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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-05 06:02:20 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Ligeia und andere Novellen / Sieben Gedichte - Ligeia / Berenice / Morella / Eleonora / Die Insel der Fee - / Landors Landhaus / Der Herrschaftssitz Arnheim / Der - Rabe / Annabel Lee / Ulalume / Die Glocken / Tamerlan / - Das Kolosseum / Die Stadt im Meer - -Author: Edgar Allan Poe - -Illustrator: Alfred Kubin - -Translator: Gisela Etzel - Theodor Etzel - -Release Date: January 10, 2016 [EBook #50887] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LIGEIA UND ANDERE NOVELLEN *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - - EDGAR ALLAN POE - LIGEIA - UND ANDERE NOVELLEN - SIEBEN GEDICHTE - - EDGAR ALLAN POE - - - - - LIGEIA - UND ANDERE NOVELLEN - ÜBERSETZT VON GISELA ETZEL - SIEBEN GEDICHTE - ÜBERSETZT VON THEODOR ETZEL - - - MIT VIERZEHN BILDBEIGABEN - VON - ALFRED KUBIN - - BERLIN / IM PROPYLÄEN-VERLAG - - Alle Rechte vorbehalten - - Copyright 1920 by Propyläen-Verlag G. m. b. H. in Berlin - - - - - LIGEIA - - - Und es liegt darin der Wille, der - nicht stirbt. Wer kennt die Geheimnisse - des Willens und seine Gewalt? Denn - Gott ist nichts als ein großer Wille, der - mit der ihm eignen Kraft alle Dinge - durchdringt. Der Mensch überliefert - sich den Engeln oder dem Nichts einzig - durch die Schwäche seines schlaffen - Willens. - - Joseph Glanvill - -Bei meiner Seele! ich kann mich nicht erinnern, wie, wann und wo ich die -erste Bekanntschaft machte -- der Lady Ligeia. Lange Jahre sind seitdem -verflossen, und mein Gedächtnis ist schwach geworden durch vieles -Leiden. Vielleicht auch kann ich mich dieser Einzelheiten nur darum -nicht mehr erinnern, weil der Charakter meiner Geliebten, ihr -umfassendes Wissen, ihre eigenartige und doch milde Schönheit und die -überwältigende Beredsamkeit ihrer sanft tönenden Stimme -- weil dies -alles zusammen nur ganz allmählich und verstohlen den Weg in mein Herz -nahm, zu allmählich, als daß ich daran gedacht hätte, mir jene äußeren -Umstände einzuprägen. - -Ich habe jedoch das Empfinden, als sei ich ihr zum ersten Mal und -hierauf wiederholt in einer altertümlichen Stadt am Rhein begegnet. Und -eins weiß ich bestimmt: sie erzählte mir von ihrer Familie, die sehr -alten Ursprungs war. -- Ligeia! Ligeia! -- Trotzdem ich in Studien -vergraben bin, deren Art mehr noch als alles andre dazu angetan ist, -mich von Welt und Menschen abzusondern, genügt dies eine süße Wort -»Ligeia«, um vor meinen Augen ihr Bild erstehen zu lassen -- das Bild -von ihr, die nicht mehr ist. Und jetzt, während ich schreibe, überfällt -mich urplötzlich das Bewußtsein, daß ich von ihr, meiner Freundin und -Verlobten, der Gefährtin meiner Studien und dem Weib meines Herzens, den -Namen ihrer Familie nie erfahren habe. War es ein schalkhafter Streich, -den Ligeia mir gespielt hatte? War es ein Beweis meiner bedingungslosen -Hingabe, daß ich nie eine Frage danach tat? Oder war es meinerseits eine -Laune, ein romantisches Opfer, das ich auf den Altar meiner -leidenschaftlichen Ergebenheit niedergelegt hatte? Der bloßen Tatsache -sogar kann ich mich nur unklar erinnern -- was Wunder, daß ich die -Gründe dafür vollständig vergessen habe! Und wirklich, wenn jemals der -romantische Geist der bleichen und nebelbeschwingten Aschtophet des -götzengläubigen Ägyptens, wie die Sage meldet, über unglückliche Ehen -geherrscht hat, so ist es gewiß, daß er meine Ehe stiftete und -beherrschte. - -Immerhin hat mich wenigstens in einem Punkt meine Erinnerung nicht -verlassen: die Persönlichkeit Ligeias steht mir heute noch klar vor -Augen. Sie war von hoher, schlanker Gestalt, in ihren letzten Tagen -sogar sehr hager. Vergebliches Bemühen wäre es, wenn ich eine -Beschreibung der Erhabenheit, der würdevollen Gelassenheit ihres Wesens -oder der unvergleichlichen Leichtigkeit und Elastizität ihres Schreitens -versuchen wollte. Sie kam und ging wie ein Schatten. War sie in mein -Arbeitszimmer gekommen, so bemerkte ich ihre Anwesenheit nicht eher, als -bis ich den lieben Wohlklang ihrer sanften, süßen Stimme vernahm oder -ihre marmorweiße Hand auf meiner Schulter fühlte. Kein Weib auf Erden -trug solche Schönheit im Antlitz wie sie! Strahlend schön war sie, wie -die Erscheinung eines Opiumtraumes, wie eine göttliche, beseligende -Vision -- göttlicher noch als die Traumgebilde, die durch die -schlafenden Seelen der Töchter von Delos wehen. Doch waren ihre Züge -keineswegs von jener Regelmäßigkeit, wie die klassischen Bildwerke des -Heidentums sie aufweisen und die man mit Unrecht so übertrieben -bewundert. »Es gibt keine auserlesene Schönheit«, sagt Bacon Lord -Verulam da, wo er von allen Formen und Arten der Schönheit spricht, -»ohne eine gewisse Seltsamkeit in der Proportion.« Aber wenn ich auch -sah, daß die Züge Ligeias nicht von klassischer Regelmäßigkeit waren, -wenn ich auch feststellte, daß ihre Schönheit in der Tat »auserlesen« -war, und fühlte, daß viel »Seltsamkeit« in ihren Zügen lag, so habe ich -doch vergebens versucht, dieser Unregelmäßigkeit auf die Spur zu kommen -und meine Feststellung des »Seltsamen« zu begründen. Ich prüfte die -Kontur der hohen und bleichen Stirn -- sie war fehlerlos. Wie kalt -klingt doch dies Wort für eine so göttliche Majestät, für die wie -reinstes Elfenbein schimmernde Haut, die gebieterische Breite und -ruhevolle Harmonie dieser Stirn, die sanfte Erhöhung über den Schläfen, -die eine üppige Fülle rabenschwarzer glänzender Locken umschmiegte -- -Locken, die das homerische Epitheton »hyazinthen« so wunderbar -ausfüllten! -- Ich prüfte die feinen Linien der Nase: nirgends anders -als auf althebräischen Medaillons hatte ich ebenso vollkommen Schönes -gesehen; nur dort hatte ich eine gleich wundervolle Zartheit und -dieselbe kaum wahrnehmbare Neigung zu sanfter Krümmung, dieselben -harmonisch geschweiften Nasenflügel, die einen freien Geist verrieten, -gefunden. -- Ich betrachtete den süßen Mund. Hier feierten alle -Himmelswonnen ihr triumphierendes Fest: dieser entzückende Schwung der -kurzen Oberlippe, diese weiche, wollüstige Ruhe der Unterlippe, diese -tändelnden Grübchen, diese lockende Farbe, diese schimmernden Zähne, die -jeden Strahl des heiligen Lichtes widerspiegelten, mit dem ihr heiteres -und ruhevolles und gleichwohl frohlockendes Lächeln sie blendend -schmückte. -- Ich prüfte die Form des Kinns und fand auch hier in seiner -sanften Breite Majestät, Fülle und griechischen Geist -- fand die -Kontur, die der Gott Apoll dem Kleomenes, dem Sohn des Atheners, im -Traume nur enthüllte. -- Und dann vertiefte ich mich in Ligeias große -Augen. - -Für Augen finden wir im fernen Altertum kein Vorbild. Es mochte sein, -daß eben hier -- in den Augen meiner Geliebten -- das Geheimnis lag, von -dem Lord Verulam spricht. Sie schienen mir weit größer als sonst die -Augen unsrer Rasse. Sie waren üppiger als selbst die üppigsten Augen der -Gazellen vom Stamme des Tales Nourjahad. Doch geschah es nur zuzeiten -- -in Augenblicken tiefster Erregung --, daß diese »Seltsamkeit«, von der -ich vorhin sprach, deutlicher bei ihr wahrnehmbar wurde. Und in solchen -Augenblicken war Ligeias Schönheit -- vielleicht kam es auch nur meiner -erglühten Phantasie so vor -- die Schönheit von überirdischen oder -unirdischen Wesen, die Schönheit der sagenhaften Huri der Türken. Von -strahlendstem Schwarz waren ihre Pupillen und waren tief beschattet von -sehr langen, jettschwarzen Wimpern. Die Brauen, deren Linien kaum -merklich unregelmäßig waren, hatten die gleiche Farbe. Die Seltsamkeit -aber, die ich in den Augen fand, lag nicht in Form, Farbe oder Glanz, -sie muß wohl in ihrem Ausdruck gelegen haben. Ach, bedeutungsloses Wort! -Leeres Wort, hinter dessen bloßem Klang wir uns mit unsrer Unkenntnis -alles Geistigen verschanzen. - -Der Ausdruck von Ligeias Augen! O, wie viele Stunden habe ich ihm -nachgesonnen! Wie habe ich eine ganze Mittsommernacht lang gerungen, ihn -zu ergründen! Was war es, dies Etwas, das tief innen in den Pupillen -meiner Geliebten verborgen lag, das unergründlicher war als die Quelle -des Demokritos? Was war es? Ich war wie besessen von dem Verlangen, es -zu entdecken. Diese Augen! Diese großen, diese schimmernden, diese -göttlichen Augen! Sie wurden für mich die Zwillingssterne der Leda, und -ich war ihr andächtigster Astrologe. - -Es gibt in der Psychologie viele unlösbare Rätsel, das unheimlichste -aber und aufregendste von allen erschien mir stets die Tatsache -- die -übrigens von den Psychologen kaum je erwähnt worden ist --, daß wir oft, -wenn wir etwas längst Vergessenes wieder in unser Gedächtnis zurückrufen -wollen, bis an die Schwelle des Erinnerns gelangen, ohne doch das, was -sozusagen schon vor uns steht, wirklich festhalten zu können. Und wie -oft, wenn ich den Augen Ligeias nachsann, fühlte ich mich der vollen -Aufklärung über die Bedeutung ihres Ausdrucks ganz nahe: ich fühlte, -diese Aufklärung war da -- gleich, gleich würde ich sie erfassen -- und -da entschwebte sie wieder, noch ehe ich sie hatte festhalten können. Und --- sonderbares, o sonderbarstes Mysterium! -- ich fand in den -gewöhnlichsten Dingen von der Welt eine Reihe von Analogien zu diesem -Ausdruck. Ich will damit sagen: nachdem Ligeias eigenartige Schönheit -mir bewußt geworden war und nun im Altarschrein meines Herzens ruhte, -lösten viele Erscheinungen der realen Welt dasselbe Empfinden in mir aus -wie der Blick aus Ligeias großen, leuchtenden Augen. Trotzdem aber -wollte es mir nicht gelingen, dies Empfinden zu ergründen oder zu -zergliedern; auch überkam es mich nicht stets in der gleichen Stärke. Um -mich näher zu erklären: jenes Gefühl erfüllte mich zum Beispiel beim -Anblick einer schnell emporschießenden Weinrebe, bei der Betrachtung -eines Nachtfalters, einer Schmetterlingspuppe, eines eilig strömenden -Wasserlaufes. Ich habe es im Ozean gefunden und beim Fallen eines -Meteors, sogar im Blick ungewöhnlich alter Leute. Und es gibt am -Firmament ein paar Sterne, vor allem ein veränderliches Doppelgestirn -sechster Größe nahe beim großen Stern der Leier, bei deren Betrachtung -durch das Teleskop ich mich des nämlichen Gefühls nicht erwehren konnte. -Gewisse Töne von Saiteninstrumenten und bestimmte Stellen in Büchern -durchschauerten mich in ähnlicher Art. Unter zahllosen andern Beispielen -erinnere ich mich besonders eines Ausspruchs, den ich bei Joseph -Glanvill fand und der -- vielleicht nur wegen seiner Wunderlichkeit -- -immer wieder diese Stimmung in mir erweckte: »Und es liegt darin der -Wille, der nicht stirbt. Wer kennt die Geheimnisse des Willens und seine -Gewalt? Denn Gott ist nichts als ein großer Wille, der mit der ihm -eignen Kraft alle Dinge durchdringt. Der Mensch überliefert sich den -Engeln oder dem Nichts einzig durch die Schwäche seines schlaffen -Willens.« - -Eifriges Nachdenken lange Jahre hindurch hat mir nun wirklich gewisse -leise Beziehungen gezeigt zwischen diesem Ausspruch des englischen -Philosophen und einem Teil von Ligeias Wesen. Es lebte in ihr ein -unerhört starker Wille, der während unseres langen Zusammenlebens nie -spontan zutage trat, sondern sich nur in einer unglaublichen Anspannung -des Denkens, Tuns und Redens zu erkennen gab. Von allen Frauen, die ich -je gekannt, war sie, die äußerlich ruhevolle, die stets gelassen milde -Ligeia, wie keine andre die Beute der tobenden Geier grausamster -Leidenschaftlichkeit. Und diese Leidenschaftlichkeit enthüllte sich mir -nur im wundervollen Strahlen ihrer Augen, die mich gleichzeitig -entzückten und entsetzten, in der fast zauberhaften Melodie, Weichheit, -Klarheit und Würde ihrer sonoren Stimme und in der flammenden Energie, -die in ihren seltsam gewählten Worten lag und die im Kontrast mit der -Ruhe, mit der sie gesprochen wurden, doppelt wirkungsvoll war. - -Ich erwähnte schon das umfassende Wissen Ligeias: ihre Kenntnisse waren -unermeßlich -- für eine Frau ganz unerhört. In allen klassischen -Sprachen war sie Meister, und auch in den modernen Sprachen des -Kontinents habe ich ihr, soweit ich selbst mit diesen Sprachen vertraut -war, nie einen Fehler nachweisen können. Und gab es denn überhaupt -irgendein Thema aus den Gebieten der höchsten und schwierigsten -Wissenschaften, bei dem ich Ligeia jemals auf Unkenntnis oder Irrtum -ertappt hätte? Wie sonderbar, wie schauerlich! Diese eine Seite nur vom -Wesen meiner Frau ist meinem Gedächtnis heute noch erinnerlich. Ich -sagte, an Wissen überragte sie weit alle anderen Frauen -- doch wo lebt -der Mann, der die philosophische, physikalische und mathematische -Wissenschaft in ihrer ganzen unermeßlichen Ausdehnung so verständnisvoll -beherrscht hätte?! Damals sah ich noch nicht, was ich jetzt klar -erkenne, daß dies Wissen Ligeias unglaublich, daß es gigantisch war. -Doch blieb ich mir ihrer unendlichen Überlegenheit genügend bewußt, um -mich mit kindlichem Vertrauen ihrer Führung durch die chaotische Welt -metaphysischer Probleme, mit denen ich mich während der ersten Jahre -unserer Ehe eifrig beschäftigte, zu überlassen. Mit welch ungeheurem -Triumph -- mit welch lebhaftem Entzücken -- mit welch himmlischer -Hoffnung konnte ich, wenn sie in diesem so unbekannten, so wenig -gepflegten Studium sich helfend zu mir neigte, fühlen, wie vor mir der -herrlichste Ausblick sich öffnete und ein in diese glänzenden Höhen -führender, langer, köstlicher und noch ganz unbetretener Pfad sichtbar -wurde, auf dem ich wohl endlich empor ans Ziel einer Weisheit gelangen -durfte, die zu göttlich erhaben ist, um nicht verboten zu sein! - -Wie heftig muß da der Gram gewesen sein, mit dem ich einige Jahre später -meine so festgegründeten Hoffnungen Flügel nehmen und sich -davonschwingen sah! Ohne Ligeia war ich nichts als ein durch Dunkel -tastendes Kind. Nur ihre Gegenwart, ihr Erklären brachte helles Licht in -die vielen Mysterien des Transzendentalen, in die wir eingedrungen -waren. Wenn den golden züngelnden Schriftzeichen der leuchtende Glanz -ihrer Augen fehlte, wurden sie matter als stumpfes Blei. Und seltener -und seltener fiel nun der Strahl dieser Augen auf die Blätter, über -deren Inhalt ich brütete. Ligeia wurde krank. Die herrlichen Augen -strahlten in übernatürlichen Flammen, die bleichen Hände wurden -wachsfarben wie bei einem Toten, und die blauen Adern auf der hohen -Stirn hoben sich und pochten ungestüm bei der geringsten Aufregung. Ich -sah, daß sie sterben mußte -- und mein Geist rang verzweifelt mit dem -grimmen Azrael. - -Noch angestrengter als ich -- rang zu meinem Erstaunen das -leidenschaftliche Weib. So manches in ihrer ernsten Natur hatte in mir -den Glauben gezeitigt, daß für sie der Tod keine Schrecken haben werde --- doch dem war nicht so. Es gibt keine Worte, die auch nur annähernd -die Wildheit ihres Widerstandes beschreiben könnten, den sie dem -Schatten Tod entgegensetzte. Ich stöhnte gequält bei diesem -mitleiderregenden Anblick. Ich wollte besänftigen, aber gegenüber der -unheimlichen Gewalt, mit der sie nur leben -- nur leben -- nichts als -leben wollte, schienen Trost und Zuspruch unsäglich albern. Aber -trotzdem sich ihr feuriger Geist so wild gebärdete, bewahrte sie die -Hoheit ihres äußeren Wesens bis zum letzten Augenblick, dem Augenblick -des Todeskampfes. Ihre Stimme wurde noch sanfter -- wurde noch tiefer -- -dennoch möchte ich jetzt bei dem grausigen Sinn der Worte, die sie in -aller Ruhe sprach, nicht nachdenkend verweilen. Mein Geist, der diesen -überirdischen Tönen hingerissen lauschte -- diesem Hoffen und Ringen, -dieser gewaltigen Sehnsucht, wie nie zuvor ein Sterblicher sie fühlte -- -taumelte und verwirrte sich. - -Daß sie mich liebte, daran hatte ich nie gezweifelt, auch konnte ich mir -wohl sagen, daß die Liebe eines solchen Herzens nicht mit gewöhnlichem -Maß zu messen sei. Aber erst in ihrem Sterben erhielt ich von der wahren -Kraft ihrer Liebe den vollen Eindruck. Lange Stunden hielt sie meine -Hand und schüttete vor mir das Überfluten eines Herzens aus, dessen mehr -als leidenschaftliche Ergebenheit an Anbetung grenzte. Wie hatte ich es -verdient, mit solchen Bekenntnissen gesegnet zu werden? Und wie hatte -ich es verdient, durch den Verlust der Geliebten verdammt zu werden -- -in der nämlichen Stunde, da sie mir diese Bekenntnisse machte? Doch ich -kann es nicht ertragen, von diesen Dingen zu sprechen. Nur eines laßt -mich sagen: ich erkannte in Ligeias mehr als weiblicher Hingabe an eine -Liebe, die ich, ach, gar so wenig verdiente, den wahren Grund für ihr so -tiefes, so wildes Begehren nach dem Leben -- dem Leben, das jetzt so -eilend entfloh. Für dies wilde Sehnen, für diese Gier und Gewalt des -Verlangens nach Leben -- nur nach Leben -- finde ich keine -Ausdrucksmöglichkeit; keine Worte gibt es, die es sagen könnten. - -In der Nacht ihres Scheidens ließ sie mich nicht von ihrer Seite. In -tiefster Mitternachtsstunde bat sie mich, ihr einige Verse herzusagen, -die sie selbst wenige Tage vorher verfaßt hatte. Ich gehorchte. Hier -sind sie: - - O schaut, es ist festliche Nacht - Inmitten einsam letzter Tage! - Ein Engelchor, schluchzend, in Flügelpracht - Und Schleierflor, sieht zage - Im Schauspielhaus ein Schauspiel an - Von Hoffnung, Angst und Plage, - Derweil das Orchester dann und wann - Musik haucht: Sphärenklage. - - Schauspieler, Gottes Ebenbilder, - Murmeln und brummeln dumpf - Und hasten planlos, immer wilder, - Sind Puppen nur und folgen stumpf - Gewaltigen, düsteren Dingen, - Die umziehn ohne Form und Rumpf - Und dunkles Weh aus Kondorschwingen - Schlagen voll Triumph. - - Dies närrische Drama! -- O fürwahr, - Nie wird's vergessen werden, - Nie sein Phantom, verfolgt für immerdar - Von wilder Rotte rasenden Gebärden, - Verfolgt umsonst -- zum alten Fleck - Kehrt stets der Kreislauf neu zurück --, - Und nie die Tollheit, die Sünde, der Schreck - Und das Grausen: die Seele vom Stück. - - Doch sieh, in die mimende Runde - Drängt schleichend ein blutrot Ding - Hervor aus ödem Hintergrunde - Der Bühne -- ein blutrot Ding. - Es windet sich! -- windet sich in die Bahn - Der Mimen, die Angst schon tötet; - Die Engel schluchzen, da Wurmes Zahn - In Menschenblut sich rötet. - - Aus -- aus sind die Lichter -- alle aus! - Vor jede zuckende Gestalt - Der Vorhang fällt mit Wetterbraus, - Ein Leichentuch finster und kalt. - Die Engel schlagen die Schleier zurück, - Sind erbleicht und entschweben im Sturm; - »Mensch« nennen sie das tragische Stück, - Seinen Helden »Eroberer Wurm«. - -»O Gott!« schrie Ligeia, sprang vom Bett auf und reckte die Arme empor. -»Gott! Gott! O göttlicher Vater! Muß das immer unabänderlich so sein? -Soll dieser Sieger nie, niemals besiegt werden? Sind wir nicht Teil und -Teile von dir? Wer -- wer kennt die Geheimnisse des Willens und seine -Gewalt? Der Mensch überliefert sich den Engeln oder dem Nichts einzig -durch die Schwäche seines schlaffen Willens.« - -Und nun, wie von innrer Bewegung überwältigt, ließ sie die weißen Arme -sinken und kehrte feierlich auf ihr Sterbebett zurück. Und als sie die -letzten Seufzer hauchte, kam gleichzeitig ein leises Murmeln von ihren -Lippen. Ich legte das Ohr an ihren Mund und vernahm wieder die -Schlußworte des Glanvillschen Ausspruchs: »Der Mensch überliefert sich -den Engeln oder dem Nichts einzig durch die Schwäche seines schlaffen -Willens.« - -Sie starb. Und ich, der vom Gram völlig zermalmt war, konnte nicht -länger die einsame Verlassenheit meiner Behausung in der düsteren und -verfallenen Stadt am Rhein ertragen. Ich hatte keinen Mangel an dem, was -die Welt »Besitz« nennt; Ligeia hatte mir viel mehr, o sehr viel mehr -gebracht, als für gewöhnlich einem Sterblichen zufällt. So kam es, daß -ich nach einigen Monaten planlosen und ermüdenden Umherwanderns in einer -der wildesten und abgelegensten Gegenden des schönen England eine alte -Abtei, deren Namen ich nicht nennen möchte, käuflich erwarb und instand -setzte. Die düstre und traurige Majestät des Gebäudes, die unglaubliche -Verwilderung der Ländereien, die vielen melancholischen und -altehrwürdigen Erinnerungen, die sich an beide knüpften, hatten viel -gemein mit dem Gefühl äußerster Verlassenheit, das mich in jenen -entlegenen und unwirtlichen Teil des Landes getrieben hatte. An dem -Abteigebäude selbst mit seinem verwitterten, unter blühendem Grün -verborgenen Mauerwerk nahm ich keine Veränderungen vor, dagegen widmete -ich mich mit kindischem Eigensinn und wohl auch in der schwachen -Hoffnung, meinen Kummer dadurch zu zerstreuen, der Ausstattung der -Innenräume und entfaltete hier eine ganz ungewöhnliche Pracht. Ich hatte -schon als Kind Geschmack an solchen Torheiten gefunden, und jetzt, da -mich mein Kummer wieder hilflos machte, stellte sich jener kindliche -Trieb von neuem ein. Ach, ich fühle, wieviel Spuren von -Geistesverwirrung sogar in den prunkhaften und phantastischen Draperien, -in den feierlichen ägyptischen Schnitzereien, in den grotesken Möbeln, -in den tollen Mustern der goldgewirkten Teppiche zu finden waren. Ich -lag, ein gefesselter Sklave, in den Banden des Opiums, und meine -Handlungen und Anordnungen hatten den Charakter meiner Träume -angenommen. Doch ich will nicht bei der Beschreibung dieser Torheiten -verweilen, laßt mich nur von jenem einen verfluchten Gemach sprechen, in -das ich in einem Anfall von geistiger Umnachtung sie als mein -angetrautes Weib führte -- als die Nachfolgerin der unvergessenen Ligeia --- sie, die blondhaarige und blauäugige Lady Rowena Trevanion of -Tremaine. - -Selbst die unbedeutendste Einzelheit in Architektur und Ausstattung -dieses Brautgemachs steht mir noch jetzt deutlich vor Augen. Was dachten -sich nur die goldgierigen, hochmütigen Angehörigen meiner Braut, als sie -einem so geliebten Mädchen, einer so geliebten Tochter gestatteten, die -Schwelle eines derart ausgeschmückten Brautgemachs zu überschreiten. - -Trotzdem leider so manche tief bedeutsamen Dinge meinem Gedächtnis -entschwanden, so sind mir doch, wie ich schon sagte, die geringsten -Einzelheiten dieses Zimmers gegenwärtig; ich erinnere mich ihrer, -obgleich in diesem phantastischen Prunk kein System, kein Halt war, an -die mein Erinnern sich hätte klammern können. Das Zimmer lag in einem -hohen Turm der burgartig gebauten Abtei; es war ein fünfeckiger Raum von -beträchtlicher Größe. Die ganze Südseite des Fünfecks nahm das einzige -Fenster ein, eine ungeteilte, riesige Scheibe venezianischen Glases von -bleifarbener Tönung, so daß Sonnenlicht wie Mondglanz über die -Gegenstände des Zimmers nur einen gespenstischen Schein gossen. Der obre -Teil dieser ungeheuren Fensterscheibe wurde durch das Rankenwerk eines -uralten Weinstocks, der an den massigen Mauern des Turmes -emporkletterte, dunkel beschattet. Das düstere Eichenholz der -außerordentlich hoch gewölbten Zimmerdecke war mit Schnitzereien in halb -gotischem, halb druidenhaftem Stil überladen. Genau aus dem Mittelpunkte -dieser melancholischen Wölbung hing an einer einzigen goldenen, -langgegliederten Kette ein mächtiger, goldener Kronleuchter in Form -eines Weihrauchbeckens, mit sarazenischem Bildwerk geschmückt. Dieser -Kronleuchter hatte rundum viele Öffnungen, aus denen wie lebhafte -Schlangen fortwährend die buntesten Flammen züngelten. - -Ein paar Ottomanen und goldene orientalische Kandelaber waren im Raum -verteilt. Und da stand auch das Lager, das Brautbett! Es war nach einem -indischen Modell gearbeitet; es war niedrig und aus massivem Ebenholz -geschnitzt und von einem Baldachin, der einem Bahrtuch glich, überdacht. -In jeder Ecke des Zimmers stand aufrecht ein riesiger, schwarzgranitener -Sarkophag, den unsterbliche Skulpturen schmückten. Diese Sarkophage -stammten aus den Königsgräbern von Luxor. Aber noch mehr als in allem -andern waltete meine unheimliche Phantasie in der Wandverkleidung des -Gemachs. Die unverhältnismäßig hohen Wände waren von der Decke bis zum -Fußboden mit faltenreichem schwerem Goldstoff verhangen -- demselben -Stoff, der als Fuß- und Ottomanenteppich, als Bettdecke und Baldachin -sowie als prunkhafter Überhang der einen Teil des Fensters -überschattenden Vorhänge Verwendung gefunden hatte. Dieser Goldstoff -trug in unregelmäßigen Zwischenräumen arabeskenartige Figuren von einem -Fuß Durchmesser, die aus tiefschwarzem Stoff gearbeitet waren. Aber nur -von einer einzigen Stelle aus betrachtet schienen diese Figuren nichts -als Arabesken zu sein. Infolge eines heute allgemein bekannten -Verfahrens, das man jedoch schon im frühen Altertum anwendete, boten sie -dem Beschauer von jeder Seite ein andres Bild. Wenn man das Zimmer -betrat, erschienen sie einfach nur wie Monstrositäten, je mehr man sich -ihnen aber näherte, desto bestimmtere Gestalt nahmen sie an, und Schritt -für Schritt, je nach dem vom Beschauer gewählten Standpunkt, sah man -sich von einer wechselnden Prozession gespensterhafter Wesen umringt, -wie etwa der Aberglaube der Normannen sie ersonnen hat oder ein Mönch in -sündenhaftem Traum sie erschauen mag. Der gespenstische Eindruck wurde -noch erhöht durch einen künstlich hinter die Draperien geführten -ununterbrochenen Luftzug, der dem Ganzen eine rastlose und abscheuliche -Lebendigkeit verlieh. - -In solchem Raum also, in solchem Brautgemach verlebte ich mit Lady -Rowena of Tremaine die gottlosen Stunden unsres Honigmonds -- ohne viel -Aufregung. Daß mein Weib vor meiner Übellaunigkeit Furcht hatte, daß sie -mir aus dem Wege ging und mir nur wenig Liebe entgegenbrachte, konnte -mir nicht entgehen, aber gerade dies freute mich mehr, als wenn es -anders gewesen wäre. - -Ich verabscheute sie, ich haßte sie, mit einer Inbrunst, die geradezu -teuflisch war. Mein Erinnern floh, o, mit welch tiefem Leidgefühl! zu -Ligeia zurück, der Geliebten, der Hehren, der Schönen, der Begrabenen! -Ich schwelgte im Gedenken ihrer Reinheit und Weisheit, ihres erhabenen, -ihres himmlischen Wesens, ihrer leidenschaftlichen, ihrer anbetenden -Liebe. Jetzt lohte in meiner Seele noch wildre, noch heißere Flamme, als -sie in ihr, in Ligeia, gebrannt hatte. In den Ekstasen meiner -Opiumträume -- ich lag fast immer im Bann dieses Giftes -- rief ich -wieder und wieder ihren Namen durch das Schweigen der Nacht oder bei Tag -durch die schattigen Schluchten der Landschaft. Es war, als ob das wilde -Verlangen, die tiefernste Leidenschaft, das verzehrende Feuer meiner -Sehnsucht nach der Dahingegangenen sie auf den irdischen Pfad -zurückführen müßten, den sie -- ach konnte es denn für ewig sein? -- -verlassen hatte. - -Gegen Beginn des zweiten Monats unsrer Ehe wurde Lady Rowena plötzlich -von einer Krankheit befallen, von der sie nur langsam genas. Zehrendes -Fieber machte ihre Nächte unruhig, und in ihrem aufgeregten -Halbschlummer redete sie von gespenstischen Lauten und Schatten, die im -Turmzimmer und in seiner nächsten Umgebung sich vernehmen, sich sehen -ließen. Ich hielt diese Äußerungen natürlich für Einbildungen einer -kranken Phantasie, die allerdings durch das unheimliche Zimmer geweckt -sein konnte. Sie erholte sich schließlich wieder -- und genas endlich -völlig. Doch nur für kurze Zeit; denn bald warf ein zweiter, heftigerer -Anfall sie von neuem aufs Krankenlager. Und von diesem Rückfall erholte -sie, die ohnedies von zarter Gesundheit war, sich nie mehr vollständig. -Die Krankheitserscheinungen, die dem zweiten Anfall folgten, waren sehr -beunruhigend und spotteten aller Wissenschaft und allen Bemühungen der -Ärzte. Mit dem Anwachsen ihres chronischen Leidens, das ersichtlich -schon tiefer wurzelte, als daß man ihm mit Medikamenten erfolgreich -hätte beikommen können, bemerkte ich auch eine Steigerung ihrer nervösen -Reizbarkeit und ihres schreckhaften Entsetzens bei ganz nichtigen -Anlässen. Sie sprach wieder -- und häufiger und hartnäckiger jetzt -- -von den Lauten, den ganz leisen Lauten, und von den seltsamen Schatten, -die sich an den Wänden regten. - -In einer Nacht, es war gegen Ende September, wies sie meine -Aufmerksamkeit mit mehr als gewöhnlichem Nachdruck auf diese peinigenden -Ängste hin. Sie war soeben aus unruhigem Schlummer erwacht, und ich -hatte -- halb in Besorgnis und halb in Entsetzen -- das Arbeiten der -Muskeln in ihrem abgemagerten Gesicht beobachtet. Ich saß seitwärts von -ihrem Ebenholzbett auf einer der indischen Ottomanen. Sie richtete sich -halb auf und sprach in eindringlichem leisen Flüstern von Lauten, die -sie jetzt vernahm, die ich aber nicht hören konnte -- von Bewegungen, -die sie jetzt sah, die ich aber nicht wahrnehmen konnte. Der Wind wehte -hinter der Wandverkleidung in hastigen Zügen, und ich hatte die Absicht, -ihr zu zeigen (was ich allerdings, wie ich bekenne, selbst nicht ganz -glauben konnte), daß dieses kaum vernehmbare Atmen, daß diese ganz -geringen Verschiebungen der Gestalten an den Wänden nur die natürliche -Folge des Luftzuges seien. Doch ein tödliches Erbleichen ihrer Wangen -ließ mich einsehen, daß meine Bemühungen, sie zu beruhigen, fruchtlos -sein würden. Sie schien ohnmächtig zu werden, und keiner der Dienstleute -war in Rufnähe. Da erinnerte ich mich einer Flasche leichten Weines, den -die Ärzte ihr verordnet hatten, und eilte quer durchs Zimmer, um sie zu -holen. Doch als ich unter den Flammen des Weihrauchbeckens angekommen -war, erregten zwei sonderbare Umstände meine Aufmerksamkeit. Ich fühlte, -daß ein unsichtbares, doch greifbares Etwas leicht an mir -vorbeistreifte, und ich sah, daß auf dem goldenen Teppich, genau in der -Mitte des reichen Glanzes, den die Ampel darauf niederwarf, ein Schatten --- ein schwacher, undeutlicher, geisterhafter Schatten lag; so zart war -er, daß man ihn für den Schatten eines Schattens hätte halten können. -Aber ich war infolge einer ungewöhnlich großen Dosis Opium sehr -aufgeregt und achtete dieser Erscheinungen kaum, erwähnte sie auch -Rowena gegenüber nicht. - -Ich fand den Wein, schritt quer durchs Zimmer ans Bett zurück, füllte -ein Kelchglas und brachte es an die Lippen der nahezu ohnmächtigen -Kranken. Sie hatte sich ein wenig erholt und ergriff selbst das Glas; -ich sank auf die nächste Ottomane und sah gespannt zu meinem Weib -hinüber. Da geschah es, daß ich deutlich einen leisen Schritt über den -Teppich zum Lager hinschreiten hörte, und eine Sekunde später, als -Rowena den Wein an die Lippen führte, sah ich -- oder träumte, daß ich -es sah --, wie, aus einer unsichtbaren Quelle in der Atmosphäre des -Zimmers kommend, drei oder vier große Tropfen einer strahlenden, -rubinroten Flüssigkeit in den Kelch fielen. Ich nur sah dies -- Rowena -sah es nicht. Sie trank den Wein ohne Zögern, und ich unterließ es, ihr -von der Erscheinung zu sprechen, die, wie ich mir nach reiflicher -Überlegung sagte, vielleicht nur eine Vorspiegelung meiner lebhaften -Einbildungskraft gewesen sein mochte, die durch die Äußerungen der -Leidenden, durch das Opium und durch die späte Nachtstunde krankhaft -erregt sein mußte. - -Dennoch konnte ich mir nicht verhehlen, daß die Krankheit meiner Frau, -nachdem sie den Becher geleert hatte, eine rapide Wendung zum -Schlimmsten nahm. Und in der dritten Nacht darauf kleideten die -Dienerinnen Lady Rowena in das Leichengewand -- und in der vierten Nacht -saß ich allein bei ihrem Leichnam in dem seltsamen Gemach, in das sie -als meine Braut eingetreten war. - -Wilde Visionen, eine Folge des Opiumgenusses, umschwebten mich wie -Schatten. Meine Blicke musterten unruhig die in den Ecken des Zimmers -aufgestellten Sarkophage, die veränderlichen Gestalten des Wandteppichs -und die züngelnden, buntfarbigen Flammen des Weihrauchbeckens mir zu -Häupten. Ich erinnerte mich der sonderbaren Erscheinungen jener Nacht, -in der über Rowenas Leben entschieden worden war, und blickte -unwillkürlich auf die vom Ampellicht bestrahlte Stelle des Teppichs, wo -ich damals den schwachen Schein eines Schattens bemerkt hatte. Es ließ -sich jedoch nichts mehr sehen, und ich wandte mich aufatmend ab und -heftete meine Blicke auf das bleiche und starre Antlitz der -Aufgebahrten. Da überfielen mich tausend liebe Erinnerungen an Ligeia, -und über mein Herz stürzte mit der Wucht eines Gießbaches das ganze -unsagbare Weh, mit dem ich sie im Leichentuch gesehen hatte. Die Stunden -gingen, und immer noch saß ich und starrte Rowena an, das Herz -geschwellt vom Gedenken an die eine Einzige, die himmlisch Geliebte. - -Es mochte gegen Mitternacht sein -- vielleicht etwas früher oder später, -ich hatte der Zeit nicht geachtet --, als ein leiser, zarter, aber -deutlich wahrnehmbarer Seufzer mich aus meinen Träumen aufschreckte. Ich -fühlte, daß er vom Ebenholzbett her kam -- vom Totenbett. Ich lauschte -in angstvollem, abergläubischem Entsetzen -- aber der Laut wiederholte -sich nicht. Ich strengte meine Augen an, um irgendeine Bewegung des -entseelten Körpers wahrzunehmen -- nicht die mindeste Regung war zu -entdecken. Dennoch konnte ich mich nicht getäuscht haben. Ich hatte das -Geräusch, wie schwach es auch gewesen sein mochte, tatsächlich -vernommen, und meine Seele war erwacht und lauschte. Ich heftete meine -Augen durchdringend und mit aller Willenskonzentration auf den -Totenleib. Viele Minuten vergingen, ehe sich auch nur das geringste -ereignete, das Licht in dies Geheimnis bringen konnte. Endlich sah ich -ganz deutlich, daß ein leiser, ein ganz schwacher und kaum wahrnehmbarer -Hauch sowohl die Wangen wie auch die eingesunkenen feinen Adern der -Augenlider gerötet hatte. Ein namenloses Grausen, eine wahnsinnige -Furcht, für die es keine Worte gibt, ließ mich auf meinem Sitz zu Stein -erstarren und lähmte das Pulsen meines Herzens. Und doch gab mir -schließlich ein gewisses Pflichtgefühl meine Selbstbeherrschung zurück. -Ich konnte nicht länger daran zweifeln, daß wir in unserm Vorgehen allzu -voreilig gewesen waren, ich konnte nicht länger daran zweifeln -- daß -Rowena lebte. Man mußte sofort Wiederbelebungsversuche anstellen. Doch -der Turm lag ganz abseits von den andern Gebäuden, in denen die -Dienerschaft untergebracht war -- keiner der Leute befand sich in -Hörweite -- wollte ich sie zu meiner Hilfe herbeiholen, so hätte ich das -Zimmer auf viele Minuten verlassen müssen -- das aber durfte ich nicht -wagen. Ich bemühte mich daher allein, die Seele, die noch nicht ganz -entflohen schien, wieder ins Leben zu rufen. Aber schon nach kurzer Zeit -war ersichtlich ein Rückfall eingetreten; die Farbe verschwand von -Wangen und Augenlidern, die nun bleicher noch als Marmor erschienen. Die -Lippen schrumpften ein und kniffen sich zusammen und trugen den -gräßlichen Ausdruck des Todes; eine widerliche, klebrige Kälte breitete -sich schnell über den ganzen Leib, der überdies vollständig steif und -starr wurde. Schaudernd sank ich auf das Ruhebett zurück, von dem ich in -so fassungslosem Schreck aufgescheucht worden war, und gab mich von -neuem leidenschaftlichen, wachen Visionen hin, in denen ich Ligeia vor -mir sah. - -So war eine Stunde verstrichen, als ich -- konnte es möglich sein? -- -ein zweites Mal von der Gegend des Bettes her einen schwachen Laut -vernahm. Ich lauschte in höchstem Grauen. Der Ton wiederholte sich -- es -war ein Seufzer. Ich eilte zur Leiche hin und sah -- sah deutlich --, -daß die Lippen zitterten. Eine Minute später öffneten sie sich und -legten eine Reihe perlenschöner Zähne bloß. Zu der tiefen Furcht, die -mich bis jetzt gebannt hielt, gesellte sich nun auch Bestürzung. Ich -fühlte, wie es dunkel vor meinen Augen wurde, wie meine Gedanken -wanderten, und nur durch ganz gewaltige Anstrengung gelang es mir, mich -für die Aufgabe, auf die mich die Pflicht nun wiederum hinwies, zu -stählen. Sowohl auf der Stirn wie auf Wangen und Hals war jetzt ein -sanftes Glühen zu bemerken, eine fühlbare Wärme durchdrang den ganzen -Körper, am Herzen ließ sich sogar ein leichter Pulsschlag spüren. Die -Tote lebte, und mit doppeltem Eifer unterzog ich mich den -Wiederbelebungsversuchen. Ich rieb und benetzte die Schläfen und die -Hände und wendete alles an, was Erfahrung und eine gute Belesenheit in -medizinischen Dingen erdenken konnten. Doch vergeblich. Plötzlich -verschwand die Farbe, der Pulsschlag hörte auf, die Lippen nahmen wieder -den Ausdruck des Todes an, und einen Augenblick danach hatte der Körper -die frostige Eiseskälte, den bleiernen Farbton, die vollkommene Starre, -die eingesunkenen Formen und all die widerlichen Eigenschaften dessen, -der schon seit vielen Tagen ein Bewohner des Grabes gewesen war. - -Und wieder sank ich in Träume von Ligeia -- und wieder -- was Wunder, -daß ich beim Schreiben jetzt noch schaudre -- wieder drang vom -Ebenholzbett her ein leiser Seufzer an mein Ohr. Aber warum soll ich die -unaussprechlichen Schrecken jener Nacht in allen Einzelheiten schildern? -Warum soll ich darüber nachsinnen, wie ich es ausmalen könnte, wie bis -zur Morgendämmerung dies fürchterliche Drama des Wiederbelebens und des -Wiederabsterbens sich fortsetzte, wie jeder schreckliche Rückfall einen -tiefren, unlöslicheren Tod bedeutete, wie jede Agonie wie ein Ringen mit -einem unsichtbaren Feind erschien und wie jeder Kampf ich weiß nicht was -für eine gräßliche Veränderung in der Erscheinung des Körpers nach sich -zog? Laßt mich zum Schluß eilen. - -Der größte Teil der furchtbaren Nacht war dahingegangen, und sie, die -tot gewesen, rührte sich wieder. Und die Lebenszeichen waren jetzt -kräftiger als bisher, obgleich sie kurz zuvor in eine Auflösung gesunken -war, die gräßlicher schien als alle früheren. Ich hatte es schon längst -aufgegeben, mich zu bemühen, mich überhaupt noch zu rühren. Ich saß -erstarrt auf der Ottomane -- eine hilflose Beute wilder Aufregungen, -deren am wenigsten schreckliche, am wenigsten aufreibende wohl eine -maßlose Angst war. Der Leichnam, ich wiederhole es, rührte sich, und -zwar lebhafter als bisher. Die Farben des Lebens schossen mit -unglaublicher Energie ins Antlitz, die Glieder wurden wieder beweglich, -und wenn die Augenlider nicht noch immer fest geschlossen geblieben -wären, wenn der Leib nicht noch immer still in seinen Grabtüchern und -Bändern dagelegen hätte, so hätte ich glauben müssen, daß Rowena sich -endgültig aus den Fesseln des Todes befreit habe. Doch wenn bis dahin -dieser Gedanke noch entschieden zurückgewiesen werden mußte, so -schwanden alle Zweifel, als nun das leichentuchumhüllte Wesen vom Bette -aufstand und schwankend, unsicheren Schrittes, mit geschlossenen Augen -und mit dem Gebaren eines Traumwesens, doch körperlich sichtbar und -fühlbar, sich in die Mitte des Zimmer vorbewegte. - -Ich zitterte nicht -- ich rührte mich nicht -- denn eine Fülle -unaussprechlicher Empfindungen, die sich an das Aussehen, die Gestalt -und ihre Bewegungen knüpften, hatte mein Hirn überfallen und mich ganz -gelähmt. Ich rührte mich nicht -- doch meine Blicke hingen an der -Erscheinung. Meine Gedanken taumelten wie im Wahnsinn -- tobten und -ließen sich nicht halten und bändigen. Konnte das wirklich die lebende -Rowena sein, die mir da gegenüberstand? Konnte es überhaupt Rowena sein --- die blondhaarige, blauäugige Lady Rowena Trevanion of Tremaine? -Warum, warum sollte ich es bezweifeln? Die Binde lag fest um den Mund -- -aber warum sollte es nicht der Mund, der atmende Mund der Lady of -Tremaine sein? Und die Wangen -- sie trugen Rosen wie im Mittag ihres -Lebens -- ja, das waren wohl sicher die schönen Wangen der lebenden Lady -of Tremaine. Und das Kinn, das Kinn mit den Grübchen der Gesundheit, war -es nicht das ihre? -- Aber war sie denn in ihrer Krankheit gewachsen? -Welch unaussprechlicher Wahnsinn faßte mich bei dem Gedanken? Ein -Sprung, und ich lag zu ihren Füßen! Sie wich meiner Berührung aus, und -die gräßlichen Leintücher, die den Kopf umschlossen hatten, lösten sich -und fielen nieder -- und in die wehende Atmosphäre des Gemachs strömten -gewaltige Wogen aufgelösten Haares: es war schwärzer als die -Rabenschwingen der Mittnacht! Und nun öffneten sich langsam die Augen -der Gestalt, die dicht vor mir stand. »Hier, hier endlich«, schrie ich -laut, »kann ich mich niemals -- niemals irren: dies sind die großen und -die schwarzen und die wilden Augen -- meiner verlorenen Geliebten -- die -Augen der Lady -- der Lady Ligeia!« - - - - - BERENICE - - - Dicebant mihi sodales, si sepulcrum - amicae visitarem, curas meas aliquantulum - fore levatas. - - Ebn Zaiat - -Mannigfach sind Trübsal und Not. Unglück und Gram sind vielgestaltig auf -Erden. Gleich dem Regenbogen spannt sich das Unglück von Horizont zu -Horizont, und gleich den Farben des Regenbogens sind seine Farben -vielfältig und scharf abgegrenzt und dennoch innig miteinander verwoben. -Wie kommt es, daß Schönheit mir zum Kummer wurde, daß selbst aus -Friedsamkeit ich nur Gram zu schöpfen wußte? Doch wie die Ethik lehrt, -daß das Böse eine Konsequenz des Guten sei, so lehrt uns das Leben, daß -die Freude die Trauer gebiert. Entweder ist die Erinnerung vergangener -Seligkeit die Pein unseres gegenwärtigen Seins, oder die Qualen, die -sind, haben ihren Ursprung in den Wonnen, die gewesen sein könnten. - -Mein Taufname ist Egäus, meinen Familiennamen will ich verschweigen. -Doch gibt es keine Burg im Lande, die stolzer und ehrwürdiger wäre als -mein Stammschloß mit seinen düstern, grauen Hallen. Man hat unser -Geschlecht ein Geschlecht von Hellsehern genannt. Und dieser Glaube -wurde bestärkt durch allerlei Sonderlichkeiten im Baustil des -Herrenhauses, in den Fresken des Hauptsaales, in den Wandteppichen der -Schlafgemächer, in den Ornamenten einiger Gewölbepfeiler der -Waffenhalle, besonders aber in der Galerie alter Gemälde, in Form und -Ausstattung des Bibliothekzimmers und schließlich auch in seinen äußerst -seltsamen Bücherschätzen selbst. - -Die Erinnerung an meine frühesten Lebensjahre ist mit jenem Zimmer und -seinen Büchern, von denen ich nichts Näheres mehr sagen will, innig -verknüpft. Hier starb meine Mutter. Hier wurde ich geboren. Doch es ist -überflüssig, zu sagen, daß ich schon früher gelebt, daß meine Seele -schon ein früheres Dasein gehabt hatte. Ihr leugnet es? Nun, wir wollen -nicht streiten. Selbst überzeugt, suche ich nicht zu überzeugen. Jedoch --- ich habe ein Erinnern an luftzarte Gestalten, an geisterhafte, -bedeutsame Augen, an harmonische, doch trauervolle Laute; ein Erinnern, -das sich nicht bannen läßt, ein Erinnern, das einem Schatten gleich sich -nicht von meiner Vernunft loslösen läßt, solange ihr Sonnenlicht -bestehen wird. - -In jenem Zimmer also wurde ich geboren. Da ich solcherweise, aus der -langen Nacht des scheinbaren Nichts erwachend, in ein wahres Märchenland -eintrat, in einen Palast von Vorstellungen und Träumen, in die -wunderlichen Reiche klösterlich einsamen Denkens und Wissens, so ist es -nicht erstaunlich, daß ich mit überraschten, brennenden Blicken in diese -Welt starrte, daß ich meine Knabenjahre im Durchstöbern von Büchern -vergeudete, meine Jünglingszeit in Träumen verschwendete. Erstaunlich -aber ist es, welch ein Stillstand über die sprudelnden Quellen meines -Lebens kam, als die Jahre dahingingen und auch mein Mannesalter mich -noch im Stammhaus meiner Väter sah; erstaunlich, welch vollständige -Umwandlung mit meinem Wesen, mit meinem ganzen Denken vor sich ging. Die -Realitäten des Lebens erschienen mir wie Visionen und immer nur wie -Visionen, während die wunderlichen Ideen aus Traumlanden nicht nur -meinem täglichen Leben Inhalt gaben, sondern ganz und gar zu meinem -täglichen Leben selber wurden. - - * * * * * - -Berenice war meine Kusine, und wir wuchsen zusammen in den Hallen meiner -Väter auf. Doch wir entwickelten uns sehr verschieden: ich schwächlich -von Gesundheit und dem Trübsal verfallen, sie ausgelassen, anmutig und -von übersprudelnder Lebenskraft; ihrer warteten die spielenden Freuden -draußen in freier Natur, meiner die ernsten Studien in klösterlicher -Einsamkeit. Ich lauschte und lebte nur meinem eignen Herzen und ergab -mich mit Leib und Seele dem angestrengtesten und qualvollsten -Nachdenken; sie schlenderte sorglos durchs Leben und achtete nicht der -Schatten, die auf ihren Weg fielen, und nicht der rabenschwarzen -Schwingen, mit denen die Stunden schweigend entflohen. Berenice! Ich -beschwöre ihren Namen herauf -- und aus den grauen Trümmern des -Gedenkens erheben sich jäh tausend ungestüme Erinnerungen! Ah, -leibhaftig steht ihr Bild jetzt vor mir, so wie in den jungen Tagen -ihrer Leichtherzigkeit und ihres Frohsinns! O wundervolle, himmlische -Schönheit! O Sylphe, die durch die Gebüsche Arnheims schwebte! O Najade, -die seine Quellen und Bäche belebte! Und dann, dann wird alles -grauenvolles Geheimnis, wird zu seltsamer Spukgeschichte, die -verschwiegen werden sollte. Krankheit, verhängnisvolle Krankheit befiel -ihren Körper; plötzlich -- vor meinen Augen fast -- brach die Zerstörung -über sie herein, durchdrang ihren Geist, ihr Gebaren, ihren Charakter -und vernichtete mit schrecklicher, unheimlicher Gründlichkeit ihr ganzes -Wesen, ihre ganze Persönlichkeit! Weh! Der Zerstörer kam und ging! Und -das Opfer -- wo blieb es? Ich kannte es nicht mehr -- erkannte es nicht -mehr als Berenice! - -Unter der Gefolgschaft dieser ersten verderbenbringenden Krankheit, die -eine so gräßliche Umwandlung in Körper und Seele meiner Kusine -herbeiführte, ist als quälendste und hartnäckigste Erscheinung eine Art -Epilepsie zu nennen, die nicht selten in Starrsucht endete -- in -Starrsucht, die endgültiger Auflösung täuschend ähnlich sah. Das -Erwachen aus diesem Zustand war in den meisten Fällen erschreckend jäh. - -Inzwischen nahm meine eigne Erkrankung -- denn als solche, sagte man -mir, sei mein Zustand anzusehen -- mehr und mehr Besitz von mir und -entwickelte sich zu einer neuartigen und äußerst seltsamen Monomanie, -die von Stunde zu Stunde an Stärke zunahm und schließlich unerhörte -Macht über mich gewann. Diese Monomanie -- wenn ich so sagen muß -- -bestand in einer krankhaften Reizbarkeit jener geistigen Eigenschaft, -die man mit Auffassungsvermögen bezeichnet. - -Es ist mehr als wahrscheinlich, daß ich nicht verstanden werde; aber ich -fürchte in der Tat, daß es ganz unmöglich ist, dem Verständnis des -Durchschnittslesers einen auch nur annähernden Begriff davon zu geben, -mit welcher nervösen interessierten Hingabe bei mir die Kraft des -Nachdenkens (um Fachausdrücke zu vermeiden) sich eifrig betätigte, sich -verbiß und vergrub in die Betrachtung sogar der allergewöhnlichsten -Dinge von der Welt. - -Ich konnte stundenlang von der belanglosesten Textstelle oder Randglosse -eines Buches gefesselt werden; ich konnte den größten Teil eines -Sonnentages damit zubringen, irgendeinen schwachen Schatten zu -beobachten, der über eine Wand oder den Fußboden hinzog; ich konnte eine -ganze Nacht lang das stille Lampenlicht betrachten oder dem Flammenspiel -des Kaminfeuers zuschauen; ganze Tage verträumte ich über dem Duft einer -Blüte, oder ich sprach irgendein monotones Wort so lange vor mich hin, -bis es keinen Sinn mehr hatte und nur noch Klang zu sein schien; ich -verlor jedes Bewußtsein meiner physischen Existenz, indem ich mich -vollkommner Ruhe hingab, mich nicht rührte und regte und halsstarrig -stundenlang so verweilte. Dies sind einige der häufigsten und -harmlosesten Grillen, die mich plagten -- die Folge eines -Geisteszustandes, der vielleicht gar nicht so selten ist, sicherlich -aber jeder Analyse oder Erklärung spottet. - -Doch man darf mich nicht mißverstehen. Die an so nichtige Dinge -gehängte, tief ernste, krankhaft übertriebne Aufmerksamkeit ist nicht -mit jenem Hang zu Grübeleien zu verwechseln, den mehr oder weniger wohl -alle Menschen besitzen und der besonders Leuten von starker -Einbildungskraft eigentümlich ist. Es war nicht einmal, wie man -leichthin hätte annehmen können, ein besonders übertriebnes Stadium -dieses Hinträumens, sondern etwas ganz und gar anderes. Jene Träumer und -Phantasten, die von irgendeinem meist wirklich interessanten Gegenstande -angezogen werden, verlieren dieses ursprüngliche Objekt bald aus den -Augen, weil sein Anblick eine ganze Gedankenkette in ihnen aufrollt und -eine Unzahl von Folgerungen und Betrachtungen in ihnen erweckt, und wenn -sie dann aus solchen -- meist angenehmen -- Träumereien erwachen, so ist -der Gegenstand, der diese Träumereien veranlaßte, ihrem Bewußtsein -völlig entschwunden. In meinem Falle jedoch war es stets ein ganz -nichtiger Gegenstand, an den meine Betrachtung sich knüpfte, wenngleich -er infolge meines krankhaft intensiven Anschauungsvermögens vielfältige -und übertriebne Bedeutsamkeit bekam. Meine Gedanken schweiften nur wenig -ab und kehrten stets eigensinnig wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück. -Diese Grübeleien waren niemals angenehm, und wenn sie endeten, so hatte -der Gegenstand, von dem sie ausgingen, für mich ein unnatürlich -gesteigertes Interesse bekommen, und eben dies war es, was den -charakteristischen Zug meines Übels ausmachte. Kurz gesagt: in meinem -Fall handelte es sich um ein abnorm konzentriertes Anschauungsvermögen, -während das Wachträumen normaler Menschen auf ein Analysieren und -Folgern hinausläuft. - -Wenn auch die Bücher, mit denen ich mich damals beschäftigte, diesen -krankhaften Zustand nicht gerade hervorgerufen hatten, so trug ihr -phantastischer und oft unlogischer Inhalt immerhin viel dazu bei, mein -Leiden so eigenartig auszubilden. Ich erinnere mich unter anderm gut der -Abhandlung des edlen Italieners Coelius Secundus Curio »De Amplitudine -Beati Regni Dei«, des großen Werkes des heiligen Augustinus »Die Stadt -Gottes« und ferner des Tertullian »De Carne Christi«, in welchem der -paradoxe Satz: »Mortuus est Dei filius; credibile est quia ineptum est; -et sepultus resurrexit; certum est quia impossibile est«, mich zu -tiefem, fruchtlosem Nachsinnen veranlaßte und viele Wochen lang meine -Zeit gänzlich in Anspruch nahm. - -So konnte mein Verstand, den nur die trivialsten Dinge aus dem -Gleichgewicht brachten, mit jenem Meeresfelsen verglichen werden, von -dem Ptolomäus Hephästion sagt, daß er allen menschlichen Angriffen -widerstand, ja selbst der heftigen Wut von Wind und Wellen trotzte, der -aber erbebte, sobald er mit der Blume Asphodelos berührt wurde. Ein -oberflächlicher Beurteiler möchte wohl nun mit Bestimmtheit annehmen, -daß die Veränderung, die Berenices unglückselige Krankheit in ihrem -Seelenzustand hervorgerufen hatte, mir häufig Gelegenheit für dies -intensive und anormale Nachsinnen gegeben hätte, das ich soeben nach -bestem Können zu beschreiben versucht habe -- aber nein, dies war in -keiner Weise der Fall. In meinen klaren Stunden bereitete mir ihr Leiden -allerdings Schmerz, denn dieser völlige Zusammenbruch ihres heitren und -edlen Lebens ging mir tief zu Herzen, und ich fragte mich oft bekümmert, -welch grauenhafte Mächte einen so unerhörten Umsturz hatten herbeiführen -können. Aber solche Betrachtungen hingen mit meiner Idiosynkrasie nicht -zusammen, sie waren ganz so, wie sie unter analogen Umständen weitaus -die meisten Menschen würden angestellt haben. Es ist vielmehr -bezeichnend für die Eigenart meines Übels, daß mich die unwichtigere, -doch augenfälligere Wandlung in Berenices physischem Zustand -- diese -sonderbare und grauenhafte Vernichtung ihrer wirklichen, sichtbarlichen -Persönlichkeit -- weit mehr fesselte. - -Sicherlich habe ich sie in den strahlenden Tagen ihrer unvergleichlichen -Schönheit nie geliebt. Infolge meiner seltsamen Anomalie waren meine -Gefühle nie vom Herzen -- waren meine Neigungen stets vom Verstand -ausgegangen. Im frühen Morgengrau -- im schattigen Gitterwerk des -mittäglichen Waldes -- nächtens in der Stille meines Studierzimmers -- -wann und wo sie mir je vor Augen trat, immer war es mir, als sei sie -nicht die lebende, atmende Berenice, sondern eine Traumgestalt; sie -erschien mir nicht als ein irdisches Geschöpf, sondern als die -Abstraktion eines solchen -- nicht als etwas, das man bewundern, sondern -als etwas, dem man nachsinnen müsse -- nicht als ein Wesen zum Lieben, -sondern als ein Thema zu tiefgründigem Erforschen. Und jetzt -- jetzt -schauderte ich bei ihrem Nahen und erbleichte bei ihrem Anblick. Aber -ich beklagte ihren Verfall bitter, und ich erinnerte mich, daß sie mich -seit langem liebte, und so kam es, daß ich ihr in einer schlimmen Stunde -von Heirat sprach. - -Und als die Zeit nahte, da wir Hochzeit halten wollten, saß ich an einem -Winternachmittag eines jener wunderbar warmen, stillen und umschleierten -Tage, die man die Amme des schönen Eisvogels nennt[1], wie ich vermeinte -ganz allein im innern Gemach der Bibliothek; aber als ich aufblickte, -sah ich Berenice vor mir stehen. - -War es meine eigne fiebernde Einbildungskraft oder eine Wirkung der -dunstigen Atmosphäre oder das trübe Dämmerlicht im Zimmer oder der -Faltenfluß ihres grauen Gewandes, was ihr so verschwommene Konturen gab? -Ich konnte es nicht sagen. Sie sprach kein Wort, und ich -- nicht um -alles in der Welt hätte ich ein Wort hervorbringen können. Ein eisiger -Frost durchrieselte mich; eine unerträgliche Angst befiel mich; eine -verzehrende Neugier durchdrang meine Seele; ich sank in meinen Sitz -zurück und verharrte regungslos und hielt den Atem an und heftete meine -Augen durchdringend auf ihre Gestalt. Ach, sie war entsetzlich -abgemagert! Nicht eine einzige Linie, nicht eine einzige Kontur verriet -noch eine Spur ihrer früheren Persönlichkeit. Meine brennenden Blicke -fielen schließlich auf ihr Antlitz. - -Die Stirn war hoch und sehr bleich und sonderbar starr, und war über den -hohlen Schläfen von zahllosen Löckchen des einst pechschwarzen Haares -beschattet, das jetzt von lebhaftem Gelb war und dessen phantastische -Ringel mit der souveränen Melancholie des Antlitzes seltsam -kontrastierten. Die Augen waren ohne Leben und ohne Glanz und -anscheinend ohne Pupillen, und ich schauderte unwillkürlich vor ihrem -glasigen, starren Ausdruck zurück und wandte mich der Betrachtung der -dünnen und eingesunkenen Lippen zu. Sie teilten sich zu einem sonderbar -bedeutungsvollen Lächeln und enthüllten meinem Blick langsam der -veränderten Berenice Zähne. Wolle Gott, daß ich sie nie gesehen hätte -oder daß ich, nachdem ich sie sah, gestorben wäre! - - * * * * * - -Das Schließen einer Tür schreckte mich auf, und aufblickend bemerkte -ich, daß meine Kusine das Gemach verlassen hatte. Aber in der wüsten -Kammer meines Gehirns war etwas zurückgeblieben: das weiße Gespenstbild -ihrer Zähne -- und das ließ sich nicht mehr vertreiben. Das flüchtige -Lächeln von Berenices Lippen hatte genügt, jedes Schattenfleckchen auf -dem schimmernden Email, jede Einkerbung der Schneiden -- kurz jedes -kleinste Merkmal ihrer Zähne tief in mein Gedächtnis einzubrennen. Ich -sah sie jetzt sogar deutlicher als vorhin, da ich sie wirklich vor Augen -hatte. Die Zähne! -- Die Zähne! -- Sie waren hier, waren dort, waren -überall -- sichtbar und greifbar vor mir; lang, schmal und übermäßig -weiß, umwunden von den bleichen Lippen -- ganz so, wie in jenem -Augenblick, da jenes verhängnisvolle Lächeln sie zuerst enthüllte. - -Dann kam meine Monomanie mit voller Wut über mich, und ich wehrte mich -vergeblich gegen ihre unerklärliche, bezwingende Gewalt. Alle -Gegenstände und Ereignisse um mich her schienen zu versinken -- ich -hatte nur noch Gedanken für diese Zähne. Nach ihnen trug ich ein -wahnsinniges Verlangen. Die Welt und alles, was mich mit ihr verband, -schwanden hin vor diesem einen, einzigen Bild. Sie, die Zähne, sie -allein waren meinem geistigen Auge gegenwärtig -- und sie, in ihrer -ausgesprochenen Individualität, wurden zum einzigen Gedanken meines -Geistes. Ich hielt sie in jede Beleuchtung. Ich betrachtete sie von -allen, allen Seiten. Ich studierte ihren Charakter. Ich verweilte bei -ihren einzelnen Eigentümlichkeiten. Ich vertiefte mich in die -Übereinstimmungen und Abweichungen, die die Zähne in ihrer Formbildung -aufwiesen. Ich entsetzte mich, als ich ihnen in Gedanken die Fähigkeit -sinnlichen Empfindens und, auch ohne daß die Lippen sie unterstützen, -seelisches Ausdrucksvermögen zuschrieb. Von Mademoiselle Salle hat man -mit Recht gesagt: »que tous ses pas étaient des sentiments«, und von -Berenice glaubte ich weit überzeugter: que tous ses dents étaient des -idées. Des idées! -- ah, war dies der idiotische Gedanke, der mich -zugrunde richten sollte? Des idées -- ah, das war es, weshalb ich diese -Zähne so wahnsinnig begehrte! Ich fühlte, daß einzig ihr Besitz mir -Frieden bringen -- mich der Vernunft zurückgeben konnte. - -Und so wurde es Abend -- und Nacht kam und verweilte und ging -- und -wieder dämmerte der Tag -- und die Nebel einer zweiten Nacht sammelten -sich rings -- und immer noch saß ich regungslos in jenem einsamen Zimmer --- und immer noch saß ich in Betrachtungen vergraben -- und immer noch -übte das Gespenst der Zähne, das da mit lebhafter und gräßlicher -Deutlichkeit im Wechsel von Licht und Schatten durchs Zimmer schwebte, -seine schreckliche Gewalt. - -Da brach in meine Traumversunkenheit ein Ruf voll Grausen und -Bestürzung, und nach einer Pause vernahm ich Geräusch banger Stimmen, -untermischt mit Klagelauten des Schmerzes. Ich erhob mich von meinem -Sitz, und als ich die Tür zum Vorzimmer aufwarf, fand ich dort eine -Magd, die mir in Tränen aufgelöst berichtete, daß Berenice nicht mehr -sei! Sie war am frühen Morgen einem Anfall von Epilepsie erlegen, und -jetzt, beim Hereinbrechen der Nacht, wartete das Grab auf seinen -Bewohner; alle Vorbereitungen zur Bestattung waren beendet. - - * * * * * - -Ich fand mich im Bibliothekzimmer sitzend -- und wieder allein dort -sitzend. Es schien, als sei ich wiederum aus einem wirren und -aufregenden Traum erwacht. Ich wußte, daß jetzt Mitternacht war, und ich -wußte recht gut, daß man Berenice bei Sonnenuntergang in die Erde -gebettet hatte. Doch von den nachfolgenden dunklen Stunden hatte ich -keine bestimmte und klare Erinnerung. Dennoch gedachte ich ihrer voll -Grauen -- einem Grauen, das um so entsetzlicher war, als ich es nicht an -bestimmte Vorgänge zu binden vermochte. Es war in den Aufzeichnungen -meines Lebens das furchtbarste Blatt, über und über mit dunklen, -gräßlichen und unfaßbaren Erinnerungen bekritzelt. Ich versuchte, sie zu -entziffern, aber es war unmöglich, und zwischendurch -- wie das Gespenst -eines verklungenen Rufes -- gellte hin und wieder der schrille und -durchdringende Schrei einer weiblichen Stimme mir in die Ohren. Ich -hatte irgend etwas getan -- was war es? Ich stellte mir laut diese -Frage, und die flüsternden Echos des Zimmers antworteten mir -- »was war -es?