaja zu schützen.
-
-Wenn der Kreischef oder der Revieraufseher an die Grenze der
-Wischnewskijschen Herrschaft kamen, mußten sie den Wagen halten lassen
-und die Schellen festbinden, damit sie nicht läuteten. Andernfalls
-mußten die Bauern sie anhalten, ihnen das Geläute wegnehmen und sie
-unverzüglich zum Pan selbst in das Herrenhaus führen. Widersprach der
-Polizeibeamte, so drohte ihm eine doppelte Gefahr: nämlich erstens von
-den Bauern geprügelt zu werden, die das »auf den Kopf des Herrn« tun
-durften, das heißt auf Verantwortung des Gutsbesitzers selbst; und
-zweitens, vor den Pan geführt zu werden, bei dem jeden Polizeibeamten
-ein ungeheuer erniedrigendes, aber mit unabänderlicher Strenge
-eingehaltenes besonderes Zeremoniell erwartete.
-
-Ob der Polizeibeamte gefügig oder widerspenstig war, ehrlich oder
-anspruchsvoll, bei Pan Wischnewskij standen sie alle »auf ein und
-demselben Blatt«. An ihre Ehrenhaftigkeit glaubte er übrigens nicht im
-mindesten, und es scheint, daß er sich darin nicht allzusehr irrte. Er
-hatte den Grundsatz aufgestellt, daß kein Beamter die Schwelle seines
-Hauses überschreiten durfte, gleichgültig in welcher Angelegenheit oder
-unter welchem Vorwand. Hatten der Kreischef oder der Polizeikommissar
-dienstlich mit ihm zu tun, oder mußten sie mit einem Anliegen oder einer
-Bitte bei ihm erscheinen, so wußten sie genau, daß sie durch seine
-Besitzungen ohne Geläute und möglichst leise fahren und vor dem Tore
-halt machen mußten; auf keinen Fall durften sie es wagen, in den Hof
-einzufahren. Auf dem Gut und auf dem Hofe mußten sie zu Fuß gehen, am
-Tor die Mütze abnehmen und an den Fenstern des Hauses stets mit
-entblößtem Haupte vorübergehen.
-
-Andernfalls, beim geringsten Verstoß gegen diese Regel, packte die
-darauf dressierte Hausdienerschaft den Betreffenden bei den Armen, stieß
-ihn vor das Tor und »versetzte ihm mehrere kräftige Nackenstöße«. Da
-dieses Verfahren genau und streng eingehalten wurde, wagte niemand, an
-Ungehorsam oder Widerstand auch nur zu denken. Damit war aber die
-Erniedrigung noch nicht zu Ende. Der Beamte durfte nicht weiter als bis
-zur Freitreppe, unter der in einem Verließ die großen Madelanschen Hunde
-hausten. Dort mußte er stehen bleiben und warten, bis Stepan Iwanowitsch
-seinen »Kammerkosaken« oder seinen Lakai zu ihm herausschickte. Den
-Lakai mußte der Beamte »als seinesgleichen begrüßen«, das heißt ihm die
-Hand geben, und erst dann durfte er ihm den Zweck seines Besuches beim
-Pan auseinandersetzen.
-
-Fand Wischnewskij, daß die Angelegenheit, wegen welcher der Beamte
-gekommen war, keine Beachtung verdiene, so befahl er ihn davonzujagen.
-War es dagegen eine adelige Angelegenheit oder eine Mitteilung aus den
-höheren Sphären, so zog Stepan Iwanowitsch seine Pekesche an, setzte die
-Mütze auf, kam selbst auf die Freitreppe hinaus und hörte den Beamten
-an. Während der ganzen Zeit stand er seitwärts zu ihm und schaute ihn
-kein einzigesmal an.
-
-Hierauf ging Wischnewskij schweigend ins Haus, und der Lakai brachte dem
-Beamten auf einem Teller ein Glas Schnaps und einen Fünfzigerschein. Der
-Beamte mußte zuerst den Schnaps austrinken, dann durfte er die fünfzig
-Rubel »für den Imbiß« nehmen. Für Beamte gab es im Hause Wischnewskijs
-keine Gastfreundschaft. Hatte der Beamte wider Erwarten eine hohe
-Meinung von sich und weigerte sich, das ihm auf die Treppe
-hinausgebrachte Glas Schnaps zu trinken, so erhielt er auch das Geld für
-den Imbiß nicht. Der Lakai mußte ihn in diesem Falle hinunterstoßen, ihm
-den Schnaps in den Rücken gießen, die fünfzig Rubel selbst einstecken
-und an einer Leine ziehen, die zu dem eisernen Fallgatter führte, hinter
-dem die Madelanschen Hunde unter der Treppe saßen.
-
-Da die Beamten dies alles wußten, wagten sie niemals, auch nur den
-kleinsten Widerstand gegen die Einrichtungen Stepan Iwanowitschs zu
-zeigen; sie waren sogar erfreut, wenn eine Angelegenheit sie zur
-Freitreppe des Pans von Farbowanaja führte.
-
-Wenn sich dies alles wirklich so verhielt, wie es die Überlieferungen
-erzählen, so besaßen die fünfzig Rubel für den Imbiß augenscheinlich
-einen hohen Wert.
-
-
-
-
- VIERTES KAPITEL
-
-
-In Bezug auf Moral und Keuschheit war Stepan Iwanowitsch ein sehr
-unzeremonieller und überdies naiver Mensch. Übrigens waren seine
-Erlebnisse dieser Art einander meist sehr ähnlich, doch schildert die
-heroische Epopöe die außerordentlich originelle Rolle, die seine Frau,
-Stepanida Wassiljewna, geborene Schubinskaja, dabei spielte. Anscheinend
-kann man auch sie mit vollem Recht als psychopathisch bezeichnen, wenn
-auch in einem anderen Sinne.
-
-Sie war, wie bereits erwähnt, eine Twersche Adelige, eine gebildete Frau
-aus sehr guter Familie. Sie liebte ihren Gemahl und lebte mit ihm stets
-im besten Einvernehmen. Aus ihrer Ehe mit Stepan Iwanowitsch hatte sie
-zwei Töchter. Die Geburt der zweiten Tochter verlief so unglücklich, daß
-Stepanida Wassiljewna für ihr ganzes Leben »einen Schaden« davontrug.
-Stepan Iwanowitsch begann sich von ihr fernzuhalten: wenn sie in
-Farbowanaja lebte, fuhr er nach Ssosnowka, war sie in Ssosnowka, so fuhr
-er nach Farbowanaja. Als Stepanida Wassiljewna dies sah und weil sie,
-wie sie sagte, ihren Mann liebte, begann sie Vorsorge dafür zu tragen,
-daß »er sich von ihr nicht fernhalte« und daß »ihm das Leben bei ihr
-nicht langweilig werde«. Zu diesem Zweck hielt sie an Abenden
-Spinnstunden ab, zu denen die Mädchen nur ungern und unter Tränen kamen,
-aber Stepanida Wassiljewna behandelte sie freundlich, bewirtete sie so
-lange, bis sie zutraulich wurden und nicht mehr weinten. Dann schrieb
-sie ihrem Gemahl und lud ihn ein zu kommen, »um sich an den Mädchen zu
-erfreuen«. Und er antwortete ihr: »Ich danke dir sehr und weiß deine
-Sorge für mich zu schätzen, im übrigen habe ich bei der Auswahl zu
-deinem Geschmack mehr Vertrauen, als zu meinem eigenen.«
-
-Eine solche Antwort ihres Mannes freute Stepanida Wassiljewna nicht nur,
-sondern rührte sie. Ihre Gefühle für Stepan Iwanowitsch brannten mit
-doppelter Glut, und sie schrieb ihm unverzüglich in aller Eile zurück:
-»Für dein Vertrauen, mein teuerster Freund, danke ich dir vielmals, und
-ich hoffe, daß die Wahl meines Geschmacks, auf den du so vertraust,
-deinem Herzen gefallen wird. Nur bitte ich dich, Engel meiner Seele,
-komm so bald wie möglich zu mir, denn mein Herz sehnt sich nach dir, und
-du wirst sehen, daß ich über nichts gekränkt bin, sondern deinen
-Geschmack verstehe. Unsere Kinder sind beide gesund, grüßen dich und
-küssen deine Hände.« Unterschrift: »Deine treue Frau und Dienerin
-Stepanida.«
-
-Wenn Stepan Iwanowitsch eine solche Nachricht erhielt, gab er sein
-Einzelleben auf und fuhr zu seiner Gemahlin, die damit ihren Zweck
-erreicht hatte, daß er »in ein und demselben Hause mit ihr lebe, ohne
-sich zu langweilen«.
-
-Sie verhätschelte nicht nur die Favoritinnen, die sie für ihren Mann
-auswählte, sondern pflegte und versorgte auch seine Kinder, die sich bei
-der patriarchalischen Ordnung dieses Herrenlebens in Farbowanaja rasch
-vermehrten.
-
-Wischnewskij selbst war bei weitem nicht so gutherzig und aufrichtig wie
-seine Frau: wenn sich sein verderbtes Herz bei der Person, welche die
-Obliegenheit hatte, ihm »das Leben kurzweilig zu machen«, zu langweilen
-begann, so schickte sich Wischnewskij an, wieder allein im anderen Dorfe
-zu leben.
-
-Stepanida Wassiljewna verstand dies sogleich und hinderte ihren Mann
-daran nicht, da für sie der Friede und das eheliche Einvernehmen, nach
-dem Vermächtnis der Vorfahren, am höchsten in der Welt standen; einige
-Zeit später traf sie wieder Vorbereitungen und schrieb ihm einen
-vorsichtigen und zärtlichen Brief, in dem sie sagte: »Deine List und
-deine Unaufrichtigkeit mir gegenüber in wichtigen Angelegenheiten
-kränken und quälen mich sehr, mein Freund, da ich sie durch nichts
-verdient habe. Gott sieht meine Wahrhaftigkeit, und daß ich dich über
-alles in der Welt liebe. Durch die Trennung von dir welkt mein Herz
-dahin wie Gras, und meine heißen Tränen versiegen nicht. Die Person, die
-dich durch ihre Reizlosigkeit ermüdet und gelangweilt hat, habe ich
-durch meine Bemühungen ohne viel Aufhebens versorgt; alle sind jetzt mit
-ihrer Lage vollkommen zufrieden und bedanken sich. Wenn du bald zu mir
-kommst, kannst du dich an einer sehr liebenswürdigen Person ergötzen.
-Unsere Kinder sind durch Gottes Gnade wohlbehalten und gesund und beten
-für ihren Vater.« Und wieder dieselbe Unterschrift: »Deine Frau und
-Dienerin.«
-
-Wischnewskijs Antwort waren Grüße an seine Frau und die Versicherung
-seines vollen Vertrauens zu ihrem Geschmack, und bald darauf kehrte
-Stepan Iwanowitsch in den Schoß seiner Familie zurück. Man erwartete ihn
-natürlich und begrüßte ihn mit Zymbeln und Gesang, Zurufen und
-Schmeicheleien und allem, was notwendig war, um ihn so zufrieden zu
-stellen, wie er es sich selbst wünschte und seine zärtliche,
-überzärtliche Frau es einrichten konnte, die das Unglück gehabt hatte,
-aus einer lebhaften und reizenden Frau »auf Lebenszeit ein unbrauchbarer
-Mensch« zu werden.
-
-
-
-
- FÜNFTES KAPITEL
-
-
-Nach dem beschriebenen Zwischenfall besserte sich Stepan Iwanowitsch in
-Bezug auf seine Verschlossenheit und sein Mißtrauen und nahm nie mehr
-Zuflucht zum Separatleben.
-
-Stepanida Wassiljewna sorgte für ihn, wie sich die Bauern ausdrückten,
-»wie eine Mutter für ihr Kind«.
-
-Die unwahrscheinliche, primitive Einfachheit dieser Beziehungen, die an
-die biblische Erzählung von Sarah und Hagar erinnert, wird noch
-unwahrscheinlicher, wenn man den Einzelheiten Glauben schenken will, die
-die Bauern über das Leben dieser Ehegatten erzählen.
-
-Stepan Iwanowitsch war ein reiner Türke. Seine mannigfaltigen
-Verbindungen umfaßten alle Arten von Liebe, von einer flüchtigen
-Verirrung bis zur Anhänglichkeit eines Sultans an seine Odaliske oder an
-seine erste Sultanin. Die vorübergehenden Beziehungen kommen natürlich
-nicht in Betracht, die Stellung der ersten Sultanin nahm
-selbstverständlich seine gesetzliche Frau ein, die er vielleicht auf
-seine Weise liebte und auf jeden Fall, wie er versicherte, »hoch
-schätzte«.
-
-»Wenn jemand etwas wider mich unternimmt«, pflegte er zu sagen, »so kann
-ich es vielleicht noch verzeihen, aber wenn es jemand einfällt,
-Stepanida Wassiljewna zu beleidigen, so werde ich ihn zu erreichen
-wissen, wer es auch sei, und selbst Zar Iwan der Grausame hat keine
-derartigen Marter ersonnen wie die, mit denen ich den Beleidiger meiner
-Frau strafen werde.«
-
-Alle wußten dies und wußten zudem, daß Stepan Iwanowitsch nicht
-scherzte, sondern alles, was er sagte, auch machte, und so kam es
-niemandem in den Sinn, Stepanida Wassiljewna gegenüber auch nur das
-geringste Anzeichen von Unehrerbietigkeit oder Ungehorsam zu äußern.
-Nicht alle dagegen verstanden diese eifrige Sorge Wischnewskijs für
-seine Frau, und während die einen sie seiner übergroßen Zärtlichkeit
-zuschrieben, sahen andere darin Verschlagenheit, wie sie ja dem
-kleinrussischen Charakter Wischnewskijs in der Tat in beträchtlichem
-Maße eigen war. Sie nahmen an, er wolle allen vor seiner Frau »Furcht
-einjagen«, damit ihre auf die Ergötzung seines Lebens durch die Liebe
-der leibeigenen Odalisken gerichteten Bemühungen nicht auf den
-geringsten Widerstand stießen, da er jeden Ungehorsam ihr gegenüber so
-bestrafen würde, daß Zar Iwan der Grausame in seinem Grab erzitterte.
-
-Übrigens mag es sein, wie es will, Bestimmtes ist darüber nicht zu
-sagen; dagegen wird mit Bestimmtheit erzählt, daß Stepan Iwanowitsch,
-der in seinen sonstigen flüchtigen Romanen verderbt und rücksichtslos
-bis zur Grausamkeit war, es liebte, in seine Beziehungen zu den
-Odalisken, die ihm seine erste Sultanin nach ihrem Geschmack auswählte,
-eine eigenartige Poesie zu tragen. Es entsprach dies ganz seiner Natur,
-in der sich in solchen Fällen etwas Zartes und Gefühlvolles äußerte.
-Ähnlich wie Don Juan darf er sich rühmen, daß er diese jungen Wesen nie
-durch Rauheit kränkte, sie auch nie »mit kalter Leidenschaftslosigkeit«
-verführte. Nein, er kam immer mit zarter Aufmerksamkeit in das Haus
-seiner Frau, die für ihn liebevoll eine neue Freude bereithielt, und die
-beiden Gatten pflegten die Erwählte, »wie man ums Morgenrot einen Falken
-steigen läßt«. Sie liebkosten, schmückten und hätschelten sie, das
-Mädchen wohnte in den Gemächern Stepanida Wassiljewnas, war bunt
-gekleidet, mit Süßigkeiten übersättigt und versank in Genüssen, so daß
-sie selbst nicht merkte, wie sie von einer Rolle in die andere überging
-und lange Zeit, wie benebelt, nicht wußte, was mit ihr geschah und womit
-das enden würde. Alle diese Odalisken hatten das Kindesalter noch kaum
-überschritten, in dem der Kopf noch arm an Erfahrungen ist, die
-Vorstellungen über die Zukunft noch unentwickelt sind und nur das
-lusterfüllte Leben des Augenblicks lockt. So gaben sich viele aufrichtig
-mit Herz und Seele ihrem Gebieter hin, oder empfanden ihre Rolle
-wenigstens nicht als Last; Stepanida Wassiljewna aber liebten sie wie
-eine Mutter. Und in der Tat, sie verhätschelte sie wie eine Mutter und
-ermunterte sie wie eine ältere Haremsgenossin, die sich über das Glück
-freut, das die jungen Odalisken ihrem geliebten Padischah bereiten.
-Frau, Mann und die diensthabende Favoritin trennten sich im Hause fast
-nie und verbrachten die meiste Zeit zu dritt. Einige seiner Odalisken
-aber liebte Stepan Iwanowitsch so sehr, daß er sich keinen Augenblick
-von ihnen trennen konnte. Wischnewskij war dann zu seiner Geliebten
-nicht nur gefühlvoll, sondern liebevoll wie ein feuriger Jüngling, und
-wenn er das Haus unbedingt verlassen mußte, so nahm er sie in der
-Verkleidung eines Pagen oder Jägers, dem die Obhut seiner kostbaren
-Bernsteinpfeifen und seiner Tabaksbeutel anvertraut war, mit. Da Stepan
-Iwanowitsch stets, selbst Nachts rauchte, war ihm ein solcher
-»Pfeifenjunge« unentbehrlich, und er hatte immer einen bei sich.
-
-Man schloß daraus, daß Stepan Iwanowitsch hier bis zu einem gewissen
-Grad von Eifersucht geleitet wurde, doch entbehrt diese Annahme jeder
-Grundlage, da er ja nichts riskierte, wenn er das Mädchen unter der
-Obhut Stepanida Wassiljewnas zurückließ. Man muß vielmehr annehmen, er
-habe, wie es diejenigen behaupten, die diesen kleinrussischen
-Psychopathen genauer kannten, seine Favoritinnen so leidenschaftlich
-geliebt, daß er sich von ihnen so lange nicht trennen konnte, bis seine
-Leidenschaft ihren gewöhnlichen Lauf genommen hatte und abflaute.
-
-Die Anhänglichkeit Stepan Iwanowitschs an die betreffende Odaliske war
-um so stärker, je größere Zärtlichkeit und Sorge sie in seiner Frau
-weckte. War Wischnewskijs Leidenschaft verflogen und fuhr er »hinter den
-Ssupoi«, so nahm Stepanida Wassiljewna die Sorge auf sich, die alte
-»Ergötzung« unterzubringen und eine neue vorzubereiten, die den Pan von
-Farbowanaja wieder vom anderen Ufer zurücklocken sollte.
-
-Tragisch waren diese Trennungen nie. Dank der Taktik, der Güte und der
-Freigibigkeit Stepanida Wassiljewnas wurden alle diese Angelegenheiten
-friedlich und im Guten und zur allgemeinen Zufriedenheit sämtlicher
-Verwandten des Mädchens beigelegt. Eine einzige Ausnahme bildete der
-Fall eines fünfzehnjährigen Bauernmädchens, das das Herz Wischnewskijs
-besonders stark gefesselt und ihm einen Sohn und eine schmerzliche Spur
-in seinen Erinnerungen hinterlassen hatte.
-
-
-
-
- SECHSTES KAPITEL
-
-
-Die lokalen Überlieferungen berichten sogar den Namen des »wie ein
-Märchen« schönen, schwarzäugigen Mädchens, das zu dem Pan in ziemlich
-späten Jahren seines Lebens in Beziehungen trat. Es hieß Gapka
-Petrunenko. Sie war so schön, daß es »den Augen wohltat, sie zu
-schauen«, und hatte, wie die Geschichte erzählt, ein sanftes Herz und
-eine empfängliche Seele. Wischnewskij konnte ihre schlanke Taille mit
-seinen Fingern umspannen, und er liebte sie, wie keine andere, die vor
-oder nach ihr seine Gunst genoß. Er kleidete sie in rosa Atlas und in
-Jacken aus kostbaren türkischen Schals, er trug sie auf den Händen und
-küßte ihre Füße.
-
-Stepanida Wassiljewna, die diese heiße Liebe ihres Mannes zu dem Mädchen
-sah, widmete sich ihr in einem solchen Maße, daß sie sich selbst und
-ihre beiden Töchter zu vergessen schien, von denen die jüngere schon
-zwölf Jahre zählte. Am Morgen flocht Stepanida Wassiljewna selbst Gapkas
-schwarze Flechten, abends löste sie sie ihr und ließ ihre dichten Locken
-von aromatischem Rauch durchziehen. Sie gestattete keiner niedrigen
-Hand, ihren Körper zu berühren und benetzte selbst mit rosenduftendem
-Wasser ihre Füße, auf die Stepan Iwanowitsch in leidenschaftlicher
-Selbstvergessenheit seine Lippen drückte. Mit einem Wort, dieses
-prächtige Mädchen war die Favoritin der Favoritinnen, und ihr Aufenthalt
-im Hause Wischnewskijs unterschied sich weit von dem aller anderen.
-Selbst wenn Stepan Iwanowitsch mit den Hunden auf die Jagd ritt, nahm er
-Gapka mit und begnügte sich nicht damit, daß sie als Tscherkessin
-gekleidet im ruhigen Jagdwagen mitfuhr, sondern nahm sie aus dem Wagen
-und setzte sie vor sich in den Sattel. Wenn das Mädchen von dieser
-unbequemen und anstrengenden Reise müde wurde und der Schlaf ihr
-Köpfchen neigte, überließ sie Wischnewskij keiner fremden Hand, sondern
-brach die Jagd ab und brachte Gapka vorsichtig mit eigenen Händen nach
-Hause. Und Gott mochte dem von seinem Gefolge gnädig sein, der durch ein
-Geräusch den kindlichen Schlaf der Geliebten des Pan störte! Dem
-Schuldigen waren die feuchte Grube und Peitschenhiebe sicher.
-
-Ebenso sorgsam übergab Wischnewskij an der Freitreppe das Kind den
-Händen der ihn Erwartenden und begleitete sie dann selbst, wenn man
-Gapka in aller Stille in die Gemächer Stepanida Wassiljewnas trug.
-
-Dort entkleidete man sie und legte sie auf die Atlaskissen des breiten
-türkischen Diwans, auf dessen Rand sich die Gatten setzten und ihren Tee
-tranken. Während der ganzen Zeit sprachen sie kein Wort, sondern
-ergötzten sich damit, das schlafende Mädchen anzuschauen. Wurde es Zeit,
-zur Ruhe zu gehen, so stand Stepanida Wassiljewna auf und ging mit
-leichtem Schritt über den Teppich in das anstoßende Zimmer, wo ihr
-Schlafgemach war. In dankbarem Schweigen küßte Stepan Iwanowitsch seiner
-Frau oftmals die Hand und flüsterte ihr zu:
-
-»Du bist mein Schutzengel, -- ich bete dich an!«
-
-Stepanida Wassiljewna fühlte und teilte das Glück ihres Mannes mit einer
-unglaublichen, vielleicht nur ihr eigenen Hingabe.
-
-Sie ging in ihr Schlafzimmer, betete dort lange vor dem Heiligenbild und
-ging dann wieder mit unhörbaren Schritten in das anstoßende Gemach, wo
-die schlafende rosige Gapka mit ihren jungen kräftigen Händen die Kissen
-umfing, während die athletische Gestalt Wischnewskijs zu den Füßen des
-schlummernden Mädchens auf dem Teppich lag, den Kopf gegen den Diwan
-gelehnt.
-
-Stepanida Wassiljewna schlug über die beiden das Kreuz, kehrte in ihr
-Witwenbett zurück, und ihr Schlaf war ruhig, friedlich und erquickend.
-In diesem ganzen seltsamen, scheinbar widersinnigen Gemenge von Gefühlen
-und Beziehungen erblickte sie nichts für sich Erniedrigendes, nicht
-einmal etwas Unpassendes; im Gegenteil, es schien ihr, als ob es gar
-nicht besser gehen könne.
-
-Die grenzenlose Liebe dieser Frau zu ihrem Manne und das große Unglück,
-das ihr Gesundheitszustand für sie bedeutete, hatten ihre moralischen
-Begriffe, die niemandem klar und verständlich schienen, derart
-verändert. Da ich diese Erzählungen nur als Sammlung einzelner Berichte
-aus dem Mund Verschiedener wiedergebe, werde ich mich nicht weiter
-bemühen, die Persönlichkeit Stepanida Wassiljewnas genauer zu erklären.
-Ich glaube aber, daß man sie heute mit dem Begriff »psychopathisch«
-bezeichnen würde. Ich gebe nur die interessante Erzählung wieder, wie
-ich sie selbst gehört habe, ohne an den Charakteren und Sitten der
-Helden dieser legendären Berichte eigene Kritik üben.
-
-Ich glaube, daß es sich hier in erster Linie nicht um Kritik handelt,
-zumal alle handelnden Personen schon ins Reich der Schatten gewandert
-sind, sondern darum, der Nachkommenschaft die Erinnerung an die
-erstaunliche Unmittelbarkeit ihrer Charaktere und an ihr originelles,
-launenhaftes Leben zu bewahren.
-
-Wohlbekannt sind uns die stürmischen Naturen unserer großrussischen
-Adligen, deren Leben nach dem Ausspruch eines Dichters »unter Festen,
-sinnlosem Prahlen, kleinlichen Lastern und kleinlicher Tyrannei verlief,
-und bei denen der Chor der unterdrückten, zitternden Menschen das Leben
-der Hunde und Pferde beneidete«. Wir wissen, wie unsere »alten
-Weinschläuche« unter dem Gären des jungen, in sie gegossenen Weines
-zitterten. Die gesunde realistische Richtung unserer großrussischen
-Literatur, die uns vielleicht den Vorwurf des übertriebenen Realismus
-eintragen wird, zeigt uns das wahre Gesicht unseres großrussischen
-Lebens. Die kleinrussischen Schriftsteller folgen aber unserer für die
-Jetztzeit vielleicht einzig nützlichen Richtung nicht. Das Leben des
-kleinrussischen auftrumpfenden Herrentums ist uns entweder durch die
-Romantik oder durch die primitive Volkstümlichkeit der kleinrussischen
-Schriftsteller verschleiert. Wird es einmal geschildert, so meist in
-schwülstigen Formen, die an die endlose polnische Historie vom »Pan
-Kochanko« erinnern. Aber das kleinrussische Herrenleben hat seine
-Originalität, die des Studiums wert ist und zugleich ein ziemlich helles
-Licht auf die Eigenheiten der kleinrussischen Charaktere wirft, die,
-nach der Bemerkung Schewtschenkos, der Welt »die gemeinen Enkel
-berühmter Großväter« liefern.
-
-Es ist nutzlos, sich mit den Vertretern jener mittleren Generation zu
-befassen, die wie eine Schicht zwischen den »Großvätern und den Enkeln«
-liegt, zwischen denen, die der nationale Poet als »große« rühmte, und
-jenen, die er zu den »gemeinen« rechnete. Vor uns stehen Gestalten, die
-an der Wasserscheide jener beiden Hauptströmungen stehen, deren eine das
-kleinrussische Land zu nie erreichter Höhe getragen hatte, während es
-die andere zu nie wieder gut zu machender »Gemeinheit« führte.
-
-Alles auf der Welt ist »begründet, folgerichtig und bedingt«, und so
-können die Glieder einer Kette nur ihre Form ändern, aber
-nichsdestoweniger faßt ein Glied das andere, und jedes ist unabänderlich
-mit dem anderen verbunden.
-
-Indem ich in diesen Aufzeichnungen alles vereine, was ich über
-Wischnewskij und seine Sippe gehört habe, glaube ich damit der Literatur
-ein vergessenes Kettenglied zu erhalten, das bisher nur in einzelnen
-Überlieferungen bewahrt wurde. Möglicherweise sind diese nicht alle
-zuverlässig, aber selbst in diesem Falle sind sie als Schöpfung des
-Volkes interessant, weil sie bezeichnend sind für das, was die Phantasie
-der Menschen in Erstaunen versetzte und begeisterte, oder was ihnen
-gefiel.
-
-Ich fahre in meiner Erzählung über Wischnewskij fort.
-
-Einige Zeilen weiter oben verließen wir den mächtigen Pan von
-Farbowanaja, wie er auf dem Teppich zu Füßen seiner ländlichen Nymphe
-schlief. Lassen wir ihn noch in dieser Stellung, wie sie schöner und
-poetischer in seinem willkürlichen und zügellosen Leben kaum je vorkam.
-Mögen sie süß weiterschlafen bis zur Morgenröte des Tages, der ihr Glück
-und ihre Ruhe trüben und in den Becher der Liebesfreuden des Pan den
-Tropfen des bitteren Schierlings träufeln wird.
-
-Wir werden später auf das [**Erreignis>Ereignis] zu sprechen kommen, das
-den Höhepunkt der Leidenschaften und der moralischen Verwirrung
-Wischnewskijs darstellt und nach dem seine Geliebten einander wieder in
-rascher Folge ablösten, ohne jene beschriebene Höhe zu erreichen;
-Wischnewskij ließ aber bis zu seinem Tode nicht von ihnen.
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-Zeichnen wir nun, so gut wir es verstehen und vermögen, die übrigen
-Seiten seiner Tätigkeit und seines Charakters.
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- SIEBENTES KAPITEL
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-In keiner der Erzählungen, die ich über Wischnewskij hörte, nimmt er als
-Vater und Erzieher eine charakteristische Stellung ein; er wird
-ausschließlich als »Erzeuger« erwähnt. Im übrigen wird berichtet, daß,
-als um jene Zeit in Petersburg »die Institute eingeführt wurden« und der
-eingesessene Adel auf Wunsch der Kaiserin die Aufforderung erhielt,
-seine Töchter zur Erziehung dorthin zu bringen, Wischnewskij nach
-Petersburg reiste und seine Tochter persönlich hinbrachte. Jedoch wird
-dieser Umstand nicht erwähnt, um die väterliche Fürsorge Wischnewskijs
-zu bezeugen, sondern weil diese Reise mit einem anderen interessanten
-Ereignis in Verbindung steht, von dem später berichtet werden wird. Auch
-als Gutsbesitzer, in seiner Eigenschaft als Herr, Richter und Züchtiger
-der ihm untergebenen Leibeigenen bewies Wischnewskij keine besondere
-Originalität, sondern führte die Herrschaft, »wie sie von alter Zeit her
-geführt wurde.« Alles wurde durch Leibeigene und gemietete rechtgläubige
-oder polnische Aufseher verrichtet. Wischnewskij hatte einige Polen in
-seinem Dienst, gegen die er keinerlei Feindschaft hegte, über die er
-sich aber gerne lustig machte. Auch einige Juden waren da, die der
-Psychopath auf verschiedene Weise zu erschrecken pflegte. Mehr als einen
-von ihnen hatte er zu Tode erschreckt, aber sie kamen immer wieder zu
-ihm, da Wischnewskij manchmal freigebig war und ihnen manchen Verdienst
-zukommen ließ. Im übrigen benützte er die Juden als Kommissionäre. Aber
-Gott sei dem gnädig, der ihn betrog! Er ließ ihn mit Ruten und Peitschen
-schlagen und quälte ihn fast noch mehr durch Furcht.
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-Wischnewskij war auch Patriot, was sich à la longue in seiner Vorliebe
-für den kleinrussischen Kaftan und die kleinrussische Sprache äußerte,
-und zudem -- in seiner Verachtung für die Ausländer. Besonders wenig
-schätzte er die Deutschen, die er aus zwei Gründen nicht achten konnte:
-erstens, weil sie »stockbeinig« sind, und zweitens, weil ihm ihr Glaube
-nicht gefiel, -- »sie verehren die Heiligen nicht«. Stepan Iwanowitsch
-nahm von sich an, daß er »die Heiligen verehre«. Er war in
-Glaubenssachen vollkommen unwissend und kritiklos und ließ sich auch
-nicht auf religionsphilosophische Fragen ein, da er fand, daß dies eine
-»Sache der Popen« sei; er »beschützte und verteidigte nur als Ritter
-seinen Glauben vor allen Andersgläubigen«. Er sah in diesem Punkte mit
-den Augen des einfachen Volkes, das nur die Rechtgläubigen zu den
-Christen zählt, alle übrigen »andersbetenden« Christen für Ungläubige,
-die Juden aber und »das ganze sonstige Pack« als unrein ansieht. Aber
-auch der Ausländer, ja sogar der Deutsche, konnte an den Tisch Stepan
-Iwanowitschs gelangen, und einer -- gerade ein Deutscher -- lebte sogar
-in seinem Hause und genoß sein Vertrauen; doch bevor sich der
-»Ungläubige« ihm nähern durfte, suchte sich das religiöse Gewissen
-Wischnewskijs Genugtuung und Frieden mit sich selbst zu verschaffen.
-Stepan Iwanowitsch, der nach seinem eigenen Geständnis »keinen
-Katechismus gelernt hatte«, hatte für den Empfang von Andersgläubigen
-eine sehr konkret formulierte Frageordnung aufgestellt.
-
-Stepan Iwanowitsch fragte den Lutheraner oder Katholiken: »Nun, wenn du
-auch anders glaubst und betest als wir, den heiligen Wundertäter Nikola
-achtest du doch gewiß?«
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-Der so geprüfte Andersgläubige wußte aus zuverlässigen Gerüchten, was
-mit ihm geschehen würde, wenn er es wagen wollte zu sagen, daß er den
-Wundertäter nicht verehre, zu dem der Pan von Farbowanaja so sehr hielt.
-Er hätte sogleich erfahren, wie kräftig die Stühle sind, auf die Stepan
-Iwanowitsch seine Gäste setzte, und wie biegsam die Weiden, die ihre
-Zweige in das Wasser des Ssupoi tauchen. Aber da jeder Andersgläubige,
-der das Glück hatte, Wischnewskij so weit für sich einzunehmen, daß er
-schon mit ihm über den Glauben sprach, dies genau wußte, so antwortete
-er ihm, wie es die Empfangsordnung verlangte:
-
-»O ja«, erwiderte der also befragte »Andersbetende«, »wie sollte ich den
-Nikola nicht achten, wo ihn doch die ganze Welt verehrt!«
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-»Nun, >die ganze Welt<, Bruder, da hast du doch etwas zuviel gesagt,«
-versetzte Stepan Iwanowitsch; »du mußt wissen, daß der heilige Nikola
-von Geburt Moskowite ist, du sollst aber unseren >russischen< Jurka
-verehren.«
-
-Das Wort »russisch« im Sinne des klein- oder südrussischen, wurde damals
-scharf dem »moskowitischen«, großrussischen entgegengesetzt.
-Moskowitisch und »russisch« waren zwei getrennte Begriffe, im Himmel und
-auf Erden. Die irdischen Unterschiede waren jedem durch seine leiblichen
-Augen sichtbar, die himmlischen dagegen wurden durch den Glauben
-erkannt. Dem Glauben nach obliegen aber die großrussischen
-Angelegenheiten der Sorge des wundertätigen Nikolai, des Patrons
-Rußlands, die südrussischen aber finden Schutz und Hilfe in der Fürsorge
-des den Kleinrussen besonders geneigten heiligen Jurij, oder wie man ihn
-heute nennt, des heiligen Georg.
-
-Jeder Andersgläubige, der die Prüfung über den heiligen Nikolai
-bestanden hatte, versicherte nun Wischnewskij noch bestimmter, daß er
-auch den heiligen Jurij verehre, »noch mehr, als den Nikola«.
-
-Dies gefiel Stepan Iwanowitsch. Damit war die Katechisierung des Gastes
-beendet, und dem nun Aufgenommenen wurde der Glaubensunterschied nie
-mehr vorgeworfen. Ja, wenn jemand zufällig diesen Unterschied erwähnte,
-so unterbrach ihn Stepan Iwanowitsch und sagte:
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-»Es ist kein Unterschied da, er verehrt den Nikola, aber noch mehr den
-heiligen Jurka.«
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- ACHTES KAPITEL
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-Also genossen die Andersgläubigen, die sich gebessert hatten, das
-Vertrauen des Psychopathen, und ein Deutscher verwaltete sogar, beinahe
-ohne Rechenschaft abzulegen, eines seiner Güter und genoß so ausgedehnte
-Machtvollkommenheit, daß er fast alles tun durfte, was Wischnewskij tat.
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-Nur in bezug auf die Frauen erlaubte ihm Stepan Iwanowitsch nicht, sein
-Begehren auf den Gesindehof auszudehnen, damit niemand sähe, wie sich
-eine Frau des wahren, griechischen Glaubens »mit einem Deutschen
-einlasse«. Aus diesem Grund dachte er für ihn einen Schimpf aus, der den
-Mächtigen selbst in den Augen eines Kindes erniedrigen mußte. Der
-Deutsche war verpflichtet, im Sommer leichte Kleidung und im Winter
-einen wattierten Schlafrock und Pantoffeln anzulegen, eine Laterne in
-die Hand zu nehmen und so in der Begleitung eines Aufsehers, der »für
-sein Leben verantwortlich war«, ins Dorf zu gehen. Dem Deutschen war
-dieses Verbot auferlegt, damit von ihm »keine Vermehrung des Deutschen
-käme, sondern alles zu Gunsten des Russischen ginge«.
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-In den Einzelheiten schienen es zwar nur teilweise Beschränkungen zu
-sein, aber im Zusammenhang hatten sie zur Folge, daß der Deutsche sich
-bei Stepan Iwanowitsch beklagte:
-
-»Keine Möglichkeit.«
-
-»Aber warum denn?«
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-»Alle laufen davon.«
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-Das bedeutete, daß, sobald der Deutsche in seinem langen Schlafrock, mit
-seiner Laterne und in Begleitung »des für sein Leben Verantwortlichen«
-seinen nächtlichen Gang antrat, ihn alle schon von ferne erblickten und
-diejenigen, denen sein Besuch drohte, davonliefen und sich versteckten.
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-Stepan Iwanowitsch tat, als ob er dies bedaure, ließ aber keine Änderung
-an der von ihm eingeführten Ordnung zu.
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-»Ohne Laterne und ohne Begleiter werden sie dich packen und verprügeln,
-und ich habe dann niemanden, der mir für dich verantwortlich ist,« sagte
-er, als sei er aufrichtig von der Notwendigkeit seiner Einführung
-überzeugt; aber Leute, die ihn näher kannten, bemerkten, daß, wenn er
-mit dem Deutschen über die Angelegenheit sprach, seine »eine
-Schnurrbartspitze lachte«.
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-Als wirklicher Psychopath vereinigte er in sich viel Sinnloses mit
-Schlauem so innig vermischt, daß man unmöglich ergründen konnte, was
-Ernst und was Scherz war.
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-Der Spaß mit dem Deutschen endete damit, daß er so lange mit seiner
-Laterne wie ein leuchtendes Johanniswürmchen im Gras einherging, bis ihm
-einmal im Schuppen einer Bauernhütte die Rippen eingedrückt wurden und
-der für sein Leben verantwortliche Begleiter ihn nach Hause trug, wo er
-seine deutsche Seele unverzüglich Gott empfahl, die Seele, die hier in
-Verehrung der Heiligen Nikolai und Georgij gelebt hatte.
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-Ungeachtet der freiwilligen Unterwerfung dieses Deutschen unter die
-genannten Heiligen, hielt es Stepan Iwanowitsch doch für unpassend, ihn
-innerhalb des Friedhofes zu beerdigen, »neben den Vorfahren wahren
-östlichen Glaubens«; er ordnete an, ihn außerhalb der Umfriedung zu
-begraben und auch kein Kreuz aufs Grab zu setzen, sondern einen großen
-Stein darauf zu legen, damit die Müden sich setzen und ausruhen können.
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-In allen Fällen beobachtete er einen eigenen, in seiner Art sehr
-originellen Ton, der wie von seinem Humor, so auch vom Respekt vor dem
-heimatlichen Glauben zeugte, welch letzterer sich weniger auf dem
-Katechismus als auf den Heiligen Nikola und Jurka gründete. Aber Gott
-allein weiß, ob alles sich wirklich so verhielt, wie er vorgab, oder ob
-ihn etwas anderes leitete.
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-Um die Religiosität Wischnewskijs vollkommen zu kennzeichnen, muß man
-hinzufügen, daß er es durchaus nicht jedem gestattete, den Heiligen
-Nikolai und Jurij anzurufen und zu verehren, sondern nur den Christen
-anderer Bekenntnisse. Diese befreiten sich durch den Respekt vor diesen
-Heiligen aus aller Not und empfingen die Gnade Stepan Iwanowitschs. Den
-Juden aber erlaubte er unter keinen Umständen, ihre Zuflucht zum Schutz
-dieser Heiligen zu nehmen, und jeden, der auch nur eine Neigung dazu
-verriet, unterwarf er einer Prüfung. Einmal hatte ihn ein Jude betrogen
-und sollte dafür geprügelt werden. Als man ihn vor die Freitreppe
-schleppte, von der aus Stepan Iwanowitsch sein Urteil verkündet hatte,
-begann der Jude sich jämmerlich zu krümmen und zu schreien:
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-»Oi, wie ich sie verehre ... ich verehre den Nikola, verehre auch den
-Jurka ...«
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-Stepan Iwanowitsch befahl den Liktoren innezuhalten und fragte den
-zitternden Juden:
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-»Was schreist du da?«
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-»Wie ich sie verehre, ... wie ich verehre ...«
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-»Laß das Stammeln, -- sage ruhig, wen du verehrst!«
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-»Oi, alle, oi, die beiden verehre ich, den Heiligen Nikola und den
-Heiligen Jurka.«
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-»Nun, das tust du vergeblich.«
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-»Oi, weswegen, ... oi, weshalb vergeblich ... wenn sie doch gnädig sind,
-vielleicht, daß sie sich meiner erbarmen.«
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-»Ja, sie sind gnädig, das ist ganz richtig, aber mit den Juden, Bruder,
-haben sie nichts zu schaffen. Ihr habt euren Moses, den ruf an, wenn man
-dich prügelt. Aber dafür, daß du es gewagt hast, mit deinen Judenlippen
-so heilige Namen auszusprechen, gebt ihm, ihr Jungens, noch zehn mit der
-Peitsche für den Nikola, und fünfundzwanzig für den heiligen Jurka,
-damit er sich nicht mehr erfrecht, sie anzutasten.«
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-Natürlich schleppte man den unglücklichen Juden fort und verabreichte
-ihm zuerst getreulich, was ihm für den Betrug zukam, und dann eine
-Zulage von weiteren fünfunddreißig Hieben für den nach der Meinung
-Wischnewskijs unangebrachten Versuch, sich beim Nikolai und beim
-heiligen Jurij einzuschmeicheln. Da aber der Rang der beiden Heiligen
-nicht gleich war, gab man ihm für den Nikolai nur zehn Hiebe, für den
-heiligen Jurij aber fünfundzwanzig.
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-Dies geschah, versteht sich, nicht ohne guten Grund, sondern infolge der
-größeren Liebe und Verehrung des Pan für den heiligen Jurij, »weil er
-ein Russe und kein Moskowite ist«.
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- NEUNTES KAPITEL
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-Ich habe mehrmals erwähnt, daß Stepan Iwanowitsch sichtlich das
-bevorzugte, was nicht »von den Moskowitern« herkam, und muß jetzt den
-Leser aufklären, damit er nicht voreilig schließe, Wischnewskij sei
-Politiker gewesen, Separatist, oder, wie man es jetzt nennt,
-Ukrainophile. Man nahm damals das Kleinrussentum leicht, man wollte von
-ihm sogar nichts wissen. Hätte jemand in die Seele Wischnewskijs
-eindringen können, so hätte er auch bei der strengsten Prüfung nichts
-Politisches in ihm gefunden. Wahrscheinlicher hätte er sich darin wie in
-einem Schuppen gefühlt, in dem alles übereinandergeworfen ist, in dem
-vermutlich alles vorhanden ist, aber niemand etwas finden kann.
-Wischnewskij widersprach entschieden allen Menschen, mit Ausnahme seiner
-ersten Frau, der hier schon ziemlich eingehend geschilderten Stepanida
-Wassiljewna aus dem Twerschen Adelsgeschlecht der Schubinskijs. Wenn
-sein Gesprächspartner Ukrainophile war und alles Kleinrussische rühmte,
-so begann Wischnewskij sogleich, die Fehler des kleinrussischen
-Charakters in den Vordergrund zu stellen und tat dies mit großem
-Geschick und treffenden und bissigen Vergleichen. Er lobte dann eifrig
-die Polen, besonders Batur und Sobieski, nannte Bogdan Chmjelnicki einen
-Trunkenbold und schloß den Streit mit der seiner Ansicht nach
-entscheidenden Formel, »Polen sei zusammengestürzt und habe uns
-erdrückt«. Aber äußerte sich jemand mit Bedauern über Polen, so
-wechselte Stepan Iwanowitsch sogleich die Front, und seine Rede bewegte
-sich nach großrussischen Motiven.
-
-»Das ist wahr,« sagte er, »sie waren frei und ehrgeizig, aber weil sie
-alle Könige sein wollten, schmiedeten sie gegen die Könige Ränke. Und so
-gingen sie zugrunde und mußten zugrunde gehen, weil sie darüber
-vergaßen, was die Wohlfahrt des ganzen Landes erforderte, und jeder die
-unglückliche Freiheit nach Kräften auf seine Seite zog.«
-
-Er winkte mit der Hand ab und schloß wegwerfend:
-
-»Dreck!«
-
-Jedoch war Wischnewskij durchaus kein Verteidiger einer hohen Achtung
-vor der Staatsgewalt, sondern im Gegenteil, wie schon oben erzählt, sehr
-oft, ja fast bei jeder Gelegenheit bereit, die Organe der gesetzlichen
-Macht herabzusetzen und zu beleidigen. Er war dabei weder Demokrat noch
-Nationalist in unserem jetzigen Sinne, so daß ihm sogar die bescheidene
-und anscheinend doch harmlose Einrichtung der Wahl der Stadthäupter
-lächerlich erschien; er wollte sie auch durchaus nicht »Häupter« nennen,
-sondern nannte sie anders. Mit einem Wort, Wischnewskij war nach dem
-kurzen, aber treffenden Ausdruck des einfachen Volkes »ein Pan, wie ein
-Auerochs aus dem Forste von Bjelowesch«, d. h. ein Herr, wie er sein
-muß, ganz wie ein Auerochs aus der Bielowescher Wildnis nichts mit einem
-gewöhnlichen Ochsen gemein hat, sondern in allem verwegener und stärker
-ist. Ohne unsere heutige Bildung besessen oder politische Betrachtungen,
-wie sie später von Toqueville und ähnlichen Leuten geschrieben wurden,
-gelesen zu haben, verstand Wischnewskij die kosmopolitischen Strömungen
-unserer heutigen Aristokratie, die auch der heutigen Demokratie eigen
-sind, sehr gut, da ihr gemeinsames Stimulans das Prinzip zu sein
-scheint, jede nationale Sympathie auf die Seite zu schieben.
-Wischnewskij liebte die Polen nicht, aber wenn die Rede auf berühmte
-Moskowiter kam, begann er gleich spöttische Grimassen zu schneiden,
-wartete, bis Stepanida Wassiljewna für einen Augenblick das Zimmer
-verließ, und sagte:
-
-»Nun, was ist denn so Großes bei ihnen los! Ihre Großväter und
-Großmütter wurden noch alle mit Stöcken geschlagen.«
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-Von diesem Gesichtspunkt aus rühmte Wischnewskij den polnischen Adel und
-sogar die livländischen Barone; geriet er aber mit einem von ihnen in
-Streit über Rußland, so begann er mit allem Eifer sie zu bekämpfen,
-obwohl er sie im geheimen wegen ihres »reinen Blutes« beneidete. Aber er
-konnte ihren Hochmut und ihre Anmaßung nicht ertragen, die ihm
-widerwärtig erschienen, zumal er sich für einen einfachen, offenen
-Menschen hielt.
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-Wer kann sich wohl eine Vorstellung machen, was alles im Schädel dieses
-Psychopathen steckte! Stand er aber einmal zufällig vor einer
-außergewöhnlichen Frage oder Begebenheit, so war all der psychopathische
-»Unfug« verschwunden, und Stepan Iwanowitsch bewies eine geradezu
-erstaunliche, vielleicht sogar psychopathische Findigkeit. In
-schwierigen Umständen und Gefahren handelte er kühn und überlegt und
-befreite Menschen spielend aus Schwierigkeiten und großen Nöten, die sie
-zu erdrücken drohten.
-
-Ein solcher Fall wird über die Offiziere eines Dragonerregiments
-berichtet, das entweder in Pirjatin im Poltawschen Gouvernement oder in
-Bjeschetzk im Twerschen Gouvernement gelegen hatte.
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-Die einen lassen diesen bemerkenswerten Vorfall im Twerschen Gebiet
-spielen, die anderen in Kleinrußland; was richtiger ist, läßt sich
-schwer entscheiden, es ist aber auch kaum der Mühe wert, sich darüber
-den Kopf zu zerbrechen. Der Fall liegt so, daß er sich mit der gleichen
-Wahrscheinlichkeit in einem beliebigen Städtchen ereignen konnte, aber
-den Charakteren der beiden hier erwähnten »Herrchen« nach zu urteilen,
-entspricht er mehr den Sitten eines kleinrussischen Kreisgerichts.
-
-Es handelt sich übrigens nicht darum, den Ort genau zu bestimmen,
-sondern ein Bild der Ereignisse zu entwerfen und den Anteil zu zeigen,
-den unser psychopathischer Held an ihnen hatte.
-
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-
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- ZEHNTES KAPITEL
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-Die Dragoner lagen in Pirjatin, -- nehmen wir an, es sei dort gewesen.
-Teile des Regiments waren in anderen Ortschaften untergebracht. Der
-Regimentskommandeur hatte vielleicht in Perejaslaw Quartier genommen.
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-Die Offiziere langweilten sich natürlich in dem winzigen Städtchen vor
-Nichtstun; sie unterhielten sich, so gut sie konnten, indem sie zu den
-Gutsbesitzern zu Gast fuhren. Blieb ihnen nichts anderes übrig, als
-einige Tage zu Hause zu sitzen, so zechten sie, spielten Karten oder
-tranken bei einem Weinhändler im kleinen Kellerlokal. Der Händler war
-ein Jude, der die Offiziere gern schröpfte und ihre Ausschweifungen
-unterstützte, sie aber gleichzeitig doch fürchtete. Er hatte deshalb, um
-den Übermut seiner Gäste etwas zu dämpfen, in dem Raum, in dem sie
-zechten, ein Porträt aufgehängt, das seiner Meinung nach die Besucher
-seines Ausschanks an die Gesetze der Wohlanständigkeit gemahnen sollte.
-Vielleicht war es ganz klug gedacht, aber es führte zu einer Geschichte.
-
-Einmal, in der langweiligsten Sommerzeit kam ein Jongleur in die Stadt
-und zeigte, wo man ihn aufforderte, seine einfachen Kunststücke, von
-denen eines ganz dem Geschmack der Herren Offiziere entsprach: der
-Künstler setzte seine Tochter auf einen Stuhl, stellte ihn dicht mit dem
-Rücken an eine Wand, zog aus seiner Tasche einige Dolche und warf sie
-einen nach dem andern gegen die Wand, in der sie stecken blieben, das
-Gesicht des Mädchens von allen Seiten umrahmend, ohne es zu berühren.
-
-Diese sichere und gewandte Handhabung der Waffe interessierte alle, die
-die Schwierigkeit dieses gewagten Kunststückes einsahen. Als die
-Offiziere wieder einmal im Kellerlokal, in dem sie zu trinken pflegten,
-zusammenkamen und ihren geriebenen Käse aßen, der wie verwitterte
-geschnittene Fingernägel aussah, sprachen sie über das Dolchwerfen, und
-als ihnen der Rausch in den Kopf stieg, kam es einem von ihnen in den
-Sinn, er könne es ebensogut.
-
-Dolche hatten sie zwar nicht, aber auf dem Tische lagen Gabeln, die die
-Dolche bei diesem Versuch annähernd ersetzen konnten. Wenn es auch nicht
-so leicht war, mit ihnen nach einem Ziel zu werfen, so blieben sie doch
-immerhin in der Wand stecken.
-
-Es fehlte nur das menschliche Gesicht, das man mit den Gabeln umstecken
-könnte. Von den Offizieren wollte sich natürlich keiner zu diesem
-Versuche hergeben. Man mußte eine Person niederen Ranges finden, am
-besten natürlich einen Juden, und die ausgelassenen Offiziere machten
-den ihnen aufwartenden Juden einen solchen Vorschlag, aber diese waren
-so feig und hingen so sehr am Leben, daß sie sich nicht nur weigerten,
-sich dazu herzugeben, sondern auch ihren Handel im Stich ließen, den
-ganzen Laden der Gewalt der Herren Offiziere überließen, davonliefen und
-sich versteckten. Natürlich beobachteten sie von ihren Verstecken aus,
-was jeder von ihnen nehmen und was die lärmende Gesellschaft weiter
-treiben würde.
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-Nun führte ein unglücklicher Zufall zwei junge Gerichtsschreiber, oder
-wie man sie am Orte nannte, »Gerichtsherrchen« her, die an diesem Tage
-wohl einen guten »Chabar« genommen, das heißt, einen guten Schnitt
-gemacht hatten und sich nun im Keller bei dem kalten Donschen, nach
-Wermut schmeckenden Wein gütlich tun wollten.
-
-Den Offizieren kam der Gedanke, die beiden Herrchen zu ihrem Versuch zu
-verwenden; so luden sie die beiden zunächst ein, zusammen mit ihnen zu
-trinken, und dann drangen sie in sie, es möge sich einer von ihnen zu
-der Produktion hergeben.
-
-Die Herrchen zeigten sich jetzt als sehr seltsame Leute, von ganz
-verschiedener Gemütsart: der eine war ein Heraklit, der andere ein
-Demokrit. Als sie aus der Hitze in den kalten Keller gekommen waren und
-dort den kalten Wein getrunken hatten, stieg er ihnen zu Kopf, und als
-dann die Offiziere anfingen, in sie zu dringen, rührten sie sich nicht
-von der Stelle, anstatt bescheiden fortzugehen. Sie glaubten sich, als
-Eingeborene, auf gleichem Fuße mit den Herren stehend und begannen ihren
-wahren Charakter zu zeigen. Der eine lachte über den ihm gemachten
-Vorschlag und riß über die geärgerten Offiziere kleinrussische Witze,
-der andere zog ein saures Gesicht, begann zu weinen und schrie in einem
-fort, obwohl ihn niemand anrührte:
-
-»Rührt mich nicht an! Geht doch zum Teufel! Laßt mir meine heilige
-Ruhe!«
-
-Die beiden Schreiber wurden schließlich den Offizieren so lästig, daß
-sie mit ihnen auf ihre Art verfuhren, d. h. ihnen mehrere Maulschellen
-verabreichten und sie dann unter den Tisch stießen, um sie dort »wie die
-Ferkel« zu halten, bis ihr Gelage zu Ende wäre. Das war ungefährlich und
-praktisch, da die Offiziere die Herrchen unter dem Tisch mit den Füßen
-festhielten und Mund und Hände frei hatten; zugleich war dadurch, daß
-man sich ihrer Personen versicherte, ein Skandal vermieden, der bei dem
-häßlichen Charakter, den die widerspenstigen Jungen zeigten,
-unausbleiblich schien. Der eine hätte sicher draußen auf dem Platz oder
-auf der Straße so geheult, daß man es in der ganzen Stadt hörte, und der
-andere hätte gar auf den Zaun klettern oder ans Fenster kommen und sie
-von dort aus verhöhnen können.
-
-Dann müßte man ihm nachlaufen, ihn einholen und fangen, was einen
-Skandal gegeben und sicher einen Haufen Weiber und Juden herbeigelockt
-hätte. Mit einem Wort, es wäre ganz unvereinbar mit der Offiziersehre
-gewesen; so saßen aber die Jungen ganz friedlich unter dem Tisch,
-jammerten ein wenig und umfaßten einander in ihrem engen Raum, der noch
-durch die Sporenstiefel der Offiziere eingeengt wurde.
-
-Alles ging vortrefflich, aber da mischte sich der Teufel ein und verdarb
-alles. Die Offiziere wurden so betrunken, daß sie anfingen, mit den
-Gabeln nach dem Porträt zu werfen, weil sie meinten, sie könnten es
-ebenso geschickt umrahmen, wie der Jongleur das Gesicht des lebendigen
-Menschen mit seinen Dolchen. Aber der Teufel war im Spiel: als der erste
-Offizier die Gabel warf, stieß ihn der Schwarze in den Ellenbogen, und
-die Gabel blieb mitten in dem einen Auge des Porträts stecken. Der
-zweite Offizier warf, und der Teufel führte die Gabel in das andere
-Auge. In der betrunkenen Gesellschaft entwickelte sich jetzt der
-Wetteifer, die Gabeln flogen eine nach der anderen und verstümmelten das
-Gesicht des Porträts gänzlich.
-
-In ihrer Trunkenheit, die schon in einen Zustand geistiger Umnachtung
-überging, maßen die Offiziere diesem Vorfall keine besondere Bedeutung
-bei. Sie hatten eben ein Bild verdorben, -- das war alles. Es wird nicht
-von Gott weiß was für einem Meister gewesen sein, kein Werk Raffaels,
-und keine ungeheure Summen gekostet haben. Sie würden morgen den
-jüdischen Wirt rufen, ihn fragen, was das Bild koste, tüchtig
-herunterhandeln, dann bezahlen, und damit wäre die Sache erledigt; dafür
-war man lustig gewesen und hatte bei jedem ungeschickten Versuch, die
-Gabel so sicher wie der Jongleur zu werfen, viel gelacht und gescherzt.
-
-»Nein, der Schelm hat es besser gemacht. Wir können es nicht so. Und
-Gott sei Dank, daß kein Mensch vor uns sitzen wollte, sonst hätten wir
-dem Lebendigen die Augen ausgestochen, da hätte Bezahlen nichts
-geholfen.«
-
-Die wackeren Helden waren sehr froh, daß die Sache so gut mit Lachen und
-Scherzen geendet hatte, und begaben sich, einander stützend, in ihre
-Quartiere. Beim Weggehen hatten sie die Schreiber schon ganz vergessen,
-die still unter dem Tische saßen und keinen Laut von sich gaben.
-
-Aber die Sache war durchaus nicht so einfach und stand durchaus nicht so
-gut, wie es sich diese braven Kinder dachten, als sie sich zur Ruhe
-begaben.
-
-
-
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- ELFTES KAPITEL
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-Kaum waren die Offiziere auseinandergegangen und hatten den jüdischen
-Laden leer zurückgelassen, als die Gerichtsherrchen unter dem Tisch
-hervorkrochen, ihre von der langen Kniebeuge steif gewordenen Glieder
-streckten und sich ihre Lage besahen. Alles war still, -- im Laden und
-in der Kammer war keine Seele; durch die dichte Wolke von Tabaksrauch
-war das verstümmelte Porträt mit den ausgestochenen Augen und den vielen
-Rissen an anderen Stellen kaum zu sehen.
-
-Zum Glück für die einen und zum Unglück für die anderen, waren die
-Schreiber viel nüchterner als die Offiziere, die am Tische, von dem aus
-sie die Gabeln auf das Porträt warfen, sich immer mehr betrunken hatten,
-während die unter dem Tische eingeschlossenen Heraklit und Demokrit
-erheblich nüchterner geworden waren, wozu wohl die Angst, die
-Enthaltsamkeit und vor allem der Rachedurst, der in ihnen glühte,
-beitrugen. So hatten sie sich einen vortrefflichen Plan ausgedacht, um
-ihre Beleidiger zu strafen.
-
-Die Schreiber überlegten nicht lange, nahmen das verwundete Porträt von
-der Wand, liefen damit auf das Freitreppchen des Ladens und schlugen
-Lärm:
-
-»Kommt her, ihr guten Leute! Wer an Gott glaubt und die Älteren ehrt,
-seht euch das Wunder an ... Schaut, wie die Offiziere das Porträt einer
-solchen Person entehrt haben.«
-
-Auf dieses Geschrei tauchte sofort, wie aus der Erde gewachsen, der Wirt
-auf, der sich während des Gelages versteckt hatte; die Marktweiber von
-ihren Ständen liefen herbei, die Juden begannen zu schreien, -- und
-unsere Geschichte nahm ihren Lauf.
-
-Der jüdische Wirt, der die größte Angst hatte und am meisten einen
-Skandal scheute, hielt sich mit seinen großen Fingern die Augen zu, wie
-es der Rabbiner beim Gebet tut, und schrie:
-
-»Ich habe nichts gesehen und sehe auch jetzt nichts, wer dieser
-Militär-Pan ist, der da gemalt ist. Geb' Gott, daß er ein guter Mann
-sei. Aber ich, -- ich brauche jetzt das Bild nicht mehr ... Ich
-verschenke es, nehme es, wer es will ...«
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-Doch Demokrit rief:
-
-»Aber wir wissen, wer diese Person ist, und wir protestieren. Schaut,
-ihr guten Leute, -- die Augen sind ihm ausgestochen. Wir wollen das
-Porträt zum Stadtvorsteher tragen.«
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-Demokrit trug das verwundete Porträt durch die Straßen vor das
-Stadthaus, und Heraklit begleitete ihn, machte unter der warmen Sonne
-wieder sein saures Gesicht und weinte, und alle, die ihnen folgten,
-wiesen lobend auf ihn hin und sagten:
-
-»Schaut nur, wie es ihn rührt!«
-
-Aber die Offiziere schliefen und schliefen und ahnten nicht, daß man
-gegen sie »protestierte« und daß die Sache ihnen Unannehmlichkeiten
-bereiten würde, die sie nicht wüßten, wie loswerden.
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-Wie schwer auch ihr trunkener Schlaf gewesen war, auch ihr Erwachen am
-nächsten Morgen war nicht leicht.
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-In aller Frühe kam zu allen Zechgenossen des beschriebenen Gelages die
-Ordonnanz des schnurrbärtigen Majors oder Rittmeisters, der die
-Schwadron kommandierte und in seiner Person die oberste Befehlsgewalt am
-Standorte darstellte.
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-Natürlich war der Rittmeister nicht Gott weiß was für eine hohe
-Obrigkeit, beinahe so »ihr Bruder Hans«, und machte manchesmal auch
-einen »Tanz« mit ihnen, aber die Offiziere erschraken.
-
-Das Schlimmste war, daß ihnen der Kopf noch brummte und sie sich
-durchaus nicht mehr daran erinnern konnten, was gestern im Keller beim
-jüdischen Wirt vorgegangen war. Sie erinnerten sich noch, daß sie wohl
-tüchtig getrunken hatten, aber sie konnten sich nicht mehr auf alles der
-Reihe nach besinnen, sondern ein Stück war abgerissen, und es schien
-ihnen, als sei das Dazwischenliegende gar nicht gewesen. Sie besannen
-sich, daß sie die Juden verjagt hatten, aber das wäre durchaus nicht
-wichtig gewesen, war schon öfter geschehen, auch wenn der Rittmeister
-dabei gewesen war. Das Verjagen ist kein Unglück, besonders bei Juden
-nicht, denn diese sind ein Volk, das die Vorsehung selbst zur
-»Verstreuung« vorbestimmt hat. Der Jude schreibt ein Übriges auf,
-berechnet als getrunken, was nicht getrunken, als beschädigt und
-zerschlagen, was nicht beschädigt wurde; sie würden mit ihm verrechnen,
-und dann würde wieder alles gut sein, bis zu einer neuen Geschichte. Der
-Jude selbst würde ihnen den ersten »Friedenstrunk« umsonst anbieten, sie
-würden sich aussöhnen und ihn in seinem Handel unterstützen ... Es war
-ja unmöglich, daß er, der Jude, mit ihnen streiten wollte und daß er die
-Ursache dieser plötzlichen frühen Einladung zu ihrem ältesten Offizier
-war. Vielleicht diese Schreiber ... Es dünkt ihnen, als seien dort zwei
-solche Schreiber dabei gewesen, ... »Gerichtsherrchen« ... Nun, das war
-auch keine besondere Sache! Die Soldaten haben sie noch überall gezaust!
-Sind auch nicht mehr wert, dieses bestechliche Unkraut! Wenn sie nur
-nicht einen von ihnen die Nase oder die Ohren abgehauen hatten! Das wäre
-garstig, was einmal abgehauen ist, kann man nicht wieder ansetzen ...
-Aber Gott ist gnädig, sie haben schon andere Dinge gemacht, so wird auch
-dies vorübergehen. Wozu braucht auch ein Schreiber eine Nase? -- Doch
-nur um Tabak zu schnupfen und das Aktenpapier damit zu bestreuen. Der
-»Chabar« ist doch kein Braten, er wird ihn auch so, ohne Nase riechen.
-Man wird sich natürlich zusammentun müssen und bezahlen, aber allen
-zusammen wird es nicht schwer fallen ...
-
-
-
-
- ZWÖLFTES KAPITEL
-
-
-In solchen oder ungefähr ähnlichen Erwägungen zogen die Offiziere
-ziemlich unbekümmert zum Quartier ihres ältesten Kameraden und betraten
-guten Mutes das geräumige, aber niedrige Zimmer in dem kleinrussischen
-Häuschen. Aber jetzt merkten sie mit einem Male, daß die Sache durchaus
-nicht gut stand. Der Rittmeister kam ihnen nicht kameradschaftlich
-entgegen, in seinem gestreiften Morgenrock, mit der Pfeife in den
-Zähnen, sondern die Tür zu seinem Kabinett war geschlossen, -- das
-heißt, er wollte warten, bis alle versammelt wären, dann würde er
-herauskommen und zu allen zusammen sprechen.
-
-Diese offizielle Form versprach nichts Gutes, und die eingetretenen
-Offiziere schauten einander an, dämpften ihren Ton zu einem halben
-Flüstern, und einer fragte den andern:
-
-»Nun, was ist denn das? Was haben wir denn gestern angestellt?«
-
-Einer von ihnen hatte auf der Straße etwas von einem Porträt sprechen
-hören.
-
-»Porträt, Porträt? ... Was für ein Porträt?«
-
-Keiner konnte sich erinnern.
-
-Aber jetzt öffnete sich plötzlich die Tür, und aus dem Kabinett trat der
-Rittmeister, in Uniform mit Epauletten, mit fest geschlossenem Mund. Er
-begrüßte sie nicht und begann seine Rede mit Worten, wie sie Gogol viel
-später seinem Skwosnik-Dmuchanowskij in den Mund gelegt hat:
-
-»Ich habe Sie hieher gerufen, meine Herren, um Ihnen eine unangenehme
-Mitteilung zu machen: gegen Sie ist bei der Zivilbehörde Klage
-eingereicht worden, und ich wurde vom Stadtamt davon benachrichtigt; ich
-muß Sie arrestieren. Geben Sie mir bitte Ihre Säbel, und wollen Sie mir
-sofort aufrichtig erklären: was haben Sie gestern abend in dem Laden
-getan?«
-
-Die Offiziere nahmen widerspruchslos ihre Säbel ab und übergaben sie dem
-Schwadronschef, aber bezüglich der »aufrichtigen Erklärung« antworteten
-sie, sie wären selber froh, wenn sie wüßten, was sie eigentlich getan
-hätten, aber sie könnten sich dessen nicht mehr entsinnen.
-
-Der Rittmeister zog die Brauen zusammen und entgegnete noch schärfer:
-
-»Ich bitte Sie nicht zu scherzen, ich spreche mit Ihnen dienstlich, als
-Ihr Ältester!«
-
-»Das ist kein Scherz«, erwiderte einer der Angeklagten, »wir erinnern
-uns, bei Gott, nicht mehr.«
-
-»Aber erlauben Sie!«
-
-»Der Tag war gestern heiß, wir gingen zufällig hinein, ... und tranken
-dort im Kühlen Wermutwein ... hatten dann irgendeinen Streit mit den
-Juden ... haben aber nichts Böses im Sinn gehabt ... Es waren sogar noch
-zwei Schreiber dort, die alles sehen konnten ...«
-
-»Das ist es ... die zwei Schreiber! Darum handelt es sich auch. Diese
-beiden Schreiber konnten in der Tat alles sehen, und haben es auch
-gesehen. Wie werden Sie sich ihnen gegenüber rechtfertigen? Eine solche
-Schande für unseren Stand!«
-
-»Aber worin rechtfertigen? ... Sagen Sie es uns bitte!« erwiderten die
-Offiziere.
-
-»Ja, Sie haben sich ihnen gegenüber zu rechtfertigen«, rief der
-Rittmeister, zog aus seiner Tasche ein vierfach zusammengefaltetes Blatt
-Papier und begann die ihm von der Stadtverwaltung amtlich zugestellte
-Kopie des Berichtes der Schreiber zu verlesen, in dem stand, wie die
-Herren Offiziere das Porträt durch das Werfen von Gabeln beschädigt
-hatten, während die am Orte des Vergehens anwesenden Gerichtsschreiber,
-»die in ihren Herzen Gottesfurcht und Liebe zum Allerhöchsten hatten«,
-die ganze Zeit auf den Knien lagen, so daß sie sich auf dem Fußboden
-ihre einzigen Hosen durchscheuerten, weshalb sie jetzt der Möglichkeit
-beraubt seien, ihren dienstlichen Obliegenheiten nachzugehen. Sie
-protestierten daher amtlich gegen den ganzen beschriebenen Unfug der
-Offiziere und bäten, für die Beschädigung der Hosen von den Angeklagten
-für jeden von ihnen zwanzig Rubel in Assignaten zu erheben.
-
-Der Rittmeister hatte zu Ende gelesen, pfiff der Ordonnanz und befahl,
-das Porträt aus seinem Schlafzimmer herzubringen, damit die Offiziere
-mit eigenen Augen die Spuren ihres gestrigen Zeitvertreibes sehen
-könnten. Nun wurden sie starr.
-
-Inzwischen hatte der Rittmeister seinen Waffenrock ausgezogen und nur
-die Halsbinde anbehalten, setzte sich an den Tisch, steckte die Hände in
-die Hosenträger aus Kamelgarn und sagte in verändertem Ton:
-
-»Meine Herren, die Sache steht schlecht. Sie sieht sehr häßlich aus,
-weil man aus ihr weiß der Teufel was alles machen kann. Diese elenden
-Federfuchser, diese dreckigen Gerichtsschreiber wagen es, gegen
-Offiziere aufzutreten. Ich habe mit Ihnen soeben als Ihr Dienstältester
-gesprochen, aber jetzt spreche ich als Kamerad. Der Sache ihren Lauf zu
-lassen ist unmöglich, man muß ihr durch Schnelligkeit und militärisch
-aufrichtige Offenheit zuvorkommen, wie es sich für Edelleute geziemt. Ob
-es hilft oder nicht, jedenfalls muß man offen und ehrenhaft handeln.
-Setzen Sie sich bitte, rauchen Sie eine Pfeife, und lassen Sie uns
-nachdenken. Meine Meinung ist die: das Unheil ist einmal geschehen,
-daran läßt sich nichts ändern. Man muß den Umstand ausnützen, daß die
-Post nach Perejaslaw gestern abgegangen ist und erst in drei Tagen
-wieder geht. Das ist Ihr Glück. Ich habe Ihnen Ihre Säbel abgenommen;
-wählen Sie nun zwei Kameraden, die möglichst schnell zum Oberst reiten
-und ihm alles aufrichtig erzählen. Er ist mit dem Gouverneur gut bekannt
-und kann Ihnen helfen.«
-
-Einen besseren Plan vermochten sie gar nicht auszudenken, und zwei
-Stunden später sprengten zwei Offiziere aus Pirjatin nach Perejaslaw;
-auf dem Wege lag Farbowanaja. Nach der Hitze und Schwüle war ein
-Gewitter losgebrochen, und es schüttete vom Himmel wie mit Kübeln, als
-auf einmal vor den Offizieren in den Strömen Wassers, wie eine Blase aus
-dem Boden ein Kleinrusse auftauchte.
-
-»Was fahren da für Leute mit Schellen und was wollt ihr?«
-
-»Wir sind Offiziere und reisen in eigenen Angelegenheiten.«
-
-»Wenn ihr in eigenen Angelegenheiten reist, so kommt zu unserem Pan
-Wischnewskij.«
-
-Die Offiziere wollten nicht, aber der Kleinrusse redete ihnen zu:
-
-»Es ist einmal so ... So ist der Brauch!«
-
-Sie fuhren hin, um den Regen und das Gewitter abzuwarten, und Stepan
-Iwanowitsch empfing sie erfreut, bewirtete sie mit Essen und Trinken und
-fragte:
-
-»Eilen Sie, meine Herrn, wohl oder übel, oder zu Ihrem Vergnügen bei
-diesem Wetter weiter?«
-
-Die Offiziere antworteten im Stile der Märchen, daß sie wohl oder übel
-reisten, und auch zu ihrem Vergnügen.
-
-»Nun, was ist es für eine Sache? Vielleicht kann ich Ihnen behilflich
-sein, so daß Ihre Reise nicht mehr notwendig ist.«
-
-Sie seufzten und sagten:
-
-»Nein, unsere Angelegenheit ist so schwerwiegend, daß vielleicht nur
-noch der Oberst beim Gouverneur Fürbitte einlegen kann.«
-
-»Nun, wenn schon, -- was hat der Gouverneur zu sagen? Ich frage doch
-nicht aus leerer Neugier.«
-
-Die Offiziere erzählten ihm alles.
-
-Wischnewskij fuhr sich mit gespreizten Fingern über den Scheitel,
-räusperte sich und sagte:
-
-»Der Gouverneur hat mit der Sache gar nichts zu tun, und Sie brauchen
-deshalb nicht nach Perejaslaw. Niemand kann Ihnen helfen, wenn man der
-Sache nicht eine richtige Wendung gibt.«
-
-»Aber wie kann man ihr eine richtige Wendung geben?«
-
-Stepan Iwanowitsch fuhr sich wieder mit den Fingern über den Scheitel,
-räusperte sich und sagte:
-
-»Ja, ich sehe, daß Sie zwar alle Moskowiter sind und eine Lektion
-verdienen, aber Sie haben die Sache unrichtig angefangen und können sie
-ganz verderben, wenn Sie zu Ihrem Vorgesetzten reisen. Sie nützen sich
-selbst durch Ihre Offenheit nichts und machen Ihrer Obrigkeit nur
-Schwierigkeiten; deshalb verhafte ich Sie bis morgen. Ich habe das
-Recht, Sie zu verhaften, da Sie mir selbst gestanden haben, daß Sie
-entflohen sind und auch keine Säbel haben. Ich bitte Sie, sich in den
-Flügel zu begeben, dort ist alles für Sie bereit, und schlafen Sie gut.
-Morgen früh werden wir dann Ihrer Angelegenheit die richtige Wendung
-geben, die sie braucht.«
-
-
-
-
- DREIZEHNTES KAPITEL
-
-
-Die Offiziere sagten zu, dachten, es sei kein großes Unglück bis zum
-Morgen zu warten, und fügten sich ihrem eigenwilligen Gastgeber. Sie
-gingen in den Flügel, aber der Pan von Farbowanaja rief den Haiduken
-Prokop, befahl ihm, sich in den Wagen zu setzen und nach Pirjatin zu
-fahren, dort die beiden Gerichtsherrchen aufzufinden und sie um jeden
-Preis am Morgen nach Farbowanaja zu bringen.
-
-Der Haiduk eilte davon, suchte die Schreiber auf und sagte:
-
-»Mit meinem Pan Wischnewskij steht es schlecht. Es geht ihm so elend,
-daß ich nicht weiß, ob er den Abend noch erlebt. Jetzt will er sein
-Testament machen und hat mich hergeschickt, um euch zu bitten, daß ihr
-gleich euer Schreibzeug nehmt und mit mir fahrt, um als Zeugen zu
-unterschreiben. Ihr bekommt ein gutes Chabar dafür.«
-
-Die Schreiber wußten, daß Wischnewskij noch nie krank war, aber wenn
-solche Leute krank werden, so geht es auf den Tod.
-
-Sie dachten: »Sicher stirbt er, und wir verschreiben uns etwas im
-Testament. Er ist so krank, daß er es nicht merkt.«
-
-So nahmen sie mit Freuden ihre Sachen und fuhren ab. Als Stepan
-Iwanowitsch eben erwachte, standen sie schon auf seiner Freitreppe.
-
-Stepan Iwanowitsch machte für diese Gäste eine kleine Abweichung von
-seiner Empfangsetikette. Ins Haus ließ er sie natürlich nicht ein, aber
-er befahl, ihnen ein kleines Tischchen und für die beiden nur einen
-Stuhl hinauszubringen, damit sie nicht wagen sollten, vor ihm zu sitzen.
-
-Dann ging er in einer Mütze mit großem Schirm zu ihnen hinaus und begann
-die Unterhandlung.
-
-»Mein Haiduk,« sagte er, »hat euch vorgemacht, daß ich sterbe. Aber, so
-Gott will, hat es damit noch Zeit, und dann werde ich mir für mein
-Testament andere, ehrlichere Zeugen als euch holen. Ich habe euch aber
-zu eurem eignen Wohl herbringen lassen ...«
-
-Sie machten große Augen.
-
-»Was habt ihr, Verfluchte, vorgestern beim Juden im Keller getrieben?
-He?«
-
-Das Staunen der Schreiber wuchs.
-
-»Erlauben Sie, wer hat es Ihnen erzählt? ... Wir haben nichts getrieben,
-sondern die Offiziere ...«
-
-»Ja, ja, ich weiß alles. Darum tut ihr mir auch leid: Ihr Dummköpfe habt
-euch ausgedacht, eure Schuld auf die Offiziere abzuwälzen, als wenn euch
-das etwas nützen würde. Ihr habt nur das eine nicht bedacht, daß die
-Offiziere sieben Leute sind, die bezeugen, daß ihr das Porträt
-beschädigt habt, und daß ihr gegen sie nur zwei seid ... Wer wird euch
-da Glauben schenken?«
-
-»Erlauben Sie, aber wir ...«
-
-»Nichts, keine Dummheiten reden ...« unterbrach sie Wischnewskij, »ich
-weiß alles, -- ich bin über alles unterrichtet. Ihr habt euch
-ausgeheckt, eine Anzeige zu schreiben, und während eure Denunziation
-noch unterwegs ist, sind die Offiziere schon nach Perejaslaw, nach
-Poltawa und Kiew geritten. Ich habe sie, Gott sei Dank, abgefangen und
-bei mir festgehalten. Sie sind ihrer sieben Mann, und alle haben
-gesehen, wie ihr die Gabeln geworfen habt.«
-
-»Aber erlauben Sie, wann haben wir die Gabeln geworfen?«
-
-»Nichts da«, schnitt ihnen Wischnewskij das Wort ab. »Ihr seid zwei, und
-sie sind sieben, und ihr könnt euch nicht herauswinden. Zudem sind sie
-angesehenere Leute als ihr, sind hochgeborne Adelige, und was seid ihr?
--- Dahergelaufene Schreiber, Unkraut.«
-
-»Aber wir sind doch im Recht ...«
-
-»Tja, was heißt das, Recht haben gegen Moskowiter! Sie sind ihrer
-sieben, und ihr seid zwei. Und wißt ihr vielleicht nicht, daß bei uns
-die ganze hohe Obrigkeit moskowitisch ist? Zudem werden die Teufelsjuden
-sie bestimmt unterstützen und sagen, sie hätten gesehen, wie ihr die
-Messer geworfen habt.«
-
-»Aber bedenken Sie doch, Pan, die Juden sind ja Schelme.«
-
-»Wer sagt denn, sie seien keine Schelme? Aber sie werden gegen euch
-aussagen. Und deshalb ist es mir auch um euch leid, daß ihr in solche
-Drangsal geraten seid.«
-
-Die Schreiber, die in den Formen der Rechtsprechung bewandert waren,
-sahen, daß ihre Sache, hol's der Teufel, in der Tat schlecht stand, daß
-sie durchaus keine Chancen für sich hatten, ja daß vielleicht sogar die
-ganze Schuld auf sie fallen könne.
-
-»Sie sind sieben ... und wir sind zwei ...«
-
-»Ja, und dazu die Juden ... es kann wohl sein ...«
-
-»Was sollen wir nun tun, Euer Gnaden?«
-
-»Was ich euch lehren werde. Setze sich einer von euch her und schreibe,
-was ich ihm sage.«
-
-Stepan Iwanowitsch diktierte, und das Schreiben begann:
-
-»Da wir von Natur aus unverständig sind, und unser Gewissen durch die
-Schmiergelder verfinstert ist ...«
-
-Der Schreibende hielt inne, aber Wischnewskij fuhr ihn an:
-
-»Schreibe, schreibe! Das ist notwendig so.«
-
-... »Verfinstert ist, gingen wir Gerichtskopisten in den Keller bei dem
-jüdischen Laden, betranken uns bis zur Bewußtlosigkeit und fingen an,
-uns über die Verteilung der Schmiergelder zu streiten. Wir warfen
-aufeinander mit Gabeln, aber weil wir sehr betrunken waren, fuhren sie
-aus Unvorsichtigkeit in das Porträt ...«
-
-Der Schreibende zögerte wieder, aber Stepan Iwanowitsch gab ihm einen
-Stoß in den Rücken. Jener fuhr sogleich fort und schrieb den ganzen Akt
-zu Ende, in dem er seine unfreiwillige Schuld bekannte und gestand, sie
-hätten aus Furcht beschlossen, ihre Schuld auf die Offiziere zu
-schieben, in der Annahme, daß ihnen als Kriegsleuten nichts geschehen
-werde. Aber jetzt, im Gefühl ihrer Versündigung und im Gedanken an ihre
-dereinstige Todesstunde, bereuten sie es und bäten die Offiziere, ihnen
-zu verzeihen und von der Anzeige Abstand zu nehmen. Aber für ihre in
-betrunkenem Zustande begangene Verfehlung, bäten sie selbst den Pan
-Wischnewskij, sie auf seinem Gute Farbowanaja väterlich mit Ruten
-züchtigen lassen zu wollen, worauf dann Wischnewskij die Güte haben
-werde, sich zu verwenden, daß die Sache keine weiteren Folgen habe.
