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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Das Glück ist immer da! - Heitere Geschichten und Plaudereien - -Author: Otto Ernst - -Release Date: October 24, 2015 [EBook #50293] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GLÜCK IST IMMER DA! *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~. - - Das Inhaltsverzeichnis befindet sich am Ende des Buches. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Endes des - Buches. - - - - - Das Glück ist immer da! - - - - - Ullstein-Bücher - - Eine Sammlung - zeitgenössischer Romane - - - [Illustration] - - - Ullstein & Co / Berlin und Wien - - - - - Das Glück ist immer da! - - Heitere Geschichten und Plaudereien - - von - - Otto Ernst - - - [Illustration] - - - Ullstein & Co / Berlin und Wien - - - - -Die Marienbader Kur - - -Meine Freunde haben es verschuldet. Sie haben mich so lange gereizt. -»Eduard, du wirst zu stark, Eduard!« sagten sie täglich zu mir; die -Gefühlloseren sagten: »zu dick«, die Gemütsrohen: »zu fett«. Ich -leugnete das energisch; aber sie mußten sich heimlich verschworen -haben; denn sie sagten es alle. »Ein gewisses Embonpoint ist bei -mir hereditär, habituell, gehört sozusagen zu meiner Konstitution,« -bemerkte ich. Dergleichen drückt sich immer am besten in Fremdwörtern -aus. Ein rüdes Gelächter antwortete mir. »Deshalb«, fuhr ich fort, -»verschlagen auch Entfettungskuren bei mir nicht das geringste.« »Ja, -weil du sie nicht konsequent durchführst!« johlte die Masse in vulgärer -Einstimmigkeit. »Ich -- nicht durchführen?« versetzte ich mit meiner -überlegenen Ironie, »nun -- das werde ich euch beweisen!« Und so ging -ich nach Marienbad. - -»Sie gehen nach Marienbad?« fragte mich ein wohlbeleibter -Eisenbahngefährte. »Ei, da sind Sie zu beneiden! Marienbad ist -entzückend! Und schlemmen kann man da, schlemmen --!« - -Ich bemerkte dem Manne mit einem sittlichen Ernste, der -- ich fühlte -es -- mir gut stehen mußte, daß ich nicht zu schlemmen gedächte, -sondern mich einer sehr ernsten Magerkur zu unterziehen beabsichtigte. - -»Ach so, Sie wollen fasten!« rief er überrascht. »Na ja -- kann man da -auch,« fügte er nachlässig hinzu. »Dazu gehört allerdings ein starker -Wille.« - -»An dem soll es nicht fehlen,« preßte ich durch die -aufeinandergebissenen Zähne. - -Er maß mich von oben bis unten und dann von links nach rechts und sagte -nichts, der unhöfliche Mensch. - -Vor dem Diner im Speisewagen sagte ich mir logischerweise, daß es erst -dann einen Sinn habe, mit der Kur zu beginnen, wenn +alle+ Bedingungen -dieser Kur gegeben seien, daß systemlose Halbheiten in solchem Falle -sogar recht gefährlich werden können. Andrerseits war mir wohlbekannt, -daß bei solchen Kuren ein möglichst großer Gegensatz zwischen heut -und morgen nur zu empfehlen ist, weil nämlich der Körper auf solche -schroffen Uebergänge mit einer beträchtlichen Gewichtsabnahme reagiert. -Das Diner setzte sich für dieses Prinzip sehr günstig zusammen; es -bestand aus Bouillon mit Klößen, Lachs mit Mayonnaise, Mastochsenbraten -mit Makkaroni, Plumpudding und Butter und Käse. Um den Choc, den -der Körper morgen erhalten sollte, zu verstärken, nahm ich dazu -eine Flasche Bier, eine halbe Flasche Clicquot und zum Kaffee einen -Benediktiner. Danach legte ich mich in meinem Abteil schlafen. - -In Marienbad angelangt, begann ich meine Kur auf dem Bahnhofe. Zwar -meinen Hauptkoffer überwies ich einem Träger; als dieser aber auch den -nicht unbeträchtlichen Nebenkoffer an sich nehmen wollte, sagte ich -triumphierend: »Nein, lieber Freund, jetzt wird selbst getragen,« nahm -meinen Koffer und schritt hinaus. Die Fiaker vor dem Bahnhof machten -mir ihre komfortabelsten Gesichter, nannten mich »Herr Baron« und, als -mir das nicht zu genügen schien, »Herr Graf«; ich aber versetzte ohne -allen Adelsstolz: »Nein, meine Herren, jetzt wird gegangen!« - -Wenn ich einmal eine Sache angreife, so tu' ich's mit Energie. - -Wenn ich gewußt hätte, daß der Bahnhof so weit vom Orte entfernt -liege und daß meine Wohnung dann auch noch ganz am entgegengesetzten, -nördlichsten Ende der Stadt gelegen sei und daß der Weg dahin nicht -allzu sanft ansteige, so hätte ich vielleicht doch meinen Koffer dem -Träger übergeben und wäre gefahren. Aber während ich schwitzte, erhob -mich doch das Wonnegefühl: »Wenigstens fünf Pfund schaffst du dir durch -diesen Leidensweg vom Leibe. Wenn du das drei- bis viermal gemacht -hast, bist du dein Uebergewicht los. Allerdings« -- dieser Gedanke -erleuchtete mich blitzartig -- »das hättest du auch zu Hause haben -können.« - -Meine Wohnung lag im dritten Stock. Für die Zumutung, den Fahrstuhl -zu benutzen, hatte ich nur eine kurze, abweisende Handbewegung. Das -Zimmer kostete wöchentlich fünfzig Kronen einschließlich Tag- und -Nachtgeschirr. Alles andere mußte extra bezahlt werden. - -Sobald ich mich einigermaßen eingerichtet und umgekleidet hatte, eilte -ich, mich wägen zu lassen. Ich fühlte mich so leicht nach meiner -Kofferträgerarbeit! - -In Marienbad hat jedes zweite Haus eine allein richtige Wage. Man setzt -sich in einen bequemen Stuhl und läßt seine Schwerkraft walten; dann -zeigt die Wage nicht nur das Gewicht an, sie druckt es auch gleich auf -einen kleinen Zettel. Da stand: 94,8 Kilo. - -»Sie sind wohl --!« rief ich unwillkürlich aus. Das Wort »verrückt« -verschluckte ich ebenso unwillkürlich wegen der Gerichtskosten. - -Der Mann beteuerte, daß sein Apparat vollkommen tadellos funktioniere. -Ich warf meine zwanzig Heller auf den Ladentisch, ließ den Zettel -liegen und ging, Verachtung in den Zügen, hinaus. - -Zwanzig Schritte weiter trat ich in ein anderes Haus mit allein -richtiger Wage. Der Zettel erschien und zeigte: 95 Kilo. Diesmal versah -eine Dame das Wägeamt; ich konnte also nicht 'mal »Sie sind wohl --!« -rufen. - -Langsam und sinnend schob ich den Zettel in die Westentasche und -verließ das Lokal. Mir war's, als hätte ich Blei in den Gliedern. - -Draußen kam mir die Erleuchtung. Ah, dacht' ich, die haben dir den -Neuling angesehen. Das sind Wagen für Ankömmlinge! Jetzt wirst du -schlau sein. Mit elastischen Schritten betrat ich ein drittes Lokal -und rief: »So! Zum Abschied möcht' ich nun noch einmal gewogen sein!« -Diesmal verzeichnete der Zettel: 95,1 Kilo. - - »Noch mehr! Es hängt Gewicht sich an Gewicht, - Und ihre Masse zieht mich schwer hinab.« - -Erdrückt von der Wucht meiner Persönlichkeit, schlich ich zum Arzt. Er -behauptete, ich müsse morgens sechs Uhr aufstehen, zum Kreuzbrunnen -gehen, dort drei Glas Brunnen mit Zusatz eines gewissen Salzes trinken, -dann anderthalb Stunden spazieren gehen, danach dürfe ich frühstücken. -Der Mann hatte eine merkwürdige Ausdrucksweise; unter »frühstücken« -verstand er: eine Tasse Tee, ein Ei und einen Zwieback nehmen. »Ohne -Butter!« rief der Herr Doktor begeistert. Mittags dürfe ich dann eine -Fleischspeise, ein Gemüse, ein Kompott und eine halbe Flasche Biliner -Wasser genießen. Und abends könne ich mir eine Fleischspeise, ein -Gemüse +oder+ ein Kompott und, wenn es sein müsse, ein Krügel Pilsner -gestatten. Für diese Beköstigung müsse ich aber fünf bis sechs Stunden -täglich marschieren. Ich versicherte dem Arzte, diesen Vorschriften -nachzukommen, sei für einen Menschen von Willenskraft ein reines -Kinderspiel, und vollends für mich, der ich von jeher mäßig zu leben -gewohnt sei. - -Morgen, gleich morgen, solle ich mit der Kur beginnen, hatte der Arzt -befohlen. Dieser Abend war also noch mein. Ich traf in der Kaiserstraße -einen alten Freund, der mir ein Lokal bezeichnete, in dem er jeden -Abend mit einigen vergnügten Leuten zusammentreffe und wo es ein -vorzügliches Pilsner Bier gebe. »Pilsner Bier hat nämlich eine mild -laxierende Wirkung,« erklärte er mir. Und in der Tat: Pilsner Bier -hatte mir ja sogar mein Arzt gestattet. Außerdem wäre es mir als -unnötige Schroffheit erschienen, die Einladung dieses lieben Menschen -abzulehnen; ich ging also mit und trank einige Krügel. Ich fühlte -wirklich, wie mir immer leichter wurde, und wie auf Flügeln schwebte -ich um Mitternacht nach Hause. - -Um sechs Uhr war ich auf den Beinen, um halb sieben am Brunnen. In -langer Prozession wallten die Kurgäste, jeder ein Glas in der Hand, zur -Quelle. Wo eine Lücke war, wollte ich mich anspruchslos und unauffällig -dem Ganzen einfügen; aber sofort bedeutete mir ein Aufseher, daß ich -mich ganz am Ende anschließen müsse. Nach zehn Minuten kam ich zur -Quelle und erblickte dort ein merkwürdiges Naturspiel: einen Mann, -der fortwährend pumpte und dabei untertänig grüßte. Die Leute, die -pumpen, grüßen sonst ganz anders. Ich erhielt mein wohlgefülltes -Glas, schüttete das vorgeschriebene Salz hinein und setzte es an den -Mund. Mit ungeheurer Spannung kostete ich dies Getränk. Es schmeckte -wie Niedertracht mit Gemeinheit. Es ist mir immer Grundsatz gewesen, -widrige Dinge, die geschluckt werden müssen, mit zugedrückten Augen -und mit einem Schluck und Druck hinunterzusetzen. Aber das war hier -verboten. Zehn Minuten lang solle ich an dem Becher trinken, hatte -der Arzt befohlen. In solchen zehn Minuten büßt man vieles ab. -Freilich macht eine recht gute Kurkapelle Musik dazu. Aber es ist -nicht das Richtige, wenn man Mozarts Champagnerlied mit auf die Weste -herabhängenden Mundwinkeln anhört; es ergibt eine falsche Auffassung, -wenn man sich bei dem Seufzer - - »O--o--o De--li--la!« - -nach dem Bauche greift. Nach dem ersten Glase trank ich ein zweites und -ein drittes. Sehr sinnig schließt das Konzertprogramm regelmäßig mit -einem Galopp. - -Dann kam der anderthalbstündige Spaziergang in die allerdings höchst -anmutige und erfrischende, berg- und waldgeschmückte Umgebung -Marienbads. Der Reiz der unbekannten Landschaft ließ mich die -materiellen Dinge dieser Welt vergessen, bis ich durch ein nahes -Gebüsch das Geklapper von Tassen und Teelöffeln vernahm. Die Umgebung -von Marienbad ist mit verführerischen Cafés geschwängert; »freudig -hingezogen« trat ich ein und bestellte mein Frühstück. Auch hier wurde -Musik gemacht, aber nicht zur Milderung, sondern zur Verschärfung der -Kur. Nach einer äußerst regellosen Carmen-Phantasie wollte ich gerade -mein Ei und meinen Zwieback genießen, als ich inne ward, daß ich sie -schon verzehrt hätte. Mit männlicher Entschiedenheit sprang ich auf und -wanderte meiner Wohnung zu, um ein wenig zu ruhen, ein wenig an meinem -Trauerspiel »Ugolino« zu arbeiten und mich auf das kohlensaure Bad mit -kalter Abwaschung und Massage vorzubereiten. - -Beim Mittagessen saß mir gegenüber ein Mann, der jedes Mitgefühls bar -ein Menü von sechs Gängen aß. Um mich zu kasteien, las ich das ganze -Menü durch, einem Athleten gleich, der, mit Kopf und Füßen auf zwei -Stühlen liegend, sich immer neue Zentnergewichte auf die Brust legt. -Ueber dem Menü stand geschrieben: - - »Ohne weitere Auswahl!!!!!!!« - -Mit sieben Ausrufungszeichen; ich habe sie gezählt. - -»Kann ich für den Kalbsbraten auch was andres haben?« fragte mein -Gegenüber. - -»Aber natierlich!« versetzte der Kellner. - -Da fragte ich mich: Wieviele Ausrufungszeichen macht man in diesem -Lande hinter einem Gesetz, das wirklich unumstößlich ist? - -Den ausfallenden Mittagsschlaf mußte ich nach Anordnung des Arztes -durch eine vierstündige Fußwanderung ersetzen. Sie durfte unterbrochen -werden durch eine Tasse Tee. »Mit einem Zwieback,« hatte der Arzt in -einer Anwandlung von Schwäche hinzugefügt. - -Ich wanderte viereinhalb Stunden, trank ein Glas Kreuzbrunnen und genoß -zu Abend eine Fleischspeise, ein Gemüse +oder+ Kompott und ein Krügel -Pilsner. Gehorsam ist des Christen Schmuck. - -Ein unvergleichlicher Trost in solchen Zeiten der Depression ist -eine gute Hamburger oder Bremer Zigarre. Leider hatte ich mir nur -einen winzigen Vorrat mitnehmen können, weil Zigarren an der -österreichischen Grenze einen ungeheuren Zoll kosten. - -Wie ein artiges Kind schlüpfte ich gegen zehn Uhr ins Bett, und diese -Lebensweise setzte ich fünf Tage lang ohne nennenswerte Schwankungen -fort. Nur hatte ich mir am dritten Tage beim Frühstück gesagt: »Die -paar Tropfen Sahne, die zum Tee serviert werden, könntest du eigentlich -mitnehmen. Zwar: Sahne macht fett. Aber ich erinnere mich vollkommen -deutlich, daß der Arzt nicht gesagt hat: »ohne Sahne«. Der Mann war -sehr genau in seinen Vorschriften; hätte er die Sahne verbieten wollen, -so hätte er es zweifellos getan. Er hat sie also erlaubt, und da ich -mich strengstens nach seinen Vorschriften richten will, so muß ich sie -eigentlich nehmen. Es ist zwar nur ein Fingerhütchen voll; aber es ist -etwas mehr.« Seit diesem Tage nahm ich Sahne zum Tee. - -Als fünf Tage herum waren, sollte wieder gewogen werden. Ich habe in -meinem Leben verschiedene Examina durchgemacht; aber mit so feierlicher -Spannung, mit so freudig-banger Erregung bin ich keiner Prüfung -entgegengegangen wie dieser. Ich schwankte lange, welcher Wage ich -mich anvertrauen solle; endlich trat ich in einen Laden, legte Hut, -Ueberzieher, Handschuhe, Gummigaloschen, Portemonnaie, Taschenmesser, -Uhr und Schlüsselbund ab und bestieg den Schicksalsstuhl. - -»92 Kilo,« sagte die wägende Themis. - -»Den Zettel!« stotterte ich. - -Da stand es schwarz auf weiß: »92 Kilo!« Also ein Gewichtsverlust -von 3,1 Kilo, von 6⅕ Pfund, von 3100 Gramm! Die Tugend hatte ihren -Lohn gefunden; Geist und Wille hatten über die Erdenschwere gesiegt! -»Hurra!« flüsterte ich auf der Straße vor mich hin. »Hurra! Darauf kann -ein vergnügter Abend stehen!« - -Ich suchte meinen Freund auf und das famose Pilsner-Lokal. Ich konnte -mein Glück nicht für mich behalten; ich mußte mich mitteilen, und noch -eh' ich Hut und Mantel abgelegt hatte, rief ich: »Sechs Pfund! Sechs -Pfund verloren! Der ehrliche Finder soll sie behalten! Wie steh' ich -nun da?« - -»Was?« schrie mein Freund. »Sechs Pfund in fünf Tagen? Menschenskind, -sind Sie denn des Deubels? Wissen Sie auch, daß Sie sich dabei den -schönsten Herzklaps holen können?« - -Ich erschrak und griff unwillkürlich nach der Speisenkarte. Mein Auge -fiel auf: Filetbraten mit Makkaroni. Und mir ward, als spräche der -Herr: »Es sammle sich alles Wasser unter dem Himmel,« und mein Mund -wäre der Sammelplatz. »Donnerwetter,« stöhnte ich, »Makkaroni ess' ich -so gern; aber sie setzen Fett.« - -»Nanu?« machte mein Freund, »Makkaroni? Sie sind doch in Italien -gewesen. Wo sieht man schlankere, sehnigere Gestalten als in Italien? -Und das lebt den ganzen Tag von Polenta und Makkaroni.« - -Ich muß gestehen: ich hatte einen Augenblick den Argwohn, daß mein -Freund mich verführen wolle; aber ich schämte mich sofort dieser -häßlichen Regung und bestellte mir Filetbraten mit Makkaroni und -reichlichem Käse. - -Als ich schwankte, ob ich mir ein drittes Glas Pilsner bestellen dürfe, -fragte mich mein Freund: - -»Wieviel hat Ihnen denn Ihr Arzt erlaubt?« - -»Einen Krug,« versetzte ich. - -»Macht vier,« sagte er. - -»Wieso?« - -»Nun, wenn er Ihnen einen gestattet, so nimmt er an, daß Sie zwei -trinken; ein guter Arzt gestattet seinem Patienten aber nur dann zwei -Krüge Bier, wenn er weiß, daß ihm auch viere nicht schaden.« - -»Ja, ein guter Arzt ist er,« rief ich, »er hat auf mich den Eindruck -eines sehr intelligenten und gewissenhaften Mannes gemacht.« - -»Na also!« rief mein Freund, und ich bestellte zunächst das dritte -Glas. -- - -Am nächsten Morgen erschien ich erst um halb neun am Brunnen, weil ich -erst um acht Uhr aufgestanden war. Der Morgenspaziergang fiel daher -aus; das Gefühl der Sättigung aber, das mich noch vom Abend vorher -erfüllte, kam dem Fortgang meines »Ugolino« glänzend zustatten. Die -Zeilen flogen nur so aufs Papier. - -Das Hochgefühl gelungener Arbeit regt wohl bei allen Menschen den -Appetit an. Mein diesmaliges Gegenüber am Mittagstisch verzehrte -ein Riesenstück von einem Karpfen auf böhmische Art. Ich fragte den -Kellner, ob noch ein so gutes Stück da sei, und als er es bejahte, -bestellte ich es. Im übrigen aber hielt ich mich streng an die -Vorschrift und aß nur noch eine Fleischspeise, ein Gemüse und ein -Kompott nebst Brot. Ebenso blieb ich am Abend streng bei meiner -Diät, und wenn ich mir darüber hinaus eine Portion Palatschinken -bewilligte, so wird nur der etwas darin finden, der diese Speise nicht -kennt. Palatschinken sind ganz dünne Pfannkuchen, die mit Kompott -oder Fruchtgelee bestrichen und dann aufgerollt werden. Wenn ich den -Erfinder dieses Gebäcks kennte, so würde ich ihm ein Denkmal errichten, -und wie man Gelehrte, Dichter und Staatsmänner auf ihren Monumenten -wohl mit einer Pergamentrolle darstellt, so würde ich ihm einen -Palatschinken in die Hand geben. Außerdem muß man wissen, wie solche -Sachen in Oesterreich bereitet werden. Ich lobe die österreichischen -Mehlspeisen (die man dort merkwürdigerweise »Müllspeisen« nennt) -grundsätzlich, weil, wer das unterläßt, beim nächsten Wiederbetreten -des Landes als lästiger Ausländer ausgewiesen wird; aber ich lobe sie -auch aus innerster Ueberzeugung. Sie werden selbst von den Hamburger -Köchen nicht erreicht -- ~sapienti sat~. - -So lebte ich abermals fünf Tage in Fasten und Kasteiungen dahin, mir -nur hin und wieder einen kleinen Seitensprung gestattend, um das allzu -schnelle Entfettungstempo wohltätig zu verlangsamen. Der »Herzkollaps« -stand mir als warnendes Gespenst vor Augen. Dabei war ich so intensiv -mit meiner Arbeit beschäftigt, daß ich mir beim Frühstück aus reiner -Zerstreutheit zwei Eier oder Butter oder Schinken, einmal sogar -alles zugleich kommen ließ und in Gedanken verzehrte. Am zehnten Tage -schritt ich fröhlich zur Wage. Nach meinem Spiegelbilde und meinem -Allgemeingefühl schätzte ich meine Gewichtsabnahme auf drei Pfund. Das -Resultat lautete: »94,5 Kilo.« - -»Sie müssen sich irren!« rief ich. - -»Bitt' schön, schauen der Herr selbst nach,« sagte der Mann und gab mir -den Zettel. - -»Dann ist Ihre Wage nicht richtig!« - -»Bitt' schön, das ist die genaueste Wage in ganz Marienbad.« - -Gewogen und zu schwer befunden, ein umgekehrter Belsazar, verließ ich -wankend das Haus. Ich ging in eine Buchhandlung und kaufte mir das -Heft: »Wie werde ich energisch?« und begann meine Kur von vorn. - -Ich trank Brunnen, daß ich zeitweilig an der fixen Idee litt, ich -sei ein Rohr der städtischen Wasserleitung; ich knabberte morgens -meinen einsamen Zwieback und scherzte dazu blutenden Herzens mit -der appetitlichen Kellnerin, »ich kroch durch alle Krümmen des -Gebirgs«, die in der Umgegend Marienbads aufzufinden sind, »den -Durst mir stillend mit der Gletscher Milch, die in den Runsen -schäumend niederquillt,« und schwitzte, oder, wie der Gebildete -sagt: transpirierte, daß man die ~disjecta membra poetae~ in der -ganzen Gemarkung hätte zusammenlesen können. Beim Mittagessen saß -ich mit niedergeschlagenen Augen wie eine züchtige Pastorentochter, -um die andern nicht essen zu sehen; denn, weiß der Teufel, obwohl -ich jeden Tag anderswo saß, immer hatte ich zum Gegenüber einen -Schlemmer und Fresser, der einen Rekord brechen zu wollen schien. -Eine Tochter, die mir in diesen Tagen schrieb, daß man zu Hause eine -»großartige« Aalsuppe mit Schwemmklößen gegessen habe, verstieß ich -auf telegraphischem Wege. Mein »Ugolino« rückte natürlich nicht von -der Stelle. Meinem »Freunde« wich ich, wenn ich ihn von weitem sah, -in größtmöglichem Bogen aus. Ja, dieser »Freund«, er konnte lachen; -er war ein »hagerer Wollüstling« wie Calcagno, »Bildung gefällig und -unternehmend«; er konnte machen, was er wollte, er war und blieb -geschmeidig wie ein Rapier. Man klagt ein langes und breites über -die ungleiche Verteilung des Besitzes, über die ungleiche Verteilung -der Geistesgaben, über die ungleiche Verteilung von Schönheit und -Körperkraft; aber gibt es eine schreiendere Ungerechtigkeit, als daß -Menschen jahraus, jahrein Diners von fünfzehn Gängen mit zugehörigen -Weinen und Likören vertilgen, ohne auch nur um die Dicke eines -Lindenblättchens zuzunehmen? Muß einen nicht ein darmzerfressender -Neid durchwühlen, wenn man das ansieht und um jeden elenden -Kartoffelschmarrn ein Pfund schwerer wird? - -Das Traurigste in diesen dunklen Tagen war, daß meine heimischen -Zigarren alle geworden waren. In Oesterreich werden die Zigarren von -der Regierung gedreht. Sie werden aus einem tabakähnlichen Stoffe -verfertigt (ich halte es für eine Art Baumwolle), sind nicht billig, -brennen aber vorzüglich und riechen nicht. Man kann sie Säuglingen -geben, die die Muttermilch nicht vertragen. Der österreichische -Patriot pflegt seine Zigarren zu verteidigen, indem er sagt: »Ja -freilich, unsere Zigarren taugen nichts; aber das ist das Gute am -Monopol: man kriegt sie in der ganzen Monarchie, auch im kleinsten -Dorf, in der nämlichen Qualität!« Uebrigens stimmt das nicht einmal; -denn in den kleinen Spezereigeschäften auf den Dörfern werden sie -gewöhnlich zwischen Petroleum und Chlorkalk aufbewahrt, und dann -riechen sie. Freilich halten sie auch dann keinen Vergleich aus mit -den italienischen Zigarren. Aus einer Zigarre in Venedig roch ich -einmal Seife, Zimt, Gorgonzola, Buchdruckerschwärze, ranziges Oel, -Rhabarbertropfen, Kaffee und muffig gewordene Spaghetti heraus. An der -Schweizer Grenze fragte mich ein Zollbeamter, ob ich auch italienische -Zigarren im Koffer hätte. »Herr!« rief ich außer mir. »Wie kommen Sie -dazu, mir Perversitäten zuzumuten?!« - -Warum ich mir keine Zigarren von Deutschland hereingeschmuggelt hatte? -Ich halte mich nicht für berechtigt, einen Staat, mit dem wir einen -Dreibund geschlossen haben, in seinen Finanzen zu schwächen. Offen -gestanden, hatt' ich's auch vergessen. - -An einem dieser Tage, von denen schon die Koheleth sehr richtig -bemerkt, daß sie uns nicht gefallen, stand ich gedankenvoll vor dem -Stadt- und Posthause, noch beschäftigt mit einem Brief, in dem mir -Weib und Kinder ihre Verlassenheit klagten. Wie gern wäre ich zu ihnen -geeilt, wenn nicht Pflichten gegen das schnöde Fleisch mich an diesen -Marterort gebannt hätten. Da fiel eine Hand auf meine Schulter, und -neben mir stand mein Freund Calcagno. - -»Famos, daß ich Sie treffe!« rief er, »gerade wollt' ich Ihnen -schreiben. Also morgen um drei Uhr kommen ein paar nette Kerle zu mir -zu einem einfachen Mittagessen. Tun Sie mir die Liebe, mit von der -Partie zu sein!« - -Ich kannte seine »einfachen Mittagessen«; Lucullus war Kasernenküche -dagegen. Ich lehnte ab unter Hinweis auf meine Kur. - -»Aber, Teuerster, Ihre Kur soll nicht das geringste darunter leiden! -Lauter leichte Sachen! Schließlich brauchen Sie ja nur zu essen, was -sich mit Ihrer Kur verträgt! Und wenn Sie nicht wollen, essen Sie gar -nichts! Wenn Sie nur dabei sind!« - -Ich bemerkte noch einmal mit vor Entschlossenheit bebender Stimme, daß -ich fest bleiben müsse. - -»Aber jeder vernünftige Arzt gestattet doch Ausnahmetage; er schreibt -sie sogar vor. ›Meide die Gewohnheit,‹ sagt Schweninger, ein Mann, -der Bismarck entfettete! Wenn Sie sich an diese Lebensweise gewöhnen, -werden Sie dick statt mager. Es ist eine bekannte Beobachtung, daß -Sträflinge sogar bei der Zuchthausmenage fett werden --« - -»Sie haben recht!« rief ich im frohen Gefühl, eine neue Wahrheit -gefunden zu haben. »Ich komme; ich komme bestimmt!« - -»Na bravo! Das ist ein Manneswort. Sie werden sehen, es wird nett!« - -O, ob es nett wurde! Es gab Kaviar, getrüffelte Gänseleber, Brüsseler -Poularde, Langusten, Zungenragout, Sorbet usw. usw. Dazu 68er -Stefansberg, 93er Hattenheimer Bildstock, 69er Lafitte Schloß-Abzug, -47er Yquem, ganz alten Heidsieck; kurz: Weine von einem unglaublichen -Innenleben und von einem Alter, daß man bei jedem Glase unwillkürlich -nach dem Kopfe griff, um ehrerbietig den Hut abzunehmen. Und zu -jedem Gericht und jedem Wein gab der Wirt nicht ohne Scharfsinn eine -überzeugende Erklärung, warum und inwiefern sie kurgemäß wären. Von dem -alten Heidsieck zu trinken, verbot mir gleichwohl meine Selbstzucht. - -»Auf Sekt will ich denn doch lieber verzichten,« erklärte ich und hielt -die Hand übers Glas. - -»Warum denn gerade auf Sekt?« rief Calcagno mit grenzenlosem Erstaunen. -»Alle Rennpferde kriegen Sekt! Haben Sie schon einmal ein korpulentes -Rennpferd gesehen?« - -Für streng logische Schlüsse habe ich immer eine Schwäche besessen; ich -zog meine Hand zurück. -- -- - -Andern Mittags, als ich aufgestanden war, schlenderte ich über die -Kreuzbrunnenpromenade und entdeckte dort eine automatische Wage mit der -Ueberschrift: »Wieviel wiegen Sie?« Ich fand diese Frage zwar etwas -dummdreist; aber ich konnte ihr doch nicht widerstehen, stieg auf, -steckte 20 Heller in den Schlitz und konstatierte 94 Kilo. - -Also das war nun der ganze Erfolg nach drei Wochen des Darbens, -Kurierens und Kasteiens! Ein ganzes Kilogramm! - -Halt -- an dem Automaten befand sich auch eine Tabelle, nach der man -genau feststellen konnte, wieviel man wiegen dürfe. Ich fand, daß -meiner Körperlänge ein Gewicht von 65 Kilo angemessen wäre. Also -hätte ich 30 Kilo zu viel, und sie zu beseitigen, forderte 90 Wochen -Marienbad! Es war doch geradezu lächerlich, solch einen Ort für -Entfettungskuren zu empfehlen! - -Ebenso lächerlich war übrigens diese Tabelle. Als ob man so rein -mechanistisch die Leibesstärke eines Menschen vorschreiben könnte, -als ob sie nicht individuelle Bestimmung wäre wie meine Augen, meine -Stimme, meine Hand, mein Temperament! Ich ging die Reihe meiner Ahnen -durch bis ins 15. Jahrhundert -- soweit ich sie kannte, waren sie -meistens oder doch großenteils wohlbeleibt gewesen. Es war also meine -Bestimmung, dick zu sein. Was wußten die Aerzte von meiner Bestimmung! -Gewiß war es vernünftig und geraten, einem Uebermaß vorzubeugen. Das -wollt' ich ja auch, tat ich ja auch! Aber wie weit man gehen darf, das -kann kein Automat und kein Arzt bestimmen; das muß man selbst fühlen. -Ein vernünftiger und leidlich gebildeter Mensch soll sein eigener Arzt -sein. - -Danach beschloß ich nun zu handeln, und da gerade mein Geburtstag war, -aß ich ein Gericht Knödel, wie ich sie so sehr liebe. Ich wußte wohl, -daß ich nach diesen Knödeln wieder Gewissensbisse fühlen würde; aber -Gewissensbisse machen mager, und so wurde die gewünschte Wirkung auf -einem Umwege doch erzielt. - -Hartnäckig wie ich in der Verfolgung eines einmal gesteckten Zieles -bin, setzte ich bis zum Ende meines Aufenthalts meine Kur ohne -Unterbrechung fort. Daß ich mich für das Diner meines Freundes -revanchierte, ist selbstverständlich. Ich konnte mich unmöglich -einladen lassen, ohne wieder einzuladen. Um Exzessen vorzubeugen, gab -ich indessen kein Diner, sondern nur ein Frühstück; daß meine Gäste -erst nach Mitternacht aufbrachen, ist nicht meine Schuld; ich konnte -sie doch nicht fortschicken. - -So hatte sich denn unter den Mitgliedern dieses Kreises ein höchst -erfreuliches Verhältnis herausgebildet, und dieses harmonische -Einvernehmen fand in einem Abschiedsessen, das die Herren mir am Abend -vor meiner Abreise gaben, seinen natürlichen Ausdruck. Die Herren -überhäuften mich mit Aufmerksamkeiten jeglicher Art; sie hatten ein -Menü zusammengestellt, das ausschließlich aus meinen Lieblingsspeisen -bestand, und wollten es sich nicht nehmen lassen, mich von der -Festtafel direkt an den Zug zu begleiten. Ich nahm dies Anerbieten mit -Vergnügen an, ließ mich aber selbstverständlich durch allen Jubel und -Trubel in meinem Pflichtgefühl nicht beirren. Unter dem Vorwande, daß -ich mir noch Handschuhe kaufen müsse, trat ich auf dem Wege zum Bahnhof -in ein Handschuhgeschäft mit allein richtiger Personenwage. Ich legte -alles ab: Hut, Mantel, Taschenmesser usw., nur nicht das Portemonnaie --- es war von keinem Belang mehr -- setzte mich in den Stuhl und -machte mich so leicht wie möglich. - -»95,3 Kilo!« - -Das »weitbeschreyte« altberühmte Marienbad hatte mir also nicht -nur nichts geholfen; es hatte mir zu meiner Fülle noch 200--300 -Gramm hinzugebürdet. Und auf diesen Schwindel war selbst ein Goethe -hineingefallen! - -Daheim schilderte ich meinen Freunden bis ins Einzelne hinein die -Marienbader Kur und ihre Vorschriften. - -»Und das hast du vier Wochen lang befolgt?« riefen sie wie aus einem -Munde. - -»Im großen und ganzen -- und im wesentlichen ja!« versetzte ich mit -einer großen und runden Armbewegung. - -Warum die Kerle sich in die Rippen stießen und mein bester, treuester -Freund sogar laut herausprustete, ist mir noch heute ein Rätsel. - - - - -Die Ziege - - -Die Sache begann sehr harmlos. Als ich vor Jahren einmal mit Roswithen -spazieren ging, fragte sie mich: »Vater, magst du gern Ziegen leiden?« - -Ich kann eigentlich nicht behaupten, daß ich die Reize der Ziegen -überwältigend finde; es sind ja auch nicht gerade die schönsten und -liebenswürdigsten Damen, die man als Ziegen bezeichnet. Ich antwortete -also langsam, gedehnt und ohne jeden Schwung: - -»Nun jaaa -- hm, -- wie man's nimmt -- warum nicht?« - -»Ich schrecklich gern!« seufzte Roswitha. »So kleine junge Ziegen find' -ich reizend!« - -Ja, wenn sie noch klein sind, sind sogar die Menschen reizend. Dachte -ich, sagte ich natürlich nicht. - -Damit schien dieses Thema erschöpft. - -Wir hatten damals nur einen recht kleinen Garten, in dem freilich ein -paar alte mächtige Bäume standen, eben deshalb aber Gras und Kräuter -nur kümmerlich gediehen. - -Nach Monaten spazierten wir durch einen wunderschönen, riesengroßen -Park, einen Park, dessen sich der reichste König nicht zu schämen -brauchte, einen Park wie ein kleines Fürstentum, mit Hügeln und Tälern, -Teichen und Tempeln, Rosenlauben und Wiesen. - -»Vater,« fragte Roswitha, »wenn der Mann, dem dieser Park zugehört, dir -ihn abverkaufen wollte -- kauftest du ihn denn?« - -»Nein,« versetzte ich mit großer Klarheit. Ich wußte wohl, warum. - -»Aber wenn er ihn dir schenken wollte -- nähmst du ihn denn?« - -»Ja,« versetzte ich mit erhöhter Klarheit. Falsche Scham schien mir -hier nicht am Platze. - -»Ich auch!« rief Roswitha triumphierend. »Und weißt, was ich denn täte?« - -»Hm?« - -»Denn kaufte ich mir 'ne süße kleine Ziege, und die ließ' ich auf der -Wiese grasen. Denn hat sie doch genug zu essen, nicht?« - -»Ich denke doch.« - -Wir wurden durch den Schrei eines radschlagenden Pfauen abgelenkt, -und ich machte keine Anstrengungen, das verlassene Thema wieder -aufzunehmen. Und Roswitha schien zu fühlen: Für heute ist es genug. Man -soll nichts forcieren. - -Die Lektüre seiner Kinder kann man nicht sorgfältig genug überwachen. -Ich hatt' es daran fehlen lassen: Roswitha erwischte eine Geschichte -mit einer Ziege darin. Es war »Heidi« von Johanna Spyri, gewiß eine -nette Geschichte, wenn keine Ziege darin wäre, und wenn die nicht noch -obendrein »Schneehöppli« hieße. Durch Namen fixieren wir die Begriffe, -nageln wir sie in unserm Gedächtnis fest. Nun hatte Roswithens -Sehnsucht einen Namen: »Schneehöppli«; nun saß die Sehnsucht fest. - -»Wenn ich verheiratet bin, dann kann ich doch tun, was ich will, nicht?« - -Sie nahm mein Schweigen für Bejahung. - -»-- und wenn ich denn Ludwig heirate, denn kauf' ich mir 'ne Ziege, -und die soll »Schneehöppli« heißen. Wenn ich Fritz heirate, der will -drei Kinder haben; aber wenn ich Ludwig heirate, der will keine Kinder -haben, denn schaff' ich uns 'ne Ziege an.« - -Von Zeit zu Zeit rückte der Termin des Ziegenkaufes ein tüchtiges -Stückchen vor. »Wenn ich groß bin, denn kauf' ich mir --« und so -weiter. -- - -»Wenn ich nicht mehr zur Schule gehe und 'n ganzen Tag frei habe, denn -kauf' ich mir --« und so weiter. - -Roswithens ältere Schwester Herta verdiente seit einiger Zeit Geld. -Das kam so. Meine Frau und ich sind übereinstimmend der Meinung, daß -selbst eine sauber gespielte Sonate von Beethoven und die Fähigkeit, -»~Comment vous portez-vous~« und »~I am very glad to see you~« und -solche gebildeten Dinge zu sagen, für den Lebenskampf eines Weibes -nicht ganz ausreichen. Unsere Töchter lernen deshalb einen richtigen -Beruf, und Herta interessierte sich lebhaft für den Haushalt. Sie -trat bei ihrer Mutter in die Lehre und mußte von der Pike auf dienen, -wenn man das Gerät, mit dem der Fußboden gescheuert wird, eine Pike -nennen kann. Sie bekam den Namen »Minna«, wurde mit »Sie« angeredet und -erhielt fünfzig Taler Lohn ~pro anno~, und abgesehen davon, daß sie -öfters der Herrschaft gegenüber einen etwas vertraulichen Ton anschlug -und gelegentlich den Hausherrn küßte, füllte sie ihre Stelle redlich -aus. - -»Wenn ich so groß bin wie Herta,« sagte Roswitha, »denn dien' ich auch -bei euch, und denn verdien' ich auch Geld, und denn kauf' ich mir 'ne -Ziege.« Sie mochte sich vorstellen, daß eine Ziege so einige tausend -Mark koste, und wir hüteten uns schwer, dieses wohltätige Dunkel -aufzuhellen. - -Gelegentlich vertauschte Roswitha die direkte Methode mit der -indirekten. Sie redete dann nicht zu den Eltern, sondern zu den -Geschwistern von Ziegen, natürlich nur, solange mindestens eines der -Eltern in Hörweite war. Sie schilderte in lebendigen Farben das Werden -und Wachsen, das Leben und Treiben, das Springen und Meckern -- kurz: -der Ziegen über alles bezaubernde Schönheit und Anmut. Gelegentlich -streifte mich von unten herauf ein forschender Blick, den ich auch dann -sah, wenn ich sie nicht anblickte, den ich mit jenen Augen wahrnahm, -die man im Rücken und an beiden Seiten hat. - -Als einmal wieder die Weihnacht nahe war, kam es zu einem kleinen -Vorpostengefecht. Roswitha wurde nach ihren Wünschen gefragt. - -»Mein höchster Wunsch ist ja natürlich 'ne Ziege; aber --« - -»Aber, Liebling,« rief meine Frau, »wie sollen wir denn hier in der -Stadt eine Ziege halten! Wenn wir so ein Tierchen anschaffen, muß es -doch auch sein Recht haben! Wo sollen wir's denn unterbringen!« - -»Hm,« machte Roswitha mit nachdenklichem Gesicht, »in der Küche kann -sie ja nicht sein.« - -»Nein,« erklärte meine Frau entschieden, »in der Küche kann sie nicht -sein!« Dieser Versuchsballon war geplatzt. - -»Das arme Tierchen würde sich gar nicht wohl fühlen bei uns,« -versicherte meine Frau. - -Damit hatte sie die richtige Stelle in Roswithens Herzen getroffen. -Nein, wenn es sich nicht wohl fühlte, dann ging's nicht, das sah -sie ein, sah sie wenigstens für einige Monate ein. Länger dauern -menschliche Einsichten ja selten, weil inzwischen das Zuckerrohr der -Wünsche wieder mächtig herangewachsen ist. - -Unglücklicherweise mußte sie über den Robinson geraten. Hatte Heidi -eine Ziege gehabt, so hatte Robinson eine ganze Insel voll wilder -Ziegen, aus denen er sich nur aussuchen konnte. Ich bin überzeugt, der -arme Verschlagene erschien ihr als der beneidenswerteste der Menschen, -weil er in Ziegen förmlich schlampampen konnte. - -Und dann kaufte ich ein Haus auf dem Lande, und noch eh' wir's beziehen -konnten, fuhren wir täglich hinaus und erquickten uns an der frischen, -unverbildeten Natur, an den duftenden Hainen und Hecken, an den -saftiggrünen Wiesen, auf denen man endlich einmal wieder unbekleidetes -Rindvieh sah. Und endlich nahmen wir Besitz von dem Hause und dem -stattlichen Garten, der vier mehr oder minder ansehnliche Rasenplätze -aufwies. Wenn Roswitha jetzt mit ihren Geschwistern von Heidi, -Robinson, Polyphem und ähnlichen Glückspilzen sprach, dann hatten ihre -Blicke etwas Bohrendes, Sengendes; sie gingen durch Rock und Hemd bis -auf die Haut, wie die Sonnenstrahlen aus einem Brennglas. - -Um ein Ende zu machen, schenkten wir ihr einen Dackel namens Männe. -Einen Hund zu beherbergen, zu pflegen und zu zügeln, dazu reichten -unsere Erfahrungen und tierpädagogischen Talente allenfalls aus. Dieser -Dackel verschaffte uns endlich Ruhe. Das klingt zwar widerspruchsvoll, -ist aber doch richtig; die Seele hatte Ruhe. - -Ruhe für ein Jahr und fünf Monate. Dann wurde uns klar und klarer, -daß Hunde nur als eine Abschlagszahlung auf Ziegen anzusehen -sind. Vielmehr: Roswitha betrachtete Männe nur als die Summe der -aufgelaufenen Zinsen; der Wechsel war so unbezahlt wie je. - -Ein Unglücksbengel aus dem Dorfe mußte ihr eines Tages erzählen, er -könne ihr eine kleine Ziege für eine Mark fünfzig verkaufen. - -Aufgelöst kam Roswitha nach Hause. - -»Vater! Mutter! 'ne Ziege kostet bloß eine Mark fünfzig! Ich hab' ja -fünf Mark in mei'm Spartopf; darf ich mir eine holen?« - -»Liebe Roswitha, es ist nicht wegen der Mark fünfzig; eine Ziege -braucht doch auch einen ordentlichen Stall, und den haben wir nicht, -können wir in unserm Garten auch gar nicht anbringen.« - -Damit war auch dieser Angriff abgeschlagen. - -Eine Woche später, auf einem Spaziergange, zwang sie mich plötzlich, -meinen Schritt anzuhalten. - -»Vater, möchtest du dies Haus haben?« - -»Nicht geschenkt!« versetzte ich mit Nachdruck. Es war eine sogenannte -»Villa« im denkbar schauerlichsten Maurermeisterstil. - -»Ich möcht' es haben!« hauchte sie sehnsuchtsvoll. - -»Nanu?« rief ich. Ich sah mir unwillkürlich den Zementphantasieschrank -noch einmal an. »Warum denn?« - -»Dahinter ist 'n Stall,« sprach sie andachtsvoll. - -Das Verhängnis ging seinen Gang wie in einem Schicksalsdrama. -Nachbarkinder, mit denen Roswitha gelegentlich spielte, bekamen eine -Ziege zum Geschenk. - -Das hatte ein Gutes: wenn Roswitha weder im Hause noch im Garten zu -finden war, wir brauchten uns nicht zu ängstigen, wir brauchten nur zu -der nachbarlichen Ziege zu gehen, da war sie. Sie mußte von der Ziege -weg zum Essen, sie mußte von der Ziege weg ins Bett geschleift werden. - -Und eines Morgens beim Frühstück begann sie: - -»Vater, ich weiß was. Unten im Keller haben wir doch so 'ne große -Bücherkiste, nicht?« - -»Ja!« - -»Da machen wir einfach 'ne Tür hinein, und denn ist das 'n Ziegenstall.« - -Da riß mir die Geduld. - -»Roswitha,« sagte ich ernst, »nun hörst du endlich auf mit deiner -Ziege, nun hab' ich's satt. Du bekommst keine Ziege, und damit basta. -Schrumm!« - -»Schrumm« hätte ich vielleicht nicht sagen sollen; es paßt nicht in den -Ernst eines Ultimatums. - -Aber die Absage wirkte. Roswitha sprach weder von Stall noch Ziege -mehr, nicht einmal andeutungsweise, nicht einmal zu den Geschwistern. -Sie ging fortan still einher, aber nicht etwa traurig, nicht etwa -gedrückt, nein, nur mit der stolz zusammengerafften Kraft eines -Entsagenden, der das Unvermeidliche trägt, weil es getragen werden -muß, und sich für die verlorenen Freuden der Welt durch gesteigertes -Innenleben entschädigt. - -Es war ja vielleicht etwas hart von mir, ihr die Erfüllung ihres -sehnlichsten Wunsches zu versagen. Aber meine Frau sowohl wie ich -haben nach Begabung und Lebensgang so entsetzlich wenig mit Viehzucht -gemein, daß wir uns geradezu davor fürchteten, uns so ein Geschöpf -auf den Hals zu laden. Und schließlich soll man seinen Kindern doch -auch nicht jeden Wunsch erfüllen. Sie werden ja schon ohnedies viel zu -sehr verwöhnt. Es kann ihnen gar nichts schaden, wenn sie einmal mit -ungestümer Nase gegen eine verschlossene Tür rennen. Das Leben wird -ihnen mehr solcher Türen zeigen. Roswitha schien durch ihren Verzicht -gesetzter, ihre Augen, ihr ganzes Gesicht schien seelenvoller geworden -zu sein. - -Meine Frau und ich kamen spät in der Nacht aus fröhlicher Gesellschaft -heim und wollten uns eben zur Ruhe begeben, da sahen wir auf dem -Nachttischchen einen Brief liegen. Auf dem Umschlag stand: »An Mammi -und Pappi« von Roswithens Hand. Wir öffneten und lasen gemeinsam: - - »Meine süßen geliebten Wonne-Eltern bitte bitte schenkt mir - doch eine ganz kleine Ziege, ich will auch gar nichts zu meinem - Geburztag und zu Weinachten haben und ich will mir auch schrecklich - Mühe in der Ortografi geben, Du sollst sehen, Mammi, wenn ich groß - bin, schreib' ich gans richtich, und ich will auch ein guter - Mensch werden und garnicht mehr heftig und jezornig sein. Ich - bitte euch so schrecklich, schenkt mir 'ne Ziege, wenn Mutti mich - unterrichtet denk ich immer blos an die Ziege. Tausend Billionen - Küsse von eurer - - Roswitha.« - -Was soll ich weiter sagen -- am nächsten Morgen bewilligten wir die -Ziege. Die Wirkung war von ungeahnter Art. Roswitha wollte auf uns -zueilen; aber plötzlich warf sie sich auf einen Stuhl und brach in ein -herzbrechendes Schluchzen und Wimmern aus. - -Entsetzt liefen wir hinzu: »Was ist denn? Was fehlt dir, Kind?« - -»Uuhuhuhuu, ich freu' mich so -- ich freu' mich so, uuhuhuhuuu!« - -Solange sie um ihre Ziege gerungen hatte, hatte sie nie -- das mußte -man ihr lassen -- hatte sie nie versucht, durch Tränen auf meine -Stimmung zu drücken. Jetzt brach die aufgestaute Flut mit Allgewalt -hervor. - -Sobald sie sich beruhigt hatte, machte sie sich auf den Weg, um den -Jungen mit der Fünfzehn-Groschen-Ziege zu suchen. Sie fand ihn auch, -und er verpflichtete sich hoch und heilig, am folgenden Tage die Ziege -zu liefern. Wenn die folgende Nacht ihr die Wiesen des Traumes zeigte, -so waren sie gewiß alle, alle voll Ziegen. - -Der folgende Tag kam, aber mit ihm kein Junge und keine Ziege. Sie -harrte geduldig bis in den sinkenden Abend und sagte dann: »Na, er hat -wohl keine Zeit gehabt: er kommt morgen gewiß; er hat es mir ganz fest -versprochen.« - -Allein der meineidige Bube kam auch am folgenden Tage nicht. Roswitha -suchte ihn durchs ganze Dorf, viele Stunden lang, aber vergebens; nach -seiner Wohnung hatte sie im Taumel der Freude nicht gefragt. Sie ging -schweigend zu Bett; aber als meine Frau sie in der Frühe weckte, war -ihr Kopfkissen naß von Tränen. - -»Hast du heute nacht geweint, Kind?« fragte die Mutter. - -»Ich weiß nicht,« antwortete Roswitha. Sie wußte es wirklich nicht. - -Inzwischen war ein provisorischer Stall gezimmert worden, und es -war die Nachricht eingetroffen, ein Bauer im Dorfe habe Ziegen zu -verkaufen. Da zogen Herta, Roswitha und Männe mit einem Blockwagen aus, -um eine Ziege zu suchen, und fanden ein Königreich. Eine gute halbe -Stunde später -- Männe als Läufer mit fliegender Zunge vorauf -- hielt -Höppli (so wurde er der Kürze wegen genannt), von den beiden Mädeln -gezogen, im Triumphblockwagen seinen Einzug. +Seinen+ Einzug; Höppli -war nämlich ein kleiner Bock. - -Ich muß gestehen, daß mich bald ein Reuegefühl über meine lange, -hartnäckige Weigerung ergriff. Es war ein schneeweißes und wirklich -allerliebstes Tierchen; Roswitha hängte ihm ein seit Jahren bereit -gehaltenes, gesticktes Halsband mit einem Glöckchen um, und in seinen -Sprüngen war der ganze, entzückend ahnungslose Humor eines jungen -Mannes. Und wenn Roswitha das Tierlein auf den Schoß nahm und ihm die -Saugflasche gab, und Männe die vorbeifließenden Tropfen leckte, dann -versammelte sich nicht nur die ganze Familie zu dieser feierlichen -Handlung, nein, die Leute auf der Straße blieben staunend stehen und -riefen: »Nein, wie ist das reizend!« Dann sprang Roswithas Herz genau -wie das Böcklein. - -Wenn aber Höppli durch die Straßen spazieren sprang, dann folgte ihm -ein Ehrengeleite von 23 Nachbarskindern, ganz wie bei einem Kaiser -oder König, und besonders dekorativ wirkte Peter Petersen in Helm -und Panzer der Gardekürassiere und mit dem Daumen im Munde. Höppli -war die Sensation der Straße, war der Clou der Saison, und als das -23er-Kollegium erklärte, Höppli sei noch viel schöner als jene -Nachbarsziege, die inzwischen eine alte Ziege geworden war, da stand -Roswitha auf dem Gipfel ihres Glückes. - -Indessen: Roswitha hatte täglich drei oder vier Stunden Unterricht bei -der Mutter, mußte außerdem Klavier spielen, gelegentlich zum Turnen -oder Zeichnen gehen und auch sonst allerlei außer dem Hause besorgen. -Es fiel Höppli nicht im Traume ein, sich das stillschweigend gefallen -zu lassen; er verlangte Gesellschaft. Zwar widmete Männe sich ihm mit -der weisen Nachsicht und Güte eines gereiften Pädagogen; aber Höppli -verlangte Damengesellschaft. Und wenn die nicht da war, so begann er -augenblicklich in Zwischenräumen von vier Sekunden zu meckern. Das -fanden wir während der ersten zehn Minuten furchtbar komisch, während -der zweiten langweilig, während der dritten lästig und während der -vierten zum Rasendwerden. Und Höppli wuchs, und mit ihm wuchs seine -Stimme. An der Hand meines Chronometers stellte ich fest, daß er 15 -mal in einer Minute meckerte, das macht in der Stunde 900; wenn man -täglich nur sechs Stunden des Alleinseins rechnete, für den Tag 5400, -für die Woche 37800 mal. - -Die Klavierstunden mußten abgebrochen werden; ein Musizieren war -natürlich nicht möglich. Meine Frau mußte mit ihrer Schülerin in den -bombenfesten Vorratskeller flüchten. Ich zog mich, um arbeiten zu -können, ins hintere Turmzimmer zurück, allein vergeblich; wenn ich -auch physisch kein Meckern vernahm, mein inneres Ohr hörte pünktlich -jede vierte Sekunde ein deutlich vernehmbares »Mäh!« Drei lyrische -Produkte dieser Zeit kamen tot zur Welt; ein Roman starb als Embryo, -ein Trauerspiel bereits im Keime. Nicht jeder Bocksgesang wird zur -Tragödie: das hatte ich schon vorher an der erotischen Dramatik unserer -Tage wahrgenommen. - -Aber das alles war noch Kinderspiel. Hübsch wurde es erst, als die -Nachbarschaft -- und mit Recht -- sich empörte. Der Nachbar zu unserer -Linken holte sein Grammophon, das er mir zu Gefallen eingewickelt -hatte, wieder hervor, stellte es ans offene Fenster und ließ es -zehnmal stündlich »Das Herz am Rhein« singen. Ein anderer brannte -allabendlich Kanonenschläge ab, die sehr gut gearbeitet sein mußten. -Ein dritter, der ein fabelhaft stimmbegabtes Baby hatte, stellte es -in seinem Kinderwagen hart an den Zaun meines Gartens. Es schrie -etwas abwechslungsvoller als der Ziegenbock, und das erfrischte -vorübergehend; aber auf die Dauer wurde es doch eintönig und so lästig, -daß ich verzweiflungsvoll zu meiner Frau sagte: - -»Jetzt haben wir uns gefreut, daß wir kein Babygeschrei mehr um die -Ohren haben; aber wenn's doch den ganzen Tag brüllt, dafür können wir -selbst eins haben!« - -»Ja,« sagte meine Frau. - -Ich hätte ja das Tier während der Nacht heimlich wegbringen und am -Morgen sagen können, es sei entlaufen; aber vor den Augen eines Kindes -Komödie spielen -- das ist schwer und schlimm. Es war auch nicht nötig: -Roswitha hatte bereits eingesehen, daß Höppli sich durch sein Benehmen -unmöglich mache. Eine ihrer Freundinnen erklärte sich mit Freuden -bereit, das Böcklein zum Geschenk zu nehmen -- kein Augenblick meines -Lebens hat mich freigebiger gefunden. Unverzüglich wurde Höppli zur -Bahn befördert; wer schnell gibt, gibt doppelt. - -Als aber durch den Novembernebel von weitem das Weihnachtsfest -herandämmerte, da schrieb Roswitha auf ihren Weihnachtswunschzettel: - - Ein Kaleidoßkob. - Ein Indianer-Anzug. - ×××××××Das Versprechen, das ich im Sommer - wieder auf 14 Tage eine Ziege - haben darf. - -(Die sieben Kreuze sollten diesen Wunsch entsprechend hervorheben.) - -Ueber eines bin ich vollkommen beruhigt: Dieses Kind wird in seinem -Leben etwas erreichen, wenn auch vielleicht keine vollkommen tadellose -Orthographie. - -Und über noch eines bin ich mir vollkommen klar: Sie ist ein Weib. -Wenn es nicht ohnedies feststünde -- ihr Kampf um die Ziege macht ihre -Weiblichkeit evident. Ich habe erwogen, ob ich diese kleine Geschichte -nicht überschreiben solle: - - »+Die Ziege+« oder »+Das Weib+«. - -In Roswithen ist jenes Weibliche der Lady Macbeth, das einen rauhen -Kriegsmann herumkriegt, jenes Weibliche der Gräfin Terzky, das ein Loch -in einen Wallenstein bohrt, jenes Weibliche der Kriemhild, das einen -Attila bezwingt. Gewiß: Roswithens gutes, weiches Herz wird niemals zum -Hochverrat, wird niemals zum Königs- und Burgundenmord aufstacheln; -aber »formal« ist sie eine Lady Macbeth. Natürlich ist ihre Weibnatur -noch unentwickelt. Sie würde noch unumwunden zugeben, daß sie sich -sehnlichst eine Ziege gewünscht habe. Ein vollkommenes Weib wird -sie erst dann sein, wenn sie auf die entsprechende Vorhaltung weit -aufgerissenen, starr blickenden Auges und nach zehn Sekunden staunenden -Verstummens ausrufen wird: - -»+Ich+ mir eine Ziege gewünscht? +Ich+? Aber keine Idee, Liebling! Wie -kommst du nur darauf?!« - - - - -Die späte Hochzeitsreise - - -Als sie sieben Jahre verheiratet waren, machten sie ihre -Hochzeitsreise. Es ging nicht eher. Sie hatten nämlich geheiratet, -als er ein Einkommen von fünfzehnhundert Mark jährlich hatte. Das -kann man Frechheit nennen; man kann es aber auch Liebe nennen. Zwar -erhielt er nach etwa einem Jahr ein Schriftstellerhonorar, für das sie -hätten reisen können, wenn nicht ein Kind gekommen wäre und sofort die -Hand auf dieses Geld gelegt hätte. Im nächsten Jahre aber gelang es -ihm, als Vorleser bei einem alten Herrn einen hübschen Nebenverdienst -zu erwerben, der gerade für das zweite Kind reichte. Da fiel ihm im -dritten Jahre ein Preis für eine wissenschaftliche Arbeit zu, für den -sie sicher eine Reise gemacht hätten, wenn das diesjährige Kind das -Geisteskind nicht aufgewogen hätte. Die nächsten zwei Jahre brachten -keinen Nebenverdienst und nur ein Kind. - -Als er dann aber zum zweiten Male einen Preis errang und als sein -Gehalt um zweihundert Mark erhöht wurde, und als ihre Ehe schon zwei -Jahre lang unfruchtbar gewesen war, da beschlossen sie, für dreihundert -Mark eine Reise nach Thüringen zu machen. - -»Deutschland ist das Herz Europas«, das hatte er als kleiner Junge in -der Schule gehört. Es klang etwas anmaßend; aber ein Deutscher mocht' -es immerhin glauben. Thüringen mußte nach allem, was er davon gehört -und in Bildern gesehen hatte, das deutscheste Land der Deutschen, mußte -das Herz des Herzens sein. Und dort zog es die beiden hin. - -Siebenundfünfzig Abende hindurch arbeitete er an den Plänen, und bei -allem mußte er denken: Was wird sie für Augen machen, wenn sie das -sieht! Hätte er alle Genüsse dieser Gedankenreise bezahlen müssen -- -ein langes Leben voll Arbeit hätte nicht gereicht, die Zinsen dieser -Schuld zu erzwingen. In den letzten Tagen ging er wirklich daran, die -Kosten zu berechnen. Da fand sich, daß, wenn er sehr sparsam zu Werke -gehe, etwa ein Zehntel seiner Pläne verwirklicht werden könne. - -Und in den letzten Tagen wurde sein tapferes Weibchen feige. Der Junge -hatte so heiße Wangen, und das Jüngste habe in der letzten Nacht -einmal gehustet. Ihr Herz konnte sich nicht von den Kindern lösen. Er -stellte ihr vor, wie sehr sie einer Erholung bedürfe -- das verschlug -gar nichts. Da spielte er mit roten Backen und glänzenden Augen den -vollständig Abgespannten, Uebermüdeten, Niedergebrochenen. »Es gibt -für eine Familie keine bessere Kapitalsanlage als die sorgfältigste -Pflege des Ernährers,« machte er ihr klar. Das sah sie ein. Der -Abschied von den Kindern, die unter der Obhut ihrer Schwester blieben, -war nichtsdestoweniger noch eine Katastrophe und erschien ihr wie -bethlehemitischer Kindermord. - -Aber in der Eisenbahn wurde sie völlig anderen Sinnes. Es ist etwas -Eigenes um die Eisenbahn. Sie hat etwas Fortreißendes, Unerbittliches, -Unwiderrufliches. Aussteigen während der Fahrt ist bei Schnellzügen -nicht anzuraten, und so findet man sich schnell in das Unabänderliche. -Auch sie erfaßte nun der ganze, springende Jubel des Losgebundenseins, -der den Reisebeginn zu einer so unvergleichlichen Freude macht, und die -beiden benahmen sich wie ausgerissene Schulkinder. Zwei Minuten lang -saßen sie rechts, drei Minuten lang links; fünf Minuten lang fuhren -sie vorwärts, vier Minuten lang rückwärts; bald saß sie auf seinem -Schoß, bald er auf ihrem, bis sie ihn aufstöhnend fortstieß: »Uff, geh' -weg, du dicker Mensch!« -- Dann lachten sie, dann küßten sie sich, -dann tanzten sie, dann küßten sie sich wieder, kurz: es war ein großes -Glück, daß sie das Abteil ganz für sich allein hatten. - -Als der Zug zum ersten Male hielt, öffnete ein Mann die Tür und -machte Miene einzusteigen. Das Gesicht der jungen Frau zeigte -grenzenlose Ueberraschung, wie wenn jemand ungerufen bei einer Königin -eingetreten wäre; seine Augen aber schleuderten Blicke, die auch der -eingefleischteste Optimist nicht als Einladung auffassen konnte. Ueber -das Gesicht des Fremden huschte ein lächelndes Verstehen: Aha -- -Hochzeitsreisende! Er schloß die Tür und suchte sich einen andern Platz. - -»Das ist ein guter Mensch!« sprach sie mit frommer Rührung. - -»Ein vornehmer Charakter,« bestätigte er. - -Aber als sie weiterfuhren, kamen sie in eine Gegend mit gemeinen -Charakteren, die einstiegen und lange sitzen blieben. Wann werden wir -endlich Kupees für Hochzeitsreisende haben! - -Auf dem Bahnhof einer großen Station nahmen sie das Mittagsmahl ein. -Suppe, Fisch, Braten und Pudding für eine Mark fünfundsiebzig. Er -betastete das dicke Portemonnaie in seiner Tasche und bestellte eine -halbe Flasche Mosel. - -»Hast +du+ dir das jemals träumen lassen, daß wir noch einmal wie die -Fürsten dinieren würden?« flüsterte er ihr ins Ohr. - -»Nein!« sagte sie mit langsamem Kopfschütteln und blickte träumend über -ihr Glas hinweg ins Weite. - -Er kam sich vor wie ein Parvenu und gelobte sich, seinen Wohlstand mit -Geschmack zu tragen. - -Die Nichtswürdigkeit der Bevölkerung schien mit dem Quadrat der -Entfernung zu wachsen; bald saß das ganze Kupee voll, und draußen -im Schatten waren es dreißig Grad. Zwei dicke Bauernweiber saßen da -in dicken Wollkleidern und die Köpfe in dicke Wolltücher gewickelt; -sie wollten nicht dulden, daß ein Fenster geöffnet werde. Darüber -geriet ein cholerischer Herr in die größte Aufregung; aber unser Paar -vermochte kein Mitgefühl für ihn aufzubringen; denn erstens: warum -war er eingestiegen? und zweitens: wie kann man sich ärgern, wenn man -durch lauter Sonne fährt, wenn man sozusagen geradeswegs in die Sonne -hineinfährt? - -So kamen sie nach Eisenach, und bevor sie ein Hotel suchten, suchten -sie mit ihren Blicken die Wartburg. Da ragte sie aus Waldwipfeln empor -ins Abendlicht. Welcher Deutsche sucht nicht schon in Kindertagen mit -den Augen der Seele die Wartburg? Von weitem hörten sie die Stimme -Walthers von der Vogelweide und Wolframs von Eschenbach, sahen sie -das stille Gemach des Bibelübersetzers und sahen sie die flammenden -Feuer der Burschenschaft wie brausenden Aufschwung junger Herzen in -altgewordener, bittertrauriger Zeit. - -Und tief enttäuscht waren sie, als sie am folgenden Tage mit vielen -andern durch die Räume der Burg geführt wurden und der »Führer« in -schauderhaftem Deutsch allerlei ungewaschenes, unnützes Zeug schwatzte. -Warum gab man den Besuchern nicht einen Zettel mit dem Nötigsten in -die Hand? Wenn man ihnen schon ein Notwendiges zum Schauen nicht -gewähren kann: Einsamkeit, warum gewährt man ihnen nicht wenigstens -das Notwendigste: Schweigen? Wer spricht denn laut, wenn Wolfram singt -und Dr. Martinus sinnt? Und wenn zwei Liebende das Geschenk solcher -Stunden mit einem einzigen, einem verdoppelten Herzen empfangen, und -wenn eines von ihnen, in der Furcht, es möchte dennoch dem andern ein -Hauch des Glückes entgehen, den Mund auftun muß, wird er nicht flüstern -vor der Gegenwart des Vergangenen? Wie wenig, deutsches Volk, kennst du -deine Schätze, wenn du sie nicht besser zu zeigen verstehst! - -So waren sie nicht in der Wartburg, als sie drinnen waren; erst als sie -wieder bergab stiegen und zwischen grünem Laub nach ihr zurückschauten, -da lag sie wieder vor ihnen im Morgenrot der Sage, da wagten sie wieder -einzutreten und ein Jahrtausend lang durch ihre Räume zu wandeln. - -Und Gott sei Dank! Vor dem Denkmal Johann Sebastians störte niemand den -Zwiegesang ihrer Herzen, mischte sich niemand ein, als sie entrückten -Ohres singen hörten: »Kommet, ihr Töchter, helft mir klagen« und »Wir -setzen uns mit Tränen nieder«. - -Auf dem Markte kauften sie Kirschen, und am Abend saßen sie am offenen -Fenster ihres Hotelzimmers, sahen den Mond aus dem Hörselberge -hervorsteigen und schoben die besten Kirschen, die sie fanden, einander -in den Mund. Oder sie faßte den Stiel einer Kirsche mit den Zähnen, und -er pflückte mit dem Munde die Frucht von ihren Lippen. - -»Sind wir nicht viel zu verliebt für so alte Eheleute?« fragte sie -furchtsam. - -»Wenn du noch einmal so etwas sagst, benehme ich mich gesetzt,« drohte -er. - -»Hast du mich noch so lieb wie vor sieben Jahren?« fragte sie, die -Hände auf seine Schultern legend. - -»Siebenmal so toll,« sagte er. »Und so wird es weiter wachsen mit den -Jahren.« - -»Allmächtiger!« rief sie erschrocken. Aber dann schmiegte sie sich in -seinen Arm und fragte: »Glaubst du, daß schon jemals ein Paar eine so -schöne Hochzeitsreise gemacht hat?« - -»Nie!« versetzte er mit vollkommener Bestimmtheit. Und er mußte wieder -sinnend in die Vergangenheit blicken, die im Mondlicht auf den Bergen -lag. Er machte eine Hochzeitsreise! Mit voller Börse! An der Seite -eines solchen Weibes sah er Thüringen, die Wartburg, sollte er Weimar -sehen, Weimar! Und jetzt, in diesem reizenden Hotelzimmer, saß er mit -ihr allein am Fenster! Bei solchem Mondschein! Und aß die schönsten -Kirschen! Du lieber Gott, wie viele Menschen gab's denn, denen +das+ -zuteil wurde! - -»Und es ward aus Abend und Morgen ein Tag«; wer immer im Rausch ist, -der bedarf kaum des Schlafes; sie nippten vom Schlaf wie Vögel aus dem -Bach: ein Tröpfchen und husch -- davon! Es war nicht ein Rausch wie -vom Wein, nein: viel leichter und darum viel seliger, ein Luftrausch, -ein Lichtrausch, ein Lebensrausch. Sie entschlummerten spät unter -halbgeträumten Worten, und ihr frühes Erwachen war nur ein anderer -Traum. - -Freilich, im Lichtrausch kann man sich übernehmen, wenn es sich um -physisches Licht handelt: das sollten sie erfahren. Sie hatten sich -beim Frühstück verspätet -- es plauschte sich so unendlich gut mit ihr -beim Morgenimbiß -- und machten sich erst um neun auf den Weg. Alles, -wessen sie auf ihrer kurzen Reise bedurften, führten sie mit sich; -eine strotzende Reisetasche hatte er sich umgehängt; ein Köfferchen -trugen sie bald gemeinsam, bald trug er's allein. Sie hätten es wohl -mit der Post vorausschicken können; aber man mußte sparsam sein. Es war -eine seiner Schwächen, daß er sich ein Talent zum Sparen einbildete. -So schritten sie schlank ein munteres Tal hinauf, ein Tal voll -blinkender Wasser unter hängendem Gezweig, voll moosiger Felsen und -blitzender Schwalben, ein Tal voll Sonntag. Die Burschen standen im -Sonntagsputz vor den Türen zusammen und schmauchten mit feiertäglicher -Umständlichkeit; die Mädchen schafften noch an Herd und Brunnen, im -Gang und im Blick schon den kommenden Tanz. Was Wunder, daß unser Paar -alsbald zu singen begann. Und was anders konnten sie singen als: - - »Ich hört' ein Bächlein rauschen - Wohl aus dem Felsenquell, - Hinab zum Tale rauschen - So frisch und wunderhell« - -und - - »Eine Mühle seh' ich blinken - Aus den Erlen heraus, - Durch Rauschen und Singen - Bricht Rädergebraus« - -und das seltsame Lied mit der wundersamen Stelle: - - »Und da sitz' ich in der großen Runde, - In der stillen, kühlen Feierstunde, - Und der Meister spricht zu allen: - Euer Werk hat mir gefallen« - -ein Lied, das aus der Werkstatt kommt und wie aus einer Kirche klingt -und uns mit unbegreiflichem Zauber offenbart, daß Arbeit Schönheit -und daß Ruhe nach der Arbeit ein frommer Gesang ist. Nie begreift, -wer es aus solchen Liedern nicht begreift, daß es ein eigenes Ding -ist um das deutsche Vaterland. Ja, sie waren altmodisch, diese beiden -Hochzeitsreisenden; sie sangen Franz Schubert und Wilhelm Müller, die -man in unseren Konzerten kaum noch hört, weil sie nicht neu genug sind. -Hier waren ihre Lieder jedenfalls neu; hier sprangen sie plätschernd -aus dem Stein hervor; hier wuchsen sie ihnen von jedem Zweig wie -Kirschen in den Mund; hier sang sie jeder Vogel, und jeder Fels hallte -sie wider. Da, vor dem Tor am Brunnen, stand der Lindenbaum, und da -- -horch: - - »Von der Straße her das Posthorn klingt! - Was hat es, daß es so hoch aufspringt, - Mein Herz?« - -Und als der siebenjährige Ehemann im Walde sang: - - »Durch den Hain, durch den Hain - Schalle heut +ein+ Reim allein: - Die geliebte Müllerin ist mein, ist mein!« - -da klang es so merkwürdig, daß die zwanzig Schritt vor ihm herwandelnde -Geliebte stehen bleiben und sich nach ihm umschauen mußte, obwohl sie -nie in ihrem Leben Müllerin gewesen war. Er aber machte die zwanzig -Schritt in dreien, warf den Koffer ins Moos und gab ihr einen einzigen -Kuß, der aber unter Verliebten seine zwölfe wert war. - - »O Kuß in eines Walds geheimstem Grund! - Fernoben über Wipfeln rauscht die Welt - Und weiß es nicht, daß unten, Mund auf Mund, - Zwei Welt- und Selbstvergessene versinken! - Der Lippen Duft wie junges Tannengrün, - Und tief im trunken-stillen Blick ein Licht, - Das hoch herab von heiliger Wölbung fällt! - O sternendunkler Abgrund, ende nicht - Und laß uns ewig deine Dämm'rung trinken --« - -Indessen: der Abgrund tat ihnen nicht den Gefallen; sie traten aus dem -Hain auf eine Chaussee. Chausseen können sehr schön sein, wenn sie -wollen; aber gewöhnlich wollen sie nicht. Es war Mittag geworden, und -bis zu dem Orte, wo sie die Eisenbahn erreichen wollten, waren es noch -zwei Stunden. Nach ungefährer Schätzung mußten es jetzt einige Grade -über dreißig im Schatten sein; aber das interessierte hier um deswillen -nicht, weil die Chaussee keinen Schatten hatte. Immerhin konnte man, -wenn man nicht kurzsichtig war, das Ende der Landstraße absehen, und -dann -- überhaupt: konnte man +sie+ mit Sonnenschein schrecken? »Sonne -ist gerade was Feines,« riefen sie und schritten mit höhnischem -Trotz in den Zügen fürbaß. Sie schätzten die in weißglitzerndem -Lichte vor ihnen liegende Straße auf eine gute Viertelstunde; aber -man unterschätzt diese Landstraßen. Nach einer guten halben Stunde -erreichten sie das Ende; aber dieses Ende war ein neuer Anfang. - - »So knüpfen ans fröhliche Ende - Den fröhlichen Anfang wir an« - -sang er, und sie schritten weiter. Vorsichtiger geworden, schätzten -sie das vor ihnen liegende Stück auf eine kleine halbe Stunde; aber -man unterschätzt diese Landstraßen. Nach dreiviertel Stunden kamen sie -endlich ans Ende; aber dieses Ende war ein neuer Anfang. Sie waren -offenbar auf einen weiten Umweg geraten; die Augen eines jungen Weibes -sind eben keine Landkarte. Sie schritten weiter; aber singen tat er -nicht mehr; das Klima war der Stimme nicht günstig. Immerhin war es ein -Trost, daß das Stück vor ihnen höchstens eine halbe Stunde sein konnte; -aber man unterschätzt diese Landstraßen. Selbstverständlich trug der -sparsame Mann schon seit langem das ganze Gepäck; aber das drückte -ihn nicht; ihn drückte das Gefühl: sie überanstrengt sich. Freilich -versicherte sie auf seine Fragen immer wieder lachenden Gesichts, sie -fühle sich vollkommen wohl und frisch; aber das beruhigte ihn nicht; -sie, die Wahrhaftigkeit selbst, konnte, wenn es ihm Beschwerden zu -verbergen galt, lügen wie ein Dichter, das wußte er. Nach dreiviertel -Stunden sahen sie Dächer. Ha, das Ziel! Als sie aber an das Dorf kamen, -da hieß es ganz anders. Sie erfuhren, daß sie bis zu ihrem Ziel »nur« -noch eine halbe Stunde zu gehen hätten. Er wollte sie überreden, in -diesem allerdings wenig versprechenden Dorfe zu rasten; aber sie sagte: -»Wenn ich jetzt sitze, steh' ich nicht wieder auf. Jetzt halten wir -schon aus bis ans Ende.« So war sie. Wenn sie die Ausdrucksweise der -Landbewohner besser gekannt hätten, hätten sie gewußt, daß diese immer -nur halb mit der Sprache herauskommen. Nach einer halben Stunde sahen -sie den ersehnten Ort aus der Ferne. Er vertrieb ihr und sich die Zeit -mit einem anmutigen Spiel. Bei jedem fünften Schritt nickte er mit dem -Kopfe, und dann fiel von seiner Stirn ein Schweißtropfen in den Sand. -Eins, zwei, drei, vier, fünf -- ein Tropfen; eins, zwei, drei, vier, -fünf -- ein Tropfen usw. Sie lachte, und so kamen sie endlich in den -erstrebten Ort, in das erhoffte Wirtshaus, in die ersehnte schattige -Stube und auf die in visionären Wüstenträumen erschaute Bank. So. Der -Rest war Schweigen. Hier wollten sie den Rest ihrer Tage verbringen. -Hier sollte man sie abholen, wenn man sie einmal begraben wollte. - -Sie stützten den Kopf in beide Hände und starrten einander an wie -zwei, die sich schon irgendwo einmal gesehen haben müssen. Der Kellner -fragte, ob die Herrschaften etwas zu speisen beliebten. - -»Trinken,« gurgelte er. - -»Wasser,« sagte sie drei Minuten später. - -»Mit Kognak!