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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-05 06:11:32 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der versiegelte Engel und andere Geschichten - Der versiegelte Engel / Die Epopöe von Wischnewskij und - seiner Sippe / Der Toupetkünstler / Anläßlich der - Kreutzersonate - -Author: Nikolai Leskow - -Translator: Alexander Eliasberg - -Release Date: January 13, 2016 [EBook #50911] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VERSIEGELTE ENGEL UND *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - - NIKOLAI LJESSKOW - DER VERSIEGELTE ENGEL - - NIKOLAI - LJESSKOW - - - - - DER - VERSIEGELTE ENGEL - UND ANDERE GESCHICHTEN - - - ÜBERTRAGEN VON - ALEXANDER ELIASBERG - - 1922 - MUSARION VERLAG MÜNCHEN - - Alle Rechte vorbehalten - Druck von Dietsch & Brückner in Weimar - - - - - INHALTSVERZEICHNIS - - - Der versiegelte Engel 7 - Die Epopöe von Wischnewskij und seiner Sippe 107 - Der Toupetkünstler 169 - Anläßlich der Kreutzersonate 205 - - - - - DER VERSIEGELTE ENGEL - - - - - ERSTES KAPITEL - - -Es war um die Weihnachtszeit, am Vorabend des Wassilijtages. Das Wetter -ließ sich sehr ungnädig an. Einer der grausamen Landstürme, welche die -Winter in den Wolgasteppen berüchtigt machen, hatte eine Menge Leute in -den abgelegenen Gasthof getrieben, ein Bauernhaus inmitten der flachen, -unabsehbaren Steppe. Dort hatten sich auf einem Haufen Adelige, -Kaufleute, Bauern zusammengefunden, Russen, Mordwinen und Tschuwaschen. -Auf Rang und Würden konnte man in einem solchen Nachtquartier keine -Rücksicht nehmen: wohin man sich wendet, alles ist gedrängt voll, die -einen trocknen sich, die anderen wärmen sich, die dritten suchen ein -wenn auch noch so kleines Plätzchen, auf dem sie bleiben können. In der -dunklen, niederen, mit Menschen überfüllten Stube herrscht eine schwere -Schwüle und der dichte Dampf der nassen Kleider. Nirgends ist ein -unbesetzter Fleck zu sehen: auf den Pritschen, dem Ofen, den Bänken, und -selbst auf dem schmutzigen Erdboden, überall liegen Menschen. Der -Hauswirt, ein mürrisch blickender Bauer, zeigt weder über seine Gäste, -noch über den Verdienst irgendwelche Freude. Zornig schlägt er das Tor -hinter den zwei Kaufleuten zu, die als letzte auf Schlitten in den Hof -gekommen sind. Er schließt die Pforte ab, hängt den Schlüssel unter den -Heiligenschrank und erklärt entschieden: - -»Nun kann kommen wer will, und wenn er mit dem Kopf ans Tor schlägt, ich -mach nicht auf!« - -Aber kaum hatte er es gesagt, seinen weiten Schafspelz abgelegt, sich -mit breiter Gebärde auf Raskolniki-Art bekreuzigt und sich fertig -gemacht, auf den heißen Ofen zu klettern, als jemand zaghaft an die -Scheibe klopfte. - -»Wer ist dort?« rief der Hauswirt mit lauter, ärgerlicher Stimme. - -»Wir!« antwortete es dumpf hinter dem Fenster. - -»Nun, was wollt ihr noch?« - -»Laß uns herein, um Christi willen, wir haben uns verirrt, sind ganz -erstarrt.« - -»Seid ihr viele?« - -»Nicht viele, nicht viele, achtzehn im ganzen, achtzehn,« sagte -stammelnd und mit den Zähnen klappernd ein anscheinend ganz erfrorener -Mensch hinter der Scheibe. - -»Ich kann euch nicht einlassen, die ganze Stube ist mit Menschen -ausgelegt.« - -»Laß uns nur ein wenig in die Wärme!« - -»Wer seid ihr denn?« - -»Fuhrleute.« - -»Mit oder ohne Fuhrwerk?« - -»Mit Fuhrwerken, Lieber, Felle führen wir.« - -»Felle! Felle führt ihr, und da wollt ihr in der Stube übernachten. Was -es jetzt für Leute in Rußland gibt. Schert euch fort!« - -»Aber was sollen sie tun?« fragte ein Durchreisender, der auf der -obersten Pritsche unter einem Bärenpelz lag. - -»Die Felle herunterwerfen und unter ihnen schlafen, das sollen sie tun,« -antwortete der Wirt, schimpfte noch kräftig auf die Fuhrleute und legte -sich dann unbeweglich auf den Ofen. - -Der Reisende unter dem Bärenpelz warf dem Wirte im Ton eines sehr -energischen Protestes seine Härte vor, aber der würdigte seine -Bemerkungen gar keiner Antwort. An seiner Statt ließ sich aus einer -entfernten Ecke ein kleiner rothaariger Mensch mit einem Spitzbärtchen -vernehmen. - -»Verurteilen Sie den Wirt nicht, bester Herr,« begann er, »er weiß das -aus Erfahrung und hat es ganz richtig gesagt: unter Fellen ist es -ungefährlich.« - -»Wirklich?« entgegnete fragend der Reisende unter dem Bärenpelz. - -»Ganz ungefährlich, und es ist sogar für sie selbst besser, daß er sie -nicht hereinläßt.« - -»Warum das?« - -»Weil sie eine nützliche Lehre erhalten haben, und wenn jetzt jemand -hilflos hierher kommt, findet er noch ein Plätzchen.« - -»Wen soll der Teufel jetzt noch herbringen?« sagte der Pelz. - -»Hör, du,« mischte sich der Wirt ein, »schwatz' kein so dummes Zeug. -Soll vielleicht der Widersacher jemand herbringen, wo ein solches -Heiligtum ist? Siehst du nicht dort das Erlöserbild und das Antlitz der -Gottesgebärerin?« - -»Das ist wahr,« bekräftigte der Rothaarige, »einen erlösten Menschen -führt nicht der Teufel, sondern ein Engel geleitet ihn.« - -»Den habe ich noch nicht gesehen, und weil es mir hier sehr widerwärtig -ist, so will ich auch nicht daran glauben, daß mich mein Engel -hergeführt hat,« antwortete der gesprächige Pelz. - -Der Wirt spuckte bloß wütend aus, aber der Rote erklärte gutmütig, daß -der Engelsweg nicht für jeden sichtbar sei und daß nur der ihn begreifen -könne, der darin Erfahrung habe. - -»Sie reden, als ob Sie selbst eine solche Erfahrung hätten?« sagte der -Pelz. - -»Ja, ich habe sie.« - -»Wollen Sie sagen, daß Sie einen Engel gesehen haben, und er Sie geführt -hat?« - -»Ja, ich habe ihn gesehen, und er hat mich geleitet.« - -»Scherzen Sie, oder machen Sie sich lustig?« - -»Gott behüte mich, über eine solche Sache zu scherzen!« - -»So haben Sie also wirklich etwas derartiges gesehen: wie ist Ihnen der -Engel erschienen?« - -»Bester Herr, es ist eine sehr lange Geschichte.« - -»Wissen Sie, es ist entschieden unmöglich, hier einzuschlafen. Sie tun -gut, wenn Sie uns jetzt diese Geschichte erzählen.« - -»Nun schön!« - -»So erzählen Sie, bitte, wir hören Ihnen zu. Warum hocken Sie aber dort -auf den Knien! Kommen Sie zu uns her, wir rücken etwas zusammen.« - -»Nein, ich danke Ihnen! Warum soll ich Sie beengen, und zudem ist es -schicklicher, wenn ich Ihnen meine Erzählung auf den Knien berichte, -denn die Sache ist sehr heilig und sogar schrecklich.« - -»Nun, wie Sie wollen, erzählen Sie aber schneller, wie Sie einen Engel -sehen konnten, und was er mit Ihnen getan hat.« - -»Schön, ich beginne.« - - - - - ZWEITES KAPITEL - - -»Ich bin, wie Sie mir zweifellos ansehen können, ein ganz unbedeutender -Mensch, ich bin nur ein Bauer und habe den Umständen gemäß eine -ländliche Erziehung erhalten. Ich bin kein hiesiger, sondern von weit -weg, von Beruf bin ich Maurer und im alten russischen Glauben geboren. -Als Waise bin ich von Kind auf mit meinen Landsleuten auf Wanderarbeit -gegangen und habe an verschiedenen Orten gearbeitet, aber immer mit -derselben Gesellschaft, bei meinem Landsmann Luka Kirillow. Dieser Luka -Kirillow lebt heute noch: er ist unser größter Bauunternehmer. Sein -Geschäft hatte er von altersher, es war schon von seinen Vätern -begründet, und er hatte es nicht vergeudet, sondern vergrößert, und sich -einen großen und reichen Besitz geschaffen, aber er war und ist ein -prächtiger Mensch, der niemand etwas zuleide tut. Und wo sind wir mit -ihm nicht gewesen? Ich glaube, wir haben ganz Rußland durchzogen, und -nirgends habe ich einen besseren und würdigeren Brotherrn getroffen. Und -wir lebten bei ihm ganz friedlich und patriarchalisch, er war -Bauunternehmer und unser Leiter wie im Handwerk, so auch im Glauben. Wir -zogen mit ihm unsern Weg zu den Arbeiten, wie die Juden auf ihren -Wüstenwanderungen mit Moses, und sogar unsere heilige Stiftshütte -führten wir mit uns, von der wir uns nie trennten: das heißt, wir hatten -unseren »Gottessegen« bei uns. Luka Kirillow war ein großer Verehrer -gemalter Ikonen und besaß, beste Herren, ganz wunderbare, alte, sehr -kunstvolle, teils echte griechische, teils von den ersten Nowgoroder -oder Stroganower Malern. Ein Bild strahlte schöner als das andere, aber -nicht nur durch die Beschläge, sondern durch die Klarheit und -Gewandtheit der wunderbaren Kunst. So Erhabenes sah ich später nirgends -mehr! Er hatte Bilder mit Jesus in zwei Gestalten, ein nicht von -Menschenhänden gefertigtes Erlöserbild mit feucht glänzenden Haaren, -Heilige, Märtyrer, Apostel, und wunderbarer als alles andere waren -vielgestaltige Bilder aus der Heiligengeschichte, die zum Beispiele die -Feiertage darstellten, das Jüngste Gericht, Heilige, Konzile, die -Schöpfungswoche, die Dreifaltigkeit mit Abrahams Gebet im Haine Mamre, -mit einem Wort, all diese Pracht kann man gar nicht beschreiben, und -solche Bilder malt man jetzt nirgends mehr, weder in Moskau, noch in -Petersburg, noch in Palichow; von Griechenland gar nicht zu reden, wo -diese Kunst längst untergegangen ist. Wir alle liebten unser Heiligtum -mit leidenschaftlicher Liebe, wir zündeten vor ihm die heiligen Lampen -an und hielten uns auf gemeinsame Kosten ein Pferd und ein besonderes -Fuhrwerk, auf dem wir den Gottessegen in zwei großen Kisten überall mit -uns führten. Zwei Bilder waren von besonderem Wert; das eine von alten -Moskauer Meistern, die für den Zaren arbeiteten, den Griechen -nachgebildet: die allerheiligste Himmelskönigin betet im Garten, und vor -ihr neigen sich alle Zypressen und Oliven bis zur Erde; das andere aber -war ein Schutzengel, eine Stroganower Arbeit. Es läßt sich gar nicht -sagen, was für eine Kunst in diesen beiden Bildern war! Du schaust auf -die Himmelskönigin, wie sich vor ihrer Reinheit die seelenlosen Bäume -neigen, und das Herz schmilzt dir im Leibe und zittert, du schaust auf -den Engel ... und wirst voller Freude! Dieser Engel war wirklich -unbeschreiblich! Sein Gesicht, ich sehe es auch jetzt vor mir, leuchtet -himmlisch und so gütig: sein Blick ist mild, an den Ohren hat er ein -weißes Band als Zeichen des Allhörens, seine Kleidung glänzt, die -Gewänder sind mit Gold durchwirkt, die Rüstung ist gefiedert, die -Schultern gepanzert; auf der Brust trägt er das Antlitz des -Erlöserkindes, in der rechten Hand hält er das Kreuz, in der Linken das -Flammenschwert. Wunderbar! Wunderbar! ... Die Kopfhaare sind blond -gelockt, fallen über die Ohren, und Härchen an Härchen ist wie mit der -Nadel gezogen. Die Flügel sind breit und weiß wie Schnee, der Untergrund -leuchtender Lasur; Feder sitzt an Feder, und im Flaum jeder Feder -Härchen an Härchen. Du schaust auf die Flügel, und wohin ist deine ganze -Angst verschwunden? Du betest: Beschatte mich! Und sogleich wirst du -ganz still, und in deine Seele kehrt der Friede ein. Was war das für ein -Bild! Diese beiden Bilder waren für uns dasselbe, wie für die Juden ihr -Allerheiligstes, das Bezaleel mit wunderbarer Kunst ausgeschmückt hatte. -Alle anderen Bilder, von denen ich eben erzählte, führten wir in -besonderen Kasten auf dem Wagen, aber diese beiden legten wir nicht -einmal auf das Fuhrwerk, sondern trugen sie: das der Himmelskönigin trug -Michailiza, Luka Kirillows Frau, die Darstellung des Engels aber -verwahrte Luka selbst auf seiner Brust. Er hatte für dieses Bild ein -Säckchen aus dunklem Brokat machen lassen mit einem Knopf und mit einem -scharlachroten Kreuz aus Stoff an der Vorderseite; oben war eine dicke -grüne Seidenschnur angenäht, um das Bild um den Hals zu hängen. So trug -Luka die Ikone immer auf der Brust, und wenn wir gingen, zog er voraus, -als wenn der Engel selbst uns voranschritte. Wir gingen auf Suche nach -neuer Arbeit von Ort zu Ort durch die Steppen. Allen voran schwingt Luka -Kirillow ein Klaftermaß, anstelle eines Steckens, hinter ihm fährt im -Wagen Michailiza mit dem Bilde der Gottesmutter, und hinter ihnen zieht -unsere ganze Gesellschaft. Um uns her auf den Feldern Gras, Blumen auf -den Wiesen, wo die Herden weiden und der Hirt die Flöte bläst ... für -Herz und Seele ist es eine Wonne! Immer ging es uns prächtig, und -wunderbar war unser Erfolg bei jeder Sache: stets fanden wir gute -Arbeit, unter uns herrschte Eintracht, von zu Hause kamen immer -beruhigende Nachrichten. Und dafür segneten wir unseren Engel, der uns -voranschritt, und ich glaube, wir hätten uns leichter von unserem Leben -getrennt als von seinem wunderbaren Bild. - -Und kann man es sich ausdenken, daß wir irgendwie durch irgendeine -Schickung unseres kostbarsten Heiligtums beraubt werden würden? Indes -erwartete uns dieses Leid, und es wurde uns, wie wir später einsahen, -nicht durch menschliche Hinterlist bereitet, sondern nach dem Willen -unseres Wegführers selbst. Er begehrte für sich selber diese Kränkung, -um uns durch Kummer das Heilige begreifen zu machen und uns den wahren -Weg zu zeigen, vor dem alle Wege, die wir bis zur Stunde gewandert -waren, durch eine dunkle, pfadlose Schlucht liefen. Aber gestatten Sie -die Frage, ob meine Erzählung Sie interessiert, oder ob ich Ihre -Aufmerksamkeit unnütz in Anspruch nehme?« - -»Nein, wieso denn: fahren Sie gütigst fort!« riefen wir, voll -Anteilnahme für seine Erzählung. - -»Schön, ich gehorche Ihnen und beginne, so gut ich es kann, von dem -Wunder zu berichten, das sich mit dem Engel zutrug.« - - - - - DRITTES KAPITEL - - -»Wir kamen vor eine große Stadt, an ein großes fließendes Wasser, den -Dnjeprstrom, um dort eine große und jetzt sehr berühmte Brücke zu bauen. -Die Stadt erhebt sich auf dem rechten steilen Ufer, während wir auf dem -linken flachen Wiesenufer standen, und vor uns lag die ganze wundervolle -Landschaft: alte Kirchen, heilige Klöster mit vielen heiligen Reliquien, -dichte Gärten und Bäume, wie man sie in alten Büchern abgebildet findet, -spitzwipfelige Pappeln. Du schaust auf all das, und dein Herz brennt in -dir gleichsam, so herrlich ist es! Sehen Sie, wir sind natürlich -einfache Leute, aber wir fühlen doch die Pracht der gottgeschaffenen -Natur! Der Ort hier gefiel uns so sehr, daß wir am ersten Tag mit dem -Bau einer vorläufigen Unterkunft für uns begannen; zuerst schlugen wir -hohe Pfähle ein, da die Stelle nieder gelegen war, ganz neben dem -Wasser. Dann errichteten wir auf diesen Pfählen eine Stube und daneben -einen Schuppen. In der Stube stellten wir unser ganzes Heiligtum auf, -wie es sich nach dem Gesetz der Väter gehört: längs der einen Wand -stellten wir die zusammenlegbare, dreiteilige Heiligenwand auf, zu -unterst die großen Bilder, darauf zwei Tafeln für die kleineren Bilder, -und so errichteten wir eine Art Treppe bis hinauf zum Kruzifix; den -Engel aber stellten wir auf das Chorpult, auf dem Luka Kirillow die -Heilige Schrift vorlas. Luka Kirillow wohnte mit Michailiza im Schuppen, -während wir uns daneben einen Schlafraum errichteten. Andere, die -ebenfalls gekommen waren, um hier lange zu arbeiten, sahen uns zu und -begannen ebendort zu bauen, so daß bei uns, der großen Stadt gegenüber, -ein kleines Städtchen auf Pfählen entstand. Wir arbeiteten, und alles -ging ganz nach Wunsch. Das Geld zur Auszahlung lag immer pünktlich im -Kontor der Engländer bereit, und Gott schenkte uns solch eine -Gesundheit, daß es den ganzen Sommer über keinen einzigen Kranken gab; -Lukas Michailiza begann sogar zu klagen, daß sie gar nicht froh werden -könne, so dick werde sie überall. Uns Altgläubigen gefiel besonders gut, -daß wir, die wir damals sonst überall wegen unserer Bräuche verfolgt -wurden, hier volle Freiheit hatten: es gab keine Stadt- und keine -Kreisobrigkeit und keinen Popen; wir sahen niemanden, und niemand -kümmerte sich um unseren Glauben oder behinderte uns ... Wir beteten -soviel wir wollten. Wenn wir unsere Stunden abgearbeitet hatten, -versammelten wir uns in der Stube, wo schon das ganze Heiligtum im -Lichte der Lämpchen glänzte, so daß einem das Herz erglühte. Luka -Kirillow stimmte das Segenslied an, und wir fielen ein, so daß unser -Gesang manchmal bei ruhigem Wetter weit von unserer Ansiedlung zu hören -war. Unser Glaube störte niemanden, vielen gefiel er sogar, und zwar -nicht nur den einfachen Leuten, die Gott nach russischem Brauche -verehren, sondern auch Andersgläubigen. Viele fromme kirchlich Gesinnte, -die nicht Zeit hatten, zur Kirche jenseits des Flusses zu gehen, standen -bei uns an den Fenstern, hörten zu und beteten mit. Wir trieben sie von -da nicht weg, es wäre auch nicht möglich gewesen alle fortzujagen, weil -auch hin und wieder die Ausländer kamen, die sich für die alten -russischen Bräuche interessierten und unserem Gesang mit Vergnügen -zuhörten. Der Oberbaumeister der Engländer, Jakow Jakowlewitsch, stand -manchmal sogar mit einem Stück Papier hinter dem Fenster und wartete, um -unsern Gesang in Notenschrift aufzuzeichnen, und wenn er dann zur Arbeit -kam, summte er nach unserer Weise vor sich hin: »Herr Gott, erscheine -uns.« Nur geriet es bei ihm, versteht sich, in einem anderen Stil, weil -dieses Lied in der alten kirchlichen Notenschrift aufgezeichnet ist und -sich mit den westlichen Noten nicht vollkommen aufzeichnen läßt. Die -Engländer, man muß ihnen die Ehre lassen, sind umgängliche und -gottesfürchtige Leute, sie hatten uns sehr gern und schätzten und lobten -uns als gute Menschen. Mit einem Wort, der Engel Gottes hatte uns an -einen guten Ort geführt und vor uns die Herzen der Menschen und die -ganze Natur aufgetan. In solch friedlicher Stimmung, wie ich sie Ihnen -geschildert habe, lebten wir fast drei Jahre. Alles glückte uns, und die -Erfolge strömten über uns wie aus einem Zauberhorn, als wir plötzlich -sahen, daß unter uns zwei Gefäße waren, die Gott zu unserer Bestrafung -auserwählt hatte. Der eine war der Schmied Maroi, der andere der -Rechnungsführer Pimen Iwanow. Maroi war ein ganz einfacher Mann, der -weder lesen noch schreiben konnte, was unter den Altgläubigen selten -vorkommt, aber doch auffallend: von außen plump wie ein Kamel und wild -wie ein Eber, seine Brust war um die Hälfte breiter, als bei einem -anderen Menschen, seine Stirn war mit dichten Haarbüscheln bewachsen, -aber auf dem Scheitel hatte er sich eine Tonsur geschoren. Seine Sprache -war dumpf und schwerverständlich, da er immer mit den Lippen schmatzte, -und sein Verstand war so beschränkt, daß er nicht einmal aus dem -Gedächtnis beten konnte, sondern nur immer dasselbe Wort vor sich -hersagte. Aber er sah in die Zukunft, besaß die Gabe der Weissagung und -konnte Andeutungen über kommende Dinge geben. -- Pimen dagegen war ein -stutzerhafter Mensch, der sich gern wichtig machte und seine Worte so -schlau setzte, daß man seine Reden bewundern mußte, aber er hatte einen -leichtfertigen und beeinflußbaren Charakter. Maroi war ein bejahrter -Mann, schon über die siebzig, Pimen war mittleren Alters und ansehnlich: -er hatte krause, in der Mitte gescheitelte Haare, starke Brauen, eine -gesunde Gesichtsfarbe und war mit einem Wort ein strammer Mensch. Und -siehe: in diesen beiden Gefäßen gärte der bittere Trank, den wir trinken -mußten. - - - - - VIERTES KAPITEL - - -Die Brücke, die wir auf sieben Granitjochen bauten, war schon weit über -das Wasser hinausgewachsen, und im Sommer des vierten Jahres begannen -wir die eisernen Ketten über die Pfeiler zu spannen. Da wurden wir aber -in unserer Arbeit etwas aufgehalten: als wir die Kettenglieder nach -ihrer Größe aneinander paßten und mit stählernen Nieten zusammenfügten, -zeigte es sich, daß viele Bolzen zu lang waren und daß man sie -abschneiden mußte. Aber jeder dieser Bolzen war eine englische -Stahlstange und in England hergestellt, aus härtestem Stahl gegossen und -stark wie der Arm eines erwachsenen Mannes. Man konnte diese Bolzen -nicht glühen, weil der Stahl darunter gelitten hätte, und kein -Instrument griff den Stahl an. Da fand plötzlich unser Schmied Maroi ein -Mittel: er verklebte den Bolzen, an der Stelle, wo man ihn abschneiden -mußte, mit dickem Wagenteer, den er mit Sand bedeckte, steckte dann das -ganze Stück in den Schnee, streute Salz herum und drehte und wendete es. -Dann zog er es mit einem Ruck heraus, glühte es, und wenn er dann mit -dem Hammer draufschlug, sprang es auseinander, wie man eine Wachskerze -mit der Schere durchschneidet. Alle die Engländer und Deutschen kamen, -um die schlaue Erfindung unseres Marois zu sehen; sie schauen und -schauen, plötzlich lachen sie, sprechen zuerst untereinander in ihrer -Sprache und sagen dann in unserer Sprache: - -»So, Ruß; bist ein tüchtiger Kerl. Verstehst gut Physik.« - -Aber was für eine »Physik« konnte unser Maroi kennen! Er hatte ja von -der Wissenschaft keine Ahnung und tat nur, wie ihn Gott erleuchtete. -Aber unser Pimen Iwanow brüstete sich damit. So war es nach beiden -Seiten schlecht: die einen glaubten an die Wissenschaft, von der unser -Maroi nicht das geringste wußte, und die anderen sagten, daß Gottes -Segen über uns sichtbar Wunder wirke, von denen wir niemals etwas sahen. -Und das letzte war für uns schlimmer als das erste. Ich erklärte Ihnen -eben, daß Pimen Iwanow ein schwacher Mensch und ein Prahler war, und -jetzt muß ich erklären, weshalb wir ihn doch in unserer Gesellschaft -duldeten. Er fuhr für uns in die Stadt, um Lebensmittel zu holen, und -besorgte die notwendigen Einkäufe; wir schickten ihn auf die Post, um -Geld und die Pässe heimzuschicken und die neuen Pässe wieder abzuholen. -Er erledigte alle solche Angelegenheiten und war uns, die Wahrheit zu -sagen, in dieser Beziehung sogar sehr nützlich. Ein wirklich würdiger -Altgläubiger meidet natürlich diese Eitelkeiten und flieht den Verkehr -mit den Beamten, von denen wir außer Ärger nichts hatten; Pimen aber -freute sich über diese Eitelkeiten und hatte in der Stadt auf dem -anderen Ufer eine sehr ausgebreitete Bekanntschaft. Händler, -Herrschaften, mit denen er in unseren Geschäften in Berührung kam, alle -kannten ihn und hielten ihn für den Ersten bei uns. Natürlich lachten -wir darüber, aber er liebte es sehr, mit den Herrschaften Tee zu trinken -und groß daherzureden. Sie nennen ihn unseren Ältesten, und er lächelt -nur, und in seinem Innersten schmeichelt es ihm. Mit einem Wort: -Hohlheit! So kam unser Pimen auch zu einer nicht unwichtigen -Persönlichkeit, die eine Frau aus unserer Gegend hatte. Sie war -ebenfalls redselig und hatte irgendwelche neue Bücher über uns gelesen, -in denen, wir wissen nicht was alles über uns geschrieben stand. Auf -einmal erklärte sie, ich weiß nicht, wie es ihr in den Sinn kam, daß sie -die Altgläubigen sehr liebe. Das war eine ganz wundersame Sache. Nun sie -liebt uns halt, und so oft Pimen wegen irgendetwas zu ihrem Manne kommt, -läßt sie ihn sofort sich niedersetzen, traktiert ihn mit Tee, und er -freut sich darüber und setzt ihr seine Geschichten vor. - -Bei solchem Weibergeschwätz erzählt er ihr, was wir Altgläubige für -Menschen wären; wir seien wie die Heiligen, rechtschaffen und gesegnet, -und unser Großsprecher schlägt die Augen nieder, legt den Kopf auf die -Seite, streicht sich den Bart und sagt süßlich: - -»Ja, Gnädige, wir halten eben das väterliche Gesetz und sind so, daß wir -das Herkommen beobachten und einer für den anderen über die Reinheit der -Sitten wacht.« Mit einem Wort, er sagt ihr lauter Dinge, die durchaus -nicht zum Gespräch mit einer weltlichen Frau gehören. Aber denken Sie -sich nur: sie interessiert sich dafür. - -»Ich habe gehört,« sagt sie, »daß sich Gottes Segen sichtbar bei euch -offenbart.« - -Und er bestätigt es ihr sofort: - -»Nun ja, Mütterchen,« antwortet er, »er offenbart sich; ganz sichtlich -offenbart er sich.« - -»Sichtlich?« - -»Sichtlich,« sagt er, »Gnädige, sichtlich. Gerade dieser Tage hat einer -unserer Leute den mächtigen Stahl wie ein Spinngewebe durchschnitten.« - -Die Gnädige klatscht vor Überraschung in die Hände. - -»Ach,« sagt sie, »wie interessant! Ich glaube an Wunder und liebe sie -schrecklich! Wissen Sie, sagen Sie bitte Ihren Altgläubigen, sie möchten -beten, daß Gott mir eine Tochter schenke. Ich habe zwei Söhne und möchte -unbedingt eine Tochter. Ist das möglich?« - -»Ja, das ist möglich,« antwortet Pimen, »warum nicht? Es ist sehr wohl -möglich! Nur ist es in solchen Fällen notwendig, daß Sie für die -Öllämpchen opfern.« - -Zu seiner großen Befriedigung gibt sie ihm zehn Rubel für Öl, er steckt -das Geld in die Tasche und sagt: - -»Schön, seien Sie guten Mutes, ich werde es ausrichten.« - -Pimen erzählte uns natürlich davon nichts, aber der Gnädigen wurde eine -Tochter geboren. - -Nun war sie vor Freude außer sich und ließ gleich nach der Geburt -unseren Hohlkopf rufen; sie feiert ihn, als ob er selbst der Wundertäter -wäre, und er nimmt das alles hin. So leichtfertig wird ein Mensch, sein -Verstand verdunkelt sich, und sein Gefühl erstarrt. Nach einem Jahr hat -die Herrin wieder eine Bitte an unseren Gott, daß nämlich ihr Mann ihr -ein Landhaus mieten solle, -- und wieder geht es nach ihrem Wunsch, und -Pimen verwendet das Geld, das sie für Kerzen und Öl spendete, wie er es -für zweckmäßig hält; zu uns gelangte aber nichts. Und tatsächlich -ereigneten sich unerklärliche Wunder. Der älteste Sohn der Gnädigen war -in der Schule der größte Taugenichts und ein fauler Schlingel, der -nichts lernen wollte; als es zum Examen kam, ging sie zu Pimen und -beauftragte ihn, zu beten, daß ihr Sohn in die andere Klasse versetzt -werde. Pimen sagte: - -»Das ist eine schwere Sache. Ich muß alle meine Leute die ganze Nacht -beim Gebet zusammenhalten, damit sie bei Kerzen bis zum Morgen flehen.« - -Aber sie besteht auf ihren Willen und händigt ihm dreißig Rubel ein: -»Betet nur!« Und was denken Sie? Ihr nichtsnutziger Sohn hat solches -Glück, daß man ihn in die nächste Klasse versetzt. Die Gnädige kommt -fast von Sinnen darüber, daß Gott ihr solche Gefälligkeiten erweist. Sie -gibt Pimen Auftrag auf Auftrag, und er hat schon bei Gott für sie -Gesundheit erwirkt, eine Erbschaft, einen hohen Rang für ihren Mann und -so viele Orden, daß sie auf seiner Brust keinen Platz mehr finden und er -einen, wie man sagt, in der Tasche trägt. Es war einfach ein Wunder, -aber wir erfuhren nichts davon. Es kam jedoch die Zeit, wo alles -offenbar wurde und ein Wunder die anderen ablöste. - - - - - FÜNFTES KAPITEL - - -In einer jüdischen Stadt des Gouvernements war bei den Juden im Handel -eine schmutzige Geschichte passiert. Ich kann Ihnen nicht genau sagen, -ob sie falsches Geld gehabt oder ein unredliches Geschäft gemacht -hatten, jedenfalls mußte die Obrigkeit die Sache aufdecken und hatte -eine bedeutende Belohnung dafür ausgesetzt. Die Gnädige ging also zu -unserem Pimen und sagte: - -»Pimen Iwanowitsch, hier gebe ich Ihnen zwanzig Rubel für Kerzen und Öl. -Befehlen Sie den Ihrigen, so eifrig wie möglich zu beten, daß man meinen -Mann mit dieser Sache beauftragt.« - -Das machte ihm wenig Kummer! Er hatte schon Geschmack an diesen -Opfergaben gefunden und antwortete: - -»Gut, Gnädige, ich werde es befehlen.« - -»Aber daß sie auch tüchtig beten, die Sache ist für mich sehr wichtig.« - -»Die werden sich nicht unterstehen, schlecht zu beten, wenn ich es -befehle,« beruhigt Pimen, »ich werde ihnen Fasten auferlegen, bis sie es -erfleht haben.« Er nahm das Geld und ließ es dabei bewenden, ihr Gemahl -aber erhielt noch in derselben Nacht den von ihr gewünschten Auftrag. -Bei diesem Segen genügte ihr aber unser Gebet nicht mehr, und sie wollte -unbedingt selber unserem Heiligtum ihre Lobpreisung darbringen. Sie -sagte es Pimen, und er bekam Angst, weil er wußte, daß wir sie nicht in -unser Heiligtum einlassen würden. Die Gnädige gab jedoch nicht nach. - -»Ich werde,« sagt sie, »was Sie auch sagen mögen, heute gegen Abend ein -Boot nehmen und mit meinem Sohne zu Ihnen kommen.« - -Pimen redet ihr zu: - -»Es ist besser,« sagt er, »wenn wir selber beten. Wir haben einen -Schutzengel, dem weihen Sie ein Licht, und wir werden ihm den Schutz -Ihres Gemahls anvertrauen.« - -»Ach, das ist vortrefflich,« antwortet sie, »ganz vortrefflich! Ich bin -sehr froh über diesen Engel; hier ist etwas Geld für Öl, zünden Sie -unbedingt drei Lämpchen vor ihm an, und ich werde dann kommen, um es mir -anzusehen.« - -Pimen gefiel das gar nicht; er kam zu uns und begann zu jammern, daß die -Sache so und so stünde. - -»Ich habe,« sagte er, »der abscheulichen Ketzerin nicht widersprochen, -als sie ihr Begehren äußerte, weil wir ihren Mann notwendig brauchen.« -Und so log er uns ganze Körbe voll vor, aber von all dem, was er getan -hatte, sagte er nichts. Nun, so unangenehm es uns auch war, es war -nichts zu machen. Wir nahmen unsere Heiligenbilder möglichst schnell von -der Wand und legten sie in ihre Kisten, aus denen wir die Ersatzbilder -holten, die wir aus Furcht vor Beamtenüberfällen bei uns hatten. Diese -setzten wir auf die Gestelle und erwarteten unseren Gast. Sie kam und -war so aufgeputzt, daß es zum Erschrecken war. Sie fegte mit ihren -langen, breiten Bändern nur so hin, schaute alle unsere vertauschten -Heiligenbilder durch die Lorgnette an und fragte: »Sagen Sie, bitte, -welcher ist hier der wundertätige Engel?« - -Wir wissen schon nicht mehr, wie wir sie von dem Gespräch abbringen -sollen. - -»Wir haben keinen solchen Engel« sagen wir. - -Und wie sie auch in uns drang und Pimen schalt, wir zeigten ihr den -Engel nicht, sondern führten sie möglichst schnell zum Teetisch und -setzten ihr vor, was wir hatten. - -Sie mißfiel uns schrecklich, Gott weiß warum: sie sah irgendwie -abstoßend aus, obwohl man sie sonst für schön hielt. Wissen Sie, so eine -lange Hagere, mit zusammengewachsenen Augenbrauen. - -»Solch eine Schönheit gefällt Ihnen nicht?« unterbrach der Bärenpelz den -Erzähler. - -»Erlauben Sie, was kann einem an einer solchen schlangenähnlichen -Gestalt gefallen?« antwortete jener. - -»Bei euch hält man wohl eine Frau für schön, wenn sie wie ein Erdhaufen -aussieht?« - -»Ein Erdhaufen!« wiederholte unser Erzähler lächelnd und ohne gekränkt -zu sein. »Warum nehmen Sie das an? Nach unserer echt russischen -Auffassung bevorzugen wir einen Typus, der, unserer Meinung nach, viel -ansprechender ist, als der, den die jetzige Leichtfertigkeit schätzt, -aber durchaus nicht, was man einen Erdhaufen nennen kann. Wir schätzen -nur die langen, mageren nicht, sondern lieben es, wenn die Frau nicht -auf langen, sondern auf kräftigen Beinen steht, damit sie nicht konfus -herumrennt, sondern wie eine Kugel überall hinrollt und auch hinkommt, -während die Lange hin und her läuft und stolpert. Die schlangenhafte -Schlankheit schätzen wir ebenso wenig, sondern fordern, daß die Frau -erdhafter sei und einen Busen habe, denn wenn er auch für die Figur -nicht so schön ist, so spricht er doch von der Mutterschaft; die Stirne -muß bei der echten russischen Frauenart voll und fleischig sein, weil in -ihr dann mehr Lust und Freundlichkeit liegt. Ähnlich ist es mit der -Nase. Wir mögen die Hakennasen nicht, sondern die Nase soll wie ein -Pfeifchen sein, denn so ein Pfeifchen ist, wenn Sie erlauben, für die -Familie viel freundlicher als eine trockene, stolze Nase. Und ganz -besonders die Brauen: die Brauen offenbaren den Ausdruck im Gesicht, und -deshalb dürfen sie bei der Frau nicht zusammenstoßen, sondern müssen -einen offenen Bogen bilden, weil man mit einer solchen Frau viel -umgänglicher sprechen kann und sie auf jeden einen ganz anderen, für das -Haus einnehmenden Eindruck macht. Freilich der jetzige Geschmack ist von -diesem guten Typus abgekommen und bevorzugt beim Frauengeschlecht -ätherische Luftigkeit, aber das ist eben schade. Indes, gestatten Sie, -wir sprachen nicht davon, und ich fahre lieber in meiner Erzählung fort: - -Wie wir die Frau hinausbegleitet haben, merkt unser Pimen als eitler -Mensch, daß wir sie abfällig kritisieren, und sagt: - -»Was habt ihr denn? Sie ist doch gut.« - -Aber wir antworten: »Die soll gut sein, wo sie schon im Gesicht nichts -Gutes hat! Aber Gott sei mit ihr: wie sie ist, so wird sie auch -bleiben.« Wir waren schon froh, daß wir sie hinausbegleitet hatten, und -räucherten gleich mit Weihrauch, damit bei uns auch kein Hauch von ihr -zurückbleibe. Danach befreiten wir das Stübchen von den letzten Spuren -des Gastes. Die Ersatzbilder legten wir in die Kisten zurück in den -Verschlag und holten unsere richtigen Bilder wieder hervor. Wir hoben -sie auf die Gestelle, wie vorher, und besprengten sie mit Weihwasser. -Dann ging ein jeder zu seinem Schlafplatz, und wir legten uns nieder. -Aber Gott allein weiß, warum wir alle in dieser Nacht nicht schlafen -konnten und wie ängstlich und unruhig es uns zumute war. - - - - - SECHSTES KAPITEL - - -Am Morgen gingen wir alle an unsere Arbeit, nur Luka Kirillow nicht. Das -war in anbetracht seiner Pünktlichkeit erstaunlich, noch erstaunlicher -aber war, daß er um acht Uhr ganz verstört und bleich zu uns kam. - -Ich wußte, daß er ein Mann war, der sich in der Hand hatte und es nicht -liebte, sich unnütz zu grämen, und darum wurde ich aufmerksam und -fragte: - -»Was hast du, Luka Kirillow?« - -Aber er sagt: »Später sage ich es.« - -Jung, wie ich damals war, war ich schrecklich neugierig, zudem hatte -mich eine Vorahnung gepackt, daß sich irgend etwas Unheilvolles für -unseren Glauben ereignet habe. Ich hielt aber den Glauben hoch und war -niemals kleingläubig. - -Ich konnte es nicht länger aushalten, verließ unter irgendeinem Vorwand -die Arbeit und lief nach Hause. Ich dachte mir: solange niemand zu Hause -ist, kann ich von Michailiza etwas erfahren. Wenn ihr Luka Kirillow auch -nichts eröffnet hat, so durchschaut sie ihn, trotz ihrer Einfalt, und -vor mir wird sie nichts verheimlichen, da ich, schon als Kind verwaist, -bei ihr an Sohnesstatt aufgewachsen bin, und sie mir wie eine zweite -Mutter gewesen ist. - -Ich eile zu ihr und sehe sie in einem alten offenen Halbpelz auf dem -Freitreppchen sitzen; aber sie ist krank und traurig und ganz fahl im -Gesicht. - -»Warum sitzen Sie hier, Pflegemutter?« frage ich. - -Und sie antwortet: - -»Wo soll ich denn sonst bleiben, Marotschka?« - -Ich heiße Mark Alexandrow, aber sie nannte mich in ihrer mütterlichen -Zärtlichkeit Marotschka. - -Was sind das für Dummheiten, denke ich mir, daß sie nicht weiß, wo sie -sonst bleiben soll? - -»Aber warum,« sage ich, »legen Sie sich denn nicht ein wenig im Schuppen -hin?« - -»Ich kann nicht, Marotschka,« antwortet sie, »in der großen Stube betet -der alte Maroi.« - -Aha, denke ich mir, es wird schon so sein, daß sich irgendetwas mit -unserm Glauben zugetragen hat; und nun beginnt auch Tante Michailiza: - -»Marotschka, du weißt sicher nichts, Kind, von dem, was sich heute nacht -bei uns ereignet hat?« - -»Nein, Pflegemutter, ich weiß nichts.« - -»Ach, es ist schrecklich.« - -»Erzählen Sie doch schneller, Pflegemutter!« - -»Ich weiß nicht, ob ich es erzählen darf.« - -»Warum wollen Sie nicht erzählen?« sage ich: »Bin ich denn für Sie ein -Fremder und nicht an Sohnesstatt?« - -»Ich weiß, mein Lieber, daß du mir wie ein Sohn bist,« antwortet sie, -»aber ich habe kein Vertrauen, daß ich es dir auseinandersetzen kann, -denn ich bin dumm und einfältig. Warte doch, nach Feierabend kommt der -Onkel, und der wird dir gewiß alles erzählen.« - -Aber ich konnte nicht warten und drang in sie: - -»Erzähle doch, erzähle doch gleich, was alles geschehen ist.« - -Ich sehe, wie sie mit den Lidern blinzelt und wie sich ihre Augen mit -Tränen füllen, die sie mit dem Brusttuch abwischt; dann flüstert sie mir -leise zu: - -»Kind, der Schutzengel ist heute Nacht von uns fortgegangen.« - -Diese Eröffnung machte mich zittern. - -»Sagen Sie doch bitte schnell, wie das Wunder geschehen ist und wer es -gesehen hat!« - -»Das Wunder, Kind, ist unerklärlich, und niemand außer mir hat es -gesehen, weil es tiefe Mitternacht war, als es geschah und ich allein -nicht schlief.« - -Und dann, meine werten Herren, erzählte sie mir folgende Geschichte: - -»Nachdem ich gebetet hatte, war ich eingeschlafen. Ich weiß nicht mehr, -wie lange ich schlief, aber plötzlich sehe ich im Traum eine -Feuersbrunst, eine ganz große Feuersbrunst. Es war, als ob alles bei uns -verbrannt wäre, und der Fluß führe die Asche mit sich fort, aber an den -Strudeln um die Brückenjoche kreist sie noch, und dann schluckt sie der -Fluß in die Tiefe.« Und Michailiza träumt, als sei sie hinausgelaufen -und stehe in einem alten zerrissenen Hemd ganz unten am Wasser, aber ihr -gegenüber am anderen Ufer erhebe sich eine hohe, rote Säule, und oben -auf der Säule stehe ein kleiner, weißer Hahn, der in einemfort mit den -Flügeln schlage. Michailiza fragt: »Wer bist du?«, denn das Gefühl sagt -ihr, daß dieser Vogel ein Vorzeichen sei. Der Hahn aber ruft plötzlich -mit menschlicher Stimme »Amen«, sonst nichts, und dann ist er -verschwunden, aber um Michailiza herum herrscht eine große Stille, und -die Luft ist so dünn, daß sie keinen Atem mehr bekommt und es ihr -schrecklich zumute wird. Dann wacht sie auf, liegt da und vernimmt -deutlich, wie vor der Tür ein Lämmchen blökt. Und an der Stimme merkt -sie, daß es ein neugeborenes Lämmchen ist. Mit hellem silbernen -Stimmchen macht es bä-ä-äh, und plötzlich hört Michailiza, daß es durch -die Gebetsstube geht, mit seinen kleinen Hufen auf den Boden klopft und -hin und wieder stehen bleibt, als ob es etwas suche. Michailiza -überlegt: Herr Jesu Christ, was soll das bedeuten? In unserer ganzen -Ansiedlung gibt es kein Schaf, und woher ist uns jetzt dieses Lämmchen -zugelaufen? Nun wird sie ganz wach: Aber wie ist es denn in die Stube -gekommen? In der gestrigen Hast haben wir also vergessen, das Hoftor zu -schließen, Gott sei Dank, daß nur ein Lämmchen hereingesprungen und -nicht der Hofhund in das Heiligtum eingedrungen ist. Und nun beginnt sie -Luka zu wecken: »Kirillytsch«, ruft sie, »Kirillytsch, steh schnell auf! -Unsere Tür ist offen, und irgendein Jungtier ist zu uns in die Hütte -gesprungen.« Aber zum Unheil schläft Luka Kirillow wie ein Toter. Und -wie ihn auch Michailiza zu wecken versucht, es will ihr auf keine Weise -gelingen. Luka brummt nur und sagt kein Wort. Michailiza schüttelt ihn -stärker, aber er brummt nur noch lauter. Sie beginnt ihn zu bitten: -»Gedenk des Namen Jesu!« Aber kaum hat sie das Wort ausgesprochen, als -in der Stube etwas winselt, und in dem Augenblick springt Luka vom Bett -auf, stürzt nach vorne und prallt plötzlich mitten in der Stube wie vor -einer ehernen Wand zurück. »Mach Licht, Weib, mach schneller Licht!« -ruft er Michailiza zu, er selbst aber rührt sich nicht von der Stelle. -Sie zündet eine Kerze an und läuft herzu, aber er ist bleich wie ein zum -Tode Verurteilter und bebt, daß das Kreuz an seinem Hals, ja selbst die -Fußlappen an seinen Füßen zittern. Die Frau spricht wieder zu ihm: -»Ernährer, was hast du?« sagt sie. Er aber zeigt mit dem Finger, daß -dort, wo der Engel war, eine leere Stelle ist und daß der Engel selbst -vor Lukas Fuße auf dem Boden liegt. - -Luka Kirillow geht jetzt unverzüglich zum alten Maroi und sagt ihm, wie -alles gewesen sei, was seine Frau gesehen habe und was bei uns geschehen -war: »Komm und schau!« Maroi kommt, kniet vor dem auf der Erde liegenden -Engel nieder und bleibt vor ihm lange unbeweglich, wie ein marmornes -Grabbild liegen, dann hebt er aber die Hand, streicht sich über die -Tonsur auf dem Scheitel und sagt leise: - -»Bringt zwölf reine, neugebrannte Ziegelplatten her!« - -Luka Kirillow bringt sie sogleich, Maroi schaut sie an und sieht, daß -sie alle rein sind und gerade aus dem Brennofen kommen, und er befiehlt -Luka, eine auf die andere zu legen und so eine Art Säule aufzuführen, -diese mit einem reinen Handtuch zu bedecken und darauf das Heiligenbild -zu legen. Dann verneigt sich Maroi bis zur Erde, und ruft: - -»Engel Gottes, streu deine Spuren aus, wohin du willst!« - -Er hat diese Worte kaum ausgesprochen, als an der Türe geklopft wird und -eine unbekannte Stimme ruft: - -»He, ihr Altgläubigen, wer ist euer Ältester?« - -Luka Kirillow öffnet die Tür und sieht einen Soldaten mit einer Medaille -vor sich stehen. - -Luka fragt, was für einen Ältesten er wolle. Und der antwortet: - -»Den, der oft zur Gnädigen kam und den sie Pimen nennen.« - -Luka schickt seine Frau gleich zu Pimen und fragt weiter, worum es sich -handle und wer ihn in der Nacht nach Pimen gesandt habe. - -Der Soldat sagt: - -»Etwas Gewisses weiß ich nicht, aber ich habe so etwas gehört, als ob -die Juden dort eine schlimme Geschichte mit unserem Herrn angestellt -hätten!« - -Aber was es eigentlich sei, kann er nicht erzählen. - -»Ich habe gehört,« sagt er, »daß der Herr erst sie versiegelt hätte und -dann sie ihn.« - -Aber darüber, wie sie einander versiegelt haben, weiß er nichts -verständliches zu erzählen. - -Währenddes war Pimen gekommen; er schielt selbst wie ein Jude, bald -dorthin, bald dahin, und weiß sichtlich selbst nicht, was er sagen soll. -Und Luka spricht ihn an: - -»Was hast du da gemacht, Spielmann? Geh jetzt und spiel dein Stück nur -zu Ende!« - -Der setzt sich mit dem Soldaten ins Boot, und sie fahren ab. - -Nach einer Stunde kommt unser Pimen zurück, stellt sich munter, aber man -sieht, daß es ihm durchaus nicht so zumute ist. - -Luka fragt ihn: - -»Sprich,« sagt er, »du Windbeutel, und sag ganz aufrichtig, was du dort -getan hast.« - -Aber jener erwidert: »Nichts«. - -Nun, bei dem Nichts blieb es, obwohl es durchaus kein Nichts gewesen -war. - - - - - SIEBENTES KAPITEL - - -Mit dem Herrn, für den unser Pimen gebetet hatte, war eine erstaunliche -Geschichte geschehen. Er war, wie ich Ihnen berichtet habe, in die -jüdische Stadt gefahren, war dort spät in der Nacht angekommen, als -niemand an ihn dachte, hatte sofort alle Läden unter Siegel genommen und -die Polizei verständigt, daß er am nächsten Morgen mit der Revision -beginnen werde. Die Juden erfuhren es natürlich sofort und gingen -gleich, noch in der Nacht, zu ihm, um ihn um ein Übereinkommen zu -bitten, da sie große Vorräte von gesetzwidrigen Waren auf Lager hatten. -Sie kamen zu ihm und steckten ihm auf einmal zehntausend Rubel zu. Er -sagte: Ich kann nicht, ich bin ein hoher Beamter, genieße Vertrauen und -nehme keine Bestechungsgelder. Die Juden schnattern untereinander: -»Fünfzehntausend«. Er wieder: »Ich kann nicht.« Sie »Zwanzig«. Er -darauf: »Versteht ihr denn nicht, daß ich nicht kann: ich habe schon die -Polizei verständigt, daß ich morgen mit ihr zusammen revidieren werde«. -Sie schnattern wieder und sagen dann: - -»Ach, Eure Durchlaucht, das macht nichts, daß Sie die Polizei -verständigt haben, wir geben Ihnen fünfundzwanzigtausend, und Sie geben -uns dafür bloß bis zum Morgen Ihr Petschaft und legen sich ruhig -schlafen: wir brauchen nichts mehr.« - -Der Herr überlegt hin und her: Wenn er sich auch für eine hohe Person -hält, so scheint auch bei den hohen Personen das Herz nicht von Stein zu -sein; er nahm die fünfundzwanzigtausend, gab ihnen das Petschaft, mit -dem er siegelte, und legte sich schlafen. Die Juden holten, versteht -sich, in der Nacht alles Notwendige aus ihren Lagern heraus und -versiegelten sie wieder mit demselben Petschaft. Der Herr schlief noch, -als sie am Morgen schon wieder in seinem Vorzimmer lärmten. Er geht zu -ihnen hinaus; sie danken ihm und sagen: - -»Nun, Euer Hochwohlgeboren, nun halten Sie bitte Revision.« - -Er scheint es aber zu überhören und sagt: - -»Gebt mir schnell mein Siegel.« - -Aber die Juden sagen: - -»Ja, geben Sie uns unser Geld.« - -Der Herr: »Was? Wie?« Aber sie bleiben dabei: - -»Wir haben,« sagen sie, »das Geld Ihnen als Pfand zurückgelassen.« - -Er wieder: - -»Was, als Pfand?« - -»Freilich,« sagen sie, »als Pfand.« - -»Ihr lügt,« sagt er, »ihr Halunken, ihr Christusverkäufer, ihr habt mir -das Geld ganz gegeben.« - -Sie stoßen einander an und lachen. - -»Hörst du,« sagen sie, »hörst, wir haben ihm das Geld ganz gegeben ... -Hm, hm, ai, ai, wie könnten wir so dumm sein und so unpolitisch, -einer so hohen Persönlichkeit Chabar geben.« (So nennen sie -Bestechungsgelder.) - -Nun, können Sie sich etwas Schöneres vorstellen als diese Geschichte? -Der Herr, versteht sich, hätte nun das Geld zurückgeben sollen, und die -Sache wäre zu Ende gewesen, aber er war eigensinnig und wollte sich -davon nicht trennen. So verging der Morgen. Der ganze Handel in der -Stadt ist gesperrt. Die Leute kommen und wundern sich. Die Polizei -fordert das Siegel, und die Juden schreien: »Ai wai, was ist das für -eine staatliche Regierung! Die hohe Obrigkeit will uns ruinieren.« Ein -schreckliches Durcheinander. Der Herr sitzt eingeschlossen zu Hause und -hat bis Mittag schier den Verstand verloren. Am Abend ruft er dann die -listigen Juden zu sich und sagt: »Hier, ihr Verfluchten, nehmt euer Geld -und gebt mir nur mein Petschaft wieder!« Aber sie wollen nicht und -sagen: »Ja, wenn das so ginge! Wir haben den ganzen Tag nicht gehandelt: -jetzt müssen Euer Wohlgeboren uns fünfzehntausend dazu geben!« Sehen -Sie, so kam es! Und die Juden drohen: »Wenn Sie uns jetzt nicht die -fünfzehntausend geben, kostet die Sache morgen fünfundzwanzigtausend -Rubel mehr.« Der Herr schlief die ganze Nacht nicht, am Morgen schickte -er wieder zu den Juden, gab ihnen das ganze Geld, das er von ihnen -erhalten hatte, zurück und unterschrieb einen Wechsel auf -fünfundzwanzigtausend; dann begann er so eine Art Revision. Natürlich -fand er nichts, fuhr so schnell wie möglich nach Haus und tobte vor -seiner Frau, woher er die fünfundzwanzigtausend Rubel nehmen solle, um -den Juden den Wechsel zu bezahlen. »Wir müssen dein Gut, das du in die -Ehe mitgebracht hast, verkaufen,« sagt er. Aber sie erwidert: »Um nichts -in der Welt, ich bin mit ihm verwachsen.« Er sagt: »Du bist schuld, du -hast mir mit deinen Altgläubigen diesen Auftrag erbetet und warst -überzeugt, daß mir ihr Engel helfen würde; so schön hat er mir nun -geholfen!« Aber sie antwortet darauf: »Du bist selber schuld, warum bist -du so dumm und hast die Juden nicht verhaftet und erklärt, daß sie dir -das Petschaft gestohlen haben? Aber im übrigen,« sagt sie, »macht es -nichts, folge nur mir, ich werde die Sache schon wieder einrichten, und -für deine Unvernunft werden andere zahlen.« Und mit einem Male plärrt -sie: »Sofort, schnell den Dnjepr hinunterfahren und mir den Ältesten der -Altgläubigen herholen!« Der Bote kam, brachte unseren Pimen, und die -Frau sagte ihm ohne Umschweife: »Hören Sie, ich weiß, daß Sie ein -verständiger Mensch sind und daß Sie verstehen werden, was ich brauche: -Meinem Mann ist eine kleine Unannehmlichkeit widerfahren. Nichtswürdige -haben ihn ausgeraubt, die Juden ... Sie verstehen ... und wir brauchen -unbedingt dieser Tage fünfundzwanzigtausend Rubel, die ich nirgends so -schnell auftreiben kann. Aber ich habe Sie gerufen, und da ich weiß, daß -ihr Altgläubige kluge und reiche Leute seid, und weil ich mich selbst -überzeugt habe, daß Gott euch in allen Dingen hilft, bin ich sicher, daß -ihr mir den Gefallen tun und die fünfundzwanzigtausend geben werdet. Ich -werde dafür meinerseits allen Damen von euren wundertätigen -Heiligenbildern erzählen, und ihr werdet sehen, wieviel ihr für Wachs -und Öl erhalten werdet.« Ich glaube, meine werten Herren, daß Sie sich -ohne Mühe vorstellen können, was unser Spielmann bei dieser Wendung -empfand. Ich weiß nicht, was er alles sagte, aber ich glaube es ihm, daß -er nun anfing sich zu winden und zu schwören und sie unserer Dürftigkeit -zu versichern; aber sie, die neue Herodias, wollte davon nichts wissen. -»Nein,« sagte sie, »ich weiß sehr gut, daß die Altgläubigen reich sind -und daß fünfundzwanzigtausend Rubel für euch nichts bedeuten. Als mein -Vater in Moskau Beamter war, haben ihm die Altgläubigen mehrmals solche -Gefälligkeiten erwiesen; und fünfundzwanzigtausend Rubel sind gar nicht -der Rede wert.« Pimen versuchte natürlich ihr vorzustellen, daß die -Moskauer Altgläubigen kapitalskräftige Leute seien, wir aber einfache -Bauern und Taglöhner ... Aber sie hatte anscheinend sehr gute Moskauer -Erfahrungen und fiel über ihn auf einmal her: »Warum erzählen Sie mir -das? Als ob ich nicht wüßte, wieviel wundertätige Heiligenbilder ihr -habt! Haben Sie mir nicht selbst erzählt, wie viel man euch aus ganz -Rußland für Wachs und Öl schickt? Nein, ich will nichts hören, entweder -bekomme ich sofort das Geld, oder mein Mann fährt gleich zum Gouverneur -und erzählt ihm alles, wie ihr betet und die Leute verführt, und es wird -euch schlecht gehen.« Der arme Pimen fiel schier die Treppe hinunter; er -kam nach Hause und sagte, wie ich Ihnen berichtet habe, nur das eine -Wort: »Nichts«. Dabei war er aber rot, als käme er aus dem Dampfbad, -ging gleich in einen Winkel und schneuzte sich in einem fort. -Schließlich nahm ihn Luka Kirillow ein wenig ins Verhör. Pimen gestand -ihm natürlich nicht alles, sondern enthüllte ihm nur ganz wenig und -sagte: »Die Gnädige hat von mir verlangt, daß ich ihr von euch -fünftausend Rubel Bestechungsgelder bringe.« Daraufhin braust Luka -natürlich auf: »Ach du Spielmann,« sagte er, »was brauchtest du mit den -Leuten verkehren und sie auch noch herbringen? Sind wir denn reiche -Leute, haben wir soviel Geld zu verschenken? Wofür sollen wir es denn -geben? Und wo ist es? Wie du alles angestellt hast, so bringe es auch -wieder in Ordnung, aber wir können die fünftausend Rubel nirgends -hernehmen.« Damit ging Luka an seine Arbeit und kam, wie ich berichtete, -bleich wie ein zum Tode Verurteilter zu uns, weil das nächtliche -Ereignis ihn ahnen ließ, daß die Sache uns Unannehmlichkeiten bringen -werde. Pimen aber ging ans andere Flußufer. Wir alle sahen, wie er mit -einem Boot aus dem Schilf herausfuhr und sich der Stadt zuwandte. Als -Michailiza mir jetzt dies alles der Reihe nach erzählte, wie er sich um -die fünftausend Rubel bemüht hatte, dachte ich mir, daß er nun bestimmt -zur Gnädigen gefahren sei, um sie zu besänftigen. Mit solchen Gedanken -stand ich neben Michailiza und dachte nach, ob aus all dem nicht ein -Schaden für uns erwachsen könne und ob es nicht notwendig sei, -irgendwelche Maßnahmen dagegen zu ergreifen, als ich plötzlich sah, daß -alle Maßnahmen schon zu spät waren, da ein großes Boot am Ufer anlegte -und ich hinter mir den Lärm vieler Stimmen hörte. Ich drehte mich um und -erblickte einige Beamte in allerlei Uniformen und mit ihnen eine -erhebliche Anzahl von Gendarmen und Soldaten. Meine werten Herren, ich -kann Michailiza kaum einen Blick zuwerfen, als sie alle an uns vorbei zu -Lukas Stube gehen und an der Türe zwei Posten mit bloßen Säbeln -aufstellen. Michailiza stürzt auf die Posten zu, nicht nur, um in die -Stube zu kommen, sondern auch, um zu eifern. Natürlich stoßen sie sie -zurück, und wie sie noch wilder auf sie eindringt und mit ihnen ins -Handgemenge kommt, versetzt ihr einer der Gendarmen einen solchen Stoß, -daß sie kopfüber die Treppe hinunterstürzt. Ich schicke mich an, zu Luka -auf die Brücke zu laufen, aber ich sehe schon, wie Luka mir -entgegenläuft und hinter ihm unsere ganze Gesellschaft, alle in Aufruhr, -jeder mit dem Werkzeug in der Hand, mit dem er eben gearbeitet hat, der -eine mit einer Brechstange, der andere mit einem Hammer, und alle -laufen, um ihr Heiligtum zu verteidigen. Alle, die im Boot keinen Platz -gefunden und kein anderes Mittel hatten, das Ufer zu erreichen, waren in -den Kleidern, wie sie bei der Arbeit gewesen waren, von der Brücke ins -Wasser gesprungen und schwammen nun einer hinter dem anderen durch den -kalten Fluß. Stellen Sie sich vor, es war schrecklich auszudenken, wie -das enden sollte. Die Soldatenabteilung war etwa zwanzig Mann stark, und -wenn sie auch alle mehr oder weniger kriegerisch ausgerüstet waren, so -waren die Unseren mehr als ein halbes Hundert und alle von glühendem -Glaubenseifer beseelt. Jetzt schwimmen sie wie die Seehunde durch das -Wasser, und man hätte sie mit einem Knüppel auf den Kopf schlagen -können, sie hätten die Absicht, ihr Heiligtum zu beschützen, nicht -aufgegeben. Nun stürmen sie, naß wie sie sind, vorwärts, als hätten -Steine plötzlich Leben bekommen. - - - - - ACHTES KAPITEL - - -Gestatten Sie mir jetzt daran zu erinnern, daß, während ich mit -Michailiza auf der Treppe sprach, der alte Maroi sich in der Stube im -Gebet befand, wo ihn die Herren Beamten bei ihrem Eindringen auch -vorfanden. Er erzählte später, daß sie, gleich als sie hereingekommen -waren, die Türe zugeschlagen hätten und gerade auf die Heiligenbilder -zugegangen wären. Die einen löschen die Lämpchen aus, die anderen reißen -die Bilder von der Wand, legen sie auf den Boden und schreien ihn an: -»Bist du der Pope?« Er sagt: »Nein, ich bin kein Pope.« Sie: »Wer ist -denn euer Pope?« Aber er antwortet: »Wir haben keinen Popen.« Sie -darauf: »Ihr werdet keinen Popen haben! Wie wagst du zu sagen, daß ihr -keinen Popen habt!« Er begann ihnen zu erklären, daß wir keine Popen -haben, aber weil er so unverständlich sprach, daß sie nicht begriffen, -wovon die Rede war, sagten sie: »Bindet ihn, er ist verhaftet.« Maroi -läßt sich binden, als gehe es ihn nichts an, daß ihm ein Dutzend -Soldaten mit einem Strickende die Hände binden. Er steht da und sieht -zu, was weiter geschieht. Die Beamten hatten inzwischen Kerzen -angezündet und die Bilder zu versiegeln begonnen. Der eine legte die -Siegel an, die anderen machten ein Verzeichnis, die dritten bohrten -Löcher in die Bilder und reihten sie auf eine Eisenstange aneinander. -Maroi sah diesem gotteslästerlichen Treiben zu und zuckte nicht einmal -mit den Schultern, weil er bei sich dachte, daß es wohl Gott gefalle, -diese Schändung des Heiligtums zuzulassen. Im selben Augenblick hört -Maroi draußen einen Gendarmen aufschreien, und dann einen zweiten. Die -Tür fliegt auf, und unsere Seehunde stürzen naß, wie sie aus dem Wasser -gestiegen sind, herein. Glücklicherweise war ihnen jedoch Luka Kirillow -zuvorgekommen; er schrie sie an: - -»Haltet ein, Christenmenschen! Ereifert euch nicht!« Dann wendet er sich -an die Beamten, weist auf die an die Eisenstange aufgespießten Ikonen -und spricht: »Weshalb beschädigt ihr so das Heiligtum, ihr Herren -Beamten? Wenn ihr das Recht habt, es uns zu nehmen, dann werden wir der -Gewalt keinen Widerstand leisten, -- nehmt es nur. Aber weshalb müßt ihr -so seltene, von den Vätern ererbte Kunstwerke beschädigen?« - -Aber der Mann der Bekannten Pimens, der die ganze Sache leitete, schrie -Luka an: - -»Still, Halunke! Du wagst noch zu räsonieren!« - -Luka war ein stolzer Bauer, aber er demütigte sich und antwortete leise: - -»Erlauben, Euer Hochwohlgeboren, wir kennen diesen Brauch, wir haben in -der Stube anderthalb Hundert Ikonen. Wenn Sie wünschen, geben wir Ihnen -für jede Ikone drei Rubel, nehmen Sie sie mit, aber beschädigen Sie die -alten Kunstwerke nicht.« - -In den Augen des Herrn blitzte es, und er schrie ihn laut an: »Hinaus!« -Ganz leise setzte er aber hinzu: »Gib hundert Rubel für das Stück, sonst -stecke ich sie alle in den Ofen.« - -Luka konnte eine solche Summe weder geben, noch sie sich überhaupt -vorstellen und sagte: - -»Gott sei mit euch, vernichtet alles, wie ihr wollt, aber wir haben das -Geld nicht.« - -Aber der Herr schrie ihn wütend an: »Ach du bärtiger Ziegenbock, wie -wagst du es, mit uns von Geld zu sprechen?« - -Er wurde plötzlich ganz wild, ließ alles, was er an heiligen -Darstellungen in der Stube fand, auf die Stange spießen, schraubte dann -Muttern an beide Enden und versiegelte diese, so daß niemand die Bilder -herunternehmen oder vertauschen konnte. Sie hatten bereits alle Ikonen -gesammelt und schickten sich an, fortzugehen. Die Soldaten nahmen die -Stange mit den Bildern auf die Schultern und trugen sie zu den Booten. -Michailiza hatte sich indes mit dem übrigen Volk unbemerkt in die Stube -gedrängt, heimlich das Engelsbild vom Chorpult heruntergestohlen und -trug es unter der Schürze in die Kammer. Ihre Hände zitterten dabei aber -so, daß sie es fallen ließ. Ihr Heiligen, wie da der Herr in Wut geriet, -uns Diebe und Betrüger nannte und schrie: - -»Aha, ihr Betrüger, ihr wolltet das Bild stehlen, damit es nicht auf die -Stange kommt? Nun, da soll es auch nicht hinkommen, aber so werde ich es -machen!« -- Mit diesen Worten zündete er die Siegellackstange an und -drückte das brennende Harz mitten auf das Gesicht des Engels! - -Meine besten Herren, seien Sie nicht böse, wenn ich nicht versuche, -Ihnen zu beschreiben, was in uns vorging, als der Herr das kochende Harz -auf das Antlitz des Engels goß und als dann der grausame Mensch das Bild -auch noch emporhob, um sich damit zu rühmen, wie gut er es verstanden -hatte, uns zu kränken. Ich entsinne mich nur noch, daß das helle heilige -Antlitz rot und versiegelt war, daß das brennende Harz unter dem -Petschaft in zwei Strömen, wie Blut mit Tränen gemischt, herabfloß. - -Wir stöhnten alle auf, bedeckten unsre Augen mit den Händen und -stöhnten, als lägen wir auf der Folter. Dann verloren wir uns in -Weheklagen, so daß uns die einbrechende Nacht noch immer weinend und -jammernd um unseren versiegelten Engel antraf. Da kam uns in dem Dunkel -und der Ruhe, die über dem zerstörten Heiligtum lag, der Gedanke, -ausfindig zu machen, wohin man unseren Beschützer gebracht hatte, und -wir gelobten, ihn selbst unter Lebensgefahr zu rauben und zu entsiegeln. -Zur Ausführung dieses Entschlusses wählte man mich und den jungen -Lewontij. Er zählte kaum siebzehn Jahre, war fast noch ein Knabe, aber -kräftigen Wuchses und guten Herzens, von Kind auf gottesfürchtig, -gehorsam und gutartig, wie ein weißes Roß mit Silberzaum. - -Für das gefährliche Unternehmen, den versiegelten Engel, dessen -erblindetes Antlitz wir nicht ertragen konnten, aufzufinden und zu -rauben, konnte ich mir einen besseren Gefährten und Helfer gar nicht -wünschen. - - - - - NEUNTES KAPITEL - - -Ich will Sie nicht mit Einzelheiten aufhalten, wie ich und mein Gefährte -durch alle Nadelöhre schlüpften und überall hinkamen; ich will Ihnen -gleich von der Trauer berichten, die uns ergriff, als wir erfuhren, daß -man unsere von den Beamten durchbohrten Ikonen, so wie sie auf die -Stange aufgespießt waren, in den Keller des Konsistoriums geworfen -hatte. Damit war die Sache für uns verloren und wie im Sarge begraben; -es war vergeblich, noch weiter an sie zu denken. Erfreulich dagegen war, -daß man sich erzählte, der Erzbischof selbst habe diese barbarische -Handlungsweise nicht gebilligt, sondern im Gegenteil gesagt: »Wozu das?« -Er sei sogar für das alte Kunstwerk eingetreten und habe erklärt: »Es -ist ein altes Stück, das man schützen muß«. Schlimm dagegen war, daß, -als das durch die Schändung entstandene Unheil noch nicht überwunden -war, uns ein neues, größeres durch diesen neuen Verehrer traf: Derselbe -Erzbischof nahm, was man hinzufügen muß, nicht in schlimmer, sondern in -guter Absicht unseren versiegelten Engel in die Hand und betrachtete ihn -lange, dann legte er ihn zur Seite und sagte: »Das verstörte Antlitz! -Wie schrecklich hat man es zugerichtet! Man tue dieses Bild nicht in den -Keller, sondern stelle es in meine Kapelle aufs Fenster neben den -Opfertisch.« Die Diener des Erzbischofes führten den Befehl aus, und -wenn uns einerseits, wie ich gestehen muß, diese Aufmerksamkeit des -Hierarchen sehr angenehm berührte, so sahen wir andererseits doch ein, -daß dadurch jede Aussicht, unseren Engel rauben zu können, vereitelt -war. Es blieb nur ein Mittel übrig: die Diener des Erzbischofs zu -bestechen und mit ihrer Hilfe das Bild mit einem kunstvoll ähnlich -gemalten zu vertauschen. Das hatten unsere Altgläubigen schon oft mit -Erfolg gemacht, aber dazu wäre vor allen Dingen ein kunstfertiger -Heiligenbildmaler mit einer erprobten Hand nötig gewesen, der es -verstanden hätte, heimlich ein genaues Abbild herzustellen. Einen -solchen Maler gab es jedoch in dieser Gegend nicht. Zudem befiel uns -seit dieser Zeit doppelte Trauer, die wie Wassersnot über uns kam. In -der Stube, in der man früher nur Lobsingen hörte, vernahm man nichts als -Schluchzen, und in kurzer Zeit hatten wir uns so krank geweint, daß wir -mit unseren tränenerfüllten Augen den Boden nicht mehr sehen konnten, -und dadurch, oder aus einem anderen Grunde entstand dann bei uns eine -Augenkrankheit, die mit der Zeit alle ergriff. Was es bisher nicht -gegeben hatte, geschah jetzt: wir hatten Kranke ohne Zahl. Das ganze -Arbeitervolk fand dafür die Deutung, daß es nicht ohne Grund geschehe, -sondern wegen des Engels der Altgläubigen. »Man hat ihn,« sagten sie, -»durch das Siegel geblendet, und jetzt müssen wir alle erblinden.« Diese -Auslegung fand nicht nur bei uns allein Glauben, sondern auch alle -kirchlich Gesinnten waren aufgebracht. - -Obwohl unsere Brotgeber, die Engländer, Ärzte kommen ließen, ging -niemand zu ihnen hin, und auch ihre Arzneien wollte niemand nehmen, -sondern wir alle flehten nur um das eine: - -»Bring uns den versiegelten Engel. Wir wollen vor ihm einen -Bittgottesdienst halten, er allein kann uns helfen!« - -Unser Engländer Jakow Jakowlewitsch nahm sich der Sache an, fuhr selbst -zum Erzbischof und sagte ihm: - -»So steht es, Eminenz: der Glaube ist eine große Sache, und einem jeden -wird alles nach seinem Glauben gegeben; geben Sie uns doch den Engel -aufs andere Ufer!« - -Der Erzbischof aber wollte davon nichts wissen und sagte: - -»Dem darf kein Vorschub geleistet werden.« - -Damals erschien uns dieses Wort grausam, und wir verurteilten den -Erzbischof leichtfertig, später aber wurde uns offenbar, daß dies alles -nicht aus Hartherzigkeit, sondern durch Gottes Vorsehung geschah. - -Indessen nahmen die Zeichen kein Ende, und der strafende Finger traf -auch den Hauptschuldigen in dieser Sache, Pimen, selbst, der nach diesem -Unheil von uns geflohen war, auf dem anderen Ufer lebte und der -Staatskirche beitrat. Ich begegnete ihm einmal dort in der Stadt, er -begrüßte mich, und ich grüßte ihn wieder. Dann sagte er mir: - -»Ich habe gesündigt, Bruder Mark, daß ich mich von eurem Glauben -abgeschieden habe.« - -Ich antwortete ihm: - -»Was einer glaubt, das ist Gottes Sache, aber daß du den Armen um ein -Paar Stiefel verkauft hast, das war nicht gut gehandelt; verzeih mir, -daß ich dir, wie es der Prophet Amos befiehlt, brüderliche Vorwürfe -mache.« - -Bei der Nennung des Propheten überlief ihn ein Schauder. - -»Sprich mir nicht von den Propheten,« sagte er, »ich kenne die Schrift -selbst und fühle, wie die Propheten die auf der Erde Lebenden strafen. -Ich selbst habe dafür ein Zeichen.« Und er klagte mir, daß er, als er -neulich im Flusse gebadet hatte, am ganzen Körper fleckig geworden sei; -er machte seine Brust frei und zeigte mir auf ihr Flecken, wie bei einem -gescheckten Pferde, die sich von der Brust bis hinauf zum Halse zogen. - -Ich sündiger Mensch hatte schon im Sinne, ihm zu sagen, daß »Gott den -Schelm zeichne«, aber ich unterdrückte diese Worte und sagte: - -»Nun, was hat das zu bedeuten? Bete nur und sei froh, daß du auf dieser -Welt gezeichnet bist, vielleicht wirst du dann in der kommenden rein -dastehen.« - -Aber er klagte mir, wie unglücklich er darüber sei und was er einbüße, -wenn die Flecken auch das Gesicht ergreifen würden. Der Gouverneur -selbst habe, als er ihn, Pimen, bei seinem Übertritt in die Kirche sah, -große Freude an seiner Schönheit gehabt und dem Stadthauptmann gesagt, -er solle Pimen beim Empfang vornehmer Personen unbedingt ganz vorne mit -der silbernen Schüssel in den Händen aufstellen. Aber einen fleckigen -Menschen könne man doch nicht aufstellen! Was brauchte ich aber seine -eitlen und hohlen Worte weiter anzuhören? -- Ich drehte mich um und -ging. - -Seit der Zeit waren wir von ihm geschieden. Seine Flecken wurden immer -sichtbarer, aber auch bei uns hörten die Zeichen nicht auf. Schließlich -setzte im Herbst, als der Fluß kaum zugefroren war, plötzlich Tauwetter -ein, das das ganze Eis auseinanderriß und unsere Behausungen zerstörte. -Und jetzt folgte Schaden auf Schaden, bis einmal sogar einer der -Granitpfeiler unterspült wurde und der Strudel das Werk vieler Jahre, -das viele Tausende gekostet hatte, verschlang. - -Dies machte sogar unsere Brotgeber, die Engländer, bestürzt, und -irgendjemand riet ihrem Ältesten, Jakow Jakowlewitsch, uns Altgläubige -wegzuschicken, um von all dem Übel wieder erlöst zu werden. Der -Engländer aber war ein Mensch mit rechtschaffnem Herzen und hörte nicht -darauf; er ließ sogar mich und Luka Kirillow zu sich rufen und sagte: - -»Kinder, gebt mir selbst einen Rat: kann ich euch nicht irgendwie helfen -und euch trösten?« - -Wir antworteten ihm, daß es für uns keinen Trost gäbe, solange das uns -heilige Antlitz des Engels, das uns überall begleitet hatte, mit -Feuerharz versiegelt sei, und daß wir vor Leid vergingen. - -»Was gedenkt ihr zu tun?« fragte er. - -»Wir wollen ihn einmal vertauschen und sein reines Antlitz, das die -gottlose Hand des Beamten unter dem Siegel verborgen hat, entsiegeln.« - -»Warum ist euch der Engel so teuer, und kann man euch nicht einen -anderen ebensolchen verschaffen?« - -»Er ist uns deshalb so teuer,« antworteten wir, »weil er uns beschützt -hat; einen anderen können wir aber nicht bekommen, weil dieser in -schwerer Zeit von gottesfürchtiger Hand gemalt und von einem Priester -des alten Glaubens nach dem Brevier des Pjotr Mogila geweiht worden ist. -Jetzt aber haben wir weder Priester noch jenes Brevier.« - -»Aber wie wollt ihr ihn entsiegeln, wo doch der Siegellack das ganze -Gesicht ausgebrannt hat?« - -Wir antworteten: - -»Euer Gnaden, was das anbelangt, so haben Sie keine Sorge: wenn wir ihn -nur in unsere Hände bekommen, wird er, unser Beschützer, schon selbst -für sich sorgen. Er ist keine Handelsware, sondern eine echte -Stroganower Arbeit, und die Stroganower wie die Kostromaer Lacke sind so -zubereitet, daß das Bild nicht einmal den Feuerbrand zu fürchten -braucht, er läßt das Harz an die zarten Farben nicht einmal heran.« - -»Seid ihr davon überzeugt?« - -»Ja, das sind wir: dieser Lack ist so stark wie der alte russische -Glaube selbst.« - -Er schimpfte noch auf jene, die ein solches Kunstwerk nicht zu schätzen -verstanden hatten, gab uns die Hand und sagte nochmals: - -»Nun, verzagt nicht, ich bin euer Helfer, wir werden euern Engel -bekommen. Braucht ihr ihn für lange?« - -»Nein,« antworteten wir, »für ganz kurze Zeit.« - -»Nun, dann sage ich den Leuten, daß ich für euren versiegelten Engel -kostbare goldene Beschläge machen lassen will, und wenn man ihn mir dann -gibt, vertauschen wir ihn. Gleich morgen will ich mich daran machen.« - -Wir dankten ihm und erwiderten: - -»Herr, unternehmen Sie bitte morgen und auch übermorgen noch nichts.« - -»Warum das?« fragte er. - -Wir antworteten: - -»Weil wir, Herr, vor allen Dingen ein Bild zum Vertauschen haben müssen, -das dem echten wie ein Wassertropfen dem andern gleicht. Solche Meister -gibt es hier aber nicht und werden auch in der Nähe nicht zu finden -sein.« - -»Das ist eine Kleinigkeit,« sagte er, »ich werde euch selbst aus der -Stadt einen Künstler mitbringen, der nicht nur Kopien malt, sondern -selbst vortreffliche Porträts.« - -»Nein,« antworteten wir, »tun Sie das bitte nicht: erstens würde durch -diesen weltlichen Maler vielleicht ein unziemliches Gerede entstehen, -zweitens kann ein Maler diese Aufgabe gar nicht erfüllen.« - -Der Engländer glaubte es nicht, und so trat ich vor und legte ihm den -ganzen Unterschied klar: daß die jetzigen weltlichen Maler eine andere -Kunstart haben, daß sie nämlich mit Ölfarben malen, während dort die -Farben mit Eiweiß angerieben werden und ganz zart sind. In der neuen -weltlichen Malerei ist die Darstellung hingeschmiert und erscheint nur -in einiger Entfernung natürlich, während hier alles fließend und noch in -der Nähe deutlich ist. Einem weltlichen Maler würde selbst die -Wiedergabe der Zeichnung nicht gelingen, weil sie nur gelernt haben, den -irdischen Körper abzubilden und was den körperlichen Menschen ausmacht, -während in der heiligen russischen Ikonenmalerei der verklärte -himmlische Leib dargestellt wird, den sich der materielle Mensch nicht -einmal vorstellen kann. - -Das interessierte ihn, und er fragte: - -»Aber wo gibt es denn solche Meister, die sich heute noch auf diese -besondere Art verstehen?« - -»Sie sind heute,« berichtete ich ihm weiter, »sehr selten, und selbst -damals lebten sie in tiefer Verborgenheit. Im Dorfe Mstera lebt ein -Meister namens Chochlow, aber er ist schon hoch in den Jahren und kann -die weite Reise nicht machen. Auch in Palichow leben zwei, aber auch die -werden die Reise nicht unternehmen, zudem taugen uns weder die Msterer -noch die Palichower Meister.« - -»Weshalb denn das?« forschte er weiter. - -»Weil sie,« antwortete ich, »eine andere Manier haben: bei den Msterern -ist die Zeichnung schwerfällig und der Farbton trüb, bei den Palichowern -dagegen ist der Ton türkisfarbig, alles schimmert bei ihnen bläulich.« - -»Was soll man nun machen?« fragte er. - -»Ich weiß es selbst nicht,« antwortete ich. »Ich habe zwar gehört, es -gäbe in Moskau noch einen guten Meister, namens Ssilatschow. Er hat in -ganz Rußland, auch bei den Unsrigen einen guten Namen, aber er -entspricht mehr der Nowgorodschen und der Zarisch-Moskowitischen Art. -Unsere Ikone aber ist Stroganower Zeichnung mit den klarsten heiligsten -Farben, so daß uns einzig der Meister Ssewastian von der Wolga helfen -könnte, aber der ist ein leidenschaftlicher Wanderer und zieht durch -ganz Rußland, macht bei den Altgläubigen Ausbesserungen, und niemand -weiß, wo er zu finden ist.« - -Der Engländer hatte meinen ganzen Bericht mit Vergnügen angehört, -lächelte ein wenig und antwortete: - -»Ihr seid sehr wunderliche Leute,« sagte er, »aber wenn man euch zuhört, -wird es einem wohl, denn ihr scheint alles, was euch angeht, gut zu -kennen und sogar in der Kunst Bescheid zu wissen.« - -»Warum sollen wir denn von der Kunst nichts erfaßt haben, Herr?« sage -ich: »Hier handelt es sich doch um Gotteskunst, und bei uns gibt es -unter den ganz einfachen Bauern so große Liebhaber dieser Kunst, daß sie -nicht nur alle Schulen auseinanderhalten, wodurch sich zum Beispiel eine -von der anderen unterscheidet, die Ustjuger oder die Nowgoroder, die -Moskauer oder die Wologdaer, die Sibirische oder die Stroganower, -sondern die sogar in derselben Schule die Werke der berühmten, alten -russischen Meister fehlerlos unterscheiden.« - -»Kann denn das sein?« - -»Genau so, wie Sie die Handschrift eines Menschen von der eines anderen -unterscheiden, so auch jene«, antwortete ich. »Sie schauen nur hin und -sehen gleich, ob es Kusjma, Andrej oder Prokofij gemalt hat.« - -»An welchen Merkmalen?« - -»Es gibt Unterschiede in der Zeichnung, im Ton, in der Raumverteilung, -in den Gesichtszügen und in den Bewegungen.« - -Er hörte immerfort zu, und ich erzählte ihm, was ich über die Malerei -eines Uschakow und eines Rubljow wußte, und vom ältesten russischen -Maler Paramschin, dessen Heiligenbilder unsere gottesfürchtigen Fürsten -und Zaren ihren Kindern zum Segen schenkten, denen sie sogar in ihren -Vermächtnissen befahlen, diese Ikonen wie ihren Augapfel zu hüten. - -Der Engländer zog gleich sein Notizbuch heraus, ließ mich den Namen -dieses Malers wiederholen und fragte, wo man Arbeiten von ihm sehen -könnte. Aber ich antwortete: - -»Sie werden vergeblich suchen, Herr. Nirgends ist eine Erinnerung an sie -zurückgeblieben.« - -»Wo sind sie denn geblieben?« - -»Ich weiß nicht,« sagte ich, »ob man sie zum Pfeifenreinigen verwendet -oder bei den Deutschen gegen Tabak eingetauscht hat.« - -»Es kann nicht sein!« - -»Im Gegenteil,« antwortete ich, »es kann sehr wohl sein, es gibt -Beispiele dafür: der römische Papst hat im Vatikan ein Triptychon, das -unsere russischen Ikonenmaler Andrej, Ssergej und Nikita im dreizehnten -Jahrhundert gemalt haben. Diese vielfigurigen Miniaturen sollen so -wunderbar sein, daß selbst die größten ausländischen Maler, die sie -sahen, vor diesem wundervollen Werk in Begeisterung gerieten.« - -»Aber wie ist es nach Rom gekommen?« - -»Peter der Erste hat es einem ausländischen Mönch geschenkt, und der hat -es verkauft.« - -Der Engländer lächelte ein wenig, wurde dann nachdenklich und sagte -leise, daß bei ihnen in England jedes Bildchen von Geschlecht zu -Geschlecht bewahrt werde und daß es so für seine Herkunft selbst Zeugnis -ablege. - -»Nun, bei uns herrscht wahrhaftig eine andere Sitte,« sagte ich, »das -Band der Überlieferungen der Vorfahren ist zerrissen, damit alles neu -erscheine, als sei das ganze russische Geschlecht erst gestern von der -Henne in den Nesseln ausgebrütet worden.« - -»Wenn die bei euch gezüchtete Unwissenheit so groß ist, warum bemühen -sich dann nicht wenigstens diejenigen, die die Liebe zum Heimatlichen -bewahrt haben, die einheimische Kunst zu erhalten?« - -Ich antwortete: »Es ist niemand da, Herr, der uns unterstützen würde, -denn in den neuen Kunstschulen verfault allerorts das Gefühl, und der -Verstand unterwirft sich der Eitelkeit. Die Fähigkeit zur hohen -Begeisterung ist verloren gegangen, alles wird vom Irdischen abgeleitet -und atmet irdische Leidenschaft. Unsere neuesten Maler haben damit -begonnen, den Erzengel Michael nach dem Bildnis des Fürsten Potjomkin -von Taurien darzustellen, und jetzt sind sie so weit, daß sie Christus -den Erlöser als Juden abbilden. Was soll man von solchen Menschen -erwarten? Ihre unbeschnittenen Herzen werden schließlich noch andere -Dinge malen und verlangen, daß man die als Gottheit verehre. Hat man -doch in Ägypten einen Stier und eine rotgefiederte Zwiebel angebetet; -nur wir werden uns nicht vor den fremden Göttern beugen und werden das -Judengesicht nicht als das Antlitz des Erlösers anerkennen. Ja, so -kunstfertig diese Bilder auch sein mögen, wir halten sie für eine -herzlose Frechheit und wollen von ihnen nichts wissen, weil es in der -Überlieferung der Väter heißt, daß die Ergötzung der Augen die Reinheit -der Vernunft zerstört, wie ein schadhafter Wasserspeier das Wasser -trübt.« - -Damit schloß ich und schwieg, aber der Engländer sagte: - -»Fahre fort, mir gefällt es, wie du urteilst!« - -Ich antwortete: »Ich habe schon alles erzählt.« Er aber erwiderte: - -»Nein, erzähle mir noch, was ihr unter einem beseelten Bilde versteht.« - -Diese Frage, meine werten Herren, war für einen einfachen Menschen -ziemlich schwierig, aber es war nichts zu machen, und ich begann zu -erzählen, wie in Nowgorod der Sternenhimmel gemalt ist, und dann -berichtete ich von dem Kiewer Bild in der Sophienkathedrale, wo zu -Seiten des Herrn Zebaoth sieben geflügelte Erzengel stehen, die -natürlich keine Ähnlichkeit mit dem Fürsten Potjomkin haben, und auf den -Stufen der Vorhalle die Erzväter und Propheten dargestellt sind, unter -ihnen Moses mit der Gesetzestafel, noch tiefer Ahron mit Mitra und Stab, -und auf der anderen Seite der Stufen König David mit der Krone, der -Prophet Jesaias mit der Schriftrolle, Hesekiel mit der Geschlossenen -Pforte, Daniel mit dem Stein, und um diese Fürbitter, die den Weg zum -Himmel weisen, sind die Gaben abgebildet, durch die der Mensch diesen -Ruhmesweg erklimmen mag, wie: das Buch mit den sieben Siegeln als die -Gabe der Allweisheit, der siebenarmige Leuchter als die Gabe der -Vernunft, die sieben Augen als die Gabe des Rates, die sieben Posaunen -als die Gabe der Kraft, die Hand Gottes inmitten von sieben Sternen als -die Gabe der Gesichte, die sieben Räucherbecken als die Gabe der -Frömmigkeit und die sieben Blitze als die Gabe der Gottesfurcht. »Sehen -Sie,« sagte ich, »eine solche Darstellung ist erhebend.« - -Der Engländer antwortete: »Verzeih mir, mein Lieber, ich verstehe nicht, -weshalb du dies erhebend nennst.« - -»Weil eine solche Darstellung uns klar sagt, daß es dem Christenmenschen -ansteht, zu beten und darnach zu lechzen, sich von dieser Welt zu Gottes -unsagbarem Glanze zu erheben.« - -»Ja,« erwiderte er, »das kann aber doch ein jeder aus der Schrift und -aus dem Gebete erfassen.« - -»Nein, durchaus nicht,« antwortete ich, »es ist nicht jedem gegeben, die -Schrift zu verstehen, und dem, der sie nicht versteht, gibt auch das -Gebet nur Finsternis. Mancher hört die Verheißung der großen und reichen -Gnade und schließt daraus, daß damit Geld gemeint sei und betet voller -Habsucht; sieht er aber vor sich den himmlischen Glanz dargestellt, so -vergißt er hierüber das höchste irdische Glück und sieht ein, daß er -dieses Ziel erreichen müsse, weil dort alles so klar und einleuchtend -geschildert ist. Hat dann der Mensch für seine Seele zunächst die Gabe -der Gottesfurcht erbetet, so erhebt sie sich gleich, von der irdischen -Schwere befreit, von Stufe zu Stufe und erringt mit jedem Schritte mehr -vom Überfluß der göttlichen Gaben. Und von der Zeit an erscheint dem -Menschen im Gebet das Geld und aller irdischer Ruhm nur als -verabscheuungswürdig vor dem Herrn.« - -Der Engländer erhob sich von seinem Platze und sagte lächelnd: »Und ihr, -Sonderlinge, was erbetet ihr euch?« - -»Wir beten,« antwortete ich, »um ein christliches Ende und um ein mildes -Gericht am jüngsten Tag.« - -Er lächelte wieder und zog plötzlich an einer goldgelben Schnur; ein -grüner Vorhang ging auf, und hinter ihm saß seine Frau, die Engländerin, -auf einem Sessel und strickte vor einer Kerze mit langen Stricknadeln. -Sie war eine schöne freundliche Dame, und wenn sie auch nur wenig -russisch sprechen konnte, so verstand sie doch alles und hatte gewiß -unser Gespräch mit ihrem Manne über die Religion mit anhören wollen. - -Und was denken Sie wohl? Kaum war der Vorhang, der sie verdeckt hatte, -zurückgezogen, als die Gute sogleich wie erschrocken aufstand, an mich -und Luka herantrat und uns Bauern ihre beiden Händchen entgegenstreckte. -In ihren Augen blinkten Tränen, und sie sagte: - -»Gute Menschen, gute russische Menschen!« - -Ich und Luka küßten ihr für dieses gute Wort beide Hände, aber sie -drückte ihre Lippen auf unsere Bauernköpfe. - -Der Erzähler hielt inne, bedeckte die Augen mit dem Ärmel, wischte sie -still und flüsterte dann: »Sie war eine rührende Frau.« Nachdem er sich -gefaßt hatte, fuhr er fort: - -Nach ihrer freundlichen Tat begann die Engländerin ihrem Manne etwas in -ihrer Sprache auseinanderzusetzen. Wenn wir es auch nicht verstanden, so -hörten wir an der Stimme, daß sie ihn für uns bat. Und der Engländer -freute sich über die Güte seiner Frau, strahlte vor Stolz, streichelte -der Frau immerfort das Köpfchen und girrte in seiner Sprache wie eine -Taube: »Gut, gut«, oder was er ihr sonst gesagt haben mag; aber es war -ersichtlich, wie er sie lobte und sie in etwas bestärkte. Dann trat er -an seinen Schreibtisch, nahm zwei Hundertrubelscheine heraus und sagte: - -»Luka, hier hast du Geld, geh und suche den kunstfertigen -Heiligenbildermaler, wo du ihn zu finden meinst, damit er euch -anfertigt, was ihr braucht. Er kann auch für meine Frau etwas in eurer -Art malen; sie will ihrem Sohne eine solche Ikone schenken und gibt euch -für eure Bemühungen und Auslagen das Geld.« - -Sie aber lächelt durch die Tränen und entgegnet rasch: »Nein, nein, -nein, das ist von ihm, aber ich will von mir extra.« Und mit diesen -Worten geht sie zur Tür hinaus und bringt einen dritten Hunderter. - -»Mein Mann,« sagt sie, »hat mir das für ein Kleid geschenkt, aber ich -will kein Kleid, ich stifte es euch.« - -Wir weigern uns natürlich es anzunehmen, aber sie will davon gar nichts -hören und läuft hinaus, während er sagt: - -»Nein, wagt nicht, es ihr zu verweigern und nehmt, was sie euch gibt.« -Damit wendet er sich weg und sagt: »Geht jetzt, ihr Sonderlinge!« - -Wir waren durch diese Verabschiedung natürlich nicht beleidigt, weil wir -wohl bemerkt hatten, daß sich der Engländer von uns weggewandt hatte, -nur um seine Rührung vor uns zu verbergen. - -So haben uns, meine werten Herren, unsere eigenen Landsleute in ihrer -Herzensfinsternis verurteilt, und die englische Nation hat uns getröstet -und unserer Seele den Eifer wiedergegeben. - -Nun wendet sich, meine besten Herren, meine Erzählung dem Ende zu, und -ich will Ihnen in Kürze berichten, wie ich meinen lieben, -»silbergezäumten« Lewontij mitnahm, wie wir nach dem Ikonenmaler -auszogen, welche Ortschaften wir durchwanderten, was für Leute wir -sahen, welche neuen Wunder sich uns offenbarten, wie wir zuguterletzt -fanden, was wir verloren hatten und womit wir zurückkehrten. - - - - - ZEHNTES KAPITEL - - -Für einen Menschen, der eine Wanderschaft unternimmt, ist der -Weggefährte die wichtigste Angelegenheit. Mit einem guten und klugen -Kameraden sind selbst die Kälte und der Hunger leichter zu ertragen. Mir -ward diese Gabe durch den wunderbaren Jüngling Lewontij zuteil. Wir -machten uns zu Fuß auf den Weg. Wir trugen unsere Bündel, hatten eine -hinreichende Summe Geldes bei uns und nahmen zum Schutze unseres Lebens -und auch des Geldes einen alten, kurzen Säbel mit breiter Klinge mit, -der uns für den Fall einer Gefahr immer begleitet hatte. Wir zogen wie -Handelsleute unseres Wegs und hatten für alle Fälle Ausflüchte bereit, -hatten aber natürlich stets nur unsere Sache im Auge. - -Zu allererst waren wir in Klinzy und Slynka, kehrten dann bei einem der -Unsern in Orjol ein, aber nirgends hatten wir ein brauchbares Resultat, -nirgends fanden wir einen guten Ikonenmaler. So erreichten wir -schließlich Moskau. Was soll ich sagen! Heil dir, Moskau! Heil dir, -ruhmvolle Zarin des alten Rußlands! Aber wir Altgläubigen haben in dir -keinen Trost gefunden! - -Ich spreche ungern davon, aber ich kann nicht verschweigen, daß wir in -Moskau nicht den Geist antrafen, den wir erwartet hatten. Wir -überzeugten uns mit jedem Tag mehr davon, daß die Altgläubigkeit dort -nicht auf Liebe zum Guten und zur Wohlanständigkeit begründet ist, -sondern auf purem Eigensinn, und Lewontij und ich begannen uns darüber -zu schämen, weil wir dort nur solches sahen, was für den friedlichen -Gläubigen beleidigend ist. Aber indes wir uns schämten, schwiegen wir -darüber. - -Es gab natürlich in Moskau Ikonenmaler, und sogar recht kunstfertige, -aber was nützte uns das, wenn alle diese Leute nicht den Geist hatten, -von dem die väterlichen Überlieferungen berichten. Bevor sich die -gottesfürchtigen Maler der alten Zeiten an die heilige Kunst machten, -fasteten und beteten sie, und sie leisteten für viel und für wenig Geld -das Gleiche, wie es die Ehre der heiligen Darstellung erforderte. Aber -jene malen nur für eine kurze Zeit, nicht mehr für die Dauer, grundieren -nur schwach mit Kreidefarben, statt mit alabasternen, und tragen in -ihrer Faulheit die Farbe mit einemmal auf, statt wie damals vier- und -selbst fünfmal mit wasserdünner Farbe zu malen, wodurch jene die -wundervolle Zartheit erreichten, die den jetzigen mangelt. Und über der -Liederlichkeit in der Kunst sind sie selbst alle schwach geworden, so -daß sich jeder vor dem anderen rühmt und einer den anderen zu -erniedrigen sucht. Aber noch schlimmer ist, daß sie sich in den Schenken -zu Haufen herumtreiben, dort die schlauesten Betrügereien verüben, Wein -trinken und ihre Kunst schreierisch loben, das Werk der anderen aber -gotteslästerlich und »Teufelsmalerei« nennen. Und um sie herum sitzen -die Altertumshändler wie die Sperlinge hinter den Eulen, lassen die -altgemalten Heiligenbilder von Hand zu Hand gehen, sie tauschen und -fälschen, räuchern sie im Kamin und machen Risse und Wurmfraß hinein. -Aus Kupfer gießen sie alle möglichen Beschläge, nach den Vorbildern der -alten getriebenen Originale und legen Emaille nach der altüberlieferten -Art auf. Aus gewöhnlichen Schüsseln schmieden sie Taufbecken mit den -alten gerupften Adlern, wie man sie zur Zeit Iwans des Grausamen -herstellte. Sie stellen sie aus und verkaufen sie an unerfahrene -Leichtgläubige als echte Taufbecken »aus den Zeiten des Grausamen«. -Solcher Taufbecken gibt es jetzt viele in Rußland, aber es ist alles -Betrug und gewissenloser Schwindel. Mit einem Wort, die Leute betrügen -einander mit Heiligtümern, wie die schwarzen Zigeuner mit Pferden, und -treiben es so, daß man sich für sie schämen muß, wenn man überall die -Sünde, die Versuchung und den Verrat am Glauben sieht. Wer sich diese -Schamlosigkeit zu eigen gemacht hat, dem geht es nicht schlecht; selbst -unter den Moskauer Liebhabern finden sich viele, die sich für diesen -unehrlichen Handel interessieren und sich damit brüsten: hier habe einer -einen mit einem Christusbild betrogen, dort ein anderer einen andern mit -einem Nikolai geprellt oder einem auf irgendeine niederträchtige Weise -ein gefälschtes Muttergottesbild untergeschoben. All dies wurde ganz -offen betrieben, man eiferte sogar darin, die unerfahrenen Gläubigen mit -den Heiligtümern zum Narren zu halten. Aber mir und Lewontij als -bäuerisch einfachen Gottesverehrern erschien dies alles so unerträglich, -daß wir uns darüber grämten und erschraken: - -»Ist es denn möglich,« denken wir uns, »daß unser alter unglücklicher -Glaube derartig entstellt worden ist?« Und indem ich mir das denke, sehe -ich, daß auch er dasselbe in seinem betrübten Herzen trägt. Aber wir -sprachen nicht miteinander darüber, und ich bemerkte nur, wie sich mein -Jüngling immer mehr in die Einsamkeit flüchtete. - -Einmal schaue ich ihn an und habe Sorge, daß er jetzt in der Verwirrung -seines Herzens nur nicht auf unnötige Gedanken kommen möge; und ich sage -ihm: - -»Was hast du, Lewontij, worüber grämst du dich?« - -Und er antwortet: - -»Nichts, Onkel, nichts; ich bin einmal so.« - -»Komm, gehen wir in die Boscheninstraße, in die Eriwaner Schenke und -versuchen dort einen Ikonenmaler zu überreden. Heute haben zwei -versprochen hinzukommen und alte Ikonen mitzubringen. Ich habe schon -eine eingehandelt und will heute noch eine bekommen.« - -Aber Lewontij antwortet: - -»Nein, Onkelchen, geh du allein, ich gehe nicht mit.« - -»Warum gehst du nicht mit?« frage ich. - -»So,« antwortet er, »mir ist heute nicht ganz wohl.« - -Einmal, zweimal nötigte ich ihn nicht, aber das drittemal fordere ich -ihn wieder auf: - -»Gehen wir, Lewontjuschka, gehen wir, Junge.« - -Aber er verneigt sich rührend und bittet: - -»Nein, Onkelchen, weißes Täubchen, laß mich zu Hause bleiben.« - -»Aber was ist denn das, Ljowa, du bist doch mit mir als Helfer -mitgekommen und sitzt immer zu Hause. So habe ich nicht viel von deiner -Hilfe, mein Täubchen.« - -»Nun, du Teurer, Väterchen Mark Alexandrowitsch, Gebieter, fordere mich -nicht auf, dorthin zu gehen, wo man ißt und trinkt und unziemliche Reden -über das Heilige führt, ich könnte der Versuchung unterliegen.« - -Das war das erste bewußte Wort über seine Gefühle, und es traf mich ins -Herz, aber ich stritt nicht mit ihm und ging allein. An jenem Abend -hatte ich ein langes Gespräch mit zwei Ikonenmalern, und durch sie -widerfuhr mir ein schreckliches Leid. Es ist entsetzlich, was sie mit -mir gemacht haben. Der eine hatte mir für vierzig Rubel eine Ikone -verkauft und ging weg; der andere aber sagte: - -»Schau zu, Mensch, daß du vor dieser Ikone nicht betest.« - -Ich frage: »Warum?« - -Er antwortet: »Weil es Teufelsmalerei ist.« Damit kratzt er mit dem -Nagel an dem Bild, an der einen Ecke fällt die Farbschicht ab, und auf -dem Grund darunter ist ein Teufelchen mit einem Schwanz gemalt. Er -kratzt an einer anderen Stelle die Schicht herunter, und unter ihr ist -wieder ein Teufelchen. - -»Großer Gott, was ist denn das?« Ich begann zu weinen. - -»Das bedeutet, daß du nicht bei ihm, sondern bei mir bestellen sollst«. - -Da sah ich klar, daß sie derselben Bande angehörten und verabredet -hatten, an mir schlecht und unehrlich zu handeln. Ich ließ ihnen die -Ikone zurück und ging fort, die Augen voller Tränen, und lobte Gott, daß -mein Lewontij, dessen Glaube eben im Gären war, dies nicht gesehen -hatte. Wie ich nach Hause komme, sehe ich in den Fenstern des Stübchens, -das wir gemietet hatten, kein Licht, sondern höre von dort ein leises, -zartes Singen. Sogleich erkenne ich Lewontijs angenehme Stimme, und er -singt mit einem Ausdruck, als ob er jedes Wort in Tränen badete. Ich -trete leise ein und bleibe, damit er mich nicht hört, vor der Türe -stehen und höre, wie er die Josephsklage singt: - - »Wem soll ich meine Trauer sagen, - Wen rufe ich zum Weheklagen?« - -Dieser Vers, wenn Sie ihn zu kennen geruhen, ist ohnedies so klagevoll, -daß man ihn nicht gleichgültig anhören kann, und Lewontij singt ihn und -weint und schluchzt dabei: - - »Meine Brüder haben mich verkauft.