-
-»Aber wofür, Euer Gnaden, wofür uns züchtigen?«
-
-»Das steht nur so auf dem Papier.«
-
-Sie unterschrieben es, dann unterschrieb Wischnewskij und ließ die
-Offiziere rufen.
-
-»Und Sie, meine Herren,« sagte er, »unterschreiben Sie es auch, daß Sie
-einverstanden sind, ihnen, auch im Namen Ihrer Kameraden, zu verzeihen
-und daß Sie als Soldaten großmütig sein wollen und die Angelegenheit
-nicht weiter verfolgen werden.«
-
-Die Offiziere unterschrieben.
-
-»Jetzt ist alles erledigt,« sagte Stepan Iwanowitsch und steckte das
-Papier in die Tasche. »Und nun,« fügte er, sich an seine Leute wendend,
-hinzu, »führt diese Herrchen in den Pferdestall und gebt ihnen dort eine
-tüchtige Portion Ruten.«
-
-»Erlauben Sie, was heißt denn das?«
-
-»Was das heißt? Das heißt, daß es hier geschrieben ist. Ihr wollt jetzt
-schon das Geschriebene anfechten? Ehe! Feine Herrchen. Gebt ihnen ihre
-Ruten, Jungens!«
-
-Und man züchtigte sie mit Ruten.
-
-Es wird erzählt, daß man diese Schreiber später noch lange fragte, wie
-es ihnen zumute war, als sie in Farbowanaja »gefarbowalkt« wurden.
-
-Der Kommandeur kam selbst zu Stepan Iwanowitsch nach Farbowanaja
-gefahren, und wenn er es auch nicht aussprach, so drückte er doch
-indirekt seine Anerkennung für diese Findigkeit und »die richtige
-Wendung der Angelegenheit« aus.
-
-
-
-
- VIERZEHNTES KAPITEL
-
-
-Auch in seinen eigenen Angelegenheiten war Stepan Iwanowitsch
-weitblickend und verfiel nur dann in Fehler, wenn die Liebesleidenschaft
-seinen Blick trübte. Die größte Torheit beging er in einem Fall, der mit
-jener schlanken, zierlichen Gapka Petrunenko zusammenhing, zu deren
-Füßen wir ihn verlassen haben.
-
-In der Zeit, als Wischnewskij dieses Mädchen liebte, stand der Kirche im
-Dorfe Farbowanaja ein Priester namens Platon vor. Er hatte die den
-Russen ziemlich gemeinsame Schwäche, daß er zwar im nüchternen Zustande
-»zu allem wohlweislich schwieg«, betrunken jedoch gern plauderte und
-sogar die ungeschminkte Wahrheit sagte.
-
-Als sich Wischnewskij am nächsten Morgen vom Teppich erhoben hatte,
-teilte er voller Freude Stepanida Wassiljewna eine wichtige Neuigkeit
-mit.
-
-Gapka spürte in sich ein neues Leben pochen.
-
-»Und was sie gebiert, soll nicht mehr leibeigen, sondern frei sein«,
-sagte Wischnewskij.
-
-Dies war ein ungewöhnliches Liebesgeschenk seitens Stepan Iwanowitschs,
-denn die große Menge seiner Kinder war sämtlich unter seine »leibeigenen
-Seelen« eingetragen worden und arbeitete rechtschaffen auf den Feldern
-seines Herrengutes.
-
-Auch Gapka freute sich darüber.
-
-Eine Stunde später ging sie aus, um Himbeeren zu pflücken. Am Gartenzaun
-begegnete ihr der Priester P. Platon, der gerade in seiner aufrichtigen
-Stimmung war. Als er das Mädchen erblickte, sagte er ihr in
-priesterlichem Tone:
-
-»Was bist du so froh, Mädel? Bist froh und vergnügt, pflückst süße
-Himbeerchen, aber wenn du dein Kindchen geboren hast, kriegst du auch
-deinen Stoß in den Rücken.«
-
-»Warum denn?« Gapka sah ihn von der Seite an und wurde mit einem Male
-verwirrt und traurig, weil sie Wischnewskij, wie viele Frauen, die
-anfangs nur widerstrebend seine Geliebten geworden waren, liebgewonnen
-hatte. Gapka fragte, warum man sie denn so ganz bestimmt absetzen werde,
-wenn sie das Kind geboren haben würde.
-
-»Darum,« antwortete der Geistliche, »weil man auf dem Herrenhof ein
-Kühlein nicht bis zum zweiten Kalb behält.«
-
-Das war die einzige Begründung des P. Platon, aber Gapotschka wurde
-traurig, besonders infolge des neuen ungewohnten Zustandes ihres
-Organismus, und begann bitterlich zu weinen. Aber als verschlossene
-Kleinrussin wollte sie um nichts in der Welt sagen, warum sie weine.
-Stepan Iwanowitsch brachte es schließlich selbst heraus: Leute hatten
-gesehen, wie der Geistliche mit Gapka sprach, und hinterbrachten es dem
-Pan, der sogleich seinen geistlichen Vater zur Beichte vor sich rufen
-ließ und ihn fragte:
-
-»Was hast du Gapka gesagt?«
-
-Der Geistliche konnte sich nicht entschließen, zu wiederholen, was er zu
-dem Mädchen gesprochen hatte, und sagte:
-
-»Ich erinnere mich nicht mehr.«
-
-Wischnewskij wurde wütend und schrie ihn an:
-
-»Aha, jetzt kenne ich dich: du hast dich an sie herangemacht ... Hast
-geglaubt, sie werde mich mit dir vertauschen?«
-
-»Was denken Sie, Euer Gnaden ...«
-
-»Nichts >Euer Gnaden<, meine Gnaden sind dir nur so weit gnädig, daß
-ich, als dein geistlicher Sohn, dich nicht prügeln lasse. Aber du sollst
-fort von hier, und ich lasse dich durchs Dorf führen, damit die Leute
-wissen, was für ein Taugenichts du bist.«
-
-Man packte den Unglücklichen, zog ihn aus, steckte ihn in einen alten
-Getreidesack, aus dessen Schlitz nur der Kopf herausschaute, schüttete
-ihm Flaumfedern über den Kopf und führte ihn in diesem Aufzug durch das
-ganze Dorf.
-
-Der Geistliche fuhr in die Stadt, reichte eine Klage ein und bat um
-seine Versetzung, die er auch erhielt. Für Stepan Iwanowitsch blieb
-dieser Vorfall im übrigen ohne alle unangenehmen Folgen.
-
-Eine gewisse Vergeltung übte der beleidigte Geistliche selbst, aber
-seine Rache war lächerlich und kam sehr spät. Sie wurde erst viele Jahre
-später offenbar, als Stepan Iwanowitsch eine seiner Töchter verheiraten
-wollte. Er forderte damals einen Auszug aus dem Taufregister, wo man
-unerwarteterweise die dumme und ganz sinnlos hineinkorrigierte
-Eintragung fand, daß dem Stepan Iwanowitsch und seiner _ehelichen_
-Gattin eine _uneheliche_ Tochter geboren wurde.
-
-Es war sinnlos und konnte Stepan Iwanowitsch keinen ernstlichen Schaden
-verursachen, aber es brachte ihn schrecklich auf. Wie durfte man sich
-mit ihm einen solchen Scherz erlauben! Und wer? -- Der Pope! Zudem
-konnte er es nicht mehr heimzahlen, weil der Pope P. Platon nach Gottes
-Ratschluß schon früher gestorben war.
-
-Sonst hätte ihn Stepan Iwanowitsch auch in einem anderen Kirchspiel zu
-finden gewußt ...
-
-
-
-
- FÜNFZEHNTES KAPITEL
-
-
-Dergestalt waren die wilden Taten dieses Originals, die jetzt in unserer
-vielgescholtenen Zeit unmöglich wären, oder die man heute bestimmt
-seiner Psychopathie zugeschrieben hätte. Selbst Wischnewskijs Geschmack
-und seine Gefühle spiegelten seine seelische Anormalität wieder. So
-hatte er z. B. für die Schönheit der Natur nichts übrig und liebte
-ausschließlich die Nacht und die Effekte der Gewitter. In der Tierwelt
-liebte er nur Tauben und Pferde. Die Tauben liebte er, weil sie sich
-»küssen«, und die Pferde, weil sie Schnelligkeit und eine Stimme haben
-... ja, so außerordentlich liebte er die »Pferdestimme«, d. h. ihr
-Wiehern. Um sich das erstere seiner Vergnügen zu verschaffen, hielt er
-sich vor seinen Fenstern einen großen Taubenschlag und ergötzte sich oft
-ganze Stunden daran, zuzusehen, »wie sie sich küßten«. Dann rief er
-Stepanida Wassiljewna zu diesem Schauspiel herbei.
-
-»Schau, -- sie küssen sich!«
-
-Des Wieherns halber ritt Stepan Iwanowitsch stets Hengste und blieb ganz
-gleichmütig, wenn sie ein Gespann in Unordnung brachten. Daran lag ihm
-nicht viel, wo er aber Pferde wiehern hörte, auf der Straße oder aus
-einem Hause, blieb er sogleich stehen, hielt den Finger vor sich und
-erstarrte ... Kein Musiknarr hat vielleicht so leidenschaftlich der
-Calzolari, Tamberlik oder der Patti gelauscht.
-
-Der Lieblingsanblick Wischnewskijs war seine prachtvolle Pferdeherde,
-unter der ein mächtiger, schöner Hengst einhergaloppierte. Hörte Stepan
-Iwanowitsch sein Wiehern selbst aus der Ferne, so hielt er an, und sein
-Gesicht drückte den Ausdruck vollsten Glückes aus. Es schien, als ob
-seine Augen, ungeachtet der räumlichen Entfernung, sahen, wie sich das
-Pferd aufbäumte, die Luft durch Nüstern und Zähne einzog und in
-Leidenschaft glühend dahinstürmte.
-
-»Hörst du es, Stepanida Wassiljewna?«
-
-»Ja, mein Freund, ich höre.«
-
-Alles, was ihren Mann erfreute, machte auch sie glücklich, und so zeigte
-sie auch hier Freude, ... und Stepan Iwanowitsch wußte es zu schätzen.
-
-Er war sechzig Jahre alt, als Stepanida Wassiljewna starb. Er beweinte
-sie sehr, ging dann aber, trotz seines schon vorgerückten Alters eine
-zweite Ehe mit einem hübschen achtzehnjährigen kleinrussischen Mädchen
-aus der Familie Gordienko ein. Auch mit dieser Gemahlin lebte er
-glücklich, aber ... er gedachte immer Stepanida Wassiljewnas. Trotz
-ihrer vielen Vorzüge, verstand es seine zweite junge Gemahlin nicht, auf
-all seine Schwächen und Sonderlichkeiten einzugehen. Stepan Iwanowitsch
-zeigte ihr die küssenden Tauben nicht und wollte sie auch nicht fragen,
-ob sie es höre, wie der Sultan der Herde seine schmetternde Stimme
-verschwenderisch ertönen ließ, sie in Triller auflöste und sie dann um
-eine Oktave senkte ...
-
-Wischnewskij hatte einmal versucht, die Aufmerksamkeit seiner neuen Frau
-darauf zu lenken, aber sie hatte sich gefühllos gezeigt, -- war nicht
-einmal aufgestanden und hatte nicht gelächelt, sondern nur kalt gesagt:
-
-»Ja, ich höre, da hat ein Pferd irgendwo gewiehert.« Und damit nahm sie
-ruhig wieder ihre Arbeit auf ...
-
-Stepan Iwanowitsch sah ein, daß seiner neuen Frau das mangelte, was der
-ersten eigen gewesen war, und zog sie nie mehr in den Kreis von
-Begriffen hinein, die ihr unzugänglich waren.
-
-In Augenblicken seelischer Wallungen seufzte er nur auf, suchte mit den
-Augen das Bildnis Stepanida Wassiljewnas und lächelte ihr zu.
-
-
-
-
- SECHZEHNTES KAPITEL
-
-
-Mit seiner zweiten Gemahlin lebte Wischnewskij noch rund zwanzig Jahre,
-im Genusse unveränderlicher Gesundheit, und starb zu Beginn seines
-neunten Jahrzehntes. Im ganzen war er zweiundachtzig Jahre alt geworden.
-Hinfälliges Greisentum, oder ein langsames, allmähliches Dahinsterben
-blieben ihm erspart. Als seine Stunde gekommen war, ging er ganz
-plötzlich dahin, wie eine überreife Himbeere vom Stiele fällt.
-
-An einem Morgen seines dreiundachtzigsten Jahres, im Frühling, wenn in
-Kleinrußland verschwenderisch der Flieder blüht, ritt Stepan Iwanowitsch
-eine wilde nogaïsche Stute zu, die sonst niemanden im Sattel duldete.
-
-Mit Hilfe seiner ungewöhnlichen Kraft und seiner ungewöhnlichen Schwere
-brachte er die wilde Stute zur Erschöpfung. Vom Sattel steigend, übergab
-er die Zügel den Pferdeknechten, trat auf den Balkon und blieb plötzlich
-stehen ...
-
-Es schien Wischnewskij, als »falle sein Herz«. Er sei lange geritten,
-hätte sich im Sattel geschüttelt, und nun sei das Herz abgerissen ... So
-ganz ohne Schmerz, ohne Beschädigung, wie eine überreife Beere fällt. Um
-ihn war es leer, und plötzlich begann sich alles zu verschieben, wie
-Uhrgewichte, deren Seil vom Rad geglitten ist.
-
-Wischnewskij setzte sich schnell in einen Sessel und wollte etwas sagen,
-aber über seine Lippen kam kein Laut. Alles war so schön, ringsum Blüten
-und Duft. Er sieht und hört alles, und begreift ... Da haben eben die
-Pferdeknechte der schweißigen Stute den Sattel abgenommen und führen sie
-längs der schattigen Mauer. Sie ruht aus, schüttelt sich, und von dem
-weißen Schaum, der sie bedeckt, fliegen leichte Flocken durch die Luft.
-Hinter der Mauer des Pferdestalls hallt das Stampfen kräftiger
-Vorderhufe auf den Fliesen wider, und es tönt laut und wohlklingend wie
-ein Fagott: I-ha-ha!
-
-Stepan Iwanowitsch ließ die Augen nach rechts und links schweifen ...
-Sie suchten das Bildnis Stepanida Wassiljewnas, aber dann blieben sie an
-einem blühenden Fliederstrauche haften, und er lächelte ...
-
-Es ist anzunehmen, daß er dort Stepanida Wassiljewna selbst mit ihrem
-länglichen Schubinskij-Gesicht sah, -- er fiel vom Stuhl zu ihren Füßen
-nieder, -- als Toter. In jenem anderen Leben haben sich die beiden wohl
-wiedererkannt.
-
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- DER TOUPETKÜNSTLER
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- ERSTES KAPITEL
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-Viele glauben bei uns, daß der Titel »Künstler« nur den Malern und
-Bildhauern zukommt, und auch nur solchen unter ihnen, die ihn von einer
-Akademie verliehen bekommen haben. Unsere berühmten Silberschmiede
-Ssasikow und Owtschinnikow werden von vielen für einfache Handwerker
-gehalten. In anderen Ländern ist es sicher nicht so. Heine erzählt von
-einem Schneider, der ein »Künstler« war und »eigene Ideen« hatte, und
-die Damenkleider aus dem Atelier von Worth gelten heute als Kunstwerke.
-Über einen solchen Künstler schrieben neulich die Zeitungen, daß er in
-seinem Schnitt »eine ungewöhnliche künstlerische Phantasie« zeige.
-
-In Amerika wird das Gebiet des künstlerischen Schaffens noch viel weiter
-aufgefaßt. Der berühmte amerikanische Schriftsteller Bret Harte erzählt
-von einem Künstler, dessen Objekt Leichen waren: er verlieh den
-Gesichtern der Verstorbenen einen »Ausdruck des Trostes«, der von dem
-mehr oder weniger glückseligen Zustande der entschwebten Seele zeugen
-sollte.
-
-Dieser Ausdruck hatte mehrere Abstufungen; ich kann mich nur an drei
-erinnern: 1. »Ruhe«; 2. »erhabene Beschaulichkeit« und 3. »Seligkeit des
-unmittelbaren Verkehrs mit dem Herrn«. Die Berühmtheit des Künstlers
-entsprach durchaus der hohen Vollkommenheit seiner Arbeit: sie war ganz
-kolossal. Leider fiel der Künstler als Opfer der rohen Menge, die für
-die Freiheit des künstlerischen Schaffens wenig Verständnis hatte. Er
-wurde gesteinigt, weil er den Ausdruck des »seligen Verkehrs mit dem
-Herrn« dem Gesicht eines verstorbenen Bankiers verliehen, der die ganze
-Stadt ausgeraubt hatte. Die glücklichen Erben des Schwindlers hatten dem
-Verstorbenen auf diese Weise ihren Dank bezeugen wollen, dem Künstler
-kostete es aber das Leben ...
-
-Auch bei uns in Rußland gab es einen Meister auf diesem nicht ganz
-gewöhnlichen Gebiete der Kunst.
-
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- ZWEITES KAPITEL
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-Die Kinderfrau meines jüngsten Bruders war eine lange, ausgetrocknete,
-doch recht proportioniert gebaute Alte, namens Ljubow Onissimowna. Sie
-war in ihrer Jugend leibeigene Schauspielerin am Haustheater des Grafen
-Kamenskij zu Orjol gewesen, und alles, was ich hier erzähle, hat sich zu
-Orjol in den Tagen meiner Kindheit abgespielt.
-
-Mein Bruder war um sieben Jahre jünger als ich: als er zwei Jahre alt
-war und von Ljubow Onissimowna gepflegt wurde, war ich schon über neun
-und konnte die Geschichten, die sie mir erzählte, gut verstehen.
-
-Ljubow Onissimowna war damals noch nicht sehr alt, hatte aber schon
-schneeweißes Haar; ihre Gesichtszüge waren fein und zart, die schlanke
-Figur ungewöhnlich gut gebaut und graziös, wie bei einem jungen Mädchen.
-
-Meine Mutter und Tante sagten, wenn sie sie ansahen, daß sie in ihrer
-Jugend wohl wunderschön gewesen sei.
-
-Sie war von einer grenzenlosen Ehrlichkeit, Sanftheit und
-Empfindsamkeit; sie liebte im Leben alles Tragische, trank sich aber
-zuweilen einen Rausch an.
-
-Sie führte uns meistens auf den Friedhof bei der Dreifaltigkeitskirche
-spazieren. Sie setzte sich immer auf das gleiche armselige, mit einem
-einfachen Holzkreuz geschmückte Grab und erzählte mir oft Geschichten.
-
-So hörte ich hier von ihr einmal die Geschichte vom »Toupetkünstler«.
-
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- DRITTES KAPITEL
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-Er war Kollege unserer Kinderfrau am Theater; der Unterschied lag nur
-darin, daß sie »auf der Bühne Vorstellungen gab und Tänze aufführte«,
-während er nur ein »Toupetkünstler«, d. h. Friseur und Schminkmeister
-war und alle leibeigenen Schauspielerinnen des Grafen »anzumalen und zu
-frisieren« hatte. Er war aber kein alltäglicher Meister mit dem
-Frisierkamm hinter dem Ohr und der Büchse mit der Fettschminke in der
-Hand, sondern ein Mann mit eigenen _Ideen_, mit einem Worte ein
-_Künstler_.
-
-Ljubow Onissimowna behauptete, daß niemand so gut wie er einem Gesicht
-»einen Ausdruck« zu verleihen verstand.
-
-Ich kann heute nicht mehr genau sagen, unter welchem von den Grafen
-Kamenskij diese beiden Künstler gewirkt haben. Es sind drei Grafen
-dieses Namens bekannt, und alle drei galten in Orjol als »grausame
-Tyrannen«. Der Feldmarschall Michailo Fedotowisch wurde im Jahre 1809
-von seinen eigenen Bauern wegen seiner Grausamkeit erschlagen; dieser
-hatte zwei Söhne: Nikolai und Ssergej, von denen der erste im Jahre 1811
-und der zweite im Jahre 1835 gestorben war.
-
-Als Kind, in den vierziger Jahren, ging ich oft an einem riesengroßen,
-hölzernen Gebäude vorbei, auf dessen Fassade mit schwarzer und brauner
-Farbe falsche Fenster gemalt waren und das von einem langen, halb
-eingefallenen Bretterzaun umgeben war. Es war das verrufene Herrenhaus
-des Grafen Kamenskij; gleich daneben befand sich auch das Theater. Das
-letztere stand so, daß man es vom Friedhofe an der Dreifaltigkeitskirche
-aus gut sehen konnte, und Ljubow Onissimowna leitete alle ihre
-Erzählungen mit den Worten ein:
-
-»Schau mal hinüber, mein Lieber ... Siehst du das schreckliche Gebäude?«
-
-»Ja, es ist schrecklich, Kinderfrau!«
-
-»Nun will ich dir etwas noch Schrecklicheres erzählen.«
-
-Eine ihrer Erzählungen vom Toupetkünstler Arkadij, einem empfindsamen
-und kühnen jungen Mann, der ihrem Herzen nahe stand, will ich hier
-wiedergeben.
-
-
-
-
- VIERTES KAPITEL
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-
-Arkadij hatte nur die Schauspielerinnen allein »anzumalen und zu
-frisieren«. Für die männlichen Schauspieler gab es einen eigenen
-Friseur, und Arkadij betrat nur in jenen seltenen Fällen die
-Männergarderobe, wenn er vom Grafen selbst den Auftrag hatte, jemand »in
-edelster Form anzumalen«. Seine künstlerische Kraft lag darin, daß er
-einem jeden Gesicht die feinsten und verschiedenartigsten Ausdrücke zu
-verleihen verstand.
-
-»Man läßt ihn kommen,« berichtete Ljubow Onissimowna, »und sagt ihm:
->Dieses Gesicht da soll den und den Ausdruck bekommen<. Arkadij tritt
-etwas zurück, läßt den Schauspieler oder die Schauspielerin sich vor ihn
-hinsetzen oder hinstellen, kreuzt die Arme auf der Brust und denkt eine
-Weile nach. In solchen Augenblicken war er schöner als der schönste
-Mann, denn er war zwar von mittlerem Wuchs, aber so schlank, wie ich es
-gar nicht beschreiben kann, hatte eine feine und stolze Nase, Augen
-voller Engelsgüte und einen dichten Haarschopf, der ihm von der Stirne
-auf die Augen fiel, so daß er zuweilen wie durch eine Nebelwolke
-hindurch blickte.«
-
-Der Toupetkünstler war, mit einem Wort, ein hübscher Mann und »gefiel
-allen.« Der »Graf selbst« liebte ihn, zeichnete ihn vor allen anderen
-aus, ließ ihm schöne Kleider machen, »hielt ihn aber sehr streng«. Er
-wollte es nicht haben, daß Arkadij außer ihm noch irgendeinen Menschen
-rasiere oder frisiere. Arkadij mußte sich daher immer im gräflichen
-Ankleidezimmer aufhalten, außer wenn er am Theater beschäftigt war.
-
-Man ließ ihn sogar nicht in die Kirche zur Beichte und zum Abendmahl
-gehen, denn der Graf selbst glaubte nicht an Gott und konnte die
-Geistlichen nicht leiden. Einmal ließ er sogar die Popen von der
-Borissogljeber Kirche, die zu ihm mit dem Kreuze gekommen waren, mit
-Hunden hetzen.
-
-Der Graf war, berichtete Ljubow Onissimowna, vor lauter Bosheit
-abstoßend häßlich und sah allen wilden Tieren zugleich ähnlich. Arkadij
-verstand aber auch diesem tierähnlichen Gesicht, und wenn auch nur für
-kurze Zeit, einen solchen Ausdruck zu verleihen, daß der Graf, wenn er
-abends in seiner Loge saß, würdiger als mancher andere aussah.
-
-Der »Natur« des Grafen gingen aber, zu seinem großen Ärger, am meisten
-die Würde und der »kriegerische Ausdruck« ab.
-
-Damit ein so unvergleichlicher Künstler wie Arkadij niemand andern mit
-seinen Diensten beglücken könne, »mußte er sein Leben lang zu Hause
-sitzen und bekam niemals bares Geld in die Hand«. Er war aber schon über
-fünfundzwanzig Jahre alt, und Ljubow Onissimowna stand im neunzehnten.
-Sie waren natürlich miteinander bekannt, und zwischen ihnen waren
-Beziehungen entstanden, die in diesem Alter häufig sind: sie hatten
-einander lieb. Sie konnten aber von ihrer Liebe nur in entfernten
-Andeutungen und nur vor fremden Ohren während des Schminkens sprechen.
-
-Zusammenkünfte unter vier Augen waren unmöglich und selbst undenkbar ...
-
-»Wir Schauspielerinnen,« erzählte Ljubow Onissimowna, »wurden ebenso
-streng überwacht, wie die Ammen in vornehmen Häusern: wir standen unter
-der Aufsicht älterer Frauen, welche Kinder hatten; und wenn mit einer
-von uns, Gott behüte, etwas passierte, so wurden jenen Frauen die Kinder
-weggenommen und furchtbaren Martern unterzogen.«
-
-Das Gebot der Keuschheit durfte nur der übertreten, der es selbst
-aufgestellt hatte.
-
-
-
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- FÜNFTES KAPITEL
-
-
-Ljubow Onissimowna stand um jene Zeit nicht nur in der Blüte ihrer
-jungfräulichen Schönheit, sondern auch in der interessantesten
-Entwicklungsperiode ihres vielseitigen Talents: sie sang in den Chören
-die »Potpourris«, tanzte »die ersten Pas in der Chinesischen Gärtnerin«
-und kannte, von einem Drange nach dem Tragischen erfüllt, »alle Rollen
-vom bloßen Zuschauen«.
-
-Ich weiß nicht mehr genau, in welchen Jahren sich das abspielte. In
-Orjol wurde der Kaiser (ich weiß nicht recht, ob es Alexander
-Pawlowitsch oder Nikolai Pawlowitsch war) erwartet; er sollte in der
-Stadt übernachten und am Abend einer Vorstellung im Theater des Grafen
-Kamenskij beiwohnen.
-
-Der Graf lud zu dieser Veranstaltung den ganzen Adel ein (sein Theater
-war für Geld überhaupt nicht zugänglich) und gab sich Mühe, die
-Aufführung möglichst glanzvoll zu gestalten. Ljubow Onissimowna sollte
-das »Potpourri« singen und die »Chinesische Gärtnerin« tanzen; bei der
-letzten Probe fiel aber eine Kulisse herab und verletzte die
-Schauspielerin, die im Stücke »Die Herzogin de Bourblanc« die Hauptrolle
-spielen sollte, am Fuße.
-
-Ich habe noch nie etwas von einem Stück mit diesem Titel gehört, aber
-Ljubow Onissimowna sprach den Namen der Heldin so aus, wie ich ihn hier
-wiedergebe.
-
-Die Theaterarbeiter, die die Kulisse fallen ließen, bekamen im
-Pferdestall ihre Prügel, die Verletzte wurde in ihre Kammer getragen, es
-gab aber niemand, der die Rolle der Herzogin de Bourblanc übernehmen
-konnte.
-
-»Ich erklärte mich bereit,« erzählte Ljubow Onissimowna, »diese Rolle zu
-spielen, denn es gefiel mir so gut, wie die Herzogin de Bourblanc ihren
-Vater auf den Knien um Verzeihung bittet und nachher mit aufgelösten
-Haaren stirbt. Ich hatte aber schönes langes blondes Haar, und Arkadij
-verstand es wunderbar zu frisieren.«
-
-Der Graf war über die unerwartete Bereitwilligkeit des Mädchens, die
-Rolle zu spielen, sehr erfreut und sagte dem Regisseur, als dieser
-bestätigte, daß »Ljuba die Rolle nicht verpatzen werde«:
-
-»Wenn sie die Rolle verpatzt, wirst du es mir mit deinem Rücken büßen,
-ihr aber bringe von mir die Quamarin-Ohrringe.«
-
-Die »Quamarin-Ohrringe« waren ein ebenso schmeichelhaftes wie verhaßtes
-Geschenk. Ihre Verleihung bedeutete die hohe Ehre, für einen Augenblick
-zur Odaliske des Grafen erhoben zu werden. Einige Zeit oder auch
-unmittelbar nach der Verleihung der Ohrringe bekam Arkadij den Auftrag,
-das zum Opfer auserwählte Mädchen gleich nach der Vorstellung als
-»heilige Cäcilie« zu kostümieren; das Mädchen wurde ganz weiß gekleidet,
-bekam den Heiligenschein um den Kopf und eine Lilie, das Symbol der
-Unschuld, in die Hand und wurde so in die Gemächer des Grafen geschafft.
-
-»Das kannst du in deinem Alter noch nicht verstehen,« sagte die
-Kinderfrau, »es war aber das Schrecklichste, besonders für mich, denn
-ich sehnte mich damals nur nach Arkadij. Also begann ich zu weinen. Ich
-warf die Ohrringe auf den Tisch und konnte mir gar nicht denken, wie ich
-am Abend spielen würde.«
-
-Um diese selbe Stunde trat auch an Arkadij eine ebenso verhängnisvolle
-Versuchung heran.
-
-Ein Bruder des Grafen, der immer auf seinem Gute lebte, kam in die
-Stadt, um sich dem Kaiser vorzustellen. Dieser Bruder war noch viel
-häßlicher als der andere: er hielt sich ständig auf dem Lande auf, zog
-nie die Uniform an und ließ sich niemals rasieren, weil sein Gesicht
-voller Beulen und Höcker war. Bei dieser außergewöhnlichen Gelegenheit
-mußte er aber die Uniform anlegen, sein Äußeres in Ordnung bringen und
-jenen »kriegerischen Ausdruck« annehmen, der damals verlangt wurde.
-
-Es wurde aber sehr viel verlangt.
-
-»Heute weiß man gar nicht mehr, wie streng damals alles war,« sagte die
-Kinderfrau. »In allen Dingen wurde damals viel auf die Form gesehen, und
-den vornehmen Herren waren wie der Gesichtsausdruck, so auch die
-Haartracht genau vorgeschrieben. Manchem stand aber dieses
-vorschriftsmäßige Aussehen gar nicht: wenn man ihn nach der Vorschrift
-mit dem aufrecht stehenden Schopf über der Stirne und den nach vorne
-gekämmten Haaren an den Schläfen frisierte, so sah er wie eine
-Bauern-Balalaika ohne Saiten aus.« Die vornehmen Herren hatten davor
-große Angst. Alles kam auf die Kunst des Friseurs und Raseurs an: von
-der Art und Weise, wie die Stege zwischen dem Backenbart und dem
-Schnurrbart ausrasiert, wie die Locken gebrannt und wie sie angeordnet
-waren, hing der ganze Gesichtsausdruck ab. Die Herren vom Zivil hatten
-es, wie die Kinderfrau sagte, viel leichter, denn man schenkte ihnen
-weniger Beachtung und verlangte von ihnen nur ein bescheidenes Aussehen;
-von den Militärpersonen verlangte man aber, daß sie den Vorgesetzten
-gegenüber Bescheidenheit und allen anderen Menschen gegenüber maßlosen
-Kampfesmut ausdrückten.
-
-Arkadij verstand aber mit seiner wunderbaren Kunst, dem häßlichen und
-unbedeutenden Gesicht des Grafen eben diesen Ausdruck zu verleihen.
-
-
-
-
- SECHSTES KAPITEL
-
-
-Der ländliche Graf war noch viel häßlicher als der städtische und so
-furchtbar verwachsen und verroht, daß er es auch selbst fühlte. Er hatte
-aber niemand, der sein Äußeres in Stand halten könnte: seinen eigenen
-Friseur hatte er aus lauter Geiz gegen Zins nach Moskau entlassen; auch
-hatte er so viele Höcker im Gesicht, daß man ihn unmöglich rasieren
-konnte, ohne ihm die ganze Haut zu zerschinden.
-
-Er kommt also nach Orjol, beruft zu sich alle Barbiere der Stadt und
-sagt ihnen:
-
-»Wer von euch mich so herrichten kann, daß ich meinem Bruder, dem Grafen
-Kamenskij gleiche, bekommt zwei Dukaten. Für denjenigen aber, der mich
-dabei schneidet, lege ich zwei Pistolen auf den Tisch. Wer seine Sache
-gut macht, kann das Gold nehmen und gehen; wer mir aber auch nur ein
-Pickelchen verletzt oder den Backenbart auch nur um ein Haar
-verschneidet, den töte ich auf der Stelle.«
-
-Er wollte den Leuten nur Angst machen, denn die Pistolen waren gar nicht
-geladen.
-
-In Orjol gab es damals nur sehr wenig Barbiere, und diese hielten sich
-meistens in den Bädern auf, um Schröpfköpfe und Blutegel anzusetzen,
-hatten aber weder Geschmack noch Phantasie. Das sahen sie auch selbst
-ein und weigerten sich, den Grafen Kamenskij umzuwandeln. »Gott sei mit
-dir und deinem Gold!« dachten sie sich.
-
-»Was Sie von uns verlangen,« sagen sie ihm, »können wir gar nicht
-machen, denn wir sind nicht wert, eine so erhabene Person auch nur
-anzurühren. Uns fehlen auch die richtigen Rasiermesser: wir haben nur
-gewöhnliche russische Messer, für Ihr Gesicht braucht man aber ein
-englisches. Nur des Grafen Barbier Arkadij allein könnte so was fertig
-bringen.«
-
-Der Graf läßt die städtischen Barbiere hinauswerfen, und diese sind
-froh, daß sie mit heiler Haut davongekommen sind. Er selbst aber fährt
-zu seinem älteren Bruder und sagt:
-
-»Lieber Bruder, ich komme zu dir mit einer großen Bitte: überlasse mir
-vor dem Abend deinen Arkadij, damit er mich in einen ordentlichen
-Zustand bringt. Ich habe mich schon lange nicht rasieren lassen, und die
-hiesigen Barbiere können das nicht machen.«
-
-Und der Graf antwortet seinem Bruder:
-
-»Die hiesigen Barbiere taugen selbstverständlich zum Teufel. Ich wußte
-gar nicht, daß es hier welche gibt: ich lasse selbst meine Hunde von
-eigenen Leuten scheren. Was aber deine Bitte betrifft, so verlangst du
-von mir etwas Unmögliches; denn ich habe den Eid geleistet, daß Arkadij,
-so lange ich lebe, keinen Menschen außer mir anrühren wird. Glaubst du
-denn, daß ich mein Wort vor meinem leibeigenen Sklaven brechen kann?«
-
-Der andere antwortet:
-
-»Warum denn nicht? Du hast es so angeordnet und kannst es auch selbst
-wieder abschaffen.«
-
-Der ältere Graf sagt aber, daß er diese Ansicht sehr merkwürdig finde:
-
-»Wenn ich das tue, was kann ich dann von meinen Leuten verlangen?
-Arkadij weiß, daß ich es einmal so festgesetzt habe, und alle wissen es,
-dafür wird er auch viel besser als die anderen behandelt. Wenn er sich
-aber untersteht, seine Kunst auf jemand andern anzuwenden, so muß ich
-ihn zu Tode prügeln und unter die Rekruten stecken.«
-
-Der Bruder erwidert darauf:
-
-»Du kannst ja nur das eine von beiden tun: ihn entweder zu Tode prügeln
-oder unter die Rekruten stecken; beides zugleich kannst du gar nicht
-machen.«
-
-»Gut,« sagt der Ältere, »ich will deinen Wunsch erfüllen. Ich werde ihn
-aber nicht zu Tode, sondern nur halbtot prügeln und dann unter die
-Rekruten stecken.«
-
-»Ist das dein letztes Wort, Bruder?«
-
-»Ja, das allerletzte.«
-
-»Ist das dein einziges Bedenken?«
-
-»Ja, das einzige.«
-
-»Dann ist es wunderschön; ich hatte schon geglaubt, daß dein leiblicher
-Bruder dir weniger wert ist als ein leibeigener Sklave. Du brauchst also
-deinen Befehl gar nicht aufzuheben, schick mir nur deinen Arkadij,
-_damit er mir meinen Pudel schert_. Das weitere ist aber schon meine
-Sache.«
-
-Der Bruder konnte ihm diese Bitte nicht gut abschlagen.
-
-»Gut,« sagte er, »deinen Pudel darf er wohl scheren.«
-
-»Das ist alles, was ich brauche.«
-
-Er drückte dem Bruder die Hand und fuhr heim.
-
-
-
-
- SIEBENTES KAPITEL
-
-
-Das war um die Dämmerstunde im Winter, wo man eben die Lampen anzündet.
-
-Der Graf läßt Arkadij kommen und sagt ihm:
-
-»Geh zu meinem Bruder ins Haus und scher ihm seinen Pudel.«
-
-Arkadij fragt:
-
-»Ist das alles, was Sie mir befehlen?«
-
-»Das ist alles,« sagt der Graf. »Komm aber bald zurück, denn du mußt
-noch die Schauspielerinnen frisieren. Ljuba wird heute in drei Rollen
-spielen, nach dem Theater sollst du sie mir aber als heilige Cäcilie
-einkleiden.«
-
-Arkadij Iljitsch fiel beinahe um.
-
-Der Graf fragte:
-
-»Was hast du denn?«
-
-Arkadij aber antwortete:
-
-»Verzeihung, ich bin auf dem Teppich ausgeglitten.«
-
-Der Graf witterte wohl etwas:
-
-»Paß auf, daß es kein Unglück gibt!«
-
-Arkadij war es aber schon so zumute, daß er nicht mehr an Glück und
-Unglück dachte.
-
-Als er den Befehl hörte, mich als heilige Cäcilie einzukleiden, verging
-ihm Hören und Sehen. Er nahm das Lederfutteral mit dem Rasierbesteck und
-ging hinaus.
-
-
-
-
- ACHTES KAPITEL
-
-
-Er kommt zum Bruder des Grafen. Vor dem Spiegel brennen schon die
-Kerzen, und auf dem Tische liegen wieder zwei Pistolen und daneben
-Dukaten, aber nicht zwei, sondern zehn, und die Pistolen sind diesmal
-mit tscherkessischen Kugeln geladen.
-
-Der Bruder des Grafen sagt:
-
-»Ich habe gar keinen Pudel, verlange von dir aber folgendes: richte mich
-so her, daß ich ein mutiges Aussehen bekomme. Du kriegst dafür zehn
-Dukaten; wenn du mich aber schneidest, bist du auf der Stelle tot.«
-
-Arkadij überlegte sich die Sache und machte sich plötzlich daran, --
-Gott allein weiß, was über ihn gekommen war, -- den Bruder des Grafen zu
-frisieren und zu rasieren. Im Nu war er mit seiner Arbeit fertig,
-steckte das Geld in seine Tasche und sagte:
-
-»Leben Sie wohl.«
-
-Jener antwortet:
-
-»Geh! Ich möchte aber nur das eine wissen: wie hast du dich dazu
-entschließen können?«
-
-Arkadij aber sagt:
-
-»Warum ich mich dazu entschlossen habe, das weiß nur mein Herz in der
-Brust.«
-
-»Oder bist du vielleicht kugelfest oder kennst irgend einen Zauber, so
-daß du selbst die Pistolen nicht fürchtest?«
-
-»Die Pistolen sind das wenigste, an die habe ich gar nicht gedacht.«
-
-»Was? Wagtest du denn zu denken, daß das Wort deines Grafen mehr gilt
-als das meinige und daß ich dich, wenn du mich schneidest, nicht
-erschieße? Wenn du nicht kugelfest bist, so wärest du auf der Stelle
-tot.«
-
-Als Arkadij den Namen seines Herrn hörte, fuhr er zusammen und sagte wie
-aus dem Schlafe:
-
-»Ich bin nicht kugelfest, Gott hat mir aber Vernunft verliehen: noch eh
-du die Hand nach der Pistole ausstrecktest, hätte ich dir mit dem
-Rasiermesser die Gurgel durchschnitten.«
-
-Mit diesen Worten stürzt er hinaus und kommt ins Theater noch gerade zur
-rechten Zeit, um mich herzurichten. Er zittert am ganzen Leibe, und wie
-er sich über mich beugt, um eine Locke zu wickeln, flüstert er mir zu:
-
-»Hab nur keine Angst, ich werde dich entführen.«
-
-
-
-
- NEUNTES KAPITEL
-
-
-Die Aufführung gelang vortrefflich, denn wir alle waren gut abgerichtet
-und alle Ängste und alle Marter gewohnt. Wir machten unsere Sache so
-gut, wie wenn wir aus Stein wären, so daß niemand sehen konnte, wie uns
-dabei zumute war.
-
-Wir sahen von der Bühne aus den Grafen und seinen Bruder: sie waren
-einander sehr ähnlich. Selbst als sie hinter die Kulissen kamen, konnte
-man sie schwer voneinander unterscheiden. Der unsrige war aber auf
-einmal ganz still und sanft geworden. So war er immer vor seinen
-grausamsten Wutausbrüchen.
-
-Wir zittern alle und bekreuzigen uns:
-
-»Herr, errette uns und sei uns gnädig! Wen wird diesmal sein Zorn
-treffen?«
-
-Wir wußten noch nichts von der verzweifelten Tat Arkaschas; er selbst
-aber wußte natürlich, daß er keine Gnade zu erwarten hatte und
-erbleichte, als der Bruder des Grafen ihn anblickte und unserm Grafen
-etwas zuflüsterte: Ich hatte aber scharfe Ohren und hörte, was er ihm
-sagte:
-
-»Bruder, ich rate dir, nimm dich vor ihm in acht, wenn er dich rasiert.«
-
-Der Unsrige lächelte nur leise.
-
-Ich glaube, daß auch Arkadij etwas gehört hatte, denn er war außer sich
-vor Aufregung: als er mich für die letzte Rolle der Herzogin
-herrichtete, legte er mir, -- was ihm sonst nie passierte, -- so viel
-Puder an, daß der Franzose, der Garderobier, sagte:
-
-»Trop beaucoup, trop beaucoup!« Und er nahm mit einem Bürstchen den
-überschüssigen Puder von mir ab.
-
-
-
-
- ZEHNTES KAPITEL
-
-
-Als aber die Vorstellung zu Ende war, zog man mir das Kleid der Herzogin
-von Bourblanc aus und kleidete mich als Cäcilie ein: es war ein
-einfaches, weißes Gewand ohne Ärmel, das an den Achseln nur von den
-Schleifen gehalten wurde. Wir konnten diese Tracht nicht ausstehen. Und
-nun kommt auch schon Arkadij, um mir die Frisur der heiligen Cäcilie zu
-machen, wie sie auf den Bildern dargestellt wird, und mir einen dünnen
-Reifen als Heiligenschein im Haare zu befestigen. Und er sieht, daß vor
-der Türe meiner Kammer sechs Mann stehen. Diese sollten ihn, sobald er
-mit mir fertig ist und aus meiner Kammer wieder herauskommt, ergreifen
-und zum Foltern schleppen. Es gab bei uns im Hause Foltern, die
-schlimmer als jeder Tod waren. Es gab da Wippen, Spannböcke und die
-fürchterlichsten Instrumente. Wer das einmal durchgemacht, hatte vor
-gerichtlichen Strafen gar keinen Respekt mehr. Unter dem ganzen Hause
-gab es geheime Verliese, wo lebendige Menschen wie die Bären an Ketten
-saßen. Wenn man vorbeikam, hörte man zuweilen die Ketten klirren und die
-Menschen stöhnen. Die Eingekerkerten wollten wohl, daß die Obrigkeit
-etwas davon erfahre; die Obrigkeit wagte aber nicht, für sie
-einzutreten. Viele Leute saßen hier lebenslänglich. Einer von ihnen
-verfaßte, nachdem er viele Jahre gesessen hatte, den Vers:
-
- Es kommen die Schlangen und fressen die Augen,
- Und Skorpione das Blut aus den Adern saugen.
-
-Wenn man an den Kellern vorbeigeht, flüstert man den Vers vor sich hin
-und zittert am ganzen Leibe.
-
-Manche waren aber neben lebendigen Bären so angekettet, daß diese sie
-gerade noch mit den Tatzen berühren konnten.
-
-Es gelang ihnen aber nicht, Arkadij Iljitsch zum Foltern zu holen: als
-er zu mir in die Kammer trat, packte er im gleichen Augenblick den
-Tisch, schlug das Fenster ein, und was weiter geschah, weiß ich nicht
-mehr ...
-
-Ich kam zum Bewußtsein, als ich Kälte in den Füßen fühlte. Ich will die
-Beine einziehen und merke, daß ich in einen Pelz aus Wolfs- und
-Bärenfell eingewickelt bin. Um mich herum ist es stockfinster, und ich
-rase auf einer Troika dahin ... Ich weiß gar nicht, wohin. Neben mir
-sitzen aber im breiten Schlitten zwei Männer: der eine -- es ist Arkadij
-Iljitsch -- hält mich fest, der andere aber treibt die Pferde an ... Der
-Schnee sprüht nur so unter den Hufen der Pferde empor, und der Schlitten
-schüttelt mächtig: wenn wir nicht auf dem Boden des Schlittens säßen und
-uns nicht mit den Händen festhielten, so wären wir längst
-hinausgeflogen.
-
-Und ich höre sie ängstlich miteinander reden und verstehe nur das eine:
-»Man setzt uns nach! Jage, was du jagen kannst!«
-
-Wie Arkadij Iljitsch sieht, daß ich zum Bewußtsein gekommen bin, beugt
-er sich über mich und sagt:
-
-»Ljuba, mein Täubchen! Man jagt uns nach, bist du bereit zu sterben,
-wenn sie uns einholen?«
-
-Ich antworte, daß ich mit Freuden sterben werde.
-
-Er hoffte, nach der türkischen Stadt Rustschuk zu entkommen, wohin schon
-viele von unseren Leuten vor dem Grafen Kamenskij geflohen waren.
-
-Wir sausten plötzlich über eine Brücke, in der Ferne tauchte etwas wie
-eine menschliche Behausung auf, und wir hörten Hundegebell. Der Kutscher
-hieb tüchtig auf die Pferde ein, warf plötzlich den Schlitten um,
-Arkadij und ich fielen in den Schnee hinaus, der Schlitten, die Pferde
-und der Kutscher waren aber im Nu verschwunden.
-
-Arkadij sagt:
-
-»Fürchte nichts, so muß es sein, denn ich kenne den Kutscher, der uns
-gefahren hat, nicht, und er kennt uns nicht. Er hat es für drei Dukaten
-übernommen, dich zu entführen, und muß jetzt an die Rettung seiner
-eigenen Seele denken. Wir sind in Gottes Hand: da ist das Dorf
-Ssuchaja-Orliza, und hier wohnt ein kühner Pope, der die gewagtesten
-Ehen traut und der schon vielen von unseren Leuten zur Flucht verholfen
-hat. Wir geben ihm ein Geschenk, er wird uns die Nacht über bei sich
-behalten und morgen trauen; am Abend wird aber der gleiche Kutscher
-wieder kommen, und wir werden uns davonmachen.«
-
-
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- ELFTES KAPITEL
-
-
-Wir klopfen an und treten in den Flur. Der Pope selbst läßt uns ein, --
-er ist ein kleiner, alter Mann, und vorne fehlt ihm ein Zahn. Seine alte
-Frau macht Licht. Wir stürzen ihnen zu Füßen:
-
-»Rettet uns, laßt uns in die warme Stube ein und versteckt uns bis
-morgen Abend!«
-
-Der Pope fragt:
-
-»Habt ihr was gestohlen, oder seid ihr einfach durchgebrannt?«
-
-»Nichts haben wir gestohlen; wir sind auf der Flucht vor dem grausamen
-Grafen Kamenskij und wollen nach der türkischen Stadt Rustschuk, wo
-nicht wenige von unsern Leuten wohnen. Man wird uns nicht finden, wir
-haben aber Geld bei uns und wollen Ihnen für das Übernachten einen
-goldenen Dukaten geben und für das Trauen -- drei Dukaten. Wenn Sie es
-können, trauen Sie uns, sonst werden wir uns in Rustschuk trauen
-lassen.«
-
-Und jener antwortet:
-
-»Warum sollte ich es nicht können? Ich kann es sehr wohl. Was braucht
-ihr euer Geld nach Rustschuk zu schleppen? Gebt mir für alles zusammen
-fünf Dukaten, und ich werde euch gleich hier zusammenkoppeln.«
-
-Arkadij gab ihm die fünf Dukaten, und ich nahm mir die Quamarin-Ohrringe
-ab und gab sie der Popenfrau.
-
-Der Pope nahm das Geld und sagte:
-
-»Ach, meine Lieben, ich habe schon ganz andere Paare getraut, es ist
-aber nicht gut, daß ihr von des Grafen Leuten seid. Und wenn ich auch
-Pope bin, so habe ich doch Angst vor seiner Grausamkeit. Aber ich will
-es schon machen, komme, was kommen mag. Gebt mir noch einen Dukaten, und
-wenn auch einen beschnittenen, dazu und versteckt euch.«
-
-Arkadij gibt ihm den sechsten Dukaten, sogar einen guten, und er sagt zu
-seiner Popenfrau:
-
-»Alte, was stehst du noch da? Gib der Entlaufenen irgendeinen Rock und
-eine Jacke, denn es ist eine Schande, sie anzuschauen -- sie ist ja
-nackt.« Dann wollte er uns in die Kirche führen und in den Kasten mit
-Kirchengewändern verstecken. Kaum hatte aber die Popenfrau begonnen,
-mich hinter dem Vorhang umzukleiden, als an die Türe geklopft wurde.
-
-
-
-
- ZWÖLFTES KAPITEL
-
-
-Uns beiden standen die Herzen still. Der Pope aber flüstert Arkadij zu:
-
-»Mein Lieber, in den Kasten mit den Kirchengewändern werdet ihr ja jetzt
-nicht mehr kommen können, schlüpfe aber unter das Federbett.«
-
-Und zu mir spricht er:
-
-»Und du, meine Liebe, komm einmal her.«
-
-Er stellt mich ins Gehäuse der großen Standuhr, sperrte es zu und
-steckte den Schlüssel in die Tasche. Und dann geht er die Tür aufmachen.
-Ich höre, daß es viele Menschen sind. Die einen stehen in der Türe, und
-zweie schauen von außen durchs Fenster herein.
-
-Sieben Mann von den Jägern des Grafen kommen in die Stube; alle haben
-Mordwaffen und Peitschen in der Hand und Stricke im Gürtel; der achte im
-langen Wolfspelz und hoher Mütze ist aber der Haushofmeister.
-
-Das Uhrgehäuse, in dem ich stand, war vorne wie ein Gitter durchbrochen
-und mit altem Tüll bespannt. Durch diesen Tüll konnte ich alles sehen.
-
-Der alte Pope merkt wohl, daß die Sache schlimm steht: er zittert vor
-dem Haushofmeister, bekreuzigt sich in einemfort und stammelt:
-
-»Ach, meine Lieben, meine Lieben! Ich weiß wohl, was ihr hier sucht, ich
-stehe vor dem durchlauchtigsten Grafen unschuldig da! Ich bin
-unschuldig, bei Gott, unschuldig!«
-
-Während er sich aber bekreuzigt, zeigt er immer mit den Fingern über die
-linke Schulter auf das Uhrgehäuse, in dem ich eingesperrt bin.
-
--- Ich bin verloren! -- denke ich mir, wie ich diesen Zauber sehe.
-
-Auch der Haushofmeister verstand den Wink und sagte:
-
-»Uns ist alles bekannt. Gib mal den Schlüssel von dieser Uhr her.«
-
-Der Pope begann wieder mit den Händen zu fuchteln:
-
-»Ach, meine Lieben! Verzeiht, straft mich nicht, ich habe vergessen, wo
-ich den Schlüssel habe, bei Gott, ich habe es vergessen!«
-
-Und dabei fährt er sich immer mit der Hand über die Tasche.
-
-Der Haushofmeister merkte auch diesen Zauber. Er nahm ihm den Schlüssel
-aus der Tasche und holte mich aus der Uhr heraus.
-
-»Komm mal heraus, Täubchen,« sagt er mir, »der Täuberich wird sich schon
-von selbst melden.«
-
-Arkascha meldet sich auch gleich: er wirft das Popenbett von sich und
-spricht:
-
-»Es ist wohl nichts zu machen, ihr habt gewonnen. Nun könnt ihr mich
-wieder zurückbringen und den Folterknechten überliefern. Sie aber ist
-unschuldig: ich habe sie mit Gewalt entführt.«
-
-Dann wendet er sich zum Popen um und spuckt ihm nur ins Gesicht.
-
-Jener aber sagt:
-
-»Meine Lieben, seht ihr, wie er mein Priesteramt und meine Treue
-beschimpft? Meldet es doch dem durchlauchtigsten Grafen!«
-
-Der Haushofmeister antwortet:
-
-»Hab nur keine Angst: alles wird ihm angerechnet werden!« Und er gibt
-seinen Leuten den Befehl, mich und Arkadij hinauszuführen.
-
-Wir setzten uns in drei Schlitten: in den vorderen Schlitten kam der
-gebundene Arkadij mit den Jägern; mich setzte man unter der gleichen
-Bewachung in den letzten Schlitten, und die Übrigen fuhren in der Mitte.
-
-Als das Volk uns so fahren sah, machte es Platz: alle glaubten, daß es
-ein Hochzeitszug sei.
-
-
-
-
- DREIZEHNTES KAPITEL
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-
-Wir waren sehr bald wieder zu Hause. Als wir in den Hof einfuhren, war
-vom ersten Schlitten, auf dem man Arkadij gebracht hatte, nichts mehr zu
-sehen. Man sperrte mich in meine alte Kammer und nahm mich ins Verhör:
-wie lange ich mit Arkadij allein gewesen sei?
-
-Ich sage ihnen:
-
-»Auch nicht einen Augenblick!«
-
-Das war mir wohl schon so vom Himmel beschieden, daß mich nicht der
-Geliebte, sondern der Verhaßte bekam. Diesem Schicksal entging ich
-nicht. Als ich in meine Kammer zurückkehrte und den Kopf in die Kissen
-vergrub, um mein Unglück zu beweinen, hörte ich von unten furchtbares
-Stöhnen.
-
-Bei uns war das so eingerichtet: wir Mädchen wohnten im ersten Stock des
-hölzernen Hauses, unten war aber ein großes, hohes Zimmer, in dem wir
-singen und tanzen lernten. Oben konnte man alles, was unten vorging,
-hören. Und der Fürst der Hölle, Satanas, gab den Grausamen den Gedanken
-ein, Arkadij gerade unter meiner Kammer zu foltern.
-
-Als ich hörte, wie man ihn peinigte ... stürzte ich zur Türe, um zu ihm
-zu laufen ... Die Türe war aber verschlossen ... Ich wußte selbst nicht,
-was ich tun wollte ... und ich fiel hin ... Auf dem Boden ist aber alles
-noch viel deutlicher zu hören ... Und ich habe keinen Nagel und kein
-Messer, ich habe gar nichts, um mich zu töten ... Und ich nahm meinen
-Zopf, und wickelte ihn mir um den Hals, und ich drehte ihn mir um den
-Hals, und ich drehte ihn immer fester zusammen ... Zuletzt hörte ich nur
-ein Klingen in den Ohren und sah Kreise vor den Augen, und alles erstarb
-in mir ... Und als ich zum Bewußtsein kam, sah ich mich an einem Ort,
-den ich gar nicht kannte, in einer großen hellen Stube ... Kälber waren
-um mich her, viele Kälber, mehr als zehn Stück ... So freundlich waren
-sie: das eine nach dem andern kam auf mich zu, schnupperte mit kalten
-Lippen an meiner Hand, glaubte wohl, das Euter der Mutter zu saugen ...
-Ich war auch darum erwacht, weil das so kitzelte ... Ich sehe mich um
-und frage mich: wo bin ich? Und ich sehe: eine ältere große Frau kommt
-herein, ist ganz in blaue Leinwand gekleidet, hat ein sauberes Tuch um
-den Kopf, und das Gesicht ist so freundlich und liebevoll.
-
-Wie die Frau sieht, daß ich zum Bewußtsein gekommen bin, fängt sie
-freundlich zu sprechen an und erzählt mir, daß ich mich im Kälberstall
-am Grafenhause befinde ... Siehst du, dort stand dieser Stall --
-erklärte Ljubow Onissimowna, mit der Hand auf den entferntesten Winkel
-des halbzerfallenen Bretterzaunes zeigend.
-
-
-
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- VIERZEHNTES KAPITEL
-
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-Man hatte sie auf den Viehhof gebracht, weil man glaubte, sie sei
-verrückt geworden. Geisteskranke Leibeigene, die zum Vieh herabgesunken
-waren, pflegte man »zwecks Prüfung« auf den Viehhof zu schaffen, denn
-die Viehwärter, lauter ältere und solide Leute, galten als berufen,
-Geisteskranke zu beobachten.
-
-Die Frau in blauer Leinwand, bei der Ljubow Onissimowna zu sich kam,
-hieß Drossida und war sehr gutherzig.
-
-Am Abend -- fuhr die Kinderfrau fort -- machte sie mir ein Lager aus
-frischem Haferstroh. Sie zerfaserte es, so daß es so weich wie Daunen
-war, und sagte mir: »Ich will dir alles eröffnen, Mädchen, komme was
-kommen mag. Ich bin aber ebenso wie du und habe nicht immer diese blaue
-Leinwand getragen. Auch ich habe schon ein anderes Leben gesehen. Ich
-mag daran gar nicht zurückdenken, dir will ich aber nur dieses sagen:
-gräme dich nicht, daß du auf den Viehhof verbannt worden bist, in der
-Verbannung ist es viel besser, nimm dich aber vor diesem schrecklichen
-Placon in acht ...«
-
-Und sie holt aus dem Busentuch ein weißes Fläschchen und zeigt es mir.
-
-Ich frage:
-
-»Was ist das?«
-
-Und sie antwortet:
-
-»Trink es nicht: es ist Schnaps. Ich habe mich einmal nicht beherrschen
-können ... gute Menschen hatten es mir gegeben ... Jetzt kann ich ohne
-den Placon gar nicht leben ... Du aber enthalte dich, solange du kannst,
-und verurteile mich nicht, wenn ich ein wenig davon sauge, denn es ist
-mir gar zu weh ums Herz. Du sollst aber noch einen Trost im Leben
-erfahren: Gott hat _ihn_ schon von der Tyrannei erlöst ...«
-
-Ich schrie auf: »Er ist tot!« und griff mich an die Haare. Ich erkenne
-meine Haare nicht: ganz weiß sind sie geworden ... Was ist das?
-
-Und sie sagt mir:
-
-»Erschrecke nicht, deine Haare sind dort, als man dich aus deinem Zopf
-befreite, weiß geworden; er aber lebt und ist von der Tyrannei erlöst:
-der Graf hat ihm eine Gnade erwiesen, die noch niemand erlebt hat. Wenn
-die Nacht kommt, werde ich dir alles erzählen, jetzt will ich noch ein
-wenig an meinem Placon saugen ... Das Herz brennt mir so ...«
-
-Und sie sog solange daran, bis sie einschlief.
-
-Nachts aber, als alle schon schliefen, stand Tantchen Drossida wieder
-auf, ging, ohne Licht zu machen, ans Fenster, sog wieder am Placon,
-versteckte ihn und fragte mich leise:
-
-»Schläft der Gram oder schläft er nicht?«
-
-Und ich antwortete:
-
-»Der Gram schläft nicht.«
-
-Sie kam an mein Bett und erzählte mir, daß der Graf den Arkadij nach der
-Züchtigung zu sich berufen und ihm gesagt habe:
-
-»Du mußtest alles durchmachen, was ich für dich festgesetzt hatte. Da du
-mein Favorit warst, werde ich dir meine Gnade erweisen: morgen stecke
-ich dich unter die Soldaten. Da du aber meinen Bruder, den
-durchlauchtigsten Grafen, trotz seiner Pistolen nicht gefürchtet hast,
-will ich dir den Weg der Ehre eröffnen, -- ich will nicht, daß du tiefer
-als auf der Stufe stehst, auf die du dich selbst mit deinem edlen Geiste
-gestellt hast. Ich will einen Brief schreiben, daß man dich sofort in
-den Krieg schickt, und du wirst nicht als gewöhnlicher Soldat, sondern
-als Sergeant kämpfen. Zeige nun deinen Mut. Und du stehst jetzt nicht
-mehr unter meinem Willen, sondern unter dem Willen des Zaren.«
-
-»Jetzt hat er es leichter,« sagte Tantchen Drossida, »und hat nichts zu
-fürchten: jetzt droht ihm nur eine Gefahr: in der Schlacht zu fallen;
-die Tyrannei des Grafen ist er aber los.«
-
-Ich glaubte ihr jedes Wort und träumte drei Jahre lang jede Nacht von
-Arkadij Iljitsch, wie er kämpfte.
-
-So vergingen die drei Jahre, und Gott war mir gnädig: man schickte mich
-nicht mehr ans Theater, sondern ließ mich bei der Tante Drossida im
-Kälberstall als ihre Gehilfin. Hier hatte ich es gut, und die Frau tat
-mir sehr leid. Wenn sie nicht allzuviel getrunken hatte, erzählte sie
-mir nachts Geschichten, und ich hörte ihr gerne zu. Sie konnte sich noch
-erinnern, wie der alte Graf von seinen eigenen Leuten erstochen worden
-war. Sein Kammerdiener war der Haupttäter gewesen, -- die Leute hatten
-seine Grausamkeit einfach nicht länger ertragen können. Ich trank aber
-noch immer nicht und tat mit großer Freude die Arbeit für Tantchen
-Drossida: die Kälbchen waren mir wie Kinder. Ich hatte sie so lieb, daß,
-wenn man eines aus dem Stalle nahm, um es für den gräflichen Tisch zu
-schlachten, ich es beim Abschied bekreuzigte und dann drei Tage lang
-beweinte. Fürs Theater taugte ich nicht mehr, denn ich konnte nicht mehr
-richtig die Beine bewegen. Einst hatte ich einen wunderschönen leichten
-Gang; auf der Flucht mit Arkadij Iljitsch hatte ich mir wohl die Füße
-erkältet und hatte nicht mehr die einstige Kraft in den Spitzen. Ich
-kleidete mich in die gleiche blaue Leinwand wie Drossida, und Gott
-allein weiß, wie ich mein Leben beschlossen hätte. Aber eines Abends bei
-Sonnenuntergang, wie ich in der Stube sitze und Garn aufwickele, fliegt
-zum Fenster ein Steinchen herein, und das Steinchen ist in ein Papier
-eingeschlagen.
-
-
-
-
- FÜNFZEHNTES KAPITEL
-
-
-Ich schaue hin, ich schaue her, blicke zum Fenster hinaus, -- niemand
-ist da.
-
-»Jemand hat wohl den Stein aus der freien Welt hereingeworfen,« denke
-ich mir, »hat aber aus Versehen unser Fenster getroffen.« Und ich frage
-mich: »Soll ich das Papier aufmachen oder nicht?« Es ist wohl besser,
-daß ich es aufmache, denn es ist sicher etwas darauf geschrieben.
-Vielleicht eine wichtige Nachricht. Ich kann das Geheimnis für mich
-behalten und den Stein mit dem Zettel demjenigen zuwerfen, für den er
-bestimmt ist.
-
-Ich mache das Papier auf, beginne zu lesen, und traue meinen Augen nicht
-...
-
-
-
-
- SECHZEHNTES KAPITEL
-
-
-Und ich lese:
-
-»Meine treue Ljuba! Ich war im Kriege, habe für meinen Kaiser gefochten,
-habe mehr als einmal mein Blut vergossen und bin dafür mit dem
-Offiziersrang und dem Adel belohnt worden. Jetzt habe ich Urlaub zur
-Heilung meiner Wunden bekommen und wohne im Gasthofe in der
-Kanonier-Vorstadt. Morgen lege ich alle meine Orden und Kreuze an, gehe
-zum Grafen, gebe ihm mein ganzes Geld, die fünfhundert Rubel, die man
-mir zur Heilung meiner Wunden gegeben hat, und bitte ihn, dich
-freizulassen, in der Hoffnung, daß wir uns nun vor dem Altar des
-Höchsten trauen lassen können.«
-
--- Und weiter hieß es in dem Briefe, -- fuhr Ljubow Onissimowna mit
-unterdrückter Erregung fort: »Was aber die Schmach betrifft, die Sie
-über sich ergehen lassen mußten, so halte ich sie für ein bloßes Unglück
-und rechne sie Ihnen nicht als Sünde und Schwäche an. Gott allein mag
-Sie richten, ich aber empfinde Ihnen gegenüber nur Achtung.« Und der
-Brief ist unterschrieben: »Arkadij Iljin.«
-
-Ljubow Onissimowna verbrannte den Brief sofort im Ofen, sagte keinem
-Menschen etwas davon, selbst der Alten nicht, und betete die ganze Nacht
-zu Gott. Sie betete aber nicht für sich, sondern nur für ihn: er war
-zwar Offizier, mit Wunden und Ehrenzeichen bedeckt, sie konnte sich aber
-gar nicht denken, daß der Graf ihn anders behandeln würde, als früher.
-
-Sie fürchtete einfach, daß man ihn schlagen würde.
-
-
-
-
- SIEBZEHNTES KAPITEL
-
-
-Am nächsten Morgen führte Ljubow Onissimowna die Kälbchen in aller Frühe
-in die Sonne und gab ihnen Milch und eingeweichte Brotrinden. Plötzlich
-hörte sie draußen, hinter dem Zaune, »in der Freiheit« viele Menschen
-rennen und laut sprechen.
-
--- Was sie sprachen, -- erzählte sie, -- hörte ich nicht, aber ihre
-Worte schnitten mich wie Messer ins Herz. Der Mistführer Philipp kam
-gerade in den Hof gefahren, und ich fragte ihn:
-
-»Filjuschka, Väterchen, hast du nicht gehört, worüber die Leute draußen
-sprechen?«
-
-Und er antwortet:
-
-»Sie gehen in die Kanonier-Vorstadt, wo in dieser Nacht der Gastwirt
-einen schlafenden Offizier erstochen hat. Er hat ihm die Kehle
-durchschnitten und fünfhundert Rubel von ihm geraubt. Man hat ihn schon
-ergriffen, er war ganz blutig und hatte noch das ganze Geld bei sich.«
-
-Und wie er mir das sagt, falle ich wie tot zu Boden ...
-
-So war es auch: der Wirt hatte meinen Arkadij Iljitsch erstochen ... und
-man beerdigte ihn hier, in diesem selben Grabe, auf dem wir jetzt sitzen
-... Er liegt jetzt unter uns, in dieser Erde ... Darum führe ich ja euch
-immer hierher spazieren ... Ich habe gar keine Lust, dorthin zu schauen
-(sie zeigte mit der Hand auf die morschen Ruinen des Grafenhauses),
-möchte nur hier in seiner Nähe sitzen und ... einen Tropfen zu seinem
-Gedächtnis trinken ...
-
-
-
-
- ACHTZEHNTES KAPITEL
-
-
-Ljubow Onissimowna hielt inne -- sie war wohl mit ihrer Erzählung zu
-Ende -- und holte aus der Tasche das Fläschchen und sog daran. Ich aber
-fragte sie:
-
-»Wer hat denn den berühmten Toupetkünstler hier beerdigt?«
-
-»Der Gouverneur, mein Liebling, der Gouverneur war selbst bei der
-Beerdigung dabei. Wie denn sonst? Er war doch Offizier, und der
-Geistliche und der Diakon nannten ihn bei der Totenmesse >der Edle
-Arkadij<. Und als man den Sarg ins Grab versenkte, gaben die Soldaten
-blinde Schüsse in die Luft ab. Der Gastwirt wurde aber übers Jahr auf
-dem Iljinka-Platze vom Henker mit der Knute bestraft. Dreiundvierzig
-Knutenhiebe bekam er wegen Arkadij Iljitsch, blieb aber am Leben und kam
-mit gebrandmarktem Gesicht nach Sibirien. Alle unsere Leute, die gerade
-frei hatten, liefen hin, um zuzuschauen, und die Alten, die sich noch
-erinnerten, wie man den Mörder des alten Grafen bestraft hatte, sagten,
-daß dreiundvierzig Schläge viel zu wenig waren: Arkascha war eben von
-einfacher Abstammung; für den Grafen hatte man aber hundertundeinen
-Schlag gegeben. Nach dem Gesetz darf man ja keine gerade Zahl von
-Schlägen geben, es muß immer eine ungerade Zahl sein. Damals hatte man
-sich einen Henker aus Tula kommen lassen und ihm vorher drei Glas Rum zu
-trinken gegeben. Er hatte die ersten hundert Schläge nur zur Peinigung
-gegeben, so daß der Verbrecher immer noch am Leben blieb; mit dem
-hundertersten Schlag zerschmetterte er ihm aber das Rückgrat. Als man
-ihn vom Brette aufhob, war er schon halbtot ... Man deckte ihn mit einer
-Bastdecke zu und wollte ihn ins Zuchthaus bringen ... Unterwegs gab er
-den Geist auf. Der Henker aus Tula schrie aber noch: >Gebt mir noch
-jemand her, alle Leute von Orjol will ich totschlagen!<«
-
-»Nun, waren Sie auch selbst bei der Beerdigung?«
-
-»Gewiß, wir alle waren dabei: der Graf hatte befohlen, daß man alle
-Leute vom Theater hinführt, damit sie sehen, wie weit es einer von den
-unsrigen bringen kann.«
-
-»Haben Sie ihn auch im Sarge liegen sehen?«
-
-»Gewiß! Alle gingen zum Sarge und nahmen von ihm Abschied ... Auch ich
-ging hin ... Er war so verändert, daß ich ihn gar nicht wiedererkannt
-hätte. So blaß und mager war er, -- die Leute sagten, er hätte sein
-ganzes Blut verloren, weil ihn der Mörder um Mitternacht erstochen hat
-... So viel Blut hat er verloren ...«
-
-Sie hielt inne und wurde nachdenklich.
-
-»Und Sie,« fragte ich, »wie haben Sie es überstanden?«
-
-Sie erwachte gleichsam aus ihren Träumen und fuhr sich mit der Hand über
-die Stirn.
-
-»Wie es mir anfangs zumute war, weiß ich nicht mehr, ich weiß auch
-nicht, wie ich nach Hause kam ... Ich ging ja mit allen zusammen vom
-Friedhof fort, also hat mich wohl jemand geführt ... Am Abend sagte mir
-aber Drossida Petrowna:
-
->So geht es nicht, du schläfst nicht und liegst wie ein Stein da. Das
-ist nicht gut! Du mußt weinen, damit das Herz einen Ausfluß hat.<
-
-Ich sage ihr drauf:
-
->Ich kann nicht weinen, Tantchen, -- mein Herz brennt wie eine Kohle und
-hat keinen Ausfluß.<
-
-Und sie antwortet:
-
->Also kannst du dem Placon nicht mehr entgehen.<
-
-Sie schenkte mir aus ihrem Fläschchen ein und sagte:
-
->Bisher habe ich dich davon zurückgehalten und es dir abgeraten. Jetzt
-ist aber nichts mehr zu machen: sauge daran und lösche die Kohle.<
-
-Ich ihr drauf: >Ich habe keine Lust.<
-
->Närrchen,< sagt sie mir, >kein Mensch hat anfangs Lust dazu. Der Gram
-ist bitter, und das Gift ist noch bitterer. Wenn man die Kohle mit
-diesem Gift begießt, erlischt sie für eine Weile. Saug schnell daran!<
-
-Ich trank den ganzen Placon auf einmal aus. Es war mir widerlich, ich
-konnte aber anders nicht einschlafen. Und so war es auch in der nächsten
-Nacht ... Heute kann ich ohne ihn nicht mehr auskommen. Habe mir selbst
-einen Placon angeschafft und kaufe mir Schnaps ... Und du, liebes Kind,
-sag der Mama nichts davon: du sollst die einfachen Menschen niemals
-verraten, du sollst mit ihnen Mitleid haben, denn sie sind alle Dulder.
-Und wenn wir jetzt nach Hause gehen, werde ich gleich an der Ecke ans
-Fenster der Schenke klopfen ... Wir werden nicht hineingehen, ich werde
-nur den leeren Placon abgeben, und man wird mir einen neuen durchs
-Fenster reichen.«
-
-Ich war gerührt und versprach ihr, keinem Menschen von ihrem Placon zu
-erzählen.
-
-»Ich danke dir, Lieber, -- sag es niemand: denn ich muß ihn haben.«
-
-Ich sehe sie auch heute noch vor mir: jede Nacht, wenn alle im Hause
-schlafen, steht sie von ihrem Bette auf, so leise, daß kein Knöchelchen
-knackt, sie lauscht und schleicht auf ihren langen erkälteten Beinen zum
-Fenster ... Sie steht eine Weile da, sieht sich um und lauscht wieder,
-ob meine Mutter nicht aus dem Schlafzimmer kommt; dann höre ich den Hals
-des »Placons« gegen ihre Zähne klappern ... Sie nimmt einen Schluck,
-einen zweiten und einen dritten ... So hat sie die Kohle für eine
-Zeitlang gelöscht und eine Totenfeier für ihren Arkascha abgehalten. Und
-dann schlüpft sie wieder unter die Decke, und ich höre sie nur leise mit
-der Nase pfeifen. Sie schläft!
-
-Eine schrecklichere und herzzerreißendere Totenfeier habe ich noch nicht
-erlebt.
-
-
-
-
- ANLÄSSLICH DER KREUTZERSONATE
-
-
- (Aus dem Nachlaß)
-
- »Jedes Mädchen steht moralisch
- höher, als der Mann, weil sie
- unvergleichlich
- reiner ist. Ein Mädchen,
- das geheiratet hat, steht
- immer höher, als ihr Mann. Sie
- steht höher als er, als Mädchen und
- auch als Frau in unserm Leben.«
-
- L. Tolstoi.
-
-
-
-
- ERSTES KAPITEL
-
-
-Man begrub Fjodor Michailowitsch Dostojewskij. Das Wetter war rauh und
-trübe. Ich fühlte mich an diesem Tage krank und vermochte dem Sarge nur
-mit Mühe bis zum Tor des Newskij-Klosters zu folgen. Vor dem Tor
-herrschte ein großes Gedränge. In der Menge hörte man Stöhnen und
-Schreien. Auf einer Erhöhung erschien der Dramendichter Awerkijew und
-schrie irgendetwas. Er hatte eine laute Stimme, aber man konnte seine
-Worte nicht verstehen. Die einen sagten, er wolle Ordnung schaffen, und
-lobten ihn dafür, die anderen ärgerten sich über ihn. Ich war unter
-denen, die keinen Einlaß gefunden hatten, und da ich keinen Sinn sah,
-noch länger hier zu bleiben, ging ich nach Hause, trank heißen Tee und
-schlief ein. Von der Kälte und den verschiedenartigen Eindrücken fühlte
-ich mich sehr müde. Ich schlief lange und so fest, daß ich zum
-Mittagessen nicht aufstand. So kam ich an jenem Tage nicht dazu, zu
-Mittag zu essen, weil zu der Summe verschiedenartiger Eindrücke noch ein
-neuer, unerwarteter hinzu kam, der mich äußerst erregte.
-
-In der späten Dämmerung weckte mich mein Mädchen und sagte, daß eine
-unbekannte Dame gekommen sei, die nicht weggehen wolle und beharrlich
-bitte, ich möge sie empfangen. Damenbesuche bei unsereinem, einem
-bejahrten Schriftsteller sind eine ganz gewöhnliche Sache. Zahlreiche
-Damen und Mädchen kommen zu uns, um sich mit uns über ihre literarischen
-Versuche zu beraten oder uns um unsere Unterstützung beim Unterbringen
-ihrer Erzeugnisse bei ihnen unbekannten Redaktionen zu bitten. Deshalb
-kamen mir der Besuch der Dame und ihre Hartnäckigkeit durchaus nicht
-erstaunlich vor. Wenn das Leid groß ist und die Not nicht weichen will,
-ist es nicht verwunderlich, wenn man hartnäckig wird.
-
-Ich sagte dem Mädchen, sie solle die Dame ins Arbeitszimmer bitten, und
-machte mich zurecht. Als ich mein Kabinett betrat, brannte auf dem
-großen Tische die Arbeitslampe. Ihr heller Schein beleuchtete nur ihn
-und ließ das Zimmer im Halbdunkel. Die unbekannte Dame, die mich diesmal
-besuchte, war mir in der Tat nicht bekannt.
-
-Als ich sie genauer betrachtete und sie bitten wollte, im Sessel Platz
-zu nehmen, schien es mir, als wiche sie den erleuchteten Zimmerstellen
-aus und trachte danach, im Schatten zu bleiben. Das kam mir sonderbar
-vor. Auf solche Weise zieren und genieren sich manchmal schüchterne,
-ungewandte Leute, aber am sonderbarsten erschien mir die bevorzugte
-gesellschaftliche Stellung der Dame, die sich mir irgendwie fühlbar
-mitteilte. Sie war entzückend gekleidet, ganz einfach, aber alles an ihr
-war kostspielig und elegant: der reizende Plüschmantel, den sie nicht im
-Vorzimmer abgelegt hatte und während unseres ganzen Gespräches
-anbehielt; das elegante schwarze Hütchen, anscheinend kein russisches
-Erzeugnis, sondern Pariser Modell, der hinten geknotete schwarze
-Schleier, durch dessen doppeltes Netz ich nur das weiße, runde Kinn und
-manchmal das Aufleuchten der Augen sehen konnte. Statt mir ihren Namen
-und den Zweck ihres Besuches zu sagen, begann sie mit folgenden Worten:
-
-»Darf ich darauf rechnen, daß Sie sich für meinen Namen nicht
-interessieren werden?«
-
-Ich antwortete ihr, daß sie durchaus darauf rechnen dürfe. Darauf bat
-sie, ich möchte mich auf den Stuhl vor der Lampe setzen, und schob dann
-ungeniert den grünen Taftschirm an der Lampenglocke so zurecht, daß das
-ganze Licht auf mich fiel und ihr Gesicht im Schatten blieb. Dann setzte
-sie sich selbst an das andere Ende des Tisches und fragte von neuem:
-
-»Sie haben keine Familie?«
-
-Ich antwortete, sie irre sich nicht, ich sei alleinstehend.
-
-»Kann ich ganz offen mit Ihnen sprechen?«
-
-Ich antwortete, daß, wenn sie Vertrauen zu mir habe, ich keinen Grund
-sähe, der sie hindern könnte, zu sprechen, wie es ihr beliebe.
-
-»Wir sind hier allein?«
-
-»Ganz allein!«
-
-Die Dame stand auf und machte zwei Schritte in der Richtung gegen das
-anstoßende Zimmer, in dem sich meine Bibliothek befand und hinter dem
-mein Schlafzimmer lag. In der Bibliothek brannte eine matte Lampe, bei
-deren Schein man das ganze Zimmer überschauen konnte. Ich rührte mich
-nicht von der Stelle, sagte aber zur Beruhigung der Dame, sie sähe doch
-selbst, daß bei mir niemand sei, außer der Bedienung und einer kleinen
-Waise, die bei ihren Erwägungen keinerlei Rolle spielen könnten. Hierauf
-setzte sie sich von neuem auf ihren Platz, rückte wieder an dem grünen
-Schirm und sagte:
-
-»Sie entschuldigen mich, ich bin in großer Erregung ..., und mein
-Benehmen mag sonderbar erscheinen, aber haben Sie Mitleid mit mir!«
-
-Ihre Hand, die sie wieder zu dem Taftschirm der Lampe erhoben hatte,
-stak in einem schwarzen Glacéhandschuh und zitterte heftig. Statt zu
-antworten, bot ich ihr Wasser an. Sie hielt mich zurück und sagte:
-
-»Es ist nicht nötig, ich bin nicht so nervös, ich bin zu Ihnen gekommen,
-weil dieses Begräbnis, diese Menschenketten ..., dieser Mensch, der auf
-mich einen so außergewöhnlich starken, zwingenden Eindruck gemacht hat,
-dieses Gesicht und die Erinnerung an all das, was ich zweimal im Leben
-erzählen mußte, alle meine Gedanken verwirrt haben. Wundern Sie sich
-nicht, daß ich zu Ihnen gekommen bin. Ich werde Ihnen erzählen, warum
-ich es getan habe; es macht nichts, daß wir einander nicht kennen: ich
-habe viel von Ihnen gelesen, und vieles war mir so sympathisch, so
-verwandt, daß ich es mir nicht versagen kann, mit Ihnen zu sprechen.
-Vielleicht ist das, was ich vorhabe, eine ganz große Dummheit. Ich will
-Sie vorher fragen, und Sie müssen mir aufrichtig antworten. Was Sie mir
-raten, das werde ich tun.«
-
-Ihre tiefe Altstimme bebte, und ihre Hände, für die sie keinen Platz
-fand, zitterten.
-
-
-
-
- ZWEITES KAPITEL
-
-
-Besuche und Anliegen dieser Art waren im Laufe meines literarischen
-Lebens, wenn auch nicht gerade häufig, kamen aber doch vor.