« fügte er nach zwei Minuten schnell hinzu. - -Dann schob er ihr ein Stückchen von dem dreimal wöchentlich -erscheinenden Kreisblatt zu, das auf dem Tische lag und das heute, am -Sonntag, mit zwei Seiten Text und vier Seiten Anzeigen erschienen war. -Er las, daß der Bauer Henneberg ein Paar Ochsen billig verkaufen wolle. -Sie las, daß Dr. Miquel einen Urlaub angetreten habe. Dann las er, daß -Frau Hasenbek feine Herrenwäsche übernehme. Und dann las sie, daß der -Amtsgerichtssekretär Ranke in den Ruhestand getreten sei. Und dann las -er wieder, daß der Bauer Henneberg ein Paar Ochsen billig verkaufen -wolle; denn vordem hatte er es nicht ganz erfaßt. So saßen sie zwei -Stunden lang einander gegenüber. Dann dachten sie ans Essen und erhoben -sich, um sich von dem Staub der Wanderung zu befreien. Als sie zur Tür -schritten, machten sie in ihren Bewegungen jenen rührenden Eindruck, -den wir bei Betrachtung Philemons und seiner Baucis empfangen. - -»An diesem Tage gingen sie nicht weiter.« Sie fuhren mit der Eisenbahn, -und als sie in ihr Zimmer geführt wurden, erlebten sie ein Wunder. -Unter ihrem Fenster, unter mächtigen Bäumen rauschte der Bach über ein -breites Wehr. Da standen sie nun und waren ganz befangen von solchem -Zauber. Der Niederdeutsche kennt kein rauschendes Wasser. Er hat -breite, stillfließende Wasser und brüllende, donnernde Meerflut; aber -er kennt nicht den ewigen Gesang rauschender Bäche, kennt nicht diese -unermüdlichen Märchenerzähler des Gebirges, die von den Höhen, aus den -Wäldern kommen mit immer neuer, nie gehörter Sage. Und so konnten sie -sich, so müde sie waren, nicht satt trinken an diesem Gesang, aus dem -sie immer und immer wieder deutliche Worte zu vernehmen glaubten, -und als sie sich schon zur Ruhe gelegt hatten und sie leise vor sich -hinsang: - - »Was sag' ich denn vom Rauschen?« - -da fiel er sogleich ein: - - »Das mag kein Rauschen sein! - Es singen wohl die Nixen - Tief unten ihren Reih'n --« - -und so verflocht sich ihnen der sanfte Zauber des Abends mit dem frohen -Wanderglück der Frühe, und es ward aus Abend und Morgen ein andrer Tag. - -Auf der nächsten Station ihrer Reise stürzten sie nach dem Postamt. Es -waren Briefe da von Hause! Auch einer von ihrer Schwester! Sie riß das -Kuvert auf und las. Er stand ein wenig hinter ihr und sah, wie ihr eine -dicke Träne die Wange herunterlief. - -»Ist was geschehen?« rief er. - -»Nein, nein,« rief sie lächelnd. - -Ach so! Die Schwester berichtete natürlich über die Kinder, und da -regten sich Sehnsucht, Heimweh und Gewissen im Herzen dieser neuen -Medea, dieser Doppel-Medea; denn sie hatte vier Kinder! Er sagte sich, -daß er als Reisemarschall diesem Rückfall durch besondere Munterkeit -und ein besonders hinreißendes Tagesprogramm begegnen müsse. Sie -reichte ihm den Brief; er war zur Bestätigung der Angaben der Tante von -sämtlichen Kindern »eigenhändig« unterzeichnet, auch vom zweijährigen. - -»Fabelhaft begabtes Geschlecht!« rief er. - -Aber die Kindesmörderin aus Vergnügungssucht reagierte nicht auf -seinen Scherz; sie wandte sich ab und befaßte sich eingehend mit ihrem -Schnupftuch. Und -- o weh! -- als sie wieder ins Freie traten, da -weinte auch der Himmel über seine Kinder! Und ganz im Verhältnis ihrer -Anzahl! Flucht ins Hotel -- das war der einzige annehmbare Gedanke. - -Da saßen sie nun am offenen Fenster und freuten sich am Regen und -freuten sich, wenn die Bergkuppen aus den Wolken hervordrangen und wenn -sie wieder verschwanden. Es gibt Menschen, die nur klare Bergspitzen -und weite Fernsichten lieben. Und es gibt Menschen, die auch zu -umwölkten Höhen mit ahnender Andacht hinaufschauen, die es lieben, wenn -Berge mit Wolken ringen. Solcher Art waren sie. Stundenlang schauten -sie hinein in das wogende Grau, das ihren Augen nichts weniger war -denn ein Einerlei. Sie hatte leise ihre Hand in die seine gelegt; da -mußte er daran denken, wie sie an jedem Abend seine Hand suchte, bevor -sie entschlummerte. Er erhob sich, ging an den Tisch und begann zu -schreiben. Nach einiger Zeit kam er mit einem Blatt zu ihr und sagte: -»Ich hab' was.« - -»Ja?!« rief sie leuchtenden Auges. Sie wußte, was er habe; sie -schmiegte sich in seinen Arm, und er las: - - - +Was Ortrun sprach+ - - Gib wie immer deine liebe Hand, - Eh' ich eintret' in des Schlummers Land. - Sollst im Dunkel mir zur Seite stehen, - Mit mir durch des Traumes Garten gehen. - - Sieh', das ist das Süßeste vom Tag, - Daß ich deine Hand noch fassen mag, - Wenn des Tages Aengste von mir sinken - Und des Schlummers milde Schatten winken. - - »Meine Zuflucht,« klingt in mir ein Wort, - »Meine Zuflucht,« klingt es immerfort. - Alle, die dich lieben, die dich hassen, - Endlich müssen sie dich +mir+ nun lassen. - - Deine Hand nur fühl' ich noch allein; - Alles andre mag verloren sein. - Ach, in mancher Nacht war mir's verliehen, - Dich im Traum mit mir hinwegzuziehen: - - Aus den Lippen noch ein Wort vom Tag -- - Leise dann des Traumes Flügelschlag --: - Schon mit dir in schweigendem Umschlingen - Hört' ich ewig-stumme Sterne singen. - - Und in fernen Himmeln noch empfand - Ich den leisen Druck der teuren Hand - Wie ein volles, heiliges Umfassen: - »Schreite fest, ich will dich nicht verlassen.« - - Soll mir deine Hand erhalten sein, - Tret' ich gern in jedes Dunkel ein; - Muß es doch nach allen Schrecken bringen - Einen Traum, in dem die Sterne singen. -- - -Er schwieg und fragte dann zärtlich: »Ist es so?« - -»So ist es,« sagte sie leise, ihm voll in die Augen blickend. »Woher -wißt ihr's nur, ihr Dichter, ihr Schrecklichen?« - -Als er nun sah, daß er ihr Herz getroffen hatte, da ergriff ihn -das Lyriker-Delirium. Der gewöhnliche, friedliche Bürger hat keine -Vorstellung von dem Freudenwahnsinn, der den Menschen ergreift, -wenn er meint, daß ihm ein Lied gelungen sei. Ein Lyriker mag mit -Bühnenwerken die reichsten Lorbeeren errungen, er mag für seine Romane -alles empfangen haben, was die Mitwelt zu geben vermag; er mag als -Staatsmann ein Reich gegründet, als Feldherr ein Dutzend Schlachten -gewonnen und als Erfinder einen vollkommenen Flugapparat erdacht haben --- kein Triumph und kein Flugapparat wird ihn so hoch erheben wie der -Gedanke: ein Lied, ein Lied ist mir gelungen. Ein Lied ist ihm das -Köstlichste, was er vom Himmel empfangen, und das Köstlichste, was -er an seine Mitmenschen weitergeben kann. Ein großer Lyriker war es, -der eines Tages sagte: »Wenn mir ein Gedicht geglückt ist, kann ich -mich vor Jubel nicht fassen; ich muß etwas haben, das ich umarme, und -wenn ich keinen Menschen habe, so nehme ich einen Stuhl und press' ihn -ans Herz.« Man sagt, daß die Frauen nach der Geburt eines Kindes ein -Gefühl unendlichen Jubels und seligster Ermattung überkomme. Genau so -ist es den Lyrikern nach der Entbindung; nur daß sie durch nichts in -der Welt zu bewegen sein würden, still zu liegen wie die Frauen. Wenn -unser junger Ehemann ein Gedicht vollendet hatte, dann tanzte der hohe -Wöchner von einem Zimmer ins andere, vom untern Stockwerk ins obere -und vom oberen wieder ins untere, küßte sein Weib und seine Kinder ab, -tanzte mit ihnen Ringelreihen, um sie plötzlich loszulassen und wieder -abzuküssen, holte die Flasche Wein aus dem Keller, wenn sie noch da -war, machte an dem Turnreck zwanzigmal die Bauch- und die Rückenwelle, -spielte durch Haus und Garten Haschen mit Weib und Kindern und schrie -dabei wie in seinen blühendsten Flegeljahren, und wenn er ausgegangen -war, kehrte er mit Geschenken für die Seinigen beladen wieder heim. Der -Gedanke: »Ein Denkmal habe ich mir errichtet, dauernder denn Erz,« läßt -keine ökonomischen Bedenken aufkommen; wer ein Gedicht gemacht hat, -ist der reichste Mann des Weltalls, wenn er sich auch achtundvierzig -Stunden später überzeugt, daß es mit dem neuen Gedicht verteufelt wenig -auf sich habe. - -Als die Tischglocke ertönte, sprangen sie Hand in Hand die Treppen -hinunter, und da sie ihn noch immer strahlend anblickte, fragte er -heimlich: »Also hat's dir gefallen?« Und als sie vielsagend eifrig -nickte und ihm unter dem Tische die Hand drückte, daß es weh tat, da -rief er: - -»Na, dann, Kellner, eine ganze Flasche Markobrunner!« Am Notwendigsten -sparte er nicht gern. - -Der Kellner verneigte sich mit gütigem Lächeln und flüsterte dem Wirt -ins Ohr: »Eine Markobrunner -- für die Hochzeitsreisenden.« - -Als der Wein eingeschenkt war, führte er sein Glas mit der Miene -des Kenners an die Nase. Es war Markobrunner für Hochzeitsreisende; -aber unser Freund schien von dem Resultat der Untersuchung äußerst -befriedigt, und er sagte leuchtenden Auges: - -»Herz, laß uns darauf trinken, daß es unsern Kindern einmal ebenso -ergehe. Aber« -- fügte er schnell hinzu -- »es soll ihnen nicht in -den Schoß fallen; sie sollen sich's erkämpfen wie wir; das ist das -Köstlichste, was wir ihnen wünschen können.« - -Dann brachte er ihr zu Ehren einen Damentoast aus; dann trank sie auf -sein jüngstes Gedicht; dann tranken sie auf die Freunde, die »leider« -nicht dabei sein könnten, und endlich rief er: - - »Von der Quelle bis ans Meer - Mahlet manche Mühle; - Und das Wohl der ganzen Welt - Ist's, worauf ich ziele.« - -Und dann sprangen sie anmutig beschwipst -- es war ein kräftiger -Markobrunner gewesen -- wieder hinauf in ihr Zimmer und holten aus -ihrem Gepäck ein Bändchen Goethe hervor. - -Der Himmel schien noch heute bis auf den letzten Tropfen bezahlen -zu wollen, was die Hitze der vorhergehenden Tage an Feuchtigkeiten -kontrahiert hatte. Und seltsam: es war unsern Reisenden gar nicht -mehr unlieb. Wenn zwei Liebende sechs Jahre lang von sehr lebendigen -Kindern und sehr lebendigen Pflichten, Sorgen und Mühen umschwirrt -gewesen sind und sich dann plötzlich in der Ferne, eingeregnet, in -einem Hotelzimmer einander gegenüber finden, dann erwacht in ihnen -ein seltsames, ein ungeahntes Gefühl, das Gefühl: Endlich allein! -Eine Empfindung bemächtigt sich ihrer, daß ihre innersten Seelen seit -langem eigentlich nicht miteinander gesprochen haben, daß sie sich -viel und mancherlei zu sagen haben, von dem sie selbst nicht gewußt -haben, daß es in ihnen sei. Während sie einander nahe gegenübersaßen, -sie ihm gelegentlich sanft mit der Hand über die Stirn strich, er ihr -gelegentlich zärtlich die schmale Hand streichelte und einer des andern -Bild mit inniger forschendem Blick zu erfassen suchte, sprachen sie -Ernstes und Fröhliches, Lautes und Leises, das in einsamen Stunden in -ihnen erwacht und ihnen wohl auch auf die Lippen gekommen, dort aber -vom schnellen Strom des täglichen Lebens hinweggeschwemmt worden war. -Und als der Abend herannahte, da fanden sie, daß kein Tag ihrer Reise -schöner gewesen sei als dieser »verlorene«. Und als sie wieder einmal -gemeinsam in den Himmel schauten -- da entfuhr ihnen gleichzeitig ein -halblauter Freudenruf: im Westen blickte durch das Grau ein winzig -Stücklein erhellten Himmels, wie ein verweintes Auge, das, noch -unter Tränenschleiern, zum ersten Male wieder aufmerksam ins Leben -starrt, noch nicht wünschend, noch weniger hoffend, nur erst wieder -betrachtend mit kaum bewußter Teilnahme. Und das himmlische Auge ward -größer und größer, klarer und klarer, heiterer und heiterer, und unser -Paar schritt mit aufjauchzenden Herzen hinaus in eine wiedergeborene -schöpfungsfrohe Natur. - -Und diesen Abend machten sie einen Fund, der ihm köstlicher denn Gold -und Perlen war. Sie fanden eine Wiese, an einem sanft abfallenden -Hügelhang, von jungen und alten Bäumen umstanden. Ueber diese Wiese -finden wir in seinem Tagebuche folgende Zeilen: - -»Im Thüringer Wald ist eine Wiese, die alles zur Ruhe singt, was in -dir an Sorgen und Bangen ist. Ja, sie singt; denn ihr Grün, ihre -Schatten und ihre Lichter, ihre Bewegung und ihr Schweigen sind ein -ununterbrochener seliger Gesang. In diesem Gesange sah ich goldene -Stunden meiner Vergangenheit wandeln, die ich vergessen hatte, Stunden -und Tage mit ihrem eigensten Gesicht, ihrem eigensten Ton und Gange. -Am Rande, im Schatten der Bäume, sah ich die höchsten und heiligsten -Gedanken meines Lebens ruhen, sah ihre Züge, ihre Augen im Glanze -der Minute, da ich sie empfangen, verstanden und ans Herz gedrückt -hatte. Und über den abendlich glimmenden Wipfeln der Bäume zogen selig -schwebend dahin meine Hoffnungen, meine Ahnungen, die aus dieser -Erdenenge hinaufstreben in eine größere Welt. Auf dieser Wiese grünt -der Glaube; wer sie erschaut, der trinkt sich Glauben an die Heiligkeit -der Welt für ewige Tage. Die Welt, die solche Augen hat, kann im Grunde -ihrer Seele nicht lügen. - -Ich sage nicht, wo diese Wiese liegt; denn sogleich würden Tausende -kommen und rufen: »Wo ist das Besondere? Das können wir auch anderswo -sehen!« O ihr Blinden! Nichts kann man auch anderswo sehen. Jedes -Stück der Welt, das zwischen zwei Augenlidern Platz hat, ist ein Wesen -wie ich und wie jedes von euch, mit eigener Seele und eigener Stimme, -mit Zügen und Augen, die niemals wiederkehren. Und die doch, wenn sie -vergangen sind, wie wir vergehen, ewig aufbewahrt bleiben im Weltall. -Alles ist einzig, und alles ist ewig. - - In den morgenfrischen Bäumen - Hing ein letzter Hauch der Nacht, - Und die Blumen machten Augen - Wie ein Kind, wenn es erwacht. -- - - Holder Schreck entriß mich plötzlich - Lächelnder Versunkenheit --: - Eine Rose hat geduftet - Wie ein Lied aus Kinderzeit! - - Eilends sucht' ich: Welche war es? -- - Duft und Blüte weit und breit! -- - Doch nicht andren Duft vernahm ich: - Aufgetan die Seele weit, - - Ging ich atmend, dürstend, sehnend - Durch des Gartens Herrlichkeit -- - Und ich hab' sie nicht gefunden, - Die mich rief aus ferner Zeit. - - O, ich seh' es, euer Lachen, - Schnell und klug zum Spott bereit! - Seid gewiß, in regen Lüften - Weiß mein Herz von je Bescheid. - - Aufgehoben bleibt im Ganzen - Jedes Atems leises Weh'n; - Einst an einem großen Morgen - Wirst du's lächelnd wiederseh'n. - - Eine Rose hat geduftet - Wie ein Klang aus Kinderzeit; - Duft und Klingen, Heut' und Gestern - Weben all' an +einem+ Kleid. - -Niemals hab' ich Schillers Klage um die Entgötterung der Natur -verstanden. - - »Diese Höhen füllten Oreaden, - Eine Dryas lebt' in jenem Baum, - Aus den Urnen lieblicher Najaden - Sprang der Ströme Silberschaum.« - -Ist das nicht heut' wie einst? Seht ihr's nicht wandern auf den Bergen, -hört ihr's nicht lachen und seufzen aus jedem Baum, hört ihr's nicht -singen an jeder Quelle mit überirdischer Stimme? Ihr vernehmt es mit -höheren Sinnen, und mit leiblichen Sinnen vernahmen's auch die Griechen -nicht. - -Nein, o nein, keine Philosophie und keine Religion kann die Natur -entgöttern; denn sie ist selber Gott. - -Geht hin und suche jeder seine Himmelswiese; denn jedem liegt sie -anderswo. Auch meinem Weibe, auch meinen Kindern, und das ist ein Weh -in allem Glück. Aber meine Geliebte verstand mein Schweigen und ehrte -mein Gebet.« - - * * * * * - -Als sie auf der nächsten Poststation ihre Briefe in Empfang nahmen, -die wieder erfreuliche Nachricht von Hause brachten, da fiel ihm aus -einer eingeschriebenen Sendung eine Banknote in die Hände. Ein Honorar! -Fünfzig Mark, auf die er gar nicht gerechnet hatte. Er hielt ihr das -hübsche Stück Papier vor die Augen und schrie ganz leise »Juhuhuuu!!« -Und als sie ins Hotel zurückgekehrt waren, zog er den Wirt auf die -Seite und redete vertraulich mit ihm. Der Wirt hörte ihm offenbar mit -Vergnügen zu und eilte dienstbereit von dannen. - -»Wollen wir nicht aufbrechen?« fragte sie. - -Er hob geheimnisvoll den Finger, machte ein hohenpriesterliches Gesicht -und sagte dunkel: »Noch nicht.« - -Als sie nach einigen Minuten wieder fragte: »Warum gehen wir denn -nicht, du Schlingel?«, da hob er noch geheimnisvoller den Finger, -machte ein noch hohenpriesterlicheres Gesicht und sagte noch dunkler: -»Noch nicht.« - -Und dann fuhr ein schöner Landauer mit zwei tatenfrohen Braunen vor. -Sie sah ihn mit ungläubigem Lächeln an. Er aber rief: - - »Jehann, nu spann de Schimmels an! - Nu fahrt wi mit de Brut! - Un hebbt wi nix as brune Per, - Jehann, so is't ok gut!« - -und lud sie mit seiner galantesten Handbewegung zum Einsteigen ein. - -Während er noch mit dem Kutscher sprach, konnte sie mit den -strahlenden Augen nicht von ihm lassen. Wer kennt nicht die herrliche -»Hochzeitsreise« von Moritz von Schwind, kennt darin nicht den -anmutigen Zug, wie die junge Frau zur Seite rückt und dem geliebten -Gefährten gar bereitwillig Platz macht in Erwartung gemeinsamer -Freude! So drückte sie sich in die Ecke und konnte kaum erwarten, daß -er einstieg. - -Der Wirt, ein Mann von etwas familiärem, aber vortrefflich gemeintem -Benehmen, wünschte ihnen noch, daß der Fortgang ihrer Ehe so fröhlich -sein möge wie der Anfang. - -»Also haben Sie gemerkt, daß wir Hochzeitsreisende sind?« fragte unser -Freund. - -»Freilich,« versetzte der Alte, »dafür bekommt unsereins einen Blick.« - -»Ja ja,« rief der Ehemann lachend, »wir sind allerdings noch in den -ersten Flitterjahren. Hü, Kutscher!« Die Pferde zogen an. - -»Du ahnst nicht, wie dankbar ich dir bin,« flüsterte sie an seinem Ohr, -»ich war ein wenig übermüdet -- nun bin ich selig!« - -Und freilich -- fußwandern bleibt zwar immer das Schönste -- aber -nächstdem gibt es nichts Leib- und Seelenvergnüglicheres, als zu zweien -im Wagen eng aneinander geschmiegt durch die Lande zu rollen. Sie -fuhren durch stundenlangen Tannenwald; in unabsehbaren Reihen ragten -die streng emporstrebenden Stämme in den Himmel, eine meilenlange -Orgel, auf der der Wind das Morgenlied der Schöpfung spielte. O, ein -geheimnisvolles Ding, mit munteren Rossen durch den tiefen Wald zu -fahren! Dem seitwärts schweifenden Blick erschienen in fernsten, nie -betretenen Waldgründen seltsamgestaltige Wunder, die scheu wieder ins -Dunkel tauchten, wenn das Auge sie fester erfassen wollte; mit großen -Augen lugte es hinter düsteren Stämmen hervor -- ein Reh? -- eine -Dryas? -- das verzauberte Brüderlein der treuen Schwester? -- oder war -es Schmerzenreich, das Kind der armen Pfalzgräfin? Und manchmal schaute -zwischen fernen, fernen Tannen ein Stück des Himmels in die Schauer -der Waldnacht herein, dann war es ihnen, sie sähen einen gotischen -Dom mit riesenhohen, bunten Fenstern und sie wären dem Tempel nah, -der die smaragdne Schale vom Tisch des Heilands birgt und der ewigen -Frieden bringt denen, die ihn finden. Wenn aber der Wagen lautlos über -moosigen Grund fuhr, dann vernahmen sie dumpfes, fernes Stimmengewirr -versammelter Männer. Ihr wißt, daß man in stillen, dichten Wäldern die -Stimmen einer unsichtbaren Versammlung hört. Das ist das Thing derer -aus Niflheim und Jötunheim; sie beraten über den großen Kampf, in -dem sie die Einherier vernichten wollen, die Einherier, die über den -Wipfeln lächelnd dahinziehen. - -Als sie aber nun über eine sonnige Hochfläche fuhren und Wiesen und -Aecker in allen Farben vor ihren Blicken lagen, da ergriff ihn ein -lustiger Größenwahn; er sprang von seinem Sitz in die Höhe, beschrieb -mit der Linken einen weiten Bogen und rief: - -»Sieh, Herz, alles unser! Alles dein! Ein Teppich für deine Füße! Wer -kann sich das leisten!« - -Und sie ergriff seine Rechte, zog sie an die Lippen und flüsterte mit -ihrem schalkhaftesten Lächeln: - -»Mein sparsamer Mann! Mein unverbesserlicher Geizhals! Mein Harpagon!« - -Und so kamen sie nach Ilmenau. -- - - »Anmutig Tal, du immergrüner Hain, - Mein Herz begrüßt euch wieder auf das beste!« - -Schon dieser Anfang hatte ihm immer zu den Wundern der Kunst gehört. -Mit zwei Worten erschließt ein Dichter ein heiteres Gefild, und mit -einem einzigen Griff bringt er die Harfe des Waldes zum Klingen, und -alles horcht auf und flüstert: »Still -- still! Der da beginnt, das muß -ein großer Meister sein!« - -Und die Herzen voll dieses Klangs, durchschritten sie das anmutige Tal -und stiegen den immergrünen Hain hinauf zu jener Höhe, wo der herrliche -Wanderer sein Nachtlied an die Wand eines Bretterhäuschens geschrieben -hatte. An Stelle des niedergebrannten Häuschens hat man dort, in -nachgeahmter Dürftigkeit, ein neues »altes« Häuschen errichtet. Sie -gingen nicht hinein; sie wollten es nicht sehen; sie wandten ihm den -Rücken zu und schauten über das abendlich beglänzte Wipfelmeer in die -Ferne. Keines sprach ein Wort; aber im stillen Herzen sprachen's wohl -beide: - - »Ueber allen Gipfeln - Ist Ruh, - In allen Wipfeln - Spürest du - Kaum einen Hauch; - Die Vögelein schweigen im Walde. - Warte nur, balde - Ruhest du auch.« - -Einunddreißig Jahre war er alt gewesen, als sich dies Lied aus -seiner Seele gelöst hatte, ein glückverwöhnter, blühender Mann, -die Schöpfungsgewalt für eine neue Welt hinter der Stirn, die -Flügelspannung eines emporschwebenden Adlers im Hirn und in der Brust. -Groß war die Welt, groß und schön und berauschend süß. Aber vielleicht -das Beste nach allem war die Ruhe. - -Sie sprachen auch nur wenige, abgebrochene Worte, während sie zu Tale -stiegen. Das Dunkel brach herein. Da legte er den Arm um ihre Hüfte und -sprach: »Wie wird's uns sein, wenn wir nach Weimar kommen!« - -Und sie kamen nach Weimar. Der Weimarer Bahnhof -- darüber kann keine -Meinungsverschiedenheit bestehen -- hat weder etwas Imponierendes noch -Feierliches, noch Stimmungsvolles, oder sonst Angenehmes. Aber als sie -ihren Fuß auf den Bahnsteig setzten, hatten sie das Gefühl: »Ziehe -deine Schuhe aus von deinen Füßen; denn das Land, darauf du stehest, -ist ein heiliges Land.« Sie gingen schon durch die Sophienstraße, aber -sie gingen vollends über den Viadukt und durch die Rollgasse, als das -alte Weimar vor ihnen auftauchte, mit den zitternden Herzen der Kinder -am Weihnachtsabend dahin. Es war auch Abend und schon so spät, daß sie -das Hotel nicht mehr verließen. Viele Stunden lang lag er schlaflos in -seinem Bette: er war nun da, wirklich da, er selbst, an der tausendmal -ersehnten Stätte seines heiligsten Knaben- und Jünglingslebens; er -atmete mit den erhabenen Genien dieses Ortes dieselbe ambrosische Luft. -Denn das war das Seltsame: in diesem neuen Weimar stand unversehrt das -alte und drängte jenes in den Hintergrund; was vor siebzig, vor hundert -Jahren gestorben und untergegangen war, das lebte, stand und wandelte -hier so gegenwärtig wie nur je -- die Häuser, Straßen und Menschen von -heute aber waren Schatten. Es war eine schlaflose, heilige Nacht; erst -gegen Morgen schlief er ein paar Stunden und erhob sich dann mit einem -fröhlichen Kraftgefühl, das ihm die Geister seiner Jugend gebracht -hatten. - -Die beiden machten zunächst einen Orientierungsspaziergang durch -die Stadt, und dieser Anfang verlief nicht allzu erhebend. Vor dem -Doppeldenkmal trat nämlich ein überaus freundlicher alter Herr mit -höflichem Gruß auf sie zu und sagte: - -»Dies sind nu also die beiden kreeßten Tichter, wo wir ha'm. Links is -Keethe, un rechts is Schiller. Schiller is, wie Se seh'n, ä bißchen -kreeßer als Keethe; aber dafier is der Keethe widder breider in de -Schuldern. Was se da in der Hand halten, das is ä Lorbeergranz. Keethe -will Schillern den Lorbeergranz iberreichen; awer Schiller sagt: »Nee, -behalt du'n.« Der Schiller is immer ä sehr edler Mensch gewäsen. -- -Da hinder den beiden säh'n Se das alde Dheader, wo noch de kreeßten -Machwerge von den beiden sin aufgeführt wor'n.« - -Unser Freund dankte verbindlich für die Belehrung und lüftete zum -Abschied höflich den Hut. - -Als sie an der Ecke des Theaterplatzes vor dem Wittumspalais standen, -stand der gastliche Fremde wieder neben ihnen. - -»Das is nu also das sogenannte Widmungsbalais, wo de Herzogin Anna -Amalchje dadrinn kewohnt hat.« - -»Soso!« machte unser Freund. »Sagen Sie mal, warum heißt es eigentlich -»Widmungspalais«?« - -»Nu, das is ja sehr einfach. Das hat nämlich der tamaliche Kroßherzog, -der hat es also der Anna Amalchje kewidmet, damit daß se drin wohnen -soll.« - -»Aha!« machte unser Freund, »aha!«, lüftete abermals den Hut und sagte: -»Adieu!« - -Aber der menschenfreundliche Herr nahm keine Notiz davon; er geleitete -sie vor das Schillerhaus und sagte: - -»Dies is also nu das Haus, wo der unschterbliche Schiller kewohnt -hat --« - -»Jawohl, jawohl!« riefen unsere beiden und schritten eilends weiter. -Sie gelangten zum Fürstenplatz, und als sie vor dem Reiterstandbilde -Carl Augusts standen, hörten sie hinter sich eine Stimme: - -»Dies is nu also der Fürscht, der wo die sämtlichen Tichter eichentlich -erst ins Läben gerufen hat.« - -»Schick ihn doch weg,« flüsterte sie. - -»Ja, aber wie? Ich werd ihm Geld anbieten.« - -»Ach nein, das geht doch nicht!« flüsterte sie errötend. - -Aber es ging. Der gefällige Bürger steckte die dargebotene Mark -Lösegeld ein und empfahl sich. Der Typus war ihnen ganz neu; denn in -Norddeutschland gab es dergleichen nicht. - -»Endlich allein!« jubelte sie, und nun zogen sie in Frieden weiter. Nur -noch einmal kamen sie in Gefahr, »geführt« zu werden. Im Sterbezimmer -Schillers hörten sie einen Erklärer reden, der von der Armut Schillers -in einem so ergreifenden Tremolo sprach, als wenn er selbst darunter -noch heute zu leiden habe und hier daher erhöhte Trinkgelder am Platze -seien. Unser Paar wartete, bis die betreffende »Tour« zu Ende war und -trat dann allein in das Heiligtum. - -Die Deutschen haben keinen heiligeren Ort. »Wieviel Marmor,« dachte -unser Freund, »wieviel Gold und Elfenbein, wieviel Seide, Samt und -Edelgestein müßte wohl ein prachtliebender Fürst aufeinanderhäufen, um -einen Raum zu schaffen von solcher Hoheit und von solchem Glanz. Wem -hier nicht Tränen der Sehnsucht, Tränen des Triumphes ins Auge treten, -dem ist der tiefste Quell seiner Seele versiegt. Der wahre Bettler -ist doch einzig und allein der wahre König!« Der dies göttliche Wort -sprach, war auch solch ein Bettler. - -Mit umflortem Blick betrachtete unser Paar die Gegenstände, die -der erhabene Mann durch seine Berührung geadelt hatte. Sie hatten -beide keine Begabung für den Fetischdienst, und gegen Götter- und -Götzendienst empörte sich von je sein menschlicher Stolz. Aber die -Geister, die diese Stadt erhellten, waren nicht Götter in Wohlsein und -Müßiggang, waren nicht in Allmacht und ambrosischen Leibes geboren; sie -hatten gelitten und gerungen, gerungen mit ihren eigenen Mängeln und -Gebrechen und waren aus Menschen Götter geworden. Vor solchen Heiligen -ist Verehrung nicht Erniedrigung, ist Verehrung eigener Triumph. - -Gerade als sie diese Stätte verlassen wollten, kam der Führer zurück -und begann im Grabestone des fest angestellten Leidtragenden: »In -diesem ärmlichen Gemache --« - -Aber unser Freund drückte schnell seine Hand in die des Mannes und -sagte gedämpften Tones: »Ich weiß alles.« - -Ja, dieses Schillerhaus, dieses Goethehaus, dieses Wittumspalais, -dieser Park mit seinem Gartenhäuschen, diese unsichtbare Stadt, vor -der man die sichtbare nicht sah: das war Elysium. Ein besseres, -höheres, heiligeres Elysium als das der Alten. Ein Elysium der Arbeit. -Gewiß: das gab diesen kleinen, niedrigen, bescheidenen, selbst in -den Schlössern bescheidenen Räumen, die an Luxus manchmal hinter der -Wohnung eines Handwerksmeisters von heute zurückstehen: das gab ihnen -jene unvergleichliche Vornehmheit, daß der hohe Geist der Tätigkeit -niemals aus ihnen gewichen war; aus der seligen Welt der Gedanken fällt -noch heute ein Strahl in diese Gemächer und Gänge und umspielt die -bestaubten Schokoladentäßchen, die verstummten Lauten und Spinette, -die verlassenen Spieltische und die verwaisten Maskeradenkostüme -mit einem fernher scheinenden Sternenlicht. Das machte auch das -Arbeitszimmer am Frauenplan, dieses andere Allerheiligste der -Deutschen, zu einer Insel der Seligen. Fünfzig Jahre lang hatte er hier -wirken, schaffen und ringen dürfen, fünfzig Jahre lang hatte er hier -verkehren dürfen mit den freundlichsten und besten Geistern, die zu den -Irdischen herniedersteigen. Kein Fleck der Erde hat ein reicheres und -höheres Glück gesehen als dieses Zimmer. O, unsere Liebesleute wußten -sehr wohl, daß Kleinheit und Häßlichkeit, daß Dummheit und Neid an -diese Männer herangekrochen waren wie an andre und mehr als an andre -Menschen; sie waren nicht unerfahren genug, um zu glauben, daß es ein -Leben ohne Alltag gebe; es war ein kleines Nest gewesen, das Weimar von -damals, und die Gewöhnlichkeit macht sich um so breiter, je enger sie -mit der Größe zusammenwohnt. Aber das blieb bestehen: Kein Fleck der -Erde hatte ein höheres und reicheres Glück gesehen als dieses Zimmer. - -Und dann standen sie in der Fürstengruft an den Särgen der Dioskuren. -Es gibt ein Gedicht von Nepomuk Vogl, in dem erzählt wird, wie ein -Mann sich vom Totengräber das Grab der Mutter zeigen läßt. Als er -davor steht, spricht er: - - »Ihr irrt, hier wohnt die Tote nicht. - Wie schlöss' ein Raum so eng und klein - Die Liebe einer Mutter ein!« - -In erweitertem und erhöhtem Maße hatten sie dies Gefühl vor den -Sarkophagen Schillers und Goethes. Das Grauen, das uns vor den Gräbern -vergänglicher Menschen befängt -- hier hat es keine Stätte. Fast hätten -sie gelächelt, als ihnen der alte Mann, der sie in die Gruft begleitet -hatte, allen Ernstes versicherte, in diesen Särgen ruhten Goethe und -Schiller. Sie kamen ja her von den Stätten, wo sie lebten und wirkten -im Licht der Sonne. Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg? - -Und noch an einem andern Grabe verweilten sie in freundlicher Trauer: -an der Ruhestatt Christianens auf dem alten Jakobskirchhof. »Wenn ich -zu befehlen hätte,« sagte unser Freund, »so ruhte sie neben ihm in der -Fürstengruft.« Und sein junges Weib ergriff seine herabhängende Hand -und drückte sie fest, sehr fest und gar lange. Es war das Weib, das ihm -dankte. - -Als sie zum ersten Male den Park besuchten, führte sie ein -halbidiotischer Gärtnerlehrling durch Goethes Gartenhaus. Er -schien nur substantive Begriffe zu haben; denn er sagte nichts als -»Arbeitszimmer!« -- »Schlafzimmer!« -- »Küche!« und stieß diese Worte -mit einer mürrischen Vehemenz hervor. Nur als die junge Frau einmal -fragte: »Wohin geht es denn da?«, da gebrauchte er das Adverbium -»Raus!!«. Sie hatten sonst wohl erlebt, von Halbidioten durch die -+Werke+ Goethes geführt zu werden; aber denen hatte der wohltuende -Lakonismus des Gärtnerburschen gefehlt. Es fragte sich, ob die -Verallgemeinerung dieser Einrichtung nicht zum Segen aller Besucher -geweihter Stätten gereichen würde. - -Sie wanderten hinaus nach Belvedere, nach Ettersburg und vor allem -nach Tiefurt. Der Park von Tiefurt -- wenn etwas, so gehörte er zu -diesem Elysium. Es war ein trüber Tag, und doch -- gibt es Wolken -oder Nebel, die den Frohsinn dieser Stätte verhüllen können? Er -strahlt und kichert durch alle Decken hervor. Ja, das war's, was diese -»Lustigen von Weimar«, diese prachtvolle Anna Amalie und ihren Geniehof -kennzeichnete: ihr Wirken war nicht finstere Rastlosigkeit, ihr -Vergnügen nicht fauler Genuß; Arbeit adelte ihren Frohsinn, Frohsinn -adelte ihre Arbeit. So macht man das Leben zum ewigen Fest, und ein -ewiges Fest liegt über den Bäumen und Fluren dieses Parks. - -Und doch mußte unser Freund fluchen, grimmig fluchen, als sie vor dem -mächtigen Steine standen, der in Lapidarschrift den Namen - - +HERDER+ - -trägt. Ein Schuft hatte seinen Namen daneben geschmiert. Die Besudelung -des Steines ließ sich wohl entfernen; aber wer entfernte den Dreck -aus solch einer Seele! Welch ein Abgrund naiver Gemeinheit lag in -diesem Frevel. »Weiß Gott,« rief unser Freund, »ich bin ein Feind der -Prügelstrafe; aber Ausnahmen gibt es doch. In diesem Falle würde ich -mit Freuden der Vollziehende sein, und der Halunke sollte sich über -keine Unterschlagung zu beklagen haben!« - -Sie hatte große Mühe, ihn zu beruhigen; aber bald verwischte ein -seltsam freundliches Erlebnis völlig den widrigen Eindruck. Sie hatten -sich dem Schlößchen dieses Parks genähert, und im selben Augenblick, -als sie durch den grünumrankten Torbogen in den Schloßhof traten, -schlug eine Turmuhr drei Schläge, und die Sonne durchbrach siegreich -den Nebel. Glücklich überrascht sahen sie einander ins Gesicht: Hieß -das nicht »Willkommen«?! - -Der letzte Abend ihres Weimarer Aufenthalts gehörte natürlich noch -einmal dem Park »am Stern«. Die Bürger von Weimar waren ordnungsmäßig -zum Abendessen gegangen; unsere beiden hatten den Park, hatten die -Welt für sich allein; völlig einsam schritten sie am Gartenhause, an -der Reitbahn vorüber auf dem breiten Wege, der nach Oberweimar führt. -Köstliche Stille ringsum. Da standen auch sie stille -- eine Nachtigall -schlug liebeselig aus nahem Gebüsch. Und im Osten stand ein herrlicher -Stern, so lebendig funkelnd, als ob er zur Erde reden möchte. Da war -die Zeit ausgelöscht -- nicht anders war die Welt gewesen, als der -Bewohner jenes Gartenhauses noch hier wandelte -- er war gegenwärtig -- -unser Freund zeigte nach dem Stern und flüsterte: »Sieh, Herz, das ist -Er! Die Nachtigall hat ihn erkannt.« -- -- -- -- -- - - * * * * * - -Von Weimar fuhren sie heim. Sie waren sehr still auf dieser Fahrt; -denn die Vorfreude der Heimkehr war noch größer als die Vorfreude der -Ausfahrt. Sie hatten Hirn und Sinne voll zu tun; denn von vier Kindern -und zwei Eltern mußten sie sich ausmalen, was sie heute dachten, -hofften, wünschten und wie sie sich freuen würden. - -Als ihr Wagen in die Straße einbog, in der sie wohnten, sahen sie alle -Viere im Sonntagskleide vor der Tür stehen. - -»Da sind sie!« rief er aufspringend. »Alle vier! Vier Kinder, Liebling! -Wieviel Hochzeitsreisende gibt's denn, die sich das leisten können!« - -Und doch schrie er, als der Wagen vorfuhr, mit furchtbarer Stimme: -»Zurück! Zurück! Wollt ihr zurück, alle Wetter!« Sie wären nämlich -unter die Hufe des Pferdes und unter die Räder gerannt, um nur schnell -in die Arme der Mutter zu fliegen. - - - - -Die Hosentaschen des Erasmus - - -Erasmus ist nämlich mein Sohn. Ich schicke voraus, daß er gesund und -normal gestaltet ist. Aber in bekleidetem Zustande zeigt er von Zeit zu -Zeit an den Oberschenkeln unförmliche, bedrohlich anwachsende Wülste. -Wenn diese eine gewisse Ausdehnung erreicht haben, pflegt meine Frau -sehr vergnügt zu mir hereinzukommen und zu sagen: »Du, wir müssen mal -wieder seine Hosentaschen ausräumen; es hat sich schon wieder ein -ganzes Museum darin angesammelt!« - -Ich darf voraussetzen, daß meinen Lesern die Hosentaschenzustände eines -achtjährigen Buben im allgemeinen bekannt sind. Es gibt eigentlich -kaum einen beweglichen Gegenstand, der sich nicht ganz gut in solch -einer Tasche unterbringen ließe, und es gibt auch schwerlich einen -Gegenstand, der nicht das Interesse solch eines verschwiegenen kleinen -Weltbetrachters anregte. Nun muß man sich außerdem den jungen Herrn -Erasmus als einen entschiedenen Sanguiniker vorstellen, der mit Hilfe -seiner Phantasie an das Bruchstück eines Korkziehers die verwegensten -Hoffnungen knüpft. - -Da uns bei den bisherigen Untersuchungen manches dunkel blieb und wir -manchen Gegenstand nicht zu bestimmen vermochten, haben wir diesmal -den geehrten Hosenbesitzer selbst zur Besichtigung mit herangezogen. -Meine Frau hat das Kleidungsstück auf dem Schoße; für die Vertreter der -öffentlichen Moral bemerke ich, daß der Knabe währenddessen mit einer -anderen Hose bekleidet ist. - -Was meine Frau zunächst aus der Tasche hervorzieht, ist Bindfaden. Ich -darf ebenfalls als bekannt voraussetzen, daß dieser Gegenstand sich -bei der männlichen Jugend einer besonderen Beliebtheit erfreut und -alle übrigen Objekte, die aus solch einer Tasche ans Licht gefördert -werden, in einer mehr oder minder interessanten Verwickelung mit -jenem Gegenstande zu erscheinen pflegen. An der Hand des Bindfadens --- um mich gewählt auszudrücken -- gelangen wir sodann zu einem stark -verrosteten, ovalen Blechschildchen, das die Inschrift »Patent« trägt. -Das ist schon gleich ein wertvolles Stück. Ich weiß das. Ich habe den -Maßstab für dergleichen noch ziemlich gut im Gedächtnis. Ich kann den -Maßstab natürlich nicht so genau bestimmen; es handelt sich eben um -Liebhaberwerte. - -»Was heißt denn das: ›Patent‹?« frage ich. - -»Wenn einer sich so fein angezogen hat.« - -»Rrrich--tig!!« - -Wir verfolgen weiter den Ariadnefaden und fördern aus dem Labyrinth -ein Notizbuch zutage. Das ist nun etwas ganz besonders Hervorragendes. -Notizbücher sind in diesem Alter von ganz besonderem Wert und Nutzen. -Es ist wohl selbstverständlich, daß man sich in erster Linie das -notiert, woran man Tag und Nacht denkt, z. B. daß man für den 9. -Oktober zur Apfelernte bei einem Spielkameraden eingeladen ist, oder -daß am 25. Dezember Weihnacht gefeiert wird. Auch die zehn Pfennige, -die man geschenkt erhielt, werden ordnungsgemäß als Grundstock eines -zu sammelnden Kapitals gebucht, leider aber gewöhnlich nicht wieder -ausgestrichen, wenn sie nach zehn Minuten in Schokolade umgewandelt -wurden. Freilich sind Stift und Papier bei diesem Büchelchen von einer -Güte, die sich in Geldeswert nicht mehr ausdrücken und es immerhin -noch ratsamer erscheinen läßt, mit einer spitzen Stahlfeder auf ein -Flanellhemd zu schreiben; aber Erasmus verfolgt es mit sorglich -behütenden Blicken. - -»Woher hast du denn das?« - -»Das hat Hein Stieglitz mir geschenkt.« - -»Weshalb denn?« - -»Och -- wenn ich mit ihm spielen wollte.« - -»Warum wollte er denn mit dir spielen?« - -»Och -- die andern wollten nicht mit ihm spielen.« - -»Warum nicht?« - -»Weil er der Erste geworden ist.« - -»Aha. -- Aber was bedeutet denn +das+ hier?« Ich habe nämlich das -»Notizbuch« aufgeschlagen und lese auf einer Seite die höchst -rätselhaften Worte »Käs Käse Käse la.« - -»Das ist Französisch,« erklärt er mit einem Anflug von Gelehrtenstolz. - -»Französisch??« -- -- -- Aaaaaah -- jetzt geht mir ein Licht auf! -Er hat heut seine erste französische Stunde gehabt! Nach der neuen -Methode! Der Lehrer hat gesprochen, aber nicht angeschrieben. Erasmus -aber, seines Notizbuches stolz sich bewußt, hat sich's notiert. -~Qu'est-ce que c'est que cela!~ -- - -~Voilà ce que c'est!~ - -Mit Hilfe des Bindfadens fördern wir nunmehr ein kleines Scharnier von -einem Deckelseidel in inniger Verbindung mit einem Stück Schusterpech -zutage. - -»Aber Erasmus! Ferkel!« ruft meine Frau und betrachtet nasrümpfend ihre -Finger. - -Er aber starrt sie an mit schuldlos-erstauntem Blick, als wollte er -sagen: »Wieso? -- Was ist denn los?« - -Denn er lebt und webt ja noch im lautersten, ursprünglichsten -Pantheismus; aus +allem+, was die Erde bietet, atmet ihm -- in der -Wärme des Herzens und der Wangen nur erst ahnungslos gefühlt -- der -unbekannte Schöpfer entgegen, und das gewaschenste Kätzchen wie den -pfützenbewandertsten Straßenköter drückt er mit gleicher Liebe an -sein glückliches Herz und sein reinstes Chemisett. Er steht noch auf -dem naiv-genialen Standpunkt der +Gleichberechtigung aller chemischen -Verbindungen+, und die paradiesische Unschuld, die noch nicht weiß, was -rein und schmutzig ist, ist noch nicht ganz durch unsere ästhetischen -Engherzigkeiten verscheucht. - -»Was willst du denn mit diesem Stück von einem Bierglasdeckel machen?« - -»Och -- wenn ich den Deckel dazu finde, dann mach' ich das auf mein -Milchseidel.« - -»Das 's 'ne Idee! Famos! -- Aber sag' mir Bescheid, wenn du den Deckel -gefunden hast! -- Kannst du denn überhaupt so was machen?« - -»Jaaa -- das ist man ganz leicht!« - -»Mmmm.« - -Das ist richtig. Ich hab' auch als kleiner Junge sämtlichen Handwerkern -ihre sämtlichen Künste abgeguckt. Es ging alles so nett und leicht. Ich -wäre so gern Tischler, Schlosser, Schmied, Schuster, Maurer, Hutmacher, -Maler und alles andere außerdem gewesen. Wenn meine Phantasie ein Werk -entworfen hatte, so war's auch schon fertig, und ich spielte damit. -Ich hobelte ohne Hobel, klebte ohne Leim, malte ohne Pinsel, lötete -ohne Kolben und Flamme und beschlug die wildesten Pferde, alles in -Gedanken. Und die Werke unserer Phantasie spielen anmutiger mit uns -als wir mit den wirklichsten Dingen. Auch mit Ruhm und Macht und Geld -spielt es sich ja hübscher in der Phantasie als in Wirklichkeit. »Alles -wiederholt sich nur im Leben --« - -Also freu' dich nur an deinem Deckelglas. - -Nachdem wir nun noch aus dieser Tasche eine Mundharmonika, ein kleines -Weingeistthermometer und einen Soldaten von der bleiernen Kavallerie -gehoben haben, bemerken wir an der Lanze dieses Ulanen eine deutsche -Fünfpfennigmarke -- ~pardon~: -- eine norddeutsche Fünfpfennigmarke! - -Eine furchtbare Ahnung spannt meine Nerven. - -»Was soll die denn?« frage ich. - -»Die sammel' ich,« erklärt er ganz unschuldig. - -»Mein Sohn,« spreche ich und lege mit ehrwürdig-großer Geste die -Vaterhand auf seine Schulter, »ich will es keineswegs als unmöglich -hinstellen, daß die Sammler von Briefmarken und Trambahnbilletts -irgendeinen Gedanken daneben haben. Der Mensch soll nicht hochmütig -sein: was wissen wir z. B. vom Seelenleben des Meerschweinchens -oder des Laubfrosches! Aber bei einem Erben meines Blutes dulde -ich Briefmarkensammeln nicht. Darin erlaube ich mir nun Despot -zu sein. Willst du +schöne+ Dinge sammeln -- sehr gut! Willst du -lehrreiche Dinge sammeln: Tiere, Pflanzen u. dgl. -- auch gut! Aber -Briefmarkensammeln ist ausgesprochene Antikultur, und darauf steht -bei mir Enterbung.« (Der Junge verfärbt sich.) »Man weiß ja, wie's -geht: Erst kommt das Cricri und das Monokel, dann das Sammeln von -Briefmarken und Pferdebahnzetteln und schließlich der Klerikalismus, -ohne daß man die Uebergänge merkt!« - -Meine Frau hat sich inzwischen an die Erschließung der anderen -Tasche gemacht und mit diversen Muscheln und Hosenknöpfen auch eine -zusammengedrückte Kapsel von einer Weinflasche an den Tag gebracht. - -»Und was willst du damit?« - -»Die will ich verkaufen.« - -»Verkaufen?« - -»Ja, Willy Steinmann sagt, wenn man 'n Pfund davon hat, dann kann man -sie verkaufen, und das Geld will ich mir dann aufsparen, und dann seh' -ich zu, daß ich immer mehr dazu krieg', bis ich fix reich bin.« - -Aah -- daher pfeift der Wind! Er hat offenbar von jenen -»gemeinnützigen« Geschichten gekostet, in denen immer erzählt wird, -wie irgend jemand schon als sechsjähriger Knabe jede Stecknadel -aufhob, jede Gänsedaune für ein künftiges Kopfkissen reservierte und -so schließlich ein ungeheuer großer, reicher und berühmter Kaufherr -wurde. Ich habe nie die Ueberzeugung loswerden können, daß diese -Geschichten von Spekulanten, Bankdirektoren, Testamentsvollstreckern, -Schwankdichtern und ähnlichen Leuten erfunden worden sind, um die -andern Leute von der Fährte abzulenken. Mein Junge -- wenn du der -Sohn deiner Eltern bist, so wirst du diesen »fremden Tropfen in -deinem Blute« bald wieder hinauswerfen, davor ist mir nicht bange. -Stecknadelnsammeln liegt nicht in der Familie. - -»Na, und wenn du nun ›fix reich‹ bist -- was dann?« - -»Dann kauf ich mir Kühe und Ochsen und 'n Geographiebuch.« - -»So.« Bei mir war es immer ein Schloß. Das wollt' ich mir bauen, -wenn ich reich wäre. Ich sehe noch heute die breite, schimmernde -Marmortreppe, auf deren oberster Stufe ich stehe als ein -Grand-Seigneur, um im nächsten Augenblick mit vornehmer Gelassenheit -hinabzusteigen. Oder ich lag auf einem Ruhebett hingestreckt und sah -durch hohe Bogenfenster weiße Wolken durch blaue Himmelsfluren ziehen --- langsam -- so langsam. Oder ich hielt auf der Zugbrücke hoch zu -Pferd, die Faust auf den Schenkel gestemmt, und sah in +einem+ Blick -Täler und Berge, Wälder und Ströme. Ich möchte fast mit Lessing -glauben, daß es eine Wiedergeburt in +dieser+ Welt gibt, daß wir -mehr als einmal auf dieser Erde erscheinen. Vielleicht daher diese -leisen, fernen, geheimnisvollen Erinnerungen, die wir uns nicht -erklären können. Und ich fürchte, ich fürchte: ich bin -- vielleicht -im dreizehnten Jahrhundert oder so -- ein wenig beschäftigter Junker -gewesen. Ich habe seitdem noch immer eine merkwürdige Neigung, mit dem -Schauen nach schwebenden Wolken und mit dem Reiten durch rauschende -Täler meinen Unterhalt zu verdienen. - -Während diese Erinnerungen schnell wie Schwalbenflug vor meinem inneren -Blick vorüberziehen, stößt meine Frau plötzlich einen heftigen Schrei -aus und springt vom Stuhl empor. Sie muß auf etwas Entsetzliches -gestoßen sein; denn sie ist von Natur sehr mutig. Sie würde ihr Kind -aus dem Rachen des Löwen reißen wie jene berühmte Mutter von Florenz. -Es muß etwas Furchtbareres sein als ein Löwe. Und so ist es. Es ist -ein »Gemeiner Mistkäfer«, ~Geotrupes stercorarius~, den meine Frau von -ihren Fingern fortgeschleudert hat und der jetzt langsam auf den Dielen -dahinkriecht. - -»Ooh, mein Käfer!« jammert Erasmus. - -Das Krabbeltier ist aus einer Streichholzschachtel entwischt und hat -sich frei in der Hosentasche ergangen. Während meine Frau noch immer -ein bißchen weiß um die Nase ist, hat Erasmus das Tierchen aufgenommen -und läßt es mit geradezu wissenschaftlicher Kaltblütigkeit und -Vorurteilslosigkeit über seine Finger krabbeln. - -»Wozu hast du den denn gefangen?« - -»Für 'ne Käfersammlung.« - -»Na -- weißt du -- das halt' ich eigentlich für unnötig. Du kannst -ihn dir auch so ordentlich ansehen. Und dann kannst du ihn jedes Jahr -in ungezählten Mengen wiederfinden. Wenn's was Seltenes wäre, wollt' -ich nichts sagen. Was selten ist, muß immer dran glauben. Aber das -verstehst du noch nicht. Also: ich denke, du läßt ihn laufen, he? -Andere Mistkäfer wollen +auch+ leben.« - -Mit schnell aufblitzendem Blick sieht er mir forschend in die Augen, -dann lächelt er und betrachtet verstohlen seine Hände. Sie sind heute -zum zweitenmal gewaschen und zum drittenmal schmutzig. Er gebraucht -sie ungeniert und fleißig, wenn er in Haus und Garten, Feld und Wald -naturforschend sich ins All versenkt. - -An den Gegenständen, die der zweiten Tasche entstammen, zuletzt an der -Streichholzschachtel, sowie an der rechten Hand meiner Frau ist uns -mehr und mehr eine merkwürdig übereinstimmende Röte aufgefallen. Jetzt -kommen wir auch dem Ursprung dieser Farbe nah: ein beträchtliches Stück -Rötel hat offenbar schon ein paar Tage in diesem Raume zugebracht und -dessen Wände mit einem gleichmäßigen Rot bedeckt. Endlich findet sich -noch ein schön abgeschliffenes, eirundes Rollsteinchen vom Meeresufer. - -»Was ist denn das?« - -»Das ist 'n Glücksstein.« - -»Ein Glücksstein?« -- - -Das kann stimmen. Wer sich an solch einem Steinchen freut, der ist -glücklich. - -»Wo hast du denn die hübsche kleine Silbermünze gelassen, die du -neulich hattest?« - -»Och, die hab ich Georg Petersen gegeben, der will mir achtzehn Fahnen -und fünfundzwanzig Lanzen dafür geben.« - -Seine Augen leuchten. - - * * * * * - -Ja, das sind so Augenblicke, in denen einem das Herz ein wenig groß -und das Auge -- Verzeihung! -- ein wenig warm wird. Denn man denkt an -die vielen Male, daß dieser junge Mann in seinem Leben noch betrogen -werden wird. Was wird +dem+ sein guter Glaube noch kosten! Man fragt -sich, ob man nicht unrecht tut, wenn man einem Kinde sagt: »Sei immer -wahr!« -- ob man es nicht wehrlos macht. Man säh es so gern das Gebot -der Wahrhaftigkeit befolgen, und man sieht dabei alle die Leiden -voraus, die dann seiner warten. Also dem Achtjährigen schon sagen: »Paß -auf, daß du nicht betrogen wirst!?« -- Nein. Nein. Es lieber der Zeit -überlassen, die schließlich doch den Arglosesten warnt. Bei manchem -braucht's freilich viel Zeit. Und dann ist ja auch der Mensch so genial -konstruiert, daß er einen merkwürdig großen Wert darauf legt, nicht -aus fremdem Schaden zu lernen, sondern +selbst+ betrogen zu werden. -Und dann ist es ja auch vorteilhaft, sich mäßig betrügen und belügen -zu lassen. Zu viel ist freilich hier wie überall vom Uebel. Wer gar zu -leicht zu betrügen ist, der verleitet schließlich auch honette Leute. -Die sagen dann: »Na -- wenn er selbst nicht anders +will+ -- --« Man -glaubt nicht, wie verderblich ein +einziger+ Vertrauensseliger für -ein ganzes Rudel von ziemlich anständigen Menschen werden kann. Aber -sonst --: Die Leute vom Adel haben ganz recht: Sich mäßig betrügen -lassen, gehört zum Adel. Wer einen Rock zu vierzig Mark für fünfzig -Mark verkauft, wer im niederen oder höheren Pferdehandel einen -Gentleman hineinlegt oder wer das Drama eines Rivalen aus dem Spielplan -hinausintrigiert, damit er noch ein bißchen mehr Ruhm mit Tantièmen -ergattere -- und wer sich bei alledem steif und fest einredet, Klugheit -und Vorteil seien auf +seiner+ Seite und +nur+ auf seiner Seite -- ja, -wer wollte solch einem armen Teufel das kleine Vergnügen des Betruges -nicht gönnen?! Man zahlt je nach seinen Verhältnissen die zehn Pfennig -oder die zehn Goldstücke oder die zehn braunen Scheine, und wenn man -den Betrug merkt, lacht man sich ins Fäustchen und freut sich, daß man -keine Wanze ist; und was einem leid tut, ist nur der arme Kerl, der nun -womöglich ganz stolz ist auf seinen »Coup«. - -Meine Frau und ich haben beschlossen, dem jungen Herrn ein eigenes -Schubfach zur Verfügung zu stellen, damit er darin seine Kinderwelt -baue. Nach meinem eigenen Jungentum zu schließen, wird er allerdings -die Hosentasche vorziehen. Das Verhältnis zu den Dingen ist hier ein -intimeres. Man hat auch alles für den ersten Griff bereit und nett -beisammen: Kreisel, Mistkäfer, Aepfel und Schusterpech. Und dann -- -die Hauptsache! -- es liegt nicht offen vor aller Augen da. Obwohl wir -höchst diskret verfahren sind mit dem Geheimschatz des Prinzen Erasmus -und uns das Lachen tapfer verbissen haben -- er schien unser Vorgehen -doch als eine Indiskretion zu empfinden. Es war eine Sache der Scham -für ihn. Und man +soll+ auch nicht einfallen ins Land der Kinderseele, -man soll es behutsam anstellen, daß sie einen selbst hereinziehen. Wenn -ihr Entzücken einmal recht groß ist, tun sie's schon. - -Eine zartgebaute Welt, das Kinderparadies! Ein einziger rauher Hauch -aus der kalten Welt der Erwachsenen -- und tausend Blüten fallen auf -einmal von seinen Bäumen. Es gibt ein Wunder, das ist so groß wie -ein Pfennig, rund wie die Sonne und mildglänzend wie der Mond; du -bewegst es ein wenig -- und versteckte Farben leuchten daraus hervor: -das durchsichtige Grün des Nordmeers, die Röte des Abendhimmels -... Laß aber ein paar unrechte und grobe Finger darüber kommen und -es verächtlich auf den Tisch werfen -- so ist es ein armseliger -Perlmutterknopf! -- -- -- - - - - -Flieh, auf, hinaus ins weite Land! - - -In den Pfingsttagen ist er wieder aufgestanden. Die Pranken hoch -emporgestreckt zum Ansprung ... - -Kusch!! - -Und langsam, sehr langsam duckt er sich noch einmal in den Winkel. - -Der +Wanderdämon+. - -Wer stets daheim geblieben ist, in dem schläft er einen tiefen Schlaf. -Ein solcher Mensch spricht ganz unschuldig solche Lästerungen aus wie: - -»Wozu soll ich reisen? Kann ich's irgendwo schöner und behaglicher -haben als in Hamburg?« - -Oder: »Gehn Sie mir mit dem Reisen! Der reinste Selbstbetrug! Man -gibt recht viel Geld aus, fühlt sich fortwährend unbehaglich und sagt -immer ›O wie schön!‹ um sich nur zu beschwichtigen. Hab auch mal so'n -Rundreisebillett durch 'n Harz gehabt. Bin gar nicht erst ausgestiegen. -Gleich durchgefahren und wieder nach Hause ...« - -Und was dergleichen Ahnungslosigkeiten mehr sind. - -Aber wenn jener Dämon nur +einmal+ Blut geleckt hat ... - -Nehmen wir an, du machtest deine jährliche Reise im Juli, so meldet er -sich nach der +ersten+ Reise im Juni, nach der zweiten im Mai, nach der -dritten schon im April, und nach wenigen Jahren, wenn du gerade vor dem -Tannenbaum stehst und eine goldene Nuß hineinhängen willst, wachsen -sehnsüchtige Bergriesen in dir empor, und über weltweite Alpengründe -fließt Herdengeläut und millionensternige Blumenpracht. - -Du schüttelst schnell den Kopf ... Still!! Kusch dich!! ... Und der -große, machtvolle Weihnachtsfriede deckt das liebe Ungeheuer zu -- -günstigenfalls, bis der erste Star unter deinem Fenster schrillt. -Dann regt es sich ohne Gnade, und bald darauf wieder, wenn die »neun -Sommertage des März« kommen -- oder ausbleiben, je nachdem -- und dann -an dem Tage, da der +eine+ große, warme Atemzug der Befreiung durch die -Städte geht und alle Menschen, auch die in den Krankenstuben, sprechen: -»Ja, +jetzt+ ist der Frühling +wirklich+ da!« -- und dann in immer -kürzeren Zwischenräumen. - -In den Pfingsttagen richtete er sich gewaltig empor; ich spürte seinen -heißen Atem an der Wange ... - -An einem heiligen Pfingstmorgen in früher Kindheit ist er ja auch zum -erstenmal in mir geweckt worden. Damals nahm ein älterer Bruder mich -bei der Hand und führte mich das Ufer des breiten Elbstromes hinunter. -Und sieh: jenseits des breiten, sonnigen Glanzes lagen blaue Berge, -denkt euch nur: +blaue+ Berge! Als mir mein Bruder dann noch sagte, -die Bläue komme von den Heidelbeeren her, mit denen die Berge über und -über bewachsen wären, da wuchs mein Verlangen ins Unendliche. Von jenen -blauen Bergen kam meine Wanderlust. - -Nun hatt' ich gesehen, daß es noch eine Welt gab jenseits unseres -Dorfes. Mehr noch +gefühlt+ als gesehen! Mein inneres Leben hatte -ein Jenseits bekommen, eine nebelblaue Weite, in der meine Träume -tanzen konnten. Von jenem Tag an gab es in meiner Seele Heimat und -Fremde. Wir waren weit, weit gegangen, wenigstens für meine kurzen -Kinderbeinchen, und zum erstenmal fühlt' ich den geheimnisvollen -Zauber, den Ueberwindung des Raumes und Wechsel der Umgebung mit sich -bringen. Ich weiß nicht, ob es anderen auch so ist: aber für mich hat -die Ueberwindung großer Entfernungen, wie sie z. B. die Dampfkraft -ermöglicht, etwas Anziehend-Unheimliches. So ein Handlungsreisender --- ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mich irre, und es gibt ja -gewiß auch andere -- spielt heute abend seinen Skat in Leipzig und -morgen abend in Berlin, und wenn er beide Male gleiche Karten hat, -ist es ihm ganz einerlei. Hab ich recht? Nun ja, es kann auch wohl -nicht anders sein. Aber +ich+ sage mir in solchem Falle gedankenvoll: -»Gestern in München -- und heute in Posen!« Und darin liegt dann so -ein übermenschlicher Schicksalsklang wie etwa in den Worten: »Heute -rot -- morgen tot.« Es genügen schon die Bahnhöfe solcher zwei -Endpunkte, um Schauer der Raumüberwindung in mir zu erwecken. Es mag -wohl daher kommen, daß alle Dinge für mich Gesichter haben, seien es -auch nur Steinwände, eiserne Träger oder bestaubte Fensterscheiben, -keine Menschengesichter, sondern solche Gesichter, wie sie Steinwände, -eiserne Träger und bestaubte Fensterscheiben eben haben ... - -Und dann kamen alle die Pfingstfeste, da ich in der Nacht vor der -Ausgießung des heiligen Geistes mit meiner Mutter bis zwei Uhr, bis -drei Uhr bei der Lampe saß und seligen Blickes zusah, wie sie aus dem -vergangenen Pfingststaat des Vaters den neuen Pfingststaat des Sohnes -erstehen ließ. Ich sehe noch, wie auf den treuen, nimmermüden Händen -der gelbe Lampenschimmer lag, ein Schimmer, der mir dann vor den -stillen Augen zum gelben Sonnenschein auf Wald und Wiesenpfaden ward. -Das schönste von allem Glück sind die geweihten Stunden der Erwartung, -besonders die schweigend bewegten Nachtstunden, nach denen die Licht- -und Klangfanfaren eines großen Morgens kommen sollen. - -In solchen Nächten braucht man keinen Schlaf. Leg dich mit der -Erwartung von Leiden nieder, und aus dem längsten und schwersten Schlaf -erwachst du ohne Erquickung; wiegt sich aber dein Herz auf Flügeln -fröhlicher Hoffnung, so nippst du wie ein Vogel einen einzigen Tropfen -aus dem Wasser der Träume und fliegst gestärkt in den Morgen hinaus. - -Ja, mit starken Beinen marschierten wir in allererster Frühe des -Morgens hinaus. Die Tradition verlangte das: erste, keuscheste -Herrgottsfrühe. »Herrgottsfrühe« -- welch ein wunderbares Wort das -ist! Alle Menschen schlafen noch; selbst die Vögel hocken noch im -Nest; nur der Herrgott und du sind schon wach, und du fragst ganz -unbefangen hinauf: »Wie wird's denn heut' werden?« denn er hat noch -Zeit, ein Wort an dich allein zu wenden. Und leichte Sommerkleider -verlangte die Tradition, bei den Mädeln sogar helle Kleider, wenn es -auch sanft und hartnäckig regnete und der Regen nur selten unterbrochen -ward durch ein wenig Schnee. Was Faust vom Ostermorgen sagt, mag ja -im sechzehnten Jahrhundert richtig gewesen sein, heutzutage stimmt es -nicht mehr, wenigstens nicht in Norddeutschland. Am Osterfeste macht -man Schlittenpartien, freut sich aber, wenn man wieder beim Ofen sitzen -und Grog trinken darf. Pfingsten ist das Fest, da die Menschen aus -ihren steinernen Gräbern auferstehen, um Licht zu trinken. Und solch -ein Fest verregnen lassen (womöglich noch mit Schnee dazwischen), das -kann nur der Teufel tun; denn ein Herrgott bringt dergleichen einfach -nicht übers Herz. Pfingsten im strömenden Regen beginnen und verrinnen -sehen, das war so, wie wenn unser bester Freund uns meuchlings einen -Dolchstich versetzt; man stand am Fenster und sprach in sich hinein: - -»Das war kein Heldenstück, Oktavio!« - -Ich zog meine Eltern so oft ans Fenster und wiederholte so oft die -Behauptung, es beginne jetzt im Westen »aufzuklaren«, daß sie bald ganz -meiner Meinung wurden und die günstigsten Prognosen stellten. Auf das -Wetter hatte das freilich keinen Einfluß. Und es rührt mich noch heute -ganz seltsam, wenn ich Arbeiter mit ihren Frauen und Kindern in dünnen, -weißen Pfingstgewändern, die melancholisch am Leibe herunterhängen, -unter dem Regen fröstelnd dahinschleichen sehe. Wer sich aus jedem -Tage einen Sonntag machen kann, der hat gut mit überlegenem Spotte zu -lächeln: »Warum heben diese Leute sich ihren Staat und ihr Vergnügen -nicht auf für einen späteren Tag? Ein Sonntag ist doch wie der andere!« - -Ganz recht: ein Sonntag ist wie der andere; aber keiner ist wie der -Pfingstsonntag. Am Pfingstsonntag ist in diesen Leuten das Maß der -Frühlingssehnsucht voll, und es +muß+ überströmen. - -Ja, Sommerkleider mußten es sein und Strohhüte, und in der Flasche -mußte Himbeeressig sein -- für unerfahrene Zungen ein köstlicher Trank --- und in der »Botanisier«-Dose ein Frühstück mit Schinken, Eiern oder -noch selteneren Dingen. Ich gebe gern zu -- ich seh' nicht ein, warum -ich mich genieren soll --, daß meine Seligkeit ein inniges Gemisch -war von Schönheitsfreude und Schinkenhoffnung; aber ich bestreite auf -das entschiedenste, daß sie nur aus letzterer bestanden habe, wie bei -einigen meiner Kameraden. O nein, ich sah wohl die festliche Schönheit -der breiten Wiesen, auf denen behende Burschen nach schlanken, -tanzenden Mädchen haschten; ich blickte wohl mit heimlichem Entzücken -seitwärts in grüne, heilig-dunkle Säulengänge, wo die Amseln furcht- -und harmlos über den Weg liefen; ich sah wohl die Schönheit auf den -Gesichtern, wenn dem blinden Geiger ein Groschen in den Hut fiel; -ich bemerkte wohl, daß die weißen Segel auf dem Fluß so stillächelnd -dahintändelten, als ergingen sie sich ziel- und wunschlos auf den -Fluten der ewigen Seligkeit, und ich sah wohl, wie die Birke ihr langes -Haar übers Gesicht fallen ließ, daß die Gräser damit spielten, und wie -sie sich immer wieder neigte und sich immer wieder neigte und immer -wieder, mit zärtlicher Geduld, wie eine junge Mutter. Und wenn ich -damals gewußt hätte, daß +das+ das Glück sei, was um die flüsternden -Zweige flimmert und über den wandernden Strömen schimmert -- wenn ich -das geahnt hätte ...! - -Kann es euch wundern, daß gerade am Pfingstfest die Wandersehnsucht in -mir aufstand, unbarmherzig, stark, wild, rauh, und dann mit einem Mal -das ganze Innere mit lieblicher Glut erfüllend? - -Daß ich mit einem Mal an einen kleinen Steg über einen Arm des grünen -Dürrensees denken mußte, an ein paar Brettlein, von denen aus man -eine andere Welt erblickt? Denn diese ungeheure, schweigende Runde -wildauftrotzender Felsen gehört unmöglich zu der Welt, die wir kennen -und in der wir leben. Dies Tal der ewigen Ruhe ist von der Welt des -Strebens geschieden durch ewige Felsen. Hier trank ich bei lebendigem -Leib die Wollust des Sterbens. Du stehst und starrst -- und fühlst, wie -unter dir das Tägliche versinkt; immer noch tiefer versinkt es, immer -noch tiefer. Und starrend versinkst du selbst in unergründliche Tiefen -der Seeleneinsamkeit. Du hast nicht Freund, nicht Weib, nicht Kind -mehr; dein Leben ist ausgelöscht; du bist der letzte Mensch unter den -furchtbaren Schauern steiniger Oede. - -Und wie dein Blick noch starrend hängt am ragenden Geklüft, da steht -mit einem Mal auf schimmerndem Grat eine ferne Erinnerung in rosigem -Gewande und blickt dir gerad' ins Aug'. Habt ihr's gesehen, daß auf -den höchsten Höhen Erinnerungen wohnen? Daß sie auf leuchtenden Zinnen -stehen, über den schneeschimmernden Grat wandeln, an grauen, drohenden -Abgründen hangen? - -Ueber einem gebietenden Gipfel leuchtete mir die Erinnerung auf an den -Tag, da ich, ein achtjähriger Bube, durch die blendend illuminierten -Straßen meiner Heimatstadt geführt wurde und von allen Lippen das Wort -klang: Der Friede ist geschlossen. - -Jenen sanften Abhang herab kam die Erinnerung, wie ich, ein Jüngling, -fast noch ein Knabe, durch abendlich-goldene Felder ging, des Francis -Bacon scharfes »Organon« in der Tasche, die Leiden des jungen Werther -aber im Herzen und im Kopfe. - -Ueber jenen Sattel aber mußte im nächsten Augenblick Hand in Hand -der liebliche Reigen jener Stunden heraufkommen, da ich mit Ortrun -am Strande saß und sie mir ihre Blumen ins Gesicht warf, weil sie zu -schüchtern war, sie mir in die Hand zu geben. - -So taust du allmählich wieder auf von Erstarrung und Tod und liesest -in dem Gezack der Höhen und Abgründe die Linien eines Menschenlebens: -Du hebst endlich wieder den Stab zu neuem Wandern, und mit dir wandern -droben auf den Bergen die wilden, grauen Stunden deiner Kämpfe und alle -sanften Tage deiner Liebe. -- - -Und kann es euch wundern, daß ich Pfingsten auch an Cenzi denken -mußte, an Cenzi von Mayrhofen im Zillertal, deren Licht uns -gastlich entgegenleuchtete, als wir drei Wandergesellen abends nach -zweistündigem Marsch im Regen nach diesem Dorfe gelangten, weich bis -ins Gemüt? An Cenzi, das Mädchen mit der revolutionären Orthographie -und dem reichen Gemüt, das uns mit einer durchaus flüssigen Suppe -und einem sehr reservierten Kalbsbraten erquickte und auf unseren -einstimmigen Liebesschwur erklärte, daß sie unsere Gefühle erwidere, -alles für einen Gulden siebzig? Freilich kann ich noch heute den -nagenden Zweifel nicht los werden, ob Cenzi unsere Gulden nicht +noch+ -inniger liebte als uns: denn wenn wir noch dabei waren, das Letzte aus -der Flasche ins Glas zu gießen, so fragte sie schon mit Leidenschaft: -»Mögen S' noch ane?« und wenn wir dann mit Gefühl erwiderten: »Ja, -bringen S' noch eine Viertel«, dann sprach sie: »Mögen S' net a Halbe?« -Eine so naive, quellfrische Guldensehnsucht findet man nur noch bei den -unverfälschten Kindern des Gebirges. - -Oder nimmt es euch wunder, daß ich an Monika dachte, an Monika vom -Mahlknechtsjoch, die in jeder Beziehung runde Monika mit den runden -Augen, die über alles lachte? Wenn man sagte: »Monika, bestellen Sie -mir eine Droschke!«, so lachte Monika, das Merkwürdige aber war, wenn -man sagte: »Monika, bringen Sie mir einen Kaiserschmarren!«, so lachte -sie auch. Am meisten aber lachte sie, als einer von uns den Lehrsatz -aufstellte: »'n +bißchen+ dumm ist +jeder+.« Die Sache ist ja auch -komisch. Und dann brachte sie einen niemals ganz zu bewältigenden -Kaiserschmarren und eine Erbsensuppe, die so unendlich war wie ihre -Fröhlichkeit, und alles stellte sie uns hin mit so mütterlicher -Freundlichkeit, als wären wir ihre drei jüngsten Buben, die sie einmal -gründlich durchfüttern müsse. - -Oder daß ich an Mali dachte in der Dominikushütten, die mordssaubere, -blitzäugige Mali, die so freundlich und so betulich war und dann -zu dem Buben auf dem Hof, als sie nicht wußte, daß jemand auf dem -Altane stand und sie hörte, die eindringlichen und hochtonigen Worte -sprach: »Willst glei die Ziegen in Ruh lass'n, du sakrischer Lauskerl, -malefizlischer!