« - -Er weint, und weint, als ob er am Grabe seiner Mutter stehe und singt -weiter, und ruft die Erde an zur Weheklage über die Sünde der Brüder. - -Diese Worte können einen Menschen immer erregen, mich erregten sie aber -jetzt besonders, da ich doch eben von ähnlich streitenden Brüdern -weggegangen war. Die Worte hatten mich so gerührt, daß ich selbst -aufschluchzte. Lewontij hört es, verstummt und ruft: »Onkel, hör Onkel!« - -»Was denn, mein guter Junge?« sage ich. - -»Weißt du, wer unsere Mutter ist, von der hier gesungen wird?« fragt er. - -»Rahel,« antworte ich. - -»Nein,« entgegnet er, »in alter Zeit war es die Rahel, jetzt hat es aber -eine andere, geheimnisvolle Bedeutung.« - -»Wieso geheimnisvoll?« frage ich. - -»Nun, dieses Wort hat einen verwandelten Sinn.« - -»Du Kind,« sage ich, »paß auf: ist es nicht gefährlich, was du hier -grübelst?« - -»Nein,« erwidert er, »ich fühle es in meinem Herzen, daß unser Erlöser -sich unseretwegen kreuzigen läßt, weil wir ihn nicht mit einigen Herzen -und einigen Lippen suchen.« - -Ich erschrak noch mehr: wohin will der Junge nur damit hinaus? Und ich -sage ihm: - -»Weißt du, Lewontjuschka, gehen wir lieber schneller aus Moskau fort in -die Gegend von Nischnij-Nowgorod, um dort den Ikonenmaler Ssewastjan zu -suchen; ich habe heute gehört, daß er dort umherzieht.« - -»Gut, gehen wir,« antwortet er, »hier in Moskau quält mich schmerzhaft -ein böser Geist, aber dort sind Wälder, die Luft ist reiner, und dort, -hörte ich, lebt auch der Starez Pamwa, ein Einsiedler ganz ohne Neid und -Zorn, den ich gern gesehen hätte.« - -»Der Einsiedler Pamwa,« erwidere ich ihm streng, »dient der herrschenden -Kirche, was haben wir mit ihm zu schaffen?« - -»Nun, was ist das für ein Unglück?« antwortet er: »Ebendeshalb will ich -ihn ja sehen, um zu begreifen, was für ein Segen auf der herrschenden -Kirche ruht.« - -Ich wasche ihm den Kopf und sage: »Was ist denn das für ein Segen?,« -aber ich fühle selbst, daß er mehr Recht hat als ich, da er darnach -drängt, zu erforschen, während ich einfach verwerfe, was ich nicht -kenne, und in meinem Widerstande trotzig bin, ihm also nur Unsinn -entgegne. - -»Die Angehörigen der herrschenden Kirche,« sage ich, »richten sich in -ihrem Glauben nicht nach dem Himmel, sondern nach dem Tor des -Aristoteles und bestimmen den Weg auf dem Meere nach dem Stern des -heidnischen Gottes Remphan, du aber willst mit ihnen den Blickpunkt -gemeinsam haben?« - -Aber Lewontij antwortet: »Du fabelst, Onkel: es hat nie einen Gott -Remphan gegeben, sondern alles ist durch die eine Allweisheit -geschaffen.« - -Daraufhin werde ich noch dümmer und sage: »Die Kirchlichen trinken -Kaffee«. - -»Nun, was ist das für ein Unglück?« antwortet Lewontij; »Der Kaffee ist -eine Bohne und wurde dem König David als Geschenk dargebracht.« - -»Woher,« sage ich, »weißt du denn das alles?« - -»Ich hab es in Büchern gelesen.« - -»Nun, wisse dann: alles steht in den Büchern nicht geschrieben.« - -»Was ist dort nicht geschrieben?« fragt er. - -»Was? Was dort noch nicht geschrieben ist?« Ich weiß gar nicht mehr, was -ich sagen soll, und poltere los: - -»Die Kirchlichen essen Hasen, und der Hase ist unrein.« - -»Beschimpfe nicht, was Gott geschaffen hat, es ist Sünde.« - -»Wie soll ich den Hasen nicht beschimpfen, wo er doch unrein ist, von -Eselsart, Zwittereigenschaften hat und beim Menschen dickes, -melancholisches Blut erzeugt?« - -Aber Lewontij lacht nur und sagt: - -»Schlaf, Onkel, du redest ungereimtes Zeug.« - -Ich muß Ihnen gestehen, daß ich damals noch nicht klar wußte, was in der -Seele dieses gesegneten Jünglings vorging; ich war nur sehr erfreut, daß -er nicht weitersprechen wollte, denn ich sah selbst ein, daß mein Herz -nichts von dem wußte, was ich sprach, und so schwieg ich denn und dachte -mir nur, während ich mich niederlegte: - -»Nein, diese Zweifel sind bei ihm aus Gram entstanden. Morgen werden wir -aufstehen und uns auf den Weg machen; dann wird sich alles in ihm -zerstreuen.« Für alle Fälle aber hatte ich in meinem Sinn beschlossen, -einige Zeit schweigend neben ihm einherzugehen, um ihm zu zeigen, daß -ich noch sehr zornig auf ihn sei. - -Nur brachte ich in meinem wetterwendischen Charakter nicht die Kraft -auf, mich böse zu stellen, und so begannen wir bald wieder miteinander -zu sprechen, und nicht über göttliche Dinge, weil er viel belesener war -als ich, sondern über die Gegend, wozu uns die riesigen dunklen Wälder -anregten, durch die unser Weg führte. Ich bemühte mich, mein Moskauer -Gespräch mit Lewontij zu vergessen, und entschloß mich, auf der Hut zu -sein und nicht irgendwie auf den Starez Pamwa, den Einsiedler zu stoßen, -der Lewontij so begeistert hatte und über dessen erhabenen Lebenswandel -ich selbst unfaßbare Wunder von kirchlich Gläubigen gehört hatte. - -»Nun,« denke ich mir, »was soll ich mir große Sorgen machen, wenn ich -ihm aus dem Wege gehe? Er selbst wird uns doch gewiß nicht suchen.« - -Und so wandern wir wieder friedlich und wohlbehalten und kommen -schließlich in Ortschaften, in denen wir Kunde davon erhalten, daß der -Ikonenmaler Ssewastjan die Gegend durchziehe. Nun beginnen wir, ihn von -Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf zu suchen, wir folgen ihm schon auf -frischer Fährte, wir erreichen ihn fast und können ihn doch nicht -einholen. Wir laufen wie gekoppelte Hunde, legen Strecken von zwanzig -bis dreißig Werst ohne Rast zurück, aber wenn wir irgendwohin kommen, so -sagt man uns: - -»Er ist hier gewesen und ist eben, vor einer Stunde weggegangen.« - -Wir eilen ihm nach, aber es gelingt uns nicht ihn einzuholen. - -Einmal an einer Wegkreuzung gerate ich mit Lewontij in Streit. Ich sage: -»wir müssen rechts gehen«, und er sagt: »links«. Schließlich hätte er -mich beinahe überredet, aber ich beharrte auf meiner Meinung. Wir gehen -also und gehen, und schließlich merke ich, daß ich nicht mehr weiß, -wohin wir geraten sind, und daß weder ein Pfad, noch eine Spur -weiterführt. - -Ich sage dem Jüngling: »Kehren wir um, Ljowa!« - -Aber er antwortet: »Nein ich kann nicht mehr weitergehen, Onkel, ich -habe keine Kraft mehr.« - -Ich frage besorgt: »Kindchen, was fehlt dir denn?« - -Und er erwidert: »Siehst du denn nicht, wie mich der Frost schüttelt?« - -Ich sehe, wie er am ganzen Körper zittert und wie seine Augen -umherirren. So plötzlich war es geschehen, meine werten Herren. Er hat -über nichts geklagt, ist flink einhergegangen, und nun setzt er sich mit -einem Male in einem Wäldchen aufs Gras, lehnt seinen Kopf an einen -hohlen Baumstumpf und sagt: - -»Oh, mein Kopf, oh mein Kopf! Mein Kopf brennt wie Feuerflammen. Ich -kann nicht weiter gehen, ich kann keinen Schritt mehr machen.« Und damit -neigt sich der Arme zur Erde und fällt hin. - -Dies geschah gegen Abend. - -Ich war sehr erschrocken, und während ich wartete, ob sein Anfall nicht -nachlassen würde, brach die Nacht herein. Es war Herbstzeit und trüb, -die Gegend war unbekannt, ringsum nichts als Fichten und alte Tannen, -und der Knabe starb einfach hin. Was sollte ich tun? Unter Tränen sagte -ich ihm: - -»Ljowuschka, Väterchen, raff dich zusammen, vielleicht erreichen wir ein -Nachtlager.« - -Aber er neigt das Köpfchen zur Seite, wie eine abgemähte Blume, und -spricht wie im Fiebertraum: - -»Rühr mich nicht an, Onkel Marko, rühr mich nicht an und fürchte dich -nicht.« - -Ich sage: »Ich bitte dich, Ljowa, wie soll man sich in solch einer -unwegsamen Einöde nicht fürchten?« - -Aber er sagt: »Wache, und du wirst behütet werden.« - -Ich denke: »Herrgott, was ist denn mit ihm los?« Trotz meiner Angst -beginne ich zu horchen, und es scheint mir, als höre ich tief im Wald -etwas knistern. »Gnadenreicher Herr!« denke ich mir: »Das ist gewiß ein -wildes Tier, das uns gleich zerreißen wird!« Lewontij kann ich schon -nichts mehr zurufen, denn ich sehe, daß er gleichsam aus sich selbst -herausgeflogen ist und mir enteilt, und so bete ich nur noch: »Engel -Christi, beschütze uns in dieser schrecklichen Stunde!« Das Knistern -kommt immer näher und ist schon dicht bei uns. Ich muß Ihnen hier, meine -werten Herren, eine große Gemeinheit gestehen: ich war so verzagt, daß -ich den kranken Lewontij an der Stelle, an der er lag, zurückließ, -schneller als eine Eichkatze auf einen Baum kletterte, mich auf einen -Ast setzte, mein Säbelchen zog und, mit den Zähnen wie ein erschreckter -Wolf klappernd, wartete, was da kommen würde. - -Plötzlich sehe ich aus der Dunkelheit, an die sich meine Augen bereits -gewöhnt haben, etwas heraustreten, aber ich kann durchaus nicht -erkennen, ob es ein Tier oder ein Räuber ist. Aber wie ich genauer -hinschaue, kann ich genau unterscheiden, daß es weder das eine, noch das -andere ist, sondern ein kleiner Greis in einer Kutte; ja, ich kann sogar -das Beil erkennen, das er im Gürtel stecken hat, und das große -Holzbündel auf seinem Rücken. Er kommt auf die Lichtung heraus, atmet -hastig, als wolle er die Luft von allen Seiten her einsammeln, wirft -dann mit einem Male sein Bündel zur Erde und geht sofort, als habe er -die Nähe eines Menschen gewittert, gerade auf meinen Gefährten zu. Er -tritt an ihn heran, beugt sich über ihn, schaut ihm ins Gesicht, nimmt -ihn dann bei der Hand und sagt: »Steh auf, Bruder.« Und was glauben Sie? -Ich sehe, wie er Lewontij aufstehen hilft, ihn zu seinem Bündel führt, -es ihm auf die Schultern legt und sagt: »Trag es hinter mir her!« Und -Lewontij trägt es. - - - - - ELFTES KAPITEL - - -Sie können sich vorstellen, meine werten Herren, wie ich vor solch einem -Wunder erschrecken mußte. Woher war dieser stille, gebieterische Alte -gekommen, und wie hatte mein Ljowa, der noch eben dem Tode nahe schien, -die Kraft gewonnen, gleich das Holzbündel zu tragen! - -Ich stieg, so schnell ich vermochte, vom Baum herunter, warf mein -Säbelchen an seinem Strick auf den Rücken, brach mir für alle Fälle -einen verläßlichen kräftigen Knüppel und eilte ihnen nach. Ich hatte sie -bald eingeholt und sah: der Alte ging voran und war genau so, wie er mir -im ersten Augenblick erschienen war, -- klein und bucklig, das Bärtchen -auf beiden Wangen buschig und weiß wie Seifenschaum, und mein Lewontij -folgte schnell seiner Spur und blickte mich dabei unverwandt an. Aber -wenn ich ihn ansprach und mit der Hand berührte, schenkte er mir nicht -die geringste Aufmerksamkeit und ging wie im Schlaf daher. - -Ich trat an den Alten heran und rief: - -»Verehrter!« - -Und er erwiderte: »Was willst du?« - -»Wohin führst du uns?« - -»Ich führe niemanden,« sagte er, »alle führt Gott.« - -Bei diesen Worten blieb er stehen, und ich sah, daß sich vor uns eine -niedrige Mauer mit einem Tor erhob, und in dem Tor ein kleines Pförtchen -angebracht war. Der Alte begann daran zu klopfen und rief: »Bruder -Miron! Bruder Miron!« - -Aber von drinnen antwortet unwirsch eine grobe Stimme: - -»Wieder hast du dich nachts herumgetrieben. Bleib im Wald zu Nacht! Ich -lasse dich nicht herein!« - -Doch der kleine Greis begann zu flehen und freundlich zu bitten: - -»Laß ein, Bruder!« - -Plötzlich riß der Grobian von innen die Türe auf, und ich sah einen -Menschen in der gleichen Kutte, wie sie der Alte trug, vor mir. Er war -ein roher Kerl, und kaum hatte der Alte die Füße über die Schwelle -gesetzt, als jener ihm einen Stoß versetzte, daß er beinahe zur Erde -gefallen wäre. Aber er sagte: - -»Segne dich Gott, mein Bruder, für diesen Dienst.« - -»Heiland«, denke ich mir, »wohin sind wir geraten!« - -Und plötzlich erleuchtet und entsetzt es mich wie ein Blitz: - -»Gott sei mir gnädig! Wenn es nur nicht Pamwa, der zornlose Einsiedler -ist. Dann wäre es besser gewesen, ich wäre im dunklen Wald umgekommen -oder hätte mir bei einem wilden Tier oder einem Räuber ein Lager -gesucht, als unter diesem Dache!« - -Kaum hatte er uns in seine kleine Hütte hineingeführt und ein gelbes -Wachslicht angezündet, als ich schon erriet, daß wir uns wirklich in -einer Waldeinsiedelei befanden. Und ich kann mich nicht mehr beherrschen -und frage: - -»Verzeih mir, gottesfürchtiger Mann, wenn ich dich frage, ob es sich für -mich und meinen Gefährten geziemt, hier zu bleiben, wohin du uns geführt -hast?« - -Er aber antwortet: - -»Gottes ist die ganze Erde, und gesegnet sind alle Lebenden. -- Lege -dich hin und schlafe!« - -»Nein«, erwidere ich, »erlaube, daß ich dir sage: wir gehören dem alten -Glauben an.« - -»Wir sind alle vom Leibe Christi, er umfängt uns alle.« - -Und damit führt er uns in einen Winkel, wo auf dem Boden eine dürftige -Lagerstatt aus Matten hergerichtet ist und am Kopfende ein mit Stroh -bedeckter Holzklotz liegt, und sagt zu uns beiden: »Schlaft!« - -Mein Lewontij legt sich als gehorsamer Junge gleich hin, während ich -meine Vorsicht beibehalte und frage: - -»Verzeih, Mann Gottes, noch eine Frage ...« - -Er antwortet: »Wozu fragen: Gott weiß alles.« - -»Nein, sage mir: wie heißt du?« - -Aber er erwidert mit dem für ihn ganz unpassenden Weiberspruch: - -»Man nennet mich den Enterich, wie man mich heißt, das weiß ich nicht.« -Und mit diesen leeren Worten kriecht er mit seinem Lichtlein in eine -kleine Kammer, eng wie ein Holzsärglein, aber hinter der Wand vernimmt -man wieder die Stimme des Grobians: - -»Untersteh dich nicht, Licht zu brennen: du zündest noch die Zelle an. -Aus dem Büchlein kannst du am Tage beten, jetzt aber bete im Dunkeln.« - -»Ich werde nicht, Bruder Miron«, antwortet jener, »ich werde nicht.« Und -bläst das Lichtlein aus. - -Ich flüstere: »Vater, wer ist es, der Euch so barsch bedroht?« - -»Es ist mein Diener Miron, ein guter Mensch ... er behütet mich.« - -»Nun ist es aus«, denke ich mir, »es ist der Einsiedler Pamwa. Es kann -niemand anders sein, als er, der Zorn- und Neidlose. Jetzt ist das -Unglück da! Er hat uns hieher gebracht und sengt uns jetzt, wie der -Feuerbrand das Fett. Das einzige, was übrigbleibt, ist, morgen beim -Morgengrauen Lewontij von hier zu entführen und zu fliehen, damit er -nicht wisse, wo wir sind.« Ich klammerte mich an diesen Plan und -beschloß nicht zu schlafen, um den Jüngling beim ersten Morgenschimmer -zu wecken und zu fliehen. - -Um nicht einzuschlafen und womöglich zu verschlafen, liege ich da und -spreche in einem fort das Glaubensbekenntnis, wie es der alte Glaube -vorschreibt, und wenn ich damit fertig bin, setze ich gleich hinzu: -»Dieser Glaube ist der Apostolische, dieser Glaube ist der Katholische, -dieser Glaube hält das All ...« und beginne von neuem. Ich weiß nicht, -wie oft ich das Glaubensbekenntnis wiederholt habe, um nicht -einzuschlafen, aber gewiß waren es viele Male. Und auch der Alte betet -noch immer in seinem Sarge, und mir scheint, als zeige mir das Licht in -den Balkenritzen, wie er sich immer von neuem verneigt. Und plötzlich -meine ich ein Gespräch zu hören, und was für eines ... ein ganz -unerklärliches ... als sei Lewontij beim Starez eingetreten und spräche -mit ihm über den Glauben ... aber ohne Worte, sondern sie sehen einander -nur an und verstehen sich. Dieses Bild stand mir lange vor Augen, und -ich hatte darüber schon vergessen, mein Glaubensbekenntnis zu -wiederholen. Da glaube ich zu hören, wie der Starez dem Jüngling sagt: -»Gehe und entsündige dich!« Und jener antwortet: »Ja, ich will mich -entsündigen.« Auch jetzt kann ich Ihnen nicht sagen, ob es im Traume -oder in der Wirklichkeit geschehen ist, aber sicher habe ich darauf -lange geschlafen. Wie ich endlich erwache, sehe ich: es ist heller Tag, -und der Starez, unser Wirt, der Einsiedler, sitzt da und zieht eine Aale -durch einen Lindenbastschuh, den er auf seinen Knien hält. Ich beginne -ihn aufmerksam zu betrachten: - -Ach, wie schön ist er! Wie vergeistigt! Als wenn ein Engel vor mir säße -und für seine Erdenwandlung in unscheinbarer Gestalt Bastschuhe flechte. -Ich betrachte ihn und sehe, daß auch er mich anschaut, lächelt und sagt: - -»Hast du genug geschlafen, Mark? Es ist Zeit, ans Werk zu gehen.« - -Ich erwidere: »Was ist denn mein Werk, gottesfürchtiger Mann? Oder weißt -du alles?« - -»Ich weiß, ich weiß,« sagt er, »macht denn der Mensch einen weiten Weg -ohne Zweck? Alle, Bruder, alle suchen die Wege Gottes. Helfe dir Gott in -deiner Demut.« - -»Was sagst du, heiliger Mann, meine >Demut<? Du bist demütig, aber was -habe ich in meiner Eitelkeit für eine Demut?« - -Aber er antwortet: - -»Ach nein, Bruder, nein, ich bin nicht demütig, ich bin ein großer -Sünder, denn ich wünsche teilzuhaben am Himmelreich.« - -Und im Bewußtsein dieser Sünde faltet er mit einem Male die Hände und -beginnt wie ein kleines Kind zu weinen. - -»Herr!« betet er, »zürne mir nicht für diesen Eigenwillen, werfe mich -auf den Grund der Hölle und befiehl deinen Teufeln, mich zu quälen, wie -ich es verdient habe!« - -»Nein,« denke ich mir, »nein, es ist, Gott sei Dank, nicht der -scharfsichtige Einsiedler Pamwa, es ist einfach ein geistesumnachteter -Greis.« Ich dachte mir, daß doch niemand bei gesundem Verstande auf das -Himmelreich verzichten und beten könne, Gott möge ihn zur Peinigung den -Teufeln geben. Einen solchen Wunsch hatte ich in meinem ganzen Leben -noch von niemand gehört, und so wandte ich mich von der Klage des -Greises ab, da ich sie für eine Verrücktheit und eine von den Teufeln -geschickte Versuchung hielt. Dann dachte ich mir, daß ich noch immer -hier liege, während es doch Zeit zum Aufstehen sei; plötzlich sehe ich -aber, wie sich die Türe öffnet und mein Lewontij hereintritt, den ich -ganz vergessen hatte. Er tritt ein, fällt vor dem Starez nieder und -sagt: - -»Vater, ich habe alles vollbracht, jetzt segne mich!« - -Der Starez sieht ihn an und antwortet: - -»Friede sei mit dir: ruhe dich aus!« - -Und ich sehe, wie sich mein Jüngling vor ihm wieder bis zur Erde -verneigt, hinausgeht, und der Einsiedler wieder an seinen Bastschuhen -arbeitet. - -Da springe ich mit einem Male auf und denke: - -»Nein, jetzt nehme ich schnell meinen Ljowa, und fort von hier!« Damit -trete ich in den kleinen Vorraum und sehe dort meinen Jüngling -ausgestreckt auf der Holzbank daliegen, die Hände auf der Brust -gefaltet. - -Um meine Unruhe nicht zu verraten, frage ich ihn laut: - -»Weißt du vielleicht, wo ich Wasser schöpfen kann, um das Gesicht zu -waschen?« Und ich setze flüsternd hinzu: »Beim lebendigen Gott beschwöre -ich dich, laß uns so schnell wie möglich von hier gehen!« - -Dabei sehe ich ihn genauer an und merke, daß Ljowa nicht atmet ... Er -ist dahingegangen ... Gestorben ... - -Und ich schreie mit einer Stimme, die wie eine fremde klingt: - -»Pamwa, Vater Pamwa, du hast meinen Knaben getötet!« - -Aber Pamwa tritt leise auf die Schwelle und sagt freudig: - -»Fortgeflogen ist unser Ljowa!« - -Mich packt der Zorn: - -»Ja,« antworte ich unter Tränen, »er ist fortgeflogen. Du hast seine -Seele hinausgelassen, wie eine Taube aus dem Käfig.« - -Und dann werfe ich mich zu den Füßen des Entschlafenen nieder und stöhne -und weine, bis am Abend die Mönche aus dem kleinen Kloster kommen, -seinen Leichnam waschen, in einen Sarg legen und davontragen, denn er -war am Morgen, während ich schlief, zur herrschenden Kirche -übergetreten. - -Mit dem Vater Pamwa sprach ich kein Wort mehr. Was hätte ich ihm auch -sagen können: beschimpfte man ihn, so segnete er, -- hätte man ihn -geschlagen, so würde er sich bis zur Erde verneigt haben. Unüberwindlich -war dieser Mensch in seiner Demut! Wovor sollte er auch erschrecken, -wenn ihm selbst die Hölle begehrenswert erschien? Nein, ich hatte nicht -umsonst vor ihm gezittert und gefürchtet, daß er uns ansengen werde wie -der Feuerbrand das Fett. Mit seiner Demut würde er selbst alle Teufel -aus der Hölle vertreiben oder zu Gott bekehren. Wenn sie anfingen ihn zu -quälen, würde er sie bitten: »Peinigt mich grausamer, ich habe es -verdient.« Nein, nein, solche Demut kann nicht einmal der Satan -ertragen. Er würde sich beide Hände an ihm wundschlagen, würde sich die -Nägel abreißen und dann selber seine ganze Ohnmacht vor Dem, der solche -Liebe erschaffen, erkennen und in Scham vor Ihm vergehen! - -So sagte ich mir denn, daß dieser Greis mit den Lindenbastschuhen der -Hölle zum Verderben geschaffen sei. Und ich streifte die ganze Nacht im -Walde umher, wußte selbst nicht, weshalb ich nicht das Weite suchte, und -dachte unablässig: - -»Wie mag er wohl beten, auf welche Weise, nach welchen Büchern?« Und -dabei fiel mir ein, daß ich bei ihm kein einziges Heiligenbild gesehen -hatte, bloß ein Kreuz aus zwei mit Lindenbast aneinander gebundenen -Stäbchen, und auch keine dicken Bücher. - -»Gott!« erdreiste ich mich zu urteilen, »wenn die herrschende Kirche nur -zwei solche Menschen hat, so sind wir verloren, denn dieser Mensch ist -ganz beseelt von Liebe.« - -Immer wieder muß ich an ihn denken, und gegen Morgen ergreift mich ein -heftiges Verlangen, ihn vor meinem Weggang wenn auch nur für einen -Augenblick wiederzusehen. - -Kaum habe ich dies gedacht, als ich wieder dasselbe Knistern vernehme, -und der Vater Pamwa wieder mit Beil und Holzbündel aus dem Walde -heraustritt und sagt: - -»Was säumst du so lange? Beeile dich, dein Babylon zu errichten!« - -Dieses Wort schien mir bitter, und ich sagte: - -»Weshalb machst du mir diesen Vorwurf? Ich errichte kein Babylon und -scheide mich vom babylonischen Pfuhl.« - -Aber er antwortet: - -»Was ist Babylon? Eine Säule des Dünkels, schmeichle dir nicht mit -deiner Rechtschaffenheit, sonst verläßt dich dein Engel.« - -Ich sage: »Vater, weißt du denn, weshalb ich wandere?« Und ich erzähle -ihm unser ganzes Leid. Und er hört alles an, hört und antwortet: - -»Der Engel ist geduldig, der Engel ist mild; wie es der Herr ihm -befiehlt, so kleidet er sich, was er ihm befiehlt, das wirkt er. Also -ist der Engel! Er lebt in der Seele des Menschen, die Unwissenheit hat -ihn versiegelt, aber die Liebe wird das Siegel zerbrechen.« - -Damit entfernt er sich von mir, aber ich kann die Augen nicht von ihm -wenden, kann mich nicht bezwingen, falle nieder und verneige mich vor -ihm bis zur Erde. Als ich das Gesicht erhebe, ist er nicht mehr da, ob -ihn nun die Bäume verdeckten, oder ... Gott weiß, wohin er verschwunden -ist. - -Ich begann über seine Worte nachzudenken: der Engel lebt in der Seele -des Menschen und ist versiegelt, aber die Liebe wird ihn befreien, und -plötzlich kommt mir in den Sinn: »Wenn er selbst der Engel war, und Gott -ihm befohlen hat, mir in dieser Gestalt zu erscheinen, -- so werde ich -nun wie Lewontij sterben!« - -Von diesem Gedanken erfaßt, entsinne ich mich kaum mehr, wie ich auf -einem Baumstamm über den Bach komme und zu laufen beginne: sechzig Werst -ohne Rast, immer in der Angst und der Vorstellung, den Engel gesehen zu -haben, bis ich auf einmal ein Dorf erreiche und dort den Ikonenmaler -Ssewastjan finde. Wir verständigten uns bald, besprachen alles und -beschlossen, uns schon am nächsten Tag auf den Weg zu machen. Aber -unsere Vereinbarung war ohne jede Wärme, und unsere Reise noch weniger, -einmal weil der Ikonenmaler Ssewastjan ein nachdenklicher Mensch war, -und dann wohl noch mehr, weil ich nicht mehr derselbe war, wie zuvor. -Vor meiner Seele stand der Einsiedler Pamwa, und meine Lippen flüsterten -die Worte des Propheten Jesajas: »Der Geist Gottes spricht aus dem Munde -dieses Menschen.« - - - - - ZWÖLFTES KAPITEL - - -Der Ikonenmaler Ssewastjan und ich legten den Rückweg rasch zurück und -fanden, nachts bei unserer Baustelle angelangt, alles wohlbehalten vor. -Nachdem wir die Unsrigen begrüßt hatten, gingen wir gleich zu Jakow -Jakowlewitsch. Der verlangte voll Neugierde gleich den Ikonenmaler zu -sehen; er betrachtete dann in einem fort dessen Hände und zuckte nur mit -den Achseln, weil seine Hände übergroß, wie Harken waren und ganz -schwarz, wie auch Ssewastjan selbst schwarz wie ein Zigeuner aussah. -Jakow Jakowlewitsch sagte ihm: - -»Ich wundere mich, Bruder, wie du mit diesen Riesenhänden zeichnen -kannst!« - -»Warum denn? Warum sollen meine Hände nicht dazu taugen?« - -»Du kannst doch,« sagt er, »etwas Kleines mit ihnen gar nicht -ausführen?« - -Jener fragt: »Warum?« - -»Ja, weil deinen Gelenken die Geschmeidigkeit fehlt.« - -Aber Ssewastjan erwidert: »Das ist Unsinn! Können mir denn meine Finger -etwas erlauben oder nicht erlauben? Ich bin ihr Herr, und sie sind meine -Diener, die mir gehorchen.« - -Der Engländer lächelt: »Also wirst du unseren versiegelten Engel -nachbilden?« - -»Warum denn nicht?« antwortete jener. »Ich gehöre nicht zu den Meistern, -die ihr Werk fürchten, sondern mich fürchtet das Werk. So genau werde -ich ihn nachbilden, daß Sie ihn vom echten nicht werden unterscheiden -können.« - -»Gut,« sagte Jakow Jakowlewitsch, »wir werden uns unverzüglich bemühen, -die echte Ikone herbeizuschaffen, in der Zwischenzeit beweise mir aber, -um mich zu überzeugen, deine Kunstfertigkeit. Male meiner Frau eine -Ikone nach altrussischer Art und so, daß sie ihr auch gefällt.« - -»Welchem Heiligen zu Ehren soll sie sein?« - -»Ja, das weiß ich nicht,« antwortete er, »ihr ist das gleich, nur daß es -ihr gefällt.« - -Ssewastjan dachte nach und fragte: - -»Worum betet denn deine Gemahlin am meisten zu Gott?« - -»Ich weiß nicht, mein Freund, ich weiß es nicht, aber ich denke, -wahrscheinlich daß aus den Kindern ehrliche Menschen werden.« - -Ssewastjan dachte wieder nach und antwortete: - -»Gut, ich werde ihren Geschmack treffen.« - -»Wie willst du ihn treffen?« - -»Ich werde etwas darstellen, was die Beschaulichkeit vertieft und dem -Geist des Gebetes Ihrer Gemahlin wohlgefällig ist.« - -Der Engländer ließ für ihn im Dachstübchen seines eigenen Hauses alles -herrichten, aber er arbeitete nicht dort, sondern setzte sich an das -Fensterchen auf dem Dachboden über Luka Kirillows Stube und begann dort -seine Tätigkeit. - -Aber was er da gemacht hat, meine werten Herren, das hatten wir uns gar -nicht vorgestellt. Als das Gespräch auf die Kinder kam, da dachten wir, -er werde Roman den Wundertäter darstellen, zu dem man wegen -Unfruchtbarkeit betet, oder den Kindermord in Jerusalem, was den -Müttern, die ihre Fruchtbarkeit verloren haben, immer gefällt, weil -Rahel dort mit ihnen über die Kinder weint und sich nicht trösten kann. -Aber dieser kluge Ikonenmaler hatte erwogen, daß die Engländerin schon -Kinder habe und nicht darum bete, daß der Himmel ihr welche schenke, -sondern daß er den Charakter der Kinder festige, und malte etwas ganz -anderes, was ihrem Streben noch mehr entsprechen mußte. Er wählte dazu -ein altes Holztäfelchen, so groß wie eine Handfläche, und begann darauf -seine Kunst zu zeigen. Vor allen Dingen trug er, natürlich, den Grund -mit starkem Kasanschen Alabaster auf, daß er glatt und hart wie -Elfenbein wurde; darauf teilte er das Täfelchen in vier gleiche Flächen -und zeichnete auf jede eine besondere kleine Ikone, die er nochmals mit -einer goldgemalten Fassung umrahmte. Das erste Quadrat stellte dar: die -Geburt Johannes des Täufers mit acht Figuren, dem neugeborenen Kind und -dem Gemach; -- das zweite die Geburt der hochheiligen Gottesmutter mit -sieben Figuren, dem Kind und dem Gemach; -- das dritte die unbefleckte -Geburt des Erlösers, den Stall und die Krippe, und davor stehend die -Himmelskönigin, Joseph, die gottesfürchtigen Hirten, Salome und allerlei -Vieh: Ochsen, Schafe, Ziegen und Esel, und die Möwe, die den Juden -verboten ist, zum Zeichen, daß das Ganze nicht vom Judentum kommt, -sondern von der Gottheit, die alles geschaffen hat. Auf dem vierten -Bildchen ist die Geburt Nikolai des Wundertäters zu sehen; der Heilige -wieder als neugeborenes Kind, das Gemach und viele Umherstehende. Soviel -Sinn war darin enthalten, daß man vor sich die Erzieher so vieler guter -Kinder sah, und soviel Kunst in all den stecknadelgroßen Figuren in -ihrer Beseeltheit und Bewegung! So liegt bei der Geburt der Muttergottes -die heilige Anna, wie es im griechischen Original dargestellt ist, auf -dem Lager, und vor ihr stehen zymbelschlagende Mädchen und andere, die -Gaben halten, und solche mit Sonnenschirmen in den Händen und wieder -andere, die Lichter tragen. Die eine Frau hält die heilige Anna unter -den Schultern, Joachim späht in die vorderen Gemächer; eine zweite Frau -wäscht die heilige Gottesgebärerin bis zu den Lenden, ein -danebenstehendes Mädchen gießt aus einem Gefäß Wasser in das Becken. Die -Räume sind alle mit dem Zirkel voneinander getrennt, und in dem -äußersten Gemach sitzen Joachim und Anna auf dem Thron, und Anna hält -die hochheilige Gottesgebärerin; aber um das Gemach herum erheben sich -steinerne Pfeiler mit roten Vorhängen, und draußen ist eine weiße und -gelbe Mauer. Wunderbar, wunderbar hatte Ssewastjan das alles -dargestellt, und in jedem kleinsten Gesichtchen hatte er das ganze -Schauen Gottes ausgedrückt! Er nannte das Bild »Fruchtbarkeit« und -brachte es den Engländern. Die betrachteten es und schlugen die Hände -zusammen: Niemals, sagten sie, hätten sie solche Phantasie erwartet und -solche Feinheit der Kleinmalerei geahnt. Sie betrachteten es dann sogar -noch mit dem Vergrößerungsglas und fanden auch damit keinen Fehler. Sie -gaben Ssewastjan für die Ikone zweihundert Rubel und sagten: - -»Kannst du noch kleiner darstellen?« - -Ssewastjan antwortet: »Ja«. - -»Dann kopiere mir auf meinen Fingerring das Porträt meiner Frau.« - -Aber Ssewastjan antwortet: »Nein, das kann ich nicht.« - -»Warum denn nicht?« - -»Weil ich mich in dieser Kunst noch nie versucht habe, und dann auch -weil ich meine Kunst nicht erniedrigen will, um nicht den Unwillen der -Väter auf mich zu ziehen.« - -»Was ist das für ein Unsinn!« - -»Das ist durchaus kein Unsinn,« antwortet er. »Wir haben aus -gottesfürchtiger Zeit eine Bestimmung, die auch in einem -Patriarchenbrief bestätigt wird: Wenn einer zu einem so heiligen Werk -wie die Ikonenmalerei berufen ist, so ist es einem geziemend lebenden -Ikonenmaler geboten, nichts denn heilige Darstellungen zu malen.« - -Jakow Jakowlewitsch sagt darauf: - -»Und wenn ich dir fünfhundert Rubel dafür gebe?« - -»Und wenn Sie mir fünfhunderttausend bieten würden, es wäre ganz gleich, -Sie würden sie behalten.« - -Das Gesicht des Engländers strahlte, aber er sagte im Scherz zu seiner -Frau: »Wie gefällt dir das, daß er es für eine Erniedrigung hält, dein -Gesicht zu malen?« - -Aber auf englisch fügte er hinzu: »Oh, ein guter Charakter«. Und dann -sagte er: - -»Nun seht zu, Brüder, jetzt bringen wir die Sache zum Abschluß. Wie ich -sehe, habt ihr für alles Regeln: also nehmt euch jetzt in acht, um -nichts zu versäumen oder zu vergessen, was irgendwie stören könnte.« - -Wir antworteten, daß wir nichts derartiges voraussähen. - -»Nun, dann gebt acht,« sagt er, »ich beginne.« Und dann fährt er zum -Erzbischof mit der Bitte, er möge ihm erlauben, um seinen Eifer zu -beweisen, die Beschläge des versiegelten Engels vergolden und den Rahmen -neu malen zu lassen. Der Erzbischof will weder zusagen, noch ihn -abweisen, aber Jakow Jakowlewitsch gibt nicht nach und erreicht es -endlich. Wir warteten indes schon, wie Pulver aufs Feuer. - - - - - DREIZEHNTES KAPITEL - - -Erlauben Sie, meine werten Herren, hier daran zu erinnern, daß seit dem -Beginn meiner Geschichte ziemlich viel Zeit verflossen war und es schon -auf Weihnachten ging. Aber dort ist das Wetter um diese Zeit mit dem -unsrigen nicht zu vergleichen; es ist launisch, und einmal verbringt man -diesen Feiertag bei Winterwetter, das anderemal vom Regen durchnäßt; den -einen Tag friert es, den nächsten taut es; bald ist der Fluß mit -schmutzigem Eise bedeckt, bald schwillt er an und führt Eisschollen wie -beim Hochwasser im Frühling. Mit einem Wort, es herrscht dort um diese -Zeit ganz unbeständiges Wetter, oder, wie man es in der Gegend nennt: -»Schlackwetter«, -- und so war es auch jetzt. - -In dem Jahre, in das meine Erzählung fällt, war diese Unbeständigkeit -sehr verdrießlich. Während ich mit dem Ikonenmaler auf dem Wege war, -hatten wir, ich weiß nicht wie oft, bald Winter-, bald Sommerwetter. Was -unseren Bau betrifft, war die Zeit sehr dringend, da die sieben Pfeiler -fertig waren und eben die Ketten von einem zum anderen Ufer gespannt -wurden. Unsere Arbeitgeber wollten natürlich die Ketten so schnell wie -möglich miteinander verbinden, um an ihnen eine Notbrücke zur -Materialbeschaffung während des Hochwassers aufzuhängen. Es gelang aber -nicht, denn kaum hatte man die Ketten gespannt, als ein derartiger Frost -einsetzte, daß man die Arbeit an der Brücke einstellen mußte. So blieb -es auch, die Ketten hingen ohne Brücke. Dafür schuf Gott eine andere -Brücke: der Fluß war zugefroren, und unser Engländer fuhr über das Eis -des Dnjepr, um sich um unsere Ikone zu bemühen. Als er zurückkam, sagte -er zu mir und Luka: - -»Wartet, Kinder, morgen bringe ich euch euren Schatz.« - -Herrgott, was empfanden wir bei dieser Nachricht! Zuerst wollten wir es -geheim halten und nur dem Ikonenmaler mitteilen; aber kann denn das -Menschenherz so etwas für sich behalten? Anstatt das Geheimnis zu -wahren, liefen wir zu allen unsrigen, klopften an die Fensterchen, -flüsterten miteinander und bemerkten gar nicht, daß wir von Hütte zu -Hütte liefen. Der Schnee erstrahlte im Frost wie Edelsteine, und am -klaren Himmel funkelte der Hesperus. - -In dieser freudigen Hast verbrachten wir die ganze Nacht, und in der -gleichen begeisterten Stimmung erwarteten wir den Tag. Vom frühen Morgen -ab wichen wir keinen Schritt von unserem Ikonenmaler und wußten kaum, -wohin wir ihm die Stiefel nachtragen sollten, denn jetzt war die Stunde -da, in der alles von seiner Kunst abhing. Er brauchte nur einen Wunsch -über eine Handreichung oder etwas ähnliches laut werden zu lassen, als -schon gleich zehn davonrannten und in ihrem Eifer übereinander -stolperten. Selbst der alte Maroi lief sich die Absätze von den Stiefeln -weg. Nur der Ikonenmaler selbst war ruhig, da er ähnliches schon mehr -als einmal erlebt hatte, und bereitete sich ohne alle Hast zu seiner -Arbeit vor: er rührte Eiklar mit Kwas an, prüfte den Lack, legte ein -altes Brettchen in der Größe der Ikone zurecht, richtete eine scharfe, -haarfeine Säge her, spannte sie in einen starken Bogen, setzte sich dann -an das Fensterchen und verrieb die voraussichtlich notwendigen Farben -auf der Handfläche mit den Fingern. Wir hatten uns alle vor dem Ofen -gewaschen, reine Hemden angezogen, und standen nun am Ufer und schauten -nach der Stadt hinüber, aus der unser segenbringender Gast kommen -sollte. Unsere Herzen schlugen bald hoch, bald verzagt. - -Ach, was waren es für Augenblicke, und sie dauerten vom Morgengrauen bis -gegen Abend. Endlich sehen wir, wie von der Stadt her der Schlitten des -Engländers auf dem Eise daherjagt, gerade auf uns zu ... Uns alle -überläuft ein Schauer, wir werfen die Mützen zur Erde und beten: - -»Gott, Vater der Geister und der Engel, sei Deinen Knechten gnädig!« Und -während des Gebetes fallen wir nieder auf den Schnee und breiten voll -Verlangen die Hände aus, als wir plötzlich über uns die Stimme des -Engländers hören: - -»He, ihr Altgläubigen, da habe ich euch was mitgebracht!« Und er -übergibt uns ein kleines Bündel in einem weißen Tuch. - -Luka empfängt es und erstarrt: er fühlt etwas zu Kleines und zu Leichtes -darin. Er lüftet die eine Ecke des Tuches und sieht, daß es nur der -Beschlag von unserer Ikone ist und nicht der Engel selbst. - -Wir stürzen auf den Engländer zu und sagen ihm unter Weinen: - -»Man hat Euch betrogen, Euer Gnaden, das ist nicht die Ikone, man hat -Euch nur ihren silbernen Beschlag mitgegeben.« - -Aber der Engländer ist auf einmal nicht mehr der gleiche, der er bis -jetzt zu uns gewesen ist. Sicher hat ihn die Langwierigkeit der Sache -verärgert, und er schreit uns an: - -»Was faselt ihr da? Ihr habt mir doch selbst gesagt, daß ich nur um den -Beschlag bitten solle, und den habe ich auch erbeten, aber ihr wißt -einfach nicht, was ihr wollt!« - -Wir sehen, daß er aufgebracht ist, und versuchen ganz vorsichtig, ihm -klarzumachen, daß wir die Ikone selbst brauchen, um eine Kopie von ihr -herzustellen. Aber er hört uns nicht mehr an, jagt uns davon und erweist -uns einzig die Gnade, zu befehlen, ihm den Ikonenmaler zu schicken. - -Ssewastjan begibt sich zu ihm, und der Engländer fährt auf ähnliche -Weise auch ihn an: - -»Deine Bauern,« sagt er, »wissen nicht, was sie wollen, sie haben nur um -den Beschlag gebeten und erklärt, daß du, um einen Abriß zu machen, nur -die Maße brauchtest. Jetzt heulen sie, daß er ihnen nichts nütze. Aber -ich kann weiter nichts tun, weil der Erzbischof das Bild selbst nicht -hergibt. Also fälsche rasch das Bild, wir wollen es mit dem Beschlag -bekleiden, und dann stiehlt mir der Sekretär das echte Bild.« - -Der Ikonenmaler Ssewastjan versucht, als verständiger Mensch, ihn mit -milder Rede umzustimmen und antwortete: - -»Nein, Euer Gnaden, unsere Bauern verstehen ihre Sache schon; wir -brauchen wirklich das Bild selbst. Das hat man nur zu unserer Kränkung -ausgedacht, daß wir angeblich nur feststehende Nachahmungen malen -könnten. Wir haben zwar Vorschriften, aber ihre Ausführung ist der -freien Kunst überlassen. So ist uns beispielsweise vorgeschrieben, die -Heiligen Sossima oder Gerassim mit dem Löwen abzubilden; der Phantasie -des Heiligenmalers aber ist es freigestellt, den Löwen nach seiner -Auffassung darzustellen. Ebenso wird der heilige Neophit mit einer Taube -abgebildet, Konon Gradarij mit einem Blümchen, Timofej mit einem -Heiligenschrein, Georgij und Ssawwa der Stratilate mit Lanzen und -Kondrat mit Wolken, weil er die Wolken abgerichtet hat, aber jeder -Ikonenmaler hat die Freiheit darzustellen, wie die Phantasie seiner -Kunstfertigkeit es ihm erlaubt, und so kann ich wiederum nicht wissen, -wie dieser Engel gemalt ist, den man vertauschen will.« - -Der Engländer hörte sich das alles an, aber dann jagte er den Ssewastjan -wie uns hinaus; wir hören auch keine weiteren Entschlüsse mehr von ihm, -und so sitzen wir, meine werten Herren, wie die Krähen am Flusse und -wissen nicht, ob wir ganz verzweifeln, oder ob wir noch hoffen sollen. -Zum Engländer wagen wir uns nicht mehr, und nun beginnt auch noch das -Wetter mit unsrer Stimmung wesenseins zu werden. Ein entsetzliches -Tauwetter bricht an, es regnet ohne Unterlaß, der Himmel sieht tagsüber -wie eine Rauchwolke aus und ist nachts so finster, daß der Hesperus, der -doch sonst im Dezember kaum vom Himmelsbogen verschwindet, kein einziges -Mal aufglänzt. Alles war düster wie in einem Gefängnis. Und ebenso -begingen wir auch das Weihnachtsfest. Am Heiligenabend aber brach ein -Gewitter los, und dann setzte ein Gußregen ein, der zwei Tage und zwei -Nächte unaufhörlich niederströmte. Er schwemmte den ganzen Schnee weg -und spülte ihn in den Fluß, auf dem das Eis blau zu werden und sich zu -blähen begann, um am letzten Jahrestag zu bersten und stromabwärts zu -treiben. In den trüben Wellen schiebt sich Scholle auf Scholle, und -alles staut sich bei unseren Bauten. Berstend und krachend türmt sich -das Eis zu Bergen, und dröhnt -- Gott verzeih es mir! -- wie entfesselte -Höllengeister. Daß die Pfeiler diesen Druck aushielten und stehen -blieben, war erstaunlich. Millionen hätten verloren gehen können. Aber -uns war es nicht darum zu tun: unser Ikonenmaler Ssewastjan wurde -ungeduldig, packte seine Sachen und wollte in andere Gegenden ziehen, -weil er sah, daß er hier keine Arbeit erhalten werde, und wir konnten -ihn durch nichts zurückhalten. - -Auch der Engländer hatte anderes zu tun; das Unwetter hatte auf ihn -solchen Eindruck gemacht, daß er fast von Sinnen gekommen wäre: er ging, -wie man sich erzählte, immer umher und fragte alle, denen er begegnete: -»Wohin bloß, wohin?« Dann hatte er sich plötzlich beherrscht, ließ Luka -zu sich rufen und sagte: - -»Weißt du was, Bauer: gehen wir deinen Engel stehlen!« - -Luka antwortete: »Einverstanden!« - -Aus Lukas Erzählung war zu entnehmen, daß der Engländer geradezu danach -dürstete, Gefahren auszukosten. Er hatte also vor, morgen zum Erzbischof -in das Kloster zu fahren, den Ikonenmaler als einen Vergolder -mitzunehmen und zu bitten, man möge ihm die Ikone zeigen, damit sein -Begleiter eine genaue Kopie für die Beschläge anfertigen könne. -Währenddessen würde Ssewastjan Gelegenheit haben, sich den Engel -deutlich einzuprägen, um dann zu Hause eine Nachahmung herzustellen. -Wenn dann der wirkliche Vergolder die Beschläge fertig hat, wird man sie -zu uns über den Fluß herüberbringen und Jakow Jakowlewitsch wird wieder -ins Kloster fahren und den Wunsch äußern, dem festtäglichen Gottesdienst -des Erzbischofes beizuwohnen. Er würde im Mantel in die Kapelle treten, -sich in dem dunklen Altarraum an den Opfertisch stellen, hinter dem -unsere Ikone auf dem Fenster steht, das Bild stehlen, es unter den -Mantel stecken und jemandem befehlen, den Mantel, angeblich wegen der -Hitze, hinauszutragen. Auf dem Hofe hinter der Kirche würde dann einer -der Unsrigen das Bild aus dem Mantel in Empfang nehmen und mit ihm auf -das andere Ufer eilen, und hier würde dann unser Ikonenmaler das alte -Bild während des Gottesdienstes aus dem Rahmen lösen und das gefälschte -hineinstellen, dann sollte es jemand so zurückschaffen, daß Jakow -Jakowlewitsch es wieder aufs Fenster stellen könne, als sei nichts -geschehen. - -»Warum nicht?« sagten wir. »Wir sind mit allem einverstanden.« - -»Nur gebt acht,« sagte er, »und denkt daran, daß ich sonst als Dieb -dastehe; aber ich will euch glauben, daß ihr mich nicht preisgebt.« - -Luka Kirillow antwortete: - -»Wir sind nicht, Jakow Jakowlewitsch, solchen Geistes, daß wir unsere -Wohltäter verraten. Ich werde die Ikone in Empfang nehmen und Ihnen die -beiden zurückbringen, die echte und die Kopie.« - -»Nun, und wenn du durch etwas daran verhindert wirst?« - -»Was soll mich verhindern können?« - -»Nun, du stirbst plötzlich oder ertrinkst?« - -Luka dachte nach: wie soll plötzlich ein derartiges Hindernis eintreten? -Aber dann bedenkt er, daß etwas derartiges in der Tat vorkommen könne, -daß der Schatzgräber den Schatz finde, aber auf dem Weg zum Markte einem -tollen Hunde begegne, -- und er antwortete: - -»Für diesen Fall, gnädiger Herr, lasse ich Ihnen einen Menschen zurück, -der, wenn ich nicht eintreffe, die ganze Schuld auf sich nimmt und -selbst den Tod erduldet, Sie aber nicht preisgibt.« - -»Und wer ist es, auf den du dich so verläßt?« - -»Der Schmied Maroi,« antwortete Luka. - -»Dieser Alte?« - -»Ja, er ist nicht jung.« - -»Aber er sieht gar zu einfältig aus!« - -»Wir brauchen auch seinen Verstand nicht. Aber er ist ein Mensch, der -würdigen Geist in sich trägt.« - -»Was für ein Geist kann denn in einem dummen Menschen wohnen?« - -»Der Geist, Herr,« antwortete Luka, »wird nicht nach dem Verstande -bemessen, der Geist atmet, wo er will und wächst gleich dem Haar bei dem -einen lang und üppig und bei dem andern spärlich.« - -Der Engländer überlegte: - -»Gut, gut. Das sind alles interessante Empfindungen. Aber wie soll er -mir heraushelfen, wenn ich in die Patsche gerate?« - -»Das macht er so,« antwortete Luka: »Sie werden in der Kirche am -Fenster, und Maroi draußen vor dem Fenster stehen. Bin ich dann bis zum -Schlusse des Gottesdienstes nicht mit dem Bilde gekommen, so wird Maroi -die Scheibe einschlagen, durch das Fenster steigen und alle Schuld auf -sich nehmen.« - -Das gefiel dem Engländer: - -»Interessant,« sagte er, »interessant. Aber warum soll ich dem dummen -Menschen mit dem Geiste glauben, daß er nicht selbst davonläuft?« - -»Nun, das ist eben Sache des gegenseitigen Vertrauens.« - -»Gegenseitiges Vertrauen,« wiederholte er ... »Hm, gegenseitiges -Vertrauen! Soll ich für einen dummen Bauern nach Sibirien, oder er für -mich unter die Knute? Hm, hm, wenn er sein Wort hält ... unter die Knute -... Das ist interessant.« - -Man schickte nach Maroi, erklärte ihm, worum es sich handle, und er -sagte: »Nun, was ist dabei?« - -»Und du wirst nicht davonlaufen?« fragte der Engländer. - -Maroi antwortete: »Warum denn?« - -»Damit man dich nicht peitscht und nach Sibirien verschickt.« - -Aber Maroi erwiderte: »Nun, weiter nichts?« - -Der Engländer ist vor Freude lebendig geworden: - -»Reizend,« sagt er, »wie interessant!« - - - - - VIERZEHNTES KAPITEL - - -Gleich nach der Unterredung begann die Aktion. Am Morgen setzten wir die -große herrschaftliche Barkasse in Stand und fuhren den Engländer ans -andere Ufer. Dort setzte er sich mit dem Ikonenmaler Ssewastjan in eine -Kalesche und fuhr zum Kloster. Nach einer guten Stunde sehen wir unseren -Ikonenmaler dahereilen mit einem Blatt in den Händen. - -Wir fragen: - -»Hast du sie gesehen, Teurer, und kannst du sie jetzt nachmachen?« - -»Ich habe sie gesehen,« antwortet er, »und werde sie genau treffen, -vielleicht, daß sie etwas lebhafter in den Farben wird, aber das ist -kein Unglück, denn wenn die echte Ikone herkommt, werde ich in einem Nu -das Leuchten der Farben dämpfen.« - -»Väterchen,« bitten wir, »gib dir Mühe!« - -»Schon gut,« erwidert er, »werde mich schon bemühen.« - -Und kaum hatten wir ihn zurückgerudert, als er sich auch gleich an seine -Arbeit setzte, und um die Dämmerung war der Engel auf dem Täfelchen -fertig und glich unserm versiegelten, wie ein Tropfen Wasser dem andern, -nur die Farben schienen etwas frischer. - -Gegen Abend schickte der Vergolder die neuen Beschläge, und nun kam die -gefährliche Stunde unseres Diebstahls. - -Wir hatten, wie es sich versteht, alles vorbereitet und warteten auf den -gegebenen Augenblick. Kaum ließen sich vom anderen Ufer her die ersten -Glockenklänge zur Abendmesse vernehmen, als wir zu dritt ein Boot -bestiegen, ich, Luka und der alte Maroi, der ein Beil, einen Meißel, -eine Brechstange und ein Seil mitgenommen hatte, um mehr einem Diebe zu -gleichen. Wir steuerten gerade auf die Klostermauer zu. - -Die Dämmerung bricht um diese Jahreszeit früh an, und obwohl es -Vollmondwoche war, blieb die Nacht pechschwarz, eine richtige -Diebesnacht. Am anderen Ufer angelangt, ließen Maroi und Luka mich im -Boot zurück und schlichen zum Kloster hinauf. Ich wartete voll Ungeduld. -Die Ruder hatte ich ins Boot genommen, das ich an einem Strickende am -Ufer festhielt, und war bereit abzustoßen, sobald Luka seinen Fuß ins -Boot setzen würde. In der Besorgnis, wie alles gelingen würde und ob wir -die Spuren unseres Diebstahls rechtzeitig verwischen könnten, erschien -mir die Zeit schrecklich lang. Es dünkte mir, es sei schon viel Zeit -verstrichen. Die Dunkelheit war entsetzlich, der Wind fegte nunmehr -anstatt des Regens nassen Schnee daher. Das Boot schaukelte, und ich -treuloser Knecht begann, mich allmählich in meinem Mantel erwärmend, -einzuschlummern. Plötzlich beginnt das Boot unter einem Stoß zu -schwanken, ich zucke zusammen und sehe den Onkel Luka im Boote stehen, -der mit fremder, gepreßter Stimme sagt: »Rudre!« - -Ich ergreife die Ruder, kann sie aber vor Schreck nicht in die Dollen -einlegen. Schließlich gelingt es mir, ich stoße vom Ufer ab und frage: -»Onkel, habt ihr den Engel bekommen?« - -»Ich habe ihn, rudre stärker!« - -»Erzähle doch,« forsche ich weiter, »wie habt ihr ihn bekommen?« - -»Genau wie es geplant war.« - -»Werden wir noch rechtzeitig zurückkommen können?« - -»Wir müssen es können: eben erst haben sie mit der großen Litanei -begonnen. Rudre! Wohin ruderst du?« - -Ich sehe mich um: Großer Gott, ich rudere wirklich nicht in unsere -Richtung, und doch scheint es mir, daß ich richtig quer über die -Strömung halte, aber unsere Siedlung ist nicht zu sehen, weil Schnee und -Sturm schrecklich daherfegen und mich blind machen. Ringsum heult der -Wind und schaukelt das Boot, und oben vom Fluß weht es wie von Eis her. - -Aber mit Gottes Gnade erreichen wir das Ufer, springen beide aus dem -Boot und laufen, was wir laufen können. Der Ikonenmaler ist schon -bereit; er handelt kaltblütig und entschlossen. Vor allem nimmt er die -Ikone, und als alle vor ihr niederfallen und sich verneigen, läßt er sie -den versiegelten Engel küssen und schaut selbst bald auf ihn, bald auf -die Kopie und sagt: »Sie ist gut! Man muß sie nur ein wenig mit Safran -dämpfen und etwas mit schmutziger Farbe tönen.« Damit nimmt er die -Ikone, spannt sie in den Schraubstock, richtet die Säge her ... und dann -fliegt sie nur. Wir alle stehen herum und schauen voller Angst zu, ob er -die Ikone nicht beschädige. Stellen Sie sich vor, wie er mit seinen -übergroßen Händen das Bild, welches kaum stärker als ein Blättchen -dünnsten Schreibpapieres ist, vom Brett abtrennt. Wie leicht ist da ein -Unglück geschehen: wenn die Säge nur um ein Haar schief geht, so -schneidet sie es durch und zerreißt das Antlitz! Der Ikonenmaler -Ssewastjan aber verrichtete die schwierige Arbeit mit solcher -Kaltblütigkeit und Kunstfertigkeit, daß es einem, wenn man ihn dabei -betrachtete, gleich ruhig ums Herz wurde. Wie er das Bild als dünnste -Schicht abgetrennt hat, schneidet er in einem Augenblick das Ausgesägte -aus den Rändern heraus, nimmt seine Kopie, zerknittert sie in der Faust -und schlägt sie dann auf die Tischkante, als wolle er sie zerreißen und -vernichten; schließlich betrachtet er die Leinwand gegen das Licht, und -nun ist das neue Bildchen voller Sprünge wie ein feines Sieb, Ssewastjan -klebt es nun auf das alte Brett, nimmt dunkle Schmutzfarbe auf die Hand, -mischt sie mit dem Finger mit Safran und altem Firnis zu einer Art Kitt -und reibt damit kräftig, mit der vollen Handfläche das zerknitterte -Bildchen ein. Dies alles hatte er mit großer Schnelligkeit vollführt, -und nun sah die neue Ikone aus wie eine alte und glich aufs genaueste -der echten. - -Dann wurde die Kopie in einem Nu mit Lack bedeckt, und wir setzten sie -in den Rahmen. Nun nahm Ssewastjan das echte, vom Brett abgetrennte Bild -und verlangte so schnell wie möglich einen Fetzen von einem alten -Filzhute. - -Damit begann der äußerst schwierige Prozeß der Entsiegelung. - -Man gab dem Ikonenmaler einen Hut, und er zerriß ihn sofort über dem -Knie in zwei Teile, bedeckte mit dem einen den versiegelten Engel und -schrie: »Das heiße Plätteisen!« - -Im Ofen lag auf sein Geheiß ein schweres Schneiderbügeleisen. Michailiza -packte es mit der Ofengabel und reichte es Ssewastjan. Jener umwickelte -den Griff mit einem Lappen, spuckte auf das Eisen und legte es auf den -Filzfetzen. Von dem Filz steigt ein böser Gestank auf, aber der -Ikonenmaler wiederholt es noch und noch einmal und nimmt es dann -plötzlich weg. Seine Hand fliegt wie der Blitz; der Rauch steigt schon -in einer Säule hoch, aber Ssewastjan versteht zu backen: mit der einen -Hand dreht er langsam den Filzlappen und mit der anderen führt er -geschickt das Eisen. Mit jedemmal fährt er langsamer, aber fester -darüber und dann wirft er plötzlich den Fetzen und das Eisen weg und -hält die Ikone ans Licht: das Siegel ist fort, als wäre es nie -dagewesen! Der starke Stroganower Lack hat standgehalten, der Siegellack -ist vollständig verschwunden, nur ein schwacher feuerroter Tau ist -zurückgeblieben, aber das leuchtende, heilige Antlitz ist jetzt ganz zu -sehen. - -Der eine weint, der andere betet, der dritte beugt sich über die Hände -des Ikonenmalers, um sie zu küssen, nur Luka Kirillow vergißt seine -Aufgabe nicht, sondern kargt mit jeder Minute. Er reicht Ssewastjan die -Kopie und sagt: - -»Nun, mach schneller fertig!« - -Aber jener antwortet: »Mein Werk ist beendet, ich habe alles getan, was -ich übernommen habe.« - -»Und das Siegel aufdrücken?« - -»Wohin?« - -»Ja hierher, auf das Gesicht des neuen Engels, wie es bei jenem alten -war.« - -Aber Ssewastjan schüttelt den Kopf und antwortet: - -»Nein, ich bin kein Beamter, daß ich mich erfrechen würde, so etwas zu -tun.« - -»Was sollen wir nun anfangen?« - -»Ja, das weiß ich doch nicht. Ihr hättet dafür einen Beamten oder einen -Deutschen herbitten sollen. Das habt ihr jetzt versäumt, nun tut es -selbst.« - -Luka erwidert: - -»Was glaubst du wohl! Um nichts in der Welt werden wir uns dazu -erfrechen.« - -Und der Ikonenmaler antwortet: - -»Auch ich werde mich nicht erfrechen.« - -Während der wenigen Minuten dieses Streites stürzt plötzlich die Frau -Jakow Jakowlewitschs totenbleich ins Zimmer und spricht: - -»Seid ihr denn noch nicht fertig?« - -Wir antworten, wir seien fertig und auch wieder nicht fertig: das -Wichtige sei vollbracht, aber eine Kleinigkeit vermöchten wir nun nicht. - -Sie erwidert: »Auf was wartet ihr denn? Hört ihr denn nicht, was sich -draußen tut?« - -Wir horchen und erbleichen noch mehr als sie. In unserer Sorge hatten -wir dem Wetter keine Aufmerksamkeit geschenkt, und nun hören wir es -draußen toben: das Eis geht! - -Ich springe hinaus und sehe, wie das Eis schon über den ganzen Fluß -treibt, wie die Schollen krachend und berstend übereinander springen. -Besinnungslos stürze ich zu den Booten, ... kein einziges ist mehr da, -alle sind fortgeschwemmt. Mir stockt die Zunge im Munde, so daß ich kein -Wort über die Lippen bringe, und mir scheint es, ich versinke in die -Erde ... Ich stehe da ... rühre mich nicht ... und gebe keinen Laut von -mir. - -Aber während wir hier im Dunkeln umherirren, hatte die Engländerin, die -mit Michailiza in der Stube zurückgeblieben war, die Ursache der -Verzögerung erfahren, die Ikone ergriffen ... und einen Augenblick -später eilt sie, in der einen Hand eine Laterne haltend, mit dem Bild -auf die Treppe hinaus und schreit: - -»Nehmt! Fertig!« - -Wir schauen hin: auf dem Antlitz des neuen Engels ist das Siegel! - -Luka steckt die beiden Ikonen sofort in den Busen und schreit: - -»Das Boot!« - -Ich eröffne ihm, daß kein Boot da ist, daß alle fortgetrieben sind. - -Und ich sage Ihnen, das Eis treibt daher wie eine Herde, zerschellt an -den Pfeilern und erschüttert die Brücke, so daß die armdicken Ketten -dröhnen. - -Wie die Engländerin dies hört, wirft sie die Hände empor und schreit mit -unmenschlicher Stimme: »James!« Und sie fällt in Ohnmacht. - -Und wir stehen dabei und fühlen nur das eine: »Wo bleibt jetzt unser -Wort? Was wird jetzt mit dem Engländer, was mit dem alten Maroi?« - -Eben ertönt vom Glockenturm des Klosters das dritte Läuten. - -Da rafft sich Onkel Luka auf und ruft der Engländerin zu: - -»Komm zu dir, Gnädige, deinem Manne wird nichts geschehen. Vielleicht -wird der Henker das alte Fell unseres Maroi peitschen und sein ehrliches -Gesicht mit dem Brandzeichen entehren, aber das soll erst nach meinem -Tode geschehen.« Dabei bekreuzigt er sich und geht. - -Ich schreie ihm zu: »Onkel Luka, wo willst du hin? Lewontij ist -umgekommen, auch du wirst es!« Und ich eile ihm nach, um ihn -aufzuhalten. Allein er hebt das vor seinen Füßen liegende Ruder auf, das -ich bei unserer Ankunft auf die Erde geworfen habe, schwingt es über -mich und schreit: »Fort, oder ich schlage dich tot!« - -Meine werten Herren, ich habe mich in meiner Erzählung offen genug als -kleinmütig bekannt, als ich den verstorbenen Knaben Lewontij auf der -Erde seinem Schicksal überließ und selbst auf einen Baum kletterte; aber -ehrlich und offen sage ich Ihnen, daß ich hier vor dem Ruder Onkel Lukas -nicht erschrocken und auch nicht zurückgewichen wäre ... aber, ob Sie es -mir glauben oder nicht, in dem Augenblick, als ich mich des Namens -Lewontijs erinnerte, sah ich, wie die Gestalt des Jünglings zwischen mir -und Luka in der Dunkelheit erstand und drohend gegen mich die Hand -erhob. Diesen Schrecken konnte ich nicht ertragen und wich zurück. Aber -Luka stand schon am Ende der Kette und rief uns plötzlich, den einen Fuß -auf die Kette setzend, zu: - -»Stimmt den Chor an!« - -Unser Vorsänger Arefa steht bei uns, vernimmt es und beginnt sogleich: -»Ich öffne die Lippen«. Die anderen fallen ein, und so schreien wir den -Chor dem Sturmgeheul entgegen, und Luka bangt nicht vor den -Todesschrecken und schreitet über die Brückenketten weiter. Binnen einer -Minute hat er das erste Joch zurückgelegt und steigt zum zweiten nieder -... Und weiter? Die Dunkelheit umfängt ihn, er ist nicht mehr zu sehen: -ob er noch geht oder schon herabgestürzt ist und von den verfluchten -Schollen in den Strudel getrieben wird, wir wissen es nicht, wir wissen -nicht, ob wir für seine Rettung oder für die ewige Ruhe seiner starken, -liebenswerten Seele beten sollen. - - - - - FÜNFZEHNTES KAPITEL - - -Was war inzwischen am anderen Ufer geschehen? Seine Eminenz der -Erzbischof zelebrierte wie gewöhnlich die Abendmesse und ahnte nicht, -daß inzwischen am Nebenaltar ein Diebstahl ausgeführt wurde. Unser -Engländer Jakow Jakowlewitsch, der mit seiner Erlaubnis an diesem Altar -stand, stahl den Engel und schickte ihn, wie er es geplant hatte, mit -seinem Mantel hinaus, wo Luka mit ihm davoneilte. Der alte Maroi blieb -seinem Worte getreu vor dem gleichen Fenster stehen und wartete bis zur -letzten Minute. Kehrte Luka nicht zurück, so würde er, gleich nachdem -sich der Engländer zurückgezogen hätte, das Fenster einschlagen und mit -der Brechstange und dem Meißel wie ein wirklicher Dieb durch das Fenster -in die Kirche steigen. Der Engländer wendet kein Auge von ihm und sieht, -wie der alte Maroi, gehorsam und seinem Versprechen getreu, dasteht und -ihm zunickt, wenn er das Gesicht des Engländers dem Fenster zugewendet -erblickt, als ob er sagen wollte: »Hier bin ich, der verantwortliche -Dieb«. - -So beweisen sie einander ihren Edelmut, und keiner will dem anderen -gestatten, ihn im gegenseitigen Vertrauen zu übertreffen. Aber zu ihrer -beider Glauben gesellt sich noch ein dritter, stärkerer, von dessen -Wirken sie jedoch nichts wissen. Als der letzte Glockenschlag der -Nachtmesse verklungen war, öffnete der Engländer leise das Klappfenster, -damit der alte Maroi hereinsteige, und war schon im Begriff, sich -zurückzuziehen, als er plötzlich bemerkte, daß sich der alte Maroi -abgewendet hatte, ihn nicht mehr ansah, sondern gespannt nach dem Flusse -hinüberschaute und in einem fort wiederholte: - -»Helfe ihm Gott herüber, helfe ihm Gott herüber, helfe ihm Gott -herüber!« - -Dann sprang er plötzlich auf, tanzte wie betrunken und schrie: - -»Gott hat ihm herübergeholfen, Gott hat ihm herübergeholfen!« - -Jakow Jakowlewitsch geriet in helle Verzweiflung und dachte: - -»Jetzt ist es zu Ende: der dumme Alte ist verrückt geworden, ich bin -verloren!« Da sieht er auf einmal, wie Maroi den Luka umarmt. - -Der alte Maroi stammelt: »Ich habe geschaut, wie du mit Laternen über -die Ketten gingst.« - -Luka erwidert: »Ich hatte keine Laterne dabei.« - -»Woher kam das Leuchten?« - -Luka antwortet: - -»Ich weiß nicht, ich habe kein Leuchten gesehen, ich bin so schnell -gelaufen, wie ich konnte, und weiß nicht einmal, wie ich herübergekommen -und nicht gefallen bin.« - -»Das waren Engel ... ich habe sie gesehen, und darum überlebe ich diesen -Tag nicht und sterbe noch heute.« - -Luka aber hat keine Zeit, viel zu reden, und so antwortet er dem Alten -nicht, sondern reicht dem Engländer beide Ikonen durch das Fenster. Der -nimmt sie und fragt: - -»Warum ist kein Siegel darauf?« - -Luka fragt: »Wieso ist keines?« - -»Ja, es ist keines.« - -Da bekreuzigt sich Luka und sagt: - -»Nun ist es aus. Jetzt ist keine Zeit, es auszubessern. Dieses Wunder -hat der Engel der herrschenden Kirche vollbracht, und ich weiß weshalb.« - -Damit stürzt Luka in die Kirche, drängt sich in den Altarraum, wo man -den Erzbischof eben entkleidet, wirft sich ihm zu Füßen und spricht: - -»Ich bin ein Gotteslästerer, und das habe ich getan!« Und er erzählt ihm -alles. »Nun befehlen Sie, daß man mich in Ketten legt und ins Gefängnis -abführt.« - -Der Bischof hört voll Würde alles an und antwortet: - -»Durch Betrug habt ihr das Siegel von eurem Engel genommen, unser Engel -hat es selbst von sich genommen und dich hergeführt.« - -Luka erwidert: - -»Ich sehe es, Eminenz, und erbebe. Befehlen Sie nur rasch, daß man mich -dem Strafgericht überliefert.« - -Aber der Erzbischof antwortet in vergebendem Tone: - -»Kraft der mir von Gott gegebenen Gewalt vergebe ich dir und spreche -dich los. Bereite dich vor, morgen Christi allerreinsten Leib zu -empfangen.« - -Nun, und weiter, meine werten Herren, glaube ich, daß ich Ihnen nichts -mehr zu erzählen habe. Luka Kirillow und der alte Maroi kehrten am -nächsten Morgen zurück und sagten: - -»Väter und Brüder, wir haben die Herrlichkeit des Engels der -herrschenden Kirche gesehen, die Vorsehung Gottes über ihr und die Güte -ihres Hierarchen; wir sind selbst von ihm mit dem heiligen Öl gesalbt -worden und haben heute bei der Messe den Leib und das Blut des Erlösers -empfangen.« - -Ich trug in mir schon lange, seit dem Besuch beim Starez Pamwa, das -Verlangen, mich im Geiste mit ganz Rußland zu vereinigen und rief: - -»Und wir gehen mit dir, Onkel Luka!« - -Und so versammelten wir uns alle zu einer Herde, wie Schäflein unter -einem Hirten, und hatten kaum begriffen, wozu und wohin der versiegelte -Engel uns alle geführt hatte, warum seine Wege zu Beginn verworren -waren, und wie er sich dann der Menschenliebe willen entsiegelte, die -sich in jener schrecklichen Nacht offenbarte. - - - - - SECHZEHNTES KAPITEL - - -Der Erzähler war zu Ende. Die Hörer schwiegen; schließlich aber -räusperte sich jemand und bemerkte, daß in dieser Geschichte alles zu -erklären sei: Michailizas Träume, die Erscheinung, die sie im Halbschlaf -erblickte, das Herunterfallen des Engels, den eine hereingelaufene Katze -oder ein Hund herabgestoßen hatte, auch Lewontijs Tod, der schon vor -seiner Begegnung mit Pamwa krank gewesen war, das alles sei erklärlich. -Zu erklären sei schließlich auch die zufällige Erfüllung der Worte des -in Rätseln sprechenden Pamwa. - -»Begreiflich ist auch«, fügte der Hörer hinzu, »daß Luka mit dem Ruder -über die Ketten gegangen ist: die Maurer sind bekannt als Meister im -Steigen und Klettern, und mit dem Ruder hatte er das Gleichgewicht -gehalten. Es ist schließlich auch begreiflich, daß Maroi um Luka ein -Leuchten gesehen hat, das er für Engel hielt. Einem aufs äußerste -gespannten, vor Kälte erstarrten Menschen mag allerlei vor den Augen -flimmern! Ich würde es selbst noch begreiflich finden, wenn zum Beispiel -der alte Maroi, seiner Voraussage nach, den Tag nicht überlebt hätte -...« - -»Er hat ihn nicht überlebt«, erwiderte Mark. - -»Vortrefflich! Auch hierin ist nichts Verwunderliches, wenn ein -achtzigjähriger Greis nach solchen Aufregungen und einer derartigen -Erkältung stirbt. Aber was mir in der Geschichte ganz unerklärlich -bleibt, ist, wie das Siegel, das die Engländerin auf den neuen Engel -aufgedrückt hatte, verschwinden konnte?« - -»Nun, das ist gerade das Allereinfachste«, sagte Mark heiter, und -erzählte, wie man bald darauf das Siegel zwischen Beschlag und Bild -gefunden habe. - -»Wie konnte das geschehen?« - -»Nun so: auch die Engländerin wollte sich nicht erdreisten, das Gesicht -des Engels zu beschädigen, und so befestigte sie das Siegel auf einem -Papier, das sie unter den Beschlag schob. Das war sehr klug und -kunstfertig von ihr gehandelt, als aber Luka die Heiligenbilder auf -seiner Brust beim Tragen erschütterte, fiel das Siegel ab.« - -»Nun, jetzt ist also die ganze Geschichte einfach und natürlich.« - -»Ja, so schließen viele, daß hier alles auf ganz gewöhnliche Weise vor -sich gegangen sei, und nicht nur die gebildeten Herrschaften, denen sie -bekannt geworden ist, sondern auch die Unsrigen, die im Schisma -verblieben sind, lachen darüber, daß uns eine Engländerin mit einem -Papierchen der Kirche zugeschoben habe. Aber wir streiten nicht gegen -solche Beweise. Jeder beurteilt es so, wie er es glaubt, uns aber ist es -gleich, auf welchen Wegen der Herr den Menschen zu finden weiß und aus -welchem Gefäß er ihn tränkt, wenn er ihn nur sucht und seinen Durst nach -Vereinigung mit dem Vaterlande stillt. -- Aber da kommen schon die -Fell-Bauern aus dem Schnee gekrochen. Haben sich anscheinend ausgeruht, -die Herzigen, und werden gleich weiterfahren. Vielleicht nehmen sie mich -ein Stück mit. Die Wassilijnacht ist vorbei. Ich habe Sie ermüdet und -Ihnen vielerlei von mir berichtet. Dafür habe ich die Ehre, Sie zum -neuen Jahr zu beglückwünschen, und verzeihen Sie mir Unwissendem um -Christi Willen!« - - - - - DIE EPOPÖE VON WISCHNEWSKIJ UND SEINER SIPPE - - - - - ERSTES KAPITEL - - -Im Perejaslawer Kreise des Poltawaschen Gouvernements lebte der -Gutsbesitzer Iwan Gawrilowitsch Wischnewskij. Durch die Freigebigkeit -der Kaiserin Jelisaweta Petrowna hatte er ein großes Gut an beiden Ufern -des Flusses Ssupoi erhalten. (Die Flüsse Udai und Ssupoi werden in einem -Lehrbuch der Geographie als »wegen ihrer vielen Mängel zur Schiffahrt -ungeeignet« bezeichnet.) Das Gut bestand aus zwei großen Dörfern, von -denen das eine Farbowanaja hieß, das andere Ssosnowka. - -Der alte Pan Iwan Wischnewskij lebte und starb auf diesem Gut. Nach -seinem Tode gingen Farbowanaja und Ssosnowka auf seinen Sohn, Stepan -Iwanowitsch Wischnewskij über, der eine heroische Berühmtheit erlangte. -Es ist freilich möglich, daß die Phantasie diese durch Legenden ergänzt -und ausgeschmückt hat. - -Stepan Iwanowitsch war athletisch gebaut, ein Recke, dabei -gastfreundlich, starrköpfig und ein schrecklicher Wüstling, aber er -besaß Bildung. Er war einer der jungen Leute gewesen, die die Kaiserin -Jekaterina nach England geschickt hatte, »zur Ausbildung des Verstands -und des Herzens«. Nach seiner Rückkehr aus England trat er ins -Garderegiment zu Pferd ein, aber als er den Rang eines Leutnants -erhalten hatte, nahm er seinen Abschied, heiratete eine Adelige aus dem -Twerschen Gouvernement, Stepanida Wassiljewna aus dem Geschlechte der -Schubinskijs, und ließ sich in seinem eigenen Hause zu Moskau nieder. - -Zu tun hatte Wischnewskij hier nichts, und er begann »wunderlich« zu -werden. - -Vor allem gedachte er, den Moskowitern durch seine kosakische -Nationalität zu imponieren. Er wollte mit niemand verkehren, kleidete -sich kleinrussisch, trank viel »Gebrannten« und aß angeblich nur -Bärenfleisch. - -Der Kaiserin wurde berichtet, daß Wischnewskij »die gesellschaftlichen -Sitten außer Acht lasse«, und dem Starrkopf wurde eine Rüge zuteil. Er -beschloß sich zu bessern und ließ sich zu diesem Zwecke aus Kleinrußland -einen Kosakenwagen mit einem Ochsengespann nach Moskau bringen und dazu -einen Burschen, der mit den Ochsen umzugehen verstand. Am Tage der -üblichen und für alle angesehenen Personen der Residenz obligatorischen -Visiten schickte sich Stepan Iwanowitsch an, »bei allen Respektpersonen -Visite zu machen«. Aber er fuhr nicht etwa leichthin in einer Equipage -aus, sondern mit einem ganzen Zuge. Voraus galoppierte ein Jockei auf -einer stutzschwänzigen englischen Stute, ihm folgte eine prächtige mit -sechsen bespannte Kutsche, in der der Kammerdiener saß, und hinter ihr -kam der Wagen, oder die kleinrussische »Fuhre«, auf der Pan Wischnewskij -thronte. Der Wagen war bespannt mit einem Paar schwarzgrauer -krummhörniger Ochsen. Der Pan saß, wie die kleinrussischen Bauern zu -sitzen pflegen, -- d. h. in der Mitte des Wagens auf einem Haufen -Roggenstroh und rauchte phlegmatisch eine Weichselpfeife kleinrussischer -Fasson. Der Kleinrusse, der die Ochsen lenkte, trug Pluderhosen »so weit -wie Wolken«, ein geteertes Hemd, schwere Stiefel und eine hohe, zottige -Mütze. Er ging mit einer Peitsche neben den Ochsen her, hielt sie mit -einem Riemen am Nasenring, »damit sie in der lärmenden Stadt« nicht -scheuen, und schrie ihnen bald »Zo--be« und bald »Zob« zu. - -Der Jockei hatte die Liste der Personen, die dieser verwilderte Europäer -besuchen sollte. Er sprengte voran, ritt in den Hof der auf der Liste -stehenden hochmögenden Persönlichkeit und meldete laut: - -»Mein Pan kommt!« - -Wenn dann der Zug in Sicht kam, wendete sich ihm der Jockei mit dem -Gesichte zu und rief wieder: - -»Da ist der Pan Wischnewskij selbst gekommen!« - -Dann hielt die Kutsche vor der Freitreppe, ihr entstieg der Kammerdiener -Stepan Iwanowitschs und trat ins Haus, um zu fragen, ob es den -Herrschaften genehm sei, seinen Herrn zu empfangen. - -Empfing man Wischnewskij, so fuhr die Kutsche weiter, und an der -Freitreppe hielt die »Fuhre« mit dem Ochsengespann; Stepan Iwanowitsch -stieg aus, begab sich in die Gemächer und beschenkte freigebig die ihm -unter die Augen kommende Dienerschaft. In den Appartements benahm er -sich als vornehmer Herr und Europäer, prunkte mit prächtigen Manieren, -vorzüglichen Sprachkenntnissen und der schlagfertigen Bissigkeit seines -kleinrussischen Verstandes. - -»Denn er war ein zu Scherzen aufgelegter Herr, sprach Französisch und -Italienisch und vermochte in diesen Sprachen Gott zu preisen. Nur war er -zu faul dazu.« - - - - - ZWEITES KAPITEL - - -Wischnewskij aß, wie oben erwähnt, angeblich nur Bärenfleisch und hielt -deshalb auf einem der Twerschen Güter seiner Frau einen Bärenzwinger. -Man mästete dort die Bären und brachte sie nach Moskau zum Tisch Stepan -Iwanowitschs. Gegen die Polizei hegte Wischnewskij einen eingeborenen -und unbesiegbaren Haß, und kein Polizist durfte es wagen, sich zu -erkühnen, seinen Hof zu betreten, ohne zu riskieren, allen möglichen -Beleidigungen ausgesetzt zu sein, wenn ihn Stepan Iwanowitsch erblickte. -Wischnewskijs Haus zu Moskau war für die Polizei unzugänglich, und aus -diesem oder einem anderen Grunde stand es bald in einem sehr -geheimnisvollen, aber wenig schmeichelhaften Rufe. Vor allem wurde -dieser durch die sittenlosen Instinkte Wischnewskijs in Bezug auf die -Frauen, oder um es genauer zu bezeichnen, auf die Kinder weiblichen -Geschlechts gefördert. Die Polizei haßte ihrerseits Stepan Iwanowitsch -ebenfalls und suchte einen Anlaß, um ihm seine Flegelhaftigkeit -heimzuzahlen, fand aber lange keinen geeigneten Grund dafür. Schließlich -stellte sich ein solcher ein. Ein Hofhund hatte einen noch nicht ganz -der Muskel beraubten Knochen auf die Straße geschleppt und dort fallen -lassen, und in diesem Knochen erkannte man das Gelenk eines kleinen -menschlichen Fußes. Einige Tage später wiederholte sich dasselbe. Man -beobachtete den Hund und sah, daß er diese Knochen aus der Abfallgrube -holte. Die Dienerschaft der Nachbarhäuser begann davon zu reden, daß -Wischnewskij mit seinen leibeigenen Mädchen Schändliches treibe und sie -dann töte. Bald zählte man auch schon die spurlos verschwundenen Mädchen -auf und nannte sogar ihre Namen. - -Die Polizei erblickte hierin nicht nur einen hinreichenden Grund -einzuschreiten, sondern hielt es geradezu für ihre Pflicht, -- was es in -der Tat auch war. Zu diesem Zweck erschienen der Polizeikommissar und -der Revieraufseher auf dem Hofe Stepan Iwanowitschs und schritten zur -Besichtigung der Grube, aus der der Hund die verdächtigen Knochen geholt -hatte. Die treuen Diener Stepan Iwanowitschs ließen die Polizei nicht -zur Besichtigung zu, ehe sie ihren »Pan« davon in Kenntnis gesetzt -hatten. Stepan Iwanowitsch zog seinen Rock an, ging selbst zu den -Polizisten hinaus und befahl ihnen, die Grube zu öffnen. Zur Freude der -Polizisten fand sich dort eine ganze Menge derselben Knochen, die den -Anlaß zu dem Verdachte gegeben hatten. Aber zugleich stellte sich -freilich heraus, daß sie keineswegs Überreste menschlicher Füße waren, -sondern die Tatzen der jungen, für den Tisch Wischnewskijs getöteten -Bären. - -Die Polizisten gerieten in Verlegenheit und begannen sich bei -Wischnewskij zu entschuldigen, indem sie erklärten, sie seien durch -Verdächtigungen und verleumderische Gerüchte zu diesem Mißgriff -verleitet worden. - -Wischnewskij verzieh ihnen und ... prügelte sie mit der Knute. - -Dieser krasse Vorfall hatte zur Folge, daß ihm befohlen wurde, Moskau zu -verlassen und auf seinen kleinrussischen Dörfern zu leben, die sein -Vater durch die Freigebigkeit der Kaiserin Jelisaweta Petrowna erhalten -hatte. - -Wischnewskij mußte sich dem Befehle unterwerfen und fuhr nach -Farbowanaja im Perejaslawschen Kreis, um dort sein Treiben in noch -größerer Freiheit fortzusetzen. - -Der Vorfall mit den Bärentatzen wird nach Moskauer Darstellungen -verschiedenen Personen zugeschrieben; Stepan Iwanowitsch Wischnewskij -wird er nur in einigen kleinrussischen Überlieferungen zugeeignet, die -vor allem in den vom Udai und Ssupoi befruchteten Tälern verbreitet -sind. Bezüglich der Visiten mit dem Ochsengespann suchte ich in Moskauer -Überlieferungen vergeblich nach einer Erinnerung an diese originelle -Ausfahrt. Diese Erzählung muß man daher als zweifelhaft ansehen. Aber -unter den Bewohnern der Täler von Udai und Ssupoi behaupten viele -Liebhaber solcher Überlieferungen nachdrücklich die Wahrheit dieser -Geschichte und weisen alle Beweisgründe, daß sie in Moskau nicht -bestätigt werde, mit Selbstvertrauen und voll Verachtung zurück, indem -sie ihre dicken Kosakenlippen aufwerfen und sagen: - -»Ja dort, -- wenn ihr die Wahrheit in Moskau suchen wollt!« - - - - - DRITTES KAPITEL - - -Als Stepan Iwanowitsch Wischnewskij auf seine kleinrussischen Dörfer -übersiedelte, baute er sich in den beiden Orten an den beiden Ufern des -ruhmwürdigen Ssupoi, in Farbowanaja und in Ssosnowka je ein Haus. In -beiden in großherrschaftlichem Stile errichteten Häusern hielt er -zahlreiche Dienerschaft, Jagdgefolge, Gestüte und Harems. Mit den -letzteren begnügte sich Stepan Iwanowitsch übrigens nicht, sondern -machte überdies bei allen Frauen seiner Herrschaft ausgedehnten Gebrauch -von den Rechten eines Padischah. Er lebte abwechselnd bald auf dem -einen, bald auf dem anderen Gut und hielt überall die von ihm -eingeführten willkürlichen Sitten aufrecht. Er hielt es für sein -vollstes Recht, jeden, wie er sich ausdrückte, »zu seinem -Christenglauben« zu bekehren, und erreichte frei und schrankenlos alles, -was er zu erreichen wünschte. - -Unter allen Launen seines Eigensinns nahm Wischnewskijs unbezähmbarer -Haß gegen die Polizei die erste Stelle ein. Kaum war er angekommen, als -er die Anordnung traf, daß weder der Kreischef, noch der -Polizeikommissar, noch überhaupt irgendein Beamter es wagen dürfen, mit -Schellen durch seine Herrschaft zu fahren. Den Bauern war befohlen, -jeden, der mit Geläute durchs Dorf fuhr, anzuhalten und sich zu -erkundigen, wer er sei. Wenn der Durchreisende ein Adeliger oder -überhaupt eine Privatperson war, so mußten sie ihn weiterfahren lassen -und ihm sagen, daß das Land, durch das er fahre, dem Pan Wischnewskij -gehöre, und daß dieser Pan ehrliche Gäste »liebe und schätze«. Sie luden -die Durchreisenden ein, zum Herrn zu kommen, um sich dort von den -Reisemühen zu erholen und die Gastfreundschaft des Pan zu genießen. Wenn -der Durchreisende Eile hatte und nicht »zu Gast« fahren wollte, sondern -sich höflich bedankte, hielt man ihn nicht mit Gewalt zurück, sondern -gestattete ihm ebenso höflich, weiterzufahren und ungehindert seine -Schellen läuten zu lassen. Hatte dagegen der Reisende Zeit und erklärte -er sich damit einverstanden, zum Pan zu fahren, so begleitete man ihn -nach Farbowanaja oder nach Ssosnowka, je nachdem, in welchem der beiden -Dörfer der Pan Wischnewskij zur Zeit lebte. - -Stepan Iwanowitsch empfing alle diese Gäste freundlich, fragte nicht -nach Rang und Amt und bewirtete sie nach damaligem Brauch üppig und -reichlich, -- manchmal allzu reichlich, so daß manchen seine -Gastfreundschaft schlecht bekam. Doch gab es weder beim Essen noch beim -Trinken irgendeinen Zwang, nur wurde alles im Übermaß aufgetragen, und -wenn sich einer dadurch zur Unmäßigkeit verleiten ließ, so lag darin -keinerlei Zwang oder Gewalt von Seiten Wischnewskijs, und der -unvorsichtige Gast hatte es sich selbst zuzuschreiben, wenn er für seine -Völlerei büßen mußte. - -Vielen Gästen, die Not zu leiden schienen, gab Stepan Iwanowitsch -beträchtliche Unterstützungen, Offizieren aber pflegte er stets etwas -Wertvolles zum Andenken zu schenken. Gegen Beamte jedoch, besonders aber -gegen die Polizei, zeigte sich Stepan Iwanowitsch als roher Tyrann, und -die Forderungen, die er an diese unglücklichen Menschen stellte, waren -derartig hart und erniedrigend, daß es schwer verständlich ist, wie sie -sich ihnen unterwerfen konnten und keine Mittel fanden, sich vor dem -Sonderling von Farbowanaja zu schützen. - -Wenn der Kreischef oder der Revieraufseher an die Grenze der -Wischnewskijschen Herrschaft kamen, mußten sie den Wagen halten lassen -und die Schellen festbinden, damit sie nicht läuteten. Andernfalls -mußten die Bauern sie anhalten, ihnen das Geläute wegnehmen und sie -unverzüglich zum Pan selbst in das Herrenhaus führen. Widersprach der -Polizeibeamte, so drohte ihm eine doppelte Gefahr: nämlich erstens von -den Bauern geprügelt zu werden, die das »auf den Kopf des Herrn« tun -durften, das heißt auf Verantwortung des Gutsbesitzers selbst; und -zweitens, vor den Pan geführt zu werden, bei dem jeden Polizeibeamten -ein ungeheuer erniedrigendes, aber mit unabänderlicher Strenge -eingehaltenes besonderes Zeremoniell erwartete. - -Ob der Polizeibeamte gefügig oder widerspenstig war, ehrlich oder -anspruchsvoll, bei Pan Wischnewskij standen sie alle »auf ein und -demselben Blatt«. An ihre Ehrenhaftigkeit glaubte er übrigens nicht im -mindesten, und es scheint, daß er sich darin nicht allzusehr irrte. Er -hatte den Grundsatz aufgestellt, daß kein Beamter die Schwelle seines -Hauses überschreiten durfte, gleichgültig in welcher Angelegenheit oder -unter welchem Vorwand. Hatten der Kreischef oder der Polizeikommissar -dienstlich mit ihm zu tun, oder mußten sie mit einem Anliegen oder einer -Bitte bei ihm erscheinen, so wußten sie genau, daß sie durch seine -Besitzungen ohne Geläute und möglichst leise fahren und vor dem Tore -halt machen mußten; auf keinen Fall durften sie es wagen, in den Hof -einzufahren. Auf dem Gut und auf dem Hofe mußten sie zu Fuß gehen, am -Tor die Mütze abnehmen und an den Fenstern des Hauses stets mit -entblößtem Haupte vorübergehen. - -Andernfalls, beim geringsten Verstoß gegen diese Regel, packte die -darauf dressierte Hausdienerschaft den Betreffenden bei den Armen, stieß -ihn vor das Tor und »versetzte ihm mehrere kräftige Nackenstöße«. Da -dieses Verfahren genau und streng eingehalten wurde, wagte niemand, an -Ungehorsam oder Widerstand auch nur zu denken. Damit war aber die -Erniedrigung noch nicht zu Ende. Der Beamte durfte nicht weiter als bis -zur Freitreppe, unter der in einem Verließ die großen Madelanschen Hunde -hausten. Dort mußte er stehen bleiben und warten, bis Stepan Iwanowitsch -seinen »Kammerkosaken« oder seinen Lakai zu ihm herausschickte. Den -Lakai mußte der Beamte »als seinesgleichen begrüßen«, das heißt ihm die -Hand geben, und erst dann durfte er ihm den Zweck seines Besuches beim -Pan auseinandersetzen. - -Fand Wischnewskij, daß die Angelegenheit, wegen welcher der Beamte -gekommen war, keine Beachtung verdiene, so befahl er ihn davonzujagen. -War es dagegen eine adelige Angelegenheit oder eine Mitteilung aus den -höheren Sphären, so zog Stepan Iwanowitsch seine Pekesche an, setzte die -Mütze auf, kam selbst auf die Freitreppe hinaus und hörte den Beamten -an. Während der ganzen Zeit stand er seitwärts zu ihm und schaute ihn -kein einzigesmal an. - -Hierauf ging Wischnewskij schweigend ins Haus, und der Lakai brachte dem -Beamten auf einem Teller ein Glas Schnaps und einen Fünfzigerschein. Der -Beamte mußte zuerst den Schnaps austrinken, dann durfte er die fünfzig -Rubel »für den Imbiß« nehmen. Für Beamte gab es im Hause Wischnewskijs -keine Gastfreundschaft. Hatte der Beamte wider Erwarten eine hohe -Meinung von sich und weigerte sich, das ihm auf die Treppe -hinausgebrachte Glas Schnaps zu trinken, so erhielt er auch das Geld für -den Imbiß nicht. Der Lakai mußte ihn in diesem Falle hinunterstoßen, ihm -den Schnaps in den Rücken gießen, die fünfzig Rubel selbst einstecken -und an einer Leine ziehen, die zu dem eisernen Fallgatter führte, hinter -dem die Madelanschen Hunde unter der Treppe saßen. - -Da die Beamten dies alles wußten, wagten sie niemals, auch nur den -kleinsten Widerstand gegen die Einrichtungen Stepan Iwanowitschs zu -zeigen; sie waren sogar erfreut, wenn eine Angelegenheit sie zur -Freitreppe des Pans von Farbowanaja führte. - -Wenn sich dies alles wirklich so verhielt, wie es die Überlieferungen -erzählen, so besaßen die fünfzig Rubel für den Imbiß augenscheinlich -einen hohen Wert. - - - - - VIERTES KAPITEL - - -In Bezug auf Moral und Keuschheit war Stepan Iwanowitsch ein sehr -unzeremonieller und überdies naiver Mensch. Übrigens waren seine -Erlebnisse dieser Art einander meist sehr ähnlich, doch schildert die -heroische Epopöe die außerordentlich originelle Rolle, die seine Frau, -Stepanida Wassiljewna, geborene Schubinskaja, dabei spielte. Anscheinend -kann man auch sie mit vollem Recht als psychopathisch bezeichnen, wenn -auch in einem anderen Sinne. - -Sie war, wie bereits erwähnt, eine Twersche Adelige, eine gebildete Frau -aus sehr guter Familie. Sie liebte ihren Gemahl und lebte mit ihm stets -im besten Einvernehmen. Aus ihrer Ehe mit Stepan Iwanowitsch hatte sie -zwei Töchter. Die Geburt der zweiten Tochter verlief so unglücklich, daß -Stepanida Wassiljewna für ihr ganzes Leben »einen Schaden« davontrug. -Stepan Iwanowitsch begann sich von ihr fernzuhalten: wenn sie in -Farbowanaja lebte, fuhr er nach Ssosnowka, war sie in Ssosnowka, so fuhr -er nach Farbowanaja. Als Stepanida Wassiljewna dies sah und weil sie, -wie sie sagte, ihren Mann liebte, begann sie Vorsorge dafür zu tragen, -daß »er sich von ihr nicht fernhalte« und daß »ihm das Leben bei ihr -nicht langweilig werde«. Zu diesem Zweck hielt sie an Abenden -Spinnstunden ab, zu denen die Mädchen nur ungern und unter Tränen kamen, -aber Stepanida Wassiljewna behandelte sie freundlich, bewirtete sie so -lange, bis sie zutraulich wurden und nicht mehr weinten. Dann schrieb -sie ihrem Gemahl und lud ihn ein zu kommen, »um sich an den Mädchen zu -erfreuen«. Und er antwortete ihr: »Ich danke dir sehr und weiß deine -Sorge für mich zu schätzen, im übrigen habe ich bei der Auswahl zu -deinem Geschmack mehr Vertrauen, als zu meinem eigenen.« - -Eine solche Antwort ihres Mannes freute Stepanida Wassiljewna nicht nur, -sondern rührte sie. Ihre Gefühle für Stepan Iwanowitsch brannten mit -doppelter Glut, und sie schrieb ihm unverzüglich in aller Eile zurück: -»Für dein Vertrauen, mein teuerster Freund, danke ich dir vielmals, und -ich hoffe, daß die Wahl meines Geschmacks, auf den du so vertraust, -deinem Herzen gefallen wird. Nur bitte ich dich, Engel meiner Seele, -komm so bald wie möglich zu mir, denn mein Herz sehnt sich nach dir, und -du wirst sehen, daß ich über nichts gekränkt bin, sondern deinen -Geschmack verstehe. Unsere Kinder sind beide gesund, grüßen dich und -küssen deine Hände.« Unterschrift: »Deine treue Frau und Dienerin -Stepanida.« - -Wenn Stepan Iwanowitsch eine solche Nachricht erhielt, gab er sein -Einzelleben auf und fuhr zu seiner Gemahlin, die damit ihren Zweck -erreicht hatte, daß er »in ein und demselben Hause mit ihr lebe, ohne -sich zu langweilen«. - -Sie verhätschelte nicht nur die Favoritinnen, die sie für ihren Mann -auswählte, sondern pflegte und versorgte auch seine Kinder, die sich bei -der patriarchalischen Ordnung dieses Herrenlebens in Farbowanaja rasch -vermehrten. - -Wischnewskij selbst war bei weitem nicht so gutherzig und aufrichtig wie -seine Frau: wenn sich sein verderbtes Herz bei der Person, welche die -Obliegenheit hatte, ihm »das Leben kurzweilig zu machen«, zu langweilen -begann, so schickte sich Wischnewskij an, wieder allein im anderen Dorfe -zu leben. - -Stepanida Wassiljewna verstand dies sogleich und hinderte ihren Mann -daran nicht, da für sie der Friede und das eheliche Einvernehmen, nach -dem Vermächtnis der Vorfahren, am höchsten in der Welt standen; einige -Zeit später traf sie wieder Vorbereitungen und schrieb ihm einen -vorsichtigen und zärtlichen Brief, in dem sie sagte: »Deine List und -deine Unaufrichtigkeit mir gegenüber in wichtigen Angelegenheiten -kränken und quälen mich sehr, mein Freund, da ich sie durch nichts -verdient habe. Gott sieht meine Wahrhaftigkeit, und daß ich dich über -alles in der Welt liebe. Durch die Trennung von dir welkt mein Herz -dahin wie Gras, und meine heißen Tränen versiegen nicht. Die Person, die -dich durch ihre Reizlosigkeit ermüdet und gelangweilt hat, habe ich -durch meine Bemühungen ohne viel Aufhebens versorgt; alle sind jetzt mit -ihrer Lage vollkommen zufrieden und bedanken sich. Wenn du bald zu mir -kommst, kannst du dich an einer sehr liebenswürdigen Person ergötzen. -Unsere Kinder sind durch Gottes Gnade wohlbehalten und gesund und beten -für ihren Vater.« Und wieder dieselbe Unterschrift: »Deine Frau und -Dienerin.« - -Wischnewskijs Antwort waren Grüße an seine Frau und die Versicherung -seines vollen Vertrauens zu ihrem Geschmack, und bald darauf kehrte -Stepan Iwanowitsch in den Schoß seiner Familie zurück. Man erwartete ihn -natürlich und begrüßte ihn mit Zymbeln und Gesang, Zurufen und -Schmeicheleien und allem, was notwendig war, um ihn so zufrieden zu -stellen, wie er es sich selbst wünschte und seine zärtliche, -überzärtliche Frau es einrichten konnte, die das Unglück gehabt hatte, -aus einer lebhaften und reizenden Frau »auf Lebenszeit ein unbrauchbarer -Mensch« zu werden. - - - - - FÜNFTES KAPITEL - - -Nach dem beschriebenen Zwischenfall besserte sich Stepan Iwanowitsch in -Bezug auf seine Verschlossenheit und sein Mißtrauen und nahm nie mehr -Zuflucht zum Separatleben. - -Stepanida Wassiljewna sorgte für ihn, wie sich die Bauern ausdrückten, -»wie eine Mutter für ihr Kind«. - -Die unwahrscheinliche, primitive Einfachheit dieser Beziehungen, die an -die biblische Erzählung von Sarah und Hagar erinnert, wird noch -unwahrscheinlicher, wenn man den Einzelheiten Glauben schenken will, die -die Bauern über das Leben dieser Ehegatten erzählen. - -Stepan Iwanowitsch war ein reiner Türke. Seine mannigfaltigen -Verbindungen umfaßten alle Arten von Liebe, von einer flüchtigen -Verirrung bis zur Anhänglichkeit eines Sultans an seine Odaliske oder an -seine erste Sultanin. Die vorübergehenden Beziehungen kommen natürlich -nicht in Betracht, die Stellung der ersten Sultanin nahm -selbstverständlich seine gesetzliche Frau ein, die er vielleicht auf -seine Weise liebte und auf jeden Fall, wie er versicherte, »hoch -schätzte«. - -»Wenn jemand etwas wider mich unternimmt«, pflegte er zu sagen, »so kann -ich es vielleicht noch verzeihen, aber wenn es jemand einfällt, -Stepanida Wassiljewna zu beleidigen, so werde ich ihn zu erreichen -wissen, wer es auch sei, und selbst Zar Iwan der Grausame hat keine -derartigen Marter ersonnen wie die, mit denen ich den Beleidiger meiner -Frau strafen werde.