-
-Am häufigsten waren es Menschen mit politischem Temperament, die
-ziemlich schwer zu beruhigen sind und denen zu helfen doppelt riskant
-und unangenehm ist, um so mehr, als man in solchen Fällen fast nie weiß,
-mit wem man es zu tun hat. Auch diesmal ging mir zuerst durch den Kopf,
-die Dame möge von politischen Leidenschaften umstürmt sein und habe
-irgendetwas vor, was sie unglücklicherweise mir anvertrauen wolle. Die
-Einleitung klang ganz danach, und darum sagte ich unangenehm berührt:
-
-»Ich weiß nicht, worüber Sie sprechen werden. Ich wage nicht, Ihnen
-etwas zu versprechen, aber wenn Ihre eigenen Gefühle Sie hergeführt
-haben, in dem Vertrauen, das Ihnen mein Leben und mein Ruf einflößen, so
-werde ich keinenfalls Mißbrauch davon machen, was Sie mir anscheinend
-als Geheimnis anvertrauen wollen.«
-
-»Ja,« sagte sie, »als Geheimnis, als absolutes Geheimnis, und ich bin
-überzeugt, daß Sie es für sich behalten werden. Ich brauche Ihnen nicht
-zu wiederholen, warum es geheim bleiben muß. Ich weiß, daß Sie es
-fühlen, ich kann mich nicht täuschen; Ihr Gesicht sagt es mir deutlicher
-als alle Worte, und zudem habe ich keine andere Wahl. Ich wiederhole
-Ihnen, daß ich bereit bin, eine Handlung zu begehen, die mir in diesem
-Augenblick ehrenhaft erscheint, und doch gleich wieder als eine
-Taktlosigkeit: die Wahl muß sofort getroffen werden, in diesem
-Augenblick, sie hängt von Ihnen ab.«
-
-Ich zweifelte nicht, daß hierauf ein politisches Geständnis folgen
-würde, und sagte unwillig:
-
-»Ich höre zu.«
-
-Trotz des doppelten Schleiers fühlte ich den aufmerksamen Blick meines
-Gastes auf mir ruhen, sie sah mich unverwandt an und sagte fest:
-
-»Ich bin eine ungetreue Frau! Ich betrüge meinen Mann.«
-
-Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß mir bei diesem Geständnis eine
-schwere Last vom Herzen fiel; von Politik war anscheinend kein Gedanke.
-
-»Ich betrüge meinen prächtigen, gütigen Mann. Und das sind nun sechs,
-... nein, mehr! ..., ich muß die Wahrheit sagen, sonst lohnt es sich
-nicht, zu sprechen ... es sind jetzt acht Jahre her ... und dauert noch
-an ... Es begann im dritten Monat meiner Ehe. Etwas schmählicheres gibt
-es in der Welt nicht. Ich bin nicht alt, aber ich habe Kinder, verstehen
-Sie?«
-
-Ich nickte zustimmend mit dem Kopfe.
-
-»Sie verstehen, was das heißt. Zweimal in meinem Leben kam ich, wie zu
-Ihnen, zu ihm, den wir heute begraben haben und dessen Tod mich ganz
-durchwühlt, und gestand ihm, was mich bewegte. Einmal behandelte er mich
-barsch, das andere Mal zart, wie ein Freund. Wenn ich jetzt auch nicht
-mehr in der Verfassung bin, in der ich zu ihm kam, so bitte ich Sie
-schließlich doch, mir den Rat zu geben, den ich brauche. Das schlimmste
-im Leben ist der Betrug, und ich glaube zu fühlen, daß es besser ist,
-seine Niedrigkeit zu bekennen, die Strafe zu tragen, demütig und
-zerknirscht auf die Straße geworfen zu sein, -- ich weiß nicht, was mit
-mir geschehen wird, -- aber ich fühle das unbezwingbare Verlangen,
-hinzugehen und meinem Manne alles zu erzählen. Ich fühle dieses
-Bedürfnis seit sechs Jahren. Nach dem Beginn meines Verbrechens waren
-zwei Jahre vergangen, wo ich ihn nicht sah. Dann begann es von neuem,
-wie früher. Sechs Jahre habe ich den Vorsatz, es zu sagen, und habe es
-doch nicht gesagt, aber heute, als ich dem Sarge Dostojewskijs folgte,
-beschloß ich ein Ende zu machen und zwar so, wie Sie mir raten werden.«
-
-Da ich die Geschichte nicht verstanden hatte, schwieg ich und konnte ihr
-durchaus keinen Rat erteilen. Sie sah es an meinem Gesichtsausdruck.
-
-»Sie müssen natürlich mehr wissen. Ich bin nicht gekommen, um Rätsel
-aufzugeben, sondern um zu sprechen, um alles auszusprechen. Ich müßte
-schamlos lügen, wenn ich mich rechtfertigen wollte. -- Ich habe niemals
-Not gekannt, ich bin im Wohlstand geboren und lebe im Wohlstand. Die
-Natur hat mir meinen Anteil Verstand nicht versagt. Man gab mir eine
-gute Bildung, und ich hatte die Freiheit, meinen Ehegenossen selbst zu
-wählen, -- ich brauche darüber keine Worte zu verlieren. Ich heiratete
-einen Mann, der bis zur Stunde seinen guten Ruf mehr als bewahrt hat.
-Meine Lage war vortrefflich, als dieser Mensch, das heißt, ich wollte
-sagen, mein legitimer Gatte, mir seinen Antrag machte. Mir schien es,
-als gefalle er mir, und ich glaubte, daß ich ihn lieben könne;
-keinenfalls dachte ich, daß ich ihn betrügen würde, ihn auf die
-niedrigste Weise betrügen, dabei aber den Ruf einer ehrenhaften Frau und
-guten Mutter genießen würde, während ich keine anständige, ja vielleicht
-eine niederträchtige Mutter bin. Zu dem Betrug hat mich der Teufel
-selbst gebracht: wenn Sie wollen, glaube ich an den Teufel ... Im Leben
-hängt so viel von den Umständen ab. Man sagt, in den Städten sei viel
-Schmutz, auf dem Lande dagegen Reinheit: aber es war auf dem Lande
-geschehen, wo ich mit diesem Menschen, mit diesem verfluchten Menschen
-allein zusammen war, den mein Mann selbst zu mir gebracht und meiner
-Sorge überlassen hatte. Wenn Reue nicht nutzlos wäre, so müßte ich
-bereuen, müßte endlos diese Tat bereuen, die ich meinem Manne zu
-verdanken habe. Aber die Sache trug sich so zu, daß ich mich nicht an
-den Augenblick erinnere, ich erinnere mich nur an ein Gewitter, an eines
-der schrecklichen Gewitter, die ich seit meiner Kindheit immer
-gefürchtet habe. Ich liebte ihn damals nicht, ich hatte einfach Angst,
-und als uns in dem großen Saale ein Blitz erhellte, ergriff ich seine
-Hand ... Später, ich habe keine Erinnerung daran, ging es weiter. Dann
-machte er eine Weltreise, kehrte zurück, und es begann von neuem: aber
-jetzt will ich, daß es ein Ende nehme, und diesmal für immer. Ich wollte
-es schon mehrmals, aber nie reichte mein Wille aus, es zu ertragen. Die
-Entschlüsse, die ich gefaßt hatte, verflogen immer eine Stunde nach
-seinem Erscheinen, und das Schlimmste ist, -- ich will nichts
-verheimlichen, -- daß nicht er, sondern ich die Ursache war: ich selbst
-sagte und erreichte es und ärgerte mich, wenn es mir schwer fiel, es zu
-erreichen, -- und wenn ich dies weiter fortsetze, so wird der Betrug,
-meine Erniedrigung niemals ein Ende haben ...«
-
-»Was wollen Sie nun tun?« fragte ich.
-
-»Ich will meinem Manne alles bekennen, ich will es unbedingt noch heute
-tun, wenn ich von Ihnen nach Hause komme.«
-
-Ich fragte sie, wie ihr Mann sei und was für einen Charakter er habe.
-
-»Mein Mann,« antwortete die Dame, »genießt den besten Ruf, hat einen
-guten Posten und ist ziemlich bemittelt; alle halten ihn für einen
-ehrenwerten und edlen Menschen.«
-
-»Und Sie teilen diese Meinung?« fragte ich.
-
-»Nicht ganz, man schreibt ihm zu viel zu. Er ist allzu verständig und
-ordentlich, aber er hat wenig von dem, was man Herz nennt, so
-ungeschickt diese Bezeichnung auch ist, die an die sogenannte
-Seelenharmonie erinnert, aber ich kann es nicht anders sagen. Seine
-Herzensregungen sind abgezirkelt, geregelt, korrekt und eintönig.«
-
-»Und jener, den Sie lieben?«
-
-»Was wollen Sie über ihn wissen?«
-
-»Flößt er Ihnen Achtung ein?«
-
-»Oh!« rief die Dame und machte eine Bewegung mit der Hand.
-
-»Ich verstehe nicht ganz, was ich von dieser Bewegung denken soll?«
-
-»Sie sollen denken, daß er der herzloseste, elendeste Egoist ist, der
-niemand irgendwelche Achtung einflößt, sich nicht einmal die Mühe gibt,
-es zu tun.«
-
-»Sie lieben ihn?«
-
-Sie zuckte die Achseln und sagte:
-
-»Ich liebe ihn. Wissen Sie, es ist ein seltsames Wort, das auf aller
-Lippen ist und das nur sehr wenige verstehen. Lieben ist dasselbe, wie
-zur Poesie bestimmt sein, oder zur Rechtschaffenheit. Nur sehr wenige
-sind zu diesem Gefühle befähigt. Unsere Bäuerinnen gebrauchen an Stelle
-des Wortes lieben das Wort bemitleiden, und sagen nicht: er liebt mich,
-sondern: er bemitleidet mich. Dies ist, meiner Ansicht nach, eine viel
-bessere und auch viel einfachere Erklärung. Das Wort lieben-bemitleiden
-heißt eben lieben im alltäglichen Sinne. Und dann gibt es noch: sich
-sehnen. Man sagt: mein Ersehnter, mein lieber Ersehnter ... verstehen
-Sie, -- sich sehnen ...«
-
-Sie hielt inne und atmete schwer. Ich reichte ihr ein Glas Wasser, das
-sie diesmal aus meinen Händen nahm und sich dabei nicht fortwandte, aber
-sie war anscheinend dankbar, daß ich sie nicht genauer anblickte.
-
-Wir schwiegen beide. Ich wußte nicht, was zu sagen, und in ihr war
-anscheinend der Strom der Aufrichtigkeit versiegt. Sichtlich hatte sie
-alles Wesentliche gesagt, es konnten nur mehr Details folgen. Sie erriet
-meinen Gedanken genau und sagte mit leiser Stimme:
-
-»Nun denn, wenn Sie mir raten, daß ich es meinem Manne gestehen soll, so
-werde ich es tun, aber vielleicht können Sie mir etwas anderes sagen?
-Abgesehen von dem, was mir an Ihnen Sympathie und Vertrauen einflößt,
-haben Sie auch Erfahrung, ich bin Ihre aufmerksame Leserin. Wir Frauen
-fühlen auch das, was die berufsmäßigen Kritiker nicht fühlen. Sie
-können, wenn Sie wollen, Ihre aufrichtige Meinung sagen: soll oder soll
-ich nicht zu meinem Manne gehen und ihm meine schmachvolle, langjährige
-Sünde gestehen?«
-
-
-
-
- DRITTES KAPITEL
-
-
-Wie interessant diese Geschichte auch war, ich fühlte doch meine
-schwierige Lage. Wenn es auch viel leichter wäre, eine solche Antwort zu
-geben, wie sie mein Gast forderte, als einen politisch Tätigen zu
-beruhigen, oder ihm einen gewünschten Dienst zu erweisen, so fühlte ich
-doch mein Gewissen hier zu einer sehr ernsten Entscheidung berufen. Ich
-hatte lange genug gelebt und genug Frauen gesehen, die ihre Sünden
-dieser Art kunstvoll zu verbergen wußten, oder, wenn sie sie nicht
-verbargen, sie doch nicht eingestanden. Ich habe auch zwei oder drei
-aufrichtige Frauen gekannt und entsinne mich, daß sie mir weniger
-wahrheitsliebend, als grausam und affektiert erschienen. Ich fand dabei
-immer, daß die Frau mit ihrer ganzen Aufrichtigkeit voreilig sei und daß
-sie sich es ordentlich überlegen solle, bevor sie ihr Verbrechen dem
-mitteilt, dem sie damit vielleicht schweres Leid zufügt. Ich kümmerte
-mich niemals darum, wie sich die Welt zu dem Innenleben des Einzelnen
-verhält. Nicht die Welt, sondern der Mensch selbst ist mir teuer, und
-wenn ein Leid nicht unbedingt verursacht werden muß, warum es dann tun?
-Wenn die Frau eben solch ein Mensch ist, wie der Mann, ein
-gleichberechtigtes Glied der Gemeinschaft, und ihr dieselben
-Empfindungen zugänglich sind, dasselbe menschliche Gefühl wie dem Manne,
-was auch Christus sagt und was die Besten meines Jahrhunderts gesagt
-haben, was jetzt auch Leo Tolstoi sagt und worin ich eine unumstößliche
-Wahrheit fühle, -- weshalb kann dann die Frau nicht dasselbe tun, wie
-der Mann, der das Gelübde der Keuschheit der Frau gegenüber, der er
-durch Treue verbunden ist, bricht und schweigt, schweigt, obwohl er sein
-Vergehen fühlt und dadurch manchmal die ganze Unwürdigkeit seiner
-Verfehlungen fast ungeschehen macht? Ich bin überzeugt, daß die Frau es
-ebenso tun kann. Zweifellos übersteigt die Zahl der Männer, die ihren
-Frauen untreu sind, die Zahl der untreuen Frauen, und die Frauen wissen
-es. Es gibt nicht eine, oder kaum eine Frau, die nach einer mehr oder
-weniger langen Trennung von ihrem Manne die Überzeugung hätte, daß der
-Mann ihr während dieser Trennung treu geblieben sei. Dessen ungeachtet
-vergibt sie ihm nach seiner Rückkehr großmütig. Die Vergebung drückt
-sich darin aus, daß sie gar nicht danach fragt, und seine Aufrichtigkeit
-würde für sie keinen Dienst, sondern eine Kränkung bedeuten. Es wäre
-eine Handlung, durch die etwas an den Tag gebracht wird, was sie gar
-nicht wissen will. In der Ungewißheit findet sie die Kraft, ihre
-Beziehungen fortzusetzen, als seien sie nur versehentlich unterbrochen
-gewesen. Ich sehe ein, daß in meinen Betrachtungen mehr praktischer Sinn
-steckt, als abstrakte Philosophie oder hohe Moral, aber ich bin trotzdem
-geneigt, so zu denken, wie ich eben denke.
-
-In dieser Richtung setzte ich also die Unterhaltung mit meinem Gaste
-fort und fragte:
-
-»Die schlechten Eigenschaften des Menschen, den sie lieben, flößen Ihnen
-doch Verachtung ein?«
-
-»Eine sehr starke und beständige.«
-
-»Aber Sie geben sich doch die Mühe, ihn manchmal zu rechtfertigen?«
-
-»Zu meinem Bedauern ist das unmöglich: es gibt für ihn keine
-Rechtfertigung.«
-
-»Dann erlaube ich mir die Frage: wie steht es mit Ihrer Entrüstung über
-ihn? Bleibt sie stets gleich, oder nimmt sie manchmal ab und manchmal
-zu?«
-
-»Sie wird immer stärker.«
-
-»Nun will ich Sie fragen, -- Sie erlauben doch, daß ich Sie frage?«
-
-»Bitte sehr.«
-
-»Wo befindet sich jetzt Ihr Mann, während Sie bei mir sitzen?«
-
-»Zu Hause.«
-
-»Was tut er?«
-
-»Er schläft in seinem Zimmer.«
-
-»Und dann, wenn er aufsteht?«
-
-»Er steht um acht Uhr auf.«
-
-»Und was tut er dann?«
-
-Mein Gast lächelte.
-
-»Er wird sich waschen, sich anziehen, zu den Kindern gehen und mit ihnen
-eine halbe Stunde spielen, dann bringt man den Samowar, aus dem ich ihm
-ein Glas Tee einschenke.«
-
-»So,« sagte ich, »ein Glas Tee, der Samowar, die Hauslampe, das sind
-prächtige Dinge, bei denen wir bleiben wollen.«
-
-»Gut gesagt.«
-
-»Und das verläuft mehr oder weniger -- angenehm?«
-
-»Für ihn schon, glaube ich.«
-
-»Verzeihen Sie, in dieser Angelegenheit, die Sie die Liebenswürdigkeit
-hatten, mir aufzudecken, hat er allein Recht auf Rücksicht, -- nicht die
-Kinder, die niemals etwas erfahren sollen, und schließlich auch nicht
-Sie. Nein, auch Sie nicht, da Sie ihm das Leid zugefügt haben, während
-er der leidende Teil ist. Deshalb muß man an ihn denken, daß er nicht
-leide; nun stellen Sie sich vor, daß er, statt seiner Gewohnheit gemäß,
-Tee zu trinken und vielleicht respektvoll Ihre Hand zu küssen ...«
-
-»Nun?«
-
-»... Und dann an seine Geschäfte zu gehen, zu Abend zu essen und Ihnen
-eine gute Nacht zu wünschen, -- stellen Sie sich vor, wenn er statt
-dessen Ihr Geständnis hört, aus dem er erfährt, daß sein ganzes Leben
-vom ersten Monat an, oder vielleicht sogar vom ersten Tag der Ehe an in
-einen derartig sinnlosen Rahmen gestellt war? Sagen Sie, erweisen Sie
-ihm damit einen guten oder schlechten Dienst?«
-
-»Ich weiß es nicht. Wenn ich das wüßte, wenn ich diese Entscheidung
-treffen könnte, so wäre ich nicht hier und würde nicht darüber sprechen.
-Ich frage Sie um Rat, was ich tun soll.«
-
-»Einen Rat kann ich Ihnen nicht geben, aber ich kann Ihnen die Meinung
-sagen, die ich mir gebildet habe. Aber damit sie in meinen Augen eine
-bestimmte Form annimmt, erlaube ich mir an Sie eine Frage zu richten:
-... Die Gefühle bleiben im Menschen nie in ein und der selben Stärke ...
-Vermindert sich ihre Abneigung gegen jenen?«
-
-»Nein, sie verschärft sich.«
-
-Sie schrie es förmlich aus ihrem wehen Herzen, ja, sie schien
-aufspringen zu wollen, um etwas aus dem Wege zu gehen, was ich in meiner
-Vorstellung sah. Obwohl ich ihr Gesicht nicht sehen konnte, fühlte ich,
-daß sie entsetzlich litt und daß ihr Schmerz einen Grad erreicht hatte,
-dem eine Entspannung folgen mußte.
-
-»Folglich«, sagte ich, »verurteilen Sie ihn immer strenger ...«
-
-»Ja, immer mehr und mehr.«
-
-»Schön«, sagte ich, »jetzt erlaube ich mir Ihnen zu sagen, daß ich es
-für das Verständigste hielte, wenn Sie sich, nach Hause zurückgekehrt,
-an Ihren Samowar setzen würden, wie bisher.«
-
-Sie hörte schweigend zu. Ihre Augen waren auf mich gerichtet, ich sah
-sie durch den Schleier glänzen und hörte ihr Herz laut und schnell
-schlagen.
-
-»Sie raten mir, mein Schweigen fortzusetzen?«
-
-»Ich rate Ihnen nicht, aber ich denke, daß es für Sie, für ihn und für
-Ihre Kinder das Beste wäre.«
-
-»Aber warum das Beste? Das heißt doch, es endlos in die Länge ziehen?«
-
-»Darum das Beste, weil durch die Offenheit alles nur schlimmer werden
-würde, und diese Endlosigkeit würde noch trauriger sein, als jene, von
-der Sie sprachen.«
-
-»Meine Seele würde durch das Leiden geläutert werden.«
-
-Mir schien, als sähe ich ihre Seele: sie war lebendig und triebhaft,
-aber keine von jenen, die vom Leide geläutert werden. Deshalb sagte ich
-nichts mehr über ihre Seele, sondern erwähnte wieder die Kinder.
-
-Sie rang die Hände, daß die Finger knackten, und senkte langsam den
-Kopf.
-
-»Und was wird das Ende dieses Liedes sein?«
-
-»Ein gutes Ende.«
-
-»Auf was hoffen Sie?«
-
-»Darauf, daß Ihnen dieser Mensch, den Sie lieben, oder, Ihren Worten
-nach, nicht lieben, aber an den Sie sich gewöhnt haben, von Tag zu Tag
-verhaßter werden wird.«
-
-»Ach, er ist mir schon so verhaßt.«
-
-»Er wird es noch mehr werden, und dann ...«
-
-»Ich verstehe Sie.«
-
-»Ich bin sehr froh darüber.«
-
-»Sie wollen, daß ich ihn schweigend fallen lasse?«
-
-»Ich glaube, daß dies der glücklichste Ausweg aus Ihrem Leid wäre.«
-
-»Und dann ...«
-
-»Und dann werden Sie alles wieder gut machen ...«
-
-»Wieder gut machen ... Das ist unmöglich.«
-
-»Verzeihen Sie, ich wollte damit sagen, Sie werden ihre Sorgfalt für
-Ihren Mann und Ihre Kinder verdoppeln. Das wird Ihnen die Kraft geben,
-die Vergangenheit nicht zu vergessen, sondern die Erinnerung an das
-Vergangene zu bewahren und darüber genügend Anlaß zu finden, für andere
-zu leben.«
-
-Sie stand auf, stand unerwartet auf, zog ihren Schleier noch tiefer,
-streckte mir die Hand entgegen und sagte:
-
-»Ich danke Ihnen, ich bin froh, daß ich meinem inneren Gefühl gefolgt
-habe, das mir riet, zu Ihnen zu gehen, nachdem mich der schreckliche
-Eindruck der Beerdigung so erregt hatte. Ich kam von ihr wie eine
-Verrückte nach Hause, und wie gut ist es, daß ich nichts von all dem
-getan habe, was ich tun wollte. Leben Sie wohl.« Sie gab mir wieder die
-Hand und drückte sie so fest, als wolle sie mich auf dem Platze
-zurückhalten, auf dem wir standen. Dann verneigte sie sich und ging.
-
-
-
-
- VIERTES KAPITEL
-
-
-Ich wiederhole, daß ich das Gesicht dieser Frau nicht gesehen habe; nur
-nach dem Kinn und dem durch den Schleier, wie durch eine Maske
-verhüllten Gesicht zu urteilen war schwierig, aber von ihrer Gestalt
-hatte ich, trotz des Plüschmantels und des Hütchens, den Eindruck von
-etwas Graziösem. Es war eine elegante, leichte Gestalt, die einen
-ungewöhnlich lebhaften und starken Eindruck in meinem Gedächtnis
-hinterließ.
-
-Ich hatte diese Dame bisher noch nirgends getroffen, und auch der Stimme
-nach war sie mir unbekannt. Sie sprach mit ihrer unverstellten Stimme,
-einem klangvollen, tiefen, sehr angenehmen Alt. Ihre Bewegungen waren
-elegant, man konnte annehmen, daß sie den hohen Gesellschaftskreisen
-angehörte, ja, noch genauer, dem höchsten Beamtenkreis, daß sie die Frau
-eines Direktors oder Vize-Direktors eines Departements war, oder etwas
-in dieser Art. Mit einem Wort, die Dame war und blieb mir unbekannt.
-
-Seit dem Begräbnis Dostojewskijs und der von mir erzählten Begebenheit
-waren drei Jahre vergangen. In diesem Winter war ich erkrankt und im
-Frühjahr darauf reiste ich in ein ausländisches Bad. Ein Freund und eine
-meiner Verwandten begleiteten mich zum Bahnhof. Wir fuhren in einem
-Wagen, ich hatte mein Gepäck bei mir. An der Kreuzung einer der in den
-Newskij-Prospekt mündenden Straßen vor der Auffahrt eines großen
-staatlichen Gebäudes erblickte ich eine Dame. Trotz meiner
-Kurzsichtigkeit erkannte ich in ihr meine Unbekannte. Ich war ganz
-unvorbereitet, dachte gar nicht an sie, und deshalb frappierte mich
-diese auffallende Ähnlichkeit. Mich durchzuckte der ungeschickte
-Gedanke, aufzustehen, an sie heranzutreten, sie etwas zu fragen, aber da
-fremde Leute dabei waren, tat ich es zum Glück nicht und rief nur aus:
-
-»Bei Gott, das ist sie!« und gab damit meinen Begleitern Anlaß zur
-Heiterkeit. Sie war es in der Tat gewesen.
-
-Nach der Gewohnheit aller Russen, oder wenigstens der meisten Russen
-machte ich eine Rundreise. Zunächst fuhr ich nach Paris, im Juli trank
-ich Heilquellen, und erst später im August, erschien ich dort, wo ich im
-Juni hätte sein sollen. Ich lernte bald die übrigen dort zur Kur
-weilenden Russen kennen und kannte schließlich fast alle, so daß mir die
-Ankunft neuer Landsleute auffiel. Als ich eines Tages auf einer Parkbank
-saß, an der die Straße zum Bahnhof vorüberführte, erblickte ich eine
-Kalesche, in der ein Herr in hellem Überzieher und Hut, eine Dame mit
-Schleier und ihnen gegenüber ein neunjähriger Knabe saßen.
-
-Und wieder geschah mir dasselbe, wie bei meiner Abreise aus Petersburg:
-
-»Mein Gott, das ist sie!«
-
-Sie war es in der Tat.
-
-Am anderen Tage im Parkhotel sah ich beim Kaffee ihren wohlanständig,
-aber etwas abgelebt aussehenden Mann und ihr ungewöhnlich schönes Kind.
-Der Knabe hatte etwas Zigeunerhaftes, er war gebräunt, hatte schwarze
-Locken und große, himmelblaue Augen.
-
-Ich erlaubte mir eine kleine Keckheit und bestach den Kellner, damit er
-mir einen Tisch in ihrer Nähe gäbe. Ich wollte ihr Gesicht näher
-betrachten. Sie war hübsch und hatte weiche, angenehme Züge, die aber
-einen etwas unbedeutenden Ausdruck zeigten. Sie erkannte mich
-zweifelsohne und gab sich zwei, dreimal Mühe, sich so zu setzen, daß ich
-sie nicht beobachten könne. Später stand sie auf und blieb neben einer
-mir bekannten Dame stehen, sprach mit ihr und ging darauf zu ihrem Manne
-zurück.
-
-Abends, nach dem Nachtischkaffee, sagte mir meine Bekannte, an die die
-Dame herangetreten war, daß sie mich Frau N. vorstellen wolle, welche
-eben an uns vorüberging, was sie auch gleich tat. Ich sagte ihr eine
-herkömmliche Phrase, die sie mit ebenso herkömmlichen Worten
-beantwortete, aber an diesen Worten, an dieser Stimme, an ihren
-Bewegungen erkannte ich sie wieder. Sie war es zweifellos, und sie war
-klug genug, zu begreifen, daß ich sie erkannt hatte; trotzdem entschloß
-sie sich, meine Bekanntschaft zu machen. Sie konnte mit meiner
-Anständigkeit rechnen und auf das Versprechen, das ich ihr damals
-gegeben hatte, bauen.
-
-Seit der Zeit trafen wir uns und unternahmen sogar einige gemeinsame
-Ausflüge mit bekannten Damen und mit ihrem Sohne. Ihr Mann liebte diese
-Unternehmungen nicht, er hatte Schmerzen im Knie und hinkte leicht. Ich
-hatte keine Vorstellung davon, was mit ihm vorging: entweder war ihm
-seine Frau lästig, oder er wollte frei sein und sich einer, vielleicht
-mehr als einer der zugereisten Damen zweifelhaften Rufes widmen.
-
-Aber bei allen unseren Begegnungen und Gesprächen machte sie nie eine
-Andeutung, daß wir uns schon früher gesehen hätten. Doch ich fühlte
-wohl, wie wir es beide für zweifellos hielten, daß wir einander
-verstünden. In dieser Situation trat mit einem Male ein ganz
-unvorhergesehener Fall ein.
-
-An einem prächtigen Morgen war sie nicht erschienen, um ihren Mann zum
-Brunnen zu begleiten. Er war auch beim Kaffee allein und erzählte, daß
-ihr Anatol erkrankt sei und daß seine Frau vor Kummer außer sich wäre.
-
-Um acht Uhr abends brachte mir mein Portier die erschreckende Nachricht,
-daß in einem der Hotels ein Kind an Diphtherie gestorben sei. Es war
-natürlich der Sohn meiner Unbekannten.
-
-Ich gehöre nicht zu den überängstlichen Menschen, nahm daher gleich
-meinen Hut und ging in das Hotel. Mir schien aus irgendeinem Grunde, daß
-sich ihr Gemahl allzu teilnahmslos verhalte, und dachte, wenn das kranke
-Kind ihr Sohn sei, könne ihr vielleicht meine Hilfe oder mein Beistand
-dienlich sein.
-
-Ich kam in ihr Hotel. Niemals werde ich vergessen, was ich dort sah. Sie
-hatte dort zwei Zimmer. In dem ersten, dem Empfangszimmer mit den roten
-Plüschmöbeln stand mit aufgelöstem Haar und starren Augen meine
-Unbekannte. Sie streckte ihre beiden Hände mit gespreizten Fingern vor
-sich hin und verteidigte mit ihrem Körper den Diwan, auf dem etwas mit
-einem weißen Laken Bedecktes lag. Aus dem Laken sah ein kleiner, blau
-angelaufener Fuß hervor, das war er, -- der tote Anatol. An der Türe
-standen zwei mir unbekannte Männer in grauen Mänteln, vor ihnen eine
-Kiste, kein Sarg, sondern eine Kiste von etwa zwei Arschin Tiefe, die
-bis zur Hälfte mit etwas Weißem angefüllt war, das ich erst für Milch
-oder Stärke hielt. Vor ihr standen ein Polizeikommissar und ein Bürger
-mit irgendeinem Abzeichen. Alle sprachen laut. Der Gatte der Dame war
-nicht zu Hause, sie war allein, stritt, leistete Widerstand und rief,
-als sie mich sah:
-
-»Mein Gott! Schützen Sie mich! Helfen Sie mir! Sie wollen mir das Kind
-nehmen, sie wollen es nicht beerdigen lassen. Es ist eben gestorben.«
-
-Ich wollte für sie eintreten, aber es wäre ganz zwecklos gewesen, auch
-wenn wir die vier Menschen hätten überwältigen können, die sie nun ohne
-alle Umstände und ziemlich grob in das andere Zimmer stießen und die
-Türe abschlossen, gegen die sie dann vergeblich unter entsetzlichem
-Stöhnen mit den Fäusten schlug. Indessen nahmen die Männer das Kind, das
-noch eben so blühend gewesen war, versenkten es in die Kalklauge und
-gingen eilig mit der Kiste fort.
-
-
-
-
- FÜNFTES KAPITEL
-
-
-In den kleinen Badeorten und Städtchen sind Todesfälle äußerst
-unbeliebt. Die Inhaber der Hotels und möblierten Zimmer suchen nach
-Kräften solche Mieter zu meiden, deren Gesundheitszustand sie einen
-baldigen Tod befürchten läßt.
-
-In keinem dieser Städtchen sind Beerdigungsprozessionen gestattet, und
-wenn ein Todesfall eintritt, so wird er vor allen Unbeteiligten
-verheimlicht, und der Tote wird ohne jede Beerdigungsfeier mit der Bahn
-fortgebracht.
-
-Ansteckende Krankheiten mit tödlichem Ausgange kommen nur sehr selten
-vor, und in dem Ort, wo der Sohn meiner Bekannten gestorben war, geschah
-es zum erstenmal. Die Nachricht darüber verbreitete sich mit
-unglaublicher Geschwindigkeit unter dem Publikum und rief, besonders
-unter den Damen, panischen Schrecken hervor.
-
-Die Ärzte des Ortes, die an einem solchen Platze stets den führenden
-Stand ausmachen, gaben sich alle Mühe, die aufgeregten Gemüter zu
-beruhigen, überboten einander an Eifer, verzankten sich und bildeten
-zwei Lager. Die einen, zu denen die beiden Ärzte gehörten, die das Kind
-behandelt hatten, gaben zu, daß die Todesursache tatsächlich Diphtherie
-gewesen sei, erklärten aber, daß gegen die Ansteckungsgefahr alle
-notwendigen Maßnahmen getroffen worden wären, daß sie in besonderen
-Kleidern zu dem Kind gegangen seien und daß sie sich nachher sorgfältig
-desinfiziert hätten. Zwei von ihnen ließen sich sogar die Bärte
-abnehmen, um zu beweisen, wie ernst sie die Sache nähmen. Die anderen
-aber, die überwiegende Mehrzahl, behaupteten, der Fall sei ziemlich
-zweifelhaft gewesen, führten sogar Gegenbeweise an und beschuldigten
-ihre Kollegen, die Krankheit des Kindes bedachterweise übertrieben zu
-haben. Daraus entstand eine große, nutzlose Unruhe, die die Kranken um
-ihre Ruhe brachte und mehr als alles andere die wirtschaftlichen
-Interessen der Einwohner bedrohte. Diese zweite medizinische Fraktion
-mißbilligte das rücksichtslose und schroffe Vorgehen der Stadtverwaltung
-gegen Frau N., der man das Kind mit räuberischer Gewalt entrissen hätte,
-fast noch im Augenblick des Todes, ja vielleicht noch früher, noch bevor
-die letzten Lebensfunken erloschen waren. Mit dem Hinweis auf diese
-Rücksichtslosigkeit wollten die Ärzte die Aufmerksamkeit des Publikums
-von sich auf die anderen ablenken, deren Benehmen in der Tat
-ungewöhnlich roh gewesen war. Aber das gelang ihnen nicht. Der
-menschliche Egoismus pflegt in Augenblicken der Gefahr besonders
-widerwärtig zu werden. Unter dem Publikum fand sich niemand, der der
-traurigen Lage der unglücklichen Mutter auch nur ein wenig
-Aufmerksamkeit geschenkt hätte. -- War es tatsächlich Diphtherie
-gewesen, so waren keine Umstände am Platze, und je entschlossener und
-fester die Beamten gehandelt haben, um so besser war es. Man darf doch
-nicht die anderen der Gefahr aussetzen! Man interessierte sich nur für
-das Eine: wohin man die Kiste mit dem gefährlichen Toten gebracht hatte.
-Aber die Nachricht darüber war beruhigend. Man hatte die Kiste in den
-schwarzen Sumpf gebracht, aus dem man früher den Heilschlamm für die
-Bäder holte. Sie war an einer der tiefen Stellen des Sumpfes versenkt,
-diese mit Steinen überschüttet und nochmals mit Kalklauge übergossen
-worden. Sorgfältiger und energischer konnte man wohl mit einer solchen
-Leiche kaum verfahren. Nun begann aber die Vergeltung an dem Hotel, aus
-dem fast die gesamten Insassen geflüchtet waren, mit Ausnahme der
-Ärmeren, die sich den Luxus nicht leisten konnten, das für den Monat
-vorausbezahlte Zimmer aufzugeben. Das ganze Hotel mußte desinfiziert
-werden, jedenfalls die Zimmer, die die Familie N. bewohnt hatte, sowie
-die anstoßenden Räume. Ebenso mußte der Korridor desinfiziert werden,
-durch den der Knabe gelaufen war, und die Ecke des Speisesaales, in der
-die Familie N. ihre Mahlzeiten eingenommen hatte. Das alles machte eine
-sehr bedeutende Rechnung, wenn ich nicht irre, über dreihundert Gulden,
-weil man es auch für notwendig hielt, die Polstermöbel der drei
-Appartements zu verbrennen und in den anderen Räumen die Gardinen,
-Teppiche und Portieren durch neue zu ersetzen. Aus diesem Anlaß wurden
-an Herrn N. vom Hotelinhaber Geldforderungen gestellt. Die
-Stadtvertreter unterstützten die Rechte des Besitzers und behaupteten,
-daß er trotz der geforderten Entschädigung einen Verlust erleiden werde,
-da viele Räume während der ganzen Saison leer stehen würden. Auch für
-die Zukunft riskiere der Wirt einen großen Teil seiner Gäste zu
-verlieren, da die meisten Besucher, die erfahren hätten, daß in dem
-Hause ein Diphtheriefall vorgekommen sei, das Hotel meiden würden.
-
-Forderungen dieser Art waren für die Kurgäste neu, und alle
-interessierten sich für den Ausgang dieser Angelegenheit. Die einen
-fanden die Forderung schikanös, die anderen gerecht, jedoch viel zu
-hoch. Überall sprach man darüber, und Herr N. wurde zu einer
-interessanten Persönlichkeit. Es war erstaunlich, daß man ihn nicht
-fürchtete. Aber man sprach mit ihm, weil man wußte, daß er als kranker
-Mann sofort nach der Erkrankung seines Sohnes sein Zimmer verlassen
-hatte und bis zu dessen Tode nicht zurückgekehrt war. Nach seiner Frau
-erkundigte sich niemand, und sie war während einiger Tage nicht zu
-sehen. Man nahm an, daß sie abgereist oder krank sei. Für die Leute, die
-sich für die Sitten des Auslandes interessierten, stellte Herr N. eine
-sehr interessante Persönlichkeit dar. Jeden Tag berichtete er, welche
-Forderungen an ihn gestellt wurden und was er auf sie geantwortet hätte.
-Er stellte nicht in Abrede, daß der Hotelinhaber Verluste erlitten habe
-und daß der Tod des Knaben tatsächlich die Ursache dieser Verluste sei,
-aber er bestritt das Recht einer willkürlichen Zahlungsforderung an ihn,
-die er nicht ohne Gerichtsbeschluß begleichen wolle.
-
-»Nehmen wir an,« sagte er, »daß ich bezahlen muß, aber das darf mir
-nicht durch irgendeinen Kommissar und drei Kleinbürger erklärt werden,
-sondern durch einen formellen Gerichtsbeschluß, dem ich mich unterwerfen
-kann. Und außerdem, was bedeutet dieses Urteil: zahlen, -- schön, wenn
-ich die Mittel habe zu zahlen. Man kann mir meinen Koffer nehmen, aber
-nicht mehr. Wenn ein Armer an meiner Stelle gewesen wäre, so nehme ich
-an, daß man mit ihm überhaupt nicht reden würde.«
-
-Alle waren mit dieser komplizierten Frage beschäftigt, und um Herrn N.
-bildeten sich in einemfort Kreise, die über seine Rechte und die ihn
-beschäftigenden Unannehmlichkeiten diskutierten. Die Angelegenheit aber
-wurde bald darauf friedlich beigelegt. Die Stadt wollte die Sache nicht
-vor Gericht kommen lassen, weil dadurch das Gerede über den
-Diphtheriefall noch größeren Umfang angenommen hätte, und man
-entschloß sich, die Angelegenheit durch ein friedliches
-Übereinkommen zu erledigen, nach dem Herr N. nur die Rechnung des
-Desinfektionsunternehmers bezahlen sollte. Damit wäre die Angelegenheit
-erledigt gewesen, doch da trat plötzlich ein neues Ereignis ein: Frau
-N., die acht Tage in dem großen Hotelzimmer verbracht hatte, ging
-täglich an den Sumpf, in den man die Kiste mit dem Körper ihres Kindes
-geworfen hatte. Am neunten Tage kehrte sie von diesem Gange nicht
-zurück. Man suchte sie vergeblich, niemand hatte sie im Park oder im
-Walde gesehen. Sie kam zu keiner ihrer Bekannten, trank in keinem der
-Restaurants ihren Tee, sondern war einfach verschwunden. Mit ihr waren
-auch die gußeisernen Hanteln verschwunden, mit denen ihr Mann
-Zimmergymnastik trieb. Vergeblich suchte man sie drei, vier Tage und
-begann dann Verdacht zu schöpfen, sie habe sich vielleicht im Sumpfe
-ertränkt. Wie es heißt, hat sich diese Annahme später auch bestätigt.
-Ihren Leichnam, als er an die Oberfläche gekommen war, hatte der Sumpf
-wieder hinuntergezogen. So kam sie um.
-
-Das Ereignis war durch seine Tragik bemerkenswert, vor allem durch die
-Ruhe, mit der dies alles vor sich gegangen war. Die verschwundene Frau
-N. hatte weder etwas Schriftliches noch sonst irgendwelche Anzeichen
-ihres Entschlusses, ein Ende mit sich zu machen, hinterlassen; Herr N.
-erregte viel Mitgefühl. Er selbst hüllte sich bescheiden in ein kaltes
-und verschlossenes Schweigen. Er sagte, es wäre am besten für ihn, wenn
-er abreisen würde, reiste aber seiner schwachen Gesundheit halber, die
-die Fortsetzung der Kur an dieser Heilquelle erforderte, nicht ab.
-
-Wir vertrugen uns nur schlecht miteinander, augenscheinlich waren wir
-Menschen mit sehr ungleichen Charakteren. Ungeachtet dessen, daß ich um
-das Geheimnis seiner Ehe wußte, das mich hätte veranlassen sollen, ihn
-zu bemitleiden, war er mir weit widerwärtiger, als seine Frau, die sich
-an ihm als Ehemann vergangen hatte. Ich hatte keinen Grund, eine
-Annäherung mit ihm zu wünschen, aber in einer für mich unverständlichen
-Anwandlung würdigte er mich plötzlich seiner Aufmerksamkeit und erwähnte
-in den Gesprächen, die sich zwischen uns entspannen, oft und gern seine
-verstorbene Frau.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
-Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.
-
-Die folgenden Fehler wurden, teilweise unter Verwendung der russischen
-Originaltexte, wie hier aufgeführt korrigiert (vorher/nachher):
-
- [S. 59]:
- ... welche neue Wunder sich uns offenbarten, wie wir zuguterletzt ...
- ... welche neuen Wunder sich uns offenbarten, wie wir
- zuguterletzt ...
-
- [S. 77]:
- ... Da hast seine Seele hinausgelassen, wie eine Taube aus ...
- ... Du hast seine Seele hinausgelassen, wie eine Taube aus ...
-
- [S. 118]:
- ... Schnaps und einen Füngzigerschein. Der Beamte mußte ...
- ... Schnaps und einen Fünfzigerschein. Der Beamte mußte ...
-
- [S. 119]:
- ... ein sehr unzermonieller und überdies naiver ...
- ... ein sehr unzeremonieller und überdies naiver ...
-
- [S. 127]:
- ... die Favoritin der Favoritinnen, und ihr Aufenhalt im ...
- ... die Favoritin der Favoritinnen, und ihr Aufenthalt im ...
-
- [S. 128]:
- ... zu den Füssen des schlummernden Mädchens auf dem ...
- ... zu den Füßen des schlummernden Mädchens auf dem ...
-
- [S. 128]:
- ... und Sitten der Helden dieser legendaren Berichte ...
- ... und Sitten der Helden dieser legendären Berichte ...
-
- [S. 136]: (mehrfache Fälle)
- ... den Heiligen Nikola und Jurko gründete. Aber Gott allein ...
- ... den Heiligen Nikola und Jurka gründete. Aber Gott allein ...
-
- [S. 139]:
- ... der Schubinskijs. Wenn sein Geprächspartner ...
- ... der Schubinskijs. Wenn sein Gesprächspartner ...
-
- [S. 140]:
- ... weder Demokrat nach Nationalist in unserem jetzigen ...
- ... weder Demokrat noch Nationalist in unserem jetzigen ...
-
- [S. 149]:
- ... der Reihe nach besinnen, sonder ein Stück war abgerissen, ...
- ... der Reihe nach besinnen, sondern ein Stück war abgerissen, ...
-
- [S. 151]:
- ... arretieren. Geben Sie mir bitte Ihre Säbel, und wollen ...
- ... arrestieren. Geben Sie mir bitte Ihre Säbel, und wollen ...
-
- [S. 162]:
- ... der Kopf herausschaute, schütteten ihm Flaumfedern über ...
- ... der Kopf herausschaute, schüttete ihm Flaumfedern über ...
-
- [S. 171]:
- ... Ssasikow und Owtschinikow werden von vielen ...
- ... Ssasikow und Owtschinnikow werden von vielen ...
-
- [S. 171]:
- ... Schriftsteller Bret-Hart erzählt von einem Künstler, ...
- ... Schriftsteller Bret Harte erzählt von einem Künstler, ...
-
- [S. 172]:
- ... ich hier erzählte, hat sich zu Orjol in den Tagen meiner ...
- ... ich hier erzähle, hat sich zu Orjol in den Tagen meiner ...
-
- [S. 175]:
- ... durch eine Nebenwolke hindurch blickte.« ...
- ... durch eine Nebelwolke hindurch blickte.« ...
-
- [S. 178]:
- ... sagte dem Regisseur, als dieser bestätigte, daß »Liuba die ...
- ... sagte dem Regisseur, als dieser bestätigte, daß »Ljuba die ...
-
- [S. 183]:
- ... Arkadij war es ober schon so zumute, daß er nicht mehr ...
- ... Arkadij war es aber schon so zumute, daß er nicht mehr ...
-
- [S. 184]:
- ... Als Arkedij den Namen seines Herrn hörte, fuhr er ...
- ... Als Arkadij den Namen seines Herrn hörte, fuhr er ...
-
- [S. 185]:
- ... durchnitten.« ...
- ... durchschnitten.« ...
-
- [S. 186]:
- ... geheime Verließe, wo lebendige Menschen wie die Bären ...
- ... geheime Verliese, wo lebendige Menschen wie die Bären ...
-
- [S. 188]:
- ... Leuten zu Flucht verholfen hat. Wir geben ihm ein Geschenk, ...
- ... Leuten zur Flucht verholfen hat. Wir geben ihm ein Geschenk, ...
-
- [S. 190]:
- ... irgendeinen Rock und eine Jacke, denn es ist ein Schande, ...
- ... irgendeinen Rock und eine Jacke, denn es ist eine Schande, ...
-
- [S. 190]:
- ... »Mein Lieber, in den Kasten mit den Kichengewändern ...
- ... »Mein Lieber, in den Kasten mit den Kirchengewändern ...
-
- [S. 194]:
- ... Siehst du, dort stand dieser Stall -- erklärte Lubow
- Onissimowna, ...
- ... Siehst du, dort stand dieser Stall -- erklärte Ljubow
- Onissimowna, ...
-
- [S. 217]:
- ... das Gelübte der Keuschheit der Frau gegenüber, der ...
- ... das Gelübde der Keuschheit der Frau gegenüber, der ...
-
- [S. 223]:
- ... Seit dem Begräbnis Dostowjewskijs und der von mir ...
- ... Seit dem Begräbnis Dostojewskijs und der von mir ...
-
- [S. 225]:
- ... Sie war es zweiffellos, und sie war klug genug, zu begreifen, ...
- ... Sie war es zweifellos, und sie war klug genug, zu begreifen, ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der versiegelte Engel und andere
-Geschichten, by Nikolai Leskow
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VERSIEGELTE ENGEL UND ***
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Der versiegelte Engel und andere Geschichten, by Nikolai Leskow</title>
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- <!-- TITLE="Der versiegelte Engel und andere Geschichten" -->
- <!-- AUTHOR="Nikolai Leskow" -->
- <!-- TRANSLATOR="Alexander Eliasberg" -->
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-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Der versiegelte Engel und andere Geschichten, by
-Nikolai Leskow
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Der versiegelte Engel und andere Geschichten
- Der versiegelte Engel / Die Epopöe von Wischnewskij und
- seiner Sippe / Der Toupetkünstler / Anläßlich der
- Kreutzersonate
-
-Author: Nikolai Leskow
-
-Translator: Alexander Eliasberg
-
-Release Date: January 13, 2016 [EBook #50911]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VERSIEGELTE ENGEL UND ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="titlematter">
-<p class="half">
-NIKOLAI LJESSKOW<br />
-DER VERSIEGELTE ENGEL
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="titlematter">
-<p class="aut">
-NIKOLAI<br />
-LJESSKOW
-</p>
-
-<h1 class="title">
-DER<br />
-VERSIEGELTE ENGEL<br />
-UND ANDERE GESCHICHTEN
-</h1>
-
-<p class="trn">
-ÜBERTRAGEN VON<br />
-ALEXANDER ELIASBERG
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-logo">
-<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">1922</span><br />
-<span class="line2">MUSARION VERLAG MÜNCHEN</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="titlematter">
-<p class="cop">
-Alle Rechte vorbehalten<br />
-Druck von Dietsch &amp; Brückner in Weimar
-</p>
-
-</div>
-
-<h2 class="part" id="part-1">
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-INHALTSVERZEICHNIS
-</h2>
-
-<div class="table">
-<table class="toc" summary="TOC">
-<tbody>
- <tr>
- <td class="col1">Der versiegelte Engel</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-7">7</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Epopöe von Wischnewskij und seiner Sippe</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-107">107</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Der Toupetkünstler</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-169">169</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Anläßlich der Kreutzersonate</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-205">205</a></td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
-</div>
-
-<h2 class="part" id="part-2">
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-DER VERSIEGELTE ENGEL
-</h2>
-
-<h3 class="pbb chapter" id="chapter-2-1">
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-ERSTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>s war um die Weihnachtszeit, am Vorabend des Wassilijtages.
-Das Wetter ließ sich sehr ungnädig an.
-Einer der grausamen Landstürme, welche die Winter in
-den Wolgasteppen berüchtigt machen, hatte eine Menge
-Leute in den abgelegenen Gasthof getrieben, ein Bauernhaus
-inmitten der flachen, unabsehbaren Steppe. Dort
-hatten sich auf einem Haufen Adelige, Kaufleute, Bauern
-zusammengefunden, Russen, Mordwinen und Tschuwaschen.
-Auf Rang und Würden konnte man in einem
-solchen Nachtquartier keine Rücksicht nehmen: wohin
-man sich wendet, alles ist gedrängt voll, die einen trocknen
-sich, die anderen wärmen sich, die dritten suchen ein
-wenn auch noch so kleines Plätzchen, auf dem sie bleiben
-können. In der dunklen, niederen, mit Menschen überfüllten
-Stube herrscht eine schwere Schwüle und der dichte
-Dampf der nassen Kleider. Nirgends ist ein unbesetzter
-Fleck zu sehen: auf den Pritschen, dem Ofen, den Bänken,
-und selbst auf dem schmutzigen Erdboden, überall liegen
-Menschen. Der Hauswirt, ein mürrisch blickender Bauer,
-zeigt weder über seine Gäste, noch über den Verdienst
-irgendwelche Freude. Zornig schlägt er das Tor hinter
-den zwei Kaufleuten zu, die als letzte auf Schlitten in den
-Hof gekommen sind. Er schließt die Pforte ab, hängt den
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-Schlüssel unter den Heiligenschrank und erklärt entschieden:
-</p>
-
-<p>
-»Nun kann kommen wer will, und wenn er mit dem
-Kopf ans Tor schlägt, ich mach nicht auf!«
-</p>
-
-<p>
-Aber kaum hatte er es gesagt, seinen weiten Schafspelz
-abgelegt, sich mit breiter Gebärde auf Raskolniki-Art
-bekreuzigt und sich fertig gemacht, auf den heißen Ofen
-zu klettern, als jemand zaghaft an die Scheibe klopfte.
-</p>
-
-<p>
-»Wer ist dort?« rief der Hauswirt mit lauter, ärgerlicher
-Stimme.
-</p>
-
-<p>
-»Wir!« antwortete es dumpf hinter dem Fenster.
-</p>
-
-<p>
-»Nun, was wollt ihr noch?«
-</p>
-
-<p>
-»Laß uns herein, um Christi willen, wir haben uns
-verirrt, sind ganz erstarrt.«
-</p>
-
-<p>
-»Seid ihr viele?«
-</p>
-
-<p>
-»Nicht viele, nicht viele, achtzehn im ganzen, achtzehn,«
-sagte stammelnd und mit den Zähnen klappernd
-ein anscheinend ganz erfrorener Mensch hinter der
-Scheibe.
-</p>
-
-<p>
-»Ich kann euch nicht einlassen, die ganze Stube ist mit
-Menschen ausgelegt.«
-</p>
-
-<p>
-»Laß uns nur ein wenig in die Wärme!«
-</p>
-
-<p>
-»Wer seid ihr denn?«
-</p>
-
-<p>
-»Fuhrleute.«
-</p>
-
-<p>
-»Mit oder ohne Fuhrwerk?«
-</p>
-
-<p>
-»Mit Fuhrwerken, Lieber, Felle führen wir.«
-</p>
-
-<p>
-»Felle! Felle führt ihr, und da wollt ihr in der Stube
-übernachten. Was es jetzt für Leute in Rußland gibt.
-Schert euch fort!«
-</p>
-
-<p>
-»Aber was sollen sie tun?« fragte ein Durchreisender,
-der auf der obersten Pritsche unter einem Bärenpelz lag.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-»Die Felle herunterwerfen und unter ihnen schlafen,
-das sollen sie tun,« antwortete der Wirt, schimpfte noch
-kräftig auf die Fuhrleute und legte sich dann unbeweglich
-auf den Ofen.
-</p>
-
-<p>
-Der Reisende unter dem Bärenpelz warf dem Wirte
-im Ton eines sehr energischen Protestes seine Härte vor,
-aber der würdigte seine Bemerkungen gar keiner Antwort.
-An seiner Statt ließ sich aus einer entfernten Ecke ein
-kleiner rothaariger Mensch mit einem Spitzbärtchen vernehmen.
-</p>
-
-<p>
-»Verurteilen Sie den Wirt nicht, bester Herr,« begann
-er, »er weiß das aus Erfahrung und hat es ganz richtig
-gesagt: unter Fellen ist es ungefährlich.«
-</p>
-
-<p>
-»Wirklich?« entgegnete fragend der Reisende unter
-dem Bärenpelz.
-</p>
-
-<p>
-»Ganz ungefährlich, und es ist sogar für sie selbst
-besser, daß er sie nicht hereinläßt.«
-</p>
-
-<p>
-»Warum das?«
-</p>
-
-<p>
-»Weil sie eine nützliche Lehre erhalten haben, und
-wenn jetzt jemand hilflos hierher kommt, findet er noch
-ein Plätzchen.«
-</p>
-
-<p>
-»Wen soll der Teufel jetzt noch herbringen?« sagte
-der Pelz.
-</p>
-
-<p>
-»Hör, du,« mischte sich der Wirt ein, »schwatz&rsquo;
-kein so dummes Zeug. Soll vielleicht der Widersacher
-jemand herbringen, wo ein solches Heiligtum ist? Siehst
-du nicht dort das Erlöserbild und das Antlitz der Gottesgebärerin?«
-</p>
-
-<p>
-»Das ist wahr,« bekräftigte der Rothaarige, »einen erlösten
-Menschen führt nicht der Teufel, sondern ein Engel
-geleitet ihn.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-»Den habe ich noch nicht gesehen, und weil es mir
-hier sehr widerwärtig ist, so will ich auch nicht daran
-glauben, daß mich mein Engel hergeführt hat,« antwortete
-der gesprächige Pelz.
-</p>
-
-<p>
-Der Wirt spuckte bloß wütend aus, aber der Rote erklärte
-gutmütig, daß der Engelsweg nicht für jeden sichtbar
-sei und daß nur der ihn begreifen könne, der darin
-Erfahrung habe.
-</p>
-
-<p>
-»Sie reden, als ob Sie selbst eine solche Erfahrung hätten?«
-sagte der Pelz.
-</p>
-
-<p>
-»Ja, ich habe sie.«
-</p>
-
-<p>
-»Wollen Sie sagen, daß Sie einen Engel gesehen haben,
-und er Sie geführt hat?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, ich habe ihn gesehen, und er hat mich geleitet.«
-</p>
-
-<p>
-»Scherzen Sie, oder machen Sie sich lustig?«
-</p>
-
-<p>
-»Gott behüte mich, über eine solche Sache zu scherzen!«
-</p>
-
-<p>
-»So haben Sie also wirklich etwas derartiges gesehen:
-wie ist Ihnen der Engel erschienen?«
-</p>
-
-<p>
-»Bester Herr, es ist eine sehr lange Geschichte.«
-</p>
-
-<p>
-»Wissen Sie, es ist entschieden unmöglich, hier einzuschlafen.
-Sie tun gut, wenn Sie uns jetzt diese Geschichte
-erzählen.«
-</p>
-
-<p>
-»Nun schön!«
-</p>
-
-<p>
-»So erzählen Sie, bitte, wir hören Ihnen zu. Warum
-hocken Sie aber dort auf den Knien! Kommen Sie zu uns
-her, wir rücken etwas zusammen.«
-</p>
-
-<p>
-»Nein, ich danke Ihnen! Warum soll ich Sie beengen,
-und zudem ist es schicklicher, wenn ich Ihnen meine Erzählung
-auf den Knien berichte, denn die Sache ist sehr
-heilig und sogar schrecklich.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-»Nun, wie Sie wollen, erzählen Sie aber schneller, wie
-Sie einen Engel sehen konnten, und was er mit Ihnen
-getan hat.«
-</p>
-
-<p>
-»Schön, ich beginne.«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-2">
-ZWEITES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">»</span>I</span>ch bin, wie Sie mir zweifellos ansehen können, ein
-ganz unbedeutender Mensch, ich bin nur ein Bauer
-und habe den Umständen gemäß eine ländliche Erziehung
-erhalten. Ich bin kein hiesiger, sondern von weit weg,
-von Beruf bin ich Maurer und im alten russischen Glauben
-geboren. Als Waise bin ich von Kind auf mit meinen
-Landsleuten auf Wanderarbeit gegangen und habe an
-verschiedenen Orten gearbeitet, aber immer mit derselben
-Gesellschaft, bei meinem Landsmann Luka Kirillow.
-Dieser Luka Kirillow lebt heute noch: er ist unser größter
-Bauunternehmer. Sein Geschäft hatte er von altersher, es
-war schon von seinen Vätern begründet, und er hatte es
-nicht vergeudet, sondern vergrößert, und sich einen
-großen und reichen Besitz geschaffen, aber er war und
-ist ein prächtiger Mensch, der niemand etwas zuleide
-tut. Und wo sind wir mit ihm nicht gewesen? Ich
-glaube, wir haben ganz Rußland durchzogen, und nirgends
-habe ich einen besseren und würdigeren Brotherrn
-getroffen. Und wir lebten bei ihm ganz friedlich
-und patriarchalisch, er war Bauunternehmer und unser
-Leiter wie im Handwerk, so auch im Glauben. Wir
-zogen mit ihm unsern Weg zu den Arbeiten, wie die
-Juden auf ihren Wüstenwanderungen mit Moses, und
-sogar unsere heilige Stiftshütte führten wir mit uns, von
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-der wir uns nie trennten: das heißt, wir hatten unseren
-»Gottessegen« bei uns. Luka Kirillow war ein großer
-Verehrer gemalter Ikonen und besaß, beste Herren, ganz
-wunderbare, alte, sehr kunstvolle, teils echte griechische,
-teils von den ersten Nowgoroder oder Stroganower Malern.
-Ein Bild strahlte schöner als das andere, aber nicht
-nur durch die Beschläge, sondern durch die Klarheit und
-Gewandtheit der wunderbaren Kunst. So Erhabenes sah
-ich später nirgends mehr! Er hatte Bilder mit Jesus in
-zwei Gestalten, ein nicht von Menschenhänden gefertigtes
-Erlöserbild mit feucht glänzenden Haaren, Heilige, Märtyrer,
-Apostel, und wunderbarer als alles andere waren
-vielgestaltige Bilder aus der Heiligengeschichte, die zum
-Beispiele die Feiertage darstellten, das Jüngste Gericht,
-Heilige, Konzile, die Schöpfungswoche, die Dreifaltigkeit
-mit Abrahams Gebet im Haine Mamre, mit einem
-Wort, all diese Pracht kann man gar nicht beschreiben,
-und solche Bilder malt man jetzt nirgends mehr, weder
-in Moskau, noch in Petersburg, noch in Palichow; von
-Griechenland gar nicht zu reden, wo diese Kunst längst
-untergegangen ist. Wir alle liebten unser Heiligtum mit
-leidenschaftlicher Liebe, wir zündeten vor ihm die heiligen
-Lampen an und hielten uns auf gemeinsame Kosten
-ein Pferd und ein besonderes Fuhrwerk, auf dem wir den
-Gottessegen in zwei großen Kisten überall mit uns führten.
-Zwei Bilder waren von besonderem Wert; das eine von
-alten Moskauer Meistern, die für den Zaren arbeiteten,
-den Griechen nachgebildet: die allerheiligste Himmelskönigin
-betet im Garten, und vor ihr neigen sich alle Zypressen
-und Oliven bis zur Erde; das andere aber war
-ein Schutzengel, eine Stroganower Arbeit. Es läßt sich
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-gar nicht sagen, was für eine Kunst in diesen beiden Bildern
-war! Du schaust auf die Himmelskönigin, wie sich
-vor ihrer Reinheit die seelenlosen Bäume neigen, und das
-Herz schmilzt dir im Leibe und zittert, du schaust auf
-den Engel ... und wirst voller Freude! Dieser Engel war
-wirklich unbeschreiblich! Sein Gesicht, ich sehe es auch
-jetzt vor mir, leuchtet himmlisch und so gütig: sein Blick ist
-mild, an den Ohren hat er ein weißes Band als Zeichen
-des Allhörens, seine Kleidung glänzt, die Gewänder sind
-mit Gold durchwirkt, die Rüstung ist gefiedert, die
-Schultern gepanzert; auf der Brust trägt er das Antlitz
-des Erlöserkindes, in der rechten Hand hält er das Kreuz,
-in der Linken das Flammenschwert. Wunderbar! Wunderbar!
-... Die Kopfhaare sind blond gelockt, fallen über
-die Ohren, und Härchen an Härchen ist wie mit der Nadel
-gezogen. Die Flügel sind breit und weiß wie Schnee, der
-Untergrund leuchtender Lasur; Feder sitzt an Feder, und
-im Flaum jeder Feder Härchen an Härchen. Du schaust
-auf die Flügel, und wohin ist deine ganze Angst verschwunden?
-Du betest: Beschatte mich! Und sogleich wirst
-du ganz still, und in deine Seele kehrt der Friede ein. Was
-war das für ein Bild! Diese beiden Bilder waren für uns
-dasselbe, wie für die Juden ihr Allerheiligstes, das Bezaleel
-mit wunderbarer Kunst ausgeschmückt hatte. Alle anderen
-Bilder, von denen ich eben erzählte, führten wir in besonderen
-Kasten auf dem Wagen, aber diese beiden legten
-wir nicht einmal auf das Fuhrwerk, sondern trugen sie:
-das der Himmelskönigin trug Michailiza, Luka Kirillows
-Frau, die Darstellung des Engels aber verwahrte Luka
-selbst auf seiner Brust. Er hatte für dieses Bild ein Säckchen
-aus dunklem Brokat machen lassen mit einem Knopf
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-und mit einem scharlachroten Kreuz aus Stoff an der
-Vorderseite; oben war eine dicke grüne Seidenschnur angenäht,
-um das Bild um den Hals zu hängen. So trug
-Luka die Ikone immer auf der Brust, und wenn wir
-gingen, zog er voraus, als wenn der Engel selbst uns
-voranschritte. Wir gingen auf Suche nach neuer Arbeit
-von Ort zu Ort durch die Steppen. Allen voran schwingt
-Luka Kirillow ein Klaftermaß, anstelle eines Steckens,
-hinter ihm fährt im Wagen Michailiza mit dem Bilde
-der Gottesmutter, und hinter ihnen zieht unsere ganze
-Gesellschaft. Um uns her auf den Feldern Gras, Blumen
-auf den Wiesen, wo die Herden weiden und der
-Hirt die Flöte bläst ... für Herz und Seele ist es eine
-Wonne! Immer ging es uns prächtig, und wunderbar war
-unser Erfolg bei jeder Sache: stets fanden wir gute Arbeit,
-unter uns herrschte Eintracht, von zu Hause kamen immer
-beruhigende Nachrichten. Und dafür segneten wir
-unseren Engel, der uns voranschritt, und ich glaube, wir
-hätten uns leichter von unserem Leben getrennt als von
-seinem wunderbaren Bild.
-</p>
-
-<p>
-Und kann man es sich ausdenken, daß wir irgendwie
-durch irgendeine Schickung unseres kostbarsten Heiligtums
-beraubt werden würden? Indes erwartete uns dieses
-Leid, und es wurde uns, wie wir später einsahen, nicht durch
-menschliche Hinterlist bereitet, sondern nach dem Willen
-unseres Wegführers selbst. Er begehrte für sich selber
-diese Kränkung, um uns durch Kummer das Heilige begreifen
-zu machen und uns den wahren Weg zu zeigen,
-vor dem alle Wege, die wir bis zur Stunde gewandert
-waren, durch eine dunkle, pfadlose Schlucht liefen. Aber
-gestatten Sie die Frage, ob meine Erzählung Sie interessiert,
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-oder ob ich Ihre Aufmerksamkeit unnütz in Anspruch
-nehme?«
-</p>
-
-<p>
-»Nein, wieso denn: fahren Sie gütigst fort!« riefen wir,
-voll Anteilnahme für seine Erzählung.
-</p>
-
-<p>
-»Schön, ich gehorche Ihnen und beginne, so gut ich
-es kann, von dem Wunder zu berichten, das sich mit dem
-Engel zutrug.«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-3">
-DRITTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">»</span>W</span>ir kamen vor eine große Stadt, an ein großes fließendes
-Wasser, den Dnjeprstrom, um dort eine
-große und jetzt sehr berühmte Brücke zu bauen. Die Stadt
-erhebt sich auf dem rechten steilen Ufer, während wir auf
-dem linken flachen Wiesenufer standen, und vor uns lag
-die ganze wundervolle Landschaft: alte Kirchen, heilige
-Klöster mit vielen heiligen Reliquien, dichte Gärten und
-Bäume, wie man sie in alten Büchern abgebildet findet,
-spitzwipfelige Pappeln. Du schaust auf all das, und dein
-Herz brennt in dir gleichsam, so herrlich ist es! Sehen Sie,
-wir sind natürlich einfache Leute, aber wir fühlen doch
-die Pracht der gottgeschaffenen Natur! Der Ort hier gefiel
-uns so sehr, daß wir am ersten Tag mit dem Bau einer
-vorläufigen Unterkunft für uns begannen; zuerst schlugen
-wir hohe Pfähle ein, da die Stelle nieder gelegen war, ganz
-neben dem Wasser. Dann errichteten wir auf diesen Pfählen
-eine Stube und daneben einen Schuppen. In der Stube
-stellten wir unser ganzes Heiligtum auf, wie es sich nach
-dem Gesetz der Väter gehört: längs der einen Wand stellten
-wir die zusammenlegbare, dreiteilige Heiligenwand auf,
-zu unterst die großen Bilder, darauf zwei Tafeln für die
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-kleineren Bilder, und so errichteten wir eine Art Treppe
-bis hinauf zum Kruzifix; den Engel aber stellten wir auf
-das Chorpult, auf dem Luka Kirillow die Heilige Schrift
-vorlas. Luka Kirillow wohnte mit Michailiza im Schuppen,
-während wir uns daneben einen Schlafraum errichteten.
-Andere, die ebenfalls gekommen waren, um hier lange
-zu arbeiten, sahen uns zu und begannen ebendort zu
-bauen, so daß bei uns, der großen Stadt gegenüber, ein
-kleines Städtchen auf Pfählen entstand. Wir arbeiteten,
-und alles ging ganz nach Wunsch. Das Geld zur Auszahlung
-lag immer pünktlich im Kontor der Engländer
-bereit, und Gott schenkte uns solch eine Gesundheit, daß
-es den ganzen Sommer über keinen einzigen Kranken gab;
-Lukas Michailiza begann sogar zu klagen, daß sie gar
-nicht froh werden könne, so dick werde sie überall. Uns
-Altgläubigen gefiel besonders gut, daß wir, die wir damals
-sonst überall wegen unserer Bräuche verfolgt wurden,
-hier volle Freiheit hatten: es gab keine Stadt- und keine
-Kreisobrigkeit und keinen Popen; wir sahen niemanden,
-und niemand kümmerte sich um unseren Glauben oder
-behinderte uns ... Wir beteten soviel wir wollten. Wenn
-wir unsere Stunden abgearbeitet hatten, versammelten
-wir uns in der Stube, wo schon das ganze Heiligtum im
-Lichte der Lämpchen glänzte, so daß einem das Herz erglühte.
-Luka Kirillow stimmte das Segenslied an, und
-wir fielen ein, so daß unser Gesang manchmal bei ruhigem
-Wetter weit von unserer Ansiedlung zu hören war.
-Unser Glaube störte niemanden, vielen gefiel er sogar,
-und zwar nicht nur den einfachen Leuten, die Gott nach
-russischem Brauche verehren, sondern auch Andersgläubigen.
-Viele fromme kirchlich Gesinnte, die nicht Zeit hatten,
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-zur Kirche jenseits des Flusses zu gehen, standen bei uns
-an den Fenstern, hörten zu und beteten mit. Wir trieben
-sie von da nicht weg, es wäre auch nicht möglich gewesen
-alle fortzujagen, weil auch hin und wieder die Ausländer
-kamen, die sich für die alten russischen Bräuche interessierten
-und unserem Gesang mit Vergnügen zuhörten.
-Der Oberbaumeister der Engländer, Jakow Jakowlewitsch,
-stand manchmal sogar mit einem Stück Papier hinter dem
-Fenster und wartete, um unsern Gesang in Notenschrift
-aufzuzeichnen, und wenn er dann zur Arbeit kam, summte
-er nach unserer Weise vor sich hin: »Herr Gott, erscheine
-uns.« Nur geriet es bei ihm, versteht sich, in einem anderen
-Stil, weil dieses Lied in der alten kirchlichen Notenschrift
-aufgezeichnet ist und sich mit den westlichen Noten
-nicht vollkommen aufzeichnen läßt. Die Engländer, man
-muß ihnen die Ehre lassen, sind umgängliche und gottesfürchtige
-Leute, sie hatten uns sehr gern und schätzten und
-lobten uns als gute Menschen. Mit einem Wort, der Engel
-Gottes hatte uns an einen guten Ort geführt und vor uns
-die Herzen der Menschen und die ganze Natur aufgetan.
-In solch friedlicher Stimmung, wie ich sie Ihnen geschildert
-habe, lebten wir fast drei Jahre. Alles glückte uns, und
-die Erfolge strömten über uns wie aus einem Zauberhorn,
-als wir plötzlich sahen, daß unter uns zwei Gefäße waren,
-die Gott zu unserer Bestrafung auserwählt hatte. Der
-eine war der Schmied Maroi, der andere der Rechnungsführer
-Pimen Iwanow. Maroi war ein ganz einfacher Mann,
-der weder lesen noch schreiben konnte, was unter den
-Altgläubigen selten vorkommt, aber doch auffallend: von
-außen plump wie ein Kamel und wild wie ein Eber, seine
-Brust war um die Hälfte breiter, als bei einem anderen
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-Menschen, seine Stirn war mit dichten Haarbüscheln
-bewachsen, aber auf dem Scheitel hatte er sich eine
-Tonsur geschoren. Seine Sprache war dumpf und schwerverständlich,
-da er immer mit den Lippen schmatzte,
-und sein Verstand war so beschränkt, daß er nicht
-einmal aus dem Gedächtnis beten konnte, sondern nur
-immer dasselbe Wort vor sich hersagte. Aber er sah
-in die Zukunft, besaß die Gabe der Weissagung und
-konnte Andeutungen über kommende Dinge geben.
-&mdash; Pimen dagegen war ein stutzerhafter Mensch, der
-sich gern wichtig machte und seine Worte so schlau
-setzte, daß man seine Reden bewundern mußte, aber er
-hatte einen leichtfertigen und beeinflußbaren Charakter.
-Maroi war ein bejahrter Mann, schon über die
-siebzig, Pimen war mittleren Alters und ansehnlich: er
-hatte krause, in der Mitte gescheitelte Haare, starke Brauen,
-eine gesunde Gesichtsfarbe und war mit einem Wort ein
-strammer Mensch. Und siehe: in diesen beiden Gefäßen
-gärte der bittere Trank, den wir trinken mußten.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-4">
-VIERTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>ie Brücke, die wir auf sieben Granitjochen bauten,
-war schon weit über das Wasser hinausgewachsen,
-und im Sommer des vierten Jahres begannen wir die eisernen
-Ketten über die Pfeiler zu spannen. Da wurden wir
-aber in unserer Arbeit etwas aufgehalten: als wir die Kettenglieder
-nach ihrer Größe aneinander paßten und mit
-stählernen Nieten zusammenfügten, zeigte es sich, daß
-viele Bolzen zu lang waren und daß man sie abschneiden
-mußte. Aber jeder dieser Bolzen war eine englische Stahlstange
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-und in England hergestellt, aus härtestem Stahl
-gegossen und stark wie der Arm eines erwachsenen Mannes.
-Man konnte diese Bolzen nicht glühen, weil der Stahl
-darunter gelitten hätte, und kein Instrument griff den Stahl
-an. Da fand plötzlich unser Schmied Maroi ein Mittel: er
-verklebte den Bolzen, an der Stelle, wo man ihn abschneiden
-mußte, mit dickem Wagenteer, den er mit Sand bedeckte,
-steckte dann das ganze Stück in den Schnee, streute Salz
-herum und drehte und wendete es. Dann zog er es mit
-einem Ruck heraus, glühte es, und wenn er dann mit dem
-Hammer draufschlug, sprang es auseinander, wie man
-eine Wachskerze mit der Schere durchschneidet. Alle die
-Engländer und Deutschen kamen, um die schlaue Erfindung
-unseres Marois zu sehen; sie schauen und schauen,
-plötzlich lachen sie, sprechen zuerst untereinander in
-ihrer Sprache und sagen dann in unserer Sprache:
-</p>
-
-<p>
-»So, Ruß; bist ein tüchtiger Kerl. Verstehst gut
-Physik.«
-</p>
-
-<p>
-Aber was für eine »Physik« konnte unser Maroi kennen!
-Er hatte ja von der Wissenschaft keine Ahnung und tat
-nur, wie ihn Gott erleuchtete. Aber unser Pimen Iwanow
-brüstete sich damit. So war es nach beiden Seiten schlecht:
-die einen glaubten an die Wissenschaft, von der unser
-Maroi nicht das geringste wußte, und die anderen sagten,
-daß Gottes Segen über uns sichtbar Wunder wirke, von
-denen wir niemals etwas sahen. Und das letzte war für
-uns schlimmer als das erste. Ich erklärte Ihnen eben, daß
-Pimen Iwanow ein schwacher Mensch und ein Prahler
-war, und jetzt muß ich erklären, weshalb wir ihn doch in
-unserer Gesellschaft duldeten. Er fuhr für uns in die Stadt,
-um Lebensmittel zu holen, und besorgte die notwendigen
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-Einkäufe; wir schickten ihn auf die Post, um Geld und
-die Pässe heimzuschicken und die neuen Pässe wieder
-abzuholen. Er erledigte alle solche Angelegenheiten und
-war uns, die Wahrheit zu sagen, in dieser Beziehung sogar
-sehr nützlich. Ein wirklich würdiger Altgläubiger meidet
-natürlich diese Eitelkeiten und flieht den Verkehr mit
-den Beamten, von denen wir außer Ärger nichts hatten;
-Pimen aber freute sich über diese Eitelkeiten und hatte
-in der Stadt auf dem anderen Ufer eine sehr ausgebreitete
-Bekanntschaft. Händler, Herrschaften, mit denen er in
-unseren Geschäften in Berührung kam, alle kannten ihn
-und hielten ihn für den Ersten bei uns. Natürlich lachten
-wir darüber, aber er liebte es sehr, mit den Herrschaften
-Tee zu trinken und groß daherzureden. Sie nennen ihn
-unseren Ältesten, und er lächelt nur, und in seinem Innersten
-schmeichelt es ihm. Mit einem Wort: Hohlheit! So
-kam unser Pimen auch zu einer nicht unwichtigen Persönlichkeit,
-die eine Frau aus unserer Gegend hatte.
-Sie war ebenfalls redselig und hatte irgendwelche neue
-Bücher über uns gelesen, in denen, wir wissen nicht was
-alles über uns geschrieben stand. Auf einmal erklärte
-sie, ich weiß nicht, wie es ihr in den Sinn kam, daß sie
-die Altgläubigen sehr liebe. Das war eine ganz wundersame
-Sache. Nun sie liebt uns halt, und so oft Pimen
-wegen irgendetwas zu ihrem Manne kommt, läßt sie
-ihn sofort sich niedersetzen, traktiert ihn mit Tee, und
-er freut sich darüber und setzt ihr seine Geschichten
-vor.
-</p>
-
-<p>
-Bei solchem Weibergeschwätz erzählt er ihr, was wir
-Altgläubige für Menschen wären; wir seien wie die Heiligen,
-rechtschaffen und gesegnet, und unser Großsprecher
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-schlägt die Augen nieder, legt den Kopf auf die Seite,
-streicht sich den Bart und sagt süßlich:
-</p>
-
-<p>
-»Ja, Gnädige, wir halten eben das väterliche Gesetz und
-sind so, daß wir das Herkommen beobachten und einer
-für den anderen über die Reinheit der Sitten wacht.« Mit
-einem Wort, er sagt ihr lauter Dinge, die durchaus nicht
-zum Gespräch mit einer weltlichen Frau gehören. Aber
-denken Sie sich nur: sie interessiert sich dafür.
-</p>
-
-<p>
-»Ich habe gehört,« sagt sie, »daß sich Gottes Segen
-sichtbar bei euch offenbart.«
-</p>
-
-<p>
-Und er bestätigt es ihr sofort:
-</p>
-
-<p>
-»Nun ja, Mütterchen,« antwortet er, »er offenbart sich;
-ganz sichtlich offenbart er sich.«
-</p>
-
-<p>
-»Sichtlich?«
-</p>
-
-<p>
-»Sichtlich,« sagt er, »Gnädige, sichtlich. Gerade dieser
-Tage hat einer unserer Leute den mächtigen Stahl wie
-ein Spinngewebe durchschnitten.«
-</p>
-
-<p>
-Die Gnädige klatscht vor Überraschung in die
-Hände.
-</p>
-
-<p>
-»Ach,« sagt sie, »wie interessant! Ich glaube an Wunder
-und liebe sie schrecklich! Wissen Sie, sagen Sie bitte
-Ihren Altgläubigen, sie möchten beten, daß Gott mir eine
-Tochter schenke. Ich habe zwei Söhne und möchte unbedingt
-eine Tochter. Ist das möglich?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, das ist möglich,« antwortet Pimen, »warum nicht?
-Es ist sehr wohl möglich! Nur ist es in solchen Fällen
-notwendig, daß Sie für die Öllämpchen opfern.«
-</p>
-
-<p>
-Zu seiner großen Befriedigung gibt sie ihm zehn Rubel
-für Öl, er steckt das Geld in die Tasche und sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Schön, seien Sie guten Mutes, ich werde es ausrichten.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-Pimen erzählte uns natürlich davon nichts, aber der
-Gnädigen wurde eine Tochter geboren.
-</p>
-
-<p>
-Nun war sie vor Freude außer sich und ließ gleich nach
-der Geburt unseren Hohlkopf rufen; sie feiert ihn, als
-ob er selbst der Wundertäter wäre, und er nimmt das
-alles hin. So leichtfertig wird ein Mensch, sein Verstand
-verdunkelt sich, und sein Gefühl erstarrt. Nach einem
-Jahr hat die Herrin wieder eine Bitte an unseren Gott,
-daß nämlich ihr Mann ihr ein Landhaus mieten solle, &mdash;
-und wieder geht es nach ihrem Wunsch, und Pimen verwendet
-das Geld, das sie für Kerzen und Öl spendete,
-wie er es für zweckmäßig hält; zu uns gelangte aber
-nichts. Und tatsächlich ereigneten sich unerklärliche Wunder.
-Der älteste Sohn der Gnädigen war in der Schule der
-größte Taugenichts und ein fauler Schlingel, der nichts
-lernen wollte; als es zum Examen kam, ging sie zu Pimen
-und beauftragte ihn, zu beten, daß ihr Sohn in die andere
-Klasse versetzt werde. Pimen sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Das ist eine schwere Sache. Ich muß alle meine Leute
-die ganze Nacht beim Gebet zusammenhalten, damit sie
-bei Kerzen bis zum Morgen flehen.«
-</p>
-
-<p>
-Aber sie besteht auf ihren Willen und händigt ihm
-dreißig Rubel ein: »Betet nur!« Und was denken Sie?
-Ihr nichtsnutziger Sohn hat solches Glück, daß man ihn
-in die nächste Klasse versetzt. Die Gnädige kommt fast von
-Sinnen darüber, daß Gott ihr solche Gefälligkeiten erweist.
-Sie gibt Pimen Auftrag auf Auftrag, und er hat schon bei
-Gott für sie Gesundheit erwirkt, eine Erbschaft, einen
-hohen Rang für ihren Mann und so viele Orden, daß sie
-auf seiner Brust keinen Platz mehr finden und er einen,
-wie man sagt, in der Tasche trägt. Es war einfach ein
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-Wunder, aber wir erfuhren nichts davon. Es kam jedoch
-die Zeit, wo alles offenbar wurde und ein Wunder die
-anderen ablöste.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-5">
-FÜNFTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>n einer jüdischen Stadt des Gouvernements war bei
-den Juden im Handel eine schmutzige Geschichte passiert.