« Sie sprach das in einer Weise, die den Gedanken an -eine eheliche Verbindung in das Innerste der Brust selbst eines geübten -Ritters St. Georg zurückgescheucht hätte. Oder an den Aufstieg zum -Pfitscher Joch, am Stampflerferner vorbei und an den kleinen dunklen -Seen, die wie schwarze Augen regungslos in den Himmel starren? Oder an -den Abstieg in das menschenarme, melancholische Pfitschtal, wo ich, als -wir nahe vor St. Jakob angekommen waren, immer wieder zurückschauen -mußte nach einer Kirche, über der ein himmlisches Licht entzündet war? -Ihr müßt dem Wort »himmlisch« erst alle die Bedeutungen ausziehen, -die unsere kleinen Mädchen ihm aufhängen, wenn sie von »himmlischen« -Tüllgardinen oder von »himmlischen« Zeichenlehrern sprechen. Nehmt -einmal bitte das Wort »himmlisch« in seiner reinsten Ursprünglichkeit -und denkt euch ein allerreinstes Licht! Ueber dem Kirchlein lag -ein Gletscher im hellsten Mittagssonnenschein, und der Turm wies -mitten in den Glanz. Es war ein alleinseligmachendes Kirchlein; wer -hindurchging, der mußte unmittelbar ins ewige Licht gelangen, und -selbst der schwärzeste Bösewicht, wenn er in den Bannkreis dieses -Leuchtens trat, mußte sogleich erstrahlen wie der weißeste Engel. - -Ach, leider ist dieses himmlische Licht ein Trug; in den Köpfen -der Menschen fanden wir nichts davon. Welch ein psychologisches -Raffinement, welche Kunst der Mitteilung gehörte dazu, um wieder auf -den richtigen Pfad zu gelangen, den wir im strömenden Regen verloren -hatten, und endlich einen Wagen zu bekommen, der uns in diesem Regen -nach Sterzing brachte. Die Fahrt dauerte drei Stunden, von denen wir -nach ungefährer Schätzung eine auf unseren Sitzen und nur zwei in -der Luft verbrachten. Wir waren vorurteilslos genug, über jeden Stoß -zu lachen, wenn unser Lachen nur nicht regelmäßig durch den nächsten -Stoß abgebrochen worden wäre. Gleichwohl war unsere Stimmung die -ausgelassenste Heiterkeit, wenn wir auch dazwischen mitunter den -stillen Gedanken hatten, daß unser Wägelchen im nächsten Augenblick in -tausend Splitter zerschmettert werden oder mit Insassen und Pferden -in den Abgrund hinunterkollern würde, wo der durch den langen Regen -übermäßig geschwellte Pfitschbach mit Donnern und Brausen abwärts -stürzte. Der Kutscher stieß ein »Jesus Maria!« über das andere aus. -Es war eine jener Situationen, die man, wenn man einmal darin ist, -mit lächelndem »Mannesmut« hinnimmt, deren Wiederholung man aber -künftig nach Möglichkeit zu vermeiden im stillen beschließt. Der -niedlichste von allen Humoren war aber, daß wir schließlich noch auf -eine lange Strecke aussteigen mußten und nun zu Vieren den an allen -Rädern gebremsten Wagen zurückhielten, damit er den Pferden nicht -auf die Hacken falle und hübsch auf dem Weg bleibe. Es war noch ein -wahres Glück, daß wenigstens der Regen anhielt. Wir hatten für solche -Perioden der Trübsal einen Fundamentalsatz der Berliner Philosophie, -den wir uns dann gegenseitig ins Herz prägten; er hieß: »Det is -+jrade+ wat Scheenes!« Solche Sätze sind viel wert. Es ist damit wie -mit den Salmiak-Pastillen; eigentlich sind sie scheußlich; aber man -hat wenigstens etwas in den Mund zu nehmen und in langen Stunden eine -Unterhaltung. - -Und schließlich kamen wir doch nach Sterzing in ein hübsches, -blitzeblankes Hotel, und wer mir jetzt noch +ein Wort+ auf die Kultur -schimpft, der hat's mit mir zu tun. - -Für die Natur braucht man nicht einzutreten, die verteidigt sich selbst. - -Die redet aller Sprachen Sprache, die aller Menschen Muttersprache ist. -Ihre Sprache klingt in Bergen und Tälern, aus Wäldern und Strömen. -Und was mir das Gebirge Unaussprechliches vertraut hat: in wenigen -Wochen geh' ich und sag' es mit stummen Lippen seiner geheimnisvollen -Schwester, dem Meer, dem tausendstimmigen und millionenäugigen, dem -herrlichen, dem -- o, dem -- dem -- - -Kusch!!! - - - - -Der süße Willy - - -Es war an einem Sonntag; denn der süße Willy sollte ein Sonntagskind -werden. Der welthistorische Moment seiner Geburt war auf eine Minute -vor zwölf Uhr mittags festgesetzt. Aber schon seit acht Uhr morgens -waren im Schlafraum der Mutter außer der Hebamme, der Wärterin und -der Amme sieben zukünftige Tanten und Cousinen gegenwärtig. Eine -angeregte Unterhaltung und Pralinés sind für Wöchnerinnen im Augenblick -ihrer Niederkunft sehr zuträglich. Von letzterwähntem, nicht genug -zu empfehlendem Konfekt schoben abwechselnd Tante Bella und Tante -Julchen der Leidenden ein Stück nach dem andern tröstend in den Mund. -Tante Minka hatte es sich nicht nehmen lassen, ihren entzückenden -Molly, einen seidenweich behaarten Choleriker, mitzubringen, der -der Gebärenden beruhigende Laute zubellte oder fein langgezogenes -Klagegeheul mit ihrem Wehgeschrei vereinigte. Tante Elvira dagegen, -ein Fräulein von siebenundfünfzig, welcher nach unerforschlichem -Ratschluß der Kindersegen versagt geblieben war, wiegte auf ihren -Händen ein für den süßen Willy bestimmtes Puppenkerlchen, das, wenn -man ihm nur geneigtest auf den Bauch drücken wollte, zwei Becken -zusammenschlug und in anerkennenswerter Weise quietschte. Diese vier -achtbaren Damen nahmen den Platz am Bette ein, der von Rechts wegen -der Wehmutter und der Wärterin gebührte, den sie aber behaupteten in -der richtigen Erkenntnis, daß die Nähe von Verwandten immer etwas -Beruhigendes habe für »Frauen in solchen Umständen«. - -Immer näher rückte der bedeutungsschwere Moment. - -Frau Helmerding stieß einen furchtbaren Schrei aus; denn die Mutter des -süßen Willy hieß Frau Helmerding. - --- Bäh -- -- -- bäh -- -- -- bäh -- -- -- - -Das Unvermeidliche war geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen. -Der süße Willy war mit beiden Füßen in etwas getreten, was man Leben -nennt, und von nun an ein Faktor, mit dem die Welt zu rechnen hatte. - -Die zärtlichen Verwandten, die vor der kritischen letzten halben Stunde -doch geflohen waren, kehrten in Prozession zurück. - -Damit das Seelenleben des süßen Willy ungetrübt und heiter dahinfließen -könne von Anbeginn, hatte man seit acht Uhr ein Zuckerbeutelchen -bereitgehalten. Der liebe Junge war nicht so bald vorhanden, als ihm -Cousinchen Nelly mit dem Saugobjekt in den Mund fuhr. Willy lutschte -schweigend am süßen Dasein. - -Nachdem er gebadet worden war, ging er von Hand zu Hand. »Wie süüüß, -wie rraitzend, wie hiiiimlisch, wie enttt--zückend!« und zum Schluß in -siebenstimmigem Unisono sanft versäuselnd: »Wie süüüüß!« - -Endlich kam die süße Last an Jungfer Elvira. Sie nahm mit sachkundiger -Miene das Knäbchen wie ein Wäschebündel unter den linken Arm, ließ mit -der rechten das Puppenkasperle tanzen und sang dazu ohne Schneidezähne -das allerneueste Gassenhauerchen: - - »Mitten in der Elbe - schwimmt ein Krokodil.« - -Dabei hätte sie aber das Bündel Weltbürgertum beinah auf den Boden -fallen lassen, und nur einem schnellen Griff der Wärterin verdankte -der junge Helmerding sein Fortbestehen. - -Der junge Helmerding war der Erstgeborene des alten. Dieser war aber -noch gar nicht alt, zählte vielmehr erst behäbige vierzig Jahre. Mit -neununddreißig hatte er sich verheiratet, nachdem er kurz vorher in -einem Bauunternehmen einen kapitalen Zug getan und gleichzeitig in -Erfahrung gebracht hatte, daß Frau Helmerding ihm vierzigtausend -Taler mitbringen würde. Es gibt eine unkeusche Leichtfertigkeit, die -früher heiratet, als solche Bedingungen gegeben sind, und Kinder auf -Kinder in die Welt setzt. Wie konnte bei solchen Existenzen von jener -wahrhaftigen, ruhigen, tief-sittlichen Vaterfreude die Rede sein, -die er empfand, als er von der Fondsbörse zurückgekehrt war, das -stille Glück der gestiegenen Kurse in der Tasche und das schreiende -eines jungen Erben in den Armen! Der Junge sollte aber eine Erziehung -genießen, daß sich der --! In die teuerste Schule, das stand fest. Wir -haben es ja dazu. - -Als man der Mutter davon sprach, daß das Kind, damit es sie nicht -störe, in einem andern Zimmer bei der Amme schlafen solle, wäre sie -fast außer sich geraten. So die Gefühle einer Mutter zu verletzen! Ha, -eine Löwin, der man ihr Junges rauben will! Als aber der junge Löwe -schon die erste Nacht unausgesetzt brüllte, weil er nicht schlief, -erteilte sie am Morgen jenem Vorschlag ihre Genehmigung. - -Der süße Willy machte jetzt einen nächtlichen Kursus für -Lungengymnastik durch. Vermöge einer Ausdauer, die die beseligendsten -Hoffnungen für seine spätere Entwickelung erwecken mußte, brachte er -es bald dahin, daß beim Schreien sein edel gebildetes Profil hinter -der Mundöffnung verschwand. Ein an poetischen Vergleichen reicher -Mann würde den Mund in solchen Augenblicken einer aufgeklappten -Zigarrenkiste nicht unähnlich gefunden haben. Was dem süßen Willy -noch an Fülle und Rundung des Tones abging, ersetzte er durch -Haarwurzelfeinheit des Timbres und durch warm beseelten Vortrag. Und -in seinem noch unerhellten Bewußtsein lebte unverkennbar ein Nachklang -aus den glücklichen Zeiten der Folter. Wenn nämlich seine Amme in die -süße Wollust des Entschlummerns versank und sich dort befand, wo wir -nach Egmont »aufhören, zu sein«, begann der süße Willy zu schrein, -sicher intonierend, den ersten Ton fest und kräftig aufsetzend, wie -die Gesanglehrer sagen. Wenn dann die Amme, durch dieses eigenartige -Zusammentreffen natürlich auf das angenehmste überrascht und erheitert, -das unschuldige Wurm seinen seidenen Kissen entnahm, beeilte sich -dieses, durch ein souveränes Lächeln auszudrücken, daß es mehr als -Beschränktheit sei, wenn man glaube, ihm fehle irgend etwas. »Im -Gegenteil!« leuchtet' es aus seinen edel-feurigen Augen, »~toujours -fidèle et sans souci~!« Von neuem sorgfältig zum Schlaf gebettet, -war er so rücksichtsvoll, mit dem Beginn der zweiten Konzertnummer -zu warten, bis das Bewußtsein der Amme wieder zu neun Zehnteilen in -bessere Gefilde entschwebt war und nur noch mit dem Rest im schlechten -Diesseits verweilte. Hatte sich dieser Vorgang während der Nacht -fünf- oder sechsmal wiederholt, so war die Amme am Morgen in jener -Stimmung, aus der die Kündigungen und schroffen Abschiede hervorzugehen -pflegen. Befolgte aber eine andere Amme das manchen Orts gelobte -Prinzip: »Schreien lassen, was die Lunge hergeben will«, so blieb eine -derartig rohe und herzlose Person natürlich keine acht Tage im Hause -der liebevollen Helmerdings. Große Männer verbrauchen die Menschen -ihrer Umgebung schnell. Da Willy ein großer Mann werden sollte, so -verbrauchte er schon im ersten halben Jahre seines Lebens vier Ammen. - -Es gehört zu den innigsten Ergötzungen eines Menschenfreundes, die -Jugend eines großen Mannes zu durchforschen und in tausend kleinen -Zügen eines von den trefflichsten Eltern herangebildeten kindlichen -Charakters schon das Bild des späteren Menschen vorgebildet, in dem -stillen Weben seiner Entfaltung schon die Kräfte seines zukünftigen -Strebens und Wirkens tätig zu sehen. Seit Vollendung seines ersten -Jahres wurde der süße Willy von seinen Eltern regelmäßig mit zur Tafel -gezogen. Eine umfassende Geschmacksbildung offenbarte sich schon -hier, und seinem strategischen Ueberblick entging kein Braten, kein -Kompott, kein Ragout, kein Salat. Sein Verlangen, von jeder Schüssel -zu erhalten, deutete er der Einfachheit halber durch ein mäßiges, fünf -Sekunden langes Gebrüll an. Wurde sein Wunsch aus irgendeinem Grunde -nicht sofort erfüllt -- an dem guten Willen der Eltern mangelte es -gewiß nicht --, so ergriff er mit ruhiger Entschlossenheit das nächste -Mittel, d. h. die nächste Schüssel, um sie auf den Boden zu befördern. -Mit einem sanften Verweis legte ihm alsdann die Mutter das Gewünschte -reichlich auf den Teller. Wir würden jedoch aus dem Charakterbilde -des süßen Willy den wesentlichen Zug des leicht verletzten Ehrgefühls -fortlassen, wenn wir nicht betonten, daß er auf jenen Verweis wieder -mit einem etwas gesteigerten Gebrüll von fünf Sekunden antwortete und -seiner Mutter mit den zierlichen Stiefelchen gegen die Beine stieß. - -Eine vornehme Verachtung der Magenfreuden bekundete Willy, sobald -er satt war. Wenn er mit dem Löffel in die Suppe klatschte, daß die -Spritzelchen umherflogen, oder wenn er den Finger in die Sauce tauchte, -um sinnige Figuren auf das Tischtuch zu malen, so war der Vater in -seiner philiströsen Auffassung der Kindesnatur vielleicht brutal genug, -ihm das ernstlich zu verbieten; aber das weiche Herz der Mutter empfand -richtiger. - -»Was du das Kind auch immer kommandieren mußt! Kinder sind doch Kinder! -Das arme Wurm weiß ja noch gar nich, daß er das nich darf. Muß nich -wiedertun, hörs, mein Süßen?« - -»Willy +will+ aber malen!« Und Willy malte einen Kreis, der einen Kopf -bedeuten sollte. - -»Willy, du solls das nich tun!« mahnte die Mutter. - -Willy zeichnete den Rumpf zu dem Kopfe. - -»Willy, kanns du nich hörn?« fragte die Mutter. - -Jetzt bekam der Rumpf Arme. - -»Gott, Willy, nu laß das doch!« seufzte die Mutter. - -Und Willy fügte mit zwei genialen Strichen die Beine hinzu. - -»Hä, das bist du!« rief er, indem er seinen Papa mit lieblicher -Dreistigkeit anlächelte. - -Und die Eltern lachten in seliger Freude. - -»Was doch der Junge für Einfälle hat!« - -Und in überwallender Freude versetzte die Mutter dem süßen Bengelchen -einige knallende Küsse. - -Man hätte nun glauben sollen, daß ein so reichlich genährtes und -mit den kräftigsten Nahrungsmitteln erzogenes Kind von Krankheiten -verschont geblieben wäre. Seltsamerweise war dem nicht so. Der arme -Willy mußte eine lange Reihe von Verdauungsstörungen mit deren Folgen -durchmachen. Aber aus jedem Leiden ging sein Charakter gefestigter -hervor; mit jeder Rekonvaleszenz nahm seine Willensstärke imposantere -Dimensionen an. Konnte man diesem Kinde schon, wenn es gesund -war, nichts versagen, so war es dem genesenden, »noch halbkranken -Zuckerchen« gegenüber das einfachste Gebot der Elternliebe, die -wiedererwachende Lebensfreude zu schüren, indem man die Wünsche des -kleinen Herzens weckte, indem man fragte, ob es vielleicht dies wolle, -oder ob es vielmehr das wünsche, oder ob es nach jenem Verlangen -trage, oder -- ob es nicht etwa vorziehe, gleich alle drei Dinge zu -erhalten. Willy zog in der Regel dieses vor. Eine entzückend geniale -Launenhaftigkeit veranlaßte ihn dabei, das, was er noch eben verlangt -hatte, im nächsten Augenblick nicht mehr zu goutieren und es der -nächsten Bonne oder Wärterin an den Kopf zu werfen. Kindermädchen, -Bonnen und Wärterinnen wechselten in seiner Umgebung immer häufiger. -Es war offenkundig, daß alle Zärtlichkeit und alles Pflichtgefühl aus -diesen Kreaturen geschwunden war. »Entsetzlicher Balg«, »unausstehliche -Range« und ähnliche Blasphemien entblödeten diese Schamlosen sich -nicht, in längeren Charakterschilderungen des kleinen Willy vor der -Mutter anzuwenden, ja, eines der abgehenden Kindermädchen hatte -dem armen Knaben sogar die naturgesetzliche Existenzberechtigung -abgesprochen, indem es der Mutter mit beinahe wissenschaftlicher -Bestimmtheit versicherte, Willy sei »ein wahres Untier«. - -Willy Helmerding sollte neben vielen anderen Sterblichen dazu berufen -sein, der ärztlichen Wissenschaft wiederholt ein so glänzendes Fiasko -zu bereiten, daß dem Verfasser der »Kreutzer-Sonate« das Herz im Leibe -gelacht hätte, wenn er es hätte beobachten können. Da zeigte es sich -wieder einmal klar und offenbar, daß diese Herren Doktoren nicht einmal -imstande sind, den einfachsten Darmkatarrh zu heilen. Unleserliche -Rezepte konnten sie schreiben; aber so weit war ihre Wissenschaft -natürlich nicht gediehen, daß sie die Annahme in Betracht zog, Willy -werde vielleicht beim Einnehmen der Mixturen die Zähne zusammenbeißen -und die köstliche Flüssigkeit der Wärterin ins Gesicht prusten! Einem -ohnehin schon geschwächten Magen diätetische Enthaltung zumuten -- -einem fiebernden Kinde eiskalte Duschen verordnen: das waren noch die -harmlosesten Einfälle ihrer vivisektorischen Grausamkeit. Ein wahres -Wunder, daß sich nach all den Pfuschern endlich dennoch ein Arzt -fand, der alle Schwierigkeiten auf ebenso überraschende wie leicht -verständliche Weise löste! Dieser Mann bemerkte den Eltern mit seinem -Spott, daß die letzte Ursache von Willys Krankheit in ihrer Affenliebe -zu suchen sei und daß dem Kinde nichts fehle als ein Paar weniger -bornierte Eltern. Da sah man auf den ersten Blick: der Mann hatte -was gelernt! Herr Helmerding und Frau hörten seinem diagnostischen -Vortrage mit offenem Munde und einem höchst intelligenten, -entzückt-verbindlichen Lächeln zu. Uebrigens, hatte der Arzt in seiner -verblümten Weise weiter erklärt, könne es ihm ja einerlei sein, ob -sie ihr Kind zur Futtertonne machen wollten oder nicht; wenn man -aber seine Anordnungen nicht befolgen wolle, so möge man sich nicht -unterstehen, ihn rufen zu lassen; er werde sonst ihrem Boten die Tür -weisen. Seltsamerweise gesundete Willy nach den Rezepten dieses Arztes -auffallend schnell, und damit war wieder einmal bewiesen, wie sehr in -der Medizin der Gebrauch der deutschen Sprache dem der lateinischen -vorzuziehen ist. - -Eine der traurigen Folgen von Willys Grundübel war auch ein länger -andauerndes Ohrenleiden, dessen Heilung regelmäßige Einspritzungen -erforderte. Solche Prozeduren pflegen trotz der Versicherungen der -Aerzte niemals sehr angenehm zu sein, wie man denn überhaupt auf das -subjektive Urteil der Aerzte in dieser Hinsicht nicht viel geben und -es z. B. sehr wohl erleben kann, daß einem nach der mit gewinnender -Liebenswürdigkeit gegebenen Versicherung, es handle sich um eine ganz -leichte und schmerzlose Operation, ein Bein abgesägt wird. Immerhin -aber erschien es übertrieben und nicht ausreichend motiviert, wenn -Willy bei jedem Herannahen einer solchen Dusche eine Art Kannibalentanz -ausführte und diverse Gegenstände zerschlug oder zertrat oder zerriß -oder seine Mutter in den Finger biß. Der geschäftskluge Papa sah -sehr bald ein, daß er bei weitem billiger »wegkomme«, wenn er seinem -Einzigen für jede Einspritzung, die er sich hübsch gefallen lasse, eine -Reichsmark verspreche. Und das tat er. - -»Erst hinlegen!« bemerkte Willy mit treuherziger Offenheit; denn er -hatte seinen Vater längst als das Muster eines klugen Mannes kennen -gelernt. - -Die Blicke der beiden Eltern begegneten sich in einem seligen Lächeln. -Ein Blitzjunge! - -»Na da, da liegt es!« - -»Das sind ja nur zehn Pfennige!« - -Papa wollte sich ausschütten vor Lachen und rückte endlich mit einer -Reichsmark heraus. - -Das Geld durfte Willy nach eigenem Belieben verwenden, und da er in -jedem erreichbaren Konditor-, Viktualien-, Spielwaren- und Tabakladen -erprobte, was er mit seiner Kasse erlangen könne, lernte er schon früh -den Wert des Geldes schätzen. - -Der scharfsinnige Leser wird sich längst gesagt haben, daß Willy im -Verkehr mit anderen Kindern von bestrickenden Umgangsformen gewesen -sein muß. In den ersten Jahren seines Knospendaseins hatte er immer -einen großen Heiterkeitserfolg damit erzielt, daß er der Amme, seiner -Mutter oder seinem Vater ins Gesicht schlug. Wenn Fremde zum Besuch da -waren, wurde der in Freiheit dressierte Willy vorgeführt. - -»Willy, schlag mich mal,« ermunterte die Mutter. - -Willy, weit entfernt, sich zu zieren, schlug sie mal. - -»Is das nu nich zu süß?« fragte Frau Helmerding. - -Kein Gast konnte umhin, zu konstatieren, daß das in der Tat +zu+ süß -sei. - -Willy setzte diese Produktionen in seinen späteren Jahren mit -wachsendem Erfolge fort. Es war ihm Bedürfnis, fremde Kinder zu -knuffen, bei den Haaren zu zupfen und zu stoßen, daß sie auf die Nase -fielen. Doch bewahrte er immer die pietätvolle Rücksicht, die er, -wie er wußte, älteren und größeren Kindern schuldig war; nur kleinere -beglückte er mit seinen Gunstbezeigungen. Mit Vorliebe führte er -seine Angriffe hinterrücks aus, einzig aus dem Grunde, weil so die -Ueberraschung größer wurde. Verfolgten ihn dann die Betroffenen, so -wurde er sich seiner ganzen Hilflosigkeit bewußt, und wie rasend -lief er davon, unausgesetzt »Mamaaa« brüllend, bis er seine Haustür -erreicht hatte und wieder im Dunstkreis der mütterlichen Liebe atmete. -Dann plötzlich wurde er sich seiner Würde mannhaft bewußt; er reckte -sich zu seiner ganzen Höhe empor, ließ den Verfolger mit erhabener -Kaltblütigkeit herankommen und spie ihm ins Gesicht. Keine Fischotter -ist jemals behender ins Wasser geschlüpft, als Willy nach solcher -Heldentat ins Haus glitt. - -»Sie woll'n mir schon wieder 'was tuuun!« heulte er alsdann seiner Mama -mit dem ganzen Schmerz eines bedrängten Kindes entgegen. Und wehe dem -Vater oder der Mutter, die dann zu Frau Helmerding kamen, um sich über -Willy zu beschweren. - - »Höheres bildet - Selber die Kunst nicht, die göttlich geborne, - Als die Mutter mit ihrem Sohn,« - -wie sie dastanden: +sie+ »ihr Kind« -- das Wort »Kind« läßt sich mit -so unschuldsvollem, alles verzeihendem Klange sprechen -- ihr »Kind« -verteidigend: »+Das+ Kind? +Das+ Kind? Oh -- -- --« und +er+ hinter dem -Rock der Mutter mit Grimassen hervorschielend. - -Mit derselben Leidenschaft, wenn auch natürlich aus gesellschaftlicher -Rücksicht dezenter, kniff und puffte Willy die Kinder, die mit ihren -Eltern bei Helmerdings zum Besuch kamen. Der Lärm, der sich darauf -erhob, wurde regelmäßig dadurch abgeschnitten, daß die besuchenden -Eltern, wie es sich gehört, ihre Kinder wegen ihrer Ungezogenheit -energisch tadelten. Die Höflichkeit ist eine so gefräßige Tugend, -daß sie oft alle andern verschlingt. Die Erwachsenen, die Willy beim -Kommen zunächst fragte, ob sie ihm etwas mitgebracht hätten, beehrte er -damit, daß er an ihnen emporkletterte, an ihren Kleidern seine Stiefel -abwischte, ihnen die Brillen von der Nase riß, sie mit Zigarrenasche -bewarf und durch höchst wißbegierige Fragen nach ihren persönlichsten -und delikatesten Angelegenheiten unterhielt. Freilich muß konstatiert -werden, daß die Besucher ihn in diesen Aufmerksamkeiten ermunterten, -indem sie den zärtlich mahnenden Eltern gegenüber bemerkten, oh, das -schade nichts, das mache nichts aus, der Rock könne leicht wieder -gereinigt werden; sie möchten ihren Willy doch gewähren lassen; er -mache ihnen Spaß ... - -So? Ob er das wirklich tue ... - -Natürlich tue er das. Sie würden Himmel und Seligkeit verschworen -haben, daß er »ein lebhafter, drolliger Bursche« sei, eine Kritik, die -sie auf dem Heimwege auch insoweit bestätigten, als sie der Meinung -waren, daß »die guten Helmerdings sich da eine allerliebste Kreatur -heranzögen«. - -Es versteht sich, daß Willy den ersten Unterricht im Hause empfing, -zu seinem Unglück jedoch von Leuten, die einer wie der andere ihrer -Aufgabe nicht gewachsen waren, und denen Herr Helmerding ihr Gehalt -- -er trug seine Goldstücke und Kassenscheine frei in der Westentasche, -und aus der Westentasche bezahlte er -- hinwarf mit der Frage, wie sie -sich erdreisten könnten, sich als Erzieher »ängaschieren« zu lassen, -da sie doch »keine blasse Ahnung« davon hätten, wie man mit Kindern -umgehen müsse. - -Den sehr begreiflichen Elternwunsch, das Kind fern vom bösen Beispiel -fremder Kinder zu erziehen, mußten sich also die Helmerdings aus dem -Sinn schlagen. - -Zur Ehre des Mutterherzens muß gesagt werden, daß Willy den ersten Tag -seines Schullebens nicht zu bestehen brauchte, ohne mit einem halben -kalten Huhn, einem Fläschchen Rotwein, zwei Apfelsinen und einem halben -Pfund Bonbons ausgerüstet zu sein, und nicht minder muß zur Ehre des -Vaterherzens anerkannt werden, daß dieses Vaterherz anspannen ließ -und seinen Liebling mit zwei Pferden der »Vorschule des Gymnasiums« -zuführte. Die ersten Schulwochen verliefen ohne bemerkenswerten -Zwischenfall; für alle Stunden zeigte der junge Helmerding insofern -ein gleichmäßiges Interesse, als er in allen an die Vertilgung -seines Frühstücks dachte und die Bewältigung dieses Stoffes ihm eine -stets unverminderte Aufmerksamkeit abnötigte. In einem etwas anderen -Sinne als der junge Lessing war er »ein Pferd, das doppeltes Futter -haben muß«. Den Unterrichtsgegenständen gegenüber zeigte Willy jene -Schwäche und Zartheit, welche die Mutter dem Lehrer von vornherein -unter zehnmaliger Anrufung seines schonungsvollen Mitgefühls als -die hervorragendsten Eigenschaften »des Kindes« bezeichnet hatte. -Mit mimosenhafter Empfindlichkeit verschloß sich sein Geist vor der -Berührung jeglicher Erkenntnis, und das »~Noli me tangere~« (zu -deutsch: Nichts tangiert mich) war der unveränderliche Ausdruck seines -Angesichts. Sein Gesicht gehörte freilich zu den in Romanen häufig -erwähnten, die sich »nur in gewissen Augenblicken seltsam zu beleben -scheinen«. Diese Augenblicke waren für Willy gekommen, sobald die -Spielpause begonnen hatte. Auf dem Spielplatz erwarb er sich rasch eine -allseitige Unbeliebtheit, gewann er im Sturme die Abneigung aller. -Er bemerkte mit großem Schmerze, daß die Durchführung des Kneif- -und Puffsystems hier auf fühlbaren Widerstand stieß. Das Verhältnis -zwischen dem Hause Helmerding und der Schule blieb gleichwohl längere -Zeit vorzüglich, bis -- Willy mit nicht guten und endlich gar mit -schlechten Zeugnissen nach Hause kam. - -Jetzt hielt Herr Helmerding sen. den Augenblick für gekommen, da -er dem Direktor der Schule in einer energischen Ansprache die -kolossalen Mängel seiner Anstalt und die Grundverkehrtheit der dort -beliebten erzieherischen Maßnahmen explizieren müsse. Er tat dies -unter wiederholter Betonung des Umstandes, daß »sein Kind« doch das -Kind »wohlhabender«, »gebildeter« und »angesehener Eltern« sei. Der -Direktor, der ein so ruhiger Mann war, daß seine Ruhe immer als die -ausgesuchteste Höflichkeit erschien, erlaubte sich die Bemerkung, daß -es immer etwas Mißliches habe, so abschließend über Dinge zu urteilen, -von denen irgend etwas zu verstehen man nicht die Verpflichtung habe. -Er unterbreite Herrn Helmerding hiermit die Protokolle, in denen nur -die gröbsten Untaten und Nachlässigkeiten des Schülers Willy Helmerding -verzeichnet ständen, in der Ueberzeugung, daß die Statistik eine -vorzügliche Wissenschaft sei. Uebrigens könne er Herrn Helmerding Vater -schon jetzt die Eröffnung machen, daß Helmerding Sohn aller Voraussicht -nach das Klassenziel nicht erreichen und deshalb zu Ostern sitzen -bleiben werde. Worauf Herr Helmerding meinte, das werde man -- oho! --- erst einmal abwarten, es gebe ja noch andere Schulen, in die man -alsdann seinen Sohn bringen werde, und die wohl die »Individualität -der Schüler« (das hatte Herr Helmerding irgendwo gehört) gerechter zu -beurteilen verständen. Der Herr Direktor bemerkte darauf mit einem -unsäglich betrübten Gesicht, daß er untröstlich sei, vor dieser -Drohung nicht in dem Maße erschrecken zu können, wie es vielleicht -wünschenswert wäre, daß seines Wissens keine Schule um träge und -schlecht erzogene »Individualitäten« so dringend verlegen sei, und -deshalb besonders eine staatliche Schule sich nicht in der glücklichen -Lage sähe, den Fortgang eines Willy Helmerding mit versammeltem -Lehrpersonal zu beweinen. - -Auf dem Heimwege suchte der knirschende Vater nach einem möglichst -entwürdigenden und verachtungsvollen Ausdruck für den Direktor. -Seine ganze, grenzenlose Geringschätzung dieses Subjekts sollte -sich in diesem Ausdruck erschöpfen. Es währte nicht lange, bis Herr -Helmerding diesen Ausdruck in dem Worte »hungrig« fand. Er konnte -sich keine schimpflichere Charaktereigenschaft denken als den Hunger. -»So'n hungriger Schulmeister!« knirschte er also, »so'n hungriger -Schulmeister!« - -Zu Hause angelangt, bemühte er sich redlich und aufrichtig (jeder -Unparteiische mußte das anerkennen), seiner Gattin und seinem Sohne -einen klaren Begriff davon zu geben, »+wie+ er dem Herrn Direktor den -Marsch geblasen habe«, und seine ausführliche Darlegung schloß er -mit der an seinen Sohn gerichteten, innig-warmen, aus der Tiefe des -Vaterherzens kommenden Mahnung, »sich man nix gefallen zu lassen«. - -Trotzalledem! Das Unerhörte geschah; man hatte die Stirn, dem Ehepaar -Helmerding um Ostern mitzuteilen, daß der süße Willy sich noch einmal -den Unbequemlichkeiten des elementarsten Unterrichts zu unterziehen -haben werde. Jetzt aber erschien +Frau+ Helmerding im Amtszimmer des -Direktors. - -Daß ihr Willy nicht versetzt sei, liege natürlich nur daran, daß -der Lehrer seine Pflicht nicht getan habe. Der wirklich mit einer -niederträchtigen Ruhe begabte Direktor antwortete, ohne auf den -Tenor dieser Bemerkung einzugehen, mit einem sehr instruktiven und -ungemein fesselnden Vortrage über Gerichtswesen im allgemeinen und -Injurienprozesse im besonderen, wobei er besonderes Gewicht auf -die Tatsache legte, daß solche Prozesse bedauerlicherweise nicht -immer mit Geldstrafen, sondern gegebenen Falles auch mit einer sehr -lästigen Unfreiheit der Bewegung für den Verurteilten endigten. Den -herbeigerufenen Lehrer fragte das gekränkte Mutterherz, ob er ihren -Willy wohl nicht leiden möge, daß er ihn nicht versetzt habe. Worauf -dieser weniger ruhige, dafür aber desto derbere Herr sie fragte, ob -sie glaube, daß er jeden verzogenen Faulpelz mit derselben Affenliebe -behandeln könne wie die resp. Mütter? Worauf die beleidigte Mutter -erklärte, daß sie ihren Sohn hiermit »unwiderruflich« abmelde und -ihn nicht einen Tag länger in einer Schule belassen werde, in der er -solchermaßen um den Lohn seines Strebens betrogen werde. Worauf der -ruhige und schweigende Direktor sich deutlich von seinem Sessel erhob -und wiederholt abwechselnd mit je drei Sekunden langem Verweilen auf -Frau Helmerding und auf die Tür blickte. - -Willy wurde einer Privatschule übergeben -- selbstverständlich! -- -mit hohem Schulgeld -- selbstverständlich! Der Vater betonte dem -Vorsteher gegenüber mit besonderem Nachdruck, daß für Willy Helmerding -ein hohes Schulgeld bezahlt werde. Der Vorsteher klopfte Willy auf -die Backen mit der Versicherung, daß er hier schon etwas lernen -solle; dafür wolle +er+ schon sorgen, der Herr Vorsteher. Dieser Herr -entwickelte dann vor Herrn Helmerding in aussichtsvollen Worten sein -pädagogisches Programm, in dessen Geiste sein Lehrpersonal wohl oder -übel arbeiten müsse -- er dulde nicht, daß auch nur ein Strich anders -gemacht werde, als er es wünsche, das heiße: von den Lehrern; von den -Schülern dergleichen zu fordern, bemerkte der Herr Vorsteher mit einem -sonnigen Blick auf Willy, würde natürlich grausame Pedanterie sein. Aus -welchem allen sich denn auch mit leichter Mühe schließen lasse -- eine -Schlußfolgerung, die er wohl nur bescheiden anzudeuten brauche --, daß -die großen Erfolge seiner Schule im Grunde genommen einzig und allein -auf seine Leitung zurückzuführen seien. Keine Schule könne so sehr die -Individualität der Schüler berücksichtigen wie die seine. Hier könne -Herr Helmerding etwas erleben an Berücksichtigung der Individualität -- -oh -- es sei überhaupt gar nicht zu sagen, wie man hier berücksichtige. -Hier geschehe überhaupt nichts anderes als Berücksichtigung der -Individualität. Jeden Buchstaben, jeden Ton im Gesangunterricht, -jeden Lehrsatz der Geometrie erzeuge resp. beweise der Zögling nach -seiner Individualität, selbst wenn diese Individualität dahin ziele, -den Lehrsatz +nicht+ zu beweisen. Wenn sich Herr Helmerding oder sein -kleiner braver Willy (ein wohlgefälliges Kitzeln des vorsteherlichen -Zeigefingers unter dem Kinn des Zweihundertmarkschülers) durch die -Maßnahmen der »Lehrpersonen« belästigt fühlten, so möchten sie nur zu -ihm kommen; Gerechtigkeit sei sein Lebensprinzip. - -Diese Schule war in gewissem Sinne das Ideal einer demokratischen -Institution, insofern nämlich, als sie von sämtlichen Eltern geleitet -wurde. Da die Eltern freilich ihre pädagogischen Anregungen von ihren -Kindern erhielten, so waren im letzten Grunde diese die Herren des -Schulorganismus. Der Disziplin, welche in dieser Anstalt herrschte, -glaube ich kein größeres Lob aussprechen zu können, als wenn ich -sage, daß sie eminent gemütlich war. Den Lehrern wurde stets nach -wiederholtem Bitten bereitwillig das Wort erteilt, und es war -keineswegs ausgeschlossen, daß man ihren Ausführungen einige Beachtung -schenkte. Die ernsten Mahnungen und Drohungen der Lehrer wurden stets -mit einem bescheidenen, aber unbefangenen Lächeln aufgenommen. - -Leider stand die Beschränktheit der Lehrer oft den besten Absichten -des Herrn Vorstehers im Wege. Er konnt' es nicht begreifen, wie ein -geschulter Pädagoge auch nur einen Augenblick schwanken konnte, den -August Papendieck auf zwei Tage vom Schulbesuche zu dispensieren, wenn -die Schwägerin seines Großonkels Geburtstag feierte. - -»Wollen Sie mir denn meine Schüler mit Gewalt vertreiben? Wenn wir den -Knaben nicht auf zwei Tage dispensieren, so fehlt er vier Tage ohne -Erlaubnis, und die Eltern sind beleidigt. Was meinen Sie, wenn die -Papendiecks mir ihre vier Kinder aus der Schule nehmen, he? Dann sind -achthundert Mark jährlich zum Teufel wie gar nichts, die wertvollen -Geschenke nicht einmal gerechnet! +Sie+ geben sie mir nicht wieder. -Die Stapelfeldts waren auch hier und beschwerten sich bitter über die -schlechten Zeugnisse ihres Emil.« - -»Er hat die Zeugnisse bekommen, die er verdient.« - -»Ach was, Ihre Schüler haben immer schlechte Zeugnisse. Sie beurteilen -alles viel zu streng. Wir sind doch keine staatliche Schule! Das muß -anders werden. Das geht nicht, das geht nicht, das +geht+ nicht so -weiter! Sie haben mir mit Ihrem finsteren Wesen schon mehrere Schüler -vertrieben. Wo soll das hinaus? Wenn +Sie+ mir die Schule verderben, -so bleibt +mir+ andererseits nichts übrig, als mein Lehrpersonal zu -vermindern, seh'n Sie.« - -»Ich werde Ihnen die Arbeiten des Jungen zeigen --« - -»Ach Gott, das weiß ich ja! Schmierfink erster Klasse -- aber das hilft -uns alles nichts, lieber Herr Müller! Die Zensuren des Jungen +müssen+ -sich bessern, sonst -- Sie sollten die Mutter kennen! Salpetersäure ist -Mandelmilch gegen +die+!« - -Wer aus unserer Schilderung nur ein annähernd richtiges Bild des Herrn -Vorstehers empfangen hat, wer nur halbwegs nachempfunden hat, wie -lebhaft dieser Mann für seine Zöglinge fühlte, welches Interesse er -an ihnen nahm, der wird es mehr als begreiflich finden, daß der Mann -eine bedenkliche Neigung zur horizontalen Lage zeigte, als man ihm -eröffnete, Willy Helmerding müsse wiederum sitzen bleiben. - -»Aber wissen Sie denn nicht, Herr Schulze, daß der Knabe gerade zu -dem Zwecke zu +uns+ gebracht wurde, daß er +nicht+ sitzen bleibt? -Willy Helmerding +wird versetzt, muß+ versetzt werden, +unter allen -Umständen+ muß er versetzt werden; ich habe dem Vater schon längst das -Versprechen gegeben.« - -»Der Knabe ist nicht halb reif für die nächste Stufe --« - -»Hilft nichts; Sie hören ja, daß ich gebunden bin. Die Helmerdings sind -reiche Leute; bedenken Sie deren Einfluß. Im Handumdrehen ist meine -Schule in Mißkredit gebracht. Wir können den Schlingel später einmal -sitzen lassen; die Oberklassen erreicht er ja natürlich nie; aber jetzt --- wie gesagt -- jetzt: +auf keinen Fall+.« - -Aber, ach, die Versetzung des süßen Willy sollte nur dazu dienen, die -Leiden dieses schwergeprüften Kindes noch zu vermehren. Er geriet jetzt -in die Hände eines Lehrers, der ein pädagogisches Genie war und in der -Schule denjenigen Platz einnahm, den der Verstand des Vorstehers wegen -dauernder Abwesenheit nicht ausfüllen konnte. Dieser unentbehrliche -Mann hatte die üble Gewohnheit, konsequent zu sein und die Nase zu -hoch zu halten, als daß man hätte darauf spielen können. Die an ein -ungemein legeres Betragen gewöhnten Zöglinge, die ihm neu übergeben -wurden, betrachteten ihn mit Furcht und Haß, was sie jedoch nicht -hinderte, ihn bald zu vergöttern und sich am Ende des Schuljahres nicht -von ihm trennen zu wollen. Willy war anerkennenswerterweise der erste, -der eines Tages den rühmlichen Mut fand, die Zunge bis zur Wurzel -herauszustrecken, als ihm der Lehrer eine Unart verwies. Dieser, der -für solche Fälle ein prophetisches Gemüt besaß, hatte Willy nicht aus -den Augen verloren und beobachtete dessen Zunge gerade im günstigsten -Augenblick in ihrer ganzen Ausdehnung, obwohl Willy darauf, daß der -Lehrer sie sehe, offenbar gar keinen Wert gelegt hatte. Und dieser -unangenehme Mensch, anstatt dem unwissenden Kinde in liebevollen Worten -die eigentliche Bestimmung der Zunge klarzumachen, griff zu einer -nichts weniger als philanthropischen Maßregel. Die Maßregel, die er -ergriff, bestand zunächst in einem Lineal, sodann in der Hose Willy -Helmerdings und endlich in einer wiederholten gegenseitigen innigen -Berührung dieser Gegenstände. - -Man kann sich denken, daß nachmittags ein Uhr fünfzehn Minuten ein -Schrei aus gebrochenem Mutterherzen das Haus Helmerding durchgellte, -als Willy das Geschehene berichtete. Ganz still habe er gesessen, und -kein Wort habe er gesprochen, und dennoch habe »Er« ihn »so furchtbar« -geschlagen. O Schmach, es auszudenken! Nur das Auge der Mutter, vom -Strahl der Liebe wunderbar erhellt, durch den Instinkt der Zärtlichkeit -geschärft, konnte erkennen, wie dies Bekenntnis des Kindes aus dem -freiesten Gewissen kam. Also um nichts! Nur um seiner bestialischen -Roheit zu frönen -- - -Bestialische Roheit -- Frau Helmerding fuhr vom Sofa empor -- das sei -das richtige Wort! Frau Helmerding beauftragte ihren Gatten, morgen -früh dieses Wort sofort dem Vorsteher zu übermitteln. Im übrigen -verlangte sie -- das beleidigte Mutterherz hatte ein Recht, alles -zu verlangen --, daß der Lehrer sofort entlassen werde. Entweder -der Lehrer oder Willy Helmerding. Der brutale Folterknecht oder das -gemißhandelte Kind. ~Aut -- aut.~ Fürstenblut für Ochsenblut. - -»Brutaler Folterknecht« sei übrigens auch ein gutes Wort und werde -entschieden sehr gut wirken, meinte der Vater. - -Nachdem die Gatten sich längere Zeit über die rhetorische und -moralische Kraft dieser Worte unterhalten hatten (»+Das+ sagst du -ihm, +das+ sagst du ihm, sag' ich dir; ich hätte das gesagt, sag' ihm -nur!«), wurde beschlossen, daß beides gesagt werden solle, und daß man -eventuell auch von einer »brutalen Roheit« und einem »bestialischen -Folterknecht« sprechen könne. - -Als Herr Helmerding am folgenden Tage vergeblich seine Redefiguren -verschwendete und der Vorsteher sich durchaus, weil die geistige Kraft -Willys ihm doch diejenige des Lehrers nicht ersetzen konnte, nicht -entschließen wollte, sein inniges Verhältnis zu diesem zu lösen, -verlegte sich der gekränkte Vater aufs Handeln. Er wolle sich zufrieden -geben, wenn der »Mensch«, der Lehrer, das Ehepaar Helmerding um -Verzeihung bitte und deren Kinde das Zugeständnis mache, daß er sich -geirrt und in Uebereilung gehandelt habe. - -Der Vorsteher ließ den Folterknecht kommen und klärte ihn über die -Beschwerden und die Satisfaktionsbedürfnisse des Vaters auf. - -»Ich habe in Uebereilung gehandelt, in der Tat,« begann der Lehrer. - -Herrn Helmerdings Gesichtsausdruck wurde um fünfundzwanzig Prozent -gekränkter. - -»Ich bedaure das.« - -Die Züge des Herrn Helmerding wurden um weitere fünfundzwanzig Prozent -härter. - -»Ich habe Ihrem Sohne unrecht getan --« - -Herrn Helmerdings Antlitz zeigte den Ausdruck entschlossenster -Impertinenz. - -»-- insofern, als ich ihm nicht genug gegeben habe, zumal er, wie -ich sehe, nicht davor zurückscheut, seine Eltern mit hervorragender -Dreistigkeit zu belügen. Wenn Sie indessen Wert darauf legen, kann das -Versäumte noch nachgeholt werden.« - -Das Gesicht des Herrn Helmerding schien jetzt plötzlich nur aus einer -Mundöffnung zu bestehen. - -Nur dem Umstande, daß der Vorsteher Herrn Helmerding schon vorher -darauf aufmerksam gemacht hatte, jener Herr, der Lehrer Willys, sei -ein sehr empfindlicher Charakter, der Benennungen wie »bestialischer -Folterknecht« nicht gern höre, auch lasse seine Entschlossenheit nichts -zu wünschen übrig, nur diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß Herr -Helmerding, als er zur Tür hinausrannte, sich auf die wiederholte -Versicherung: »Er werde ihnen schon zeigen! Er werde ihnen schon -zeigen!« beschränkte, wobei er die Zurückbleibenden in quälendem -Zweifel darüber zurückließ, +was+ er ihnen zeigen werde. - -Kaum hatte Herr Helmerding daheim zu Ende berichtet, als auch schon -seine Gattin wie inspiriert vom Sessel emporfuhr. Anspannen lassen -- -mit dem Kinde zum Arzt fahren. Es war nun einmal die Botschaft zu ihr -gedrungen, daß wir im humansten aller Zeitalter leben. - -Nach einer halbstündigen Untersuchung erklärte der Arzt (es war nicht -der ironische Herr von damals, dem man in dieser Sache entschieden kein -Vertrauen schenken konnte) mit triumphierender Miene, es sei ihm soeben -gelungen, festzustellen, daß der in Betracht kommende Körperteil Willys -noch Spuren der Züchtigung zeige oder doch noch bis vor kurzem gezeigt -haben müsse. Der Lehrer sei »geliefert«, unrettbar »geliefert«. Das -Recht der Züchtigung stehe ihm ja zu; diese dürfe aber nach der Ansicht -aller ihm bekannten Staatsanwälte, Richter und Disziplinarbehörden nie -so weit gehen, daß mit ihr eine, wenn auch nur momentane, Störung im -Wohlbefinden des Bestraften verbunden wäre. - -Damit war nun freilich dem Rachebedürfnis der Frau Helmerding eine -verlockende Perspektive, dem Erziehungsbedürfnis Willys aber noch -keine neue Schule eröffnet. Aber auch dafür sollte Rat werden. Zum -Glück gab es im Orte noch eine Privatschule, die sich den anderwärts -Ausgestoßenen mit Hingebung und Aufopferung widmete, wenn bei den -Eltern auf ein entsprechendes Maß von Hingebung und Opferwilligkeit -gerechnet werden durfte. Diese Schule gehörte zu den idyllischen, -anekdotenumwobenen Instituten, deren sich ehemalige Schüler noch nach -vielen Dezennien in Stunden der höchsten Heiterkeit entsinnen, und die -dem schnöden, prosaischen Verstaatlichungsdrange immer mehr zum Opfer -fallen. Die Klassenzimmer dieses geweihten Bildungstempels waren von -solchen Dimensionen, daß ihnen eine vierte wohl zu gönnen gewesen wäre. -Dagegen konnte der Zeichen-Turn-Sing-Festsaal bescheidenen Ansprüchen -wohl genügen, wenn die Frau Direktorin ihn nicht zum Trocknen von -Kinderwäsche brauchte. Die Zeichenmodelle mußten stets um einige Tische -von dem Schüler entfernt aufgestellt werden; sehr erklärlich deshalb, -daß so durch Versehen oft Zeichnungen zustande kamen, die auf keines -der vorhandenen Modelle mit Sicherheit zu schließen gestatteten. -Uebrigens wurde der Turnunterricht, da an Geräten nur eine Reckstange -ohne Reck vorhanden war, in der Regel nicht hier, sondern auf dem -Stundenplan erteilt. Das Prinzip der Anschauung, auf dem bekanntlich -die ganze neue Unterrichtsweise beruht, wurde hier mit Raffinement -verfolgt. Dem geographischen Unterricht dienten nicht weniger -als zwei Wandkarten. Auf der einen, die Europa darstellen sollte, -erfreute sich Oesterreich noch der Lombardei, obwohl das schnellebige -Jahrhundert schon weit über die Abtretung Elsaß-Lothringens hinaus -war; die andere, ein Bild Afrikas, veranschaulichte durch ihre Farbe -die rätselvolle Dunkelheit dieses Erdteils und zeigte mit Bezug auf -das afrikanische Innere einen Grad der Unerforschtheit, der jeden -Kongoneger mit den wehmütigsten Reminiszenzen erfüllen mußte. Um den -physikalischen Unterricht machte sich eine betagte Luftpumpe verdient, -die aus sämtlichen Ventilen seufzte und nur von einem Lehrer vorgeführt -werden durfte, der eine hochentwickelte Beredsamkeit besaß und die -Schüler auf diesem Wege überzeugen konnte, der Rezipient sitze nach -viertelstündigem Pumpen wirklich fester als vordem. Aeußerte dennoch -ein modern-pietätloser Schüler einen naseweisen Zweifel, so wurde er -mit gebührender Entrüstung zurückgewiesen. Auch lebte in sämtlichen -Lehrern der Anstalt eine durch Jahrzehnte geheiligte Tradition, daß -die Magnetnadel unter der Einwirkung des elektrischen Stromes nur -dann von ihrer gewohnten Richtung abweiche, wenn man zu rechter Zeit -energisch an den Tisch stoße. Der Vollständigkeit wegen müssen wir noch -des Naturhistorischen Museums gedenken, das jahraus, jahrein auf einem -Schrank der Oberklasse stand, zur Rasse der ausgestopften Wildschweine -gehörte und, wenn es nicht gerade seine wissenschaftliche Mission zu -erfüllen hatte, mit Vorliebe eine Primanermütze auf dem linken Ohr trug -und aus einem Kalkstummel rauchte. - -Ohne Zweifel würde auch diese Musteranstalt den hohen Ansprüchen Willys -nicht genügt haben, wenn ihm noch eine Wahl geblieben wäre. So mußte er -wohl oder übel seine Studien in diesen Mauern absolvieren. Uebrigens -wurde sein Schulbesuch durch häufige und andauernde Krankheiten -unterbrochen, die alle in dem Symptom übereinstimmten, daß sie sein -Wohlbefinden nicht beeinträchtigten. - -Bevor wir jedoch unsern süßen Willy aus der Schule entlassen und in -das feindliche Leben hinausstoßen, haben wir den Bericht über seinen -gesellschaftlichen Bildungsgang nachzuholen. Es ist selbstverständlich, -daß, während er jede wissenschaftliche Ausbildung ablehnte, er seine -weltmännische Erziehung nicht vernachlässigte. Das eine tun und das -andere nicht lassen, sagte er sich mit Recht. Schon mit vierzehn Jahren -konnte er auf drei tadellos angerauchte Meerschaum-Zigarrenspitzen -zurückblicken. Da er bereits mit fünfzehn Jahren eine militärpflichtige -Länge und Breite aufweisen konnte, wurde es ihm nicht schwer, in -jeder Bierkneipe eine seinen Jahren entsprechende Anzahl von Seideln -zu erhalten. Den nicht ganz unnatürlichen Widerwillen, den der -jugendliche Deutsche als Anfänger bei der Vertilgung des fünfzehnten -Seidels empfindet, bekämpfte Willy mit Selbstverleugnung, wenn auch -sein Gesicht eine interessante Blässe zeigte, und mit sechzehn -Jahren belächelte er seiner Genossen Klagen über die Schrecken des -Katzenjammers mit der Ruhe eines Weisen. Als seine Eltern es eines -Abends wagten, ihm wegen späten Nachhausekommens Vorwürfe zu machen, -ergriff er das unter diesen Umständen einzig richtige und jungen Leuten -in seiner Lage nicht dringend genug zu empfehlende Mittel, um solche -Eingriffe in das Recht der Jugend ebenso höflich wie entschieden -abzulehnen: er kam die nächste Nacht überhaupt nicht nach Hause. Wer -will das elterliche Gefühl schelten, wenn es am Morgen eifrig darob -sorgte, daß der Stolz des Hauses nicht im Kleiderschrank zu Bette -ging; wer will die Zärtlichkeit der Eltern verklagen, wenn sie in -Demut schwiegen, während das volle Gefäß ihrer Hoffnungen schnarchte? -Natürlich war ein Elternpaar wie dieses diskret genug, nie wieder ein -Thema zu berühren, das das »feurige Gemüt« des Jünglings verletzen -+mußte+. Zeitigte doch auch seine Entwicklung auf anderen Gebieten die -anmutigsten Blüten! Er hatte eine Art, den Walzer und den Lancier zu -tanzen, die man auf dem feinsten Pariser Kokottenball als ~très-chic~ -bezeichnet haben würde. Es war eine Augenweide, ihn Billard spielen -zu sehen! Diese bei keinem Stoß außer acht gelassene graziöse Beugung -des auf der Fußspitze ruhenden linken Beines, dieses nicht minder -graziöse Heben der letzten Finger der rechten Hand, diese stark -akzentuierende Herauskehrung jener ästhetisch geschwellten Muskeln, -die zur Verlängerung des Rückens dienen: das alles erschien in einer -Vollendung, wie sie nur eine täglich fünfstündige Uebung erzielt. Diese -Uebungen pflog Willy gewöhnlich in der Gesellschaft von fünf oder sechs -Altersgenossen unter der künstlerischen Leitung eines Billardkellners, -der einen Ball über die ganze Länge des Billards zurückziehen -konnte und zu dem Willy deshalb herzliche Beziehungen unterhielt. -Dieser vielerfahrene Mann, der seinen jungen Freunden gegen gutes -Trinkgeld mit vielem Humor aus dem Schatze seiner praktisch-galanten -Weltkenntnis mitteilte und ihnen Geschichten für die reifste Jugend -erzählte, war unbegreiflicherweise der einzige im Restaurant, der -auf ihre Unterhaltung Wert legte. Obgleich die sechs jungen Leute -nicht ermüdeten, in jeder Minute zwölf Witze zu machen, und sie mit -einem Stimmaufwande zu Gehör brachten, der auch den Entferntsitzenden -vom Genusse nicht ausschloß, bemerkte man auf den Gesichtern der -Anwesenden, die nach jedem Bonmot sorgfältig studiert wurden, nicht die -leiseste Spur von Beifall. Ja, es kam sogar vor, daß einzelne Gäste -mit unverhohlenem Aerger ihr Bier austranken, das Seidel mit Betonung -auf den Tisch setzten und nachdrücklichst aufbrachen. Daß aber ein -dicker, freundlicher Herr mit einem Fritz-Reuter-Gesicht sie eines -Tages mit einschmeichelnder Vertraulichkeit fragte, ob sie denn nicht -lieber Marmel spielten, und damit ein schallendes Gelächter bei allen -anderen Gästen entfesselte: das war entschieden mehr, als man sich -bieten lassen konnte. Es kam zu einem sehr heftigen Auftritt, bei dem -der schändlich undankbare Billardkellner sich erfrechte, die jungen -Freunde unter Anwendung der unverschämtesten Redensarten, wie »grüne -Jungen« usw., nach der Tür zu drängen, und in welchem unser Willy noch -eben vor Verlassen des Lokals Gelegenheit fand, eine Fensterscheibe zu -demolieren. Diese Heldentat brachte ihm die Bewunderung seiner Genossen -und ein polizeiliches Strafmandat ein. Papa Helmerding bezahlte die -ganze Lumperei mit Stolz und Rührung und einem Kassenschein aus der -Westentasche. - -Charakterisierte jene Tat die herbe Männlichkeit des jungen Willy, so -gaben seine frühen Beziehungen zum zarten Geschlechte die köstlichsten -Proben von der Süße seines Wesens. Ob er Glück bei den Frauen hatte? -»Eine nicht aufzuwerfende Frage!« Werden nicht fünfundneunzig -Prozent unserer Mädchen dazu erzogen, daß sie Willy gefallen und -Willy sie entzücke? Hat unsere Gesellschaft nicht für jeden süßen -Willy eine süße Tilly? Stehen diese Damen nicht kunstbegeistert am -Droschkenschlag, wenn der jugendliche Held und Liebhaber einsteigt, -und werfen sie ihm nicht während des Monologs »Sein oder nicht sein« -einen großen Blumenstrauß gegen den Bauch, wofern er hübsch ist? -Mit einer Frühreife, die den Byronschen Don Juan mit giftigem Neide -erfüllt hätte, empfand Willy schon im elften Jahre die leise Regung, -daß man die Frauen nicht in den Rücken puffen, vielmehr ihnen zart -entgegenkommen soll. Zunächst bemühte er sich, Mimi Petersen möglichst -oft und zart entgegenzukommen und vor ihr mit den Manieren eines eben -vollendeten Gentleman in absolut wagerechter Richtung den Hut zu -ziehen. Mimis ebenfalls elfjähriges Herz war empfänglich für solche -Freundlichkeiten und durch ihre Erziehung auf den gleichen Ton gestimmt -wie das Herz unseres Helden. Ein goldener Frauen- und Jungfrauenspiegel -leistete ihr und ihrer Mutter die wesentlichsten Dienste beim -Erziehungsgeschäfte. Eine goldene Damenuhr von koketter Kleinheit -unterrichtete Mimi über den langsamen Gang der Schulstunden, die sie in -bescheidener Zurückgezogenheit auf dem letzten Klassenplatze verlebte. -Ihre beringten Finger staken in den feinsten Seidenhandschuhen, und -ein duftiger Spitzenparasol kreiste über dem modernsten Sommerhütchen. -Sehr bald entdeckte Willy, daß es seinen Eindruck nicht verfehlen -könne, wenn er ihr auf dem Heimwege von der Schule die Büchermappe -abnehme. Schon beim zweiten Male begleitete er diese Galanterie mit -der Ueberreichung einer kostbaren Bonbonniere, die der Westentasche -seines Vaters fünf Mark kostete. Solange sein Vater Geld hatte, hatte -es Willy auch. Jene Präliminarien würden nun zweifellos zu einem -abendlichen Stelldichein geführt haben, wenn nicht ein unfreundliches -Schicksal trennend zwischen Willy und Mimi getreten wäre. Ein von Willy -an Mimi gerichtetes Billetdoux, in dem Grammatik, Orthographie und -Kalligraphie in schöner Vereinigung fehlten, geriet in die Hände des -Ehepaares Petersen, und dieses inhibierte einen weiteren Verkehr, da -es fest entschlossen war, seine Tochter in +dieser+ Beziehung streng -sittlich zu erziehen. Aber schon drei Tage später gaben Buchdrucker -Löhmanns von der »Gerechtigkeit« ein Kinderfest mit Frack, Lack und -Claque und Trüffeln und Pommery und Chartreuse, und Willy tröstete sich -durch eine neue ~entente cordiale~. Natürlich machte er innerhalb der -vorgeschriebenen Frist seine »Verdauungsvisite« -- Kavalier verabsäumt -dergleichen nie. Zu Hause hatte er freilich zu Frau Helmerdings -tiefster Indignation erzählt, bei der Gesellschaft sei einer gewesen, -der habe »den Fisch mit's Messer gegessen«, die guten Löhmanns lüden -sich überhaupt Krethi und Plethi ein, das passe ihm nicht. Durch -einen Ohrenzeugen ist uns aus Willys dreizehntem Lebensjahre ein -von ihm und mehreren Busenfreunden geführtes Gespräch erhalten, das -durch seine kindliche Einfalt und Schlichtheit einen unvergänglichen -Reiz behauptet. Dieses Gespräch fand statt, als Willy eines Abends -wie gewöhnlich in der Nähe seines Hauses, von einer stattlichen -Korona mitfühlender Genossen umgeben, auf einem Gartenzaune saß, die -zierlichen blauen Ringe einer Havanna in die Abendluft blies und die -des Weges kommenden zehn- bis sechzehnjährigen Beautés Revue passieren -ließ. - -»Du, Willy, da geht Lina Schütze, deine alte Liebe!« - -»Ach, die, -- na -- das +war+ einmal,« warf Willy hin, mit -unaussprechlicher Nonchalance die Asche von seiner Regalia knipsend. - -»Sie ist übrigens gar nicht übel, du!« - -»Ach was, Schellfischaugen!« urteilte Willy, und lautes Gelächter -folgte seiner Kritik. »Da solltet ihr mal Olga Reimers sehen! Acht -Tänze hab' ich neulich mit ihr getanzt. Donnerwetter, ich sag' -euch, 'n schneidiges Mädel!« Und seine Havanna glühte im Halbdunkel -begeistert auf. - -»Die Lina Schütze ist aber auch nicht wenig grimmig auf dich!« - -»Pah -- wat ick mir dafür koofe!« trällerte Willy. »Ist mir ja nichts -dran gelegen, sonst -- mit'n Stück Cremeschokolade krieg' ich sie 'rum.« - -»Na? Ich weiß nicht so recht --« - -»Ach du, lehr' du mich die Weiber kennen, ja? Ich meine, wenn einer sie -kennt, kenn' ich sie.« - -Willy blickte im Kreise umher -- allgemeine Zustimmung. - -»Für 'ne Tafel Schokolade, sag' ich dir! Wetten?« - -»Ja, wetten!« - -»Um was?« - -»Um zwanzig Zigaretten -- aber ›King‹!« - -»Abgemacht! Hau durch, Ehlers!« - -In diesem Augenblick rief einer der Herren: »Achtung!« -- Alles machte -Front und riß vor Klara Meißner, einer brünetten Dame von dreizehn -Jahren, mit einstimmigem »Ah!« die Kopfbedeckung herunter. Klara fand -diese Huldigung so schmeichelhaft, daß sie sich umdrehte und noch -einmal zurücklächelte, eine Liebenswürdigkeit, die die Versammelten mit -den elegantesten Kußhändchen von der Welt beantworteten. - -»Junge, die kann aber Blicke schmeißen, was? Die hat was Dämonisches!« - -»Hm, geht an,« murmelte Willy mit Herablassung. »Wißt ihr, diese -Brünetten haben gewöhnlich diesen gelben Teint ...« -- -- -- -- - -Leider erstreckte sich Willys wählerischer Geschmack in späteren Jahren -nicht in demselben Maße auf die Reinheit der Seelen wie hier auf die -Reinheit des Teints. Sein achtzehntes Lebensjahr ist in dieser Hinsicht -besonders bedeutungsvoll. Eine Dame, deren allgemeine Beliebtheit sich -leider auf die Herrenwelt beschränkte und die »ihrem süßen Willy« an -Alter und Erfahrung weit überlegen war, vermochte ihn an einem schönen -Tage dieses Jahres, mit ihr den Zug nach Berlin zu besteigen und -seinen Vater mit Ungewißheit über den Verbleib von fünftausend Mark -zu erfüllen. Nachdem Willy drei Tage lang die Vorzüge der Residenz -genossen hatte, erschien in sämtlichen großen Zeitungen Deutschlands -folgendes Inserat: - - Willy! - - Bitte, kehre zurück! Wir ängstigen uns - furchtbar um dich! Alles ist dir verziehen! - -Dieser Beweis elterlicher Zärtlichkeit rührte Willy so tief, daß er -beschloß, sofort zurückzukehren, sobald seine Kasse erschöpft sei. -Nach weiteren zwölf Tagen war dieses Ziel erreicht, und jetzt hielt es -ihn nicht länger in der kalten Fremde. Er erbat sich per Telegramm von -Papa Helmerding das Geld zur Rückreise und kehrte ohne die Wonne seines -Herzens zurück, obschon er sich auf dem Höhepunkte der fünftausend -Mark mit ihr verlobt hatte. Den Empfang wird sich jeder Leser, wofern -er ein Verständnis für Familienfeste hat, selbst ausmalen können. Papa -Helmerding würde seinem verlorenen und wiedergefundenen Sohne ein Kalb -geschlachtet haben, und wenn es sein Leben gekostet hätte. - -Seit undenklichen Zeiten ist es als die größte und bewundernswürdigste -Tat kindlicher Pietät gepriesen und in unsterblichen Romanen -verherrlicht worden, daß ein Kind seinen Eltern zuliebe auf ein -ganzes Liebes- und Lebensglück verzichtet. Mit staunenswerter Fassung -und Selbstüberwindung entsagte Willy auf dringendes Bitten seiner -Eltern seiner Verlobten sofort und für immer. Seine Geliebte, die -von den Berliner Vergnügungen mindestens die Mittel zur Rückreise -erübrigt hatte, zeigte bald, daß ihre Seelengröße nicht hinter der -seinigen zurückblieb. Sie fand sich nach mehreren Monaten ein und war -entsagungsvoll genug, ihr Glück für immer zu Grabe zu tragen und sich -mit den Begräbniskosten zu begnügen. Sehr feinfühlig und taktvoll gab -sie dabei zu erkennen, daß ein +kleines+ Opfer das lebhafte Gefühl der -Helmerdings, ihr genug tun zu müssen, nicht +auf die Dauer+ befriedigen -könne. Willy aber gab in einer großen und edlen Wallung seinem -Vater das reuige Versprechen, in Zukunft in allen ähnlichen Affären -vorsichtiger sein zu wollen, zumal der alte Helmerding seinem Sohne in -einer Poloniusszene klargemacht hatte, daß man ganz dieselben Ziele mit -weniger Kosten erreichen könne. - -Unter diesen und sehr ähnlichen Vorfällen kam allgemach die Zeit -heran, da Willy seine unschätzbaren Dienste dem Vaterlande weihen -sollte. Leider hatte das dazu in erster Linie nötige Requisit der -Einjährig-Freiwilligen-Berechtigung noch nicht beschafft werden können. -Selbst die »Presse« des Dr. Ritsching, eine Unterrichtsanstalt, die -in einem halben Jahre eine ganze einjährige Intelligenz produzierte, -hatte auf Willy nur einen unter der Schädeldecke fühlbaren dumpfen -Druck ausgeübt, ohne daß der Verstand auf diesen Druck reagiert -hätte. Trotzdem lagen die Verhältnisse für Willy nach Absolvierung -des schriftlichen Examens nicht ungünstig; denn seine stilistischen -und seine Uebersetzungsarbeiten hatten die Prüfungskommission in jene -gehobene, humorvolle Stimmung versetzt, der die nachsichtige Milde so -nahe liegt. Ja, gleich zu Beginn der mündlichen Prüfung, von der man -auf inständige Verwendung des alten Helmerding nicht abgesehen hatte, -betrachteten sich die Herren +diesen+ jungen Mann, wie es schien, mit -einem ganz besonderen, heiteren Wohlwollen. Indessen traten im Verlaufe -der Prüfung die körperlichen Vorzüge Willys so entschieden gegen seine -geistigen in den Vordergrund, daß man ihm am Schlusse nach einstimmiger -Entscheidung die Qualifikation für eine dreijährige Uebung nicht -absprechen konnte. - -Zu alledem kam noch, daß der Hausarzt der Helmerdings (es war wieder -der sarkastische Herr von damals) dem jungen Manne nach eingehendster -Untersuchung seines Körpers erklärt hatte, er werde »unbedingt seine -drei Jahre abreißen müssen«, ja, um jede gesundheitliche Befürchtung -abzuschneiden, hatte er hinzugefügt, daß ihm dies gar nicht schaden -könne. Plattfüße entdeckte er, wie wir ausdrücklich hervorheben -müssen, an dem jungen Helmerding nicht, obwohl diese Eigentümlichkeit -gewiß zu seiner Individualität nicht in Widerspruch gestanden hätte. -Um so freudiger war die Ueberraschung, daß die Aushebungskommission, -die ihn und seinen Vater allerdings besser kennen mußte, mit großer -Einhelligkeit von der Plattfüßigkeit Willys durchdrungen war und ihn -deshalb nur für einen leichten Ersatzreservedienst bestimmte. Und -mit Jubel, mit inniger Glückseligkeit, mit erhabener Begeisterung -und Freude beging man daheim, beging besonders die »von frommem Dank -durchdrungene« Mutter das Fest der platten Füße. - -Unter solchen vielverheißenden Auspizien trat Willy endlich in -jenes reife Jünglingsalter ein, das sein kühner Geist schon lange -vorweggenommen hatte. Und daß er am Sonntage eine Minute vor Zwölf -geboren worden war, sollte auch für die Folgezeit ein günstiges Omen -sein. Willy kam immer zur rechten Zeit, immer, wenn der Sonntag -auf seinem Höhepunkte stand. Daß er zur militärischen Uebung -gar nicht einberufen wurde, weil er »überzählig« war, und sein -späterer, partout »nationaler«, treu zu Kaiser und Reich trinkender -Diner-Patriotismus ihm so auch nicht das geringste kostete, verdient -kaum der Erwähnung. Aber auf dem Plan der Landeslotterie stand mit -zollgroßen Lettern gedruckt: »Der größte Gewinn ist im glücklichsten -Fall sechshunderttausend Mark!« und für wen konnte die Vorsehung diesen -Fall vorgesehen haben, wenn nicht für Willy? Seit fünfunddreißig Jahren -waren das Große Los und die Prämie nicht zusammengefallen; aber in -der ersten Lotterie, an der sich Willy beteiligte und in der viele, -viele Tausende von armen Schneidern, Schustern und Kesselflickern -durchfielen, vereinigte sie ihre Nullen auf das Kind des Glücks und -der Helmerdings. Und der Zentralbahnhof, der nach zwei Jahren in der -Stadtverordnetensitzung beschlossen und bald darauf von der Regierung -genehmigt wurde, erhöhte den Wert der Willy Helmerdingschen Häuser, -weil sie ganz in der Nähe des zukünftigen Bahnhofs lagen, auf das -Doppelte, ohne daß Willy etwas anderes hätte zu tun brauchen, als -den Wert der Häuser mit zwei zu multiplizieren und sich dann über -das Produkt zu freuen. An der Börse richtete sich Willy mit Vorliebe -so ein, daß er bei Baisse kaufte und bei Hausse verkaufte. Was er -aufgehoben hatte, das war Hausse, und was er hatte fallen lassen, das -war Baisse. - -Doch befriedigte ihn der Gang der großen chemischen Fabrik nicht, an -der er seit seinem sechsundzwanzigsten Jahre als einer der ersten -Aktionäre beteiligt war. Das Unternehmen hielt sich -- ja -- aber nur -so so, und an Dividenden war für lange Zeit nicht zu denken. Denn es -bestand noch ein anderes, ebenso großes und viel älteres Unternehmen in -der Stadt, und es mit diesem aufzunehmen, schien nachgerade unmöglich -zu werden. Aber eines schönen Sonntags starb der alleinige Besitzer -dieser anderen Fabrik, Herr Dr. Pfeiffer, an einem Herzschlage. Grund -genug für Willy, in der nächsten Versammlung der Aktionäre eine -Idee zu haben. Die andre Fabrik ankaufen! Sei der Verstorbene ein -vorzüglicher Geschäftsmann gewesen, so verstehe seine kinderlose Witwe -von geschäftlichen Dingen leider oder gottlob so gut wie nichts. Nur -habgierig sei sie, und kosten werde das etwas; aber der Erfolg sei in -seiner Großartigkeit gar nicht abzuschätzen. Und in der Tat, die Witwe -forderte nicht wenig. Zwei Millionen, und keinen Pfennig weniger. Das -war hart; aber Willy war härter und drang bei seinen Konsorten durch. - -Schon seit längerer Zeit bemerkten die Helmerdings eine auffallende -Veränderung an ihrem Kinde. Willys Wangen schienen einzufallen; -seine Augen waren oft starr auf einen Punkt gerichtet; eine -düstere Melancholie umschattete sein Antlitz; dann wieder schien -eine plötzliche Verklärung seine Züge zu umglänzen. Sein Gang war -ungleichmäßig, bald schleppend und müde, bald hastig und aufgeregt. -Er floh der Brüder wilden Reih'n und irrte allein, während er sonst -in Gesellschaft geirrt hatte. Selten kam ein Wort über seine Lippen; -nur wenn die besorgte Mutter ihm die Wangen streichelte und warnend -sprach: »Du arbeits zu viel, mein Willy,« antwortete er ihr mit einem -kindlichen »Ach was!