« - -Auf dem Tisch neben mir brannte eine Lampe, und daneben lag eine kleine -Schachtel. Sie hatte durchaus nichts Auffallendes, und ich hatte sie -schon manchmal gesehen, denn sie war Eigentum des Hausarztes; wie aber -kam sie hier auf meinen Tisch, und warum schauderte ich, wenn ich sie -ansah? Diese Fragen wollten sich in keiner Weise beantworten lassen. -Meine Blicke fielen schließlich auf den unterstrichenen Satz eines offen -vor mir liegenden Buches. Es waren die sonderbaren, doch einfachen Worte -des Dichters Ebn Zaiat: »Dicebant mihi sodales, si sepulcrum amicae -visitarem, curas meas aliquantulum fore levatas.« -- Warum nur standen -mir die Haare zu Berge, als ich dies las, warum erstarrte mir das Blut -in den Adern? - -Es wurde leise an die Tür geklopft, und bleich wie der Tod trat ein -Diener auf Zehenspitzen herein. Seine Blicke waren voll wahnsinnigen -Entsetzens, und er sprach bebend zu mir mit gedämpfter, heiserer Stimme. -Was sagte er? Einige abgerissene Sätze hörte ich. Er sprach von einem -wilden Schrei, der das Schweigen der Nacht gebrochen habe -- daß das -Hausgesinde zusammengeströmt sei -- daß man in der Richtung des Schreies -auf die Suche gegangen sei; und dann wurde seine Stimme unheimlich -deutlich, als er von Grabschändung redete -- von einem aus dem Sarg -gerissenen, entstellten Körper, der noch atmete -- noch pulste -- noch -lebte! - -Er deutete auf meine Kleider: sie waren von Erde beschmutzt und mit Blut -bespritzt. Ich sagte nichts, und er ergriff sanft meine Hand: sie trug -frische Kratzwunden von Fingernägeln. Er lenkte meine Aufmerksamkeit auf -einen an die Wand gelehnten Gegenstand: es war ein Spaten. Mit schrillem -Aufschrei sprang ich an den Tisch und riß die Schachtel an mich, die -dort lag. Aber es wollte mir nicht gelingen, sie zu öffnen. Und sie -entglitt meinen zitternden Händen und schlug hart zu Boden und sprang in -Stücke. Und heraus rollten klappernd zahnärztliche Instrumente und -zweiunddreißig kleine, weiße, elfenbeinschimmernde Dinger und -verstreuten sich rings auf den Fußboden ... - -[Fußnote 1: Denn da Jupiter während der Winterzeit zweimal sieben Tage -Wärme schenkt, so haben die Menschen diese milde und gemäßigte Zeit die -Amme des schönen Eisvogels genannt. -- Simonides] - - - - - MORELLA - - - [Griechisch: Auto kath' auto meth' autou, - mono eides aiei on.] - - Plato, Symposion - -Ein Gefühl tiefer, jedoch höchst seltsamer Zuneigung verband mich mit -meiner Freundin Morella. Ein Zufall war's, der mich vor vielen Jahren -mit ihr zusammenführte, aber seit unserer ersten Begegnung brannte meine -Seele in fremder, entfesselter Glut. Das war nicht die Flamme des Eros, -das war ein seltsam wilder Seelenbrand, und bitter und qualvoll war -meinem Geist die wachsende Überzeugung, daß ich das rätselhafte Wesen -dieser Gluten auf keine Weise zu ergründen noch ihr Aufflammen und -Niedersinken zu beherrschen vermochte. - -Und das Schicksal, das uns zueinander geführt hatte, band uns am Altar -zusammen. Doch sprach ich nie ein Wort, das Leidenschaft gewesen wäre, -dachte nie einen Gedanken, der Liebe bedeutet hätte. Morella aber floh -jede Geselligkeit und schloß sich innig an mich an und machte mich -glücklich -- denn Staunen und Träumen ist Glück. - -Morellas Gelehrsamkeit war unergründlich. Bei meinem Leben! ihre -vielseitige Begabung war geradezu übernatürlich -- ihre Verstandeskräfte -waren gigantisch! Ich wußte das und wurde in vielen Dingen ihr Schüler. -Es begann damit, daß sie mir eine Anzahl jener mystischen Schriften -vorlegte, die man gemeiniglich nur als den Abschaum der frühen deutschen -Literatur ansieht. Das Studium dieser Werke bildete -- aus mir -unverständlichen Gründen -- ihre liebste und andauernde Beschäftigung, -und daß es auch die meine wurde, ist einfach dem unwiderstehlichen -Einfluß von Beispiel und Gewohnheit zuzuschreiben. - -Mit alledem hatte, wenn ich nicht irre, mein Verstand wenig zu schaffen. -Soviel ich weiß, stimmte meine Weltanschauung durchaus nicht mit den -Idealen dieser Leute überein, und auch in meinem Tun und Denken war -keine Spur von ihrem Mystizismus zu entdecken. Ich wenigstens hatte -diese Überzeugung und überließ mich daher ruhig und blindlings der -Führung meiner Frau, der ich unerschrocken in allen ihren Studien -folgte. Und dann -- dann, wenn ich, über geächtete, verderbliche Blätter -gebeugt, fühlte, wie ein verderblicher Geist sein Feuer in mir -entzündete, kam Morella und legte ihre kalte Hand auf meine heiße Hand -und entfachte aus der Asche einer toten Philosophie irgendwelche fast -bedeutungslosen, doch eigentümlichen Worte, deren seltsamer Sinn sich -flammend in mein Gedächtnis grub. Und dann -- dann ging ich Stunde um -Stunde nicht von ihrer Seite und berauschte mich am Wohlklang ihrer -Stimme, bis diese mir zum Überdruß und schließlich zum Entsetzen wurde -und schwarze Schatten sich auf meine Seele lagerten und bis ich -erbleichte und tief im Innern vor den fast überirdischen Lauten -schauderte. Und so wurden plötzlich Glück und Freude zu Entsetzen und -namenlosem Abscheu, und Schönheit weckte Grauen, so wie einst aus dem -Tale Hinnom das Gehenna geworden war. - -Es ist unnötig, über die einzelnen Probleme, die jene alten Bücher in -uns anregten und die lange, lange Zeit fast das einzige Thema unserer -Gespräche bildeten, viel zu sagen. Alle die, welche etwas von -»theologischer Moral« verstehen, kennen diese Fragen gut, und jene, die -darin unerfahren sind, würden mich sicherlich kaum verstehen. Der wilde -Pantheismus Fichtes, die gemäßigtere Lehre der Pythagoräer von der -Wiederkunft und vor allem die Identitätsdoktrinen, wie Schelling sie -aufstellte, bildeten den hauptsächlichsten Stoff für unsere Diskussionen -und schienen die phantasievolle Morella am tiefsten und schönsten -anzuregen. Jene sogenannte persönliche Identität definiert Locke, wie -ich glaube, als das dauernde Bestehen eines jeden vernunftbegabten -Daseins. Und da wir unter »Person« ein intelligenz- und vernunftbegabtes -Wesen verstehen und da alles Denken stets von Bewußtheit begleitet ist, -so formt dieses beides gemeinsam unser »Ich« und unterscheidet uns durch -Verleihung unserer »persönlichen Identität« von anderen denkenden Wesen. -Doch das »principium individuationis«, der Begriff dieser Identität, die -mit dem Tode verloren oder nicht verloren geht, war mir stets ein -Problem von außerordentlicher Bedeutung, nicht allein wegen seiner -verwirrenden und aufregenden Konsequenzen, sondern auch wegen der -sonderbaren und eifrigen Art und Weise, in der Morella es behandelte. - -Doch die Zeit war gekommen, in der das Geheimnisvolle im Wesen meines -Weibes mich wie ein Alp, ein Zauber bedrückte. Ich konnte die Berührung -ihrer bleichen Finger nicht ertragen, ich konnte den sanften Klang ihrer -tönenden Sprache, den Glanz ihrer melancholischen Augen nicht ertragen. -Und sie wußte all dies und hielt es mir doch niemals vor. Sie schien -meine Schwäche, meine Manie zu kennen und nannte es lächelnd -»Schicksal«. Selbst die mir unbekannte Ursache für meine sich steigernde -Abneigung schien sie zu kennen, doch machte sie nie eine Andeutung, die -mir auf die Spur geholfen hätte. Aber sie war Weib und härmte sich und -schwand hin und welkte von Tag zu Tag. Mit der Zeit erschien und blieb -auf ihren Wangen eine bedeutungsvolle Röte, und die blauen Adern auf -ihrer bleichen hohen Stirn schwollen an. Und wenn mein Wesen für einen -Augenblick in Mitleid schmolz, so traf mich im nächsten das Aufleuchten -ihrer bedeutsamen Augen -- und meine Seele entsetzte sich und wurde von -einem Schwindel ergriffen, wie er uns befällt, wenn wir hinab in einen -grausig düsteren, unergründlichen Abgrund spähen. - -Muß ich noch sagen, daß ich mit tiefem, aufreibendem Verlangen die -Stunde von Morellas Ableben herbeiwünschte? Ich tat es. Aber der -schwache Geist klammerte sich noch Tage, Wochen, Monate an seine -zerbrechliche Hülle, und es kam so weit, daß meine gemarterten Nerven -Herrschaft über mich gewannen. Dies Hinzögern machte mich rasend, und -mein teuflisches Herz verfluchte die Tage und die Stunden und die -bitteren Minuten, die länger und länger zu werden schienen, je mehr ihr -zartes Leben dahinschmolz, wie Schatten länger und länger werden im -sterbenden Tag. - -Aber eines Herbstabends, als alle Winde im Himmelsraum schliefen, rief -mich Morella an ihr Bett. Ein trüber Nebel lagerte über der Erde und ein -warmer Glanz auf den Wassern, und die Farben des herbstlichen Waldes -glühten so bunt, als sei ein Regenbogen vom Firmament herabgefallen und -in Millionen bunte Scherben zersplittert. »Dies ist der Tag der Tage«, -sagte sie, als ich zu ihr trat. »Der Tag der Tage -- sei es zum Leben -oder Sterben. Ein schöner Tag für die Söhne der Erde und des Lebens -- -ah, schöner noch für die Töchter des Himmels und des Todes!« - -Ich küßte sie auf die Stirn, und sie fuhr fort: - -»Ich sterbe, dennoch werde ich leben!« - -»Morella!« - -»Die Tage, da du mich lieben konntest, sind nie gekommen -- doch sie, -die du im Leben verabscheutest -- im Tode sollst du sie anbeten.« - -»Morella!« - -»Ich wiederhole es -- ich sterbe. Doch in mir lebt ein Unterpfand der -Neigung, die du -- ach wie gering! -- für mich, Morella, fühltest. Und -wenn mein Geist entflieht, wird das Kind leben -- dein Kind und meines, -Morellas! Doch deine Tage werden Tage der Sorge sein -- der Sorge, die -beständiger ist als alles andere, gleichwie die Zypresse ausdauernder -ist als alle anderen Bäume. Denn die Stunden deines Glückes sind -vorüber, und Freude erblüht nicht zweimal im Leben, nicht zweimal, wie -die Rosen von Paestum zweimal blühen im Jahre. Rebe und Myrte werden dir -unbekannt sein, und du wirst, gleich den Moslemin in Mekka, auf Erden -schon dein Leichentuch mit dir herumtragen.« - -»Morella!« schrie ich auf, »Morella! Wie kannst du das wissen?« - -Aber sie wendete das Gesicht ab, und ein leises Zittern überlief ihre -Glieder. Sie starb, und ihre herrliche, ihre entsetzliche Stimme war -tot. - -Doch wie sie es vorausgesagt hatte, geschah es. Ihr Kind, das sie -sterbend geboren hatte und das den ersten Atemzug tat, als seine Mutter -den letzten tat, dies Kind, ein Mädchen, lebte. Und es entwickelte sich -geistig und körperlich außerordentlich schnell und war das vollkommene -Ebenbild von ihr, die dahingeschieden war, und ich liebte es mit einer -Liebe, deren Glut und Innigkeit mir oft wie eine Kraft aus einer anderen -Welt erschien. - -Doch nicht lange, da verdunkelte sich der Himmel dieser reinen -Zuneigung, denn Grausen und Kummer jagten wie ungeheure -verderbenbringende Wolken darüber hin. Ich sagte schon, das Kind -entwickelte sich außerordentlich früh an Körper und Geist. Und in der -Tat, sein schnelles leibliches Wachstum war geradezu befremdend. Aber -schrecklich, o, schrecklich waren die tobenden Gedanken, die mich -überstürzten, wenn ich des Kindes geistiger Entwicklung folgte. Wie -konnte es anders sein? Entdeckte ich doch täglich in den Vorstellungen -der kindlichen Seele die abnorme Begabung und das ausgereifte Wissen des -Weibes, vernahm aus dem kindlichen Munde die genialsten Erfahrungssätze, -die Menschen jemals aufgestellt haben, und sah im Auge des Kindes die -Weisheit und Leidenschaftlichkeit vollkommener Reife glühen. - -Als alle diese Erscheinungen meinen erschreckten Sinnen offenbar wurden, -als meine Seele sie in sich aufgenommen hatte -- war es da zu -verwundern, daß ein entsetzlicher Argwohn mich befiel in der quälenden -Erinnerung an die grausigen Phantasien und unerhörten Theorien der -verstorbenen Morella? - -Und ich verbarg dies junge Wesen, das ich anbetete, vor den Blicken und -Einflüssen der Welt, und in der vollständigen Abgeschlossenheit meines -Heims wachte ich mit aufreibender Sorge über alles, was dieses geliebte -Wesen betraf. - -Und wie die Jahre dahinflossen und ich Tag um Tag in ihr heiliges und -mildes und beredtes Antlitz spähte und ihr Wachsen und Reifen bemerkte, -Tag um Tag, geschah es, daß ich Tag um Tag neue Dinge fand, in denen die -Tochter vollständig ihrer Mutter -- der schwermütigen und toten -- -glich. Und stündlich verdichteten sich diese Schatten einer -unnatürlichen Ähnlichkeit und wurden immer tiefer und immer bestimmter -und immer beängstigender -- und immer grauenvoller anzusehen. Daß ihr -Lächeln dem Lächeln ihrer Mutter vollkommen glich, das hätte ich -ertragen können; aber dann, plötzlich, schauderte ich, denn ihr Lächeln -war nicht nur dem Morellas gleich -- es war mit ihm identisch! Daß ihre -Augen den Augen Morellas glichen, konnte ich hinnehmen, aber manchmal, -oft, drang der Tochter Blick in die Tiefen meiner Seele mit einer -verwirrenden Eindringlichkeit, wie sie eben nur Morella eigen sein -konnte. Und in den Umrissen der hohen Stirn und in den seidigen Locken -ihres Haares, in den bleichen Fingern, die mit diesen Locken spielten, -und in der klagenden Musik ihrer Stimme und vor allem -- o! vor allem in -den Redewendungen der Toten, die von den Lippen der Lebenden und -Geliebten flossen, fand ich Nahrung für die aufreibendste Gedankenarbeit -und für das rastloseste Entsetzen -- für den Wurm, der niemals sterben -wollte! - -So vergingen die ersten zehn Jahre ihres Lebens, und noch immer hatte -meine Tochter keinen Taufnamen. »Mein Kind« und »mein Liebling« sind ja -übliche Benennungen, wie Vaterliebe sie findet, und die strenge -Abgeschlossenheit, in der sie lebte, schloß jeden weiteren Verkehr aus -und machte einen anderen Namen überflüssig. Morellas Name war mit ihr -gestorben. Ich hatte der Tochter niemals von der Mutter gesprochen; es -war unmöglich, von ihr zu sprechen. Tatsächlich hatte also das Kind in -seinem jungen Leben keine anderen Eindrücke empfangen als diejenigen, -die sich ihm in den engen Grenzen unserer Zurückgezogenheit bieten -konnten. - -Doch schließlich vermeinte mein abgehetzter Geist durch die Zeremonie -der Taufe Erlösung zu finden. So führte ich also das Kind zur Taufe. Und -als ich vor dem Taufbecken stand, suchte ich nach einem Namen. Viele -Namen voll Weisheit und Schönheit, aus alter und neuer Zeit, aus meiner -Heimat und aus fremden Ländern, drängten sich mir auf die Lippen, und -viele, viele Namen für Sanftes und Frohes und Gutes. Was trieb mich nur -dazu an, die Ruhe der Toten und Begrabenen zu stören? Welcher Dämon -veranlaßte mich, jenen Namen zu flüstern, bei dessen Erinnerung schon -das Blut mir stürmisch zum Herzen schoß? Welcher Unhold sprach aus den -Tiefen meiner Seele, als ich in schweigender Nacht mitten im düsteren -Kreuzgang in das Ohr des heiligen Mannes die Silben flüsterte: -»Morella!« Und wer anders als Satan selbst veranlaßte mein Kind, bei -diesem kaum vernehmbaren Laut zusammenzuschrecken, die verglasten Blicke -gen Himmel zu heben und mit zuckendem Gesicht, auf dem die Schatten des -Todes kämpften, auf die schwarze Marmorplatte unserer Familiengruft -niederzusinken und zu antworten: »Hier bin ich!« - -Klar, kalt und vollkommen deutlich trafen diese einfachen Worte mein Ohr -und rollten von da wie geschmolzenes Blei zischend in mein Gehirn. Jahr -um Jahr kann dahingehen, doch niemals die Erinnerung an diesen -Augenblick! Wahrlich, noch wußte ich nichts von Blumen und Reben -- doch -Zypresse und Schierling umdrohten mich Tag und Nacht. Und ich wußte -nichts mehr vom Wandel der Zeit, und der Stern meines Schicksals losch -aus am Firmament, und die Erde verlor ihr Licht, und die Gestalten, die -sie belebten, glitten an mir vorbei wie Schatten, und mitten unter ihnen -sah ich nur -- Morella! Die himmlischen Winde atmeten nur einen Laut, -und die rieselnden Wellen der ewigen Wasser murmelten immerfort -- -Morella! Aber sie starb, und mit meinen eigenen Händen trug ich sie zu -Grab. Und ich lachte ein langes, bitteres Lachen, als in der Gruft, in -die ich die zweite bettete, nicht eine Spur zu finden war von der ersten --- Morella. - - - - - ELEONORA - - - Sub conservatione formae specificae salva - anima. - - Raymond Lully - -Ich entstamme einem Geschlecht, das dafür bekannt ist, eine flammende -Leidenschaftlichkeit und eine zügellose Phantasie zu besitzen. Von mir -sagt man, daß ich wahnsinnig sei; aber noch ist die Frage nicht gelöst, -ob Wahnsinn nicht etwa erhabenste Erkenntnis ist, ob vieles, was -herrlich, ob alles, was vollkommen ist, nicht vielleicht einer -Krankhaftigkeit des Denkens entspringt, einer durch Überanstrengung des -normalen Intellekts hervorgerufenen Reizbarkeit des Geistes. Alle, die -bei Tage träumen, wissen von vielen Dingen, die denen entgehen, die nur -den Traum der Nacht kennen. Visionen lassen sie den Glanz der Ewigkeiten -schauen, und in ihr Wachsein nehmen sie das erschütternde Bewußtsein -mit, an der Schwelle der Erkenntnis des großen Rätsels gestanden zu -haben. Augenblicke offenbaren ihnen mit Blitzesgrelle viel von der -Weisheit des Guten, mehr noch von der bloßen Kenntnis des Bösen. Sie -haben nicht Ruder noch Kompaß und dringen dennoch in das unendliche Meer -des ewigen Lichtes vor -- und weiter, gleich den Fahrten des nubischen -Geographen, bis ins Meer der Schatten: »aggressi sunt mare tenebrarum, -quid in eo esset exploraturi.« - -Nehmen wir also an, ich sei wahnsinnig. Ich gebe zum wenigsten zu, daß -mein Geistesleben aus zwei ganz verschiedenen Zuständen besteht: dem -Zustand klarer, nicht anzuzweifelnder Vernunft, der die Erinnerung an -die Begebenheiten der ersten Epoche meines Lebens umfaßt, und einem -Zustand voller Schatten und Zweifel, dem die Gegenwart gehört und die -Erinnerung an die Geschehnisse der zweiten großen Epoche meines Lebens. -Darum könnt ihr dem, was ich von meinem ersten Lebensabschnitt sagen -werde, Glauben schenken; von dem aber, was ich von der späteren Zeit -berichte, glaubt nur so viel, als euch glaubwürdig erscheint -- oder -bezweifelt das Ganze. Doch falls ihr nicht zweifeln könnt, so mögt ihr -vor den Rätseln meiner Seele den Ödipus spielen. - -Sie, die ich in meiner Jugend liebte und von der ich jetzt kühl und klar -das Folgende berichte, war die einzige Tochter der einzigen Schwester -meiner früh verstorbenen Mutter. Eleonora war der Name meiner Kusine. -Wir hatten immer zusammengewohnt -- im »Tale des vielfarbigen Grases« -- -unter tropischer Sonne. Kein fremder Fuß betrat jemals dies Tal, denn es -lag weit weit droben inmitten gigantischer Berge, die es ragend -umstanden und seinen lieblichen Gründen Schatten spendeten. Kein Pfad -führte dorthin, und um in unser seliges Heim zu gelangen, hätte man das -Gezweig von vieltausend Waldbäumen gewaltsam durchbrechen und die -Herrlichkeit von viel Millionen duftender Blumen zertreten müssen. So -lebten wir also ganz einsam und kannten nichts von der Welt außerhalb -des Tales -- ich und meine Kusine und ihre Mutter. - -Aus den nebelhaften Regionen der höchsten Berge, die unser Reich -umschlossen, kam ein Fluß daher, schmal und tief, und seine Flut war -glänzender als alles -- ausgenommen Eleonoras Augen. Er wand sich in -verstohlenen Krümmungen durchs Tal und tauchte dann in eine dunkle -Schlucht, zwischen Bergen, die noch düsterer und geheimnisvoller waren -als jene, aus denen er gekommen war. Wir nannten ihn den »Fluß des -Schweigens«, denn es war, als ob sein Fluten alles beruhige und stille -mache. Kein Murmeln klang aus seinen Tiefen, er ging so sanft dahin, daß -die beperlten Kiesel auf seinem Grunde, die wir oft bewunderten, sich -niemals rührten -- in regungsloser Ruhe lagen sie, jeder funkelte ewig -am alten Platz. - -Das Ufer des Flusses und der vielen glitzernden Bächlein, die ihm auf -allerlei Umwegen zuströmten, und ebenso alle Flächen, die von den Ufern -sich ins Wasser bis zum Kieselgrund hinuntersenkten, waren von kurzem, -dichtem, gleichmäßigem Rasen bedeckt, der lieblich duftete. Und weiter -noch dehnte sich dieser sanfte grüne Teppich -- durchs ganze Tal, vom -Fluß bis an den Fuß der Höhen, die es umgürteten. Diese wundervolle -weite Grasfläche war über und über mit gelben Butterblumen, weißen -Gänseblümchen, blauen Veilchen und rubinroten Asphodelen besprenkelt, -und ihre unbeschreibliche Schönheit redete laut zu unsern Herzen von der -Liebe und der Herrlichkeit Gottes. - -Und hie und da erhoben sich im Grase wie seltsam verschlungene -Traumgebilde Gruppen phantastischer Bäume, deren Stämme nicht senkrecht -aufragten, sondern in anmutigen Biegungen dem Licht entgegenstrebten, -das um Mittag in die Mitte des Tales hereinleuchtete. Ihre Rinde war -ebenholzschwarz und silbern gefleckt und war zarter als alles -- -ausgenommen Eleonoras Wangen. Ja, man hätte diese Bäume für gigantische -Schlangen halten können, die der Sonne, ihrer Gottheit, huldigten, wären -nicht die glänzend grünen, großen Blätter gewesen, die von ihren Gipfeln -in langen, bebenden Reihen niederhingen und mit dem Zephir tändelten. - -Lange Jahre durchstreifte ich Hand in Hand mit Eleonora das Tal, ehe die -Liebe in unsere Herzen einzog. Es war an einem Abend in Eleonoras -fünfzehntem und meinem zwanzigsten Lebensjahre, da saßen wir, einander -eng umschlungen haltend, unter den Schlangenbäumen und blickten hinab in -den Fluß des Schweigens und auf unser Bild, das sich in seinen Wassern -spiegelte. - -Wir sprachen nichts mehr an diesem süßen Tage, und selbst am andern -Morgen fand unsere Rede nur wenige zitternde Worte. - -Wir hatten in den Wassern Gott Eros gefunden und ihn in uns aufgenommen, -und wir fühlten nun, daß durch ihn die feurigen Seelen unserer Vorfahren -in uns entzündet waren. Alle Leidenschaftlichkeit und blühende -Phantasie, die Jahrhunderte lang unser Geschlecht auszeichneten, -ergriffen unsere Herzen wie ein Rausch und hauchten in das Tal des -vielfarbigen Grases eine wahnsinnige Seligkeit. Alle Dinge veränderten -sich. Die Bäume, die nie vordem ein Blühen gekannt hatten, entfalteten -seltsame, sternförmige, strahlende Blüten. Das Grün des Rasenteppichs -vertiefte sich, und als -- eine nach der andern -- die weißen -Gänseblümchen dahinschwanden, brachen an ihren Orten rubinrote -Asphodelen auf -- zu zehn auf einmal. Und Leben regte sich auf unseren -Pfaden, denn der hohe, schlanke Flamingo, den wir bis dahin noch nie -gesehen, entfaltete vor uns sein scharlachfarbenes Gefieder, und mit ihm -kamen und glühten alle heiteren Vögel. Gold- und Silberfische belebten -den Fluß, und aus seinen Tiefen hob sich leise, doch lauter und lauter -werdend, ein Murmeln, das schließlich zu einer sanften, erhabenen -Melodie anschwoll, erhabener als der Sang aus des Äolus Harfe und süßer -als alles -- ausgenommen Eleonoras Stimme. - -Und eine schwere, mächtige Wolke, die wir seit langem in den Regionen -des Abendsterns beobachtet hatten, setzte sich gemächlich in Bewegung. -Und durch und durch karmin- und golderglänzend lagerte sie sich über -unser Tal und sank Tag um Tag friedvoll tiefer und tiefer, bis ihre -Ränder auf den Gipfeln der Berge ruhten, deren nebelhaftes Grau sie in -Glanz und Pracht verwandelte. Und sie lagerte über uns und schloß uns -ein wie in ein zauberhaftes Gefängnis von seltsamer Herrlichkeit. - -Der Liebreiz Eleonoras war der der Seraphim; aber sie war so schlicht -und unschuldig wie das kurze Leben, das sie inmitten der Blumen gelebt -hatte. Keine Arglist lehrte sie, die Inbrunst, die ihr Herz entflammte, -zu verbergen, und während wir miteinander im Tale des vielfarbigen -Grases wandelten und über all seine Veränderungen sprachen, enthüllte -sie mir die geheimsten Tiefen ihrer Seele. - -Und eines Tages sprach sie unter Tränen von jener letzten traurigen -Veränderung, der alle Menschen unterworfen sind, und von nun an weilte -sie nur bei diesem einen schmerzvollen Thema, das sie in jedes unserer -Gespräche einflocht, so wie die Sänger von Schiras in ihren Liedern -dieselben Bilder wieder und wieder anwenden. - -Sie hatte die Hand des Todes auf ihrer Brust gefühlt, sie wußte, daß sie -in so vollkommener Schönheit erschaffen worden war, nur um -- gleich der -Eintagsfliege -- früh zu sterben. Doch alle Schrecken des Todes waren -für sie in dem einen Gedanken vereint, von dem sie mir in abendlicher -Dämmerstunde am Fluß des Schweigens sprach. Es bekümmerte sie, zu -denken, ich könne, nachdem ich sie im Tale des vielfarbigen Grases -begraben hätte, seine selige Verborgenheit verlassen und die Liebe, die -jetzt ganz ihr gehörte, irgendeinem Mädchen der Alltagswelt da draußen -schenken. Und damals und dort warf ich mich ohne Besinnen Eleonora zu -Füßen und tat ihr und dem Himmel den Schwur, daß ich mich niemals mit -einer Tochter der Welt in Ehe verbinden -- daß ich niemals ihrem -geliebten Andenken, dem Andenken der innigen Zuneigung, mit der sie mich -segnete, untreu werden wollte. Und ich rief den allmächtigen Herrn des -Weltalls zum Zeugen für meines Schwurs aufrichtigen Ernst. Und der -Fluch, den ich von ihm und von ihr, der Heiligen im Paradiese, für den -Fall meines Treubruches auf mich herabrief, schloß eine so entsetzliche -Strafe in sich, daß ich hier nicht davon sprechen kann. - -Und die strahlenden Augen Eleonoras erstrahlten noch heller bei meinen -Worten. Und sie seufzte, als sei eine tödliche Last ihr vom Herzen -genommen, und sie zitterte und weinte bitterlich. Aber sie nahm meinen -Schwur an -- denn was war sie anderes als ein Kind --, und er ließ sie -erleichtert dem Sterben entgegensehen. Und als sie einige Tage später -friedvoll entschlief, sagte sie zu mir, sie wolle um deswillen, was ich -für den Frieden ihrer Seele getan habe, mit dieser Seele über mich -wachen; sie wolle, sofern es möglich sei, in den wachen Stunden der -Nacht mir sichtbarlich erscheinen. Wenn aber dies außerhalb der Macht -der Seelen im Paradiese läge, so wolle sie mir ihr Gegenwärtigsein -wenigstens durch allerlei Zeichen kund tun. Sie werde mit den -Abendwinden mich umkosen und die Luft um mich her mit dem Duft der -Weihrauchschalen erfüllen. Mit diesen Worten auf den Lippen gab sie ihr -junges, reines Leben auf, und mit ihr endete die erste Epoche meines -eigenen Lebens. - -Bis hierher habe ich wahrheitsgetreu berichtet. Doch wenn mein Denken -auf dem Wege der Vergangenheit die Grenze, die der Tod meiner Geliebten -gezogen, überschreitet und in die zweite Periode meines Lebens eintritt, -dann sammeln sich Schatten um mein Hirn, und ich fühle, daß ich an -meinem gesunden Gedächtnis zweifeln muß. Doch ich will fortfahren. - -Die Jahre schleppten sich träge dahin, und immer noch wohnte ich im Tale -des vielfarbigen Grases. Aber wiederum hatte eine Veränderung alle Dinge -befallen. Die sternförmigen Blüten krochen zurück in die Stämme der -Bäume und kamen nie wieder zum Vorschein. Das tiefe Grün des -Rasenteppichs verblaßte, und die rubinroten Asphodelen welkten hin, eine -nach der andern. Und an ihren Orten brachen -- zu zehn auf einmal -- -dunkle, blauäugige Veilchen auf, und ihre Augen standen immer voll Tau -und blickten kummervoll. Und Leben entschwand von unsern alten Pfaden; -denn der hohe, schlanke Flamingo entfaltete nie mehr sein scharlachrotes -Gefieder, trauernd flog er aus unserm Tale fort, den Bergen zu, und mit -ihm zogen alle heiteren Vögel, die ihn begleitet hatten. Und die Gold- -und Silberfische schwammen davon durch die Schlucht, die an der einen -Seite unser Reich begrenzte, und zierten nie wieder den lieblichen Fluß. -Und die sanfte Melodie, die erhebender gewesen war als der Sang aus des -Äolus Harfe und süßer als alles -- ausgenommen Eleonoras Stimme, sie -sank wieder zu leisem Murmeln herab und wurde leiser und leiser, bis sie -erstarb und der Fluß wieder in seinem vormaligen feierlich-düsteren -Schweigen dahinfloß. Und dann -- zuletzt -- hob sich die mächtige Wolke -von den Gipfeln der Berge, die wieder in ihr nebelhaftes Grau -zurücktauchten, und schwamm gemächlich davon, den fernen Regionen des -Abendsternes zu, und mit ihr verschwand das strahlende Gold und all die -glänzende Pracht, mit der sie das Tal des vielfarbigen Grases -überschüttet hatte. - -Jedoch was Eleonora versprach, erfüllte sich. Denn ich hörte um mich das -Schwingen der himmlischen Weihrauchschalen, und Ströme himmlischer Düfte -durchfluteten immer und immer das Tal. Und in einsamen Stunden, wenn -mein Herz in heftigem Pulsschlag erbebte, umschmeichelten sanfte Winde -mit süßem Seufzen meine Stirn. Die dunklen Nächte füllte oft ein -schwaches Flüstern, und einmal -- o, einmal nur! -- weckte mich aus -einem todähnlichen Schlafe der Kuß geisterhafter Lippen, die meinen Mund -berührten. - -Aber all dies vermochte nicht die Leere meines Herzens auszufüllen, und -grenzenlos wuchs sein Verlangen nach jener Liebe, von der es vordem so -übervoll gewesen war. Und endlich kam es soweit, daß mir das Tal des -vielfarbigen Grases, durch das mich die Erinnerungen hetzten, zur Qual -wurde, und ich vertauschte es für immer gegen die Eitelkeiten und das -friedelose Glück der Welt. - - * * * * * - -Ich fand mich in einer fremden Stadt, in der alle Dinge nur dazu -dienten, die Erinnerung an die süßen Träume, die ich so lange Jahre im -Tal des vielfarbigen Grases geträumt hatte, aus meinem Gedächtnis -auszulöschen. Ein prächtiges Hoflager mit Pomp und Festen, betäubendes -Waffengeklirr und strahlende Frauenlieblichkeit verwirrten und -berauschten mein Hirn. Doch bis jetzt war meine Seele ihrem Schwur treu -geblieben, und immer noch verkündete mir Eleonora in den stillen Stunden -der Nacht ihr Gegenwärtigsein. - -Plötzlich aber hörten diese Anzeichen auf, und die Welt wurde schwarz -vor meinen Augen, und ich stand in atemlosem Schreck vor dem glühenden -Gedanken -- der grauenhaften Versuchung, die mich befallen hatte. Denn -an den fröhlichen Hof des Königs, dem ich diente, kam aus irgendeinem -fernen, fernen, unbekannten Lande ein Mädchen, von deren Schönheit mein -ganzes ruchloses Herz entflammt und hingerissen ward -- zu deren Füßen -ich mich ohne Sträuben niederwarf in wehrloser, abgöttischer Liebe. Ach, -wie armselig war die Leidenschaft, die ich dem jungen Kinde im Tale des -vielfarbigen Grases geschenkt hatte, wenn ich sie mit der Glut und dem -Wahnwitz und den beseligenden Ekstasen verglich, in denen jetzt meine -Anbetung emporjauchzte, mit dem trunkenen Schluchzen, in dem meine Seele -zu Füßen der himmlischen Ermengard dahinschmolz! O, herrlich war der -Engel Ermengard! Und vor dieser Erkenntnis versank alles andere. -- O, -göttlich war der Engel Ermengard! Und ich ertrank im Blick ihrer -unergründlichen Augen und sah und suchte nur sie. - -Ich vermählte mich mit Ermengard -- und fürchtete nicht den Fluch, den -ich auf mich herabgeschworen hatte, und seine Schrecken suchten mich -nicht heim. Da kam noch einmal -- ein einziges Mal -- durch das -Schweigen der Nacht das süße Seufzen wieder zu mir, und es formte sich -zu einer wohlbekannten, inbrünstigen Stimme: - -»Schlafe in Frieden! Denn der Geist der Liebe lebt und herrscht. Und -wenn du glühenden Herzens Ermengard umarmst, bist du -- aus Gründen, die -dir dereinst im Himmel offenbar werden sollen -- deines Gelübdes an -Eleonora entbunden.« - - - - - DIE INSEL DER FEE - - - Nullus enim locus sine genio est. - - Servius - -»La musique,« sagt Marmontel in seinen »Contes Moreaux,« die wir in -allen unsern Übersetzungen beharrlich als »Moralische Geschichten« -bezeichnet finden, als ob man ihren Sinn verhöhnen wollte -- »la musique -est le seul des talents qui jouisse de lui-même: tous les autres veulent -des témoins.« Er verwechselt hier die Freude an schönen Klängen mit der -Fähigkeit, sie hervorzurufen. Die musikalische Begabung ist ebensowenig -wie jedes andere Talent da, wo kein zweiter ihre Äußerungen würdigt, zur -Gewährung eines vollkommenen Genusses befähigt, und nur in Verbindung -mit andern Begabungen bringt sie die Wirkungen hervor, die erst in der -Einsamkeit ganz genossen werden mögen. Der Gedanke, den der »raconteur« -entweder nicht klar genug dargestellt oder dessen Darstellung er einer -nationalen Vorliebe für Pointierung geopfert hat, ist zweifellos der -sehr begründete, daß wir gute Musik am tiefsten zu würdigen verstehen, -wenn wir einsam sind. Der Gedanke in dieser Form wird ohne weiteres -jedem richtig erscheinen, der die Musik um ihrer selbst und ihrer -seelischen Wirkung willen liebt. Doch noch eine Freude ist den -verstoßenen Sterblichen vergönnt, eine, die vielleicht mehr noch als die -Musik der gesteigerten Einsamkeit bedarf. Ich meine den Genuß, den die -Naturbetrachtung bietet. Wahrlich, wer Gottes Herrlichkeit auf Erden -recht gewahren will, der muß diese Herrlichkeit in Einsamkeit -betrachten. Mir wenigstens erscheint die Anwesenheit nicht nur -menschlicher, sondern überhaupt lebendiger Wesen jeder Art, außer den -grünen Dingen, die aus dem Boden wachsen und keine Stimme haben, als -Befleckung der Landschaft, als etwas, was der seelischen Harmonie des -Bildes zuwiderläuft. - -In Wahrheit! ich liebe die Vorstellung, daß die dunklen Täler und grauen -Felsen und die schweigsam lächelnden Wasser und die Wälder, die in -unruhigem Schlummer seufzen -- und die stolzen wachsamen Berge, die auf -alles herunterblicken --, daß alles dies nur ungeheure Gliedmaßen eines -gewaltigen lebendigen und empfindenden Ganzen sind -- eines Ganzen, -dessen Gestalt (die Kugel) die vollkommenste und umfassendste ist, die -es gibt; dessen Weg den andern Planeten zugesellt ist, dessen zarte Magd -der Mond[2], dessen mittelbarer Herr die Sonne ist; dessen Lebensdauer -Ewigkeit, dessen Sinn der Wille Gottes ist; dessen Freude Wissen ist; -dessen Geschicke sich in Unendlichkeit verlieren; dessen Kenntnis seiner -selbst etwa unsrer Kenntnis der mikroskopischen Kleinwelt gleichkommt -- -eines Daseins, das wir als völlig unbelebt und rein stofflich ansehen, -ähnlich, wie diese winzigen Wesen uns betrachten mögen. - -Unsre Teleskope und unsre mathematischen Entdeckungen geben uns trotz -des scheinheiligen Geredes der Geistlichkeit überall die Gewißheit, daß -Raum und also Masse in den Augen des Allmächtigen eine große Bedeutung -hat. Die Kreise, darin die Sterne sich bewegen, sind als die besten -befunden worden für eine ungehinderte Bewegung der größtmöglichen Anzahl -Körper. Die Form dieser Körper ist gerade so, daß sie bei einer -gegebenen Oberflächengröße die größtmögliche Anhäufung von Materie -gestattet, während die Oberfläche selbst so beschaffen ist, daß sie eine -größere Zahl von Bewohnern aufnehmen kann, als wenn sie irgendeine andre -Gestalt hätte. Auch ist die Tatsache, daß der Raum selbst unendlich ist, -kein Argument dagegen, daß die Masse ein Zweck Gottes ist; denn eine -unendliche Materie mag vorhanden sein, um ihn zu füllen, und da wir -deutlich sehen, daß die Materie grundsätzlich von Leben erfüllt ist -- -in der Tat, soweit unser Urteil reicht, ein leitender Grundsatz in den -Maßnahmen der Gottheit -- so ist es kaum logisch, dieses Leben auf die -Regionen des Kleinen, wo wir es täglich nachweisen können, zu -beschränken und nicht auf die des Erhabenen auszudehnen. Da wir ohne -Ende Kreis in Kreise laufen sehen, alle aber sich um eine ferne Mitte -drehen, um die Gottheit, sollten wir da nicht gleicherweise Leben in -Leben vermuten, das kleinere im größeren und alle im göttlichen Geiste? -Kurz, wir sind infolge unsrer Selbstüberhebung in einem gewaltigen -Irrtum, wenn wir annehmen, der Mensch sei in seiner zeitlichen oder -zukünftigen Bestimmung von größerer Wichtigkeit für das Universum als -der gewaltige Talkörper, den er beackert und verachtet und dem er eine -Seele abspricht, aus keinem tieferen Grunde, als weil er sie nicht in -Tätigkeit sieht[3]. - -Solche und ähnliche Vorstellungen haben meinen Betrachtungen in den -Bergen und Wäldern, an den Flüssen und am Meere eine Beimischung -gegeben, die von der Alltagswelt zweifellos als »phantastisch« -bezeichnet werden würde. Meine zahllosen, meist einsamen Wanderungen in -solchen Gegenden pflegten meinen Geist ungewöhnlich lebhaft zu -beschäftigen, und die Hingabe, mit der ich manchen düstern Talgrund -durchstreifte oder in die Himmelsspiegelung manches strahlenden Sees -blickte, wurde sehr vertieft durch das Bewußtsein, daß ich _allein_ -wanderte und Umschau hielt. Welcher geschwätzige Franzose[4] war es -doch, der mit Beziehung auf das Werk von Zimmermann sagte: »la solitude -est une belle chose; mais il faut quelqu'un pour vous dire que la -solitude est une belle chose«? Dem Epigramm ist nicht zu widersprechen; -aber dies »il faut« -- diese Notwendigkeit ist doch ein Unding. - -Es war auf einer meiner einsamen Wanderungen in weit entfernten -Gegenden, wo Berg an Berg geschlossen war und trauervolle Flüsse und -schwermütige Sümpfe sich einherwanden oder schlummernd lagen, als ich an -einen kleinen Fluß mit einer Insel kam. Es war im laubreichen Juni. Ich -warf mich auf den Rasen unter die Zweige eines unbekannten duftenden -Gesträuches, um in Betrachtung des Bildes versunken zu ruhen. Ich -fühlte, nur so sollte ich es ansehen, dies entsprach seinem Charakter. - -Auf allen Seiten -- außer gen Westen, wo die Sonne im Untergehen war -- -erhoben sich grüne Waldesmauern. Der Fluß, der in seinem Lauf eine -scharfe Wendung machte und sich so plötzlich den Blicken entzog, schien -aus seinem Gefängnis keinen Ausweg zu haben, sondern vom grünen Laub der -Bäume im Osten aufgesogen zu werden, während auf der anderen Seite (so -erschien es mir, als ich da lag und nach oben sah) geräuschlos und -unaufhaltsam ein gold- und purpurroter Wasserfall aus den -Abendrotquellen des Himmels ins Tal herniedersprühte. - -Etwa in der Mitte des beschränkten Ausschnitts, den mein träumerisches -Auge faßte, ruhte eine kleine runde, üppig begrünte Insel auf der Brust -des Wassers, - - Und Licht und Schatten woben Duft, - Als hänge sie schwebend in der Luft. - -So spiegelglatt war das glasige Wasser, daß sich kaum erkennen ließ, an -welcher Stelle des grünen Rasenhanges sein Reich begann. - -Meine Lage gestattete mir, mit einem einzigen Blick sowohl das östliche -wie das westliche Ende der Insel zu umfassen, und ich bemerkte eine -eigentümliche Verschiedenheit an ihnen. Das Westende war wie ein -strahlender Harem von Gartenschönheiten. Es glühte und errötete unter -den schrägen Blicken der Sonne und lachte mit heiteren Blumen. Das Gras -war kurz, feucht, süß duftend und von Goldwurz durchblüht. Die Bäume -waren geschmeidig, heiter, aufrecht, hell, schlank und anmutig, von -morgenländischem Bau und Laub, mit sanfter, glänzender und buntfarbiger -Rinde. Alles schien gesättigt von einem tiefen Bewußtsein von Leben und -Lust, und obgleich vom Himmel keine Winde bliesen, so war doch alles -bewegt durch das leichtbeschwingte Gaukelspiel unzähliger -Schmetterlinge, die man für beflügelte Tulpen hätte halten können.[5] - -Das andre oder östliche Ende der Insel war in schwärzeste Schatten -gehüllt. Eine traurige, doch schöne und friedvolle Dunkelheit durchdrang -hier alle Dinge. Die Bäume waren von düsterer Farbe und trauernd in -Gestalt und Haltung; -- wie sie sich da in trübe, feierliche und -gespenstische Formen hüllten, erweckten sie eine Vorstellung von -tödlichem Leid und frühzeitigem Tod. Das Gras hatte den dunklen -Farbenton der Zypresse, und seine Halme ließen die Köpfe hängen, und -hier und dort sah man im Grase viele kleine häßliche Hügel, schmal und -niedrig und nicht sehr lang, die wie Gräber aussahen und doch keine -waren, obgleich Raute und wilde Rosen sie ganz und gar überwucherten. -Der Schatten der Bäume sank schwer aufs Wasser nieder, als wolle er sich -darin begraben, die Tiefen des Elementes mit Dunkelheit sättigend. Ich -bildete mir ein, wie die Sonne tiefer und tiefer sank, löse sich -Schatten um Schatten trübe vom Stamme, der ihm Leben gegeben hatte, und -werde vom Strome aufgetrunken, während jeden Augenblick neue Schatten -aus den Bäumen hervortraten, um die Stelle ihrer eingesargten Vorgänger -einzunehmen. - -Als dieser Gedanke meine Phantasie erfaßt hatte, regte er sie weiter und -weiter an, und ich versank in Träumerei. »Wenn je eine Insel verzaubert -war,« sprach ich bei mir selbst, »so ist es diese. Hier ist der -Zufluchtsort der wenigen gütigen Feen, die noch vom Untergang verschont -geblieben sind. Sind jene Hügel ihre grünen Gräber? -- Oder geben sie -ihr Leben auf, wie Menschen ihr Leben dahingeben? Ist ihr Sterben nicht -vielmehr ein trauervolles Hinschwinden, so daß sie nach und nach ihr -Dasein an Gott zurückgeben, wie diese Bäume Schatten um Schatten -hingeben, ihr Wesen verhauchen und auflösen? Was der vergehende Baum dem -Wasser ist, das seinen Schatten einsaugt und schwärzer wird von jeder -solchen Beute, mag nicht das Leben der Fee für den Tod, der es -verschlingt, das gleiche sein?« - -Als ich so mit halbgeschlossenen Augen sann, indes die Sonne eilig zur -Rüste ging und wirbelnde Strömungen rund und rund um die Insel jagten, -mit tanzenden weißen Streifen der Rinde des Feigenbaumes auf den Wellen, -Streifen, die in ihrer wechselvollen Lage auf dem Wasser von einer -lebendigen Phantasie mit allem Erdenklichen zu vergleichen gewesen wären --- während ich so sann, war mir, als nehme die Gestalt einer solchen -Fee, über die ich nachgesonnen hatte, langsam aus dem Glanze der -Westseite der Insel ihren Weg ins Dunkel. Sie stand aufrecht in einem -seltsam gebrechlichen Kahn, den sie mit dem Schatten eines Ruders -lenkte. Solange sie unter dem Einfluß der zögernden Sonnenstrahlen -blieb, schien ihre Haltung Freude auszudrücken, aber Trauer wandelte sie -an, als sie der Schatten berührte. Langsam glitt sie dahin und hatte -schließlich die Runde um die Insel gemacht und erschien wieder auf der -Lichtseite. »Der Zirkel, den die Fee soeben vollendet hat,« sinnierte -ich weiter, »ist der Kreislauf ihres kurzen Lebensjahres. Sie ist durch -ihren Winter und ihren Sommer geflutet. Sie ist dem Tode um ein Jahr -näher: denn es ist meinen Blicken nicht entgangen, daß, als sie in die -Dämmerung kam, ihr Schatten von ihr abfiel und vom dunklen Wasser -verschlungen ward, dessen Schwärze noch schwärzer davon wurde.