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-The Project Gutenberg EBook of Ligeia und andere Novellen / Sieben Gedichte, by
-Edgar Allan Poe
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Ligeia und andere Novellen / Sieben Gedichte
- Ligeia / Berenice / Morella / Eleonora / Die Insel der Fee
- / Landors Landhaus / Der Herrschaftssitz Arnheim / Der
- Rabe / Annabel Lee / Ulalume / Die Glocken / Tamerlan /
- Das Kolosseum / Die Stadt im Meer
-
-Author: Edgar Allan Poe
-
-Illustrator: Alfred Kubin
-
-Translator: Gisela Etzel
- Theodor Etzel
-
-Release Date: January 10, 2016 [EBook #50887]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LIGEIA UND ANDERE NOVELLEN ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
- EDGAR ALLAN POE
- LIGEIA
- UND ANDERE NOVELLEN
- SIEBEN GEDICHTE
-
- EDGAR ALLAN POE
-
-
-
-
- LIGEIA
- UND ANDERE NOVELLEN
- ÜBERSETZT VON GISELA ETZEL
- SIEBEN GEDICHTE
- ÜBERSETZT VON THEODOR ETZEL
-
-
- MIT VIERZEHN BILDBEIGABEN
- VON
- ALFRED KUBIN
-
- BERLIN / IM PROPYLÄEN-VERLAG
-
- Alle Rechte vorbehalten
-
- Copyright 1920 by Propyläen-Verlag G. m. b. H. in Berlin
-
-
-
-
- LIGEIA
-
-
- Und es liegt darin der Wille, der
- nicht stirbt. Wer kennt die Geheimnisse
- des Willens und seine Gewalt? Denn
- Gott ist nichts als ein großer Wille, der
- mit der ihm eignen Kraft alle Dinge
- durchdringt. Der Mensch überliefert
- sich den Engeln oder dem Nichts einzig
- durch die Schwäche seines schlaffen
- Willens.
-
- Joseph Glanvill
-
-Bei meiner Seele! ich kann mich nicht erinnern, wie, wann und wo ich die
-erste Bekanntschaft machte -- der Lady Ligeia. Lange Jahre sind seitdem
-verflossen, und mein Gedächtnis ist schwach geworden durch vieles
-Leiden. Vielleicht auch kann ich mich dieser Einzelheiten nur darum
-nicht mehr erinnern, weil der Charakter meiner Geliebten, ihr
-umfassendes Wissen, ihre eigenartige und doch milde Schönheit und die
-überwältigende Beredsamkeit ihrer sanft tönenden Stimme -- weil dies
-alles zusammen nur ganz allmählich und verstohlen den Weg in mein Herz
-nahm, zu allmählich, als daß ich daran gedacht hätte, mir jene äußeren
-Umstände einzuprägen.
-
-Ich habe jedoch das Empfinden, als sei ich ihr zum ersten Mal und
-hierauf wiederholt in einer altertümlichen Stadt am Rhein begegnet. Und
-eins weiß ich bestimmt: sie erzählte mir von ihrer Familie, die sehr
-alten Ursprungs war. -- Ligeia! Ligeia! -- Trotzdem ich in Studien
-vergraben bin, deren Art mehr noch als alles andre dazu angetan ist,
-mich von Welt und Menschen abzusondern, genügt dies eine süße Wort
-»Ligeia«, um vor meinen Augen ihr Bild erstehen zu lassen -- das Bild
-von ihr, die nicht mehr ist. Und jetzt, während ich schreibe, überfällt
-mich urplötzlich das Bewußtsein, daß ich von ihr, meiner Freundin und
-Verlobten, der Gefährtin meiner Studien und dem Weib meines Herzens, den
-Namen ihrer Familie nie erfahren habe. War es ein schalkhafter Streich,
-den Ligeia mir gespielt hatte? War es ein Beweis meiner bedingungslosen
-Hingabe, daß ich nie eine Frage danach tat? Oder war es meinerseits eine
-Laune, ein romantisches Opfer, das ich auf den Altar meiner
-leidenschaftlichen Ergebenheit niedergelegt hatte? Der bloßen Tatsache
-sogar kann ich mich nur unklar erinnern -- was Wunder, daß ich die
-Gründe dafür vollständig vergessen habe! Und wirklich, wenn jemals der
-romantische Geist der bleichen und nebelbeschwingten Aschtophet des
-götzengläubigen Ägyptens, wie die Sage meldet, über unglückliche Ehen
-geherrscht hat, so ist es gewiß, daß er meine Ehe stiftete und
-beherrschte.
-
-Immerhin hat mich wenigstens in einem Punkt meine Erinnerung nicht
-verlassen: die Persönlichkeit Ligeias steht mir heute noch klar vor
-Augen. Sie war von hoher, schlanker Gestalt, in ihren letzten Tagen
-sogar sehr hager. Vergebliches Bemühen wäre es, wenn ich eine
-Beschreibung der Erhabenheit, der würdevollen Gelassenheit ihres Wesens
-oder der unvergleichlichen Leichtigkeit und Elastizität ihres Schreitens
-versuchen wollte. Sie kam und ging wie ein Schatten. War sie in mein
-Arbeitszimmer gekommen, so bemerkte ich ihre Anwesenheit nicht eher, als
-bis ich den lieben Wohlklang ihrer sanften, süßen Stimme vernahm oder
-ihre marmorweiße Hand auf meiner Schulter fühlte. Kein Weib auf Erden
-trug solche Schönheit im Antlitz wie sie! Strahlend schön war sie, wie
-die Erscheinung eines Opiumtraumes, wie eine göttliche, beseligende
-Vision -- göttlicher noch als die Traumgebilde, die durch die
-schlafenden Seelen der Töchter von Delos wehen. Doch waren ihre Züge
-keineswegs von jener Regelmäßigkeit, wie die klassischen Bildwerke des
-Heidentums sie aufweisen und die man mit Unrecht so übertrieben
-bewundert. »Es gibt keine auserlesene Schönheit«, sagt Bacon Lord
-Verulam da, wo er von allen Formen und Arten der Schönheit spricht,
-»ohne eine gewisse Seltsamkeit in der Proportion.« Aber wenn ich auch
-sah, daß die Züge Ligeias nicht von klassischer Regelmäßigkeit waren,
-wenn ich auch feststellte, daß ihre Schönheit in der Tat »auserlesen«
-war, und fühlte, daß viel »Seltsamkeit« in ihren Zügen lag, so habe ich
-doch vergebens versucht, dieser Unregelmäßigkeit auf die Spur zu kommen
-und meine Feststellung des »Seltsamen« zu begründen. Ich prüfte die
-Kontur der hohen und bleichen Stirn -- sie war fehlerlos. Wie kalt
-klingt doch dies Wort für eine so göttliche Majestät, für die wie
-reinstes Elfenbein schimmernde Haut, die gebieterische Breite und
-ruhevolle Harmonie dieser Stirn, die sanfte Erhöhung über den Schläfen,
-die eine üppige Fülle rabenschwarzer glänzender Locken umschmiegte --
-Locken, die das homerische Epitheton »hyazinthen« so wunderbar
-ausfüllten! -- Ich prüfte die feinen Linien der Nase: nirgends anders
-als auf althebräischen Medaillons hatte ich ebenso vollkommen Schönes
-gesehen; nur dort hatte ich eine gleich wundervolle Zartheit und
-dieselbe kaum wahrnehmbare Neigung zu sanfter Krümmung, dieselben
-harmonisch geschweiften Nasenflügel, die einen freien Geist verrieten,
-gefunden. -- Ich betrachtete den süßen Mund. Hier feierten alle
-Himmelswonnen ihr triumphierendes Fest: dieser entzückende Schwung der
-kurzen Oberlippe, diese weiche, wollüstige Ruhe der Unterlippe, diese
-tändelnden Grübchen, diese lockende Farbe, diese schimmernden Zähne, die
-jeden Strahl des heiligen Lichtes widerspiegelten, mit dem ihr heiteres
-und ruhevolles und gleichwohl frohlockendes Lächeln sie blendend
-schmückte. -- Ich prüfte die Form des Kinns und fand auch hier in seiner
-sanften Breite Majestät, Fülle und griechischen Geist -- fand die
-Kontur, die der Gott Apoll dem Kleomenes, dem Sohn des Atheners, im
-Traume nur enthüllte. -- Und dann vertiefte ich mich in Ligeias große
-Augen.
-
-Für Augen finden wir im fernen Altertum kein Vorbild. Es mochte sein,
-daß eben hier -- in den Augen meiner Geliebten -- das Geheimnis lag, von
-dem Lord Verulam spricht. Sie schienen mir weit größer als sonst die
-Augen unsrer Rasse. Sie waren üppiger als selbst die üppigsten Augen der
-Gazellen vom Stamme des Tales Nourjahad. Doch geschah es nur zuzeiten --
-in Augenblicken tiefster Erregung --, daß diese »Seltsamkeit«, von der
-ich vorhin sprach, deutlicher bei ihr wahrnehmbar wurde. Und in solchen
-Augenblicken war Ligeias Schönheit -- vielleicht kam es auch nur meiner
-erglühten Phantasie so vor -- die Schönheit von überirdischen oder
-unirdischen Wesen, die Schönheit der sagenhaften Huri der Türken. Von
-strahlendstem Schwarz waren ihre Pupillen und waren tief beschattet von
-sehr langen, jettschwarzen Wimpern. Die Brauen, deren Linien kaum
-merklich unregelmäßig waren, hatten die gleiche Farbe. Die Seltsamkeit
-aber, die ich in den Augen fand, lag nicht in Form, Farbe oder Glanz,
-sie muß wohl in ihrem Ausdruck gelegen haben. Ach, bedeutungsloses Wort!
-Leeres Wort, hinter dessen bloßem Klang wir uns mit unsrer Unkenntnis
-alles Geistigen verschanzen.
-
-Der Ausdruck von Ligeias Augen! O, wie viele Stunden habe ich ihm
-nachgesonnen! Wie habe ich eine ganze Mittsommernacht lang gerungen, ihn
-zu ergründen! Was war es, dies Etwas, das tief innen in den Pupillen
-meiner Geliebten verborgen lag, das unergründlicher war als die Quelle
-des Demokritos? Was war es? Ich war wie besessen von dem Verlangen, es
-zu entdecken. Diese Augen! Diese großen, diese schimmernden, diese
-göttlichen Augen! Sie wurden für mich die Zwillingssterne der Leda, und
-ich war ihr andächtigster Astrologe.
-
-Es gibt in der Psychologie viele unlösbare Rätsel, das unheimlichste
-aber und aufregendste von allen erschien mir stets die Tatsache -- die
-übrigens von den Psychologen kaum je erwähnt worden ist --, daß wir oft,
-wenn wir etwas längst Vergessenes wieder in unser Gedächtnis zurückrufen
-wollen, bis an die Schwelle des Erinnerns gelangen, ohne doch das, was
-sozusagen schon vor uns steht, wirklich festhalten zu können. Und wie
-oft, wenn ich den Augen Ligeias nachsann, fühlte ich mich der vollen
-Aufklärung über die Bedeutung ihres Ausdrucks ganz nahe: ich fühlte,
-diese Aufklärung war da -- gleich, gleich würde ich sie erfassen -- und
-da entschwebte sie wieder, noch ehe ich sie hatte festhalten können. Und
--- sonderbares, o sonderbarstes Mysterium! -- ich fand in den
-gewöhnlichsten Dingen von der Welt eine Reihe von Analogien zu diesem
-Ausdruck. Ich will damit sagen: nachdem Ligeias eigenartige Schönheit
-mir bewußt geworden war und nun im Altarschrein meines Herzens ruhte,
-lösten viele Erscheinungen der realen Welt dasselbe Empfinden in mir aus
-wie der Blick aus Ligeias großen, leuchtenden Augen. Trotzdem aber
-wollte es mir nicht gelingen, dies Empfinden zu ergründen oder zu
-zergliedern; auch überkam es mich nicht stets in der gleichen Stärke. Um
-mich näher zu erklären: jenes Gefühl erfüllte mich zum Beispiel beim
-Anblick einer schnell emporschießenden Weinrebe, bei der Betrachtung
-eines Nachtfalters, einer Schmetterlingspuppe, eines eilig strömenden
-Wasserlaufes. Ich habe es im Ozean gefunden und beim Fallen eines
-Meteors, sogar im Blick ungewöhnlich alter Leute. Und es gibt am
-Firmament ein paar Sterne, vor allem ein veränderliches Doppelgestirn
-sechster Größe nahe beim großen Stern der Leier, bei deren Betrachtung
-durch das Teleskop ich mich des nämlichen Gefühls nicht erwehren konnte.
-Gewisse Töne von Saiteninstrumenten und bestimmte Stellen in Büchern
-durchschauerten mich in ähnlicher Art. Unter zahllosen andern Beispielen
-erinnere ich mich besonders eines Ausspruchs, den ich bei Joseph
-Glanvill fand und der -- vielleicht nur wegen seiner Wunderlichkeit --
-immer wieder diese Stimmung in mir erweckte: »Und es liegt darin der
-Wille, der nicht stirbt. Wer kennt die Geheimnisse des Willens und seine
-Gewalt? Denn Gott ist nichts als ein großer Wille, der mit der ihm
-eignen Kraft alle Dinge durchdringt. Der Mensch überliefert sich den
-Engeln oder dem Nichts einzig durch die Schwäche seines schlaffen
-Willens.«
-
-Eifriges Nachdenken lange Jahre hindurch hat mir nun wirklich gewisse
-leise Beziehungen gezeigt zwischen diesem Ausspruch des englischen
-Philosophen und einem Teil von Ligeias Wesen. Es lebte in ihr ein
-unerhört starker Wille, der während unseres langen Zusammenlebens nie
-spontan zutage trat, sondern sich nur in einer unglaublichen Anspannung
-des Denkens, Tuns und Redens zu erkennen gab. Von allen Frauen, die ich
-je gekannt, war sie, die äußerlich ruhevolle, die stets gelassen milde
-Ligeia, wie keine andre die Beute der tobenden Geier grausamster
-Leidenschaftlichkeit. Und diese Leidenschaftlichkeit enthüllte sich mir
-nur im wundervollen Strahlen ihrer Augen, die mich gleichzeitig
-entzückten und entsetzten, in der fast zauberhaften Melodie, Weichheit,
-Klarheit und Würde ihrer sonoren Stimme und in der flammenden Energie,
-die in ihren seltsam gewählten Worten lag und die im Kontrast mit der
-Ruhe, mit der sie gesprochen wurden, doppelt wirkungsvoll war.
-
-Ich erwähnte schon das umfassende Wissen Ligeias: ihre Kenntnisse waren
-unermeßlich -- für eine Frau ganz unerhört. In allen klassischen
-Sprachen war sie Meister, und auch in den modernen Sprachen des
-Kontinents habe ich ihr, soweit ich selbst mit diesen Sprachen vertraut
-war, nie einen Fehler nachweisen können. Und gab es denn überhaupt
-irgendein Thema aus den Gebieten der höchsten und schwierigsten
-Wissenschaften, bei dem ich Ligeia jemals auf Unkenntnis oder Irrtum
-ertappt hätte? Wie sonderbar, wie schauerlich! Diese eine Seite nur vom
-Wesen meiner Frau ist meinem Gedächtnis heute noch erinnerlich. Ich
-sagte, an Wissen überragte sie weit alle anderen Frauen -- doch wo lebt
-der Mann, der die philosophische, physikalische und mathematische
-Wissenschaft in ihrer ganzen unermeßlichen Ausdehnung so verständnisvoll
-beherrscht hätte?! Damals sah ich noch nicht, was ich jetzt klar
-erkenne, daß dies Wissen Ligeias unglaublich, daß es gigantisch war.
-Doch blieb ich mir ihrer unendlichen Überlegenheit genügend bewußt, um
-mich mit kindlichem Vertrauen ihrer Führung durch die chaotische Welt
-metaphysischer Probleme, mit denen ich mich während der ersten Jahre
-unserer Ehe eifrig beschäftigte, zu überlassen. Mit welch ungeheurem
-Triumph -- mit welch lebhaftem Entzücken -- mit welch himmlischer
-Hoffnung konnte ich, wenn sie in diesem so unbekannten, so wenig
-gepflegten Studium sich helfend zu mir neigte, fühlen, wie vor mir der
-herrlichste Ausblick sich öffnete und ein in diese glänzenden Höhen
-führender, langer, köstlicher und noch ganz unbetretener Pfad sichtbar
-wurde, auf dem ich wohl endlich empor ans Ziel einer Weisheit gelangen
-durfte, die zu göttlich erhaben ist, um nicht verboten zu sein!
-
-Wie heftig muß da der Gram gewesen sein, mit dem ich einige Jahre später
-meine so festgegründeten Hoffnungen Flügel nehmen und sich
-davonschwingen sah! Ohne Ligeia war ich nichts als ein durch Dunkel
-tastendes Kind. Nur ihre Gegenwart, ihr Erklären brachte helles Licht in
-die vielen Mysterien des Transzendentalen, in die wir eingedrungen
-waren. Wenn den golden züngelnden Schriftzeichen der leuchtende Glanz
-ihrer Augen fehlte, wurden sie matter als stumpfes Blei. Und seltener
-und seltener fiel nun der Strahl dieser Augen auf die Blätter, über
-deren Inhalt ich brütete. Ligeia wurde krank. Die herrlichen Augen
-strahlten in übernatürlichen Flammen, die bleichen Hände wurden
-wachsfarben wie bei einem Toten, und die blauen Adern auf der hohen
-Stirn hoben sich und pochten ungestüm bei der geringsten Aufregung. Ich
-sah, daß sie sterben mußte -- und mein Geist rang verzweifelt mit dem
-grimmen Azrael.
-
-Noch angestrengter als ich -- rang zu meinem Erstaunen das
-leidenschaftliche Weib. So manches in ihrer ernsten Natur hatte in mir
-den Glauben gezeitigt, daß für sie der Tod keine Schrecken haben werde
--- doch dem war nicht so. Es gibt keine Worte, die auch nur annähernd
-die Wildheit ihres Widerstandes beschreiben könnten, den sie dem
-Schatten Tod entgegensetzte. Ich stöhnte gequält bei diesem
-mitleiderregenden Anblick. Ich wollte besänftigen, aber gegenüber der
-unheimlichen Gewalt, mit der sie nur leben -- nur leben -- nichts als
-leben wollte, schienen Trost und Zuspruch unsäglich albern. Aber
-trotzdem sich ihr feuriger Geist so wild gebärdete, bewahrte sie die
-Hoheit ihres äußeren Wesens bis zum letzten Augenblick, dem Augenblick
-des Todeskampfes. Ihre Stimme wurde noch sanfter -- wurde noch tiefer --
-dennoch möchte ich jetzt bei dem grausigen Sinn der Worte, die sie in
-aller Ruhe sprach, nicht nachdenkend verweilen. Mein Geist, der diesen
-überirdischen Tönen hingerissen lauschte -- diesem Hoffen und Ringen,
-dieser gewaltigen Sehnsucht, wie nie zuvor ein Sterblicher sie fühlte --
-taumelte und verwirrte sich.
-
-Daß sie mich liebte, daran hatte ich nie gezweifelt, auch konnte ich mir
-wohl sagen, daß die Liebe eines solchen Herzens nicht mit gewöhnlichem
-Maß zu messen sei. Aber erst in ihrem Sterben erhielt ich von der wahren
-Kraft ihrer Liebe den vollen Eindruck. Lange Stunden hielt sie meine
-Hand und schüttete vor mir das Überfluten eines Herzens aus, dessen mehr
-als leidenschaftliche Ergebenheit an Anbetung grenzte. Wie hatte ich es
-verdient, mit solchen Bekenntnissen gesegnet zu werden? Und wie hatte
-ich es verdient, durch den Verlust der Geliebten verdammt zu werden --
-in der nämlichen Stunde, da sie mir diese Bekenntnisse machte? Doch ich
-kann es nicht ertragen, von diesen Dingen zu sprechen. Nur eines laßt
-mich sagen: ich erkannte in Ligeias mehr als weiblicher Hingabe an eine
-Liebe, die ich, ach, gar so wenig verdiente, den wahren Grund für ihr so
-tiefes, so wildes Begehren nach dem Leben -- dem Leben, das jetzt so
-eilend entfloh. Für dies wilde Sehnen, für diese Gier und Gewalt des
-Verlangens nach Leben -- nur nach Leben -- finde ich keine
-Ausdrucksmöglichkeit; keine Worte gibt es, die es sagen könnten.
-
-In der Nacht ihres Scheidens ließ sie mich nicht von ihrer Seite. In
-tiefster Mitternachtsstunde bat sie mich, ihr einige Verse herzusagen,
-die sie selbst wenige Tage vorher verfaßt hatte. Ich gehorchte. Hier
-sind sie:
-
- O schaut, es ist festliche Nacht
- Inmitten einsam letzter Tage!
- Ein Engelchor, schluchzend, in Flügelpracht
- Und Schleierflor, sieht zage
- Im Schauspielhaus ein Schauspiel an
- Von Hoffnung, Angst und Plage,
- Derweil das Orchester dann und wann
- Musik haucht: Sphärenklage.
-
- Schauspieler, Gottes Ebenbilder,
- Murmeln und brummeln dumpf
- Und hasten planlos, immer wilder,
- Sind Puppen nur und folgen stumpf
- Gewaltigen, düsteren Dingen,
- Die umziehn ohne Form und Rumpf
- Und dunkles Weh aus Kondorschwingen
- Schlagen voll Triumph.
-
- Dies närrische Drama! -- O fürwahr,
- Nie wird's vergessen werden,
- Nie sein Phantom, verfolgt für immerdar
- Von wilder Rotte rasenden Gebärden,
- Verfolgt umsonst -- zum alten Fleck
- Kehrt stets der Kreislauf neu zurück --,
- Und nie die Tollheit, die Sünde, der Schreck
- Und das Grausen: die Seele vom Stück.
-
- Doch sieh, in die mimende Runde
- Drängt schleichend ein blutrot Ding
- Hervor aus ödem Hintergrunde
- Der Bühne -- ein blutrot Ding.
- Es windet sich! -- windet sich in die Bahn
- Der Mimen, die Angst schon tötet;
- Die Engel schluchzen, da Wurmes Zahn
- In Menschenblut sich rötet.
-
- Aus -- aus sind die Lichter -- alle aus!
- Vor jede zuckende Gestalt
- Der Vorhang fällt mit Wetterbraus,
- Ein Leichentuch finster und kalt.
- Die Engel schlagen die Schleier zurück,
- Sind erbleicht und entschweben im Sturm;
- »Mensch« nennen sie das tragische Stück,
- Seinen Helden »Eroberer Wurm«.
-
-»O Gott!« schrie Ligeia, sprang vom Bett auf und reckte die Arme empor.
-»Gott! Gott! O göttlicher Vater! Muß das immer unabänderlich so sein?
-Soll dieser Sieger nie, niemals besiegt werden? Sind wir nicht Teil und
-Teile von dir? Wer -- wer kennt die Geheimnisse des Willens und seine
-Gewalt? Der Mensch überliefert sich den Engeln oder dem Nichts einzig
-durch die Schwäche seines schlaffen Willens.«
-
-Und nun, wie von innrer Bewegung überwältigt, ließ sie die weißen Arme
-sinken und kehrte feierlich auf ihr Sterbebett zurück. Und als sie die
-letzten Seufzer hauchte, kam gleichzeitig ein leises Murmeln von ihren
-Lippen. Ich legte das Ohr an ihren Mund und vernahm wieder die
-Schlußworte des Glanvillschen Ausspruchs: »Der Mensch überliefert sich
-den Engeln oder dem Nichts einzig durch die Schwäche seines schlaffen
-Willens.«
-
-Sie starb. Und ich, der vom Gram völlig zermalmt war, konnte nicht
-länger die einsame Verlassenheit meiner Behausung in der düsteren und
-verfallenen Stadt am Rhein ertragen. Ich hatte keinen Mangel an dem, was
-die Welt »Besitz« nennt; Ligeia hatte mir viel mehr, o sehr viel mehr
-gebracht, als für gewöhnlich einem Sterblichen zufällt. So kam es, daß
-ich nach einigen Monaten planlosen und ermüdenden Umherwanderns in einer
-der wildesten und abgelegensten Gegenden des schönen England eine alte
-Abtei, deren Namen ich nicht nennen möchte, käuflich erwarb und instand
-setzte. Die düstre und traurige Majestät des Gebäudes, die unglaubliche
-Verwilderung der Ländereien, die vielen melancholischen und
-altehrwürdigen Erinnerungen, die sich an beide knüpften, hatten viel
-gemein mit dem Gefühl äußerster Verlassenheit, das mich in jenen
-entlegenen und unwirtlichen Teil des Landes getrieben hatte. An dem
-Abteigebäude selbst mit seinem verwitterten, unter blühendem Grün
-verborgenen Mauerwerk nahm ich keine Veränderungen vor, dagegen widmete
-ich mich mit kindischem Eigensinn und wohl auch in der schwachen
-Hoffnung, meinen Kummer dadurch zu zerstreuen, der Ausstattung der
-Innenräume und entfaltete hier eine ganz ungewöhnliche Pracht. Ich hatte
-schon als Kind Geschmack an solchen Torheiten gefunden, und jetzt, da
-mich mein Kummer wieder hilflos machte, stellte sich jener kindliche
-Trieb von neuem ein. Ach, ich fühle, wieviel Spuren von
-Geistesverwirrung sogar in den prunkhaften und phantastischen Draperien,
-in den feierlichen ägyptischen Schnitzereien, in den grotesken Möbeln,
-in den tollen Mustern der goldgewirkten Teppiche zu finden waren. Ich
-lag, ein gefesselter Sklave, in den Banden des Opiums, und meine
-Handlungen und Anordnungen hatten den Charakter meiner Träume
-angenommen. Doch ich will nicht bei der Beschreibung dieser Torheiten
-verweilen, laßt mich nur von jenem einen verfluchten Gemach sprechen, in
-das ich in einem Anfall von geistiger Umnachtung sie als mein
-angetrautes Weib führte -- als die Nachfolgerin der unvergessenen Ligeia
--- sie, die blondhaarige und blauäugige Lady Rowena Trevanion of
-Tremaine.
-
-Selbst die unbedeutendste Einzelheit in Architektur und Ausstattung
-dieses Brautgemachs steht mir noch jetzt deutlich vor Augen. Was dachten
-sich nur die goldgierigen, hochmütigen Angehörigen meiner Braut, als sie
-einem so geliebten Mädchen, einer so geliebten Tochter gestatteten, die
-Schwelle eines derart ausgeschmückten Brautgemachs zu überschreiten.
-
-Trotzdem leider so manche tief bedeutsamen Dinge meinem Gedächtnis
-entschwanden, so sind mir doch, wie ich schon sagte, die geringsten
-Einzelheiten dieses Zimmers gegenwärtig; ich erinnere mich ihrer,
-obgleich in diesem phantastischen Prunk kein System, kein Halt war, an
-die mein Erinnern sich hätte klammern können. Das Zimmer lag in einem
-hohen Turm der burgartig gebauten Abtei; es war ein fünfeckiger Raum von
-beträchtlicher Größe. Die ganze Südseite des Fünfecks nahm das einzige
-Fenster ein, eine ungeteilte, riesige Scheibe venezianischen Glases von
-bleifarbener Tönung, so daß Sonnenlicht wie Mondglanz über die
-Gegenstände des Zimmers nur einen gespenstischen Schein gossen. Der obre
-Teil dieser ungeheuren Fensterscheibe wurde durch das Rankenwerk eines
-uralten Weinstocks, der an den massigen Mauern des Turmes
-emporkletterte, dunkel beschattet. Das düstere Eichenholz der
-außerordentlich hoch gewölbten Zimmerdecke war mit Schnitzereien in halb
-gotischem, halb druidenhaftem Stil überladen. Genau aus dem Mittelpunkte
-dieser melancholischen Wölbung hing an einer einzigen goldenen,
-langgegliederten Kette ein mächtiger, goldener Kronleuchter in Form
-eines Weihrauchbeckens, mit sarazenischem Bildwerk geschmückt. Dieser
-Kronleuchter hatte rundum viele Öffnungen, aus denen wie lebhafte
-Schlangen fortwährend die buntesten Flammen züngelten.
-
-Ein paar Ottomanen und goldene orientalische Kandelaber waren im Raum
-verteilt. Und da stand auch das Lager, das Brautbett! Es war nach einem
-indischen Modell gearbeitet; es war niedrig und aus massivem Ebenholz
-geschnitzt und von einem Baldachin, der einem Bahrtuch glich, überdacht.
-In jeder Ecke des Zimmers stand aufrecht ein riesiger, schwarzgranitener
-Sarkophag, den unsterbliche Skulpturen schmückten. Diese Sarkophage
-stammten aus den Königsgräbern von Luxor. Aber noch mehr als in allem
-andern waltete meine unheimliche Phantasie in der Wandverkleidung des
-Gemachs. Die unverhältnismäßig hohen Wände waren von der Decke bis zum
-Fußboden mit faltenreichem schwerem Goldstoff verhangen -- demselben
-Stoff, der als Fuß- und Ottomanenteppich, als Bettdecke und Baldachin
-sowie als prunkhafter Überhang der einen Teil des Fensters
-überschattenden Vorhänge Verwendung gefunden hatte. Dieser Goldstoff
-trug in unregelmäßigen Zwischenräumen arabeskenartige Figuren von einem
-Fuß Durchmesser, die aus tiefschwarzem Stoff gearbeitet waren. Aber nur
-von einer einzigen Stelle aus betrachtet schienen diese Figuren nichts
-als Arabesken zu sein. Infolge eines heute allgemein bekannten
-Verfahrens, das man jedoch schon im frühen Altertum anwendete, boten sie
-dem Beschauer von jeder Seite ein andres Bild. Wenn man das Zimmer
-betrat, erschienen sie einfach nur wie Monstrositäten, je mehr man sich
-ihnen aber näherte, desto bestimmtere Gestalt nahmen sie an, und Schritt
-für Schritt, je nach dem vom Beschauer gewählten Standpunkt, sah man
-sich von einer wechselnden Prozession gespensterhafter Wesen umringt,
-wie etwa der Aberglaube der Normannen sie ersonnen hat oder ein Mönch in
-sündenhaftem Traum sie erschauen mag. Der gespenstische Eindruck wurde
-noch erhöht durch einen künstlich hinter die Draperien geführten
-ununterbrochenen Luftzug, der dem Ganzen eine rastlose und abscheuliche
-Lebendigkeit verlieh.
-
-In solchem Raum also, in solchem Brautgemach verlebte ich mit Lady
-Rowena of Tremaine die gottlosen Stunden unsres Honigmonds -- ohne viel
-Aufregung. Daß mein Weib vor meiner Übellaunigkeit Furcht hatte, daß sie
-mir aus dem Wege ging und mir nur wenig Liebe entgegenbrachte, konnte
-mir nicht entgehen, aber gerade dies freute mich mehr, als wenn es
-anders gewesen wäre.
-
-Ich verabscheute sie, ich haßte sie, mit einer Inbrunst, die geradezu
-teuflisch war. Mein Erinnern floh, o, mit welch tiefem Leidgefühl! zu
-Ligeia zurück, der Geliebten, der Hehren, der Schönen, der Begrabenen!
-Ich schwelgte im Gedenken ihrer Reinheit und Weisheit, ihres erhabenen,
-ihres himmlischen Wesens, ihrer leidenschaftlichen, ihrer anbetenden
-Liebe. Jetzt lohte in meiner Seele noch wildre, noch heißere Flamme, als
-sie in ihr, in Ligeia, gebrannt hatte. In den Ekstasen meiner
-Opiumträume -- ich lag fast immer im Bann dieses Giftes -- rief ich
-wieder und wieder ihren Namen durch das Schweigen der Nacht oder bei Tag
-durch die schattigen Schluchten der Landschaft. Es war, als ob das wilde
-Verlangen, die tiefernste Leidenschaft, das verzehrende Feuer meiner
-Sehnsucht nach der Dahingegangenen sie auf den irdischen Pfad
-zurückführen müßten, den sie -- ach konnte es denn für ewig sein? --
-verlassen hatte.
-
-Gegen Beginn des zweiten Monats unsrer Ehe wurde Lady Rowena plötzlich
-von einer Krankheit befallen, von der sie nur langsam genas. Zehrendes
-Fieber machte ihre Nächte unruhig, und in ihrem aufgeregten
-Halbschlummer redete sie von gespenstischen Lauten und Schatten, die im
-Turmzimmer und in seiner nächsten Umgebung sich vernehmen, sich sehen
-ließen. Ich hielt diese Äußerungen natürlich für Einbildungen einer
-kranken Phantasie, die allerdings durch das unheimliche Zimmer geweckt
-sein konnte. Sie erholte sich schließlich wieder -- und genas endlich
-völlig. Doch nur für kurze Zeit; denn bald warf ein zweiter, heftigerer
-Anfall sie von neuem aufs Krankenlager. Und von diesem Rückfall erholte
-sie, die ohnedies von zarter Gesundheit war, sich nie mehr vollständig.
-Die Krankheitserscheinungen, die dem zweiten Anfall folgten, waren sehr
-beunruhigend und spotteten aller Wissenschaft und allen Bemühungen der
-Ärzte. Mit dem Anwachsen ihres chronischen Leidens, das ersichtlich
-schon tiefer wurzelte, als daß man ihm mit Medikamenten erfolgreich
-hätte beikommen können, bemerkte ich auch eine Steigerung ihrer nervösen
-Reizbarkeit und ihres schreckhaften Entsetzens bei ganz nichtigen
-Anlässen. Sie sprach wieder -- und häufiger und hartnäckiger jetzt --
-von den Lauten, den ganz leisen Lauten, und von den seltsamen Schatten,
-die sich an den Wänden regten.
-
-In einer Nacht, es war gegen Ende September, wies sie meine
-Aufmerksamkeit mit mehr als gewöhnlichem Nachdruck auf diese peinigenden
-Ängste hin. Sie war soeben aus unruhigem Schlummer erwacht, und ich
-hatte -- halb in Besorgnis und halb in Entsetzen -- das Arbeiten der
-Muskeln in ihrem abgemagerten Gesicht beobachtet. Ich saß seitwärts von
-ihrem Ebenholzbett auf einer der indischen Ottomanen. Sie richtete sich
-halb auf und sprach in eindringlichem leisen Flüstern von Lauten, die
-sie jetzt vernahm, die ich aber nicht hören konnte -- von Bewegungen,
-die sie jetzt sah, die ich aber nicht wahrnehmen konnte. Der Wind wehte
-hinter der Wandverkleidung in hastigen Zügen, und ich hatte die Absicht,
-ihr zu zeigen (was ich allerdings, wie ich bekenne, selbst nicht ganz
-glauben konnte), daß dieses kaum vernehmbare Atmen, daß diese ganz
-geringen Verschiebungen der Gestalten an den Wänden nur die natürliche
-Folge des Luftzuges seien. Doch ein tödliches Erbleichen ihrer Wangen
-ließ mich einsehen, daß meine Bemühungen, sie zu beruhigen, fruchtlos
-sein würden. Sie schien ohnmächtig zu werden, und keiner der Dienstleute
-war in Rufnähe. Da erinnerte ich mich einer Flasche leichten Weines, den
-die Ärzte ihr verordnet hatten, und eilte quer durchs Zimmer, um sie zu
-holen. Doch als ich unter den Flammen des Weihrauchbeckens angekommen
-war, erregten zwei sonderbare Umstände meine Aufmerksamkeit. Ich fühlte,
-daß ein unsichtbares, doch greifbares Etwas leicht an mir
-vorbeistreifte, und ich sah, daß auf dem goldenen Teppich, genau in der
-Mitte des reichen Glanzes, den die Ampel darauf niederwarf, ein Schatten
--- ein schwacher, undeutlicher, geisterhafter Schatten lag; so zart war
-er, daß man ihn für den Schatten eines Schattens hätte halten können.
-Aber ich war infolge einer ungewöhnlich großen Dosis Opium sehr
-aufgeregt und achtete dieser Erscheinungen kaum, erwähnte sie auch
-Rowena gegenüber nicht.
-
-Ich fand den Wein, schritt quer durchs Zimmer ans Bett zurück, füllte
-ein Kelchglas und brachte es an die Lippen der nahezu ohnmächtigen
-Kranken. Sie hatte sich ein wenig erholt und ergriff selbst das Glas;
-ich sank auf die nächste Ottomane und sah gespannt zu meinem Weib
-hinüber. Da geschah es, daß ich deutlich einen leisen Schritt über den
-Teppich zum Lager hinschreiten hörte, und eine Sekunde später, als
-Rowena den Wein an die Lippen führte, sah ich -- oder träumte, daß ich
-es sah --, wie, aus einer unsichtbaren Quelle in der Atmosphäre des
-Zimmers kommend, drei oder vier große Tropfen einer strahlenden,
-rubinroten Flüssigkeit in den Kelch fielen. Ich nur sah dies -- Rowena
-sah es nicht. Sie trank den Wein ohne Zögern, und ich unterließ es, ihr
-von der Erscheinung zu sprechen, die, wie ich mir nach reiflicher
-Überlegung sagte, vielleicht nur eine Vorspiegelung meiner lebhaften
-Einbildungskraft gewesen sein mochte, die durch die Äußerungen der
-Leidenden, durch das Opium und durch die späte Nachtstunde krankhaft
-erregt sein mußte.
-
-Dennoch konnte ich mir nicht verhehlen, daß die Krankheit meiner Frau,
-nachdem sie den Becher geleert hatte, eine rapide Wendung zum
-Schlimmsten nahm. Und in der dritten Nacht darauf kleideten die
-Dienerinnen Lady Rowena in das Leichengewand -- und in der vierten Nacht
-saß ich allein bei ihrem Leichnam in dem seltsamen Gemach, in das sie
-als meine Braut eingetreten war.
-
-Wilde Visionen, eine Folge des Opiumgenusses, umschwebten mich wie
-Schatten. Meine Blicke musterten unruhig die in den Ecken des Zimmers
-aufgestellten Sarkophage, die veränderlichen Gestalten des Wandteppichs
-und die züngelnden, buntfarbigen Flammen des Weihrauchbeckens mir zu
-Häupten. Ich erinnerte mich der sonderbaren Erscheinungen jener Nacht,
-in der über Rowenas Leben entschieden worden war, und blickte
-unwillkürlich auf die vom Ampellicht bestrahlte Stelle des Teppichs, wo
-ich damals den schwachen Schein eines Schattens bemerkt hatte. Es ließ
-sich jedoch nichts mehr sehen, und ich wandte mich aufatmend ab und
-heftete meine Blicke auf das bleiche und starre Antlitz der
-Aufgebahrten. Da überfielen mich tausend liebe Erinnerungen an Ligeia,
-und über mein Herz stürzte mit der Wucht eines Gießbaches das ganze
-unsagbare Weh, mit dem ich sie im Leichentuch gesehen hatte. Die Stunden
-gingen, und immer noch saß ich und starrte Rowena an, das Herz
-geschwellt vom Gedenken an die eine Einzige, die himmlisch Geliebte.
-
-Es mochte gegen Mitternacht sein -- vielleicht etwas früher oder später,
-ich hatte der Zeit nicht geachtet --, als ein leiser, zarter, aber
-deutlich wahrnehmbarer Seufzer mich aus meinen Träumen aufschreckte. Ich
-fühlte, daß er vom Ebenholzbett her kam -- vom Totenbett. Ich lauschte
-in angstvollem, abergläubischem Entsetzen -- aber der Laut wiederholte
-sich nicht. Ich strengte meine Augen an, um irgendeine Bewegung des
-entseelten Körpers wahrzunehmen -- nicht die mindeste Regung war zu
-entdecken. Dennoch konnte ich mich nicht getäuscht haben. Ich hatte das
-Geräusch, wie schwach es auch gewesen sein mochte, tatsächlich
-vernommen, und meine Seele war erwacht und lauschte. Ich heftete meine
-Augen durchdringend und mit aller Willenskonzentration auf den
-Totenleib. Viele Minuten vergingen, ehe sich auch nur das geringste
-ereignete, das Licht in dies Geheimnis bringen konnte. Endlich sah ich
-ganz deutlich, daß ein leiser, ein ganz schwacher und kaum wahrnehmbarer
-Hauch sowohl die Wangen wie auch die eingesunkenen feinen Adern der
-Augenlider gerötet hatte. Ein namenloses Grausen, eine wahnsinnige
-Furcht, für die es keine Worte gibt, ließ mich auf meinem Sitz zu Stein
-erstarren und lähmte das Pulsen meines Herzens. Und doch gab mir
-schließlich ein gewisses Pflichtgefühl meine Selbstbeherrschung zurück.
-Ich konnte nicht länger daran zweifeln, daß wir in unserm Vorgehen allzu
-voreilig gewesen waren, ich konnte nicht länger daran zweifeln -- daß
-Rowena lebte. Man mußte sofort Wiederbelebungsversuche anstellen. Doch
-der Turm lag ganz abseits von den andern Gebäuden, in denen die
-Dienerschaft untergebracht war -- keiner der Leute befand sich in
-Hörweite -- wollte ich sie zu meiner Hilfe herbeiholen, so hätte ich das
-Zimmer auf viele Minuten verlassen müssen -- das aber durfte ich nicht
-wagen. Ich bemühte mich daher allein, die Seele, die noch nicht ganz
-entflohen schien, wieder ins Leben zu rufen. Aber schon nach kurzer Zeit
-war ersichtlich ein Rückfall eingetreten; die Farbe verschwand von
-Wangen und Augenlidern, die nun bleicher noch als Marmor erschienen. Die
-Lippen schrumpften ein und kniffen sich zusammen und trugen den
-gräßlichen Ausdruck des Todes; eine widerliche, klebrige Kälte breitete
-sich schnell über den ganzen Leib, der überdies vollständig steif und
-starr wurde. Schaudernd sank ich auf das Ruhebett zurück, von dem ich in
-so fassungslosem Schreck aufgescheucht worden war, und gab mich von
-neuem leidenschaftlichen, wachen Visionen hin, in denen ich Ligeia vor
-mir sah.
-
-So war eine Stunde verstrichen, als ich -- konnte es möglich sein? --
-ein zweites Mal von der Gegend des Bettes her einen schwachen Laut
-vernahm. Ich lauschte in höchstem Grauen. Der Ton wiederholte sich -- es
-war ein Seufzer. Ich eilte zur Leiche hin und sah -- sah deutlich --,
-daß die Lippen zitterten. Eine Minute später öffneten sie sich und
-legten eine Reihe perlenschöner Zähne bloß. Zu der tiefen Furcht, die
-mich bis jetzt gebannt hielt, gesellte sich nun auch Bestürzung. Ich
-fühlte, wie es dunkel vor meinen Augen wurde, wie meine Gedanken
-wanderten, und nur durch ganz gewaltige Anstrengung gelang es mir, mich
-für die Aufgabe, auf die mich die Pflicht nun wiederum hinwies, zu
-stählen. Sowohl auf der Stirn wie auf Wangen und Hals war jetzt ein
-sanftes Glühen zu bemerken, eine fühlbare Wärme durchdrang den ganzen
-Körper, am Herzen ließ sich sogar ein leichter Pulsschlag spüren. Die
-Tote lebte, und mit doppeltem Eifer unterzog ich mich den
-Wiederbelebungsversuchen. Ich rieb und benetzte die Schläfen und die
-Hände und wendete alles an, was Erfahrung und eine gute Belesenheit in
-medizinischen Dingen erdenken konnten. Doch vergeblich. Plötzlich
-verschwand die Farbe, der Pulsschlag hörte auf, die Lippen nahmen wieder
-den Ausdruck des Todes an, und einen Augenblick danach hatte der Körper
-die frostige Eiseskälte, den bleiernen Farbton, die vollkommene Starre,
-die eingesunkenen Formen und all die widerlichen Eigenschaften dessen,
-der schon seit vielen Tagen ein Bewohner des Grabes gewesen war.
-
-Und wieder sank ich in Träume von Ligeia -- und wieder -- was Wunder,
-daß ich beim Schreiben jetzt noch schaudre -- wieder drang vom
-Ebenholzbett her ein leiser Seufzer an mein Ohr. Aber warum soll ich die
-unaussprechlichen Schrecken jener Nacht in allen Einzelheiten schildern?
-Warum soll ich darüber nachsinnen, wie ich es ausmalen könnte, wie bis
-zur Morgendämmerung dies fürchterliche Drama des Wiederbelebens und des
-Wiederabsterbens sich fortsetzte, wie jeder schreckliche Rückfall einen
-tiefren, unlöslicheren Tod bedeutete, wie jede Agonie wie ein Ringen mit
-einem unsichtbaren Feind erschien und wie jeder Kampf ich weiß nicht was
-für eine gräßliche Veränderung in der Erscheinung des Körpers nach sich
-zog? Laßt mich zum Schluß eilen.
-
-Der größte Teil der furchtbaren Nacht war dahingegangen, und sie, die
-tot gewesen, rührte sich wieder. Und die Lebenszeichen waren jetzt
-kräftiger als bisher, obgleich sie kurz zuvor in eine Auflösung gesunken
-war, die gräßlicher schien als alle früheren. Ich hatte es schon längst
-aufgegeben, mich zu bemühen, mich überhaupt noch zu rühren. Ich saß
-erstarrt auf der Ottomane -- eine hilflose Beute wilder Aufregungen,
-deren am wenigsten schreckliche, am wenigsten aufreibende wohl eine
-maßlose Angst war. Der Leichnam, ich wiederhole es, rührte sich, und
-zwar lebhafter als bisher. Die Farben des Lebens schossen mit
-unglaublicher Energie ins Antlitz, die Glieder wurden wieder beweglich,
-und wenn die Augenlider nicht noch immer fest geschlossen geblieben
-wären, wenn der Leib nicht noch immer still in seinen Grabtüchern und
-Bändern dagelegen hätte, so hätte ich glauben müssen, daß Rowena sich
-endgültig aus den Fesseln des Todes befreit habe. Doch wenn bis dahin
-dieser Gedanke noch entschieden zurückgewiesen werden mußte, so
-schwanden alle Zweifel, als nun das leichentuchumhüllte Wesen vom Bette
-aufstand und schwankend, unsicheren Schrittes, mit geschlossenen Augen
-und mit dem Gebaren eines Traumwesens, doch körperlich sichtbar und
-fühlbar, sich in die Mitte des Zimmer vorbewegte.
-
-Ich zitterte nicht -- ich rührte mich nicht -- denn eine Fülle
-unaussprechlicher Empfindungen, die sich an das Aussehen, die Gestalt
-und ihre Bewegungen knüpften, hatte mein Hirn überfallen und mich ganz
-gelähmt. Ich rührte mich nicht -- doch meine Blicke hingen an der
-Erscheinung. Meine Gedanken taumelten wie im Wahnsinn -- tobten und
-ließen sich nicht halten und bändigen. Konnte das wirklich die lebende
-Rowena sein, die mir da gegenüberstand? Konnte es überhaupt Rowena sein
--- die blondhaarige, blauäugige Lady Rowena Trevanion of Tremaine?
-Warum, warum sollte ich es bezweifeln? Die Binde lag fest um den Mund --
-aber warum sollte es nicht der Mund, der atmende Mund der Lady of
-Tremaine sein? Und die Wangen -- sie trugen Rosen wie im Mittag ihres
-Lebens -- ja, das waren wohl sicher die schönen Wangen der lebenden Lady
-of Tremaine. Und das Kinn, das Kinn mit den Grübchen der Gesundheit, war
-es nicht das ihre? -- Aber war sie denn in ihrer Krankheit gewachsen?
-Welch unaussprechlicher Wahnsinn faßte mich bei dem Gedanken? Ein
-Sprung, und ich lag zu ihren Füßen! Sie wich meiner Berührung aus, und
-die gräßlichen Leintücher, die den Kopf umschlossen hatten, lösten sich
-und fielen nieder -- und in die wehende Atmosphäre des Gemachs strömten
-gewaltige Wogen aufgelösten Haares: es war schwärzer als die
-Rabenschwingen der Mittnacht! Und nun öffneten sich langsam die Augen
-der Gestalt, die dicht vor mir stand. »Hier, hier endlich«, schrie ich
-laut, »kann ich mich niemals -- niemals irren: dies sind die großen und
-die schwarzen und die wilden Augen -- meiner verlorenen Geliebten -- die
-Augen der Lady -- der Lady Ligeia!«
-
-
-
-
- BERENICE
-
-
- Dicebant mihi sodales, si sepulcrum
- amicae visitarem, curas meas aliquantulum
- fore levatas.
-
- Ebn Zaiat
-
-Mannigfach sind Trübsal und Not. Unglück und Gram sind vielgestaltig auf
-Erden. Gleich dem Regenbogen spannt sich das Unglück von Horizont zu
-Horizont, und gleich den Farben des Regenbogens sind seine Farben
-vielfältig und scharf abgegrenzt und dennoch innig miteinander verwoben.
-Wie kommt es, daß Schönheit mir zum Kummer wurde, daß selbst aus
-Friedsamkeit ich nur Gram zu schöpfen wußte? Doch wie die Ethik lehrt,
-daß das Böse eine Konsequenz des Guten sei, so lehrt uns das Leben, daß
-die Freude die Trauer gebiert. Entweder ist die Erinnerung vergangener
-Seligkeit die Pein unseres gegenwärtigen Seins, oder die Qualen, die
-sind, haben ihren Ursprung in den Wonnen, die gewesen sein könnten.
-
-Mein Taufname ist Egäus, meinen Familiennamen will ich verschweigen.
-Doch gibt es keine Burg im Lande, die stolzer und ehrwürdiger wäre als
-mein Stammschloß mit seinen düstern, grauen Hallen. Man hat unser
-Geschlecht ein Geschlecht von Hellsehern genannt. Und dieser Glaube
-wurde bestärkt durch allerlei Sonderlichkeiten im Baustil des
-Herrenhauses, in den Fresken des Hauptsaales, in den Wandteppichen der
-Schlafgemächer, in den Ornamenten einiger Gewölbepfeiler der
-Waffenhalle, besonders aber in der Galerie alter Gemälde, in Form und
-Ausstattung des Bibliothekzimmers und schließlich auch in seinen äußerst
-seltsamen Bücherschätzen selbst.
-
-Die Erinnerung an meine frühesten Lebensjahre ist mit jenem Zimmer und
-seinen Büchern, von denen ich nichts Näheres mehr sagen will, innig
-verknüpft. Hier starb meine Mutter. Hier wurde ich geboren. Doch es ist
-überflüssig, zu sagen, daß ich schon früher gelebt, daß meine Seele
-schon ein früheres Dasein gehabt hatte. Ihr leugnet es? Nun, wir wollen
-nicht streiten. Selbst überzeugt, suche ich nicht zu überzeugen. Jedoch
--- ich habe ein Erinnern an luftzarte Gestalten, an geisterhafte,
-bedeutsame Augen, an harmonische, doch trauervolle Laute; ein Erinnern,
-das sich nicht bannen läßt, ein Erinnern, das einem Schatten gleich sich
-nicht von meiner Vernunft loslösen läßt, solange ihr Sonnenlicht
-bestehen wird.
-
-In jenem Zimmer also wurde ich geboren. Da ich solcherweise, aus der
-langen Nacht des scheinbaren Nichts erwachend, in ein wahres Märchenland
-eintrat, in einen Palast von Vorstellungen und Träumen, in die
-wunderlichen Reiche klösterlich einsamen Denkens und Wissens, so ist es
-nicht erstaunlich, daß ich mit überraschten, brennenden Blicken in diese
-Welt starrte, daß ich meine Knabenjahre im Durchstöbern von Büchern
-vergeudete, meine Jünglingszeit in Träumen verschwendete. Erstaunlich
-aber ist es, welch ein Stillstand über die sprudelnden Quellen meines
-Lebens kam, als die Jahre dahingingen und auch mein Mannesalter mich
-noch im Stammhaus meiner Väter sah; erstaunlich, welch vollständige
-Umwandlung mit meinem Wesen, mit meinem ganzen Denken vor sich ging. Die
-Realitäten des Lebens erschienen mir wie Visionen und immer nur wie
-Visionen, während die wunderlichen Ideen aus Traumlanden nicht nur
-meinem täglichen Leben Inhalt gaben, sondern ganz und gar zu meinem
-täglichen Leben selber wurden.
-
- * * * * *
-
-Berenice war meine Kusine, und wir wuchsen zusammen in den Hallen meiner
-Väter auf. Doch wir entwickelten uns sehr verschieden: ich schwächlich
-von Gesundheit und dem Trübsal verfallen, sie ausgelassen, anmutig und
-von übersprudelnder Lebenskraft; ihrer warteten die spielenden Freuden
-draußen in freier Natur, meiner die ernsten Studien in klösterlicher
-Einsamkeit. Ich lauschte und lebte nur meinem eignen Herzen und ergab
-mich mit Leib und Seele dem angestrengtesten und qualvollsten
-Nachdenken; sie schlenderte sorglos durchs Leben und achtete nicht der
-Schatten, die auf ihren Weg fielen, und nicht der rabenschwarzen
-Schwingen, mit denen die Stunden schweigend entflohen. Berenice! Ich
-beschwöre ihren Namen herauf -- und aus den grauen Trümmern des
-Gedenkens erheben sich jäh tausend ungestüme Erinnerungen! Ah,
-leibhaftig steht ihr Bild jetzt vor mir, so wie in den jungen Tagen
-ihrer Leichtherzigkeit und ihres Frohsinns! O wundervolle, himmlische
-Schönheit! O Sylphe, die durch die Gebüsche Arnheims schwebte! O Najade,
-die seine Quellen und Bäche belebte! Und dann, dann wird alles
-grauenvolles Geheimnis, wird zu seltsamer Spukgeschichte, die
-verschwiegen werden sollte. Krankheit, verhängnisvolle Krankheit befiel
-ihren Körper; plötzlich -- vor meinen Augen fast -- brach die Zerstörung
-über sie herein, durchdrang ihren Geist, ihr Gebaren, ihren Charakter
-und vernichtete mit schrecklicher, unheimlicher Gründlichkeit ihr ganzes
-Wesen, ihre ganze Persönlichkeit! Weh! Der Zerstörer kam und ging! Und
-das Opfer -- wo blieb es? Ich kannte es nicht mehr -- erkannte es nicht
-mehr als Berenice!
-
-Unter der Gefolgschaft dieser ersten verderbenbringenden Krankheit, die
-eine so gräßliche Umwandlung in Körper und Seele meiner Kusine
-herbeiführte, ist als quälendste und hartnäckigste Erscheinung eine Art
-Epilepsie zu nennen, die nicht selten in Starrsucht endete -- in
-Starrsucht, die endgültiger Auflösung täuschend ähnlich sah. Das
-Erwachen aus diesem Zustand war in den meisten Fällen erschreckend jäh.
-
-Inzwischen nahm meine eigne Erkrankung -- denn als solche, sagte man
-mir, sei mein Zustand anzusehen -- mehr und mehr Besitz von mir und
-entwickelte sich zu einer neuartigen und äußerst seltsamen Monomanie,
-die von Stunde zu Stunde an Stärke zunahm und schließlich unerhörte
-Macht über mich gewann. Diese Monomanie -- wenn ich so sagen muß --
-bestand in einer krankhaften Reizbarkeit jener geistigen Eigenschaft,
-die man mit Auffassungsvermögen bezeichnet.
-
-Es ist mehr als wahrscheinlich, daß ich nicht verstanden werde; aber ich
-fürchte in der Tat, daß es ganz unmöglich ist, dem Verständnis des
-Durchschnittslesers einen auch nur annähernden Begriff davon zu geben,
-mit welcher nervösen interessierten Hingabe bei mir die Kraft des
-Nachdenkens (um Fachausdrücke zu vermeiden) sich eifrig betätigte, sich
-verbiß und vergrub in die Betrachtung sogar der allergewöhnlichsten
-Dinge von der Welt.
-
-Ich konnte stundenlang von der belanglosesten Textstelle oder Randglosse
-eines Buches gefesselt werden; ich konnte den größten Teil eines
-Sonnentages damit zubringen, irgendeinen schwachen Schatten zu
-beobachten, der über eine Wand oder den Fußboden hinzog; ich konnte eine
-ganze Nacht lang das stille Lampenlicht betrachten oder dem Flammenspiel
-des Kaminfeuers zuschauen; ganze Tage verträumte ich über dem Duft einer
-Blüte, oder ich sprach irgendein monotones Wort so lange vor mich hin,
-bis es keinen Sinn mehr hatte und nur noch Klang zu sein schien; ich
-verlor jedes Bewußtsein meiner physischen Existenz, indem ich mich
-vollkommner Ruhe hingab, mich nicht rührte und regte und halsstarrig
-stundenlang so verweilte. Dies sind einige der häufigsten und
-harmlosesten Grillen, die mich plagten -- die Folge eines
-Geisteszustandes, der vielleicht gar nicht so selten ist, sicherlich
-aber jeder Analyse oder Erklärung spottet.
-
-Doch man darf mich nicht mißverstehen. Die an so nichtige Dinge
-gehängte, tief ernste, krankhaft übertriebne Aufmerksamkeit ist nicht
-mit jenem Hang zu Grübeleien zu verwechseln, den mehr oder weniger wohl
-alle Menschen besitzen und der besonders Leuten von starker
-Einbildungskraft eigentümlich ist. Es war nicht einmal, wie man
-leichthin hätte annehmen können, ein besonders übertriebnes Stadium
-dieses Hinträumens, sondern etwas ganz und gar anderes. Jene Träumer und
-Phantasten, die von irgendeinem meist wirklich interessanten Gegenstande
-angezogen werden, verlieren dieses ursprüngliche Objekt bald aus den
-Augen, weil sein Anblick eine ganze Gedankenkette in ihnen aufrollt und
-eine Unzahl von Folgerungen und Betrachtungen in ihnen erweckt, und wenn
-sie dann aus solchen -- meist angenehmen -- Träumereien erwachen, so ist
-der Gegenstand, der diese Träumereien veranlaßte, ihrem Bewußtsein
-völlig entschwunden. In meinem Falle jedoch war es stets ein ganz
-nichtiger Gegenstand, an den meine Betrachtung sich knüpfte, wenngleich
-er infolge meines krankhaft intensiven Anschauungsvermögens vielfältige
-und übertriebne Bedeutsamkeit bekam. Meine Gedanken schweiften nur wenig
-ab und kehrten stets eigensinnig wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück.
-Diese Grübeleien waren niemals angenehm, und wenn sie endeten, so hatte
-der Gegenstand, von dem sie ausgingen, für mich ein unnatürlich
-gesteigertes Interesse bekommen, und eben dies war es, was den
-charakteristischen Zug meines Übels ausmachte. Kurz gesagt: in meinem
-Fall handelte es sich um ein abnorm konzentriertes Anschauungsvermögen,
-während das Wachträumen normaler Menschen auf ein Analysieren und
-Folgern hinausläuft.
-
-Wenn auch die Bücher, mit denen ich mich damals beschäftigte, diesen
-krankhaften Zustand nicht gerade hervorgerufen hatten, so trug ihr
-phantastischer und oft unlogischer Inhalt immerhin viel dazu bei, mein
-Leiden so eigenartig auszubilden. Ich erinnere mich unter anderm gut der
-Abhandlung des edlen Italieners Coelius Secundus Curio »De Amplitudine
-Beati Regni Dei«, des großen Werkes des heiligen Augustinus »Die Stadt
-Gottes« und ferner des Tertullian »De Carne Christi«, in welchem der
-paradoxe Satz: »Mortuus est Dei filius; credibile est quia ineptum est;
-et sepultus resurrexit; certum est quia impossibile est«, mich zu
-tiefem, fruchtlosem Nachsinnen veranlaßte und viele Wochen lang meine
-Zeit gänzlich in Anspruch nahm.
-
-So konnte mein Verstand, den nur die trivialsten Dinge aus dem
-Gleichgewicht brachten, mit jenem Meeresfelsen verglichen werden, von
-dem Ptolomäus Hephästion sagt, daß er allen menschlichen Angriffen
-widerstand, ja selbst der heftigen Wut von Wind und Wellen trotzte, der
-aber erbebte, sobald er mit der Blume Asphodelos berührt wurde. Ein
-oberflächlicher Beurteiler möchte wohl nun mit Bestimmtheit annehmen,
-daß die Veränderung, die Berenices unglückselige Krankheit in ihrem
-Seelenzustand hervorgerufen hatte, mir häufig Gelegenheit für dies
-intensive und anormale Nachsinnen gegeben hätte, das ich soeben nach
-bestem Können zu beschreiben versucht habe -- aber nein, dies war in
-keiner Weise der Fall. In meinen klaren Stunden bereitete mir ihr Leiden
-allerdings Schmerz, denn dieser völlige Zusammenbruch ihres heitren und
-edlen Lebens ging mir tief zu Herzen, und ich fragte mich oft bekümmert,
-welch grauenhafte Mächte einen so unerhörten Umsturz hatten herbeiführen
-können. Aber solche Betrachtungen hingen mit meiner Idiosynkrasie nicht
-zusammen, sie waren ganz so, wie sie unter analogen Umständen weitaus
-die meisten Menschen würden angestellt haben. Es ist vielmehr
-bezeichnend für die Eigenart meines Übels, daß mich die unwichtigere,
-doch augenfälligere Wandlung in Berenices physischem Zustand -- diese
-sonderbare und grauenhafte Vernichtung ihrer wirklichen, sichtbarlichen
-Persönlichkeit -- weit mehr fesselte.
-
-Sicherlich habe ich sie in den strahlenden Tagen ihrer unvergleichlichen
-Schönheit nie geliebt. Infolge meiner seltsamen Anomalie waren meine
-Gefühle nie vom Herzen -- waren meine Neigungen stets vom Verstand
-ausgegangen. Im frühen Morgengrau -- im schattigen Gitterwerk des
-mittäglichen Waldes -- nächtens in der Stille meines Studierzimmers --
-wann und wo sie mir je vor Augen trat, immer war es mir, als sei sie
-nicht die lebende, atmende Berenice, sondern eine Traumgestalt; sie
-erschien mir nicht als ein irdisches Geschöpf, sondern als die
-Abstraktion eines solchen -- nicht als etwas, das man bewundern, sondern
-als etwas, dem man nachsinnen müsse -- nicht als ein Wesen zum Lieben,
-sondern als ein Thema zu tiefgründigem Erforschen. Und jetzt -- jetzt
-schauderte ich bei ihrem Nahen und erbleichte bei ihrem Anblick. Aber
-ich beklagte ihren Verfall bitter, und ich erinnerte mich, daß sie mich
-seit langem liebte, und so kam es, daß ich ihr in einer schlimmen Stunde
-von Heirat sprach.
-
-Und als die Zeit nahte, da wir Hochzeit halten wollten, saß ich an einem
-Winternachmittag eines jener wunderbar warmen, stillen und umschleierten
-Tage, die man die Amme des schönen Eisvogels nennt[1], wie ich vermeinte
-ganz allein im innern Gemach der Bibliothek; aber als ich aufblickte,
-sah ich Berenice vor mir stehen.
-
-War es meine eigne fiebernde Einbildungskraft oder eine Wirkung der
-dunstigen Atmosphäre oder das trübe Dämmerlicht im Zimmer oder der
-Faltenfluß ihres grauen Gewandes, was ihr so verschwommene Konturen gab?
-Ich konnte es nicht sagen. Sie sprach kein Wort, und ich -- nicht um
-alles in der Welt hätte ich ein Wort hervorbringen können. Ein eisiger
-Frost durchrieselte mich; eine unerträgliche Angst befiel mich; eine
-verzehrende Neugier durchdrang meine Seele; ich sank in meinen Sitz
-zurück und verharrte regungslos und hielt den Atem an und heftete meine
-Augen durchdringend auf ihre Gestalt. Ach, sie war entsetzlich
-abgemagert! Nicht eine einzige Linie, nicht eine einzige Kontur verriet
-noch eine Spur ihrer früheren Persönlichkeit. Meine brennenden Blicke
-fielen schließlich auf ihr Antlitz.