«. Essen und Trinken genoß er nicht mehr mit jener -inbrünstigen Konzentration auf Gabel und Glas, wie man sie an ihm -gewohnt war; er betrieb das wie ein gleichgültiges Geschäft, +wenn+ er -es überhaupt als ein Geschäft betrachtete. - -Eines Tages aber ging die Sonne Willys wieder strahlend auf im Hause -Helmerding. Wer an diesem Tage vier Uhr zwanzig Minuten nachmittags -zu den Helmerdings ins Zimmer getreten wäre, würde gesehen und gehört -haben, wie der Papa und die Mama ihren Sohn abwechselnd umklammerten -und unter Schnaufen und Weinen (dieses kam auf Rechnung der ewig -weiblichen Frau Helmerding) ihrem Sohne zuriefen: - -»Viel Glück, mein Willy! Viel Glück, mein Willy! -- Du bist 'n gutes -Kind, jaa, un has deinen Eltern immer Freude gemacht; jaa, un viel -Glück auch, mein Willy!« - -Willy hatte nämlich seinen Eltern soeben die Mitteilung gemacht, daß -er sich mit einer Doppelmillion verlobt habe und die Witwe des Dr. -Pfeiffer als Mitgift erhalte, die, wie er am folgenden Abend einer -superben Balletteuse vom Stadttheater beim Champagner erzählte, »hoch -in den Neununddreißigern« war und noch Spuren früherer Häßlichkeit -zeigte. - -Erst jetzt erkannten die Aktionäre +einstimmig+ die Rentabilität des -Ankaufs. - -Die alten Helmerdings konnten sich über diesen genialen Streich ihres -Kindes gar nicht beruhigen, und als sie in der Nacht, die diesem Tage -folgte, erst gegen Morgen entschlummerten, sahen beide im Traum die -gleiche Verlobungsanzeige: - - »Zwei Millionen - Willy Helmerding - Verlobte.« - -Aber im Traumbilde der Mutter umschlang ein lieblich grünender -Myrtenkranz das Ganze. - - * * * * * - -»Meine Herr'n -- entschuldigen Sie -- meine Damen und Herr'n, wollte -ich sagen,« begann auf dem Verlobungsdiner der Stadtrat Kneesen, -»also: meine Damen und Herr'n, erlauben Sie mir, mm, zu dieser -feierlichen Gelegenheit einige schlichte Worte, wie sie aus'm einfachen -Freundesherzen kommen, mm, was ich nu bereits viele Jahre bin, mm, an -Ihnen zu richten, mir erlauben werde. Mein alter Freund Helmerding, mit -dem ich manchen Sturm erlebt habe, das is'n Mann, ich meine: 'n bessern -Kerl -- ich bin immer 'n bischen grade weg, meine Herrschaften -- kann -man gar nich, un wenn man noch so lange mit der Laterne sucht, mm, kann -gar nicht gefunden werden. Er is allgemein geachtet un geliebt un hat -was für die Stadt getan un hat 'n Herz für die Armen -- ja, ja, das -has du, Helmerding, das laß ich mir nich nehmen! Un was die alte Mama -Helmerding is, die hab' ich auch immer lieb gehabt -- ja, das heißt -alles in Ehr'n, meine Herrschaften, alles in Ehr'n -- hähähähähähä -- --- Na, was wollt' ich noch sagen, also: ich will mich kurz fassen, -meine Herrschaften. Unser verehrtes Brautpaar hat uns die Freude -gemacht, die +große+ Freude gemacht -- mm -- sich in den heiligen Stand -der Ehe begeben zu wollen. Un wenn ich mir da nu zuers den Bräutigam -betrachte, da muß ich sagen: er macht seinen Eltern Ehre -- un Freude --- un -- ja, das tut er, un kann ich nur hinzufügen, was ich so halb -offisiell weiß, daß er wohl nächstens Stadtverorn'ter werden wird, -na, ich meine, meine Stimme hat er, un er kriegt noch viele dazu, das -soll'n Sie mal sehen. Denn solche Männer, ich meine, die brauchen wir, -die durch Fleiß un Intelligenz un was sonst noch -- sich emporgewickelt --- äh -- wollt' ich sagen: entwickelt haben, +gehören an die Spitze+!! -Un wenn ich nu zu der lieben Braut übergehe -- djä -- was soll ich da -anders sagen, als -- er hat sich 'ne Frau ausgesucht -- die zu ihm -paßt! Praktisch is sie -- un -- un -- wir haben sie alle gern, un hat -uns alle sehr leid getan, das müssen wir aufrichtig sagen, als sie -ihren Herrn Gemahl so schmerzlich verloren hat. Aber -- ich meine -- -unser Willy, der wird sie schon trösten, hähähähä, un bitte ich Sie, -mit mir anzustoßen: Unser Brautpaar soll leben hoch -- un noch 'n mal: -hoch! -- un zum dritten Mal: hoch!« - -»Komm, mein süßen Willy, du has noch gar nich mit mir angestoßen!« rief -die entzückte Frau Helmerding. - -Da trafen sich die feingeschliffenen Gläser in einem vollen Klange, und -im Auge der Mutter schimmerte eine Träne. - - - - -Ernsthafte Predigt vom Kommersieren - - Motto: Solche Brüder müssen wir haben, - Die versaufen, was sie haben. - - -Liebe Brüder! - -Es sind einige unter euch in Briefen wider mich aufgestanden mit -beweglichen Klagen, daß ich in meiner tiefgründigen Abhandlung »Vom -Essen und Trinken« das Essen bevorzugt und das Trinken vernachlässigt -hätte. Das Essen nähme einen viel zu breiten Raum ein im Vergleich zum -Trinken usw. usw. Noch täglich laufen neue Briefe ein; wohl selten hat -eine Frage unser Volk so in seinen Tiefen aufgewühlt wie diese. - -Leider haben es sich dabei einige der Briefschreiber nicht versagen zu -müssen geglaubt, über das Essen im allgemeinen verächtlich zu urteilen -und dem Trinken unvergleichlich edlere Eigenschaften zuzusprechen. Ich -habe beim Lesen solcher Briefe im stillen auf ein Stadium geschlossen, -in dem der Appetit auf feste Substanzen bereits für immer geschwunden -zu sein pflegt; aber ich behalte das für mich. Die Sache ist zu ernst, -um nicht alles persönlich Verletzende von ihr fernzuhalten. - -Aber beklagenswert bleibt es, daß man dergleichen unduldsame Meinungen -nicht zurückgehalten hat. Schlaraffenland ist ein paritätischer Staat -und soll es, so denke ich, bleiben. Man soll es sich dreimal überlegen, -ehe man an seiner Verfassung rüttelt. In einem gesunden Staatskörper -wird die feste Nahrung immer die geeignetste Grundlage bilden für alle -trunkhaften Bestrebungen. - -Es ist richtig, daß Pharao den Mundschenk begnadigte und den Bäcker -hängen ließ. Aber es ist voreilig, daraus nun Schlüsse für das Trinken -und gegen das Essen zu ziehen. Hier handelte es sich eben um einen -Bäcker, also um Brot und Kuchen, und daß diese viel zu viel Mehl -enthalten, hat noch kein anständiger Mensch bestritten. Aber die -Aufknüpfung des Bäckers beweist nicht das geringste gegen Roastbeef, -Rehrücken, Ente, Hummer, Kaviar usw. usw. - -Liebe Brüder, man soll das eine tun und das andere nicht lassen. -Zwischen Rehrücken und Rotspon sitzen: das nenn' ich goldene Mitte. -Ich hoffe euch davon zu überzeugen, daß mir die Reize der besseren -Feuchtigkeit nicht fremd sind. - -Was den gegen mich erhobenen Vorwurf betrifft, so muß ich doch zunächst -bemerken, daß ich die Freuden des stillen Suffs sehr objektiv gewürdigt -und mich der dampfenden Bowle ~en petit comité~ wie immer wärmstens -angenommen habe. Aber ich gebe zu, daß ich den eigentlichen, geregelten -Kultus der Getränke mit seinem tiefsinnigen und ehrwürdigen Ritual, daß -ich das planvolle, bis zur Bewußtlosigkeit zielbewußte Massentrinken, -den Kommers, leider übergangen habe. Wer beides, Essen und Trinken, -in +einer+ Abhandlung bewältigen will, wird immer eines von beiden -vernachlässigen müssen. Dazu ist der Stoff zu weitschichtig, seine -Anordnung zu schwierig, die Konzeption zu kühn. - -Wenn ich übrigens den Kommers soeben als ein Massentrinken bezeichnet -habe, so ist das ganz subjektiv gemeint, d. h. ich betrachte die Masse -als Subjekt des Komments. Versteht man unter der Masse das Objekt, so -wird im Verlaufe des Kommerses das Objekt zum Subjekt und das Subjekt -zum Objekt, wie dann überhaupt so viele Dinge, z. B. die Viehbub und -der Saumagd und der Viehmagd und die Saubub, miteinander vertauscht zu -werden pflegen. Ich weiß nicht, ob das klar ist. Wem es nicht klar -ist, der betrachte es als den philosophischen Teil meiner Ausführungen. - -In die gemeine Bierdeutlichkeit übersetzt, soll das aber heißen, daß -der Mensch sich nicht um jeden Preis besaufen soll. Ich bitte wohl -zu bemerken: ich sage +nicht+, daß er sich nicht besaufen soll; ich -möchte hier um alles nicht mißverstanden werden; er soll es nur nicht -+um jeden Preis+ tun! (Ich denke bei »Preis« nicht an Geld; denn -erstens ist das Qualitative immer selbstverständlich, und zweitens -würde ich dann »+für+ jeden Preis« sagen.) Aus den Burschen, die mit -der Vertilgung von zwanzig Seideln protzen und in jedem, der es nur -auf neunzehn gebracht hat, einen fluchwürdigen Jämmerling sehen, -werden nachher nur allzu oft jene Bürschchen, die aus dem Ueberschwang -der Jugend nichts gerettet haben als Tugend und einen Magenkatarrh. -Der Mensch soll trinken, weil es ihm +schmeckt+, darum führt er den -Ehrennamen »der schmeckende Mensch«, ~homo sapiens~. Wem es aber so gut -schmeckt, daß er mit der unschuldsvollen, ahnungslosen Seligkeit des -Säuglings die Grenze der Mäßigkeit überschreitet, für den werde ich -immer ein sehr mildes Urteil bereit haben. Ueberhaupt diese Grenze der -Mäßigkeit -- ich weiß nicht -- es ist etwas so Merkwürdiges um diese -Grenze. Wenn man noch weit von ihr entfernt ist, sieht man sie sehr -scharf; hat man sie aber erreicht, so sieht man sie nicht mehr. Es ist -eine heimtückische, infame, eine ganz famose Grenze! - -Ein Institut wie der Kommers mußte im Laufe der Zeiten seine Feinde -finden, das ist klar. Dazu ist die Sache zu gut. Soweit sich diese -Feindschaft gegen rohe Trinksitten richtet, ist sie mir recht. Es -alteriert mich, wenn ein Kneipant keinen Bierjungen trinken kann, ohne -daß es ihm zu beiden Seiten wieder zum Maul herausläuft; denn erstens -ist »Bluten« nach dem Komment strafbar, also unsittlich, zweitens ist -es für ein Herz, das die Gaben der Natur mit dankbarer Liebe verehrt, -eine betrübende Stoffvergeudung, und drittens sieht es scheußlich aus. -Wer einen mäßigen Bierjungen noch nicht mit lässiger Eleganz bewältigen -kann, der soll zu Hause, wo ihn niemand sieht, täglich einige Stunden -daran wenden und es üben. Die kleine Mühe lohnt sich immer. - -Anders steht es mit einer anderen Art von Feindschaft. Um von ihr -sprechen zu können, muß ich meinen Lesern leider eine gewisse Sorte -von Menschen ins Gedächtnis zurückrufen. Ich habe einen Freund -- d. -h. er versteift sich merkwürdigerweise darauf, daß ich ihn so nenne ---, wenn ich zu dem sage: »Kerl! Mordbube, du hast ja die ›Maine‹ in -die Luft gesprengt!«, so verneint er mit tiefem Erstaunen und beginnt, -mir ausführlich sein Alibi nachzuweisen. Wenn es draußen gleichzeitig -stürmt, hagelt, regnet und schneit, so daß sämtliche Regenschirme sich -mit emporgeworfenen Armen gegen ihre Bestimmung sträuben und die Luft -von aufgewehten Damenhüten erfüllt ist, und ich dann zu ihm sage: -»Prachtvolles Wetter, was?«, so erklärt er mit erfrischender Energie, -daß er das Wetter durchaus nicht schön finde, im Gegenteil: schlecht. -Der Mann ist nicht etwa in gewöhnlichem Sinne dumm; er hat vieles -gelernt und ist in seinem Berufe tüchtig; seine Dummheit ist eben eine -ganz außergewöhnliche. Soweit ich ihn bis jetzt vorgeführt habe, ist -er ja auch, in ganz kleinen Dosen genommen, ganz amüsant. Aber wenn -man im »Sommernachtstraum« neben ihm sitzt und die Handwerker mit -dem kindlich-souveränen, großäugigen Shakespearehumor ihr Schauspiel -aufführen, so stößt er mit dumpfem Ingrimm das Wort »Blech!« von sich. -Wenn man ihm ein Grimmsches Märchen vorliest und er hört von der Madame -Pabst, die eine goldene Krone aufhatte, »die war drei Ellen hoch«, so -stöhnt er aus gekränktem Herzen das Wort »Unsinn«, und wenn ich mich -mit einem anderen Freunde, einem +ganz+ anderen, an einem köstlichen -Büchlein ergötze, das lauter Verse ~à la~ Friederike Kempner enthält -und die Erhabenheit des Blödsinns mit tausend Zungen predigt, wenn -wir tränenden Blickes schwelgen im deliziösesten Nonsens, so vermag -er »einfach nicht zu begreifen«, wie man am Lesen solcher schlechten -Gedichte Gefallen finden könne. Die schöne Zeit solle man lieber darauf -verwenden, Goethe und andere, +wirkliche+ Dichter zu lesen usw. usw. - -Ich denke, daß meine Leser sich jetzt den Typus vorstellen können, den -mein »Freund« repräsentiert. Stellen wir ihn wieder weg. - -Wenn Deutschland eine vollständige Autokratie und ich der Autokrat -wäre: +diese+ Leute würde ich auf Staatskosten vergiften lassen. Denn -die Monomanie der Vernünftigkeit, diese traurigste Untergattung der -Halbidiotie, ist mehr, als ein normaler Mensch vertragen kann und sich -gefallen zu lassen braucht. Man schimpft so oft auf die Raubmörder, -und ich gebe zu: mit einem gewissen Recht. Aber ein Raubmörder tut doch -wenigstens mal etwas Unvernünftiges und trägt auf diese Weise sein -redliches Teil zur Bewegung bei, die die +höchste+ Vernunft ist und -ohne die die Welt nicht bestehen könnte. Die »düsteren Bestien« der -unentwegten Vernünftigkeit würden die Erdachse senkrecht zur Ekliptik -stellen, um den rechten Winkel herauszukriegen und der ewigen Zappelei -mit den Jahreszeiten ein Ende zu machen. Gottfried August Bürger, den -ich so sehr liebe, ich weihe dir ein großes, stilles Glas, weil du aus -warmblutendem Herzen aufschriest gegen die »kalten Vernünftler«. - -Diese ungesalzenen Heringsseelen, diese frostigen Zeloten der -blöden Ernsthaftigkeit, diese wirklichen Nüchterlinge der korrekten -Richtigkeit und richtigen Korrektlinge der nüchternen Wirklichkeit -sehen im Kommersieren und im Kneipstaat ein schädliches und albernes -Institut; die kindliche Freude der Kneipanten ist ihnen kindisch und -läppisch, und sie finden abgeschmackt die weisheitsvollen Gesetze des -Kneipkomments, die, »was in schwankender Erscheinung lebt, befestigen -mit dauernden Gedanken«. O meine Brüder! Nicht um diese seriösen -Linealschlucker zu überzeugen, was nimmer ein Sterblicher je vermöchte, -nein, um uns selbst zu stärken im Glauben an den alleinseligmachenden -Komment und in allen guten Werken der Saufbrüderlichkeit, wollen wir -betrachtend immer tiefer uns versenken »in den Reichtum, in die Pracht« -der edlen Trinkerweisheit! - -Welche Fülle realpolitischen Verstandes liegt schon in der Konstitution -dieses Bierstaates! - - »Wer am besten saufen kann, ist König, - Bischof, wer die meisten Mädchen küßt. - Wer da kneipt recht brav, - Heißt bei uns »Herr Graf«, - Wer da randaliert, wird Polizist.« - -Es ist gleichsam etwas Serbisch-Montenegrinisches in dieser Verfassung -und Gesellschaftsordnung! Und wie klug ist die Strenge jener Gesetze -über Biergericht und Bierskandal, Vor- und Nachtrinken und ~ex -pleno~-Bieten usw. usw.; mit welcher Sicherheit und Schwere trifft sie -den gefährlichsten Feind des Bierstaates, den unheimlichen »Knacker« -und »Glasbeißer«, der sich der allgemeinen Trinkpflicht tückisch -entziehen möchte! Den modernen Rechtsstaat erkennt man bekanntlich -daran, daß in seinen Bezirken möglichst viel und kräftig verdonnert -wird. So auch den Bierstaat. Ein eifriger Bursch oder gar Präside -oder Bierrichter wird immer Gelegenheit finden, einen Kneipanten mit -strengster Gerechtigkeit und Unparteilichkeit zu verknurren, und wenn -der Verknurrte das kostspielige Rechtsmittel der Berufung ergreift, -so ist das im Interesse der Hebung des Konsums natürlich nur mit -wilder Freude zu begrüßen. Wer den Strapazen dieses Rechtsstaates -nicht gewachsen ist, der muß sich eben rechtzeitig weinend aus diesem -Bund stehlen. Nur er, den das allgemeine Vertrauen zum Lenker des -Staatsschiffs berufen hat und den das Gefühl von der Erhabenheit seines -Herrscherberufs und von der Infallibilität seiner Entscheidungen -erheben darf, er, der Präside, muß als der widerstandsfähigste Schiffer -auf seinem Posten ausharren können, muß trotz Nacht und Nebel, trotz -Aus- und Abstoßen und trotz allem Schwanken des Fahrzeugs und aller -Seekrankheit sein Schiff zu den sonnigen Gestaden der Fidulitas lenken, -muß auch das sinkende Schiff als letzter verlassen, und bliebe ihm -schließlich nichts zum Umklammern als eine frischgeteerte Planke. Daß -ein solcher Mann mit weitgehender Macht und Autorität ausgestattet -sein muß, ist klar. Mit einer über alle subversiven, zentrifugalen und -anulkenden Tendenzen erhabenen Schneidigkeit muß er die Zügel straff -halten können und in ernsten Augenblicken den Mut zum skrupellosen -Blödsinn besitzen. Er muß Tempo und Rhythmus des Festes angeben, wie er -Tempo und Rhythmus der Gesänge (eine eminent wichtige Sache!) bei aller -Nachsicht gegen Melodie und Tonart mit wachsamer Strenge bestimmt. - -Der Gesang! Er ist die Blüte des Kommerses und offenbart also seine -höchsten Schönheiten. Ich müßte ja ein Werk schreiben von der Dicke des -»Großen Meyer«, wollte ich das Thema »Die Studentenseele im Lied« auch -nur achtelwegs erschöpfen. Welch ein sanguinischer Optimismus in dem -herrlichen Refrain: - - »O Rothschild, Rothschild, - Rothschild, schick' Geld, schick' Geld!« - -Es fällt Rothschild ja gar nicht ein, Geld zu schicken; aber das macht -diese gläubige Bitte ja noch rührender. Welch hinreißende Beweisführung -in den Versen: - - »Bums vallera, die Welt, die Welt ist wunderschön, - Bums vallera, die Welt ist wunderschön!« - -In sechs Worten ist hier eigentlich alles gesagt; das »Bums vallera« -ersetzt den ganzen Leibniz. Gegen Bumsvallera gibt es keine Instanz. -Nur aus einer solchen Weltanschauung kann jene großgeistige -Ueberlegenheit erwachsen, die nirgends erhabener zum Ausdruck gekommen -ist als in den Worten: - - »Was man draußen von uns meint, - Kann uns Schlacke sein, - Ist uns auch ganz schnurz!« - -Aber weit gefehlt wär' es, zu glauben, daß dem Studentenherzen die -pietätvollen Gefühle fremd wären! Man beachte in dem allbekannten -»Fuchsenliede«, mit welch zärtlichem Interesse sich der ganze Chor -nach des Fuchsen Papa und Mama, nach der Mamsell Soeur und sogar nach -dem Herrn Rektor erkundigt, man beachte, mit welch teilnehmender Sorge -sich die ganze Korona mitten im Taumel der Jugendlust erkundigt, ob -denn der alte Hauschildt noch lebe, und mit welcher innigen Genugtuung -sie die frohe Nachricht, daß der alte Hauschildt immer noch lebe, ins -Ungemessene wiederholt. Ueberhaupt nimmt sich der Student mit der -schönen Weitherzigkeit der Jugend der alten Leute an, besonders da, wo -man diesen das Recht zum Trinken verkürzen will. - - »Olle Winkelmann, olle Winkelmann, - Was süppst du denn so sehre?« - -Und nun die Entgegnung des alten würdigen Mannes: - - »Wat geiht di denn min Supen an, - Wenn ick et man betahlen kann!« - -Das erinnert an die wuchtigen Schlagverse einer antiken Tragödie. Und -hat er denn nicht recht, der alte Mann? Und +wie+ recht hätte er erst, -wenn er's nicht bezahlen könnte! Die Frage, ob mit diesem berühmten -Dialog eine Ehrung des alten Kunsthistorikers Winckelmann beabsichtigt -sei, ist für den dichterischen Wert ganz belanglos. Die Verse gelten -eben für jeden Winckelmann, wenn er auch +ganz anders+ heißt. - - »Ein altes Weib auf der Turmspitze saß - Und sauren Kohl mit Käse aß« -- - -ja -- wer, frage ich, würde sich mal um die alte Frau kümmern, wenn -es nicht der kommersierende Student täte?! Und wie ungerecht ist die -Beschuldigung, daß er über dem Kneipen die Studien vernachlässige! In -den allbekannten Versen: - - »Der Herr Professor - Liest heut' kein Kollegium, - Drum ist es besser, - Wir trinken eins rum« - -ist es doch für jeden Wohlmeinenden offen ausgesprochen, daß +nur+ -deshalb getrunken wird, weil der Herr Professor nicht liest, und wenn -hämische Gesellen behaupten, der Herr Professor lese eben deshalb -nicht, weil alle Studenten trinken gegangen wären, so ist das für den -Effekt ja ganz gleichgültig. Jedenfalls zeigt das gediegene Lied: - - »Gennn--eral Laudon, Laudon rückt an, an, an, - Gennn--eral Laudon, Laudon rückt an. - Laudon rückt an, an, an, - Laudon rückt an, an, an, - Gennn--eral Laudon, Laudon rückt an« - -auf das deutlichste, daß die Studenten sogar bei der Kneipe unermüdlich -Geschichte repetieren, und wer aus eigener Bemühung weiß, welch -unausgesetztes Studium es erfordert, den »Abt von Philippsbronn« mit -»Pst« und Pfiff und Schnalz- und Schnarchgetön (im richtigen Tempo -bitte!) zu singen, und wer beobachtet hat, bis zu welcher idealen -Vollkommenheit es darin selbst schwächer begabte Talente bringen, -der kann den Studiertrieb der kommersierenden Jugend nicht anders -achten als hoch. Ist doch auch die höchste Blüte des Erkennens, die -rechte Selbsterkenntnis, durch Worte von ewiger Geltung zum Ausdruck -gekommen, z. B. in den Worten des biederen Mannes, der als Grobschmied -und Vater inspizierenderweise nach Halle kommt und seinem flotten Sohn -auf dessen Fragen: »Was macht die liebe Frau Mama, was machen die -zarten Schwesterlein?« so schlicht als wahr erwidert: - - »Se sünd noch all recht fett und rund; - Se seggen, du bist en Swinehund.« - -Wer nur sehen +will+, der sieht also klar genug, daß der Studio -sich nicht schont, vielmehr die härtesten Selbstanklagen mit Mut -und Ausdauer verträgt. Wer auch erhebt machtvoller die Stimme der -Menschlichkeit, als er es tut in den tief gemütvollen Worten: - - »Reißt dem Kater den Schwanz aus, - +Reißt ihn aber nicht ganz aus!+ - (Bravo!) - Laßt 'n kleinen Stummel dran, - Daß er wieder wachsen kann!« - -Und wer macht sich zum dröhnenden Sprachrohr des verfolgten ~lepus -parvulus~ und trägt seine rührende Klage an das Ohr der Mitwelt? - - ~»Longas aures habeo, - Brevem caudam teneo. - Quid feci hominibus, - Quod me sequuntur canibus?~ - - ~Caro mea dulcis est. - Pellis mea mollis est. - Quid feci hominibus, - Quod me sequuntur canibus?~ - - ~Quando reges comedunt me, - Vinum bibunt super me. - Quid feci hominibus, - Quod me sequuntur canibus?«~ - -Mein Freund, der Vernünftige, hat mich darauf aufmerksam gemacht, daß -die Menschen den Hasen ja +eben deswegen+ verfolgten, +weil+ sein -Fleisch so süß und sein Fell so weich sei. O meine Brüder, soll ich ihm -'mal eine 'runterhauen? Aber nein! Seien wir duldsam gegen die Armen, -denen nicht geworden ist, das Farbenspiel des Lebens zu kosten, und -steigen wir als glückselige Wissende empor zu immer höheren Höhen des -Tiefsinns. ~Sursum corda!~ - -Da gelangen wir denn zu den orphischen Worten vom Bock, der nicht -milchen will. - - »Mich wundert nichts, als daß, als daß - Der Bock nicht milchen will, - Und frißt doch allzeit Gras - Und frißt doch allzeit Gras.« - -Millionen von Menschen, ganze Geschlechter von Erdbewohnern sind -achtlos an diesem Phänomen vorübergegangen, oder wenn sie es auch -beobachtet haben, so fanden sie doch nicht den Mut, nach der Ursache zu -fragen. Erst der trinkende Student fand diesen Mut. Gewiß: beantworten -konnte auch er diese Frage nicht, das mußte er den Professoren -überlassen, die die merkwürdige Erscheinung längst auf die Männlichkeit -des Bockes zurückgeführt haben; aber schon der Mut, eine solche Frage -zu stellen, ist bewunderungswürdig. - -Die Behauptung: - - »Häßlichkeit entstellet immer, - Selbst das schönste Frauenzimmer« - -erfordert schon weit weniger Mut. (Denn wenn ein schönes Frauenzimmer -durch Häßlichkeit entstellt wird, was nützt ihm dann seine ganze -Schönheit?! Ja: kann man in einem solchen Falle +überhaupt+ noch von -einem »schönen Frauenzimmer« sprechen? Mein ernsthafter Freund verneint -es rundweg.) - -Von kühnstem, bis in die Polarregionen vordringendem Forschergeiste -zeugen die sehr belehrsamen und bildungsvollen Verse vom Eskimo. - - »Der Eskimo -- lebt manchmal wo, - Doch manchmal, da lebt er wo anders. - Er trinkt den Tran -- wie Bier der Mann - Und reibet damit Salamanders.« - -Aber das alles, so tief es ist, ist noch seicht und trivial im -Vergleich zu dem Liede vom Frack. - - »O wie bimmel, bammel, bummelt - O wie bimmel, bammel, bummelt - O wie bummelt mir mein Frack! - Ich hab noch nie einen Frack gehabt, - Der mir so sehr gebimmelbammelt hat. - O wie bimmel, bammel, bummelt - O wie bummelt mir mein Frack!« - -Dies, ich wage das schämige Geständnis, ist mir das Höchste in der -Dichtkunst. Hier ist nur Empfindung, Beobachtung und Bericht von -Tatsachen; alle Reflexion ist vermieden. Der Dichter verzichtet auf -jegliches intellektuelle Moment, er ist ein Volldichter. Dieses Werk -konnte geschaffen und dann genossen werden bei gänzlich exstirpiertem -Gehirn, ausschließlich mit Hilfe des ~Plexus solaris~, jenes famosen -Gangliengeflechts in der Magengegend. Ueber den Vortrag sei folgendes -bemerkt: die Hände ruhen bis zu den Ellbogen in den Hosentaschen, die -Zigarre hängt genau senkrecht im linken Mundwinkel, der Blick tastet -mit elegischer Zärtlichkeit am Frack hinunter und sucht vergeblich den -vorderen Teil der Schöße. Tempo: das hartnäckigste Largo, nach Mälzel = -1. Aber --: - -Jetzt kommt ein wichtiges Aber. Auch in diesem höchsten Moment soll der -Kneipant noch so viel Herrschaft über sich besitzen, daß er mit ernster -Hingabe singt und sich im stillen über seinen Ernst unbändig amüsiert. -Der größte Blödsinn wird ernst genommen: eben das macht den Kommers zu -einem Bild des menschlichen Lebens. Und wen solch ein Ernst von Herzen -heiter stimmt, der ist ein Herr des Lebens. Und das soll der Kneipant -sein. Wir wollen mit dem Stumpfsinn spielen wie Brutus, und nachher -wollen wir allerlei Tyrannen zum Teufel jagen. Sollte einer unter -euch, liebe Brüder, gewähnt haben, daß ich die Entwickelung unseres -Vaterlandes zur Bierarchie befördern helfen wolle, so hat er geirrt. -Und wenn das edelste Münchener Bräu oder das süffigste Gold vom Rhein -in Strömen fließt: obenauf schwimme der Mensch. Ihr sollt, liebe -Brüder, euer geehrtes Innere begießen, auf daß der +Mensch+ in euch zur -Blüte komme. - -Nein, das meine ich natürlich +nicht+, daß einer ein steifes Genick -haben soll, daß einer sich nie vergessen soll, nie sich heiser singen -soll, daß er für alles Getriebe um ihn her einen kühlen Polizeiblick -bewahren soll, daß er ein dicker Klotz oder Pfahl sein soll, der von -keinem Freudenstrudel sich fortreißen läßt. Solche Scheusale gehören in -die Wolfsschlucht. Gottlob gibt es aber noch starke Kerle, die mitten -durch Tabak- und Freudenqualm einen freundlich-festen Blick balancieren -können, denen in seligsten Sekunden eherne Entschlüsse reifen und die, -+wenn's nottut+, auf beide Füße springen und Männer sein können. - -Denn bei einem rechten Kommers singt man ja auch solche Lieder wie -»Freiheit, die ich meine« mit den selig-schönen Versen. - - »Auch bei grünen Bäumen in dem lust'gen Wald, - Unter Blütenträumen ist dein Aufenthalt. - Das ist rechtes Leben, wenn es weht und klingt, - Wenn dein stilles Weben wonnig uns durchdringt. - - Wo sich Männer finden, die für Ehr' und Recht - Mutig sich verbinden, weilt ein frei Geschlecht. - Das ist rechtes Glühen, frisch und rosenrot; - Heldenwangen blühen schöner auf im Tod« - -und solche Lieder wie »An der Saale hellem Strande« mit den Versen: - - »Drüben winken schöne Sterne, - Freundlich lacht manch' roter Mund,« - -und mit fern versinkendem Blick sieht dann der Sänger alle Schönheit -deutschen Landes: er hört den heiligen Gesang seiner Wälder und blickt -mit sinnenden Gedanken hinauf in ihre grünen Dämmerungen und hinab in -den bilderreichen Spiegel heimatlicher Ströme. Und wie vom Söller her -ihm schöne Augensterne winken, steht in seinem Herzen der junge, süße -Wirbelsturm der Liebe auf. Und schön ist in jungbrausender Seele der -ernste Gedanke an den Tod für ein heiliges Gut. - -Jugend sei das vornehmste Getränk an eurem Tisch. Daß ihr aber auch im -grauen Haar noch jubilieren möget, bewahrt in eurem Keller von diesem -edelsten Getränke ein ungeheures Faß, das bis ans Lebensende vorhält. -Eines der herrlichsten Gebete, die je gesprochen worden, ein Gebet -Heinrich Heines, sprecht es täglich nach; es heißt: »Ihr Götter, ich -bitte euch nicht, mir die Jugend zu lassen; aber laßt mir die Tugenden -der Jugend, den uneigennützigen Groll, die uneigennützige Träne!« - -Und nicht so soll es sein wie in jenem spöttischen -»Rückerinnerungslied«, wo es heißt: - - »Heute Kriegsgeschrei und Fehde allem, was die Lust vergällt, - Morgen salbungsvolle Rede über diese Sündenwelt. - Heute Feindschaft dem Philister, der gehorsamst denkt und schweigt, - Morgen vor dem Herrn Minister demutsvoll das Haupt geneigt.« - -So soll es +nicht+ sein, liebe Brüder, +so nicht+! Auch sollen die -Jungen unter euch nicht meinen, daß sie nachher mit der schneidigen -Wurschtigkeit der Bierlogik und Bierjustiz auf den Köpfen ihrer -Mitmenschen herumpräsidieren können. Wer vom großherzigen und -großäugigen Jugendtrutz nichts hinüberrettet in sein Manneswerk, den -soll, was er gekneipt hat, wiederkneipen, dem soll jeder Tropfen -zu Gicht werden, und die soll ihm in den Hinterfüßen nur so lange -rumoren, bis er ernstlich anderen Sinnes wird. - -Und wenn er dann wieder einmal mit alten und ältesten Herren -zusammenkommt zu fröhlicher Runde und er vom Angesicht der andern -den Wandel der Dinge liest, wenn er in eines Augenblicks Erleuchtung -überschaut, was alles anders gekommen, wie er es einst gehofft, und -von den Wänden ein ernstes Wort hallt: +Vergänglichkeit+ -- wenn dann -das herrlichste und wehmutvollste aller fröhlichen Lieder steigt, das -Lied von der dahingeschwundenen Burschenherrlichkeit, und wenn zuletzt -der feierliche Augenblick kommt, da alles sich erhebt und einstmals -oft verflochtene Hände sich wiederfinden: dann mag er's mit ehrlich -bejahendem Herzen mitsingen, das schöne Bekenntnis: - - »Klingt an und hebt die Gläser hoch, - Die alten Burschen leben noch, - Es lebt die alte Treue! - Es lebt die alte Treue!« - -Und nun, liebe Brüder, wollen wir trinken auf alle, die vom breiten -Stein nicht wanken und nicht weichen. Aber auf die, die verlernt haben, -daß es Tage gibt »von besonderem Schlag«, Tage, so schön, daß man zu -ihnen gar nichts andres sagen kann als »~Ergo bibamus!~« -- auf die --- auf die wollen wir auch trinken. Schon um unsertwillen. Das wäre -ja auch noch schöner, wenn wir um deretwillen dürsten sollten! Wir -wollen auf sie trinken in der Hoffnung, daß sie sich bessern. Aus jeden -einzeln! Das schmeichelt ihnen; das greift ihnen an die Ehre. Dann -gehen sie in sich. - -Nachher trinken wir dann noch auf die Temperenzler; das sind sie uns -schuldig. Prost! - - - - -Der große Irrgarten - - -Kommt mit in meinen Blumen-, Irr- und Wundergarten! Er ist nicht größer -als meine Handfläche; aber ihr werdet euch wundern. Ein Leben könnt ihr -damit verbringen, durch seine Gänge, Lauben, Grotten und Gebüsche zu -wandeln. Tretet ein! - - * * * * * - -Als unsere Aelteste eben zu sprechen begonnen hatte und meine Frau -sie eines Tages fragte: »Wo ist Papa?«, da antwortete sie mit -unvergleichlicher Gemütsruhe: »Papa puttrissen,« d. h. Papa ist -kaputtgerissen. - -Meiner Frau und mir selbst war von diesem jähen Ende nichts bekannt; -wir fragten uns also: Was kann das heißen sollen? Ich war verreist -gewesen; das Kind hatte gehört, Papa ist verreist; reisen war ihm -dasselbe wie reißen, verreisen soviel wie zerreißen; in seinem Kopfe -hatte der Satz also geklungen wie »Papa ist zerreißt«, und wie die -papiernen Bilder und Puppen, mit denen sie gelegentlich spielte, immer -sehr bald »puttrissen« waren, so war es jetzt ihr Vater. Sie nahm sein -grauses Schicksal mit der denkbar größten »Wurschtigkeit« hin. - -Als ihr Brüderchen noch am Boden kroch und spielte, hörten wir ihn -wiederholt den Ruf »Hammelschitte!« ausstoßen. Lange suchten wir -vergeblich nach der Uebersetzung dieses seltsamen Wortes. - -Endlich beobachteten wir, daß der Junge diesen Ruf jedesmal dann -ausstieß, wenn eines seiner Stein- oder Holzgebäude zusammenstürzte -oder wenn sich sonst eine Katastrophe ähnlicher Art ereignete. Und -mit einem Male ging uns ein Licht auf. Wenn wir mit ihm gespielt -hatten, so hatten wir wohl bei gleichem Anlaß gerufen: »Da ha'm wir -die Geschichte!« Dieser Satz war ihm zu einem Wort und einem Begriff -zusammengeschmolzen und bedeutete soviel wie Zusammenbruch, Einsturz, -Umsturz, und da ein möglichst geräuschvoller Einsturz für die Kinder -ein Hauptvergnügen beim Bauen, ja, sozusagen der Sinn des Bauens -ist, so stieß er das Wort »Hammelschitte« jedesmal mit sichtlicher -Befriedigung hervor. - -Ebenfalls nicht ohne weiteres, wenn auch immerhin leichter verständlich -war mir die Nachricht unserer Jüngsten, sie habe bei den Nachbarn ein -Bild gesehen, auf dem wäre »Jesus mit zwölf Posteljungens« gewesen. -Sie hatte offenbar von »Aposteln« und von »Postillons« gehört und die -beiden Berufsklassen zusammengeworfen. Vielleicht hatte auch noch das -Wort »Jünger« hineingespielt. - -Als dasselbe Kind uns versicherte, es habe »solche Notbremse im Hals«, -schenkten wir ihm keinen Glauben. Erst als wir erkannten, daß es sich -um ein »Sodbrennen« handle, fanden wir seine Beschwerden verständlich. -Auch als es uns erzählte, unser Wirt in der Sommerfrische füttere seine -Schweine »mit Schleie«, fanden wir dieses kostspielige Verfahren nicht -wahrscheinlich; mit »Kleie«: das war zu glauben. - -In einer Warteschule hörte ich die Kinder singen »Es regnet ohne -Untersatz« statt »Unterlaß«. Sie wußten, daß man Gefäßen, die eine -Flüssigkeit enthalten, wie Biergläsern, Blumentöpfen und dergleichen, -einen Untersatz gibt, und machten wahrscheinlich mit Befremden die -Beobachtung, daß die Natur beim Regnen diese Reinlichkeitsmaßregel -versäume. - -Ihr werdet jetzt schon wissen, was ich mit meinem Irrgarten meine; -wenn ich von seinen Schönheiten, Wunderlichkeiten und Wundern nicht -immer die letzte Erklärung gebe, so gebt sie euch selbst; es ist das -anmutigste und fruchtbarste Rätselraten, das ich kenne. - -Ein krauses und reiches Gärtlein für sich bilden allein schon die -lautlichen Irrwege der suchenden, tastenden Kinderzunge, die doch nach -verborgenen Gesetzen tastet und sucht. Das Kind erfindet sich ein -geniales Erleichterungsverfahren; es assimiliert Zahn- und Lippenlaut -und macht zwei Lippenlaute daraus; es hat »epwas« gefunden und möchte -noch »epwas« von der Torte, die ihm schmeckt; es löst einen schwierigen -Hiatus auf, indem es einen leichten Konsonanten einschiebt, auf den die -Zunge schon eingestellt war, ersetzt eine schwierige Konsonantenhäufung -durch eine leichte Konsonantenfolge, und zwar durch eine, die es -soeben erst geübt hat; darum wollte eins unserer Kinder nichts von der -»Servisette« wissen; darum sprach es, als es schon stark herangewachsen -war, noch immer ahnungslos von einer »Klopdopstraße« statt von einer -Klopstockstraße. - -Das Kind verkehrt die Reihenfolge der Anlaute in schwierigen Wörtern -und erzählt uns strahlenden Auges von der »Muckerlative«, die so -laut geschrien und geschnauft, und von dem »Wufflabomm«, den es am -Himmel gesehen habe. Mit entschlossener Abkürzung macht es aus einem -Delikatessenhändler einen »Delitessenhändler«; ein völlig fremdes -Wort modelt es um nach einem, das es schon gehört hat: so verbreitete -eines unserer Kinder die sensationelle Nachricht, daß seine Eltern in -»Salzkamerun« wären, während wir nur bis zum Salzkammergut gekommen -waren. - -Ebenso erquicklich ungeniert behandelt es die Etymologie; wo ihm -die Vergangenheitsformen fehlen, gebraucht es den Infinitiv oder -wenigstens seinen Vokal; es hat ein heillos verknotetes Stiefelband -»einfach durchgeschneiden« und fragt die Mutter, ob sie die Ernte vom -Stachelbeerbusch schon »gewiegt« habe. Die unregelmäßigen Verben und -ihre Ablautung sind ja bekanntlich überall und überhaupt ein lustiges -Kapitel; die rote Grütze, die in der Küche bereitet wurde, »raach« so -wunderschön, als Roswitha im Garten »ging, nein: gang, nein: gung«; sie -möchte sich »epwas« davon »nimmen«. Und wenn es eine »Faulheit« gibt, -warum soll es keine »Fleißheit« geben; wenn man von Emsigkeit spricht, -warum soll sich Irene nicht über die »Faulkeit« ihrer Puppe entrüsten? -Ist man nicht souverän und kann man nicht einfach Plurale und Wörter -schaffen, die es bis dahin nicht gegeben? Wenn Rosenkohl auf den Tisch -kam, verzichtete Erasmus; er mochte »die kleinen Köhler« nicht; die -Peitsche war ihm ein »Knallstock«, und die Kiemendeckel der Fische -waren »Fischklappen«. Die Frauen, die im Kloster leben, heißen Nonnen, -die Männer, die im Kloster leben, demgemäß natürlich »Nonnenmänner«, -und wenn man die Lampe angezündet hat, so muß man sie beim Zubettgehen -wieder »auszünden«. - -Muß sich der Deutsche Sprachverein nicht freuen, wenn aus dem welschen -»Vestibül« ein deutsches »Westerbül« wird? Wenn es nach Süden liegt, -sagt man natürlich »Süderbül«. - -Wurzelecht ist dieser Purismus Roswithens freilich nicht; als ich -verschiedentlich scherzenderweise das Wort »naturellement« gebraucht -hatte, sagte sie statt »natürlich« nur noch »natürlichrallemang«. - -Dagegen verfuhr sie wiederum höchst selbständig, ja tyrannisch bei -der Transition des Tätigkeitsbegriffes auf Subjekt oder Objekt. Sie -dichtete eines Tages bei einem ihrer Spiele, daß es regne, und spannte -ihr Schirmchen auf. »Warum spannst du denn den Schirm auf?« fragte -ich. »Ich beschütz den Regen,« versetzte sie. - -Aber dieser Irrgarten der Wörter und Laute ist nur ein kleines -Vorgärtchen zum großen Labyrinth der Begriffe. Denkt euch, ihr -blicktet von erhabenem Standort auf ein riesiges Manöverfeld, in -dem eine Armee nach allen Richtungen zerstreut durcheinandergewirrt -wäre. Da ertönt das Signal zum Sammeln, und plötzlich entsteht ein -so heilloses Ameisengewimmel, daß ihr glaubt, es könne sich nie und -nimmer entwirren. Aber mehr und mehr kommt Ordnung in den Haufen; immer -deutlicher formen sich die Gruppen, und endlich steht jede Division und -jede Kompagnie an ihrem Platze und jeder Mann in seinem Zuge an rechter -Stelle. - -Daran muß ich immer denken, wenn ich das Gekribbel und Gewibbel und -Gewusel der Vorstellungen und Begriffe in einem Kinderkopf beobachte, -und kein Schauspiel dünkt mich wunderbarer und entzückender, als -wie diese Begriffe und Vorstellungen sich nach und nach von selbst -zurechtlaufen. - -Interessant ist schon die Chronologie der kleinen Köpfe. »Einmal«, -so erzählte unsere Roswitha ihrer Mutter und mir, »einmal hab ich -in Eppendorferweg 'n ganz großen Löwe gesehen!« und als wir an der -Wahrheit dieser Erzählung zweifelten, fügte sie hinzu: »Ganz gewiß, da -wart ihr noch gar nicht geboren.« - -Als sie eines Tages hörte, daß Männe, ihr geliebter Dackel, auch einmal -sterben werde, da meinte sie nach längerem Nachsinnen: »Na ja, wenn -er denn stirbt un wenn Kurti denn mein Mann is, denn lassen wir ihn -ausstopfen un denn stellen wir ihn aufs Büfett.« Männe wird eben nicht -eher sterben, als bis sie verheiratet ist und ein Büfett hat. Kinder -sind Götter und arrangieren den Weltlauf höchstselbst. Und der Gedanke, -daß etwas Geliebtes ganz aus ihrer Nähe verschwinden könnte, besteht -für sie nicht. - -Die Kinder, die Roswitha einmal haben wird, haben sofort ein gewisses -vorgeschritteneres Alter; die früheren Kinderjahre überspringen sie. -Ihre Mutter wünscht das so, weil sich dann interessanter mit ihnen -spielen läßt als mit Säuglingen und Babies. - -Roswithens ältere Schwester Herta kennt keinen Unterschied der Zeiten -nach Sitten und Gebräuchen; ihre Geschichtsbilder sind ein einziger -Anachronismus. »Mutter,« fragte sie, »wie hieß noch der Herr, der über -die Volsker siegte?« Coriolan ist eben ein »Herr« wie der Nachbar -Müller mit der karierten Hose und dem Zylinder. Geschichtslehrer -sollten das bedenken. - -Und alle sollten wir bedenken, daß Kinder von dem, was wir ihnen sagen, -viel weniger verstehen, als wir ahnen, wenigstens von dem, was sie -verstehen +sollen+. Was sie erleben, verstehen sie weit besser, als -was wir ihnen sagen. Dieselbe Herta kam mit der Theseussage nach Haus -und erzählte frisch und munter: »Theseus hatte aus Versehen auf Kreta -getreten.« Was mag sie sich unter Kreta vorgestellt haben! Nie haben -wir's herausgebracht. - -Was mag sich unsere Jüngste jahrelang unter dem Wort »Dienstag« -vorgestellt haben! Eines Tages sagte sie nämlich mit größter -Entschiedenheit: »In mein ganzes Leben is noch nie Dienstag gewesen!« -Und ein anderes Mal fragte sie: »Nich, Pappi, Eis is doch kälter als -Winter, nich?« Wie sah der Winter aus in diesem Köpfchen? Nicht wahr, -das ist ein Helldunkel, so geheimnisvoll, wie es keinem Rembrandt -je gelungen ist, nicht wahr, da tun sich zauberdunkle Höhlen voll -flimmernder Nächte auf? - -Zuweilen gemahnt das kindliche Tasten an den blinden Glücksgriff des -Genies. »Was ist denn ein ›Paradies‹?« fragte ich einst ein kleines -Mädchen. »Ein Friedhof«, antwortete es ohne Besinnen. Der Friede -mochte das ~tertium comparationis~ sein, das die beiden Gärten in der -Seele des Kindes zu einem gemacht hatte. Und auf der Straße hörte ich -einst, wie hinter mir ein Büblein zum andern sagte: »Gestern ist meine -Großmutter eingepflanzt worden.« Das ist eigentlich noch schöner als -Schillers Verse: - - Noch köstlicheren Samen bergen - Wir trauernd in der Erde Schoß ... - -Wir verbinden die Vorstellungen zu Begriffen, wenn sie in den -wesentlichen Merkmalen übereinstimmen; das Kind stellt solche -Verbindungen nach einzelnen, oft nach einem einzigen und dazu noch -zufälligen Merkmal her. Das ergibt dann Aussprüche von merkwürdigem -Tiefsinn und von überraschender Komik. Ein Sechsjähriger kam an seinem -ersten Schultage mit der verwunderten Bemerkung heim: »Sie sagen in -der Schule gar nicht ›Sie‹ zu mir.« Daß seine Verwandten und seine -Spielkameraden und die Freunde des Hauses ihn duzten, war begreiflich; -sie waren ja Bekannte; aber fremde Leute sagen doch »Sie« zueinander. - -Ein anderer Abc-Schütze berichtete mit gleicher Verwunderung: »Die -Schulbänke sind gar nicht gepolstert.« Man sollte glauben, es sei ein -verwöhntes Seidenpüppchen gewesen; aber das Gegenteil war der Fall; es -war ein einfach gewöhnter, derber Junge; aber mit dem Begriff eines -Sitzgeräts war ihm das Merkmal der Polsterung verbunden. - -Einer meiner Freunde ging mit seinem neunjährigen Neffen in einen -Juwelierladen, dessen Inhaber ihm u. a. auch einen hübschen Ring für -den Buben anstellte. Er steckte dem Knaben den Ring an den Finger und -meinte, ob er solch einen Ring nicht haben möchte; der Junge aber -lehnte entschieden ab. Wieder auf der Straße, sprach er mit einer -gewissen Entrüstung zu seinem Onkel: »Ich weiß gar nicht, was der Mann -mit seinem Ring wollte! Ich +denke+ gar nicht ans Heiraten.« - -Natürlich sind es vor allem die sinnlichen Merkmale der Dinge, die -in den Kindern haften und nach denen sie diese Dinge erkennen und -bestimmen. Roswitha hatte mit großen, vor Teilnahme ganz dunklen Augen -das Lied von den zwei Königskindern gehört, für die das Wasser viel zu -tief war. - -»Warum schwamm denn der Königssohn hinüber?« fragte ich sie. »Er konnte -doch nicht so weit hinüberlieben,« war ihre Antwort. Lieben heißt die -Arme um den Hals des andern schlingen, ihn drücken und küssen. - -Selbst die Geister denkt sich Roswitha in einer nicht zu überbietenden -Konkretheit. Sie hatte sich im Dunkel ihres Schlafzimmers vor -»Geistern« gefürchtet (wie sie darauf verfallen war, weiß ich nicht); -in einer dunklen Zimmerecke argwöhnte sie solch einen Störenfried. Wir -hatten ihr versichert, daß es Geister von der Art, die die Leute bei -Nacht belästigen, nicht gebe (in solchem Alter gibt's die ja wirklich -nicht), und hatten sie genau in alle Winkel schauen lassen, um sie -von der Gespensterreinheit des Zimmers zu überzeugen. Das hatte sie -denn auch beruhigt. Aber einige Wochen später mußten ihr doch wieder -Zweifel aufgestiegen sein; sie rief noch spät ihre Mutter ans Bett und -vertraute ihr ihre Befürchtungen an: - -»Ich weiß ja, daß es keine Geister gibt; du hast es mir ja gesagt; -aber ich muß immer daran denken: vielleicht is doch noch einer -nachgeblieben, un der hat sich vielleicht vermehrt.« - -Kann man sich Geister sinnlicher vorstellen? - -Und wie sie allem Geistigen einen Körper geben, so -- das ist bekannt --- beseelen sie alles Körperliche. Weil ihnen Körper und Geist -überhaupt noch ungetrennt sind, weil ihnen die Welt überhaupt noch -als ein einheitliches Ganzes, nicht als eine Vielheit erscheint! -Sie besitzen durch die Gnade der Natur noch die Synthese, die der -Philosoph, wenn er die Welt analytisch zerbröckelt hat, vergeblich -wieder zu erringen sucht; sie sehen die Welt noch in größeren Komplexen -als wir. Das zeigt sich höchst charakteristisch in ihrer Orthographie; -sie hören nicht Wörter, sondern ganze Wortkomplexe, ganze Sätze als -eines. Als Roswitha Briefe zu schreiben begann, da schrieb sie an ihre -Freundin nicht nur: »Dann kristu (kriegst Du) meine Puppe«, sie lud sie -auch »aufngansentag«, d. i. auf einen ganzen Tag zu sich und berichtete -ihr, daß Männe »gansausersich«, d. h. ganz außer sich vor Freude -gewesen sei. - -Und so wenig sie die Worte und Dinge voneinander trennen, so wenig -trennen sie sich selbst von den Dingen des Alls. »Seid umschlungen, -Millionen,« dieses Wort im grenzenlosesten Sinne ist ihre -Weltanschauung. Da kann es nicht wundernehmen, daß Herta fürchtete, -ihre Puppe werde Heimweh bekommen, und daß Roswitha von ihrem Kaninchen -»Swatti« erzählte: - -»Als ich Swatti fragte: ›Hast du dir wehgetan?‹, da sagte es: ›Was geht -dich das an!‹« - -»Wie«, fragte ein ungeschickter Mann, »hat Swatti denn gesprochen?« - -Ueberrascht sah ihn Roswitha an. »Es hat +so+ gemacht,« sagte sie und -verzog blitzschnell das Schnäuzchen, wie es die Kaninchen tun und -wie es die Kinder machen, wenn sie maulen und trotzen. War das nicht -Sprache genug? - -Alles Leben ist eins, und in einem einzigen Strome durchzieht es alle. -Darum sprang Roswitha heftig auf, als in einer häuslichen Aufführung -die Königin über den Tod Schneewittchens triumphierte, und rief mit -Tränen in den Augen: - -»Du freche Deern, du sollts man tüchtig Haue haben!« - -Und darum erlebt' ich eines Tages, als ich zum hundertsten Male den -»Tell« sah, etwas ganz Neues. Als die Rütlimänner auseinandergingen und -die Urner wieder die Felsen hinanstiegen, da winkten sie ihren Genossen -zum Abschied, und diese winkten zurück. Und wer winkte mit? Mein -Töchterchen Herta, das an meiner Seite saß. Sie lebte zu Beginn des 14. -Jahrhunderts in der Schweiz; sie hatte mitgeschworen und kehrte nun -heim »zu ihrer Freundschaft und Genoßsame«. - -Und wie sie alles +sind+, was sie erblicken, so +können+ sie alles, -was sie sehen. Daß Rudi »Seemann oder Dichter« wird, steht fest, daß -er dabei auf Schwierigkeiten stoßen könnte, ist ausgeschlossen; daß er -als Seemann den Nordpol finden wird, leidet keinen Zweifel. Aber das -alles ist mit menschlicher Kraft zu erreichen. Kinder haben überdies -noch Wunderkräfte. Wenn Roswitha mit fanatischer Gebärde ausruft: »Ich -verzauber dich als Tier!« dann ist Rudi ein Tier, da gibt es keine -Berufung. - -Und wie die Kraft, so der Glaube. Als ich einst mit Herta spazieren -ging und wir an einem Wagen mit einem Schimmel vorbeikamen, sagte sie: -»Das ist der siebenunddreißigste Schimmel, den ich seh.« - -»Zählst du denn die Schimmel?« fragte ich höchlichst überrascht. - -»Ja, ich zähl alle Schimmel, die ich seh, und wenn man neunundneunzig -gesehen hat, dann kann man sich was wünschen.« Sie machte dabei -dieselben Augen wie damals, als sie den Urnern zum Abschied winkte. - -Die größten Magier und Wundertäter aber sind Vater und Mutter. Ich -erinnere mich aus meiner Kindheit einer Zeit, da ich glaubte, daß -meine Eltern alle meine Gedanken wüßten, wie der liebe Gott. So -haben meine Frau und ich bei Roswithen unbegrenzten Kredit. Als sie -ihre erste, rührend einfache Weihnachtshandarbeit machte, beriet -sie eifrigst und eingehendst mit ihrer Mutter darüber, wie sie dies -Geschenk am besten vor ihr verbergen könne. Vieles wurde erwogen, -vieles wieder verworfen. Endlich rief sie: »Ach was, ich leg es einfach -in meine Puppenkommode; ich weiß ja, daß du nich darangehst!« - -Und ein andermal sagte sie: »Ja, ich steck ja noch immer den Daum'n in -Mund, wenn ich einschlaf; aber du wirst mir das wohl schon abgewöhnen.« -Dies felsenfeste Vertrauen zur Mutter beruhigte ihr Gewissen vollkommen. - -Wenn ich aber Roswithens Meinung von mir darstelle, so muß ich mich -eigentlich schamroter Tinte bedienen. Als ein Bildhauer eine Büste von -mir angefertigt hatte, da fragte ihr Bruder sie, auf die Inschrift im -Sockel zeigend: »Was steht denn wohl drunter?« - -»Pappi!« versetzte sie wie etwas Selbstverständliches. Die Welt hatte -doch nur einen Pappi, und das war ich. Dumme Frage. - -Als aber später einmal von Frankfurt a. M. die Rede war und ihre -lehrfreudige Schwester Irene sagte: »Da ist der größte deutsche -Dichter geboren. Wer ist das?«, da rief Roswitha mit derselben -Selbstverständlichkeit: »Vater!« - -Sie soll einmal meine Biographie schreiben. - -Die nächsten im Range nach Vater und Mutter sind die Könige und -Prinzen. Daher Roswithens tiefes Erstaunen, als sie in der biblischen -Geschichte vernahm, daß die jüdischen Könige mit einer gewissen -Regelmäßigkeit und Gründlichkeit sündigten. - -»Merkwürdig,« sprach sie eines Tages sinnend zu meiner Frau, »jeder -König tut eine große Sünde; +aber auch jeder+!« - -Von den Prinzen hatte sie dagegen infolge von Schokolade eine andauernd -gute Meinung. Ein Prinz nämlich hatte uns gelegentlich eines Besuches -Schokolade für die Kinder gegeben, und als Roswitha ihr Teil empfing, -fragte sie strahlenden Blicks: »Handelt der Prinz mit Schokolade?« - -Man muß nämlich nicht glauben, daß sie wie ein Kriegsminister denkt -und in solchem Handel etwas Deklassierendes erblickt; im Gegenteil: -ein Prinz, mit Degen, Barett und spanischem Mantel in einem Laden voll -Schokolade stehend, wäre ihr ein besonders herrlicher Prinz gewesen. -Hatte sie doch eines Tages, als ihre Geschwister ins Theater kamen und -sie dafür durch Schokolade entschädigt wurde, triumphierend ausgerufen: - -»Schokolade ist besser als Theater!« Eine Wertung, der ich in manchen -Fällen entschieden zustimme. - -Unmittelbar auf Könige und Prinzen folgt, was Hoheit und Macht anlangt --- hier zeigt sich Roswithens deutsche Natur -- der Schutzmann oder -Konstabler. - -»Wo ist denn Rudi?« fragte ich sie einmal, als sie etwa vier Jahre alt -sein mochte. Rudi war der nachbarliche Spielgefährte. - -»Och,« versetzte sie, »wir ha'm uns doch 'n Herd gebaut, aus Sand, -nich? Un nu woll'n wir Suppe mit Reis zu Mittag kochen, nich? Un nu -fragt Rudi den Konstabler, ob wir das auch dürfen.« - -So weit muß es kommen mit der Loyalität. Nur sollten dergleichen -Gesuche schriftlich abgefaßt und auf einem längeren Instanzenwege -erledigt werden. - -Eine unbegrenzte Macht ist auch das Fünfpfennigstück. Ein köstliches -Kerlchen von drei Jahren hatte solch ein Fünfpfennigstück bekommen und -wollte damit stracks Laufs auf den Markt, um sich »ßwei Simmels« (zwei -Schimmel) zu kaufen. - -Gelegentlich sind wir bereits aus dem intellektuellen in den -moralischen Irrgarten getreten. Hier besteht die Verwirrung oft in der -verblüffenden Einfachheit. So überwindet Roswitha die Illoyalitäten des -ersten Napoleon auf eine höchst summarische Art. Als man ihr erzählte, -daß dieser Mann Aegypten, Italien, Spanien, Deutschland, Oesterreich -usw. erobert und mit Krieg überzogen hatte und nun auch noch Rußland -erobern wollte, da rief sie empört: »Der is woll wahnsinnig! Der muß -mal tüchtig was auf die Jacke haben!« - -So ist es denn ja auch am letzten Ende gekommen, wenn sich die Sache -auch nicht so einfach gemacht hat, wie es Roswitha meinte. - -Kinder glauben an die unbedingte Wirksamkeit von Strafe und Ermahnung; -sie beseitigen die moralischen Uebel wie der Bader einen Leichdorn. Wie -Roswitha fest davon überzeugt war, daß ihre Mutter ihr das Lutschen -auf dem Daumen »schon abgewöhnen« werde, so ist sie tief davon -durchdrungen, daß ihre Kaninchen die Unart des Erdwühlens ablegen -werden, wenn sie ihnen ermahnend zuruft: »Ihr dürft aber nicht wühlen!« - -Daß Roswitha bei aller Einfachheit ihrer sittlichen Begriffe in -gehobenen Stunden gemeinsam mit Rudi das Räuberhandwerk betreibt -und alles, was durch den Garten kommt, »überfällt«, »fesselt« und -»beraubt«, mit besonderer Vorliebe mich, weil ich so viel in den -Taschen trage, das kann in einem Irrgarten nicht wundernehmen. -Verwunderlicher ist schon, daß an der Innenwand der Räuberhütte, -in der ich schon viele Jahre als Gefangener geschmachtet habe, ein -Abreißkalender, ein Thermometer und ein Telephonbuch hangen. - -Daß der Garten der Liebe für Roswitha noch im tiefsten Dunkel liegt, -ist selbstverständlich; aber selbst dieser kimmerischen Finsternis -entwachsen anmutige Blumen. Sie hatte öfters ein Kind in Begleitung -einer Bonne durch unsere Straße spazieren sehen. »Das Kind gehört Dr. -Melchers,« sagte Herta bei Gelegenheit. - -»Nein, das Kind gehört dem Fräulein!« rief Roswitha energisch. - -»Unsinn, Melchers gehört es,« wiederholte Herta, »ich weiß es doch!« - -»Ach, was du schnackst!« rief Roswitha. »Dem +Fräulein+ gehört es! Das -Fräulein spielt doch immer mit ihm, nich? Un Melchers spielen nie mit -ihm.« - -So verteidigte sie fanatisch das Mutterrecht des Fräuleins, worauf -dieses wahrscheinlich gar kein Gewicht legte. - -So viel immerhin scheint Roswitha von der Liebe schon zu ahnen: daß -es nicht gut sei, wenn der Mensch allein ist. Man hatte ihr erzählt, -daß die Nonnen niemals einen Mann nehmen dürften. Das versetzte sie -in tiefes trauerndes Nachsinnen. Dann aber fuhr sie plötzlich auf und -rief: »Dürfen sie denn nicht +wenigstens+ die Mönche heiraten?« - -Was die Mönche zu diesem »wenigstens« sagen werden, bleibt abzuwarten. - -Nicht wesentlich anders stand es mit der zwölfjährigen Irene, als sie -uns erzählte: »Georg hat mir gesagt, er sieht kein andres Mädchen an -als mich.« - -Das war von Georg deutlich genug; aber da Irene uns die Angelegenheit -ohne Umschweife und freiwillig mitteilte, so waren wir beruhigt. - -Als sie einmal unversehens in die Küche geraten war und eines der -Dienstmädchen bei dieser Gelegenheit mit viel Empfindung Liebesbriefe -von seinem Sergeanten vorgelesen hatte, da waren wir beunruhigt. Aber -als sie uns dann erzählte: »Anna hat Liebesbriefe vorgelesen, das war -+sooo langweilig+!«, da waren wir wieder beruhigt. - -Georg wurde übrigens zum Kaffee eingeladen, erschien ohne jegliche -Befangenheit, aß mit derselben Unbefangenheit unglaublich viel Kuchen -und spielte dann mit Erasmus und den Mädchen Indianer in einem sehr -komischen Kostüm. Er dachte offenbar noch nicht ans Heiraten, sonst -hätte er kein komisches Kostüm angelegt. Er war in dem Alter, da -man raucht, spielt und liebt, weil es die Erwachsenen tun; er war -Toggenburg aus Nachahmung. Nachahmung ist fast alles kindliche Tun und -Treiben; aber von einem gewissen Alter ab ahmt man nur nach oben nach. -Bei Erasmus und seinen Genossen ging das so weit, daß sie nicht nur -Theater spielten (den »Faust« natürlich), sondern sich auch in einer -handschriftlichen Zeitung gegenseitig rezensierten. Da hieß es denn: -»Der junge Künstler erschöpfte seine Aufgabe leider nicht restlos« -oder »Der fleißige Darsteller möge sich nur nicht durch den wohlfeilen -Beifall der Galerie zu Unnatürlichkeiten verleiten lassen« usw. - -Wir lasen diese Blätter mit ernster Anteilnahme und lachten nicht; -denn es ist etwas Heiliges an solcher Kindheit, daß sie keine Ahnung -von ihrer Komik hat. Und doch waren diese »Künstler« so komisch wie -Roswitha, als sie Maurer spielte und sich dazu eine Kelle geben ließ -und eine Blechflasche, über die Schulter zu hängen, und eine Dose mit -Kautabak, und fleißig in Lehm und Schlamm arbeitete und dabei doch ein -rosa Kleidchen mit +Spitzenmanschetten+ trug. - -Ja, sie wollen es gar zu gern den Erwachsenen gleichtun, freilich -weniger in dem, was unangenehm und schwierig, als in dem, was angenehm -und lieblich ist. Ein kleines Mädel aus befreundeter Familie fragte -seine Mutter: »Mama, wann kann ich eigentlich tun, was ich will?« - -»Ja,« lachte die Mutter, »damit hat's noch gute Weile. Warum willst -du's denn wissen?« - -»Ach, dann will ich mir die Haare brennen,« versetzte das kleine Weib. - -Aber sie +wollen+ nicht nur erwachsen sein, sie +werden+ es allmählich -auch. Sie werden klüger, sie erwachen; Strahl um Strahl dringt Licht -in den großen Irrgarten, und das zu beobachten ist ein fürstliches -Gaudium, wenn auch oft ein wehmütiges. Der erwachende Intellekt zeigt -sich gewöhnlich zuerst als Schlauheit, und wenn er sich bei jenem -kleinen Mädel auf die Haare warf, so wirft er sich bei andern Kindern --- und öfter -- auf den Gaumen. - -»Mama, +zählt+ ihr eigentlich das Konfekt, wenn ihr es in den -Tannenbaum hängt?« fragte ein kleines Mädchen seine Mutter. Das war ja -nun noch eine ziemlich ungenügende Leistung in der Schlauheit; aber sie -bringen es mit der Zeit schon weiter. - -Bei Roswitha -- das muß ich ihr nachsagen -- beleuchtet das -eindringende Licht gewöhnlich größere Flächen und verbreitert sich zur -Philosophie. - -»Leibweh is eignlich sehr schön,« meinte sie schon mit sechs Jahren, -»denn bespart man sich seine Schokolade auf, un denn hat man nachher -noch welche.« Das sind die Anfänge einer optimistischen Weltanschauung, -die doch eigentlich darauf hinausläuft, daß man auch an Leib-, Kopf- -und Zahnweh das »Schöne« herausfindet. (Bei Zahnweh hält es schwer; -aber es geht auch.) - -»Teufel, komm un hol sie!« rief sie einmal, als sie über eine -streitsüchtige Spielgefährtin heftig erbost war, und dann setzte sie -resignierten Tones hinzu: »Schade, daß es keinen Teufel gibt.« - -Ihre Philosophie ist also freilich noch die Tochter der Wünsche; aber -immerhin philosophiert sie schon wie Voltaire, der behauptete, wenn -es keinen Gott gäbe, so müßte man ihn erfinden, und, wenn man's genau -nimmt, auch wie Kant, der den lieben Gott absetzte, um ihn wieder -einzusetzen. - -Ja, sie hatte schon verhältnismäßig früh sozusagen ethische Anfälle. An -einem schönen Ostermorgen hatte sie mit bemerkenswerter Findigkeit die -meisten Ostereier, selbst in raffinierten Verstecken, gefunden; aber -statt sich nun wild in den Genuß zu stürzen, sagte sie: »Bitte, Mammi, -bitte, Pappi, versteckt sie noch einmal; ich mag sie so gern suchen.« -Hier überwog also schon die Lust des Erringens das Gelüste des Gaumens. -Natürlich nicht für den ganzen Tag. - -Ihr Gehirn war damals überhaupt schon mächtig an der Arbeit. »Ich -möcht', daß ich mal recht viel Zeit hätte!« seufzte sie eines Tages. - -»Nanu?« rief ich verwundert. Mehr als vierundzwanzig Stunden am Tage -kann man doch nicht gut Zeit haben. »Wozu denn?« fragte ich. - -»Denn möcht' ich mal so recht über +alles nachdenken+!« Sie sagte es -langsam, nachdrücklich und sehnsuchtsvoll. Die Welt, das Leben drang -in allzu reicher Fülle auf sie ein; sie konnte nicht alles bewältigen; -da war so viel, das sie nicht begriff. Es schien eine richtige Sorge -in ihr zu sein. O ja, Kinder haben auch manchmal Sorgen, und sie nagen -genau so scharf an ihnen wie an uns. Roswitha drängte einmal ihre -Mutter, sie möchte ihr doch Unterricht geben. - -»Oh, das hat noch Zeit,« meinte die Mutter. - -»Aber wie soll ich denn durch die Welt kommen!« rief die Kleine -bekümmert. - -Sie tanzen sorglos über Abgründe dahin und machen sich Sorgen um den -Schatten eines Halmes. Aber es sind Sorgen. Kindereien sind für sie -nicht Kindereien. Ich überraschte einmal einen vortrefflichen Mann und -berühmten Gelehrten dabei, wie er den Tannenbaum für die Seinen putzte -und dabei fortwährend hockend und kniend um den Baum herumrutschte. - -»Warum machen Sie denn das?« rief ich erstaunt. - -»Ja,« sagte er, »man muß bedenken, daß die Kleinen den Tannenbaum von -unten sehen; man muß ihn aus der Perspektive der Kinder schmücken.« - -So müssen wir Sorgen und Freuden, Tränen und Lachen der Kleinen aus der -Kinderperspektive betrachten. - -Wenn man das tut, wird man freilich zu Zeiten heftig überrascht von -einem wahrhaft hellseherischen Blick der Kinder in das Leben der -Erwachsenen. Roswitha will später einen gewissen »Kurt« heiraten, das -steht fest. Sie werden dann in unserm Hause wohnen, und zwar hat die -junge Frau die besseren, unteren Zimmer -- das muß man ihr lassen -- -ihren Eltern, die oberen, geringeren sich und ihrem Manne zugedacht. - -»Aber weißt du denn schon, ob dein Mann seine Schwiegereltern bei sich -haben will?« fragte meine Frau. - -»Hach!« rief Roswitha mit unbekümmertem Lachen, »das werd' ich ihm -schon so lange vorpredigen, bis er ja sagt.« - -Ist diese Kenntnis von der Macht der weiblichen Rede nicht verblüffend? -Oder ist das nichts als weiblicher Instinkt? - -Und voll, gepfropft voll von rührenden und komischen Wundern ist dann -die Zeit, da die Klarheit so weit vorgeschritten ist, daß Bewußtheit -und Unbewußtheit das Gleichgewicht suchen und das Zünglein an der Wage -unaufhörlich schwankt, die Zeit, da Leib und Seele die Stimme wechseln. -Dann wollen sie beides sein, Kind und Weib, Junge und Mann. Dann sind -zwei Seelen, ach, in ihrer Brust: - - »Die eine hält mit derber Liebeslust - Sich noch ans Spiel mit klammernden Organen; - Die andre hebt +gewaltsam+ sich vom Duft - Zu den Gefilden hoher --« - -ach, so zweifelhaft »hoher« -- »Ahnen.« Dann will die vierzehnjährige -Roswitha noch in einem höchst primitiven Indianerkostüm als -Chingachgook im Garten umherspringen (»Das kann ich doch noch ruhig -spielen, nicht, Mutter?«), um zwei Minuten später mit Entrüstung -zu rufen: »Ich bin doch kein Kind mehr!« Dann benimmt sich der -Faust-Darsteller und Hamburger Dramaturg Erasmus noch wie ein rechter -Tertianer. Nicht im Wachen, o nein, da hält er die Ohren steif als -Grand-Seigneur, aber im Schlaf. Er redet nämlich aus dem Traum und -führt den Dialog weiter, wenn man ihm antwortet. Die Tür zu seinem -Schlafzimmer stand offen, als ich vorüberging, und ich hörte ihn laut -rufen. »Nanu!« rief er. - -»Was ist denn?« fragte ich. - -+Er+ (noch lauter und schwer entrüstet): »Nanu!!« - -+Ich+: »Was gibt's denn?« - -+Er+: »Es läutet ja gar nicht!!« - -+Ich+: »Warum soll es denn läuten?« - -+Er+: »Ist doch schon Elf!!!« - -Aha! Jetzt begriff ich. Er saß in der Schule, und die Lateinstunde -wollte nicht rechtzeitig schließen. Daß so eine Lateinstunde anfängt, -ist schon eine Gemeinheit von ihr; aber nicht rechtzeitig zu schließen --- da kocht die Jünglingsseele. Im Schlafe war Lessing-Faust eben noch -Pennäler. - -In solcher Dämmerung der Seele, in solch ambrosischer Nacht war's, daß -Irene, die Selektanerin, die Fast-schon-Seminaristin, mit seltsamen -Augen auf das Wunderknäul starrte, das ihre jüngste Schwester zum -Geburtstage erhielt. Meine Frau sah diesen Blick, und als sie Irenen -bald darauf ebenfalls ein Wunderknäul schenkte, da lag Irenen nichts -ferner als Würde und Entrüstung und nichts näher als Freude und Lachen. - -Solch ein Wunderknäul ist ein Garnknäul, das einen ganzen -Nibelungenhort von Ringen, Ketten, Seidenbändern, Schokolade usw. usw. -in sich birgt. Wenn die Mädel nun bei fortschreitender Arbeit das Garn -abwickeln, so kommen nacheinander alle diese Kostbarkeiten zutage. Da -gibt es viele Ahs! und Ohs!, viel Staunen und Lachen. - -Die Kindheit ist solch ein Wunderknäul. Eigentlich ist das ganze Leben -solch ein Wunderknäul; aber dann sind auch andere Sachen darin. Und ein -Glück ist es, der Abwickelung solch eines kindlichen Wunderknäuls mit -offenen Augen zuzuschauen. - -Das unsere ist diesmal zu Ende; an seinem Faden sind wir an einen -Ausgang des großen flimmerdunklen Irrgartens gelangt -- - --- und treten nun wieder hinaus ins helle Licht, ins grelle Licht des -Tages. - - - - -Im Seebade - - -Fragt eine Hausfrau, was es heißt: eine fünfwöchige Badereise für -sieben Menschen vorzubereiten! Eine Art Moltke muß sie sein, der bis -auf den letzten Knopf und Kragen einen Feldzug organisiert. - -Aber alle Sorgen, Berechnungen und Aufregungen solch einer Hausfrau um -Koffer und Kasten sind nichts gegen Hertas Aufregungen um ihren neuen -Puppenkoffer. Ihr müßt bedenken, es ist kein gewöhnlicher Puppenkoffer. -Er hat Abteilungen für Hüte, Leibwäsche, Kleider, Toilettengegenstände -usw. usw. und ist beinah so groß wie ein kleiner Menschenkoffer. -Dieser Koffer ist ihr die Badereise; ohne ihn wäre die Badereise ein -Garten ohne Pflanzen, eine Armee ohne Soldaten, ein Beefsteak ohne -Fleisch. Es ist der Sinn der Badereise, daß man einen Koffer mitnehmen -kann. Ich machte mir einen Scherz und sagte mit ernstem Gesicht: -»Dein Puppenkoffer muß zu Hause bleiben; wir haben schon viel zu viel -Gepäck.« - -Da schaute aus Hertas braunen Augen ein vernichtetes Lebensglück. Das -konnte ich keine drei Sekunden mit ansehen, und schnell sagt' ich: »Ja, -ja, du darfst ihn mitnehmen.