-Ich kann Ihnen nicht genau sagen, ob sie falsches
-Geld gehabt oder ein unredliches Geschäft gemacht hatten,
-jedenfalls mußte die Obrigkeit die Sache aufdecken und
-hatte eine bedeutende Belohnung dafür ausgesetzt. Die
-Gnädige ging also zu unserem Pimen und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Pimen Iwanowitsch, hier gebe ich Ihnen zwanzig
-Rubel für Kerzen und Öl. Befehlen Sie den Ihrigen, so
-eifrig wie möglich zu beten, daß man meinen Mann mit
-dieser Sache beauftragt.«
-</p>
-
-<p>
-Das machte ihm wenig Kummer! Er hatte schon Geschmack
-an diesen Opfergaben gefunden und antwortete:
-</p>
-
-<p>
-»Gut, Gnädige, ich werde es befehlen.«
-</p>
-
-<p>
-»Aber daß sie auch tüchtig beten, die Sache ist für mich
-sehr wichtig.«
-</p>
-
-<p>
-»Die werden sich nicht unterstehen, schlecht zu beten,
-wenn ich es befehle,« beruhigt Pimen, »ich werde ihnen
-Fasten auferlegen, bis sie es erfleht haben.« Er nahm das
-Geld und ließ es dabei bewenden, ihr Gemahl aber erhielt
-noch in derselben Nacht den von ihr gewünschten
-Auftrag. Bei diesem Segen genügte ihr aber unser Gebet
-nicht mehr, und sie wollte unbedingt selber unserem
-Heiligtum ihre Lobpreisung darbringen. Sie sagte es Pimen,
-und er bekam Angst, weil er wußte, daß wir sie nicht in
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-unser Heiligtum einlassen würden. Die Gnädige gab
-jedoch nicht nach.
-</p>
-
-<p>
-»Ich werde,« sagt sie, »was Sie auch sagen mögen,
-heute gegen Abend ein Boot nehmen und mit meinem
-Sohne zu Ihnen kommen.«
-</p>
-
-<p>
-Pimen redet ihr zu:
-</p>
-
-<p>
-»Es ist besser,« sagt er, »wenn wir selber beten. Wir
-haben einen Schutzengel, dem weihen Sie ein Licht, und
-wir werden ihm den Schutz Ihres Gemahls anvertrauen.«
-</p>
-
-<p>
-»Ach, das ist vortrefflich,« antwortet sie, »ganz vortrefflich!
-Ich bin sehr froh über diesen Engel; hier ist
-etwas Geld für Öl, zünden Sie unbedingt drei Lämpchen
-vor ihm an, und ich werde dann kommen, um es mir anzusehen.«
-</p>
-
-<p>
-Pimen gefiel das gar nicht; er kam zu uns und begann
-zu jammern, daß die Sache so und so stünde.
-</p>
-
-<p>
-»Ich habe,« sagte er, »der abscheulichen Ketzerin nicht
-widersprochen, als sie ihr Begehren äußerte, weil wir
-ihren Mann notwendig brauchen.« Und so log er uns
-ganze Körbe voll vor, aber von all dem, was er getan hatte,
-sagte er nichts. Nun, so unangenehm es uns auch war, es
-war nichts zu machen. Wir nahmen unsere Heiligenbilder
-möglichst schnell von der Wand und legten sie in ihre
-Kisten, aus denen wir die Ersatzbilder holten, die wir aus
-Furcht vor Beamtenüberfällen bei uns hatten. Diese
-setzten wir auf die Gestelle und erwarteten unseren Gast.
-Sie kam und war so aufgeputzt, daß es zum Erschrecken
-war. Sie fegte mit ihren langen, breiten Bändern nur so
-hin, schaute alle unsere vertauschten Heiligenbilder durch
-die Lorgnette an und fragte: »Sagen Sie, bitte, welcher ist
-hier der wundertätige Engel?«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-Wir wissen schon nicht mehr, wie wir sie von dem Gespräch
-abbringen sollen.
-</p>
-
-<p>
-»Wir haben keinen solchen Engel« sagen wir.
-</p>
-
-<p>
-Und wie sie auch in uns drang und Pimen schalt, wir
-zeigten ihr den Engel nicht, sondern führten sie möglichst
-schnell zum Teetisch und setzten ihr vor, was wir hatten.
-</p>
-
-<p>
-Sie mißfiel uns schrecklich, Gott weiß warum: sie sah
-irgendwie abstoßend aus, obwohl man sie sonst für schön
-hielt. Wissen Sie, so eine lange Hagere, mit zusammengewachsenen
-Augenbrauen.
-</p>
-
-<p>
-»Solch eine Schönheit gefällt Ihnen nicht?« unterbrach
-der Bärenpelz den Erzähler.
-</p>
-
-<p>
-»Erlauben Sie, was kann einem an einer solchen schlangenähnlichen
-Gestalt gefallen?« antwortete jener.
-</p>
-
-<p>
-»Bei euch hält man wohl eine Frau für schön, wenn sie
-wie ein Erdhaufen aussieht?«
-</p>
-
-<p>
-»Ein Erdhaufen!« wiederholte unser Erzähler lächelnd
-und ohne gekränkt zu sein. »Warum nehmen Sie das an?
-Nach unserer echt russischen Auffassung bevorzugen wir
-einen Typus, der, unserer Meinung nach, viel ansprechender
-ist, als der, den die jetzige Leichtfertigkeit schätzt,
-aber durchaus nicht, was man einen Erdhaufen nennen
-kann. Wir schätzen nur die langen, mageren nicht, sondern
-lieben es, wenn die Frau nicht auf langen, sondern auf
-kräftigen Beinen steht, damit sie nicht konfus herumrennt,
-sondern wie eine Kugel überall hinrollt und auch hinkommt,
-während die Lange hin und her läuft und stolpert.
-Die schlangenhafte Schlankheit schätzen wir ebenso
-wenig, sondern fordern, daß die Frau erdhafter sei und
-einen Busen habe, denn wenn er auch für die Figur nicht
-so schön ist, so spricht er doch von der Mutterschaft; die
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-Stirne muß bei der echten russischen Frauenart voll und
-fleischig sein, weil in ihr dann mehr Lust und Freundlichkeit
-liegt. Ähnlich ist es mit der Nase. Wir mögen die
-Hakennasen nicht, sondern die Nase soll wie ein
-Pfeifchen sein, denn so ein Pfeifchen ist, wenn Sie erlauben,
-für die Familie viel freundlicher als eine trockene,
-stolze Nase. Und ganz besonders die Brauen: die Brauen
-offenbaren den Ausdruck im Gesicht, und deshalb dürfen
-sie bei der Frau nicht zusammenstoßen, sondern müssen
-einen offenen Bogen bilden, weil man mit einer solchen
-Frau viel umgänglicher sprechen kann und sie auf jeden
-einen ganz anderen, für das Haus einnehmenden Eindruck
-macht. Freilich der jetzige Geschmack ist von diesem
-guten Typus abgekommen und bevorzugt beim Frauengeschlecht
-ätherische Luftigkeit, aber das ist eben schade.
-Indes, gestatten Sie, wir sprachen nicht davon, und ich
-fahre lieber in meiner Erzählung fort:
-</p>
-
-<p>
-Wie wir die Frau hinausbegleitet haben, merkt unser
-Pimen als eitler Mensch, daß wir sie abfällig kritisieren,
-und sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Was habt ihr denn? Sie ist doch gut.«
-</p>
-
-<p>
-Aber wir antworten: »Die soll gut sein, wo sie schon
-im Gesicht nichts Gutes hat! Aber Gott sei mit ihr: wie
-sie ist, so wird sie auch bleiben.« Wir waren schon froh,
-daß wir sie hinausbegleitet hatten, und räucherten gleich
-mit Weihrauch, damit bei uns auch kein Hauch von ihr
-zurückbleibe. Danach befreiten wir das Stübchen von den
-letzten Spuren des Gastes. Die Ersatzbilder legten wir in
-die Kisten zurück in den Verschlag und holten unsere
-richtigen Bilder wieder hervor. Wir hoben sie auf die
-Gestelle, wie vorher, und besprengten sie mit Weihwasser.
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-Dann ging ein jeder zu seinem Schlafplatz, und wir legten
-uns nieder. Aber Gott allein weiß, warum wir alle in
-dieser Nacht nicht schlafen konnten und wie ängstlich
-und unruhig es uns zumute war.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-6">
-SECHSTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>m Morgen gingen wir alle an unsere Arbeit, nur
-Luka Kirillow nicht. Das war in anbetracht seiner
-Pünktlichkeit erstaunlich, noch erstaunlicher aber war,
-daß er um acht Uhr ganz verstört und bleich zu uns kam.
-</p>
-
-<p>
-Ich wußte, daß er ein Mann war, der sich in der Hand
-hatte und es nicht liebte, sich unnütz zu grämen, und
-darum wurde ich aufmerksam und fragte:
-</p>
-
-<p>
-»Was hast du, Luka Kirillow?«
-</p>
-
-<p>
-Aber er sagt: »Später sage ich es.«
-</p>
-
-<p>
-Jung, wie ich damals war, war ich schrecklich neugierig,
-zudem hatte mich eine Vorahnung gepackt, daß sich irgend etwas
-Unheilvolles für unseren Glauben ereignet habe.
-Ich hielt aber den Glauben hoch und war niemals kleingläubig.
-</p>
-
-<p>
-Ich konnte es nicht länger aushalten, verließ unter
-irgendeinem Vorwand die Arbeit und lief nach Hause.
-Ich dachte mir: solange niemand zu Hause ist, kann ich
-von Michailiza etwas erfahren. Wenn ihr Luka Kirillow
-auch nichts eröffnet hat, so durchschaut sie ihn, trotz
-ihrer Einfalt, und vor mir wird sie nichts verheimlichen,
-da ich, schon als Kind verwaist, bei ihr an Sohnesstatt aufgewachsen
-bin, und sie mir wie eine zweite Mutter gewesen
-ist.
-</p>
-
-<p>
-Ich eile zu ihr und sehe sie in einem alten offenen
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-Halbpelz auf dem Freitreppchen sitzen; aber sie ist krank
-und traurig und ganz fahl im Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-»Warum sitzen Sie hier, Pflegemutter?« frage ich.
-</p>
-
-<p>
-Und sie antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Wo soll ich denn sonst bleiben, Marotschka?«
-</p>
-
-<p>
-Ich heiße Mark Alexandrow, aber sie nannte mich in
-ihrer mütterlichen Zärtlichkeit Marotschka.
-</p>
-
-<p>
-Was sind das für Dummheiten, denke ich mir, daß
-sie nicht weiß, wo sie sonst bleiben soll?
-</p>
-
-<p>
-»Aber warum,« sage ich, »legen Sie sich denn nicht
-ein wenig im Schuppen hin?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich kann nicht, Marotschka,« antwortet sie, »in der
-großen Stube betet der alte Maroi.«
-</p>
-
-<p>
-Aha, denke ich mir, es wird schon so sein, daß sich
-irgendetwas mit unserm Glauben zugetragen hat; und
-nun beginnt auch Tante Michailiza:
-</p>
-
-<p>
-»Marotschka, du weißt sicher nichts, Kind, von dem,
-was sich heute nacht bei uns ereignet hat?«
-</p>
-
-<p>
-»Nein, Pflegemutter, ich weiß nichts.«
-</p>
-
-<p>
-»Ach, es ist schrecklich.«
-</p>
-
-<p>
-»Erzählen Sie doch schneller, Pflegemutter!«
-</p>
-
-<p>
-»Ich weiß nicht, ob ich es erzählen darf.«
-</p>
-
-<p>
-»Warum wollen Sie nicht erzählen?« sage ich: »Bin
-ich denn für Sie ein Fremder und nicht an Sohnesstatt?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich weiß, mein Lieber, daß du mir wie ein Sohn bist,«
-antwortet sie, »aber ich habe kein Vertrauen, daß ich
-es dir auseinandersetzen kann, denn ich bin dumm und
-einfältig. Warte doch, nach Feierabend kommt der Onkel,
-und der wird dir gewiß alles erzählen.«
-</p>
-
-<p>
-Aber ich konnte nicht warten und drang in sie:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-»Erzähle doch, erzähle doch gleich, was alles geschehen
-ist.«
-</p>
-
-<p>
-Ich sehe, wie sie mit den Lidern blinzelt und wie sich
-ihre Augen mit Tränen füllen, die sie mit dem Brusttuch
-abwischt; dann flüstert sie mir leise zu:
-</p>
-
-<p>
-»Kind, der Schutzengel ist heute Nacht von uns fortgegangen.«
-</p>
-
-<p>
-Diese Eröffnung machte mich zittern.
-</p>
-
-<p>
-»Sagen Sie doch bitte schnell, wie das Wunder geschehen
-ist und wer es gesehen hat!«
-</p>
-
-<p>
-»Das Wunder, Kind, ist unerklärlich, und niemand
-außer mir hat es gesehen, weil es tiefe Mitternacht war,
-als es geschah und ich allein nicht schlief.«
-</p>
-
-<p>
-Und dann, meine werten Herren, erzählte sie mir folgende
-Geschichte:
-</p>
-
-<p>
-»Nachdem ich gebetet hatte, war ich eingeschlafen.
-Ich weiß nicht mehr, wie lange ich schlief, aber plötzlich
-sehe ich im Traum eine Feuersbrunst, eine ganz große
-Feuersbrunst. Es war, als ob alles bei uns verbrannt wäre,
-und der Fluß führe die Asche mit sich fort, aber an den
-Strudeln um die Brückenjoche kreist sie noch, und dann
-schluckt sie der Fluß in die Tiefe.« Und Michailiza träumt,
-als sei sie hinausgelaufen und stehe in einem alten zerrissenen
-Hemd ganz unten am Wasser, aber ihr gegenüber
-am anderen Ufer erhebe sich eine hohe, rote Säule,
-und oben auf der Säule stehe ein kleiner, weißer Hahn,
-der in einemfort mit den Flügeln schlage. Michailiza
-fragt: »Wer bist du?«, denn das Gefühl sagt ihr, daß
-dieser Vogel ein Vorzeichen sei. Der Hahn aber ruft
-plötzlich mit menschlicher Stimme »Amen«, sonst nichts,
-und dann ist er verschwunden, aber um Michailiza herum
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-herrscht eine große Stille, und die Luft ist so dünn, daß
-sie keinen Atem mehr bekommt und es ihr schrecklich
-zumute wird. Dann wacht sie auf, liegt da und vernimmt
-deutlich, wie vor der Tür ein Lämmchen blökt. Und an
-der Stimme merkt sie, daß es ein neugeborenes Lämmchen
-ist. Mit hellem silbernen Stimmchen macht es bä-ä-äh,
-und plötzlich hört Michailiza, daß es durch die Gebetsstube
-geht, mit seinen kleinen Hufen auf den Boden klopft
-und hin und wieder stehen bleibt, als ob es etwas suche.
-Michailiza überlegt: Herr Jesu Christ, was soll das bedeuten?
-In unserer ganzen Ansiedlung gibt es kein Schaf,
-und woher ist uns jetzt dieses Lämmchen zugelaufen?
-Nun wird sie ganz wach: Aber wie ist es denn in die
-Stube gekommen? In der gestrigen Hast haben wir also
-vergessen, das Hoftor zu schließen, Gott sei Dank, daß
-nur ein Lämmchen hereingesprungen und nicht der
-Hofhund in das Heiligtum eingedrungen ist. Und nun
-beginnt sie Luka zu wecken: »Kirillytsch«, ruft sie, »Kirillytsch,
-steh schnell auf! Unsere Tür ist offen, und irgendein
-Jungtier ist zu uns in die Hütte gesprungen.« Aber
-zum Unheil schläft Luka Kirillow wie ein Toter. Und
-wie ihn auch Michailiza zu wecken versucht, es will ihr
-auf keine Weise gelingen. Luka brummt nur und sagt
-kein Wort. Michailiza schüttelt ihn stärker, aber er brummt
-nur noch lauter. Sie beginnt ihn zu bitten: »Gedenk des
-Namen Jesu!« Aber kaum hat sie das Wort ausgesprochen,
-als in der Stube etwas winselt, und in dem Augenblick
-springt Luka vom Bett auf, stürzt nach vorne und prallt
-plötzlich mitten in der Stube wie vor einer ehernen Wand
-zurück. »Mach Licht, Weib, mach schneller Licht!« ruft
-er Michailiza zu, er selbst aber rührt sich nicht von der
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Stelle. Sie zündet eine Kerze an und läuft herzu, aber er
-ist bleich wie ein zum Tode Verurteilter und bebt, daß das
-Kreuz an seinem Hals, ja selbst die Fußlappen an seinen
-Füßen zittern. Die Frau spricht wieder zu ihm: »Ernährer,
-was hast du?« sagt sie. Er aber zeigt mit dem Finger,
-daß dort, wo der Engel war, eine leere Stelle ist und daß
-der Engel selbst vor Lukas Fuße auf dem Boden liegt.
-</p>
-
-<p>
-Luka Kirillow geht jetzt unverzüglich zum alten Maroi
-und sagt ihm, wie alles gewesen sei, was seine Frau
-gesehen habe und was bei uns geschehen war: »Komm
-und schau!« Maroi kommt, kniet vor dem auf der Erde
-liegenden Engel nieder und bleibt vor ihm lange unbeweglich,
-wie ein marmornes Grabbild liegen, dann hebt
-er aber die Hand, streicht sich über die Tonsur auf dem
-Scheitel und sagt leise:
-</p>
-
-<p>
-»Bringt zwölf reine, neugebrannte Ziegelplatten her!«
-</p>
-
-<p>
-Luka Kirillow bringt sie sogleich, Maroi schaut sie an
-und sieht, daß sie alle rein sind und gerade aus dem Brennofen
-kommen, und er befiehlt Luka, eine auf die andere zu
-legen und so eine Art Säule aufzuführen, diese mit einem
-reinen Handtuch zu bedecken und darauf das Heiligenbild
-zu legen. Dann verneigt sich Maroi bis zur Erde, und ruft:
-</p>
-
-<p>
-»Engel Gottes, streu deine Spuren aus, wohin du
-willst!«
-</p>
-
-<p>
-Er hat diese Worte kaum ausgesprochen, als an der
-Türe geklopft wird und eine unbekannte Stimme ruft:
-</p>
-
-<p>
-»He, ihr Altgläubigen, wer ist euer Ältester?«
-</p>
-
-<p>
-Luka Kirillow öffnet die Tür und sieht einen Soldaten
-mit einer Medaille vor sich stehen.
-</p>
-
-<p>
-Luka fragt, was für einen Ältesten er wolle. Und der
-antwortet:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-»Den, der oft zur Gnädigen kam und den sie Pimen
-nennen.«
-</p>
-
-<p>
-Luka schickt seine Frau gleich zu Pimen und fragt
-weiter, worum es sich handle und wer ihn in der Nacht
-nach Pimen gesandt habe.
-</p>
-
-<p>
-Der Soldat sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Etwas Gewisses weiß ich nicht, aber ich habe so etwas
-gehört, als ob die Juden dort eine schlimme Geschichte
-mit unserem Herrn angestellt hätten!«
-</p>
-
-<p>
-Aber was es eigentlich sei, kann er nicht erzählen.
-</p>
-
-<p>
-»Ich habe gehört,« sagt er, »daß der Herr erst sie versiegelt
-hätte und dann sie ihn.«
-</p>
-
-<p>
-Aber darüber, wie sie einander versiegelt haben, weiß
-er nichts verständliches zu erzählen.
-</p>
-
-<p>
-Währenddes war Pimen gekommen; er schielt selbst
-wie ein Jude, bald dorthin, bald dahin, und weiß sichtlich
-selbst nicht, was er sagen soll. Und Luka spricht
-ihn an:
-</p>
-
-<p>
-»Was hast du da gemacht, Spielmann? Geh jetzt und
-spiel dein Stück nur zu Ende!«
-</p>
-
-<p>
-Der setzt sich mit dem Soldaten ins Boot, und sie
-fahren ab.
-</p>
-
-<p>
-Nach einer Stunde kommt unser Pimen zurück, stellt
-sich munter, aber man sieht, daß es ihm durchaus nicht
-so zumute ist.
-</p>
-
-<p>
-Luka fragt ihn:
-</p>
-
-<p>
-»Sprich,« sagt er, »du Windbeutel, und sag ganz aufrichtig,
-was du dort getan hast.«
-</p>
-
-<p>
-Aber jener erwidert: »Nichts«.
-</p>
-
-<p>
-Nun, bei dem Nichts blieb es, obwohl es durchaus
-kein Nichts gewesen war.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-7">
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-SIEBENTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span>it dem Herrn, für den unser Pimen gebetet hatte,
-war eine erstaunliche Geschichte geschehen. Er
-war, wie ich Ihnen berichtet habe, in die jüdische Stadt
-gefahren, war dort spät in der Nacht angekommen, als
-niemand an ihn dachte, hatte sofort alle Läden unter
-Siegel genommen und die Polizei verständigt, daß er am
-nächsten Morgen mit der Revision beginnen werde. Die
-Juden erfuhren es natürlich sofort und gingen gleich, noch
-in der Nacht, zu ihm, um ihn um ein Übereinkommen
-zu bitten, da sie große Vorräte von gesetzwidrigen Waren
-auf Lager hatten. Sie kamen zu ihm und steckten ihm auf
-einmal zehntausend Rubel zu. Er sagte: Ich kann nicht,
-ich bin ein hoher Beamter, genieße Vertrauen und nehme
-keine Bestechungsgelder. Die Juden schnattern untereinander:
-»Fünfzehntausend«. Er wieder: »Ich kann nicht.«
-Sie »Zwanzig«. Er darauf: »Versteht ihr denn nicht, daß
-ich nicht kann: ich habe schon die Polizei verständigt,
-daß ich morgen mit ihr zusammen revidieren werde«.
-Sie schnattern wieder und sagen dann:
-</p>
-
-<p>
-»Ach, Eure Durchlaucht, das macht nichts, daß Sie
-die Polizei verständigt haben, wir geben Ihnen fünfundzwanzigtausend,
-und Sie geben uns dafür bloß bis zum
-Morgen Ihr Petschaft und legen sich ruhig schlafen:
-wir brauchen nichts mehr.«
-</p>
-
-<p>
-Der Herr überlegt hin und her: Wenn er sich auch für
-eine hohe Person hält, so scheint auch bei den hohen
-Personen das Herz nicht von Stein zu sein; er nahm die
-fünfundzwanzigtausend, gab ihnen das Petschaft, mit
-dem er siegelte, und legte sich schlafen. Die Juden holten,
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-versteht sich, in der Nacht alles Notwendige aus ihren
-Lagern heraus und versiegelten sie wieder mit demselben
-Petschaft. Der Herr schlief noch, als sie am Morgen schon
-wieder in seinem Vorzimmer lärmten. Er geht zu ihnen
-hinaus; sie danken ihm und sagen:
-</p>
-
-<p>
-»Nun, Euer Hochwohlgeboren, nun halten Sie bitte
-Revision.«
-</p>
-
-<p>
-Er scheint es aber zu überhören und sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Gebt mir schnell mein Siegel.«
-</p>
-
-<p>
-Aber die Juden sagen:
-</p>
-
-<p>
-»Ja, geben Sie uns unser Geld.«
-</p>
-
-<p>
-Der Herr: »Was? Wie?« Aber sie bleiben dabei:
-</p>
-
-<p>
-»Wir haben,« sagen sie, »das Geld Ihnen als Pfand zurückgelassen.«
-</p>
-
-<p>
-Er wieder:
-</p>
-
-<p>
-»Was, als Pfand?«
-</p>
-
-<p>
-»Freilich,« sagen sie, »als Pfand.«
-</p>
-
-<p>
-»Ihr lügt,« sagt er, »ihr Halunken, ihr Christusverkäufer,
-ihr habt mir das Geld ganz gegeben.«
-</p>
-
-<p>
-Sie stoßen einander an und lachen.
-</p>
-
-<p>
-»Hörst du,« sagen sie, »hörst, wir haben ihm das Geld
-ganz gegeben ... Hm, hm, ai, ai, wie könnten wir so dumm
-sein und so unpolitisch, einer so hohen Persönlichkeit
-Chabar geben.« (So nennen sie Bestechungsgelder.)
-</p>
-
-<p>
-Nun, können Sie sich etwas Schöneres vorstellen als
-diese Geschichte? Der Herr, versteht sich, hätte nun das
-Geld zurückgeben sollen, und die Sache wäre zu Ende
-gewesen, aber er war eigensinnig und wollte sich davon
-nicht trennen. So verging der Morgen. Der ganze Handel
-in der Stadt ist gesperrt. Die Leute kommen und wundern
-sich. Die Polizei fordert das Siegel, und die Juden
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-schreien: »Ai wai, was ist das für eine staatliche Regierung!
-Die hohe Obrigkeit will uns ruinieren.« Ein schreckliches
-Durcheinander. Der Herr sitzt eingeschlossen zu
-Hause und hat bis Mittag schier den Verstand verloren.
-Am Abend ruft er dann die listigen Juden zu sich und
-sagt: »Hier, ihr Verfluchten, nehmt euer Geld und gebt
-mir nur mein Petschaft wieder!« Aber sie wollen nicht
-und sagen: »Ja, wenn das so ginge! Wir haben den ganzen
-Tag nicht gehandelt: jetzt müssen Euer Wohlgeboren
-uns fünfzehntausend dazu geben!« Sehen Sie, so kam es!
-Und die Juden drohen: »Wenn Sie uns jetzt nicht die
-fünfzehntausend geben, kostet die Sache morgen fünfundzwanzigtausend
-Rubel mehr.« Der Herr schlief die
-ganze Nacht nicht, am Morgen schickte er wieder zu den
-Juden, gab ihnen das ganze Geld, das er von ihnen erhalten
-hatte, zurück und unterschrieb einen Wechsel auf
-fünfundzwanzigtausend; dann begann er so eine Art
-Revision. Natürlich fand er nichts, fuhr so schnell wie
-möglich nach Haus und tobte vor seiner Frau, woher er
-die fünfundzwanzigtausend Rubel nehmen solle, um den
-Juden den Wechsel zu bezahlen. »Wir müssen dein Gut,
-das du in die Ehe mitgebracht hast, verkaufen,« sagt er.
-Aber sie erwidert: »Um nichts in der Welt, ich bin mit
-ihm verwachsen.« Er sagt: »Du bist schuld, du hast mir
-mit deinen Altgläubigen diesen Auftrag erbetet und warst
-überzeugt, daß mir ihr Engel helfen würde; so schön hat
-er mir nun geholfen!« Aber sie antwortet darauf: »Du
-bist selber schuld, warum bist du so dumm und hast die
-Juden nicht verhaftet und erklärt, daß sie dir das Petschaft
-gestohlen haben? Aber im übrigen,« sagt sie,
-»macht es nichts, folge nur mir, ich werde die Sache schon
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-wieder einrichten, und für deine Unvernunft werden andere
-zahlen.« Und mit einem Male plärrt sie: »Sofort,
-schnell den Dnjepr hinunterfahren und mir den Ältesten
-der Altgläubigen herholen!« Der Bote kam, brachte
-unseren Pimen, und die Frau sagte ihm ohne Umschweife:
-»Hören Sie, ich weiß, daß Sie ein verständiger Mensch
-sind und daß Sie verstehen werden, was ich brauche:
-Meinem Mann ist eine kleine Unannehmlichkeit widerfahren.
-Nichtswürdige haben ihn ausgeraubt, die Juden ...
-Sie verstehen ... und wir brauchen unbedingt dieser Tage
-fünfundzwanzigtausend Rubel, die ich nirgends so schnell
-auftreiben kann. Aber ich habe Sie gerufen, und da
-ich weiß, daß ihr Altgläubige kluge und reiche Leute
-seid, und weil ich mich selbst überzeugt habe, daß Gott
-euch in allen Dingen hilft, bin ich sicher, daß ihr
-mir den Gefallen tun und die fünfundzwanzigtausend
-geben werdet. Ich werde dafür meinerseits allen Damen
-von euren wundertätigen Heiligenbildern erzählen, und
-ihr werdet sehen, wieviel ihr für Wachs und Öl erhalten
-werdet.« Ich glaube, meine werten Herren, daß Sie sich
-ohne Mühe vorstellen können, was unser Spielmann bei
-dieser Wendung empfand. Ich weiß nicht, was er alles
-sagte, aber ich glaube es ihm, daß er nun anfing sich zu
-winden und zu schwören und sie unserer Dürftigkeit zu
-versichern; aber sie, die neue Herodias, wollte davon
-nichts wissen. »Nein,« sagte sie, »ich weiß sehr gut, daß
-die Altgläubigen reich sind und daß fünfundzwanzigtausend
-Rubel für euch nichts bedeuten. Als mein Vater
-in Moskau Beamter war, haben ihm die Altgläubigen
-mehrmals solche Gefälligkeiten erwiesen; und fünfundzwanzigtausend
-Rubel sind gar nicht der Rede wert.«
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-Pimen versuchte natürlich ihr vorzustellen, daß die Moskauer
-Altgläubigen kapitalskräftige Leute seien, wir aber
-einfache Bauern und Taglöhner ... Aber sie hatte anscheinend
-sehr gute Moskauer Erfahrungen und fiel
-über ihn auf einmal her: »Warum erzählen Sie mir das?
-Als ob ich nicht wüßte, wieviel wundertätige Heiligenbilder
-ihr habt! Haben Sie mir nicht selbst erzählt, wie
-viel man euch aus ganz Rußland für Wachs und Öl
-schickt? Nein, ich will nichts hören, entweder bekomme
-ich sofort das Geld, oder mein Mann fährt gleich zum
-Gouverneur und erzählt ihm alles, wie ihr betet und die
-Leute verführt, und es wird euch schlecht gehen.« Der
-arme Pimen fiel schier die Treppe hinunter; er kam nach
-Hause und sagte, wie ich Ihnen berichtet habe, nur das
-eine Wort: »Nichts«. Dabei war er aber rot, als käme er
-aus dem Dampfbad, ging gleich in einen Winkel und
-schneuzte sich in einem fort. Schließlich nahm ihn Luka
-Kirillow ein wenig ins Verhör. Pimen gestand ihm
-natürlich nicht alles, sondern enthüllte ihm nur ganz
-wenig und sagte: »Die Gnädige hat von mir verlangt,
-daß ich ihr von euch fünftausend Rubel Bestechungsgelder
-bringe.« Daraufhin braust Luka natürlich auf:
-»Ach du Spielmann,« sagte er, »was brauchtest du mit
-den Leuten verkehren und sie auch noch herbringen?
-Sind wir denn reiche Leute, haben wir soviel Geld zu
-verschenken? Wofür sollen wir es denn geben? Und wo
-ist es? Wie du alles angestellt hast, so bringe es auch
-wieder in Ordnung, aber wir können die fünftausend
-Rubel nirgends hernehmen.« Damit ging Luka an seine
-Arbeit und kam, wie ich berichtete, bleich wie ein zum
-Tode Verurteilter zu uns, weil das nächtliche Ereignis
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-ihn ahnen ließ, daß die Sache uns Unannehmlichkeiten
-bringen werde. Pimen aber ging ans andere Flußufer.
-Wir alle sahen, wie er mit einem Boot aus dem Schilf
-herausfuhr und sich der Stadt zuwandte. Als Michailiza
-mir jetzt dies alles der Reihe nach erzählte, wie er sich
-um die fünftausend Rubel bemüht hatte, dachte ich mir,
-daß er nun bestimmt zur Gnädigen gefahren sei, um sie
-zu besänftigen. Mit solchen Gedanken stand ich neben
-Michailiza und dachte nach, ob aus all dem nicht ein
-Schaden für uns erwachsen könne und ob es nicht notwendig
-sei, irgendwelche Maßnahmen dagegen zu ergreifen,
-als ich plötzlich sah, daß alle Maßnahmen schon zu
-spät waren, da ein großes Boot am Ufer anlegte und ich
-hinter mir den Lärm vieler Stimmen hörte. Ich drehte mich
-um und erblickte einige Beamte in allerlei Uniformen
-und mit ihnen eine erhebliche Anzahl von Gendarmen
-und Soldaten. Meine werten Herren, ich kann Michailiza
-kaum einen Blick zuwerfen, als sie alle an uns vorbei zu
-Lukas Stube gehen und an der Türe zwei Posten mit
-bloßen Säbeln aufstellen. Michailiza stürzt auf die Posten
-zu, nicht nur, um in die Stube zu kommen, sondern auch,
-um zu eifern. Natürlich stoßen sie sie zurück, und wie
-sie noch wilder auf sie eindringt und mit ihnen ins Handgemenge
-kommt, versetzt ihr einer der Gendarmen einen
-solchen Stoß, daß sie kopfüber die Treppe hinunterstürzt.
-Ich schicke mich an, zu Luka auf die Brücke zu
-laufen, aber ich sehe schon, wie Luka mir entgegenläuft
-und hinter ihm unsere ganze Gesellschaft, alle in
-Aufruhr, jeder mit dem Werkzeug in der Hand, mit dem
-er eben gearbeitet hat, der eine mit einer Brechstange,
-der andere mit einem Hammer, und alle laufen, um ihr
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-Heiligtum zu verteidigen. Alle, die im Boot keinen Platz
-gefunden und kein anderes Mittel hatten, das Ufer zu
-erreichen, waren in den Kleidern, wie sie bei der Arbeit
-gewesen waren, von der Brücke ins Wasser gesprungen
-und schwammen nun einer hinter dem anderen durch den
-kalten Fluß. Stellen Sie sich vor, es war schrecklich auszudenken,
-wie das enden sollte. Die Soldatenabteilung
-war etwa zwanzig Mann stark, und wenn sie auch alle
-mehr oder weniger kriegerisch ausgerüstet waren, so
-waren die Unseren mehr als ein halbes Hundert und alle
-von glühendem Glaubenseifer beseelt. Jetzt schwimmen
-sie wie die Seehunde durch das Wasser, und man hätte
-sie mit einem Knüppel auf den Kopf schlagen können,
-sie hätten die Absicht, ihr Heiligtum zu beschützen, nicht
-aufgegeben. Nun stürmen sie, naß wie sie sind, vorwärts,
-als hätten Steine plötzlich Leben bekommen.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-8">
-ACHTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">G</span>estatten Sie mir jetzt daran zu erinnern, daß, während
-ich mit Michailiza auf der Treppe sprach, der
-alte Maroi sich in der Stube im Gebet befand, wo ihn
-die Herren Beamten bei ihrem Eindringen auch vorfanden.
-Er erzählte später, daß sie, gleich als sie hereingekommen
-waren, die Türe zugeschlagen hätten und gerade
-auf die Heiligenbilder zugegangen wären. Die einen
-löschen die Lämpchen aus, die anderen reißen die Bilder
-von der Wand, legen sie auf den Boden und schreien ihn
-an: »Bist du der Pope?« Er sagt: »Nein, ich bin kein
-Pope.« Sie: »Wer ist denn euer Pope?« Aber er antwortet:
-»Wir haben keinen Popen.« Sie darauf: »Ihr werdet
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-keinen Popen haben! Wie wagst du zu sagen, daß ihr
-keinen Popen habt!« Er begann ihnen zu erklären, daß
-wir keine Popen haben, aber weil er so unverständlich
-sprach, daß sie nicht begriffen, wovon die Rede war, sagten
-sie: »Bindet ihn, er ist verhaftet.« Maroi läßt sich
-binden, als gehe es ihn nichts an, daß ihm ein Dutzend
-Soldaten mit einem Strickende die Hände binden. Er
-steht da und sieht zu, was weiter geschieht. Die Beamten
-hatten inzwischen Kerzen angezündet und die
-Bilder zu versiegeln begonnen. Der eine legte die Siegel
-an, die anderen machten ein Verzeichnis, die dritten
-bohrten Löcher in die Bilder und reihten sie auf eine
-Eisenstange aneinander. Maroi sah diesem gotteslästerlichen
-Treiben zu und zuckte nicht einmal mit den Schultern,
-weil er bei sich dachte, daß es wohl Gott gefalle,
-diese Schändung des Heiligtums zuzulassen. Im selben
-Augenblick hört Maroi draußen einen Gendarmen aufschreien,
-und dann einen zweiten. Die Tür fliegt auf, und
-unsere Seehunde stürzen naß, wie sie aus dem Wasser
-gestiegen sind, herein. Glücklicherweise war ihnen jedoch
-Luka Kirillow zuvorgekommen; er schrie sie an:
-</p>
-
-<p>
-»Haltet ein, Christenmenschen! Ereifert euch nicht!«
-Dann wendet er sich an die Beamten, weist auf die an
-die Eisenstange aufgespießten Ikonen und spricht: »Weshalb
-beschädigt ihr so das Heiligtum, ihr Herren Beamten?
-Wenn ihr das Recht habt, es uns zu nehmen, dann werden
-wir der Gewalt keinen Widerstand leisten, &mdash; nehmt
-es nur. Aber weshalb müßt ihr so seltene, von den Vätern
-ererbte Kunstwerke beschädigen?«
-</p>
-
-<p>
-Aber der Mann der Bekannten Pimens, der die ganze
-Sache leitete, schrie Luka an:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-»Still, Halunke! Du wagst noch zu räsonieren!«
-</p>
-
-<p>
-Luka war ein stolzer Bauer, aber er demütigte sich und
-antwortete leise:
-</p>
-
-<p>
-»Erlauben, Euer Hochwohlgeboren, wir kennen diesen
-Brauch, wir haben in der Stube anderthalb Hundert Ikonen.
-Wenn Sie wünschen, geben wir Ihnen für jede Ikone
-drei Rubel, nehmen Sie sie mit, aber beschädigen Sie die
-alten Kunstwerke nicht.«
-</p>
-
-<p>
-In den Augen des Herrn blitzte es, und er schrie ihn
-laut an: »Hinaus!« Ganz leise setzte er aber hinzu: »Gib
-hundert Rubel für das Stück, sonst stecke ich sie alle in
-den Ofen.«
-</p>
-
-<p>
-Luka konnte eine solche Summe weder geben, noch
-sie sich überhaupt vorstellen und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Gott sei mit euch, vernichtet alles, wie ihr wollt, aber
-wir haben das Geld nicht.«
-</p>
-
-<p>
-Aber der Herr schrie ihn wütend an: »Ach du bärtiger
-Ziegenbock, wie wagst du es, mit uns von Geld zu
-sprechen?«
-</p>
-
-<p>
-Er wurde plötzlich ganz wild, ließ alles, was er an heiligen
-Darstellungen in der Stube fand, auf die Stange
-spießen, schraubte dann Muttern an beide Enden und
-versiegelte diese, so daß niemand die Bilder herunternehmen
-oder vertauschen konnte. Sie hatten bereits alle
-Ikonen gesammelt und schickten sich an, fortzugehen.
-Die Soldaten nahmen die Stange mit den Bildern auf die
-Schultern und trugen sie zu den Booten. Michailiza hatte
-sich indes mit dem übrigen Volk unbemerkt in die Stube
-gedrängt, heimlich das Engelsbild vom Chorpult heruntergestohlen
-und trug es unter der Schürze in die Kammer.
-Ihre Hände zitterten dabei aber so, daß sie es fallen
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-ließ. Ihr Heiligen, wie da der Herr in Wut geriet, uns
-Diebe und Betrüger nannte und schrie:
-</p>
-
-<p>
-»Aha, ihr Betrüger, ihr wolltet das Bild stehlen, damit
-es nicht auf die Stange kommt? Nun, da soll es auch
-nicht hinkommen, aber so werde ich es machen!« &mdash; Mit
-diesen Worten zündete er die Siegellackstange an und
-drückte das brennende Harz mitten auf das Gesicht des
-Engels!
-</p>
-
-<p>
-Meine besten Herren, seien Sie nicht böse, wenn ich
-nicht versuche, Ihnen zu beschreiben, was in uns vorging,
-als der Herr das kochende Harz auf das Antlitz des
-Engels goß und als dann der grausame Mensch das Bild
-auch noch emporhob, um sich damit zu rühmen, wie gut
-er es verstanden hatte, uns zu kränken. Ich entsinne mich
-nur noch, daß das helle heilige Antlitz rot und versiegelt
-war, daß das brennende Harz unter dem Petschaft in
-zwei Strömen, wie Blut mit Tränen gemischt, herabfloß.
-</p>
-
-<p>
-Wir stöhnten alle auf, bedeckten unsre Augen mit den
-Händen und stöhnten, als lägen wir auf der Folter. Dann
-verloren wir uns in Weheklagen, so daß uns die einbrechende
-Nacht noch immer weinend und jammernd
-um unseren versiegelten Engel antraf. Da kam uns in
-dem Dunkel und der Ruhe, die über dem zerstörten
-Heiligtum lag, der Gedanke, ausfindig zu machen, wohin
-man unseren Beschützer gebracht hatte, und wir gelobten,
-ihn selbst unter Lebensgefahr zu rauben und zu entsiegeln.
-Zur Ausführung dieses Entschlusses wählte man
-mich und den jungen Lewontij. Er zählte kaum siebzehn
-Jahre, war fast noch ein Knabe, aber kräftigen Wuchses
-und guten Herzens, von Kind auf gottesfürchtig, gehorsam
-und gutartig, wie ein weißes Roß mit Silberzaum.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-Für das gefährliche Unternehmen, den versiegelten
-Engel, dessen erblindetes Antlitz wir nicht ertragen konnten,
-aufzufinden und zu rauben, konnte ich mir einen
-besseren Gefährten und Helfer gar nicht wünschen.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-9">
-NEUNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch will Sie nicht mit Einzelheiten aufhalten, wie ich
-und mein Gefährte durch alle Nadelöhre schlüpften
-und überall hinkamen; ich will Ihnen gleich von der
-Trauer berichten, die uns ergriff, als wir erfuhren, daß
-man unsere von den Beamten durchbohrten Ikonen, so
-wie sie auf die Stange aufgespießt waren, in den Keller
-des Konsistoriums geworfen hatte. Damit war die Sache
-für uns verloren und wie im Sarge begraben; es war vergeblich,
-noch weiter an sie zu denken. Erfreulich dagegen
-war, daß man sich erzählte, der Erzbischof selbst habe
-diese barbarische Handlungsweise nicht gebilligt, sondern
-im Gegenteil gesagt: »Wozu das?« Er sei sogar für das
-alte Kunstwerk eingetreten und habe erklärt: »Es ist ein
-altes Stück, das man schützen muß«. Schlimm dagegen
-war, daß, als das durch die Schändung entstandene Unheil
-noch nicht überwunden war, uns ein neues, größeres
-durch diesen neuen Verehrer traf: Derselbe Erzbischof
-nahm, was man hinzufügen muß, nicht in schlimmer, sondern
-in guter Absicht unseren versiegelten Engel in die
-Hand und betrachtete ihn lange, dann legte er ihn zur
-Seite und sagte: »Das verstörte Antlitz! Wie schrecklich
-hat man es zugerichtet! Man tue dieses Bild nicht in den
-Keller, sondern stelle es in meine Kapelle aufs Fenster
-neben den Opfertisch.« Die Diener des Erzbischofes führten
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-den Befehl aus, und wenn uns einerseits, wie ich gestehen
-muß, diese Aufmerksamkeit des Hierarchen sehr
-angenehm berührte, so sahen wir andererseits doch ein,
-daß dadurch jede Aussicht, unseren Engel rauben zu
-können, vereitelt war. Es blieb nur ein Mittel übrig: die
-Diener des Erzbischofs zu bestechen und mit ihrer Hilfe
-das Bild mit einem kunstvoll ähnlich gemalten zu vertauschen.
-Das hatten unsere Altgläubigen schon oft mit
-Erfolg gemacht, aber dazu wäre vor allen Dingen ein
-kunstfertiger Heiligenbildmaler mit einer erprobten Hand
-nötig gewesen, der es verstanden hätte, heimlich ein genaues
-Abbild herzustellen. Einen solchen Maler gab es
-jedoch in dieser Gegend nicht. Zudem befiel uns seit
-dieser Zeit doppelte Trauer, die wie Wassersnot über uns
-kam. In der Stube, in der man früher nur Lobsingen
-hörte, vernahm man nichts als Schluchzen, und in
-kurzer Zeit hatten wir uns so krank geweint, daß wir
-mit unseren tränenerfüllten Augen den Boden nicht
-mehr sehen konnten, und dadurch, oder aus einem
-anderen Grunde entstand dann bei uns eine Augenkrankheit,
-die mit der Zeit alle ergriff. Was es bisher
-nicht gegeben hatte, geschah jetzt: wir hatten Kranke
-ohne Zahl. Das ganze Arbeitervolk fand dafür die Deutung,
-daß es nicht ohne Grund geschehe, sondern wegen
-des Engels der Altgläubigen. »Man hat ihn,« sagten sie,
-»durch das Siegel geblendet, und jetzt müssen wir alle
-erblinden.« Diese Auslegung fand nicht nur bei uns
-allein Glauben, sondern auch alle kirchlich Gesinnten
-waren aufgebracht.
-</p>
-
-<p>
-Obwohl unsere Brotgeber, die Engländer, Ärzte kommen
-ließen, ging niemand zu ihnen hin, und auch ihre
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-Arzneien wollte niemand nehmen, sondern wir alle flehten
-nur um das eine:
-</p>
-
-<p>
-»Bring uns den versiegelten Engel. Wir wollen vor
-ihm einen Bittgottesdienst halten, er allein kann uns
-helfen!«
-</p>
-
-<p>
-Unser Engländer Jakow Jakowlewitsch nahm sich der
-Sache an, fuhr selbst zum Erzbischof und sagte ihm:
-</p>
-
-<p>
-»So steht es, Eminenz: der Glaube ist eine große Sache,
-und einem jeden wird alles nach seinem Glauben gegeben;
-geben Sie uns doch den Engel aufs andere Ufer!«
-</p>
-
-<p>
-Der Erzbischof aber wollte davon nichts wissen und
-sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Dem darf kein Vorschub geleistet werden.«
-</p>
-
-<p>
-Damals erschien uns dieses Wort grausam, und wir
-verurteilten den Erzbischof leichtfertig, später aber wurde
-uns offenbar, daß dies alles nicht aus Hartherzigkeit,
-sondern durch Gottes Vorsehung geschah.
-</p>
-
-<p>
-Indessen nahmen die Zeichen kein Ende, und der strafende
-Finger traf auch den Hauptschuldigen in dieser
-Sache, Pimen, selbst, der nach diesem Unheil von uns geflohen
-war, auf dem anderen Ufer lebte und der Staatskirche
-beitrat. Ich begegnete ihm einmal dort in der Stadt,
-er begrüßte mich, und ich grüßte ihn wieder. Dann sagte
-er mir:
-</p>
-
-<p>
-»Ich habe gesündigt, Bruder Mark, daß ich mich von
-eurem Glauben abgeschieden habe.«
-</p>
-
-<p>
-Ich antwortete ihm:
-</p>
-
-<p>
-»Was einer glaubt, das ist Gottes Sache, aber daß du
-den Armen um ein Paar Stiefel verkauft hast, das war
-nicht gut gehandelt; verzeih mir, daß ich dir, wie es der
-Prophet Amos befiehlt, brüderliche Vorwürfe mache.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-Bei der Nennung des Propheten überlief ihn ein Schauder.
-</p>
-
-<p>
-»Sprich mir nicht von den Propheten,« sagte er, »ich
-kenne die Schrift selbst und fühle, wie die Propheten die
-auf der Erde Lebenden strafen. Ich selbst habe dafür ein
-Zeichen.« Und er klagte mir, daß er, als er neulich im
-Flusse gebadet hatte, am ganzen Körper fleckig geworden
-sei; er machte seine Brust frei und zeigte mir auf ihr
-Flecken, wie bei einem gescheckten Pferde, die sich von
-der Brust bis hinauf zum Halse zogen.
-</p>
-
-<p>
-Ich sündiger Mensch hatte schon im Sinne, ihm zu
-sagen, daß »Gott den Schelm zeichne«, aber ich unterdrückte
-diese Worte und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Nun, was hat das zu bedeuten? Bete nur und sei froh,
-daß du auf dieser Welt gezeichnet bist, vielleicht wirst
-du dann in der kommenden rein dastehen.«
-</p>
-
-<p>
-Aber er klagte mir, wie unglücklich er darüber sei und
-was er einbüße, wenn die Flecken auch das Gesicht ergreifen
-würden. Der Gouverneur selbst habe, als er ihn,
-Pimen, bei seinem Übertritt in die Kirche sah, große
-Freude an seiner Schönheit gehabt und dem Stadthauptmann
-gesagt, er solle Pimen beim Empfang vornehmer
-Personen unbedingt ganz vorne mit der silbernen Schüssel
-in den Händen aufstellen. Aber einen fleckigen Menschen
-könne man doch nicht aufstellen! Was brauchte ich aber
-seine eitlen und hohlen Worte weiter anzuhören? &mdash; Ich
-drehte mich um und ging.
-</p>
-
-<p>
-Seit der Zeit waren wir von ihm geschieden. Seine
-Flecken wurden immer sichtbarer, aber auch bei uns
-hörten die Zeichen nicht auf. Schließlich setzte im Herbst,
-als der Fluß kaum zugefroren war, plötzlich Tauwetter ein,
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-das das ganze Eis auseinanderriß und unsere Behausungen
-zerstörte. Und jetzt folgte Schaden auf Schaden, bis einmal
-sogar einer der Granitpfeiler unterspült wurde und
-der Strudel das Werk vieler Jahre, das viele Tausende
-gekostet hatte, verschlang.
-</p>
-
-<p>
-Dies machte sogar unsere Brotgeber, die Engländer,
-bestürzt, und irgendjemand riet ihrem Ältesten, Jakow
-Jakowlewitsch, uns Altgläubige wegzuschicken, um von
-all dem Übel wieder erlöst zu werden. Der Engländer
-aber war ein Mensch mit rechtschaffnem Herzen und
-hörte nicht darauf; er ließ sogar mich und Luka Kirillow
-zu sich rufen und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Kinder, gebt mir selbst einen Rat: kann ich euch nicht
-irgendwie helfen und euch trösten?«
-</p>
-
-<p>
-Wir antworteten ihm, daß es für uns keinen Trost gäbe,
-solange das uns heilige Antlitz des Engels, das uns überall
-begleitet hatte, mit Feuerharz versiegelt sei, und daß wir
-vor Leid vergingen.
-</p>
-
-<p>
-»Was gedenkt ihr zu tun?« fragte er.
-</p>
-
-<p>
-»Wir wollen ihn einmal vertauschen und sein reines
-Antlitz, das die gottlose Hand des Beamten unter dem
-Siegel verborgen hat, entsiegeln.«
-</p>
-
-<p>
-»Warum ist euch der Engel so teuer, und kann man
-euch nicht einen anderen ebensolchen verschaffen?«
-</p>
-
-<p>
-»Er ist uns deshalb so teuer,« antworteten wir, »weil
-er uns beschützt hat; einen anderen können wir aber nicht
-bekommen, weil dieser in schwerer Zeit von gottesfürchtiger
-Hand gemalt und von einem Priester des alten Glaubens
-nach dem Brevier des Pjotr Mogila geweiht worden
-ist. Jetzt aber haben wir weder Priester noch jenes Brevier.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-»Aber wie wollt ihr ihn entsiegeln, wo doch der Siegellack
-das ganze Gesicht ausgebrannt hat?«
-</p>
-
-<p>
-Wir antworteten:
-</p>
-
-<p>
-»Euer Gnaden, was das anbelangt, so haben Sie keine
-Sorge: wenn wir ihn nur in unsere Hände bekommen, wird
-er, unser Beschützer, schon selbst für sich sorgen. Er ist
-keine Handelsware, sondern eine echte Stroganower Arbeit,
-und die Stroganower wie die Kostromaer Lacke sind
-so zubereitet, daß das Bild nicht einmal den Feuerbrand
-zu fürchten braucht, er läßt das Harz an die zarten Farben
-nicht einmal heran.«
-</p>
-
-<p>
-»Seid ihr davon überzeugt?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, das sind wir: dieser Lack ist so stark wie der alte
-russische Glaube selbst.«
-</p>
-
-<p>
-Er schimpfte noch auf jene, die ein solches Kunstwerk
-nicht zu schätzen verstanden hatten, gab uns die Hand
-und sagte nochmals:
-</p>
-
-<p>
-»Nun, verzagt nicht, ich bin euer Helfer, wir werden
-euern Engel bekommen. Braucht ihr ihn für lange?«
-</p>
-
-<p>
-»Nein,« antworteten wir, »für ganz kurze Zeit.«
-</p>
-
-<p>
-»Nun, dann sage ich den Leuten, daß ich für euren
-versiegelten Engel kostbare goldene Beschläge machen
-lassen will, und wenn man ihn mir dann gibt, vertauschen
-wir ihn. Gleich morgen will ich mich daran
-machen.«
-</p>
-
-<p>
-Wir dankten ihm und erwiderten:
-</p>
-
-<p>
-»Herr, unternehmen Sie bitte morgen und auch übermorgen
-noch nichts.«
-</p>
-
-<p>
-»Warum das?« fragte er.
-</p>
-
-<p>
-Wir antworteten:
-</p>
-
-<p>
-»Weil wir, Herr, vor allen Dingen ein Bild zum Vertauschen
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-haben müssen, das dem echten wie ein Wassertropfen
-dem andern gleicht. Solche Meister gibt es hier
-aber nicht und werden auch in der Nähe nicht zu finden
-sein.«
-</p>
-
-<p>
-»Das ist eine Kleinigkeit,« sagte er, »ich werde euch
-selbst aus der Stadt einen Künstler mitbringen, der nicht
-nur Kopien malt, sondern selbst vortreffliche Porträts.«
-</p>
-
-<p>
-»Nein,« antworteten wir, »tun Sie das bitte nicht: erstens
-würde durch diesen weltlichen Maler vielleicht ein
-unziemliches Gerede entstehen, zweitens kann ein Maler
-diese Aufgabe gar nicht erfüllen.«
-</p>
-
-<p>
-Der Engländer glaubte es nicht, und so trat ich vor und
-legte ihm den ganzen Unterschied klar: daß die jetzigen
-weltlichen Maler eine andere Kunstart haben, daß sie nämlich
-mit Ölfarben malen, während dort die Farben mit
-Eiweiß angerieben werden und ganz zart sind. In der
-neuen weltlichen Malerei ist die Darstellung hingeschmiert
-und erscheint nur in einiger Entfernung natürlich, während
-hier alles fließend und noch in der Nähe deutlich ist.
-Einem weltlichen Maler würde selbst die Wiedergabe der
-Zeichnung nicht gelingen, weil sie nur gelernt haben, den
-irdischen Körper abzubilden und was den körperlichen
-Menschen ausmacht, während in der heiligen russischen
-Ikonenmalerei der verklärte himmlische Leib dargestellt
-wird, den sich der materielle Mensch nicht einmal vorstellen
-kann.
-</p>
-
-<p>
-Das interessierte ihn, und er fragte:
-</p>
-
-<p>
-»Aber wo gibt es denn solche Meister, die sich heute
-noch auf diese besondere Art verstehen?«
-</p>
-
-<p>
-»Sie sind heute,« berichtete ich ihm weiter, »sehr selten,
-und selbst damals lebten sie in tiefer Verborgenheit. Im
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-Dorfe Mstera lebt ein Meister namens Chochlow, aber er
-ist schon hoch in den Jahren und kann die weite Reise
-nicht machen. Auch in Palichow leben zwei, aber auch die
-werden die Reise nicht unternehmen, zudem taugen uns
-weder die Msterer noch die Palichower Meister.«
-</p>
-
-<p>
-»Weshalb denn das?« forschte er weiter.
-</p>
-
-<p>
-»Weil sie,« antwortete ich, »eine andere Manier haben:
-bei den Msterern ist die Zeichnung schwerfällig und der
-Farbton trüb, bei den Palichowern dagegen ist der Ton
-türkisfarbig, alles schimmert bei ihnen bläulich.«
-</p>
-
-<p>
-»Was soll man nun machen?« fragte er.
-</p>
-
-<p>
-»Ich weiß es selbst nicht,« antwortete ich. »Ich habe
-zwar gehört, es gäbe in Moskau noch einen guten Meister,
-namens Ssilatschow. Er hat in ganz Rußland, auch bei
-den Unsrigen einen guten Namen, aber er entspricht
-mehr der Nowgorodschen und der Zarisch-Moskowitischen
-Art. Unsere Ikone aber ist Stroganower Zeichnung
-mit den klarsten heiligsten Farben, so daß uns einzig der
-Meister Ssewastian von der Wolga helfen könnte, aber
-der ist ein leidenschaftlicher Wanderer und zieht durch
-ganz Rußland, macht bei den Altgläubigen Ausbesserungen,
-und niemand weiß, wo er zu finden ist.«
-</p>
-
-<p>
-Der Engländer hatte meinen ganzen Bericht mit Vergnügen
-angehört, lächelte ein wenig und antwortete:
-</p>
-
-<p>
-»Ihr seid sehr wunderliche Leute,« sagte er, »aber wenn
-man euch zuhört, wird es einem wohl, denn ihr scheint
-alles, was euch angeht, gut zu kennen und sogar in der
-Kunst Bescheid zu wissen.«
-</p>
-
-<p>
-»Warum sollen wir denn von der Kunst nichts erfaßt
-haben, Herr?« sage ich: »Hier handelt es sich doch um
-Gotteskunst, und bei uns gibt es unter den ganz einfachen
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-Bauern so große Liebhaber dieser Kunst, daß sie nicht
-nur alle Schulen auseinanderhalten, wodurch sich zum
-Beispiel eine von der anderen unterscheidet, die Ustjuger
-oder die Nowgoroder, die Moskauer oder die Wologdaer,
-die Sibirische oder die Stroganower, sondern die
-sogar in derselben Schule die Werke der berühmten, alten
-russischen Meister fehlerlos unterscheiden.«
-</p>
-
-<p>
-»Kann denn das sein?«
-</p>
-
-<p>
-»Genau so, wie Sie die Handschrift eines Menschen
-von der eines anderen unterscheiden, so auch jene«, antwortete
-ich. »Sie schauen nur hin und sehen gleich, ob
-es Kusjma, Andrej oder Prokofij gemalt hat.«
-</p>
-
-<p>
-»An welchen Merkmalen?«
-</p>
-
-<p>
-»Es gibt Unterschiede in der Zeichnung, im Ton, in
-der Raumverteilung, in den Gesichtszügen und in den
-Bewegungen.«
-</p>
-
-<p>
-Er hörte immerfort zu, und ich erzählte ihm, was ich
-über die Malerei eines Uschakow und eines Rubljow
-wußte, und vom ältesten russischen Maler Paramschin,
-dessen Heiligenbilder unsere gottesfürchtigen Fürsten und
-Zaren ihren Kindern zum Segen schenkten, denen sie
-sogar in ihren Vermächtnissen befahlen, diese Ikonen wie
-ihren Augapfel zu hüten.
-</p>
-
-<p>
-Der Engländer zog gleich sein Notizbuch heraus, ließ
-mich den Namen dieses Malers wiederholen und fragte,
-wo man Arbeiten von ihm sehen könnte. Aber ich antwortete:
-</p>
-
-<p>
-»Sie werden vergeblich suchen, Herr. Nirgends ist eine
-Erinnerung an sie zurückgeblieben.«
-</p>
-
-<p>
-»Wo sind sie denn geblieben?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich weiß nicht,« sagte ich, »ob man sie zum Pfeifenreinigen
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-verwendet oder bei den Deutschen gegen Tabak
-eingetauscht hat.«
-</p>
-
-<p>
-»Es kann nicht sein!«
-</p>
-
-<p>
-»Im Gegenteil,« antwortete ich, »es kann sehr wohl
-sein, es gibt Beispiele dafür: der römische Papst hat im
-Vatikan ein Triptychon, das unsere russischen Ikonenmaler
-Andrej, Ssergej und Nikita im dreizehnten Jahrhundert
-gemalt haben. Diese vielfigurigen Miniaturen sollen so
-wunderbar sein, daß selbst die größten ausländischen
-Maler, die sie sahen, vor diesem wundervollen Werk in
-Begeisterung gerieten.«
-</p>
-
-<p>
-»Aber wie ist es nach Rom gekommen?«
-</p>
-
-<p>
-»Peter der Erste hat es einem ausländischen Mönch
-geschenkt, und der hat es verkauft.«
-</p>
-
-<p>
-Der Engländer lächelte ein wenig, wurde dann nachdenklich
-und sagte leise, daß bei ihnen in England jedes
-Bildchen von Geschlecht zu Geschlecht bewahrt werde
-und daß es so für seine Herkunft selbst Zeugnis ablege.
-</p>
-
-<p>
-»Nun, bei uns herrscht wahrhaftig eine andere Sitte,«
-sagte ich, »das Band der Überlieferungen der Vorfahren
-ist zerrissen, damit alles neu erscheine, als sei das ganze
-russische Geschlecht erst gestern von der Henne in den
-Nesseln ausgebrütet worden.«
-</p>
-
-<p>
-»Wenn die bei euch gezüchtete Unwissenheit so groß
-ist, warum bemühen sich dann nicht wenigstens diejenigen,
-die die Liebe zum Heimatlichen bewahrt haben, die
-einheimische Kunst zu erhalten?«
-</p>
-
-<p>
-Ich antwortete: »Es ist niemand da, Herr, der uns
-unterstützen würde, denn in den neuen Kunstschulen
-verfault allerorts das Gefühl, und der Verstand unterwirft
-sich der Eitelkeit. Die Fähigkeit zur hohen Begeisterung
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-ist verloren gegangen, alles wird vom Irdischen abgeleitet
-und atmet irdische Leidenschaft. Unsere neuesten Maler
-haben damit begonnen, den Erzengel Michael nach dem
-Bildnis des Fürsten Potjomkin von Taurien darzustellen,
-und jetzt sind sie so weit, daß sie Christus den Erlöser
-als Juden abbilden. Was soll man von solchen Menschen
-erwarten? Ihre unbeschnittenen Herzen werden schließlich
-noch andere Dinge malen und verlangen, daß man die
-als Gottheit verehre. Hat man doch in Ägypten einen Stier
-und eine rotgefiederte Zwiebel angebetet; nur wir werden
-uns nicht vor den fremden Göttern beugen und werden
-das Judengesicht nicht als das Antlitz des Erlösers anerkennen.
-Ja, so kunstfertig diese Bilder auch sein mögen,
-wir halten sie für eine herzlose Frechheit und wollen
-von ihnen nichts wissen, weil es in der Überlieferung der
-Väter heißt, daß die Ergötzung der Augen die Reinheit
-der Vernunft zerstört, wie ein schadhafter Wasserspeier
-das Wasser trübt.«
-</p>
-
-<p>
-Damit schloß ich und schwieg, aber der Engländer
-sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Fahre fort, mir gefällt es, wie du urteilst!«
-</p>
-
-<p>
-Ich antwortete: »Ich habe schon alles erzählt.« Er aber
-erwiderte:
-</p>
-
-<p>
-»Nein, erzähle mir noch, was ihr unter einem beseelten
-Bilde versteht.«
-</p>
-
-<p>
-Diese Frage, meine werten Herren, war für einen einfachen
-Menschen ziemlich schwierig, aber es war nichts
-zu machen, und ich begann zu erzählen, wie in Nowgorod
-der Sternenhimmel gemalt ist, und dann berichtete ich
-von dem Kiewer Bild in der Sophienkathedrale, wo zu
-Seiten des Herrn Zebaoth sieben geflügelte Erzengel
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-stehen, die natürlich keine Ähnlichkeit mit dem Fürsten
-Potjomkin haben, und auf den Stufen der Vorhalle die
-Erzväter und Propheten dargestellt sind, unter ihnen
-Moses mit der Gesetzestafel, noch tiefer Ahron mit Mitra
-und Stab, und auf der anderen Seite der Stufen König
-David mit der Krone, der Prophet Jesaias mit der Schriftrolle,
-Hesekiel mit der Geschlossenen Pforte, Daniel mit
-dem Stein, und um diese Fürbitter, die den Weg zum
-Himmel weisen, sind die Gaben abgebildet, durch die
-der Mensch diesen Ruhmesweg erklimmen mag, wie: das
-Buch mit den sieben Siegeln als die Gabe der Allweisheit,
-der siebenarmige Leuchter als die Gabe der Vernunft,
-die sieben Augen als die Gabe des Rates, die sieben
-Posaunen als die Gabe der Kraft, die Hand Gottes inmitten
-von sieben Sternen als die Gabe der Gesichte, die
-sieben Räucherbecken als die Gabe der Frömmigkeit und
-die sieben Blitze als die Gabe der Gottesfurcht. »Sehen
-Sie,« sagte ich, »eine solche Darstellung ist erhebend.«
-</p>
-
-<p>
-Der Engländer antwortete: »Verzeih mir, mein Lieber,
-ich verstehe nicht, weshalb du dies erhebend nennst.«
-</p>
-
-<p>
-»Weil eine solche Darstellung uns klar sagt, daß es
-dem Christenmenschen ansteht, zu beten und darnach
-zu lechzen, sich von dieser Welt zu Gottes unsagbarem
-Glanze zu erheben.«
-</p>
-
-<p>
-»Ja,« erwiderte er, »das kann aber doch ein jeder aus
-der Schrift und aus dem Gebete erfassen.«
-</p>
-
-<p>
-»Nein, durchaus nicht,« antwortete ich, »es ist nicht
-jedem gegeben, die Schrift zu verstehen, und dem, der
-sie nicht versteht, gibt auch das Gebet nur Finsternis.
-Mancher hört die Verheißung der großen und reichen
-Gnade und schließt daraus, daß damit Geld gemeint sei
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-und betet voller Habsucht; sieht er aber vor sich den
-himmlischen Glanz dargestellt, so vergißt er hierüber das
-höchste irdische Glück und sieht ein, daß er dieses Ziel
-erreichen müsse, weil dort alles so klar und einleuchtend
-geschildert ist. Hat dann der Mensch für seine Seele zunächst
-die Gabe der Gottesfurcht erbetet, so erhebt sie
-sich gleich, von der irdischen Schwere befreit, von Stufe
-zu Stufe und erringt mit jedem Schritte mehr vom Überfluß
-der göttlichen Gaben. Und von der Zeit an erscheint
-dem Menschen im Gebet das Geld und aller irdischer
-Ruhm nur als verabscheuungswürdig vor dem Herrn.«
-</p>
-
-<p>
-Der Engländer erhob sich von seinem Platze und sagte
-lächelnd: »Und ihr, Sonderlinge, was erbetet ihr euch?«
-</p>
-
-<p>
-»Wir beten,« antwortete ich, »um ein christliches Ende
-und um ein mildes Gericht am jüngsten Tag.«
-</p>
-
-<p>
-Er lächelte wieder und zog plötzlich an einer goldgelben
-Schnur; ein grüner Vorhang ging auf, und hinter ihm saß
-seine Frau, die Engländerin, auf einem Sessel und strickte
-vor einer Kerze mit langen Stricknadeln. Sie war eine
-schöne freundliche Dame, und wenn sie auch nur wenig
-russisch sprechen konnte, so verstand sie doch alles und
-hatte gewiß unser Gespräch mit ihrem Manne über die
-Religion mit anhören wollen.
-</p>
-
-<p>
-Und was denken Sie wohl? Kaum war der Vorhang,
-der sie verdeckt hatte, zurückgezogen, als die Gute
-sogleich wie erschrocken aufstand, an mich und Luka
-herantrat und uns Bauern ihre beiden Händchen entgegenstreckte.
-In ihren Augen blinkten Tränen, und sie
-sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Gute Menschen, gute russische Menschen!«
-</p>
-
-<p>
-Ich und Luka küßten ihr für dieses gute Wort beide
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-Hände, aber sie drückte ihre Lippen auf unsere Bauernköpfe.
-</p>
-
-<p>
-Der Erzähler hielt inne, bedeckte die Augen mit dem
-Ärmel, wischte sie still und flüsterte dann: »Sie war eine
-rührende Frau.« Nachdem er sich gefaßt hatte, fuhr er fort:
-</p>
-
-<p>
-Nach ihrer freundlichen Tat begann die Engländerin
-ihrem Manne etwas in ihrer Sprache auseinanderzusetzen.
-Wenn wir es auch nicht verstanden, so hörten wir an der
-Stimme, daß sie ihn für uns bat. Und der Engländer freute
-sich über die Güte seiner Frau, strahlte vor Stolz, streichelte
-der Frau immerfort das Köpfchen und girrte in
-seiner Sprache wie eine Taube: »Gut, gut«, oder was er
-ihr sonst gesagt haben mag; aber es war ersichtlich, wie
-er sie lobte und sie in etwas bestärkte. Dann trat er an
-seinen Schreibtisch, nahm zwei Hundertrubelscheine
-heraus und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Luka, hier hast du Geld, geh und suche den kunstfertigen
-Heiligenbildermaler, wo du ihn zu finden meinst,
-damit er euch anfertigt, was ihr braucht. Er kann auch
-für meine Frau etwas in eurer Art malen; sie will ihrem
-Sohne eine solche Ikone schenken und gibt euch für eure
-Bemühungen und Auslagen das Geld.«
-</p>
-
-<p>
-Sie aber lächelt durch die Tränen und entgegnet rasch:
-»Nein, nein, nein, das ist von ihm, aber ich will von mir
-extra.« Und mit diesen Worten geht sie zur Tür hinaus
-und bringt einen dritten Hunderter.
-</p>
-
-<p>
-»Mein Mann,« sagt sie, »hat mir das für ein Kleid geschenkt,
-aber ich will kein Kleid, ich stifte es euch.«
-</p>
-
-<p>
-Wir weigern uns natürlich es anzunehmen, aber sie
-will davon gar nichts hören und läuft hinaus, während
-er sagt:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-»Nein, wagt nicht, es ihr zu verweigern und nehmt,
-was sie euch gibt.« Damit wendet er sich weg und sagt:
-»Geht jetzt, ihr Sonderlinge!«
-</p>
-
-<p>
-Wir waren durch diese Verabschiedung natürlich nicht
-beleidigt, weil wir wohl bemerkt hatten, daß sich der
-Engländer von uns weggewandt hatte, nur um seine Rührung
-vor uns zu verbergen.
-</p>
-
-<p>
-So haben uns, meine werten Herren, unsere eigenen
-Landsleute in ihrer Herzensfinsternis verurteilt, und die
-englische Nation hat uns getröstet und unserer Seele den
-Eifer wiedergegeben.
-</p>
-
-<p>
-Nun wendet sich, meine besten Herren, meine Erzählung
-dem Ende zu, und ich will Ihnen in Kürze berichten,
-wie ich meinen lieben, »silbergezäumten« Lewontij mitnahm,
-wie wir nach dem Ikonenmaler auszogen, welche
-Ortschaften wir durchwanderten, was für Leute wir sahen,
-welche <a id="corr-1"></a>neuen Wunder sich uns offenbarten, wie wir zuguterletzt
-fanden, was wir verloren hatten und womit wir
-zurückkehrten.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-10">
-ZEHNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">F</span>ür einen Menschen, der eine Wanderschaft unternimmt,
-ist der Weggefährte die wichtigste Angelegenheit.
-Mit einem guten und klugen Kameraden sind selbst
-die Kälte und der Hunger leichter zu ertragen. Mir ward
-diese Gabe durch den wunderbaren Jüngling Lewontij
-zuteil. Wir machten uns zu Fuß auf den Weg. Wir trugen
-unsere Bündel, hatten eine hinreichende Summe Geldes bei
-uns und nahmen zum Schutze unseres Lebens und auch des
-Geldes einen alten, kurzen Säbel mit breiter Klinge mit,
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-der uns für den Fall einer Gefahr immer begleitet hatte.
-Wir zogen wie Handelsleute unseres Wegs und hatten
-für alle Fälle Ausflüchte bereit, hatten aber natürlich stets
-nur unsere Sache im Auge.
-</p>
-
-<p>
-Zu allererst waren wir in Klinzy und Slynka, kehrten
-dann bei einem der Unsern in Orjol ein, aber nirgends
-hatten wir ein brauchbares Resultat, nirgends fanden wir
-einen guten Ikonenmaler. So erreichten wir schließlich
-Moskau. Was soll ich sagen! Heil dir, Moskau! Heil dir,
-ruhmvolle Zarin des alten Rußlands! Aber wir Altgläubigen
-haben in dir keinen Trost gefunden!
-</p>
-
-<p>
-Ich spreche ungern davon, aber ich kann nicht verschweigen,
-daß wir in Moskau nicht den Geist antrafen,
-den wir erwartet hatten. Wir überzeugten uns mit jedem
-Tag mehr davon, daß die Altgläubigkeit dort nicht auf
-Liebe zum Guten und zur Wohlanständigkeit begründet
-ist, sondern auf purem Eigensinn, und Lewontij und ich
-begannen uns darüber zu schämen, weil wir dort nur solches
-sahen, was für den friedlichen Gläubigen beleidigend
-ist. Aber indes wir uns schämten, schwiegen wir darüber.
-</p>
-
-<p>
-Es gab natürlich in Moskau Ikonenmaler, und sogar
-recht kunstfertige, aber was nützte uns das, wenn alle
-diese Leute nicht den Geist hatten, von dem die väterlichen
-Überlieferungen berichten. Bevor sich die gottesfürchtigen
-Maler der alten Zeiten an die heilige Kunst machten,
-fasteten und beteten sie, und sie leisteten für viel und für
-wenig Geld das Gleiche, wie es die Ehre der heiligen Darstellung
-erforderte. Aber jene malen nur für eine kurze
-Zeit, nicht mehr für die Dauer, grundieren nur schwach
-mit Kreidefarben, statt mit alabasternen, und tragen in
-ihrer Faulheit die Farbe mit einemmal auf, statt wie damals
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-vier- und selbst fünfmal mit wasserdünner Farbe zu
-malen, wodurch jene die wundervolle Zartheit erreichten,
-die den jetzigen mangelt. Und über der Liederlichkeit in
-der Kunst sind sie selbst alle schwach geworden, so daß
-sich jeder vor dem anderen rühmt und einer den anderen
-zu erniedrigen sucht. Aber noch schlimmer ist, daß sie
-sich in den Schenken zu Haufen herumtreiben, dort die
-schlauesten Betrügereien verüben, Wein trinken und ihre
-Kunst schreierisch loben, das Werk der anderen aber
-gotteslästerlich und »Teufelsmalerei« nennen. Und um
-sie herum sitzen die Altertumshändler wie die Sperlinge
-hinter den Eulen, lassen die altgemalten Heiligenbilder
-von Hand zu Hand gehen, sie tauschen und fälschen,
-räuchern sie im Kamin und machen Risse und Wurmfraß
-hinein. Aus Kupfer gießen sie alle möglichen Beschläge,
-nach den Vorbildern der alten getriebenen Originale und
-legen Emaille nach der altüberlieferten Art auf. Aus gewöhnlichen
-Schüsseln schmieden sie Taufbecken mit den
-alten gerupften Adlern, wie man sie zur Zeit Iwans des
-Grausamen herstellte. Sie stellen sie aus und verkaufen
-sie an unerfahrene Leichtgläubige als echte Taufbecken
-»aus den Zeiten des Grausamen«. Solcher Taufbecken
-gibt es jetzt viele in Rußland, aber es ist alles Betrug und
-gewissenloser Schwindel. Mit einem Wort, die Leute betrügen
-einander mit Heiligtümern, wie die schwarzen
-Zigeuner mit Pferden, und treiben es so, daß man sich
-für sie schämen muß, wenn man überall die Sünde, die
-Versuchung und den Verrat am Glauben sieht. Wer sich
-diese Schamlosigkeit zu eigen gemacht hat, dem geht
-es nicht schlecht; selbst unter den Moskauer Liebhabern
-finden sich viele, die sich für diesen unehrlichen Handel
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-interessieren und sich damit brüsten: hier habe einer einen
-mit einem Christusbild betrogen, dort ein anderer einen
-andern mit einem Nikolai geprellt oder einem auf irgendeine
-niederträchtige Weise ein gefälschtes Muttergottesbild
-untergeschoben. All dies wurde ganz offen betrieben,
-man eiferte sogar darin, die unerfahrenen Gläubigen
-mit den Heiligtümern zum Narren zu halten. Aber mir
-und Lewontij als bäuerisch einfachen Gottesverehrern
-erschien dies alles so unerträglich, daß wir uns darüber
-grämten und erschraken:
-</p>
-
-<p>
-»Ist es denn möglich,« denken wir uns, »daß unser alter
-unglücklicher Glaube derartig entstellt worden ist?« Und
-indem ich mir das denke, sehe ich, daß auch er dasselbe
-in seinem betrübten Herzen trägt. Aber wir sprachen
-nicht miteinander darüber, und ich bemerkte nur, wie sich
-mein Jüngling immer mehr in die Einsamkeit flüchtete.
-</p>
-
-<p>
-Einmal schaue ich ihn an und habe Sorge, daß er jetzt
-in der Verwirrung seines Herzens nur nicht auf unnötige
-Gedanken kommen möge; und ich sage ihm:
-</p>
-
-<p>
-»Was hast du, Lewontij, worüber grämst du dich?«
-</p>
-
-<p>
-Und er antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Nichts, Onkel, nichts; ich bin einmal so.«
-</p>
-
-<p>
-»Komm, gehen wir in die Boscheninstraße, in die
-Eriwaner Schenke und versuchen dort einen Ikonenmaler
-zu überreden. Heute haben zwei versprochen
-hinzukommen und alte Ikonen mitzubringen. Ich habe
-schon eine eingehandelt und will heute noch eine bekommen.«
-</p>
-
-<p>
-Aber Lewontij antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Nein, Onkelchen, geh du allein, ich gehe nicht mit.«
-</p>
-
-<p>
-»Warum gehst du nicht mit?« frage ich.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-»So,« antwortet er, »mir ist heute nicht ganz wohl.«
-</p>
-
-<p>
-Einmal, zweimal nötigte ich ihn nicht, aber das drittemal
-fordere ich ihn wieder auf:
-</p>
-
-<p>
-»Gehen wir, Lewontjuschka, gehen wir, Junge.«
-</p>
-
-<p>
-Aber er verneigt sich rührend und bittet:
-</p>
-
-<p>
-»Nein, Onkelchen, weißes Täubchen, laß mich zu
-Hause bleiben.«
-</p>
-
-<p>
-»Aber was ist denn das, Ljowa, du bist doch mit mir als
-Helfer mitgekommen und sitzt immer zu Hause. So habe
-ich nicht viel von deiner Hilfe, mein Täubchen.«
-</p>
-
-<p>
-»Nun, du Teurer, Väterchen Mark Alexandrowitsch,
-Gebieter, fordere mich nicht auf, dorthin zu gehen, wo man
-ißt und trinkt und unziemliche Reden über das Heilige
-führt, ich könnte der Versuchung unterliegen.«
-</p>
-
-<p>
-Das war das erste bewußte Wort über seine Gefühle,
-und es traf mich ins Herz, aber ich stritt nicht mit ihm
-und ging allein. An jenem Abend hatte ich ein langes
-Gespräch mit zwei Ikonenmalern, und durch sie widerfuhr
-mir ein schreckliches Leid. Es ist entsetzlich, was
-sie mit mir gemacht haben. Der eine hatte mir für vierzig
-Rubel eine Ikone verkauft und ging weg; der andere
-aber sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Schau zu, Mensch, daß du vor dieser Ikone nicht
-betest.«
-</p>
-
-<p>
-Ich frage: »Warum?«
-</p>
-
-<p>
-Er antwortet: »Weil es Teufelsmalerei ist.« Damit kratzt
-er mit dem Nagel an dem Bild, an der einen Ecke fällt die
-Farbschicht ab, und auf dem Grund darunter ist ein Teufelchen
-mit einem Schwanz gemalt. Er kratzt an einer anderen
-Stelle die Schicht herunter, und unter ihr ist wieder ein
-Teufelchen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-»Großer Gott, was ist denn das?« Ich begann zu weinen.
-</p>
-
-<p>
-»Das bedeutet, daß du nicht bei ihm, sondern bei mir
-bestellen sollst«.
-</p>
-
-<p>
-Da sah ich klar, daß sie derselben Bande angehörten
-und verabredet hatten, an mir schlecht und unehrlich zu
-handeln. Ich ließ ihnen die Ikone zurück und ging fort,
-die Augen voller Tränen, und lobte Gott, daß mein Lewontij,
-dessen Glaube eben im Gären war, dies nicht
-gesehen hatte. Wie ich nach Hause komme, sehe ich in
-den Fenstern des Stübchens, das wir gemietet hatten, kein
-Licht, sondern höre von dort ein leises, zartes Singen.
-Sogleich erkenne ich Lewontijs angenehme Stimme, und
-er singt mit einem Ausdruck, als ob er jedes Wort in
-Tränen badete. Ich trete leise ein und bleibe, damit er
-mich nicht hört, vor der Türe stehen und höre, wie er
-die Josephsklage singt:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">»Wem soll ich meine Trauer sagen,</p>
- <p class="line">Wen rufe ich zum Weheklagen?«</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Dieser Vers, wenn Sie ihn zu kennen geruhen, ist
-ohnedies so klagevoll, daß man ihn nicht gleichgültig
-anhören kann, und Lewontij singt ihn und weint und
-schluchzt dabei:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">»Meine Brüder haben mich verkauft.«</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Er weint, und weint, als ob er am Grabe seiner Mutter
-stehe und singt weiter, und ruft die Erde an zur Weheklage
-über die Sünde der Brüder.
-</p>
-
-<p>
-Diese Worte können einen Menschen immer erregen,
-mich erregten sie aber jetzt besonders, da ich doch eben
-von ähnlich streitenden Brüdern weggegangen war. Die
-Worte hatten mich so gerührt, daß ich selbst aufschluchzte.
-Lewontij hört es, verstummt und ruft: »Onkel, hör Onkel!«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-»Was denn, mein guter Junge?« sage ich.
-</p>
-
-<p>
-»Weißt du, wer unsere Mutter ist, von der hier gesungen
-wird?« fragt er.
-</p>
-
-<p>
-»Rahel,« antworte ich.
-</p>
-
-<p>
-»Nein,« entgegnet er, »in alter Zeit war es die Rahel,
-jetzt hat es aber eine andere, geheimnisvolle Bedeutung.«
-</p>
-
-<p>
-»Wieso geheimnisvoll?« frage ich.