-
-Die Stirn war hoch und sehr bleich und sonderbar starr, und war über den
-hohlen Schläfen von zahllosen Löckchen des einst pechschwarzen Haares
-beschattet, das jetzt von lebhaftem Gelb war und dessen phantastische
-Ringel mit der souveränen Melancholie des Antlitzes seltsam
-kontrastierten. Die Augen waren ohne Leben und ohne Glanz und
-anscheinend ohne Pupillen, und ich schauderte unwillkürlich vor ihrem
-glasigen, starren Ausdruck zurück und wandte mich der Betrachtung der
-dünnen und eingesunkenen Lippen zu. Sie teilten sich zu einem sonderbar
-bedeutungsvollen Lächeln und enthüllten meinem Blick langsam der
-veränderten Berenice Zähne. Wolle Gott, daß ich sie nie gesehen hätte
-oder daß ich, nachdem ich sie sah, gestorben wäre!
-
- * * * * *
-
-Das Schließen einer Tür schreckte mich auf, und aufblickend bemerkte
-ich, daß meine Kusine das Gemach verlassen hatte. Aber in der wüsten
-Kammer meines Gehirns war etwas zurückgeblieben: das weiße Gespenstbild
-ihrer Zähne -- und das ließ sich nicht mehr vertreiben. Das flüchtige
-Lächeln von Berenices Lippen hatte genügt, jedes Schattenfleckchen auf
-dem schimmernden Email, jede Einkerbung der Schneiden -- kurz jedes
-kleinste Merkmal ihrer Zähne tief in mein Gedächtnis einzubrennen. Ich
-sah sie jetzt sogar deutlicher als vorhin, da ich sie wirklich vor Augen
-hatte. Die Zähne! -- Die Zähne! -- Sie waren hier, waren dort, waren
-überall -- sichtbar und greifbar vor mir; lang, schmal und übermäßig
-weiß, umwunden von den bleichen Lippen -- ganz so, wie in jenem
-Augenblick, da jenes verhängnisvolle Lächeln sie zuerst enthüllte.
-
-Dann kam meine Monomanie mit voller Wut über mich, und ich wehrte mich
-vergeblich gegen ihre unerklärliche, bezwingende Gewalt. Alle
-Gegenstände und Ereignisse um mich her schienen zu versinken -- ich
-hatte nur noch Gedanken für diese Zähne. Nach ihnen trug ich ein
-wahnsinniges Verlangen. Die Welt und alles, was mich mit ihr verband,
-schwanden hin vor diesem einen, einzigen Bild. Sie, die Zähne, sie
-allein waren meinem geistigen Auge gegenwärtig -- und sie, in ihrer
-ausgesprochenen Individualität, wurden zum einzigen Gedanken meines
-Geistes. Ich hielt sie in jede Beleuchtung. Ich betrachtete sie von
-allen, allen Seiten. Ich studierte ihren Charakter. Ich verweilte bei
-ihren einzelnen Eigentümlichkeiten. Ich vertiefte mich in die
-Übereinstimmungen und Abweichungen, die die Zähne in ihrer Formbildung
-aufwiesen. Ich entsetzte mich, als ich ihnen in Gedanken die Fähigkeit
-sinnlichen Empfindens und, auch ohne daß die Lippen sie unterstützen,
-seelisches Ausdrucksvermögen zuschrieb. Von Mademoiselle Salle hat man
-mit Recht gesagt: »que tous ses pas étaient des sentiments«, und von
-Berenice glaubte ich weit überzeugter: que tous ses dents étaient des
-idées. Des idées! -- ah, war dies der idiotische Gedanke, der mich
-zugrunde richten sollte? Des idées -- ah, das war es, weshalb ich diese
-Zähne so wahnsinnig begehrte! Ich fühlte, daß einzig ihr Besitz mir
-Frieden bringen -- mich der Vernunft zurückgeben konnte.
-
-Und so wurde es Abend -- und Nacht kam und verweilte und ging -- und
-wieder dämmerte der Tag -- und die Nebel einer zweiten Nacht sammelten
-sich rings -- und immer noch saß ich regungslos in jenem einsamen Zimmer
--- und immer noch saß ich in Betrachtungen vergraben -- und immer noch
-übte das Gespenst der Zähne, das da mit lebhafter und gräßlicher
-Deutlichkeit im Wechsel von Licht und Schatten durchs Zimmer schwebte,
-seine schreckliche Gewalt.
-
-Da brach in meine Traumversunkenheit ein Ruf voll Grausen und
-Bestürzung, und nach einer Pause vernahm ich Geräusch banger Stimmen,
-untermischt mit Klagelauten des Schmerzes. Ich erhob mich von meinem
-Sitz, und als ich die Tür zum Vorzimmer aufwarf, fand ich dort eine
-Magd, die mir in Tränen aufgelöst berichtete, daß Berenice nicht mehr
-sei! Sie war am frühen Morgen einem Anfall von Epilepsie erlegen, und
-jetzt, beim Hereinbrechen der Nacht, wartete das Grab auf seinen
-Bewohner; alle Vorbereitungen zur Bestattung waren beendet.
-
- * * * * *
-
-Ich fand mich im Bibliothekzimmer sitzend -- und wieder allein dort
-sitzend. Es schien, als sei ich wiederum aus einem wirren und
-aufregenden Traum erwacht. Ich wußte, daß jetzt Mitternacht war, und ich
-wußte recht gut, daß man Berenice bei Sonnenuntergang in die Erde
-gebettet hatte. Doch von den nachfolgenden dunklen Stunden hatte ich
-keine bestimmte und klare Erinnerung. Dennoch gedachte ich ihrer voll
-Grauen -- einem Grauen, das um so entsetzlicher war, als ich es nicht an
-bestimmte Vorgänge zu binden vermochte. Es war in den Aufzeichnungen
-meines Lebens das furchtbarste Blatt, über und über mit dunklen,
-gräßlichen und unfaßbaren Erinnerungen bekritzelt. Ich versuchte, sie zu
-entziffern, aber es war unmöglich, und zwischendurch -- wie das Gespenst
-eines verklungenen Rufes -- gellte hin und wieder der schrille und
-durchdringende Schrei einer weiblichen Stimme mir in die Ohren. Ich
-hatte irgend etwas getan -- was war es? Ich stellte mir laut diese
-Frage, und die flüsternden Echos des Zimmers antworteten mir -- »was war
-es?«
-
-Auf dem Tisch neben mir brannte eine Lampe, und daneben lag eine kleine
-Schachtel. Sie hatte durchaus nichts Auffallendes, und ich hatte sie
-schon manchmal gesehen, denn sie war Eigentum des Hausarztes; wie aber
-kam sie hier auf meinen Tisch, und warum schauderte ich, wenn ich sie
-ansah? Diese Fragen wollten sich in keiner Weise beantworten lassen.
-Meine Blicke fielen schließlich auf den unterstrichenen Satz eines offen
-vor mir liegenden Buches. Es waren die sonderbaren, doch einfachen Worte
-des Dichters Ebn Zaiat: »Dicebant mihi sodales, si sepulcrum amicae
-visitarem, curas meas aliquantulum fore levatas.« -- Warum nur standen
-mir die Haare zu Berge, als ich dies las, warum erstarrte mir das Blut
-in den Adern?
-
-Es wurde leise an die Tür geklopft, und bleich wie der Tod trat ein
-Diener auf Zehenspitzen herein. Seine Blicke waren voll wahnsinnigen
-Entsetzens, und er sprach bebend zu mir mit gedämpfter, heiserer Stimme.
-Was sagte er? Einige abgerissene Sätze hörte ich. Er sprach von einem
-wilden Schrei, der das Schweigen der Nacht gebrochen habe -- daß das
-Hausgesinde zusammengeströmt sei -- daß man in der Richtung des Schreies
-auf die Suche gegangen sei; und dann wurde seine Stimme unheimlich
-deutlich, als er von Grabschändung redete -- von einem aus dem Sarg
-gerissenen, entstellten Körper, der noch atmete -- noch pulste -- noch
-lebte!
-
-Er deutete auf meine Kleider: sie waren von Erde beschmutzt und mit Blut
-bespritzt. Ich sagte nichts, und er ergriff sanft meine Hand: sie trug
-frische Kratzwunden von Fingernägeln. Er lenkte meine Aufmerksamkeit auf
-einen an die Wand gelehnten Gegenstand: es war ein Spaten. Mit schrillem
-Aufschrei sprang ich an den Tisch und riß die Schachtel an mich, die
-dort lag. Aber es wollte mir nicht gelingen, sie zu öffnen. Und sie
-entglitt meinen zitternden Händen und schlug hart zu Boden und sprang in
-Stücke. Und heraus rollten klappernd zahnärztliche Instrumente und
-zweiunddreißig kleine, weiße, elfenbeinschimmernde Dinger und
-verstreuten sich rings auf den Fußboden ...
-
-[Fußnote 1: Denn da Jupiter während der Winterzeit zweimal sieben Tage
-Wärme schenkt, so haben die Menschen diese milde und gemäßigte Zeit die
-Amme des schönen Eisvogels genannt. -- Simonides]
-
-
-
-
- MORELLA
-
-
- [Griechisch: Auto kath' auto meth' autou,
- mono eides aiei on.]
-
- Plato, Symposion
-
-Ein Gefühl tiefer, jedoch höchst seltsamer Zuneigung verband mich mit
-meiner Freundin Morella. Ein Zufall war's, der mich vor vielen Jahren
-mit ihr zusammenführte, aber seit unserer ersten Begegnung brannte meine
-Seele in fremder, entfesselter Glut. Das war nicht die Flamme des Eros,
-das war ein seltsam wilder Seelenbrand, und bitter und qualvoll war
-meinem Geist die wachsende Überzeugung, daß ich das rätselhafte Wesen
-dieser Gluten auf keine Weise zu ergründen noch ihr Aufflammen und
-Niedersinken zu beherrschen vermochte.
-
-Und das Schicksal, das uns zueinander geführt hatte, band uns am Altar
-zusammen. Doch sprach ich nie ein Wort, das Leidenschaft gewesen wäre,
-dachte nie einen Gedanken, der Liebe bedeutet hätte. Morella aber floh
-jede Geselligkeit und schloß sich innig an mich an und machte mich
-glücklich -- denn Staunen und Träumen ist Glück.
-
-Morellas Gelehrsamkeit war unergründlich. Bei meinem Leben! ihre
-vielseitige Begabung war geradezu übernatürlich -- ihre Verstandeskräfte
-waren gigantisch! Ich wußte das und wurde in vielen Dingen ihr Schüler.
-Es begann damit, daß sie mir eine Anzahl jener mystischen Schriften
-vorlegte, die man gemeiniglich nur als den Abschaum der frühen deutschen
-Literatur ansieht. Das Studium dieser Werke bildete -- aus mir
-unverständlichen Gründen -- ihre liebste und andauernde Beschäftigung,
-und daß es auch die meine wurde, ist einfach dem unwiderstehlichen
-Einfluß von Beispiel und Gewohnheit zuzuschreiben.
-
-Mit alledem hatte, wenn ich nicht irre, mein Verstand wenig zu schaffen.
-Soviel ich weiß, stimmte meine Weltanschauung durchaus nicht mit den
-Idealen dieser Leute überein, und auch in meinem Tun und Denken war
-keine Spur von ihrem Mystizismus zu entdecken. Ich wenigstens hatte
-diese Überzeugung und überließ mich daher ruhig und blindlings der
-Führung meiner Frau, der ich unerschrocken in allen ihren Studien
-folgte. Und dann -- dann, wenn ich, über geächtete, verderbliche Blätter
-gebeugt, fühlte, wie ein verderblicher Geist sein Feuer in mir
-entzündete, kam Morella und legte ihre kalte Hand auf meine heiße Hand
-und entfachte aus der Asche einer toten Philosophie irgendwelche fast
-bedeutungslosen, doch eigentümlichen Worte, deren seltsamer Sinn sich
-flammend in mein Gedächtnis grub. Und dann -- dann ging ich Stunde um
-Stunde nicht von ihrer Seite und berauschte mich am Wohlklang ihrer
-Stimme, bis diese mir zum Überdruß und schließlich zum Entsetzen wurde
-und schwarze Schatten sich auf meine Seele lagerten und bis ich
-erbleichte und tief im Innern vor den fast überirdischen Lauten
-schauderte. Und so wurden plötzlich Glück und Freude zu Entsetzen und
-namenlosem Abscheu, und Schönheit weckte Grauen, so wie einst aus dem
-Tale Hinnom das Gehenna geworden war.
-
-Es ist unnötig, über die einzelnen Probleme, die jene alten Bücher in
-uns anregten und die lange, lange Zeit fast das einzige Thema unserer
-Gespräche bildeten, viel zu sagen. Alle die, welche etwas von
-»theologischer Moral« verstehen, kennen diese Fragen gut, und jene, die
-darin unerfahren sind, würden mich sicherlich kaum verstehen. Der wilde
-Pantheismus Fichtes, die gemäßigtere Lehre der Pythagoräer von der
-Wiederkunft und vor allem die Identitätsdoktrinen, wie Schelling sie
-aufstellte, bildeten den hauptsächlichsten Stoff für unsere Diskussionen
-und schienen die phantasievolle Morella am tiefsten und schönsten
-anzuregen. Jene sogenannte persönliche Identität definiert Locke, wie
-ich glaube, als das dauernde Bestehen eines jeden vernunftbegabten
-Daseins. Und da wir unter »Person« ein intelligenz- und vernunftbegabtes
-Wesen verstehen und da alles Denken stets von Bewußtheit begleitet ist,
-so formt dieses beides gemeinsam unser »Ich« und unterscheidet uns durch
-Verleihung unserer »persönlichen Identität« von anderen denkenden Wesen.
-Doch das »principium individuationis«, der Begriff dieser Identität, die
-mit dem Tode verloren oder nicht verloren geht, war mir stets ein
-Problem von außerordentlicher Bedeutung, nicht allein wegen seiner
-verwirrenden und aufregenden Konsequenzen, sondern auch wegen der
-sonderbaren und eifrigen Art und Weise, in der Morella es behandelte.
-
-Doch die Zeit war gekommen, in der das Geheimnisvolle im Wesen meines
-Weibes mich wie ein Alp, ein Zauber bedrückte. Ich konnte die Berührung
-ihrer bleichen Finger nicht ertragen, ich konnte den sanften Klang ihrer
-tönenden Sprache, den Glanz ihrer melancholischen Augen nicht ertragen.
-Und sie wußte all dies und hielt es mir doch niemals vor. Sie schien
-meine Schwäche, meine Manie zu kennen und nannte es lächelnd
-»Schicksal«. Selbst die mir unbekannte Ursache für meine sich steigernde
-Abneigung schien sie zu kennen, doch machte sie nie eine Andeutung, die
-mir auf die Spur geholfen hätte. Aber sie war Weib und härmte sich und
-schwand hin und welkte von Tag zu Tag. Mit der Zeit erschien und blieb
-auf ihren Wangen eine bedeutungsvolle Röte, und die blauen Adern auf
-ihrer bleichen hohen Stirn schwollen an. Und wenn mein Wesen für einen
-Augenblick in Mitleid schmolz, so traf mich im nächsten das Aufleuchten
-ihrer bedeutsamen Augen -- und meine Seele entsetzte sich und wurde von
-einem Schwindel ergriffen, wie er uns befällt, wenn wir hinab in einen
-grausig düsteren, unergründlichen Abgrund spähen.
-
-Muß ich noch sagen, daß ich mit tiefem, aufreibendem Verlangen die
-Stunde von Morellas Ableben herbeiwünschte? Ich tat es. Aber der
-schwache Geist klammerte sich noch Tage, Wochen, Monate an seine
-zerbrechliche Hülle, und es kam so weit, daß meine gemarterten Nerven
-Herrschaft über mich gewannen. Dies Hinzögern machte mich rasend, und
-mein teuflisches Herz verfluchte die Tage und die Stunden und die
-bitteren Minuten, die länger und länger zu werden schienen, je mehr ihr
-zartes Leben dahinschmolz, wie Schatten länger und länger werden im
-sterbenden Tag.
-
-Aber eines Herbstabends, als alle Winde im Himmelsraum schliefen, rief
-mich Morella an ihr Bett. Ein trüber Nebel lagerte über der Erde und ein
-warmer Glanz auf den Wassern, und die Farben des herbstlichen Waldes
-glühten so bunt, als sei ein Regenbogen vom Firmament herabgefallen und
-in Millionen bunte Scherben zersplittert. »Dies ist der Tag der Tage«,
-sagte sie, als ich zu ihr trat. »Der Tag der Tage -- sei es zum Leben
-oder Sterben. Ein schöner Tag für die Söhne der Erde und des Lebens --
-ah, schöner noch für die Töchter des Himmels und des Todes!«
-
-Ich küßte sie auf die Stirn, und sie fuhr fort:
-
-»Ich sterbe, dennoch werde ich leben!«
-
-»Morella!«
-
-»Die Tage, da du mich lieben konntest, sind nie gekommen -- doch sie,
-die du im Leben verabscheutest -- im Tode sollst du sie anbeten.«
-
-»Morella!«
-
-»Ich wiederhole es -- ich sterbe. Doch in mir lebt ein Unterpfand der
-Neigung, die du -- ach wie gering! -- für mich, Morella, fühltest. Und
-wenn mein Geist entflieht, wird das Kind leben -- dein Kind und meines,
-Morellas! Doch deine Tage werden Tage der Sorge sein -- der Sorge, die
-beständiger ist als alles andere, gleichwie die Zypresse ausdauernder
-ist als alle anderen Bäume. Denn die Stunden deines Glückes sind
-vorüber, und Freude erblüht nicht zweimal im Leben, nicht zweimal, wie
-die Rosen von Paestum zweimal blühen im Jahre. Rebe und Myrte werden dir
-unbekannt sein, und du wirst, gleich den Moslemin in Mekka, auf Erden
-schon dein Leichentuch mit dir herumtragen.«
-
-»Morella!« schrie ich auf, »Morella! Wie kannst du das wissen?«
-
-Aber sie wendete das Gesicht ab, und ein leises Zittern überlief ihre
-Glieder. Sie starb, und ihre herrliche, ihre entsetzliche Stimme war
-tot.
-
-Doch wie sie es vorausgesagt hatte, geschah es. Ihr Kind, das sie
-sterbend geboren hatte und das den ersten Atemzug tat, als seine Mutter
-den letzten tat, dies Kind, ein Mädchen, lebte. Und es entwickelte sich
-geistig und körperlich außerordentlich schnell und war das vollkommene
-Ebenbild von ihr, die dahingeschieden war, und ich liebte es mit einer
-Liebe, deren Glut und Innigkeit mir oft wie eine Kraft aus einer anderen
-Welt erschien.
-
-Doch nicht lange, da verdunkelte sich der Himmel dieser reinen
-Zuneigung, denn Grausen und Kummer jagten wie ungeheure
-verderbenbringende Wolken darüber hin. Ich sagte schon, das Kind
-entwickelte sich außerordentlich früh an Körper und Geist. Und in der
-Tat, sein schnelles leibliches Wachstum war geradezu befremdend. Aber
-schrecklich, o, schrecklich waren die tobenden Gedanken, die mich
-überstürzten, wenn ich des Kindes geistiger Entwicklung folgte. Wie
-konnte es anders sein? Entdeckte ich doch täglich in den Vorstellungen
-der kindlichen Seele die abnorme Begabung und das ausgereifte Wissen des
-Weibes, vernahm aus dem kindlichen Munde die genialsten Erfahrungssätze,
-die Menschen jemals aufgestellt haben, und sah im Auge des Kindes die
-Weisheit und Leidenschaftlichkeit vollkommener Reife glühen.
-
-Als alle diese Erscheinungen meinen erschreckten Sinnen offenbar wurden,
-als meine Seele sie in sich aufgenommen hatte -- war es da zu
-verwundern, daß ein entsetzlicher Argwohn mich befiel in der quälenden
-Erinnerung an die grausigen Phantasien und unerhörten Theorien der
-verstorbenen Morella?
-
-Und ich verbarg dies junge Wesen, das ich anbetete, vor den Blicken und
-Einflüssen der Welt, und in der vollständigen Abgeschlossenheit meines
-Heims wachte ich mit aufreibender Sorge über alles, was dieses geliebte
-Wesen betraf.
-
-Und wie die Jahre dahinflossen und ich Tag um Tag in ihr heiliges und
-mildes und beredtes Antlitz spähte und ihr Wachsen und Reifen bemerkte,
-Tag um Tag, geschah es, daß ich Tag um Tag neue Dinge fand, in denen die
-Tochter vollständig ihrer Mutter -- der schwermütigen und toten --
-glich. Und stündlich verdichteten sich diese Schatten einer
-unnatürlichen Ähnlichkeit und wurden immer tiefer und immer bestimmter
-und immer beängstigender -- und immer grauenvoller anzusehen. Daß ihr
-Lächeln dem Lächeln ihrer Mutter vollkommen glich, das hätte ich
-ertragen können; aber dann, plötzlich, schauderte ich, denn ihr Lächeln
-war nicht nur dem Morellas gleich -- es war mit ihm identisch! Daß ihre
-Augen den Augen Morellas glichen, konnte ich hinnehmen, aber manchmal,
-oft, drang der Tochter Blick in die Tiefen meiner Seele mit einer
-verwirrenden Eindringlichkeit, wie sie eben nur Morella eigen sein
-konnte. Und in den Umrissen der hohen Stirn und in den seidigen Locken
-ihres Haares, in den bleichen Fingern, die mit diesen Locken spielten,
-und in der klagenden Musik ihrer Stimme und vor allem -- o! vor allem in
-den Redewendungen der Toten, die von den Lippen der Lebenden und
-Geliebten flossen, fand ich Nahrung für die aufreibendste Gedankenarbeit
-und für das rastloseste Entsetzen -- für den Wurm, der niemals sterben
-wollte!
-
-So vergingen die ersten zehn Jahre ihres Lebens, und noch immer hatte
-meine Tochter keinen Taufnamen. »Mein Kind« und »mein Liebling« sind ja
-übliche Benennungen, wie Vaterliebe sie findet, und die strenge
-Abgeschlossenheit, in der sie lebte, schloß jeden weiteren Verkehr aus
-und machte einen anderen Namen überflüssig. Morellas Name war mit ihr
-gestorben. Ich hatte der Tochter niemals von der Mutter gesprochen; es
-war unmöglich, von ihr zu sprechen. Tatsächlich hatte also das Kind in
-seinem jungen Leben keine anderen Eindrücke empfangen als diejenigen,
-die sich ihm in den engen Grenzen unserer Zurückgezogenheit bieten
-konnten.
-
-Doch schließlich vermeinte mein abgehetzter Geist durch die Zeremonie
-der Taufe Erlösung zu finden. So führte ich also das Kind zur Taufe. Und
-als ich vor dem Taufbecken stand, suchte ich nach einem Namen. Viele
-Namen voll Weisheit und Schönheit, aus alter und neuer Zeit, aus meiner
-Heimat und aus fremden Ländern, drängten sich mir auf die Lippen, und
-viele, viele Namen für Sanftes und Frohes und Gutes. Was trieb mich nur
-dazu an, die Ruhe der Toten und Begrabenen zu stören? Welcher Dämon
-veranlaßte mich, jenen Namen zu flüstern, bei dessen Erinnerung schon
-das Blut mir stürmisch zum Herzen schoß? Welcher Unhold sprach aus den
-Tiefen meiner Seele, als ich in schweigender Nacht mitten im düsteren
-Kreuzgang in das Ohr des heiligen Mannes die Silben flüsterte:
-»Morella!« Und wer anders als Satan selbst veranlaßte mein Kind, bei
-diesem kaum vernehmbaren Laut zusammenzuschrecken, die verglasten Blicke
-gen Himmel zu heben und mit zuckendem Gesicht, auf dem die Schatten des
-Todes kämpften, auf die schwarze Marmorplatte unserer Familiengruft
-niederzusinken und zu antworten: »Hier bin ich!«
-
-Klar, kalt und vollkommen deutlich trafen diese einfachen Worte mein Ohr
-und rollten von da wie geschmolzenes Blei zischend in mein Gehirn. Jahr
-um Jahr kann dahingehen, doch niemals die Erinnerung an diesen
-Augenblick! Wahrlich, noch wußte ich nichts von Blumen und Reben -- doch
-Zypresse und Schierling umdrohten mich Tag und Nacht. Und ich wußte
-nichts mehr vom Wandel der Zeit, und der Stern meines Schicksals losch
-aus am Firmament, und die Erde verlor ihr Licht, und die Gestalten, die
-sie belebten, glitten an mir vorbei wie Schatten, und mitten unter ihnen
-sah ich nur -- Morella! Die himmlischen Winde atmeten nur einen Laut,
-und die rieselnden Wellen der ewigen Wasser murmelten immerfort --
-Morella! Aber sie starb, und mit meinen eigenen Händen trug ich sie zu
-Grab. Und ich lachte ein langes, bitteres Lachen, als in der Gruft, in
-die ich die zweite bettete, nicht eine Spur zu finden war von der ersten
--- Morella.
-
-
-
-
- ELEONORA
-
-
- Sub conservatione formae specificae salva
- anima.
-
- Raymond Lully
-
-Ich entstamme einem Geschlecht, das dafür bekannt ist, eine flammende
-Leidenschaftlichkeit und eine zügellose Phantasie zu besitzen. Von mir
-sagt man, daß ich wahnsinnig sei; aber noch ist die Frage nicht gelöst,
-ob Wahnsinn nicht etwa erhabenste Erkenntnis ist, ob vieles, was
-herrlich, ob alles, was vollkommen ist, nicht vielleicht einer
-Krankhaftigkeit des Denkens entspringt, einer durch Überanstrengung des
-normalen Intellekts hervorgerufenen Reizbarkeit des Geistes. Alle, die
-bei Tage träumen, wissen von vielen Dingen, die denen entgehen, die nur
-den Traum der Nacht kennen. Visionen lassen sie den Glanz der Ewigkeiten
-schauen, und in ihr Wachsein nehmen sie das erschütternde Bewußtsein
-mit, an der Schwelle der Erkenntnis des großen Rätsels gestanden zu
-haben. Augenblicke offenbaren ihnen mit Blitzesgrelle viel von der
-Weisheit des Guten, mehr noch von der bloßen Kenntnis des Bösen. Sie
-haben nicht Ruder noch Kompaß und dringen dennoch in das unendliche Meer
-des ewigen Lichtes vor -- und weiter, gleich den Fahrten des nubischen
-Geographen, bis ins Meer der Schatten: »aggressi sunt mare tenebrarum,
-quid in eo esset exploraturi.«
-
-Nehmen wir also an, ich sei wahnsinnig. Ich gebe zum wenigsten zu, daß
-mein Geistesleben aus zwei ganz verschiedenen Zuständen besteht: dem
-Zustand klarer, nicht anzuzweifelnder Vernunft, der die Erinnerung an
-die Begebenheiten der ersten Epoche meines Lebens umfaßt, und einem
-Zustand voller Schatten und Zweifel, dem die Gegenwart gehört und die
-Erinnerung an die Geschehnisse der zweiten großen Epoche meines Lebens.
-Darum könnt ihr dem, was ich von meinem ersten Lebensabschnitt sagen
-werde, Glauben schenken; von dem aber, was ich von der späteren Zeit
-berichte, glaubt nur so viel, als euch glaubwürdig erscheint -- oder
-bezweifelt das Ganze. Doch falls ihr nicht zweifeln könnt, so mögt ihr
-vor den Rätseln meiner Seele den Ödipus spielen.
-
-Sie, die ich in meiner Jugend liebte und von der ich jetzt kühl und klar
-das Folgende berichte, war die einzige Tochter der einzigen Schwester
-meiner früh verstorbenen Mutter. Eleonora war der Name meiner Kusine.
-Wir hatten immer zusammengewohnt -- im »Tale des vielfarbigen Grases« --
-unter tropischer Sonne. Kein fremder Fuß betrat jemals dies Tal, denn es
-lag weit weit droben inmitten gigantischer Berge, die es ragend
-umstanden und seinen lieblichen Gründen Schatten spendeten. Kein Pfad
-führte dorthin, und um in unser seliges Heim zu gelangen, hätte man das
-Gezweig von vieltausend Waldbäumen gewaltsam durchbrechen und die
-Herrlichkeit von viel Millionen duftender Blumen zertreten müssen. So
-lebten wir also ganz einsam und kannten nichts von der Welt außerhalb
-des Tales -- ich und meine Kusine und ihre Mutter.
-
-Aus den nebelhaften Regionen der höchsten Berge, die unser Reich
-umschlossen, kam ein Fluß daher, schmal und tief, und seine Flut war
-glänzender als alles -- ausgenommen Eleonoras Augen. Er wand sich in
-verstohlenen Krümmungen durchs Tal und tauchte dann in eine dunkle
-Schlucht, zwischen Bergen, die noch düsterer und geheimnisvoller waren
-als jene, aus denen er gekommen war. Wir nannten ihn den »Fluß des
-Schweigens«, denn es war, als ob sein Fluten alles beruhige und stille
-mache. Kein Murmeln klang aus seinen Tiefen, er ging so sanft dahin, daß
-die beperlten Kiesel auf seinem Grunde, die wir oft bewunderten, sich
-niemals rührten -- in regungsloser Ruhe lagen sie, jeder funkelte ewig
-am alten Platz.
-
-Das Ufer des Flusses und der vielen glitzernden Bächlein, die ihm auf
-allerlei Umwegen zuströmten, und ebenso alle Flächen, die von den Ufern
-sich ins Wasser bis zum Kieselgrund hinuntersenkten, waren von kurzem,
-dichtem, gleichmäßigem Rasen bedeckt, der lieblich duftete. Und weiter
-noch dehnte sich dieser sanfte grüne Teppich -- durchs ganze Tal, vom
-Fluß bis an den Fuß der Höhen, die es umgürteten. Diese wundervolle
-weite Grasfläche war über und über mit gelben Butterblumen, weißen
-Gänseblümchen, blauen Veilchen und rubinroten Asphodelen besprenkelt,
-und ihre unbeschreibliche Schönheit redete laut zu unsern Herzen von der
-Liebe und der Herrlichkeit Gottes.
-
-Und hie und da erhoben sich im Grase wie seltsam verschlungene
-Traumgebilde Gruppen phantastischer Bäume, deren Stämme nicht senkrecht
-aufragten, sondern in anmutigen Biegungen dem Licht entgegenstrebten,
-das um Mittag in die Mitte des Tales hereinleuchtete. Ihre Rinde war
-ebenholzschwarz und silbern gefleckt und war zarter als alles --
-ausgenommen Eleonoras Wangen. Ja, man hätte diese Bäume für gigantische
-Schlangen halten können, die der Sonne, ihrer Gottheit, huldigten, wären
-nicht die glänzend grünen, großen Blätter gewesen, die von ihren Gipfeln
-in langen, bebenden Reihen niederhingen und mit dem Zephir tändelten.
-
-Lange Jahre durchstreifte ich Hand in Hand mit Eleonora das Tal, ehe die
-Liebe in unsere Herzen einzog. Es war an einem Abend in Eleonoras
-fünfzehntem und meinem zwanzigsten Lebensjahre, da saßen wir, einander
-eng umschlungen haltend, unter den Schlangenbäumen und blickten hinab in
-den Fluß des Schweigens und auf unser Bild, das sich in seinen Wassern
-spiegelte.
-
-Wir sprachen nichts mehr an diesem süßen Tage, und selbst am andern
-Morgen fand unsere Rede nur wenige zitternde Worte.
-
-Wir hatten in den Wassern Gott Eros gefunden und ihn in uns aufgenommen,
-und wir fühlten nun, daß durch ihn die feurigen Seelen unserer Vorfahren
-in uns entzündet waren. Alle Leidenschaftlichkeit und blühende
-Phantasie, die Jahrhunderte lang unser Geschlecht auszeichneten,
-ergriffen unsere Herzen wie ein Rausch und hauchten in das Tal des
-vielfarbigen Grases eine wahnsinnige Seligkeit. Alle Dinge veränderten
-sich. Die Bäume, die nie vordem ein Blühen gekannt hatten, entfalteten
-seltsame, sternförmige, strahlende Blüten. Das Grün des Rasenteppichs
-vertiefte sich, und als -- eine nach der andern -- die weißen
-Gänseblümchen dahinschwanden, brachen an ihren Orten rubinrote
-Asphodelen auf -- zu zehn auf einmal. Und Leben regte sich auf unseren
-Pfaden, denn der hohe, schlanke Flamingo, den wir bis dahin noch nie
-gesehen, entfaltete vor uns sein scharlachfarbenes Gefieder, und mit ihm
-kamen und glühten alle heiteren Vögel. Gold- und Silberfische belebten
-den Fluß, und aus seinen Tiefen hob sich leise, doch lauter und lauter
-werdend, ein Murmeln, das schließlich zu einer sanften, erhabenen
-Melodie anschwoll, erhabener als der Sang aus des Äolus Harfe und süßer
-als alles -- ausgenommen Eleonoras Stimme.
-
-Und eine schwere, mächtige Wolke, die wir seit langem in den Regionen
-des Abendsterns beobachtet hatten, setzte sich gemächlich in Bewegung.
-Und durch und durch karmin- und golderglänzend lagerte sie sich über
-unser Tal und sank Tag um Tag friedvoll tiefer und tiefer, bis ihre
-Ränder auf den Gipfeln der Berge ruhten, deren nebelhaftes Grau sie in
-Glanz und Pracht verwandelte. Und sie lagerte über uns und schloß uns
-ein wie in ein zauberhaftes Gefängnis von seltsamer Herrlichkeit.
-
-Der Liebreiz Eleonoras war der der Seraphim; aber sie war so schlicht
-und unschuldig wie das kurze Leben, das sie inmitten der Blumen gelebt
-hatte. Keine Arglist lehrte sie, die Inbrunst, die ihr Herz entflammte,
-zu verbergen, und während wir miteinander im Tale des vielfarbigen
-Grases wandelten und über all seine Veränderungen sprachen, enthüllte
-sie mir die geheimsten Tiefen ihrer Seele.
-
-Und eines Tages sprach sie unter Tränen von jener letzten traurigen
-Veränderung, der alle Menschen unterworfen sind, und von nun an weilte
-sie nur bei diesem einen schmerzvollen Thema, das sie in jedes unserer
-Gespräche einflocht, so wie die Sänger von Schiras in ihren Liedern
-dieselben Bilder wieder und wieder anwenden.
-
-Sie hatte die Hand des Todes auf ihrer Brust gefühlt, sie wußte, daß sie
-in so vollkommener Schönheit erschaffen worden war, nur um -- gleich der
-Eintagsfliege -- früh zu sterben. Doch alle Schrecken des Todes waren
-für sie in dem einen Gedanken vereint, von dem sie mir in abendlicher
-Dämmerstunde am Fluß des Schweigens sprach. Es bekümmerte sie, zu
-denken, ich könne, nachdem ich sie im Tale des vielfarbigen Grases
-begraben hätte, seine selige Verborgenheit verlassen und die Liebe, die
-jetzt ganz ihr gehörte, irgendeinem Mädchen der Alltagswelt da draußen
-schenken. Und damals und dort warf ich mich ohne Besinnen Eleonora zu
-Füßen und tat ihr und dem Himmel den Schwur, daß ich mich niemals mit
-einer Tochter der Welt in Ehe verbinden -- daß ich niemals ihrem
-geliebten Andenken, dem Andenken der innigen Zuneigung, mit der sie mich
-segnete, untreu werden wollte. Und ich rief den allmächtigen Herrn des
-Weltalls zum Zeugen für meines Schwurs aufrichtigen Ernst. Und der
-Fluch, den ich von ihm und von ihr, der Heiligen im Paradiese, für den
-Fall meines Treubruches auf mich herabrief, schloß eine so entsetzliche
-Strafe in sich, daß ich hier nicht davon sprechen kann.
-
-Und die strahlenden Augen Eleonoras erstrahlten noch heller bei meinen
-Worten. Und sie seufzte, als sei eine tödliche Last ihr vom Herzen
-genommen, und sie zitterte und weinte bitterlich. Aber sie nahm meinen
-Schwur an -- denn was war sie anderes als ein Kind --, und er ließ sie
-erleichtert dem Sterben entgegensehen. Und als sie einige Tage später
-friedvoll entschlief, sagte sie zu mir, sie wolle um deswillen, was ich
-für den Frieden ihrer Seele getan habe, mit dieser Seele über mich
-wachen; sie wolle, sofern es möglich sei, in den wachen Stunden der
-Nacht mir sichtbarlich erscheinen. Wenn aber dies außerhalb der Macht
-der Seelen im Paradiese läge, so wolle sie mir ihr Gegenwärtigsein
-wenigstens durch allerlei Zeichen kund tun. Sie werde mit den
-Abendwinden mich umkosen und die Luft um mich her mit dem Duft der
-Weihrauchschalen erfüllen. Mit diesen Worten auf den Lippen gab sie ihr
-junges, reines Leben auf, und mit ihr endete die erste Epoche meines
-eigenen Lebens.
-
-Bis hierher habe ich wahrheitsgetreu berichtet. Doch wenn mein Denken
-auf dem Wege der Vergangenheit die Grenze, die der Tod meiner Geliebten
-gezogen, überschreitet und in die zweite Periode meines Lebens eintritt,
-dann sammeln sich Schatten um mein Hirn, und ich fühle, daß ich an
-meinem gesunden Gedächtnis zweifeln muß. Doch ich will fortfahren.
-
-Die Jahre schleppten sich träge dahin, und immer noch wohnte ich im Tale
-des vielfarbigen Grases. Aber wiederum hatte eine Veränderung alle Dinge
-befallen. Die sternförmigen Blüten krochen zurück in die Stämme der
-Bäume und kamen nie wieder zum Vorschein. Das tiefe Grün des
-Rasenteppichs verblaßte, und die rubinroten Asphodelen welkten hin, eine
-nach der andern. Und an ihren Orten brachen -- zu zehn auf einmal --
-dunkle, blauäugige Veilchen auf, und ihre Augen standen immer voll Tau
-und blickten kummervoll. Und Leben entschwand von unsern alten Pfaden;
-denn der hohe, schlanke Flamingo entfaltete nie mehr sein scharlachrotes
-Gefieder, trauernd flog er aus unserm Tale fort, den Bergen zu, und mit
-ihm zogen alle heiteren Vögel, die ihn begleitet hatten. Und die Gold-
-und Silberfische schwammen davon durch die Schlucht, die an der einen
-Seite unser Reich begrenzte, und zierten nie wieder den lieblichen Fluß.
-Und die sanfte Melodie, die erhebender gewesen war als der Sang aus des
-Äolus Harfe und süßer als alles -- ausgenommen Eleonoras Stimme, sie
-sank wieder zu leisem Murmeln herab und wurde leiser und leiser, bis sie
-erstarb und der Fluß wieder in seinem vormaligen feierlich-düsteren
-Schweigen dahinfloß. Und dann -- zuletzt -- hob sich die mächtige Wolke
-von den Gipfeln der Berge, die wieder in ihr nebelhaftes Grau
-zurücktauchten, und schwamm gemächlich davon, den fernen Regionen des
-Abendsternes zu, und mit ihr verschwand das strahlende Gold und all die
-glänzende Pracht, mit der sie das Tal des vielfarbigen Grases
-überschüttet hatte.
-
-Jedoch was Eleonora versprach, erfüllte sich. Denn ich hörte um mich das
-Schwingen der himmlischen Weihrauchschalen, und Ströme himmlischer Düfte
-durchfluteten immer und immer das Tal. Und in einsamen Stunden, wenn
-mein Herz in heftigem Pulsschlag erbebte, umschmeichelten sanfte Winde
-mit süßem Seufzen meine Stirn. Die dunklen Nächte füllte oft ein
-schwaches Flüstern, und einmal -- o, einmal nur! -- weckte mich aus
-einem todähnlichen Schlafe der Kuß geisterhafter Lippen, die meinen Mund
-berührten.
-
-Aber all dies vermochte nicht die Leere meines Herzens auszufüllen, und
-grenzenlos wuchs sein Verlangen nach jener Liebe, von der es vordem so
-übervoll gewesen war. Und endlich kam es soweit, daß mir das Tal des
-vielfarbigen Grases, durch das mich die Erinnerungen hetzten, zur Qual
-wurde, und ich vertauschte es für immer gegen die Eitelkeiten und das
-friedelose Glück der Welt.
-
- * * * * *
-
-Ich fand mich in einer fremden Stadt, in der alle Dinge nur dazu
-dienten, die Erinnerung an die süßen Träume, die ich so lange Jahre im
-Tal des vielfarbigen Grases geträumt hatte, aus meinem Gedächtnis
-auszulöschen. Ein prächtiges Hoflager mit Pomp und Festen, betäubendes
-Waffengeklirr und strahlende Frauenlieblichkeit verwirrten und
-berauschten mein Hirn. Doch bis jetzt war meine Seele ihrem Schwur treu
-geblieben, und immer noch verkündete mir Eleonora in den stillen Stunden
-der Nacht ihr Gegenwärtigsein.
-
-Plötzlich aber hörten diese Anzeichen auf, und die Welt wurde schwarz
-vor meinen Augen, und ich stand in atemlosem Schreck vor dem glühenden
-Gedanken -- der grauenhaften Versuchung, die mich befallen hatte. Denn
-an den fröhlichen Hof des Königs, dem ich diente, kam aus irgendeinem
-fernen, fernen, unbekannten Lande ein Mädchen, von deren Schönheit mein
-ganzes ruchloses Herz entflammt und hingerissen ward -- zu deren Füßen
-ich mich ohne Sträuben niederwarf in wehrloser, abgöttischer Liebe. Ach,
-wie armselig war die Leidenschaft, die ich dem jungen Kinde im Tale des
-vielfarbigen Grases geschenkt hatte, wenn ich sie mit der Glut und dem
-Wahnwitz und den beseligenden Ekstasen verglich, in denen jetzt meine
-Anbetung emporjauchzte, mit dem trunkenen Schluchzen, in dem meine Seele
-zu Füßen der himmlischen Ermengard dahinschmolz! O, herrlich war der
-Engel Ermengard! Und vor dieser Erkenntnis versank alles andere. -- O,
-göttlich war der Engel Ermengard! Und ich ertrank im Blick ihrer
-unergründlichen Augen und sah und suchte nur sie.
-
-Ich vermählte mich mit Ermengard -- und fürchtete nicht den Fluch, den
-ich auf mich herabgeschworen hatte, und seine Schrecken suchten mich
-nicht heim. Da kam noch einmal -- ein einziges Mal -- durch das
-Schweigen der Nacht das süße Seufzen wieder zu mir, und es formte sich
-zu einer wohlbekannten, inbrünstigen Stimme:
-
-»Schlafe in Frieden! Denn der Geist der Liebe lebt und herrscht. Und
-wenn du glühenden Herzens Ermengard umarmst, bist du -- aus Gründen, die
-dir dereinst im Himmel offenbar werden sollen -- deines Gelübdes an
-Eleonora entbunden.«
-
-
-
-
- DIE INSEL DER FEE
-
-
- Nullus enim locus sine genio est.
-
- Servius
-
-»La musique,« sagt Marmontel in seinen »Contes Moreaux,« die wir in
-allen unsern Übersetzungen beharrlich als »Moralische Geschichten«
-bezeichnet finden, als ob man ihren Sinn verhöhnen wollte -- »la musique
-est le seul des talents qui jouisse de lui-même: tous les autres veulent
-des témoins.« Er verwechselt hier die Freude an schönen Klängen mit der
-Fähigkeit, sie hervorzurufen. Die musikalische Begabung ist ebensowenig
-wie jedes andere Talent da, wo kein zweiter ihre Äußerungen würdigt, zur
-Gewährung eines vollkommenen Genusses befähigt, und nur in Verbindung
-mit andern Begabungen bringt sie die Wirkungen hervor, die erst in der
-Einsamkeit ganz genossen werden mögen. Der Gedanke, den der »raconteur«
-entweder nicht klar genug dargestellt oder dessen Darstellung er einer
-nationalen Vorliebe für Pointierung geopfert hat, ist zweifellos der
-sehr begründete, daß wir gute Musik am tiefsten zu würdigen verstehen,
-wenn wir einsam sind. Der Gedanke in dieser Form wird ohne weiteres
-jedem richtig erscheinen, der die Musik um ihrer selbst und ihrer
-seelischen Wirkung willen liebt. Doch noch eine Freude ist den
-verstoßenen Sterblichen vergönnt, eine, die vielleicht mehr noch als die
-Musik der gesteigerten Einsamkeit bedarf. Ich meine den Genuß, den die
-Naturbetrachtung bietet. Wahrlich, wer Gottes Herrlichkeit auf Erden
-recht gewahren will, der muß diese Herrlichkeit in Einsamkeit
-betrachten. Mir wenigstens erscheint die Anwesenheit nicht nur
-menschlicher, sondern überhaupt lebendiger Wesen jeder Art, außer den
-grünen Dingen, die aus dem Boden wachsen und keine Stimme haben, als
-Befleckung der Landschaft, als etwas, was der seelischen Harmonie des
-Bildes zuwiderläuft.
-
-In Wahrheit! ich liebe die Vorstellung, daß die dunklen Täler und grauen
-Felsen und die schweigsam lächelnden Wasser und die Wälder, die in
-unruhigem Schlummer seufzen -- und die stolzen wachsamen Berge, die auf
-alles herunterblicken --, daß alles dies nur ungeheure Gliedmaßen eines
-gewaltigen lebendigen und empfindenden Ganzen sind -- eines Ganzen,
-dessen Gestalt (die Kugel) die vollkommenste und umfassendste ist, die
-es gibt; dessen Weg den andern Planeten zugesellt ist, dessen zarte Magd
-der Mond[2], dessen mittelbarer Herr die Sonne ist; dessen Lebensdauer
-Ewigkeit, dessen Sinn der Wille Gottes ist; dessen Freude Wissen ist;
-dessen Geschicke sich in Unendlichkeit verlieren; dessen Kenntnis seiner
-selbst etwa unsrer Kenntnis der mikroskopischen Kleinwelt gleichkommt --
-eines Daseins, das wir als völlig unbelebt und rein stofflich ansehen,
-ähnlich, wie diese winzigen Wesen uns betrachten mögen.
-
-Unsre Teleskope und unsre mathematischen Entdeckungen geben uns trotz
-des scheinheiligen Geredes der Geistlichkeit überall die Gewißheit, daß
-Raum und also Masse in den Augen des Allmächtigen eine große Bedeutung
-hat. Die Kreise, darin die Sterne sich bewegen, sind als die besten
-befunden worden für eine ungehinderte Bewegung der größtmöglichen Anzahl
-Körper. Die Form dieser Körper ist gerade so, daß sie bei einer
-gegebenen Oberflächengröße die größtmögliche Anhäufung von Materie
-gestattet, während die Oberfläche selbst so beschaffen ist, daß sie eine
-größere Zahl von Bewohnern aufnehmen kann, als wenn sie irgendeine andre
-Gestalt hätte. Auch ist die Tatsache, daß der Raum selbst unendlich ist,
-kein Argument dagegen, daß die Masse ein Zweck Gottes ist; denn eine
-unendliche Materie mag vorhanden sein, um ihn zu füllen, und da wir
-deutlich sehen, daß die Materie grundsätzlich von Leben erfüllt ist --
-in der Tat, soweit unser Urteil reicht, ein leitender Grundsatz in den
-Maßnahmen der Gottheit -- so ist es kaum logisch, dieses Leben auf die
-Regionen des Kleinen, wo wir es täglich nachweisen können, zu
-beschränken und nicht auf die des Erhabenen auszudehnen. Da wir ohne
-Ende Kreis in Kreise laufen sehen, alle aber sich um eine ferne Mitte
-drehen, um die Gottheit, sollten wir da nicht gleicherweise Leben in
-Leben vermuten, das kleinere im größeren und alle im göttlichen Geiste?
-Kurz, wir sind infolge unsrer Selbstüberhebung in einem gewaltigen
-Irrtum, wenn wir annehmen, der Mensch sei in seiner zeitlichen oder
-zukünftigen Bestimmung von größerer Wichtigkeit für das Universum als
-der gewaltige Talkörper, den er beackert und verachtet und dem er eine
-Seele abspricht, aus keinem tieferen Grunde, als weil er sie nicht in
-Tätigkeit sieht[3].
-
-Solche und ähnliche Vorstellungen haben meinen Betrachtungen in den
-Bergen und Wäldern, an den Flüssen und am Meere eine Beimischung
-gegeben, die von der Alltagswelt zweifellos als »phantastisch«
-bezeichnet werden würde. Meine zahllosen, meist einsamen Wanderungen in
-solchen Gegenden pflegten meinen Geist ungewöhnlich lebhaft zu
-beschäftigen, und die Hingabe, mit der ich manchen düstern Talgrund
-durchstreifte oder in die Himmelsspiegelung manches strahlenden Sees
-blickte, wurde sehr vertieft durch das Bewußtsein, daß ich _allein_
-wanderte und Umschau hielt. Welcher geschwätzige Franzose[4] war es
-doch, der mit Beziehung auf das Werk von Zimmermann sagte: »la solitude
-est une belle chose; mais il faut quelqu'un pour vous dire que la
-solitude est une belle chose«? Dem Epigramm ist nicht zu widersprechen;
-aber dies »il faut« -- diese Notwendigkeit ist doch ein Unding.
-
-Es war auf einer meiner einsamen Wanderungen in weit entfernten
-Gegenden, wo Berg an Berg geschlossen war und trauervolle Flüsse und
-schwermütige Sümpfe sich einherwanden oder schlummernd lagen, als ich an
-einen kleinen Fluß mit einer Insel kam. Es war im laubreichen Juni. Ich
-warf mich auf den Rasen unter die Zweige eines unbekannten duftenden
-Gesträuches, um in Betrachtung des Bildes versunken zu ruhen. Ich
-fühlte, nur so sollte ich es ansehen, dies entsprach seinem Charakter.
-
-Auf allen Seiten -- außer gen Westen, wo die Sonne im Untergehen war --
-erhoben sich grüne Waldesmauern. Der Fluß, der in seinem Lauf eine
-scharfe Wendung machte und sich so plötzlich den Blicken entzog, schien
-aus seinem Gefängnis keinen Ausweg zu haben, sondern vom grünen Laub der
-Bäume im Osten aufgesogen zu werden, während auf der anderen Seite (so
-erschien es mir, als ich da lag und nach oben sah) geräuschlos und
-unaufhaltsam ein gold- und purpurroter Wasserfall aus den
-Abendrotquellen des Himmels ins Tal herniedersprühte.
-
-Etwa in der Mitte des beschränkten Ausschnitts, den mein träumerisches
-Auge faßte, ruhte eine kleine runde, üppig begrünte Insel auf der Brust
-des Wassers,
-
- Und Licht und Schatten woben Duft,
- Als hänge sie schwebend in der Luft.
-
-So spiegelglatt war das glasige Wasser, daß sich kaum erkennen ließ, an
-welcher Stelle des grünen Rasenhanges sein Reich begann.
-
-Meine Lage gestattete mir, mit einem einzigen Blick sowohl das östliche
-wie das westliche Ende der Insel zu umfassen, und ich bemerkte eine
-eigentümliche Verschiedenheit an ihnen. Das Westende war wie ein
-strahlender Harem von Gartenschönheiten. Es glühte und errötete unter
-den schrägen Blicken der Sonne und lachte mit heiteren Blumen. Das Gras
-war kurz, feucht, süß duftend und von Goldwurz durchblüht. Die Bäume
-waren geschmeidig, heiter, aufrecht, hell, schlank und anmutig, von
-morgenländischem Bau und Laub, mit sanfter, glänzender und buntfarbiger
-Rinde. Alles schien gesättigt von einem tiefen Bewußtsein von Leben und
-Lust, und obgleich vom Himmel keine Winde bliesen, so war doch alles
-bewegt durch das leichtbeschwingte Gaukelspiel unzähliger
-Schmetterlinge, die man für beflügelte Tulpen hätte halten können.[5]
-
-Das andre oder östliche Ende der Insel war in schwärzeste Schatten
-gehüllt. Eine traurige, doch schöne und friedvolle Dunkelheit durchdrang
-hier alle Dinge. Die Bäume waren von düsterer Farbe und trauernd in
-Gestalt und Haltung; -- wie sie sich da in trübe, feierliche und
-gespenstische Formen hüllten, erweckten sie eine Vorstellung von
-tödlichem Leid und frühzeitigem Tod. Das Gras hatte den dunklen
-Farbenton der Zypresse, und seine Halme ließen die Köpfe hängen, und
-hier und dort sah man im Grase viele kleine häßliche Hügel, schmal und
-niedrig und nicht sehr lang, die wie Gräber aussahen und doch keine
-waren, obgleich Raute und wilde Rosen sie ganz und gar überwucherten.
-Der Schatten der Bäume sank schwer aufs Wasser nieder, als wolle er sich
-darin begraben, die Tiefen des Elementes mit Dunkelheit sättigend. Ich
-bildete mir ein, wie die Sonne tiefer und tiefer sank, löse sich
-Schatten um Schatten trübe vom Stamme, der ihm Leben gegeben hatte, und
-werde vom Strome aufgetrunken, während jeden Augenblick neue Schatten
-aus den Bäumen hervortraten, um die Stelle ihrer eingesargten Vorgänger
-einzunehmen.
-
-Als dieser Gedanke meine Phantasie erfaßt hatte, regte er sie weiter und
-weiter an, und ich versank in Träumerei. »Wenn je eine Insel verzaubert
-war,« sprach ich bei mir selbst, »so ist es diese. Hier ist der
-Zufluchtsort der wenigen gütigen Feen, die noch vom Untergang verschont
-geblieben sind. Sind jene Hügel ihre grünen Gräber? -- Oder geben sie
-ihr Leben auf, wie Menschen ihr Leben dahingeben? Ist ihr Sterben nicht
-vielmehr ein trauervolles Hinschwinden, so daß sie nach und nach ihr
-Dasein an Gott zurückgeben, wie diese Bäume Schatten um Schatten
-hingeben, ihr Wesen verhauchen und auflösen? Was der vergehende Baum dem
-Wasser ist, das seinen Schatten einsaugt und schwärzer wird von jeder
-solchen Beute, mag nicht das Leben der Fee für den Tod, der es
-verschlingt, das gleiche sein?«
-
-Als ich so mit halbgeschlossenen Augen sann, indes die Sonne eilig zur
-Rüste ging und wirbelnde Strömungen rund und rund um die Insel jagten,
-mit tanzenden weißen Streifen der Rinde des Feigenbaumes auf den Wellen,
-Streifen, die in ihrer wechselvollen Lage auf dem Wasser von einer
-lebendigen Phantasie mit allem Erdenklichen zu vergleichen gewesen wären
--- während ich so sann, war mir, als nehme die Gestalt einer solchen
-Fee, über die ich nachgesonnen hatte, langsam aus dem Glanze der
-Westseite der Insel ihren Weg ins Dunkel. Sie stand aufrecht in einem
-seltsam gebrechlichen Kahn, den sie mit dem Schatten eines Ruders
-lenkte. Solange sie unter dem Einfluß der zögernden Sonnenstrahlen
-blieb, schien ihre Haltung Freude auszudrücken, aber Trauer wandelte sie
-an, als sie der Schatten berührte. Langsam glitt sie dahin und hatte
-schließlich die Runde um die Insel gemacht und erschien wieder auf der
-Lichtseite. »Der Zirkel, den die Fee soeben vollendet hat,« sinnierte
-ich weiter, »ist der Kreislauf ihres kurzen Lebensjahres. Sie ist durch
-ihren Winter und ihren Sommer geflutet. Sie ist dem Tode um ein Jahr
-näher: denn es ist meinen Blicken nicht entgangen, daß, als sie in die
-Dämmerung kam, ihr Schatten von ihr abfiel und vom dunklen Wasser
-verschlungen ward, dessen Schwärze noch schwärzer davon wurde.«
-
-Und wieder erschien das Boot mit der Fee, doch in ihrer Haltung war mehr
-Sorge und Unsicherheit und weniger biegsame Lust. Sie flutete wiederum
-aus dem Licht und ins Dunkel (das sogleich tiefer wurde), und wiederum
-fiel ihr Schatten von ihr ab ins ebenholzschwarze Wasser und wurde von
-seiner Schwärze verschlungen. Und wieder und wieder machte sie die Runde
-um die Insel (indessen die Sonne zu ihrer Schlummerstätte eilte), und
-bei jedem Heraustreten ins Licht lag mehr Trauer auf ihrer Gestalt, die
-schwächer und feiner und unbestimmter wurde, und bei jedem Übergang ins
-Dunkel sank ein tieferer Schatten von ihr ab, der von immer düstererem
-Schwarz verschlungen wurde. Endlich aber, als die Sonne gänzlich
-verschwunden war, glitt die Fee, jetzt nur noch wie das Gespenst ihres
-früheren Seins, mit ihrem Boot trostlos in das Bereich der
-ebenholzschwarzen Flut, und ob sie daraus wieder zum Vorschein kam, kann
-ich nicht sagen, denn Finsternis deckte alle Dinge, und ich gewahrte
-ihre zauberhafte Gestalt nicht mehr.
-
-[Fußnote 2: Mond im Englischen weiblich, Sonne männlich. A. d. Üb.]
-
-[Fußnote 3: Wo Pomponius Mela in seiner Abhandlung »De Situ Orbis« von
-Flut und Ebbe spricht, sagt er: »Entweder ist die Welt ein großes Tier,
-oder« usw.]
-
-[Fußnote 4: Balzac, dem Sinne nach; ich weiß nicht mehr die Worte.]
-
-[Fußnote 5: Florem putares nare per liquidum aethera. -- P. Commire]
-
-
-
-
- LANDORS LANDHAUS
-
-
-Während einer Wanderung, die mich letzten Sommer durch einige der
-Flußtäler der Grafschaft Neuyork führte, sah ich mich, als der Tag zur
-Neige ging, in gewisser Verlegenheit, welchen Weg ich einschlagen
-sollte. Das Land war auffallend hügelig, und in der letzten halben
-Stunde hatte mich der Pfad, bei meinem Bemühen, mich in den Tälern zu
-halten, so verwirrend um und rundum geführt, daß ich nicht mehr ahnte,
-in welcher Richtung das reizende Dorf B... lag, wo ich die Nacht zu
-bleiben gedachte. Es hatte, genau genommen, den Tag über eigentlich
-keinen Sonnenschein gegeben, dennoch war es ungewöhnlich warm gewesen.
-Ein Nebelschleier, wie lauter Altweibersommer, verhängte alle Dinge und
-vermehrte natürlich meine Unsicherheit. Nicht daß ich die Sache sehr
-wichtig nahm. Sollte ich nicht vor Sonnenuntergang, selbst nicht vor
-Einbruch der Dunkelheit auf das Dorf stoßen, so war es doch mehr als
-wahrscheinlich, daß irgendein kleines Farmhaus oder dergleichen
-auftauchen würde, wenn auch die Gegend (vielleicht weil sie sich mehr
-malerisch als fruchtbar erwies) nur spärlich bewohnt war. Jedenfalls
-wäre ein Biwak im Freien, mit meinem Rucksack als Kissen und meinem
-Jagdhund als Wächter, so recht nach meinem Geschmack gewesen. Ich
-schlenderte daher wohlgemut weiter und hatte meine Flinte Ponto
-aufgeladen, als ich schließlich, da ich eben Betrachtungen darüber
-anstellte, ob die zahlreichen kleinen Lichtungen, die hier- und dorthin
-führten, überhaupt Pfade vorstellen sollten, auf dem verlockendsten von
-ihnen zu einem richtigen Fahrweg geriet. Jeder Irrtum war
-ausgeschlossen. Leichte Räderspuren waren sichtbar, und obgleich das
-hohe Strauchwerk und das aufgeschossene Unterholz sich oben
-zusammenschlossen, gab es am Boden nicht das geringste Hemmnis, selbst
-nicht für ein virginisches Berggefährt, meiner Meinung nach das
-anspruchsvollste, hochfahrendste Vehikel seiner Art. Abgesehen davon,
-daß der Weg frei in den Wald führte (wenn die Bezeichnung Wald nicht
-allzu wuchtig ist für dieses Beieinander lichter Bäume) und daß er
-deutliche Räderspuren aufwies, glich er auch nicht entfernt irgendeinem
-der Wege, die ich je gesehen hatte. Die besagten Spuren waren kaum
-wahrnehmbar auf einer Fläche, die eine lebhafte Ähnlichkeit mit grünem
-Genueser Samt besaß. Es war Gras, gewiß, aber Gras, wie wir es außer in
-England selten sehen, so kurz, so dicht, so eben und von so leuchtender
-Farbe. Nicht das geringste Hindernis fand sich in der Radspur, nicht
-einmal ein Span oder ein dürrer Zweig. Die Steine, die einst den Weg
-gehemmt hatten, waren zur Seite der Rasenfläche sorgsam niedergelegt,
-nicht geworfen worden, so daß sie diese mit einer sozusagen nachlässigen
-Sorgsamkeit malerisch abgrenzten. Büsche wilder Blumen wuchsen in den
-Zwischenräumen in verschwenderischer Fülle.
-
-Was ich aus alledem machen sollte, wußte ich natürlich nicht. Hierin lag
-unzweifelhaft Kunst. Das überraschte mich nicht; alle Wege sind im
-herkömmlichen Sinne Kunstwerke; auch kann ich nicht sagen, daß lediglich
-die Übertreibung des Künstlerischen so wundersam erschien; alles, was
-hier geschehen war, mochte _hier_, wo soviel natürliche »Anlage« vorlag
-(wie man das in Büchern über Landschaftsgärtnerei findet) mit sehr wenig
-Arbeit und Ausgaben getan worden sein. Nein, es war nicht die Fülle,
-sondern der Charakter des Künstlerischen, was mich veranlaßte, mich auf
-einen der umblühten Steine niederzulassen und wohl eine halbe Stunde
-oder länger diese feenhafte Allee voll staunender Bewunderung hinauf und
-hinunter zu blicken. Eines wurde mir, je länger ich schaute, mehr und
-mehr deutlich: ein Künstler, und zwar ein Künstler mit außerordentlich
-scharfem Blick für Formen, hatte alle diese Anordnungen im voraus
-überlegt. Man war mit größter Sorgfalt bedacht gewesen, zwischen dem
-Hübschen und Anmutigen einerseits und dem »Pittoresken«, im wahren Sinne
-der italienischen Bezeichnung, andrerseits die rechte Mitte zu halten.
-Es gab wenig gerade und keine auf die Länge ungebrochene Linie. Dasselbe
-Bild in Krümmung oder Farbe bot sich, soweit das Auge reichte, meist
-zweimal, doch nicht öfter. Überall in der Einförmigkeit war Abwechslung.
-Es war ein Stück »Komposition«, in der selbst der anspruchsvollste
-kritische Geschmack kaum eine Verbesserung hätte vorschlagen können.
-
-Als ich diesen Weg betrat, hatte ich mich nach rechts gewandt, und nun
-erhob ich mich und verfolgte dieselbe Richtung. Der Pfad war so
-gewunden, daß ich seinen Lauf nie mehr als zwei, drei Schritte weit vor
-mir sah. Seine Anlage erfuhr nicht die geringste Wandlung.
-
-Plötzlich traf das sanfte Murmeln eines Wassers mein Ohr, und einige
-Augenblicke später, als der Pfad mich noch überraschender als bisher um
-die Ecke führte, gewahrte ich, daß am Fuße eines gerade vor mir
-liegenden sanften Hanges irgendein Gebäude lag. Ich konnte infolge des
-Dunstschleiers, der das ganze kleine Tal drunten erfüllte, nichts
-deutlich erkennen. Jetzt erhob sich jedoch ein leichter Wind, denn die
-Sonne war am Untergehen, und während ich auf dem Hügelkamm stehen blieb,
-zerteilte sich der Nebel in krause Fetzen und flutete über die Szene.