« - -Da war das Lebensglück wieder wie neu. - -Alle fünf großen Koffer machen meiner Frau nicht so viel Kopfzerbrechen -wie Hertas Puppenkoffer. Sie mag im Erdgeschoß oder im ersten Stock, -im Keller oder auf dem Boden sein -- überall wird Herta wie aus der -Versenkung neben ihr auftauchen und sie über die Dispositionen in -ihrem Puppenkoffer um Rat fragen. Und dabei stellt sich leider ein -empfindlicher Mangel heraus. Auf Sylt ist die Witterung zuweilen rauh, -auch im Sommer, und Herta hat für ihre Puppen keine Winterkleider! -Da erklärt sich Irene bereit, ihr das Nötige zu leihen. Und da -schlägt Herta ihrer Schwester die Arme um den Hals und küßt sie, -und dann schaut sie sie an und sagt mit den Augen: Ich schwöre dir -unauslöschliche Dankbarkeit und ewige Liebe über das Grab hinaus. - -Drei Tage darauf war's, daß Herta bei Tisch ein allgemeines Schweigen -durch den Ausruf unterbrach: »O Gott! Ich muß jeden Tag einmal sagen, -daß ich glücklich bin!« - -In ihrer Mutter Hände legt Herta überhaupt alles, was sie betrifft, -ihr ganzes gegenwärtiges und künftiges Schicksal, auch die Wahl ihres -dereinstigen Gatten. - -»Du suchst mir einen Mann aus, und dann sag' ich zu ihm: Du sollst mein -Verliebter sein.« - -So denkt sie sich den Hergang. Ob er sich so einfach abspielen wird, -bleibt abzuwarten. - -Was mich betrifft, so sind mir an der Badereise die Koffer nicht das -Liebste; das Meer z. B. ist mir wesentlich lieber. Denn am Meere werd' -ich faulenzen können! Sonst hab' ich zu dieser edlen Kunst kein Talent; -ein verlorener Tag -- wohlverstanden: nicht ein dem Vergnügen geweihter -Tag, nein: ein vertrödelter, zwecklos verbummelter Tag hinterläßt mir -einen schlimmeren Katzenjammer als sieben Glas Grog von schlechtem Rum --- wenn ich sie trinken würde, meine ich --, aber am Meere kann ich -faulenzen. Das Meer wiegt alle Gedanken ein, auch die Gedanken, die -nicht schlafen wollen und nicht schlafen können, alle, alle; am Meere -glaub' ich an die Vorstellung der Wilden, daß die Seele den Körper -verlassen und sich auf eigene Hand ergehen könne. - -Und ich reise diesmal mit um so größerem Behagen, als meine Tochter -Appelschnut mich über die Kosten vollständig beruhigt hat. Als wir -schon in der Eisenbahn saßen, sagte ich: »Ich glaube, ich habe mein -Portemonnaie vergessen.« - -»Pappi, ich hab' Geld mitgenommen!« rief Appelschnut. - -»Wie viel?« - -»Fünfßehn Fennige!« - -»Na also!« Zu allem Ueberfluß fand ich dann auch noch mein Portemonnaie. - -Aber nicht nur ein Portemonnaie habe ich mitgenommen, sondern auch -Bücher. Ich beschränke mich darin und nehme selten mehr als ein -Dutzend Bücher mit, da ich schon zehnmal erfahren habe, daß ich nur -in vereinzelten Fällen eins davon zu Ende lese. Nachdem im Sand des -Ufers eine tiefe »Kuhle« ausgegraben -- so tief, wie es das Grundwasser -erlaubt -- und ringsherum ein hoher Burgwall mit Ausblick auf das Meer -aufgeworfen worden, bette ich mich so weich und warm wie möglich in die -Kuhle und nehme mein Buch zur Hand. Diesmal ist es ein dickleibiges -biologisches Werk über die Pflanzen und Tiere des Meeres. Ich befinde -mich auf der dritten Seite der Einleitung, als ich aus weiter Ferne -»Nuuu!« rufen höre. Ich lese weiter und höre gleich darauf lauter -und dringlicher »Nuuu!« Da fällt mir ein, daß ich ja eigentlich mit -meiner jüngsten Tochter Versteck spiele. In dieser Seeluft ist ein -berauschender, benebelnder Tau, der alle Vorsätze, Versprechungen, -Abmachungen, Hoffnungen und Befürchtungen in Traum und Dunst auflöst. -Ich grabe mich also aus und mache mich auf, meine Tochter zu suchen. -Ich sehe sofort ihren mächtigen roten Strandhut über einen Sandwall -schimmern; aber ich suche sie natürlich lange und unter verzweifelten -Ausrufen überall, wo sie nicht ist. Endlich »finde« ich sie: »Ach, da -bist du!« Sie kreischt vor Vergnügen wie ein Seeadler und fliegt mir an -den Hals. Auch von ihrem Munde kommt der Atem des Meeres. - -Nun muß ich mich verstecken. Sie drückt beide Hände vor die Augen und -steckt den Kopf in den Sand, um nichts zu sehen. Ich nehme mein dickes -Buch und setze mich hinter einen Strandkorb. -- -- - -Ich befinde mich auf der vierten Seite oben, als sich zwischen mich und -das Buch ein roter Hut schiebt. - -»Vater, du mußt doch ›Nu!‹ rufen!« - -»Ach ja, wahrhaftig, entschuldige!« - -In dieser Luft wird ein Cato zum Windhund, ein Regulus zum -Wortbrecher, und ein Picus von Mirandola verliert das Gedächtnis. Ich -sammle mich wieder auf, verstecke mich mit meinem Buch hinter der -Dünentreppe und rufe: »Nu!« - -Ich bin auf der vierten Seite unten, als mir ein ganzer Mensch aufs -Buch fällt und schreit: »Haaaa! Nu hab' ich dich!« - -»Nu muß du mich wieder suchen!« ruft sie und ist verschwunden wie ein -Hauch. - -Man wird zugeben, daß dies nicht die Art ist, ein Dutzend Bücher zu -bewältigen, zumal wenn man nach siebenmaligem Rufen und Verstecken -mit Herta, der glücklichen Besitzerin des Puppenkoffers, »dritschern« -muß. »Dritschern« heißt: einen flachen Stein so auf den Wasserspiegel -werfen, daß er wiederholt abprallt, bevor er versinkt. Auch -»dritschern« fördert die Lektüre nicht; aber als Vater kann man sich -ihm nicht entziehen. Wie gut es ist, wenn man in der Jugend fleißig -gewesen, das sehe ich jetzt: ich »dritschere« noch ziemlich schön. -Aber Herta will es wie gewöhnlich im Anfang nicht gelingen, und daran -ist weniger ein Mangel an Geschicklichkeit als die Ueberfülle von -Kraft schuld, die sie an alles wendet. Wie Brunhilde im Wettkampf den -Felsblock schleudert, so wirft sie ihr Steinchen. Aber auch die stille, -die innere Kraft hat sie, und da gelingt es ihr schließlich doch, und -als es ihr gelungen, da lacht sie hell mit dem Mund und heller mit -den Augen, wirft mir die Arme um den Hals -- ich weiß nicht, ob es -Liebkosungen oder Schläge sind -- und küßt mich. - -Herta, du siehst aus wie ein Symbol der Natur: Du küssest und -zermalmst, und alles mit lachenden, unschuldsvollen Augen! - -Die ersten drei Jahre ihres Lebens war sie ununterbrochen krank, ein -trauriges Würmchen, die nagende Sorge der Mutter. Da gingen wir alle -eines Sommers in ein jütisches Fischerdorf an der Nordsee, und in -diesem Dorf waren drei Wochen lang heulender Sturm, peitschender Regen -und unentrinnbarer Dorschgeruch. Wir verwünschten das Dorf und reisten -nach Hause, und von Stund' an war Herta gesund und ward fröhlich -und stark. Wie oft verwünschen wir Toren das Glück, das wie Unglück -aussieht! - -Schließlich entläßt mich Herta freilich in Gnaden zu meiner Lektüre; -aber inzwischen hat Roswitha-Appelschnut neue Kräfte gesammelt. Als -ich auf der fünften Seite oben bin (noch immer Einleitung!), da tritt -sie an mich mit dem Ersuchen heran, die gewohnten Zirkuskünste mit -ihr zu exekutieren. Ich muß mich platt in den Sand legen; sie springt -mit zehn Schritt Anlauf auf mich zu, und ich muß sie auffangen. Nach -diesem »Todessprung« kniet sie in meine flachen Hände, und ich muß sie -langsam und lotrecht emporheben. Dann folgt »Appelschnut, die Königin -der Luft«. Ich strecke einen Arm hoch; sie legt sich mit dem Bauch auf -meine flache Hand, streckt alle Viere nach den vier Himmelsrichtungen, -und ich muß sie drehen. Lauter Sachen, mit denen ich im Wintergarten in -Berlin ein Heidengeld machen könnte, wenn ich wollte. - -Aber plötzlich ist Appelschnut verschwunden. Wie ein Traum ist sie -entflohen. Die Kinder gehen mit der Mutter zum Baden. Darum! Sie ist -schon ganz ferne, hinter zwanzig Sandhügeln. - -Vor zwei Jahren war es noch anders. Da sah sie die weiß und grünen -Wogen auf den Strand klatschen und in die Höhe spritzen, klatschte -in die Hände, lachte, als ob das Herz zum Halse herausfliegen wolle, -und dachte: Ei, was ist das Meer für ein Spaßmacher! Und gar nicht -schnell genug ging ihr das Auskleiden, gar nicht früh genug konnte -sie dem Spaßmacher an den Hals springen! Mit offenen Armen sprang sie -ihm jauchzend entgegen -- und im nächsten Augenblick lag sie sieben -Meter weiter zurück mit der Nase im Sand; sie hob den Kopf, sah sich -mit grenzenloser Verblüffung um, schnappte nach Luft, und als sie sie -endlich hatte, brüllte sie mit der Brandung um die Wette. Es war eine -Art Nachbildung der berühmten Arie: »Ozean, du Ungeheuer!« O dieser -abscheuliche Grobian von einem Spaßmacher! Sie wollte ihn umarmen und -mit ihm tanzen, und er schmiß sie auf den Strand wie einen gemeinen -Sandfloh! Kurz, sie war dem Meer auf ewig böse. - -Heute aber, da sie »schon groß ist«, hat sie Poseidon verziehen; -sie weiß ihm um den Bart zu gehen und seinen täppischen Späßen zu -entschlüpfen, und am liebsten ginge sie im Wasser zu Bett. Wenn sie -nicht baden darf, so streift sie Rock und Höschen auf und watet durch -sämtliche Lagunen und Lachen, die das ebbende Wasser zurückgelassen. -Noch gestern abend rief sie, als meine Frau sie zu Bett bringen wollte: -»Ach Mammi, bitte, bitte, noch einen Augenblick, hier ist noch so'ne -himmlische Pfütze!« - -Appelschnut, Appelschnut, was wird der »Verein zur öffentlichen Hebung -der Moralität bei den Mitmenschen« dazu sagen, daß du von himmlischen -Pfützen sprichst! - -Ja, sie ist schon so sehr mariniert, daß sie jetzt auch einen Matrosen -zum Mann haben will. - -»Erst will ich Barmherzige Schwester werden, und dann werd' ich -wohl 'n Bauern nehmen, damit ich recht viele Tiere krieg', und dann -heirat' ich 'n Matrosen.« Es ist dabei zu bedenken, daß sie schon vier -Spielkameraden Hoffnung auf ihre Hand gemacht hat und außerdem nach -einer früheren Aeußerung an dem Gatten ihrer Schwester Herta teilhaben -will. Sie wird das System Blaubart akzeptieren müssen. - -Und dabei sagt diese Dame, die sieben Männer haben will, noch statt -»Badekabine«: »Kabadebine!« Jawohl, meine Frau und ich haben es -wiederholt gehört: sie, die schon in richtigen Konjunktiven spricht und -sogar Konzessivsätze riskiert, sagt noch »Kabadebine«. Und wir haben -uns fein gehütet, sie zu korrigieren; das Wort war uns ein wundersam -rührendes Ueberbleibsel aus jener Zeit, da sie noch durch die Sprache -wie durch einen Urwald tappte und die wunderlichsten Blumen und Wege -fand. -- - -Also ich darf mich jetzt einer Ruhepause erfreuen. Ich habe mir in -einem großen Eimer allerlei Seegetier gesammelt und will jetzt so lange -hineinsehen, bis ein kleiner Seestern mit seinen Saugfüßchen vom Grunde -des Eimers bis oben an den Rand hinaufspaziert ist. Damit kann man sehr -gut ein paar Stunden ausfüllen. Wenn ich dies Stück Arbeit erledigt -habe und nicht allzu müde bin, will ich einer meiner Entenmuscheln -so lange zuschauen, bis sie fünftausendmal ihre feinen Rankenfüße -vorgestreckt und wieder eingezogen hat. Ja, wenn nicht mein Freund und -Duzbruder Nazi wäre! - -Nazi ist ein Dreijähriger; aber er ist groß und dick wie ein -Sechsjähriger. Er hat einmal gehört, daß er zu dick sei, um schnell -zu laufen; seitdem erklärt er, wenn er sich tummeln soll: »Kann nich, -schu dick!« Er fiel uns schon auf der Herreise in der Eisenbahn durch -die energische Erklärung auf, daß er nicht in der »heißen Tütbahn« -fahren wolle, sondern in der »kalten«. Die »Tütbahn« war natürlich die -Eisenbahn, weil sie »Tüt« macht, und »heiß« war sie, weil er das Feuer -unter dem Kessel der Lokomotive gesehen hatte. Das war ihm unheimlich -gewesen, und darum verlangte er, kalt zu fahren. - -Als ich mich kaum in die tiefsinnige Betrachtung meines Seesterns -versenkt habe, höre ich den Ausruf: »Ich krieg' doch wasch schu eschen!« - -Aha, also Nazi. Als er mich einmal mit Sand beworfen hatte, rief ich: -»Wart', du Schlingel, du kriegst heute nichts zu essen!« - -»Ich krieg' doch wasch schu eschen!« rief er. - -Ich tat, als wenn ich aufspringen wolle. - -Er kreischte, halb aus Furcht, halb vor Vergnügen, sprang drei Schritte -zurück und schrie: »Ich krieg' doch wasch schu eschen!« - -Ich griff zähnefletschend nach einer Sandschaufel und schwang sie -drohend. - -Er kreischte wieder, sprang wieder drei Schritt zurück und schrie -abermals: »Ich krieg' doch wasch schu eschen!« - -Jetzt sprang ich zornbebend und wutschnaubend auf die Füße und lief -drei Schritt auf ihn zu. - -Er lief sieben Schritt, blieb stehen und schrie dasselbe, und bei dem -»doch« klappte seine Stimme jedesmal über. Auch mit diesem Spiel könnte -ich eventuell meinen Kuraufenthalt ausfüllen; Nazi würde nichts dagegen -haben; aber ich mach' es nur einmal vormittags und einmal nachmittags; -dabei werde ich immer noch, da Nazi fünf Wochen zu bleiben gedenkt, -etwa siebzigmal alle Stadien der sittlichen Entrüstung darüber, daß -Nazi etwas zu essen kriegt, durchlaufen müssen. - -Nachdem ich auch diesmal mein Pensum Wut geschäumt habe, wird Nazi auf -den Eimer aufmerksam. Er guckt hinein und fragt: »Wasch isch dasch?« - -Ich nenne ihm die einzelnen Tiere. - -»Worum tut die immer scho?« Er macht die Bewegungen der Entenmuschel -nach. - -»Sie holt sich was zu essen aus dem Wasser!« - -»Da isch ja gar nix schu eschen.« - -»Doch; da ist sehr viel zu essen; das kannst du nur nicht sehen.« - -»Worum nich?« - -»Weil es zu klein ist.« - -»Worum isch esch schu klein?« - -»Junge, das weiß ich nicht.« - -»Och, weisch doch mal!« - -Dja, wenn's an meinem Willen läge, dann wüßt' ich noch ganz was anderes. - -»O kuck mal!« ruft er plötzlich, »der Hund wackelt mit'n Henkel!« - -Ich bin natürlich sehr begierig, einen Hund mit einem Henkel zu sehen. -Richtig, da steht ein Hund mit einem aufwärts gekrümmten Schwanz, -und mit diesem Schwanze wackelt er. Man kann den Schwanz gar nicht -treffender bezeichnen, als ihn der Dichter Nazi bezeichnet hat. - -Endlich vermißt er meine Töchter, für die Nazi natürlich nächst -Schlagsahne das Himmlischste auf der Welt ist. - -»Wo isch dein Mädschen?« fragt er. - -»Wen meinst du? Gertrud?« - -»Nein, Fräulein andere Gertrud!« - -»Irene?« - -»Nein, Fräulein andere Irene!« - -»Herta?« - -»Ja.« - -»Die sind alle zum Baden. Willst du nicht auch baden?« - -»Nein, kann nich, schu dick,« ruft er und stapft mit den Säulen des -Herkules durch den Sand von dannen. - -Ich lese nun die fünfte Seite der Einleitung zu Ende; da ich aber zum -Umblättern zu erschöpft bin -- ich werde hier allmählich zur Molluske ---, so streck' ich mich zunächst einmal lang in den Sand. - -Aaaaaaaaah -- hahaaaaaa -- -- -- - -Und ich brate in der Sonne. - -Und ich sehe fern, fern am Horizont ein kleines, weißes Segel, das will -ich betrachten, bis es verschwindet. In jenem Schifflein sitzt meine -Seele -- ich weiß es! Und ich will meiner Seele nachschauen, bis sie in -den veilchenblauen Himmel entschwindet. - -Indessen brät mein Leib in der Hölle, in dieser unsagbar molligen -Hölle, die meinetwegen ewig sein kann. Man kann die Genüsse von Himmel -und Hölle nicht bequemer vereinigen. - -Meinem Leibe ist wohl wie einem angespülten toten Seehund. - -Zuweilen ist es mir auch umgekehrt: dann liegt meine Seele hier am -Strande und hat sich in Sonnenschein verwandelt, und mein Leib schwebt -unsichtbar in den Lüften, aufgesogen von den Wolken, von der trinkenden -und trinkbaren Luft. - -Meine Lungen sind vollständig betrunken von dieser Luft, und mein -Leib schmort, und wenn ich noch ein wenig warte, wird er zu brutzeln -anfangen. - -Wie es scheint, bestreut mich schon jemand mit Salz und Pfeffer; -aber es ist nur Appelschnut, die mich mit Sand bestreut. Von unten -anfangend, bedeckt sie mich nach und nach vollständig mit Sand. Sollte -ich wirklich nur noch ein toter Seehund sein? Ich opponiere nicht -einmal, als mir der Sand zwischen Hals und Kragen rieselt, obwohl dies -kein eigentlich angenehmes Gefühl verursacht. Ein toter Seehund faßt -keine Entschlüsse mehr. - -»O Pappi, laß uns mal Pferd spielen!« ruft Appelschnut plötzlich. - -Aber ich bin von meinen Forschungen über dem Wassereimer so -angegriffen, daß ich ihr vorschlage, lieber Kuchen und Häuser zu -backen, ein Geschäft, das man ohne große Veränderung der Körperlage -etablieren kann. Sie ist sofort einverstanden, und wir backen in -zehn Minuten eine amerikanische Großstadt mit Häusern, Kirchen -und Kuchenläden. Allerdings bauen wir mit stetig wachsendem -Arbeitspersonal. Nach fünf Minuten ist nahezu die ganze unmündige -Strandbevölkerung auf der Arbeitsstätte versammelt. Und als ich nach -abermals fünf Minuten emsig damit beschäftigt bin, in einem Garten -sämtliche Blumen und Gemüse anzubauen, die sich aus Strandhafer -herstellen lassen, empfinde ich um mich her eine abgrundtiefe Stille. -Ich hebe den Blick: meine Arbeitsgenossen sind schon in weiter, weiter -Ferne; sie haben längst ein anderes Spiel begonnen, und Appelschnut -hüpft über die fernsten Hügel wie eine wandernde Mohnblume. - -Verwaist, vergessen und öde liegt die Stadt. Schon beginnt der Wind, -sie zu verwehen, die Flut, sie zu benagen. Nie wieder wird die eben -noch Lebendige ein Hauch des Lebens erwecken; in einer Stunde wird -sie verschwunden sein. Wunderbare Welt des Meergestades! Selbst -Kinderträume verwehen in dieser Luft noch schneller als drinnen im -Land, und tiefer noch als anderswo senkt sich ins Herz das Gefühl: Auch -deine Wünsche sind wandernder Staub. Du brauchst nicht nach Aegypten zu -gehen: diese verlassene Stadt der Kinder ist Memphis. - -Aber auch die beschauliche Ruhe ist hier vergänglich; schon kommt -Roswitha wieder herbeigesprungen. - -»Mutti!« ruft sie erregt. - -Ich wundere mich, daß sie mich als Mutter anredet, und sehe mich um -- -ach so: meine Frau liegt neben mir im Sand. - -»Mutti, Erna is immer so eisch; wenn wir spielen, dann macht sie immer -Streit und wirft uns Sand ins Gesicht. Sei man gar nich mehr so nett -mit ihr; wir sind alle von ihr weggegangen!« - -In diesem Augenblick geht Erna, eine von den weniger erfreulichen -Badebekanntschaften, weinend vorüber. - -»Mutter, sie weint,« sagt Appelschnut, »soll ich sie mal fragen, ob sie -wieder gut mit uns sein will?« - -»Ja, frag' sie nur.« - -Nach einer kleinen Minute wandern Erna und Appelschnut wieder Arm in -Arm. Auch Roswithens Zorn verrinnt und verweht wie Wind und Welle. - -»Was spielt ihr denn?« fragt meine Frau. - -»Ach, wir spielen so fein! Krankenhaus! Mit unsern Puppen! Einer is -heute schon dreimal operiert worden, un denn hat er noch Scharlach un -Cholera!« - -Allmächtiger! Je verzweifelter die Fälle sind, desto vergnügter -sind diese Barmherzigen Schwestern. Patienten mit weniger als drei -Krankheiten scheinen gar nicht aufgenommen zu werden. - -»Eben is auch 'n kleines Baby geboren worden, noch kein Jahr alt und -hat schon 'n Keuchhusten!« - -»Na, da habt ihr ja alle Hände voll zu tun,« ruft meine Frau lachend. - -»Ja!« rufen stolz die beiden wie aus einem Munde, und schon sind sie -wieder über den Bergen bei den sieben Zwergen. -- - -»Ich krieg' doch wasch schu eschen!« schreit es nah bei meinem Ohr. - -Nee, is nich, Nazi. Mein Morgenpensum ist erledigt. - -»Ach, da ist ja mein Nazi!« ruft meine Frau. »Komm, sag' mir mal Guten -Tag.« - -»Kann nich -- schu dick!« versichert er mit Ueberzeugung. - -»Ja, wenn du zu dick bist, darfst du ja auch keine Schokolade essen.« - -Nein, nein, das ist eine mißverständliche Auffassung; für Schokolade -ist er nicht »schu dick«. - -Die magnetischen Kräfte der Schokolade sind von der Wissenschaft, wie -mir scheint, noch entfernt nicht in ihrer Gewalt erkannt. Wie aus dem -Boden gestiegen, umstehen meine Frau im nächsten Augenblick mehrere -eigene Kinder, zwei Schwestern des Herrn Nazi und einige weitere -Strandbevölkerung. - -Als Nazi auf dem Schoß meiner Frau sitzt, guckt er ihr minutenlang in -die Augen. Irgend etwas tieferes Philosophisches scheint sich in ihm zu -entwickeln. »Kannsch du mit deinen Augen schehen?« fragt er schließlich. - -»Ja gewiß, Nazi! Warum soll ich mit meinen Augen nicht sehen können?« - -»Deine Augen schind ja scho dunkel!« meint er. - -Dieser Ausspruch Nazis ruft in der Korona seiner weiblichen Verehrer -einen Sturm des Entzückens hervor. - -»Ist er nicht zu süß?« jubelt Herta. »Gott! Solch einen kleinen Bruder -möcht' ich auch noch haben!« - -Aber Nazis sechsjähriges Schwesterchen spricht ein ernstes und -passendes Wort: - -»Tu das lieber nich, Herta,« sagt sie, »da is viel Arbeit bei.« - -Meine Frau ist durchaus der gleichen Meinung und drückt ihrer -verstehenden Mitschwester dankbar die Hand. - -Es ist auch zu bedenken, daß ich nicht nur schon fünf eigene Kinder -habe, sondern daß ein allerliebstes kleines blondlockiges Mädel, ein -Püppchen aus lauter Grazie und Spitzen, sich mir vollständig attachiert -und mich ohne alles Verdienst mit Standhaftigkeit »Vater« nennt. Auch -sie ist schuld, daß ich die Einleitung meines biologischen Wälzers -nicht zu Ende lesen kann. Wenn sie ihrer Puppe das Bett macht, packt -sie mir mit den Worten »Vater, halt' mal, bitte!« erst die Paradedecke -aufs Buch, darauf das Deckbett, dann das Kopfkissen, hierauf das -Bettlaken und endlich Matratze und Pfühl, und ich kann nicht eher -weiterlesen, als bis alles in der umgekehrten Reihenfolge, gehörig -geklopft und gelüftet, wieder in den Puppenwagen gelegt worden ist. -Und ferner ist zu bedenken, daß ich ja schon einen Nazi habe, einen -viel längern als diesen, nämlich den Obertertianer Erasmus. Wenn ihr -einmal ein Füllen auf einer großen Weide beobachtet habt, dann habt -ihr eine Vorstellung von Erasmus im Seebade. Solch ein Füllen, wie ihr -wißt, steht in diesem Augenblicke still und nachdenklich da, um ganz -plötzlich und unvermittelt den Kopf in den Nacken zu werfen, die Mähne -zu schütteln und mit geblähten Nüstern, wiehernd, den Rasen stampfend -und die Hufe gegen den Himmel werfend, zwanzigmal die weite Wiese zu -umrasen, und in seinem Gewieher ruft es: »Ihr lächerlichen Menschen, -wie lächerlich klein ist eure Erde!« So auch Erasmus. Wenn vom Gefäß -seiner Jugendkraft plötzlich der Pfropfen sich löst und knallend in die -Luft fliegt, dann wird er zum jugendlichen Steppenroß, das fliegenden -Laufes die Dünen und Sandwüsten der Insel durchstampft, und wenn -ihn der Hafer sticht, wiehert er mit ungemeiner Naturtreue. Es ist -sehr wahrscheinlich, daß die Zentauren der griechischen Mythologie -ursprünglich wildlebende Obertertianer waren. - -Dabei zeigt dieses Natur- und Fabelwesen zu andern Zeiten Momente -einer überlegenen Ironie. Als er eines Morgens aus seinem Bette -stieg, bemerkte meine Frau, daß er aus dem einen Zipfel seines langen -Nachthemdes einen riesigen Knoten gemacht hatte. - -»Was soll denn das?« rief meine Frau. - -»Das soll mich daran erinnern, daß ich noch Cäsar präparieren muß.« - -Das war freilich schon stark gegen Ausgang der Ferien. - -Jeden Mittag um zwölf Uhr kommt Erasmus an meine Sandfeste, um mich -zum Baden abzuholen. Bei Obertertianern muß man die Badestunde immer -unmittelbar vor das Diner legen, weil nur eins die Kraft hat, sie -wieder aus dem Meere hervorzulocken: die Tischglocke. - -Wenn wir dann zum Essen gehen, müssen wir auch an Nazis Tisch vorbei. -Sein Vater erlaubt ihm nicht, die Versicherung, daß er doch was zu -essen kriege, laut durch den Saal zu schreien; aber er blinzelt mir -heimlich mit boshaftem Frohlocken zu, und ebenso heimlich schüttle ich -grollend die Faust. - -Wir entwickeln alle einen ziemlich gleichmäßigen Appetit, den bekannten -nördlichen Luft- und Meerhunger; aber Appelschnut wollte ihre Milch -nicht trinken. Da habe ich sie dazu überredet, ihre Mutter regelmäßig -bei Tische »anzuführen«. Ich gab ihr den teuflischen Gedanken ein, ihre -Milch heimlich auszutrinken, dann zur Mutter zu sagen: »Ich mag keine -Milch!«, und wenn die Mutter sie dann tadelte, ihr triumphierend das -leere Glas zu zeigen. Das wiederholen wir nun bei jeder Mahlzeit und --- merkwürdig! -- jedesmal fällt meine Frau wieder darauf hinein, und -jedesmal tauschen Appelschnut und ich danach einen Blick der freudigen -Genugtuung: »Sie ist richtig wieder auf den Leim gegangen!« - -Bei Tische muß ich, einem stillschweigenden Uebereinkommen gemäß, ein -gewisses Quantum Witze für den Hausgebrauch machen, zum Beispiel wenn -der Roquefort, der Maden hat, durch einen Camembert abgelöst wird, -muß ich sagen: »~Le Roquefort est mort, vive le Camembert!«~ oder so -etwas Aehnliches; der Nachmittag aber gehört dann allerdings vorwiegend -der Ruhe. Zwar nehme ich, in der Sandgrube liegend, die Biologie der -Meerorganismen vors Gesicht, aber doch nur in dem vollen Bewußtsein, -daß dieses Bewußtsein schon nach Beendigung des ersten Vordersatzes -schwinden werde. - -Natürlich: wenn ich von Ruhe gesprochen habe, so hat das keinen Bezug -auf die Kinder. Kinder haben ein so ruhiges Herz, daß Haupt und Glieder -der Ruhe nicht bedürfen. Ich habe denn auch kaum das Quantum Schlaf -genossen, dessen man nach einem solchen Vormittage dringend bedarf, als -mir aus Traumeshimmeln etwas ziemlich Schweres, Warm-Lebendiges auf den -Magen fällt. Selbstverständlich Appelschnut. - -»O Pappi, wir spielen zu fein! Karl is der Wolf, un ich bin das Pferd, -un denn kämpfen wir uns immer mit'nander!« - -Ich habe also ein Pferd auf dem Schoß. Auch in diesem Augenblick, da -sie auf meinem Schoße sitzt, fühlt sie sich vollkommen als Pferd. Aber -das Pferd hat einen sehr kräftigen Schmutzfleck im Kleid. - -»Roswitha, wie hast du das schöne neue Kleid beschmutzt!« - -»Ach, das war so naß geworden, und da wollt' ich es mit Sand wieder -reinmachen, un da war es mit ein'mal so schmutzig.« - -Der Sand muß starke Beimengungen von rötlichem Ton gehabt haben. - -»Sag' es man nicht erst Mutter,« meint sie, »sie ärgert sich bloß.« - -Diese Besorgnis um die Mutter finde ich ergreifend. - -»Ich weiß ja, mein süßes Väterchen sagt nichts,« dabei wirft sie mir -die Arme um den Hals, küßt mich und trabt mit dem Wolfe davon. - -Nicht einen Augenblick ist ihr der Gedanke gekommen, daß es für ein -Pferd absurd ist, sich auf den Schoß seines Vaters zu setzen und ihn zu -küssen. - -Nach einer Viertelstunde kommen Pferd und Wolf wieder auf mich -zugerannt, und das Pferd ruft in großer Erregung: »Vater, Karl will -nich glauben, daß die Erde sich immer so rumdreht!« - -Als Anhänger des Kopernikanischen Systems bestätige ich, daß die Erde -sich immer so rumdreht. - -Karl wird nachdenklich. - -»Er meint, dann fallen wir ja alle um!« ruft Appelschnut. - -»Nein, die Erde hält uns fest und nimmt uns alle mit.« - -»Wir drehn uns auch alle!« erklärt Appelschnut. - -»Die Schaufel auch?« fragt Karl, auf eine im Sand steckende Schaufel -zeigend. - -»Die Schaufel auch,« bestätige ich. - -»Der Strandkorb auch?« -- »Der Strandkorb auch.« -- »Du auch?« -- »Ich -auch. -- Und du auch.« - -»Ich?« -- »Ja.« - -»Hähäää -- das ist nicht wahr!« ruft Karl mit überlegenem Lachen, und -vor dieser Ueberlegenheit muß ich wie schon so oft in meinem Leben -verstummen. Karl dreht sich nicht mit. - -Und so verfließt der Nachmittag, so verfließt der Tag, und gleich auf -den ersten Tag folgt der letzte Tag. Ganz anders ist es als in den -Tagen der Schöpfung. Da heißt es: »Es ward aus Abend und Morgen ein -Tag.« Hier müßte es heißen: »Aus Abend und Morgen werden vierzig Tage, -hundert Tage, tausend Tage.« Was zwischen dem ersten und dem letzten -Tage liegt, ist ein stilles, ewiges Fließen von Wasser und Wind, von -Atem und Traum, und so wenig du die Tropfen im Meere zählst, so wenig -dir daran liegt, sie zu zählen, so wenig achtest du hier der Tage im -Meere der Zeit. - -Wehmütig raffen die Kinder am letzten Tage den kleinen Hausrat unserer -flüchtigen Wohnstatt zusammen; wehmütig steh ich dabei, das Werk über -die Pflanzen und Tiere des Meeres mit seiner unausgelesenen Einleitung -in der Hand haltend. Da höre ich aus weiter Ferne ein Krähen. Ich -suche lange nach dem Ursprung dieses Schalles und finde endlich oben -am Rand einer hohen Dünenklippe zwei Menschen, die wie eine Dame und -ein Kind aussehen. Da der Wind herübersteht, so höre ich endlich mit -angespanntestem Gehör: »Ich krieg' doch wasch schu essen!« - -Da reiß' ich von unserer verfallenen Strandburg einen mächtigen Pfeiler -los, pack' ihn mit beiden Händen und schüttle ihn mit furchtbarer -Drohung. - -Und der Wind trägt mir ein letztes, jauchzendes Kinderlachen zu. - -Und ganz zuletzt erlebe ich noch etwas Wundersam-Schönes. - -Mein Töchterlein hat hier eine Freundin gefunden, die heißt Else. -Totweinen würde sie sich, wenn sie Else niemals wiedersehen solle, so -hat Irene erklärt. Nun umwandern sie, um Hals und Hüfte innig Arm und -Arm geschlungen, die Reste unserer Strandburg und singen. - -Irene singt: »Nun ade, du mein lieb Elseland, lieb Elseland, ade!« - -Das Land, wo sie Else kennen gelernt, ist ihr ein Elseland geworden. - -Else singt: »Nun ade, du mein Irenenland, Irenenland, ade!« - -Das Land, wo sie Irene fand, ist ihr ein Irenenland geworden. - -»Irene« ist »der Friede« -- das weiß Else vielleicht nicht einmal. - -Kinder, ihr singt ein tiefsinniges Lied. - -Nun ade, du mein Irenenland -- -- --! - - - - -Inhalt - - - Die Marienbader Kur 5 - - Die Ziege 33 - - Die späte Hochzeitsreise 53 - - Die Hosentaschen des Erasmus 101 - - Flieh, auf, hinaus ins weite Land! 119 - - Der süße Willy 137 - - Ernsthafte Predigt vom Kommersieren 195 - - Der große Irrgarten 221 - - Im Seebade 253 - - - - - Von Otto Ernst erschienen ferner - im Verlage Ullstein & Co, Berlin: - - - In der Sammlung der Ullstein-Bücher - - Laßt Sonne herein! - - Eine Sammlung heiterer Geschichten und Plaudereien des bekanntesten - und beliebtesten Humoristen unserer Zeit, ein lachender - Sorgenbrecher, der überall willkommen ist. - - - In der Sammlung der Jugendbücher - - Gulliver in Liliput - - Der Hamburger Dichter erzählt hier der Jugend die lustigen - und zugleich lehrreichen Abenteuer des Seemannes Gulliver im - sagenhaften Zwergenlande der Liliputaner. - - - Preis 1 Mark - - - - - Von Otto Ernst erschienen ferner: - - -Im Verlag +L. Staackmann+, Leipzig: - - Semper der Mann, Roman. 30. Tausend. - Semper der Jüngling, Roman. 65. Tausend. - Asmus Sempers Jugendland, Roman. 100. Tausend. - Appelschnut, humoristische Plaudereien, reich illustriert. - 35. Tausend. - Ein frohes Farbenspiel, humoristische Plaudereien. 30. Tausend. - Vom geruhigen Leben, humoristische Plaudereien. 35. Tausend. - Vom grüngoldnen Baum, humoristische Plaudereien. 28. Tausend. - Aus meinem Sommergarten, humoristische Plaudereien. 21. Tausend. - Sankt Yoricks Glockenspiel, Satiren, Schwänke, Schnurren, - Aphorismen usw. 10. Tausend. - Der süße Willy, Humoreske. 22. Tausend. - Besiegte Sieger, Novellen. 6. Tausend. - Kartäusergeschichten, Novellen. 7. Tausend. - Gedichte. 4. Tausend. - Glimmen des Mittags, Gedichte. 4. Tausend. - Siebzig Gedichte. 30. Tausend. - Bannermann, Schauspiel. 3. Tausend. - Flachsmann als Erzieher, Lustspiel. 34. Tausend. - Die Gerechtigkeit (Revolverjournalisten), Lustspiel. 6. Tausend. - Die größte Sünde, Trauerspiel. 8. Tausend. - Die Liebe höret nimmer auf, Tragikomödie. 5. Tausend. - Jugend von heute, Lustspiel. 14. Tausend. - Ortrun und Ilsebill, Märchenkomödie. 3. Tausend. - Tartüff der Patriot, Lustspiel. 3. Tausend. - Blühender Lorbeer, Aufsätze. 10. Tausend. - Laßt uns unsern Kindern leben! Aufsätze. 10. Tausend. - Nietzsche, der falsche Prophet. 5. Tausend. - Gewittersegen, ein Kriegsbuch. 11. Tausend. - - -Im Verlag +M. Glogau jr.+, Hamburg: - - Hamborger Schippergeschichten, Plattdeutsch nach Drachmann. 8. Taus. - - -Jugendschriften - -Im Verlag +Jos. Scholz+, Mainz: - - Der Kinder Schlaraffenland, illustriert. 10. Tausend. - -Im Verlag +G. W. Dietrich+, München: - - Hinaus ins Freie! Illustriert. 5. Tausend. - -Im Verlag +Union+ Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart: - - Robinson Crusoe, neu erzählt und reich illustriert. 10. Tausend. - - - - - Ullstein-Bücher - - Neue Bände: - - -Besser Herr als Knecht - -von Fedor von Zobeltitz - -Ein deutscher Balkanfürst, eine ritterliche Phantasiefigur, ist der -Träger der Eisernen Krone, ist der Held des Romans. Er hat die Züge -Alexanders von Bulgarien, des Battenbergers. Sein Schicksal erhält -durch Zobeltitz das Kolorit, die szenischen Wirkungen eines großen, -spannenden Theaterstücks. Vom Berliner Hof des alten Kaisers, von einer -märkischen Garnison, von der Burg eines reichsunmittelbaren deutschen -Hauses geht es hinüber in den abenteuerlichen Halborient. - - -In der Kommandantenkajüte - -von Hans Wilhelm Hollm - -Marinegeschichten, an Bord erzählt, im vertrauten Beisammensein der -Kameraden: Erinnerungen an den Zauber der Südsee, vom Heimweh nach -der Ferne, nach dem frohen Leichtsinn der Jugend heraufbeschworen, -Geschichten vom Finden und Auseinandergehn, von Abschied und -Wiederbegegnung, heitere und ernste Lebensepisoden. Ein deutscher -Seeoffizier ist der Verfasser des prachtvoll frischen und prachtvoll -ehrlichen Buches, das überall die Herzen höher schlagen lassen wird. - - -Der belagerte Tempel - -von Thea von Harbou - -Das Werk Theas von Harbou, das mit starkem Griff hineingreift ins -Leben, ist ein Roman der deutschen Bühne zur Kriegszeit. Alle Typen -des Schauspielertums treten auf, inmitten ernster und froher, -leidenschaftlicher und stiller, rauher und weihevoller Szenen. Ein -letzter, südlicher Sommertraum unter den Zypressen Capris geht der -wuchtig geführten Handlung voran. - - - Jeder Band 1 Mark - - - - -[Illustration: - - Berlin SW 68 - Ullstein & Co -] - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend - korrigiert. - - Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen): - - S. 233: vel → viel - für die das Wasser {viel} zu tief war - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Das Glück ist immer da!, by Otto Ernst - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GLÜCK IST IMMER DA! *** - -***** This file should be named 50293-0.txt or 50293-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/2/9/50293/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/50293-0.zip b/old/50293-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 9e64c40..0000000 --- a/old/50293-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/50293-h.zip b/old/50293-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 8f1c559..0000000 --- a/old/50293-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/50293-h/50293-h.htm b/old/50293-h/50293-h.htm deleted file mode 100644 index 3813751..0000000 --- a/old/50293-h/50293-h.htm +++ /dev/null @@ -1,8137 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of Das Glück ist immer da!, by Otto Ernst. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -.chapter { - page-break-before: always; -} - -h1, h2 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -p { - margin-top: 1ex; - margin-bottom: 1ex; - text-align: justify; - text-indent: 1em; -} - -.noind { - text-indent: 0; -} - -.h2 { - font-size: x-large; - font-weight: bold; - text-indent: 0; - text-align: center; -} -.p2 {margin-top: 2em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%; } -hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; } - -table { - margin-left: auto; - margin-right: auto; -} - -.tdr {text-align: right;} - -.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ - /* visibility: hidden; */ - position: absolute; - left: 90%; - width: 8%; - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-size: small; - text-align: right; -} /* page numbers */ - -.pagenum a { - color: gray; - /*border: 1px gray solid;*/ -} - -.center { - text-align: center; - text-indent: 0; -} - -.right {text-align: right;} - -.antiqua { - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-size: 95%; -} - -.gesperrt { - font-style: italic; -} - -.caption {font-weight: bold;} - -/* Images */ -img { - max-width: 100%; - height: auto; -} - -.figcenter { - margin: auto; - text-align: center; -} - -.letter { - margin: 1ex 5%; -} - -div.wishlist { - margin: 1ex 10% 1ex 10%; -} - -div.wishlist p { - margin-top: 0; - margin-bottom: 0; - margin-left: 8em; - text-indent: -8em; -} - -span.wishlist { - display: inline-block; - width: 8em; - text-align: right; - text-indent: 0; -} - -.chapintro { - margin-left: 30%; - width: 65%; - font-size: small; -} - -.adv-small { - margin: 1ex 20%; - border: 1px solid; - padding: 1ex 1em; -} - -div.adv { - border: solid 1px; - padding: 1ex 1em; -} - -p.adv { - margin: 0 6em; - text-indent: -2em; -} -/* Poetry */ -.poem { - margin-left:10%; - margin-right:10%; - text-align: left; -} - -.poem br {display: none;} - -.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} -.poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} -.poem span.i12 {display: block; margin-left: 6em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} -.poem span.i8 {display: block; margin-left: 4em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote {background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; -} - -.corr p { - margin-left: 2em; - text-indent: -1em; -} - -p.drop { - text-indent: 0; -} - -p.drop:first-letter { - float: left; - margin: 0.3ex 0.1em 0 0; - font-size: 250%; - line-height: 1.7ex; -} - -@media handheld { - p.drop:first-letter { - float: none; - margin: 0; - font-size: 100%; - } - p.adv { - margin: 0 3em; - text-indent: -1em; - } -} - - </style> - </head> -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Das Glück ist immer da!, by Otto Ernst - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Das Glück ist immer da! - Heitere Geschichten und Plaudereien - -Author: Otto Ernst - -Release Date: October 24, 2015 [EBook #50293] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GLÜCK IST IMMER DA! *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Das <a href="#Inhalt">Inhaltsverzeichnis</a> befindet sich am Ende des Buches.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am <a href="#tnextra">Endes -des Buches</a>.</p> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<p class="h2">Das Glück ist immer da!</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="h2"> -Ullstein-Bücher</p> -<p class="center"> -Eine Sammlung<br /> -zeitgenössischer Romane</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="tb p2" /> -<p class="center"> -Ullstein & Co / Berlin und Wien -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<h1> -Das Glück ist immer da!</h1> -<p class="center"> -Heitere Geschichten und Plaudereien<br /> -von</p> -<p class="h2"> -Otto Ernst</p> -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="" /> -</div> -<hr class="p2 tb" /> -<p class="center"> -Ullstein & Co / Berlin und Wien<br /> -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Marienbader_Kur">Die Marienbader Kur</h2> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p> - -<p class="drop">Meine Freunde haben es verschuldet. Sie -haben mich so lange gereizt. »Eduard, du -wirst zu stark, Eduard!« sagten sie täglich zu -mir; die Gefühlloseren sagten: »zu dick«, die Gemütsrohen: -»zu fett«. Ich leugnete das energisch; -aber sie mußten sich heimlich verschworen haben; -denn sie sagten es alle. »Ein gewisses Embonpoint -ist bei mir hereditär, habituell, gehört sozusagen zu -meiner Konstitution,« bemerkte ich. Dergleichen -drückt sich immer am besten in Fremdwörtern aus. -Ein rüdes Gelächter antwortete mir. »Deshalb«, -fuhr ich fort, »verschlagen auch Entfettungskuren bei -mir nicht das geringste.« »Ja, weil du sie nicht -konsequent durchführst!« johlte die Masse in vulgärer -Einstimmigkeit. »Ich – nicht durchführen?« versetzte -ich mit meiner überlegenen Ironie, »nun – -das werde ich euch beweisen!« Und so ging ich nach -Marienbad.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span></p> - -<p>»Sie gehen nach Marienbad?« fragte mich ein -wohlbeleibter Eisenbahngefährte. »Ei, da sind Sie -zu beneiden! Marienbad ist entzückend! Und -schlemmen kann man da, schlemmen –!«</p> - -<p>Ich bemerkte dem Manne mit einem sittlichen -Ernste, der – ich fühlte es – mir gut stehen mußte, -daß ich nicht zu schlemmen gedächte, sondern mich -einer sehr ernsten Magerkur zu unterziehen beabsichtigte.</p> - -<p>»Ach so, Sie wollen fasten!« rief er überrascht. -»Na ja – kann man da auch,« fügte er nachlässig -hinzu. »Dazu gehört allerdings ein starker Wille.«</p> - -<p>»An dem soll es nicht fehlen,« preßte ich durch -die aufeinandergebissenen Zähne.</p> - -<p>Er maß mich von oben bis unten und dann von -links nach rechts und sagte nichts, der unhöfliche -Mensch.</p> - -<p>Vor dem Diner im Speisewagen sagte ich mir -logischerweise, daß es erst dann einen Sinn habe, -mit der Kur zu beginnen, wenn <em class="gesperrt">alle</em> Bedingungen -dieser Kur gegeben seien, daß systemlose Halbheiten -in solchem Falle sogar recht gefährlich werden können. -Andrerseits war mir wohlbekannt, daß bei -solchen Kuren ein möglichst großer Gegensatz zwischen<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span> -heut und morgen nur zu empfehlen ist, weil -nämlich der Körper auf solche schroffen Uebergänge -mit einer beträchtlichen Gewichtsabnahme reagiert. -Das Diner setzte sich für dieses Prinzip sehr günstig -zusammen; es bestand aus Bouillon mit Klößen, -Lachs mit Mayonnaise, Mastochsenbraten mit Makkaroni, -Plumpudding und Butter und Käse. Um -den Choc, den der Körper morgen erhalten sollte, zu -verstärken, nahm ich dazu eine Flasche Bier, eine -halbe Flasche Clicquot und zum Kaffee einen Benediktiner. -Danach legte ich mich in meinem Abteil -schlafen.</p> - -<p>In Marienbad angelangt, begann ich meine Kur -auf dem Bahnhofe. Zwar meinen Hauptkoffer -überwies ich einem Träger; als dieser aber auch den -nicht unbeträchtlichen Nebenkoffer an sich nehmen -wollte, sagte ich triumphierend: »Nein, lieber -Freund, jetzt wird selbst getragen,« nahm meinen -Koffer und schritt hinaus. Die Fiaker vor dem -Bahnhof machten mir ihre komfortabelsten Gesichter, -nannten mich »Herr Baron« und, als mir -das nicht zu genügen schien, »Herr Graf«; ich aber -versetzte ohne allen Adelsstolz: »Nein, meine Herren, -jetzt wird gegangen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span></p> - -<p>Wenn ich einmal eine Sache angreife, so tu' ich's -mit Energie.</p> - -<p>Wenn ich gewußt hätte, daß der Bahnhof so weit -vom Orte entfernt liege und daß meine Wohnung -dann auch noch ganz am entgegengesetzten, nördlichsten -Ende der Stadt gelegen sei und daß der Weg -dahin nicht allzu sanft ansteige, so hätte ich vielleicht -doch meinen Koffer dem Träger übergeben und -wäre gefahren. Aber während ich schwitzte, erhob -mich doch das Wonnegefühl: »Wenigstens fünf Pfund -schaffst du dir durch diesen Leidensweg vom Leibe. -Wenn du das drei- bis viermal gemacht hast, bist du -dein Uebergewicht los. Allerdings« – dieser Gedanke -erleuchtete mich blitzartig – »das hättest du -auch zu Hause haben können.«</p> - -<p>Meine Wohnung lag im dritten Stock. Für die -Zumutung, den Fahrstuhl zu benutzen, hatte ich nur -eine kurze, abweisende Handbewegung. Das Zimmer -kostete wöchentlich fünfzig Kronen einschließlich -Tag- und Nachtgeschirr. Alles andere mußte extra -bezahlt werden.</p> - -<p>Sobald ich mich einigermaßen eingerichtet und -umgekleidet hatte, eilte ich, mich wägen zu lassen. Ich -fühlte mich so leicht nach meiner Kofferträgerarbeit!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p> - -<p>In Marienbad hat jedes zweite Haus eine allein -richtige Wage. Man setzt sich in einen bequemen -Stuhl und läßt seine Schwerkraft walten; dann -zeigt die Wage nicht nur das Gewicht an, sie druckt -es auch gleich auf einen kleinen Zettel. Da stand: -94,8 Kilo.</p> - -<p>»Sie sind wohl –!« rief ich unwillkürlich aus. -Das Wort »verrückt« verschluckte ich ebenso unwillkürlich -wegen der Gerichtskosten.</p> - -<p>Der Mann beteuerte, daß sein Apparat vollkommen -tadellos funktioniere. Ich warf meine -zwanzig Heller auf den Ladentisch, ließ den Zettel -liegen und ging, Verachtung in den Zügen, hinaus.</p> - -<p>Zwanzig Schritte weiter trat ich in ein anderes -Haus mit allein richtiger Wage. Der Zettel erschien -und zeigte: 95 Kilo. Diesmal versah eine Dame das -Wägeamt; ich konnte also nicht 'mal »Sie sind -wohl –!« rufen.</p> - -<p>Langsam und sinnend schob ich den Zettel in die -Westentasche und verließ das Lokal. Mir war's, als -hätte ich Blei in den Gliedern.</p> - -<p>Draußen kam mir die Erleuchtung. Ah, dacht' -ich, die haben dir den Neuling angesehen. Das sind -Wagen für Ankömmlinge! Jetzt wirst du schlau<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -sein. Mit elastischen Schritten betrat ich ein drittes -Lokal und rief: »So! Zum Abschied möcht' ich nun -noch einmal gewogen sein!« Diesmal verzeichnete -der Zettel: 95,1 Kilo.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Noch mehr! Es hängt Gewicht sich an Gewicht,<br /></span> -<span class="i0">Und ihre Masse zieht mich schwer hinab.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Erdrückt von der Wucht meiner Persönlichkeit, -schlich ich zum Arzt. Er behauptete, ich müsse morgens -sechs Uhr aufstehen, zum Kreuzbrunnen gehen, -dort drei Glas Brunnen mit Zusatz eines gewissen -Salzes trinken, dann anderthalb Stunden spazieren -gehen, danach dürfe ich frühstücken. Der Mann hatte -eine merkwürdige Ausdrucksweise; unter »frühstücken« -verstand er: eine Tasse Tee, ein Ei und -einen Zwieback nehmen. »Ohne Butter!« rief der -Herr Doktor begeistert. Mittags dürfe ich dann eine -Fleischspeise, ein Gemüse, ein Kompott und eine -halbe Flasche Biliner Wasser genießen. Und abends -könne ich mir eine Fleischspeise, ein Gemüse <em class="gesperrt">oder</em> -ein Kompott und, wenn es sein müsse, ein Krügel -Pilsner gestatten. Für diese Beköstigung müsse ich -aber fünf bis sechs Stunden täglich marschieren. Ich -versicherte dem Arzte, diesen Vorschriften nachzukommen,<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span> -sei für einen Menschen von Willenskraft -ein reines Kinderspiel, und vollends für mich, der -ich von jeher mäßig zu leben gewohnt sei.</p> - -<p>Morgen, gleich morgen, solle ich mit der Kur -beginnen, hatte der Arzt befohlen. Dieser Abend -war also noch mein. Ich traf in der Kaiserstraße -einen alten Freund, der mir ein Lokal bezeichnete, -in dem er jeden Abend mit einigen vergnügten -Leuten zusammentreffe und wo es ein vorzügliches -Pilsner Bier gebe. »Pilsner Bier hat nämlich eine -mild laxierende Wirkung,« erklärte er mir. Und in -der Tat: Pilsner Bier hatte mir ja sogar mein Arzt -gestattet. Außerdem wäre es mir als unnötige -Schroffheit erschienen, die Einladung dieses lieben -Menschen abzulehnen; ich ging also mit und trank -einige Krügel. Ich fühlte wirklich, wie mir immer -leichter wurde, und wie auf Flügeln schwebte ich um -Mitternacht nach Hause.</p> - -<p>Um sechs Uhr war ich auf den Beinen, um halb -sieben am Brunnen. In langer Prozession wallten -die Kurgäste, jeder ein Glas in der Hand, zur Quelle. -Wo eine Lücke war, wollte ich mich anspruchslos und -unauffällig dem Ganzen einfügen; aber sofort bedeutete -mir ein Aufseher, daß ich mich ganz am Ende<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span> -anschließen müsse. Nach zehn Minuten kam ich zur -Quelle und erblickte dort ein merkwürdiges Naturspiel: -einen Mann, der fortwährend pumpte und -dabei untertänig grüßte. Die Leute, die pumpen, -grüßen sonst ganz anders. Ich erhielt mein wohlgefülltes -Glas, schüttete das vorgeschriebene Salz hinein -und setzte es an den Mund. Mit ungeheurer -Spannung kostete ich dies Getränk. Es schmeckte -wie Niedertracht mit Gemeinheit. Es ist mir immer -Grundsatz gewesen, widrige Dinge, die geschluckt -werden müssen, mit zugedrückten Augen und mit -einem Schluck und Druck hinunterzusetzen. Aber -das war hier verboten. Zehn Minuten lang solle ich -an dem Becher trinken, hatte der Arzt befohlen. In -solchen zehn Minuten büßt man vieles ab. Freilich -macht eine recht gute Kurkapelle Musik dazu. Aber -es ist nicht das Richtige, wenn man Mozarts -Champagnerlied mit auf die Weste herabhängenden -Mundwinkeln anhört; es ergibt eine falsche Auffassung, -wenn man sich bei dem Seufzer</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»O–o–o De–li–la!«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">nach dem Bauche greift. Nach dem ersten Glase trank -ich ein zweites und ein drittes. Sehr sinnig schließt -das Konzertprogramm regelmäßig mit einem Galopp.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p> - -<p>Dann kam der anderthalbstündige Spaziergang -in die allerdings höchst anmutige und erfrischende, -berg- und waldgeschmückte Umgebung Marienbads. -Der Reiz der unbekannten Landschaft ließ mich die -materiellen Dinge dieser Welt vergessen, bis ich durch -ein nahes Gebüsch das Geklapper von Tassen und -Teelöffeln vernahm. Die Umgebung von Marienbad -ist mit verführerischen Cafés geschwängert; -»freudig hingezogen« trat ich ein und bestellte mein -Frühstück. Auch hier wurde Musik gemacht, aber -nicht zur Milderung, sondern zur Verschärfung der -Kur. Nach einer äußerst regellosen Carmen-Phantasie -wollte ich gerade mein Ei und meinen -Zwieback genießen, als ich inne ward, daß ich sie -schon verzehrt hätte. Mit männlicher Entschiedenheit -sprang ich auf und wanderte meiner Wohnung -zu, um ein wenig zu ruhen, ein wenig an meinem -Trauerspiel »Ugolino« zu arbeiten und mich auf das -kohlensaure Bad mit kalter Abwaschung und Massage -vorzubereiten.</p> - -<p>Beim Mittagessen saß mir gegenüber ein Mann, -der jedes Mitgefühls bar ein Menü von sechs Gängen -aß. Um mich zu kasteien, las ich das ganze Menü -durch, einem Athleten gleich, der, mit Kopf und<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -Füßen auf zwei Stühlen liegend, sich immer neue -Zentnergewichte auf die Brust legt. Ueber dem -Menü stand geschrieben:</p> - -<p> -»Ohne weitere Auswahl!!!!!!!«<br /> -</p> - -<p>Mit sieben Ausrufungszeichen; ich habe sie gezählt.</p> - -<p>»Kann ich für den Kalbsbraten auch was andres -haben?« fragte mein Gegenüber.</p> - -<p>»Aber natierlich!« versetzte der Kellner.</p> - -<p>Da fragte ich mich: Wieviele Ausrufungszeichen -macht man in diesem Lande hinter einem Gesetz, -das wirklich unumstößlich ist?</p> - -<p>Den ausfallenden Mittagsschlaf mußte ich nach -Anordnung des Arztes durch eine vierstündige Fußwanderung -ersetzen. Sie durfte unterbrochen werden -durch eine Tasse Tee. »Mit einem Zwieback,« -hatte der Arzt in einer Anwandlung von Schwäche -hinzugefügt.</p> - -<p>Ich wanderte viereinhalb Stunden, trank ein -Glas Kreuzbrunnen und genoß zu Abend eine -Fleischspeise, ein Gemüse <em class="gesperrt">oder</em> Kompott und ein -Krügel Pilsner. Gehorsam ist des Christen Schmuck.</p> - -<p>Ein unvergleichlicher Trost in solchen Zeiten der -Depression ist eine gute Hamburger oder Bremer -Zigarre. Leider hatte ich mir nur einen winzigen<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span> -Vorrat mitnehmen können, weil Zigarren an der -österreichischen Grenze einen ungeheuren Zoll kosten.</p> - -<p>Wie ein artiges Kind schlüpfte ich gegen zehn Uhr -ins Bett, und diese Lebensweise setzte ich fünf Tage -lang ohne nennenswerte Schwankungen fort. Nur -hatte ich mir am dritten Tage beim Frühstück gesagt: -»Die paar Tropfen Sahne, die zum Tee serviert -werden, könntest du eigentlich mitnehmen. Zwar: -Sahne macht fett. Aber ich erinnere mich vollkommen -deutlich, daß der Arzt nicht gesagt hat: -»ohne Sahne«. Der Mann war sehr genau in seinen -Vorschriften; hätte er die Sahne verbieten wollen, so -hätte er es zweifellos getan. Er hat sie also erlaubt, -und da ich mich strengstens nach seinen Vorschriften -richten will, so muß ich sie eigentlich nehmen. Es ist -zwar nur ein Fingerhütchen voll; aber es ist etwas -mehr.« Seit diesem Tage nahm ich Sahne zum Tee.</p> - -<p>Als fünf Tage herum waren, sollte wieder gewogen -werden. Ich habe in meinem Leben verschiedene -Examina durchgemacht; aber mit so feierlicher -Spannung, mit so freudig-banger Erregung bin -ich keiner Prüfung entgegengegangen wie dieser. Ich -schwankte lange, welcher Wage ich mich anvertrauen -solle; endlich trat ich in einen Laden, legte Hut,<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -Ueberzieher, Handschuhe, Gummigaloschen, Portemonnaie, -Taschenmesser, Uhr und Schlüsselbund ab -und bestieg den Schicksalsstuhl.</p> - -<p>»92 Kilo,« sagte die wägende Themis.</p> - -<p>»Den Zettel!« stotterte ich.</p> - -<p>Da stand es schwarz auf weiß: »92 Kilo!« Also -ein Gewichtsverlust von 3,1 Kilo, von 6⅕ Pfund, -von 3100 Gramm! Die Tugend hatte ihren Lohn -gefunden; Geist und Wille hatten über die Erdenschwere -gesiegt! »Hurra!« flüsterte ich auf der -Straße vor mich hin. »Hurra! Darauf kann ein -vergnügter Abend stehen!«</p> - -<p>Ich suchte meinen Freund auf und das famose -Pilsner-Lokal. Ich konnte mein Glück nicht für -mich behalten; ich mußte mich mitteilen, und noch -eh' ich Hut und Mantel abgelegt hatte, rief ich: -»Sechs Pfund! Sechs Pfund verloren! Der ehrliche -Finder soll sie behalten! Wie steh' ich nun da?«</p> - -<p>»Was?« schrie mein Freund. »Sechs Pfund in -fünf Tagen? Menschenskind, sind Sie denn des -Deubels? Wissen Sie auch, daß Sie sich dabei den -schönsten Herzklaps holen können?«</p> - -<p>Ich erschrak und griff unwillkürlich nach der -Speisenkarte. Mein Auge fiel auf: Filetbraten mit<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -Makkaroni. Und mir ward, als spräche der Herr: -»Es sammle sich alles Wasser unter dem Himmel,« -und mein Mund wäre der Sammelplatz. »Donnerwetter,« -stöhnte ich, »Makkaroni ess' ich so gern; -aber sie setzen Fett.«</p> - -<p>»Nanu?« machte mein Freund, »Makkaroni? Sie -sind doch in Italien gewesen. Wo sieht man schlankere, -sehnigere Gestalten als in Italien? Und das -lebt den ganzen Tag von Polenta und Makkaroni.«</p> - -<p>Ich muß gestehen: ich hatte einen Augenblick den -Argwohn, daß mein Freund mich verführen wolle; -aber ich schämte mich sofort dieser häßlichen Regung -und bestellte mir Filetbraten mit Makkaroni und -reichlichem Käse.</p> - -<p>Als ich schwankte, ob ich mir ein drittes Glas -Pilsner bestellen dürfe, fragte mich mein Freund:</p> - -<p>»Wieviel hat Ihnen denn Ihr Arzt erlaubt?«</p> - -<p>»Einen Krug,« versetzte ich.</p> - -<p>»Macht vier,« sagte er.</p> - -<p>»Wieso?«</p> - -<p>»Nun, wenn er Ihnen einen gestattet, so nimmt -er an, daß Sie zwei trinken; ein guter Arzt gestattet -seinem Patienten aber nur dann zwei Krüge Bier, -wenn er weiß, daß ihm auch viere nicht schaden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span></p> - -<p>»Ja, ein guter Arzt ist er,« rief ich, »er hat auf -mich den Eindruck eines sehr intelligenten und gewissenhaften -Mannes gemacht.«</p> - -<p>»Na also!« rief mein Freund, und ich bestellte -zunächst das dritte Glas. –</p> - -<p>Am nächsten Morgen erschien ich erst um halb -neun am Brunnen, weil ich erst um acht Uhr aufgestanden -war. Der Morgenspaziergang fiel daher -aus; das Gefühl der Sättigung aber, das mich noch -vom Abend vorher erfüllte, kam dem Fortgang -meines »Ugolino« glänzend zustatten. Die Zeilen -flogen nur so aufs Papier.</p> - -<p>Das Hochgefühl gelungener Arbeit regt wohl bei -allen Menschen den Appetit an. Mein diesmaliges -Gegenüber am Mittagstisch verzehrte ein Riesenstück -von einem Karpfen auf böhmische Art. Ich fragte -den Kellner, ob noch ein so gutes Stück da sei, und -als er es bejahte, bestellte ich es. Im übrigen aber -hielt ich mich streng an die Vorschrift und aß nur -noch eine Fleischspeise, ein Gemüse und ein Kompott -nebst Brot. Ebenso blieb ich am Abend streng bei -meiner Diät, und wenn ich mir darüber hinaus eine -Portion Palatschinken bewilligte, so wird nur der -etwas darin finden, der diese Speise nicht kennt.<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span> -Palatschinken sind ganz dünne Pfannkuchen, die mit -Kompott oder Fruchtgelee bestrichen und dann aufgerollt -werden. Wenn ich den Erfinder dieses Gebäcks -kennte, so würde ich ihm ein Denkmal errichten, -und wie man Gelehrte, Dichter und Staatsmänner -auf ihren Monumenten wohl mit einer Pergamentrolle -darstellt, so würde ich ihm einen Palatschinken -in die Hand geben. Außerdem muß man wissen, -wie solche Sachen in Oesterreich bereitet werden. -Ich lobe die österreichischen Mehlspeisen (die man -dort merkwürdigerweise »Müllspeisen« nennt) -grundsätzlich, weil, wer das unterläßt, beim nächsten -Wiederbetreten des Landes als lästiger Ausländer -ausgewiesen wird; aber ich lobe sie auch aus innerster -Ueberzeugung. Sie werden selbst von den Hamburger -Köchen nicht erreicht – <em class="antiqua">sapienti sat</em>.</p> - -<p>So lebte ich abermals fünf Tage in Fasten und -Kasteiungen dahin, mir nur hin und wieder einen -kleinen Seitensprung gestattend, um das allzu -schnelle Entfettungstempo wohltätig zu verlangsamen. -Der »Herzkollaps« stand mir als warnendes -Gespenst vor Augen. Dabei war ich so intensiv -mit meiner Arbeit beschäftigt, daß ich mir beim -Frühstück aus reiner Zerstreutheit zwei Eier oder<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span> -Butter oder Schinken, einmal sogar alles zugleich -kommen ließ und in Gedanken verzehrte. Am -zehnten Tage schritt ich fröhlich zur Wage. Nach -meinem Spiegelbilde und meinem Allgemeingefühl -schätzte ich meine Gewichtsabnahme auf drei Pfund. -Das Resultat lautete: »94,5 Kilo.«</p> - -<p>»Sie müssen sich irren!« rief ich.</p> - -<p>»Bitt' schön, schauen der Herr selbst nach,« sagte -der Mann und gab mir den Zettel.</p> - -<p>»Dann ist Ihre Wage nicht richtig!«</p> - -<p>»Bitt' schön, das ist die genaueste Wage in ganz -Marienbad.«</p> - -<p>Gewogen und zu schwer befunden, ein umgekehrter -Belsazar, verließ ich wankend das Haus. Ich -ging in eine Buchhandlung und kaufte mir das -Heft: »Wie werde ich energisch?« und begann meine -Kur von vorn.</p> - -<p>Ich trank Brunnen, daß ich zeitweilig an der -fixen Idee litt, ich sei ein Rohr der städtischen -Wasserleitung; ich knabberte morgens meinen einsamen -Zwieback und scherzte dazu blutenden Herzens -mit der appetitlichen Kellnerin, »ich kroch durch -alle Krümmen des Gebirgs«, die in der Umgegend -Marienbads aufzufinden sind, »den Durst mir<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -stillend mit der Gletscher Milch, die in den Runsen -schäumend niederquillt,« und schwitzte, oder, wie der -Gebildete sagt: transpirierte, daß man die <em class="antiqua">disjecta -membra poetae</em> in der ganzen Gemarkung hätte -zusammenlesen können. Beim Mittagessen saß ich -mit niedergeschlagenen Augen wie eine züchtige -Pastorentochter, um die andern nicht essen zu sehen; -denn, weiß der Teufel, obwohl ich jeden Tag anderswo -saß, immer hatte ich zum Gegenüber einen -Schlemmer und Fresser, der einen Rekord brechen -zu wollen schien. Eine Tochter, die mir in diesen -Tagen schrieb, daß man zu Hause eine »großartige« -Aalsuppe mit Schwemmklößen gegessen habe, verstieß -ich auf telegraphischem Wege. Mein »Ugolino« -rückte natürlich nicht von der Stelle. Meinem -»Freunde« wich ich, wenn ich ihn von weitem sah, -in größtmöglichem Bogen aus. Ja, dieser »Freund«, -er konnte lachen; er war ein »hagerer Wollüstling« -wie Calcagno, »Bildung gefällig und unternehmend«; -er konnte machen, was er wollte, er war -und blieb geschmeidig wie ein Rapier. Man klagt -ein langes und breites über die ungleiche Verteilung -des Besitzes, über die ungleiche Verteilung -der Geistesgaben, über die ungleiche Verteilung von<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -Schönheit und Körperkraft; aber gibt es eine schreiendere -Ungerechtigkeit, als daß Menschen jahraus, -jahrein Diners von fünfzehn Gängen mit zugehörigen -Weinen und Likören vertilgen, ohne auch nur um -die Dicke eines Lindenblättchens zuzunehmen? Muß -einen nicht ein darmzerfressender Neid durchwühlen, -wenn man das ansieht und um jeden elenden Kartoffelschmarrn -ein Pfund schwerer wird?</p> - -<p>Das Traurigste in diesen dunklen Tagen war, -daß meine heimischen Zigarren alle geworden -waren. In Oesterreich werden die Zigarren von -der Regierung gedreht. Sie werden aus einem -tabakähnlichen Stoffe verfertigt (ich halte es für eine -Art Baumwolle), sind nicht billig, brennen aber vorzüglich -und riechen nicht. Man kann sie Säuglingen -geben, die die Muttermilch nicht vertragen. Der -österreichische Patriot pflegt seine Zigarren zu verteidigen, -indem er sagt: »Ja freilich, unsere Zigarren -taugen nichts; aber das ist das Gute am Monopol: -man kriegt sie in der ganzen Monarchie, auch -im kleinsten Dorf, in der nämlichen Qualität!« -Uebrigens stimmt das nicht einmal; denn in den -kleinen Spezereigeschäften auf den Dörfern werden -sie gewöhnlich zwischen Petroleum und Chlorkalk<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span> -aufbewahrt, und dann riechen sie. Freilich halten -sie auch dann keinen Vergleich aus mit den italienischen -Zigarren. Aus einer Zigarre in Venedig roch -ich einmal Seife, Zimt, Gorgonzola, Buchdruckerschwärze, -ranziges Oel, Rhabarbertropfen, Kaffee -und muffig gewordene Spaghetti heraus. An der -Schweizer Grenze fragte mich ein Zollbeamter, ob -ich auch italienische Zigarren im Koffer hätte. -»Herr!« rief ich außer mir. »Wie kommen Sie dazu, -mir Perversitäten zuzumuten?!«</p> - -<p>Warum ich mir keine Zigarren von Deutschland -hereingeschmuggelt hatte? Ich halte mich nicht für -berechtigt, einen Staat, mit dem wir einen Dreibund -geschlossen haben, in seinen Finanzen zu schwächen. -Offen gestanden, hatt' ich's auch vergessen.</p> - -<p>An einem dieser Tage, von denen schon die -Koheleth sehr richtig bemerkt, daß sie uns nicht gefallen, -stand ich gedankenvoll vor dem Stadt- und -Posthause, noch beschäftigt mit einem Brief, in dem -mir Weib und Kinder ihre Verlassenheit klagten. Wie -gern wäre ich zu ihnen geeilt, wenn nicht Pflichten -gegen das schnöde Fleisch mich an diesen Marterort -gebannt hätten. Da fiel eine Hand auf meine Schulter, -und neben mir stand mein Freund Calcagno.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span></p> - -<p>»Famos, daß ich Sie treffe!« rief er, »gerade -wollt' ich Ihnen schreiben. Also morgen um drei -Uhr kommen ein paar nette Kerle zu mir zu einem -einfachen Mittagessen. Tun Sie mir die Liebe, mit -von der Partie zu sein!«</p> - -<p>Ich kannte seine »einfachen Mittagessen«; -Lucullus war Kasernenküche dagegen. Ich lehnte -ab unter Hinweis auf meine Kur.</p> - -<p>»Aber, Teuerster, Ihre Kur soll nicht das geringste -darunter leiden! Lauter leichte Sachen! -Schließlich brauchen Sie ja nur zu essen, was sich -mit Ihrer Kur verträgt! Und wenn Sie nicht -wollen, essen Sie gar nichts! Wenn Sie nur -dabei sind!«</p> - -<p>Ich bemerkte noch einmal mit vor Entschlossenheit -bebender Stimme, daß ich fest bleiben müsse.</p> - -<p>»Aber jeder vernünftige Arzt gestattet doch Ausnahmetage; -er schreibt sie sogar vor. ›Meide die -Gewohnheit,‹ sagt Schweninger, ein Mann, der -Bismarck entfettete! Wenn Sie sich an diese Lebensweise -gewöhnen, werden Sie dick statt mager. Es -ist eine bekannte Beobachtung, daß Sträflinge sogar -bei der Zuchthausmenage fett werden –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p> - -<p>»Sie haben recht!« rief ich im frohen Gefühl, -eine neue Wahrheit gefunden zu haben. »Ich -komme; ich komme bestimmt!«</p> - -<p>»Na bravo! Das ist ein Manneswort. Sie -werden sehen, es wird nett!«</p> - -<p>O, ob es nett wurde! Es gab Kaviar, getrüffelte -Gänseleber, Brüsseler Poularde, Langusten, Zungenragout, -Sorbet usw. usw. Dazu 68er Stefansberg, -93er Hattenheimer Bildstock, 69er Lafitte -Schloß-Abzug, 47er Yquem, ganz alten Heidsieck; -kurz: Weine von einem unglaublichen Innenleben -und von einem Alter, daß man bei jedem Glase unwillkürlich -nach dem Kopfe griff, um ehrerbietig den -Hut abzunehmen. Und zu jedem Gericht und jedem -Wein gab der Wirt nicht ohne Scharfsinn eine überzeugende -Erklärung, warum und inwiefern sie kurgemäß -wären. Von dem alten Heidsieck zu trinken, -verbot mir gleichwohl meine Selbstzucht.</p> - -<p>»Auf Sekt will ich denn doch lieber verzichten,« -erklärte ich und hielt die Hand übers Glas.</p> - -<p>»Warum denn gerade auf Sekt?« rief Calcagno -mit grenzenlosem Erstaunen. »Alle Rennpferde -kriegen Sekt! Haben Sie schon einmal ein korpulentes -Rennpferd gesehen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p> - -<p>Für streng logische Schlüsse habe ich immer eine -Schwäche besessen; ich zog meine Hand zurück. – –</p> - -<p>Andern Mittags, als ich aufgestanden war, -schlenderte ich über die Kreuzbrunnenpromenade -und entdeckte dort eine automatische Wage mit der -Ueberschrift: »Wieviel wiegen Sie?