« - -Und wieder erschien das Boot mit der Fee, doch in ihrer Haltung war mehr -Sorge und Unsicherheit und weniger biegsame Lust. Sie flutete wiederum -aus dem Licht und ins Dunkel (das sogleich tiefer wurde), und wiederum -fiel ihr Schatten von ihr ab ins ebenholzschwarze Wasser und wurde von -seiner Schwärze verschlungen. Und wieder und wieder machte sie die Runde -um die Insel (indessen die Sonne zu ihrer Schlummerstätte eilte), und -bei jedem Heraustreten ins Licht lag mehr Trauer auf ihrer Gestalt, die -schwächer und feiner und unbestimmter wurde, und bei jedem Übergang ins -Dunkel sank ein tieferer Schatten von ihr ab, der von immer düstererem -Schwarz verschlungen wurde. Endlich aber, als die Sonne gänzlich -verschwunden war, glitt die Fee, jetzt nur noch wie das Gespenst ihres -früheren Seins, mit ihrem Boot trostlos in das Bereich der -ebenholzschwarzen Flut, und ob sie daraus wieder zum Vorschein kam, kann -ich nicht sagen, denn Finsternis deckte alle Dinge, und ich gewahrte -ihre zauberhafte Gestalt nicht mehr. - -[Fußnote 2: Mond im Englischen weiblich, Sonne männlich. A. d. Üb.] - -[Fußnote 3: Wo Pomponius Mela in seiner Abhandlung »De Situ Orbis« von -Flut und Ebbe spricht, sagt er: »Entweder ist die Welt ein großes Tier, -oder« usw.] - -[Fußnote 4: Balzac, dem Sinne nach; ich weiß nicht mehr die Worte.] - -[Fußnote 5: Florem putares nare per liquidum aethera. -- P. Commire] - - - - - LANDORS LANDHAUS - - -Während einer Wanderung, die mich letzten Sommer durch einige der -Flußtäler der Grafschaft Neuyork führte, sah ich mich, als der Tag zur -Neige ging, in gewisser Verlegenheit, welchen Weg ich einschlagen -sollte. Das Land war auffallend hügelig, und in der letzten halben -Stunde hatte mich der Pfad, bei meinem Bemühen, mich in den Tälern zu -halten, so verwirrend um und rundum geführt, daß ich nicht mehr ahnte, -in welcher Richtung das reizende Dorf B... lag, wo ich die Nacht zu -bleiben gedachte. Es hatte, genau genommen, den Tag über eigentlich -keinen Sonnenschein gegeben, dennoch war es ungewöhnlich warm gewesen. -Ein Nebelschleier, wie lauter Altweibersommer, verhängte alle Dinge und -vermehrte natürlich meine Unsicherheit. Nicht daß ich die Sache sehr -wichtig nahm. Sollte ich nicht vor Sonnenuntergang, selbst nicht vor -Einbruch der Dunkelheit auf das Dorf stoßen, so war es doch mehr als -wahrscheinlich, daß irgendein kleines Farmhaus oder dergleichen -auftauchen würde, wenn auch die Gegend (vielleicht weil sie sich mehr -malerisch als fruchtbar erwies) nur spärlich bewohnt war. Jedenfalls -wäre ein Biwak im Freien, mit meinem Rucksack als Kissen und meinem -Jagdhund als Wächter, so recht nach meinem Geschmack gewesen. Ich -schlenderte daher wohlgemut weiter und hatte meine Flinte Ponto -aufgeladen, als ich schließlich, da ich eben Betrachtungen darüber -anstellte, ob die zahlreichen kleinen Lichtungen, die hier- und dorthin -führten, überhaupt Pfade vorstellen sollten, auf dem verlockendsten von -ihnen zu einem richtigen Fahrweg geriet. Jeder Irrtum war -ausgeschlossen. Leichte Räderspuren waren sichtbar, und obgleich das -hohe Strauchwerk und das aufgeschossene Unterholz sich oben -zusammenschlossen, gab es am Boden nicht das geringste Hemmnis, selbst -nicht für ein virginisches Berggefährt, meiner Meinung nach das -anspruchsvollste, hochfahrendste Vehikel seiner Art. Abgesehen davon, -daß der Weg frei in den Wald führte (wenn die Bezeichnung Wald nicht -allzu wuchtig ist für dieses Beieinander lichter Bäume) und daß er -deutliche Räderspuren aufwies, glich er auch nicht entfernt irgendeinem -der Wege, die ich je gesehen hatte. Die besagten Spuren waren kaum -wahrnehmbar auf einer Fläche, die eine lebhafte Ähnlichkeit mit grünem -Genueser Samt besaß. Es war Gras, gewiß, aber Gras, wie wir es außer in -England selten sehen, so kurz, so dicht, so eben und von so leuchtender -Farbe. Nicht das geringste Hindernis fand sich in der Radspur, nicht -einmal ein Span oder ein dürrer Zweig. Die Steine, die einst den Weg -gehemmt hatten, waren zur Seite der Rasenfläche sorgsam niedergelegt, -nicht geworfen worden, so daß sie diese mit einer sozusagen nachlässigen -Sorgsamkeit malerisch abgrenzten. Büsche wilder Blumen wuchsen in den -Zwischenräumen in verschwenderischer Fülle. - -Was ich aus alledem machen sollte, wußte ich natürlich nicht. Hierin lag -unzweifelhaft Kunst. Das überraschte mich nicht; alle Wege sind im -herkömmlichen Sinne Kunstwerke; auch kann ich nicht sagen, daß lediglich -die Übertreibung des Künstlerischen so wundersam erschien; alles, was -hier geschehen war, mochte _hier_, wo soviel natürliche »Anlage« vorlag -(wie man das in Büchern über Landschaftsgärtnerei findet) mit sehr wenig -Arbeit und Ausgaben getan worden sein. Nein, es war nicht die Fülle, -sondern der Charakter des Künstlerischen, was mich veranlaßte, mich auf -einen der umblühten Steine niederzulassen und wohl eine halbe Stunde -oder länger diese feenhafte Allee voll staunender Bewunderung hinauf und -hinunter zu blicken. Eines wurde mir, je länger ich schaute, mehr und -mehr deutlich: ein Künstler, und zwar ein Künstler mit außerordentlich -scharfem Blick für Formen, hatte alle diese Anordnungen im voraus -überlegt. Man war mit größter Sorgfalt bedacht gewesen, zwischen dem -Hübschen und Anmutigen einerseits und dem »Pittoresken«, im wahren Sinne -der italienischen Bezeichnung, andrerseits die rechte Mitte zu halten. -Es gab wenig gerade und keine auf die Länge ungebrochene Linie. Dasselbe -Bild in Krümmung oder Farbe bot sich, soweit das Auge reichte, meist -zweimal, doch nicht öfter. Überall in der Einförmigkeit war Abwechslung. -Es war ein Stück »Komposition«, in der selbst der anspruchsvollste -kritische Geschmack kaum eine Verbesserung hätte vorschlagen können. - -Als ich diesen Weg betrat, hatte ich mich nach rechts gewandt, und nun -erhob ich mich und verfolgte dieselbe Richtung. Der Pfad war so -gewunden, daß ich seinen Lauf nie mehr als zwei, drei Schritte weit vor -mir sah. Seine Anlage erfuhr nicht die geringste Wandlung. - -Plötzlich traf das sanfte Murmeln eines Wassers mein Ohr, und einige -Augenblicke später, als der Pfad mich noch überraschender als bisher um -die Ecke führte, gewahrte ich, daß am Fuße eines gerade vor mir -liegenden sanften Hanges irgendein Gebäude lag. Ich konnte infolge des -Dunstschleiers, der das ganze kleine Tal drunten erfüllte, nichts -deutlich erkennen. Jetzt erhob sich jedoch ein leichter Wind, denn die -Sonne war am Untergehen, und während ich auf dem Hügelkamm stehen blieb, -zerteilte sich der Nebel in krause Fetzen und flutete über die Szene. - -Wie die Dinge so allmählich zum Vorschein kamen, Stück um Stück, hier -ein Baum, da ein Wasserblinken und hier wieder ein Stück Schornstein, -war mir nicht anders zumute, als sei das Ganze eines jener geschickten -Trugbilder, wie sie zuweilen unter der Bezeichnung »Vexierbilder« -dargeboten werden. - -Mit der Zeit jedoch, als der Nebel sich völlig verzogen hatte, war auch -die Sonne hinter die sanften Hänge hinabgesunken, kam nun aber, als habe -sie ein leichtes »chassez« nach Süden gemacht, wieder in volle Sicht, -indem sie in purpurnem Glanz durch eine Kluft im Westen des Tales -hereinschimmerte. Plötzlich also und wie mit Zauberhand wurde dieses -ganze Tal und alles, was darin war, strahlend sichtbar. - -Der erste »coup d'oeil«, als die Sonne in die angegebene Stellung glitt, -machte mir einen ähnlichen Eindruck, wie ihn mir in meiner Knabenzeit -das Schlußbild eines gut inszenierten Schauspiels oder Melodramas -hervorrief. Nicht einmal die Ungeheuerlichkeit in der Farbengebung -fehlte, denn die Sonne drang durch die Kluft in sattem Orangerot und -Purpur, während das lebhafte Grün des Grases im Tal durch den -Dunstschleier, der noch immer darüber schwebte, als widerstrebe ihm die -Trennung von einem so zauberhaft schönen Bild, mehr oder weniger auf -alle Dinge zurückgestrahlt wurde. - -Das kleine Tal, in das meine Blicke so unter der Nebelschicht -hinabtauchten, konnte nicht mehr als vierhundert Meter Länge haben, die -Breite wechselte von fünfzig zu hundertundfünfzig oder auch zweihundert -Metern. An seinem Nordende war es außerordentlich schmal und -verbreiterte sich, aber nicht gerade regelmäßig, nach Süden hin. Die -größte Breite erreichte es ungefähr achtzig Meter vor dem südlichen -Ende. Die Hänge, welche das Tal umgaben, konnten nicht eigentlich Hügel -genannt werden, höchstens an ihrer Nordseite. Hier erhob sich eine -steile Felswand bis zu einer Höhe von neunzig Fuß und mehr, und wie ich -schon sagte, war das Tal hier nicht breiter als fünfzig Meter. Wer sich -aber von diesem Felsenriff nach Süden wandte, der fand zur Rechten und -Linken Abhänge, die sowohl weniger hoch wie auch weniger steil und -weniger felsig waren. Mit einem Wort, nach Süden hin wurde alles -schräger und sanfter, und doch war das ganze Tal von mehr oder weniger -hohen Erhebungen umgürtet, abgesehen von zwei Punkten. Von einem -derselben habe ich schon gesprochen. Er lag gegen Nordwesten, und hier -war es, wo die Sonne in der geschilderten Weise in das Amphitheater -ihren Weg fand, durch eine sauber geschnittene natürliche Kluft in der -granitenen Umfassung. Dieser Einschnitt mochte an seiner breitesten -Stelle zehn Meter betragen -- soweit das Auge das zu schätzen vermochte. -Er schien wie eine natürliche Chaussee sachte aufwärts zu führen, in die -Gründe noch undurchforschter Berge und Wälder. Die andere Öffnung befand -sich genau am südlichen Talende. Hier waren die Hügel im allgemeinen -kaum mehr als sanfte Wellungen, die von Osten nach Westen in einer -Breite von etwa hundertundfünfzig Metern verliefen. In der Mitte dieser -Strecke lag eine Senkung, die bis auf die Bodenhöhe des Tales herabging. -Wie in allem andern, so bot die Szene auch hinsichtlich der Vegetation -ein nach Süden hin niedrigeres und sanfteres Bild. Nach Norden, an dem -steilen Felshang, erhoben sich nicht weit vom Gipfel die prächtigen -Stämme vom weißen und schwarzen Walnußbaum, vom Kastanienbaum und -vereinzelten Eichen, und die besonders von den Walnußbäumen streng -wagerecht gebreiteten Äste sprangen weit über den Felsrand vor. Nach -Süden fortschreitend sah man zunächst dieselben Baumarten, nur weniger -hochgewachsen und majestätisch; dann begegnete man der schlankeren Ulme, -dem Sassafras und der Robinie -- diesen folgte die sanftere Linde, der -Judasbaum, Trompetenbaum und Ahorn -- und schließlich kamen noch -anmutigere und bescheidenere Arten. Die ganze südliche Hügelwelle war -nur mit wildem Strauchwerk bedeckt bis auf ein paar vereinzelte -Silberweiden und Silberpappeln. Drunten im Tale selbst (denn man muß -beachten, daß die genannte Vegetation nur auf den Felsen oder -Hügelwänden wuchs) sah man drei einzeln stehende Bäume. Der eine war -eine Ulme von schöner Größe und herrlicher Gestalt; sie stand als -Wächter am südlichen Eingang des Tales. Der zweite war ein Nußbaum, viel -größer als die Ulme und alles in allem ein viel edlerer Baum, wenngleich -beide ausnehmend schön waren. Er schien den nordwestlichen Zutritt zu -bewachen, wie er da aus einer Felsengruppe seine vornehme Gestalt mitten -in den offenen Rachen der Schlucht hinausreckte, in einem Winkel von -fast fünfundvierzig Grad, weit hinaus in den Sonnenschein des -Amphitheaters. - -Etwa dreißig Meter östlich von diesem Baum stand jedoch der Stolz des -Tales und ohne Frage der prächtigste Baum, den ich je gesehen habe, -ausgenommen vielleicht die Zypressen von Itchiatuckanee. Es war ein -dreistämmiger Tulpenbaum -- ein Liriodendron tulipiferum -- eine der -wilden Magnolienarten. Die drei Stämme trennten sich vom Mutterstamm in -etwa drei Fuß Höhe, strebten nur ganz allmählich auseinander und waren -dort, wo der breiteste Stamm Laub ansetzte, nicht mehr als vier Fuß -auseinander. Das war in einer Höhe von ungefähr achtzig Fuß. Die ganze -Höhe des Baumes betrug einhundertundzwanzig Fuß. Nichts kommt an -Schönheit dem leuchtkräftigen Grün der Blätter des Tulpenbaumes gleich. -Gegenwärtig waren sie volle acht Zoll breit; ihre Pracht aber wurde -übertroffen von dem schwellenden Prunk üppiger Blüten. Man stelle sich -eine Million dicht zusammengedrängter strahlendster Tulpen vor! Nur so -kann sich der Leser eine Ahnung von dem Bilde machen, das ich ihm -vermitteln möchte. Und dann die stolze Anmut der sauberen, zart -gekerbten säulenartigen Stämme, deren größter zwanzig Fuß vom Boden -einen Durchmesser von vier Fuß hatte. Die unzähligen Blüten erfüllten im -Verein mit den Blüten anderer, kaum weniger schöner, allerdings weit -weniger majestätischer Bäume das Tal mit Wohlgerüchen, die köstlicher -waren als die Wohlgerüche Arabiens. - -Den eigentlichen Boden des Amphitheaters bildete Gras von derselben -Beschaffenheit, wie ich es auf dem Weg gefunden hatte, höchstens noch -weicher, üppiger und von einem noch wundervolleren sammetartigen Grün. -Es war schwer zu fassen, wie all diese Schönheit erzielt werden konnte. - -Ich habe von den zwei Öffnungen im Tal gesprochen; aus der ersten gen -Nordwesten ergoß sich ein Bächlein, das mit sanftem Murmeln und einigem -Schäumen die Schlucht herunterkam, bis es gegen die Felsengruppe -prallte, aus der der einzelstehende Walnußbaum aufschoß. Hier umkreiste -es den Baum und wandte sich dann etwas nach Nordwesten, den Tulpenbaum -einige zwanzig Fuß südlich lassend; nun veränderte es seinen Lauf nicht -eher, als bis es etwa die Mitte zwischen der östlichen und westlichen -Grenze des Tales erreicht hatte. An dieser Stelle bog es nach mehreren -Krümmungen im rechten Winkel ab und verfolgte eine im allgemeinen -südliche Richtung, bis es sich eilig in einem kleinen See von -unregelmäßiger, aber ziemlich ovaler Form verlor, der schimmernd nahe am -südlichen Talausgang lag. Dieser See hatte vielleicht an seiner -breitesten Stelle hundert Meter Durchmesser. Kein Kristall konnte klarer -sein als seine Wasser. Sein Grund, den man deutlich sehen konnte, -bestand überall aus strahlend weißen Kieseln. Seine Ufer, von besagtem -Smaragdgrün, rundeten sich in den klaren Himmel hinunter, und so klar -war dieser Himmel, so vollkommen spiegelte er zuzeiten alle Gegenstände -von oben, daß es schwer festzustellen war, wo das wirkliche Ufer -aufhörte und das widergespiegelte begann. Die Forelle und einige andre -Fischarten, von denen es im Weiher wimmelte, erweckten alle den Anschein -von fliegenden Fischen. Es war schwer, nicht anzunehmen, daß sie einfach -in der Luft hingen. Ein leichtes Birkenboot, das friedlich auf dem -Wasser lag, wurde von dem so köstlich polierten Spiegel bis in seine -feinsten Rippen mit unerhörter Treue wiedergegeben. Eine kleine Insel im -heitern Schmuck vollerblühter Blumen und nur gerade groß genug, um ein -malerisches kleines Bauwerk zu tragen, offenbar ein Wasservogelhaus, -erhob sich im See, nicht weit von seinem nördlichen Ufer -- mit dem es -durch eine unbegreiflich zierlich wirkende und doch ganz primitive -Brücke verbunden war. Sie bestand aus einer einzigen breiten und dicken -Planke aus Tulpenholz. Sie war vierzig Fuß lang und überspannte den Raum -zwischen Ufer und Ufer in leichtem, doch gut wahrnehmbarem Bogen, der -jede Schwankung ausschloß. Aus dem Südende des Sees ergoß sich wieder -der Bach, der sich ungefähr dreißig Meter in Windungen ergötzte und dann -schließlich durch die (schon beschriebene) Niederung inmitten der -südlichen Hänge hindurchfloß und, in eine Tiefe von hundert Fuß -hinuntertaumelnd, seinen vielfach gewundenen Weg zum Hudson nahm. - -Der See war tief -- an manchen Stellen bis zu dreißig Fuß, der Bach aber -hatte selten mehr als drei, während seine größte Breite etwa acht -betrug. Sein Bett und die Ufer glichen denen des Weihers -- wenn etwas -daran auszusetzen war, so war es dies, daß die malerische Wirkung -vielleicht durch übertriebene Sauberkeit beeinträchtigt wurde. - -Die Weite des grünen Feldes wurde gelegentlich durch einen Zierstrauch -unterbrochen, wie Hortensie, Schneeball oder duftendes Jasmingesträuch; -häufiger noch durch eine Geraniumgruppe, die in allen Varietäten üppig -blühte. Diese letzteren standen in Töpfen, die sorgfältig in die Erde -gegraben waren, um den Eindruck wildwachsender Pflanzen hervorzurufen. -Überdies war der Wiesensammet anmutig von Schafen belebt, die als -stattliche Herde das Tal durchstreiften, in Gesellschaft dreier zahmen -Rehe und einer beträchtlichen Anzahl strahlendgefiederter Enten. Ein -sehr großer Bullenbeißer schien allen diesen Tieren, dem einzelnen wie -der Gesamtheit, eine wachsame Aufmerksamkeit zu widmen. - -An den östlichen und westlichen Felsen -- dort, wo die Begrenzung nach -den höhergelegenen Teilen des Amphitheaters hin mehr oder weniger steil -war -- zog sich in verschwenderischer Fülle Efeu hin, so daß man nur hie -und da ein Fleckchen vom nackten Fels hindurchschimmern sah. Der -Westabhang war gleicherweise fast vollständig mit selten prächtigen -Reben bedeckt, die zum Teil vom Fuße des Felsens aufstrebten, zum Teil -am Hange selbst hervorwuchsen. - -Die geringe Erhebung, welche die untere Abgrenzung dieser kleinen -Besitzung bildete, wurde von einer sauberen Steinmauer gekrönt, deren -Höhe genügte, das Entweichen des Wildes zu verhindern. Nirgends sonst -war eine Einfriedigung zu bemerken; denn nirgends sonst war ein -künstlicher Abschluß nötig. Würde zum Beispiel ein versprengtes Schaf -versuchen, sich durch die Schlucht aus dem Tal zu entfernen, so würde es -sein Vorwärtskommen nach wenigen Schritten durch den steilen -Felsenvorsprung gehemmt sehen, über den der Wasserfall herabstürzte, der -gleich, als ich mich der Ansiedlung näherte, meine Aufmerksamkeit erregt -hatte. Kurz, der einzige Ein- und Ausgang bestand in einem Tor, das -einen Felspfad sperrte, wenige Schritte unterhalb der Stelle, auf der -ich stehen blieb, um die Szene zu betrachten. - -Ich habe geschildert, wie der Bach in seinem Laufe viele unregelmäßige -Windungen machte. Seine beiden Hauptrichtungen liefen, wie ich sagte, -zuerst von West nach Ost und dann von Norden nach Süden. - -Da, wo die Strömung den Bogen machte und wieder nach rückwärts lief, -schloß sie eine fast kreisrunde Schlinge, so daß eine Halbinsel -entstand, die beinahe eine Insel war. Auf dieser Halbinsel stand ein -Wohnhaus -- und wenn ich sage, daß dieses Haus, gleich der -Höllenterrasse, die Vathek sah, »était d'une architecture inconnue dans -les annales de la terre«, so meine ich lediglich, daß das Ganze mich -durch seine Eigenart wie auch durch seine Zweckmäßigkeit ungemein -verblüffte -- mit einem Wort, durch »Poesie« -- (denn ich könnte kaum -mit anderen Bezeichnungen, als den vorstehend gewählten, eine genaue -Definition für abstrakte Poesie geben) -- und ich meine nicht, daß das -»outre« in irgendeiner Hinsicht bemerkenswert war. - -In der Tat, nichts hätte wohl einfacher -- unaufdringlicher wirken -können als dieses Landhaus. Sein wundersamer Eindruck lag ausschließlich -in seiner künstlerischen bildhaften Anlage. Während ich hinsah, hätte -ich mir vorstellen können, ein hochbedeutender Landschaftsmaler habe es -mit seinem Pinsel hergestellt. - -Der Aussichtspunkt, von dem aus ich das Tal zum ersten Male sah, war zur -Betrachtung des Hauses nicht der beste, aber doch fast der beste Platz. -Ich will es daher so beschreiben, wie es sich mir später bot -- von dem -Steinwall am Südende des Amphitheaters aus gesehen. - -Das Hauptgebäude hatte eine Länge von ungefähr vierundzwanzig Fuß und -eine Breite von sechzehn -- sicher nicht mehr. Seine Gesamthöhe vom -Boden bis zur Dachspitze konnte nicht mehr als achtzehn Fuß betragen. An -der Westseite dieses Bauwerks war ein zweites angefügt, das in allen -seinen Teilen etwa ein Drittel kleiner war: -- seine Vorderseite stand -etwa zwei Meter hinter der des größeren Hauses zurück, und sein Dach -verlief natürlich beträchtlich niedriger als das benachbarte. In rechtem -Winkel zu diesen Gebäuden und am Ende des Hauptbaues -- der nicht genau -die Mitte einnahm -- erstreckte sich ein dritter, sehr kleiner Bau -- im -Ganzen ein Drittel kleiner als der westliche Flügel. Die Dächer der -beiden größeren Bauten waren sehr steil -- glitten in einer langen -konkaven Kurve vom First hernieder und griffen mindestens vier Fuß über -die Frontmauern hinaus, so daß sie noch die Bedachung zweier Laubengänge -bildeten. Als solche bedurften sie selbstredend keiner Stützen; da sie -aber dem Anschein nach Stützen brauchten, so waren nur an den Ecken -leichte und völlig glatte Säulen eingeschaltet worden. Das Dach des -nördlichen Flügels war nur eine Verlängerung des Hauptdaches. Zwischen -dem Hauptgebäude und dem westlichen Flügel erhob sich ein sehr hoher und -ziemlich schlanker viereckiger Schornstein aus harten schottischen -Ziegeln, abwechselnd schwarzen und roten -- mit einer schmalen -Kranzleiste ausladender Ziegel am oberen Ende. Auch über die Giebel -sprangen die Dächer sehr weit vor -- am Hauptbau etwa vier Fuß nach -Osten und zwei nach Westen. Die Eingangstür befand sich nicht genau in -der Mitte, sondern etwas mehr östlich, während die beiden Fenster -westlich davon lagen. Sie reichten nicht bis zur Erde, waren aber viel -länger und schmaler als üblich -- sie hatten einflügelige Fensterladen, -die wie Türen aussahen -- die Glasscheiben hatten Rautenform, aber von -ziemlicher Größe. Die Tür selbst bestand in ihrem oberen Teil aus Glas, -ebenfalls in Rautenform -- durch einen beweglichen Schalter nachts -verschließbar. Die Tür für den Westflügel befand sich in der Giebelseite -und war sehr einfach -- ein einziges Fenster wies hier nach Süden. Am -Nordflügel gab es keine Außentür, und er hatte auch nur ein Fenster nach -Osten. - -Die nackte Wand des östlichen Giebels wurde durch eine Treppe (mit -Geländer) gehoben, die schräg daran emporlief -- der Aufstieg begann von -Süden. Unter dem Schutz des weit vorspringenden Dachbogens führten diese -Stufen zu einer Dachkammer, mehr einem Bodenraum -- denn er erhielt sein -Licht nur durch ein einziges Fenster nach Norden und schien als Speicher -gedacht zu sein. - -Die Vorplätze des Hauptgebäudes und westlichen Flügels waren nicht, wie -sonst üblich, gepflastert. Aber an den Türen und vor jedem Fenster lagen -große, flache, unregelmäßige Granitplatten im herrlichen Grasteppich, -die ein angenehmes Gehen bei jeder Witterung ermöglichten. - -Prächtige Pfade aus dem gleichen Material -- nicht zierlich ausgeführt, -sondern von dem samtenen Grün unterbrochen, das in Abständen zwischen -den Steinen hervorquoll, führten vom Hause hierhin und dorthin, zu einer -kristallenen Quelle in fünf Schritt Entfernung, zu dem Weg oder ein paar -Nebengebäuden, die hinter dem Bach nach Norden lagen und durch ein paar -Akazien- und Trompetenbäume völlig verborgen wurden. - -Nicht mehr als sechs Schritt vom Haupteingang des Landhauses erhob sich -der tote Strunk eines phantastischen Birnbaumes, so ganz von Kopf zu Fuß -in üppige Bignoniablüten gehüllt, daß es keine Kleinigkeit war, zu -ergründen, woraus diese wunderschöne Sache eigentlich bestand. An -verschiedenen Ästen dieses Baumes hingen Käfige aller Art. In einem -großen, zylinderförmigen Weidengeflecht vergnügte sich ein Spottvogel, -in einem andern ein Pirol, in einem dritten die dreiste Reisammer -- -während aus drei bis vier zierlicheren Zellen der Gesang von -Kanarienvögeln erschallte. - -Die Pfeiler der Vorplätze waren von Jasmin und Geisblatt umrankt, und im -Winkel, wo Hauptbau und Westflügel sich trafen, erhob sich ein Weinstock -von unvergleichlicher Pracht. Alle Hindernisse nehmend, hatte er erst -das tiefer liegende Dach erklommen, dann das höhere, und am Rande des -letzteren wand er sich weiter, nach rechts und nach links Ranken -aussendend, bis er schließlich glücklich den Ostgiebel erreichte und -sich die Treppe herunter wand. - -Das ganze Haus samt seinen Flügeln war mit den altmodischen schottischen -Schindeln, die breit und eckig sind, belegt. Es ist eine Eigenart dieses -Materials, daß es die Häuser unten breiter als oben erscheinen läßt, -gleich den ägyptischen Bauwerken, und hier wurde dieser außerordentlich -malerische Eindruck durch zahlreiche Töpfe voll prächtiger Blumen -unterstützt, die beinahe den gesamten Bau umringten. - -Die Schindeln hatten einen mattgrauen Anstrich, und die glückliche -Kontrastwirkung dieser neutralen Tönung zu dem lebhaften Grün der -Blätter des Tulpenbaumes, der das Landhaus teilweise überschattete, wird -jeder Künstler begreifen. - -Von einem Platz am Steinwall aus war der Anblick der Gebäude am -vorteilhaftesten, denn der südöstliche Flügel sprang vor, so daß das -Auge gleichzeitig die beiden Fronten mit dem malerischen östlichen -Giebel umfaßte und noch ein Stückchen vom Nordgiebel dazu, ferner etwa -die Hälfte einer leichten Brücke, die sich in nächster Nähe des -Hauptgebäudes über den Bach spannte. - -Ich blieb nicht sehr lange auf dem Hügelkamm, wenngleich lange genug, um -das Bild zu meinen Füßen gründlich in mich aufzunehmen. Es war klar, daß -ich vom Weg zum Dorf abgekommen war, und ich hatte daher die gute -Berechtigung des Wanderers, das Tor vor mir zu öffnen und jedenfalls -meinen Weg zu erfragen; so trat ich ohne viel Umstände näher. - -Der Pfad schien hinter dem Tor einem natürlichen Felsensteig zu folgen -und schlängelte sich allmählich an den nordöstlichen Klippen hinunter. -Er führte mich an den Fuß des nördlichen Abhangs hinab und dann über die -Brücke, um den östlichen Giebel herum zum Haupteingang. Dabei stellte -ich fest, daß von den Nebengebäuden nichts zu sehen war. - -Als ich um die Ecke der Giebelseite kam, lief der Bullenbeißer in Sätzen -auf mich zu, stumm, aber mit dem Blick und dem Gebaren eines Tigers. Ich -streckte ihm jedoch meine Hand hin, als Freundschaftszeichen, und ich -habe noch keinen Hund gekannt, der solch einem Appell an seine -Höflichkeit widerstanden hätte. Er schloß nicht nur den Rachen und -wedelte mit dem Schwanz, sondern bot mir eindringlich die Pfote, um dann -auch Ponto seine Begrüßung zu erweisen. - -Da keine Klingel zu entdecken war, pochte ich mit dem Stock an die Tür, -die halb offen stand. Sogleich näherte sich eine Gestalt -- die eines -jungen Weibes von ungefähr achtundzwanzig Jahren -- schlank und etwas -über Mittelgröße. Als sie mit einem gewissen nicht zu beschreibenden -Schritt von bescheidener Entschiedenheit herantrat, sagte ich zu mir -selbst: »Hier habe ich nun die Vollendung der natürlichen im Gegensatz -zur künstlerischen Anmut gefunden.« Der zweite Eindruck, den sie in mir -hervorrief, der aber weit lebhafter war als der erste, war Begeisterung. -Ein so intensiver Ausdruck von Romantik -- so sollte ich es vielleicht -nennen -- oder von Unweltlichkeit, wie er aus ihren tiefliegenden Augen -schimmerte, war mir nie vorher ins innerste Herz gedrungen. Ich weiß -nicht, wie das ist, aber dieser besondere Ausdruck im Auge, der -gelegentlich auch den Mund kräuselt, ist der mächtigste, wenn nicht der -durchaus einzige Zauber, mit dem ein Weib mich fesseln kann. »Romantik« --- vorausgesetzt, daß meine Leser begreifen, was ich hier mit dem Wort -besagen will -- »Romantik« und »Weiblichkeit« sind für mich dieselben -Begriffe, und was schließlich der Mann im Weibe wirklich liebt, ist -einfach ihre Weiblichkeit. Annies Augen (ich hörte, wie jemand von -drinnen rief »Annie, Liebes!«) waren »geistvoll grau«, ihr Haar war ein -lichtes Kastanienbraun; das war alles, was ich beobachten konnte. - -Ihrer sehr artigen Einladung folgend, trat ich ein und durchschritt -zunächst eine ziemlich weite Diele. Da ich hauptsächlich gekommen war, -um zu beobachten, stellte ich fest, daß sich rechts von mir ein solches -Fenster befand, wie sie von außen zu sehen gewesen waren, links eine -Tür, die in das Hauptgemach führte, während gegenüber eine offene Tür -mir Einblick in ein kleines Zimmer gestattete, das, von derselben Größe -wie die Diele, als Arbeitszimmer eingerichtet war und ein großes -Bogenfenster nach Norden hatte. - -Ich trat ins Wohnzimmer und sah mich Mr. Landor gegenüber, denn dieses -war, wie ich später erfuhr, sein Name. Er war höflich, ja kordial von -Wesen, aber ich war eben jetzt eifriger bedacht, die Einrichtung des -Hauses, das mich so ungemein interessierte, zu betrachten, als die -persönliche Erscheinung des Besitzers. - -Der Nordflügel, den ich nun sah, bestand aus einem Schlafzimmer, dessen -Tür in das Wohnzimmer führte. Den Boden bedeckte ein Teppich von -prächtigem Gewebe: kleine, grüne, kreisende Figuren auf weißem Grunde. -An den Fenstern befanden sich Vorhänge aus schneeweißem -Jakonettmusselin; sie waren ziemlich schwer und hingen genau, vielleicht -etwas steif, in strengen, gleichmäßigen Falten bis auf den Boden -- -genau bis auf den Boden. Die Wände waren mit einer sehr zarten -französischen Tapete bekleidet, auf deren silbernem Grund ein blaßgrüner -Faden in Zickzacklinien hindurchlief. Sie wurde in ihrer ganzen -Ausdehnung nur von drei kostbaren Lithographien Juliens »à trois -crayons« unterbrochen, die ungerahmt an der Wand befestigt waren. Eine -der Zeichnungen war eine Szene voll orientalischer Pracht oder besser -Üppigkeit, eine andere ein Karnevalsbild, unvergleichlich geistvoll, die -dritte bot den Kopf einer Griechin: ein so göttlich schönes und dabei so -herausfordernd unentschiedenes Antlitz hatte ich nie vorher gesehen. - -Die gegenständliche Einrichtung bestand aus einem runden Tisch, ein paar -Stühlen (darunter ein großer Schaukelstuhl) und einem Sofa oder besser -einem »Kanapee«; es war aus glattem, gelblich-weiß lackiertem Ahornholz -mit zarten grünen Streifen, der Sitz war Rohrgeflecht. Die Stühle und -der Tisch »paßten« dazu, aber ganz offenbar war die Form eines jeden -Gegenstandes von demselben Kopf entworfen, der »die Landschaft« angelegt -hatte -- man kann sich nichts Anmutigeres denken. - -Auf dem Tisch lagen ein paar Bücher, stand eine große, eckige -Kristallflasche mit einem eigenartigen Parfüm, eine Astral- (nicht -Solar-) Lampe aus glattem Milchglas mit einer italienischen Glocke und -eine große Vase strahlend blühender Blumen. Blumen in verschwenderischer -Farbenpracht und zarten Düften bildeten tatsächlich den einzigen Schmuck -des Zimmers. Der Kamin war fast ausgefüllt von einer Vase mit -leuchtenden Geranien. Ein dreieckiges Wandbrett in jeder Zimmerecke trug -je eine ähnliche Vase, nur ihr lieblicher Inhalt wechselte. Ein paar -kleinere Sträuße zierten den Kaminsims, und späte Veilchen umdrängten -die offenen Fenster. - -Es liegt nicht in der Absicht dieser Erzählung, mehr zu geben, als eine -eingehende Schilderung von Mr. Landors Wohnsitz, so wie ich ihn fand. - - - - - DER HERRSCHAFTSSITZ ARNHEIM - - -Von der Wiege bis zum Grabe wurde mein Freund Ellison von der Woge des -Erfolges emporgehoben. Ich gebrauche aber nicht das Wort Erfolg im -landläufigen Sinne; ich gebrauche es als Synonym für Glück. Der Mensch, -von dem ich rede, schien geboren, um die Doktrinen eines Turgot, Price, -Priestly und Condorcet zu verwirklichen -- durch persönliches Beispiel -den Beweis zu erbringen für das, was man eine Schimäre der Puritaner -genannt hat. Ich vermeine in dem kurzen Dasein Ellisons das Dogma -widerlegt gesehen zu haben, daß in der Natur des Menschen etwas -verborgen sei, das ihn der Seligkeit entziehe. Eine eingehende Prüfung -seiner Laufbahn hat mir zu verstehen gegeben, daß im allgemeinen das -Unglück der Menschheit von der Verletzung einiger weniger einfacher -Menschengesetze abzuleiten ist -- daß wir die Elemente zu heiterer -Genüge bis jetzt ungenutzt in unserer Macht haben -- und daß selbst -jetzt in der gegenwärtigen Finsternis und Tollheit, da alle Gedanken auf -die große Frage der sozialen Lage gerichtet sind, es nicht -ausgeschlossen ist, daß der Mensch, das Individuum, unter gewissen -ungewöhnlichen und rein zufälligen Umständen glücklich sein kann. - -Auch mein junger Freund war von derartigen Ansichten ganz erfüllt, und -es ist daher bemerkenswert, daß der ununterbrochene Genuß, den das Leben -ihm brachte, zum großen Teil die Folge weiser Voraussicht war. Ja, es -ist klar, daß Mr. Ellison, hätte er weniger instinktive Philosophie -besessen, die gelegentlich so gut die Stelle der Erfahrung zu ersetzen -weiß, sich durch den so außerordentlichen Erfolg, den das Leben ihm -brachte, in den üblichen Strudel des Unglücks hinabgezogen gesehen -hätte, der das Los aller hervorragend begünstigten Leute ist. Doch es -ist keineswegs meine Absicht, ein Essay über das Wesen des Glücks zu -schreiben. Die Gedankengänge meines Freundes seien nur in kurzen Worten -geschildert. Er gab nicht mehr als vier Elementarsätze oder, genauer -gesagt, Bedingungen für die Freude zu. Die Hauptsache war ihm (seltsam -genug!) der einfache und rein physische Grundsatz der Bewegung im -Freien. »Was man an Gesundheit«, sagte er, »auf anderm Wege erreichen -kann, ist dieses Namens kaum wert.« Als Beispiel führte er die Wonnen -des Fuchsjägers an und wies auf die Ackerbauern hin, die einzigen Leute, -die man, als Klasse betrachtet, glücklicher erachten kann als andre. -Seine zweite Bedingung war Weibesliebe. Seine dritte und sehr schwer zu -verwirklichende war die Verachtung des Ehrgeizes. Seine vierte ein -rastlos gesuchtes Ziel. Und er behauptete, da andre Dinge gleichgültig -seien, so stehe das Maß des erreichbaren Glücksgefühls im Verhältnis zu -der Geistigkeit dieses Gegenstandes. - -Ellison zeichnete sich durch eine Fülle guter Gaben aus, die das Glück -ihm in den Schoß geworfen hatte. An Schönheit und Anmut überstrahlte er -alle Männer. Sein Verstand war von der Art jener, denen das Erwerben von -Kenntnissen weniger Anstrengung als Intention und Bedürfnis ist. Seine -Familie gehörte zu den erlauchtesten im Reich. Seine Braut war die -lieblichste und treu ergebenste aller Frauen. Er hatte stets über -reichliches Besitztum verfügt; als er aber mündig wurde, stellte es sich -heraus, daß das Schicksal ihm einen der seltenen Streiche gespielt -hatte, wie sie die ganze soziale Welt, in der sie sich ereignen, -zuweilen in Verblüffung versetzen und selten verfehlen, die -Geistesverfassung derer, denen sie gelten, völlig umzustoßen. - -Es fand sich, daß etwa hundert Jahre vor Mr. Ellisons Mündigwerdung in -einer entfernten Provinz ein Mr. Seabright Ellison gestorben war. Dieser -Herr hatte ein fürstliches Vermögen zusammengerafft, und da er keine -direkten Nachkommen hatte, packte ihn die Grille, das Vermögen sich bis -hundert Jahre nach seinem Tode weiter aufstapeln zu lassen. Indem er die -Anlage des Kapitals eingehend und scharfsinnig bestimmte, vermachte er -die aufgehäufte Summe demjenigen nächsten Blutsverwandten des Namens -Ellison, der nach Ablauf von hundert Jahren am Leben wäre. Viele -Versuche waren gemacht worden, diese eigenartige Bestimmung zu umgehen; -ihr Ex-post-facto-Charakter ließ sie fehlschlagen; man lenkte aber die -Aufmerksamkeit einer habgierigen Regierung darauf und erlangte eine -gesetzliche Verfügung, die alle derartigen Geldanhäufungen untersagte. -Das hinderte freilich den jungen Ellison nicht, an seinem -einundzwanzigsten Geburtstag als der Erbe seines Ahnherrn Seabright in -den Besitz eines Vermögens von vierhundertundfünfzig Millionen Dollar zu -kommen. - -Als es bekannt wurde, welch ungeheuerliche Summe die Erbschaft -ausmachte, gab es natürlich viele Vermutungen über die Art, wie sie -anzulegen sei. Die Höhe und die sofortige Greifbarkeit der Summe -verwirrte alle, die sich mit der Sache befaßten. Für den Besitzer -irgendeiner übersehbaren Geldmenge hätte man sich irgendeinen von -tausend Plänen ausgedacht. Wäre er mit Gütern gesegnet worden, die -lediglich die der andern Bürger überstiegen, so hätte man sich unschwer -vorgestellt, er werde die beliebten Extravaganzen seiner Zeit in -unerhörtester Weise übertreiben -- oder sich mit politischen Umtrieben -befassen -- oder nach der Machtstellung eines Ministers streben -- oder -sich den höheren Adel kaufen -- oder große Museen der schönen -Künste anlegen -- oder den freigebigen Mäzen in Wissenschaft, -Literatur und Kunst spielen -- oder seinen Namen in ausgedehnten -Wohlfahrtseinrichtungen verewigen. Bei dem unfaßlichen Vermögen jedoch, -in dessen unumschränktem Besitz der Erbe sich befand, empfand man diese -und alle gewöhnlichen Ziele als ein allzu begrenztes Feld. Man nahm zu -Zahlen seine Zuflucht, und auch diese verwirrten noch mehr. Es -stellte sich heraus, daß selbst bei nur drei Prozent das -Jahreseinkommen der Erbschaft nicht weniger als dreizehn -Millionen fünfhunderttausend Dollar betrug, was eine Million -einhundertundfünfundzwanzigtausend Dollar im Monat ausmachte; oder -sechsunddreißigtausendneunhundertundsechsundachtzig am Tag; oder -sechsundzwanzig Dollar für jede entfliehende Minute. So wurde natürlich -der übliche Weg der Mutmaßungen völlig umgestoßen. Die Leute wußten -nicht, was sie ersinnen sollten. Einige meinten sogar, Mr. Ellison werde -sich mindestens der Hälfte seines Vermögens als völlig überflüssig -entledigen -- und die ganze Sippe seiner Verwandtschaft durch Verteilung -dieses Überflusses bereichern. Den nächsten Verwandten überließ er -tatsächlich die ungewöhnlich großen Reichtümer, die ihm bereits vor der -Erbschaft gehörten. - -Ich war jedoch gar nicht überrascht, als ich merkte, daß er schon längst -seinen Entschluß über einen Punkt gefaßt hatte, der von seinen Freunden -soviel erörtert worden war. Auch war ich über die Art dieses -Entschlusses nicht allzusehr erstaunt. Hinsichtlich der persönlichen -Wohltätigkeit hatte er sein Gewissen beruhigt. Von der Möglichkeit -irgendeines wesentlichen Dienstes, den der Mensch, wie man so zu sagen -pflegt, der Menschheit erweisen könnte, war er (wie ich leider gestehen -muß) wenig überzeugt. Kurz und gut, glücklich oder nicht glücklich, er -war so ziemlich ganz auf sich selber angewiesen. - -Er war im weitesten und edeln Sinne ein Dichter. Er erfaßte überdies den -wahren Charakter, die erhabenen Ziele, die herrliche Majestät und Würde -der poetischen Empfindung. Er fühlte instinktiv, daß die vollste, wenn -nicht die einzige Befriedigung in der Erschaffung neuer Schönheitsformen -lag. Eine gewisse Eigenart, eine Folge seiner Erziehung oder seines -Intellekts, gab allen seinen ethischen Betrachtungen eine -materialistische Färbung, und dieser Hang vielleicht war es, der ihn zu -der Ansicht führte, das vorteilhafteste, wenn nicht das einzig -rechtmäßige Feld für angewandte Poesie biete die Schöpfung neuer Formen -von natürlicher, rein physischer Schönheit. So kam es, daß er weder -Musiker noch Dichter wurde -- wenn wir diese letztere Bezeichnung in -ihrer gewöhnlichen Bedeutung fassen. Mag aber auch sein, daß er beides -nicht werden wollte -- lediglich in Verfolgung seiner Idee, daß die -Verachtung jeglichen Ehrgeizes eine der wesentlichen Wurzeln des -irdischen Glückes sei. Ist es nicht tatsächlich möglich, daß, während -ein großes Genie naturgemäß ehrgeizig ist, noch ein größeres über dem -steht, was wir Ehrgeiz nennen? Kann es nicht sein, daß viele, die weit -größer sind als Milton, sich begnügt haben, »stumm und unberühmt« zu -bleiben? Ich glaube, die Welt hat auf dem Gebiet der Kunst die ganze -erschöpfende Fülle prachtvoller Leistungen, deren die menschliche Natur -unbedingt fähig ist, nie gesehen und wird sie nie sehen -- es sei denn, -daß allerlei Zufälle einmal eines jener größeren Genies, entgegen seiner -eigenen Anschauung, zu Taten veranlassen. - -Ellison wurde weder Musiker noch Dichter, obgleich man Musik und Poesie -nicht inniger lieben konnte als er. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er -unter andern Lebensbedingungen Maler geworden wäre. Die Bildhauerkunst -war trotz ihres stark poetischen Gehalts zu begrenzt in Form und -Wirkung, um jemals seine Aufmerksamkeit lange fesseln zu können. Und ich -habe nun alle Gebiete aufgezählt, in denen nach allgemeinen Begriffen -die poetische Empfindung sich ausbreiten kann. Ellison aber behauptete, -das reichste und echteste, das natürlichste und wohl auch umfassendste -Gebiet sei unverantwortlicherweise übersehen worden. Kein Deuter habe je -den Landschaftsgärtner als Künstler erwähnt; dennoch, so meinte mein -Freund, biete der Landschaftsgarten der wahren Muse die edelsten -Möglichkeiten. Hier sei wirklich das schönste Feld zur Entfaltung der -Phantasie in immer neuer Gestaltung neuer Schönheitsformen, da die zur -Zusammenstellung vorhandenen Elemente bei weitem die herrlichsten seien, -die die Erde zu bieten habe. In den zahllosen Formen und Farben der -Blumen und Bäume erkannte er den ausgesprochensten und kraftvollsten -Drang der Natur nach körperlicher Schönheit. Und in der Anordnung oder -Vereinigung dieser Bemühungen -- oder richtiger, in ihrer Anpassung an -die Augen, die sie auf Erden würdigen sollten -- glaubte er auf die -beste Art -- und mit erfolgreichsten Leistungen -- der Erfüllung nahe zu -kommen, nicht nur seiner eigenen Bestimmung als Künstler, sondern auch -den erhabenen Zielen, um deretwillen die Gottheit dem Menschen das -künstlerische Empfinden eingeimpft habe. - -»Ihre Anpassung an die Augen, die sie auf Erden würdigen sollten ...« In -seiner Erläuterung dieses Ausdrucks trug Mr. Ellison viel zur Lösung -dessen bei, was mir immer als Rätsel erschienen war: -- ich meine die -(nur von Unwissenden bestrittene) Tatsache, daß es in der Natur keine -solchen Szenerien gibt, wie der geniale Maler sie zu schaffen weiß. -Keine solchen Paradiese sind in der Wirklichkeit zu finden, wie sie auf -der Leinwand Claudes erglühen. In den bezauberndsten natürlichen -Landschaften wird stets ein Mangel oder ein Unmaß zu finden sein -- -viele Mängel und viele Unmäßigkeiten. Während die gegebenen Bestandteile -im einzelnen das größte Können des Künstlers übertreffen mögen, so wird -die Anordnung dieser Teile stets noch der Vervollkommnung bedürftig -sein. Kurz, in der ganzen weiten natürlichen Landschaft auf Erden gibt -es keinen Betrachtungspunkt, von dem aus ein Künstlerauge bei längerem -Zusehen nicht einen Verstoß gegen das fände, was man die »Komposition« -der Landschaft nennt. Und wie unbegreiflich ist das doch! In allen -andern Dingen sind wir richtig belehrt, die Natur als überlegen -anzusehen. Wir scheuen den Wettbewerb mit ihren Einzelschöpfungen. Wer -wollte es fertigbringen, die Farben der Tulpe wiederzugeben oder die -Gestalt des Maiglöckchens zu verbessern? Die Kritik, die von der -Bildhauerei oder der Porträtkunst sagt, daß hier die Natur nicht nur -erreicht, sondern übertroffen oder idealisiert sei, befindet sich im -Irrtum. Kein malerisches noch bildhauerisches Zusammenwirken von -Einzelheiten menschlicher Schönheit kann mehr, als der lebendigen, -atmenden Schönheit nahe kommen. Nur in der Landschaft ist jener -Standpunkt des Kritikers im Recht, und da er seine Wahrheit hier -empfand, so ist es nur die unüberlegte Vorliebe zur Verallgemeinerung, -die ihn dahin führte, ihn auf allen Gebieten der Kunst als richtig -aufzustellen. Ich sage, seine Wahrheit hier _empfand_; denn die -Empfindung ist keine Einbildung, keine Schimäre. Die Mathematiker -liefern keine exakteren Beweise, als sie dem Künstler in seiner Kunst -das Gefühl bietet. Er glaubt nicht nur, sondern er weiß positiv, daß die -und die scheinbar willkürliche Anordnung der Dinge die wahre Schönheit -ausmacht -- sie ganz allein ausmacht. Seine Gründe aber sind noch nicht -zum Ausdruck gereift. Es bleibt einer gründlicheren Analyse, als die -Welt sie bisher gesehen hat, überlassen, diese Gründe voll zu erforschen -und darzutun. Dessenungeachtet wird er in seiner instinktiven Ansicht -durch die Stimme aller seiner Brüder unterstützt. - -Nehmen wir an, eine »Komposition« sei mangelhaft; sie solle lediglich in -ihrer Zusammensetzung umgearbeitet werden; nun möge man die Frage nach -der Notwendigkeit dieser Umarbeitung jedem Künstler, den es nur gibt, -vorlegen, von jedem wird die Notwendigkeit zugegeben werden. Und sogar -weit mehr als das: zur Behebung der fehlerhaften Komposition würde jedes -einzelne Glied dieser Bruderschaft die nämliche Änderung vorgeschlagen -haben. - -Ich wiederhole, daß nur bei Landschaftsbildern die Schönheit der Natur -eine Steigerung zuläßt und daß daher die Fähigkeit zu ihrer -Vervollkommnung in gerade diesem einen Punkte ein Geheimnis war, das ich -nicht zu lösen wußte. Meine eigenen Anschauungen über den Gegenstand -gingen dahin, die Natur habe in ihrer ursprünglichen Absicht die Erde so -gebildet, daß sie in allen Punkten der menschlichen Auffassung von -vollendeter Schönheit oder Erhabenheit entsprach; aber diese -ursprüngliche Absicht sei durch die bekannten geologischen Störungen -vernichtet worden -- Störungen in Form und Farbengruppierung, in deren -Verbesserung oder Abschwächung die Seele der Kunst beruht. Die Kraft -dieses Gedankens wurde jedoch sehr abgeschwächt durch die in ihm -verborgene Notwendigkeit, die Störungen als anormal und durchaus -unzweckmäßig zu betrachten. Ellison war es, der die Vermutung aussprach, -sie seien ein Anzeichen des Todes. Er erklärte das so: -- Angenommen, -die ursprüngliche Absicht sei die irdische Unsterblichkeit des Menschen -gewesen. Dann finden wir die ursprüngliche Bildung der Erde seinem -seligen Zustand angepaßt -- zwar nicht bestehend, aber beabsichtigt. Die -Umwälzungen waren die Vorbereitungen für seine später beschlossene -Bestimmung zum Tode. - -»Nun könnte aber«, sagte mein Freund, »das, was wir als Steigerung der -landschaftlichen Schönheit empfinden, eine lediglich menschliche -Anschauungsweise sein. Jede Veränderung der natürlichen Szenerie würde -das Bild vielleicht verunstalten, wenn wir es uns von weitem -- als -große Masse gesehen -- denken, von einem der Erdoberfläche fernen Punkt, -wenngleich nicht hinter den Grenzen ihrer Atmosphäre. Es ist leicht -begreiflich, daß das, was einem nah besehenen Detail zum Vorteil -gereichen mag, gleichzeitig eine allgemeine oder entferntere Wirkung -beeinträchtigen kann. Es _könnte_ doch eine Art vordem menschlicher, nun -aber der Menschheit unsichtbarer Wesen geben, denen aus der Ferne unsre -Wirrnis als Ordnung erscheint -- unser Unmalerisches als malerisch; mit -einem Wort, ich meine die Erdengel, für deren Betrachtung mehr als für -unsere und für deren durch den Tod veredelte Bewertung des Schönen die -weiten Landschaftsgärten der Hemisphären von Gott aufgestellt worden -sein mögen.« - -Im Laufe des Gespräches führte mein Freund einige Zitate eines -Beurteilers der Landschaftsgärtnerei an, der, wie man sagt, sein Thema -gut behandelt haben soll: - ->Es gibt eigentlich nur zwei Richtungen in der Landschaftsgärtnerei, die -natürliche und die künstliche. Man versucht die ursprüngliche Schönheit -der Landschaft wiederherzustellen, indem man ihre eigenen Mittel auf die -Umgebung anwendet: Bäume anpflanzt, die sich den benachbarten Hügeln -oder Flächen harmonisch anpassen; jenen reizvollen Einklang von Größe, -Form und Farbe entdeckt und anwendet, der, dem gewöhnlichen Beschauer -verborgen, sich erfahrenen Naturbeobachtern überall enthüllt. Das -Resultat der natürlichen Richtung in der Gärtnerei zeigt sich mehr in -der Vermeidung aller Mängel und Mißverhältnisse -- in der Pflege einer -gesunden Harmonie und Ordnung --, als im Hervorbringen von Wundern oder -Besonderheiten. Die künstliche Richtung hat soviele Abstufungen, als es -Geschmacksverschiedenheiten zu befriedigen gibt. Sie hat eine gewisse -allgemeine Verwandtschaft mit den verschiedenen Baustilen. Da gibt es -die pomphaften Alleen und Boskette Versailles, italienische Terrassen -und ein vielfach gemischter altenglischer Stil, der eine gewisse -Ähnlichkeit mit der profanen Gotik oder der englischen elisabethanischen -Architektur zeigt. Was auch gegen den Mißbrauch der künstlichen -Landschaftsgärtnerei gesagt worden sein mag, so gibt doch eine -Beimischung reiner Kunst einer Gartenszene große Schönheit. Teils -erfreut es das Auge, daß es eine Ordnung und Planmäßigkeit wahrnimmt, -teils ist es ein geistiges Genießen. Eine Terrasse mit einer alten -moosbewachsenen Balustrade ruft uns sofort die reizenden Gestalten ins -Gedächtnis, die hier in früheren Tagen gewandelt sind. Die kleinste -Darbietung von Kunst ist ein Beweis der Sorgfalt und menschlicher -Selbstliebe.< - -»Aus meinen bisherigen Bemerkungen werden Sie begreifen,« sagte Ellison, -»daß ich den Gedanken verwerfe, die ursprüngliche Schönheit der -Landschaft wieder herstellen zu wollen. Die ursprüngliche Schönheit ist -nie so groß, wie die, welche man hervorrufen könnte. Allerdings liegt -alles an der Wahl eines geeigneten Platzes. Was oben über die Entdeckung -und praktische Anwendung hübscher Beziehungen in Größe, Gestalt und -Farbe gesagt ist, ist nichts als eine hohle Redensart, um unklare -Gedanken zu bemänteln. Der genannte Ausspruch kann alles und nichts -besagen und gibt keinerlei Anweisung. Daß der wahre Erfolg des -natürlichen Stils in der Gärtnerei mehr in der Vermeidung aller Mängel -und Mißverhältnisse, als in der Erschaffung irgendwelcher Wunder und -Besonderheiten zu suchen sei, ist ein Vorschlag, der besser zu dem -niedrigen Begriffsvermögen der Herdenmenschen paßt als zu den feurigen -Träumen eines genialen Mannes. Der befürwortete negative Vorzug gehört -zu den hinkenden Beurteilungen, die in der Literatur zum Beispiel einem -Addison eine Apotheose bereiten würden. Ja, während jene Tüchtigkeit, -die lediglich in der Vermeidung von Fehlern besteht, sich direkt an -unsere Einsicht wendet und daher durch Vorschriften umschrieben werden -kann, ist die erhabenere Gabe, die in der Neuschöpfung flammt, allein in -ihren Wirkungen zu begreifen. Regeln behandeln nur die Vorzüge der -Vermeidung -- den Wert der Enthaltsamkeit. Darüber hinaus kann die -kritische Kunst nur mutmaßen. Man kann uns unterweisen, einen >Cato< zu -konstruieren, aber vergeblich wird man uns belehren, wie ein Parthenon -oder ein >Inferno< zu schaffen sei. Ist aber die Sache getan, das Wunder -vollendet, so ist es allgemeinverständlich. Die Sophisten der negativen -Schule, die aus Unfähigkeit zum Schöpferischen solches Tun verspottet -haben, sind nun die eifrigsten im Beifallspenden. Was im Larvenzustand -seines Beginns ihren zahmen Verstand beleidigte, verfehlt nie, in seiner -Reife der Vollendung ihrem Instinkt für Schönheit Bewunderung -abzunötigen.« - -»Gegen die Bemerkungen des Verfassers über den künstlichen Stil ist -weniger zu sagen«, fuhr Ellison fort. »Die Beimischung reiner Kunst gibt -einer Gartenszene eine große Schönheit. Das ist richtig, ebenso wie der -Hinweis auf menschliche Selbstliebe. Das angeführte Prinzip ist -unbestreitbar -- es _könnte_ aber darüber hinaus noch etwas geben. Es -könnte ein auf diesem Grundsatz aufgebautes Ziel geben -- ein mit den -üblichen Mitteln des einzelnen unerreichbares Ziel, das aber, wenn es -erreicht wird, dem Landschaftsgarten einen Reiz verleihen würde, der -alles weit überträfe, was menschliche Sorgfalt hervorbringen könnte. Ein -Künstler mit ganz außergewöhnlichen Geldmitteln könnte, trotz -Beibehaltung der notwendigen Begriffe von Kunst oder Kultur oder, wie -unser Autor sagt, von Selbstliebe, seine Pläne gleichzeitig so durch -großzügige Anlage und neuartige Schönheit bereichern, daß man an die -Einmischung von Feenhand glauben möchte. Man wird sehen, daß er zu -solchem Resultat alle Vorteile der Selbstliebe oder Absicht heranzieht, -während er doch sein Werk von der Schärfe oder den Kunstgriffen der -irdischen Kunst befreit. Im finstersten Urwald -- in den entlegensten -Gebieten der Natur -- ist die Kunst eines Schöpfers erkennbar; doch -diese Kunst wird nur dem Verstande deutlich; in keiner Weise hat sie die -einleuchtende Kraft des Gefühls. Nun wollen wir uns diesen Sinn in der -Absicht des Allmächtigen nur einen Grad niedriger denken -- irgendwie in -Harmonie oder in Übereinstimmung gebracht mit dem Wesen der menschlichen -Kunst -- um ein Zwischenglied zwischen beiden zu bilden: -- stellen wir -uns beispielsweise eine Landschaft vor, die durch Ausgedehntheit und -Bestimmtheit, durch Schönheit, Pracht und Absonderlichkeit den Gedanken -an Sorgfalt, Kultur und Pflege durch höhere und doch der Menschheit -verwandte Wesen wachruft -- dann ist der Begriff der Interessiertheit -gewahrt, während die eingeflochtene Kunst zur Annahme einer -vermittelnden oder zweiten Natur führt -- einer Natur, die weder Gott -noch eine Emanation Gottes ist, die aber dennoch Natur ist, als -Kunstwerk der Engel, die zwischen den Menschen und Gott schweben.« - -Ellison gedachte seinen ungeheuren Reichtum in der Verwirklichung einer -derartigen Vision anzulegen -- in der durch persönliche Überwachung -seiner Anordnungen gebotenen Bewegung im Freien -- in dem unbeschränkten -Ziel, das diese Absichten boten, in dem vergeistigten Wesen dieses -Ziels, in der Verachtung ehrgeizigen Strebens, die ihm dadurch -ermöglicht wurde, in dem ewigen Lenz, mit dem dieses Ziel, ohne je zu -übersättigen, seine Hauptleidenschaft, den Durst nach Schönheit, -befriedigte; vor allem aber in der Sympathie eines nicht unweiblichen -Weibes, deren Lieblichkeit und Liebe sein Dasein mit der purpurnen -Atmosphäre des Paradieses umgeben; und er hoffte, Befreiung von den -Alltagszielen der Menschheit zu finden, und er _fand_ sie und eine weit -größere Fülle positiven Glücks, als je in den überschwenglichen -Wachträumen einer Staël glühte. - -Ich bezweifle, daß ich dem Leser eine irgendwie klare Vorstellung der -Wunder vermitteln kann, die mein Freund tatsächlich verrichtete. Ich -möchte beschreiben, fühle mich aber von der Schwierigkeit der -Beschreibung entmutigt und zögere zwischen Detaillierung und -Verallgemeinerung. Der beste Weg ist vielleicht der, die beiden Extreme -zu vereinigen. - -Mr. Ellisons erster Schritt galt natürlich der Wahl einer Örtlichkeit, -und kaum hatte er über diesen Punkt nachgedacht, als die üppige -Naturpracht der Südsee-Inseln seine Aufmerksamkeit fesselte. Ja, er -hatte schon beschlossen, eine Reise in die Südsee anzutreten, als die -Überlegung einer Nacht ihn veranlaßte, die Idee aufzugeben. »Wäre ich -ein Menschenfeind,« sagte er, »so würde mir solch ein Ort gefallen. Die -völlige Abgeschlossenheit und die Schwierigkeit des Hin- und -Zurückgelangens wäre in solchem Falle der Reiz aller Reize; noch aber -bin ich nicht Timon. Ich wünsche die Erholung, aber nicht das -Bedrückende der Einsamkeit. Ich muß in gewissem Sinne den Grad und die -Dauer meiner Zurückgezogenheit bestimmen können. Es mögen Stunden -kommen, in denen ich das, was ich geleistet habe, der Sympathie -poetischer Geister vorführen will. Ich werde daher einen Ort wählen, der -nicht weit von einer volkreichen Stadt liegt, deren Nähe mir auch die -Durchführung meiner Pläne am besten ermöglicht.« - -Auf der Suche nach einem solchen Ort reiste Ellison mehrere Jahre umher, -und mir war es erlaubt, ihn zu begleiten. Wohl tausend Plätze, von denen -ich entzückt war, verwarf er aus Gründen, deren Richtigkeit ich jedesmal -anerkennen mußte. Wir kamen schließlich zu einem erhöhten Tafelland von -wundervoller Fruchtbarkeit und Schönheit, das einen Rundblick bot, der -dem des Ätna an Ausdehnung sehr wenig nachstand und das nach Ellisons -wie meiner Ansicht die weitberühmte Aussicht jenes Berges in allen -wesentlichen Elementen des Malerischen überragte. - -»Ich bin mir bewußt,« sagte der Reisende mit einem Seufzer tiefen -Entzückens, nachdem er die Szene wohl eine Stunde lang bezaubert -betrachtet hatte, »ich weiß, daß neun Zehntel der wählerischsten Männer -an meiner Stelle hier befriedigt sein würden. Dieses Panorama ist in der -Tat herrlich, und ich würde davon hingerissen sein, wenn es nicht -übertrieben herrlich wäre. Der Geschmack aller mir bekannten Baumeister -veranlaßt sie, der >Aussicht< wegen, ihre Häuser auf eine Höhe zu -stellen. Der Irrtum ist klar. Größe in jeder Form, besonders aber als -Ausdehnung, bringt Überraschung, Erregung -- und ermüdet dann, drückt -nieder. Als gelegentliche Szene kann es nichts Besseres geben -- zum -dauernden Anblick nichts Schlimmeres. Und zum dauernden Anblick ist die -unzulässigste Art der Größe die der Ausdehnung, des weiten Raumes. Sie -steht mit dem Gefühl, dem Sinn für Zurückgezogenheit auf dem Kriegsfuß --- dem Sinn, den wir zu befriedigen suchen, wenn wir uns >auf das Land -zurückziehen<. Wenn wir vom Gipfel eines Berges um uns blicken, so -fühlen wir uns unwillkürlich verloren in der Welt. Die tief -melancholischen Seelen meiden einen weiten Blick wie die Pest.