-
-Wie die Dinge so allmählich zum Vorschein kamen, Stück um Stück, hier
-ein Baum, da ein Wasserblinken und hier wieder ein Stück Schornstein,
-war mir nicht anders zumute, als sei das Ganze eines jener geschickten
-Trugbilder, wie sie zuweilen unter der Bezeichnung »Vexierbilder«
-dargeboten werden.
-
-Mit der Zeit jedoch, als der Nebel sich völlig verzogen hatte, war auch
-die Sonne hinter die sanften Hänge hinabgesunken, kam nun aber, als habe
-sie ein leichtes »chassez« nach Süden gemacht, wieder in volle Sicht,
-indem sie in purpurnem Glanz durch eine Kluft im Westen des Tales
-hereinschimmerte. Plötzlich also und wie mit Zauberhand wurde dieses
-ganze Tal und alles, was darin war, strahlend sichtbar.
-
-Der erste »coup d'oeil«, als die Sonne in die angegebene Stellung glitt,
-machte mir einen ähnlichen Eindruck, wie ihn mir in meiner Knabenzeit
-das Schlußbild eines gut inszenierten Schauspiels oder Melodramas
-hervorrief. Nicht einmal die Ungeheuerlichkeit in der Farbengebung
-fehlte, denn die Sonne drang durch die Kluft in sattem Orangerot und
-Purpur, während das lebhafte Grün des Grases im Tal durch den
-Dunstschleier, der noch immer darüber schwebte, als widerstrebe ihm die
-Trennung von einem so zauberhaft schönen Bild, mehr oder weniger auf
-alle Dinge zurückgestrahlt wurde.
-
-Das kleine Tal, in das meine Blicke so unter der Nebelschicht
-hinabtauchten, konnte nicht mehr als vierhundert Meter Länge haben, die
-Breite wechselte von fünfzig zu hundertundfünfzig oder auch zweihundert
-Metern. An seinem Nordende war es außerordentlich schmal und
-verbreiterte sich, aber nicht gerade regelmäßig, nach Süden hin. Die
-größte Breite erreichte es ungefähr achtzig Meter vor dem südlichen
-Ende. Die Hänge, welche das Tal umgaben, konnten nicht eigentlich Hügel
-genannt werden, höchstens an ihrer Nordseite. Hier erhob sich eine
-steile Felswand bis zu einer Höhe von neunzig Fuß und mehr, und wie ich
-schon sagte, war das Tal hier nicht breiter als fünfzig Meter. Wer sich
-aber von diesem Felsenriff nach Süden wandte, der fand zur Rechten und
-Linken Abhänge, die sowohl weniger hoch wie auch weniger steil und
-weniger felsig waren. Mit einem Wort, nach Süden hin wurde alles
-schräger und sanfter, und doch war das ganze Tal von mehr oder weniger
-hohen Erhebungen umgürtet, abgesehen von zwei Punkten. Von einem
-derselben habe ich schon gesprochen. Er lag gegen Nordwesten, und hier
-war es, wo die Sonne in der geschilderten Weise in das Amphitheater
-ihren Weg fand, durch eine sauber geschnittene natürliche Kluft in der
-granitenen Umfassung. Dieser Einschnitt mochte an seiner breitesten
-Stelle zehn Meter betragen -- soweit das Auge das zu schätzen vermochte.
-Er schien wie eine natürliche Chaussee sachte aufwärts zu führen, in die
-Gründe noch undurchforschter Berge und Wälder. Die andere Öffnung befand
-sich genau am südlichen Talende. Hier waren die Hügel im allgemeinen
-kaum mehr als sanfte Wellungen, die von Osten nach Westen in einer
-Breite von etwa hundertundfünfzig Metern verliefen. In der Mitte dieser
-Strecke lag eine Senkung, die bis auf die Bodenhöhe des Tales herabging.
-Wie in allem andern, so bot die Szene auch hinsichtlich der Vegetation
-ein nach Süden hin niedrigeres und sanfteres Bild. Nach Norden, an dem
-steilen Felshang, erhoben sich nicht weit vom Gipfel die prächtigen
-Stämme vom weißen und schwarzen Walnußbaum, vom Kastanienbaum und
-vereinzelten Eichen, und die besonders von den Walnußbäumen streng
-wagerecht gebreiteten Äste sprangen weit über den Felsrand vor. Nach
-Süden fortschreitend sah man zunächst dieselben Baumarten, nur weniger
-hochgewachsen und majestätisch; dann begegnete man der schlankeren Ulme,
-dem Sassafras und der Robinie -- diesen folgte die sanftere Linde, der
-Judasbaum, Trompetenbaum und Ahorn -- und schließlich kamen noch
-anmutigere und bescheidenere Arten. Die ganze südliche Hügelwelle war
-nur mit wildem Strauchwerk bedeckt bis auf ein paar vereinzelte
-Silberweiden und Silberpappeln. Drunten im Tale selbst (denn man muß
-beachten, daß die genannte Vegetation nur auf den Felsen oder
-Hügelwänden wuchs) sah man drei einzeln stehende Bäume. Der eine war
-eine Ulme von schöner Größe und herrlicher Gestalt; sie stand als
-Wächter am südlichen Eingang des Tales. Der zweite war ein Nußbaum, viel
-größer als die Ulme und alles in allem ein viel edlerer Baum, wenngleich
-beide ausnehmend schön waren. Er schien den nordwestlichen Zutritt zu
-bewachen, wie er da aus einer Felsengruppe seine vornehme Gestalt mitten
-in den offenen Rachen der Schlucht hinausreckte, in einem Winkel von
-fast fünfundvierzig Grad, weit hinaus in den Sonnenschein des
-Amphitheaters.
-
-Etwa dreißig Meter östlich von diesem Baum stand jedoch der Stolz des
-Tales und ohne Frage der prächtigste Baum, den ich je gesehen habe,
-ausgenommen vielleicht die Zypressen von Itchiatuckanee. Es war ein
-dreistämmiger Tulpenbaum -- ein Liriodendron tulipiferum -- eine der
-wilden Magnolienarten. Die drei Stämme trennten sich vom Mutterstamm in
-etwa drei Fuß Höhe, strebten nur ganz allmählich auseinander und waren
-dort, wo der breiteste Stamm Laub ansetzte, nicht mehr als vier Fuß
-auseinander. Das war in einer Höhe von ungefähr achtzig Fuß. Die ganze
-Höhe des Baumes betrug einhundertundzwanzig Fuß. Nichts kommt an
-Schönheit dem leuchtkräftigen Grün der Blätter des Tulpenbaumes gleich.
-Gegenwärtig waren sie volle acht Zoll breit; ihre Pracht aber wurde
-übertroffen von dem schwellenden Prunk üppiger Blüten. Man stelle sich
-eine Million dicht zusammengedrängter strahlendster Tulpen vor! Nur so
-kann sich der Leser eine Ahnung von dem Bilde machen, das ich ihm
-vermitteln möchte. Und dann die stolze Anmut der sauberen, zart
-gekerbten säulenartigen Stämme, deren größter zwanzig Fuß vom Boden
-einen Durchmesser von vier Fuß hatte. Die unzähligen Blüten erfüllten im
-Verein mit den Blüten anderer, kaum weniger schöner, allerdings weit
-weniger majestätischer Bäume das Tal mit Wohlgerüchen, die köstlicher
-waren als die Wohlgerüche Arabiens.
-
-Den eigentlichen Boden des Amphitheaters bildete Gras von derselben
-Beschaffenheit, wie ich es auf dem Weg gefunden hatte, höchstens noch
-weicher, üppiger und von einem noch wundervolleren sammetartigen Grün.
-Es war schwer zu fassen, wie all diese Schönheit erzielt werden konnte.
-
-Ich habe von den zwei Öffnungen im Tal gesprochen; aus der ersten gen
-Nordwesten ergoß sich ein Bächlein, das mit sanftem Murmeln und einigem
-Schäumen die Schlucht herunterkam, bis es gegen die Felsengruppe
-prallte, aus der der einzelstehende Walnußbaum aufschoß. Hier umkreiste
-es den Baum und wandte sich dann etwas nach Nordwesten, den Tulpenbaum
-einige zwanzig Fuß südlich lassend; nun veränderte es seinen Lauf nicht
-eher, als bis es etwa die Mitte zwischen der östlichen und westlichen
-Grenze des Tales erreicht hatte. An dieser Stelle bog es nach mehreren
-Krümmungen im rechten Winkel ab und verfolgte eine im allgemeinen
-südliche Richtung, bis es sich eilig in einem kleinen See von
-unregelmäßiger, aber ziemlich ovaler Form verlor, der schimmernd nahe am
-südlichen Talausgang lag. Dieser See hatte vielleicht an seiner
-breitesten Stelle hundert Meter Durchmesser. Kein Kristall konnte klarer
-sein als seine Wasser. Sein Grund, den man deutlich sehen konnte,
-bestand überall aus strahlend weißen Kieseln. Seine Ufer, von besagtem
-Smaragdgrün, rundeten sich in den klaren Himmel hinunter, und so klar
-war dieser Himmel, so vollkommen spiegelte er zuzeiten alle Gegenstände
-von oben, daß es schwer festzustellen war, wo das wirkliche Ufer
-aufhörte und das widergespiegelte begann. Die Forelle und einige andre
-Fischarten, von denen es im Weiher wimmelte, erweckten alle den Anschein
-von fliegenden Fischen. Es war schwer, nicht anzunehmen, daß sie einfach
-in der Luft hingen. Ein leichtes Birkenboot, das friedlich auf dem
-Wasser lag, wurde von dem so köstlich polierten Spiegel bis in seine
-feinsten Rippen mit unerhörter Treue wiedergegeben. Eine kleine Insel im
-heitern Schmuck vollerblühter Blumen und nur gerade groß genug, um ein
-malerisches kleines Bauwerk zu tragen, offenbar ein Wasservogelhaus,
-erhob sich im See, nicht weit von seinem nördlichen Ufer -- mit dem es
-durch eine unbegreiflich zierlich wirkende und doch ganz primitive
-Brücke verbunden war. Sie bestand aus einer einzigen breiten und dicken
-Planke aus Tulpenholz. Sie war vierzig Fuß lang und überspannte den Raum
-zwischen Ufer und Ufer in leichtem, doch gut wahrnehmbarem Bogen, der
-jede Schwankung ausschloß. Aus dem Südende des Sees ergoß sich wieder
-der Bach, der sich ungefähr dreißig Meter in Windungen ergötzte und dann
-schließlich durch die (schon beschriebene) Niederung inmitten der
-südlichen Hänge hindurchfloß und, in eine Tiefe von hundert Fuß
-hinuntertaumelnd, seinen vielfach gewundenen Weg zum Hudson nahm.
-
-Der See war tief -- an manchen Stellen bis zu dreißig Fuß, der Bach aber
-hatte selten mehr als drei, während seine größte Breite etwa acht
-betrug. Sein Bett und die Ufer glichen denen des Weihers -- wenn etwas
-daran auszusetzen war, so war es dies, daß die malerische Wirkung
-vielleicht durch übertriebene Sauberkeit beeinträchtigt wurde.
-
-Die Weite des grünen Feldes wurde gelegentlich durch einen Zierstrauch
-unterbrochen, wie Hortensie, Schneeball oder duftendes Jasmingesträuch;
-häufiger noch durch eine Geraniumgruppe, die in allen Varietäten üppig
-blühte. Diese letzteren standen in Töpfen, die sorgfältig in die Erde
-gegraben waren, um den Eindruck wildwachsender Pflanzen hervorzurufen.
-Überdies war der Wiesensammet anmutig von Schafen belebt, die als
-stattliche Herde das Tal durchstreiften, in Gesellschaft dreier zahmen
-Rehe und einer beträchtlichen Anzahl strahlendgefiederter Enten. Ein
-sehr großer Bullenbeißer schien allen diesen Tieren, dem einzelnen wie
-der Gesamtheit, eine wachsame Aufmerksamkeit zu widmen.
-
-An den östlichen und westlichen Felsen -- dort, wo die Begrenzung nach
-den höhergelegenen Teilen des Amphitheaters hin mehr oder weniger steil
-war -- zog sich in verschwenderischer Fülle Efeu hin, so daß man nur hie
-und da ein Fleckchen vom nackten Fels hindurchschimmern sah. Der
-Westabhang war gleicherweise fast vollständig mit selten prächtigen
-Reben bedeckt, die zum Teil vom Fuße des Felsens aufstrebten, zum Teil
-am Hange selbst hervorwuchsen.
-
-Die geringe Erhebung, welche die untere Abgrenzung dieser kleinen
-Besitzung bildete, wurde von einer sauberen Steinmauer gekrönt, deren
-Höhe genügte, das Entweichen des Wildes zu verhindern. Nirgends sonst
-war eine Einfriedigung zu bemerken; denn nirgends sonst war ein
-künstlicher Abschluß nötig. Würde zum Beispiel ein versprengtes Schaf
-versuchen, sich durch die Schlucht aus dem Tal zu entfernen, so würde es
-sein Vorwärtskommen nach wenigen Schritten durch den steilen
-Felsenvorsprung gehemmt sehen, über den der Wasserfall herabstürzte, der
-gleich, als ich mich der Ansiedlung näherte, meine Aufmerksamkeit erregt
-hatte. Kurz, der einzige Ein- und Ausgang bestand in einem Tor, das
-einen Felspfad sperrte, wenige Schritte unterhalb der Stelle, auf der
-ich stehen blieb, um die Szene zu betrachten.
-
-Ich habe geschildert, wie der Bach in seinem Laufe viele unregelmäßige
-Windungen machte. Seine beiden Hauptrichtungen liefen, wie ich sagte,
-zuerst von West nach Ost und dann von Norden nach Süden.
-
-Da, wo die Strömung den Bogen machte und wieder nach rückwärts lief,
-schloß sie eine fast kreisrunde Schlinge, so daß eine Halbinsel
-entstand, die beinahe eine Insel war. Auf dieser Halbinsel stand ein
-Wohnhaus -- und wenn ich sage, daß dieses Haus, gleich der
-Höllenterrasse, die Vathek sah, »était d'une architecture inconnue dans
-les annales de la terre«, so meine ich lediglich, daß das Ganze mich
-durch seine Eigenart wie auch durch seine Zweckmäßigkeit ungemein
-verblüffte -- mit einem Wort, durch »Poesie« -- (denn ich könnte kaum
-mit anderen Bezeichnungen, als den vorstehend gewählten, eine genaue
-Definition für abstrakte Poesie geben) -- und ich meine nicht, daß das
-»outre« in irgendeiner Hinsicht bemerkenswert war.
-
-In der Tat, nichts hätte wohl einfacher -- unaufdringlicher wirken
-können als dieses Landhaus. Sein wundersamer Eindruck lag ausschließlich
-in seiner künstlerischen bildhaften Anlage. Während ich hinsah, hätte
-ich mir vorstellen können, ein hochbedeutender Landschaftsmaler habe es
-mit seinem Pinsel hergestellt.
-
-Der Aussichtspunkt, von dem aus ich das Tal zum ersten Male sah, war zur
-Betrachtung des Hauses nicht der beste, aber doch fast der beste Platz.
-Ich will es daher so beschreiben, wie es sich mir später bot -- von dem
-Steinwall am Südende des Amphitheaters aus gesehen.
-
-Das Hauptgebäude hatte eine Länge von ungefähr vierundzwanzig Fuß und
-eine Breite von sechzehn -- sicher nicht mehr. Seine Gesamthöhe vom
-Boden bis zur Dachspitze konnte nicht mehr als achtzehn Fuß betragen. An
-der Westseite dieses Bauwerks war ein zweites angefügt, das in allen
-seinen Teilen etwa ein Drittel kleiner war: -- seine Vorderseite stand
-etwa zwei Meter hinter der des größeren Hauses zurück, und sein Dach
-verlief natürlich beträchtlich niedriger als das benachbarte. In rechtem
-Winkel zu diesen Gebäuden und am Ende des Hauptbaues -- der nicht genau
-die Mitte einnahm -- erstreckte sich ein dritter, sehr kleiner Bau -- im
-Ganzen ein Drittel kleiner als der westliche Flügel. Die Dächer der
-beiden größeren Bauten waren sehr steil -- glitten in einer langen
-konkaven Kurve vom First hernieder und griffen mindestens vier Fuß über
-die Frontmauern hinaus, so daß sie noch die Bedachung zweier Laubengänge
-bildeten. Als solche bedurften sie selbstredend keiner Stützen; da sie
-aber dem Anschein nach Stützen brauchten, so waren nur an den Ecken
-leichte und völlig glatte Säulen eingeschaltet worden. Das Dach des
-nördlichen Flügels war nur eine Verlängerung des Hauptdaches. Zwischen
-dem Hauptgebäude und dem westlichen Flügel erhob sich ein sehr hoher und
-ziemlich schlanker viereckiger Schornstein aus harten schottischen
-Ziegeln, abwechselnd schwarzen und roten -- mit einer schmalen
-Kranzleiste ausladender Ziegel am oberen Ende. Auch über die Giebel
-sprangen die Dächer sehr weit vor -- am Hauptbau etwa vier Fuß nach
-Osten und zwei nach Westen. Die Eingangstür befand sich nicht genau in
-der Mitte, sondern etwas mehr östlich, während die beiden Fenster
-westlich davon lagen. Sie reichten nicht bis zur Erde, waren aber viel
-länger und schmaler als üblich -- sie hatten einflügelige Fensterladen,
-die wie Türen aussahen -- die Glasscheiben hatten Rautenform, aber von
-ziemlicher Größe. Die Tür selbst bestand in ihrem oberen Teil aus Glas,
-ebenfalls in Rautenform -- durch einen beweglichen Schalter nachts
-verschließbar. Die Tür für den Westflügel befand sich in der Giebelseite
-und war sehr einfach -- ein einziges Fenster wies hier nach Süden. Am
-Nordflügel gab es keine Außentür, und er hatte auch nur ein Fenster nach
-Osten.
-
-Die nackte Wand des östlichen Giebels wurde durch eine Treppe (mit
-Geländer) gehoben, die schräg daran emporlief -- der Aufstieg begann von
-Süden. Unter dem Schutz des weit vorspringenden Dachbogens führten diese
-Stufen zu einer Dachkammer, mehr einem Bodenraum -- denn er erhielt sein
-Licht nur durch ein einziges Fenster nach Norden und schien als Speicher
-gedacht zu sein.
-
-Die Vorplätze des Hauptgebäudes und westlichen Flügels waren nicht, wie
-sonst üblich, gepflastert. Aber an den Türen und vor jedem Fenster lagen
-große, flache, unregelmäßige Granitplatten im herrlichen Grasteppich,
-die ein angenehmes Gehen bei jeder Witterung ermöglichten.
-
-Prächtige Pfade aus dem gleichen Material -- nicht zierlich ausgeführt,
-sondern von dem samtenen Grün unterbrochen, das in Abständen zwischen
-den Steinen hervorquoll, führten vom Hause hierhin und dorthin, zu einer
-kristallenen Quelle in fünf Schritt Entfernung, zu dem Weg oder ein paar
-Nebengebäuden, die hinter dem Bach nach Norden lagen und durch ein paar
-Akazien- und Trompetenbäume völlig verborgen wurden.
-
-Nicht mehr als sechs Schritt vom Haupteingang des Landhauses erhob sich
-der tote Strunk eines phantastischen Birnbaumes, so ganz von Kopf zu Fuß
-in üppige Bignoniablüten gehüllt, daß es keine Kleinigkeit war, zu
-ergründen, woraus diese wunderschöne Sache eigentlich bestand. An
-verschiedenen Ästen dieses Baumes hingen Käfige aller Art. In einem
-großen, zylinderförmigen Weidengeflecht vergnügte sich ein Spottvogel,
-in einem andern ein Pirol, in einem dritten die dreiste Reisammer --
-während aus drei bis vier zierlicheren Zellen der Gesang von
-Kanarienvögeln erschallte.
-
-Die Pfeiler der Vorplätze waren von Jasmin und Geisblatt umrankt, und im
-Winkel, wo Hauptbau und Westflügel sich trafen, erhob sich ein Weinstock
-von unvergleichlicher Pracht. Alle Hindernisse nehmend, hatte er erst
-das tiefer liegende Dach erklommen, dann das höhere, und am Rande des
-letzteren wand er sich weiter, nach rechts und nach links Ranken
-aussendend, bis er schließlich glücklich den Ostgiebel erreichte und
-sich die Treppe herunter wand.
-
-Das ganze Haus samt seinen Flügeln war mit den altmodischen schottischen
-Schindeln, die breit und eckig sind, belegt. Es ist eine Eigenart dieses
-Materials, daß es die Häuser unten breiter als oben erscheinen läßt,
-gleich den ägyptischen Bauwerken, und hier wurde dieser außerordentlich
-malerische Eindruck durch zahlreiche Töpfe voll prächtiger Blumen
-unterstützt, die beinahe den gesamten Bau umringten.
-
-Die Schindeln hatten einen mattgrauen Anstrich, und die glückliche
-Kontrastwirkung dieser neutralen Tönung zu dem lebhaften Grün der
-Blätter des Tulpenbaumes, der das Landhaus teilweise überschattete, wird
-jeder Künstler begreifen.
-
-Von einem Platz am Steinwall aus war der Anblick der Gebäude am
-vorteilhaftesten, denn der südöstliche Flügel sprang vor, so daß das
-Auge gleichzeitig die beiden Fronten mit dem malerischen östlichen
-Giebel umfaßte und noch ein Stückchen vom Nordgiebel dazu, ferner etwa
-die Hälfte einer leichten Brücke, die sich in nächster Nähe des
-Hauptgebäudes über den Bach spannte.
-
-Ich blieb nicht sehr lange auf dem Hügelkamm, wenngleich lange genug, um
-das Bild zu meinen Füßen gründlich in mich aufzunehmen. Es war klar, daß
-ich vom Weg zum Dorf abgekommen war, und ich hatte daher die gute
-Berechtigung des Wanderers, das Tor vor mir zu öffnen und jedenfalls
-meinen Weg zu erfragen; so trat ich ohne viel Umstände näher.
-
-Der Pfad schien hinter dem Tor einem natürlichen Felsensteig zu folgen
-und schlängelte sich allmählich an den nordöstlichen Klippen hinunter.
-Er führte mich an den Fuß des nördlichen Abhangs hinab und dann über die
-Brücke, um den östlichen Giebel herum zum Haupteingang. Dabei stellte
-ich fest, daß von den Nebengebäuden nichts zu sehen war.
-
-Als ich um die Ecke der Giebelseite kam, lief der Bullenbeißer in Sätzen
-auf mich zu, stumm, aber mit dem Blick und dem Gebaren eines Tigers. Ich
-streckte ihm jedoch meine Hand hin, als Freundschaftszeichen, und ich
-habe noch keinen Hund gekannt, der solch einem Appell an seine
-Höflichkeit widerstanden hätte. Er schloß nicht nur den Rachen und
-wedelte mit dem Schwanz, sondern bot mir eindringlich die Pfote, um dann
-auch Ponto seine Begrüßung zu erweisen.
-
-Da keine Klingel zu entdecken war, pochte ich mit dem Stock an die Tür,
-die halb offen stand. Sogleich näherte sich eine Gestalt -- die eines
-jungen Weibes von ungefähr achtundzwanzig Jahren -- schlank und etwas
-über Mittelgröße. Als sie mit einem gewissen nicht zu beschreibenden
-Schritt von bescheidener Entschiedenheit herantrat, sagte ich zu mir
-selbst: »Hier habe ich nun die Vollendung der natürlichen im Gegensatz
-zur künstlerischen Anmut gefunden.« Der zweite Eindruck, den sie in mir
-hervorrief, der aber weit lebhafter war als der erste, war Begeisterung.
-Ein so intensiver Ausdruck von Romantik -- so sollte ich es vielleicht
-nennen -- oder von Unweltlichkeit, wie er aus ihren tiefliegenden Augen
-schimmerte, war mir nie vorher ins innerste Herz gedrungen. Ich weiß
-nicht, wie das ist, aber dieser besondere Ausdruck im Auge, der
-gelegentlich auch den Mund kräuselt, ist der mächtigste, wenn nicht der
-durchaus einzige Zauber, mit dem ein Weib mich fesseln kann. »Romantik«
--- vorausgesetzt, daß meine Leser begreifen, was ich hier mit dem Wort
-besagen will -- »Romantik« und »Weiblichkeit« sind für mich dieselben
-Begriffe, und was schließlich der Mann im Weibe wirklich liebt, ist
-einfach ihre Weiblichkeit. Annies Augen (ich hörte, wie jemand von
-drinnen rief »Annie, Liebes!«) waren »geistvoll grau«, ihr Haar war ein
-lichtes Kastanienbraun; das war alles, was ich beobachten konnte.
-
-Ihrer sehr artigen Einladung folgend, trat ich ein und durchschritt
-zunächst eine ziemlich weite Diele. Da ich hauptsächlich gekommen war,
-um zu beobachten, stellte ich fest, daß sich rechts von mir ein solches
-Fenster befand, wie sie von außen zu sehen gewesen waren, links eine
-Tür, die in das Hauptgemach führte, während gegenüber eine offene Tür
-mir Einblick in ein kleines Zimmer gestattete, das, von derselben Größe
-wie die Diele, als Arbeitszimmer eingerichtet war und ein großes
-Bogenfenster nach Norden hatte.
-
-Ich trat ins Wohnzimmer und sah mich Mr. Landor gegenüber, denn dieses
-war, wie ich später erfuhr, sein Name. Er war höflich, ja kordial von
-Wesen, aber ich war eben jetzt eifriger bedacht, die Einrichtung des
-Hauses, das mich so ungemein interessierte, zu betrachten, als die
-persönliche Erscheinung des Besitzers.
-
-Der Nordflügel, den ich nun sah, bestand aus einem Schlafzimmer, dessen
-Tür in das Wohnzimmer führte. Den Boden bedeckte ein Teppich von
-prächtigem Gewebe: kleine, grüne, kreisende Figuren auf weißem Grunde.
-An den Fenstern befanden sich Vorhänge aus schneeweißem
-Jakonettmusselin; sie waren ziemlich schwer und hingen genau, vielleicht
-etwas steif, in strengen, gleichmäßigen Falten bis auf den Boden --
-genau bis auf den Boden. Die Wände waren mit einer sehr zarten
-französischen Tapete bekleidet, auf deren silbernem Grund ein blaßgrüner
-Faden in Zickzacklinien hindurchlief. Sie wurde in ihrer ganzen
-Ausdehnung nur von drei kostbaren Lithographien Juliens Ȉ trois
-crayons« unterbrochen, die ungerahmt an der Wand befestigt waren. Eine
-der Zeichnungen war eine Szene voll orientalischer Pracht oder besser
-Üppigkeit, eine andere ein Karnevalsbild, unvergleichlich geistvoll, die
-dritte bot den Kopf einer Griechin: ein so göttlich schönes und dabei so
-herausfordernd unentschiedenes Antlitz hatte ich nie vorher gesehen.
-
-Die gegenständliche Einrichtung bestand aus einem runden Tisch, ein paar
-Stühlen (darunter ein großer Schaukelstuhl) und einem Sofa oder besser
-einem »Kanapee«; es war aus glattem, gelblich-weiß lackiertem Ahornholz
-mit zarten grünen Streifen, der Sitz war Rohrgeflecht. Die Stühle und
-der Tisch »paßten« dazu, aber ganz offenbar war die Form eines jeden
-Gegenstandes von demselben Kopf entworfen, der »die Landschaft« angelegt
-hatte -- man kann sich nichts Anmutigeres denken.
-
-Auf dem Tisch lagen ein paar Bücher, stand eine große, eckige
-Kristallflasche mit einem eigenartigen Parfüm, eine Astral- (nicht
-Solar-) Lampe aus glattem Milchglas mit einer italienischen Glocke und
-eine große Vase strahlend blühender Blumen. Blumen in verschwenderischer
-Farbenpracht und zarten Düften bildeten tatsächlich den einzigen Schmuck
-des Zimmers. Der Kamin war fast ausgefüllt von einer Vase mit
-leuchtenden Geranien. Ein dreieckiges Wandbrett in jeder Zimmerecke trug
-je eine ähnliche Vase, nur ihr lieblicher Inhalt wechselte. Ein paar
-kleinere Sträuße zierten den Kaminsims, und späte Veilchen umdrängten
-die offenen Fenster.
-
-Es liegt nicht in der Absicht dieser Erzählung, mehr zu geben, als eine
-eingehende Schilderung von Mr. Landors Wohnsitz, so wie ich ihn fand.
-
-
-
-
- DER HERRSCHAFTSSITZ ARNHEIM
-
-
-Von der Wiege bis zum Grabe wurde mein Freund Ellison von der Woge des
-Erfolges emporgehoben. Ich gebrauche aber nicht das Wort Erfolg im
-landläufigen Sinne; ich gebrauche es als Synonym für Glück. Der Mensch,
-von dem ich rede, schien geboren, um die Doktrinen eines Turgot, Price,
-Priestly und Condorcet zu verwirklichen -- durch persönliches Beispiel
-den Beweis zu erbringen für das, was man eine Schimäre der Puritaner
-genannt hat. Ich vermeine in dem kurzen Dasein Ellisons das Dogma
-widerlegt gesehen zu haben, daß in der Natur des Menschen etwas
-verborgen sei, das ihn der Seligkeit entziehe. Eine eingehende Prüfung
-seiner Laufbahn hat mir zu verstehen gegeben, daß im allgemeinen das
-Unglück der Menschheit von der Verletzung einiger weniger einfacher
-Menschengesetze abzuleiten ist -- daß wir die Elemente zu heiterer
-Genüge bis jetzt ungenutzt in unserer Macht haben -- und daß selbst
-jetzt in der gegenwärtigen Finsternis und Tollheit, da alle Gedanken auf
-die große Frage der sozialen Lage gerichtet sind, es nicht
-ausgeschlossen ist, daß der Mensch, das Individuum, unter gewissen
-ungewöhnlichen und rein zufälligen Umständen glücklich sein kann.
-
-Auch mein junger Freund war von derartigen Ansichten ganz erfüllt, und
-es ist daher bemerkenswert, daß der ununterbrochene Genuß, den das Leben
-ihm brachte, zum großen Teil die Folge weiser Voraussicht war. Ja, es
-ist klar, daß Mr. Ellison, hätte er weniger instinktive Philosophie
-besessen, die gelegentlich so gut die Stelle der Erfahrung zu ersetzen
-weiß, sich durch den so außerordentlichen Erfolg, den das Leben ihm
-brachte, in den üblichen Strudel des Unglücks hinabgezogen gesehen
-hätte, der das Los aller hervorragend begünstigten Leute ist. Doch es
-ist keineswegs meine Absicht, ein Essay über das Wesen des Glücks zu
-schreiben. Die Gedankengänge meines Freundes seien nur in kurzen Worten
-geschildert. Er gab nicht mehr als vier Elementarsätze oder, genauer
-gesagt, Bedingungen für die Freude zu. Die Hauptsache war ihm (seltsam
-genug!) der einfache und rein physische Grundsatz der Bewegung im
-Freien. »Was man an Gesundheit«, sagte er, »auf anderm Wege erreichen
-kann, ist dieses Namens kaum wert.« Als Beispiel führte er die Wonnen
-des Fuchsjägers an und wies auf die Ackerbauern hin, die einzigen Leute,
-die man, als Klasse betrachtet, glücklicher erachten kann als andre.
-Seine zweite Bedingung war Weibesliebe. Seine dritte und sehr schwer zu
-verwirklichende war die Verachtung des Ehrgeizes. Seine vierte ein
-rastlos gesuchtes Ziel. Und er behauptete, da andre Dinge gleichgültig
-seien, so stehe das Maß des erreichbaren Glücksgefühls im Verhältnis zu
-der Geistigkeit dieses Gegenstandes.
-
-Ellison zeichnete sich durch eine Fülle guter Gaben aus, die das Glück
-ihm in den Schoß geworfen hatte. An Schönheit und Anmut überstrahlte er
-alle Männer. Sein Verstand war von der Art jener, denen das Erwerben von
-Kenntnissen weniger Anstrengung als Intention und Bedürfnis ist. Seine
-Familie gehörte zu den erlauchtesten im Reich. Seine Braut war die
-lieblichste und treu ergebenste aller Frauen. Er hatte stets über
-reichliches Besitztum verfügt; als er aber mündig wurde, stellte es sich
-heraus, daß das Schicksal ihm einen der seltenen Streiche gespielt
-hatte, wie sie die ganze soziale Welt, in der sie sich ereignen,
-zuweilen in Verblüffung versetzen und selten verfehlen, die
-Geistesverfassung derer, denen sie gelten, völlig umzustoßen.
-
-Es fand sich, daß etwa hundert Jahre vor Mr. Ellisons Mündigwerdung in
-einer entfernten Provinz ein Mr. Seabright Ellison gestorben war. Dieser
-Herr hatte ein fürstliches Vermögen zusammengerafft, und da er keine
-direkten Nachkommen hatte, packte ihn die Grille, das Vermögen sich bis
-hundert Jahre nach seinem Tode weiter aufstapeln zu lassen. Indem er die
-Anlage des Kapitals eingehend und scharfsinnig bestimmte, vermachte er
-die aufgehäufte Summe demjenigen nächsten Blutsverwandten des Namens
-Ellison, der nach Ablauf von hundert Jahren am Leben wäre. Viele
-Versuche waren gemacht worden, diese eigenartige Bestimmung zu umgehen;
-ihr Ex-post-facto-Charakter ließ sie fehlschlagen; man lenkte aber die
-Aufmerksamkeit einer habgierigen Regierung darauf und erlangte eine
-gesetzliche Verfügung, die alle derartigen Geldanhäufungen untersagte.
-Das hinderte freilich den jungen Ellison nicht, an seinem
-einundzwanzigsten Geburtstag als der Erbe seines Ahnherrn Seabright in
-den Besitz eines Vermögens von vierhundertundfünfzig Millionen Dollar zu
-kommen.
-
-Als es bekannt wurde, welch ungeheuerliche Summe die Erbschaft
-ausmachte, gab es natürlich viele Vermutungen über die Art, wie sie
-anzulegen sei. Die Höhe und die sofortige Greifbarkeit der Summe
-verwirrte alle, die sich mit der Sache befaßten. Für den Besitzer
-irgendeiner übersehbaren Geldmenge hätte man sich irgendeinen von
-tausend Plänen ausgedacht. Wäre er mit Gütern gesegnet worden, die
-lediglich die der andern Bürger überstiegen, so hätte man sich unschwer
-vorgestellt, er werde die beliebten Extravaganzen seiner Zeit in
-unerhörtester Weise übertreiben -- oder sich mit politischen Umtrieben
-befassen -- oder nach der Machtstellung eines Ministers streben -- oder
-sich den höheren Adel kaufen -- oder große Museen der schönen
-Künste anlegen -- oder den freigebigen Mäzen in Wissenschaft,
-Literatur und Kunst spielen -- oder seinen Namen in ausgedehnten
-Wohlfahrtseinrichtungen verewigen. Bei dem unfaßlichen Vermögen jedoch,
-in dessen unumschränktem Besitz der Erbe sich befand, empfand man diese
-und alle gewöhnlichen Ziele als ein allzu begrenztes Feld. Man nahm zu
-Zahlen seine Zuflucht, und auch diese verwirrten noch mehr. Es
-stellte sich heraus, daß selbst bei nur drei Prozent das
-Jahreseinkommen der Erbschaft nicht weniger als dreizehn
-Millionen fünfhunderttausend Dollar betrug, was eine Million
-einhundertundfünfundzwanzigtausend Dollar im Monat ausmachte; oder
-sechsunddreißigtausendneunhundertundsechsundachtzig am Tag; oder
-sechsundzwanzig Dollar für jede entfliehende Minute. So wurde natürlich
-der übliche Weg der Mutmaßungen völlig umgestoßen. Die Leute wußten
-nicht, was sie ersinnen sollten. Einige meinten sogar, Mr. Ellison werde
-sich mindestens der Hälfte seines Vermögens als völlig überflüssig
-entledigen -- und die ganze Sippe seiner Verwandtschaft durch Verteilung
-dieses Überflusses bereichern. Den nächsten Verwandten überließ er
-tatsächlich die ungewöhnlich großen Reichtümer, die ihm bereits vor der
-Erbschaft gehörten.
-
-Ich war jedoch gar nicht überrascht, als ich merkte, daß er schon längst
-seinen Entschluß über einen Punkt gefaßt hatte, der von seinen Freunden
-soviel erörtert worden war. Auch war ich über die Art dieses
-Entschlusses nicht allzusehr erstaunt. Hinsichtlich der persönlichen
-Wohltätigkeit hatte er sein Gewissen beruhigt. Von der Möglichkeit
-irgendeines wesentlichen Dienstes, den der Mensch, wie man so zu sagen
-pflegt, der Menschheit erweisen könnte, war er (wie ich leider gestehen
-muß) wenig überzeugt. Kurz und gut, glücklich oder nicht glücklich, er
-war so ziemlich ganz auf sich selber angewiesen.
-
-Er war im weitesten und edeln Sinne ein Dichter. Er erfaßte überdies den
-wahren Charakter, die erhabenen Ziele, die herrliche Majestät und Würde
-der poetischen Empfindung. Er fühlte instinktiv, daß die vollste, wenn
-nicht die einzige Befriedigung in der Erschaffung neuer Schönheitsformen
-lag. Eine gewisse Eigenart, eine Folge seiner Erziehung oder seines
-Intellekts, gab allen seinen ethischen Betrachtungen eine
-materialistische Färbung, und dieser Hang vielleicht war es, der ihn zu
-der Ansicht führte, das vorteilhafteste, wenn nicht das einzig
-rechtmäßige Feld für angewandte Poesie biete die Schöpfung neuer Formen
-von natürlicher, rein physischer Schönheit. So kam es, daß er weder
-Musiker noch Dichter wurde -- wenn wir diese letztere Bezeichnung in
-ihrer gewöhnlichen Bedeutung fassen. Mag aber auch sein, daß er beides
-nicht werden wollte -- lediglich in Verfolgung seiner Idee, daß die
-Verachtung jeglichen Ehrgeizes eine der wesentlichen Wurzeln des
-irdischen Glückes sei. Ist es nicht tatsächlich möglich, daß, während
-ein großes Genie naturgemäß ehrgeizig ist, noch ein größeres über dem
-steht, was wir Ehrgeiz nennen? Kann es nicht sein, daß viele, die weit
-größer sind als Milton, sich begnügt haben, »stumm und unberühmt« zu
-bleiben? Ich glaube, die Welt hat auf dem Gebiet der Kunst die ganze
-erschöpfende Fülle prachtvoller Leistungen, deren die menschliche Natur
-unbedingt fähig ist, nie gesehen und wird sie nie sehen -- es sei denn,
-daß allerlei Zufälle einmal eines jener größeren Genies, entgegen seiner
-eigenen Anschauung, zu Taten veranlassen.
-
-Ellison wurde weder Musiker noch Dichter, obgleich man Musik und Poesie
-nicht inniger lieben konnte als er. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er
-unter andern Lebensbedingungen Maler geworden wäre. Die Bildhauerkunst
-war trotz ihres stark poetischen Gehalts zu begrenzt in Form und
-Wirkung, um jemals seine Aufmerksamkeit lange fesseln zu können. Und ich
-habe nun alle Gebiete aufgezählt, in denen nach allgemeinen Begriffen
-die poetische Empfindung sich ausbreiten kann. Ellison aber behauptete,
-das reichste und echteste, das natürlichste und wohl auch umfassendste
-Gebiet sei unverantwortlicherweise übersehen worden. Kein Deuter habe je
-den Landschaftsgärtner als Künstler erwähnt; dennoch, so meinte mein
-Freund, biete der Landschaftsgarten der wahren Muse die edelsten
-Möglichkeiten. Hier sei wirklich das schönste Feld zur Entfaltung der
-Phantasie in immer neuer Gestaltung neuer Schönheitsformen, da die zur
-Zusammenstellung vorhandenen Elemente bei weitem die herrlichsten seien,
-die die Erde zu bieten habe. In den zahllosen Formen und Farben der
-Blumen und Bäume erkannte er den ausgesprochensten und kraftvollsten
-Drang der Natur nach körperlicher Schönheit. Und in der Anordnung oder
-Vereinigung dieser Bemühungen -- oder richtiger, in ihrer Anpassung an
-die Augen, die sie auf Erden würdigen sollten -- glaubte er auf die
-beste Art -- und mit erfolgreichsten Leistungen -- der Erfüllung nahe zu
-kommen, nicht nur seiner eigenen Bestimmung als Künstler, sondern auch
-den erhabenen Zielen, um deretwillen die Gottheit dem Menschen das
-künstlerische Empfinden eingeimpft habe.
-
-»Ihre Anpassung an die Augen, die sie auf Erden würdigen sollten ...« In
-seiner Erläuterung dieses Ausdrucks trug Mr. Ellison viel zur Lösung
-dessen bei, was mir immer als Rätsel erschienen war: -- ich meine die
-(nur von Unwissenden bestrittene) Tatsache, daß es in der Natur keine
-solchen Szenerien gibt, wie der geniale Maler sie zu schaffen weiß.
-Keine solchen Paradiese sind in der Wirklichkeit zu finden, wie sie auf
-der Leinwand Claudes erglühen. In den bezauberndsten natürlichen
-Landschaften wird stets ein Mangel oder ein Unmaß zu finden sein --
-viele Mängel und viele Unmäßigkeiten. Während die gegebenen Bestandteile
-im einzelnen das größte Können des Künstlers übertreffen mögen, so wird
-die Anordnung dieser Teile stets noch der Vervollkommnung bedürftig
-sein. Kurz, in der ganzen weiten natürlichen Landschaft auf Erden gibt
-es keinen Betrachtungspunkt, von dem aus ein Künstlerauge bei längerem
-Zusehen nicht einen Verstoß gegen das fände, was man die »Komposition«
-der Landschaft nennt. Und wie unbegreiflich ist das doch! In allen
-andern Dingen sind wir richtig belehrt, die Natur als überlegen
-anzusehen. Wir scheuen den Wettbewerb mit ihren Einzelschöpfungen. Wer
-wollte es fertigbringen, die Farben der Tulpe wiederzugeben oder die
-Gestalt des Maiglöckchens zu verbessern? Die Kritik, die von der
-Bildhauerei oder der Porträtkunst sagt, daß hier die Natur nicht nur
-erreicht, sondern übertroffen oder idealisiert sei, befindet sich im
-Irrtum. Kein malerisches noch bildhauerisches Zusammenwirken von
-Einzelheiten menschlicher Schönheit kann mehr, als der lebendigen,
-atmenden Schönheit nahe kommen. Nur in der Landschaft ist jener
-Standpunkt des Kritikers im Recht, und da er seine Wahrheit hier
-empfand, so ist es nur die unüberlegte Vorliebe zur Verallgemeinerung,
-die ihn dahin führte, ihn auf allen Gebieten der Kunst als richtig
-aufzustellen. Ich sage, seine Wahrheit hier _empfand_; denn die
-Empfindung ist keine Einbildung, keine Schimäre. Die Mathematiker
-liefern keine exakteren Beweise, als sie dem Künstler in seiner Kunst
-das Gefühl bietet. Er glaubt nicht nur, sondern er weiß positiv, daß die
-und die scheinbar willkürliche Anordnung der Dinge die wahre Schönheit
-ausmacht -- sie ganz allein ausmacht. Seine Gründe aber sind noch nicht
-zum Ausdruck gereift. Es bleibt einer gründlicheren Analyse, als die
-Welt sie bisher gesehen hat, überlassen, diese Gründe voll zu erforschen
-und darzutun. Dessenungeachtet wird er in seiner instinktiven Ansicht
-durch die Stimme aller seiner Brüder unterstützt.
-
-Nehmen wir an, eine »Komposition« sei mangelhaft; sie solle lediglich in
-ihrer Zusammensetzung umgearbeitet werden; nun möge man die Frage nach
-der Notwendigkeit dieser Umarbeitung jedem Künstler, den es nur gibt,
-vorlegen, von jedem wird die Notwendigkeit zugegeben werden. Und sogar
-weit mehr als das: zur Behebung der fehlerhaften Komposition würde jedes
-einzelne Glied dieser Bruderschaft die nämliche Änderung vorgeschlagen
-haben.
-
-Ich wiederhole, daß nur bei Landschaftsbildern die Schönheit der Natur
-eine Steigerung zuläßt und daß daher die Fähigkeit zu ihrer
-Vervollkommnung in gerade diesem einen Punkte ein Geheimnis war, das ich
-nicht zu lösen wußte. Meine eigenen Anschauungen über den Gegenstand
-gingen dahin, die Natur habe in ihrer ursprünglichen Absicht die Erde so
-gebildet, daß sie in allen Punkten der menschlichen Auffassung von
-vollendeter Schönheit oder Erhabenheit entsprach; aber diese
-ursprüngliche Absicht sei durch die bekannten geologischen Störungen
-vernichtet worden -- Störungen in Form und Farbengruppierung, in deren
-Verbesserung oder Abschwächung die Seele der Kunst beruht. Die Kraft
-dieses Gedankens wurde jedoch sehr abgeschwächt durch die in ihm
-verborgene Notwendigkeit, die Störungen als anormal und durchaus
-unzweckmäßig zu betrachten. Ellison war es, der die Vermutung aussprach,
-sie seien ein Anzeichen des Todes. Er erklärte das so: -- Angenommen,
-die ursprüngliche Absicht sei die irdische Unsterblichkeit des Menschen
-gewesen. Dann finden wir die ursprüngliche Bildung der Erde seinem
-seligen Zustand angepaßt -- zwar nicht bestehend, aber beabsichtigt. Die
-Umwälzungen waren die Vorbereitungen für seine später beschlossene
-Bestimmung zum Tode.
-
-»Nun könnte aber«, sagte mein Freund, »das, was wir als Steigerung der
-landschaftlichen Schönheit empfinden, eine lediglich menschliche
-Anschauungsweise sein. Jede Veränderung der natürlichen Szenerie würde
-das Bild vielleicht verunstalten, wenn wir es uns von weitem -- als
-große Masse gesehen -- denken, von einem der Erdoberfläche fernen Punkt,
-wenngleich nicht hinter den Grenzen ihrer Atmosphäre. Es ist leicht
-begreiflich, daß das, was einem nah besehenen Detail zum Vorteil
-gereichen mag, gleichzeitig eine allgemeine oder entferntere Wirkung
-beeinträchtigen kann. Es _könnte_ doch eine Art vordem menschlicher, nun
-aber der Menschheit unsichtbarer Wesen geben, denen aus der Ferne unsre
-Wirrnis als Ordnung erscheint -- unser Unmalerisches als malerisch; mit
-einem Wort, ich meine die Erdengel, für deren Betrachtung mehr als für
-unsere und für deren durch den Tod veredelte Bewertung des Schönen die
-weiten Landschaftsgärten der Hemisphären von Gott aufgestellt worden
-sein mögen.«
-
-Im Laufe des Gespräches führte mein Freund einige Zitate eines
-Beurteilers der Landschaftsgärtnerei an, der, wie man sagt, sein Thema
-gut behandelt haben soll:
-
->Es gibt eigentlich nur zwei Richtungen in der Landschaftsgärtnerei, die
-natürliche und die künstliche. Man versucht die ursprüngliche Schönheit
-der Landschaft wiederherzustellen, indem man ihre eigenen Mittel auf die
-Umgebung anwendet: Bäume anpflanzt, die sich den benachbarten Hügeln
-oder Flächen harmonisch anpassen; jenen reizvollen Einklang von Größe,
-Form und Farbe entdeckt und anwendet, der, dem gewöhnlichen Beschauer
-verborgen, sich erfahrenen Naturbeobachtern überall enthüllt. Das
-Resultat der natürlichen Richtung in der Gärtnerei zeigt sich mehr in
-der Vermeidung aller Mängel und Mißverhältnisse -- in der Pflege einer
-gesunden Harmonie und Ordnung --, als im Hervorbringen von Wundern oder
-Besonderheiten. Die künstliche Richtung hat soviele Abstufungen, als es
-Geschmacksverschiedenheiten zu befriedigen gibt. Sie hat eine gewisse
-allgemeine Verwandtschaft mit den verschiedenen Baustilen. Da gibt es
-die pomphaften Alleen und Boskette Versailles, italienische Terrassen
-und ein vielfach gemischter altenglischer Stil, der eine gewisse
-Ähnlichkeit mit der profanen Gotik oder der englischen elisabethanischen
-Architektur zeigt. Was auch gegen den Mißbrauch der künstlichen
-Landschaftsgärtnerei gesagt worden sein mag, so gibt doch eine
-Beimischung reiner Kunst einer Gartenszene große Schönheit. Teils
-erfreut es das Auge, daß es eine Ordnung und Planmäßigkeit wahrnimmt,
-teils ist es ein geistiges Genießen. Eine Terrasse mit einer alten
-moosbewachsenen Balustrade ruft uns sofort die reizenden Gestalten ins
-Gedächtnis, die hier in früheren Tagen gewandelt sind. Die kleinste
-Darbietung von Kunst ist ein Beweis der Sorgfalt und menschlicher
-Selbstliebe.<
-
-»Aus meinen bisherigen Bemerkungen werden Sie begreifen,« sagte Ellison,
-»daß ich den Gedanken verwerfe, die ursprüngliche Schönheit der
-Landschaft wieder herstellen zu wollen. Die ursprüngliche Schönheit ist
-nie so groß, wie die, welche man hervorrufen könnte. Allerdings liegt
-alles an der Wahl eines geeigneten Platzes. Was oben über die Entdeckung
-und praktische Anwendung hübscher Beziehungen in Größe, Gestalt und
-Farbe gesagt ist, ist nichts als eine hohle Redensart, um unklare
-Gedanken zu bemänteln. Der genannte Ausspruch kann alles und nichts
-besagen und gibt keinerlei Anweisung. Daß der wahre Erfolg des
-natürlichen Stils in der Gärtnerei mehr in der Vermeidung aller Mängel
-und Mißverhältnisse, als in der Erschaffung irgendwelcher Wunder und
-Besonderheiten zu suchen sei, ist ein Vorschlag, der besser zu dem
-niedrigen Begriffsvermögen der Herdenmenschen paßt als zu den feurigen
-Träumen eines genialen Mannes. Der befürwortete negative Vorzug gehört
-zu den hinkenden Beurteilungen, die in der Literatur zum Beispiel einem
-Addison eine Apotheose bereiten würden. Ja, während jene Tüchtigkeit,
-die lediglich in der Vermeidung von Fehlern besteht, sich direkt an
-unsere Einsicht wendet und daher durch Vorschriften umschrieben werden
-kann, ist die erhabenere Gabe, die in der Neuschöpfung flammt, allein in
-ihren Wirkungen zu begreifen. Regeln behandeln nur die Vorzüge der
-Vermeidung -- den Wert der Enthaltsamkeit. Darüber hinaus kann die
-kritische Kunst nur mutmaßen. Man kann uns unterweisen, einen >Cato< zu
-konstruieren, aber vergeblich wird man uns belehren, wie ein Parthenon
-oder ein >Inferno< zu schaffen sei. Ist aber die Sache getan, das Wunder
-vollendet, so ist es allgemeinverständlich. Die Sophisten der negativen
-Schule, die aus Unfähigkeit zum Schöpferischen solches Tun verspottet
-haben, sind nun die eifrigsten im Beifallspenden. Was im Larvenzustand
-seines Beginns ihren zahmen Verstand beleidigte, verfehlt nie, in seiner
-Reife der Vollendung ihrem Instinkt für Schönheit Bewunderung
-abzunötigen.«
-
-»Gegen die Bemerkungen des Verfassers über den künstlichen Stil ist
-weniger zu sagen«, fuhr Ellison fort. »Die Beimischung reiner Kunst gibt
-einer Gartenszene eine große Schönheit. Das ist richtig, ebenso wie der
-Hinweis auf menschliche Selbstliebe. Das angeführte Prinzip ist
-unbestreitbar -- es _könnte_ aber darüber hinaus noch etwas geben. Es
-könnte ein auf diesem Grundsatz aufgebautes Ziel geben -- ein mit den
-üblichen Mitteln des einzelnen unerreichbares Ziel, das aber, wenn es
-erreicht wird, dem Landschaftsgarten einen Reiz verleihen würde, der
-alles weit überträfe, was menschliche Sorgfalt hervorbringen könnte. Ein
-Künstler mit ganz außergewöhnlichen Geldmitteln könnte, trotz
-Beibehaltung der notwendigen Begriffe von Kunst oder Kultur oder, wie
-unser Autor sagt, von Selbstliebe, seine Pläne gleichzeitig so durch
-großzügige Anlage und neuartige Schönheit bereichern, daß man an die
-Einmischung von Feenhand glauben möchte. Man wird sehen, daß er zu
-solchem Resultat alle Vorteile der Selbstliebe oder Absicht heranzieht,
-während er doch sein Werk von der Schärfe oder den Kunstgriffen der
-irdischen Kunst befreit. Im finstersten Urwald -- in den entlegensten
-Gebieten der Natur -- ist die Kunst eines Schöpfers erkennbar; doch
-diese Kunst wird nur dem Verstande deutlich; in keiner Weise hat sie die
-einleuchtende Kraft des Gefühls. Nun wollen wir uns diesen Sinn in der
-Absicht des Allmächtigen nur einen Grad niedriger denken -- irgendwie in
-Harmonie oder in Übereinstimmung gebracht mit dem Wesen der menschlichen
-Kunst -- um ein Zwischenglied zwischen beiden zu bilden: -- stellen wir
-uns beispielsweise eine Landschaft vor, die durch Ausgedehntheit und
-Bestimmtheit, durch Schönheit, Pracht und Absonderlichkeit den Gedanken
-an Sorgfalt, Kultur und Pflege durch höhere und doch der Menschheit
-verwandte Wesen wachruft -- dann ist der Begriff der Interessiertheit
-gewahrt, während die eingeflochtene Kunst zur Annahme einer
-vermittelnden oder zweiten Natur führt -- einer Natur, die weder Gott
-noch eine Emanation Gottes ist, die aber dennoch Natur ist, als
-Kunstwerk der Engel, die zwischen den Menschen und Gott schweben.«
-
-Ellison gedachte seinen ungeheuren Reichtum in der Verwirklichung einer
-derartigen Vision anzulegen -- in der durch persönliche Überwachung
-seiner Anordnungen gebotenen Bewegung im Freien -- in dem unbeschränkten
-Ziel, das diese Absichten boten, in dem vergeistigten Wesen dieses
-Ziels, in der Verachtung ehrgeizigen Strebens, die ihm dadurch
-ermöglicht wurde, in dem ewigen Lenz, mit dem dieses Ziel, ohne je zu
-übersättigen, seine Hauptleidenschaft, den Durst nach Schönheit,
-befriedigte; vor allem aber in der Sympathie eines nicht unweiblichen
-Weibes, deren Lieblichkeit und Liebe sein Dasein mit der purpurnen
-Atmosphäre des Paradieses umgeben; und er hoffte, Befreiung von den
-Alltagszielen der Menschheit zu finden, und er _fand_ sie und eine weit
-größere Fülle positiven Glücks, als je in den überschwenglichen
-Wachträumen einer Staël glühte.
-
-Ich bezweifle, daß ich dem Leser eine irgendwie klare Vorstellung der
-Wunder vermitteln kann, die mein Freund tatsächlich verrichtete. Ich
-möchte beschreiben, fühle mich aber von der Schwierigkeit der
-Beschreibung entmutigt und zögere zwischen Detaillierung und
-Verallgemeinerung. Der beste Weg ist vielleicht der, die beiden Extreme
-zu vereinigen.
-
-Mr. Ellisons erster Schritt galt natürlich der Wahl einer Örtlichkeit,
-und kaum hatte er über diesen Punkt nachgedacht, als die üppige
-Naturpracht der Südsee-Inseln seine Aufmerksamkeit fesselte. Ja, er
-hatte schon beschlossen, eine Reise in die Südsee anzutreten, als die
-Überlegung einer Nacht ihn veranlaßte, die Idee aufzugeben. »Wäre ich
-ein Menschenfeind,« sagte er, »so würde mir solch ein Ort gefallen. Die
-völlige Abgeschlossenheit und die Schwierigkeit des Hin- und
-Zurückgelangens wäre in solchem Falle der Reiz aller Reize; noch aber
-bin ich nicht Timon. Ich wünsche die Erholung, aber nicht das
-Bedrückende der Einsamkeit. Ich muß in gewissem Sinne den Grad und die
-Dauer meiner Zurückgezogenheit bestimmen können. Es mögen Stunden
-kommen, in denen ich das, was ich geleistet habe, der Sympathie
-poetischer Geister vorführen will. Ich werde daher einen Ort wählen, der
-nicht weit von einer volkreichen Stadt liegt, deren Nähe mir auch die
-Durchführung meiner Pläne am besten ermöglicht.«
-
-Auf der Suche nach einem solchen Ort reiste Ellison mehrere Jahre umher,
-und mir war es erlaubt, ihn zu begleiten. Wohl tausend Plätze, von denen
-ich entzückt war, verwarf er aus Gründen, deren Richtigkeit ich jedesmal
-anerkennen mußte. Wir kamen schließlich zu einem erhöhten Tafelland von
-wundervoller Fruchtbarkeit und Schönheit, das einen Rundblick bot, der
-dem des Ätna an Ausdehnung sehr wenig nachstand und das nach Ellisons
-wie meiner Ansicht die weitberühmte Aussicht jenes Berges in allen
-wesentlichen Elementen des Malerischen überragte.
-
-»Ich bin mir bewußt,« sagte der Reisende mit einem Seufzer tiefen
-Entzückens, nachdem er die Szene wohl eine Stunde lang bezaubert
-betrachtet hatte, »ich weiß, daß neun Zehntel der wählerischsten Männer
-an meiner Stelle hier befriedigt sein würden. Dieses Panorama ist in der
-Tat herrlich, und ich würde davon hingerissen sein, wenn es nicht
-übertrieben herrlich wäre. Der Geschmack aller mir bekannten Baumeister
-veranlaßt sie, der >Aussicht< wegen, ihre Häuser auf eine Höhe zu
-stellen. Der Irrtum ist klar. Größe in jeder Form, besonders aber als
-Ausdehnung, bringt Überraschung, Erregung -- und ermüdet dann, drückt
-nieder. Als gelegentliche Szene kann es nichts Besseres geben -- zum
-dauernden Anblick nichts Schlimmeres. Und zum dauernden Anblick ist die
-unzulässigste Art der Größe die der Ausdehnung, des weiten Raumes. Sie
-steht mit dem Gefühl, dem Sinn für Zurückgezogenheit auf dem Kriegsfuß
--- dem Sinn, den wir zu befriedigen suchen, wenn wir uns >auf das Land
-zurückziehen<. Wenn wir vom Gipfel eines Berges um uns blicken, so
-fühlen wir uns unwillkürlich verloren in der Welt. Die tief
-melancholischen Seelen meiden einen weiten Blick wie die Pest.«
-
-Nicht vor Ende des vierten Jahres unsrer Suche fanden wir eine Gegend,
-mit der Ellison sich einverstanden erklärte. Es ist natürlich
-überflüssig, zu sagen, wo diese Gegend lag. Der kürzlich erfolgte Tod
-meines Freundes, der seine Besitzung für gewisse Kreise von Besuchern
-erschloß, hat Arnheim zu einer heimlichen und gedämpften, wenn nicht
-traurigen Berühmtheit verholfen, ähnlich -- allerdings in unendlich
-höherem Grade -- wie es mit dem so lang verehrten Fonthill gegangen ist.
-
-Der übliche Weg nach Arnheim war der Fluß. Der Besucher verließ die
-Stadt am frühen Morgen. Im Laufe des Vormittags glitt er zwischen Ufern
-voll stiller, ländlicher Schönheit dahin, auf denen zahllose Schafe
-weideten, deren weißes Fell das strahlende Grün der vorüberziehenden
-Wiesen sprenkelte. Nach und nach wirkte die Landschaft weniger bebaut,
-als lediglich mit Sorgfalt gepflegt. Das wandelte sich allmählich in
-Verlassenheit -- diese wieder in völlige Abgeschiedenheit. Als der Abend
-kam, wurde der Kanal enger, die Ufer erhoben sich steiler und waren mit
-üppigem, dunklem Laubwuchs bedeckt. Das Wasser wurde durchsichtig. Der
-Fluß machte tausend Windungen, so daß man seine schimmernde Fläche nur
-immer eine kurze Strecke weit überschauen konnte. Jeden Augenblick war
-es, als befinde sich das Schiff in einem Zauberkreis aus
-undurchdringlichen Laubwänden, einer Decke von tiefblauer Seide und --
-_keinem_ Boden, da der Kiel mit staunenswerter Geschicklichkeit auf dem
-eines andern gespenstischen Bootes zu balanzieren schien, das, zufällig
-kieloben treibend, die beständige Begleitung und gewissermaßen der Halt
-des wirklichen Bootes zu sein schien. Der Kanal wurde jetzt zu einer
-Schlucht -- die Bezeichnung ist allerdings etwas unangebracht, und ich
-gebrauche sie nur, weil die Sprache kein Wort hat, das diesen
-auffälligsten Zug der Landschaft kennzeichnet. Der Charakter einer
-Schlucht wurde nur durch die Höhe und Gleichmäßigkeit beider Ufer
-gegeben; in allem andern war keine Ähnlichkeit zu spüren. Die Wände der
-Schlucht (durch die das Wasser weiter still dahinfloß) erreichten eine
-Höhe von hundert und gelegentlich hundertfünfzig Fuß und neigten sich
-einander soweit zu, daß sie das Tageslicht wesentlich abdämpften,
-während das lange flaumige Moos, das in dichten Büscheln vom
-verflochtenen Strauchwerk oben herniederhing, der ganzen Kluft eine
-trauernde Düsterkeit verlieh. Die Windungen wurden häufiger und
-verworrener und schienen oft wieder nach rückwärts zu führen, so daß der
-Reisende längst nicht mehr die Richtung kannte. Überdies fühlte er mit
-Entzücken die Seltsamkeit seiner Umgebung. Freilich, Natur war es noch
-immer, aber sie war beeinflußt worden. Da war eine zauberhafte
-Symmetrie, eine packende Gleichmäßigkeit, eine märchenhafte Sauberkeit
-hier in ihren Werken. Nicht ein totes Zweiglein -- nicht ein welkes
-Blatt -- nicht ein verirrter Kiesel -- nicht ein Fleckchen nackter Erde
-war zu sehen. Das kristallklare Wasser wellte an dem sauberen Granit
-oder dem fleckenlosen Moos empor in einer so ebenmäßigen Grenzlinie, daß
-es das Auge entzückte und bestürzte.