« Ich fand diese -Frage zwar etwas dummdreist; aber ich konnte ihr -doch nicht widerstehen, stieg auf, steckte 20 Heller in -den Schlitz und konstatierte 94 Kilo.</p> - -<p>Also das war nun der ganze Erfolg nach drei -Wochen des Darbens, Kurierens und Kasteiens! -Ein ganzes Kilogramm!</p> - -<p>Halt – an dem Automaten befand sich auch eine -Tabelle, nach der man genau feststellen konnte, wieviel -man wiegen dürfe. Ich fand, daß meiner Körperlänge -ein Gewicht von 65 Kilo angemessen wäre. -Also hätte ich 30 Kilo zu viel, und sie zu beseitigen, -forderte 90 Wochen Marienbad! Es war doch -geradezu lächerlich, solch einen Ort für Entfettungskuren -zu empfehlen!</p> - -<p>Ebenso lächerlich war übrigens diese Tabelle. -Als ob man so rein mechanistisch die Leibesstärke -eines Menschen vorschreiben könnte, als ob sie nicht -individuelle Bestimmung wäre wie meine Augen,<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -meine Stimme, meine Hand, mein Temperament! -Ich ging die Reihe meiner Ahnen durch bis ins -15. Jahrhundert – soweit ich sie kannte, waren sie -meistens oder doch großenteils wohlbeleibt gewesen. -Es war also meine Bestimmung, dick zu -sein. Was wußten die Aerzte von meiner Bestimmung! -Gewiß war es vernünftig und geraten, -einem Uebermaß vorzubeugen. Das wollt' ich ja -auch, tat ich ja auch! Aber wie weit man gehen darf, -das kann kein Automat und kein Arzt bestimmen; -das muß man selbst fühlen. Ein vernünftiger und -leidlich gebildeter Mensch soll sein eigener Arzt sein.</p> - -<p>Danach beschloß ich nun zu handeln, und da -gerade mein Geburtstag war, aß ich ein Gericht -Knödel, wie ich sie so sehr liebe. Ich wußte wohl, -daß ich nach diesen Knödeln wieder Gewissensbisse -fühlen würde; aber Gewissensbisse machen mager, -und so wurde die gewünschte Wirkung auf einem -Umwege doch erzielt.</p> - -<p>Hartnäckig wie ich in der Verfolgung eines einmal -gesteckten Zieles bin, setzte ich bis zum Ende -meines Aufenthalts meine Kur ohne Unterbrechung -fort. Daß ich mich für das Diner meines Freundes -revanchierte, ist selbstverständlich. Ich konnte mich<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span> -unmöglich einladen lassen, ohne wieder einzuladen. -Um Exzessen vorzubeugen, gab ich indessen kein -Diner, sondern nur ein Frühstück; daß meine Gäste -erst nach Mitternacht aufbrachen, ist nicht meine -Schuld; ich konnte sie doch nicht fortschicken.</p> - -<p>So hatte sich denn unter den Mitgliedern dieses -Kreises ein höchst erfreuliches Verhältnis herausgebildet, -und dieses harmonische Einvernehmen fand -in einem Abschiedsessen, das die Herren mir am -Abend vor meiner Abreise gaben, seinen natürlichen -Ausdruck. Die Herren überhäuften mich mit Aufmerksamkeiten -jeglicher Art; sie hatten ein Menü -zusammengestellt, das ausschließlich aus meinen -Lieblingsspeisen bestand, und wollten es sich nicht -nehmen lassen, mich von der Festtafel direkt an den -Zug zu begleiten. Ich nahm dies Anerbieten mit -Vergnügen an, ließ mich aber selbstverständlich durch -allen Jubel und Trubel in meinem Pflichtgefühl -nicht beirren. Unter dem Vorwande, daß ich mir -noch Handschuhe kaufen müsse, trat ich auf dem -Wege zum Bahnhof in ein Handschuhgeschäft mit -allein richtiger Personenwage. Ich legte alles ab: -Hut, Mantel, Taschenmesser usw., nur nicht das -Portemonnaie – es war von keinem Belang mehr<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -– setzte mich in den Stuhl und machte mich so leicht -wie möglich.</p> - -<p>»95,3 Kilo!«</p> - -<p>Das »weitbeschreyte« altberühmte Marienbad -hatte mir also nicht nur nichts geholfen; es hatte mir -zu meiner Fülle noch 200–300 Gramm hinzugebürdet. -Und auf diesen Schwindel war selbst ein -Goethe hineingefallen!</p> - -<p>Daheim schilderte ich meinen Freunden bis ins -Einzelne hinein die Marienbader Kur und ihre Vorschriften.</p> - -<p>»Und das hast du vier Wochen lang befolgt?« -riefen sie wie aus einem Munde.</p> - -<p>»Im großen und ganzen – und im wesentlichen -ja!« versetzte ich mit einer großen und runden Armbewegung.</p> - -<p>Warum die Kerle sich in die Rippen stießen und -mein bester, treuester Freund sogar laut herausprustete, -ist mir noch heute ein Rätsel.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Ziege">Die Ziege</h2> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p> - -<p class="drop">Die Sache begann sehr harmlos. Als ich vor -Jahren einmal mit Roswithen spazieren ging, -fragte sie mich: »Vater, magst du gern Ziegen leiden?«</p> - -<p>Ich kann eigentlich nicht behaupten, daß ich die -Reize der Ziegen überwältigend finde; es sind ja -auch nicht gerade die schönsten und liebenswürdigsten -Damen, die man als Ziegen bezeichnet. Ich antwortete -also langsam, gedehnt und ohne jeden Schwung:</p> - -<p>»Nun jaaa – hm, – wie man's nimmt – -warum nicht?«</p> - -<p>»Ich schrecklich gern!« seufzte Roswitha. »So -kleine junge Ziegen find' ich reizend!«</p> - -<p>Ja, wenn sie noch klein sind, sind sogar die Menschen -reizend. Dachte ich, sagte ich natürlich nicht.</p> - -<p>Damit schien dieses Thema erschöpft.</p> - -<p>Wir hatten damals nur einen recht kleinen -Garten, in dem freilich ein paar alte mächtige -Bäume standen, eben deshalb aber Gras und Kräuter -nur kümmerlich gediehen.</p> - -<p>Nach Monaten spazierten wir durch einen wunderschönen, -riesengroßen Park, einen Park, dessen sich der<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -reichste König nicht zu schämen brauchte, einen Park -wie ein kleines Fürstentum, mit Hügeln und Tälern, -Teichen und Tempeln, Rosenlauben und Wiesen.</p> - -<p>»Vater,« fragte Roswitha, »wenn der Mann, -dem dieser Park zugehört, dir ihn abverkaufen wollte -– kauftest du ihn denn?«</p> - -<p>»Nein,« versetzte ich mit großer Klarheit. Ich -wußte wohl, warum.</p> - -<p>»Aber wenn er ihn dir schenken wollte – nähmst -du ihn denn?«</p> - -<p>»Ja,« versetzte ich mit erhöhter Klarheit. Falsche -Scham schien mir hier nicht am Platze.</p> - -<p>»Ich auch!« rief Roswitha triumphierend. »Und -weißt, was ich denn täte?«</p> - -<p>»Hm?«</p> - -<p>»Denn kaufte ich mir 'ne süße kleine Ziege, und -die ließ' ich auf der Wiese grasen. Denn hat sie doch -genug zu essen, nicht?«</p> - -<p>»Ich denke doch.«</p> - -<p>Wir wurden durch den Schrei eines radschlagenden -Pfauen abgelenkt, und ich machte keine Anstrengungen, -das verlassene Thema wieder aufzunehmen. -Und Roswitha schien zu fühlen: Für heute -ist es genug. Man soll nichts forcieren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span></p> - -<p>Die Lektüre seiner Kinder kann man nicht sorgfältig -genug überwachen. Ich hatt' es daran fehlen -lassen: Roswitha erwischte eine Geschichte mit einer -Ziege darin. Es war »Heidi« von Johanna Spyri, -gewiß eine nette Geschichte, wenn keine Ziege darin -wäre, und wenn die nicht noch obendrein »Schneehöppli« -hieße. Durch Namen fixieren wir die Begriffe, -nageln wir sie in unserm Gedächtnis fest. Nun -hatte Roswithens Sehnsucht einen Namen: »Schneehöppli«; -nun saß die Sehnsucht fest.</p> - -<p>»Wenn ich verheiratet bin, dann kann ich doch -tun, was ich will, nicht?«</p> - -<p>Sie nahm mein Schweigen für Bejahung.</p> - -<p>»– und wenn ich denn Ludwig heirate, denn -kauf' ich mir 'ne Ziege, und die soll »Schneehöppli« -heißen. Wenn ich Fritz heirate, der will drei Kinder -haben; aber wenn ich Ludwig heirate, der will keine -Kinder haben, denn schaff' ich uns 'ne Ziege an.«</p> - -<p>Von Zeit zu Zeit rückte der Termin des Ziegenkaufes -ein tüchtiges Stückchen vor. »Wenn ich groß -bin, denn kauf' ich mir –« und so weiter. –</p> - -<p>»Wenn ich nicht mehr zur Schule gehe und 'n -ganzen Tag frei habe, denn kauf' ich mir –« und -so weiter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span></p> - -<p>Roswithens ältere Schwester Herta verdiente -seit einiger Zeit Geld. Das kam so. Meine Frau -und ich sind übereinstimmend der Meinung, daß -selbst eine sauber gespielte Sonate von Beethoven -und die Fähigkeit, »<em class="antiqua">Comment vous portez-vous</em>« -und »<em class="antiqua">I am very glad to see you</em>« und solche gebildeten -Dinge zu sagen, für den Lebenskampf eines -Weibes nicht ganz ausreichen. Unsere Töchter lernen -deshalb einen richtigen Beruf, und Herta interessierte -sich lebhaft für den Haushalt. Sie trat bei ihrer -Mutter in die Lehre und mußte von der Pike auf -dienen, wenn man das Gerät, mit dem der Fußboden -gescheuert wird, eine Pike nennen kann. Sie bekam -den Namen »Minna«, wurde mit »Sie« angeredet und -erhielt fünfzig Taler Lohn <em class="antiqua">pro anno</em>, und abgesehen -davon, daß sie öfters der Herrschaft gegenüber einen -etwas vertraulichen Ton anschlug und gelegentlich den -Hausherrn küßte, füllte sie ihre Stelle redlich aus.</p> - -<p>»Wenn ich so groß bin wie Herta,« sagte Roswitha, -»denn dien' ich auch bei euch, und denn verdien' -ich auch Geld, und denn kauf' ich mir 'ne Ziege.« -Sie mochte sich vorstellen, daß eine Ziege so einige -tausend Mark koste, und wir hüteten uns schwer, -dieses wohltätige Dunkel aufzuhellen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p> - -<p>Gelegentlich vertauschte Roswitha die direkte -Methode mit der indirekten. Sie redete dann nicht -zu den Eltern, sondern zu den Geschwistern von -Ziegen, natürlich nur, solange mindestens eines der -Eltern in Hörweite war. Sie schilderte in lebendigen -Farben das Werden und Wachsen, das Leben -und Treiben, das Springen und Meckern – kurz: -der Ziegen über alles bezaubernde Schönheit und -Anmut. Gelegentlich streifte mich von unten herauf -ein forschender Blick, den ich auch dann sah, wenn -ich sie nicht anblickte, den ich mit jenen Augen wahrnahm, -die man im Rücken und an beiden Seiten hat.</p> - -<p>Als einmal wieder die Weihnacht nahe war, kam -es zu einem kleinen Vorpostengefecht. Roswitha -wurde nach ihren Wünschen gefragt.</p> - -<p>»Mein höchster Wunsch ist ja natürlich 'ne Ziege; -aber –«</p> - -<p>»Aber, Liebling,« rief meine Frau, »wie sollen -wir denn hier in der Stadt eine Ziege halten! Wenn -wir so ein Tierchen anschaffen, muß es doch auch sein -Recht haben! Wo sollen wir's denn unterbringen!«</p> - -<p>»Hm,« machte Roswitha mit nachdenklichem Gesicht, -»in der Küche kann sie ja nicht sein.«</p> - -<p>»Nein,« erklärte meine Frau entschieden, »in<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -der Küche kann sie nicht sein!« Dieser Versuchsballon -war geplatzt.</p> - -<p>»Das arme Tierchen würde sich gar nicht wohl -fühlen bei uns,« versicherte meine Frau.</p> - -<p>Damit hatte sie die richtige Stelle in Roswithens -Herzen getroffen. Nein, wenn es sich nicht wohl fühlte, -dann ging's nicht, das sah sie ein, sah sie wenigstens -für einige Monate ein. Länger dauern menschliche -Einsichten ja selten, weil inzwischen das Zuckerrohr -der Wünsche wieder mächtig herangewachsen ist.</p> - -<p>Unglücklicherweise mußte sie über den Robinson -geraten. Hatte Heidi eine Ziege gehabt, so hatte -Robinson eine ganze Insel voll wilder Ziegen, aus -denen er sich nur aussuchen konnte. Ich bin überzeugt, -der arme Verschlagene erschien ihr als der -beneidenswerteste der Menschen, weil er in Ziegen -förmlich schlampampen konnte.</p> - -<p>Und dann kaufte ich ein Haus auf dem Lande, -und noch eh' wir's beziehen konnten, fuhren wir täglich -hinaus und erquickten uns an der frischen, unverbildeten -Natur, an den duftenden Hainen und -Hecken, an den saftiggrünen Wiesen, auf denen man -endlich einmal wieder unbekleidetes Rindvieh sah. -Und endlich nahmen wir Besitz von dem Hause und<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -dem stattlichen Garten, der vier mehr oder minder -ansehnliche Rasenplätze aufwies. Wenn Roswitha -jetzt mit ihren Geschwistern von Heidi, Robinson, -Polyphem und ähnlichen Glückspilzen sprach, dann -hatten ihre Blicke etwas Bohrendes, Sengendes; -sie gingen durch Rock und Hemd bis auf die Haut, -wie die Sonnenstrahlen aus einem Brennglas.</p> - -<p>Um ein Ende zu machen, schenkten wir ihr einen -Dackel namens Männe. Einen Hund zu beherbergen, -zu pflegen und zu zügeln, dazu reichten unsere -Erfahrungen und tierpädagogischen Talente allenfalls -aus. Dieser Dackel verschaffte uns endlich Ruhe. -Das klingt zwar widerspruchsvoll, ist aber doch -richtig; die Seele hatte Ruhe.</p> - -<p>Ruhe für ein Jahr und fünf Monate. Dann wurde -uns klar und klarer, daß Hunde nur als eine Abschlagszahlung -auf Ziegen anzusehen sind. Vielmehr: Roswitha -betrachtete Männe nur als die Summe der aufgelaufenen -Zinsen; der Wechsel war so unbezahlt wie je.</p> - -<p>Ein Unglücksbengel aus dem Dorfe mußte ihr -eines Tages erzählen, er könne ihr eine kleine Ziege -für eine Mark fünfzig verkaufen.</p> - -<p>Aufgelöst kam Roswitha nach Hause.</p> - -<p>»Vater! Mutter! 'ne Ziege kostet bloß eine Mark<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span> -fünfzig! Ich hab' ja fünf Mark in mei'm Spartopf; -darf ich mir eine holen?«</p> - -<p>»Liebe Roswitha, es ist nicht wegen der Mark -fünfzig; eine Ziege braucht doch auch einen ordentlichen -Stall, und den haben wir nicht, können wir -in unserm Garten auch gar nicht anbringen.«</p> - -<p>Damit war auch dieser Angriff abgeschlagen.</p> - -<p>Eine Woche später, auf einem Spaziergange, -zwang sie mich plötzlich, meinen Schritt anzuhalten.</p> - -<p>»Vater, möchtest du dies Haus haben?«</p> - -<p>»Nicht geschenkt!« versetzte ich mit Nachdruck. Es -war eine sogenannte »Villa« im denkbar schauerlichsten -Maurermeisterstil.</p> - -<p>»Ich möcht' es haben!« hauchte sie sehnsuchtsvoll.</p> - -<p>»Nanu?« rief ich. Ich sah mir unwillkürlich den Zementphantasieschrank -noch einmal an. »Warum denn?«</p> - -<p>»Dahinter ist 'n Stall,« sprach sie andachtsvoll.</p> - -<p>Das Verhängnis ging seinen Gang wie in einem -Schicksalsdrama. Nachbarkinder, mit denen Roswitha -gelegentlich spielte, bekamen eine Ziege zum Geschenk.</p> - -<p>Das hatte ein Gutes: wenn Roswitha weder im -Hause noch im Garten zu finden war, wir brauchten -uns nicht zu ängstigen, wir brauchten nur zu der -nachbarlichen Ziege zu gehen, da war sie. Sie mußte<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -von der Ziege weg zum Essen, sie mußte von der -Ziege weg ins Bett geschleift werden.</p> - -<p>Und eines Morgens beim Frühstück begann sie:</p> - -<p>»Vater, ich weiß was. Unten im Keller haben -wir doch so 'ne große Bücherkiste, nicht?«</p> - -<p>»Ja!«</p> - -<p>»Da machen wir einfach 'ne Tür hinein, und -denn ist das 'n Ziegenstall.«</p> - -<p>Da riß mir die Geduld.</p> - -<p>»Roswitha,« sagte ich ernst, »nun hörst du endlich -auf mit deiner Ziege, nun hab' ich's satt. Du -bekommst keine Ziege, und damit basta. Schrumm!«</p> - -<p>»Schrumm« hätte ich vielleicht nicht sagen sollen; -es paßt nicht in den Ernst eines Ultimatums.</p> - -<p>Aber die Absage wirkte. Roswitha sprach weder von -Stall noch Ziege mehr, nicht einmal andeutungsweise, -nicht einmal zu den Geschwistern. Sie ging fortan still -einher, aber nicht etwa traurig, nicht etwa gedrückt, -nein, nur mit der stolz zusammengerafften Kraft eines -Entsagenden, der das Unvermeidliche trägt, weil es getragen -werden muß, und sich für die verlorenen Freuden -der Welt durch gesteigertes Innenleben entschädigt.</p> - -<p>Es war ja vielleicht etwas hart von mir, ihr die -Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches zu versagen.<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -Aber meine Frau sowohl wie ich haben nach Begabung -und Lebensgang so entsetzlich wenig mit -Viehzucht gemein, daß wir uns geradezu davor -fürchteten, uns so ein Geschöpf auf den Hals zu -laden. Und schließlich soll man seinen Kindern doch -auch nicht jeden Wunsch erfüllen. Sie werden ja -schon ohnedies viel zu sehr verwöhnt. Es kann ihnen -gar nichts schaden, wenn sie einmal mit ungestümer -Nase gegen eine verschlossene Tür rennen. Das Leben -wird ihnen mehr solcher Türen zeigen. Roswitha -schien durch ihren Verzicht gesetzter, ihre Augen, ihr -ganzes Gesicht schien seelenvoller geworden zu sein.</p> - -<p>Meine Frau und ich kamen spät in der Nacht -aus fröhlicher Gesellschaft heim und wollten uns -eben zur Ruhe begeben, da sahen wir auf dem -Nachttischchen einen Brief liegen. Auf dem Umschlag -stand: »An Mammi und Pappi« von Roswithens -Hand. Wir öffneten und lasen gemeinsam:</p> - -<div class="letter"> - -<p>»Meine süßen geliebten Wonne-Eltern bitte -bitte schenkt mir doch eine ganz kleine Ziege, ich -will auch gar nichts zu meinem Geburztag und -zu Weinachten haben und ich will mir auch schrecklich -Mühe in der Ortografi geben, Du sollst sehen, -Mammi, wenn ich groß bin, schreib' ich gans<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span> -richtich, und ich will auch ein guter Mensch werden -und garnicht mehr heftig und jezornig sein. -Ich bitte euch so schrecklich, schenkt mir 'ne Ziege, -wenn Mutti mich unterrichtet denk ich immer blos -an die Ziege. Tausend Billionen Küsse von eurer</p> - -<p class="right"> -Roswitha.« -</p></div> - -<p>Was soll ich weiter sagen – am nächsten Morgen -bewilligten wir die Ziege. Die Wirkung war von ungeahnter -Art. Roswitha wollte auf uns zueilen; aber -plötzlich warf sie sich auf einen Stuhl und brach in -ein herzbrechendes Schluchzen und Wimmern aus.</p> - -<p>Entsetzt liefen wir hinzu: »Was ist denn? Was -fehlt dir, Kind?«</p> - -<p>»Uuhuhuhuu, ich freu' mich so – ich freu' mich -so, uuhuhuhuuu!«</p> - -<p>Solange sie um ihre Ziege gerungen hatte, hatte sie -nie – das mußte man ihr lassen – hatte sie nie versucht, -durch Tränen auf meine Stimmung zu drücken. -Jetzt brach die aufgestaute Flut mit Allgewalt hervor.</p> - -<p>Sobald sie sich beruhigt hatte, machte sie sich auf -den Weg, um den Jungen mit der Fünfzehn-Groschen-Ziege -zu suchen. Sie fand ihn auch, und er verpflichtete -sich hoch und heilig, am folgenden Tage -die Ziege zu liefern. Wenn die folgende Nacht ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -die Wiesen des Traumes zeigte, so waren sie gewiß -alle, alle voll Ziegen.</p> - -<p>Der folgende Tag kam, aber mit ihm kein Junge -und keine Ziege. Sie harrte geduldig bis in den -sinkenden Abend und sagte dann: »Na, er hat wohl -keine Zeit gehabt: er kommt morgen gewiß; er hat -es mir ganz fest versprochen.«</p> - -<p>Allein der meineidige Bube kam auch am folgenden -Tage nicht. Roswitha suchte ihn durchs -ganze Dorf, viele Stunden lang, aber vergebens; -nach seiner Wohnung hatte sie im Taumel der -Freude nicht gefragt. Sie ging schweigend zu Bett; -aber als meine Frau sie in der Frühe weckte, war -ihr Kopfkissen naß von Tränen.</p> - -<p>»Hast du heute nacht geweint, Kind?« fragte die -Mutter.</p> - -<p>»Ich weiß nicht,« antwortete Roswitha. Sie -wußte es wirklich nicht.</p> - -<p>Inzwischen war ein provisorischer Stall gezimmert -worden, und es war die Nachricht eingetroffen, -ein Bauer im Dorfe habe Ziegen zu verkaufen. -Da zogen Herta, Roswitha und Männe mit -einem Blockwagen aus, um eine Ziege zu suchen, und -fanden ein Königreich. Eine gute halbe Stunde<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -später – Männe als Läufer mit fliegender Zunge -vorauf – hielt Höppli (so wurde er der Kürze wegen -genannt), von den beiden Mädeln gezogen, im -Triumphblockwagen seinen Einzug. <em class="gesperrt">Seinen</em> Einzug; -Höppli war nämlich ein kleiner Bock.</p> - -<p>Ich muß gestehen, daß mich bald ein Reuegefühl -über meine lange, hartnäckige Weigerung ergriff. -Es war ein schneeweißes und wirklich allerliebstes -Tierchen; Roswitha hängte ihm ein seit Jahren -bereit gehaltenes, gesticktes Halsband mit einem -Glöckchen um, und in seinen Sprüngen war der -ganze, entzückend ahnungslose Humor eines jungen -Mannes. Und wenn Roswitha das Tierlein auf -den Schoß nahm und ihm die Saugflasche gab, und -Männe die vorbeifließenden Tropfen leckte, dann -versammelte sich nicht nur die ganze Familie zu -dieser feierlichen Handlung, nein, die Leute auf der -Straße blieben staunend stehen und riefen: »Nein, -wie ist das reizend!« Dann sprang Roswithas Herz -genau wie das Böcklein.</p> - -<p>Wenn aber Höppli durch die Straßen spazieren -sprang, dann folgte ihm ein Ehrengeleite von 23 -Nachbarskindern, ganz wie bei einem Kaiser oder -König, und besonders dekorativ wirkte Peter Petersen<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -in Helm und Panzer der Gardekürassiere und -mit dem Daumen im Munde. Höppli war die -Sensation der Straße, war der Clou der Saison, -und als das 23er-Kollegium erklärte, Höppli sei noch -viel schöner als jene Nachbarsziege, die inzwischen -eine alte Ziege geworden war, da stand Roswitha -auf dem Gipfel ihres Glückes.</p> - -<p>Indessen: Roswitha hatte täglich drei oder vier -Stunden Unterricht bei der Mutter, mußte außerdem -Klavier spielen, gelegentlich zum Turnen oder -Zeichnen gehen und auch sonst allerlei außer dem -Hause besorgen. Es fiel Höppli nicht im Traume -ein, sich das stillschweigend gefallen zu lassen; er verlangte -Gesellschaft. Zwar widmete Männe sich ihm -mit der weisen Nachsicht und Güte eines gereiften -Pädagogen; aber Höppli verlangte Damengesellschaft. -Und wenn die nicht da war, so begann er -augenblicklich in Zwischenräumen von vier Sekunden -zu meckern. Das fanden wir während der ersten -zehn Minuten furchtbar komisch, während der zweiten -langweilig, während der dritten lästig und während -der vierten zum Rasendwerden. Und Höppli -wuchs, und mit ihm wuchs seine Stimme. An der -Hand meines Chronometers stellte ich fest, daß er<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -15 mal in einer Minute meckerte, das macht in der -Stunde 900; wenn man täglich nur sechs Stunden -des Alleinseins rechnete, für den Tag 5400, für die -Woche 37 800 mal.</p> - -<p>Die Klavierstunden mußten abgebrochen werden; -ein Musizieren war natürlich nicht möglich. Meine -Frau mußte mit ihrer Schülerin in den bombenfesten -Vorratskeller flüchten. Ich zog mich, um -arbeiten zu können, ins hintere Turmzimmer zurück, -allein vergeblich; wenn ich auch physisch kein Meckern -vernahm, mein inneres Ohr hörte pünktlich jede -vierte Sekunde ein deutlich vernehmbares »Mäh!« -Drei lyrische Produkte dieser Zeit kamen tot zur -Welt; ein Roman starb als Embryo, ein Trauerspiel -bereits im Keime. Nicht jeder Bocksgesang wird -zur Tragödie: das hatte ich schon vorher an der -erotischen Dramatik unserer Tage wahrgenommen.</p> - -<p>Aber das alles war noch Kinderspiel. Hübsch -wurde es erst, als die Nachbarschaft – und mit -Recht – sich empörte. Der Nachbar zu unserer -Linken holte sein Grammophon, das er mir zu Gefallen -eingewickelt hatte, wieder hervor, stellte es -ans offene Fenster und ließ es zehnmal stündlich -»Das Herz am Rhein« singen. Ein anderer brannte<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span> -allabendlich Kanonenschläge ab, die sehr gut gearbeitet -sein mußten. Ein dritter, der ein fabelhaft -stimmbegabtes Baby hatte, stellte es in seinem Kinderwagen -hart an den Zaun meines Gartens. Es -schrie etwas abwechslungsvoller als der Ziegenbock, -und das erfrischte vorübergehend; aber auf die -Dauer wurde es doch eintönig und so lästig, daß ich -verzweiflungsvoll zu meiner Frau sagte:</p> - -<p>»Jetzt haben wir uns gefreut, daß wir kein -Babygeschrei mehr um die Ohren haben; aber -wenn's doch den ganzen Tag brüllt, dafür können -wir selbst eins haben!«</p> - -<p>»Ja,« sagte meine Frau.</p> - -<p>Ich hätte ja das Tier während der Nacht heimlich -wegbringen und am Morgen sagen können, es -sei entlaufen; aber vor den Augen eines Kindes -Komödie spielen – das ist schwer und schlimm. Es -war auch nicht nötig: Roswitha hatte bereits eingesehen, -daß Höppli sich durch sein Benehmen unmöglich -mache. Eine ihrer Freundinnen erklärte sich -mit Freuden bereit, das Böcklein zum Geschenk zu -nehmen – kein Augenblick meines Lebens hat mich -freigebiger gefunden. Unverzüglich wurde Höppli -zur Bahn befördert; wer schnell gibt, gibt doppelt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span></p> - -<p>Als aber durch den Novembernebel von weitem -das Weihnachtsfest herandämmerte, da schrieb Roswitha -auf ihren Weihnachtswunschzettel:</p> - -<div class="wishlist"> -<p> -<span class="wishlist"> </span>Ein Kaleidoßkob.</p> -<p><span class="wishlist"> </span>Ein Indianer-Anzug.</p> -<p><span class="wishlist">×××××××</span>Das Versprechen, das ich im Sommer -wieder auf 14 Tage eine Ziege -haben darf.</p> -</div> - -<p>(Die sieben Kreuze sollten diesen Wunsch entsprechend -hervorheben.)</p> - -<p>Ueber eines bin ich vollkommen beruhigt: Dieses -Kind wird in seinem Leben etwas erreichen, wenn auch -vielleicht keine vollkommen tadellose Orthographie.</p> - -<p>Und über noch eines bin ich mir vollkommen -klar: Sie ist ein Weib. Wenn es nicht ohnedies feststünde -– ihr Kampf um die Ziege macht ihre Weiblichkeit -evident. Ich habe erwogen, ob ich diese -kleine Geschichte nicht überschreiben solle:</p> - -<p class="center"> -»<em class="gesperrt">Die Ziege</em>« oder »<em class="gesperrt">Das Weib</em>«. -</p> - -<p>In Roswithen ist jenes Weibliche der Lady Macbeth, -das einen rauhen Kriegsmann herumkriegt, -jenes Weibliche der Gräfin Terzky, das ein Loch in -einen Wallenstein bohrt, jenes Weibliche der<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span> -Kriemhild, das einen Attila bezwingt. Gewiß: -Roswithens gutes, weiches Herz wird niemals zum -Hochverrat, wird niemals zum Königs- und Burgundenmord -aufstacheln; aber »formal« ist sie eine -Lady Macbeth. Natürlich ist ihre Weibnatur noch -unentwickelt. Sie würde noch unumwunden zugeben, -daß sie sich sehnlichst eine Ziege gewünscht -habe. Ein vollkommenes Weib wird sie erst dann -sein, wenn sie auf die entsprechende Vorhaltung weit -aufgerissenen, starr blickenden Auges und nach zehn -Sekunden staunenden Verstummens ausrufen wird:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Ich</em> mir eine Ziege gewünscht? <em class="gesperrt">Ich</em>? Aber -keine Idee, Liebling! Wie kommst du nur darauf?!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span></p> - -<h2 id="Die_spaete_Hochzeitsreise">Die späte Hochzeitsreise</h2> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p> - -<p class="drop">Als sie sieben Jahre verheiratet waren, machten -sie ihre Hochzeitsreise. Es ging nicht eher. Sie -hatten nämlich geheiratet, als er ein Einkommen von -fünfzehnhundert Mark jährlich hatte. Das kann man -Frechheit nennen; man kann es aber auch Liebe -nennen. Zwar erhielt er nach etwa einem Jahr ein -Schriftstellerhonorar, für das sie hätten reisen können, -wenn nicht ein Kind gekommen wäre und sofort -die Hand auf dieses Geld gelegt hätte. Im nächsten -Jahre aber gelang es ihm, als Vorleser bei einem -alten Herrn einen hübschen Nebenverdienst zu erwerben, -der gerade für das zweite Kind reichte. Da -fiel ihm im dritten Jahre ein Preis für eine wissenschaftliche -Arbeit zu, für den sie sicher eine Reise gemacht -hätten, wenn das diesjährige Kind das -Geisteskind nicht aufgewogen hätte. Die nächsten -zwei Jahre brachten keinen Nebenverdienst und nur -ein Kind.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span></p> - -<p>Als er dann aber zum zweiten Male einen Preis -errang und als sein Gehalt um zweihundert Mark erhöht -wurde, und als ihre Ehe schon zwei Jahre lang -unfruchtbar gewesen war, da beschlossen sie, für dreihundert -Mark eine Reise nach Thüringen zu machen.</p> - -<p>»Deutschland ist das Herz Europas«, das hatte -er als kleiner Junge in der Schule gehört. Es klang -etwas anmaßend; aber ein Deutscher mocht' es -immerhin glauben. Thüringen mußte nach allem, -was er davon gehört und in Bildern gesehen hatte, -das deutscheste Land der Deutschen, mußte das Herz -des Herzens sein. Und dort zog es die beiden hin.</p> - -<p>Siebenundfünfzig Abende hindurch arbeitete er -an den Plänen, und bei allem mußte er denken: -Was wird sie für Augen machen, wenn sie das sieht! -Hätte er alle Genüsse dieser Gedankenreise bezahlen -müssen – ein langes Leben voll Arbeit hätte nicht -gereicht, die Zinsen dieser Schuld zu erzwingen. In -den letzten Tagen ging er wirklich daran, die Kosten -zu berechnen. Da fand sich, daß, wenn er sehr sparsam -zu Werke gehe, etwa ein Zehntel seiner Pläne -verwirklicht werden könne.</p> - -<p>Und in den letzten Tagen wurde sein tapferes -Weibchen feige. Der Junge hatte so heiße Wangen,<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span> -und das Jüngste habe in der letzten Nacht einmal gehustet. -Ihr Herz konnte sich nicht von den Kindern -lösen. Er stellte ihr vor, wie sehr sie einer Erholung -bedürfe – das verschlug gar nichts. Da spielte er mit -roten Backen und glänzenden Augen den vollständig -Abgespannten, Uebermüdeten, Niedergebrochenen. -»Es gibt für eine Familie keine bessere Kapitalsanlage -als die sorgfältigste Pflege des Ernährers,« machte -er ihr klar. Das sah sie ein. Der Abschied von den -Kindern, die unter der Obhut ihrer Schwester blieben, -war nichtsdestoweniger noch eine Katastrophe und -erschien ihr wie bethlehemitischer Kindermord.</p> - -<p>Aber in der Eisenbahn wurde sie völlig anderen -Sinnes. Es ist etwas Eigenes um die Eisenbahn. -Sie hat etwas Fortreißendes, Unerbittliches, Unwiderrufliches. -Aussteigen während der Fahrt ist -bei Schnellzügen nicht anzuraten, und so findet man -sich schnell in das Unabänderliche. Auch sie erfaßte -nun der ganze, springende Jubel des Losgebundenseins, -der den Reisebeginn zu einer so unvergleichlichen -Freude macht, und die beiden benahmen sich -wie ausgerissene Schulkinder. Zwei Minuten lang -saßen sie rechts, drei Minuten lang links; fünf Minuten -lang fuhren sie vorwärts, vier Minuten lang<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span> -rückwärts; bald saß sie auf seinem Schoß, bald er -auf ihrem, bis sie ihn aufstöhnend fortstieß: »Uff, -geh' weg, du dicker Mensch!« – Dann lachten sie, -dann küßten sie sich, dann tanzten sie, dann küßten -sie sich wieder, kurz: es war ein großes Glück, daß -sie das Abteil ganz für sich allein hatten.</p> - -<p>Als der Zug zum ersten Male hielt, öffnete ein -Mann die Tür und machte Miene einzusteigen. Das -Gesicht der jungen Frau zeigte grenzenlose Ueberraschung, -wie wenn jemand ungerufen bei einer -Königin eingetreten wäre; seine Augen aber schleuderten -Blicke, die auch der eingefleischteste Optimist -nicht als Einladung auffassen konnte. Ueber das -Gesicht des Fremden huschte ein lächelndes Verstehen: -Aha – Hochzeitsreisende! Er schloß die -Tür und suchte sich einen andern Platz.</p> - -<p>»Das ist ein guter Mensch!« sprach sie mit frommer -Rührung.</p> - -<p>»Ein vornehmer Charakter,« bestätigte er.</p> - -<p>Aber als sie weiterfuhren, kamen sie in eine -Gegend mit gemeinen Charakteren, die einstiegen -und lange sitzen blieben. Wann werden wir endlich -Kupees für Hochzeitsreisende haben!</p> - -<p>Auf dem Bahnhof einer großen Station nahmen<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -sie das Mittagsmahl ein. Suppe, Fisch, Braten und -Pudding für eine Mark fünfundsiebzig. Er betastete -das dicke Portemonnaie in seiner Tasche und bestellte -eine halbe Flasche Mosel.</p> - -<p>»Hast <em class="gesperrt">du</em> dir das jemals träumen lassen, daß -wir noch einmal wie die Fürsten dinieren würden?« -flüsterte er ihr ins Ohr.</p> - -<p>»Nein!« sagte sie mit langsamem Kopfschütteln und -blickte träumend über ihr Glas hinweg ins Weite.</p> - -<p>Er kam sich vor wie ein Parvenu und gelobte -sich, seinen Wohlstand mit Geschmack zu tragen.</p> - -<p>Die Nichtswürdigkeit der Bevölkerung schien mit -dem Quadrat der Entfernung zu wachsen; bald saß -das ganze Kupee voll, und draußen im Schatten -waren es dreißig Grad. Zwei dicke Bauernweiber -saßen da in dicken Wollkleidern und die Köpfe in -dicke Wolltücher gewickelt; sie wollten nicht dulden, -daß ein Fenster geöffnet werde. Darüber geriet ein -cholerischer Herr in die größte Aufregung; aber -unser Paar vermochte kein Mitgefühl für ihn aufzubringen; -denn erstens: warum war er eingestiegen? -und zweitens: wie kann man sich ärgern, wenn man -durch lauter Sonne fährt, wenn man sozusagen -geradeswegs in die Sonne hineinfährt?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span></p> - -<p>So kamen sie nach Eisenach, und bevor sie ein -Hotel suchten, suchten sie mit ihren Blicken die Wartburg. -Da ragte sie aus Waldwipfeln empor ins -Abendlicht. Welcher Deutsche sucht nicht schon in -Kindertagen mit den Augen der Seele die Wartburg? -Von weitem hörten sie die Stimme Walthers -von der Vogelweide und Wolframs von Eschenbach, -sahen sie das stille Gemach des Bibelübersetzers und -sahen sie die flammenden Feuer der Burschenschaft -wie brausenden Aufschwung junger Herzen in altgewordener, -bittertrauriger Zeit.</p> - -<p>Und tief enttäuscht waren sie, als sie am folgenden -Tage mit vielen andern durch die Räume der -Burg geführt wurden und der »Führer« in schauderhaftem -Deutsch allerlei ungewaschenes, unnützes -Zeug schwatzte. Warum gab man den Besuchern -nicht einen Zettel mit dem Nötigsten in die Hand? -Wenn man ihnen schon ein Notwendiges zum -Schauen nicht gewähren kann: Einsamkeit, warum -gewährt man ihnen nicht wenigstens das Notwendigste: -Schweigen? Wer spricht denn laut, wenn -Wolfram singt und Dr. Martinus sinnt? Und wenn -zwei Liebende das Geschenk solcher Stunden mit -einem einzigen, einem verdoppelten Herzen empfangen,<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -und wenn eines von ihnen, in der Furcht, es -möchte dennoch dem andern ein Hauch des Glückes -entgehen, den Mund auftun muß, wird er nicht -flüstern vor der Gegenwart des Vergangenen? Wie -wenig, deutsches Volk, kennst du deine Schätze, wenn -du sie nicht besser zu zeigen verstehst!</p> - -<p>So waren sie nicht in der Wartburg, als sie -drinnen waren; erst als sie wieder bergab stiegen -und zwischen grünem Laub nach ihr zurückschauten, -da lag sie wieder vor ihnen im Morgenrot der Sage, -da wagten sie wieder einzutreten und ein Jahrtausend -lang durch ihre Räume zu wandeln.</p> - -<p>Und Gott sei Dank! Vor dem Denkmal Johann -Sebastians störte niemand den Zwiegesang ihrer -Herzen, mischte sich niemand ein, als sie entrückten -Ohres singen hörten: »Kommet, ihr Töchter, helft mir -klagen« und »Wir setzen uns mit Tränen nieder«.</p> - -<p>Auf dem Markte kauften sie Kirschen, und am -Abend saßen sie am offenen Fenster ihres Hotelzimmers, -sahen den Mond aus dem Hörselberge -hervorsteigen und schoben die besten Kirschen, die -sie fanden, einander in den Mund. Oder sie faßte -den Stiel einer Kirsche mit den Zähnen, und er -pflückte mit dem Munde die Frucht von ihren Lippen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p> - -<p>»Sind wir nicht viel zu verliebt für so alte Eheleute?« -fragte sie furchtsam.</p> - -<p>»Wenn du noch einmal so etwas sagst, benehme -ich mich gesetzt,« drohte er.</p> - -<p>»Hast du mich noch so lieb wie vor sieben Jahren?« -fragte sie, die Hände auf seine Schultern legend.</p> - -<p>»Siebenmal so toll,« sagte er. »Und so wird -es weiter wachsen mit den Jahren.«</p> - -<p>»Allmächtiger!« rief sie erschrocken. Aber dann -schmiegte sie sich in seinen Arm und fragte: »Glaubst -du, daß schon jemals ein Paar eine so schöne Hochzeitsreise -gemacht hat?«</p> - -<p>»Nie!« versetzte er mit vollkommener Bestimmtheit. -Und er mußte wieder sinnend in die Vergangenheit -blicken, die im Mondlicht auf den Bergen lag. -Er machte eine Hochzeitsreise! Mit voller Börse! -An der Seite eines solchen Weibes sah er Thüringen, -die Wartburg, sollte er Weimar sehen, Weimar! Und -jetzt, in diesem reizenden Hotelzimmer, saß er mit -ihr allein am Fenster! Bei solchem Mondschein! Und -aß die schönsten Kirschen! Du lieber Gott, wie viele -Menschen gab's denn, denen <em class="gesperrt">das</em> zuteil wurde!</p> - -<p>»Und es ward aus Abend und Morgen ein -Tag«; wer immer im Rausch ist, der bedarf kaum<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -des Schlafes; sie nippten vom Schlaf wie Vögel aus -dem Bach: ein Tröpfchen und husch – davon! Es -war nicht ein Rausch wie vom Wein, nein: viel -leichter und darum viel seliger, ein Luftrausch, ein -Lichtrausch, ein Lebensrausch. Sie entschlummerten -spät unter halbgeträumten Worten, und ihr frühes -Erwachen war nur ein anderer Traum.</p> - -<p>Freilich, im Lichtrausch kann man sich übernehmen, -wenn es sich um physisches Licht handelt: -das sollten sie erfahren. Sie hatten sich beim Frühstück -verspätet – es plauschte sich so unendlich gut -mit ihr beim Morgenimbiß – und machten sich erst -um neun auf den Weg. Alles, wessen sie auf ihrer -kurzen Reise bedurften, führten sie mit sich; eine -strotzende Reisetasche hatte er sich umgehängt; ein -Köfferchen trugen sie bald gemeinsam, bald trug er's -allein. Sie hätten es wohl mit der Post vorausschicken -können; aber man mußte sparsam sein. Es -war eine seiner Schwächen, daß er sich ein Talent -zum Sparen einbildete. So schritten sie schlank ein -munteres Tal hinauf, ein Tal voll blinkender Wasser -unter hängendem Gezweig, voll moosiger Felsen und -blitzender Schwalben, ein Tal voll Sonntag. Die -Burschen standen im Sonntagsputz vor den Türen<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -zusammen und schmauchten mit feiertäglicher Umständlichkeit; -die Mädchen schafften noch an Herd -und Brunnen, im Gang und im Blick schon den -kommenden Tanz. Was Wunder, daß unser Paar -alsbald zu singen begann. Und was anders konnten -sie singen als:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Ich hört' ein Bächlein rauschen<br /></span> -<span class="i0">Wohl aus dem Felsenquell,<br /></span> -<span class="i0">Hinab zum Tale rauschen<br /></span> -<span class="i0">So frisch und wunderhell«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">und</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Eine Mühle seh' ich blinken<br /></span> -<span class="i0">Aus den Erlen heraus,<br /></span> -<span class="i0">Durch Rauschen und Singen<br /></span> -<span class="i0">Bricht Rädergebraus«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">und das seltsame Lied mit der wundersamen Stelle:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Und da sitz' ich in der großen Runde,<br /></span> -<span class="i0">In der stillen, kühlen Feierstunde,<br /></span> -<span class="i0">Und der Meister spricht zu allen:<br /></span> -<span class="i0">Euer Werk hat mir gefallen«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">ein Lied, das aus der Werkstatt kommt und wie -aus einer Kirche klingt und uns mit unbegreiflichem -Zauber offenbart, daß Arbeit Schönheit und daß -Ruhe nach der Arbeit ein frommer Gesang ist. Nie<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span> -begreift, wer es aus solchen Liedern nicht begreift, -daß es ein eigenes Ding ist um das deutsche Vaterland. -Ja, sie waren altmodisch, diese beiden Hochzeitsreisenden; -sie sangen Franz Schubert und Wilhelm -Müller, die man in unseren Konzerten kaum -noch hört, weil sie nicht neu genug sind. Hier waren -ihre Lieder jedenfalls neu; hier sprangen sie plätschernd -aus dem Stein hervor; hier wuchsen sie -ihnen von jedem Zweig wie Kirschen in den Mund; -hier sang sie jeder Vogel, und jeder Fels hallte sie -wider. Da, vor dem Tor am Brunnen, stand der -Lindenbaum, und da – horch:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Von der Straße her das Posthorn klingt!<br /></span> -<span class="i0">Was hat es, daß es so hoch aufspringt,<br /></span> -<span class="i0">Mein Herz?«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Und als der siebenjährige Ehemann im Walde sang:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Durch den Hain, durch den Hain<br /></span> -<span class="i0">Schalle heut <em class="gesperrt">ein</em> Reim allein:<br /></span> -<span class="i0">Die geliebte Müllerin ist mein, ist mein!«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">da klang es so merkwürdig, daß die zwanzig Schritt -vor ihm herwandelnde Geliebte stehen bleiben -und sich nach ihm umschauen mußte, obwohl sie -nie in ihrem Leben Müllerin gewesen war. Er -aber machte die zwanzig Schritt in dreien, warf den<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -Koffer ins Moos und gab ihr einen einzigen Kuß, -der aber unter Verliebten seine zwölfe wert war.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»O Kuß in eines Walds geheimstem Grund!<br /></span> -<span class="i0">Fernoben über Wipfeln rauscht die Welt<br /></span> -<span class="i0">Und weiß es nicht, daß unten, Mund auf Mund,<br /></span> -<span class="i0">Zwei Welt- und Selbstvergessene versinken!<br /></span> -<span class="i0">Der Lippen Duft wie junges Tannengrün,<br /></span> -<span class="i0">Und tief im trunken-stillen Blick ein Licht,<br /></span> -<span class="i0">Das hoch herab von heiliger Wölbung fällt!<br /></span> -<span class="i0">O sternendunkler Abgrund, ende nicht<br /></span> -<span class="i0">Und laß uns ewig deine Dämm'rung trinken –«<br /></span> -</div></div> - -<p>Indessen: der Abgrund tat ihnen nicht den Gefallen; -sie traten aus dem Hain auf eine Chaussee. -Chausseen können sehr schön sein, wenn sie wollen; -aber gewöhnlich wollen sie nicht. Es war Mittag -geworden, und bis zu dem Orte, wo sie die Eisenbahn -erreichen wollten, waren es noch zwei Stunden. -Nach ungefährer Schätzung mußten es jetzt -einige Grade über dreißig im Schatten sein; aber -das interessierte hier um deswillen nicht, weil die -Chaussee keinen Schatten hatte. Immerhin konnte -man, wenn man nicht kurzsichtig war, das Ende der -Landstraße absehen, und dann – überhaupt: konnte -man <em class="gesperrt">sie</em> mit Sonnenschein schrecken? »Sonne ist<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span> -gerade was Feines,« riefen sie und schritten mit -höhnischem Trotz in den Zügen fürbaß. Sie schätzten -die in weißglitzerndem Lichte vor ihnen liegende -Straße auf eine gute Viertelstunde; aber man unterschätzt -diese Landstraßen. Nach einer guten halben -Stunde erreichten sie das Ende; aber dieses Ende -war ein neuer Anfang.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»So knüpfen ans fröhliche Ende<br /></span> -<span class="i0">Den fröhlichen Anfang wir an«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">sang er, und sie schritten weiter. Vorsichtiger geworden, -schätzten sie das vor ihnen liegende Stück -auf eine kleine halbe Stunde; aber man unterschätzt -diese Landstraßen. Nach dreiviertel Stunden kamen -sie endlich ans Ende; aber dieses Ende war ein -neuer Anfang. Sie waren offenbar auf einen -weiten Umweg geraten; die Augen eines jungen -Weibes sind eben keine Landkarte. Sie schritten -weiter; aber singen tat er nicht mehr; das Klima -war der Stimme nicht günstig. Immerhin war es -ein Trost, daß das Stück vor ihnen höchstens eine -halbe Stunde sein konnte; aber man unterschätzt -diese Landstraßen. Selbstverständlich trug der sparsame -Mann schon seit langem das ganze Gepäck; aber -das drückte ihn nicht; ihn drückte das Gefühl: sie<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span> -überanstrengt sich. Freilich versicherte sie auf seine -Fragen immer wieder lachenden Gesichts, sie fühle -sich vollkommen wohl und frisch; aber das beruhigte -ihn nicht; sie, die Wahrhaftigkeit selbst, konnte, wenn -es ihm Beschwerden zu verbergen galt, lügen wie -ein Dichter, das wußte er. Nach dreiviertel Stunden -sahen sie Dächer. Ha, das Ziel! Als sie aber -an das Dorf kamen, da hieß es ganz anders. Sie -erfuhren, daß sie bis zu ihrem Ziel »nur« noch eine -halbe Stunde zu gehen hätten. Er wollte sie überreden, -in diesem allerdings wenig versprechenden -Dorfe zu rasten; aber sie sagte: »Wenn ich jetzt sitze, -steh' ich nicht wieder auf. Jetzt halten wir schon aus -bis ans Ende.« So war sie. Wenn sie die Ausdrucksweise -der Landbewohner besser gekannt hätten, -hätten sie gewußt, daß diese immer nur halb -mit der Sprache herauskommen. Nach einer halben -Stunde sahen sie den ersehnten Ort aus der Ferne. -Er vertrieb ihr und sich die Zeit mit einem anmutigen -Spiel. Bei jedem fünften Schritt nickte er -mit dem Kopfe, und dann fiel von seiner Stirn ein -Schweißtropfen in den Sand. Eins, zwei, drei, -vier, fünf – ein Tropfen; eins, zwei, drei, vier, fünf -– ein Tropfen usw. Sie lachte, und so kamen sie endlich<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -in den erstrebten Ort, in das erhoffte Wirtshaus, -in die ersehnte schattige Stube und auf die in visionären -Wüstenträumen erschaute Bank. So. Der -Rest war Schweigen. Hier wollten sie den Rest -ihrer Tage verbringen. Hier sollte man sie abholen, -wenn man sie einmal begraben wollte.</p> - -<p>Sie stützten den Kopf in beide Hände und starrten -einander an wie zwei, die sich schon irgendwo einmal -gesehen haben müssen. Der Kellner fragte, ob die -Herrschaften etwas zu speisen beliebten.</p> - -<p>»Trinken,« gurgelte er.</p> - -<p>»Wasser,« sagte sie drei Minuten später.</p> - -<p>»Mit Kognak!« fügte er nach zwei Minuten -schnell hinzu.</p> - -<p>Dann schob er ihr ein Stückchen von dem dreimal -wöchentlich erscheinenden Kreisblatt zu, das auf -dem Tische lag und das heute, am Sonntag, mit zwei -Seiten Text und vier Seiten Anzeigen erschienen -war. Er las, daß der Bauer Henneberg ein Paar -Ochsen billig verkaufen wolle. Sie las, daß Dr. -Miquel einen Urlaub angetreten habe. Dann las -er, daß Frau Hasenbek feine Herrenwäsche übernehme. -Und dann las sie, daß der Amtsgerichtssekretär -Ranke in den Ruhestand getreten sei. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span> -dann las er wieder, daß der Bauer Henneberg ein -Paar Ochsen billig verkaufen wolle; denn vordem -hatte er es nicht ganz erfaßt. So saßen sie zwei -Stunden lang einander gegenüber. Dann dachten -sie ans Essen und erhoben sich, um sich von dem -Staub der Wanderung zu befreien. Als sie zur -Tür schritten, machten sie in ihren Bewegungen -jenen rührenden Eindruck, den wir bei Betrachtung -Philemons und seiner Baucis empfangen.</p> - -<p>»An diesem Tage gingen sie nicht weiter.« Sie -fuhren mit der Eisenbahn, und als sie in ihr Zimmer -geführt wurden, erlebten sie ein Wunder. Unter -ihrem Fenster, unter mächtigen Bäumen rauschte -der Bach über ein breites Wehr. Da standen sie nun -und waren ganz befangen von solchem Zauber. Der -Niederdeutsche kennt kein rauschendes Wasser. Er -hat breite, stillfließende Wasser und brüllende, donnernde -Meerflut; aber er kennt nicht den ewigen -Gesang rauschender Bäche, kennt nicht diese unermüdlichen -Märchenerzähler des Gebirges, die von -den Höhen, aus den Wäldern kommen mit immer -neuer, nie gehörter Sage. Und so konnten sie sich, so -müde sie waren, nicht satt trinken an diesem Gesang, -aus dem sie immer und immer wieder deutliche<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span> -Worte zu vernehmen glaubten, und als sie sich schon -zur Ruhe gelegt hatten und sie leise vor sich hinsang:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Was sag' ich denn vom Rauschen?«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">da fiel er sogleich ein:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Das mag kein Rauschen sein!<br /></span> -<span class="i0">Es singen wohl die Nixen<br /></span> -<span class="i0">Tief unten ihren Reih'n –«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">und so verflocht sich ihnen der sanfte Zauber des -Abends mit dem frohen Wanderglück der Frühe, und -es ward aus Abend und Morgen ein andrer Tag.</p> - -<p>Auf der nächsten Station ihrer Reise stürzten sie -nach dem Postamt. Es waren Briefe da von Hause! -Auch einer von ihrer Schwester! Sie riß das Kuvert -auf und las. Er stand ein wenig hinter ihr und sah, -wie ihr eine dicke Träne die Wange herunterlief.</p> - -<p>»Ist was geschehen?« rief er.</p> - -<p>»Nein, nein,« rief sie lächelnd.</p> - -<p>Ach so! Die Schwester berichtete natürlich über -die Kinder, und da regten sich Sehnsucht, Heimweh -und Gewissen im Herzen dieser neuen Medea, dieser -Doppel-Medea; denn sie hatte vier Kinder! Er -sagte sich, daß er als Reisemarschall diesem Rückfall -durch besondere Munterkeit und ein besonders hinreißendes -Tagesprogramm begegnen müsse. Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -reichte ihm den Brief; er war zur Bestätigung der -Angaben der Tante von sämtlichen Kindern »eigenhändig« -unterzeichnet, auch vom zweijährigen.</p> - -<p>»Fabelhaft begabtes Geschlecht!« rief er.</p> - -<p>Aber die Kindesmörderin aus Vergnügungssucht -reagierte nicht auf seinen Scherz; sie wandte sich ab -und befaßte sich eingehend mit ihrem Schnupftuch. -Und – o weh! – als sie wieder ins Freie traten, -da weinte auch der Himmel über seine Kinder! Und -ganz im Verhältnis ihrer Anzahl! Flucht ins Hotel -– das war der einzige annehmbare Gedanke.</p> - -<p>Da saßen sie nun am offenen Fenster und freuten -sich am Regen und freuten sich, wenn die Bergkuppen -aus den Wolken hervordrangen und wenn -sie wieder verschwanden. Es gibt Menschen, die -nur klare Bergspitzen und weite Fernsichten lieben. -Und es gibt Menschen, die auch zu umwölkten Höhen -mit ahnender Andacht hinaufschauen, die es lieben, -wenn Berge mit Wolken ringen. Solcher Art waren -sie. Stundenlang schauten sie hinein in das wogende -Grau, das ihren Augen nichts weniger war denn ein -Einerlei. Sie hatte leise ihre Hand in die seine -gelegt; da mußte er daran denken, wie sie an jedem -Abend seine Hand suchte, bevor sie entschlummerte.<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span> -Er erhob sich, ging an den Tisch und begann zu -schreiben. Nach einiger Zeit kam er mit einem Blatt -zu ihr und sagte: »Ich hab' was.«</p> - -<p>»Ja?!« rief sie leuchtenden Auges. Sie wußte, was -er habe; sie schmiegte sich in seinen Arm, und er las:</p> - -<p class="center p2"> -<em class="gesperrt">Was Ortrun sprach</em> -</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Gib wie immer deine liebe Hand,<br /></span> -<span class="i0">Eh' ich eintret' in des Schlummers Land.<br /></span> -<span class="i0">Sollst im Dunkel mir zur Seite stehen,<br /></span> -<span class="i0">Mit mir durch des Traumes Garten gehen.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Sieh', das ist das Süßeste vom Tag,<br /></span> -<span class="i0">Daß ich deine Hand noch fassen mag,<br /></span> -<span class="i0">Wenn des Tages Aengste von mir sinken<br /></span> -<span class="i0">Und des Schlummers milde Schatten winken.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">»Meine Zuflucht,« klingt in mir ein Wort,<br /></span> -<span class="i0">»Meine Zuflucht,« klingt es immerfort.<br /></span> -<span class="i0">Alle, die dich lieben, die dich hassen,<br /></span> -<span class="i0">Endlich müssen sie dich <em class="gesperrt">mir</em> nun lassen.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Deine Hand nur fühl' ich noch allein;<br /></span> -<span class="i0">Alles andre mag verloren sein.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span> -<span class="i0">Ach, in mancher Nacht war mir's verliehen,<br /></span> -<span class="i0">Dich im Traum mit mir hinwegzuziehen:<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Aus den Lippen noch ein Wort vom Tag –<br /></span> -<span class="i0">Leise dann des Traumes Flügelschlag –:<br /></span> -<span class="i0">Schon mit dir in schweigendem Umschlingen<br /></span> -<span class="i0">Hört' ich ewig-stumme Sterne singen.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und in fernen Himmeln noch empfand<br /></span> -<span class="i0">Ich den leisen Druck der teuren Hand<br /></span> -<span class="i0">Wie ein volles, heiliges Umfassen:<br /></span> -<span class="i0">»Schreite fest, ich will dich nicht verlassen.«<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Soll mir deine Hand erhalten sein,<br /></span> -<span class="i0">Tret' ich gern in jedes Dunkel ein;<br /></span> -<span class="i0">Muß es doch nach allen Schrecken bringen<br /></span> -<span class="i0">Einen Traum, in dem die Sterne singen. –<br /></span> -</div></div> - -<p>Er schwieg und fragte dann zärtlich: »Ist es so?«</p> - -<p>»So ist es,« sagte sie leise, ihm voll in die Augen -blickend. »Woher wißt ihr's nur, ihr Dichter, ihr -Schrecklichen?«</p> - -<p>Als er nun sah, daß er ihr Herz getroffen hatte, -da ergriff ihn das Lyriker-Delirium. Der gewöhnliche, -friedliche Bürger hat keine Vorstellung von -dem Freudenwahnsinn, der den Menschen ergreift,<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span> -wenn er meint, daß ihm ein Lied gelungen sei. Ein -Lyriker mag mit Bühnenwerken die reichsten Lorbeeren -errungen, er mag für seine Romane alles -empfangen haben, was die Mitwelt zu geben vermag; -er mag als Staatsmann ein Reich gegründet, -als Feldherr ein Dutzend Schlachten gewonnen und -als Erfinder einen vollkommenen Flugapparat erdacht -haben – kein Triumph und kein Flugapparat -wird ihn so hoch erheben wie der Gedanke: ein Lied, -ein Lied ist mir gelungen. Ein Lied ist ihm das -Köstlichste, was er vom Himmel empfangen, und das -Köstlichste, was er an seine Mitmenschen weitergeben -kann. Ein großer Lyriker war es, der eines Tages -sagte: »Wenn mir ein Gedicht geglückt ist, kann ich -mich vor Jubel nicht fassen; ich muß etwas haben, -das ich umarme, und wenn ich keinen Menschen -habe, so nehme ich einen Stuhl und press' ihn ans -Herz.« Man sagt, daß die Frauen nach der Geburt -eines Kindes ein Gefühl unendlichen Jubels und -seligster Ermattung überkomme. Genau so ist es -den Lyrikern nach der Entbindung; nur daß sie durch -nichts in der Welt zu bewegen sein würden, still zu -liegen wie die Frauen. Wenn unser junger Ehemann -ein Gedicht vollendet hatte, dann tanzte der<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span> -hohe Wöchner von einem Zimmer ins andere, vom -untern Stockwerk ins obere und vom oberen wieder -ins untere, küßte sein Weib und seine Kinder ab, -tanzte mit ihnen Ringelreihen, um sie plötzlich loszulassen -und wieder abzuküssen, holte die Flasche -Wein aus dem Keller, wenn sie noch da war, machte -an dem Turnreck zwanzigmal die Bauch- und die -Rückenwelle, spielte durch Haus und Garten Haschen -mit Weib und Kindern und schrie dabei wie in seinen -blühendsten Flegeljahren, und wenn er ausgegangen -war, kehrte er mit Geschenken für die -Seinigen beladen wieder heim. Der Gedanke: »Ein -Denkmal habe ich mir errichtet, dauernder denn -Erz,« läßt keine ökonomischen Bedenken aufkommen; -wer ein Gedicht gemacht hat, ist der -reichste Mann des Weltalls, wenn er sich auch -achtundvierzig Stunden später überzeugt, daß es mit -dem neuen Gedicht verteufelt wenig auf sich habe.</p> - -<p>Als die Tischglocke ertönte, sprangen sie Hand in -Hand die Treppen hinunter, und da sie ihn noch -immer strahlend anblickte, fragte er heimlich: »Also -hat's dir gefallen?« Und als sie vielsagend eifrig -nickte und ihm unter dem Tische die Hand drückte, -daß es weh tat, da rief er:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p> - -<p>»Na, dann, Kellner, eine ganze Flasche Markobrunner!« -Am Notwendigsten sparte er nicht gern.</p> - -<p>Der Kellner verneigte sich mit gütigem Lächeln -und flüsterte dem Wirt ins Ohr: »Eine Markobrunner -– für die Hochzeitsreisenden.«</p> - -<p>Als der Wein eingeschenkt war, führte er sein -Glas mit der Miene des Kenners an die Nase. Es -war Markobrunner für Hochzeitsreisende; aber unser -Freund schien von dem Resultat der Untersuchung -äußerst befriedigt, und er sagte leuchtenden Auges:</p> - -<p>»Herz, laß uns darauf trinken, daß es unsern -Kindern einmal ebenso ergehe. Aber« – fügte er -schnell hinzu – »es soll ihnen nicht in den Schoß -fallen; sie sollen sich's erkämpfen wie wir; das ist -das Köstlichste, was wir ihnen wünschen können.«</p> - -<p>Dann brachte er ihr zu Ehren einen Damentoast -aus; dann trank sie auf sein jüngstes Gedicht; dann -tranken sie auf die Freunde, die »leider« nicht dabei -sein könnten, und endlich rief er:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Von der Quelle bis ans Meer<br /></span> -<span class="i0">Mahlet manche Mühle;<br /></span> -<span class="i0">Und das Wohl der ganzen Welt<br /></span> -<span class="i0">Ist's, worauf ich ziele.«<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span></p> -<p>Und dann sprangen sie anmutig beschwipst – -es war ein kräftiger Markobrunner gewesen – -wieder hinauf in ihr Zimmer und holten aus ihrem -Gepäck ein Bändchen Goethe hervor.</p> - -<p>Der Himmel schien noch heute bis auf den letzten -Tropfen bezahlen zu wollen, was die Hitze der vorhergehenden -Tage an Feuchtigkeiten kontrahiert -hatte. Und seltsam: es war unsern Reisenden gar -nicht mehr unlieb. Wenn zwei Liebende sechs Jahre -lang von sehr lebendigen Kindern und sehr lebendigen -Pflichten, Sorgen und Mühen umschwirrt -gewesen sind und sich dann plötzlich in der Ferne, -eingeregnet, in einem Hotelzimmer einander gegenüber -finden, dann erwacht in ihnen ein seltsames, -ein ungeahntes Gefühl, das Gefühl: Endlich allein! -Eine Empfindung bemächtigt sich ihrer, daß ihre -innersten Seelen seit langem eigentlich nicht miteinander -gesprochen haben, daß sie sich viel und -mancherlei zu sagen haben, von dem sie selbst nicht -gewußt haben, daß es in ihnen sei. Während sie -einander nahe gegenübersaßen, sie ihm gelegentlich -sanft mit der Hand über die Stirn strich, er ihr -gelegentlich zärtlich die schmale Hand streichelte und -einer des andern Bild mit inniger forschendem Blick<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span> -zu erfassen suchte, sprachen sie Ernstes und Fröhliches, -Lautes und Leises, das in einsamen Stunden -in ihnen erwacht und ihnen wohl auch auf die -Lippen gekommen, dort aber vom schnellen Strom -des täglichen Lebens hinweggeschwemmt worden -war. Und als der Abend herannahte, da fanden sie, -daß kein Tag ihrer Reise schöner gewesen sei als -dieser »verlorene«. Und als sie wieder einmal gemeinsam -in den Himmel schauten – da entfuhr -ihnen gleichzeitig ein halblauter Freudenruf: im -Westen blickte durch das Grau ein winzig Stücklein -erhellten Himmels, wie ein verweintes Auge, das, -noch unter Tränenschleiern, zum ersten Male wieder -aufmerksam ins Leben starrt, noch nicht wünschend, -noch weniger hoffend, nur erst wieder betrachtend -mit kaum bewußter Teilnahme. Und das himmlische -Auge ward größer und größer, klarer und klarer, -heiterer und heiterer, und unser Paar schritt mit aufjauchzenden -Herzen hinaus in eine wiedergeborene -schöpfungsfrohe Natur.</p> - -<p>Und diesen Abend machten sie einen Fund, der -ihm köstlicher denn Gold und Perlen war. Sie -fanden eine Wiese, an einem sanft abfallenden -Hügelhang, von jungen und alten Bäumen umstanden.<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -Ueber diese Wiese finden wir in seinem -Tagebuche folgende Zeilen:</p> - -<p>»Im Thüringer Wald ist eine Wiese, die alles -zur Ruhe singt, was in dir an Sorgen und Bangen -ist. Ja, sie singt; denn ihr Grün, ihre Schatten und -ihre Lichter, ihre Bewegung und ihr Schweigen sind -ein ununterbrochener seliger Gesang. In diesem -Gesange sah ich goldene Stunden meiner Vergangenheit -wandeln, die ich vergessen hatte, Stunden -und Tage mit ihrem eigensten Gesicht, ihrem -eigensten Ton und Gange. Am Rande, im Schatten -der Bäume, sah ich die höchsten und heiligsten -Gedanken meines Lebens ruhen, sah ihre Züge, ihre -Augen im Glanze der Minute, da ich sie empfangen, -verstanden und ans Herz gedrückt hatte. Und über -den abendlich glimmenden Wipfeln der Bäume zogen -selig schwebend dahin meine Hoffnungen, meine -Ahnungen, die aus dieser Erdenenge hinaufstreben -in eine größere Welt. Auf dieser Wiese grünt der -Glaube; wer sie erschaut, der trinkt sich Glauben an die -Heiligkeit der Welt für ewige Tage. Die Welt, die solche -Augen hat, kann im Grunde ihrer Seele nicht lügen.</p> - -<p>Ich sage nicht, wo diese Wiese liegt; denn sogleich -würden Tausende kommen und rufen: »Wo ist das<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span> -Besondere? Das können wir auch anderswo sehen!« -O ihr Blinden! Nichts kann man auch anderswo -sehen. Jedes Stück der Welt, das zwischen zwei -Augenlidern Platz hat, ist ein Wesen wie ich und wie -jedes von euch, mit eigener Seele und eigener -Stimme, mit Zügen und Augen, die niemals -wiederkehren. Und die doch, wenn sie vergangen -sind, wie wir vergehen, ewig aufbewahrt bleiben im -Weltall. Alles ist einzig, und alles ist ewig.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">In den morgenfrischen Bäumen<br /></span> -<span class="i0">Hing ein letzter Hauch der Nacht,<br /></span> -<span class="i0">Und die Blumen machten Augen<br /></span> -<span class="i0">Wie ein Kind, wenn es erwacht. –<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Holder Schreck entriß mich plötzlich<br /></span> -<span class="i0">Lächelnder Versunkenheit –:<br /></span> -<span class="i0">Eine Rose hat geduftet<br /></span> -<span class="i0">Wie ein Lied aus Kinderzeit!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Eilends sucht' ich: Welche war es? –<br /></span> -<span class="i0">Duft und Blüte weit und breit! –<br /></span> -<span class="i0">Doch nicht andren Duft vernahm ich:<br /></span> -<span class="i0">Aufgetan die Seele weit,<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Ging ich atmend, dürstend, sehnend<br /></span> -<span class="i0">Durch des Gartens Herrlichkeit –<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -<span class="i0">Und ich hab' sie nicht gefunden,<br /></span> -<span class="i0">Die mich rief aus ferner Zeit.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">O, ich seh' es, euer Lachen,<br /></span> -<span class="i0">Schnell und klug zum Spott bereit!<br /></span> -<span class="i0">Seid gewiß, in regen Lüften<br /></span> -<span class="i0">Weiß mein Herz von je Bescheid.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Aufgehoben bleibt im Ganzen<br /></span> -<span class="i0">Jedes Atems leises Weh'n;<br /></span> -<span class="i0">Einst an einem großen Morgen<br /></span> -<span class="i0">Wirst du's lächelnd wiederseh'n.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Eine Rose hat geduftet<br /></span> -<span class="i0">Wie ein Klang aus Kinderzeit;<br /></span> -<span class="i0">Duft und Klingen, Heut' und Gestern<br /></span> -<span class="i0">Weben all' an <em class="gesperrt">einem</em> Kleid.<br /></span> -</div></div> - -<p>Niemals hab' ich Schillers Klage um die Entgötterung -der Natur verstanden.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Diese Höhen füllten Oreaden,<br /></span> -<span class="i0">Eine Dryas lebt' in jenem Baum,<br /></span> -<span class="i0">Aus den Urnen lieblicher Najaden<br /></span> -<span class="i0">Sprang der Ströme Silberschaum.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Ist das nicht heut' wie einst? Seht ihr's nicht -wandern auf den Bergen, hört ihr's nicht lachen<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -und seufzen aus jedem Baum, hört ihr's nicht -singen an jeder Quelle mit überirdischer Stimme? -Ihr vernehmt es mit höheren Sinnen, und mit leiblichen -Sinnen vernahmen's auch die Griechen nicht.</p> - -<p>Nein, o nein, keine Philosophie und keine Religion -kann die Natur entgöttern; denn sie ist selber -Gott.</p> - -<p>Geht hin und suche jeder seine Himmelswiese; -denn jedem liegt sie anderswo. Auch meinem -Weibe, auch meinen Kindern, und das ist ein Weh -in allem Glück. Aber meine Geliebte verstand mein -Schweigen und ehrte mein Gebet.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Als sie auf der nächsten Poststation ihre Briefe -in Empfang nahmen, die wieder erfreuliche Nachricht -von Hause brachten, da fiel ihm aus einer eingeschriebenen -Sendung eine Banknote in die Hände. -Ein Honorar! Fünfzig Mark, auf die er gar nicht -gerechnet hatte. Er hielt ihr das hübsche Stück -Papier vor die Augen und schrie ganz leise »Juhuhuuu!!