-</p>
-
-<p>
-»Nun, dieses Wort hat einen verwandelten Sinn.«
-</p>
-
-<p>
-»Du Kind,« sage ich, »paß auf: ist es nicht gefährlich,
-was du hier grübelst?«
-</p>
-
-<p>
-»Nein,« erwidert er, »ich fühle es in meinem Herzen,
-daß unser Erlöser sich unseretwegen kreuzigen läßt, weil
-wir ihn nicht mit einigen Herzen und einigen Lippen
-suchen.«
-</p>
-
-<p>
-Ich erschrak noch mehr: wohin will der Junge nur
-damit hinaus? Und ich sage ihm:
-</p>
-
-<p>
-»Weißt du, Lewontjuschka, gehen wir lieber schneller
-aus Moskau fort in die Gegend von Nischnij-Nowgorod,
-um dort den Ikonenmaler Ssewastjan zu suchen; ich habe
-heute gehört, daß er dort umherzieht.«
-</p>
-
-<p>
-»Gut, gehen wir,« antwortet er, »hier in Moskau quält
-mich schmerzhaft ein böser Geist, aber dort sind Wälder,
-die Luft ist reiner, und dort, hörte ich, lebt auch der
-Starez Pamwa, ein Einsiedler ganz ohne Neid und Zorn,
-den ich gern gesehen hätte.«
-</p>
-
-<p>
-»Der Einsiedler Pamwa,« erwidere ich ihm streng,
-»dient der herrschenden Kirche, was haben wir mit ihm
-zu schaffen?«
-</p>
-
-<p>
-»Nun, was ist das für ein Unglück?« antwortet er:
-»Ebendeshalb will ich ihn ja sehen, um zu begreifen, was
-für ein Segen auf der herrschenden Kirche ruht.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-Ich wasche ihm den Kopf und sage: »Was ist denn das
-für ein Segen?,« aber ich fühle selbst, daß er mehr Recht
-hat als ich, da er darnach drängt, zu erforschen, während
-ich einfach verwerfe, was ich nicht kenne, und in meinem
-Widerstande trotzig bin, ihm also nur Unsinn entgegne.
-</p>
-
-<p>
-»Die Angehörigen der herrschenden Kirche,« sage ich,
-»richten sich in ihrem Glauben nicht nach dem Himmel,
-sondern nach dem Tor des Aristoteles und bestimmen den
-Weg auf dem Meere nach dem Stern des heidnischen
-Gottes Remphan, du aber willst mit ihnen den Blickpunkt
-gemeinsam haben?«
-</p>
-
-<p>
-Aber Lewontij antwortet: »Du fabelst, Onkel: es hat
-nie einen Gott Remphan gegeben, sondern alles ist durch
-die eine Allweisheit geschaffen.«
-</p>
-
-<p>
-Daraufhin werde ich noch dümmer und sage: »Die
-Kirchlichen trinken Kaffee«.
-</p>
-
-<p>
-»Nun, was ist das für ein Unglück?« antwortet Lewontij;
-»Der Kaffee ist eine Bohne und wurde dem König David
-als Geschenk dargebracht.«
-</p>
-
-<p>
-»Woher,« sage ich, »weißt du denn das alles?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich hab es in Büchern gelesen.«
-</p>
-
-<p>
-»Nun, wisse dann: alles steht in den Büchern nicht
-geschrieben.«
-</p>
-
-<p>
-»Was ist dort nicht geschrieben?« fragt er.
-</p>
-
-<p>
-»Was? Was dort noch nicht geschrieben ist?« Ich weiß
-gar nicht mehr, was ich sagen soll, und poltere los:
-</p>
-
-<p>
-»Die Kirchlichen essen Hasen, und der Hase ist unrein.«
-</p>
-
-<p>
-»Beschimpfe nicht, was Gott geschaffen hat, es ist Sünde.«
-</p>
-
-<p>
-»Wie soll ich den Hasen nicht beschimpfen, wo er doch
-unrein ist, von Eselsart, Zwittereigenschaften hat und
-beim Menschen dickes, melancholisches Blut erzeugt?«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-Aber Lewontij lacht nur und sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Schlaf, Onkel, du redest ungereimtes Zeug.«
-</p>
-
-<p>
-Ich muß Ihnen gestehen, daß ich damals noch nicht
-klar wußte, was in der Seele dieses gesegneten Jünglings
-vorging; ich war nur sehr erfreut, daß er nicht weitersprechen
-wollte, denn ich sah selbst ein, daß mein Herz
-nichts von dem wußte, was ich sprach, und so schwieg ich
-denn und dachte mir nur, während ich mich niederlegte:
-</p>
-
-<p>
-»Nein, diese Zweifel sind bei ihm aus Gram entstanden.
-Morgen werden wir aufstehen und uns auf den Weg
-machen; dann wird sich alles in ihm zerstreuen.« Für alle
-Fälle aber hatte ich in meinem Sinn beschlossen, einige
-Zeit schweigend neben ihm einherzugehen, um ihm zu
-zeigen, daß ich noch sehr zornig auf ihn sei.
-</p>
-
-<p>
-Nur brachte ich in meinem wetterwendischen Charakter
-nicht die Kraft auf, mich böse zu stellen, und so begannen
-wir bald wieder miteinander zu sprechen, und nicht über
-göttliche Dinge, weil er viel belesener war als ich, sondern
-über die Gegend, wozu uns die riesigen dunklen Wälder
-anregten, durch die unser Weg führte. Ich bemühte mich,
-mein Moskauer Gespräch mit Lewontij zu vergessen, und
-entschloß mich, auf der Hut zu sein und nicht irgendwie
-auf den Starez Pamwa, den Einsiedler zu stoßen, der
-Lewontij so begeistert hatte und über dessen erhabenen
-Lebenswandel ich selbst unfaßbare Wunder von kirchlich
-Gläubigen gehört hatte.
-</p>
-
-<p>
-»Nun,« denke ich mir, »was soll ich mir große Sorgen
-machen, wenn ich ihm aus dem Wege gehe? Er selbst
-wird uns doch gewiß nicht suchen.«
-</p>
-
-<p>
-Und so wandern wir wieder friedlich und wohlbehalten
-und kommen schließlich in Ortschaften, in denen wir
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-Kunde davon erhalten, daß der Ikonenmaler Ssewastjan
-die Gegend durchziehe. Nun beginnen wir, ihn von Stadt
-zu Stadt und von Dorf zu Dorf zu suchen, wir folgen ihm
-schon auf frischer Fährte, wir erreichen ihn fast und können
-ihn doch nicht einholen. Wir laufen wie gekoppelte
-Hunde, legen Strecken von zwanzig bis dreißig Werst
-ohne Rast zurück, aber wenn wir irgendwohin kommen,
-so sagt man uns:
-</p>
-
-<p>
-»Er ist hier gewesen und ist eben, vor einer Stunde weggegangen.«
-</p>
-
-<p>
-Wir eilen ihm nach, aber es gelingt uns nicht ihn einzuholen.
-</p>
-
-<p>
-Einmal an einer Wegkreuzung gerate ich mit Lewontij
-in Streit. Ich sage: »wir müssen rechts gehen«, und er
-sagt: »links«. Schließlich hätte er mich beinahe überredet,
-aber ich beharrte auf meiner Meinung. Wir gehen
-also und gehen, und schließlich merke ich, daß ich nicht
-mehr weiß, wohin wir geraten sind, und daß weder ein
-Pfad, noch eine Spur weiterführt.
-</p>
-
-<p>
-Ich sage dem Jüngling: »Kehren wir um, Ljowa!«
-</p>
-
-<p>
-Aber er antwortet: »Nein ich kann nicht mehr weitergehen,
-Onkel, ich habe keine Kraft mehr.«
-</p>
-
-<p>
-Ich frage besorgt: »Kindchen, was fehlt dir denn?«
-</p>
-
-<p>
-Und er erwidert: »Siehst du denn nicht, wie mich der
-Frost schüttelt?«
-</p>
-
-<p>
-Ich sehe, wie er am ganzen Körper zittert und wie seine
-Augen umherirren. So plötzlich war es geschehen, meine
-werten Herren. Er hat über nichts geklagt, ist flink einhergegangen,
-und nun setzt er sich mit einem Male in einem
-Wäldchen aufs Gras, lehnt seinen Kopf an einen hohlen
-Baumstumpf und sagt:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-»Oh, mein Kopf, oh mein Kopf! Mein Kopf brennt
-wie Feuerflammen. Ich kann nicht weiter gehen, ich kann
-keinen Schritt mehr machen.« Und damit neigt sich der
-Arme zur Erde und fällt hin.
-</p>
-
-<p>
-Dies geschah gegen Abend.
-</p>
-
-<p>
-Ich war sehr erschrocken, und während ich wartete, ob
-sein Anfall nicht nachlassen würde, brach die Nacht herein.
-Es war Herbstzeit und trüb, die Gegend war unbekannt,
-ringsum nichts als Fichten und alte Tannen, und der Knabe
-starb einfach hin. Was sollte ich tun? Unter Tränen sagte
-ich ihm:
-</p>
-
-<p>
-»Ljowuschka, Väterchen, raff dich zusammen, vielleicht
-erreichen wir ein Nachtlager.«
-</p>
-
-<p>
-Aber er neigt das Köpfchen zur Seite, wie eine abgemähte
-Blume, und spricht wie im Fiebertraum:
-</p>
-
-<p>
-»Rühr mich nicht an, Onkel Marko, rühr mich nicht
-an und fürchte dich nicht.«
-</p>
-
-<p>
-Ich sage: »Ich bitte dich, Ljowa, wie soll man sich in
-solch einer unwegsamen Einöde nicht fürchten?«
-</p>
-
-<p>
-Aber er sagt: »Wache, und du wirst behütet werden.«
-</p>
-
-<p>
-Ich denke: »Herrgott, was ist denn mit ihm los?« Trotz
-meiner Angst beginne ich zu horchen, und es scheint mir,
-als höre ich tief im Wald etwas knistern. »Gnadenreicher
-Herr!« denke ich mir: »Das ist gewiß ein wildes Tier, das
-uns gleich zerreißen wird!« Lewontij kann ich schon nichts
-mehr zurufen, denn ich sehe, daß er gleichsam aus sich
-selbst herausgeflogen ist und mir enteilt, und so bete ich
-nur noch: »Engel Christi, beschütze uns in dieser schrecklichen
-Stunde!« Das Knistern kommt immer näher und
-ist schon dicht bei uns. Ich muß Ihnen hier, meine werten
-Herren, eine große Gemeinheit gestehen: ich war so
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-verzagt, daß ich den kranken Lewontij an der Stelle, an
-der er lag, zurückließ, schneller als eine Eichkatze auf einen
-Baum kletterte, mich auf einen Ast setzte, mein Säbelchen
-zog und, mit den Zähnen wie ein erschreckter Wolf klappernd,
-wartete, was da kommen würde.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich sehe ich aus der Dunkelheit, an die sich meine
-Augen bereits gewöhnt haben, etwas heraustreten, aber
-ich kann durchaus nicht erkennen, ob es ein Tier oder
-ein Räuber ist. Aber wie ich genauer hinschaue, kann ich
-genau unterscheiden, daß es weder das eine, noch das
-andere ist, sondern ein kleiner Greis in einer Kutte; ja,
-ich kann sogar das Beil erkennen, das er im Gürtel stecken
-hat, und das große Holzbündel auf seinem Rücken. Er
-kommt auf die Lichtung heraus, atmet hastig, als wolle er
-die Luft von allen Seiten her einsammeln, wirft dann mit
-einem Male sein Bündel zur Erde und geht sofort, als habe
-er die Nähe eines Menschen gewittert, gerade auf meinen
-Gefährten zu. Er tritt an ihn heran, beugt sich über ihn,
-schaut ihm ins Gesicht, nimmt ihn dann bei der Hand
-und sagt: »Steh auf, Bruder.« Und was glauben Sie? Ich
-sehe, wie er Lewontij aufstehen hilft, ihn zu seinem Bündel
-führt, es ihm auf die Schultern legt und sagt: »Trag es
-hinter mir her!« Und Lewontij trägt es.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-11">
-ELFTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span>ie können sich vorstellen, meine werten Herren, wie
-ich vor solch einem Wunder erschrecken mußte. Woher
-war dieser stille, gebieterische Alte gekommen, und wie
-hatte mein Ljowa, der noch eben dem Tode nahe schien,
-die Kraft gewonnen, gleich das Holzbündel zu tragen!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-Ich stieg, so schnell ich vermochte, vom Baum herunter,
-warf mein Säbelchen an seinem Strick auf den Rücken,
-brach mir für alle Fälle einen verläßlichen kräftigen Knüppel
-und eilte ihnen nach. Ich hatte sie bald eingeholt und
-sah: der Alte ging voran und war genau so, wie er mir
-im ersten Augenblick erschienen war, &mdash; klein und bucklig,
-das Bärtchen auf beiden Wangen buschig und weiß wie
-Seifenschaum, und mein Lewontij folgte schnell seiner
-Spur und blickte mich dabei unverwandt an. Aber wenn
-ich ihn ansprach und mit der Hand berührte, schenkte er
-mir nicht die geringste Aufmerksamkeit und ging wie im
-Schlaf daher.
-</p>
-
-<p>
-Ich trat an den Alten heran und rief:
-</p>
-
-<p>
-»Verehrter!«
-</p>
-
-<p>
-Und er erwiderte: »Was willst du?«
-</p>
-
-<p>
-»Wohin führst du uns?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich führe niemanden,« sagte er, »alle führt Gott.«
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Worten blieb er stehen, und ich sah, daß
-sich vor uns eine niedrige Mauer mit einem Tor erhob,
-und in dem Tor ein kleines Pförtchen angebracht war.
-Der Alte begann daran zu klopfen und rief: »Bruder
-Miron! Bruder Miron!«
-</p>
-
-<p>
-Aber von drinnen antwortet unwirsch eine grobe
-Stimme:
-</p>
-
-<p>
-»Wieder hast du dich nachts herumgetrieben. Bleib im
-Wald zu Nacht! Ich lasse dich nicht herein!«
-</p>
-
-<p>
-Doch der kleine Greis begann zu flehen und freundlich
-zu bitten:
-</p>
-
-<p>
-»Laß ein, Bruder!«
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich riß der Grobian von innen die Türe auf, und
-ich sah einen Menschen in der gleichen Kutte, wie sie der
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-Alte trug, vor mir. Er war ein roher Kerl, und kaum hatte
-der Alte die Füße über die Schwelle gesetzt, als jener ihm
-einen Stoß versetzte, daß er beinahe zur Erde gefallen
-wäre. Aber er sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Segne dich Gott, mein Bruder, für diesen Dienst.«
-</p>
-
-<p>
-»Heiland«, denke ich mir, »wohin sind wir geraten!«
-</p>
-
-<p>
-Und plötzlich erleuchtet und entsetzt es mich wie ein
-Blitz:
-</p>
-
-<p>
-»Gott sei mir gnädig! Wenn es nur nicht Pamwa, der
-zornlose Einsiedler ist. Dann wäre es besser gewesen,
-ich wäre im dunklen Wald umgekommen oder hätte mir
-bei einem wilden Tier oder einem Räuber ein Lager gesucht,
-als unter diesem Dache!«
-</p>
-
-<p>
-Kaum hatte er uns in seine kleine Hütte hineingeführt
-und ein gelbes Wachslicht angezündet, als ich schon erriet,
-daß wir uns wirklich in einer Waldeinsiedelei befanden.
-Und ich kann mich nicht mehr beherrschen und
-frage:
-</p>
-
-<p>
-»Verzeih mir, gottesfürchtiger Mann, wenn ich dich
-frage, ob es sich für mich und meinen Gefährten geziemt,
-hier zu bleiben, wohin du uns geführt hast?«
-</p>
-
-<p>
-Er aber antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Gottes ist die ganze Erde, und gesegnet sind alle
-Lebenden. &mdash; Lege dich hin und schlafe!«
-</p>
-
-<p>
-»Nein«, erwidere ich, »erlaube, daß ich dir sage: wir
-gehören dem alten Glauben an.«
-</p>
-
-<p>
-»Wir sind alle vom Leibe Christi, er umfängt uns alle.«
-</p>
-
-<p>
-Und damit führt er uns in einen Winkel, wo auf dem
-Boden eine dürftige Lagerstatt aus Matten hergerichtet
-ist und am Kopfende ein mit Stroh bedeckter Holzklotz
-liegt, und sagt zu uns beiden: »Schlaft!«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-Mein Lewontij legt sich als gehorsamer Junge gleich
-hin, während ich meine Vorsicht beibehalte und frage:
-</p>
-
-<p>
-»Verzeih, Mann Gottes, noch eine Frage ...«
-</p>
-
-<p>
-Er antwortet: »Wozu fragen: Gott weiß alles.«
-</p>
-
-<p>
-»Nein, sage mir: wie heißt du?«
-</p>
-
-<p>
-Aber er erwidert mit dem für ihn ganz unpassenden
-Weiberspruch:
-</p>
-
-<p>
-»Man nennet mich den Enterich, wie man mich heißt,
-das weiß ich nicht.« Und mit diesen leeren Worten kriecht
-er mit seinem Lichtlein in eine kleine Kammer, eng
-wie ein Holzsärglein, aber hinter der Wand vernimmt
-man wieder die Stimme des Grobians:
-</p>
-
-<p>
-»Untersteh dich nicht, Licht zu brennen: du zündest
-noch die Zelle an. Aus dem Büchlein kannst du am Tage
-beten, jetzt aber bete im Dunkeln.«
-</p>
-
-<p>
-»Ich werde nicht, Bruder Miron«, antwortet jener,
-»ich werde nicht.« Und bläst das Lichtlein aus.
-</p>
-
-<p>
-Ich flüstere: »Vater, wer ist es, der Euch so barsch
-bedroht?«
-</p>
-
-<p>
-»Es ist mein Diener Miron, ein guter Mensch ... er
-behütet mich.«
-</p>
-
-<p>
-»Nun ist es aus«, denke ich mir, »es ist der Einsiedler
-Pamwa. Es kann niemand anders sein, als er, der Zorn-
-und Neidlose. Jetzt ist das Unglück da! Er hat uns hieher
-gebracht und sengt uns jetzt, wie der Feuerbrand das
-Fett. Das einzige, was übrigbleibt, ist, morgen beim Morgengrauen
-Lewontij von hier zu entführen und zu fliehen,
-damit er nicht wisse, wo wir sind.« Ich klammerte mich
-an diesen Plan und beschloß nicht zu schlafen, um den
-Jüngling beim ersten Morgenschimmer zu wecken und
-zu fliehen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-Um nicht einzuschlafen und womöglich zu verschlafen,
-liege ich da und spreche in einem fort das Glaubensbekenntnis,
-wie es der alte Glaube vorschreibt, und wenn
-ich damit fertig bin, setze ich gleich hinzu: »Dieser Glaube
-ist der Apostolische, dieser Glaube ist der Katholische,
-dieser Glaube hält das All ...« und beginne von neuem.
-Ich weiß nicht, wie oft ich das Glaubensbekenntnis wiederholt
-habe, um nicht einzuschlafen, aber gewiß waren
-es viele Male. Und auch der Alte betet noch immer in
-seinem Sarge, und mir scheint, als zeige mir das Licht in
-den Balkenritzen, wie er sich immer von neuem verneigt.
-Und plötzlich meine ich ein Gespräch zu hören, und was
-für eines ... ein ganz unerklärliches ... als sei Lewontij
-beim Starez eingetreten und spräche mit ihm über den
-Glauben ... aber ohne Worte, sondern sie sehen einander
-nur an und verstehen sich. Dieses Bild stand mir
-lange vor Augen, und ich hatte darüber schon vergessen,
-mein Glaubensbekenntnis zu wiederholen. Da glaube ich
-zu hören, wie der Starez dem Jüngling sagt: »Gehe und
-entsündige dich!« Und jener antwortet: »Ja, ich will mich
-entsündigen.« Auch jetzt kann ich Ihnen nicht sagen,
-ob es im Traume oder in der Wirklichkeit geschehen ist,
-aber sicher habe ich darauf lange geschlafen. Wie ich endlich
-erwache, sehe ich: es ist heller Tag, und der Starez,
-unser Wirt, der Einsiedler, sitzt da und zieht eine Aale
-durch einen Lindenbastschuh, den er auf seinen Knien
-hält. Ich beginne ihn aufmerksam zu betrachten:
-</p>
-
-<p>
-Ach, wie schön ist er! Wie vergeistigt! Als wenn ein
-Engel vor mir säße und für seine Erdenwandlung in unscheinbarer
-Gestalt Bastschuhe flechte. Ich betrachte ihn
-und sehe, daß auch er mich anschaut, lächelt und sagt:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-»Hast du genug geschlafen, Mark? Es ist Zeit, ans
-Werk zu gehen.«
-</p>
-
-<p>
-Ich erwidere: »Was ist denn mein Werk, gottesfürchtiger
-Mann? Oder weißt du alles?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich weiß, ich weiß,« sagt er, »macht denn der Mensch
-einen weiten Weg ohne Zweck? Alle, Bruder, alle suchen
-die Wege Gottes. Helfe dir Gott in deiner Demut.«
-</p>
-
-<p>
-»Was sagst du, heiliger Mann, meine &sbquo;Demut&lsquo;? Du
-bist demütig, aber was habe ich in meiner Eitelkeit für
-eine Demut?«
-</p>
-
-<p>
-Aber er antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Ach nein, Bruder, nein, ich bin nicht demütig, ich bin
-ein großer Sünder, denn ich wünsche teilzuhaben am
-Himmelreich.«
-</p>
-
-<p>
-Und im Bewußtsein dieser Sünde faltet er mit einem
-Male die Hände und beginnt wie ein kleines Kind zu
-weinen.
-</p>
-
-<p>
-»Herr!« betet er, »zürne mir nicht für diesen Eigenwillen,
-werfe mich auf den Grund der Hölle und befiehl
-deinen Teufeln, mich zu quälen, wie ich es verdient habe!«
-</p>
-
-<p>
-»Nein,« denke ich mir, »nein, es ist, Gott sei Dank,
-nicht der scharfsichtige Einsiedler Pamwa, es ist einfach
-ein geistesumnachteter Greis.« Ich dachte mir, daß doch
-niemand bei gesundem Verstande auf das Himmelreich
-verzichten und beten könne, Gott möge ihn zur Peinigung
-den Teufeln geben. Einen solchen Wunsch hatte ich in meinem
-ganzen Leben noch von niemand gehört, und so
-wandte ich mich von der Klage des Greises ab, da ich sie
-für eine Verrücktheit und eine von den Teufeln geschickte
-Versuchung hielt. Dann dachte ich mir, daß ich noch
-immer hier liege, während es doch Zeit zum Aufstehen
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-sei; plötzlich sehe ich aber, wie sich die Türe öffnet und
-mein Lewontij hereintritt, den ich ganz vergessen hatte.
-Er tritt ein, fällt vor dem Starez nieder und sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Vater, ich habe alles vollbracht, jetzt segne mich!«
-</p>
-
-<p>
-Der Starez sieht ihn an und antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Friede sei mit dir: ruhe dich aus!«
-</p>
-
-<p>
-Und ich sehe, wie sich mein Jüngling vor ihm wieder
-bis zur Erde verneigt, hinausgeht, und der Einsiedler
-wieder an seinen Bastschuhen arbeitet.
-</p>
-
-<p>
-Da springe ich mit einem Male auf und denke:
-</p>
-
-<p>
-»Nein, jetzt nehme ich schnell meinen Ljowa, und fort
-von hier!« Damit trete ich in den kleinen Vorraum und
-sehe dort meinen Jüngling ausgestreckt auf der Holzbank
-daliegen, die Hände auf der Brust gefaltet.
-</p>
-
-<p>
-Um meine Unruhe nicht zu verraten, frage ich ihn
-laut:
-</p>
-
-<p>
-»Weißt du vielleicht, wo ich Wasser schöpfen kann,
-um das Gesicht zu waschen?« Und ich setze flüsternd
-hinzu: »Beim lebendigen Gott beschwöre ich dich, laß
-uns so schnell wie möglich von hier gehen!«
-</p>
-
-<p>
-Dabei sehe ich ihn genauer an und merke, daß Ljowa
-nicht atmet ... Er ist dahingegangen ... Gestorben ...
-</p>
-
-<p>
-Und ich schreie mit einer Stimme, die wie eine fremde
-klingt:
-</p>
-
-<p>
-»Pamwa, Vater Pamwa, du hast meinen Knaben getötet!«
-</p>
-
-<p>
-Aber Pamwa tritt leise auf die Schwelle und sagt
-freudig:
-</p>
-
-<p>
-»Fortgeflogen ist unser Ljowa!«
-</p>
-
-<p>
-Mich packt der Zorn:
-</p>
-
-<p>
-»Ja,« antworte ich unter Tränen, »er ist fortgeflogen.
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-<a id="corr-4"></a>Du hast seine Seele hinausgelassen, wie eine Taube aus
-dem Käfig.«
-</p>
-
-<p>
-Und dann werfe ich mich zu den Füßen des Entschlafenen
-nieder und stöhne und weine, bis am Abend
-die Mönche aus dem kleinen Kloster kommen, seinen
-Leichnam waschen, in einen Sarg legen und davontragen,
-denn er war am Morgen, während ich schlief, zur herrschenden
-Kirche übergetreten.
-</p>
-
-<p>
-Mit dem Vater Pamwa sprach ich kein Wort mehr. Was
-hätte ich ihm auch sagen können: beschimpfte man ihn,
-so segnete er, &mdash; hätte man ihn geschlagen, so würde
-er sich bis zur Erde verneigt haben. Unüberwindlich war
-dieser Mensch in seiner Demut! Wovor sollte er auch
-erschrecken, wenn ihm selbst die Hölle begehrenswert
-erschien? Nein, ich hatte nicht umsonst vor ihm gezittert
-und gefürchtet, daß er uns ansengen werde wie der
-Feuerbrand das Fett. Mit seiner Demut würde er selbst
-alle Teufel aus der Hölle vertreiben oder zu Gott bekehren.
-Wenn sie anfingen ihn zu quälen, würde er sie bitten:
-»Peinigt mich grausamer, ich habe es verdient.« Nein,
-nein, solche Demut kann nicht einmal der Satan ertragen.
-Er würde sich beide Hände an ihm wundschlagen, würde
-sich die Nägel abreißen und dann selber seine ganze
-Ohnmacht vor Dem, der solche Liebe erschaffen, erkennen
-und in Scham vor Ihm vergehen!
-</p>
-
-<p>
-So sagte ich mir denn, daß dieser Greis mit den Lindenbastschuhen
-der Hölle zum Verderben geschaffen sei.
-Und ich streifte die ganze Nacht im Walde umher, wußte
-selbst nicht, weshalb ich nicht das Weite suchte, und
-dachte unablässig:
-</p>
-
-<p>
-»Wie mag er wohl beten, auf welche Weise, nach welchen
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-Büchern?« Und dabei fiel mir ein, daß ich bei ihm
-kein einziges Heiligenbild gesehen hatte, bloß ein Kreuz
-aus zwei mit Lindenbast aneinander gebundenen Stäbchen,
-und auch keine dicken Bücher.
-</p>
-
-<p>
-»Gott!« erdreiste ich mich zu urteilen, »wenn die herrschende
-Kirche nur zwei solche Menschen hat, so sind
-wir verloren, denn dieser Mensch ist ganz beseelt von
-Liebe.«
-</p>
-
-<p>
-Immer wieder muß ich an ihn denken, und gegen Morgen
-ergreift mich ein heftiges Verlangen, ihn vor meinem
-Weggang wenn auch nur für einen Augenblick wiederzusehen.
-</p>
-
-<p>
-Kaum habe ich dies gedacht, als ich wieder dasselbe
-Knistern vernehme, und der Vater Pamwa wieder mit
-Beil und Holzbündel aus dem Walde heraustritt und
-sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Was säumst du so lange? Beeile dich, dein Babylon
-zu errichten!«
-</p>
-
-<p>
-Dieses Wort schien mir bitter, und ich sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Weshalb machst du mir diesen Vorwurf? Ich errichte
-kein Babylon und scheide mich vom babylonischen
-Pfuhl.«
-</p>
-
-<p>
-Aber er antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Was ist Babylon? Eine Säule des Dünkels, schmeichle
-dir nicht mit deiner Rechtschaffenheit, sonst verläßt dich
-dein Engel.«
-</p>
-
-<p>
-Ich sage: »Vater, weißt du denn, weshalb ich wandere?«
-Und ich erzähle ihm unser ganzes Leid. Und er hört
-alles an, hört und antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Der Engel ist geduldig, der Engel ist mild; wie es
-der Herr ihm befiehlt, so kleidet er sich, was er ihm befiehlt,
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-das wirkt er. Also ist der Engel! Er lebt in der
-Seele des Menschen, die Unwissenheit hat ihn versiegelt,
-aber die Liebe wird das Siegel zerbrechen.«
-</p>
-
-<p>
-Damit entfernt er sich von mir, aber ich kann die Augen
-nicht von ihm wenden, kann mich nicht bezwingen, falle
-nieder und verneige mich vor ihm bis zur Erde. Als ich
-das Gesicht erhebe, ist er nicht mehr da, ob ihn nun die
-Bäume verdeckten, oder ... Gott weiß, wohin er verschwunden
-ist.
-</p>
-
-<p>
-Ich begann über seine Worte nachzudenken: der Engel
-lebt in der Seele des Menschen und ist versiegelt, aber
-die Liebe wird ihn befreien, und plötzlich kommt mir in
-den Sinn: »Wenn er selbst der Engel war, und Gott ihm
-befohlen hat, mir in dieser Gestalt zu erscheinen, &mdash; so
-werde ich nun wie Lewontij sterben!«
-</p>
-
-<p>
-Von diesem Gedanken erfaßt, entsinne ich mich kaum
-mehr, wie ich auf einem Baumstamm über den Bach komme
-und zu laufen beginne: sechzig Werst ohne Rast, immer
-in der Angst und der Vorstellung, den Engel gesehen zu
-haben, bis ich auf einmal ein Dorf erreiche und dort den
-Ikonenmaler Ssewastjan finde. Wir verständigten uns bald,
-besprachen alles und beschlossen, uns schon am nächsten
-Tag auf den Weg zu machen. Aber unsere Vereinbarung
-war ohne jede Wärme, und unsere Reise noch weniger,
-einmal weil der Ikonenmaler Ssewastjan ein nachdenklicher
-Mensch war, und dann wohl noch mehr, weil ich
-nicht mehr derselbe war, wie zuvor. Vor meiner Seele
-stand der Einsiedler Pamwa, und meine Lippen flüsterten
-die Worte des Propheten Jesajas: »Der Geist Gottes
-spricht aus dem Munde dieses Menschen.«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-12">
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-ZWÖLFTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>er Ikonenmaler Ssewastjan und ich legten den Rückweg
-rasch zurück und fanden, nachts bei unserer
-Baustelle angelangt, alles wohlbehalten vor. Nachdem
-wir die Unsrigen begrüßt hatten, gingen wir gleich zu
-Jakow Jakowlewitsch. Der verlangte voll Neugierde gleich
-den Ikonenmaler zu sehen; er betrachtete dann in einem
-fort dessen Hände und zuckte nur mit den Achseln, weil
-seine Hände übergroß, wie Harken waren und ganz
-schwarz, wie auch Ssewastjan selbst schwarz wie ein
-Zigeuner aussah. Jakow Jakowlewitsch sagte ihm:
-</p>
-
-<p>
-»Ich wundere mich, Bruder, wie du mit diesen Riesenhänden
-zeichnen kannst!«
-</p>
-
-<p>
-»Warum denn? Warum sollen meine Hände nicht dazu
-taugen?«
-</p>
-
-<p>
-»Du kannst doch,« sagt er, »etwas Kleines mit ihnen
-gar nicht ausführen?«
-</p>
-
-<p>
-Jener fragt: »Warum?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, weil deinen Gelenken die Geschmeidigkeit fehlt.«
-</p>
-
-<p>
-Aber Ssewastjan erwidert: »Das ist Unsinn! Können
-mir denn meine Finger etwas erlauben oder nicht erlauben?
-Ich bin ihr Herr, und sie sind meine Diener, die
-mir gehorchen.«
-</p>
-
-<p>
-Der Engländer lächelt: »Also wirst du unseren versiegelten
-Engel nachbilden?«
-</p>
-
-<p>
-»Warum denn nicht?« antwortete jener. »Ich gehöre
-nicht zu den Meistern, die ihr Werk fürchten, sondern
-mich fürchtet das Werk. So genau werde ich ihn nachbilden,
-daß Sie ihn vom echten nicht werden unterscheiden
-können.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-»Gut,« sagte Jakow Jakowlewitsch, »wir werden uns
-unverzüglich bemühen, die echte Ikone herbeizuschaffen,
-in der Zwischenzeit beweise mir aber, um mich zu überzeugen,
-deine Kunstfertigkeit. Male meiner Frau eine Ikone
-nach altrussischer Art und so, daß sie ihr auch gefällt.«
-</p>
-
-<p>
-»Welchem Heiligen zu Ehren soll sie sein?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, das weiß ich nicht,« antwortete er, »ihr ist das
-gleich, nur daß es ihr gefällt.«
-</p>
-
-<p>
-Ssewastjan dachte nach und fragte:
-</p>
-
-<p>
-»Worum betet denn deine Gemahlin am meisten zu
-Gott?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich weiß nicht, mein Freund, ich weiß es nicht, aber
-ich denke, wahrscheinlich daß aus den Kindern ehrliche
-Menschen werden.«
-</p>
-
-<p>
-Ssewastjan dachte wieder nach und antwortete:
-</p>
-
-<p>
-»Gut, ich werde ihren Geschmack treffen.«
-</p>
-
-<p>
-»Wie willst du ihn treffen?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich werde etwas darstellen, was die Beschaulichkeit
-vertieft und dem Geist des Gebetes Ihrer Gemahlin
-wohlgefällig ist.«
-</p>
-
-<p>
-Der Engländer ließ für ihn im Dachstübchen seines
-eigenen Hauses alles herrichten, aber er arbeitete nicht
-dort, sondern setzte sich an das Fensterchen auf dem Dachboden
-über Luka Kirillows Stube und begann dort seine
-Tätigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Aber was er da gemacht hat, meine werten Herren, das
-hatten wir uns gar nicht vorgestellt. Als das Gespräch auf
-die Kinder kam, da dachten wir, er werde Roman den
-Wundertäter darstellen, zu dem man wegen Unfruchtbarkeit
-betet, oder den Kindermord in Jerusalem, was den
-Müttern, die ihre Fruchtbarkeit verloren haben, immer
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-gefällt, weil Rahel dort mit ihnen über die Kinder weint
-und sich nicht trösten kann. Aber dieser kluge Ikonenmaler
-hatte erwogen, daß die Engländerin schon Kinder
-habe und nicht darum bete, daß der Himmel ihr welche
-schenke, sondern daß er den Charakter der Kinder festige,
-und malte etwas ganz anderes, was ihrem Streben noch
-mehr entsprechen mußte. Er wählte dazu ein altes Holztäfelchen,
-so groß wie eine Handfläche, und begann darauf
-seine Kunst zu zeigen. Vor allen Dingen trug er, natürlich,
-den Grund mit starkem Kasanschen Alabaster
-auf, daß er glatt und hart wie Elfenbein wurde; darauf
-teilte er das Täfelchen in vier gleiche Flächen und zeichnete
-auf jede eine besondere kleine Ikone, die er nochmals
-mit einer goldgemalten Fassung umrahmte. Das erste
-Quadrat stellte dar: die Geburt Johannes des Täufers
-mit acht Figuren, dem neugeborenen Kind und dem
-Gemach; &mdash; das zweite die Geburt der hochheiligen Gottesmutter
-mit sieben Figuren, dem Kind und dem Gemach;
-&mdash; das dritte die unbefleckte Geburt des Erlösers, den
-Stall und die Krippe, und davor stehend die Himmelskönigin, Joseph,
-die gottesfürchtigen Hirten, Salome und
-allerlei Vieh: Ochsen, Schafe, Ziegen und Esel, und die
-Möwe, die den Juden verboten ist, zum Zeichen, daß
-das Ganze nicht vom Judentum kommt, sondern von der
-Gottheit, die alles geschaffen hat. Auf dem vierten Bildchen
-ist die Geburt Nikolai des Wundertäters zu sehen; der Heilige
-wieder als neugeborenes Kind, das Gemach und viele
-Umherstehende. Soviel Sinn war darin enthalten, daß
-man vor sich die Erzieher so vieler guter Kinder sah, und
-soviel Kunst in all den stecknadelgroßen Figuren in ihrer
-Beseeltheit und Bewegung! So liegt bei der Geburt der
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-Muttergottes die heilige Anna, wie es im griechischen
-Original dargestellt ist, auf dem Lager, und vor ihr stehen
-zymbelschlagende Mädchen und andere, die Gaben halten,
-und solche mit Sonnenschirmen in den Händen und
-wieder andere, die Lichter tragen. Die eine Frau hält die
-heilige Anna unter den Schultern, Joachim späht in die
-vorderen Gemächer; eine zweite Frau wäscht die heilige
-Gottesgebärerin bis zu den Lenden, ein danebenstehendes
-Mädchen gießt aus einem Gefäß Wasser in das Becken.
-Die Räume sind alle mit dem Zirkel voneinander getrennt,
-und in dem äußersten Gemach sitzen Joachim und Anna
-auf dem Thron, und Anna hält die hochheilige Gottesgebärerin;
-aber um das Gemach herum erheben sich steinerne
-Pfeiler mit roten Vorhängen, und draußen ist eine
-weiße und gelbe Mauer. Wunderbar, wunderbar hatte
-Ssewastjan das alles dargestellt, und in jedem kleinsten
-Gesichtchen hatte er das ganze Schauen Gottes ausgedrückt!
-Er nannte das Bild »Fruchtbarkeit« und brachte
-es den Engländern. Die betrachteten es und schlugen die
-Hände zusammen: Niemals, sagten sie, hätten sie solche
-Phantasie erwartet und solche Feinheit der Kleinmalerei
-geahnt. Sie betrachteten es dann sogar noch mit dem Vergrößerungsglas
-und fanden auch damit keinen Fehler.
-Sie gaben Ssewastjan für die Ikone zweihundert Rubel
-und sagten:
-</p>
-
-<p>
-»Kannst du noch kleiner darstellen?«
-</p>
-
-<p>
-Ssewastjan antwortet: »Ja«.
-</p>
-
-<p>
-»Dann kopiere mir auf meinen Fingerring das Porträt
-meiner Frau.«
-</p>
-
-<p>
-Aber Ssewastjan antwortet: »Nein, das kann ich nicht.«
-</p>
-
-<p>
-»Warum denn nicht?«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-»Weil ich mich in dieser Kunst noch nie versucht habe,
-und dann auch weil ich meine Kunst nicht erniedrigen
-will, um nicht den Unwillen der Väter auf mich zu
-ziehen.«
-</p>
-
-<p>
-»Was ist das für ein Unsinn!«
-</p>
-
-<p>
-»Das ist durchaus kein Unsinn,« antwortet er. »Wir
-haben aus gottesfürchtiger Zeit eine Bestimmung, die
-auch in einem Patriarchenbrief bestätigt wird: Wenn einer
-zu einem so heiligen Werk wie die Ikonenmalerei berufen
-ist, so ist es einem geziemend lebenden Ikonenmaler geboten,
-nichts denn heilige Darstellungen zu malen.«
-</p>
-
-<p>
-Jakow Jakowlewitsch sagt darauf:
-</p>
-
-<p>
-»Und wenn ich dir fünfhundert Rubel dafür gebe?«
-</p>
-
-<p>
-»Und wenn Sie mir fünfhunderttausend bieten würden,
-es wäre ganz gleich, Sie würden sie behalten.«
-</p>
-
-<p>
-Das Gesicht des Engländers strahlte, aber er sagte im
-Scherz zu seiner Frau: »Wie gefällt dir das, daß er es für
-eine Erniedrigung hält, dein Gesicht zu malen?«
-</p>
-
-<p>
-Aber auf englisch fügte er hinzu: »Oh, ein guter Charakter«.
-Und dann sagte er:
-</p>
-
-<p>
-»Nun seht zu, Brüder, jetzt bringen wir die Sache zum
-Abschluß. Wie ich sehe, habt ihr für alles Regeln: also
-nehmt euch jetzt in acht, um nichts zu versäumen oder
-zu vergessen, was irgendwie stören könnte.«
-</p>
-
-<p>
-Wir antworteten, daß wir nichts derartiges voraussähen.
-</p>
-
-<p>
-»Nun, dann gebt acht,« sagt er, »ich beginne.« Und
-dann fährt er zum Erzbischof mit der Bitte, er möge ihm
-erlauben, um seinen Eifer zu beweisen, die Beschläge
-des versiegelten Engels vergolden und den Rahmen neu
-malen zu lassen. Der Erzbischof will weder zusagen, noch
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-ihn abweisen, aber Jakow Jakowlewitsch gibt nicht nach
-und erreicht es endlich. Wir warteten indes schon, wie
-Pulver aufs Feuer.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-13">
-DREIZEHNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>rlauben Sie, meine werten Herren, hier daran zu erinnern,
-daß seit dem Beginn meiner Geschichte ziemlich
-viel Zeit verflossen war und es schon auf Weihnachten
-ging. Aber dort ist das Wetter um diese Zeit mit dem
-unsrigen nicht zu vergleichen; es ist launisch, und einmal
-verbringt man diesen Feiertag bei Winterwetter, das
-anderemal vom Regen durchnäßt; den einen Tag friert
-es, den nächsten taut es; bald ist der Fluß mit schmutzigem
-Eise bedeckt, bald schwillt er an und führt Eisschollen
-wie beim Hochwasser im Frühling. Mit einem
-Wort, es herrscht dort um diese Zeit ganz unbeständiges
-Wetter, oder, wie man es in der Gegend nennt: »Schlackwetter«,
-&mdash; und so war es auch jetzt.
-</p>
-
-<p>
-In dem Jahre, in das meine Erzählung fällt, war diese
-Unbeständigkeit sehr verdrießlich. Während ich mit dem
-Ikonenmaler auf dem Wege war, hatten wir, ich weiß
-nicht wie oft, bald Winter-, bald Sommerwetter. Was unseren
-Bau betrifft, war die Zeit sehr dringend, da die sieben
-Pfeiler fertig waren und eben die Ketten von einem zum
-anderen Ufer gespannt wurden. Unsere Arbeitgeber
-wollten natürlich die Ketten so schnell wie möglich miteinander
-verbinden, um an ihnen eine Notbrücke zur
-Materialbeschaffung während des Hochwassers aufzuhängen.
-Es gelang aber nicht, denn kaum hatte man
-die Ketten gespannt, als ein derartiger Frost einsetzte,
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-daß man die Arbeit an der Brücke einstellen mußte. So
-blieb es auch, die Ketten hingen ohne Brücke. Dafür
-schuf Gott eine andere Brücke: der Fluß war zugefroren,
-und unser Engländer fuhr über das Eis des Dnjepr, um
-sich um unsere Ikone zu bemühen. Als er zurückkam,
-sagte er zu mir und Luka:
-</p>
-
-<p>
-»Wartet, Kinder, morgen bringe ich euch euren Schatz.«
-</p>
-
-<p>
-Herrgott, was empfanden wir bei dieser Nachricht!
-Zuerst wollten wir es geheim halten und nur dem Ikonenmaler
-mitteilen; aber kann denn das Menschenherz so
-etwas für sich behalten? Anstatt das Geheimnis zu wahren,
-liefen wir zu allen unsrigen, klopften an die Fensterchen,
-flüsterten miteinander und bemerkten gar nicht, daß wir
-von Hütte zu Hütte liefen. Der Schnee erstrahlte im Frost
-wie Edelsteine, und am klaren Himmel funkelte der
-Hesperus.
-</p>
-
-<p>
-In dieser freudigen Hast verbrachten wir die ganze
-Nacht, und in der gleichen begeisterten Stimmung erwarteten
-wir den Tag. Vom frühen Morgen ab wichen
-wir keinen Schritt von unserem Ikonenmaler und wußten
-kaum, wohin wir ihm die Stiefel nachtragen sollten, denn
-jetzt war die Stunde da, in der alles von seiner Kunst abhing.
-Er brauchte nur einen Wunsch über eine Handreichung
-oder etwas ähnliches laut werden zu lassen, als
-schon gleich zehn davonrannten und in ihrem Eifer
-übereinander stolperten. Selbst der alte Maroi lief sich
-die Absätze von den Stiefeln weg. Nur der Ikonenmaler
-selbst war ruhig, da er ähnliches schon mehr als einmal
-erlebt hatte, und bereitete sich ohne alle Hast zu seiner
-Arbeit vor: er rührte Eiklar mit Kwas an, prüfte den Lack,
-legte ein altes Brettchen in der Größe der Ikone zurecht,
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-richtete eine scharfe, haarfeine Säge her, spannte sie in
-einen starken Bogen, setzte sich dann an das Fensterchen
-und verrieb die voraussichtlich notwendigen Farben auf
-der Handfläche mit den Fingern. Wir hatten uns alle vor
-dem Ofen gewaschen, reine Hemden angezogen, und
-standen nun am Ufer und schauten nach der Stadt hinüber,
-aus der unser segenbringender Gast kommen sollte.
-Unsere Herzen schlugen bald hoch, bald verzagt.
-</p>
-
-<p>
-Ach, was waren es für Augenblicke, und sie dauerten
-vom Morgengrauen bis gegen Abend. Endlich sehen wir,
-wie von der Stadt her der Schlitten des Engländers auf
-dem Eise daherjagt, gerade auf uns zu ... Uns alle überläuft
-ein Schauer, wir werfen die Mützen zur Erde und
-beten:
-</p>
-
-<p>
-»Gott, Vater der Geister und der Engel, sei Deinen
-Knechten gnädig!« Und während des Gebetes fallen wir
-nieder auf den Schnee und breiten voll Verlangen die
-Hände aus, als wir plötzlich über uns die Stimme des
-Engländers hören:
-</p>
-
-<p>
-»He, ihr Altgläubigen, da habe ich euch was mitgebracht!«
-Und er übergibt uns ein kleines Bündel in
-einem weißen Tuch.
-</p>
-
-<p>
-Luka empfängt es und erstarrt: er fühlt etwas zu Kleines
-und zu Leichtes darin. Er lüftet die eine Ecke des Tuches
-und sieht, daß es nur der Beschlag von unserer Ikone ist
-und nicht der Engel selbst.
-</p>
-
-<p>
-Wir stürzen auf den Engländer zu und sagen ihm unter
-Weinen:
-</p>
-
-<p>
-»Man hat Euch betrogen, Euer Gnaden, das ist nicht
-die Ikone, man hat Euch nur ihren silbernen Beschlag
-mitgegeben.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-Aber der Engländer ist auf einmal nicht mehr der
-gleiche, der er bis jetzt zu uns gewesen ist. Sicher hat ihn
-die Langwierigkeit der Sache verärgert, und er schreit
-uns an:
-</p>
-
-<p>
-»Was faselt ihr da? Ihr habt mir doch selbst gesagt,
-daß ich nur um den Beschlag bitten solle, und den habe
-ich auch erbeten, aber ihr wißt einfach nicht, was ihr
-wollt!«
-</p>
-
-<p>
-Wir sehen, daß er aufgebracht ist, und versuchen ganz
-vorsichtig, ihm klarzumachen, daß wir die Ikone selbst
-brauchen, um eine Kopie von ihr herzustellen. Aber er
-hört uns nicht mehr an, jagt uns davon und erweist uns
-einzig die Gnade, zu befehlen, ihm den Ikonenmaler zu
-schicken.
-</p>
-
-<p>
-Ssewastjan begibt sich zu ihm, und der Engländer fährt
-auf ähnliche Weise auch ihn an:
-</p>
-
-<p>
-»Deine Bauern,« sagt er, »wissen nicht, was sie wollen,
-sie haben nur um den Beschlag gebeten und erklärt, daß
-du, um einen Abriß zu machen, nur die Maße brauchtest.
-Jetzt heulen sie, daß er ihnen nichts nütze. Aber ich
-kann weiter nichts tun, weil der Erzbischof das Bild selbst
-nicht hergibt. Also fälsche rasch das Bild, wir wollen
-es mit dem Beschlag bekleiden, und dann stiehlt mir der
-Sekretär das echte Bild.«
-</p>
-
-<p>
-Der Ikonenmaler Ssewastjan versucht, als verständiger
-Mensch, ihn mit milder Rede umzustimmen und antwortete:
-</p>
-
-<p>
-»Nein, Euer Gnaden, unsere Bauern verstehen ihre
-Sache schon; wir brauchen wirklich das Bild selbst. Das
-hat man nur zu unserer Kränkung ausgedacht, daß wir
-angeblich nur feststehende Nachahmungen malen könnten.
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-Wir haben zwar Vorschriften, aber ihre Ausführung
-ist der freien Kunst überlassen. So ist uns beispielsweise
-vorgeschrieben, die Heiligen Sossima oder Gerassim mit
-dem Löwen abzubilden; der Phantasie des Heiligenmalers
-aber ist es freigestellt, den Löwen nach seiner Auffassung
-darzustellen. Ebenso wird der heilige Neophit mit einer
-Taube abgebildet, Konon Gradarij mit einem Blümchen,
-Timofej mit einem Heiligenschrein, Georgij und Ssawwa
-der Stratilate mit Lanzen und Kondrat mit Wolken, weil
-er die Wolken abgerichtet hat, aber jeder Ikonenmaler hat
-die Freiheit darzustellen, wie die Phantasie seiner Kunstfertigkeit
-es ihm erlaubt, und so kann ich wiederum nicht
-wissen, wie dieser Engel gemalt ist, den man vertauschen
-will.«
-</p>
-
-<p>
-Der Engländer hörte sich das alles an, aber dann jagte
-er den Ssewastjan wie uns hinaus; wir hören auch keine
-weiteren Entschlüsse mehr von ihm, und so sitzen wir,
-meine werten Herren, wie die Krähen am Flusse und wissen
-nicht, ob wir ganz verzweifeln, oder ob wir noch
-hoffen sollen. Zum Engländer wagen wir uns nicht mehr,
-und nun beginnt auch noch das Wetter mit unsrer Stimmung
-wesenseins zu werden. Ein entsetzliches Tauwetter
-bricht an, es regnet ohne Unterlaß, der Himmel sieht
-tagsüber wie eine Rauchwolke aus und ist nachts so
-finster, daß der Hesperus, der doch sonst im Dezember
-kaum vom Himmelsbogen verschwindet, kein einziges
-Mal aufglänzt. Alles war düster wie in einem Gefängnis.
-Und ebenso begingen wir auch das Weihnachtsfest. Am
-Heiligenabend aber brach ein Gewitter los, und dann
-setzte ein Gußregen ein, der zwei Tage und zwei Nächte
-unaufhörlich niederströmte. Er schwemmte den ganzen
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-Schnee weg und spülte ihn in den Fluß, auf dem das Eis
-blau zu werden und sich zu blähen begann, um am letzten
-Jahrestag zu bersten und stromabwärts zu treiben. In den
-trüben Wellen schiebt sich Scholle auf Scholle, und alles
-staut sich bei unseren Bauten. Berstend und krachend
-türmt sich das Eis zu Bergen, und dröhnt &mdash; Gott verzeih
-es mir! &mdash; wie entfesselte Höllengeister. Daß die Pfeiler
-diesen Druck aushielten und stehen blieben, war erstaunlich.
-Millionen hätten verloren gehen können. Aber uns
-war es nicht darum zu tun: unser Ikonenmaler Ssewastjan
-wurde ungeduldig, packte seine Sachen und wollte in
-andere Gegenden ziehen, weil er sah, daß er hier keine
-Arbeit erhalten werde, und wir konnten ihn durch nichts
-zurückhalten.
-</p>
-
-<p>
-Auch der Engländer hatte anderes zu tun; das Unwetter
-hatte auf ihn solchen Eindruck gemacht, daß er fast von
-Sinnen gekommen wäre: er ging, wie man sich erzählte,
-immer umher und fragte alle, denen er begegnete: »Wohin
-bloß, wohin?« Dann hatte er sich plötzlich beherrscht,
-ließ Luka zu sich rufen und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Weißt du was, Bauer: gehen wir deinen Engel
-stehlen!«
-</p>
-
-<p>
-Luka antwortete: »Einverstanden!«
-</p>
-
-<p>
-Aus Lukas Erzählung war zu entnehmen, daß der Engländer
-geradezu danach dürstete, Gefahren auszukosten.
-Er hatte also vor, morgen zum Erzbischof in das Kloster
-zu fahren, den Ikonenmaler als einen Vergolder mitzunehmen
-und zu bitten, man möge ihm die Ikone zeigen,
-damit sein Begleiter eine genaue Kopie für die Beschläge
-anfertigen könne. Währenddessen würde Ssewastjan Gelegenheit
-haben, sich den Engel deutlich einzuprägen,
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-um dann zu Hause eine Nachahmung herzustellen. Wenn
-dann der wirkliche Vergolder die Beschläge fertig hat,
-wird man sie zu uns über den Fluß herüberbringen und
-Jakow Jakowlewitsch wird wieder ins Kloster fahren
-und den Wunsch äußern, dem festtäglichen Gottesdienst
-des Erzbischofes beizuwohnen. Er würde im Mantel in
-die Kapelle treten, sich in dem dunklen Altarraum
-an den Opfertisch stellen, hinter dem unsere Ikone auf
-dem Fenster steht, das Bild stehlen, es unter den Mantel
-stecken und jemandem befehlen, den Mantel, angeblich
-wegen der Hitze, hinauszutragen. Auf dem Hofe hinter
-der Kirche würde dann einer der Unsrigen das Bild aus
-dem Mantel in Empfang nehmen und mit ihm auf das
-andere Ufer eilen, und hier würde dann unser Ikonenmaler
-das alte Bild während des Gottesdienstes aus dem
-Rahmen lösen und das gefälschte hineinstellen, dann
-sollte es jemand so zurückschaffen, daß Jakow Jakowlewitsch
-es wieder aufs Fenster stellen könne, als sei nichts
-geschehen.
-</p>
-
-<p>
-»Warum nicht?« sagten wir. »Wir sind mit allem einverstanden.«
-</p>
-
-<p>
-»Nur gebt acht,« sagte er, »und denkt daran, daß ich
-sonst als Dieb dastehe; aber ich will euch glauben, daß
-ihr mich nicht preisgebt.«
-</p>
-
-<p>
-Luka Kirillow antwortete:
-</p>
-
-<p>
-»Wir sind nicht, Jakow Jakowlewitsch, solchen Geistes,
-daß wir unsere Wohltäter verraten. Ich werde die Ikone
-in Empfang nehmen und Ihnen die beiden zurückbringen,
-die echte und die Kopie.«
-</p>
-
-<p>
-»Nun, und wenn du durch etwas daran verhindert
-wirst?«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-»Was soll mich verhindern können?«
-</p>
-
-<p>
-»Nun, du stirbst plötzlich oder ertrinkst?«
-</p>
-
-<p>
-Luka dachte nach: wie soll plötzlich ein derartiges
-Hindernis eintreten? Aber dann bedenkt er, daß etwas
-derartiges in der Tat vorkommen könne, daß der Schatzgräber
-den Schatz finde, aber auf dem Weg zum Markte
-einem tollen Hunde begegne, &mdash; und er antwortete:
-</p>
-
-<p>
-»Für diesen Fall, gnädiger Herr, lasse ich Ihnen einen
-Menschen zurück, der, wenn ich nicht eintreffe, die ganze
-Schuld auf sich nimmt und selbst den Tod erduldet, Sie
-aber nicht preisgibt.«
-</p>
-
-<p>
-»Und wer ist es, auf den du dich so verläßt?«
-</p>
-
-<p>
-»Der Schmied Maroi,« antwortete Luka.
-</p>
-
-<p>
-»Dieser Alte?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, er ist nicht jung.«
-</p>
-
-<p>
-»Aber er sieht gar zu einfältig aus!«
-</p>
-
-<p>
-»Wir brauchen auch seinen Verstand nicht. Aber er
-ist ein Mensch, der würdigen Geist in sich trägt.«
-</p>
-
-<p>
-»Was für ein Geist kann denn in einem dummen Menschen
-wohnen?«
-</p>
-
-<p>
-»Der Geist, Herr,« antwortete Luka, »wird nicht nach
-dem Verstande bemessen, der Geist atmet, wo er will
-und wächst gleich dem Haar bei dem einen lang und üppig
-und bei dem andern spärlich.«
-</p>
-
-<p>
-Der Engländer überlegte:
-</p>
-
-<p>
-»Gut, gut. Das sind alles interessante Empfindungen.
-Aber wie soll er mir heraushelfen, wenn ich in die Patsche
-gerate?«
-</p>
-
-<p>
-»Das macht er so,« antwortete Luka: »Sie werden in
-der Kirche am Fenster, und Maroi draußen vor dem
-Fenster stehen. Bin ich dann bis zum Schlusse des Gottesdienstes
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-nicht mit dem Bilde gekommen, so wird Maroi
-die Scheibe einschlagen, durch das Fenster steigen und
-alle Schuld auf sich nehmen.«
-</p>
-
-<p>
-Das gefiel dem Engländer:
-</p>
-
-<p>
-»Interessant,« sagte er, »interessant. Aber warum soll
-ich dem dummen Menschen mit dem Geiste glauben, daß
-er nicht selbst davonläuft?«
-</p>
-
-<p>
-»Nun, das ist eben Sache des gegenseitigen Vertrauens.«
-</p>
-
-<p>
-»Gegenseitiges Vertrauen,« wiederholte er ... »Hm,
-gegenseitiges Vertrauen! Soll ich für einen dummen
-Bauern nach Sibirien, oder er für mich unter die Knute?
-Hm, hm, wenn er sein Wort hält ... unter die Knute ...
-Das ist interessant.«
-</p>
-
-<p>
-Man schickte nach Maroi, erklärte ihm, worum es sich
-handle, und er sagte: »Nun, was ist dabei?«
-</p>
-
-<p>
-»Und du wirst nicht davonlaufen?« fragte der Engländer.
-</p>
-
-<p>
-Maroi antwortete: »Warum denn?«
-</p>
-
-<p>
-»Damit man dich nicht peitscht und nach Sibirien verschickt.«
-</p>
-
-<p>
-Aber Maroi erwiderte: »Nun, weiter nichts?«
-</p>
-
-<p>
-Der Engländer ist vor Freude lebendig geworden:
-</p>
-
-<p>
-»Reizend,« sagt er, »wie interessant!«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-14">
-VIERZEHNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">G</span>leich nach der Unterredung begann die Aktion. Am
-Morgen setzten wir die große herrschaftliche Barkasse
-in Stand und fuhren den Engländer ans andere Ufer.
-Dort setzte er sich mit dem Ikonenmaler Ssewastjan in
-eine Kalesche und fuhr zum Kloster. Nach einer guten
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-Stunde sehen wir unseren Ikonenmaler dahereilen mit
-einem Blatt in den Händen.
-</p>
-
-<p>
-Wir fragen:
-</p>
-
-<p>
-»Hast du sie gesehen, Teurer, und kannst du sie jetzt
-nachmachen?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich habe sie gesehen,« antwortet er, »und werde sie
-genau treffen, vielleicht, daß sie etwas lebhafter in den
-Farben wird, aber das ist kein Unglück, denn wenn die
-echte Ikone herkommt, werde ich in einem Nu das Leuchten
-der Farben dämpfen.«
-</p>
-
-<p>
-»Väterchen,« bitten wir, »gib dir Mühe!«
-</p>
-
-<p>
-»Schon gut,« erwidert er, »werde mich schon bemühen.«
-</p>
-
-<p>
-Und kaum hatten wir ihn zurückgerudert, als er sich
-auch gleich an seine Arbeit setzte, und um die Dämmerung
-war der Engel auf dem Täfelchen fertig und glich unserm
-versiegelten, wie ein Tropfen Wasser dem andern, nur die
-Farben schienen etwas frischer.
-</p>
-
-<p>
-Gegen Abend schickte der Vergolder die neuen Beschläge,
-und nun kam die gefährliche Stunde unseres
-Diebstahls.
-</p>
-
-<p>
-Wir hatten, wie es sich versteht, alles vorbereitet und
-warteten auf den gegebenen Augenblick. Kaum ließen sich
-vom anderen Ufer her die ersten Glockenklänge zur
-Abendmesse vernehmen, als wir zu dritt ein Boot bestiegen,
-ich, Luka und der alte Maroi, der ein Beil, einen Meißel,
-eine Brechstange und ein Seil mitgenommen hatte, um
-mehr einem Diebe zu gleichen. Wir steuerten gerade auf
-die Klostermauer zu.
-</p>
-
-<p>
-Die Dämmerung bricht um diese Jahreszeit früh an,
-und obwohl es Vollmondwoche war, blieb die Nacht
-pechschwarz, eine richtige Diebesnacht. Am anderen Ufer
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-angelangt, ließen Maroi und Luka mich im Boot zurück
-und schlichen zum Kloster hinauf. Ich wartete voll Ungeduld.
-Die Ruder hatte ich ins Boot genommen, das ich
-an einem Strickende am Ufer festhielt, und war bereit
-abzustoßen, sobald Luka seinen Fuß ins Boot setzen würde.
-In der Besorgnis, wie alles gelingen würde und ob wir
-die Spuren unseres Diebstahls rechtzeitig verwischen
-könnten, erschien mir die Zeit schrecklich lang. Es dünkte
-mir, es sei schon viel Zeit verstrichen. Die Dunkelheit war
-entsetzlich, der Wind fegte nunmehr anstatt des Regens
-nassen Schnee daher. Das Boot schaukelte, und ich treuloser
-Knecht begann, mich allmählich in meinem Mantel
-erwärmend, einzuschlummern. Plötzlich beginnt das Boot
-unter einem Stoß zu schwanken, ich zucke zusammen und
-sehe den Onkel Luka im Boote stehen, der mit fremder,
-gepreßter Stimme sagt: »Rudre!«
-</p>
-
-<p>
-Ich ergreife die Ruder, kann sie aber vor Schreck nicht
-in die Dollen einlegen. Schließlich gelingt es mir, ich
-stoße vom Ufer ab und frage: »Onkel, habt ihr den Engel
-bekommen?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich habe ihn, rudre stärker!«
-</p>
-
-<p>
-»Erzähle doch,« forsche ich weiter, »wie habt ihr ihn
-bekommen?«
-</p>
-
-<p>
-»Genau wie es geplant war.«
-</p>
-
-<p>
-»Werden wir noch rechtzeitig zurückkommen können?«
-</p>
-
-<p>
-»Wir müssen es können: eben erst haben sie mit der
-großen Litanei begonnen. Rudre! Wohin ruderst du?«
-</p>
-
-<p>
-Ich sehe mich um: Großer Gott, ich rudere wirklich
-nicht in unsere Richtung, und doch scheint es mir, daß
-ich richtig quer über die Strömung halte, aber unsere
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-Siedlung ist nicht zu sehen, weil Schnee und Sturm schrecklich
-daherfegen und mich blind machen. Ringsum heult
-der Wind und schaukelt das Boot, und oben vom Fluß
-weht es wie von Eis her.
-</p>
-
-<p>
-Aber mit Gottes Gnade erreichen wir das Ufer, springen
-beide aus dem Boot und laufen, was wir laufen können.
-Der Ikonenmaler ist schon bereit; er handelt kaltblütig
-und entschlossen. Vor allem nimmt er die Ikone, und als
-alle vor ihr niederfallen und sich verneigen, läßt er sie
-den versiegelten Engel küssen und schaut selbst bald auf
-ihn, bald auf die Kopie und sagt: »Sie ist gut! Man muß
-sie nur ein wenig mit Safran dämpfen und etwas mit
-schmutziger Farbe tönen.« Damit nimmt er die Ikone,
-spannt sie in den Schraubstock, richtet die Säge her ...
-und dann fliegt sie nur. Wir alle stehen herum und schauen
-voller Angst zu, ob er die Ikone nicht beschädige. Stellen
-Sie sich vor, wie er mit seinen übergroßen Händen das
-Bild, welches kaum stärker als ein Blättchen dünnsten
-Schreibpapieres ist, vom Brett abtrennt. Wie leicht ist da
-ein Unglück geschehen: wenn die Säge nur um ein Haar
-schief geht, so schneidet sie es durch und zerreißt das
-Antlitz! Der Ikonenmaler Ssewastjan aber verrichtete die
-schwierige Arbeit mit solcher Kaltblütigkeit und Kunstfertigkeit,
-daß es einem, wenn man ihn dabei betrachtete,
-gleich ruhig ums Herz wurde. Wie er das Bild als dünnste
-Schicht abgetrennt hat, schneidet er in einem Augenblick
-das Ausgesägte aus den Rändern heraus, nimmt seine
-Kopie, zerknittert sie in der Faust und schlägt sie dann
-auf die Tischkante, als wolle er sie zerreißen und vernichten;
-schließlich betrachtet er die Leinwand gegen
-das Licht, und nun ist das neue Bildchen voller Sprünge
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-wie ein feines Sieb, Ssewastjan klebt es nun auf das alte
-Brett, nimmt dunkle Schmutzfarbe auf die Hand, mischt
-sie mit dem Finger mit Safran und altem Firnis zu einer Art
-Kitt und reibt damit kräftig, mit der vollen Handfläche
-das zerknitterte Bildchen ein. Dies alles hatte er mit großer
-Schnelligkeit vollführt, und nun sah die neue Ikone aus
-wie eine alte und glich aufs genaueste der echten.
-</p>
-
-<p>
-Dann wurde die Kopie in einem Nu mit Lack bedeckt,
-und wir setzten sie in den Rahmen. Nun nahm Ssewastjan
-das echte, vom Brett abgetrennte Bild und verlangte so
-schnell wie möglich einen Fetzen von einem alten Filzhute.
-</p>
-
-<p>
-Damit begann der äußerst schwierige Prozeß der Entsiegelung.
-</p>
-
-<p>
-Man gab dem Ikonenmaler einen Hut, und er zerriß
-ihn sofort über dem Knie in zwei Teile, bedeckte mit dem
-einen den versiegelten Engel und schrie: »Das heiße Plätteisen!«
-</p>
-
-<p>
-Im Ofen lag auf sein Geheiß ein schweres Schneiderbügeleisen.
-Michailiza packte es mit der Ofengabel und
-reichte es Ssewastjan. Jener umwickelte den Griff mit
-einem Lappen, spuckte auf das Eisen und legte es auf
-den Filzfetzen. Von dem Filz steigt ein böser Gestank
-auf, aber der Ikonenmaler wiederholt es noch und
-noch einmal und nimmt es dann plötzlich weg. Seine
-Hand fliegt wie der Blitz; der Rauch steigt schon
-in einer Säule hoch, aber Ssewastjan versteht zu backen:
-mit der einen Hand dreht er langsam den Filzlappen
-und mit der anderen führt er geschickt das Eisen. Mit
-jedemmal fährt er langsamer, aber fester darüber und dann
-wirft er plötzlich den Fetzen und das Eisen weg und hält
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-die Ikone ans Licht: das Siegel ist fort, als wäre es nie
-dagewesen! Der starke Stroganower Lack hat standgehalten,
-der Siegellack ist vollständig verschwunden, nur ein
-schwacher feuerroter Tau ist zurückgeblieben, aber das
-leuchtende, heilige Antlitz ist jetzt ganz zu sehen.
-</p>
-
-<p>
-Der eine weint, der andere betet, der dritte beugt sich
-über die Hände des Ikonenmalers, um sie zu küssen, nur
-Luka Kirillow vergißt seine Aufgabe nicht, sondern kargt
-mit jeder Minute. Er reicht Ssewastjan die Kopie und sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Nun, mach schneller fertig!«
-</p>
-
-<p>
-Aber jener antwortet: »Mein Werk ist beendet, ich
-habe alles getan, was ich übernommen habe.«
-</p>
-
-<p>
-»Und das Siegel aufdrücken?«
-</p>
-
-<p>
-»Wohin?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja hierher, auf das Gesicht des neuen Engels, wie es
-bei jenem alten war.«
-</p>
-
-<p>
-Aber Ssewastjan schüttelt den Kopf und antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Nein, ich bin kein Beamter, daß ich mich erfrechen
-würde, so etwas zu tun.«
-</p>
-
-<p>
-»Was sollen wir nun anfangen?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, das weiß ich doch nicht. Ihr hättet dafür einen
-Beamten oder einen Deutschen herbitten sollen. Das habt
-ihr jetzt versäumt, nun tut es selbst.«
-</p>
-
-<p>
-Luka erwidert:
-</p>
-
-<p>
-»Was glaubst du wohl! Um nichts in der Welt werden
-wir uns dazu erfrechen.«
-</p>
-
-<p>
-Und der Ikonenmaler antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Auch ich werde mich nicht erfrechen.«
-</p>
-
-<p>
-Während der wenigen Minuten dieses Streites stürzt
-plötzlich die Frau Jakow Jakowlewitschs totenbleich ins
-Zimmer und spricht:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-»Seid ihr denn noch nicht fertig?«
-</p>
-
-<p>
-Wir antworten, wir seien fertig und auch wieder nicht
-fertig: das Wichtige sei vollbracht, aber eine Kleinigkeit
-vermöchten wir nun nicht.
-</p>
-
-<p>
-Sie erwidert: »Auf was wartet ihr denn? Hört ihr denn
-nicht, was sich draußen tut?«
-</p>
-
-<p>
-Wir horchen und erbleichen noch mehr als sie. In unserer
-Sorge hatten wir dem Wetter keine Aufmerksamkeit
-geschenkt, und nun hören wir es draußen toben: das Eis
-geht!
-</p>
-
-<p>
-Ich springe hinaus und sehe, wie das Eis schon
-über den ganzen Fluß treibt, wie die Schollen krachend
-und berstend übereinander springen. Besinnungslos
-stürze ich zu den Booten, ... kein einziges ist mehr
-da, alle sind fortgeschwemmt. Mir stockt die Zunge
-im Munde, so daß ich kein Wort über die Lippen
-bringe, und mir scheint es, ich versinke in die Erde ...
-Ich stehe da ... rühre mich nicht ... und gebe keinen
-Laut von mir.
-</p>
-
-<p>
-Aber während wir hier im Dunkeln umherirren, hatte
-die Engländerin, die mit Michailiza in der Stube zurückgeblieben
-war, die Ursache der Verzögerung erfahren, die
-Ikone ergriffen ... und einen Augenblick später eilt sie,
-in der einen Hand eine Laterne haltend, mit dem Bild auf
-die Treppe hinaus und schreit:
-</p>
-
-<p>
-»Nehmt! Fertig!«
-</p>
-
-<p>
-Wir schauen hin: auf dem Antlitz des neuen Engels ist
-das Siegel!
-</p>
-
-<p>
-Luka steckt die beiden Ikonen sofort in den Busen und
-schreit:
-</p>
-
-<p>
-»Das Boot!«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-Ich eröffne ihm, daß kein Boot da ist, daß alle fortgetrieben
-sind.
-</p>
-
-<p>
-Und ich sage Ihnen, das Eis treibt daher wie eine Herde,
-zerschellt an den Pfeilern und erschüttert die Brücke, so
-daß die armdicken Ketten dröhnen.
-</p>
-
-<p>
-Wie die Engländerin dies hört, wirft sie die Hände
-empor und schreit mit unmenschlicher Stimme: »James!«
-Und sie fällt in Ohnmacht.
-</p>
-
-<p>
-Und wir stehen dabei und fühlen nur das eine: »Wo
-bleibt jetzt unser Wort? Was wird jetzt mit dem Engländer,
-was mit dem alten Maroi?«
-</p>
-
-<p>
-Eben ertönt vom Glockenturm des Klosters das dritte
-Läuten.
-</p>
-
-<p>
-Da rafft sich Onkel Luka auf und ruft der Engländerin zu:
-</p>
-
-<p>
-»Komm zu dir, Gnädige, deinem Manne wird nichts
-geschehen. Vielleicht wird der Henker das alte Fell unseres
-Maroi peitschen und sein ehrliches Gesicht mit dem Brandzeichen
-entehren, aber das soll erst nach meinem Tode
-geschehen.« Dabei bekreuzigt er sich und geht.
-</p>
-
-<p>
-Ich schreie ihm zu: »Onkel Luka, wo willst du hin?
-Lewontij ist umgekommen, auch du wirst es!« Und ich
-eile ihm nach, um ihn aufzuhalten. Allein er hebt das vor
-seinen Füßen liegende Ruder auf, das ich bei unserer Ankunft
-auf die Erde geworfen habe, schwingt es über mich
-und schreit: »Fort, oder ich schlage dich tot!«
-</p>
-
-<p>
-Meine werten Herren, ich habe mich in meiner Erzählung
-offen genug als kleinmütig bekannt, als ich den
-verstorbenen Knaben Lewontij auf der Erde seinem
-Schicksal überließ und selbst auf einen Baum kletterte;
-aber ehrlich und offen sage ich Ihnen, daß ich hier vor
-dem Ruder Onkel Lukas nicht erschrocken und auch nicht
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-zurückgewichen wäre ... aber, ob Sie es mir glauben oder
-nicht, in dem Augenblick, als ich mich des Namens Lewontijs
-erinnerte, sah ich, wie die Gestalt des Jünglings
-zwischen mir und Luka in der Dunkelheit erstand und
-drohend gegen mich die Hand erhob. Diesen Schrecken
-konnte ich nicht ertragen und wich zurück. Aber Luka
-stand schon am Ende der Kette und rief uns plötzlich, den
-einen Fuß auf die Kette setzend, zu:
-</p>
-
-<p>
-»Stimmt den Chor an!«
-</p>
-
-<p>
-Unser Vorsänger Arefa steht bei uns, vernimmt es
-und beginnt sogleich: »Ich öffne die Lippen«. Die anderen
-fallen ein, und so schreien wir den Chor dem Sturmgeheul
-entgegen, und Luka bangt nicht vor den Todesschrecken
-und schreitet über die Brückenketten weiter.
-Binnen einer Minute hat er das erste Joch zurückgelegt
-und steigt zum zweiten nieder ... Und weiter? Die Dunkelheit
-umfängt ihn, er ist nicht mehr zu sehen: ob er noch
-geht oder schon herabgestürzt ist und von den verfluchten
-Schollen in den Strudel getrieben wird, wir wissen es
-nicht, wir wissen nicht, ob wir für seine Rettung oder für
-die ewige Ruhe seiner starken, liebenswerten Seele beten
-sollen.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-15">
-FÜNFZEHNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>as war inzwischen am anderen Ufer geschehen?
-Seine Eminenz der Erzbischof zelebrierte wie gewöhnlich
-die Abendmesse und ahnte nicht, daß inzwischen
-am Nebenaltar ein Diebstahl ausgeführt wurde.
-Unser Engländer Jakow Jakowlewitsch, der mit seiner
-Erlaubnis an diesem Altar stand, stahl den Engel und
-schickte ihn, wie er es geplant hatte, mit seinem Mantel
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-hinaus, wo Luka mit ihm davoneilte. Der alte Maroi blieb
-seinem Worte getreu vor dem gleichen Fenster stehen und
-wartete bis zur letzten Minute. Kehrte Luka nicht zurück,
-so würde er, gleich nachdem sich der Engländer zurückgezogen
-hätte, das Fenster einschlagen und mit der Brechstange
-und dem Meißel wie ein wirklicher Dieb durch
-das Fenster in die Kirche steigen. Der Engländer wendet
-kein Auge von ihm und sieht, wie der alte Maroi, gehorsam
-und seinem Versprechen getreu, dasteht und ihm
-zunickt, wenn er das Gesicht des Engländers dem Fenster
-zugewendet erblickt, als ob er sagen wollte: »Hier bin ich,
-der verantwortliche Dieb«.
-</p>
-
-<p>
-So beweisen sie einander ihren Edelmut, und keiner
-will dem anderen gestatten, ihn im gegenseitigen Vertrauen
-zu übertreffen. Aber zu ihrer beider Glauben gesellt
-sich noch ein dritter, stärkerer, von dessen Wirken
-sie jedoch nichts wissen. Als der letzte Glockenschlag
-der Nachtmesse verklungen war, öffnete der Engländer
-leise das Klappfenster, damit der alte Maroi hereinsteige,
-und war schon im Begriff, sich zurückzuziehen, als er
-plötzlich bemerkte, daß sich der alte Maroi abgewendet
-hatte, ihn nicht mehr ansah, sondern gespannt nach dem
-Flusse hinüberschaute und in einem fort wiederholte:
-</p>
-
-<p>
-»Helfe ihm Gott herüber, helfe ihm Gott herüber, helfe
-ihm Gott herüber!«
-</p>
-
-<p>
-Dann sprang er plötzlich auf, tanzte wie betrunken und
-schrie:
-</p>
-
-<p>
-»Gott hat ihm herübergeholfen, Gott hat ihm herübergeholfen!«
-</p>
-
-<p>
-Jakow Jakowlewitsch geriet in helle Verzweiflung und
-dachte:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-»Jetzt ist es zu Ende: der dumme Alte ist verrückt geworden,
-ich bin verloren!« Da sieht er auf einmal, wie
-Maroi den Luka umarmt.
-</p>
-
-<p>
-Der alte Maroi stammelt: »Ich habe geschaut, wie du
-mit Laternen über die Ketten gingst.«
-</p>
-
-<p>
-Luka erwidert: »Ich hatte keine Laterne dabei.«
-</p>
-
-<p>
-»Woher kam das Leuchten?«
-</p>
-
-<p>
-Luka antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Ich weiß nicht, ich habe kein Leuchten gesehen, ich
-bin so schnell gelaufen, wie ich konnte, und weiß nicht
-einmal, wie ich herübergekommen und nicht gefallen bin.«
-</p>
-
-<p>
-»Das waren Engel ... ich habe sie gesehen, und darum
-überlebe ich diesen Tag nicht und sterbe noch heute.«
-</p>
-
-<p>
-Luka aber hat keine Zeit, viel zu reden, und so antwortet
-er dem Alten nicht, sondern reicht dem Engländer
-beide Ikonen durch das Fenster. Der nimmt sie und fragt:
-</p>
-
-<p>
-»Warum ist kein Siegel darauf?«
-</p>
-
-<p>
-Luka fragt: »Wieso ist keines?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, es ist keines.«
-</p>
-
-<p>
-Da bekreuzigt sich Luka und sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Nun ist es aus. Jetzt ist keine Zeit, es auszubessern.
-Dieses Wunder hat der Engel der herrschenden Kirche
-vollbracht, und ich weiß weshalb.«
-</p>
-
-<p>
-Damit stürzt Luka in die Kirche, drängt sich in den
-Altarraum, wo man den Erzbischof eben entkleidet, wirft
-sich ihm zu Füßen und spricht:
-</p>
-
-<p>
-»Ich bin ein Gotteslästerer, und das habe ich getan!«
-Und er erzählt ihm alles. »Nun befehlen Sie, daß man
-mich in Ketten legt und ins Gefängnis abführt.«
-</p>
-
-<p>
-Der Bischof hört voll Würde alles an und antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Durch Betrug habt ihr das Siegel von eurem Engel
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-genommen, unser Engel hat es selbst von sich genommen
-und dich hergeführt.«
-</p>
-
-<p>
-Luka erwidert:
-</p>
-
-<p>
-»Ich sehe es, Eminenz, und erbebe. Befehlen Sie nur
-rasch, daß man mich dem Strafgericht überliefert.«
-</p>
-
-<p>
-Aber der Erzbischof antwortet in vergebendem Tone:
-</p>
-
-<p>
-»Kraft der mir von Gott gegebenen Gewalt vergebe
-ich dir und spreche dich los. Bereite dich vor, morgen
-Christi allerreinsten Leib zu empfangen.«
-</p>
-
-<p>
-Nun, und weiter, meine werten Herren, glaube ich,
-daß ich Ihnen nichts mehr zu erzählen habe. Luka Kirillow
-und der alte Maroi kehrten am nächsten Morgen zurück
-und sagten:
-</p>
-
-<p>
-»Väter und Brüder, wir haben die Herrlichkeit des
-Engels der herrschenden Kirche gesehen, die Vorsehung
-Gottes über ihr und die Güte ihres Hierarchen; wir sind
-selbst von ihm mit dem heiligen Öl gesalbt worden und
-haben heute bei der Messe den Leib und das Blut des
-Erlösers empfangen.«
-</p>
-
-<p>
-Ich trug in mir schon lange, seit dem Besuch beim
-Starez Pamwa, das Verlangen, mich im Geiste mit ganz
-Rußland zu vereinigen und rief:
-</p>
-
-<p>
-»Und wir gehen mit dir, Onkel Luka!«
-</p>
-
-<p>
-Und so versammelten wir uns alle zu einer Herde, wie
-Schäflein unter einem Hirten, und hatten kaum begriffen,
-wozu und wohin der versiegelte Engel uns alle geführt
-hatte, warum seine Wege zu Beginn verworren waren,
-und wie er sich dann der Menschenliebe willen entsiegelte,
-die sich in jener schrecklichen Nacht offenbarte.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-16">
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-SECHZEHNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>er Erzähler war zu Ende. Die Hörer schwiegen;
-schließlich aber räusperte sich jemand und bemerkte,
-daß in dieser Geschichte alles zu erklären sei: Michailizas
-Träume, die Erscheinung, die sie im Halbschlaf erblickte,
-das Herunterfallen des Engels, den eine hereingelaufene
-Katze oder ein Hund herabgestoßen hatte,
-auch Lewontijs Tod, der schon vor seiner Begegnung
-mit Pamwa krank gewesen war, das alles sei erklärlich.
-Zu erklären sei schließlich auch die zufällige Erfüllung
-der Worte des in Rätseln sprechenden Pamwa.