-
-Hatte man die Irrgänge dieses Kanals einige Stunden lang durchzogen,
-während die Dämmerung immer mehr zunahm, so brachte eine scharfe und
-plötzliche Wendung das Boot wie vom Himmel gefallen in ein rundes Becken
-von ansehnlichen Ausmaßen, mit denen der Schlucht verglichen. Es hatte
-etwa zweihundert Meter Durchmesser und war bis auf eine einzige Stelle,
-die dem Boot bei seinem Eintritt genau gegenüber lag, von Hügeln
-eingefaßt, deren Höhe den Mauern der Schlucht entsprach, die aber ganz
-anders in der Anlage waren. Sie glitten in einem Winkel von etwa vierzig
-Grad zum Wasser herunter, und diese Hänge waren von unten bis oben --
-ohne den kleinsten Zwischenraum -- mit den prächtigsten Blüten
-geschmückt; kaum ein grünes Blättchen war in dem Meer duftender Farben
-und flutender Blütensterne zu sehen. Dieses Becken war von großer Tiefe;
-das Wasser war aber so durchsichtig, daß der Boden, der aus einer
-dichten Menge kleiner, runder Alabasterkiesel zu bestehen schien,
-gelegentlich deutlich sichtbar wurde, das heißt immer dann, wenn das
-Auge es fertig brachte, nicht tief unten im umgekehrten Himmel das
-verdoppelte Blühen der Hügel wahrzunehmen. Auf diesen gab es weder Bäume
-noch Sträucher irgendwelcher Größe. Der Eindruck für den Beschauer war
-Fülle, Wärme, Farbe, Ruhe, Gleichmäßigkeit, Sanftheit, Zartheit,
-Vornehmheit, Üppigkeit und ein so wundervolles Übermaß von Pflege, daß
-man träumen mochte, das Geschlecht der Feen, der fleißigen,
-geschmackvollen, prunkliebenden und stolzen Feen sei auferstanden; wenn
-aber der Blick von der scharfen Wassergrenze des myriadengetönten Hanges
-zu seiner in niedrig ziehenden Wolken verschwimmenden Höhe schweifte, so
-war es wirklich schwer, nicht an einen stürzenden Wasserfall von
-Rubinen, Saphiren, Opalen und goldschimmernden Onyxen zu denken, der
-schweigend aus dem Himmel niederstürzte.
-
-Der Besucher, der plötzlich aus dem Dämmer der Schlucht in diese Bucht
-herausgleitet, ist entzückt und überrascht, den vollen Ball der
-untergehenden Sonne zu erblicken, die er längst tief unter dem Horizont
-glaubte, die ihm nun aber gegenübersteht und den einzigen Abschluß eines
-andernfalls unbegrenzten Ausblicks durch einen andern schluchtartigen
-Einschnitt in den Hügeln bildet.
-
-Hier aber verläßt der Reisende das Schiff, das ihn soweit getragen hat,
-und besteigt ein leichtes Boot aus Elfenbein, das innen wie außen mit
-Arabesken in Scharlachrot geziert ist. Bug und Hinterteil des Bootes
-heben sich in scharfer Spitze hoch aus dem Wasser, so daß die Form des
-Ganzen ein unregelmäßiger Halbmond ist. Mit der stolzen Anmut des
-Schwanes wiegt es sich auf dem Spiegel der Bucht. Auf seinem
-hermelinbelegten Boden ruht ein einziges leichtes Ruder aus Atlasholz;
-doch kein Ruderer oder Begleiter ist zu sehen. Der Gast wird gebeten,
-sich vertrauensvoll darauf zu verlassen, daß das Schicksal ihn behüten
-wird. Der größere Kahn verschwindet, und er bleibt allein in dem Boot
-zurück, das anscheinend unbeweglich mitten im See liegt. Während er
-überlegt, welchen Kurs er nehmen soll, spürt er jedoch, daß das Feenboot
-sich sacht bewegt. Es schwingt sich langsam herum, bis sein Bug zur
-Sonne weist.
-
-Es bewegt sich mit sanfter, aber zunehmender Schnelligkeit voran, und
-das leichte Wellenkräuseln umtanzt die elfenbeinernen Bootswände wie mit
-himmlischen Melodien -- und gibt jedenfalls die einzige Erklärung für
-die schmeichelnde, doch schwermütige Musik, nach deren unsichtbarem
-Ursprung der bestürzte Reisende vergeblich um sich blickt.
-
-Das Boot rückt stetig voran, und das Felsentor der Durchsicht rückt
-näher, so daß man deutlicher in seine Tiefen spähen kann. Rechts erhebt
-sich eine Kette wild und üppig bewaldeter Höhen. Immer aber kann man
-sehen, daß die köstliche Sauberkeit des Ufers dort, wo es ins Wasser
-taucht, erhalten bleibt. Nicht ein Zeichen des an Flußufern sonst
-üblichen Verfalls ist wahrzunehmen. Nach links ist die Szene sanfter,
-und das Künstliche ist stärker betont. Hier schwingt sich das Ufer in
-sehr sanfter Steigung vom Fluß empor und bildet eine breite Rasenfläche,
-die nur mit Sammet zu vergleichen ist und ein so strahlendes Grün
-aufweist, daß es mit dem reinsten Smaragd wetteifert. Dieses »Plateau«
-hat eine wechselnde Breite von zehn zu dreihundert Metern und reicht vom
-Ufer bis zu einer Mauer, die in unzähligen Kurven dahinzieht, im
-allgemeinen aber dem Flußlauf folgt, bis sie sich nach Westen in der
-Ferne verliert. Diese Mauer besteht aus einem zusammenhängenden Fels und
-ist dadurch entstanden, daß man den einst zerklüfteten Hang des
-südlichen Flußufers senkrecht abschnitt; doch nicht die kleinste Spur
-dieser Arbeit ist mehr zu sehen. Der gemischte Stein ist altersgrau und
-ist verschwenderisch mit Efeu, korallenrotem Geisblatt, der wilden Rose
-und Klematis behangen und umwuchert. Die Gleichmäßigkeit der oberen und
-unteren Abschlußlinie der Mauer wird durch Bäume von gigantischer Größe
-erreicht, die vereinzelt oder in Gruppen auf dem »Plateau« oder im
-Bereich hinter der Mauer, aber immer dicht neben ihr stehen, so daß
-zuweilen die Äste (besonders jene der schwarzen Walnuß) herübergreifen
-und ihre hängenden Spitzen ins Wasser tauchen. Weiter hinten ist das
-eingeschlossene Gebiet von undurchdringlichem Laubwerk verhüllt.
-
-Diese Dinge bemerkt man, während das Boot der Stelle immer näher kommt,
-die ich das Tor der Durchsicht genannt habe. Je mehr man sich ihm
-nähert, desto mehr verschwindet das Zauberhafte daran; nach links öffnet
-sich ein neuer Abfluß aus der Bucht, und in dieselbe Richtung scheint
-auch die Mauer sich zu ziehen, die immer noch den Flußlauf begleitet.
-Weit kann das Auge nicht in diese neue Flucht hinunterspähen, denn das
-von der Mauer begleitete Wasser biegt wiederum nach links ab, bis beide
-im Laubdach verschwinden.
-
-Das Boot aber gleitet wie durch Zauberkraft in den gewundenen Kanal, und
-hier zeigt das der Mauer gegenüberliegende Ufer Ähnlichkeit mit dem
-vorhin beschriebenen Ufer. Hohe Hügel, die sich gelegentlich zu Bergen
-erheben und eine üppige, wilde Vegetation tragen, schließen die Szene
-ein.
-
-Das Boot gleitet sanft, aber mit zunehmender Geschwindigkeit dahin, bis
-nach vielen kurzen Drehungen der Reisende seinen Weg von einem
-gigantischen Tor oder vielmehr einer vergoldeten, überreich zierlichen
-Tür gehemmt sieht, die den vollen Strahlen der jetzt schnell sinkenden
-Sonne ein so glänzender Spiegel ist, daß der ganze umliegende Wald in
-Flammen zu stehen scheint. Dieses Tor ist in die hohe Mauer eingelassen,
-die den Fluß hier scheinbar rechtwinklig kreuzt. Nach kurzer Zeit
-allerdings sieht man, daß der Hauptstrom des Wassers noch immer in
-sanftem und gedehntem Bogen nach links gleitet, wie zuvor der Mauer
-folgend, während eine nicht unbeträchtliche Strömung sich von dem
-Hauptarm abzweigt und leise kräuselnd unter dem Tor den Blicken
-entschwindet. Das Boot fällt in den kleinen Kanal und nähert sich dem
-Tor. Seine weitausladenden Flügel dehnen sich langsam und sanft
-erklingend. Das Boot gleitet hindurch und fliegt eilig einem ungeheuren
-Amphitheater zu, das vollständig von purpurnen Bergen umschlossen ist,
-deren Füße ein schimmernder Fluß umspült. Und nun zeigt sich den Blicken
-urplötzlich das ganze Paradies Arnheim. Eine bezaubernde Melodie rauscht
-auf; ein seltsam süßes Duften umschmeichelt die Sinne, -- und
-traumgleich erstehen vor dem Auge hohe, schlanke Zypressen,
-laubenartiges Gesträuch, Scharen goldener und scharlachroter Vögel,
-lilienumsäumte Teiche, Wiesen voller Veilchen, Tulpen, Mohn, Hyazinthen
-und Tuberosen, lange, gewundene, silberne Wasserläufe und mitten aus
-alledem phantastisch emporstrebend ein halb gotisches, halb maurisches
-Bauwerk, das wie durch Wunderkraft frei in der Luft zu schweben scheint,
-im roten Sonnenglanz mit hundert Erkern, Minaretten und Zinnen
-erglitzert und vermuten läßt, es sei ein Geisterwerk der Sylphen, Feen,
-Genien und Gnomen.
-
-
-
-
- GEDICHTE
-
-
-
-
- DER RABE
-
-
- Einst in dunkler Mittnachtstunde, als ich in entschwundner Kunde
- Wunderlicher Bücher forschte, bis mein Geist die Kraft verlor
- Und mir's trübe ward im Kopfe, kam mir's plötzlich vor, als klopfe
- Jemand zag ans Tor, als klopfe -- klopfe jemand sacht ans Tor.
- Irgendein Besucher, dacht' ich, pocht zur Nachtzeit noch ans Tor --
- Weiter nichts. -- So kam mir's vor.
-
- O, ich weiß, es war in grimmer Winternacht, gespenstischen Schimmer
- Jagte jedes Scheit durchs Zimmer, eh es kalt zu Asche fror.
- Tief ersehnte ich den Morgen, denn umsonst war's, Trost zu borgen
- Aus den Büchern für das Sorgen um die einzige Lenor,
- Um die wunderbar Geliebte -- Engel nannten sie Lenor --
- Die für immer ich verlor.
-
- Die Gardinen rauschten traurig, und ihr Rascheln klang so schaurig,
- Füllte mich mit Schreck und Grausen, wie ich nie erschrak zuvor.
- Um zu stillen Herzens Schlagen, sein Erzittern und sein Zagen,
- Mußt' ich murmelnd nochmals sagen: »Ein Besucher klopft ans Tor. --
- Ein verspäteter Besucher klopft um Einlaß noch ans Tor«,
- Sprach ich meinem Herzen vor.
-
- Alsobald ward meine Seele stark und folgte dem Befehle.
- »Herr«, so sprach ich, »oder Dame, ach, verzeihen Sie, mein Ohr
- Hat Ihr Pochen kaum vernommen, denn ich war schon schlafbenommen,
- Und Sie sind so sanft gekommen -- sanft gekommen an mein Tor;
- Wußte kaum den Ton zu deuten ...« Und ich sperrte auf das Tor: --
- Nichts als Dunkel stand davor.
-
- Starr in dieses Dunkel spähend, stand ich lange, nicht verstehend,
- Träume träumend, die kein irdischer Träumer je gewagt zuvor;
- Doch es herrschte ungebrochen Schweigen, aus dem Dunkel krochen
- Keine Zeichen, und gesprochen ward nur zart das Wort »Lenor« --
- Zart von mir gehaucht, -- wie Echo flog zurück das Wort »Lenor«.
- Nichts als dies vernahm mein Ohr.
-
- Wandte mich zurück ins Zimmer, und mein Herz erschrak noch
- schlimmer,
- Da ich wieder klopfen hörte, etwas lauter als zuvor.
- »Sollt ich«, sprach ich, »mich nicht irren, hörte ich's am Fenster
- klirren;
- O, ich werde bald entwirren dieses Rätsels dunklen Flor;
- Herz, sei still, ich will entwirren dieses Rätsels dunklen Flor;
- Wind wohl machte den Rumor.«
-
- Hastig stieß ich auf die Schalter -- flatternd kam herein ein alter,
- Stattlich großer, schwarzer Rabe, wie aus heiliger Zeit hervor;
- Machte keinerlei Verbeugung, keine kleinste Dankbezeigung,
- Flog mit edelmännischer Neigung zu dem Pallaskopf empor,
- Grade über meiner Türe auf den Pallaskopf empor --
- Saß -- und still war's wie zuvor.
-
- Doch das wichtige Gebaren dieses schwarzen Sonderbaren
- Löste meines Geistes Trauer, und ich schalt ihn mit Humor:
- »Alter, schäbig und geschoren, sprich, was hast du hier verloren?
- Niemand hat dich herbeschworen aus dem Land der Nacht hervor.
- Tu mir kund, wie heißt du, Stolzer aus Plutonischem Land hervor?«
- Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«
-
- Daß er sprach so klar verständlich -- ich erstaunte drob unendlich,
- Kam die Antwort mir auch wenig sinnvoll und erklärend vor.
- Denn noch nie war dies geschehen: über seiner Türe stehen
- Hat wohl keiner noch gesehen solchen Vogel je zuvor --
- Über seiner Stubentüre auf der Büste je zuvor,
- Mit dem Namen »Nie du Tor.«
-
- Doch ich hört' in seinem Krächzen seine ganze Seele ächzen,
- War auch kurz sein Wort und brachte er auch nichts als dieses vor.
- Unbeweglich sah er nieder, rührte Kopf nicht, noch Gefieder,
- Und ich murrte murmelnd wieder: »Wie ich Freund und Trost verlor,
- Werd' ich morgen _ihn_ verlieren -- wie ich alles schon verlor.«
- Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«
-
- Seine schroff gesprochnen Laute klangen passend, daß mir graute.
- »Aber«, sprach ich, »nein, er plappert nur sein einzig Können vor,
- Das er seinem Herrn entlauschte, dessen Pfad ein Unstern rauschte,
- Bis er letzten Mut vertauschte gegen trüber Lieder Chor --
- Bis er trostlos trauerklagte in verstörter Lieder Chor
- Mit dem Kehrreim: >Nie du Tor.<«
-
- Da der Rabe das bedrückte Herz zu lächeln mir berückte,
- Rollte ich den Polsterstuhl zu Büste, Tür und Vogel vor,
- Sank in Samtsitz, nachzusinnen, Traum mit Träumen zu verspinnen
- Über solchen Tiers Beginnen: was es wohl gewollt zuvor --
- Was der alte ungestalte Vogel wohl gewollt zuvor
- Mit dem Krächzen: »Nie du Tor.«
-
- Saß, der Seele Brand beschwichtend, keine Silbe an ihn richtend,
- Seine Feueraugen wühlten mir das Innerste empor.
- Saß und kam zu keinem Wissen, Herz und Hirn schien fortgerissen,
- Lehnte meinen Kopf aufs Kissen lichtbegossen -- das Lenor
- Pressen sollte -- lila Kissen, das nun nimmermehr Lenor
- Pressen sollte wie zuvor!
-
- Dann durchrann, so schien's, die schale Luft ein Duft aus
- Weihrauchschale
- Edler Engel, deren Schreiten rings vom Teppich klang empor.
- »Narr!« so schrie ich, »Gott bescherte dir durch Engel das begehrte
- Glück Vergessen: das entbehrte Ruhen, Ruhen vor Lenor!
- Trink, o trink das Glück: Vergessen der verlorenen Lenor!«
- Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«
-
- »Weiser!« rief ich, »sonder Zweifel Weiser! -- ob nun Tier, ob
- Teufel --
- Ob dich Höllending die Hölle oder Wetter warf hervor,
- Wer dich nun auch trostlos sandte oder trieb durch leere Lande
- Hier in dies der Höll' verwandte Haus -- sag, eh ich dich verlor:
- Gibt's -- o _gibt's_ in Gilead Balsam? -- Sag mir's, eh ich dich
- verlor!«
- Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«
-
- »Weiser!« rief ich, »sonder Zweifel Weiser! -- ob nun Tier, ob
- Teufel --
- Schwör's beim Himmel uns zu Häupten -- schwör's beim Gott, den ich
- erkor;
- Schwör's der Seele so voll Grauen: soll dort fern in Edens Gauen
- Ich ein strahlend Mädchen schauen, die bei Engeln heißt Lenor --
- Sie, die Himmlische, umarmen, die bei Engeln heißt Lenor?«
- Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«
-
- »Sei dies Wort dein letztes, Rabe oder Feind! Zurück zum Grabe!
- Fort! zurück in Plutons Nächte!« schrie ich auf und fuhr empor.
- »Laß mein Schweigen ungebrochen! Deine Lüge, frech gesprochen,
- Hat mir weh das Herz durchstochen. -- Fort, von deinem Thron hervor!
- Heb dein Wort aus meinem Herzen -- heb dich fort, vom Thron hervor!«
- Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«
-
- Und der Rabe rührt sich nimmer, sitzt noch immer, sitzt noch immer
- Auf der blassen Pallasbüste, die er sich zum Thron erkor.
- Seine Augen träumen trunken wie Dämonen traumversunken;
- Mir zu Füßen hingesunken droht sein Schatten tot empor.
- Hebt aus Schatten meine Seele je sich wieder frei empor? --
- Nimmermehr -- o, nie du Tor!
-
-
-
-
- ANNABEL LEE
-
-
- Ist ein Königreich an des Meeres Strand,
- Da war es, da lebte sie --
- Lang, lang ist es her -- und sie sei euch genannt
- Mit dem Namen _Annabel Lee_.
- Und ihr Leben und Denken war ganz gebannt
- In Liebe -- und _mich_ liebte sie.
-
- In dem Königreich an des Meeres Strand
- Ein Kind noch war ich und war sie,
- Doch wir liebten mit Liebe, die mehr war denn dies --
- Ich und meine _Annabel Lee_ --
- Mit Liebe, daß strahlende Seraphim
- Begehrten mich und sie.
-
- Und das war der Grund, daß vor Jahren und Jahr
- Eine Wolke Winde spie,
- Die frostig durchfuhren am Meeresstrand
- Meine schöne _Annabel Lee_;
- Und ihre hochedele Sippe kam,
- Und ach! man entführte mir sie,
- Um sie einzuschließen in Gruft und Grab,
- Meine schöne _Annabel Lee_.
-
- Die Engel, nicht halb so glücklich als wir,
- Waren neidisch auf mich und auf sie --
- Ja! das war der Grund (und alle im Land
- Sie wissen, vergessen es nie),
- Daß der Nachtwind so rauh aus der Wolke fuhr
- Und mordete _Annabel Lee_.
-
- Weit stärker doch war unsre Liebe als die
- All derer, die älter als wir --
- Und mancher, die weiser als wir --
- Und die Engel in Höhen vermögen es nie
- Und die Teufel in Tiefen nie,
- Nie können sie trennen die Seelen von mir
- Und der schönen _Annabel Lee_.
-
- Kein Mondenlicht blinkt, das nicht Träume mir bringt
- Von der schönen _Annabel Lee_,
- Jedes Sternlein, das steigt, hell die Augen mir zeigt
- Meiner schönen _Annabel Lee_;
- Und so jede Nacht lieg' zur Seite ich sacht
- Meinem Lieb, meinem Leben in bräutlicher Pracht:
- Im Grabe da küsse ich sie,
- Im Grabe da küsse ich sie.
-
-
-
-
- ULALUME
-
-
- Der Himmel war düster umwoben;
- Verflammt war der Bäume Zier --
- Verdorrt war der Bäume Zier;
- Es war Nacht im entlegnen Oktober
- Eines Jahrs, das vermodert in mir;
- War beim düsteren See von Auber,
- In den nebligen Gründen von Weir --
- War beim dunstigen Sumpf von Auber,
- In dem spukhaften Waldland von Weir.
-
- Durch Zypressenallee, die titanisch,
- Bin ich mit meiner Seele gegangen --
- Bin hier einst mit Psyche gegangen --
- Zur Zeit, da mein Herz war vulkanisch
- Wie die schlackigen Ströme, die langen,
- Wie die Lavabäche, die langen,
- Die rastlos und schweflig den Yaanek
- Hinab bis zum Pole gelangen --
- Die rollend hinab den Berg Yaanek
- Zum nördlichen Pole gelangen.
-
- Unser Wort war von Dunkel umwoben,
- Der Gedanke verdorrt und stier --
- Das Gedenken verdorrt und stier;
- Denn wir wußten nicht, daß es Oktober,
- Und der Jahrnacht vergaßen wir --
- Der Nacht aller Jahrnächte wir!
- Wir vergaßen des Sees von Auber
- (Obgleich wir gewandert einst hier),
- Des dunstigen Sumpfs von Auber
- Und des spukhaften Waldlands von Weir.
-
- Und nun da in alternder Nacht
- Die Sternuhr gen Morgen sich schob --
- Da die Sternuhr gen Morgen sich schob --
- Ward am End' unsres Pfades entfacht
- Ein Schimmern, das Nebel umwob,
- Aus dem mit wachsender Pracht
- Ein Halbmond sein Doppelhorn hob --
- Astartes demantene Pracht
- Deutlich ihr Doppelhorn hob.
-
- »Sie ist wärmer«, so sagte ich,
- »Als Diana: sie schwärmt durch ein Meer
- Von Seufzern -- ein Seufzermeer;
- Sie sah es: die Träne wich
- Von diesen Wangen nicht mehr,
- Und vorbei am Löwenbild strich
- Als Lenker zu Himmeln sie her,
- Als Leiter zu Lethe sie her;
- Trotz des Löwen getraute sie sich,
- Uns zu leuchten so hell und so hehr --
- Durch sein Lager hindurch wagte sich
- Ihre Liebe, so licht und so hehr.«
-
- Doch Psyche hob warnend die Hand:
- »Fürwahr, ich mißtraue dem Schein
- Dieses Sterns -- seinem bleichen Schein.
- O fliehe! o halte nicht stand!
- Laß uns fliegen -- denn, o! es muß sein!«
- Sprach's entsetzt, und es sanken gebannt
- Ihre Schwingen in schluchzender Pein --
- Ihre Schwingen schleiften gebannt
- Die Federn in Staub und Stein --
- Voll Kummer in Staub und Stein.
-
- Ich erwiderte: »Traum ist dies Grauen!
- Laß uns weiter in Lichtes Pracht --
- Laß uns baden in seiner Pracht!
- Es läßt mich die Hoffnung erschauen
- In kristallener Schönheit heut nacht --
- Sieh! es flackert gen Himmel durch Nacht!
- O! man darf seinem Schimmern vertrauen,
- Es führt uns mit weisem Bedacht --
- O! man muß seinem Schimmern vertrauen,
- Es lenkt uns mit treuem Bedacht,
- Da es flackert gen Himmel durch Nacht!«
-
- Ich beruhigte Psyche und gab
- Ihr Küsse und lockte sie vor --
- Aus Bedenken und Dunkel hervor;
- Und wir schritten den Baumgang hinab,
- Bis am Ende uns anhielt das Tor
- Einer Gruft -- ein märchenhaft Grab.
- »Schwester,« sprach ich, »was schrieb man aufs Grab --
- An das Tor von dem Wundertume?«
- »Ulalume!« sprach sie; »in dem Grab
- Ruht verloren für dich Ulalume!«
-
- Und mein Herz wurde düster umwoben,
- Wurde dürr wie der Bäume Zier; --
- Wurde welk wie der Bäume Zier;
- Und ich schrie: »Es war sicher Oktober
- In der _nämlichen_ Nacht, da ich hier
- Im Vorjahr gewandert -- und hier
- Eine Last hertrug, fürchterlich mir!
- Diese Nacht aller Jahrnächte mir,
- Welcher Dämon verführte mich hier?
- Gut kenn' ich den See jetzt von Auber --
- Diese nebligen Gründe von Weir --
- Gut kenn' ich den Dunstsumpf von Auber --
- Dieses spukhafte Waldland von Weir.«
-
-
-
-
- DIE GLOCKEN
-
-
- I.
-
- Hört der Schlittenglocken Klang --
- Silberklang!
- Welche Welt von Lustigkeit verheißt ihr heller Sang!
- Wie sie klingen, klingen, klingen
- In die Nacht voll Schnee und Eis,
- Während sprüh die Sterne springen,
- Zwinkernd sich zum Reigen schlingen
- Im kristallnen Himmelskreis:
- Halten Schritt, Schritt, Schritt,
- Tanzen Runenrhythmen mit
- Zu der kleinen klaren Glocken süßem Singesang,
- Zu dem Klang, Klang, Klang, Klang,
- Klang, Klang, Klang --
- Zu dem Singen und dem Schwingen in dem Klang.
-
-
- II.
-
- Hört der Hochzeitsglocken Klang --
- Goldnen Klang!
- Welche Welt von Seligkeit verheißt ihr voller Sang!
- Wie ihr Läuten lauter lacht
- Durch den Balsamduft der Nacht!
- Aus dem holden goldnen Schwall,
- Wie altgewohnt,
- Fliegen leicht die Töne all
- Hin zur Turteltaube, die beim frohen Schall
- Schielt zum Mond.
- O wie schwillt im Überschwang
- Ein Guß von hohem Feierklang so voll die Nacht entlang!
- Hochgesang --
- Hoffnungssang
- Auf der Zukunft heitern Gang!
- Freude treibt zu schnellerm Drang
- Dieses Ringen und das Schwingen
- In dem Klang, Klang, Klang --
- In dem Klang, Klang, Klang, Klang,
- Klang, Klang, Klang --
- Dieses Quellen und das Schwellen in dem Klang.
-
-
- III.
-
- Hört der Feuerglocken Klang --
- Bronznen Klang!
- Welch ein Aufruhr stürmt daraus so schreckenvoll und bang!
- Wie ihr Schreien Schreck entfacht
- In durchbebter Luft der Nacht!
- Zu entsetzt, um klar zu sein,
- Können sie nur schrein, nur schrein,
- Ohne Takt
- Rufen sie in lautem Lärmen um Erbarmen an das Feuer,
- Zanken in verrücktem Toben mit dem tollen tauben Feuer.
- Höher, höher, ungeheuer
- Springt verlangend auf das Feuer;
- In verzweifeltem Bemühn,
- Bis zum Mond emporzusprühn,
- Sind die Flammen steilgezackt.
- O, der Klang, Klang, Klang!
- Wie er grauenvoll und bang
- Alles schreckt!
- Wie er schauert, schallt und braust,
- Daß den Lüften bangt und graust,
- Wie er aller Orten lähmendes Entsetzen weckt!
- Dennoch hört das Ohr sie gut
- Durch das Schallen
- Und das Hallen:
- Ebbe der Gefahr und Flut;
- Dennoch nimmt das Ohr es wahr
- Durch das Zanken
- Und das Schwanken:
- Flutet oder ebbt Gefahr --
- Durch das Stocken und das Schwellen in dem schnellen
- Glockenklang,
- In dem Klang --
- In dem Klang, Klang, Klang, Klang,
- Klang, Klang, Klang --
- Durch das Härmen und das Lärmen in dem Klang.
-
-
- IV.
-
- Hört der Eisenglocken Klang --
- Eisenklang!
- Welche Welt von Trauer trägt ihr monotoner Sang!
- In der Grabesruh der Nacht
- Wie er uns erschauern macht
- Durch das Trauern und das Drohen in dem Ton!
- Denn die Klänge, die entrollen
- Rostigen Glockenkehlen, tollen
- Grollend fort.
- O, die Wesen, die dort oben
- In dem Glockenturme toben --
- Einsam dort
- Mit den monotonen Glocken --
- Die da tollen, tollen, tollen,
- Voll verschleiertem Frohlocken
- Einen Stein aufs Herz uns rollen --
- Leichenfressende Dämonen
- Sind's, die in den Glocken wohnen,
- All im Sold
- Ihres Königs, der da tollt,
- Der da rollt, rollt, rollt,
- Rollt
- Triumph aus Glockenklang!
- Und sein Busen schwillt im Drang
- Des Triumphs aus Glockenklang.
- Johlend tanzt er zu dem Sang;
- Haltend Schritt, Schritt, Schritt
- Tanzt er Runenrhythmen mit
- Zum Triumph aus Glockenklang,
- Glockenklang.
- Haltend Schritt, Schritt, Schritt
- Tanzt er Runenrhythmen mit
- Zu dem Dröhnen in dem Klang,
- In dem Klang, Klang, Klang --
- Zu dem Stöhnen in dem Klang.
- Haltend Schritt, Schritt, Schritt
- An der Totenglocke Strang
- Tanzt er Runenrhythmen mit
- Zu dem Tollen in dem Klang,
- In dem Klang, Klang, Klang,
- Zu dem Rollen in dem Klang,
- In dem Klang, Klang, Klang, Klang,
- Klang, Klang, Klang --
- Zu dem Trauern und dem Schauern in dem Klang.
-
-
-
-
- TAMERLAN
-
-
- Tröstlicher Sang für Mußestunden --
- Das, Vater, ist mein Thema nicht.
- Ich weiß, ich werde nie entbunden
- Von mehr als irdischen Hochmuts Sünde
- Durch Erdenmacht für Sehnsucht finde
- Ich nicht die Zeit, für Träumen nicht.
- Man nennt sie Hoffen -- jene Glut!
- Nichts ist sie als Begehrens Wut!
- _Könnte_ ich hoffen -- Gott! ja, dann
- Hieß ich nicht Narr dich, alter Mann.
-
- Begreifst du eines Geistes Scham,
- Der tief gebeugt nach höchstem Flug?
- O schmachtend Herz! von dir bekam
- Dein Welken ich mit all dem Trug
- Von Ruhmbegier, den heißen Glanz,
- Um meinen Thron den Strahlenkranz,
- Der Hölle Heiligenschein! und Not,
- Die nicht in Hölle heißer loht.
- O drängend Herz, das nach der Wonne
- Verlorner Blumen, nach der Sonne
- Der alten Sommerstunden schreit! --
- Die ewige Glocke jener Zeit,
- Die starb, sie singt nun ohne Enden
- Eintönig, wie von Zauberhänden
- Geläutet, deiner Nichtigkeit
- Ein unsterbliches Grabgeläut.
-
- Ich war nicht immer so wie jetzt:
- Dies Diadem, das fiebrisch hetzt,
- Krönt eines Usurpators Gier.
- Gab gleiche feurige Erbschaft nicht
- Dem Cäsar Rom -- wie dieses mir?
- Das Erbe königlicher Kraft
- Und stolzer Mut und Zuversicht,
- Die alles Menschliche errafft!
-
- Auf Bergeserde ward ich Leben.
- Nachtnebel gossen ihren Tau
- Aufs Haupt mir aus dem dunklen Grau;
- Ich glaube, daß der Lüfte Weben,
- Zu ungestümem Sturm erregt,
- Durch dies mein eignes Haar gefegt.
-
- So spät vom Himmel -- Tau -- er fiel
- (In Träumen unheiliger Nacht)
- Auf mich herab wie Höllenspiel;
- Und Flammen, glühendrot entfacht
- Aus Wolken, die gleich Bannern hingen,
- Erschienen halbgeschloßnem Blick
- Als Prunk von Herrschermacht und Glück;
- Und des Trompeten-Donners Klingen
- Umbrauste mich wie Wirbelwind
- Und sprach von Menschenschlacht, darinnen
- Die _meine_ Stimme -- dummes Kind! --
- (Was würde ich vor Lust beginnen
- Bei solchem Schrei -- erlebt' ich dies!)
- Schlachtruf des Sieges schallen ließ.
-
- Der Regen kam herab auf mein
- Schutzloses Haupt, und schwerer Wind
- Machte mich toll und taub und blind:
- Es mochten wohl nur Menschen sein,
- Die Lorbeer auf mich niederwarfen,
- So dachte ich; der Sturm der scharfen
- Eisigen Luft hat in mein Ohr
- Hineingegurgelt das Zertrümmern
- Von Kaiserreichen -- mit dem Wimmern
- Gefangener Feinde -- Stimmenchor
- Des Trosses und den Schmeichelton
- Ringsher um eines Herrschers Thron.
-
- Meine Gier, seit jenen Unglücksstunden,
- Ward Tyrannei, die ich erstrebte;
- Man hielt sie, seit ich Macht gefunden,
- Für meines Innern Grundgebot.
- Nun sei's! Doch, Vater, einer lebte,
- Der damals -- da ich jung und sie
- In stärkerm Feuer noch geloht
- (Denn Leidenschaften sterben früh) --
- Der _damals_ selbst gewußt, daß, ach,
- Dies eisern Herz in Liebe schwach.
-
- Mir fehlen Worte, um zu sagen,
- Wie gutes Lieben Freude flicht!
- Noch würde ich zu zeichnen wagen
- Ein mehr als schönes Angesicht,
- Des Züge meinem Geiste sind --
- Schatten im unbeständigen Wind:
- Gleich wie mein Aug', mein zögernd mattes,
- Die Lettern irgendeines Blattes
- Und alle Wissenschaft darin
- Zu Phantasien ohne Sinn
- Oft schmelzen sah -- zu Nichts dahin.
-
- O, sie war all der Liebe wert!
- Und so der Kindheit Liebe war,
- Daß Engel neidvoll sie begehrt;
- Ihr junges Herz war der Altar,
- Auf dem als Weihrauch lag mein Hoffen
- Und Denken -- damals gute Gaben,
- Denn kindlich waren sie und offen;
- Ihr Beispiel strahlte rein dem Knaben.
- O, warum mußte ich's verlassen,
- Um im Vertrauen auf das Feuer,
- Das innen brannte ungeheuer,
- Verwegen nach dem Licht zu fassen?
-
- Wir wuchsen liebend auf -- zusammen --
- Durch Wildnis streifend wie das Wild;
- In Frostzeit meine Brust ihr Schild,
- Ihr Schild im frohen Sommerflammen.
- Sie sah wohl lächelnd himmelwärts,
- _Mein_ Himmel war ihr Aug' allein.
- Der Liebe Lehrer ist -- das Herz:
- Wenn mitten in dem Sonnenschein
- Und jenem Lächeln -- nicht etwa,
- Um kleine Sorgen wett zu machen
- Noch über Schelmerei zu lachen --
- Wenn mittendrin es wohl geschah,
- Daß ich mich warf an ihre Brust
- Und daß, des Grundes kaum bewußt,
- Mein Geist in Tränengüssen bangte,
- Da tat's nicht not, mich zu bekennen,
- Ihr tröstend meinen Schmerz zu nennen --
- Sie, die nach keinem Grund verlangte,
- Ließ, ohne Ängste kund zu tun,
- Ihr ruhiges Auge auf mir ruhn.
-
- Dennoch war _mehr_ denn Liebe wert
- Mein Geist, er rang in wildem Weh,
- Da ihn -- allein auf Bergeshöh --
- Der Ehrgeiz neuen Ton gelehrt;
- Ich lebte einzig nur in dir:
- Die Welt und alles, was sie hier
- In Erde, Luft und Meer umfaßt --
- All ihre Lust -- all ihre Last --
- Gab neue Freude; ideale
- Traumnächtig dunkle Nichtigkeiten --
- Dunklere Nichtse, doch reale
- (Schatten -- und schattenhafteres Gleiten
- Von Licht) auf Nebelschwingen kamen
- Und wurden also, wirr vereint,
- Dein Bildnis und -- ein Name -- Name!
- Zwei Dinge, fremd -- doch eng vereint!
-
- Ehrsüchtig, Vater, war dein Sohn.
- Kanntest du Leidenschaft? -- Nein -- nein!
- Ein Ärmster sann ich einen Thron
- Der halben Welt als mein -- als mein --
- Noch grollend über niedres Los.
- Und doch, es waren Träume bloß,
- Die mit dem Dampf des Taus verflogen
- Gleich jedem andern Traum, vom Strahl
- Der Schönheit lieblich angezogen,
- Der meinem Geist das Dunkel stahl.
-
- Wir schritten beide auf der Krone
- Weit hohen Bergs, der niederschaute
- Auf stolz getürmte Felsenthrone --
- Auf Wald, der Höhen überbaute --
- Auf Hügel, die sich talwärts senkten
- Und tausend Quellen Leben schenkten.
-
- Ich sprach zu ihr von Ruhm und Macht,
- Geheimnisvoll, als sollte dies
- Gerede zu nichts anderm taugen
- Als nur zum Spiel; in ihren Augen
- Las ich, vielleicht zu unbedacht,
- Ein Fühlen, das Verstehen hieß.
- Ihr klar Erröten schien zu schön
- Zu kleiden königliche Höhn,
- Als daß es immerfort allein
- Licht in der Wildnis sollte sein.
-
- Dann hüllte ich mich selbst in Glanz
- Mit eingebildeter Krone auf --
- Nicht war's, daß Phantasie allein
- Mich hold geschmückt mit ihrem Kranz,
- Nein, daß im großen Menschenhauf
- Der Löwe Ehrsucht lahm und klein
- Sich duckt vor eines Wächters Hand.
- Doch nicht in Wüsten, wo der Starke,
- Der Wilde schwört, mit ihrem Marke
- Zu schüren seines Feuers Brand!
-
- Blick um dich jetzt auf Samarkand!
- Ist sie nicht Königin der Erde?
- Sind alle Städte mehr denn Herde
- Vor ihrer hohen Herrscherhand?
- Steht sie erhaben nicht, allein,
- Im Glanz, den je die Welt gekannt?
- Fiel sie -- könnt' nicht ihr ärmster Stein
- Der Sockel eines Thrones sein? --
- Und wer ihr Herrscher? -- _Timur_ -- er,
- Den das erstaunte Volk allda
- -- Gekrönten Räuber! -- stolz und hehr
- Hin über Reiche schreiten sah!
-
- O Menschenliebe! Ausgegossen
- Als Geist von allem, was erschlossen
- Uns zeigen mag die Himmelswelt!
- Die du, wie Regen frisch bestellt
- Schirokko-dürres Sommerfeld,
- Die Seele segnend tränkst und näßt
- Und doch das Herz in Wildnis läßt!
- Begriff, der alles rings, das lebt,
- Mit seltsamer Musik umschwebt
- Und wunderlicher Prachtgebärde --
- Lebwohl! denn ich gewann die Erde.
-
- Als Adler Hoffnung hoch im Flug
- Gen Himmel nichts mehr höher sah,
- Besänftigt wandte er sich da,
- Daß seine Schwinge heimwärts schlug.
- War Sonnenuntergang: wenn weit
- Die Sonne sinkt, kommt Düsterkeit
- Ins Herz ihm, der noch gern erblickte
- Den Glanz, den Sommersonne schickte.
- Er wird den Duft des Abends hassen,
- Wird lauschend vor dem Klang erblassen
- Der Nacht (den Lauschern offenbar)
- Als einer, der in Traumesbann
- Entfliegen _möchte_, doch nicht _kann_,
- Vor einer nahenden Gefahr.
-
- Wenn Mond, der weiße Mond, auch ganz
- Ausschüttet seines Mittags Glanz,
- _Sein_ frostig Lächeln, _sein_ Geleit
- Scheint jener Zeit der Düsterkeit
- Ein Bild aus Tagen nach dem Tod.
- Jugend ist eine Sommersonne,
- Die nichts uns läßt von Wert und Wonne,
- Wenn sie verschwand, nur Nichts und Not.
- Denn alles Wissen, dem wir lebten,
- Ward uns; was wir zu halten strebten,
- Entfloh; so laß das Erdenwallen
- Mit seiner Mittagsschönheit fallen,
- Die alles ist. -- Ich eilte her
- Zu meinem Heim -- mein Heim nicht mehr --
- Denn was es je dazu gemacht,
- War fort; trat ich auch sanft und sacht
- Durch seine moosige Tür, es drang
- Vom Schwellenstein der Stimme Klang
- Von einer, die ich einst gekannt.
- Ich leugne, Hölle, daß dein Brand
- Mehr Demut brennt als nun mein Herz,
- Mehr Wehmut kennt als nun mein Schmerz!
-
- Vater, ich glaube fest -- ich _weiß_ --
- Denn Tod, der kommt aus Segensferne,
- Die ohne trügerisches Hoffen,
- Er ließ sein eisern Tor weit offen,
- Und strahlend glühn der Wahrheit Sterne
- Durch Ewigkeit und flammen heiß --
- Ich glaube, einen Fallstrick hat
- Satan auf jedem Menschenpfad;
- Denn wie sonst konnte dieses sein:
- Als ich gelebt im heiligen Hain
- Der Göttin Liebe, die so rein
- Alltäglich salbt die schneeige Schwinge
- Im Weihrauch frommer Opferbrände
- Und andrer unbefleckten Dinge,
- Im Haine, dessen Dach und Wände,
- Wo Lücken läßt das Laubgewind,
- Mit Strahlen eng vergittert sind,
- Durch die kein Stäubchen, keine Mücke,
- Ausweichend ihrem Adlerblicke,
- Eindringen kann -- wie sonst denn war
- Dies möglich, daß nicht wahrnehmbar
- Die Ehrsucht dort ins Glück gedrungen,
- Bis dreister sie emporgesprungen
- Hohnlachend in der Liebe Haar?
-
-
-
-
- DAS KOLOSSEUM
-
-
- Urbild des alten Rom! Reliquienschrein
- Für Schaun und hohen Traum, den in die Zeit
- Jahrhunderte von Pracht und Macht gestellt!
- Nun endlich -- endlich -- nach so vielen Tagen
- Von Wandermüdigkeit und gierem Durst
- (Von Durst zum Quell des Wissens, den du birgst)
- Ein andrer und demütiger kniee ich
- In deinem Schatten nun und trinke ein
- Dein ragend Düster, deinen Glanz und Ruhm.
-
- Unendlichkeit und Öde! Schwermut, Schweigen!
- Uralter Zeit Erinnern -- düstere Nacht!
- Ich fühl euch jetzt -- fühl eure ganze Wucht --
- O Zauber, stärker als Judäas König
- Voreinst gelehrt im Berg Gethsemane!
- O Wunder, machtvoller als der Chaldäer
- Jemals verzückt aus stillen Sternen zog!
-
- Hier, wo ein Held einst stürzte, stürzt die Säule.
- Hier, wo ein goldner toter Adler glänzte,
- Hält mitternächtig Wacht die Fledermaus.
- Hier, wo der Damen Roms vergoldet Haar
- Im Winde wehte, wogt nun Ried und Distel.
- Hier, wo auf goldnem Thron der Herrscher lehnte,
- Schlüpft geisterhaft aus ihrem Marmorhaus,
- Vom Schein des zwiegehörnten Monds beleuchtet,
- Die flinke Echse schweigend über Steine.
-
- Doch halt! Die Mauern -- diese Bogengänge,
- Hochauf von altem Efeu eingekleidet,
- Die schwarzen bröckeligen Säulensockel
- Und düstern Schäfte, dunklen Kapitäle,
- Zerfallenden und fast verblaßten Friese,
- Zersprungnen Kranzgebälke -- dieses Wrack --
- All diese Steine -- ach, die grauen Steine --
- Sind sie denn alles, was der Zahn der Zeit
- Von all dem Ruhm und ungeheuren Glanz
- Für mich und für das Schicksal übrig ließ?
-
- »Nicht alles --« geben mir die Echos Antwort --
- »Nicht alles, nein! Prophetische Klänge steigen --
- Und laute Klänge -- ewig von uns auf,
- Von allen Trümmern zu den Weisen auf,
- Wie Melodie von Memnon steigt zur Sonne.
- Wir leiten alle riesenhaften Geister!
- In unumschränkter Macht beherrschen wir
- Mit unserm Schwung die Herzen aller Großen.
-
- Wir sind nicht leblos -- wir erblichnen Steine.
- Nicht alle Macht ist hin -- nicht aller Ruhm --
- Nicht aller Zauber unsres hohen Rufes --
- Nicht all das Wunder, das uns rund umfaßt --
- Nicht all Geheimnis, das in uns verborgen --
- Nicht all Erinnern, das wie ein Gewand
- Uns rund umhängt und überall bedeckt
- Und das uns hüllt in mehr als Herrlichkeit!«
-
-
-
-
- DIE STADT IM MEER
-
-
- Weh! wunderliche einsame Stadt,
- Drin Tod seinen Thron errichtet hat,
- Tief unter des Westens düsterer Glut,
- Wo Sünde bei Güte, wo Schlecht bei Gut
- In letzter ewiger Ruhe ruht.
- An Schlössern, Altären und Türmen hat
- (Zerfreßnen Türmen, die nicht beben!)
- Nichts Gleiches eine unsrige Stadt.
- Von Winden vergessen, die wühlen und heben,
- Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum,
- Schwermütige Wasser, ergeben und stumm.
-
- Kein Strahlen vom Himmel kommt herab
- Auf jener Stadt langnächtiges Grab.
- Doch steigt ein Licht aus dem Meer herauf,
- Strömt schweigend an kühnen Zinnen hinauf,
- Hinauf an Türmen bis zum Knauf,
- Hinauf an Palästen, an Zitadellen,
- An Tempeln hinauf und an Babylonwällen,
- Hinauf an vergessenen Laubengängen
- Mit eingemeißelten Fruchtgehängen,
- Hinauf an manchem Opferstein,
- Auf dessen Friesen zu engem Verein
- Verflochten Viola, Violen und Wein.
-
- Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum,
- Schwermütige Wasser, ergeben und stumm.
- Die Mauern und Schatten wie Nebelduft --
- Es scheint, als hänge alles in Luft.
- Vom Turm, der herrschend ragt und droht,
- Schaut riesenhaft herab der Tod.
-
- Geöffnete Tempel und Totengrüfte
- Gähnen auf leuchtende Meeresschlüfte.
- Doch nicht die blitzenden Juwelen
- In goldner Götzen Augenhöhlen
- Und nicht der reiche Tod verführen
- Die starren Wasser, sich zu rühren:
- Kein kleinstes Wellchen kommt in Gang
- Die gläserne Einöde entlang,
- Kein Kräuseln erinnert, daß weniger leer
- Von Wind ist irgendein anderes Meer,
- Nichts sagt, daß je ein Wehen war
- Auf Meeren, die weniger grauenhaft klar.
-
- Doch, o -- es regt sich leis wie Wind!
- Ein Wellen durch das Wasser rinnt --
- Als ob die Türme im sachten Sinken
- Die Flut verschöben zur Rechten und Linken --
- Als ob schon die Spitzen inmitten des blassen
- Himmels Lücken zurückgelassen.
- Ein roteres Glimmen steigt heran --
- Die Stunden halten den Atem an --
- Und wenn die Stadt hinab, hinab
- Von hinnen sinkt mit unirdischem Stöhnen,
- Wird ihr von eintausend Thronen herab
- Der Gruß der Hölle tönen.
-
-
-
-
- INHALT
-
-
- Ligeia 1
- Berenice 29
- Morella 51
- Eleonora 63
- Die Insel der Fee 77
- Landors Landhaus 87
- Der Herrschaftssitz Arnheim 107
- GEDICHTE
- Der Rabe 133
- Annabel Lee 138
- Ulalume 140
- Die Glocken 146
- Tamerlan 151
- Das Kolosseum 163
- Die Stadt im Meer 165
-
- DIESES BUCH WURDE IM AUFTRAGE DES
- PROPYLÄEN-VERLAGS IN BERLIN IN EINER
- EINMALIGEN AUFLAGE VON TAUSEND IN
- DER PRESSE NUMERIERTEN EXEMPLAREN
- IN DER BUCHDRUCKEREI OTTO ELSNER
- IN BERLIN GEDRUCKT
-
- EXEMPLAR Nr 933
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
-Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 19]:
- ... mit faltenreichem schweren Goldstoff verhangen -- demselben ...
- ... mit faltenreichem schwerem Goldstoff verhangen -- demselben ...
-
- [S. 99]:
- ... In der Tat, nichs hätte wohl einfacher -- unaufdringlicher
- wirken ...
- ... In der Tat, nichts hätte wohl einfacher -- unaufdringlicher
- wirken ...
-
- [S. 113]:
- ... entgegen seiner eigenen Anschauug, zu Taten veranlassen. ...
- ... entgegen seiner eigenen Anschauung, zu Taten veranlassen. ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Ligeia und andere Novellen / Sieben
-Gedichte, by Edgar Allan Poe
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LIGEIA UND ANDERE NOVELLEN ***
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Ligeia und andere Novellen / Sieben Gedichte, by Edgar Allan Poe</title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover-page.jpg" />
- <!-- TITLE="Ligeia und andere Novellen / Sieben Gedichte." -->
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-</style>
-</head>
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-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Ligeia und andere Novellen / Sieben Gedichte, by
-Edgar Allan Poe
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Ligeia und andere Novellen / Sieben Gedichte
- Ligeia / Berenice / Morella / Eleonora / Die Insel der Fee
- / Landors Landhaus / Der Herrschaftssitz Arnheim / Der
- Rabe / Annabel Lee / Ulalume / Die Glocken / Tamerlan /
- Das Kolosseum / Die Stadt im Meer
-
-Author: Edgar Allan Poe
-
-Illustrator: Alfred Kubin
-
-Translator: Gisela Etzel
- Theodor Etzel
-
-Release Date: January 10, 2016 [EBook #50887]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LIGEIA UND ANDERE NOVELLEN ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="titlematter">
-<p class="half">
-<span class="line1">EDGAR ALLAN POE</span><br />
-<span class="line2">LIGEIA</span><br />
-<span class="line3">UND ANDERE NOVELLEN</span><br />
-<span class="line4">SIEBEN GEDICHTE</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="titlematter">
-<div class="centerpic" id="img-frontispiz">
-<img src="images/frontispiz.jpg" alt="" /></div>
-
-</div>
-
-<div class="titlematter">
-<p class="aut">
-EDGAR ALLAN POE
-</p>
-
-<h1 class="title">
-<span class="line1">LIGEIA</span><br />
-<span class="line2">UND ANDERE NOVELLEN</span><br />
-<span class="line3">ÜBERSETZT <span class="small">VON</span> GISELA ETZEL</span><br />
-<span class="line4">SIEBEN GEDICHTE</span><br />
-<span class="line5">ÜBERSETZT <span class="small">VON</span> THEODOR ETZEL</span>
-</h1>
-
-<p class="ill">
-<span class="line1">MIT VIERZEHN BILDBEIGABEN</span><br />
-<span class="line2"><span class="small">VON</span></span><br />
-<span class="line3">ALFRED KUBIN</span>
-</p>
-
-<p class="pub">
-BERLIN / IM PROPYLÄEN-VERLAG
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="titlematter">
-<p class="cop">
-Alle Rechte vorbehalten
-</p>
-
-<p class="cop">
-Copyright 1920 by Propyläen-Verlag G. m. b. H.
-in Berlin
-</p>
-
-</div>
-
-<h2 class="part" id="part-1">
-<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
-LIGEIA
-</h2>
-
-<div class="motto-container">
- <div class="motto">
-<p class="motto">
-Und es liegt darin der Wille, der
-nicht stirbt. Wer kennt die Geheimnisse
-des Willens und seine Gewalt? Denn
-Gott ist nichts als ein großer Wille, der
-mit der ihm eignen Kraft alle Dinge
-durchdringt. Der Mensch überliefert
-sich den Engeln oder dem Nichts einzig
-durch die Schwäche seines schlaffen
-Willens.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Joseph Glanvill
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
-<span class="firstchar">B</span>ei meiner Seele! ich kann mich nicht erinnern, wie, wann und wo
-ich die erste Bekanntschaft machte &mdash; der Lady Ligeia. Lange
-Jahre sind seitdem verflossen, und mein Gedächtnis ist schwach geworden
-durch vieles Leiden. Vielleicht auch kann ich mich dieser
-Einzelheiten nur darum nicht mehr erinnern, weil der Charakter
-meiner Geliebten, ihr umfassendes Wissen, ihre eigenartige und doch
-milde Schönheit und die überwältigende Beredsamkeit ihrer sanft
-tönenden Stimme &mdash; weil dies alles zusammen nur ganz allmählich
-und verstohlen den Weg in mein Herz nahm, zu allmählich, als daß
-ich daran gedacht hätte, mir jene äußeren Umstände einzuprägen.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe jedoch das Empfinden, als sei ich ihr zum ersten Mal und
-hierauf wiederholt in einer altertümlichen Stadt am Rhein begegnet.
-Und eins weiß ich bestimmt: sie erzählte mir von ihrer Familie, die
-sehr alten Ursprungs war. &mdash; Ligeia! Ligeia! &mdash; Trotzdem ich in
-Studien vergraben bin, deren Art mehr noch als alles andre dazu
-angetan ist, mich von Welt und Menschen abzusondern, genügt dies
-eine süße Wort &bdquo;Ligeia&ldquo;, um vor meinen Augen ihr Bild erstehen
-zu lassen &mdash; das Bild von ihr, die nicht mehr ist. Und jetzt, während
-ich schreibe, überfällt mich urplötzlich das Bewußtsein, daß ich von
-ihr, meiner Freundin und Verlobten, der Gefährtin meiner Studien
-und dem Weib meines Herzens, den Namen ihrer Familie nie erfahren
-habe. War es ein schalkhafter Streich, den Ligeia mir gespielt
-hatte? War es ein Beweis meiner bedingungslosen Hingabe, daß
-ich nie eine Frage danach tat? Oder war es meinerseits eine
-Laune, ein romantisches Opfer, das ich auf den Altar meiner leidenschaftlichen
-Ergebenheit niedergelegt hatte? Der bloßen Tatsache
-sogar kann ich mich nur unklar erinnern &mdash; was Wunder, daß ich die
-Gründe dafür vollständig vergessen habe! Und wirklich, wenn
-jemals der romantische Geist der bleichen und nebelbeschwingten
-Aschtophet des götzengläubigen Ägyptens, wie die Sage meldet, über
-<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
-unglückliche Ehen geherrscht hat, so ist es gewiß, daß er meine Ehe
-stiftete und beherrschte.
-</p>
-
-<p>
-Immerhin hat mich wenigstens in einem Punkt meine Erinnerung
-nicht verlassen: die Persönlichkeit Ligeias steht mir heute noch klar
-vor Augen. Sie war von hoher, schlanker Gestalt, in ihren letzten
-Tagen sogar sehr hager. Vergebliches Bemühen wäre es, wenn ich
-eine Beschreibung der Erhabenheit, der würdevollen Gelassenheit
-ihres Wesens oder der unvergleichlichen Leichtigkeit und Elastizität
-ihres Schreitens versuchen wollte. Sie kam und ging wie ein Schatten.
-War sie in mein Arbeitszimmer gekommen, so bemerkte ich ihre
-Anwesenheit nicht eher, als bis ich den lieben Wohlklang ihrer sanften,
-süßen Stimme vernahm oder ihre marmorweiße Hand auf meiner
-Schulter fühlte. Kein Weib auf Erden trug solche Schönheit im
-Antlitz wie sie! Strahlend schön war sie, wie die Erscheinung eines
-Opiumtraumes, wie eine göttliche, beseligende Vision &mdash; göttlicher
-noch als die Traumgebilde, die durch die schlafenden Seelen der
-Töchter von Delos wehen. Doch waren ihre Züge keineswegs von
-jener Regelmäßigkeit, wie die klassischen Bildwerke des Heidentums
-sie aufweisen und die man mit Unrecht so übertrieben bewundert.
-&bdquo;Es gibt keine auserlesene Schönheit&ldquo;, sagt Bacon Lord Verulam da,
-wo er von allen Formen und Arten der Schönheit spricht, &bdquo;ohne eine
-gewisse Seltsamkeit in der Proportion.&ldquo; Aber wenn ich auch sah,
-daß die Züge Ligeias nicht von klassischer Regelmäßigkeit waren,
-wenn ich auch feststellte, daß ihre Schönheit in der Tat &bdquo;auserlesen&ldquo;
-war, und fühlte, daß viel &bdquo;Seltsamkeit&ldquo; in ihren Zügen lag, so habe ich
-doch vergebens versucht, dieser Unregelmäßigkeit auf die Spur zu
-kommen und meine Feststellung des &bdquo;Seltsamen&ldquo; zu begründen. Ich
-prüfte die Kontur der hohen und bleichen Stirn &mdash; sie war fehlerlos.
-Wie kalt klingt doch dies Wort für eine so göttliche Majestät, für die
-wie reinstes Elfenbein schimmernde Haut, die gebieterische Breite
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-und ruhevolle Harmonie dieser Stirn, die sanfte Erhöhung über den
-Schläfen, die eine üppige Fülle rabenschwarzer glänzender Locken
-umschmiegte &mdash; Locken, die das homerische Epitheton &bdquo;hyazinthen&ldquo;
-so wunderbar ausfüllten! &mdash; Ich prüfte die feinen Linien der Nase:
-nirgends anders als auf althebräischen Medaillons hatte ich ebenso
-vollkommen Schönes gesehen; nur dort hatte ich eine gleich wundervolle
-Zartheit und dieselbe kaum wahrnehmbare Neigung zu sanfter
-Krümmung, dieselben harmonisch geschweiften Nasenflügel, die einen
-freien Geist verrieten, gefunden. &mdash; Ich betrachtete den süßen Mund.
-Hier feierten alle Himmelswonnen ihr triumphierendes Fest: dieser
-entzückende Schwung der kurzen Oberlippe, diese weiche, wollüstige
-Ruhe der Unterlippe, diese tändelnden Grübchen, diese lockende
-Farbe, diese schimmernden Zähne, die jeden Strahl des heiligen
-Lichtes widerspiegelten, mit dem ihr heiteres und ruhevolles und
-gleichwohl frohlockendes Lächeln sie blendend schmückte. &mdash; Ich
-prüfte die Form des Kinns und fand auch hier in seiner sanften
-Breite Majestät, Fülle und griechischen Geist &mdash; fand die Kontur, die
-der Gott Apoll dem Kleomenes, dem Sohn des Atheners, im Traume
-nur enthüllte. &mdash; Und dann vertiefte ich mich in Ligeias große Augen.
-</p>
-
-<p>
-Für Augen finden wir im fernen Altertum kein Vorbild. Es mochte
-sein, daß eben hier &mdash; in den Augen meiner Geliebten &mdash; das
-Geheimnis lag, von dem Lord Verulam spricht. Sie schienen mir
-weit größer als sonst die Augen unsrer Rasse. Sie waren üppiger
-als selbst die üppigsten Augen der Gazellen vom Stamme des Tales
-Nourjahad. Doch geschah es nur zuzeiten &mdash; in Augenblicken tiefster
-Erregung &mdash;, daß diese &bdquo;Seltsamkeit&ldquo;, von der ich vorhin sprach,
-deutlicher bei ihr wahrnehmbar wurde. Und in solchen Augenblicken
-war Ligeias Schönheit &mdash; vielleicht kam es auch nur meiner erglühten
-Phantasie so vor &mdash; die Schönheit von überirdischen oder unirdischen
-Wesen, die Schönheit der sagenhaften Huri der Türken. Von
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-strahlendstem Schwarz waren ihre Pupillen und waren tief beschattet
-von sehr langen, jettschwarzen Wimpern. Die Brauen, deren Linien
-kaum merklich unregelmäßig waren, hatten die gleiche Farbe. Die
-Seltsamkeit aber, die ich in den Augen fand, lag nicht in Form, Farbe
-oder Glanz, sie muß wohl in ihrem Ausdruck gelegen haben. Ach,
-bedeutungsloses Wort! Leeres Wort, hinter dessen bloßem Klang
-wir uns mit unsrer Unkenntnis alles Geistigen verschanzen.
-</p>
-
-<p>
-Der Ausdruck von Ligeias Augen! O, wie viele Stunden habe
-ich ihm nachgesonnen! Wie habe ich eine ganze Mittsommernacht
-lang gerungen, ihn zu ergründen! Was war es, dies Etwas, das tief
-innen in den Pupillen meiner Geliebten verborgen lag, das unergründlicher
-war als die Quelle des Demokritos? Was war es? Ich
-war wie besessen von dem Verlangen, es zu entdecken. Diese Augen!
-Diese großen, diese schimmernden, diese göttlichen Augen! Sie
-wurden für mich die Zwillingssterne der Leda, und ich war ihr andächtigster
-Astrologe.
-</p>
-
-<p>
-Es gibt in der Psychologie viele unlösbare Rätsel, das unheimlichste
-aber und aufregendste von allen erschien mir stets die Tatsache &mdash;
-die übrigens von den Psychologen kaum je erwähnt worden ist &mdash;,
-daß wir oft, wenn wir etwas längst Vergessenes wieder in unser
-Gedächtnis zurückrufen wollen, bis an die Schwelle des Erinnerns
-gelangen, ohne doch das, was sozusagen schon vor uns steht, wirklich
-festhalten zu können. Und wie oft, wenn ich den Augen Ligeias nachsann,
-fühlte ich mich der vollen Aufklärung über die Bedeutung ihres
-Ausdrucks ganz nahe: ich fühlte, diese Aufklärung war da &mdash; gleich,
-gleich würde ich sie erfassen &mdash; und da entschwebte sie wieder, noch ehe
-ich sie hatte festhalten können. Und &mdash; sonderbares, o sonderbarstes
-Mysterium! &mdash; ich fand in den gewöhnlichsten Dingen von der Welt
-eine Reihe von Analogien zu diesem Ausdruck. Ich will damit sagen:
-nachdem Ligeias eigenartige Schönheit mir bewußt geworden war und
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-nun im Altarschrein meines Herzens ruhte, lösten viele Erscheinungen
-der realen Welt dasselbe Empfinden in mir aus wie der Blick aus
-Ligeias großen, leuchtenden Augen. Trotzdem aber wollte es mir
-nicht gelingen, dies Empfinden zu ergründen oder zu zergliedern;
-auch überkam es mich nicht stets in der gleichen Stärke. Um mich
-näher zu erklären: jenes Gefühl erfüllte mich zum Beispiel beim Anblick
-einer schnell emporschießenden Weinrebe, bei der Betrachtung
-eines Nachtfalters, einer Schmetterlingspuppe, eines eilig strömenden
-Wasserlaufes. Ich habe es im Ozean gefunden und beim Fallen eines
-Meteors, sogar im Blick ungewöhnlich alter Leute. Und es gibt am
-Firmament ein paar Sterne, vor allem ein veränderliches Doppelgestirn
-sechster Größe nahe beim großen Stern der Leier, bei deren Betrachtung
-durch das Teleskop ich mich des nämlichen Gefühls nicht erwehren
-konnte. Gewisse Töne von Saiteninstrumenten und bestimmte Stellen
-in Büchern durchschauerten mich in ähnlicher Art. Unter zahllosen
-andern Beispielen erinnere ich mich besonders eines Ausspruchs, den
-ich bei Joseph Glanvill fand und der &mdash; vielleicht nur wegen seiner
-Wunderlichkeit &mdash; immer wieder diese Stimmung in mir erweckte:
-&bdquo;Und es liegt darin der Wille, der nicht stirbt. Wer kennt die
-Geheimnisse des Willens und seine Gewalt? Denn Gott ist nichts
-als ein großer Wille, der mit der ihm eignen Kraft alle Dinge durchdringt.
-Der Mensch überliefert sich den Engeln oder dem Nichts einzig
-durch die Schwäche seines schlaffen Willens.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eifriges Nachdenken lange Jahre hindurch hat mir nun wirklich
-gewisse leise Beziehungen gezeigt zwischen diesem Ausspruch des
-englischen Philosophen und einem Teil von Ligeias Wesen. Es lebte
-in ihr ein unerhört starker Wille, der während unseres langen
-Zusammenlebens nie spontan zutage trat, sondern sich nur in einer
-unglaublichen Anspannung des Denkens, Tuns und Redens zu
-erkennen gab. Von allen Frauen, die ich je gekannt, war sie, die
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-äußerlich ruhevolle, die stets gelassen milde Ligeia, wie keine andre
-die Beute der tobenden Geier grausamster Leidenschaftlichkeit. Und
-diese Leidenschaftlichkeit enthüllte sich mir nur im wundervollen
-Strahlen ihrer Augen, die mich gleichzeitig entzückten und entsetzten,
-in der fast zauberhaften Melodie, Weichheit, Klarheit und Würde ihrer
-sonoren Stimme und in der flammenden Energie, die in ihren seltsam
-gewählten Worten lag und die im Kontrast mit der Ruhe, mit der sie
-gesprochen wurden, doppelt wirkungsvoll war.