« -Und als sie ins Hotel zurückgekehrt waren, -zog er den Wirt auf die Seite und redete vertraulich -mit ihm. Der Wirt hörte ihm offenbar mit -Vergnügen zu und eilte dienstbereit von dannen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span></p> - -<p>»Wollen wir nicht aufbrechen?« fragte sie.</p> - -<p>Er hob geheimnisvoll den Finger, machte ein hohenpriesterliches -Gesicht und sagte dunkel: »Noch nicht.«</p> - -<p>Als sie nach einigen Minuten wieder fragte: -»Warum gehen wir denn nicht, du Schlingel?«, da -hob er noch geheimnisvoller den Finger, machte ein -noch hohenpriesterlicheres Gesicht und sagte noch -dunkler: »Noch nicht.«</p> - -<p>Und dann fuhr ein schöner Landauer mit zwei -tatenfrohen Braunen vor. Sie sah ihn mit ungläubigem -Lächeln an. Er aber rief:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Jehann, nu spann de Schimmels an!<br /></span> -<span class="i0">Nu fahrt wi mit de Brut!<br /></span> -<span class="i0">Un hebbt wi nix as brune Per,<br /></span> -<span class="i0">Jehann, so is't ok gut!«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">und lud sie mit seiner galantesten Handbewegung -zum Einsteigen ein.</p> - -<p>Während er noch mit dem Kutscher sprach, konnte -sie mit den strahlenden Augen nicht von ihm lassen. -Wer kennt nicht die herrliche »Hochzeitsreise« von -Moritz von Schwind, kennt darin nicht den anmutigen -Zug, wie die junge Frau zur Seite rückt -und dem geliebten Gefährten gar bereitwillig Platz<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span> -macht in Erwartung gemeinsamer Freude! So -drückte sie sich in die Ecke und konnte kaum erwarten, -daß er einstieg.</p> - -<p>Der Wirt, ein Mann von etwas familiärem, aber -vortrefflich gemeintem Benehmen, wünschte ihnen -noch, daß der Fortgang ihrer Ehe so fröhlich sein -möge wie der Anfang.</p> - -<p>»Also haben Sie gemerkt, daß wir Hochzeitsreisende -sind?« fragte unser Freund.</p> - -<p>»Freilich,« versetzte der Alte, »dafür bekommt -unsereins einen Blick.«</p> - -<p>»Ja ja,« rief der Ehemann lachend, »wir sind -allerdings noch in den ersten Flitterjahren. Hü, -Kutscher!« Die Pferde zogen an.</p> - -<p>»Du ahnst nicht, wie dankbar ich dir bin,« -flüsterte sie an seinem Ohr, »ich war ein wenig übermüdet -– nun bin ich selig!«</p> - -<p>Und freilich – fußwandern bleibt zwar immer -das Schönste – aber nächstdem gibt es nichts Leib- -und Seelenvergnüglicheres, als zu zweien im Wagen -eng aneinander geschmiegt durch die Lande zu rollen. -Sie fuhren durch stundenlangen Tannenwald; in -unabsehbaren Reihen ragten die streng emporstrebenden -Stämme in den Himmel, eine meilenlange<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span> -Orgel, auf der der Wind das Morgenlied der -Schöpfung spielte. O, ein geheimnisvolles Ding, -mit munteren Rossen durch den tiefen Wald zu -fahren! Dem seitwärts schweifenden Blick erschienen -in fernsten, nie betretenen Waldgründen seltsamgestaltige -Wunder, die scheu wieder ins Dunkel -tauchten, wenn das Auge sie fester erfassen wollte; -mit großen Augen lugte es hinter düsteren Stämmen -hervor – ein Reh? – eine Dryas? – das verzauberte -Brüderlein der treuen Schwester? – oder -war es Schmerzenreich, das Kind der armen Pfalzgräfin? -Und manchmal schaute zwischen fernen, -fernen Tannen ein Stück des Himmels in die -Schauer der Waldnacht herein, dann war es ihnen, -sie sähen einen gotischen Dom mit riesenhohen, bunten -Fenstern und sie wären dem Tempel nah, der -die smaragdne Schale vom Tisch des Heilands birgt -und der ewigen Frieden bringt denen, die ihn finden. -Wenn aber der Wagen lautlos über moosigen Grund -fuhr, dann vernahmen sie dumpfes, fernes Stimmengewirr -versammelter Männer. Ihr wißt, daß man -in stillen, dichten Wäldern die Stimmen einer unsichtbaren -Versammlung hört. Das ist das Thing -derer aus Niflheim und Jötunheim; sie beraten über<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span> -den großen Kampf, in dem sie die Einherier vernichten -wollen, die Einherier, die über den Wipfeln -lächelnd dahinziehen.</p> - -<p>Als sie aber nun über eine sonnige Hochfläche -fuhren und Wiesen und Aecker in allen Farben vor -ihren Blicken lagen, da ergriff ihn ein lustiger Größenwahn; -er sprang von seinem Sitz in die Höhe, beschrieb -mit der Linken einen weiten Bogen und rief:</p> - -<p>»Sieh, Herz, alles unser! Alles dein! Ein -Teppich für deine Füße! Wer kann sich das leisten!«</p> - -<p>Und sie ergriff seine Rechte, zog sie an die Lippen -und flüsterte mit ihrem schalkhaftesten Lächeln:</p> - -<p>»Mein sparsamer Mann! Mein unverbesserlicher -Geizhals! Mein Harpagon!«</p> - -<p>Und so kamen sie nach Ilmenau. –</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Anmutig Tal, du immergrüner Hain,<br /></span> -<span class="i0">Mein Herz begrüßt euch wieder auf das beste!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Schon dieser Anfang hatte ihm immer zu den -Wundern der Kunst gehört. Mit zwei Worten erschließt -ein Dichter ein heiteres Gefild, und mit einem -einzigen Griff bringt er die Harfe des Waldes zum -Klingen, und alles horcht auf und flüstert: »Still – -still! Der da beginnt, das muß ein großer Meister sein!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span></p> - -<p>Und die Herzen voll dieses Klangs, durchschritten -sie das anmutige Tal und stiegen den immergrünen -Hain hinauf zu jener Höhe, wo der herrliche -Wanderer sein Nachtlied an die Wand eines Bretterhäuschens -geschrieben hatte. An Stelle des niedergebrannten -Häuschens hat man dort, in nachgeahmter -Dürftigkeit, ein neues »altes« Häuschen -errichtet. Sie gingen nicht hinein; sie wollten es -nicht sehen; sie wandten ihm den Rücken zu und -schauten über das abendlich beglänzte Wipfelmeer -in die Ferne. Keines sprach ein Wort; aber im -stillen Herzen sprachen's wohl beide:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Ueber allen Gipfeln<br /></span> -<span class="i0">Ist Ruh,<br /></span> -<span class="i0">In allen Wipfeln<br /></span> -<span class="i0">Spürest du<br /></span> -<span class="i0">Kaum einen Hauch;<br /></span> -<span class="i0">Die Vögelein schweigen im Walde.<br /></span> -<span class="i0">Warte nur, balde<br /></span> -<span class="i0">Ruhest du auch.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Einunddreißig Jahre war er alt gewesen, als sich -dies Lied aus seiner Seele gelöst hatte, ein glückverwöhnter, -blühender Mann, die Schöpfungsgewalt -für eine neue Welt hinter der Stirn, die Flügelspannung<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span> -eines emporschwebenden Adlers im Hirn -und in der Brust. Groß war die Welt, groß und -schön und berauschend süß. Aber vielleicht das Beste -nach allem war die Ruhe.</p> - -<p>Sie sprachen auch nur wenige, abgebrochene -Worte, während sie zu Tale stiegen. Das Dunkel -brach herein. Da legte er den Arm um ihre Hüfte -und sprach: »Wie wird's uns sein, wenn wir nach -Weimar kommen!«</p> - -<p>Und sie kamen nach Weimar. Der Weimarer -Bahnhof – darüber kann keine Meinungsverschiedenheit -bestehen – hat weder etwas Imponierendes -noch Feierliches, noch Stimmungsvolles, oder -sonst Angenehmes. Aber als sie ihren Fuß auf den -Bahnsteig setzten, hatten sie das Gefühl: »Ziehe -deine Schuhe aus von deinen Füßen; denn das -Land, darauf du stehest, ist ein heiliges Land.« Sie -gingen schon durch die Sophienstraße, aber sie gingen -vollends über den Viadukt und durch die Rollgasse, -als das alte Weimar vor ihnen auftauchte, -mit den zitternden Herzen der Kinder am Weihnachtsabend -dahin. Es war auch Abend und schon -so spät, daß sie das Hotel nicht mehr verließen. Viele -Stunden lang lag er schlaflos in seinem Bette: er<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -war nun da, wirklich da, er selbst, an der tausendmal -ersehnten Stätte seines heiligsten Knaben- und -Jünglingslebens; er atmete mit den erhabenen -Genien dieses Ortes dieselbe ambrosische Luft. Denn -das war das Seltsame: in diesem neuen Weimar -stand unversehrt das alte und drängte jenes in den -Hintergrund; was vor siebzig, vor hundert Jahren -gestorben und untergegangen war, das lebte, stand -und wandelte hier so gegenwärtig wie nur je – die -Häuser, Straßen und Menschen von heute aber waren -Schatten. Es war eine schlaflose, heilige Nacht; erst -gegen Morgen schlief er ein paar Stunden und erhob -sich dann mit einem fröhlichen Kraftgefühl, das -ihm die Geister seiner Jugend gebracht hatten.</p> - -<p>Die beiden machten zunächst einen Orientierungsspaziergang -durch die Stadt, und dieser Anfang verlief -nicht allzu erhebend. Vor dem Doppeldenkmal -trat nämlich ein überaus freundlicher alter Herr mit -höflichem Gruß auf sie zu und sagte:</p> - -<p>»Dies sind nu also die beiden kreeßten Tichter, -wo wir ha'm. Links is Keethe, un rechts is Schiller. -Schiller is, wie Se seh'n, ä bißchen kreeßer als -Keethe; aber dafier is der Keethe widder breider -in de Schuldern. Was se da in der Hand halten,<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span> -das is ä Lorbeergranz. Keethe will Schillern -den Lorbeergranz iberreichen; awer Schiller -sagt: »Nee, behalt du'n.« Der Schiller is immer ä -sehr edler Mensch gewäsen. – Da hinder den beiden -säh'n Se das alde Dheader, wo noch de kreeßten -Machwerge von den beiden sin aufgeführt wor'n.«</p> - -<p>Unser Freund dankte verbindlich für die Belehrung -und lüftete zum Abschied höflich den Hut.</p> - -<p>Als sie an der Ecke des Theaterplatzes vor dem -Wittumspalais standen, stand der gastliche Fremde -wieder neben ihnen.</p> - -<p>»Das is nu also das sogenannte Widmungsbalais, -wo de Herzogin Anna Amalchje dadrinn kewohnt -hat.«</p> - -<p>»Soso!« machte unser Freund. »Sagen Sie mal, -warum heißt es eigentlich »Widmungspalais«?«</p> - -<p>»Nu, das is ja sehr einfach. Das hat nämlich -der tamaliche Kroßherzog, der hat es also der Anna -Amalchje kewidmet, damit daß se drin wohnen soll.«</p> - -<p>»Aha!« machte unser Freund, »aha!«, lüftete -abermals den Hut und sagte: »Adieu!«</p> - -<p>Aber der menschenfreundliche Herr nahm keine -Notiz davon; er geleitete sie vor das Schillerhaus -und sagte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span></p> - -<p>»Dies is also nu das Haus, wo der unschterbliche -Schiller kewohnt hat –«</p> - -<p>»Jawohl, jawohl!« riefen unsere beiden und -schritten eilends weiter. Sie gelangten zum Fürstenplatz, -und als sie vor dem Reiterstandbilde Carl -Augusts standen, hörten sie hinter sich eine Stimme:</p> - -<p>»Dies is nu also der Fürscht, der wo die sämtlichen -Tichter eichentlich erst ins Läben gerufen hat.«</p> - -<p>»Schick ihn doch weg,« flüsterte sie.</p> - -<p>»Ja, aber wie? Ich werd ihm Geld anbieten.«</p> - -<p>»Ach nein, das geht doch nicht!« flüsterte sie errötend.</p> - -<p>Aber es ging. Der gefällige Bürger steckte die -dargebotene Mark Lösegeld ein und empfahl sich. -Der Typus war ihnen ganz neu; denn in Norddeutschland -gab es dergleichen nicht.</p> - -<p>»Endlich allein!« jubelte sie, und nun zogen sie -in Frieden weiter. Nur noch einmal kamen sie in -Gefahr, »geführt« zu werden. Im Sterbezimmer -Schillers hörten sie einen Erklärer reden, der von -der Armut Schillers in einem so ergreifenden Tremolo -sprach, als wenn er selbst darunter noch heute -zu leiden habe und hier daher erhöhte Trinkgelder -am Platze seien. Unser Paar wartete, bis die betreffende<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span> -»Tour« zu Ende war und trat dann allein -in das Heiligtum.</p> - -<p>Die Deutschen haben keinen heiligeren Ort. -»Wieviel Marmor,« dachte unser Freund, »wieviel -Gold und Elfenbein, wieviel Seide, Samt und Edelgestein -müßte wohl ein prachtliebender Fürst aufeinanderhäufen, -um einen Raum zu schaffen von -solcher Hoheit und von solchem Glanz. Wem hier -nicht Tränen der Sehnsucht, Tränen des Triumphes -ins Auge treten, dem ist der tiefste Quell seiner Seele -versiegt. Der wahre Bettler ist doch einzig und -allein der wahre König!« Der dies göttliche Wort -sprach, war auch solch ein Bettler.</p> - -<p>Mit umflortem Blick betrachtete unser Paar die -Gegenstände, die der erhabene Mann durch seine -Berührung geadelt hatte. Sie hatten beide keine -Begabung für den Fetischdienst, und gegen Götter- -und Götzendienst empörte sich von je sein menschlicher -Stolz. Aber die Geister, die diese Stadt erhellten, -waren nicht Götter in Wohlsein und -Müßiggang, waren nicht in Allmacht und ambrosischen -Leibes geboren; sie hatten gelitten und -gerungen, gerungen mit ihren eigenen Mängeln -und Gebrechen und waren aus Menschen Götter<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -geworden. Vor solchen Heiligen ist Verehrung -nicht Erniedrigung, ist Verehrung eigener Triumph.</p> - -<p>Gerade als sie diese Stätte verlassen wollten, -kam der Führer zurück und begann im Grabestone -des fest angestellten Leidtragenden: »In diesem ärmlichen -Gemache –«</p> - -<p>Aber unser Freund drückte schnell seine Hand -in die des Mannes und sagte gedämpften Tones: -»Ich weiß alles.«</p> - -<p>Ja, dieses Schillerhaus, dieses Goethehaus, dieses -Wittumspalais, dieser Park mit seinem Gartenhäuschen, -diese unsichtbare Stadt, vor der man die sichtbare -nicht sah: das war Elysium. Ein besseres, -höheres, heiligeres Elysium als das der Alten. Ein -Elysium der Arbeit. Gewiß: das gab diesen kleinen, -niedrigen, bescheidenen, selbst in den Schlössern bescheidenen -Räumen, die an Luxus manchmal hinter -der Wohnung eines Handwerksmeisters von heute -zurückstehen: das gab ihnen jene unvergleichliche -Vornehmheit, daß der hohe Geist der Tätigkeit niemals -aus ihnen gewichen war; aus der seligen Welt -der Gedanken fällt noch heute ein Strahl in diese -Gemächer und Gänge und umspielt die bestaubten -Schokoladentäßchen, die verstummten Lauten und<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -Spinette, die verlassenen Spieltische und die verwaisten -Maskeradenkostüme mit einem fernher -scheinenden Sternenlicht. Das machte auch das Arbeitszimmer -am Frauenplan, dieses andere Allerheiligste -der Deutschen, zu einer Insel der Seligen. -Fünfzig Jahre lang hatte er hier wirken, schaffen und -ringen dürfen, fünfzig Jahre lang hatte er hier verkehren -dürfen mit den freundlichsten und besten -Geistern, die zu den Irdischen herniedersteigen. Kein -Fleck der Erde hat ein reicheres und höheres Glück -gesehen als dieses Zimmer. O, unsere Liebesleute -wußten sehr wohl, daß Kleinheit und Häßlichkeit, -daß Dummheit und Neid an diese Männer herangekrochen -waren wie an andre und mehr als an andre -Menschen; sie waren nicht unerfahren genug, um -zu glauben, daß es ein Leben ohne Alltag gebe; es -war ein kleines Nest gewesen, das Weimar von damals, -und die Gewöhnlichkeit macht sich um so breiter, -je enger sie mit der Größe zusammenwohnt. Aber das -blieb bestehen: Kein Fleck der Erde hatte ein höheres -und reicheres Glück gesehen als dieses Zimmer.</p> - -<p>Und dann standen sie in der Fürstengruft an den -Särgen der Dioskuren. Es gibt ein Gedicht von -Nepomuk Vogl, in dem erzählt wird, wie ein Mann<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -sich vom Totengräber das Grab der Mutter zeigen -läßt. Als er davor steht, spricht er:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Ihr irrt, hier wohnt die Tote nicht.<br /></span> -<span class="i0">Wie schlöss' ein Raum so eng und klein<br /></span> -<span class="i0">Die Liebe einer Mutter ein!«<br /></span> -</div></div> - -<p>In erweitertem und erhöhtem Maße hatten sie -dies Gefühl vor den Sarkophagen Schillers und -Goethes. Das Grauen, das uns vor den Gräbern -vergänglicher Menschen befängt – hier hat es keine -Stätte. Fast hätten sie gelächelt, als ihnen der alte -Mann, der sie in die Gruft begleitet hatte, allen -Ernstes versicherte, in diesen Särgen ruhten Goethe -und Schiller. Sie kamen ja her von den Stätten, -wo sie lebten und wirkten im Licht der Sonne. Tod, -wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?</p> - -<p>Und noch an einem andern Grabe verweilten -sie in freundlicher Trauer: an der Ruhestatt Christianens -auf dem alten Jakobskirchhof. »Wenn ich -zu befehlen hätte,« sagte unser Freund, »so ruhte -sie neben ihm in der Fürstengruft.« Und sein junges -Weib ergriff seine herabhängende Hand und -drückte sie fest, sehr fest und gar lange. Es war das -Weib, das ihm dankte.</p> - -<p>Als sie zum ersten Male den Park besuchten,<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span> -führte sie ein halbidiotischer Gärtnerlehrling durch -Goethes Gartenhaus. Er schien nur substantive Begriffe -zu haben; denn er sagte nichts als »Arbeitszimmer!« -– »Schlafzimmer!« – »Küche!« und -stieß diese Worte mit einer mürrischen Vehemenz -hervor. Nur als die junge Frau einmal fragte: -»Wohin geht es denn da?«, da gebrauchte er das -Adverbium »Raus!!«. Sie hatten sonst wohl erlebt, -von Halbidioten durch die <em class="gesperrt">Werke</em> Goethes geführt -zu werden; aber denen hatte der wohltuende Lakonismus -des Gärtnerburschen gefehlt. Es fragte sich, -ob die Verallgemeinerung dieser Einrichtung nicht -zum Segen aller Besucher geweihter Stätten gereichen -würde.</p> - -<p>Sie wanderten hinaus nach Belvedere, nach -Ettersburg und vor allem nach Tiefurt. Der Park -von Tiefurt – wenn etwas, so gehörte er zu diesem -Elysium. Es war ein trüber Tag, und doch – gibt -es Wolken oder Nebel, die den Frohsinn dieser Stätte -verhüllen können? Er strahlt und kichert durch alle -Decken hervor. Ja, das war's, was diese »Lustigen -von Weimar«, diese prachtvolle Anna Amalie und -ihren Geniehof kennzeichnete: ihr Wirken war nicht -finstere Rastlosigkeit, ihr Vergnügen nicht fauler<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -Genuß; Arbeit adelte ihren Frohsinn, Frohsinn -adelte ihre Arbeit. So macht man das Leben zum -ewigen Fest, und ein ewiges Fest liegt über den -Bäumen und Fluren dieses Parks.</p> - -<p>Und doch mußte unser Freund fluchen, grimmig -fluchen, als sie vor dem mächtigen Steine standen, -der in Lapidarschrift den Namen</p> - -<p class="center"> -<em class="gesperrt">HERDER</em> -</p> - -<p>trägt. Ein Schuft hatte seinen Namen daneben geschmiert. -Die Besudelung des Steines ließ sich wohl -entfernen; aber wer entfernte den Dreck aus solch -einer Seele! Welch ein Abgrund naiver Gemeinheit -lag in diesem Frevel. »Weiß Gott,« rief unser Freund, -»ich bin ein Feind der Prügelstrafe; aber Ausnahmen -gibt es doch. In diesem Falle würde ich mit -Freuden der Vollziehende sein, und der Halunke sollte -sich über keine Unterschlagung zu beklagen haben!«</p> - -<p>Sie hatte große Mühe, ihn zu beruhigen; aber -bald verwischte ein seltsam freundliches Erlebnis -völlig den widrigen Eindruck. Sie hatten sich dem -Schlößchen dieses Parks genähert, und im selben -Augenblick, als sie durch den grünumrankten Torbogen -in den Schloßhof traten, schlug eine Turmuhr -drei Schläge, und die Sonne durchbrach siegreich den<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -Nebel. Glücklich überrascht sahen sie einander ins -Gesicht: Hieß das nicht »Willkommen«?!</p> - -<p>Der letzte Abend ihres Weimarer Aufenthalts -gehörte natürlich noch einmal dem Park »am -Stern«. Die Bürger von Weimar waren ordnungsmäßig -zum Abendessen gegangen; unsere beiden -hatten den Park, hatten die Welt für sich allein; -völlig einsam schritten sie am Gartenhause, an der -Reitbahn vorüber auf dem breiten Wege, der nach -Oberweimar führt. Köstliche Stille ringsum. Da -standen auch sie stille – eine Nachtigall schlug liebeselig -aus nahem Gebüsch. Und im Osten stand ein -herrlicher Stern, so lebendig funkelnd, als ob er zur -Erde reden möchte. Da war die Zeit ausgelöscht – -nicht anders war die Welt gewesen, als der Bewohner -jenes Gartenhauses noch hier wandelte – -er war gegenwärtig – unser Freund zeigte nach -dem Stern und flüsterte: »Sieh, Herz, das ist Er! -Die Nachtigall hat ihn erkannt.« – – – – –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Von Weimar fuhren sie heim. Sie waren sehr -still auf dieser Fahrt; denn die Vorfreude der Heimkehr -war noch größer als die Vorfreude der Ausfahrt. -Sie hatten Hirn und Sinne voll zu tun;<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span> -denn von vier Kindern und zwei Eltern mußten sie -sich ausmalen, was sie heute dachten, hofften, wünschten -und wie sie sich freuen würden.</p> - -<p>Als ihr Wagen in die Straße einbog, in der sie -wohnten, sahen sie alle Viere im Sonntagskleide -vor der Tür stehen.</p> - -<p>»Da sind sie!« rief er aufspringend. »Alle vier! -Vier Kinder, Liebling! Wieviel Hochzeitsreisende -gibt's denn, die sich das leisten können!«</p> - -<p>Und doch schrie er, als der Wagen vorfuhr, mit -furchtbarer Stimme: »Zurück! Zurück! Wollt ihr -zurück, alle Wetter!« Sie wären nämlich unter die -Hufe des Pferdes und unter die Räder gerannt, um -nur schnell in die Arme der Mutter zu fliegen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Hosentaschen_des_Erasmus">Die Hosentaschen des Erasmus</h2> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span></p> - -<p class="drop">Erasmus ist nämlich mein Sohn. Ich schicke -voraus, daß er gesund und normal gestaltet ist. -Aber in bekleidetem Zustande zeigt er von Zeit zu -Zeit an den Oberschenkeln unförmliche, bedrohlich -anwachsende Wülste. Wenn diese eine gewisse Ausdehnung -erreicht haben, pflegt meine Frau sehr -vergnügt zu mir hereinzukommen und zu sagen: -»Du, wir müssen mal wieder seine Hosentaschen -ausräumen; es hat sich schon wieder ein ganzes -Museum darin angesammelt!«</p> - -<p>Ich darf voraussetzen, daß meinen Lesern die -Hosentaschenzustände eines achtjährigen Buben im -allgemeinen bekannt sind. Es gibt eigentlich kaum -einen beweglichen Gegenstand, der sich nicht ganz -gut in solch einer Tasche unterbringen ließe, und es -gibt auch schwerlich einen Gegenstand, der nicht das -Interesse solch eines verschwiegenen kleinen Weltbetrachters -anregte. Nun muß man sich außerdem<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span> -den jungen Herrn Erasmus als einen entschiedenen -Sanguiniker vorstellen, der mit Hilfe seiner Phantasie -an das Bruchstück eines Korkziehers die verwegensten -Hoffnungen knüpft.</p> - -<p>Da uns bei den bisherigen Untersuchungen -manches dunkel blieb und wir manchen Gegenstand -nicht zu bestimmen vermochten, haben wir diesmal -den geehrten Hosenbesitzer selbst zur Besichtigung -mit herangezogen. Meine Frau hat das Kleidungsstück -auf dem Schoße; für die Vertreter der öffentlichen -Moral bemerke ich, daß der Knabe währenddessen -mit einer anderen Hose bekleidet ist.</p> - -<p>Was meine Frau zunächst aus der Tasche hervorzieht, -ist Bindfaden. Ich darf ebenfalls als bekannt -voraussetzen, daß dieser Gegenstand sich bei -der männlichen Jugend einer besonderen Beliebtheit -erfreut und alle übrigen Objekte, die aus solch einer -Tasche ans Licht gefördert werden, in einer mehr -oder minder interessanten Verwickelung mit jenem -Gegenstande zu erscheinen pflegen. An der Hand -des Bindfadens – um mich gewählt auszudrücken -– gelangen wir sodann zu einem stark verrosteten, -ovalen Blechschildchen, das die Inschrift »Patent« -trägt. Das ist schon gleich ein wertvolles Stück.<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span> -Ich weiß das. Ich habe den Maßstab für dergleichen -noch ziemlich gut im Gedächtnis. Ich kann -den Maßstab natürlich nicht so genau bestimmen; -es handelt sich eben um Liebhaberwerte.</p> - -<p>»Was heißt denn das: ›Patent‹?« frage ich.</p> - -<p>»Wenn einer sich so fein angezogen hat.«</p> - -<p>»Rrrich–tig!!«</p> - -<p>Wir verfolgen weiter den Ariadnefaden und -fördern aus dem Labyrinth ein Notizbuch zutage. -Das ist nun etwas ganz besonders Hervorragendes. -Notizbücher sind in diesem Alter von ganz besonderem -Wert und Nutzen. Es ist wohl selbstverständlich, -daß man sich in erster Linie das notiert, woran -man Tag und Nacht denkt, z. B. daß man für den -9. Oktober zur Apfelernte bei einem Spielkameraden -eingeladen ist, oder daß am 25. Dezember -Weihnacht gefeiert wird. Auch die zehn Pfennige, -die man geschenkt erhielt, werden ordnungsgemäß -als Grundstock eines zu sammelnden Kapitals gebucht, -leider aber gewöhnlich nicht wieder ausgestrichen, -wenn sie nach zehn Minuten in Schokolade -umgewandelt wurden. Freilich sind Stift und Papier -bei diesem Büchelchen von einer Güte, die sich in -Geldeswert nicht mehr ausdrücken und es immerhin<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span> -noch ratsamer erscheinen läßt, mit einer spitzen -Stahlfeder auf ein Flanellhemd zu schreiben; aber -Erasmus verfolgt es mit sorglich behütenden Blicken.</p> - -<p>»Woher hast du denn das?«</p> - -<p>»Das hat Hein Stieglitz mir geschenkt.«</p> - -<p>»Weshalb denn?«</p> - -<p>»Och – wenn ich mit ihm spielen wollte.«</p> - -<p>»Warum wollte er denn mit dir spielen?«</p> - -<p>»Och – die andern wollten nicht mit ihm spielen.«</p> - -<p>»Warum nicht?«</p> - -<p>»Weil er der Erste geworden ist.«</p> - -<p>»Aha. – Aber was bedeutet denn <em class="gesperrt">das</em> hier?« -Ich habe nämlich das »Notizbuch« aufgeschlagen -und lese auf einer Seite die höchst rätselhaften -Worte »Käs Käse Käse la.«</p> - -<p>»Das ist Französisch,« erklärt er mit einem Anflug -von Gelehrtenstolz.</p> - -<p>»Französisch??« – – – Aaaaaah – jetzt geht -mir ein Licht auf! Er hat heut seine erste französische -Stunde gehabt! Nach der neuen Methode! Der -Lehrer hat gesprochen, aber nicht angeschrieben. -Erasmus aber, seines Notizbuches stolz sich bewußt, -hat sich's notiert. <em class="antiqua">Qu'est-ce que c'est que cela!</em> –</p> - -<p><em class="antiqua">Voilà ce que c'est!</em></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span></p> - -<p>Mit Hilfe des Bindfadens fördern wir nunmehr -ein kleines Scharnier von einem Deckelseidel in inniger -Verbindung mit einem Stück Schusterpech zutage.</p> - -<p>»Aber Erasmus! Ferkel!« ruft meine Frau -und betrachtet nasrümpfend ihre Finger.</p> - -<p>Er aber starrt sie an mit schuldlos-erstauntem -Blick, als wollte er sagen: »Wieso? – Was ist -denn los?«</p> - -<p>Denn er lebt und webt ja noch im lautersten, -ursprünglichsten Pantheismus; aus <em class="gesperrt">allem</em>, was -die Erde bietet, atmet ihm – in der Wärme des -Herzens und der Wangen nur erst ahnungslos gefühlt -– der unbekannte Schöpfer entgegen, und -das gewaschenste Kätzchen wie den pfützenbewandertsten -Straßenköter drückt er mit gleicher Liebe -an sein glückliches Herz und sein reinstes Chemisett. -Er steht noch auf dem naiv-genialen Standpunkt der -<em class="gesperrt">Gleichberechtigung aller chemischen -Verbindungen</em>, und die paradiesische Unschuld, -die noch nicht weiß, was rein und schmutzig ist, ist -noch nicht ganz durch unsere ästhetischen Engherzigkeiten -verscheucht.</p> - -<p>»Was willst du denn mit diesem Stück von einem -Bierglasdeckel machen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span></p> - -<p>»Och – wenn ich den Deckel dazu finde, dann -mach' ich das auf mein Milchseidel.«</p> - -<p>»Das 's 'ne Idee! Famos! – Aber sag' mir -Bescheid, wenn du den Deckel gefunden hast! – -Kannst du denn überhaupt so was machen?«</p> - -<p>»Jaaa – das ist man ganz leicht!«</p> - -<p>»Mmmm.«</p> - -<p>Das ist richtig. Ich hab' auch als kleiner Junge -sämtlichen Handwerkern ihre sämtlichen Künste abgeguckt. -Es ging alles so nett und leicht. Ich wäre -so gern Tischler, Schlosser, Schmied, Schuster, Maurer, -Hutmacher, Maler und alles andere außerdem -gewesen. Wenn meine Phantasie ein Werk entworfen -hatte, so war's auch schon fertig, und ich -spielte damit. Ich hobelte ohne Hobel, klebte ohne -Leim, malte ohne Pinsel, lötete ohne Kolben und -Flamme und beschlug die wildesten Pferde, alles in -Gedanken. Und die Werke unserer Phantasie -spielen anmutiger mit uns als wir mit den wirklichsten -Dingen. Auch mit Ruhm und Macht und Geld -spielt es sich ja hübscher in der Phantasie als in -Wirklichkeit. »Alles wiederholt sich nur im Leben –«</p> - -<p>Also freu' dich nur an deinem Deckelglas.</p> - -<p>Nachdem wir nun noch aus dieser Tasche eine<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -Mundharmonika, ein kleines Weingeistthermometer -und einen Soldaten von der bleiernen Kavallerie -gehoben haben, bemerken wir an der Lanze dieses -Ulanen eine deutsche Fünfpfennigmarke – <em class="antiqua">pardon</em>: -– eine norddeutsche Fünfpfennigmarke!</p> - -<p>Eine furchtbare Ahnung spannt meine Nerven.</p> - -<p>»Was soll die denn?« frage ich.</p> - -<p>»Die sammel' ich,« erklärt er ganz unschuldig.</p> - -<p>»Mein Sohn,« spreche ich und lege mit ehrwürdig-großer -Geste die Vaterhand auf seine Schulter, -»ich will es keineswegs als unmöglich hinstellen, daß -die Sammler von Briefmarken und Trambahnbilletts -irgendeinen Gedanken daneben haben. Der -Mensch soll nicht hochmütig sein: was wissen wir -z. B. vom Seelenleben des Meerschweinchens oder -des Laubfrosches! Aber bei einem Erben meines -Blutes dulde ich Briefmarkensammeln nicht. Darin -erlaube ich mir nun Despot zu sein. Willst du -<em class="gesperrt">schöne</em> Dinge sammeln – sehr gut! Willst du -lehrreiche Dinge sammeln: Tiere, Pflanzen u. dgl. -– auch gut! Aber Briefmarkensammeln ist ausgesprochene -Antikultur, und darauf steht bei mir -Enterbung.« (Der Junge verfärbt sich.) »Man -weiß ja, wie's geht: Erst kommt das Cricri und das<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span> -Monokel, dann das Sammeln von Briefmarken und -Pferdebahnzetteln und schließlich der Klerikalismus, -ohne daß man die Uebergänge merkt!«</p> - -<p>Meine Frau hat sich inzwischen an die Erschließung -der anderen Tasche gemacht und mit -diversen Muscheln und Hosenknöpfen auch eine zusammengedrückte -Kapsel von einer Weinflasche an -den Tag gebracht.</p> - -<p>»Und was willst du damit?«</p> - -<p>»Die will ich verkaufen.«</p> - -<p>»Verkaufen?«</p> - -<p>»Ja, Willy Steinmann sagt, wenn man 'n -Pfund davon hat, dann kann man sie verkaufen, -und das Geld will ich mir dann aufsparen, und dann -seh' ich zu, daß ich immer mehr dazu krieg', bis ich -fix reich bin.«</p> - -<p>Aah – daher pfeift der Wind! Er hat offenbar -von jenen »gemeinnützigen« Geschichten gekostet, in -denen immer erzählt wird, wie irgend jemand schon -als sechsjähriger Knabe jede Stecknadel aufhob, jede -Gänsedaune für ein künftiges Kopfkissen reservierte -und so schließlich ein ungeheuer großer, reicher und -berühmter Kaufherr wurde. Ich habe nie die Ueberzeugung -loswerden können, daß diese Geschichten<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span> -von Spekulanten, Bankdirektoren, Testamentsvollstreckern, -Schwankdichtern und ähnlichen Leuten erfunden -worden sind, um die andern Leute von der -Fährte abzulenken. Mein Junge – wenn du der -Sohn deiner Eltern bist, so wirst du diesen »fremden -Tropfen in deinem Blute« bald wieder hinauswerfen, -davor ist mir nicht bange. Stecknadelnsammeln -liegt nicht in der Familie.</p> - -<p>»Na, und wenn du nun ›fix reich‹ bist – was -dann?«</p> - -<p>»Dann kauf ich mir Kühe und Ochsen und 'n -Geographiebuch.«</p> - -<p>»So.« Bei mir war es immer ein Schloß. Das -wollt' ich mir bauen, wenn ich reich wäre. Ich sehe -noch heute die breite, schimmernde Marmortreppe, -auf deren oberster Stufe ich stehe als ein Grand-Seigneur, -um im nächsten Augenblick mit vornehmer -Gelassenheit hinabzusteigen. Oder ich lag auf einem -Ruhebett hingestreckt und sah durch hohe Bogenfenster -weiße Wolken durch blaue Himmelsfluren -ziehen – langsam – so langsam. Oder ich hielt -auf der Zugbrücke hoch zu Pferd, die Faust auf den -Schenkel gestemmt, und sah in <em class="gesperrt">einem</em> Blick Täler -und Berge, Wälder und Ströme. Ich möchte fast<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -mit Lessing glauben, daß es eine Wiedergeburt in -<em class="gesperrt">dieser</em> Welt gibt, daß wir mehr als einmal auf -dieser Erde erscheinen. Vielleicht daher diese leisen, -fernen, geheimnisvollen Erinnerungen, die wir uns -nicht erklären können. Und ich fürchte, ich fürchte: -ich bin – vielleicht im dreizehnten Jahrhundert oder -so – ein wenig beschäftigter Junker gewesen. Ich -habe seitdem noch immer eine merkwürdige Neigung, -mit dem Schauen nach schwebenden Wolken und mit -dem Reiten durch rauschende Täler meinen Unterhalt -zu verdienen.</p> - -<p>Während diese Erinnerungen schnell wie -Schwalbenflug vor meinem inneren Blick vorüberziehen, -stößt meine Frau plötzlich einen heftigen -Schrei aus und springt vom Stuhl empor. Sie muß -auf etwas Entsetzliches gestoßen sein; denn sie ist -von Natur sehr mutig. Sie würde ihr Kind aus -dem Rachen des Löwen reißen wie jene berühmte -Mutter von Florenz. Es muß etwas Furchtbareres -sein als ein Löwe. Und so ist es. Es ist ein »Gemeiner -Mistkäfer«, <em class="antiqua">Geotrupes stercorarius</em>, den -meine Frau von ihren Fingern fortgeschleudert hat -und der jetzt langsam auf den Dielen dahinkriecht.</p> - -<p>»Ooh, mein Käfer!« jammert Erasmus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span></p> - -<p>Das Krabbeltier ist aus einer Streichholzschachtel -entwischt und hat sich frei in der Hosentasche ergangen. -Während meine Frau noch immer ein -bißchen weiß um die Nase ist, hat Erasmus das -Tierchen aufgenommen und läßt es mit geradezu -wissenschaftlicher Kaltblütigkeit und Vorurteilslosigkeit -über seine Finger krabbeln.</p> - -<p>»Wozu hast du den denn gefangen?«</p> - -<p>»Für 'ne Käfersammlung.«</p> - -<p>»Na – weißt du – das halt' ich eigentlich für -unnötig. Du kannst ihn dir auch so ordentlich ansehen. -Und dann kannst du ihn jedes Jahr in ungezählten -Mengen wiederfinden. Wenn's was -Seltenes wäre, wollt' ich nichts sagen. Was selten -ist, muß immer dran glauben. Aber das verstehst -du noch nicht. Also: ich denke, du läßt ihn laufen, -he? Andere Mistkäfer wollen <em class="gesperrt">auch</em> leben.«</p> - -<p>Mit schnell aufblitzendem Blick sieht er mir -forschend in die Augen, dann lächelt er und betrachtet -verstohlen seine Hände. Sie sind heute zum zweitenmal -gewaschen und zum drittenmal schmutzig. Er -gebraucht sie ungeniert und fleißig, wenn er in Haus -und Garten, Feld und Wald naturforschend sich ins -All versenkt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span></p> - -<p>An den Gegenständen, die der zweiten Tasche -entstammen, zuletzt an der Streichholzschachtel, sowie -an der rechten Hand meiner Frau ist uns mehr -und mehr eine merkwürdig übereinstimmende Röte -aufgefallen. Jetzt kommen wir auch dem Ursprung -dieser Farbe nah: ein beträchtliches Stück Rötel hat -offenbar schon ein paar Tage in diesem Raume zugebracht -und dessen Wände mit einem gleichmäßigen -Rot bedeckt. Endlich findet sich noch ein schön abgeschliffenes, -eirundes Rollsteinchen vom Meeresufer.</p> - -<p>»Was ist denn das?«</p> - -<p>»Das ist 'n Glücksstein.«</p> - -<p>»Ein Glücksstein?« –</p> - -<p>Das kann stimmen. Wer sich an solch einem -Steinchen freut, der ist glücklich.</p> - -<p>»Wo hast du denn die hübsche kleine Silbermünze -gelassen, die du neulich hattest?«</p> - -<p>»Och, die hab ich Georg Petersen gegeben, der -will mir achtzehn Fahnen und fünfundzwanzig Lanzen -dafür geben.«</p> - -<p>Seine Augen leuchten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ja, das sind so Augenblicke, in denen einem das -Herz ein wenig groß und das Auge – Verzeihung!<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -– ein wenig warm wird. Denn man denkt an die -vielen Male, daß dieser junge Mann in seinem Leben -noch betrogen werden wird. Was wird <em class="gesperrt">dem</em> sein -guter Glaube noch kosten! Man fragt sich, ob man -nicht unrecht tut, wenn man einem Kinde sagt: »Sei -immer wahr!« – ob man es nicht wehrlos macht. -Man säh es so gern das Gebot der Wahrhaftigkeit -befolgen, und man sieht dabei alle die Leiden voraus, -die dann seiner warten. Also dem Achtjährigen -schon sagen: »Paß auf, daß du nicht betrogen -wirst!?« – Nein. Nein. Es lieber der Zeit überlassen, -die schließlich doch den Arglosesten warnt. Bei -manchem braucht's freilich viel Zeit. Und dann ist -ja auch der Mensch so genial konstruiert, daß er einen -merkwürdig großen Wert darauf legt, nicht aus -fremdem Schaden zu lernen, sondern <em class="gesperrt">selbst</em> betrogen -zu werden. Und dann ist es ja auch vorteilhaft, -sich mäßig betrügen und belügen zu lassen. Zu viel -ist freilich hier wie überall vom Uebel. Wer gar zu -leicht zu betrügen ist, der verleitet schließlich auch -honette Leute. Die sagen dann: »Na – wenn er -selbst nicht anders <em class="gesperrt">will</em> – –« Man glaubt nicht, -wie verderblich ein <em class="gesperrt">einziger</em> Vertrauensseliger -für ein ganzes Rudel von ziemlich anständigen Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span> -werden kann. Aber sonst –: Die Leute vom -Adel haben ganz recht: Sich mäßig betrügen lassen, -gehört zum Adel. Wer einen Rock zu vierzig Mark für -fünfzig Mark verkauft, wer im niederen oder höheren -Pferdehandel einen Gentleman hineinlegt oder wer -das Drama eines Rivalen aus dem Spielplan hinausintrigiert, -damit er noch ein bißchen mehr -Ruhm mit Tantièmen ergattere – und wer sich bei -alledem steif und fest einredet, Klugheit und Vorteil -seien auf <em class="gesperrt">seiner</em> Seite und <em class="gesperrt">nur</em> auf seiner Seite -– ja, wer wollte solch einem armen Teufel das kleine -Vergnügen des Betruges nicht gönnen?! Man zahlt -je nach seinen Verhältnissen die zehn Pfennig oder -die zehn Goldstücke oder die zehn braunen Scheine, -und wenn man den Betrug merkt, lacht man sich -ins Fäustchen und freut sich, daß man keine Wanze -ist; und was einem leid tut, ist nur der arme Kerl, -der nun womöglich ganz stolz ist auf seinen »Coup«.</p> - -<p>Meine Frau und ich haben beschlossen, dem -jungen Herrn ein eigenes Schubfach zur Verfügung -zu stellen, damit er darin seine Kinderwelt baue. -Nach meinem eigenen Jungentum zu schließen, wird -er allerdings die Hosentasche vorziehen. Das Verhältnis -zu den Dingen ist hier ein intimeres. Man<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span> -hat auch alles für den ersten Griff bereit und nett -beisammen: Kreisel, Mistkäfer, Aepfel und Schusterpech. -Und dann – die Hauptsache! – es liegt nicht -offen vor aller Augen da. Obwohl wir höchst diskret -verfahren sind mit dem Geheimschatz des -Prinzen Erasmus und uns das Lachen tapfer verbissen -haben – er schien unser Vorgehen doch als -eine Indiskretion zu empfinden. Es war eine Sache -der Scham für ihn. Und man <em class="gesperrt">soll</em> auch nicht einfallen -ins Land der Kinderseele, man soll es behutsam -anstellen, daß sie einen selbst hereinziehen. Wenn -ihr Entzücken einmal recht groß ist, tun sie's schon.</p> - -<p>Eine zartgebaute Welt, das Kinderparadies! -Ein einziger rauher Hauch aus der kalten Welt der -Erwachsenen – und tausend Blüten fallen auf einmal -von seinen Bäumen. Es gibt ein Wunder, das -ist so groß wie ein Pfennig, rund wie die Sonne und -mildglänzend wie der Mond; du bewegst es ein -wenig – und versteckte Farben leuchten daraus -hervor: das durchsichtige Grün des Nordmeers, die -Röte des Abendhimmels … Laß aber ein paar -unrechte und grobe Finger darüber kommen und es -verächtlich auf den Tisch werfen – so ist es ein armseliger -Perlmutterknopf! – – –</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span></p> - -<h2 id="Flieh_auf_hinaus_ins_weite_Land">Flieh, auf, hinaus ins weite Land!</h2> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span></p> - -<p class="drop">In den Pfingsttagen ist er wieder aufgestanden. Die -Pranken hoch emporgestreckt zum Ansprung …</p> - -<p>Kusch!!</p> - -<p>Und langsam, sehr langsam duckt er sich noch -einmal in den Winkel.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Wanderdämon</em>.</p> - -<p>Wer stets daheim geblieben ist, in dem schläft -er einen tiefen Schlaf. Ein solcher Mensch spricht -ganz unschuldig solche Lästerungen aus wie:</p> - -<p>»Wozu soll ich reisen? Kann ich's irgendwo -schöner und behaglicher haben als in Hamburg?«</p> - -<p>Oder: »Gehn Sie mir mit dem Reisen! Der -reinste Selbstbetrug! Man gibt recht viel Geld aus, -fühlt sich fortwährend unbehaglich und sagt immer -›O wie schön!‹ um sich nur zu beschwichtigen. Hab -auch mal so'n Rundreisebillett durch 'n Harz gehabt. -Bin gar nicht erst ausgestiegen. Gleich durchgefahren -und wieder nach Hause …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span></p> - -<p>Und was dergleichen Ahnungslosigkeiten mehr -sind.</p> - -<p>Aber wenn jener Dämon nur <em class="gesperrt">einmal</em> Blut -geleckt hat …</p> - -<p>Nehmen wir an, du machtest deine jährliche -Reise im Juli, so meldet er sich nach der <em class="gesperrt">ersten</em> -Reise im Juni, nach der zweiten im Mai, nach der -dritten schon im April, und nach wenigen Jahren, -wenn du gerade vor dem Tannenbaum stehst und -eine goldene Nuß hineinhängen willst, wachsen sehnsüchtige -Bergriesen in dir empor, und über weltweite -Alpengründe fließt Herdengeläut und millionensternige -Blumenpracht.</p> - -<p>Du schüttelst schnell den Kopf … Still!! -Kusch dich!! … Und der große, machtvolle -Weihnachtsfriede deckt das liebe Ungeheuer zu – -günstigenfalls, bis der erste Star unter deinem Fenster -schrillt. Dann regt es sich ohne Gnade, und -bald darauf wieder, wenn die »neun Sommertage -des März« kommen – oder ausbleiben, je nachdem -– und dann an dem Tage, da der <em class="gesperrt">eine</em> große, -warme Atemzug der Befreiung durch die Städte -geht und alle Menschen, auch die in den Krankenstuben, -sprechen: »Ja, <em class="gesperrt">jetzt</em> ist der Frühling<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span> -<em class="gesperrt">wirklich</em> da!« – und dann in immer kürzeren -Zwischenräumen.</p> - -<p>In den Pfingsttagen richtete er sich gewaltig empor; -ich spürte seinen heißen Atem an der Wange …</p> - -<p>An einem heiligen Pfingstmorgen in früher -Kindheit ist er ja auch zum erstenmal in mir geweckt -worden. Damals nahm ein älterer Bruder mich -bei der Hand und führte mich das Ufer des breiten -Elbstromes hinunter. Und sieh: jenseits des breiten, -sonnigen Glanzes lagen blaue Berge, denkt euch -nur: <em class="gesperrt">blaue</em> Berge! Als mir mein Bruder dann -noch sagte, die Bläue komme von den Heidelbeeren -her, mit denen die Berge über und über bewachsen -wären, da wuchs mein Verlangen ins Unendliche. -Von jenen blauen Bergen kam meine Wanderlust.</p> - -<p>Nun hatt' ich gesehen, daß es noch eine Welt gab -jenseits unseres Dorfes. Mehr noch <em class="gesperrt">gefühlt</em> als -gesehen! Mein inneres Leben hatte ein Jenseits -bekommen, eine nebelblaue Weite, in der meine -Träume tanzen konnten. Von jenem Tag an gab -es in meiner Seele Heimat und Fremde. Wir -waren weit, weit gegangen, wenigstens für meine -kurzen Kinderbeinchen, und zum erstenmal fühlt' ich -den geheimnisvollen Zauber, den Ueberwindung<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span> -des Raumes und Wechsel der Umgebung mit sich -bringen. Ich weiß nicht, ob es anderen auch so ist: -aber für mich hat die Ueberwindung großer Entfernungen, -wie sie z. B. die Dampfkraft ermöglicht, -etwas Anziehend-Unheimliches. So ein Handlungsreisender -– ich bitte um Entschuldigung, wenn ich -mich irre, und es gibt ja gewiß auch andere – spielt -heute abend seinen Skat in Leipzig und morgen -abend in Berlin, und wenn er beide Male gleiche -Karten hat, ist es ihm ganz einerlei. Hab ich recht? -Nun ja, es kann auch wohl nicht anders sein. Aber -<em class="gesperrt">ich</em> sage mir in solchem Falle gedankenvoll: »Gestern -in München – und heute in Posen!« Und darin -liegt dann so ein übermenschlicher Schicksalsklang wie -etwa in den Worten: »Heute rot – morgen tot.« -Es genügen schon die Bahnhöfe solcher zwei Endpunkte, -um Schauer der Raumüberwindung in mir -zu erwecken. Es mag wohl daher kommen, daß -alle Dinge für mich Gesichter haben, seien es auch -nur Steinwände, eiserne Träger oder bestaubte -Fensterscheiben, keine Menschengesichter, sondern -solche Gesichter, wie sie Steinwände, eiserne Träger -und bestaubte Fensterscheiben eben haben …</p> - -<p>Und dann kamen alle die Pfingstfeste, da ich in<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span> -der Nacht vor der Ausgießung des heiligen Geistes -mit meiner Mutter bis zwei Uhr, bis drei Uhr bei -der Lampe saß und seligen Blickes zusah, wie sie -aus dem vergangenen Pfingststaat des Vaters den -neuen Pfingststaat des Sohnes erstehen ließ. Ich -sehe noch, wie auf den treuen, nimmermüden Händen -der gelbe Lampenschimmer lag, ein Schimmer, -der mir dann vor den stillen Augen zum gelben -Sonnenschein auf Wald und Wiesenpfaden ward. -Das schönste von allem Glück sind die geweihten -Stunden der Erwartung, besonders die schweigend -bewegten Nachtstunden, nach denen die Licht- und -Klangfanfaren eines großen Morgens kommen sollen.</p> - -<p>In solchen Nächten braucht man keinen Schlaf. -Leg dich mit der Erwartung von Leiden nieder, und -aus dem längsten und schwersten Schlaf erwachst du -ohne Erquickung; wiegt sich aber dein Herz auf -Flügeln fröhlicher Hoffnung, so nippst du wie ein -Vogel einen einzigen Tropfen aus dem Wasser der -Träume und fliegst gestärkt in den Morgen hinaus.</p> - -<p>Ja, mit starken Beinen marschierten wir in allererster -Frühe des Morgens hinaus. Die Tradition -verlangte das: erste, keuscheste Herrgottsfrühe. -»Herrgottsfrühe« – welch ein wunderbares Wort<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -das ist! Alle Menschen schlafen noch; selbst die -Vögel hocken noch im Nest; nur der Herrgott und -du sind schon wach, und du fragst ganz unbefangen -hinauf: »Wie wird's denn heut' werden?« denn -er hat noch Zeit, ein Wort an dich allein zu wenden. -Und leichte Sommerkleider verlangte die Tradition, -bei den Mädeln sogar helle Kleider, wenn es auch -sanft und hartnäckig regnete und der Regen nur -selten unterbrochen ward durch ein wenig Schnee. -Was Faust vom Ostermorgen sagt, mag ja im sechzehnten -Jahrhundert richtig gewesen sein, heutzutage -stimmt es nicht mehr, wenigstens nicht in Norddeutschland. -Am Osterfeste macht man Schlittenpartien, -freut sich aber, wenn man wieder beim -Ofen sitzen und Grog trinken darf. Pfingsten ist das -Fest, da die Menschen aus ihren steinernen Gräbern -auferstehen, um Licht zu trinken. Und solch ein Fest -verregnen lassen (womöglich noch mit Schnee dazwischen), -das kann nur der Teufel tun; denn ein -Herrgott bringt dergleichen einfach nicht übers Herz. -Pfingsten im strömenden Regen beginnen und verrinnen -sehen, das war so, wie wenn unser bester -Freund uns meuchlings einen Dolchstich versetzt; -man stand am Fenster und sprach in sich hinein:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span></p> - -<p>»Das war kein Heldenstück, Oktavio!«</p> - -<p>Ich zog meine Eltern so oft ans Fenster und -wiederholte so oft die Behauptung, es beginne jetzt -im Westen »aufzuklaren«, daß sie bald ganz meiner -Meinung wurden und die günstigsten Prognosen -stellten. Auf das Wetter hatte das freilich keinen -Einfluß. Und es rührt mich noch heute ganz seltsam, -wenn ich Arbeiter mit ihren Frauen und Kindern -in dünnen, weißen Pfingstgewändern, die -melancholisch am Leibe herunterhängen, unter dem -Regen fröstelnd dahinschleichen sehe. Wer sich aus -jedem Tage einen Sonntag machen kann, der hat -gut mit überlegenem Spotte zu lächeln: »Warum -heben diese Leute sich ihren Staat und ihr Vergnügen -nicht auf für einen späteren Tag? Ein Sonntag -ist doch wie der andere!«</p> - -<p>Ganz recht: ein Sonntag ist wie der andere; -aber keiner ist wie der Pfingstsonntag. Am Pfingstsonntag -ist in diesen Leuten das Maß der Frühlingssehnsucht -voll, und es <em class="gesperrt">muß</em> überströmen.</p> - -<p>Ja, Sommerkleider mußten es sein und Strohhüte, -und in der Flasche mußte Himbeeressig sein – -für unerfahrene Zungen ein köstlicher Trank – und -in der »Botanisier«-Dose ein Frühstück mit Schinken,<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span> -Eiern oder noch selteneren Dingen. Ich gebe -gern zu – ich seh' nicht ein, warum ich mich genieren -soll –, daß meine Seligkeit ein inniges Gemisch war -von Schönheitsfreude und Schinkenhoffnung; aber -ich bestreite auf das entschiedenste, daß sie nur aus -letzterer bestanden habe, wie bei einigen meiner -Kameraden. O nein, ich sah wohl die festliche -Schönheit der breiten Wiesen, auf denen behende -Burschen nach schlanken, tanzenden Mädchen haschten; -ich blickte wohl mit heimlichem Entzücken seitwärts -in grüne, heilig-dunkle Säulengänge, wo die -Amseln furcht- und harmlos über den Weg liefen; -ich sah wohl die Schönheit auf den Gesichtern, wenn -dem blinden Geiger ein Groschen in den Hut fiel; -ich bemerkte wohl, daß die weißen Segel auf dem -Fluß so stillächelnd dahintändelten, als ergingen -sie sich ziel- und wunschlos auf den Fluten der ewigen -Seligkeit, und ich sah wohl, wie die Birke ihr -langes Haar übers Gesicht fallen ließ, daß die Gräser -damit spielten, und wie sie sich immer wieder neigte -und sich immer wieder neigte und immer wieder, -mit zärtlicher Geduld, wie eine junge Mutter. Und -wenn ich damals gewußt hätte, daß <em class="gesperrt">das</em> das Glück -sei, was um die flüsternden Zweige flimmert und<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span> -über den wandernden Strömen schimmert – wenn -ich das geahnt hätte …!</p> - -<p>Kann es euch wundern, daß gerade am Pfingstfest -die Wandersehnsucht in mir aufstand, unbarmherzig, -stark, wild, rauh, und dann mit einem Mal -das ganze Innere mit lieblicher Glut erfüllend?</p> - -<p>Daß ich mit einem Mal an einen kleinen Steg -über einen Arm des grünen Dürrensees denken -mußte, an ein paar Brettlein, von denen aus man -eine andere Welt erblickt? Denn diese ungeheure, -schweigende Runde wildauftrotzender Felsen gehört -unmöglich zu der Welt, die wir kennen und in der -wir leben. Dies Tal der ewigen Ruhe ist von der -Welt des Strebens geschieden durch ewige Felsen. -Hier trank ich bei lebendigem Leib die Wollust des -Sterbens. Du stehst und starrst – und fühlst, wie -unter dir das Tägliche versinkt; immer noch tiefer -versinkt es, immer noch tiefer. Und starrend versinkst -du selbst in unergründliche Tiefen der Seeleneinsamkeit. -Du hast nicht Freund, nicht Weib, nicht -Kind mehr; dein Leben ist ausgelöscht; du bist der -letzte Mensch unter den furchtbaren Schauern steiniger -Oede.</p> - -<p>Und wie dein Blick noch starrend hängt am<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span> -ragenden Geklüft, da steht mit einem Mal auf schimmerndem -Grat eine ferne Erinnerung in rosigem -Gewande und blickt dir gerad' ins Aug'. Habt ihr's -gesehen, daß auf den höchsten Höhen Erinnerungen -wohnen? Daß sie auf leuchtenden Zinnen stehen, -über den schneeschimmernden Grat wandeln, an -grauen, drohenden Abgründen hangen?</p> - -<p>Ueber einem gebietenden Gipfel leuchtete mir -die Erinnerung auf an den Tag, da ich, ein achtjähriger -Bube, durch die blendend illuminierten -Straßen meiner Heimatstadt geführt wurde und -von allen Lippen das Wort klang: Der Friede ist -geschlossen.</p> - -<p>Jenen sanften Abhang herab kam die Erinnerung, -wie ich, ein Jüngling, fast noch ein Knabe, -durch abendlich-goldene Felder ging, des Francis -Bacon scharfes »Organon« in der Tasche, die Leiden -des jungen Werther aber im Herzen und im Kopfe.</p> - -<p>Ueber jenen Sattel aber mußte im nächsten -Augenblick Hand in Hand der liebliche Reigen jener -Stunden heraufkommen, da ich mit Ortrun am -Strande saß und sie mir ihre Blumen ins Gesicht -warf, weil sie zu schüchtern war, sie mir in die Hand -zu geben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span></p> - -<p>So taust du allmählich wieder auf von Erstarrung -und Tod und liesest in dem Gezack der Höhen -und Abgründe die Linien eines Menschenlebens: -Du hebst endlich wieder den Stab zu neuem Wandern, -und mit dir wandern droben auf den Bergen -die wilden, grauen Stunden deiner Kämpfe und -alle sanften Tage deiner Liebe. –</p> - -<p>Und kann es euch wundern, daß ich Pfingsten -auch an Cenzi denken mußte, an Cenzi von Mayrhofen -im Zillertal, deren Licht uns gastlich entgegenleuchtete, -als wir drei Wandergesellen abends nach -zweistündigem Marsch im Regen nach diesem Dorfe -gelangten, weich bis ins Gemüt? An Cenzi, das -Mädchen mit der revolutionären Orthographie und -dem reichen Gemüt, das uns mit einer durchaus -flüssigen Suppe und einem sehr reservierten Kalbsbraten -erquickte und auf unseren einstimmigen Liebesschwur -erklärte, daß sie unsere Gefühle erwidere, -alles für einen Gulden siebzig? Freilich kann ich -noch heute den nagenden Zweifel nicht los werden, -ob Cenzi unsere Gulden nicht <em class="gesperrt">noch</em> inniger liebte -als uns: denn wenn wir noch dabei waren, das -Letzte aus der Flasche ins Glas zu gießen, so fragte -sie schon mit Leidenschaft: »Mögen S' noch ane?«<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span> -und wenn wir dann mit Gefühl erwiderten: »Ja, -bringen S' noch eine Viertel«, dann sprach sie: -»Mögen S' net a Halbe?« Eine so naive, quellfrische -Guldensehnsucht findet man nur noch bei den -unverfälschten Kindern des Gebirges.</p> - -<p>Oder nimmt es euch wunder, daß ich an Monika -dachte, an Monika vom Mahlknechtsjoch, die in jeder -Beziehung runde Monika mit den runden Augen, -die über alles lachte? Wenn man sagte: »Monika, -bestellen Sie mir eine Droschke!«, so lachte Monika, -das Merkwürdige aber war, wenn man sagte: -»Monika, bringen Sie mir einen Kaiserschmarren!«, -so lachte sie auch. Am meisten aber lachte sie, als -einer von uns den Lehrsatz aufstellte: »'n <em class="gesperrt">bißchen</em> -dumm ist <em class="gesperrt">jeder</em>.« Die Sache ist ja auch komisch. -Und dann brachte sie einen niemals ganz zu bewältigenden -Kaiserschmarren und eine Erbsensuppe, -die so unendlich war wie ihre Fröhlichkeit, und alles -stellte sie uns hin mit so mütterlicher Freundlichkeit, -als wären wir ihre drei jüngsten Buben, die sie -einmal gründlich durchfüttern müsse.</p> - -<p>Oder daß ich an Mali dachte in der Dominikushütten, -die mordssaubere, blitzäugige Mali, die so -freundlich und so betulich war und dann zu dem<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span> -Buben auf dem Hof, als sie nicht wußte, daß jemand -auf dem Altane stand und sie hörte, die eindringlichen -und hochtonigen Worte sprach: »Willst glei die -Ziegen in Ruh lass'n, du sakrischer Lauskerl, malefizlischer!« -Sie sprach das in einer Weise, die den -Gedanken an eine eheliche Verbindung in das -Innerste der Brust selbst eines geübten Ritters -St. Georg zurückgescheucht hätte. Oder an den -Aufstieg zum Pfitscher Joch, am Stampflerferner -vorbei und an den kleinen dunklen Seen, die wie -schwarze Augen regungslos in den Himmel starren? -Oder an den Abstieg in das menschenarme, melancholische -Pfitschtal, wo ich, als wir nahe vor St. Jakob -angekommen waren, immer wieder zurückschauen -mußte nach einer Kirche, über der ein himmlisches -Licht entzündet war? Ihr müßt dem Wort »himmlisch« -erst alle die Bedeutungen ausziehen, die unsere -kleinen Mädchen ihm aufhängen, wenn sie von -»himmlischen« Tüllgardinen oder von »himmlischen« -Zeichenlehrern sprechen. Nehmt einmal bitte das -Wort »himmlisch« in seiner reinsten Ursprünglichkeit -und denkt euch ein allerreinstes Licht! Ueber dem -Kirchlein lag ein Gletscher im hellsten Mittagssonnenschein, -und der Turm wies mitten in den<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -Glanz. Es war ein alleinseligmachendes Kirchlein; -wer hindurchging, der mußte unmittelbar ins ewige -Licht gelangen, und selbst der schwärzeste Bösewicht, -wenn er in den Bannkreis dieses Leuchtens trat, -mußte sogleich erstrahlen wie der weißeste Engel.</p> - -<p>Ach, leider ist dieses himmlische Licht ein Trug; -in den Köpfen der Menschen fanden wir nichts -davon. Welch ein psychologisches Raffinement, -welche Kunst der Mitteilung gehörte dazu, um wieder -auf den richtigen Pfad zu gelangen, den wir im -strömenden Regen verloren hatten, und endlich einen -Wagen zu bekommen, der uns in diesem Regen nach -Sterzing brachte. Die Fahrt dauerte drei Stunden, -von denen wir nach ungefährer Schätzung eine auf -unseren Sitzen und nur zwei in der Luft verbrachten. -Wir waren vorurteilslos genug, über jeden -Stoß zu lachen, wenn unser Lachen nur nicht regelmäßig -durch den nächsten Stoß abgebrochen worden -wäre. Gleichwohl war unsere Stimmung die ausgelassenste -Heiterkeit, wenn wir auch dazwischen mitunter -den stillen Gedanken hatten, daß unser -Wägelchen im nächsten Augenblick in tausend -Splitter zerschmettert werden oder mit Insassen und -Pferden in den Abgrund hinunterkollern würde, wo<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span> -der durch den langen Regen übermäßig geschwellte -Pfitschbach mit Donnern und Brausen abwärts -stürzte. Der Kutscher stieß ein »Jesus Maria!« über -das andere aus. Es war eine jener Situationen, -die man, wenn man einmal darin ist, mit lächelndem -»Mannesmut« hinnimmt, deren Wiederholung -man aber künftig nach Möglichkeit zu vermeiden im -stillen beschließt. Der niedlichste von allen Humoren -war aber, daß wir schließlich noch auf eine lange -Strecke aussteigen mußten und nun zu Vieren den -an allen Rädern gebremsten Wagen zurückhielten, -damit er den Pferden nicht auf die Hacken falle und -hübsch auf dem Weg bleibe. Es war noch ein -wahres Glück, daß wenigstens der Regen anhielt. -Wir hatten für solche Perioden der Trübsal einen -Fundamentalsatz der Berliner Philosophie, den wir -uns dann gegenseitig ins Herz prägten; er hieß: -»Det is <em class="gesperrt">jrade</em> wat Scheenes!« Solche Sätze sind -viel wert. Es ist damit wie mit den Salmiak-Pastillen; -eigentlich sind sie scheußlich; aber man -hat wenigstens etwas in den Mund zu nehmen und -in langen Stunden eine Unterhaltung.</p> - -<p>Und schließlich kamen wir doch nach Sterzing in -ein hübsches, blitzeblankes Hotel, und wer mir jetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span> -noch <em class="gesperrt">ein Wort</em> auf die Kultur schimpft, der hat's -mit mir zu tun.</p> - -<p>Für die Natur braucht man nicht einzutreten, -die verteidigt sich selbst.</p> - -<p>Die redet aller Sprachen Sprache, die aller Menschen -Muttersprache ist. Ihre Sprache klingt in -Bergen und Tälern, aus Wäldern und Strömen. -Und was mir das Gebirge Unaussprechliches vertraut -hat: in wenigen Wochen geh' ich und sag' es -mit stummen Lippen seiner geheimnisvollen -Schwester, dem Meer, dem tausendstimmigen und -millionenäugigen, dem herrlichen, dem – o, dem – -dem –</p> - -<p>Kusch!!!</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span></p> - -<h2 id="Der_suesse_Willy">Der süße Willy</h2> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span></p> - -<p class="drop">Es war an einem Sonntag; denn der süße Willy -sollte ein Sonntagskind werden. Der welthistorische -Moment seiner Geburt war auf eine -Minute vor zwölf Uhr mittags festgesetzt. Aber schon -seit acht Uhr morgens waren im Schlafraum der -Mutter außer der Hebamme, der Wärterin und der -Amme sieben zukünftige Tanten und Cousinen gegenwärtig. -Eine angeregte Unterhaltung und -Pralinés sind für Wöchnerinnen im Augenblick -ihrer Niederkunft sehr zuträglich. Von letzterwähntem, -nicht genug zu empfehlendem Konfekt schoben -abwechselnd Tante Bella und Tante Julchen der -Leidenden ein Stück nach dem andern tröstend in -den Mund. Tante Minka hatte es sich nicht nehmen -lassen, ihren entzückenden Molly, einen seidenweich -behaarten Choleriker, mitzubringen, der der Gebärenden -beruhigende Laute zubellte oder fein langgezogenes -Klagegeheul mit ihrem Wehgeschrei vereinigte.<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span> -Tante Elvira dagegen, ein Fräulein von -siebenundfünfzig, welcher nach unerforschlichem Ratschluß -der Kindersegen versagt geblieben war, wiegte -auf ihren Händen ein für den süßen Willy bestimmtes -Puppenkerlchen, das, wenn man ihm nur geneigtest -auf den Bauch drücken wollte, zwei Becken -zusammenschlug und in anerkennenswerter Weise -quietschte. Diese vier achtbaren Damen nahmen den -Platz am Bette ein, der von Rechts wegen der Wehmutter -und der Wärterin gebührte, den sie aber behaupteten -in der richtigen Erkenntnis, daß die Nähe -von Verwandten immer etwas Beruhigendes habe -für »Frauen in solchen Umständen«.</p> - -<p>Immer näher rückte der bedeutungsschwere -Moment.</p> - -<p>Frau Helmerding stieß einen furchtbaren Schrei -aus; denn die Mutter des süßen Willy hieß Frau -Helmerding.</p> - -<p>– Bäh – – – bäh – – – bäh – – –</p> - -<p>Das Unvermeidliche war geschehen und nicht -mehr rückgängig zu machen. Der süße Willy war -mit beiden Füßen in etwas getreten, was man -Leben nennt, und von nun an ein Faktor, mit dem -die Welt zu rechnen hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span></p> - -<p>Die zärtlichen Verwandten, die vor der kritischen -letzten halben Stunde doch geflohen waren, kehrten -in Prozession zurück.</p> - -<p>Damit das Seelenleben des süßen Willy ungetrübt -und heiter dahinfließen könne von Anbeginn, -hatte man seit acht Uhr ein Zuckerbeutelchen bereitgehalten. -Der liebe Junge war nicht so bald vorhanden, -als ihm Cousinchen Nelly mit dem Saugobjekt -in den Mund fuhr. Willy lutschte schweigend -am süßen Dasein.</p> - -<p>Nachdem er gebadet worden war, ging er von -Hand zu Hand. »Wie süüüß, wie rraitzend, wie -hiiiimlisch, wie enttt–zückend!« und zum Schluß in -siebenstimmigem Unisono sanft versäuselnd: »Wie -süüüüß!«</p> - -<p>Endlich kam die süße Last an Jungfer Elvira. Sie -nahm mit sachkundiger Miene das Knäbchen wie ein -Wäschebündel unter den linken Arm, ließ mit der rechten -das Puppenkasperle tanzen und sang dazu ohne -Schneidezähne das allerneueste Gassenhauerchen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Mitten in der Elbe<br /></span> -<span class="i0">schwimmt ein Krokodil.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Dabei hätte sie aber das Bündel Weltbürgertum -beinah auf den Boden fallen lassen, und nur einem<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span> -schnellen Griff der Wärterin verdankte der junge -Helmerding sein Fortbestehen.</p> - -<p>Der junge Helmerding war der Erstgeborene des -alten. Dieser war aber noch gar nicht alt, zählte -vielmehr erst behäbige vierzig Jahre. Mit neununddreißig -hatte er sich verheiratet, nachdem er kurz -vorher in einem Bauunternehmen einen kapitalen -Zug getan und gleichzeitig in Erfahrung gebracht -hatte, daß Frau Helmerding ihm vierzigtausend -Taler mitbringen würde. Es gibt eine unkeusche -Leichtfertigkeit, die früher heiratet, als solche Bedingungen -gegeben sind, und Kinder auf Kinder in die -Welt setzt. Wie konnte bei solchen Existenzen von jener -wahrhaftigen, ruhigen, tief-sittlichen Vaterfreude die -Rede sein, die er empfand, als er von der Fondsbörse -zurückgekehrt war, das stille Glück der gestiegenen -Kurse in der Tasche und das schreiende eines jungen -Erben in den Armen! Der Junge sollte aber eine -Erziehung genießen, daß sich der –! In die teuerste -Schule, das stand fest. Wir haben es ja dazu.</p> - -<p>Als man der Mutter davon sprach, daß das -Kind, damit es sie nicht störe, in einem andern -Zimmer bei der Amme schlafen solle, wäre sie fast -außer sich geraten. So die Gefühle einer Mutter<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span> -zu verletzen! Ha, eine Löwin, der man ihr Junges -rauben will! Als aber der junge Löwe schon die -erste Nacht unausgesetzt brüllte, weil er nicht schlief, -erteilte sie am Morgen jenem Vorschlag ihre Genehmigung.