« - -Alle wußten dies und wußten zudem, daß Stepan Iwanowitsch nicht -scherzte, sondern alles, was er sagte, auch machte, und so kam es -niemandem in den Sinn, Stepanida Wassiljewna gegenüber auch nur das -geringste Anzeichen von Unehrerbietigkeit oder Ungehorsam zu äußern. -Nicht alle dagegen verstanden diese eifrige Sorge Wischnewskijs für -seine Frau, und während die einen sie seiner übergroßen Zärtlichkeit -zuschrieben, sahen andere darin Verschlagenheit, wie sie ja dem -kleinrussischen Charakter Wischnewskijs in der Tat in beträchtlichem -Maße eigen war. Sie nahmen an, er wolle allen vor seiner Frau »Furcht -einjagen«, damit ihre auf die Ergötzung seines Lebens durch die Liebe -der leibeigenen Odalisken gerichteten Bemühungen nicht auf den -geringsten Widerstand stießen, da er jeden Ungehorsam ihr gegenüber so -bestrafen würde, daß Zar Iwan der Grausame in seinem Grab erzitterte. - -Übrigens mag es sein, wie es will, Bestimmtes ist darüber nicht zu -sagen; dagegen wird mit Bestimmtheit erzählt, daß Stepan Iwanowitsch, -der in seinen sonstigen flüchtigen Romanen verderbt und rücksichtslos -bis zur Grausamkeit war, es liebte, in seine Beziehungen zu den -Odalisken, die ihm seine erste Sultanin nach ihrem Geschmack auswählte, -eine eigenartige Poesie zu tragen. Es entsprach dies ganz seiner Natur, -in der sich in solchen Fällen etwas Zartes und Gefühlvolles äußerte. -Ähnlich wie Don Juan darf er sich rühmen, daß er diese jungen Wesen nie -durch Rauheit kränkte, sie auch nie »mit kalter Leidenschaftslosigkeit« -verführte. Nein, er kam immer mit zarter Aufmerksamkeit in das Haus -seiner Frau, die für ihn liebevoll eine neue Freude bereithielt, und die -beiden Gatten pflegten die Erwählte, »wie man ums Morgenrot einen Falken -steigen läßt«. Sie liebkosten, schmückten und hätschelten sie, das -Mädchen wohnte in den Gemächern Stepanida Wassiljewnas, war bunt -gekleidet, mit Süßigkeiten übersättigt und versank in Genüssen, so daß -sie selbst nicht merkte, wie sie von einer Rolle in die andere überging -und lange Zeit, wie benebelt, nicht wußte, was mit ihr geschah und womit -das enden würde. Alle diese Odalisken hatten das Kindesalter noch kaum -überschritten, in dem der Kopf noch arm an Erfahrungen ist, die -Vorstellungen über die Zukunft noch unentwickelt sind und nur das -lusterfüllte Leben des Augenblicks lockt. So gaben sich viele aufrichtig -mit Herz und Seele ihrem Gebieter hin, oder empfanden ihre Rolle -wenigstens nicht als Last; Stepanida Wassiljewna aber liebten sie wie -eine Mutter. Und in der Tat, sie verhätschelte sie wie eine Mutter und -ermunterte sie wie eine ältere Haremsgenossin, die sich über das Glück -freut, das die jungen Odalisken ihrem geliebten Padischah bereiten. -Frau, Mann und die diensthabende Favoritin trennten sich im Hause fast -nie und verbrachten die meiste Zeit zu dritt. Einige seiner Odalisken -aber liebte Stepan Iwanowitsch so sehr, daß er sich keinen Augenblick -von ihnen trennen konnte. Wischnewskij war dann zu seiner Geliebten -nicht nur gefühlvoll, sondern liebevoll wie ein feuriger Jüngling, und -wenn er das Haus unbedingt verlassen mußte, so nahm er sie in der -Verkleidung eines Pagen oder Jägers, dem die Obhut seiner kostbaren -Bernsteinpfeifen und seiner Tabaksbeutel anvertraut war, mit. Da Stepan -Iwanowitsch stets, selbst Nachts rauchte, war ihm ein solcher -»Pfeifenjunge« unentbehrlich, und er hatte immer einen bei sich. - -Man schloß daraus, daß Stepan Iwanowitsch hier bis zu einem gewissen -Grad von Eifersucht geleitet wurde, doch entbehrt diese Annahme jeder -Grundlage, da er ja nichts riskierte, wenn er das Mädchen unter der -Obhut Stepanida Wassiljewnas zurückließ. Man muß vielmehr annehmen, er -habe, wie es diejenigen behaupten, die diesen kleinrussischen -Psychopathen genauer kannten, seine Favoritinnen so leidenschaftlich -geliebt, daß er sich von ihnen so lange nicht trennen konnte, bis seine -Leidenschaft ihren gewöhnlichen Lauf genommen hatte und abflaute. - -Die Anhänglichkeit Stepan Iwanowitschs an die betreffende Odaliske war -um so stärker, je größere Zärtlichkeit und Sorge sie in seiner Frau -weckte. War Wischnewskijs Leidenschaft verflogen und fuhr er »hinter den -Ssupoi«, so nahm Stepanida Wassiljewna die Sorge auf sich, die alte -»Ergötzung« unterzubringen und eine neue vorzubereiten, die den Pan von -Farbowanaja wieder vom anderen Ufer zurücklocken sollte. - -Tragisch waren diese Trennungen nie. Dank der Taktik, der Güte und der -Freigibigkeit Stepanida Wassiljewnas wurden alle diese Angelegenheiten -friedlich und im Guten und zur allgemeinen Zufriedenheit sämtlicher -Verwandten des Mädchens beigelegt. Eine einzige Ausnahme bildete der -Fall eines fünfzehnjährigen Bauernmädchens, das das Herz Wischnewskijs -besonders stark gefesselt und ihm einen Sohn und eine schmerzliche Spur -in seinen Erinnerungen hinterlassen hatte. - - - - - SECHSTES KAPITEL - - -Die lokalen Überlieferungen berichten sogar den Namen des »wie ein -Märchen« schönen, schwarzäugigen Mädchens, das zu dem Pan in ziemlich -späten Jahren seines Lebens in Beziehungen trat. Es hieß Gapka -Petrunenko. Sie war so schön, daß es »den Augen wohltat, sie zu -schauen«, und hatte, wie die Geschichte erzählt, ein sanftes Herz und -eine empfängliche Seele. Wischnewskij konnte ihre schlanke Taille mit -seinen Fingern umspannen, und er liebte sie, wie keine andere, die vor -oder nach ihr seine Gunst genoß. Er kleidete sie in rosa Atlas und in -Jacken aus kostbaren türkischen Schals, er trug sie auf den Händen und -küßte ihre Füße. - -Stepanida Wassiljewna, die diese heiße Liebe ihres Mannes zu dem Mädchen -sah, widmete sich ihr in einem solchen Maße, daß sie sich selbst und -ihre beiden Töchter zu vergessen schien, von denen die jüngere schon -zwölf Jahre zählte. Am Morgen flocht Stepanida Wassiljewna selbst Gapkas -schwarze Flechten, abends löste sie sie ihr und ließ ihre dichten Locken -von aromatischem Rauch durchziehen. Sie gestattete keiner niedrigen -Hand, ihren Körper zu berühren und benetzte selbst mit rosenduftendem -Wasser ihre Füße, auf die Stepan Iwanowitsch in leidenschaftlicher -Selbstvergessenheit seine Lippen drückte. Mit einem Wort, dieses -prächtige Mädchen war die Favoritin der Favoritinnen, und ihr Aufenthalt -im Hause Wischnewskijs unterschied sich weit von dem aller anderen. -Selbst wenn Stepan Iwanowitsch mit den Hunden auf die Jagd ritt, nahm er -Gapka mit und begnügte sich nicht damit, daß sie als Tscherkessin -gekleidet im ruhigen Jagdwagen mitfuhr, sondern nahm sie aus dem Wagen -und setzte sie vor sich in den Sattel. Wenn das Mädchen von dieser -unbequemen und anstrengenden Reise müde wurde und der Schlaf ihr -Köpfchen neigte, überließ sie Wischnewskij keiner fremden Hand, sondern -brach die Jagd ab und brachte Gapka vorsichtig mit eigenen Händen nach -Hause. Und Gott mochte dem von seinem Gefolge gnädig sein, der durch ein -Geräusch den kindlichen Schlaf der Geliebten des Pan störte! Dem -Schuldigen waren die feuchte Grube und Peitschenhiebe sicher. - -Ebenso sorgsam übergab Wischnewskij an der Freitreppe das Kind den -Händen der ihn Erwartenden und begleitete sie dann selbst, wenn man -Gapka in aller Stille in die Gemächer Stepanida Wassiljewnas trug. - -Dort entkleidete man sie und legte sie auf die Atlaskissen des breiten -türkischen Diwans, auf dessen Rand sich die Gatten setzten und ihren Tee -tranken. Während der ganzen Zeit sprachen sie kein Wort, sondern -ergötzten sich damit, das schlafende Mädchen anzuschauen. Wurde es Zeit, -zur Ruhe zu gehen, so stand Stepanida Wassiljewna auf und ging mit -leichtem Schritt über den Teppich in das anstoßende Zimmer, wo ihr -Schlafgemach war. In dankbarem Schweigen küßte Stepan Iwanowitsch seiner -Frau oftmals die Hand und flüsterte ihr zu: - -»Du bist mein Schutzengel, -- ich bete dich an!« - -Stepanida Wassiljewna fühlte und teilte das Glück ihres Mannes mit einer -unglaublichen, vielleicht nur ihr eigenen Hingabe. - -Sie ging in ihr Schlafzimmer, betete dort lange vor dem Heiligenbild und -ging dann wieder mit unhörbaren Schritten in das anstoßende Gemach, wo -die schlafende rosige Gapka mit ihren jungen kräftigen Händen die Kissen -umfing, während die athletische Gestalt Wischnewskijs zu den Füßen des -schlummernden Mädchens auf dem Teppich lag, den Kopf gegen den Diwan -gelehnt. - -Stepanida Wassiljewna schlug über die beiden das Kreuz, kehrte in ihr -Witwenbett zurück, und ihr Schlaf war ruhig, friedlich und erquickend. -In diesem ganzen seltsamen, scheinbar widersinnigen Gemenge von Gefühlen -und Beziehungen erblickte sie nichts für sich Erniedrigendes, nicht -einmal etwas Unpassendes; im Gegenteil, es schien ihr, als ob es gar -nicht besser gehen könne. - -Die grenzenlose Liebe dieser Frau zu ihrem Manne und das große Unglück, -das ihr Gesundheitszustand für sie bedeutete, hatten ihre moralischen -Begriffe, die niemandem klar und verständlich schienen, derart -verändert. Da ich diese Erzählungen nur als Sammlung einzelner Berichte -aus dem Mund Verschiedener wiedergebe, werde ich mich nicht weiter -bemühen, die Persönlichkeit Stepanida Wassiljewnas genauer zu erklären. -Ich glaube aber, daß man sie heute mit dem Begriff »psychopathisch« -bezeichnen würde. Ich gebe nur die interessante Erzählung wieder, wie -ich sie selbst gehört habe, ohne an den Charakteren und Sitten der -Helden dieser legendären Berichte eigene Kritik üben. - -Ich glaube, daß es sich hier in erster Linie nicht um Kritik handelt, -zumal alle handelnden Personen schon ins Reich der Schatten gewandert -sind, sondern darum, der Nachkommenschaft die Erinnerung an die -erstaunliche Unmittelbarkeit ihrer Charaktere und an ihr originelles, -launenhaftes Leben zu bewahren. - -Wohlbekannt sind uns die stürmischen Naturen unserer großrussischen -Adligen, deren Leben nach dem Ausspruch eines Dichters »unter Festen, -sinnlosem Prahlen, kleinlichen Lastern und kleinlicher Tyrannei verlief, -und bei denen der Chor der unterdrückten, zitternden Menschen das Leben -der Hunde und Pferde beneidete«. Wir wissen, wie unsere »alten -Weinschläuche« unter dem Gären des jungen, in sie gegossenen Weines -zitterten. Die gesunde realistische Richtung unserer großrussischen -Literatur, die uns vielleicht den Vorwurf des übertriebenen Realismus -eintragen wird, zeigt uns das wahre Gesicht unseres großrussischen -Lebens. Die kleinrussischen Schriftsteller folgen aber unserer für die -Jetztzeit vielleicht einzig nützlichen Richtung nicht. Das Leben des -kleinrussischen auftrumpfenden Herrentums ist uns entweder durch die -Romantik oder durch die primitive Volkstümlichkeit der kleinrussischen -Schriftsteller verschleiert. Wird es einmal geschildert, so meist in -schwülstigen Formen, die an die endlose polnische Historie vom »Pan -Kochanko« erinnern. Aber das kleinrussische Herrenleben hat seine -Originalität, die des Studiums wert ist und zugleich ein ziemlich helles -Licht auf die Eigenheiten der kleinrussischen Charaktere wirft, die, -nach der Bemerkung Schewtschenkos, der Welt »die gemeinen Enkel -berühmter Großväter« liefern. - -Es ist nutzlos, sich mit den Vertretern jener mittleren Generation zu -befassen, die wie eine Schicht zwischen den »Großvätern und den Enkeln« -liegt, zwischen denen, die der nationale Poet als »große« rühmte, und -jenen, die er zu den »gemeinen« rechnete. Vor uns stehen Gestalten, die -an der Wasserscheide jener beiden Hauptströmungen stehen, deren eine das -kleinrussische Land zu nie erreichter Höhe getragen hatte, während es -die andere zu nie wieder gut zu machender »Gemeinheit« führte. - -Alles auf der Welt ist »begründet, folgerichtig und bedingt«, und so -können die Glieder einer Kette nur ihre Form ändern, aber -nichsdestoweniger faßt ein Glied das andere, und jedes ist unabänderlich -mit dem anderen verbunden. - -Indem ich in diesen Aufzeichnungen alles vereine, was ich über -Wischnewskij und seine Sippe gehört habe, glaube ich damit der Literatur -ein vergessenes Kettenglied zu erhalten, das bisher nur in einzelnen -Überlieferungen bewahrt wurde. Möglicherweise sind diese nicht alle -zuverlässig, aber selbst in diesem Falle sind sie als Schöpfung des -Volkes interessant, weil sie bezeichnend sind für das, was die Phantasie -der Menschen in Erstaunen versetzte und begeisterte, oder was ihnen -gefiel. - -Ich fahre in meiner Erzählung über Wischnewskij fort. - -Einige Zeilen weiter oben verließen wir den mächtigen Pan von -Farbowanaja, wie er auf dem Teppich zu Füßen seiner ländlichen Nymphe -schlief. Lassen wir ihn noch in dieser Stellung, wie sie schöner und -poetischer in seinem willkürlichen und zügellosen Leben kaum je vorkam. -Mögen sie süß weiterschlafen bis zur Morgenröte des Tages, der ihr Glück -und ihre Ruhe trüben und in den Becher der Liebesfreuden des Pan den -Tropfen des bitteren Schierlings träufeln wird. - -Wir werden später auf das [**Erreignis>Ereignis] zu sprechen kommen, das -den Höhepunkt der Leidenschaften und der moralischen Verwirrung -Wischnewskijs darstellt und nach dem seine Geliebten einander wieder in -rascher Folge ablösten, ohne jene beschriebene Höhe zu erreichen; -Wischnewskij ließ aber bis zu seinem Tode nicht von ihnen. - -Zeichnen wir nun, so gut wir es verstehen und vermögen, die übrigen -Seiten seiner Tätigkeit und seines Charakters. - - - - - SIEBENTES KAPITEL - - -In keiner der Erzählungen, die ich über Wischnewskij hörte, nimmt er als -Vater und Erzieher eine charakteristische Stellung ein; er wird -ausschließlich als »Erzeuger« erwähnt. Im übrigen wird berichtet, daß, -als um jene Zeit in Petersburg »die Institute eingeführt wurden« und der -eingesessene Adel auf Wunsch der Kaiserin die Aufforderung erhielt, -seine Töchter zur Erziehung dorthin zu bringen, Wischnewskij nach -Petersburg reiste und seine Tochter persönlich hinbrachte. Jedoch wird -dieser Umstand nicht erwähnt, um die väterliche Fürsorge Wischnewskijs -zu bezeugen, sondern weil diese Reise mit einem anderen interessanten -Ereignis in Verbindung steht, von dem später berichtet werden wird. Auch -als Gutsbesitzer, in seiner Eigenschaft als Herr, Richter und Züchtiger -der ihm untergebenen Leibeigenen bewies Wischnewskij keine besondere -Originalität, sondern führte die Herrschaft, »wie sie von alter Zeit her -geführt wurde.« Alles wurde durch Leibeigene und gemietete rechtgläubige -oder polnische Aufseher verrichtet. Wischnewskij hatte einige Polen in -seinem Dienst, gegen die er keinerlei Feindschaft hegte, über die er -sich aber gerne lustig machte. Auch einige Juden waren da, die der -Psychopath auf verschiedene Weise zu erschrecken pflegte. Mehr als einen -von ihnen hatte er zu Tode erschreckt, aber sie kamen immer wieder zu -ihm, da Wischnewskij manchmal freigebig war und ihnen manchen Verdienst -zukommen ließ. Im übrigen benützte er die Juden als Kommissionäre. Aber -Gott sei dem gnädig, der ihn betrog! Er ließ ihn mit Ruten und Peitschen -schlagen und quälte ihn fast noch mehr durch Furcht. - -Wischnewskij war auch Patriot, was sich à la longue in seiner Vorliebe -für den kleinrussischen Kaftan und die kleinrussische Sprache äußerte, -und zudem -- in seiner Verachtung für die Ausländer. Besonders wenig -schätzte er die Deutschen, die er aus zwei Gründen nicht achten konnte: -erstens, weil sie »stockbeinig« sind, und zweitens, weil ihm ihr Glaube -nicht gefiel, -- »sie verehren die Heiligen nicht«. Stepan Iwanowitsch -nahm von sich an, daß er »die Heiligen verehre«. Er war in -Glaubenssachen vollkommen unwissend und kritiklos und ließ sich auch -nicht auf religionsphilosophische Fragen ein, da er fand, daß dies eine -»Sache der Popen« sei; er »beschützte und verteidigte nur als Ritter -seinen Glauben vor allen Andersgläubigen«. Er sah in diesem Punkte mit -den Augen des einfachen Volkes, das nur die Rechtgläubigen zu den -Christen zählt, alle übrigen »andersbetenden« Christen für Ungläubige, -die Juden aber und »das ganze sonstige Pack« als unrein ansieht. Aber -auch der Ausländer, ja sogar der Deutsche, konnte an den Tisch Stepan -Iwanowitschs gelangen, und einer -- gerade ein Deutscher -- lebte sogar -in seinem Hause und genoß sein Vertrauen; doch bevor sich der -»Ungläubige« ihm nähern durfte, suchte sich das religiöse Gewissen -Wischnewskijs Genugtuung und Frieden mit sich selbst zu verschaffen. -Stepan Iwanowitsch, der nach seinem eigenen Geständnis »keinen -Katechismus gelernt hatte«, hatte für den Empfang von Andersgläubigen -eine sehr konkret formulierte Frageordnung aufgestellt. - -Stepan Iwanowitsch fragte den Lutheraner oder Katholiken: »Nun, wenn du -auch anders glaubst und betest als wir, den heiligen Wundertäter Nikola -achtest du doch gewiß?« - -Der so geprüfte Andersgläubige wußte aus zuverlässigen Gerüchten, was -mit ihm geschehen würde, wenn er es wagen wollte zu sagen, daß er den -Wundertäter nicht verehre, zu dem der Pan von Farbowanaja so sehr hielt. -Er hätte sogleich erfahren, wie kräftig die Stühle sind, auf die Stepan -Iwanowitsch seine Gäste setzte, und wie biegsam die Weiden, die ihre -Zweige in das Wasser des Ssupoi tauchen. Aber da jeder Andersgläubige, -der das Glück hatte, Wischnewskij so weit für sich einzunehmen, daß er -schon mit ihm über den Glauben sprach, dies genau wußte, so antwortete -er ihm, wie es die Empfangsordnung verlangte: - -»O ja«, erwiderte der also befragte »Andersbetende«, »wie sollte ich den -Nikola nicht achten, wo ihn doch die ganze Welt verehrt!« - -»Nun, >die ganze Welt<, Bruder, da hast du doch etwas zuviel gesagt,« -versetzte Stepan Iwanowitsch; »du mußt wissen, daß der heilige Nikola -von Geburt Moskowite ist, du sollst aber unseren >russischen< Jurka -verehren.« - -Das Wort »russisch« im Sinne des klein- oder südrussischen, wurde damals -scharf dem »moskowitischen«, großrussischen entgegengesetzt. -Moskowitisch und »russisch« waren zwei getrennte Begriffe, im Himmel und -auf Erden. Die irdischen Unterschiede waren jedem durch seine leiblichen -Augen sichtbar, die himmlischen dagegen wurden durch den Glauben -erkannt. Dem Glauben nach obliegen aber die großrussischen -Angelegenheiten der Sorge des wundertätigen Nikolai, des Patrons -Rußlands, die südrussischen aber finden Schutz und Hilfe in der Fürsorge -des den Kleinrussen besonders geneigten heiligen Jurij, oder wie man ihn -heute nennt, des heiligen Georg. - -Jeder Andersgläubige, der die Prüfung über den heiligen Nikolai -bestanden hatte, versicherte nun Wischnewskij noch bestimmter, daß er -auch den heiligen Jurij verehre, »noch mehr, als den Nikola«. - -Dies gefiel Stepan Iwanowitsch. Damit war die Katechisierung des Gastes -beendet, und dem nun Aufgenommenen wurde der Glaubensunterschied nie -mehr vorgeworfen. Ja, wenn jemand zufällig diesen Unterschied erwähnte, -so unterbrach ihn Stepan Iwanowitsch und sagte: - -»Es ist kein Unterschied da, er verehrt den Nikola, aber noch mehr den -heiligen Jurka.« - - - - - ACHTES KAPITEL - - -Also genossen die Andersgläubigen, die sich gebessert hatten, das -Vertrauen des Psychopathen, und ein Deutscher verwaltete sogar, beinahe -ohne Rechenschaft abzulegen, eines seiner Güter und genoß so ausgedehnte -Machtvollkommenheit, daß er fast alles tun durfte, was Wischnewskij tat. - -Nur in bezug auf die Frauen erlaubte ihm Stepan Iwanowitsch nicht, sein -Begehren auf den Gesindehof auszudehnen, damit niemand sähe, wie sich -eine Frau des wahren, griechischen Glaubens »mit einem Deutschen -einlasse«. Aus diesem Grund dachte er für ihn einen Schimpf aus, der den -Mächtigen selbst in den Augen eines Kindes erniedrigen mußte. Der -Deutsche war verpflichtet, im Sommer leichte Kleidung und im Winter -einen wattierten Schlafrock und Pantoffeln anzulegen, eine Laterne in -die Hand zu nehmen und so in der Begleitung eines Aufsehers, der »für -sein Leben verantwortlich war«, ins Dorf zu gehen. Dem Deutschen war -dieses Verbot auferlegt, damit von ihm »keine Vermehrung des Deutschen -käme, sondern alles zu Gunsten des Russischen ginge«. - -In den Einzelheiten schienen es zwar nur teilweise Beschränkungen zu -sein, aber im Zusammenhang hatten sie zur Folge, daß der Deutsche sich -bei Stepan Iwanowitsch beklagte: - -»Keine Möglichkeit.« - -»Aber warum denn?« - -»Alle laufen davon.« - -Das bedeutete, daß, sobald der Deutsche in seinem langen Schlafrock, mit -seiner Laterne und in Begleitung »des für sein Leben Verantwortlichen« -seinen nächtlichen Gang antrat, ihn alle schon von ferne erblickten und -diejenigen, denen sein Besuch drohte, davonliefen und sich versteckten. - -Stepan Iwanowitsch tat, als ob er dies bedaure, ließ aber keine Änderung -an der von ihm eingeführten Ordnung zu. - -»Ohne Laterne und ohne Begleiter werden sie dich packen und verprügeln, -und ich habe dann niemanden, der mir für dich verantwortlich ist,« sagte -er, als sei er aufrichtig von der Notwendigkeit seiner Einführung -überzeugt; aber Leute, die ihn näher kannten, bemerkten, daß, wenn er -mit dem Deutschen über die Angelegenheit sprach, seine »eine -Schnurrbartspitze lachte«. - -Als wirklicher Psychopath vereinigte er in sich viel Sinnloses mit -Schlauem so innig vermischt, daß man unmöglich ergründen konnte, was -Ernst und was Scherz war. - -Der Spaß mit dem Deutschen endete damit, daß er so lange mit seiner -Laterne wie ein leuchtendes Johanniswürmchen im Gras einherging, bis ihm -einmal im Schuppen einer Bauernhütte die Rippen eingedrückt wurden und -der für sein Leben verantwortliche Begleiter ihn nach Hause trug, wo er -seine deutsche Seele unverzüglich Gott empfahl, die Seele, die hier in -Verehrung der Heiligen Nikolai und Georgij gelebt hatte. - -Ungeachtet der freiwilligen Unterwerfung dieses Deutschen unter die -genannten Heiligen, hielt es Stepan Iwanowitsch doch für unpassend, ihn -innerhalb des Friedhofes zu beerdigen, »neben den Vorfahren wahren -östlichen Glaubens«; er ordnete an, ihn außerhalb der Umfriedung zu -begraben und auch kein Kreuz aufs Grab zu setzen, sondern einen großen -Stein darauf zu legen, damit die Müden sich setzen und ausruhen können. - -In allen Fällen beobachtete er einen eigenen, in seiner Art sehr -originellen Ton, der wie von seinem Humor, so auch vom Respekt vor dem -heimatlichen Glauben zeugte, welch letzterer sich weniger auf dem -Katechismus als auf den Heiligen Nikola und Jurka gründete. Aber Gott -allein weiß, ob alles sich wirklich so verhielt, wie er vorgab, oder ob -ihn etwas anderes leitete. - -Um die Religiosität Wischnewskijs vollkommen zu kennzeichnen, muß man -hinzufügen, daß er es durchaus nicht jedem gestattete, den Heiligen -Nikolai und Jurij anzurufen und zu verehren, sondern nur den Christen -anderer Bekenntnisse. Diese befreiten sich durch den Respekt vor diesen -Heiligen aus aller Not und empfingen die Gnade Stepan Iwanowitschs. Den -Juden aber erlaubte er unter keinen Umständen, ihre Zuflucht zum Schutz -dieser Heiligen zu nehmen, und jeden, der auch nur eine Neigung dazu -verriet, unterwarf er einer Prüfung. Einmal hatte ihn ein Jude betrogen -und sollte dafür geprügelt werden. Als man ihn vor die Freitreppe -schleppte, von der aus Stepan Iwanowitsch sein Urteil verkündet hatte, -begann der Jude sich jämmerlich zu krümmen und zu schreien: - -»Oi, wie ich sie verehre ... ich verehre den Nikola, verehre auch den -Jurka ...« - -Stepan Iwanowitsch befahl den Liktoren innezuhalten und fragte den -zitternden Juden: - -»Was schreist du da?« - -»Wie ich sie verehre, ... wie ich verehre ...« - -»Laß das Stammeln, -- sage ruhig, wen du verehrst!« - -»Oi, alle, oi, die beiden verehre ich, den Heiligen Nikola und den -Heiligen Jurka.« - -»Nun, das tust du vergeblich.« - -»Oi, weswegen, ... oi, weshalb vergeblich ... wenn sie doch gnädig sind, -vielleicht, daß sie sich meiner erbarmen.« - -»Ja, sie sind gnädig, das ist ganz richtig, aber mit den Juden, Bruder, -haben sie nichts zu schaffen. Ihr habt euren Moses, den ruf an, wenn man -dich prügelt. Aber dafür, daß du es gewagt hast, mit deinen Judenlippen -so heilige Namen auszusprechen, gebt ihm, ihr Jungens, noch zehn mit der -Peitsche für den Nikola, und fünfundzwanzig für den heiligen Jurka, -damit er sich nicht mehr erfrecht, sie anzutasten.« - -Natürlich schleppte man den unglücklichen Juden fort und verabreichte -ihm zuerst getreulich, was ihm für den Betrug zukam, und dann eine -Zulage von weiteren fünfunddreißig Hieben für den nach der Meinung -Wischnewskijs unangebrachten Versuch, sich beim Nikolai und beim -heiligen Jurij einzuschmeicheln. Da aber der Rang der beiden Heiligen -nicht gleich war, gab man ihm für den Nikolai nur zehn Hiebe, für den -heiligen Jurij aber fünfundzwanzig. - -Dies geschah, versteht sich, nicht ohne guten Grund, sondern infolge der -größeren Liebe und Verehrung des Pan für den heiligen Jurij, »weil er -ein Russe und kein Moskowite ist«. - - - - - NEUNTES KAPITEL - - -Ich habe mehrmals erwähnt, daß Stepan Iwanowitsch sichtlich das -bevorzugte, was nicht »von den Moskowitern« herkam, und muß jetzt den -Leser aufklären, damit er nicht voreilig schließe, Wischnewskij sei -Politiker gewesen, Separatist, oder, wie man es jetzt nennt, -Ukrainophile. Man nahm damals das Kleinrussentum leicht, man wollte von -ihm sogar nichts wissen. Hätte jemand in die Seele Wischnewskijs -eindringen können, so hätte er auch bei der strengsten Prüfung nichts -Politisches in ihm gefunden. Wahrscheinlicher hätte er sich darin wie in -einem Schuppen gefühlt, in dem alles übereinandergeworfen ist, in dem -vermutlich alles vorhanden ist, aber niemand etwas finden kann. -Wischnewskij widersprach entschieden allen Menschen, mit Ausnahme seiner -ersten Frau, der hier schon ziemlich eingehend geschilderten Stepanida -Wassiljewna aus dem Twerschen Adelsgeschlecht der Schubinskijs. Wenn -sein Gesprächspartner Ukrainophile war und alles Kleinrussische rühmte, -so begann Wischnewskij sogleich, die Fehler des kleinrussischen -Charakters in den Vordergrund zu stellen und tat dies mit großem -Geschick und treffenden und bissigen Vergleichen. Er lobte dann eifrig -die Polen, besonders Batur und Sobieski, nannte Bogdan Chmjelnicki einen -Trunkenbold und schloß den Streit mit der seiner Ansicht nach -entscheidenden Formel, »Polen sei zusammengestürzt und habe uns -erdrückt«. Aber äußerte sich jemand mit Bedauern über Polen, so -wechselte Stepan Iwanowitsch sogleich die Front, und seine Rede bewegte -sich nach großrussischen Motiven. - -»Das ist wahr,« sagte er, »sie waren frei und ehrgeizig, aber weil sie -alle Könige sein wollten, schmiedeten sie gegen die Könige Ränke. Und so -gingen sie zugrunde und mußten zugrunde gehen, weil sie darüber -vergaßen, was die Wohlfahrt des ganzen Landes erforderte, und jeder die -unglückliche Freiheit nach Kräften auf seine Seite zog.« - -Er winkte mit der Hand ab und schloß wegwerfend: - -»Dreck!« - -Jedoch war Wischnewskij durchaus kein Verteidiger einer hohen Achtung -vor der Staatsgewalt, sondern im Gegenteil, wie schon oben erzählt, sehr -oft, ja fast bei jeder Gelegenheit bereit, die Organe der gesetzlichen -Macht herabzusetzen und zu beleidigen. Er war dabei weder Demokrat noch -Nationalist in unserem jetzigen Sinne, so daß ihm sogar die bescheidene -und anscheinend doch harmlose Einrichtung der Wahl der Stadthäupter -lächerlich erschien; er wollte sie auch durchaus nicht »Häupter« nennen, -sondern nannte sie anders. Mit einem Wort, Wischnewskij war nach dem -kurzen, aber treffenden Ausdruck des einfachen Volkes »ein Pan, wie ein -Auerochs aus dem Forste von Bjelowesch«, d. h. ein Herr, wie er sein -muß, ganz wie ein Auerochs aus der Bielowescher Wildnis nichts mit einem -gewöhnlichen Ochsen gemein hat, sondern in allem verwegener und stärker -ist. Ohne unsere heutige Bildung besessen oder politische Betrachtungen, -wie sie später von Toqueville und ähnlichen Leuten geschrieben wurden, -gelesen zu haben, verstand Wischnewskij die kosmopolitischen Strömungen -unserer heutigen Aristokratie, die auch der heutigen Demokratie eigen -sind, sehr gut, da ihr gemeinsames Stimulans das Prinzip zu sein -scheint, jede nationale Sympathie auf die Seite zu schieben. -Wischnewskij liebte die Polen nicht, aber wenn die Rede auf berühmte -Moskowiter kam, begann er gleich spöttische Grimassen zu schneiden, -wartete, bis Stepanida Wassiljewna für einen Augenblick das Zimmer -verließ, und sagte: - -»Nun, was ist denn so Großes bei ihnen los! Ihre Großväter und -Großmütter wurden noch alle mit Stöcken geschlagen.« - -Von diesem Gesichtspunkt aus rühmte Wischnewskij den polnischen Adel und -sogar die livländischen Barone; geriet er aber mit einem von ihnen in -Streit über Rußland, so begann er mit allem Eifer sie zu bekämpfen, -obwohl er sie im geheimen wegen ihres »reinen Blutes« beneidete. Aber er -konnte ihren Hochmut und ihre Anmaßung nicht ertragen, die ihm -widerwärtig erschienen, zumal er sich für einen einfachen, offenen -Menschen hielt. - -Wer kann sich wohl eine Vorstellung machen, was alles im Schädel dieses -Psychopathen steckte! Stand er aber einmal zufällig vor einer -außergewöhnlichen Frage oder Begebenheit, so war all der psychopathische -»Unfug« verschwunden, und Stepan Iwanowitsch bewies eine geradezu -erstaunliche, vielleicht sogar psychopathische Findigkeit. In -schwierigen Umständen und Gefahren handelte er kühn und überlegt und -befreite Menschen spielend aus Schwierigkeiten und großen Nöten, die sie -zu erdrücken drohten. - -Ein solcher Fall wird über die Offiziere eines Dragonerregiments -berichtet, das entweder in Pirjatin im Poltawschen Gouvernement oder in -Bjeschetzk im Twerschen Gouvernement gelegen hatte. - -Die einen lassen diesen bemerkenswerten Vorfall im Twerschen Gebiet -spielen, die anderen in Kleinrußland; was richtiger ist, läßt sich -schwer entscheiden, es ist aber auch kaum der Mühe wert, sich darüber -den Kopf zu zerbrechen. Der Fall liegt so, daß er sich mit der gleichen -Wahrscheinlichkeit in einem beliebigen Städtchen ereignen konnte, aber -den Charakteren der beiden hier erwähnten »Herrchen« nach zu urteilen, -entspricht er mehr den Sitten eines kleinrussischen Kreisgerichts. - -Es handelt sich übrigens nicht darum, den Ort genau zu bestimmen, -sondern ein Bild der Ereignisse zu entwerfen und den Anteil zu zeigen, -den unser psychopathischer Held an ihnen hatte. - - - - - ZEHNTES KAPITEL - - -Die Dragoner lagen in Pirjatin, -- nehmen wir an, es sei dort gewesen. -Teile des Regiments waren in anderen Ortschaften untergebracht. Der -Regimentskommandeur hatte vielleicht in Perejaslaw Quartier genommen. - -Die Offiziere langweilten sich natürlich in dem winzigen Städtchen vor -Nichtstun; sie unterhielten sich, so gut sie konnten, indem sie zu den -Gutsbesitzern zu Gast fuhren. Blieb ihnen nichts anderes übrig, als -einige Tage zu Hause zu sitzen, so zechten sie, spielten Karten oder -tranken bei einem Weinhändler im kleinen Kellerlokal. Der Händler war -ein Jude, der die Offiziere gern schröpfte und ihre Ausschweifungen -unterstützte, sie aber gleichzeitig doch fürchtete. Er hatte deshalb, um -den Übermut seiner Gäste etwas zu dämpfen, in dem Raum, in dem sie -zechten, ein Porträt aufgehängt, das seiner Meinung nach die Besucher -seines Ausschanks an die Gesetze der Wohlanständigkeit gemahnen sollte. -Vielleicht war es ganz klug gedacht, aber es führte zu einer Geschichte. - -Einmal, in der langweiligsten Sommerzeit kam ein Jongleur in die Stadt -und zeigte, wo man ihn aufforderte, seine einfachen Kunststücke, von -denen eines ganz dem Geschmack der Herren Offiziere entsprach: der -Künstler setzte seine Tochter auf einen Stuhl, stellte ihn dicht mit dem -Rücken an eine Wand, zog aus seiner Tasche einige Dolche und warf sie -einen nach dem andern gegen die Wand, in der sie stecken blieben, das -Gesicht des Mädchens von allen Seiten umrahmend, ohne es zu berühren. - -Diese sichere und gewandte Handhabung der Waffe interessierte alle, die -die Schwierigkeit dieses gewagten Kunststückes einsahen. Als die -Offiziere wieder einmal im Kellerlokal, in dem sie zu trinken pflegten, -zusammenkamen und ihren geriebenen Käse aßen, der wie verwitterte -geschnittene Fingernägel aussah, sprachen sie über das Dolchwerfen, und -als ihnen der Rausch in den Kopf stieg, kam es einem von ihnen in den -Sinn, er könne es ebensogut. - -Dolche hatten sie zwar nicht, aber auf dem Tische lagen Gabeln, die die -Dolche bei diesem Versuch annähernd ersetzen konnten. Wenn es auch nicht -so leicht war, mit ihnen nach einem Ziel zu werfen, so blieben sie doch -immerhin in der Wand stecken. - -Es fehlte nur das menschliche Gesicht, das man mit den Gabeln umstecken -könnte. Von den Offizieren wollte sich natürlich keiner zu diesem -Versuche hergeben. Man mußte eine Person niederen Ranges finden, am -besten natürlich einen Juden, und die ausgelassenen Offiziere machten -den ihnen aufwartenden Juden einen solchen Vorschlag, aber diese waren -so feig und hingen so sehr am Leben, daß sie sich nicht nur weigerten, -sich dazu herzugeben, sondern auch ihren Handel im Stich ließen, den -ganzen Laden der Gewalt der Herren Offiziere überließen, davonliefen und -sich versteckten. Natürlich beobachteten sie von ihren Verstecken aus, -was jeder von ihnen nehmen und was die lärmende Gesellschaft weiter -treiben würde. - -Nun führte ein unglücklicher Zufall zwei junge Gerichtsschreiber, oder -wie man sie am Orte nannte, »Gerichtsherrchen« her, die an diesem Tage -wohl einen guten »Chabar« genommen, das heißt, einen guten Schnitt -gemacht hatten und sich nun im Keller bei dem kalten Donschen, nach -Wermut schmeckenden Wein gütlich tun wollten. - -Den Offizieren kam der Gedanke, die beiden Herrchen zu ihrem Versuch zu -verwenden; so luden sie die beiden zunächst ein, zusammen mit ihnen zu -trinken, und dann drangen sie in sie, es möge sich einer von ihnen zu -der Produktion hergeben. - -Die Herrchen zeigten sich jetzt als sehr seltsame Leute, von ganz -verschiedener Gemütsart: der eine war ein Heraklit, der andere ein -Demokrit. Als sie aus der Hitze in den kalten Keller gekommen waren und -dort den kalten Wein getrunken hatten, stieg er ihnen zu Kopf, und als -dann die Offiziere anfingen, in sie zu dringen, rührten sie sich nicht -von der Stelle, anstatt bescheiden fortzugehen. Sie glaubten sich, als -Eingeborene, auf gleichem Fuße mit den Herren stehend und begannen ihren -wahren Charakter zu zeigen. Der eine lachte über den ihm gemachten -Vorschlag und riß über die geärgerten Offiziere kleinrussische Witze, -der andere zog ein saures Gesicht, begann zu weinen und schrie in einem -fort, obwohl ihn niemand anrührte: - -»Rührt mich nicht an! Geht doch zum Teufel! Laßt mir meine heilige -Ruhe!« - -Die beiden Schreiber wurden schließlich den Offizieren so lästig, daß -sie mit ihnen auf ihre Art verfuhren, d. h. ihnen mehrere Maulschellen -verabreichten und sie dann unter den Tisch stießen, um sie dort »wie die -Ferkel« zu halten, bis ihr Gelage zu Ende wäre. Das war ungefährlich und -praktisch, da die Offiziere die Herrchen unter dem Tisch mit den Füßen -festhielten und Mund und Hände frei hatten; zugleich war dadurch, daß -man sich ihrer Personen versicherte, ein Skandal vermieden, der bei dem -häßlichen Charakter, den die widerspenstigen Jungen zeigten, -unausbleiblich schien. Der eine hätte sicher draußen auf dem Platz oder -auf der Straße so geheult, daß man es in der ganzen Stadt hörte, und der -andere hätte gar auf den Zaun klettern oder ans Fenster kommen und sie -von dort aus verhöhnen können. - -Dann müßte man ihm nachlaufen, ihn einholen und fangen, was einen -Skandal gegeben und sicher einen Haufen Weiber und Juden herbeigelockt -hätte. Mit einem Wort, es wäre ganz unvereinbar mit der Offiziersehre -gewesen; so saßen aber die Jungen ganz friedlich unter dem Tisch, -jammerten ein wenig und umfaßten einander in ihrem engen Raum, der noch -durch die Sporenstiefel der Offiziere eingeengt wurde. - -Alles ging vortrefflich, aber da mischte sich der Teufel ein und verdarb -alles. Die Offiziere wurden so betrunken, daß sie anfingen, mit den -Gabeln nach dem Porträt zu werfen, weil sie meinten, sie könnten es -ebenso geschickt umrahmen, wie der Jongleur das Gesicht des lebendigen -Menschen mit seinen Dolchen. Aber der Teufel war im Spiel: als der erste -Offizier die Gabel warf, stieß ihn der Schwarze in den Ellenbogen, und -die Gabel blieb mitten in dem einen Auge des Porträts stecken. Der -zweite Offizier warf, und der Teufel führte die Gabel in das andere -Auge. In der betrunkenen Gesellschaft entwickelte sich jetzt der -Wetteifer, die Gabeln flogen eine nach der anderen und verstümmelten das -Gesicht des Porträts gänzlich. - -In ihrer Trunkenheit, die schon in einen Zustand geistiger Umnachtung -überging, maßen die Offiziere diesem Vorfall keine besondere Bedeutung -bei. Sie hatten eben ein Bild verdorben, -- das war alles. Es wird nicht -von Gott weiß was für einem Meister gewesen sein, kein Werk Raffaels, -und keine ungeheure Summen gekostet haben. Sie würden morgen den -jüdischen Wirt rufen, ihn fragen, was das Bild koste, tüchtig -herunterhandeln, dann bezahlen, und damit wäre die Sache erledigt; dafür -war man lustig gewesen und hatte bei jedem ungeschickten Versuch, die -Gabel so sicher wie der Jongleur zu werfen, viel gelacht und gescherzt. - -»Nein, der Schelm hat es besser gemacht. Wir können es nicht so. Und -Gott sei Dank, daß kein Mensch vor uns sitzen wollte, sonst hätten wir -dem Lebendigen die Augen ausgestochen, da hätte Bezahlen nichts -geholfen.« - -Die wackeren Helden waren sehr froh, daß die Sache so gut mit Lachen und -Scherzen geendet hatte, und begaben sich, einander stützend, in ihre -Quartiere. Beim Weggehen hatten sie die Schreiber schon ganz vergessen, -die still unter dem Tische saßen und keinen Laut von sich gaben. - -Aber die Sache war durchaus nicht so einfach und stand durchaus nicht so -gut, wie es sich diese braven Kinder dachten, als sie sich zur Ruhe -begaben. - - - - - ELFTES KAPITEL - - -Kaum waren die Offiziere auseinandergegangen und hatten den jüdischen -Laden leer zurückgelassen, als die Gerichtsherrchen unter dem Tisch -hervorkrochen, ihre von der langen Kniebeuge steif gewordenen Glieder -streckten und sich ihre Lage besahen. Alles war still, -- im Laden und -in der Kammer war keine Seele; durch die dichte Wolke von Tabaksrauch -war das verstümmelte Porträt mit den ausgestochenen Augen und den vielen -Rissen an anderen Stellen kaum zu sehen. - -Zum Glück für die einen und zum Unglück für die anderen, waren die -Schreiber viel nüchterner als die Offiziere, die am Tische, von dem aus -sie die Gabeln auf das Porträt warfen, sich immer mehr betrunken hatten, -während die unter dem Tische eingeschlossenen Heraklit und Demokrit -erheblich nüchterner geworden waren, wozu wohl die Angst, die -Enthaltsamkeit und vor allem der Rachedurst, der in ihnen glühte, -beitrugen. So hatten sie sich einen vortrefflichen Plan ausgedacht, um -ihre Beleidiger zu strafen. - -Die Schreiber überlegten nicht lange, nahmen das verwundete Porträt von -der Wand, liefen damit auf das Freitreppchen des Ladens und schlugen -Lärm: - -»Kommt her, ihr guten Leute! Wer an Gott glaubt und die Älteren ehrt, -seht euch das Wunder an ... Schaut, wie die Offiziere das Porträt einer -solchen Person entehrt haben.« - -Auf dieses Geschrei tauchte sofort, wie aus der Erde gewachsen, der Wirt -auf, der sich während des Gelages versteckt hatte; die Marktweiber von -ihren Ständen liefen herbei, die Juden begannen zu schreien, -- und -unsere Geschichte nahm ihren Lauf. - -Der jüdische Wirt, der die größte Angst hatte und am meisten einen -Skandal scheute, hielt sich mit seinen großen Fingern die Augen zu, wie -es der Rabbiner beim Gebet tut, und schrie: - -»Ich habe nichts gesehen und sehe auch jetzt nichts, wer dieser -Militär-Pan ist, der da gemalt ist. Geb' Gott, daß er ein guter Mann -sei. Aber ich, -- ich brauche jetzt das Bild nicht mehr ... Ich -verschenke es, nehme es, wer es will ...« - -Doch Demokrit rief: - -»Aber wir wissen, wer diese Person ist, und wir protestieren. Schaut, -ihr guten Leute, -- die Augen sind ihm ausgestochen. Wir wollen das -Porträt zum Stadtvorsteher tragen.« - -Demokrit trug das verwundete Porträt durch die Straßen vor das -Stadthaus, und Heraklit begleitete ihn, machte unter der warmen Sonne -wieder sein saures Gesicht und weinte, und alle, die ihnen folgten, -wiesen lobend auf ihn hin und sagten: - -»Schaut nur, wie es ihn rührt!« - -Aber die Offiziere schliefen und schliefen und ahnten nicht, daß man -gegen sie »protestierte« und daß die Sache ihnen Unannehmlichkeiten -bereiten würde, die sie nicht wüßten, wie loswerden. - -Wie schwer auch ihr trunkener Schlaf gewesen war, auch ihr Erwachen am -nächsten Morgen war nicht leicht. - -In aller Frühe kam zu allen Zechgenossen des beschriebenen Gelages die -Ordonnanz des schnurrbärtigen Majors oder Rittmeisters, der die -Schwadron kommandierte und in seiner Person die oberste Befehlsgewalt am -Standorte darstellte. - -Natürlich war der Rittmeister nicht Gott weiß was für eine hohe -Obrigkeit, beinahe so »ihr Bruder Hans«, und machte manchesmal auch -einen »Tanz« mit ihnen, aber die Offiziere erschraken. - -Das Schlimmste war, daß ihnen der Kopf noch brummte und sie sich -durchaus nicht mehr daran erinnern konnten, was gestern im Keller beim -jüdischen Wirt vorgegangen war. Sie erinnerten sich noch, daß sie wohl -tüchtig getrunken hatten, aber sie konnten sich nicht mehr auf alles der -Reihe nach besinnen, sondern ein Stück war abgerissen, und es schien -ihnen, als sei das Dazwischenliegende gar nicht gewesen. Sie besannen -sich, daß sie die Juden verjagt hatten, aber das wäre durchaus nicht -wichtig gewesen, war schon öfter geschehen, auch wenn der Rittmeister -dabei gewesen war. Das Verjagen ist kein Unglück, besonders bei Juden -nicht, denn diese sind ein Volk, das die Vorsehung selbst zur -»Verstreuung« vorbestimmt hat. Der Jude schreibt ein Übriges auf, -berechnet als getrunken, was nicht getrunken, als beschädigt und -zerschlagen, was nicht beschädigt wurde; sie würden mit ihm verrechnen, -und dann würde wieder alles gut sein, bis zu einer neuen Geschichte. Der -Jude selbst würde ihnen den ersten »Friedenstrunk« umsonst anbieten, sie -würden sich aussöhnen und ihn in seinem Handel unterstützen ... Es war -ja unmöglich, daß er, der Jude, mit ihnen streiten wollte und daß er die -Ursache dieser plötzlichen frühen Einladung zu ihrem ältesten Offizier -war. Vielleicht diese Schreiber ... Es dünkt ihnen, als seien dort zwei -solche Schreiber dabei gewesen, ... »Gerichtsherrchen« ... Nun, das war -auch keine besondere Sache! Die Soldaten haben sie noch überall gezaust! -Sind auch nicht mehr wert, dieses bestechliche Unkraut! Wenn sie nur -nicht einen von ihnen die Nase oder die Ohren abgehauen hatten! Das wäre -garstig, was einmal abgehauen ist, kann man nicht wieder ansetzen ... -Aber Gott ist gnädig, sie haben schon andere Dinge gemacht, so wird auch -dies vorübergehen. Wozu braucht auch ein Schreiber eine Nase? -- Doch -nur um Tabak zu schnupfen und das Aktenpapier damit zu bestreuen. Der -»Chabar« ist doch kein Braten, er wird ihn auch so, ohne Nase riechen. -Man wird sich natürlich zusammentun müssen und bezahlen, aber allen -zusammen wird es nicht schwer fallen ... - - - - - ZWÖLFTES KAPITEL - - -In solchen oder ungefähr ähnlichen Erwägungen zogen die Offiziere -ziemlich unbekümmert zum Quartier ihres ältesten Kameraden und betraten -guten Mutes das geräumige, aber niedrige Zimmer in dem kleinrussischen -Häuschen. Aber jetzt merkten sie mit einem Male, daß die Sache durchaus -nicht gut stand. Der Rittmeister kam ihnen nicht kameradschaftlich -entgegen, in seinem gestreiften Morgenrock, mit der Pfeife in den -Zähnen, sondern die Tür zu seinem Kabinett war geschlossen, -- das -heißt, er wollte warten, bis alle versammelt wären, dann würde er -herauskommen und zu allen zusammen sprechen. - -Diese offizielle Form versprach nichts Gutes, und die eingetretenen -Offiziere schauten einander an, dämpften ihren Ton zu einem halben -Flüstern, und einer fragte den andern: - -»Nun, was ist denn das? Was haben wir denn gestern angestellt?« - -Einer von ihnen hatte auf der Straße etwas von einem Porträt sprechen -hören. - -»Porträt, Porträt? ... Was für ein Porträt?« - -Keiner konnte sich erinnern. - -Aber jetzt öffnete sich plötzlich die Tür, und aus dem Kabinett trat der -Rittmeister, in Uniform mit Epauletten, mit fest geschlossenem Mund. Er -begrüßte sie nicht und begann seine Rede mit Worten, wie sie Gogol viel -später seinem Skwosnik-Dmuchanowskij in den Mund gelegt hat: - -»Ich habe Sie hieher gerufen, meine Herren, um Ihnen eine unangenehme -Mitteilung zu machen: gegen Sie ist bei der Zivilbehörde Klage -eingereicht worden, und ich wurde vom Stadtamt davon benachrichtigt; ich -muß Sie arrestieren. Geben Sie mir bitte Ihre Säbel, und wollen Sie mir -sofort aufrichtig erklären: was haben Sie gestern abend in dem Laden -getan?« - -Die Offiziere nahmen widerspruchslos ihre Säbel ab und übergaben sie dem -Schwadronschef, aber bezüglich der »aufrichtigen Erklärung« antworteten -sie, sie wären selber froh, wenn sie wüßten, was sie eigentlich getan -hätten, aber sie könnten sich dessen nicht mehr entsinnen. - -Der Rittmeister zog die Brauen zusammen und entgegnete noch schärfer: - -»Ich bitte Sie nicht zu scherzen, ich spreche mit Ihnen dienstlich, als -Ihr Ältester!« - -»Das ist kein Scherz«, erwiderte einer der Angeklagten, »wir erinnern -uns, bei Gott, nicht mehr.« - -»Aber erlauben Sie!« - -»Der Tag war gestern heiß, wir gingen zufällig hinein, ... und tranken -dort im Kühlen Wermutwein ... hatten dann irgendeinen Streit mit den -Juden ... haben aber nichts Böses im Sinn gehabt ... Es waren sogar noch -zwei Schreiber dort, die alles sehen konnten ...« - -»Das ist es ... die zwei Schreiber! Darum handelt es sich auch. Diese -beiden Schreiber konnten in der Tat alles sehen, und haben es auch -gesehen. Wie werden Sie sich ihnen gegenüber rechtfertigen? Eine solche -Schande für unseren Stand!« - -»Aber worin rechtfertigen? ... Sagen Sie es uns bitte!« erwiderten die -Offiziere. - -»Ja, Sie haben sich ihnen gegenüber zu rechtfertigen«, rief der -Rittmeister, zog aus seiner Tasche ein vierfach zusammengefaltetes Blatt -Papier und begann die ihm von der Stadtverwaltung amtlich zugestellte -Kopie des Berichtes der Schreiber zu verlesen, in dem stand, wie die -Herren Offiziere das Porträt durch das Werfen von Gabeln beschädigt -hatten, während die am Orte des Vergehens anwesenden Gerichtsschreiber, -»die in ihren Herzen Gottesfurcht und Liebe zum Allerhöchsten hatten«, -die ganze Zeit auf den Knien lagen, so daß sie sich auf dem Fußboden -ihre einzigen Hosen durchscheuerten, weshalb sie jetzt der Möglichkeit -beraubt seien, ihren dienstlichen Obliegenheiten nachzugehen. Sie -protestierten daher amtlich gegen den ganzen beschriebenen Unfug der -Offiziere und bäten, für die Beschädigung der Hosen von den Angeklagten -für jeden von ihnen zwanzig Rubel in Assignaten zu erheben. - -Der Rittmeister hatte zu Ende gelesen, pfiff der Ordonnanz und befahl, -das Porträt aus seinem Schlafzimmer herzubringen, damit die Offiziere -mit eigenen Augen die Spuren ihres gestrigen Zeitvertreibes sehen -könnten. Nun wurden sie starr. - -Inzwischen hatte der Rittmeister seinen Waffenrock ausgezogen und nur -die Halsbinde anbehalten, setzte sich an den Tisch, steckte die Hände in -die Hosenträger aus Kamelgarn und sagte in verändertem Ton: - -»Meine Herren, die Sache steht schlecht. Sie sieht sehr häßlich aus, -weil man aus ihr weiß der Teufel was alles machen kann. Diese elenden -Federfuchser, diese dreckigen Gerichtsschreiber wagen es, gegen -Offiziere aufzutreten. Ich habe mit Ihnen soeben als Ihr Dienstältester -gesprochen, aber jetzt spreche ich als Kamerad. Der Sache ihren Lauf zu -lassen ist unmöglich, man muß ihr durch Schnelligkeit und militärisch -aufrichtige Offenheit zuvorkommen, wie es sich für Edelleute geziemt. Ob -es hilft oder nicht, jedenfalls muß man offen und ehrenhaft handeln. -Setzen Sie sich bitte, rauchen Sie eine Pfeife, und lassen Sie uns -nachdenken. Meine Meinung ist die: das Unheil ist einmal geschehen, -daran läßt sich nichts ändern. Man muß den Umstand ausnützen, daß die -Post nach Perejaslaw gestern abgegangen ist und erst in drei Tagen -wieder geht. Das ist Ihr Glück. Ich habe Ihnen Ihre Säbel abgenommen; -wählen Sie nun zwei Kameraden, die möglichst schnell zum Oberst reiten -und ihm alles aufrichtig erzählen. Er ist mit dem Gouverneur gut bekannt -und kann Ihnen helfen.« - -Einen besseren Plan vermochten sie gar nicht auszudenken, und zwei -Stunden später sprengten zwei Offiziere aus Pirjatin nach Perejaslaw; -auf dem Wege lag Farbowanaja. Nach der Hitze und Schwüle war ein -Gewitter losgebrochen, und es schüttete vom Himmel wie mit Kübeln, als -auf einmal vor den Offizieren in den Strömen Wassers, wie eine Blase aus -dem Boden ein Kleinrusse auftauchte. - -»Was fahren da für Leute mit Schellen und was wollt ihr?« - -»Wir sind Offiziere und reisen in eigenen Angelegenheiten.« - -»Wenn ihr in eigenen Angelegenheiten reist, so kommt zu unserem Pan -Wischnewskij.« - -Die Offiziere wollten nicht, aber der Kleinrusse redete ihnen zu: - -»Es ist einmal so ... So ist der Brauch!« - -Sie fuhren hin, um den Regen und das Gewitter abzuwarten, und Stepan -Iwanowitsch empfing sie erfreut, bewirtete sie mit Essen und Trinken und -fragte: - -»Eilen Sie, meine Herrn, wohl oder übel, oder zu Ihrem Vergnügen bei -diesem Wetter weiter?« - -Die Offiziere antworteten im Stile der Märchen, daß sie wohl oder übel -reisten, und auch zu ihrem Vergnügen. - -»Nun, was ist es für eine Sache? Vielleicht kann ich Ihnen behilflich -sein, so daß Ihre Reise nicht mehr notwendig ist.« - -Sie seufzten und sagten: - -»Nein, unsere Angelegenheit ist so schwerwiegend, daß vielleicht nur -noch der Oberst beim Gouverneur Fürbitte einlegen kann.« - -»Nun, wenn schon, -- was hat der Gouverneur zu sagen? Ich frage doch -nicht aus leerer Neugier.« - -Die Offiziere erzählten ihm alles. - -Wischnewskij fuhr sich mit gespreizten Fingern über den Scheitel, -räusperte sich und sagte: - -»Der Gouverneur hat mit der Sache gar nichts zu tun, und Sie brauchen -deshalb nicht nach Perejaslaw. Niemand kann Ihnen helfen, wenn man der -Sache nicht eine richtige Wendung gibt.« - -»Aber wie kann man ihr eine richtige Wendung geben?« - -Stepan Iwanowitsch fuhr sich wieder mit den Fingern über den Scheitel, -räusperte sich und sagte: - -»Ja, ich sehe, daß Sie zwar alle Moskowiter sind und eine Lektion -verdienen, aber Sie haben die Sache unrichtig angefangen und können sie -ganz verderben, wenn Sie zu Ihrem Vorgesetzten reisen. Sie nützen sich -selbst durch Ihre Offenheit nichts und machen Ihrer Obrigkeit nur -Schwierigkeiten; deshalb verhafte ich Sie bis morgen. Ich habe das -Recht, Sie zu verhaften, da Sie mir selbst gestanden haben, daß Sie -entflohen sind und auch keine Säbel haben. Ich bitte Sie, sich in den -Flügel zu begeben, dort ist alles für Sie bereit, und schlafen Sie gut. -Morgen früh werden wir dann Ihrer Angelegenheit die richtige Wendung -geben, die sie braucht.« - - - - - DREIZEHNTES KAPITEL - - -Die Offiziere sagten zu, dachten, es sei kein großes Unglück bis zum -Morgen zu warten, und fügten sich ihrem eigenwilligen Gastgeber. Sie -gingen in den Flügel, aber der Pan von Farbowanaja rief den Haiduken -Prokop, befahl ihm, sich in den Wagen zu setzen und nach Pirjatin zu -fahren, dort die beiden Gerichtsherrchen aufzufinden und sie um jeden -Preis am Morgen nach Farbowanaja zu bringen. - -Der Haiduk eilte davon, suchte die Schreiber auf und sagte: - -»Mit meinem Pan Wischnewskij steht es schlecht. Es geht ihm so elend, -daß ich nicht weiß, ob er den Abend noch erlebt. Jetzt will er sein -Testament machen und hat mich hergeschickt, um euch zu bitten, daß ihr -gleich euer Schreibzeug nehmt und mit mir fahrt, um als Zeugen zu -unterschreiben. Ihr bekommt ein gutes Chabar dafür.« - -Die Schreiber wußten, daß Wischnewskij noch nie krank war, aber wenn -solche Leute krank werden, so geht es auf den Tod. - -Sie dachten: »Sicher stirbt er, und wir verschreiben uns etwas im -Testament. Er ist so krank, daß er es nicht merkt.« - -So nahmen sie mit Freuden ihre Sachen und fuhren ab. Als Stepan -Iwanowitsch eben erwachte, standen sie schon auf seiner Freitreppe. - -Stepan Iwanowitsch machte für diese Gäste eine kleine Abweichung von -seiner Empfangsetikette. Ins Haus ließ er sie natürlich nicht ein, aber -er befahl, ihnen ein kleines Tischchen und für die beiden nur einen -Stuhl hinauszubringen, damit sie nicht wagen sollten, vor ihm zu sitzen. - -Dann ging er in einer Mütze mit großem Schirm zu ihnen hinaus und begann -die Unterhandlung. - -»Mein Haiduk,« sagte er, »hat euch vorgemacht, daß ich sterbe. Aber, so -Gott will, hat es damit noch Zeit, und dann werde ich mir für mein -Testament andere, ehrlichere Zeugen als euch holen. Ich habe euch aber -zu eurem eignen Wohl herbringen lassen ...« - -Sie machten große Augen. - -»Was habt ihr, Verfluchte, vorgestern beim Juden im Keller getrieben? -He?« - -Das Staunen der Schreiber wuchs. - -»Erlauben Sie, wer hat es Ihnen erzählt? ... Wir haben nichts getrieben, -sondern die Offiziere ...« - -»Ja, ja, ich weiß alles. Darum tut ihr mir auch leid: Ihr Dummköpfe habt -euch ausgedacht, eure Schuld auf die Offiziere abzuwälzen, als wenn euch -das etwas nützen würde. Ihr habt nur das eine nicht bedacht, daß die -Offiziere sieben Leute sind, die bezeugen, daß ihr das Porträt -beschädigt habt, und daß ihr gegen sie nur zwei seid ... Wer wird euch -da Glauben schenken?« - -»Erlauben Sie, aber wir ...« - -»Nichts, keine Dummheiten reden ...« unterbrach sie Wischnewskij, »ich -weiß alles, -- ich bin über alles unterrichtet. Ihr habt euch -ausgeheckt, eine Anzeige zu schreiben, und während eure Denunziation -noch unterwegs ist, sind die Offiziere schon nach Perejaslaw, nach -Poltawa und Kiew geritten. Ich habe sie, Gott sei Dank, abgefangen und -bei mir festgehalten. Sie sind ihrer sieben Mann, und alle haben -gesehen, wie ihr die Gabeln geworfen habt.« - -»Aber erlauben Sie, wann haben wir die Gabeln geworfen?« - -»Nichts da«, schnitt ihnen Wischnewskij das Wort ab. »Ihr seid zwei, und -sie sind sieben, und ihr könnt euch nicht herauswinden. Zudem sind sie -angesehenere Leute als ihr, sind hochgeborne Adelige, und was seid ihr? --- Dahergelaufene Schreiber, Unkraut.« - -»Aber wir sind doch im Recht ...« - -»Tja, was heißt das, Recht haben gegen Moskowiter! Sie sind ihrer -sieben, und ihr seid zwei. Und wißt ihr vielleicht nicht, daß bei uns -die ganze hohe Obrigkeit moskowitisch ist? Zudem werden die Teufelsjuden -sie bestimmt unterstützen und sagen, sie hätten gesehen, wie ihr die -Messer geworfen habt.« - -»Aber bedenken Sie doch, Pan, die Juden sind ja Schelme.« - -»Wer sagt denn, sie seien keine Schelme? Aber sie werden gegen euch -aussagen. Und deshalb ist es mir auch um euch leid, daß ihr in solche -Drangsal geraten seid.« - -Die Schreiber, die in den Formen der Rechtsprechung bewandert waren, -sahen, daß ihre Sache, hol's der Teufel, in der Tat schlecht stand, daß -sie durchaus keine Chancen für sich hatten, ja daß vielleicht sogar die -ganze Schuld auf sie fallen könne. - -»Sie sind sieben ... und wir sind zwei ...« - -»Ja, und dazu die Juden ... es kann wohl sein ...« - -»Was sollen wir nun tun, Euer Gnaden?« - -»Was ich euch lehren werde. Setze sich einer von euch her und schreibe, -was ich ihm sage.« - -Stepan Iwanowitsch diktierte, und das Schreiben begann: - -»Da wir von Natur aus unverständig sind, und unser Gewissen durch die -Schmiergelder verfinstert ist ...« - -Der Schreibende hielt inne, aber Wischnewskij fuhr ihn an: - -»Schreibe, schreibe! Das ist notwendig so.« - -... »Verfinstert ist, gingen wir Gerichtskopisten in den Keller bei dem -jüdischen Laden, betranken uns bis zur Bewußtlosigkeit und fingen an, -uns über die Verteilung der Schmiergelder zu streiten. Wir warfen -aufeinander mit Gabeln, aber weil wir sehr betrunken waren, fuhren sie -aus Unvorsichtigkeit in das Porträt ...« - -Der Schreibende zögerte wieder, aber Stepan Iwanowitsch gab ihm einen -Stoß in den Rücken. Jener fuhr sogleich fort und schrieb den ganzen Akt -zu Ende, in dem er seine unfreiwillige Schuld bekannte und gestand, sie -hätten aus Furcht beschlossen, ihre Schuld auf die Offiziere zu -schieben, in der Annahme, daß ihnen als Kriegsleuten nichts geschehen -werde. Aber jetzt, im Gefühl ihrer Versündigung und im Gedanken an ihre -dereinstige Todesstunde, bereuten sie es und bäten die Offiziere, ihnen -zu verzeihen und von der Anzeige Abstand zu nehmen. Aber für ihre in -betrunkenem Zustande begangene Verfehlung, bäten sie selbst den Pan -Wischnewskij, sie auf seinem Gute Farbowanaja väterlich mit Ruten -züchtigen lassen zu wollen, worauf dann Wischnewskij die Güte haben -werde, sich zu verwenden, daß die Sache keine weiteren Folgen habe. - -»Aber wofür, Euer Gnaden, wofür uns züchtigen?« - -»Das steht nur so auf dem Papier.« - -Sie unterschrieben es, dann unterschrieb Wischnewskij und ließ die -Offiziere rufen. - -»Und Sie, meine Herren,« sagte er, »unterschreiben Sie es auch, daß Sie -einverstanden sind, ihnen, auch im Namen Ihrer Kameraden, zu verzeihen -und daß Sie als Soldaten großmütig sein wollen und die Angelegenheit -nicht weiter verfolgen werden.« - -Die Offiziere unterschrieben. - -»Jetzt ist alles erledigt,« sagte Stepan Iwanowitsch und steckte das -Papier in die Tasche. »Und nun,« fügte er, sich an seine Leute wendend, -hinzu, »führt diese Herrchen in den Pferdestall und gebt ihnen dort eine -tüchtige Portion Ruten.« - -»Erlauben Sie, was heißt denn das?« - -»Was das heißt? Das heißt, daß es hier geschrieben ist. Ihr wollt jetzt -schon das Geschriebene anfechten? Ehe! Feine Herrchen. Gebt ihnen ihre -Ruten, Jungens!« - -Und man züchtigte sie mit Ruten. - -Es wird erzählt, daß man diese Schreiber später noch lange fragte, wie -es ihnen zumute war, als sie in Farbowanaja »gefarbowalkt« wurden. - -Der Kommandeur kam selbst zu Stepan Iwanowitsch nach Farbowanaja -gefahren, und wenn er es auch nicht aussprach, so drückte er doch -indirekt seine Anerkennung für diese Findigkeit und »die richtige -Wendung der Angelegenheit« aus. - - - - - VIERZEHNTES KAPITEL - - -Auch in seinen eigenen Angelegenheiten war Stepan Iwanowitsch -weitblickend und verfiel nur dann in Fehler, wenn die Liebesleidenschaft -seinen Blick trübte. Die größte Torheit beging er in einem Fall, der mit -jener schlanken, zierlichen Gapka Petrunenko zusammenhing, zu deren -Füßen wir ihn verlassen haben. - -In der Zeit, als Wischnewskij dieses Mädchen liebte, stand der Kirche im -Dorfe Farbowanaja ein Priester namens Platon vor. Er hatte die den -Russen ziemlich gemeinsame Schwäche, daß er zwar im nüchternen Zustande -»zu allem wohlweislich schwieg«, betrunken jedoch gern plauderte und -sogar die ungeschminkte Wahrheit sagte. - -Als sich Wischnewskij am nächsten Morgen vom Teppich erhoben hatte, -teilte er voller Freude Stepanida Wassiljewna eine wichtige Neuigkeit -mit. - -Gapka spürte in sich ein neues Leben pochen. - -»Und was sie gebiert, soll nicht mehr leibeigen, sondern frei sein«, -sagte Wischnewskij. - -Dies war ein ungewöhnliches Liebesgeschenk seitens Stepan Iwanowitschs, -denn die große Menge seiner Kinder war sämtlich unter seine »leibeigenen -Seelen« eingetragen worden und arbeitete rechtschaffen auf den Feldern -seines Herrengutes. - -Auch Gapka freute sich darüber. - -Eine Stunde später ging sie aus, um Himbeeren zu pflücken. Am Gartenzaun -begegnete ihr der Priester P. Platon, der gerade in seiner aufrichtigen -Stimmung war. Als er das Mädchen erblickte, sagte er ihr in -priesterlichem Tone: - -»Was bist du so froh, Mädel? Bist froh und vergnügt, pflückst süße -Himbeerchen, aber wenn du dein Kindchen geboren hast, kriegst du auch -deinen Stoß in den Rücken.« - -»Warum denn?« Gapka sah ihn von der Seite an und wurde mit einem Male -verwirrt und traurig, weil sie Wischnewskij, wie viele Frauen, die -anfangs nur widerstrebend seine Geliebten geworden waren, liebgewonnen -hatte. Gapka fragte, warum man sie denn so ganz bestimmt absetzen werde, -wenn sie das Kind geboren haben würde. - -»Darum,« antwortete der Geistliche, »weil man auf dem Herrenhof ein -Kühlein nicht bis zum zweiten Kalb behält.« - -Das war die einzige Begründung des P. Platon, aber Gapotschka wurde -traurig, besonders infolge des neuen ungewohnten Zustandes ihres -Organismus, und begann bitterlich zu weinen. Aber als verschlossene -Kleinrussin wollte sie um nichts in der Welt sagen, warum sie weine. -Stepan Iwanowitsch brachte es schließlich selbst heraus: Leute hatten -gesehen, wie der Geistliche mit Gapka sprach, und hinterbrachten es dem -Pan, der sogleich seinen geistlichen Vater zur Beichte vor sich rufen -ließ und ihn fragte: - -»Was hast du Gapka gesagt?« - -Der Geistliche konnte sich nicht entschließen, zu wiederholen, was er zu -dem Mädchen gesprochen hatte, und sagte: - -»Ich erinnere mich nicht mehr.« - -Wischnewskij wurde wütend und schrie ihn an: - -»Aha, jetzt kenne ich dich: du hast dich an sie herangemacht ... Hast -geglaubt, sie werde mich mit dir vertauschen?« - -»Was denken Sie, Euer Gnaden ...« - -»Nichts >Euer Gnaden<, meine Gnaden sind dir nur so weit gnädig, daß -ich, als dein geistlicher Sohn, dich nicht prügeln lasse. Aber du sollst -fort von hier, und ich lasse dich durchs Dorf führen, damit die Leute -wissen, was für ein Taugenichts du bist.« - -Man packte den Unglücklichen, zog ihn aus, steckte ihn in einen alten -Getreidesack, aus dessen Schlitz nur der Kopf herausschaute, schüttete -ihm Flaumfedern über den Kopf und führte ihn in diesem Aufzug durch das -ganze Dorf. - -Der Geistliche fuhr in die Stadt, reichte eine Klage ein und bat um -seine Versetzung, die er auch erhielt. Für Stepan Iwanowitsch blieb -dieser Vorfall im übrigen ohne alle unangenehmen Folgen. - -Eine gewisse Vergeltung übte der beleidigte Geistliche selbst, aber -seine Rache war lächerlich und kam sehr spät. Sie wurde erst viele Jahre -später offenbar, als Stepan Iwanowitsch eine seiner Töchter verheiraten -wollte. Er forderte damals einen Auszug aus dem Taufregister, wo man -unerwarteterweise die dumme und ganz sinnlos hineinkorrigierte -Eintragung fand, daß dem Stepan Iwanowitsch und seiner _ehelichen_ -Gattin eine _uneheliche_ Tochter geboren wurde. - -Es war sinnlos und konnte Stepan Iwanowitsch keinen ernstlichen Schaden -verursachen, aber es brachte ihn schrecklich auf. Wie durfte man sich -mit ihm einen solchen Scherz erlauben! Und wer? -- Der Pope! Zudem -konnte er es nicht mehr heimzahlen, weil der Pope P. Platon nach Gottes -Ratschluß schon früher gestorben war. - -Sonst hätte ihn Stepan Iwanowitsch auch in einem anderen Kirchspiel zu -finden gewußt ... - - - - - FÜNFZEHNTES KAPITEL - - -Dergestalt waren die wilden Taten dieses Originals, die jetzt in unserer -vielgescholtenen Zeit unmöglich wären, oder die man heute bestimmt -seiner Psychopathie zugeschrieben hätte. Selbst Wischnewskijs Geschmack -und seine Gefühle spiegelten seine seelische Anormalität wieder. So -hatte er z. B. für die Schönheit der Natur nichts übrig und liebte -ausschließlich die Nacht und die Effekte der Gewitter. In der Tierwelt -liebte er nur Tauben und Pferde. Die Tauben liebte er, weil sie sich -»küssen«, und die Pferde, weil sie Schnelligkeit und eine Stimme haben -... ja, so außerordentlich liebte er die »Pferdestimme«, d. h. ihr -Wiehern. Um sich das erstere seiner Vergnügen zu verschaffen, hielt er -sich vor seinen Fenstern einen großen Taubenschlag und ergötzte sich oft -ganze Stunden daran, zuzusehen, »wie sie sich küßten«. Dann rief er -Stepanida Wassiljewna zu diesem Schauspiel herbei. - -»Schau, -- sie küssen sich!« - -Des Wieherns halber ritt Stepan Iwanowitsch stets Hengste und blieb ganz -gleichmütig, wenn sie ein Gespann in Unordnung brachten. Daran lag ihm -nicht viel, wo er aber Pferde wiehern hörte, auf der Straße oder aus -einem Hause, blieb er sogleich stehen, hielt den Finger vor sich und -erstarrte ... Kein Musiknarr hat vielleicht so leidenschaftlich der -Calzolari, Tamberlik oder der Patti gelauscht. - -Der Lieblingsanblick Wischnewskijs war seine prachtvolle Pferdeherde, -unter der ein mächtiger, schöner Hengst einhergaloppierte. Hörte Stepan -Iwanowitsch sein Wiehern selbst aus der Ferne, so hielt er an, und sein -Gesicht drückte den Ausdruck vollsten Glückes aus. Es schien, als ob -seine Augen, ungeachtet der räumlichen Entfernung, sahen, wie sich das -Pferd aufbäumte, die Luft durch Nüstern und Zähne einzog und in -Leidenschaft glühend dahinstürmte. - -»Hörst du es, Stepanida Wassiljewna?« - -»Ja, mein Freund, ich höre.« - -Alles, was ihren Mann erfreute, machte auch sie glücklich, und so zeigte -sie auch hier Freude, ... und Stepan Iwanowitsch wußte es zu schätzen. - -Er war sechzig Jahre alt, als Stepanida Wassiljewna starb. Er beweinte -sie sehr, ging dann aber, trotz seines schon vorgerückten Alters eine -zweite Ehe mit einem hübschen achtzehnjährigen kleinrussischen Mädchen -aus der Familie Gordienko ein. Auch mit dieser Gemahlin lebte er -glücklich, aber ... er gedachte immer Stepanida Wassiljewnas. Trotz -ihrer vielen Vorzüge, verstand es seine zweite junge Gemahlin nicht, auf -all seine Schwächen und Sonderlichkeiten einzugehen. Stepan Iwanowitsch -zeigte ihr die küssenden Tauben nicht und wollte sie auch nicht fragen, -ob sie es höre, wie der Sultan der Herde seine schmetternde Stimme -verschwenderisch ertönen ließ, sie in Triller auflöste und sie dann um -eine Oktave senkte ... - -Wischnewskij hatte einmal versucht, die Aufmerksamkeit seiner neuen Frau -darauf zu lenken, aber sie hatte sich gefühllos gezeigt, -- war nicht -einmal aufgestanden und hatte nicht gelächelt, sondern nur kalt gesagt: - -»Ja, ich höre, da hat ein Pferd irgendwo gewiehert.« Und damit nahm sie -ruhig wieder ihre Arbeit auf ... - -Stepan Iwanowitsch sah ein, daß seiner neuen Frau das mangelte, was der -ersten eigen gewesen war, und zog sie nie mehr in den Kreis von -Begriffen hinein, die ihr unzugänglich waren. - -In Augenblicken seelischer Wallungen seufzte er nur auf, suchte mit den -Augen das Bildnis Stepanida Wassiljewnas und lächelte ihr zu. - - - - - SECHZEHNTES KAPITEL - - -Mit seiner zweiten Gemahlin lebte Wischnewskij noch rund zwanzig Jahre, -im Genusse unveränderlicher Gesundheit, und starb zu Beginn seines -neunten Jahrzehntes. Im ganzen war er zweiundachtzig Jahre alt geworden. -Hinfälliges Greisentum, oder ein langsames, allmähliches Dahinsterben -blieben ihm erspart. Als seine Stunde gekommen war, ging er ganz -plötzlich dahin, wie eine überreife Himbeere vom Stiele fällt. - -An einem Morgen seines dreiundachtzigsten Jahres, im Frühling, wenn in -Kleinrußland verschwenderisch der Flieder blüht, ritt Stepan Iwanowitsch -eine wilde nogaïsche Stute zu, die sonst niemanden im Sattel duldete. - -Mit Hilfe seiner ungewöhnlichen Kraft und seiner ungewöhnlichen Schwere -brachte er die wilde Stute zur Erschöpfung. Vom Sattel steigend, übergab -er die Zügel den Pferdeknechten, trat auf den Balkon und blieb plötzlich -stehen ... - -Es schien Wischnewskij, als »falle sein Herz«. Er sei lange geritten, -hätte sich im Sattel geschüttelt, und nun sei das Herz abgerissen ... So -ganz ohne Schmerz, ohne Beschädigung, wie eine überreife Beere fällt. Um -ihn war es leer, und plötzlich begann sich alles zu verschieben, wie -Uhrgewichte, deren Seil vom Rad geglitten ist. - -Wischnewskij setzte sich schnell in einen Sessel und wollte etwas sagen, -aber über seine Lippen kam kein Laut. Alles war so schön, ringsum Blüten -und Duft. Er sieht und hört alles, und begreift ... Da haben eben die -Pferdeknechte der schweißigen Stute den Sattel abgenommen und führen sie -längs der schattigen Mauer. Sie ruht aus, schüttelt sich, und von dem -weißen Schaum, der sie bedeckt, fliegen leichte Flocken durch die Luft. -Hinter der Mauer des Pferdestalls hallt das Stampfen kräftiger -Vorderhufe auf den Fliesen wider, und es tönt laut und wohlklingend wie -ein Fagott: I-ha-ha! - -Stepan Iwanowitsch ließ die Augen nach rechts und links schweifen ... -Sie suchten das Bildnis Stepanida Wassiljewnas, aber dann blieben sie an -einem blühenden Fliederstrauche haften, und er lächelte ... - -Es ist anzunehmen, daß er dort Stepanida Wassiljewna selbst mit ihrem -länglichen Schubinskij-Gesicht sah, -- er fiel vom Stuhl zu ihren Füßen -nieder, -- als Toter. In jenem anderen Leben haben sich die beiden wohl -wiedererkannt. - - - - - DER TOUPETKÜNSTLER - - - - - ERSTES KAPITEL - - -Viele glauben bei uns, daß der Titel »Künstler« nur den Malern und -Bildhauern zukommt, und auch nur solchen unter ihnen, die ihn von einer -Akademie verliehen bekommen haben. Unsere berühmten Silberschmiede -Ssasikow und Owtschinnikow werden von vielen für einfache Handwerker -gehalten. In anderen Ländern ist es sicher nicht so. Heine erzählt von -einem Schneider, der ein »Künstler« war und »eigene Ideen« hatte, und -die Damenkleider aus dem Atelier von Worth gelten heute als Kunstwerke. -Über einen solchen Künstler schrieben neulich die Zeitungen, daß er in -seinem Schnitt »eine ungewöhnliche künstlerische Phantasie« zeige. - -In Amerika wird das Gebiet des künstlerischen Schaffens noch viel weiter -aufgefaßt. Der berühmte amerikanische Schriftsteller Bret Harte erzählt -von einem Künstler, dessen Objekt Leichen waren: er verlieh den -Gesichtern der Verstorbenen einen »Ausdruck des Trostes«, der von dem -mehr oder weniger glückseligen Zustande der entschwebten Seele zeugen -sollte. - -Dieser Ausdruck hatte mehrere Abstufungen; ich kann mich nur an drei -erinnern: 1. »Ruhe«; 2. »erhabene Beschaulichkeit« und 3. »Seligkeit des -unmittelbaren Verkehrs mit dem Herrn«. Die Berühmtheit des Künstlers -entsprach durchaus der hohen Vollkommenheit seiner Arbeit: sie war ganz -kolossal. Leider fiel der Künstler als Opfer der rohen Menge, die für -die Freiheit des künstlerischen Schaffens wenig Verständnis hatte. Er -wurde gesteinigt, weil er den Ausdruck des »seligen Verkehrs mit dem -Herrn« dem Gesicht eines verstorbenen Bankiers verliehen, der die ganze -Stadt ausgeraubt hatte. Die glücklichen Erben des Schwindlers hatten dem -Verstorbenen auf diese Weise ihren Dank bezeugen wollen, dem Künstler -kostete es aber das Leben ... - -Auch bei uns in Rußland gab es einen Meister auf diesem nicht ganz -gewöhnlichen Gebiete der Kunst. - - - - - ZWEITES KAPITEL - - -Die Kinderfrau meines jüngsten Bruders war eine lange, ausgetrocknete, -doch recht proportioniert gebaute Alte, namens Ljubow Onissimowna. Sie -war in ihrer Jugend leibeigene Schauspielerin am Haustheater des Grafen -Kamenskij zu Orjol gewesen, und alles, was ich hier erzähle, hat sich zu -Orjol in den Tagen meiner Kindheit abgespielt. - -Mein Bruder war um sieben Jahre jünger als ich: als er zwei Jahre alt -war und von Ljubow Onissimowna gepflegt wurde, war ich schon über neun -und konnte die Geschichten, die sie mir erzählte, gut verstehen. - -Ljubow Onissimowna war damals noch nicht sehr alt, hatte aber schon -schneeweißes Haar; ihre Gesichtszüge waren fein und zart, die schlanke -Figur ungewöhnlich gut gebaut und graziös, wie bei einem jungen Mädchen. - -Meine Mutter und Tante sagten, wenn sie sie ansahen, daß sie in ihrer -Jugend wohl wunderschön gewesen sei. - -Sie war von einer grenzenlosen Ehrlichkeit, Sanftheit und -Empfindsamkeit; sie liebte im Leben alles Tragische, trank sich aber -zuweilen einen Rausch an. - -Sie führte uns meistens auf den Friedhof bei der Dreifaltigkeitskirche -spazieren. Sie setzte sich immer auf das gleiche armselige, mit einem -einfachen Holzkreuz geschmückte Grab und erzählte mir oft Geschichten. - -So hörte ich hier von ihr einmal die Geschichte vom »Toupetkünstler«. - - - - - DRITTES KAPITEL - - -Er war Kollege unserer Kinderfrau am Theater; der Unterschied lag nur -darin, daß sie »auf der Bühne Vorstellungen gab und Tänze aufführte«, -während er nur ein »Toupetkünstler«, d. h. Friseur und Schminkmeister -war und alle leibeigenen Schauspielerinnen des Grafen »anzumalen und zu -frisieren« hatte. Er war aber kein alltäglicher Meister mit dem -Frisierkamm hinter dem Ohr und der Büchse mit der Fettschminke in der -Hand, sondern ein Mann mit eigenen _Ideen_, mit einem Worte ein -_Künstler_. - -Ljubow Onissimowna behauptete, daß niemand so gut wie er einem Gesicht -»einen Ausdruck« zu verleihen verstand. - -Ich kann heute nicht mehr genau sagen, unter welchem von den Grafen -Kamenskij diese beiden Künstler gewirkt haben. Es sind drei Grafen -dieses Namens bekannt, und alle drei galten in Orjol als »grausame -Tyrannen«. Der Feldmarschall Michailo Fedotowisch wurde im Jahre 1809 -von seinen eigenen Bauern wegen seiner Grausamkeit erschlagen; dieser -hatte zwei Söhne: Nikolai und Ssergej, von denen der erste im Jahre 1811 -und der zweite im Jahre 1835 gestorben war. - -Als Kind, in den vierziger Jahren, ging ich oft an einem riesengroßen, -hölzernen Gebäude vorbei, auf dessen Fassade mit schwarzer und brauner -Farbe falsche Fenster gemalt waren und das von einem langen, halb -eingefallenen Bretterzaun umgeben war. Es war das verrufene Herrenhaus -des Grafen Kamenskij; gleich daneben befand sich auch das Theater. Das -letztere stand so, daß man es vom Friedhofe an der Dreifaltigkeitskirche -aus gut sehen konnte, und Ljubow Onissimowna leitete alle ihre -Erzählungen mit den Worten ein: - -»Schau mal hinüber, mein Lieber ... Siehst du das schreckliche Gebäude?« - -»Ja, es ist schrecklich, Kinderfrau!« - -»Nun will ich dir etwas noch Schrecklicheres erzählen.« - -Eine ihrer Erzählungen vom Toupetkünstler Arkadij, einem empfindsamen -und kühnen jungen Mann, der ihrem Herzen nahe stand, will ich hier -wiedergeben. - - - - - VIERTES KAPITEL - - -Arkadij hatte nur die Schauspielerinnen allein »anzumalen und zu -frisieren«. Für die männlichen Schauspieler gab es einen eigenen -Friseur, und Arkadij betrat nur in jenen seltenen Fällen die -Männergarderobe, wenn er vom Grafen selbst den Auftrag hatte, jemand »in -edelster Form anzumalen«. Seine künstlerische Kraft lag darin, daß er -einem jeden Gesicht die feinsten und verschiedenartigsten Ausdrücke zu -verleihen verstand. - -»Man läßt ihn kommen,« berichtete Ljubow Onissimowna, »und sagt ihm: ->Dieses Gesicht da soll den und den Ausdruck bekommen<. Arkadij tritt -etwas zurück, läßt den Schauspieler oder die Schauspielerin sich vor ihn -hinsetzen oder hinstellen, kreuzt die Arme auf der Brust und denkt eine -Weile nach. In solchen Augenblicken war er schöner als der schönste -Mann, denn er war zwar von mittlerem Wuchs, aber so schlank, wie ich es -gar nicht beschreiben kann, hatte eine feine und stolze Nase, Augen -voller Engelsgüte und einen dichten Haarschopf, der ihm von der Stirne -auf die Augen fiel, so daß er zuweilen wie durch eine Nebelwolke -hindurch blickte.« - -Der Toupetkünstler war, mit einem Wort, ein hübscher Mann und »gefiel -allen.« Der »Graf selbst« liebte ihn, zeichnete ihn vor allen anderen -aus, ließ ihm schöne Kleider machen, »hielt ihn aber sehr streng«. Er -wollte es nicht haben, daß Arkadij außer ihm noch irgendeinen Menschen -rasiere oder frisiere. Arkadij mußte sich daher immer im gräflichen -Ankleidezimmer aufhalten, außer wenn er am Theater beschäftigt war. - -Man ließ ihn sogar nicht in die Kirche zur Beichte und zum Abendmahl -gehen, denn der Graf selbst glaubte nicht an Gott und konnte die -Geistlichen nicht leiden. Einmal ließ er sogar die Popen von der -Borissogljeber Kirche, die zu ihm mit dem Kreuze gekommen waren, mit -Hunden hetzen. - -Der Graf war, berichtete Ljubow Onissimowna, vor lauter Bosheit -abstoßend häßlich und sah allen wilden Tieren zugleich ähnlich. Arkadij -verstand aber auch diesem tierähnlichen Gesicht, und wenn auch nur für -kurze Zeit, einen solchen Ausdruck zu verleihen, daß der Graf, wenn er -abends in seiner Loge saß, würdiger als mancher andere aussah. - -Der »Natur« des Grafen gingen aber, zu seinem großen Ärger, am meisten -die Würde und der »kriegerische Ausdruck« ab. - -Damit ein so unvergleichlicher Künstler wie Arkadij niemand andern mit -seinen Diensten beglücken könne, »mußte er sein Leben lang zu Hause -sitzen und bekam niemals bares Geld in die Hand«. Er war aber schon über -fünfundzwanzig Jahre alt, und Ljubow Onissimowna stand im neunzehnten. -Sie waren natürlich miteinander bekannt, und zwischen ihnen waren -Beziehungen entstanden, die in diesem Alter häufig sind: sie hatten -einander lieb. Sie konnten aber von ihrer Liebe nur in entfernten -Andeutungen und nur vor fremden Ohren während des Schminkens sprechen. - -Zusammenkünfte unter vier Augen waren unmöglich und selbst undenkbar ... - -»Wir Schauspielerinnen,« erzählte Ljubow Onissimowna, »wurden ebenso -streng überwacht, wie die Ammen in vornehmen Häusern: wir standen unter -der Aufsicht älterer Frauen, welche Kinder hatten; und wenn mit einer -von uns, Gott behüte, etwas passierte, so wurden jenen Frauen die Kinder -weggenommen und furchtbaren Martern unterzogen.« - -Das Gebot der Keuschheit durfte nur der übertreten, der es selbst -aufgestellt hatte. - - - - - FÜNFTES KAPITEL - - -Ljubow Onissimowna stand um jene Zeit nicht nur in der Blüte ihrer -jungfräulichen Schönheit, sondern auch in der interessantesten -Entwicklungsperiode ihres vielseitigen Talents: sie sang in den Chören -die »Potpourris«, tanzte »die ersten Pas in der Chinesischen Gärtnerin« -und kannte, von einem Drange nach dem Tragischen erfüllt, »alle Rollen -vom bloßen Zuschauen«. - -Ich weiß nicht mehr genau, in welchen Jahren sich das abspielte. In -Orjol wurde der Kaiser (ich weiß nicht recht, ob es Alexander -Pawlowitsch oder Nikolai Pawlowitsch war) erwartet; er sollte in der -Stadt übernachten und am Abend einer Vorstellung im Theater des Grafen -Kamenskij beiwohnen. - -Der Graf lud zu dieser Veranstaltung den ganzen Adel ein (sein Theater -war für Geld überhaupt nicht zugänglich) und gab sich Mühe, die -Aufführung möglichst glanzvoll zu gestalten. Ljubow Onissimowna sollte -das »Potpourri« singen und die »Chinesische Gärtnerin« tanzen; bei der -letzten Probe fiel aber eine Kulisse herab und verletzte die -Schauspielerin, die im Stücke »Die Herzogin de Bourblanc« die Hauptrolle -spielen sollte, am Fuße. - -Ich habe noch nie etwas von einem Stück mit diesem Titel gehört, aber -Ljubow Onissimowna sprach den Namen der Heldin so aus, wie ich ihn hier -wiedergebe. - -Die Theaterarbeiter, die die Kulisse fallen ließen, bekamen im -Pferdestall ihre Prügel, die Verletzte wurde in ihre Kammer getragen, es -gab aber niemand, der die Rolle der Herzogin de Bourblanc übernehmen -konnte. - -»Ich erklärte mich bereit,« erzählte Ljubow Onissimowna, »diese Rolle zu -spielen, denn es gefiel mir so gut, wie die Herzogin de Bourblanc ihren -Vater auf den Knien um Verzeihung bittet und nachher mit aufgelösten -Haaren stirbt. Ich hatte aber schönes langes blondes Haar, und Arkadij -verstand es wunderbar zu frisieren.« - -Der Graf war über die unerwartete Bereitwilligkeit des Mädchens, die -Rolle zu spielen, sehr erfreut und sagte dem Regisseur, als dieser -bestätigte, daß »Ljuba die Rolle nicht verpatzen werde«: - -»Wenn sie die Rolle verpatzt, wirst du es mir mit deinem Rücken büßen, -ihr aber bringe von mir die Quamarin-Ohrringe.« - -Die »Quamarin-Ohrringe« waren ein ebenso schmeichelhaftes wie verhaßtes -Geschenk. Ihre Verleihung bedeutete die hohe Ehre, für einen Augenblick -zur Odaliske des Grafen erhoben zu werden. Einige Zeit oder auch -unmittelbar nach der Verleihung der Ohrringe bekam Arkadij den Auftrag, -das zum Opfer auserwählte Mädchen gleich nach der Vorstellung als -»heilige Cäcilie« zu kostümieren; das Mädchen wurde ganz weiß gekleidet, -bekam den Heiligenschein um den Kopf und eine Lilie, das Symbol der -Unschuld, in die Hand und wurde so in die Gemächer des Grafen geschafft. - -»Das kannst du in deinem Alter noch nicht verstehen,« sagte die -Kinderfrau, »es war aber das Schrecklichste, besonders für mich, denn -ich sehnte mich damals nur nach Arkadij. Also begann ich zu weinen. Ich -warf die Ohrringe auf den Tisch und konnte mir gar nicht denken, wie ich -am Abend spielen würde.« - -Um diese selbe Stunde trat auch an Arkadij eine ebenso verhängnisvolle -Versuchung heran. - -Ein Bruder des Grafen, der immer auf seinem Gute lebte, kam in die -Stadt, um sich dem Kaiser vorzustellen. Dieser Bruder war noch viel -häßlicher als der andere: er hielt sich ständig auf dem Lande auf, zog -nie die Uniform an und ließ sich niemals rasieren, weil sein Gesicht -voller Beulen und Höcker war. Bei dieser außergewöhnlichen Gelegenheit -mußte er aber die Uniform anlegen, sein Äußeres in Ordnung bringen und -jenen »kriegerischen Ausdruck« annehmen, der damals verlangt wurde. - -Es wurde aber sehr viel verlangt. - -»Heute weiß man gar nicht mehr, wie streng damals alles war,« sagte die -Kinderfrau. »In allen Dingen wurde damals viel auf die Form gesehen, und -den vornehmen Herren waren wie der Gesichtsausdruck, so auch die -Haartracht genau vorgeschrieben. Manchem stand aber dieses -vorschriftsmäßige Aussehen gar nicht: wenn man ihn nach der Vorschrift -mit dem aufrecht stehenden Schopf über der Stirne und den nach vorne -gekämmten Haaren an den Schläfen frisierte, so sah er wie eine -Bauern-Balalaika ohne Saiten aus.« Die vornehmen Herren hatten davor -große Angst. Alles kam auf die Kunst des Friseurs und Raseurs an: von -der Art und Weise, wie die Stege zwischen dem Backenbart und dem -Schnurrbart ausrasiert, wie die Locken gebrannt und wie sie angeordnet -waren, hing der ganze Gesichtsausdruck ab. Die Herren vom Zivil hatten -es, wie die Kinderfrau sagte, viel leichter, denn man schenkte ihnen -weniger Beachtung und verlangte von ihnen nur ein bescheidenes Aussehen; -von den Militärpersonen verlangte man aber, daß sie den Vorgesetzten -gegenüber Bescheidenheit und allen anderen Menschen gegenüber maßlosen -Kampfesmut ausdrückten. - -Arkadij verstand aber mit seiner wunderbaren Kunst, dem häßlichen und -unbedeutenden Gesicht des Grafen eben diesen Ausdruck zu verleihen. - - - - - SECHSTES KAPITEL - - -Der ländliche Graf war noch viel häßlicher als der städtische und so -furchtbar verwachsen und verroht, daß er es auch selbst fühlte. Er hatte -aber niemand, der sein Äußeres in Stand halten könnte: seinen eigenen -Friseur hatte er aus lauter Geiz gegen Zins nach Moskau entlassen; auch -hatte er so viele Höcker im Gesicht, daß man ihn unmöglich rasieren -konnte, ohne ihm die ganze Haut zu zerschinden. - -Er kommt also nach Orjol, beruft zu sich alle Barbiere der Stadt und -sagt ihnen: - -»Wer von euch mich so herrichten kann, daß ich meinem Bruder, dem Grafen -Kamenskij gleiche, bekommt zwei Dukaten. Für denjenigen aber, der mich -dabei schneidet, lege ich zwei Pistolen auf den Tisch. Wer seine Sache -gut macht, kann das Gold nehmen und gehen; wer mir aber auch nur ein -Pickelchen verletzt oder den Backenbart auch nur um ein Haar -verschneidet, den töte ich auf der Stelle.« - -Er wollte den Leuten nur Angst machen, denn die Pistolen waren gar nicht -geladen. - -In Orjol gab es damals nur sehr wenig Barbiere, und diese hielten sich -meistens in den Bädern auf, um Schröpfköpfe und Blutegel anzusetzen, -hatten aber weder Geschmack noch Phantasie. Das sahen sie auch selbst -ein und weigerten sich, den Grafen Kamenskij umzuwandeln. »Gott sei mit -dir und deinem Gold!« dachten sie sich. - -»Was Sie von uns verlangen,« sagen sie ihm, »können wir gar nicht -machen, denn wir sind nicht wert, eine so erhabene Person auch nur -anzurühren. Uns fehlen auch die richtigen Rasiermesser: wir haben nur -gewöhnliche russische Messer, für Ihr Gesicht braucht man aber ein -englisches. Nur des Grafen Barbier Arkadij allein könnte so was fertig -bringen.« - -Der Graf läßt die städtischen Barbiere hinauswerfen, und diese sind -froh, daß sie mit heiler Haut davongekommen sind. Er selbst aber fährt -zu seinem älteren Bruder und sagt: - -»Lieber Bruder, ich komme zu dir mit einer großen Bitte: überlasse mir -vor dem Abend deinen Arkadij, damit er mich in einen ordentlichen -Zustand bringt. Ich habe mich schon lange nicht rasieren lassen, und die -hiesigen Barbiere können das nicht machen.« - -Und der Graf antwortet seinem Bruder: - -»Die hiesigen Barbiere taugen selbstverständlich zum Teufel. Ich wußte -gar nicht, daß es hier welche gibt: ich lasse selbst meine Hunde von -eigenen Leuten scheren. Was aber deine Bitte betrifft, so verlangst du -von mir etwas Unmögliches; denn ich habe den Eid geleistet, daß Arkadij, -so lange ich lebe, keinen Menschen außer mir anrühren wird. Glaubst du -denn, daß ich mein Wort vor meinem leibeigenen Sklaven brechen kann?« - -Der andere antwortet: - -»Warum denn nicht? Du hast es so angeordnet und kannst es auch selbst -wieder abschaffen.« - -Der ältere Graf sagt aber, daß er diese Ansicht sehr merkwürdig finde: - -»Wenn ich das tue, was kann ich dann von meinen Leuten verlangen? -Arkadij weiß, daß ich es einmal so festgesetzt habe, und alle wissen es, -dafür wird er auch viel besser als die anderen behandelt. Wenn er sich -aber untersteht, seine Kunst auf jemand andern anzuwenden, so muß ich -ihn zu Tode prügeln und unter die Rekruten stecken.« - -Der Bruder erwidert darauf: - -»Du kannst ja nur das eine von beiden tun: ihn entweder zu Tode prügeln -oder unter die Rekruten stecken; beides zugleich kannst du gar nicht -machen.« - -»Gut,« sagt der Ältere, »ich will deinen Wunsch erfüllen. Ich werde ihn -aber nicht zu Tode, sondern nur halbtot prügeln und dann unter die -Rekruten stecken.« - -»Ist das dein letztes Wort, Bruder?« - -»Ja, das allerletzte.« - -»Ist das dein einziges Bedenken?« - -»Ja, das einzige.« - -»Dann ist es wunderschön; ich hatte schon geglaubt, daß dein leiblicher -Bruder dir weniger wert ist als ein leibeigener Sklave. Du brauchst also -deinen Befehl gar nicht aufzuheben, schick mir nur deinen Arkadij, -_damit er mir meinen Pudel schert_. Das weitere ist aber schon meine -Sache.« - -Der Bruder konnte ihm diese Bitte nicht gut abschlagen. - -»Gut,« sagte er, »deinen Pudel darf er wohl scheren.« - -»Das ist alles, was ich brauche.« - -Er drückte dem Bruder die Hand und fuhr heim. - - - - - SIEBENTES KAPITEL - - -Das war um die Dämmerstunde im Winter, wo man eben die Lampen anzündet. - -Der Graf läßt Arkadij kommen und sagt ihm: - -»Geh zu meinem Bruder ins Haus und scher ihm seinen Pudel.« - -Arkadij fragt: - -»Ist das alles, was Sie mir befehlen?« - -»Das ist alles,« sagt der Graf. »Komm aber bald zurück, denn du mußt -noch die Schauspielerinnen frisieren. Ljuba wird heute in drei Rollen -spielen, nach dem Theater sollst du sie mir aber als heilige Cäcilie -einkleiden.« - -Arkadij Iljitsch fiel beinahe um. - -Der Graf fragte: - -»Was hast du denn?« - -Arkadij aber antwortete: - -»Verzeihung, ich bin auf dem Teppich ausgeglitten.« - -Der Graf witterte wohl etwas: - -»Paß auf, daß es kein Unglück gibt!« - -Arkadij war es aber schon so zumute, daß er nicht mehr an Glück und -Unglück dachte. - -Als er den Befehl hörte, mich als heilige Cäcilie einzukleiden, verging -ihm Hören und Sehen. Er nahm das Lederfutteral mit dem Rasierbesteck und -ging hinaus. - - - - - ACHTES KAPITEL - - -Er kommt zum Bruder des Grafen. Vor dem Spiegel brennen schon die -Kerzen, und auf dem Tische liegen wieder zwei Pistolen und daneben -Dukaten, aber nicht zwei, sondern zehn, und die Pistolen sind diesmal -mit tscherkessischen Kugeln geladen. - -Der Bruder des Grafen sagt: - -»Ich habe gar keinen Pudel, verlange von dir aber folgendes: richte mich -so her, daß ich ein mutiges Aussehen bekomme. Du kriegst dafür zehn -Dukaten; wenn du mich aber schneidest, bist du auf der Stelle tot.« - -Arkadij überlegte sich die Sache und machte sich plötzlich daran, -- -Gott allein weiß, was über ihn gekommen war, -- den Bruder des Grafen zu -frisieren und zu rasieren. Im Nu war er mit seiner Arbeit fertig, -steckte das Geld in seine Tasche und sagte: - -»Leben Sie wohl.« - -Jener antwortet: - -»Geh! Ich möchte aber nur das eine wissen: wie hast du dich dazu -entschließen können?« - -Arkadij aber sagt: - -»Warum ich mich dazu entschlossen habe, das weiß nur mein Herz in der -Brust.« - -»Oder bist du vielleicht kugelfest oder kennst irgend einen Zauber, so -daß du selbst die Pistolen nicht fürchtest?« - -»Die Pistolen sind das wenigste, an die habe ich gar nicht gedacht.« - -»Was? Wagtest du denn zu denken, daß das Wort deines Grafen mehr gilt -als das meinige und daß ich dich, wenn du mich schneidest, nicht -erschieße? Wenn du nicht kugelfest bist, so wärest du auf der Stelle -tot.« - -Als Arkadij den Namen seines Herrn hörte, fuhr er zusammen und sagte wie -aus dem Schlafe: - -»Ich bin nicht kugelfest, Gott hat mir aber Vernunft verliehen: noch eh -du die Hand nach der Pistole ausstrecktest, hätte ich dir mit dem -Rasiermesser die Gurgel durchschnitten.« - -Mit diesen Worten stürzt er hinaus und kommt ins Theater noch gerade zur -rechten Zeit, um mich herzurichten. Er zittert am ganzen Leibe, und wie -er sich über mich beugt, um eine Locke zu wickeln, flüstert er mir zu: - -»Hab nur keine Angst, ich werde dich entführen.« - - - - - NEUNTES KAPITEL - - -Die Aufführung gelang vortrefflich, denn wir alle waren gut abgerichtet -und alle Ängste und alle Marter gewohnt. Wir machten unsere Sache so -gut, wie wenn wir aus Stein wären, so daß niemand sehen konnte, wie uns -dabei zumute war. - -Wir sahen von der Bühne aus den Grafen und seinen Bruder: sie waren -einander sehr ähnlich. Selbst als sie hinter die Kulissen kamen, konnte -man sie schwer voneinander unterscheiden. Der unsrige war aber auf -einmal ganz still und sanft geworden. So war er immer vor seinen -grausamsten Wutausbrüchen. - -Wir zittern alle und bekreuzigen uns: - -»Herr, errette uns und sei uns gnädig! Wen wird diesmal sein Zorn -treffen?« - -Wir wußten noch nichts von der verzweifelten Tat Arkaschas; er selbst -aber wußte natürlich, daß er keine Gnade zu erwarten hatte und -erbleichte, als der Bruder des Grafen ihn anblickte und unserm Grafen -etwas zuflüsterte: Ich hatte aber scharfe Ohren und hörte, was er ihm -sagte: - -»Bruder, ich rate dir, nimm dich vor ihm in acht, wenn er dich rasiert.