« - -Nicht vor Ende des vierten Jahres unsrer Suche fanden wir eine Gegend, -mit der Ellison sich einverstanden erklärte. Es ist natürlich -überflüssig, zu sagen, wo diese Gegend lag. Der kürzlich erfolgte Tod -meines Freundes, der seine Besitzung für gewisse Kreise von Besuchern -erschloß, hat Arnheim zu einer heimlichen und gedämpften, wenn nicht -traurigen Berühmtheit verholfen, ähnlich -- allerdings in unendlich -höherem Grade -- wie es mit dem so lang verehrten Fonthill gegangen ist. - -Der übliche Weg nach Arnheim war der Fluß. Der Besucher verließ die -Stadt am frühen Morgen. Im Laufe des Vormittags glitt er zwischen Ufern -voll stiller, ländlicher Schönheit dahin, auf denen zahllose Schafe -weideten, deren weißes Fell das strahlende Grün der vorüberziehenden -Wiesen sprenkelte. Nach und nach wirkte die Landschaft weniger bebaut, -als lediglich mit Sorgfalt gepflegt. Das wandelte sich allmählich in -Verlassenheit -- diese wieder in völlige Abgeschiedenheit. Als der Abend -kam, wurde der Kanal enger, die Ufer erhoben sich steiler und waren mit -üppigem, dunklem Laubwuchs bedeckt. Das Wasser wurde durchsichtig. Der -Fluß machte tausend Windungen, so daß man seine schimmernde Fläche nur -immer eine kurze Strecke weit überschauen konnte. Jeden Augenblick war -es, als befinde sich das Schiff in einem Zauberkreis aus -undurchdringlichen Laubwänden, einer Decke von tiefblauer Seide und -- -_keinem_ Boden, da der Kiel mit staunenswerter Geschicklichkeit auf dem -eines andern gespenstischen Bootes zu balanzieren schien, das, zufällig -kieloben treibend, die beständige Begleitung und gewissermaßen der Halt -des wirklichen Bootes zu sein schien. Der Kanal wurde jetzt zu einer -Schlucht -- die Bezeichnung ist allerdings etwas unangebracht, und ich -gebrauche sie nur, weil die Sprache kein Wort hat, das diesen -auffälligsten Zug der Landschaft kennzeichnet. Der Charakter einer -Schlucht wurde nur durch die Höhe und Gleichmäßigkeit beider Ufer -gegeben; in allem andern war keine Ähnlichkeit zu spüren. Die Wände der -Schlucht (durch die das Wasser weiter still dahinfloß) erreichten eine -Höhe von hundert und gelegentlich hundertfünfzig Fuß und neigten sich -einander soweit zu, daß sie das Tageslicht wesentlich abdämpften, -während das lange flaumige Moos, das in dichten Büscheln vom -verflochtenen Strauchwerk oben herniederhing, der ganzen Kluft eine -trauernde Düsterkeit verlieh. Die Windungen wurden häufiger und -verworrener und schienen oft wieder nach rückwärts zu führen, so daß der -Reisende längst nicht mehr die Richtung kannte. Überdies fühlte er mit -Entzücken die Seltsamkeit seiner Umgebung. Freilich, Natur war es noch -immer, aber sie war beeinflußt worden. Da war eine zauberhafte -Symmetrie, eine packende Gleichmäßigkeit, eine märchenhafte Sauberkeit -hier in ihren Werken. Nicht ein totes Zweiglein -- nicht ein welkes -Blatt -- nicht ein verirrter Kiesel -- nicht ein Fleckchen nackter Erde -war zu sehen. Das kristallklare Wasser wellte an dem sauberen Granit -oder dem fleckenlosen Moos empor in einer so ebenmäßigen Grenzlinie, daß -es das Auge entzückte und bestürzte. - -Hatte man die Irrgänge dieses Kanals einige Stunden lang durchzogen, -während die Dämmerung immer mehr zunahm, so brachte eine scharfe und -plötzliche Wendung das Boot wie vom Himmel gefallen in ein rundes Becken -von ansehnlichen Ausmaßen, mit denen der Schlucht verglichen. Es hatte -etwa zweihundert Meter Durchmesser und war bis auf eine einzige Stelle, -die dem Boot bei seinem Eintritt genau gegenüber lag, von Hügeln -eingefaßt, deren Höhe den Mauern der Schlucht entsprach, die aber ganz -anders in der Anlage waren. Sie glitten in einem Winkel von etwa vierzig -Grad zum Wasser herunter, und diese Hänge waren von unten bis oben -- -ohne den kleinsten Zwischenraum -- mit den prächtigsten Blüten -geschmückt; kaum ein grünes Blättchen war in dem Meer duftender Farben -und flutender Blütensterne zu sehen. Dieses Becken war von großer Tiefe; -das Wasser war aber so durchsichtig, daß der Boden, der aus einer -dichten Menge kleiner, runder Alabasterkiesel zu bestehen schien, -gelegentlich deutlich sichtbar wurde, das heißt immer dann, wenn das -Auge es fertig brachte, nicht tief unten im umgekehrten Himmel das -verdoppelte Blühen der Hügel wahrzunehmen. Auf diesen gab es weder Bäume -noch Sträucher irgendwelcher Größe. Der Eindruck für den Beschauer war -Fülle, Wärme, Farbe, Ruhe, Gleichmäßigkeit, Sanftheit, Zartheit, -Vornehmheit, Üppigkeit und ein so wundervolles Übermaß von Pflege, daß -man träumen mochte, das Geschlecht der Feen, der fleißigen, -geschmackvollen, prunkliebenden und stolzen Feen sei auferstanden; wenn -aber der Blick von der scharfen Wassergrenze des myriadengetönten Hanges -zu seiner in niedrig ziehenden Wolken verschwimmenden Höhe schweifte, so -war es wirklich schwer, nicht an einen stürzenden Wasserfall von -Rubinen, Saphiren, Opalen und goldschimmernden Onyxen zu denken, der -schweigend aus dem Himmel niederstürzte. - -Der Besucher, der plötzlich aus dem Dämmer der Schlucht in diese Bucht -herausgleitet, ist entzückt und überrascht, den vollen Ball der -untergehenden Sonne zu erblicken, die er längst tief unter dem Horizont -glaubte, die ihm nun aber gegenübersteht und den einzigen Abschluß eines -andernfalls unbegrenzten Ausblicks durch einen andern schluchtartigen -Einschnitt in den Hügeln bildet. - -Hier aber verläßt der Reisende das Schiff, das ihn soweit getragen hat, -und besteigt ein leichtes Boot aus Elfenbein, das innen wie außen mit -Arabesken in Scharlachrot geziert ist. Bug und Hinterteil des Bootes -heben sich in scharfer Spitze hoch aus dem Wasser, so daß die Form des -Ganzen ein unregelmäßiger Halbmond ist. Mit der stolzen Anmut des -Schwanes wiegt es sich auf dem Spiegel der Bucht. Auf seinem -hermelinbelegten Boden ruht ein einziges leichtes Ruder aus Atlasholz; -doch kein Ruderer oder Begleiter ist zu sehen. Der Gast wird gebeten, -sich vertrauensvoll darauf zu verlassen, daß das Schicksal ihn behüten -wird. Der größere Kahn verschwindet, und er bleibt allein in dem Boot -zurück, das anscheinend unbeweglich mitten im See liegt. Während er -überlegt, welchen Kurs er nehmen soll, spürt er jedoch, daß das Feenboot -sich sacht bewegt. Es schwingt sich langsam herum, bis sein Bug zur -Sonne weist. - -Es bewegt sich mit sanfter, aber zunehmender Schnelligkeit voran, und -das leichte Wellenkräuseln umtanzt die elfenbeinernen Bootswände wie mit -himmlischen Melodien -- und gibt jedenfalls die einzige Erklärung für -die schmeichelnde, doch schwermütige Musik, nach deren unsichtbarem -Ursprung der bestürzte Reisende vergeblich um sich blickt. - -Das Boot rückt stetig voran, und das Felsentor der Durchsicht rückt -näher, so daß man deutlicher in seine Tiefen spähen kann. Rechts erhebt -sich eine Kette wild und üppig bewaldeter Höhen. Immer aber kann man -sehen, daß die köstliche Sauberkeit des Ufers dort, wo es ins Wasser -taucht, erhalten bleibt. Nicht ein Zeichen des an Flußufern sonst -üblichen Verfalls ist wahrzunehmen. Nach links ist die Szene sanfter, -und das Künstliche ist stärker betont. Hier schwingt sich das Ufer in -sehr sanfter Steigung vom Fluß empor und bildet eine breite Rasenfläche, -die nur mit Sammet zu vergleichen ist und ein so strahlendes Grün -aufweist, daß es mit dem reinsten Smaragd wetteifert. Dieses »Plateau« -hat eine wechselnde Breite von zehn zu dreihundert Metern und reicht vom -Ufer bis zu einer Mauer, die in unzähligen Kurven dahinzieht, im -allgemeinen aber dem Flußlauf folgt, bis sie sich nach Westen in der -Ferne verliert. Diese Mauer besteht aus einem zusammenhängenden Fels und -ist dadurch entstanden, daß man den einst zerklüfteten Hang des -südlichen Flußufers senkrecht abschnitt; doch nicht die kleinste Spur -dieser Arbeit ist mehr zu sehen. Der gemischte Stein ist altersgrau und -ist verschwenderisch mit Efeu, korallenrotem Geisblatt, der wilden Rose -und Klematis behangen und umwuchert. Die Gleichmäßigkeit der oberen und -unteren Abschlußlinie der Mauer wird durch Bäume von gigantischer Größe -erreicht, die vereinzelt oder in Gruppen auf dem »Plateau« oder im -Bereich hinter der Mauer, aber immer dicht neben ihr stehen, so daß -zuweilen die Äste (besonders jene der schwarzen Walnuß) herübergreifen -und ihre hängenden Spitzen ins Wasser tauchen. Weiter hinten ist das -eingeschlossene Gebiet von undurchdringlichem Laubwerk verhüllt. - -Diese Dinge bemerkt man, während das Boot der Stelle immer näher kommt, -die ich das Tor der Durchsicht genannt habe. Je mehr man sich ihm -nähert, desto mehr verschwindet das Zauberhafte daran; nach links öffnet -sich ein neuer Abfluß aus der Bucht, und in dieselbe Richtung scheint -auch die Mauer sich zu ziehen, die immer noch den Flußlauf begleitet. -Weit kann das Auge nicht in diese neue Flucht hinunterspähen, denn das -von der Mauer begleitete Wasser biegt wiederum nach links ab, bis beide -im Laubdach verschwinden. - -Das Boot aber gleitet wie durch Zauberkraft in den gewundenen Kanal, und -hier zeigt das der Mauer gegenüberliegende Ufer Ähnlichkeit mit dem -vorhin beschriebenen Ufer. Hohe Hügel, die sich gelegentlich zu Bergen -erheben und eine üppige, wilde Vegetation tragen, schließen die Szene -ein. - -Das Boot gleitet sanft, aber mit zunehmender Geschwindigkeit dahin, bis -nach vielen kurzen Drehungen der Reisende seinen Weg von einem -gigantischen Tor oder vielmehr einer vergoldeten, überreich zierlichen -Tür gehemmt sieht, die den vollen Strahlen der jetzt schnell sinkenden -Sonne ein so glänzender Spiegel ist, daß der ganze umliegende Wald in -Flammen zu stehen scheint. Dieses Tor ist in die hohe Mauer eingelassen, -die den Fluß hier scheinbar rechtwinklig kreuzt. Nach kurzer Zeit -allerdings sieht man, daß der Hauptstrom des Wassers noch immer in -sanftem und gedehntem Bogen nach links gleitet, wie zuvor der Mauer -folgend, während eine nicht unbeträchtliche Strömung sich von dem -Hauptarm abzweigt und leise kräuselnd unter dem Tor den Blicken -entschwindet. Das Boot fällt in den kleinen Kanal und nähert sich dem -Tor. Seine weitausladenden Flügel dehnen sich langsam und sanft -erklingend. Das Boot gleitet hindurch und fliegt eilig einem ungeheuren -Amphitheater zu, das vollständig von purpurnen Bergen umschlossen ist, -deren Füße ein schimmernder Fluß umspült. Und nun zeigt sich den Blicken -urplötzlich das ganze Paradies Arnheim. Eine bezaubernde Melodie rauscht -auf; ein seltsam süßes Duften umschmeichelt die Sinne, -- und -traumgleich erstehen vor dem Auge hohe, schlanke Zypressen, -laubenartiges Gesträuch, Scharen goldener und scharlachroter Vögel, -lilienumsäumte Teiche, Wiesen voller Veilchen, Tulpen, Mohn, Hyazinthen -und Tuberosen, lange, gewundene, silberne Wasserläufe und mitten aus -alledem phantastisch emporstrebend ein halb gotisches, halb maurisches -Bauwerk, das wie durch Wunderkraft frei in der Luft zu schweben scheint, -im roten Sonnenglanz mit hundert Erkern, Minaretten und Zinnen -erglitzert und vermuten läßt, es sei ein Geisterwerk der Sylphen, Feen, -Genien und Gnomen. - - - - - GEDICHTE - - - - - DER RABE - - - Einst in dunkler Mittnachtstunde, als ich in entschwundner Kunde - Wunderlicher Bücher forschte, bis mein Geist die Kraft verlor - Und mir's trübe ward im Kopfe, kam mir's plötzlich vor, als klopfe - Jemand zag ans Tor, als klopfe -- klopfe jemand sacht ans Tor. - Irgendein Besucher, dacht' ich, pocht zur Nachtzeit noch ans Tor -- - Weiter nichts. -- So kam mir's vor. - - O, ich weiß, es war in grimmer Winternacht, gespenstischen Schimmer - Jagte jedes Scheit durchs Zimmer, eh es kalt zu Asche fror. - Tief ersehnte ich den Morgen, denn umsonst war's, Trost zu borgen - Aus den Büchern für das Sorgen um die einzige Lenor, - Um die wunderbar Geliebte -- Engel nannten sie Lenor -- - Die für immer ich verlor. - - Die Gardinen rauschten traurig, und ihr Rascheln klang so schaurig, - Füllte mich mit Schreck und Grausen, wie ich nie erschrak zuvor. - Um zu stillen Herzens Schlagen, sein Erzittern und sein Zagen, - Mußt' ich murmelnd nochmals sagen: »Ein Besucher klopft ans Tor. -- - Ein verspäteter Besucher klopft um Einlaß noch ans Tor«, - Sprach ich meinem Herzen vor. - - Alsobald ward meine Seele stark und folgte dem Befehle. - »Herr«, so sprach ich, »oder Dame, ach, verzeihen Sie, mein Ohr - Hat Ihr Pochen kaum vernommen, denn ich war schon schlafbenommen, - Und Sie sind so sanft gekommen -- sanft gekommen an mein Tor; - Wußte kaum den Ton zu deuten ...« Und ich sperrte auf das Tor: -- - Nichts als Dunkel stand davor. - - Starr in dieses Dunkel spähend, stand ich lange, nicht verstehend, - Träume träumend, die kein irdischer Träumer je gewagt zuvor; - Doch es herrschte ungebrochen Schweigen, aus dem Dunkel krochen - Keine Zeichen, und gesprochen ward nur zart das Wort »Lenor« -- - Zart von mir gehaucht, -- wie Echo flog zurück das Wort »Lenor«. - Nichts als dies vernahm mein Ohr. - - Wandte mich zurück ins Zimmer, und mein Herz erschrak noch - schlimmer, - Da ich wieder klopfen hörte, etwas lauter als zuvor. - »Sollt ich«, sprach ich, »mich nicht irren, hörte ich's am Fenster - klirren; - O, ich werde bald entwirren dieses Rätsels dunklen Flor; - Herz, sei still, ich will entwirren dieses Rätsels dunklen Flor; - Wind wohl machte den Rumor.« - - Hastig stieß ich auf die Schalter -- flatternd kam herein ein alter, - Stattlich großer, schwarzer Rabe, wie aus heiliger Zeit hervor; - Machte keinerlei Verbeugung, keine kleinste Dankbezeigung, - Flog mit edelmännischer Neigung zu dem Pallaskopf empor, - Grade über meiner Türe auf den Pallaskopf empor -- - Saß -- und still war's wie zuvor. - - Doch das wichtige Gebaren dieses schwarzen Sonderbaren - Löste meines Geistes Trauer, und ich schalt ihn mit Humor: - »Alter, schäbig und geschoren, sprich, was hast du hier verloren? - Niemand hat dich herbeschworen aus dem Land der Nacht hervor. - Tu mir kund, wie heißt du, Stolzer aus Plutonischem Land hervor?« - Sprach der Rabe: »Nie du Tor.« - - Daß er sprach so klar verständlich -- ich erstaunte drob unendlich, - Kam die Antwort mir auch wenig sinnvoll und erklärend vor. - Denn noch nie war dies geschehen: über seiner Türe stehen - Hat wohl keiner noch gesehen solchen Vogel je zuvor -- - Über seiner Stubentüre auf der Büste je zuvor, - Mit dem Namen »Nie du Tor.« - - Doch ich hört' in seinem Krächzen seine ganze Seele ächzen, - War auch kurz sein Wort und brachte er auch nichts als dieses vor. - Unbeweglich sah er nieder, rührte Kopf nicht, noch Gefieder, - Und ich murrte murmelnd wieder: »Wie ich Freund und Trost verlor, - Werd' ich morgen _ihn_ verlieren -- wie ich alles schon verlor.« - Sprach der Rabe: »Nie du Tor.« - - Seine schroff gesprochnen Laute klangen passend, daß mir graute. - »Aber«, sprach ich, »nein, er plappert nur sein einzig Können vor, - Das er seinem Herrn entlauschte, dessen Pfad ein Unstern rauschte, - Bis er letzten Mut vertauschte gegen trüber Lieder Chor -- - Bis er trostlos trauerklagte in verstörter Lieder Chor - Mit dem Kehrreim: >Nie du Tor.<« - - Da der Rabe das bedrückte Herz zu lächeln mir berückte, - Rollte ich den Polsterstuhl zu Büste, Tür und Vogel vor, - Sank in Samtsitz, nachzusinnen, Traum mit Träumen zu verspinnen - Über solchen Tiers Beginnen: was es wohl gewollt zuvor -- - Was der alte ungestalte Vogel wohl gewollt zuvor - Mit dem Krächzen: »Nie du Tor.« - - Saß, der Seele Brand beschwichtend, keine Silbe an ihn richtend, - Seine Feueraugen wühlten mir das Innerste empor. - Saß und kam zu keinem Wissen, Herz und Hirn schien fortgerissen, - Lehnte meinen Kopf aufs Kissen lichtbegossen -- das Lenor - Pressen sollte -- lila Kissen, das nun nimmermehr Lenor - Pressen sollte wie zuvor! - - Dann durchrann, so schien's, die schale Luft ein Duft aus - Weihrauchschale - Edler Engel, deren Schreiten rings vom Teppich klang empor. - »Narr!« so schrie ich, »Gott bescherte dir durch Engel das begehrte - Glück Vergessen: das entbehrte Ruhen, Ruhen vor Lenor! - Trink, o trink das Glück: Vergessen der verlorenen Lenor!« - Sprach der Rabe: »Nie du Tor.« - - »Weiser!« rief ich, »sonder Zweifel Weiser! -- ob nun Tier, ob - Teufel -- - Ob dich Höllending die Hölle oder Wetter warf hervor, - Wer dich nun auch trostlos sandte oder trieb durch leere Lande - Hier in dies der Höll' verwandte Haus -- sag, eh ich dich verlor: - Gibt's -- o _gibt's_ in Gilead Balsam? -- Sag mir's, eh ich dich - verlor!« - Sprach der Rabe: »Nie du Tor.« - - »Weiser!« rief ich, »sonder Zweifel Weiser! -- ob nun Tier, ob - Teufel -- - Schwör's beim Himmel uns zu Häupten -- schwör's beim Gott, den ich - erkor; - Schwör's der Seele so voll Grauen: soll dort fern in Edens Gauen - Ich ein strahlend Mädchen schauen, die bei Engeln heißt Lenor -- - Sie, die Himmlische, umarmen, die bei Engeln heißt Lenor?« - Sprach der Rabe: »Nie du Tor.« - - »Sei dies Wort dein letztes, Rabe oder Feind! Zurück zum Grabe! - Fort! zurück in Plutons Nächte!« schrie ich auf und fuhr empor. - »Laß mein Schweigen ungebrochen! Deine Lüge, frech gesprochen, - Hat mir weh das Herz durchstochen. -- Fort, von deinem Thron hervor! - Heb dein Wort aus meinem Herzen -- heb dich fort, vom Thron hervor!« - Sprach der Rabe: »Nie du Tor.« - - Und der Rabe rührt sich nimmer, sitzt noch immer, sitzt noch immer - Auf der blassen Pallasbüste, die er sich zum Thron erkor. - Seine Augen träumen trunken wie Dämonen traumversunken; - Mir zu Füßen hingesunken droht sein Schatten tot empor. - Hebt aus Schatten meine Seele je sich wieder frei empor? -- - Nimmermehr -- o, nie du Tor! - - - - - ANNABEL LEE - - - Ist ein Königreich an des Meeres Strand, - Da war es, da lebte sie -- - Lang, lang ist es her -- und sie sei euch genannt - Mit dem Namen _Annabel Lee_. - Und ihr Leben und Denken war ganz gebannt - In Liebe -- und _mich_ liebte sie. - - In dem Königreich an des Meeres Strand - Ein Kind noch war ich und war sie, - Doch wir liebten mit Liebe, die mehr war denn dies -- - Ich und meine _Annabel Lee_ -- - Mit Liebe, daß strahlende Seraphim - Begehrten mich und sie. - - Und das war der Grund, daß vor Jahren und Jahr - Eine Wolke Winde spie, - Die frostig durchfuhren am Meeresstrand - Meine schöne _Annabel Lee_; - Und ihre hochedele Sippe kam, - Und ach! man entführte mir sie, - Um sie einzuschließen in Gruft und Grab, - Meine schöne _Annabel Lee_. - - Die Engel, nicht halb so glücklich als wir, - Waren neidisch auf mich und auf sie -- - Ja! das war der Grund (und alle im Land - Sie wissen, vergessen es nie), - Daß der Nachtwind so rauh aus der Wolke fuhr - Und mordete _Annabel Lee_. - - Weit stärker doch war unsre Liebe als die - All derer, die älter als wir -- - Und mancher, die weiser als wir -- - Und die Engel in Höhen vermögen es nie - Und die Teufel in Tiefen nie, - Nie können sie trennen die Seelen von mir - Und der schönen _Annabel Lee_. - - Kein Mondenlicht blinkt, das nicht Träume mir bringt - Von der schönen _Annabel Lee_, - Jedes Sternlein, das steigt, hell die Augen mir zeigt - Meiner schönen _Annabel Lee_; - Und so jede Nacht lieg' zur Seite ich sacht - Meinem Lieb, meinem Leben in bräutlicher Pracht: - Im Grabe da küsse ich sie, - Im Grabe da küsse ich sie. - - - - - ULALUME - - - Der Himmel war düster umwoben; - Verflammt war der Bäume Zier -- - Verdorrt war der Bäume Zier; - Es war Nacht im entlegnen Oktober - Eines Jahrs, das vermodert in mir; - War beim düsteren See von Auber, - In den nebligen Gründen von Weir -- - War beim dunstigen Sumpf von Auber, - In dem spukhaften Waldland von Weir. - - Durch Zypressenallee, die titanisch, - Bin ich mit meiner Seele gegangen -- - Bin hier einst mit Psyche gegangen -- - Zur Zeit, da mein Herz war vulkanisch - Wie die schlackigen Ströme, die langen, - Wie die Lavabäche, die langen, - Die rastlos und schweflig den Yaanek - Hinab bis zum Pole gelangen -- - Die rollend hinab den Berg Yaanek - Zum nördlichen Pole gelangen. - - Unser Wort war von Dunkel umwoben, - Der Gedanke verdorrt und stier -- - Das Gedenken verdorrt und stier; - Denn wir wußten nicht, daß es Oktober, - Und der Jahrnacht vergaßen wir -- - Der Nacht aller Jahrnächte wir! - Wir vergaßen des Sees von Auber - (Obgleich wir gewandert einst hier), - Des dunstigen Sumpfs von Auber - Und des spukhaften Waldlands von Weir. - - Und nun da in alternder Nacht - Die Sternuhr gen Morgen sich schob -- - Da die Sternuhr gen Morgen sich schob -- - Ward am End' unsres Pfades entfacht - Ein Schimmern, das Nebel umwob, - Aus dem mit wachsender Pracht - Ein Halbmond sein Doppelhorn hob -- - Astartes demantene Pracht - Deutlich ihr Doppelhorn hob. - - »Sie ist wärmer«, so sagte ich, - »Als Diana: sie schwärmt durch ein Meer - Von Seufzern -- ein Seufzermeer; - Sie sah es: die Träne wich - Von diesen Wangen nicht mehr, - Und vorbei am Löwenbild strich - Als Lenker zu Himmeln sie her, - Als Leiter zu Lethe sie her; - Trotz des Löwen getraute sie sich, - Uns zu leuchten so hell und so hehr -- - Durch sein Lager hindurch wagte sich - Ihre Liebe, so licht und so hehr.« - - Doch Psyche hob warnend die Hand: - »Fürwahr, ich mißtraue dem Schein - Dieses Sterns -- seinem bleichen Schein. - O fliehe! o halte nicht stand! - Laß uns fliegen -- denn, o! es muß sein!« - Sprach's entsetzt, und es sanken gebannt - Ihre Schwingen in schluchzender Pein -- - Ihre Schwingen schleiften gebannt - Die Federn in Staub und Stein -- - Voll Kummer in Staub und Stein. - - Ich erwiderte: »Traum ist dies Grauen! - Laß uns weiter in Lichtes Pracht -- - Laß uns baden in seiner Pracht! - Es läßt mich die Hoffnung erschauen - In kristallener Schönheit heut nacht -- - Sieh! es flackert gen Himmel durch Nacht! - O! man darf seinem Schimmern vertrauen, - Es führt uns mit weisem Bedacht -- - O! man muß seinem Schimmern vertrauen, - Es lenkt uns mit treuem Bedacht, - Da es flackert gen Himmel durch Nacht!« - - Ich beruhigte Psyche und gab - Ihr Küsse und lockte sie vor -- - Aus Bedenken und Dunkel hervor; - Und wir schritten den Baumgang hinab, - Bis am Ende uns anhielt das Tor - Einer Gruft -- ein märchenhaft Grab. - »Schwester,« sprach ich, »was schrieb man aufs Grab -- - An das Tor von dem Wundertume?« - »Ulalume!« sprach sie; »in dem Grab - Ruht verloren für dich Ulalume!« - - Und mein Herz wurde düster umwoben, - Wurde dürr wie der Bäume Zier; -- - Wurde welk wie der Bäume Zier; - Und ich schrie: »Es war sicher Oktober - In der _nämlichen_ Nacht, da ich hier - Im Vorjahr gewandert -- und hier - Eine Last hertrug, fürchterlich mir! - Diese Nacht aller Jahrnächte mir, - Welcher Dämon verführte mich hier? - Gut kenn' ich den See jetzt von Auber -- - Diese nebligen Gründe von Weir -- - Gut kenn' ich den Dunstsumpf von Auber -- - Dieses spukhafte Waldland von Weir.« - - - - - DIE GLOCKEN - - - I. - - Hört der Schlittenglocken Klang -- - Silberklang! - Welche Welt von Lustigkeit verheißt ihr heller Sang! - Wie sie klingen, klingen, klingen - In die Nacht voll Schnee und Eis, - Während sprüh die Sterne springen, - Zwinkernd sich zum Reigen schlingen - Im kristallnen Himmelskreis: - Halten Schritt, Schritt, Schritt, - Tanzen Runenrhythmen mit - Zu der kleinen klaren Glocken süßem Singesang, - Zu dem Klang, Klang, Klang, Klang, - Klang, Klang, Klang -- - Zu dem Singen und dem Schwingen in dem Klang. - - - II. - - Hört der Hochzeitsglocken Klang -- - Goldnen Klang! - Welche Welt von Seligkeit verheißt ihr voller Sang! - Wie ihr Läuten lauter lacht - Durch den Balsamduft der Nacht! - Aus dem holden goldnen Schwall, - Wie altgewohnt, - Fliegen leicht die Töne all - Hin zur Turteltaube, die beim frohen Schall - Schielt zum Mond. - O wie schwillt im Überschwang - Ein Guß von hohem Feierklang so voll die Nacht entlang! - Hochgesang -- - Hoffnungssang - Auf der Zukunft heitern Gang! - Freude treibt zu schnellerm Drang - Dieses Ringen und das Schwingen - In dem Klang, Klang, Klang -- - In dem Klang, Klang, Klang, Klang, - Klang, Klang, Klang -- - Dieses Quellen und das Schwellen in dem Klang. - - - III. - - Hört der Feuerglocken Klang -- - Bronznen Klang! - Welch ein Aufruhr stürmt daraus so schreckenvoll und bang! - Wie ihr Schreien Schreck entfacht - In durchbebter Luft der Nacht! - Zu entsetzt, um klar zu sein, - Können sie nur schrein, nur schrein, - Ohne Takt - Rufen sie in lautem Lärmen um Erbarmen an das Feuer, - Zanken in verrücktem Toben mit dem tollen tauben Feuer. - Höher, höher, ungeheuer - Springt verlangend auf das Feuer; - In verzweifeltem Bemühn, - Bis zum Mond emporzusprühn, - Sind die Flammen steilgezackt. - O, der Klang, Klang, Klang! - Wie er grauenvoll und bang - Alles schreckt! - Wie er schauert, schallt und braust, - Daß den Lüften bangt und graust, - Wie er aller Orten lähmendes Entsetzen weckt! - Dennoch hört das Ohr sie gut - Durch das Schallen - Und das Hallen: - Ebbe der Gefahr und Flut; - Dennoch nimmt das Ohr es wahr - Durch das Zanken - Und das Schwanken: - Flutet oder ebbt Gefahr -- - Durch das Stocken und das Schwellen in dem schnellen - Glockenklang, - In dem Klang -- - In dem Klang, Klang, Klang, Klang, - Klang, Klang, Klang -- - Durch das Härmen und das Lärmen in dem Klang. - - - IV. - - Hört der Eisenglocken Klang -- - Eisenklang! - Welche Welt von Trauer trägt ihr monotoner Sang! - In der Grabesruh der Nacht - Wie er uns erschauern macht - Durch das Trauern und das Drohen in dem Ton! - Denn die Klänge, die entrollen - Rostigen Glockenkehlen, tollen - Grollend fort. - O, die Wesen, die dort oben - In dem Glockenturme toben -- - Einsam dort - Mit den monotonen Glocken -- - Die da tollen, tollen, tollen, - Voll verschleiertem Frohlocken - Einen Stein aufs Herz uns rollen -- - Leichenfressende Dämonen - Sind's, die in den Glocken wohnen, - All im Sold - Ihres Königs, der da tollt, - Der da rollt, rollt, rollt, - Rollt - Triumph aus Glockenklang! - Und sein Busen schwillt im Drang - Des Triumphs aus Glockenklang. - Johlend tanzt er zu dem Sang; - Haltend Schritt, Schritt, Schritt - Tanzt er Runenrhythmen mit - Zum Triumph aus Glockenklang, - Glockenklang. - Haltend Schritt, Schritt, Schritt - Tanzt er Runenrhythmen mit - Zu dem Dröhnen in dem Klang, - In dem Klang, Klang, Klang -- - Zu dem Stöhnen in dem Klang. - Haltend Schritt, Schritt, Schritt - An der Totenglocke Strang - Tanzt er Runenrhythmen mit - Zu dem Tollen in dem Klang, - In dem Klang, Klang, Klang, - Zu dem Rollen in dem Klang, - In dem Klang, Klang, Klang, Klang, - Klang, Klang, Klang -- - Zu dem Trauern und dem Schauern in dem Klang. - - - - - TAMERLAN - - - Tröstlicher Sang für Mußestunden -- - Das, Vater, ist mein Thema nicht. - Ich weiß, ich werde nie entbunden - Von mehr als irdischen Hochmuts Sünde - Durch Erdenmacht für Sehnsucht finde - Ich nicht die Zeit, für Träumen nicht. - Man nennt sie Hoffen -- jene Glut! - Nichts ist sie als Begehrens Wut! - _Könnte_ ich hoffen -- Gott! ja, dann - Hieß ich nicht Narr dich, alter Mann. - - Begreifst du eines Geistes Scham, - Der tief gebeugt nach höchstem Flug? - O schmachtend Herz! von dir bekam - Dein Welken ich mit all dem Trug - Von Ruhmbegier, den heißen Glanz, - Um meinen Thron den Strahlenkranz, - Der Hölle Heiligenschein! und Not, - Die nicht in Hölle heißer loht. - O drängend Herz, das nach der Wonne - Verlorner Blumen, nach der Sonne - Der alten Sommerstunden schreit! -- - Die ewige Glocke jener Zeit, - Die starb, sie singt nun ohne Enden - Eintönig, wie von Zauberhänden - Geläutet, deiner Nichtigkeit - Ein unsterbliches Grabgeläut. - - Ich war nicht immer so wie jetzt: - Dies Diadem, das fiebrisch hetzt, - Krönt eines Usurpators Gier. - Gab gleiche feurige Erbschaft nicht - Dem Cäsar Rom -- wie dieses mir? - Das Erbe königlicher Kraft - Und stolzer Mut und Zuversicht, - Die alles Menschliche errafft! - - Auf Bergeserde ward ich Leben. - Nachtnebel gossen ihren Tau - Aufs Haupt mir aus dem dunklen Grau; - Ich glaube, daß der Lüfte Weben, - Zu ungestümem Sturm erregt, - Durch dies mein eignes Haar gefegt. - - So spät vom Himmel -- Tau -- er fiel - (In Träumen unheiliger Nacht) - Auf mich herab wie Höllenspiel; - Und Flammen, glühendrot entfacht - Aus Wolken, die gleich Bannern hingen, - Erschienen halbgeschloßnem Blick - Als Prunk von Herrschermacht und Glück; - Und des Trompeten-Donners Klingen - Umbrauste mich wie Wirbelwind - Und sprach von Menschenschlacht, darinnen - Die _meine_ Stimme -- dummes Kind! -- - (Was würde ich vor Lust beginnen - Bei solchem Schrei -- erlebt' ich dies!) - Schlachtruf des Sieges schallen ließ. - - Der Regen kam herab auf mein - Schutzloses Haupt, und schwerer Wind - Machte mich toll und taub und blind: - Es mochten wohl nur Menschen sein, - Die Lorbeer auf mich niederwarfen, - So dachte ich; der Sturm der scharfen - Eisigen Luft hat in mein Ohr - Hineingegurgelt das Zertrümmern - Von Kaiserreichen -- mit dem Wimmern - Gefangener Feinde -- Stimmenchor - Des Trosses und den Schmeichelton - Ringsher um eines Herrschers Thron. - - Meine Gier, seit jenen Unglücksstunden, - Ward Tyrannei, die ich erstrebte; - Man hielt sie, seit ich Macht gefunden, - Für meines Innern Grundgebot. - Nun sei's! Doch, Vater, einer lebte, - Der damals -- da ich jung und sie - In stärkerm Feuer noch geloht - (Denn Leidenschaften sterben früh) -- - Der _damals_ selbst gewußt, daß, ach, - Dies eisern Herz in Liebe schwach. - - Mir fehlen Worte, um zu sagen, - Wie gutes Lieben Freude flicht! - Noch würde ich zu zeichnen wagen - Ein mehr als schönes Angesicht, - Des Züge meinem Geiste sind -- - Schatten im unbeständigen Wind: - Gleich wie mein Aug', mein zögernd mattes, - Die Lettern irgendeines Blattes - Und alle Wissenschaft darin - Zu Phantasien ohne Sinn - Oft schmelzen sah -- zu Nichts dahin. - - O, sie war all der Liebe wert! - Und so der Kindheit Liebe war, - Daß Engel neidvoll sie begehrt; - Ihr junges Herz war der Altar, - Auf dem als Weihrauch lag mein Hoffen - Und Denken -- damals gute Gaben, - Denn kindlich waren sie und offen; - Ihr Beispiel strahlte rein dem Knaben. - O, warum mußte ich's verlassen, - Um im Vertrauen auf das Feuer, - Das innen brannte ungeheuer, - Verwegen nach dem Licht zu fassen? - - Wir wuchsen liebend auf -- zusammen -- - Durch Wildnis streifend wie das Wild; - In Frostzeit meine Brust ihr Schild, - Ihr Schild im frohen Sommerflammen. - Sie sah wohl lächelnd himmelwärts, - _Mein_ Himmel war ihr Aug' allein. - Der Liebe Lehrer ist -- das Herz: - Wenn mitten in dem Sonnenschein - Und jenem Lächeln -- nicht etwa, - Um kleine Sorgen wett zu machen - Noch über Schelmerei zu lachen -- - Wenn mittendrin es wohl geschah, - Daß ich mich warf an ihre Brust - Und daß, des Grundes kaum bewußt, - Mein Geist in Tränengüssen bangte, - Da tat's nicht not, mich zu bekennen, - Ihr tröstend meinen Schmerz zu nennen -- - Sie, die nach keinem Grund verlangte, - Ließ, ohne Ängste kund zu tun, - Ihr ruhiges Auge auf mir ruhn. - - Dennoch war _mehr_ denn Liebe wert - Mein Geist, er rang in wildem Weh, - Da ihn -- allein auf Bergeshöh -- - Der Ehrgeiz neuen Ton gelehrt; - Ich lebte einzig nur in dir: - Die Welt und alles, was sie hier - In Erde, Luft und Meer umfaßt -- - All ihre Lust -- all ihre Last -- - Gab neue Freude; ideale - Traumnächtig dunkle Nichtigkeiten -- - Dunklere Nichtse, doch reale - (Schatten -- und schattenhafteres Gleiten - Von Licht) auf Nebelschwingen kamen - Und wurden also, wirr vereint, - Dein Bildnis und -- ein Name -- Name! - Zwei Dinge, fremd -- doch eng vereint! - - Ehrsüchtig, Vater, war dein Sohn. - Kanntest du Leidenschaft? -- Nein -- nein! - Ein Ärmster sann ich einen Thron - Der halben Welt als mein -- als mein -- - Noch grollend über niedres Los. - Und doch, es waren Träume bloß, - Die mit dem Dampf des Taus verflogen - Gleich jedem andern Traum, vom Strahl - Der Schönheit lieblich angezogen, - Der meinem Geist das Dunkel stahl. - - Wir schritten beide auf der Krone - Weit hohen Bergs, der niederschaute - Auf stolz getürmte Felsenthrone -- - Auf Wald, der Höhen überbaute -- - Auf Hügel, die sich talwärts senkten - Und tausend Quellen Leben schenkten. - - Ich sprach zu ihr von Ruhm und Macht, - Geheimnisvoll, als sollte dies - Gerede zu nichts anderm taugen - Als nur zum Spiel; in ihren Augen - Las ich, vielleicht zu unbedacht, - Ein Fühlen, das Verstehen hieß. - Ihr klar Erröten schien zu schön - Zu kleiden königliche Höhn, - Als daß es immerfort allein - Licht in der Wildnis sollte sein. - - Dann hüllte ich mich selbst in Glanz - Mit eingebildeter Krone auf -- - Nicht war's, daß Phantasie allein - Mich hold geschmückt mit ihrem Kranz, - Nein, daß im großen Menschenhauf - Der Löwe Ehrsucht lahm und klein - Sich duckt vor eines Wächters Hand. - Doch nicht in Wüsten, wo der Starke, - Der Wilde schwört, mit ihrem Marke - Zu schüren seines Feuers Brand! - - Blick um dich jetzt auf Samarkand! - Ist sie nicht Königin der Erde? - Sind alle Städte mehr denn Herde - Vor ihrer hohen Herrscherhand? - Steht sie erhaben nicht, allein, - Im Glanz, den je die Welt gekannt? - Fiel sie -- könnt' nicht ihr ärmster Stein - Der Sockel eines Thrones sein? -- - Und wer ihr Herrscher? -- _Timur_ -- er, - Den das erstaunte Volk allda - -- Gekrönten Räuber! -- stolz und hehr - Hin über Reiche schreiten sah! - - O Menschenliebe! Ausgegossen - Als Geist von allem, was erschlossen - Uns zeigen mag die Himmelswelt! - Die du, wie Regen frisch bestellt - Schirokko-dürres Sommerfeld, - Die Seele segnend tränkst und näßt - Und doch das Herz in Wildnis läßt! - Begriff, der alles rings, das lebt, - Mit seltsamer Musik umschwebt - Und wunderlicher Prachtgebärde -- - Lebwohl! denn ich gewann die Erde. - - Als Adler Hoffnung hoch im Flug - Gen Himmel nichts mehr höher sah, - Besänftigt wandte er sich da, - Daß seine Schwinge heimwärts schlug. - War Sonnenuntergang: wenn weit - Die Sonne sinkt, kommt Düsterkeit - Ins Herz ihm, der noch gern erblickte - Den Glanz, den Sommersonne schickte. - Er wird den Duft des Abends hassen, - Wird lauschend vor dem Klang erblassen - Der Nacht (den Lauschern offenbar) - Als einer, der in Traumesbann - Entfliegen _möchte_, doch nicht _kann_, - Vor einer nahenden Gefahr. - - Wenn Mond, der weiße Mond, auch ganz - Ausschüttet seines Mittags Glanz, - _Sein_ frostig Lächeln, _sein_ Geleit - Scheint jener Zeit der Düsterkeit - Ein Bild aus Tagen nach dem Tod. - Jugend ist eine Sommersonne, - Die nichts uns läßt von Wert und Wonne, - Wenn sie verschwand, nur Nichts und Not. - Denn alles Wissen, dem wir lebten, - Ward uns; was wir zu halten strebten, - Entfloh; so laß das Erdenwallen - Mit seiner Mittagsschönheit fallen, - Die alles ist. -- Ich eilte her - Zu meinem Heim -- mein Heim nicht mehr -- - Denn was es je dazu gemacht, - War fort; trat ich auch sanft und sacht - Durch seine moosige Tür, es drang - Vom Schwellenstein der Stimme Klang - Von einer, die ich einst gekannt. - Ich leugne, Hölle, daß dein Brand - Mehr Demut brennt als nun mein Herz, - Mehr Wehmut kennt als nun mein Schmerz! - - Vater, ich glaube fest -- ich _weiß_ -- - Denn Tod, der kommt aus Segensferne, - Die ohne trügerisches Hoffen, - Er ließ sein eisern Tor weit offen, - Und strahlend glühn der Wahrheit Sterne - Durch Ewigkeit und flammen heiß -- - Ich glaube, einen Fallstrick hat - Satan auf jedem Menschenpfad; - Denn wie sonst konnte dieses sein: - Als ich gelebt im heiligen Hain - Der Göttin Liebe, die so rein - Alltäglich salbt die schneeige Schwinge - Im Weihrauch frommer Opferbrände - Und andrer unbefleckten Dinge, - Im Haine, dessen Dach und Wände, - Wo Lücken läßt das Laubgewind, - Mit Strahlen eng vergittert sind, - Durch die kein Stäubchen, keine Mücke, - Ausweichend ihrem Adlerblicke, - Eindringen kann -- wie sonst denn war - Dies möglich, daß nicht wahrnehmbar - Die Ehrsucht dort ins Glück gedrungen, - Bis dreister sie emporgesprungen - Hohnlachend in der Liebe Haar? - - - - - DAS KOLOSSEUM - - - Urbild des alten Rom! Reliquienschrein - Für Schaun und hohen Traum, den in die Zeit - Jahrhunderte von Pracht und Macht gestellt! - Nun endlich -- endlich -- nach so vielen Tagen - Von Wandermüdigkeit und gierem Durst - (Von Durst zum Quell des Wissens, den du birgst) - Ein andrer und demütiger kniee ich - In deinem Schatten nun und trinke ein - Dein ragend Düster, deinen Glanz und Ruhm. - - Unendlichkeit und Öde! Schwermut, Schweigen! - Uralter Zeit Erinnern -- düstere Nacht! - Ich fühl euch jetzt -- fühl eure ganze Wucht -- - O Zauber, stärker als Judäas König - Voreinst gelehrt im Berg Gethsemane! - O Wunder, machtvoller als der Chaldäer - Jemals verzückt aus stillen Sternen zog! - - Hier, wo ein Held einst stürzte, stürzt die Säule. - Hier, wo ein goldner toter Adler glänzte, - Hält mitternächtig Wacht die Fledermaus. - Hier, wo der Damen Roms vergoldet Haar - Im Winde wehte, wogt nun Ried und Distel. - Hier, wo auf goldnem Thron der Herrscher lehnte, - Schlüpft geisterhaft aus ihrem Marmorhaus, - Vom Schein des zwiegehörnten Monds beleuchtet, - Die flinke Echse schweigend über Steine. - - Doch halt! Die Mauern -- diese Bogengänge, - Hochauf von altem Efeu eingekleidet, - Die schwarzen bröckeligen Säulensockel - Und düstern Schäfte, dunklen Kapitäle, - Zerfallenden und fast verblaßten Friese, - Zersprungnen Kranzgebälke -- dieses Wrack -- - All diese Steine -- ach, die grauen Steine -- - Sind sie denn alles, was der Zahn der Zeit - Von all dem Ruhm und ungeheuren Glanz - Für mich und für das Schicksal übrig ließ? - - »Nicht alles --« geben mir die Echos Antwort -- - »Nicht alles, nein! Prophetische Klänge steigen -- - Und laute Klänge -- ewig von uns auf, - Von allen Trümmern zu den Weisen auf, - Wie Melodie von Memnon steigt zur Sonne. - Wir leiten alle riesenhaften Geister! - In unumschränkter Macht beherrschen wir - Mit unserm Schwung die Herzen aller Großen. - - Wir sind nicht leblos -- wir erblichnen Steine. - Nicht alle Macht ist hin -- nicht aller Ruhm -- - Nicht aller Zauber unsres hohen Rufes -- - Nicht all das Wunder, das uns rund umfaßt -- - Nicht all Geheimnis, das in uns verborgen -- - Nicht all Erinnern, das wie ein Gewand - Uns rund umhängt und überall bedeckt - Und das uns hüllt in mehr als Herrlichkeit!« - - - - - DIE STADT IM MEER - - - Weh! wunderliche einsame Stadt, - Drin Tod seinen Thron errichtet hat, - Tief unter des Westens düsterer Glut, - Wo Sünde bei Güte, wo Schlecht bei Gut - In letzter ewiger Ruhe ruht. - An Schlössern, Altären und Türmen hat - (Zerfreßnen Türmen, die nicht beben!) - Nichts Gleiches eine unsrige Stadt. - Von Winden vergessen, die wühlen und heben, - Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum, - Schwermütige Wasser, ergeben und stumm. - - Kein Strahlen vom Himmel kommt herab - Auf jener Stadt langnächtiges Grab. - Doch steigt ein Licht aus dem Meer herauf, - Strömt schweigend an kühnen Zinnen hinauf, - Hinauf an Türmen bis zum Knauf, - Hinauf an Palästen, an Zitadellen, - An Tempeln hinauf und an Babylonwällen, - Hinauf an vergessenen Laubengängen - Mit eingemeißelten Fruchtgehängen, - Hinauf an manchem Opferstein, - Auf dessen Friesen zu engem Verein - Verflochten Viola, Violen und Wein. - - Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum, - Schwermütige Wasser, ergeben und stumm. - Die Mauern und Schatten wie Nebelduft -- - Es scheint, als hänge alles in Luft. - Vom Turm, der herrschend ragt und droht, - Schaut riesenhaft herab der Tod. - - Geöffnete Tempel und Totengrüfte - Gähnen auf leuchtende Meeresschlüfte. - Doch nicht die blitzenden Juwelen - In goldner Götzen Augenhöhlen - Und nicht der reiche Tod verführen - Die starren Wasser, sich zu rühren: - Kein kleinstes Wellchen kommt in Gang - Die gläserne Einöde entlang, - Kein Kräuseln erinnert, daß weniger leer - Von Wind ist irgendein anderes Meer, - Nichts sagt, daß je ein Wehen war - Auf Meeren, die weniger grauenhaft klar. - - Doch, o -- es regt sich leis wie Wind! - Ein Wellen durch das Wasser rinnt -- - Als ob die Türme im sachten Sinken - Die Flut verschöben zur Rechten und Linken -- - Als ob schon die Spitzen inmitten des blassen - Himmels Lücken zurückgelassen. - Ein roteres Glimmen steigt heran -- - Die Stunden halten den Atem an -- - Und wenn die Stadt hinab, hinab - Von hinnen sinkt mit unirdischem Stöhnen, - Wird ihr von eintausend Thronen herab - Der Gruß der Hölle tönen. - - - - - INHALT - - - Ligeia 1 - Berenice 29 - Morella 51 - Eleonora 63 - Die Insel der Fee 77 - Landors Landhaus 87 - Der Herrschaftssitz Arnheim 107 - GEDICHTE - Der Rabe 133 - Annabel Lee 138 - Ulalume 140 - Die Glocken 146 - Tamerlan 151 - Das Kolosseum 163 - Die Stadt im Meer 165 - - DIESES BUCH WURDE IM AUFTRAGE DES - PROPYLÄEN-VERLAGS IN BERLIN IN EINER - EINMALIGEN AUFLAGE VON TAUSEND IN - DER PRESSE NUMERIERTEN EXEMPLAREN - IN DER BUCHDRUCKEREI OTTO ELSNER - IN BERLIN GEDRUCKT - - EXEMPLAR Nr 933 - - - - -Anmerkungen zur Transkription - -Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit -Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): - - [S. 19]: - ... mit faltenreichem schweren Goldstoff verhangen -- demselben ... - ... mit faltenreichem schwerem Goldstoff verhangen -- demselben ... - - [S. 99]: - ... In der Tat, nichs hätte wohl einfacher -- unaufdringlicher - wirken ... - ... In der Tat, nichts hätte wohl einfacher -- unaufdringlicher - wirken ... - - [S. 113]: - ... entgegen seiner eigenen Anschauug, zu Taten veranlassen. ... - ... entgegen seiner eigenen Anschauung, zu Taten veranlassen. ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Ligeia und andere Novellen / Sieben -Gedichte, by Edgar Allan Poe - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LIGEIA UND ANDERE NOVELLEN *** - -***** This file should be named 50887-8.txt or 50887-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/8/8/50887/ - -Produced by Jens Sadowski -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Ligeia und andere Novellen / Sieben Gedichte - Ligeia / Berenice / Morella / Eleonora / Die Insel der Fee - / Landors Landhaus / Der Herrschaftssitz Arnheim / Der - Rabe / Annabel Lee / Ulalume / Die Glocken / Tamerlan / - Das Kolosseum / Die Stadt im Meer - -Author: Edgar Allan Poe - -Illustrator: Alfred Kubin - -Translator: Gisela Etzel - Theodor Etzel - -Release Date: January 10, 2016 [EBook #50887] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LIGEIA UND ANDERE NOVELLEN *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - -</pre> - - -<div class="titlematter"> -<p class="half"> -<span class="line1">EDGAR ALLAN POE</span><br /> -<span class="line2">LIGEIA</span><br /> -<span class="line3">UND ANDERE NOVELLEN</span><br /> -<span class="line4">SIEBEN GEDICHTE</span> -</p> - -</div> - -<div class="titlematter"> -<div class="centerpic" id="img-frontispiz"> -<img src="images/frontispiz.jpg" alt="" /></div> - -</div> - -<div class="titlematter"> -<p class="aut"> -EDGAR ALLAN POE -</p> - -<h1 class="title"> -<span class="line1">LIGEIA</span><br /> -<span class="line2">UND ANDERE NOVELLEN</span><br /> -<span class="line3">ÜBERSETZT <span class="small">VON</span> GISELA ETZEL</span><br /> -<span class="line4">SIEBEN GEDICHTE</span><br /> -<span class="line5">ÜBERSETZT <span class="small">VON</span> THEODOR ETZEL</span> -</h1> - -<p class="ill"> -<span class="line1">MIT VIERZEHN BILDBEIGABEN</span><br /> -<span class="line2"><span class="small">VON</span></span><br /> -<span class="line3">ALFRED KUBIN</span> -</p> - -<p class="pub"> -BERLIN / IM PROPYLÄEN-VERLAG -</p> - -</div> - -<div class="titlematter"> -<p class="cop"> -Alle Rechte vorbehalten -</p> - -<p class="cop"> -Copyright 1920 by Propyläen-Verlag G. m. b. H. -in Berlin -</p> - -</div> - -<h2 class="part" id="part-1"> -<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> -LIGEIA -</h2> - -<div class="motto-container"> - <div class="motto"> -<p class="motto"> -Und es liegt darin der Wille, der -nicht stirbt. Wer kennt die Geheimnisse -des Willens und seine Gewalt? Denn -Gott ist nichts als ein großer Wille, der -mit der ihm eignen Kraft alle Dinge -durchdringt. Der Mensch überliefert -sich den Engeln oder dem Nichts einzig -durch die Schwäche seines schlaffen -Willens. -</p> - -<p class="sign"> -Joseph Glanvill -</p> - - </div> -</div> - -<p class="first"> -<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> -<span class="firstchar">B</span>ei meiner Seele! ich kann mich nicht erinnern, wie, wann und wo -ich die erste Bekanntschaft machte — der Lady Ligeia. Lange -Jahre sind seitdem verflossen, und mein Gedächtnis ist schwach geworden -durch vieles Leiden. Vielleicht auch kann ich mich dieser -Einzelheiten nur darum nicht mehr erinnern, weil der Charakter -meiner Geliebten, ihr umfassendes Wissen, ihre eigenartige und doch -milde Schönheit und die überwältigende Beredsamkeit ihrer sanft -tönenden Stimme — weil dies alles zusammen nur ganz allmählich -und verstohlen den Weg in mein Herz nahm, zu allmählich, als daß -ich daran gedacht hätte, mir jene äußeren Umstände einzuprägen. -</p> - -<p> -Ich habe jedoch das Empfinden, als sei ich ihr zum ersten Mal und -hierauf wiederholt in einer altertümlichen Stadt am Rhein begegnet. -Und eins weiß ich bestimmt: sie erzählte mir von ihrer Familie, die -sehr alten Ursprungs war. — Ligeia! Ligeia! — Trotzdem ich in -Studien vergraben bin, deren Art mehr noch als alles andre dazu -angetan ist, mich von Welt und Menschen abzusondern, genügt dies -eine süße Wort „Ligeia“, um vor meinen Augen ihr Bild erstehen -zu lassen — das Bild von ihr, die nicht mehr ist. Und jetzt, während -ich schreibe, überfällt mich urplötzlich das Bewußtsein, daß ich von -ihr, meiner Freundin und Verlobten, der Gefährtin meiner Studien -und dem Weib meines Herzens, den Namen ihrer Familie nie erfahren -habe. War es ein schalkhafter Streich, den Ligeia mir gespielt -hatte? War es ein Beweis meiner bedingungslosen Hingabe, daß -ich nie eine Frage danach tat? Oder war es meinerseits eine -Laune, ein romantisches Opfer, das ich auf den Altar meiner leidenschaftlichen -Ergebenheit niedergelegt hatte? Der bloßen Tatsache -sogar kann ich mich nur unklar erinnern — was Wunder, daß ich die -Gründe dafür vollständig vergessen habe! Und wirklich, wenn -jemals der romantische Geist der bleichen und nebelbeschwingten -Aschtophet des götzengläubigen Ägyptens, wie die Sage meldet, über -<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> -unglückliche Ehen geherrscht hat, so ist es gewiß, daß er meine Ehe -stiftete und beherrschte. -</p> - -<p> -Immerhin hat mich wenigstens in einem Punkt meine Erinnerung -nicht verlassen: die Persönlichkeit Ligeias steht mir heute noch klar -vor Augen. Sie war von hoher, schlanker Gestalt, in ihren letzten -Tagen sogar sehr hager. Vergebliches Bemühen wäre es, wenn ich -eine Beschreibung der Erhabenheit, der würdevollen Gelassenheit -ihres Wesens oder der unvergleichlichen Leichtigkeit und Elastizität -ihres Schreitens versuchen wollte. Sie kam und ging wie ein Schatten. -War sie in mein Arbeitszimmer gekommen, so bemerkte ich ihre -Anwesenheit nicht eher, als bis ich den lieben Wohlklang ihrer sanften, -süßen Stimme vernahm oder ihre marmorweiße Hand auf meiner -Schulter fühlte. Kein Weib auf Erden trug solche Schönheit im -Antlitz wie sie! Strahlend schön war sie, wie die Erscheinung eines -Opiumtraumes, wie eine göttliche, beseligende Vision — göttlicher -noch als die Traumgebilde, die durch die schlafenden Seelen der -Töchter von Delos wehen. Doch waren ihre Züge keineswegs von -jener Regelmäßigkeit, wie die klassischen Bildwerke des Heidentums -sie aufweisen und die man mit Unrecht so übertrieben bewundert. -„Es gibt keine auserlesene Schönheit“, sagt Bacon Lord Verulam da, -wo er von allen Formen und Arten der Schönheit spricht, „ohne eine -gewisse Seltsamkeit in der Proportion.“ Aber wenn ich auch sah, -daß die Züge Ligeias nicht von klassischer Regelmäßigkeit waren, -wenn ich auch feststellte, daß ihre Schönheit in der Tat „auserlesen“ -war, und fühlte, daß viel „Seltsamkeit“ in ihren Zügen lag, so habe ich -doch vergebens versucht, dieser Unregelmäßigkeit auf die Spur zu -kommen und meine Feststellung des „Seltsamen“ zu begründen. Ich -prüfte die Kontur der hohen und bleichen Stirn — sie war fehlerlos. -Wie kalt klingt doch dies Wort für eine so göttliche Majestät, für die -wie reinstes Elfenbein schimmernde Haut, die gebieterische Breite -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -und ruhevolle Harmonie dieser Stirn, die sanfte Erhöhung über den -Schläfen, die eine üppige Fülle rabenschwarzer glänzender Locken -umschmiegte — Locken, die das homerische Epitheton „hyazinthen“ -so wunderbar ausfüllten! — Ich prüfte die feinen Linien der Nase: -nirgends anders als auf althebräischen Medaillons hatte ich ebenso -vollkommen Schönes gesehen; nur dort hatte ich eine gleich wundervolle -Zartheit und dieselbe kaum wahrnehmbare Neigung zu sanfter -Krümmung, dieselben harmonisch geschweiften Nasenflügel, die einen -freien Geist verrieten, gefunden. — Ich betrachtete den süßen Mund. -Hier feierten alle Himmelswonnen ihr triumphierendes Fest: dieser -entzückende Schwung der kurzen Oberlippe, diese weiche, wollüstige -Ruhe der Unterlippe, diese tändelnden Grübchen, diese lockende -Farbe, diese schimmernden Zähne, die jeden Strahl des heiligen -Lichtes widerspiegelten, mit dem ihr heiteres und ruhevolles und -gleichwohl frohlockendes Lächeln sie blendend schmückte. — Ich -prüfte die Form des Kinns und fand auch hier in seiner sanften -Breite Majestät, Fülle und griechischen Geist — fand die Kontur, die -der Gott Apoll dem Kleomenes, dem Sohn des Atheners, im Traume -nur enthüllte. — Und dann vertiefte ich mich in Ligeias große Augen. -</p> - -<p> -Für Augen finden wir im fernen Altertum kein Vorbild. Es mochte -sein, daß eben hier — in den Augen meiner Geliebten — das -Geheimnis lag, von dem Lord Verulam spricht. Sie schienen mir -weit größer als sonst die Augen unsrer Rasse. Sie waren üppiger -als selbst die üppigsten Augen der Gazellen vom Stamme des Tales -Nourjahad. Doch geschah es nur zuzeiten — in Augenblicken tiefster -Erregung —, daß diese „Seltsamkeit“, von der ich vorhin sprach, -deutlicher bei ihr wahrnehmbar wurde. Und in solchen Augenblicken -war Ligeias Schönheit — vielleicht kam es auch nur meiner erglühten -Phantasie so vor — die Schönheit von überirdischen oder unirdischen -Wesen, die Schönheit der sagenhaften Huri der Türken. Von -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -strahlendstem Schwarz waren ihre Pupillen und waren tief beschattet -von sehr langen, jettschwarzen Wimpern. Die Brauen, deren Linien -kaum merklich unregelmäßig waren, hatten die gleiche Farbe. Die -Seltsamkeit aber, die ich in den Augen fand, lag nicht in Form, Farbe -oder Glanz, sie muß wohl in ihrem Ausdruck gelegen haben. Ach, -bedeutungsloses Wort! Leeres Wort, hinter dessen bloßem Klang -wir uns mit unsrer Unkenntnis alles Geistigen verschanzen. -</p> - -<p> -Der Ausdruck von Ligeias Augen! O, wie viele Stunden habe -ich ihm nachgesonnen! Wie habe ich eine ganze Mittsommernacht -lang gerungen, ihn zu ergründen! Was war es, dies Etwas, das tief -innen in den Pupillen meiner Geliebten verborgen lag, das unergründlicher -war als die Quelle des Demokritos? Was war es? Ich -war wie besessen von dem Verlangen, es zu entdecken. Diese Augen! -Diese großen, diese schimmernden, diese göttlichen Augen! Sie -wurden für mich die Zwillingssterne der Leda, und ich war ihr andächtigster -Astrologe. -</p> - -<p> -Es gibt in der Psychologie viele unlösbare Rätsel, das unheimlichste -aber und aufregendste von allen erschien mir stets die Tatsache — -die übrigens von den Psychologen kaum je erwähnt worden ist —, -daß wir oft, wenn wir etwas längst Vergessenes wieder in unser -Gedächtnis zurückrufen wollen, bis an die Schwelle des Erinnerns -gelangen, ohne doch das, was sozusagen schon vor uns steht, wirklich -festhalten zu können. Und wie oft, wenn ich den Augen Ligeias nachsann, -fühlte ich mich der vollen Aufklärung über die Bedeutung ihres -Ausdrucks ganz nahe: ich fühlte, diese Aufklärung war da — gleich, -gleich würde ich sie erfassen — und da entschwebte sie wieder, noch ehe -ich sie hatte festhalten können. Und — sonderbares, o sonderbarstes -Mysterium! — ich fand in den gewöhnlichsten Dingen von der Welt -eine Reihe von Analogien zu diesem Ausdruck. Ich will damit sagen: -nachdem Ligeias eigenartige Schönheit mir bewußt geworden war und -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -nun im Altarschrein meines Herzens ruhte, lösten viele Erscheinungen -der realen Welt dasselbe Empfinden in mir aus wie der Blick aus -Ligeias großen, leuchtenden Augen. Trotzdem aber wollte es mir -nicht gelingen, dies Empfinden zu ergründen oder zu zergliedern; -auch überkam es mich nicht stets in der gleichen Stärke. Um mich -näher zu erklären: jenes Gefühl erfüllte mich zum Beispiel beim Anblick -einer schnell emporschießenden Weinrebe, bei der Betrachtung -eines Nachtfalters, einer Schmetterlingspuppe, eines eilig strömenden -Wasserlaufes. Ich habe es im Ozean gefunden und beim Fallen eines -Meteors, sogar im Blick ungewöhnlich alter Leute. Und es gibt am -Firmament ein paar Sterne, vor allem ein veränderliches Doppelgestirn -sechster Größe nahe beim großen Stern der Leier, bei deren Betrachtung -durch das Teleskop ich mich des nämlichen Gefühls nicht erwehren -konnte. Gewisse Töne von Saiteninstrumenten und bestimmte Stellen -in Büchern durchschauerten mich in ähnlicher Art. Unter zahllosen -andern Beispielen erinnere ich mich besonders eines Ausspruchs, den -ich bei Joseph Glanvill fand und der — vielleicht nur wegen seiner -Wunderlichkeit — immer wieder diese Stimmung in mir erweckte: -„Und es liegt darin der Wille, der nicht stirbt. Wer kennt die -Geheimnisse des Willens und seine Gewalt? Denn Gott ist nichts -als ein großer Wille, der mit der ihm eignen Kraft alle Dinge durchdringt. -Der Mensch überliefert sich den Engeln oder dem Nichts einzig -durch die Schwäche seines schlaffen Willens.“ -</p> - -<p> -Eifriges Nachdenken lange Jahre hindurch hat mir nun wirklich -gewisse leise Beziehungen gezeigt zwischen diesem Ausspruch des -englischen Philosophen und einem Teil von Ligeias Wesen. Es lebte -in ihr ein unerhört starker Wille, der während unseres langen -Zusammenlebens nie spontan zutage trat, sondern sich nur in einer -unglaublichen Anspannung des Denkens, Tuns und Redens zu -erkennen gab. Von allen Frauen, die ich je gekannt, war sie, die -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -äußerlich ruhevolle, die stets gelassen milde Ligeia, wie keine andre -die Beute der tobenden Geier grausamster Leidenschaftlichkeit. Und -diese Leidenschaftlichkeit enthüllte sich mir nur im wundervollen -Strahlen ihrer Augen, die mich gleichzeitig entzückten und entsetzten, -in der fast zauberhaften Melodie, Weichheit, Klarheit und Würde ihrer -sonoren Stimme und in der flammenden Energie, die in ihren seltsam -gewählten Worten lag und die im Kontrast mit der Ruhe, mit der sie -gesprochen wurden, doppelt wirkungsvoll war. -</p> - -<p> -Ich erwähnte schon das umfassende Wissen Ligeias: ihre Kenntnisse -waren unermeßlich — für eine Frau ganz unerhört. In allen klassischen -Sprachen war sie Meister, und auch in den modernen Sprachen des -Kontinents habe ich ihr, soweit ich selbst mit diesen Sprachen vertraut -war, nie einen Fehler nachweisen können. Und gab es denn überhaupt -irgendein Thema aus den Gebieten der höchsten und schwierigsten -Wissenschaften, bei dem ich Ligeia jemals auf Unkenntnis oder Irrtum -ertappt hätte? Wie sonderbar, wie schauerlich! Diese eine Seite nur vom -Wesen meiner Frau ist meinem Gedächtnis heute noch erinnerlich. Ich -sagte, an Wissen überragte sie weit alle anderen Frauen — doch wo lebt -der Mann, der die philosophische, physikalische und mathematische -Wissenschaft in ihrer ganzen unermeßlichen Ausdehnung so verständnisvoll -beherrscht hätte?! Damals sah ich noch nicht, was ich jetzt -klar erkenne, daß dies Wissen Ligeias unglaublich, daß es gigantisch -war. Doch blieb ich mir ihrer unendlichen Überlegenheit genügend -bewußt, um mich mit kindlichem Vertrauen ihrer Führung durch die -chaotische Welt metaphysischer Probleme, mit denen ich mich während -der ersten Jahre unserer Ehe eifrig beschäftigte, zu überlassen. Mit -welch ungeheurem Triumph — mit welch lebhaftem Entzücken — -mit welch himmlischer Hoffnung konnte ich, wenn sie in diesem so -unbekannten, so wenig gepflegten Studium sich helfend zu mir neigte, -fühlen, wie vor mir der herrlichste Ausblick sich öffnete und ein in -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -diese glänzenden Höhen führender, langer, köstlicher und noch ganz -unbetretener Pfad sichtbar wurde, auf dem ich wohl endlich empor -ans Ziel einer Weisheit gelangen durfte, die zu göttlich erhaben ist, -um nicht verboten zu sein! -</p> - -<p> -Wie heftig muß da der Gram gewesen sein, mit dem ich einige -Jahre später meine so festgegründeten Hoffnungen Flügel nehmen -und sich davonschwingen sah! Ohne Ligeia war ich nichts als ein -durch Dunkel tastendes Kind. Nur ihre Gegenwart, ihr Erklären -brachte helles Licht in die vielen Mysterien des Transzendentalen, -in die wir eingedrungen waren. Wenn den golden züngelnden Schriftzeichen -der leuchtende Glanz ihrer Augen fehlte, wurden sie matter -als stumpfes Blei. Und seltener und seltener fiel nun der Strahl -dieser Augen auf die Blätter, über deren Inhalt ich brütete. Ligeia -wurde krank. Die herrlichen Augen strahlten in übernatürlichen -Flammen, die bleichen Hände wurden wachsfarben wie bei einem -Toten, und die blauen Adern auf der hohen Stirn hoben sich und -pochten ungestüm bei der geringsten Aufregung. Ich sah, daß sie sterben -mußte — und mein Geist rang verzweifelt mit dem grimmen Azrael. -</p> - -<p> -Noch angestrengter als ich — rang zu meinem Erstaunen das -leidenschaftliche Weib. So manches in ihrer ernsten Natur hatte in -mir den Glauben gezeitigt, daß für sie der Tod keine Schrecken haben -werde — doch dem war nicht so. Es gibt keine Worte, die auch nur -annähernd die Wildheit ihres Widerstandes beschreiben könnten, den -sie dem Schatten Tod entgegensetzte. Ich stöhnte gequält bei diesem -mitleiderregenden Anblick. Ich wollte besänftigen, aber gegenüber -der unheimlichen Gewalt, mit der sie nur leben — nur leben — nichts -als leben wollte, schienen Trost und Zuspruch unsäglich albern. Aber -trotzdem sich ihr feuriger Geist so wild gebärdete, bewahrte sie die -Hoheit ihres äußeren Wesens bis zum letzten Augenblick, dem -Augenblick des Todeskampfes. Ihre Stimme wurde noch sanfter — -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -wurde noch tiefer — dennoch möchte ich jetzt bei dem grausigen -Sinn der Worte, die sie in aller Ruhe sprach, nicht nachdenkend -verweilen. Mein Geist, der diesen überirdischen Tönen hingerissen -lauschte — diesem Hoffen und Ringen, dieser gewaltigen Sehnsucht, -wie nie zuvor ein Sterblicher sie fühlte — taumelte und verwirrte sich. -</p> - -<p> -Daß sie mich liebte, daran hatte ich nie gezweifelt, auch konnte ich -mir wohl sagen, daß die Liebe eines solchen Herzens nicht mit gewöhnlichem -Maß zu messen sei. Aber erst in ihrem Sterben erhielt ich -von der wahren Kraft ihrer Liebe den vollen Eindruck. Lange Stunden -hielt sie meine Hand und schüttete vor mir das Überfluten eines Herzens -aus, dessen mehr als leidenschaftliche Ergebenheit an Anbetung -grenzte. Wie hatte ich es verdient, mit solchen Bekenntnissen gesegnet -zu werden? Und wie hatte ich es verdient, durch den Verlust der Geliebten -verdammt zu werden — in der nämlichen Stunde, da sie mir -diese Bekenntnisse machte? Doch ich kann es nicht ertragen, von -diesen Dingen zu sprechen. Nur eines laßt mich sagen: ich erkannte -in Ligeias mehr als weiblicher Hingabe an eine Liebe, die ich, ach, -gar so wenig verdiente, den wahren Grund für ihr so tiefes, so wildes -Begehren nach dem Leben — dem Leben, das jetzt so eilend entfloh. -Für dies wilde Sehnen, für diese Gier und Gewalt des Verlangens -nach Leben — nur nach Leben — finde ich keine Ausdrucksmöglichkeit; -keine Worte gibt es, die es sagen könnten. -</p> - -<p> -In der Nacht ihres Scheidens ließ sie mich nicht von ihrer Seite. -In tiefster Mitternachtsstunde bat sie mich, ihr einige Verse herzusagen, -die sie selbst wenige Tage vorher verfaßt hatte. Ich gehorchte. -Hier sind sie: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">O schaut, es ist festliche Nacht</p> - <p class="verse">Inmitten einsam letzter Tage!