-</p>
-
-<p>
-»Begreiflich ist auch«, fügte der Hörer hinzu, »daß
-Luka mit dem Ruder über die Ketten gegangen ist: die
-Maurer sind bekannt als Meister im Steigen und Klettern,
-und mit dem Ruder hatte er das Gleichgewicht gehalten.
-Es ist schließlich auch begreiflich, daß Maroi um Luka
-ein Leuchten gesehen hat, das er für Engel hielt. Einem
-aufs äußerste gespannten, vor Kälte erstarrten Menschen
-mag allerlei vor den Augen flimmern! Ich würde es selbst
-noch begreiflich finden, wenn zum Beispiel der alte
-Maroi, seiner Voraussage nach, den Tag nicht überlebt
-hätte ...«
-</p>
-
-<p>
-»Er hat ihn nicht überlebt«, erwiderte Mark.
-</p>
-
-<p>
-»Vortrefflich! Auch hierin ist nichts Verwunderliches,
-wenn ein achtzigjähriger Greis nach solchen Aufregungen
-und einer derartigen Erkältung stirbt. Aber was mir in der
-Geschichte ganz unerklärlich bleibt, ist, wie das Siegel,
-das die Engländerin auf den neuen Engel aufgedrückt
-hatte, verschwinden konnte?«
-</p>
-
-<p>
-»Nun, das ist gerade das Allereinfachste«, sagte Mark
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-heiter, und erzählte, wie man bald darauf das Siegel
-zwischen Beschlag und Bild gefunden habe.
-</p>
-
-<p>
-»Wie konnte das geschehen?«
-</p>
-
-<p>
-»Nun so: auch die Engländerin wollte sich nicht erdreisten,
-das Gesicht des Engels zu beschädigen, und so
-befestigte sie das Siegel auf einem Papier, das sie unter
-den Beschlag schob. Das war sehr klug und kunstfertig
-von ihr gehandelt, als aber Luka die Heiligenbilder auf
-seiner Brust beim Tragen erschütterte, fiel das Siegel ab.«
-</p>
-
-<p>
-»Nun, jetzt ist also die ganze Geschichte einfach und
-natürlich.«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, so schließen viele, daß hier alles auf ganz gewöhnliche
-Weise vor sich gegangen sei, und nicht nur die gebildeten
-Herrschaften, denen sie bekannt geworden ist,
-sondern auch die Unsrigen, die im Schisma verblieben
-sind, lachen darüber, daß uns eine Engländerin mit einem
-Papierchen der Kirche zugeschoben habe. Aber wir streiten
-nicht gegen solche Beweise. Jeder beurteilt es so, wie
-er es glaubt, uns aber ist es gleich, auf welchen Wegen
-der Herr den Menschen zu finden weiß und aus welchem
-Gefäß er ihn tränkt, wenn er ihn nur sucht und
-seinen Durst nach Vereinigung mit dem Vaterlande stillt.
-&mdash; Aber da kommen schon die Fell-Bauern aus dem
-Schnee gekrochen. Haben sich anscheinend ausgeruht,
-die Herzigen, und werden gleich weiterfahren. Vielleicht
-nehmen sie mich ein Stück mit. Die Wassilijnacht ist vorbei.
-Ich habe Sie ermüdet und Ihnen vielerlei von mir
-berichtet. Dafür habe ich die Ehre, Sie zum neuen Jahr
-zu beglückwünschen, und verzeihen Sie mir Unwissendem
-um Christi Willen!«
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-3">
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-DIE EPOPÖE
-VON WISCHNEWSKIJ
-UND SEINER SIPPE
-</h2>
-
-<h3 class="pbb chapter" id="chapter-3-1">
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-ERSTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>m Perejaslawer Kreise des Poltawaschen Gouvernements
-lebte der Gutsbesitzer Iwan Gawrilowitsch
-Wischnewskij. Durch die Freigebigkeit der Kaiserin Jelisaweta
-Petrowna hatte er ein großes Gut an beiden Ufern
-des Flusses Ssupoi erhalten. (Die Flüsse Udai und Ssupoi
-werden in einem Lehrbuch der Geographie als »wegen
-ihrer vielen Mängel zur Schiffahrt ungeeignet« bezeichnet.)
-Das Gut bestand aus zwei großen Dörfern, von
-denen das eine Farbowanaja hieß, das andere Ssosnowka.
-</p>
-
-<p>
-Der alte Pan Iwan Wischnewskij lebte und starb auf
-diesem Gut. Nach seinem Tode gingen Farbowanaja und
-Ssosnowka auf seinen Sohn, Stepan Iwanowitsch Wischnewskij
-über, der eine heroische Berühmtheit erlangte.
-Es ist freilich möglich, daß die Phantasie diese durch
-Legenden ergänzt und ausgeschmückt hat.
-</p>
-
-<p>
-Stepan Iwanowitsch war athletisch gebaut, ein Recke,
-dabei gastfreundlich, starrköpfig und ein schrecklicher
-Wüstling, aber er besaß Bildung. Er war einer der jungen
-Leute gewesen, die die Kaiserin Jekaterina nach England
-geschickt hatte, »zur Ausbildung des Verstands und des
-Herzens«. Nach seiner Rückkehr aus England trat er ins
-Garderegiment zu Pferd ein, aber als er den Rang eines
-Leutnants erhalten hatte, nahm er seinen Abschied, heiratete
-eine Adelige aus dem Twerschen Gouvernement,
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-Stepanida Wassiljewna aus dem Geschlechte der Schubinskijs,
-und ließ sich in seinem eigenen Hause zu Moskau
-nieder.
-</p>
-
-<p>
-Zu tun hatte Wischnewskij hier nichts, und er begann
-»wunderlich« zu werden.
-</p>
-
-<p>
-Vor allem gedachte er, den Moskowitern durch seine
-kosakische Nationalität zu imponieren. Er wollte mit
-niemand verkehren, kleidete sich kleinrussisch, trank viel
-»Gebrannten« und aß angeblich nur Bärenfleisch.
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiserin wurde berichtet, daß Wischnewskij »die
-gesellschaftlichen Sitten außer Acht lasse«, und dem Starrkopf
-wurde eine Rüge zuteil. Er beschloß sich zu bessern
-und ließ sich zu diesem Zwecke aus Kleinrußland einen
-Kosakenwagen mit einem Ochsengespann nach Moskau
-bringen und dazu einen Burschen, der mit den Ochsen umzugehen
-verstand. Am Tage der üblichen und für alle angesehenen
-Personen der Residenz obligatorischen Visiten
-schickte sich Stepan Iwanowitsch an, »bei allen Respektpersonen
-Visite zu machen«. Aber er fuhr nicht etwa
-leichthin in einer Equipage aus, sondern mit einem ganzen
-Zuge. Voraus galoppierte ein Jockei auf einer stutzschwänzigen
-englischen Stute, ihm folgte eine prächtige
-mit sechsen bespannte Kutsche, in der der Kammerdiener
-saß, und hinter ihr kam der Wagen, oder die kleinrussische
-»Fuhre«, auf der Pan Wischnewskij thronte. Der
-Wagen war bespannt mit einem Paar schwarzgrauer
-krummhörniger Ochsen. Der Pan saß, wie die kleinrussischen
-Bauern zu sitzen pflegen, &mdash; d. h. in der Mitte
-des Wagens auf einem Haufen Roggenstroh und rauchte
-phlegmatisch eine Weichselpfeife kleinrussischer Fasson.
-Der Kleinrusse, der die Ochsen lenkte, trug Pluderhosen
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-»so weit wie Wolken«, ein geteertes Hemd, schwere
-Stiefel und eine hohe, zottige Mütze. Er ging mit einer
-Peitsche neben den Ochsen her, hielt sie mit einem Riemen
-am Nasenring, »damit sie in der lärmenden Stadt«
-nicht scheuen, und schrie ihnen bald »Zo&mdash;be« und bald
-»Zob« zu.
-</p>
-
-<p>
-Der Jockei hatte die Liste der Personen, die dieser verwilderte
-Europäer besuchen sollte. Er sprengte voran,
-ritt in den Hof der auf der Liste stehenden hochmögenden
-Persönlichkeit und meldete laut:
-</p>
-
-<p>
-»Mein Pan kommt!«
-</p>
-
-<p>
-Wenn dann der Zug in Sicht kam, wendete sich ihm
-der Jockei mit dem Gesichte zu und rief wieder:
-</p>
-
-<p>
-»Da ist der Pan Wischnewskij selbst gekommen!«
-</p>
-
-<p>
-Dann hielt die Kutsche vor der Freitreppe, ihr entstieg
-der Kammerdiener Stepan Iwanowitschs und trat ins
-Haus, um zu fragen, ob es den Herrschaften genehm sei,
-seinen Herrn zu empfangen.
-</p>
-
-<p>
-Empfing man Wischnewskij, so fuhr die Kutsche weiter,
-und an der Freitreppe hielt die »Fuhre« mit dem
-Ochsengespann; Stepan Iwanowitsch stieg aus, begab sich
-in die Gemächer und beschenkte freigebig die ihm unter
-die Augen kommende Dienerschaft. In den Appartements
-benahm er sich als vornehmer Herr und Europäer, prunkte
-mit prächtigen Manieren, vorzüglichen Sprachkenntnissen
-und der schlagfertigen Bissigkeit seines kleinrussischen
-Verstandes.
-</p>
-
-<p>
-»Denn er war ein zu Scherzen aufgelegter Herr, sprach
-Französisch und Italienisch und vermochte in diesen
-Sprachen Gott zu preisen. Nur war er zu faul dazu.«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-2">
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-ZWEITES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>ischnewskij aß, wie oben erwähnt, angeblich nur
-Bärenfleisch und hielt deshalb auf einem der Twerschen
-Güter seiner Frau einen Bärenzwinger. Man mästete
-dort die Bären und brachte sie nach Moskau zum Tisch
-Stepan Iwanowitschs. Gegen die Polizei hegte Wischnewskij
-einen eingeborenen und unbesiegbaren Haß, und
-kein Polizist durfte es wagen, sich zu erkühnen, seinen
-Hof zu betreten, ohne zu riskieren, allen möglichen Beleidigungen
-ausgesetzt zu sein, wenn ihn Stepan Iwanowitsch
-erblickte. Wischnewskijs Haus zu Moskau war für
-die Polizei unzugänglich, und aus diesem oder einem
-anderen Grunde stand es bald in einem sehr geheimnisvollen,
-aber wenig schmeichelhaften Rufe. Vor allem
-wurde dieser durch die sittenlosen Instinkte Wischnewskijs
-in Bezug auf die Frauen, oder um es genauer zu bezeichnen,
-auf die Kinder weiblichen Geschlechts gefördert.
-Die Polizei haßte ihrerseits Stepan Iwanowitsch
-ebenfalls und suchte einen Anlaß, um ihm seine Flegelhaftigkeit
-heimzuzahlen, fand aber lange keinen geeigneten
-Grund dafür. Schließlich stellte sich ein solcher ein. Ein
-Hofhund hatte einen noch nicht ganz der Muskel beraubten
-Knochen auf die Straße geschleppt und dort fallen
-lassen, und in diesem Knochen erkannte man das Gelenk
-eines kleinen menschlichen Fußes. Einige Tage später
-wiederholte sich dasselbe. Man beobachtete den Hund
-und sah, daß er diese Knochen aus der Abfallgrube holte.
-Die Dienerschaft der Nachbarhäuser begann davon zu
-reden, daß Wischnewskij mit seinen leibeigenen Mädchen
-Schändliches treibe und sie dann töte. Bald zählte man
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-auch schon die spurlos verschwundenen Mädchen auf
-und nannte sogar ihre Namen.
-</p>
-
-<p>
-Die Polizei erblickte hierin nicht nur einen hinreichenden
-Grund einzuschreiten, sondern hielt es geradezu für
-ihre Pflicht, &mdash; was es in der Tat auch war. Zu diesem
-Zweck erschienen der Polizeikommissar und der Revieraufseher
-auf dem Hofe Stepan Iwanowitschs und schritten
-zur Besichtigung der Grube, aus der der Hund die verdächtigen
-Knochen geholt hatte. Die treuen Diener Stepan
-Iwanowitschs ließen die Polizei nicht zur Besichtigung
-zu, ehe sie ihren »Pan« davon in Kenntnis gesetzt hatten.
-Stepan Iwanowitsch zog seinen Rock an, ging selbst zu
-den Polizisten hinaus und befahl ihnen, die Grube zu
-öffnen. Zur Freude der Polizisten fand sich dort eine ganze
-Menge derselben Knochen, die den Anlaß zu dem Verdachte
-gegeben hatten. Aber zugleich stellte sich freilich
-heraus, daß sie keineswegs Überreste menschlicher Füße
-waren, sondern die Tatzen der jungen, für den Tisch
-Wischnewskijs getöteten Bären.
-</p>
-
-<p>
-Die Polizisten gerieten in Verlegenheit und begannen
-sich bei Wischnewskij zu entschuldigen, indem sie erklärten,
-sie seien durch Verdächtigungen und verleumderische
-Gerüchte zu diesem Mißgriff verleitet worden.
-</p>
-
-<p>
-Wischnewskij verzieh ihnen und ... prügelte sie mit
-der Knute.
-</p>
-
-<p>
-Dieser krasse Vorfall hatte zur Folge, daß ihm befohlen
-wurde, Moskau zu verlassen und auf seinen kleinrussischen
-Dörfern zu leben, die sein Vater durch die Freigebigkeit
-der Kaiserin Jelisaweta Petrowna erhalten hatte.
-</p>
-
-<p>
-Wischnewskij mußte sich dem Befehle unterwerfen
-und fuhr nach Farbowanaja im Perejaslawschen Kreis,
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-um dort sein Treiben in noch größerer Freiheit fortzusetzen.
-</p>
-
-<p>
-Der Vorfall mit den Bärentatzen wird nach Moskauer
-Darstellungen verschiedenen Personen zugeschrieben;
-Stepan Iwanowitsch Wischnewskij wird er nur in einigen
-kleinrussischen Überlieferungen zugeeignet, die vor allem
-in den vom Udai und Ssupoi befruchteten Tälern verbreitet
-sind. Bezüglich der Visiten mit dem Ochsengespann
-suchte ich in Moskauer Überlieferungen vergeblich nach
-einer Erinnerung an diese originelle Ausfahrt. Diese Erzählung
-muß man daher als zweifelhaft ansehen. Aber
-unter den Bewohnern der Täler von Udai und Ssupoi
-behaupten viele Liebhaber solcher Überlieferungen nachdrücklich
-die Wahrheit dieser Geschichte und weisen alle
-Beweisgründe, daß sie in Moskau nicht bestätigt werde,
-mit Selbstvertrauen und voll Verachtung zurück, indem
-sie ihre dicken Kosakenlippen aufwerfen und sagen:
-</p>
-
-<p>
-»Ja dort, &mdash; wenn ihr die Wahrheit in Moskau suchen
-wollt!«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-3">
-DRITTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>ls Stepan Iwanowitsch Wischnewskij auf seine kleinrussischen
-Dörfer übersiedelte, baute er sich in den
-beiden Orten an den beiden Ufern des ruhmwürdigen
-Ssupoi, in Farbowanaja und in Ssosnowka je ein Haus.
-In beiden in großherrschaftlichem Stile errichteten Häusern
-hielt er zahlreiche Dienerschaft, Jagdgefolge, Gestüte
-und Harems. Mit den letzteren begnügte sich Stepan
-Iwanowitsch übrigens nicht, sondern machte überdies
-bei allen Frauen seiner Herrschaft ausgedehnten Gebrauch
-von den Rechten eines Padischah. Er lebte abwechselnd
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-bald auf dem einen, bald auf dem anderen Gut und hielt
-überall die von ihm eingeführten willkürlichen Sitten
-aufrecht. Er hielt es für sein vollstes Recht, jeden, wie er
-sich ausdrückte, »zu seinem Christenglauben« zu bekehren,
-und erreichte frei und schrankenlos alles, was er zu
-erreichen wünschte.
-</p>
-
-<p>
-Unter allen Launen seines Eigensinns nahm Wischnewskijs
-unbezähmbarer Haß gegen die Polizei die erste
-Stelle ein. Kaum war er angekommen, als er die Anordnung
-traf, daß weder der Kreischef, noch der Polizeikommissar,
-noch überhaupt irgendein Beamter es wagen
-dürfen, mit Schellen durch seine Herrschaft zu fahren.
-Den Bauern war befohlen, jeden, der mit Geläute durchs
-Dorf fuhr, anzuhalten und sich zu erkundigen, wer er
-sei. Wenn der Durchreisende ein Adeliger oder überhaupt
-eine Privatperson war, so mußten sie ihn weiterfahren
-lassen und ihm sagen, daß das Land, durch das er fahre,
-dem Pan Wischnewskij gehöre, und daß dieser Pan ehrliche
-Gäste »liebe und schätze«. Sie luden die Durchreisenden
-ein, zum Herrn zu kommen, um sich dort von den
-Reisemühen zu erholen und die Gastfreundschaft des Pan
-zu genießen. Wenn der Durchreisende Eile hatte und nicht
-»zu Gast« fahren wollte, sondern sich höflich bedankte,
-hielt man ihn nicht mit Gewalt zurück, sondern gestattete
-ihm ebenso höflich, weiterzufahren und ungehindert seine
-Schellen läuten zu lassen. Hatte dagegen der Reisende
-Zeit und erklärte er sich damit einverstanden, zum Pan
-zu fahren, so begleitete man ihn nach Farbowanaja oder
-nach Ssosnowka, je nachdem, in welchem der beiden
-Dörfer der Pan Wischnewskij zur Zeit lebte.
-</p>
-
-<p>
-Stepan Iwanowitsch empfing alle diese Gäste freundlich,
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-fragte nicht nach Rang und Amt und bewirtete sie nach
-damaligem Brauch üppig und reichlich, &mdash; manchmal
-allzu reichlich, so daß manchen seine Gastfreundschaft
-schlecht bekam. Doch gab es weder beim Essen noch
-beim Trinken irgendeinen Zwang, nur wurde alles im
-Übermaß aufgetragen, und wenn sich einer dadurch zur
-Unmäßigkeit verleiten ließ, so lag darin keinerlei Zwang
-oder Gewalt von Seiten Wischnewskijs, und der unvorsichtige
-Gast hatte es sich selbst zuzuschreiben, wenn er
-für seine Völlerei büßen mußte.
-</p>
-
-<p>
-Vielen Gästen, die Not zu leiden schienen, gab Stepan
-Iwanowitsch beträchtliche Unterstützungen, Offizieren
-aber pflegte er stets etwas Wertvolles zum Andenken zu
-schenken. Gegen Beamte jedoch, besonders aber gegen
-die Polizei, zeigte sich Stepan Iwanowitsch als roher
-Tyrann, und die Forderungen, die er an diese unglücklichen Menschen
-stellte, waren derartig hart und erniedrigend,
-daß es schwer verständlich ist, wie sie sich ihnen
-unterwerfen konnten und keine Mittel fanden, sich vor
-dem Sonderling von Farbowanaja zu schützen.
-</p>
-
-<p>
-Wenn der Kreischef oder der Revieraufseher an die
-Grenze der Wischnewskijschen Herrschaft kamen, mußten
-sie den Wagen halten lassen und die Schellen festbinden,
-damit sie nicht läuteten. Andernfalls mußten die Bauern
-sie anhalten, ihnen das Geläute wegnehmen und sie unverzüglich
-zum Pan selbst in das Herrenhaus führen.
-Widersprach der Polizeibeamte, so drohte ihm eine doppelte
-Gefahr: nämlich erstens von den Bauern geprügelt
-zu werden, die das »auf den Kopf des Herrn« tun durften,
-das heißt auf Verantwortung des Gutsbesitzers selbst; und
-zweitens, vor den Pan geführt zu werden, bei dem jeden
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-Polizeibeamten ein ungeheuer erniedrigendes, aber mit
-unabänderlicher Strenge eingehaltenes besonderes Zeremoniell
-erwartete.
-</p>
-
-<p>
-Ob der Polizeibeamte gefügig oder widerspenstig war,
-ehrlich oder anspruchsvoll, bei Pan Wischnewskij standen
-sie alle »auf ein und demselben Blatt«. An ihre Ehrenhaftigkeit
-glaubte er übrigens nicht im mindesten, und
-es scheint, daß er sich darin nicht allzusehr irrte. Er hatte
-den Grundsatz aufgestellt, daß kein Beamter die Schwelle
-seines Hauses überschreiten durfte, gleichgültig in welcher
-Angelegenheit oder unter welchem Vorwand. Hatten der
-Kreischef oder der Polizeikommissar dienstlich mit ihm
-zu tun, oder mußten sie mit einem Anliegen oder einer
-Bitte bei ihm erscheinen, so wußten sie genau, daß sie
-durch seine Besitzungen ohne Geläute und möglichst
-leise fahren und vor dem Tore halt machen mußten;
-auf keinen Fall durften sie es wagen, in den Hof einzufahren.
-Auf dem Gut und auf dem Hofe mußten sie
-zu Fuß gehen, am Tor die Mütze abnehmen und an den
-Fenstern des Hauses stets mit entblößtem Haupte vorübergehen.
-</p>
-
-<p>
-Andernfalls, beim geringsten Verstoß gegen diese
-Regel, packte die darauf dressierte Hausdienerschaft den
-Betreffenden bei den Armen, stieß ihn vor das Tor und
-»versetzte ihm mehrere kräftige Nackenstöße«. Da dieses
-Verfahren genau und streng eingehalten wurde, wagte
-niemand, an Ungehorsam oder Widerstand auch nur zu
-denken. Damit war aber die Erniedrigung noch nicht zu
-Ende. Der Beamte durfte nicht weiter als bis zur Freitreppe,
-unter der in einem Verließ die großen Madelanschen
-Hunde hausten. Dort mußte er stehen bleiben und
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-warten, bis Stepan Iwanowitsch seinen »Kammerkosaken«
-oder seinen Lakai zu ihm herausschickte. Den Lakai mußte
-der Beamte »als seinesgleichen begrüßen«, das heißt ihm
-die Hand geben, und erst dann durfte er ihm den Zweck
-seines Besuches beim Pan auseinandersetzen.
-</p>
-
-<p>
-Fand Wischnewskij, daß die Angelegenheit, wegen
-welcher der Beamte gekommen war, keine Beachtung verdiene,
-so befahl er ihn davonzujagen. War es dagegen
-eine adelige Angelegenheit oder eine Mitteilung aus den
-höheren Sphären, so zog Stepan Iwanowitsch seine Pekesche
-an, setzte die Mütze auf, kam selbst auf die Freitreppe
-hinaus und hörte den Beamten an. Während der
-ganzen Zeit stand er seitwärts zu ihm und schaute ihn
-kein einzigesmal an.
-</p>
-
-<p>
-Hierauf ging Wischnewskij schweigend ins Haus, und
-der Lakai brachte dem Beamten auf einem Teller ein Glas
-Schnaps und einen <a id="corr-6"></a>Fünfzigerschein. Der Beamte mußte
-zuerst den Schnaps austrinken, dann durfte er die fünfzig
-Rubel »für den Imbiß« nehmen. Für Beamte gab es im
-Hause Wischnewskijs keine Gastfreundschaft. Hatte der
-Beamte wider Erwarten eine hohe Meinung von sich und
-weigerte sich, das ihm auf die Treppe hinausgebrachte
-Glas Schnaps zu trinken, so erhielt er auch das Geld für
-den Imbiß nicht. Der Lakai mußte ihn in diesem Falle
-hinunterstoßen, ihm den Schnaps in den Rücken gießen,
-die fünfzig Rubel selbst einstecken und an einer Leine
-ziehen, die zu dem eisernen Fallgatter führte, hinter dem
-die Madelanschen Hunde unter der Treppe saßen.
-</p>
-
-<p>
-Da die Beamten dies alles wußten, wagten sie niemals,
-auch nur den kleinsten Widerstand gegen die Einrichtungen
-Stepan Iwanowitschs zu zeigen; sie waren sogar erfreut,
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-wenn eine Angelegenheit sie zur Freitreppe des Pans
-von Farbowanaja führte.
-</p>
-
-<p>
-Wenn sich dies alles wirklich so verhielt, wie es die
-Überlieferungen erzählen, so besaßen die fünfzig Rubel
-für den Imbiß augenscheinlich einen hohen Wert.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-4">
-VIERTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>n Bezug auf Moral und Keuschheit war Stepan Iwanowitsch
-ein sehr <a id="corr-7"></a>unzeremonieller und überdies naiver
-Mensch. Übrigens waren seine Erlebnisse dieser Art einander
-meist sehr ähnlich, doch schildert die heroische
-Epopöe die außerordentlich originelle Rolle, die seine
-Frau, Stepanida Wassiljewna, geborene Schubinskaja,
-dabei spielte. Anscheinend kann man auch sie mit vollem
-Recht als psychopathisch bezeichnen, wenn auch in einem
-anderen Sinne.
-</p>
-
-<p>
-Sie war, wie bereits erwähnt, eine Twersche Adelige,
-eine gebildete Frau aus sehr guter Familie. Sie liebte ihren
-Gemahl und lebte mit ihm stets im besten Einvernehmen.
-Aus ihrer Ehe mit Stepan Iwanowitsch hatte sie zwei
-Töchter. Die Geburt der zweiten Tochter verlief so unglücklich,
-daß Stepanida Wassiljewna für ihr ganzes Leben
-»einen Schaden« davontrug. Stepan Iwanowitsch begann
-sich von ihr fernzuhalten: wenn sie in Farbowanaja lebte,
-fuhr er nach Ssosnowka, war sie in Ssosnowka, so fuhr
-er nach Farbowanaja. Als Stepanida Wassiljewna dies sah
-und weil sie, wie sie sagte, ihren Mann liebte, begann sie
-Vorsorge dafür zu tragen, daß »er sich von ihr nicht fernhalte«
-und daß »ihm das Leben bei ihr nicht langweilig
-werde«. Zu diesem Zweck hielt sie an Abenden Spinnstunden
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-ab, zu denen die Mädchen nur ungern und unter
-Tränen kamen, aber Stepanida Wassiljewna behandelte
-sie freundlich, bewirtete sie so lange, bis sie zutraulich
-wurden und nicht mehr weinten. Dann schrieb sie ihrem
-Gemahl und lud ihn ein zu kommen, »um sich an den
-Mädchen zu erfreuen«. Und er antwortete ihr: »Ich danke
-dir sehr und weiß deine Sorge für mich zu schätzen, im
-übrigen habe ich bei der Auswahl zu deinem Geschmack
-mehr Vertrauen, als zu meinem eigenen.«
-</p>
-
-<p>
-Eine solche Antwort ihres Mannes freute Stepanida
-Wassiljewna nicht nur, sondern rührte sie. Ihre Gefühle
-für Stepan Iwanowitsch brannten mit doppelter Glut, und
-sie schrieb ihm unverzüglich in aller Eile zurück: »Für
-dein Vertrauen, mein teuerster Freund, danke ich dir vielmals,
-und ich hoffe, daß die Wahl meines Geschmacks,
-auf den du so vertraust, deinem Herzen gefallen wird.
-Nur bitte ich dich, Engel meiner Seele, komm so bald wie
-möglich zu mir, denn mein Herz sehnt sich nach dir, und
-du wirst sehen, daß ich über nichts gekränkt bin, sondern
-deinen Geschmack verstehe. Unsere Kinder sind beide
-gesund, grüßen dich und küssen deine Hände.« Unterschrift:
-»Deine treue Frau und Dienerin Stepanida.«
-</p>
-
-<p>
-Wenn Stepan Iwanowitsch eine solche Nachricht erhielt,
-gab er sein Einzelleben auf und fuhr zu seiner Gemahlin,
-die damit ihren Zweck erreicht hatte, daß er »in
-ein und demselben Hause mit ihr lebe, ohne sich zu langweilen«.
-</p>
-
-<p>
-Sie verhätschelte nicht nur die Favoritinnen, die sie für
-ihren Mann auswählte, sondern pflegte und versorgte auch
-seine Kinder, die sich bei der patriarchalischen Ordnung
-dieses Herrenlebens in Farbowanaja rasch vermehrten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-Wischnewskij selbst war bei weitem nicht so gutherzig
-und aufrichtig wie seine Frau: wenn sich sein verderbtes
-Herz bei der Person, welche die Obliegenheit hatte, ihm
-»das Leben kurzweilig zu machen«, zu langweilen begann,
-so schickte sich Wischnewskij an, wieder allein im anderen
-Dorfe zu leben.
-</p>
-
-<p>
-Stepanida Wassiljewna verstand dies sogleich und hinderte
-ihren Mann daran nicht, da für sie der Friede und
-das eheliche Einvernehmen, nach dem Vermächtnis der
-Vorfahren, am höchsten in der Welt standen; einige Zeit
-später traf sie wieder Vorbereitungen und schrieb ihm
-einen vorsichtigen und zärtlichen Brief, in dem sie sagte:
-»Deine List und deine Unaufrichtigkeit mir gegenüber
-in wichtigen Angelegenheiten kränken und quälen mich
-sehr, mein Freund, da ich sie durch nichts verdient habe.
-Gott sieht meine Wahrhaftigkeit, und daß ich dich über
-alles in der Welt liebe. Durch die Trennung von dir welkt
-mein Herz dahin wie Gras, und meine heißen Tränen
-versiegen nicht. Die Person, die dich durch ihre Reizlosigkeit
-ermüdet und gelangweilt hat, habe ich durch
-meine Bemühungen ohne viel Aufhebens versorgt; alle
-sind jetzt mit ihrer Lage vollkommen zufrieden und bedanken
-sich. Wenn du bald zu mir kommst, kannst du
-dich an einer sehr liebenswürdigen Person ergötzen. Unsere
-Kinder sind durch Gottes Gnade wohlbehalten und
-gesund und beten für ihren Vater.« Und wieder dieselbe
-Unterschrift: »Deine Frau und Dienerin.«
-</p>
-
-<p>
-Wischnewskijs Antwort waren Grüße an seine Frau
-und die Versicherung seines vollen Vertrauens zu ihrem
-Geschmack, und bald darauf kehrte Stepan Iwanowitsch
-in den Schoß seiner Familie zurück. Man erwartete ihn
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-natürlich und begrüßte ihn mit Zymbeln und Gesang,
-Zurufen und Schmeicheleien und allem, was notwendig
-war, um ihn so zufrieden zu stellen, wie er es sich selbst
-wünschte und seine zärtliche, überzärtliche Frau es einrichten
-konnte, die das Unglück gehabt hatte, aus einer
-lebhaften und reizenden Frau »auf Lebenszeit ein unbrauchbarer
-Mensch« zu werden.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-5">
-FÜNFTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">N</span>ach dem beschriebenen Zwischenfall besserte sich
-Stepan Iwanowitsch in Bezug auf seine Verschlossenheit
-und sein Mißtrauen und nahm nie mehr Zuflucht
-zum Separatleben.
-</p>
-
-<p>
-Stepanida Wassiljewna sorgte für ihn, wie sich die
-Bauern ausdrückten, »wie eine Mutter für ihr Kind«.
-</p>
-
-<p>
-Die unwahrscheinliche, primitive Einfachheit dieser
-Beziehungen, die an die biblische Erzählung von Sarah
-und Hagar erinnert, wird noch unwahrscheinlicher, wenn
-man den Einzelheiten Glauben schenken will, die die
-Bauern über das Leben dieser Ehegatten erzählen.
-</p>
-
-<p>
-Stepan Iwanowitsch war ein reiner Türke. Seine mannigfaltigen
-Verbindungen umfaßten alle Arten von Liebe,
-von einer flüchtigen Verirrung bis zur Anhänglichkeit
-eines Sultans an seine Odaliske oder an seine erste Sultanin.
-Die vorübergehenden Beziehungen kommen natürlich
-nicht in Betracht, die Stellung der ersten Sultanin nahm
-selbstverständlich seine gesetzliche Frau ein, die er vielleicht
-auf seine Weise liebte und auf jeden Fall, wie er
-versicherte, »hoch schätzte«.
-</p>
-
-<p>
-»Wenn jemand etwas wider mich unternimmt«, pflegte
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-er zu sagen, »so kann ich es vielleicht noch verzeihen,
-aber wenn es jemand einfällt, Stepanida Wassiljewna
-zu beleidigen, so werde ich ihn zu erreichen wissen,
-wer es auch sei, und selbst Zar Iwan der Grausame hat
-keine derartigen Marter ersonnen wie die, mit denen ich
-den Beleidiger meiner Frau strafen werde.«
-</p>
-
-<p>
-Alle wußten dies und wußten zudem, daß Stepan
-Iwanowitsch nicht scherzte, sondern alles, was er sagte,
-auch machte, und so kam es niemandem in den Sinn,
-Stepanida Wassiljewna gegenüber auch nur das geringste
-Anzeichen von Unehrerbietigkeit oder Ungehorsam zu
-äußern. Nicht alle dagegen verstanden diese eifrige Sorge
-Wischnewskijs für seine Frau, und während die einen sie
-seiner übergroßen Zärtlichkeit zuschrieben, sahen andere
-darin Verschlagenheit, wie sie ja dem kleinrussischen
-Charakter Wischnewskijs in der Tat in beträchtlichem
-Maße eigen war. Sie nahmen an, er wolle allen vor seiner
-Frau »Furcht einjagen«, damit ihre auf die Ergötzung
-seines Lebens durch die Liebe der leibeigenen Odalisken
-gerichteten Bemühungen nicht auf den geringsten Widerstand
-stießen, da er jeden Ungehorsam ihr gegenüber so
-bestrafen würde, daß Zar Iwan der Grausame in seinem
-Grab erzitterte.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens mag es sein, wie es will, Bestimmtes ist darüber
-nicht zu sagen; dagegen wird mit Bestimmtheit erzählt,
-daß Stepan Iwanowitsch, der in seinen sonstigen flüchtigen
-Romanen verderbt und rücksichtslos bis zur Grausamkeit
-war, es liebte, in seine Beziehungen zu den Odalisken,
-die ihm seine erste Sultanin nach ihrem Geschmack
-auswählte, eine eigenartige Poesie zu tragen. Es entsprach
-dies ganz seiner Natur, in der sich in solchen Fällen etwas
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-Zartes und Gefühlvolles äußerte. Ähnlich wie Don Juan
-darf er sich rühmen, daß er diese jungen Wesen nie durch
-Rauheit kränkte, sie auch nie »mit kalter Leidenschaftslosigkeit«
-verführte. Nein, er kam immer mit zarter Aufmerksamkeit
-in das Haus seiner Frau, die für ihn liebevoll
-eine neue Freude bereithielt, und die beiden Gatten
-pflegten die Erwählte, »wie man ums Morgenrot einen
-Falken steigen läßt«. Sie liebkosten, schmückten und
-hätschelten sie, das Mädchen wohnte in den Gemächern
-Stepanida Wassiljewnas, war bunt gekleidet, mit Süßigkeiten
-übersättigt und versank in Genüssen, so daß sie
-selbst nicht merkte, wie sie von einer Rolle in die andere
-überging und lange Zeit, wie benebelt, nicht wußte,
-was mit ihr geschah und womit das enden würde. Alle
-diese Odalisken hatten das Kindesalter noch kaum überschritten,
-in dem der Kopf noch arm an Erfahrungen ist,
-die Vorstellungen über die Zukunft noch unentwickelt
-sind und nur das lusterfüllte Leben des Augenblicks
-lockt. So gaben sich viele aufrichtig mit Herz und
-Seele ihrem Gebieter hin, oder empfanden ihre Rolle
-wenigstens nicht als Last; Stepanida Wassiljewna aber
-liebten sie wie eine Mutter. Und in der Tat, sie verhätschelte
-sie wie eine Mutter und ermunterte sie wie eine
-ältere Haremsgenossin, die sich über das Glück freut, das
-die jungen Odalisken ihrem geliebten Padischah bereiten.
-Frau, Mann und die diensthabende Favoritin trennten
-sich im Hause fast nie und verbrachten die meiste
-Zeit zu dritt. Einige seiner Odalisken aber liebte Stepan
-Iwanowitsch so sehr, daß er sich keinen Augenblick von
-ihnen trennen konnte. Wischnewskij war dann zu seiner
-Geliebten nicht nur gefühlvoll, sondern liebevoll wie ein
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-feuriger Jüngling, und wenn er das Haus unbedingt verlassen
-mußte, so nahm er sie in der Verkleidung eines
-Pagen oder Jägers, dem die Obhut seiner kostbaren Bernsteinpfeifen
-und seiner Tabaksbeutel anvertraut war, mit.
-Da Stepan Iwanowitsch stets, selbst Nachts rauchte, war
-ihm ein solcher »Pfeifenjunge« unentbehrlich, und er
-hatte immer einen bei sich.
-</p>
-
-<p>
-Man schloß daraus, daß Stepan Iwanowitsch hier bis
-zu einem gewissen Grad von Eifersucht geleitet wurde,
-doch entbehrt diese Annahme jeder Grundlage, da er ja
-nichts riskierte, wenn er das Mädchen unter der Obhut
-Stepanida Wassiljewnas zurückließ. Man muß vielmehr
-annehmen, er habe, wie es diejenigen behaupten, die diesen
-kleinrussischen Psychopathen genauer kannten, seine
-Favoritinnen so leidenschaftlich geliebt, daß er sich von
-ihnen so lange nicht trennen konnte, bis seine Leidenschaft
-ihren gewöhnlichen Lauf genommen hatte und abflaute.
-</p>
-
-<p>
-Die Anhänglichkeit Stepan Iwanowitschs an die betreffende
-Odaliske war um so stärker, je größere Zärtlichkeit
-und Sorge sie in seiner Frau weckte. War Wischnewskijs
-Leidenschaft verflogen und fuhr er »hinter den Ssupoi«,
-so nahm Stepanida Wassiljewna die Sorge auf sich, die
-alte »Ergötzung« unterzubringen und eine neue vorzubereiten,
-die den Pan von Farbowanaja wieder vom anderen
-Ufer zurücklocken sollte.
-</p>
-
-<p>
-Tragisch waren diese Trennungen nie. Dank der Taktik,
-der Güte und der Freigibigkeit Stepanida Wassiljewnas
-wurden alle diese Angelegenheiten friedlich und im
-Guten und zur allgemeinen Zufriedenheit sämtlicher
-Verwandten des Mädchens beigelegt. Eine einzige Ausnahme
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-bildete der Fall eines fünfzehnjährigen Bauernmädchens,
-das das Herz Wischnewskijs besonders stark
-gefesselt und ihm einen Sohn und eine schmerzliche
-Spur in seinen Erinnerungen hinterlassen hatte.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-6">
-SECHSTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>ie lokalen Überlieferungen berichten sogar den
-Namen des »wie ein Märchen« schönen, schwarzäugigen
-Mädchens, das zu dem Pan in ziemlich späten
-Jahren seines Lebens in Beziehungen trat. Es hieß Gapka
-Petrunenko. Sie war so schön, daß es »den Augen wohltat,
-sie zu schauen«, und hatte, wie die Geschichte erzählt, ein
-sanftes Herz und eine empfängliche Seele. Wischnewskij
-konnte ihre schlanke Taille mit seinen Fingern umspannen,
-und er liebte sie, wie keine andere, die vor oder nach ihr
-seine Gunst genoß. Er kleidete sie in rosa Atlas und in
-Jacken aus kostbaren türkischen Schals, er trug sie auf den
-Händen und küßte ihre Füße.
-</p>
-
-<p>
-Stepanida Wassiljewna, die diese heiße Liebe ihres
-Mannes zu dem Mädchen sah, widmete sich ihr in einem
-solchen Maße, daß sie sich selbst und ihre beiden Töchter
-zu vergessen schien, von denen die jüngere schon zwölf
-Jahre zählte. Am Morgen flocht Stepanida Wassiljewna
-selbst Gapkas schwarze Flechten, abends löste sie sie ihr
-und ließ ihre dichten Locken von aromatischem Rauch
-durchziehen. Sie gestattete keiner niedrigen Hand, ihren
-Körper zu berühren und benetzte selbst mit rosenduftendem
-Wasser ihre Füße, auf die Stepan Iwanowitsch
-in leidenschaftlicher Selbstvergessenheit seine Lippen
-drückte. Mit einem Wort, dieses prächtige Mädchen war
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-die Favoritin der Favoritinnen, und ihr <a id="corr-8"></a>Aufenthalt im
-Hause Wischnewskijs unterschied sich weit von dem aller
-anderen. Selbst wenn Stepan Iwanowitsch mit den Hunden
-auf die Jagd ritt, nahm er Gapka mit und begnügte sich
-nicht damit, daß sie als Tscherkessin gekleidet im ruhigen
-Jagdwagen mitfuhr, sondern nahm sie aus dem Wagen
-und setzte sie vor sich in den Sattel. Wenn das Mädchen
-von dieser unbequemen und anstrengenden Reise müde
-wurde und der Schlaf ihr Köpfchen neigte, überließ sie
-Wischnewskij keiner fremden Hand, sondern brach die
-Jagd ab und brachte Gapka vorsichtig mit eigenen Händen
-nach Hause. Und Gott mochte dem von seinem Gefolge
-gnädig sein, der durch ein Geräusch den kindlichen Schlaf
-der Geliebten des Pan störte! Dem Schuldigen waren die
-feuchte Grube und Peitschenhiebe sicher.
-</p>
-
-<p>
-Ebenso sorgsam übergab Wischnewskij an der Freitreppe
-das Kind den Händen der ihn Erwartenden und
-begleitete sie dann selbst, wenn man Gapka in aller Stille
-in die Gemächer Stepanida Wassiljewnas trug.
-</p>
-
-<p>
-Dort entkleidete man sie und legte sie auf die Atlaskissen
-des breiten türkischen Diwans, auf dessen Rand
-sich die Gatten setzten und ihren Tee tranken. Während
-der ganzen Zeit sprachen sie kein Wort, sondern ergötzten
-sich damit, das schlafende Mädchen anzuschauen. Wurde
-es Zeit, zur Ruhe zu gehen, so stand Stepanida Wassiljewna
-auf und ging mit leichtem Schritt über den Teppich
-in das anstoßende Zimmer, wo ihr Schlafgemach
-war. In dankbarem Schweigen küßte Stepan Iwanowitsch
-seiner Frau oftmals die Hand und flüsterte ihr zu:
-</p>
-
-<p>
-»Du bist mein Schutzengel, &mdash; ich bete dich an!«
-</p>
-
-<p>
-Stepanida Wassiljewna fühlte und teilte das Glück ihres
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-Mannes mit einer unglaublichen, vielleicht nur ihr eigenen
-Hingabe.
-</p>
-
-<p>
-Sie ging in ihr Schlafzimmer, betete dort lange vor dem
-Heiligenbild und ging dann wieder mit unhörbaren
-Schritten in das anstoßende Gemach, wo die schlafende
-rosige Gapka mit ihren jungen kräftigen Händen die Kissen
-umfing, während die athletische Gestalt Wischnewskijs
-zu den <a id="corr-9"></a>Füßen des schlummernden Mädchens auf dem
-Teppich lag, den Kopf gegen den Diwan gelehnt.
-</p>
-
-<p>
-Stepanida Wassiljewna schlug über die beiden das
-Kreuz, kehrte in ihr Witwenbett zurück, und ihr Schlaf
-war ruhig, friedlich und erquickend. In diesem ganzen
-seltsamen, scheinbar widersinnigen Gemenge von Gefühlen
-und Beziehungen erblickte sie nichts für sich Erniedrigendes,
-nicht einmal etwas Unpassendes; im Gegenteil,
-es schien ihr, als ob es gar nicht besser gehen könne.
-</p>
-
-<p>
-Die grenzenlose Liebe dieser Frau zu ihrem Manne
-und das große Unglück, das ihr Gesundheitszustand für
-sie bedeutete, hatten ihre moralischen Begriffe, die niemandem
-klar und verständlich schienen, derart verändert.
-Da ich diese Erzählungen nur als Sammlung einzelner
-Berichte aus dem Mund Verschiedener wiedergebe, werde
-ich mich nicht weiter bemühen, die Persönlichkeit Stepanida
-Wassiljewnas genauer zu erklären. Ich glaube aber,
-daß man sie heute mit dem Begriff »psychopathisch« bezeichnen
-würde. Ich gebe nur die interessante Erzählung
-wieder, wie ich sie selbst gehört habe, ohne an den Charakteren
-und Sitten der Helden dieser <a id="corr-10"></a>legendären Berichte
-eigene Kritik üben.
-</p>
-
-<p>
-Ich glaube, daß es sich hier in erster Linie nicht um
-Kritik handelt, zumal alle handelnden Personen schon
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-ins Reich der Schatten gewandert sind, sondern darum,
-der Nachkommenschaft die Erinnerung an die erstaunliche
-Unmittelbarkeit ihrer Charaktere und an ihr originelles,
-launenhaftes Leben zu bewahren.
-</p>
-
-<p>
-Wohlbekannt sind uns die stürmischen Naturen unserer
-großrussischen Adligen, deren Leben nach dem Ausspruch
-eines Dichters »unter Festen, sinnlosem Prahlen, kleinlichen
-Lastern und kleinlicher Tyrannei verlief, und bei
-denen der Chor der unterdrückten, zitternden Menschen
-das Leben der Hunde und Pferde beneidete«. Wir wissen,
-wie unsere »alten Weinschläuche« unter dem Gären des
-jungen, in sie gegossenen Weines zitterten. Die gesunde
-realistische Richtung unserer großrussischen Literatur, die
-uns vielleicht den Vorwurf des übertriebenen Realismus
-eintragen wird, zeigt uns das wahre Gesicht unseres großrussischen
-Lebens. Die kleinrussischen Schriftsteller folgen
-aber unserer für die Jetztzeit vielleicht einzig nützlichen
-Richtung nicht. Das Leben des kleinrussischen auftrumpfenden
-Herrentums ist uns entweder durch die Romantik
-oder durch die primitive Volkstümlichkeit der kleinrussischen
-Schriftsteller verschleiert. Wird es einmal geschildert,
-so meist in schwülstigen Formen, die an die endlose
-polnische Historie vom »Pan Kochanko« erinnern. Aber
-das kleinrussische Herrenleben hat seine Originalität, die
-des Studiums wert ist und zugleich ein ziemlich helles
-Licht auf die Eigenheiten der kleinrussischen Charaktere
-wirft, die, nach der Bemerkung Schewtschenkos, der Welt
-»die gemeinen Enkel berühmter Großväter« liefern.
-</p>
-
-<p>
-Es ist nutzlos, sich mit den Vertretern jener mittleren
-Generation zu befassen, die wie eine Schicht zwischen
-den »Großvätern und den Enkeln« liegt, zwischen denen,
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-die der nationale Poet als »große« rühmte, und jenen, die er
-zu den »gemeinen« rechnete. Vor uns stehen Gestalten,
-die an der Wasserscheide jener beiden Hauptströmungen
-stehen, deren eine das kleinrussische Land zu nie erreichter
-Höhe getragen hatte, während es die andere zu nie wieder
-gut zu machender »Gemeinheit« führte.
-</p>
-
-<p>
-Alles auf der Welt ist »begründet, folgerichtig und
-bedingt«, und so können die Glieder einer Kette nur ihre
-Form ändern, aber nichsdestoweniger faßt ein Glied das
-andere, und jedes ist unabänderlich mit dem anderen
-verbunden.
-</p>
-
-<p>
-Indem ich in diesen Aufzeichnungen alles vereine, was
-ich über Wischnewskij und seine Sippe gehört habe,
-glaube ich damit der Literatur ein vergessenes Kettenglied
-zu erhalten, das bisher nur in einzelnen Überlieferungen
-bewahrt wurde. Möglicherweise sind diese nicht alle zuverlässig,
-aber selbst in diesem Falle sind sie als Schöpfung
-des Volkes interessant, weil sie bezeichnend sind für das,
-was die Phantasie der Menschen in Erstaunen versetzte
-und begeisterte, oder was ihnen gefiel.
-</p>
-
-<p>
-Ich fahre in meiner Erzählung über Wischnewskij fort.
-</p>
-
-<p>
-Einige Zeilen weiter oben verließen wir den mächtigen
-Pan von Farbowanaja, wie er auf dem Teppich zu Füßen
-seiner ländlichen Nymphe schlief. Lassen wir ihn noch in
-dieser Stellung, wie sie schöner und poetischer in seinem
-willkürlichen und zügellosen Leben kaum je vorkam.
-Mögen sie süß weiterschlafen bis zur Morgenröte des
-Tages, der ihr Glück und ihre Ruhe trüben und in
-den Becher der Liebesfreuden des Pan den Tropfen des
-bitteren Schierlings träufeln wird.
-</p>
-
-<p>
-Wir werden später auf das [**Erreignis&sbquo;Ereignis] zu sprechen kommen,
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-das den Höhepunkt der Leidenschaften und der
-moralischen Verwirrung Wischnewskijs darstellt und nach
-dem seine Geliebten einander wieder in rascher Folge ablösten,
-ohne jene beschriebene Höhe zu erreichen; Wischnewskij
-ließ aber bis zu seinem Tode nicht von ihnen.
-</p>
-
-<p>
-Zeichnen wir nun, so gut wir es verstehen und vermögen,
-die übrigen Seiten seiner Tätigkeit und seines Charakters.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-7">
-SIEBENTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>n keiner der Erzählungen, die ich über Wischnewskij
-hörte, nimmt er als Vater und Erzieher eine charakteristische
-Stellung ein; er wird ausschließlich als »Erzeuger«
-erwähnt. Im übrigen wird berichtet, daß, als um jene
-Zeit in Petersburg »die Institute eingeführt wurden« und
-der eingesessene Adel auf Wunsch der Kaiserin die Aufforderung
-erhielt, seine Töchter zur Erziehung dorthin
-zu bringen, Wischnewskij nach Petersburg reiste und
-seine Tochter persönlich hinbrachte. Jedoch wird dieser
-Umstand nicht erwähnt, um die väterliche Fürsorge Wischnewskijs
-zu bezeugen, sondern weil diese Reise mit einem
-anderen interessanten Ereignis in Verbindung steht, von
-dem später berichtet werden wird. Auch als Gutsbesitzer,
-in seiner Eigenschaft als Herr, Richter und Züchtiger
-der ihm untergebenen Leibeigenen bewies Wischnewskij
-keine besondere Originalität, sondern führte die Herrschaft,
-»wie sie von alter Zeit her geführt wurde.« Alles
-wurde durch Leibeigene und gemietete rechtgläubige oder
-polnische Aufseher verrichtet. Wischnewskij hatte einige
-Polen in seinem Dienst, gegen die er keinerlei Feindschaft
-hegte, über die er sich aber gerne lustig machte. Auch
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-einige Juden waren da, die der Psychopath auf verschiedene
-Weise zu erschrecken pflegte. Mehr als einen von
-ihnen hatte er zu Tode erschreckt, aber sie kamen immer
-wieder zu ihm, da Wischnewskij manchmal freigebig war
-und ihnen manchen Verdienst zukommen ließ. Im übrigen
-benützte er die Juden als Kommissionäre. Aber Gott sei
-dem gnädig, der ihn betrog! Er ließ ihn mit Ruten und
-Peitschen schlagen und quälte ihn fast noch mehr durch
-Furcht.
-</p>
-
-<p>
-Wischnewskij war auch Patriot, was sich à la longue in
-seiner Vorliebe für den kleinrussischen Kaftan und die
-kleinrussische Sprache äußerte, und zudem &mdash; in seiner
-Verachtung für die Ausländer. Besonders wenig schätzte
-er die Deutschen, die er aus zwei Gründen nicht achten
-konnte: erstens, weil sie »stockbeinig« sind, und zweitens,
-weil ihm ihr Glaube nicht gefiel, &mdash; »sie verehren die
-Heiligen nicht«. Stepan Iwanowitsch nahm von sich an,
-daß er »die Heiligen verehre«. Er war in Glaubenssachen
-vollkommen unwissend und kritiklos und ließ sich auch
-nicht auf religionsphilosophische Fragen ein, da er fand,
-daß dies eine »Sache der Popen« sei; er »beschützte und
-verteidigte nur als Ritter seinen Glauben vor allen Andersgläubigen«.
-Er sah in diesem Punkte mit den Augen des
-einfachen Volkes, das nur die Rechtgläubigen zu den
-Christen zählt, alle übrigen »andersbetenden« Christen
-für Ungläubige, die Juden aber und »das ganze sonstige
-Pack« als unrein ansieht. Aber auch der Ausländer, ja
-sogar der Deutsche, konnte an den Tisch Stepan Iwanowitschs
-gelangen, und einer &mdash; gerade ein Deutscher &mdash;
-lebte sogar in seinem Hause und genoß sein Vertrauen;
-doch bevor sich der »Ungläubige« ihm nähern durfte,
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-suchte sich das religiöse Gewissen Wischnewskijs Genugtuung
-und Frieden mit sich selbst zu verschaffen. Stepan
-Iwanowitsch, der nach seinem eigenen Geständnis »keinen
-Katechismus gelernt hatte«, hatte für den Empfang von
-Andersgläubigen eine sehr konkret formulierte Frageordnung
-aufgestellt.
-</p>
-
-<p>
-Stepan Iwanowitsch fragte den Lutheraner oder Katholiken:
-»Nun, wenn du auch anders glaubst und betest als
-wir, den heiligen Wundertäter Nikola achtest du doch
-gewiß?«
-</p>
-
-<p>
-Der so geprüfte Andersgläubige wußte aus zuverlässigen
-Gerüchten, was mit ihm geschehen würde, wenn er
-es wagen wollte zu sagen, daß er den Wundertäter nicht
-verehre, zu dem der Pan von Farbowanaja so sehr hielt.
-Er hätte sogleich erfahren, wie kräftig die Stühle sind, auf
-die Stepan Iwanowitsch seine Gäste setzte, und wie biegsam
-die Weiden, die ihre Zweige in das Wasser des
-Ssupoi tauchen. Aber da jeder Andersgläubige, der das
-Glück hatte, Wischnewskij so weit für sich einzunehmen,
-daß er schon mit ihm über den Glauben sprach, dies genau
-wußte, so antwortete er ihm, wie es die Empfangsordnung
-verlangte:
-</p>
-
-<p>
-»O ja«, erwiderte der also befragte »Andersbetende«,
-»wie sollte ich den Nikola nicht achten, wo ihn doch die
-ganze Welt verehrt!«
-</p>
-
-<p>
-»Nun, &sbquo;die ganze Welt&lsquo;, Bruder, da hast du doch etwas
-zuviel gesagt,« versetzte Stepan Iwanowitsch; »du mußt
-wissen, daß der heilige Nikola von Geburt Moskowite
-ist, du sollst aber unseren &sbquo;russischen&lsquo; Jurka verehren.«
-</p>
-
-<p>
-Das Wort »russisch« im Sinne des klein- oder südrussischen,
-wurde damals scharf dem »moskowitischen«,
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-großrussischen entgegengesetzt. Moskowitisch und »russisch«
-waren zwei getrennte Begriffe, im Himmel und
-auf Erden. Die irdischen Unterschiede waren jedem durch
-seine leiblichen Augen sichtbar, die himmlischen dagegen
-wurden durch den Glauben erkannt. Dem Glauben nach
-obliegen aber die großrussischen Angelegenheiten der
-Sorge des wundertätigen Nikolai, des Patrons Rußlands,
-die südrussischen aber finden Schutz und Hilfe in der
-Fürsorge des den Kleinrussen besonders geneigten heiligen
-Jurij, oder wie man ihn heute nennt, des heiligen
-Georg.
-</p>
-
-<p>
-Jeder Andersgläubige, der die Prüfung über den heiligen Nikolai
-bestanden hatte, versicherte nun Wischnewskij
-noch bestimmter, daß er auch den heiligen Jurij verehre,
-»noch mehr, als den Nikola«.
-</p>
-
-<p>
-Dies gefiel Stepan Iwanowitsch. Damit war die Katechisierung
-des Gastes beendet, und dem nun Aufgenommenen
-wurde der Glaubensunterschied nie mehr vorgeworfen.
-Ja, wenn jemand zufällig diesen Unterschied
-erwähnte, so unterbrach ihn Stepan Iwanowitsch und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Es ist kein Unterschied da, er verehrt den Nikola,
-aber noch mehr den heiligen Jurka.«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-8">
-ACHTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>lso genossen die Andersgläubigen, die sich gebessert
-hatten, das Vertrauen des Psychopathen, und ein
-Deutscher verwaltete sogar, beinahe ohne Rechenschaft
-abzulegen, eines seiner Güter und genoß so ausgedehnte
-Machtvollkommenheit, daß er fast alles tun durfte, was
-Wischnewskij tat.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-Nur in bezug auf die Frauen erlaubte ihm Stepan Iwanowitsch
-nicht, sein Begehren auf den Gesindehof auszudehnen,
-damit niemand sähe, wie sich eine Frau des
-wahren, griechischen Glaubens »mit einem Deutschen
-einlasse«. Aus diesem Grund dachte er für ihn einen
-Schimpf aus, der den Mächtigen selbst in den Augen eines
-Kindes erniedrigen mußte. Der Deutsche war verpflichtet,
-im Sommer leichte Kleidung und im Winter einen wattierten
-Schlafrock und Pantoffeln anzulegen, eine Laterne in
-die Hand zu nehmen und so in der Begleitung eines Aufsehers,
-der »für sein Leben verantwortlich war«, ins Dorf
-zu gehen. Dem Deutschen war dieses Verbot auferlegt,
-damit von ihm »keine Vermehrung des Deutschen käme,
-sondern alles zu Gunsten des Russischen ginge«.
-</p>
-
-<p>
-In den Einzelheiten schienen es zwar nur teilweise Beschränkungen
-zu sein, aber im Zusammenhang hatten sie
-zur Folge, daß der Deutsche sich bei Stepan Iwanowitsch
-beklagte:
-</p>
-
-<p>
-»Keine Möglichkeit.«
-</p>
-
-<p>
-»Aber warum denn?«
-</p>
-
-<p>
-»Alle laufen davon.«
-</p>
-
-<p>
-Das bedeutete, daß, sobald der Deutsche in seinem langen
-Schlafrock, mit seiner Laterne und in Begleitung »des
-für sein Leben Verantwortlichen« seinen nächtlichen Gang
-antrat, ihn alle schon von ferne erblickten und diejenigen,
-denen sein Besuch drohte, davonliefen und sich versteckten.
-</p>
-
-<p>
-Stepan Iwanowitsch tat, als ob er dies bedaure, ließ
-aber keine Änderung an der von ihm eingeführten Ordnung
-zu.
-</p>
-
-<p>
-»Ohne Laterne und ohne Begleiter werden sie dich
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-packen und verprügeln, und ich habe dann niemanden,
-der mir für dich verantwortlich ist,« sagte er, als sei er
-aufrichtig von der Notwendigkeit seiner Einführung überzeugt;
-aber Leute, die ihn näher kannten, bemerkten, daß,
-wenn er mit dem Deutschen über die Angelegenheit sprach,
-seine »eine Schnurrbartspitze lachte«.
-</p>
-
-<p>
-Als wirklicher Psychopath vereinigte er in sich viel
-Sinnloses mit Schlauem so innig vermischt, daß man unmöglich
-ergründen konnte, was Ernst und was Scherz
-war.
-</p>
-
-<p>
-Der Spaß mit dem Deutschen endete damit, daß er so
-lange mit seiner Laterne wie ein leuchtendes Johanniswürmchen
-im Gras einherging, bis ihm einmal im Schuppen
-einer Bauernhütte die Rippen eingedrückt wurden
-und der für sein Leben verantwortliche Begleiter ihn nach
-Hause trug, wo er seine deutsche Seele unverzüglich Gott
-empfahl, die Seele, die hier in Verehrung der Heiligen
-Nikolai und Georgij gelebt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Ungeachtet der freiwilligen Unterwerfung dieses Deutschen
-unter die genannten Heiligen, hielt es Stepan Iwanowitsch
-doch für unpassend, ihn innerhalb des Friedhofes
-zu beerdigen, »neben den Vorfahren wahren östlichen
-Glaubens«; er ordnete an, ihn außerhalb der Umfriedung
-zu begraben und auch kein Kreuz aufs Grab zu setzen,
-sondern einen großen Stein darauf zu legen, damit die
-Müden sich setzen und ausruhen können.
-</p>
-
-<p>
-In allen Fällen beobachtete er einen eigenen, in seiner
-Art sehr originellen Ton, der wie von seinem Humor, so
-auch vom Respekt vor dem heimatlichen Glauben zeugte,
-welch letzterer sich weniger auf dem Katechismus als auf
-den Heiligen Nikola und <a id="corr-11"></a>Jurka gründete. Aber Gott allein
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-weiß, ob alles sich wirklich so verhielt, wie er vorgab,
-oder ob ihn etwas anderes leitete.
-</p>
-
-<p>
-Um die Religiosität Wischnewskijs vollkommen zu
-kennzeichnen, muß man hinzufügen, daß er es durchaus
-nicht jedem gestattete, den Heiligen Nikolai und Jurij
-anzurufen und zu verehren, sondern nur den Christen
-anderer Bekenntnisse. Diese befreiten sich durch den
-Respekt vor diesen Heiligen aus aller Not und empfingen
-die Gnade Stepan Iwanowitschs. Den Juden aber erlaubte
-er unter keinen Umständen, ihre Zuflucht zum
-Schutz dieser Heiligen zu nehmen, und jeden, der auch
-nur eine Neigung dazu verriet, unterwarf er einer Prüfung.
-Einmal hatte ihn ein Jude betrogen und sollte dafür
-geprügelt werden. Als man ihn vor die Freitreppe
-schleppte, von der aus Stepan Iwanowitsch sein Urteil
-verkündet hatte, begann der Jude sich jämmerlich zu
-krümmen und zu schreien:
-</p>
-
-<p>
-»Oi, wie ich sie verehre ... ich verehre den Nikola, verehre
-auch den Jurka ...«
-</p>
-
-<p>
-Stepan Iwanowitsch befahl den Liktoren innezuhalten
-und fragte den zitternden Juden:
-</p>
-
-<p>
-»Was schreist du da?«
-</p>
-
-<p>
-»Wie ich sie verehre, ... wie ich verehre ...«
-</p>
-
-<p>
-»Laß das Stammeln, &mdash; sage ruhig, wen du verehrst!«
-</p>
-
-<p>
-»Oi, alle, oi, die beiden verehre ich, den Heiligen Nikola
-und den Heiligen Jurka.«
-</p>
-
-<p>
-»Nun, das tust du vergeblich.«
-</p>
-
-<p>
-»Oi, weswegen, ... oi, weshalb vergeblich ... wenn sie
-doch gnädig sind, vielleicht, daß sie sich meiner erbarmen.«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, sie sind gnädig, das ist ganz richtig, aber mit den
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-Juden, Bruder, haben sie nichts zu schaffen. Ihr habt euren
-Moses, den ruf an, wenn man dich prügelt. Aber dafür,
-daß du es gewagt hast, mit deinen Judenlippen so heilige
-Namen auszusprechen, gebt ihm, ihr Jungens, noch zehn
-mit der Peitsche für den Nikola, und fünfundzwanzig
-für den heiligen Jurka, damit er sich nicht mehr erfrecht,
-sie anzutasten.«
-</p>
-
-<p>
-Natürlich schleppte man den unglücklichen Juden fort
-und verabreichte ihm zuerst getreulich, was ihm für den
-Betrug zukam, und dann eine Zulage von weiteren fünfunddreißig
-Hieben für den nach der Meinung Wischnewskijs
-unangebrachten Versuch, sich beim Nikolai und
-beim heiligen Jurij einzuschmeicheln. Da aber der Rang
-der beiden Heiligen nicht gleich war, gab man ihm für
-den Nikolai nur zehn Hiebe, für den heiligen Jurij aber
-fünfundzwanzig.
-</p>
-
-<p>
-Dies geschah, versteht sich, nicht ohne guten Grund,
-sondern infolge der größeren Liebe und Verehrung des
-Pan für den heiligen Jurij, »weil er ein Russe und kein
-Moskowite ist«.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-9">
-NEUNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch habe mehrmals erwähnt, daß Stepan Iwanowitsch
-sichtlich das bevorzugte, was nicht »von den Moskowitern«
-herkam, und muß jetzt den Leser aufklären, damit
-er nicht voreilig schließe, Wischnewskij sei Politiker gewesen,
-Separatist, oder, wie man es jetzt nennt, Ukrainophile.
-Man nahm damals das Kleinrussentum leicht,
-man wollte von ihm sogar nichts wissen. Hätte jemand
-in die Seele Wischnewskijs eindringen können, so hätte
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-er auch bei der strengsten Prüfung nichts Politisches in
-ihm gefunden. Wahrscheinlicher hätte er sich darin wie
-in einem Schuppen gefühlt, in dem alles übereinandergeworfen
-ist, in dem vermutlich alles vorhanden ist, aber
-niemand etwas finden kann. Wischnewskij widersprach
-entschieden allen Menschen, mit Ausnahme seiner ersten
-Frau, der hier schon ziemlich eingehend geschilderten
-Stepanida Wassiljewna aus dem Twerschen Adelsgeschlecht
-der Schubinskijs. Wenn sein <a id="corr-15"></a>Gesprächspartner
-Ukrainophile war und alles Kleinrussische rühmte, so
-begann Wischnewskij sogleich, die Fehler des kleinrussischen
-Charakters in den Vordergrund zu stellen und tat
-dies mit großem Geschick und treffenden und bissigen
-Vergleichen. Er lobte dann eifrig die Polen, besonders
-Batur und Sobieski, nannte Bogdan Chmjelnicki einen
-Trunkenbold und schloß den Streit mit der seiner Ansicht
-nach entscheidenden Formel, »Polen sei zusammengestürzt
-und habe uns erdrückt«. Aber äußerte sich jemand
-mit Bedauern über Polen, so wechselte Stepan
-Iwanowitsch sogleich die Front, und seine Rede bewegte
-sich nach großrussischen Motiven.
-</p>
-
-<p>
-»Das ist wahr,« sagte er, »sie waren frei und ehrgeizig,
-aber weil sie alle Könige sein wollten, schmiedeten sie
-gegen die Könige Ränke. Und so gingen sie zugrunde
-und mußten zugrunde gehen, weil sie darüber vergaßen,
-was die Wohlfahrt des ganzen Landes erforderte, und
-jeder die unglückliche Freiheit nach Kräften auf seine
-Seite zog.«
-</p>
-
-<p>
-Er winkte mit der Hand ab und schloß wegwerfend:
-</p>
-
-<p>
-»Dreck!«
-</p>
-
-<p>
-Jedoch war Wischnewskij durchaus kein Verteidiger
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-einer hohen Achtung vor der Staatsgewalt, sondern im
-Gegenteil, wie schon oben erzählt, sehr oft, ja fast bei
-jeder Gelegenheit bereit, die Organe der gesetzlichen
-Macht herabzusetzen und zu beleidigen. Er war dabei
-weder Demokrat <a id="corr-16"></a>noch Nationalist in unserem jetzigen
-Sinne, so daß ihm sogar die bescheidene und anscheinend
-doch harmlose Einrichtung der Wahl der
-Stadthäupter lächerlich erschien; er wollte sie auch durchaus
-nicht »Häupter« nennen, sondern nannte sie anders.
-Mit einem Wort, Wischnewskij war nach dem kurzen,
-aber treffenden Ausdruck des einfachen Volkes »ein Pan,
-wie ein Auerochs aus dem Forste von Bjelowesch«, d. h.
-ein Herr, wie er sein muß, ganz wie ein Auerochs aus der
-Bielowescher Wildnis nichts mit einem gewöhnlichen Ochsen
-gemein hat, sondern in allem verwegener und stärker
-ist. Ohne unsere heutige Bildung besessen oder politische
-Betrachtungen, wie sie später von Toqueville und ähnlichen
-Leuten geschrieben wurden, gelesen zu haben,
-verstand Wischnewskij die kosmopolitischen Strömungen
-unserer heutigen Aristokratie, die auch der heutigen Demokratie
-eigen sind, sehr gut, da ihr gemeinsames Stimulans
-das Prinzip zu sein scheint, jede nationale Sympathie auf
-die Seite zu schieben. Wischnewskij liebte die Polen nicht,
-aber wenn die Rede auf berühmte Moskowiter kam,
-begann er gleich spöttische Grimassen zu schneiden,
-wartete, bis Stepanida Wassiljewna für einen Augenblick
-das Zimmer verließ, und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Nun, was ist denn so Großes bei ihnen los! Ihre
-Großväter und Großmütter wurden noch alle mit Stöcken
-geschlagen.«
-</p>
-
-<p>
-Von diesem Gesichtspunkt aus rühmte Wischnewskij
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-den polnischen Adel und sogar die livländischen Barone;
-geriet er aber mit einem von ihnen in Streit über Rußland,
-so begann er mit allem Eifer sie zu bekämpfen, obwohl
-er sie im geheimen wegen ihres »reinen Blutes« beneidete.
-Aber er konnte ihren Hochmut und ihre Anmaßung
-nicht ertragen, die ihm widerwärtig erschienen, zumal er
-sich für einen einfachen, offenen Menschen hielt.
-</p>
-
-<p>
-Wer kann sich wohl eine Vorstellung machen, was alles
-im Schädel dieses Psychopathen steckte! Stand er aber
-einmal zufällig vor einer außergewöhnlichen Frage oder
-Begebenheit, so war all der psychopathische »Unfug«
-verschwunden, und Stepan Iwanowitsch bewies eine geradezu
-erstaunliche, vielleicht sogar psychopathische
-Findigkeit. In schwierigen Umständen und Gefahren handelte
-er kühn und überlegt und befreite Menschen spielend
-aus Schwierigkeiten und großen Nöten, die sie zu
-erdrücken drohten.
-</p>
-
-<p>
-Ein solcher Fall wird über die Offiziere eines Dragonerregiments
-berichtet, das entweder in Pirjatin im Poltawschen
-Gouvernement oder in Bjeschetzk im Twerschen
-Gouvernement gelegen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Die einen lassen diesen bemerkenswerten Vorfall im
-Twerschen Gebiet spielen, die anderen in Kleinrußland;
-was richtiger ist, läßt sich schwer entscheiden, es ist aber
-auch kaum der Mühe wert, sich darüber den Kopf zu
-zerbrechen. Der Fall liegt so, daß er sich mit der gleichen
-Wahrscheinlichkeit in einem beliebigen Städtchen ereignen
-konnte, aber den Charakteren der beiden hier erwähnten
-»Herrchen« nach zu urteilen, entspricht er mehr
-den Sitten eines kleinrussischen Kreisgerichts.
-</p>
-
-<p>
-Es handelt sich übrigens nicht darum, den Ort genau
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-zu bestimmen, sondern ein Bild der Ereignisse zu entwerfen
-und den Anteil zu zeigen, den unser psychopathischer
-Held an ihnen hatte.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-10">
-ZEHNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>ie Dragoner lagen in Pirjatin, &mdash; nehmen wir an, es
-sei dort gewesen. Teile des Regiments waren in anderen
-Ortschaften untergebracht. Der Regimentskommandeur
-hatte vielleicht in Perejaslaw Quartier genommen.
-</p>
-
-<p>
-Die Offiziere langweilten sich natürlich in dem winzigen
-Städtchen vor Nichtstun; sie unterhielten sich, so gut sie
-konnten, indem sie zu den Gutsbesitzern zu Gast fuhren.
-Blieb ihnen nichts anderes übrig, als einige Tage zu Hause
-zu sitzen, so zechten sie, spielten Karten oder tranken bei
-einem Weinhändler im kleinen Kellerlokal. Der Händler
-war ein Jude, der die Offiziere gern schröpfte und ihre
-Ausschweifungen unterstützte, sie aber gleichzeitig doch
-fürchtete. Er hatte deshalb, um den Übermut seiner Gäste
-etwas zu dämpfen, in dem Raum, in dem sie zechten, ein
-Porträt aufgehängt, das seiner Meinung nach die Besucher
-seines Ausschanks an die Gesetze der Wohlanständigkeit
-gemahnen sollte. Vielleicht war es ganz klug gedacht,
-aber es führte zu einer Geschichte.
-</p>
-
-<p>
-Einmal, in der langweiligsten Sommerzeit kam ein
-Jongleur in die Stadt und zeigte, wo man ihn aufforderte,
-seine einfachen Kunststücke, von denen eines ganz
-dem Geschmack der Herren Offiziere entsprach: der
-Künstler setzte seine Tochter auf einen Stuhl, stellte ihn
-dicht mit dem Rücken an eine Wand, zog aus seiner
-Tasche einige Dolche und warf sie einen nach dem andern
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-gegen die Wand, in der sie stecken blieben, das Gesicht
-des Mädchens von allen Seiten umrahmend, ohne es zu
-berühren.
-</p>
-
-<p>
-Diese sichere und gewandte Handhabung der Waffe
-interessierte alle, die die Schwierigkeit dieses gewagten
-Kunststückes einsahen. Als die Offiziere wieder einmal
-im Kellerlokal, in dem sie zu trinken pflegten, zusammenkamen
-und ihren geriebenen Käse aßen, der wie verwitterte
-geschnittene Fingernägel aussah, sprachen sie über
-das Dolchwerfen, und als ihnen der Rausch in den Kopf
-stieg, kam es einem von ihnen in den Sinn, er könne es
-ebensogut.
-</p>
-
-<p>
-Dolche hatten sie zwar nicht, aber auf dem Tische lagen
-Gabeln, die die Dolche bei diesem Versuch annähernd
-ersetzen konnten. Wenn es auch nicht so leicht war, mit
-ihnen nach einem Ziel zu werfen, so blieben sie doch
-immerhin in der Wand stecken.
-</p>
-
-<p>
-Es fehlte nur das menschliche Gesicht, das man mit
-den Gabeln umstecken könnte. Von den Offizieren wollte
-sich natürlich keiner zu diesem Versuche hergeben. Man
-mußte eine Person niederen Ranges finden, am besten
-natürlich einen Juden, und die ausgelassenen Offiziere
-machten den ihnen aufwartenden Juden einen solchen
-Vorschlag, aber diese waren so feig und hingen so sehr
-am Leben, daß sie sich nicht nur weigerten, sich dazu
-herzugeben, sondern auch ihren Handel im Stich ließen,
-den ganzen Laden der Gewalt der Herren Offiziere überließen,
-davonliefen und sich versteckten. Natürlich beobachteten
-sie von ihren Verstecken aus, was jeder von
-ihnen nehmen und was die lärmende Gesellschaft weiter
-treiben würde.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-Nun führte ein unglücklicher Zufall zwei junge Gerichtsschreiber,
-oder wie man sie am Orte nannte, »Gerichtsherrchen«
-her, die an diesem Tage wohl einen guten
-»Chabar« genommen, das heißt, einen guten Schnitt gemacht
-hatten und sich nun im Keller bei dem kalten Donschen,
-nach Wermut schmeckenden Wein gütlich tun
-wollten.
-</p>
-
-<p>
-Den Offizieren kam der Gedanke, die beiden Herrchen
-zu ihrem Versuch zu verwenden; so luden sie die beiden
-zunächst ein, zusammen mit ihnen zu trinken, und dann
-drangen sie in sie, es möge sich einer von ihnen zu der
-Produktion hergeben.
-</p>
-
-<p>
-Die Herrchen zeigten sich jetzt als sehr seltsame Leute,
-von ganz verschiedener Gemütsart: der eine war ein
-Heraklit, der andere ein Demokrit. Als sie aus der Hitze
-in den kalten Keller gekommen waren und dort den kalten
-Wein getrunken hatten, stieg er ihnen zu Kopf, und als
-dann die Offiziere anfingen, in sie zu dringen, rührten
-sie sich nicht von der Stelle, anstatt bescheiden fortzugehen.
-Sie glaubten sich, als Eingeborene, auf gleichem
-Fuße mit den Herren stehend und begannen ihren wahren
-Charakter zu zeigen. Der eine lachte über den ihm gemachten
-Vorschlag und riß über die geärgerten Offiziere
-kleinrussische Witze, der andere zog ein saures Gesicht,
-begann zu weinen und schrie in einem fort, obwohl ihn
-niemand anrührte:
-</p>
-
-<p>
-»Rührt mich nicht an! Geht doch zum Teufel! Laßt
-mir meine heilige Ruhe!«
-</p>
-
-<p>
-Die beiden Schreiber wurden schließlich den Offizieren
-so lästig, daß sie mit ihnen auf ihre Art verfuhren, d. h.
-ihnen mehrere Maulschellen verabreichten und sie dann
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-unter den Tisch stießen, um sie dort »wie die Ferkel« zu halten,
-bis ihr Gelage zu Ende wäre. Das war ungefährlich
-und praktisch, da die Offiziere die Herrchen unter dem
-Tisch mit den Füßen festhielten und Mund und Hände frei
-hatten; zugleich war dadurch, daß man sich ihrer Personen
-versicherte, ein Skandal vermieden, der bei dem häßlichen
-Charakter, den die widerspenstigen Jungen zeigten, unausbleiblich
-schien. Der eine hätte sicher draußen auf dem
-Platz oder auf der Straße so geheult, daß man es in der
-ganzen Stadt hörte, und der andere hätte gar auf den
-Zaun klettern oder ans Fenster kommen und sie von
-dort aus verhöhnen können.
-</p>
-
-<p>
-Dann müßte man ihm nachlaufen, ihn einholen und
-fangen, was einen Skandal gegeben und sicher einen
-Haufen Weiber und Juden herbeigelockt hätte. Mit einem
-Wort, es wäre ganz unvereinbar mit der Offiziersehre
-gewesen; so saßen aber die Jungen ganz friedlich unter
-dem Tisch, jammerten ein wenig und umfaßten einander
-in ihrem engen Raum, der noch durch die Sporenstiefel
-der Offiziere eingeengt wurde.
-</p>
-
-<p>
-Alles ging vortrefflich, aber da mischte sich der Teufel
-ein und verdarb alles. Die Offiziere wurden so betrunken,
-daß sie anfingen, mit den Gabeln nach dem Porträt zu
-werfen, weil sie meinten, sie könnten es ebenso geschickt
-umrahmen, wie der Jongleur das Gesicht des lebendigen
-Menschen mit seinen Dolchen. Aber der Teufel war im
-Spiel: als der erste Offizier die Gabel warf, stieß ihn der
-Schwarze in den Ellenbogen, und die Gabel blieb mitten
-in dem einen Auge des Porträts stecken. Der zweite Offizier
-warf, und der Teufel führte die Gabel in das andere
-Auge. In der betrunkenen Gesellschaft entwickelte sich
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-jetzt der Wetteifer, die Gabeln flogen eine nach der anderen
-und verstümmelten das Gesicht des Porträts gänzlich.
-</p>
-
-<p>
-In ihrer Trunkenheit, die schon in einen Zustand geistiger
-Umnachtung überging, maßen die Offiziere diesem
-Vorfall keine besondere Bedeutung bei. Sie hatten eben
-ein Bild verdorben, &mdash; das war alles. Es wird nicht von
-Gott weiß was für einem Meister gewesen sein, kein Werk
-Raffaels, und keine ungeheure Summen gekostet haben.
-Sie würden morgen den jüdischen Wirt rufen, ihn fragen,
-was das Bild koste, tüchtig herunterhandeln, dann bezahlen,
-und damit wäre die Sache erledigt; dafür war man
-lustig gewesen und hatte bei jedem ungeschickten Versuch,
-die Gabel so sicher wie der Jongleur zu werfen, viel
-gelacht und gescherzt.
-</p>
-
-<p>
-»Nein, der Schelm hat es besser gemacht. Wir können
-es nicht so. Und Gott sei Dank, daß kein Mensch vor
-uns sitzen wollte, sonst hätten wir dem Lebendigen die
-Augen ausgestochen, da hätte Bezahlen nichts geholfen.«
-</p>
-
-<p>
-Die wackeren Helden waren sehr froh, daß die Sache
-so gut mit Lachen und Scherzen geendet hatte, und begaben
-sich, einander stützend, in ihre Quartiere. Beim
-Weggehen hatten sie die Schreiber schon ganz vergessen,
-die still unter dem Tische saßen und keinen Laut von sich
-gaben.
-</p>
-
-<p>
-Aber die Sache war durchaus nicht so einfach und
-stand durchaus nicht so gut, wie es sich diese braven
-Kinder dachten, als sie sich zur Ruhe begaben.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-11">
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-ELFTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">K</span>aum waren die Offiziere auseinandergegangen und
-hatten den jüdischen Laden leer zurückgelassen, als
-die Gerichtsherrchen unter dem Tisch hervorkrochen, ihre
-von der langen Kniebeuge steif gewordenen Glieder
-streckten und sich ihre Lage besahen. Alles war still, &mdash;
-im Laden und in der Kammer war keine Seele; durch die
-dichte Wolke von Tabaksrauch war das verstümmelte
-Porträt mit den ausgestochenen Augen und den vielen
-Rissen an anderen Stellen kaum zu sehen.
-</p>
-
-<p>
-Zum Glück für die einen und zum Unglück für die
-anderen, waren die Schreiber viel nüchterner als die Offiziere,
-die am Tische, von dem aus sie die Gabeln auf
-das Porträt warfen, sich immer mehr betrunken hatten,
-während die unter dem Tische eingeschlossenen Heraklit
-und Demokrit erheblich nüchterner geworden waren,
-wozu wohl die Angst, die Enthaltsamkeit und vor allem
-der Rachedurst, der in ihnen glühte, beitrugen. So hatten
-sie sich einen vortrefflichen Plan ausgedacht, um ihre
-Beleidiger zu strafen.
-</p>
-
-<p>
-Die Schreiber überlegten nicht lange, nahmen das verwundete
-Porträt von der Wand, liefen damit auf das
-Freitreppchen des Ladens und schlugen Lärm:
-</p>
-
-<p>
-»Kommt her, ihr guten Leute! Wer an Gott glaubt
-und die Älteren ehrt, seht euch das Wunder an ...