« - -Der Unsrige lächelte nur leise. - -Ich glaube, daß auch Arkadij etwas gehört hatte, denn er war außer sich -vor Aufregung: als er mich für die letzte Rolle der Herzogin -herrichtete, legte er mir, -- was ihm sonst nie passierte, -- so viel -Puder an, daß der Franzose, der Garderobier, sagte: - -»Trop beaucoup, trop beaucoup!« Und er nahm mit einem Bürstchen den -überschüssigen Puder von mir ab. - - - - - ZEHNTES KAPITEL - - -Als aber die Vorstellung zu Ende war, zog man mir das Kleid der Herzogin -von Bourblanc aus und kleidete mich als Cäcilie ein: es war ein -einfaches, weißes Gewand ohne Ärmel, das an den Achseln nur von den -Schleifen gehalten wurde. Wir konnten diese Tracht nicht ausstehen. Und -nun kommt auch schon Arkadij, um mir die Frisur der heiligen Cäcilie zu -machen, wie sie auf den Bildern dargestellt wird, und mir einen dünnen -Reifen als Heiligenschein im Haare zu befestigen. Und er sieht, daß vor -der Türe meiner Kammer sechs Mann stehen. Diese sollten ihn, sobald er -mit mir fertig ist und aus meiner Kammer wieder herauskommt, ergreifen -und zum Foltern schleppen. Es gab bei uns im Hause Foltern, die -schlimmer als jeder Tod waren. Es gab da Wippen, Spannböcke und die -fürchterlichsten Instrumente. Wer das einmal durchgemacht, hatte vor -gerichtlichen Strafen gar keinen Respekt mehr. Unter dem ganzen Hause -gab es geheime Verliese, wo lebendige Menschen wie die Bären an Ketten -saßen. Wenn man vorbeikam, hörte man zuweilen die Ketten klirren und die -Menschen stöhnen. Die Eingekerkerten wollten wohl, daß die Obrigkeit -etwas davon erfahre; die Obrigkeit wagte aber nicht, für sie -einzutreten. Viele Leute saßen hier lebenslänglich. Einer von ihnen -verfaßte, nachdem er viele Jahre gesessen hatte, den Vers: - - Es kommen die Schlangen und fressen die Augen, - Und Skorpione das Blut aus den Adern saugen. - -Wenn man an den Kellern vorbeigeht, flüstert man den Vers vor sich hin -und zittert am ganzen Leibe. - -Manche waren aber neben lebendigen Bären so angekettet, daß diese sie -gerade noch mit den Tatzen berühren konnten. - -Es gelang ihnen aber nicht, Arkadij Iljitsch zum Foltern zu holen: als -er zu mir in die Kammer trat, packte er im gleichen Augenblick den -Tisch, schlug das Fenster ein, und was weiter geschah, weiß ich nicht -mehr ... - -Ich kam zum Bewußtsein, als ich Kälte in den Füßen fühlte. Ich will die -Beine einziehen und merke, daß ich in einen Pelz aus Wolfs- und -Bärenfell eingewickelt bin. Um mich herum ist es stockfinster, und ich -rase auf einer Troika dahin ... Ich weiß gar nicht, wohin. Neben mir -sitzen aber im breiten Schlitten zwei Männer: der eine -- es ist Arkadij -Iljitsch -- hält mich fest, der andere aber treibt die Pferde an ... Der -Schnee sprüht nur so unter den Hufen der Pferde empor, und der Schlitten -schüttelt mächtig: wenn wir nicht auf dem Boden des Schlittens säßen und -uns nicht mit den Händen festhielten, so wären wir längst -hinausgeflogen. - -Und ich höre sie ängstlich miteinander reden und verstehe nur das eine: -»Man setzt uns nach! Jage, was du jagen kannst!« - -Wie Arkadij Iljitsch sieht, daß ich zum Bewußtsein gekommen bin, beugt -er sich über mich und sagt: - -»Ljuba, mein Täubchen! Man jagt uns nach, bist du bereit zu sterben, -wenn sie uns einholen?« - -Ich antworte, daß ich mit Freuden sterben werde. - -Er hoffte, nach der türkischen Stadt Rustschuk zu entkommen, wohin schon -viele von unseren Leuten vor dem Grafen Kamenskij geflohen waren. - -Wir sausten plötzlich über eine Brücke, in der Ferne tauchte etwas wie -eine menschliche Behausung auf, und wir hörten Hundegebell. Der Kutscher -hieb tüchtig auf die Pferde ein, warf plötzlich den Schlitten um, -Arkadij und ich fielen in den Schnee hinaus, der Schlitten, die Pferde -und der Kutscher waren aber im Nu verschwunden. - -Arkadij sagt: - -»Fürchte nichts, so muß es sein, denn ich kenne den Kutscher, der uns -gefahren hat, nicht, und er kennt uns nicht. Er hat es für drei Dukaten -übernommen, dich zu entführen, und muß jetzt an die Rettung seiner -eigenen Seele denken. Wir sind in Gottes Hand: da ist das Dorf -Ssuchaja-Orliza, und hier wohnt ein kühner Pope, der die gewagtesten -Ehen traut und der schon vielen von unseren Leuten zur Flucht verholfen -hat. Wir geben ihm ein Geschenk, er wird uns die Nacht über bei sich -behalten und morgen trauen; am Abend wird aber der gleiche Kutscher -wieder kommen, und wir werden uns davonmachen.« - - - - - ELFTES KAPITEL - - -Wir klopfen an und treten in den Flur. Der Pope selbst läßt uns ein, -- -er ist ein kleiner, alter Mann, und vorne fehlt ihm ein Zahn. Seine alte -Frau macht Licht. Wir stürzen ihnen zu Füßen: - -»Rettet uns, laßt uns in die warme Stube ein und versteckt uns bis -morgen Abend!« - -Der Pope fragt: - -»Habt ihr was gestohlen, oder seid ihr einfach durchgebrannt?« - -»Nichts haben wir gestohlen; wir sind auf der Flucht vor dem grausamen -Grafen Kamenskij und wollen nach der türkischen Stadt Rustschuk, wo -nicht wenige von unsern Leuten wohnen. Man wird uns nicht finden, wir -haben aber Geld bei uns und wollen Ihnen für das Übernachten einen -goldenen Dukaten geben und für das Trauen -- drei Dukaten. Wenn Sie es -können, trauen Sie uns, sonst werden wir uns in Rustschuk trauen -lassen.« - -Und jener antwortet: - -»Warum sollte ich es nicht können? Ich kann es sehr wohl. Was braucht -ihr euer Geld nach Rustschuk zu schleppen? Gebt mir für alles zusammen -fünf Dukaten, und ich werde euch gleich hier zusammenkoppeln.« - -Arkadij gab ihm die fünf Dukaten, und ich nahm mir die Quamarin-Ohrringe -ab und gab sie der Popenfrau. - -Der Pope nahm das Geld und sagte: - -»Ach, meine Lieben, ich habe schon ganz andere Paare getraut, es ist -aber nicht gut, daß ihr von des Grafen Leuten seid. Und wenn ich auch -Pope bin, so habe ich doch Angst vor seiner Grausamkeit. Aber ich will -es schon machen, komme, was kommen mag. Gebt mir noch einen Dukaten, und -wenn auch einen beschnittenen, dazu und versteckt euch.« - -Arkadij gibt ihm den sechsten Dukaten, sogar einen guten, und er sagt zu -seiner Popenfrau: - -»Alte, was stehst du noch da? Gib der Entlaufenen irgendeinen Rock und -eine Jacke, denn es ist eine Schande, sie anzuschauen -- sie ist ja -nackt.« Dann wollte er uns in die Kirche führen und in den Kasten mit -Kirchengewändern verstecken. Kaum hatte aber die Popenfrau begonnen, -mich hinter dem Vorhang umzukleiden, als an die Türe geklopft wurde. - - - - - ZWÖLFTES KAPITEL - - -Uns beiden standen die Herzen still. Der Pope aber flüstert Arkadij zu: - -»Mein Lieber, in den Kasten mit den Kirchengewändern werdet ihr ja jetzt -nicht mehr kommen können, schlüpfe aber unter das Federbett.« - -Und zu mir spricht er: - -»Und du, meine Liebe, komm einmal her.« - -Er stellt mich ins Gehäuse der großen Standuhr, sperrte es zu und -steckte den Schlüssel in die Tasche. Und dann geht er die Tür aufmachen. -Ich höre, daß es viele Menschen sind. Die einen stehen in der Türe, und -zweie schauen von außen durchs Fenster herein. - -Sieben Mann von den Jägern des Grafen kommen in die Stube; alle haben -Mordwaffen und Peitschen in der Hand und Stricke im Gürtel; der achte im -langen Wolfspelz und hoher Mütze ist aber der Haushofmeister. - -Das Uhrgehäuse, in dem ich stand, war vorne wie ein Gitter durchbrochen -und mit altem Tüll bespannt. Durch diesen Tüll konnte ich alles sehen. - -Der alte Pope merkt wohl, daß die Sache schlimm steht: er zittert vor -dem Haushofmeister, bekreuzigt sich in einemfort und stammelt: - -»Ach, meine Lieben, meine Lieben! Ich weiß wohl, was ihr hier sucht, ich -stehe vor dem durchlauchtigsten Grafen unschuldig da! Ich bin -unschuldig, bei Gott, unschuldig!« - -Während er sich aber bekreuzigt, zeigt er immer mit den Fingern über die -linke Schulter auf das Uhrgehäuse, in dem ich eingesperrt bin. - --- Ich bin verloren! -- denke ich mir, wie ich diesen Zauber sehe. - -Auch der Haushofmeister verstand den Wink und sagte: - -»Uns ist alles bekannt. Gib mal den Schlüssel von dieser Uhr her.« - -Der Pope begann wieder mit den Händen zu fuchteln: - -»Ach, meine Lieben! Verzeiht, straft mich nicht, ich habe vergessen, wo -ich den Schlüssel habe, bei Gott, ich habe es vergessen!« - -Und dabei fährt er sich immer mit der Hand über die Tasche. - -Der Haushofmeister merkte auch diesen Zauber. Er nahm ihm den Schlüssel -aus der Tasche und holte mich aus der Uhr heraus. - -»Komm mal heraus, Täubchen,« sagt er mir, »der Täuberich wird sich schon -von selbst melden.« - -Arkascha meldet sich auch gleich: er wirft das Popenbett von sich und -spricht: - -»Es ist wohl nichts zu machen, ihr habt gewonnen. Nun könnt ihr mich -wieder zurückbringen und den Folterknechten überliefern. Sie aber ist -unschuldig: ich habe sie mit Gewalt entführt.« - -Dann wendet er sich zum Popen um und spuckt ihm nur ins Gesicht. - -Jener aber sagt: - -»Meine Lieben, seht ihr, wie er mein Priesteramt und meine Treue -beschimpft? Meldet es doch dem durchlauchtigsten Grafen!« - -Der Haushofmeister antwortet: - -»Hab nur keine Angst: alles wird ihm angerechnet werden!« Und er gibt -seinen Leuten den Befehl, mich und Arkadij hinauszuführen. - -Wir setzten uns in drei Schlitten: in den vorderen Schlitten kam der -gebundene Arkadij mit den Jägern; mich setzte man unter der gleichen -Bewachung in den letzten Schlitten, und die Übrigen fuhren in der Mitte. - -Als das Volk uns so fahren sah, machte es Platz: alle glaubten, daß es -ein Hochzeitszug sei. - - - - - DREIZEHNTES KAPITEL - - -Wir waren sehr bald wieder zu Hause. Als wir in den Hof einfuhren, war -vom ersten Schlitten, auf dem man Arkadij gebracht hatte, nichts mehr zu -sehen. Man sperrte mich in meine alte Kammer und nahm mich ins Verhör: -wie lange ich mit Arkadij allein gewesen sei? - -Ich sage ihnen: - -»Auch nicht einen Augenblick!« - -Das war mir wohl schon so vom Himmel beschieden, daß mich nicht der -Geliebte, sondern der Verhaßte bekam. Diesem Schicksal entging ich -nicht. Als ich in meine Kammer zurückkehrte und den Kopf in die Kissen -vergrub, um mein Unglück zu beweinen, hörte ich von unten furchtbares -Stöhnen. - -Bei uns war das so eingerichtet: wir Mädchen wohnten im ersten Stock des -hölzernen Hauses, unten war aber ein großes, hohes Zimmer, in dem wir -singen und tanzen lernten. Oben konnte man alles, was unten vorging, -hören. Und der Fürst der Hölle, Satanas, gab den Grausamen den Gedanken -ein, Arkadij gerade unter meiner Kammer zu foltern. - -Als ich hörte, wie man ihn peinigte ... stürzte ich zur Türe, um zu ihm -zu laufen ... Die Türe war aber verschlossen ... Ich wußte selbst nicht, -was ich tun wollte ... und ich fiel hin ... Auf dem Boden ist aber alles -noch viel deutlicher zu hören ... Und ich habe keinen Nagel und kein -Messer, ich habe gar nichts, um mich zu töten ... Und ich nahm meinen -Zopf, und wickelte ihn mir um den Hals, und ich drehte ihn mir um den -Hals, und ich drehte ihn immer fester zusammen ... Zuletzt hörte ich nur -ein Klingen in den Ohren und sah Kreise vor den Augen, und alles erstarb -in mir ... Und als ich zum Bewußtsein kam, sah ich mich an einem Ort, -den ich gar nicht kannte, in einer großen hellen Stube ... Kälber waren -um mich her, viele Kälber, mehr als zehn Stück ... So freundlich waren -sie: das eine nach dem andern kam auf mich zu, schnupperte mit kalten -Lippen an meiner Hand, glaubte wohl, das Euter der Mutter zu saugen ... -Ich war auch darum erwacht, weil das so kitzelte ... Ich sehe mich um -und frage mich: wo bin ich? Und ich sehe: eine ältere große Frau kommt -herein, ist ganz in blaue Leinwand gekleidet, hat ein sauberes Tuch um -den Kopf, und das Gesicht ist so freundlich und liebevoll. - -Wie die Frau sieht, daß ich zum Bewußtsein gekommen bin, fängt sie -freundlich zu sprechen an und erzählt mir, daß ich mich im Kälberstall -am Grafenhause befinde ... Siehst du, dort stand dieser Stall -- -erklärte Ljubow Onissimowna, mit der Hand auf den entferntesten Winkel -des halbzerfallenen Bretterzaunes zeigend. - - - - - VIERZEHNTES KAPITEL - - -Man hatte sie auf den Viehhof gebracht, weil man glaubte, sie sei -verrückt geworden. Geisteskranke Leibeigene, die zum Vieh herabgesunken -waren, pflegte man »zwecks Prüfung« auf den Viehhof zu schaffen, denn -die Viehwärter, lauter ältere und solide Leute, galten als berufen, -Geisteskranke zu beobachten. - -Die Frau in blauer Leinwand, bei der Ljubow Onissimowna zu sich kam, -hieß Drossida und war sehr gutherzig. - -Am Abend -- fuhr die Kinderfrau fort -- machte sie mir ein Lager aus -frischem Haferstroh. Sie zerfaserte es, so daß es so weich wie Daunen -war, und sagte mir: »Ich will dir alles eröffnen, Mädchen, komme was -kommen mag. Ich bin aber ebenso wie du und habe nicht immer diese blaue -Leinwand getragen. Auch ich habe schon ein anderes Leben gesehen. Ich -mag daran gar nicht zurückdenken, dir will ich aber nur dieses sagen: -gräme dich nicht, daß du auf den Viehhof verbannt worden bist, in der -Verbannung ist es viel besser, nimm dich aber vor diesem schrecklichen -Placon in acht ...« - -Und sie holt aus dem Busentuch ein weißes Fläschchen und zeigt es mir. - -Ich frage: - -»Was ist das?« - -Und sie antwortet: - -»Trink es nicht: es ist Schnaps. Ich habe mich einmal nicht beherrschen -können ... gute Menschen hatten es mir gegeben ... Jetzt kann ich ohne -den Placon gar nicht leben ... Du aber enthalte dich, solange du kannst, -und verurteile mich nicht, wenn ich ein wenig davon sauge, denn es ist -mir gar zu weh ums Herz. Du sollst aber noch einen Trost im Leben -erfahren: Gott hat _ihn_ schon von der Tyrannei erlöst ...« - -Ich schrie auf: »Er ist tot!« und griff mich an die Haare. Ich erkenne -meine Haare nicht: ganz weiß sind sie geworden ... Was ist das? - -Und sie sagt mir: - -»Erschrecke nicht, deine Haare sind dort, als man dich aus deinem Zopf -befreite, weiß geworden; er aber lebt und ist von der Tyrannei erlöst: -der Graf hat ihm eine Gnade erwiesen, die noch niemand erlebt hat. Wenn -die Nacht kommt, werde ich dir alles erzählen, jetzt will ich noch ein -wenig an meinem Placon saugen ... Das Herz brennt mir so ...« - -Und sie sog solange daran, bis sie einschlief. - -Nachts aber, als alle schon schliefen, stand Tantchen Drossida wieder -auf, ging, ohne Licht zu machen, ans Fenster, sog wieder am Placon, -versteckte ihn und fragte mich leise: - -»Schläft der Gram oder schläft er nicht?« - -Und ich antwortete: - -»Der Gram schläft nicht.« - -Sie kam an mein Bett und erzählte mir, daß der Graf den Arkadij nach der -Züchtigung zu sich berufen und ihm gesagt habe: - -»Du mußtest alles durchmachen, was ich für dich festgesetzt hatte. Da du -mein Favorit warst, werde ich dir meine Gnade erweisen: morgen stecke -ich dich unter die Soldaten. Da du aber meinen Bruder, den -durchlauchtigsten Grafen, trotz seiner Pistolen nicht gefürchtet hast, -will ich dir den Weg der Ehre eröffnen, -- ich will nicht, daß du tiefer -als auf der Stufe stehst, auf die du dich selbst mit deinem edlen Geiste -gestellt hast. Ich will einen Brief schreiben, daß man dich sofort in -den Krieg schickt, und du wirst nicht als gewöhnlicher Soldat, sondern -als Sergeant kämpfen. Zeige nun deinen Mut. Und du stehst jetzt nicht -mehr unter meinem Willen, sondern unter dem Willen des Zaren.« - -»Jetzt hat er es leichter,« sagte Tantchen Drossida, »und hat nichts zu -fürchten: jetzt droht ihm nur eine Gefahr: in der Schlacht zu fallen; -die Tyrannei des Grafen ist er aber los.« - -Ich glaubte ihr jedes Wort und träumte drei Jahre lang jede Nacht von -Arkadij Iljitsch, wie er kämpfte. - -So vergingen die drei Jahre, und Gott war mir gnädig: man schickte mich -nicht mehr ans Theater, sondern ließ mich bei der Tante Drossida im -Kälberstall als ihre Gehilfin. Hier hatte ich es gut, und die Frau tat -mir sehr leid. Wenn sie nicht allzuviel getrunken hatte, erzählte sie -mir nachts Geschichten, und ich hörte ihr gerne zu. Sie konnte sich noch -erinnern, wie der alte Graf von seinen eigenen Leuten erstochen worden -war. Sein Kammerdiener war der Haupttäter gewesen, -- die Leute hatten -seine Grausamkeit einfach nicht länger ertragen können. Ich trank aber -noch immer nicht und tat mit großer Freude die Arbeit für Tantchen -Drossida: die Kälbchen waren mir wie Kinder. Ich hatte sie so lieb, daß, -wenn man eines aus dem Stalle nahm, um es für den gräflichen Tisch zu -schlachten, ich es beim Abschied bekreuzigte und dann drei Tage lang -beweinte. Fürs Theater taugte ich nicht mehr, denn ich konnte nicht mehr -richtig die Beine bewegen. Einst hatte ich einen wunderschönen leichten -Gang; auf der Flucht mit Arkadij Iljitsch hatte ich mir wohl die Füße -erkältet und hatte nicht mehr die einstige Kraft in den Spitzen. Ich -kleidete mich in die gleiche blaue Leinwand wie Drossida, und Gott -allein weiß, wie ich mein Leben beschlossen hätte. Aber eines Abends bei -Sonnenuntergang, wie ich in der Stube sitze und Garn aufwickele, fliegt -zum Fenster ein Steinchen herein, und das Steinchen ist in ein Papier -eingeschlagen. - - - - - FÜNFZEHNTES KAPITEL - - -Ich schaue hin, ich schaue her, blicke zum Fenster hinaus, -- niemand -ist da. - -»Jemand hat wohl den Stein aus der freien Welt hereingeworfen,« denke -ich mir, »hat aber aus Versehen unser Fenster getroffen.« Und ich frage -mich: »Soll ich das Papier aufmachen oder nicht?« Es ist wohl besser, -daß ich es aufmache, denn es ist sicher etwas darauf geschrieben. -Vielleicht eine wichtige Nachricht. Ich kann das Geheimnis für mich -behalten und den Stein mit dem Zettel demjenigen zuwerfen, für den er -bestimmt ist. - -Ich mache das Papier auf, beginne zu lesen, und traue meinen Augen nicht -... - - - - - SECHZEHNTES KAPITEL - - -Und ich lese: - -»Meine treue Ljuba! Ich war im Kriege, habe für meinen Kaiser gefochten, -habe mehr als einmal mein Blut vergossen und bin dafür mit dem -Offiziersrang und dem Adel belohnt worden. Jetzt habe ich Urlaub zur -Heilung meiner Wunden bekommen und wohne im Gasthofe in der -Kanonier-Vorstadt. Morgen lege ich alle meine Orden und Kreuze an, gehe -zum Grafen, gebe ihm mein ganzes Geld, die fünfhundert Rubel, die man -mir zur Heilung meiner Wunden gegeben hat, und bitte ihn, dich -freizulassen, in der Hoffnung, daß wir uns nun vor dem Altar des -Höchsten trauen lassen können.« - --- Und weiter hieß es in dem Briefe, -- fuhr Ljubow Onissimowna mit -unterdrückter Erregung fort: »Was aber die Schmach betrifft, die Sie -über sich ergehen lassen mußten, so halte ich sie für ein bloßes Unglück -und rechne sie Ihnen nicht als Sünde und Schwäche an. Gott allein mag -Sie richten, ich aber empfinde Ihnen gegenüber nur Achtung.« Und der -Brief ist unterschrieben: »Arkadij Iljin.« - -Ljubow Onissimowna verbrannte den Brief sofort im Ofen, sagte keinem -Menschen etwas davon, selbst der Alten nicht, und betete die ganze Nacht -zu Gott. Sie betete aber nicht für sich, sondern nur für ihn: er war -zwar Offizier, mit Wunden und Ehrenzeichen bedeckt, sie konnte sich aber -gar nicht denken, daß der Graf ihn anders behandeln würde, als früher. - -Sie fürchtete einfach, daß man ihn schlagen würde. - - - - - SIEBZEHNTES KAPITEL - - -Am nächsten Morgen führte Ljubow Onissimowna die Kälbchen in aller Frühe -in die Sonne und gab ihnen Milch und eingeweichte Brotrinden. Plötzlich -hörte sie draußen, hinter dem Zaune, »in der Freiheit« viele Menschen -rennen und laut sprechen. - --- Was sie sprachen, -- erzählte sie, -- hörte ich nicht, aber ihre -Worte schnitten mich wie Messer ins Herz. Der Mistführer Philipp kam -gerade in den Hof gefahren, und ich fragte ihn: - -»Filjuschka, Väterchen, hast du nicht gehört, worüber die Leute draußen -sprechen?« - -Und er antwortet: - -»Sie gehen in die Kanonier-Vorstadt, wo in dieser Nacht der Gastwirt -einen schlafenden Offizier erstochen hat. Er hat ihm die Kehle -durchschnitten und fünfhundert Rubel von ihm geraubt. Man hat ihn schon -ergriffen, er war ganz blutig und hatte noch das ganze Geld bei sich.« - -Und wie er mir das sagt, falle ich wie tot zu Boden ... - -So war es auch: der Wirt hatte meinen Arkadij Iljitsch erstochen ... und -man beerdigte ihn hier, in diesem selben Grabe, auf dem wir jetzt sitzen -... Er liegt jetzt unter uns, in dieser Erde ... Darum führe ich ja euch -immer hierher spazieren ... Ich habe gar keine Lust, dorthin zu schauen -(sie zeigte mit der Hand auf die morschen Ruinen des Grafenhauses), -möchte nur hier in seiner Nähe sitzen und ... einen Tropfen zu seinem -Gedächtnis trinken ... - - - - - ACHTZEHNTES KAPITEL - - -Ljubow Onissimowna hielt inne -- sie war wohl mit ihrer Erzählung zu -Ende -- und holte aus der Tasche das Fläschchen und sog daran. Ich aber -fragte sie: - -»Wer hat denn den berühmten Toupetkünstler hier beerdigt?« - -»Der Gouverneur, mein Liebling, der Gouverneur war selbst bei der -Beerdigung dabei. Wie denn sonst? Er war doch Offizier, und der -Geistliche und der Diakon nannten ihn bei der Totenmesse >der Edle -Arkadij<. Und als man den Sarg ins Grab versenkte, gaben die Soldaten -blinde Schüsse in die Luft ab. Der Gastwirt wurde aber übers Jahr auf -dem Iljinka-Platze vom Henker mit der Knute bestraft. Dreiundvierzig -Knutenhiebe bekam er wegen Arkadij Iljitsch, blieb aber am Leben und kam -mit gebrandmarktem Gesicht nach Sibirien. Alle unsere Leute, die gerade -frei hatten, liefen hin, um zuzuschauen, und die Alten, die sich noch -erinnerten, wie man den Mörder des alten Grafen bestraft hatte, sagten, -daß dreiundvierzig Schläge viel zu wenig waren: Arkascha war eben von -einfacher Abstammung; für den Grafen hatte man aber hundertundeinen -Schlag gegeben. Nach dem Gesetz darf man ja keine gerade Zahl von -Schlägen geben, es muß immer eine ungerade Zahl sein. Damals hatte man -sich einen Henker aus Tula kommen lassen und ihm vorher drei Glas Rum zu -trinken gegeben. Er hatte die ersten hundert Schläge nur zur Peinigung -gegeben, so daß der Verbrecher immer noch am Leben blieb; mit dem -hundertersten Schlag zerschmetterte er ihm aber das Rückgrat. Als man -ihn vom Brette aufhob, war er schon halbtot ... Man deckte ihn mit einer -Bastdecke zu und wollte ihn ins Zuchthaus bringen ... Unterwegs gab er -den Geist auf. Der Henker aus Tula schrie aber noch: >Gebt mir noch -jemand her, alle Leute von Orjol will ich totschlagen!<« - -»Nun, waren Sie auch selbst bei der Beerdigung?« - -»Gewiß, wir alle waren dabei: der Graf hatte befohlen, daß man alle -Leute vom Theater hinführt, damit sie sehen, wie weit es einer von den -unsrigen bringen kann.« - -»Haben Sie ihn auch im Sarge liegen sehen?« - -»Gewiß! Alle gingen zum Sarge und nahmen von ihm Abschied ... Auch ich -ging hin ... Er war so verändert, daß ich ihn gar nicht wiedererkannt -hätte. So blaß und mager war er, -- die Leute sagten, er hätte sein -ganzes Blut verloren, weil ihn der Mörder um Mitternacht erstochen hat -... So viel Blut hat er verloren ...« - -Sie hielt inne und wurde nachdenklich. - -»Und Sie,« fragte ich, »wie haben Sie es überstanden?« - -Sie erwachte gleichsam aus ihren Träumen und fuhr sich mit der Hand über -die Stirn. - -»Wie es mir anfangs zumute war, weiß ich nicht mehr, ich weiß auch -nicht, wie ich nach Hause kam ... Ich ging ja mit allen zusammen vom -Friedhof fort, also hat mich wohl jemand geführt ... Am Abend sagte mir -aber Drossida Petrowna: - ->So geht es nicht, du schläfst nicht und liegst wie ein Stein da. Das -ist nicht gut! Du mußt weinen, damit das Herz einen Ausfluß hat.< - -Ich sage ihr drauf: - ->Ich kann nicht weinen, Tantchen, -- mein Herz brennt wie eine Kohle und -hat keinen Ausfluß.< - -Und sie antwortet: - ->Also kannst du dem Placon nicht mehr entgehen.< - -Sie schenkte mir aus ihrem Fläschchen ein und sagte: - ->Bisher habe ich dich davon zurückgehalten und es dir abgeraten. Jetzt -ist aber nichts mehr zu machen: sauge daran und lösche die Kohle.< - -Ich ihr drauf: >Ich habe keine Lust.< - ->Närrchen,< sagt sie mir, >kein Mensch hat anfangs Lust dazu. Der Gram -ist bitter, und das Gift ist noch bitterer. Wenn man die Kohle mit -diesem Gift begießt, erlischt sie für eine Weile. Saug schnell daran!< - -Ich trank den ganzen Placon auf einmal aus. Es war mir widerlich, ich -konnte aber anders nicht einschlafen. Und so war es auch in der nächsten -Nacht ... Heute kann ich ohne ihn nicht mehr auskommen. Habe mir selbst -einen Placon angeschafft und kaufe mir Schnaps ... Und du, liebes Kind, -sag der Mama nichts davon: du sollst die einfachen Menschen niemals -verraten, du sollst mit ihnen Mitleid haben, denn sie sind alle Dulder. -Und wenn wir jetzt nach Hause gehen, werde ich gleich an der Ecke ans -Fenster der Schenke klopfen ... Wir werden nicht hineingehen, ich werde -nur den leeren Placon abgeben, und man wird mir einen neuen durchs -Fenster reichen.« - -Ich war gerührt und versprach ihr, keinem Menschen von ihrem Placon zu -erzählen. - -»Ich danke dir, Lieber, -- sag es niemand: denn ich muß ihn haben.« - -Ich sehe sie auch heute noch vor mir: jede Nacht, wenn alle im Hause -schlafen, steht sie von ihrem Bette auf, so leise, daß kein Knöchelchen -knackt, sie lauscht und schleicht auf ihren langen erkälteten Beinen zum -Fenster ... Sie steht eine Weile da, sieht sich um und lauscht wieder, -ob meine Mutter nicht aus dem Schlafzimmer kommt; dann höre ich den Hals -des »Placons« gegen ihre Zähne klappern ... Sie nimmt einen Schluck, -einen zweiten und einen dritten ... So hat sie die Kohle für eine -Zeitlang gelöscht und eine Totenfeier für ihren Arkascha abgehalten. Und -dann schlüpft sie wieder unter die Decke, und ich höre sie nur leise mit -der Nase pfeifen. Sie schläft! - -Eine schrecklichere und herzzerreißendere Totenfeier habe ich noch nicht -erlebt. - - - - - ANLÄSSLICH DER KREUTZERSONATE - - - (Aus dem Nachlaß) - - »Jedes Mädchen steht moralisch - höher, als der Mann, weil sie - unvergleichlich - reiner ist. Ein Mädchen, - das geheiratet hat, steht - immer höher, als ihr Mann. Sie - steht höher als er, als Mädchen und - auch als Frau in unserm Leben.« - - L. Tolstoi. - - - - - ERSTES KAPITEL - - -Man begrub Fjodor Michailowitsch Dostojewskij. Das Wetter war rauh und -trübe. Ich fühlte mich an diesem Tage krank und vermochte dem Sarge nur -mit Mühe bis zum Tor des Newskij-Klosters zu folgen. Vor dem Tor -herrschte ein großes Gedränge. In der Menge hörte man Stöhnen und -Schreien. Auf einer Erhöhung erschien der Dramendichter Awerkijew und -schrie irgendetwas. Er hatte eine laute Stimme, aber man konnte seine -Worte nicht verstehen. Die einen sagten, er wolle Ordnung schaffen, und -lobten ihn dafür, die anderen ärgerten sich über ihn. Ich war unter -denen, die keinen Einlaß gefunden hatten, und da ich keinen Sinn sah, -noch länger hier zu bleiben, ging ich nach Hause, trank heißen Tee und -schlief ein. Von der Kälte und den verschiedenartigen Eindrücken fühlte -ich mich sehr müde. Ich schlief lange und so fest, daß ich zum -Mittagessen nicht aufstand. So kam ich an jenem Tage nicht dazu, zu -Mittag zu essen, weil zu der Summe verschiedenartiger Eindrücke noch ein -neuer, unerwarteter hinzu kam, der mich äußerst erregte. - -In der späten Dämmerung weckte mich mein Mädchen und sagte, daß eine -unbekannte Dame gekommen sei, die nicht weggehen wolle und beharrlich -bitte, ich möge sie empfangen. Damenbesuche bei unsereinem, einem -bejahrten Schriftsteller sind eine ganz gewöhnliche Sache. Zahlreiche -Damen und Mädchen kommen zu uns, um sich mit uns über ihre literarischen -Versuche zu beraten oder uns um unsere Unterstützung beim Unterbringen -ihrer Erzeugnisse bei ihnen unbekannten Redaktionen zu bitten. Deshalb -kamen mir der Besuch der Dame und ihre Hartnäckigkeit durchaus nicht -erstaunlich vor. Wenn das Leid groß ist und die Not nicht weichen will, -ist es nicht verwunderlich, wenn man hartnäckig wird. - -Ich sagte dem Mädchen, sie solle die Dame ins Arbeitszimmer bitten, und -machte mich zurecht. Als ich mein Kabinett betrat, brannte auf dem -großen Tische die Arbeitslampe. Ihr heller Schein beleuchtete nur ihn -und ließ das Zimmer im Halbdunkel. Die unbekannte Dame, die mich diesmal -besuchte, war mir in der Tat nicht bekannt. - -Als ich sie genauer betrachtete und sie bitten wollte, im Sessel Platz -zu nehmen, schien es mir, als wiche sie den erleuchteten Zimmerstellen -aus und trachte danach, im Schatten zu bleiben. Das kam mir sonderbar -vor. Auf solche Weise zieren und genieren sich manchmal schüchterne, -ungewandte Leute, aber am sonderbarsten erschien mir die bevorzugte -gesellschaftliche Stellung der Dame, die sich mir irgendwie fühlbar -mitteilte. Sie war entzückend gekleidet, ganz einfach, aber alles an ihr -war kostspielig und elegant: der reizende Plüschmantel, den sie nicht im -Vorzimmer abgelegt hatte und während unseres ganzen Gespräches -anbehielt; das elegante schwarze Hütchen, anscheinend kein russisches -Erzeugnis, sondern Pariser Modell, der hinten geknotete schwarze -Schleier, durch dessen doppeltes Netz ich nur das weiße, runde Kinn und -manchmal das Aufleuchten der Augen sehen konnte. Statt mir ihren Namen -und den Zweck ihres Besuches zu sagen, begann sie mit folgenden Worten: - -»Darf ich darauf rechnen, daß Sie sich für meinen Namen nicht -interessieren werden?« - -Ich antwortete ihr, daß sie durchaus darauf rechnen dürfe. Darauf bat -sie, ich möchte mich auf den Stuhl vor der Lampe setzen, und schob dann -ungeniert den grünen Taftschirm an der Lampenglocke so zurecht, daß das -ganze Licht auf mich fiel und ihr Gesicht im Schatten blieb. Dann setzte -sie sich selbst an das andere Ende des Tisches und fragte von neuem: - -»Sie haben keine Familie?« - -Ich antwortete, sie irre sich nicht, ich sei alleinstehend. - -»Kann ich ganz offen mit Ihnen sprechen?« - -Ich antwortete, daß, wenn sie Vertrauen zu mir habe, ich keinen Grund -sähe, der sie hindern könnte, zu sprechen, wie es ihr beliebe. - -»Wir sind hier allein?« - -»Ganz allein!« - -Die Dame stand auf und machte zwei Schritte in der Richtung gegen das -anstoßende Zimmer, in dem sich meine Bibliothek befand und hinter dem -mein Schlafzimmer lag. In der Bibliothek brannte eine matte Lampe, bei -deren Schein man das ganze Zimmer überschauen konnte. Ich rührte mich -nicht von der Stelle, sagte aber zur Beruhigung der Dame, sie sähe doch -selbst, daß bei mir niemand sei, außer der Bedienung und einer kleinen -Waise, die bei ihren Erwägungen keinerlei Rolle spielen könnten. Hierauf -setzte sie sich von neuem auf ihren Platz, rückte wieder an dem grünen -Schirm und sagte: - -»Sie entschuldigen mich, ich bin in großer Erregung ..., und mein -Benehmen mag sonderbar erscheinen, aber haben Sie Mitleid mit mir!« - -Ihre Hand, die sie wieder zu dem Taftschirm der Lampe erhoben hatte, -stak in einem schwarzen Glacéhandschuh und zitterte heftig. Statt zu -antworten, bot ich ihr Wasser an. Sie hielt mich zurück und sagte: - -»Es ist nicht nötig, ich bin nicht so nervös, ich bin zu Ihnen gekommen, -weil dieses Begräbnis, diese Menschenketten ..., dieser Mensch, der auf -mich einen so außergewöhnlich starken, zwingenden Eindruck gemacht hat, -dieses Gesicht und die Erinnerung an all das, was ich zweimal im Leben -erzählen mußte, alle meine Gedanken verwirrt haben. Wundern Sie sich -nicht, daß ich zu Ihnen gekommen bin. Ich werde Ihnen erzählen, warum -ich es getan habe; es macht nichts, daß wir einander nicht kennen: ich -habe viel von Ihnen gelesen, und vieles war mir so sympathisch, so -verwandt, daß ich es mir nicht versagen kann, mit Ihnen zu sprechen. -Vielleicht ist das, was ich vorhabe, eine ganz große Dummheit. Ich will -Sie vorher fragen, und Sie müssen mir aufrichtig antworten. Was Sie mir -raten, das werde ich tun.« - -Ihre tiefe Altstimme bebte, und ihre Hände, für die sie keinen Platz -fand, zitterten. - - - - - ZWEITES KAPITEL - - -Besuche und Anliegen dieser Art waren im Laufe meines literarischen -Lebens, wenn auch nicht gerade häufig, kamen aber doch vor. - -Am häufigsten waren es Menschen mit politischem Temperament, die -ziemlich schwer zu beruhigen sind und denen zu helfen doppelt riskant -und unangenehm ist, um so mehr, als man in solchen Fällen fast nie weiß, -mit wem man es zu tun hat. Auch diesmal ging mir zuerst durch den Kopf, -die Dame möge von politischen Leidenschaften umstürmt sein und habe -irgendetwas vor, was sie unglücklicherweise mir anvertrauen wolle. Die -Einleitung klang ganz danach, und darum sagte ich unangenehm berührt: - -»Ich weiß nicht, worüber Sie sprechen werden. Ich wage nicht, Ihnen -etwas zu versprechen, aber wenn Ihre eigenen Gefühle Sie hergeführt -haben, in dem Vertrauen, das Ihnen mein Leben und mein Ruf einflößen, so -werde ich keinenfalls Mißbrauch davon machen, was Sie mir anscheinend -als Geheimnis anvertrauen wollen.« - -»Ja,« sagte sie, »als Geheimnis, als absolutes Geheimnis, und ich bin -überzeugt, daß Sie es für sich behalten werden. Ich brauche Ihnen nicht -zu wiederholen, warum es geheim bleiben muß. Ich weiß, daß Sie es -fühlen, ich kann mich nicht täuschen; Ihr Gesicht sagt es mir deutlicher -als alle Worte, und zudem habe ich keine andere Wahl. Ich wiederhole -Ihnen, daß ich bereit bin, eine Handlung zu begehen, die mir in diesem -Augenblick ehrenhaft erscheint, und doch gleich wieder als eine -Taktlosigkeit: die Wahl muß sofort getroffen werden, in diesem -Augenblick, sie hängt von Ihnen ab.« - -Ich zweifelte nicht, daß hierauf ein politisches Geständnis folgen -würde, und sagte unwillig: - -»Ich höre zu.« - -Trotz des doppelten Schleiers fühlte ich den aufmerksamen Blick meines -Gastes auf mir ruhen, sie sah mich unverwandt an und sagte fest: - -»Ich bin eine ungetreue Frau! Ich betrüge meinen Mann.« - -Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß mir bei diesem Geständnis eine -schwere Last vom Herzen fiel; von Politik war anscheinend kein Gedanke. - -»Ich betrüge meinen prächtigen, gütigen Mann. Und das sind nun sechs, -... nein, mehr! ..., ich muß die Wahrheit sagen, sonst lohnt es sich -nicht, zu sprechen ... es sind jetzt acht Jahre her ... und dauert noch -an ... Es begann im dritten Monat meiner Ehe. Etwas schmählicheres gibt -es in der Welt nicht. Ich bin nicht alt, aber ich habe Kinder, verstehen -Sie?« - -Ich nickte zustimmend mit dem Kopfe. - -»Sie verstehen, was das heißt. Zweimal in meinem Leben kam ich, wie zu -Ihnen, zu ihm, den wir heute begraben haben und dessen Tod mich ganz -durchwühlt, und gestand ihm, was mich bewegte. Einmal behandelte er mich -barsch, das andere Mal zart, wie ein Freund. Wenn ich jetzt auch nicht -mehr in der Verfassung bin, in der ich zu ihm kam, so bitte ich Sie -schließlich doch, mir den Rat zu geben, den ich brauche. Das schlimmste -im Leben ist der Betrug, und ich glaube zu fühlen, daß es besser ist, -seine Niedrigkeit zu bekennen, die Strafe zu tragen, demütig und -zerknirscht auf die Straße geworfen zu sein, -- ich weiß nicht, was mit -mir geschehen wird, -- aber ich fühle das unbezwingbare Verlangen, -hinzugehen und meinem Manne alles zu erzählen. Ich fühle dieses -Bedürfnis seit sechs Jahren. Nach dem Beginn meines Verbrechens waren -zwei Jahre vergangen, wo ich ihn nicht sah. Dann begann es von neuem, -wie früher. Sechs Jahre habe ich den Vorsatz, es zu sagen, und habe es -doch nicht gesagt, aber heute, als ich dem Sarge Dostojewskijs folgte, -beschloß ich ein Ende zu machen und zwar so, wie Sie mir raten werden.« - -Da ich die Geschichte nicht verstanden hatte, schwieg ich und konnte ihr -durchaus keinen Rat erteilen. Sie sah es an meinem Gesichtsausdruck. - -»Sie müssen natürlich mehr wissen. Ich bin nicht gekommen, um Rätsel -aufzugeben, sondern um zu sprechen, um alles auszusprechen. Ich müßte -schamlos lügen, wenn ich mich rechtfertigen wollte. -- Ich habe niemals -Not gekannt, ich bin im Wohlstand geboren und lebe im Wohlstand. Die -Natur hat mir meinen Anteil Verstand nicht versagt. Man gab mir eine -gute Bildung, und ich hatte die Freiheit, meinen Ehegenossen selbst zu -wählen, -- ich brauche darüber keine Worte zu verlieren. Ich heiratete -einen Mann, der bis zur Stunde seinen guten Ruf mehr als bewahrt hat. -Meine Lage war vortrefflich, als dieser Mensch, das heißt, ich wollte -sagen, mein legitimer Gatte, mir seinen Antrag machte. Mir schien es, -als gefalle er mir, und ich glaubte, daß ich ihn lieben könne; -keinenfalls dachte ich, daß ich ihn betrügen würde, ihn auf die -niedrigste Weise betrügen, dabei aber den Ruf einer ehrenhaften Frau und -guten Mutter genießen würde, während ich keine anständige, ja vielleicht -eine niederträchtige Mutter bin. Zu dem Betrug hat mich der Teufel -selbst gebracht: wenn Sie wollen, glaube ich an den Teufel ... Im Leben -hängt so viel von den Umständen ab. Man sagt, in den Städten sei viel -Schmutz, auf dem Lande dagegen Reinheit: aber es war auf dem Lande -geschehen, wo ich mit diesem Menschen, mit diesem verfluchten Menschen -allein zusammen war, den mein Mann selbst zu mir gebracht und meiner -Sorge überlassen hatte. Wenn Reue nicht nutzlos wäre, so müßte ich -bereuen, müßte endlos diese Tat bereuen, die ich meinem Manne zu -verdanken habe. Aber die Sache trug sich so zu, daß ich mich nicht an -den Augenblick erinnere, ich erinnere mich nur an ein Gewitter, an eines -der schrecklichen Gewitter, die ich seit meiner Kindheit immer -gefürchtet habe. Ich liebte ihn damals nicht, ich hatte einfach Angst, -und als uns in dem großen Saale ein Blitz erhellte, ergriff ich seine -Hand ... Später, ich habe keine Erinnerung daran, ging es weiter. Dann -machte er eine Weltreise, kehrte zurück, und es begann von neuem: aber -jetzt will ich, daß es ein Ende nehme, und diesmal für immer. Ich wollte -es schon mehrmals, aber nie reichte mein Wille aus, es zu ertragen. Die -Entschlüsse, die ich gefaßt hatte, verflogen immer eine Stunde nach -seinem Erscheinen, und das Schlimmste ist, -- ich will nichts -verheimlichen, -- daß nicht er, sondern ich die Ursache war: ich selbst -sagte und erreichte es und ärgerte mich, wenn es mir schwer fiel, es zu -erreichen, -- und wenn ich dies weiter fortsetze, so wird der Betrug, -meine Erniedrigung niemals ein Ende haben ...« - -»Was wollen Sie nun tun?« fragte ich. - -»Ich will meinem Manne alles bekennen, ich will es unbedingt noch heute -tun, wenn ich von Ihnen nach Hause komme.« - -Ich fragte sie, wie ihr Mann sei und was für einen Charakter er habe. - -»Mein Mann,« antwortete die Dame, »genießt den besten Ruf, hat einen -guten Posten und ist ziemlich bemittelt; alle halten ihn für einen -ehrenwerten und edlen Menschen.« - -»Und Sie teilen diese Meinung?« fragte ich. - -»Nicht ganz, man schreibt ihm zu viel zu. Er ist allzu verständig und -ordentlich, aber er hat wenig von dem, was man Herz nennt, so -ungeschickt diese Bezeichnung auch ist, die an die sogenannte -Seelenharmonie erinnert, aber ich kann es nicht anders sagen. Seine -Herzensregungen sind abgezirkelt, geregelt, korrekt und eintönig.« - -»Und jener, den Sie lieben?« - -»Was wollen Sie über ihn wissen?« - -»Flößt er Ihnen Achtung ein?« - -»Oh!« rief die Dame und machte eine Bewegung mit der Hand. - -»Ich verstehe nicht ganz, was ich von dieser Bewegung denken soll?« - -»Sie sollen denken, daß er der herzloseste, elendeste Egoist ist, der -niemand irgendwelche Achtung einflößt, sich nicht einmal die Mühe gibt, -es zu tun.« - -»Sie lieben ihn?« - -Sie zuckte die Achseln und sagte: - -»Ich liebe ihn. Wissen Sie, es ist ein seltsames Wort, das auf aller -Lippen ist und das nur sehr wenige verstehen. Lieben ist dasselbe, wie -zur Poesie bestimmt sein, oder zur Rechtschaffenheit. Nur sehr wenige -sind zu diesem Gefühle befähigt. Unsere Bäuerinnen gebrauchen an Stelle -des Wortes lieben das Wort bemitleiden, und sagen nicht: er liebt mich, -sondern: er bemitleidet mich. Dies ist, meiner Ansicht nach, eine viel -bessere und auch viel einfachere Erklärung. Das Wort lieben-bemitleiden -heißt eben lieben im alltäglichen Sinne. Und dann gibt es noch: sich -sehnen. Man sagt: mein Ersehnter, mein lieber Ersehnter ... verstehen -Sie, -- sich sehnen ...« - -Sie hielt inne und atmete schwer. Ich reichte ihr ein Glas Wasser, das -sie diesmal aus meinen Händen nahm und sich dabei nicht fortwandte, aber -sie war anscheinend dankbar, daß ich sie nicht genauer anblickte. - -Wir schwiegen beide. Ich wußte nicht, was zu sagen, und in ihr war -anscheinend der Strom der Aufrichtigkeit versiegt. Sichtlich hatte sie -alles Wesentliche gesagt, es konnten nur mehr Details folgen. Sie erriet -meinen Gedanken genau und sagte mit leiser Stimme: - -»Nun denn, wenn Sie mir raten, daß ich es meinem Manne gestehen soll, so -werde ich es tun, aber vielleicht können Sie mir etwas anderes sagen? -Abgesehen von dem, was mir an Ihnen Sympathie und Vertrauen einflößt, -haben Sie auch Erfahrung, ich bin Ihre aufmerksame Leserin. Wir Frauen -fühlen auch das, was die berufsmäßigen Kritiker nicht fühlen. Sie -können, wenn Sie wollen, Ihre aufrichtige Meinung sagen: soll oder soll -ich nicht zu meinem Manne gehen und ihm meine schmachvolle, langjährige -Sünde gestehen?« - - - - - DRITTES KAPITEL - - -Wie interessant diese Geschichte auch war, ich fühlte doch meine -schwierige Lage. Wenn es auch viel leichter wäre, eine solche Antwort zu -geben, wie sie mein Gast forderte, als einen politisch Tätigen zu -beruhigen, oder ihm einen gewünschten Dienst zu erweisen, so fühlte ich -doch mein Gewissen hier zu einer sehr ernsten Entscheidung berufen. Ich -hatte lange genug gelebt und genug Frauen gesehen, die ihre Sünden -dieser Art kunstvoll zu verbergen wußten, oder, wenn sie sie nicht -verbargen, sie doch nicht eingestanden. Ich habe auch zwei oder drei -aufrichtige Frauen gekannt und entsinne mich, daß sie mir weniger -wahrheitsliebend, als grausam und affektiert erschienen. Ich fand dabei -immer, daß die Frau mit ihrer ganzen Aufrichtigkeit voreilig sei und daß -sie sich es ordentlich überlegen solle, bevor sie ihr Verbrechen dem -mitteilt, dem sie damit vielleicht schweres Leid zufügt. Ich kümmerte -mich niemals darum, wie sich die Welt zu dem Innenleben des Einzelnen -verhält. Nicht die Welt, sondern der Mensch selbst ist mir teuer, und -wenn ein Leid nicht unbedingt verursacht werden muß, warum es dann tun? -Wenn die Frau eben solch ein Mensch ist, wie der Mann, ein -gleichberechtigtes Glied der Gemeinschaft, und ihr dieselben -Empfindungen zugänglich sind, dasselbe menschliche Gefühl wie dem Manne, -was auch Christus sagt und was die Besten meines Jahrhunderts gesagt -haben, was jetzt auch Leo Tolstoi sagt und worin ich eine unumstößliche -Wahrheit fühle, -- weshalb kann dann die Frau nicht dasselbe tun, wie -der Mann, der das Gelübde der Keuschheit der Frau gegenüber, der er -durch Treue verbunden ist, bricht und schweigt, schweigt, obwohl er sein -Vergehen fühlt und dadurch manchmal die ganze Unwürdigkeit seiner -Verfehlungen fast ungeschehen macht? Ich bin überzeugt, daß die Frau es -ebenso tun kann. Zweifellos übersteigt die Zahl der Männer, die ihren -Frauen untreu sind, die Zahl der untreuen Frauen, und die Frauen wissen -es. Es gibt nicht eine, oder kaum eine Frau, die nach einer mehr oder -weniger langen Trennung von ihrem Manne die Überzeugung hätte, daß der -Mann ihr während dieser Trennung treu geblieben sei. Dessen ungeachtet -vergibt sie ihm nach seiner Rückkehr großmütig. Die Vergebung drückt -sich darin aus, daß sie gar nicht danach fragt, und seine Aufrichtigkeit -würde für sie keinen Dienst, sondern eine Kränkung bedeuten. Es wäre -eine Handlung, durch die etwas an den Tag gebracht wird, was sie gar -nicht wissen will. In der Ungewißheit findet sie die Kraft, ihre -Beziehungen fortzusetzen, als seien sie nur versehentlich unterbrochen -gewesen. Ich sehe ein, daß in meinen Betrachtungen mehr praktischer Sinn -steckt, als abstrakte Philosophie oder hohe Moral, aber ich bin trotzdem -geneigt, so zu denken, wie ich eben denke. - -In dieser Richtung setzte ich also die Unterhaltung mit meinem Gaste -fort und fragte: - -»Die schlechten Eigenschaften des Menschen, den sie lieben, flößen Ihnen -doch Verachtung ein?« - -»Eine sehr starke und beständige.« - -»Aber Sie geben sich doch die Mühe, ihn manchmal zu rechtfertigen?« - -»Zu meinem Bedauern ist das unmöglich: es gibt für ihn keine -Rechtfertigung.« - -»Dann erlaube ich mir die Frage: wie steht es mit Ihrer Entrüstung über -ihn? Bleibt sie stets gleich, oder nimmt sie manchmal ab und manchmal -zu?« - -»Sie wird immer stärker.« - -»Nun will ich Sie fragen, -- Sie erlauben doch, daß ich Sie frage?« - -»Bitte sehr.« - -»Wo befindet sich jetzt Ihr Mann, während Sie bei mir sitzen?« - -»Zu Hause.« - -»Was tut er?« - -»Er schläft in seinem Zimmer.« - -»Und dann, wenn er aufsteht?« - -»Er steht um acht Uhr auf.« - -»Und was tut er dann?« - -Mein Gast lächelte. - -»Er wird sich waschen, sich anziehen, zu den Kindern gehen und mit ihnen -eine halbe Stunde spielen, dann bringt man den Samowar, aus dem ich ihm -ein Glas Tee einschenke.« - -»So,« sagte ich, »ein Glas Tee, der Samowar, die Hauslampe, das sind -prächtige Dinge, bei denen wir bleiben wollen.« - -»Gut gesagt.« - -»Und das verläuft mehr oder weniger -- angenehm?« - -»Für ihn schon, glaube ich.« - -»Verzeihen Sie, in dieser Angelegenheit, die Sie die Liebenswürdigkeit -hatten, mir aufzudecken, hat er allein Recht auf Rücksicht, -- nicht die -Kinder, die niemals etwas erfahren sollen, und schließlich auch nicht -Sie. Nein, auch Sie nicht, da Sie ihm das Leid zugefügt haben, während -er der leidende Teil ist. Deshalb muß man an ihn denken, daß er nicht -leide; nun stellen Sie sich vor, daß er, statt seiner Gewohnheit gemäß, -Tee zu trinken und vielleicht respektvoll Ihre Hand zu küssen ...« - -»Nun?« - -»... Und dann an seine Geschäfte zu gehen, zu Abend zu essen und Ihnen -eine gute Nacht zu wünschen, -- stellen Sie sich vor, wenn er statt -dessen Ihr Geständnis hört, aus dem er erfährt, daß sein ganzes Leben -vom ersten Monat an, oder vielleicht sogar vom ersten Tag der Ehe an in -einen derartig sinnlosen Rahmen gestellt war? Sagen Sie, erweisen Sie -ihm damit einen guten oder schlechten Dienst?« - -»Ich weiß es nicht. Wenn ich das wüßte, wenn ich diese Entscheidung -treffen könnte, so wäre ich nicht hier und würde nicht darüber sprechen. -Ich frage Sie um Rat, was ich tun soll.« - -»Einen Rat kann ich Ihnen nicht geben, aber ich kann Ihnen die Meinung -sagen, die ich mir gebildet habe. Aber damit sie in meinen Augen eine -bestimmte Form annimmt, erlaube ich mir an Sie eine Frage zu richten: -... Die Gefühle bleiben im Menschen nie in ein und der selben Stärke ... -Vermindert sich ihre Abneigung gegen jenen?« - -»Nein, sie verschärft sich.« - -Sie schrie es förmlich aus ihrem wehen Herzen, ja, sie schien -aufspringen zu wollen, um etwas aus dem Wege zu gehen, was ich in meiner -Vorstellung sah. Obwohl ich ihr Gesicht nicht sehen konnte, fühlte ich, -daß sie entsetzlich litt und daß ihr Schmerz einen Grad erreicht hatte, -dem eine Entspannung folgen mußte. - -»Folglich«, sagte ich, »verurteilen Sie ihn immer strenger ...« - -»Ja, immer mehr und mehr.« - -»Schön«, sagte ich, »jetzt erlaube ich mir Ihnen zu sagen, daß ich es -für das Verständigste hielte, wenn Sie sich, nach Hause zurückgekehrt, -an Ihren Samowar setzen würden, wie bisher.« - -Sie hörte schweigend zu. Ihre Augen waren auf mich gerichtet, ich sah -sie durch den Schleier glänzen und hörte ihr Herz laut und schnell -schlagen. - -»Sie raten mir, mein Schweigen fortzusetzen?« - -»Ich rate Ihnen nicht, aber ich denke, daß es für Sie, für ihn und für -Ihre Kinder das Beste wäre.« - -»Aber warum das Beste? Das heißt doch, es endlos in die Länge ziehen?« - -»Darum das Beste, weil durch die Offenheit alles nur schlimmer werden -würde, und diese Endlosigkeit würde noch trauriger sein, als jene, von -der Sie sprachen.« - -»Meine Seele würde durch das Leiden geläutert werden.« - -Mir schien, als sähe ich ihre Seele: sie war lebendig und triebhaft, -aber keine von jenen, die vom Leide geläutert werden. Deshalb sagte ich -nichts mehr über ihre Seele, sondern erwähnte wieder die Kinder. - -Sie rang die Hände, daß die Finger knackten, und senkte langsam den -Kopf. - -»Und was wird das Ende dieses Liedes sein?« - -»Ein gutes Ende.« - -»Auf was hoffen Sie?« - -»Darauf, daß Ihnen dieser Mensch, den Sie lieben, oder, Ihren Worten -nach, nicht lieben, aber an den Sie sich gewöhnt haben, von Tag zu Tag -verhaßter werden wird.« - -»Ach, er ist mir schon so verhaßt.« - -»Er wird es noch mehr werden, und dann ...« - -»Ich verstehe Sie.« - -»Ich bin sehr froh darüber.« - -»Sie wollen, daß ich ihn schweigend fallen lasse?« - -»Ich glaube, daß dies der glücklichste Ausweg aus Ihrem Leid wäre.« - -»Und dann ...« - -»Und dann werden Sie alles wieder gut machen ...« - -»Wieder gut machen ... Das ist unmöglich.« - -»Verzeihen Sie, ich wollte damit sagen, Sie werden ihre Sorgfalt für -Ihren Mann und Ihre Kinder verdoppeln. Das wird Ihnen die Kraft geben, -die Vergangenheit nicht zu vergessen, sondern die Erinnerung an das -Vergangene zu bewahren und darüber genügend Anlaß zu finden, für andere -zu leben.« - -Sie stand auf, stand unerwartet auf, zog ihren Schleier noch tiefer, -streckte mir die Hand entgegen und sagte: - -»Ich danke Ihnen, ich bin froh, daß ich meinem inneren Gefühl gefolgt -habe, das mir riet, zu Ihnen zu gehen, nachdem mich der schreckliche -Eindruck der Beerdigung so erregt hatte. Ich kam von ihr wie eine -Verrückte nach Hause, und wie gut ist es, daß ich nichts von all dem -getan habe, was ich tun wollte. Leben Sie wohl.« Sie gab mir wieder die -Hand und drückte sie so fest, als wolle sie mich auf dem Platze -zurückhalten, auf dem wir standen. Dann verneigte sie sich und ging. - - - - - VIERTES KAPITEL - - -Ich wiederhole, daß ich das Gesicht dieser Frau nicht gesehen habe; nur -nach dem Kinn und dem durch den Schleier, wie durch eine Maske -verhüllten Gesicht zu urteilen war schwierig, aber von ihrer Gestalt -hatte ich, trotz des Plüschmantels und des Hütchens, den Eindruck von -etwas Graziösem. Es war eine elegante, leichte Gestalt, die einen -ungewöhnlich lebhaften und starken Eindruck in meinem Gedächtnis -hinterließ. - -Ich hatte diese Dame bisher noch nirgends getroffen, und auch der Stimme -nach war sie mir unbekannt. Sie sprach mit ihrer unverstellten Stimme, -einem klangvollen, tiefen, sehr angenehmen Alt. Ihre Bewegungen waren -elegant, man konnte annehmen, daß sie den hohen Gesellschaftskreisen -angehörte, ja, noch genauer, dem höchsten Beamtenkreis, daß sie die Frau -eines Direktors oder Vize-Direktors eines Departements war, oder etwas -in dieser Art. Mit einem Wort, die Dame war und blieb mir unbekannt. - -Seit dem Begräbnis Dostojewskijs und der von mir erzählten Begebenheit -waren drei Jahre vergangen. In diesem Winter war ich erkrankt und im -Frühjahr darauf reiste ich in ein ausländisches Bad. Ein Freund und eine -meiner Verwandten begleiteten mich zum Bahnhof. Wir fuhren in einem -Wagen, ich hatte mein Gepäck bei mir. An der Kreuzung einer der in den -Newskij-Prospekt mündenden Straßen vor der Auffahrt eines großen -staatlichen Gebäudes erblickte ich eine Dame. Trotz meiner -Kurzsichtigkeit erkannte ich in ihr meine Unbekannte. Ich war ganz -unvorbereitet, dachte gar nicht an sie, und deshalb frappierte mich -diese auffallende Ähnlichkeit. Mich durchzuckte der ungeschickte -Gedanke, aufzustehen, an sie heranzutreten, sie etwas zu fragen, aber da -fremde Leute dabei waren, tat ich es zum Glück nicht und rief nur aus: - -»Bei Gott, das ist sie!« und gab damit meinen Begleitern Anlaß zur -Heiterkeit. Sie war es in der Tat gewesen. - -Nach der Gewohnheit aller Russen, oder wenigstens der meisten Russen -machte ich eine Rundreise. Zunächst fuhr ich nach Paris, im Juli trank -ich Heilquellen, und erst später im August, erschien ich dort, wo ich im -Juni hätte sein sollen. Ich lernte bald die übrigen dort zur Kur -weilenden Russen kennen und kannte schließlich fast alle, so daß mir die -Ankunft neuer Landsleute auffiel. Als ich eines Tages auf einer Parkbank -saß, an der die Straße zum Bahnhof vorüberführte, erblickte ich eine -Kalesche, in der ein Herr in hellem Überzieher und Hut, eine Dame mit -Schleier und ihnen gegenüber ein neunjähriger Knabe saßen. - -Und wieder geschah mir dasselbe, wie bei meiner Abreise aus Petersburg: - -»Mein Gott, das ist sie!« - -Sie war es in der Tat. - -Am anderen Tage im Parkhotel sah ich beim Kaffee ihren wohlanständig, -aber etwas abgelebt aussehenden Mann und ihr ungewöhnlich schönes Kind. -Der Knabe hatte etwas Zigeunerhaftes, er war gebräunt, hatte schwarze -Locken und große, himmelblaue Augen. - -Ich erlaubte mir eine kleine Keckheit und bestach den Kellner, damit er -mir einen Tisch in ihrer Nähe gäbe. Ich wollte ihr Gesicht näher -betrachten. Sie war hübsch und hatte weiche, angenehme Züge, die aber -einen etwas unbedeutenden Ausdruck zeigten. Sie erkannte mich -zweifelsohne und gab sich zwei, dreimal Mühe, sich so zu setzen, daß ich -sie nicht beobachten könne. Später stand sie auf und blieb neben einer -mir bekannten Dame stehen, sprach mit ihr und ging darauf zu ihrem Manne -zurück. - -Abends, nach dem Nachtischkaffee, sagte mir meine Bekannte, an die die -Dame herangetreten war, daß sie mich Frau N. vorstellen wolle, welche -eben an uns vorüberging, was sie auch gleich tat. Ich sagte ihr eine -herkömmliche Phrase, die sie mit ebenso herkömmlichen Worten -beantwortete, aber an diesen Worten, an dieser Stimme, an ihren -Bewegungen erkannte ich sie wieder. Sie war es zweifellos, und sie war -klug genug, zu begreifen, daß ich sie erkannt hatte; trotzdem entschloß -sie sich, meine Bekanntschaft zu machen. Sie konnte mit meiner -Anständigkeit rechnen und auf das Versprechen, das ich ihr damals -gegeben hatte, bauen. - -Seit der Zeit trafen wir uns und unternahmen sogar einige gemeinsame -Ausflüge mit bekannten Damen und mit ihrem Sohne. Ihr Mann liebte diese -Unternehmungen nicht, er hatte Schmerzen im Knie und hinkte leicht. Ich -hatte keine Vorstellung davon, was mit ihm vorging: entweder war ihm -seine Frau lästig, oder er wollte frei sein und sich einer, vielleicht -mehr als einer der zugereisten Damen zweifelhaften Rufes widmen. - -Aber bei allen unseren Begegnungen und Gesprächen machte sie nie eine -Andeutung, daß wir uns schon früher gesehen hätten. Doch ich fühlte -wohl, wie wir es beide für zweifellos hielten, daß wir einander -verstünden. In dieser Situation trat mit einem Male ein ganz -unvorhergesehener Fall ein. - -An einem prächtigen Morgen war sie nicht erschienen, um ihren Mann zum -Brunnen zu begleiten. Er war auch beim Kaffee allein und erzählte, daß -ihr Anatol erkrankt sei und daß seine Frau vor Kummer außer sich wäre. - -Um acht Uhr abends brachte mir mein Portier die erschreckende Nachricht, -daß in einem der Hotels ein Kind an Diphtherie gestorben sei. Es war -natürlich der Sohn meiner Unbekannten. - -Ich gehöre nicht zu den überängstlichen Menschen, nahm daher gleich -meinen Hut und ging in das Hotel. Mir schien aus irgendeinem Grunde, daß -sich ihr Gemahl allzu teilnahmslos verhalte, und dachte, wenn das kranke -Kind ihr Sohn sei, könne ihr vielleicht meine Hilfe oder mein Beistand -dienlich sein. - -Ich kam in ihr Hotel. Niemals werde ich vergessen, was ich dort sah. Sie -hatte dort zwei Zimmer. In dem ersten, dem Empfangszimmer mit den roten -Plüschmöbeln stand mit aufgelöstem Haar und starren Augen meine -Unbekannte. Sie streckte ihre beiden Hände mit gespreizten Fingern vor -sich hin und verteidigte mit ihrem Körper den Diwan, auf dem etwas mit -einem weißen Laken Bedecktes lag. Aus dem Laken sah ein kleiner, blau -angelaufener Fuß hervor, das war er, -- der tote Anatol. An der Türe -standen zwei mir unbekannte Männer in grauen Mänteln, vor ihnen eine -Kiste, kein Sarg, sondern eine Kiste von etwa zwei Arschin Tiefe, die -bis zur Hälfte mit etwas Weißem angefüllt war, das ich erst für Milch -oder Stärke hielt. Vor ihr standen ein Polizeikommissar und ein Bürger -mit irgendeinem Abzeichen. Alle sprachen laut. Der Gatte der Dame war -nicht zu Hause, sie war allein, stritt, leistete Widerstand und rief, -als sie mich sah: - -»Mein Gott! Schützen Sie mich! Helfen Sie mir! Sie wollen mir das Kind -nehmen, sie wollen es nicht beerdigen lassen. Es ist eben gestorben.« - -Ich wollte für sie eintreten, aber es wäre ganz zwecklos gewesen, auch -wenn wir die vier Menschen hätten überwältigen können, die sie nun ohne -alle Umstände und ziemlich grob in das andere Zimmer stießen und die -Türe abschlossen, gegen die sie dann vergeblich unter entsetzlichem -Stöhnen mit den Fäusten schlug. Indessen nahmen die Männer das Kind, das -noch eben so blühend gewesen war, versenkten es in die Kalklauge und -gingen eilig mit der Kiste fort. - - - - - FÜNFTES KAPITEL - - -In den kleinen Badeorten und Städtchen sind Todesfälle äußerst -unbeliebt. Die Inhaber der Hotels und möblierten Zimmer suchen nach -Kräften solche Mieter zu meiden, deren Gesundheitszustand sie einen -baldigen Tod befürchten läßt. - -In keinem dieser Städtchen sind Beerdigungsprozessionen gestattet, und -wenn ein Todesfall eintritt, so wird er vor allen Unbeteiligten -verheimlicht, und der Tote wird ohne jede Beerdigungsfeier mit der Bahn -fortgebracht. - -Ansteckende Krankheiten mit tödlichem Ausgange kommen nur sehr selten -vor, und in dem Ort, wo der Sohn meiner Bekannten gestorben war, geschah -es zum erstenmal. Die Nachricht darüber verbreitete sich mit -unglaublicher Geschwindigkeit unter dem Publikum und rief, besonders -unter den Damen, panischen Schrecken hervor. - -Die Ärzte des Ortes, die an einem solchen Platze stets den führenden -Stand ausmachen, gaben sich alle Mühe, die aufgeregten Gemüter zu -beruhigen, überboten einander an Eifer, verzankten sich und bildeten -zwei Lager. Die einen, zu denen die beiden Ärzte gehörten, die das Kind -behandelt hatten, gaben zu, daß die Todesursache tatsächlich Diphtherie -gewesen sei, erklärten aber, daß gegen die Ansteckungsgefahr alle -notwendigen Maßnahmen getroffen worden wären, daß sie in besonderen -Kleidern zu dem Kind gegangen seien und daß sie sich nachher sorgfältig -desinfiziert hätten. Zwei von ihnen ließen sich sogar die Bärte -abnehmen, um zu beweisen, wie ernst sie die Sache nähmen. Die anderen -aber, die überwiegende Mehrzahl, behaupteten, der Fall sei ziemlich -zweifelhaft gewesen, führten sogar Gegenbeweise an und beschuldigten -ihre Kollegen, die Krankheit des Kindes bedachterweise übertrieben zu -haben. Daraus entstand eine große, nutzlose Unruhe, die die Kranken um -ihre Ruhe brachte und mehr als alles andere die wirtschaftlichen -Interessen der Einwohner bedrohte. Diese zweite medizinische Fraktion -mißbilligte das rücksichtslose und schroffe Vorgehen der Stadtverwaltung -gegen Frau N., der man das Kind mit räuberischer Gewalt entrissen hätte, -fast noch im Augenblick des Todes, ja vielleicht noch früher, noch bevor -die letzten Lebensfunken erloschen waren. Mit dem Hinweis auf diese -Rücksichtslosigkeit wollten die Ärzte die Aufmerksamkeit des Publikums -von sich auf die anderen ablenken, deren Benehmen in der Tat -ungewöhnlich roh gewesen war. Aber das gelang ihnen nicht. Der -menschliche Egoismus pflegt in Augenblicken der Gefahr besonders -widerwärtig zu werden. Unter dem Publikum fand sich niemand, der der -traurigen Lage der unglücklichen Mutter auch nur ein wenig -Aufmerksamkeit geschenkt hätte. -- War es tatsächlich Diphtherie -gewesen, so waren keine Umstände am Platze, und je entschlossener und -fester die Beamten gehandelt haben, um so besser war es. Man darf doch -nicht die anderen der Gefahr aussetzen! Man interessierte sich nur für -das Eine: wohin man die Kiste mit dem gefährlichen Toten gebracht hatte. -Aber die Nachricht darüber war beruhigend. Man hatte die Kiste in den -schwarzen Sumpf gebracht, aus dem man früher den Heilschlamm für die -Bäder holte. Sie war an einer der tiefen Stellen des Sumpfes versenkt, -diese mit Steinen überschüttet und nochmals mit Kalklauge übergossen -worden. Sorgfältiger und energischer konnte man wohl mit einer solchen -Leiche kaum verfahren. Nun begann aber die Vergeltung an dem Hotel, aus -dem fast die gesamten Insassen geflüchtet waren, mit Ausnahme der -Ärmeren, die sich den Luxus nicht leisten konnten, das für den Monat -vorausbezahlte Zimmer aufzugeben. Das ganze Hotel mußte desinfiziert -werden, jedenfalls die Zimmer, die die Familie N. bewohnt hatte, sowie -die anstoßenden Räume. Ebenso mußte der Korridor desinfiziert werden, -durch den der Knabe gelaufen war, und die Ecke des Speisesaales, in der -die Familie N. ihre Mahlzeiten eingenommen hatte. Das alles machte eine -sehr bedeutende Rechnung, wenn ich nicht irre, über dreihundert Gulden, -weil man es auch für notwendig hielt, die Polstermöbel der drei -Appartements zu verbrennen und in den anderen Räumen die Gardinen, -Teppiche und Portieren durch neue zu ersetzen. Aus diesem Anlaß wurden -an Herrn N. vom Hotelinhaber Geldforderungen gestellt. Die -Stadtvertreter unterstützten die Rechte des Besitzers und behaupteten, -daß er trotz der geforderten Entschädigung einen Verlust erleiden werde, -da viele Räume während der ganzen Saison leer stehen würden. Auch für -die Zukunft riskiere der Wirt einen großen Teil seiner Gäste zu -verlieren, da die meisten Besucher, die erfahren hätten, daß in dem -Hause ein Diphtheriefall vorgekommen sei, das Hotel meiden würden. - -Forderungen dieser Art waren für die Kurgäste neu, und alle -interessierten sich für den Ausgang dieser Angelegenheit. Die einen -fanden die Forderung schikanös, die anderen gerecht, jedoch viel zu -hoch. Überall sprach man darüber, und Herr N. wurde zu einer -interessanten Persönlichkeit. Es war erstaunlich, daß man ihn nicht -fürchtete. Aber man sprach mit ihm, weil man wußte, daß er als kranker -Mann sofort nach der Erkrankung seines Sohnes sein Zimmer verlassen -hatte und bis zu dessen Tode nicht zurückgekehrt war. Nach seiner Frau -erkundigte sich niemand, und sie war während einiger Tage nicht zu -sehen. Man nahm an, daß sie abgereist oder krank sei. Für die Leute, die -sich für die Sitten des Auslandes interessierten, stellte Herr N. eine -sehr interessante Persönlichkeit dar. Jeden Tag berichtete er, welche -Forderungen an ihn gestellt wurden und was er auf sie geantwortet hätte. -Er stellte nicht in Abrede, daß der Hotelinhaber Verluste erlitten habe -und daß der Tod des Knaben tatsächlich die Ursache dieser Verluste sei, -aber er bestritt das Recht einer willkürlichen Zahlungsforderung an ihn, -die er nicht ohne Gerichtsbeschluß begleichen wolle. - -»Nehmen wir an,« sagte er, »daß ich bezahlen muß, aber das darf mir -nicht durch irgendeinen Kommissar und drei Kleinbürger erklärt werden, -sondern durch einen formellen Gerichtsbeschluß, dem ich mich unterwerfen -kann. Und außerdem, was bedeutet dieses Urteil: zahlen, -- schön, wenn -ich die Mittel habe zu zahlen. Man kann mir meinen Koffer nehmen, aber -nicht mehr. Wenn ein Armer an meiner Stelle gewesen wäre, so nehme ich -an, daß man mit ihm überhaupt nicht reden würde.« - -Alle waren mit dieser komplizierten Frage beschäftigt, und um Herrn N. -bildeten sich in einemfort Kreise, die über seine Rechte und die ihn -beschäftigenden Unannehmlichkeiten diskutierten. Die Angelegenheit aber -wurde bald darauf friedlich beigelegt. Die Stadt wollte die Sache nicht -vor Gericht kommen lassen, weil dadurch das Gerede über den -Diphtheriefall noch größeren Umfang angenommen hätte, und man -entschloß sich, die Angelegenheit durch ein friedliches -Übereinkommen zu erledigen, nach dem Herr N. nur die Rechnung des -Desinfektionsunternehmers bezahlen sollte. Damit wäre die Angelegenheit -erledigt gewesen, doch da trat plötzlich ein neues Ereignis ein: Frau -N., die acht Tage in dem großen Hotelzimmer verbracht hatte, ging -täglich an den Sumpf, in den man die Kiste mit dem Körper ihres Kindes -geworfen hatte. Am neunten Tage kehrte sie von diesem Gange nicht -zurück. Man suchte sie vergeblich, niemand hatte sie im Park oder im -Walde gesehen. Sie kam zu keiner ihrer Bekannten, trank in keinem der -Restaurants ihren Tee, sondern war einfach verschwunden. Mit ihr waren -auch die gußeisernen Hanteln verschwunden, mit denen ihr Mann -Zimmergymnastik trieb. Vergeblich suchte man sie drei, vier Tage und -begann dann Verdacht zu schöpfen, sie habe sich vielleicht im Sumpfe -ertränkt. Wie es heißt, hat sich diese Annahme später auch bestätigt. -Ihren Leichnam, als er an die Oberfläche gekommen war, hatte der Sumpf -wieder hinuntergezogen. So kam sie um. - -Das Ereignis war durch seine Tragik bemerkenswert, vor allem durch die -Ruhe, mit der dies alles vor sich gegangen war. Die verschwundene Frau -N. hatte weder etwas Schriftliches noch sonst irgendwelche Anzeichen -ihres Entschlusses, ein Ende mit sich zu machen, hinterlassen; Herr N. -erregte viel Mitgefühl. Er selbst hüllte sich bescheiden in ein kaltes -und verschlossenes Schweigen. Er sagte, es wäre am besten für ihn, wenn -er abreisen würde, reiste aber seiner schwachen Gesundheit halber, die -die Fortsetzung der Kur an dieser Heilquelle erforderte, nicht ab. - -Wir vertrugen uns nur schlecht miteinander, augenscheinlich waren wir -Menschen mit sehr ungleichen Charakteren. Ungeachtet dessen, daß ich um -das Geheimnis seiner Ehe wußte, das mich hätte veranlassen sollen, ihn -zu bemitleiden, war er mir weit widerwärtiger, als seine Frau, die sich -an ihm als Ehemann vergangen hatte. Ich hatte keinen Grund, eine -Annäherung mit ihm zu wünschen, aber in einer für mich unverständlichen -Anwandlung würdigte er mich plötzlich seiner Aufmerksamkeit und erwähnte -in den Gesprächen, die sich zwischen uns entspannen, oft und gern seine -verstorbene Frau. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit -Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. - -Die folgenden Fehler wurden, teilweise unter Verwendung der russischen -Originaltexte, wie hier aufgeführt korrigiert (vorher/nachher): - - [S. 59]: - ... welche neue Wunder sich uns offenbarten, wie wir zuguterletzt ... - ... welche neuen Wunder sich uns offenbarten, wie wir - zuguterletzt ... - - [S. 77]: - ... Da hast seine Seele hinausgelassen, wie eine Taube aus ... - ... Du hast seine Seele hinausgelassen, wie eine Taube aus ... - - [S. 118]: - ... Schnaps und einen Füngzigerschein. Der Beamte mußte ... - ... Schnaps und einen Fünfzigerschein. Der Beamte mußte ... - - [S. 119]: - ... ein sehr unzermonieller und überdies naiver ... - ... ein sehr unzeremonieller und überdies naiver ... - - [S. 127]: - ... die Favoritin der Favoritinnen, und ihr Aufenhalt im ... - ... die Favoritin der Favoritinnen, und ihr Aufenthalt im ... - - [S. 128]: - ... zu den Füssen des schlummernden Mädchens auf dem ... - ... zu den Füßen des schlummernden Mädchens auf dem ... - - [S. 128]: - ... und Sitten der Helden dieser legendaren Berichte ... - ... und Sitten der Helden dieser legendären Berichte ... - - [S. 136]: (mehrfache Fälle) - ... den Heiligen Nikola und Jurko gründete. Aber Gott allein ... - ... den Heiligen Nikola und Jurka gründete. Aber Gott allein ... - - [S. 139]: - ... der Schubinskijs. Wenn sein Geprächspartner ... - ... der Schubinskijs. Wenn sein Gesprächspartner ... - - [S. 140]: - ... weder Demokrat nach Nationalist in unserem jetzigen ... - ... weder Demokrat noch Nationalist in unserem jetzigen ... - - [S. 149]: - ... der Reihe nach besinnen, sonder ein Stück war abgerissen, ... - ... der Reihe nach besinnen, sondern ein Stück war abgerissen, ... - - [S. 151]: - ... arretieren. Geben Sie mir bitte Ihre Säbel, und wollen ... - ... arrestieren. Geben Sie mir bitte Ihre Säbel, und wollen ... - - [S. 162]: - ... der Kopf herausschaute, schütteten ihm Flaumfedern über ... - ... der Kopf herausschaute, schüttete ihm Flaumfedern über ... - - [S. 171]: - ... Ssasikow und Owtschinikow werden von vielen ... - ... Ssasikow und Owtschinnikow werden von vielen ... - - [S. 171]: - ... Schriftsteller Bret-Hart erzählt von einem Künstler, ... - ... Schriftsteller Bret Harte erzählt von einem Künstler, ... - - [S. 172]: - ... ich hier erzählte, hat sich zu Orjol in den Tagen meiner ... - ... ich hier erzähle, hat sich zu Orjol in den Tagen meiner ... - - [S. 175]: - ... durch eine Nebenwolke hindurch blickte.« ... - ... durch eine Nebelwolke hindurch blickte.« ... - - [S. 178]: - ... sagte dem Regisseur, als dieser bestätigte, daß »Liuba die ... - ... sagte dem Regisseur, als dieser bestätigte, daß »Ljuba die ... - - [S. 183]: - ... Arkadij war es ober schon so zumute, daß er nicht mehr ... - ... Arkadij war es aber schon so zumute, daß er nicht mehr ... - - [S. 184]: - ... Als Arkedij den Namen seines Herrn hörte, fuhr er ... - ... Als Arkadij den Namen seines Herrn hörte, fuhr er ... - - [S. 185]: - ... durchnitten.« ... - ... durchschnitten.« ... - - [S. 186]: - ... geheime Verließe, wo lebendige Menschen wie die Bären ... - ... geheime Verliese, wo lebendige Menschen wie die Bären ... - - [S. 188]: - ... Leuten zu Flucht verholfen hat. Wir geben ihm ein Geschenk, ... - ... Leuten zur Flucht verholfen hat. Wir geben ihm ein Geschenk, ... - - [S. 190]: - ... irgendeinen Rock und eine Jacke, denn es ist ein Schande, ... - ... irgendeinen Rock und eine Jacke, denn es ist eine Schande, ... - - [S. 190]: - ... »Mein Lieber, in den Kasten mit den Kichengewändern ... - ... »Mein Lieber, in den Kasten mit den Kirchengewändern ... - - [S. 194]: - ... Siehst du, dort stand dieser Stall -- erklärte Lubow - Onissimowna, ... - ... Siehst du, dort stand dieser Stall -- erklärte Ljubow - Onissimowna, ... - - [S. 217]: - ... das Gelübte der Keuschheit der Frau gegenüber, der ... - ... das Gelübde der Keuschheit der Frau gegenüber, der ... - - [S. 223]: - ... Seit dem Begräbnis Dostowjewskijs und der von mir ... - ... Seit dem Begräbnis Dostojewskijs und der von mir ... - - [S. 225]: - ... Sie war es zweiffellos, und sie war klug genug, zu begreifen, ... - ... Sie war es zweifellos, und sie war klug genug, zu begreifen, ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der versiegelte Engel und andere -Geschichten, by Nikolai Leskow - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VERSIEGELTE ENGEL UND *** - -***** This file should be named 50911-8.txt or 50911-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/9/1/50911/ - -Produced by Jens Sadowski -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der versiegelte Engel und andere Geschichten - Der versiegelte Engel / Die Epopöe von Wischnewskij und - seiner Sippe / Der Toupetkünstler / Anläßlich der - Kreutzersonate - -Author: Nikolai Leskow - -Translator: Alexander Eliasberg - -Release Date: January 13, 2016 [EBook #50911] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VERSIEGELTE ENGEL UND *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - -</pre> - - -<div class="titlematter"> -<p class="half"> -NIKOLAI LJESSKOW<br /> -DER VERSIEGELTE ENGEL -</p> - -</div> - -<div class="titlematter"> -<p class="aut"> -NIKOLAI<br /> -LJESSKOW -</p> - -<h1 class="title"> -DER<br /> -VERSIEGELTE ENGEL<br /> -UND ANDERE GESCHICHTEN -</h1> - -<p class="trn"> -ÜBERTRAGEN VON<br /> -ALEXANDER ELIASBERG -</p> - -<div class="centerpic" id="img-logo"> -<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> - -<p class="pub"> -<span class="line1">1922</span><br /> -<span class="line2">MUSARION VERLAG MÜNCHEN</span> -</p> - -</div> - -<div class="titlematter"> -<p class="cop"> -Alle Rechte vorbehalten<br /> -Druck von Dietsch & Brückner in Weimar -</p> - -</div> - -<h2 class="part" id="part-1"> -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -INHALTSVERZEICHNIS -</h2> - -<div class="table"> -<table class="toc" summary="TOC"> -<tbody> - <tr> - <td class="col1">Der versiegelte Engel</td> - <td class="col_page"><a href="#page-7">7</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Epopöe von Wischnewskij und seiner Sippe</td> - <td class="col_page"><a href="#page-107">107</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der Toupetkünstler</td> - <td class="col_page"><a href="#page-169">169</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Anläßlich der Kreutzersonate</td> - <td class="col_page"><a href="#page-205">205</a></td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> - -<h2 class="part" id="part-2"> -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -DER VERSIEGELTE ENGEL -</h2> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-2-1"> -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -ERSTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>s war um die Weihnachtszeit, am Vorabend des Wassilijtages. -Das Wetter ließ sich sehr ungnädig an. -Einer der grausamen Landstürme, welche die Winter in -den Wolgasteppen berüchtigt machen, hatte eine Menge -Leute in den abgelegenen Gasthof getrieben, ein Bauernhaus -inmitten der flachen, unabsehbaren Steppe. Dort -hatten sich auf einem Haufen Adelige, Kaufleute, Bauern -zusammengefunden, Russen, Mordwinen und Tschuwaschen. -Auf Rang und Würden konnte man in einem -solchen Nachtquartier keine Rücksicht nehmen: wohin -man sich wendet, alles ist gedrängt voll, die einen trocknen -sich, die anderen wärmen sich, die dritten suchen ein -wenn auch noch so kleines Plätzchen, auf dem sie bleiben -können. In der dunklen, niederen, mit Menschen überfüllten -Stube herrscht eine schwere Schwüle und der dichte -Dampf der nassen Kleider. Nirgends ist ein unbesetzter -Fleck zu sehen: auf den Pritschen, dem Ofen, den Bänken, -und selbst auf dem schmutzigen Erdboden, überall liegen -Menschen. Der Hauswirt, ein mürrisch blickender Bauer, -zeigt weder über seine Gäste, noch über den Verdienst -irgendwelche Freude. Zornig schlägt er das Tor hinter -den zwei Kaufleuten zu, die als letzte auf Schlitten in den -Hof gekommen sind. Er schließt die Pforte ab, hängt den -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -Schlüssel unter den Heiligenschrank und erklärt entschieden: -</p> - -<p> -»Nun kann kommen wer will, und wenn er mit dem -Kopf ans Tor schlägt, ich mach nicht auf!« -</p> - -<p> -Aber kaum hatte er es gesagt, seinen weiten Schafspelz -abgelegt, sich mit breiter Gebärde auf Raskolniki-Art -bekreuzigt und sich fertig gemacht, auf den heißen Ofen -zu klettern, als jemand zaghaft an die Scheibe klopfte. -</p> - -<p> -»Wer ist dort?« rief der Hauswirt mit lauter, ärgerlicher -Stimme. -</p> - -<p> -»Wir!« antwortete es dumpf hinter dem Fenster. -</p> - -<p> -»Nun, was wollt ihr noch?« -</p> - -<p> -»Laß uns herein, um Christi willen, wir haben uns -verirrt, sind ganz erstarrt.« -</p> - -<p> -»Seid ihr viele?« -</p> - -<p> -»Nicht viele, nicht viele, achtzehn im ganzen, achtzehn,« -sagte stammelnd und mit den Zähnen klappernd -ein anscheinend ganz erfrorener Mensch hinter der -Scheibe. -</p> - -<p> -»Ich kann euch nicht einlassen, die ganze Stube ist mit -Menschen ausgelegt.« -</p> - -<p> -»Laß uns nur ein wenig in die Wärme!« -</p> - -<p> -»Wer seid ihr denn?« -</p> - -<p> -»Fuhrleute.« -</p> - -<p> -»Mit oder ohne Fuhrwerk?« -</p> - -<p> -»Mit Fuhrwerken, Lieber, Felle führen wir.« -</p> - -<p> -»Felle! Felle führt ihr, und da wollt ihr in der Stube -übernachten. Was es jetzt für Leute in Rußland gibt. -Schert euch fort!« -</p> - -<p> -»Aber was sollen sie tun?« fragte ein Durchreisender, -der auf der obersten Pritsche unter einem Bärenpelz lag. -</p> - -<p> -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -»Die Felle herunterwerfen und unter ihnen schlafen, -das sollen sie tun,« antwortete der Wirt, schimpfte noch -kräftig auf die Fuhrleute und legte sich dann unbeweglich -auf den Ofen. -</p> - -<p> -Der Reisende unter dem Bärenpelz warf dem Wirte -im Ton eines sehr energischen Protestes seine Härte vor, -aber der würdigte seine Bemerkungen gar keiner Antwort. -An seiner Statt ließ sich aus einer entfernten Ecke ein -kleiner rothaariger Mensch mit einem Spitzbärtchen vernehmen. -</p> - -<p> -»Verurteilen Sie den Wirt nicht, bester Herr,« begann -er, »er weiß das aus Erfahrung und hat es ganz richtig -gesagt: unter Fellen ist es ungefährlich.« -</p> - -<p> -»Wirklich?« entgegnete fragend der Reisende unter -dem Bärenpelz. -</p> - -<p> -»Ganz ungefährlich, und es ist sogar für sie selbst -besser, daß er sie nicht hereinläßt.« -</p> - -<p> -»Warum das?« -</p> - -<p> -»Weil sie eine nützliche Lehre erhalten haben, und -wenn jetzt jemand hilflos hierher kommt, findet er noch -ein Plätzchen.« -</p> - -<p> -»Wen soll der Teufel jetzt noch herbringen?« sagte -der Pelz. -</p> - -<p> -»Hör, du,« mischte sich der Wirt ein, »schwatz’ -kein so dummes Zeug. Soll vielleicht der Widersacher -jemand herbringen, wo ein solches Heiligtum ist? Siehst -du nicht dort das Erlöserbild und das Antlitz der Gottesgebärerin?« -</p> - -<p> -»Das ist wahr,« bekräftigte der Rothaarige, »einen erlösten -Menschen führt nicht der Teufel, sondern ein Engel -geleitet ihn.« -</p> - -<p> -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -»Den habe ich noch nicht gesehen, und weil es mir -hier sehr widerwärtig ist, so will ich auch nicht daran -glauben, daß mich mein Engel hergeführt hat,« antwortete -der gesprächige Pelz. -</p> - -<p> -Der Wirt spuckte bloß wütend aus, aber der Rote erklärte -gutmütig, daß der Engelsweg nicht für jeden sichtbar -sei und daß nur der ihn begreifen könne, der darin -Erfahrung habe. -</p> - -<p> -»Sie reden, als ob Sie selbst eine solche Erfahrung hätten?« -sagte der Pelz. -</p> - -<p> -»Ja, ich habe sie.« -</p> - -<p> -»Wollen Sie sagen, daß Sie einen Engel gesehen haben, -und er Sie geführt hat?« -</p> - -<p> -»Ja, ich habe ihn gesehen, und er hat mich geleitet.« -</p> - -<p> -»Scherzen Sie, oder machen Sie sich lustig?« -</p> - -<p> -»Gott behüte mich, über eine solche Sache zu scherzen!« -</p> - -<p> -»So haben Sie also wirklich etwas derartiges gesehen: -wie ist Ihnen der Engel erschienen?« -</p> - -<p> -»Bester Herr, es ist eine sehr lange Geschichte.« -</p> - -<p> -»Wissen Sie, es ist entschieden unmöglich, hier einzuschlafen. -Sie tun gut, wenn Sie uns jetzt diese Geschichte -erzählen.« -</p> - -<p> -»Nun schön!« -</p> - -<p> -»So erzählen Sie, bitte, wir hören Ihnen zu. Warum -hocken Sie aber dort auf den Knien! Kommen Sie zu uns -her, wir rücken etwas zusammen.« -</p> - -<p> -»Nein, ich danke Ihnen! Warum soll ich Sie beengen, -und zudem ist es schicklicher, wenn ich Ihnen meine Erzählung -auf den Knien berichte, denn die Sache ist sehr -heilig und sogar schrecklich.« -</p> - -<p> -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -»Nun, wie Sie wollen, erzählen Sie aber schneller, wie -Sie einen Engel sehen konnten, und was er mit Ihnen -getan hat.« -</p> - -<p> -»Schön, ich beginne.« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-2"> -ZWEITES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">»</span>I</span>ch bin, wie Sie mir zweifellos ansehen können, ein -ganz unbedeutender Mensch, ich bin nur ein Bauer -und habe den Umständen gemäß eine ländliche Erziehung -erhalten. Ich bin kein hiesiger, sondern von weit weg, -von Beruf bin ich Maurer und im alten russischen Glauben -geboren. Als Waise bin ich von Kind auf mit meinen -Landsleuten auf Wanderarbeit gegangen und habe an -verschiedenen Orten gearbeitet, aber immer mit derselben -Gesellschaft, bei meinem Landsmann Luka Kirillow. -Dieser Luka Kirillow lebt heute noch: er ist unser größter -Bauunternehmer. Sein Geschäft hatte er von altersher, es -war schon von seinen Vätern begründet, und er hatte es -nicht vergeudet, sondern vergrößert, und sich einen -großen und reichen Besitz geschaffen, aber er war und -ist ein prächtiger Mensch, der niemand etwas zuleide -tut. Und wo sind wir mit ihm nicht gewesen? Ich -glaube, wir haben ganz Rußland durchzogen, und nirgends -habe ich einen besseren und würdigeren Brotherrn -getroffen. Und wir lebten bei ihm ganz friedlich -und patriarchalisch, er war Bauunternehmer und unser -Leiter wie im Handwerk, so auch im Glauben. Wir -zogen mit ihm unsern Weg zu den Arbeiten, wie die -Juden auf ihren Wüstenwanderungen mit Moses, und -sogar unsere heilige Stiftshütte führten wir mit uns, von -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -der wir uns nie trennten: das heißt, wir hatten unseren -»Gottessegen« bei uns. Luka Kirillow war ein großer -Verehrer gemalter Ikonen und besaß, beste Herren, ganz -wunderbare, alte, sehr kunstvolle, teils echte griechische, -teils von den ersten Nowgoroder oder Stroganower Malern. -Ein Bild strahlte schöner als das andere, aber nicht -nur durch die Beschläge, sondern durch die Klarheit und -Gewandtheit der wunderbaren Kunst. So Erhabenes sah -ich später nirgends mehr! Er hatte Bilder mit Jesus in -zwei Gestalten, ein nicht von Menschenhänden gefertigtes -Erlöserbild mit feucht glänzenden Haaren, Heilige, Märtyrer, -Apostel, und wunderbarer als alles andere waren -vielgestaltige Bilder aus der Heiligengeschichte, die zum -Beispiele die Feiertage darstellten, das Jüngste Gericht, -Heilige, Konzile, die Schöpfungswoche, die Dreifaltigkeit -mit Abrahams Gebet im Haine Mamre, mit einem -Wort, all diese Pracht kann man gar nicht beschreiben, -und solche Bilder malt man jetzt nirgends mehr, weder -in Moskau, noch in Petersburg, noch in Palichow; von -Griechenland gar nicht zu reden, wo diese Kunst längst -untergegangen ist. Wir alle liebten unser Heiligtum mit -leidenschaftlicher Liebe, wir zündeten vor ihm die heiligen -Lampen an und hielten uns auf gemeinsame Kosten -ein Pferd und ein besonderes Fuhrwerk, auf dem wir den -Gottessegen in zwei großen Kisten überall mit uns führten. -Zwei Bilder waren von besonderem Wert; das eine von -alten Moskauer Meistern, die für den Zaren arbeiteten, -den Griechen nachgebildet: die allerheiligste Himmelskönigin -betet im Garten, und vor ihr neigen sich alle Zypressen -und Oliven bis zur Erde; das andere aber war -ein Schutzengel, eine Stroganower Arbeit. Es läßt sich -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -gar nicht sagen, was für eine Kunst in diesen beiden Bildern -war! Du schaust auf die Himmelskönigin, wie sich -vor ihrer Reinheit die seelenlosen Bäume neigen, und das -Herz schmilzt dir im Leibe und zittert, du schaust auf -den Engel ... und wirst voller Freude! Dieser Engel war -wirklich unbeschreiblich! Sein Gesicht, ich sehe es auch -jetzt vor mir, leuchtet himmlisch und so gütig: sein Blick ist -mild, an den Ohren hat er ein weißes Band als Zeichen -des Allhörens, seine Kleidung glänzt, die Gewänder sind -mit Gold durchwirkt, die Rüstung ist gefiedert, die -Schultern gepanzert; auf der Brust trägt er das Antlitz -des Erlöserkindes, in der rechten Hand hält er das Kreuz, -in der Linken das Flammenschwert. Wunderbar! Wunderbar! -... Die Kopfhaare sind blond gelockt, fallen über -die Ohren, und Härchen an Härchen ist wie mit der Nadel -gezogen. Die Flügel sind breit und weiß wie Schnee, der -Untergrund leuchtender Lasur; Feder sitzt an Feder, und -im Flaum jeder Feder Härchen an Härchen. Du schaust -auf die Flügel, und wohin ist deine ganze Angst verschwunden? -Du betest: Beschatte mich! Und sogleich wirst -du ganz still, und in deine Seele kehrt der Friede ein. Was -war das für ein Bild! Diese beiden Bilder waren für uns -dasselbe, wie für die Juden ihr Allerheiligstes, das Bezaleel -mit wunderbarer Kunst ausgeschmückt hatte. Alle anderen -Bilder, von denen ich eben erzählte, führten wir in besonderen -Kasten auf dem Wagen, aber diese beiden legten -wir nicht einmal auf das Fuhrwerk, sondern trugen sie: -das der Himmelskönigin trug Michailiza, Luka Kirillows -Frau, die Darstellung des Engels aber verwahrte Luka -selbst auf seiner Brust. Er hatte für dieses Bild ein Säckchen -aus dunklem Brokat machen lassen mit einem Knopf -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -und mit einem scharlachroten Kreuz aus Stoff an der -Vorderseite; oben war eine dicke grüne Seidenschnur angenäht, -um das Bild um den Hals zu hängen. So trug -Luka die Ikone immer auf der Brust, und wenn wir -gingen, zog er voraus, als wenn der Engel selbst uns -voranschritte. Wir gingen auf Suche nach neuer Arbeit -von Ort zu Ort durch die Steppen. Allen voran schwingt -Luka Kirillow ein Klaftermaß, anstelle eines Steckens, -hinter ihm fährt im Wagen Michailiza mit dem Bilde -der Gottesmutter, und hinter ihnen zieht unsere ganze -Gesellschaft. Um uns her auf den Feldern Gras, Blumen -auf den Wiesen, wo die Herden weiden und der -Hirt die Flöte bläst ... für Herz und Seele ist es eine -Wonne! Immer ging es uns prächtig, und wunderbar war -unser Erfolg bei jeder Sache: stets fanden wir gute Arbeit, -unter uns herrschte Eintracht, von zu Hause kamen immer -beruhigende Nachrichten. Und dafür segneten wir -unseren Engel, der uns voranschritt, und ich glaube, wir -hätten uns leichter von unserem Leben getrennt als von -seinem wunderbaren Bild. -</p> - -<p> -Und kann man es sich ausdenken, daß wir irgendwie -durch irgendeine Schickung unseres kostbarsten Heiligtums -beraubt werden würden? Indes erwartete uns dieses -Leid, und es wurde uns, wie wir später einsahen, nicht durch -menschliche Hinterlist bereitet, sondern nach dem Willen -unseres Wegführers selbst. Er begehrte für sich selber -diese Kränkung, um uns durch Kummer das Heilige begreifen -zu machen und uns den wahren Weg zu zeigen, -vor dem alle Wege, die wir bis zur Stunde gewandert -waren, durch eine dunkle, pfadlose Schlucht liefen. Aber -gestatten Sie die Frage, ob meine Erzählung Sie interessiert, -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -oder ob ich Ihre Aufmerksamkeit unnütz in Anspruch -nehme?« -</p> - -<p> -»Nein, wieso denn: fahren Sie gütigst fort!« riefen wir, -voll Anteilnahme für seine Erzählung. -</p> - -<p> -»Schön, ich gehorche Ihnen und beginne, so gut ich -es kann, von dem Wunder zu berichten, das sich mit dem -Engel zutrug.« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-3"> -DRITTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">»</span>W</span>ir kamen vor eine große Stadt, an ein großes fließendes -Wasser, den Dnjeprstrom, um dort eine -große und jetzt sehr berühmte Brücke zu bauen. Die Stadt -erhebt sich auf dem rechten steilen Ufer, während wir auf -dem linken flachen Wiesenufer standen, und vor uns lag -die ganze wundervolle Landschaft: alte Kirchen, heilige -Klöster mit vielen heiligen Reliquien, dichte Gärten und -Bäume, wie man sie in alten Büchern abgebildet findet, -spitzwipfelige Pappeln. Du schaust auf all das, und dein -Herz brennt in dir gleichsam, so herrlich ist es! Sehen Sie, -wir sind natürlich einfache Leute, aber wir fühlen doch -die Pracht der gottgeschaffenen Natur! Der Ort hier gefiel -uns so sehr, daß wir am ersten Tag mit dem Bau einer -vorläufigen Unterkunft für uns begannen; zuerst schlugen -wir hohe Pfähle ein, da die Stelle nieder gelegen war, ganz -neben dem Wasser. Dann errichteten wir auf diesen Pfählen -eine Stube und daneben einen Schuppen. In der Stube -stellten wir unser ganzes Heiligtum auf, wie es sich nach -dem Gesetz der Väter gehört: längs der einen Wand stellten -wir die zusammenlegbare, dreiteilige Heiligenwand auf, -zu unterst die großen Bilder, darauf zwei Tafeln für die -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -kleineren Bilder, und so errichteten wir eine Art Treppe -bis hinauf zum Kruzifix; den Engel aber stellten wir auf -das Chorpult, auf dem Luka Kirillow die Heilige Schrift -vorlas. Luka Kirillow wohnte mit Michailiza im Schuppen, -während wir uns daneben einen Schlafraum errichteten. -Andere, die ebenfalls gekommen waren, um hier lange -zu arbeiten, sahen uns zu und begannen ebendort zu -bauen, so daß bei uns, der großen Stadt gegenüber, ein -kleines Städtchen auf Pfählen entstand. Wir arbeiteten, -und alles ging ganz nach Wunsch. Das Geld zur Auszahlung -lag immer pünktlich im Kontor der Engländer -bereit, und Gott schenkte uns solch eine Gesundheit, daß -es den ganzen Sommer über keinen einzigen Kranken gab; -Lukas Michailiza begann sogar zu klagen, daß sie gar -nicht froh werden könne, so dick werde sie überall. Uns -Altgläubigen gefiel besonders gut, daß wir, die wir damals -sonst überall wegen unserer Bräuche verfolgt wurden, -hier volle Freiheit hatten: es gab keine Stadt- und keine -Kreisobrigkeit und keinen Popen; wir sahen niemanden, -und niemand kümmerte sich um unseren Glauben oder -behinderte uns ... Wir beteten soviel wir wollten. Wenn -wir unsere Stunden abgearbeitet hatten, versammelten -wir uns in der Stube, wo schon das ganze Heiligtum im -Lichte der Lämpchen glänzte, so daß einem das Herz erglühte. -Luka Kirillow stimmte das Segenslied an, und -wir fielen ein, so daß unser Gesang manchmal bei ruhigem -Wetter weit von unserer Ansiedlung zu hören war. -Unser Glaube störte niemanden, vielen gefiel er sogar, -und zwar nicht nur den einfachen Leuten, die Gott nach -russischem Brauche verehren, sondern auch Andersgläubigen. -Viele fromme kirchlich Gesinnte, die nicht Zeit hatten, -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -zur Kirche jenseits des Flusses zu gehen, standen bei uns -an den Fenstern, hörten zu und beteten mit. Wir trieben -sie von da nicht weg, es wäre auch nicht möglich gewesen -alle fortzujagen, weil auch hin und wieder die Ausländer -kamen, die sich für die alten russischen Bräuche interessierten -und unserem Gesang mit Vergnügen zuhörten. -Der Oberbaumeister der Engländer, Jakow Jakowlewitsch, -stand manchmal sogar mit einem Stück Papier hinter dem -Fenster und wartete, um unsern Gesang in Notenschrift -aufzuzeichnen, und wenn er dann zur Arbeit kam, summte -er nach unserer Weise vor sich hin: »Herr Gott, erscheine -uns.