-</p>
-
-<p>
-Ich erwähnte schon das umfassende Wissen Ligeias: ihre Kenntnisse
-waren unermeßlich &mdash; für eine Frau ganz unerhört. In allen klassischen
-Sprachen war sie Meister, und auch in den modernen Sprachen des
-Kontinents habe ich ihr, soweit ich selbst mit diesen Sprachen vertraut
-war, nie einen Fehler nachweisen können. Und gab es denn überhaupt
-irgendein Thema aus den Gebieten der höchsten und schwierigsten
-Wissenschaften, bei dem ich Ligeia jemals auf Unkenntnis oder Irrtum
-ertappt hätte? Wie sonderbar, wie schauerlich! Diese eine Seite nur vom
-Wesen meiner Frau ist meinem Gedächtnis heute noch erinnerlich. Ich
-sagte, an Wissen überragte sie weit alle anderen Frauen &mdash; doch wo lebt
-der Mann, der die philosophische, physikalische und mathematische
-Wissenschaft in ihrer ganzen unermeßlichen Ausdehnung so verständnisvoll
-beherrscht hätte?! Damals sah ich noch nicht, was ich jetzt
-klar erkenne, daß dies Wissen Ligeias unglaublich, daß es gigantisch
-war. Doch blieb ich mir ihrer unendlichen Überlegenheit genügend
-bewußt, um mich mit kindlichem Vertrauen ihrer Führung durch die
-chaotische Welt metaphysischer Probleme, mit denen ich mich während
-der ersten Jahre unserer Ehe eifrig beschäftigte, zu überlassen. Mit
-welch ungeheurem Triumph &mdash; mit welch lebhaftem Entzücken &mdash;
-mit welch himmlischer Hoffnung konnte ich, wenn sie in diesem so
-unbekannten, so wenig gepflegten Studium sich helfend zu mir neigte,
-fühlen, wie vor mir der herrlichste Ausblick sich öffnete und ein in
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-diese glänzenden Höhen führender, langer, köstlicher und noch ganz
-unbetretener Pfad sichtbar wurde, auf dem ich wohl endlich empor
-ans Ziel einer Weisheit gelangen durfte, die zu göttlich erhaben ist,
-um nicht verboten zu sein!
-</p>
-
-<p>
-Wie heftig muß da der Gram gewesen sein, mit dem ich einige
-Jahre später meine so festgegründeten Hoffnungen Flügel nehmen
-und sich davonschwingen sah! Ohne Ligeia war ich nichts als ein
-durch Dunkel tastendes Kind. Nur ihre Gegenwart, ihr Erklären
-brachte helles Licht in die vielen Mysterien des Transzendentalen,
-in die wir eingedrungen waren. Wenn den golden züngelnden Schriftzeichen
-der leuchtende Glanz ihrer Augen fehlte, wurden sie matter
-als stumpfes Blei. Und seltener und seltener fiel nun der Strahl
-dieser Augen auf die Blätter, über deren Inhalt ich brütete. Ligeia
-wurde krank. Die herrlichen Augen strahlten in übernatürlichen
-Flammen, die bleichen Hände wurden wachsfarben wie bei einem
-Toten, und die blauen Adern auf der hohen Stirn hoben sich und
-pochten ungestüm bei der geringsten Aufregung. Ich sah, daß sie sterben
-mußte &mdash; und mein Geist rang verzweifelt mit dem grimmen Azrael.
-</p>
-
-<p>
-Noch angestrengter als ich &mdash; rang zu meinem Erstaunen das
-leidenschaftliche Weib. So manches in ihrer ernsten Natur hatte in
-mir den Glauben gezeitigt, daß für sie der Tod keine Schrecken haben
-werde &mdash; doch dem war nicht so. Es gibt keine Worte, die auch nur
-annähernd die Wildheit ihres Widerstandes beschreiben könnten, den
-sie dem Schatten Tod entgegensetzte. Ich stöhnte gequält bei diesem
-mitleiderregenden Anblick. Ich wollte besänftigen, aber gegenüber
-der unheimlichen Gewalt, mit der sie nur leben &mdash; nur leben &mdash; nichts
-als leben wollte, schienen Trost und Zuspruch unsäglich albern. Aber
-trotzdem sich ihr feuriger Geist so wild gebärdete, bewahrte sie die
-Hoheit ihres äußeren Wesens bis zum letzten Augenblick, dem
-Augenblick des Todeskampfes. Ihre Stimme wurde noch sanfter &mdash;
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-wurde noch tiefer &mdash; dennoch möchte ich jetzt bei dem grausigen
-Sinn der Worte, die sie in aller Ruhe sprach, nicht nachdenkend
-verweilen. Mein Geist, der diesen überirdischen Tönen hingerissen
-lauschte &mdash; diesem Hoffen und Ringen, dieser gewaltigen Sehnsucht,
-wie nie zuvor ein Sterblicher sie fühlte &mdash; taumelte und verwirrte sich.
-</p>
-
-<p>
-Daß sie mich liebte, daran hatte ich nie gezweifelt, auch konnte ich
-mir wohl sagen, daß die Liebe eines solchen Herzens nicht mit gewöhnlichem
-Maß zu messen sei. Aber erst in ihrem Sterben erhielt ich
-von der wahren Kraft ihrer Liebe den vollen Eindruck. Lange Stunden
-hielt sie meine Hand und schüttete vor mir das Überfluten eines Herzens
-aus, dessen mehr als leidenschaftliche Ergebenheit an Anbetung
-grenzte. Wie hatte ich es verdient, mit solchen Bekenntnissen gesegnet
-zu werden? Und wie hatte ich es verdient, durch den Verlust der Geliebten
-verdammt zu werden &mdash; in der nämlichen Stunde, da sie mir
-diese Bekenntnisse machte? Doch ich kann es nicht ertragen, von
-diesen Dingen zu sprechen. Nur eines laßt mich sagen: ich erkannte
-in Ligeias mehr als weiblicher Hingabe an eine Liebe, die ich, ach,
-gar so wenig verdiente, den wahren Grund für ihr so tiefes, so wildes
-Begehren nach dem Leben &mdash; dem Leben, das jetzt so eilend entfloh.
-Für dies wilde Sehnen, für diese Gier und Gewalt des Verlangens
-nach Leben &mdash; nur nach Leben &mdash; finde ich keine Ausdrucksmöglichkeit;
-keine Worte gibt es, die es sagen könnten.
-</p>
-
-<p>
-In der Nacht ihres Scheidens ließ sie mich nicht von ihrer Seite.
-In tiefster Mitternachtsstunde bat sie mich, ihr einige Verse herzusagen,
-die sie selbst wenige Tage vorher verfaßt hatte. Ich gehorchte.
-Hier sind sie:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">O schaut, es ist festliche Nacht</p>
- <p class="verse">Inmitten einsam letzter Tage!</p>
- <p class="verse">Ein Engelchor, schluchzend, in Flügelpracht</p>
- <p class="verse">Und Schleierflor, sieht zage</p>
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
- <p class="verse">Im Schauspielhaus ein Schauspiel an</p>
- <p class="verse">Von Hoffnung, Angst und Plage,</p>
- <p class="verse">Derweil das Orchester dann und wann</p>
- <p class="verse">Musik haucht: Sphärenklage.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<div class="centerpic" id="img-011">
-<img src="images/011.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Schauspieler, Gottes Ebenbilder,</p>
- <p class="verse">Murmeln und brummeln dumpf</p>
- <p class="verse">Und hasten planlos, immer wilder,</p>
- <p class="verse">Sind Puppen nur und folgen stumpf</p>
- <p class="verse">Gewaltigen, düsteren Dingen,</p>
- <p class="verse">Die umziehn ohne Form und Rumpf</p>
- <p class="verse">Und dunkles Weh aus Kondorschwingen</p>
- <p class="verse">Schlagen voll Triumph.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Dies närrische Drama! &mdash; O fürwahr,</p>
- <p class="verse">Nie wird&rsquo;s vergessen werden,</p>
- <p class="verse">Nie sein Phantom, verfolgt für immerdar</p>
- <p class="verse">Von wilder Rotte rasenden Gebärden,</p>
- <p class="verse">Verfolgt umsonst &mdash; zum alten Fleck</p>
- <p class="verse">Kehrt stets der Kreislauf neu zurück &mdash;,</p>
- <p class="verse">Und nie die Tollheit, die Sünde, der Schreck</p>
- <p class="verse">Und das Grausen: die Seele vom Stück.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Doch sieh, in die mimende Runde</p>
- <p class="verse">Drängt schleichend ein blutrot Ding</p>
- <p class="verse">Hervor aus ödem Hintergrunde</p>
- <p class="verse">Der Bühne &mdash; ein blutrot Ding.</p>
- <p class="verse">Es windet sich! &mdash; windet sich in die Bahn</p>
- <p class="verse">Der Mimen, die Angst schon tötet;</p>
- <p class="verse">Die Engel schluchzen, da Wurmes Zahn</p>
- <p class="verse">In Menschenblut sich rötet.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
- <p class="verse">Aus &mdash; aus sind die Lichter &mdash; alle aus!</p>
- <p class="verse">Vor jede zuckende Gestalt</p>
- <p class="verse">Der Vorhang fällt mit Wetterbraus,</p>
- <p class="verse">Ein Leichentuch finster und kalt.</p>
- <p class="verse">Die Engel schlagen die Schleier zurück,</p>
- <p class="verse">Sind erbleicht und entschweben im Sturm;</p>
- <p class="verse">&bdquo;Mensch&ldquo; nennen sie das tragische Stück,</p>
- <p class="verse">Seinen Helden &bdquo;Eroberer Wurm&ldquo;.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;O Gott!&ldquo; schrie Ligeia, sprang vom Bett auf und reckte die Arme
-empor. &bdquo;Gott! Gott! O göttlicher Vater! Muß das immer unabänderlich
-so sein? Soll dieser Sieger nie, niemals besiegt werden? Sind wir
-nicht Teil und Teile von dir? Wer &mdash; wer kennt die Geheimnisse des
-Willens und seine Gewalt? Der Mensch überliefert sich den Engeln
-oder dem Nichts einzig durch die Schwäche seines schlaffen Willens.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und nun, wie von innrer Bewegung überwältigt, ließ sie die weißen
-Arme sinken und kehrte feierlich auf ihr Sterbebett zurück. Und als
-sie die letzten Seufzer hauchte, kam gleichzeitig ein leises Murmeln
-von ihren Lippen. Ich legte das Ohr an ihren Mund und vernahm
-wieder die Schlußworte des Glanvillschen Ausspruchs: &bdquo;Der Mensch
-überliefert sich den Engeln oder dem Nichts einzig durch die Schwäche
-seines schlaffen Willens.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie starb. Und ich, der vom Gram völlig zermalmt war, konnte
-nicht länger die einsame Verlassenheit meiner Behausung in der
-düsteren und verfallenen Stadt am Rhein ertragen. Ich hatte keinen
-Mangel an dem, was die Welt &bdquo;Besitz&ldquo; nennt; Ligeia hatte mir viel
-mehr, o sehr viel mehr gebracht, als für gewöhnlich einem Sterblichen
-zufällt. So kam es, daß ich nach einigen Monaten planlosen und ermüdenden
-Umherwanderns in einer der wildesten und abgelegensten
-Gegenden des schönen England eine alte Abtei, deren Namen ich
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-nicht nennen möchte, käuflich erwarb und instand setzte.
-<span class="centerpic"><img src="images/015.jpg" alt="" /></span>
-Die düstre
-und traurige Majestät des Gebäudes, die unglaubliche Verwilderung
-der Ländereien, die vielen melancholischen und altehrwürdigen Erinnerungen,
-die sich an beide knüpften, hatten viel gemein mit
-dem Gefühl äußerster Verlassenheit, das mich in jenen entlegenen
-und unwirtlichen Teil des Landes getrieben hatte. An dem Abteigebäude
-selbst mit seinem verwitterten, unter blühendem Grün verborgenen
-Mauerwerk nahm ich keine Veränderungen vor, dagegen
-widmete ich mich mit kindischem Eigensinn und wohl auch in der
-schwachen Hoffnung, meinen Kummer dadurch zu zerstreuen, der
-Ausstattung der Innenräume und entfaltete hier eine ganz ungewöhnliche
-Pracht. Ich hatte schon als Kind Geschmack an solchen
-Torheiten gefunden, und jetzt, da mich mein Kummer wieder hilflos
-machte, stellte sich jener kindliche Trieb von neuem ein. Ach,
-ich fühle, wieviel Spuren von Geistesverwirrung sogar in den prunkhaften
-und phantastischen Draperien, in den feierlichen ägyptischen
-Schnitzereien, in den grotesken Möbeln, in den tollen Mustern der
-goldgewirkten Teppiche zu finden waren. Ich lag, ein gefesselter
-Sklave, in den Banden des Opiums, und meine Handlungen und
-Anordnungen hatten den Charakter meiner Träume angenommen.
-Doch ich will nicht bei der Beschreibung dieser Torheiten verweilen,
-laßt mich nur von jenem einen verfluchten Gemach sprechen, in das
-ich in einem Anfall von geistiger Umnachtung sie als mein angetrautes
-Weib führte &mdash; als die Nachfolgerin der unvergessenen
-Ligeia &mdash; sie, die blondhaarige und blauäugige Lady Rowena
-Trevanion of Tremaine.
-</p>
-
-<p>
-Selbst die unbedeutendste Einzelheit in Architektur und Ausstattung
-dieses Brautgemachs steht mir noch jetzt deutlich vor Augen. Was
-dachten sich nur die goldgierigen, hochmütigen Angehörigen meiner
-Braut, als sie einem so geliebten Mädchen, einer so geliebten Tochter
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-gestatteten, die Schwelle eines derart ausgeschmückten Brautgemachs
-zu überschreiten.
-</p>
-
-<p>
-Trotzdem leider so manche tief bedeutsamen Dinge meinem
-Gedächtnis entschwanden, so sind mir doch, wie ich schon sagte,
-die geringsten Einzelheiten dieses Zimmers gegenwärtig; ich erinnere
-mich ihrer, obgleich in diesem phantastischen Prunk kein System,
-kein Halt war, an die mein Erinnern sich hätte klammern können.
-Das Zimmer lag in einem hohen Turm der burgartig gebauten Abtei;
-es war ein fünfeckiger Raum von beträchtlicher Größe. Die ganze
-Südseite des Fünfecks nahm das einzige Fenster ein, eine ungeteilte,
-riesige Scheibe venezianischen Glases von bleifarbener Tönung, so
-daß Sonnenlicht wie Mondglanz über die Gegenstände des Zimmers
-nur einen gespenstischen Schein gossen. Der obre Teil dieser
-ungeheuren Fensterscheibe wurde durch das Rankenwerk eines
-uralten Weinstocks, der an den massigen Mauern des Turmes emporkletterte,
-dunkel beschattet. Das düstere Eichenholz der außerordentlich
-hoch gewölbten Zimmerdecke war mit Schnitzereien in
-halb gotischem, halb druidenhaftem Stil überladen. Genau aus dem
-Mittelpunkte dieser melancholischen Wölbung hing an einer einzigen
-goldenen, langgegliederten Kette ein mächtiger, goldener Kronleuchter
-in Form eines Weihrauchbeckens, mit sarazenischem Bildwerk
-geschmückt. Dieser Kronleuchter hatte rundum viele Öffnungen, aus
-denen wie lebhafte Schlangen fortwährend die buntesten Flammen
-züngelten.
-</p>
-
-<p>
-Ein paar Ottomanen und goldene orientalische Kandelaber waren
-im Raum verteilt. Und da stand auch das Lager, das Brautbett! Es
-war nach einem indischen Modell gearbeitet; es war niedrig und aus
-massivem Ebenholz geschnitzt und von einem Baldachin, der einem
-Bahrtuch glich, überdacht. In jeder Ecke des Zimmers stand aufrecht
-ein riesiger, schwarzgranitener Sarkophag, den unsterbliche Skulpturen
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-schmückten. Diese Sarkophage stammten aus den Königsgräbern
-von Luxor. Aber noch mehr als in allem andern waltete meine unheimliche
-Phantasie in der Wandverkleidung des Gemachs. Die unverhältnismäßig
-hohen Wände waren von der Decke bis zum Fußboden
-mit faltenreichem <a id="corr-0"></a>schwerem Goldstoff verhangen &mdash; demselben
-Stoff, der als Fuß- und Ottomanenteppich, als Bettdecke und Baldachin
-sowie als prunkhafter Überhang der einen Teil des Fensters überschattenden
-Vorhänge Verwendung gefunden hatte. Dieser Goldstoff
-trug in unregelmäßigen Zwischenräumen arabeskenartige Figuren
-von einem Fuß Durchmesser, die aus tiefschwarzem Stoff gearbeitet
-waren. Aber nur von einer einzigen Stelle aus betrachtet schienen
-diese Figuren nichts als Arabesken zu sein. Infolge eines heute allgemein
-bekannten Verfahrens, das man jedoch schon im frühen
-Altertum anwendete, boten sie dem Beschauer von jeder Seite ein
-andres Bild. Wenn man das Zimmer betrat, erschienen sie einfach
-nur wie Monstrositäten, je mehr man sich ihnen aber näherte, desto
-bestimmtere Gestalt nahmen sie an, und Schritt für Schritt, je nach
-dem vom Beschauer gewählten Standpunkt, sah man sich von einer
-wechselnden Prozession gespensterhafter Wesen umringt, wie etwa
-der Aberglaube der Normannen sie ersonnen hat oder ein Mönch in
-sündenhaftem Traum sie erschauen mag. Der gespenstische Eindruck
-wurde noch erhöht durch einen künstlich hinter die Draperien geführten
-ununterbrochenen Luftzug, der dem Ganzen eine rastlose und
-abscheuliche Lebendigkeit verlieh.
-</p>
-
-<p>
-In solchem Raum also, in solchem Brautgemach verlebte ich mit
-Lady Rowena of Tremaine die gottlosen Stunden unsres Honigmonds
-&mdash; ohne viel Aufregung. Daß mein Weib vor meiner Übellaunigkeit
-Furcht hatte, daß sie mir aus dem Wege ging und mir
-nur wenig Liebe entgegenbrachte, konnte mir nicht entgehen, aber
-gerade dies freute mich mehr, als wenn es anders gewesen wäre.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-Ich verabscheute sie, ich haßte sie, mit einer Inbrunst, die geradezu
-teuflisch war. Mein Erinnern floh, o, mit welch tiefem Leidgefühl! zu
-Ligeia zurück, der Geliebten, der Hehren, der Schönen, der Begrabenen!
-Ich schwelgte im Gedenken ihrer Reinheit und Weisheit,
-ihres erhabenen, ihres himmlischen Wesens, ihrer leidenschaftlichen,
-ihrer anbetenden Liebe. Jetzt lohte in meiner Seele noch wildre, noch
-heißere Flamme, als sie in ihr, in Ligeia, gebrannt hatte. In den
-Ekstasen meiner Opiumträume &mdash; ich lag fast immer im Bann dieses
-Giftes &mdash; rief ich wieder und wieder ihren Namen durch das Schweigen
-der Nacht oder bei Tag durch die schattigen Schluchten der Landschaft.
-Es war, als ob das wilde Verlangen, die tiefernste Leidenschaft, das
-verzehrende Feuer meiner Sehnsucht nach der Dahingegangenen sie
-auf den irdischen Pfad zurückführen müßten, den sie &mdash; ach konnte
-es denn für ewig sein? &mdash; verlassen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Gegen Beginn des zweiten Monats unsrer Ehe wurde Lady Rowena
-plötzlich von einer Krankheit befallen, von der sie nur langsam genas.
-Zehrendes Fieber machte ihre Nächte unruhig, und in ihrem aufgeregten
-Halbschlummer redete sie von gespenstischen Lauten und
-Schatten, die im Turmzimmer und in seiner nächsten Umgebung sich
-vernehmen, sich sehen ließen. Ich hielt diese Äußerungen natürlich
-für Einbildungen einer kranken Phantasie, die allerdings durch das
-unheimliche Zimmer geweckt sein konnte. Sie erholte sich schließlich
-wieder &mdash; und genas endlich völlig. Doch nur für kurze Zeit; denn bald
-warf ein zweiter, heftigerer Anfall sie von neuem aufs Krankenlager.
-Und von diesem Rückfall erholte sie, die ohnedies von zarter Gesundheit
-war, sich nie mehr vollständig. Die Krankheitserscheinungen, die
-dem zweiten Anfall folgten, waren sehr beunruhigend und spotteten
-aller Wissenschaft und allen Bemühungen der Ärzte. Mit dem
-Anwachsen ihres chronischen Leidens, das ersichtlich schon tiefer
-wurzelte, als daß man ihm mit Medikamenten erfolgreich hätte
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-beikommen können, bemerkte ich auch eine Steigerung ihrer nervösen
-Reizbarkeit und ihres schreckhaften Entsetzens bei ganz nichtigen
-Anlässen. Sie sprach wieder &mdash; und häufiger und hartnäckiger jetzt &mdash;
-von den Lauten, den ganz leisen Lauten, und von den seltsamen
-Schatten, die sich an den Wänden regten.
-</p>
-
-<p>
-In einer Nacht, es war gegen Ende September, wies sie meine
-Aufmerksamkeit mit mehr als gewöhnlichem Nachdruck auf diese
-peinigenden Ängste hin. Sie war soeben aus unruhigem Schlummer
-erwacht, und ich hatte &mdash; halb in Besorgnis und halb in Entsetzen &mdash;
-das Arbeiten der Muskeln in ihrem abgemagerten Gesicht beobachtet.
-Ich saß seitwärts von ihrem Ebenholzbett auf einer der indischen
-Ottomanen. Sie richtete sich halb auf und sprach in eindringlichem
-leisen Flüstern von Lauten, die sie jetzt vernahm, die ich aber nicht
-hören konnte &mdash; von Bewegungen, die sie jetzt sah, die ich aber nicht
-wahrnehmen konnte. Der Wind wehte hinter der Wandverkleidung
-in hastigen Zügen, und ich hatte die Absicht, ihr zu zeigen (was ich
-allerdings, wie ich bekenne, selbst nicht ganz glauben konnte), daß
-dieses kaum vernehmbare Atmen, daß diese ganz geringen Verschiebungen
-der Gestalten an den Wänden nur die natürliche Folge
-des Luftzuges seien. Doch ein tödliches Erbleichen ihrer Wangen ließ
-mich einsehen, daß meine Bemühungen, sie zu beruhigen, fruchtlos
-sein würden. Sie schien ohnmächtig zu werden, und keiner der
-Dienstleute war in Rufnähe. Da erinnerte ich mich einer Flasche
-leichten Weines, den die Ärzte ihr verordnet hatten, und eilte quer
-durchs Zimmer, um sie zu holen. Doch als ich unter den Flammen
-des Weihrauchbeckens angekommen war, erregten zwei sonderbare
-Umstände meine Aufmerksamkeit. Ich fühlte, daß ein unsichtbares,
-doch greifbares Etwas leicht an mir vorbeistreifte, und ich sah, daß
-auf dem goldenen Teppich, genau in der Mitte des reichen Glanzes,
-den die Ampel darauf niederwarf, ein Schatten &mdash; ein schwacher,
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-undeutlicher, geisterhafter Schatten lag; so zart war er, daß man
-ihn für den Schatten eines Schattens hätte halten können. Aber ich
-war infolge einer ungewöhnlich großen Dosis Opium sehr aufgeregt
-und achtete dieser Erscheinungen kaum, erwähnte sie auch Rowena
-gegenüber nicht.
-</p>
-
-<p>
-Ich fand den Wein, schritt quer durchs Zimmer ans Bett zurück,
-füllte ein Kelchglas und brachte es an die Lippen der nahezu ohnmächtigen
-Kranken. Sie hatte sich ein wenig erholt und ergriff selbst
-das Glas; ich sank auf die nächste Ottomane und sah gespannt
-zu meinem Weib hinüber. Da geschah es, daß ich deutlich einen leisen
-Schritt über den Teppich zum Lager hinschreiten hörte, und eine
-Sekunde später, als Rowena den Wein an die Lippen führte, sah ich &mdash;
-oder träumte, daß ich es sah &mdash;, wie, aus einer unsichtbaren Quelle
-in der Atmosphäre des Zimmers kommend, drei oder vier große
-Tropfen einer strahlenden, rubinroten Flüssigkeit in den Kelch fielen.
-Ich nur sah dies &mdash; Rowena sah es nicht. Sie trank den Wein ohne
-Zögern, und ich unterließ es, ihr von der Erscheinung zu sprechen,
-die, wie ich mir nach reiflicher Überlegung sagte, vielleicht nur eine
-Vorspiegelung meiner lebhaften Einbildungskraft gewesen sein
-mochte, die durch die Äußerungen der Leidenden, durch das Opium
-und durch die späte Nachtstunde krankhaft erregt sein mußte.
-</p>
-
-<p>
-Dennoch konnte ich mir nicht verhehlen, daß die Krankheit meiner
-Frau, nachdem sie den Becher geleert hatte, eine rapide Wendung
-zum Schlimmsten nahm. Und in der dritten Nacht darauf kleideten
-die Dienerinnen Lady Rowena in das Leichengewand &mdash; und in der
-vierten Nacht saß ich allein bei ihrem Leichnam in dem seltsamen
-Gemach, in das sie als meine Braut eingetreten war.
-</p>
-
-<p>
-Wilde Visionen, eine Folge des Opiumgenusses, umschwebten mich
-wie Schatten. Meine Blicke musterten unruhig die in den Ecken des
-Zimmers aufgestellten Sarkophage, die veränderlichen Gestalten des
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-Wandteppichs und die züngelnden, buntfarbigen Flammen des
-Weihrauchbeckens mir zu Häupten. Ich erinnerte mich der sonderbaren
-Erscheinungen jener Nacht, in der über Rowenas Leben entschieden
-worden war, und blickte unwillkürlich auf die vom Ampellicht
-bestrahlte Stelle des Teppichs, wo ich damals den schwachen Schein
-eines Schattens bemerkt hatte. Es ließ sich jedoch nichts mehr sehen,
-und ich wandte mich aufatmend ab und heftete meine Blicke auf das
-bleiche und starre Antlitz der Aufgebahrten. Da überfielen mich
-tausend liebe Erinnerungen an Ligeia, und über mein Herz stürzte mit
-der Wucht eines Gießbaches das ganze unsagbare Weh, mit dem ich
-sie im Leichentuch gesehen hatte. Die Stunden gingen, und immer
-noch saß ich und starrte Rowena an, das Herz geschwellt vom Gedenken
-an die eine Einzige, die himmlisch Geliebte.
-</p>
-
-<p>
-Es mochte gegen Mitternacht sein &mdash; vielleicht etwas früher oder später,
-ich hatte der Zeit nicht geachtet &mdash;, als ein leiser, zarter, aber deutlich
-wahrnehmbarer Seufzer mich aus meinen Träumen aufschreckte. Ich
-fühlte, daß er vom Ebenholzbett her kam &mdash; vom Totenbett. Ich
-lauschte in angstvollem, abergläubischem Entsetzen &mdash; aber der Laut
-wiederholte sich nicht. Ich strengte meine Augen an, um irgendeine
-Bewegung des entseelten Körpers wahrzunehmen &mdash; nicht die mindeste
-Regung war zu entdecken. Dennoch konnte ich mich nicht getäuscht
-haben. Ich hatte das Geräusch, wie schwach es auch gewesen sein
-mochte, tatsächlich vernommen, und meine Seele war erwacht und
-lauschte. Ich heftete meine Augen durchdringend und mit aller
-Willenskonzentration auf den Totenleib. Viele Minuten vergingen,
-ehe sich auch nur das geringste ereignete, das Licht in dies Geheimnis
-bringen konnte. Endlich sah ich ganz deutlich, daß ein leiser, ein
-ganz schwacher und kaum wahrnehmbarer Hauch sowohl die Wangen
-wie auch die eingesunkenen feinen Adern der Augenlider gerötet
-hatte. Ein namenloses Grausen, eine wahnsinnige Furcht, für die es
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-keine Worte gibt, ließ mich auf meinem Sitz zu Stein erstarren und
-lähmte das Pulsen meines Herzens. Und doch gab mir schließlich ein
-gewisses Pflichtgefühl meine Selbstbeherrschung zurück. Ich konnte
-nicht länger daran zweifeln, daß wir in unserm Vorgehen allzu voreilig
-gewesen waren, ich konnte nicht länger daran zweifeln &mdash; daß Rowena
-lebte. Man mußte sofort Wiederbelebungsversuche anstellen. Doch
-der Turm lag ganz abseits von den andern Gebäuden, in denen die
-Dienerschaft untergebracht war &mdash; keiner der Leute befand sich in
-Hörweite &mdash; wollte ich sie zu meiner Hilfe herbeiholen, so hätte
-ich das Zimmer auf viele Minuten verlassen müssen &mdash; das aber durfte
-ich nicht wagen. Ich bemühte mich daher allein, die Seele, die noch
-nicht ganz entflohen schien, wieder ins Leben zu rufen. Aber schon
-nach kurzer Zeit war ersichtlich ein Rückfall eingetreten; die Farbe
-verschwand von Wangen und Augenlidern, die nun bleicher noch als
-Marmor erschienen. Die Lippen schrumpften ein und kniffen sich
-zusammen und trugen den gräßlichen Ausdruck des Todes; eine
-widerliche, klebrige Kälte breitete sich schnell über den ganzen Leib,
-der überdies vollständig steif und starr wurde. Schaudernd sank ich
-auf das Ruhebett zurück, von dem ich in so fassungslosem Schreck
-aufgescheucht worden war, und gab mich von neuem leidenschaftlichen,
-wachen Visionen hin, in denen ich Ligeia vor mir sah.
-</p>
-
-<p>
-So war eine Stunde verstrichen, als ich &mdash; konnte es möglich sein? &mdash;
-ein zweites Mal von der Gegend des Bettes her einen schwachen Laut
-vernahm. Ich lauschte in höchstem Grauen. Der Ton wiederholte
-sich &mdash; es war ein Seufzer. Ich eilte zur Leiche hin und sah &mdash; sah
-deutlich &mdash;, daß die Lippen zitterten. Eine Minute später öffneten
-sie sich und legten eine Reihe perlenschöner Zähne bloß. Zu der
-tiefen Furcht, die mich bis jetzt gebannt hielt, gesellte sich nun auch
-Bestürzung. Ich fühlte, wie es dunkel vor meinen Augen wurde,
-wie meine Gedanken wanderten, und nur durch ganz gewaltige
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-Anstrengung gelang es mir, mich für die Aufgabe, auf die mich die
-Pflicht nun wiederum hinwies, zu stählen. Sowohl auf der Stirn wie
-auf Wangen und Hals war jetzt ein sanftes Glühen zu bemerken,
-eine fühlbare Wärme durchdrang den ganzen Körper, am Herzen ließ
-sich sogar ein leichter Pulsschlag spüren. Die Tote lebte, und mit
-doppeltem Eifer unterzog ich mich den Wiederbelebungsversuchen.
-Ich rieb und benetzte die Schläfen und die Hände und wendete alles
-an, was Erfahrung und eine gute Belesenheit in medizinischen Dingen
-erdenken konnten. Doch vergeblich. Plötzlich verschwand die Farbe,
-der Pulsschlag hörte auf, die Lippen nahmen wieder den Ausdruck
-des Todes an, und einen Augenblick danach hatte der Körper die
-frostige Eiseskälte, den bleiernen Farbton, die vollkommene Starre,
-die eingesunkenen Formen und all die widerlichen Eigenschaften
-dessen, der schon seit vielen Tagen ein Bewohner des Grabes gewesen
-war.
-</p>
-
-<p>
-Und wieder sank ich in Träume von Ligeia &mdash; und wieder &mdash; was
-Wunder, daß ich beim Schreiben jetzt noch schaudre &mdash; wieder
-drang vom Ebenholzbett her ein leiser Seufzer an mein Ohr. Aber
-warum soll ich die unaussprechlichen Schrecken jener Nacht in allen
-Einzelheiten schildern? Warum soll ich darüber nachsinnen, wie ich
-es ausmalen könnte, wie bis zur Morgendämmerung dies fürchterliche
-Drama des Wiederbelebens und des Wiederabsterbens sich fortsetzte,
-wie jeder schreckliche Rückfall einen tiefren, unlöslicheren Tod bedeutete,
-wie jede Agonie wie ein Ringen mit einem unsichtbaren
-Feind erschien und wie jeder Kampf ich weiß nicht was für eine
-gräßliche Veränderung in der Erscheinung des Körpers nach sich zog?
-Laßt mich zum Schluß eilen.
-</p>
-
-<p>
-Der größte Teil der furchtbaren Nacht war dahingegangen, und sie,
-die tot gewesen, rührte sich wieder. Und die Lebenszeichen waren
-jetzt kräftiger als bisher, obgleich sie kurz zuvor in eine Auflösung
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-gesunken war, die gräßlicher schien als alle früheren. Ich hatte es
-schon längst aufgegeben, mich zu bemühen, mich überhaupt noch
-zu rühren. Ich saß erstarrt auf der Ottomane &mdash; eine hilflose Beute
-wilder Aufregungen, deren am wenigsten schreckliche, am wenigsten
-aufreibende wohl eine maßlose Angst war. Der Leichnam, ich wiederhole
-es, rührte sich, und zwar lebhafter als bisher. Die Farben des
-Lebens schossen mit unglaublicher Energie ins Antlitz, die Glieder
-wurden wieder beweglich, und wenn die Augenlider nicht noch immer
-fest geschlossen geblieben wären, wenn der Leib nicht noch immer
-still in seinen Grabtüchern und Bändern dagelegen hätte, so hätte
-ich glauben müssen, daß Rowena sich endgültig aus den Fesseln des
-Todes befreit habe. Doch wenn bis dahin dieser Gedanke noch entschieden
-zurückgewiesen werden mußte, so schwanden alle Zweifel,
-als nun das leichentuchumhüllte Wesen vom Bette aufstand und
-schwankend, unsicheren Schrittes, mit geschlossenen Augen und mit
-dem Gebaren eines Traumwesens, doch körperlich sichtbar und fühlbar,
-sich in die Mitte des Zimmer vorbewegte.
-</p>
-
-<p>
-Ich zitterte nicht &mdash; ich rührte mich nicht &mdash; denn eine Fülle unaussprechlicher
-Empfindungen, die sich an das Aussehen, die Gestalt
-und ihre Bewegungen knüpften, hatte mein Hirn überfallen und mich
-ganz gelähmt. Ich rührte mich nicht &mdash; doch meine Blicke hingen an
-der Erscheinung. Meine Gedanken taumelten wie im Wahnsinn &mdash;
-tobten und ließen sich nicht halten und bändigen. Konnte das wirklich
-die lebende Rowena sein, die mir da gegenüberstand? Konnte
-es überhaupt Rowena sein &mdash; die blondhaarige, blauäugige Lady
-Rowena Trevanion of Tremaine? Warum, warum sollte ich es bezweifeln?
-Die Binde lag fest um den Mund &mdash; aber warum sollte es
-nicht der Mund, der atmende Mund der Lady of Tremaine sein? Und
-die Wangen &mdash; sie trugen Rosen wie im Mittag ihres Lebens &mdash; ja,
-das waren wohl sicher die schönen Wangen der lebenden Lady of
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-Tremaine. Und das Kinn, das Kinn mit den Grübchen der Gesundheit,
-war es nicht das ihre? &mdash; Aber war sie denn in ihrer Krankheit
-gewachsen? Welch unaussprechlicher Wahnsinn faßte mich bei dem
-Gedanken? Ein Sprung, und ich lag zu ihren Füßen! Sie wich
-meiner Berührung aus, und die gräßlichen Leintücher, die den Kopf
-umschlossen hatten, lösten sich und fielen nieder &mdash; und in die wehende
-Atmosphäre des Gemachs strömten gewaltige Wogen aufgelösten
-Haares: es war schwärzer als die Rabenschwingen der Mittnacht!
-Und nun öffneten sich langsam die Augen der Gestalt, die dicht vor
-mir stand. &bdquo;Hier, hier endlich&ldquo;, schrie ich laut, &bdquo;kann ich mich niemals &mdash;
-niemals irren: dies sind die großen und die schwarzen und die wilden
-Augen &mdash; meiner verlorenen Geliebten &mdash; die Augen der Lady &mdash;
-der Lady Ligeia!&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-2">
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-BERENICE
-</h2>
-
-<div class="motto-container">
- <div class="motto">
-<p class="motto">
-Dicebant mihi sodales, si sepulcrum
-amicae visitarem, curas meas aliquantulum
-fore levatas.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Ebn Zaiat
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-<span class="firstchar">M</span>annigfach sind Trübsal und Not. Unglück und Gram sind
-vielgestaltig auf Erden. Gleich dem Regenbogen spannt sich
-das Unglück von Horizont zu Horizont, und gleich den Farben des
-Regenbogens sind seine Farben vielfältig und scharf abgegrenzt und
-dennoch innig miteinander verwoben. Wie kommt es, daß Schönheit
-mir zum Kummer wurde, daß selbst aus Friedsamkeit ich nur Gram
-zu schöpfen wußte? Doch wie die Ethik lehrt, daß das Böse eine
-Konsequenz des Guten sei, so lehrt uns das Leben, daß die
-Freude die Trauer gebiert. Entweder ist die Erinnerung vergangener
-Seligkeit die Pein unseres gegenwärtigen Seins, oder die Qualen,
-die sind, haben ihren Ursprung in den Wonnen, die gewesen sein
-könnten.
-</p>
-
-<p>
-Mein Taufname ist Egäus, meinen Familiennamen will ich verschweigen.
-Doch gibt es keine Burg im Lande, die stolzer und ehrwürdiger
-wäre als mein Stammschloß mit seinen düstern, grauen
-Hallen. Man hat unser Geschlecht ein Geschlecht von Hellsehern
-genannt. Und dieser Glaube wurde bestärkt durch allerlei Sonderlichkeiten
-im Baustil des Herrenhauses, in den Fresken des Hauptsaales,
-in den Wandteppichen der Schlafgemächer, in den Ornamenten einiger
-Gewölbepfeiler der Waffenhalle, besonders aber in der Galerie alter
-Gemälde, in Form und Ausstattung des Bibliothekzimmers und
-schließlich auch in seinen äußerst seltsamen Bücherschätzen selbst.
-</p>
-
-<p>
-Die Erinnerung an meine frühesten Lebensjahre ist mit jenem
-Zimmer und seinen Büchern, von denen ich nichts Näheres mehr sagen
-will, innig verknüpft. Hier starb meine Mutter. Hier wurde ich
-geboren. Doch es ist überflüssig, zu sagen, daß ich schon früher
-gelebt, daß meine Seele schon ein früheres Dasein gehabt hatte. Ihr
-leugnet es? Nun, wir wollen nicht streiten. Selbst überzeugt, suche
-ich nicht zu überzeugen. Jedoch &mdash; ich habe ein Erinnern an luftzarte
-Gestalten, an geisterhafte, bedeutsame Augen, an harmonische, doch
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-trauervolle Laute; ein Erinnern, das sich nicht bannen läßt, ein Erinnern,
-das einem Schatten gleich sich nicht von meiner Vernunft loslösen
-läßt, solange ihr Sonnenlicht bestehen wird.
-</p>
-
-<p>
-In jenem Zimmer also wurde ich geboren. Da ich solcherweise, aus
-der langen Nacht des scheinbaren Nichts erwachend, in ein wahres
-Märchenland eintrat, in einen Palast von Vorstellungen und Träumen,
-in die wunderlichen Reiche klösterlich einsamen Denkens und Wissens,
-so ist es nicht erstaunlich, daß ich mit überraschten, brennenden
-Blicken in diese Welt starrte, daß ich meine Knabenjahre im Durchstöbern
-von Büchern vergeudete, meine Jünglingszeit in Träumen
-verschwendete. Erstaunlich aber ist es, welch ein Stillstand über die
-sprudelnden Quellen meines Lebens kam, als die Jahre dahingingen
-und auch mein Mannesalter mich noch im Stammhaus meiner Väter
-sah; erstaunlich, welch vollständige Umwandlung mit meinem Wesen,
-mit meinem ganzen Denken vor sich ging. Die Realitäten des Lebens
-erschienen mir wie Visionen und immer nur wie Visionen, während
-die wunderlichen Ideen aus Traumlanden nicht nur meinem täglichen
-Leben Inhalt gaben, sondern ganz und gar zu meinem täglichen Leben
-selber wurden.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Berenice war meine Kusine, und wir wuchsen zusammen in den
-Hallen meiner Väter auf. Doch wir entwickelten uns sehr verschieden:
-ich schwächlich von Gesundheit und dem Trübsal verfallen, sie ausgelassen,
-anmutig und von übersprudelnder Lebenskraft; ihrer
-warteten die spielenden Freuden draußen in freier Natur, meiner die
-ernsten Studien in klösterlicher Einsamkeit. Ich lauschte und lebte
-nur meinem eignen Herzen und ergab mich mit Leib und Seele dem
-angestrengtesten und qualvollsten Nachdenken; sie schlenderte sorglos
-durchs Leben und achtete nicht der Schatten, die auf ihren Weg
-fielen, und nicht der rabenschwarzen Schwingen, mit denen die
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-Stunden schweigend entflohen.
-<span class="centerpic"><img src="images/033.jpg" alt="" /></span>
-Berenice! Ich beschwöre ihren Namen
-herauf &mdash; und aus den grauen Trümmern des Gedenkens erheben
-sich jäh tausend ungestüme Erinnerungen! Ah, leibhaftig steht ihr
-Bild jetzt vor mir, so wie in den jungen Tagen ihrer Leichtherzigkeit und
-ihres Frohsinns! O wundervolle, himmlische Schönheit! O Sylphe,
-die durch die Gebüsche Arnheims schwebte! O Najade, die seine
-Quellen und Bäche belebte! Und dann, dann wird alles grauenvolles
-Geheimnis, wird zu seltsamer Spukgeschichte, die verschwiegen
-werden sollte. Krankheit, verhängnisvolle Krankheit befiel ihren
-Körper; plötzlich &mdash; vor meinen Augen fast &mdash; brach die Zerstörung
-über sie herein, durchdrang ihren Geist, ihr Gebaren, ihren Charakter
-und vernichtete mit schrecklicher, unheimlicher Gründlichkeit ihr
-ganzes Wesen, ihre ganze Persönlichkeit! Weh! Der Zerstörer kam
-und ging! Und das Opfer &mdash; wo blieb es? Ich kannte es nicht mehr &mdash;
-erkannte es nicht mehr als Berenice!
-</p>
-
-<p>
-Unter der Gefolgschaft dieser ersten verderbenbringenden Krankheit,
-die eine so gräßliche Umwandlung in Körper und Seele
-meiner Kusine herbeiführte, ist als quälendste und hartnäckigste Erscheinung
-eine Art Epilepsie zu nennen, die nicht selten in Starrsucht
-endete &mdash; in Starrsucht, die endgültiger Auflösung täuschend ähnlich
-sah. Das Erwachen aus diesem Zustand war in den meisten Fällen
-erschreckend jäh.
-</p>
-
-<p>
-Inzwischen nahm meine eigne Erkrankung &mdash; denn als solche,
-sagte man mir, sei mein Zustand anzusehen &mdash; mehr und mehr Besitz
-von mir und entwickelte sich zu einer neuartigen und äußerst seltsamen
-Monomanie, die von Stunde zu Stunde an Stärke zunahm und
-schließlich unerhörte Macht über mich gewann. Diese Monomanie
-&mdash; wenn ich so sagen muß &mdash; bestand in einer krankhaften
-Reizbarkeit jener geistigen Eigenschaft, die man mit Auffassungsvermögen
-bezeichnet.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-Es ist mehr als wahrscheinlich, daß ich nicht verstanden werde;
-aber ich fürchte in der Tat, daß es ganz unmöglich ist, dem Verständnis
-des Durchschnittslesers einen auch nur annähernden Begriff davon
-zu geben, mit welcher nervösen interessierten Hingabe bei mir
-die Kraft des Nachdenkens (um Fachausdrücke zu vermeiden) sich
-eifrig betätigte, sich verbiß und vergrub in die Betrachtung sogar der
-allergewöhnlichsten Dinge von der Welt.
-</p>
-
-<p>
-Ich konnte stundenlang von der belanglosesten Textstelle oder
-Randglosse eines Buches gefesselt werden; ich konnte den größten Teil
-eines Sonnentages damit zubringen, irgendeinen schwachen Schatten
-zu beobachten, der über eine Wand oder den Fußboden hinzog; ich
-konnte eine ganze Nacht lang das stille Lampenlicht betrachten oder
-dem Flammenspiel des Kaminfeuers zuschauen; ganze Tage verträumte
-ich über dem Duft einer Blüte, oder ich sprach irgendein
-monotones Wort so lange vor mich hin, bis es keinen Sinn mehr
-hatte und nur noch Klang zu sein schien; ich verlor jedes Bewußtsein
-meiner physischen Existenz, indem ich mich vollkommner Ruhe hingab,
-mich nicht rührte und regte und halsstarrig stundenlang so
-verweilte. Dies sind einige der häufigsten und harmlosesten Grillen,
-die mich plagten &mdash; die Folge eines Geisteszustandes, der vielleicht
-gar nicht so selten ist, sicherlich aber jeder Analyse oder Erklärung
-spottet.
-</p>
-
-<p>
-Doch man darf mich nicht mißverstehen. Die an so nichtige Dinge
-gehängte, tief ernste, krankhaft übertriebne Aufmerksamkeit ist nicht
-mit jenem Hang zu Grübeleien zu verwechseln, den mehr oder weniger
-wohl alle Menschen besitzen und der besonders Leuten von starker
-Einbildungskraft eigentümlich ist. Es war nicht einmal, wie man
-leichthin hätte annehmen können, ein besonders übertriebnes Stadium
-dieses Hinträumens, sondern etwas ganz und gar anderes.
-Jene Träumer und Phantasten, die von irgendeinem meist wirklich
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-interessanten Gegenstande angezogen werden, verlieren dieses
-ursprüngliche Objekt bald aus den Augen, weil sein Anblick eine ganze
-Gedankenkette in ihnen aufrollt und eine Unzahl von Folgerungen
-und Betrachtungen in ihnen erweckt, und wenn sie dann aus
-solchen &mdash; meist angenehmen &mdash; Träumereien erwachen, so ist der
-Gegenstand, der diese Träumereien veranlaßte, ihrem Bewußtsein
-völlig entschwunden. In meinem Falle jedoch war es stets ein ganz
-nichtiger Gegenstand, an den meine Betrachtung sich knüpfte, wenngleich
-er infolge meines krankhaft intensiven Anschauungsvermögens
-vielfältige und übertriebne Bedeutsamkeit bekam. Meine Gedanken
-schweiften nur wenig ab und kehrten stets eigensinnig wieder zu
-ihrem Ausgangspunkt zurück. Diese Grübeleien waren niemals
-angenehm, und wenn sie endeten, so hatte der Gegenstand, von
-dem sie ausgingen, für mich ein unnatürlich gesteigertes Interesse
-bekommen, und eben dies war es, was den charakteristischen Zug
-meines Übels ausmachte. Kurz gesagt: in meinem Fall handelte es
-sich um ein abnorm konzentriertes Anschauungsvermögen, während
-das Wachträumen normaler Menschen auf ein Analysieren und Folgern
-hinausläuft.
-</p>
-
-<p>
-Wenn auch die Bücher, mit denen ich mich damals beschäftigte,
-diesen krankhaften Zustand nicht gerade hervorgerufen hatten, so
-trug ihr phantastischer und oft unlogischer Inhalt immerhin viel dazu
-bei, mein Leiden so eigenartig auszubilden. Ich erinnere mich unter
-anderm gut der Abhandlung des edlen Italieners Coelius Secundus
-Curio &bdquo;De Amplitudine Beati Regni Dei&ldquo;, des großen Werkes des
-heiligen Augustinus &bdquo;Die Stadt Gottes&ldquo; und ferner des Tertullian
-&bdquo;De Carne Christi&ldquo;, in welchem der paradoxe Satz: &bdquo;Mortuus est Dei
-filius; credibile est quia ineptum est; et sepultus resurrexit; certum est
-quia impossibile est&ldquo;, mich zu tiefem, fruchtlosem Nachsinnen veranlaßte
-und viele Wochen lang meine Zeit gänzlich in Anspruch nahm.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-So konnte mein Verstand, den nur die trivialsten Dinge aus dem
-Gleichgewicht brachten, mit jenem Meeresfelsen verglichen werden,
-von dem Ptolomäus Hephästion sagt, daß er allen menschlichen
-Angriffen widerstand, ja selbst der heftigen Wut von Wind und
-Wellen trotzte, der aber erbebte, sobald er mit der Blume Asphodelos
-berührt wurde. Ein oberflächlicher Beurteiler möchte wohl nun mit
-Bestimmtheit annehmen, daß die Veränderung, die Berenices unglückselige
-Krankheit in ihrem Seelenzustand hervorgerufen hatte, mir
-häufig Gelegenheit für dies intensive und anormale Nachsinnen
-gegeben hätte, das ich soeben nach bestem Können zu beschreiben
-versucht habe &mdash; aber nein, dies war in keiner Weise der Fall. In
-meinen klaren Stunden bereitete mir ihr Leiden allerdings Schmerz,
-denn dieser völlige Zusammenbruch ihres heitren und edlen Lebens
-ging mir tief zu Herzen, und ich fragte mich oft bekümmert, welch
-grauenhafte Mächte einen so unerhörten Umsturz hatten herbeiführen
-können. Aber solche Betrachtungen hingen mit meiner Idiosynkrasie
-nicht zusammen, sie waren ganz so, wie sie unter analogen Umständen
-weitaus die meisten Menschen würden angestellt haben. Es ist vielmehr
-bezeichnend für die Eigenart meines Übels, daß mich die
-unwichtigere, doch augenfälligere Wandlung in Berenices physischem
-Zustand &mdash; diese sonderbare und grauenhafte Vernichtung
-ihrer wirklichen, sichtbarlichen Persönlichkeit &mdash; weit mehr fesselte.
-</p>
-
-<p>
-Sicherlich habe ich sie in den strahlenden Tagen ihrer unvergleichlichen
-Schönheit nie geliebt. Infolge meiner seltsamen Anomalie
-waren meine Gefühle nie vom Herzen &mdash; waren meine Neigungen
-stets vom Verstand ausgegangen. Im frühen Morgengrau &mdash; im
-schattigen Gitterwerk des mittäglichen Waldes &mdash; nächtens in der
-Stille meines Studierzimmers &mdash; wann und wo sie mir je vor Augen
-trat, immer war es mir, als sei sie nicht die lebende, atmende Berenice,
-sondern eine Traumgestalt; sie erschien mir nicht als ein irdisches
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-Geschöpf, sondern als die Abstraktion eines solchen &mdash; nicht als
-etwas, das man bewundern, sondern als etwas, dem man nachsinnen
-müsse &mdash; nicht als ein Wesen zum Lieben, sondern als ein Thema
-zu tiefgründigem Erforschen. Und jetzt &mdash; jetzt schauderte ich bei
-ihrem Nahen und erbleichte bei ihrem Anblick. Aber ich beklagte
-ihren Verfall bitter, und ich erinnerte mich, daß sie mich seit langem
-liebte, und so kam es, daß ich ihr in einer schlimmen Stunde von
-Heirat sprach.
-</p>
-
-<p>
-Und als die Zeit nahte, da wir Hochzeit halten wollten, saß ich an
-einem Winternachmittag eines jener wunderbar warmen, stillen und
-umschleierten Tage, die man die Amme des schönen Eisvogels nennt<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a>,
-wie ich vermeinte ganz allein im innern Gemach der Bibliothek; aber
-als ich aufblickte, sah ich Berenice vor mir stehen.
-</p>
-
-<p>
-War es meine eigne fiebernde Einbildungskraft oder eine Wirkung
-der dunstigen Atmosphäre oder das trübe Dämmerlicht im Zimmer
-oder der Faltenfluß ihres grauen Gewandes, was ihr so verschwommene
-Konturen gab? Ich konnte es nicht sagen. Sie sprach kein Wort, und
-ich &mdash; nicht um alles in der Welt hätte ich ein Wort hervorbringen
-können. Ein eisiger Frost durchrieselte mich; eine unerträgliche
-Angst befiel mich; eine verzehrende Neugier durchdrang meine Seele;
-ich sank in meinen Sitz zurück und verharrte regungslos und hielt den
-Atem an und heftete meine Augen durchdringend auf ihre Gestalt. Ach,
-sie war entsetzlich abgemagert! Nicht eine einzige Linie, nicht eine
-einzige Kontur verriet noch eine Spur ihrer früheren Persönlichkeit.
-Meine brennenden Blicke fielen schließlich auf ihr Antlitz.
-</p>
-
-<p>
-Die Stirn war hoch und sehr bleich und sonderbar starr, und war
-über den hohlen Schläfen von zahllosen Löckchen des einst pechschwarzen
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-Haares beschattet, das jetzt von lebhaftem Gelb war und
-dessen phantastische Ringel mit der souveränen Melancholie des
-Antlitzes seltsam kontrastierten. Die Augen waren ohne Leben und
-ohne Glanz und anscheinend ohne Pupillen, und ich schauderte
-unwillkürlich vor ihrem glasigen, starren Ausdruck zurück und wandte
-mich der Betrachtung der dünnen und eingesunkenen Lippen zu. Sie
-teilten sich zu einem sonderbar bedeutungsvollen Lächeln und enthüllten
-meinem Blick langsam der veränderten Berenice Zähne.
-Wolle Gott, daß ich sie nie gesehen hätte oder daß ich, nachdem ich
-sie sah, gestorben wäre!
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Das Schließen einer Tür schreckte mich auf, und aufblickend bemerkte
-ich, daß meine Kusine das Gemach verlassen hatte. Aber in
-der wüsten Kammer meines Gehirns war etwas zurückgeblieben: das
-weiße Gespenstbild ihrer Zähne &mdash; und das ließ sich nicht mehr
-vertreiben. Das flüchtige Lächeln von Berenices Lippen hatte genügt,
-jedes Schattenfleckchen auf dem schimmernden Email, jede Einkerbung
-der Schneiden &mdash; kurz jedes kleinste Merkmal ihrer Zähne tief in
-mein Gedächtnis einzubrennen. Ich sah sie jetzt sogar deutlicher
-als vorhin, da ich sie wirklich vor Augen hatte. Die Zähne! &mdash; Die
-Zähne! &mdash; Sie waren hier, waren dort, waren überall &mdash; sichtbar und
-greifbar vor mir; lang, schmal und übermäßig weiß, umwunden von
-den bleichen Lippen &mdash; ganz so, wie in jenem Augenblick, da jenes
-verhängnisvolle Lächeln sie zuerst enthüllte.
-</p>
-
-<p>
-Dann kam meine Monomanie mit voller Wut über mich, und ich
-wehrte mich vergeblich gegen ihre unerklärliche, bezwingende Gewalt.
-Alle Gegenstände und Ereignisse um mich her schienen zu versinken &mdash;
-ich hatte nur noch Gedanken für diese Zähne. Nach ihnen trug ich
-ein wahnsinniges Verlangen. Die Welt und alles, was mich mit ihr
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-verband, schwanden hin vor diesem einen, einzigen Bild.
-<span class="centerpic"><img src="images/041.jpg" alt="" /></span>
-Sie, die
-Zähne, sie allein waren meinem geistigen Auge gegenwärtig &mdash; und
-sie, in ihrer ausgesprochenen Individualität, wurden zum einzigen
-Gedanken meines Geistes. Ich hielt sie in jede Beleuchtung. Ich
-betrachtete sie von allen, allen Seiten. Ich studierte ihren Charakter.
-Ich verweilte bei ihren einzelnen Eigentümlichkeiten. Ich vertiefte
-mich in die Übereinstimmungen und Abweichungen, die die Zähne
-in ihrer Formbildung aufwiesen. Ich entsetzte mich, als ich ihnen in
-Gedanken die Fähigkeit sinnlichen Empfindens und, auch ohne daß
-die Lippen sie unterstützen, seelisches Ausdrucksvermögen zuschrieb.
-Von Mademoiselle Salle hat man mit Recht gesagt: &bdquo;que tous ses
-pas étaient des sentiments&ldquo;, und von Berenice glaubte ich weit
-überzeugter: que tous ses dents étaient des idées. Des idées! &mdash; ah,
-war dies der idiotische Gedanke, der mich zugrunde richten sollte?
-Des idées &mdash; ah, das war es, weshalb ich diese Zähne so wahnsinnig
-begehrte! Ich fühlte, daß einzig ihr Besitz mir Frieden bringen &mdash;
-mich der Vernunft zurückgeben konnte.
-</p>
-
-<p>
-Und so wurde es Abend &mdash; und Nacht kam und verweilte und
-ging &mdash; und wieder dämmerte der Tag &mdash; und die Nebel einer zweiten
-Nacht sammelten sich rings &mdash; und immer noch saß ich regungslos
-in jenem einsamen Zimmer &mdash; und immer noch saß ich in Betrachtungen
-vergraben &mdash; und immer noch übte das Gespenst der Zähne, das da
-mit lebhafter und gräßlicher Deutlichkeit im Wechsel von Licht und
-Schatten durchs Zimmer schwebte, seine schreckliche Gewalt.
-</p>
-
-<p>
-Da brach in meine Traumversunkenheit ein Ruf voll Grausen und
-Bestürzung, und nach einer Pause vernahm ich Geräusch banger
-Stimmen, untermischt mit Klagelauten des Schmerzes. Ich erhob mich
-von meinem Sitz, und als ich die Tür zum Vorzimmer aufwarf, fand
-ich dort eine Magd, die mir in Tränen aufgelöst berichtete, daß
-Berenice nicht mehr sei! Sie war am frühen Morgen einem Anfall
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-von Epilepsie erlegen, und jetzt, beim Hereinbrechen der Nacht,
-wartete das Grab auf seinen Bewohner; alle Vorbereitungen zur
-Bestattung waren beendet.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich fand mich im Bibliothekzimmer sitzend &mdash; und wieder allein
-dort sitzend. Es schien, als sei ich wiederum aus einem wirren und
-aufregenden Traum erwacht. Ich wußte, daß jetzt Mitternacht war,
-und ich wußte recht gut, daß man Berenice bei Sonnenuntergang in
-die Erde gebettet hatte. Doch von den nachfolgenden dunklen
-Stunden hatte ich keine bestimmte und klare Erinnerung. Dennoch
-gedachte ich ihrer voll Grauen &mdash; einem Grauen, das um so
-entsetzlicher war, als ich es nicht an bestimmte Vorgänge zu binden
-vermochte. Es war in den Aufzeichnungen meines Lebens das furchtbarste
-Blatt, über und über mit dunklen, gräßlichen und unfaßbaren
-Erinnerungen bekritzelt. Ich versuchte, sie zu entziffern, aber es war
-unmöglich, und zwischendurch &mdash; wie das Gespenst eines verklungenen
-Rufes &mdash; gellte hin und wieder der schrille und durchdringende Schrei
-einer weiblichen Stimme mir in die Ohren. Ich hatte irgend etwas
-getan &mdash; was war es? Ich stellte mir laut diese Frage, und die
-flüsternden Echos des Zimmers antworteten mir &mdash; &bdquo;was war es?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Tisch neben mir brannte eine Lampe, und daneben lag
-eine kleine Schachtel. Sie hatte durchaus nichts Auffallendes, und
-ich hatte sie schon manchmal gesehen, denn sie war Eigentum des
-Hausarztes; wie aber kam sie hier auf meinen Tisch, und warum
-schauderte ich, wenn ich sie ansah? Diese Fragen wollten sich in
-keiner Weise beantworten lassen. Meine Blicke fielen schließlich auf
-den unterstrichenen Satz eines offen vor mir liegenden Buches. Es
-waren die sonderbaren, doch einfachen Worte des Dichters Ebn Zaiat:
-&bdquo;Dicebant mihi sodales, si sepulcrum amicae visitarem, curas meas
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-aliquantulum fore levatas.&ldquo; &mdash; Warum nur standen mir die Haare zu
-Berge, als ich dies las, warum erstarrte mir das Blut in den Adern?
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-045">
-<img src="images/045.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="centerpic" id="img-047">
-<img src="images/047.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Es wurde leise an die Tür geklopft, und bleich wie der Tod trat
-ein Diener auf Zehenspitzen herein. Seine Blicke waren voll wahnsinnigen
-Entsetzens, und er sprach bebend zu mir mit gedämpfter,
-heiserer Stimme. Was sagte er? Einige abgerissene Sätze hörte ich.
-Er sprach von einem wilden Schrei, der das Schweigen der Nacht
-gebrochen habe &mdash; daß das Hausgesinde zusammengeströmt sei &mdash;
-daß man in der Richtung des Schreies auf die Suche gegangen sei;
-und dann wurde seine Stimme unheimlich deutlich, als er von Grabschändung
-redete &mdash; von einem aus dem Sarg gerissenen, entstellten
-Körper, der noch atmete &mdash; noch pulste &mdash; noch lebte!
-</p>
-
-<p>
-Er deutete auf meine Kleider: sie waren von Erde beschmutzt und
-mit Blut bespritzt. Ich sagte nichts, und er ergriff sanft meine Hand:
-sie trug frische Kratzwunden von Fingernägeln. Er lenkte meine Aufmerksamkeit
-auf einen an die Wand gelehnten Gegenstand: es war
-ein Spaten. Mit schrillem Aufschrei sprang ich an den Tisch und riß
-die Schachtel an mich, die dort lag. Aber es wollte mir nicht gelingen,
-sie zu öffnen. Und sie entglitt meinen zitternden Händen und schlug
-hart zu Boden und sprang in Stücke. Und heraus rollten klappernd
-zahnärztliche Instrumente und zweiunddreißig kleine, weiße, elfenbeinschimmernde
-Dinger und verstreuten sich rings auf den Fußboden ...
-</p>
-
-<hr class="footnote" />
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Denn da Jupiter während der Winterzeit zweimal sieben Tage Wärme schenkt,
-so haben die Menschen diese milde und gemäßigte Zeit die Amme des schönen
-Eisvogels genannt. &mdash; Simonides
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-3">
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-MORELLA
-</h2>
-
-<div class="motto-container">
- <div class="motto">
-<p class="motto">
-<span class="greek">&Alpha;&upsilon;&tau;&omicron; &kappa;&alpha;&theta;&rsquo; &alpha;&upsilon;&tau;&omicron; &mu;&epsilon;&theta;&rsquo; &alpha;&upsilon;&tau;&omicron;&upsilon;, &mu;&omicron;&nu;&omicron; &epsilon;&iota;&delta;&epsilon;&sigmaf; &alpha;&iota;&epsilon;&iota; &omicron;&nu;.</span>
-</p>
-
-<p class="sign">
-Plato, Symposion
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-<span class="firstchar">E</span>in Gefühl tiefer, jedoch höchst seltsamer Zuneigung verband mich
-mit meiner Freundin Morella. Ein Zufall war&rsquo;s, der mich vor
-vielen Jahren mit ihr zusammenführte, aber seit unserer ersten Begegnung
-brannte meine Seele in fremder, entfesselter Glut. Das war
-nicht die Flamme des Eros, das war ein seltsam wilder Seelenbrand,
-und bitter und qualvoll war meinem Geist die wachsende Überzeugung,
-daß ich das rätselhafte Wesen dieser Gluten auf keine Weise zu
-ergründen noch ihr Aufflammen und Niedersinken zu beherrschen
-vermochte.
-</p>
-
-<p>
-Und das Schicksal, das uns zueinander geführt hatte, band uns am
-Altar zusammen. Doch sprach ich nie ein Wort, das Leidenschaft gewesen
-wäre, dachte nie einen Gedanken, der Liebe bedeutet hätte.
-Morella aber floh jede Geselligkeit und schloß sich innig an mich an
-und machte mich glücklich &mdash; denn Staunen und Träumen ist Glück.