-Schaut, wie die Offiziere das Porträt einer solchen Person
-entehrt haben.«
-</p>
-
-<p>
-Auf dieses Geschrei tauchte sofort, wie aus der Erde
-gewachsen, der Wirt auf, der sich während des Gelages
-versteckt hatte; die Marktweiber von ihren Ständen liefen
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-herbei, die Juden begannen zu schreien, &mdash; und unsere
-Geschichte nahm ihren Lauf.
-</p>
-
-<p>
-Der jüdische Wirt, der die größte Angst hatte und am
-meisten einen Skandal scheute, hielt sich mit seinen großen
-Fingern die Augen zu, wie es der Rabbiner beim Gebet
-tut, und schrie:
-</p>
-
-<p>
-»Ich habe nichts gesehen und sehe auch jetzt nichts,
-wer dieser Militär-Pan ist, der da gemalt ist. Geb&rsquo; Gott,
-daß er ein guter Mann sei. Aber ich, &mdash; ich brauche jetzt
-das Bild nicht mehr ... Ich verschenke es, nehme es, wer
-es will ...«
-</p>
-
-<p>
-Doch Demokrit rief:
-</p>
-
-<p>
-»Aber wir wissen, wer diese Person ist, und wir protestieren.
-Schaut, ihr guten Leute, &mdash; die Augen sind ihm
-ausgestochen. Wir wollen das Porträt zum Stadtvorsteher
-tragen.«
-</p>
-
-<p>
-Demokrit trug das verwundete Porträt durch die Straßen
-vor das Stadthaus, und Heraklit begleitete ihn, machte
-unter der warmen Sonne wieder sein saures Gesicht und
-weinte, und alle, die ihnen folgten, wiesen lobend auf ihn
-hin und sagten:
-</p>
-
-<p>
-»Schaut nur, wie es ihn rührt!«
-</p>
-
-<p>
-Aber die Offiziere schliefen und schliefen und ahnten
-nicht, daß man gegen sie »protestierte« und daß die Sache
-ihnen Unannehmlichkeiten bereiten würde, die sie nicht
-wüßten, wie loswerden.
-</p>
-
-<p>
-Wie schwer auch ihr trunkener Schlaf gewesen war,
-auch ihr Erwachen am nächsten Morgen war nicht leicht.
-</p>
-
-<p>
-In aller Frühe kam zu allen Zechgenossen des beschriebenen
-Gelages die Ordonnanz des schnurrbärtigen Majors
-oder Rittmeisters, der die Schwadron kommandierte und
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-in seiner Person die oberste Befehlsgewalt am Standorte
-darstellte.
-</p>
-
-<p>
-Natürlich war der Rittmeister nicht Gott weiß was für
-eine hohe Obrigkeit, beinahe so »ihr Bruder Hans«, und
-machte manchesmal auch einen »Tanz« mit ihnen, aber
-die Offiziere erschraken.
-</p>
-
-<p>
-Das Schlimmste war, daß ihnen der Kopf noch brummte
-und sie sich durchaus nicht mehr daran erinnern konnten,
-was gestern im Keller beim jüdischen Wirt vorgegangen
-war. Sie erinnerten sich noch, daß sie wohl tüchtig getrunken
-hatten, aber sie konnten sich nicht mehr auf alles
-der Reihe nach besinnen, <a id="corr-17"></a>sondern ein Stück war abgerissen,
-und es schien ihnen, als sei das Dazwischenliegende gar
-nicht gewesen. Sie besannen sich, daß sie die Juden verjagt
-hatten, aber das wäre durchaus nicht wichtig gewesen,
-war schon öfter geschehen, auch wenn der Rittmeister
-dabei gewesen war. Das Verjagen ist kein Unglück, besonders
-bei Juden nicht, denn diese sind ein Volk, das die
-Vorsehung selbst zur »Verstreuung« vorbestimmt hat.
-Der Jude schreibt ein Übriges auf, berechnet als getrunken,
-was nicht getrunken, als beschädigt und zerschlagen, was
-nicht beschädigt wurde; sie würden mit ihm verrechnen,
-und dann würde wieder alles gut sein, bis zu einer neuen
-Geschichte. Der Jude selbst würde ihnen den ersten
-»Friedenstrunk« umsonst anbieten, sie würden sich aussöhnen
-und ihn in seinem Handel unterstützen ... Es
-war ja unmöglich, daß er, der Jude, mit ihnen streiten
-wollte und daß er die Ursache dieser plötzlichen frühen
-Einladung zu ihrem ältesten Offizier war. Vielleicht diese
-Schreiber ... Es dünkt ihnen, als seien dort zwei solche
-Schreiber dabei gewesen, ... »Gerichtsherrchen« ... Nun,
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-das war auch keine besondere Sache! Die Soldaten haben
-sie noch überall gezaust! Sind auch nicht mehr wert, dieses
-bestechliche Unkraut! Wenn sie nur nicht einen von ihnen
-die Nase oder die Ohren abgehauen hatten! Das wäre
-garstig, was einmal abgehauen ist, kann man nicht wieder
-ansetzen ... Aber Gott ist gnädig, sie haben schon andere
-Dinge gemacht, so wird auch dies vorübergehen. Wozu
-braucht auch ein Schreiber eine Nase? &mdash; Doch nur um
-Tabak zu schnupfen und das Aktenpapier damit zu bestreuen.
-Der »Chabar« ist doch kein Braten, er wird ihn
-auch so, ohne Nase riechen. Man wird sich natürlich zusammentun
-müssen und bezahlen, aber allen zusammen
-wird es nicht schwer fallen ...
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-12">
-ZWÖLFTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>n solchen oder ungefähr ähnlichen Erwägungen zogen
-die Offiziere ziemlich unbekümmert zum Quartier
-ihres ältesten Kameraden und betraten guten Mutes das
-geräumige, aber niedrige Zimmer in dem kleinrussischen
-Häuschen. Aber jetzt merkten sie mit einem Male, daß
-die Sache durchaus nicht gut stand. Der Rittmeister kam
-ihnen nicht kameradschaftlich entgegen, in seinem gestreiften
-Morgenrock, mit der Pfeife in den Zähnen, sondern
-die Tür zu seinem Kabinett war geschlossen, &mdash; das
-heißt, er wollte warten, bis alle versammelt wären, dann
-würde er herauskommen und zu allen zusammen sprechen.
-</p>
-
-<p>
-Diese offizielle Form versprach nichts Gutes, und die
-eingetretenen Offiziere schauten einander an, dämpften
-ihren Ton zu einem halben Flüstern, und einer fragte den
-andern:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-»Nun, was ist denn das? Was haben wir denn gestern
-angestellt?«
-</p>
-
-<p>
-Einer von ihnen hatte auf der Straße etwas von einem
-Porträt sprechen hören.
-</p>
-
-<p>
-»Porträt, Porträt? ... Was für ein Porträt?«
-</p>
-
-<p>
-Keiner konnte sich erinnern.
-</p>
-
-<p>
-Aber jetzt öffnete sich plötzlich die Tür, und aus dem
-Kabinett trat der Rittmeister, in Uniform mit Epauletten,
-mit fest geschlossenem Mund. Er begrüßte sie nicht und
-begann seine Rede mit Worten, wie sie Gogol viel später
-seinem Skwosnik-Dmuchanowskij in den Mund gelegt
-hat:
-</p>
-
-<p>
-»Ich habe Sie hieher gerufen, meine Herren, um Ihnen
-eine unangenehme Mitteilung zu machen: gegen Sie ist
-bei der Zivilbehörde Klage eingereicht worden, und ich
-wurde vom Stadtamt davon benachrichtigt; ich muß Sie
-<a id="corr-18"></a>arrestieren. Geben Sie mir bitte Ihre Säbel, und wollen
-Sie mir sofort aufrichtig erklären: was haben Sie gestern
-abend in dem Laden getan?«
-</p>
-
-<p>
-Die Offiziere nahmen widerspruchslos ihre Säbel ab
-und übergaben sie dem Schwadronschef, aber bezüglich
-der »aufrichtigen Erklärung« antworteten sie, sie wären
-selber froh, wenn sie wüßten, was sie eigentlich getan
-hätten, aber sie könnten sich dessen nicht mehr entsinnen.
-</p>
-
-<p>
-Der Rittmeister zog die Brauen zusammen und entgegnete
-noch schärfer:
-</p>
-
-<p>
-»Ich bitte Sie nicht zu scherzen, ich spreche mit Ihnen
-dienstlich, als Ihr Ältester!«
-</p>
-
-<p>
-»Das ist kein Scherz«, erwiderte einer der Angeklagten,
-»wir erinnern uns, bei Gott, nicht mehr.«
-</p>
-
-<p>
-»Aber erlauben Sie!«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-»Der Tag war gestern heiß, wir gingen zufällig hinein, ...
-und tranken dort im Kühlen Wermutwein ... hatten dann
-irgendeinen Streit mit den Juden ... haben aber nichts
-Böses im Sinn gehabt ... Es waren sogar noch zwei Schreiber
-dort, die alles sehen konnten ...«
-</p>
-
-<p>
-»Das ist es ... die zwei Schreiber! Darum handelt es
-sich auch. Diese beiden Schreiber konnten in der Tat
-alles sehen, und haben es auch gesehen. Wie werden Sie
-sich ihnen gegenüber rechtfertigen? Eine solche Schande
-für unseren Stand!«
-</p>
-
-<p>
-»Aber worin rechtfertigen? ... Sagen Sie es uns bitte!«
-erwiderten die Offiziere.
-</p>
-
-<p>
-»Ja, Sie haben sich ihnen gegenüber zu rechtfertigen«,
-rief der Rittmeister, zog aus seiner Tasche ein vierfach
-zusammengefaltetes Blatt Papier und begann die ihm von
-der Stadtverwaltung amtlich zugestellte Kopie des Berichtes
-der Schreiber zu verlesen, in dem stand, wie die
-Herren Offiziere das Porträt durch das Werfen von Gabeln
-beschädigt hatten, während die am Orte des Vergehens
-anwesenden Gerichtsschreiber, »die in ihren
-Herzen Gottesfurcht und Liebe zum Allerhöchsten
-hatten«, die ganze Zeit auf den Knien lagen, so daß sie
-sich auf dem Fußboden ihre einzigen Hosen durchscheuerten,
-weshalb sie jetzt der Möglichkeit beraubt
-seien, ihren dienstlichen Obliegenheiten nachzugehen.
-Sie protestierten daher amtlich gegen den ganzen beschriebenen
-Unfug der Offiziere und bäten, für die Beschädigung
-der Hosen von den Angeklagten für jeden von ihnen
-zwanzig Rubel in Assignaten zu erheben.
-</p>
-
-<p>
-Der Rittmeister hatte zu Ende gelesen, pfiff der Ordonnanz
-und befahl, das Porträt aus seinem Schlafzimmer
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-herzubringen, damit die Offiziere mit eigenen Augen die
-Spuren ihres gestrigen Zeitvertreibes sehen könnten. Nun
-wurden sie starr.
-</p>
-
-<p>
-Inzwischen hatte der Rittmeister seinen Waffenrock
-ausgezogen und nur die Halsbinde anbehalten, setzte
-sich an den Tisch, steckte die Hände in die Hosenträger
-aus Kamelgarn und sagte in verändertem Ton:
-</p>
-
-<p>
-»Meine Herren, die Sache steht schlecht. Sie sieht sehr
-häßlich aus, weil man aus ihr weiß der Teufel was alles
-machen kann. Diese elenden Federfuchser, diese dreckigen
-Gerichtsschreiber wagen es, gegen Offiziere aufzutreten.
-Ich habe mit Ihnen soeben als Ihr Dienstältester gesprochen,
-aber jetzt spreche ich als Kamerad. Der Sache
-ihren Lauf zu lassen ist unmöglich, man muß ihr durch
-Schnelligkeit und militärisch aufrichtige Offenheit zuvorkommen,
-wie es sich für Edelleute geziemt. Ob es hilft
-oder nicht, jedenfalls muß man offen und ehrenhaft handeln.
-Setzen Sie sich bitte, rauchen Sie eine Pfeife, und
-lassen Sie uns nachdenken. Meine Meinung ist die: das
-Unheil ist einmal geschehen, daran läßt sich nichts
-ändern. Man muß den Umstand ausnützen, daß die Post
-nach Perejaslaw gestern abgegangen ist und erst in drei
-Tagen wieder geht. Das ist Ihr Glück. Ich habe Ihnen
-Ihre Säbel abgenommen; wählen Sie nun zwei Kameraden,
-die möglichst schnell zum Oberst reiten und ihm
-alles aufrichtig erzählen. Er ist mit dem Gouverneur gut
-bekannt und kann Ihnen helfen.«
-</p>
-
-<p>
-Einen besseren Plan vermochten sie gar nicht auszudenken,
-und zwei Stunden später sprengten zwei Offiziere
-aus Pirjatin nach Perejaslaw; auf dem Wege lag Farbowanaja.
-Nach der Hitze und Schwüle war ein Gewitter
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-losgebrochen, und es schüttete vom Himmel wie mit
-Kübeln, als auf einmal vor den Offizieren in den Strömen
-Wassers, wie eine Blase aus dem Boden ein Kleinrusse
-auftauchte.
-</p>
-
-<p>
-»Was fahren da für Leute mit Schellen und was wollt
-ihr?«
-</p>
-
-<p>
-»Wir sind Offiziere und reisen in eigenen Angelegenheiten.«
-</p>
-
-<p>
-»Wenn ihr in eigenen Angelegenheiten reist, so kommt
-zu unserem Pan Wischnewskij.«
-</p>
-
-<p>
-Die Offiziere wollten nicht, aber der Kleinrusse redete
-ihnen zu:
-</p>
-
-<p>
-»Es ist einmal so ... So ist der Brauch!«
-</p>
-
-<p>
-Sie fuhren hin, um den Regen und das Gewitter abzuwarten,
-und Stepan Iwanowitsch empfing sie erfreut, bewirtete
-sie mit Essen und Trinken und fragte:
-</p>
-
-<p>
-»Eilen Sie, meine Herrn, wohl oder übel, oder zu
-Ihrem Vergnügen bei diesem Wetter weiter?«
-</p>
-
-<p>
-Die Offiziere antworteten im Stile der Märchen, daß
-sie wohl oder übel reisten, und auch zu ihrem Vergnügen.
-</p>
-
-<p>
-»Nun, was ist es für eine Sache? Vielleicht kann ich
-Ihnen behilflich sein, so daß Ihre Reise nicht mehr notwendig
-ist.«
-</p>
-
-<p>
-Sie seufzten und sagten:
-</p>
-
-<p>
-»Nein, unsere Angelegenheit ist so schwerwiegend,
-daß vielleicht nur noch der Oberst beim Gouverneur
-Fürbitte einlegen kann.«
-</p>
-
-<p>
-»Nun, wenn schon, &mdash; was hat der Gouverneur zu
-sagen? Ich frage doch nicht aus leerer Neugier.«
-</p>
-
-<p>
-Die Offiziere erzählten ihm alles.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-Wischnewskij fuhr sich mit gespreizten Fingern über
-den Scheitel, räusperte sich und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Der Gouverneur hat mit der Sache gar nichts zu tun,
-und Sie brauchen deshalb nicht nach Perejaslaw. Niemand
-kann Ihnen helfen, wenn man der Sache nicht eine richtige
-Wendung gibt.«
-</p>
-
-<p>
-»Aber wie kann man ihr eine richtige Wendung
-geben?«
-</p>
-
-<p>
-Stepan Iwanowitsch fuhr sich wieder mit den Fingern
-über den Scheitel, räusperte sich und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Ja, ich sehe, daß Sie zwar alle Moskowiter sind und
-eine Lektion verdienen, aber Sie haben die Sache unrichtig
-angefangen und können sie ganz verderben, wenn Sie zu
-Ihrem Vorgesetzten reisen. Sie nützen sich selbst durch
-Ihre Offenheit nichts und machen Ihrer Obrigkeit nur
-Schwierigkeiten; deshalb verhafte ich Sie bis morgen. Ich
-habe das Recht, Sie zu verhaften, da Sie mir selbst gestanden
-haben, daß Sie entflohen sind und auch keine
-Säbel haben. Ich bitte Sie, sich in den Flügel zu begeben,
-dort ist alles für Sie bereit, und schlafen Sie gut. Morgen
-früh werden wir dann Ihrer Angelegenheit die richtige
-Wendung geben, die sie braucht.«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-13">
-DREIZEHNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>ie Offiziere sagten zu, dachten, es sei kein großes
-Unglück bis zum Morgen zu warten, und fügten
-sich ihrem eigenwilligen Gastgeber. Sie gingen in den
-Flügel, aber der Pan von Farbowanaja rief den Haiduken
-Prokop, befahl ihm, sich in den Wagen zu setzen und
-nach Pirjatin zu fahren, dort die beiden Gerichtsherrchen
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-aufzufinden und sie um jeden Preis am Morgen nach
-Farbowanaja zu bringen.
-</p>
-
-<p>
-Der Haiduk eilte davon, suchte die Schreiber auf und
-sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Mit meinem Pan Wischnewskij steht es schlecht. Es
-geht ihm so elend, daß ich nicht weiß, ob er den Abend
-noch erlebt. Jetzt will er sein Testament machen und hat
-mich hergeschickt, um euch zu bitten, daß ihr gleich euer
-Schreibzeug nehmt und mit mir fahrt, um als Zeugen zu
-unterschreiben. Ihr bekommt ein gutes Chabar dafür.«
-</p>
-
-<p>
-Die Schreiber wußten, daß Wischnewskij noch nie
-krank war, aber wenn solche Leute krank werden, so geht
-es auf den Tod.
-</p>
-
-<p>
-Sie dachten: »Sicher stirbt er, und wir verschreiben uns
-etwas im Testament. Er ist so krank, daß er es nicht
-merkt.«
-</p>
-
-<p>
-So nahmen sie mit Freuden ihre Sachen und fuhren ab.
-Als Stepan Iwanowitsch eben erwachte, standen sie schon
-auf seiner Freitreppe.
-</p>
-
-<p>
-Stepan Iwanowitsch machte für diese Gäste eine kleine
-Abweichung von seiner Empfangsetikette. Ins Haus ließ
-er sie natürlich nicht ein, aber er befahl, ihnen ein kleines
-Tischchen und für die beiden nur einen Stuhl hinauszubringen,
-damit sie nicht wagen sollten, vor ihm zu sitzen.
-</p>
-
-<p>
-Dann ging er in einer Mütze mit großem Schirm zu
-ihnen hinaus und begann die Unterhandlung.
-</p>
-
-<p>
-»Mein Haiduk,« sagte er, »hat euch vorgemacht, daß
-ich sterbe. Aber, so Gott will, hat es damit noch Zeit, und
-dann werde ich mir für mein Testament andere, ehrlichere
-Zeugen als euch holen. Ich habe euch aber zu eurem
-eignen Wohl herbringen lassen ...«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-Sie machten große Augen.
-</p>
-
-<p>
-»Was habt ihr, Verfluchte, vorgestern beim Juden im
-Keller getrieben? He?«
-</p>
-
-<p>
-Das Staunen der Schreiber wuchs.
-</p>
-
-<p>
-»Erlauben Sie, wer hat es Ihnen erzählt? ... Wir haben
-nichts getrieben, sondern die Offiziere ...«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, ja, ich weiß alles. Darum tut ihr mir auch leid:
-Ihr Dummköpfe habt euch ausgedacht, eure Schuld auf
-die Offiziere abzuwälzen, als wenn euch das etwas nützen
-würde. Ihr habt nur das eine nicht bedacht, daß die Offiziere
-sieben Leute sind, die bezeugen, daß ihr das Porträt
-beschädigt habt, und daß ihr gegen sie nur zwei seid ...
-Wer wird euch da Glauben schenken?«
-</p>
-
-<p>
-»Erlauben Sie, aber wir ...«
-</p>
-
-<p>
-»Nichts, keine Dummheiten reden ...« unterbrach sie
-Wischnewskij, »ich weiß alles, &mdash; ich bin über alles unterrichtet.
-Ihr habt euch ausgeheckt, eine Anzeige zu schreiben,
-und während eure Denunziation noch unterwegs
-ist, sind die Offiziere schon nach Perejaslaw, nach Poltawa
-und Kiew geritten. Ich habe sie, Gott sei Dank, abgefangen
-und bei mir festgehalten. Sie sind ihrer sieben Mann,
-und alle haben gesehen, wie ihr die Gabeln geworfen
-habt.«
-</p>
-
-<p>
-»Aber erlauben Sie, wann haben wir die Gabeln geworfen?«
-</p>
-
-<p>
-»Nichts da«, schnitt ihnen Wischnewskij das Wort ab.
-»Ihr seid zwei, und sie sind sieben, und ihr könnt euch
-nicht herauswinden. Zudem sind sie angesehenere Leute
-als ihr, sind hochgeborne Adelige, und was seid ihr? &mdash;
-Dahergelaufene Schreiber, Unkraut.«
-</p>
-
-<p>
-»Aber wir sind doch im Recht ...«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-»Tja, was heißt das, Recht haben gegen Moskowiter!
-Sie sind ihrer sieben, und ihr seid zwei. Und wißt ihr
-vielleicht nicht, daß bei uns die ganze hohe Obrigkeit
-moskowitisch ist? Zudem werden die Teufelsjuden sie
-bestimmt unterstützen und sagen, sie hätten gesehen, wie
-ihr die Messer geworfen habt.«
-</p>
-
-<p>
-»Aber bedenken Sie doch, Pan, die Juden sind ja
-Schelme.«
-</p>
-
-<p>
-»Wer sagt denn, sie seien keine Schelme? Aber sie
-werden gegen euch aussagen. Und deshalb ist es mir auch
-um euch leid, daß ihr in solche Drangsal geraten seid.«
-</p>
-
-<p>
-Die Schreiber, die in den Formen der Rechtsprechung
-bewandert waren, sahen, daß ihre Sache, hol&rsquo;s der Teufel,
-in der Tat schlecht stand, daß sie durchaus keine Chancen
-für sich hatten, ja daß vielleicht sogar die ganze Schuld
-auf sie fallen könne.
-</p>
-
-<p>
-»Sie sind sieben ... und wir sind zwei ...«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, und dazu die Juden ... es kann wohl sein ...«
-</p>
-
-<p>
-»Was sollen wir nun tun, Euer Gnaden?«
-</p>
-
-<p>
-»Was ich euch lehren werde. Setze sich einer von euch
-her und schreibe, was ich ihm sage.«
-</p>
-
-<p>
-Stepan Iwanowitsch diktierte, und das Schreiben begann:
-</p>
-
-<p>
-»Da wir von Natur aus unverständig sind, und unser
-Gewissen durch die Schmiergelder verfinstert ist ...«
-</p>
-
-<p>
-Der Schreibende hielt inne, aber Wischnewskij fuhr
-ihn an:
-</p>
-
-<p>
-»Schreibe, schreibe! Das ist notwendig so.«
-</p>
-
-<p>
-... »Verfinstert ist, gingen wir Gerichtskopisten in den
-Keller bei dem jüdischen Laden, betranken uns bis zur
-Bewußtlosigkeit und fingen an, uns über die Verteilung
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-der Schmiergelder zu streiten. Wir warfen aufeinander mit
-Gabeln, aber weil wir sehr betrunken waren, fuhren sie
-aus Unvorsichtigkeit in das Porträt ...«
-</p>
-
-<p>
-Der Schreibende zögerte wieder, aber Stepan Iwanowitsch
-gab ihm einen Stoß in den Rücken. Jener fuhr
-sogleich fort und schrieb den ganzen Akt zu Ende, in dem
-er seine unfreiwillige Schuld bekannte und gestand, sie
-hätten aus Furcht beschlossen, ihre Schuld auf die Offiziere
-zu schieben, in der Annahme, daß ihnen als Kriegsleuten
-nichts geschehen werde. Aber jetzt, im Gefühl ihrer
-Versündigung und im Gedanken an ihre dereinstige Todesstunde,
-bereuten sie es und bäten die Offiziere, ihnen
-zu verzeihen und von der Anzeige Abstand zu nehmen.
-Aber für ihre in betrunkenem Zustande begangene Verfehlung,
-bäten sie selbst den Pan Wischnewskij, sie auf
-seinem Gute Farbowanaja väterlich mit Ruten züchtigen
-lassen zu wollen, worauf dann Wischnewskij die Güte
-haben werde, sich zu verwenden, daß die Sache keine
-weiteren Folgen habe.
-</p>
-
-<p>
-»Aber wofür, Euer Gnaden, wofür uns züchtigen?«
-</p>
-
-<p>
-»Das steht nur so auf dem Papier.«
-</p>
-
-<p>
-Sie unterschrieben es, dann unterschrieb Wischnewskij
-und ließ die Offiziere rufen.
-</p>
-
-<p>
-»Und Sie, meine Herren,« sagte er, »unterschreiben
-Sie es auch, daß Sie einverstanden sind, ihnen, auch im
-Namen Ihrer Kameraden, zu verzeihen und daß Sie als
-Soldaten großmütig sein wollen und die Angelegenheit
-nicht weiter verfolgen werden.«
-</p>
-
-<p>
-Die Offiziere unterschrieben.
-</p>
-
-<p>
-»Jetzt ist alles erledigt,« sagte Stepan Iwanowitsch und
-steckte das Papier in die Tasche. »Und nun,« fügte er,
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-sich an seine Leute wendend, hinzu, »führt diese Herrchen
-in den Pferdestall und gebt ihnen dort eine tüchtige
-Portion Ruten.«
-</p>
-
-<p>
-»Erlauben Sie, was heißt denn das?«
-</p>
-
-<p>
-»Was das heißt? Das heißt, daß es hier geschrieben
-ist. Ihr wollt jetzt schon das Geschriebene anfechten?
-Ehe! Feine Herrchen. Gebt ihnen ihre Ruten, Jungens!«
-</p>
-
-<p>
-Und man züchtigte sie mit Ruten.
-</p>
-
-<p>
-Es wird erzählt, daß man diese Schreiber später noch
-lange fragte, wie es ihnen zumute war, als sie in Farbowanaja
-»gefarbowalkt« wurden.
-</p>
-
-<p>
-Der Kommandeur kam selbst zu Stepan Iwanowitsch
-nach Farbowanaja gefahren, und wenn er es auch nicht aussprach,
-so drückte er doch indirekt seine Anerkennung
-für diese Findigkeit und »die richtige Wendung der Angelegenheit«
-aus.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-14">
-VIERZEHNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>uch in seinen eigenen Angelegenheiten war Stepan
-Iwanowitsch weitblickend und verfiel nur dann in
-Fehler, wenn die Liebesleidenschaft seinen Blick trübte.
-Die größte Torheit beging er in einem Fall, der mit jener
-schlanken, zierlichen Gapka Petrunenko zusammenhing,
-zu deren Füßen wir ihn verlassen haben.
-</p>
-
-<p>
-In der Zeit, als Wischnewskij dieses Mädchen liebte,
-stand der Kirche im Dorfe Farbowanaja ein Priester
-namens Platon vor. Er hatte die den Russen ziemlich gemeinsame
-Schwäche, daß er zwar im nüchternen Zustande
-»zu allem wohlweislich schwieg«, betrunken jedoch gern
-plauderte und sogar die ungeschminkte Wahrheit sagte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-Als sich Wischnewskij am nächsten Morgen vom Teppich
-erhoben hatte, teilte er voller Freude Stepanida
-Wassiljewna eine wichtige Neuigkeit mit.
-</p>
-
-<p>
-Gapka spürte in sich ein neues Leben pochen.
-</p>
-
-<p>
-»Und was sie gebiert, soll nicht mehr leibeigen, sondern
-frei sein«, sagte Wischnewskij.
-</p>
-
-<p>
-Dies war ein ungewöhnliches Liebesgeschenk seitens
-Stepan Iwanowitschs, denn die große Menge seiner Kinder
-war sämtlich unter seine »leibeigenen Seelen« eingetragen
-worden und arbeitete rechtschaffen auf den Feldern seines
-Herrengutes.
-</p>
-
-<p>
-Auch Gapka freute sich darüber.
-</p>
-
-<p>
-Eine Stunde später ging sie aus, um Himbeeren zu
-pflücken. Am Gartenzaun begegnete ihr der Priester P.
-Platon, der gerade in seiner aufrichtigen Stimmung war.
-Als er das Mädchen erblickte, sagte er ihr in priesterlichem
-Tone:
-</p>
-
-<p>
-»Was bist du so froh, Mädel? Bist froh und vergnügt,
-pflückst süße Himbeerchen, aber wenn du dein Kindchen
-geboren hast, kriegst du auch deinen Stoß in den
-Rücken.«
-</p>
-
-<p>
-»Warum denn?« Gapka sah ihn von der Seite an und
-wurde mit einem Male verwirrt und traurig, weil sie Wischnewskij,
-wie viele Frauen, die anfangs nur widerstrebend
-seine Geliebten geworden waren, liebgewonnen hatte.
-Gapka fragte, warum man sie denn so ganz bestimmt absetzen
-werde, wenn sie das Kind geboren haben würde.
-</p>
-
-<p>
-»Darum,« antwortete der Geistliche, »weil man auf
-dem Herrenhof ein Kühlein nicht bis zum zweiten Kalb
-behält.«
-</p>
-
-<p>
-Das war die einzige Begründung des P. Platon, aber
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-Gapotschka wurde traurig, besonders infolge des neuen
-ungewohnten Zustandes ihres Organismus, und begann
-bitterlich zu weinen. Aber als verschlossene Kleinrussin
-wollte sie um nichts in der Welt sagen, warum sie weine.
-Stepan Iwanowitsch brachte es schließlich selbst heraus:
-Leute hatten gesehen, wie der Geistliche mit Gapka
-sprach, und hinterbrachten es dem Pan, der sogleich
-seinen geistlichen Vater zur Beichte vor sich rufen ließ
-und ihn fragte:
-</p>
-
-<p>
-»Was hast du Gapka gesagt?«
-</p>
-
-<p>
-Der Geistliche konnte sich nicht entschließen, zu wiederholen,
-was er zu dem Mädchen gesprochen hatte, und
-sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Ich erinnere mich nicht mehr.«
-</p>
-
-<p>
-Wischnewskij wurde wütend und schrie ihn an:
-</p>
-
-<p>
-»Aha, jetzt kenne ich dich: du hast dich an sie herangemacht
-... Hast geglaubt, sie werde mich mit dir vertauschen?«
-</p>
-
-<p>
-»Was denken Sie, Euer Gnaden ...«
-</p>
-
-<p>
-»Nichts &sbquo;Euer Gnaden&lsquo;, meine Gnaden sind dir nur
-so weit gnädig, daß ich, als dein geistlicher Sohn, dich
-nicht prügeln lasse. Aber du sollst fort von hier, und ich
-lasse dich durchs Dorf führen, damit die Leute wissen,
-was für ein Taugenichts du bist.«
-</p>
-
-<p>
-Man packte den Unglücklichen, zog ihn aus, steckte
-ihn in einen alten Getreidesack, aus dessen Schlitz nur
-der Kopf herausschaute, <a id="corr-20"></a>schüttete ihm Flaumfedern über
-den Kopf und führte ihn in diesem Aufzug durch das
-ganze Dorf.
-</p>
-
-<p>
-Der Geistliche fuhr in die Stadt, reichte eine Klage ein
-und bat um seine Versetzung, die er auch erhielt. Für
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-Stepan Iwanowitsch blieb dieser Vorfall im übrigen ohne
-alle unangenehmen Folgen.
-</p>
-
-<p>
-Eine gewisse Vergeltung übte der beleidigte Geistliche
-selbst, aber seine Rache war lächerlich und kam sehr spät.
-Sie wurde erst viele Jahre später offenbar, als Stepan
-Iwanowitsch eine seiner Töchter verheiraten wollte. Er
-forderte damals einen Auszug aus dem Taufregister,
-wo man unerwarteterweise die dumme und ganz sinnlos
-hineinkorrigierte Eintragung fand, daß dem Stepan Iwanowitsch
-und seiner <em>ehelichen</em> Gattin eine <em>uneheliche</em>
-Tochter geboren wurde.
-</p>
-
-<p>
-Es war sinnlos und konnte Stepan Iwanowitsch keinen
-ernstlichen Schaden verursachen, aber es brachte ihn
-schrecklich auf. Wie durfte man sich mit ihm einen solchen
-Scherz erlauben! Und wer? &mdash; Der Pope! Zudem
-konnte er es nicht mehr heimzahlen, weil der Pope P.
-Platon nach Gottes Ratschluß schon früher gestorben war.
-</p>
-
-<p>
-Sonst hätte ihn Stepan Iwanowitsch auch in einem
-anderen Kirchspiel zu finden gewußt ...
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-15">
-FÜNFZEHNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>ergestalt waren die wilden Taten dieses Originals,
-die jetzt in unserer vielgescholtenen Zeit unmöglich
-wären, oder die man heute bestimmt seiner Psychopathie
-zugeschrieben hätte. Selbst Wischnewskijs Geschmack
-und seine Gefühle spiegelten seine seelische Anormalität
-wieder. So hatte er z. B. für die Schönheit der Natur nichts
-übrig und liebte ausschließlich die Nacht und die Effekte
-der Gewitter. In der Tierwelt liebte er nur Tauben und
-Pferde. Die Tauben liebte er, weil sie sich »küssen«, und
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-die Pferde, weil sie Schnelligkeit und eine Stimme haben
-... ja, so außerordentlich liebte er die »Pferdestimme«,
-d. h. ihr Wiehern. Um sich das erstere seiner Vergnügen
-zu verschaffen, hielt er sich vor seinen Fenstern einen
-großen Taubenschlag und ergötzte sich oft ganze Stunden
-daran, zuzusehen, »wie sie sich küßten«. Dann rief er
-Stepanida Wassiljewna zu diesem Schauspiel herbei.
-</p>
-
-<p>
-»Schau, &mdash; sie küssen sich!«
-</p>
-
-<p>
-Des Wieherns halber ritt Stepan Iwanowitsch stets
-Hengste und blieb ganz gleichmütig, wenn sie ein Gespann
-in Unordnung brachten. Daran lag ihm nicht viel,
-wo er aber Pferde wiehern hörte, auf der Straße oder aus
-einem Hause, blieb er sogleich stehen, hielt den Finger
-vor sich und erstarrte ... Kein Musiknarr hat vielleicht
-so leidenschaftlich der Calzolari, Tamberlik oder der
-Patti gelauscht.
-</p>
-
-<p>
-Der Lieblingsanblick Wischnewskijs war seine prachtvolle
-Pferdeherde, unter der ein mächtiger, schöner Hengst
-einhergaloppierte. Hörte Stepan Iwanowitsch sein Wiehern
-selbst aus der Ferne, so hielt er an, und sein Gesicht
-drückte den Ausdruck vollsten Glückes aus. Es schien,
-als ob seine Augen, ungeachtet der räumlichen Entfernung,
-sahen, wie sich das Pferd aufbäumte, die Luft durch
-Nüstern und Zähne einzog und in Leidenschaft glühend
-dahinstürmte.
-</p>
-
-<p>
-»Hörst du es, Stepanida Wassiljewna?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, mein Freund, ich höre.«
-</p>
-
-<p>
-Alles, was ihren Mann erfreute, machte auch sie glücklich,
-und so zeigte sie auch hier Freude, ... und Stepan
-Iwanowitsch wußte es zu schätzen.
-</p>
-
-<p>
-Er war sechzig Jahre alt, als Stepanida Wassiljewna
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-starb. Er beweinte sie sehr, ging dann aber, trotz seines
-schon vorgerückten Alters eine zweite Ehe mit einem
-hübschen achtzehnjährigen kleinrussischen Mädchen aus
-der Familie Gordienko ein. Auch mit dieser Gemahlin
-lebte er glücklich, aber ... er gedachte immer Stepanida
-Wassiljewnas. Trotz ihrer vielen Vorzüge, verstand es seine
-zweite junge Gemahlin nicht, auf all seine Schwächen und
-Sonderlichkeiten einzugehen. Stepan Iwanowitsch zeigte
-ihr die küssenden Tauben nicht und wollte sie auch nicht
-fragen, ob sie es höre, wie der Sultan der Herde seine
-schmetternde Stimme verschwenderisch ertönen ließ, sie
-in Triller auflöste und sie dann um eine Oktave senkte ...
-</p>
-
-<p>
-Wischnewskij hatte einmal versucht, die Aufmerksamkeit
-seiner neuen Frau darauf zu lenken, aber sie hatte
-sich gefühllos gezeigt, &mdash; war nicht einmal aufgestanden
-und hatte nicht gelächelt, sondern nur kalt gesagt:
-</p>
-
-<p>
-»Ja, ich höre, da hat ein Pferd irgendwo gewiehert.«
-Und damit nahm sie ruhig wieder ihre Arbeit auf ...
-</p>
-
-<p>
-Stepan Iwanowitsch sah ein, daß seiner neuen Frau das
-mangelte, was der ersten eigen gewesen war, und zog sie
-nie mehr in den Kreis von Begriffen hinein, die ihr unzugänglich
-waren.
-</p>
-
-<p>
-In Augenblicken seelischer Wallungen seufzte er nur
-auf, suchte mit den Augen das Bildnis Stepanida Wassiljewnas
-und lächelte ihr zu.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-16">
-SECHZEHNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span>it seiner zweiten Gemahlin lebte Wischnewskij noch
-rund zwanzig Jahre, im Genusse unveränderlicher
-Gesundheit, und starb zu Beginn seines neunten Jahrzehntes.
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-Im ganzen war er zweiundachtzig Jahre alt geworden.
-Hinfälliges Greisentum, oder ein langsames,
-allmähliches Dahinsterben blieben ihm erspart. Als seine
-Stunde gekommen war, ging er ganz plötzlich dahin, wie
-eine überreife Himbeere vom Stiele fällt.
-</p>
-
-<p>
-An einem Morgen seines dreiundachtzigsten Jahres,
-im Frühling, wenn in Kleinrußland verschwenderisch der
-Flieder blüht, ritt Stepan Iwanowitsch eine wilde nogaïsche
-Stute zu, die sonst niemanden im Sattel duldete.
-</p>
-
-<p>
-Mit Hilfe seiner ungewöhnlichen Kraft und seiner ungewöhnlichen
-Schwere brachte er die wilde Stute zur
-Erschöpfung. Vom Sattel steigend, übergab er die Zügel
-den Pferdeknechten, trat auf den Balkon und blieb plötzlich
-stehen ...
-</p>
-
-<p>
-Es schien Wischnewskij, als »falle sein Herz«. Er sei
-lange geritten, hätte sich im Sattel geschüttelt, und nun
-sei das Herz abgerissen ... So ganz ohne Schmerz, ohne
-Beschädigung, wie eine überreife Beere fällt. Um ihn war
-es leer, und plötzlich begann sich alles zu verschieben,
-wie Uhrgewichte, deren Seil vom Rad geglitten ist.
-</p>
-
-<p>
-Wischnewskij setzte sich schnell in einen Sessel und
-wollte etwas sagen, aber über seine Lippen kam kein Laut.
-Alles war so schön, ringsum Blüten und Duft. Er sieht
-und hört alles, und begreift ... Da haben eben die Pferdeknechte
-der schweißigen Stute den Sattel abgenommen
-und führen sie längs der schattigen Mauer. Sie ruht aus,
-schüttelt sich, und von dem weißen Schaum, der sie bedeckt,
-fliegen leichte Flocken durch die Luft. Hinter der
-Mauer des Pferdestalls hallt das Stampfen kräftiger Vorderhufe
-auf den Fliesen wider, und es tönt laut und wohlklingend
-wie ein Fagott: I-ha-ha!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-Stepan Iwanowitsch ließ die Augen nach rechts und
-links schweifen ... Sie suchten das Bildnis Stepanida
-Wassiljewnas, aber dann blieben sie an einem blühenden
-Fliederstrauche haften, und er lächelte ...
-</p>
-
-<p>
-Es ist anzunehmen, daß er dort Stepanida Wassiljewna
-selbst mit ihrem länglichen Schubinskij-Gesicht sah, &mdash;
-er fiel vom Stuhl zu ihren Füßen nieder, &mdash; als Toter. In
-jenem anderen Leben haben sich die beiden wohl wiedererkannt.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-4">
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-DER TOUPETKÜNSTLER
-</h2>
-
-<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-1">
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-ERSTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">V</span>iele glauben bei uns, daß der Titel »Künstler« nur
-den Malern und Bildhauern zukommt, und auch
-nur solchen unter ihnen, die ihn von einer Akademie
-verliehen bekommen haben. Unsere berühmten Silberschmiede
-Ssasikow und <a id="corr-21"></a>Owtschinnikow werden von vielen
-für einfache Handwerker gehalten. In anderen Ländern
-ist es sicher nicht so. Heine erzählt von einem Schneider,
-der ein »Künstler« war und »eigene Ideen« hatte, und
-die Damenkleider aus dem Atelier von Worth gelten heute
-als Kunstwerke. Über einen solchen Künstler schrieben
-neulich die Zeitungen, daß er in seinem Schnitt »eine
-ungewöhnliche künstlerische Phantasie« zeige.
-</p>
-
-<p>
-In Amerika wird das Gebiet des künstlerischen Schaffens
-noch viel weiter aufgefaßt. Der berühmte amerikanische
-Schriftsteller <a id="corr-22"></a>Bret Harte erzählt von einem Künstler,
-dessen Objekt Leichen waren: er verlieh den Gesichtern
-der Verstorbenen einen »Ausdruck des Trostes«, der von
-dem mehr oder weniger glückseligen Zustande der entschwebten
-Seele zeugen sollte.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Ausdruck hatte mehrere Abstufungen; ich kann
-mich nur an drei erinnern: 1. »Ruhe«; 2. »erhabene Beschaulichkeit«
-und 3. »Seligkeit des unmittelbaren Verkehrs
-mit dem Herrn«. Die Berühmtheit des Künstlers
-entsprach durchaus der hohen Vollkommenheit seiner
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-Arbeit: sie war ganz kolossal. Leider fiel der Künstler als
-Opfer der rohen Menge, die für die Freiheit des künstlerischen
-Schaffens wenig Verständnis hatte. Er wurde
-gesteinigt, weil er den Ausdruck des »seligen Verkehrs
-mit dem Herrn« dem Gesicht eines verstorbenen Bankiers
-verliehen, der die ganze Stadt ausgeraubt hatte. Die glücklichen
-Erben des Schwindlers hatten dem Verstorbenen
-auf diese Weise ihren Dank bezeugen wollen, dem Künstler
-kostete es aber das Leben ...
-</p>
-
-<p>
-Auch bei uns in Rußland gab es einen Meister auf
-diesem nicht ganz gewöhnlichen Gebiete der Kunst.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-2">
-ZWEITES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>ie Kinderfrau meines jüngsten Bruders war eine
-lange, ausgetrocknete, doch recht proportioniert
-gebaute Alte, namens Ljubow Onissimowna. Sie war in
-ihrer Jugend leibeigene Schauspielerin am Haustheater
-des Grafen Kamenskij zu Orjol gewesen, und alles, was
-ich hier <a id="corr-23"></a>erzähle, hat sich zu Orjol in den Tagen meiner
-Kindheit abgespielt.
-</p>
-
-<p>
-Mein Bruder war um sieben Jahre jünger als ich: als
-er zwei Jahre alt war und von Ljubow Onissimowna gepflegt
-wurde, war ich schon über neun und konnte die
-Geschichten, die sie mir erzählte, gut verstehen.
-</p>
-
-<p>
-Ljubow Onissimowna war damals noch nicht sehr alt,
-hatte aber schon schneeweißes Haar; ihre Gesichtszüge
-waren fein und zart, die schlanke Figur ungewöhnlich
-gut gebaut und graziös, wie bei einem jungen Mädchen.
-</p>
-
-<p>
-Meine Mutter und Tante sagten, wenn sie sie ansahen,
-daß sie in ihrer Jugend wohl wunderschön gewesen sei.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-Sie war von einer grenzenlosen Ehrlichkeit, Sanftheit
-und Empfindsamkeit; sie liebte im Leben alles Tragische,
-trank sich aber zuweilen einen Rausch an.
-</p>
-
-<p>
-Sie führte uns meistens auf den Friedhof bei der Dreifaltigkeitskirche
-spazieren. Sie setzte sich immer auf das
-gleiche armselige, mit einem einfachen Holzkreuz geschmückte
-Grab und erzählte mir oft Geschichten.
-</p>
-
-<p>
-So hörte ich hier von ihr einmal die Geschichte vom
-»Toupetkünstler«.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-3">
-DRITTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>r war Kollege unserer Kinderfrau am Theater; der
-Unterschied lag nur darin, daß sie »auf der Bühne
-Vorstellungen gab und Tänze aufführte«, während er nur
-ein »Toupetkünstler«, d. h. Friseur und Schminkmeister
-war und alle leibeigenen Schauspielerinnen des Grafen
-»anzumalen und zu frisieren« hatte. Er war aber kein alltäglicher
-Meister mit dem Frisierkamm hinter dem Ohr
-und der Büchse mit der Fettschminke in der Hand, sondern
-ein Mann mit eigenen <em>Ideen</em>, mit einem Worte ein
-<em>Künstler</em>.
-</p>
-
-<p>
-Ljubow Onissimowna behauptete, daß niemand so gut
-wie er einem Gesicht »einen Ausdruck« zu verleihen verstand.
-</p>
-
-<p>
-Ich kann heute nicht mehr genau sagen, unter welchem
-von den Grafen Kamenskij diese beiden Künstler gewirkt
-haben. Es sind drei Grafen dieses Namens bekannt, und
-alle drei galten in Orjol als »grausame Tyrannen«. Der
-Feldmarschall Michailo Fedotowisch wurde im Jahre 1809
-von seinen eigenen Bauern wegen seiner Grausamkeit erschlagen;
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-dieser hatte zwei Söhne: Nikolai und Ssergej,
-von denen der erste im Jahre 1811 und der zweite im
-Jahre 1835 gestorben war.
-</p>
-
-<p>
-Als Kind, in den vierziger Jahren, ging ich oft an einem
-riesengroßen, hölzernen Gebäude vorbei, auf dessen
-Fassade mit schwarzer und brauner Farbe falsche Fenster
-gemalt waren und das von einem langen, halb eingefallenen
-Bretterzaun umgeben war. Es war das verrufene
-Herrenhaus des Grafen Kamenskij; gleich daneben befand
-sich auch das Theater. Das letztere stand so, daß man es
-vom Friedhofe an der Dreifaltigkeitskirche aus gut sehen
-konnte, und Ljubow Onissimowna leitete alle ihre Erzählungen
-mit den Worten ein:
-</p>
-
-<p>
-»Schau mal hinüber, mein Lieber ... Siehst du das
-schreckliche Gebäude?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, es ist schrecklich, Kinderfrau!«
-</p>
-
-<p>
-»Nun will ich dir etwas noch Schrecklicheres erzählen.«
-</p>
-
-<p>
-Eine ihrer Erzählungen vom Toupetkünstler Arkadij,
-einem empfindsamen und kühnen jungen Mann, der ihrem
-Herzen nahe stand, will ich hier wiedergeben.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-4">
-VIERTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>rkadij hatte nur die Schauspielerinnen allein »anzumalen
-und zu frisieren«. Für die männlichen Schauspieler
-gab es einen eigenen Friseur, und Arkadij betrat
-nur in jenen seltenen Fällen die Männergarderobe, wenn
-er vom Grafen selbst den Auftrag hatte, jemand »in edelster
-Form anzumalen«. Seine künstlerische Kraft lag darin,
-daß er einem jeden Gesicht die feinsten und verschiedenartigsten
-Ausdrücke zu verleihen verstand.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-»Man läßt ihn kommen,« berichtete Ljubow Onissimowna,
-»und sagt ihm: &sbquo;Dieses Gesicht da soll den und
-den Ausdruck bekommen&lsquo;. Arkadij tritt etwas zurück, läßt
-den Schauspieler oder die Schauspielerin sich vor ihn hinsetzen
-oder hinstellen, kreuzt die Arme auf der Brust und
-denkt eine Weile nach. In solchen Augenblicken war er
-schöner als der schönste Mann, denn er war zwar von
-mittlerem Wuchs, aber so schlank, wie ich es gar nicht
-beschreiben kann, hatte eine feine und stolze Nase, Augen
-voller Engelsgüte und einen dichten Haarschopf, der ihm
-von der Stirne auf die Augen fiel, so daß er zuweilen wie
-durch eine <a id="corr-24"></a>Nebelwolke hindurch blickte.«
-</p>
-
-<p>
-Der Toupetkünstler war, mit einem Wort, ein hübscher
-Mann und »gefiel allen.« Der »Graf selbst« liebte ihn,
-zeichnete ihn vor allen anderen aus, ließ ihm schöne
-Kleider machen, »hielt ihn aber sehr streng«. Er wollte es
-nicht haben, daß Arkadij außer ihm noch irgendeinen
-Menschen rasiere oder frisiere. Arkadij mußte sich daher
-immer im gräflichen Ankleidezimmer aufhalten, außer
-wenn er am Theater beschäftigt war.
-</p>
-
-<p>
-Man ließ ihn sogar nicht in die Kirche zur Beichte und
-zum Abendmahl gehen, denn der Graf selbst glaubte nicht
-an Gott und konnte die Geistlichen nicht leiden. Einmal
-ließ er sogar die Popen von der Borissogljeber Kirche,
-die zu ihm mit dem Kreuze gekommen waren, mit Hunden
-hetzen.
-</p>
-
-<p>
-Der Graf war, berichtete Ljubow Onissimowna, vor
-lauter Bosheit abstoßend häßlich und sah allen wilden
-Tieren zugleich ähnlich. Arkadij verstand aber auch diesem
-tierähnlichen Gesicht, und wenn auch nur für kurze
-Zeit, einen solchen Ausdruck zu verleihen, daß der Graf,
-<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
-wenn er abends in seiner Loge saß, würdiger als mancher
-andere aussah.
-</p>
-
-<p>
-Der »Natur« des Grafen gingen aber, zu seinem großen
-Ärger, am meisten die Würde und der »kriegerische Ausdruck«
-ab.
-</p>
-
-<p>
-Damit ein so unvergleichlicher Künstler wie Arkadij
-niemand andern mit seinen Diensten beglücken könne,
-»mußte er sein Leben lang zu Hause sitzen und bekam
-niemals bares Geld in die Hand«. Er war aber schon über
-fünfundzwanzig Jahre alt, und Ljubow Onissimowna
-stand im neunzehnten. Sie waren natürlich miteinander
-bekannt, und zwischen ihnen waren Beziehungen entstanden,
-die in diesem Alter häufig sind: sie hatten einander
-lieb. Sie konnten aber von ihrer Liebe nur in entfernten
-Andeutungen und nur vor fremden Ohren während
-des Schminkens sprechen.
-</p>
-
-<p>
-Zusammenkünfte unter vier Augen waren unmöglich
-und selbst undenkbar ...
-</p>
-
-<p>
-»Wir Schauspielerinnen,« erzählte Ljubow Onissimowna,
-»wurden ebenso streng überwacht, wie die Ammen
-in vornehmen Häusern: wir standen unter der Aufsicht
-älterer Frauen, welche Kinder hatten; und wenn mit einer
-von uns, Gott behüte, etwas passierte, so wurden jenen
-Frauen die Kinder weggenommen und furchtbaren Martern
-unterzogen.«
-</p>
-
-<p>
-Das Gebot der Keuschheit durfte nur der übertreten,
-der es selbst aufgestellt hatte.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-5">
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-FÜNFTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">L</span>jubow Onissimowna stand um jene Zeit nicht nur in
-der Blüte ihrer jungfräulichen Schönheit, sondern
-auch in der interessantesten Entwicklungsperiode ihres
-vielseitigen Talents: sie sang in den Chören die »Potpourris«,
-tanzte »die ersten Pas in der Chinesischen Gärtnerin«
-und kannte, von einem Drange nach dem Tragischen
-erfüllt, »alle Rollen vom bloßen Zuschauen«.
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß nicht mehr genau, in welchen Jahren sich das
-abspielte. In Orjol wurde der Kaiser (ich weiß nicht recht,
-ob es Alexander Pawlowitsch oder Nikolai Pawlowitsch
-war) erwartet; er sollte in der Stadt übernachten und am
-Abend einer Vorstellung im Theater des Grafen Kamenskij
-beiwohnen.
-</p>
-
-<p>
-Der Graf lud zu dieser Veranstaltung den ganzen Adel
-ein (sein Theater war für Geld überhaupt nicht zugänglich)
-und gab sich Mühe, die Aufführung möglichst glanzvoll
-zu gestalten. Ljubow Onissimowna sollte das »Potpourri«
-singen und die »Chinesische Gärtnerin« tanzen;
-bei der letzten Probe fiel aber eine Kulisse herab und
-verletzte die Schauspielerin, die im Stücke »Die Herzogin
-de Bourblanc« die Hauptrolle spielen sollte, am Fuße.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe noch nie etwas von einem Stück mit diesem
-Titel gehört, aber Ljubow Onissimowna sprach den Namen
-der Heldin so aus, wie ich ihn hier wiedergebe.
-</p>
-
-<p>
-Die Theaterarbeiter, die die Kulisse fallen ließen, bekamen
-im Pferdestall ihre Prügel, die Verletzte wurde in
-ihre Kammer getragen, es gab aber niemand, der die Rolle
-der Herzogin de Bourblanc übernehmen konnte.
-</p>
-
-<p>
-»Ich erklärte mich bereit,« erzählte Ljubow Onissimowna,
-<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
-»diese Rolle zu spielen, denn es gefiel mir so gut,
-wie die Herzogin de Bourblanc ihren Vater auf den Knien
-um Verzeihung bittet und nachher mit aufgelösten Haaren
-stirbt. Ich hatte aber schönes langes blondes Haar, und
-Arkadij verstand es wunderbar zu frisieren.«
-</p>
-
-<p>
-Der Graf war über die unerwartete Bereitwilligkeit
-des Mädchens, die Rolle zu spielen, sehr erfreut und
-sagte dem Regisseur, als dieser bestätigte, daß »<a id="corr-25"></a>Ljuba die
-Rolle nicht verpatzen werde«:
-</p>
-
-<p>
-»Wenn sie die Rolle verpatzt, wirst du es mir mit deinem
-Rücken büßen, ihr aber bringe von mir die Quamarin-Ohrringe.«
-</p>
-
-<p>
-Die »Quamarin-Ohrringe« waren ein ebenso schmeichelhaftes
-wie verhaßtes Geschenk. Ihre Verleihung bedeutete
-die hohe Ehre, für einen Augenblick zur Odaliske
-des Grafen erhoben zu werden. Einige Zeit oder auch
-unmittelbar nach der Verleihung der Ohrringe bekam
-Arkadij den Auftrag, das zum Opfer auserwählte Mädchen
-gleich nach der Vorstellung als »heilige Cäcilie« zu
-kostümieren; das Mädchen wurde ganz weiß gekleidet,
-bekam den Heiligenschein um den Kopf und eine Lilie,
-das Symbol der Unschuld, in die Hand und wurde so in
-die Gemächer des Grafen geschafft.
-</p>
-
-<p>
-»Das kannst du in deinem Alter noch nicht verstehen,«
-sagte die Kinderfrau, »es war aber das Schrecklichste,
-besonders für mich, denn ich sehnte mich damals nur
-nach Arkadij. Also begann ich zu weinen. Ich warf die
-Ohrringe auf den Tisch und konnte mir gar nicht denken,
-wie ich am Abend spielen würde.«
-</p>
-
-<p>
-Um diese selbe Stunde trat auch an Arkadij eine ebenso
-verhängnisvolle Versuchung heran.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-Ein Bruder des Grafen, der immer auf seinem Gute
-lebte, kam in die Stadt, um sich dem Kaiser vorzustellen.
-Dieser Bruder war noch viel häßlicher als der andere:
-er hielt sich ständig auf dem Lande auf, zog nie die Uniform
-an und ließ sich niemals rasieren, weil sein Gesicht
-voller Beulen und Höcker war. Bei dieser außergewöhnlichen
-Gelegenheit mußte er aber die Uniform anlegen,
-sein Äußeres in Ordnung bringen und jenen »kriegerischen
-Ausdruck« annehmen, der damals verlangt wurde.
-</p>
-
-<p>
-Es wurde aber sehr viel verlangt.
-</p>
-
-<p>
-»Heute weiß man gar nicht mehr, wie streng damals
-alles war,« sagte die Kinderfrau. »In allen Dingen wurde
-damals viel auf die Form gesehen, und den vornehmen
-Herren waren wie der Gesichtsausdruck, so auch die Haartracht
-genau vorgeschrieben. Manchem stand aber dieses
-vorschriftsmäßige Aussehen gar nicht: wenn man ihn
-nach der Vorschrift mit dem aufrecht stehenden Schopf
-über der Stirne und den nach vorne gekämmten Haaren
-an den Schläfen frisierte, so sah er wie eine Bauern-Balalaika
-ohne Saiten aus.« Die vornehmen Herren hatten davor
-große Angst. Alles kam auf die Kunst des Friseurs und
-Raseurs an: von der Art und Weise, wie die Stege zwischen
-dem Backenbart und dem Schnurrbart ausrasiert, wie die
-Locken gebrannt und wie sie angeordnet waren, hing der
-ganze Gesichtsausdruck ab. Die Herren vom Zivil hatten
-es, wie die Kinderfrau sagte, viel leichter, denn man
-schenkte ihnen weniger Beachtung und verlangte von
-ihnen nur ein bescheidenes Aussehen; von den Militärpersonen
-verlangte man aber, daß sie den Vorgesetzten
-gegenüber Bescheidenheit und allen anderen Menschen
-gegenüber maßlosen Kampfesmut ausdrückten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-Arkadij verstand aber mit seiner wunderbaren Kunst,
-dem häßlichen und unbedeutenden Gesicht des Grafen
-eben diesen Ausdruck zu verleihen.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-6">
-SECHSTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>er ländliche Graf war noch viel häßlicher als der
-städtische und so furchtbar verwachsen und verroht,
-daß er es auch selbst fühlte. Er hatte aber niemand,
-der sein Äußeres in Stand halten könnte: seinen eigenen
-Friseur hatte er aus lauter Geiz gegen Zins nach Moskau
-entlassen; auch hatte er so viele Höcker im Gesicht, daß
-man ihn unmöglich rasieren konnte, ohne ihm die ganze
-Haut zu zerschinden.
-</p>
-
-<p>
-Er kommt also nach Orjol, beruft zu sich alle Barbiere
-der Stadt und sagt ihnen:
-</p>
-
-<p>
-»Wer von euch mich so herrichten kann, daß ich meinem
-Bruder, dem Grafen Kamenskij gleiche, bekommt zwei
-Dukaten. Für denjenigen aber, der mich dabei schneidet,
-lege ich zwei Pistolen auf den Tisch. Wer seine Sache gut
-macht, kann das Gold nehmen und gehen; wer mir aber
-auch nur ein Pickelchen verletzt oder den Backenbart auch
-nur um ein Haar verschneidet, den töte ich auf der Stelle.«
-</p>
-
-<p>
-Er wollte den Leuten nur Angst machen, denn die Pistolen
-waren gar nicht geladen.
-</p>
-
-<p>
-In Orjol gab es damals nur sehr wenig Barbiere, und
-diese hielten sich meistens in den Bädern auf, um Schröpfköpfe
-und Blutegel anzusetzen, hatten aber weder Geschmack
-noch Phantasie. Das sahen sie auch selbst ein
-und weigerten sich, den Grafen Kamenskij umzuwandeln.
-»Gott sei mit dir und deinem Gold!« dachten sie sich.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-»Was Sie von uns verlangen,« sagen sie ihm, »können
-wir gar nicht machen, denn wir sind nicht wert, eine so
-erhabene Person auch nur anzurühren. Uns fehlen auch
-die richtigen Rasiermesser: wir haben nur gewöhnliche
-russische Messer, für Ihr Gesicht braucht man aber ein
-englisches. Nur des Grafen Barbier Arkadij allein könnte
-so was fertig bringen.«
-</p>
-
-<p>
-Der Graf läßt die städtischen Barbiere hinauswerfen,
-und diese sind froh, daß sie mit heiler Haut davongekommen
-sind. Er selbst aber fährt zu seinem älteren Bruder
-und sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Lieber Bruder, ich komme zu dir mit einer großen
-Bitte: überlasse mir vor dem Abend deinen Arkadij,
-damit er mich in einen ordentlichen Zustand bringt. Ich
-habe mich schon lange nicht rasieren lassen, und die hiesigen
-Barbiere können das nicht machen.«
-</p>
-
-<p>
-Und der Graf antwortet seinem Bruder:
-</p>
-
-<p>
-»Die hiesigen Barbiere taugen selbstverständlich zum
-Teufel. Ich wußte gar nicht, daß es hier welche gibt: ich
-lasse selbst meine Hunde von eigenen Leuten scheren.
-Was aber deine Bitte betrifft, so verlangst du von mir
-etwas Unmögliches; denn ich habe den Eid geleistet, daß
-Arkadij, so lange ich lebe, keinen Menschen außer mir
-anrühren wird. Glaubst du denn, daß ich mein Wort vor
-meinem leibeigenen Sklaven brechen kann?«
-</p>
-
-<p>
-Der andere antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Warum denn nicht? Du hast es so angeordnet und
-kannst es auch selbst wieder abschaffen.«
-</p>
-
-<p>
-Der ältere Graf sagt aber, daß er diese Ansicht sehr
-merkwürdig finde:
-</p>
-
-<p>
-»Wenn ich das tue, was kann ich dann von meinen
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-Leuten verlangen? Arkadij weiß, daß ich es einmal so
-festgesetzt habe, und alle wissen es, dafür wird er auch
-viel besser als die anderen behandelt. Wenn er sich aber
-untersteht, seine Kunst auf jemand andern anzuwenden,
-so muß ich ihn zu Tode prügeln und unter die Rekruten
-stecken.«
-</p>
-
-<p>
-Der Bruder erwidert darauf:
-</p>
-
-<p>
-»Du kannst ja nur das eine von beiden tun: ihn entweder
-zu Tode prügeln oder unter die Rekruten stecken;
-beides zugleich kannst du gar nicht machen.«
-</p>
-
-<p>
-»Gut,« sagt der Ältere, »ich will deinen Wunsch erfüllen.
-Ich werde ihn aber nicht zu Tode, sondern nur halbtot
-prügeln und dann unter die Rekruten stecken.«
-</p>
-
-<p>
-»Ist das dein letztes Wort, Bruder?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, das allerletzte.«
-</p>
-
-<p>
-»Ist das dein einziges Bedenken?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, das einzige.«
-</p>
-
-<p>
-»Dann ist es wunderschön; ich hatte schon geglaubt,
-daß dein leiblicher Bruder dir weniger wert ist als ein
-leibeigener Sklave. Du brauchst also deinen Befehl gar
-nicht aufzuheben, schick mir nur deinen Arkadij, <em>damit
-er mir meinen Pudel schert</em>. Das weitere ist aber
-schon meine Sache.«
-</p>
-
-<p>
-Der Bruder konnte ihm diese Bitte nicht gut abschlagen.
-</p>
-
-<p>
-»Gut,« sagte er, »deinen Pudel darf er wohl scheren.«
-</p>
-
-<p>
-»Das ist alles, was ich brauche.«
-</p>
-
-<p>
-Er drückte dem Bruder die Hand und fuhr heim.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-7">
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-SIEBENTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>as war um die Dämmerstunde im Winter, wo man
-eben die Lampen anzündet.
-</p>
-
-<p>
-Der Graf läßt Arkadij kommen und sagt ihm:
-</p>
-
-<p>
-»Geh zu meinem Bruder ins Haus und scher ihm seinen
-Pudel.«
-</p>
-
-<p>
-Arkadij fragt:
-</p>
-
-<p>
-»Ist das alles, was Sie mir befehlen?«
-</p>
-
-<p>
-»Das ist alles,« sagt der Graf. »Komm aber bald zurück,
-denn du mußt noch die Schauspielerinnen frisieren. Ljuba
-wird heute in drei Rollen spielen, nach dem Theater sollst
-du sie mir aber als heilige Cäcilie einkleiden.«
-</p>
-
-<p>
-Arkadij Iljitsch fiel beinahe um.
-</p>
-
-<p>
-Der Graf fragte:
-</p>
-
-<p>
-»Was hast du denn?«
-</p>
-
-<p>
-Arkadij aber antwortete:
-</p>
-
-<p>
-»Verzeihung, ich bin auf dem Teppich ausgeglitten.«
-</p>
-
-<p>
-Der Graf witterte wohl etwas:
-</p>
-
-<p>
-»Paß auf, daß es kein Unglück gibt!«
-</p>
-
-<p>
-Arkadij war es <a id="corr-26"></a>aber schon so zumute, daß er nicht mehr
-an Glück und Unglück dachte.
-</p>
-
-<p>
-Als er den Befehl hörte, mich als heilige Cäcilie einzukleiden,
-verging ihm Hören und Sehen. Er nahm das
-Lederfutteral mit dem Rasierbesteck und ging hinaus.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-8">
-ACHTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>r kommt zum Bruder des Grafen. Vor dem Spiegel
-brennen schon die Kerzen, und auf dem Tische liegen
-wieder zwei Pistolen und daneben Dukaten, aber
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-nicht zwei, sondern zehn, und die Pistolen sind diesmal
-mit tscherkessischen Kugeln geladen.
-</p>
-
-<p>
-Der Bruder des Grafen sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Ich habe gar keinen Pudel, verlange von dir aber
-folgendes: richte mich so her, daß ich ein mutiges Aussehen
-bekomme. Du kriegst dafür zehn Dukaten; wenn
-du mich aber schneidest, bist du auf der Stelle tot.«
-</p>
-
-<p>
-Arkadij überlegte sich die Sache und machte sich plötzlich
-daran, &mdash; Gott allein weiß, was über ihn gekommen
-war, &mdash; den Bruder des Grafen zu frisieren und zu rasieren.
-Im Nu war er mit seiner Arbeit fertig, steckte das
-Geld in seine Tasche und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Leben Sie wohl.«
-</p>
-
-<p>
-Jener antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Geh! Ich möchte aber nur das eine wissen: wie hast
-du dich dazu entschließen können?«
-</p>
-
-<p>
-Arkadij aber sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Warum ich mich dazu entschlossen habe, das weiß
-nur mein Herz in der Brust.«
-</p>
-
-<p>
-»Oder bist du vielleicht kugelfest oder kennst irgend
-einen Zauber, so daß du selbst die Pistolen nicht fürchtest?«
-</p>
-
-<p>
-»Die Pistolen sind das wenigste, an die habe ich gar
-nicht gedacht.«
-</p>
-
-<p>
-»Was? Wagtest du denn zu denken, daß das Wort
-deines Grafen mehr gilt als das meinige und daß ich dich,
-wenn du mich schneidest, nicht erschieße? Wenn du nicht
-kugelfest bist, so wärest du auf der Stelle tot.«
-</p>
-
-<p>
-Als <a id="corr-27"></a>Arkadij den Namen seines Herrn hörte, fuhr er
-zusammen und sagte wie aus dem Schlafe:
-</p>
-
-<p>
-»Ich bin nicht kugelfest, Gott hat mir aber Vernunft
-<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
-verliehen: noch eh du die Hand nach der Pistole ausstrecktest,
-hätte ich dir mit dem Rasiermesser die Gurgel
-<a id="corr-28"></a>durchschnitten.«
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten stürzt er hinaus und kommt ins
-Theater noch gerade zur rechten Zeit, um mich herzurichten.
-Er zittert am ganzen Leibe, und wie er sich über
-mich beugt, um eine Locke zu wickeln, flüstert er mir zu:
-</p>
-
-<p>
-»Hab nur keine Angst, ich werde dich entführen.«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-9">
-NEUNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>ie Aufführung gelang vortrefflich, denn wir alle
-waren gut abgerichtet und alle Ängste und alle
-Marter gewohnt. Wir machten unsere Sache so gut, wie
-wenn wir aus Stein wären, so daß niemand sehen konnte,
-wie uns dabei zumute war.
-</p>
-
-<p>
-Wir sahen von der Bühne aus den Grafen und seinen
-Bruder: sie waren einander sehr ähnlich. Selbst als sie
-hinter die Kulissen kamen, konnte man sie schwer voneinander
-unterscheiden. Der unsrige war aber auf einmal
-ganz still und sanft geworden. So war er immer vor seinen
-grausamsten Wutausbrüchen.
-</p>
-
-<p>
-Wir zittern alle und bekreuzigen uns:
-</p>
-
-<p>
-»Herr, errette uns und sei uns gnädig! Wen wird diesmal
-sein Zorn treffen?«
-</p>
-
-<p>
-Wir wußten noch nichts von der verzweifelten Tat
-Arkaschas; er selbst aber wußte natürlich, daß er keine
-Gnade zu erwarten hatte und erbleichte, als der Bruder
-des Grafen ihn anblickte und unserm Grafen etwas zuflüsterte:
-Ich hatte aber scharfe Ohren und hörte, was er
-ihm sagte:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
-»Bruder, ich rate dir, nimm dich vor ihm in acht, wenn
-er dich rasiert.«
-</p>
-
-<p>
-Der Unsrige lächelte nur leise.
-</p>
-
-<p>
-Ich glaube, daß auch Arkadij etwas gehört hatte, denn
-er war außer sich vor Aufregung: als er mich für die letzte
-Rolle der Herzogin herrichtete, legte er mir, &mdash; was ihm
-sonst nie passierte, &mdash; so viel Puder an, daß der Franzose,
-der Garderobier, sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Trop beaucoup, trop beaucoup!« Und er nahm mit
-einem Bürstchen den überschüssigen Puder von mir ab.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-10">
-ZEHNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>ls aber die Vorstellung zu Ende war, zog man mir
-das Kleid der Herzogin von Bourblanc aus und
-kleidete mich als Cäcilie ein: es war ein einfaches, weißes
-Gewand ohne Ärmel, das an den Achseln nur von den
-Schleifen gehalten wurde. Wir konnten diese Tracht nicht
-ausstehen. Und nun kommt auch schon Arkadij, um mir
-die Frisur der heiligen Cäcilie zu machen, wie sie auf den
-Bildern dargestellt wird, und mir einen dünnen Reifen
-als Heiligenschein im Haare zu befestigen. Und er sieht,
-daß vor der Türe meiner Kammer sechs Mann stehen.
-Diese sollten ihn, sobald er mit mir fertig ist und aus
-meiner Kammer wieder herauskommt, ergreifen und zum
-Foltern schleppen. Es gab bei uns im Hause Foltern, die
-schlimmer als jeder Tod waren. Es gab da Wippen, Spannböcke
-und die fürchterlichsten Instrumente. Wer das einmal
-durchgemacht, hatte vor gerichtlichen Strafen gar
-keinen Respekt mehr. Unter dem ganzen Hause gab es
-geheime <a id="corr-29"></a>Verliese, wo lebendige Menschen wie die Bären
-<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
-an Ketten saßen. Wenn man vorbeikam, hörte man zuweilen
-die Ketten klirren und die Menschen stöhnen. Die
-Eingekerkerten wollten wohl, daß die Obrigkeit etwas
-davon erfahre; die Obrigkeit wagte aber nicht, für sie
-einzutreten. Viele Leute saßen hier lebenslänglich. Einer
-von ihnen verfaßte, nachdem er viele Jahre gesessen hatte,
-den Vers:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Es kommen die Schlangen und fressen die Augen,</p>
- <p class="line">Und Skorpione das Blut aus den Adern saugen.</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Wenn man an den Kellern vorbeigeht, flüstert man den
-Vers vor sich hin und zittert am ganzen Leibe.
-</p>
-
-<p>
-Manche waren aber neben lebendigen Bären so angekettet,
-daß diese sie gerade noch mit den Tatzen berühren
-konnten.
-</p>
-
-<p>
-Es gelang ihnen aber nicht, Arkadij Iljitsch zum Foltern
-zu holen: als er zu mir in die Kammer trat, packte
-er im gleichen Augenblick den Tisch, schlug das Fenster
-ein, und was weiter geschah, weiß ich nicht mehr ...
-</p>
-
-<p>
-Ich kam zum Bewußtsein, als ich Kälte in den Füßen
-fühlte. Ich will die Beine einziehen und merke, daß ich
-in einen Pelz aus Wolfs- und Bärenfell eingewickelt bin.
-Um mich herum ist es stockfinster, und ich rase auf einer
-Troika dahin ... Ich weiß gar nicht, wohin. Neben mir
-sitzen aber im breiten Schlitten zwei Männer: der eine &mdash;
-es ist Arkadij Iljitsch &mdash; hält mich fest, der andere aber
-treibt die Pferde an ... Der Schnee sprüht nur so unter
-den Hufen der Pferde empor, und der Schlitten schüttelt
-mächtig: wenn wir nicht auf dem Boden des Schlittens
-säßen und uns nicht mit den Händen festhielten, so wären
-wir längst hinausgeflogen.
-</p>
-
-<p>
-Und ich höre sie ängstlich miteinander reden und verstehe
-<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-nur das eine: »Man setzt uns nach! Jage, was du
-jagen kannst!«
-</p>
-
-<p>
-Wie Arkadij Iljitsch sieht, daß ich zum Bewußtsein
-gekommen bin, beugt er sich über mich und sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Ljuba, mein Täubchen! Man jagt uns nach, bist du
-bereit zu sterben, wenn sie uns einholen?«
-</p>
-
-<p>
-Ich antworte, daß ich mit Freuden sterben werde.
-</p>
-
-<p>
-Er hoffte, nach der türkischen Stadt Rustschuk zu entkommen,
-wohin schon viele von unseren Leuten vor dem
-Grafen Kamenskij geflohen waren.
-</p>
-
-<p>
-Wir sausten plötzlich über eine Brücke, in der Ferne
-tauchte etwas wie eine menschliche Behausung auf, und
-wir hörten Hundegebell. Der Kutscher hieb tüchtig auf
-die Pferde ein, warf plötzlich den Schlitten um, Arkadij
-und ich fielen in den Schnee hinaus, der Schlitten, die
-Pferde und der Kutscher waren aber im Nu verschwunden.
-</p>
-
-<p>
-Arkadij sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Fürchte nichts, so muß es sein, denn ich kenne den
-Kutscher, der uns gefahren hat, nicht, und er kennt uns
-nicht. Er hat es für drei Dukaten übernommen, dich zu
-entführen, und muß jetzt an die Rettung seiner eigenen
-Seele denken. Wir sind in Gottes Hand: da ist das Dorf
-Ssuchaja-Orliza, und hier wohnt ein kühner Pope, der die
-gewagtesten Ehen traut und der schon vielen von unseren
-Leuten <a id="corr-30"></a>zur Flucht verholfen hat. Wir geben ihm ein Geschenk,
-er wird uns die Nacht über bei sich behalten und
-morgen trauen; am Abend wird aber der gleiche Kutscher
-wieder kommen, und wir werden uns davonmachen.«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-11">
-<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
-ELFTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>ir klopfen an und treten in den Flur. Der Pope
-selbst läßt uns ein, &mdash; er ist ein kleiner, alter Mann,
-und vorne fehlt ihm ein Zahn. Seine alte Frau macht Licht.
-Wir stürzen ihnen zu Füßen:
-</p>
-
-<p>
-»Rettet uns, laßt uns in die warme Stube ein und versteckt
-uns bis morgen Abend!«
-</p>
-
-<p>
-Der Pope fragt:
-</p>
-
-<p>
-»Habt ihr was gestohlen, oder seid ihr einfach durchgebrannt?«
-</p>
-
-<p>
-»Nichts haben wir gestohlen; wir sind auf der Flucht
-vor dem grausamen Grafen Kamenskij und wollen nach
-der türkischen Stadt Rustschuk, wo nicht wenige von
-unsern Leuten wohnen. Man wird uns nicht finden, wir
-haben aber Geld bei uns und wollen Ihnen für das Übernachten
-einen goldenen Dukaten geben und für das
-Trauen &mdash; drei Dukaten. Wenn Sie es können, trauen Sie
-uns, sonst werden wir uns in Rustschuk trauen lassen.«
-</p>
-
-<p>
-Und jener antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Warum sollte ich es nicht können? Ich kann es sehr
-wohl. Was braucht ihr euer Geld nach Rustschuk zu
-schleppen? Gebt mir für alles zusammen fünf Dukaten,
-und ich werde euch gleich hier zusammenkoppeln.«
-</p>
-
-<p>
-Arkadij gab ihm die fünf Dukaten, und ich nahm mir
-die Quamarin-Ohrringe ab und gab sie der Popenfrau.
-</p>
-
-<p>
-Der Pope nahm das Geld und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Ach, meine Lieben, ich habe schon ganz andere Paare
-getraut, es ist aber nicht gut, daß ihr von des Grafen
-Leuten seid. Und wenn ich auch Pope bin, so habe ich
-doch Angst vor seiner Grausamkeit. Aber ich will es schon
-<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
-machen, komme, was kommen mag. Gebt mir noch einen
-Dukaten, und wenn auch einen beschnittenen, dazu und
-versteckt euch.«
-</p>
-
-<p>
-Arkadij gibt ihm den sechsten Dukaten, sogar einen
-guten, und er sagt zu seiner Popenfrau:
-</p>
-
-<p>
-»Alte, was stehst du noch da? Gib der Entlaufenen
-irgendeinen Rock und eine Jacke, denn es ist <a id="corr-31"></a>eine Schande,
-sie anzuschauen &mdash; sie ist ja nackt.« Dann wollte er uns
-in die Kirche führen und in den Kasten mit Kirchengewändern
-verstecken. Kaum hatte aber die Popenfrau
-begonnen, mich hinter dem Vorhang umzukleiden, als an
-die Türe geklopft wurde.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-12">
-ZWÖLFTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">U</span>ns beiden standen die Herzen still. Der Pope aber
-flüstert Arkadij zu:
-</p>
-
-<p>
-»Mein Lieber, in den Kasten mit den <a id="corr-32"></a>Kirchengewändern
-werdet ihr ja jetzt nicht mehr kommen können, schlüpfe
-aber unter das Federbett.«
-</p>
-
-<p>
-Und zu mir spricht er:
-</p>
-
-<p>
-»Und du, meine Liebe, komm einmal her.«
-</p>
-
-<p>
-Er stellt mich ins Gehäuse der großen Standuhr, sperrte
-es zu und steckte den Schlüssel in die Tasche. Und dann
-geht er die Tür aufmachen. Ich höre, daß es viele Menschen
-sind. Die einen stehen in der Türe, und zweie
-schauen von außen durchs Fenster herein.
-</p>
-
-<p>
-Sieben Mann von den Jägern des Grafen kommen in
-die Stube; alle haben Mordwaffen und Peitschen in der
-Hand und Stricke im Gürtel; der achte im langen Wolfspelz
-und hoher Mütze ist aber der Haushofmeister.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-Das Uhrgehäuse, in dem ich stand, war vorne wie ein
-Gitter durchbrochen und mit altem Tüll bespannt. Durch
-diesen Tüll konnte ich alles sehen.
-</p>
-
-<p>
-Der alte Pope merkt wohl, daß die Sache schlimm
-steht: er zittert vor dem Haushofmeister, bekreuzigt sich
-in einemfort und stammelt:
-</p>
-
-<p>
-»Ach, meine Lieben, meine Lieben! Ich weiß wohl,
-was ihr hier sucht, ich stehe vor dem durchlauchtigsten
-Grafen unschuldig da! Ich bin unschuldig, bei Gott, unschuldig!«
-</p>
-
-<p>
-Während er sich aber bekreuzigt, zeigt er immer mit
-den Fingern über die linke Schulter auf das Uhrgehäuse,
-in dem ich eingesperrt bin.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich bin verloren! &mdash; denke ich mir, wie ich diesen
-Zauber sehe.
-</p>
-
-<p>
-Auch der Haushofmeister verstand den Wink und
-sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Uns ist alles bekannt. Gib mal den Schlüssel von
-dieser Uhr her.«
-</p>
-
-<p>
-Der Pope begann wieder mit den Händen zu fuchteln:
-</p>
-
-<p>
-»Ach, meine Lieben! Verzeiht, straft mich nicht, ich
-habe vergessen, wo ich den Schlüssel habe, bei Gott, ich
-habe es vergessen!«
-</p>
-
-<p>
-Und dabei fährt er sich immer mit der Hand über die
-Tasche.
-</p>
-
-<p>
-Der Haushofmeister merkte auch diesen Zauber. Er
-nahm ihm den Schlüssel aus der Tasche und holte mich
-aus der Uhr heraus.
-</p>
-
-<p>
-»Komm mal heraus, Täubchen,« sagt er mir, »der
-Täuberich wird sich schon von selbst melden.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-Arkascha meldet sich auch gleich: er wirft das Popenbett
-von sich und spricht:
-</p>
-
-<p>
-»Es ist wohl nichts zu machen, ihr habt gewonnen.
-Nun könnt ihr mich wieder zurückbringen und den Folterknechten
-überliefern. Sie aber ist unschuldig: ich habe
-sie mit Gewalt entführt.«
-</p>
-
-<p>
-Dann wendet er sich zum Popen um und spuckt ihm
-nur ins Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-Jener aber sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Meine Lieben, seht ihr, wie er mein Priesteramt und
-meine Treue beschimpft? Meldet es doch dem durchlauchtigsten
-Grafen!«
-</p>
-
-<p>
-Der Haushofmeister antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Hab nur keine Angst: alles wird ihm angerechnet
-werden!« Und er gibt seinen Leuten den Befehl, mich und
-Arkadij hinauszuführen.