« Nur geriet es bei ihm, versteht sich, in einem anderen -Stil, weil dieses Lied in der alten kirchlichen Notenschrift -aufgezeichnet ist und sich mit den westlichen Noten -nicht vollkommen aufzeichnen läßt. Die Engländer, man -muß ihnen die Ehre lassen, sind umgängliche und gottesfürchtige -Leute, sie hatten uns sehr gern und schätzten und -lobten uns als gute Menschen. Mit einem Wort, der Engel -Gottes hatte uns an einen guten Ort geführt und vor uns -die Herzen der Menschen und die ganze Natur aufgetan. -In solch friedlicher Stimmung, wie ich sie Ihnen geschildert -habe, lebten wir fast drei Jahre. Alles glückte uns, und -die Erfolge strömten über uns wie aus einem Zauberhorn, -als wir plötzlich sahen, daß unter uns zwei Gefäße waren, -die Gott zu unserer Bestrafung auserwählt hatte. Der -eine war der Schmied Maroi, der andere der Rechnungsführer -Pimen Iwanow. Maroi war ein ganz einfacher Mann, -der weder lesen noch schreiben konnte, was unter den -Altgläubigen selten vorkommt, aber doch auffallend: von -außen plump wie ein Kamel und wild wie ein Eber, seine -Brust war um die Hälfte breiter, als bei einem anderen -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -Menschen, seine Stirn war mit dichten Haarbüscheln -bewachsen, aber auf dem Scheitel hatte er sich eine -Tonsur geschoren. Seine Sprache war dumpf und schwerverständlich, -da er immer mit den Lippen schmatzte, -und sein Verstand war so beschränkt, daß er nicht -einmal aus dem Gedächtnis beten konnte, sondern nur -immer dasselbe Wort vor sich hersagte. Aber er sah -in die Zukunft, besaß die Gabe der Weissagung und -konnte Andeutungen über kommende Dinge geben. -— Pimen dagegen war ein stutzerhafter Mensch, der -sich gern wichtig machte und seine Worte so schlau -setzte, daß man seine Reden bewundern mußte, aber er -hatte einen leichtfertigen und beeinflußbaren Charakter. -Maroi war ein bejahrter Mann, schon über die -siebzig, Pimen war mittleren Alters und ansehnlich: er -hatte krause, in der Mitte gescheitelte Haare, starke Brauen, -eine gesunde Gesichtsfarbe und war mit einem Wort ein -strammer Mensch. Und siehe: in diesen beiden Gefäßen -gärte der bittere Trank, den wir trinken mußten. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-4"> -VIERTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ie Brücke, die wir auf sieben Granitjochen bauten, -war schon weit über das Wasser hinausgewachsen, -und im Sommer des vierten Jahres begannen wir die eisernen -Ketten über die Pfeiler zu spannen. Da wurden wir -aber in unserer Arbeit etwas aufgehalten: als wir die Kettenglieder -nach ihrer Größe aneinander paßten und mit -stählernen Nieten zusammenfügten, zeigte es sich, daß -viele Bolzen zu lang waren und daß man sie abschneiden -mußte. Aber jeder dieser Bolzen war eine englische Stahlstange -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -und in England hergestellt, aus härtestem Stahl -gegossen und stark wie der Arm eines erwachsenen Mannes. -Man konnte diese Bolzen nicht glühen, weil der Stahl -darunter gelitten hätte, und kein Instrument griff den Stahl -an. Da fand plötzlich unser Schmied Maroi ein Mittel: er -verklebte den Bolzen, an der Stelle, wo man ihn abschneiden -mußte, mit dickem Wagenteer, den er mit Sand bedeckte, -steckte dann das ganze Stück in den Schnee, streute Salz -herum und drehte und wendete es. Dann zog er es mit -einem Ruck heraus, glühte es, und wenn er dann mit dem -Hammer draufschlug, sprang es auseinander, wie man -eine Wachskerze mit der Schere durchschneidet. Alle die -Engländer und Deutschen kamen, um die schlaue Erfindung -unseres Marois zu sehen; sie schauen und schauen, -plötzlich lachen sie, sprechen zuerst untereinander in -ihrer Sprache und sagen dann in unserer Sprache: -</p> - -<p> -»So, Ruß; bist ein tüchtiger Kerl. Verstehst gut -Physik.« -</p> - -<p> -Aber was für eine »Physik« konnte unser Maroi kennen! -Er hatte ja von der Wissenschaft keine Ahnung und tat -nur, wie ihn Gott erleuchtete. Aber unser Pimen Iwanow -brüstete sich damit. So war es nach beiden Seiten schlecht: -die einen glaubten an die Wissenschaft, von der unser -Maroi nicht das geringste wußte, und die anderen sagten, -daß Gottes Segen über uns sichtbar Wunder wirke, von -denen wir niemals etwas sahen. Und das letzte war für -uns schlimmer als das erste. Ich erklärte Ihnen eben, daß -Pimen Iwanow ein schwacher Mensch und ein Prahler -war, und jetzt muß ich erklären, weshalb wir ihn doch in -unserer Gesellschaft duldeten. Er fuhr für uns in die Stadt, -um Lebensmittel zu holen, und besorgte die notwendigen -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -Einkäufe; wir schickten ihn auf die Post, um Geld und -die Pässe heimzuschicken und die neuen Pässe wieder -abzuholen. Er erledigte alle solche Angelegenheiten und -war uns, die Wahrheit zu sagen, in dieser Beziehung sogar -sehr nützlich. Ein wirklich würdiger Altgläubiger meidet -natürlich diese Eitelkeiten und flieht den Verkehr mit -den Beamten, von denen wir außer Ärger nichts hatten; -Pimen aber freute sich über diese Eitelkeiten und hatte -in der Stadt auf dem anderen Ufer eine sehr ausgebreitete -Bekanntschaft. Händler, Herrschaften, mit denen er in -unseren Geschäften in Berührung kam, alle kannten ihn -und hielten ihn für den Ersten bei uns. Natürlich lachten -wir darüber, aber er liebte es sehr, mit den Herrschaften -Tee zu trinken und groß daherzureden. Sie nennen ihn -unseren Ältesten, und er lächelt nur, und in seinem Innersten -schmeichelt es ihm. Mit einem Wort: Hohlheit! So -kam unser Pimen auch zu einer nicht unwichtigen Persönlichkeit, -die eine Frau aus unserer Gegend hatte. -Sie war ebenfalls redselig und hatte irgendwelche neue -Bücher über uns gelesen, in denen, wir wissen nicht was -alles über uns geschrieben stand. Auf einmal erklärte -sie, ich weiß nicht, wie es ihr in den Sinn kam, daß sie -die Altgläubigen sehr liebe. Das war eine ganz wundersame -Sache. Nun sie liebt uns halt, und so oft Pimen -wegen irgendetwas zu ihrem Manne kommt, läßt sie -ihn sofort sich niedersetzen, traktiert ihn mit Tee, und -er freut sich darüber und setzt ihr seine Geschichten -vor. -</p> - -<p> -Bei solchem Weibergeschwätz erzählt er ihr, was wir -Altgläubige für Menschen wären; wir seien wie die Heiligen, -rechtschaffen und gesegnet, und unser Großsprecher -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -schlägt die Augen nieder, legt den Kopf auf die Seite, -streicht sich den Bart und sagt süßlich: -</p> - -<p> -»Ja, Gnädige, wir halten eben das väterliche Gesetz und -sind so, daß wir das Herkommen beobachten und einer -für den anderen über die Reinheit der Sitten wacht.« Mit -einem Wort, er sagt ihr lauter Dinge, die durchaus nicht -zum Gespräch mit einer weltlichen Frau gehören. Aber -denken Sie sich nur: sie interessiert sich dafür. -</p> - -<p> -»Ich habe gehört,« sagt sie, »daß sich Gottes Segen -sichtbar bei euch offenbart.« -</p> - -<p> -Und er bestätigt es ihr sofort: -</p> - -<p> -»Nun ja, Mütterchen,« antwortet er, »er offenbart sich; -ganz sichtlich offenbart er sich.« -</p> - -<p> -»Sichtlich?« -</p> - -<p> -»Sichtlich,« sagt er, »Gnädige, sichtlich. Gerade dieser -Tage hat einer unserer Leute den mächtigen Stahl wie -ein Spinngewebe durchschnitten.« -</p> - -<p> -Die Gnädige klatscht vor Überraschung in die -Hände. -</p> - -<p> -»Ach,« sagt sie, »wie interessant! Ich glaube an Wunder -und liebe sie schrecklich! Wissen Sie, sagen Sie bitte -Ihren Altgläubigen, sie möchten beten, daß Gott mir eine -Tochter schenke. Ich habe zwei Söhne und möchte unbedingt -eine Tochter. Ist das möglich?« -</p> - -<p> -»Ja, das ist möglich,« antwortet Pimen, »warum nicht? -Es ist sehr wohl möglich! Nur ist es in solchen Fällen -notwendig, daß Sie für die Öllämpchen opfern.« -</p> - -<p> -Zu seiner großen Befriedigung gibt sie ihm zehn Rubel -für Öl, er steckt das Geld in die Tasche und sagt: -</p> - -<p> -»Schön, seien Sie guten Mutes, ich werde es ausrichten.« -</p> - -<p> -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -Pimen erzählte uns natürlich davon nichts, aber der -Gnädigen wurde eine Tochter geboren. -</p> - -<p> -Nun war sie vor Freude außer sich und ließ gleich nach -der Geburt unseren Hohlkopf rufen; sie feiert ihn, als -ob er selbst der Wundertäter wäre, und er nimmt das -alles hin. So leichtfertig wird ein Mensch, sein Verstand -verdunkelt sich, und sein Gefühl erstarrt. Nach einem -Jahr hat die Herrin wieder eine Bitte an unseren Gott, -daß nämlich ihr Mann ihr ein Landhaus mieten solle, — -und wieder geht es nach ihrem Wunsch, und Pimen verwendet -das Geld, das sie für Kerzen und Öl spendete, -wie er es für zweckmäßig hält; zu uns gelangte aber -nichts. Und tatsächlich ereigneten sich unerklärliche Wunder. -Der älteste Sohn der Gnädigen war in der Schule der -größte Taugenichts und ein fauler Schlingel, der nichts -lernen wollte; als es zum Examen kam, ging sie zu Pimen -und beauftragte ihn, zu beten, daß ihr Sohn in die andere -Klasse versetzt werde. Pimen sagte: -</p> - -<p> -»Das ist eine schwere Sache. Ich muß alle meine Leute -die ganze Nacht beim Gebet zusammenhalten, damit sie -bei Kerzen bis zum Morgen flehen.« -</p> - -<p> -Aber sie besteht auf ihren Willen und händigt ihm -dreißig Rubel ein: »Betet nur!« Und was denken Sie? -Ihr nichtsnutziger Sohn hat solches Glück, daß man ihn -in die nächste Klasse versetzt. Die Gnädige kommt fast von -Sinnen darüber, daß Gott ihr solche Gefälligkeiten erweist. -Sie gibt Pimen Auftrag auf Auftrag, und er hat schon bei -Gott für sie Gesundheit erwirkt, eine Erbschaft, einen -hohen Rang für ihren Mann und so viele Orden, daß sie -auf seiner Brust keinen Platz mehr finden und er einen, -wie man sagt, in der Tasche trägt. Es war einfach ein -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -Wunder, aber wir erfuhren nichts davon. Es kam jedoch -die Zeit, wo alles offenbar wurde und ein Wunder die -anderen ablöste. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-5"> -FÜNFTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>n einer jüdischen Stadt des Gouvernements war bei -den Juden im Handel eine schmutzige Geschichte passiert. -Ich kann Ihnen nicht genau sagen, ob sie falsches -Geld gehabt oder ein unredliches Geschäft gemacht hatten, -jedenfalls mußte die Obrigkeit die Sache aufdecken und -hatte eine bedeutende Belohnung dafür ausgesetzt. Die -Gnädige ging also zu unserem Pimen und sagte: -</p> - -<p> -»Pimen Iwanowitsch, hier gebe ich Ihnen zwanzig -Rubel für Kerzen und Öl. Befehlen Sie den Ihrigen, so -eifrig wie möglich zu beten, daß man meinen Mann mit -dieser Sache beauftragt.« -</p> - -<p> -Das machte ihm wenig Kummer! Er hatte schon Geschmack -an diesen Opfergaben gefunden und antwortete: -</p> - -<p> -»Gut, Gnädige, ich werde es befehlen.« -</p> - -<p> -»Aber daß sie auch tüchtig beten, die Sache ist für mich -sehr wichtig.« -</p> - -<p> -»Die werden sich nicht unterstehen, schlecht zu beten, -wenn ich es befehle,« beruhigt Pimen, »ich werde ihnen -Fasten auferlegen, bis sie es erfleht haben.« Er nahm das -Geld und ließ es dabei bewenden, ihr Gemahl aber erhielt -noch in derselben Nacht den von ihr gewünschten -Auftrag. Bei diesem Segen genügte ihr aber unser Gebet -nicht mehr, und sie wollte unbedingt selber unserem -Heiligtum ihre Lobpreisung darbringen. Sie sagte es Pimen, -und er bekam Angst, weil er wußte, daß wir sie nicht in -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -unser Heiligtum einlassen würden. Die Gnädige gab -jedoch nicht nach. -</p> - -<p> -»Ich werde,« sagt sie, »was Sie auch sagen mögen, -heute gegen Abend ein Boot nehmen und mit meinem -Sohne zu Ihnen kommen.« -</p> - -<p> -Pimen redet ihr zu: -</p> - -<p> -»Es ist besser,« sagt er, »wenn wir selber beten. Wir -haben einen Schutzengel, dem weihen Sie ein Licht, und -wir werden ihm den Schutz Ihres Gemahls anvertrauen.« -</p> - -<p> -»Ach, das ist vortrefflich,« antwortet sie, »ganz vortrefflich! -Ich bin sehr froh über diesen Engel; hier ist -etwas Geld für Öl, zünden Sie unbedingt drei Lämpchen -vor ihm an, und ich werde dann kommen, um es mir anzusehen.« -</p> - -<p> -Pimen gefiel das gar nicht; er kam zu uns und begann -zu jammern, daß die Sache so und so stünde. -</p> - -<p> -»Ich habe,« sagte er, »der abscheulichen Ketzerin nicht -widersprochen, als sie ihr Begehren äußerte, weil wir -ihren Mann notwendig brauchen.« Und so log er uns -ganze Körbe voll vor, aber von all dem, was er getan hatte, -sagte er nichts. Nun, so unangenehm es uns auch war, es -war nichts zu machen. Wir nahmen unsere Heiligenbilder -möglichst schnell von der Wand und legten sie in ihre -Kisten, aus denen wir die Ersatzbilder holten, die wir aus -Furcht vor Beamtenüberfällen bei uns hatten. Diese -setzten wir auf die Gestelle und erwarteten unseren Gast. -Sie kam und war so aufgeputzt, daß es zum Erschrecken -war. Sie fegte mit ihren langen, breiten Bändern nur so -hin, schaute alle unsere vertauschten Heiligenbilder durch -die Lorgnette an und fragte: »Sagen Sie, bitte, welcher ist -hier der wundertätige Engel?« -</p> - -<p> -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -Wir wissen schon nicht mehr, wie wir sie von dem Gespräch -abbringen sollen. -</p> - -<p> -»Wir haben keinen solchen Engel« sagen wir. -</p> - -<p> -Und wie sie auch in uns drang und Pimen schalt, wir -zeigten ihr den Engel nicht, sondern führten sie möglichst -schnell zum Teetisch und setzten ihr vor, was wir hatten. -</p> - -<p> -Sie mißfiel uns schrecklich, Gott weiß warum: sie sah -irgendwie abstoßend aus, obwohl man sie sonst für schön -hielt. Wissen Sie, so eine lange Hagere, mit zusammengewachsenen -Augenbrauen. -</p> - -<p> -»Solch eine Schönheit gefällt Ihnen nicht?« unterbrach -der Bärenpelz den Erzähler. -</p> - -<p> -»Erlauben Sie, was kann einem an einer solchen schlangenähnlichen -Gestalt gefallen?« antwortete jener. -</p> - -<p> -»Bei euch hält man wohl eine Frau für schön, wenn sie -wie ein Erdhaufen aussieht?« -</p> - -<p> -»Ein Erdhaufen!« wiederholte unser Erzähler lächelnd -und ohne gekränkt zu sein. »Warum nehmen Sie das an? -Nach unserer echt russischen Auffassung bevorzugen wir -einen Typus, der, unserer Meinung nach, viel ansprechender -ist, als der, den die jetzige Leichtfertigkeit schätzt, -aber durchaus nicht, was man einen Erdhaufen nennen -kann. Wir schätzen nur die langen, mageren nicht, sondern -lieben es, wenn die Frau nicht auf langen, sondern auf -kräftigen Beinen steht, damit sie nicht konfus herumrennt, -sondern wie eine Kugel überall hinrollt und auch hinkommt, -während die Lange hin und her läuft und stolpert. -Die schlangenhafte Schlankheit schätzen wir ebenso -wenig, sondern fordern, daß die Frau erdhafter sei und -einen Busen habe, denn wenn er auch für die Figur nicht -so schön ist, so spricht er doch von der Mutterschaft; die -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -Stirne muß bei der echten russischen Frauenart voll und -fleischig sein, weil in ihr dann mehr Lust und Freundlichkeit -liegt. Ähnlich ist es mit der Nase. Wir mögen die -Hakennasen nicht, sondern die Nase soll wie ein -Pfeifchen sein, denn so ein Pfeifchen ist, wenn Sie erlauben, -für die Familie viel freundlicher als eine trockene, -stolze Nase. Und ganz besonders die Brauen: die Brauen -offenbaren den Ausdruck im Gesicht, und deshalb dürfen -sie bei der Frau nicht zusammenstoßen, sondern müssen -einen offenen Bogen bilden, weil man mit einer solchen -Frau viel umgänglicher sprechen kann und sie auf jeden -einen ganz anderen, für das Haus einnehmenden Eindruck -macht. Freilich der jetzige Geschmack ist von diesem -guten Typus abgekommen und bevorzugt beim Frauengeschlecht -ätherische Luftigkeit, aber das ist eben schade. -Indes, gestatten Sie, wir sprachen nicht davon, und ich -fahre lieber in meiner Erzählung fort: -</p> - -<p> -Wie wir die Frau hinausbegleitet haben, merkt unser -Pimen als eitler Mensch, daß wir sie abfällig kritisieren, -und sagt: -</p> - -<p> -»Was habt ihr denn? Sie ist doch gut.« -</p> - -<p> -Aber wir antworten: »Die soll gut sein, wo sie schon -im Gesicht nichts Gutes hat! Aber Gott sei mit ihr: wie -sie ist, so wird sie auch bleiben.« Wir waren schon froh, -daß wir sie hinausbegleitet hatten, und räucherten gleich -mit Weihrauch, damit bei uns auch kein Hauch von ihr -zurückbleibe. Danach befreiten wir das Stübchen von den -letzten Spuren des Gastes. Die Ersatzbilder legten wir in -die Kisten zurück in den Verschlag und holten unsere -richtigen Bilder wieder hervor. Wir hoben sie auf die -Gestelle, wie vorher, und besprengten sie mit Weihwasser. -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -Dann ging ein jeder zu seinem Schlafplatz, und wir legten -uns nieder. Aber Gott allein weiß, warum wir alle in -dieser Nacht nicht schlafen konnten und wie ängstlich -und unruhig es uns zumute war. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-6"> -SECHSTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>m Morgen gingen wir alle an unsere Arbeit, nur -Luka Kirillow nicht. Das war in anbetracht seiner -Pünktlichkeit erstaunlich, noch erstaunlicher aber war, -daß er um acht Uhr ganz verstört und bleich zu uns kam. -</p> - -<p> -Ich wußte, daß er ein Mann war, der sich in der Hand -hatte und es nicht liebte, sich unnütz zu grämen, und -darum wurde ich aufmerksam und fragte: -</p> - -<p> -»Was hast du, Luka Kirillow?« -</p> - -<p> -Aber er sagt: »Später sage ich es.« -</p> - -<p> -Jung, wie ich damals war, war ich schrecklich neugierig, -zudem hatte mich eine Vorahnung gepackt, daß sich irgend etwas -Unheilvolles für unseren Glauben ereignet habe. -Ich hielt aber den Glauben hoch und war niemals kleingläubig. -</p> - -<p> -Ich konnte es nicht länger aushalten, verließ unter -irgendeinem Vorwand die Arbeit und lief nach Hause. -Ich dachte mir: solange niemand zu Hause ist, kann ich -von Michailiza etwas erfahren. Wenn ihr Luka Kirillow -auch nichts eröffnet hat, so durchschaut sie ihn, trotz -ihrer Einfalt, und vor mir wird sie nichts verheimlichen, -da ich, schon als Kind verwaist, bei ihr an Sohnesstatt aufgewachsen -bin, und sie mir wie eine zweite Mutter gewesen -ist. -</p> - -<p> -Ich eile zu ihr und sehe sie in einem alten offenen -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -Halbpelz auf dem Freitreppchen sitzen; aber sie ist krank -und traurig und ganz fahl im Gesicht. -</p> - -<p> -»Warum sitzen Sie hier, Pflegemutter?« frage ich. -</p> - -<p> -Und sie antwortet: -</p> - -<p> -»Wo soll ich denn sonst bleiben, Marotschka?« -</p> - -<p> -Ich heiße Mark Alexandrow, aber sie nannte mich in -ihrer mütterlichen Zärtlichkeit Marotschka. -</p> - -<p> -Was sind das für Dummheiten, denke ich mir, daß -sie nicht weiß, wo sie sonst bleiben soll? -</p> - -<p> -»Aber warum,« sage ich, »legen Sie sich denn nicht -ein wenig im Schuppen hin?« -</p> - -<p> -»Ich kann nicht, Marotschka,« antwortet sie, »in der -großen Stube betet der alte Maroi.« -</p> - -<p> -Aha, denke ich mir, es wird schon so sein, daß sich -irgendetwas mit unserm Glauben zugetragen hat; und -nun beginnt auch Tante Michailiza: -</p> - -<p> -»Marotschka, du weißt sicher nichts, Kind, von dem, -was sich heute nacht bei uns ereignet hat?« -</p> - -<p> -»Nein, Pflegemutter, ich weiß nichts.« -</p> - -<p> -»Ach, es ist schrecklich.« -</p> - -<p> -»Erzählen Sie doch schneller, Pflegemutter!« -</p> - -<p> -»Ich weiß nicht, ob ich es erzählen darf.« -</p> - -<p> -»Warum wollen Sie nicht erzählen?« sage ich: »Bin -ich denn für Sie ein Fremder und nicht an Sohnesstatt?« -</p> - -<p> -»Ich weiß, mein Lieber, daß du mir wie ein Sohn bist,« -antwortet sie, »aber ich habe kein Vertrauen, daß ich -es dir auseinandersetzen kann, denn ich bin dumm und -einfältig. Warte doch, nach Feierabend kommt der Onkel, -und der wird dir gewiß alles erzählen.« -</p> - -<p> -Aber ich konnte nicht warten und drang in sie: -</p> - -<p> -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -»Erzähle doch, erzähle doch gleich, was alles geschehen -ist.« -</p> - -<p> -Ich sehe, wie sie mit den Lidern blinzelt und wie sich -ihre Augen mit Tränen füllen, die sie mit dem Brusttuch -abwischt; dann flüstert sie mir leise zu: -</p> - -<p> -»Kind, der Schutzengel ist heute Nacht von uns fortgegangen.« -</p> - -<p> -Diese Eröffnung machte mich zittern. -</p> - -<p> -»Sagen Sie doch bitte schnell, wie das Wunder geschehen -ist und wer es gesehen hat!« -</p> - -<p> -»Das Wunder, Kind, ist unerklärlich, und niemand -außer mir hat es gesehen, weil es tiefe Mitternacht war, -als es geschah und ich allein nicht schlief.« -</p> - -<p> -Und dann, meine werten Herren, erzählte sie mir folgende -Geschichte: -</p> - -<p> -»Nachdem ich gebetet hatte, war ich eingeschlafen. -Ich weiß nicht mehr, wie lange ich schlief, aber plötzlich -sehe ich im Traum eine Feuersbrunst, eine ganz große -Feuersbrunst. Es war, als ob alles bei uns verbrannt wäre, -und der Fluß führe die Asche mit sich fort, aber an den -Strudeln um die Brückenjoche kreist sie noch, und dann -schluckt sie der Fluß in die Tiefe.« Und Michailiza träumt, -als sei sie hinausgelaufen und stehe in einem alten zerrissenen -Hemd ganz unten am Wasser, aber ihr gegenüber -am anderen Ufer erhebe sich eine hohe, rote Säule, -und oben auf der Säule stehe ein kleiner, weißer Hahn, -der in einemfort mit den Flügeln schlage. Michailiza -fragt: »Wer bist du?«, denn das Gefühl sagt ihr, daß -dieser Vogel ein Vorzeichen sei. Der Hahn aber ruft -plötzlich mit menschlicher Stimme »Amen«, sonst nichts, -und dann ist er verschwunden, aber um Michailiza herum -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -herrscht eine große Stille, und die Luft ist so dünn, daß -sie keinen Atem mehr bekommt und es ihr schrecklich -zumute wird. Dann wacht sie auf, liegt da und vernimmt -deutlich, wie vor der Tür ein Lämmchen blökt. Und an -der Stimme merkt sie, daß es ein neugeborenes Lämmchen -ist. Mit hellem silbernen Stimmchen macht es bä-ä-äh, -und plötzlich hört Michailiza, daß es durch die Gebetsstube -geht, mit seinen kleinen Hufen auf den Boden klopft -und hin und wieder stehen bleibt, als ob es etwas suche. -Michailiza überlegt: Herr Jesu Christ, was soll das bedeuten? -In unserer ganzen Ansiedlung gibt es kein Schaf, -und woher ist uns jetzt dieses Lämmchen zugelaufen? -Nun wird sie ganz wach: Aber wie ist es denn in die -Stube gekommen? In der gestrigen Hast haben wir also -vergessen, das Hoftor zu schließen, Gott sei Dank, daß -nur ein Lämmchen hereingesprungen und nicht der -Hofhund in das Heiligtum eingedrungen ist. Und nun -beginnt sie Luka zu wecken: »Kirillytsch«, ruft sie, »Kirillytsch, -steh schnell auf! Unsere Tür ist offen, und irgendein -Jungtier ist zu uns in die Hütte gesprungen.« Aber -zum Unheil schläft Luka Kirillow wie ein Toter. Und -wie ihn auch Michailiza zu wecken versucht, es will ihr -auf keine Weise gelingen. Luka brummt nur und sagt -kein Wort. Michailiza schüttelt ihn stärker, aber er brummt -nur noch lauter. Sie beginnt ihn zu bitten: »Gedenk des -Namen Jesu!« Aber kaum hat sie das Wort ausgesprochen, -als in der Stube etwas winselt, und in dem Augenblick -springt Luka vom Bett auf, stürzt nach vorne und prallt -plötzlich mitten in der Stube wie vor einer ehernen Wand -zurück. »Mach Licht, Weib, mach schneller Licht!« ruft -er Michailiza zu, er selbst aber rührt sich nicht von der -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -Stelle. Sie zündet eine Kerze an und läuft herzu, aber er -ist bleich wie ein zum Tode Verurteilter und bebt, daß das -Kreuz an seinem Hals, ja selbst die Fußlappen an seinen -Füßen zittern. Die Frau spricht wieder zu ihm: »Ernährer, -was hast du?« sagt sie. Er aber zeigt mit dem Finger, -daß dort, wo der Engel war, eine leere Stelle ist und daß -der Engel selbst vor Lukas Fuße auf dem Boden liegt. -</p> - -<p> -Luka Kirillow geht jetzt unverzüglich zum alten Maroi -und sagt ihm, wie alles gewesen sei, was seine Frau -gesehen habe und was bei uns geschehen war: »Komm -und schau!« Maroi kommt, kniet vor dem auf der Erde -liegenden Engel nieder und bleibt vor ihm lange unbeweglich, -wie ein marmornes Grabbild liegen, dann hebt -er aber die Hand, streicht sich über die Tonsur auf dem -Scheitel und sagt leise: -</p> - -<p> -»Bringt zwölf reine, neugebrannte Ziegelplatten her!« -</p> - -<p> -Luka Kirillow bringt sie sogleich, Maroi schaut sie an -und sieht, daß sie alle rein sind und gerade aus dem Brennofen -kommen, und er befiehlt Luka, eine auf die andere zu -legen und so eine Art Säule aufzuführen, diese mit einem -reinen Handtuch zu bedecken und darauf das Heiligenbild -zu legen. Dann verneigt sich Maroi bis zur Erde, und ruft: -</p> - -<p> -»Engel Gottes, streu deine Spuren aus, wohin du -willst!« -</p> - -<p> -Er hat diese Worte kaum ausgesprochen, als an der -Türe geklopft wird und eine unbekannte Stimme ruft: -</p> - -<p> -»He, ihr Altgläubigen, wer ist euer Ältester?« -</p> - -<p> -Luka Kirillow öffnet die Tür und sieht einen Soldaten -mit einer Medaille vor sich stehen. -</p> - -<p> -Luka fragt, was für einen Ältesten er wolle. Und der -antwortet: -</p> - -<p> -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -»Den, der oft zur Gnädigen kam und den sie Pimen -nennen.« -</p> - -<p> -Luka schickt seine Frau gleich zu Pimen und fragt -weiter, worum es sich handle und wer ihn in der Nacht -nach Pimen gesandt habe. -</p> - -<p> -Der Soldat sagt: -</p> - -<p> -»Etwas Gewisses weiß ich nicht, aber ich habe so etwas -gehört, als ob die Juden dort eine schlimme Geschichte -mit unserem Herrn angestellt hätten!« -</p> - -<p> -Aber was es eigentlich sei, kann er nicht erzählen. -</p> - -<p> -»Ich habe gehört,« sagt er, »daß der Herr erst sie versiegelt -hätte und dann sie ihn.« -</p> - -<p> -Aber darüber, wie sie einander versiegelt haben, weiß -er nichts verständliches zu erzählen. -</p> - -<p> -Währenddes war Pimen gekommen; er schielt selbst -wie ein Jude, bald dorthin, bald dahin, und weiß sichtlich -selbst nicht, was er sagen soll. Und Luka spricht -ihn an: -</p> - -<p> -»Was hast du da gemacht, Spielmann? Geh jetzt und -spiel dein Stück nur zu Ende!« -</p> - -<p> -Der setzt sich mit dem Soldaten ins Boot, und sie -fahren ab. -</p> - -<p> -Nach einer Stunde kommt unser Pimen zurück, stellt -sich munter, aber man sieht, daß es ihm durchaus nicht -so zumute ist. -</p> - -<p> -Luka fragt ihn: -</p> - -<p> -»Sprich,« sagt er, »du Windbeutel, und sag ganz aufrichtig, -was du dort getan hast.« -</p> - -<p> -Aber jener erwidert: »Nichts«. -</p> - -<p> -Nun, bei dem Nichts blieb es, obwohl es durchaus -kein Nichts gewesen war. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-7"> -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -SIEBENTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span>it dem Herrn, für den unser Pimen gebetet hatte, -war eine erstaunliche Geschichte geschehen. Er -war, wie ich Ihnen berichtet habe, in die jüdische Stadt -gefahren, war dort spät in der Nacht angekommen, als -niemand an ihn dachte, hatte sofort alle Läden unter -Siegel genommen und die Polizei verständigt, daß er am -nächsten Morgen mit der Revision beginnen werde. Die -Juden erfuhren es natürlich sofort und gingen gleich, noch -in der Nacht, zu ihm, um ihn um ein Übereinkommen -zu bitten, da sie große Vorräte von gesetzwidrigen Waren -auf Lager hatten. Sie kamen zu ihm und steckten ihm auf -einmal zehntausend Rubel zu. Er sagte: Ich kann nicht, -ich bin ein hoher Beamter, genieße Vertrauen und nehme -keine Bestechungsgelder. Die Juden schnattern untereinander: -»Fünfzehntausend«. Er wieder: »Ich kann nicht.« -Sie »Zwanzig«. Er darauf: »Versteht ihr denn nicht, daß -ich nicht kann: ich habe schon die Polizei verständigt, -daß ich morgen mit ihr zusammen revidieren werde«. -Sie schnattern wieder und sagen dann: -</p> - -<p> -»Ach, Eure Durchlaucht, das macht nichts, daß Sie -die Polizei verständigt haben, wir geben Ihnen fünfundzwanzigtausend, -und Sie geben uns dafür bloß bis zum -Morgen Ihr Petschaft und legen sich ruhig schlafen: -wir brauchen nichts mehr.« -</p> - -<p> -Der Herr überlegt hin und her: Wenn er sich auch für -eine hohe Person hält, so scheint auch bei den hohen -Personen das Herz nicht von Stein zu sein; er nahm die -fünfundzwanzigtausend, gab ihnen das Petschaft, mit -dem er siegelte, und legte sich schlafen. Die Juden holten, -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -versteht sich, in der Nacht alles Notwendige aus ihren -Lagern heraus und versiegelten sie wieder mit demselben -Petschaft. Der Herr schlief noch, als sie am Morgen schon -wieder in seinem Vorzimmer lärmten. Er geht zu ihnen -hinaus; sie danken ihm und sagen: -</p> - -<p> -»Nun, Euer Hochwohlgeboren, nun halten Sie bitte -Revision.« -</p> - -<p> -Er scheint es aber zu überhören und sagt: -</p> - -<p> -»Gebt mir schnell mein Siegel.« -</p> - -<p> -Aber die Juden sagen: -</p> - -<p> -»Ja, geben Sie uns unser Geld.« -</p> - -<p> -Der Herr: »Was? Wie?« Aber sie bleiben dabei: -</p> - -<p> -»Wir haben,« sagen sie, »das Geld Ihnen als Pfand zurückgelassen.« -</p> - -<p> -Er wieder: -</p> - -<p> -»Was, als Pfand?« -</p> - -<p> -»Freilich,« sagen sie, »als Pfand.« -</p> - -<p> -»Ihr lügt,« sagt er, »ihr Halunken, ihr Christusverkäufer, -ihr habt mir das Geld ganz gegeben.« -</p> - -<p> -Sie stoßen einander an und lachen. -</p> - -<p> -»Hörst du,« sagen sie, »hörst, wir haben ihm das Geld -ganz gegeben ... Hm, hm, ai, ai, wie könnten wir so dumm -sein und so unpolitisch, einer so hohen Persönlichkeit -Chabar geben.« (So nennen sie Bestechungsgelder.) -</p> - -<p> -Nun, können Sie sich etwas Schöneres vorstellen als -diese Geschichte? Der Herr, versteht sich, hätte nun das -Geld zurückgeben sollen, und die Sache wäre zu Ende -gewesen, aber er war eigensinnig und wollte sich davon -nicht trennen. So verging der Morgen. Der ganze Handel -in der Stadt ist gesperrt. Die Leute kommen und wundern -sich. Die Polizei fordert das Siegel, und die Juden -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -schreien: »Ai wai, was ist das für eine staatliche Regierung! -Die hohe Obrigkeit will uns ruinieren.« Ein schreckliches -Durcheinander. Der Herr sitzt eingeschlossen zu -Hause und hat bis Mittag schier den Verstand verloren. -Am Abend ruft er dann die listigen Juden zu sich und -sagt: »Hier, ihr Verfluchten, nehmt euer Geld und gebt -mir nur mein Petschaft wieder!« Aber sie wollen nicht -und sagen: »Ja, wenn das so ginge! Wir haben den ganzen -Tag nicht gehandelt: jetzt müssen Euer Wohlgeboren -uns fünfzehntausend dazu geben!« Sehen Sie, so kam es! -Und die Juden drohen: »Wenn Sie uns jetzt nicht die -fünfzehntausend geben, kostet die Sache morgen fünfundzwanzigtausend -Rubel mehr.« Der Herr schlief die -ganze Nacht nicht, am Morgen schickte er wieder zu den -Juden, gab ihnen das ganze Geld, das er von ihnen erhalten -hatte, zurück und unterschrieb einen Wechsel auf -fünfundzwanzigtausend; dann begann er so eine Art -Revision. Natürlich fand er nichts, fuhr so schnell wie -möglich nach Haus und tobte vor seiner Frau, woher er -die fünfundzwanzigtausend Rubel nehmen solle, um den -Juden den Wechsel zu bezahlen. »Wir müssen dein Gut, -das du in die Ehe mitgebracht hast, verkaufen,« sagt er. -Aber sie erwidert: »Um nichts in der Welt, ich bin mit -ihm verwachsen.« Er sagt: »Du bist schuld, du hast mir -mit deinen Altgläubigen diesen Auftrag erbetet und warst -überzeugt, daß mir ihr Engel helfen würde; so schön hat -er mir nun geholfen!« Aber sie antwortet darauf: »Du -bist selber schuld, warum bist du so dumm und hast die -Juden nicht verhaftet und erklärt, daß sie dir das Petschaft -gestohlen haben? Aber im übrigen,« sagt sie, -»macht es nichts, folge nur mir, ich werde die Sache schon -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -wieder einrichten, und für deine Unvernunft werden andere -zahlen.« Und mit einem Male plärrt sie: »Sofort, -schnell den Dnjepr hinunterfahren und mir den Ältesten -der Altgläubigen herholen!« Der Bote kam, brachte -unseren Pimen, und die Frau sagte ihm ohne Umschweife: -»Hören Sie, ich weiß, daß Sie ein verständiger Mensch -sind und daß Sie verstehen werden, was ich brauche: -Meinem Mann ist eine kleine Unannehmlichkeit widerfahren. -Nichtswürdige haben ihn ausgeraubt, die Juden ... -Sie verstehen ... und wir brauchen unbedingt dieser Tage -fünfundzwanzigtausend Rubel, die ich nirgends so schnell -auftreiben kann. Aber ich habe Sie gerufen, und da -ich weiß, daß ihr Altgläubige kluge und reiche Leute -seid, und weil ich mich selbst überzeugt habe, daß Gott -euch in allen Dingen hilft, bin ich sicher, daß ihr -mir den Gefallen tun und die fünfundzwanzigtausend -geben werdet. Ich werde dafür meinerseits allen Damen -von euren wundertätigen Heiligenbildern erzählen, und -ihr werdet sehen, wieviel ihr für Wachs und Öl erhalten -werdet.« Ich glaube, meine werten Herren, daß Sie sich -ohne Mühe vorstellen können, was unser Spielmann bei -dieser Wendung empfand. Ich weiß nicht, was er alles -sagte, aber ich glaube es ihm, daß er nun anfing sich zu -winden und zu schwören und sie unserer Dürftigkeit zu -versichern; aber sie, die neue Herodias, wollte davon -nichts wissen. »Nein,« sagte sie, »ich weiß sehr gut, daß -die Altgläubigen reich sind und daß fünfundzwanzigtausend -Rubel für euch nichts bedeuten. Als mein Vater -in Moskau Beamter war, haben ihm die Altgläubigen -mehrmals solche Gefälligkeiten erwiesen; und fünfundzwanzigtausend -Rubel sind gar nicht der Rede wert.« -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -Pimen versuchte natürlich ihr vorzustellen, daß die Moskauer -Altgläubigen kapitalskräftige Leute seien, wir aber -einfache Bauern und Taglöhner ... Aber sie hatte anscheinend -sehr gute Moskauer Erfahrungen und fiel -über ihn auf einmal her: »Warum erzählen Sie mir das? -Als ob ich nicht wüßte, wieviel wundertätige Heiligenbilder -ihr habt! Haben Sie mir nicht selbst erzählt, wie -viel man euch aus ganz Rußland für Wachs und Öl -schickt? Nein, ich will nichts hören, entweder bekomme -ich sofort das Geld, oder mein Mann fährt gleich zum -Gouverneur und erzählt ihm alles, wie ihr betet und die -Leute verführt, und es wird euch schlecht gehen.« Der -arme Pimen fiel schier die Treppe hinunter; er kam nach -Hause und sagte, wie ich Ihnen berichtet habe, nur das -eine Wort: »Nichts«. Dabei war er aber rot, als käme er -aus dem Dampfbad, ging gleich in einen Winkel und -schneuzte sich in einem fort. Schließlich nahm ihn Luka -Kirillow ein wenig ins Verhör. Pimen gestand ihm -natürlich nicht alles, sondern enthüllte ihm nur ganz -wenig und sagte: »Die Gnädige hat von mir verlangt, -daß ich ihr von euch fünftausend Rubel Bestechungsgelder -bringe.« Daraufhin braust Luka natürlich auf: -»Ach du Spielmann,« sagte er, »was brauchtest du mit -den Leuten verkehren und sie auch noch herbringen? -Sind wir denn reiche Leute, haben wir soviel Geld zu -verschenken? Wofür sollen wir es denn geben? Und wo -ist es? Wie du alles angestellt hast, so bringe es auch -wieder in Ordnung, aber wir können die fünftausend -Rubel nirgends hernehmen.« Damit ging Luka an seine -Arbeit und kam, wie ich berichtete, bleich wie ein zum -Tode Verurteilter zu uns, weil das nächtliche Ereignis -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -ihn ahnen ließ, daß die Sache uns Unannehmlichkeiten -bringen werde. Pimen aber ging ans andere Flußufer. -Wir alle sahen, wie er mit einem Boot aus dem Schilf -herausfuhr und sich der Stadt zuwandte. Als Michailiza -mir jetzt dies alles der Reihe nach erzählte, wie er sich -um die fünftausend Rubel bemüht hatte, dachte ich mir, -daß er nun bestimmt zur Gnädigen gefahren sei, um sie -zu besänftigen. Mit solchen Gedanken stand ich neben -Michailiza und dachte nach, ob aus all dem nicht ein -Schaden für uns erwachsen könne und ob es nicht notwendig -sei, irgendwelche Maßnahmen dagegen zu ergreifen, -als ich plötzlich sah, daß alle Maßnahmen schon zu -spät waren, da ein großes Boot am Ufer anlegte und ich -hinter mir den Lärm vieler Stimmen hörte. Ich drehte mich -um und erblickte einige Beamte in allerlei Uniformen -und mit ihnen eine erhebliche Anzahl von Gendarmen -und Soldaten. Meine werten Herren, ich kann Michailiza -kaum einen Blick zuwerfen, als sie alle an uns vorbei zu -Lukas Stube gehen und an der Türe zwei Posten mit -bloßen Säbeln aufstellen. Michailiza stürzt auf die Posten -zu, nicht nur, um in die Stube zu kommen, sondern auch, -um zu eifern. Natürlich stoßen sie sie zurück, und wie -sie noch wilder auf sie eindringt und mit ihnen ins Handgemenge -kommt, versetzt ihr einer der Gendarmen einen -solchen Stoß, daß sie kopfüber die Treppe hinunterstürzt. -Ich schicke mich an, zu Luka auf die Brücke zu -laufen, aber ich sehe schon, wie Luka mir entgegenläuft -und hinter ihm unsere ganze Gesellschaft, alle in -Aufruhr, jeder mit dem Werkzeug in der Hand, mit dem -er eben gearbeitet hat, der eine mit einer Brechstange, -der andere mit einem Hammer, und alle laufen, um ihr -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -Heiligtum zu verteidigen. Alle, die im Boot keinen Platz -gefunden und kein anderes Mittel hatten, das Ufer zu -erreichen, waren in den Kleidern, wie sie bei der Arbeit -gewesen waren, von der Brücke ins Wasser gesprungen -und schwammen nun einer hinter dem anderen durch den -kalten Fluß. Stellen Sie sich vor, es war schrecklich auszudenken, -wie das enden sollte. Die Soldatenabteilung -war etwa zwanzig Mann stark, und wenn sie auch alle -mehr oder weniger kriegerisch ausgerüstet waren, so -waren die Unseren mehr als ein halbes Hundert und alle -von glühendem Glaubenseifer beseelt. Jetzt schwimmen -sie wie die Seehunde durch das Wasser, und man hätte -sie mit einem Knüppel auf den Kopf schlagen können, -sie hätten die Absicht, ihr Heiligtum zu beschützen, nicht -aufgegeben. Nun stürmen sie, naß wie sie sind, vorwärts, -als hätten Steine plötzlich Leben bekommen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-8"> -ACHTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">G</span>estatten Sie mir jetzt daran zu erinnern, daß, während -ich mit Michailiza auf der Treppe sprach, der -alte Maroi sich in der Stube im Gebet befand, wo ihn -die Herren Beamten bei ihrem Eindringen auch vorfanden. -Er erzählte später, daß sie, gleich als sie hereingekommen -waren, die Türe zugeschlagen hätten und gerade -auf die Heiligenbilder zugegangen wären. Die einen -löschen die Lämpchen aus, die anderen reißen die Bilder -von der Wand, legen sie auf den Boden und schreien ihn -an: »Bist du der Pope?« Er sagt: »Nein, ich bin kein -Pope.« Sie: »Wer ist denn euer Pope?« Aber er antwortet: -»Wir haben keinen Popen.« Sie darauf: »Ihr werdet -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -keinen Popen haben! Wie wagst du zu sagen, daß ihr -keinen Popen habt!« Er begann ihnen zu erklären, daß -wir keine Popen haben, aber weil er so unverständlich -sprach, daß sie nicht begriffen, wovon die Rede war, sagten -sie: »Bindet ihn, er ist verhaftet.« Maroi läßt sich -binden, als gehe es ihn nichts an, daß ihm ein Dutzend -Soldaten mit einem Strickende die Hände binden. Er -steht da und sieht zu, was weiter geschieht. Die Beamten -hatten inzwischen Kerzen angezündet und die -Bilder zu versiegeln begonnen. Der eine legte die Siegel -an, die anderen machten ein Verzeichnis, die dritten -bohrten Löcher in die Bilder und reihten sie auf eine -Eisenstange aneinander. Maroi sah diesem gotteslästerlichen -Treiben zu und zuckte nicht einmal mit den Schultern, -weil er bei sich dachte, daß es wohl Gott gefalle, -diese Schändung des Heiligtums zuzulassen. Im selben -Augenblick hört Maroi draußen einen Gendarmen aufschreien, -und dann einen zweiten. Die Tür fliegt auf, und -unsere Seehunde stürzen naß, wie sie aus dem Wasser -gestiegen sind, herein. Glücklicherweise war ihnen jedoch -Luka Kirillow zuvorgekommen; er schrie sie an: -</p> - -<p> -»Haltet ein, Christenmenschen! Ereifert euch nicht!« -Dann wendet er sich an die Beamten, weist auf die an -die Eisenstange aufgespießten Ikonen und spricht: »Weshalb -beschädigt ihr so das Heiligtum, ihr Herren Beamten? -Wenn ihr das Recht habt, es uns zu nehmen, dann werden -wir der Gewalt keinen Widerstand leisten, — nehmt -es nur. Aber weshalb müßt ihr so seltene, von den Vätern -ererbte Kunstwerke beschädigen?« -</p> - -<p> -Aber der Mann der Bekannten Pimens, der die ganze -Sache leitete, schrie Luka an: -</p> - -<p> -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -»Still, Halunke! Du wagst noch zu räsonieren!« -</p> - -<p> -Luka war ein stolzer Bauer, aber er demütigte sich und -antwortete leise: -</p> - -<p> -»Erlauben, Euer Hochwohlgeboren, wir kennen diesen -Brauch, wir haben in der Stube anderthalb Hundert Ikonen. -Wenn Sie wünschen, geben wir Ihnen für jede Ikone -drei Rubel, nehmen Sie sie mit, aber beschädigen Sie die -alten Kunstwerke nicht.« -</p> - -<p> -In den Augen des Herrn blitzte es, und er schrie ihn -laut an: »Hinaus!« Ganz leise setzte er aber hinzu: »Gib -hundert Rubel für das Stück, sonst stecke ich sie alle in -den Ofen.« -</p> - -<p> -Luka konnte eine solche Summe weder geben, noch -sie sich überhaupt vorstellen und sagte: -</p> - -<p> -»Gott sei mit euch, vernichtet alles, wie ihr wollt, aber -wir haben das Geld nicht.« -</p> - -<p> -Aber der Herr schrie ihn wütend an: »Ach du bärtiger -Ziegenbock, wie wagst du es, mit uns von Geld zu -sprechen?« -</p> - -<p> -Er wurde plötzlich ganz wild, ließ alles, was er an heiligen -Darstellungen in der Stube fand, auf die Stange -spießen, schraubte dann Muttern an beide Enden und -versiegelte diese, so daß niemand die Bilder herunternehmen -oder vertauschen konnte. Sie hatten bereits alle -Ikonen gesammelt und schickten sich an, fortzugehen. -Die Soldaten nahmen die Stange mit den Bildern auf die -Schultern und trugen sie zu den Booten. Michailiza hatte -sich indes mit dem übrigen Volk unbemerkt in die Stube -gedrängt, heimlich das Engelsbild vom Chorpult heruntergestohlen -und trug es unter der Schürze in die Kammer. -Ihre Hände zitterten dabei aber so, daß sie es fallen -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -ließ. Ihr Heiligen, wie da der Herr in Wut geriet, uns -Diebe und Betrüger nannte und schrie: -</p> - -<p> -»Aha, ihr Betrüger, ihr wolltet das Bild stehlen, damit -es nicht auf die Stange kommt? Nun, da soll es auch -nicht hinkommen, aber so werde ich es machen!« — Mit -diesen Worten zündete er die Siegellackstange an und -drückte das brennende Harz mitten auf das Gesicht des -Engels! -</p> - -<p> -Meine besten Herren, seien Sie nicht böse, wenn ich -nicht versuche, Ihnen zu beschreiben, was in uns vorging, -als der Herr das kochende Harz auf das Antlitz des -Engels goß und als dann der grausame Mensch das Bild -auch noch emporhob, um sich damit zu rühmen, wie gut -er es verstanden hatte, uns zu kränken. Ich entsinne mich -nur noch, daß das helle heilige Antlitz rot und versiegelt -war, daß das brennende Harz unter dem Petschaft in -zwei Strömen, wie Blut mit Tränen gemischt, herabfloß. -</p> - -<p> -Wir stöhnten alle auf, bedeckten unsre Augen mit den -Händen und stöhnten, als lägen wir auf der Folter. Dann -verloren wir uns in Weheklagen, so daß uns die einbrechende -Nacht noch immer weinend und jammernd -um unseren versiegelten Engel antraf. Da kam uns in -dem Dunkel und der Ruhe, die über dem zerstörten -Heiligtum lag, der Gedanke, ausfindig zu machen, wohin -man unseren Beschützer gebracht hatte, und wir gelobten, -ihn selbst unter Lebensgefahr zu rauben und zu entsiegeln. -Zur Ausführung dieses Entschlusses wählte man -mich und den jungen Lewontij. Er zählte kaum siebzehn -Jahre, war fast noch ein Knabe, aber kräftigen Wuchses -und guten Herzens, von Kind auf gottesfürchtig, gehorsam -und gutartig, wie ein weißes Roß mit Silberzaum. -</p> - -<p> -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -Für das gefährliche Unternehmen, den versiegelten -Engel, dessen erblindetes Antlitz wir nicht ertragen konnten, -aufzufinden und zu rauben, konnte ich mir einen -besseren Gefährten und Helfer gar nicht wünschen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-9"> -NEUNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>ch will Sie nicht mit Einzelheiten aufhalten, wie ich -und mein Gefährte durch alle Nadelöhre schlüpften -und überall hinkamen; ich will Ihnen gleich von der -Trauer berichten, die uns ergriff, als wir erfuhren, daß -man unsere von den Beamten durchbohrten Ikonen, so -wie sie auf die Stange aufgespießt waren, in den Keller -des Konsistoriums geworfen hatte. Damit war die Sache -für uns verloren und wie im Sarge begraben; es war vergeblich, -noch weiter an sie zu denken. Erfreulich dagegen -war, daß man sich erzählte, der Erzbischof selbst habe -diese barbarische Handlungsweise nicht gebilligt, sondern -im Gegenteil gesagt: »Wozu das?« Er sei sogar für das -alte Kunstwerk eingetreten und habe erklärt: »Es ist ein -altes Stück, das man schützen muß«. Schlimm dagegen -war, daß, als das durch die Schändung entstandene Unheil -noch nicht überwunden war, uns ein neues, größeres -durch diesen neuen Verehrer traf: Derselbe Erzbischof -nahm, was man hinzufügen muß, nicht in schlimmer, sondern -in guter Absicht unseren versiegelten Engel in die -Hand und betrachtete ihn lange, dann legte er ihn zur -Seite und sagte: »Das verstörte Antlitz! Wie schrecklich -hat man es zugerichtet! Man tue dieses Bild nicht in den -Keller, sondern stelle es in meine Kapelle aufs Fenster -neben den Opfertisch.« Die Diener des Erzbischofes führten -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -den Befehl aus, und wenn uns einerseits, wie ich gestehen -muß, diese Aufmerksamkeit des Hierarchen sehr -angenehm berührte, so sahen wir andererseits doch ein, -daß dadurch jede Aussicht, unseren Engel rauben zu -können, vereitelt war. Es blieb nur ein Mittel übrig: die -Diener des Erzbischofs zu bestechen und mit ihrer Hilfe -das Bild mit einem kunstvoll ähnlich gemalten zu vertauschen. -Das hatten unsere Altgläubigen schon oft mit -Erfolg gemacht, aber dazu wäre vor allen Dingen ein -kunstfertiger Heiligenbildmaler mit einer erprobten Hand -nötig gewesen, der es verstanden hätte, heimlich ein genaues -Abbild herzustellen. Einen solchen Maler gab es -jedoch in dieser Gegend nicht. Zudem befiel uns seit -dieser Zeit doppelte Trauer, die wie Wassersnot über uns -kam. In der Stube, in der man früher nur Lobsingen -hörte, vernahm man nichts als Schluchzen, und in -kurzer Zeit hatten wir uns so krank geweint, daß wir -mit unseren tränenerfüllten Augen den Boden nicht -mehr sehen konnten, und dadurch, oder aus einem -anderen Grunde entstand dann bei uns eine Augenkrankheit, -die mit der Zeit alle ergriff. Was es bisher -nicht gegeben hatte, geschah jetzt: wir hatten Kranke -ohne Zahl. Das ganze Arbeitervolk fand dafür die Deutung, -daß es nicht ohne Grund geschehe, sondern wegen -des Engels der Altgläubigen. »Man hat ihn,« sagten sie, -»durch das Siegel geblendet, und jetzt müssen wir alle -erblinden.« Diese Auslegung fand nicht nur bei uns -allein Glauben, sondern auch alle kirchlich Gesinnten -waren aufgebracht. -</p> - -<p> -Obwohl unsere Brotgeber, die Engländer, Ärzte kommen -ließen, ging niemand zu ihnen hin, und auch ihre -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -Arzneien wollte niemand nehmen, sondern wir alle flehten -nur um das eine: -</p> - -<p> -»Bring uns den versiegelten Engel. Wir wollen vor -ihm einen Bittgottesdienst halten, er allein kann uns -helfen!« -</p> - -<p> -Unser Engländer Jakow Jakowlewitsch nahm sich der -Sache an, fuhr selbst zum Erzbischof und sagte ihm: -</p> - -<p> -»So steht es, Eminenz: der Glaube ist eine große Sache, -und einem jeden wird alles nach seinem Glauben gegeben; -geben Sie uns doch den Engel aufs andere Ufer!« -</p> - -<p> -Der Erzbischof aber wollte davon nichts wissen und -sagte: -</p> - -<p> -»Dem darf kein Vorschub geleistet werden.« -</p> - -<p> -Damals erschien uns dieses Wort grausam, und wir -verurteilten den Erzbischof leichtfertig, später aber wurde -uns offenbar, daß dies alles nicht aus Hartherzigkeit, -sondern durch Gottes Vorsehung geschah. -</p> - -<p> -Indessen nahmen die Zeichen kein Ende, und der strafende -Finger traf auch den Hauptschuldigen in dieser -Sache, Pimen, selbst, der nach diesem Unheil von uns geflohen -war, auf dem anderen Ufer lebte und der Staatskirche -beitrat. Ich begegnete ihm einmal dort in der Stadt, -er begrüßte mich, und ich grüßte ihn wieder. Dann sagte -er mir: -</p> - -<p> -»Ich habe gesündigt, Bruder Mark, daß ich mich von -eurem Glauben abgeschieden habe.« -</p> - -<p> -Ich antwortete ihm: -</p> - -<p> -»Was einer glaubt, das ist Gottes Sache, aber daß du -den Armen um ein Paar Stiefel verkauft hast, das war -nicht gut gehandelt; verzeih mir, daß ich dir, wie es der -Prophet Amos befiehlt, brüderliche Vorwürfe mache.« -</p> - -<p> -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -Bei der Nennung des Propheten überlief ihn ein Schauder. -</p> - -<p> -»Sprich mir nicht von den Propheten,« sagte er, »ich -kenne die Schrift selbst und fühle, wie die Propheten die -auf der Erde Lebenden strafen. Ich selbst habe dafür ein -Zeichen.« Und er klagte mir, daß er, als er neulich im -Flusse gebadet hatte, am ganzen Körper fleckig geworden -sei; er machte seine Brust frei und zeigte mir auf ihr -Flecken, wie bei einem gescheckten Pferde, die sich von -der Brust bis hinauf zum Halse zogen. -</p> - -<p> -Ich sündiger Mensch hatte schon im Sinne, ihm zu -sagen, daß »Gott den Schelm zeichne«, aber ich unterdrückte -diese Worte und sagte: -</p> - -<p> -»Nun, was hat das zu bedeuten? Bete nur und sei froh, -daß du auf dieser Welt gezeichnet bist, vielleicht wirst -du dann in der kommenden rein dastehen.« -</p> - -<p> -Aber er klagte mir, wie unglücklich er darüber sei und -was er einbüße, wenn die Flecken auch das Gesicht ergreifen -würden. Der Gouverneur selbst habe, als er ihn, -Pimen, bei seinem Übertritt in die Kirche sah, große -Freude an seiner Schönheit gehabt und dem Stadthauptmann -gesagt, er solle Pimen beim Empfang vornehmer -Personen unbedingt ganz vorne mit der silbernen Schüssel -in den Händen aufstellen. Aber einen fleckigen Menschen -könne man doch nicht aufstellen! Was brauchte ich aber -seine eitlen und hohlen Worte weiter anzuhören? — Ich -drehte mich um und ging. -</p> - -<p> -Seit der Zeit waren wir von ihm geschieden. Seine -Flecken wurden immer sichtbarer, aber auch bei uns -hörten die Zeichen nicht auf. Schließlich setzte im Herbst, -als der Fluß kaum zugefroren war, plötzlich Tauwetter ein, -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -das das ganze Eis auseinanderriß und unsere Behausungen -zerstörte. Und jetzt folgte Schaden auf Schaden, bis einmal -sogar einer der Granitpfeiler unterspült wurde und -der Strudel das Werk vieler Jahre, das viele Tausende -gekostet hatte, verschlang. -</p> - -<p> -Dies machte sogar unsere Brotgeber, die Engländer, -bestürzt, und irgendjemand riet ihrem Ältesten, Jakow -Jakowlewitsch, uns Altgläubige wegzuschicken, um von -all dem Übel wieder erlöst zu werden. Der Engländer -aber war ein Mensch mit rechtschaffnem Herzen und -hörte nicht darauf; er ließ sogar mich und Luka Kirillow -zu sich rufen und sagte: -</p> - -<p> -»Kinder, gebt mir selbst einen Rat: kann ich euch nicht -irgendwie helfen und euch trösten?« -</p> - -<p> -Wir antworteten ihm, daß es für uns keinen Trost gäbe, -solange das uns heilige Antlitz des Engels, das uns überall -begleitet hatte, mit Feuerharz versiegelt sei, und daß wir -vor Leid vergingen. -</p> - -<p> -»Was gedenkt ihr zu tun?« fragte er. -</p> - -<p> -»Wir wollen ihn einmal vertauschen und sein reines -Antlitz, das die gottlose Hand des Beamten unter dem -Siegel verborgen hat, entsiegeln.« -</p> - -<p> -»Warum ist euch der Engel so teuer, und kann man -euch nicht einen anderen ebensolchen verschaffen?« -</p> - -<p> -»Er ist uns deshalb so teuer,« antworteten wir, »weil -er uns beschützt hat; einen anderen können wir aber nicht -bekommen, weil dieser in schwerer Zeit von gottesfürchtiger -Hand gemalt und von einem Priester des alten Glaubens -nach dem Brevier des Pjotr Mogila geweiht worden -ist. Jetzt aber haben wir weder Priester noch jenes Brevier.« -</p> - -<p> -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -»Aber wie wollt ihr ihn entsiegeln, wo doch der Siegellack -das ganze Gesicht ausgebrannt hat?« -</p> - -<p> -Wir antworteten: -</p> - -<p> -»Euer Gnaden, was das anbelangt, so haben Sie keine -Sorge: wenn wir ihn nur in unsere Hände bekommen, wird -er, unser Beschützer, schon selbst für sich sorgen. Er ist -keine Handelsware, sondern eine echte Stroganower Arbeit, -und die Stroganower wie die Kostromaer Lacke sind -so zubereitet, daß das Bild nicht einmal den Feuerbrand -zu fürchten braucht, er läßt das Harz an die zarten Farben -nicht einmal heran.« -</p> - -<p> -»Seid ihr davon überzeugt?« -</p> - -<p> -»Ja, das sind wir: dieser Lack ist so stark wie der alte -russische Glaube selbst.« -</p> - -<p> -Er schimpfte noch auf jene, die ein solches Kunstwerk -nicht zu schätzen verstanden hatten, gab uns die Hand -und sagte nochmals: -</p> - -<p> -»Nun, verzagt nicht, ich bin euer Helfer, wir werden -euern Engel bekommen. Braucht ihr ihn für lange?« -</p> - -<p> -»Nein,« antworteten wir, »für ganz kurze Zeit.« -</p> - -<p> -»Nun, dann sage ich den Leuten, daß ich für euren -versiegelten Engel kostbare goldene Beschläge machen -lassen will, und wenn man ihn mir dann gibt, vertauschen -wir ihn. Gleich morgen will ich mich daran -machen.« -</p> - -<p> -Wir dankten ihm und erwiderten: -</p> - -<p> -»Herr, unternehmen Sie bitte morgen und auch übermorgen -noch nichts.« -</p> - -<p> -»Warum das?« fragte er. -</p> - -<p> -Wir antworteten: -</p> - -<p> -»Weil wir, Herr, vor allen Dingen ein Bild zum Vertauschen -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -haben müssen, das dem echten wie ein Wassertropfen -dem andern gleicht. Solche Meister gibt es hier -aber nicht und werden auch in der Nähe nicht zu finden -sein.« -</p> - -<p> -»Das ist eine Kleinigkeit,« sagte er, »ich werde euch -selbst aus der Stadt einen Künstler mitbringen, der nicht -nur Kopien malt, sondern selbst vortreffliche Porträts.« -</p> - -<p> -»Nein,« antworteten wir, »tun Sie das bitte nicht: erstens -würde durch diesen weltlichen Maler vielleicht ein -unziemliches Gerede entstehen, zweitens kann ein Maler -diese Aufgabe gar nicht erfüllen.« -</p> - -<p> -Der Engländer glaubte es nicht, und so trat ich vor und -legte ihm den ganzen Unterschied klar: daß die jetzigen -weltlichen Maler eine andere Kunstart haben, daß sie nämlich -mit Ölfarben malen, während dort die Farben mit -Eiweiß angerieben werden und ganz zart sind. In der -neuen weltlichen Malerei ist die Darstellung hingeschmiert -und erscheint nur in einiger Entfernung natürlich, während -hier alles fließend und noch in der Nähe deutlich ist. -Einem weltlichen Maler würde selbst die Wiedergabe der -Zeichnung nicht gelingen, weil sie nur gelernt haben, den -irdischen Körper abzubilden und was den körperlichen -Menschen ausmacht, während in der heiligen russischen -Ikonenmalerei der verklärte himmlische Leib dargestellt -wird, den sich der materielle Mensch nicht einmal vorstellen -kann. -</p> - -<p> -Das interessierte ihn, und er fragte: -</p> - -<p> -»Aber wo gibt es denn solche Meister, die sich heute -noch auf diese besondere Art verstehen?« -</p> - -<p> -»Sie sind heute,« berichtete ich ihm weiter, »sehr selten, -und selbst damals lebten sie in tiefer Verborgenheit. Im -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -Dorfe Mstera lebt ein Meister namens Chochlow, aber er -ist schon hoch in den Jahren und kann die weite Reise -nicht machen. Auch in Palichow leben zwei, aber auch die -werden die Reise nicht unternehmen, zudem taugen uns -weder die Msterer noch die Palichower Meister.« -</p> - -<p> -»Weshalb denn das?« forschte er weiter. -</p> - -<p> -»Weil sie,« antwortete ich, »eine andere Manier haben: -bei den Msterern ist die Zeichnung schwerfällig und der -Farbton trüb, bei den Palichowern dagegen ist der Ton -türkisfarbig, alles schimmert bei ihnen bläulich.« -</p> - -<p> -»Was soll man nun machen?« fragte er. -</p> - -<p> -»Ich weiß es selbst nicht,« antwortete ich. »Ich habe -zwar gehört, es gäbe in Moskau noch einen guten Meister, -namens Ssilatschow. Er hat in ganz Rußland, auch bei -den Unsrigen einen guten Namen, aber er entspricht -mehr der Nowgorodschen und der Zarisch-Moskowitischen -Art. Unsere Ikone aber ist Stroganower Zeichnung -mit den klarsten heiligsten Farben, so daß uns einzig der -Meister Ssewastian von der Wolga helfen könnte, aber -der ist ein leidenschaftlicher Wanderer und zieht durch -ganz Rußland, macht bei den Altgläubigen Ausbesserungen, -und niemand weiß, wo er zu finden ist.« -</p> - -<p> -Der Engländer hatte meinen ganzen Bericht mit Vergnügen -angehört, lächelte ein wenig und antwortete: -</p> - -<p> -»Ihr seid sehr wunderliche Leute,« sagte er, »aber wenn -man euch zuhört, wird es einem wohl, denn ihr scheint -alles, was euch angeht, gut zu kennen und sogar in der -Kunst Bescheid zu wissen.« -</p> - -<p> -»Warum sollen wir denn von der Kunst nichts erfaßt -haben, Herr?« sage ich: »Hier handelt es sich doch um -Gotteskunst, und bei uns gibt es unter den ganz einfachen -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -Bauern so große Liebhaber dieser Kunst, daß sie nicht -nur alle Schulen auseinanderhalten, wodurch sich zum -Beispiel eine von der anderen unterscheidet, die Ustjuger -oder die Nowgoroder, die Moskauer oder die Wologdaer, -die Sibirische oder die Stroganower, sondern die -sogar in derselben Schule die Werke der berühmten, alten -russischen Meister fehlerlos unterscheiden.« -</p> - -<p> -»Kann denn das sein?« -</p> - -<p> -»Genau so, wie Sie die Handschrift eines Menschen -von der eines anderen unterscheiden, so auch jene«, antwortete -ich. »Sie schauen nur hin und sehen gleich, ob -es Kusjma, Andrej oder Prokofij gemalt hat.« -</p> - -<p> -»An welchen Merkmalen?« -</p> - -<p> -»Es gibt Unterschiede in der Zeichnung, im Ton, in -der Raumverteilung, in den Gesichtszügen und in den -Bewegungen.« -</p> - -<p> -Er hörte immerfort zu, und ich erzählte ihm, was ich -über die Malerei eines Uschakow und eines Rubljow -wußte, und vom ältesten russischen Maler Paramschin, -dessen Heiligenbilder unsere gottesfürchtigen Fürsten und -Zaren ihren Kindern zum Segen schenkten, denen sie -sogar in ihren Vermächtnissen befahlen, diese Ikonen wie -ihren Augapfel zu hüten. -</p> - -<p> -Der Engländer zog gleich sein Notizbuch heraus, ließ -mich den Namen dieses Malers wiederholen und fragte, -wo man Arbeiten von ihm sehen könnte. Aber ich antwortete: -</p> - -<p> -»Sie werden vergeblich suchen, Herr. Nirgends ist eine -Erinnerung an sie zurückgeblieben.« -</p> - -<p> -»Wo sind sie denn geblieben?« -</p> - -<p> -»Ich weiß nicht,« sagte ich, »ob man sie zum Pfeifenreinigen -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -verwendet oder bei den Deutschen gegen Tabak -eingetauscht hat.« -</p> - -<p> -»Es kann nicht sein!« -</p> - -<p> -»Im Gegenteil,« antwortete ich, »es kann sehr wohl -sein, es gibt Beispiele dafür: der römische Papst hat im -Vatikan ein Triptychon, das unsere russischen Ikonenmaler -Andrej, Ssergej und Nikita im dreizehnten Jahrhundert -gemalt haben. Diese vielfigurigen Miniaturen sollen so -wunderbar sein, daß selbst die größten ausländischen -Maler, die sie sahen, vor diesem wundervollen Werk in -Begeisterung gerieten.« -</p> - -<p> -»Aber wie ist es nach Rom gekommen?« -</p> - -<p> -»Peter der Erste hat es einem ausländischen Mönch -geschenkt, und der hat es verkauft.« -</p> - -<p> -Der Engländer lächelte ein wenig, wurde dann nachdenklich -und sagte leise, daß bei ihnen in England jedes -Bildchen von Geschlecht zu Geschlecht bewahrt werde -und daß es so für seine Herkunft selbst Zeugnis ablege. -</p> - -<p> -»Nun, bei uns herrscht wahrhaftig eine andere Sitte,« -sagte ich, »das Band der Überlieferungen der Vorfahren -ist zerrissen, damit alles neu erscheine, als sei das ganze -russische Geschlecht erst gestern von der Henne in den -Nesseln ausgebrütet worden.« -</p> - -<p> -»Wenn die bei euch gezüchtete Unwissenheit so groß -ist, warum bemühen sich dann nicht wenigstens diejenigen, -die die Liebe zum Heimatlichen bewahrt haben, die -einheimische Kunst zu erhalten?« -</p> - -<p> -Ich antwortete: »Es ist niemand da, Herr, der uns -unterstützen würde, denn in den neuen Kunstschulen -verfault allerorts das Gefühl, und der Verstand unterwirft -sich der Eitelkeit. Die Fähigkeit zur hohen Begeisterung -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -ist verloren gegangen, alles wird vom Irdischen abgeleitet -und atmet irdische Leidenschaft. Unsere neuesten Maler -haben damit begonnen, den Erzengel Michael nach dem -Bildnis des Fürsten Potjomkin von Taurien darzustellen, -und jetzt sind sie so weit, daß sie Christus den Erlöser -als Juden abbilden. Was soll man von solchen Menschen -erwarten? Ihre unbeschnittenen Herzen werden schließlich -noch andere Dinge malen und verlangen, daß man die -als Gottheit verehre. Hat man doch in Ägypten einen Stier -und eine rotgefiederte Zwiebel angebetet; nur wir werden -uns nicht vor den fremden Göttern beugen und werden -das Judengesicht nicht als das Antlitz des Erlösers anerkennen. -Ja, so kunstfertig diese Bilder auch sein mögen, -wir halten sie für eine herzlose Frechheit und wollen -von ihnen nichts wissen, weil es in der Überlieferung der -Väter heißt, daß die Ergötzung der Augen die Reinheit -der Vernunft zerstört, wie ein schadhafter Wasserspeier -das Wasser trübt.« -</p> - -<p> -Damit schloß ich und schwieg, aber der Engländer -sagte: -</p> - -<p> -»Fahre fort, mir gefällt es, wie du urteilst!« -</p> - -<p> -Ich antwortete: »Ich habe schon alles erzählt.« Er aber -erwiderte: -</p> - -<p> -»Nein, erzähle mir noch, was ihr unter einem beseelten -Bilde versteht.« -</p> - -<p> -Diese Frage, meine werten Herren, war für einen einfachen -Menschen ziemlich schwierig, aber es war nichts -zu machen, und ich begann zu erzählen, wie in Nowgorod -der Sternenhimmel gemalt ist, und dann berichtete ich -von dem Kiewer Bild in der Sophienkathedrale, wo zu -Seiten des Herrn Zebaoth sieben geflügelte Erzengel -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -stehen, die natürlich keine Ähnlichkeit mit dem Fürsten -Potjomkin haben, und auf den Stufen der Vorhalle die -Erzväter und Propheten dargestellt sind, unter ihnen -Moses mit der Gesetzestafel, noch tiefer Ahron mit Mitra -und Stab, und auf der anderen Seite der Stufen König -David mit der Krone, der Prophet Jesaias mit der Schriftrolle, -Hesekiel mit der Geschlossenen Pforte, Daniel mit -dem Stein, und um diese Fürbitter, die den Weg zum -Himmel weisen, sind die Gaben abgebildet, durch die -der Mensch diesen Ruhmesweg erklimmen mag, wie: das -Buch mit den sieben Siegeln als die Gabe der Allweisheit, -der siebenarmige Leuchter als die Gabe der Vernunft, -die sieben Augen als die Gabe des Rates, die sieben -Posaunen als die Gabe der Kraft, die Hand Gottes inmitten -von sieben Sternen als die Gabe der Gesichte, die -sieben Räucherbecken als die Gabe der Frömmigkeit und -die sieben Blitze als die Gabe der Gottesfurcht. »Sehen -Sie,« sagte ich, »eine solche Darstellung ist erhebend.« -</p> - -<p> -Der Engländer antwortete: »Verzeih mir, mein Lieber, -ich verstehe nicht, weshalb du dies erhebend nennst.« -</p> - -<p> -»Weil eine solche Darstellung uns klar sagt, daß es -dem Christenmenschen ansteht, zu beten und darnach -zu lechzen, sich von dieser Welt zu Gottes unsagbarem -Glanze zu erheben.« -</p> - -<p> -»Ja,« erwiderte er, »das kann aber doch ein jeder aus -der Schrift und aus dem Gebete erfassen.« -</p> - -<p> -»Nein, durchaus nicht,« antwortete ich, »es ist nicht -jedem gegeben, die Schrift zu verstehen, und dem, der -sie nicht versteht, gibt auch das Gebet nur Finsternis. -Mancher hört die Verheißung der großen und reichen -Gnade und schließt daraus, daß damit Geld gemeint sei -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -und betet voller Habsucht; sieht er aber vor sich den -himmlischen Glanz dargestellt, so vergißt er hierüber das -höchste irdische Glück und sieht ein, daß er dieses Ziel -erreichen müsse, weil dort alles so klar und einleuchtend -geschildert ist. Hat dann der Mensch für seine Seele zunächst -die Gabe der Gottesfurcht erbetet, so erhebt sie -sich gleich, von der irdischen Schwere befreit, von Stufe -zu Stufe und erringt mit jedem Schritte mehr vom Überfluß -der göttlichen Gaben. Und von der Zeit an erscheint -dem Menschen im Gebet das Geld und aller irdischer -Ruhm nur als verabscheuungswürdig vor dem Herrn.« -</p> - -<p> -Der Engländer erhob sich von seinem Platze und sagte -lächelnd: »Und ihr, Sonderlinge, was erbetet ihr euch?« -</p> - -<p> -»Wir beten,« antwortete ich, »um ein christliches Ende -und um ein mildes Gericht am jüngsten Tag.« -</p> - -<p> -Er lächelte wieder und zog plötzlich an einer goldgelben -Schnur; ein grüner Vorhang ging auf, und hinter ihm saß -seine Frau, die Engländerin, auf einem Sessel und strickte -vor einer Kerze mit langen Stricknadeln. Sie war eine -schöne freundliche Dame, und wenn sie auch nur wenig -russisch sprechen konnte, so verstand sie doch alles und -hatte gewiß unser Gespräch mit ihrem Manne über die -Religion mit anhören wollen. -</p> - -<p> -Und was denken Sie wohl? Kaum war der Vorhang, -der sie verdeckt hatte, zurückgezogen, als die Gute -sogleich wie erschrocken aufstand, an mich und Luka -herantrat und uns Bauern ihre beiden Händchen entgegenstreckte. -In ihren Augen blinkten Tränen, und sie -sagte: -</p> - -<p> -»Gute Menschen, gute russische Menschen!« -</p> - -<p> -Ich und Luka küßten ihr für dieses gute Wort beide -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -Hände, aber sie drückte ihre Lippen auf unsere Bauernköpfe. -</p> - -<p> -Der Erzähler hielt inne, bedeckte die Augen mit dem -Ärmel, wischte sie still und flüsterte dann: »Sie war eine -rührende Frau.« Nachdem er sich gefaßt hatte, fuhr er fort: -</p> - -<p> -Nach ihrer freundlichen Tat begann die Engländerin -ihrem Manne etwas in ihrer Sprache auseinanderzusetzen. -Wenn wir es auch nicht verstanden, so hörten wir an der -Stimme, daß sie ihn für uns bat. Und der Engländer freute -sich über die Güte seiner Frau, strahlte vor Stolz, streichelte -der Frau immerfort das Köpfchen und girrte in -seiner Sprache wie eine Taube: »Gut, gut«, oder was er -ihr sonst gesagt haben mag; aber es war ersichtlich, wie -er sie lobte und sie in etwas bestärkte. Dann trat er an -seinen Schreibtisch, nahm zwei Hundertrubelscheine -heraus und sagte: -</p> - -<p> -»Luka, hier hast du Geld, geh und suche den kunstfertigen -Heiligenbildermaler, wo du ihn zu finden meinst, -damit er euch anfertigt, was ihr braucht. Er kann auch -für meine Frau etwas in eurer Art malen; sie will ihrem -Sohne eine solche Ikone schenken und gibt euch für eure -Bemühungen und Auslagen das Geld.« -</p> - -<p> -Sie aber lächelt durch die Tränen und entgegnet rasch: -»Nein, nein, nein, das ist von ihm, aber ich will von mir -extra.« Und mit diesen Worten geht sie zur Tür hinaus -und bringt einen dritten Hunderter. -</p> - -<p> -»Mein Mann,« sagt sie, »hat mir das für ein Kleid geschenkt, -aber ich will kein Kleid, ich stifte es euch.« -</p> - -<p> -Wir weigern uns natürlich es anzunehmen, aber sie -will davon gar nichts hören und läuft hinaus, während -er sagt: -</p> - -<p> -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -»Nein, wagt nicht, es ihr zu verweigern und nehmt, -was sie euch gibt.« Damit wendet er sich weg und sagt: -»Geht jetzt, ihr Sonderlinge!« -</p> - -<p> -Wir waren durch diese Verabschiedung natürlich nicht -beleidigt, weil wir wohl bemerkt hatten, daß sich der -Engländer von uns weggewandt hatte, nur um seine Rührung -vor uns zu verbergen. -</p> - -<p> -So haben uns, meine werten Herren, unsere eigenen -Landsleute in ihrer Herzensfinsternis verurteilt, und die -englische Nation hat uns getröstet und unserer Seele den -Eifer wiedergegeben. -</p> - -<p> -Nun wendet sich, meine besten Herren, meine Erzählung -dem Ende zu, und ich will Ihnen in Kürze berichten, -wie ich meinen lieben, »silbergezäumten« Lewontij mitnahm, -wie wir nach dem Ikonenmaler auszogen, welche -Ortschaften wir durchwanderten, was für Leute wir sahen, -welche <a id="corr-1"></a>neuen Wunder sich uns offenbarten, wie wir zuguterletzt -fanden, was wir verloren hatten und womit wir -zurückkehrten. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-10"> -ZEHNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">F</span>ür einen Menschen, der eine Wanderschaft unternimmt, -ist der Weggefährte die wichtigste Angelegenheit. -Mit einem guten und klugen Kameraden sind selbst -die Kälte und der Hunger leichter zu ertragen. Mir ward -diese Gabe durch den wunderbaren Jüngling Lewontij -zuteil. Wir machten uns zu Fuß auf den Weg. Wir trugen -unsere Bündel, hatten eine hinreichende Summe Geldes bei -uns und nahmen zum Schutze unseres Lebens und auch des -Geldes einen alten, kurzen Säbel mit breiter Klinge mit, -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -der uns für den Fall einer Gefahr immer begleitet hatte. -Wir zogen wie Handelsleute unseres Wegs und hatten -für alle Fälle Ausflüchte bereit, hatten aber natürlich stets -nur unsere Sache im Auge. -</p> - -<p> -Zu allererst waren wir in Klinzy und Slynka, kehrten -dann bei einem der Unsern in Orjol ein, aber nirgends -hatten wir ein brauchbares Resultat, nirgends fanden wir -einen guten Ikonenmaler. So erreichten wir schließlich -Moskau. Was soll ich sagen! Heil dir, Moskau! Heil dir, -ruhmvolle Zarin des alten Rußlands! Aber wir Altgläubigen -haben in dir keinen Trost gefunden! -</p> - -<p> -Ich spreche ungern davon, aber ich kann nicht verschweigen, -daß wir in Moskau nicht den Geist antrafen, -den wir erwartet hatten. Wir überzeugten uns mit jedem -Tag mehr davon, daß die Altgläubigkeit dort nicht auf -Liebe zum Guten und zur Wohlanständigkeit begründet -ist, sondern auf purem Eigensinn, und Lewontij und ich -begannen uns darüber zu schämen, weil wir dort nur solches -sahen, was für den friedlichen Gläubigen beleidigend -ist. Aber indes wir uns schämten, schwiegen wir darüber. -</p> - -<p> -Es gab natürlich in Moskau Ikonenmaler, und sogar -recht kunstfertige, aber was nützte uns das, wenn alle -diese Leute nicht den Geist hatten, von dem die väterlichen -Überlieferungen berichten. Bevor sich die gottesfürchtigen -Maler der alten Zeiten an die heilige Kunst machten, -fasteten und beteten sie, und sie leisteten für viel und für -wenig Geld das Gleiche, wie es die Ehre der heiligen Darstellung -erforderte. Aber jene malen nur für eine kurze -Zeit, nicht mehr für die Dauer, grundieren nur schwach -mit Kreidefarben, statt mit alabasternen, und tragen in -ihrer Faulheit die Farbe mit einemmal auf, statt wie damals -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -vier- und selbst fünfmal mit wasserdünner Farbe zu -malen, wodurch jene die wundervolle Zartheit erreichten, -die den jetzigen mangelt. Und über der Liederlichkeit in -der Kunst sind sie selbst alle schwach geworden, so daß -sich jeder vor dem anderen rühmt und einer den anderen -zu erniedrigen sucht. Aber noch schlimmer ist, daß sie -sich in den Schenken zu Haufen herumtreiben, dort die -schlauesten Betrügereien verüben, Wein trinken und ihre -Kunst schreierisch loben, das Werk der anderen aber -gotteslästerlich und »Teufelsmalerei« nennen. Und um -sie herum sitzen die Altertumshändler wie die Sperlinge -hinter den Eulen, lassen die altgemalten Heiligenbilder -von Hand zu Hand gehen, sie tauschen und fälschen, -räuchern sie im Kamin und machen Risse und Wurmfraß -hinein. Aus Kupfer gießen sie alle möglichen Beschläge, -nach den Vorbildern der alten getriebenen Originale und -legen Emaille nach der altüberlieferten Art auf. Aus gewöhnlichen -Schüsseln schmieden sie Taufbecken mit den -alten gerupften Adlern, wie man sie zur Zeit Iwans des -Grausamen herstellte. Sie stellen sie aus und verkaufen -sie an unerfahrene Leichtgläubige als echte Taufbecken -»aus den Zeiten des Grausamen«. Solcher Taufbecken -gibt es jetzt viele in Rußland, aber es ist alles Betrug und -gewissenloser Schwindel. Mit einem Wort, die Leute betrügen -einander mit Heiligtümern, wie die schwarzen -Zigeuner mit Pferden, und treiben es so, daß man sich -für sie schämen muß, wenn man überall die Sünde, die -Versuchung und den Verrat am Glauben sieht. Wer sich -diese Schamlosigkeit zu eigen gemacht hat, dem geht -es nicht schlecht; selbst unter den Moskauer Liebhabern -finden sich viele, die sich für diesen unehrlichen Handel -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -interessieren und sich damit brüsten: hier habe einer einen -mit einem Christusbild betrogen, dort ein anderer einen -andern mit einem Nikolai geprellt oder einem auf irgendeine -niederträchtige Weise ein gefälschtes Muttergottesbild -untergeschoben. All dies wurde ganz offen betrieben, -man eiferte sogar darin, die unerfahrenen Gläubigen -mit den Heiligtümern zum Narren zu halten. Aber mir -und Lewontij als bäuerisch einfachen Gottesverehrern -erschien dies alles so unerträglich, daß wir uns darüber -grämten und erschraken: -</p> - -<p> -»Ist es denn möglich,« denken wir uns, »daß unser alter -unglücklicher Glaube derartig entstellt worden ist?« Und -indem ich mir das denke, sehe ich, daß auch er dasselbe -in seinem betrübten Herzen trägt. Aber wir sprachen -nicht miteinander darüber, und ich bemerkte nur, wie sich -mein Jüngling immer mehr in die Einsamkeit flüchtete. -</p> - -<p> -Einmal schaue ich ihn an und habe Sorge, daß er jetzt -in der Verwirrung seines Herzens nur nicht auf unnötige -Gedanken kommen möge; und ich sage ihm: -</p> - -<p> -»Was hast du, Lewontij, worüber grämst du dich?« -</p> - -<p> -Und er antwortet: -</p> - -<p> -»Nichts, Onkel, nichts; ich bin einmal so.« -</p> - -<p> -»Komm, gehen wir in die Boscheninstraße, in die -Eriwaner Schenke und versuchen dort einen Ikonenmaler -zu überreden. Heute haben zwei versprochen -hinzukommen und alte Ikonen mitzubringen. Ich habe -schon eine eingehandelt und will heute noch eine bekommen.« -</p> - -<p> -Aber Lewontij antwortet: -</p> - -<p> -»Nein, Onkelchen, geh du allein, ich gehe nicht mit.« -</p> - -<p> -»Warum gehst du nicht mit?« frage ich. -</p> - -<p> -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -»So,« antwortet er, »mir ist heute nicht ganz wohl.« -</p> - -<p> -Einmal, zweimal nötigte ich ihn nicht, aber das drittemal -fordere ich ihn wieder auf: -</p> - -<p> -»Gehen wir, Lewontjuschka, gehen wir, Junge.« -</p> - -<p> -Aber er verneigt sich rührend und bittet: -</p> - -<p> -»Nein, Onkelchen, weißes Täubchen, laß mich zu -Hause bleiben.« -</p> - -<p> -»Aber was ist denn das, Ljowa, du bist doch mit mir als -Helfer mitgekommen und sitzt immer zu Hause. So habe -ich nicht viel von deiner Hilfe, mein Täubchen.« -</p> - -<p> -»Nun, du Teurer, Väterchen Mark Alexandrowitsch, -Gebieter, fordere mich nicht auf, dorthin zu gehen, wo man -ißt und trinkt und unziemliche Reden über das Heilige -führt, ich könnte der Versuchung unterliegen.« -</p> - -<p> -Das war das erste bewußte Wort über seine Gefühle, -und es traf mich ins Herz, aber ich stritt nicht mit ihm -und ging allein. An jenem Abend hatte ich ein langes -Gespräch mit zwei Ikonenmalern, und durch sie widerfuhr -mir ein schreckliches Leid. Es ist entsetzlich, was -sie mit mir gemacht haben. Der eine hatte mir für vierzig -Rubel eine Ikone verkauft und ging weg; der andere -aber sagte: -</p> - -<p> -»Schau zu, Mensch, daß du vor dieser Ikone nicht -betest.« -</p> - -<p> -Ich frage: »Warum?« -</p> - -<p> -Er antwortet: »Weil es Teufelsmalerei ist.« Damit kratzt -er mit dem Nagel an dem Bild, an der einen Ecke fällt die -Farbschicht ab, und auf dem Grund darunter ist ein Teufelchen -mit einem Schwanz gemalt. Er kratzt an einer anderen -Stelle die Schicht herunter, und unter ihr ist wieder ein -Teufelchen. -</p> - -<p> -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -»Großer Gott, was ist denn das?« Ich begann zu weinen. -</p> - -<p> -»Das bedeutet, daß du nicht bei ihm, sondern bei mir -bestellen sollst«. -</p> - -<p> -Da sah ich klar, daß sie derselben Bande angehörten -und verabredet hatten, an mir schlecht und unehrlich zu -handeln. Ich ließ ihnen die Ikone zurück und ging fort, -die Augen voller Tränen, und lobte Gott, daß mein Lewontij, -dessen Glaube eben im Gären war, dies nicht -gesehen hatte. Wie ich nach Hause komme, sehe ich in -den Fenstern des Stübchens, das wir gemietet hatten, kein -Licht, sondern höre von dort ein leises, zartes Singen. -Sogleich erkenne ich Lewontijs angenehme Stimme, und -er singt mit einem Ausdruck, als ob er jedes Wort in -Tränen badete. Ich trete leise ein und bleibe, damit er -mich nicht hört, vor der Türe stehen und höre, wie er -die Josephsklage singt: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">»Wem soll ich meine Trauer sagen,</p> - <p class="line">Wen rufe ich zum Weheklagen?«</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Dieser Vers, wenn Sie ihn zu kennen geruhen, ist -ohnedies so klagevoll, daß man ihn nicht gleichgültig -anhören kann, und Lewontij singt ihn und weint und -schluchzt dabei: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">»Meine Brüder haben mich verkauft.«</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Er weint, und weint, als ob er am Grabe seiner Mutter -stehe und singt weiter, und ruft die Erde an zur Weheklage -über die Sünde der Brüder. -</p> - -<p> -Diese Worte können einen Menschen immer erregen, -mich erregten sie aber jetzt besonders, da ich doch eben -von ähnlich streitenden Brüdern weggegangen war. Die -Worte hatten mich so gerührt, daß ich selbst aufschluchzte. -Lewontij hört es, verstummt und ruft: »Onkel, hör Onkel!« -</p> - -<p> -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -»Was denn, mein guter Junge?« sage ich. -</p> - -<p> -»Weißt du, wer unsere Mutter ist, von der hier gesungen -wird?« fragt er. -</p> - -<p> -»Rahel,« antworte ich. -</p> - -<p> -»Nein,« entgegnet er, »in alter Zeit war es die Rahel, -jetzt hat es aber eine andere, geheimnisvolle Bedeutung.« -</p> - -<p> -»Wieso geheimnisvoll?« frage ich. -</p> - -<p> -»Nun, dieses Wort hat einen verwandelten Sinn.« -</p> - -<p> -»Du Kind,« sage ich, »paß auf: ist es nicht gefährlich, -was du hier grübelst?« -</p> - -<p> -»Nein,« erwidert er, »ich fühle es in meinem Herzen, -daß unser Erlöser sich unseretwegen kreuzigen läßt, weil -wir ihn nicht mit einigen Herzen und einigen Lippen -suchen.« -</p> - -<p> -Ich erschrak noch mehr: wohin will der Junge nur -damit hinaus? Und ich sage ihm: -</p> - -<p> -»Weißt du, Lewontjuschka, gehen wir lieber schneller -aus Moskau fort in die Gegend von Nischnij-Nowgorod, -um dort den Ikonenmaler Ssewastjan zu suchen; ich habe -heute gehört, daß er dort umherzieht.« -</p> - -<p> -»Gut, gehen wir,« antwortet er, »hier in Moskau quält -mich schmerzhaft ein böser Geist, aber dort sind Wälder, -die Luft ist reiner, und dort, hörte ich, lebt auch der -Starez Pamwa, ein Einsiedler ganz ohne Neid und Zorn, -den ich gern gesehen hätte.« -</p> - -<p> -»Der Einsiedler Pamwa,« erwidere ich ihm streng, -»dient der herrschenden Kirche, was haben wir mit ihm -zu schaffen?« -</p> - -<p> -»Nun, was ist das für ein Unglück?« antwortet er: -»Ebendeshalb will ich ihn ja sehen, um zu begreifen, was -für ein Segen auf der herrschenden Kirche ruht.« -</p> - -<p> -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -Ich wasche ihm den Kopf und sage: »Was ist denn das -für ein Segen?,« aber ich fühle selbst, daß er mehr Recht -hat als ich, da er darnach drängt, zu erforschen, während -ich einfach verwerfe, was ich nicht kenne, und in meinem -Widerstande trotzig bin, ihm also nur Unsinn entgegne. -</p> - -<p> -»Die Angehörigen der herrschenden Kirche,« sage ich, -»richten sich in ihrem Glauben nicht nach dem Himmel, -sondern nach dem Tor des Aristoteles und bestimmen den -Weg auf dem Meere nach dem Stern des heidnischen -Gottes Remphan, du aber willst mit ihnen den Blickpunkt -gemeinsam haben?« -</p> - -<p> -Aber Lewontij antwortet: »Du fabelst, Onkel: es hat -nie einen Gott Remphan gegeben, sondern alles ist durch -die eine Allweisheit geschaffen.« -</p> - -<p> -Daraufhin werde ich noch dümmer und sage: »Die -Kirchlichen trinken Kaffee«. -</p> - -<p> -»Nun, was ist das für ein Unglück?« antwortet Lewontij; -»Der Kaffee ist eine Bohne und wurde dem König David -als Geschenk dargebracht.« -</p> - -<p> -»Woher,« sage ich, »weißt du denn das alles?« -</p> - -<p> -»Ich hab es in Büchern gelesen.« -</p> - -<p> -»Nun, wisse dann: alles steht in den Büchern nicht -geschrieben.« -</p> - -<p> -»Was ist dort nicht geschrieben?« fragt er. -</p> - -<p> -»Was? Was dort noch nicht geschrieben ist?« Ich weiß -gar nicht mehr, was ich sagen soll, und poltere los: -</p> - -<p> -»Die Kirchlichen essen Hasen, und der Hase ist unrein.« -</p> - -<p> -»Beschimpfe nicht, was Gott geschaffen hat, es ist Sünde.« -</p> - -<p> -»Wie soll ich den Hasen nicht beschimpfen, wo er doch -unrein ist, von Eselsart, Zwittereigenschaften hat und -beim Menschen dickes, melancholisches Blut erzeugt?« -</p> - -<p> -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -Aber Lewontij lacht nur und sagt: -</p> - -<p> -»Schlaf, Onkel, du redest ungereimtes Zeug.« -</p> - -<p> -Ich muß Ihnen gestehen, daß ich damals noch nicht -klar wußte, was in der Seele dieses gesegneten Jünglings -vorging; ich war nur sehr erfreut, daß er nicht weitersprechen -wollte, denn ich sah selbst ein, daß mein Herz -nichts von dem wußte, was ich sprach, und so schwieg ich -denn und dachte mir nur, während ich mich niederlegte: -</p> - -<p> -»Nein, diese Zweifel sind bei ihm aus Gram entstanden. -Morgen werden wir aufstehen und uns auf den Weg -machen; dann wird sich alles in ihm zerstreuen.« Für alle -Fälle aber hatte ich in meinem Sinn beschlossen, einige -Zeit schweigend neben ihm einherzugehen, um ihm zu -zeigen, daß ich noch sehr zornig auf ihn sei. -</p> - -<p> -Nur brachte ich in meinem wetterwendischen Charakter -nicht die Kraft auf, mich böse zu stellen, und so begannen -wir bald wieder miteinander zu sprechen, und nicht über -göttliche Dinge, weil er viel belesener war als ich, sondern -über die Gegend, wozu uns die riesigen dunklen Wälder -anregten, durch die unser Weg führte. Ich bemühte mich, -mein Moskauer Gespräch mit Lewontij zu vergessen, und -entschloß mich, auf der Hut zu sein und nicht irgendwie -auf den Starez Pamwa, den Einsiedler zu stoßen, der -Lewontij so begeistert hatte und über dessen erhabenen -Lebenswandel ich selbst unfaßbare Wunder von kirchlich -Gläubigen gehört hatte. -</p> - -<p> -»Nun,« denke ich mir, »was soll ich mir große Sorgen -machen, wenn ich ihm aus dem Wege gehe? Er selbst -wird uns doch gewiß nicht suchen.« -</p> - -<p> -Und so wandern wir wieder friedlich und wohlbehalten -und kommen schließlich in Ortschaften, in denen wir -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -Kunde davon erhalten, daß der Ikonenmaler Ssewastjan -die Gegend durchziehe. Nun beginnen wir, ihn von Stadt -zu Stadt und von Dorf zu Dorf zu suchen, wir folgen ihm -schon auf frischer Fährte, wir erreichen ihn fast und können -ihn doch nicht einholen. Wir laufen wie gekoppelte -Hunde, legen Strecken von zwanzig bis dreißig Werst -ohne Rast zurück, aber wenn wir irgendwohin kommen, -so sagt man uns: -</p> - -<p> -»Er ist hier gewesen und ist eben, vor einer Stunde weggegangen.« -</p> - -<p> -Wir eilen ihm nach, aber es gelingt uns nicht ihn einzuholen. -</p> - -<p> -Einmal an einer Wegkreuzung gerate ich mit Lewontij -in Streit. Ich sage: »wir müssen rechts gehen«, und er -sagt: »links«. Schließlich hätte er mich beinahe überredet, -aber ich beharrte auf meiner Meinung. Wir gehen -also und gehen, und schließlich merke ich, daß ich nicht -mehr weiß, wohin wir geraten sind, und daß weder ein -Pfad, noch eine Spur weiterführt. -</p> - -<p> -Ich sage dem Jüngling: »Kehren wir um, Ljowa!« -</p> - -<p> -Aber er antwortet: »Nein ich kann nicht mehr weitergehen, -Onkel, ich habe keine Kraft mehr.« -</p> - -<p> -Ich frage besorgt: »Kindchen, was fehlt dir denn?« -</p> - -<p> -Und er erwidert: »Siehst du denn nicht, wie mich der -Frost schüttelt?« -</p> - -<p> -Ich sehe, wie er am ganzen Körper zittert und wie seine -Augen umherirren. So plötzlich war es geschehen, meine -werten Herren. Er hat über nichts geklagt, ist flink einhergegangen, -und nun setzt er sich mit einem Male in einem -Wäldchen aufs Gras, lehnt seinen Kopf an einen hohlen -Baumstumpf und sagt: -</p> - -<p> -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -»Oh, mein Kopf, oh mein Kopf! Mein Kopf brennt -wie Feuerflammen. Ich kann nicht weiter gehen, ich kann -keinen Schritt mehr machen.« Und damit neigt sich der -Arme zur Erde und fällt hin. -</p> - -<p> -Dies geschah gegen Abend. -</p> - -<p> -Ich war sehr erschrocken, und während ich wartete, ob -sein Anfall nicht nachlassen würde, brach die Nacht herein. -Es war Herbstzeit und trüb, die Gegend war unbekannt, -ringsum nichts als Fichten und alte Tannen, und der Knabe -starb einfach hin. Was sollte ich tun? Unter Tränen sagte -ich ihm: -</p> - -<p> -»Ljowuschka, Väterchen, raff dich zusammen, vielleicht -erreichen wir ein Nachtlager.« -</p> - -<p> -Aber er neigt das Köpfchen zur Seite, wie eine abgemähte -Blume, und spricht wie im Fiebertraum: -</p> - -<p> -»Rühr mich nicht an, Onkel Marko, rühr mich nicht -an und fürchte dich nicht.« -</p> - -<p> -Ich sage: »Ich bitte dich, Ljowa, wie soll man sich in -solch einer unwegsamen Einöde nicht fürchten?« -</p> - -<p> -Aber er sagt: »Wache, und du wirst behütet werden.« -</p> - -<p> -Ich denke: »Herrgott, was ist denn mit ihm los?« Trotz -meiner Angst beginne ich zu horchen, und es scheint mir, -als höre ich tief im Wald etwas knistern. »Gnadenreicher -Herr!« denke ich mir: »Das ist gewiß ein wildes Tier, das -uns gleich zerreißen wird!« Lewontij kann ich schon nichts -mehr zurufen, denn ich sehe, daß er gleichsam aus sich -selbst herausgeflogen ist und mir enteilt, und so bete ich -nur noch: »Engel Christi, beschütze uns in dieser schrecklichen -Stunde!« Das Knistern kommt immer näher und -ist schon dicht bei uns. Ich muß Ihnen hier, meine werten -Herren, eine große Gemeinheit gestehen: ich war so -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -verzagt, daß ich den kranken Lewontij an der Stelle, an -der er lag, zurückließ, schneller als eine Eichkatze auf einen -Baum kletterte, mich auf einen Ast setzte, mein Säbelchen -zog und, mit den Zähnen wie ein erschreckter Wolf klappernd, -wartete, was da kommen würde. -</p> - -<p> -Plötzlich sehe ich aus der Dunkelheit, an die sich meine -Augen bereits gewöhnt haben, etwas heraustreten, aber -ich kann durchaus nicht erkennen, ob es ein Tier oder -ein Räuber ist. Aber wie ich genauer hinschaue, kann ich -genau unterscheiden, daß es weder das eine, noch das -andere ist, sondern ein kleiner Greis in einer Kutte; ja, -ich kann sogar das Beil erkennen, das er im Gürtel stecken -hat, und das große Holzbündel auf seinem Rücken. Er -kommt auf die Lichtung heraus, atmet hastig, als wolle er -die Luft von allen Seiten her einsammeln, wirft dann mit -einem Male sein Bündel zur Erde und geht sofort, als habe -er die Nähe eines Menschen gewittert, gerade auf meinen -Gefährten zu. Er tritt an ihn heran, beugt sich über ihn, -schaut ihm ins Gesicht, nimmt ihn dann bei der Hand -und sagt: »Steh auf, Bruder.