</p> - <p class="verse">Ein Engelchor, schluchzend, in Flügelpracht</p> - <p class="verse">Und Schleierflor, sieht zage</p> -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> - <p class="verse">Im Schauspielhaus ein Schauspiel an</p> - <p class="verse">Von Hoffnung, Angst und Plage,</p> - <p class="verse">Derweil das Orchester dann und wann</p> - <p class="verse">Musik haucht: Sphärenklage.</p> - </div> - </div> -</div> - -<div class="centerpic" id="img-011"> -<img src="images/011.jpg" alt="" /></div> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Schauspieler, Gottes Ebenbilder,</p> - <p class="verse">Murmeln und brummeln dumpf</p> - <p class="verse">Und hasten planlos, immer wilder,</p> - <p class="verse">Sind Puppen nur und folgen stumpf</p> - <p class="verse">Gewaltigen, düsteren Dingen,</p> - <p class="verse">Die umziehn ohne Form und Rumpf</p> - <p class="verse">Und dunkles Weh aus Kondorschwingen</p> - <p class="verse">Schlagen voll Triumph.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dies närrische Drama! — O fürwahr,</p> - <p class="verse">Nie wird’s vergessen werden,</p> - <p class="verse">Nie sein Phantom, verfolgt für immerdar</p> - <p class="verse">Von wilder Rotte rasenden Gebärden,</p> - <p class="verse">Verfolgt umsonst — zum alten Fleck</p> - <p class="verse">Kehrt stets der Kreislauf neu zurück —,</p> - <p class="verse">Und nie die Tollheit, die Sünde, der Schreck</p> - <p class="verse">Und das Grausen: die Seele vom Stück.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch sieh, in die mimende Runde</p> - <p class="verse">Drängt schleichend ein blutrot Ding</p> - <p class="verse">Hervor aus ödem Hintergrunde</p> - <p class="verse">Der Bühne — ein blutrot Ding.</p> - <p class="verse">Es windet sich! — windet sich in die Bahn</p> - <p class="verse">Der Mimen, die Angst schon tötet;</p> - <p class="verse">Die Engel schluchzen, da Wurmes Zahn</p> - <p class="verse">In Menschenblut sich rötet.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> - <p class="verse">Aus — aus sind die Lichter — alle aus!</p> - <p class="verse">Vor jede zuckende Gestalt</p> - <p class="verse">Der Vorhang fällt mit Wetterbraus,</p> - <p class="verse">Ein Leichentuch finster und kalt.</p> - <p class="verse">Die Engel schlagen die Schleier zurück,</p> - <p class="verse">Sind erbleicht und entschweben im Sturm;</p> - <p class="verse">„Mensch“ nennen sie das tragische Stück,</p> - <p class="verse">Seinen Helden „Eroberer Wurm“.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -„O Gott!“ schrie Ligeia, sprang vom Bett auf und reckte die Arme -empor. „Gott! Gott! O göttlicher Vater! Muß das immer unabänderlich -so sein? Soll dieser Sieger nie, niemals besiegt werden? Sind wir -nicht Teil und Teile von dir? Wer — wer kennt die Geheimnisse des -Willens und seine Gewalt? Der Mensch überliefert sich den Engeln -oder dem Nichts einzig durch die Schwäche seines schlaffen Willens.“ -</p> - -<p> -Und nun, wie von innrer Bewegung überwältigt, ließ sie die weißen -Arme sinken und kehrte feierlich auf ihr Sterbebett zurück. Und als -sie die letzten Seufzer hauchte, kam gleichzeitig ein leises Murmeln -von ihren Lippen. Ich legte das Ohr an ihren Mund und vernahm -wieder die Schlußworte des Glanvillschen Ausspruchs: „Der Mensch -überliefert sich den Engeln oder dem Nichts einzig durch die Schwäche -seines schlaffen Willens.“ -</p> - -<p> -Sie starb. Und ich, der vom Gram völlig zermalmt war, konnte -nicht länger die einsame Verlassenheit meiner Behausung in der -düsteren und verfallenen Stadt am Rhein ertragen. Ich hatte keinen -Mangel an dem, was die Welt „Besitz“ nennt; Ligeia hatte mir viel -mehr, o sehr viel mehr gebracht, als für gewöhnlich einem Sterblichen -zufällt. So kam es, daß ich nach einigen Monaten planlosen und ermüdenden -Umherwanderns in einer der wildesten und abgelegensten -Gegenden des schönen England eine alte Abtei, deren Namen ich -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -nicht nennen möchte, käuflich erwarb und instand setzte. -<span class="centerpic"><img src="images/015.jpg" alt="" /></span> -Die düstre -und traurige Majestät des Gebäudes, die unglaubliche Verwilderung -der Ländereien, die vielen melancholischen und altehrwürdigen Erinnerungen, -die sich an beide knüpften, hatten viel gemein mit -dem Gefühl äußerster Verlassenheit, das mich in jenen entlegenen -und unwirtlichen Teil des Landes getrieben hatte. An dem Abteigebäude -selbst mit seinem verwitterten, unter blühendem Grün verborgenen -Mauerwerk nahm ich keine Veränderungen vor, dagegen -widmete ich mich mit kindischem Eigensinn und wohl auch in der -schwachen Hoffnung, meinen Kummer dadurch zu zerstreuen, der -Ausstattung der Innenräume und entfaltete hier eine ganz ungewöhnliche -Pracht. Ich hatte schon als Kind Geschmack an solchen -Torheiten gefunden, und jetzt, da mich mein Kummer wieder hilflos -machte, stellte sich jener kindliche Trieb von neuem ein. Ach, -ich fühle, wieviel Spuren von Geistesverwirrung sogar in den prunkhaften -und phantastischen Draperien, in den feierlichen ägyptischen -Schnitzereien, in den grotesken Möbeln, in den tollen Mustern der -goldgewirkten Teppiche zu finden waren. Ich lag, ein gefesselter -Sklave, in den Banden des Opiums, und meine Handlungen und -Anordnungen hatten den Charakter meiner Träume angenommen. -Doch ich will nicht bei der Beschreibung dieser Torheiten verweilen, -laßt mich nur von jenem einen verfluchten Gemach sprechen, in das -ich in einem Anfall von geistiger Umnachtung sie als mein angetrautes -Weib führte — als die Nachfolgerin der unvergessenen -Ligeia — sie, die blondhaarige und blauäugige Lady Rowena -Trevanion of Tremaine. -</p> - -<p> -Selbst die unbedeutendste Einzelheit in Architektur und Ausstattung -dieses Brautgemachs steht mir noch jetzt deutlich vor Augen. Was -dachten sich nur die goldgierigen, hochmütigen Angehörigen meiner -Braut, als sie einem so geliebten Mädchen, einer so geliebten Tochter -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -gestatteten, die Schwelle eines derart ausgeschmückten Brautgemachs -zu überschreiten. -</p> - -<p> -Trotzdem leider so manche tief bedeutsamen Dinge meinem -Gedächtnis entschwanden, so sind mir doch, wie ich schon sagte, -die geringsten Einzelheiten dieses Zimmers gegenwärtig; ich erinnere -mich ihrer, obgleich in diesem phantastischen Prunk kein System, -kein Halt war, an die mein Erinnern sich hätte klammern können. -Das Zimmer lag in einem hohen Turm der burgartig gebauten Abtei; -es war ein fünfeckiger Raum von beträchtlicher Größe. Die ganze -Südseite des Fünfecks nahm das einzige Fenster ein, eine ungeteilte, -riesige Scheibe venezianischen Glases von bleifarbener Tönung, so -daß Sonnenlicht wie Mondglanz über die Gegenstände des Zimmers -nur einen gespenstischen Schein gossen. Der obre Teil dieser -ungeheuren Fensterscheibe wurde durch das Rankenwerk eines -uralten Weinstocks, der an den massigen Mauern des Turmes emporkletterte, -dunkel beschattet. Das düstere Eichenholz der außerordentlich -hoch gewölbten Zimmerdecke war mit Schnitzereien in -halb gotischem, halb druidenhaftem Stil überladen. Genau aus dem -Mittelpunkte dieser melancholischen Wölbung hing an einer einzigen -goldenen, langgegliederten Kette ein mächtiger, goldener Kronleuchter -in Form eines Weihrauchbeckens, mit sarazenischem Bildwerk -geschmückt. Dieser Kronleuchter hatte rundum viele Öffnungen, aus -denen wie lebhafte Schlangen fortwährend die buntesten Flammen -züngelten. -</p> - -<p> -Ein paar Ottomanen und goldene orientalische Kandelaber waren -im Raum verteilt. Und da stand auch das Lager, das Brautbett! Es -war nach einem indischen Modell gearbeitet; es war niedrig und aus -massivem Ebenholz geschnitzt und von einem Baldachin, der einem -Bahrtuch glich, überdacht. In jeder Ecke des Zimmers stand aufrecht -ein riesiger, schwarzgranitener Sarkophag, den unsterbliche Skulpturen -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -schmückten. Diese Sarkophage stammten aus den Königsgräbern -von Luxor. Aber noch mehr als in allem andern waltete meine unheimliche -Phantasie in der Wandverkleidung des Gemachs. Die unverhältnismäßig -hohen Wände waren von der Decke bis zum Fußboden -mit faltenreichem <a id="corr-0"></a>schwerem Goldstoff verhangen — demselben -Stoff, der als Fuß- und Ottomanenteppich, als Bettdecke und Baldachin -sowie als prunkhafter Überhang der einen Teil des Fensters überschattenden -Vorhänge Verwendung gefunden hatte. Dieser Goldstoff -trug in unregelmäßigen Zwischenräumen arabeskenartige Figuren -von einem Fuß Durchmesser, die aus tiefschwarzem Stoff gearbeitet -waren. Aber nur von einer einzigen Stelle aus betrachtet schienen -diese Figuren nichts als Arabesken zu sein. Infolge eines heute allgemein -bekannten Verfahrens, das man jedoch schon im frühen -Altertum anwendete, boten sie dem Beschauer von jeder Seite ein -andres Bild. Wenn man das Zimmer betrat, erschienen sie einfach -nur wie Monstrositäten, je mehr man sich ihnen aber näherte, desto -bestimmtere Gestalt nahmen sie an, und Schritt für Schritt, je nach -dem vom Beschauer gewählten Standpunkt, sah man sich von einer -wechselnden Prozession gespensterhafter Wesen umringt, wie etwa -der Aberglaube der Normannen sie ersonnen hat oder ein Mönch in -sündenhaftem Traum sie erschauen mag. Der gespenstische Eindruck -wurde noch erhöht durch einen künstlich hinter die Draperien geführten -ununterbrochenen Luftzug, der dem Ganzen eine rastlose und -abscheuliche Lebendigkeit verlieh. -</p> - -<p> -In solchem Raum also, in solchem Brautgemach verlebte ich mit -Lady Rowena of Tremaine die gottlosen Stunden unsres Honigmonds -— ohne viel Aufregung. Daß mein Weib vor meiner Übellaunigkeit -Furcht hatte, daß sie mir aus dem Wege ging und mir -nur wenig Liebe entgegenbrachte, konnte mir nicht entgehen, aber -gerade dies freute mich mehr, als wenn es anders gewesen wäre. -</p> - -<p> -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -Ich verabscheute sie, ich haßte sie, mit einer Inbrunst, die geradezu -teuflisch war. Mein Erinnern floh, o, mit welch tiefem Leidgefühl! zu -Ligeia zurück, der Geliebten, der Hehren, der Schönen, der Begrabenen! -Ich schwelgte im Gedenken ihrer Reinheit und Weisheit, -ihres erhabenen, ihres himmlischen Wesens, ihrer leidenschaftlichen, -ihrer anbetenden Liebe. Jetzt lohte in meiner Seele noch wildre, noch -heißere Flamme, als sie in ihr, in Ligeia, gebrannt hatte. In den -Ekstasen meiner Opiumträume — ich lag fast immer im Bann dieses -Giftes — rief ich wieder und wieder ihren Namen durch das Schweigen -der Nacht oder bei Tag durch die schattigen Schluchten der Landschaft. -Es war, als ob das wilde Verlangen, die tiefernste Leidenschaft, das -verzehrende Feuer meiner Sehnsucht nach der Dahingegangenen sie -auf den irdischen Pfad zurückführen müßten, den sie — ach konnte -es denn für ewig sein? — verlassen hatte. -</p> - -<p> -Gegen Beginn des zweiten Monats unsrer Ehe wurde Lady Rowena -plötzlich von einer Krankheit befallen, von der sie nur langsam genas. -Zehrendes Fieber machte ihre Nächte unruhig, und in ihrem aufgeregten -Halbschlummer redete sie von gespenstischen Lauten und -Schatten, die im Turmzimmer und in seiner nächsten Umgebung sich -vernehmen, sich sehen ließen. Ich hielt diese Äußerungen natürlich -für Einbildungen einer kranken Phantasie, die allerdings durch das -unheimliche Zimmer geweckt sein konnte. Sie erholte sich schließlich -wieder — und genas endlich völlig. Doch nur für kurze Zeit; denn bald -warf ein zweiter, heftigerer Anfall sie von neuem aufs Krankenlager. -Und von diesem Rückfall erholte sie, die ohnedies von zarter Gesundheit -war, sich nie mehr vollständig. Die Krankheitserscheinungen, die -dem zweiten Anfall folgten, waren sehr beunruhigend und spotteten -aller Wissenschaft und allen Bemühungen der Ärzte. Mit dem -Anwachsen ihres chronischen Leidens, das ersichtlich schon tiefer -wurzelte, als daß man ihm mit Medikamenten erfolgreich hätte -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -beikommen können, bemerkte ich auch eine Steigerung ihrer nervösen -Reizbarkeit und ihres schreckhaften Entsetzens bei ganz nichtigen -Anlässen. Sie sprach wieder — und häufiger und hartnäckiger jetzt — -von den Lauten, den ganz leisen Lauten, und von den seltsamen -Schatten, die sich an den Wänden regten. -</p> - -<p> -In einer Nacht, es war gegen Ende September, wies sie meine -Aufmerksamkeit mit mehr als gewöhnlichem Nachdruck auf diese -peinigenden Ängste hin. Sie war soeben aus unruhigem Schlummer -erwacht, und ich hatte — halb in Besorgnis und halb in Entsetzen — -das Arbeiten der Muskeln in ihrem abgemagerten Gesicht beobachtet. -Ich saß seitwärts von ihrem Ebenholzbett auf einer der indischen -Ottomanen. Sie richtete sich halb auf und sprach in eindringlichem -leisen Flüstern von Lauten, die sie jetzt vernahm, die ich aber nicht -hören konnte — von Bewegungen, die sie jetzt sah, die ich aber nicht -wahrnehmen konnte. Der Wind wehte hinter der Wandverkleidung -in hastigen Zügen, und ich hatte die Absicht, ihr zu zeigen (was ich -allerdings, wie ich bekenne, selbst nicht ganz glauben konnte), daß -dieses kaum vernehmbare Atmen, daß diese ganz geringen Verschiebungen -der Gestalten an den Wänden nur die natürliche Folge -des Luftzuges seien. Doch ein tödliches Erbleichen ihrer Wangen ließ -mich einsehen, daß meine Bemühungen, sie zu beruhigen, fruchtlos -sein würden. Sie schien ohnmächtig zu werden, und keiner der -Dienstleute war in Rufnähe. Da erinnerte ich mich einer Flasche -leichten Weines, den die Ärzte ihr verordnet hatten, und eilte quer -durchs Zimmer, um sie zu holen. Doch als ich unter den Flammen -des Weihrauchbeckens angekommen war, erregten zwei sonderbare -Umstände meine Aufmerksamkeit. Ich fühlte, daß ein unsichtbares, -doch greifbares Etwas leicht an mir vorbeistreifte, und ich sah, daß -auf dem goldenen Teppich, genau in der Mitte des reichen Glanzes, -den die Ampel darauf niederwarf, ein Schatten — ein schwacher, -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -undeutlicher, geisterhafter Schatten lag; so zart war er, daß man -ihn für den Schatten eines Schattens hätte halten können. Aber ich -war infolge einer ungewöhnlich großen Dosis Opium sehr aufgeregt -und achtete dieser Erscheinungen kaum, erwähnte sie auch Rowena -gegenüber nicht. -</p> - -<p> -Ich fand den Wein, schritt quer durchs Zimmer ans Bett zurück, -füllte ein Kelchglas und brachte es an die Lippen der nahezu ohnmächtigen -Kranken. Sie hatte sich ein wenig erholt und ergriff selbst -das Glas; ich sank auf die nächste Ottomane und sah gespannt -zu meinem Weib hinüber. Da geschah es, daß ich deutlich einen leisen -Schritt über den Teppich zum Lager hinschreiten hörte, und eine -Sekunde später, als Rowena den Wein an die Lippen führte, sah ich — -oder träumte, daß ich es sah —, wie, aus einer unsichtbaren Quelle -in der Atmosphäre des Zimmers kommend, drei oder vier große -Tropfen einer strahlenden, rubinroten Flüssigkeit in den Kelch fielen. -Ich nur sah dies — Rowena sah es nicht. Sie trank den Wein ohne -Zögern, und ich unterließ es, ihr von der Erscheinung zu sprechen, -die, wie ich mir nach reiflicher Überlegung sagte, vielleicht nur eine -Vorspiegelung meiner lebhaften Einbildungskraft gewesen sein -mochte, die durch die Äußerungen der Leidenden, durch das Opium -und durch die späte Nachtstunde krankhaft erregt sein mußte. -</p> - -<p> -Dennoch konnte ich mir nicht verhehlen, daß die Krankheit meiner -Frau, nachdem sie den Becher geleert hatte, eine rapide Wendung -zum Schlimmsten nahm. Und in der dritten Nacht darauf kleideten -die Dienerinnen Lady Rowena in das Leichengewand — und in der -vierten Nacht saß ich allein bei ihrem Leichnam in dem seltsamen -Gemach, in das sie als meine Braut eingetreten war. -</p> - -<p> -Wilde Visionen, eine Folge des Opiumgenusses, umschwebten mich -wie Schatten. Meine Blicke musterten unruhig die in den Ecken des -Zimmers aufgestellten Sarkophage, die veränderlichen Gestalten des -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -Wandteppichs und die züngelnden, buntfarbigen Flammen des -Weihrauchbeckens mir zu Häupten. Ich erinnerte mich der sonderbaren -Erscheinungen jener Nacht, in der über Rowenas Leben entschieden -worden war, und blickte unwillkürlich auf die vom Ampellicht -bestrahlte Stelle des Teppichs, wo ich damals den schwachen Schein -eines Schattens bemerkt hatte. Es ließ sich jedoch nichts mehr sehen, -und ich wandte mich aufatmend ab und heftete meine Blicke auf das -bleiche und starre Antlitz der Aufgebahrten. Da überfielen mich -tausend liebe Erinnerungen an Ligeia, und über mein Herz stürzte mit -der Wucht eines Gießbaches das ganze unsagbare Weh, mit dem ich -sie im Leichentuch gesehen hatte. Die Stunden gingen, und immer -noch saß ich und starrte Rowena an, das Herz geschwellt vom Gedenken -an die eine Einzige, die himmlisch Geliebte. -</p> - -<p> -Es mochte gegen Mitternacht sein — vielleicht etwas früher oder später, -ich hatte der Zeit nicht geachtet —, als ein leiser, zarter, aber deutlich -wahrnehmbarer Seufzer mich aus meinen Träumen aufschreckte. Ich -fühlte, daß er vom Ebenholzbett her kam — vom Totenbett. Ich -lauschte in angstvollem, abergläubischem Entsetzen — aber der Laut -wiederholte sich nicht. Ich strengte meine Augen an, um irgendeine -Bewegung des entseelten Körpers wahrzunehmen — nicht die mindeste -Regung war zu entdecken. Dennoch konnte ich mich nicht getäuscht -haben. Ich hatte das Geräusch, wie schwach es auch gewesen sein -mochte, tatsächlich vernommen, und meine Seele war erwacht und -lauschte. Ich heftete meine Augen durchdringend und mit aller -Willenskonzentration auf den Totenleib. Viele Minuten vergingen, -ehe sich auch nur das geringste ereignete, das Licht in dies Geheimnis -bringen konnte. Endlich sah ich ganz deutlich, daß ein leiser, ein -ganz schwacher und kaum wahrnehmbarer Hauch sowohl die Wangen -wie auch die eingesunkenen feinen Adern der Augenlider gerötet -hatte. Ein namenloses Grausen, eine wahnsinnige Furcht, für die es -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -keine Worte gibt, ließ mich auf meinem Sitz zu Stein erstarren und -lähmte das Pulsen meines Herzens. Und doch gab mir schließlich ein -gewisses Pflichtgefühl meine Selbstbeherrschung zurück. Ich konnte -nicht länger daran zweifeln, daß wir in unserm Vorgehen allzu voreilig -gewesen waren, ich konnte nicht länger daran zweifeln — daß Rowena -lebte. Man mußte sofort Wiederbelebungsversuche anstellen. Doch -der Turm lag ganz abseits von den andern Gebäuden, in denen die -Dienerschaft untergebracht war — keiner der Leute befand sich in -Hörweite — wollte ich sie zu meiner Hilfe herbeiholen, so hätte -ich das Zimmer auf viele Minuten verlassen müssen — das aber durfte -ich nicht wagen. Ich bemühte mich daher allein, die Seele, die noch -nicht ganz entflohen schien, wieder ins Leben zu rufen. Aber schon -nach kurzer Zeit war ersichtlich ein Rückfall eingetreten; die Farbe -verschwand von Wangen und Augenlidern, die nun bleicher noch als -Marmor erschienen. Die Lippen schrumpften ein und kniffen sich -zusammen und trugen den gräßlichen Ausdruck des Todes; eine -widerliche, klebrige Kälte breitete sich schnell über den ganzen Leib, -der überdies vollständig steif und starr wurde. Schaudernd sank ich -auf das Ruhebett zurück, von dem ich in so fassungslosem Schreck -aufgescheucht worden war, und gab mich von neuem leidenschaftlichen, -wachen Visionen hin, in denen ich Ligeia vor mir sah. -</p> - -<p> -So war eine Stunde verstrichen, als ich — konnte es möglich sein? — -ein zweites Mal von der Gegend des Bettes her einen schwachen Laut -vernahm. Ich lauschte in höchstem Grauen. Der Ton wiederholte -sich — es war ein Seufzer. Ich eilte zur Leiche hin und sah — sah -deutlich —, daß die Lippen zitterten. Eine Minute später öffneten -sie sich und legten eine Reihe perlenschöner Zähne bloß. Zu der -tiefen Furcht, die mich bis jetzt gebannt hielt, gesellte sich nun auch -Bestürzung. Ich fühlte, wie es dunkel vor meinen Augen wurde, -wie meine Gedanken wanderten, und nur durch ganz gewaltige -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -Anstrengung gelang es mir, mich für die Aufgabe, auf die mich die -Pflicht nun wiederum hinwies, zu stählen. Sowohl auf der Stirn wie -auf Wangen und Hals war jetzt ein sanftes Glühen zu bemerken, -eine fühlbare Wärme durchdrang den ganzen Körper, am Herzen ließ -sich sogar ein leichter Pulsschlag spüren. Die Tote lebte, und mit -doppeltem Eifer unterzog ich mich den Wiederbelebungsversuchen. -Ich rieb und benetzte die Schläfen und die Hände und wendete alles -an, was Erfahrung und eine gute Belesenheit in medizinischen Dingen -erdenken konnten. Doch vergeblich. Plötzlich verschwand die Farbe, -der Pulsschlag hörte auf, die Lippen nahmen wieder den Ausdruck -des Todes an, und einen Augenblick danach hatte der Körper die -frostige Eiseskälte, den bleiernen Farbton, die vollkommene Starre, -die eingesunkenen Formen und all die widerlichen Eigenschaften -dessen, der schon seit vielen Tagen ein Bewohner des Grabes gewesen -war. -</p> - -<p> -Und wieder sank ich in Träume von Ligeia — und wieder — was -Wunder, daß ich beim Schreiben jetzt noch schaudre — wieder -drang vom Ebenholzbett her ein leiser Seufzer an mein Ohr. Aber -warum soll ich die unaussprechlichen Schrecken jener Nacht in allen -Einzelheiten schildern? Warum soll ich darüber nachsinnen, wie ich -es ausmalen könnte, wie bis zur Morgendämmerung dies fürchterliche -Drama des Wiederbelebens und des Wiederabsterbens sich fortsetzte, -wie jeder schreckliche Rückfall einen tiefren, unlöslicheren Tod bedeutete, -wie jede Agonie wie ein Ringen mit einem unsichtbaren -Feind erschien und wie jeder Kampf ich weiß nicht was für eine -gräßliche Veränderung in der Erscheinung des Körpers nach sich zog? -Laßt mich zum Schluß eilen. -</p> - -<p> -Der größte Teil der furchtbaren Nacht war dahingegangen, und sie, -die tot gewesen, rührte sich wieder. Und die Lebenszeichen waren -jetzt kräftiger als bisher, obgleich sie kurz zuvor in eine Auflösung -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -gesunken war, die gräßlicher schien als alle früheren. Ich hatte es -schon längst aufgegeben, mich zu bemühen, mich überhaupt noch -zu rühren. Ich saß erstarrt auf der Ottomane — eine hilflose Beute -wilder Aufregungen, deren am wenigsten schreckliche, am wenigsten -aufreibende wohl eine maßlose Angst war. Der Leichnam, ich wiederhole -es, rührte sich, und zwar lebhafter als bisher. Die Farben des -Lebens schossen mit unglaublicher Energie ins Antlitz, die Glieder -wurden wieder beweglich, und wenn die Augenlider nicht noch immer -fest geschlossen geblieben wären, wenn der Leib nicht noch immer -still in seinen Grabtüchern und Bändern dagelegen hätte, so hätte -ich glauben müssen, daß Rowena sich endgültig aus den Fesseln des -Todes befreit habe. Doch wenn bis dahin dieser Gedanke noch entschieden -zurückgewiesen werden mußte, so schwanden alle Zweifel, -als nun das leichentuchumhüllte Wesen vom Bette aufstand und -schwankend, unsicheren Schrittes, mit geschlossenen Augen und mit -dem Gebaren eines Traumwesens, doch körperlich sichtbar und fühlbar, -sich in die Mitte des Zimmer vorbewegte. -</p> - -<p> -Ich zitterte nicht — ich rührte mich nicht — denn eine Fülle unaussprechlicher -Empfindungen, die sich an das Aussehen, die Gestalt -und ihre Bewegungen knüpften, hatte mein Hirn überfallen und mich -ganz gelähmt. Ich rührte mich nicht — doch meine Blicke hingen an -der Erscheinung. Meine Gedanken taumelten wie im Wahnsinn — -tobten und ließen sich nicht halten und bändigen. Konnte das wirklich -die lebende Rowena sein, die mir da gegenüberstand? Konnte -es überhaupt Rowena sein — die blondhaarige, blauäugige Lady -Rowena Trevanion of Tremaine? Warum, warum sollte ich es bezweifeln? -Die Binde lag fest um den Mund — aber warum sollte es -nicht der Mund, der atmende Mund der Lady of Tremaine sein? Und -die Wangen — sie trugen Rosen wie im Mittag ihres Lebens — ja, -das waren wohl sicher die schönen Wangen der lebenden Lady of -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -Tremaine. Und das Kinn, das Kinn mit den Grübchen der Gesundheit, -war es nicht das ihre? — Aber war sie denn in ihrer Krankheit -gewachsen? Welch unaussprechlicher Wahnsinn faßte mich bei dem -Gedanken? Ein Sprung, und ich lag zu ihren Füßen! Sie wich -meiner Berührung aus, und die gräßlichen Leintücher, die den Kopf -umschlossen hatten, lösten sich und fielen nieder — und in die wehende -Atmosphäre des Gemachs strömten gewaltige Wogen aufgelösten -Haares: es war schwärzer als die Rabenschwingen der Mittnacht! -Und nun öffneten sich langsam die Augen der Gestalt, die dicht vor -mir stand. „Hier, hier endlich“, schrie ich laut, „kann ich mich niemals — -niemals irren: dies sind die großen und die schwarzen und die wilden -Augen — meiner verlorenen Geliebten — die Augen der Lady — -der Lady Ligeia!“ -</p> - -<h2 class="part" id="part-2"> -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -BERENICE -</h2> - -<div class="motto-container"> - <div class="motto"> -<p class="motto"> -Dicebant mihi sodales, si sepulcrum -amicae visitarem, curas meas aliquantulum -fore levatas. -</p> - -<p class="sign"> -Ebn Zaiat -</p> - - </div> -</div> - -<p class="first"> -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -<span class="firstchar">M</span>annigfach sind Trübsal und Not. Unglück und Gram sind -vielgestaltig auf Erden. Gleich dem Regenbogen spannt sich -das Unglück von Horizont zu Horizont, und gleich den Farben des -Regenbogens sind seine Farben vielfältig und scharf abgegrenzt und -dennoch innig miteinander verwoben. Wie kommt es, daß Schönheit -mir zum Kummer wurde, daß selbst aus Friedsamkeit ich nur Gram -zu schöpfen wußte? Doch wie die Ethik lehrt, daß das Böse eine -Konsequenz des Guten sei, so lehrt uns das Leben, daß die -Freude die Trauer gebiert. Entweder ist die Erinnerung vergangener -Seligkeit die Pein unseres gegenwärtigen Seins, oder die Qualen, -die sind, haben ihren Ursprung in den Wonnen, die gewesen sein -könnten. -</p> - -<p> -Mein Taufname ist Egäus, meinen Familiennamen will ich verschweigen. -Doch gibt es keine Burg im Lande, die stolzer und ehrwürdiger -wäre als mein Stammschloß mit seinen düstern, grauen -Hallen. Man hat unser Geschlecht ein Geschlecht von Hellsehern -genannt. Und dieser Glaube wurde bestärkt durch allerlei Sonderlichkeiten -im Baustil des Herrenhauses, in den Fresken des Hauptsaales, -in den Wandteppichen der Schlafgemächer, in den Ornamenten einiger -Gewölbepfeiler der Waffenhalle, besonders aber in der Galerie alter -Gemälde, in Form und Ausstattung des Bibliothekzimmers und -schließlich auch in seinen äußerst seltsamen Bücherschätzen selbst. -</p> - -<p> -Die Erinnerung an meine frühesten Lebensjahre ist mit jenem -Zimmer und seinen Büchern, von denen ich nichts Näheres mehr sagen -will, innig verknüpft. Hier starb meine Mutter. Hier wurde ich -geboren. Doch es ist überflüssig, zu sagen, daß ich schon früher -gelebt, daß meine Seele schon ein früheres Dasein gehabt hatte. Ihr -leugnet es? Nun, wir wollen nicht streiten. Selbst überzeugt, suche -ich nicht zu überzeugen. Jedoch — ich habe ein Erinnern an luftzarte -Gestalten, an geisterhafte, bedeutsame Augen, an harmonische, doch -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -trauervolle Laute; ein Erinnern, das sich nicht bannen läßt, ein Erinnern, -das einem Schatten gleich sich nicht von meiner Vernunft loslösen -läßt, solange ihr Sonnenlicht bestehen wird. -</p> - -<p> -In jenem Zimmer also wurde ich geboren. Da ich solcherweise, aus -der langen Nacht des scheinbaren Nichts erwachend, in ein wahres -Märchenland eintrat, in einen Palast von Vorstellungen und Träumen, -in die wunderlichen Reiche klösterlich einsamen Denkens und Wissens, -so ist es nicht erstaunlich, daß ich mit überraschten, brennenden -Blicken in diese Welt starrte, daß ich meine Knabenjahre im Durchstöbern -von Büchern vergeudete, meine Jünglingszeit in Träumen -verschwendete. Erstaunlich aber ist es, welch ein Stillstand über die -sprudelnden Quellen meines Lebens kam, als die Jahre dahingingen -und auch mein Mannesalter mich noch im Stammhaus meiner Väter -sah; erstaunlich, welch vollständige Umwandlung mit meinem Wesen, -mit meinem ganzen Denken vor sich ging. Die Realitäten des Lebens -erschienen mir wie Visionen und immer nur wie Visionen, während -die wunderlichen Ideen aus Traumlanden nicht nur meinem täglichen -Leben Inhalt gaben, sondern ganz und gar zu meinem täglichen Leben -selber wurden. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -Berenice war meine Kusine, und wir wuchsen zusammen in den -Hallen meiner Väter auf. Doch wir entwickelten uns sehr verschieden: -ich schwächlich von Gesundheit und dem Trübsal verfallen, sie ausgelassen, -anmutig und von übersprudelnder Lebenskraft; ihrer -warteten die spielenden Freuden draußen in freier Natur, meiner die -ernsten Studien in klösterlicher Einsamkeit. Ich lauschte und lebte -nur meinem eignen Herzen und ergab mich mit Leib und Seele dem -angestrengtesten und qualvollsten Nachdenken; sie schlenderte sorglos -durchs Leben und achtete nicht der Schatten, die auf ihren Weg -fielen, und nicht der rabenschwarzen Schwingen, mit denen die -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -Stunden schweigend entflohen. -<span class="centerpic"><img src="images/033.jpg" alt="" /></span> -Berenice! Ich beschwöre ihren Namen -herauf — und aus den grauen Trümmern des Gedenkens erheben -sich jäh tausend ungestüme Erinnerungen! Ah, leibhaftig steht ihr -Bild jetzt vor mir, so wie in den jungen Tagen ihrer Leichtherzigkeit und -ihres Frohsinns! O wundervolle, himmlische Schönheit! O Sylphe, -die durch die Gebüsche Arnheims schwebte! O Najade, die seine -Quellen und Bäche belebte! Und dann, dann wird alles grauenvolles -Geheimnis, wird zu seltsamer Spukgeschichte, die verschwiegen -werden sollte. Krankheit, verhängnisvolle Krankheit befiel ihren -Körper; plötzlich — vor meinen Augen fast — brach die Zerstörung -über sie herein, durchdrang ihren Geist, ihr Gebaren, ihren Charakter -und vernichtete mit schrecklicher, unheimlicher Gründlichkeit ihr -ganzes Wesen, ihre ganze Persönlichkeit! Weh! Der Zerstörer kam -und ging! Und das Opfer — wo blieb es? Ich kannte es nicht mehr — -erkannte es nicht mehr als Berenice! -</p> - -<p> -Unter der Gefolgschaft dieser ersten verderbenbringenden Krankheit, -die eine so gräßliche Umwandlung in Körper und Seele -meiner Kusine herbeiführte, ist als quälendste und hartnäckigste Erscheinung -eine Art Epilepsie zu nennen, die nicht selten in Starrsucht -endete — in Starrsucht, die endgültiger Auflösung täuschend ähnlich -sah. Das Erwachen aus diesem Zustand war in den meisten Fällen -erschreckend jäh. -</p> - -<p> -Inzwischen nahm meine eigne Erkrankung — denn als solche, -sagte man mir, sei mein Zustand anzusehen — mehr und mehr Besitz -von mir und entwickelte sich zu einer neuartigen und äußerst seltsamen -Monomanie, die von Stunde zu Stunde an Stärke zunahm und -schließlich unerhörte Macht über mich gewann. Diese Monomanie -— wenn ich so sagen muß — bestand in einer krankhaften -Reizbarkeit jener geistigen Eigenschaft, die man mit Auffassungsvermögen -bezeichnet. -</p> - -<p> -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -Es ist mehr als wahrscheinlich, daß ich nicht verstanden werde; -aber ich fürchte in der Tat, daß es ganz unmöglich ist, dem Verständnis -des Durchschnittslesers einen auch nur annähernden Begriff davon -zu geben, mit welcher nervösen interessierten Hingabe bei mir -die Kraft des Nachdenkens (um Fachausdrücke zu vermeiden) sich -eifrig betätigte, sich verbiß und vergrub in die Betrachtung sogar der -allergewöhnlichsten Dinge von der Welt. -</p> - -<p> -Ich konnte stundenlang von der belanglosesten Textstelle oder -Randglosse eines Buches gefesselt werden; ich konnte den größten Teil -eines Sonnentages damit zubringen, irgendeinen schwachen Schatten -zu beobachten, der über eine Wand oder den Fußboden hinzog; ich -konnte eine ganze Nacht lang das stille Lampenlicht betrachten oder -dem Flammenspiel des Kaminfeuers zuschauen; ganze Tage verträumte -ich über dem Duft einer Blüte, oder ich sprach irgendein -monotones Wort so lange vor mich hin, bis es keinen Sinn mehr -hatte und nur noch Klang zu sein schien; ich verlor jedes Bewußtsein -meiner physischen Existenz, indem ich mich vollkommner Ruhe hingab, -mich nicht rührte und regte und halsstarrig stundenlang so -verweilte. Dies sind einige der häufigsten und harmlosesten Grillen, -die mich plagten — die Folge eines Geisteszustandes, der vielleicht -gar nicht so selten ist, sicherlich aber jeder Analyse oder Erklärung -spottet. -</p> - -<p> -Doch man darf mich nicht mißverstehen. Die an so nichtige Dinge -gehängte, tief ernste, krankhaft übertriebne Aufmerksamkeit ist nicht -mit jenem Hang zu Grübeleien zu verwechseln, den mehr oder weniger -wohl alle Menschen besitzen und der besonders Leuten von starker -Einbildungskraft eigentümlich ist. Es war nicht einmal, wie man -leichthin hätte annehmen können, ein besonders übertriebnes Stadium -dieses Hinträumens, sondern etwas ganz und gar anderes. -Jene Träumer und Phantasten, die von irgendeinem meist wirklich -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -interessanten Gegenstande angezogen werden, verlieren dieses -ursprüngliche Objekt bald aus den Augen, weil sein Anblick eine ganze -Gedankenkette in ihnen aufrollt und eine Unzahl von Folgerungen -und Betrachtungen in ihnen erweckt, und wenn sie dann aus -solchen — meist angenehmen — Träumereien erwachen, so ist der -Gegenstand, der diese Träumereien veranlaßte, ihrem Bewußtsein -völlig entschwunden. In meinem Falle jedoch war es stets ein ganz -nichtiger Gegenstand, an den meine Betrachtung sich knüpfte, wenngleich -er infolge meines krankhaft intensiven Anschauungsvermögens -vielfältige und übertriebne Bedeutsamkeit bekam. Meine Gedanken -schweiften nur wenig ab und kehrten stets eigensinnig wieder zu -ihrem Ausgangspunkt zurück. Diese Grübeleien waren niemals -angenehm, und wenn sie endeten, so hatte der Gegenstand, von -dem sie ausgingen, für mich ein unnatürlich gesteigertes Interesse -bekommen, und eben dies war es, was den charakteristischen Zug -meines Übels ausmachte. Kurz gesagt: in meinem Fall handelte es -sich um ein abnorm konzentriertes Anschauungsvermögen, während -das Wachträumen normaler Menschen auf ein Analysieren und Folgern -hinausläuft. -</p> - -<p> -Wenn auch die Bücher, mit denen ich mich damals beschäftigte, -diesen krankhaften Zustand nicht gerade hervorgerufen hatten, so -trug ihr phantastischer und oft unlogischer Inhalt immerhin viel dazu -bei, mein Leiden so eigenartig auszubilden. Ich erinnere mich unter -anderm gut der Abhandlung des edlen Italieners Coelius Secundus -Curio „De Amplitudine Beati Regni Dei“, des großen Werkes des -heiligen Augustinus „Die Stadt Gottes“ und ferner des Tertullian -„De Carne Christi“, in welchem der paradoxe Satz: „Mortuus est Dei -filius; credibile est quia ineptum est; et sepultus resurrexit; certum est -quia impossibile est“, mich zu tiefem, fruchtlosem Nachsinnen veranlaßte -und viele Wochen lang meine Zeit gänzlich in Anspruch nahm. -</p> - -<p> -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -So konnte mein Verstand, den nur die trivialsten Dinge aus dem -Gleichgewicht brachten, mit jenem Meeresfelsen verglichen werden, -von dem Ptolomäus Hephästion sagt, daß er allen menschlichen -Angriffen widerstand, ja selbst der heftigen Wut von Wind und -Wellen trotzte, der aber erbebte, sobald er mit der Blume Asphodelos -berührt wurde. Ein oberflächlicher Beurteiler möchte wohl nun mit -Bestimmtheit annehmen, daß die Veränderung, die Berenices unglückselige -Krankheit in ihrem Seelenzustand hervorgerufen hatte, mir -häufig Gelegenheit für dies intensive und anormale Nachsinnen -gegeben hätte, das ich soeben nach bestem Können zu beschreiben -versucht habe — aber nein, dies war in keiner Weise der Fall. In -meinen klaren Stunden bereitete mir ihr Leiden allerdings Schmerz, -denn dieser völlige Zusammenbruch ihres heitren und edlen Lebens -ging mir tief zu Herzen, und ich fragte mich oft bekümmert, welch -grauenhafte Mächte einen so unerhörten Umsturz hatten herbeiführen -können. Aber solche Betrachtungen hingen mit meiner Idiosynkrasie -nicht zusammen, sie waren ganz so, wie sie unter analogen Umständen -weitaus die meisten Menschen würden angestellt haben. Es ist vielmehr -bezeichnend für die Eigenart meines Übels, daß mich die -unwichtigere, doch augenfälligere Wandlung in Berenices physischem -Zustand — diese sonderbare und grauenhafte Vernichtung -ihrer wirklichen, sichtbarlichen Persönlichkeit — weit mehr fesselte. -</p> - -<p> -Sicherlich habe ich sie in den strahlenden Tagen ihrer unvergleichlichen -Schönheit nie geliebt. Infolge meiner seltsamen Anomalie -waren meine Gefühle nie vom Herzen — waren meine Neigungen -stets vom Verstand ausgegangen. Im frühen Morgengrau — im -schattigen Gitterwerk des mittäglichen Waldes — nächtens in der -Stille meines Studierzimmers — wann und wo sie mir je vor Augen -trat, immer war es mir, als sei sie nicht die lebende, atmende Berenice, -sondern eine Traumgestalt; sie erschien mir nicht als ein irdisches -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -Geschöpf, sondern als die Abstraktion eines solchen — nicht als -etwas, das man bewundern, sondern als etwas, dem man nachsinnen -müsse — nicht als ein Wesen zum Lieben, sondern als ein Thema -zu tiefgründigem Erforschen. Und jetzt — jetzt schauderte ich bei -ihrem Nahen und erbleichte bei ihrem Anblick. Aber ich beklagte -ihren Verfall bitter, und ich erinnerte mich, daß sie mich seit langem -liebte, und so kam es, daß ich ihr in einer schlimmen Stunde von -Heirat sprach. -</p> - -<p> -Und als die Zeit nahte, da wir Hochzeit halten wollten, saß ich an -einem Winternachmittag eines jener wunderbar warmen, stillen und -umschleierten Tage, die man die Amme des schönen Eisvogels nennt<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a>, -wie ich vermeinte ganz allein im innern Gemach der Bibliothek; aber -als ich aufblickte, sah ich Berenice vor mir stehen. -</p> - -<p> -War es meine eigne fiebernde Einbildungskraft oder eine Wirkung -der dunstigen Atmosphäre oder das trübe Dämmerlicht im Zimmer -oder der Faltenfluß ihres grauen Gewandes, was ihr so verschwommene -Konturen gab? Ich konnte es nicht sagen. Sie sprach kein Wort, und -ich — nicht um alles in der Welt hätte ich ein Wort hervorbringen -können. Ein eisiger Frost durchrieselte mich; eine unerträgliche -Angst befiel mich; eine verzehrende Neugier durchdrang meine Seele; -ich sank in meinen Sitz zurück und verharrte regungslos und hielt den -Atem an und heftete meine Augen durchdringend auf ihre Gestalt. Ach, -sie war entsetzlich abgemagert! Nicht eine einzige Linie, nicht eine -einzige Kontur verriet noch eine Spur ihrer früheren Persönlichkeit. -Meine brennenden Blicke fielen schließlich auf ihr Antlitz. -</p> - -<p> -Die Stirn war hoch und sehr bleich und sonderbar starr, und war -über den hohlen Schläfen von zahllosen Löckchen des einst pechschwarzen -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -Haares beschattet, das jetzt von lebhaftem Gelb war und -dessen phantastische Ringel mit der souveränen Melancholie des -Antlitzes seltsam kontrastierten. Die Augen waren ohne Leben und -ohne Glanz und anscheinend ohne Pupillen, und ich schauderte -unwillkürlich vor ihrem glasigen, starren Ausdruck zurück und wandte -mich der Betrachtung der dünnen und eingesunkenen Lippen zu. Sie -teilten sich zu einem sonderbar bedeutungsvollen Lächeln und enthüllten -meinem Blick langsam der veränderten Berenice Zähne. -Wolle Gott, daß ich sie nie gesehen hätte oder daß ich, nachdem ich -sie sah, gestorben wäre! -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -Das Schließen einer Tür schreckte mich auf, und aufblickend bemerkte -ich, daß meine Kusine das Gemach verlassen hatte. Aber in -der wüsten Kammer meines Gehirns war etwas zurückgeblieben: das -weiße Gespenstbild ihrer Zähne — und das ließ sich nicht mehr -vertreiben. Das flüchtige Lächeln von Berenices Lippen hatte genügt, -jedes Schattenfleckchen auf dem schimmernden Email, jede Einkerbung -der Schneiden — kurz jedes kleinste Merkmal ihrer Zähne tief in -mein Gedächtnis einzubrennen. Ich sah sie jetzt sogar deutlicher -als vorhin, da ich sie wirklich vor Augen hatte. Die Zähne! — Die -Zähne! — Sie waren hier, waren dort, waren überall — sichtbar und -greifbar vor mir; lang, schmal und übermäßig weiß, umwunden von -den bleichen Lippen — ganz so, wie in jenem Augenblick, da jenes -verhängnisvolle Lächeln sie zuerst enthüllte. -</p> - -<p> -Dann kam meine Monomanie mit voller Wut über mich, und ich -wehrte mich vergeblich gegen ihre unerklärliche, bezwingende Gewalt. -Alle Gegenstände und Ereignisse um mich her schienen zu versinken — -ich hatte nur noch Gedanken für diese Zähne. Nach ihnen trug ich -ein wahnsinniges Verlangen. Die Welt und alles, was mich mit ihr -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -verband, schwanden hin vor diesem einen, einzigen Bild. -<span class="centerpic"><img src="images/041.jpg" alt="" /></span> -Sie, die -Zähne, sie allein waren meinem geistigen Auge gegenwärtig — und -sie, in ihrer ausgesprochenen Individualität, wurden zum einzigen -Gedanken meines Geistes. Ich hielt sie in jede Beleuchtung. Ich -betrachtete sie von allen, allen Seiten. Ich studierte ihren Charakter. -Ich verweilte bei ihren einzelnen Eigentümlichkeiten. Ich vertiefte -mich in die Übereinstimmungen und Abweichungen, die die Zähne -in ihrer Formbildung aufwiesen. Ich entsetzte mich, als ich ihnen in -Gedanken die Fähigkeit sinnlichen Empfindens und, auch ohne daß -die Lippen sie unterstützen, seelisches Ausdrucksvermögen zuschrieb. -Von Mademoiselle Salle hat man mit Recht gesagt: „que tous ses -pas étaient des sentiments“, und von Berenice glaubte ich weit -überzeugter: que tous ses dents étaient des idées. Des idées! — ah, -war dies der idiotische Gedanke, der mich zugrunde richten sollte? -Des idées — ah, das war es, weshalb ich diese Zähne so wahnsinnig -begehrte! Ich fühlte, daß einzig ihr Besitz mir Frieden bringen — -mich der Vernunft zurückgeben konnte. -</p> - -<p> -Und so wurde es Abend — und Nacht kam und verweilte und -ging — und wieder dämmerte der Tag — und die Nebel einer zweiten -Nacht sammelten sich rings — und immer noch saß ich regungslos -in jenem einsamen Zimmer — und immer noch saß ich in Betrachtungen -vergraben — und immer noch übte das Gespenst der Zähne, das da -mit lebhafter und gräßlicher Deutlichkeit im Wechsel von Licht und -Schatten durchs Zimmer schwebte, seine schreckliche Gewalt. -</p> - -<p> -Da brach in meine Traumversunkenheit ein Ruf voll Grausen und -Bestürzung, und nach einer Pause vernahm ich Geräusch banger -Stimmen, untermischt mit Klagelauten des Schmerzes. Ich erhob mich -von meinem Sitz, und als ich die Tür zum Vorzimmer aufwarf, fand -ich dort eine Magd, die mir in Tränen aufgelöst berichtete, daß -Berenice nicht mehr sei! Sie war am frühen Morgen einem Anfall -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -von Epilepsie erlegen, und jetzt, beim Hereinbrechen der Nacht, -wartete das Grab auf seinen Bewohner; alle Vorbereitungen zur -Bestattung waren beendet. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -Ich fand mich im Bibliothekzimmer sitzend — und wieder allein -dort sitzend. Es schien, als sei ich wiederum aus einem wirren und -aufregenden Traum erwacht. Ich wußte, daß jetzt Mitternacht war, -und ich wußte recht gut, daß man Berenice bei Sonnenuntergang in -die Erde gebettet hatte. Doch von den nachfolgenden dunklen -Stunden hatte ich keine bestimmte und klare Erinnerung. Dennoch -gedachte ich ihrer voll Grauen — einem Grauen, das um so -entsetzlicher war, als ich es nicht an bestimmte Vorgänge zu binden -vermochte. Es war in den Aufzeichnungen meines Lebens das furchtbarste -Blatt, über und über mit dunklen, gräßlichen und unfaßbaren -Erinnerungen bekritzelt. Ich versuchte, sie zu entziffern, aber es war -unmöglich, und zwischendurch — wie das Gespenst eines verklungenen -Rufes — gellte hin und wieder der schrille und durchdringende Schrei -einer weiblichen Stimme mir in die Ohren. Ich hatte irgend etwas -getan — was war es? Ich stellte mir laut diese Frage, und die -flüsternden Echos des Zimmers antworteten mir — „was war es?“ -</p> - -<p> -Auf dem Tisch neben mir brannte eine Lampe, und daneben lag -eine kleine Schachtel. Sie hatte durchaus nichts Auffallendes, und -ich hatte sie schon manchmal gesehen, denn sie war Eigentum des -Hausarztes; wie aber kam sie hier auf meinen Tisch, und warum -schauderte ich, wenn ich sie ansah? Diese Fragen wollten sich in -keiner Weise beantworten lassen. Meine Blicke fielen schließlich auf -den unterstrichenen Satz eines offen vor mir liegenden Buches. Es -waren die sonderbaren, doch einfachen Worte des Dichters Ebn Zaiat: -„Dicebant mihi sodales, si sepulcrum amicae visitarem, curas meas -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -aliquantulum fore levatas.“ — Warum nur standen mir die Haare zu -Berge, als ich dies las, warum erstarrte mir das Blut in den Adern? -</p> - -<div class="centerpic" id="img-045"> -<img src="images/045.jpg" alt="" /></div> - -<div class="centerpic" id="img-047"> -<img src="images/047.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Es wurde leise an die Tür geklopft, und bleich wie der Tod trat -ein Diener auf Zehenspitzen herein. Seine Blicke waren voll wahnsinnigen -Entsetzens, und er sprach bebend zu mir mit gedämpfter, -heiserer Stimme. Was sagte er? Einige abgerissene Sätze hörte ich. -Er sprach von einem wilden Schrei, der das Schweigen der Nacht -gebrochen habe — daß das Hausgesinde zusammengeströmt sei — -daß man in der Richtung des Schreies auf die Suche gegangen sei; -und dann wurde seine Stimme unheimlich deutlich, als er von Grabschändung -redete — von einem aus dem Sarg gerissenen, entstellten -Körper, der noch atmete — noch pulste — noch lebte! -</p> - -<p> -Er deutete auf meine Kleider: sie waren von Erde beschmutzt und -mit Blut bespritzt. Ich sagte nichts, und er ergriff sanft meine Hand: -sie trug frische Kratzwunden von Fingernägeln. Er lenkte meine Aufmerksamkeit -auf einen an die Wand gelehnten Gegenstand: es war -ein Spaten. Mit schrillem Aufschrei sprang ich an den Tisch und riß -die Schachtel an mich, die dort lag. Aber es wollte mir nicht gelingen, -sie zu öffnen. Und sie entglitt meinen zitternden Händen und schlug -hart zu Boden und sprang in Stücke. Und heraus rollten klappernd -zahnärztliche Instrumente und zweiunddreißig kleine, weiße, elfenbeinschimmernde -Dinger und verstreuten sich rings auf den Fußboden ... -</p> - -<hr class="footnote" /> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Denn da Jupiter während der Winterzeit zweimal sieben Tage Wärme schenkt, -so haben die Menschen diese milde und gemäßigte Zeit die Amme des schönen -Eisvogels genannt. — Simonides -</p> - -<h2 class="part" id="part-3"> -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -MORELLA -</h2> - -<div class="motto-container"> - <div class="motto"> -<p class="motto"> -<span class="greek">Αυτο καθ’ αυτο μεθ’ αυτου, μονο ειδες αιει ον.</span> -</p> - -<p class="sign"> -Plato, Symposion -</p> - - </div> -</div> - -<p class="first"> -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -<span class="firstchar">E</span>in Gefühl tiefer, jedoch höchst seltsamer Zuneigung verband mich -mit meiner Freundin Morella. Ein Zufall war’s, der mich vor -vielen Jahren mit ihr zusammenführte, aber seit unserer ersten Begegnung -brannte meine Seele in fremder, entfesselter Glut. Das war -nicht die Flamme des Eros, das war ein seltsam wilder Seelenbrand, -und bitter und qualvoll war meinem Geist die wachsende Überzeugung, -daß ich das rätselhafte Wesen dieser Gluten auf keine Weise zu -ergründen noch ihr Aufflammen und Niedersinken zu beherrschen -vermochte. -</p> - -<p> -Und das Schicksal, das uns zueinander geführt hatte, band uns am -Altar zusammen. Doch sprach ich nie ein Wort, das Leidenschaft gewesen -wäre, dachte nie einen Gedanken, der Liebe bedeutet hätte. -Morella aber floh jede Geselligkeit und schloß sich innig an mich an -und machte mich glücklich — denn Staunen und Träumen ist Glück. -</p> - -<p> -Morellas Gelehrsamkeit war unergründlich. Bei meinem Leben! ihre -vielseitige Begabung war geradezu übernatürlich — ihre Verstandeskräfte -waren gigantisch! Ich wußte das und wurde in vielen Dingen -ihr Schüler. Es begann damit, daß sie mir eine Anzahl jener mystischen -Schriften vorlegte, die man gemeiniglich nur als den Abschaum der -frühen deutschen Literatur ansieht. Das Studium dieser Werke -bildete — aus mir unverständlichen Gründen — ihre liebste und andauernde -Beschäftigung, und daß es auch die meine wurde, ist einfach -dem unwiderstehlichen Einfluß von Beispiel und Gewohnheit -zuzuschreiben. -</p> - -<p> -Mit alledem hatte, wenn ich nicht irre, mein Verstand wenig zu -schaffen. Soviel ich weiß, stimmte meine Weltanschauung durchaus -nicht mit den Idealen dieser Leute überein, und auch in meinem Tun -und Denken war keine Spur von ihrem Mystizismus zu entdecken. -Ich wenigstens hatte diese Überzeugung und überließ mich daher ruhig -und blindlings der Führung meiner Frau, der ich unerschrocken in allen -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -ihren Studien folgte. Und dann — dann, wenn ich, über geächtete, -verderbliche Blätter gebeugt, fühlte, wie ein verderblicher Geist sein -Feuer in mir entzündete, kam Morella und legte ihre kalte Hand auf -meine heiße Hand und entfachte aus der Asche einer toten Philosophie -irgendwelche fast bedeutungslosen, doch eigentümlichen Worte, deren -seltsamer Sinn sich flammend in mein Gedächtnis grub. Und dann -— dann ging ich Stunde um Stunde nicht von ihrer Seite und berauschte -mich am Wohlklang ihrer Stimme, bis diese mir zum Überdruß -und schließlich zum Entsetzen wurde und schwarze Schatten sich -auf meine Seele lagerten und bis ich erbleichte und tief im Innern -vor den fast überirdischen Lauten schauderte. Und so wurden -plötzlich Glück und Freude zu Entsetzen und namenlosem Abscheu, -und Schönheit weckte Grauen, so wie einst aus dem Tale Hinnom -das Gehenna geworden war. -</p> - -<p> -Es ist unnötig, über die einzelnen Probleme, die jene alten Bücher -in uns anregten und die lange, lange Zeit fast das einzige Thema -unserer Gespräche bildeten, viel zu sagen. Alle die, welche etwas von -„theologischer Moral“ verstehen, kennen diese Fragen gut, und jene, -die darin unerfahren sind, würden mich sicherlich kaum verstehen. Der -wilde Pantheismus Fichtes, die gemäßigtere Lehre der Pythagoräer -von der Wiederkunft und vor allem die Identitätsdoktrinen, wie -Schelling sie aufstellte, bildeten den hauptsächlichsten Stoff für unsere -Diskussionen und schienen die phantasievolle Morella am tiefsten und -schönsten anzuregen. Jene sogenannte persönliche Identität definiert -Locke, wie ich glaube, als das dauernde Bestehen eines jeden vernunftbegabten -Daseins. Und da wir unter „Person“ ein intelligenz- und -vernunftbegabtes Wesen verstehen und da alles Denken stets von -Bewußtheit begleitet ist, so formt dieses beides gemeinsam unser -„Ich“ und unterscheidet uns durch Verleihung unserer „persönlichen -Identität“ von anderen denkenden Wesen. Doch das „principium -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -individuationis“, der Begriff dieser Identität, die mit dem Tode -verloren oder nicht verloren geht, war mir stets ein Problem -von außerordentlicher Bedeutung, nicht allein wegen seiner verwirrenden -und aufregenden Konsequenzen, sondern auch wegen -der sonderbaren und eifrigen Art und Weise, in der Morella es -behandelte. -</p> - -<p> -Doch die Zeit war gekommen, in der das Geheimnisvolle im Wesen -meines Weibes mich wie ein Alp, ein Zauber bedrückte. Ich konnte die -Berührung ihrer bleichen Finger nicht ertragen, ich konnte den sanften -Klang ihrer tönenden Sprache, den Glanz ihrer melancholischen Augen -nicht ertragen. Und sie wußte all dies und hielt es mir doch niemals -vor. Sie schien meine Schwäche, meine Manie zu kennen und nannte -es lächelnd „Schicksal“. Selbst die mir unbekannte Ursache für -meine sich steigernde Abneigung schien sie zu kennen, doch machte -sie nie eine Andeutung, die mir auf die Spur geholfen hätte. Aber -sie war Weib und härmte sich und schwand hin und welkte von Tag -zu Tag. Mit der Zeit erschien und blieb auf ihren Wangen eine bedeutungsvolle -Röte, und die blauen Adern auf ihrer bleichen hohen -Stirn schwollen an. Und wenn mein Wesen für einen Augenblick in -Mitleid schmolz, so traf mich im nächsten das Aufleuchten ihrer bedeutsamen -Augen — und meine Seele entsetzte sich und wurde von -einem Schwindel ergriffen, wie er uns befällt, wenn wir hinab in einen -grausig düsteren, unergründlichen Abgrund spähen. -</p> - -<p> -Muß ich noch sagen, daß ich mit tiefem, aufreibendem Verlangen -die Stunde von Morellas Ableben herbeiwünschte? Ich tat es. Aber -der schwache Geist klammerte sich noch Tage, Wochen, Monate an -seine zerbrechliche Hülle, und es kam so weit, daß meine gemarterten -Nerven Herrschaft über mich gewannen. Dies Hinzögern machte mich -rasend, und mein teuflisches Herz verfluchte die Tage und die Stunden -und die bitteren Minuten, die länger und länger zu werden schienen, -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -je mehr ihr zartes Leben dahinschmolz, wie Schatten länger und länger -werden im sterbenden Tag. -</p> - -<p> -Aber eines Herbstabends, als alle Winde im Himmelsraum schliefen, -rief mich Morella an ihr Bett. Ein trüber Nebel lagerte über der -Erde und ein warmer Glanz auf den Wassern, und die Farben des -herbstlichen Waldes glühten so bunt, als sei ein Regenbogen vom -Firmament herabgefallen und in Millionen bunte Scherben zersplittert. -„Dies ist der Tag der Tage“, sagte sie, als ich zu ihr trat. „Der Tag -der Tage — sei es zum Leben oder Sterben. Ein schöner Tag für -die Söhne der Erde und des Lebens — ah, schöner noch für die -Töchter des Himmels und des Todes!