-</p>
-
-<p>
-Wir setzten uns in drei Schlitten: in den vorderen
-Schlitten kam der gebundene Arkadij mit den Jägern;
-mich setzte man unter der gleichen Bewachung in den
-letzten Schlitten, und die Übrigen fuhren in der Mitte.
-</p>
-
-<p>
-Als das Volk uns so fahren sah, machte es Platz: alle
-glaubten, daß es ein Hochzeitszug sei.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-13">
-DREIZEHNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>ir waren sehr bald wieder zu Hause. Als wir in
-den Hof einfuhren, war vom ersten Schlitten, auf
-dem man Arkadij gebracht hatte, nichts mehr zu sehen.
-Man sperrte mich in meine alte Kammer und nahm mich
-ins Verhör: wie lange ich mit Arkadij allein gewesen sei?
-</p>
-
-<p>
-Ich sage ihnen:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-»Auch nicht einen Augenblick!«
-</p>
-
-<p>
-Das war mir wohl schon so vom Himmel beschieden,
-daß mich nicht der Geliebte, sondern der Verhaßte bekam.
-Diesem Schicksal entging ich nicht. Als ich in meine
-Kammer zurückkehrte und den Kopf in die Kissen vergrub,
-um mein Unglück zu beweinen, hörte ich von unten
-furchtbares Stöhnen.
-</p>
-
-<p>
-Bei uns war das so eingerichtet: wir Mädchen wohnten
-im ersten Stock des hölzernen Hauses, unten war aber
-ein großes, hohes Zimmer, in dem wir singen und tanzen
-lernten. Oben konnte man alles, was unten vorging, hören.
-Und der Fürst der Hölle, Satanas, gab den Grausamen
-den Gedanken ein, Arkadij gerade unter meiner Kammer
-zu foltern.
-</p>
-
-<p>
-Als ich hörte, wie man ihn peinigte ... stürzte ich zur
-Türe, um zu ihm zu laufen ... Die Türe war aber verschlossen
-... Ich wußte selbst nicht, was ich tun wollte ...
-und ich fiel hin ... Auf dem Boden ist aber alles noch
-viel deutlicher zu hören ... Und ich habe keinen Nagel
-und kein Messer, ich habe gar nichts, um mich zu töten ...
-Und ich nahm meinen Zopf, und wickelte ihn mir um
-den Hals, und ich drehte ihn mir um den Hals, und ich
-drehte ihn immer fester zusammen ... Zuletzt hörte ich
-nur ein Klingen in den Ohren und sah Kreise vor den
-Augen, und alles erstarb in mir ... Und als ich zum Bewußtsein
-kam, sah ich mich an einem Ort, den ich gar
-nicht kannte, in einer großen hellen Stube ... Kälber
-waren um mich her, viele Kälber, mehr als zehn Stück ...
-So freundlich waren sie: das eine nach dem andern kam
-auf mich zu, schnupperte mit kalten Lippen an meiner
-Hand, glaubte wohl, das Euter der Mutter zu saugen ...
-<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
-Ich war auch darum erwacht, weil das so kitzelte ... Ich
-sehe mich um und frage mich: wo bin ich? Und ich sehe:
-eine ältere große Frau kommt herein, ist ganz in blaue
-Leinwand gekleidet, hat ein sauberes Tuch um den Kopf,
-und das Gesicht ist so freundlich und liebevoll.
-</p>
-
-<p>
-Wie die Frau sieht, daß ich zum Bewußtsein gekommen
-bin, fängt sie freundlich zu sprechen an und erzählt mir,
-daß ich mich im Kälberstall am Grafenhause befinde ...
-Siehst du, dort stand dieser Stall &mdash; erklärte <a id="corr-33"></a>Ljubow Onissimowna,
-mit der Hand auf den entferntesten Winkel des
-halbzerfallenen Bretterzaunes zeigend.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-14">
-VIERZEHNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span>an hatte sie auf den Viehhof gebracht, weil man
-glaubte, sie sei verrückt geworden. Geisteskranke
-Leibeigene, die zum Vieh herabgesunken waren, pflegte
-man »zwecks Prüfung« auf den Viehhof zu schaffen, denn
-die Viehwärter, lauter ältere und solide Leute, galten als
-berufen, Geisteskranke zu beobachten.
-</p>
-
-<p>
-Die Frau in blauer Leinwand, bei der Ljubow Onissimowna
-zu sich kam, hieß Drossida und war sehr gutherzig.
-</p>
-
-<p>
-Am Abend &mdash; fuhr die Kinderfrau fort &mdash; machte sie
-mir ein Lager aus frischem Haferstroh. Sie zerfaserte es,
-so daß es so weich wie Daunen war, und sagte mir: »Ich
-will dir alles eröffnen, Mädchen, komme was kommen
-mag. Ich bin aber ebenso wie du und habe nicht immer
-diese blaue Leinwand getragen. Auch ich habe schon ein
-anderes Leben gesehen. Ich mag daran gar nicht zurückdenken,
-dir will ich aber nur dieses sagen: gräme dich
-nicht, daß du auf den Viehhof verbannt worden bist, in
-<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
-der Verbannung ist es viel besser, nimm dich aber vor
-diesem schrecklichen Placon in acht ...«
-</p>
-
-<p>
-Und sie holt aus dem Busentuch ein weißes Fläschchen
-und zeigt es mir.
-</p>
-
-<p>
-Ich frage:
-</p>
-
-<p>
-»Was ist das?«
-</p>
-
-<p>
-Und sie antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Trink es nicht: es ist Schnaps. Ich habe mich einmal
-nicht beherrschen können ... gute Menschen hatten es
-mir gegeben ... Jetzt kann ich ohne den Placon gar nicht
-leben ... Du aber enthalte dich, solange du kannst, und
-verurteile mich nicht, wenn ich ein wenig davon sauge,
-denn es ist mir gar zu weh ums Herz. Du sollst aber noch
-einen Trost im Leben erfahren: Gott hat <em>ihn</em> schon von
-der Tyrannei erlöst ...«
-</p>
-
-<p>
-Ich schrie auf: »Er ist tot!« und griff mich an die Haare.
-Ich erkenne meine Haare nicht: ganz weiß sind sie geworden
-... Was ist das?
-</p>
-
-<p>
-Und sie sagt mir:
-</p>
-
-<p>
-»Erschrecke nicht, deine Haare sind dort, als man dich
-aus deinem Zopf befreite, weiß geworden; er aber lebt
-und ist von der Tyrannei erlöst: der Graf hat ihm eine
-Gnade erwiesen, die noch niemand erlebt hat. Wenn die
-Nacht kommt, werde ich dir alles erzählen, jetzt will ich
-noch ein wenig an meinem Placon saugen ... Das Herz
-brennt mir so ...«
-</p>
-
-<p>
-Und sie sog solange daran, bis sie einschlief.
-</p>
-
-<p>
-Nachts aber, als alle schon schliefen, stand Tantchen
-Drossida wieder auf, ging, ohne Licht zu machen, ans
-Fenster, sog wieder am Placon, versteckte ihn und fragte
-mich leise:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
-»Schläft der Gram oder schläft er nicht?«
-</p>
-
-<p>
-Und ich antwortete:
-</p>
-
-<p>
-»Der Gram schläft nicht.«
-</p>
-
-<p>
-Sie kam an mein Bett und erzählte mir, daß der Graf
-den Arkadij nach der Züchtigung zu sich berufen und
-ihm gesagt habe:
-</p>
-
-<p>
-»Du mußtest alles durchmachen, was ich für dich festgesetzt
-hatte. Da du mein Favorit warst, werde ich dir
-meine Gnade erweisen: morgen stecke ich dich unter die
-Soldaten. Da du aber meinen Bruder, den durchlauchtigsten
-Grafen, trotz seiner Pistolen nicht gefürchtet hast,
-will ich dir den Weg der Ehre eröffnen, &mdash; ich will nicht,
-daß du tiefer als auf der Stufe stehst, auf die du dich selbst
-mit deinem edlen Geiste gestellt hast. Ich will einen Brief
-schreiben, daß man dich sofort in den Krieg schickt, und
-du wirst nicht als gewöhnlicher Soldat, sondern als Sergeant
-kämpfen. Zeige nun deinen Mut. Und du stehst jetzt
-nicht mehr unter meinem Willen, sondern unter dem
-Willen des Zaren.«
-</p>
-
-<p>
-»Jetzt hat er es leichter,« sagte Tantchen Drossida, »und
-hat nichts zu fürchten: jetzt droht ihm nur eine Gefahr:
-in der Schlacht zu fallen; die Tyrannei des Grafen ist er
-aber los.«
-</p>
-
-<p>
-Ich glaubte ihr jedes Wort und träumte drei Jahre lang
-jede Nacht von Arkadij Iljitsch, wie er kämpfte.
-</p>
-
-<p>
-So vergingen die drei Jahre, und Gott war mir gnädig:
-man schickte mich nicht mehr ans Theater, sondern ließ
-mich bei der Tante Drossida im Kälberstall als ihre Gehilfin.
-Hier hatte ich es gut, und die Frau tat mir sehr leid.
-Wenn sie nicht allzuviel getrunken hatte, erzählte sie mir
-nachts Geschichten, und ich hörte ihr gerne zu. Sie konnte
-<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
-sich noch erinnern, wie der alte Graf von seinen eigenen
-Leuten erstochen worden war. Sein Kammerdiener war
-der Haupttäter gewesen, &mdash; die Leute hatten seine Grausamkeit
-einfach nicht länger ertragen können. Ich trank
-aber noch immer nicht und tat mit großer Freude die
-Arbeit für Tantchen Drossida: die Kälbchen waren
-mir wie Kinder. Ich hatte sie so lieb, daß, wenn man eines
-aus dem Stalle nahm, um es für den gräflichen Tisch
-zu schlachten, ich es beim Abschied bekreuzigte und
-dann drei Tage lang beweinte. Fürs Theater taugte ich
-nicht mehr, denn ich konnte nicht mehr richtig die
-Beine bewegen. Einst hatte ich einen wunderschönen
-leichten Gang; auf der Flucht mit Arkadij Iljitsch hatte
-ich mir wohl die Füße erkältet und hatte nicht mehr die
-einstige Kraft in den Spitzen. Ich kleidete mich in die
-gleiche blaue Leinwand wie Drossida, und Gott allein
-weiß, wie ich mein Leben beschlossen hätte. Aber eines
-Abends bei Sonnenuntergang, wie ich in der Stube sitze
-und Garn aufwickele, fliegt zum Fenster ein Steinchen
-herein, und das Steinchen ist in ein Papier eingeschlagen.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-15">
-FÜNFZEHNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch schaue hin, ich schaue her, blicke zum Fenster
-hinaus, &mdash; niemand ist da.
-</p>
-
-<p>
-»Jemand hat wohl den Stein aus der freien Welt hereingeworfen,«
-denke ich mir, »hat aber aus Versehen unser
-Fenster getroffen.« Und ich frage mich: »Soll ich das
-Papier aufmachen oder nicht?« Es ist wohl besser, daß
-ich es aufmache, denn es ist sicher etwas darauf geschrieben.
-Vielleicht eine wichtige Nachricht. Ich kann das
-<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
-Geheimnis für mich behalten und den Stein mit dem Zettel
-demjenigen zuwerfen, für den er bestimmt ist.
-</p>
-
-<p>
-Ich mache das Papier auf, beginne zu lesen, und traue
-meinen Augen nicht ...
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-16">
-SECHZEHNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">U</span>nd ich lese:
-</p>
-
-<p>
-»Meine treue Ljuba! Ich war im Kriege, habe für
-meinen Kaiser gefochten, habe mehr als einmal mein Blut
-vergossen und bin dafür mit dem Offiziersrang und dem
-Adel belohnt worden. Jetzt habe ich Urlaub zur Heilung
-meiner Wunden bekommen und wohne im Gasthofe in
-der Kanonier-Vorstadt. Morgen lege ich alle meine Orden
-und Kreuze an, gehe zum Grafen, gebe ihm mein ganzes
-Geld, die fünfhundert Rubel, die man mir zur Heilung
-meiner Wunden gegeben hat, und bitte ihn, dich freizulassen,
-in der Hoffnung, daß wir uns nun vor dem Altar
-des Höchsten trauen lassen können.«
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und weiter hieß es in dem Briefe, &mdash; fuhr Ljubow
-Onissimowna mit unterdrückter Erregung fort: »Was aber
-die Schmach betrifft, die Sie über sich ergehen lassen
-mußten, so halte ich sie für ein bloßes Unglück und
-rechne sie Ihnen nicht als Sünde und Schwäche an. Gott
-allein mag Sie richten, ich aber empfinde Ihnen gegenüber
-nur Achtung.« Und der Brief ist unterschrieben: »Arkadij
-Iljin.«
-</p>
-
-<p>
-Ljubow Onissimowna verbrannte den Brief sofort im
-Ofen, sagte keinem Menschen etwas davon, selbst der
-Alten nicht, und betete die ganze Nacht zu Gott. Sie
-betete aber nicht für sich, sondern nur für ihn: er war zwar
-<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
-Offizier, mit Wunden und Ehrenzeichen bedeckt, sie konnte
-sich aber gar nicht denken, daß der Graf ihn anders behandeln
-würde, als früher.
-</p>
-
-<p>
-Sie fürchtete einfach, daß man ihn schlagen würde.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-17">
-SIEBZEHNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>m nächsten Morgen führte Ljubow Onissimowna die
-Kälbchen in aller Frühe in die Sonne und gab ihnen
-Milch und eingeweichte Brotrinden. Plötzlich hörte sie
-draußen, hinter dem Zaune, »in der Freiheit« viele Menschen
-rennen und laut sprechen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Was sie sprachen, &mdash; erzählte sie, &mdash; hörte ich nicht,
-aber ihre Worte schnitten mich wie Messer ins Herz. Der
-Mistführer Philipp kam gerade in den Hof gefahren, und
-ich fragte ihn:
-</p>
-
-<p>
-»Filjuschka, Väterchen, hast du nicht gehört, worüber
-die Leute draußen sprechen?«
-</p>
-
-<p>
-Und er antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Sie gehen in die Kanonier-Vorstadt, wo in dieser
-Nacht der Gastwirt einen schlafenden Offizier erstochen
-hat. Er hat ihm die Kehle durchschnitten und fünfhundert
-Rubel von ihm geraubt. Man hat ihn schon ergriffen, er
-war ganz blutig und hatte noch das ganze Geld bei
-sich.«
-</p>
-
-<p>
-Und wie er mir das sagt, falle ich wie tot zu Boden ...
-</p>
-
-<p>
-So war es auch: der Wirt hatte meinen Arkadij Iljitsch
-erstochen ... und man beerdigte ihn hier, in diesem selben
-Grabe, auf dem wir jetzt sitzen ... Er liegt jetzt unter uns,
-in dieser Erde ... Darum führe ich ja euch immer hierher
-spazieren ... Ich habe gar keine Lust, dorthin zu schauen
-<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
-(sie zeigte mit der Hand auf die morschen Ruinen des
-Grafenhauses), möchte nur hier in seiner Nähe sitzen
-und ... einen Tropfen zu seinem Gedächtnis trinken ...
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-18">
-ACHTZEHNTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">L</span>jubow Onissimowna hielt inne &mdash; sie war wohl mit
-ihrer Erzählung zu Ende &mdash; und holte aus der Tasche
-das Fläschchen und sog daran. Ich aber fragte sie:
-</p>
-
-<p>
-»Wer hat denn den berühmten Toupetkünstler hier
-beerdigt?«
-</p>
-
-<p>
-»Der Gouverneur, mein Liebling, der Gouverneur war
-selbst bei der Beerdigung dabei. Wie denn sonst? Er war
-doch Offizier, und der Geistliche und der Diakon nannten
-ihn bei der Totenmesse &sbquo;der Edle Arkadij&lsquo;. Und als man
-den Sarg ins Grab versenkte, gaben die Soldaten blinde
-Schüsse in die Luft ab. Der Gastwirt wurde aber übers
-Jahr auf dem Iljinka-Platze vom Henker mit der Knute bestraft.
-Dreiundvierzig Knutenhiebe bekam er wegen Arkadij
-Iljitsch, blieb aber am Leben und kam mit gebrandmarktem
-Gesicht nach Sibirien. Alle unsere Leute, die
-gerade frei hatten, liefen hin, um zuzuschauen, und die
-Alten, die sich noch erinnerten, wie man den Mörder des
-alten Grafen bestraft hatte, sagten, daß dreiundvierzig
-Schläge viel zu wenig waren: Arkascha war eben von
-einfacher Abstammung; für den Grafen hatte man aber
-hundertundeinen Schlag gegeben. Nach dem Gesetz darf
-man ja keine gerade Zahl von Schlägen geben, es muß
-immer eine ungerade Zahl sein. Damals hatte man sich
-einen Henker aus Tula kommen lassen und ihm vorher
-drei Glas Rum zu trinken gegeben. Er hatte die ersten
-<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
-hundert Schläge nur zur Peinigung gegeben, so daß der
-Verbrecher immer noch am Leben blieb; mit dem hundertersten
-Schlag zerschmetterte er ihm aber das Rückgrat.
-Als man ihn vom Brette aufhob, war er schon halbtot ...
-Man deckte ihn mit einer Bastdecke zu und wollte ihn ins
-Zuchthaus bringen ... Unterwegs gab er den Geist auf.
-Der Henker aus Tula schrie aber noch: &sbquo;Gebt mir noch
-jemand her, alle Leute von Orjol will ich totschlagen!&lsquo;«
-</p>
-
-<p>
-»Nun, waren Sie auch selbst bei der Beerdigung?«
-</p>
-
-<p>
-»Gewiß, wir alle waren dabei: der Graf hatte befohlen,
-daß man alle Leute vom Theater hinführt, damit sie sehen,
-wie weit es einer von den unsrigen bringen kann.«
-</p>
-
-<p>
-»Haben Sie ihn auch im Sarge liegen sehen?«
-</p>
-
-<p>
-»Gewiß! Alle gingen zum Sarge und nahmen von ihm
-Abschied ... Auch ich ging hin ... Er war so verändert, daß
-ich ihn gar nicht wiedererkannt hätte. So blaß und mager
-war er, &mdash; die Leute sagten, er hätte sein ganzes Blut verloren,
-weil ihn der Mörder um Mitternacht erstochen
-hat ... So viel Blut hat er verloren ...«
-</p>
-
-<p>
-Sie hielt inne und wurde nachdenklich.
-</p>
-
-<p>
-»Und Sie,« fragte ich, »wie haben Sie es überstanden?«
-</p>
-
-<p>
-Sie erwachte gleichsam aus ihren Träumen und fuhr
-sich mit der Hand über die Stirn.
-</p>
-
-<p>
-»Wie es mir anfangs zumute war, weiß ich nicht mehr,
-ich weiß auch nicht, wie ich nach Hause kam ... Ich ging
-ja mit allen zusammen vom Friedhof fort, also hat mich
-wohl jemand geführt ... Am Abend sagte mir aber Drossida
-Petrowna:
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;So geht es nicht, du schläfst nicht und liegst wie ein
-Stein da. Das ist nicht gut! Du mußt weinen, damit das
-Herz einen Ausfluß hat.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
-Ich sage ihr drauf:
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Ich kann nicht weinen, Tantchen, &mdash; mein Herz brennt
-wie eine Kohle und hat keinen Ausfluß.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Und sie antwortet:
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Also kannst du dem Placon nicht mehr entgehen.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie schenkte mir aus ihrem Fläschchen ein und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Bisher habe ich dich davon zurückgehalten und es dir
-abgeraten. Jetzt ist aber nichts mehr zu machen: sauge
-daran und lösche die Kohle.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich ihr drauf: &sbquo;Ich habe keine Lust.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Närrchen,&lsquo; sagt sie mir, &sbquo;kein Mensch hat anfangs Lust
-dazu. Der Gram ist bitter, und das Gift ist noch bitterer.
-Wenn man die Kohle mit diesem Gift begießt, erlischt
-sie für eine Weile. Saug schnell daran!&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich trank den ganzen Placon auf einmal aus. Es war
-mir widerlich, ich konnte aber anders nicht einschlafen.
-Und so war es auch in der nächsten Nacht ... Heute
-kann ich ohne ihn nicht mehr auskommen. Habe mir
-selbst einen Placon angeschafft und kaufe mir Schnaps ...
-Und du, liebes Kind, sag der Mama nichts davon: du
-sollst die einfachen Menschen niemals verraten, du sollst
-mit ihnen Mitleid haben, denn sie sind alle Dulder. Und
-wenn wir jetzt nach Hause gehen, werde ich gleich an
-der Ecke ans Fenster der Schenke klopfen ... Wir werden
-nicht hineingehen, ich werde nur den leeren Placon abgeben,
-und man wird mir einen neuen durchs Fenster
-reichen.«
-</p>
-
-<p>
-Ich war gerührt und versprach ihr, keinem Menschen
-von ihrem Placon zu erzählen.
-</p>
-
-<p>
-»Ich danke dir, Lieber, &mdash; sag es niemand: denn ich
-muß ihn haben.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
-Ich sehe sie auch heute noch vor mir: jede Nacht, wenn
-alle im Hause schlafen, steht sie von ihrem Bette auf, so
-leise, daß kein Knöchelchen knackt, sie lauscht und
-schleicht auf ihren langen erkälteten Beinen zum Fenster ...
-Sie steht eine Weile da, sieht sich um und lauscht wieder,
-ob meine Mutter nicht aus dem Schlafzimmer kommt; dann
-höre ich den Hals des »Placons« gegen ihre Zähne klappern
-... Sie nimmt einen Schluck, einen zweiten und
-einen dritten ... So hat sie die Kohle für eine Zeitlang
-gelöscht und eine Totenfeier für ihren Arkascha abgehalten.
-Und dann schlüpft sie wieder unter die Decke,
-und ich höre sie nur leise mit der Nase pfeifen. Sie schläft!
-</p>
-
-<p>
-Eine schrecklichere und herzzerreißendere Totenfeier
-habe ich noch nicht erlebt.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-5">
-<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
-ANLÄSSLICH
-DER KREUTZERSONATE
-</h2>
-
-<p class="subt">
-(Aus dem Nachlaß)
-</p>
-
-<div class="motto-container">
- <div class="motto">
-<p>
-»Jedes Mädchen steht moralisch
-höher, als der Mann, weil sie unvergleichlich
-reiner ist. Ein Mädchen,
-das geheiratet hat, steht
-immer höher, als ihr Mann. Sie
-steht höher als er, als Mädchen und
-auch als Frau in unserm Leben.«
-</p>
-
-<p class="sign">
-L. Tolstoi.
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<h3 class="pbb chapter" id="chapter-5-1">
-<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
-ERSTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span>an begrub Fjodor Michailowitsch Dostojewskij.
-Das Wetter war rauh und trübe. Ich fühlte mich
-an diesem Tage krank und vermochte dem Sarge nur mit
-Mühe bis zum Tor des Newskij-Klosters zu folgen. Vor
-dem Tor herrschte ein großes Gedränge. In der Menge
-hörte man Stöhnen und Schreien. Auf einer Erhöhung
-erschien der Dramendichter Awerkijew und schrie irgendetwas.
-Er hatte eine laute Stimme, aber man konnte seine
-Worte nicht verstehen. Die einen sagten, er wolle Ordnung
-schaffen, und lobten ihn dafür, die anderen ärgerten
-sich über ihn. Ich war unter denen, die keinen Einlaß gefunden
-hatten, und da ich keinen Sinn sah, noch länger
-hier zu bleiben, ging ich nach Hause, trank heißen Tee
-und schlief ein. Von der Kälte und den verschiedenartigen
-Eindrücken fühlte ich mich sehr müde. Ich schlief lange
-und so fest, daß ich zum Mittagessen nicht aufstand. So
-kam ich an jenem Tage nicht dazu, zu Mittag zu essen,
-weil zu der Summe verschiedenartiger Eindrücke noch
-ein neuer, unerwarteter hinzu kam, der mich äußerst erregte.
-</p>
-
-<p>
-In der späten Dämmerung weckte mich mein Mädchen
-und sagte, daß eine unbekannte Dame gekommen sei, die
-nicht weggehen wolle und beharrlich bitte, ich möge sie
-empfangen. Damenbesuche bei unsereinem, einem bejahrten
-<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
-Schriftsteller sind eine ganz gewöhnliche Sache. Zahlreiche
-Damen und Mädchen kommen zu uns, um sich mit
-uns über ihre literarischen Versuche zu beraten oder uns
-um unsere Unterstützung beim Unterbringen ihrer Erzeugnisse
-bei ihnen unbekannten Redaktionen zu bitten.
-Deshalb kamen mir der Besuch der Dame und ihre Hartnäckigkeit
-durchaus nicht erstaunlich vor. Wenn das Leid
-groß ist und die Not nicht weichen will, ist es nicht verwunderlich,
-wenn man hartnäckig wird.
-</p>
-
-<p>
-Ich sagte dem Mädchen, sie solle die Dame ins Arbeitszimmer
-bitten, und machte mich zurecht. Als ich mein
-Kabinett betrat, brannte auf dem großen Tische die Arbeitslampe.
-Ihr heller Schein beleuchtete nur ihn und ließ
-das Zimmer im Halbdunkel. Die unbekannte Dame, die
-mich diesmal besuchte, war mir in der Tat nicht bekannt.
-</p>
-
-<p>
-Als ich sie genauer betrachtete und sie bitten wollte,
-im Sessel Platz zu nehmen, schien es mir, als wiche sie den
-erleuchteten Zimmerstellen aus und trachte danach, im
-Schatten zu bleiben. Das kam mir sonderbar vor. Auf
-solche Weise zieren und genieren sich manchmal schüchterne,
-ungewandte Leute, aber am sonderbarsten erschien
-mir die bevorzugte gesellschaftliche Stellung der Dame,
-die sich mir irgendwie fühlbar mitteilte. Sie war entzückend
-gekleidet, ganz einfach, aber alles an ihr war kostspielig
-und elegant: der reizende Plüschmantel, den sie nicht im
-Vorzimmer abgelegt hatte und während unseres ganzen
-Gespräches anbehielt; das elegante schwarze Hütchen,
-anscheinend kein russisches Erzeugnis, sondern Pariser
-Modell, der hinten geknotete schwarze Schleier, durch
-dessen doppeltes Netz ich nur das weiße, runde Kinn und
-manchmal das Aufleuchten der Augen sehen konnte. Statt
-<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
-mir ihren Namen und den Zweck ihres Besuches zu sagen,
-begann sie mit folgenden Worten:
-</p>
-
-<p>
-»Darf ich darauf rechnen, daß Sie sich für meinen
-Namen nicht interessieren werden?«
-</p>
-
-<p>
-Ich antwortete ihr, daß sie durchaus darauf rechnen
-dürfe. Darauf bat sie, ich möchte mich auf den Stuhl vor
-der Lampe setzen, und schob dann ungeniert den grünen
-Taftschirm an der Lampenglocke so zurecht, daß das ganze
-Licht auf mich fiel und ihr Gesicht im Schatten blieb.
-Dann setzte sie sich selbst an das andere Ende des Tisches
-und fragte von neuem:
-</p>
-
-<p>
-»Sie haben keine Familie?«
-</p>
-
-<p>
-Ich antwortete, sie irre sich nicht, ich sei alleinstehend.
-</p>
-
-<p>
-»Kann ich ganz offen mit Ihnen sprechen?«
-</p>
-
-<p>
-Ich antwortete, daß, wenn sie Vertrauen zu mir habe,
-ich keinen Grund sähe, der sie hindern könnte, zu sprechen,
-wie es ihr beliebe.
-</p>
-
-<p>
-»Wir sind hier allein?«
-</p>
-
-<p>
-»Ganz allein!«
-</p>
-
-<p>
-Die Dame stand auf und machte zwei Schritte in der
-Richtung gegen das anstoßende Zimmer, in dem sich
-meine Bibliothek befand und hinter dem mein Schlafzimmer
-lag. In der Bibliothek brannte eine matte Lampe, bei
-deren Schein man das ganze Zimmer überschauen konnte.
-Ich rührte mich nicht von der Stelle, sagte aber zur Beruhigung
-der Dame, sie sähe doch selbst, daß bei mir
-niemand sei, außer der Bedienung und einer kleinen
-Waise, die bei ihren Erwägungen keinerlei Rolle spielen
-könnten. Hierauf setzte sie sich von neuem auf ihren Platz,
-rückte wieder an dem grünen Schirm und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Sie entschuldigen mich, ich bin in großer Erregung ...,
-<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
-und mein Benehmen mag sonderbar erscheinen, aber
-haben Sie Mitleid mit mir!«
-</p>
-
-<p>
-Ihre Hand, die sie wieder zu dem Taftschirm der Lampe
-erhoben hatte, stak in einem schwarzen Glacéhandschuh
-und zitterte heftig. Statt zu antworten, bot ich ihr Wasser
-an. Sie hielt mich zurück und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Es ist nicht nötig, ich bin nicht so nervös, ich bin zu
-Ihnen gekommen, weil dieses Begräbnis, diese Menschenketten
-..., dieser Mensch, der auf mich einen so außergewöhnlich
-starken, zwingenden Eindruck gemacht hat,
-dieses Gesicht und die Erinnerung an all das, was ich
-zweimal im Leben erzählen mußte, alle meine Gedanken
-verwirrt haben. Wundern Sie sich nicht, daß ich zu
-Ihnen gekommen bin. Ich werde Ihnen erzählen, warum
-ich es getan habe; es macht nichts, daß wir einander nicht
-kennen: ich habe viel von Ihnen gelesen, und vieles war
-mir so sympathisch, so verwandt, daß ich es mir nicht
-versagen kann, mit Ihnen zu sprechen. Vielleicht ist
-das, was ich vorhabe, eine ganz große Dummheit. Ich
-will Sie vorher fragen, und Sie müssen mir aufrichtig
-antworten. Was Sie mir raten, das werde ich tun.«
-</p>
-
-<p>
-Ihre tiefe Altstimme bebte, und ihre Hände, für die sie
-keinen Platz fand, zitterten.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-2">
-ZWEITES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">B</span>esuche und Anliegen dieser Art waren im Laufe
-meines literarischen Lebens, wenn auch nicht gerade
-häufig, kamen aber doch vor.
-</p>
-
-<p>
-Am häufigsten waren es Menschen mit politischem
-Temperament, die ziemlich schwer zu beruhigen sind
-<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
-und denen zu helfen doppelt riskant und unangenehm
-ist, um so mehr, als man in solchen Fällen fast nie weiß,
-mit wem man es zu tun hat. Auch diesmal ging mir zuerst
-durch den Kopf, die Dame möge von politischen
-Leidenschaften umstürmt sein und habe irgendetwas
-vor, was sie unglücklicherweise mir anvertrauen wolle.
-Die Einleitung klang ganz danach, und darum sagte ich
-unangenehm berührt:
-</p>
-
-<p>
-»Ich weiß nicht, worüber Sie sprechen werden. Ich
-wage nicht, Ihnen etwas zu versprechen, aber wenn Ihre
-eigenen Gefühle Sie hergeführt haben, in dem Vertrauen,
-das Ihnen mein Leben und mein Ruf einflößen, so werde
-ich keinenfalls Mißbrauch davon machen, was Sie mir
-anscheinend als Geheimnis anvertrauen wollen.«
-</p>
-
-<p>
-»Ja,« sagte sie, »als Geheimnis, als absolutes Geheimnis,
-und ich bin überzeugt, daß Sie es für sich behalten werden.
-Ich brauche Ihnen nicht zu wiederholen, warum es
-geheim bleiben muß. Ich weiß, daß Sie es fühlen, ich
-kann mich nicht täuschen; Ihr Gesicht sagt es mir deutlicher
-als alle Worte, und zudem habe ich keine andere
-Wahl. Ich wiederhole Ihnen, daß ich bereit bin, eine
-Handlung zu begehen, die mir in diesem Augenblick
-ehrenhaft erscheint, und doch gleich wieder als eine Taktlosigkeit:
-die Wahl muß sofort getroffen werden, in
-diesem Augenblick, sie hängt von Ihnen ab.«
-</p>
-
-<p>
-Ich zweifelte nicht, daß hierauf ein politisches Geständnis
-folgen würde, und sagte unwillig:
-</p>
-
-<p>
-»Ich höre zu.«
-</p>
-
-<p>
-Trotz des doppelten Schleiers fühlte ich den aufmerksamen
-Blick meines Gastes auf mir ruhen, sie sah mich
-unverwandt an und sagte fest:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
-»Ich bin eine ungetreue Frau! Ich betrüge meinen
-Mann.«
-</p>
-
-<p>
-Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß mir bei
-diesem Geständnis eine schwere Last vom Herzen fiel;
-von Politik war anscheinend kein Gedanke.
-</p>
-
-<p>
-»Ich betrüge meinen prächtigen, gütigen Mann. Und
-das sind nun sechs, ... nein, mehr! ..., ich muß die Wahrheit
-sagen, sonst lohnt es sich nicht, zu sprechen ... es
-sind jetzt acht Jahre her ... und dauert noch an ... Es
-begann im dritten Monat meiner Ehe. Etwas schmählicheres
-gibt es in der Welt nicht. Ich bin nicht alt, aber
-ich habe Kinder, verstehen Sie?«
-</p>
-
-<p>
-Ich nickte zustimmend mit dem Kopfe.
-</p>
-
-<p>
-»Sie verstehen, was das heißt. Zweimal in meinem Leben
-kam ich, wie zu Ihnen, zu ihm, den wir heute begraben
-haben und dessen Tod mich ganz durchwühlt, und gestand
-ihm, was mich bewegte. Einmal behandelte er mich
-barsch, das andere Mal zart, wie ein Freund. Wenn ich
-jetzt auch nicht mehr in der Verfassung bin, in der ich
-zu ihm kam, so bitte ich Sie schließlich doch, mir den
-Rat zu geben, den ich brauche. Das schlimmste im Leben
-ist der Betrug, und ich glaube zu fühlen, daß es besser
-ist, seine Niedrigkeit zu bekennen, die Strafe zu tragen,
-demütig und zerknirscht auf die Straße geworfen zu sein, &mdash;
-ich weiß nicht, was mit mir geschehen wird, &mdash; aber ich
-fühle das unbezwingbare Verlangen, hinzugehen und
-meinem Manne alles zu erzählen. Ich fühle dieses Bedürfnis
-seit sechs Jahren. Nach dem Beginn meines Verbrechens
-waren zwei Jahre vergangen, wo ich ihn nicht sah.
-Dann begann es von neuem, wie früher. Sechs Jahre habe
-ich den Vorsatz, es zu sagen, und habe es doch nicht
-<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
-gesagt, aber heute, als ich dem Sarge Dostojewskijs folgte,
-beschloß ich ein Ende zu machen und zwar so, wie Sie
-mir raten werden.«
-</p>
-
-<p>
-Da ich die Geschichte nicht verstanden hatte, schwieg
-ich und konnte ihr durchaus keinen Rat erteilen. Sie sah
-es an meinem Gesichtsausdruck.
-</p>
-
-<p>
-»Sie müssen natürlich mehr wissen. Ich bin nicht gekommen,
-um Rätsel aufzugeben, sondern um zu sprechen,
-um alles auszusprechen. Ich müßte schamlos lügen, wenn
-ich mich rechtfertigen wollte. &mdash; Ich habe niemals Not
-gekannt, ich bin im Wohlstand geboren und lebe im
-Wohlstand. Die Natur hat mir meinen Anteil Verstand
-nicht versagt. Man gab mir eine gute Bildung, und ich
-hatte die Freiheit, meinen Ehegenossen selbst zu wählen, &mdash;
-ich brauche darüber keine Worte zu verlieren. Ich heiratete
-einen Mann, der bis zur Stunde seinen guten Ruf
-mehr als bewahrt hat. Meine Lage war vortrefflich, als
-dieser Mensch, das heißt, ich wollte sagen, mein legitimer
-Gatte, mir seinen Antrag machte. Mir schien es, als gefalle
-er mir, und ich glaubte, daß ich ihn lieben könne;
-keinenfalls dachte ich, daß ich ihn betrügen würde, ihn
-auf die niedrigste Weise betrügen, dabei aber den Ruf
-einer ehrenhaften Frau und guten Mutter genießen würde,
-während ich keine anständige, ja vielleicht eine niederträchtige
-Mutter bin. Zu dem Betrug hat mich der Teufel
-selbst gebracht: wenn Sie wollen, glaube ich an den Teufel
-... Im Leben hängt so viel von den Umständen ab.
-Man sagt, in den Städten sei viel Schmutz, auf dem Lande
-dagegen Reinheit: aber es war auf dem Lande geschehen,
-wo ich mit diesem Menschen, mit diesem verfluchten
-Menschen allein zusammen war, den mein Mann selbst
-<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
-zu mir gebracht und meiner Sorge überlassen hatte. Wenn
-Reue nicht nutzlos wäre, so müßte ich bereuen, müßte
-endlos diese Tat bereuen, die ich meinem Manne zu verdanken
-habe. Aber die Sache trug sich so zu, daß ich
-mich nicht an den Augenblick erinnere, ich erinnere mich
-nur an ein Gewitter, an eines der schrecklichen Gewitter,
-die ich seit meiner Kindheit immer gefürchtet habe. Ich
-liebte ihn damals nicht, ich hatte einfach Angst, und als
-uns in dem großen Saale ein Blitz erhellte, ergriff ich seine
-Hand ... Später, ich habe keine Erinnerung daran, ging
-es weiter. Dann machte er eine Weltreise, kehrte zurück,
-und es begann von neuem: aber jetzt will ich, daß es ein
-Ende nehme, und diesmal für immer. Ich wollte es schon
-mehrmals, aber nie reichte mein Wille aus, es zu ertragen.
-Die Entschlüsse, die ich gefaßt hatte, verflogen immer
-eine Stunde nach seinem Erscheinen, und das Schlimmste
-ist, &mdash; ich will nichts verheimlichen, &mdash; daß nicht er, sondern
-ich die Ursache war: ich selbst sagte und erreichte
-es und ärgerte mich, wenn es mir schwer fiel, es zu erreichen,
-&mdash; und wenn ich dies weiter fortsetze, so wird der
-Betrug, meine Erniedrigung niemals ein Ende haben ...«
-</p>
-
-<p>
-»Was wollen Sie nun tun?« fragte ich.
-</p>
-
-<p>
-»Ich will meinem Manne alles bekennen, ich will es
-unbedingt noch heute tun, wenn ich von Ihnen nach
-Hause komme.«
-</p>
-
-<p>
-Ich fragte sie, wie ihr Mann sei und was für einen
-Charakter er habe.
-</p>
-
-<p>
-»Mein Mann,« antwortete die Dame, »genießt den
-besten Ruf, hat einen guten Posten und ist ziemlich bemittelt;
-alle halten ihn für einen ehrenwerten und edlen
-Menschen.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
-»Und Sie teilen diese Meinung?« fragte ich.
-</p>
-
-<p>
-»Nicht ganz, man schreibt ihm zu viel zu. Er ist allzu
-verständig und ordentlich, aber er hat wenig von dem, was
-man Herz nennt, so ungeschickt diese Bezeichnung auch
-ist, die an die sogenannte Seelenharmonie erinnert, aber
-ich kann es nicht anders sagen. Seine Herzensregungen
-sind abgezirkelt, geregelt, korrekt und eintönig.«
-</p>
-
-<p>
-»Und jener, den Sie lieben?«
-</p>
-
-<p>
-»Was wollen Sie über ihn wissen?«
-</p>
-
-<p>
-»Flößt er Ihnen Achtung ein?«
-</p>
-
-<p>
-»Oh!« rief die Dame und machte eine Bewegung mit
-der Hand.
-</p>
-
-<p>
-»Ich verstehe nicht ganz, was ich von dieser Bewegung
-denken soll?«
-</p>
-
-<p>
-»Sie sollen denken, daß er der herzloseste, elendeste
-Egoist ist, der niemand irgendwelche Achtung einflößt,
-sich nicht einmal die Mühe gibt, es zu tun.«
-</p>
-
-<p>
-»Sie lieben ihn?«
-</p>
-
-<p>
-Sie zuckte die Achseln und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Ich liebe ihn. Wissen Sie, es ist ein seltsames Wort,
-das auf aller Lippen ist und das nur sehr wenige verstehen.
-Lieben ist dasselbe, wie zur Poesie bestimmt sein, oder zur
-Rechtschaffenheit. Nur sehr wenige sind zu diesem Gefühle
-befähigt. Unsere Bäuerinnen gebrauchen an Stelle
-des Wortes lieben das Wort bemitleiden, und sagen nicht:
-er liebt mich, sondern: er bemitleidet mich. Dies ist,
-meiner Ansicht nach, eine viel bessere und auch viel einfachere
-Erklärung. Das Wort lieben-bemitleiden heißt
-eben lieben im alltäglichen Sinne. Und dann gibt es noch:
-sich sehnen. Man sagt: mein Ersehnter, mein lieber Ersehnter
-... verstehen Sie, &mdash; sich sehnen ...«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
-Sie hielt inne und atmete schwer. Ich reichte ihr ein
-Glas Wasser, das sie diesmal aus meinen Händen nahm
-und sich dabei nicht fortwandte, aber sie war anscheinend
-dankbar, daß ich sie nicht genauer anblickte.
-</p>
-
-<p>
-Wir schwiegen beide. Ich wußte nicht, was zu sagen,
-und in ihr war anscheinend der Strom der Aufrichtigkeit
-versiegt. Sichtlich hatte sie alles Wesentliche gesagt, es
-konnten nur mehr Details folgen. Sie erriet meinen Gedanken
-genau und sagte mit leiser Stimme:
-</p>
-
-<p>
-»Nun denn, wenn Sie mir raten, daß ich es meinem
-Manne gestehen soll, so werde ich es tun, aber vielleicht
-können Sie mir etwas anderes sagen? Abgesehen von
-dem, was mir an Ihnen Sympathie und Vertrauen einflößt,
-haben Sie auch Erfahrung, ich bin Ihre aufmerksame
-Leserin. Wir Frauen fühlen auch das, was die berufsmäßigen
-Kritiker nicht fühlen. Sie können, wenn Sie
-wollen, Ihre aufrichtige Meinung sagen: soll oder soll ich
-nicht zu meinem Manne gehen und ihm meine schmachvolle,
-langjährige Sünde gestehen?«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-3">
-DRITTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>ie interessant diese Geschichte auch war, ich fühlte
-doch meine schwierige Lage. Wenn es auch viel
-leichter wäre, eine solche Antwort zu geben, wie sie mein
-Gast forderte, als einen politisch Tätigen zu beruhigen,
-oder ihm einen gewünschten Dienst zu erweisen, so fühlte
-ich doch mein Gewissen hier zu einer sehr ernsten Entscheidung
-berufen. Ich hatte lange genug gelebt und
-genug Frauen gesehen, die ihre Sünden dieser Art kunstvoll
-zu verbergen wußten, oder, wenn sie sie nicht verbargen,
-<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
-sie doch nicht eingestanden. Ich habe auch zwei
-oder drei aufrichtige Frauen gekannt und entsinne mich,
-daß sie mir weniger wahrheitsliebend, als grausam und
-affektiert erschienen. Ich fand dabei immer, daß die Frau
-mit ihrer ganzen Aufrichtigkeit voreilig sei und daß sie
-sich es ordentlich überlegen solle, bevor sie ihr Verbrechen
-dem mitteilt, dem sie damit vielleicht schweres Leid
-zufügt. Ich kümmerte mich niemals darum, wie sich die
-Welt zu dem Innenleben des Einzelnen verhält. Nicht die
-Welt, sondern der Mensch selbst ist mir teuer, und wenn
-ein Leid nicht unbedingt verursacht werden muß, warum
-es dann tun? Wenn die Frau eben solch ein Mensch ist,
-wie der Mann, ein gleichberechtigtes Glied der Gemeinschaft,
-und ihr dieselben Empfindungen zugänglich sind,
-dasselbe menschliche Gefühl wie dem Manne, was auch
-Christus sagt und was die Besten meines Jahrhunderts
-gesagt haben, was jetzt auch Leo Tolstoi sagt und worin
-ich eine unumstößliche Wahrheit fühle, &mdash; weshalb kann
-dann die Frau nicht dasselbe tun, wie der Mann, der
-das <a id="corr-35"></a>Gelübde der Keuschheit der Frau gegenüber, der
-er durch Treue verbunden ist, bricht und schweigt,
-schweigt, obwohl er sein Vergehen fühlt und dadurch
-manchmal die ganze Unwürdigkeit seiner Verfehlungen
-fast ungeschehen macht? Ich bin überzeugt, daß die Frau
-es ebenso tun kann. Zweifellos übersteigt die Zahl der
-Männer, die ihren Frauen untreu sind, die Zahl der untreuen
-Frauen, und die Frauen wissen es. Es gibt nicht
-eine, oder kaum eine Frau, die nach einer mehr oder
-weniger langen Trennung von ihrem Manne die Überzeugung
-hätte, daß der Mann ihr während dieser Trennung
-treu geblieben sei. Dessen ungeachtet vergibt sie ihm
-<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
-nach seiner Rückkehr großmütig. Die Vergebung drückt
-sich darin aus, daß sie gar nicht danach fragt, und seine
-Aufrichtigkeit würde für sie keinen Dienst, sondern eine
-Kränkung bedeuten. Es wäre eine Handlung, durch die
-etwas an den Tag gebracht wird, was sie gar nicht wissen
-will. In der Ungewißheit findet sie die Kraft, ihre Beziehungen
-fortzusetzen, als seien sie nur versehentlich
-unterbrochen gewesen. Ich sehe ein, daß in meinen Betrachtungen
-mehr praktischer Sinn steckt, als abstrakte
-Philosophie oder hohe Moral, aber ich bin trotzdem geneigt,
-so zu denken, wie ich eben denke.
-</p>
-
-<p>
-In dieser Richtung setzte ich also die Unterhaltung mit
-meinem Gaste fort und fragte:
-</p>
-
-<p>
-»Die schlechten Eigenschaften des Menschen, den sie
-lieben, flößen Ihnen doch Verachtung ein?«
-</p>
-
-<p>
-»Eine sehr starke und beständige.«
-</p>
-
-<p>
-»Aber Sie geben sich doch die Mühe, ihn manchmal
-zu rechtfertigen?«
-</p>
-
-<p>
-»Zu meinem Bedauern ist das unmöglich: es gibt für
-ihn keine Rechtfertigung.«
-</p>
-
-<p>
-»Dann erlaube ich mir die Frage: wie steht es mit Ihrer
-Entrüstung über ihn? Bleibt sie stets gleich, oder nimmt
-sie manchmal ab und manchmal zu?«
-</p>
-
-<p>
-»Sie wird immer stärker.«
-</p>
-
-<p>
-»Nun will ich Sie fragen, &mdash; Sie erlauben doch, daß
-ich Sie frage?«
-</p>
-
-<p>
-»Bitte sehr.«
-</p>
-
-<p>
-»Wo befindet sich jetzt Ihr Mann, während Sie bei mir
-sitzen?«
-</p>
-
-<p>
-»Zu Hause.«
-</p>
-
-<p>
-»Was tut er?«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
-»Er schläft in seinem Zimmer.«
-</p>
-
-<p>
-»Und dann, wenn er aufsteht?«
-</p>
-
-<p>
-»Er steht um acht Uhr auf.«
-</p>
-
-<p>
-»Und was tut er dann?«
-</p>
-
-<p>
-Mein Gast lächelte.
-</p>
-
-<p>
-»Er wird sich waschen, sich anziehen, zu den Kindern
-gehen und mit ihnen eine halbe Stunde spielen, dann
-bringt man den Samowar, aus dem ich ihm ein Glas Tee
-einschenke.«
-</p>
-
-<p>
-»So,« sagte ich, »ein Glas Tee, der Samowar, die Hauslampe,
-das sind prächtige Dinge, bei denen wir bleiben
-wollen.«
-</p>
-
-<p>
-»Gut gesagt.«
-</p>
-
-<p>
-»Und das verläuft mehr oder weniger &mdash; angenehm?«
-</p>
-
-<p>
-»Für ihn schon, glaube ich.«
-</p>
-
-<p>
-»Verzeihen Sie, in dieser Angelegenheit, die Sie die
-Liebenswürdigkeit hatten, mir aufzudecken, hat er allein
-Recht auf Rücksicht, &mdash; nicht die Kinder, die niemals
-etwas erfahren sollen, und schließlich auch nicht Sie. Nein,
-auch Sie nicht, da Sie ihm das Leid zugefügt haben, während
-er der leidende Teil ist. Deshalb muß man an ihn
-denken, daß er nicht leide; nun stellen Sie sich vor, daß
-er, statt seiner Gewohnheit gemäß, Tee zu trinken und
-vielleicht respektvoll Ihre Hand zu küssen ...«
-</p>
-
-<p>
-»Nun?«
-</p>
-
-<p>
-»... Und dann an seine Geschäfte zu gehen, zu Abend
-zu essen und Ihnen eine gute Nacht zu wünschen, &mdash; stellen
-Sie sich vor, wenn er statt dessen Ihr Geständnis
-hört, aus dem er erfährt, daß sein ganzes Leben vom ersten
-Monat an, oder vielleicht sogar vom ersten Tag der Ehe
-an in einen derartig sinnlosen Rahmen gestellt war?
-<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
-Sagen Sie, erweisen Sie ihm damit einen guten oder schlechten
-Dienst?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich weiß es nicht. Wenn ich das wüßte, wenn ich diese
-Entscheidung treffen könnte, so wäre ich nicht hier und
-würde nicht darüber sprechen. Ich frage Sie um Rat, was
-ich tun soll.«
-</p>
-
-<p>
-»Einen Rat kann ich Ihnen nicht geben, aber ich kann
-Ihnen die Meinung sagen, die ich mir gebildet habe. Aber
-damit sie in meinen Augen eine bestimmte Form annimmt,
-erlaube ich mir an Sie eine Frage zu richten: ... Die
-Gefühle bleiben im Menschen nie in ein und der
-selben Stärke ... Vermindert sich ihre Abneigung gegen
-jenen?«
-</p>
-
-<p>
-»Nein, sie verschärft sich.«
-</p>
-
-<p>
-Sie schrie es förmlich aus ihrem wehen Herzen, ja, sie
-schien aufspringen zu wollen, um etwas aus dem Wege
-zu gehen, was ich in meiner Vorstellung sah. Obwohl
-ich ihr Gesicht nicht sehen konnte, fühlte ich, daß sie
-entsetzlich litt und daß ihr Schmerz einen Grad erreicht
-hatte, dem eine Entspannung folgen mußte.
-</p>
-
-<p>
-»Folglich«, sagte ich, »verurteilen Sie ihn immer strenger
-...«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, immer mehr und mehr.«
-</p>
-
-<p>
-»Schön«, sagte ich, »jetzt erlaube ich mir Ihnen zu
-sagen, daß ich es für das Verständigste hielte, wenn Sie
-sich, nach Hause zurückgekehrt, an Ihren Samowar setzen
-würden, wie bisher.«
-</p>
-
-<p>
-Sie hörte schweigend zu. Ihre Augen waren auf mich
-gerichtet, ich sah sie durch den Schleier glänzen und
-hörte ihr Herz laut und schnell schlagen.
-</p>
-
-<p>
-»Sie raten mir, mein Schweigen fortzusetzen?«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
-»Ich rate Ihnen nicht, aber ich denke, daß es für Sie,
-für ihn und für Ihre Kinder das Beste wäre.«
-</p>
-
-<p>
-»Aber warum das Beste? Das heißt doch, es endlos
-in die Länge ziehen?«
-</p>
-
-<p>
-»Darum das Beste, weil durch die Offenheit alles nur
-schlimmer werden würde, und diese Endlosigkeit würde
-noch trauriger sein, als jene, von der Sie sprachen.«
-</p>
-
-<p>
-»Meine Seele würde durch das Leiden geläutert werden.«
-</p>
-
-<p>
-Mir schien, als sähe ich ihre Seele: sie war lebendig und
-triebhaft, aber keine von jenen, die vom Leide geläutert
-werden. Deshalb sagte ich nichts mehr über ihre Seele,
-sondern erwähnte wieder die Kinder.
-</p>
-
-<p>
-Sie rang die Hände, daß die Finger knackten, und
-senkte langsam den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-»Und was wird das Ende dieses Liedes sein?«
-</p>
-
-<p>
-»Ein gutes Ende.«
-</p>
-
-<p>
-»Auf was hoffen Sie?«
-</p>
-
-<p>
-»Darauf, daß Ihnen dieser Mensch, den Sie lieben,
-oder, Ihren Worten nach, nicht lieben, aber an den Sie
-sich gewöhnt haben, von Tag zu Tag verhaßter werden
-wird.«
-</p>
-
-<p>
-»Ach, er ist mir schon so verhaßt.«
-</p>
-
-<p>
-»Er wird es noch mehr werden, und dann ...«
-</p>
-
-<p>
-»Ich verstehe Sie.«
-</p>
-
-<p>
-»Ich bin sehr froh darüber.«
-</p>
-
-<p>
-»Sie wollen, daß ich ihn schweigend fallen lasse?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich glaube, daß dies der glücklichste Ausweg aus
-Ihrem Leid wäre.«
-</p>
-
-<p>
-»Und dann ...«
-</p>
-
-<p>
-»Und dann werden Sie alles wieder gut machen ...«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
-»Wieder gut machen ... Das ist unmöglich.«
-</p>
-
-<p>
-»Verzeihen Sie, ich wollte damit sagen, Sie werden ihre
-Sorgfalt für Ihren Mann und Ihre Kinder verdoppeln.
-Das wird Ihnen die Kraft geben, die Vergangenheit nicht
-zu vergessen, sondern die Erinnerung an das Vergangene
-zu bewahren und darüber genügend Anlaß zu finden,
-für andere zu leben.«
-</p>
-
-<p>
-Sie stand auf, stand unerwartet auf, zog ihren Schleier
-noch tiefer, streckte mir die Hand entgegen und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Ich danke Ihnen, ich bin froh, daß ich meinem inneren
-Gefühl gefolgt habe, das mir riet, zu Ihnen zu gehen,
-nachdem mich der schreckliche Eindruck der Beerdigung
-so erregt hatte. Ich kam von ihr wie eine Verrückte nach
-Hause, und wie gut ist es, daß ich nichts von all dem
-getan habe, was ich tun wollte. Leben Sie wohl.« Sie gab
-mir wieder die Hand und drückte sie so fest, als wolle sie
-mich auf dem Platze zurückhalten, auf dem wir standen.
-Dann verneigte sie sich und ging.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-4">
-VIERTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch wiederhole, daß ich das Gesicht dieser Frau nicht
-gesehen habe; nur nach dem Kinn und dem durch den
-Schleier, wie durch eine Maske verhüllten Gesicht zu urteilen
-war schwierig, aber von ihrer Gestalt hatte ich,
-trotz des Plüschmantels und des Hütchens, den Eindruck
-von etwas Graziösem. Es war eine elegante, leichte Gestalt,
-die einen ungewöhnlich lebhaften und starken Eindruck
-in meinem Gedächtnis hinterließ.
-</p>
-
-<p>
-Ich hatte diese Dame bisher noch nirgends getroffen,
-und auch der Stimme nach war sie mir unbekannt. Sie
-<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
-sprach mit ihrer unverstellten Stimme, einem klangvollen,
-tiefen, sehr angenehmen Alt. Ihre Bewegungen waren
-elegant, man konnte annehmen, daß sie den hohen Gesellschaftskreisen
-angehörte, ja, noch genauer, dem höchsten
-Beamtenkreis, daß sie die Frau eines Direktors oder
-Vize-Direktors eines Departements war, oder etwas in
-dieser Art. Mit einem Wort, die Dame war und blieb mir
-unbekannt.
-</p>
-
-<p>
-Seit dem Begräbnis <a id="corr-36"></a>Dostojewskijs und der von mir
-erzählten Begebenheit waren drei Jahre vergangen. In
-diesem Winter war ich erkrankt und im Frühjahr darauf
-reiste ich in ein ausländisches Bad. Ein Freund und eine
-meiner Verwandten begleiteten mich zum Bahnhof. Wir
-fuhren in einem Wagen, ich hatte mein Gepäck bei mir.
-An der Kreuzung einer der in den Newskij-Prospekt
-mündenden Straßen vor der Auffahrt eines großen staatlichen
-Gebäudes erblickte ich eine Dame. Trotz meiner
-Kurzsichtigkeit erkannte ich in ihr meine Unbekannte.
-Ich war ganz unvorbereitet, dachte gar nicht an sie, und
-deshalb frappierte mich diese auffallende Ähnlichkeit.
-Mich durchzuckte der ungeschickte Gedanke, aufzustehen,
-an sie heranzutreten, sie etwas zu fragen, aber da fremde
-Leute dabei waren, tat ich es zum Glück nicht und rief
-nur aus:
-</p>
-
-<p>
-»Bei Gott, das ist sie!« und gab damit meinen Begleitern
-Anlaß zur Heiterkeit. Sie war es in der Tat gewesen.
-</p>
-
-<p>
-Nach der Gewohnheit aller Russen, oder wenigstens
-der meisten Russen machte ich eine Rundreise. Zunächst
-fuhr ich nach Paris, im Juli trank ich Heilquellen, und
-erst später im August, erschien ich dort, wo ich im Juni
-hätte sein sollen. Ich lernte bald die übrigen dort zur Kur
-<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
-weilenden Russen kennen und kannte schließlich fast
-alle, so daß mir die Ankunft neuer Landsleute auffiel. Als
-ich eines Tages auf einer Parkbank saß, an der die Straße
-zum Bahnhof vorüberführte, erblickte ich eine Kalesche,
-in der ein Herr in hellem Überzieher und Hut, eine Dame
-mit Schleier und ihnen gegenüber ein neunjähriger
-Knabe saßen.
-</p>
-
-<p>
-Und wieder geschah mir dasselbe, wie bei meiner Abreise
-aus Petersburg:
-</p>
-
-<p>
-»Mein Gott, das ist sie!«
-</p>
-
-<p>
-Sie war es in der Tat.
-</p>
-
-<p>
-Am anderen Tage im Parkhotel sah ich beim Kaffee
-ihren wohlanständig, aber etwas abgelebt aussehenden
-Mann und ihr ungewöhnlich schönes Kind. Der Knabe
-hatte etwas Zigeunerhaftes, er war gebräunt, hatte
-schwarze Locken und große, himmelblaue Augen.
-</p>
-
-<p>
-Ich erlaubte mir eine kleine Keckheit und bestach den
-Kellner, damit er mir einen Tisch in ihrer Nähe gäbe. Ich
-wollte ihr Gesicht näher betrachten. Sie war hübsch
-und hatte weiche, angenehme Züge, die aber einen etwas
-unbedeutenden Ausdruck zeigten. Sie erkannte mich
-zweifelsohne und gab sich zwei, dreimal Mühe, sich so
-zu setzen, daß ich sie nicht beobachten könne. Später
-stand sie auf und blieb neben einer mir bekannten Dame
-stehen, sprach mit ihr und ging darauf zu ihrem Manne
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-Abends, nach dem Nachtischkaffee, sagte mir meine
-Bekannte, an die die Dame herangetreten war, daß sie
-mich Frau N. vorstellen wolle, welche eben an uns vorüberging,
-was sie auch gleich tat. Ich sagte ihr eine herkömmliche
-Phrase, die sie mit ebenso herkömmlichen
-<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
-Worten beantwortete, aber an diesen Worten, an dieser
-Stimme, an ihren Bewegungen erkannte ich sie wieder.
-Sie war es <a id="corr-37"></a>zweifellos, und sie war klug genug, zu begreifen,
-daß ich sie erkannt hatte; trotzdem entschloß sie
-sich, meine Bekanntschaft zu machen. Sie konnte mit
-meiner Anständigkeit rechnen und auf das Versprechen,
-das ich ihr damals gegeben hatte, bauen.
-</p>
-
-<p>
-Seit der Zeit trafen wir uns und unternahmen sogar
-einige gemeinsame Ausflüge mit bekannten Damen und
-mit ihrem Sohne. Ihr Mann liebte diese Unternehmungen
-nicht, er hatte Schmerzen im Knie und hinkte leicht. Ich
-hatte keine Vorstellung davon, was mit ihm vorging:
-entweder war ihm seine Frau lästig, oder er wollte frei
-sein und sich einer, vielleicht mehr als einer der zugereisten
-Damen zweifelhaften Rufes widmen.
-</p>
-
-<p>
-Aber bei allen unseren Begegnungen und Gesprächen
-machte sie nie eine Andeutung, daß wir uns schon früher
-gesehen hätten. Doch ich fühlte wohl, wie wir es beide
-für zweifellos hielten, daß wir einander verstünden. In
-dieser Situation trat mit einem Male ein ganz unvorhergesehener
-Fall ein.
-</p>
-
-<p>
-An einem prächtigen Morgen war sie nicht erschienen,
-um ihren Mann zum Brunnen zu begleiten. Er war auch
-beim Kaffee allein und erzählte, daß ihr Anatol erkrankt
-sei und daß seine Frau vor Kummer außer sich wäre.
-</p>
-
-<p>
-Um acht Uhr abends brachte mir mein Portier die
-erschreckende Nachricht, daß in einem der Hotels ein
-Kind an Diphtherie gestorben sei. Es war natürlich der
-Sohn meiner Unbekannten.
-</p>
-
-<p>
-Ich gehöre nicht zu den überängstlichen Menschen,
-nahm daher gleich meinen Hut und ging in das Hotel.
-<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
-Mir schien aus irgendeinem Grunde, daß sich ihr Gemahl
-allzu teilnahmslos verhalte, und dachte, wenn das kranke
-Kind ihr Sohn sei, könne ihr vielleicht meine Hilfe oder
-mein Beistand dienlich sein.
-</p>
-
-<p>
-Ich kam in ihr Hotel. Niemals werde ich vergessen,
-was ich dort sah. Sie hatte dort zwei Zimmer. In dem
-ersten, dem Empfangszimmer mit den roten Plüschmöbeln
-stand mit aufgelöstem Haar und starren Augen meine Unbekannte.
-Sie streckte ihre beiden Hände mit gespreizten
-Fingern vor sich hin und verteidigte mit ihrem Körper
-den Diwan, auf dem etwas mit einem weißen Laken Bedecktes
-lag. Aus dem Laken sah ein kleiner, blau angelaufener
-Fuß hervor, das war er, &mdash; der tote Anatol. An
-der Türe standen zwei mir unbekannte Männer in grauen
-Mänteln, vor ihnen eine Kiste, kein Sarg, sondern
-eine Kiste von etwa zwei Arschin Tiefe, die bis zur Hälfte
-mit etwas Weißem angefüllt war, das ich erst für Milch
-oder Stärke hielt. Vor ihr standen ein Polizeikommissar
-und ein Bürger mit irgendeinem Abzeichen. Alle sprachen
-laut. Der Gatte der Dame war nicht zu Hause, sie war
-allein, stritt, leistete Widerstand und rief, als sie mich
-sah:
-</p>
-
-<p>
-»Mein Gott! Schützen Sie mich! Helfen Sie mir! Sie
-wollen mir das Kind nehmen, sie wollen es nicht beerdigen
-lassen. Es ist eben gestorben.«
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte für sie eintreten, aber es wäre ganz zwecklos
-gewesen, auch wenn wir die vier Menschen hätten überwältigen
-können, die sie nun ohne alle Umstände und
-ziemlich grob in das andere Zimmer stießen und die Türe
-abschlossen, gegen die sie dann vergeblich unter entsetzlichem
-Stöhnen mit den Fäusten schlug. Indessen nahmen
-<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
-die Männer das Kind, das noch eben so blühend gewesen
-war, versenkten es in die Kalklauge und gingen eilig mit
-der Kiste fort.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-5">
-FÜNFTES KAPITEL
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>n den kleinen Badeorten und Städtchen sind Todesfälle
-äußerst unbeliebt. Die Inhaber der Hotels und
-möblierten Zimmer suchen nach Kräften solche Mieter
-zu meiden, deren Gesundheitszustand sie einen baldigen
-Tod befürchten läßt.
-</p>
-
-<p>
-In keinem dieser Städtchen sind Beerdigungsprozessionen
-gestattet, und wenn ein Todesfall eintritt, so wird
-er vor allen Unbeteiligten verheimlicht, und der Tote wird
-ohne jede Beerdigungsfeier mit der Bahn fortgebracht.
-</p>
-
-<p>
-Ansteckende Krankheiten mit tödlichem Ausgange
-kommen nur sehr selten vor, und in dem Ort, wo der
-Sohn meiner Bekannten gestorben war, geschah es zum
-erstenmal. Die Nachricht darüber verbreitete sich mit
-unglaublicher Geschwindigkeit unter dem Publikum und
-rief, besonders unter den Damen, panischen Schrecken
-hervor.
-</p>
-
-<p>
-Die Ärzte des Ortes, die an einem solchen Platze stets
-den führenden Stand ausmachen, gaben sich alle Mühe,
-die aufgeregten Gemüter zu beruhigen, überboten einander
-an Eifer, verzankten sich und bildeten zwei Lager.
-Die einen, zu denen die beiden Ärzte gehörten, die das
-Kind behandelt hatten, gaben zu, daß die Todesursache
-tatsächlich Diphtherie gewesen sei, erklärten aber, daß
-gegen die Ansteckungsgefahr alle notwendigen Maßnahmen
-getroffen worden wären, daß sie in besonderen
-<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
-Kleidern zu dem Kind gegangen seien und daß sie sich
-nachher sorgfältig desinfiziert hätten. Zwei von ihnen
-ließen sich sogar die Bärte abnehmen, um zu beweisen, wie
-ernst sie die Sache nähmen. Die anderen aber, die überwiegende
-Mehrzahl, behaupteten, der Fall sei ziemlich
-zweifelhaft gewesen, führten sogar Gegenbeweise an und
-beschuldigten ihre Kollegen, die Krankheit des Kindes
-bedachterweise übertrieben zu haben. Daraus entstand
-eine große, nutzlose Unruhe, die die Kranken um ihre
-Ruhe brachte und mehr als alles andere die wirtschaftlichen
-Interessen der Einwohner bedrohte. Diese zweite medizinische
-Fraktion mißbilligte das rücksichtslose und schroffe
-Vorgehen der Stadtverwaltung gegen Frau N., der man
-das Kind mit räuberischer Gewalt entrissen hätte, fast noch
-im Augenblick des Todes, ja vielleicht noch früher, noch
-bevor die letzten Lebensfunken erloschen waren. Mit dem
-Hinweis auf diese Rücksichtslosigkeit wollten die Ärzte
-die Aufmerksamkeit des Publikums von sich auf die anderen
-ablenken, deren Benehmen in der Tat ungewöhnlich
-roh gewesen war. Aber das gelang ihnen nicht. Der
-menschliche Egoismus pflegt in Augenblicken der Gefahr
-besonders widerwärtig zu werden. Unter dem Publikum
-fand sich niemand, der der traurigen Lage der unglücklichen
-Mutter auch nur ein wenig Aufmerksamkeit
-geschenkt hätte. &mdash; War es tatsächlich Diphtherie gewesen,
-so waren keine Umstände am Platze, und je entschlossener
-und fester die Beamten gehandelt haben, um
-so besser war es. Man darf doch nicht die anderen der
-Gefahr aussetzen! Man interessierte sich nur für das Eine:
-wohin man die Kiste mit dem gefährlichen Toten gebracht
-hatte. Aber die Nachricht darüber war beruhigend. Man
-<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
-hatte die Kiste in den schwarzen Sumpf gebracht, aus
-dem man früher den Heilschlamm für die Bäder holte.
-Sie war an einer der tiefen Stellen des Sumpfes versenkt,
-diese mit Steinen überschüttet und nochmals mit Kalklauge
-übergossen worden. Sorgfältiger und energischer
-konnte man wohl mit einer solchen Leiche kaum verfahren.
-Nun begann aber die Vergeltung an dem Hotel, aus dem
-fast die gesamten Insassen geflüchtet waren, mit Ausnahme
-der Ärmeren, die sich den Luxus nicht leisten konnten,
-das für den Monat vorausbezahlte Zimmer aufzugeben.
-Das ganze Hotel mußte desinfiziert werden, jedenfalls
-die Zimmer, die die Familie N. bewohnt hatte, sowie die
-anstoßenden Räume. Ebenso mußte der Korridor desinfiziert
-werden, durch den der Knabe gelaufen war, und
-die Ecke des Speisesaales, in der die Familie N. ihre Mahlzeiten
-eingenommen hatte. Das alles machte eine sehr
-bedeutende Rechnung, wenn ich nicht irre, über dreihundert
-Gulden, weil man es auch für notwendig hielt, die
-Polstermöbel der drei Appartements zu verbrennen und
-in den anderen Räumen die Gardinen, Teppiche und
-Portieren durch neue zu ersetzen. Aus diesem Anlaß
-wurden an Herrn N. vom Hotelinhaber Geldforderungen
-gestellt. Die Stadtvertreter unterstützten die Rechte des
-Besitzers und behaupteten, daß er trotz der geforderten
-Entschädigung einen Verlust erleiden werde, da viele
-Räume während der ganzen Saison leer stehen würden.
-Auch für die Zukunft riskiere der Wirt einen großen
-Teil seiner Gäste zu verlieren, da die meisten Besucher,
-die erfahren hätten, daß in dem Hause ein Diphtheriefall
-vorgekommen sei, das Hotel meiden würden.
-</p>
-
-<p>
-Forderungen dieser Art waren für die Kurgäste neu,
-<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
-und alle interessierten sich für den Ausgang dieser Angelegenheit.
-Die einen fanden die Forderung schikanös,
-die anderen gerecht, jedoch viel zu hoch. Überall sprach
-man darüber, und Herr N. wurde zu einer interessanten
-Persönlichkeit. Es war erstaunlich, daß man ihn nicht
-fürchtete. Aber man sprach mit ihm, weil man wußte,
-daß er als kranker Mann sofort nach der Erkrankung
-seines Sohnes sein Zimmer verlassen hatte und bis zu
-dessen Tode nicht zurückgekehrt war. Nach seiner Frau
-erkundigte sich niemand, und sie war während einiger
-Tage nicht zu sehen. Man nahm an, daß sie abgereist
-oder krank sei. Für die Leute, die sich für die Sitten des
-Auslandes interessierten, stellte Herr N. eine sehr interessante
-Persönlichkeit dar. Jeden Tag berichtete er, welche
-Forderungen an ihn gestellt wurden und was er auf sie
-geantwortet hätte. Er stellte nicht in Abrede, daß der
-Hotelinhaber Verluste erlitten habe und daß der Tod
-des Knaben tatsächlich die Ursache dieser Verluste sei,
-aber er bestritt das Recht einer willkürlichen Zahlungsforderung
-an ihn, die er nicht ohne Gerichtsbeschluß
-begleichen wolle.
-</p>
-
-<p>
-»Nehmen wir an,« sagte er, »daß ich bezahlen muß,
-aber das darf mir nicht durch irgendeinen Kommissar und
-drei Kleinbürger erklärt werden, sondern durch einen
-formellen Gerichtsbeschluß, dem ich mich unterwerfen
-kann. Und außerdem, was bedeutet dieses Urteil: zahlen,
-&mdash; schön, wenn ich die Mittel habe zu zahlen. Man
-kann mir meinen Koffer nehmen, aber nicht mehr. Wenn
-ein Armer an meiner Stelle gewesen wäre, so nehme ich
-an, daß man mit ihm überhaupt nicht reden würde.«
-</p>
-
-<p>
-Alle waren mit dieser komplizierten Frage beschäftigt,
-<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
-und um Herrn N. bildeten sich in einemfort Kreise, die
-über seine Rechte und die ihn beschäftigenden Unannehmlichkeiten
-diskutierten. Die Angelegenheit aber
-wurde bald darauf friedlich beigelegt. Die Stadt wollte
-die Sache nicht vor Gericht kommen lassen, weil dadurch
-das Gerede über den Diphtheriefall noch größeren Umfang
-angenommen hätte, und man entschloß sich, die
-Angelegenheit durch ein friedliches Übereinkommen zu
-erledigen, nach dem Herr N. nur die Rechnung des Desinfektionsunternehmers
-bezahlen sollte. Damit wäre die
-Angelegenheit erledigt gewesen, doch da trat plötzlich
-ein neues Ereignis ein: Frau N., die acht Tage in dem
-großen Hotelzimmer verbracht hatte, ging täglich an
-den Sumpf, in den man die Kiste mit dem Körper ihres
-Kindes geworfen hatte. Am neunten Tage kehrte sie
-von diesem Gange nicht zurück. Man suchte sie vergeblich,
-niemand hatte sie im Park oder im Walde gesehen.
-Sie kam zu keiner ihrer Bekannten, trank in keinem der
-Restaurants ihren Tee, sondern war einfach verschwunden.
-Mit ihr waren auch die gußeisernen Hanteln verschwunden,
-mit denen ihr Mann Zimmergymnastik trieb.
-Vergeblich suchte man sie drei, vier Tage und begann
-dann Verdacht zu schöpfen, sie habe sich vielleicht im
-Sumpfe ertränkt. Wie es heißt, hat sich diese Annahme
-später auch bestätigt. Ihren Leichnam, als er an die Oberfläche
-gekommen war, hatte der Sumpf wieder hinuntergezogen.
-So kam sie um.
-</p>
-
-<p>
-Das Ereignis war durch seine Tragik bemerkenswert,
-vor allem durch die Ruhe, mit der dies alles vor sich gegangen
-war. Die verschwundene Frau N. hatte weder
-etwas Schriftliches noch sonst irgendwelche Anzeichen
-<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
-ihres Entschlusses, ein Ende mit sich zu machen, hinterlassen;
-Herr N. erregte viel Mitgefühl. Er selbst hüllte
-sich bescheiden in ein kaltes und verschlossenes Schweigen.
-Er sagte, es wäre am besten für ihn, wenn er abreisen
-würde, reiste aber seiner schwachen Gesundheit halber,
-die die Fortsetzung der Kur an dieser Heilquelle erforderte,
-nicht ab.
-</p>
-
-<p>
-Wir vertrugen uns nur schlecht miteinander, augenscheinlich
-waren wir Menschen mit sehr ungleichen
-Charakteren. Ungeachtet dessen, daß ich um das Geheimnis
-seiner Ehe wußte, das mich hätte veranlassen
-sollen, ihn zu bemitleiden, war er mir weit widerwärtiger,
-als seine Frau, die sich an ihm als Ehemann vergangen
-hatte. Ich hatte keinen Grund, eine Annäherung mit ihm
-zu wünschen, aber in einer für mich unverständlichen
-Anwandlung würdigte er mich plötzlich seiner Aufmerksamkeit
-und erwähnte in den Gesprächen, die sich zwischen
-uns entspannen, oft und gern seine verstorbene
-Frau.
-</p>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="part"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="handheld-only">
-Im Original
-g&nbsp;e&nbsp;s&nbsp;p&nbsp;e&nbsp;r&nbsp;r&nbsp;t
-hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert.
-</p>
-
-<p>
-Die folgenden Fehler wurden, teilweise unter Verwendung der russischen
-Originaltexte, wie hier aufgeführt korrigiert (vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
-... welche <span class="underline">neue</span> Wunder sich uns offenbarten, wie wir zuguterletzt ...<br />
-... welche <a href="#corr-1"><span class="underline">neuen</span></a> Wunder sich uns offenbarten, wie wir zuguterletzt ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Da</span> hast seine Seele hinausgelassen, wie eine Taube aus ...<br />
-... <a href="#corr-4"><span class="underline">Du</span></a> hast seine Seele hinausgelassen, wie eine Taube aus ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Schnaps und einen <span class="underline">Füngziger</span>schein. Der Beamte mußte ...<br />
-... Schnaps und einen <a href="#corr-6"><span class="underline">Fünfziger</span></a>schein. Der Beamte mußte ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... ein sehr <span class="underline">unzermonieller</span> und überdies naiver ...<br />
-... ein sehr <a href="#corr-7"><span class="underline">unzeremonieller</span></a> und überdies naiver ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... die Favoritin der Favoritinnen, und ihr <span class="underline">Aufenhalt</span> im ...<br />
-... die Favoritin der Favoritinnen, und ihr <a href="#corr-8"><span class="underline">Aufenthalt</span></a> im ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... zu den <span class="underline">Füssen</span> des schlummernden Mädchens auf dem ...<br />
-... zu den <a href="#corr-9"><span class="underline">Füßen</span></a> des schlummernden Mädchens auf dem ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... und Sitten der Helden dieser <span class="underline">legendaren</span> Berichte ...<br />
-... und Sitten der Helden dieser <a href="#corr-10"><span class="underline">legendären</span></a> Berichte ...<br />
-</li>
-
-<li>
- (mehrfache Fälle)<br />
-... den Heiligen Nikola und <span class="underline">Jurko</span> gründete. Aber Gott allein ...<br />
-... den Heiligen Nikola und <a href="#corr-11"><span class="underline">Jurka</span></a> gründete. Aber Gott allein ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... der Schubinskijs. Wenn sein <span class="underline">Geprächs</span>partner ...<br />
-... der Schubinskijs. Wenn sein <a href="#corr-15"><span class="underline">Gesprächs</span></a>partner ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... weder Demokrat <span class="underline">nach</span> Nationalist in unserem jetzigen ...<br />
-... weder Demokrat <a href="#corr-16"><span class="underline">noch</span></a> Nationalist in unserem jetzigen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... der Reihe nach besinnen, <span class="underline">sonder</span> ein Stück war abgerissen, ...<br />
-... der Reihe nach besinnen, <a href="#corr-17"><span class="underline">sondern</span></a> ein Stück war abgerissen, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">arretieren</span>. Geben Sie mir bitte Ihre Säbel, und wollen ...<br />
-... <a href="#corr-18"><span class="underline">arrestieren</span></a>. Geben Sie mir bitte Ihre Säbel, und wollen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... der Kopf herausschaute, <span class="underline">schütteten</span> ihm Flaumfedern über ...<br />
-... der Kopf herausschaute, <a href="#corr-20"><span class="underline">schüttete</span></a> ihm Flaumfedern über ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Ssasikow und <span class="underline">Owtschinikow</span> werden von vielen ...<br />
-... Ssasikow und <a href="#corr-21"><span class="underline">Owtschinnikow</span></a> werden von vielen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Schriftsteller <span class="underline">Bret-Hart</span> erzählt von einem Künstler, ...<br />
-... Schriftsteller <a href="#corr-22"><span class="underline">Bret Harte</span></a> erzählt von einem Künstler, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... ich hier <span class="underline">erzählte</span>, hat sich zu Orjol in den Tagen meiner ...<br />
-... ich hier <a href="#corr-23"><span class="underline">erzähle</span></a>, hat sich zu Orjol in den Tagen meiner ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... durch eine <span class="underline">Neben</span>wolke hindurch blickte.« ...<br />
-... durch eine <a href="#corr-24"><span class="underline">Nebel</span></a>wolke hindurch blickte.« ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... sagte dem Regisseur, als dieser bestätigte, daß »<span class="underline">Liuba</span> die ...<br />
-... sagte dem Regisseur, als dieser bestätigte, daß »<a href="#corr-25"><span class="underline">Ljuba</span></a> die ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Arkadij war es <span class="underline">ober</span> schon so zumute, daß er nicht mehr ...<br />
-... Arkadij war es <a href="#corr-26"><span class="underline">aber</span></a> schon so zumute, daß er nicht mehr ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Als <span class="underline">Arkedij</span> den Namen seines Herrn hörte, fuhr er ...<br />
-... Als <a href="#corr-27"><span class="underline">Arkadij</span></a> den Namen seines Herrn hörte, fuhr er ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">durchnitten</span>.« ...<br />
-... <a href="#corr-28"><span class="underline">durchschnitten</span></a>.« ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... geheime <span class="underline">Verließe</span>, wo lebendige Menschen wie die Bären ...<br />
-... geheime <a href="#corr-29"><span class="underline">Verliese</span></a>, wo lebendige Menschen wie die Bären ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Leuten <span class="underline">zu</span> Flucht verholfen hat. Wir geben ihm ein Geschenk, ...<br />
-... Leuten <a href="#corr-30"><span class="underline">zur</span></a> Flucht verholfen hat. Wir geben ihm ein Geschenk, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... irgendeinen Rock und eine Jacke, denn es ist <span class="underline">ein</span> Schande, ...<br />
-... irgendeinen Rock und eine Jacke, denn es ist <a href="#corr-31"><span class="underline">eine</span></a> Schande, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... »Mein Lieber, in den Kasten mit den <span class="underline">Kichengewändern</span> ...<br />
-... »Mein Lieber, in den Kasten mit den <a href="#corr-32"><span class="underline">Kirchengewändern</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Siehst du, dort stand dieser Stall &mdash; erklärte <span class="underline">Lubow</span> Onissimowna, ...<br />
-... Siehst du, dort stand dieser Stall &mdash; erklärte <a href="#corr-33"><span class="underline">Ljubow</span></a> Onissimowna, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... das <span class="underline">Gelübte</span> der Keuschheit der Frau gegenüber, der ...<br />
-... das <a href="#corr-35"><span class="underline">Gelübde</span></a> der Keuschheit der Frau gegenüber, der ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Seit dem Begräbnis <span class="underline">Dostowjewskijs</span> und der von mir ...<br />
-... Seit dem Begräbnis <a href="#corr-36"><span class="underline">Dostojewskijs</span></a> und der von mir ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Sie war es <span class="underline">zweiffellos</span>, und sie war klug genug, zu begreifen, ...<br />
-... Sie war es <a href="#corr-37"><span class="underline">zweifellos</span></a>, und sie war klug genug, zu begreifen, ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
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-End of the Project Gutenberg EBook of Der versiegelte Engel und andere
-Geschichten, by Nikolai Leskow
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VERSIEGELTE ENGEL UND ***
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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