-</p>
-
-<p>
-Morellas Gelehrsamkeit war unergründlich. Bei meinem Leben! ihre
-vielseitige Begabung war geradezu übernatürlich &mdash; ihre Verstandeskräfte
-waren gigantisch! Ich wußte das und wurde in vielen Dingen
-ihr Schüler. Es begann damit, daß sie mir eine Anzahl jener mystischen
-Schriften vorlegte, die man gemeiniglich nur als den Abschaum der
-frühen deutschen Literatur ansieht. Das Studium dieser Werke
-bildete &mdash; aus mir unverständlichen Gründen &mdash; ihre liebste und andauernde
-Beschäftigung, und daß es auch die meine wurde, ist einfach
-dem unwiderstehlichen Einfluß von Beispiel und Gewohnheit
-zuzuschreiben.
-</p>
-
-<p>
-Mit alledem hatte, wenn ich nicht irre, mein Verstand wenig zu
-schaffen. Soviel ich weiß, stimmte meine Weltanschauung durchaus
-nicht mit den Idealen dieser Leute überein, und auch in meinem Tun
-und Denken war keine Spur von ihrem Mystizismus zu entdecken.
-Ich wenigstens hatte diese Überzeugung und überließ mich daher ruhig
-und blindlings der Führung meiner Frau, der ich unerschrocken in allen
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-ihren Studien folgte. Und dann &mdash; dann, wenn ich, über geächtete,
-verderbliche Blätter gebeugt, fühlte, wie ein verderblicher Geist sein
-Feuer in mir entzündete, kam Morella und legte ihre kalte Hand auf
-meine heiße Hand und entfachte aus der Asche einer toten Philosophie
-irgendwelche fast bedeutungslosen, doch eigentümlichen Worte, deren
-seltsamer Sinn sich flammend in mein Gedächtnis grub. Und dann
-&mdash; dann ging ich Stunde um Stunde nicht von ihrer Seite und berauschte
-mich am Wohlklang ihrer Stimme, bis diese mir zum Überdruß
-und schließlich zum Entsetzen wurde und schwarze Schatten sich
-auf meine Seele lagerten und bis ich erbleichte und tief im Innern
-vor den fast überirdischen Lauten schauderte. Und so wurden
-plötzlich Glück und Freude zu Entsetzen und namenlosem Abscheu,
-und Schönheit weckte Grauen, so wie einst aus dem Tale Hinnom
-das Gehenna geworden war.
-</p>
-
-<p>
-Es ist unnötig, über die einzelnen Probleme, die jene alten Bücher
-in uns anregten und die lange, lange Zeit fast das einzige Thema
-unserer Gespräche bildeten, viel zu sagen. Alle die, welche etwas von
-&bdquo;theologischer Moral&ldquo; verstehen, kennen diese Fragen gut, und jene,
-die darin unerfahren sind, würden mich sicherlich kaum verstehen. Der
-wilde Pantheismus Fichtes, die gemäßigtere Lehre der Pythagoräer
-von der Wiederkunft und vor allem die Identitätsdoktrinen, wie
-Schelling sie aufstellte, bildeten den hauptsächlichsten Stoff für unsere
-Diskussionen und schienen die phantasievolle Morella am tiefsten und
-schönsten anzuregen. Jene sogenannte persönliche Identität definiert
-Locke, wie ich glaube, als das dauernde Bestehen eines jeden vernunftbegabten
-Daseins. Und da wir unter &bdquo;Person&ldquo; ein intelligenz- und
-vernunftbegabtes Wesen verstehen und da alles Denken stets von
-Bewußtheit begleitet ist, so formt dieses beides gemeinsam unser
-&bdquo;Ich&ldquo; und unterscheidet uns durch Verleihung unserer &bdquo;persönlichen
-Identität&ldquo; von anderen denkenden Wesen. Doch das &bdquo;principium
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-individuationis&ldquo;, der Begriff dieser Identität, die mit dem Tode
-verloren oder nicht verloren geht, war mir stets ein Problem
-von außerordentlicher Bedeutung, nicht allein wegen seiner verwirrenden
-und aufregenden Konsequenzen, sondern auch wegen
-der sonderbaren und eifrigen Art und Weise, in der Morella es
-behandelte.
-</p>
-
-<p>
-Doch die Zeit war gekommen, in der das Geheimnisvolle im Wesen
-meines Weibes mich wie ein Alp, ein Zauber bedrückte. Ich konnte die
-Berührung ihrer bleichen Finger nicht ertragen, ich konnte den sanften
-Klang ihrer tönenden Sprache, den Glanz ihrer melancholischen Augen
-nicht ertragen. Und sie wußte all dies und hielt es mir doch niemals
-vor. Sie schien meine Schwäche, meine Manie zu kennen und nannte
-es lächelnd &bdquo;Schicksal&ldquo;. Selbst die mir unbekannte Ursache für
-meine sich steigernde Abneigung schien sie zu kennen, doch machte
-sie nie eine Andeutung, die mir auf die Spur geholfen hätte. Aber
-sie war Weib und härmte sich und schwand hin und welkte von Tag
-zu Tag. Mit der Zeit erschien und blieb auf ihren Wangen eine bedeutungsvolle
-Röte, und die blauen Adern auf ihrer bleichen hohen
-Stirn schwollen an. Und wenn mein Wesen für einen Augenblick in
-Mitleid schmolz, so traf mich im nächsten das Aufleuchten ihrer bedeutsamen
-Augen &mdash; und meine Seele entsetzte sich und wurde von
-einem Schwindel ergriffen, wie er uns befällt, wenn wir hinab in einen
-grausig düsteren, unergründlichen Abgrund spähen.
-</p>
-
-<p>
-Muß ich noch sagen, daß ich mit tiefem, aufreibendem Verlangen
-die Stunde von Morellas Ableben herbeiwünschte? Ich tat es. Aber
-der schwache Geist klammerte sich noch Tage, Wochen, Monate an
-seine zerbrechliche Hülle, und es kam so weit, daß meine gemarterten
-Nerven Herrschaft über mich gewannen. Dies Hinzögern machte mich
-rasend, und mein teuflisches Herz verfluchte die Tage und die Stunden
-und die bitteren Minuten, die länger und länger zu werden schienen,
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-je mehr ihr zartes Leben dahinschmolz, wie Schatten länger und länger
-werden im sterbenden Tag.
-</p>
-
-<p>
-Aber eines Herbstabends, als alle Winde im Himmelsraum schliefen,
-rief mich Morella an ihr Bett. Ein trüber Nebel lagerte über der
-Erde und ein warmer Glanz auf den Wassern, und die Farben des
-herbstlichen Waldes glühten so bunt, als sei ein Regenbogen vom
-Firmament herabgefallen und in Millionen bunte Scherben zersplittert.
-&bdquo;Dies ist der Tag der Tage&ldquo;, sagte sie, als ich zu ihr trat. &bdquo;Der Tag
-der Tage &mdash; sei es zum Leben oder Sterben. Ein schöner Tag für
-die Söhne der Erde und des Lebens &mdash; ah, schöner noch für die
-Töchter des Himmels und des Todes!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich küßte sie auf die Stirn, und sie fuhr fort:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich sterbe, dennoch werde ich leben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Morella!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Tage, da du mich lieben konntest, sind nie gekommen &mdash;
-doch sie, die du im Leben verabscheutest &mdash; im Tode sollst du sie
-anbeten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Morella!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich wiederhole es &mdash; ich sterbe. Doch in mir lebt ein Unterpfand
-der Neigung, die du &mdash; ach wie gering! &mdash; für mich, Morella, fühltest.
-Und wenn mein Geist entflieht, wird das Kind leben &mdash; dein Kind
-und meines, Morellas! Doch deine Tage werden Tage der Sorge
-sein &mdash; der Sorge, die beständiger ist als alles andere, gleichwie die
-Zypresse ausdauernder ist als alle anderen Bäume. Denn die Stunden
-deines Glückes sind vorüber, und Freude erblüht nicht zweimal im
-Leben, nicht zweimal, wie die Rosen von Paestum zweimal blühen
-im Jahre. Rebe und Myrte werden dir unbekannt sein, und du wirst,
-gleich den Moslemin in Mekka, auf Erden schon dein Leichentuch mit
-dir herumtragen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-&bdquo;Morella!&ldquo; schrie ich auf, &bdquo;Morella! Wie kannst du das wissen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber sie wendete das Gesicht ab, und ein leises Zittern überlief
-ihre Glieder. Sie starb, und ihre herrliche, ihre entsetzliche Stimme
-war tot.
-</p>
-
-<p>
-Doch wie sie es vorausgesagt hatte, geschah es. Ihr Kind, das sie
-sterbend geboren hatte und das den ersten Atemzug tat, als seine
-Mutter den letzten tat, dies Kind, ein Mädchen, lebte. Und es entwickelte
-sich geistig und körperlich außerordentlich schnell und war
-das vollkommene Ebenbild von ihr, die dahingeschieden war, und
-ich liebte es mit einer Liebe, deren Glut und Innigkeit mir oft wie
-eine Kraft aus einer anderen Welt erschien.
-</p>
-
-<p>
-Doch nicht lange, da verdunkelte sich der Himmel dieser reinen
-Zuneigung, denn Grausen und Kummer jagten wie ungeheure
-verderbenbringende Wolken darüber hin. Ich sagte schon, das Kind
-entwickelte sich außerordentlich früh an Körper und Geist. Und in
-der Tat, sein schnelles leibliches Wachstum war geradezu befremdend.
-Aber schrecklich, o, schrecklich waren die tobenden Gedanken, die
-mich überstürzten, wenn ich des Kindes geistiger Entwicklung folgte.
-Wie konnte es anders sein? Entdeckte ich doch täglich in den Vorstellungen
-der kindlichen Seele die abnorme Begabung und das ausgereifte
-Wissen des Weibes, vernahm aus dem kindlichen Munde die
-genialsten Erfahrungssätze, die Menschen jemals aufgestellt haben,
-und sah im Auge des Kindes die Weisheit und Leidenschaftlichkeit
-vollkommener Reife glühen.
-</p>
-
-<p>
-Als alle diese Erscheinungen meinen erschreckten Sinnen offenbar
-wurden, als meine Seele sie in sich aufgenommen hatte &mdash; war es da
-zu verwundern, daß ein entsetzlicher Argwohn mich befiel in der
-quälenden Erinnerung an die grausigen Phantasien und unerhörten
-Theorien der verstorbenen Morella?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-Und ich verbarg dies junge Wesen, das ich anbetete, vor den
-Blicken und Einflüssen der Welt, und in der vollständigen Abgeschlossenheit
-meines Heims wachte ich mit aufreibender Sorge über
-alles, was dieses geliebte Wesen betraf.
-</p>
-
-<p>
-Und wie die Jahre dahinflossen und ich Tag um Tag in ihr heiliges
-und mildes und beredtes Antlitz spähte und ihr Wachsen und Reifen
-bemerkte, Tag um Tag, geschah es, daß ich Tag um Tag neue Dinge
-fand, in denen die Tochter vollständig ihrer Mutter &mdash; der schwermütigen
-und toten &mdash; glich. Und stündlich verdichteten sich diese
-Schatten einer unnatürlichen Ähnlichkeit und wurden immer tiefer
-und immer bestimmter und immer beängstigender &mdash; und immer
-grauenvoller anzusehen. Daß ihr Lächeln dem Lächeln ihrer Mutter
-vollkommen glich, das hätte ich ertragen können; aber dann, plötzlich,
-schauderte ich, denn ihr Lächeln war nicht nur dem Morellas gleich &mdash;
-es war mit ihm identisch! Daß ihre Augen den Augen Morellas
-glichen, konnte ich hinnehmen, aber manchmal, oft, drang der Tochter
-Blick in die Tiefen meiner Seele mit einer verwirrenden Eindringlichkeit,
-wie sie eben nur Morella eigen sein konnte. Und in den Umrissen
-der hohen Stirn und in den seidigen Locken ihres Haares, in
-den bleichen Fingern, die mit diesen Locken spielten, und in der
-klagenden Musik ihrer Stimme und vor allem &mdash; o! vor allem in den
-Redewendungen der Toten, die von den Lippen der Lebenden und
-Geliebten flossen, fand ich Nahrung für die aufreibendste Gedankenarbeit
-und für das rastloseste Entsetzen &mdash; für den Wurm, der
-niemals sterben wollte!
-</p>
-
-<p>
-So vergingen die ersten zehn Jahre ihres Lebens, und noch immer
-hatte meine Tochter keinen Taufnamen. &bdquo;Mein Kind&ldquo; und &bdquo;mein
-Liebling&ldquo; sind ja übliche Benennungen, wie Vaterliebe sie findet,
-und die strenge Abgeschlossenheit, in der sie lebte, schloß jeden
-weiteren Verkehr aus und machte einen anderen Namen überflüssig.
-<span class="centerpic"><img src="images/059.jpg" alt="" /></span>
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-Morellas Name war mit ihr gestorben. Ich hatte der Tochter niemals
-von der Mutter gesprochen; es war unmöglich, von ihr zu sprechen.
-Tatsächlich hatte also das Kind in seinem jungen Leben keine anderen
-Eindrücke empfangen als diejenigen, die sich ihm in den engen
-Grenzen unserer Zurückgezogenheit bieten konnten.
-</p>
-
-<p>
-Doch schließlich vermeinte mein abgehetzter Geist durch die Zeremonie
-der Taufe Erlösung zu finden. So führte ich also das Kind zur
-Taufe. Und als ich vor dem Taufbecken stand, suchte ich nach einem
-Namen. Viele Namen voll Weisheit und Schönheit, aus alter und
-neuer Zeit, aus meiner Heimat und aus fremden Ländern, drängten
-sich mir auf die Lippen, und viele, viele Namen für Sanftes und Frohes
-und Gutes. Was trieb mich nur dazu an, die Ruhe der Toten und
-Begrabenen zu stören? Welcher Dämon veranlaßte mich, jenen
-Namen zu flüstern, bei dessen Erinnerung schon das Blut mir stürmisch
-zum Herzen schoß? Welcher Unhold sprach aus den Tiefen meiner
-Seele, als ich in schweigender Nacht mitten im düsteren Kreuzgang
-in das Ohr des heiligen Mannes die Silben flüsterte: &bdquo;Morella!&ldquo; Und
-wer anders als Satan selbst veranlaßte mein Kind, bei diesem kaum
-vernehmbaren Laut zusammenzuschrecken, die verglasten Blicke gen
-Himmel zu heben und mit zuckendem Gesicht, auf dem die Schatten
-des Todes kämpften, auf die schwarze Marmorplatte unserer Familiengruft
-niederzusinken und zu antworten: &bdquo;Hier bin ich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klar, kalt und vollkommen deutlich trafen diese einfachen Worte
-mein Ohr und rollten von da wie geschmolzenes Blei zischend in
-mein Gehirn. Jahr um Jahr kann dahingehen, doch niemals die Erinnerung
-an diesen Augenblick! Wahrlich, noch wußte ich nichts von
-Blumen und Reben &mdash; doch Zypresse und Schierling umdrohten mich
-Tag und Nacht. Und ich wußte nichts mehr vom Wandel der Zeit,
-und der Stern meines Schicksals losch aus am Firmament, und die
-Erde verlor ihr Licht, und die Gestalten, die sie belebten, glitten an
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-mir vorbei wie Schatten, und mitten unter ihnen sah ich nur &mdash; Morella!
-Die himmlischen Winde atmeten nur einen Laut, und die rieselnden
-Wellen der ewigen Wasser murmelten immerfort &mdash; Morella! Aber
-sie starb, und mit meinen eigenen Händen trug ich sie zu Grab. Und
-ich lachte ein langes, bitteres Lachen, als in der Gruft, in die ich die
-zweite bettete, nicht eine Spur zu finden war von der ersten &mdash; Morella.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-4">
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-ELEONORA
-</h2>
-
-<div class="motto-container">
- <div class="motto">
-<p class="motto">
-Sub conservatione formae specificae salva anima.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Raymond Lully
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-<span class="firstchar">I</span>ch entstamme einem Geschlecht, das dafür bekannt ist, eine
-flammende Leidenschaftlichkeit und eine zügellose Phantasie zu
-besitzen. Von mir sagt man, daß ich wahnsinnig sei; aber noch ist die
-Frage nicht gelöst, ob Wahnsinn nicht etwa erhabenste Erkenntnis ist,
-ob vieles, was herrlich, ob alles, was vollkommen ist, nicht vielleicht
-einer Krankhaftigkeit des Denkens entspringt, einer durch Überanstrengung
-des normalen Intellekts hervorgerufenen Reizbarkeit des
-Geistes. Alle, die bei Tage träumen, wissen von vielen Dingen, die
-denen entgehen, die nur den Traum der Nacht kennen. Visionen
-lassen sie den Glanz der Ewigkeiten schauen, und in ihr Wachsein
-nehmen sie das erschütternde Bewußtsein mit, an der Schwelle der
-Erkenntnis des großen Rätsels gestanden zu haben. Augenblicke
-offenbaren ihnen mit Blitzesgrelle viel von der Weisheit des Guten,
-mehr noch von der bloßen Kenntnis des Bösen. Sie haben nicht
-Ruder noch Kompaß und dringen dennoch in das unendliche Meer
-des ewigen Lichtes vor &mdash; und weiter, gleich den Fahrten des nubischen
-Geographen, bis ins Meer der Schatten: &bdquo;aggressi sunt mare tenebrarum,
-quid in eo esset exploraturi.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nehmen wir also an, ich sei wahnsinnig. Ich gebe zum wenigsten
-zu, daß mein Geistesleben aus zwei ganz verschiedenen Zuständen
-besteht: dem Zustand klarer, nicht anzuzweifelnder Vernunft, der die
-Erinnerung an die Begebenheiten der ersten Epoche meines Lebens
-umfaßt, und einem Zustand voller Schatten und Zweifel, dem die
-Gegenwart gehört und die Erinnerung an die Geschehnisse der
-zweiten großen Epoche meines Lebens. Darum könnt ihr dem, was ich
-von meinem ersten Lebensabschnitt sagen werde, Glauben schenken;
-von dem aber, was ich von der späteren Zeit berichte, glaubt nur so
-viel, als euch glaubwürdig erscheint &mdash; oder bezweifelt das Ganze.
-Doch falls ihr nicht zweifeln könnt, so mögt ihr vor den Rätseln meiner
-Seele den Ödipus spielen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-Sie, die ich in meiner Jugend liebte und von der ich jetzt kühl
-und klar das Folgende berichte, war die einzige Tochter der einzigen
-Schwester meiner früh verstorbenen Mutter. Eleonora war der Name
-meiner Kusine. Wir hatten immer zusammengewohnt &mdash; im &bdquo;Tale
-des vielfarbigen Grases&ldquo; &mdash; unter tropischer Sonne. Kein fremder Fuß
-betrat jemals dies Tal, denn es lag weit weit droben inmitten gigantischer
-Berge, die es ragend umstanden und seinen lieblichen Gründen
-Schatten spendeten. Kein Pfad führte dorthin, und um in unser seliges
-Heim zu gelangen, hätte man das Gezweig von vieltausend Waldbäumen
-gewaltsam durchbrechen und die Herrlichkeit von viel
-Millionen duftender Blumen zertreten müssen. So lebten wir also
-ganz einsam und kannten nichts von der Welt außerhalb des Tales &mdash;
-ich und meine Kusine und ihre Mutter.
-</p>
-
-<p>
-Aus den nebelhaften Regionen der höchsten Berge, die unser Reich
-umschlossen, kam ein Fluß daher, schmal und tief, und seine Flut war
-glänzender als alles &mdash; ausgenommen Eleonoras Augen. Er wand sich
-in verstohlenen Krümmungen durchs Tal und tauchte dann in eine
-dunkle Schlucht, zwischen Bergen, die noch düsterer und geheimnisvoller
-waren als jene, aus denen er gekommen war. Wir nannten ihn
-den &bdquo;Fluß des Schweigens&ldquo;, denn es war, als ob sein Fluten alles
-beruhige und stille mache. Kein Murmeln klang aus seinen Tiefen,
-er ging so sanft dahin, daß die beperlten Kiesel auf seinem Grunde,
-die wir oft bewunderten, sich niemals rührten &mdash; in regungsloser Ruhe
-lagen sie, jeder funkelte ewig am alten Platz.
-</p>
-
-<p>
-Das Ufer des Flusses und der vielen glitzernden Bächlein, die ihm
-auf allerlei Umwegen zuströmten, und ebenso alle Flächen, die von
-den Ufern sich ins Wasser bis zum Kieselgrund hinuntersenkten, waren
-von kurzem, dichtem, gleichmäßigem Rasen bedeckt, der lieblich
-duftete. Und weiter noch dehnte sich dieser sanfte grüne Teppich &mdash;
-durchs ganze Tal, vom Fluß bis an den Fuß der Höhen, die es
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-umgürteten. Diese wundervolle weite Grasfläche war über und über
-mit gelben Butterblumen, weißen Gänseblümchen, blauen Veilchen
-und rubinroten Asphodelen besprenkelt, und ihre unbeschreibliche
-Schönheit redete laut zu unsern Herzen von der Liebe und der
-Herrlichkeit Gottes.
-</p>
-
-<p>
-Und hie und da erhoben sich im Grase wie seltsam verschlungene
-Traumgebilde Gruppen phantastischer Bäume, deren Stämme nicht
-senkrecht aufragten, sondern in anmutigen Biegungen dem Licht
-entgegenstrebten, das um Mittag in die Mitte des Tales hereinleuchtete.
-Ihre Rinde war ebenholzschwarz und silbern gefleckt und war zarter
-als alles &mdash; ausgenommen Eleonoras Wangen. Ja, man hätte diese
-Bäume für gigantische Schlangen halten können, die der Sonne, ihrer
-Gottheit, huldigten, wären nicht die glänzend grünen, großen Blätter
-gewesen, die von ihren Gipfeln in langen, bebenden Reihen niederhingen
-und mit dem Zephir tändelten.
-</p>
-
-<p>
-Lange Jahre durchstreifte ich Hand in Hand mit Eleonora das Tal,
-ehe die Liebe in unsere Herzen einzog. Es war an einem Abend in
-Eleonoras fünfzehntem und meinem zwanzigsten Lebensjahre, da saßen
-wir, einander eng umschlungen haltend, unter den Schlangenbäumen
-und blickten hinab in den Fluß des Schweigens und auf unser Bild,
-das sich in seinen Wassern spiegelte.
-</p>
-
-<p>
-Wir sprachen nichts mehr an diesem süßen Tage, und selbst am
-andern Morgen fand unsere Rede nur wenige zitternde Worte.
-</p>
-
-<p>
-Wir hatten in den Wassern Gott Eros gefunden und ihn in uns
-aufgenommen, und wir fühlten nun, daß durch ihn die feurigen
-Seelen unserer Vorfahren in uns entzündet waren. Alle Leidenschaftlichkeit
-und blühende Phantasie, die Jahrhunderte lang unser
-Geschlecht auszeichneten, ergriffen unsere Herzen wie ein Rausch und
-hauchten in das Tal des vielfarbigen Grases eine wahnsinnige Seligkeit.
-Alle Dinge veränderten sich. Die Bäume, die nie vordem ein Blühen
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-gekannt hatten, entfalteten seltsame, sternförmige, strahlende Blüten.
-Das Grün des Rasenteppichs vertiefte sich, und als &mdash; eine nach der
-andern &mdash; die weißen Gänseblümchen dahinschwanden, brachen an ihren
-Orten rubinrote Asphodelen auf &mdash; zu zehn auf einmal. Und Leben
-regte sich auf unseren Pfaden, denn der hohe, schlanke Flamingo, den
-wir bis dahin noch nie gesehen, entfaltete vor uns sein scharlachfarbenes
-Gefieder, und mit ihm kamen und glühten alle heiteren Vögel. Gold-
-und Silberfische belebten den Fluß, und aus seinen Tiefen hob sich
-leise, doch lauter und lauter werdend, ein Murmeln, das schließlich zu
-einer sanften, erhabenen Melodie anschwoll, erhabener als der Sang aus
-des Äolus Harfe und süßer als alles &mdash; ausgenommen Eleonoras Stimme.
-</p>
-
-<p>
-Und eine schwere, mächtige Wolke, die wir seit langem in den
-Regionen des Abendsterns beobachtet hatten, setzte sich gemächlich
-in Bewegung. Und durch und durch karmin- und golderglänzend
-lagerte sie sich über unser Tal und sank Tag um Tag friedvoll tiefer
-und tiefer, bis ihre Ränder auf den Gipfeln der Berge ruhten, deren
-nebelhaftes Grau sie in Glanz und Pracht verwandelte. Und sie
-lagerte über uns und schloß uns ein wie in ein zauberhaftes Gefängnis
-von seltsamer Herrlichkeit.
-</p>
-
-<p>
-Der Liebreiz Eleonoras war der der Seraphim; aber sie war so
-schlicht und unschuldig wie das kurze Leben, das sie inmitten der
-Blumen gelebt hatte. Keine Arglist lehrte sie, die Inbrunst, die ihr
-Herz entflammte, zu verbergen, und während wir miteinander im Tale
-des vielfarbigen Grases wandelten und über all seine Veränderungen
-sprachen, enthüllte sie mir die geheimsten Tiefen ihrer Seele.
-</p>
-
-<p>
-Und eines Tages sprach sie unter Tränen von jener letzten traurigen
-Veränderung, der alle Menschen unterworfen sind, und von nun an
-weilte sie nur bei diesem einen schmerzvollen Thema, das sie in jedes
-unserer Gespräche einflocht, so wie die Sänger von Schiras in ihren
-Liedern dieselben Bilder wieder und wieder anwenden.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-069">
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a><img src="images/069.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-Sie hatte die Hand des Todes auf ihrer Brust gefühlt, sie wußte,
-daß sie in so vollkommener Schönheit erschaffen worden war, nur um
-&mdash; gleich der Eintagsfliege &mdash; früh zu sterben. Doch alle Schrecken
-des Todes waren für sie in dem einen Gedanken vereint, von dem sie
-mir in abendlicher Dämmerstunde am Fluß des Schweigens sprach.
-Es bekümmerte sie, zu denken, ich könne, nachdem ich sie im Tale des
-vielfarbigen Grases begraben hätte, seine selige Verborgenheit verlassen
-und die Liebe, die jetzt ganz ihr gehörte, irgendeinem Mädchen
-der Alltagswelt da draußen schenken. Und damals und dort warf
-ich mich ohne Besinnen Eleonora zu Füßen und tat ihr und dem
-Himmel den Schwur, daß ich mich niemals mit einer Tochter der Welt
-in Ehe verbinden &mdash; daß ich niemals ihrem geliebten Andenken, dem
-Andenken der innigen Zuneigung, mit der sie mich segnete, untreu
-werden wollte. Und ich rief den allmächtigen Herrn des Weltalls
-zum Zeugen für meines Schwurs aufrichtigen Ernst. Und der Fluch,
-den ich von ihm und von ihr, der Heiligen im Paradiese, für den Fall
-meines Treubruches auf mich herabrief, schloß eine so entsetzliche
-Strafe in sich, daß ich hier nicht davon sprechen kann.
-</p>
-
-<p>
-Und die strahlenden Augen Eleonoras erstrahlten noch heller bei
-meinen Worten. Und sie seufzte, als sei eine tödliche Last ihr vom
-Herzen genommen, und sie zitterte und weinte bitterlich. Aber sie
-nahm meinen Schwur an &mdash; denn was war sie anderes als ein Kind &mdash;,
-und er ließ sie erleichtert dem Sterben entgegensehen. Und als sie
-einige Tage später friedvoll entschlief, sagte sie zu mir, sie wolle um
-deswillen, was ich für den Frieden ihrer Seele getan habe, mit dieser
-Seele über mich wachen; sie wolle, sofern es möglich sei, in den
-wachen Stunden der Nacht mir sichtbarlich erscheinen. Wenn aber
-dies außerhalb der Macht der Seelen im Paradiese läge, so wolle sie
-mir ihr Gegenwärtigsein wenigstens durch allerlei Zeichen kund tun.
-Sie werde mit den Abendwinden mich umkosen und die Luft um mich
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-her mit dem Duft der Weihrauchschalen erfüllen. Mit diesen Worten
-auf den Lippen gab sie ihr junges, reines Leben auf, und mit ihr
-endete die erste Epoche meines eigenen Lebens.
-</p>
-
-<p>
-Bis hierher habe ich wahrheitsgetreu berichtet. Doch wenn mein
-Denken auf dem Wege der Vergangenheit die Grenze, die der Tod
-meiner Geliebten gezogen, überschreitet und in die zweite Periode
-meines Lebens eintritt, dann sammeln sich Schatten um mein Hirn,
-und ich fühle, daß ich an meinem gesunden Gedächtnis zweifeln muß.
-Doch ich will fortfahren.
-</p>
-
-<p>
-Die Jahre schleppten sich träge dahin, und immer noch wohnte ich
-im Tale des vielfarbigen Grases. Aber wiederum hatte eine Veränderung
-alle Dinge befallen. Die sternförmigen Blüten krochen
-zurück in die Stämme der Bäume und kamen nie wieder zum Vorschein.
-Das tiefe Grün des Rasenteppichs verblaßte, und die rubinroten
-Asphodelen welkten hin, eine nach der andern. Und an ihren
-Orten brachen &mdash; zu zehn auf einmal &mdash; dunkle, blauäugige Veilchen
-auf, und ihre Augen standen immer voll Tau und blickten kummervoll.
-Und Leben entschwand von unsern alten Pfaden; denn der
-hohe, schlanke Flamingo entfaltete nie mehr sein scharlachrotes
-Gefieder, trauernd flog er aus unserm Tale fort, den Bergen zu, und
-mit ihm zogen alle heiteren Vögel, die ihn begleitet hatten. Und
-die Gold- und Silberfische schwammen davon durch die Schlucht, die
-an der einen Seite unser Reich begrenzte, und zierten nie wieder den
-lieblichen Fluß. Und die sanfte Melodie, die erhebender gewesen
-war als der Sang aus des Äolus Harfe und süßer als alles &mdash; ausgenommen
-Eleonoras Stimme, sie sank wieder zu leisem Murmeln
-herab und wurde leiser und leiser, bis sie erstarb und der Fluß wieder
-in seinem vormaligen feierlich-düsteren Schweigen dahinfloß. Und
-dann &mdash; zuletzt &mdash; hob sich die mächtige Wolke von den Gipfeln
-der Berge, die wieder in ihr nebelhaftes Grau zurücktauchten, und
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-schwamm gemächlich davon, den fernen Regionen des Abendsternes
-zu, und mit ihr verschwand das strahlende Gold und all die glänzende
-Pracht, mit der sie das Tal des vielfarbigen Grases überschüttet hatte.
-</p>
-
-<p>
-Jedoch was Eleonora versprach, erfüllte sich. Denn ich hörte um
-mich das Schwingen der himmlischen Weihrauchschalen, und Ströme
-himmlischer Düfte durchfluteten immer und immer das Tal. Und in
-einsamen Stunden, wenn mein Herz in heftigem Pulsschlag erbebte,
-umschmeichelten sanfte Winde mit süßem Seufzen meine Stirn. Die
-dunklen Nächte füllte oft ein schwaches Flüstern, und einmal &mdash; o,
-einmal nur! &mdash; weckte mich aus einem todähnlichen Schlafe der Kuß
-geisterhafter Lippen, die meinen Mund berührten.
-</p>
-
-<p>
-Aber all dies vermochte nicht die Leere meines Herzens auszufüllen,
-und grenzenlos wuchs sein Verlangen nach jener Liebe, von der es
-vordem so übervoll gewesen war. Und endlich kam es soweit, daß
-mir das Tal des vielfarbigen Grases, durch das mich die Erinnerungen
-hetzten, zur Qual wurde, und ich vertauschte es für immer gegen die
-Eitelkeiten und das friedelose Glück der Welt.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich fand mich in einer fremden Stadt, in der alle Dinge nur dazu
-dienten, die Erinnerung an die süßen Träume, die ich so lange Jahre
-im Tal des vielfarbigen Grases geträumt hatte, aus meinem Gedächtnis
-auszulöschen. Ein prächtiges Hoflager mit Pomp und Festen, betäubendes
-Waffengeklirr und strahlende Frauenlieblichkeit verwirrten
-und berauschten mein Hirn. Doch bis jetzt war meine Seele ihrem
-Schwur treu geblieben, und immer noch verkündete mir Eleonora in
-den stillen Stunden der Nacht ihr Gegenwärtigsein.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich aber hörten diese Anzeichen auf, und die Welt wurde
-schwarz vor meinen Augen, und ich stand in atemlosem Schreck vor
-dem glühenden Gedanken &mdash; der grauenhaften Versuchung, die mich
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-befallen hatte. Denn an den fröhlichen Hof des Königs, dem ich
-diente, kam aus irgendeinem fernen, fernen, unbekannten Lande ein
-Mädchen, von deren Schönheit mein ganzes ruchloses Herz entflammt
-und hingerissen ward &mdash; zu deren Füßen ich mich ohne Sträuben
-niederwarf in wehrloser, abgöttischer Liebe. Ach, wie armselig war
-die Leidenschaft, die ich dem jungen Kinde im Tale des vielfarbigen
-Grases geschenkt hatte, wenn ich sie mit der Glut und dem Wahnwitz
-und den beseligenden Ekstasen verglich, in denen jetzt meine Anbetung
-emporjauchzte, mit dem trunkenen Schluchzen, in dem meine
-Seele zu Füßen der himmlischen Ermengard dahinschmolz! O, herrlich
-war der Engel Ermengard! Und vor dieser Erkenntnis versank alles
-andere. &mdash; O, göttlich war der Engel Ermengard! Und ich ertrank
-im Blick ihrer unergründlichen Augen und sah und suchte nur sie.
-</p>
-
-<p>
-Ich vermählte mich mit Ermengard &mdash; und fürchtete nicht den Fluch,
-den ich auf mich herabgeschworen hatte, und seine Schrecken suchten
-mich nicht heim. Da kam noch einmal &mdash; ein einziges Mal &mdash; durch
-das Schweigen der Nacht das süße Seufzen wieder zu mir, und es
-formte sich zu einer wohlbekannten, inbrünstigen Stimme:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schlafe in Frieden! Denn der Geist der Liebe lebt und herrscht.
-Und wenn du glühenden Herzens Ermengard umarmst, bist du &mdash;
-aus Gründen, die dir dereinst im Himmel offenbar werden sollen &mdash;
-deines Gelübdes an Eleonora entbunden.&ldquo;
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-075">
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a><img src="images/075.jpg" alt="" /></div>
-
-<h2 class="part" id="part-5">
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-DIE INSEL DER FEE
-</h2>
-
-<div class="motto-container">
- <div class="motto">
-<p class="motto">
-Nullus enim locus sine genio est.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Servius
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>L</span>a musique,&ldquo; sagt Marmontel in seinen &bdquo;Contes Moreaux,&ldquo; die wir
-in allen unsern Übersetzungen beharrlich als &bdquo;Moralische Geschichten&ldquo;
-bezeichnet finden, als ob man ihren Sinn verhöhnen wollte &mdash;
-&bdquo;la musique est le seul des talents qui jouisse de lui-même: tous les
-autres veulent des témoins.&ldquo; Er verwechselt hier die Freude an schönen
-Klängen mit der Fähigkeit, sie hervorzurufen. Die musikalische Begabung
-ist ebensowenig wie jedes andere Talent da, wo kein zweiter
-ihre Äußerungen würdigt, zur Gewährung eines vollkommenen Genusses
-befähigt, und nur in Verbindung mit andern Begabungen bringt
-sie die Wirkungen hervor, die erst in der Einsamkeit ganz genossen
-werden mögen. Der Gedanke, den der &bdquo;raconteur&ldquo; entweder nicht
-klar genug dargestellt oder dessen Darstellung er einer nationalen
-Vorliebe für Pointierung geopfert hat, ist zweifellos der sehr begründete,
-daß wir gute Musik am tiefsten zu würdigen verstehen, wenn
-wir einsam sind. Der Gedanke in dieser Form wird ohne weiteres
-jedem richtig erscheinen, der die Musik um ihrer selbst und ihrer
-seelischen Wirkung willen liebt. Doch noch eine Freude ist den
-verstoßenen Sterblichen vergönnt, eine, die vielleicht mehr noch als
-die Musik der gesteigerten Einsamkeit bedarf. Ich meine den Genuß,
-den die Naturbetrachtung bietet. Wahrlich, wer Gottes Herrlichkeit
-auf Erden recht gewahren will, der muß diese Herrlichkeit in Einsamkeit
-betrachten. Mir wenigstens erscheint die Anwesenheit nicht nur
-menschlicher, sondern überhaupt lebendiger Wesen jeder Art, außer
-den grünen Dingen, die aus dem Boden wachsen und keine Stimme
-haben, als Befleckung der Landschaft, als etwas, was der seelischen
-Harmonie des Bildes zuwiderläuft.
-</p>
-
-<p>
-In Wahrheit! ich liebe die Vorstellung, daß die dunklen Täler und
-grauen Felsen und die schweigsam lächelnden Wasser und die Wälder,
-die in unruhigem Schlummer seufzen &mdash; und die stolzen wachsamen
-Berge, die auf alles herunterblicken &mdash;, daß alles dies nur ungeheure
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-Gliedmaßen eines gewaltigen lebendigen und empfindenden Ganzen
-sind &mdash; eines Ganzen, dessen Gestalt (die Kugel) die vollkommenste
-und umfassendste ist, die es gibt; dessen Weg den andern Planeten
-zugesellt ist, dessen zarte Magd der Mond<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a>, dessen mittelbarer Herr
-die Sonne ist; dessen Lebensdauer Ewigkeit, dessen Sinn der Wille
-Gottes ist; dessen Freude Wissen ist; dessen Geschicke sich in Unendlichkeit
-verlieren; dessen Kenntnis seiner selbst etwa unsrer
-Kenntnis der mikroskopischen Kleinwelt gleichkommt &mdash; eines Daseins,
-das wir als völlig unbelebt und rein stofflich ansehen, ähnlich,
-wie diese winzigen Wesen uns betrachten mögen.
-</p>
-
-<p>
-Unsre Teleskope und unsre mathematischen Entdeckungen geben
-uns trotz des scheinheiligen Geredes der Geistlichkeit überall die
-Gewißheit, daß Raum und also Masse in den Augen des Allmächtigen
-eine große Bedeutung hat. Die Kreise, darin die Sterne sich bewegen,
-sind als die besten befunden worden für eine ungehinderte Bewegung
-der größtmöglichen Anzahl Körper. Die Form dieser Körper ist
-gerade so, daß sie bei einer gegebenen Oberflächengröße die größtmögliche
-Anhäufung von Materie gestattet, während die Oberfläche
-selbst so beschaffen ist, daß sie eine größere Zahl von Bewohnern
-aufnehmen kann, als wenn sie irgendeine andre Gestalt hätte.
-Auch ist die Tatsache, daß der Raum selbst unendlich ist, kein
-Argument dagegen, daß die Masse ein Zweck Gottes ist; denn eine
-unendliche Materie mag vorhanden sein, um ihn zu füllen, und da wir
-deutlich sehen, daß die Materie grundsätzlich von Leben erfüllt ist &mdash;
-in der Tat, soweit unser Urteil reicht, ein leitender Grundsatz in
-den Maßnahmen der Gottheit &mdash; so ist es kaum logisch, dieses Leben
-auf die Regionen des Kleinen, wo wir es täglich nachweisen können,
-zu beschränken und nicht auf die des Erhabenen auszudehnen. Da
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-wir ohne Ende Kreis in Kreise laufen sehen, alle aber sich um eine
-ferne Mitte drehen, um die Gottheit, sollten wir da nicht gleicherweise
-Leben in Leben vermuten, das kleinere im größeren und alle
-im göttlichen Geiste? Kurz, wir sind infolge unsrer Selbstüberhebung
-in einem gewaltigen Irrtum, wenn wir annehmen, der Mensch sei in
-seiner zeitlichen oder zukünftigen Bestimmung von größerer Wichtigkeit
-für das Universum als der gewaltige Talkörper, den er beackert
-und verachtet und dem er eine Seele abspricht, aus keinem tieferen
-Grunde, als weil er sie nicht in Tätigkeit sieht<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a>.
-</p>
-
-<p>
-Solche und ähnliche Vorstellungen haben meinen Betrachtungen
-in den Bergen und Wäldern, an den Flüssen und am Meere eine Beimischung
-gegeben, die von der Alltagswelt zweifellos als &bdquo;phantastisch&ldquo;
-bezeichnet werden würde. Meine zahllosen, meist einsamen
-Wanderungen in solchen Gegenden pflegten meinen Geist ungewöhnlich
-lebhaft zu beschäftigen, und die Hingabe, mit der ich
-manchen düstern Talgrund durchstreifte oder in die Himmelsspiegelung
-manches strahlenden Sees blickte, wurde sehr vertieft durch das Bewußtsein,
-daß ich <em>allein</em> wanderte und Umschau hielt. Welcher
-geschwätzige Franzose<a class="fnote" href="#footnote-4" id="fnote-4">[4]</a> war es doch, der mit Beziehung auf das Werk
-von Zimmermann sagte: &bdquo;la solitude est une belle chose; mais il faut
-quelqu&rsquo;un pour vous dire que la solitude est une belle chose&ldquo;? Dem
-Epigramm ist nicht zu widersprechen; aber dies &bdquo;il faut&ldquo; &mdash; diese
-Notwendigkeit ist doch ein Unding.
-</p>
-
-<p>
-Es war auf einer meiner einsamen Wanderungen in weit entfernten
-Gegenden, wo Berg an Berg geschlossen war und trauervolle Flüsse
-und schwermütige Sümpfe sich einherwanden oder schlummernd lagen,
-als ich an einen kleinen Fluß mit einer Insel kam. Es war im laubreichen
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-Juni. Ich warf mich auf den Rasen unter die Zweige eines unbekannten
-duftenden Gesträuches, um in Betrachtung des Bildes versunken zu
-ruhen. Ich fühlte, nur so sollte ich es ansehen, dies entsprach seinem
-Charakter.
-</p>
-
-<p>
-Auf allen Seiten &mdash; außer gen Westen, wo die Sonne im Untergehen
-war &mdash; erhoben sich grüne Waldesmauern. Der Fluß, der in seinem Lauf
-eine scharfe Wendung machte und sich so plötzlich den Blicken entzog,
-schien aus seinem Gefängnis keinen Ausweg zu haben, sondern vom
-grünen Laub der Bäume im Osten aufgesogen zu werden, während auf
-der anderen Seite (so erschien es mir, als ich da lag und nach oben sah)
-geräuschlos und unaufhaltsam ein gold- und purpurroter Wasserfall
-aus den Abendrotquellen des Himmels ins Tal herniedersprühte.
-</p>
-
-<p>
-Etwa in der Mitte des beschränkten Ausschnitts, den mein träumerisches
-Auge faßte, ruhte eine kleine runde, üppig begrünte Insel
-auf der Brust des Wassers,
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Und Licht und Schatten woben Duft,</p>
- <p class="verse">Als hänge sie schwebend in der Luft.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-So spiegelglatt war das glasige Wasser, daß sich kaum erkennen
-ließ, an welcher Stelle des grünen Rasenhanges sein Reich begann.
-</p>
-
-<p>
-Meine Lage gestattete mir, mit einem einzigen Blick sowohl das
-östliche wie das westliche Ende der Insel zu umfassen, und ich bemerkte
-eine eigentümliche Verschiedenheit an ihnen. Das Westende war wie
-ein strahlender Harem von Gartenschönheiten. Es glühte und errötete
-unter den schrägen Blicken der Sonne und lachte mit heiteren Blumen.
-Das Gras war kurz, feucht, süß duftend und von Goldwurz durchblüht.
-Die Bäume waren geschmeidig, heiter, aufrecht, hell, schlank und
-anmutig, von morgenländischem Bau und Laub, mit sanfter, glänzender
-und buntfarbiger Rinde. Alles schien gesättigt von einem tiefen
-Bewußtsein von Leben und Lust, und obgleich vom Himmel keine
-Winde bliesen, so war doch alles bewegt durch das leichtbeschwingte
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-Gaukelspiel unzähliger Schmetterlinge, die man für beflügelte Tulpen
-hätte halten können.<a class="fnote" href="#footnote-5" id="fnote-5">[5]</a>
-</p>
-
-<p>
-Das andre oder östliche Ende der Insel war in schwärzeste Schatten
-gehüllt. Eine traurige, doch schöne und friedvolle Dunkelheit durchdrang
-hier alle Dinge. Die Bäume waren von düsterer Farbe und
-trauernd in Gestalt und Haltung; &mdash; wie sie sich da in trübe, feierliche
-und gespenstische Formen hüllten, erweckten sie eine Vorstellung
-von tödlichem Leid und frühzeitigem Tod. Das Gras hatte den dunklen
-Farbenton der Zypresse, und seine Halme ließen die Köpfe hängen,
-und hier und dort sah man im Grase viele kleine häßliche Hügel,
-schmal und niedrig und nicht sehr lang, die wie Gräber aussahen
-und doch keine waren, obgleich Raute und wilde Rosen sie ganz und
-gar überwucherten. Der Schatten der Bäume sank schwer aufs Wasser
-nieder, als wolle er sich darin begraben, die Tiefen des Elementes
-mit Dunkelheit sättigend. Ich bildete mir ein, wie die Sonne tiefer
-und tiefer sank, löse sich Schatten um Schatten trübe vom Stamme,
-der ihm Leben gegeben hatte, und werde vom Strome aufgetrunken,
-während jeden Augenblick neue Schatten aus den Bäumen hervortraten,
-um die Stelle ihrer eingesargten Vorgänger einzunehmen.
-</p>
-
-<p>
-Als dieser Gedanke meine Phantasie erfaßt hatte, regte er sie weiter
-und weiter an, und ich versank in Träumerei. &bdquo;Wenn je eine Insel
-verzaubert war,&ldquo; sprach ich bei mir selbst, &bdquo;so ist es diese. Hier ist
-der Zufluchtsort der wenigen gütigen Feen, die noch vom Untergang
-verschont geblieben sind. Sind jene Hügel ihre grünen Gräber? &mdash;
-Oder geben sie ihr Leben auf, wie Menschen ihr Leben dahingeben?
-Ist ihr Sterben nicht vielmehr ein trauervolles Hinschwinden, so daß
-sie nach und nach ihr Dasein an Gott zurückgeben, wie diese Bäume
-Schatten um Schatten hingeben, ihr Wesen verhauchen und auflösen?
-Was der vergehende Baum dem Wasser ist, das seinen Schatten
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-einsaugt und schwärzer wird von jeder solchen Beute, mag nicht das
-Leben der Fee für den Tod, der es verschlingt, das gleiche sein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Als ich so mit halbgeschlossenen Augen sann, indes die Sonne
-eilig zur Rüste ging und wirbelnde Strömungen rund und rund um
-die Insel jagten, mit tanzenden weißen Streifen der Rinde des Feigenbaumes
-auf den Wellen, Streifen, die in ihrer wechselvollen Lage auf
-dem Wasser von einer lebendigen Phantasie mit allem Erdenklichen
-zu vergleichen gewesen wären &mdash; während ich so sann, war mir, als
-nehme die Gestalt einer solchen Fee, über die ich nachgesonnen
-hatte, langsam aus dem Glanze der Westseite der Insel ihren Weg
-ins Dunkel. Sie stand aufrecht in einem seltsam gebrechlichen Kahn,
-den sie mit dem Schatten eines Ruders lenkte. Solange sie unter dem
-Einfluß der zögernden Sonnenstrahlen blieb, schien ihre Haltung
-Freude auszudrücken, aber Trauer wandelte sie an, als sie der Schatten
-berührte. Langsam glitt sie dahin und hatte schließlich die Runde um
-die Insel gemacht und erschien wieder auf der Lichtseite. &bdquo;Der Zirkel,
-den die Fee soeben vollendet hat,&ldquo; sinnierte ich weiter, &bdquo;ist der Kreislauf
-ihres kurzen Lebensjahres. Sie ist durch ihren Winter und ihren
-Sommer geflutet. Sie ist dem Tode um ein Jahr näher: denn es ist
-meinen Blicken nicht entgangen, daß, als sie in die Dämmerung kam,
-ihr Schatten von ihr abfiel und vom dunklen Wasser verschlungen
-ward, dessen Schwärze noch schwärzer davon wurde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und wieder erschien das Boot mit der Fee, doch in ihrer Haltung
-war mehr Sorge und Unsicherheit und weniger biegsame Lust. Sie
-flutete wiederum aus dem Licht und ins Dunkel (das sogleich tiefer
-wurde), und wiederum fiel ihr Schatten von ihr ab ins ebenholzschwarze
-Wasser und wurde von seiner Schwärze verschlungen. Und
-wieder und wieder machte sie die Runde um die Insel (indessen die
-Sonne zu ihrer Schlummerstätte eilte), und bei jedem Heraustreten
-ins Licht lag mehr Trauer auf ihrer Gestalt, die schwächer und feiner
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-und unbestimmter wurde, und bei jedem Übergang ins Dunkel sank
-ein tieferer Schatten von ihr ab, der von immer düstererem Schwarz
-verschlungen wurde. Endlich aber, als die Sonne gänzlich verschwunden
-war, glitt die Fee, jetzt nur noch wie das Gespenst ihres
-früheren Seins, mit ihrem Boot trostlos in das Bereich der ebenholzschwarzen
-Flut, und ob sie daraus wieder zum Vorschein kam, kann
-ich nicht sagen, denn Finsternis deckte alle Dinge, und ich gewahrte
-ihre zauberhafte Gestalt nicht mehr.
-</p>
-
-<hr class="footnote" />
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Mond im Englischen weiblich, Sonne männlich. A. d. Üb.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> Wo Pomponius Mela in seiner Abhandlung &bdquo;De Situ Orbis&ldquo; von Flut und Ebbe
-spricht, sagt er: &bdquo;Entweder ist die Welt ein großes Tier, oder&ldquo; usw.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-4" id="footnote-4">[4]</a> Balzac, dem Sinne nach; ich weiß nicht mehr die Worte.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-5" id="footnote-5">[5]</a> Florem putares nare per liquidum aethera. &mdash; P. Commire
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-6">
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-LANDORS LANDHAUS
-</h2>
-
-<p class="first">
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-<span class="firstchar">W</span>ährend einer Wanderung, die mich letzten Sommer durch
-einige der Flußtäler der Grafschaft Neuyork führte, sah ich
-mich, als der Tag zur Neige ging, in gewisser Verlegenheit, welchen
-Weg ich einschlagen sollte. Das Land war auffallend hügelig, und in
-der letzten halben Stunde hatte mich der Pfad, bei meinem Bemühen,
-mich in den Tälern zu halten, so verwirrend um und rundum geführt,
-daß ich nicht mehr ahnte, in welcher Richtung das reizende
-Dorf B... lag, wo ich die Nacht zu bleiben gedachte. Es hatte, genau
-genommen, den Tag über eigentlich keinen Sonnenschein gegeben,
-dennoch war es ungewöhnlich warm gewesen. Ein Nebelschleier,
-wie lauter Altweibersommer, verhängte alle Dinge und vermehrte
-natürlich meine Unsicherheit. Nicht daß ich die Sache sehr wichtig
-nahm. Sollte ich nicht vor Sonnenuntergang, selbst nicht vor Einbruch
-der Dunkelheit auf das Dorf stoßen, so war es doch mehr als wahrscheinlich,
-daß irgendein kleines Farmhaus oder dergleichen auftauchen
-würde, wenn auch die Gegend (vielleicht weil sie sich mehr
-malerisch als fruchtbar erwies) nur spärlich bewohnt war. Jedenfalls
-wäre ein Biwak im Freien, mit meinem Rucksack als Kissen und
-meinem Jagdhund als Wächter, so recht nach meinem Geschmack
-gewesen. Ich schlenderte daher wohlgemut weiter und hatte meine
-Flinte Ponto aufgeladen, als ich schließlich, da ich eben Betrachtungen
-darüber anstellte, ob die zahlreichen kleinen Lichtungen, die hier-
-und dorthin führten, überhaupt Pfade vorstellen sollten, auf dem
-verlockendsten von ihnen zu einem richtigen Fahrweg geriet. Jeder
-Irrtum war ausgeschlossen. Leichte Räderspuren waren sichtbar, und
-obgleich das hohe Strauchwerk und das aufgeschossene Unterholz sich
-oben zusammenschlossen, gab es am Boden nicht das geringste Hemmnis,
-selbst nicht für ein virginisches Berggefährt, meiner Meinung nach
-das anspruchsvollste, hochfahrendste Vehikel seiner Art. Abgesehen
-davon, daß der Weg frei in den Wald führte (wenn die Bezeichnung
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-Wald nicht allzu wuchtig ist für dieses Beieinander lichter Bäume)
-und daß er deutliche Räderspuren aufwies, glich er auch nicht entfernt
-irgendeinem der Wege, die ich je gesehen hatte. Die besagten Spuren
-waren kaum wahrnehmbar auf einer Fläche, die eine lebhafte Ähnlichkeit
-mit grünem Genueser Samt besaß. Es war Gras, gewiß, aber
-Gras, wie wir es außer in England selten sehen, so kurz, so dicht, so
-eben und von so leuchtender Farbe. Nicht das geringste Hindernis
-fand sich in der Radspur, nicht einmal ein Span oder ein dürrer Zweig.
-Die Steine, die einst den Weg gehemmt hatten, waren zur Seite der
-Rasenfläche sorgsam niedergelegt, nicht geworfen worden, so daß
-sie diese mit einer sozusagen nachlässigen Sorgsamkeit malerisch abgrenzten.
-Büsche wilder Blumen wuchsen in den Zwischenräumen in
-verschwenderischer Fülle.
-</p>
-
-<p>
-Was ich aus alledem machen sollte, wußte ich natürlich nicht. Hierin
-lag unzweifelhaft Kunst. Das überraschte mich nicht; alle Wege sind
-im herkömmlichen Sinne Kunstwerke; auch kann ich nicht sagen,
-daß lediglich die Übertreibung des Künstlerischen so wundersam
-erschien; alles, was hier geschehen war, mochte <em>hier</em>, wo soviel
-natürliche &bdquo;Anlage&ldquo; vorlag (wie man das in Büchern über Landschaftsgärtnerei
-findet) mit sehr wenig Arbeit und Ausgaben getan worden
-sein. Nein, es war nicht die Fülle, sondern der Charakter des Künstlerischen,
-was mich veranlaßte, mich auf einen der umblühten Steine
-niederzulassen und wohl eine halbe Stunde oder länger diese feenhafte
-Allee voll staunender Bewunderung hinauf und hinunter zu blicken.
-Eines wurde mir, je länger ich schaute, mehr und mehr deutlich: ein
-Künstler, und zwar ein Künstler mit außerordentlich scharfem Blick
-für Formen, hatte alle diese Anordnungen im voraus überlegt. Man
-war mit größter Sorgfalt bedacht gewesen, zwischen dem Hübschen
-und Anmutigen einerseits und dem &bdquo;Pittoresken&ldquo;, im wahren Sinne
-der italienischen Bezeichnung, andrerseits die rechte Mitte zu halten.
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-Es gab wenig gerade und keine auf die Länge ungebrochene Linie.
-Dasselbe Bild in Krümmung oder Farbe bot sich, soweit das Auge
-reichte, meist zweimal, doch nicht öfter. Überall in der Einförmigkeit
-war Abwechslung. Es war ein Stück &bdquo;Komposition&ldquo;, in der selbst der
-anspruchsvollste kritische Geschmack kaum eine Verbesserung hätte
-vorschlagen können.
-</p>
-
-<p>
-Als ich diesen Weg betrat, hatte ich mich nach rechts gewandt,
-und nun erhob ich mich und verfolgte dieselbe Richtung. Der Pfad
-war so gewunden, daß ich seinen Lauf nie mehr als zwei, drei Schritte
-weit vor mir sah. Seine Anlage erfuhr nicht die geringste Wandlung.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich traf das sanfte Murmeln eines Wassers mein Ohr, und
-einige Augenblicke später, als der Pfad mich noch überraschender
-als bisher um die Ecke führte, gewahrte ich, daß am Fuße eines
-gerade vor mir liegenden sanften Hanges irgendein Gebäude lag.
-Ich konnte infolge des Dunstschleiers, der das ganze kleine Tal
-drunten erfüllte, nichts deutlich erkennen. Jetzt erhob sich jedoch ein
-leichter Wind, denn die Sonne war am Untergehen, und während ich
-auf dem Hügelkamm stehen blieb, zerteilte sich der Nebel in krause
-Fetzen und flutete über die Szene.
-</p>
-
-<p>
-Wie die Dinge so allmählich zum Vorschein kamen, Stück um
-Stück, hier ein Baum, da ein Wasserblinken und hier wieder ein Stück
-Schornstein, war mir nicht anders zumute, als sei das Ganze eines
-jener geschickten Trugbilder, wie sie zuweilen unter der Bezeichnung
-&bdquo;Vexierbilder&ldquo; dargeboten werden.
-</p>
-
-<p>
-Mit der Zeit jedoch, als der Nebel sich völlig verzogen hatte, war auch
-die Sonne hinter die sanften Hänge hinabgesunken, kam nun aber,
-als habe sie ein leichtes &bdquo;chassez&ldquo; nach Süden gemacht, wieder in
-volle Sicht, indem sie in purpurnem Glanz durch eine Kluft im Westen
-des Tales hereinschimmerte. Plötzlich also und wie mit Zauberhand
-wurde dieses ganze Tal und alles, was darin war, strahlend sichtbar.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-Der erste &bdquo;coup d&rsquo;&oelig;il&ldquo;, als die Sonne in die angegebene Stellung
-glitt, machte mir einen ähnlichen Eindruck, wie ihn mir in meiner
-Knabenzeit das Schlußbild eines gut inszenierten Schauspiels oder
-Melodramas hervorrief. Nicht einmal die Ungeheuerlichkeit in der
-Farbengebung fehlte, denn die Sonne drang durch die Kluft in sattem
-Orangerot und Purpur, während das lebhafte Grün des Grases im
-Tal durch den Dunstschleier, der noch immer darüber schwebte, als
-widerstrebe ihm die Trennung von einem so zauberhaft schönen
-Bild, mehr oder weniger auf alle Dinge zurückgestrahlt wurde.
-</p>
-
-<p>
-Das kleine Tal, in das meine Blicke so unter der Nebelschicht
-hinabtauchten, konnte nicht mehr als vierhundert Meter Länge haben,
-die Breite wechselte von fünfzig zu hundertundfünfzig oder auch zweihundert
-Metern. An seinem Nordende war es außerordentlich schmal
-und verbreiterte sich, aber nicht gerade regelmäßig, nach Süden hin.
-Die größte Breite erreichte es ungefähr achtzig Meter vor dem
-südlichen Ende. Die Hänge, welche das Tal umgaben, konnten nicht
-eigentlich Hügel genannt werden, höchstens an ihrer Nordseite. Hier
-erhob sich eine steile Felswand bis zu einer Höhe von neunzig Fuß
-und mehr, und wie ich schon sagte, war das Tal hier nicht breiter
-als fünfzig Meter. Wer sich aber von diesem Felsenriff nach Süden
-wandte, der fand zur Rechten und Linken Abhänge, die sowohl weniger
-hoch wie auch weniger steil und weniger felsig waren. Mit einem Wort,
-nach Süden hin wurde alles schräger und sanfter, und doch war das
-ganze Tal von mehr oder weniger hohen Erhebungen umgürtet, abgesehen
-von zwei Punkten. Von einem derselben habe ich schon gesprochen.
-Er lag gegen Nordwesten, und hier war es, wo die Sonne in
-der geschilderten Weise in das Amphitheater ihren Weg fand, durch
-eine sauber geschnittene natürliche Kluft in der granitenen Umfassung.
-Dieser Einschnitt mochte an seiner breitesten Stelle zehn Meter betragen
-&mdash; soweit das Auge das zu schätzen vermochte. Er schien
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-wie eine natürliche Chaussee sachte aufwärts zu führen, in die Gründe
-noch undurchforschter Berge und Wälder. Die andere Öffnung
-befand sich genau am südlichen Talende. Hier waren die Hügel im
-allgemeinen kaum mehr als sanfte Wellungen, die von Osten nach
-Westen in einer Breite von etwa hundertundfünfzig Metern verliefen.
-In der Mitte dieser Strecke lag eine Senkung, die bis auf die
-Bodenhöhe des Tales herabging. Wie in allem andern, so bot
-die Szene auch hinsichtlich der Vegetation ein nach Süden hin
-niedrigeres und sanfteres Bild. Nach Norden, an dem steilen Felshang,
-erhoben sich nicht weit vom Gipfel die prächtigen Stämme vom
-weißen und schwarzen Walnußbaum, vom Kastanienbaum und vereinzelten
-Eichen, und die besonders von den Walnußbäumen streng
-wagerecht gebreiteten Äste sprangen weit über den Felsrand vor. Nach
-Süden fortschreitend sah man zunächst dieselben Baumarten, nur
-weniger hochgewachsen und majestätisch; dann begegnete man der
-schlankeren Ulme, dem Sassafras und der Robinie &mdash; diesen folgte
-die sanftere Linde, der Judasbaum, Trompetenbaum und Ahorn &mdash;
-und schließlich kamen noch anmutigere und bescheidenere Arten.
-Die ganze südliche Hügelwelle war nur mit wildem Strauchwerk bedeckt
-bis auf ein paar vereinzelte Silberweiden und Silberpappeln.
-Drunten im Tale selbst (denn man muß beachten, daß die genannte
-Vegetation nur auf den Felsen oder Hügelwänden wuchs) sah man drei
-einzeln stehende Bäume. Der eine war eine Ulme von schöner Größe
-und herrlicher Gestalt; sie stand als Wächter am südlichen Eingang
-des Tales. Der zweite war ein Nußbaum, viel größer als die Ulme
-und alles in allem ein viel edlerer Baum, wenngleich beide ausnehmend
-schön waren. Er schien den nordwestlichen Zutritt zu bewachen, wie er
-da aus einer Felsengruppe seine vornehme Gestalt mitten in den offenen
-Rachen der Schlucht hinausreckte, in einem Winkel von fast fünfundvierzig
-Grad, weit hinaus in den Sonnenschein des Amphitheaters.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-Etwa dreißig Meter östlich von diesem Baum stand jedoch der
-Stolz des Tales und ohne Frage der prächtigste Baum, den ich je
-gesehen habe, ausgenommen vielleicht die Zypressen von Itchiatuckanee.
-Es war ein dreistämmiger Tulpenbaum &mdash; ein Liriodendron
-tulipiferum &mdash; eine der wilden Magnolienarten. Die drei Stämme
-trennten sich vom Mutterstamm in etwa drei Fuß Höhe, strebten nur
-ganz allmählich auseinander und waren dort, wo der breiteste Stamm
-Laub ansetzte, nicht mehr als vier Fuß auseinander. Das war in einer
-Höhe von ungefähr achtzig Fuß. Die ganze Höhe des Baumes betrug
-einhundertundzwanzig Fuß. Nichts kommt an Schönheit dem
-leuchtkräftigen Grün der Blätter des Tulpenbaumes gleich. Gegenwärtig
-waren sie volle acht Zoll breit; ihre Pracht aber wurde übertroffen
-von dem schwellenden Prunk üppiger Blüten. Man stelle sich eine
-Million dicht zusammengedrängter strahlendster Tulpen vor! Nur so
-kann sich der Leser eine Ahnung von dem Bilde machen, das ich ihm
-vermitteln möchte. Und dann die stolze Anmut der sauberen, zart
-gekerbten säulenartigen Stämme, deren größter zwanzig Fuß vom
-Boden einen Durchmesser von vier Fuß hatte. Die unzähligen Blüten
-erfüllten im Verein mit den Blüten anderer, kaum weniger schöner,
-allerdings weit weniger majestätischer Bäume das Tal mit Wohlgerüchen,
-die köstlicher waren als die Wohlgerüche Arabiens.