“ -</p> - -<p> -Ich küßte sie auf die Stirn, und sie fuhr fort: -</p> - -<p> -„Ich sterbe, dennoch werde ich leben!“ -</p> - -<p> -„Morella!“ -</p> - -<p> -„Die Tage, da du mich lieben konntest, sind nie gekommen — -doch sie, die du im Leben verabscheutest — im Tode sollst du sie -anbeten.“ -</p> - -<p> -„Morella!“ -</p> - -<p> -„Ich wiederhole es — ich sterbe. Doch in mir lebt ein Unterpfand -der Neigung, die du — ach wie gering! — für mich, Morella, fühltest. -Und wenn mein Geist entflieht, wird das Kind leben — dein Kind -und meines, Morellas! Doch deine Tage werden Tage der Sorge -sein — der Sorge, die beständiger ist als alles andere, gleichwie die -Zypresse ausdauernder ist als alle anderen Bäume. Denn die Stunden -deines Glückes sind vorüber, und Freude erblüht nicht zweimal im -Leben, nicht zweimal, wie die Rosen von Paestum zweimal blühen -im Jahre. Rebe und Myrte werden dir unbekannt sein, und du wirst, -gleich den Moslemin in Mekka, auf Erden schon dein Leichentuch mit -dir herumtragen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -„Morella!“ schrie ich auf, „Morella! Wie kannst du das wissen?“ -</p> - -<p> -Aber sie wendete das Gesicht ab, und ein leises Zittern überlief -ihre Glieder. Sie starb, und ihre herrliche, ihre entsetzliche Stimme -war tot. -</p> - -<p> -Doch wie sie es vorausgesagt hatte, geschah es. Ihr Kind, das sie -sterbend geboren hatte und das den ersten Atemzug tat, als seine -Mutter den letzten tat, dies Kind, ein Mädchen, lebte. Und es entwickelte -sich geistig und körperlich außerordentlich schnell und war -das vollkommene Ebenbild von ihr, die dahingeschieden war, und -ich liebte es mit einer Liebe, deren Glut und Innigkeit mir oft wie -eine Kraft aus einer anderen Welt erschien. -</p> - -<p> -Doch nicht lange, da verdunkelte sich der Himmel dieser reinen -Zuneigung, denn Grausen und Kummer jagten wie ungeheure -verderbenbringende Wolken darüber hin. Ich sagte schon, das Kind -entwickelte sich außerordentlich früh an Körper und Geist. Und in -der Tat, sein schnelles leibliches Wachstum war geradezu befremdend. -Aber schrecklich, o, schrecklich waren die tobenden Gedanken, die -mich überstürzten, wenn ich des Kindes geistiger Entwicklung folgte. -Wie konnte es anders sein? Entdeckte ich doch täglich in den Vorstellungen -der kindlichen Seele die abnorme Begabung und das ausgereifte -Wissen des Weibes, vernahm aus dem kindlichen Munde die -genialsten Erfahrungssätze, die Menschen jemals aufgestellt haben, -und sah im Auge des Kindes die Weisheit und Leidenschaftlichkeit -vollkommener Reife glühen. -</p> - -<p> -Als alle diese Erscheinungen meinen erschreckten Sinnen offenbar -wurden, als meine Seele sie in sich aufgenommen hatte — war es da -zu verwundern, daß ein entsetzlicher Argwohn mich befiel in der -quälenden Erinnerung an die grausigen Phantasien und unerhörten -Theorien der verstorbenen Morella? -</p> - -<p> -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -Und ich verbarg dies junge Wesen, das ich anbetete, vor den -Blicken und Einflüssen der Welt, und in der vollständigen Abgeschlossenheit -meines Heims wachte ich mit aufreibender Sorge über -alles, was dieses geliebte Wesen betraf. -</p> - -<p> -Und wie die Jahre dahinflossen und ich Tag um Tag in ihr heiliges -und mildes und beredtes Antlitz spähte und ihr Wachsen und Reifen -bemerkte, Tag um Tag, geschah es, daß ich Tag um Tag neue Dinge -fand, in denen die Tochter vollständig ihrer Mutter — der schwermütigen -und toten — glich. Und stündlich verdichteten sich diese -Schatten einer unnatürlichen Ähnlichkeit und wurden immer tiefer -und immer bestimmter und immer beängstigender — und immer -grauenvoller anzusehen. Daß ihr Lächeln dem Lächeln ihrer Mutter -vollkommen glich, das hätte ich ertragen können; aber dann, plötzlich, -schauderte ich, denn ihr Lächeln war nicht nur dem Morellas gleich — -es war mit ihm identisch! Daß ihre Augen den Augen Morellas -glichen, konnte ich hinnehmen, aber manchmal, oft, drang der Tochter -Blick in die Tiefen meiner Seele mit einer verwirrenden Eindringlichkeit, -wie sie eben nur Morella eigen sein konnte. Und in den Umrissen -der hohen Stirn und in den seidigen Locken ihres Haares, in -den bleichen Fingern, die mit diesen Locken spielten, und in der -klagenden Musik ihrer Stimme und vor allem — o! vor allem in den -Redewendungen der Toten, die von den Lippen der Lebenden und -Geliebten flossen, fand ich Nahrung für die aufreibendste Gedankenarbeit -und für das rastloseste Entsetzen — für den Wurm, der -niemals sterben wollte! -</p> - -<p> -So vergingen die ersten zehn Jahre ihres Lebens, und noch immer -hatte meine Tochter keinen Taufnamen. „Mein Kind“ und „mein -Liebling“ sind ja übliche Benennungen, wie Vaterliebe sie findet, -und die strenge Abgeschlossenheit, in der sie lebte, schloß jeden -weiteren Verkehr aus und machte einen anderen Namen überflüssig. -<span class="centerpic"><img src="images/059.jpg" alt="" /></span> -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -Morellas Name war mit ihr gestorben. Ich hatte der Tochter niemals -von der Mutter gesprochen; es war unmöglich, von ihr zu sprechen. -Tatsächlich hatte also das Kind in seinem jungen Leben keine anderen -Eindrücke empfangen als diejenigen, die sich ihm in den engen -Grenzen unserer Zurückgezogenheit bieten konnten. -</p> - -<p> -Doch schließlich vermeinte mein abgehetzter Geist durch die Zeremonie -der Taufe Erlösung zu finden. So führte ich also das Kind zur -Taufe. Und als ich vor dem Taufbecken stand, suchte ich nach einem -Namen. Viele Namen voll Weisheit und Schönheit, aus alter und -neuer Zeit, aus meiner Heimat und aus fremden Ländern, drängten -sich mir auf die Lippen, und viele, viele Namen für Sanftes und Frohes -und Gutes. Was trieb mich nur dazu an, die Ruhe der Toten und -Begrabenen zu stören? Welcher Dämon veranlaßte mich, jenen -Namen zu flüstern, bei dessen Erinnerung schon das Blut mir stürmisch -zum Herzen schoß? Welcher Unhold sprach aus den Tiefen meiner -Seele, als ich in schweigender Nacht mitten im düsteren Kreuzgang -in das Ohr des heiligen Mannes die Silben flüsterte: „Morella!“ Und -wer anders als Satan selbst veranlaßte mein Kind, bei diesem kaum -vernehmbaren Laut zusammenzuschrecken, die verglasten Blicke gen -Himmel zu heben und mit zuckendem Gesicht, auf dem die Schatten -des Todes kämpften, auf die schwarze Marmorplatte unserer Familiengruft -niederzusinken und zu antworten: „Hier bin ich!“ -</p> - -<p> -Klar, kalt und vollkommen deutlich trafen diese einfachen Worte -mein Ohr und rollten von da wie geschmolzenes Blei zischend in -mein Gehirn. Jahr um Jahr kann dahingehen, doch niemals die Erinnerung -an diesen Augenblick! Wahrlich, noch wußte ich nichts von -Blumen und Reben — doch Zypresse und Schierling umdrohten mich -Tag und Nacht. Und ich wußte nichts mehr vom Wandel der Zeit, -und der Stern meines Schicksals losch aus am Firmament, und die -Erde verlor ihr Licht, und die Gestalten, die sie belebten, glitten an -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -mir vorbei wie Schatten, und mitten unter ihnen sah ich nur — Morella! -Die himmlischen Winde atmeten nur einen Laut, und die rieselnden -Wellen der ewigen Wasser murmelten immerfort — Morella! Aber -sie starb, und mit meinen eigenen Händen trug ich sie zu Grab. Und -ich lachte ein langes, bitteres Lachen, als in der Gruft, in die ich die -zweite bettete, nicht eine Spur zu finden war von der ersten — Morella. -</p> - -<h2 class="part" id="part-4"> -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -ELEONORA -</h2> - -<div class="motto-container"> - <div class="motto"> -<p class="motto"> -Sub conservatione formae specificae salva anima. -</p> - -<p class="sign"> -Raymond Lully -</p> - - </div> -</div> - -<p class="first"> -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -<span class="firstchar">I</span>ch entstamme einem Geschlecht, das dafür bekannt ist, eine -flammende Leidenschaftlichkeit und eine zügellose Phantasie zu -besitzen. Von mir sagt man, daß ich wahnsinnig sei; aber noch ist die -Frage nicht gelöst, ob Wahnsinn nicht etwa erhabenste Erkenntnis ist, -ob vieles, was herrlich, ob alles, was vollkommen ist, nicht vielleicht -einer Krankhaftigkeit des Denkens entspringt, einer durch Überanstrengung -des normalen Intellekts hervorgerufenen Reizbarkeit des -Geistes. Alle, die bei Tage träumen, wissen von vielen Dingen, die -denen entgehen, die nur den Traum der Nacht kennen. Visionen -lassen sie den Glanz der Ewigkeiten schauen, und in ihr Wachsein -nehmen sie das erschütternde Bewußtsein mit, an der Schwelle der -Erkenntnis des großen Rätsels gestanden zu haben. Augenblicke -offenbaren ihnen mit Blitzesgrelle viel von der Weisheit des Guten, -mehr noch von der bloßen Kenntnis des Bösen. Sie haben nicht -Ruder noch Kompaß und dringen dennoch in das unendliche Meer -des ewigen Lichtes vor — und weiter, gleich den Fahrten des nubischen -Geographen, bis ins Meer der Schatten: „aggressi sunt mare tenebrarum, -quid in eo esset exploraturi.“ -</p> - -<p> -Nehmen wir also an, ich sei wahnsinnig. Ich gebe zum wenigsten -zu, daß mein Geistesleben aus zwei ganz verschiedenen Zuständen -besteht: dem Zustand klarer, nicht anzuzweifelnder Vernunft, der die -Erinnerung an die Begebenheiten der ersten Epoche meines Lebens -umfaßt, und einem Zustand voller Schatten und Zweifel, dem die -Gegenwart gehört und die Erinnerung an die Geschehnisse der -zweiten großen Epoche meines Lebens. Darum könnt ihr dem, was ich -von meinem ersten Lebensabschnitt sagen werde, Glauben schenken; -von dem aber, was ich von der späteren Zeit berichte, glaubt nur so -viel, als euch glaubwürdig erscheint — oder bezweifelt das Ganze. -Doch falls ihr nicht zweifeln könnt, so mögt ihr vor den Rätseln meiner -Seele den Ödipus spielen. -</p> - -<p> -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -Sie, die ich in meiner Jugend liebte und von der ich jetzt kühl -und klar das Folgende berichte, war die einzige Tochter der einzigen -Schwester meiner früh verstorbenen Mutter. Eleonora war der Name -meiner Kusine. Wir hatten immer zusammengewohnt — im „Tale -des vielfarbigen Grases“ — unter tropischer Sonne. Kein fremder Fuß -betrat jemals dies Tal, denn es lag weit weit droben inmitten gigantischer -Berge, die es ragend umstanden und seinen lieblichen Gründen -Schatten spendeten. Kein Pfad führte dorthin, und um in unser seliges -Heim zu gelangen, hätte man das Gezweig von vieltausend Waldbäumen -gewaltsam durchbrechen und die Herrlichkeit von viel -Millionen duftender Blumen zertreten müssen. So lebten wir also -ganz einsam und kannten nichts von der Welt außerhalb des Tales — -ich und meine Kusine und ihre Mutter. -</p> - -<p> -Aus den nebelhaften Regionen der höchsten Berge, die unser Reich -umschlossen, kam ein Fluß daher, schmal und tief, und seine Flut war -glänzender als alles — ausgenommen Eleonoras Augen. Er wand sich -in verstohlenen Krümmungen durchs Tal und tauchte dann in eine -dunkle Schlucht, zwischen Bergen, die noch düsterer und geheimnisvoller -waren als jene, aus denen er gekommen war. Wir nannten ihn -den „Fluß des Schweigens“, denn es war, als ob sein Fluten alles -beruhige und stille mache. Kein Murmeln klang aus seinen Tiefen, -er ging so sanft dahin, daß die beperlten Kiesel auf seinem Grunde, -die wir oft bewunderten, sich niemals rührten — in regungsloser Ruhe -lagen sie, jeder funkelte ewig am alten Platz. -</p> - -<p> -Das Ufer des Flusses und der vielen glitzernden Bächlein, die ihm -auf allerlei Umwegen zuströmten, und ebenso alle Flächen, die von -den Ufern sich ins Wasser bis zum Kieselgrund hinuntersenkten, waren -von kurzem, dichtem, gleichmäßigem Rasen bedeckt, der lieblich -duftete. Und weiter noch dehnte sich dieser sanfte grüne Teppich — -durchs ganze Tal, vom Fluß bis an den Fuß der Höhen, die es -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -umgürteten. Diese wundervolle weite Grasfläche war über und über -mit gelben Butterblumen, weißen Gänseblümchen, blauen Veilchen -und rubinroten Asphodelen besprenkelt, und ihre unbeschreibliche -Schönheit redete laut zu unsern Herzen von der Liebe und der -Herrlichkeit Gottes. -</p> - -<p> -Und hie und da erhoben sich im Grase wie seltsam verschlungene -Traumgebilde Gruppen phantastischer Bäume, deren Stämme nicht -senkrecht aufragten, sondern in anmutigen Biegungen dem Licht -entgegenstrebten, das um Mittag in die Mitte des Tales hereinleuchtete. -Ihre Rinde war ebenholzschwarz und silbern gefleckt und war zarter -als alles — ausgenommen Eleonoras Wangen. Ja, man hätte diese -Bäume für gigantische Schlangen halten können, die der Sonne, ihrer -Gottheit, huldigten, wären nicht die glänzend grünen, großen Blätter -gewesen, die von ihren Gipfeln in langen, bebenden Reihen niederhingen -und mit dem Zephir tändelten. -</p> - -<p> -Lange Jahre durchstreifte ich Hand in Hand mit Eleonora das Tal, -ehe die Liebe in unsere Herzen einzog. Es war an einem Abend in -Eleonoras fünfzehntem und meinem zwanzigsten Lebensjahre, da saßen -wir, einander eng umschlungen haltend, unter den Schlangenbäumen -und blickten hinab in den Fluß des Schweigens und auf unser Bild, -das sich in seinen Wassern spiegelte. -</p> - -<p> -Wir sprachen nichts mehr an diesem süßen Tage, und selbst am -andern Morgen fand unsere Rede nur wenige zitternde Worte. -</p> - -<p> -Wir hatten in den Wassern Gott Eros gefunden und ihn in uns -aufgenommen, und wir fühlten nun, daß durch ihn die feurigen -Seelen unserer Vorfahren in uns entzündet waren. Alle Leidenschaftlichkeit -und blühende Phantasie, die Jahrhunderte lang unser -Geschlecht auszeichneten, ergriffen unsere Herzen wie ein Rausch und -hauchten in das Tal des vielfarbigen Grases eine wahnsinnige Seligkeit. -Alle Dinge veränderten sich. Die Bäume, die nie vordem ein Blühen -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -gekannt hatten, entfalteten seltsame, sternförmige, strahlende Blüten. -Das Grün des Rasenteppichs vertiefte sich, und als — eine nach der -andern — die weißen Gänseblümchen dahinschwanden, brachen an ihren -Orten rubinrote Asphodelen auf — zu zehn auf einmal. Und Leben -regte sich auf unseren Pfaden, denn der hohe, schlanke Flamingo, den -wir bis dahin noch nie gesehen, entfaltete vor uns sein scharlachfarbenes -Gefieder, und mit ihm kamen und glühten alle heiteren Vögel. Gold- -und Silberfische belebten den Fluß, und aus seinen Tiefen hob sich -leise, doch lauter und lauter werdend, ein Murmeln, das schließlich zu -einer sanften, erhabenen Melodie anschwoll, erhabener als der Sang aus -des Äolus Harfe und süßer als alles — ausgenommen Eleonoras Stimme. -</p> - -<p> -Und eine schwere, mächtige Wolke, die wir seit langem in den -Regionen des Abendsterns beobachtet hatten, setzte sich gemächlich -in Bewegung. Und durch und durch karmin- und golderglänzend -lagerte sie sich über unser Tal und sank Tag um Tag friedvoll tiefer -und tiefer, bis ihre Ränder auf den Gipfeln der Berge ruhten, deren -nebelhaftes Grau sie in Glanz und Pracht verwandelte. Und sie -lagerte über uns und schloß uns ein wie in ein zauberhaftes Gefängnis -von seltsamer Herrlichkeit. -</p> - -<p> -Der Liebreiz Eleonoras war der der Seraphim; aber sie war so -schlicht und unschuldig wie das kurze Leben, das sie inmitten der -Blumen gelebt hatte. Keine Arglist lehrte sie, die Inbrunst, die ihr -Herz entflammte, zu verbergen, und während wir miteinander im Tale -des vielfarbigen Grases wandelten und über all seine Veränderungen -sprachen, enthüllte sie mir die geheimsten Tiefen ihrer Seele. -</p> - -<p> -Und eines Tages sprach sie unter Tränen von jener letzten traurigen -Veränderung, der alle Menschen unterworfen sind, und von nun an -weilte sie nur bei diesem einen schmerzvollen Thema, das sie in jedes -unserer Gespräche einflocht, so wie die Sänger von Schiras in ihren -Liedern dieselben Bilder wieder und wieder anwenden. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-069"> -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a><img src="images/069.jpg" alt="" /></div> - -<p> -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -Sie hatte die Hand des Todes auf ihrer Brust gefühlt, sie wußte, -daß sie in so vollkommener Schönheit erschaffen worden war, nur um -— gleich der Eintagsfliege — früh zu sterben. Doch alle Schrecken -des Todes waren für sie in dem einen Gedanken vereint, von dem sie -mir in abendlicher Dämmerstunde am Fluß des Schweigens sprach. -Es bekümmerte sie, zu denken, ich könne, nachdem ich sie im Tale des -vielfarbigen Grases begraben hätte, seine selige Verborgenheit verlassen -und die Liebe, die jetzt ganz ihr gehörte, irgendeinem Mädchen -der Alltagswelt da draußen schenken. Und damals und dort warf -ich mich ohne Besinnen Eleonora zu Füßen und tat ihr und dem -Himmel den Schwur, daß ich mich niemals mit einer Tochter der Welt -in Ehe verbinden — daß ich niemals ihrem geliebten Andenken, dem -Andenken der innigen Zuneigung, mit der sie mich segnete, untreu -werden wollte. Und ich rief den allmächtigen Herrn des Weltalls -zum Zeugen für meines Schwurs aufrichtigen Ernst. Und der Fluch, -den ich von ihm und von ihr, der Heiligen im Paradiese, für den Fall -meines Treubruches auf mich herabrief, schloß eine so entsetzliche -Strafe in sich, daß ich hier nicht davon sprechen kann. -</p> - -<p> -Und die strahlenden Augen Eleonoras erstrahlten noch heller bei -meinen Worten. Und sie seufzte, als sei eine tödliche Last ihr vom -Herzen genommen, und sie zitterte und weinte bitterlich. Aber sie -nahm meinen Schwur an — denn was war sie anderes als ein Kind —, -und er ließ sie erleichtert dem Sterben entgegensehen. Und als sie -einige Tage später friedvoll entschlief, sagte sie zu mir, sie wolle um -deswillen, was ich für den Frieden ihrer Seele getan habe, mit dieser -Seele über mich wachen; sie wolle, sofern es möglich sei, in den -wachen Stunden der Nacht mir sichtbarlich erscheinen. Wenn aber -dies außerhalb der Macht der Seelen im Paradiese läge, so wolle sie -mir ihr Gegenwärtigsein wenigstens durch allerlei Zeichen kund tun. -Sie werde mit den Abendwinden mich umkosen und die Luft um mich -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -her mit dem Duft der Weihrauchschalen erfüllen. Mit diesen Worten -auf den Lippen gab sie ihr junges, reines Leben auf, und mit ihr -endete die erste Epoche meines eigenen Lebens. -</p> - -<p> -Bis hierher habe ich wahrheitsgetreu berichtet. Doch wenn mein -Denken auf dem Wege der Vergangenheit die Grenze, die der Tod -meiner Geliebten gezogen, überschreitet und in die zweite Periode -meines Lebens eintritt, dann sammeln sich Schatten um mein Hirn, -und ich fühle, daß ich an meinem gesunden Gedächtnis zweifeln muß. -Doch ich will fortfahren. -</p> - -<p> -Die Jahre schleppten sich träge dahin, und immer noch wohnte ich -im Tale des vielfarbigen Grases. Aber wiederum hatte eine Veränderung -alle Dinge befallen. Die sternförmigen Blüten krochen -zurück in die Stämme der Bäume und kamen nie wieder zum Vorschein. -Das tiefe Grün des Rasenteppichs verblaßte, und die rubinroten -Asphodelen welkten hin, eine nach der andern. Und an ihren -Orten brachen — zu zehn auf einmal — dunkle, blauäugige Veilchen -auf, und ihre Augen standen immer voll Tau und blickten kummervoll. -Und Leben entschwand von unsern alten Pfaden; denn der -hohe, schlanke Flamingo entfaltete nie mehr sein scharlachrotes -Gefieder, trauernd flog er aus unserm Tale fort, den Bergen zu, und -mit ihm zogen alle heiteren Vögel, die ihn begleitet hatten. Und -die Gold- und Silberfische schwammen davon durch die Schlucht, die -an der einen Seite unser Reich begrenzte, und zierten nie wieder den -lieblichen Fluß. Und die sanfte Melodie, die erhebender gewesen -war als der Sang aus des Äolus Harfe und süßer als alles — ausgenommen -Eleonoras Stimme, sie sank wieder zu leisem Murmeln -herab und wurde leiser und leiser, bis sie erstarb und der Fluß wieder -in seinem vormaligen feierlich-düsteren Schweigen dahinfloß. Und -dann — zuletzt — hob sich die mächtige Wolke von den Gipfeln -der Berge, die wieder in ihr nebelhaftes Grau zurücktauchten, und -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -schwamm gemächlich davon, den fernen Regionen des Abendsternes -zu, und mit ihr verschwand das strahlende Gold und all die glänzende -Pracht, mit der sie das Tal des vielfarbigen Grases überschüttet hatte. -</p> - -<p> -Jedoch was Eleonora versprach, erfüllte sich. Denn ich hörte um -mich das Schwingen der himmlischen Weihrauchschalen, und Ströme -himmlischer Düfte durchfluteten immer und immer das Tal. Und in -einsamen Stunden, wenn mein Herz in heftigem Pulsschlag erbebte, -umschmeichelten sanfte Winde mit süßem Seufzen meine Stirn. Die -dunklen Nächte füllte oft ein schwaches Flüstern, und einmal — o, -einmal nur! — weckte mich aus einem todähnlichen Schlafe der Kuß -geisterhafter Lippen, die meinen Mund berührten. -</p> - -<p> -Aber all dies vermochte nicht die Leere meines Herzens auszufüllen, -und grenzenlos wuchs sein Verlangen nach jener Liebe, von der es -vordem so übervoll gewesen war. Und endlich kam es soweit, daß -mir das Tal des vielfarbigen Grases, durch das mich die Erinnerungen -hetzten, zur Qual wurde, und ich vertauschte es für immer gegen die -Eitelkeiten und das friedelose Glück der Welt. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -Ich fand mich in einer fremden Stadt, in der alle Dinge nur dazu -dienten, die Erinnerung an die süßen Träume, die ich so lange Jahre -im Tal des vielfarbigen Grases geträumt hatte, aus meinem Gedächtnis -auszulöschen. Ein prächtiges Hoflager mit Pomp und Festen, betäubendes -Waffengeklirr und strahlende Frauenlieblichkeit verwirrten -und berauschten mein Hirn. Doch bis jetzt war meine Seele ihrem -Schwur treu geblieben, und immer noch verkündete mir Eleonora in -den stillen Stunden der Nacht ihr Gegenwärtigsein. -</p> - -<p> -Plötzlich aber hörten diese Anzeichen auf, und die Welt wurde -schwarz vor meinen Augen, und ich stand in atemlosem Schreck vor -dem glühenden Gedanken — der grauenhaften Versuchung, die mich -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -befallen hatte. Denn an den fröhlichen Hof des Königs, dem ich -diente, kam aus irgendeinem fernen, fernen, unbekannten Lande ein -Mädchen, von deren Schönheit mein ganzes ruchloses Herz entflammt -und hingerissen ward — zu deren Füßen ich mich ohne Sträuben -niederwarf in wehrloser, abgöttischer Liebe. Ach, wie armselig war -die Leidenschaft, die ich dem jungen Kinde im Tale des vielfarbigen -Grases geschenkt hatte, wenn ich sie mit der Glut und dem Wahnwitz -und den beseligenden Ekstasen verglich, in denen jetzt meine Anbetung -emporjauchzte, mit dem trunkenen Schluchzen, in dem meine -Seele zu Füßen der himmlischen Ermengard dahinschmolz! O, herrlich -war der Engel Ermengard! Und vor dieser Erkenntnis versank alles -andere. — O, göttlich war der Engel Ermengard! Und ich ertrank -im Blick ihrer unergründlichen Augen und sah und suchte nur sie. -</p> - -<p> -Ich vermählte mich mit Ermengard — und fürchtete nicht den Fluch, -den ich auf mich herabgeschworen hatte, und seine Schrecken suchten -mich nicht heim. Da kam noch einmal — ein einziges Mal — durch -das Schweigen der Nacht das süße Seufzen wieder zu mir, und es -formte sich zu einer wohlbekannten, inbrünstigen Stimme: -</p> - -<p> -„Schlafe in Frieden! Denn der Geist der Liebe lebt und herrscht. -Und wenn du glühenden Herzens Ermengard umarmst, bist du — -aus Gründen, die dir dereinst im Himmel offenbar werden sollen — -deines Gelübdes an Eleonora entbunden.“ -</p> - -<div class="centerpic" id="img-075"> -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a><img src="images/075.jpg" alt="" /></div> - -<h2 class="part" id="part-5"> -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -DIE INSEL DER FEE -</h2> - -<div class="motto-container"> - <div class="motto"> -<p class="motto"> -Nullus enim locus sine genio est. -</p> - -<p class="sign"> -Servius -</p> - - </div> -</div> - -<p class="first"> -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>L</span>a musique,“ sagt Marmontel in seinen „Contes Moreaux,“ die wir -in allen unsern Übersetzungen beharrlich als „Moralische Geschichten“ -bezeichnet finden, als ob man ihren Sinn verhöhnen wollte — -„la musique est le seul des talents qui jouisse de lui-même: tous les -autres veulent des témoins.“ Er verwechselt hier die Freude an schönen -Klängen mit der Fähigkeit, sie hervorzurufen. Die musikalische Begabung -ist ebensowenig wie jedes andere Talent da, wo kein zweiter -ihre Äußerungen würdigt, zur Gewährung eines vollkommenen Genusses -befähigt, und nur in Verbindung mit andern Begabungen bringt -sie die Wirkungen hervor, die erst in der Einsamkeit ganz genossen -werden mögen. Der Gedanke, den der „raconteur“ entweder nicht -klar genug dargestellt oder dessen Darstellung er einer nationalen -Vorliebe für Pointierung geopfert hat, ist zweifellos der sehr begründete, -daß wir gute Musik am tiefsten zu würdigen verstehen, wenn -wir einsam sind. Der Gedanke in dieser Form wird ohne weiteres -jedem richtig erscheinen, der die Musik um ihrer selbst und ihrer -seelischen Wirkung willen liebt. Doch noch eine Freude ist den -verstoßenen Sterblichen vergönnt, eine, die vielleicht mehr noch als -die Musik der gesteigerten Einsamkeit bedarf. Ich meine den Genuß, -den die Naturbetrachtung bietet. Wahrlich, wer Gottes Herrlichkeit -auf Erden recht gewahren will, der muß diese Herrlichkeit in Einsamkeit -betrachten. Mir wenigstens erscheint die Anwesenheit nicht nur -menschlicher, sondern überhaupt lebendiger Wesen jeder Art, außer -den grünen Dingen, die aus dem Boden wachsen und keine Stimme -haben, als Befleckung der Landschaft, als etwas, was der seelischen -Harmonie des Bildes zuwiderläuft. -</p> - -<p> -In Wahrheit! ich liebe die Vorstellung, daß die dunklen Täler und -grauen Felsen und die schweigsam lächelnden Wasser und die Wälder, -die in unruhigem Schlummer seufzen — und die stolzen wachsamen -Berge, die auf alles herunterblicken —, daß alles dies nur ungeheure -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -Gliedmaßen eines gewaltigen lebendigen und empfindenden Ganzen -sind — eines Ganzen, dessen Gestalt (die Kugel) die vollkommenste -und umfassendste ist, die es gibt; dessen Weg den andern Planeten -zugesellt ist, dessen zarte Magd der Mond<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a>, dessen mittelbarer Herr -die Sonne ist; dessen Lebensdauer Ewigkeit, dessen Sinn der Wille -Gottes ist; dessen Freude Wissen ist; dessen Geschicke sich in Unendlichkeit -verlieren; dessen Kenntnis seiner selbst etwa unsrer -Kenntnis der mikroskopischen Kleinwelt gleichkommt — eines Daseins, -das wir als völlig unbelebt und rein stofflich ansehen, ähnlich, -wie diese winzigen Wesen uns betrachten mögen. -</p> - -<p> -Unsre Teleskope und unsre mathematischen Entdeckungen geben -uns trotz des scheinheiligen Geredes der Geistlichkeit überall die -Gewißheit, daß Raum und also Masse in den Augen des Allmächtigen -eine große Bedeutung hat. Die Kreise, darin die Sterne sich bewegen, -sind als die besten befunden worden für eine ungehinderte Bewegung -der größtmöglichen Anzahl Körper. Die Form dieser Körper ist -gerade so, daß sie bei einer gegebenen Oberflächengröße die größtmögliche -Anhäufung von Materie gestattet, während die Oberfläche -selbst so beschaffen ist, daß sie eine größere Zahl von Bewohnern -aufnehmen kann, als wenn sie irgendeine andre Gestalt hätte. -Auch ist die Tatsache, daß der Raum selbst unendlich ist, kein -Argument dagegen, daß die Masse ein Zweck Gottes ist; denn eine -unendliche Materie mag vorhanden sein, um ihn zu füllen, und da wir -deutlich sehen, daß die Materie grundsätzlich von Leben erfüllt ist — -in der Tat, soweit unser Urteil reicht, ein leitender Grundsatz in -den Maßnahmen der Gottheit — so ist es kaum logisch, dieses Leben -auf die Regionen des Kleinen, wo wir es täglich nachweisen können, -zu beschränken und nicht auf die des Erhabenen auszudehnen. Da -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -wir ohne Ende Kreis in Kreise laufen sehen, alle aber sich um eine -ferne Mitte drehen, um die Gottheit, sollten wir da nicht gleicherweise -Leben in Leben vermuten, das kleinere im größeren und alle -im göttlichen Geiste? Kurz, wir sind infolge unsrer Selbstüberhebung -in einem gewaltigen Irrtum, wenn wir annehmen, der Mensch sei in -seiner zeitlichen oder zukünftigen Bestimmung von größerer Wichtigkeit -für das Universum als der gewaltige Talkörper, den er beackert -und verachtet und dem er eine Seele abspricht, aus keinem tieferen -Grunde, als weil er sie nicht in Tätigkeit sieht<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a>. -</p> - -<p> -Solche und ähnliche Vorstellungen haben meinen Betrachtungen -in den Bergen und Wäldern, an den Flüssen und am Meere eine Beimischung -gegeben, die von der Alltagswelt zweifellos als „phantastisch“ -bezeichnet werden würde. Meine zahllosen, meist einsamen -Wanderungen in solchen Gegenden pflegten meinen Geist ungewöhnlich -lebhaft zu beschäftigen, und die Hingabe, mit der ich -manchen düstern Talgrund durchstreifte oder in die Himmelsspiegelung -manches strahlenden Sees blickte, wurde sehr vertieft durch das Bewußtsein, -daß ich <em>allein</em> wanderte und Umschau hielt. Welcher -geschwätzige Franzose<a class="fnote" href="#footnote-4" id="fnote-4">[4]</a> war es doch, der mit Beziehung auf das Werk -von Zimmermann sagte: „la solitude est une belle chose; mais il faut -quelqu’un pour vous dire que la solitude est une belle chose“? Dem -Epigramm ist nicht zu widersprechen; aber dies „il faut“ — diese -Notwendigkeit ist doch ein Unding. -</p> - -<p> -Es war auf einer meiner einsamen Wanderungen in weit entfernten -Gegenden, wo Berg an Berg geschlossen war und trauervolle Flüsse -und schwermütige Sümpfe sich einherwanden oder schlummernd lagen, -als ich an einen kleinen Fluß mit einer Insel kam. Es war im laubreichen -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -Juni. Ich warf mich auf den Rasen unter die Zweige eines unbekannten -duftenden Gesträuches, um in Betrachtung des Bildes versunken zu -ruhen. Ich fühlte, nur so sollte ich es ansehen, dies entsprach seinem -Charakter. -</p> - -<p> -Auf allen Seiten — außer gen Westen, wo die Sonne im Untergehen -war — erhoben sich grüne Waldesmauern. Der Fluß, der in seinem Lauf -eine scharfe Wendung machte und sich so plötzlich den Blicken entzog, -schien aus seinem Gefängnis keinen Ausweg zu haben, sondern vom -grünen Laub der Bäume im Osten aufgesogen zu werden, während auf -der anderen Seite (so erschien es mir, als ich da lag und nach oben sah) -geräuschlos und unaufhaltsam ein gold- und purpurroter Wasserfall -aus den Abendrotquellen des Himmels ins Tal herniedersprühte. -</p> - -<p> -Etwa in der Mitte des beschränkten Ausschnitts, den mein träumerisches -Auge faßte, ruhte eine kleine runde, üppig begrünte Insel -auf der Brust des Wassers, -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und Licht und Schatten woben Duft,</p> - <p class="verse">Als hänge sie schwebend in der Luft.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -So spiegelglatt war das glasige Wasser, daß sich kaum erkennen -ließ, an welcher Stelle des grünen Rasenhanges sein Reich begann. -</p> - -<p> -Meine Lage gestattete mir, mit einem einzigen Blick sowohl das -östliche wie das westliche Ende der Insel zu umfassen, und ich bemerkte -eine eigentümliche Verschiedenheit an ihnen. Das Westende war wie -ein strahlender Harem von Gartenschönheiten. Es glühte und errötete -unter den schrägen Blicken der Sonne und lachte mit heiteren Blumen. -Das Gras war kurz, feucht, süß duftend und von Goldwurz durchblüht. -Die Bäume waren geschmeidig, heiter, aufrecht, hell, schlank und -anmutig, von morgenländischem Bau und Laub, mit sanfter, glänzender -und buntfarbiger Rinde. Alles schien gesättigt von einem tiefen -Bewußtsein von Leben und Lust, und obgleich vom Himmel keine -Winde bliesen, so war doch alles bewegt durch das leichtbeschwingte -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -Gaukelspiel unzähliger Schmetterlinge, die man für beflügelte Tulpen -hätte halten können.<a class="fnote" href="#footnote-5" id="fnote-5">[5]</a> -</p> - -<p> -Das andre oder östliche Ende der Insel war in schwärzeste Schatten -gehüllt. Eine traurige, doch schöne und friedvolle Dunkelheit durchdrang -hier alle Dinge. Die Bäume waren von düsterer Farbe und -trauernd in Gestalt und Haltung; — wie sie sich da in trübe, feierliche -und gespenstische Formen hüllten, erweckten sie eine Vorstellung -von tödlichem Leid und frühzeitigem Tod. Das Gras hatte den dunklen -Farbenton der Zypresse, und seine Halme ließen die Köpfe hängen, -und hier und dort sah man im Grase viele kleine häßliche Hügel, -schmal und niedrig und nicht sehr lang, die wie Gräber aussahen -und doch keine waren, obgleich Raute und wilde Rosen sie ganz und -gar überwucherten. Der Schatten der Bäume sank schwer aufs Wasser -nieder, als wolle er sich darin begraben, die Tiefen des Elementes -mit Dunkelheit sättigend. Ich bildete mir ein, wie die Sonne tiefer -und tiefer sank, löse sich Schatten um Schatten trübe vom Stamme, -der ihm Leben gegeben hatte, und werde vom Strome aufgetrunken, -während jeden Augenblick neue Schatten aus den Bäumen hervortraten, -um die Stelle ihrer eingesargten Vorgänger einzunehmen. -</p> - -<p> -Als dieser Gedanke meine Phantasie erfaßt hatte, regte er sie weiter -und weiter an, und ich versank in Träumerei. „Wenn je eine Insel -verzaubert war,“ sprach ich bei mir selbst, „so ist es diese. Hier ist -der Zufluchtsort der wenigen gütigen Feen, die noch vom Untergang -verschont geblieben sind. Sind jene Hügel ihre grünen Gräber? — -Oder geben sie ihr Leben auf, wie Menschen ihr Leben dahingeben? -Ist ihr Sterben nicht vielmehr ein trauervolles Hinschwinden, so daß -sie nach und nach ihr Dasein an Gott zurückgeben, wie diese Bäume -Schatten um Schatten hingeben, ihr Wesen verhauchen und auflösen? -Was der vergehende Baum dem Wasser ist, das seinen Schatten -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -einsaugt und schwärzer wird von jeder solchen Beute, mag nicht das -Leben der Fee für den Tod, der es verschlingt, das gleiche sein?“ -</p> - -<p> -Als ich so mit halbgeschlossenen Augen sann, indes die Sonne -eilig zur Rüste ging und wirbelnde Strömungen rund und rund um -die Insel jagten, mit tanzenden weißen Streifen der Rinde des Feigenbaumes -auf den Wellen, Streifen, die in ihrer wechselvollen Lage auf -dem Wasser von einer lebendigen Phantasie mit allem Erdenklichen -zu vergleichen gewesen wären — während ich so sann, war mir, als -nehme die Gestalt einer solchen Fee, über die ich nachgesonnen -hatte, langsam aus dem Glanze der Westseite der Insel ihren Weg -ins Dunkel. Sie stand aufrecht in einem seltsam gebrechlichen Kahn, -den sie mit dem Schatten eines Ruders lenkte. Solange sie unter dem -Einfluß der zögernden Sonnenstrahlen blieb, schien ihre Haltung -Freude auszudrücken, aber Trauer wandelte sie an, als sie der Schatten -berührte. Langsam glitt sie dahin und hatte schließlich die Runde um -die Insel gemacht und erschien wieder auf der Lichtseite. „Der Zirkel, -den die Fee soeben vollendet hat,“ sinnierte ich weiter, „ist der Kreislauf -ihres kurzen Lebensjahres. Sie ist durch ihren Winter und ihren -Sommer geflutet. Sie ist dem Tode um ein Jahr näher: denn es ist -meinen Blicken nicht entgangen, daß, als sie in die Dämmerung kam, -ihr Schatten von ihr abfiel und vom dunklen Wasser verschlungen -ward, dessen Schwärze noch schwärzer davon wurde.“ -</p> - -<p> -Und wieder erschien das Boot mit der Fee, doch in ihrer Haltung -war mehr Sorge und Unsicherheit und weniger biegsame Lust. Sie -flutete wiederum aus dem Licht und ins Dunkel (das sogleich tiefer -wurde), und wiederum fiel ihr Schatten von ihr ab ins ebenholzschwarze -Wasser und wurde von seiner Schwärze verschlungen. Und -wieder und wieder machte sie die Runde um die Insel (indessen die -Sonne zu ihrer Schlummerstätte eilte), und bei jedem Heraustreten -ins Licht lag mehr Trauer auf ihrer Gestalt, die schwächer und feiner -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -und unbestimmter wurde, und bei jedem Übergang ins Dunkel sank -ein tieferer Schatten von ihr ab, der von immer düstererem Schwarz -verschlungen wurde. Endlich aber, als die Sonne gänzlich verschwunden -war, glitt die Fee, jetzt nur noch wie das Gespenst ihres -früheren Seins, mit ihrem Boot trostlos in das Bereich der ebenholzschwarzen -Flut, und ob sie daraus wieder zum Vorschein kam, kann -ich nicht sagen, denn Finsternis deckte alle Dinge, und ich gewahrte -ihre zauberhafte Gestalt nicht mehr. -</p> - -<hr class="footnote" /> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Mond im Englischen weiblich, Sonne männlich. A. d. Üb. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> Wo Pomponius Mela in seiner Abhandlung „De Situ Orbis“ von Flut und Ebbe -spricht, sagt er: „Entweder ist die Welt ein großes Tier, oder“ usw. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-4" id="footnote-4">[4]</a> Balzac, dem Sinne nach; ich weiß nicht mehr die Worte. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-5" id="footnote-5">[5]</a> Florem putares nare per liquidum aethera. — P. Commire -</p> - -<h2 class="part" id="part-6"> -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -LANDORS LANDHAUS -</h2> - -<p class="first"> -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -<span class="firstchar">W</span>ährend einer Wanderung, die mich letzten Sommer durch -einige der Flußtäler der Grafschaft Neuyork führte, sah ich -mich, als der Tag zur Neige ging, in gewisser Verlegenheit, welchen -Weg ich einschlagen sollte. Das Land war auffallend hügelig, und in -der letzten halben Stunde hatte mich der Pfad, bei meinem Bemühen, -mich in den Tälern zu halten, so verwirrend um und rundum geführt, -daß ich nicht mehr ahnte, in welcher Richtung das reizende -Dorf B... lag, wo ich die Nacht zu bleiben gedachte. Es hatte, genau -genommen, den Tag über eigentlich keinen Sonnenschein gegeben, -dennoch war es ungewöhnlich warm gewesen. Ein Nebelschleier, -wie lauter Altweibersommer, verhängte alle Dinge und vermehrte -natürlich meine Unsicherheit. Nicht daß ich die Sache sehr wichtig -nahm. Sollte ich nicht vor Sonnenuntergang, selbst nicht vor Einbruch -der Dunkelheit auf das Dorf stoßen, so war es doch mehr als wahrscheinlich, -daß irgendein kleines Farmhaus oder dergleichen auftauchen -würde, wenn auch die Gegend (vielleicht weil sie sich mehr -malerisch als fruchtbar erwies) nur spärlich bewohnt war. Jedenfalls -wäre ein Biwak im Freien, mit meinem Rucksack als Kissen und -meinem Jagdhund als Wächter, so recht nach meinem Geschmack -gewesen. Ich schlenderte daher wohlgemut weiter und hatte meine -Flinte Ponto aufgeladen, als ich schließlich, da ich eben Betrachtungen -darüber anstellte, ob die zahlreichen kleinen Lichtungen, die hier- -und dorthin führten, überhaupt Pfade vorstellen sollten, auf dem -verlockendsten von ihnen zu einem richtigen Fahrweg geriet. Jeder -Irrtum war ausgeschlossen. Leichte Räderspuren waren sichtbar, und -obgleich das hohe Strauchwerk und das aufgeschossene Unterholz sich -oben zusammenschlossen, gab es am Boden nicht das geringste Hemmnis, -selbst nicht für ein virginisches Berggefährt, meiner Meinung nach -das anspruchsvollste, hochfahrendste Vehikel seiner Art. Abgesehen -davon, daß der Weg frei in den Wald führte (wenn die Bezeichnung -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -Wald nicht allzu wuchtig ist für dieses Beieinander lichter Bäume) -und daß er deutliche Räderspuren aufwies, glich er auch nicht entfernt -irgendeinem der Wege, die ich je gesehen hatte. Die besagten Spuren -waren kaum wahrnehmbar auf einer Fläche, die eine lebhafte Ähnlichkeit -mit grünem Genueser Samt besaß. Es war Gras, gewiß, aber -Gras, wie wir es außer in England selten sehen, so kurz, so dicht, so -eben und von so leuchtender Farbe. Nicht das geringste Hindernis -fand sich in der Radspur, nicht einmal ein Span oder ein dürrer Zweig. -Die Steine, die einst den Weg gehemmt hatten, waren zur Seite der -Rasenfläche sorgsam niedergelegt, nicht geworfen worden, so daß -sie diese mit einer sozusagen nachlässigen Sorgsamkeit malerisch abgrenzten. -Büsche wilder Blumen wuchsen in den Zwischenräumen in -verschwenderischer Fülle. -</p> - -<p> -Was ich aus alledem machen sollte, wußte ich natürlich nicht. Hierin -lag unzweifelhaft Kunst. Das überraschte mich nicht; alle Wege sind -im herkömmlichen Sinne Kunstwerke; auch kann ich nicht sagen, -daß lediglich die Übertreibung des Künstlerischen so wundersam -erschien; alles, was hier geschehen war, mochte <em>hier</em>, wo soviel -natürliche „Anlage“ vorlag (wie man das in Büchern über Landschaftsgärtnerei -findet) mit sehr wenig Arbeit und Ausgaben getan worden -sein. Nein, es war nicht die Fülle, sondern der Charakter des Künstlerischen, -was mich veranlaßte, mich auf einen der umblühten Steine -niederzulassen und wohl eine halbe Stunde oder länger diese feenhafte -Allee voll staunender Bewunderung hinauf und hinunter zu blicken. -Eines wurde mir, je länger ich schaute, mehr und mehr deutlich: ein -Künstler, und zwar ein Künstler mit außerordentlich scharfem Blick -für Formen, hatte alle diese Anordnungen im voraus überlegt. Man -war mit größter Sorgfalt bedacht gewesen, zwischen dem Hübschen -und Anmutigen einerseits und dem „Pittoresken“, im wahren Sinne -der italienischen Bezeichnung, andrerseits die rechte Mitte zu halten. -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -Es gab wenig gerade und keine auf die Länge ungebrochene Linie. -Dasselbe Bild in Krümmung oder Farbe bot sich, soweit das Auge -reichte, meist zweimal, doch nicht öfter. Überall in der Einförmigkeit -war Abwechslung. Es war ein Stück „Komposition“, in der selbst der -anspruchsvollste kritische Geschmack kaum eine Verbesserung hätte -vorschlagen können. -</p> - -<p> -Als ich diesen Weg betrat, hatte ich mich nach rechts gewandt, -und nun erhob ich mich und verfolgte dieselbe Richtung. Der Pfad -war so gewunden, daß ich seinen Lauf nie mehr als zwei, drei Schritte -weit vor mir sah. Seine Anlage erfuhr nicht die geringste Wandlung. -</p> - -<p> -Plötzlich traf das sanfte Murmeln eines Wassers mein Ohr, und -einige Augenblicke später, als der Pfad mich noch überraschender -als bisher um die Ecke führte, gewahrte ich, daß am Fuße eines -gerade vor mir liegenden sanften Hanges irgendein Gebäude lag. -Ich konnte infolge des Dunstschleiers, der das ganze kleine Tal -drunten erfüllte, nichts deutlich erkennen. Jetzt erhob sich jedoch ein -leichter Wind, denn die Sonne war am Untergehen, und während ich -auf dem Hügelkamm stehen blieb, zerteilte sich der Nebel in krause -Fetzen und flutete über die Szene. -</p> - -<p> -Wie die Dinge so allmählich zum Vorschein kamen, Stück um -Stück, hier ein Baum, da ein Wasserblinken und hier wieder ein Stück -Schornstein, war mir nicht anders zumute, als sei das Ganze eines -jener geschickten Trugbilder, wie sie zuweilen unter der Bezeichnung -„Vexierbilder“ dargeboten werden. -</p> - -<p> -Mit der Zeit jedoch, als der Nebel sich völlig verzogen hatte, war auch -die Sonne hinter die sanften Hänge hinabgesunken, kam nun aber, -als habe sie ein leichtes „chassez“ nach Süden gemacht, wieder in -volle Sicht, indem sie in purpurnem Glanz durch eine Kluft im Westen -des Tales hereinschimmerte. Plötzlich also und wie mit Zauberhand -wurde dieses ganze Tal und alles, was darin war, strahlend sichtbar. -</p> - -<p> -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -Der erste „coup d’œil“, als die Sonne in die angegebene Stellung -glitt, machte mir einen ähnlichen Eindruck, wie ihn mir in meiner -Knabenzeit das Schlußbild eines gut inszenierten Schauspiels oder -Melodramas hervorrief. Nicht einmal die Ungeheuerlichkeit in der -Farbengebung fehlte, denn die Sonne drang durch die Kluft in sattem -Orangerot und Purpur, während das lebhafte Grün des Grases im -Tal durch den Dunstschleier, der noch immer darüber schwebte, als -widerstrebe ihm die Trennung von einem so zauberhaft schönen -Bild, mehr oder weniger auf alle Dinge zurückgestrahlt wurde. -</p> - -<p> -Das kleine Tal, in das meine Blicke so unter der Nebelschicht -hinabtauchten, konnte nicht mehr als vierhundert Meter Länge haben, -die Breite wechselte von fünfzig zu hundertundfünfzig oder auch zweihundert -Metern. An seinem Nordende war es außerordentlich schmal -und verbreiterte sich, aber nicht gerade regelmäßig, nach Süden hin. -Die größte Breite erreichte es ungefähr achtzig Meter vor dem -südlichen Ende. Die Hänge, welche das Tal umgaben, konnten nicht -eigentlich Hügel genannt werden, höchstens an ihrer Nordseite. Hier -erhob sich eine steile Felswand bis zu einer Höhe von neunzig Fuß -und mehr, und wie ich schon sagte, war das Tal hier nicht breiter -als fünfzig Meter. Wer sich aber von diesem Felsenriff nach Süden -wandte, der fand zur Rechten und Linken Abhänge, die sowohl weniger -hoch wie auch weniger steil und weniger felsig waren. Mit einem Wort, -nach Süden hin wurde alles schräger und sanfter, und doch war das -ganze Tal von mehr oder weniger hohen Erhebungen umgürtet, abgesehen -von zwei Punkten. Von einem derselben habe ich schon gesprochen. -Er lag gegen Nordwesten, und hier war es, wo die Sonne in -der geschilderten Weise in das Amphitheater ihren Weg fand, durch -eine sauber geschnittene natürliche Kluft in der granitenen Umfassung. -Dieser Einschnitt mochte an seiner breitesten Stelle zehn Meter betragen -— soweit das Auge das zu schätzen vermochte. Er schien -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -wie eine natürliche Chaussee sachte aufwärts zu führen, in die Gründe -noch undurchforschter Berge und Wälder. Die andere Öffnung -befand sich genau am südlichen Talende. Hier waren die Hügel im -allgemeinen kaum mehr als sanfte Wellungen, die von Osten nach -Westen in einer Breite von etwa hundertundfünfzig Metern verliefen. -In der Mitte dieser Strecke lag eine Senkung, die bis auf die -Bodenhöhe des Tales herabging. Wie in allem andern, so bot -die Szene auch hinsichtlich der Vegetation ein nach Süden hin -niedrigeres und sanfteres Bild. Nach Norden, an dem steilen Felshang, -erhoben sich nicht weit vom Gipfel die prächtigen Stämme vom -weißen und schwarzen Walnußbaum, vom Kastanienbaum und vereinzelten -Eichen, und die besonders von den Walnußbäumen streng -wagerecht gebreiteten Äste sprangen weit über den Felsrand vor. Nach -Süden fortschreitend sah man zunächst dieselben Baumarten, nur -weniger hochgewachsen und majestätisch; dann begegnete man der -schlankeren Ulme, dem Sassafras und der Robinie — diesen folgte -die sanftere Linde, der Judasbaum, Trompetenbaum und Ahorn — -und schließlich kamen noch anmutigere und bescheidenere Arten. -Die ganze südliche Hügelwelle war nur mit wildem Strauchwerk bedeckt -bis auf ein paar vereinzelte Silberweiden und Silberpappeln. -Drunten im Tale selbst (denn man muß beachten, daß die genannte -Vegetation nur auf den Felsen oder Hügelwänden wuchs) sah man drei -einzeln stehende Bäume. Der eine war eine Ulme von schöner Größe -und herrlicher Gestalt; sie stand als Wächter am südlichen Eingang -des Tales. Der zweite war ein Nußbaum, viel größer als die Ulme -und alles in allem ein viel edlerer Baum, wenngleich beide ausnehmend -schön waren. Er schien den nordwestlichen Zutritt zu bewachen, wie er -da aus einer Felsengruppe seine vornehme Gestalt mitten in den offenen -Rachen der Schlucht hinausreckte, in einem Winkel von fast fünfundvierzig -Grad, weit hinaus in den Sonnenschein des Amphitheaters. -</p> - -<p> -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -Etwa dreißig Meter östlich von diesem Baum stand jedoch der -Stolz des Tales und ohne Frage der prächtigste Baum, den ich je -gesehen habe, ausgenommen vielleicht die Zypressen von Itchiatuckanee. -Es war ein dreistämmiger Tulpenbaum — ein Liriodendron -tulipiferum — eine der wilden Magnolienarten. Die drei Stämme -trennten sich vom Mutterstamm in etwa drei Fuß Höhe, strebten nur -ganz allmählich auseinander und waren dort, wo der breiteste Stamm -Laub ansetzte, nicht mehr als vier Fuß auseinander. Das war in einer -Höhe von ungefähr achtzig Fuß. Die ganze Höhe des Baumes betrug -einhundertundzwanzig Fuß. Nichts kommt an Schönheit dem -leuchtkräftigen Grün der Blätter des Tulpenbaumes gleich. Gegenwärtig -waren sie volle acht Zoll breit; ihre Pracht aber wurde übertroffen -von dem schwellenden Prunk üppiger Blüten. Man stelle sich eine -Million dicht zusammengedrängter strahlendster Tulpen vor! Nur so -kann sich der Leser eine Ahnung von dem Bilde machen, das ich ihm -vermitteln möchte. Und dann die stolze Anmut der sauberen, zart -gekerbten säulenartigen Stämme, deren größter zwanzig Fuß vom -Boden einen Durchmesser von vier Fuß hatte. Die unzähligen Blüten -erfüllten im Verein mit den Blüten anderer, kaum weniger schöner, -allerdings weit weniger majestätischer Bäume das Tal mit Wohlgerüchen, -die köstlicher waren als die Wohlgerüche Arabiens. -</p> - -<p> -Den eigentlichen Boden des Amphitheaters bildete Gras von derselben -Beschaffenheit, wie ich es auf dem Weg gefunden hatte, -höchstens noch weicher, üppiger und von einem noch wundervolleren -sammetartigen Grün. Es war schwer zu fassen, wie all diese -Schönheit erzielt werden konnte. -</p> - -<p> -Ich habe von den zwei Öffnungen im Tal gesprochen; aus der ersten -gen Nordwesten ergoß sich ein Bächlein, das mit sanftem Murmeln -und einigem Schäumen die Schlucht herunterkam, bis es gegen die -Felsengruppe prallte, aus der der einzelstehende Walnußbaum aufschoß. -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -Hier umkreiste es den Baum und wandte sich dann etwas -nach Nordwesten, den Tulpenbaum einige zwanzig Fuß südlich lassend; -nun veränderte es seinen Lauf nicht eher, als bis es etwa die Mitte -zwischen der östlichen und westlichen Grenze des Tales erreicht hatte. -An dieser Stelle bog es nach mehreren Krümmungen im rechten Winkel -ab und verfolgte eine im allgemeinen südliche Richtung, bis es sich -eilig in einem kleinen See von unregelmäßiger, aber ziemlich ovaler -Form verlor, der schimmernd nahe am südlichen Talausgang lag. -Dieser See hatte vielleicht an seiner breitesten Stelle hundert Meter -Durchmesser. Kein Kristall konnte klarer sein als seine Wasser. -Sein Grund, den man deutlich sehen konnte, bestand überall aus -strahlend weißen Kieseln. Seine Ufer, von besagtem Smaragdgrün, -rundeten sich in den klaren Himmel hinunter, und so klar war -dieser Himmel, so vollkommen spiegelte er zuzeiten alle Gegenstände -von oben, daß es schwer festzustellen war, wo das wirkliche Ufer aufhörte -und das widergespiegelte begann. Die Forelle und einige andre -Fischarten, von denen es im Weiher wimmelte, erweckten alle den -Anschein von fliegenden Fischen. Es war schwer, nicht anzunehmen, -daß sie einfach in der Luft hingen. Ein leichtes Birkenboot, das -friedlich auf dem Wasser lag, wurde von dem so köstlich polierten -Spiegel bis in seine feinsten Rippen mit unerhörter Treue wiedergegeben. -Eine kleine Insel im heitern Schmuck vollerblühter Blumen -und nur gerade groß genug, um ein malerisches kleines Bauwerk -zu tragen, offenbar ein Wasservogelhaus, erhob sich im See, nicht -weit von seinem nördlichen Ufer — mit dem es durch eine unbegreiflich -zierlich wirkende und doch ganz primitive Brücke verbunden war. -Sie bestand aus einer einzigen breiten und dicken Planke aus -Tulpenholz. Sie war vierzig Fuß lang und überspannte den Raum -zwischen Ufer und Ufer in leichtem, doch gut wahrnehmbarem Bogen, -der jede Schwankung ausschloß. Aus dem Südende des Sees ergoß -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -sich wieder der Bach, der sich ungefähr dreißig Meter in Windungen ergötzte -und dann schließlich durch die (schon beschriebene) Niederung -inmitten der südlichen Hänge hindurchfloß und, in eine Tiefe von -hundert Fuß hinuntertaumelnd, seinen vielfach gewundenen Weg -zum Hudson nahm. -</p> - -<p> -Der See war tief — an manchen Stellen bis zu dreißig Fuß, der -Bach aber hatte selten mehr als drei, während seine größte Breite etwa -acht betrug. Sein Bett und die Ufer glichen denen des Weihers — wenn -etwas daran auszusetzen war, so war es dies, daß die malerische -Wirkung vielleicht durch übertriebene Sauberkeit beeinträchtigt wurde. -</p> - -<p> -Die Weite des grünen Feldes wurde gelegentlich durch einen Zierstrauch -unterbrochen, wie Hortensie, Schneeball oder duftendes -Jasmingesträuch; häufiger noch durch eine Geraniumgruppe, die in -allen Varietäten üppig blühte. Diese letzteren standen in Töpfen, -die sorgfältig in die Erde gegraben waren, um den Eindruck wildwachsender -Pflanzen hervorzurufen. Überdies war der Wiesensammet -anmutig von Schafen belebt, die als stattliche Herde das Tal durchstreiften, -in Gesellschaft dreier zahmen Rehe und einer beträchtlichen -Anzahl strahlendgefiederter Enten. Ein sehr großer Bullenbeißer -schien allen diesen Tieren, dem einzelnen wie der Gesamtheit, eine -wachsame Aufmerksamkeit zu widmen. -</p> - -<p> -An den östlichen und westlichen Felsen — dort, wo die Begrenzung -nach den höhergelegenen Teilen des Amphitheaters hin mehr oder -weniger steil war — zog sich in verschwenderischer