« Und was glauben Sie? Ich -sehe, wie er Lewontij aufstehen hilft, ihn zu seinem Bündel -führt, es ihm auf die Schultern legt und sagt: »Trag es -hinter mir her!« Und Lewontij trägt es. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-11"> -ELFTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span>ie können sich vorstellen, meine werten Herren, wie -ich vor solch einem Wunder erschrecken mußte. Woher -war dieser stille, gebieterische Alte gekommen, und wie -hatte mein Ljowa, der noch eben dem Tode nahe schien, -die Kraft gewonnen, gleich das Holzbündel zu tragen! -</p> - -<p> -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -Ich stieg, so schnell ich vermochte, vom Baum herunter, -warf mein Säbelchen an seinem Strick auf den Rücken, -brach mir für alle Fälle einen verläßlichen kräftigen Knüppel -und eilte ihnen nach. Ich hatte sie bald eingeholt und -sah: der Alte ging voran und war genau so, wie er mir -im ersten Augenblick erschienen war, — klein und bucklig, -das Bärtchen auf beiden Wangen buschig und weiß wie -Seifenschaum, und mein Lewontij folgte schnell seiner -Spur und blickte mich dabei unverwandt an. Aber wenn -ich ihn ansprach und mit der Hand berührte, schenkte er -mir nicht die geringste Aufmerksamkeit und ging wie im -Schlaf daher. -</p> - -<p> -Ich trat an den Alten heran und rief: -</p> - -<p> -»Verehrter!« -</p> - -<p> -Und er erwiderte: »Was willst du?« -</p> - -<p> -»Wohin führst du uns?« -</p> - -<p> -»Ich führe niemanden,« sagte er, »alle führt Gott.« -</p> - -<p> -Bei diesen Worten blieb er stehen, und ich sah, daß -sich vor uns eine niedrige Mauer mit einem Tor erhob, -und in dem Tor ein kleines Pförtchen angebracht war. -Der Alte begann daran zu klopfen und rief: »Bruder -Miron! Bruder Miron!« -</p> - -<p> -Aber von drinnen antwortet unwirsch eine grobe -Stimme: -</p> - -<p> -»Wieder hast du dich nachts herumgetrieben. Bleib im -Wald zu Nacht! Ich lasse dich nicht herein!« -</p> - -<p> -Doch der kleine Greis begann zu flehen und freundlich -zu bitten: -</p> - -<p> -»Laß ein, Bruder!« -</p> - -<p> -Plötzlich riß der Grobian von innen die Türe auf, und -ich sah einen Menschen in der gleichen Kutte, wie sie der -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -Alte trug, vor mir. Er war ein roher Kerl, und kaum hatte -der Alte die Füße über die Schwelle gesetzt, als jener ihm -einen Stoß versetzte, daß er beinahe zur Erde gefallen -wäre. Aber er sagte: -</p> - -<p> -»Segne dich Gott, mein Bruder, für diesen Dienst.« -</p> - -<p> -»Heiland«, denke ich mir, »wohin sind wir geraten!« -</p> - -<p> -Und plötzlich erleuchtet und entsetzt es mich wie ein -Blitz: -</p> - -<p> -»Gott sei mir gnädig! Wenn es nur nicht Pamwa, der -zornlose Einsiedler ist. Dann wäre es besser gewesen, -ich wäre im dunklen Wald umgekommen oder hätte mir -bei einem wilden Tier oder einem Räuber ein Lager gesucht, -als unter diesem Dache!« -</p> - -<p> -Kaum hatte er uns in seine kleine Hütte hineingeführt -und ein gelbes Wachslicht angezündet, als ich schon erriet, -daß wir uns wirklich in einer Waldeinsiedelei befanden. -Und ich kann mich nicht mehr beherrschen und -frage: -</p> - -<p> -»Verzeih mir, gottesfürchtiger Mann, wenn ich dich -frage, ob es sich für mich und meinen Gefährten geziemt, -hier zu bleiben, wohin du uns geführt hast?« -</p> - -<p> -Er aber antwortet: -</p> - -<p> -»Gottes ist die ganze Erde, und gesegnet sind alle -Lebenden. — Lege dich hin und schlafe!« -</p> - -<p> -»Nein«, erwidere ich, »erlaube, daß ich dir sage: wir -gehören dem alten Glauben an.« -</p> - -<p> -»Wir sind alle vom Leibe Christi, er umfängt uns alle.« -</p> - -<p> -Und damit führt er uns in einen Winkel, wo auf dem -Boden eine dürftige Lagerstatt aus Matten hergerichtet -ist und am Kopfende ein mit Stroh bedeckter Holzklotz -liegt, und sagt zu uns beiden: »Schlaft!« -</p> - -<p> -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -Mein Lewontij legt sich als gehorsamer Junge gleich -hin, während ich meine Vorsicht beibehalte und frage: -</p> - -<p> -»Verzeih, Mann Gottes, noch eine Frage ...« -</p> - -<p> -Er antwortet: »Wozu fragen: Gott weiß alles.« -</p> - -<p> -»Nein, sage mir: wie heißt du?« -</p> - -<p> -Aber er erwidert mit dem für ihn ganz unpassenden -Weiberspruch: -</p> - -<p> -»Man nennet mich den Enterich, wie man mich heißt, -das weiß ich nicht.« Und mit diesen leeren Worten kriecht -er mit seinem Lichtlein in eine kleine Kammer, eng -wie ein Holzsärglein, aber hinter der Wand vernimmt -man wieder die Stimme des Grobians: -</p> - -<p> -»Untersteh dich nicht, Licht zu brennen: du zündest -noch die Zelle an. Aus dem Büchlein kannst du am Tage -beten, jetzt aber bete im Dunkeln.« -</p> - -<p> -»Ich werde nicht, Bruder Miron«, antwortet jener, -»ich werde nicht.« Und bläst das Lichtlein aus. -</p> - -<p> -Ich flüstere: »Vater, wer ist es, der Euch so barsch -bedroht?« -</p> - -<p> -»Es ist mein Diener Miron, ein guter Mensch ... er -behütet mich.« -</p> - -<p> -»Nun ist es aus«, denke ich mir, »es ist der Einsiedler -Pamwa. Es kann niemand anders sein, als er, der Zorn- -und Neidlose. Jetzt ist das Unglück da! Er hat uns hieher -gebracht und sengt uns jetzt, wie der Feuerbrand das -Fett. Das einzige, was übrigbleibt, ist, morgen beim Morgengrauen -Lewontij von hier zu entführen und zu fliehen, -damit er nicht wisse, wo wir sind.« Ich klammerte mich -an diesen Plan und beschloß nicht zu schlafen, um den -Jüngling beim ersten Morgenschimmer zu wecken und -zu fliehen. -</p> - -<p> -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -Um nicht einzuschlafen und womöglich zu verschlafen, -liege ich da und spreche in einem fort das Glaubensbekenntnis, -wie es der alte Glaube vorschreibt, und wenn -ich damit fertig bin, setze ich gleich hinzu: »Dieser Glaube -ist der Apostolische, dieser Glaube ist der Katholische, -dieser Glaube hält das All ...« und beginne von neuem. -Ich weiß nicht, wie oft ich das Glaubensbekenntnis wiederholt -habe, um nicht einzuschlafen, aber gewiß waren -es viele Male. Und auch der Alte betet noch immer in -seinem Sarge, und mir scheint, als zeige mir das Licht in -den Balkenritzen, wie er sich immer von neuem verneigt. -Und plötzlich meine ich ein Gespräch zu hören, und was -für eines ... ein ganz unerklärliches ... als sei Lewontij -beim Starez eingetreten und spräche mit ihm über den -Glauben ... aber ohne Worte, sondern sie sehen einander -nur an und verstehen sich. Dieses Bild stand mir -lange vor Augen, und ich hatte darüber schon vergessen, -mein Glaubensbekenntnis zu wiederholen. Da glaube ich -zu hören, wie der Starez dem Jüngling sagt: »Gehe und -entsündige dich!« Und jener antwortet: »Ja, ich will mich -entsündigen.« Auch jetzt kann ich Ihnen nicht sagen, -ob es im Traume oder in der Wirklichkeit geschehen ist, -aber sicher habe ich darauf lange geschlafen. Wie ich endlich -erwache, sehe ich: es ist heller Tag, und der Starez, -unser Wirt, der Einsiedler, sitzt da und zieht eine Aale -durch einen Lindenbastschuh, den er auf seinen Knien -hält. Ich beginne ihn aufmerksam zu betrachten: -</p> - -<p> -Ach, wie schön ist er! Wie vergeistigt! Als wenn ein -Engel vor mir säße und für seine Erdenwandlung in unscheinbarer -Gestalt Bastschuhe flechte. Ich betrachte ihn -und sehe, daß auch er mich anschaut, lächelt und sagt: -</p> - -<p> -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -»Hast du genug geschlafen, Mark? Es ist Zeit, ans -Werk zu gehen.« -</p> - -<p> -Ich erwidere: »Was ist denn mein Werk, gottesfürchtiger -Mann? Oder weißt du alles?« -</p> - -<p> -»Ich weiß, ich weiß,« sagt er, »macht denn der Mensch -einen weiten Weg ohne Zweck? Alle, Bruder, alle suchen -die Wege Gottes. Helfe dir Gott in deiner Demut.« -</p> - -<p> -»Was sagst du, heiliger Mann, meine ‚Demut‘? Du -bist demütig, aber was habe ich in meiner Eitelkeit für -eine Demut?« -</p> - -<p> -Aber er antwortet: -</p> - -<p> -»Ach nein, Bruder, nein, ich bin nicht demütig, ich bin -ein großer Sünder, denn ich wünsche teilzuhaben am -Himmelreich.« -</p> - -<p> -Und im Bewußtsein dieser Sünde faltet er mit einem -Male die Hände und beginnt wie ein kleines Kind zu -weinen. -</p> - -<p> -»Herr!« betet er, »zürne mir nicht für diesen Eigenwillen, -werfe mich auf den Grund der Hölle und befiehl -deinen Teufeln, mich zu quälen, wie ich es verdient habe!« -</p> - -<p> -»Nein,« denke ich mir, »nein, es ist, Gott sei Dank, -nicht der scharfsichtige Einsiedler Pamwa, es ist einfach -ein geistesumnachteter Greis.« Ich dachte mir, daß doch -niemand bei gesundem Verstande auf das Himmelreich -verzichten und beten könne, Gott möge ihn zur Peinigung -den Teufeln geben. Einen solchen Wunsch hatte ich in meinem -ganzen Leben noch von niemand gehört, und so -wandte ich mich von der Klage des Greises ab, da ich sie -für eine Verrücktheit und eine von den Teufeln geschickte -Versuchung hielt. Dann dachte ich mir, daß ich noch -immer hier liege, während es doch Zeit zum Aufstehen -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -sei; plötzlich sehe ich aber, wie sich die Türe öffnet und -mein Lewontij hereintritt, den ich ganz vergessen hatte. -Er tritt ein, fällt vor dem Starez nieder und sagt: -</p> - -<p> -»Vater, ich habe alles vollbracht, jetzt segne mich!« -</p> - -<p> -Der Starez sieht ihn an und antwortet: -</p> - -<p> -»Friede sei mit dir: ruhe dich aus!« -</p> - -<p> -Und ich sehe, wie sich mein Jüngling vor ihm wieder -bis zur Erde verneigt, hinausgeht, und der Einsiedler -wieder an seinen Bastschuhen arbeitet. -</p> - -<p> -Da springe ich mit einem Male auf und denke: -</p> - -<p> -»Nein, jetzt nehme ich schnell meinen Ljowa, und fort -von hier!« Damit trete ich in den kleinen Vorraum und -sehe dort meinen Jüngling ausgestreckt auf der Holzbank -daliegen, die Hände auf der Brust gefaltet. -</p> - -<p> -Um meine Unruhe nicht zu verraten, frage ich ihn -laut: -</p> - -<p> -»Weißt du vielleicht, wo ich Wasser schöpfen kann, -um das Gesicht zu waschen?« Und ich setze flüsternd -hinzu: »Beim lebendigen Gott beschwöre ich dich, laß -uns so schnell wie möglich von hier gehen!« -</p> - -<p> -Dabei sehe ich ihn genauer an und merke, daß Ljowa -nicht atmet ... Er ist dahingegangen ... Gestorben ... -</p> - -<p> -Und ich schreie mit einer Stimme, die wie eine fremde -klingt: -</p> - -<p> -»Pamwa, Vater Pamwa, du hast meinen Knaben getötet!« -</p> - -<p> -Aber Pamwa tritt leise auf die Schwelle und sagt -freudig: -</p> - -<p> -»Fortgeflogen ist unser Ljowa!« -</p> - -<p> -Mich packt der Zorn: -</p> - -<p> -»Ja,« antworte ich unter Tränen, »er ist fortgeflogen. -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -<a id="corr-4"></a>Du hast seine Seele hinausgelassen, wie eine Taube aus -dem Käfig.« -</p> - -<p> -Und dann werfe ich mich zu den Füßen des Entschlafenen -nieder und stöhne und weine, bis am Abend -die Mönche aus dem kleinen Kloster kommen, seinen -Leichnam waschen, in einen Sarg legen und davontragen, -denn er war am Morgen, während ich schlief, zur herrschenden -Kirche übergetreten. -</p> - -<p> -Mit dem Vater Pamwa sprach ich kein Wort mehr. Was -hätte ich ihm auch sagen können: beschimpfte man ihn, -so segnete er, — hätte man ihn geschlagen, so würde -er sich bis zur Erde verneigt haben. Unüberwindlich war -dieser Mensch in seiner Demut! Wovor sollte er auch -erschrecken, wenn ihm selbst die Hölle begehrenswert -erschien? Nein, ich hatte nicht umsonst vor ihm gezittert -und gefürchtet, daß er uns ansengen werde wie der -Feuerbrand das Fett. Mit seiner Demut würde er selbst -alle Teufel aus der Hölle vertreiben oder zu Gott bekehren. -Wenn sie anfingen ihn zu quälen, würde er sie bitten: -»Peinigt mich grausamer, ich habe es verdient.« Nein, -nein, solche Demut kann nicht einmal der Satan ertragen. -Er würde sich beide Hände an ihm wundschlagen, würde -sich die Nägel abreißen und dann selber seine ganze -Ohnmacht vor Dem, der solche Liebe erschaffen, erkennen -und in Scham vor Ihm vergehen! -</p> - -<p> -So sagte ich mir denn, daß dieser Greis mit den Lindenbastschuhen -der Hölle zum Verderben geschaffen sei. -Und ich streifte die ganze Nacht im Walde umher, wußte -selbst nicht, weshalb ich nicht das Weite suchte, und -dachte unablässig: -</p> - -<p> -»Wie mag er wohl beten, auf welche Weise, nach welchen -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -Büchern?« Und dabei fiel mir ein, daß ich bei ihm -kein einziges Heiligenbild gesehen hatte, bloß ein Kreuz -aus zwei mit Lindenbast aneinander gebundenen Stäbchen, -und auch keine dicken Bücher. -</p> - -<p> -»Gott!« erdreiste ich mich zu urteilen, »wenn die herrschende -Kirche nur zwei solche Menschen hat, so sind -wir verloren, denn dieser Mensch ist ganz beseelt von -Liebe.« -</p> - -<p> -Immer wieder muß ich an ihn denken, und gegen Morgen -ergreift mich ein heftiges Verlangen, ihn vor meinem -Weggang wenn auch nur für einen Augenblick wiederzusehen. -</p> - -<p> -Kaum habe ich dies gedacht, als ich wieder dasselbe -Knistern vernehme, und der Vater Pamwa wieder mit -Beil und Holzbündel aus dem Walde heraustritt und -sagt: -</p> - -<p> -»Was säumst du so lange? Beeile dich, dein Babylon -zu errichten!« -</p> - -<p> -Dieses Wort schien mir bitter, und ich sagte: -</p> - -<p> -»Weshalb machst du mir diesen Vorwurf? Ich errichte -kein Babylon und scheide mich vom babylonischen -Pfuhl.« -</p> - -<p> -Aber er antwortet: -</p> - -<p> -»Was ist Babylon? Eine Säule des Dünkels, schmeichle -dir nicht mit deiner Rechtschaffenheit, sonst verläßt dich -dein Engel.« -</p> - -<p> -Ich sage: »Vater, weißt du denn, weshalb ich wandere?« -Und ich erzähle ihm unser ganzes Leid. Und er hört -alles an, hört und antwortet: -</p> - -<p> -»Der Engel ist geduldig, der Engel ist mild; wie es -der Herr ihm befiehlt, so kleidet er sich, was er ihm befiehlt, -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -das wirkt er. Also ist der Engel! Er lebt in der -Seele des Menschen, die Unwissenheit hat ihn versiegelt, -aber die Liebe wird das Siegel zerbrechen.« -</p> - -<p> -Damit entfernt er sich von mir, aber ich kann die Augen -nicht von ihm wenden, kann mich nicht bezwingen, falle -nieder und verneige mich vor ihm bis zur Erde. Als ich -das Gesicht erhebe, ist er nicht mehr da, ob ihn nun die -Bäume verdeckten, oder ... Gott weiß, wohin er verschwunden -ist. -</p> - -<p> -Ich begann über seine Worte nachzudenken: der Engel -lebt in der Seele des Menschen und ist versiegelt, aber -die Liebe wird ihn befreien, und plötzlich kommt mir in -den Sinn: »Wenn er selbst der Engel war, und Gott ihm -befohlen hat, mir in dieser Gestalt zu erscheinen, — so -werde ich nun wie Lewontij sterben!« -</p> - -<p> -Von diesem Gedanken erfaßt, entsinne ich mich kaum -mehr, wie ich auf einem Baumstamm über den Bach komme -und zu laufen beginne: sechzig Werst ohne Rast, immer -in der Angst und der Vorstellung, den Engel gesehen zu -haben, bis ich auf einmal ein Dorf erreiche und dort den -Ikonenmaler Ssewastjan finde. Wir verständigten uns bald, -besprachen alles und beschlossen, uns schon am nächsten -Tag auf den Weg zu machen. Aber unsere Vereinbarung -war ohne jede Wärme, und unsere Reise noch weniger, -einmal weil der Ikonenmaler Ssewastjan ein nachdenklicher -Mensch war, und dann wohl noch mehr, weil ich -nicht mehr derselbe war, wie zuvor. Vor meiner Seele -stand der Einsiedler Pamwa, und meine Lippen flüsterten -die Worte des Propheten Jesajas: »Der Geist Gottes -spricht aus dem Munde dieses Menschen.« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-12"> -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -ZWÖLFTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er Ikonenmaler Ssewastjan und ich legten den Rückweg -rasch zurück und fanden, nachts bei unserer -Baustelle angelangt, alles wohlbehalten vor. Nachdem -wir die Unsrigen begrüßt hatten, gingen wir gleich zu -Jakow Jakowlewitsch. Der verlangte voll Neugierde gleich -den Ikonenmaler zu sehen; er betrachtete dann in einem -fort dessen Hände und zuckte nur mit den Achseln, weil -seine Hände übergroß, wie Harken waren und ganz -schwarz, wie auch Ssewastjan selbst schwarz wie ein -Zigeuner aussah. Jakow Jakowlewitsch sagte ihm: -</p> - -<p> -»Ich wundere mich, Bruder, wie du mit diesen Riesenhänden -zeichnen kannst!« -</p> - -<p> -»Warum denn? Warum sollen meine Hände nicht dazu -taugen?« -</p> - -<p> -»Du kannst doch,« sagt er, »etwas Kleines mit ihnen -gar nicht ausführen?« -</p> - -<p> -Jener fragt: »Warum?« -</p> - -<p> -»Ja, weil deinen Gelenken die Geschmeidigkeit fehlt.« -</p> - -<p> -Aber Ssewastjan erwidert: »Das ist Unsinn! Können -mir denn meine Finger etwas erlauben oder nicht erlauben? -Ich bin ihr Herr, und sie sind meine Diener, die -mir gehorchen.« -</p> - -<p> -Der Engländer lächelt: »Also wirst du unseren versiegelten -Engel nachbilden?« -</p> - -<p> -»Warum denn nicht?« antwortete jener. »Ich gehöre -nicht zu den Meistern, die ihr Werk fürchten, sondern -mich fürchtet das Werk. So genau werde ich ihn nachbilden, -daß Sie ihn vom echten nicht werden unterscheiden -können.« -</p> - -<p> -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -»Gut,« sagte Jakow Jakowlewitsch, »wir werden uns -unverzüglich bemühen, die echte Ikone herbeizuschaffen, -in der Zwischenzeit beweise mir aber, um mich zu überzeugen, -deine Kunstfertigkeit. Male meiner Frau eine Ikone -nach altrussischer Art und so, daß sie ihr auch gefällt.« -</p> - -<p> -»Welchem Heiligen zu Ehren soll sie sein?« -</p> - -<p> -»Ja, das weiß ich nicht,« antwortete er, »ihr ist das -gleich, nur daß es ihr gefällt.« -</p> - -<p> -Ssewastjan dachte nach und fragte: -</p> - -<p> -»Worum betet denn deine Gemahlin am meisten zu -Gott?« -</p> - -<p> -»Ich weiß nicht, mein Freund, ich weiß es nicht, aber -ich denke, wahrscheinlich daß aus den Kindern ehrliche -Menschen werden.« -</p> - -<p> -Ssewastjan dachte wieder nach und antwortete: -</p> - -<p> -»Gut, ich werde ihren Geschmack treffen.« -</p> - -<p> -»Wie willst du ihn treffen?« -</p> - -<p> -»Ich werde etwas darstellen, was die Beschaulichkeit -vertieft und dem Geist des Gebetes Ihrer Gemahlin -wohlgefällig ist.« -</p> - -<p> -Der Engländer ließ für ihn im Dachstübchen seines -eigenen Hauses alles herrichten, aber er arbeitete nicht -dort, sondern setzte sich an das Fensterchen auf dem Dachboden -über Luka Kirillows Stube und begann dort seine -Tätigkeit. -</p> - -<p> -Aber was er da gemacht hat, meine werten Herren, das -hatten wir uns gar nicht vorgestellt. Als das Gespräch auf -die Kinder kam, da dachten wir, er werde Roman den -Wundertäter darstellen, zu dem man wegen Unfruchtbarkeit -betet, oder den Kindermord in Jerusalem, was den -Müttern, die ihre Fruchtbarkeit verloren haben, immer -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -gefällt, weil Rahel dort mit ihnen über die Kinder weint -und sich nicht trösten kann. Aber dieser kluge Ikonenmaler -hatte erwogen, daß die Engländerin schon Kinder -habe und nicht darum bete, daß der Himmel ihr welche -schenke, sondern daß er den Charakter der Kinder festige, -und malte etwas ganz anderes, was ihrem Streben noch -mehr entsprechen mußte. Er wählte dazu ein altes Holztäfelchen, -so groß wie eine Handfläche, und begann darauf -seine Kunst zu zeigen. Vor allen Dingen trug er, natürlich, -den Grund mit starkem Kasanschen Alabaster -auf, daß er glatt und hart wie Elfenbein wurde; darauf -teilte er das Täfelchen in vier gleiche Flächen und zeichnete -auf jede eine besondere kleine Ikone, die er nochmals -mit einer goldgemalten Fassung umrahmte. Das erste -Quadrat stellte dar: die Geburt Johannes des Täufers -mit acht Figuren, dem neugeborenen Kind und dem -Gemach; — das zweite die Geburt der hochheiligen Gottesmutter -mit sieben Figuren, dem Kind und dem Gemach; -— das dritte die unbefleckte Geburt des Erlösers, den -Stall und die Krippe, und davor stehend die Himmelskönigin, Joseph, -die gottesfürchtigen Hirten, Salome und -allerlei Vieh: Ochsen, Schafe, Ziegen und Esel, und die -Möwe, die den Juden verboten ist, zum Zeichen, daß -das Ganze nicht vom Judentum kommt, sondern von der -Gottheit, die alles geschaffen hat. Auf dem vierten Bildchen -ist die Geburt Nikolai des Wundertäters zu sehen; der Heilige -wieder als neugeborenes Kind, das Gemach und viele -Umherstehende. Soviel Sinn war darin enthalten, daß -man vor sich die Erzieher so vieler guter Kinder sah, und -soviel Kunst in all den stecknadelgroßen Figuren in ihrer -Beseeltheit und Bewegung! So liegt bei der Geburt der -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -Muttergottes die heilige Anna, wie es im griechischen -Original dargestellt ist, auf dem Lager, und vor ihr stehen -zymbelschlagende Mädchen und andere, die Gaben halten, -und solche mit Sonnenschirmen in den Händen und -wieder andere, die Lichter tragen. Die eine Frau hält die -heilige Anna unter den Schultern, Joachim späht in die -vorderen Gemächer; eine zweite Frau wäscht die heilige -Gottesgebärerin bis zu den Lenden, ein danebenstehendes -Mädchen gießt aus einem Gefäß Wasser in das Becken. -Die Räume sind alle mit dem Zirkel voneinander getrennt, -und in dem äußersten Gemach sitzen Joachim und Anna -auf dem Thron, und Anna hält die hochheilige Gottesgebärerin; -aber um das Gemach herum erheben sich steinerne -Pfeiler mit roten Vorhängen, und draußen ist eine -weiße und gelbe Mauer. Wunderbar, wunderbar hatte -Ssewastjan das alles dargestellt, und in jedem kleinsten -Gesichtchen hatte er das ganze Schauen Gottes ausgedrückt! -Er nannte das Bild »Fruchtbarkeit« und brachte -es den Engländern. Die betrachteten es und schlugen die -Hände zusammen: Niemals, sagten sie, hätten sie solche -Phantasie erwartet und solche Feinheit der Kleinmalerei -geahnt. Sie betrachteten es dann sogar noch mit dem Vergrößerungsglas -und fanden auch damit keinen Fehler. -Sie gaben Ssewastjan für die Ikone zweihundert Rubel -und sagten: -</p> - -<p> -»Kannst du noch kleiner darstellen?« -</p> - -<p> -Ssewastjan antwortet: »Ja«. -</p> - -<p> -»Dann kopiere mir auf meinen Fingerring das Porträt -meiner Frau.« -</p> - -<p> -Aber Ssewastjan antwortet: »Nein, das kann ich nicht.« -</p> - -<p> -»Warum denn nicht?« -</p> - -<p> -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -»Weil ich mich in dieser Kunst noch nie versucht habe, -und dann auch weil ich meine Kunst nicht erniedrigen -will, um nicht den Unwillen der Väter auf mich zu -ziehen.« -</p> - -<p> -»Was ist das für ein Unsinn!« -</p> - -<p> -»Das ist durchaus kein Unsinn,« antwortet er. »Wir -haben aus gottesfürchtiger Zeit eine Bestimmung, die -auch in einem Patriarchenbrief bestätigt wird: Wenn einer -zu einem so heiligen Werk wie die Ikonenmalerei berufen -ist, so ist es einem geziemend lebenden Ikonenmaler geboten, -nichts denn heilige Darstellungen zu malen.« -</p> - -<p> -Jakow Jakowlewitsch sagt darauf: -</p> - -<p> -»Und wenn ich dir fünfhundert Rubel dafür gebe?« -</p> - -<p> -»Und wenn Sie mir fünfhunderttausend bieten würden, -es wäre ganz gleich, Sie würden sie behalten.« -</p> - -<p> -Das Gesicht des Engländers strahlte, aber er sagte im -Scherz zu seiner Frau: »Wie gefällt dir das, daß er es für -eine Erniedrigung hält, dein Gesicht zu malen?« -</p> - -<p> -Aber auf englisch fügte er hinzu: »Oh, ein guter Charakter«. -Und dann sagte er: -</p> - -<p> -»Nun seht zu, Brüder, jetzt bringen wir die Sache zum -Abschluß. Wie ich sehe, habt ihr für alles Regeln: also -nehmt euch jetzt in acht, um nichts zu versäumen oder -zu vergessen, was irgendwie stören könnte.« -</p> - -<p> -Wir antworteten, daß wir nichts derartiges voraussähen. -</p> - -<p> -»Nun, dann gebt acht,« sagt er, »ich beginne.« Und -dann fährt er zum Erzbischof mit der Bitte, er möge ihm -erlauben, um seinen Eifer zu beweisen, die Beschläge -des versiegelten Engels vergolden und den Rahmen neu -malen zu lassen. Der Erzbischof will weder zusagen, noch -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -ihn abweisen, aber Jakow Jakowlewitsch gibt nicht nach -und erreicht es endlich. Wir warteten indes schon, wie -Pulver aufs Feuer. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-13"> -DREIZEHNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>rlauben Sie, meine werten Herren, hier daran zu erinnern, -daß seit dem Beginn meiner Geschichte ziemlich -viel Zeit verflossen war und es schon auf Weihnachten -ging. Aber dort ist das Wetter um diese Zeit mit dem -unsrigen nicht zu vergleichen; es ist launisch, und einmal -verbringt man diesen Feiertag bei Winterwetter, das -anderemal vom Regen durchnäßt; den einen Tag friert -es, den nächsten taut es; bald ist der Fluß mit schmutzigem -Eise bedeckt, bald schwillt er an und führt Eisschollen -wie beim Hochwasser im Frühling. Mit einem -Wort, es herrscht dort um diese Zeit ganz unbeständiges -Wetter, oder, wie man es in der Gegend nennt: »Schlackwetter«, -— und so war es auch jetzt. -</p> - -<p> -In dem Jahre, in das meine Erzählung fällt, war diese -Unbeständigkeit sehr verdrießlich. Während ich mit dem -Ikonenmaler auf dem Wege war, hatten wir, ich weiß -nicht wie oft, bald Winter-, bald Sommerwetter. Was unseren -Bau betrifft, war die Zeit sehr dringend, da die sieben -Pfeiler fertig waren und eben die Ketten von einem zum -anderen Ufer gespannt wurden. Unsere Arbeitgeber -wollten natürlich die Ketten so schnell wie möglich miteinander -verbinden, um an ihnen eine Notbrücke zur -Materialbeschaffung während des Hochwassers aufzuhängen. -Es gelang aber nicht, denn kaum hatte man -die Ketten gespannt, als ein derartiger Frost einsetzte, -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -daß man die Arbeit an der Brücke einstellen mußte. So -blieb es auch, die Ketten hingen ohne Brücke. Dafür -schuf Gott eine andere Brücke: der Fluß war zugefroren, -und unser Engländer fuhr über das Eis des Dnjepr, um -sich um unsere Ikone zu bemühen. Als er zurückkam, -sagte er zu mir und Luka: -</p> - -<p> -»Wartet, Kinder, morgen bringe ich euch euren Schatz.« -</p> - -<p> -Herrgott, was empfanden wir bei dieser Nachricht! -Zuerst wollten wir es geheim halten und nur dem Ikonenmaler -mitteilen; aber kann denn das Menschenherz so -etwas für sich behalten? Anstatt das Geheimnis zu wahren, -liefen wir zu allen unsrigen, klopften an die Fensterchen, -flüsterten miteinander und bemerkten gar nicht, daß wir -von Hütte zu Hütte liefen. Der Schnee erstrahlte im Frost -wie Edelsteine, und am klaren Himmel funkelte der -Hesperus. -</p> - -<p> -In dieser freudigen Hast verbrachten wir die ganze -Nacht, und in der gleichen begeisterten Stimmung erwarteten -wir den Tag. Vom frühen Morgen ab wichen -wir keinen Schritt von unserem Ikonenmaler und wußten -kaum, wohin wir ihm die Stiefel nachtragen sollten, denn -jetzt war die Stunde da, in der alles von seiner Kunst abhing. -Er brauchte nur einen Wunsch über eine Handreichung -oder etwas ähnliches laut werden zu lassen, als -schon gleich zehn davonrannten und in ihrem Eifer -übereinander stolperten. Selbst der alte Maroi lief sich -die Absätze von den Stiefeln weg. Nur der Ikonenmaler -selbst war ruhig, da er ähnliches schon mehr als einmal -erlebt hatte, und bereitete sich ohne alle Hast zu seiner -Arbeit vor: er rührte Eiklar mit Kwas an, prüfte den Lack, -legte ein altes Brettchen in der Größe der Ikone zurecht, -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -richtete eine scharfe, haarfeine Säge her, spannte sie in -einen starken Bogen, setzte sich dann an das Fensterchen -und verrieb die voraussichtlich notwendigen Farben auf -der Handfläche mit den Fingern. Wir hatten uns alle vor -dem Ofen gewaschen, reine Hemden angezogen, und -standen nun am Ufer und schauten nach der Stadt hinüber, -aus der unser segenbringender Gast kommen sollte. -Unsere Herzen schlugen bald hoch, bald verzagt. -</p> - -<p> -Ach, was waren es für Augenblicke, und sie dauerten -vom Morgengrauen bis gegen Abend. Endlich sehen wir, -wie von der Stadt her der Schlitten des Engländers auf -dem Eise daherjagt, gerade auf uns zu ... Uns alle überläuft -ein Schauer, wir werfen die Mützen zur Erde und -beten: -</p> - -<p> -»Gott, Vater der Geister und der Engel, sei Deinen -Knechten gnädig!« Und während des Gebetes fallen wir -nieder auf den Schnee und breiten voll Verlangen die -Hände aus, als wir plötzlich über uns die Stimme des -Engländers hören: -</p> - -<p> -»He, ihr Altgläubigen, da habe ich euch was mitgebracht!« -Und er übergibt uns ein kleines Bündel in -einem weißen Tuch. -</p> - -<p> -Luka empfängt es und erstarrt: er fühlt etwas zu Kleines -und zu Leichtes darin. Er lüftet die eine Ecke des Tuches -und sieht, daß es nur der Beschlag von unserer Ikone ist -und nicht der Engel selbst. -</p> - -<p> -Wir stürzen auf den Engländer zu und sagen ihm unter -Weinen: -</p> - -<p> -»Man hat Euch betrogen, Euer Gnaden, das ist nicht -die Ikone, man hat Euch nur ihren silbernen Beschlag -mitgegeben.« -</p> - -<p> -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -Aber der Engländer ist auf einmal nicht mehr der -gleiche, der er bis jetzt zu uns gewesen ist. Sicher hat ihn -die Langwierigkeit der Sache verärgert, und er schreit -uns an: -</p> - -<p> -»Was faselt ihr da? Ihr habt mir doch selbst gesagt, -daß ich nur um den Beschlag bitten solle, und den habe -ich auch erbeten, aber ihr wißt einfach nicht, was ihr -wollt!« -</p> - -<p> -Wir sehen, daß er aufgebracht ist, und versuchen ganz -vorsichtig, ihm klarzumachen, daß wir die Ikone selbst -brauchen, um eine Kopie von ihr herzustellen. Aber er -hört uns nicht mehr an, jagt uns davon und erweist uns -einzig die Gnade, zu befehlen, ihm den Ikonenmaler zu -schicken. -</p> - -<p> -Ssewastjan begibt sich zu ihm, und der Engländer fährt -auf ähnliche Weise auch ihn an: -</p> - -<p> -»Deine Bauern,« sagt er, »wissen nicht, was sie wollen, -sie haben nur um den Beschlag gebeten und erklärt, daß -du, um einen Abriß zu machen, nur die Maße brauchtest. -Jetzt heulen sie, daß er ihnen nichts nütze. Aber ich -kann weiter nichts tun, weil der Erzbischof das Bild selbst -nicht hergibt. Also fälsche rasch das Bild, wir wollen -es mit dem Beschlag bekleiden, und dann stiehlt mir der -Sekretär das echte Bild.« -</p> - -<p> -Der Ikonenmaler Ssewastjan versucht, als verständiger -Mensch, ihn mit milder Rede umzustimmen und antwortete: -</p> - -<p> -»Nein, Euer Gnaden, unsere Bauern verstehen ihre -Sache schon; wir brauchen wirklich das Bild selbst. Das -hat man nur zu unserer Kränkung ausgedacht, daß wir -angeblich nur feststehende Nachahmungen malen könnten. -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -Wir haben zwar Vorschriften, aber ihre Ausführung -ist der freien Kunst überlassen. So ist uns beispielsweise -vorgeschrieben, die Heiligen Sossima oder Gerassim mit -dem Löwen abzubilden; der Phantasie des Heiligenmalers -aber ist es freigestellt, den Löwen nach seiner Auffassung -darzustellen. Ebenso wird der heilige Neophit mit einer -Taube abgebildet, Konon Gradarij mit einem Blümchen, -Timofej mit einem Heiligenschrein, Georgij und Ssawwa -der Stratilate mit Lanzen und Kondrat mit Wolken, weil -er die Wolken abgerichtet hat, aber jeder Ikonenmaler hat -die Freiheit darzustellen, wie die Phantasie seiner Kunstfertigkeit -es ihm erlaubt, und so kann ich wiederum nicht -wissen, wie dieser Engel gemalt ist, den man vertauschen -will.« -</p> - -<p> -Der Engländer hörte sich das alles an, aber dann jagte -er den Ssewastjan wie uns hinaus; wir hören auch keine -weiteren Entschlüsse mehr von ihm, und so sitzen wir, -meine werten Herren, wie die Krähen am Flusse und wissen -nicht, ob wir ganz verzweifeln, oder ob wir noch -hoffen sollen. Zum Engländer wagen wir uns nicht mehr, -und nun beginnt auch noch das Wetter mit unsrer Stimmung -wesenseins zu werden. Ein entsetzliches Tauwetter -bricht an, es regnet ohne Unterlaß, der Himmel sieht -tagsüber wie eine Rauchwolke aus und ist nachts so -finster, daß der Hesperus, der doch sonst im Dezember -kaum vom Himmelsbogen verschwindet, kein einziges -Mal aufglänzt. Alles war düster wie in einem Gefängnis. -Und ebenso begingen wir auch das Weihnachtsfest. Am -Heiligenabend aber brach ein Gewitter los, und dann -setzte ein Gußregen ein, der zwei Tage und zwei Nächte -unaufhörlich niederströmte. Er schwemmte den ganzen -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -Schnee weg und spülte ihn in den Fluß, auf dem das Eis -blau zu werden und sich zu blähen begann, um am letzten -Jahrestag zu bersten und stromabwärts zu treiben. In den -trüben Wellen schiebt sich Scholle auf Scholle, und alles -staut sich bei unseren Bauten. Berstend und krachend -türmt sich das Eis zu Bergen, und dröhnt — Gott verzeih -es mir! — wie entfesselte Höllengeister. Daß die Pfeiler -diesen Druck aushielten und stehen blieben, war erstaunlich. -Millionen hätten verloren gehen können. Aber uns -war es nicht darum zu tun: unser Ikonenmaler Ssewastjan -wurde ungeduldig, packte seine Sachen und wollte in -andere Gegenden ziehen, weil er sah, daß er hier keine -Arbeit erhalten werde, und wir konnten ihn durch nichts -zurückhalten. -</p> - -<p> -Auch der Engländer hatte anderes zu tun; das Unwetter -hatte auf ihn solchen Eindruck gemacht, daß er fast von -Sinnen gekommen wäre: er ging, wie man sich erzählte, -immer umher und fragte alle, denen er begegnete: »Wohin -bloß, wohin?« Dann hatte er sich plötzlich beherrscht, -ließ Luka zu sich rufen und sagte: -</p> - -<p> -»Weißt du was, Bauer: gehen wir deinen Engel -stehlen!« -</p> - -<p> -Luka antwortete: »Einverstanden!« -</p> - -<p> -Aus Lukas Erzählung war zu entnehmen, daß der Engländer -geradezu danach dürstete, Gefahren auszukosten. -Er hatte also vor, morgen zum Erzbischof in das Kloster -zu fahren, den Ikonenmaler als einen Vergolder mitzunehmen -und zu bitten, man möge ihm die Ikone zeigen, -damit sein Begleiter eine genaue Kopie für die Beschläge -anfertigen könne. Währenddessen würde Ssewastjan Gelegenheit -haben, sich den Engel deutlich einzuprägen, -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -um dann zu Hause eine Nachahmung herzustellen. Wenn -dann der wirkliche Vergolder die Beschläge fertig hat, -wird man sie zu uns über den Fluß herüberbringen und -Jakow Jakowlewitsch wird wieder ins Kloster fahren -und den Wunsch äußern, dem festtäglichen Gottesdienst -des Erzbischofes beizuwohnen. Er würde im Mantel in -die Kapelle treten, sich in dem dunklen Altarraum -an den Opfertisch stellen, hinter dem unsere Ikone auf -dem Fenster steht, das Bild stehlen, es unter den Mantel -stecken und jemandem befehlen, den Mantel, angeblich -wegen der Hitze, hinauszutragen. Auf dem Hofe hinter -der Kirche würde dann einer der Unsrigen das Bild aus -dem Mantel in Empfang nehmen und mit ihm auf das -andere Ufer eilen, und hier würde dann unser Ikonenmaler -das alte Bild während des Gottesdienstes aus dem -Rahmen lösen und das gefälschte hineinstellen, dann -sollte es jemand so zurückschaffen, daß Jakow Jakowlewitsch -es wieder aufs Fenster stellen könne, als sei nichts -geschehen. -</p> - -<p> -»Warum nicht?« sagten wir. »Wir sind mit allem einverstanden.« -</p> - -<p> -»Nur gebt acht,« sagte er, »und denkt daran, daß ich -sonst als Dieb dastehe; aber ich will euch glauben, daß -ihr mich nicht preisgebt.« -</p> - -<p> -Luka Kirillow antwortete: -</p> - -<p> -»Wir sind nicht, Jakow Jakowlewitsch, solchen Geistes, -daß wir unsere Wohltäter verraten. Ich werde die Ikone -in Empfang nehmen und Ihnen die beiden zurückbringen, -die echte und die Kopie.« -</p> - -<p> -»Nun, und wenn du durch etwas daran verhindert -wirst?« -</p> - -<p> -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -»Was soll mich verhindern können?« -</p> - -<p> -»Nun, du stirbst plötzlich oder ertrinkst?« -</p> - -<p> -Luka dachte nach: wie soll plötzlich ein derartiges -Hindernis eintreten? Aber dann bedenkt er, daß etwas -derartiges in der Tat vorkommen könne, daß der Schatzgräber -den Schatz finde, aber auf dem Weg zum Markte -einem tollen Hunde begegne, — und er antwortete: -</p> - -<p> -»Für diesen Fall, gnädiger Herr, lasse ich Ihnen einen -Menschen zurück, der, wenn ich nicht eintreffe, die ganze -Schuld auf sich nimmt und selbst den Tod erduldet, Sie -aber nicht preisgibt.« -</p> - -<p> -»Und wer ist es, auf den du dich so verläßt?« -</p> - -<p> -»Der Schmied Maroi,« antwortete Luka. -</p> - -<p> -»Dieser Alte?« -</p> - -<p> -»Ja, er ist nicht jung.« -</p> - -<p> -»Aber er sieht gar zu einfältig aus!« -</p> - -<p> -»Wir brauchen auch seinen Verstand nicht. Aber er -ist ein Mensch, der würdigen Geist in sich trägt.« -</p> - -<p> -»Was für ein Geist kann denn in einem dummen Menschen -wohnen?« -</p> - -<p> -»Der Geist, Herr,« antwortete Luka, »wird nicht nach -dem Verstande bemessen, der Geist atmet, wo er will -und wächst gleich dem Haar bei dem einen lang und üppig -und bei dem andern spärlich.« -</p> - -<p> -Der Engländer überlegte: -</p> - -<p> -»Gut, gut. Das sind alles interessante Empfindungen. -Aber wie soll er mir heraushelfen, wenn ich in die Patsche -gerate?« -</p> - -<p> -»Das macht er so,« antwortete Luka: »Sie werden in -der Kirche am Fenster, und Maroi draußen vor dem -Fenster stehen. Bin ich dann bis zum Schlusse des Gottesdienstes -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -nicht mit dem Bilde gekommen, so wird Maroi -die Scheibe einschlagen, durch das Fenster steigen und -alle Schuld auf sich nehmen.« -</p> - -<p> -Das gefiel dem Engländer: -</p> - -<p> -»Interessant,« sagte er, »interessant. Aber warum soll -ich dem dummen Menschen mit dem Geiste glauben, daß -er nicht selbst davonläuft?« -</p> - -<p> -»Nun, das ist eben Sache des gegenseitigen Vertrauens.« -</p> - -<p> -»Gegenseitiges Vertrauen,« wiederholte er ... »Hm, -gegenseitiges Vertrauen! Soll ich für einen dummen -Bauern nach Sibirien, oder er für mich unter die Knute? -Hm, hm, wenn er sein Wort hält ... unter die Knute ... -Das ist interessant.« -</p> - -<p> -Man schickte nach Maroi, erklärte ihm, worum es sich -handle, und er sagte: »Nun, was ist dabei?« -</p> - -<p> -»Und du wirst nicht davonlaufen?« fragte der Engländer. -</p> - -<p> -Maroi antwortete: »Warum denn?« -</p> - -<p> -»Damit man dich nicht peitscht und nach Sibirien verschickt.« -</p> - -<p> -Aber Maroi erwiderte: »Nun, weiter nichts?« -</p> - -<p> -Der Engländer ist vor Freude lebendig geworden: -</p> - -<p> -»Reizend,« sagt er, »wie interessant!« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-14"> -VIERZEHNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">G</span>leich nach der Unterredung begann die Aktion. Am -Morgen setzten wir die große herrschaftliche Barkasse -in Stand und fuhren den Engländer ans andere Ufer. -Dort setzte er sich mit dem Ikonenmaler Ssewastjan in -eine Kalesche und fuhr zum Kloster. Nach einer guten -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -Stunde sehen wir unseren Ikonenmaler dahereilen mit -einem Blatt in den Händen. -</p> - -<p> -Wir fragen: -</p> - -<p> -»Hast du sie gesehen, Teurer, und kannst du sie jetzt -nachmachen?« -</p> - -<p> -»Ich habe sie gesehen,« antwortet er, »und werde sie -genau treffen, vielleicht, daß sie etwas lebhafter in den -Farben wird, aber das ist kein Unglück, denn wenn die -echte Ikone herkommt, werde ich in einem Nu das Leuchten -der Farben dämpfen.« -</p> - -<p> -»Väterchen,« bitten wir, »gib dir Mühe!« -</p> - -<p> -»Schon gut,« erwidert er, »werde mich schon bemühen.« -</p> - -<p> -Und kaum hatten wir ihn zurückgerudert, als er sich -auch gleich an seine Arbeit setzte, und um die Dämmerung -war der Engel auf dem Täfelchen fertig und glich unserm -versiegelten, wie ein Tropfen Wasser dem andern, nur die -Farben schienen etwas frischer. -</p> - -<p> -Gegen Abend schickte der Vergolder die neuen Beschläge, -und nun kam die gefährliche Stunde unseres -Diebstahls. -</p> - -<p> -Wir hatten, wie es sich versteht, alles vorbereitet und -warteten auf den gegebenen Augenblick. Kaum ließen sich -vom anderen Ufer her die ersten Glockenklänge zur -Abendmesse vernehmen, als wir zu dritt ein Boot bestiegen, -ich, Luka und der alte Maroi, der ein Beil, einen Meißel, -eine Brechstange und ein Seil mitgenommen hatte, um -mehr einem Diebe zu gleichen. Wir steuerten gerade auf -die Klostermauer zu. -</p> - -<p> -Die Dämmerung bricht um diese Jahreszeit früh an, -und obwohl es Vollmondwoche war, blieb die Nacht -pechschwarz, eine richtige Diebesnacht. Am anderen Ufer -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -angelangt, ließen Maroi und Luka mich im Boot zurück -und schlichen zum Kloster hinauf. Ich wartete voll Ungeduld. -Die Ruder hatte ich ins Boot genommen, das ich -an einem Strickende am Ufer festhielt, und war bereit -abzustoßen, sobald Luka seinen Fuß ins Boot setzen würde. -In der Besorgnis, wie alles gelingen würde und ob wir -die Spuren unseres Diebstahls rechtzeitig verwischen -könnten, erschien mir die Zeit schrecklich lang. Es dünkte -mir, es sei schon viel Zeit verstrichen. Die Dunkelheit war -entsetzlich, der Wind fegte nunmehr anstatt des Regens -nassen Schnee daher. Das Boot schaukelte, und ich treuloser -Knecht begann, mich allmählich in meinem Mantel -erwärmend, einzuschlummern. Plötzlich beginnt das Boot -unter einem Stoß zu schwanken, ich zucke zusammen und -sehe den Onkel Luka im Boote stehen, der mit fremder, -gepreßter Stimme sagt: »Rudre!« -</p> - -<p> -Ich ergreife die Ruder, kann sie aber vor Schreck nicht -in die Dollen einlegen. Schließlich gelingt es mir, ich -stoße vom Ufer ab und frage: »Onkel, habt ihr den Engel -bekommen?« -</p> - -<p> -»Ich habe ihn, rudre stärker!« -</p> - -<p> -»Erzähle doch,« forsche ich weiter, »wie habt ihr ihn -bekommen?« -</p> - -<p> -»Genau wie es geplant war.« -</p> - -<p> -»Werden wir noch rechtzeitig zurückkommen können?« -</p> - -<p> -»Wir müssen es können: eben erst haben sie mit der -großen Litanei begonnen. Rudre! Wohin ruderst du?« -</p> - -<p> -Ich sehe mich um: Großer Gott, ich rudere wirklich -nicht in unsere Richtung, und doch scheint es mir, daß -ich richtig quer über die Strömung halte, aber unsere -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -Siedlung ist nicht zu sehen, weil Schnee und Sturm schrecklich -daherfegen und mich blind machen. Ringsum heult -der Wind und schaukelt das Boot, und oben vom Fluß -weht es wie von Eis her. -</p> - -<p> -Aber mit Gottes Gnade erreichen wir das Ufer, springen -beide aus dem Boot und laufen, was wir laufen können. -Der Ikonenmaler ist schon bereit; er handelt kaltblütig -und entschlossen. Vor allem nimmt er die Ikone, und als -alle vor ihr niederfallen und sich verneigen, läßt er sie -den versiegelten Engel küssen und schaut selbst bald auf -ihn, bald auf die Kopie und sagt: »Sie ist gut! Man muß -sie nur ein wenig mit Safran dämpfen und etwas mit -schmutziger Farbe tönen.« Damit nimmt er die Ikone, -spannt sie in den Schraubstock, richtet die Säge her ... -und dann fliegt sie nur. Wir alle stehen herum und schauen -voller Angst zu, ob er die Ikone nicht beschädige. Stellen -Sie sich vor, wie er mit seinen übergroßen Händen das -Bild, welches kaum stärker als ein Blättchen dünnsten -Schreibpapieres ist, vom Brett abtrennt. Wie leicht ist da -ein Unglück geschehen: wenn die Säge nur um ein Haar -schief geht, so schneidet sie es durch und zerreißt das -Antlitz! Der Ikonenmaler Ssewastjan aber verrichtete die -schwierige Arbeit mit solcher Kaltblütigkeit und Kunstfertigkeit, -daß es einem, wenn man ihn dabei betrachtete, -gleich ruhig ums Herz wurde. Wie er das Bild als dünnste -Schicht abgetrennt hat, schneidet er in einem Augenblick -das Ausgesägte aus den Rändern heraus, nimmt seine -Kopie, zerknittert sie in der Faust und schlägt sie dann -auf die Tischkante, als wolle er sie zerreißen und vernichten; -schließlich betrachtet er die Leinwand gegen -das Licht, und nun ist das neue Bildchen voller Sprünge -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -wie ein feines Sieb, Ssewastjan klebt es nun auf das alte -Brett, nimmt dunkle Schmutzfarbe auf die Hand, mischt -sie mit dem Finger mit Safran und altem Firnis zu einer Art -Kitt und reibt damit kräftig, mit der vollen Handfläche -das zerknitterte Bildchen ein. Dies alles hatte er mit großer -Schnelligkeit vollführt, und nun sah die neue Ikone aus -wie eine alte und glich aufs genaueste der echten. -</p> - -<p> -Dann wurde die Kopie in einem Nu mit Lack bedeckt, -und wir setzten sie in den Rahmen. Nun nahm Ssewastjan -das echte, vom Brett abgetrennte Bild und verlangte so -schnell wie möglich einen Fetzen von einem alten Filzhute. -</p> - -<p> -Damit begann der äußerst schwierige Prozeß der Entsiegelung. -</p> - -<p> -Man gab dem Ikonenmaler einen Hut, und er zerriß -ihn sofort über dem Knie in zwei Teile, bedeckte mit dem -einen den versiegelten Engel und schrie: »Das heiße Plätteisen!« -</p> - -<p> -Im Ofen lag auf sein Geheiß ein schweres Schneiderbügeleisen. -Michailiza packte es mit der Ofengabel und -reichte es Ssewastjan. Jener umwickelte den Griff mit -einem Lappen, spuckte auf das Eisen und legte es auf -den Filzfetzen. Von dem Filz steigt ein böser Gestank -auf, aber der Ikonenmaler wiederholt es noch und -noch einmal und nimmt es dann plötzlich weg. Seine -Hand fliegt wie der Blitz; der Rauch steigt schon -in einer Säule hoch, aber Ssewastjan versteht zu backen: -mit der einen Hand dreht er langsam den Filzlappen -und mit der anderen führt er geschickt das Eisen. Mit -jedemmal fährt er langsamer, aber fester darüber und dann -wirft er plötzlich den Fetzen und das Eisen weg und hält -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -die Ikone ans Licht: das Siegel ist fort, als wäre es nie -dagewesen! Der starke Stroganower Lack hat standgehalten, -der Siegellack ist vollständig verschwunden, nur ein -schwacher feuerroter Tau ist zurückgeblieben, aber das -leuchtende, heilige Antlitz ist jetzt ganz zu sehen. -</p> - -<p> -Der eine weint, der andere betet, der dritte beugt sich -über die Hände des Ikonenmalers, um sie zu küssen, nur -Luka Kirillow vergißt seine Aufgabe nicht, sondern kargt -mit jeder Minute. Er reicht Ssewastjan die Kopie und sagt: -</p> - -<p> -»Nun, mach schneller fertig!« -</p> - -<p> -Aber jener antwortet: »Mein Werk ist beendet, ich -habe alles getan, was ich übernommen habe.« -</p> - -<p> -»Und das Siegel aufdrücken?« -</p> - -<p> -»Wohin?« -</p> - -<p> -»Ja hierher, auf das Gesicht des neuen Engels, wie es -bei jenem alten war.« -</p> - -<p> -Aber Ssewastjan schüttelt den Kopf und antwortet: -</p> - -<p> -»Nein, ich bin kein Beamter, daß ich mich erfrechen -würde, so etwas zu tun.« -</p> - -<p> -»Was sollen wir nun anfangen?« -</p> - -<p> -»Ja, das weiß ich doch nicht. Ihr hättet dafür einen -Beamten oder einen Deutschen herbitten sollen. Das habt -ihr jetzt versäumt, nun tut es selbst.« -</p> - -<p> -Luka erwidert: -</p> - -<p> -»Was glaubst du wohl! Um nichts in der Welt werden -wir uns dazu erfrechen.« -</p> - -<p> -Und der Ikonenmaler antwortet: -</p> - -<p> -»Auch ich werde mich nicht erfrechen.« -</p> - -<p> -Während der wenigen Minuten dieses Streites stürzt -plötzlich die Frau Jakow Jakowlewitschs totenbleich ins -Zimmer und spricht: -</p> - -<p> -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -»Seid ihr denn noch nicht fertig?« -</p> - -<p> -Wir antworten, wir seien fertig und auch wieder nicht -fertig: das Wichtige sei vollbracht, aber eine Kleinigkeit -vermöchten wir nun nicht. -</p> - -<p> -Sie erwidert: »Auf was wartet ihr denn? Hört ihr denn -nicht, was sich draußen tut?« -</p> - -<p> -Wir horchen und erbleichen noch mehr als sie. In unserer -Sorge hatten wir dem Wetter keine Aufmerksamkeit -geschenkt, und nun hören wir es draußen toben: das Eis -geht! -</p> - -<p> -Ich springe hinaus und sehe, wie das Eis schon -über den ganzen Fluß treibt, wie die Schollen krachend -und berstend übereinander springen. Besinnungslos -stürze ich zu den Booten, ... kein einziges ist mehr -da, alle sind fortgeschwemmt. Mir stockt die Zunge -im Munde, so daß ich kein Wort über die Lippen -bringe, und mir scheint es, ich versinke in die Erde ... -Ich stehe da ... rühre mich nicht ... und gebe keinen -Laut von mir. -</p> - -<p> -Aber während wir hier im Dunkeln umherirren, hatte -die Engländerin, die mit Michailiza in der Stube zurückgeblieben -war, die Ursache der Verzögerung erfahren, die -Ikone ergriffen ... und einen Augenblick später eilt sie, -in der einen Hand eine Laterne haltend, mit dem Bild auf -die Treppe hinaus und schreit: -</p> - -<p> -»Nehmt! Fertig!« -</p> - -<p> -Wir schauen hin: auf dem Antlitz des neuen Engels ist -das Siegel! -</p> - -<p> -Luka steckt die beiden Ikonen sofort in den Busen und -schreit: -</p> - -<p> -»Das Boot!« -</p> - -<p> -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -Ich eröffne ihm, daß kein Boot da ist, daß alle fortgetrieben -sind. -</p> - -<p> -Und ich sage Ihnen, das Eis treibt daher wie eine Herde, -zerschellt an den Pfeilern und erschüttert die Brücke, so -daß die armdicken Ketten dröhnen. -</p> - -<p> -Wie die Engländerin dies hört, wirft sie die Hände -empor und schreit mit unmenschlicher Stimme: »James!« -Und sie fällt in Ohnmacht. -</p> - -<p> -Und wir stehen dabei und fühlen nur das eine: »Wo -bleibt jetzt unser Wort? Was wird jetzt mit dem Engländer, -was mit dem alten Maroi?« -</p> - -<p> -Eben ertönt vom Glockenturm des Klosters das dritte -Läuten. -</p> - -<p> -Da rafft sich Onkel Luka auf und ruft der Engländerin zu: -</p> - -<p> -»Komm zu dir, Gnädige, deinem Manne wird nichts -geschehen. Vielleicht wird der Henker das alte Fell unseres -Maroi peitschen und sein ehrliches Gesicht mit dem Brandzeichen -entehren, aber das soll erst nach meinem Tode -geschehen.« Dabei bekreuzigt er sich und geht. -</p> - -<p> -Ich schreie ihm zu: »Onkel Luka, wo willst du hin? -Lewontij ist umgekommen, auch du wirst es!« Und ich -eile ihm nach, um ihn aufzuhalten. Allein er hebt das vor -seinen Füßen liegende Ruder auf, das ich bei unserer Ankunft -auf die Erde geworfen habe, schwingt es über mich -und schreit: »Fort, oder ich schlage dich tot!« -</p> - -<p> -Meine werten Herren, ich habe mich in meiner Erzählung -offen genug als kleinmütig bekannt, als ich den -verstorbenen Knaben Lewontij auf der Erde seinem -Schicksal überließ und selbst auf einen Baum kletterte; -aber ehrlich und offen sage ich Ihnen, daß ich hier vor -dem Ruder Onkel Lukas nicht erschrocken und auch nicht -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -zurückgewichen wäre ... aber, ob Sie es mir glauben oder -nicht, in dem Augenblick, als ich mich des Namens Lewontijs -erinnerte, sah ich, wie die Gestalt des Jünglings -zwischen mir und Luka in der Dunkelheit erstand und -drohend gegen mich die Hand erhob. Diesen Schrecken -konnte ich nicht ertragen und wich zurück. Aber Luka -stand schon am Ende der Kette und rief uns plötzlich, den -einen Fuß auf die Kette setzend, zu: -</p> - -<p> -»Stimmt den Chor an!« -</p> - -<p> -Unser Vorsänger Arefa steht bei uns, vernimmt es -und beginnt sogleich: »Ich öffne die Lippen«. Die anderen -fallen ein, und so schreien wir den Chor dem Sturmgeheul -entgegen, und Luka bangt nicht vor den Todesschrecken -und schreitet über die Brückenketten weiter. -Binnen einer Minute hat er das erste Joch zurückgelegt -und steigt zum zweiten nieder ... Und weiter? Die Dunkelheit -umfängt ihn, er ist nicht mehr zu sehen: ob er noch -geht oder schon herabgestürzt ist und von den verfluchten -Schollen in den Strudel getrieben wird, wir wissen es -nicht, wir wissen nicht, ob wir für seine Rettung oder für -die ewige Ruhe seiner starken, liebenswerten Seele beten -sollen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-15"> -FÜNFZEHNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>as war inzwischen am anderen Ufer geschehen? -Seine Eminenz der Erzbischof zelebrierte wie gewöhnlich -die Abendmesse und ahnte nicht, daß inzwischen -am Nebenaltar ein Diebstahl ausgeführt wurde. -Unser Engländer Jakow Jakowlewitsch, der mit seiner -Erlaubnis an diesem Altar stand, stahl den Engel und -schickte ihn, wie er es geplant hatte, mit seinem Mantel -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -hinaus, wo Luka mit ihm davoneilte. Der alte Maroi blieb -seinem Worte getreu vor dem gleichen Fenster stehen und -wartete bis zur letzten Minute. Kehrte Luka nicht zurück, -so würde er, gleich nachdem sich der Engländer zurückgezogen -hätte, das Fenster einschlagen und mit der Brechstange -und dem Meißel wie ein wirklicher Dieb durch -das Fenster in die Kirche steigen. Der Engländer wendet -kein Auge von ihm und sieht, wie der alte Maroi, gehorsam -und seinem Versprechen getreu, dasteht und ihm -zunickt, wenn er das Gesicht des Engländers dem Fenster -zugewendet erblickt, als ob er sagen wollte: »Hier bin ich, -der verantwortliche Dieb«. -</p> - -<p> -So beweisen sie einander ihren Edelmut, und keiner -will dem anderen gestatten, ihn im gegenseitigen Vertrauen -zu übertreffen. Aber zu ihrer beider Glauben gesellt -sich noch ein dritter, stärkerer, von dessen Wirken -sie jedoch nichts wissen. Als der letzte Glockenschlag -der Nachtmesse verklungen war, öffnete der Engländer -leise das Klappfenster, damit der alte Maroi hereinsteige, -und war schon im Begriff, sich zurückzuziehen, als er -plötzlich bemerkte, daß sich der alte Maroi abgewendet -hatte, ihn nicht mehr ansah, sondern gespannt nach dem -Flusse hinüberschaute und in einem fort wiederholte: -</p> - -<p> -»Helfe ihm Gott herüber, helfe ihm Gott herüber, helfe -ihm Gott herüber!« -</p> - -<p> -Dann sprang er plötzlich auf, tanzte wie betrunken und -schrie: -</p> - -<p> -»Gott hat ihm herübergeholfen, Gott hat ihm herübergeholfen!« -</p> - -<p> -Jakow Jakowlewitsch geriet in helle Verzweiflung und -dachte: -</p> - -<p> -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -»Jetzt ist es zu Ende: der dumme Alte ist verrückt geworden, -ich bin verloren!« Da sieht er auf einmal, wie -Maroi den Luka umarmt. -</p> - -<p> -Der alte Maroi stammelt: »Ich habe geschaut, wie du -mit Laternen über die Ketten gingst.« -</p> - -<p> -Luka erwidert: »Ich hatte keine Laterne dabei.« -</p> - -<p> -»Woher kam das Leuchten?« -</p> - -<p> -Luka antwortet: -</p> - -<p> -»Ich weiß nicht, ich habe kein Leuchten gesehen, ich -bin so schnell gelaufen, wie ich konnte, und weiß nicht -einmal, wie ich herübergekommen und nicht gefallen bin.« -</p> - -<p> -»Das waren Engel ... ich habe sie gesehen, und darum -überlebe ich diesen Tag nicht und sterbe noch heute.« -</p> - -<p> -Luka aber hat keine Zeit, viel zu reden, und so antwortet -er dem Alten nicht, sondern reicht dem Engländer -beide Ikonen durch das Fenster. Der nimmt sie und fragt: -</p> - -<p> -»Warum ist kein Siegel darauf?« -</p> - -<p> -Luka fragt: »Wieso ist keines?« -</p> - -<p> -»Ja, es ist keines.« -</p> - -<p> -Da bekreuzigt sich Luka und sagt: -</p> - -<p> -»Nun ist es aus. Jetzt ist keine Zeit, es auszubessern. -Dieses Wunder hat der Engel der herrschenden Kirche -vollbracht, und ich weiß weshalb.« -</p> - -<p> -Damit stürzt Luka in die Kirche, drängt sich in den -Altarraum, wo man den Erzbischof eben entkleidet, wirft -sich ihm zu Füßen und spricht: -</p> - -<p> -»Ich bin ein Gotteslästerer, und das habe ich getan!« -Und er erzählt ihm alles. »Nun befehlen Sie, daß man -mich in Ketten legt und ins Gefängnis abführt.« -</p> - -<p> -Der Bischof hört voll Würde alles an und antwortet: -</p> - -<p> -»Durch Betrug habt ihr das Siegel von eurem Engel -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -genommen, unser Engel hat es selbst von sich genommen -und dich hergeführt.« -</p> - -<p> -Luka erwidert: -</p> - -<p> -»Ich sehe es, Eminenz, und erbebe. Befehlen Sie nur -rasch, daß man mich dem Strafgericht überliefert.« -</p> - -<p> -Aber der Erzbischof antwortet in vergebendem Tone: -</p> - -<p> -»Kraft der mir von Gott gegebenen Gewalt vergebe -ich dir und spreche dich los. Bereite dich vor, morgen -Christi allerreinsten Leib zu empfangen.« -</p> - -<p> -Nun, und weiter, meine werten Herren, glaube ich, -daß ich Ihnen nichts mehr zu erzählen habe. Luka Kirillow -und der alte Maroi kehrten am nächsten Morgen zurück -und sagten: -</p> - -<p> -»Väter und Brüder, wir haben die Herrlichkeit des -Engels der herrschenden Kirche gesehen, die Vorsehung -Gottes über ihr und die Güte ihres Hierarchen; wir sind -selbst von ihm mit dem heiligen Öl gesalbt worden und -haben heute bei der Messe den Leib und das Blut des -Erlösers empfangen.« -</p> - -<p> -Ich trug in mir schon lange, seit dem Besuch beim -Starez Pamwa, das Verlangen, mich im Geiste mit ganz -Rußland zu vereinigen und rief: -</p> - -<p> -»Und wir gehen mit dir, Onkel Luka!« -</p> - -<p> -Und so versammelten wir uns alle zu einer Herde, wie -Schäflein unter einem Hirten, und hatten kaum begriffen, -wozu und wohin der versiegelte Engel uns alle geführt -hatte, warum seine Wege zu Beginn verworren waren, -und wie er sich dann der Menschenliebe willen entsiegelte, -die sich in jener schrecklichen Nacht offenbarte. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-16"> -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -SECHZEHNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er Erzähler war zu Ende. Die Hörer schwiegen; -schließlich aber räusperte sich jemand und bemerkte, -daß in dieser Geschichte alles zu erklären sei: Michailizas -Träume, die Erscheinung, die sie im Halbschlaf erblickte, -das Herunterfallen des Engels, den eine hereingelaufene -Katze oder ein Hund herabgestoßen hatte, -auch Lewontijs Tod, der schon vor seiner Begegnung -mit Pamwa krank gewesen war, das alles sei erklärlich. -Zu erklären sei schließlich auch die zufällige Erfüllung -der Worte des in Rätseln sprechenden Pamwa. -</p> - -<p> -»Begreiflich ist auch«, fügte der Hörer hinzu, »daß -Luka mit dem Ruder über die Ketten gegangen ist: die -Maurer sind bekannt als Meister im Steigen und Klettern, -und mit dem Ruder hatte er das Gleichgewicht gehalten. -Es ist schließlich auch begreiflich, daß Maroi um Luka -ein Leuchten gesehen hat, das er für Engel hielt. Einem -aufs äußerste gespannten, vor Kälte erstarrten Menschen -mag allerlei vor den Augen flimmern! Ich würde es selbst -noch begreiflich finden, wenn zum Beispiel der alte -Maroi, seiner Voraussage nach, den Tag nicht überlebt -hätte ...« -</p> - -<p> -»Er hat ihn nicht überlebt«, erwiderte Mark. -</p> - -<p> -»Vortrefflich! Auch hierin ist nichts Verwunderliches, -wenn ein achtzigjähriger Greis nach solchen Aufregungen -und einer derartigen Erkältung stirbt. Aber was mir in der -Geschichte ganz unerklärlich bleibt, ist, wie das Siegel, -das die Engländerin auf den neuen Engel aufgedrückt -hatte, verschwinden konnte?« -</p> - -<p> -»Nun, das ist gerade das Allereinfachste«, sagte Mark -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -heiter, und erzählte, wie man bald darauf das Siegel -zwischen Beschlag und Bild gefunden habe. -</p> - -<p> -»Wie konnte das geschehen?« -</p> - -<p> -»Nun so: auch die Engländerin wollte sich nicht erdreisten, -das Gesicht des Engels zu beschädigen, und so -befestigte sie das Siegel auf einem Papier, das sie unter -den Beschlag schob. Das war sehr klug und kunstfertig -von ihr gehandelt, als aber Luka die Heiligenbilder auf -seiner Brust beim Tragen erschütterte, fiel das Siegel ab.« -</p> - -<p> -»Nun, jetzt ist also die ganze Geschichte einfach und -natürlich.« -</p> - -<p> -»Ja, so schließen viele, daß hier alles auf ganz gewöhnliche -Weise vor sich gegangen sei, und nicht nur die gebildeten -Herrschaften, denen sie bekannt geworden ist, -sondern auch die Unsrigen, die im Schisma verblieben -sind, lachen darüber, daß uns eine Engländerin mit einem -Papierchen der Kirche zugeschoben habe. Aber wir streiten -nicht gegen solche Beweise. Jeder beurteilt es so, wie -er es glaubt, uns aber ist es gleich, auf welchen Wegen -der Herr den Menschen zu finden weiß und aus welchem -Gefäß er ihn tränkt, wenn er ihn nur sucht und -seinen Durst nach Vereinigung mit dem Vaterlande stillt. -— Aber da kommen schon die Fell-Bauern aus dem -Schnee gekrochen. Haben sich anscheinend ausgeruht, -die Herzigen, und werden gleich weiterfahren. Vielleicht -nehmen sie mich ein Stück mit. Die Wassilijnacht ist vorbei. -Ich habe Sie ermüdet und Ihnen vielerlei von mir -berichtet. Dafür habe ich die Ehre, Sie zum neuen Jahr -zu beglückwünschen, und verzeihen Sie mir Unwissendem -um Christi Willen!« -</p> - -<h2 class="part" id="part-3"> -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -DIE EPOPÖE -VON WISCHNEWSKIJ -UND SEINER SIPPE -</h2> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-3-1"> -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -ERSTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>m Perejaslawer Kreise des Poltawaschen Gouvernements -lebte der Gutsbesitzer Iwan Gawrilowitsch -Wischnewskij. Durch die Freigebigkeit der Kaiserin Jelisaweta -Petrowna hatte er ein großes Gut an beiden Ufern -des Flusses Ssupoi erhalten. (Die Flüsse Udai und Ssupoi -werden in einem Lehrbuch der Geographie als »wegen -ihrer vielen Mängel zur Schiffahrt ungeeignet« bezeichnet.) -Das Gut bestand aus zwei großen Dörfern, von -denen das eine Farbowanaja hieß, das andere Ssosnowka. -</p> - -<p> -Der alte Pan Iwan Wischnewskij lebte und starb auf -diesem Gut. Nach seinem Tode gingen Farbowanaja und -Ssosnowka auf seinen Sohn, Stepan Iwanowitsch Wischnewskij -über, der eine heroische Berühmtheit erlangte. -Es ist freilich möglich, daß die Phantasie diese durch -Legenden ergänzt und ausgeschmückt hat. -</p> - -<p> -Stepan Iwanowitsch war athletisch gebaut, ein Recke, -dabei gastfreundlich, starrköpfig und ein schrecklicher -Wüstling, aber er besaß Bildung. Er war einer der jungen -Leute gewesen, die die Kaiserin Jekaterina nach England -geschickt hatte, »zur Ausbildung des Verstands und des -Herzens«. Nach seiner Rückkehr aus England trat er ins -Garderegiment zu Pferd ein, aber als er den Rang eines -Leutnants erhalten hatte, nahm er seinen Abschied, heiratete -eine Adelige aus dem Twerschen Gouvernement, -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -Stepanida Wassiljewna aus dem Geschlechte der Schubinskijs, -und ließ sich in seinem eigenen Hause zu Moskau -nieder. -</p> - -<p> -Zu tun hatte Wischnewskij hier nichts, und er begann -»wunderlich« zu werden. -</p> - -<p> -Vor allem gedachte er, den Moskowitern durch seine -kosakische Nationalität zu imponieren. Er wollte mit -niemand verkehren, kleidete sich kleinrussisch, trank viel -»Gebrannten« und aß angeblich nur Bärenfleisch. -</p> - -<p> -Der Kaiserin wurde berichtet, daß Wischnewskij »die -gesellschaftlichen Sitten außer Acht lasse«, und dem Starrkopf -wurde eine Rüge zuteil. Er beschloß sich zu bessern -und ließ sich zu diesem Zwecke aus Kleinrußland einen -Kosakenwagen mit einem Ochsengespann nach Moskau -bringen und dazu einen Burschen, der mit den Ochsen umzugehen -verstand. Am Tage der üblichen und für alle angesehenen -Personen der Residenz obligatorischen Visiten -schickte sich Stepan Iwanowitsch an, »bei allen Respektpersonen -Visite zu machen«. Aber er fuhr nicht etwa -leichthin in einer Equipage aus, sondern mit einem ganzen -Zuge. Voraus galoppierte ein Jockei auf einer stutzschwänzigen -englischen Stute, ihm folgte eine prächtige -mit sechsen bespannte Kutsche, in der der Kammerdiener -saß, und hinter ihr kam der Wagen, oder die kleinrussische -»Fuhre«, auf der Pan Wischnewskij thronte. Der -Wagen war bespannt mit einem Paar schwarzgrauer -krummhörniger Ochsen. Der Pan saß, wie die kleinrussischen -Bauern zu sitzen pflegen, — d. h. in der Mitte -des Wagens auf einem Haufen Roggenstroh und rauchte -phlegmatisch eine Weichselpfeife kleinrussischer Fasson. -Der Kleinrusse, der die Ochsen lenkte, trug Pluderhosen -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -»so weit wie Wolken«, ein geteertes Hemd, schwere -Stiefel und eine hohe, zottige Mütze. Er ging mit einer -Peitsche neben den Ochsen her, hielt sie mit einem Riemen -am Nasenring, »damit sie in der lärmenden Stadt« -nicht scheuen, und schrie ihnen bald »Zo—be« und bald -»Zob« zu. -</p> - -<p> -Der Jockei hatte die Liste der Personen, die dieser verwilderte -Europäer besuchen sollte. Er sprengte voran, -ritt in den Hof der auf der Liste stehenden hochmögenden -Persönlichkeit und meldete laut: -</p> - -<p> -»Mein Pan kommt!« -</p> - -<p> -Wenn dann der Zug in Sicht kam, wendete sich ihm -der Jockei mit dem Gesichte zu und rief wieder: -</p> - -<p> -»Da ist der Pan Wischnewskij selbst gekommen!« -</p> - -<p> -Dann hielt die Kutsche vor der Freitreppe, ihr entstieg -der Kammerdiener Stepan Iwanowitschs und trat ins -Haus, um zu fragen, ob es den Herrschaften genehm sei, -seinen Herrn zu empfangen. -</p> - -<p> -Empfing man Wischnewskij, so fuhr die Kutsche weiter, -und an der Freitreppe hielt die »Fuhre« mit dem -Ochsengespann; Stepan Iwanowitsch stieg aus, begab sich -in die Gemächer und beschenkte freigebig die ihm unter -die Augen kommende Dienerschaft. In den Appartements -benahm er sich als vornehmer Herr und Europäer, prunkte -mit prächtigen Manieren, vorzüglichen Sprachkenntnissen -und der schlagfertigen Bissigkeit seines kleinrussischen -Verstandes. -</p> - -<p> -»Denn er war ein zu Scherzen aufgelegter Herr, sprach -Französisch und Italienisch und vermochte in diesen -Sprachen Gott zu preisen. Nur war er zu faul dazu.« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-2"> -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -ZWEITES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>ischnewskij aß, wie oben erwähnt, angeblich nur -Bärenfleisch und hielt deshalb auf einem der Twerschen -Güter seiner Frau einen Bärenzwinger. Man mästete -dort die Bären und brachte sie nach Moskau zum Tisch -Stepan Iwanowitschs. Gegen die Polizei hegte Wischnewskij -einen eingeborenen und unbesiegbaren Haß, und -kein Polizist durfte es wagen, sich zu erkühnen, seinen -Hof zu betreten, ohne zu riskieren, allen möglichen Beleidigungen -ausgesetzt zu sein, wenn ihn Stepan Iwanowitsch -erblickte. Wischnewskijs Haus zu Moskau war für -die Polizei unzugänglich, und aus diesem oder einem -anderen Grunde stand es bald in einem sehr geheimnisvollen, -aber wenig schmeichelhaften Rufe. Vor allem -wurde dieser durch die sittenlosen Instinkte Wischnewskijs -in Bezug auf die Frauen, oder um es genauer zu bezeichnen, -auf die Kinder weiblichen Geschlechts gefördert. -Die Polizei haßte ihrerseits Stepan Iwanowitsch -ebenfalls und suchte einen Anlaß, um ihm seine Flegelhaftigkeit -heimzuzahlen, fand aber lange keinen geeigneten -Grund dafür. Schließlich stellte sich ein solcher ein. Ein -Hofhund hatte einen noch nicht ganz der Muskel beraubten -Knochen auf die Straße geschleppt und dort fallen -lassen, und in diesem Knochen erkannte man das Gelenk -eines kleinen menschlichen Fußes. Einige Tage später -wiederholte sich dasselbe. Man beobachtete den Hund -und sah, daß er diese Knochen aus der Abfallgrube holte. -Die Dienerschaft der Nachbarhäuser begann davon zu -reden, daß Wischnewskij mit seinen leibeigenen Mädchen -Schändliches treibe und sie dann töte. Bald zählte man -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -auch schon die spurlos verschwundenen Mädchen auf -und nannte sogar ihre Namen. -</p> - -<p> -Die Polizei erblickte hierin nicht nur einen hinreichenden -Grund einzuschreiten, sondern hielt es geradezu für -ihre Pflicht, — was es in der Tat auch war. Zu diesem -Zweck erschienen der Polizeikommissar und der Revieraufseher -auf dem Hofe Stepan Iwanowitschs und schritten -zur Besichtigung der Grube, aus der der Hund die verdächtigen -Knochen geholt hatte. Die treuen Diener Stepan -Iwanowitschs ließen die Polizei nicht zur Besichtigung -zu, ehe sie ihren »Pan« davon in Kenntnis gesetzt hatten. -Stepan Iwanowitsch zog seinen Rock an, ging selbst zu -den Polizisten hinaus und befahl ihnen, die Grube zu -öffnen. Zur Freude der Polizisten fand sich dort eine ganze -Menge derselben Knochen, die den Anlaß zu dem Verdachte -gegeben hatten. Aber zugleich stellte sich freilich -heraus, daß sie keineswegs Überreste menschlicher Füße -waren, sondern die Tatzen der jungen, für den Tisch -Wischnewskijs getöteten Bären. -</p> - -<p> -Die Polizisten gerieten in Verlegenheit und begannen -sich bei Wischnewskij zu entschuldigen, indem sie erklärten, -sie seien durch Verdächtigungen und verleumderische -Gerüchte zu diesem Mißgriff verleitet worden. -</p> - -<p> -Wischnewskij verzieh ihnen und ... prügelte sie mit -der Knute. -</p> - -<p> -Dieser krasse Vorfall hatte zur Folge, daß ihm befohlen -wurde, Moskau zu verlassen und auf seinen kleinrussischen -Dörfern zu leben, die sein Vater durch die Freigebigkeit -der Kaiserin Jelisaweta Petrowna erhalten hatte. -</p> - -<p> -Wischnewskij mußte sich dem Befehle unterwerfen -und fuhr nach Farbowanaja im Perejaslawschen Kreis, -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -um dort sein Treiben in noch größerer Freiheit fortzusetzen. -</p> - -<p> -Der Vorfall mit den Bärentatzen wird nach Moskauer -Darstellungen verschiedenen Personen zugeschrieben; -Stepan Iwanowitsch Wischnewskij wird er nur in einigen -kleinrussischen Überlieferungen zugeeignet, die vor allem -in den vom Udai und Ssupoi befruchteten Tälern verbreitet -sind. Bezüglich der Visiten mit dem Ochsengespann -suchte ich in Moskauer Überlieferungen vergeblich nach -einer Erinnerung an diese originelle Ausfahrt. Diese Erzählung -muß man daher als zweifelhaft ansehen. Aber -unter den Bewohnern der Täler von Udai und Ssupoi -behaupten viele Liebhaber solcher Überlieferungen nachdrücklich -die Wahrheit dieser Geschichte und weisen alle -Beweisgründe, daß sie in Moskau nicht bestätigt werde, -mit Selbstvertrauen und voll Verachtung zurück, indem -sie ihre dicken Kosakenlippen aufwerfen und sagen: -</p> - -<p> -»Ja dort, — wenn ihr die Wahrheit in Moskau suchen -wollt!« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-3"> -DRITTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>ls Stepan Iwanowitsch Wischnewskij auf seine kleinrussischen -Dörfer übersiedelte, baute er sich in den -beiden Orten an den beiden Ufern des ruhmwürdigen -Ssupoi, in Farbowanaja und in Ssosnowka je ein Haus. -In beiden in großherrschaftlichem Stile errichteten Häusern -hielt er zahlreiche Dienerschaft, Jagdgefolge, Gestüte -und Harems. Mit den letzteren begnügte sich Stepan -Iwanowitsch übrigens nicht, sondern machte überdies -bei allen Frauen seiner Herrschaft ausgedehnten Gebrauch -von den Rechten eines Padischah. Er lebte abwechselnd -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -bald auf dem einen, bald auf dem anderen Gut und hielt -überall die von ihm eingeführten willkürlichen Sitten -aufrecht. Er hielt es für sein vollstes Recht, jeden, wie er -sich ausdrückte, »zu seinem Christenglauben« zu bekehren, -und erreichte frei und schrankenlos alles, was er zu -erreichen wünschte. -</p> - -<p> -Unter allen Launen seines Eigensinns nahm Wischnewskijs -unbezähmbarer Haß gegen die Polizei die erste -Stelle ein. Kaum war er angekommen, als er die Anordnung -traf, daß weder der Kreischef, noch der Polizeikommissar, -noch überhaupt irgendein Beamter es wagen -dürfen, mit Schellen durch seine Herrschaft zu fahren. -Den Bauern war befohlen, jeden, der mit Geläute durchs -Dorf fuhr, anzuhalten und sich zu erkundigen, wer er -sei. Wenn der Durchreisende ein Adeliger oder überhaupt -eine Privatperson war, so mußten sie ihn weiterfahren -lassen und ihm sagen, daß das Land, durch das er fahre, -dem Pan Wischnewskij gehöre, und daß dieser Pan ehrliche -Gäste »liebe und schätze«. Sie luden die Durchreisenden -ein, zum Herrn zu kommen, um sich dort von den -Reisemühen zu erholen und die Gastfreundschaft des Pan -zu genießen. Wenn der Durchreisende Eile hatte und nicht -»zu Gast« fahren wollte, sondern sich höflich bedankte, -hielt man ihn nicht mit Gewalt zurück, sondern gestattete -ihm ebenso höflich, weiterzufahren und ungehindert seine -Schellen läuten zu lassen. Hatte dagegen der Reisende -Zeit und erklärte er sich damit einverstanden, zum Pan -zu fahren, so begleitete man ihn nach Farbowanaja oder -nach Ssosnowka, je nachdem, in welchem der beiden -Dörfer der Pan Wischnewskij zur Zeit lebte. -</p> - -<p> -Stepan Iwanowitsch empfing alle diese Gäste freundlich, -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -fragte nicht nach Rang und Amt und bewirtete sie nach -damaligem Brauch üppig und reichlich, — manchmal -allzu reichlich, so daß manchen seine Gastfreundschaft -schlecht bekam. Doch gab es weder beim Essen noch -beim Trinken irgendeinen Zwang, nur wurde alles im -Übermaß aufgetragen, und wenn sich einer dadurch zur -Unmäßigkeit verleiten ließ, so lag darin keinerlei Zwang -oder Gewalt von Seiten Wischnewskijs, und der unvorsichtige -Gast hatte es sich selbst zuzuschreiben, wenn er -für seine Völlerei büßen mußte. -</p> - -<p> -Vielen Gästen, die Not zu leiden schienen, gab Stepan -Iwanowitsch beträchtliche Unterstützungen, Offizieren -aber pflegte er stets etwas Wertvolles zum Andenken zu -schenken. Gegen Beamte jedoch, besonders aber gegen -die Polizei, zeigte sich Stepan Iwanowitsch als roher -Tyrann, und die Forderungen, die er an diese unglücklichen Menschen -stellte, waren derartig hart und erniedrigend, -daß es schwer verständlich ist, wie sie sich ihnen -unterwerfen konnten und keine Mittel fanden, sich vor -dem Sonderling von Farbowanaja zu schützen. -</p> - -<p> -Wenn der Kreischef oder der Revieraufseher an die -Grenze der Wischnewskijschen Herrschaft kamen, mußten -sie den Wagen halten lassen und die Schellen festbinden, -damit sie nicht läuteten. Andernfalls mußten die Bauern -sie anhalten, ihnen das Geläute wegnehmen und sie unverzüglich -zum Pan selbst in das Herrenhaus führen. -Widersprach der Polizeibeamte, so drohte ihm eine doppelte -Gefahr: nämlich erstens von den Bauern geprügelt -zu werden, die das »auf den Kopf des Herrn« tun durften, -das heißt auf Verantwortung des Gutsbesitzers selbst; und -zweitens, vor den Pan geführt zu werden, bei dem jeden -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -Polizeibeamten ein ungeheuer erniedrigendes, aber mit -unabänderlicher Strenge eingehaltenes besonderes Zeremoniell -erwartete. -</p> - -<p> -Ob der Polizeibeamte gefügig oder widerspenstig war, -ehrlich oder anspruchsvoll, bei Pan Wischnewskij standen -sie alle »auf ein und demselben Blatt«. An ihre Ehrenhaftigkeit -glaubte er übrigens nicht im mindesten, und -es scheint, daß er sich darin nicht allzusehr irrte. Er hatte -den Grundsatz aufgestellt, daß kein Beamter die Schwelle -seines Hauses überschreiten durfte, gleichgültig in welcher -Angelegenheit oder unter welchem Vorwand. Hatten der -Kreischef oder der Polizeikommissar dienstlich mit ihm -zu tun, oder mußten sie mit einem Anliegen oder einer -Bitte bei ihm erscheinen, so wußten sie genau, daß sie -durch seine Besitzungen ohne Geläute und möglichst -leise fahren und vor dem Tore halt machen mußten; -auf keinen Fall durften sie es wagen, in den Hof einzufahren. -Auf dem Gut und auf dem Hofe mußten sie -zu Fuß gehen, am Tor die Mütze abnehmen und an den -Fenstern des Hauses stets mit entblößtem Haupte vorübergehen. -</p> - -<p> -Andernfalls, beim geringsten Verstoß gegen diese -Regel, packte die darauf dressierte Hausdienerschaft den -Betreffenden bei den Armen, stieß ihn vor das Tor und -»versetzte ihm mehrere kräftige Nackenstöße«. Da dieses -Verfahren genau und streng eingehalten wurde, wagte -niemand, an Ungehorsam oder Widerstand auch nur zu -denken. Damit war aber die Erniedrigung noch nicht zu -Ende. Der Beamte durfte nicht weiter als bis zur Freitreppe, -unter der in einem Verließ die großen Madelanschen -Hunde hausten. Dort mußte er stehen bleiben und -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -warten, bis Stepan Iwanowitsch seinen »Kammerkosaken« -oder seinen Lakai zu ihm herausschickte. Den Lakai mußte -der Beamte »als seinesgleichen begrüßen«, das heißt ihm -die Hand geben, und erst dann durfte er ihm den Zweck -seines Besuches beim Pan auseinandersetzen. -</p> - -<p> -Fand Wischnewskij, daß die Angelegenheit, wegen -welcher der Beamte gekommen war, keine Beachtung verdiene, -so befahl er ihn davonzujagen. War es dagegen -eine adelige Angelegenheit oder eine Mitteilung aus den -höheren Sphären, so zog Stepan Iwanowitsch seine Pekesche -an, setzte die Mütze auf, kam selbst auf die Freitreppe -hinaus und hörte den Beamten an. Während der -ganzen Zeit stand er seitwärts zu ihm und schaute ihn -kein einzigesmal an. -</p> - -<p> -Hierauf ging Wischnewskij schweigend ins Haus, und -der Lakai brachte dem Beamten auf einem Teller ein Glas -Schnaps und einen <a id="corr-6"></a>Fünfzigerschein. Der Beamte mußte -zuerst den Schnaps austrinken, dann durfte er die fünfzig -Rubel »für den Imbiß« nehmen. Für Beamte gab es im -Hause Wischnewskijs keine Gastfreundschaft. Hatte der -Beamte wider Erwarten eine hohe Meinung von sich und -weigerte sich, das ihm auf die Treppe hinausgebrachte -Glas Schnaps zu trinken, so erhielt er auch das Geld für -den Imbiß nicht. Der Lakai mußte ihn in diesem Falle -hinunterstoßen, ihm den Schnaps in den Rücken gießen, -die fünfzig Rubel selbst einstecken und an einer Leine -ziehen, die zu dem eisernen Fallgatter führte, hinter dem -die Madelanschen Hunde unter der Treppe saßen. -</p> - -<p> -Da die Beamten dies alles wußten, wagten sie niemals, -auch nur den kleinsten Widerstand gegen die Einrichtungen -Stepan Iwanowitschs zu zeigen; sie waren sogar erfreut, -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -wenn eine Angelegenheit sie zur Freitreppe des Pans -von Farbowanaja führte. -</p> - -<p> -Wenn sich dies alles wirklich so verhielt, wie es die -Überlieferungen erzählen, so besaßen die fünfzig Rubel -für den Imbiß augenscheinlich einen hohen Wert. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-4"> -VIERTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>n Bezug auf Moral und Keuschheit war Stepan Iwanowitsch -ein sehr <a id="corr-7"></a>unzeremonieller und überdies naiver -Mensch. Übrigens waren seine Erlebnisse dieser Art einander -meist sehr ähnlich, doch schildert die heroische -Epopöe die außerordentlich originelle Rolle, die seine -Frau, Stepanida Wassiljewna, geborene Schubinskaja, -dabei spielte. Anscheinend kann man auch sie mit vollem -Recht als psychopathisch bezeichnen, wenn auch in einem -anderen Sinne. -</p> - -<p> -Sie war, wie bereits erwähnt, eine Twersche Adelige, -eine gebildete Frau aus sehr guter Familie. Sie liebte ihren -Gemahl und lebte mit ihm stets im besten Einvernehmen. -Aus ihrer Ehe mit Stepan Iwanowitsch hatte sie zwei -Töchter. Die Geburt der zweiten Tochter verlief so unglücklich, -daß Stepanida Wassiljewna für ihr ganzes Leben -»einen Schaden« davontrug. Stepan Iwanowitsch begann -sich von ihr fernzuhalten: wenn sie in Farbowanaja lebte, -fuhr er nach Ssosnowka, war sie in Ssosnowka, so fuhr -er nach Farbowanaja. Als Stepanida Wassiljewna dies sah -und weil sie, wie sie sagte, ihren Mann liebte, begann sie -Vorsorge dafür zu tragen, daß »er sich von ihr nicht fernhalte« -und daß »ihm das Leben bei ihr nicht langweilig -werde«. Zu diesem Zweck hielt sie an Abenden Spinnstunden -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -ab, zu denen die Mädchen nur ungern und unter -Tränen kamen, aber Stepanida Wassiljewna behandelte -sie freundlich, bewirtete sie so lange, bis sie zutraulich -wurden und nicht mehr weinten. Dann schrieb sie ihrem -Gemahl und lud ihn ein zu kommen, »um sich an den -Mädchen zu erfreuen«. Und er antwortete ihr: »Ich danke -dir sehr und weiß deine Sorge für mich zu schätzen, im -übrigen habe ich bei der Auswahl zu deinem Geschmack -mehr Vertrauen, als zu meinem eigenen.« -</p> - -<p> -Eine solche Antwort ihres Mannes freute Stepanida -Wassiljewna nicht nur, sondern rührte sie. Ihre Gefühle -für Stepan Iwanowitsch brannten mit doppelter Glut, und -sie schrieb ihm unverzüglich in aller Eile zurück: »Für -dein Vertrauen, mein teuerster Freund, danke ich dir vielmals, -und ich hoffe, daß die Wahl meines Geschmacks, -auf den du so vertraust, deinem Herzen gefallen wird. -Nur bitte ich dich, Engel meiner Seele, komm so bald wie -möglich zu mir, denn mein Herz sehnt sich nach dir, und -du wirst sehen, daß ich über nichts gekränkt bin, sondern -deinen Geschmack verstehe. Unsere Kinder sind beide -gesund, grüßen dich und küssen deine Hände.« Unterschrift: -»Deine treue Frau und Dienerin Stepanida.« -</p> - -<p> -Wenn Stepan Iwanowitsch eine solche Nachricht erhielt, -gab er sein Einzelleben auf und fuhr zu seiner Gemahlin, -die damit ihren Zweck erreicht hatte, daß er »in -ein und demselben Hause mit ihr lebe, ohne sich zu langweilen«. -</p> - -<p> -Sie verhätschelte nicht nur die Favoritinnen, die sie für -ihren Mann auswählte, sondern pflegte und versorgte auch -seine Kinder, die sich bei der patriarchalischen Ordnung -dieses Herrenlebens in Farbowanaja rasch vermehrten. -</p> - -<p> -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -Wischnewskij selbst war bei weitem nicht so gutherzig -und aufrichtig wie seine Frau: wenn sich sein verderbtes -Herz bei der Person, welche die Obliegenheit hatte, ihm -»das Leben kurzweilig zu machen«, zu langweilen begann, -so schickte sich Wischnewskij an, wieder allein im anderen -Dorfe zu leben. -</p> - -<p> -Stepanida Wassiljewna verstand dies sogleich und hinderte -ihren Mann daran nicht, da für sie der Friede und -das eheliche Einvernehmen, nach dem Vermächtnis der -Vorfahren, am höchsten in der Welt standen; einige Zeit -später traf sie wieder Vorbereitungen und schrieb ihm -einen vorsichtigen und zärtlichen Brief, in dem sie sagte: -»Deine List und deine Unaufrichtigkeit mir gegenüber -in wichtigen Angelegenheiten kränken und quälen mich -sehr, mein Freund, da ich sie durch nichts verdient habe. -Gott sieht meine Wahrhaftigkeit, und daß ich dich über -alles in der Welt liebe. Durch die Trennung von dir welkt -mein Herz dahin wie Gras, und meine heißen Tränen -versiegen nicht. Die Person, die dich durch ihre Reizlosigkeit -ermüdet und gelangweilt hat, habe ich durch -meine Bemühungen ohne viel Aufhebens versorgt; alle -sind jetzt mit ihrer Lage vollkommen zufrieden und bedanken -sich. Wenn du bald zu mir kommst, kannst du -dich an einer sehr liebenswürdigen Person ergötzen. Unsere -Kinder sind durch Gottes Gnade wohlbehalten und -gesund und beten für ihren Vater.« Und wieder dieselbe -Unterschrift: »Deine Frau und Dienerin.« -</p> - -<p> -Wischnewskijs Antwort waren Grüße an seine Frau -und die Versicherung seines vollen Vertrauens zu ihrem -Geschmack, und bald darauf kehrte Stepan Iwanowitsch -in den Schoß seiner Familie zurück. Man erwartete ihn -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -natürlich und begrüßte ihn mit Zymbeln und Gesang, -Zurufen und Schmeicheleien und allem, was notwendig -war, um ihn so zufrieden zu stellen, wie er es sich selbst -wünschte und seine zärtliche, überzärtliche Frau es einrichten -konnte, die das Unglück gehabt hatte, aus einer -lebhaften und reizenden Frau »auf Lebenszeit ein unbrauchbarer -Mensch« zu werden. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-5"> -FÜNFTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">N</span>ach dem beschriebenen Zwischenfall besserte sich -Stepan Iwanowitsch in Bezug auf seine Verschlossenheit -und sein Mißtrauen und nahm nie mehr Zuflucht -zum Separatleben. -</p> - -<p> -Stepanida Wassiljewna sorgte für ihn, wie sich die -Bauern ausdrückten, »wie eine Mutter für ihr Kind«. -</p> - -<p> -Die unwahrscheinliche, primitive Einfachheit dieser -Beziehungen, die an die biblische Erzählung von Sarah -und Hagar erinnert, wird noch unwahrscheinlicher, wenn -man den Einzelheiten Glauben schenken will, die die -Bauern über das Leben dieser Ehegatten erzählen. -</p> - -<p> -Stepan Iwanowitsch war ein reiner Türke. Seine mannigfaltigen -Verbindungen umfaßten alle Arten von Liebe, -von einer flüchtigen Verirrung bis zur Anhänglichkeit -eines Sultans an seine Odaliske oder an seine erste Sultanin. -Die vorübergehenden Beziehungen kommen natürlich -nicht in Betracht, die Stellung der ersten Sultanin nahm -selbstverständlich seine gesetzliche Frau ein, die er vielleicht -auf seine Weise liebte und auf jeden Fall, wie er -versicherte, »hoch schätzte«. -</p> - -<p> -»Wenn jemand etwas wider mich unternimmt«, pflegte -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -er zu sagen, »so kann ich es vielleicht noch verzeihen, -aber wenn es jemand einfällt, Stepanida Wassiljewna -zu beleidigen, so werde ich ihn zu erreichen wissen, -wer es auch sei, und selbst Zar Iwan der Grausame hat -keine derartigen Marter ersonnen wie die, mit denen ich -den Beleidiger meiner Frau strafen werde.« -</p> - -<p> -Alle wußten dies und wußten zudem, daß Stepan -Iwanowitsch nicht scherzte, sondern alles, was er sagte, -auch machte, und so kam es niemandem in den Sinn, -Stepanida Wassiljewna gegenüber auch nur das geringste -Anzeichen von Unehrerbietigkeit oder Ungehorsam zu -äußern. Nicht alle dagegen verstanden diese eifrige Sorge -Wischnewskijs für seine Frau, und während die einen sie -seiner übergroßen Zärtlichkeit zuschrieben, sahen andere -darin Verschlagenheit, wie sie ja dem kleinrussischen -Charakter Wischnewskijs in der Tat in beträchtlichem -Maße eigen war. Sie nahmen an, er wolle allen vor seiner -Frau »Furcht einjagen«, damit ihre auf die Ergötzung -seines Lebens durch die Liebe der leibeigenen Odalisken -gerichteten Bemühungen nicht auf den geringsten Widerstand -stießen, da er jeden Ungehorsam ihr gegenüber so -bestrafen würde, daß Zar Iwan der Grausame in seinem -Grab erzitterte. -</p> - -<p> -Übrigens mag es sein, wie es will, Bestimmtes ist darüber -nicht zu sagen; dagegen wird mit Bestimmtheit erzählt, -daß Stepan Iwanowitsch, der in seinen sonstigen flüchtigen -Romanen verderbt und rücksichtslos bis zur Grausamkeit -war, es liebte, in seine Beziehungen zu den Odalisken, -die ihm seine erste Sultanin nach ihrem Geschmack -auswählte, eine eigenartige Poesie zu tragen. Es entsprach -dies ganz seiner Natur, in der sich in solchen Fällen etwas -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -Zartes und Gefühlvolles äußerte. Ähnlich wie Don Juan -darf er sich rühmen, daß er diese jungen Wesen nie durch -Rauheit kränkte, sie auch nie »mit kalter Leidenschaftslosigkeit« -verführte. Nein, er kam immer mit zarter Aufmerksamkeit -in das Haus seiner Frau, die für ihn liebevoll -eine neue Freude bereithielt, und die beiden Gatten -pflegten die Erwählte, »wie man ums Morgenrot einen -Falken steigen läßt«. Sie liebkosten, schmückten und -hätschelten sie, das Mädchen wohnte in den Gemächern -Stepanida Wassiljewnas, war bunt gekleidet, mit Süßigkeiten -übersättigt und versank in Genüssen, so daß sie -selbst nicht merkte, wie sie von einer Rolle in die andere -überging und lange Zeit, wie benebelt, nicht wußte, -was mit ihr geschah und womit das enden würde. Alle -diese Odalisken hatten das Kindesalter noch kaum überschritten, -in dem der Kopf noch arm an Erfahrungen ist, -die Vorstellungen über die Zukunft noch unentwickelt -sind und nur das lusterfüllte Leben des Augenblicks -lockt. So gaben sich viele aufrichtig mit Herz und -Seele ihrem Gebieter hin, oder empfanden ihre Rolle -wenigstens nicht als Last; Stepanida Wassiljewna aber -liebten sie wie eine Mutter. Und in der Tat, sie verhätschelte -sie wie eine Mutter und ermunterte sie wie eine -ältere Haremsgenossin, die sich über das Glück freut, das -die jungen Odalisken ihrem geliebten Padischah bereiten. -Frau, Mann und die diensthabende Favoritin trennten -sich im Hause fast nie und verbrachten die meiste -Zeit zu dritt. Einige seiner Odalisken aber liebte Stepan -Iwanowitsch so sehr, daß er sich keinen Augenblick von -ihnen trennen konnte. Wischnewskij war dann zu seiner -Geliebten nicht nur gefühlvoll, sondern liebevoll wie ein -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -feuriger Jüngling, und wenn er das Haus unbedingt verlassen -mußte, so nahm er sie in der Verkleidung eines -Pagen oder Jägers, dem die Obhut seiner kostbaren Bernsteinpfeifen -und seiner Tabaksbeutel anvertraut war, mit. -Da Stepan Iwanowitsch stets, selbst Nachts rauchte, war -ihm ein solcher »Pfeifenjunge« unentbehrlich, und er -hatte immer einen bei sich. -</p> - -<p> -Man schloß daraus, daß Stepan Iwanowitsch hier bis -zu einem gewissen Grad von Eifersucht geleitet wurde, -doch entbehrt diese Annahme jeder Grundlage, da er ja -nichts riskierte, wenn er das Mädchen unter der Obhut -Stepanida Wassiljewnas zurückließ. Man muß vielmehr -annehmen, er habe, wie es diejenigen behaupten, die diesen -kleinrussischen Psychopathen genauer kannten, seine -Favoritinnen so leidenschaftlich geliebt, daß er sich von -ihnen so lange nicht trennen konnte, bis seine Leidenschaft -ihren gewöhnlichen Lauf genommen hatte und abflaute. -</p> - -<p> -Die Anhänglichkeit Stepan Iwanowitschs an die betreffende -Odaliske war um so stärker, je größere Zärtlichkeit -und Sorge sie in seiner Frau weckte. War Wischnewskijs -Leidenschaft verflogen und fuhr er »hinter den Ssupoi«, -so nahm Stepanida Wassiljewna die Sorge auf sich, die -alte »Ergötzung« unterzubringen und eine neue vorzubereiten, -die den Pan von Farbowanaja wieder vom anderen -Ufer zurücklocken sollte. -</p> - -<p> -Tragisch waren diese Trennungen nie. Dank der Taktik, -der Güte und der Freigibigkeit Stepanida Wassiljewnas -wurden alle diese Angelegenheiten friedlich und im -Guten und zur allgemeinen Zufriedenheit sämtlicher -Verwandten des Mädchens beigelegt. Eine einzige Ausnahme -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -bildete der Fall eines fünfzehnjährigen Bauernmädchens, -das das Herz Wischnewskijs besonders stark -gefesselt und ihm einen Sohn und eine schmerzliche -Spur in seinen Erinnerungen hinterlassen hatte. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-6"> -SECHSTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ie lokalen Überlieferungen berichten sogar den -Namen des »wie ein Märchen« schönen, schwarzäugigen -Mädchens, das zu dem Pan in ziemlich späten -Jahren seines Lebens in Beziehungen trat. Es hieß Gapka -Petrunenko. Sie war so schön, daß es »den Augen wohltat, -sie zu schauen«, und hatte, wie die Geschichte erzählt, ein -sanftes Herz und eine empfängliche Seele. Wischnewskij -konnte ihre schlanke Taille mit seinen Fingern umspannen, -und er liebte sie, wie keine andere, die vor oder nach ihr -seine Gunst genoß. Er kleidete sie in rosa Atlas und in -Jacken aus kostbaren türkischen Schals, er trug sie auf den -Händen und küßte ihre Füße. -</p> - -<p> -Stepanida Wassiljewna, die diese heiße Liebe ihres -Mannes zu dem Mädchen sah, widmete sich ihr in einem -solchen Maße, daß sie sich selbst und ihre beiden Töchter -zu vergessen schien, von denen die jüngere schon zwölf -Jahre zählte. Am Morgen flocht Stepanida Wassiljewna -selbst Gapkas schwarze Flechten, abends löste sie sie ihr -und ließ ihre dichten Locken von aromatischem Rauch -durchziehen. Sie gestattete keiner niedrigen Hand, ihren -Körper zu berühren und benetzte selbst mit rosenduftendem -Wasser ihre Füße, auf die Stepan Iwanowitsch -in leidenschaftlicher Selbstvergessenheit seine Lippen -drückte. Mit einem Wort, dieses prächtige Mädchen war -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -die Favoritin der Favoritinnen, und ihr <a id="corr-8"></a>Aufenthalt im -Hause Wischnewskijs unterschied sich weit von dem aller -anderen. Selbst wenn Stepan Iwanowitsch mit den Hunden -auf die Jagd ritt, nahm er Gapka mit und begnügte sich -nicht damit, daß sie als Tscherkessin gekleidet im ruhigen -Jagdwagen mitfuhr, sondern nahm sie aus dem Wagen -und setzte sie vor sich in den Sattel. Wenn das Mädchen -von dieser unbequemen und anstrengenden Reise müde -wurde und der Schlaf ihr Köpfchen neigte, überließ sie -Wischnewskij keiner fremden Hand, sondern brach die -Jagd ab und brachte Gapka vorsichtig mit eigenen Händen -nach Hause. Und Gott mochte dem von seinem Gefolge -gnädig sein, der durch ein Geräusch den kindlichen Schlaf -der Geliebten des Pan störte! Dem Schuldigen waren die -feuchte Grube und Peitschenhiebe sicher. -</p> - -<p> -Ebenso sorgsam übergab Wischnewskij an der Freitreppe -das Kind den Händen der ihn Erwartenden und -begleitete sie dann selbst, wenn man Gapka in aller Stille -in die Gemächer Stepanida Wassiljewnas trug. -</p> - -<p> -Dort entkleidete man sie und legte sie auf die Atlaskissen -des breiten türkischen Diwans, auf dessen Rand -sich die Gatten setzten und ihren Tee tranken. Während -der ganzen Zeit sprachen sie kein Wort, sondern ergötzten -sich damit, das schlafende Mädchen anzuschauen. Wurde -es Zeit, zur Ruhe zu gehen, so stand Stepanida Wassiljewna -auf und ging mit leichtem Schritt über den Teppich -in das anstoßende Zimmer, wo ihr Schlafgemach -war. In dankbarem Schweigen küßte Stepan Iwanowitsch -seiner Frau oftmals die Hand und flüsterte ihr zu: -</p> - -<p> -»Du bist mein Schutzengel, — ich bete dich an!« -</p> - -<p> -Stepanida Wassiljewna fühlte und teilte das Glück ihres -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -Mannes mit einer unglaublichen, vielleicht nur ihr eigenen -Hingabe. -</p> - -<p> -Sie ging in ihr Schlafzimmer, betete dort lange vor dem -Heiligenbild und ging dann wieder mit unhörbaren -Schritten in das anstoßende Gemach, wo die schlafende -rosige Gapka mit ihren jungen kräftigen Händen die Kissen -umfing, während die athletische Gestalt Wischnewskijs -zu den <a id="corr-9"></a>Füßen des schlummernden Mädchens auf dem -Teppich lag, den Kopf gegen den Diwan gelehnt. -</p> - -<p> -Stepanida Wassiljewna schlug über die beiden das -Kreuz, kehrte in ihr Witwenbett zurück, und ihr Schlaf -war ruhig, friedlich und erquickend. In diesem ganzen -seltsamen, scheinbar widersinnigen Gemenge von Gefühlen -und Beziehungen erblickte sie nichts für sich Erniedrigendes, -nicht einmal etwas Unpassendes; im Gegenteil, -es schien ihr, als ob es gar nicht besser gehen könne. -</p> - -<p> -Die grenzenlose Liebe dieser Frau zu ihrem Manne -und das große Unglück, das ihr Gesundheitszustand für -sie bedeutete, hatten ihre moralischen Begriffe, die niemandem -klar und verständlich schienen, derart verändert. -Da ich diese Erzählungen nur als Sammlung einzelner -Berichte aus dem Mund Verschiedener wiedergebe, werde -ich mich nicht weiter bemühen, die Persönlichkeit Stepanida -Wassiljewnas genauer zu erklären. Ich glaube aber, -daß man sie heute mit dem Begriff »psychopathisch« bezeichnen -würde. Ich gebe nur die interessante Erzählung -wieder, wie ich sie selbst gehört habe, ohne an den Charakteren -und Sitten der Helden dieser <a id="corr-10"></a>legendären Berichte -eigene Kritik üben. -</p> - -<p> -Ich glaube, daß es sich hier in erster Linie nicht um -Kritik handelt, zumal alle handelnden Personen schon -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -ins Reich der Schatten gewandert sind, sondern darum, -der Nachkommenschaft die Erinnerung an die erstaunliche -Unmittelbarkeit ihrer Charaktere und an ihr originelles, -launenhaftes Leben zu bewahren. -</p> - -<p> -Wohlbekannt sind uns die stürmischen Naturen unserer -großrussischen Adligen, deren Leben nach dem Ausspruch -eines Dichters »unter Festen, sinnlosem Prahlen, kleinlichen -Lastern und kleinlicher Tyrannei verlief, und bei -denen der Chor der unterdrückten, zitternden Menschen -das Leben der Hunde und Pferde beneidete«. Wir wissen, -wie unsere »alten Weinschläuche« unter dem Gären des -jungen, in sie gegossenen Weines zitterten. Die gesunde -realistische Richtung unserer großrussischen Literatur, die -uns vielleicht den Vorwurf des übertriebenen Realismus -eintragen wird, zeigt uns das wahre Gesicht unseres großrussischen -Lebens. Die kleinrussischen Schriftsteller folgen -aber unserer für die Jetztzeit vielleicht einzig nützlichen -Richtung nicht. Das Leben des kleinrussischen auftrumpfenden -Herrentums ist uns entweder durch die Romantik -oder durch die primitive Volkstümlichkeit der kleinrussischen -Schriftsteller verschleiert. Wird es einmal geschildert, -so meist in schwülstigen Formen, die an die endlose -polnische Historie vom »Pan Kochanko« erinnern. Aber -das kleinrussische Herrenleben hat seine Originalität, die -des Studiums wert ist und zugleich ein ziemlich helles -Licht auf die Eigenheiten der kleinrussischen Charaktere -wirft, die, nach der Bemerkung Schewtschenkos, der Welt -»die gemeinen Enkel berühmter Großväter« liefern. -</p> - -<p> -Es ist nutzlos, sich mit den Vertretern jener mittleren -Generation zu befassen, die wie eine Schicht zwischen -den »Großvätern und den Enkeln« liegt, zwischen denen, -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -die der nationale Poet als »große« rühmte, und jenen, die er -zu den »gemeinen« rechnete. Vor uns stehen Gestalten, -die an der Wasserscheide jener beiden Hauptströmungen -stehen, deren eine das kleinrussische Land zu nie erreichter -Höhe getragen hatte, während es die andere zu nie wieder -gut zu machender »Gemeinheit« führte. -</p> - -<p> -Alles auf der Welt ist »begründet, folgerichtig und -bedingt«, und so können die Glieder einer Kette nur ihre -Form ändern, aber nichsdestoweniger faßt ein Glied das -andere, und jedes ist unabänderlich mit dem anderen -verbunden. -</p> - -<p> -Indem ich in diesen Aufzeichnungen alles vereine, was -ich über Wischnewskij und seine Sippe gehört habe, -glaube ich damit der Literatur ein vergessenes Kettenglied -zu erhalten, das bisher nur in einzelnen Überlieferungen -bewahrt wurde. Möglicherweise sind diese nicht alle zuverlässig, -aber selbst in diesem Falle sind sie als Schöpfung -des Volkes interessant, weil sie bezeichnend sind für das, -was die Phantasie der Menschen in Erstaunen versetzte -und begeisterte, oder was ihnen gefiel. -</p> - -<p> -Ich fahre in meiner Erzählung über Wischnewskij fort. -</p> - -<p> -Einige Zeilen weiter oben verließen wir den mächtigen -Pan von Farbowanaja, wie er auf dem Teppich zu Füßen -seiner ländlichen Nymphe schlief. Lassen wir ihn noch in -dieser Stellung, wie sie schöner und poetischer in seinem -willkürlichen und zügellosen Leben kaum je vorkam. -Mögen sie süß weiterschlafen bis zur Morgenröte des -Tages, der ihr Glück und ihre Ruhe trüben und in -den Becher der Liebesfreuden des Pan den Tropfen des -bitteren Schierlings träufeln wird. -</p> - -<p> -Wir werden später auf das [**Erreignis‚Ereignis] zu sprechen kommen, -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -das den Höhepunkt der Leidenschaften und der -moralischen Verwirrung Wischnewskijs darstellt und nach -dem seine Geliebten einander wieder in rascher Folge ablösten, -ohne jene beschriebene Höhe zu erreichen; Wischnewskij -ließ aber bis zu seinem Tode nicht von ihnen. -</p> - -<p> -Zeichnen wir nun, so gut wir es verstehen und vermögen, -die übrigen Seiten seiner Tätigkeit und seines Charakters. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-7"> -SIEBENTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>n keiner der Erzählungen, die ich über Wischnewskij -hörte, nimmt er als Vater und Erzieher eine charakteristische -Stellung ein; er wird ausschließlich als »Erzeuger« -erwähnt. Im übrigen wird berichtet, daß, als um jene -Zeit in Petersburg »die Institute eingeführt wurden« und -der eingesessene Adel auf Wunsch der Kaiserin die Aufforderung -erhielt, seine Töchter zur Erziehung dorthin -zu bringen, Wischnewskij nach Petersburg reiste und -seine Tochter persönlich hinbrachte. Jedoch wird dieser -Umstand nicht erwähnt, um die väterliche Fürsorge Wischnewskijs -zu bezeugen, sondern weil diese Reise mit einem -anderen interessanten Ereignis in Verbindung steht, von -dem später berichtet werden wird. Auch als Gutsbesitzer, -in seiner Eigenschaft als Herr, Richter und Züchtiger -der ihm untergebenen Leibeigenen bewies Wischnewskij -keine besondere Originalität, sondern führte die Herrschaft, -»wie sie von alter Zeit her geführt wurde.« Alles -wurde durch Leibeigene und gemietete rechtgläubige oder -polnische Aufseher verrichtet. Wischnewskij hatte einige -Polen in seinem Dienst, gegen die er keinerlei Feindschaft -hegte, über die er sich aber gerne lustig machte. Auch -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -einige Juden waren da, die der Psychopath auf verschiedene -Weise zu erschrecken pflegte. Mehr als einen von -ihnen hatte er zu Tode erschreckt, aber sie kamen immer -wieder zu ihm, da Wischnewskij manchmal freigebig war -und ihnen manchen Verdienst zukommen ließ. Im übrigen -benützte er die Juden als Kommissionäre. Aber Gott sei -dem gnädig, der ihn betrog! Er ließ ihn mit Ruten und -Peitschen schlagen und quälte ihn fast noch mehr durch -Furcht. -</p> - -<p> -Wischnewskij war auch Patriot, was sich à la longue in -seiner Vorliebe für den kleinrussischen Kaftan und die -kleinrussische Sprache äußerte, und zudem — in seiner -Verachtung für die Ausländer. Besonders wenig schätzte -er die Deutschen, die er aus zwei Gründen nicht achten -konnte: erstens, weil sie »stockbeinig« sind, und zweitens, -weil ihm ihr Glaube nicht gefiel, — »sie verehren die -Heiligen nicht«. Stepan Iwanowitsch nahm von sich an, -daß er »die Heiligen verehre«. Er war in Glaubenssachen -vollkommen unwissend und kritiklos und ließ sich auch -nicht auf religionsphilosophische Fragen ein, da er fand, -daß dies eine »Sache der Popen« sei; er »beschützte und -verteidigte nur als Ritter seinen Glauben vor allen Andersgläubigen«. -Er sah in diesem Punkte mit den Augen des -einfachen Volkes, das nur die Rechtgläubigen zu den -Christen zählt, alle übrigen »andersbetenden« Christen -für Ungläubige, die Juden aber und »das ganze sonstige -Pack« als unrein ansieht. Aber auch der Ausländer, ja -sogar der Deutsche, konnte an den Tisch Stepan Iwanowitschs -gelangen, und einer — gerade ein Deutscher — -lebte sogar in seinem Hause und genoß sein Vertrauen; -doch bevor sich der »Ungläubige« ihm nähern durfte, -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -suchte sich das religiöse Gewissen Wischnewskijs Genugtuung -und Frieden mit sich selbst zu verschaffen. Stepan -Iwanowitsch, der nach seinem eigenen Geständnis »keinen -Katechismus gelernt hatte«, hatte für den Empfang von -Andersgläubigen eine sehr konkret formulierte Frageordnung -aufgestellt. -</p> - -<p> -Stepan Iwanowitsch fragte den Lutheraner oder Katholiken: -»Nun, wenn du auch anders glaubst und betest als -wir, den heiligen Wundertäter Nikola achtest du doch -gewiß?« -</p> - -<p> -Der so geprüfte Andersgläubige wußte aus zuverlässigen -Gerüchten, was mit ihm geschehen würde, wenn er -es wagen wollte zu sagen, daß er den Wundertäter nicht -verehre, zu dem der Pan von Farbowanaja so sehr hielt. -Er hätte sogleich erfahren, wie kräftig die Stühle sind, auf -die Stepan Iwanowitsch seine Gäste setzte, und wie biegsam -die Weiden, die ihre Zweige in das Wasser des -Ssupoi tauchen. Aber da jeder Andersgläubige, der das -Glück hatte, Wischnewskij so weit für sich einzunehmen, -daß er schon mit ihm über den Glauben sprach, dies genau -wußte, so antwortete er ihm, wie es die Empfangsordnung -verlangte: -</p> - -<p> -»O ja«, erwiderte der also befragte »Andersbetende«, -»wie sollte ich den Nikola nicht achten, wo ihn doch die -ganze Welt verehrt!« -</p> - -<p> -»Nun, ‚die ganze Welt‘, Bruder, da hast du doch etwas -zuviel gesagt,« versetzte Stepan Iwanowitsch; »du mußt -wissen, daß der heilige Nikola von Geburt Moskowite -ist, du sollst aber unseren ‚russischen‘ Jurka verehren.« -</p> - -<p> -Das Wort »russisch« im Sinne des klein- oder südrussischen, -wurde damals scharf dem »moskowitischen«, -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -großrussischen entgegengesetzt. Moskowitisch und »russisch« -waren zwei getrennte Begriffe, im Himmel und -auf Erden. Die irdischen Unterschiede waren jedem durch -seine leiblichen Augen sichtbar, die himmlischen dagegen -wurden durch den Glauben erkannt. Dem Glauben nach -obliegen aber die großrussischen Angelegenheiten der -Sorge des wundertätigen Nikolai, des Patrons Rußlands, -die südrussischen aber finden Schutz und Hilfe in der -Fürsorge des den Kleinrussen besonders geneigten heiligen -Jurij, oder wie man ihn heute nennt, des heiligen -Georg. -</p> - -<p> -Jeder Andersgläubige, der die Prüfung über den heiligen Nikolai -bestanden hatte, versicherte nun Wischnewskij -noch bestimmter, daß er auch den heiligen Jurij verehre, -»noch mehr, als den Nikola«. -</p> - -<p> -Dies gefiel Stepan Iwanowitsch. Damit war die Katechisierung -des Gastes beendet, und dem nun Aufgenommenen -wurde der Glaubensunterschied nie mehr vorgeworfen. -Ja, wenn jemand zufällig diesen Unterschied -erwähnte, so unterbrach ihn Stepan Iwanowitsch und sagte: -</p> - -<p> -»Es ist kein Unterschied da, er verehrt den Nikola, -aber noch mehr den heiligen Jurka.« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-8"> -ACHTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>lso genossen die Andersgläubigen, die sich gebessert -hatten, das Vertrauen des Psychopathen, und ein -Deutscher verwaltete sogar, beinahe ohne Rechenschaft -abzulegen, eines seiner Güter und genoß so ausgedehnte -Machtvollkommenheit, daß er fast alles tun durfte, was -Wischnewskij tat. -</p> - -<p> -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -Nur in bezug auf die Frauen erlaubte ihm Stepan Iwanowitsch -nicht, sein Begehren auf den Gesindehof auszudehnen, -damit niemand sähe, wie sich eine Frau des -wahren, griechischen Glaubens »mit einem Deutschen -einlasse«. Aus diesem Grund dachte er für ihn einen -Schimpf aus, der den Mächtigen selbst in den Augen eines -Kindes erniedrigen mußte. Der Deutsche war verpflichtet, -im Sommer leichte Kleidung und im Winter einen wattierten -Schlafrock und Pantoffeln anzulegen, eine Laterne in -die Hand zu nehmen und so in der Begleitung eines Aufsehers, -der »für sein Leben verantwortlich war«, ins Dorf -zu gehen. Dem Deutschen war dieses Verbot auferlegt, -damit von ihm »keine Vermehrung des Deutschen käme, -sondern alles zu Gunsten des Russischen ginge«. -</p> - -<p> -In den Einzelheiten schienen es zwar nur teilweise Beschränkungen -zu sein, aber im Zusammenhang hatten sie -zur Folge, daß der Deutsche sich bei Stepan Iwanowitsch -beklagte: -</p> - -<p> -»Keine Möglichkeit.« -</p> - -<p> -»Aber warum denn?« -</p> - -<p> -»Alle laufen davon.« -</p> - -<p> -Das bedeutete, daß, sobald der Deutsche in seinem langen -Schlafrock, mit seiner Laterne und in Begleitung »des -für sein Leben Verantwortlichen« seinen nächtlichen Gang -antrat, ihn alle schon von ferne erblickten und diejenigen, -denen sein Besuch drohte, davonliefen und sich versteckten. -</p> - -<p> -Stepan Iwanowitsch tat, als ob er dies bedaure, ließ -aber keine Änderung an der von ihm eingeführten Ordnung -zu. -</p> - -<p> -»Ohne Laterne und ohne Begleiter werden sie dich -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -packen und verprügeln, und ich habe dann niemanden, -der mir für dich verantwortlich ist,« sagte er, als sei er -aufrichtig von der Notwendigkeit seiner Einführung überzeugt; -aber Leute, die ihn näher kannten, bemerkten, daß, -wenn er mit dem Deutschen über die Angelegenheit sprach, -seine »eine Schnurrbartspitze lachte«. -</p> - -<p> -Als wirklicher Psychopath vereinigte er in sich viel -Sinnloses mit Schlauem so innig vermischt, daß man unmöglich -ergründen konnte, was Ernst und was Scherz -war. -</p> - -<p> -Der Spaß mit dem Deutschen endete damit, daß er so -lange mit seiner Laterne wie ein leuchtendes Johanniswürmchen -im Gras einherging, bis ihm einmal im Schuppen -einer Bauernhütte die Rippen eingedrückt wurden -und der für sein Leben verantwortliche Begleiter ihn nach -Hause trug, wo er seine deutsche Seele unverzüglich Gott -empfahl, die Seele, die hier in Verehrung der Heiligen -Nikolai und Georgij gelebt hatte. -</p> - -<p> -Ungeachtet der freiwilligen Unterwerfung dieses Deutschen -unter die genannten Heiligen, hielt es Stepan Iwanowitsch -doch für unpassend, ihn innerhalb des Friedhofes -zu beerdigen, »neben den Vorfahren wahren östlichen -Glaubens«; er ordnete an, ihn außerhalb der Umfriedung -zu begraben und auch kein Kreuz aufs Grab zu setzen, -sondern einen großen Stein darauf zu legen, damit die -Müden sich setzen und ausruhen können. -</p> - -<p> -In allen Fällen beobachtete er einen eigenen, in seiner -Art sehr originellen Ton, der wie von seinem Humor, so -auch vom Respekt vor dem heimatlichen Glauben zeugte, -welch letzterer sich weniger auf dem Katechismus als auf -den Heiligen Nikola und <a id="corr-11"></a>Jurka gründete. Aber Gott allein -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -weiß, ob alles sich wirklich so verhielt, wie er vorgab, -oder ob ihn etwas anderes leitete. -</p> - -<p> -Um die Religiosität Wischnewskijs vollkommen zu -kennzeichnen, muß man hinzufügen, daß er es durchaus -nicht jedem gestattete, den Heiligen Nikolai und Jurij -anzurufen und zu verehren, sondern nur den Christen -anderer Bekenntnisse. Diese befreiten sich durch den -Respekt vor diesen Heiligen aus aller Not und empfingen -die Gnade Stepan Iwanowitschs. Den Juden aber erlaubte -er unter keinen Umständen, ihre Zuflucht zum -Schutz dieser Heiligen zu nehmen, und jeden, der auch -nur eine Neigung dazu verriet, unterwarf er einer Prüfung. -Einmal hatte ihn ein Jude betrogen und sollte dafür -geprügelt werden. Als man ihn vor die Freitreppe -schleppte, von der aus Stepan Iwanowitsch sein Urteil -verkündet hatte, begann der Jude sich jämmerlich zu -krümmen und zu schreien: -</p> - -<p> -»Oi, wie ich sie verehre ... ich verehre den Nikola, verehre -auch den Jurka ...« -</p> - -<p> -Stepan Iwanowitsch befahl den Liktoren innezuhalten -und fragte den zitternden Juden: -</p> - -<p> -»Was schreist du da?« -</p> - -<p> -»Wie ich sie verehre, ... wie ich verehre ...« -</p> - -<p> -»Laß das Stammeln, — sage ruhig, wen du verehrst!« -</p> - -<p> -»Oi, alle, oi, die beiden verehre ich, den Heiligen Nikola -und den Heiligen Jurka.« -</p> - -<p> -»Nun, das tust du vergeblich.« -</p> - -<p> -»Oi, weswegen, ... oi, weshalb vergeblich ... wenn sie -doch gnädig sind, vielleicht, daß sie sich meiner erbarmen.« -</p> - -<p> -»Ja, sie sind gnädig, das ist ganz richtig, aber mit den -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -Juden, Bruder, haben sie nichts zu schaffen. Ihr habt euren -Moses, den ruf an, wenn man dich prügelt. Aber dafür, -daß du es gewagt hast, mit deinen Judenlippen so heilige -Namen auszusprechen, gebt ihm, ihr Jungens, noch zehn -mit der Peitsche für den Nikola, und fünfundzwanzig -für den heiligen Jurka, damit er sich nicht mehr erfrecht, -sie anzutasten.« -</p> - -<p> -Natürlich schleppte man den unglücklichen Juden fort -und verabreichte ihm zuerst getreulich, was ihm für den -Betrug zukam, und dann eine Zulage von weiteren fünfunddreißig -Hieben für den nach der Meinung Wischnewskijs -unangebrachten Versuch, sich beim Nikolai und -beim heiligen Jurij einzuschmeicheln. Da aber der Rang -der beiden Heiligen nicht gleich war, gab man ihm für -den Nikolai nur zehn Hiebe, für den heiligen Jurij aber -fünfundzwanzig. -</p> - -<p> -Dies geschah, versteht sich, nicht ohne guten Grund, -sondern infolge der größeren Liebe und Verehrung des -Pan für den heiligen Jurij, »weil er ein Russe und kein -Moskowite ist«. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-9"> -NEUNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>ch habe mehrmals erwähnt, daß Stepan Iwanowitsch -sichtlich das bevorzugte, was nicht »von den Moskowitern« -herkam, und muß jetzt den Leser aufklären, damit -er nicht voreilig schließe, Wischnewskij sei Politiker gewesen, -Separatist, oder, wie man es jetzt nennt, Ukrainophile. -Man nahm damals das Kleinrussentum leicht, -man wollte von ihm sogar nichts wissen. Hätte jemand -in die Seele Wischnewskijs eindringen können, so hätte -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -er auch bei der strengsten Prüfung nichts Politisches in -ihm gefunden. Wahrscheinlicher hätte er sich darin wie -in einem Schuppen gefühlt, in dem alles übereinandergeworfen -ist, in dem vermutlich alles vorhanden ist, aber -niemand etwas finden kann. Wischnewskij widersprach -entschieden allen Menschen, mit Ausnahme seiner ersten -Frau, der hier schon ziemlich eingehend geschilderten -Stepanida Wassiljewna aus dem Twerschen Adelsgeschlecht -der Schubinskijs. Wenn sein <a id="corr-15"></a>Gesprächspartner -Ukrainophile war und alles Kleinrussische rühmte, so -begann Wischnewskij sogleich, die Fehler des kleinrussischen -Charakters in den Vordergrund zu stellen und tat -dies mit großem Geschick und treffenden und bissigen -Vergleichen. Er lobte dann eifrig die Polen, besonders -Batur und Sobieski, nannte Bogdan Chmjelnicki einen -Trunkenbold und schloß den Streit mit der seiner Ansicht -nach entscheidenden Formel, »Polen sei zusammengestürzt -und habe uns erdrückt«. Aber äußerte sich jemand -mit Bedauern über Polen, so wechselte Stepan -Iwanowitsch sogleich die Front, und seine Rede bewegte -sich nach großrussischen Motiven. -</p> - -<p> -»Das ist wahr,« sagte er, »sie waren frei und ehrgeizig, -aber weil sie alle Könige sein wollten, schmiedeten sie -gegen die Könige Ränke. Und so gingen sie zugrunde -und mußten zugrunde gehen, weil sie darüber vergaßen, -was die Wohlfahrt des ganzen Landes erforderte, und -jeder die unglückliche Freiheit nach Kräften auf seine -Seite zog.« -</p> - -<p> -Er winkte mit der Hand ab und schloß wegwerfend: -</p> - -<p> -»Dreck!« -</p> - -<p> -Jedoch war Wischnewskij durchaus kein Verteidiger -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -einer hohen Achtung vor der Staatsgewalt, sondern im -Gegenteil, wie schon oben erzählt, sehr oft, ja fast bei -jeder Gelegenheit bereit, die Organe der gesetzlichen -Macht herabzusetzen und zu beleidigen. Er war dabei -weder Demokrat <a id="corr-16"></a>noch Nationalist in unserem jetzigen -Sinne, so daß ihm sogar die bescheidene und anscheinend -doch harmlose Einrichtung der Wahl der -Stadthäupter lächerlich erschien; er wollte sie auch durchaus -nicht »Häupter« nennen, sondern nannte sie anders. -Mit einem Wort, Wischnewskij war nach dem kurzen, -aber treffenden Ausdruck des einfachen Volkes »ein Pan, -wie ein Auerochs aus dem Forste von Bjelowesch«, d. h. -ein Herr, wie er sein muß, ganz wie ein Auerochs aus der -Bielowescher Wildnis nichts mit einem gewöhnlichen Ochsen -gemein hat, sondern in allem verwegener und stärker -ist. Ohne unsere heutige Bildung besessen oder politische -Betrachtungen, wie sie später von Toqueville und ähnlichen -Leuten geschrieben wurden, gelesen zu haben, -verstand Wischnewskij die kosmopolitischen Strömungen -unserer heutigen Aristokratie, die auch der heutigen Demokratie -eigen sind, sehr gut, da ihr gemeinsames Stimulans -das Prinzip zu sein scheint, jede nationale Sympathie auf -die Seite zu schieben. Wischnewskij liebte die Polen nicht, -aber wenn die Rede auf berühmte Moskowiter kam, -begann er gleich spöttische Grimassen zu schneiden, -wartete, bis Stepanida Wassiljewna für einen Augenblick -das Zimmer verließ, und sagte: -</p> - -<p> -»Nun, was ist denn so Großes bei ihnen los! Ihre -Großväter und Großmütter wurden noch alle mit Stöcken -geschlagen.« -</p> - -<p> -Von diesem Gesichtspunkt aus rühmte Wischnewskij -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -den polnischen Adel und sogar die livländischen Barone; -geriet er aber mit einem von ihnen in Streit über Rußland, -so begann er mit allem Eifer sie zu bekämpfen, obwohl -er sie im geheimen wegen ihres »reinen Blutes« beneidete. -Aber er konnte ihren Hochmut und ihre Anmaßung -nicht ertragen, die ihm widerwärtig erschienen, zumal er -sich für einen einfachen, offenen Menschen hielt. -</p> - -<p> -Wer kann sich wohl eine Vorstellung machen, was alles -im Schädel dieses Psychopathen steckte! Stand er aber -einmal zufällig vor einer außergewöhnlichen Frage oder -Begebenheit, so war all der psychopathische »Unfug« -verschwunden, und Stepan Iwanowitsch bewies eine geradezu -erstaunliche, vielleicht sogar psychopathische -Findigkeit. In schwierigen Umständen und Gefahren handelte -er kühn und überlegt und befreite Menschen spielend -aus Schwierigkeiten und großen Nöten, die sie zu -erdrücken drohten. -</p> - -<p> -Ein solcher Fall wird über die Offiziere eines Dragonerregiments -berichtet, das entweder in Pirjatin im Poltawschen -Gouvernement oder in Bjeschetzk im Twerschen -Gouvernement gelegen hatte. -</p> - -<p> -Die einen lassen diesen bemerkenswerten Vorfall im -Twerschen Gebiet spielen, die anderen in Kleinrußland; -was richtiger ist, läßt sich schwer entscheiden, es ist aber -auch kaum der Mühe wert, sich darüber den Kopf zu -zerbrechen. Der Fall liegt so, daß er sich mit der gleichen -Wahrscheinlichkeit in einem beliebigen Städtchen ereignen -konnte, aber den Charakteren der beiden hier erwähnten -»Herrchen« nach zu urteilen, entspricht er mehr -den Sitten eines kleinrussischen Kreisgerichts. -</p> - -<p> -Es handelt sich übrigens nicht darum, den Ort genau -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -zu bestimmen, sondern ein Bild der Ereignisse zu entwerfen -und den Anteil zu zeigen, den unser psychopathischer -Held an ihnen hatte. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-10"> -ZEHNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ie Dragoner lagen in Pirjatin, — nehmen wir an, es -sei dort gewesen. Teile des Regiments waren in anderen -Ortschaften untergebracht. Der Regimentskommandeur -hatte vielleicht in Perejaslaw Quartier genommen. -</p> - -<p> -Die Offiziere langweilten sich natürlich in dem winzigen -Städtchen vor Nichtstun; sie unterhielten sich, so gut sie -konnten, indem sie zu den Gutsbesitzern zu Gast fuhren. -Blieb ihnen nichts anderes übrig, als einige Tage zu Hause -zu sitzen, so zechten sie, spielten Karten oder tranken bei -einem Weinhändler im kleinen Kellerlokal. Der Händler -war ein Jude, der die Offiziere gern schröpfte und ihre -Ausschweifungen unterstützte, sie aber gleichzeitig doch -fürchtete. Er hatte deshalb, um den Übermut seiner Gäste -etwas zu dämpfen, in dem Raum, in dem sie zechten, ein -Porträt aufgehängt, das seiner Meinung nach die Besucher -seines Ausschanks an die Gesetze der Wohlanständigkeit -gemahnen sollte. Vielleicht war es ganz klug gedacht, -aber es führte zu einer Geschichte. -</p> - -<p> -Einmal, in der langweiligsten Sommerzeit kam ein -Jongleur in die Stadt und zeigte, wo man ihn aufforderte, -seine einfachen Kunststücke, von denen eines ganz -dem Geschmack der Herren Offiziere entsprach: der -Künstler setzte seine Tochter auf einen Stuhl, stellte ihn -dicht mit dem Rücken an eine Wand, zog aus seiner -Tasche einige Dolche und warf sie einen nach dem andern -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -gegen die Wand, in der sie stecken blieben, das Gesicht -des Mädchens von allen Seiten umrahmend, ohne es zu -berühren. -</p> - -<p> -Diese sichere und gewandte Handhabung der Waffe -interessierte alle, die die Schwierigkeit dieses gewagten -Kunststückes einsahen. Als die Offiziere wieder einmal -im Kellerlokal, in dem sie zu trinken pflegten, zusammenkamen -und ihren geriebenen Käse aßen, der wie verwitterte -geschnittene Fingernägel aussah, sprachen sie über -das Dolchwerfen, und als ihnen der Rausch in den Kopf -stieg, kam es einem von ihnen in den Sinn, er könne es -ebensogut. -</p> - -<p> -Dolche hatten sie zwar nicht, aber auf dem Tische lagen -Gabeln, die die Dolche bei diesem Versuch annähernd -ersetzen konnten. Wenn es auch nicht so leicht war, mit -ihnen nach einem Ziel zu werfen, so blieben sie doch -immerhin in der Wand stecken. -</p> - -<p> -Es fehlte nur das menschliche Gesicht, das man mit -den Gabeln umstecken könnte. Von den Offizieren wollte -sich natürlich keiner zu diesem Versuche hergeben. Man -mußte eine Person niederen Ranges finden, am besten -natürlich einen Juden, und die ausgelassenen Offiziere -machten den ihnen aufwartenden Juden einen solchen -Vorschlag, aber diese waren so feig und hingen so sehr -am Leben, daß sie sich nicht nur weigerten, sich dazu -herzugeben, sondern auch ihren Handel im Stich ließen, -den ganzen Laden der Gewalt der Herren Offiziere überließen, -davonliefen und sich versteckten. Natürlich beobachteten -sie von ihren Verstecken aus, was jeder von -ihnen nehmen und was die lärmende Gesellschaft weiter -treiben würde. -</p> - -<p> -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -Nun führte ein unglücklicher Zufall zwei junge Gerichtsschreiber, -oder wie man sie am Orte nannte, »Gerichtsherrchen« -her, die an diesem Tage wohl einen guten -»Chabar« genommen, das heißt, einen guten Schnitt gemacht -hatten und sich nun im Keller bei dem kalten Donschen, -nach Wermut schmeckenden Wein gütlich tun -wollten. -</p> - -<p> -Den Offizieren kam der Gedanke, die beiden Herrchen -zu ihrem Versuch zu verwenden; so luden sie die beiden -zunächst ein, zusammen mit ihnen zu trinken, und dann -drangen sie in sie, es möge sich einer von ihnen zu der -Produktion hergeben. -</p> - -<p> -Die Herrchen zeigten sich jetzt als sehr seltsame Leute, -von ganz verschiedener Gemütsart: der eine war ein -Heraklit, der andere ein Demokrit. Als sie aus der Hitze -in den kalten Keller gekommen waren und dort den kalten -Wein getrunken hatten, stieg er ihnen zu Kopf, und als -dann die Offiziere anfingen, in sie zu dringen, rührten -sie sich nicht von der Stelle, anstatt bescheiden fortzugehen. -Sie glaubten sich, als Eingeborene, auf gleichem -Fuße mit den Herren stehend und begannen ihren wahren -Charakter zu zeigen. Der eine lachte über den ihm gemachten -Vorschlag und riß über die geärgerten Offiziere -kleinrussische Witze, der andere zog ein saures Gesicht, -begann zu weinen und schrie in einem fort, obwohl ihn -niemand anrührte: -</p> - -<p> -»Rührt mich nicht an! Geht doch zum Teufel! Laßt -mir meine heilige Ruhe!« -</p> - -<p> -Die beiden Schreiber wurden schließlich den Offizieren -so lästig, daß sie mit ihnen auf ihre Art verfuhren, d. h. -ihnen mehrere Maulschellen verabreichten und sie dann -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -unter den Tisch stießen, um sie dort »wie die Ferkel« zu halten, -bis ihr Gelage zu Ende wäre. Das war ungefährlich -und praktisch, da die Offiziere die Herrchen unter dem -Tisch mit den Füßen festhielten und Mund und Hände frei -hatten; zugleich war dadurch, daß man sich ihrer Personen -versicherte, ein Skandal vermieden, der bei dem häßlichen -Charakter, den die widerspenstigen Jungen zeigten, unausbleiblich -schien. Der eine hätte sicher draußen auf dem -Platz oder auf der Straße so geheult, daß man es in der -ganzen Stadt hörte, und der andere hätte gar auf den -Zaun klettern oder ans Fenster kommen und sie von -dort aus verhöhnen können. -</p> - -<p> -Dann müßte man ihm nachlaufen, ihn einholen und -fangen, was einen Skandal gegeben und sicher einen -Haufen Weiber und Juden herbeigelockt hätte. Mit einem -Wort, es wäre ganz unvereinbar mit der Offiziersehre -gewesen; so saßen aber die Jungen ganz friedlich unter -dem Tisch, jammerten ein wenig und umfaßten einander -in ihrem engen Raum, der noch durch die Sporenstiefel -der Offiziere eingeengt wurde. -</p> - -<p> -Alles ging vortrefflich, aber da mischte sich der Teufel -ein und verdarb alles. Die Offiziere wurden so betrunken, -daß sie anfingen, mit den Gabeln nach dem Porträt zu -werfen, weil sie meinten, sie könnten es ebenso geschickt -umrahmen, wie der Jongleur das Gesicht des lebendigen -Menschen mit seinen Dolchen. Aber der Teufel war im -Spiel: als der erste Offizier die Gabel warf, stieß ihn der -Schwarze in den Ellenbogen, und die Gabel blieb mitten -in dem einen Auge des Porträts stecken. Der zweite Offizier -warf, und der Teufel führte die Gabel in das andere -Auge. In der betrunkenen Gesellschaft entwickelte sich -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -jetzt der Wetteifer, die Gabeln flogen eine nach der anderen -und verstümmelten das Gesicht des Porträts gänzlich. -</p> - -<p> -In ihrer Trunkenheit, die schon in einen Zustand geistiger -Umnachtung überging, maßen die Offiziere diesem -Vorfall keine besondere Bedeutung bei. Sie hatten eben -ein Bild verdorben, — das war alles. Es wird nicht von -Gott weiß was für einem Meister gewesen sein, kein Werk -Raffaels, und keine ungeheure Summen gekostet haben. -Sie würden morgen den jüdischen Wirt rufen, ihn fragen, -was das Bild koste, tüchtig herunterhandeln, dann bezahlen, -und damit wäre die Sache erledigt; dafür war man -lustig gewesen und hatte bei jedem ungeschickten Versuch, -die Gabel so sicher wie der Jongleur zu werfen, viel -gelacht und gescherzt. -</p> - -<p> -»Nein, der Schelm hat es besser gemacht. Wir können -es nicht so. Und Gott sei Dank, daß kein Mensch vor -uns sitzen wollte, sonst hätten wir dem Lebendigen die -Augen ausgestochen, da hätte Bezahlen nichts geholfen.« -</p> - -<p> -Die wackeren Helden waren sehr froh, daß die Sache -so gut mit Lachen und Scherzen geendet hatte, und begaben -sich, einander stützend, in ihre Quartiere. Beim -Weggehen hatten sie die Schreiber schon ganz vergessen, -die still unter dem Tische saßen und keinen Laut von sich -gaben. -</p> - -<p> -Aber die Sache war durchaus nicht so einfach und -stand durchaus nicht so gut, wie es sich diese braven -Kinder dachten, als sie sich zur Ruhe begaben. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-11"> -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -ELFTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">K</span>aum waren die Offiziere auseinandergegangen und -hatten den jüdischen Laden leer zurückgelassen, als -die Gerichtsherrchen unter dem Tisch hervorkrochen, ihre -von der langen Kniebeuge steif gewordenen Glieder -streckten und sich ihre Lage besahen. Alles war still, — -im Laden und in der Kammer war keine Seele; durch die -dichte Wolke von Tabaksrauch war das verstümmelte -Porträt mit den ausgestochenen Augen und den vielen -Rissen an anderen Stellen kaum zu sehen. -</p> - -<p> -Zum Glück für die einen und zum Unglück für die -anderen, waren die Schreiber viel nüchterner als die Offiziere, -die am Tische, von dem aus sie die Gabeln auf -das Porträt warfen, sich immer mehr betrunken hatten, -während die unter dem Tische eingeschlossenen Heraklit -und Demokrit erheblich nüchterner geworden waren, -wozu wohl die Angst, die Enthaltsamkeit und vor allem -der Rachedurst, der in ihnen glühte, beitrugen. So hatten -sie sich einen vortrefflichen Plan ausgedacht, um ihre -Beleidiger zu strafen. -</p> - -<p> -Die Schreiber überlegten nicht lange, nahmen das verwundete -Porträt von der Wand, liefen damit auf das -Freitreppchen des Ladens und schlugen Lärm: -</p> - -<p> -»Kommt her, ihr guten Leute! Wer an Gott glaubt -und die Älteren ehrt, seht euch das Wunder an ... -Schaut, wie die Offiziere das Porträt einer solchen Person -entehrt haben.« -</p> - -<p> -Auf dieses Geschrei tauchte sofort, wie aus der Erde -gewachsen, der Wirt auf, der sich während des Gelages -versteckt hatte; die Marktweiber von ihren Ständen liefen -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -herbei, die Juden begannen zu schreien, — und unsere -Geschichte nahm ihren Lauf. -</p> - -<p> -Der jüdische Wirt, der die größte Angst hatte und am -meisten einen Skandal scheute, hielt sich mit seinen großen -Fingern die Augen zu, wie es der Rabbiner beim Gebet -tut, und schrie: -</p> - -<p> -»Ich habe nichts gesehen und sehe auch jetzt nichts, -wer dieser Militär-Pan ist, der da gemalt ist. Geb’ Gott, -daß er ein guter Mann sei. Aber ich, — ich brauche jetzt -das Bild nicht mehr ... Ich verschenke es, nehme es, wer -es will ...« -</p> - -<p> -Doch Demokrit rief: -</p> - -<p> -»Aber wir wissen, wer diese Person ist, und wir protestieren. -Schaut, ihr guten Leute, — die Augen sind ihm -ausgestochen. Wir wollen das Porträt zum Stadtvorsteher -tragen.« -</p> - -<p> -Demokrit trug das verwundete Porträt durch die Straßen -vor das Stadthaus, und Heraklit begleitete ihn, machte -unter der warmen Sonne wieder sein saures Gesicht und -weinte, und alle, die ihnen folgten, wiesen lobend auf ihn -hin und sagten: -</p> - -<p> -»Schaut nur, wie es ihn rührt!« -</p> - -<p> -Aber die Offiziere schliefen und schliefen und ahnten -nicht, daß man gegen sie »protestierte« und daß die Sache -ihnen Unannehmlichkeiten bereiten würde, die sie nicht -wüßten, wie loswerden. -</p> - -<p> -Wie schwer auch ihr trunkener Schlaf gewesen war, -auch ihr Erwachen am nächsten Morgen war nicht leicht. -</p> - -<p> -In aller Frühe kam zu allen Zechgenossen des beschriebenen -Gelages die Ordonnanz des schnurrbärtigen Majors -oder Rittmeisters, der die Schwadron kommandierte und -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -in seiner Person die oberste Befehlsgewalt am Standorte -darstellte. -</p> - -<p> -Natürlich war der Rittmeister nicht Gott weiß was für -eine hohe Obrigkeit, beinahe so »ihr Bruder Hans«, und -machte manchesmal auch einen »Tanz« mit ihnen, aber -die Offiziere erschraken. -</p> - -<p> -Das Schlimmste war, daß ihnen der Kopf noch brummte -und sie sich durchaus nicht mehr daran erinnern konnten, -was gestern im Keller beim jüdischen Wirt vorgegangen -war. Sie erinnerten sich noch, daß sie wohl tüchtig getrunken -hatten, aber sie konnten sich nicht mehr auf alles -der Reihe nach besinnen, <a id="corr-17"></a>sondern ein Stück war abgerissen, -und es schien ihnen, als sei das Dazwischenliegende gar -nicht gewesen. Sie besannen sich, daß sie die Juden verjagt -hatten, aber das wäre durchaus nicht wichtig gewesen, -war schon öfter geschehen, auch wenn der Rittmeister -dabei gewesen war. Das Verjagen ist kein Unglück, besonders -bei Juden nicht, denn diese sind ein Volk, das die -Vorsehung selbst zur »Verstreuung« vorbestimmt hat. -Der Jude schreibt ein Übriges auf, berechnet als getrunken, -was nicht getrunken, als beschädigt und zerschlagen, was -nicht beschädigt wurde; sie würden mit ihm verrechnen, -und dann würde wieder alles gut sein, bis zu einer neuen -Geschichte. Der Jude selbst würde ihnen den ersten -»Friedenstrunk« umsonst anbieten, sie würden sich aussöhnen -und ihn in seinem Handel unterstützen ... Es -war ja unmöglich, daß er, der Jude, mit ihnen streiten -wollte und daß er die Ursache dieser plötzlichen frühen -Einladung zu ihrem ältesten Offizier war. Vielleicht diese -Schreiber ... Es dünkt ihnen, als seien dort zwei solche -Schreiber dabei gewesen, ... »Gerichtsherrchen« ... Nun, -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -das war auch keine besondere Sache! Die Soldaten haben -sie noch überall gezaust! Sind auch nicht mehr wert, dieses -bestechliche Unkraut! Wenn sie nur nicht einen von ihnen -die Nase oder die Ohren abgehauen hatten! Das wäre -garstig, was einmal abgehauen ist, kann man nicht wieder -ansetzen ... Aber Gott ist gnädig, sie haben schon andere -Dinge gemacht, so wird auch dies vorübergehen. Wozu -braucht auch ein Schreiber eine Nase? — Doch nur um -Tabak zu schnupfen und das Aktenpapier damit zu bestreuen. -Der »Chabar« ist doch kein Braten, er wird ihn -auch so, ohne Nase riechen. Man wird sich natürlich zusammentun -müssen und bezahlen, aber allen zusammen -wird es nicht schwer fallen ... -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-12"> -ZWÖLFTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>n solchen oder ungefähr ähnlichen Erwägungen zogen -die Offiziere ziemlich unbekümmert zum Quartier -ihres ältesten Kameraden und betraten guten Mutes das -geräumige, aber niedrige Zimmer in dem kleinrussischen -Häuschen. Aber jetzt merkten sie mit einem Male, daß -die Sache durchaus nicht gut stand. Der Rittmeister kam -ihnen nicht kameradschaftlich entgegen, in seinem gestreiften -Morgenrock, mit der Pfeife in den Zähnen, sondern -die Tür zu seinem Kabinett war geschlossen, — das -heißt, er wollte warten, bis alle versammelt wären, dann -würde er herauskommen und zu allen zusammen sprechen. -</p> - -<p> -Diese offizielle Form versprach nichts Gutes, und die -eingetretenen Offiziere schauten einander an, dämpften -ihren Ton zu einem halben Flüstern, und einer fragte den -andern: -</p> - -<p> -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -»Nun, was ist denn das? Was haben wir denn gestern -angestellt?« -</p> - -<p> -Einer von ihnen hatte auf der Straße etwas von einem -Porträt sprechen hören. -</p> - -<p> -»Porträt, Porträt? ... Was für ein Porträt?« -</p> - -<p> -Keiner konnte sich erinnern. -</p> - -<p> -Aber jetzt öffnete sich plötzlich die Tür, und aus dem -Kabinett trat der Rittmeister, in Uniform mit Epauletten, -mit fest geschlossenem Mund. Er begrüßte sie nicht und -begann seine Rede mit Worten, wie sie Gogol viel später -seinem Skwosnik-Dmuchanowskij in den Mund gelegt -hat: -</p> - -<p> -»Ich habe Sie hieher gerufen, meine Herren, um Ihnen -eine unangenehme Mitteilung zu machen: gegen Sie ist -bei der Zivilbehörde Klage eingereicht worden, und ich -wurde vom Stadtamt davon benachrichtigt; ich muß Sie -<a id="corr-18"></a>arrestieren. Geben Sie mir bitte Ihre Säbel, und wollen -Sie mir sofort aufrichtig erklären: was haben Sie gestern -abend in dem Laden getan?« -</p> - -<p> -Die Offiziere nahmen widerspruchslos ihre Säbel ab -und übergaben sie dem Schwadronschef, aber bezüglich -der »aufrichtigen Erklärung« antworteten sie, sie wären -selber froh, wenn sie wüßten, was sie eigentlich getan -hätten, aber sie könnten sich dessen nicht mehr entsinnen. -</p> - -<p> -Der Rittmeister zog die Brauen zusammen und entgegnete -noch schärfer: -</p> - -<p> -»Ich bitte Sie nicht zu scherzen, ich spreche mit Ihnen -dienstlich, als Ihr Ältester!« -</p> - -<p> -»Das ist kein Scherz«, erwiderte einer der Angeklagten, -»wir erinnern uns, bei Gott, nicht mehr.« -</p> - -<p> -»Aber erlauben Sie!« -</p> - -<p> -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -»Der Tag war gestern heiß, wir gingen zufällig hinein, ... -und tranken dort im Kühlen Wermutwein ... hatten dann -irgendeinen Streit mit den Juden ... haben aber nichts -Böses im Sinn gehabt ... Es waren sogar noch zwei Schreiber -dort, die alles sehen konnten ...« -</p> - -<p> -»Das ist es ... die zwei Schreiber! Darum handelt es -sich auch. Diese beiden Schreiber konnten in der Tat -alles sehen, und haben es auch gesehen. Wie werden Sie -sich ihnen gegenüber rechtfertigen? Eine solche Schande -für unseren Stand!« -</p> - -<p> -»Aber worin rechtfertigen? ... Sagen Sie es uns bitte!« -erwiderten die Offiziere. -</p> - -<p> -»Ja, Sie haben sich ihnen gegenüber zu rechtfertigen«, -rief der Rittmeister, zog aus seiner Tasche ein vierfach -zusammengefaltetes Blatt Papier und begann die ihm von -der Stadtverwaltung amtlich zugestellte Kopie des Berichtes -der Schreiber zu verlesen, in dem stand, wie die -Herren Offiziere das Porträt durch das Werfen von Gabeln -beschädigt hatten, während die am Orte des Vergehens -anwesenden Gerichtsschreiber, »die in ihren -Herzen Gottesfurcht und Liebe zum Allerhöchsten -hatten«, die ganze Zeit auf den Knien lagen, so daß sie -sich auf dem Fußboden ihre einzigen Hosen durchscheuerten, -weshalb sie jetzt der Möglichkeit beraubt -seien, ihren dienstlichen Obliegenheiten nachzugehen. -Sie protestierten daher amtlich gegen den ganzen beschriebenen -Unfug der Offiziere und bäten, für die Beschädigung -der Hosen von den Angeklagten für jeden von ihnen -zwanzig Rubel in Assignaten zu erheben. -</p> - -<p> -Der Rittmeister hatte zu Ende gelesen, pfiff der Ordonnanz -und befahl, das Porträt aus seinem Schlafzimmer -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -herzubringen, damit die Offiziere mit eigenen Augen die -Spuren ihres gestrigen Zeitvertreibes sehen könnten. Nun -wurden sie starr. -</p> - -<p> -Inzwischen hatte der Rittmeister seinen Waffenrock -ausgezogen und nur die Halsbinde anbehalten, setzte -sich an den Tisch, steckte die Hände in die Hosenträger -aus Kamelgarn und sagte in verändertem Ton: -</p> - -<p> -»Meine Herren, die Sache steht schlecht. Sie sieht sehr -häßlich aus, weil man aus ihr weiß der Teufel was alles -machen kann. Diese elenden Federfuchser, diese dreckigen -Gerichtsschreiber wagen es, gegen Offiziere aufzutreten. -Ich habe mit Ihnen soeben als Ihr Dienstältester gesprochen, -aber jetzt spreche ich als Kamerad. Der Sache -ihren Lauf zu lassen ist unmöglich, man muß ihr durch -Schnelligkeit und militärisch aufrichtige Offenheit zuvorkommen, -wie es sich für Edelleute geziemt. Ob es hilft -oder nicht, jedenfalls muß man offen und ehrenhaft handeln. -Setzen Sie sich bitte, rauchen Sie eine Pfeife, und -lassen Sie uns nachdenken. Meine Meinung ist die: das -Unheil ist einmal geschehen, daran läßt sich nichts -ändern. Man muß den Umstand ausnützen, daß die Post -nach Perejaslaw gestern abgegangen ist und erst in drei -Tagen wieder geht. Das ist Ihr Glück. Ich habe Ihnen -Ihre Säbel abgenommen; wählen Sie nun zwei Kameraden, -die möglichst schnell zum Oberst reiten und ihm -alles aufrichtig erzählen. Er ist mit dem Gouverneur gut -bekannt und kann Ihnen helfen.« -</p> - -<p> -Einen besseren Plan vermochten sie gar nicht auszudenken, -und zwei Stunden später sprengten zwei Offiziere -aus Pirjatin nach Perejaslaw; auf dem Wege lag Farbowanaja. -Nach der Hitze und Schwüle war ein Gewitter -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -losgebrochen, und es schüttete vom Himmel wie mit -Kübeln, als auf einmal vor den Offizieren in den Strömen -Wassers, wie eine Blase aus dem Boden ein Kleinrusse -auftauchte. -</p> - -<p> -»Was fahren da für Leute mit Schellen und was wollt -ihr?« -</p> - -<p> -»Wir sind Offiziere und reisen in eigenen Angelegenheiten.« -</p> - -<p> -»Wenn ihr in eigenen Angelegenheiten reist, so kommt -zu unserem Pan Wischnewskij.« -</p> - -<p> -Die Offiziere wollten nicht, aber der Kleinrusse redete -ihnen zu: -</p> - -<p> -»Es ist einmal so ... So ist der Brauch!« -</p> - -<p> -Sie fuhren hin, um den Regen und das Gewitter abzuwarten, -und Stepan Iwanowitsch empfing sie erfreut, bewirtete -sie mit Essen und Trinken und fragte: -</p> - -<p> -»Eilen Sie, meine Herrn, wohl oder übel, oder zu -Ihrem Vergnügen bei diesem Wetter weiter?« -</p> - -<p> -Die Offiziere antworteten im Stile der Märchen, daß -sie wohl oder übel reisten, und auch zu ihrem Vergnügen. -</p> - -<p> -»Nun, was ist es für eine Sache? Vielleicht kann ich -Ihnen behilflich sein, so daß Ihre Reise nicht mehr notwendig -ist.« -</p> - -<p> -Sie seufzten und sagten: -</p> - -<p> -»Nein, unsere Angelegenheit ist so schwerwiegend, -daß vielleicht nur noch der Oberst beim Gouverneur -Fürbitte einlegen kann.« -</p> - -<p> -»Nun, wenn schon, — was hat der Gouverneur zu -sagen? Ich frage doch nicht aus leerer Neugier.« -</p> - -<p> -Die Offiziere erzählten ihm alles. -</p> - -<p> -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -Wischnewskij fuhr sich mit gespreizten Fingern über -den Scheitel, räusperte sich und sagte: -</p> - -<p> -»Der Gouverneur hat mit der Sache gar nichts zu tun, -und Sie brauchen deshalb nicht nach Perejaslaw. Niemand -kann Ihnen helfen, wenn man der Sache nicht eine richtige -Wendung gibt.« -</p> - -<p> -»Aber wie kann man ihr eine richtige Wendung -geben?« -</p> - -<p> -Stepan Iwanowitsch fuhr sich wieder mit den Fingern -über den Scheitel, räusperte sich und sagte: -</p> - -<p> -»Ja, ich sehe, daß Sie zwar alle Moskowiter sind und -eine Lektion verdienen, aber Sie haben die Sache unrichtig -angefangen und können sie ganz verderben, wenn Sie zu -Ihrem Vorgesetzten reisen. Sie nützen sich selbst durch -Ihre Offenheit nichts und machen Ihrer Obrigkeit nur -Schwierigkeiten; deshalb verhafte ich Sie bis morgen. Ich -habe das Recht, Sie zu verhaften, da Sie mir selbst gestanden -haben, daß Sie entflohen sind und auch keine -Säbel haben. Ich bitte Sie, sich in den Flügel zu begeben, -dort ist alles für Sie bereit, und schlafen Sie gut. Morgen -früh werden wir dann Ihrer Angelegenheit die richtige -Wendung geben, die sie braucht.« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-13"> -DREIZEHNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ie Offiziere sagten zu, dachten, es sei kein großes -Unglück bis zum Morgen zu warten, und fügten -sich ihrem eigenwilligen Gastgeber. Sie gingen in den -Flügel, aber der Pan von Farbowanaja rief den Haiduken -Prokop, befahl ihm, sich in den Wagen zu setzen und -nach Pirjatin zu fahren, dort die beiden Gerichtsherrchen -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -aufzufinden und sie um jeden Preis am Morgen nach -Farbowanaja zu bringen. -</p> - -<p> -Der Haiduk eilte davon, suchte die Schreiber auf und -sagte: -</p> - -<p> -»Mit meinem Pan Wischnewskij steht es schlecht. Es -geht ihm so elend, daß ich nicht weiß, ob er den Abend -noch erlebt. Jetzt will er sein Testament machen und hat -mich hergeschickt, um euch zu bitten, daß ihr gleich euer -Schreibzeug nehmt und mit mir fahrt, um als Zeugen zu -unterschreiben. Ihr bekommt ein gutes Chabar dafür.« -</p> - -<p> -Die Schreiber wußten, daß Wischnewskij noch nie -krank war, aber wenn solche Leute krank werden, so geht -es auf den Tod. -</p> - -<p> -Sie dachten: »Sicher stirbt er, und wir verschreiben uns -etwas im Testament. Er ist so krank, daß er es nicht -merkt.« -</p> - -<p> -So nahmen sie mit Freuden ihre Sachen und fuhren ab. -Als Stepan Iwanowitsch eben erwachte, standen sie schon -auf seiner Freitreppe. -</p> - -<p> -Stepan Iwanowitsch machte für diese Gäste eine kleine -Abweichung von seiner Empfangsetikette. Ins Haus ließ -er sie natürlich nicht ein, aber er befahl, ihnen ein kleines -Tischchen und für die beiden nur einen Stuhl hinauszubringen, -damit sie nicht wagen sollten, vor ihm zu sitzen. -</p> - -<p> -Dann ging er in einer Mütze mit großem Schirm zu -ihnen hinaus und begann die Unterhandlung. -</p> - -<p> -»Mein Haiduk,« sagte er, »hat euch vorgemacht, daß -ich sterbe. Aber, so Gott will, hat es damit noch Zeit, und -dann werde ich mir für mein Testament andere, ehrlichere -Zeugen als euch holen. Ich habe euch aber zu eurem -eignen Wohl herbringen lassen ...« -</p> - -<p> -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -Sie machten große Augen. -</p> - -<p> -»Was habt ihr, Verfluchte, vorgestern beim Juden im -Keller getrieben? He?« -</p> - -<p> -Das Staunen der Schreiber wuchs. -</p> - -<p> -»Erlauben Sie, wer hat es Ihnen erzählt? ... Wir haben -nichts getrieben, sondern die Offiziere ...« -</p> - -<p> -»Ja, ja, ich weiß alles. Darum tut ihr mir auch leid: -Ihr Dummköpfe habt euch ausgedacht, eure Schuld auf -die Offiziere abzuwälzen, als wenn euch das etwas nützen -würde. Ihr habt nur das eine nicht bedacht, daß die Offiziere -sieben Leute sind, die bezeugen, daß ihr das Porträt -beschädigt habt, und daß ihr gegen sie nur zwei seid ... -Wer wird euch da Glauben schenken?« -</p> - -<p> -»Erlauben Sie, aber wir ...« -</p> - -<p> -»Nichts, keine Dummheiten reden ...« unterbrach sie -Wischnewskij, »ich weiß alles, — ich bin über alles unterrichtet. -Ihr habt euch ausgeheckt, eine Anzeige zu schreiben, -und während eure Denunziation noch unterwegs -ist, sind die Offiziere schon nach Perejaslaw, nach Poltawa -und Kiew geritten. Ich habe sie, Gott sei Dank, abgefangen -und bei mir festgehalten. Sie sind ihrer sieben Mann, -und alle haben gesehen, wie ihr die Gabeln geworfen -habt.« -</p> - -<p> -»Aber erlauben Sie, wann haben wir die Gabeln geworfen?« -</p> - -<p> -»Nichts da«, schnitt ihnen Wischnewskij das Wort ab. -»Ihr seid zwei, und sie sind sieben, und ihr könnt euch -nicht herauswinden. Zudem sind sie angesehenere Leute -als ihr, sind hochgeborne Adelige, und was seid ihr? — -Dahergelaufene Schreiber, Unkraut.« -</p> - -<p> -»Aber wir sind doch im Recht ...« -</p> - -<p> -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -»Tja, was heißt das, Recht haben gegen Moskowiter! -Sie sind ihrer sieben, und ihr seid zwei. Und wißt ihr -vielleicht nicht, daß bei uns die ganze hohe Obrigkeit -moskowitisch ist? Zudem werden die Teufelsjuden sie -bestimmt unterstützen und sagen, sie hätten gesehen, wie -ihr die Messer geworfen habt.« -</p> - -<p> -»Aber bedenken Sie doch, Pan, die Juden sind ja -Schelme.« -</p> - -<p> -»Wer sagt denn, sie seien keine Schelme? Aber sie -werden gegen euch aussagen. Und deshalb ist es mir auch -um euch leid, daß ihr in solche Drangsal geraten seid.« -</p> - -<p> -Die Schreiber, die in den Formen der Rechtsprechung -bewandert waren, sahen, daß ihre Sache, hol’s der Teufel, -in der Tat schlecht stand, daß sie durchaus keine Chancen -für sich hatten, ja daß vielleicht sogar die ganze Schuld -auf sie fallen könne. -</p> - -<p> -»Sie sind sieben ... und wir sind zwei ...« -</p> - -<p> -»Ja, und dazu die Juden ... es kann wohl sein ...« -</p> - -<p> -»Was sollen wir nun tun, Euer Gnaden?« -</p> - -<p> -»Was ich euch lehren werde. Setze sich einer von euch -her und schreibe, was ich ihm sage.« -</p> - -<p> -Stepan Iwanowitsch diktierte, und das Schreiben begann: -</p> - -<p> -»Da wir von Natur aus unverständig sind, und unser -Gewissen durch die Schmiergelder verfinstert ist ...« -</p> - -<p> -Der Schreibende hielt inne, aber Wischnewskij fuhr -ihn an: -</p> - -<p> -»Schreibe, schreibe! Das ist notwendig so.« -</p> - -<p> -... »Verfinstert ist, gingen wir Gerichtskopisten in den -Keller bei dem jüdischen Laden, betranken uns bis zur -Bewußtlosigkeit und fingen an, uns über die Verteilung -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -der Schmiergelder zu streiten. Wir warfen aufeinander mit -Gabeln, aber weil wir sehr betrunken waren, fuhren sie -aus Unvorsichtigkeit in das Porträt ...« -</p> - -<p> -Der Schreibende zögerte wieder, aber Stepan Iwanowitsch -gab ihm einen Stoß in den Rücken. Jener fuhr -sogleich fort und schrieb den ganzen Akt zu Ende, in dem -er seine unfreiwillige Schuld bekannte und gestand, sie -hätten aus Furcht beschlossen, ihre Schuld auf die Offiziere -zu schieben, in der Annahme, daß ihnen als Kriegsleuten -nichts geschehen werde. Aber jetzt, im Gefühl ihrer -Versündigung und im Gedanken an ihre dereinstige Todesstunde, -bereuten sie es und bäten die Offiziere, ihnen -zu verzeihen und von der Anzeige Abstand zu nehmen. -Aber für ihre in betrunkenem Zustande begangene Verfehlung, -bäten sie selbst den Pan Wischnewskij, sie auf -seinem Gute Farbowanaja väterlich mit Ruten züchtigen -lassen zu wollen, worauf dann Wischnewskij die Güte -haben werde, sich zu verwenden, daß die Sache keine -weiteren Folgen habe. -</p> - -<p> -»Aber wofür, Euer Gnaden, wofür uns züchtigen?« -</p> - -<p> -»Das steht nur so auf dem Papier.« -</p> - -<p> -Sie unterschrieben es, dann unterschrieb Wischnewskij -und ließ die Offiziere rufen. -</p> - -<p> -»Und Sie, meine Herren,« sagte er, »unterschreiben -Sie es auch, daß Sie einverstanden sind, ihnen, auch im -Namen Ihrer Kameraden, zu verzeihen und daß Sie als -Soldaten großmütig sein wollen und die Angelegenheit -nicht weiter verfolgen werden.« -</p> - -<p> -Die Offiziere unterschrieben. -</p> - -<p> -»Jetzt ist alles erledigt,« sagte Stepan Iwanowitsch und -steckte das Papier in die Tasche. »Und nun,« fügte er, -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -sich an seine Leute wendend, hinzu, »führt diese Herrchen -in den Pferdestall und gebt ihnen dort eine tüchtige -Portion Ruten.« -</p> - -<p> -»Erlauben Sie, was heißt denn das?« -</p> - -<p> -»Was das heißt? Das heißt, daß es hier geschrieben -ist. Ihr wollt jetzt schon das Geschriebene anfechten? -Ehe! Feine Herrchen. Gebt ihnen ihre Ruten, Jungens!« -</p> - -<p> -Und man züchtigte sie mit Ruten. -</p> - -<p> -Es wird erzählt, daß man diese Schreiber später noch -lange fragte, wie es ihnen zumute war, als sie in Farbowanaja -»gefarbowalkt« wurden. -</p> - -<p> -Der Kommandeur kam selbst zu Stepan Iwanowitsch -nach Farbowanaja gefahren, und wenn er es auch nicht aussprach, -so drückte er doch indirekt seine Anerkennung -für diese Findigkeit und »die richtige Wendung der Angelegenheit« -aus. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-14"> -VIERZEHNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>uch in seinen eigenen Angelegenheiten war Stepan -Iwanowitsch weitblickend und verfiel nur dann in -Fehler, wenn die Liebesleidenschaft seinen Blick trübte. -Die größte Torheit beging er in einem Fall, der mit jener -schlanken, zierlichen Gapka Petrunenko zusammenhing, -zu deren Füßen wir ihn verlassen haben. -</p> - -<p> -In der Zeit, als Wischnewskij dieses Mädchen liebte, -stand der Kirche im Dorfe Farbowanaja ein Priester -namens Platon vor. Er hatte die den Russen ziemlich gemeinsame -Schwäche, daß er zwar im nüchternen Zustande -»zu allem wohlweislich schwieg«, betrunken jedoch gern -plauderte und sogar die ungeschminkte Wahrheit sagte. -</p> - -<p> -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -Als sich Wischnewskij am nächsten Morgen vom Teppich -erhoben hatte, teilte er voller Freude Stepanida -Wassiljewna eine wichtige Neuigkeit mit. -</p> - -<p> -Gapka spürte in sich ein neues Leben pochen. -</p> - -<p> -»Und was sie gebiert, soll nicht mehr leibeigen, sondern -frei sein«, sagte Wischnewskij. -</p> - -<p> -Dies war ein ungewöhnliches Liebesgeschenk seitens -Stepan Iwanowitschs, denn die große Menge seiner Kinder -war sämtlich unter seine »leibeigenen Seelen« eingetragen -worden und arbeitete rechtschaffen auf den Feldern seines -Herrengutes. -</p> - -<p> -Auch Gapka freute sich darüber. -</p> - -<p> -Eine Stunde später ging sie aus, um Himbeeren zu -pflücken. Am Gartenzaun begegnete ihr der Priester P. -Platon, der gerade in seiner aufrichtigen Stimmung war. -Als er das Mädchen erblickte, sagte er ihr in priesterlichem -Tone: -</p> - -<p> -»Was bist du so froh, Mädel? Bist froh und vergnügt, -pflückst süße Himbeerchen, aber wenn du dein Kindchen -geboren hast, kriegst du auch deinen Stoß in den -Rücken.« -</p> - -<p> -»Warum denn?« Gapka sah ihn von der Seite an und -wurde mit einem Male verwirrt und traurig, weil sie Wischnewskij, -wie viele Frauen, die anfangs nur widerstrebend -seine Geliebten geworden waren, liebgewonnen hatte. -Gapka fragte, warum man sie denn so ganz bestimmt absetzen -werde, wenn sie das Kind geboren haben würde. -</p> - -<p> -»Darum,« antwortete der Geistliche, »weil man auf -dem Herrenhof ein Kühlein nicht bis zum zweiten Kalb -behält.« -</p> - -<p> -Das war die einzige Begründung des P. Platon, aber -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -Gapotschka wurde traurig, besonders infolge des neuen -ungewohnten Zustandes ihres Organismus, und begann -bitterlich zu weinen. Aber als verschlossene Kleinrussin -wollte sie um nichts in der Welt sagen, warum sie weine. -Stepan Iwanowitsch brachte es schließlich selbst heraus: -Leute hatten gesehen, wie der Geistliche mit Gapka -sprach, und hinterbrachten es dem Pan, der sogleich -seinen geistlichen Vater zur Beichte vor sich rufen ließ -und ihn fragte: -</p> - -<p> -»Was hast du Gapka gesagt?« -</p> - -<p> -Der Geistliche konnte sich nicht entschließen, zu wiederholen, -was er zu dem Mädchen gesprochen hatte, und -sagte: -</p> - -<p> -»Ich erinnere mich nicht mehr.« -</p> - -<p> -Wischnewskij wurde wütend und schrie ihn an: -</p> - -<p> -»Aha, jetzt kenne ich dich: du hast dich an sie herangemacht -... Hast geglaubt, sie werde mich mit dir vertauschen?« -</p> - -<p> -»Was denken Sie, Euer Gnaden ...« -</p> - -<p> -»Nichts ‚Euer Gnaden‘, meine Gnaden sind dir nur -so weit gnädig, daß ich, als dein geistlicher Sohn, dich -nicht prügeln lasse. Aber du sollst fort von hier, und ich -lasse dich durchs Dorf führen, damit die Leute wissen, -was für ein Taugenichts du bist.« -</p> - -<p> -Man packte den Unglücklichen, zog ihn aus, steckte -ihn in einen alten Getreidesack, aus dessen Schlitz nur -der Kopf herausschaute, <a id="corr-20"></a>schüttete ihm Flaumfedern über -den Kopf und führte ihn in diesem Aufzug durch das -ganze Dorf. -</p> - -<p> -Der Geistliche fuhr in die Stadt, reichte eine Klage ein -und bat um seine Versetzung, die er auch erhielt. Für -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -Stepan Iwanowitsch blieb dieser Vorfall im übrigen ohne -alle unangenehmen Folgen. -</p> - -<p> -Eine gewisse Vergeltung übte der beleidigte Geistliche -selbst, aber seine Rache war lächerlich und kam sehr spät. -Sie wurde erst viele Jahre später offenbar, als Stepan -Iwanowitsch eine seiner Töchter verheiraten wollte. Er -forderte damals einen Auszug aus dem Taufregister, -wo man unerwarteterweise die dumme und ganz sinnlos -hineinkorrigierte Eintragung fand, daß dem Stepan Iwanowitsch -und seiner <em>ehelichen</em> Gattin eine <em>uneheliche</em> -Tochter geboren wurde. -</p> - -<p> -Es war sinnlos und konnte Stepan Iwanowitsch keinen -ernstlichen Schaden verursachen, aber es brachte ihn -schrecklich auf. Wie durfte man sich mit ihm einen solchen -Scherz erlauben! Und wer? — Der Pope! Zudem -konnte er es nicht mehr heimzahlen, weil der Pope P. -Platon nach Gottes Ratschluß schon früher gestorben war. -</p> - -<p> -Sonst hätte ihn Stepan Iwanowitsch auch in einem -anderen Kirchspiel zu finden gewußt ... -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-15"> -FÜNFZEHNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ergestalt waren die wilden Taten dieses Originals, -die jetzt in unserer vielgescholtenen Zeit unmöglich -wären, oder die man heute bestimmt seiner Psychopathie -zugeschrieben hätte. Selbst Wischnewskijs Geschmack -und seine Gefühle spiegelten seine seelische Anormalität -wieder. So hatte er z. B. für die Schönheit der Natur nichts -übrig und liebte ausschließlich die Nacht und die Effekte -der Gewitter. In der Tierwelt liebte er nur Tauben und -Pferde. Die Tauben liebte er, weil sie sich »küssen«, und -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -die Pferde, weil sie Schnelligkeit und eine Stimme haben -... ja, so außerordentlich liebte er die »Pferdestimme«, -d. h. ihr Wiehern. Um sich das erstere seiner Vergnügen -zu verschaffen, hielt er sich vor seinen Fenstern einen -großen Taubenschlag und ergötzte sich oft ganze Stunden -daran, zuzusehen, »wie sie sich küßten«. Dann rief er -Stepanida Wassiljewna zu diesem Schauspiel herbei. -</p> - -<p> -»Schau, — sie küssen sich!« -</p> - -<p> -Des Wieherns halber ritt Stepan Iwanowitsch stets -Hengste und blieb ganz gleichmütig, wenn sie ein Gespann -in Unordnung brachten. Daran lag ihm nicht viel, -wo er aber Pferde wiehern hörte, auf der Straße oder aus -einem Hause, blieb er sogleich stehen, hielt den Finger -vor sich und erstarrte ... Kein Musiknarr hat vielleicht -so leidenschaftlich der Calzolari, Tamberlik oder der -Patti gelauscht. -</p> - -<p> -Der Lieblingsanblick Wischnewskijs war seine prachtvolle -Pferdeherde, unter der ein mächtiger, schöner Hengst -einhergaloppierte. Hörte Stepan Iwanowitsch sein Wiehern -selbst aus der Ferne, so hielt er an, und sein Gesicht -drückte den Ausdruck vollsten Glückes aus. Es schien, -als ob seine Augen, ungeachtet der räumlichen Entfernung, -sahen, wie sich das Pferd aufbäumte, die Luft durch -Nüstern und Zähne einzog und in Leidenschaft glühend -dahinstürmte. -</p> - -<p> -»Hörst du es, Stepanida Wassiljewna?« -</p> - -<p> -»Ja, mein Freund, ich höre.« -</p> - -<p> -Alles, was ihren Mann erfreute, machte auch sie glücklich, -und so zeigte sie auch hier Freude, ... und Stepan -Iwanowitsch wußte es zu schätzen. -</p> - -<p> -Er war sechzig Jahre alt, als Stepanida Wassiljewna -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -starb. Er beweinte sie sehr, ging dann aber, trotz seines -schon vorgerückten Alters eine zweite Ehe mit einem -hübschen achtzehnjährigen kleinrussischen Mädchen aus -der Familie Gordienko ein. Auch mit dieser Gemahlin -lebte er glücklich, aber ... er gedachte immer Stepanida -Wassiljewnas. Trotz ihrer vielen Vorzüge, verstand es seine -zweite junge Gemahlin nicht, auf all seine Schwächen und -Sonderlichkeiten einzugehen. Stepan Iwanowitsch zeigte -ihr die küssenden Tauben nicht und wollte sie auch nicht -fragen, ob sie es höre, wie der Sultan der Herde seine -schmetternde Stimme verschwenderisch ertönen ließ, sie -in Triller auflöste und sie dann um eine Oktave senkte ... -</p> - -<p> -Wischnewskij hatte einmal versucht, die Aufmerksamkeit -seiner neuen Frau darauf zu lenken, aber sie hatte -sich gefühllos gezeigt, — war nicht einmal aufgestanden -und hatte nicht gelächelt, sondern nur kalt gesagt: -</p> - -<p> -»Ja, ich höre, da hat ein Pferd irgendwo gewiehert.« -Und damit nahm sie ruhig wieder ihre Arbeit auf ... -</p> - -<p> -Stepan Iwanowitsch sah ein, daß seiner neuen Frau das -mangelte, was der ersten eigen gewesen war, und zog sie -nie mehr in den Kreis von Begriffen hinein, die ihr unzugänglich -waren. -</p> - -<p> -In Augenblicken seelischer Wallungen seufzte er nur -auf, suchte mit den Augen das Bildnis Stepanida Wassiljewnas -und lächelte ihr zu. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-16"> -SECHZEHNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span>it seiner zweiten Gemahlin lebte Wischnewskij noch -rund zwanzig Jahre, im Genusse unveränderlicher -Gesundheit, und starb zu Beginn seines neunten Jahrzehntes. -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -Im ganzen war er zweiundachtzig Jahre alt geworden. -Hinfälliges Greisentum, oder ein langsames, -allmähliches Dahinsterben blieben ihm erspart. Als seine -Stunde gekommen war, ging er ganz plötzlich dahin, wie -eine überreife Himbeere vom Stiele fällt. -</p> - -<p> -An einem Morgen seines dreiundachtzigsten Jahres, -im Frühling, wenn in Kleinrußland verschwenderisch der -Flieder blüht, ritt Stepan Iwanowitsch eine wilde nogaïsche -Stute zu, die sonst niemanden im Sattel duldete. -</p> - -<p> -Mit Hilfe seiner ungewöhnlichen Kraft und seiner ungewöhnlichen -Schwere brachte er die wilde Stute zur -Erschöpfung. Vom Sattel steigend, übergab er die Zügel -den Pferdeknechten, trat auf den Balkon und blieb plötzlich -stehen ... -</p> - -<p> -Es schien Wischnewskij, als »falle sein Herz«. Er sei -lange geritten, hätte sich im Sattel geschüttelt, und nun -sei das Herz abgerissen ... So ganz ohne Schmerz, ohne -Beschädigung, wie eine überreife Beere fällt. Um ihn war -es leer, und plötzlich begann sich alles zu verschieben, -wie Uhrgewichte, deren Seil vom Rad geglitten ist. -</p> - -<p> -Wischnewskij setzte sich schnell in einen Sessel und -wollte etwas sagen, aber über seine Lippen kam kein Laut. -Alles war so schön, ringsum Blüten und Duft. Er sieht -und hört alles, und begreift ... Da haben eben die Pferdeknechte -der schweißigen Stute den Sattel abgenommen -und führen sie längs der schattigen Mauer. Sie ruht aus, -schüttelt sich, und von dem weißen Schaum, der sie bedeckt, -fliegen leichte Flocken durch die Luft. Hinter der -Mauer des Pferdestalls hallt das Stampfen kräftiger Vorderhufe -auf den Fliesen wider, und es tönt laut und wohlklingend -wie ein Fagott: I-ha-ha! -</p> - -<p> -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -Stepan Iwanowitsch ließ die Augen nach rechts und -links schweifen ... Sie suchten das Bildnis Stepanida -Wassiljewnas, aber dann blieben sie an einem blühenden -Fliederstrauche haften, und er lächelte ... -</p> - -<p> -Es ist anzunehmen, daß er dort Stepanida Wassiljewna -selbst mit ihrem länglichen Schubinskij-Gesicht sah, — -er fiel vom Stuhl zu ihren Füßen nieder, — als Toter. In -jenem anderen Leben haben sich die beiden wohl wiedererkannt. -</p> - -<h2 class="part" id="part-4"> -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -DER TOUPETKÜNSTLER -</h2> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-1"> -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -ERSTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">V</span>iele glauben bei uns, daß der Titel »Künstler« nur -den Malern und Bildhauern zukommt, und auch -nur solchen unter ihnen, die ihn von einer Akademie -verliehen bekommen haben. Unsere berühmten Silberschmiede -Ssasikow und <a id="corr-21"></a>Owtschinnikow werden von vielen -für einfache Handwerker gehalten. In anderen Ländern -ist es sicher nicht so. Heine erzählt von einem Schneider, -der ein »Künstler« war und »eigene Ideen« hatte, und -die Damenkleider aus dem Atelier von Worth gelten heute -als Kunstwerke. Über einen solchen Künstler schrieben -neulich die Zeitungen, daß er in seinem Schnitt »eine -ungewöhnliche künstlerische Phantasie« zeige. -</p> - -<p> -In Amerika wird das Gebiet des künstlerischen Schaffens -noch viel weiter aufgefaßt. Der berühmte amerikanische -Schriftsteller <a id="corr-22"></a>Bret Harte erzählt von einem Künstler, -dessen Objekt Leichen waren: er verlieh den Gesichtern -der Verstorbenen einen »Ausdruck des Trostes«, der von -dem mehr oder weniger glückseligen Zustande der entschwebten -Seele zeugen sollte. -</p> - -<p> -Dieser Ausdruck hatte mehrere Abstufungen; ich kann -mich nur an drei erinnern: 1. »Ruhe«; 2. »erhabene Beschaulichkeit« -und 3. »Seligkeit des unmittelbaren Verkehrs -mit dem Herrn«. Die Berühmtheit des Künstlers -entsprach durchaus der hohen Vollkommenheit seiner -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -Arbeit: sie war ganz kolossal. Leider fiel der Künstler als -Opfer der rohen Menge, die für die Freiheit des künstlerischen -Schaffens wenig Verständnis hatte. Er wurde -gesteinigt, weil er den Ausdruck des »seligen Verkehrs -mit dem Herrn« dem Gesicht eines verstorbenen Bankiers -verliehen, der die ganze Stadt ausgeraubt hatte. Die glücklichen -Erben des Schwindlers hatten dem Verstorbenen -auf diese Weise ihren Dank bezeugen wollen, dem Künstler -kostete es aber das Leben ... -</p> - -<p> -Auch bei uns in Rußland gab es einen Meister auf -diesem nicht ganz gewöhnlichen Gebiete der Kunst. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-2"> -ZWEITES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ie Kinderfrau meines jüngsten Bruders war eine -lange, ausgetrocknete, doch recht proportioniert -gebaute Alte, namens Ljubow Onissimowna. Sie war in -ihrer Jugend leibeigene Schauspielerin am Haustheater -des Grafen Kamenskij zu Orjol gewesen, und alles, was -ich hier <a id="corr-23"></a>erzähle, hat sich zu Orjol in den Tagen meiner -Kindheit abgespielt. -</p> - -<p> -Mein Bruder war um sieben Jahre jünger als ich: als -er zwei Jahre alt war und von Ljubow Onissimowna gepflegt -wurde, war ich schon über neun und konnte die -Geschichten, die sie mir erzählte, gut verstehen. -</p> - -<p> -Ljubow Onissimowna war damals noch nicht sehr alt, -hatte aber schon schneeweißes Haar; ihre Gesichtszüge -waren fein und zart, die schlanke Figur ungewöhnlich -gut gebaut und graziös, wie bei einem jungen Mädchen. -</p> - -<p> -Meine Mutter und Tante sagten, wenn sie sie ansahen, -daß sie in ihrer Jugend wohl wunderschön gewesen sei. -</p> - -<p> -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -Sie war von einer grenzenlosen Ehrlichkeit, Sanftheit -und Empfindsamkeit; sie liebte im Leben alles Tragische, -trank sich aber zuweilen einen Rausch an. -</p> - -<p> -Sie führte uns meistens auf den Friedhof bei der Dreifaltigkeitskirche -spazieren. Sie setzte sich immer auf das -gleiche armselige, mit einem einfachen Holzkreuz geschmückte -Grab und erzählte mir oft Geschichten. -</p> - -<p> -So hörte ich hier von ihr einmal die Geschichte vom -»Toupetkünstler«. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-3"> -DRITTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>r war Kollege unserer Kinderfrau am Theater; der -Unterschied lag nur darin, daß sie »auf der Bühne -Vorstellungen gab und Tänze aufführte«, während er nur -ein »Toupetkünstler«, d. h. Friseur und Schminkmeister -war und alle leibeigenen Schauspielerinnen des Grafen -»anzumalen und zu frisieren« hatte. Er war aber kein alltäglicher -Meister mit dem Frisierkamm hinter dem Ohr -und der Büchse mit der Fettschminke in der Hand, sondern -ein Mann mit eigenen <em>Ideen</em>, mit einem Worte ein -<em>Künstler</em>. -</p> - -<p> -Ljubow Onissimowna behauptete, daß niemand so gut -wie er einem Gesicht »einen Ausdruck« zu verleihen verstand. -</p> - -<p> -Ich kann heute nicht mehr genau sagen, unter welchem -von den Grafen Kamenskij diese beiden Künstler gewirkt -haben. Es sind drei Grafen dieses Namens bekannt, und -alle drei galten in Orjol als »grausame Tyrannen«. Der -Feldmarschall Michailo Fedotowisch wurde im Jahre 1809 -von seinen eigenen Bauern wegen seiner Grausamkeit erschlagen; -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -dieser hatte zwei Söhne: Nikolai und Ssergej, -von denen der erste im Jahre 1811 und der zweite im -Jahre 1835 gestorben war. -</p> - -<p> -Als Kind, in den vierziger Jahren, ging ich oft an einem -riesengroßen, hölzernen Gebäude vorbei, auf dessen -Fassade mit schwarzer und brauner Farbe falsche Fenster -gemalt waren und das von einem langen, halb eingefallenen -Bretterzaun umgeben war. Es war das verrufene -Herrenhaus des Grafen Kamenskij; gleich daneben befand -sich auch das Theater. Das letztere stand so, daß man es -vom Friedhofe an der Dreifaltigkeitskirche aus gut sehen -konnte, und Ljubow Onissimowna leitete alle ihre Erzählungen -mit den Worten ein: -</p> - -<p> -»Schau mal hinüber, mein Lieber ... Siehst du das -schreckliche Gebäude?« -</p> - -<p> -»Ja, es ist schrecklich, Kinderfrau!« -</p> - -<p> -»Nun will ich dir etwas noch Schrecklicheres erzählen.« -</p> - -<p> -Eine ihrer Erzählungen vom Toupetkünstler Arkadij, -einem empfindsamen und kühnen jungen Mann, der ihrem -Herzen nahe stand, will ich hier wiedergeben. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-4"> -VIERTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>rkadij hatte nur die Schauspielerinnen allein »anzumalen -und zu frisieren«. Für die männlichen Schauspieler -gab es einen eigenen Friseur, und Arkadij betrat -nur in jenen seltenen Fällen die Männergarderobe, wenn -er vom Grafen selbst den Auftrag hatte, jemand »in edelster -Form anzumalen«. Seine künstlerische Kraft lag darin, -daß er einem jeden Gesicht die feinsten und verschiedenartigsten -Ausdrücke zu verleihen verstand. -</p> - -<p> -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -»Man läßt ihn kommen,« berichtete Ljubow Onissimowna, -»und sagt ihm: ‚Dieses Gesicht da soll den und -den Ausdruck bekommen‘. Arkadij tritt etwas zurück, läßt -den Schauspieler oder die Schauspielerin sich vor ihn hinsetzen -oder hinstellen, kreuzt die Arme auf der Brust und -denkt eine Weile nach. In solchen Augenblicken war er -schöner als der schönste Mann, denn er war zwar von -mittlerem Wuchs, aber so schlank, wie ich es gar nicht -beschreiben kann, hatte eine feine und stolze Nase, Augen -voller Engelsgüte und einen dichten Haarschopf, der ihm -von der Stirne auf die Augen fiel, so daß er zuweilen wie -durch eine <a id="corr-24"></a>Nebelwolke hindurch blickte.« -</p> - -<p> -Der Toupetkünstler war, mit einem Wort, ein hübscher -Mann und »gefiel allen.« Der »Graf selbst« liebte ihn, -zeichnete ihn vor allen anderen aus, ließ ihm schöne -Kleider machen, »hielt ihn aber sehr streng«. Er wollte es -nicht haben, daß Arkadij außer ihm noch irgendeinen -Menschen rasiere oder frisiere. Arkadij mußte sich daher -immer im gräflichen Ankleidezimmer aufhalten, außer -wenn er am Theater beschäftigt war. -</p> - -<p> -Man ließ ihn sogar nicht in die Kirche zur Beichte und -zum Abendmahl gehen, denn der Graf selbst glaubte nicht -an Gott und konnte die Geistlichen nicht leiden. Einmal -ließ er sogar die Popen von der Borissogljeber Kirche, -die zu ihm mit dem Kreuze gekommen waren, mit Hunden -hetzen. -</p> - -<p> -Der Graf war, berichtete Ljubow Onissimowna, vor -lauter Bosheit abstoßend häßlich und sah allen wilden -Tieren zugleich ähnlich. Arkadij verstand aber auch diesem -tierähnlichen Gesicht, und wenn auch nur für kurze -Zeit, einen solchen Ausdruck zu verleihen, daß der Graf, -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -wenn er abends in seiner Loge saß, würdiger als mancher -andere aussah. -</p> - -<p> -Der »Natur« des Grafen gingen aber, zu seinem großen -Ärger, am meisten die Würde und der »kriegerische Ausdruck« -ab. -</p> - -<p> -Damit ein so unvergleichlicher Künstler wie Arkadij -niemand andern mit seinen Diensten beglücken könne, -»mußte er sein Leben lang zu Hause sitzen und bekam -niemals bares Geld in die Hand«. Er war aber schon über -fünfundzwanzig Jahre alt, und Ljubow Onissimowna -stand im neunzehnten. Sie waren natürlich miteinander -bekannt, und zwischen ihnen waren Beziehungen entstanden, -die in diesem Alter häufig sind: sie hatten einander -lieb. Sie konnten aber von ihrer Liebe nur in entfernten -Andeutungen und nur vor fremden Ohren während -des Schminkens sprechen. -</p> - -<p> -Zusammenkünfte unter vier Augen waren unmöglich -und selbst undenkbar ... -</p> - -<p> -»Wir Schauspielerinnen,« erzählte Ljubow Onissimowna, -»wurden ebenso streng überwacht, wie die Ammen -in vornehmen Häusern: wir standen unter der Aufsicht -älterer Frauen, welche Kinder hatten; und wenn mit einer -von uns, Gott behüte, etwas passierte, so wurden jenen -Frauen die Kinder weggenommen und furchtbaren Martern -unterzogen.« -</p> - -<p> -Das Gebot der Keuschheit durfte nur der übertreten, -der es selbst aufgestellt hatte. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-5"> -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -FÜNFTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">L</span>jubow Onissimowna stand um jene Zeit nicht nur in -der Blüte ihrer jungfräulichen Schönheit, sondern -auch in der interessantesten Entwicklungsperiode ihres -vielseitigen Talents: sie sang in den Chören die »Potpourris«, -tanzte »die ersten Pas in der Chinesischen Gärtnerin« -und kannte, von einem Drange nach dem Tragischen -erfüllt, »alle Rollen vom bloßen Zuschauen«. -</p> - -<p> -Ich weiß nicht mehr genau, in welchen Jahren sich das -abspielte. In Orjol wurde der Kaiser (ich weiß nicht recht, -ob es Alexander Pawlowitsch oder Nikolai Pawlowitsch -war) erwartet; er sollte in der Stadt übernachten und am -Abend einer Vorstellung im Theater des Grafen Kamenskij -beiwohnen. -</p> - -<p> -Der Graf lud zu dieser Veranstaltung den ganzen Adel -ein (sein Theater war für Geld überhaupt nicht zugänglich) -und gab sich Mühe, die Aufführung möglichst glanzvoll -zu gestalten. Ljubow Onissimowna sollte das »Potpourri« -singen und die »Chinesische Gärtnerin« tanzen; -bei der letzten Probe fiel aber eine Kulisse herab und -verletzte die Schauspielerin, die im Stücke »Die Herzogin -de Bourblanc« die Hauptrolle spielen sollte, am Fuße. -</p> - -<p> -Ich habe noch nie etwas von einem Stück mit diesem -Titel gehört, aber Ljubow Onissimowna sprach den Namen -der Heldin so aus, wie ich ihn hier wiedergebe. -</p> - -<p> -Die Theaterarbeiter, die die Kulisse fallen ließen, bekamen -im Pferdestall ihre Prügel, die Verletzte wurde in -ihre Kammer getragen, es gab aber niemand, der die Rolle -der Herzogin de Bourblanc übernehmen konnte. -</p> - -<p> -»Ich erklärte mich bereit,« erzählte Ljubow Onissimowna, -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -»diese Rolle zu spielen, denn es gefiel mir so gut, -wie die Herzogin de Bourblanc ihren Vater auf den Knien -um Verzeihung bittet und nachher mit aufgelösten Haaren -stirbt. Ich hatte aber schönes langes blondes Haar, und -Arkadij verstand es wunderbar zu frisieren.« -</p> - -<p> -Der Graf war über die unerwartete Bereitwilligkeit -des Mädchens, die Rolle zu spielen, sehr erfreut und -sagte dem Regisseur, als dieser bestätigte, daß »<a id="corr-25"></a>Ljuba die -Rolle nicht verpatzen werde«: -</p> - -<p> -»Wenn sie die Rolle verpatzt, wirst du es mir mit deinem -Rücken büßen, ihr aber bringe von mir die Quamarin-Ohrringe.« -</p> - -<p> -Die »Quamarin-Ohrringe« waren ein ebenso schmeichelhaftes -wie verhaßtes Geschenk. Ihre Verleihung bedeutete -die hohe Ehre, für einen Augenblick zur Odaliske -des Grafen erhoben zu werden. Einige Zeit oder auch -unmittelbar nach der Verleihung der Ohrringe bekam -Arkadij den Auftrag, das zum Opfer auserwählte Mädchen -gleich nach der Vorstellung als »heilige Cäcilie« zu -kostümieren; das Mädchen wurde ganz weiß gekleidet, -bekam den Heiligenschein um den Kopf und eine Lilie, -das Symbol der Unschuld, in die Hand und wurde so in -die Gemächer des Grafen geschafft. -</p> - -<p> -»Das kannst du in deinem Alter noch nicht verstehen,« -sagte die Kinderfrau, »es war aber das Schrecklichste, -besonders für mich, denn ich sehnte mich damals nur -nach Arkadij. Also begann ich zu weinen. Ich warf die -Ohrringe auf den Tisch und konnte mir gar nicht denken, -wie ich am Abend spielen würde.« -</p> - -<p> -Um diese selbe Stunde trat auch an Arkadij eine ebenso -verhängnisvolle Versuchung heran. -</p> - -<p> -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -Ein Bruder des Grafen, der immer auf seinem Gute -lebte, kam in die Stadt, um sich dem Kaiser vorzustellen. -Dieser Bruder war noch viel häßlicher als der andere: -er hielt sich ständig auf dem Lande auf, zog nie die Uniform -an und ließ sich niemals rasieren, weil sein Gesicht -voller Beulen und Höcker war. Bei dieser außergewöhnlichen -Gelegenheit mußte er aber die Uniform anlegen, -sein Äußeres in Ordnung bringen und jenen »kriegerischen -Ausdruck« annehmen, der damals verlangt wurde. -</p> - -<p> -Es wurde aber sehr viel verlangt. -</p> - -<p> -»Heute weiß man gar nicht mehr, wie streng damals -alles war,« sagte die Kinderfrau. »In allen Dingen wurde -damals viel auf die Form gesehen, und den vornehmen -Herren waren wie der Gesichtsausdruck, so auch die Haartracht -genau vorgeschrieben. Manchem stand aber dieses -vorschriftsmäßige Aussehen gar nicht: wenn man ihn -nach der Vorschrift mit dem aufrecht stehenden Schopf -über der Stirne und den nach vorne gekämmten Haaren -an den Schläfen frisierte, so sah er wie eine Bauern-Balalaika -ohne Saiten aus.« Die vornehmen Herren hatten davor -große Angst. Alles kam auf die Kunst des Friseurs und -Raseurs an: von der Art und Weise, wie die Stege zwischen -dem Backenbart und dem Schnurrbart ausrasiert, wie die -Locken gebrannt und wie sie angeordnet waren, hing der -ganze Gesichtsausdruck ab. Die Herren vom Zivil hatten -es, wie die Kinderfrau sagte, viel leichter, denn man -schenkte ihnen weniger Beachtung und verlangte von -ihnen nur ein bescheidenes Aussehen; von den Militärpersonen -verlangte man aber, daß sie den Vorgesetzten -gegenüber Bescheidenheit und allen anderen Menschen -gegenüber maßlosen Kampfesmut ausdrückten. -</p> - -<p> -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -Arkadij verstand aber mit seiner wunderbaren Kunst, -dem häßlichen und unbedeutenden Gesicht des Grafen -eben diesen Ausdruck zu verleihen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-6"> -SECHSTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er ländliche Graf war noch viel häßlicher als der -städtische und so furchtbar verwachsen und verroht, -daß er es auch selbst fühlte. Er hatte aber niemand, -der sein Äußeres in Stand halten könnte: seinen eigenen -Friseur hatte er aus lauter Geiz gegen Zins nach Moskau -entlassen; auch hatte er so viele Höcker im Gesicht, daß -man ihn unmöglich rasieren konnte, ohne ihm die ganze -Haut zu zerschinden. -</p> - -<p> -Er kommt also nach Orjol, beruft zu sich alle Barbiere -der Stadt und sagt ihnen: -</p> - -<p> -»Wer von euch mich so herrichten kann, daß ich meinem -Bruder, dem Grafen Kamenskij gleiche, bekommt zwei -Dukaten. Für denjenigen aber, der mich dabei schneidet, -lege ich zwei Pistolen auf den Tisch. Wer seine Sache gut -macht, kann das Gold nehmen und gehen; wer mir aber -auch nur ein Pickelchen verletzt oder den Backenbart auch -nur um ein Haar verschneidet, den töte ich auf der Stelle.« -</p> - -<p> -Er wollte den Leuten nur Angst machen, denn die Pistolen -waren gar nicht geladen. -</p> - -<p> -In Orjol gab es damals nur sehr wenig Barbiere, und -diese hielten sich meistens in den Bädern auf, um Schröpfköpfe -und Blutegel anzusetzen, hatten aber weder Geschmack -noch Phantasie. Das sahen sie auch selbst ein -und weigerten sich, den Grafen Kamenskij umzuwandeln. -»Gott sei mit dir und deinem Gold!