-</p>
-
-<p>
-Den eigentlichen Boden des Amphitheaters bildete Gras von derselben
-Beschaffenheit, wie ich es auf dem Weg gefunden hatte,
-höchstens noch weicher, üppiger und von einem noch wundervolleren
-sammetartigen Grün. Es war schwer zu fassen, wie all diese
-Schönheit erzielt werden konnte.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe von den zwei Öffnungen im Tal gesprochen; aus der ersten
-gen Nordwesten ergoß sich ein Bächlein, das mit sanftem Murmeln
-und einigem Schäumen die Schlucht herunterkam, bis es gegen die
-Felsengruppe prallte, aus der der einzelstehende Walnußbaum aufschoß.
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-Hier umkreiste es den Baum und wandte sich dann etwas
-nach Nordwesten, den Tulpenbaum einige zwanzig Fuß südlich lassend;
-nun veränderte es seinen Lauf nicht eher, als bis es etwa die Mitte
-zwischen der östlichen und westlichen Grenze des Tales erreicht hatte.
-An dieser Stelle bog es nach mehreren Krümmungen im rechten Winkel
-ab und verfolgte eine im allgemeinen südliche Richtung, bis es sich
-eilig in einem kleinen See von unregelmäßiger, aber ziemlich ovaler
-Form verlor, der schimmernd nahe am südlichen Talausgang lag.
-Dieser See hatte vielleicht an seiner breitesten Stelle hundert Meter
-Durchmesser. Kein Kristall konnte klarer sein als seine Wasser.
-Sein Grund, den man deutlich sehen konnte, bestand überall aus
-strahlend weißen Kieseln. Seine Ufer, von besagtem Smaragdgrün,
-rundeten sich in den klaren Himmel hinunter, und so klar war
-dieser Himmel, so vollkommen spiegelte er zuzeiten alle Gegenstände
-von oben, daß es schwer festzustellen war, wo das wirkliche Ufer aufhörte
-und das widergespiegelte begann. Die Forelle und einige andre
-Fischarten, von denen es im Weiher wimmelte, erweckten alle den
-Anschein von fliegenden Fischen. Es war schwer, nicht anzunehmen,
-daß sie einfach in der Luft hingen. Ein leichtes Birkenboot, das
-friedlich auf dem Wasser lag, wurde von dem so köstlich polierten
-Spiegel bis in seine feinsten Rippen mit unerhörter Treue wiedergegeben.
-Eine kleine Insel im heitern Schmuck vollerblühter Blumen
-und nur gerade groß genug, um ein malerisches kleines Bauwerk
-zu tragen, offenbar ein Wasservogelhaus, erhob sich im See, nicht
-weit von seinem nördlichen Ufer &mdash; mit dem es durch eine unbegreiflich
-zierlich wirkende und doch ganz primitive Brücke verbunden war.
-Sie bestand aus einer einzigen breiten und dicken Planke aus
-Tulpenholz. Sie war vierzig Fuß lang und überspannte den Raum
-zwischen Ufer und Ufer in leichtem, doch gut wahrnehmbarem Bogen,
-der jede Schwankung ausschloß. Aus dem Südende des Sees ergoß
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-sich wieder der Bach, der sich ungefähr dreißig Meter in Windungen ergötzte
-und dann schließlich durch die (schon beschriebene) Niederung
-inmitten der südlichen Hänge hindurchfloß und, in eine Tiefe von
-hundert Fuß hinuntertaumelnd, seinen vielfach gewundenen Weg
-zum Hudson nahm.
-</p>
-
-<p>
-Der See war tief &mdash; an manchen Stellen bis zu dreißig Fuß, der
-Bach aber hatte selten mehr als drei, während seine größte Breite etwa
-acht betrug. Sein Bett und die Ufer glichen denen des Weihers &mdash; wenn
-etwas daran auszusetzen war, so war es dies, daß die malerische
-Wirkung vielleicht durch übertriebene Sauberkeit beeinträchtigt wurde.
-</p>
-
-<p>
-Die Weite des grünen Feldes wurde gelegentlich durch einen Zierstrauch
-unterbrochen, wie Hortensie, Schneeball oder duftendes
-Jasmingesträuch; häufiger noch durch eine Geraniumgruppe, die in
-allen Varietäten üppig blühte. Diese letzteren standen in Töpfen,
-die sorgfältig in die Erde gegraben waren, um den Eindruck wildwachsender
-Pflanzen hervorzurufen. Überdies war der Wiesensammet
-anmutig von Schafen belebt, die als stattliche Herde das Tal durchstreiften,
-in Gesellschaft dreier zahmen Rehe und einer beträchtlichen
-Anzahl strahlendgefiederter Enten. Ein sehr großer Bullenbeißer
-schien allen diesen Tieren, dem einzelnen wie der Gesamtheit, eine
-wachsame Aufmerksamkeit zu widmen.
-</p>
-
-<p>
-An den östlichen und westlichen Felsen &mdash; dort, wo die Begrenzung
-nach den höhergelegenen Teilen des Amphitheaters hin mehr oder
-weniger steil war &mdash; zog sich in verschwenderischer Fülle Efeu hin, so
-daß man nur hie und da ein Fleckchen vom nackten Fels hindurchschimmern
-sah. Der Westabhang war gleicherweise fast vollständig
-mit selten prächtigen Reben bedeckt, die zum Teil vom Fuße des
-Felsens aufstrebten, zum Teil am Hange selbst hervorwuchsen.
-</p>
-
-<p>
-Die geringe Erhebung, welche die untere Abgrenzung dieser kleinen
-Besitzung bildete, wurde von einer sauberen Steinmauer gekrönt,
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-deren Höhe genügte, das Entweichen des Wildes zu verhindern.
-<span class="centerpic"><img src="images/097.jpg" alt="" /></span>
-Nirgends sonst war eine Einfriedigung zu bemerken; denn nirgends
-sonst war ein künstlicher Abschluß nötig. Würde zum Beispiel ein
-versprengtes Schaf versuchen, sich durch die Schlucht aus dem Tal zu
-entfernen, so würde es sein Vorwärtskommen nach wenigen Schritten
-durch den steilen Felsenvorsprung gehemmt sehen, über den der
-Wasserfall herabstürzte, der gleich, als ich mich der Ansiedlung
-näherte, meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Kurz, der einzige
-Ein- und Ausgang bestand in einem Tor, das einen Felspfad sperrte,
-wenige Schritte unterhalb der Stelle, auf der ich stehen blieb, um
-die Szene zu betrachten.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe geschildert, wie der Bach in seinem Laufe viele unregelmäßige
-Windungen machte. Seine beiden Hauptrichtungen liefen,
-wie ich sagte, zuerst von West nach Ost und dann von Norden
-nach Süden.
-</p>
-
-<p>
-Da, wo die Strömung den Bogen machte und wieder nach rückwärts
-lief, schloß sie eine fast kreisrunde Schlinge, so daß eine
-Halbinsel entstand, die beinahe eine Insel war. Auf dieser Halbinsel
-stand ein Wohnhaus &mdash; und wenn ich sage, daß dieses Haus,
-gleich der Höllenterrasse, die Vathek sah, &bdquo;était d&rsquo;une architecture
-inconnue dans les annales de la terre&ldquo;, so meine ich lediglich, daß
-das Ganze mich durch seine Eigenart wie auch durch seine Zweckmäßigkeit
-ungemein verblüffte &mdash; mit einem Wort, durch &bdquo;Poesie&ldquo; &mdash;
-(denn ich könnte kaum mit anderen Bezeichnungen, als den vorstehend
-gewählten, eine genaue Definition für abstrakte Poesie
-geben) &mdash; und ich meine nicht, daß das &bdquo;outre&ldquo; in irgendeiner
-Hinsicht bemerkenswert war.
-</p>
-
-<p>
-In der Tat, <a id="corr-1"></a>nichts hätte wohl einfacher &mdash; unaufdringlicher wirken
-können als dieses Landhaus. Sein wundersamer Eindruck lag ausschließlich
-in seiner künstlerischen bildhaften Anlage. Während
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-ich hinsah, hätte ich mir vorstellen können, ein hochbedeutender
-Landschaftsmaler habe es mit seinem Pinsel hergestellt.
-</p>
-
-<p>
-Der Aussichtspunkt, von dem aus ich das Tal zum ersten Male sah,
-war zur Betrachtung des Hauses nicht der beste, aber doch fast
-der beste Platz. Ich will es daher so beschreiben, wie es sich mir
-später bot &mdash; von dem Steinwall am Südende des Amphitheaters aus
-gesehen.
-</p>
-
-<p>
-Das Hauptgebäude hatte eine Länge von ungefähr vierundzwanzig
-Fuß und eine Breite von sechzehn &mdash; sicher nicht mehr. Seine Gesamthöhe
-vom Boden bis zur Dachspitze konnte nicht mehr als achtzehn
-Fuß betragen. An der Westseite dieses Bauwerks war ein zweites
-angefügt, das in allen seinen Teilen etwa ein Drittel kleiner war: &mdash;
-seine Vorderseite stand etwa zwei Meter hinter der des größeren
-Hauses zurück, und sein Dach verlief natürlich beträchtlich niedriger
-als das benachbarte. In rechtem Winkel zu diesen Gebäuden
-und am Ende des Hauptbaues &mdash; der nicht genau die Mitte einnahm &mdash;
-erstreckte sich ein dritter, sehr kleiner Bau &mdash; im Ganzen ein Drittel
-kleiner als der westliche Flügel. Die Dächer der beiden größeren
-Bauten waren sehr steil &mdash; glitten in einer langen konkaven Kurve
-vom First hernieder und griffen mindestens vier Fuß über die Frontmauern
-hinaus, so daß sie noch die Bedachung zweier Laubengänge
-bildeten. Als solche bedurften sie selbstredend keiner Stützen; da
-sie aber dem Anschein nach Stützen brauchten, so waren nur an den
-Ecken leichte und völlig glatte Säulen eingeschaltet worden. Das
-Dach des nördlichen Flügels war nur eine Verlängerung des Hauptdaches.
-Zwischen dem Hauptgebäude und dem westlichen Flügel
-erhob sich ein sehr hoher und ziemlich schlanker viereckiger
-Schornstein aus harten schottischen Ziegeln, abwechselnd schwarzen
-und roten &mdash; mit einer schmalen Kranzleiste ausladender Ziegel am
-oberen Ende. Auch über die Giebel sprangen die Dächer sehr weit
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-vor &mdash; am Hauptbau etwa vier Fuß nach Osten und zwei nach Westen.
-Die Eingangstür befand sich nicht genau in der Mitte, sondern
-etwas mehr östlich, während die beiden Fenster westlich davon
-lagen. Sie reichten nicht bis zur Erde, waren aber viel länger und
-schmaler als üblich &mdash; sie hatten einflügelige Fensterladen, die wie
-Türen aussahen &mdash; die Glasscheiben hatten Rautenform, aber von
-ziemlicher Größe. Die Tür selbst bestand in ihrem oberen Teil aus
-Glas, ebenfalls in Rautenform &mdash; durch einen beweglichen Schalter
-nachts verschließbar. Die Tür für den Westflügel befand sich in der
-Giebelseite und war sehr einfach &mdash; ein einziges Fenster wies hier
-nach Süden. Am Nordflügel gab es keine Außentür, und er hatte
-auch nur ein Fenster nach Osten.
-</p>
-
-<p>
-Die nackte Wand des östlichen Giebels wurde durch eine Treppe
-(mit Geländer) gehoben, die schräg daran emporlief &mdash; der Aufstieg
-begann von Süden. Unter dem Schutz des weit vorspringenden
-Dachbogens führten diese Stufen zu einer Dachkammer, mehr einem
-Bodenraum &mdash; denn er erhielt sein Licht nur durch ein einziges Fenster
-nach Norden und schien als Speicher gedacht zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Die Vorplätze des Hauptgebäudes und westlichen Flügels waren
-nicht, wie sonst üblich, gepflastert. Aber an den Türen und vor jedem
-Fenster lagen große, flache, unregelmäßige Granitplatten im herrlichen
-Grasteppich, die ein angenehmes Gehen bei jeder Witterung ermöglichten.
-</p>
-
-<p>
-Prächtige Pfade aus dem gleichen Material &mdash; nicht zierlich ausgeführt,
-sondern von dem samtenen Grün unterbrochen, das in Abständen
-zwischen den Steinen hervorquoll, führten vom Hause hierhin
-und dorthin, zu einer kristallenen Quelle in fünf Schritt Entfernung,
-zu dem Weg oder ein paar Nebengebäuden, die hinter dem Bach
-nach Norden lagen und durch ein paar Akazien- und Trompetenbäume
-völlig verborgen wurden.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-Nicht mehr als sechs Schritt vom Haupteingang des Landhauses
-erhob sich der tote Strunk eines phantastischen Birnbaumes, so ganz
-von Kopf zu Fuß in üppige Bignoniablüten gehüllt, daß es keine
-Kleinigkeit war, zu ergründen, woraus diese wunderschöne Sache
-eigentlich bestand. An verschiedenen Ästen dieses Baumes hingen
-Käfige aller Art. In einem großen, zylinderförmigen Weidengeflecht
-vergnügte sich ein Spottvogel, in einem andern ein Pirol, in einem
-dritten die dreiste Reisammer &mdash; während aus drei bis vier zierlicheren
-Zellen der Gesang von Kanarienvögeln erschallte.
-</p>
-
-<p>
-Die Pfeiler der Vorplätze waren von Jasmin und Geisblatt umrankt,
-und im Winkel, wo Hauptbau und Westflügel sich trafen, erhob
-sich ein Weinstock von unvergleichlicher Pracht. Alle Hindernisse
-nehmend, hatte er erst das tiefer liegende Dach erklommen, dann
-das höhere, und am Rande des letzteren wand er sich weiter, nach
-rechts und nach links Ranken aussendend, bis er schließlich glücklich
-den Ostgiebel erreichte und sich die Treppe herunter wand.
-</p>
-
-<p>
-Das ganze Haus samt seinen Flügeln war mit den altmodischen
-schottischen Schindeln, die breit und eckig sind, belegt. Es ist eine
-Eigenart dieses Materials, daß es die Häuser unten breiter als oben
-erscheinen läßt, gleich den ägyptischen Bauwerken, und hier wurde
-dieser außerordentlich malerische Eindruck durch zahlreiche Töpfe
-voll prächtiger Blumen unterstützt, die beinahe den gesamten Bau
-umringten.
-</p>
-
-<p>
-Die Schindeln hatten einen mattgrauen Anstrich, und die glückliche
-Kontrastwirkung dieser neutralen Tönung zu dem lebhaften Grün
-der Blätter des Tulpenbaumes, der das Landhaus teilweise überschattete,
-wird jeder Künstler begreifen.
-</p>
-
-<p>
-Von einem Platz am Steinwall aus war der Anblick der Gebäude
-am vorteilhaftesten, denn der südöstliche Flügel sprang vor, so daß
-das Auge gleichzeitig die beiden Fronten mit dem malerischen östlichen
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-Giebel umfaßte und noch ein Stückchen vom Nordgiebel dazu, ferner
-etwa die Hälfte einer leichten Brücke, die sich in nächster Nähe des
-Hauptgebäudes über den Bach spannte.
-</p>
-
-<p>
-Ich blieb nicht sehr lange auf dem Hügelkamm, wenngleich lange
-genug, um das Bild zu meinen Füßen gründlich in mich aufzunehmen.
-Es war klar, daß ich vom Weg zum Dorf abgekommen war, und ich hatte
-daher die gute Berechtigung des Wanderers, das Tor vor mir zu
-öffnen und jedenfalls meinen Weg zu erfragen; so trat ich ohne viel
-Umstände näher.
-</p>
-
-<p>
-Der Pfad schien hinter dem Tor einem natürlichen Felsensteig zu
-folgen und schlängelte sich allmählich an den nordöstlichen Klippen
-hinunter. Er führte mich an den Fuß des nördlichen Abhangs hinab
-und dann über die Brücke, um den östlichen Giebel herum zum
-Haupteingang. Dabei stellte ich fest, daß von den Nebengebäuden
-nichts zu sehen war.
-</p>
-
-<p>
-Als ich um die Ecke der Giebelseite kam, lief der Bullenbeißer in
-Sätzen auf mich zu, stumm, aber mit dem Blick und dem Gebaren
-eines Tigers. Ich streckte ihm jedoch meine Hand hin, als Freundschaftszeichen,
-und ich habe noch keinen Hund gekannt, der solch einem
-Appell an seine Höflichkeit widerstanden hätte. Er schloß nicht
-nur den Rachen und wedelte mit dem Schwanz, sondern bot mir
-eindringlich die Pfote, um dann auch Ponto seine Begrüßung
-zu erweisen.
-</p>
-
-<p>
-Da keine Klingel zu entdecken war, pochte ich mit dem Stock an
-die Tür, die halb offen stand. Sogleich näherte sich eine Gestalt &mdash;
-die eines jungen Weibes von ungefähr achtundzwanzig Jahren &mdash;
-schlank und etwas über Mittelgröße. Als sie mit einem gewissen nicht
-zu beschreibenden Schritt von bescheidener Entschiedenheit herantrat,
-sagte ich zu mir selbst: &bdquo;Hier habe ich nun die Vollendung
-der natürlichen im Gegensatz zur künstlerischen Anmut gefunden.&ldquo;
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-Der zweite Eindruck, den sie in mir hervorrief, der aber weit lebhafter
-war als der erste, war Begeisterung. Ein so intensiver Ausdruck
-von Romantik &mdash; so sollte ich es vielleicht nennen &mdash; oder von
-Unweltlichkeit, wie er aus ihren tiefliegenden Augen schimmerte, war
-mir nie vorher ins innerste Herz gedrungen. Ich weiß nicht, wie das
-ist, aber dieser besondere Ausdruck im Auge, der gelegentlich auch
-den Mund kräuselt, ist der mächtigste, wenn nicht der durchaus
-einzige Zauber, mit dem ein Weib mich fesseln kann. &bdquo;Romantik&ldquo; &mdash;
-vorausgesetzt, daß meine Leser begreifen, was ich hier mit dem
-Wort besagen will &mdash; &bdquo;Romantik&ldquo; und &bdquo;Weiblichkeit&ldquo; sind für mich
-dieselben Begriffe, und was schließlich der Mann im Weibe wirklich
-liebt, ist einfach ihre Weiblichkeit. Annies Augen (ich hörte, wie
-jemand von drinnen rief &bdquo;Annie, Liebes!&ldquo;) waren &bdquo;geistvoll grau&ldquo;,
-ihr Haar war ein lichtes Kastanienbraun; das war alles, was ich
-beobachten konnte.
-</p>
-
-<p>
-Ihrer sehr artigen Einladung folgend, trat ich ein und durchschritt
-zunächst eine ziemlich weite Diele. Da ich hauptsächlich gekommen
-war, um zu beobachten, stellte ich fest, daß sich rechts von mir
-ein solches Fenster befand, wie sie von außen zu sehen gewesen
-waren, links eine Tür, die in das Hauptgemach führte, während
-gegenüber eine offene Tür mir Einblick in ein kleines Zimmer gestattete,
-das, von derselben Größe wie die Diele, als Arbeitszimmer
-eingerichtet war und ein großes Bogenfenster nach Norden hatte.
-</p>
-
-<p>
-Ich trat ins Wohnzimmer und sah mich Mr. Landor gegenüber,
-denn dieses war, wie ich später erfuhr, sein Name. Er war höflich,
-ja kordial von Wesen, aber ich war eben jetzt eifriger bedacht, die
-Einrichtung des Hauses, das mich so ungemein interessierte, zu betrachten,
-als die persönliche Erscheinung des Besitzers.
-</p>
-
-<p>
-Der Nordflügel, den ich nun sah, bestand aus einem Schlafzimmer,
-dessen Tür in das Wohnzimmer führte. Den Boden bedeckte ein
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-Teppich von prächtigem Gewebe: kleine, grüne, kreisende Figuren
-auf weißem Grunde. An den Fenstern befanden sich Vorhänge aus
-schneeweißem Jakonettmusselin; sie waren ziemlich schwer und
-hingen genau, vielleicht etwas steif, in strengen, gleichmäßigen
-Falten bis auf den Boden &mdash; genau bis auf den Boden. Die Wände
-waren mit einer sehr zarten französischen Tapete bekleidet, auf
-deren silbernem Grund ein blaßgrüner Faden in Zickzacklinien
-hindurchlief. Sie wurde in ihrer ganzen Ausdehnung nur von drei
-kostbaren Lithographien Juliens &bdquo;à trois crayons&ldquo; unterbrochen, die
-ungerahmt an der Wand befestigt waren. Eine der Zeichnungen
-war eine Szene voll orientalischer Pracht oder besser Üppigkeit,
-eine andere ein Karnevalsbild, unvergleichlich geistvoll, die dritte
-bot den Kopf einer Griechin: ein so göttlich schönes und dabei
-so herausfordernd unentschiedenes Antlitz hatte ich nie vorher
-gesehen.
-</p>
-
-<p>
-Die gegenständliche Einrichtung bestand aus einem runden Tisch,
-ein paar Stühlen (darunter ein großer Schaukelstuhl) und einem Sofa
-oder besser einem &bdquo;Kanapee&ldquo;; es war aus glattem, gelblich-weiß
-lackiertem Ahornholz mit zarten grünen Streifen, der Sitz war Rohrgeflecht.
-Die Stühle und der Tisch &bdquo;paßten&ldquo; dazu, aber ganz offenbar
-war die Form eines jeden Gegenstandes von demselben Kopf
-entworfen, der &bdquo;die Landschaft&ldquo; angelegt hatte &mdash; man kann sich
-nichts Anmutigeres denken.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Tisch lagen ein paar Bücher, stand eine große, eckige
-Kristallflasche mit einem eigenartigen Parfüm, eine Astral- (nicht
-Solar-) Lampe aus glattem Milchglas mit einer italienischen Glocke
-und eine große Vase strahlend blühender Blumen. Blumen in verschwenderischer
-Farbenpracht und zarten Düften bildeten tatsächlich
-den einzigen Schmuck des Zimmers. Der Kamin war fast ausgefüllt
-von einer Vase mit leuchtenden Geranien. Ein dreieckiges Wandbrett
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-in jeder Zimmerecke trug je eine ähnliche Vase, nur ihr lieblicher
-Inhalt wechselte. Ein paar kleinere Sträuße zierten den Kaminsims,
-und späte Veilchen umdrängten die offenen Fenster.
-</p>
-
-<p>
-Es liegt nicht in der Absicht dieser Erzählung, mehr zu geben, als
-eine eingehende Schilderung von Mr. Landors Wohnsitz, so wie
-ich ihn fand.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-7">
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-DER HERRSCHAFTSSITZ ARNHEIM
-</h2>
-
-<p class="first">
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-<span class="firstchar">V</span>on der Wiege bis zum Grabe wurde mein Freund Ellison von
-der Woge des Erfolges emporgehoben. Ich gebrauche aber nicht
-das Wort Erfolg im landläufigen Sinne; ich gebrauche es als Synonym
-für Glück. Der Mensch, von dem ich rede, schien geboren, um die
-Doktrinen eines Turgot, Price, Priestly und Condorcet zu verwirklichen
-&mdash; durch persönliches Beispiel den Beweis zu erbringen
-für das, was man eine Schimäre der Puritaner genannt hat. Ich vermeine
-in dem kurzen Dasein Ellisons das Dogma widerlegt gesehen
-zu haben, daß in der Natur des Menschen etwas verborgen sei, das
-ihn der Seligkeit entziehe. Eine eingehende Prüfung seiner Laufbahn
-hat mir zu verstehen gegeben, daß im allgemeinen das Unglück der
-Menschheit von der Verletzung einiger weniger einfacher Menschengesetze
-abzuleiten ist &mdash; daß wir die Elemente zu heiterer Genüge
-bis jetzt ungenutzt in unserer Macht haben &mdash; und daß selbst jetzt
-in der gegenwärtigen Finsternis und Tollheit, da alle Gedanken auf
-die große Frage der sozialen Lage gerichtet sind, es nicht ausgeschlossen
-ist, daß der Mensch, das Individuum, unter gewissen
-ungewöhnlichen und rein zufälligen Umständen glücklich sein kann.
-</p>
-
-<p>
-Auch mein junger Freund war von derartigen Ansichten ganz
-erfüllt, und es ist daher bemerkenswert, daß der ununterbrochene
-Genuß, den das Leben ihm brachte, zum großen Teil die Folge weiser
-Voraussicht war. Ja, es ist klar, daß Mr. Ellison, hätte er weniger
-instinktive Philosophie besessen, die gelegentlich so gut die Stelle
-der Erfahrung zu ersetzen weiß, sich durch den so außerordentlichen
-Erfolg, den das Leben ihm brachte, in den üblichen Strudel des Unglücks
-hinabgezogen gesehen hätte, der das Los aller hervorragend
-begünstigten Leute ist. Doch es ist keineswegs meine Absicht, ein
-Essay über das Wesen des Glücks zu schreiben. Die Gedankengänge
-meines Freundes seien nur in kurzen Worten geschildert. Er gab
-nicht mehr als vier Elementarsätze oder, genauer gesagt, Bedingungen
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-für die Freude zu. Die Hauptsache war ihm (seltsam genug!) der einfache
-und rein physische Grundsatz der Bewegung im Freien. &bdquo;Was
-man an Gesundheit&ldquo;, sagte er, &bdquo;auf anderm Wege erreichen kann,
-ist dieses Namens kaum wert.&ldquo; Als Beispiel führte er die Wonnen
-des Fuchsjägers an und wies auf die Ackerbauern hin, die einzigen
-Leute, die man, als Klasse betrachtet, glücklicher erachten kann als
-andre. Seine zweite Bedingung war Weibesliebe. Seine dritte und sehr
-schwer zu verwirklichende war die Verachtung des Ehrgeizes. Seine
-vierte ein rastlos gesuchtes Ziel. Und er behauptete, da andre Dinge
-gleichgültig seien, so stehe das Maß des erreichbaren Glücksgefühls
-im Verhältnis zu der Geistigkeit dieses Gegenstandes.
-</p>
-
-<p>
-Ellison zeichnete sich durch eine Fülle guter Gaben aus, die das
-Glück ihm in den Schoß geworfen hatte. An Schönheit und Anmut
-überstrahlte er alle Männer. Sein Verstand war von der Art jener, denen
-das Erwerben von Kenntnissen weniger Anstrengung als Intention und
-Bedürfnis ist. Seine Familie gehörte zu den erlauchtesten im Reich.
-Seine Braut war die lieblichste und treu ergebenste aller Frauen. Er
-hatte stets über reichliches Besitztum verfügt; als er aber mündig
-wurde, stellte es sich heraus, daß das Schicksal ihm einen der seltenen
-Streiche gespielt hatte, wie sie die ganze soziale Welt, in der sie sich
-ereignen, zuweilen in Verblüffung versetzen und selten verfehlen, die
-Geistesverfassung derer, denen sie gelten, völlig umzustoßen.
-</p>
-
-<p>
-Es fand sich, daß etwa hundert Jahre vor Mr. Ellisons Mündigwerdung
-in einer entfernten Provinz ein Mr. Seabright Ellison gestorben war.
-Dieser Herr hatte ein fürstliches Vermögen zusammengerafft, und da
-er keine direkten Nachkommen hatte, packte ihn die Grille, das
-Vermögen sich bis hundert Jahre nach seinem Tode weiter aufstapeln
-zu lassen. Indem er die Anlage des Kapitals eingehend und scharfsinnig
-bestimmte, vermachte er die aufgehäufte Summe demjenigen
-nächsten Blutsverwandten des Namens Ellison, der nach Ablauf von
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-hundert Jahren am Leben wäre. Viele Versuche waren gemacht
-worden, diese eigenartige Bestimmung zu umgehen; ihr Ex-post-facto-Charakter
-ließ sie fehlschlagen; man lenkte aber die Aufmerksamkeit
-einer habgierigen Regierung darauf und erlangte eine gesetzliche
-Verfügung, die alle derartigen Geldanhäufungen untersagte. Das
-hinderte freilich den jungen Ellison nicht, an seinem einundzwanzigsten
-Geburtstag als der Erbe seines Ahnherrn Seabright in
-den Besitz eines Vermögens von vierhundertundfünfzig Millionen
-Dollar zu kommen.
-</p>
-
-<p>
-Als es bekannt wurde, welch ungeheuerliche Summe die Erbschaft
-ausmachte, gab es natürlich viele Vermutungen über die Art, wie sie
-anzulegen sei. Die Höhe und die sofortige Greifbarkeit der Summe
-verwirrte alle, die sich mit der Sache befaßten. Für den Besitzer
-irgendeiner übersehbaren Geldmenge hätte man sich irgendeinen
-von tausend Plänen ausgedacht. Wäre er mit Gütern gesegnet worden,
-die lediglich die der andern Bürger überstiegen, so hätte man sich
-unschwer vorgestellt, er werde die beliebten Extravaganzen seiner
-Zeit in unerhörtester Weise übertreiben &mdash; oder sich mit politischen
-Umtrieben befassen &mdash; oder nach der Machtstellung eines Ministers
-streben &mdash; oder sich den höheren Adel kaufen &mdash; oder große Museen
-der schönen Künste anlegen &mdash; oder den freigebigen Mäzen in
-Wissenschaft, Literatur und Kunst spielen &mdash; oder seinen Namen in
-ausgedehnten Wohlfahrtseinrichtungen verewigen. Bei dem unfaßlichen
-Vermögen jedoch, in dessen unumschränktem Besitz der Erbe
-sich befand, empfand man diese und alle gewöhnlichen Ziele als ein
-allzu begrenztes Feld. Man nahm zu Zahlen seine Zuflucht, und auch
-diese verwirrten noch mehr. Es stellte sich heraus, daß selbst bei nur
-drei Prozent das Jahreseinkommen der Erbschaft nicht weniger als
-dreizehn Millionen fünfhunderttausend Dollar betrug, was eine Million
-einhundertundfünfundzwanzigtausend Dollar im Monat ausmachte;
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-oder sechsunddreißigtausendneunhundertundsechsundachtzig am Tag;
-oder sechsundzwanzig Dollar für jede entfliehende Minute. So wurde
-natürlich der übliche Weg der Mutmaßungen völlig umgestoßen.
-Die Leute wußten nicht, was sie ersinnen sollten. Einige meinten sogar,
-Mr. Ellison werde sich mindestens der Hälfte seines Vermögens
-als völlig überflüssig entledigen &mdash; und die ganze Sippe seiner
-Verwandtschaft durch Verteilung dieses Überflusses bereichern. Den
-nächsten Verwandten überließ er tatsächlich die ungewöhnlich großen
-Reichtümer, die ihm bereits vor der Erbschaft gehörten.
-</p>
-
-<p>
-Ich war jedoch gar nicht überrascht, als ich merkte, daß er schon längst
-seinen Entschluß über einen Punkt gefaßt hatte, der von seinen
-Freunden soviel erörtert worden war. Auch war ich über die Art
-dieses Entschlusses nicht allzusehr erstaunt. Hinsichtlich der persönlichen
-Wohltätigkeit hatte er sein Gewissen beruhigt. Von der
-Möglichkeit irgendeines wesentlichen Dienstes, den der Mensch, wie
-man so zu sagen pflegt, der Menschheit erweisen könnte, war er (wie
-ich leider gestehen muß) wenig überzeugt. Kurz und gut, glücklich
-oder nicht glücklich, er war so ziemlich ganz auf sich selber angewiesen.
-</p>
-
-<p>
-Er war im weitesten und edeln Sinne ein Dichter. Er erfaßte überdies
-den wahren Charakter, die erhabenen Ziele, die herrliche Majestät
-und Würde der poetischen Empfindung. Er fühlte instinktiv, daß
-die vollste, wenn nicht die einzige Befriedigung in der Erschaffung
-neuer Schönheitsformen lag. Eine gewisse Eigenart, eine Folge
-seiner Erziehung oder seines Intellekts, gab allen seinen ethischen
-Betrachtungen eine materialistische Färbung, und dieser Hang vielleicht
-war es, der ihn zu der Ansicht führte, das vorteilhafteste, wenn
-nicht das einzig rechtmäßige Feld für angewandte Poesie biete die
-Schöpfung neuer Formen von natürlicher, rein physischer Schönheit.
-So kam es, daß er weder Musiker noch Dichter wurde &mdash; wenn
-wir diese letztere Bezeichnung in ihrer gewöhnlichen Bedeutung
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-fassen. Mag aber auch sein, daß er beides nicht werden wollte &mdash;
-lediglich in Verfolgung seiner Idee, daß die Verachtung jeglichen
-Ehrgeizes eine der wesentlichen Wurzeln des irdischen Glückes sei.
-Ist es nicht tatsächlich möglich, daß, während ein großes Genie naturgemäß
-ehrgeizig ist, noch ein größeres über dem steht, was wir Ehrgeiz
-nennen? Kann es nicht sein, daß viele, die weit größer sind als
-Milton, sich begnügt haben, &bdquo;stumm und unberühmt&ldquo; zu bleiben?
-Ich glaube, die Welt hat auf dem Gebiet der Kunst die ganze
-erschöpfende Fülle prachtvoller Leistungen, deren die menschliche
-Natur unbedingt fähig ist, nie gesehen und wird sie nie sehen &mdash; es
-sei denn, daß allerlei Zufälle einmal eines jener größeren Genies,
-entgegen seiner eigenen <a id="corr-2"></a>Anschauung, zu Taten veranlassen.
-</p>
-
-<p>
-Ellison wurde weder Musiker noch Dichter, obgleich man Musik und
-Poesie nicht inniger lieben konnte als er. Es ist nicht ausgeschlossen,
-daß er unter andern Lebensbedingungen Maler geworden wäre. Die
-Bildhauerkunst war trotz ihres stark poetischen Gehalts zu begrenzt
-in Form und Wirkung, um jemals seine Aufmerksamkeit lange fesseln
-zu können. Und ich habe nun alle Gebiete aufgezählt, in denen nach
-allgemeinen Begriffen die poetische Empfindung sich ausbreiten kann.
-Ellison aber behauptete, das reichste und echteste, das natürlichste und
-wohl auch umfassendste Gebiet sei unverantwortlicherweise übersehen
-worden. Kein Deuter habe je den Landschaftsgärtner als Künstler
-erwähnt; dennoch, so meinte mein Freund, biete der Landschaftsgarten
-der wahren Muse die edelsten Möglichkeiten. Hier sei wirklich das
-schönste Feld zur Entfaltung der Phantasie in immer neuer Gestaltung
-neuer Schönheitsformen, da die zur Zusammenstellung vorhandenen
-Elemente bei weitem die herrlichsten seien, die die Erde zu bieten
-habe. In den zahllosen Formen und Farben der Blumen und Bäume
-erkannte er den ausgesprochensten und kraftvollsten Drang der
-Natur nach körperlicher Schönheit. Und in der Anordnung oder
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-Vereinigung dieser Bemühungen &mdash; oder richtiger, in ihrer Anpassung
-an die Augen, die sie auf Erden würdigen sollten &mdash; glaubte er auf
-die beste Art &mdash; und mit erfolgreichsten Leistungen &mdash; der Erfüllung
-nahe zu kommen, nicht nur seiner eigenen Bestimmung als Künstler,
-sondern auch den erhabenen Zielen, um deretwillen die Gottheit
-dem Menschen das künstlerische Empfinden eingeimpft habe.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ihre Anpassung an die Augen, die sie auf Erden würdigen sollten ...&ldquo;
-In seiner Erläuterung dieses Ausdrucks trug Mr. Ellison viel zur Lösung
-dessen bei, was mir immer als Rätsel erschienen war: &mdash; ich meine
-die (nur von Unwissenden bestrittene) Tatsache, daß es in der Natur
-keine solchen Szenerien gibt, wie der geniale Maler sie zu schaffen
-weiß. Keine solchen Paradiese sind in der Wirklichkeit zu finden,
-wie sie auf der Leinwand Claudes erglühen. In den bezauberndsten
-natürlichen Landschaften wird stets ein Mangel oder ein Unmaß zu
-finden sein &mdash; viele Mängel und viele Unmäßigkeiten. Während die
-gegebenen Bestandteile im einzelnen das größte Können des Künstlers
-übertreffen mögen, so wird die Anordnung dieser Teile stets noch
-der Vervollkommnung bedürftig sein. Kurz, in der ganzen weiten
-natürlichen Landschaft auf Erden gibt es keinen Betrachtungspunkt,
-von dem aus ein Künstlerauge bei längerem Zusehen nicht einen
-Verstoß gegen das fände, was man die &bdquo;Komposition&ldquo; der Landschaft
-nennt. Und wie unbegreiflich ist das doch! In allen andern
-Dingen sind wir richtig belehrt, die Natur als überlegen anzusehen.
-Wir scheuen den Wettbewerb mit ihren Einzelschöpfungen. Wer
-wollte es fertigbringen, die Farben der Tulpe wiederzugeben oder
-die Gestalt des Maiglöckchens zu verbessern? Die Kritik, die von
-der Bildhauerei oder der Porträtkunst sagt, daß hier die Natur nicht
-nur erreicht, sondern übertroffen oder idealisiert sei, befindet sich im
-Irrtum. Kein malerisches noch bildhauerisches Zusammenwirken von
-Einzelheiten menschlicher Schönheit kann mehr, als der lebendigen,
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-atmenden Schönheit nahe kommen. Nur in der Landschaft ist jener
-Standpunkt des Kritikers im Recht, und da er seine Wahrheit hier
-empfand, so ist es nur die unüberlegte Vorliebe zur Verallgemeinerung,
-die ihn dahin führte, ihn auf allen Gebieten der Kunst als richtig aufzustellen.
-Ich sage, seine Wahrheit hier <em>empfand</em>; denn die
-Empfindung ist keine Einbildung, keine Schimäre. Die Mathematiker
-liefern keine exakteren Beweise, als sie dem Künstler in seiner Kunst
-das Gefühl bietet. Er glaubt nicht nur, sondern er weiß positiv, daß die
-und die scheinbar willkürliche Anordnung der Dinge die wahre
-Schönheit ausmacht &mdash; sie ganz allein ausmacht. Seine Gründe aber
-sind noch nicht zum Ausdruck gereift. Es bleibt einer gründlicheren
-Analyse, als die Welt sie bisher gesehen hat, überlassen,
-diese Gründe voll zu erforschen und darzutun. Dessenungeachtet
-wird er in seiner instinktiven Ansicht durch die Stimme aller seiner
-Brüder unterstützt.
-</p>
-
-<p>
-Nehmen wir an, eine &bdquo;Komposition&ldquo; sei mangelhaft; sie solle
-lediglich in ihrer Zusammensetzung umgearbeitet werden; nun möge
-man die Frage nach der Notwendigkeit dieser Umarbeitung jedem
-Künstler, den es nur gibt, vorlegen, von jedem wird die Notwendigkeit
-zugegeben werden. Und sogar weit mehr als das: zur Behebung der
-fehlerhaften Komposition würde jedes einzelne Glied dieser Bruderschaft
-die nämliche Änderung vorgeschlagen haben.
-</p>
-
-<p>
-Ich wiederhole, daß nur bei Landschaftsbildern die Schönheit der
-Natur eine Steigerung zuläßt und daß daher die Fähigkeit zu
-ihrer Vervollkommnung in gerade diesem einen Punkte ein Geheimnis
-war, das ich nicht zu lösen wußte. Meine eigenen Anschauungen
-über den Gegenstand gingen dahin, die Natur habe in
-ihrer ursprünglichen Absicht die Erde so gebildet, daß sie in allen
-Punkten der menschlichen Auffassung von vollendeter Schönheit oder
-Erhabenheit entsprach; aber diese ursprüngliche Absicht sei durch die
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-bekannten geologischen Störungen vernichtet worden &mdash; Störungen
-in Form und Farbengruppierung, in deren Verbesserung oder Abschwächung
-die Seele der Kunst beruht. Die Kraft dieses Gedankens
-wurde jedoch sehr abgeschwächt durch die in ihm verborgene Notwendigkeit,
-die Störungen als anormal und durchaus unzweckmäßig
-zu betrachten. Ellison war es, der die Vermutung aussprach, sie seien
-ein Anzeichen des Todes. Er erklärte das so: &mdash; Angenommen, die
-ursprüngliche Absicht sei die irdische Unsterblichkeit des Menschen
-gewesen. Dann finden wir die ursprüngliche Bildung der Erde seinem
-seligen Zustand angepaßt &mdash; zwar nicht bestehend, aber beabsichtigt.
-Die Umwälzungen waren die Vorbereitungen für seine später beschlossene
-Bestimmung zum Tode.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun könnte aber&ldquo;, sagte mein Freund, &bdquo;das, was wir als Steigerung
-der landschaftlichen Schönheit empfinden, eine lediglich menschliche
-Anschauungsweise sein. Jede Veränderung der natürlichen
-Szenerie würde das Bild vielleicht verunstalten, wenn wir es uns von
-weitem &mdash; als große Masse gesehen &mdash; denken, von einem der Erdoberfläche
-fernen Punkt, wenngleich nicht hinter den Grenzen ihrer
-Atmosphäre. Es ist leicht begreiflich, daß das, was einem nah besehenen
-Detail zum Vorteil gereichen mag, gleichzeitig eine allgemeine oder
-entferntere Wirkung beeinträchtigen kann. Es <em>könnte</em> doch eine Art
-vordem menschlicher, nun aber der Menschheit unsichtbarer Wesen
-geben, denen aus der Ferne unsre Wirrnis als Ordnung erscheint &mdash; unser
-Unmalerisches als malerisch; mit einem Wort, ich meine die Erdengel,
-für deren Betrachtung mehr als für unsere und für deren durch den Tod
-veredelte Bewertung des Schönen die weiten Landschaftsgärten der
-Hemisphären von Gott aufgestellt worden sein mögen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im Laufe des Gespräches führte mein Freund einige Zitate eines
-Beurteilers der Landschaftsgärtnerei an, der, wie man sagt, sein Thema
-gut behandelt haben soll:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-&sbquo;Es gibt eigentlich nur zwei Richtungen in der Landschaftsgärtnerei,
-die natürliche und die künstliche. Man versucht die ursprüngliche
-Schönheit der Landschaft wiederherzustellen, indem man ihre eigenen
-Mittel auf die Umgebung anwendet: Bäume anpflanzt, die sich den
-benachbarten Hügeln oder Flächen harmonisch anpassen; jenen reizvollen
-Einklang von Größe, Form und Farbe entdeckt und anwendet,
-der, dem gewöhnlichen Beschauer verborgen, sich erfahrenen Naturbeobachtern
-überall enthüllt. Das Resultat der natürlichen Richtung in
-der Gärtnerei zeigt sich mehr in der Vermeidung aller Mängel und Mißverhältnisse
-&mdash; in der Pflege einer gesunden Harmonie und Ordnung &mdash;,
-als im Hervorbringen von Wundern oder Besonderheiten. Die künstliche
-Richtung hat soviele Abstufungen, als es Geschmacksverschiedenheiten
-zu befriedigen gibt. Sie hat eine gewisse allgemeine Verwandtschaft
-mit den verschiedenen Baustilen. Da gibt es die pomphaften Alleen
-und Boskette Versailles, italienische Terrassen und ein vielfach gemischter
-altenglischer Stil, der eine gewisse Ähnlichkeit mit der profanen
-Gotik oder der englischen elisabethanischen Architektur zeigt. Was
-auch gegen den Mißbrauch der künstlichen Landschaftsgärtnerei gesagt
-worden sein mag, so gibt doch eine Beimischung reiner Kunst einer
-Gartenszene große Schönheit. Teils erfreut es das Auge, daß es
-eine Ordnung und Planmäßigkeit wahrnimmt, teils ist es ein geistiges
-Genießen. Eine Terrasse mit einer alten moosbewachsenen Balustrade
-ruft uns sofort die reizenden Gestalten ins Gedächtnis, die hier in
-früheren Tagen gewandelt sind. Die kleinste Darbietung von Kunst
-ist ein Beweis der Sorgfalt und menschlicher Selbstliebe.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aus meinen bisherigen Bemerkungen werden Sie begreifen,&ldquo;
-sagte Ellison, &bdquo;daß ich den Gedanken verwerfe, die ursprüngliche
-Schönheit der Landschaft wieder herstellen zu wollen. Die ursprüngliche
-Schönheit ist nie so groß, wie die, welche man hervorrufen könnte.
-Allerdings liegt alles an der Wahl eines geeigneten Platzes. Was
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-oben über die Entdeckung und praktische Anwendung hübscher Beziehungen
-in Größe, Gestalt und Farbe gesagt ist, ist nichts als eine
-hohle Redensart, um unklare Gedanken zu bemänteln. Der genannte
-Ausspruch kann alles und nichts besagen und gibt keinerlei Anweisung.
-Daß der wahre Erfolg des natürlichen Stils in der Gärtnerei mehr in
-der Vermeidung aller Mängel und Mißverhältnisse, als in der Erschaffung
-irgendwelcher Wunder und Besonderheiten zu suchen sei,
-ist ein Vorschlag, der besser zu dem niedrigen Begriffsvermögen der
-Herdenmenschen paßt als zu den feurigen Träumen eines genialen
-Mannes. Der befürwortete negative Vorzug gehört zu den hinkenden
-Beurteilungen, die in der Literatur zum Beispiel einem Addison eine
-Apotheose bereiten würden. Ja, während jene Tüchtigkeit, die lediglich
-in der Vermeidung von Fehlern besteht, sich direkt an unsere
-Einsicht wendet und daher durch Vorschriften umschrieben werden
-kann, ist die erhabenere Gabe, die in der Neuschöpfung flammt,
-allein in ihren Wirkungen zu begreifen. Regeln behandeln nur die
-Vorzüge der Vermeidung &mdash; den Wert der Enthaltsamkeit. Darüber
-hinaus kann die kritische Kunst nur mutmaßen. Man kann uns unterweisen,
-einen &sbquo;Cato&lsquo; zu konstruieren, aber vergeblich wird man uns
-belehren, wie ein Parthenon oder ein &sbquo;Inferno&lsquo; zu schaffen sei. Ist
-aber die Sache getan, das Wunder vollendet, so ist es allgemeinverständlich.
-Die Sophisten der negativen Schule, die aus Unfähigkeit
-zum Schöpferischen solches Tun verspottet haben, sind
-nun die eifrigsten im Beifallspenden. Was im Larvenzustand seines
-Beginns ihren zahmen Verstand beleidigte, verfehlt nie, in seiner
-Reife der Vollendung ihrem Instinkt für Schönheit Bewunderung
-abzunötigen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gegen die Bemerkungen des Verfassers über den künstlichen Stil
-ist weniger zu sagen&ldquo;, fuhr Ellison fort. &bdquo;Die Beimischung reiner Kunst
-gibt einer Gartenszene eine große Schönheit. Das ist richtig, ebenso
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-wie der Hinweis auf menschliche Selbstliebe. Das angeführte Prinzip
-ist unbestreitbar &mdash; es <em>könnte</em> aber darüber hinaus noch etwas
-geben. Es könnte ein auf diesem Grundsatz aufgebautes Ziel
-geben &mdash; ein mit den üblichen Mitteln des einzelnen unerreichbares
-Ziel, das aber, wenn es erreicht wird, dem Landschaftsgarten einen
-Reiz verleihen würde, der alles weit überträfe, was menschliche Sorgfalt
-hervorbringen könnte. Ein Künstler mit ganz außergewöhnlichen
-Geldmitteln könnte, trotz Beibehaltung der notwendigen Begriffe
-von Kunst oder Kultur oder, wie unser Autor sagt, von Selbstliebe,
-seine Pläne gleichzeitig so durch großzügige Anlage und neuartige
-Schönheit bereichern, daß man an die Einmischung von Feenhand
-glauben möchte. Man wird sehen, daß er zu solchem Resultat alle
-Vorteile der Selbstliebe oder Absicht heranzieht, während er doch
-sein Werk von der Schärfe oder den Kunstgriffen der irdischen Kunst
-befreit. Im finstersten Urwald &mdash; in den entlegensten Gebieten der
-Natur &mdash; ist die Kunst eines Schöpfers erkennbar; doch diese Kunst
-wird nur dem Verstande deutlich; in keiner Weise hat sie die einleuchtende
-Kraft des Gefühls. Nun wollen wir uns diesen Sinn in
-der Absicht des Allmächtigen nur einen Grad niedriger denken &mdash;
-irgendwie in Harmonie oder in Übereinstimmung gebracht mit dem
-Wesen der menschlichen Kunst &mdash; um ein Zwischenglied zwischen
-beiden zu bilden: &mdash; stellen wir uns beispielsweise eine Landschaft
-vor, die durch Ausgedehntheit und Bestimmtheit, durch Schönheit,
-Pracht und Absonderlichkeit den Gedanken an Sorgfalt, Kultur
-und Pflege durch höhere und doch der Menschheit verwandte Wesen
-wachruft &mdash; dann ist der Begriff der Interessiertheit gewahrt, während
-die eingeflochtene Kunst zur Annahme einer vermittelnden oder
-zweiten Natur führt &mdash; einer Natur, die weder Gott noch eine Emanation
-Gottes ist, die aber dennoch Natur ist, als Kunstwerk der
-Engel, die zwischen den Menschen und Gott schweben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-Ellison gedachte seinen ungeheuren Reichtum in der Verwirklichung
-einer derartigen Vision anzulegen &mdash; in der durch persönliche Überwachung
-seiner Anordnungen gebotenen Bewegung im Freien &mdash; in
-dem unbeschränkten Ziel, das diese Absichten boten, in dem vergeistigten
-Wesen dieses Ziels, in der Verachtung ehrgeizigen Strebens,
-die ihm dadurch ermöglicht wurde, in dem ewigen Lenz, mit dem dieses
-Ziel, ohne je zu übersättigen, seine Hauptleidenschaft, den Durst nach
-Schönheit, befriedigte; vor allem aber in der Sympathie eines nicht
-unweiblichen Weibes, deren Lieblichkeit und Liebe sein Dasein mit
-der purpurnen Atmosphäre des Paradieses umgeben; und er hoffte,
-Befreiung von den Alltagszielen der Menschheit zu finden, und er
-<em>fand</em> sie und eine weit größere Fülle positiven Glücks, als je in den
-überschwenglichen Wachträumen einer Staël glühte.
-</p>
-
-<p>
-Ich bezweifle, daß ich dem Leser eine irgendwie klare Vorstellung
-der Wunder vermitteln kann, die mein Freund tatsächlich verrichtete.
-Ich möchte beschreiben, fühle mich aber von der Schwierigkeit der
-Beschreibung entmutigt und zögere zwischen Detaillierung und Verallgemeinerung.
-Der beste Weg ist vielleicht der, die beiden Extreme
-zu vereinigen.
-</p>
-
-<p>
-Mr. Ellisons erster Schritt galt natürlich der Wahl einer Örtlichkeit,
-und kaum hatte er über diesen Punkt nachgedacht, als die üppige
-Naturpracht der Südsee-Inseln seine Aufmerksamkeit fesselte. Ja,
-er hatte schon beschlossen, eine Reise in die Südsee anzutreten, als
-die Überlegung einer Nacht ihn veranlaßte, die Idee aufzugeben.
-&bdquo;Wäre ich ein Menschenfeind,&ldquo; sagte er, &bdquo;so würde mir solch ein Ort
-gefallen. Die völlige Abgeschlossenheit und die Schwierigkeit des Hin-
-und Zurückgelangens wäre in solchem Falle der Reiz aller Reize;
-noch aber bin ich nicht Timon. Ich wünsche die Erholung, aber nicht
-das Bedrückende der Einsamkeit. Ich muß in gewissem Sinne den
-Grad und die Dauer meiner Zurückgezogenheit bestimmen können. Es
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-mögen Stunden kommen, in denen ich das, was ich geleistet habe,
-der Sympathie poetischer Geister vorführen will. Ich werde daher
-einen Ort wählen, der nicht weit von einer volkreichen Stadt liegt,
-deren Nähe mir auch die Durchführung meiner Pläne am besten
-ermöglicht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Auf der Suche nach einem solchen Ort reiste Ellison mehrere Jahre
-umher, und mir war es erlaubt, ihn zu begleiten. Wohl tausend Plätze,
-von denen ich entzückt war, verwarf er aus Gründen, deren Richtigkeit
-ich jedesmal anerkennen mußte. Wir kamen schließlich zu einem
-erhöhten Tafelland von wundervoller Fruchtbarkeit und Schönheit,
-das einen Rundblick bot, der dem des Ätna an Ausdehnung sehr
-wenig nachstand und das nach Ellisons wie meiner Ansicht die weitberühmte
-Aussicht jenes Berges in allen wesentlichen Elementen des
-Malerischen überragte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin mir bewußt,&ldquo; sagte der Reisende mit einem Seufzer tiefen
-Entzückens, nachdem er die Szene wohl eine Stunde lang bezaubert
-betrachtet hatte, &bdquo;ich weiß, daß neun Zehntel der wählerischsten
-Männer an meiner Stelle hier befriedigt sein würden. Dieses Panorama
-ist in der Tat herrlich, und ich würde davon hingerissen sein,
-wenn es nicht übertrieben herrlich wäre. Der Geschmack aller mir
-bekannten Baumeister veranlaßt sie, der &sbquo;Aussicht&lsquo; wegen, ihre
-Häuser auf eine Höhe zu stellen. Der Irrtum ist klar. Größe in jeder
-Form, besonders aber als Ausdehnung, bringt Überraschung, Erregung
-&mdash; und ermüdet dann, drückt nieder. Als gelegentliche Szene
-kann es nichts Besseres geben &mdash; zum dauernden Anblick nichts
-Schlimmeres. Und zum dauernden Anblick ist die unzulässigste Art
-der Größe die der Ausdehnung, des weiten Raumes. Sie steht mit
-dem Gefühl, dem Sinn für Zurückgezogenheit auf dem Kriegsfuß
-&mdash; dem Sinn, den wir zu befriedigen suchen, wenn wir uns &sbquo;auf das
-Land zurückziehen&lsquo;. Wenn wir vom Gipfel eines Berges um uns
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-blicken, so fühlen wir uns unwillkürlich verloren in der Welt. Die
-tief melancholischen Seelen meiden einen weiten Blick wie die Pest.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nicht vor Ende des vierten Jahres unsrer Suche fanden wir eine
-Gegend, mit der Ellison sich einverstanden erklärte. Es ist natürlich
-überflüssig, zu sagen, wo diese Gegend lag. Der kürzlich erfolgte
-Tod meines Freundes, der seine Besitzung für gewisse Kreise
-von Besuchern erschloß, hat Arnheim zu einer heimlichen und
-gedämpften, wenn nicht traurigen Berühmtheit verholfen, ähnlich &mdash;
-allerdings in unendlich höherem Grade &mdash; wie es mit dem so lang
-verehrten Fonthill gegangen ist.
-</p>
-
-<p>
-Der übliche Weg nach Arnheim war der Fluß. Der Besucher verließ
-die Stadt am frühen Morgen. Im Laufe des Vormittags glitt er
-zwischen Ufern voll stiller, ländlicher Schönheit dahin, auf denen
-zahllose Schafe weideten, deren weißes Fell das strahlende Grün der
-vorüberziehenden Wiesen sprenkelte. Nach und nach wirkte die
-Landschaft weniger bebaut, als lediglich mit Sorgfalt gepflegt. Das
-wandelte sich allmählich in Verlassenheit &mdash; diese wieder in völlige
-Abgeschiedenheit. Als der Abend kam, wurde der Kanal enger, die
-Ufer erhoben sich steiler und waren mit üppigem, dunklem Laubwuchs
-bedeckt. Das Wasser wurde durchsichtig. Der Fluß machte tausend
-Windungen, so daß man seine schimmernde Fläche nur immer eine
-kurze Strecke weit überschauen konnte. Jeden Augenblick war es,
-als befinde sich das Schiff in einem Zauberkreis aus undurchdringlichen
-Laubwänden, einer Decke von tiefblauer Seide und &mdash; <em>keinem</em>
-Boden, da der Kiel mit staunenswerter Geschicklichkeit auf dem
-eines andern gespenstischen Bootes zu balanzieren schien, das, zufällig
-kieloben treibend, die beständige Begleitung und gewissermaßen
-der Halt des wirklichen Bootes zu sein schien. Der Kanal wurde
-jetzt zu einer Schlucht &mdash; die Bezeichnung ist allerdings etwas unangebracht,
-und ich gebrauche sie nur, weil die Sprache kein Wort
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-hat, das diesen auffälligsten Zug der Landschaft kennzeichnet. Der
-Charakter einer Schlucht wurde nur durch die Höhe und Gleichmäßigkeit
-beider Ufer gegeben; in allem andern war keine Ähnlichkeit
-zu spüren. Die Wände der Schlucht (durch die das Wasser weiter
-still dahinfloß) erreichten eine Höhe von hundert und gelegentlich
-hundertfünfzig Fuß und neigten sich einander soweit zu, daß sie
-das Tageslicht wesentlich abdämpften, während das lange flaumige
-Moos, das in dichten Büscheln vom verflochtenen Strauchwerk oben
-herniederhing, der ganzen Kluft eine trauernde Düsterkeit verlieh.
-Die Windungen wurden häufiger und verworrener und schienen oft
-wieder nach rückwärts zu führen, so daß der Reisende längst nicht mehr
-die Richtung kannte. Überdies fühlte er mit Entzücken die Seltsamkeit
-seiner Umgebung. Freilich, Natur war es noch immer, aber sie war
-beeinflußt worden. Da war eine zauberhafte Symmetrie, eine packende
-Gleichmäßigkeit, eine märchenhafte Sauberkeit hier in ihren Werken.
-Nicht ein totes Zweiglein &mdash; nicht ein welkes Blatt &mdash; nicht ein verirrter
-Kiesel &mdash; nicht ein Fleckchen nackter Erde war zu sehen. Das
-kristallklare Wasser wellte an dem sauberen Granit oder dem fleckenlosen
-Moos empor in einer so ebenmäßigen Grenzlinie, daß es das
-Auge entzückte und bestürzte.
-</p>
-
-<p>
-Hatte man die Irrgänge dieses Kanals einige Stunden lang durchzogen,
-während die Dämmerung immer mehr zunahm, so brachte eine
-scharfe und plötzliche Wendung das Boot wie vom Himmel gefallen
-in ein rundes Becken von ansehnlichen Ausmaßen, mit denen der
-Schlucht verglichen. Es hatte etwa zweihundert Meter Durchmesser
-und war bis auf eine einzige Stelle, die dem Boot bei seinem Eintritt
-genau gegenüber lag, von Hügeln eingefaßt, deren Höhe den Mauern
-der Schlucht entsprach, die aber ganz anders in der Anlage waren.
-Sie glitten in einem Winkel von etwa vierzig Grad zum Wasser
-herunter, und diese Hänge waren von unten bis oben &mdash; ohne
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-den kleinsten Zwischenraum &mdash; mit den prächtigsten Blüten geschmückt;
-kaum ein grünes Blättchen war in dem Meer duftender
-Farben und flutender Blütensterne zu sehen. Dieses Becken war von
-großer Tiefe; das Wasser war aber so durchsichtig, daß der Boden,
-der aus einer dichten Menge kleiner, runder Alabasterkiesel zu bestehen
-schien, gelegentlich deutlich sichtbar wurde, das heißt immer
-dann, wenn das Auge es fertig brachte, nicht tief unten im umgekehrten
-Himmel das verdoppelte Blühen der Hügel wahrzunehmen.
-Auf diesen gab es weder Bäume noch Sträucher irgendwelcher Größe.
-Der Eindruck für den Beschauer war Fülle, Wärme, Farbe, Ruhe,
-Gleichmäßigkeit, Sanftheit, Zartheit, Vornehmheit, Üppigkeit und
-ein so wundervolles Übermaß von Pflege, daß man träumen mochte,
-das Geschlecht der Feen, der fleißigen, geschmackvollen, prunkliebenden
-und stolzen Feen sei auferstanden; wenn aber der Blick von
-der scharfen Wassergrenze des myriadengetönten Hanges zu seiner
-in niedrig ziehenden Wolken verschwimmenden Höhe schweifte, so
-war es wirklich schwer, nicht an einen stürzenden Wasserfall von
-Rubinen, Saphiren, Opalen und goldschimmernden Onyxen zu denken,
-der schweigend aus dem Himmel niederstürzte.
-</p>
-
-<p>
-Der Besucher, der plötzlich aus dem Dämmer der Schlucht in diese
-Bucht herausgleitet, ist entzückt und überrascht, den vollen Ball der
-untergehenden Sonne zu erblicken, die er längst tief unter dem
-Horizont glaubte, die ihm nun aber gegenübersteht und den einzigen
-Abschluß eines andernfalls unbegrenzten Ausblicks durch einen
-andern schluchtartigen Einschnitt in den Hügeln bildet.
-</p>
-
-<p>
-Hier aber verläßt der Reisende das Schiff, das ihn soweit getragen
-hat, und besteigt ein leichtes Boot aus Elfenbein, das innen wie außen
-mit Arabesken in Scharlachrot geziert ist. Bug und Hinterteil des
-Bootes heben sich in scharfer Spitze hoch aus dem Wasser, so daß
-die Form des Ganzen ein unregelmäßiger Halbmond ist. Mit der
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-stolzen Anmut des Schwanes wiegt es sich auf dem Spiegel der Bucht.
-<span class="centerpic"><img src="images/125.jpg" alt="" /></span>
-Auf seinem hermelinbelegten Boden ruht ein einziges leichtes Ruder
-aus Atlasholz; doch kein Ruderer oder Begleiter ist zu sehen. Der
-Gast wird gebeten, sich vertrauensvoll darauf zu verlassen, daß das
-Schicksal ihn behüten wird. Der größere Kahn verschwindet, und er
-bleibt allein in dem Boot zurück, das anscheinend unbeweglich mitten
-im See liegt. Während er überlegt, welchen Kurs er nehmen soll,
-spürt er jedoch, daß das Feenboot sich sacht bewegt. Es schwingt
-sich langsam herum, bis sein Bug zur Sonne weist.
-</p>
-
-<p>
-Es bewegt sich mit sanfter, aber zunehmender Schnelligkeit voran,
-und das leichte Wellenkräuseln umtanzt die elfenbeinernen Bootswände
-wie mit himmlischen Melodien &mdash; und gibt jedenfalls die einzige
-Erklärung für die schmeichelnde, doch schwermütige Musik, nach
-deren unsichtbarem Ursprung der bestürzte Reisende vergeblich
-um sich blickt.
-</p>
-
-<p>
-Das Boot rückt stetig voran, und das Felsentor der Durchsicht rückt
-näher, so daß man deutlicher in seine Tiefen spähen kann. Rechts
-erhebt sich eine Kette wild und üppig bewaldeter Höhen. Immer
-aber kann man sehen, daß die köstliche Sauberkeit des Ufers dort, wo
-es ins Wasser taucht, erhalten bleibt. Nicht ein Zeichen des an Flußufern
-sonst üblichen Verfalls ist wahrzunehmen. Nach links ist die
-Szene sanfter, und das Künstliche ist stärker betont. Hier schwingt
-sich das Ufer in sehr sanfter Steigung vom Fluß empor und bildet
-eine breite Rasenfläche, die nur mit Sammet zu vergleichen ist und
-ein so strahlendes Grün aufweist, daß es mit dem reinsten Smaragd
-wetteifert. Dieses &bdquo;Plateau&ldquo; hat eine wechselnde Breite von zehn zu
-dreihundert Metern und reicht vom Ufer bis zu einer Mauer, die in
-unzähligen Kurven dahinzieht, im allgemeinen aber dem Flußlauf
-folgt, bis sie sich nach Westen in der Ferne verliert. Diese Mauer
-besteht aus einem zusammenhängenden Fels und ist dadurch entstanden,
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-daß man den einst zerklüfteten Hang des südlichen Flußufers
-senkrecht abschnitt; doch nicht die kleinste Spur dieser Arbeit
-ist mehr zu sehen. Der gemischte Stein ist altersgrau und ist verschwenderisch
-mit Efeu, korallenrotem Geisblatt, der wilden Rose und
-Klematis behangen und umwuchert. Die Gleichmäßigkeit der oberen
-und unteren Abschlußlinie der Mauer wird durch Bäume von gigantischer
-Größe erreicht, die vereinzelt oder in Gruppen auf dem &bdquo;Plateau&ldquo; oder
-im Bereich hinter der Mauer, aber immer dicht neben ihr stehen, so daß
-zuweilen die Äste (besonders jene der schwarzen Walnuß) herübergreifen
-und ihre hängenden Spitzen ins Wasser tauchen. Weiter
-hinten ist das eingeschlossene Gebiet von undurchdringlichem Laubwerk
-verhüllt.