Fülle Efeu hin, so -daß man nur hie und da ein Fleckchen vom nackten Fels hindurchschimmern -sah. Der Westabhang war gleicherweise fast vollständig -mit selten prächtigen Reben bedeckt, die zum Teil vom Fuße des -Felsens aufstrebten, zum Teil am Hange selbst hervorwuchsen. -</p> - -<p> -Die geringe Erhebung, welche die untere Abgrenzung dieser kleinen -Besitzung bildete, wurde von einer sauberen Steinmauer gekrönt, -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -deren Höhe genügte, das Entweichen des Wildes zu verhindern. -<span class="centerpic"><img src="images/097.jpg" alt="" /></span> -Nirgends sonst war eine Einfriedigung zu bemerken; denn nirgends -sonst war ein künstlicher Abschluß nötig. Würde zum Beispiel ein -versprengtes Schaf versuchen, sich durch die Schlucht aus dem Tal zu -entfernen, so würde es sein Vorwärtskommen nach wenigen Schritten -durch den steilen Felsenvorsprung gehemmt sehen, über den der -Wasserfall herabstürzte, der gleich, als ich mich der Ansiedlung -näherte, meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Kurz, der einzige -Ein- und Ausgang bestand in einem Tor, das einen Felspfad sperrte, -wenige Schritte unterhalb der Stelle, auf der ich stehen blieb, um -die Szene zu betrachten. -</p> - -<p> -Ich habe geschildert, wie der Bach in seinem Laufe viele unregelmäßige -Windungen machte. Seine beiden Hauptrichtungen liefen, -wie ich sagte, zuerst von West nach Ost und dann von Norden -nach Süden. -</p> - -<p> -Da, wo die Strömung den Bogen machte und wieder nach rückwärts -lief, schloß sie eine fast kreisrunde Schlinge, so daß eine -Halbinsel entstand, die beinahe eine Insel war. Auf dieser Halbinsel -stand ein Wohnhaus — und wenn ich sage, daß dieses Haus, -gleich der Höllenterrasse, die Vathek sah, „était d’une architecture -inconnue dans les annales de la terre“, so meine ich lediglich, daß -das Ganze mich durch seine Eigenart wie auch durch seine Zweckmäßigkeit -ungemein verblüffte — mit einem Wort, durch „Poesie“ — -(denn ich könnte kaum mit anderen Bezeichnungen, als den vorstehend -gewählten, eine genaue Definition für abstrakte Poesie -geben) — und ich meine nicht, daß das „outre“ in irgendeiner -Hinsicht bemerkenswert war. -</p> - -<p> -In der Tat, <a id="corr-1"></a>nichts hätte wohl einfacher — unaufdringlicher wirken -können als dieses Landhaus. Sein wundersamer Eindruck lag ausschließlich -in seiner künstlerischen bildhaften Anlage. Während -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -ich hinsah, hätte ich mir vorstellen können, ein hochbedeutender -Landschaftsmaler habe es mit seinem Pinsel hergestellt. -</p> - -<p> -Der Aussichtspunkt, von dem aus ich das Tal zum ersten Male sah, -war zur Betrachtung des Hauses nicht der beste, aber doch fast -der beste Platz. Ich will es daher so beschreiben, wie es sich mir -später bot — von dem Steinwall am Südende des Amphitheaters aus -gesehen. -</p> - -<p> -Das Hauptgebäude hatte eine Länge von ungefähr vierundzwanzig -Fuß und eine Breite von sechzehn — sicher nicht mehr. Seine Gesamthöhe -vom Boden bis zur Dachspitze konnte nicht mehr als achtzehn -Fuß betragen. An der Westseite dieses Bauwerks war ein zweites -angefügt, das in allen seinen Teilen etwa ein Drittel kleiner war: — -seine Vorderseite stand etwa zwei Meter hinter der des größeren -Hauses zurück, und sein Dach verlief natürlich beträchtlich niedriger -als das benachbarte. In rechtem Winkel zu diesen Gebäuden -und am Ende des Hauptbaues — der nicht genau die Mitte einnahm — -erstreckte sich ein dritter, sehr kleiner Bau — im Ganzen ein Drittel -kleiner als der westliche Flügel. Die Dächer der beiden größeren -Bauten waren sehr steil — glitten in einer langen konkaven Kurve -vom First hernieder und griffen mindestens vier Fuß über die Frontmauern -hinaus, so daß sie noch die Bedachung zweier Laubengänge -bildeten. Als solche bedurften sie selbstredend keiner Stützen; da -sie aber dem Anschein nach Stützen brauchten, so waren nur an den -Ecken leichte und völlig glatte Säulen eingeschaltet worden. Das -Dach des nördlichen Flügels war nur eine Verlängerung des Hauptdaches. -Zwischen dem Hauptgebäude und dem westlichen Flügel -erhob sich ein sehr hoher und ziemlich schlanker viereckiger -Schornstein aus harten schottischen Ziegeln, abwechselnd schwarzen -und roten — mit einer schmalen Kranzleiste ausladender Ziegel am -oberen Ende. Auch über die Giebel sprangen die Dächer sehr weit -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -vor — am Hauptbau etwa vier Fuß nach Osten und zwei nach Westen. -Die Eingangstür befand sich nicht genau in der Mitte, sondern -etwas mehr östlich, während die beiden Fenster westlich davon -lagen. Sie reichten nicht bis zur Erde, waren aber viel länger und -schmaler als üblich — sie hatten einflügelige Fensterladen, die wie -Türen aussahen — die Glasscheiben hatten Rautenform, aber von -ziemlicher Größe. Die Tür selbst bestand in ihrem oberen Teil aus -Glas, ebenfalls in Rautenform — durch einen beweglichen Schalter -nachts verschließbar. Die Tür für den Westflügel befand sich in der -Giebelseite und war sehr einfach — ein einziges Fenster wies hier -nach Süden. Am Nordflügel gab es keine Außentür, und er hatte -auch nur ein Fenster nach Osten. -</p> - -<p> -Die nackte Wand des östlichen Giebels wurde durch eine Treppe -(mit Geländer) gehoben, die schräg daran emporlief — der Aufstieg -begann von Süden. Unter dem Schutz des weit vorspringenden -Dachbogens führten diese Stufen zu einer Dachkammer, mehr einem -Bodenraum — denn er erhielt sein Licht nur durch ein einziges Fenster -nach Norden und schien als Speicher gedacht zu sein. -</p> - -<p> -Die Vorplätze des Hauptgebäudes und westlichen Flügels waren -nicht, wie sonst üblich, gepflastert. Aber an den Türen und vor jedem -Fenster lagen große, flache, unregelmäßige Granitplatten im herrlichen -Grasteppich, die ein angenehmes Gehen bei jeder Witterung ermöglichten. -</p> - -<p> -Prächtige Pfade aus dem gleichen Material — nicht zierlich ausgeführt, -sondern von dem samtenen Grün unterbrochen, das in Abständen -zwischen den Steinen hervorquoll, führten vom Hause hierhin -und dorthin, zu einer kristallenen Quelle in fünf Schritt Entfernung, -zu dem Weg oder ein paar Nebengebäuden, die hinter dem Bach -nach Norden lagen und durch ein paar Akazien- und Trompetenbäume -völlig verborgen wurden. -</p> - -<p> -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -Nicht mehr als sechs Schritt vom Haupteingang des Landhauses -erhob sich der tote Strunk eines phantastischen Birnbaumes, so ganz -von Kopf zu Fuß in üppige Bignoniablüten gehüllt, daß es keine -Kleinigkeit war, zu ergründen, woraus diese wunderschöne Sache -eigentlich bestand. An verschiedenen Ästen dieses Baumes hingen -Käfige aller Art. In einem großen, zylinderförmigen Weidengeflecht -vergnügte sich ein Spottvogel, in einem andern ein Pirol, in einem -dritten die dreiste Reisammer — während aus drei bis vier zierlicheren -Zellen der Gesang von Kanarienvögeln erschallte. -</p> - -<p> -Die Pfeiler der Vorplätze waren von Jasmin und Geisblatt umrankt, -und im Winkel, wo Hauptbau und Westflügel sich trafen, erhob -sich ein Weinstock von unvergleichlicher Pracht. Alle Hindernisse -nehmend, hatte er erst das tiefer liegende Dach erklommen, dann -das höhere, und am Rande des letzteren wand er sich weiter, nach -rechts und nach links Ranken aussendend, bis er schließlich glücklich -den Ostgiebel erreichte und sich die Treppe herunter wand. -</p> - -<p> -Das ganze Haus samt seinen Flügeln war mit den altmodischen -schottischen Schindeln, die breit und eckig sind, belegt. Es ist eine -Eigenart dieses Materials, daß es die Häuser unten breiter als oben -erscheinen läßt, gleich den ägyptischen Bauwerken, und hier wurde -dieser außerordentlich malerische Eindruck durch zahlreiche Töpfe -voll prächtiger Blumen unterstützt, die beinahe den gesamten Bau -umringten. -</p> - -<p> -Die Schindeln hatten einen mattgrauen Anstrich, und die glückliche -Kontrastwirkung dieser neutralen Tönung zu dem lebhaften Grün -der Blätter des Tulpenbaumes, der das Landhaus teilweise überschattete, -wird jeder Künstler begreifen. -</p> - -<p> -Von einem Platz am Steinwall aus war der Anblick der Gebäude -am vorteilhaftesten, denn der südöstliche Flügel sprang vor, so daß -das Auge gleichzeitig die beiden Fronten mit dem malerischen östlichen -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -Giebel umfaßte und noch ein Stückchen vom Nordgiebel dazu, ferner -etwa die Hälfte einer leichten Brücke, die sich in nächster Nähe des -Hauptgebäudes über den Bach spannte. -</p> - -<p> -Ich blieb nicht sehr lange auf dem Hügelkamm, wenngleich lange -genug, um das Bild zu meinen Füßen gründlich in mich aufzunehmen. -Es war klar, daß ich vom Weg zum Dorf abgekommen war, und ich hatte -daher die gute Berechtigung des Wanderers, das Tor vor mir zu -öffnen und jedenfalls meinen Weg zu erfragen; so trat ich ohne viel -Umstände näher. -</p> - -<p> -Der Pfad schien hinter dem Tor einem natürlichen Felsensteig zu -folgen und schlängelte sich allmählich an den nordöstlichen Klippen -hinunter. Er führte mich an den Fuß des nördlichen Abhangs hinab -und dann über die Brücke, um den östlichen Giebel herum zum -Haupteingang. Dabei stellte ich fest, daß von den Nebengebäuden -nichts zu sehen war. -</p> - -<p> -Als ich um die Ecke der Giebelseite kam, lief der Bullenbeißer in -Sätzen auf mich zu, stumm, aber mit dem Blick und dem Gebaren -eines Tigers. Ich streckte ihm jedoch meine Hand hin, als Freundschaftszeichen, -und ich habe noch keinen Hund gekannt, der solch einem -Appell an seine Höflichkeit widerstanden hätte. Er schloß nicht -nur den Rachen und wedelte mit dem Schwanz, sondern bot mir -eindringlich die Pfote, um dann auch Ponto seine Begrüßung -zu erweisen. -</p> - -<p> -Da keine Klingel zu entdecken war, pochte ich mit dem Stock an -die Tür, die halb offen stand. Sogleich näherte sich eine Gestalt — -die eines jungen Weibes von ungefähr achtundzwanzig Jahren — -schlank und etwas über Mittelgröße. Als sie mit einem gewissen nicht -zu beschreibenden Schritt von bescheidener Entschiedenheit herantrat, -sagte ich zu mir selbst: „Hier habe ich nun die Vollendung -der natürlichen im Gegensatz zur künstlerischen Anmut gefunden.“ -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -Der zweite Eindruck, den sie in mir hervorrief, der aber weit lebhafter -war als der erste, war Begeisterung. Ein so intensiver Ausdruck -von Romantik — so sollte ich es vielleicht nennen — oder von -Unweltlichkeit, wie er aus ihren tiefliegenden Augen schimmerte, war -mir nie vorher ins innerste Herz gedrungen. Ich weiß nicht, wie das -ist, aber dieser besondere Ausdruck im Auge, der gelegentlich auch -den Mund kräuselt, ist der mächtigste, wenn nicht der durchaus -einzige Zauber, mit dem ein Weib mich fesseln kann. „Romantik“ — -vorausgesetzt, daß meine Leser begreifen, was ich hier mit dem -Wort besagen will — „Romantik“ und „Weiblichkeit“ sind für mich -dieselben Begriffe, und was schließlich der Mann im Weibe wirklich -liebt, ist einfach ihre Weiblichkeit. Annies Augen (ich hörte, wie -jemand von drinnen rief „Annie, Liebes!“) waren „geistvoll grau“, -ihr Haar war ein lichtes Kastanienbraun; das war alles, was ich -beobachten konnte. -</p> - -<p> -Ihrer sehr artigen Einladung folgend, trat ich ein und durchschritt -zunächst eine ziemlich weite Diele. Da ich hauptsächlich gekommen -war, um zu beobachten, stellte ich fest, daß sich rechts von mir -ein solches Fenster befand, wie sie von außen zu sehen gewesen -waren, links eine Tür, die in das Hauptgemach führte, während -gegenüber eine offene Tür mir Einblick in ein kleines Zimmer gestattete, -das, von derselben Größe wie die Diele, als Arbeitszimmer -eingerichtet war und ein großes Bogenfenster nach Norden hatte. -</p> - -<p> -Ich trat ins Wohnzimmer und sah mich Mr. Landor gegenüber, -denn dieses war, wie ich später erfuhr, sein Name. Er war höflich, -ja kordial von Wesen, aber ich war eben jetzt eifriger bedacht, die -Einrichtung des Hauses, das mich so ungemein interessierte, zu betrachten, -als die persönliche Erscheinung des Besitzers. -</p> - -<p> -Der Nordflügel, den ich nun sah, bestand aus einem Schlafzimmer, -dessen Tür in das Wohnzimmer führte. Den Boden bedeckte ein -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -Teppich von prächtigem Gewebe: kleine, grüne, kreisende Figuren -auf weißem Grunde. An den Fenstern befanden sich Vorhänge aus -schneeweißem Jakonettmusselin; sie waren ziemlich schwer und -hingen genau, vielleicht etwas steif, in strengen, gleichmäßigen -Falten bis auf den Boden — genau bis auf den Boden. Die Wände -waren mit einer sehr zarten französischen Tapete bekleidet, auf -deren silbernem Grund ein blaßgrüner Faden in Zickzacklinien -hindurchlief. Sie wurde in ihrer ganzen Ausdehnung nur von drei -kostbaren Lithographien Juliens „à trois crayons“ unterbrochen, die -ungerahmt an der Wand befestigt waren. Eine der Zeichnungen -war eine Szene voll orientalischer Pracht oder besser Üppigkeit, -eine andere ein Karnevalsbild, unvergleichlich geistvoll, die dritte -bot den Kopf einer Griechin: ein so göttlich schönes und dabei -so herausfordernd unentschiedenes Antlitz hatte ich nie vorher -gesehen. -</p> - -<p> -Die gegenständliche Einrichtung bestand aus einem runden Tisch, -ein paar Stühlen (darunter ein großer Schaukelstuhl) und einem Sofa -oder besser einem „Kanapee“; es war aus glattem, gelblich-weiß -lackiertem Ahornholz mit zarten grünen Streifen, der Sitz war Rohrgeflecht. -Die Stühle und der Tisch „paßten“ dazu, aber ganz offenbar -war die Form eines jeden Gegenstandes von demselben Kopf -entworfen, der „die Landschaft“ angelegt hatte — man kann sich -nichts Anmutigeres denken. -</p> - -<p> -Auf dem Tisch lagen ein paar Bücher, stand eine große, eckige -Kristallflasche mit einem eigenartigen Parfüm, eine Astral- (nicht -Solar-) Lampe aus glattem Milchglas mit einer italienischen Glocke -und eine große Vase strahlend blühender Blumen. Blumen in verschwenderischer -Farbenpracht und zarten Düften bildeten tatsächlich -den einzigen Schmuck des Zimmers. Der Kamin war fast ausgefüllt -von einer Vase mit leuchtenden Geranien. Ein dreieckiges Wandbrett -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -in jeder Zimmerecke trug je eine ähnliche Vase, nur ihr lieblicher -Inhalt wechselte. Ein paar kleinere Sträuße zierten den Kaminsims, -und späte Veilchen umdrängten die offenen Fenster. -</p> - -<p> -Es liegt nicht in der Absicht dieser Erzählung, mehr zu geben, als -eine eingehende Schilderung von Mr. Landors Wohnsitz, so wie -ich ihn fand. -</p> - -<h2 class="part" id="part-7"> -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -DER HERRSCHAFTSSITZ ARNHEIM -</h2> - -<p class="first"> -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -<span class="firstchar">V</span>on der Wiege bis zum Grabe wurde mein Freund Ellison von -der Woge des Erfolges emporgehoben. Ich gebrauche aber nicht -das Wort Erfolg im landläufigen Sinne; ich gebrauche es als Synonym -für Glück. Der Mensch, von dem ich rede, schien geboren, um die -Doktrinen eines Turgot, Price, Priestly und Condorcet zu verwirklichen -— durch persönliches Beispiel den Beweis zu erbringen -für das, was man eine Schimäre der Puritaner genannt hat. Ich vermeine -in dem kurzen Dasein Ellisons das Dogma widerlegt gesehen -zu haben, daß in der Natur des Menschen etwas verborgen sei, das -ihn der Seligkeit entziehe. Eine eingehende Prüfung seiner Laufbahn -hat mir zu verstehen gegeben, daß im allgemeinen das Unglück der -Menschheit von der Verletzung einiger weniger einfacher Menschengesetze -abzuleiten ist — daß wir die Elemente zu heiterer Genüge -bis jetzt ungenutzt in unserer Macht haben — und daß selbst jetzt -in der gegenwärtigen Finsternis und Tollheit, da alle Gedanken auf -die große Frage der sozialen Lage gerichtet sind, es nicht ausgeschlossen -ist, daß der Mensch, das Individuum, unter gewissen -ungewöhnlichen und rein zufälligen Umständen glücklich sein kann. -</p> - -<p> -Auch mein junger Freund war von derartigen Ansichten ganz -erfüllt, und es ist daher bemerkenswert, daß der ununterbrochene -Genuß, den das Leben ihm brachte, zum großen Teil die Folge weiser -Voraussicht war. Ja, es ist klar, daß Mr. Ellison, hätte er weniger -instinktive Philosophie besessen, die gelegentlich so gut die Stelle -der Erfahrung zu ersetzen weiß, sich durch den so außerordentlichen -Erfolg, den das Leben ihm brachte, in den üblichen Strudel des Unglücks -hinabgezogen gesehen hätte, der das Los aller hervorragend -begünstigten Leute ist. Doch es ist keineswegs meine Absicht, ein -Essay über das Wesen des Glücks zu schreiben. Die Gedankengänge -meines Freundes seien nur in kurzen Worten geschildert. Er gab -nicht mehr als vier Elementarsätze oder, genauer gesagt, Bedingungen -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -für die Freude zu. Die Hauptsache war ihm (seltsam genug!) der einfache -und rein physische Grundsatz der Bewegung im Freien. „Was -man an Gesundheit“, sagte er, „auf anderm Wege erreichen kann, -ist dieses Namens kaum wert.“ Als Beispiel führte er die Wonnen -des Fuchsjägers an und wies auf die Ackerbauern hin, die einzigen -Leute, die man, als Klasse betrachtet, glücklicher erachten kann als -andre. Seine zweite Bedingung war Weibesliebe. Seine dritte und sehr -schwer zu verwirklichende war die Verachtung des Ehrgeizes. Seine -vierte ein rastlos gesuchtes Ziel. Und er behauptete, da andre Dinge -gleichgültig seien, so stehe das Maß des erreichbaren Glücksgefühls -im Verhältnis zu der Geistigkeit dieses Gegenstandes. -</p> - -<p> -Ellison zeichnete sich durch eine Fülle guter Gaben aus, die das -Glück ihm in den Schoß geworfen hatte. An Schönheit und Anmut -überstrahlte er alle Männer. Sein Verstand war von der Art jener, denen -das Erwerben von Kenntnissen weniger Anstrengung als Intention und -Bedürfnis ist. Seine Familie gehörte zu den erlauchtesten im Reich. -Seine Braut war die lieblichste und treu ergebenste aller Frauen. Er -hatte stets über reichliches Besitztum verfügt; als er aber mündig -wurde, stellte es sich heraus, daß das Schicksal ihm einen der seltenen -Streiche gespielt hatte, wie sie die ganze soziale Welt, in der sie sich -ereignen, zuweilen in Verblüffung versetzen und selten verfehlen, die -Geistesverfassung derer, denen sie gelten, völlig umzustoßen. -</p> - -<p> -Es fand sich, daß etwa hundert Jahre vor Mr. Ellisons Mündigwerdung -in einer entfernten Provinz ein Mr. Seabright Ellison gestorben war. -Dieser Herr hatte ein fürstliches Vermögen zusammengerafft, und da -er keine direkten Nachkommen hatte, packte ihn die Grille, das -Vermögen sich bis hundert Jahre nach seinem Tode weiter aufstapeln -zu lassen. Indem er die Anlage des Kapitals eingehend und scharfsinnig -bestimmte, vermachte er die aufgehäufte Summe demjenigen -nächsten Blutsverwandten des Namens Ellison, der nach Ablauf von -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -hundert Jahren am Leben wäre. Viele Versuche waren gemacht -worden, diese eigenartige Bestimmung zu umgehen; ihr Ex-post-facto-Charakter -ließ sie fehlschlagen; man lenkte aber die Aufmerksamkeit -einer habgierigen Regierung darauf und erlangte eine gesetzliche -Verfügung, die alle derartigen Geldanhäufungen untersagte. Das -hinderte freilich den jungen Ellison nicht, an seinem einundzwanzigsten -Geburtstag als der Erbe seines Ahnherrn Seabright in -den Besitz eines Vermögens von vierhundertundfünfzig Millionen -Dollar zu kommen. -</p> - -<p> -Als es bekannt wurde, welch ungeheuerliche Summe die Erbschaft -ausmachte, gab es natürlich viele Vermutungen über die Art, wie sie -anzulegen sei. Die Höhe und die sofortige Greifbarkeit der Summe -verwirrte alle, die sich mit der Sache befaßten. Für den Besitzer -irgendeiner übersehbaren Geldmenge hätte man sich irgendeinen -von tausend Plänen ausgedacht. Wäre er mit Gütern gesegnet worden, -die lediglich die der andern Bürger überstiegen, so hätte man sich -unschwer vorgestellt, er werde die beliebten Extravaganzen seiner -Zeit in unerhörtester Weise übertreiben — oder sich mit politischen -Umtrieben befassen — oder nach der Machtstellung eines Ministers -streben — oder sich den höheren Adel kaufen — oder große Museen -der schönen Künste anlegen — oder den freigebigen Mäzen in -Wissenschaft, Literatur und Kunst spielen — oder seinen Namen in -ausgedehnten Wohlfahrtseinrichtungen verewigen. Bei dem unfaßlichen -Vermögen jedoch, in dessen unumschränktem Besitz der Erbe -sich befand, empfand man diese und alle gewöhnlichen Ziele als ein -allzu begrenztes Feld. Man nahm zu Zahlen seine Zuflucht, und auch -diese verwirrten noch mehr. Es stellte sich heraus, daß selbst bei nur -drei Prozent das Jahreseinkommen der Erbschaft nicht weniger als -dreizehn Millionen fünfhunderttausend Dollar betrug, was eine Million -einhundertundfünfundzwanzigtausend Dollar im Monat ausmachte; -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -oder sechsunddreißigtausendneunhundertundsechsundachtzig am Tag; -oder sechsundzwanzig Dollar für jede entfliehende Minute. So wurde -natürlich der übliche Weg der Mutmaßungen völlig umgestoßen. -Die Leute wußten nicht, was sie ersinnen sollten. Einige meinten sogar, -Mr. Ellison werde sich mindestens der Hälfte seines Vermögens -als völlig überflüssig entledigen — und die ganze Sippe seiner -Verwandtschaft durch Verteilung dieses Überflusses bereichern. Den -nächsten Verwandten überließ er tatsächlich die ungewöhnlich großen -Reichtümer, die ihm bereits vor der Erbschaft gehörten. -</p> - -<p> -Ich war jedoch gar nicht überrascht, als ich merkte, daß er schon längst -seinen Entschluß über einen Punkt gefaßt hatte, der von seinen -Freunden soviel erörtert worden war. Auch war ich über die Art -dieses Entschlusses nicht allzusehr erstaunt. Hinsichtlich der persönlichen -Wohltätigkeit hatte er sein Gewissen beruhigt. Von der -Möglichkeit irgendeines wesentlichen Dienstes, den der Mensch, wie -man so zu sagen pflegt, der Menschheit erweisen könnte, war er (wie -ich leider gestehen muß) wenig überzeugt. Kurz und gut, glücklich -oder nicht glücklich, er war so ziemlich ganz auf sich selber angewiesen. -</p> - -<p> -Er war im weitesten und edeln Sinne ein Dichter. Er erfaßte überdies -den wahren Charakter, die erhabenen Ziele, die herrliche Majestät -und Würde der poetischen Empfindung. Er fühlte instinktiv, daß -die vollste, wenn nicht die einzige Befriedigung in der Erschaffung -neuer Schönheitsformen lag. Eine gewisse Eigenart, eine Folge -seiner Erziehung oder seines Intellekts, gab allen seinen ethischen -Betrachtungen eine materialistische Färbung, und dieser Hang vielleicht -war es, der ihn zu der Ansicht führte, das vorteilhafteste, wenn -nicht das einzig rechtmäßige Feld für angewandte Poesie biete die -Schöpfung neuer Formen von natürlicher, rein physischer Schönheit. -So kam es, daß er weder Musiker noch Dichter wurde — wenn -wir diese letztere Bezeichnung in ihrer gewöhnlichen Bedeutung -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -fassen. Mag aber auch sein, daß er beides nicht werden wollte — -lediglich in Verfolgung seiner Idee, daß die Verachtung jeglichen -Ehrgeizes eine der wesentlichen Wurzeln des irdischen Glückes sei. -Ist es nicht tatsächlich möglich, daß, während ein großes Genie naturgemäß -ehrgeizig ist, noch ein größeres über dem steht, was wir Ehrgeiz -nennen? Kann es nicht sein, daß viele, die weit größer sind als -Milton, sich begnügt haben, „stumm und unberühmt“ zu bleiben? -Ich glaube, die Welt hat auf dem Gebiet der Kunst die ganze -erschöpfende Fülle prachtvoller Leistungen, deren die menschliche -Natur unbedingt fähig ist, nie gesehen und wird sie nie sehen — es -sei denn, daß allerlei Zufälle einmal eines jener größeren Genies, -entgegen seiner eigenen <a id="corr-2"></a>Anschauung, zu Taten veranlassen. -</p> - -<p> -Ellison wurde weder Musiker noch Dichter, obgleich man Musik und -Poesie nicht inniger lieben konnte als er. Es ist nicht ausgeschlossen, -daß er unter andern Lebensbedingungen Maler geworden wäre. Die -Bildhauerkunst war trotz ihres stark poetischen Gehalts zu begrenzt -in Form und Wirkung, um jemals seine Aufmerksamkeit lange fesseln -zu können. Und ich habe nun alle Gebiete aufgezählt, in denen nach -allgemeinen Begriffen die poetische Empfindung sich ausbreiten kann. -Ellison aber behauptete, das reichste und echteste, das natürlichste und -wohl auch umfassendste Gebiet sei unverantwortlicherweise übersehen -worden. Kein Deuter habe je den Landschaftsgärtner als Künstler -erwähnt; dennoch, so meinte mein Freund, biete der Landschaftsgarten -der wahren Muse die edelsten Möglichkeiten. Hier sei wirklich das -schönste Feld zur Entfaltung der Phantasie in immer neuer Gestaltung -neuer Schönheitsformen, da die zur Zusammenstellung vorhandenen -Elemente bei weitem die herrlichsten seien, die die Erde zu bieten -habe. In den zahllosen Formen und Farben der Blumen und Bäume -erkannte er den ausgesprochensten und kraftvollsten Drang der -Natur nach körperlicher Schönheit. Und in der Anordnung oder -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -Vereinigung dieser Bemühungen — oder richtiger, in ihrer Anpassung -an die Augen, die sie auf Erden würdigen sollten — glaubte er auf -die beste Art — und mit erfolgreichsten Leistungen — der Erfüllung -nahe zu kommen, nicht nur seiner eigenen Bestimmung als Künstler, -sondern auch den erhabenen Zielen, um deretwillen die Gottheit -dem Menschen das künstlerische Empfinden eingeimpft habe. -</p> - -<p> -„Ihre Anpassung an die Augen, die sie auf Erden würdigen sollten ...“ -In seiner Erläuterung dieses Ausdrucks trug Mr. Ellison viel zur Lösung -dessen bei, was mir immer als Rätsel erschienen war: — ich meine -die (nur von Unwissenden bestrittene) Tatsache, daß es in der Natur -keine solchen Szenerien gibt, wie der geniale Maler sie zu schaffen -weiß. Keine solchen Paradiese sind in der Wirklichkeit zu finden, -wie sie auf der Leinwand Claudes erglühen. In den bezauberndsten -natürlichen Landschaften wird stets ein Mangel oder ein Unmaß zu -finden sein — viele Mängel und viele Unmäßigkeiten. Während die -gegebenen Bestandteile im einzelnen das größte Können des Künstlers -übertreffen mögen, so wird die Anordnung dieser Teile stets noch -der Vervollkommnung bedürftig sein. Kurz, in der ganzen weiten -natürlichen Landschaft auf Erden gibt es keinen Betrachtungspunkt, -von dem aus ein Künstlerauge bei längerem Zusehen nicht einen -Verstoß gegen das fände, was man die „Komposition“ der Landschaft -nennt. Und wie unbegreiflich ist das doch! In allen andern -Dingen sind wir richtig belehrt, die Natur als überlegen anzusehen. -Wir scheuen den Wettbewerb mit ihren Einzelschöpfungen. Wer -wollte es fertigbringen, die Farben der Tulpe wiederzugeben oder -die Gestalt des Maiglöckchens zu verbessern? Die Kritik, die von -der Bildhauerei oder der Porträtkunst sagt, daß hier die Natur nicht -nur erreicht, sondern übertroffen oder idealisiert sei, befindet sich im -Irrtum. Kein malerisches noch bildhauerisches Zusammenwirken von -Einzelheiten menschlicher Schönheit kann mehr, als der lebendigen, -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -atmenden Schönheit nahe kommen. Nur in der Landschaft ist jener -Standpunkt des Kritikers im Recht, und da er seine Wahrheit hier -empfand, so ist es nur die unüberlegte Vorliebe zur Verallgemeinerung, -die ihn dahin führte, ihn auf allen Gebieten der Kunst als richtig aufzustellen. -Ich sage, seine Wahrheit hier <em>empfand</em>; denn die -Empfindung ist keine Einbildung, keine Schimäre. Die Mathematiker -liefern keine exakteren Beweise, als sie dem Künstler in seiner Kunst -das Gefühl bietet. Er glaubt nicht nur, sondern er weiß positiv, daß die -und die scheinbar willkürliche Anordnung der Dinge die wahre -Schönheit ausmacht — sie ganz allein ausmacht. Seine Gründe aber -sind noch nicht zum Ausdruck gereift. Es bleibt einer gründlicheren -Analyse, als die Welt sie bisher gesehen hat, überlassen, -diese Gründe voll zu erforschen und darzutun. Dessenungeachtet -wird er in seiner instinktiven Ansicht durch die Stimme aller seiner -Brüder unterstützt. -</p> - -<p> -Nehmen wir an, eine „Komposition“ sei mangelhaft; sie solle -lediglich in ihrer Zusammensetzung umgearbeitet werden; nun möge -man die Frage nach der Notwendigkeit dieser Umarbeitung jedem -Künstler, den es nur gibt, vorlegen, von jedem wird die Notwendigkeit -zugegeben werden. Und sogar weit mehr als das: zur Behebung der -fehlerhaften Komposition würde jedes einzelne Glied dieser Bruderschaft -die nämliche Änderung vorgeschlagen haben. -</p> - -<p> -Ich wiederhole, daß nur bei Landschaftsbildern die Schönheit der -Natur eine Steigerung zuläßt und daß daher die Fähigkeit zu -ihrer Vervollkommnung in gerade diesem einen Punkte ein Geheimnis -war, das ich nicht zu lösen wußte. Meine eigenen Anschauungen -über den Gegenstand gingen dahin, die Natur habe in -ihrer ursprünglichen Absicht die Erde so gebildet, daß sie in allen -Punkten der menschlichen Auffassung von vollendeter Schönheit oder -Erhabenheit entsprach; aber diese ursprüngliche Absicht sei durch die -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -bekannten geologischen Störungen vernichtet worden — Störungen -in Form und Farbengruppierung, in deren Verbesserung oder Abschwächung -die Seele der Kunst beruht. Die Kraft dieses Gedankens -wurde jedoch sehr abgeschwächt durch die in ihm verborgene Notwendigkeit, -die Störungen als anormal und durchaus unzweckmäßig -zu betrachten. Ellison war es, der die Vermutung aussprach, sie seien -ein Anzeichen des Todes. Er erklärte das so: — Angenommen, die -ursprüngliche Absicht sei die irdische Unsterblichkeit des Menschen -gewesen. Dann finden wir die ursprüngliche Bildung der Erde seinem -seligen Zustand angepaßt — zwar nicht bestehend, aber beabsichtigt. -Die Umwälzungen waren die Vorbereitungen für seine später beschlossene -Bestimmung zum Tode. -</p> - -<p> -„Nun könnte aber“, sagte mein Freund, „das, was wir als Steigerung -der landschaftlichen Schönheit empfinden, eine lediglich menschliche -Anschauungsweise sein. Jede Veränderung der natürlichen -Szenerie würde das Bild vielleicht verunstalten, wenn wir es uns von -weitem — als große Masse gesehen — denken, von einem der Erdoberfläche -fernen Punkt, wenngleich nicht hinter den Grenzen ihrer -Atmosphäre. Es ist leicht begreiflich, daß das, was einem nah besehenen -Detail zum Vorteil gereichen mag, gleichzeitig eine allgemeine oder -entferntere Wirkung beeinträchtigen kann. Es <em>könnte</em> doch eine Art -vordem menschlicher, nun aber der Menschheit unsichtbarer Wesen -geben, denen aus der Ferne unsre Wirrnis als Ordnung erscheint — unser -Unmalerisches als malerisch; mit einem Wort, ich meine die Erdengel, -für deren Betrachtung mehr als für unsere und für deren durch den Tod -veredelte Bewertung des Schönen die weiten Landschaftsgärten der -Hemisphären von Gott aufgestellt worden sein mögen.“ -</p> - -<p> -Im Laufe des Gespräches führte mein Freund einige Zitate eines -Beurteilers der Landschaftsgärtnerei an, der, wie man sagt, sein Thema -gut behandelt haben soll: -</p> - -<p> -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -‚Es gibt eigentlich nur zwei Richtungen in der Landschaftsgärtnerei, -die natürliche und die künstliche. Man versucht die ursprüngliche -Schönheit der Landschaft wiederherzustellen, indem man ihre eigenen -Mittel auf die Umgebung anwendet: Bäume anpflanzt, die sich den -benachbarten Hügeln oder Flächen harmonisch anpassen; jenen reizvollen -Einklang von Größe, Form und Farbe entdeckt und anwendet, -der, dem gewöhnlichen Beschauer verborgen, sich erfahrenen Naturbeobachtern -überall enthüllt. Das Resultat der natürlichen Richtung in -der Gärtnerei zeigt sich mehr in der Vermeidung aller Mängel und Mißverhältnisse -— in der Pflege einer gesunden Harmonie und Ordnung —, -als im Hervorbringen von Wundern oder Besonderheiten. Die künstliche -Richtung hat soviele Abstufungen, als es Geschmacksverschiedenheiten -zu befriedigen gibt. Sie hat eine gewisse allgemeine Verwandtschaft -mit den verschiedenen Baustilen. Da gibt es die pomphaften Alleen -und Boskette Versailles, italienische Terrassen und ein vielfach gemischter -altenglischer Stil, der eine gewisse Ähnlichkeit mit der profanen -Gotik oder der englischen elisabethanischen Architektur zeigt. Was -auch gegen den Mißbrauch der künstlichen Landschaftsgärtnerei gesagt -worden sein mag, so gibt doch eine Beimischung reiner Kunst einer -Gartenszene große Schönheit. Teils erfreut es das Auge, daß es -eine Ordnung und Planmäßigkeit wahrnimmt, teils ist es ein geistiges -Genießen. Eine Terrasse mit einer alten moosbewachsenen Balustrade -ruft uns sofort die reizenden Gestalten ins Gedächtnis, die hier in -früheren Tagen gewandelt sind. Die kleinste Darbietung von Kunst -ist ein Beweis der Sorgfalt und menschlicher Selbstliebe.‘ -</p> - -<p> -„Aus meinen bisherigen Bemerkungen werden Sie begreifen,“ -sagte Ellison, „daß ich den Gedanken verwerfe, die ursprüngliche -Schönheit der Landschaft wieder herstellen zu wollen. Die ursprüngliche -Schönheit ist nie so groß, wie die, welche man hervorrufen könnte. -Allerdings liegt alles an der Wahl eines geeigneten Platzes. Was -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -oben über die Entdeckung und praktische Anwendung hübscher Beziehungen -in Größe, Gestalt und Farbe gesagt ist, ist nichts als eine -hohle Redensart, um unklare Gedanken zu bemänteln. Der genannte -Ausspruch kann alles und nichts besagen und gibt keinerlei Anweisung. -Daß der wahre Erfolg des natürlichen Stils in der Gärtnerei mehr in -der Vermeidung aller Mängel und Mißverhältnisse, als in der Erschaffung -irgendwelcher Wunder und Besonderheiten zu suchen sei, -ist ein Vorschlag, der besser zu dem niedrigen Begriffsvermögen der -Herdenmenschen paßt als zu den feurigen Träumen eines genialen -Mannes. Der befürwortete negative Vorzug gehört zu den hinkenden -Beurteilungen, die in der Literatur zum Beispiel einem Addison eine -Apotheose bereiten würden. Ja, während jene Tüchtigkeit, die lediglich -in der Vermeidung von Fehlern besteht, sich direkt an unsere -Einsicht wendet und daher durch Vorschriften umschrieben werden -kann, ist die erhabenere Gabe, die in der Neuschöpfung flammt, -allein in ihren Wirkungen zu begreifen. Regeln behandeln nur die -Vorzüge der Vermeidung — den Wert der Enthaltsamkeit. Darüber -hinaus kann die kritische Kunst nur mutmaßen. Man kann uns unterweisen, -einen ‚Cato‘ zu konstruieren, aber vergeblich wird man uns -belehren, wie ein Parthenon oder ein ‚Inferno‘ zu schaffen sei. Ist -aber die Sache getan, das Wunder vollendet, so ist es allgemeinverständlich. -Die Sophisten der negativen Schule, die aus Unfähigkeit -zum Schöpferischen solches Tun verspottet haben, sind -nun die eifrigsten im Beifallspenden. Was im Larvenzustand seines -Beginns ihren zahmen Verstand beleidigte, verfehlt nie, in seiner -Reife der Vollendung ihrem Instinkt für Schönheit Bewunderung -abzunötigen.“ -</p> - -<p> -„Gegen die Bemerkungen des Verfassers über den künstlichen Stil -ist weniger zu sagen“, fuhr Ellison fort. „Die Beimischung reiner Kunst -gibt einer Gartenszene eine große Schönheit. Das ist richtig, ebenso -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -wie der Hinweis auf menschliche Selbstliebe. Das angeführte Prinzip -ist unbestreitbar — es <em>könnte</em> aber darüber hinaus noch etwas -geben. Es könnte ein auf diesem Grundsatz aufgebautes Ziel -geben — ein mit den üblichen Mitteln des einzelnen unerreichbares -Ziel, das aber, wenn es erreicht wird, dem Landschaftsgarten einen -Reiz verleihen würde, der alles weit überträfe, was menschliche Sorgfalt -hervorbringen könnte. Ein Künstler mit ganz außergewöhnlichen -Geldmitteln könnte, trotz Beibehaltung der notwendigen Begriffe -von Kunst oder Kultur oder, wie unser Autor sagt, von Selbstliebe, -seine Pläne gleichzeitig so durch großzügige Anlage und neuartige -Schönheit bereichern, daß man an die Einmischung von Feenhand -glauben möchte. Man wird sehen, daß er zu solchem Resultat alle -Vorteile der Selbstliebe oder Absicht heranzieht, während er doch -sein Werk von der Schärfe oder den Kunstgriffen der irdischen Kunst -befreit. Im finstersten Urwald — in den entlegensten Gebieten der -Natur — ist die Kunst eines Schöpfers erkennbar; doch diese Kunst -wird nur dem Verstande deutlich; in keiner Weise hat sie die einleuchtende -Kraft des Gefühls. Nun wollen wir uns diesen Sinn in -der Absicht des Allmächtigen nur einen Grad niedriger denken — -irgendwie in Harmonie oder in Übereinstimmung gebracht mit dem -Wesen der menschlichen Kunst — um ein Zwischenglied zwischen -beiden zu bilden: — stellen wir uns beispielsweise eine Landschaft -vor, die durch Ausgedehntheit und Bestimmtheit, durch Schönheit, -Pracht und Absonderlichkeit den Gedanken an Sorgfalt, Kultur -und Pflege durch höhere und doch der Menschheit verwandte Wesen -wachruft — dann ist der Begriff der Interessiertheit gewahrt, während -die eingeflochtene Kunst zur Annahme einer vermittelnden oder -zweiten Natur führt — einer Natur, die weder Gott noch eine Emanation -Gottes ist, die aber dennoch Natur ist, als Kunstwerk der -Engel, die zwischen den Menschen und Gott schweben.“ -</p> - -<p> -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -Ellison gedachte seinen ungeheuren Reichtum in der Verwirklichung -einer derartigen Vision anzulegen — in der durch persönliche Überwachung -seiner Anordnungen gebotenen Bewegung im Freien — in -dem unbeschränkten Ziel, das diese Absichten boten, in dem vergeistigten -Wesen dieses Ziels, in der Verachtung ehrgeizigen Strebens, -die ihm dadurch ermöglicht wurde, in dem ewigen Lenz, mit dem dieses -Ziel, ohne je zu übersättigen, seine Hauptleidenschaft, den Durst nach -Schönheit, befriedigte; vor allem aber in der Sympathie eines nicht -unweiblichen Weibes, deren Lieblichkeit und Liebe sein Dasein mit -der purpurnen Atmosphäre des Paradieses umgeben; und er hoffte, -Befreiung von den Alltagszielen der Menschheit zu finden, und er -<em>fand</em> sie und eine weit größere Fülle positiven Glücks, als je in den -überschwenglichen Wachträumen einer Staël glühte. -</p> - -<p> -Ich bezweifle, daß ich dem Leser eine irgendwie klare Vorstellung -der Wunder vermitteln kann, die mein Freund tatsächlich verrichtete. -Ich möchte beschreiben, fühle mich aber von der Schwierigkeit der -Beschreibung entmutigt und zögere zwischen Detaillierung und Verallgemeinerung. -Der beste Weg ist vielleicht der, die beiden Extreme -zu vereinigen. -</p> - -<p> -Mr. Ellisons erster Schritt galt natürlich der Wahl einer Örtlichkeit, -und kaum hatte er über diesen Punkt nachgedacht, als die üppige -Naturpracht der Südsee-Inseln seine Aufmerksamkeit fesselte. Ja, -er hatte schon beschlossen, eine Reise in die Südsee anzutreten, als -die Überlegung einer Nacht ihn veranlaßte, die Idee aufzugeben. -„Wäre ich ein Menschenfeind,“ sagte er, „so würde mir solch ein Ort -gefallen. Die völlige Abgeschlossenheit und die Schwierigkeit des Hin- -und Zurückgelangens wäre in solchem Falle der Reiz aller Reize; -noch aber bin ich nicht Timon. Ich wünsche die Erholung, aber nicht -das Bedrückende der Einsamkeit. Ich muß in gewissem Sinne den -Grad und die Dauer meiner Zurückgezogenheit bestimmen können. Es -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -mögen Stunden kommen, in denen ich das, was ich geleistet habe, -der Sympathie poetischer Geister vorführen will. Ich werde daher -einen Ort wählen, der nicht weit von einer volkreichen Stadt liegt, -deren Nähe mir auch die Durchführung meiner Pläne am besten -ermöglicht.“ -</p> - -<p> -Auf der Suche nach einem solchen Ort reiste Ellison mehrere Jahre -umher, und mir war es erlaubt, ihn zu begleiten. Wohl tausend Plätze, -von denen ich entzückt war, verwarf er aus Gründen, deren Richtigkeit -ich jedesmal anerkennen mußte. Wir kamen schließlich zu einem -erhöhten Tafelland von wundervoller Fruchtbarkeit und Schönheit, -das einen Rundblick bot, der dem des Ätna an Ausdehnung sehr -wenig nachstand und das nach Ellisons wie meiner Ansicht die weitberühmte -Aussicht jenes Berges in allen wesentlichen Elementen des -Malerischen überragte. -</p> - -<p> -„Ich bin mir bewußt,“ sagte der Reisende mit einem Seufzer tiefen -Entzückens, nachdem er die Szene wohl eine Stunde lang bezaubert -betrachtet hatte, „ich weiß, daß neun Zehntel der wählerischsten -Männer an meiner Stelle hier befriedigt sein würden. Dieses Panorama -ist in der Tat herrlich, und ich würde davon hingerissen sein, -wenn es nicht übertrieben herrlich wäre. Der Geschmack aller mir -bekannten Baumeister veranlaßt sie, der ‚Aussicht‘ wegen, ihre -Häuser auf eine Höhe zu stellen. Der Irrtum ist klar. Größe in jeder -Form, besonders aber als Ausdehnung, bringt Überraschung, Erregung -— und ermüdet dann, drückt nieder. Als gelegentliche Szene -kann es nichts Besseres geben — zum dauernden Anblick nichts -Schlimmeres. Und zum dauernden Anblick ist die unzulässigste Art -der Größe die der Ausdehnung, des weiten Raumes. Sie steht mit -dem Gefühl, dem Sinn für Zurückgezogenheit auf dem Kriegsfuß -— dem Sinn, den wir zu befriedigen suchen, wenn wir uns ‚auf das -Land zurückziehen‘. Wenn wir vom Gipfel eines Berges um uns -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -blicken, so fühlen wir uns unwillkürlich verloren in der Welt. Die -tief melancholischen Seelen meiden einen weiten Blick wie die Pest.“ -</p> - -<p> -Nicht vor Ende des vierten Jahres unsrer Suche fanden wir eine -Gegend, mit der Ellison sich einverstanden erklärte. Es ist natürlich -überflüssig, zu sagen, wo diese Gegend lag. Der kürzlich erfolgte -Tod meines Freundes, der seine Besitzung für gewisse Kreise -von Besuchern erschloß, hat Arnheim zu einer heimlichen und -gedämpften, wenn nicht traurigen Berühmtheit verholfen, ähnlich — -allerdings in unendlich höherem Grade — wie es mit dem so lang -verehrten Fonthill gegangen ist. -</p> - -<p> -Der übliche Weg nach Arnheim war der Fluß. Der Besucher verließ -die Stadt am frühen Morgen. Im Laufe des Vormittags glitt er -zwischen Ufern voll stiller, ländlicher Schönheit dahin, auf denen -zahllose Schafe weideten, deren weißes Fell das strahlende Grün der -vorüberziehenden Wiesen sprenkelte. Nach und nach wirkte die -Landschaft weniger bebaut, als lediglich mit Sorgfalt gepflegt. Das -wandelte sich allmählich in Verlassenheit — diese wieder in völlige -Abgeschiedenheit. Als der Abend kam, wurde der Kanal enger, die -Ufer erhoben sich steiler und waren mit üppigem, dunklem Laubwuchs -bedeckt. Das Wasser wurde durchsichtig. Der Fluß machte tausend -Windungen, so daß man seine schimmernde Fläche nur immer eine -kurze Strecke weit überschauen konnte. Jeden Augenblick war es, -als befinde sich das Schiff in einem Zauberkreis aus undurchdringlichen -Laubwänden, einer Decke von tiefblauer Seide und — <em>keinem</em> -Boden, da der Kiel mit staunenswerter Geschicklichkeit auf dem -eines andern gespenstischen Bootes zu balanzieren schien, das, zufällig -kieloben treibend, die beständige Begleitung und gewissermaßen -der Halt des wirklichen Bootes zu sein schien. Der Kanal wurde -jetzt zu einer Schlucht — die Bezeichnung ist allerdings etwas unangebracht, -und ich gebrauche sie nur, weil die Sprache kein Wort -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -hat, das diesen auffälligsten Zug der Landschaft kennzeichnet. Der -Charakter einer Schlucht wurde nur durch die Höhe und Gleichmäßigkeit -beider Ufer gegeben; in allem andern war keine Ähnlichkeit -zu spüren. Die Wände der Schlucht (durch die das Wasser weiter -still dahinfloß) erreichten eine Höhe von hundert und gelegentlich -hundertfünfzig Fuß und neigten sich einander soweit zu, daß sie -das Tageslicht wesentlich abdämpften, während das lange flaumige -Moos, das in dichten Büscheln vom verflochtenen Strauchwerk oben -herniederhing, der ganzen Kluft eine trauernde Düsterkeit verlieh. -Die Windungen wurden häufiger und verworrener und schienen oft -wieder nach rückwärts zu führen, so daß der Reisende längst nicht mehr -die Richtung kannte. Überdies fühlte er mit Entzücken die Seltsamkeit -seiner Umgebung. Freilich, Natur war es noch immer, aber sie war -beeinflußt worden. Da war eine zauberhafte Symmetrie, eine packende -Gleichmäßigkeit, eine märchenhafte Sauberkeit hier in ihren Werken. -Nicht ein totes Zweiglein — nicht ein welkes Blatt — nicht ein verirrter -Kiesel — nicht ein Fleckchen nackter Erde war zu sehen. Das -kristallklare Wasser wellte an dem sauberen Granit oder dem fleckenlosen -Moos empor in einer so ebenmäßigen Grenzlinie, daß es das -Auge entzückte und bestürzte. -</p> - -<p> -Hatte man die Irrgänge dieses Kanals einige Stunden lang durchzogen, -während die Dämmerung immer mehr zunahm, so brachte eine -scharfe und plötzliche Wendung das Boot wie vom Himmel gefallen -in ein rundes Becken von ansehnlichen Ausmaßen, mit denen der -Schlucht verglichen. Es hatte etwa zweihundert Meter Durchmesser -und war bis auf eine einzige Stelle, die dem Boot bei seinem Eintritt -genau gegenüber lag, von Hügeln eingefaßt, deren Höhe den Mauern -der Schlucht entsprach, die aber ganz anders in der Anlage waren. -Sie glitten in einem Winkel von etwa vierzig Grad zum Wasser -herunter, und diese Hänge waren von unten bis oben — ohne -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -den kleinsten Zwischenraum — mit den prächtigsten Blüten geschmückt; -kaum ein grünes Blättchen war in dem Meer duftender -Farben und flutender Blütensterne zu sehen. Dieses Becken war von -großer Tiefe; das Wasser war aber so durchsichtig, daß der Boden, -der aus einer dichten Menge kleiner, runder Alabasterkiesel zu bestehen -schien, gelegentlich deutlich sichtbar wurde, das heißt immer -dann, wenn das Auge es fertig brachte, nicht tief unten im umgekehrten -Himmel das verdoppelte Blühen der Hügel wahrzunehmen. -Auf diesen gab es weder Bäume noch Sträucher irgendwelcher Größe. -Der Eindruck für den Beschauer war Fülle, Wärme, Farbe, Ruhe, -Gleichmäßigkeit, Sanftheit, Zartheit, Vornehmheit, Üppigkeit und -ein so wundervolles Übermaß von Pflege, daß man träumen mochte, -das Geschlecht der Feen, der fleißigen, geschmackvollen, prunkliebenden -und stolzen Feen sei auferstanden; wenn aber der Blick von -der scharfen Wassergrenze des myriadengetönten Hanges zu seiner -in niedrig ziehenden Wolken verschwimmenden Höhe schweifte, so -war es wirklich schwer, nicht an einen stürzenden Wasserfall von -Rubinen, Saphiren, Opalen und goldschimmernden Onyxen zu denken, -der schweigend aus dem Himmel niederstürzte. -</p> - -<p> -Der Besucher, der plötzlich aus dem Dämmer der Schlucht in diese -Bucht herausgleitet, ist entzückt und überrascht, den vollen Ball der -untergehenden Sonne zu erblicken, die er längst tief unter dem -Horizont glaubte, die ihm nun aber gegenübersteht und den einzigen -Abschluß eines andernfalls unbegrenzten Ausblicks durch einen -andern schluchtartigen Einschnitt in den Hügeln bildet. -</p> - -<p> -Hier aber verläßt der Reisende das Schiff, das ihn soweit getragen -hat, und besteigt ein leichtes Boot aus Elfenbein, das innen wie außen -mit Arabesken in Scharlachrot geziert ist. Bug und Hinterteil des -Bootes heben sich in scharfer Spitze hoch aus dem Wasser, so daß -die Form des Ganzen ein unregelmäßiger Halbmond ist. Mit der -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -stolzen Anmut des Schwanes wiegt es sich auf dem Spiegel der Bucht. -<span class="centerpic"><img src="images/125.jpg" alt="" /></span> -Auf seinem hermelinbelegten Boden ruht ein einziges leichtes Ruder -aus Atlasholz; doch kein Ruderer oder Begleiter ist zu sehen. Der -Gast wird gebeten, sich vertrauensvoll darauf zu verlassen, daß das -Schicksal ihn behüten wird. Der größere Kahn verschwindet, und er -bleibt allein in dem Boot zurück, das anscheinend unbeweglich mitten -im See liegt. Während er überlegt, welchen Kurs er nehmen soll, -spürt er jedoch, daß das Feenboot sich sacht bewegt. Es schwingt -sich langsam herum, bis sein Bug zur Sonne weist. -</p> - -<p> -Es bewegt sich mit sanfter, aber zunehmender Schnelligkeit voran, -und das leichte Wellenkräuseln umtanzt die elfenbeinernen Bootswände -wie mit himmlischen Melodien — und gibt jedenfalls die einzige -Erklärung für die schmeichelnde, doch schwermütige Musik, nach -deren unsichtbarem Ursprung der bestürzte Reisende vergeblich -um sich blickt. -</p> - -<p> -Das Boot rückt stetig voran, und das Felsentor der Durchsicht rückt -näher, so daß man deutlicher in seine Tiefen spähen kann. Rechts -erhebt sich eine Kette wild und üppig bewaldeter Höhen. Immer -aber kann man sehen, daß die köstliche Sauberkeit des Ufers dort, wo -es ins Wasser taucht, erhalten bleibt. Nicht ein Zeichen des an Flußufern -sonst üblichen Verfalls ist wahrzunehmen. Nach links ist die -Szene sanfter, und das Künstliche ist stärker betont. Hier schwingt -sich das Ufer in sehr sanfter Steigung vom Fluß empor und bildet -eine breite Rasenfläche, die nur mit Sammet zu vergleichen ist und -ein so strahlendes Grün aufweist, daß es mit dem reinsten Smaragd -wetteifert. Dieses „Plateau“ hat eine wechselnde Breite von zehn zu -dreihundert Metern und reicht vom Ufer bis zu einer Mauer, die in -unzähligen Kurven dahinzieht, im allgemeinen aber dem Flußlauf -folgt, bis sie sich nach Westen in der Ferne verliert. Diese Mauer -besteht aus einem zusammenhängenden Fels und ist dadurch entstanden, -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -daß man den einst zerklüfteten Hang des südlichen Flußufers -senkrecht abschnitt; doch nicht die kleinste Spur dieser Arbeit -ist mehr zu sehen. Der gemischte Stein ist altersgrau und ist verschwenderisch -mit Efeu, korallenrotem Geisblatt, der wilden Rose und -Klematis behangen und umwuchert. Die Gleichmäßigkeit der oberen -und unteren Abschlußlinie der Mauer wird durch Bäume von gigantischer -Größe erreicht, die vereinzelt oder in Gruppen auf dem „Plateau“ oder -im Bereich hinter der Mauer, aber immer dicht neben ihr stehen, so daß -zuweilen die Äste (besonders jene der schwarzen Walnuß) herübergreifen -und ihre hängenden Spitzen ins Wasser tauchen. Weiter -hinten ist das eingeschlossene Gebiet von undurchdringlichem Laubwerk -verhüllt. -</p> - -<p> -Diese Dinge bemerkt man, während das Boot der Stelle immer -näher kommt, die ich das Tor der Durchsicht genannt habe. Je mehr -man sich ihm nähert, desto mehr verschwindet das Zauberhafte -daran; nach links öffnet sich ein neuer Abfluß aus der Bucht, und in -dieselbe Richtung scheint auch die Mauer sich zu ziehen, die immer -noch den Flußlauf begleitet. Weit kann das Auge nicht in diese neue -Flucht hinunterspähen, denn das von der Mauer begleitete Wasser -biegt wiederum nach links ab, bis beide im Laubdach verschwinden. -</p> - -<p> -Das Boot aber gleitet wie durch Zauberkraft in den gewundenen -Kanal, und hier zeigt das der Mauer gegenüberliegende Ufer Ähnlichkeit -mit dem vorhin beschriebenen Ufer. Hohe Hügel, die sich -gelegentlich zu Bergen erheben und eine üppige, wilde Vegetation -tragen, schließen die Szene ein. -</p> - -<p> -Das Boot gleitet sanft, aber mit zunehmender Geschwindigkeit -dahin, bis nach vielen kurzen Drehungen der Reisende seinen Weg -von einem gigantischen Tor oder vielmehr einer vergoldeten, überreich -zierlichen Tür gehemmt sieht, die den vollen Strahlen der jetzt schnell -sinkenden Sonne ein so glänzender Spiegel ist, daß der ganze -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -umliegende Wald in Flammen zu stehen scheint. Dieses Tor ist in die -hohe Mauer eingelassen, die den Fluß hier scheinbar rechtwinklig -kreuzt. Nach kurzer Zeit allerdings sieht man, daß der Hauptstrom -des Wassers noch immer in sanftem und gedehntem Bogen nach links -gleitet, wie zuvor der Mauer folgend, während eine nicht unbeträchtliche -Strömung sich von dem Hauptarm abzweigt und leise kräuselnd unter -dem Tor den Blicken entschwindet. Das Boot fällt in den kleinen -Kanal und nähert sich dem Tor. Seine weitausladenden Flügel dehnen -sich langsam und sanft erklingend. Das Boot gleitet hindurch und -fliegt eilig einem ungeheuren Amphitheater zu, das vollständig von -purpurnen Bergen umschlossen ist, deren Füße ein schimmernder -Fluß umspült. Und nun zeigt sich den Blicken urplötzlich das ganze -Paradies Arnheim. Eine bezaubernde Melodie rauscht auf; ein -seltsam süßes Duften umschmeichelt die Sinne, — und traumgleich -erstehen vor dem Auge hohe, schlanke Zypressen, laubenartiges -Gesträuch, Scharen goldener und scharlachroter Vögel, lilienumsäumte -Teiche, Wiesen voller Veilchen, Tulpen, Mohn, Hyazinthen und -Tuberosen, lange, gewundene, silberne Wasserläufe und mitten -aus alledem phantastisch emporstrebend ein halb gotisches, halb -maurisches Bauwerk, das wie durch Wunderkraft frei in der Luft -zu schweben scheint, im roten Sonnenglanz mit hundert Erkern, -Minaretten und Zinnen erglitzert und vermuten läßt, es sei ein Geisterwerk -der Sylphen, Feen, Genien und Gnomen. -</p> - -<h2 class="part" id="part-8"> -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -GEDICHTE -</h2> - -<h3 class="poem" id="chapter-8-1"> -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -DER RABE -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Einst in dunkler Mittnachtstunde, als ich in entschwundner Kunde</p> - <p class="verse">Wunderlicher Bücher forschte, bis mein Geist die Kraft verlor</p> - <p class="verse">Und mir’s trübe ward im Kopfe, kam mir’s plötzlich vor, als klopfe</p> - <p class="verse">Jemand zag ans Tor, als klopfe — klopfe jemand sacht ans Tor.</p> - <p class="verse">Irgendein Besucher, dacht’ ich, pocht zur Nachtzeit noch ans Tor —</p> - <p class="verse">Weiter nichts. — So kam mir’s vor.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">O, ich weiß, es war in grimmer Winternacht, gespenstischen Schimmer</p> - <p class="verse">Jagte jedes Scheit durchs Zimmer, eh es kalt zu Asche fror.