« dachten sie sich. -</p> - -<p> -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -»Was Sie von uns verlangen,« sagen sie ihm, »können -wir gar nicht machen, denn wir sind nicht wert, eine so -erhabene Person auch nur anzurühren. Uns fehlen auch -die richtigen Rasiermesser: wir haben nur gewöhnliche -russische Messer, für Ihr Gesicht braucht man aber ein -englisches. Nur des Grafen Barbier Arkadij allein könnte -so was fertig bringen.« -</p> - -<p> -Der Graf läßt die städtischen Barbiere hinauswerfen, -und diese sind froh, daß sie mit heiler Haut davongekommen -sind. Er selbst aber fährt zu seinem älteren Bruder -und sagt: -</p> - -<p> -»Lieber Bruder, ich komme zu dir mit einer großen -Bitte: überlasse mir vor dem Abend deinen Arkadij, -damit er mich in einen ordentlichen Zustand bringt. Ich -habe mich schon lange nicht rasieren lassen, und die hiesigen -Barbiere können das nicht machen.« -</p> - -<p> -Und der Graf antwortet seinem Bruder: -</p> - -<p> -»Die hiesigen Barbiere taugen selbstverständlich zum -Teufel. Ich wußte gar nicht, daß es hier welche gibt: ich -lasse selbst meine Hunde von eigenen Leuten scheren. -Was aber deine Bitte betrifft, so verlangst du von mir -etwas Unmögliches; denn ich habe den Eid geleistet, daß -Arkadij, so lange ich lebe, keinen Menschen außer mir -anrühren wird. Glaubst du denn, daß ich mein Wort vor -meinem leibeigenen Sklaven brechen kann?« -</p> - -<p> -Der andere antwortet: -</p> - -<p> -»Warum denn nicht? Du hast es so angeordnet und -kannst es auch selbst wieder abschaffen.« -</p> - -<p> -Der ältere Graf sagt aber, daß er diese Ansicht sehr -merkwürdig finde: -</p> - -<p> -»Wenn ich das tue, was kann ich dann von meinen -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -Leuten verlangen? Arkadij weiß, daß ich es einmal so -festgesetzt habe, und alle wissen es, dafür wird er auch -viel besser als die anderen behandelt. Wenn er sich aber -untersteht, seine Kunst auf jemand andern anzuwenden, -so muß ich ihn zu Tode prügeln und unter die Rekruten -stecken.« -</p> - -<p> -Der Bruder erwidert darauf: -</p> - -<p> -»Du kannst ja nur das eine von beiden tun: ihn entweder -zu Tode prügeln oder unter die Rekruten stecken; -beides zugleich kannst du gar nicht machen.« -</p> - -<p> -»Gut,« sagt der Ältere, »ich will deinen Wunsch erfüllen. -Ich werde ihn aber nicht zu Tode, sondern nur halbtot -prügeln und dann unter die Rekruten stecken.« -</p> - -<p> -»Ist das dein letztes Wort, Bruder?« -</p> - -<p> -»Ja, das allerletzte.« -</p> - -<p> -»Ist das dein einziges Bedenken?« -</p> - -<p> -»Ja, das einzige.« -</p> - -<p> -»Dann ist es wunderschön; ich hatte schon geglaubt, -daß dein leiblicher Bruder dir weniger wert ist als ein -leibeigener Sklave. Du brauchst also deinen Befehl gar -nicht aufzuheben, schick mir nur deinen Arkadij, <em>damit -er mir meinen Pudel schert</em>. Das weitere ist aber -schon meine Sache.« -</p> - -<p> -Der Bruder konnte ihm diese Bitte nicht gut abschlagen. -</p> - -<p> -»Gut,« sagte er, »deinen Pudel darf er wohl scheren.« -</p> - -<p> -»Das ist alles, was ich brauche.« -</p> - -<p> -Er drückte dem Bruder die Hand und fuhr heim. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-7"> -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -SIEBENTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>as war um die Dämmerstunde im Winter, wo man -eben die Lampen anzündet. -</p> - -<p> -Der Graf läßt Arkadij kommen und sagt ihm: -</p> - -<p> -»Geh zu meinem Bruder ins Haus und scher ihm seinen -Pudel.« -</p> - -<p> -Arkadij fragt: -</p> - -<p> -»Ist das alles, was Sie mir befehlen?« -</p> - -<p> -»Das ist alles,« sagt der Graf. »Komm aber bald zurück, -denn du mußt noch die Schauspielerinnen frisieren. Ljuba -wird heute in drei Rollen spielen, nach dem Theater sollst -du sie mir aber als heilige Cäcilie einkleiden.« -</p> - -<p> -Arkadij Iljitsch fiel beinahe um. -</p> - -<p> -Der Graf fragte: -</p> - -<p> -»Was hast du denn?« -</p> - -<p> -Arkadij aber antwortete: -</p> - -<p> -»Verzeihung, ich bin auf dem Teppich ausgeglitten.« -</p> - -<p> -Der Graf witterte wohl etwas: -</p> - -<p> -»Paß auf, daß es kein Unglück gibt!« -</p> - -<p> -Arkadij war es <a id="corr-26"></a>aber schon so zumute, daß er nicht mehr -an Glück und Unglück dachte. -</p> - -<p> -Als er den Befehl hörte, mich als heilige Cäcilie einzukleiden, -verging ihm Hören und Sehen. Er nahm das -Lederfutteral mit dem Rasierbesteck und ging hinaus. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-8"> -ACHTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>r kommt zum Bruder des Grafen. Vor dem Spiegel -brennen schon die Kerzen, und auf dem Tische liegen -wieder zwei Pistolen und daneben Dukaten, aber -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -nicht zwei, sondern zehn, und die Pistolen sind diesmal -mit tscherkessischen Kugeln geladen. -</p> - -<p> -Der Bruder des Grafen sagt: -</p> - -<p> -»Ich habe gar keinen Pudel, verlange von dir aber -folgendes: richte mich so her, daß ich ein mutiges Aussehen -bekomme. Du kriegst dafür zehn Dukaten; wenn -du mich aber schneidest, bist du auf der Stelle tot.« -</p> - -<p> -Arkadij überlegte sich die Sache und machte sich plötzlich -daran, — Gott allein weiß, was über ihn gekommen -war, — den Bruder des Grafen zu frisieren und zu rasieren. -Im Nu war er mit seiner Arbeit fertig, steckte das -Geld in seine Tasche und sagte: -</p> - -<p> -»Leben Sie wohl.« -</p> - -<p> -Jener antwortet: -</p> - -<p> -»Geh! Ich möchte aber nur das eine wissen: wie hast -du dich dazu entschließen können?« -</p> - -<p> -Arkadij aber sagt: -</p> - -<p> -»Warum ich mich dazu entschlossen habe, das weiß -nur mein Herz in der Brust.« -</p> - -<p> -»Oder bist du vielleicht kugelfest oder kennst irgend -einen Zauber, so daß du selbst die Pistolen nicht fürchtest?« -</p> - -<p> -»Die Pistolen sind das wenigste, an die habe ich gar -nicht gedacht.« -</p> - -<p> -»Was? Wagtest du denn zu denken, daß das Wort -deines Grafen mehr gilt als das meinige und daß ich dich, -wenn du mich schneidest, nicht erschieße? Wenn du nicht -kugelfest bist, so wärest du auf der Stelle tot.« -</p> - -<p> -Als <a id="corr-27"></a>Arkadij den Namen seines Herrn hörte, fuhr er -zusammen und sagte wie aus dem Schlafe: -</p> - -<p> -»Ich bin nicht kugelfest, Gott hat mir aber Vernunft -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -verliehen: noch eh du die Hand nach der Pistole ausstrecktest, -hätte ich dir mit dem Rasiermesser die Gurgel -<a id="corr-28"></a>durchschnitten.« -</p> - -<p> -Mit diesen Worten stürzt er hinaus und kommt ins -Theater noch gerade zur rechten Zeit, um mich herzurichten. -Er zittert am ganzen Leibe, und wie er sich über -mich beugt, um eine Locke zu wickeln, flüstert er mir zu: -</p> - -<p> -»Hab nur keine Angst, ich werde dich entführen.« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-9"> -NEUNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ie Aufführung gelang vortrefflich, denn wir alle -waren gut abgerichtet und alle Ängste und alle -Marter gewohnt. Wir machten unsere Sache so gut, wie -wenn wir aus Stein wären, so daß niemand sehen konnte, -wie uns dabei zumute war. -</p> - -<p> -Wir sahen von der Bühne aus den Grafen und seinen -Bruder: sie waren einander sehr ähnlich. Selbst als sie -hinter die Kulissen kamen, konnte man sie schwer voneinander -unterscheiden. Der unsrige war aber auf einmal -ganz still und sanft geworden. So war er immer vor seinen -grausamsten Wutausbrüchen. -</p> - -<p> -Wir zittern alle und bekreuzigen uns: -</p> - -<p> -»Herr, errette uns und sei uns gnädig! Wen wird diesmal -sein Zorn treffen?« -</p> - -<p> -Wir wußten noch nichts von der verzweifelten Tat -Arkaschas; er selbst aber wußte natürlich, daß er keine -Gnade zu erwarten hatte und erbleichte, als der Bruder -des Grafen ihn anblickte und unserm Grafen etwas zuflüsterte: -Ich hatte aber scharfe Ohren und hörte, was er -ihm sagte: -</p> - -<p> -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> -»Bruder, ich rate dir, nimm dich vor ihm in acht, wenn -er dich rasiert.« -</p> - -<p> -Der Unsrige lächelte nur leise. -</p> - -<p> -Ich glaube, daß auch Arkadij etwas gehört hatte, denn -er war außer sich vor Aufregung: als er mich für die letzte -Rolle der Herzogin herrichtete, legte er mir, — was ihm -sonst nie passierte, — so viel Puder an, daß der Franzose, -der Garderobier, sagte: -</p> - -<p> -»Trop beaucoup, trop beaucoup!« Und er nahm mit -einem Bürstchen den überschüssigen Puder von mir ab. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-10"> -ZEHNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>ls aber die Vorstellung zu Ende war, zog man mir -das Kleid der Herzogin von Bourblanc aus und -kleidete mich als Cäcilie ein: es war ein einfaches, weißes -Gewand ohne Ärmel, das an den Achseln nur von den -Schleifen gehalten wurde. Wir konnten diese Tracht nicht -ausstehen. Und nun kommt auch schon Arkadij, um mir -die Frisur der heiligen Cäcilie zu machen, wie sie auf den -Bildern dargestellt wird, und mir einen dünnen Reifen -als Heiligenschein im Haare zu befestigen. Und er sieht, -daß vor der Türe meiner Kammer sechs Mann stehen. -Diese sollten ihn, sobald er mit mir fertig ist und aus -meiner Kammer wieder herauskommt, ergreifen und zum -Foltern schleppen. Es gab bei uns im Hause Foltern, die -schlimmer als jeder Tod waren. Es gab da Wippen, Spannböcke -und die fürchterlichsten Instrumente. Wer das einmal -durchgemacht, hatte vor gerichtlichen Strafen gar -keinen Respekt mehr. Unter dem ganzen Hause gab es -geheime <a id="corr-29"></a>Verliese, wo lebendige Menschen wie die Bären -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -an Ketten saßen. Wenn man vorbeikam, hörte man zuweilen -die Ketten klirren und die Menschen stöhnen. Die -Eingekerkerten wollten wohl, daß die Obrigkeit etwas -davon erfahre; die Obrigkeit wagte aber nicht, für sie -einzutreten. Viele Leute saßen hier lebenslänglich. Einer -von ihnen verfaßte, nachdem er viele Jahre gesessen hatte, -den Vers: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Es kommen die Schlangen und fressen die Augen,</p> - <p class="line">Und Skorpione das Blut aus den Adern saugen.</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Wenn man an den Kellern vorbeigeht, flüstert man den -Vers vor sich hin und zittert am ganzen Leibe. -</p> - -<p> -Manche waren aber neben lebendigen Bären so angekettet, -daß diese sie gerade noch mit den Tatzen berühren -konnten. -</p> - -<p> -Es gelang ihnen aber nicht, Arkadij Iljitsch zum Foltern -zu holen: als er zu mir in die Kammer trat, packte -er im gleichen Augenblick den Tisch, schlug das Fenster -ein, und was weiter geschah, weiß ich nicht mehr ... -</p> - -<p> -Ich kam zum Bewußtsein, als ich Kälte in den Füßen -fühlte. Ich will die Beine einziehen und merke, daß ich -in einen Pelz aus Wolfs- und Bärenfell eingewickelt bin. -Um mich herum ist es stockfinster, und ich rase auf einer -Troika dahin ... Ich weiß gar nicht, wohin. Neben mir -sitzen aber im breiten Schlitten zwei Männer: der eine — -es ist Arkadij Iljitsch — hält mich fest, der andere aber -treibt die Pferde an ... Der Schnee sprüht nur so unter -den Hufen der Pferde empor, und der Schlitten schüttelt -mächtig: wenn wir nicht auf dem Boden des Schlittens -säßen und uns nicht mit den Händen festhielten, so wären -wir längst hinausgeflogen. -</p> - -<p> -Und ich höre sie ängstlich miteinander reden und verstehe -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -nur das eine: »Man setzt uns nach! Jage, was du -jagen kannst!« -</p> - -<p> -Wie Arkadij Iljitsch sieht, daß ich zum Bewußtsein -gekommen bin, beugt er sich über mich und sagt: -</p> - -<p> -»Ljuba, mein Täubchen! Man jagt uns nach, bist du -bereit zu sterben, wenn sie uns einholen?« -</p> - -<p> -Ich antworte, daß ich mit Freuden sterben werde. -</p> - -<p> -Er hoffte, nach der türkischen Stadt Rustschuk zu entkommen, -wohin schon viele von unseren Leuten vor dem -Grafen Kamenskij geflohen waren. -</p> - -<p> -Wir sausten plötzlich über eine Brücke, in der Ferne -tauchte etwas wie eine menschliche Behausung auf, und -wir hörten Hundegebell. Der Kutscher hieb tüchtig auf -die Pferde ein, warf plötzlich den Schlitten um, Arkadij -und ich fielen in den Schnee hinaus, der Schlitten, die -Pferde und der Kutscher waren aber im Nu verschwunden. -</p> - -<p> -Arkadij sagt: -</p> - -<p> -»Fürchte nichts, so muß es sein, denn ich kenne den -Kutscher, der uns gefahren hat, nicht, und er kennt uns -nicht. Er hat es für drei Dukaten übernommen, dich zu -entführen, und muß jetzt an die Rettung seiner eigenen -Seele denken. Wir sind in Gottes Hand: da ist das Dorf -Ssuchaja-Orliza, und hier wohnt ein kühner Pope, der die -gewagtesten Ehen traut und der schon vielen von unseren -Leuten <a id="corr-30"></a>zur Flucht verholfen hat. Wir geben ihm ein Geschenk, -er wird uns die Nacht über bei sich behalten und -morgen trauen; am Abend wird aber der gleiche Kutscher -wieder kommen, und wir werden uns davonmachen.« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-11"> -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -ELFTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>ir klopfen an und treten in den Flur. Der Pope -selbst läßt uns ein, — er ist ein kleiner, alter Mann, -und vorne fehlt ihm ein Zahn. Seine alte Frau macht Licht. -Wir stürzen ihnen zu Füßen: -</p> - -<p> -»Rettet uns, laßt uns in die warme Stube ein und versteckt -uns bis morgen Abend!« -</p> - -<p> -Der Pope fragt: -</p> - -<p> -»Habt ihr was gestohlen, oder seid ihr einfach durchgebrannt?« -</p> - -<p> -»Nichts haben wir gestohlen; wir sind auf der Flucht -vor dem grausamen Grafen Kamenskij und wollen nach -der türkischen Stadt Rustschuk, wo nicht wenige von -unsern Leuten wohnen. Man wird uns nicht finden, wir -haben aber Geld bei uns und wollen Ihnen für das Übernachten -einen goldenen Dukaten geben und für das -Trauen — drei Dukaten. Wenn Sie es können, trauen Sie -uns, sonst werden wir uns in Rustschuk trauen lassen.« -</p> - -<p> -Und jener antwortet: -</p> - -<p> -»Warum sollte ich es nicht können? Ich kann es sehr -wohl. Was braucht ihr euer Geld nach Rustschuk zu -schleppen? Gebt mir für alles zusammen fünf Dukaten, -und ich werde euch gleich hier zusammenkoppeln.« -</p> - -<p> -Arkadij gab ihm die fünf Dukaten, und ich nahm mir -die Quamarin-Ohrringe ab und gab sie der Popenfrau. -</p> - -<p> -Der Pope nahm das Geld und sagte: -</p> - -<p> -»Ach, meine Lieben, ich habe schon ganz andere Paare -getraut, es ist aber nicht gut, daß ihr von des Grafen -Leuten seid. Und wenn ich auch Pope bin, so habe ich -doch Angst vor seiner Grausamkeit. Aber ich will es schon -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> -machen, komme, was kommen mag. Gebt mir noch einen -Dukaten, und wenn auch einen beschnittenen, dazu und -versteckt euch.« -</p> - -<p> -Arkadij gibt ihm den sechsten Dukaten, sogar einen -guten, und er sagt zu seiner Popenfrau: -</p> - -<p> -»Alte, was stehst du noch da? Gib der Entlaufenen -irgendeinen Rock und eine Jacke, denn es ist <a id="corr-31"></a>eine Schande, -sie anzuschauen — sie ist ja nackt.« Dann wollte er uns -in die Kirche führen und in den Kasten mit Kirchengewändern -verstecken. Kaum hatte aber die Popenfrau -begonnen, mich hinter dem Vorhang umzukleiden, als an -die Türe geklopft wurde. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-12"> -ZWÖLFTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">U</span>ns beiden standen die Herzen still. Der Pope aber -flüstert Arkadij zu: -</p> - -<p> -»Mein Lieber, in den Kasten mit den <a id="corr-32"></a>Kirchengewändern -werdet ihr ja jetzt nicht mehr kommen können, schlüpfe -aber unter das Federbett.« -</p> - -<p> -Und zu mir spricht er: -</p> - -<p> -»Und du, meine Liebe, komm einmal her.« -</p> - -<p> -Er stellt mich ins Gehäuse der großen Standuhr, sperrte -es zu und steckte den Schlüssel in die Tasche. Und dann -geht er die Tür aufmachen. Ich höre, daß es viele Menschen -sind. Die einen stehen in der Türe, und zweie -schauen von außen durchs Fenster herein. -</p> - -<p> -Sieben Mann von den Jägern des Grafen kommen in -die Stube; alle haben Mordwaffen und Peitschen in der -Hand und Stricke im Gürtel; der achte im langen Wolfspelz -und hoher Mütze ist aber der Haushofmeister. -</p> - -<p> -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -Das Uhrgehäuse, in dem ich stand, war vorne wie ein -Gitter durchbrochen und mit altem Tüll bespannt. Durch -diesen Tüll konnte ich alles sehen. -</p> - -<p> -Der alte Pope merkt wohl, daß die Sache schlimm -steht: er zittert vor dem Haushofmeister, bekreuzigt sich -in einemfort und stammelt: -</p> - -<p> -»Ach, meine Lieben, meine Lieben! Ich weiß wohl, -was ihr hier sucht, ich stehe vor dem durchlauchtigsten -Grafen unschuldig da! Ich bin unschuldig, bei Gott, unschuldig!« -</p> - -<p> -Während er sich aber bekreuzigt, zeigt er immer mit -den Fingern über die linke Schulter auf das Uhrgehäuse, -in dem ich eingesperrt bin. -</p> - -<p> -— Ich bin verloren! — denke ich mir, wie ich diesen -Zauber sehe. -</p> - -<p> -Auch der Haushofmeister verstand den Wink und -sagte: -</p> - -<p> -»Uns ist alles bekannt. Gib mal den Schlüssel von -dieser Uhr her.« -</p> - -<p> -Der Pope begann wieder mit den Händen zu fuchteln: -</p> - -<p> -»Ach, meine Lieben! Verzeiht, straft mich nicht, ich -habe vergessen, wo ich den Schlüssel habe, bei Gott, ich -habe es vergessen!« -</p> - -<p> -Und dabei fährt er sich immer mit der Hand über die -Tasche. -</p> - -<p> -Der Haushofmeister merkte auch diesen Zauber. Er -nahm ihm den Schlüssel aus der Tasche und holte mich -aus der Uhr heraus. -</p> - -<p> -»Komm mal heraus, Täubchen,« sagt er mir, »der -Täuberich wird sich schon von selbst melden.« -</p> - -<p> -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -Arkascha meldet sich auch gleich: er wirft das Popenbett -von sich und spricht: -</p> - -<p> -»Es ist wohl nichts zu machen, ihr habt gewonnen. -Nun könnt ihr mich wieder zurückbringen und den Folterknechten -überliefern. Sie aber ist unschuldig: ich habe -sie mit Gewalt entführt.« -</p> - -<p> -Dann wendet er sich zum Popen um und spuckt ihm -nur ins Gesicht. -</p> - -<p> -Jener aber sagt: -</p> - -<p> -»Meine Lieben, seht ihr, wie er mein Priesteramt und -meine Treue beschimpft? Meldet es doch dem durchlauchtigsten -Grafen!« -</p> - -<p> -Der Haushofmeister antwortet: -</p> - -<p> -»Hab nur keine Angst: alles wird ihm angerechnet -werden!« Und er gibt seinen Leuten den Befehl, mich und -Arkadij hinauszuführen. -</p> - -<p> -Wir setzten uns in drei Schlitten: in den vorderen -Schlitten kam der gebundene Arkadij mit den Jägern; -mich setzte man unter der gleichen Bewachung in den -letzten Schlitten, und die Übrigen fuhren in der Mitte. -</p> - -<p> -Als das Volk uns so fahren sah, machte es Platz: alle -glaubten, daß es ein Hochzeitszug sei. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-13"> -DREIZEHNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>ir waren sehr bald wieder zu Hause. Als wir in -den Hof einfuhren, war vom ersten Schlitten, auf -dem man Arkadij gebracht hatte, nichts mehr zu sehen. -Man sperrte mich in meine alte Kammer und nahm mich -ins Verhör: wie lange ich mit Arkadij allein gewesen sei? -</p> - -<p> -Ich sage ihnen: -</p> - -<p> -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -»Auch nicht einen Augenblick!« -</p> - -<p> -Das war mir wohl schon so vom Himmel beschieden, -daß mich nicht der Geliebte, sondern der Verhaßte bekam. -Diesem Schicksal entging ich nicht. Als ich in meine -Kammer zurückkehrte und den Kopf in die Kissen vergrub, -um mein Unglück zu beweinen, hörte ich von unten -furchtbares Stöhnen. -</p> - -<p> -Bei uns war das so eingerichtet: wir Mädchen wohnten -im ersten Stock des hölzernen Hauses, unten war aber -ein großes, hohes Zimmer, in dem wir singen und tanzen -lernten. Oben konnte man alles, was unten vorging, hören. -Und der Fürst der Hölle, Satanas, gab den Grausamen -den Gedanken ein, Arkadij gerade unter meiner Kammer -zu foltern. -</p> - -<p> -Als ich hörte, wie man ihn peinigte ... stürzte ich zur -Türe, um zu ihm zu laufen ... Die Türe war aber verschlossen -... Ich wußte selbst nicht, was ich tun wollte ... -und ich fiel hin ... Auf dem Boden ist aber alles noch -viel deutlicher zu hören ... Und ich habe keinen Nagel -und kein Messer, ich habe gar nichts, um mich zu töten ... -Und ich nahm meinen Zopf, und wickelte ihn mir um -den Hals, und ich drehte ihn mir um den Hals, und ich -drehte ihn immer fester zusammen ... Zuletzt hörte ich -nur ein Klingen in den Ohren und sah Kreise vor den -Augen, und alles erstarb in mir ... Und als ich zum Bewußtsein -kam, sah ich mich an einem Ort, den ich gar -nicht kannte, in einer großen hellen Stube ... Kälber -waren um mich her, viele Kälber, mehr als zehn Stück ... -So freundlich waren sie: das eine nach dem andern kam -auf mich zu, schnupperte mit kalten Lippen an meiner -Hand, glaubte wohl, das Euter der Mutter zu saugen ... -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> -Ich war auch darum erwacht, weil das so kitzelte ... Ich -sehe mich um und frage mich: wo bin ich? Und ich sehe: -eine ältere große Frau kommt herein, ist ganz in blaue -Leinwand gekleidet, hat ein sauberes Tuch um den Kopf, -und das Gesicht ist so freundlich und liebevoll. -</p> - -<p> -Wie die Frau sieht, daß ich zum Bewußtsein gekommen -bin, fängt sie freundlich zu sprechen an und erzählt mir, -daß ich mich im Kälberstall am Grafenhause befinde ... -Siehst du, dort stand dieser Stall — erklärte <a id="corr-33"></a>Ljubow Onissimowna, -mit der Hand auf den entferntesten Winkel des -halbzerfallenen Bretterzaunes zeigend. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-14"> -VIERZEHNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span>an hatte sie auf den Viehhof gebracht, weil man -glaubte, sie sei verrückt geworden. Geisteskranke -Leibeigene, die zum Vieh herabgesunken waren, pflegte -man »zwecks Prüfung« auf den Viehhof zu schaffen, denn -die Viehwärter, lauter ältere und solide Leute, galten als -berufen, Geisteskranke zu beobachten. -</p> - -<p> -Die Frau in blauer Leinwand, bei der Ljubow Onissimowna -zu sich kam, hieß Drossida und war sehr gutherzig. -</p> - -<p> -Am Abend — fuhr die Kinderfrau fort — machte sie -mir ein Lager aus frischem Haferstroh. Sie zerfaserte es, -so daß es so weich wie Daunen war, und sagte mir: »Ich -will dir alles eröffnen, Mädchen, komme was kommen -mag. Ich bin aber ebenso wie du und habe nicht immer -diese blaue Leinwand getragen. Auch ich habe schon ein -anderes Leben gesehen. Ich mag daran gar nicht zurückdenken, -dir will ich aber nur dieses sagen: gräme dich -nicht, daß du auf den Viehhof verbannt worden bist, in -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> -der Verbannung ist es viel besser, nimm dich aber vor -diesem schrecklichen Placon in acht ...« -</p> - -<p> -Und sie holt aus dem Busentuch ein weißes Fläschchen -und zeigt es mir. -</p> - -<p> -Ich frage: -</p> - -<p> -»Was ist das?« -</p> - -<p> -Und sie antwortet: -</p> - -<p> -»Trink es nicht: es ist Schnaps. Ich habe mich einmal -nicht beherrschen können ... gute Menschen hatten es -mir gegeben ... Jetzt kann ich ohne den Placon gar nicht -leben ... Du aber enthalte dich, solange du kannst, und -verurteile mich nicht, wenn ich ein wenig davon sauge, -denn es ist mir gar zu weh ums Herz. Du sollst aber noch -einen Trost im Leben erfahren: Gott hat <em>ihn</em> schon von -der Tyrannei erlöst ...« -</p> - -<p> -Ich schrie auf: »Er ist tot!« und griff mich an die Haare. -Ich erkenne meine Haare nicht: ganz weiß sind sie geworden -... Was ist das? -</p> - -<p> -Und sie sagt mir: -</p> - -<p> -»Erschrecke nicht, deine Haare sind dort, als man dich -aus deinem Zopf befreite, weiß geworden; er aber lebt -und ist von der Tyrannei erlöst: der Graf hat ihm eine -Gnade erwiesen, die noch niemand erlebt hat. Wenn die -Nacht kommt, werde ich dir alles erzählen, jetzt will ich -noch ein wenig an meinem Placon saugen ... Das Herz -brennt mir so ...« -</p> - -<p> -Und sie sog solange daran, bis sie einschlief. -</p> - -<p> -Nachts aber, als alle schon schliefen, stand Tantchen -Drossida wieder auf, ging, ohne Licht zu machen, ans -Fenster, sog wieder am Placon, versteckte ihn und fragte -mich leise: -</p> - -<p> -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -»Schläft der Gram oder schläft er nicht?« -</p> - -<p> -Und ich antwortete: -</p> - -<p> -»Der Gram schläft nicht.« -</p> - -<p> -Sie kam an mein Bett und erzählte mir, daß der Graf -den Arkadij nach der Züchtigung zu sich berufen und -ihm gesagt habe: -</p> - -<p> -»Du mußtest alles durchmachen, was ich für dich festgesetzt -hatte. Da du mein Favorit warst, werde ich dir -meine Gnade erweisen: morgen stecke ich dich unter die -Soldaten. Da du aber meinen Bruder, den durchlauchtigsten -Grafen, trotz seiner Pistolen nicht gefürchtet hast, -will ich dir den Weg der Ehre eröffnen, — ich will nicht, -daß du tiefer als auf der Stufe stehst, auf die du dich selbst -mit deinem edlen Geiste gestellt hast. Ich will einen Brief -schreiben, daß man dich sofort in den Krieg schickt, und -du wirst nicht als gewöhnlicher Soldat, sondern als Sergeant -kämpfen. Zeige nun deinen Mut. Und du stehst jetzt -nicht mehr unter meinem Willen, sondern unter dem -Willen des Zaren.« -</p> - -<p> -»Jetzt hat er es leichter,« sagte Tantchen Drossida, »und -hat nichts zu fürchten: jetzt droht ihm nur eine Gefahr: -in der Schlacht zu fallen; die Tyrannei des Grafen ist er -aber los.« -</p> - -<p> -Ich glaubte ihr jedes Wort und träumte drei Jahre lang -jede Nacht von Arkadij Iljitsch, wie er kämpfte. -</p> - -<p> -So vergingen die drei Jahre, und Gott war mir gnädig: -man schickte mich nicht mehr ans Theater, sondern ließ -mich bei der Tante Drossida im Kälberstall als ihre Gehilfin. -Hier hatte ich es gut, und die Frau tat mir sehr leid. -Wenn sie nicht allzuviel getrunken hatte, erzählte sie mir -nachts Geschichten, und ich hörte ihr gerne zu. Sie konnte -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -sich noch erinnern, wie der alte Graf von seinen eigenen -Leuten erstochen worden war. Sein Kammerdiener war -der Haupttäter gewesen, — die Leute hatten seine Grausamkeit -einfach nicht länger ertragen können. Ich trank -aber noch immer nicht und tat mit großer Freude die -Arbeit für Tantchen Drossida: die Kälbchen waren -mir wie Kinder. Ich hatte sie so lieb, daß, wenn man eines -aus dem Stalle nahm, um es für den gräflichen Tisch -zu schlachten, ich es beim Abschied bekreuzigte und -dann drei Tage lang beweinte. Fürs Theater taugte ich -nicht mehr, denn ich konnte nicht mehr richtig die -Beine bewegen. Einst hatte ich einen wunderschönen -leichten Gang; auf der Flucht mit Arkadij Iljitsch hatte -ich mir wohl die Füße erkältet und hatte nicht mehr die -einstige Kraft in den Spitzen. Ich kleidete mich in die -gleiche blaue Leinwand wie Drossida, und Gott allein -weiß, wie ich mein Leben beschlossen hätte. Aber eines -Abends bei Sonnenuntergang, wie ich in der Stube sitze -und Garn aufwickele, fliegt zum Fenster ein Steinchen -herein, und das Steinchen ist in ein Papier eingeschlagen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-15"> -FÜNFZEHNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>ch schaue hin, ich schaue her, blicke zum Fenster -hinaus, — niemand ist da. -</p> - -<p> -»Jemand hat wohl den Stein aus der freien Welt hereingeworfen,« -denke ich mir, »hat aber aus Versehen unser -Fenster getroffen.« Und ich frage mich: »Soll ich das -Papier aufmachen oder nicht?« Es ist wohl besser, daß -ich es aufmache, denn es ist sicher etwas darauf geschrieben. -Vielleicht eine wichtige Nachricht. Ich kann das -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> -Geheimnis für mich behalten und den Stein mit dem Zettel -demjenigen zuwerfen, für den er bestimmt ist. -</p> - -<p> -Ich mache das Papier auf, beginne zu lesen, und traue -meinen Augen nicht ... -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-16"> -SECHZEHNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">U</span>nd ich lese: -</p> - -<p> -»Meine treue Ljuba! Ich war im Kriege, habe für -meinen Kaiser gefochten, habe mehr als einmal mein Blut -vergossen und bin dafür mit dem Offiziersrang und dem -Adel belohnt worden. Jetzt habe ich Urlaub zur Heilung -meiner Wunden bekommen und wohne im Gasthofe in -der Kanonier-Vorstadt. Morgen lege ich alle meine Orden -und Kreuze an, gehe zum Grafen, gebe ihm mein ganzes -Geld, die fünfhundert Rubel, die man mir zur Heilung -meiner Wunden gegeben hat, und bitte ihn, dich freizulassen, -in der Hoffnung, daß wir uns nun vor dem Altar -des Höchsten trauen lassen können.« -</p> - -<p> -— Und weiter hieß es in dem Briefe, — fuhr Ljubow -Onissimowna mit unterdrückter Erregung fort: »Was aber -die Schmach betrifft, die Sie über sich ergehen lassen -mußten, so halte ich sie für ein bloßes Unglück und -rechne sie Ihnen nicht als Sünde und Schwäche an. Gott -allein mag Sie richten, ich aber empfinde Ihnen gegenüber -nur Achtung.« Und der Brief ist unterschrieben: »Arkadij -Iljin.« -</p> - -<p> -Ljubow Onissimowna verbrannte den Brief sofort im -Ofen, sagte keinem Menschen etwas davon, selbst der -Alten nicht, und betete die ganze Nacht zu Gott. Sie -betete aber nicht für sich, sondern nur für ihn: er war zwar -<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> -Offizier, mit Wunden und Ehrenzeichen bedeckt, sie konnte -sich aber gar nicht denken, daß der Graf ihn anders behandeln -würde, als früher. -</p> - -<p> -Sie fürchtete einfach, daß man ihn schlagen würde. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-17"> -SIEBZEHNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>m nächsten Morgen führte Ljubow Onissimowna die -Kälbchen in aller Frühe in die Sonne und gab ihnen -Milch und eingeweichte Brotrinden. Plötzlich hörte sie -draußen, hinter dem Zaune, »in der Freiheit« viele Menschen -rennen und laut sprechen. -</p> - -<p> -— Was sie sprachen, — erzählte sie, — hörte ich nicht, -aber ihre Worte schnitten mich wie Messer ins Herz. Der -Mistführer Philipp kam gerade in den Hof gefahren, und -ich fragte ihn: -</p> - -<p> -»Filjuschka, Väterchen, hast du nicht gehört, worüber -die Leute draußen sprechen?« -</p> - -<p> -Und er antwortet: -</p> - -<p> -»Sie gehen in die Kanonier-Vorstadt, wo in dieser -Nacht der Gastwirt einen schlafenden Offizier erstochen -hat. Er hat ihm die Kehle durchschnitten und fünfhundert -Rubel von ihm geraubt. Man hat ihn schon ergriffen, er -war ganz blutig und hatte noch das ganze Geld bei -sich.« -</p> - -<p> -Und wie er mir das sagt, falle ich wie tot zu Boden ... -</p> - -<p> -So war es auch: der Wirt hatte meinen Arkadij Iljitsch -erstochen ... und man beerdigte ihn hier, in diesem selben -Grabe, auf dem wir jetzt sitzen ... Er liegt jetzt unter uns, -in dieser Erde ... Darum führe ich ja euch immer hierher -spazieren ... Ich habe gar keine Lust, dorthin zu schauen -<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -(sie zeigte mit der Hand auf die morschen Ruinen des -Grafenhauses), möchte nur hier in seiner Nähe sitzen -und ... einen Tropfen zu seinem Gedächtnis trinken ... -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-18"> -ACHTZEHNTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">L</span>jubow Onissimowna hielt inne — sie war wohl mit -ihrer Erzählung zu Ende — und holte aus der Tasche -das Fläschchen und sog daran. Ich aber fragte sie: -</p> - -<p> -»Wer hat denn den berühmten Toupetkünstler hier -beerdigt?« -</p> - -<p> -»Der Gouverneur, mein Liebling, der Gouverneur war -selbst bei der Beerdigung dabei. Wie denn sonst? Er war -doch Offizier, und der Geistliche und der Diakon nannten -ihn bei der Totenmesse ‚der Edle Arkadij‘. Und als man -den Sarg ins Grab versenkte, gaben die Soldaten blinde -Schüsse in die Luft ab. Der Gastwirt wurde aber übers -Jahr auf dem Iljinka-Platze vom Henker mit der Knute bestraft. -Dreiundvierzig Knutenhiebe bekam er wegen Arkadij -Iljitsch, blieb aber am Leben und kam mit gebrandmarktem -Gesicht nach Sibirien. Alle unsere Leute, die -gerade frei hatten, liefen hin, um zuzuschauen, und die -Alten, die sich noch erinnerten, wie man den Mörder des -alten Grafen bestraft hatte, sagten, daß dreiundvierzig -Schläge viel zu wenig waren: Arkascha war eben von -einfacher Abstammung; für den Grafen hatte man aber -hundertundeinen Schlag gegeben. Nach dem Gesetz darf -man ja keine gerade Zahl von Schlägen geben, es muß -immer eine ungerade Zahl sein. Damals hatte man sich -einen Henker aus Tula kommen lassen und ihm vorher -drei Glas Rum zu trinken gegeben. Er hatte die ersten -<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -hundert Schläge nur zur Peinigung gegeben, so daß der -Verbrecher immer noch am Leben blieb; mit dem hundertersten -Schlag zerschmetterte er ihm aber das Rückgrat. -Als man ihn vom Brette aufhob, war er schon halbtot ... -Man deckte ihn mit einer Bastdecke zu und wollte ihn ins -Zuchthaus bringen ... Unterwegs gab er den Geist auf. -Der Henker aus Tula schrie aber noch: ‚Gebt mir noch -jemand her, alle Leute von Orjol will ich totschlagen!‘« -</p> - -<p> -»Nun, waren Sie auch selbst bei der Beerdigung?« -</p> - -<p> -»Gewiß, wir alle waren dabei: der Graf hatte befohlen, -daß man alle Leute vom Theater hinführt, damit sie sehen, -wie weit es einer von den unsrigen bringen kann.« -</p> - -<p> -»Haben Sie ihn auch im Sarge liegen sehen?« -</p> - -<p> -»Gewiß! Alle gingen zum Sarge und nahmen von ihm -Abschied ... Auch ich ging hin ... Er war so verändert, daß -ich ihn gar nicht wiedererkannt hätte. So blaß und mager -war er, — die Leute sagten, er hätte sein ganzes Blut verloren, -weil ihn der Mörder um Mitternacht erstochen -hat ... So viel Blut hat er verloren ...« -</p> - -<p> -Sie hielt inne und wurde nachdenklich. -</p> - -<p> -»Und Sie,« fragte ich, »wie haben Sie es überstanden?« -</p> - -<p> -Sie erwachte gleichsam aus ihren Träumen und fuhr -sich mit der Hand über die Stirn. -</p> - -<p> -»Wie es mir anfangs zumute war, weiß ich nicht mehr, -ich weiß auch nicht, wie ich nach Hause kam ... Ich ging -ja mit allen zusammen vom Friedhof fort, also hat mich -wohl jemand geführt ... Am Abend sagte mir aber Drossida -Petrowna: -</p> - -<p> -‚So geht es nicht, du schläfst nicht und liegst wie ein -Stein da. Das ist nicht gut! Du mußt weinen, damit das -Herz einen Ausfluß hat.‘ -</p> - -<p> -<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -Ich sage ihr drauf: -</p> - -<p> -‚Ich kann nicht weinen, Tantchen, — mein Herz brennt -wie eine Kohle und hat keinen Ausfluß.‘ -</p> - -<p> -Und sie antwortet: -</p> - -<p> -‚Also kannst du dem Placon nicht mehr entgehen.‘ -</p> - -<p> -Sie schenkte mir aus ihrem Fläschchen ein und sagte: -</p> - -<p> -‚Bisher habe ich dich davon zurückgehalten und es dir -abgeraten. Jetzt ist aber nichts mehr zu machen: sauge -daran und lösche die Kohle.‘ -</p> - -<p> -Ich ihr drauf: ‚Ich habe keine Lust.‘ -</p> - -<p> -‚Närrchen,‘ sagt sie mir, ‚kein Mensch hat anfangs Lust -dazu. Der Gram ist bitter, und das Gift ist noch bitterer. -Wenn man die Kohle mit diesem Gift begießt, erlischt -sie für eine Weile. Saug schnell daran!‘ -</p> - -<p> -Ich trank den ganzen Placon auf einmal aus. Es war -mir widerlich, ich konnte aber anders nicht einschlafen. -Und so war es auch in der nächsten Nacht ... Heute -kann ich ohne ihn nicht mehr auskommen. Habe mir -selbst einen Placon angeschafft und kaufe mir Schnaps ... -Und du, liebes Kind, sag der Mama nichts davon: du -sollst die einfachen Menschen niemals verraten, du sollst -mit ihnen Mitleid haben, denn sie sind alle Dulder. Und -wenn wir jetzt nach Hause gehen, werde ich gleich an -der Ecke ans Fenster der Schenke klopfen ... Wir werden -nicht hineingehen, ich werde nur den leeren Placon abgeben, -und man wird mir einen neuen durchs Fenster -reichen.« -</p> - -<p> -Ich war gerührt und versprach ihr, keinem Menschen -von ihrem Placon zu erzählen. -</p> - -<p> -»Ich danke dir, Lieber, — sag es niemand: denn ich -muß ihn haben.« -</p> - -<p> -<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> -Ich sehe sie auch heute noch vor mir: jede Nacht, wenn -alle im Hause schlafen, steht sie von ihrem Bette auf, so -leise, daß kein Knöchelchen knackt, sie lauscht und -schleicht auf ihren langen erkälteten Beinen zum Fenster ... -Sie steht eine Weile da, sieht sich um und lauscht wieder, -ob meine Mutter nicht aus dem Schlafzimmer kommt; dann -höre ich den Hals des »Placons« gegen ihre Zähne klappern -... Sie nimmt einen Schluck, einen zweiten und -einen dritten ... So hat sie die Kohle für eine Zeitlang -gelöscht und eine Totenfeier für ihren Arkascha abgehalten. -Und dann schlüpft sie wieder unter die Decke, -und ich höre sie nur leise mit der Nase pfeifen. Sie schläft! -</p> - -<p> -Eine schrecklichere und herzzerreißendere Totenfeier -habe ich noch nicht erlebt. -</p> - -<h2 class="part" id="part-5"> -<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> -ANLÄSSLICH -DER KREUTZERSONATE -</h2> - -<p class="subt"> -(Aus dem Nachlaß) -</p> - -<div class="motto-container"> - <div class="motto"> -<p> -»Jedes Mädchen steht moralisch -höher, als der Mann, weil sie unvergleichlich -reiner ist. Ein Mädchen, -das geheiratet hat, steht -immer höher, als ihr Mann. Sie -steht höher als er, als Mädchen und -auch als Frau in unserm Leben.« -</p> - -<p class="sign"> -L. Tolstoi. -</p> - - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-5-1"> -<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> -ERSTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span>an begrub Fjodor Michailowitsch Dostojewskij. -Das Wetter war rauh und trübe. Ich fühlte mich -an diesem Tage krank und vermochte dem Sarge nur mit -Mühe bis zum Tor des Newskij-Klosters zu folgen. Vor -dem Tor herrschte ein großes Gedränge. In der Menge -hörte man Stöhnen und Schreien. Auf einer Erhöhung -erschien der Dramendichter Awerkijew und schrie irgendetwas. -Er hatte eine laute Stimme, aber man konnte seine -Worte nicht verstehen. Die einen sagten, er wolle Ordnung -schaffen, und lobten ihn dafür, die anderen ärgerten -sich über ihn. Ich war unter denen, die keinen Einlaß gefunden -hatten, und da ich keinen Sinn sah, noch länger -hier zu bleiben, ging ich nach Hause, trank heißen Tee -und schlief ein. Von der Kälte und den verschiedenartigen -Eindrücken fühlte ich mich sehr müde. Ich schlief lange -und so fest, daß ich zum Mittagessen nicht aufstand. So -kam ich an jenem Tage nicht dazu, zu Mittag zu essen, -weil zu der Summe verschiedenartiger Eindrücke noch -ein neuer, unerwarteter hinzu kam, der mich äußerst erregte. -</p> - -<p> -In der späten Dämmerung weckte mich mein Mädchen -und sagte, daß eine unbekannte Dame gekommen sei, die -nicht weggehen wolle und beharrlich bitte, ich möge sie -empfangen. Damenbesuche bei unsereinem, einem bejahrten -<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> -Schriftsteller sind eine ganz gewöhnliche Sache. Zahlreiche -Damen und Mädchen kommen zu uns, um sich mit -uns über ihre literarischen Versuche zu beraten oder uns -um unsere Unterstützung beim Unterbringen ihrer Erzeugnisse -bei ihnen unbekannten Redaktionen zu bitten. -Deshalb kamen mir der Besuch der Dame und ihre Hartnäckigkeit -durchaus nicht erstaunlich vor. Wenn das Leid -groß ist und die Not nicht weichen will, ist es nicht verwunderlich, -wenn man hartnäckig wird. -</p> - -<p> -Ich sagte dem Mädchen, sie solle die Dame ins Arbeitszimmer -bitten, und machte mich zurecht. Als ich mein -Kabinett betrat, brannte auf dem großen Tische die Arbeitslampe. -Ihr heller Schein beleuchtete nur ihn und ließ -das Zimmer im Halbdunkel. Die unbekannte Dame, die -mich diesmal besuchte, war mir in der Tat nicht bekannt. -</p> - -<p> -Als ich sie genauer betrachtete und sie bitten wollte, -im Sessel Platz zu nehmen, schien es mir, als wiche sie den -erleuchteten Zimmerstellen aus und trachte danach, im -Schatten zu bleiben. Das kam mir sonderbar vor. Auf -solche Weise zieren und genieren sich manchmal schüchterne, -ungewandte Leute, aber am sonderbarsten erschien -mir die bevorzugte gesellschaftliche Stellung der Dame, -die sich mir irgendwie fühlbar mitteilte. Sie war entzückend -gekleidet, ganz einfach, aber alles an ihr war kostspielig -und elegant: der reizende Plüschmantel, den sie nicht im -Vorzimmer abgelegt hatte und während unseres ganzen -Gespräches anbehielt; das elegante schwarze Hütchen, -anscheinend kein russisches Erzeugnis, sondern Pariser -Modell, der hinten geknotete schwarze Schleier, durch -dessen doppeltes Netz ich nur das weiße, runde Kinn und -manchmal das Aufleuchten der Augen sehen konnte. Statt -<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> -mir ihren Namen und den Zweck ihres Besuches zu sagen, -begann sie mit folgenden Worten: -</p> - -<p> -»Darf ich darauf rechnen, daß Sie sich für meinen -Namen nicht interessieren werden?« -</p> - -<p> -Ich antwortete ihr, daß sie durchaus darauf rechnen -dürfe. Darauf bat sie, ich möchte mich auf den Stuhl vor -der Lampe setzen, und schob dann ungeniert den grünen -Taftschirm an der Lampenglocke so zurecht, daß das ganze -Licht auf mich fiel und ihr Gesicht im Schatten blieb. -Dann setzte sie sich selbst an das andere Ende des Tisches -und fragte von neuem: -</p> - -<p> -»Sie haben keine Familie?« -</p> - -<p> -Ich antwortete, sie irre sich nicht, ich sei alleinstehend. -</p> - -<p> -»Kann ich ganz offen mit Ihnen sprechen?« -</p> - -<p> -Ich antwortete, daß, wenn sie Vertrauen zu mir habe, -ich keinen Grund sähe, der sie hindern könnte, zu sprechen, -wie es ihr beliebe. -</p> - -<p> -»Wir sind hier allein?« -</p> - -<p> -»Ganz allein!« -</p> - -<p> -Die Dame stand auf und machte zwei Schritte in der -Richtung gegen das anstoßende Zimmer, in dem sich -meine Bibliothek befand und hinter dem mein Schlafzimmer -lag. In der Bibliothek brannte eine matte Lampe, bei -deren Schein man das ganze Zimmer überschauen konnte. -Ich rührte mich nicht von der Stelle, sagte aber zur Beruhigung -der Dame, sie sähe doch selbst, daß bei mir -niemand sei, außer der Bedienung und einer kleinen -Waise, die bei ihren Erwägungen keinerlei Rolle spielen -könnten. Hierauf setzte sie sich von neuem auf ihren Platz, -rückte wieder an dem grünen Schirm und sagte: -</p> - -<p> -»Sie entschuldigen mich, ich bin in großer Erregung ..., -<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> -und mein Benehmen mag sonderbar erscheinen, aber -haben Sie Mitleid mit mir!« -</p> - -<p> -Ihre Hand, die sie wieder zu dem Taftschirm der Lampe -erhoben hatte, stak in einem schwarzen Glacéhandschuh -und zitterte heftig. Statt zu antworten, bot ich ihr Wasser -an. Sie hielt mich zurück und sagte: -</p> - -<p> -»Es ist nicht nötig, ich bin nicht so nervös, ich bin zu -Ihnen gekommen, weil dieses Begräbnis, diese Menschenketten -..., dieser Mensch, der auf mich einen so außergewöhnlich -starken, zwingenden Eindruck gemacht hat, -dieses Gesicht und die Erinnerung an all das, was ich -zweimal im Leben erzählen mußte, alle meine Gedanken -verwirrt haben. Wundern Sie sich nicht, daß ich zu -Ihnen gekommen bin. Ich werde Ihnen erzählen, warum -ich es getan habe; es macht nichts, daß wir einander nicht -kennen: ich habe viel von Ihnen gelesen, und vieles war -mir so sympathisch, so verwandt, daß ich es mir nicht -versagen kann, mit Ihnen zu sprechen. Vielleicht ist -das, was ich vorhabe, eine ganz große Dummheit. Ich -will Sie vorher fragen, und Sie müssen mir aufrichtig -antworten. Was Sie mir raten, das werde ich tun.« -</p> - -<p> -Ihre tiefe Altstimme bebte, und ihre Hände, für die sie -keinen Platz fand, zitterten. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-2"> -ZWEITES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">B</span>esuche und Anliegen dieser Art waren im Laufe -meines literarischen Lebens, wenn auch nicht gerade -häufig, kamen aber doch vor. -</p> - -<p> -Am häufigsten waren es Menschen mit politischem -Temperament, die ziemlich schwer zu beruhigen sind -<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> -und denen zu helfen doppelt riskant und unangenehm -ist, um so mehr, als man in solchen Fällen fast nie weiß, -mit wem man es zu tun hat. Auch diesmal ging mir zuerst -durch den Kopf, die Dame möge von politischen -Leidenschaften umstürmt sein und habe irgendetwas -vor, was sie unglücklicherweise mir anvertrauen wolle. -Die Einleitung klang ganz danach, und darum sagte ich -unangenehm berührt: -</p> - -<p> -»Ich weiß nicht, worüber Sie sprechen werden. Ich -wage nicht, Ihnen etwas zu versprechen, aber wenn Ihre -eigenen Gefühle Sie hergeführt haben, in dem Vertrauen, -das Ihnen mein Leben und mein Ruf einflößen, so werde -ich keinenfalls Mißbrauch davon machen, was Sie mir -anscheinend als Geheimnis anvertrauen wollen.« -</p> - -<p> -»Ja,« sagte sie, »als Geheimnis, als absolutes Geheimnis, -und ich bin überzeugt, daß Sie es für sich behalten werden. -Ich brauche Ihnen nicht zu wiederholen, warum es -geheim bleiben muß. Ich weiß, daß Sie es fühlen, ich -kann mich nicht täuschen; Ihr Gesicht sagt es mir deutlicher -als alle Worte, und zudem habe ich keine andere -Wahl. Ich wiederhole Ihnen, daß ich bereit bin, eine -Handlung zu begehen, die mir in diesem Augenblick -ehrenhaft erscheint, und doch gleich wieder als eine Taktlosigkeit: -die Wahl muß sofort getroffen werden, in -diesem Augenblick, sie hängt von Ihnen ab.« -</p> - -<p> -Ich zweifelte nicht, daß hierauf ein politisches Geständnis -folgen würde, und sagte unwillig: -</p> - -<p> -»Ich höre zu.« -</p> - -<p> -Trotz des doppelten Schleiers fühlte ich den aufmerksamen -Blick meines Gastes auf mir ruhen, sie sah mich -unverwandt an und sagte fest: -</p> - -<p> -<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> -»Ich bin eine ungetreue Frau! Ich betrüge meinen -Mann.« -</p> - -<p> -Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß mir bei -diesem Geständnis eine schwere Last vom Herzen fiel; -von Politik war anscheinend kein Gedanke. -</p> - -<p> -»Ich betrüge meinen prächtigen, gütigen Mann. Und -das sind nun sechs, ... nein, mehr! ..., ich muß die Wahrheit -sagen, sonst lohnt es sich nicht, zu sprechen ... es -sind jetzt acht Jahre her ... und dauert noch an ... Es -begann im dritten Monat meiner Ehe. Etwas schmählicheres -gibt es in der Welt nicht. Ich bin nicht alt, aber -ich habe Kinder, verstehen Sie?« -</p> - -<p> -Ich nickte zustimmend mit dem Kopfe. -</p> - -<p> -»Sie verstehen, was das heißt. Zweimal in meinem Leben -kam ich, wie zu Ihnen, zu ihm, den wir heute begraben -haben und dessen Tod mich ganz durchwühlt, und gestand -ihm, was mich bewegte. Einmal behandelte er mich -barsch, das andere Mal zart, wie ein Freund. Wenn ich -jetzt auch nicht mehr in der Verfassung bin, in der ich -zu ihm kam, so bitte ich Sie schließlich doch, mir den -Rat zu geben, den ich brauche. Das schlimmste im Leben -ist der Betrug, und ich glaube zu fühlen, daß es besser -ist, seine Niedrigkeit zu bekennen, die Strafe zu tragen, -demütig und zerknirscht auf die Straße geworfen zu sein, — -ich weiß nicht, was mit mir geschehen wird, — aber ich -fühle das unbezwingbare Verlangen, hinzugehen und -meinem Manne alles zu erzählen. Ich fühle dieses Bedürfnis -seit sechs Jahren. Nach dem Beginn meines Verbrechens -waren zwei Jahre vergangen, wo ich ihn nicht sah. -Dann begann es von neuem, wie früher. Sechs Jahre habe -ich den Vorsatz, es zu sagen, und habe es doch nicht -<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> -gesagt, aber heute, als ich dem Sarge Dostojewskijs folgte, -beschloß ich ein Ende zu machen und zwar so, wie Sie -mir raten werden.« -</p> - -<p> -Da ich die Geschichte nicht verstanden hatte, schwieg -ich und konnte ihr durchaus keinen Rat erteilen. Sie sah -es an meinem Gesichtsausdruck. -</p> - -<p> -»Sie müssen natürlich mehr wissen. Ich bin nicht gekommen, -um Rätsel aufzugeben, sondern um zu sprechen, -um alles auszusprechen. Ich müßte schamlos lügen, wenn -ich mich rechtfertigen wollte. — Ich habe niemals Not -gekannt, ich bin im Wohlstand geboren und lebe im -Wohlstand. Die Natur hat mir meinen Anteil Verstand -nicht versagt. Man gab mir eine gute Bildung, und ich -hatte die Freiheit, meinen Ehegenossen selbst zu wählen, — -ich brauche darüber keine Worte zu verlieren. Ich heiratete -einen Mann, der bis zur Stunde seinen guten Ruf -mehr als bewahrt hat. Meine Lage war vortrefflich, als -dieser Mensch, das heißt, ich wollte sagen, mein legitimer -Gatte, mir seinen Antrag machte. Mir schien es, als gefalle -er mir, und ich glaubte, daß ich ihn lieben könne; -keinenfalls dachte ich, daß ich ihn betrügen würde, ihn -auf die niedrigste Weise betrügen, dabei aber den Ruf -einer ehrenhaften Frau und guten Mutter genießen würde, -während ich keine anständige, ja vielleicht eine niederträchtige -Mutter bin. Zu dem Betrug hat mich der Teufel -selbst gebracht: wenn Sie wollen, glaube ich an den Teufel -... Im Leben hängt so viel von den Umständen ab. -Man sagt, in den Städten sei viel Schmutz, auf dem Lande -dagegen Reinheit: aber es war auf dem Lande geschehen, -wo ich mit diesem Menschen, mit diesem verfluchten -Menschen allein zusammen war, den mein Mann selbst -<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> -zu mir gebracht und meiner Sorge überlassen hatte. Wenn -Reue nicht nutzlos wäre, so müßte ich bereuen, müßte -endlos diese Tat bereuen, die ich meinem Manne zu verdanken -habe. Aber die Sache trug sich so zu, daß ich -mich nicht an den Augenblick erinnere, ich erinnere mich -nur an ein Gewitter, an eines der schrecklichen Gewitter, -die ich seit meiner Kindheit immer gefürchtet habe. Ich -liebte ihn damals nicht, ich hatte einfach Angst, und als -uns in dem großen Saale ein Blitz erhellte, ergriff ich seine -Hand ... Später, ich habe keine Erinnerung daran, ging -es weiter. Dann machte er eine Weltreise, kehrte zurück, -und es begann von neuem: aber jetzt will ich, daß es ein -Ende nehme, und diesmal für immer. Ich wollte es schon -mehrmals, aber nie reichte mein Wille aus, es zu ertragen. -Die Entschlüsse, die ich gefaßt hatte, verflogen immer -eine Stunde nach seinem Erscheinen, und das Schlimmste -ist, — ich will nichts verheimlichen, — daß nicht er, sondern -ich die Ursache war: ich selbst sagte und erreichte -es und ärgerte mich, wenn es mir schwer fiel, es zu erreichen, -— und wenn ich dies weiter fortsetze, so wird der -Betrug, meine Erniedrigung niemals ein Ende haben ...« -</p> - -<p> -»Was wollen Sie nun tun?« fragte ich. -</p> - -<p> -»Ich will meinem Manne alles bekennen, ich will es -unbedingt noch heute tun, wenn ich von Ihnen nach -Hause komme.« -</p> - -<p> -Ich fragte sie, wie ihr Mann sei und was für einen -Charakter er habe. -</p> - -<p> -»Mein Mann,« antwortete die Dame, »genießt den -besten Ruf, hat einen guten Posten und ist ziemlich bemittelt; -alle halten ihn für einen ehrenwerten und edlen -Menschen.« -</p> - -<p> -<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> -»Und Sie teilen diese Meinung?« fragte ich. -</p> - -<p> -»Nicht ganz, man schreibt ihm zu viel zu. Er ist allzu -verständig und ordentlich, aber er hat wenig von dem, was -man Herz nennt, so ungeschickt diese Bezeichnung auch -ist, die an die sogenannte Seelenharmonie erinnert, aber -ich kann es nicht anders sagen. Seine Herzensregungen -sind abgezirkelt, geregelt, korrekt und eintönig.« -</p> - -<p> -»Und jener, den Sie lieben?« -</p> - -<p> -»Was wollen Sie über ihn wissen?« -</p> - -<p> -»Flößt er Ihnen Achtung ein?« -</p> - -<p> -»Oh!« rief die Dame und machte eine Bewegung mit -der Hand. -</p> - -<p> -»Ich verstehe nicht ganz, was ich von dieser Bewegung -denken soll?« -</p> - -<p> -»Sie sollen denken, daß er der herzloseste, elendeste -Egoist ist, der niemand irgendwelche Achtung einflößt, -sich nicht einmal die Mühe gibt, es zu tun.« -</p> - -<p> -»Sie lieben ihn?« -</p> - -<p> -Sie zuckte die Achseln und sagte: -</p> - -<p> -»Ich liebe ihn. Wissen Sie, es ist ein seltsames Wort, -das auf aller Lippen ist und das nur sehr wenige verstehen. -Lieben ist dasselbe, wie zur Poesie bestimmt sein, oder zur -Rechtschaffenheit. Nur sehr wenige sind zu diesem Gefühle -befähigt. Unsere Bäuerinnen gebrauchen an Stelle -des Wortes lieben das Wort bemitleiden, und sagen nicht: -er liebt mich, sondern: er bemitleidet mich. Dies ist, -meiner Ansicht nach, eine viel bessere und auch viel einfachere -Erklärung. Das Wort lieben-bemitleiden heißt -eben lieben im alltäglichen Sinne. Und dann gibt es noch: -sich sehnen. Man sagt: mein Ersehnter, mein lieber Ersehnter -... verstehen Sie, — sich sehnen ...« -</p> - -<p> -<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> -Sie hielt inne und atmete schwer. Ich reichte ihr ein -Glas Wasser, das sie diesmal aus meinen Händen nahm -und sich dabei nicht fortwandte, aber sie war anscheinend -dankbar, daß ich sie nicht genauer anblickte. -</p> - -<p> -Wir schwiegen beide. Ich wußte nicht, was zu sagen, -und in ihr war anscheinend der Strom der Aufrichtigkeit -versiegt. Sichtlich hatte sie alles Wesentliche gesagt, es -konnten nur mehr Details folgen. Sie erriet meinen Gedanken -genau und sagte mit leiser Stimme: -</p> - -<p> -»Nun denn, wenn Sie mir raten, daß ich es meinem -Manne gestehen soll, so werde ich es tun, aber vielleicht -können Sie mir etwas anderes sagen? Abgesehen von -dem, was mir an Ihnen Sympathie und Vertrauen einflößt, -haben Sie auch Erfahrung, ich bin Ihre aufmerksame -Leserin. Wir Frauen fühlen auch das, was die berufsmäßigen -Kritiker nicht fühlen. Sie können, wenn Sie -wollen, Ihre aufrichtige Meinung sagen: soll oder soll ich -nicht zu meinem Manne gehen und ihm meine schmachvolle, -langjährige Sünde gestehen?« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-3"> -DRITTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>ie interessant diese Geschichte auch war, ich fühlte -doch meine schwierige Lage. Wenn es auch viel -leichter wäre, eine solche Antwort zu geben, wie sie mein -Gast forderte, als einen politisch Tätigen zu beruhigen, -oder ihm einen gewünschten Dienst zu erweisen, so fühlte -ich doch mein Gewissen hier zu einer sehr ernsten Entscheidung -berufen. Ich hatte lange genug gelebt und -genug Frauen gesehen, die ihre Sünden dieser Art kunstvoll -zu verbergen wußten, oder, wenn sie sie nicht verbargen, -<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> -sie doch nicht eingestanden. Ich habe auch zwei -oder drei aufrichtige Frauen gekannt und entsinne mich, -daß sie mir weniger wahrheitsliebend, als grausam und -affektiert erschienen. Ich fand dabei immer, daß die Frau -mit ihrer ganzen Aufrichtigkeit voreilig sei und daß sie -sich es ordentlich überlegen solle, bevor sie ihr Verbrechen -dem mitteilt, dem sie damit vielleicht schweres Leid -zufügt. Ich kümmerte mich niemals darum, wie sich die -Welt zu dem Innenleben des Einzelnen verhält. Nicht die -Welt, sondern der Mensch selbst ist mir teuer, und wenn -ein Leid nicht unbedingt verursacht werden muß, warum -es dann tun? Wenn die Frau eben solch ein Mensch ist, -wie der Mann, ein gleichberechtigtes Glied der Gemeinschaft, -und ihr dieselben Empfindungen zugänglich sind, -dasselbe menschliche Gefühl wie dem Manne, was auch -Christus sagt und was die Besten meines Jahrhunderts -gesagt haben, was jetzt auch Leo Tolstoi sagt und worin -ich eine unumstößliche Wahrheit fühle, — weshalb kann -dann die Frau nicht dasselbe tun, wie der Mann, der -das <a id="corr-35"></a>Gelübde der Keuschheit der Frau gegenüber, der -er durch Treue verbunden ist, bricht und schweigt, -schweigt, obwohl er sein Vergehen fühlt und dadurch -manchmal die ganze Unwürdigkeit seiner Verfehlungen -fast ungeschehen macht? Ich bin überzeugt, daß die Frau -es ebenso tun kann. Zweifellos übersteigt die Zahl der -Männer, die ihren Frauen untreu sind, die Zahl der untreuen -Frauen, und die Frauen wissen es. Es gibt nicht -eine, oder kaum eine Frau, die nach einer mehr oder -weniger langen Trennung von ihrem Manne die Überzeugung -hätte, daß der Mann ihr während dieser Trennung -treu geblieben sei. Dessen ungeachtet vergibt sie ihm -<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> -nach seiner Rückkehr großmütig. Die Vergebung drückt -sich darin aus, daß sie gar nicht danach fragt, und seine -Aufrichtigkeit würde für sie keinen Dienst, sondern eine -Kränkung bedeuten. Es wäre eine Handlung, durch die -etwas an den Tag gebracht wird, was sie gar nicht wissen -will. In der Ungewißheit findet sie die Kraft, ihre Beziehungen -fortzusetzen, als seien sie nur versehentlich -unterbrochen gewesen. Ich sehe ein, daß in meinen Betrachtungen -mehr praktischer Sinn steckt, als abstrakte -Philosophie oder hohe Moral, aber ich bin trotzdem geneigt, -so zu denken, wie ich eben denke. -</p> - -<p> -In dieser Richtung setzte ich also die Unterhaltung mit -meinem Gaste fort und fragte: -</p> - -<p> -»Die schlechten Eigenschaften des Menschen, den sie -lieben, flößen Ihnen doch Verachtung ein?« -</p> - -<p> -»Eine sehr starke und beständige.« -</p> - -<p> -»Aber Sie geben sich doch die Mühe, ihn manchmal -zu rechtfertigen?« -</p> - -<p> -»Zu meinem Bedauern ist das unmöglich: es gibt für -ihn keine Rechtfertigung.« -</p> - -<p> -»Dann erlaube ich mir die Frage: wie steht es mit Ihrer -Entrüstung über ihn? Bleibt sie stets gleich, oder nimmt -sie manchmal ab und manchmal zu?« -</p> - -<p> -»Sie wird immer stärker.« -</p> - -<p> -»Nun will ich Sie fragen, — Sie erlauben doch, daß -ich Sie frage?« -</p> - -<p> -»Bitte sehr.« -</p> - -<p> -»Wo befindet sich jetzt Ihr Mann, während Sie bei mir -sitzen?« -</p> - -<p> -»Zu Hause.« -</p> - -<p> -»Was tut er?« -</p> - -<p> -<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> -»Er schläft in seinem Zimmer.« -</p> - -<p> -»Und dann, wenn er aufsteht?« -</p> - -<p> -»Er steht um acht Uhr auf.« -</p> - -<p> -»Und was tut er dann?« -</p> - -<p> -Mein Gast lächelte. -</p> - -<p> -»Er wird sich waschen, sich anziehen, zu den Kindern -gehen und mit ihnen eine halbe Stunde spielen, dann -bringt man den Samowar, aus dem ich ihm ein Glas Tee -einschenke.« -</p> - -<p> -»So,« sagte ich, »ein Glas Tee, der Samowar, die Hauslampe, -das sind prächtige Dinge, bei denen wir bleiben -wollen.« -</p> - -<p> -»Gut gesagt.« -</p> - -<p> -»Und das verläuft mehr oder weniger — angenehm?« -</p> - -<p> -»Für ihn schon, glaube ich.« -</p> - -<p> -»Verzeihen Sie, in dieser Angelegenheit, die Sie die -Liebenswürdigkeit hatten, mir aufzudecken, hat er allein -Recht auf Rücksicht, — nicht die Kinder, die niemals -etwas erfahren sollen, und schließlich auch nicht Sie. Nein, -auch Sie nicht, da Sie ihm das Leid zugefügt haben, während -er der leidende Teil ist. Deshalb muß man an ihn -denken, daß er nicht leide; nun stellen Sie sich vor, daß -er, statt seiner Gewohnheit gemäß, Tee zu trinken und -vielleicht respektvoll Ihre Hand zu küssen ...« -</p> - -<p> -»Nun?« -</p> - -<p> -»... Und dann an seine Geschäfte zu gehen, zu Abend -zu essen und Ihnen eine gute Nacht zu wünschen, — stellen -Sie sich vor, wenn er statt dessen Ihr Geständnis -hört, aus dem er erfährt, daß sein ganzes Leben vom ersten -Monat an, oder vielleicht sogar vom ersten Tag der Ehe -an in einen derartig sinnlosen Rahmen gestellt war? -<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> -Sagen Sie, erweisen Sie ihm damit einen guten oder schlechten -Dienst?« -</p> - -<p> -»Ich weiß es nicht. Wenn ich das wüßte, wenn ich diese -Entscheidung treffen könnte, so wäre ich nicht hier und -würde nicht darüber sprechen. Ich frage Sie um Rat, was -ich tun soll.« -</p> - -<p> -»Einen Rat kann ich Ihnen nicht geben, aber ich kann -Ihnen die Meinung sagen, die ich mir gebildet habe. Aber -damit sie in meinen Augen eine bestimmte Form annimmt, -erlaube ich mir an Sie eine Frage zu richten: ... Die -Gefühle bleiben im Menschen nie in ein und der -selben Stärke ... Vermindert sich ihre Abneigung gegen -jenen?« -</p> - -<p> -»Nein, sie verschärft sich.« -</p> - -<p> -Sie schrie es förmlich aus ihrem wehen Herzen, ja, sie -schien aufspringen zu wollen, um etwas aus dem Wege -zu gehen, was ich in meiner Vorstellung sah. Obwohl -ich ihr Gesicht nicht sehen konnte, fühlte ich, daß sie -entsetzlich litt und daß ihr Schmerz einen Grad erreicht -hatte, dem eine Entspannung folgen mußte. -</p> - -<p> -»Folglich«, sagte ich, »verurteilen Sie ihn immer strenger -...« -</p> - -<p> -»Ja, immer mehr und mehr.« -</p> - -<p> -»Schön«, sagte ich, »jetzt erlaube ich mir Ihnen zu -sagen, daß ich es für das Verständigste hielte, wenn Sie -sich, nach Hause zurückgekehrt, an Ihren Samowar setzen -würden, wie bisher.« -</p> - -<p> -Sie hörte schweigend zu. Ihre Augen waren auf mich -gerichtet, ich sah sie durch den Schleier glänzen und -hörte ihr Herz laut und schnell schlagen. -</p> - -<p> -»Sie raten mir, mein Schweigen fortzusetzen?« -</p> - -<p> -<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> -»Ich rate Ihnen nicht, aber ich denke, daß es für Sie, -für ihn und für Ihre Kinder das Beste wäre.« -</p> - -<p> -»Aber warum das Beste? Das heißt doch, es endlos -in die Länge ziehen?« -</p> - -<p> -»Darum das Beste, weil durch die Offenheit alles nur -schlimmer werden würde, und diese Endlosigkeit würde -noch trauriger sein, als jene, von der Sie sprachen.« -</p> - -<p> -»Meine Seele würde durch das Leiden geläutert werden.« -</p> - -<p> -Mir schien, als sähe ich ihre Seele: sie war lebendig und -triebhaft, aber keine von jenen, die vom Leide geläutert -werden. Deshalb sagte ich nichts mehr über ihre Seele, -sondern erwähnte wieder die Kinder. -</p> - -<p> -Sie rang die Hände, daß die Finger knackten, und -senkte langsam den Kopf. -</p> - -<p> -»Und was wird das Ende dieses Liedes sein?« -</p> - -<p> -»Ein gutes Ende.« -</p> - -<p> -»Auf was hoffen Sie?« -</p> - -<p> -»Darauf, daß Ihnen dieser Mensch, den Sie lieben, -oder, Ihren Worten nach, nicht lieben, aber an den Sie -sich gewöhnt haben, von Tag zu Tag verhaßter werden -wird.« -</p> - -<p> -»Ach, er ist mir schon so verhaßt.« -</p> - -<p> -»Er wird es noch mehr werden, und dann ...« -</p> - -<p> -»Ich verstehe Sie.« -</p> - -<p> -»Ich bin sehr froh darüber.« -</p> - -<p> -»Sie wollen, daß ich ihn schweigend fallen lasse?« -</p> - -<p> -»Ich glaube, daß dies der glücklichste Ausweg aus -Ihrem Leid wäre.« -</p> - -<p> -»Und dann ...« -</p> - -<p> -»Und dann werden Sie alles wieder gut machen ...« -</p> - -<p> -<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> -»Wieder gut machen ... Das ist unmöglich.« -</p> - -<p> -»Verzeihen Sie, ich wollte damit sagen, Sie werden ihre -Sorgfalt für Ihren Mann und Ihre Kinder verdoppeln. -Das wird Ihnen die Kraft geben, die Vergangenheit nicht -zu vergessen, sondern die Erinnerung an das Vergangene -zu bewahren und darüber genügend Anlaß zu finden, -für andere zu leben.« -</p> - -<p> -Sie stand auf, stand unerwartet auf, zog ihren Schleier -noch tiefer, streckte mir die Hand entgegen und sagte: -</p> - -<p> -»Ich danke Ihnen, ich bin froh, daß ich meinem inneren -Gefühl gefolgt habe, das mir riet, zu Ihnen zu gehen, -nachdem mich der schreckliche Eindruck der Beerdigung -so erregt hatte. Ich kam von ihr wie eine Verrückte nach -Hause, und wie gut ist es, daß ich nichts von all dem -getan habe, was ich tun wollte. Leben Sie wohl.« Sie gab -mir wieder die Hand und drückte sie so fest, als wolle sie -mich auf dem Platze zurückhalten, auf dem wir standen. -Dann verneigte sie sich und ging. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-4"> -VIERTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>ch wiederhole, daß ich das Gesicht dieser Frau nicht -gesehen habe; nur nach dem Kinn und dem durch den -Schleier, wie durch eine Maske verhüllten Gesicht zu urteilen -war schwierig, aber von ihrer Gestalt hatte ich, -trotz des Plüschmantels und des Hütchens, den Eindruck -von etwas Graziösem. Es war eine elegante, leichte Gestalt, -die einen ungewöhnlich lebhaften und starken Eindruck -in meinem Gedächtnis hinterließ. -</p> - -<p> -Ich hatte diese Dame bisher noch nirgends getroffen, -und auch der Stimme nach war sie mir unbekannt. Sie -<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> -sprach mit ihrer unverstellten Stimme, einem klangvollen, -tiefen, sehr angenehmen Alt. Ihre Bewegungen waren -elegant, man konnte annehmen, daß sie den hohen Gesellschaftskreisen -angehörte, ja, noch genauer, dem höchsten -Beamtenkreis, daß sie die Frau eines Direktors oder -Vize-Direktors eines Departements war, oder etwas in -dieser Art. Mit einem Wort, die Dame war und blieb mir -unbekannt. -</p> - -<p> -Seit dem Begräbnis <a id="corr-36"></a>Dostojewskijs und der von mir -erzählten Begebenheit waren drei Jahre vergangen. In -diesem Winter war ich erkrankt und im Frühjahr darauf -reiste ich in ein ausländisches Bad. Ein Freund und eine -meiner Verwandten begleiteten mich zum Bahnhof. Wir -fuhren in einem Wagen, ich hatte mein Gepäck bei mir. -An der Kreuzung einer der in den Newskij-Prospekt -mündenden Straßen vor der Auffahrt eines großen staatlichen -Gebäudes erblickte ich eine Dame. Trotz meiner -Kurzsichtigkeit erkannte ich in ihr meine Unbekannte. -Ich war ganz unvorbereitet, dachte gar nicht an sie, und -deshalb frappierte mich diese auffallende Ähnlichkeit. -Mich durchzuckte der ungeschickte Gedanke, aufzustehen, -an sie heranzutreten, sie etwas zu fragen, aber da fremde -Leute dabei waren, tat ich es zum Glück nicht und rief -nur aus: -</p> - -<p> -»Bei Gott, das ist sie!« und gab damit meinen Begleitern -Anlaß zur Heiterkeit. Sie war es in der Tat gewesen. -</p> - -<p> -Nach der Gewohnheit aller Russen, oder wenigstens -der meisten Russen machte ich eine Rundreise. Zunächst -fuhr ich nach Paris, im Juli trank ich Heilquellen, und -erst später im August, erschien ich dort, wo ich im Juni -hätte sein sollen. Ich lernte bald die übrigen dort zur Kur -<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> -weilenden Russen kennen und kannte schließlich fast -alle, so daß mir die Ankunft neuer Landsleute auffiel. Als -ich eines Tages auf einer Parkbank saß, an der die Straße -zum Bahnhof vorüberführte, erblickte ich eine Kalesche, -in der ein Herr in hellem Überzieher und Hut, eine Dame -mit Schleier und ihnen gegenüber ein neunjähriger -Knabe saßen. -</p> - -<p> -Und wieder geschah mir dasselbe, wie bei meiner Abreise -aus Petersburg: -</p> - -<p> -»Mein Gott, das ist sie!« -</p> - -<p> -Sie war es in der Tat. -</p> - -<p> -Am anderen Tage im Parkhotel sah ich beim Kaffee -ihren wohlanständig, aber etwas abgelebt aussehenden -Mann und ihr ungewöhnlich schönes Kind. Der Knabe -hatte etwas Zigeunerhaftes, er war gebräunt, hatte -schwarze Locken und große, himmelblaue Augen. -</p> - -<p> -Ich erlaubte mir eine kleine Keckheit und bestach den -Kellner, damit er mir einen Tisch in ihrer Nähe gäbe. Ich -wollte ihr Gesicht näher betrachten. Sie war hübsch -und hatte weiche, angenehme Züge, die aber einen etwas -unbedeutenden Ausdruck zeigten. Sie erkannte mich -zweifelsohne und gab sich zwei, dreimal Mühe, sich so -zu setzen, daß ich sie nicht beobachten könne. Später -stand sie auf und blieb neben einer mir bekannten Dame -stehen, sprach mit ihr und ging darauf zu ihrem Manne -zurück. -</p> - -<p> -Abends, nach dem Nachtischkaffee, sagte mir meine -Bekannte, an die die Dame herangetreten war, daß sie -mich Frau N. vorstellen wolle, welche eben an uns vorüberging, -was sie auch gleich tat. Ich sagte ihr eine herkömmliche -Phrase, die sie mit ebenso herkömmlichen -<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> -Worten beantwortete, aber an diesen Worten, an dieser -Stimme, an ihren Bewegungen erkannte ich sie wieder. -Sie war es <a id="corr-37"></a>zweifellos, und sie war klug genug, zu begreifen, -daß ich sie erkannt hatte; trotzdem entschloß sie -sich, meine Bekanntschaft zu machen. Sie konnte mit -meiner Anständigkeit rechnen und auf das Versprechen, -das ich ihr damals gegeben hatte, bauen. -</p> - -<p> -Seit der Zeit trafen wir uns und unternahmen sogar -einige gemeinsame Ausflüge mit bekannten Damen und -mit ihrem Sohne. Ihr Mann liebte diese Unternehmungen -nicht, er hatte Schmerzen im Knie und hinkte leicht. Ich -hatte keine Vorstellung davon, was mit ihm vorging: -entweder war ihm seine Frau lästig, oder er wollte frei -sein und sich einer, vielleicht mehr als einer der zugereisten -Damen zweifelhaften Rufes widmen. -</p> - -<p> -Aber bei allen unseren Begegnungen und Gesprächen -machte sie nie eine Andeutung, daß wir uns schon früher -gesehen hätten. Doch ich fühlte wohl, wie wir es beide -für zweifellos hielten, daß wir einander verstünden. In -dieser Situation trat mit einem Male ein ganz unvorhergesehener -Fall ein. -</p> - -<p> -An einem prächtigen Morgen war sie nicht erschienen, -um ihren Mann zum Brunnen zu begleiten. Er war auch -beim Kaffee allein und erzählte, daß ihr Anatol erkrankt -sei und daß seine Frau vor Kummer außer sich wäre. -</p> - -<p> -Um acht Uhr abends brachte mir mein Portier die -erschreckende Nachricht, daß in einem der Hotels ein -Kind an Diphtherie gestorben sei. Es war natürlich der -Sohn meiner Unbekannten. -</p> - -<p> -Ich gehöre nicht zu den überängstlichen Menschen, -nahm daher gleich meinen Hut und ging in das Hotel. -<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> -Mir schien aus irgendeinem Grunde, daß sich ihr Gemahl -allzu teilnahmslos verhalte, und dachte, wenn das kranke -Kind ihr Sohn sei, könne ihr vielleicht meine Hilfe oder -mein Beistand dienlich sein. -</p> - -<p> -Ich kam in ihr Hotel. Niemals werde ich vergessen, -was ich dort sah. Sie hatte dort zwei Zimmer. In dem -ersten, dem Empfangszimmer mit den roten Plüschmöbeln -stand mit aufgelöstem Haar und starren Augen meine Unbekannte. -Sie streckte ihre beiden Hände mit gespreizten -Fingern vor sich hin und verteidigte mit ihrem Körper -den Diwan, auf dem etwas mit einem weißen Laken Bedecktes -lag. Aus dem Laken sah ein kleiner, blau angelaufener -Fuß hervor, das war er, — der tote Anatol. An -der Türe standen zwei mir unbekannte Männer in grauen -Mänteln, vor ihnen eine Kiste, kein Sarg, sondern -eine Kiste von etwa zwei Arschin Tiefe, die bis zur Hälfte -mit etwas Weißem angefüllt war, das ich erst für Milch -oder Stärke hielt. Vor ihr standen ein Polizeikommissar -und ein Bürger mit irgendeinem Abzeichen. Alle sprachen -laut. Der Gatte der Dame war nicht zu Hause, sie war -allein, stritt, leistete Widerstand und rief, als sie mich -sah: -</p> - -<p> -»Mein Gott! Schützen Sie mich! Helfen Sie mir! Sie -wollen mir das Kind nehmen, sie wollen es nicht beerdigen -lassen. Es ist eben gestorben.« -</p> - -<p> -Ich wollte für sie eintreten, aber es wäre ganz zwecklos -gewesen, auch wenn wir die vier Menschen hätten überwältigen -können, die sie nun ohne alle Umstände und -ziemlich grob in das andere Zimmer stießen und die Türe -abschlossen, gegen die sie dann vergeblich unter entsetzlichem -Stöhnen mit den Fäusten schlug. Indessen nahmen -<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> -die Männer das Kind, das noch eben so blühend gewesen -war, versenkten es in die Kalklauge und gingen eilig mit -der Kiste fort. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-5"> -FÜNFTES KAPITEL -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>n den kleinen Badeorten und Städtchen sind Todesfälle -äußerst unbeliebt. Die Inhaber der Hotels und -möblierten Zimmer suchen nach Kräften solche Mieter -zu meiden, deren Gesundheitszustand sie einen baldigen -Tod befürchten läßt. -</p> - -<p> -In keinem dieser Städtchen sind Beerdigungsprozessionen -gestattet, und wenn ein Todesfall eintritt, so wird -er vor allen Unbeteiligten verheimlicht, und der Tote wird -ohne jede Beerdigungsfeier mit der Bahn fortgebracht. -</p> - -<p> -Ansteckende Krankheiten mit tödlichem Ausgange -kommen nur sehr selten vor, und in dem Ort, wo der -Sohn meiner Bekannten gestorben war, geschah es zum -erstenmal. Die Nachricht darüber verbreitete sich mit -unglaublicher Geschwindigkeit unter dem Publikum und -rief, besonders unter den Damen, panischen Schrecken -hervor. -</p> - -<p> -Die Ärzte des Ortes, die an einem solchen Platze stets -den führenden Stand ausmachen, gaben sich alle Mühe, -die aufgeregten Gemüter zu beruhigen, überboten einander -an Eifer, verzankten sich und bildeten zwei Lager. -Die einen, zu denen die beiden Ärzte gehörten, die das -Kind behandelt hatten, gaben zu, daß die Todesursache -tatsächlich Diphtherie gewesen sei, erklärten aber, daß -gegen die Ansteckungsgefahr alle notwendigen Maßnahmen -getroffen worden wären, daß sie in besonderen -<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> -Kleidern zu dem Kind gegangen seien und daß sie sich -nachher sorgfältig desinfiziert hätten. Zwei von ihnen -ließen sich sogar die Bärte abnehmen, um zu beweisen, wie -ernst sie die Sache nähmen. Die anderen aber, die überwiegende -Mehrzahl, behaupteten, der Fall sei ziemlich -zweifelhaft gewesen, führten sogar Gegenbeweise an und -beschuldigten ihre Kollegen, die Krankheit des Kindes -bedachterweise übertrieben zu haben. Daraus entstand -eine große, nutzlose Unruhe, die die Kranken um ihre -Ruhe brachte und mehr als alles andere die wirtschaftlichen -Interessen der Einwohner bedrohte. Diese zweite medizinische -Fraktion mißbilligte das rücksichtslose und schroffe -Vorgehen der Stadtverwaltung gegen Frau N., der man -das Kind mit räuberischer Gewalt entrissen hätte, fast noch -im Augenblick des Todes, ja vielleicht noch früher, noch -bevor die letzten Lebensfunken erloschen waren. Mit dem -Hinweis auf diese Rücksichtslosigkeit wollten die Ärzte -die Aufmerksamkeit des Publikums von sich auf die anderen -ablenken, deren Benehmen in der Tat ungewöhnlich -roh gewesen war. Aber das gelang ihnen nicht. Der -menschliche Egoismus pflegt in Augenblicken der Gefahr -besonders widerwärtig zu werden. Unter dem Publikum -fand sich niemand, der der traurigen Lage der unglücklichen -Mutter auch nur ein wenig Aufmerksamkeit -geschenkt hätte. — War es tatsächlich Diphtherie gewesen, -so waren keine Umstände am Platze, und je entschlossener -und fester die Beamten gehandelt haben, um -so besser war es. Man darf doch nicht die anderen der -Gefahr aussetzen! Man interessierte sich nur für das Eine: -wohin man die Kiste mit dem gefährlichen Toten gebracht -hatte. Aber die Nachricht darüber war beruhigend. Man -<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> -hatte die Kiste in den schwarzen Sumpf gebracht, aus -dem man früher den Heilschlamm für die Bäder holte. -Sie war an einer der tiefen Stellen des Sumpfes versenkt, -diese mit Steinen überschüttet und nochmals mit Kalklauge -übergossen worden. Sorgfältiger und energischer -konnte man wohl mit einer solchen Leiche kaum verfahren. -Nun begann aber die Vergeltung an dem Hotel, aus dem -fast die gesamten Insassen geflüchtet waren, mit Ausnahme -der Ärmeren, die sich den Luxus nicht leisten konnten, -das für den Monat vorausbezahlte Zimmer aufzugeben. -Das ganze Hotel mußte desinfiziert werden, jedenfalls -die Zimmer, die die Familie N. bewohnt hatte, sowie die -anstoßenden Räume. Ebenso mußte der Korridor desinfiziert -werden, durch den der Knabe gelaufen war, und -die Ecke des Speisesaales, in der die Familie N. ihre Mahlzeiten -eingenommen hatte. Das alles machte eine sehr -bedeutende Rechnung, wenn ich nicht irre, über dreihundert -Gulden, weil man es auch für notwendig hielt, die -Polstermöbel der drei Appartements zu verbrennen und -in den anderen Räumen die Gardinen, Teppiche und -Portieren durch neue zu ersetzen. Aus diesem Anlaß -wurden an Herrn N. vom Hotelinhaber Geldforderungen -gestellt. Die Stadtvertreter unterstützten die Rechte des -Besitzers und behaupteten, daß er trotz der geforderten -Entschädigung einen Verlust erleiden werde, da viele -Räume während der ganzen Saison leer stehen würden. -Auch für die Zukunft riskiere der Wirt einen großen -Teil seiner Gäste zu verlieren, da die meisten Besucher, -die erfahren hätten, daß in dem Hause ein Diphtheriefall -vorgekommen sei, das Hotel meiden würden. -</p> - -<p> -Forderungen dieser Art waren für die Kurgäste neu, -<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> -und alle interessierten sich für den Ausgang dieser Angelegenheit. -Die einen fanden die Forderung schikanös, -die anderen gerecht, jedoch viel zu hoch. Überall sprach -man darüber, und Herr N. wurde zu einer interessanten -Persönlichkeit. Es war erstaunlich, daß man ihn nicht -fürchtete. Aber man sprach mit ihm, weil man wußte, -daß er als kranker Mann sofort nach der Erkrankung -seines Sohnes sein Zimmer verlassen hatte und bis zu -dessen Tode nicht zurückgekehrt war. Nach seiner Frau -erkundigte sich niemand, und sie war während einiger -Tage nicht zu sehen. Man nahm an, daß sie abgereist -oder krank sei. Für die Leute, die sich für die Sitten des -Auslandes interessierten, stellte Herr N. eine sehr interessante -Persönlichkeit dar. Jeden Tag berichtete er, welche -Forderungen an ihn gestellt wurden und was er auf sie -geantwortet hätte. Er stellte nicht in Abrede, daß der -Hotelinhaber Verluste erlitten habe und daß der Tod -des Knaben tatsächlich die Ursache dieser Verluste sei, -aber er bestritt das Recht einer willkürlichen Zahlungsforderung -an ihn, die er nicht ohne Gerichtsbeschluß -begleichen wolle. -</p> - -<p> -»Nehmen wir an,« sagte er, »daß ich bezahlen muß, -aber das darf mir nicht durch irgendeinen Kommissar und -drei Kleinbürger erklärt werden, sondern durch einen -formellen Gerichtsbeschluß, dem ich mich unterwerfen -kann. Und außerdem, was bedeutet dieses Urteil: zahlen, -— schön, wenn ich die Mittel habe zu zahlen. Man -kann mir meinen Koffer nehmen, aber nicht mehr. Wenn -ein Armer an meiner Stelle gewesen wäre, so nehme ich -an, daß man mit ihm überhaupt nicht reden würde.« -</p> - -<p> -Alle waren mit dieser komplizierten Frage beschäftigt, -<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> -und um Herrn N. bildeten sich in einemfort Kreise, die -über seine Rechte und die ihn beschäftigenden Unannehmlichkeiten -diskutierten. Die Angelegenheit aber -wurde bald darauf friedlich beigelegt. Die Stadt wollte -die Sache nicht vor Gericht kommen lassen, weil dadurch -das Gerede über den Diphtheriefall noch größeren Umfang -angenommen hätte, und man entschloß sich, die -Angelegenheit durch ein friedliches Übereinkommen zu -erledigen, nach dem Herr N. nur die Rechnung des Desinfektionsunternehmers -bezahlen sollte. Damit wäre die -Angelegenheit erledigt gewesen, doch da trat plötzlich -ein neues Ereignis ein: Frau N., die acht Tage in dem -großen Hotelzimmer verbracht hatte, ging täglich an -den Sumpf, in den man die Kiste mit dem Körper ihres -Kindes geworfen hatte. Am neunten Tage kehrte sie -von diesem Gange nicht zurück. Man suchte sie vergeblich, -niemand hatte sie im Park oder im Walde gesehen. -Sie kam zu keiner ihrer Bekannten, trank in keinem der -Restaurants ihren Tee, sondern war einfach verschwunden. -Mit ihr waren auch die gußeisernen Hanteln verschwunden, -mit denen ihr Mann Zimmergymnastik trieb. -Vergeblich suchte man sie drei, vier Tage und begann -dann Verdacht zu schöpfen, sie habe sich vielleicht im -Sumpfe ertränkt. Wie es heißt, hat sich diese Annahme -später auch bestätigt. Ihren Leichnam, als er an die Oberfläche -gekommen war, hatte der Sumpf wieder hinuntergezogen. -So kam sie um. -</p> - -<p> -Das Ereignis war durch seine Tragik bemerkenswert, -vor allem durch die Ruhe, mit der dies alles vor sich gegangen -war. Die verschwundene Frau N. hatte weder -etwas Schriftliches noch sonst irgendwelche Anzeichen -<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> -ihres Entschlusses, ein Ende mit sich zu machen, hinterlassen; -Herr N. erregte viel Mitgefühl. Er selbst hüllte -sich bescheiden in ein kaltes und verschlossenes Schweigen. -Er sagte, es wäre am besten für ihn, wenn er abreisen -würde, reiste aber seiner schwachen Gesundheit halber, -die die Fortsetzung der Kur an dieser Heilquelle erforderte, -nicht ab. -</p> - -<p> -Wir vertrugen uns nur schlecht miteinander, augenscheinlich -waren wir Menschen mit sehr ungleichen -Charakteren. Ungeachtet dessen, daß ich um das Geheimnis -seiner Ehe wußte, das mich hätte veranlassen -sollen, ihn zu bemitleiden, war er mir weit widerwärtiger, -als seine Frau, die sich an ihm als Ehemann vergangen -hatte. Ich hatte keinen Grund, eine Annäherung mit ihm -zu wünschen, aber in einer für mich unverständlichen -Anwandlung würdigte er mich plötzlich seiner Aufmerksamkeit -und erwähnte in den Gesprächen, die sich zwischen -uns entspannen, oft und gern seine verstorbene -Frau. -</p> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="part"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="handheld-only"> -Im Original -g e s p e r r t -hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert. -</p> - -<p> -Die folgenden Fehler wurden, teilweise unter Verwendung der russischen -Originaltexte, wie hier aufgeführt korrigiert (vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... welche <span class="underline">neue</span> Wunder sich uns offenbarten, wie wir zuguterletzt ...<br /> -... welche <a href="#corr-1"><span class="underline">neuen</span></a> Wunder sich uns offenbarten, wie wir zuguterletzt ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Da</span> hast seine Seele hinausgelassen, wie eine Taube aus ...<br /> -... <a href="#corr-4"><span class="underline">Du</span></a> hast seine Seele hinausgelassen, wie eine Taube aus ...<br /> -</li> - -<li> -... Schnaps und einen <span class="underline">Füngziger</span>schein. Der Beamte mußte ...<br /> -... Schnaps und einen <a href="#corr-6"><span class="underline">Fünfziger</span></a>schein. Der Beamte mußte ...<br /> -</li> - -<li> -... ein sehr <span class="underline">unzermonieller</span> und überdies naiver ...<br /> -... ein sehr <a href="#corr-7"><span class="underline">unzeremonieller</span></a> und überdies naiver ...<br /> -</li> - -<li> -... die Favoritin der Favoritinnen, und ihr <span class="underline">Aufenhalt</span> im ...<br /> -... die Favoritin der Favoritinnen, und ihr <a href="#corr-8"><span class="underline">Aufenthalt</span></a> im ...<br /> -</li> - -<li> -... zu den <span class="underline">Füssen</span> des schlummernden Mädchens auf dem ...<br /> -... zu den <a href="#corr-9"><span class="underline">Füßen</span></a> des schlummernden Mädchens auf dem ...<br /> -</li> - -<li> -... und Sitten der Helden dieser <span class="underline">legendaren</span> Berichte ...<br /> -... und Sitten der Helden dieser <a href="#corr-10"><span class="underline">legendären</span></a> Berichte ...<br /> -</li> - -<li> - (mehrfache Fälle)<br /> -... den Heiligen Nikola und <span class="underline">Jurko</span> gründete. Aber Gott allein ...<br /> -... den Heiligen Nikola und <a href="#corr-11"><span class="underline">Jurka</span></a> gründete. Aber Gott allein ...<br /> -</li> - -<li> -... der Schubinskijs. Wenn sein <span class="underline">Geprächs</span>partner ...<br /> -... der Schubinskijs. Wenn sein <a href="#corr-15"><span class="underline">Gesprächs</span></a>partner ...<br /> -</li> - -<li> -... weder Demokrat <span class="underline">nach</span> Nationalist in unserem jetzigen ...<br /> -... weder Demokrat <a href="#corr-16"><span class="underline">noch</span></a> Nationalist in unserem jetzigen ...<br /> -</li> - -<li> -... der Reihe nach besinnen, <span class="underline">sonder</span> ein Stück war abgerissen, ...<br /> -... der Reihe nach besinnen, <a href="#corr-17"><span class="underline">sondern</span></a> ein Stück war abgerissen, ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">arretieren</span>. Geben Sie mir bitte Ihre Säbel, und wollen ...<br /> -... <a href="#corr-18"><span class="underline">arrestieren</span></a>. Geben Sie mir bitte Ihre Säbel, und wollen ...<br /> -</li> - -<li> -... der Kopf herausschaute, <span class="underline">schütteten</span> ihm Flaumfedern über ...<br /> -... der Kopf herausschaute, <a href="#corr-20"><span class="underline">schüttete</span></a> ihm Flaumfedern über ...<br /> -</li> - -<li> -... Ssasikow und <span class="underline">Owtschinikow</span> werden von vielen ...<br /> -... Ssasikow und <a href="#corr-21"><span class="underline">Owtschinnikow</span></a> werden von vielen ...<br /> -</li> - -<li> -... Schriftsteller <span class="underline">Bret-Hart</span> erzählt von einem Künstler, ...<br /> -... Schriftsteller <a href="#corr-22"><span class="underline">Bret Harte</span></a> erzählt von einem Künstler, ...<br /> -</li> - -<li> -... ich hier <span class="underline">erzählte</span>, hat sich zu Orjol in den Tagen meiner ...<br /> -... ich hier <a href="#corr-23"><span class="underline">erzähle</span></a>, hat sich zu Orjol in den Tagen meiner ...<br /> -</li> - -<li> -... durch eine <span class="underline">Neben</span>wolke hindurch blickte.« ...<br /> -... durch eine <a href="#corr-24"><span class="underline">Nebel</span></a>wolke hindurch blickte.« ...<br /> -</li> - -<li> -... sagte dem Regisseur, als dieser bestätigte, daß »<span class="underline">Liuba</span> die ...<br /> -... sagte dem Regisseur, als dieser bestätigte, daß »<a href="#corr-25"><span class="underline">Ljuba</span></a> die ...<br /> -</li> - -<li> -... Arkadij war es <span class="underline">ober</span> schon so zumute, daß er nicht mehr ...<br /> -... Arkadij war es <a href="#corr-26"><span class="underline">aber</span></a> schon so zumute, daß er nicht mehr ...<br /> -</li> - -<li> -... Als <span class="underline">Arkedij</span> den Namen seines Herrn hörte, fuhr er ...<br /> -... Als <a href="#corr-27"><span class="underline">Arkadij</span></a> den Namen seines Herrn hörte, fuhr er ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">durchnitten</span>.« ...<br /> -... <a href="#corr-28"><span class="underline">durchschnitten</span></a>.« ...<br /> -</li> - -<li> -... geheime <span class="underline">Verließe</span>, wo lebendige Menschen wie die Bären ...<br /> -... geheime <a href="#corr-29"><span class="underline">Verliese</span></a>, wo lebendige Menschen wie die Bären ...<br /> -</li> - -<li> -... Leuten <span class="underline">zu</span> Flucht verholfen hat. Wir geben ihm ein Geschenk, ...<br /> -... Leuten <a href="#corr-30"><span class="underline">zur</span></a> Flucht verholfen hat. Wir geben ihm ein Geschenk, ...<br /> -</li> - -<li> -... irgendeinen Rock und eine Jacke, denn es ist <span class="underline">ein</span> Schande, ...<br /> -... irgendeinen Rock und eine Jacke, denn es ist <a href="#corr-31"><span class="underline">eine</span></a> Schande, ...<br /> -</li> - -<li> -... »Mein Lieber, in den Kasten mit den <span class="underline">Kichengewändern</span> ...<br /> -... »Mein Lieber, in den Kasten mit den <a href="#corr-32"><span class="underline">Kirchengewändern</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... Siehst du, dort stand dieser Stall — erklärte <span class="underline">Lubow</span> Onissimowna, ...<br /> -... Siehst du, dort stand dieser Stall — erklärte <a href="#corr-33"><span class="underline">Ljubow</span></a> Onissimowna, ...<br /> -</li> - -<li> -... das <span class="underline">Gelübte</span> der Keuschheit der Frau gegenüber, der ...<br /> -... das <a href="#corr-35"><span class="underline">Gelübde</span></a> der Keuschheit der Frau gegenüber, der ...<br /> -</li> - -<li> -... Seit dem Begräbnis <span class="underline">Dostowjewskijs</span> und der von mir ...<br /> -... Seit dem Begräbnis <a href="#corr-36"><span class="underline">Dostojewskijs</span></a> und der von mir ...<br /> -</li> - -<li> -... Sie war es <span class="underline">zweiffellos</span>, und sie war klug genug, zu begreifen, ...<br /> -... Sie war es <a href="#corr-37"><span class="underline">zweifellos</span></a>, und sie war klug genug, zu begreifen, ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der versiegelte Engel und andere -Geschichten, by Nikolai Leskow - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VERSIEGELTE ENGEL UND *** - -***** This file should be named 50911-h.htm or 50911-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/9/1/50911/ - -Produced by Jens Sadowski -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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