-</p>
-
-<p>
-Diese Dinge bemerkt man, während das Boot der Stelle immer
-näher kommt, die ich das Tor der Durchsicht genannt habe. Je mehr
-man sich ihm nähert, desto mehr verschwindet das Zauberhafte
-daran; nach links öffnet sich ein neuer Abfluß aus der Bucht, und in
-dieselbe Richtung scheint auch die Mauer sich zu ziehen, die immer
-noch den Flußlauf begleitet. Weit kann das Auge nicht in diese neue
-Flucht hinunterspähen, denn das von der Mauer begleitete Wasser
-biegt wiederum nach links ab, bis beide im Laubdach verschwinden.
-</p>
-
-<p>
-Das Boot aber gleitet wie durch Zauberkraft in den gewundenen
-Kanal, und hier zeigt das der Mauer gegenüberliegende Ufer Ähnlichkeit
-mit dem vorhin beschriebenen Ufer. Hohe Hügel, die sich
-gelegentlich zu Bergen erheben und eine üppige, wilde Vegetation
-tragen, schließen die Szene ein.
-</p>
-
-<p>
-Das Boot gleitet sanft, aber mit zunehmender Geschwindigkeit
-dahin, bis nach vielen kurzen Drehungen der Reisende seinen Weg
-von einem gigantischen Tor oder vielmehr einer vergoldeten, überreich
-zierlichen Tür gehemmt sieht, die den vollen Strahlen der jetzt schnell
-sinkenden Sonne ein so glänzender Spiegel ist, daß der ganze
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-umliegende Wald in Flammen zu stehen scheint. Dieses Tor ist in die
-hohe Mauer eingelassen, die den Fluß hier scheinbar rechtwinklig
-kreuzt. Nach kurzer Zeit allerdings sieht man, daß der Hauptstrom
-des Wassers noch immer in sanftem und gedehntem Bogen nach links
-gleitet, wie zuvor der Mauer folgend, während eine nicht unbeträchtliche
-Strömung sich von dem Hauptarm abzweigt und leise kräuselnd unter
-dem Tor den Blicken entschwindet. Das Boot fällt in den kleinen
-Kanal und nähert sich dem Tor. Seine weitausladenden Flügel dehnen
-sich langsam und sanft erklingend. Das Boot gleitet hindurch und
-fliegt eilig einem ungeheuren Amphitheater zu, das vollständig von
-purpurnen Bergen umschlossen ist, deren Füße ein schimmernder
-Fluß umspült. Und nun zeigt sich den Blicken urplötzlich das ganze
-Paradies Arnheim. Eine bezaubernde Melodie rauscht auf; ein
-seltsam süßes Duften umschmeichelt die Sinne, &mdash; und traumgleich
-erstehen vor dem Auge hohe, schlanke Zypressen, laubenartiges
-Gesträuch, Scharen goldener und scharlachroter Vögel, lilienumsäumte
-Teiche, Wiesen voller Veilchen, Tulpen, Mohn, Hyazinthen und
-Tuberosen, lange, gewundene, silberne Wasserläufe und mitten
-aus alledem phantastisch emporstrebend ein halb gotisches, halb
-maurisches Bauwerk, das wie durch Wunderkraft frei in der Luft
-zu schweben scheint, im roten Sonnenglanz mit hundert Erkern,
-Minaretten und Zinnen erglitzert und vermuten läßt, es sei ein Geisterwerk
-der Sylphen, Feen, Genien und Gnomen.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-8">
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-GEDICHTE
-</h2>
-
-<h3 class="poem" id="chapter-8-1">
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-DER RABE
-</h3>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Einst in dunkler Mittnachtstunde, als ich in entschwundner Kunde</p>
- <p class="verse">Wunderlicher Bücher forschte, bis mein Geist die Kraft verlor</p>
- <p class="verse">Und mir&rsquo;s trübe ward im Kopfe, kam mir&rsquo;s plötzlich vor, als klopfe</p>
- <p class="verse">Jemand zag ans Tor, als klopfe &mdash; klopfe jemand sacht ans Tor.</p>
- <p class="verse">Irgendein Besucher, dacht&rsquo; ich, pocht zur Nachtzeit noch ans Tor &mdash;</p>
- <p class="verse">Weiter nichts. &mdash; So kam mir&rsquo;s vor.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">O, ich weiß, es war in grimmer Winternacht, gespenstischen Schimmer</p>
- <p class="verse">Jagte jedes Scheit durchs Zimmer, eh es kalt zu Asche fror.</p>
- <p class="verse">Tief ersehnte ich den Morgen, denn umsonst war&rsquo;s, Trost zu borgen</p>
- <p class="verse">Aus den Büchern für das Sorgen um die einzige Lenor,</p>
- <p class="verse">Um die wunderbar Geliebte &mdash; Engel nannten sie Lenor &mdash;</p>
- <p class="verse">Die für immer ich verlor.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Die Gardinen rauschten traurig, und ihr Rascheln klang so schaurig,</p>
- <p class="verse">Füllte mich mit Schreck und Grausen, wie ich nie erschrak zuvor.</p>
- <p class="verse">Um zu stillen Herzens Schlagen, sein Erzittern und sein Zagen,</p>
- <p class="verse">Mußt&rsquo; ich murmelnd nochmals sagen: &bdquo;Ein Besucher klopft ans Tor. &mdash;</p>
- <p class="verse">Ein verspäteter Besucher klopft um Einlaß noch ans Tor&ldquo;,</p>
- <p class="verse">Sprach ich meinem Herzen vor.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Alsobald ward meine Seele stark und folgte dem Befehle.</p>
- <p class="verse">&bdquo;Herr&ldquo;, so sprach ich, &bdquo;oder Dame, ach, verzeihen Sie, mein Ohr</p>
- <p class="verse">Hat Ihr Pochen kaum vernommen, denn ich war schon schlafbenommen,</p>
- <p class="verse">Und Sie sind so sanft gekommen &mdash; sanft gekommen an mein Tor;</p>
- <p class="verse">Wußte kaum den Ton zu deuten ...&ldquo; Und ich sperrte auf das Tor: &mdash;</p>
- <p class="verse">Nichts als Dunkel stand davor.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
- <p class="verse">Starr in dieses Dunkel spähend, stand ich lange, nicht verstehend,</p>
- <p class="verse">Träume träumend, die kein irdischer Träumer je gewagt zuvor;</p>
- <p class="verse">Doch es herrschte ungebrochen Schweigen, aus dem Dunkel krochen</p>
- <p class="verse">Keine Zeichen, und gesprochen ward nur zart das Wort &bdquo;Lenor&ldquo; &mdash;</p>
- <p class="verse">Zart von mir gehaucht, &mdash; wie Echo flog zurück das Wort &bdquo;Lenor&ldquo;.</p>
- <p class="verse">Nichts als dies vernahm mein Ohr.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wandte mich zurück ins Zimmer, und mein Herz erschrak noch schlimmer,</p>
- <p class="verse">Da ich wieder klopfen hörte, etwas lauter als zuvor.</p>
- <p class="verse">&bdquo;Sollt ich&ldquo;, sprach ich, &bdquo;mich nicht irren, hörte ich&rsquo;s am Fenster klirren;</p>
- <p class="verse">O, ich werde bald entwirren dieses Rätsels dunklen Flor;</p>
- <p class="verse">Herz, sei still, ich will entwirren dieses Rätsels dunklen Flor;</p>
- <p class="verse">Wind wohl machte den Rumor.&ldquo;</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Hastig stieß ich auf die Schalter &mdash; flatternd kam herein ein alter,</p>
- <p class="verse">Stattlich großer, schwarzer Rabe, wie aus heiliger Zeit hervor;</p>
- <p class="verse">Machte keinerlei Verbeugung, keine kleinste Dankbezeigung,</p>
- <p class="verse">Flog mit edelmännischer Neigung zu dem Pallaskopf empor,</p>
- <p class="verse">Grade über meiner Türe auf den Pallaskopf empor &mdash;</p>
- <p class="verse">Saß &mdash; und still war&rsquo;s wie zuvor.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Doch das wichtige Gebaren dieses schwarzen Sonderbaren</p>
- <p class="verse">Löste meines Geistes Trauer, und ich schalt ihn mit Humor:</p>
- <p class="verse">&bdquo;Alter, schäbig und geschoren, sprich, was hast du hier verloren?</p>
- <p class="verse">Niemand hat dich herbeschworen aus dem Land der Nacht hervor.</p>
- <p class="verse">Tu mir kund, wie heißt du, Stolzer aus Plutonischem Land hervor?&ldquo;</p>
- <p class="verse">Sprach der Rabe: &bdquo;Nie du Tor.&ldquo;</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Daß er sprach so klar verständlich &mdash; ich erstaunte drob unendlich,</p>
- <p class="verse">Kam die Antwort mir auch wenig sinnvoll und erklärend vor.</p>
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
- <p class="verse">Denn noch nie war dies geschehen: über seiner Türe stehen</p>
- <p class="verse">Hat wohl keiner noch gesehen solchen Vogel je zuvor &mdash;</p>
- <p class="verse">Über seiner Stubentüre auf der Büste je zuvor,</p>
- <p class="verse">Mit dem Namen &bdquo;Nie du Tor.&ldquo;</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Doch ich hört&rsquo; in seinem Krächzen seine ganze Seele ächzen,</p>
- <p class="verse">War auch kurz sein Wort und brachte er auch nichts als dieses vor.</p>
- <p class="verse">Unbeweglich sah er nieder, rührte Kopf nicht, noch Gefieder,</p>
- <p class="verse">Und ich murrte murmelnd wieder: &bdquo;Wie ich Freund und Trost verlor,</p>
- <p class="verse">Werd&rsquo; ich morgen <em>ihn</em> verlieren &mdash; wie ich alles schon verlor.&ldquo;</p>
- <p class="verse">Sprach der Rabe: &bdquo;Nie du Tor.&ldquo;</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Seine schroff gesprochnen Laute klangen passend, daß mir graute.</p>
- <p class="verse">&bdquo;Aber&ldquo;, sprach ich, &bdquo;nein, er plappert nur sein einzig Können vor,</p>
- <p class="verse">Das er seinem Herrn entlauschte, dessen Pfad ein Unstern rauschte,</p>
- <p class="verse">Bis er letzten Mut vertauschte gegen trüber Lieder Chor &mdash;</p>
- <p class="verse">Bis er trostlos trauerklagte in verstörter Lieder Chor</p>
- <p class="verse">Mit dem Kehrreim: &sbquo;Nie du Tor.&lsquo;&ldquo;</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Da der Rabe das bedrückte Herz zu lächeln mir berückte,</p>
- <p class="verse">Rollte ich den Polsterstuhl zu Büste, Tür und Vogel vor,</p>
- <p class="verse">Sank in Samtsitz, nachzusinnen, Traum mit Träumen zu verspinnen</p>
- <p class="verse">Über solchen Tiers Beginnen: was es wohl gewollt zuvor &mdash;</p>
- <p class="verse">Was der alte ungestalte Vogel wohl gewollt zuvor</p>
- <p class="verse">Mit dem Krächzen: &bdquo;Nie du Tor.&ldquo;</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Saß, der Seele Brand beschwichtend, keine Silbe an ihn richtend,</p>
- <p class="verse">Seine Feueraugen wühlten mir das Innerste empor.</p>
- <p class="verse">Saß und kam zu keinem Wissen, Herz und Hirn schien fortgerissen,</p>
- <p class="verse">Lehnte meinen Kopf aufs Kissen lichtbegossen &mdash; das Lenor</p>
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
- <p class="verse">Pressen sollte &mdash; lila Kissen, das nun nimmermehr Lenor</p>
- <p class="verse">Pressen sollte wie zuvor!</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Dann durchrann, so schien&rsquo;s, die schale Luft ein Duft aus Weihrauchschale</p>
- <p class="verse">Edler Engel, deren Schreiten rings vom Teppich klang empor.</p>
- <p class="verse">&bdquo;Narr!&ldquo; so schrie ich, &bdquo;Gott bescherte dir durch Engel das begehrte</p>
- <p class="verse">Glück Vergessen: das entbehrte Ruhen, Ruhen vor Lenor!</p>
- <p class="verse">Trink, o trink das Glück: Vergessen der verlorenen Lenor!&ldquo;</p>
- <p class="verse">Sprach der Rabe: &bdquo;Nie du Tor.&ldquo;</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Weiser!&ldquo; rief ich, &bdquo;sonder Zweifel Weiser! &mdash; ob nun Tier, ob Teufel &mdash;</p>
- <p class="verse">Ob dich Höllending die Hölle oder Wetter warf hervor,</p>
- <p class="verse">Wer dich nun auch trostlos sandte oder trieb durch leere Lande</p>
- <p class="verse">Hier in dies der Höll&rsquo; verwandte Haus &mdash; sag, eh ich dich verlor:</p>
- <p class="verse">Gibt&rsquo;s &mdash; o <em>gibt&rsquo;s</em> in Gilead Balsam? &mdash; Sag mir&rsquo;s, eh ich dich verlor!&ldquo;</p>
- <p class="verse">Sprach der Rabe: &bdquo;Nie du Tor.&ldquo;</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Weiser!&ldquo; rief ich, &bdquo;sonder Zweifel Weiser! &mdash; ob nun Tier, ob Teufel &mdash;</p>
- <p class="verse">Schwör&rsquo;s beim Himmel uns zu Häupten &mdash; schwör&rsquo;s beim Gott, den ich erkor;</p>
- <p class="verse">Schwör&rsquo;s der Seele so voll Grauen: soll dort fern in Edens Gauen</p>
- <p class="verse">Ich ein strahlend Mädchen schauen, die bei Engeln heißt Lenor &mdash;</p>
- <p class="verse">Sie, die Himmlische, umarmen, die bei Engeln heißt Lenor?&ldquo;</p>
- <p class="verse">Sprach der Rabe: &bdquo;Nie du Tor.&ldquo;</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Sei dies Wort dein letztes, Rabe oder Feind! Zurück zum Grabe!</p>
- <p class="verse">Fort! zurück in Plutons Nächte!&ldquo; schrie ich auf und fuhr empor.</p>
- <p class="verse">&bdquo;Laß mein Schweigen ungebrochen! Deine Lüge, frech gesprochen,</p>
- <p class="verse">Hat mir weh das Herz durchstochen. &mdash; Fort, von deinem Thron hervor!</p>
- <p class="verse">Heb dein Wort aus meinem Herzen &mdash; heb dich fort, vom Thron hervor!&ldquo;</p>
- <p class="verse">Sprach der Rabe: &bdquo;Nie du Tor.&ldquo;</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
- <p class="verse">Und der Rabe rührt sich nimmer, sitzt noch immer, sitzt noch immer</p>
- <p class="verse">Auf der blassen Pallasbüste, die er sich zum Thron erkor.</p>
- <p class="verse">Seine Augen träumen trunken wie Dämonen traumversunken;</p>
- <p class="verse">Mir zu Füßen hingesunken droht sein Schatten tot empor.</p>
- <p class="verse">Hebt aus Schatten meine Seele je sich wieder frei empor? &mdash;</p>
- <p class="verse">Nimmermehr &mdash; o, nie du Tor!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h3 class="poem" id="chapter-8-2">
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-ANNABEL LEE
-</h3>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ist ein Königreich an des Meeres Strand,</p>
- <p class="verse2">Da war es, da lebte sie &mdash;</p>
- <p class="verse">Lang, lang ist es her &mdash; und sie sei euch genannt</p>
- <p class="verse2">Mit dem Namen <em>Annabel Lee</em>.</p>
- <p class="verse">Und ihr Leben und Denken war ganz gebannt</p>
- <p class="verse2">In Liebe &mdash; und <em>mich</em> liebte sie.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">In dem Königreich an des Meeres Strand</p>
- <p class="verse2">Ein Kind noch war ich und war sie,</p>
- <p class="verse">Doch wir liebten mit Liebe, die mehr war denn dies &mdash;</p>
- <p class="verse2">Ich und meine <em>Annabel Lee</em> &mdash;</p>
- <p class="verse">Mit Liebe, daß strahlende Seraphim</p>
- <p class="verse2">Begehrten mich und sie.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Und das war der Grund, daß vor Jahren und Jahr</p>
- <p class="verse2">Eine Wolke Winde spie,</p>
- <p class="verse">Die frostig durchfuhren am Meeresstrand</p>
- <p class="verse2">Meine schöne <em>Annabel Lee</em>;</p>
- <p class="verse">Und ihre hochedele Sippe kam,</p>
- <p class="verse2">Und ach! man entführte mir sie,</p>
- <p class="verse">Um sie einzuschließen in Gruft und Grab,</p>
- <p class="verse2">Meine schöne <em>Annabel Lee</em>.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Die Engel, nicht halb so glücklich als wir,</p>
- <p class="verse2">Waren neidisch auf mich und auf sie &mdash;</p>
- <p class="verse">Ja! das war der Grund (und alle im Land</p>
- <p class="verse2">Sie wissen, vergessen es nie),</p>
- <p class="verse">Daß der Nachtwind so rauh aus der Wolke fuhr</p>
- <p class="verse2">Und mordete <em>Annabel Lee</em>.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
- <p class="verse">Weit stärker doch war unsre Liebe als die</p>
- <p class="verse2">All derer, die älter als wir &mdash;</p>
- <p class="verse2">Und mancher, die weiser als wir &mdash;</p>
- <p class="verse">Und die Engel in Höhen vermögen es nie</p>
- <p class="verse2">Und die Teufel in Tiefen nie,</p>
- <p class="verse">Nie können sie trennen die Seelen von mir</p>
- <p class="verse2">Und der schönen <em>Annabel Lee</em>.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Kein Mondenlicht blinkt, das nicht Träume mir bringt</p>
- <p class="verse2">Von der schönen <em>Annabel Lee</em>,</p>
- <p class="verse">Jedes Sternlein, das steigt, hell die Augen mir zeigt</p>
- <p class="verse2">Meiner schönen <em>Annabel Lee</em>;</p>
- <p class="verse">Und so jede Nacht lieg&rsquo; zur Seite ich sacht</p>
- <p class="verse">Meinem Lieb, meinem Leben in bräutlicher Pracht:</p>
- <p class="verse2">Im Grabe da küsse ich sie,</p>
- <p class="verse2">Im Grabe da küsse ich sie.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h3 class="poem" id="chapter-8-3">
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-ULALUME
-</h3>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Der Himmel war düster umwoben;</p>
- <p class="verse2">Verflammt war der Bäume Zier &mdash;</p>
- <p class="verse2">Verdorrt war der Bäume Zier;</p>
- <p class="verse">Es war Nacht im entlegnen Oktober</p>
- <p class="verse2">Eines Jahrs, das vermodert in mir;</p>
- <p class="verse">War beim düsteren See von Auber,</p>
- <p class="verse2">In den nebligen Gründen von Weir &mdash;</p>
- <p class="verse">War beim dunstigen Sumpf von Auber,</p>
- <p class="verse2">In dem spukhaften Waldland von Weir.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Durch Zypressenallee, die titanisch,</p>
- <p class="verse2">Bin ich mit meiner Seele gegangen &mdash;</p>
- <p class="verse2">Bin hier einst mit Psyche gegangen &mdash;</p>
- <p class="verse">Zur Zeit, da mein Herz war vulkanisch</p>
- <p class="verse2">Wie die schlackigen Ströme, die langen,</p>
- <p class="verse2">Wie die Lavabäche, die langen,</p>
- <p class="verse">Die rastlos und schweflig den Yaanek</p>
- <p class="verse2">Hinab bis zum Pole gelangen &mdash;</p>
- <p class="verse">Die rollend hinab den Berg Yaanek</p>
- <p class="verse2">Zum nördlichen Pole gelangen.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Unser Wort war von Dunkel umwoben,</p>
- <p class="verse2">Der Gedanke verdorrt und stier &mdash;</p>
- <p class="verse2">Das Gedenken verdorrt und stier;</p>
- <p class="verse">Denn wir wußten nicht, daß es Oktober,</p>
- <p class="verse2">Und der Jahrnacht vergaßen wir &mdash;</p>
- <p class="verse2">Der Nacht aller Jahrnächte wir!</p>
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
- <p class="verse">Wir vergaßen des Sees von Auber</p>
- <p class="verse2">(Obgleich wir gewandert einst hier),</p>
- <p class="verse">Des dunstigen Sumpfs von Auber</p>
- <p class="verse2">Und des spukhaften Waldlands von Weir.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Und nun da in alternder Nacht</p>
- <p class="verse2">Die Sternuhr gen Morgen sich schob &mdash;</p>
- <p class="verse2">Da die Sternuhr gen Morgen sich schob &mdash;</p>
- <p class="verse">Ward am End&rsquo; unsres Pfades entfacht</p>
- <p class="verse2">Ein Schimmern, das Nebel umwob,</p>
- <p class="verse">Aus dem mit wachsender Pracht</p>
- <p class="verse2">Ein Halbmond sein Doppelhorn hob &mdash;</p>
- <p class="verse">Astartes demantene Pracht</p>
- <p class="verse2">Deutlich ihr Doppelhorn hob.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Sie ist wärmer&ldquo;, so sagte ich,</p>
- <p class="verse2">&bdquo;Als Diana: sie schwärmt durch ein Meer</p>
- <p class="verse2">Von Seufzern &mdash; ein Seufzermeer;</p>
- <p class="verse">Sie sah es: die Träne wich</p>
- <p class="verse2">Von diesen Wangen nicht mehr,</p>
- <p class="verse">Und vorbei am Löwenbild strich</p>
- <p class="verse2">Als Lenker zu Himmeln sie her,</p>
- <p class="verse2">Als Leiter zu Lethe sie her;</p>
- <p class="verse">Trotz des Löwen getraute sie sich,</p>
- <p class="verse2">Uns zu leuchten so hell und so hehr &mdash;</p>
- <p class="verse">Durch sein Lager hindurch wagte sich</p>
- <p class="verse2">Ihre Liebe, so licht und so hehr.&ldquo;</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Doch Psyche hob warnend die Hand:</p>
- <p class="verse2">&bdquo;Fürwahr, ich mißtraue dem Schein</p>
- <p class="verse2">Dieses Sterns &mdash; seinem bleichen Schein.</p>
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
- <p class="verse">O fliehe! o halte nicht stand!</p>
- <p class="verse2">Laß uns fliegen &mdash; denn, o! es muß sein!&ldquo;</p>
- <p class="verse">Sprach&rsquo;s entsetzt, und es sanken gebannt</p>
- <p class="verse2">Ihre Schwingen in schluchzender Pein &mdash;</p>
- <p class="verse">Ihre Schwingen schleiften gebannt</p>
- <p class="verse2">Die Federn in Staub und Stein &mdash;</p>
- <p class="verse2">Voll Kummer in Staub und Stein.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich erwiderte: &bdquo;Traum ist dies Grauen!</p>
- <p class="verse2">Laß uns weiter in Lichtes Pracht &mdash;</p>
- <p class="verse2">Laß uns baden in seiner Pracht!</p>
- <p class="verse">Es läßt mich die Hoffnung erschauen</p>
- <p class="verse2">In kristallener Schönheit heut nacht &mdash;</p>
- <p class="verse2">Sieh! es flackert gen Himmel durch Nacht!</p>
- <p class="verse">O! man darf seinem Schimmern vertrauen,</p>
- <p class="versex">Es führt uns mit weisem Bedacht &mdash;</p>
- <p class="verse">O! man muß seinem Schimmern vertrauen,</p>
- <p class="verse2">Es lenkt uns mit treuem Bedacht,</p>
- <p class="verse2">Da es flackert gen Himmel durch Nacht!&ldquo;</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich beruhigte Psyche und gab</p>
- <p class="verse2">Ihr Küsse und lockte sie vor &mdash;</p>
- <p class="verse2">Aus Bedenken und Dunkel hervor;</p>
- <p class="verse">Und wir schritten den Baumgang hinab,</p>
- <p class="verse2">Bis am Ende uns anhielt das Tor</p>
- <p class="verse">Einer Gruft &mdash; ein märchenhaft Grab.</p>
- <p class="verse">&bdquo;Schwester,&ldquo; sprach ich, &bdquo;was schrieb man aufs Grab &mdash;</p>
- <p class="verse2">An das Tor von dem Wundertume?&ldquo;</p>
- <p class="verse">&bdquo;Ulalume!&ldquo; sprach sie; &bdquo;in dem Grab</p>
- <p class="verse2">Ruht verloren für dich Ulalume!&ldquo;</p>
- </div>
- <div class="centerpic stanza" id="img-143">
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a><img src="images/143.jpg" alt="" /></div>
-
- <div class="stanza">
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
- <p class="verse">Und mein Herz wurde düster umwoben,</p>
- <p class="verse2">Wurde dürr wie der Bäume Zier; &mdash;</p>
- <p class="verse2">Wurde welk wie der Bäume Zier;</p>
- <p class="verse">Und ich schrie: &bdquo;Es war sicher Oktober</p>
- <p class="verse2">In der <em>nämlichen</em> Nacht, da ich hier</p>
- <p class="verse2">Im Vorjahr gewandert &mdash; und hier</p>
- <p class="verse2">Eine Last hertrug, fürchterlich mir!</p>
- <p class="verse2">Diese Nacht aller Jahrnächte mir,</p>
- <p class="verse2">Welcher Dämon verführte mich hier?</p>
- <p class="verse">Gut kenn&rsquo; ich den See jetzt von Auber &mdash;</p>
- <p class="verse2">Diese nebligen Gründe von Weir &mdash;</p>
- <p class="verse">Gut kenn&rsquo; ich den Dunstsumpf von Auber &mdash;</p>
- <p class="verse2">Dieses spukhafte Waldland von Weir.&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-<h3 class="poem" id="chapter-8-4">
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-DIE GLOCKEN
-</h3>
-
-<h4 class="no" id="subchap-8-4-1">
-I.
-</h4>
-
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse2">Hört der Schlittenglocken Klang &mdash;</p>
- <p class="verse3">Silberklang!</p>
- <p class="verse">Welche Welt von Lustigkeit verheißt ihr heller Sang!</p>
- <p class="verse2">Wie sie klingen, klingen, klingen</p>
- <p class="verse2">In die Nacht voll Schnee und Eis,</p>
- <p class="verse2">Während sprüh die Sterne springen,</p>
- <p class="verse2">Zwinkernd sich zum Reigen schlingen</p>
- <p class="verse2">Im kristallnen Himmelskreis:</p>
- <p class="verse2">Halten Schritt, Schritt, Schritt,</p>
- <p class="verse2">Tanzen Runenrhythmen mit</p>
- <p class="verse">Zu der kleinen klaren Glocken süßem Singesang,</p>
- <p class="verse2">Zu dem Klang, Klang, Klang, Klang,</p>
- <p class="verse3">Klang, Klang, Klang &mdash;</p>
- <p class="verse">Zu dem Singen und dem Schwingen in dem Klang.</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-<h4 class="no" id="subchap-8-4-2">
-II.
-</h4>
-
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Hört der Hochzeitsglocken Klang &mdash;</p>
- <p class="verse3">Goldnen Klang!</p>
- <p class="verse">Welche Welt von Seligkeit verheißt ihr voller Sang!</p>
- <p class="verse2">Wie ihr Läuten lauter lacht</p>
- <p class="verse2">Durch den Balsamduft der Nacht!</p>
- <p class="verse2">Aus dem holden goldnen Schwall,</p>
- <p class="verse3">Wie altgewohnt,</p>
- <p class="verse2">Fliegen leicht die Töne all</p>
- <p class="verse">Hin zur Turteltaube, die beim frohen Schall</p>
- <p class="verse3">Schielt zum Mond.</p>
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
- <p class="verse2">O wie schwillt im Überschwang</p>
- <p class="verse">Ein Guß von hohem Feierklang so voll die Nacht entlang!</p>
- <p class="verse3">Hochgesang &mdash;</p>
- <p class="verse3">Hoffnungssang</p>
- <p class="verse2">Auf der Zukunft heitern Gang!</p>
- <p class="verse2">Freude treibt zu schnellerm Drang</p>
- <p class="verse2">Dieses Ringen und das Schwingen</p>
- <p class="verse2">In dem Klang, Klang, Klang &mdash;</p>
- <p class="verse2">In dem Klang, Klang, Klang, Klang,</p>
- <p class="verse3">Klang, Klang, Klang &mdash;</p>
- <p class="verse">Dieses Quellen und das Schwellen in dem Klang.</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-<h4 class="no" id="subchap-8-4-3">
-III.
-</h4>
-
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse2">Hört der Feuerglocken Klang &mdash;</p>
- <p class="verse3">Bronznen Klang!</p>
- <p class="verse">Welch ein Aufruhr stürmt daraus so schreckenvoll und bang!</p>
- <p class="verse2">Wie ihr Schreien Schreck entfacht</p>
- <p class="verse2">In durchbebter Luft der Nacht!</p>
- <p class="verse2">Zu entsetzt, um klar zu sein,</p>
- <p class="verse2">Können sie nur schrein, nur schrein,</p>
- <p class="verse3">Ohne Takt</p>
- <p class="verse">Rufen sie in lautem Lärmen um Erbarmen an das Feuer,</p>
- <p class="verse">Zanken in verrücktem Toben mit dem tollen tauben Feuer.</p>
- <p class="verse2">Höher, höher, ungeheuer</p>
- <p class="verse2">Springt verlangend auf das Feuer;</p>
- <p class="verse2">In verzweifeltem Bemühn,</p>
- <p class="verse2">Bis zum Mond emporzusprühn,</p>
- <p class="verse2">Sind die Flammen steilgezackt.</p>
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
- <p class="verse2">O, der Klang, Klang, Klang!</p>
- <p class="verse2">Wie er grauenvoll und bang</p>
- <p class="verse3">Alles schreckt!</p>
- <p class="verse2">Wie er schauert, schallt und braust,</p>
- <p class="verse2">Daß den Lüften bangt und graust,</p>
- <p class="verse">Wie er aller Orten lähmendes Entsetzen weckt!</p>
- <p class="verse2">Dennoch hört das Ohr sie gut</p>
- <p class="verse3">Durch das Schallen</p>
- <p class="verse3">Und das Hallen:</p>
- <p class="verse2">Ebbe der Gefahr und Flut;</p>
- <p class="verse2">Dennoch nimmt das Ohr es wahr</p>
- <p class="verse3">Durch das Zanken</p>
- <p class="verse3">Und das Schwanken:</p>
- <p class="verse2">Flutet oder ebbt Gefahr &mdash;</p>
- <p class="verse">Durch das Stocken und das Schwellen in dem schnellen</p>
- <p class="verse3">Glockenklang,</p>
- <p class="verse3">In dem Klang &mdash;</p>
- <p class="verse2">In dem Klang, Klang, Klang, Klang,</p>
- <p class="verse3">Klang, Klang, Klang &mdash;</p>
- <p class="verse">Durch das Härmen und das Lärmen in dem Klang.</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-<h4 class="no" id="subchap-8-4-4">
-IV.
-</h4>
-
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse2">Hört der Eisenglocken Klang &mdash;</p>
- <p class="verse3">Eisenklang!</p>
- <p class="verse">Welche Welt von Trauer trägt ihr monotoner Sang!</p>
- <p class="verse2">In der Grabesruh der Nacht</p>
- <p class="verse2">Wie er uns erschauern macht</p>
- <p class="verse">Durch das Trauern und das Drohen in dem Ton!</p>
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
- <p class="verse2">Denn die Klänge, die entrollen</p>
- <p class="verse2">Rostigen Glockenkehlen, tollen</p>
- <p class="verse3">Grollend fort.</p>
- <p class="verse2">O, die Wesen, die dort oben</p>
- <p class="verse2">In dem Glockenturme toben &mdash;</p>
- <p class="verse3">Einsam dort</p>
- <p class="verse2">Mit den monotonen Glocken &mdash;</p>
- <p class="verse2">Die da tollen, tollen, tollen,</p>
- <p class="verse2">Voll verschleiertem Frohlocken</p>
- <p class="verse2">Einen Stein aufs Herz uns rollen &mdash;</p>
- <p class="verse2">Leichenfressende Dämonen</p>
- <p class="verse2">Sind&rsquo;s, die in den Glocken wohnen,</p>
- <p class="verse3">All im Sold</p>
- <p class="verse2">Ihres Königs, der da tollt,</p>
- <p class="verse2">Der da rollt, rollt, rollt,</p>
- <p class="verse3">Rollt</p>
- <p class="verse2">Triumph aus Glockenklang!</p>
- <p class="verse2">Und sein Busen schwillt im Drang</p>
- <p class="verse2">Des Triumphs aus Glockenklang.</p>
- <p class="verse2">Johlend tanzt er zu dem Sang;</p>
- <p class="verse2">Haltend Schritt, Schritt, Schritt</p>
- <p class="verse2">Tanzt er Runenrhythmen mit</p>
- <p class="verse2">Zum Triumph aus Glockenklang,</p>
- <p class="verse3">Glockenklang.</p>
- <p class="verse2">Haltend Schritt, Schritt, Schritt</p>
- <p class="verse2">Tanzt er Runenrhythmen mit</p>
- <p class="verse2">Zu dem Dröhnen in dem Klang,</p>
- <p class="verse2">In dem Klang, Klang, Klang &mdash;</p>
- <p class="verse2">Zu dem Stöhnen in dem Klang.</p>
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
- <p class="verse2">Haltend Schritt, Schritt, Schritt</p>
- <p class="verse2">An der Totenglocke Strang</p>
- <p class="verse2">Tanzt er Runenrhythmen mit</p>
- <p class="verse2">Zu dem Tollen in dem Klang,</p>
- <p class="verse2">In dem Klang, Klang, Klang,</p>
- <p class="verse2">Zu dem Rollen in dem Klang,</p>
- <p class="verse2">In dem Klang, Klang, Klang, Klang,</p>
- <p class="verse3">Klang, Klang, Klang &mdash;</p>
- <p class="verse">Zu dem Trauern und dem Schauern in dem Klang.</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-<h3 class="poem" id="chapter-8-5">
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-TAMERLAN
-</h3>
-
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Tröstlicher Sang für Mußestunden &mdash;</p>
- <p class="verse">Das, Vater, ist mein Thema nicht.</p>
- <p class="verse">Ich weiß, ich werde nie entbunden</p>
- <p class="verse">Von mehr als irdischen Hochmuts Sünde</p>
- <p class="verse">Durch Erdenmacht für Sehnsucht finde</p>
- <p class="verse">Ich nicht die Zeit, für Träumen nicht.</p>
- <p class="verse">Man nennt sie Hoffen &mdash; jene Glut!</p>
- <p class="verse">Nichts ist sie als Begehrens Wut!</p>
- <p class="verse"><em>Könnte</em> ich hoffen &mdash; Gott! ja, dann</p>
- <p class="verse">Hieß ich nicht Narr dich, alter Mann.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Begreifst du eines Geistes Scham,</p>
- <p class="verse">Der tief gebeugt nach höchstem Flug?</p>
- <p class="verse">O schmachtend Herz! von dir bekam</p>
- <p class="verse">Dein Welken ich mit all dem Trug</p>
- <p class="verse">Von Ruhmbegier, den heißen Glanz,</p>
- <p class="verse">Um meinen Thron den Strahlenkranz,</p>
- <p class="verse">Der Hölle Heiligenschein! und Not,</p>
- <p class="verse">Die nicht in Hölle heißer loht.</p>
- <p class="verse">O drängend Herz, das nach der Wonne</p>
- <p class="verse">Verlorner Blumen, nach der Sonne</p>
- <p class="verse">Der alten Sommerstunden schreit! &mdash;</p>
- <p class="verse">Die ewige Glocke jener Zeit,</p>
- <p class="verse">Die starb, sie singt nun ohne Enden</p>
- <p class="verse">Eintönig, wie von Zauberhänden</p>
- <p class="verse">Geläutet, deiner Nichtigkeit</p>
- <p class="verse">Ein unsterbliches Grabgeläut.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
- <p class="verse">Ich war nicht immer so wie jetzt:</p>
- <p class="verse">Dies Diadem, das fiebrisch hetzt,</p>
- <p class="verse">Krönt eines Usurpators Gier.</p>
- <p class="verse">Gab gleiche feurige Erbschaft nicht</p>
- <p class="verse">Dem Cäsar Rom &mdash; wie dieses mir?</p>
- <p class="verse">Das Erbe königlicher Kraft</p>
- <p class="verse">Und stolzer Mut und Zuversicht,</p>
- <p class="verse">Die alles Menschliche errafft!</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Auf Bergeserde ward ich Leben.</p>
- <p class="verse">Nachtnebel gossen ihren Tau</p>
- <p class="verse">Aufs Haupt mir aus dem dunklen Grau;</p>
- <p class="verse">Ich glaube, daß der Lüfte Weben,</p>
- <p class="verse">Zu ungestümem Sturm erregt,</p>
- <p class="verse">Durch dies mein eignes Haar gefegt.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">So spät vom Himmel &mdash; Tau &mdash; er fiel</p>
- <p class="verse">(In Träumen unheiliger Nacht)</p>
- <p class="verse">Auf mich herab wie Höllenspiel;</p>
- <p class="verse">Und Flammen, glühendrot entfacht</p>
- <p class="verse">Aus Wolken, die gleich Bannern hingen,</p>
- <p class="verse">Erschienen halbgeschloßnem Blick</p>
- <p class="verse">Als Prunk von Herrschermacht und Glück;</p>
- <p class="verse">Und des Trompeten-Donners Klingen</p>
- <p class="verse">Umbrauste mich wie Wirbelwind</p>
- <p class="verse">Und sprach von Menschenschlacht, darinnen</p>
- <p class="verse">Die <em>meine</em> Stimme &mdash; dummes Kind! &mdash;</p>
- <p class="verse">(Was würde ich vor Lust beginnen</p>
- <p class="verse">Bei solchem Schrei &mdash; erlebt&rsquo; ich dies!)</p>
- <p class="verse">Schlachtruf des Sieges schallen ließ.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
- <p class="verse">Der Regen kam herab auf mein</p>
- <p class="verse">Schutzloses Haupt, und schwerer Wind</p>
- <p class="verse">Machte mich toll und taub und blind:</p>
- <p class="verse">Es mochten wohl nur Menschen sein,</p>
- <p class="verse">Die Lorbeer auf mich niederwarfen,</p>
- <p class="verse">So dachte ich; der Sturm der scharfen</p>
- <p class="verse">Eisigen Luft hat in mein Ohr</p>
- <p class="verse">Hineingegurgelt das Zertrümmern</p>
- <p class="verse">Von Kaiserreichen &mdash; mit dem Wimmern</p>
- <p class="verse">Gefangener Feinde &mdash; Stimmenchor</p>
- <p class="verse">Des Trosses und den Schmeichelton</p>
- <p class="verse">Ringsher um eines Herrschers Thron.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Meine Gier, seit jenen Unglücksstunden,</p>
- <p class="verse">Ward Tyrannei, die ich erstrebte;</p>
- <p class="verse">Man hielt sie, seit ich Macht gefunden,</p>
- <p class="verse">Für meines Innern Grundgebot.</p>
- <p class="verse">Nun sei&rsquo;s! Doch, Vater, einer lebte,</p>
- <p class="verse">Der damals &mdash; da ich jung und sie</p>
- <p class="verse">In stärkerm Feuer noch geloht</p>
- <p class="verse">(Denn Leidenschaften sterben früh) &mdash;</p>
- <p class="verse">Der <em>damals</em> selbst gewußt, daß, ach,</p>
- <p class="verse">Dies eisern Herz in Liebe schwach.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Mir fehlen Worte, um zu sagen,</p>
- <p class="verse">Wie gutes Lieben Freude flicht!</p>
- <p class="verse">Noch würde ich zu zeichnen wagen</p>
- <p class="verse">Ein mehr als schönes Angesicht,</p>
- <p class="verse">Des Züge meinem Geiste sind &mdash;</p>
- <p class="verse">Schatten im unbeständigen Wind:</p>
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
- <p class="verse">Gleich wie mein Aug&rsquo;, mein zögernd mattes,</p>
- <p class="verse">Die Lettern irgendeines Blattes</p>
- <p class="verse">Und alle Wissenschaft darin</p>
- <p class="verse">Zu Phantasien ohne Sinn</p>
- <p class="verse">Oft schmelzen sah &mdash; zu Nichts dahin.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">O, sie war all der Liebe wert!</p>
- <p class="verse">Und so der Kindheit Liebe war,</p>
- <p class="verse">Daß Engel neidvoll sie begehrt;</p>
- <p class="verse">Ihr junges Herz war der Altar,</p>
- <p class="verse">Auf dem als Weihrauch lag mein Hoffen</p>
- <p class="verse">Und Denken &mdash; damals gute Gaben,</p>
- <p class="verse">Denn kindlich waren sie und offen;</p>
- <p class="verse">Ihr Beispiel strahlte rein dem Knaben.</p>
- <p class="verse">O, warum mußte ich&rsquo;s verlassen,</p>
- <p class="verse">Um im Vertrauen auf das Feuer,</p>
- <p class="verse">Das innen brannte ungeheuer,</p>
- <p class="verse">Verwegen nach dem Licht zu fassen?</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wir wuchsen liebend auf &mdash; zusammen &mdash;</p>
- <p class="verse">Durch Wildnis streifend wie das Wild;</p>
- <p class="verse">In Frostzeit meine Brust ihr Schild,</p>
- <p class="verse">Ihr Schild im frohen Sommerflammen.</p>
- <p class="verse">Sie sah wohl lächelnd himmelwärts,</p>
- <p class="verse"><em>Mein</em> Himmel war ihr Aug&rsquo; allein.</p>
- <p class="verse">Der Liebe Lehrer ist &mdash; das Herz:</p>
- <p class="verse">Wenn mitten in dem Sonnenschein</p>
- <p class="verse">Und jenem Lächeln &mdash; nicht etwa,</p>
- <p class="verse">Um kleine Sorgen wett zu machen</p>
- <p class="verse">Noch über Schelmerei zu lachen &mdash;</p>
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
- <p class="verse">Wenn mittendrin es wohl geschah,</p>
- <p class="verse">Daß ich mich warf an ihre Brust</p>
- <p class="verse">Und daß, des Grundes kaum bewußt,</p>
- <p class="verse">Mein Geist in Tränengüssen bangte,</p>
- <p class="verse">Da tat&rsquo;s nicht not, mich zu bekennen,</p>
- <p class="verse">Ihr tröstend meinen Schmerz zu nennen &mdash;</p>
- <p class="verse">Sie, die nach keinem Grund verlangte,</p>
- <p class="verse">Ließ, ohne Ängste kund zu tun,</p>
- <p class="verse">Ihr ruhiges Auge auf mir ruhn.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Dennoch war <em>mehr</em> denn Liebe wert</p>
- <p class="verse">Mein Geist, er rang in wildem Weh,</p>
- <p class="verse">Da ihn &mdash; allein auf Bergeshöh &mdash;</p>
- <p class="verse">Der Ehrgeiz neuen Ton gelehrt;</p>
- <p class="verse">Ich lebte einzig nur in dir:</p>
- <p class="verse">Die Welt und alles, was sie hier</p>
- <p class="verse">In Erde, Luft und Meer umfaßt &mdash;</p>
- <p class="verse">All ihre Lust &mdash; all ihre Last &mdash;</p>
- <p class="verse">Gab neue Freude; ideale</p>
- <p class="verse">Traumnächtig dunkle Nichtigkeiten &mdash;</p>
- <p class="verse">Dunklere Nichtse, doch reale</p>
- <p class="verse">(Schatten &mdash; und schattenhafteres Gleiten</p>
- <p class="verse">Von Licht) auf Nebelschwingen kamen</p>
- <p class="verse">Und wurden also, wirr vereint,</p>
- <p class="verse">Dein Bildnis und &mdash; ein Name &mdash; Name!</p>
- <p class="verse">Zwei Dinge, fremd &mdash; doch eng vereint!</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ehrsüchtig, Vater, war dein Sohn.</p>
- <p class="verse">Kanntest du Leidenschaft? &mdash; Nein &mdash; nein!</p>
- <p class="verse">Ein Ärmster sann ich einen Thron</p>
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
- <p class="verse">Der halben Welt als mein &mdash; als mein &mdash;</p>
- <p class="verse">Noch grollend über niedres Los.</p>
- <p class="verse">Und doch, es waren Träume bloß,</p>
- <p class="verse">Die mit dem Dampf des Taus verflogen</p>
- <p class="verse">Gleich jedem andern Traum, vom Strahl</p>
- <p class="verse">Der Schönheit lieblich angezogen,</p>
- <p class="verse">Der meinem Geist das Dunkel stahl.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wir schritten beide auf der Krone</p>
- <p class="verse">Weit hohen Bergs, der niederschaute</p>
- <p class="verse">Auf stolz getürmte Felsenthrone &mdash;</p>
- <p class="verse">Auf Wald, der Höhen überbaute &mdash;</p>
- <p class="verse">Auf Hügel, die sich talwärts senkten</p>
- <p class="verse">Und tausend Quellen Leben schenkten.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich sprach zu ihr von Ruhm und Macht,</p>
- <p class="verse">Geheimnisvoll, als sollte dies</p>
- <p class="verse">Gerede zu nichts anderm taugen</p>
- <p class="verse">Als nur zum Spiel; in ihren Augen</p>
- <p class="verse">Las ich, vielleicht zu unbedacht,</p>
- <p class="verse">Ein Fühlen, das Verstehen hieß.</p>
- <p class="verse">Ihr klar Erröten schien zu schön</p>
- <p class="verse">Zu kleiden königliche Höhn,</p>
- <p class="verse">Als daß es immerfort allein</p>
- <p class="verse">Licht in der Wildnis sollte sein.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Dann hüllte ich mich selbst in Glanz</p>
- <p class="verse">Mit eingebildeter Krone auf &mdash;</p>
- <p class="verse">Nicht war&rsquo;s, daß Phantasie allein</p>
- <p class="verse">Mich hold geschmückt mit ihrem Kranz,</p>
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
- <p class="verse">Nein, daß im großen Menschenhauf</p>
- <p class="verse">Der Löwe Ehrsucht lahm und klein</p>
- <p class="verse">Sich duckt vor eines Wächters Hand.</p>
- <p class="verse">Doch nicht in Wüsten, wo der Starke,</p>
- <p class="verse">Der Wilde schwört, mit ihrem Marke</p>
- <p class="verse">Zu schüren seines Feuers Brand!</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Blick um dich jetzt auf Samarkand!</p>
- <p class="verse">Ist sie nicht Königin der Erde?</p>
- <p class="verse">Sind alle Städte mehr denn Herde</p>
- <p class="verse">Vor ihrer hohen Herrscherhand?</p>
- <p class="verse">Steht sie erhaben nicht, allein,</p>
- <p class="verse">Im Glanz, den je die Welt gekannt?</p>
- <p class="verse">Fiel sie &mdash; könnt&rsquo; nicht ihr ärmster Stein</p>
- <p class="verse">Der Sockel eines Thrones sein? &mdash;</p>
- <p class="verse">Und wer ihr Herrscher? &mdash; <em>Timur</em> &mdash; er,</p>
- <p class="verse">Den das erstaunte Volk allda</p>
- <p class="verse">&mdash; Gekrönten Räuber! &mdash; stolz und hehr</p>
- <p class="verse">Hin über Reiche schreiten sah!</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">O Menschenliebe! Ausgegossen</p>
- <p class="verse">Als Geist von allem, was erschlossen</p>
- <p class="verse">Uns zeigen mag die Himmelswelt!</p>
- <p class="verse">Die du, wie Regen frisch bestellt</p>
- <p class="verse">Schirokko-dürres Sommerfeld,</p>
- <p class="verse">Die Seele segnend tränkst und näßt</p>
- <p class="verse">Und doch das Herz in Wildnis läßt!</p>
- <p class="verse">Begriff, der alles rings, das lebt,</p>
- <p class="verse">Mit seltsamer Musik umschwebt</p>
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
- <p class="verse">Und wunderlicher Prachtgebärde &mdash;</p>
- <p class="verse">Lebwohl! denn ich gewann die Erde.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Als Adler Hoffnung hoch im Flug</p>
- <p class="verse">Gen Himmel nichts mehr höher sah,</p>
- <p class="verse">Besänftigt wandte er sich da,</p>
- <p class="verse">Daß seine Schwinge heimwärts schlug.</p>
- <p class="verse">War Sonnenuntergang: wenn weit</p>
- <p class="verse">Die Sonne sinkt, kommt Düsterkeit</p>
- <p class="verse">Ins Herz ihm, der noch gern erblickte</p>
- <p class="verse">Den Glanz, den Sommersonne schickte.</p>
- <p class="verse">Er wird den Duft des Abends hassen,</p>
- <p class="verse">Wird lauschend vor dem Klang erblassen</p>
- <p class="verse">Der Nacht (den Lauschern offenbar)</p>
- <p class="verse">Als einer, der in Traumesbann</p>
- <p class="verse">Entfliegen <em>möchte</em>, doch nicht <em>kann</em>,</p>
- <p class="verse">Vor einer nahenden Gefahr.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wenn Mond, der weiße Mond, auch ganz</p>
- <p class="verse">Ausschüttet seines Mittags Glanz,</p>
- <p class="verse"><em>Sein</em> frostig Lächeln, <em>sein</em> Geleit</p>
- <p class="verse">Scheint jener Zeit der Düsterkeit</p>
- <p class="verse">Ein Bild aus Tagen nach dem Tod.</p>
- <p class="verse">Jugend ist eine Sommersonne,</p>
- <p class="verse">Die nichts uns läßt von Wert und Wonne,</p>
- <p class="verse">Wenn sie verschwand, nur Nichts und Not.</p>
- <p class="verse">Denn alles Wissen, dem wir lebten,</p>
- <p class="verse">Ward uns; was wir zu halten strebten,</p>
- <p class="verse">Entfloh; so laß das Erdenwallen</p>
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
- <p class="verse">Mit seiner Mittagsschönheit fallen,</p>
- <p class="verse">Die alles ist. &mdash; Ich eilte her</p>
- <p class="verse">Zu meinem Heim &mdash; mein Heim nicht mehr &mdash;</p>
- <p class="verse">Denn was es je dazu gemacht,</p>
- <p class="verse">War fort; trat ich auch sanft und sacht</p>
- <p class="verse">Durch seine moosige Tür, es drang</p>
- <p class="verse">Vom Schwellenstein der Stimme Klang</p>
- <p class="verse">Von einer, die ich einst gekannt.</p>
- <p class="verse">Ich leugne, Hölle, daß dein Brand</p>
- <p class="verse">Mehr Demut brennt als nun mein Herz,</p>
- <p class="verse">Mehr Wehmut kennt als nun mein Schmerz!</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-<div class="centerpic" id="img-159">
-<img src="images/159.jpg" alt="" /></div>
-
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Vater, ich glaube fest &mdash; ich <em>weiß</em> &mdash;</p>
- <p class="verse">Denn Tod, der kommt aus Segensferne,</p>
- <p class="verse">Die ohne trügerisches Hoffen,</p>
- <p class="verse">Er ließ sein eisern Tor weit offen,</p>
- <p class="verse">Und strahlend glühn der Wahrheit Sterne</p>
- <p class="verse">Durch Ewigkeit und flammen heiß &mdash;</p>
- <p class="verse">Ich glaube, einen Fallstrick hat</p>
- <p class="verse">Satan auf jedem Menschenpfad;</p>
- <p class="verse">Denn wie sonst konnte dieses sein:</p>
- <p class="verse">Als ich gelebt im heiligen Hain</p>
- <p class="verse">Der Göttin Liebe, die so rein</p>
- <p class="verse">Alltäglich salbt die schneeige Schwinge</p>
- <p class="verse">Im Weihrauch frommer Opferbrände</p>
- <p class="verse">Und andrer unbefleckten Dinge,</p>
- <p class="verse">Im Haine, dessen Dach und Wände,</p>
- <p class="verse">Wo Lücken läßt das Laubgewind,</p>
- <p class="verse">Mit Strahlen eng vergittert sind,</p>
- <p class="verse">Durch die kein Stäubchen, keine Mücke,</p>
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
- <p class="verse">Ausweichend ihrem Adlerblicke,</p>
- <p class="verse">Eindringen kann &mdash; wie sonst denn war</p>
- <p class="verse">Dies möglich, daß nicht wahrnehmbar</p>
- <p class="verse">Die Ehrsucht dort ins Glück gedrungen,</p>
- <p class="verse">Bis dreister sie emporgesprungen</p>
- <p class="verse">Hohnlachend in der Liebe Haar?</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-<h3 class="poem" id="chapter-8-6">
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-DAS KOLOSSEUM
-</h3>
-
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Urbild des alten Rom! Reliquienschrein</p>
- <p class="verse">Für Schaun und hohen Traum, den in die Zeit</p>
- <p class="verse">Jahrhunderte von Pracht und Macht gestellt!</p>
- <p class="verse">Nun endlich &mdash; endlich &mdash; nach so vielen Tagen</p>
- <p class="verse">Von Wandermüdigkeit und gierem Durst</p>
- <p class="verse">(Von Durst zum Quell des Wissens, den du birgst)</p>
- <p class="verse">Ein andrer und demütiger kniee ich</p>
- <p class="verse">In deinem Schatten nun und trinke ein</p>
- <p class="verse">Dein ragend Düster, deinen Glanz und Ruhm.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Unendlichkeit und Öde! Schwermut, Schweigen!</p>
- <p class="verse">Uralter Zeit Erinnern &mdash; düstere Nacht!</p>
- <p class="verse">Ich fühl euch jetzt &mdash; fühl eure ganze Wucht &mdash;</p>
- <p class="verse">O Zauber, stärker als Judäas König</p>
- <p class="verse">Voreinst gelehrt im Berg Gethsemane!</p>
- <p class="verse">O Wunder, machtvoller als der Chaldäer</p>
- <p class="verse">Jemals verzückt aus stillen Sternen zog!</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Hier, wo ein Held einst stürzte, stürzt die Säule.</p>
- <p class="verse">Hier, wo ein goldner toter Adler glänzte,</p>
- <p class="verse">Hält mitternächtig Wacht die Fledermaus.</p>
- <p class="verse">Hier, wo der Damen Roms vergoldet Haar</p>
- <p class="verse">Im Winde wehte, wogt nun Ried und Distel.</p>
- <p class="verse">Hier, wo auf goldnem Thron der Herrscher lehnte,</p>
- <p class="verse">Schlüpft geisterhaft aus ihrem Marmorhaus,</p>
- <p class="verse">Vom Schein des zwiegehörnten Monds beleuchtet,</p>
- <p class="verse">Die flinke Echse schweigend über Steine.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
- <p class="verse">Doch halt! Die Mauern &mdash; diese Bogengänge,</p>
- <p class="verse">Hochauf von altem Efeu eingekleidet,</p>
- <p class="verse">Die schwarzen bröckeligen Säulensockel</p>
- <p class="verse">Und düstern Schäfte, dunklen Kapitäle,</p>
- <p class="verse">Zerfallenden und fast verblaßten Friese,</p>
- <p class="verse">Zersprungnen Kranzgebälke &mdash; dieses Wrack &mdash;</p>
- <p class="verse">All diese Steine &mdash; ach, die grauen Steine &mdash;</p>
- <p class="verse">Sind sie denn alles, was der Zahn der Zeit</p>
- <p class="verse">Von all dem Ruhm und ungeheuren Glanz</p>
- <p class="verse">Für mich und für das Schicksal übrig ließ?</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Nicht alles &mdash;&ldquo; geben mir die Echos Antwort &mdash;</p>
- <p class="verse">&bdquo;Nicht alles, nein! Prophetische Klänge steigen &mdash;</p>
- <p class="verse">Und laute Klänge &mdash; ewig von uns auf,</p>
- <p class="verse">Von allen Trümmern zu den Weisen auf,</p>
- <p class="verse">Wie Melodie von Memnon steigt zur Sonne.</p>
- <p class="verse">Wir leiten alle riesenhaften Geister!</p>
- <p class="verse">In unumschränkter Macht beherrschen wir</p>
- <p class="verse">Mit unserm Schwung die Herzen aller Großen.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wir sind nicht leblos &mdash; wir erblichnen Steine.</p>
- <p class="verse">Nicht alle Macht ist hin &mdash; nicht aller Ruhm &mdash;</p>
- <p class="verse">Nicht aller Zauber unsres hohen Rufes &mdash;</p>
- <p class="verse">Nicht all das Wunder, das uns rund umfaßt &mdash;</p>
- <p class="verse">Nicht all Geheimnis, das in uns verborgen &mdash;</p>
- <p class="verse">Nicht all Erinnern, das wie ein Gewand</p>
- <p class="verse">Uns rund umhängt und überall bedeckt</p>
- <p class="verse">Und das uns hüllt in mehr als Herrlichkeit!&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-<h3 class="poem" id="chapter-8-7">
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-DIE STADT IM MEER
-</h3>
-
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Weh! wunderliche einsame Stadt,</p>
- <p class="verse">Drin Tod seinen Thron errichtet hat,</p>
- <p class="verse">Tief unter des Westens düsterer Glut,</p>
- <p class="verse">Wo Sünde bei Güte, wo Schlecht bei Gut</p>
- <p class="verse">In letzter ewiger Ruhe ruht.</p>
- <p class="verse">An Schlössern, Altären und Türmen hat</p>
- <p class="verse">(Zerfreßnen Türmen, die nicht beben!)</p>
- <p class="verse">Nichts Gleiches eine unsrige Stadt.</p>
- <p class="verse">Von Winden vergessen, die wühlen und heben,</p>
- <p class="verse">Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum,</p>
- <p class="verse">Schwermütige Wasser, ergeben und stumm.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Kein Strahlen vom Himmel kommt herab</p>
- <p class="verse">Auf jener Stadt langnächtiges Grab.</p>
- <p class="verse">Doch steigt ein Licht aus dem Meer herauf,</p>
- <p class="verse">Strömt schweigend an kühnen Zinnen hinauf,</p>
- <p class="verse">Hinauf an Türmen bis zum Knauf,</p>
- <p class="verse">Hinauf an Palästen, an Zitadellen,</p>
- <p class="verse">An Tempeln hinauf und an Babylonwällen,</p>
- <p class="verse">Hinauf an vergessenen Laubengängen</p>
- <p class="verse">Mit eingemeißelten Fruchtgehängen,</p>
- <p class="verse">Hinauf an manchem Opferstein,</p>
- <p class="verse">Auf dessen Friesen zu engem Verein</p>
- <p class="verse">Verflochten Viola, Violen und Wein.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum,</p>
- <p class="verse">Schwermütige Wasser, ergeben und stumm.</p>
- <p class="verse">Die Mauern und Schatten wie Nebelduft &mdash;</p>
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
- <p class="verse">Es scheint, als hänge alles in Luft.</p>
- <p class="verse">Vom Turm, der herrschend ragt und droht,</p>
- <p class="verse">Schaut riesenhaft herab der Tod.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Geöffnete Tempel und Totengrüfte</p>
- <p class="verse">Gähnen auf leuchtende Meeresschlüfte.</p>
- <p class="verse">Doch nicht die blitzenden Juwelen</p>
- <p class="verse">In goldner Götzen Augenhöhlen</p>
- <p class="verse">Und nicht der reiche Tod verführen</p>
- <p class="verse">Die starren Wasser, sich zu rühren:</p>
- <p class="verse">Kein kleinstes Wellchen kommt in Gang</p>
- <p class="verse">Die gläserne Einöde entlang,</p>
- <p class="verse">Kein Kräuseln erinnert, daß weniger leer</p>
- <p class="verse">Von Wind ist irgendein anderes Meer,</p>
- <p class="verse">Nichts sagt, daß je ein Wehen war</p>
- <p class="verse">Auf Meeren, die weniger grauenhaft klar.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Doch, o &mdash; es regt sich leis wie Wind!</p>
- <p class="verse">Ein Wellen durch das Wasser rinnt &mdash;</p>
- <p class="verse">Als ob die Türme im sachten Sinken</p>
- <p class="verse">Die Flut verschöben zur Rechten und Linken &mdash;</p>
- <p class="verse">Als ob schon die Spitzen inmitten des blassen</p>
- <p class="verse">Himmels Lücken zurückgelassen.</p>
- <p class="verse">Ein roteres Glimmen steigt heran &mdash;</p>
- <p class="verse">Die Stunden halten den Atem an &mdash;</p>
- <p class="verse">Und wenn die Stadt hinab, hinab</p>
- <p class="verse">Von hinnen sinkt mit unirdischem Stöhnen,</p>
- <p class="verse">Wird ihr von eintausend Thronen herab</p>
- <p class="verse">Der Gruß der Hölle tönen.</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-<h2 class="part" id="part-9">
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-INHALT
-</h2>
-
- <div class="table">
-<table class="toc" summary="TOC">
-<tbody>
- <tr>
- <td class="col1">Ligeia</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-1">1</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Berenice</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-29">29</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Morella</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-51">51</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Eleonora</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-63">63</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Insel der Fee</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-77">77</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Landors Landhaus</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-87">87</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Der Herrschaftssitz Arnheim</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-107">107</a></td>
- </tr>
- <tr class="v">
- <td class="col1">GEDICHTE</td>
- <td class="col_page">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Der Rabe</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-133">133</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Annabel Lee</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-138">138</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Ulalume</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-140">140</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Glocken</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-146">146</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Tamerlan</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-151">151</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Das Kolosseum</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-163">163</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Stadt im Meer</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-165">165</a></td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
- </div>
-<p class="printer">
-DIESES BUCH WURDE IM AUFTRAGE DES
-PROPYLÄEN-VERLAGS IN BERLIN IN EINER
-EINMALIGEN AUFLAGE VON TAUSEND IN
-DER PRESSE NUMERIERTEN EXEMPLAREN
-IN DER BUCHDRUCKEREI OTTO ELSNER
-IN BERLIN GEDRUCKT
-</p>
-
-<p class="exemplar">
-EXEMPLAR <span class="sc">Nr</span> 933
-</p>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="handheld-only">Im Original
-g&nbsp;e&nbsp;s&nbsp;p&nbsp;e&nbsp;r&nbsp;r&nbsp;t
-hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert.
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
-... mit faltenreichem <span class="underline">schweren</span> Goldstoff verhangen &mdash; demselben ...<br />
-... mit faltenreichem <a href="#corr-0"><span class="underline">schwerem</span></a> Goldstoff verhangen &mdash; demselben ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... In der Tat, <span class="underline">nichs</span> hätte wohl einfacher &mdash; unaufdringlicher wirken ...<br />
-... In der Tat, <a href="#corr-1"><span class="underline">nichts</span></a> hätte wohl einfacher &mdash; unaufdringlicher wirken ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... entgegen seiner eigenen <span class="underline">Anschauug</span>, zu Taten veranlassen. ...<br />
-... entgegen seiner eigenen <a href="#corr-2"><span class="underline">Anschauung</span></a>, zu Taten veranlassen. ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Ligeia und andere Novellen / Sieben
-Gedichte, by Edgar Allan Poe
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LIGEIA UND ANDERE NOVELLEN ***
-
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