</p> - <p class="verse">Tief ersehnte ich den Morgen, denn umsonst war’s, Trost zu borgen</p> - <p class="verse">Aus den Büchern für das Sorgen um die einzige Lenor,</p> - <p class="verse">Um die wunderbar Geliebte — Engel nannten sie Lenor —</p> - <p class="verse">Die für immer ich verlor.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die Gardinen rauschten traurig, und ihr Rascheln klang so schaurig,</p> - <p class="verse">Füllte mich mit Schreck und Grausen, wie ich nie erschrak zuvor.</p> - <p class="verse">Um zu stillen Herzens Schlagen, sein Erzittern und sein Zagen,</p> - <p class="verse">Mußt’ ich murmelnd nochmals sagen: „Ein Besucher klopft ans Tor. —</p> - <p class="verse">Ein verspäteter Besucher klopft um Einlaß noch ans Tor“,</p> - <p class="verse">Sprach ich meinem Herzen vor.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Alsobald ward meine Seele stark und folgte dem Befehle.</p> - <p class="verse">„Herr“, so sprach ich, „oder Dame, ach, verzeihen Sie, mein Ohr</p> - <p class="verse">Hat Ihr Pochen kaum vernommen, denn ich war schon schlafbenommen,</p> - <p class="verse">Und Sie sind so sanft gekommen — sanft gekommen an mein Tor;</p> - <p class="verse">Wußte kaum den Ton zu deuten ...“ Und ich sperrte auf das Tor: —</p> - <p class="verse">Nichts als Dunkel stand davor.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> - <p class="verse">Starr in dieses Dunkel spähend, stand ich lange, nicht verstehend,</p> - <p class="verse">Träume träumend, die kein irdischer Träumer je gewagt zuvor;</p> - <p class="verse">Doch es herrschte ungebrochen Schweigen, aus dem Dunkel krochen</p> - <p class="verse">Keine Zeichen, und gesprochen ward nur zart das Wort „Lenor“ —</p> - <p class="verse">Zart von mir gehaucht, — wie Echo flog zurück das Wort „Lenor“.</p> - <p class="verse">Nichts als dies vernahm mein Ohr.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wandte mich zurück ins Zimmer, und mein Herz erschrak noch schlimmer,</p> - <p class="verse">Da ich wieder klopfen hörte, etwas lauter als zuvor.</p> - <p class="verse">„Sollt ich“, sprach ich, „mich nicht irren, hörte ich’s am Fenster klirren;</p> - <p class="verse">O, ich werde bald entwirren dieses Rätsels dunklen Flor;</p> - <p class="verse">Herz, sei still, ich will entwirren dieses Rätsels dunklen Flor;</p> - <p class="verse">Wind wohl machte den Rumor.“</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hastig stieß ich auf die Schalter — flatternd kam herein ein alter,</p> - <p class="verse">Stattlich großer, schwarzer Rabe, wie aus heiliger Zeit hervor;</p> - <p class="verse">Machte keinerlei Verbeugung, keine kleinste Dankbezeigung,</p> - <p class="verse">Flog mit edelmännischer Neigung zu dem Pallaskopf empor,</p> - <p class="verse">Grade über meiner Türe auf den Pallaskopf empor —</p> - <p class="verse">Saß — und still war’s wie zuvor.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch das wichtige Gebaren dieses schwarzen Sonderbaren</p> - <p class="verse">Löste meines Geistes Trauer, und ich schalt ihn mit Humor:</p> - <p class="verse">„Alter, schäbig und geschoren, sprich, was hast du hier verloren?</p> - <p class="verse">Niemand hat dich herbeschworen aus dem Land der Nacht hervor.</p> - <p class="verse">Tu mir kund, wie heißt du, Stolzer aus Plutonischem Land hervor?“</p> - <p class="verse">Sprach der Rabe: „Nie du Tor.“</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Daß er sprach so klar verständlich — ich erstaunte drob unendlich,</p> - <p class="verse">Kam die Antwort mir auch wenig sinnvoll und erklärend vor.</p> -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> - <p class="verse">Denn noch nie war dies geschehen: über seiner Türe stehen</p> - <p class="verse">Hat wohl keiner noch gesehen solchen Vogel je zuvor —</p> - <p class="verse">Über seiner Stubentüre auf der Büste je zuvor,</p> - <p class="verse">Mit dem Namen „Nie du Tor.“</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch ich hört’ in seinem Krächzen seine ganze Seele ächzen,</p> - <p class="verse">War auch kurz sein Wort und brachte er auch nichts als dieses vor.</p> - <p class="verse">Unbeweglich sah er nieder, rührte Kopf nicht, noch Gefieder,</p> - <p class="verse">Und ich murrte murmelnd wieder: „Wie ich Freund und Trost verlor,</p> - <p class="verse">Werd’ ich morgen <em>ihn</em> verlieren — wie ich alles schon verlor.“</p> - <p class="verse">Sprach der Rabe: „Nie du Tor.“</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Seine schroff gesprochnen Laute klangen passend, daß mir graute.</p> - <p class="verse">„Aber“, sprach ich, „nein, er plappert nur sein einzig Können vor,</p> - <p class="verse">Das er seinem Herrn entlauschte, dessen Pfad ein Unstern rauschte,</p> - <p class="verse">Bis er letzten Mut vertauschte gegen trüber Lieder Chor —</p> - <p class="verse">Bis er trostlos trauerklagte in verstörter Lieder Chor</p> - <p class="verse">Mit dem Kehrreim: ‚Nie du Tor.‘“</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Da der Rabe das bedrückte Herz zu lächeln mir berückte,</p> - <p class="verse">Rollte ich den Polsterstuhl zu Büste, Tür und Vogel vor,</p> - <p class="verse">Sank in Samtsitz, nachzusinnen, Traum mit Träumen zu verspinnen</p> - <p class="verse">Über solchen Tiers Beginnen: was es wohl gewollt zuvor —</p> - <p class="verse">Was der alte ungestalte Vogel wohl gewollt zuvor</p> - <p class="verse">Mit dem Krächzen: „Nie du Tor.“</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Saß, der Seele Brand beschwichtend, keine Silbe an ihn richtend,</p> - <p class="verse">Seine Feueraugen wühlten mir das Innerste empor.</p> - <p class="verse">Saß und kam zu keinem Wissen, Herz und Hirn schien fortgerissen,</p> - <p class="verse">Lehnte meinen Kopf aufs Kissen lichtbegossen — das Lenor</p> -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> - <p class="verse">Pressen sollte — lila Kissen, das nun nimmermehr Lenor</p> - <p class="verse">Pressen sollte wie zuvor!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dann durchrann, so schien’s, die schale Luft ein Duft aus Weihrauchschale</p> - <p class="verse">Edler Engel, deren Schreiten rings vom Teppich klang empor.</p> - <p class="verse">„Narr!“ so schrie ich, „Gott bescherte dir durch Engel das begehrte</p> - <p class="verse">Glück Vergessen: das entbehrte Ruhen, Ruhen vor Lenor!</p> - <p class="verse">Trink, o trink das Glück: Vergessen der verlorenen Lenor!“</p> - <p class="verse">Sprach der Rabe: „Nie du Tor.“</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Weiser!“ rief ich, „sonder Zweifel Weiser! — ob nun Tier, ob Teufel —</p> - <p class="verse">Ob dich Höllending die Hölle oder Wetter warf hervor,</p> - <p class="verse">Wer dich nun auch trostlos sandte oder trieb durch leere Lande</p> - <p class="verse">Hier in dies der Höll’ verwandte Haus — sag, eh ich dich verlor:</p> - <p class="verse">Gibt’s — o <em>gibt’s</em> in Gilead Balsam? — Sag mir’s, eh ich dich verlor!“</p> - <p class="verse">Sprach der Rabe: „Nie du Tor.“</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Weiser!“ rief ich, „sonder Zweifel Weiser! — ob nun Tier, ob Teufel —</p> - <p class="verse">Schwör’s beim Himmel uns zu Häupten — schwör’s beim Gott, den ich erkor;</p> - <p class="verse">Schwör’s der Seele so voll Grauen: soll dort fern in Edens Gauen</p> - <p class="verse">Ich ein strahlend Mädchen schauen, die bei Engeln heißt Lenor —</p> - <p class="verse">Sie, die Himmlische, umarmen, die bei Engeln heißt Lenor?“</p> - <p class="verse">Sprach der Rabe: „Nie du Tor.“</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Sei dies Wort dein letztes, Rabe oder Feind! Zurück zum Grabe!</p> - <p class="verse">Fort! zurück in Plutons Nächte!“ schrie ich auf und fuhr empor.</p> - <p class="verse">„Laß mein Schweigen ungebrochen! Deine Lüge, frech gesprochen,</p> - <p class="verse">Hat mir weh das Herz durchstochen. — Fort, von deinem Thron hervor!</p> - <p class="verse">Heb dein Wort aus meinem Herzen — heb dich fort, vom Thron hervor!“</p> - <p class="verse">Sprach der Rabe: „Nie du Tor.“</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> - <p class="verse">Und der Rabe rührt sich nimmer, sitzt noch immer, sitzt noch immer</p> - <p class="verse">Auf der blassen Pallasbüste, die er sich zum Thron erkor.</p> - <p class="verse">Seine Augen träumen trunken wie Dämonen traumversunken;</p> - <p class="verse">Mir zu Füßen hingesunken droht sein Schatten tot empor.</p> - <p class="verse">Hebt aus Schatten meine Seele je sich wieder frei empor? —</p> - <p class="verse">Nimmermehr — o, nie du Tor!</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="poem" id="chapter-8-2"> -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -ANNABEL LEE -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ist ein Königreich an des Meeres Strand,</p> - <p class="verse2">Da war es, da lebte sie —</p> - <p class="verse">Lang, lang ist es her — und sie sei euch genannt</p> - <p class="verse2">Mit dem Namen <em>Annabel Lee</em>.</p> - <p class="verse">Und ihr Leben und Denken war ganz gebannt</p> - <p class="verse2">In Liebe — und <em>mich</em> liebte sie.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">In dem Königreich an des Meeres Strand</p> - <p class="verse2">Ein Kind noch war ich und war sie,</p> - <p class="verse">Doch wir liebten mit Liebe, die mehr war denn dies —</p> - <p class="verse2">Ich und meine <em>Annabel Lee</em> —</p> - <p class="verse">Mit Liebe, daß strahlende Seraphim</p> - <p class="verse2">Begehrten mich und sie.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und das war der Grund, daß vor Jahren und Jahr</p> - <p class="verse2">Eine Wolke Winde spie,</p> - <p class="verse">Die frostig durchfuhren am Meeresstrand</p> - <p class="verse2">Meine schöne <em>Annabel Lee</em>;</p> - <p class="verse">Und ihre hochedele Sippe kam,</p> - <p class="verse2">Und ach! man entführte mir sie,</p> - <p class="verse">Um sie einzuschließen in Gruft und Grab,</p> - <p class="verse2">Meine schöne <em>Annabel Lee</em>.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die Engel, nicht halb so glücklich als wir,</p> - <p class="verse2">Waren neidisch auf mich und auf sie —</p> - <p class="verse">Ja! das war der Grund (und alle im Land</p> - <p class="verse2">Sie wissen, vergessen es nie),</p> - <p class="verse">Daß der Nachtwind so rauh aus der Wolke fuhr</p> - <p class="verse2">Und mordete <em>Annabel Lee</em>.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> - <p class="verse">Weit stärker doch war unsre Liebe als die</p> - <p class="verse2">All derer, die älter als wir —</p> - <p class="verse2">Und mancher, die weiser als wir —</p> - <p class="verse">Und die Engel in Höhen vermögen es nie</p> - <p class="verse2">Und die Teufel in Tiefen nie,</p> - <p class="verse">Nie können sie trennen die Seelen von mir</p> - <p class="verse2">Und der schönen <em>Annabel Lee</em>.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Kein Mondenlicht blinkt, das nicht Träume mir bringt</p> - <p class="verse2">Von der schönen <em>Annabel Lee</em>,</p> - <p class="verse">Jedes Sternlein, das steigt, hell die Augen mir zeigt</p> - <p class="verse2">Meiner schönen <em>Annabel Lee</em>;</p> - <p class="verse">Und so jede Nacht lieg’ zur Seite ich sacht</p> - <p class="verse">Meinem Lieb, meinem Leben in bräutlicher Pracht:</p> - <p class="verse2">Im Grabe da küsse ich sie,</p> - <p class="verse2">Im Grabe da küsse ich sie.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="poem" id="chapter-8-3"> -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -ULALUME -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Der Himmel war düster umwoben;</p> - <p class="verse2">Verflammt war der Bäume Zier —</p> - <p class="verse2">Verdorrt war der Bäume Zier;</p> - <p class="verse">Es war Nacht im entlegnen Oktober</p> - <p class="verse2">Eines Jahrs, das vermodert in mir;</p> - <p class="verse">War beim düsteren See von Auber,</p> - <p class="verse2">In den nebligen Gründen von Weir —</p> - <p class="verse">War beim dunstigen Sumpf von Auber,</p> - <p class="verse2">In dem spukhaften Waldland von Weir.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Durch Zypressenallee, die titanisch,</p> - <p class="verse2">Bin ich mit meiner Seele gegangen —</p> - <p class="verse2">Bin hier einst mit Psyche gegangen —</p> - <p class="verse">Zur Zeit, da mein Herz war vulkanisch</p> - <p class="verse2">Wie die schlackigen Ströme, die langen,</p> - <p class="verse2">Wie die Lavabäche, die langen,</p> - <p class="verse">Die rastlos und schweflig den Yaanek</p> - <p class="verse2">Hinab bis zum Pole gelangen —</p> - <p class="verse">Die rollend hinab den Berg Yaanek</p> - <p class="verse2">Zum nördlichen Pole gelangen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Unser Wort war von Dunkel umwoben,</p> - <p class="verse2">Der Gedanke verdorrt und stier —</p> - <p class="verse2">Das Gedenken verdorrt und stier;</p> - <p class="verse">Denn wir wußten nicht, daß es Oktober,</p> - <p class="verse2">Und der Jahrnacht vergaßen wir —</p> - <p class="verse2">Der Nacht aller Jahrnächte wir!</p> -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> - <p class="verse">Wir vergaßen des Sees von Auber</p> - <p class="verse2">(Obgleich wir gewandert einst hier),</p> - <p class="verse">Des dunstigen Sumpfs von Auber</p> - <p class="verse2">Und des spukhaften Waldlands von Weir.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und nun da in alternder Nacht</p> - <p class="verse2">Die Sternuhr gen Morgen sich schob —</p> - <p class="verse2">Da die Sternuhr gen Morgen sich schob —</p> - <p class="verse">Ward am End’ unsres Pfades entfacht</p> - <p class="verse2">Ein Schimmern, das Nebel umwob,</p> - <p class="verse">Aus dem mit wachsender Pracht</p> - <p class="verse2">Ein Halbmond sein Doppelhorn hob —</p> - <p class="verse">Astartes demantene Pracht</p> - <p class="verse2">Deutlich ihr Doppelhorn hob.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Sie ist wärmer“, so sagte ich,</p> - <p class="verse2">„Als Diana: sie schwärmt durch ein Meer</p> - <p class="verse2">Von Seufzern — ein Seufzermeer;</p> - <p class="verse">Sie sah es: die Träne wich</p> - <p class="verse2">Von diesen Wangen nicht mehr,</p> - <p class="verse">Und vorbei am Löwenbild strich</p> - <p class="verse2">Als Lenker zu Himmeln sie her,</p> - <p class="verse2">Als Leiter zu Lethe sie her;</p> - <p class="verse">Trotz des Löwen getraute sie sich,</p> - <p class="verse2">Uns zu leuchten so hell und so hehr —</p> - <p class="verse">Durch sein Lager hindurch wagte sich</p> - <p class="verse2">Ihre Liebe, so licht und so hehr.“</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch Psyche hob warnend die Hand:</p> - <p class="verse2">„Fürwahr, ich mißtraue dem Schein</p> - <p class="verse2">Dieses Sterns — seinem bleichen Schein.</p> -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> - <p class="verse">O fliehe! o halte nicht stand!</p> - <p class="verse2">Laß uns fliegen — denn, o! es muß sein!“</p> - <p class="verse">Sprach’s entsetzt, und es sanken gebannt</p> - <p class="verse2">Ihre Schwingen in schluchzender Pein —</p> - <p class="verse">Ihre Schwingen schleiften gebannt</p> - <p class="verse2">Die Federn in Staub und Stein —</p> - <p class="verse2">Voll Kummer in Staub und Stein.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich erwiderte: „Traum ist dies Grauen!</p> - <p class="verse2">Laß uns weiter in Lichtes Pracht —</p> - <p class="verse2">Laß uns baden in seiner Pracht!</p> - <p class="verse">Es läßt mich die Hoffnung erschauen</p> - <p class="verse2">In kristallener Schönheit heut nacht —</p> - <p class="verse2">Sieh! es flackert gen Himmel durch Nacht!</p> - <p class="verse">O! man darf seinem Schimmern vertrauen,</p> - <p class="versex">Es führt uns mit weisem Bedacht —</p> - <p class="verse">O! man muß seinem Schimmern vertrauen,</p> - <p class="verse2">Es lenkt uns mit treuem Bedacht,</p> - <p class="verse2">Da es flackert gen Himmel durch Nacht!“</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich beruhigte Psyche und gab</p> - <p class="verse2">Ihr Küsse und lockte sie vor —</p> - <p class="verse2">Aus Bedenken und Dunkel hervor;</p> - <p class="verse">Und wir schritten den Baumgang hinab,</p> - <p class="verse2">Bis am Ende uns anhielt das Tor</p> - <p class="verse">Einer Gruft — ein märchenhaft Grab.</p> - <p class="verse">„Schwester,“ sprach ich, „was schrieb man aufs Grab —</p> - <p class="verse2">An das Tor von dem Wundertume?“</p> - <p class="verse">„Ulalume!“ sprach sie; „in dem Grab</p> - <p class="verse2">Ruht verloren für dich Ulalume!“</p> - </div> - <div class="centerpic stanza" id="img-143"> -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a><img src="images/143.jpg" alt="" /></div> - - <div class="stanza"> -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> - <p class="verse">Und mein Herz wurde düster umwoben,</p> - <p class="verse2">Wurde dürr wie der Bäume Zier; —</p> - <p class="verse2">Wurde welk wie der Bäume Zier;</p> - <p class="verse">Und ich schrie: „Es war sicher Oktober</p> - <p class="verse2">In der <em>nämlichen</em> Nacht, da ich hier</p> - <p class="verse2">Im Vorjahr gewandert — und hier</p> - <p class="verse2">Eine Last hertrug, fürchterlich mir!</p> - <p class="verse2">Diese Nacht aller Jahrnächte mir,</p> - <p class="verse2">Welcher Dämon verführte mich hier?</p> - <p class="verse">Gut kenn’ ich den See jetzt von Auber —</p> - <p class="verse2">Diese nebligen Gründe von Weir —</p> - <p class="verse">Gut kenn’ ich den Dunstsumpf von Auber —</p> - <p class="verse2">Dieses spukhafte Waldland von Weir.“</p> - </div> - </div> - </div> -<h3 class="poem" id="chapter-8-4"> -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -DIE GLOCKEN -</h3> - -<h4 class="no" id="subchap-8-4-1"> -I. -</h4> - - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse2">Hört der Schlittenglocken Klang —</p> - <p class="verse3">Silberklang!</p> - <p class="verse">Welche Welt von Lustigkeit verheißt ihr heller Sang!</p> - <p class="verse2">Wie sie klingen, klingen, klingen</p> - <p class="verse2">In die Nacht voll Schnee und Eis,</p> - <p class="verse2">Während sprüh die Sterne springen,</p> - <p class="verse2">Zwinkernd sich zum Reigen schlingen</p> - <p class="verse2">Im kristallnen Himmelskreis:</p> - <p class="verse2">Halten Schritt, Schritt, Schritt,</p> - <p class="verse2">Tanzen Runenrhythmen mit</p> - <p class="verse">Zu der kleinen klaren Glocken süßem Singesang,</p> - <p class="verse2">Zu dem Klang, Klang, Klang, Klang,</p> - <p class="verse3">Klang, Klang, Klang —</p> - <p class="verse">Zu dem Singen und dem Schwingen in dem Klang.</p> - </div> - </div> - </div> -<h4 class="no" id="subchap-8-4-2"> -II. -</h4> - - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hört der Hochzeitsglocken Klang —</p> - <p class="verse3">Goldnen Klang!</p> - <p class="verse">Welche Welt von Seligkeit verheißt ihr voller Sang!</p> - <p class="verse2">Wie ihr Läuten lauter lacht</p> - <p class="verse2">Durch den Balsamduft der Nacht!</p> - <p class="verse2">Aus dem holden goldnen Schwall,</p> - <p class="verse3">Wie altgewohnt,</p> - <p class="verse2">Fliegen leicht die Töne all</p> - <p class="verse">Hin zur Turteltaube, die beim frohen Schall</p> - <p class="verse3">Schielt zum Mond.</p> -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> - <p class="verse2">O wie schwillt im Überschwang</p> - <p class="verse">Ein Guß von hohem Feierklang so voll die Nacht entlang!</p> - <p class="verse3">Hochgesang —</p> - <p class="verse3">Hoffnungssang</p> - <p class="verse2">Auf der Zukunft heitern Gang!</p> - <p class="verse2">Freude treibt zu schnellerm Drang</p> - <p class="verse2">Dieses Ringen und das Schwingen</p> - <p class="verse2">In dem Klang, Klang, Klang —</p> - <p class="verse2">In dem Klang, Klang, Klang, Klang,</p> - <p class="verse3">Klang, Klang, Klang —</p> - <p class="verse">Dieses Quellen und das Schwellen in dem Klang.</p> - </div> - </div> - </div> -<h4 class="no" id="subchap-8-4-3"> -III. -</h4> - - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse2">Hört der Feuerglocken Klang —</p> - <p class="verse3">Bronznen Klang!</p> - <p class="verse">Welch ein Aufruhr stürmt daraus so schreckenvoll und bang!</p> - <p class="verse2">Wie ihr Schreien Schreck entfacht</p> - <p class="verse2">In durchbebter Luft der Nacht!</p> - <p class="verse2">Zu entsetzt, um klar zu sein,</p> - <p class="verse2">Können sie nur schrein, nur schrein,</p> - <p class="verse3">Ohne Takt</p> - <p class="verse">Rufen sie in lautem Lärmen um Erbarmen an das Feuer,</p> - <p class="verse">Zanken in verrücktem Toben mit dem tollen tauben Feuer.</p> - <p class="verse2">Höher, höher, ungeheuer</p> - <p class="verse2">Springt verlangend auf das Feuer;</p> - <p class="verse2">In verzweifeltem Bemühn,</p> - <p class="verse2">Bis zum Mond emporzusprühn,</p> - <p class="verse2">Sind die Flammen steilgezackt.</p> -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> - <p class="verse2">O, der Klang, Klang, Klang!</p> - <p class="verse2">Wie er grauenvoll und bang</p> - <p class="verse3">Alles schreckt!</p> - <p class="verse2">Wie er schauert, schallt und braust,</p> - <p class="verse2">Daß den Lüften bangt und graust,</p> - <p class="verse">Wie er aller Orten lähmendes Entsetzen weckt!</p> - <p class="verse2">Dennoch hört das Ohr sie gut</p> - <p class="verse3">Durch das Schallen</p> - <p class="verse3">Und das Hallen:</p> - <p class="verse2">Ebbe der Gefahr und Flut;</p> - <p class="verse2">Dennoch nimmt das Ohr es wahr</p> - <p class="verse3">Durch das Zanken</p> - <p class="verse3">Und das Schwanken:</p> - <p class="verse2">Flutet oder ebbt Gefahr —</p> - <p class="verse">Durch das Stocken und das Schwellen in dem schnellen</p> - <p class="verse3">Glockenklang,</p> - <p class="verse3">In dem Klang —</p> - <p class="verse2">In dem Klang, Klang, Klang, Klang,</p> - <p class="verse3">Klang, Klang, Klang —</p> - <p class="verse">Durch das Härmen und das Lärmen in dem Klang.</p> - </div> - </div> - </div> -<h4 class="no" id="subchap-8-4-4"> -IV. -</h4> - - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse2">Hört der Eisenglocken Klang —</p> - <p class="verse3">Eisenklang!</p> - <p class="verse">Welche Welt von Trauer trägt ihr monotoner Sang!</p> - <p class="verse2">In der Grabesruh der Nacht</p> - <p class="verse2">Wie er uns erschauern macht</p> - <p class="verse">Durch das Trauern und das Drohen in dem Ton!</p> -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> - <p class="verse2">Denn die Klänge, die entrollen</p> - <p class="verse2">Rostigen Glockenkehlen, tollen</p> - <p class="verse3">Grollend fort.</p> - <p class="verse2">O, die Wesen, die dort oben</p> - <p class="verse2">In dem Glockenturme toben —</p> - <p class="verse3">Einsam dort</p> - <p class="verse2">Mit den monotonen Glocken —</p> - <p class="verse2">Die da tollen, tollen, tollen,</p> - <p class="verse2">Voll verschleiertem Frohlocken</p> - <p class="verse2">Einen Stein aufs Herz uns rollen —</p> - <p class="verse2">Leichenfressende Dämonen</p> - <p class="verse2">Sind’s, die in den Glocken wohnen,</p> - <p class="verse3">All im Sold</p> - <p class="verse2">Ihres Königs, der da tollt,</p> - <p class="verse2">Der da rollt, rollt, rollt,</p> - <p class="verse3">Rollt</p> - <p class="verse2">Triumph aus Glockenklang!</p> - <p class="verse2">Und sein Busen schwillt im Drang</p> - <p class="verse2">Des Triumphs aus Glockenklang.</p> - <p class="verse2">Johlend tanzt er zu dem Sang;</p> - <p class="verse2">Haltend Schritt, Schritt, Schritt</p> - <p class="verse2">Tanzt er Runenrhythmen mit</p> - <p class="verse2">Zum Triumph aus Glockenklang,</p> - <p class="verse3">Glockenklang.</p> - <p class="verse2">Haltend Schritt, Schritt, Schritt</p> - <p class="verse2">Tanzt er Runenrhythmen mit</p> - <p class="verse2">Zu dem Dröhnen in dem Klang,</p> - <p class="verse2">In dem Klang, Klang, Klang —</p> - <p class="verse2">Zu dem Stöhnen in dem Klang.</p> -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> - <p class="verse2">Haltend Schritt, Schritt, Schritt</p> - <p class="verse2">An der Totenglocke Strang</p> - <p class="verse2">Tanzt er Runenrhythmen mit</p> - <p class="verse2">Zu dem Tollen in dem Klang,</p> - <p class="verse2">In dem Klang, Klang, Klang,</p> - <p class="verse2">Zu dem Rollen in dem Klang,</p> - <p class="verse2">In dem Klang, Klang, Klang, Klang,</p> - <p class="verse3">Klang, Klang, Klang —</p> - <p class="verse">Zu dem Trauern und dem Schauern in dem Klang.</p> - </div> - </div> - </div> -<h3 class="poem" id="chapter-8-5"> -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -TAMERLAN -</h3> - - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Tröstlicher Sang für Mußestunden —</p> - <p class="verse">Das, Vater, ist mein Thema nicht.</p> - <p class="verse">Ich weiß, ich werde nie entbunden</p> - <p class="verse">Von mehr als irdischen Hochmuts Sünde</p> - <p class="verse">Durch Erdenmacht für Sehnsucht finde</p> - <p class="verse">Ich nicht die Zeit, für Träumen nicht.</p> - <p class="verse">Man nennt sie Hoffen — jene Glut!</p> - <p class="verse">Nichts ist sie als Begehrens Wut!</p> - <p class="verse"><em>Könnte</em> ich hoffen — Gott! ja, dann</p> - <p class="verse">Hieß ich nicht Narr dich, alter Mann.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Begreifst du eines Geistes Scham,</p> - <p class="verse">Der tief gebeugt nach höchstem Flug?</p> - <p class="verse">O schmachtend Herz! von dir bekam</p> - <p class="verse">Dein Welken ich mit all dem Trug</p> - <p class="verse">Von Ruhmbegier, den heißen Glanz,</p> - <p class="verse">Um meinen Thron den Strahlenkranz,</p> - <p class="verse">Der Hölle Heiligenschein! und Not,</p> - <p class="verse">Die nicht in Hölle heißer loht.</p> - <p class="verse">O drängend Herz, das nach der Wonne</p> - <p class="verse">Verlorner Blumen, nach der Sonne</p> - <p class="verse">Der alten Sommerstunden schreit! —</p> - <p class="verse">Die ewige Glocke jener Zeit,</p> - <p class="verse">Die starb, sie singt nun ohne Enden</p> - <p class="verse">Eintönig, wie von Zauberhänden</p> - <p class="verse">Geläutet, deiner Nichtigkeit</p> - <p class="verse">Ein unsterbliches Grabgeläut.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> - <p class="verse">Ich war nicht immer so wie jetzt:</p> - <p class="verse">Dies Diadem, das fiebrisch hetzt,</p> - <p class="verse">Krönt eines Usurpators Gier.</p> - <p class="verse">Gab gleiche feurige Erbschaft nicht</p> - <p class="verse">Dem Cäsar Rom — wie dieses mir?</p> - <p class="verse">Das Erbe königlicher Kraft</p> - <p class="verse">Und stolzer Mut und Zuversicht,</p> - <p class="verse">Die alles Menschliche errafft!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Auf Bergeserde ward ich Leben.</p> - <p class="verse">Nachtnebel gossen ihren Tau</p> - <p class="verse">Aufs Haupt mir aus dem dunklen Grau;</p> - <p class="verse">Ich glaube, daß der Lüfte Weben,</p> - <p class="verse">Zu ungestümem Sturm erregt,</p> - <p class="verse">Durch dies mein eignes Haar gefegt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">So spät vom Himmel — Tau — er fiel</p> - <p class="verse">(In Träumen unheiliger Nacht)</p> - <p class="verse">Auf mich herab wie Höllenspiel;</p> - <p class="verse">Und Flammen, glühendrot entfacht</p> - <p class="verse">Aus Wolken, die gleich Bannern hingen,</p> - <p class="verse">Erschienen halbgeschloßnem Blick</p> - <p class="verse">Als Prunk von Herrschermacht und Glück;</p> - <p class="verse">Und des Trompeten-Donners Klingen</p> - <p class="verse">Umbrauste mich wie Wirbelwind</p> - <p class="verse">Und sprach von Menschenschlacht, darinnen</p> - <p class="verse">Die <em>meine</em> Stimme — dummes Kind! —</p> - <p class="verse">(Was würde ich vor Lust beginnen</p> - <p class="verse">Bei solchem Schrei — erlebt’ ich dies!)</p> - <p class="verse">Schlachtruf des Sieges schallen ließ.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> - <p class="verse">Der Regen kam herab auf mein</p> - <p class="verse">Schutzloses Haupt, und schwerer Wind</p> - <p class="verse">Machte mich toll und taub und blind:</p> - <p class="verse">Es mochten wohl nur Menschen sein,</p> - <p class="verse">Die Lorbeer auf mich niederwarfen,</p> - <p class="verse">So dachte ich; der Sturm der scharfen</p> - <p class="verse">Eisigen Luft hat in mein Ohr</p> - <p class="verse">Hineingegurgelt das Zertrümmern</p> - <p class="verse">Von Kaiserreichen — mit dem Wimmern</p> - <p class="verse">Gefangener Feinde — Stimmenchor</p> - <p class="verse">Des Trosses und den Schmeichelton</p> - <p class="verse">Ringsher um eines Herrschers Thron.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Meine Gier, seit jenen Unglücksstunden,</p> - <p class="verse">Ward Tyrannei, die ich erstrebte;</p> - <p class="verse">Man hielt sie, seit ich Macht gefunden,</p> - <p class="verse">Für meines Innern Grundgebot.</p> - <p class="verse">Nun sei’s! Doch, Vater, einer lebte,</p> - <p class="verse">Der damals — da ich jung und sie</p> - <p class="verse">In stärkerm Feuer noch geloht</p> - <p class="verse">(Denn Leidenschaften sterben früh) —</p> - <p class="verse">Der <em>damals</em> selbst gewußt, daß, ach,</p> - <p class="verse">Dies eisern Herz in Liebe schwach.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mir fehlen Worte, um zu sagen,</p> - <p class="verse">Wie gutes Lieben Freude flicht!</p> - <p class="verse">Noch würde ich zu zeichnen wagen</p> - <p class="verse">Ein mehr als schönes Angesicht,</p> - <p class="verse">Des Züge meinem Geiste sind —</p> - <p class="verse">Schatten im unbeständigen Wind:</p> -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> - <p class="verse">Gleich wie mein Aug’, mein zögernd mattes,</p> - <p class="verse">Die Lettern irgendeines Blattes</p> - <p class="verse">Und alle Wissenschaft darin</p> - <p class="verse">Zu Phantasien ohne Sinn</p> - <p class="verse">Oft schmelzen sah — zu Nichts dahin.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">O, sie war all der Liebe wert!</p> - <p class="verse">Und so der Kindheit Liebe war,</p> - <p class="verse">Daß Engel neidvoll sie begehrt;</p> - <p class="verse">Ihr junges Herz war der Altar,</p> - <p class="verse">Auf dem als Weihrauch lag mein Hoffen</p> - <p class="verse">Und Denken — damals gute Gaben,</p> - <p class="verse">Denn kindlich waren sie und offen;</p> - <p class="verse">Ihr Beispiel strahlte rein dem Knaben.</p> - <p class="verse">O, warum mußte ich’s verlassen,</p> - <p class="verse">Um im Vertrauen auf das Feuer,</p> - <p class="verse">Das innen brannte ungeheuer,</p> - <p class="verse">Verwegen nach dem Licht zu fassen?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wir wuchsen liebend auf — zusammen —</p> - <p class="verse">Durch Wildnis streifend wie das Wild;</p> - <p class="verse">In Frostzeit meine Brust ihr Schild,</p> - <p class="verse">Ihr Schild im frohen Sommerflammen.</p> - <p class="verse">Sie sah wohl lächelnd himmelwärts,</p> - <p class="verse"><em>Mein</em> Himmel war ihr Aug’ allein.</p> - <p class="verse">Der Liebe Lehrer ist — das Herz:</p> - <p class="verse">Wenn mitten in dem Sonnenschein</p> - <p class="verse">Und jenem Lächeln — nicht etwa,</p> - <p class="verse">Um kleine Sorgen wett zu machen</p> - <p class="verse">Noch über Schelmerei zu lachen —</p> -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> - <p class="verse">Wenn mittendrin es wohl geschah,</p> - <p class="verse">Daß ich mich warf an ihre Brust</p> - <p class="verse">Und daß, des Grundes kaum bewußt,</p> - <p class="verse">Mein Geist in Tränengüssen bangte,</p> - <p class="verse">Da tat’s nicht not, mich zu bekennen,</p> - <p class="verse">Ihr tröstend meinen Schmerz zu nennen —</p> - <p class="verse">Sie, die nach keinem Grund verlangte,</p> - <p class="verse">Ließ, ohne Ängste kund zu tun,</p> - <p class="verse">Ihr ruhiges Auge auf mir ruhn.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dennoch war <em>mehr</em> denn Liebe wert</p> - <p class="verse">Mein Geist, er rang in wildem Weh,</p> - <p class="verse">Da ihn — allein auf Bergeshöh —</p> - <p class="verse">Der Ehrgeiz neuen Ton gelehrt;</p> - <p class="verse">Ich lebte einzig nur in dir:</p> - <p class="verse">Die Welt und alles, was sie hier</p> - <p class="verse">In Erde, Luft und Meer umfaßt —</p> - <p class="verse">All ihre Lust — all ihre Last —</p> - <p class="verse">Gab neue Freude; ideale</p> - <p class="verse">Traumnächtig dunkle Nichtigkeiten —</p> - <p class="verse">Dunklere Nichtse, doch reale</p> - <p class="verse">(Schatten — und schattenhafteres Gleiten</p> - <p class="verse">Von Licht) auf Nebelschwingen kamen</p> - <p class="verse">Und wurden also, wirr vereint,</p> - <p class="verse">Dein Bildnis und — ein Name — Name!</p> - <p class="verse">Zwei Dinge, fremd — doch eng vereint!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ehrsüchtig, Vater, war dein Sohn.</p> - <p class="verse">Kanntest du Leidenschaft? — Nein — nein!</p> - <p class="verse">Ein Ärmster sann ich einen Thron</p> -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> - <p class="verse">Der halben Welt als mein — als mein —</p> - <p class="verse">Noch grollend über niedres Los.</p> - <p class="verse">Und doch, es waren Träume bloß,</p> - <p class="verse">Die mit dem Dampf des Taus verflogen</p> - <p class="verse">Gleich jedem andern Traum, vom Strahl</p> - <p class="verse">Der Schönheit lieblich angezogen,</p> - <p class="verse">Der meinem Geist das Dunkel stahl.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wir schritten beide auf der Krone</p> - <p class="verse">Weit hohen Bergs, der niederschaute</p> - <p class="verse">Auf stolz getürmte Felsenthrone —</p> - <p class="verse">Auf Wald, der Höhen überbaute —</p> - <p class="verse">Auf Hügel, die sich talwärts senkten</p> - <p class="verse">Und tausend Quellen Leben schenkten.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich sprach zu ihr von Ruhm und Macht,</p> - <p class="verse">Geheimnisvoll, als sollte dies</p> - <p class="verse">Gerede zu nichts anderm taugen</p> - <p class="verse">Als nur zum Spiel; in ihren Augen</p> - <p class="verse">Las ich, vielleicht zu unbedacht,</p> - <p class="verse">Ein Fühlen, das Verstehen hieß.</p> - <p class="verse">Ihr klar Erröten schien zu schön</p> - <p class="verse">Zu kleiden königliche Höhn,</p> - <p class="verse">Als daß es immerfort allein</p> - <p class="verse">Licht in der Wildnis sollte sein.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dann hüllte ich mich selbst in Glanz</p> - <p class="verse">Mit eingebildeter Krone auf —</p> - <p class="verse">Nicht war’s, daß Phantasie allein</p> - <p class="verse">Mich hold geschmückt mit ihrem Kranz,</p> -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> - <p class="verse">Nein, daß im großen Menschenhauf</p> - <p class="verse">Der Löwe Ehrsucht lahm und klein</p> - <p class="verse">Sich duckt vor eines Wächters Hand.</p> - <p class="verse">Doch nicht in Wüsten, wo der Starke,</p> - <p class="verse">Der Wilde schwört, mit ihrem Marke</p> - <p class="verse">Zu schüren seines Feuers Brand!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Blick um dich jetzt auf Samarkand!</p> - <p class="verse">Ist sie nicht Königin der Erde?</p> - <p class="verse">Sind alle Städte mehr denn Herde</p> - <p class="verse">Vor ihrer hohen Herrscherhand?</p> - <p class="verse">Steht sie erhaben nicht, allein,</p> - <p class="verse">Im Glanz, den je die Welt gekannt?</p> - <p class="verse">Fiel sie — könnt’ nicht ihr ärmster Stein</p> - <p class="verse">Der Sockel eines Thrones sein? —</p> - <p class="verse">Und wer ihr Herrscher? — <em>Timur</em> — er,</p> - <p class="verse">Den das erstaunte Volk allda</p> - <p class="verse">— Gekrönten Räuber! — stolz und hehr</p> - <p class="verse">Hin über Reiche schreiten sah!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">O Menschenliebe! Ausgegossen</p> - <p class="verse">Als Geist von allem, was erschlossen</p> - <p class="verse">Uns zeigen mag die Himmelswelt!</p> - <p class="verse">Die du, wie Regen frisch bestellt</p> - <p class="verse">Schirokko-dürres Sommerfeld,</p> - <p class="verse">Die Seele segnend tränkst und näßt</p> - <p class="verse">Und doch das Herz in Wildnis läßt!</p> - <p class="verse">Begriff, der alles rings, das lebt,</p> - <p class="verse">Mit seltsamer Musik umschwebt</p> -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> - <p class="verse">Und wunderlicher Prachtgebärde —</p> - <p class="verse">Lebwohl! denn ich gewann die Erde.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Als Adler Hoffnung hoch im Flug</p> - <p class="verse">Gen Himmel nichts mehr höher sah,</p> - <p class="verse">Besänftigt wandte er sich da,</p> - <p class="verse">Daß seine Schwinge heimwärts schlug.</p> - <p class="verse">War Sonnenuntergang: wenn weit</p> - <p class="verse">Die Sonne sinkt, kommt Düsterkeit</p> - <p class="verse">Ins Herz ihm, der noch gern erblickte</p> - <p class="verse">Den Glanz, den Sommersonne schickte.</p> - <p class="verse">Er wird den Duft des Abends hassen,</p> - <p class="verse">Wird lauschend vor dem Klang erblassen</p> - <p class="verse">Der Nacht (den Lauschern offenbar)</p> - <p class="verse">Als einer, der in Traumesbann</p> - <p class="verse">Entfliegen <em>möchte</em>, doch nicht <em>kann</em>,</p> - <p class="verse">Vor einer nahenden Gefahr.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wenn Mond, der weiße Mond, auch ganz</p> - <p class="verse">Ausschüttet seines Mittags Glanz,</p> - <p class="verse"><em>Sein</em> frostig Lächeln, <em>sein</em> Geleit</p> - <p class="verse">Scheint jener Zeit der Düsterkeit</p> - <p class="verse">Ein Bild aus Tagen nach dem Tod.</p> - <p class="verse">Jugend ist eine Sommersonne,</p> - <p class="verse">Die nichts uns läßt von Wert und Wonne,</p> - <p class="verse">Wenn sie verschwand, nur Nichts und Not.</p> - <p class="verse">Denn alles Wissen, dem wir lebten,</p> - <p class="verse">Ward uns; was wir zu halten strebten,</p> - <p class="verse">Entfloh; so laß das Erdenwallen</p> -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> - <p class="verse">Mit seiner Mittagsschönheit fallen,</p> - <p class="verse">Die alles ist. — Ich eilte her</p> - <p class="verse">Zu meinem Heim — mein Heim nicht mehr —</p> - <p class="verse">Denn was es je dazu gemacht,</p> - <p class="verse">War fort; trat ich auch sanft und sacht</p> - <p class="verse">Durch seine moosige Tür, es drang</p> - <p class="verse">Vom Schwellenstein der Stimme Klang</p> - <p class="verse">Von einer, die ich einst gekannt.</p> - <p class="verse">Ich leugne, Hölle, daß dein Brand</p> - <p class="verse">Mehr Demut brennt als nun mein Herz,</p> - <p class="verse">Mehr Wehmut kennt als nun mein Schmerz!</p> - </div> - </div> - </div> -<div class="centerpic" id="img-159"> -<img src="images/159.jpg" alt="" /></div> - - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Vater, ich glaube fest — ich <em>weiß</em> —</p> - <p class="verse">Denn Tod, der kommt aus Segensferne,</p> - <p class="verse">Die ohne trügerisches Hoffen,</p> - <p class="verse">Er ließ sein eisern Tor weit offen,</p> - <p class="verse">Und strahlend glühn der Wahrheit Sterne</p> - <p class="verse">Durch Ewigkeit und flammen heiß —</p> - <p class="verse">Ich glaube, einen Fallstrick hat</p> - <p class="verse">Satan auf jedem Menschenpfad;</p> - <p class="verse">Denn wie sonst konnte dieses sein:</p> - <p class="verse">Als ich gelebt im heiligen Hain</p> - <p class="verse">Der Göttin Liebe, die so rein</p> - <p class="verse">Alltäglich salbt die schneeige Schwinge</p> - <p class="verse">Im Weihrauch frommer Opferbrände</p> - <p class="verse">Und andrer unbefleckten Dinge,</p> - <p class="verse">Im Haine, dessen Dach und Wände,</p> - <p class="verse">Wo Lücken läßt das Laubgewind,</p> - <p class="verse">Mit Strahlen eng vergittert sind,</p> - <p class="verse">Durch die kein Stäubchen, keine Mücke,</p> -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> - <p class="verse">Ausweichend ihrem Adlerblicke,</p> - <p class="verse">Eindringen kann — wie sonst denn war</p> - <p class="verse">Dies möglich, daß nicht wahrnehmbar</p> - <p class="verse">Die Ehrsucht dort ins Glück gedrungen,</p> - <p class="verse">Bis dreister sie emporgesprungen</p> - <p class="verse">Hohnlachend in der Liebe Haar?</p> - </div> - </div> - </div> -<h3 class="poem" id="chapter-8-6"> -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -DAS KOLOSSEUM -</h3> - - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Urbild des alten Rom! Reliquienschrein</p> - <p class="verse">Für Schaun und hohen Traum, den in die Zeit</p> - <p class="verse">Jahrhunderte von Pracht und Macht gestellt!</p> - <p class="verse">Nun endlich — endlich — nach so vielen Tagen</p> - <p class="verse">Von Wandermüdigkeit und gierem Durst</p> - <p class="verse">(Von Durst zum Quell des Wissens, den du birgst)</p> - <p class="verse">Ein andrer und demütiger kniee ich</p> - <p class="verse">In deinem Schatten nun und trinke ein</p> - <p class="verse">Dein ragend Düster, deinen Glanz und Ruhm.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Unendlichkeit und Öde! Schwermut, Schweigen!</p> - <p class="verse">Uralter Zeit Erinnern — düstere Nacht!</p> - <p class="verse">Ich fühl euch jetzt — fühl eure ganze Wucht —</p> - <p class="verse">O Zauber, stärker als Judäas König</p> - <p class="verse">Voreinst gelehrt im Berg Gethsemane!</p> - <p class="verse">O Wunder, machtvoller als der Chaldäer</p> - <p class="verse">Jemals verzückt aus stillen Sternen zog!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hier, wo ein Held einst stürzte, stürzt die Säule.</p> - <p class="verse">Hier, wo ein goldner toter Adler glänzte,</p> - <p class="verse">Hält mitternächtig Wacht die Fledermaus.</p> - <p class="verse">Hier, wo der Damen Roms vergoldet Haar</p> - <p class="verse">Im Winde wehte, wogt nun Ried und Distel.</p> - <p class="verse">Hier, wo auf goldnem Thron der Herrscher lehnte,</p> - <p class="verse">Schlüpft geisterhaft aus ihrem Marmorhaus,</p> - <p class="verse">Vom Schein des zwiegehörnten Monds beleuchtet,</p> - <p class="verse">Die flinke Echse schweigend über Steine.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> - <p class="verse">Doch halt! Die Mauern — diese Bogengänge,</p> - <p class="verse">Hochauf von altem Efeu eingekleidet,</p> - <p class="verse">Die schwarzen bröckeligen Säulensockel</p> - <p class="verse">Und düstern Schäfte, dunklen Kapitäle,</p> - <p class="verse">Zerfallenden und fast verblaßten Friese,</p> - <p class="verse">Zersprungnen Kranzgebälke — dieses Wrack —</p> - <p class="verse">All diese Steine — ach, die grauen Steine —</p> - <p class="verse">Sind sie denn alles, was der Zahn der Zeit</p> - <p class="verse">Von all dem Ruhm und ungeheuren Glanz</p> - <p class="verse">Für mich und für das Schicksal übrig ließ?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Nicht alles —“ geben mir die Echos Antwort —</p> - <p class="verse">„Nicht alles, nein! Prophetische Klänge steigen —</p> - <p class="verse">Und laute Klänge — ewig von uns auf,</p> - <p class="verse">Von allen Trümmern zu den Weisen auf,</p> - <p class="verse">Wie Melodie von Memnon steigt zur Sonne.</p> - <p class="verse">Wir leiten alle riesenhaften Geister!</p> - <p class="verse">In unumschränkter Macht beherrschen wir</p> - <p class="verse">Mit unserm Schwung die Herzen aller Großen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wir sind nicht leblos — wir erblichnen Steine.</p> - <p class="verse">Nicht alle Macht ist hin — nicht aller Ruhm —</p> - <p class="verse">Nicht aller Zauber unsres hohen Rufes —</p> - <p class="verse">Nicht all das Wunder, das uns rund umfaßt —</p> - <p class="verse">Nicht all Geheimnis, das in uns verborgen —</p> - <p class="verse">Nicht all Erinnern, das wie ein Gewand</p> - <p class="verse">Uns rund umhängt und überall bedeckt</p> - <p class="verse">Und das uns hüllt in mehr als Herrlichkeit!“</p> - </div> - </div> - </div> -<h3 class="poem" id="chapter-8-7"> -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -DIE STADT IM MEER -</h3> - - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Weh! wunderliche einsame Stadt,</p> - <p class="verse">Drin Tod seinen Thron errichtet hat,</p> - <p class="verse">Tief unter des Westens düsterer Glut,</p> - <p class="verse">Wo Sünde bei Güte, wo Schlecht bei Gut</p> - <p class="verse">In letzter ewiger Ruhe ruht.</p> - <p class="verse">An Schlössern, Altären und Türmen hat</p> - <p class="verse">(Zerfreßnen Türmen, die nicht beben!)</p> - <p class="verse">Nichts Gleiches eine unsrige Stadt.</p> - <p class="verse">Von Winden vergessen, die wühlen und heben,</p> - <p class="verse">Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum,</p> - <p class="verse">Schwermütige Wasser, ergeben und stumm.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Kein Strahlen vom Himmel kommt herab</p> - <p class="verse">Auf jener Stadt langnächtiges Grab.</p> - <p class="verse">Doch steigt ein Licht aus dem Meer herauf,</p> - <p class="verse">Strömt schweigend an kühnen Zinnen hinauf,</p> - <p class="verse">Hinauf an Türmen bis zum Knauf,</p> - <p class="verse">Hinauf an Palästen, an Zitadellen,</p> - <p class="verse">An Tempeln hinauf und an Babylonwällen,</p> - <p class="verse">Hinauf an vergessenen Laubengängen</p> - <p class="verse">Mit eingemeißelten Fruchtgehängen,</p> - <p class="verse">Hinauf an manchem Opferstein,</p> - <p class="verse">Auf dessen Friesen zu engem Verein</p> - <p class="verse">Verflochten Viola, Violen und Wein.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum,</p> - <p class="verse">Schwermütige Wasser, ergeben und stumm.</p> - <p class="verse">Die Mauern und Schatten wie Nebelduft —</p> -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> - <p class="verse">Es scheint, als hänge alles in Luft.</p> - <p class="verse">Vom Turm, der herrschend ragt und droht,</p> - <p class="verse">Schaut riesenhaft herab der Tod.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Geöffnete Tempel und Totengrüfte</p> - <p class="verse">Gähnen auf leuchtende Meeresschlüfte.</p> - <p class="verse">Doch nicht die blitzenden Juwelen</p> - <p class="verse">In goldner Götzen Augenhöhlen</p> - <p class="verse">Und nicht der reiche Tod verführen</p> - <p class="verse">Die starren Wasser, sich zu rühren:</p> - <p class="verse">Kein kleinstes Wellchen kommt in Gang</p> - <p class="verse">Die gläserne Einöde entlang,</p> - <p class="verse">Kein Kräuseln erinnert, daß weniger leer</p> - <p class="verse">Von Wind ist irgendein anderes Meer,</p> - <p class="verse">Nichts sagt, daß je ein Wehen war</p> - <p class="verse">Auf Meeren, die weniger grauenhaft klar.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch, o — es regt sich leis wie Wind!</p> - <p class="verse">Ein Wellen durch das Wasser rinnt —</p> - <p class="verse">Als ob die Türme im sachten Sinken</p> - <p class="verse">Die Flut verschöben zur Rechten und Linken —</p> - <p class="verse">Als ob schon die Spitzen inmitten des blassen</p> - <p class="verse">Himmels Lücken zurückgelassen.</p> - <p class="verse">Ein roteres Glimmen steigt heran —</p> - <p class="verse">Die Stunden halten den Atem an —</p> - <p class="verse">Und wenn die Stadt hinab, hinab</p> - <p class="verse">Von hinnen sinkt mit unirdischem Stöhnen,</p> - <p class="verse">Wird ihr von eintausend Thronen herab</p> - <p class="verse">Der Gruß der Hölle tönen.</p> - </div> - </div> - </div> -<h2 class="part" id="part-9"> -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -INHALT -</h2> - - <div class="table"> -<table class="toc" summary="TOC"> -<tbody> - <tr> - <td class="col1">Ligeia</td> - <td class="col_page"><a href="#page-1">1</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Berenice</td> - <td class="col_page"><a href="#page-29">29</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Morella</td> - <td class="col_page"><a href="#page-51">51</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Eleonora</td> - <td class="col_page"><a href="#page-63">63</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Insel der Fee</td> - <td class="col_page"><a href="#page-77">77</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Landors Landhaus</td> - <td class="col_page"><a href="#page-87">87</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der Herrschaftssitz Arnheim</td> - <td class="col_page"><a href="#page-107">107</a></td> - </tr> - <tr class="v"> - <td class="col1">GEDICHTE</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der Rabe</td> - <td class="col_page"><a href="#page-133">133</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Annabel Lee</td> - <td class="col_page"><a href="#page-138">138</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Ulalume</td> - <td class="col_page"><a href="#page-140">140</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Glocken</td> - <td class="col_page"><a href="#page-146">146</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Tamerlan</td> - <td class="col_page"><a href="#page-151">151</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Das Kolosseum</td> - <td class="col_page"><a href="#page-163">163</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Stadt im Meer</td> - <td class="col_page"><a href="#page-165">165</a></td> - </tr> -</tbody> -</table> - </div> -<p class="printer"> -DIESES BUCH WURDE IM AUFTRAGE DES -PROPYLÄEN-VERLAGS IN BERLIN IN EINER -EINMALIGEN AUFLAGE VON TAUSEND IN -DER PRESSE NUMERIERTEN EXEMPLAREN -IN DER BUCHDRUCKEREI OTTO ELSNER -IN BERLIN GEDRUCKT -</p> - -<p class="exemplar"> -EXEMPLAR <span class="sc">Nr</span> 933 -</p> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="handheld-only">Im Original -g e s p e r r t -hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert. -</p> - -<p> -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... mit faltenreichem <span class="underline">schweren</span> Goldstoff verhangen — demselben ...<br /> -... mit faltenreichem <a href="#corr-0"><span class="underline">schwerem</span></a> Goldstoff verhangen — demselben ...<br /> -</li> - -<li> -... In der Tat, <span class="underline">nichs</span> hätte wohl einfacher — unaufdringlicher wirken ...<br /> -... In der Tat, <a href="#corr-1"><span class="underline">nichts</span></a> hätte wohl einfacher — unaufdringlicher wirken ...<br /> -</li> - -<li> -... entgegen seiner eigenen <span class="underline">Anschauug</span>, zu Taten veranlassen. ...<br /> -... entgegen seiner eigenen <a href="#corr-2"><span class="underline">Anschauung</span></a>, zu Taten veranlassen. ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Ligeia und andere Novellen / Sieben -Gedichte, by Edgar Allan Poe - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LIGEIA UND ANDERE NOVELLEN *** - -***** This file should be named 50887-h.htm or 50887-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/8/8/50887/ - -Produced by Jens Sadowski -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/50887-h/images/011.jpg b/old/50887-h/images/011.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index bdcef27..0000000 --- a/old/50887-h/images/011.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50887-h/images/015.jpg b/old/50887-h/images/015.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 42cce20..0000000 --- a/old/50887-h/images/015.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50887-h/images/033.jpg b/old/50887-h/images/033.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 8a389d8..0000000 --- a/old/50887-h/images/033.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50887-h/images/041.jpg b/old/50887-h/images/041.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 48b6d86..0000000 --- a/old/50887-h/images/041.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50887-h/images/045.jpg b/old/50887-h/images/045.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 63445be..0000000 --- a/old/50887-h/images/045.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50887-h/images/047.jpg b/old/50887-h/images/047.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index e837557..0000000 --- a/old/50887-h/images/047.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50887-h/images/059.jpg b/old/50887-h/images/059.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 7a72593..0000000 --- a/old/50887-h/images/059.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50887-h/images/069.jpg b/old/50887-h/images/069.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a6c2d6f..0000000 --- a/old/50887-h/images/069.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50887-h/images/075.jpg b/old/50887-h/images/075.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 45da6ea..0000000 --- a/old/50887-h/images/075.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50887-h/images/097.jpg b/old/50887-h/images/097.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 8c29f16..0000000 --- a/old/50887-h/images/097.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50887-h/images/125.jpg b/old/50887-h/images/125.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 10aad03..0000000 --- a/old/50887-h/images/125.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50887-h/images/143.jpg b/old/50887-h/images/143.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 87783bf..0000000 --- a/old/50887-h/images/143.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50887-h/images/159.jpg b/old/50887-h/images/159.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 0c04e6f..0000000 --- a/old/50887-h/images/159.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50887-h/images/cover-page.jpg b/old/50887-h/images/cover-page.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 8e49b26..0000000 --- a/old/50887-h/images/cover-page.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50887-h/images/frontispiz.jpg b/old/50887-h/images/frontispiz.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 5f16c06..0000000 --- a/old/50887-h/images/frontispiz.jpg +++ /dev/null |