</p> - -<p>Der süße Willy machte jetzt einen nächtlichen -Kursus für Lungengymnastik durch. Vermöge einer -Ausdauer, die die beseligendsten Hoffnungen für -seine spätere Entwickelung erwecken mußte, brachte -er es bald dahin, daß beim Schreien sein edel gebildetes -Profil hinter der Mundöffnung verschwand. -Ein an poetischen Vergleichen reicher Mann würde -den Mund in solchen Augenblicken einer aufgeklappten -Zigarrenkiste nicht unähnlich gefunden haben. -Was dem süßen Willy noch an Fülle und Rundung -des Tones abging, ersetzte er durch Haarwurzelfeinheit -des Timbres und durch warm beseelten Vortrag. -Und in seinem noch unerhellten Bewußtsein lebte -unverkennbar ein Nachklang aus den glücklichen -Zeiten der Folter. Wenn nämlich seine Amme in -die süße Wollust des Entschlummerns versank und -sich dort befand, wo wir nach Egmont »aufhören, -zu sein«, begann der süße Willy zu schrein, sicher -intonierend, den ersten Ton fest und kräftig aufsetzend,<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span> -wie die Gesanglehrer sagen. Wenn dann -die Amme, durch dieses eigenartige Zusammentreffen -natürlich auf das angenehmste überrascht und erheitert, -das unschuldige Wurm seinen seidenen Kissen -entnahm, beeilte sich dieses, durch ein souveränes -Lächeln auszudrücken, daß es mehr als Beschränktheit -sei, wenn man glaube, ihm fehle irgend etwas. -»Im Gegenteil!« leuchtet' es aus seinen edel-feurigen -Augen, »<em class="antiqua">toujours fidèle et sans souci</em>!« Von -neuem sorgfältig zum Schlaf gebettet, war er so -rücksichtsvoll, mit dem Beginn der zweiten Konzertnummer -zu warten, bis das Bewußtsein der Amme -wieder zu neun Zehnteilen in bessere Gefilde entschwebt -war und nur noch mit dem Rest im schlechten -Diesseits verweilte. Hatte sich dieser Vorgang -während der Nacht fünf- oder sechsmal wiederholt, -so war die Amme am Morgen in jener Stimmung, -aus der die Kündigungen und schroffen Abschiede -hervorzugehen pflegen. Befolgte aber eine andere -Amme das manchen Orts gelobte Prinzip: »Schreien -lassen, was die Lunge hergeben will«, so blieb eine -derartig rohe und herzlose Person natürlich keine -acht Tage im Hause der liebevollen Helmerdings. -Große Männer verbrauchen die Menschen ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span> -Umgebung schnell. Da Willy ein großer Mann -werden sollte, so verbrauchte er schon im ersten -halben Jahre seines Lebens vier Ammen.</p> - -<p>Es gehört zu den innigsten Ergötzungen eines -Menschenfreundes, die Jugend eines großen Mannes -zu durchforschen und in tausend kleinen Zügen -eines von den trefflichsten Eltern herangebildeten -kindlichen Charakters schon das Bild des späteren -Menschen vorgebildet, in dem stillen Weben seiner -Entfaltung schon die Kräfte seines zukünftigen -Strebens und Wirkens tätig zu sehen. Seit Vollendung -seines ersten Jahres wurde der süße Willy -von seinen Eltern regelmäßig mit zur Tafel gezogen. -Eine umfassende Geschmacksbildung offenbarte sich -schon hier, und seinem strategischen Ueberblick entging -kein Braten, kein Kompott, kein Ragout, kein -Salat. Sein Verlangen, von jeder Schüssel zu erhalten, -deutete er der Einfachheit halber durch ein -mäßiges, fünf Sekunden langes Gebrüll an. Wurde -sein Wunsch aus irgendeinem Grunde nicht sofort -erfüllt – an dem guten Willen der Eltern mangelte -es gewiß nicht –, so ergriff er mit ruhiger Entschlossenheit -das nächste Mittel, d. h. die nächste -Schüssel, um sie auf den Boden zu befördern. Mit<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span> -einem sanften Verweis legte ihm alsdann die Mutter -das Gewünschte reichlich auf den Teller. Wir würden -jedoch aus dem Charakterbilde des süßen Willy -den wesentlichen Zug des leicht verletzten Ehrgefühls -fortlassen, wenn wir nicht betonten, daß er auf jenen -Verweis wieder mit einem etwas gesteigerten Gebrüll -von fünf Sekunden antwortete und seiner Mutter -mit den zierlichen Stiefelchen gegen die Beine stieß.</p> - -<p>Eine vornehme Verachtung der Magenfreuden -bekundete Willy, sobald er satt war. Wenn er mit -dem Löffel in die Suppe klatschte, daß die Spritzelchen -umherflogen, oder wenn er den Finger in die -Sauce tauchte, um sinnige Figuren auf das Tischtuch -zu malen, so war der Vater in seiner philiströsen -Auffassung der Kindesnatur vielleicht brutal genug, -ihm das ernstlich zu verbieten; aber das weiche Herz -der Mutter empfand richtiger.</p> - -<p>»Was du das Kind auch immer kommandieren -mußt! Kinder sind doch Kinder! Das arme Wurm -weiß ja noch gar nich, daß er das nich darf. Muß -nich wiedertun, hörs, mein Süßen?«</p> - -<p>»Willy <em class="gesperrt">will</em> aber malen!« Und Willy malte -einen Kreis, der einen Kopf bedeuten sollte.</p> - -<p>»Willy, du solls das nich tun!« mahnte die Mutter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span></p> - -<p>Willy zeichnete den Rumpf zu dem Kopfe.</p> - -<p>»Willy, kanns du nich hörn?« fragte die Mutter.</p> - -<p>Jetzt bekam der Rumpf Arme.</p> - -<p>»Gott, Willy, nu laß das doch!« seufzte die Mutter.</p> - -<p>Und Willy fügte mit zwei genialen Strichen die -Beine hinzu.</p> - -<p>»Hä, das bist du!« rief er, indem er seinen Papa -mit lieblicher Dreistigkeit anlächelte.</p> - -<p>Und die Eltern lachten in seliger Freude.</p> - -<p>»Was doch der Junge für Einfälle hat!«</p> - -<p>Und in überwallender Freude versetzte die Mutter -dem süßen Bengelchen einige knallende Küsse.</p> - -<p>Man hätte nun glauben sollen, daß ein so reichlich -genährtes und mit den kräftigsten Nahrungsmitteln -erzogenes Kind von Krankheiten verschont -geblieben wäre. Seltsamerweise war dem nicht so. -Der arme Willy mußte eine lange Reihe von Verdauungsstörungen -mit deren Folgen durchmachen. -Aber aus jedem Leiden ging sein Charakter gefestigter -hervor; mit jeder Rekonvaleszenz nahm -seine Willensstärke imposantere Dimensionen an. -Konnte man diesem Kinde schon, wenn es gesund -war, nichts versagen, so war es dem genesenden, -»noch halbkranken Zuckerchen« gegenüber das einfachste<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -Gebot der Elternliebe, die wiedererwachende -Lebensfreude zu schüren, indem man die Wünsche -des kleinen Herzens weckte, indem man fragte, ob -es vielleicht dies wolle, oder ob es vielmehr das -wünsche, oder ob es nach jenem Verlangen trage, -oder – ob es nicht etwa vorziehe, gleich alle drei -Dinge zu erhalten. Willy zog in der Regel dieses -vor. Eine entzückend geniale Launenhaftigkeit veranlaßte -ihn dabei, das, was er noch eben verlangt -hatte, im nächsten Augenblick nicht mehr zu goutieren -und es der nächsten Bonne oder Wärterin an -den Kopf zu werfen. Kindermädchen, Bonnen und -Wärterinnen wechselten in seiner Umgebung immer -häufiger. Es war offenkundig, daß alle Zärtlichkeit -und alles Pflichtgefühl aus diesen Kreaturen geschwunden -war. »Entsetzlicher Balg«, »unausstehliche -Range« und ähnliche Blasphemien entblödeten -diese Schamlosen sich nicht, in längeren Charakterschilderungen -des kleinen Willy vor der Mutter anzuwenden, -ja, eines der abgehenden Kindermädchen -hatte dem armen Knaben sogar die naturgesetzliche -Existenzberechtigung abgesprochen, indem es der -Mutter mit beinahe wissenschaftlicher Bestimmtheit -versicherte, Willy sei »ein wahres Untier«.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span></p> - -<p>Willy Helmerding sollte neben vielen anderen -Sterblichen dazu berufen sein, der ärztlichen Wissenschaft -wiederholt ein so glänzendes Fiasko zu bereiten, -daß dem Verfasser der »Kreutzer-Sonate« das -Herz im Leibe gelacht hätte, wenn er es hätte beobachten -können. Da zeigte es sich wieder einmal -klar und offenbar, daß diese Herren Doktoren nicht -einmal imstande sind, den einfachsten Darmkatarrh -zu heilen. Unleserliche Rezepte konnten sie schreiben; -aber so weit war ihre Wissenschaft natürlich nicht -gediehen, daß sie die Annahme in Betracht zog, -Willy werde vielleicht beim Einnehmen der Mixturen -die Zähne zusammenbeißen und die köstliche -Flüssigkeit der Wärterin ins Gesicht prusten! Einem -ohnehin schon geschwächten Magen diätetische Enthaltung -zumuten – einem fiebernden Kinde eiskalte -Duschen verordnen: das waren noch die harmlosesten -Einfälle ihrer vivisektorischen Grausamkeit. Ein -wahres Wunder, daß sich nach all den Pfuschern -endlich dennoch ein Arzt fand, der alle Schwierigkeiten -auf ebenso überraschende wie leicht verständliche -Weise löste! Dieser Mann bemerkte den Eltern -mit seinem Spott, daß die letzte Ursache von Willys -Krankheit in ihrer Affenliebe zu suchen sei und daß<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span> -dem Kinde nichts fehle als ein Paar weniger bornierte -Eltern. Da sah man auf den ersten Blick: -der Mann hatte was gelernt! Herr Helmerding und -Frau hörten seinem diagnostischen Vortrage mit -offenem Munde und einem höchst intelligenten, entzückt-verbindlichen -Lächeln zu. Uebrigens, hatte der -Arzt in seiner verblümten Weise weiter erklärt, -könne es ihm ja einerlei sein, ob sie ihr Kind zur -Futtertonne machen wollten oder nicht; wenn man -aber seine Anordnungen nicht befolgen wolle, so -möge man sich nicht unterstehen, ihn rufen zu lassen; -er werde sonst ihrem Boten die Tür weisen. Seltsamerweise -gesundete Willy nach den Rezepten -dieses Arztes auffallend schnell, und damit war -wieder einmal bewiesen, wie sehr in der Medizin der -Gebrauch der deutschen Sprache dem der lateinischen -vorzuziehen ist.</p> - -<p>Eine der traurigen Folgen von Willys Grundübel -war auch ein länger andauerndes Ohrenleiden, -dessen Heilung regelmäßige Einspritzungen erforderte. -Solche Prozeduren pflegen trotz der Versicherungen -der Aerzte niemals sehr angenehm zu sein, -wie man denn überhaupt auf das subjektive Urteil -der Aerzte in dieser Hinsicht nicht viel geben und es<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span> -z. B. sehr wohl erleben kann, daß einem nach der -mit gewinnender Liebenswürdigkeit gegebenen Versicherung, -es handle sich um eine ganz leichte und -schmerzlose Operation, ein Bein abgesägt wird. -Immerhin aber erschien es übertrieben und nicht -ausreichend motiviert, wenn Willy bei jedem Herannahen -einer solchen Dusche eine Art Kannibalentanz -ausführte und diverse Gegenstände zerschlug oder zertrat -oder zerriß oder seine Mutter in den Finger biß. -Der geschäftskluge Papa sah sehr bald ein, daß er bei -weitem billiger »wegkomme«, wenn er seinem Einzigen -für jede Einspritzung, die er sich hübsch gefallen -lasse, eine Reichsmark verspreche. Und das tat er.</p> - -<p>»Erst hinlegen!« bemerkte Willy mit treuherziger -Offenheit; denn er hatte seinen Vater längst als -das Muster eines klugen Mannes kennen gelernt.</p> - -<p>Die Blicke der beiden Eltern begegneten sich in -einem seligen Lächeln. Ein Blitzjunge!</p> - -<p>»Na da, da liegt es!«</p> - -<p>»Das sind ja nur zehn Pfennige!«</p> - -<p>Papa wollte sich ausschütten vor Lachen und -rückte endlich mit einer Reichsmark heraus.</p> - -<p>Das Geld durfte Willy nach eigenem Belieben -verwenden, und da er in jedem erreichbaren Konditor-,<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span> -Viktualien-, Spielwaren- und Tabakladen -erprobte, was er mit seiner Kasse erlangen könne, -lernte er schon früh den Wert des Geldes schätzen.</p> - -<p>Der scharfsinnige Leser wird sich längst gesagt -haben, daß Willy im Verkehr mit anderen Kindern -von bestrickenden Umgangsformen gewesen sein -muß. In den ersten Jahren seines Knospendaseins -hatte er immer einen großen Heiterkeitserfolg damit -erzielt, daß er der Amme, seiner Mutter oder -seinem Vater ins Gesicht schlug. Wenn Fremde zum -Besuch da waren, wurde der in Freiheit dressierte -Willy vorgeführt.</p> - -<p>»Willy, schlag mich mal,« ermunterte die -Mutter.</p> - -<p>Willy, weit entfernt, sich zu zieren, schlug -sie mal.</p> - -<p>»Is das nu nich zu süß?« fragte Frau Helmerding.</p> - -<p>Kein Gast konnte umhin, zu konstatieren, daß -das in der Tat <em class="gesperrt">zu</em> süß sei.</p> - -<p>Willy setzte diese Produktionen in seinen späteren -Jahren mit wachsendem Erfolge fort. Es war -ihm Bedürfnis, fremde Kinder zu knuffen, bei den -Haaren zu zupfen und zu stoßen, daß sie auf die -Nase fielen. Doch bewahrte er immer die pietätvolle<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span> -Rücksicht, die er, wie er wußte, älteren und größeren -Kindern schuldig war; nur kleinere beglückte er mit -seinen Gunstbezeigungen. Mit Vorliebe führte er -seine Angriffe hinterrücks aus, einzig aus dem -Grunde, weil so die Ueberraschung größer wurde. -Verfolgten ihn dann die Betroffenen, so wurde er -sich seiner ganzen Hilflosigkeit bewußt, und wie -rasend lief er davon, unausgesetzt »Mamaaa« brüllend, -bis er seine Haustür erreicht hatte und wieder -im Dunstkreis der mütterlichen Liebe atmete. Dann -plötzlich wurde er sich seiner Würde mannhaft bewußt; -er reckte sich zu seiner ganzen Höhe empor, -ließ den Verfolger mit erhabener Kaltblütigkeit -herankommen und spie ihm ins Gesicht. Keine -Fischotter ist jemals behender ins Wasser geschlüpft, -als Willy nach solcher Heldentat ins Haus glitt.</p> - -<p>»Sie woll'n mir schon wieder 'was tuuun!« -heulte er alsdann seiner Mama mit dem ganzen -Schmerz eines bedrängten Kindes entgegen. Und -wehe dem Vater oder der Mutter, die dann zu Frau -Helmerding kamen, um sich über Willy zu beschweren.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i8">»Höheres bildet<br /></span> -<span class="i0">Selber die Kunst nicht, die göttlich geborne,<br /></span> -<span class="i0">Als die Mutter mit ihrem Sohn,«<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span></p> -<p class="noind">wie sie dastanden: <em class="gesperrt">sie</em> »ihr Kind« – das Wort -»Kind« läßt sich mit so unschuldsvollem, alles verzeihendem -Klange sprechen – ihr »Kind« verteidigend: -»<em class="gesperrt">Das</em> Kind? <em class="gesperrt">Das</em> Kind? Oh – – –« -und <em class="gesperrt">er</em> hinter dem Rock der Mutter mit Grimassen -hervorschielend.</p> - -<p>Mit derselben Leidenschaft, wenn auch natürlich -aus gesellschaftlicher Rücksicht dezenter, kniff und -puffte Willy die Kinder, die mit ihren Eltern bei -Helmerdings zum Besuch kamen. Der Lärm, der -sich darauf erhob, wurde regelmäßig dadurch abgeschnitten, -daß die besuchenden Eltern, wie es sich -gehört, ihre Kinder wegen ihrer Ungezogenheit energisch -tadelten. Die Höflichkeit ist eine so gefräßige -Tugend, daß sie oft alle andern verschlingt. Die -Erwachsenen, die Willy beim Kommen zunächst -fragte, ob sie ihm etwas mitgebracht hätten, beehrte -er damit, daß er an ihnen emporkletterte, an ihren -Kleidern seine Stiefel abwischte, ihnen die Brillen -von der Nase riß, sie mit Zigarrenasche bewarf -und durch höchst wißbegierige Fragen nach ihren -persönlichsten und delikatesten Angelegenheiten -unterhielt. Freilich muß konstatiert werden, daß -die Besucher ihn in diesen Aufmerksamkeiten ermunterten,<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span> -indem sie den zärtlich mahnenden Eltern -gegenüber bemerkten, oh, das schade nichts, das -mache nichts aus, der Rock könne leicht wieder gereinigt -werden; sie möchten ihren Willy doch gewähren -lassen; er mache ihnen Spaß …</p> - -<p>So? Ob er das wirklich tue …</p> - -<p>Natürlich tue er das. Sie würden Himmel und -Seligkeit verschworen haben, daß er »ein lebhafter, -drolliger Bursche« sei, eine Kritik, die sie auf dem -Heimwege auch insoweit bestätigten, als sie der -Meinung waren, daß »die guten Helmerdings sich -da eine allerliebste Kreatur heranzögen«.</p> - -<p>Es versteht sich, daß Willy den ersten Unterricht -im Hause empfing, zu seinem Unglück jedoch -von Leuten, die einer wie der andere ihrer Aufgabe -nicht gewachsen waren, und denen Herr Helmerding -ihr Gehalt – er trug seine Goldstücke und Kassenscheine -frei in der Westentasche, und aus der Westentasche -bezahlte er – hinwarf mit der Frage, wie -sie sich erdreisten könnten, sich als Erzieher »ängaschieren« -zu lassen, da sie doch »keine blasse Ahnung« -davon hätten, wie man mit Kindern umgehen müsse.</p> - -<p>Den sehr begreiflichen Elternwunsch, das Kind -fern vom bösen Beispiel fremder Kinder zu erziehen,<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span> -mußten sich also die Helmerdings aus dem Sinn -schlagen.</p> - -<p>Zur Ehre des Mutterherzens muß gesagt werden, -daß Willy den ersten Tag seines Schullebens -nicht zu bestehen brauchte, ohne mit einem halben -kalten Huhn, einem Fläschchen Rotwein, zwei Apfelsinen -und einem halben Pfund Bonbons ausgerüstet -zu sein, und nicht minder muß zur Ehre des Vaterherzens -anerkannt werden, daß dieses Vaterherz -anspannen ließ und seinen Liebling mit zwei Pferden -der »Vorschule des Gymnasiums« zuführte. Die -ersten Schulwochen verliefen ohne bemerkenswerten -Zwischenfall; für alle Stunden zeigte der junge Helmerding -insofern ein gleichmäßiges Interesse, als -er in allen an die Vertilgung seines Frühstücks dachte -und die Bewältigung dieses Stoffes ihm eine stets -unverminderte Aufmerksamkeit abnötigte. In einem -etwas anderen Sinne als der junge Lessing war er -»ein Pferd, das doppeltes Futter haben muß«. Den -Unterrichtsgegenständen gegenüber zeigte Willy jene -Schwäche und Zartheit, welche die Mutter dem -Lehrer von vornherein unter zehnmaliger Anrufung -seines schonungsvollen Mitgefühls als die hervorragendsten -Eigenschaften »des Kindes« bezeichnet<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span> -hatte. Mit mimosenhafter Empfindlichkeit verschloß -sich sein Geist vor der Berührung jeglicher Erkenntnis, -und das »<em class="antiqua">Noli me tangere</em>« (zu deutsch: Nichts -tangiert mich) war der unveränderliche Ausdruck -seines Angesichts. Sein Gesicht gehörte freilich zu -den in Romanen häufig erwähnten, die sich »nur in -gewissen Augenblicken seltsam zu beleben scheinen«. -Diese Augenblicke waren für Willy gekommen, sobald -die Spielpause begonnen hatte. Auf dem Spielplatz -erwarb er sich rasch eine allseitige Unbeliebtheit, -gewann er im Sturme die Abneigung aller. -Er bemerkte mit großem Schmerze, daß die Durchführung -des Kneif- und Puffsystems hier auf fühlbaren -Widerstand stieß. Das Verhältnis zwischen -dem Hause Helmerding und der Schule blieb gleichwohl -längere Zeit vorzüglich, bis – Willy mit nicht -guten und endlich gar mit schlechten Zeugnissen nach -Hause kam.</p> - -<p>Jetzt hielt Herr Helmerding sen. den Augenblick -für gekommen, da er dem Direktor der Schule in -einer energischen Ansprache die kolossalen Mängel -seiner Anstalt und die Grundverkehrtheit der dort -beliebten erzieherischen Maßnahmen explizieren -müsse. Er tat dies unter wiederholter Betonung des<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -Umstandes, daß »sein Kind« doch das Kind »wohlhabender«, -»gebildeter« und »angesehener Eltern« -sei. Der Direktor, der ein so ruhiger Mann war, -daß seine Ruhe immer als die ausgesuchteste Höflichkeit -erschien, erlaubte sich die Bemerkung, daß -es immer etwas Mißliches habe, so abschließend -über Dinge zu urteilen, von denen irgend etwas -zu verstehen man nicht die Verpflichtung habe. Er -unterbreite Herrn Helmerding hiermit die Protokolle, -in denen nur die gröbsten Untaten und Nachlässigkeiten -des Schülers Willy Helmerding verzeichnet -ständen, in der Ueberzeugung, daß die Statistik -eine vorzügliche Wissenschaft sei. Uebrigens könne -er Herrn Helmerding Vater schon jetzt die Eröffnung -machen, daß Helmerding Sohn aller Voraussicht -nach das Klassenziel nicht erreichen und deshalb zu -Ostern sitzen bleiben werde. Worauf Herr Helmerding -meinte, das werde man – oho! – erst einmal -abwarten, es gebe ja noch andere Schulen, in -die man alsdann seinen Sohn bringen werde, und -die wohl die »Individualität der Schüler« (das hatte -Herr Helmerding irgendwo gehört) gerechter zu beurteilen -verständen. Der Herr Direktor bemerkte -darauf mit einem unsäglich betrübten Gesicht, daß er<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span> -untröstlich sei, vor dieser Drohung nicht in dem Maße -erschrecken zu können, wie es vielleicht wünschenswert -wäre, daß seines Wissens keine Schule um -träge und schlecht erzogene »Individualitäten« so -dringend verlegen sei, und deshalb besonders eine -staatliche Schule sich nicht in der glücklichen Lage -sähe, den Fortgang eines Willy Helmerding mit -versammeltem Lehrpersonal zu beweinen.</p> - -<p>Auf dem Heimwege suchte der knirschende Vater -nach einem möglichst entwürdigenden und verachtungsvollen -Ausdruck für den Direktor. Seine ganze, -grenzenlose Geringschätzung dieses Subjekts sollte -sich in diesem Ausdruck erschöpfen. Es währte nicht -lange, bis Herr Helmerding diesen Ausdruck in dem -Worte »hungrig« fand. Er konnte sich keine schimpflichere -Charaktereigenschaft denken als den Hunger. -»So'n hungriger Schulmeister!« knirschte er also, -»so'n hungriger Schulmeister!«</p> - -<p>Zu Hause angelangt, bemühte er sich redlich -und aufrichtig (jeder Unparteiische mußte das anerkennen), -seiner Gattin und seinem Sohne einen -klaren Begriff davon zu geben, »<em class="gesperrt">wie</em> er dem Herrn -Direktor den Marsch geblasen habe«, und seine ausführliche -Darlegung schloß er mit der an seinen Sohn<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span> -gerichteten, innig-warmen, aus der Tiefe des Vaterherzens -kommenden Mahnung, »sich man nix gefallen -zu lassen«.</p> - -<p>Trotzalledem! Das Unerhörte geschah; man hatte -die Stirn, dem Ehepaar Helmerding um Ostern mitzuteilen, -daß der süße Willy sich noch einmal den -Unbequemlichkeiten des elementarsten Unterrichts zu -unterziehen haben werde. Jetzt aber erschien <em class="gesperrt">Frau</em> -Helmerding im Amtszimmer des Direktors.</p> - -<p>Daß ihr Willy nicht versetzt sei, liege natürlich -nur daran, daß der Lehrer seine Pflicht nicht getan -habe. Der wirklich mit einer niederträchtigen Ruhe -begabte Direktor antwortete, ohne auf den Tenor -dieser Bemerkung einzugehen, mit einem sehr instruktiven -und ungemein fesselnden Vortrage über -Gerichtswesen im allgemeinen und Injurienprozesse -im besonderen, wobei er besonderes Gewicht auf -die Tatsache legte, daß solche Prozesse bedauerlicherweise -nicht immer mit Geldstrafen, sondern gegebenen -Falles auch mit einer sehr lästigen Unfreiheit -der Bewegung für den Verurteilten endigten. -Den herbeigerufenen Lehrer fragte das gekränkte -Mutterherz, ob er ihren Willy wohl nicht leiden -möge, daß er ihn nicht versetzt habe. Worauf dieser<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span> -weniger ruhige, dafür aber desto derbere Herr sie -fragte, ob sie glaube, daß er jeden verzogenen Faulpelz -mit derselben Affenliebe behandeln könne wie -die resp. Mütter? Worauf die beleidigte Mutter -erklärte, daß sie ihren Sohn hiermit »unwiderruflich« -abmelde und ihn nicht einen Tag länger in -einer Schule belassen werde, in der er solchermaßen -um den Lohn seines Strebens betrogen werde. -Worauf der ruhige und schweigende Direktor sich -deutlich von seinem Sessel erhob und wiederholt -abwechselnd mit je drei Sekunden langem Verweilen -auf Frau Helmerding und auf die Tür blickte.</p> - -<p>Willy wurde einer Privatschule übergeben – -selbstverständlich! – mit hohem Schulgeld – -selbstverständlich! Der Vater betonte dem Vorsteher -gegenüber mit besonderem Nachdruck, daß für Willy -Helmerding ein hohes Schulgeld bezahlt werde. Der -Vorsteher klopfte Willy auf die Backen mit der -Versicherung, daß er hier schon etwas lernen solle; -dafür wolle <em class="gesperrt">er</em> schon sorgen, der Herr Vorsteher. -Dieser Herr entwickelte dann vor Herrn Helmerding -in aussichtsvollen Worten sein pädagogisches Programm, -in dessen Geiste sein Lehrpersonal wohl -oder übel arbeiten müsse – er dulde nicht, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span> -auch nur ein Strich anders gemacht werde, als er -es wünsche, das heiße: von den Lehrern; von den -Schülern dergleichen zu fordern, bemerkte der Herr -Vorsteher mit einem sonnigen Blick auf Willy, -würde natürlich grausame Pedanterie sein. Aus -welchem allen sich denn auch mit leichter Mühe -schließen lasse – eine Schlußfolgerung, die er wohl -nur bescheiden anzudeuten brauche –, daß die -großen Erfolge seiner Schule im Grunde genommen -einzig und allein auf seine Leitung zurückzuführen -seien. Keine Schule könne so sehr die Individualität -der Schüler berücksichtigen wie die seine. Hier könne -Herr Helmerding etwas erleben an Berücksichtigung -der Individualität – oh – es sei überhaupt gar -nicht zu sagen, wie man hier berücksichtige. Hier -geschehe überhaupt nichts anderes als Berücksichtigung -der Individualität. Jeden Buchstaben, -jeden Ton im Gesangunterricht, jeden Lehrsatz der -Geometrie erzeuge resp. beweise der Zögling nach -seiner Individualität, selbst wenn diese Individualität -dahin ziele, den Lehrsatz <em class="gesperrt">nicht</em> zu beweisen. -Wenn sich Herr Helmerding oder sein kleiner braver -Willy (ein wohlgefälliges Kitzeln des vorsteherlichen -Zeigefingers unter dem Kinn des Zweihundertmarkschülers)<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span> -durch die Maßnahmen der »Lehrpersonen« -belästigt fühlten, so möchten sie nur zu ihm kommen; -Gerechtigkeit sei sein Lebensprinzip.</p> - -<p>Diese Schule war in gewissem Sinne das Ideal -einer demokratischen Institution, insofern nämlich, -als sie von sämtlichen Eltern geleitet wurde. Da -die Eltern freilich ihre pädagogischen Anregungen -von ihren Kindern erhielten, so waren im letzten -Grunde diese die Herren des Schulorganismus. Der -Disziplin, welche in dieser Anstalt herrschte, glaube -ich kein größeres Lob aussprechen zu können, als -wenn ich sage, daß sie eminent gemütlich war. Den -Lehrern wurde stets nach wiederholtem Bitten -bereitwillig das Wort erteilt, und es war keineswegs -ausgeschlossen, daß man ihren Ausführungen -einige Beachtung schenkte. Die ernsten Mahnungen -und Drohungen der Lehrer wurden stets mit -einem bescheidenen, aber unbefangenen Lächeln aufgenommen.</p> - -<p>Leider stand die Beschränktheit der Lehrer oft -den besten Absichten des Herrn Vorstehers im Wege. -Er konnt' es nicht begreifen, wie ein geschulter -Pädagoge auch nur einen Augenblick schwanken -konnte, den August Papendieck auf zwei Tage vom<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span> -Schulbesuche zu dispensieren, wenn die Schwägerin -seines Großonkels Geburtstag feierte.</p> - -<p>»Wollen Sie mir denn meine Schüler mit Gewalt -vertreiben? Wenn wir den Knaben nicht auf -zwei Tage dispensieren, so fehlt er vier Tage ohne -Erlaubnis, und die Eltern sind beleidigt. Was -meinen Sie, wenn die Papendiecks mir ihre vier -Kinder aus der Schule nehmen, he? Dann sind -achthundert Mark jährlich zum Teufel wie gar -nichts, die wertvollen Geschenke nicht einmal gerechnet! -<em class="gesperrt">Sie</em> geben sie mir nicht wieder. Die Stapelfeldts -waren auch hier und beschwerten sich bitter -über die schlechten Zeugnisse ihres Emil.«</p> - -<p>»Er hat die Zeugnisse bekommen, die er -verdient.«</p> - -<p>»Ach was, Ihre Schüler haben immer schlechte -Zeugnisse. Sie beurteilen alles viel zu streng. Wir -sind doch keine staatliche Schule! Das muß anders -werden. Das geht nicht, das geht nicht, das <em class="gesperrt">geht</em> -nicht so weiter! Sie haben mir mit Ihrem finsteren -Wesen schon mehrere Schüler vertrieben. Wo soll -das hinaus? Wenn <em class="gesperrt">Sie</em> mir die Schule verderben, -so bleibt <em class="gesperrt">mir</em> andererseits nichts übrig, als mein -Lehrpersonal zu vermindern, seh'n Sie.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span></p> - -<p>»Ich werde Ihnen die Arbeiten des Jungen -zeigen –«</p> - -<p>»Ach Gott, das weiß ich ja! Schmierfink erster -Klasse – aber das hilft uns alles nichts, lieber -Herr Müller! Die Zensuren des Jungen <em class="gesperrt">müssen</em> -sich bessern, sonst – Sie sollten die Mutter kennen! -Salpetersäure ist Mandelmilch gegen <em class="gesperrt">die</em>!«</p> - -<p>Wer aus unserer Schilderung nur ein annähernd -richtiges Bild des Herrn Vorstehers empfangen hat, -wer nur halbwegs nachempfunden hat, wie lebhaft -dieser Mann für seine Zöglinge fühlte, welches Interesse -er an ihnen nahm, der wird es mehr als begreiflich -finden, daß der Mann eine bedenkliche Neigung zur -horizontalen Lage zeigte, als man ihm eröffnete, -Willy Helmerding müsse wiederum sitzen bleiben.</p> - -<p>»Aber wissen Sie denn nicht, Herr Schulze, daß -der Knabe gerade zu dem Zwecke zu <em class="gesperrt">uns</em> gebracht -wurde, daß er <em class="gesperrt">nicht</em> sitzen bleibt? Willy Helmerding -<em class="gesperrt">wird versetzt, muß</em> versetzt werden, -<em class="gesperrt">unter allen Umständen</em> muß er versetzt -werden; ich habe dem Vater schon längst das Versprechen -gegeben.«</p> - -<p>»Der Knabe ist nicht halb reif für die nächste -Stufe –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span></p> - -<p>»Hilft nichts; Sie hören ja, daß ich gebunden -bin. Die Helmerdings sind reiche Leute; bedenken -Sie deren Einfluß. Im Handumdrehen ist meine -Schule in Mißkredit gebracht. Wir können den -Schlingel später einmal sitzen lassen; die Oberklassen -erreicht er ja natürlich nie; aber jetzt – wie gesagt -– jetzt: <em class="gesperrt">auf keinen Fall</em>.«</p> - -<p>Aber, ach, die Versetzung des süßen Willy sollte -nur dazu dienen, die Leiden dieses schwergeprüften -Kindes noch zu vermehren. Er geriet jetzt in die -Hände eines Lehrers, der ein pädagogisches Genie -war und in der Schule denjenigen Platz einnahm, -den der Verstand des Vorstehers wegen dauernder -Abwesenheit nicht ausfüllen konnte. Dieser unentbehrliche -Mann hatte die üble Gewohnheit, konsequent -zu sein und die Nase zu hoch zu halten, als -daß man hätte darauf spielen können. Die an ein -ungemein legeres Betragen gewöhnten Zöglinge, -die ihm neu übergeben wurden, betrachteten ihn mit -Furcht und Haß, was sie jedoch nicht hinderte, ihn -bald zu vergöttern und sich am Ende des Schuljahres -nicht von ihm trennen zu wollen. Willy war anerkennenswerterweise -der erste, der eines Tages den -rühmlichen Mut fand, die Zunge bis zur Wurzel<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span> -herauszustrecken, als ihm der Lehrer eine Unart -verwies. Dieser, der für solche Fälle ein prophetisches -Gemüt besaß, hatte Willy nicht aus den Augen -verloren und beobachtete dessen Zunge gerade im -günstigsten Augenblick in ihrer ganzen Ausdehnung, -obwohl Willy darauf, daß der Lehrer sie sehe, -offenbar gar keinen Wert gelegt hatte. Und dieser -unangenehme Mensch, anstatt dem unwissenden -Kinde in liebevollen Worten die eigentliche Bestimmung -der Zunge klarzumachen, griff zu einer -nichts weniger als philanthropischen Maßregel. -Die Maßregel, die er ergriff, bestand zunächst in -einem Lineal, sodann in der Hose Willy Helmerdings -und endlich in einer wiederholten gegenseitigen -innigen Berührung dieser Gegenstände.</p> - -<p>Man kann sich denken, daß nachmittags ein Uhr -fünfzehn Minuten ein Schrei aus gebrochenem -Mutterherzen das Haus Helmerding durchgellte, als -Willy das Geschehene berichtete. Ganz still habe er -gesessen, und kein Wort habe er gesprochen, und dennoch -habe »Er« ihn »so furchtbar« geschlagen. O -Schmach, es auszudenken! Nur das Auge der -Mutter, vom Strahl der Liebe wunderbar erhellt, -durch den Instinkt der Zärtlichkeit geschärft, konnte<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span> -erkennen, wie dies Bekenntnis des Kindes aus dem -freiesten Gewissen kam. Also um nichts! Nur um -seiner bestialischen Roheit zu frönen –</p> - -<p>Bestialische Roheit – Frau Helmerding fuhr -vom Sofa empor – das sei das richtige Wort! -Frau Helmerding beauftragte ihren Gatten, morgen -früh dieses Wort sofort dem Vorsteher zu übermitteln. -Im übrigen verlangte sie – das beleidigte -Mutterherz hatte ein Recht, alles zu verlangen –, -daß der Lehrer sofort entlassen werde. Entweder -der Lehrer oder Willy Helmerding. Der brutale -Folterknecht oder das gemißhandelte Kind. <em class="antiqua">Aut – -aut.</em> Fürstenblut für Ochsenblut.</p> - -<p>»Brutaler Folterknecht« sei übrigens auch ein -gutes Wort und werde entschieden sehr gut wirken, -meinte der Vater.</p> - -<p>Nachdem die Gatten sich längere Zeit über die -rhetorische und moralische Kraft dieser Worte unterhalten -hatten (»<em class="gesperrt">Das</em> sagst du ihm, <em class="gesperrt">das</em> sagst du -ihm, sag' ich dir; ich hätte das gesagt, sag' ihm -nur!«), wurde beschlossen, daß beides gesagt werden -solle, und daß man eventuell auch von einer -»brutalen Roheit« und einem »bestialischen Folterknecht« -sprechen könne.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span></p> - -<p>Als Herr Helmerding am folgenden Tage vergeblich -seine Redefiguren verschwendete und der -Vorsteher sich durchaus, weil die geistige Kraft -Willys ihm doch diejenige des Lehrers nicht ersetzen -konnte, nicht entschließen wollte, sein inniges Verhältnis -zu diesem zu lösen, verlegte sich der gekränkte -Vater aufs Handeln. Er wolle sich zufrieden geben, -wenn der »Mensch«, der Lehrer, das Ehepaar -Helmerding um Verzeihung bitte und deren Kinde -das Zugeständnis mache, daß er sich geirrt und in -Uebereilung gehandelt habe.</p> - -<p>Der Vorsteher ließ den Folterknecht kommen -und klärte ihn über die Beschwerden und die Satisfaktionsbedürfnisse -des Vaters auf.</p> - -<p>»Ich habe in Uebereilung gehandelt, in der Tat,« -begann der Lehrer.</p> - -<p>Herrn Helmerdings Gesichtsausdruck wurde um -fünfundzwanzig Prozent gekränkter.</p> - -<p>»Ich bedaure das.«</p> - -<p>Die Züge des Herrn Helmerding wurden um -weitere fünfundzwanzig Prozent härter.</p> - -<p>»Ich habe Ihrem Sohne unrecht getan –«</p> - -<p>Herrn Helmerdings Antlitz zeigte den Ausdruck -entschlossenster Impertinenz.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span></p> - -<p>»– insofern, als ich ihm nicht genug gegeben -habe, zumal er, wie ich sehe, nicht davor zurückscheut, -seine Eltern mit hervorragender Dreistigkeit -zu belügen. Wenn Sie indessen Wert darauf legen, -kann das Versäumte noch nachgeholt werden.«</p> - -<p>Das Gesicht des Herrn Helmerding schien jetzt -plötzlich nur aus einer Mundöffnung zu bestehen.</p> - -<p>Nur dem Umstande, daß der Vorsteher Herrn -Helmerding schon vorher darauf aufmerksam gemacht -hatte, jener Herr, der Lehrer Willys, sei ein sehr -empfindlicher Charakter, der Benennungen wie -»bestialischer Folterknecht« nicht gern höre, auch -lasse seine Entschlossenheit nichts zu wünschen übrig, -nur diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß -Herr Helmerding, als er zur Tür hinausrannte, sich -auf die wiederholte Versicherung: »Er werde ihnen -schon zeigen! Er werde ihnen schon zeigen!« beschränkte, -wobei er die Zurückbleibenden in quälendem -Zweifel darüber zurückließ, <em class="gesperrt">was</em> er ihnen -zeigen werde.</p> - -<p>Kaum hatte Herr Helmerding daheim zu Ende -berichtet, als auch schon seine Gattin wie inspiriert -vom Sessel emporfuhr. Anspannen lassen – mit dem -Kinde zum Arzt fahren. Es war nun einmal die<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span> -Botschaft zu ihr gedrungen, daß wir im humansten -aller Zeitalter leben.</p> - -<p>Nach einer halbstündigen Untersuchung erklärte -der Arzt (es war nicht der ironische Herr von damals, -dem man in dieser Sache entschieden kein -Vertrauen schenken konnte) mit triumphierender -Miene, es sei ihm soeben gelungen, festzustellen, daß -der in Betracht kommende Körperteil Willys noch -Spuren der Züchtigung zeige oder doch noch bis vor -kurzem gezeigt haben müsse. Der Lehrer sei »geliefert«, -unrettbar »geliefert«. Das Recht der Züchtigung -stehe ihm ja zu; diese dürfe aber nach der -Ansicht aller ihm bekannten Staatsanwälte, Richter -und Disziplinarbehörden nie so weit gehen, daß mit -ihr eine, wenn auch nur momentane, Störung im -Wohlbefinden des Bestraften verbunden wäre.</p> - -<p>Damit war nun freilich dem Rachebedürfnis -der Frau Helmerding eine verlockende Perspektive, -dem Erziehungsbedürfnis Willys aber noch keine -neue Schule eröffnet. Aber auch dafür sollte Rat -werden. Zum Glück gab es im Orte noch eine -Privatschule, die sich den anderwärts Ausgestoßenen -mit Hingebung und Aufopferung widmete, wenn -bei den Eltern auf ein entsprechendes Maß von<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span> -Hingebung und Opferwilligkeit gerechnet werden -durfte. Diese Schule gehörte zu den idyllischen, anekdotenumwobenen -Instituten, deren sich ehemalige -Schüler noch nach vielen Dezennien in Stunden der -höchsten Heiterkeit entsinnen, und die dem schnöden, -prosaischen Verstaatlichungsdrange immer mehr zum -Opfer fallen. Die Klassenzimmer dieses geweihten -Bildungstempels waren von solchen Dimensionen, -daß ihnen eine vierte wohl zu gönnen gewesen wäre. -Dagegen konnte der Zeichen-Turn-Sing-Festsaal bescheidenen -Ansprüchen wohl genügen, wenn die Frau -Direktorin ihn nicht zum Trocknen von Kinderwäsche -brauchte. Die Zeichenmodelle mußten stets -um einige Tische von dem Schüler entfernt aufgestellt -werden; sehr erklärlich deshalb, daß so durch Versehen -oft Zeichnungen zustande kamen, die auf keines -der vorhandenen Modelle mit Sicherheit zu schließen -gestatteten. Uebrigens wurde der Turnunterricht, da -an Geräten nur eine Reckstange ohne Reck vorhanden -war, in der Regel nicht hier, sondern auf -dem Stundenplan erteilt. Das Prinzip der Anschauung, -auf dem bekanntlich die ganze neue -Unterrichtsweise beruht, wurde hier mit Raffinement -verfolgt. Dem geographischen Unterricht dienten<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span> -nicht weniger als zwei Wandkarten. Auf der einen, -die Europa darstellen sollte, erfreute sich Oesterreich -noch der Lombardei, obwohl das schnellebige Jahrhundert -schon weit über die Abtretung Elsaß-Lothringens -hinaus war; die andere, ein Bild -Afrikas, veranschaulichte durch ihre Farbe die rätselvolle -Dunkelheit dieses Erdteils und zeigte mit -Bezug auf das afrikanische Innere einen Grad der -Unerforschtheit, der jeden Kongoneger mit den wehmütigsten -Reminiszenzen erfüllen mußte. Um den -physikalischen Unterricht machte sich eine betagte -Luftpumpe verdient, die aus sämtlichen Ventilen -seufzte und nur von einem Lehrer vorgeführt -werden durfte, der eine hochentwickelte Beredsamkeit -besaß und die Schüler auf diesem Wege überzeugen -konnte, der Rezipient sitze nach viertelstündigem -Pumpen wirklich fester als vordem. Aeußerte dennoch -ein modern-pietätloser Schüler einen naseweisen -Zweifel, so wurde er mit gebührender Entrüstung -zurückgewiesen. Auch lebte in sämtlichen -Lehrern der Anstalt eine durch Jahrzehnte geheiligte -Tradition, daß die Magnetnadel unter der Einwirkung -des elektrischen Stromes nur dann von -ihrer gewohnten Richtung abweiche, wenn man zu<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span> -rechter Zeit energisch an den Tisch stoße. Der Vollständigkeit -wegen müssen wir noch des Naturhistorischen -Museums gedenken, das jahraus, jahrein -auf einem Schrank der Oberklasse stand, zur Rasse der -ausgestopften Wildschweine gehörte und, wenn es -nicht gerade seine wissenschaftliche Mission zu erfüllen -hatte, mit Vorliebe eine Primanermütze auf dem linken -Ohr trug und aus einem Kalkstummel rauchte.</p> - -<p>Ohne Zweifel würde auch diese Musteranstalt -den hohen Ansprüchen Willys nicht genügt haben, -wenn ihm noch eine Wahl geblieben wäre. So -mußte er wohl oder übel seine Studien in diesen -Mauern absolvieren. Uebrigens wurde sein Schulbesuch -durch häufige und andauernde Krankheiten -unterbrochen, die alle in dem Symptom übereinstimmten, -daß sie sein Wohlbefinden nicht beeinträchtigten.</p> - -<p>Bevor wir jedoch unsern süßen Willy aus der -Schule entlassen und in das feindliche Leben hinausstoßen, -haben wir den Bericht über seinen gesellschaftlichen -Bildungsgang nachzuholen. Es ist selbstverständlich, -daß, während er jede wissenschaftliche -Ausbildung ablehnte, er seine weltmännische Erziehung -nicht vernachlässigte. Das eine tun und das<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span> -andere nicht lassen, sagte er sich mit Recht. Schon -mit vierzehn Jahren konnte er auf drei tadellos angerauchte -Meerschaum-Zigarrenspitzen zurückblicken. -Da er bereits mit fünfzehn Jahren eine militärpflichtige -Länge und Breite aufweisen konnte, wurde es ihm -nicht schwer, in jeder Bierkneipe eine seinen Jahren -entsprechende Anzahl von Seideln zu erhalten. Den -nicht ganz unnatürlichen Widerwillen, den der -jugendliche Deutsche als Anfänger bei der Vertilgung -des fünfzehnten Seidels empfindet, bekämpfte Willy -mit Selbstverleugnung, wenn auch sein Gesicht eine -interessante Blässe zeigte, und mit sechzehn Jahren belächelte -er seiner Genossen Klagen über die Schrecken -des Katzenjammers mit der Ruhe eines Weisen. -Als seine Eltern es eines Abends wagten, ihm -wegen späten Nachhausekommens Vorwürfe zu -machen, ergriff er das unter diesen Umständen einzig -richtige und jungen Leuten in seiner Lage nicht -dringend genug zu empfehlende Mittel, um solche -Eingriffe in das Recht der Jugend ebenso höflich -wie entschieden abzulehnen: er kam die nächste Nacht -überhaupt nicht nach Hause. Wer will das elterliche -Gefühl schelten, wenn es am Morgen eifrig -darob sorgte, daß der Stolz des Hauses nicht im<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span> -Kleiderschrank zu Bette ging; wer will die Zärtlichkeit -der Eltern verklagen, wenn sie in Demut -schwiegen, während das volle Gefäß ihrer Hoffnungen -schnarchte? Natürlich war ein Elternpaar -wie dieses diskret genug, nie wieder ein Thema zu -berühren, das das »feurige Gemüt« des Jünglings -verletzen <em class="gesperrt">mußte</em>. Zeitigte doch auch seine Entwicklung -auf anderen Gebieten die anmutigsten -Blüten! Er hatte eine Art, den Walzer und den -Lancier zu tanzen, die man auf dem feinsten Pariser -Kokottenball als <em class="antiqua">très-chic</em> bezeichnet haben würde. -Es war eine Augenweide, ihn Billard spielen zu -sehen! Diese bei keinem Stoß außer acht gelassene -graziöse Beugung des auf der Fußspitze ruhenden -linken Beines, dieses nicht minder graziöse Heben -der letzten Finger der rechten Hand, diese stark akzentuierende -Herauskehrung jener ästhetisch geschwellten -Muskeln, die zur Verlängerung des Rückens dienen: -das alles erschien in einer Vollendung, wie sie nur -eine täglich fünfstündige Uebung erzielt. Diese -Uebungen pflog Willy gewöhnlich in der Gesellschaft -von fünf oder sechs Altersgenossen unter der künstlerischen -Leitung eines Billardkellners, der einen -Ball über die ganze Länge des Billards zurückziehen<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span> -konnte und zu dem Willy deshalb herzliche Beziehungen -unterhielt. Dieser vielerfahrene Mann, -der seinen jungen Freunden gegen gutes Trinkgeld -mit vielem Humor aus dem Schatze seiner praktisch-galanten -Weltkenntnis mitteilte und ihnen Geschichten -für die reifste Jugend erzählte, war unbegreiflicherweise -der einzige im Restaurant, der auf -ihre Unterhaltung Wert legte. Obgleich die sechs -jungen Leute nicht ermüdeten, in jeder Minute zwölf -Witze zu machen, und sie mit einem Stimmaufwande -zu Gehör brachten, der auch den Entferntsitzenden -vom Genusse nicht ausschloß, bemerkte man auf den -Gesichtern der Anwesenden, die nach jedem Bonmot -sorgfältig studiert wurden, nicht die leiseste Spur -von Beifall. Ja, es kam sogar vor, daß einzelne -Gäste mit unverhohlenem Aerger ihr Bier austranken, -das Seidel mit Betonung auf den Tisch -setzten und nachdrücklichst aufbrachen. Daß aber ein -dicker, freundlicher Herr mit einem Fritz-Reuter-Gesicht -sie eines Tages mit einschmeichelnder Vertraulichkeit -fragte, ob sie denn nicht lieber Marmel -spielten, und damit ein schallendes Gelächter bei -allen anderen Gästen entfesselte: das war entschieden -mehr, als man sich bieten lassen konnte. Es kam zu<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span> -einem sehr heftigen Auftritt, bei dem der schändlich -undankbare Billardkellner sich erfrechte, die jungen -Freunde unter Anwendung der unverschämtesten -Redensarten, wie »grüne Jungen« usw., nach der -Tür zu drängen, und in welchem unser Willy noch -eben vor Verlassen des Lokals Gelegenheit fand, -eine Fensterscheibe zu demolieren. Diese Heldentat -brachte ihm die Bewunderung seiner Genossen und -ein polizeiliches Strafmandat ein. Papa Helmerding -bezahlte die ganze Lumperei mit Stolz und Rührung -und einem Kassenschein aus der Westentasche.</p> - -<p>Charakterisierte jene Tat die herbe Männlichkeit -des jungen Willy, so gaben seine frühen Beziehungen -zum zarten Geschlechte die köstlichsten Proben von der -Süße seines Wesens. Ob er Glück bei den Frauen -hatte? »Eine nicht aufzuwerfende Frage!« Werden -nicht fünfundneunzig Prozent unserer Mädchen -dazu erzogen, daß sie Willy gefallen und Willy sie -entzücke? Hat unsere Gesellschaft nicht für jeden -süßen Willy eine süße Tilly? Stehen diese Damen -nicht kunstbegeistert am Droschkenschlag, wenn der -jugendliche Held und Liebhaber einsteigt, und werfen -sie ihm nicht während des Monologs »Sein oder -nicht sein« einen großen Blumenstrauß gegen den<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span> -Bauch, wofern er hübsch ist? Mit einer Frühreife, -die den Byronschen Don Juan mit giftigem Neide -erfüllt hätte, empfand Willy schon im elften Jahre -die leise Regung, daß man die Frauen nicht in den -Rücken puffen, vielmehr ihnen zart entgegenkommen -soll. Zunächst bemühte er sich, Mimi Petersen -möglichst oft und zart entgegenzukommen und vor -ihr mit den Manieren eines eben vollendeten -Gentleman in absolut wagerechter Richtung den -Hut zu ziehen. Mimis ebenfalls elfjähriges Herz -war empfänglich für solche Freundlichkeiten und -durch ihre Erziehung auf den gleichen Ton gestimmt -wie das Herz unseres Helden. Ein goldener Frauen- -und Jungfrauenspiegel leistete ihr und ihrer Mutter -die wesentlichsten Dienste beim Erziehungsgeschäfte. -Eine goldene Damenuhr von koketter Kleinheit -unterrichtete Mimi über den langsamen Gang der -Schulstunden, die sie in bescheidener Zurückgezogenheit -auf dem letzten Klassenplatze verlebte. Ihre -beringten Finger staken in den feinsten Seidenhandschuhen, -und ein duftiger Spitzenparasol kreiste über -dem modernsten Sommerhütchen. Sehr bald entdeckte -Willy, daß es seinen Eindruck nicht verfehlen -könne, wenn er ihr auf dem Heimwege von der<span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span> -Schule die Büchermappe abnehme. Schon beim -zweiten Male begleitete er diese Galanterie mit der -Ueberreichung einer kostbaren Bonbonniere, die der -Westentasche seines Vaters fünf Mark kostete. Solange -sein Vater Geld hatte, hatte es Willy auch. -Jene Präliminarien würden nun zweifellos zu -einem abendlichen Stelldichein geführt haben, wenn -nicht ein unfreundliches Schicksal trennend zwischen -Willy und Mimi getreten wäre. Ein von Willy an -Mimi gerichtetes Billetdoux, in dem Grammatik, -Orthographie und Kalligraphie in schöner Vereinigung -fehlten, geriet in die Hände des Ehepaares -Petersen, und dieses inhibierte einen weiteren Verkehr, -da es fest entschlossen war, seine Tochter in -<em class="gesperrt">dieser</em> Beziehung streng sittlich zu erziehen. Aber -schon drei Tage später gaben Buchdrucker Löhmanns -von der »Gerechtigkeit« ein Kinderfest mit Frack, -Lack und Claque und Trüffeln und Pommery und -Chartreuse, und Willy tröstete sich durch eine neue -<em class="antiqua">entente cordiale</em>. Natürlich machte er innerhalb -der vorgeschriebenen Frist seine »Verdauungsvisite« -– Kavalier verabsäumt dergleichen nie. Zu Hause -hatte er freilich zu Frau Helmerdings tiefster Indignation -erzählt, bei der Gesellschaft sei einer<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span> -gewesen, der habe »den Fisch mit's Messer gegessen«, -die guten Löhmanns lüden sich überhaupt Krethi -und Plethi ein, das passe ihm nicht. Durch einen -Ohrenzeugen ist uns aus Willys dreizehntem Lebensjahre -ein von ihm und mehreren Busenfreunden -geführtes Gespräch erhalten, das durch seine kindliche -Einfalt und Schlichtheit einen unvergänglichen -Reiz behauptet. Dieses Gespräch fand statt, als -Willy eines Abends wie gewöhnlich in der Nähe -seines Hauses, von einer stattlichen Korona mitfühlender -Genossen umgeben, auf einem Gartenzaune -saß, die zierlichen blauen Ringe einer Havanna -in die Abendluft blies und die des Weges kommenden -zehn- bis sechzehnjährigen Beautés Revue -passieren ließ.</p> - -<p>»Du, Willy, da geht Lina Schütze, deine alte -Liebe!«</p> - -<p>»Ach, die, – na – das <em class="gesperrt">war</em> einmal,« warf -Willy hin, mit unaussprechlicher Nonchalance die -Asche von seiner Regalia knipsend.</p> - -<p>»Sie ist übrigens gar nicht übel, du!«</p> - -<p>»Ach was, Schellfischaugen!« urteilte Willy, und -lautes Gelächter folgte seiner Kritik. »Da solltet ihr -mal Olga Reimers sehen! Acht Tänze hab' ich<span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span> -neulich mit ihr getanzt. Donnerwetter, ich sag' euch, -'n schneidiges Mädel!« Und seine Havanna glühte -im Halbdunkel begeistert auf.</p> - -<p>»Die Lina Schütze ist aber auch nicht wenig -grimmig auf dich!«</p> - -<p>»Pah – wat ick mir dafür koofe!« trällerte -Willy. »Ist mir ja nichts dran gelegen, sonst – -mit'n Stück Cremeschokolade krieg' ich sie 'rum.«</p> - -<p>»Na? Ich weiß nicht so recht –«</p> - -<p>»Ach du, lehr' du mich die Weiber kennen, ja? -Ich meine, wenn einer sie kennt, kenn' ich sie.«</p> - -<p>Willy blickte im Kreise umher – allgemeine -Zustimmung.</p> - -<p>»Für 'ne Tafel Schokolade, sag' ich dir! -Wetten?«</p> - -<p>»Ja, wetten!«</p> - -<p>»Um was?«</p> - -<p>»Um zwanzig Zigaretten – aber ›King‹!«</p> - -<p>»Abgemacht! Hau durch, Ehlers!«</p> - -<p>In diesem Augenblick rief einer der Herren: -»Achtung!« – Alles machte Front und riß vor -Klara Meißner, einer brünetten Dame von dreizehn -Jahren, mit einstimmigem »Ah!« die Kopfbedeckung -herunter. Klara fand diese Huldigung<span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span> -so schmeichelhaft, daß sie sich umdrehte und noch -einmal zurücklächelte, eine Liebenswürdigkeit, die -die Versammelten mit den elegantesten Kußhändchen -von der Welt beantworteten.</p> - -<p>»Junge, die kann aber Blicke schmeißen, was? -Die hat was Dämonisches!«</p> - -<p>»Hm, geht an,« murmelte Willy mit Herablassung. -»Wißt ihr, diese Brünetten haben gewöhnlich -diesen gelben Teint …« – – – –</p> - -<p>Leider erstreckte sich Willys wählerischer Geschmack -in späteren Jahren nicht in demselben Maße -auf die Reinheit der Seelen wie hier auf die Reinheit -des Teints. Sein achtzehntes Lebensjahr ist in -dieser Hinsicht besonders bedeutungsvoll. Eine Dame, -deren allgemeine Beliebtheit sich leider auf die -Herrenwelt beschränkte und die »ihrem süßen Willy« -an Alter und Erfahrung weit überlegen war, vermochte -ihn an einem schönen Tage dieses Jahres, -mit ihr den Zug nach Berlin zu besteigen und seinen -Vater mit Ungewißheit über den Verbleib von -fünftausend Mark zu erfüllen. Nachdem Willy drei -Tage lang die Vorzüge der Residenz genossen hatte, -erschien in sämtlichen großen Zeitungen Deutschlands -folgendes Inserat:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span></p> - -<div class="adv-small"> -<p class="center"> -Willy!</p> -<p class="noind"> -Bitte, kehre zurück! Wir ängstigen uns -furchtbar um dich! Alles ist dir verziehen! -</p> -</div> - -<p>Dieser Beweis elterlicher Zärtlichkeit rührte -Willy so tief, daß er beschloß, sofort zurückzukehren, -sobald seine Kasse erschöpft sei. Nach weiteren zwölf -Tagen war dieses Ziel erreicht, und jetzt hielt es ihn -nicht länger in der kalten Fremde. Er erbat sich per -Telegramm von Papa Helmerding das Geld zur -Rückreise und kehrte ohne die Wonne seines Herzens -zurück, obschon er sich auf dem Höhepunkte der fünftausend -Mark mit ihr verlobt hatte. Den Empfang -wird sich jeder Leser, wofern er ein Verständnis für -Familienfeste hat, selbst ausmalen können. Papa -Helmerding würde seinem verlorenen und wiedergefundenen -Sohne ein Kalb geschlachtet haben, und -wenn es sein Leben gekostet hätte.</p> - -<p>Seit undenklichen Zeiten ist es als die größte -und bewundernswürdigste Tat kindlicher Pietät gepriesen -und in unsterblichen Romanen verherrlicht -worden, daß ein Kind seinen Eltern zuliebe auf ein -ganzes Liebes- und Lebensglück verzichtet. Mit -staunenswerter Fassung und Selbstüberwindung -entsagte Willy auf dringendes Bitten seiner Eltern<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span> -seiner Verlobten sofort und für immer. Seine Geliebte, -die von den Berliner Vergnügungen mindestens -die Mittel zur Rückreise erübrigt hatte, zeigte -bald, daß ihre Seelengröße nicht hinter der seinigen -zurückblieb. Sie fand sich nach mehreren Monaten -ein und war entsagungsvoll genug, ihr Glück für -immer zu Grabe zu tragen und sich mit den Begräbniskosten -zu begnügen. Sehr feinfühlig und taktvoll -gab sie dabei zu erkennen, daß ein <em class="gesperrt">kleines</em> -Opfer das lebhafte Gefühl der Helmerdings, ihr -genug tun zu müssen, nicht <em class="gesperrt">auf die Dauer</em> befriedigen -könne. Willy aber gab in einer großen -und edlen Wallung seinem Vater das reuige Versprechen, -in Zukunft in allen ähnlichen Affären -vorsichtiger sein zu wollen, zumal der alte Helmerding -seinem Sohne in einer Poloniusszene klargemacht -hatte, daß man ganz dieselben Ziele mit -weniger Kosten erreichen könne.</p> - -<p>Unter diesen und sehr ähnlichen Vorfällen kam -allgemach die Zeit heran, da Willy seine unschätzbaren -Dienste dem Vaterlande weihen sollte. Leider -hatte das dazu in erster Linie nötige Requisit der -Einjährig-Freiwilligen-Berechtigung noch nicht beschafft -werden können. Selbst die »Presse« des<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span> -Dr. Ritsching, eine Unterrichtsanstalt, die in einem -halben Jahre eine ganze einjährige Intelligenz -produzierte, hatte auf Willy nur einen unter der -Schädeldecke fühlbaren dumpfen Druck ausgeübt, -ohne daß der Verstand auf diesen Druck reagiert -hätte. Trotzdem lagen die Verhältnisse für Willy -nach Absolvierung des schriftlichen Examens nicht -ungünstig; denn seine stilistischen und seine Uebersetzungsarbeiten -hatten die Prüfungskommission in -jene gehobene, humorvolle Stimmung versetzt, der -die nachsichtige Milde so nahe liegt. Ja, gleich zu -Beginn der mündlichen Prüfung, von der man auf -inständige Verwendung des alten Helmerding nicht -abgesehen hatte, betrachteten sich die Herren <em class="gesperrt">diesen</em> -jungen Mann, wie es schien, mit einem ganz besonderen, -heiteren Wohlwollen. Indessen traten im -Verlaufe der Prüfung die körperlichen Vorzüge -Willys so entschieden gegen seine geistigen in den -Vordergrund, daß man ihm am Schlusse nach einstimmiger -Entscheidung die Qualifikation für eine -dreijährige Uebung nicht absprechen konnte.</p> - -<p>Zu alledem kam noch, daß der Hausarzt der -Helmerdings (es war wieder der sarkastische Herr -von damals) dem jungen Manne nach eingehendster<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span> -Untersuchung seines Körpers erklärt hatte, er werde -»unbedingt seine drei Jahre abreißen müssen«, ja, -um jede gesundheitliche Befürchtung abzuschneiden, -hatte er hinzugefügt, daß ihm dies gar nicht schaden -könne. Plattfüße entdeckte er, wie wir ausdrücklich -hervorheben müssen, an dem jungen Helmerding -nicht, obwohl diese Eigentümlichkeit gewiß zu seiner -Individualität nicht in Widerspruch gestanden hätte. -Um so freudiger war die Ueberraschung, daß die Aushebungskommission, -die ihn und seinen Vater allerdings -besser kennen mußte, mit großer Einhelligkeit -von der Plattfüßigkeit Willys durchdrungen war und -ihn deshalb nur für einen leichten Ersatzreservedienst -bestimmte. Und mit Jubel, mit inniger Glückseligkeit, -mit erhabener Begeisterung und Freude beging man -daheim, beging besonders die »von frommem Dank -durchdrungene« Mutter das Fest der platten Füße.</p> - -<p>Unter solchen vielverheißenden Auspizien trat -Willy endlich in jenes reife Jünglingsalter ein, das -sein kühner Geist schon lange vorweggenommen -hatte. Und daß er am Sonntage eine Minute vor -Zwölf geboren worden war, sollte auch für die -Folgezeit ein günstiges Omen sein. Willy kam -immer zur rechten Zeit, immer, wenn der Sonntag<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span> -auf seinem Höhepunkte stand. Daß er zur militärischen -Uebung gar nicht einberufen wurde, weil er -»überzählig« war, und sein späterer, partout »nationaler«, -treu zu Kaiser und Reich trinkender Diner-Patriotismus -ihm so auch nicht das geringste kostete, -verdient kaum der Erwähnung. Aber auf dem Plan -der Landeslotterie stand mit zollgroßen Lettern gedruckt: -»Der größte Gewinn ist im glücklichsten Fall -sechshunderttausend Mark!« und für wen konnte die -Vorsehung diesen Fall vorgesehen haben, wenn nicht -für Willy? Seit fünfunddreißig Jahren waren das -Große Los und die Prämie nicht zusammengefallen; -aber in der ersten Lotterie, an der sich Willy beteiligte -und in der viele, viele Tausende von armen -Schneidern, Schustern und Kesselflickern durchfielen, -vereinigte sie ihre Nullen auf das Kind des Glücks -und der Helmerdings. Und der Zentralbahnhof, der -nach zwei Jahren in der Stadtverordnetensitzung -beschlossen und bald darauf von der Regierung genehmigt -wurde, erhöhte den Wert der Willy Helmerdingschen -Häuser, weil sie ganz in der Nähe des -zukünftigen Bahnhofs lagen, auf das Doppelte, ohne -daß Willy etwas anderes hätte zu tun brauchen, -als den Wert der Häuser mit zwei zu multiplizieren<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span> -und sich dann über das Produkt zu freuen. An der -Börse richtete sich Willy mit Vorliebe so ein, daß er -bei Baisse kaufte und bei Hausse verkaufte. Was -er aufgehoben hatte, das war Hausse, und was er -hatte fallen lassen, das war Baisse.</p> - -<p>Doch befriedigte ihn der Gang der großen chemischen -Fabrik nicht, an der er seit seinem sechsundzwanzigsten -Jahre als einer der ersten Aktionäre beteiligt -war. Das Unternehmen hielt sich – ja – aber -nur so so, und an Dividenden war für lange Zeit -nicht zu denken. Denn es bestand noch ein anderes, -ebenso großes und viel älteres Unternehmen in der -Stadt, und es mit diesem aufzunehmen, schien nachgerade -unmöglich zu werden. Aber eines schönen -Sonntags starb der alleinige Besitzer dieser anderen -Fabrik, Herr Dr. Pfeiffer, an einem Herzschlage. -Grund genug für Willy, in der nächsten Versammlung -der Aktionäre eine Idee zu haben. Die andre -Fabrik ankaufen! Sei der Verstorbene ein vorzüglicher -Geschäftsmann gewesen, so verstehe seine -kinderlose Witwe von geschäftlichen Dingen leider -oder gottlob so gut wie nichts. Nur habgierig sei -sie, und kosten werde das etwas; aber der Erfolg -sei in seiner Großartigkeit gar nicht abzuschätzen.<span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span> -Und in der Tat, die Witwe forderte nicht wenig. -Zwei Millionen, und keinen Pfennig weniger. Das -war hart; aber Willy war härter und drang bei -seinen Konsorten durch.</p> - -<p>Schon seit längerer Zeit bemerkten die Helmerdings -eine auffallende Veränderung an ihrem Kinde. -Willys Wangen schienen einzufallen; seine Augen -waren oft starr auf einen Punkt gerichtet; eine -düstere Melancholie umschattete sein Antlitz; dann -wieder schien eine plötzliche Verklärung seine Züge -zu umglänzen. Sein Gang war ungleichmäßig, -bald schleppend und müde, bald hastig und aufgeregt. -Er floh der Brüder wilden Reih'n und irrte -allein, während er sonst in Gesellschaft geirrt hatte. -Selten kam ein Wort über seine Lippen; nur wenn -die besorgte Mutter ihm die Wangen streichelte und -warnend sprach: »Du arbeits zu viel, mein Willy,« -antwortete er ihr mit einem kindlichen »Ach was!«. -Essen und Trinken genoß er nicht mehr mit jener -inbrünstigen Konzentration auf Gabel und Glas, -wie man sie an ihm gewohnt war; er betrieb das -wie ein gleichgültiges Geschäft, <em class="gesperrt">wenn</em> er es überhaupt -als ein Geschäft betrachtete.</p> - -<p>Eines Tages aber ging die Sonne Willys wieder<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span> -strahlend auf im Hause Helmerding. Wer an diesem -Tage vier Uhr zwanzig Minuten nachmittags zu -den Helmerdings ins Zimmer getreten wäre, würde -gesehen und gehört haben, wie der Papa und die -Mama ihren Sohn abwechselnd umklammerten und -unter Schnaufen und Weinen (dieses kam auf -Rechnung der ewig weiblichen Frau Helmerding) -ihrem Sohne zuriefen:</p> - -<p>»Viel Glück, mein Willy! Viel Glück, mein -Willy! – Du bist 'n gutes Kind, jaa, un has -deinen Eltern immer Freude gemacht; jaa, un viel -Glück auch, mein Willy!«</p> - -<p>Willy hatte nämlich seinen Eltern soeben die -Mitteilung gemacht, daß er sich mit einer Doppelmillion -verlobt habe und die Witwe des Dr. Pfeiffer -als Mitgift erhalte, die, wie er am folgenden Abend -einer superben Balletteuse vom Stadttheater beim -Champagner erzählte, »hoch in den Neununddreißigern« -war und noch Spuren früherer Häßlichkeit zeigte.</p> - -<p>Erst jetzt erkannten die Aktionäre <em class="gesperrt">einstimmig</em> -die Rentabilität des Ankaufs.</p> - -<p>Die alten Helmerdings konnten sich über diesen -genialen Streich ihres Kindes gar nicht beruhigen, -und als sie in der Nacht, die diesem Tage folgte,<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span> -erst gegen Morgen entschlummerten, sahen beide im -Traum die gleiche Verlobungsanzeige:</p> - -<p class="center"> -»Zwei Millionen<br /> -Willy Helmerding<br /> -Verlobte.«</p> - -<p>Aber im Traumbilde der Mutter umschlang ein -lieblich grünender Myrtenkranz das Ganze.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Meine Herr'n – entschuldigen Sie – meine -Damen und Herr'n, wollte ich sagen,« begann auf -dem Verlobungsdiner der Stadtrat Kneesen, »also: -meine Damen und Herr'n, erlauben Sie mir, mm, -zu dieser feierlichen Gelegenheit einige schlichte -Worte, wie sie aus'm einfachen Freundesherzen -kommen, mm, was ich nu bereits viele Jahre bin, -mm, an Ihnen zu richten, mir erlauben werde. -Mein alter Freund Helmerding, mit dem ich manchen -Sturm erlebt habe, das is'n Mann, ich meine: -'n bessern Kerl – ich bin immer 'n bischen grade -weg, meine Herrschaften – kann man gar nich, un -wenn man noch so lange mit der Laterne sucht, mm, -kann gar nicht gefunden werden. Er is allgemein -geachtet un geliebt un hat was für die Stadt getan -un hat 'n Herz für die Armen – ja, ja, das has du,<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span> -Helmerding, das laß ich mir nich nehmen! Un was -die alte Mama Helmerding is, die hab' ich auch -immer lieb gehabt – ja, das heißt alles in Ehr'n, -meine Herrschaften, alles in Ehr'n – hähähähähähä -– – Na, was wollt' ich noch sagen, also: ich will -mich kurz fassen, meine Herrschaften. Unser verehrtes -Brautpaar hat uns die Freude gemacht, die -<em class="gesperrt">große</em> Freude gemacht – mm – sich in den -heiligen Stand der Ehe begeben zu wollen. Un -wenn ich mir da nu zuers den Bräutigam betrachte, -da muß ich sagen: er macht seinen Eltern Ehre – -un Freude – un – ja, das tut er, un kann ich nur -hinzufügen, was ich so halb offisiell weiß, daß er -wohl nächstens Stadtverorn'ter werden wird, na, -ich meine, meine Stimme hat er, un er kriegt noch -viele dazu, das soll'n Sie mal sehen. Denn solche -Männer, ich meine, die brauchen wir, die durch -Fleiß un Intelligenz un was sonst noch – sich -emporgewickelt – äh – wollt' ich sagen: entwickelt -haben, <em class="gesperrt">gehören an die Spitze</em>!! Un wenn -ich nu zu der lieben Braut übergehe – djä – was -soll ich da anders sagen, als – er hat sich 'ne Frau -ausgesucht – die zu ihm paßt! Praktisch is sie – -un – un – wir haben sie alle gern, un hat uns<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span> -alle sehr leid getan, das müssen wir aufrichtig sagen, -als sie ihren Herrn Gemahl so schmerzlich verloren -hat. Aber – ich meine – unser Willy, der wird -sie schon trösten, hähähähä, un bitte ich Sie, mit mir -anzustoßen: Unser Brautpaar soll leben hoch – un -noch 'n mal: hoch! – un zum dritten Mal: hoch!«</p> - -<p>»Komm, mein süßen Willy, du has noch gar -nich mit mir angestoßen!« rief die entzückte Frau -Helmerding.</p> - -<p>Da trafen sich die feingeschliffenen Gläser in -einem vollen Klange, und im Auge der Mutter -schimmerte eine Träne.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span></p> - -<h2 id="Ernsthafte_Predigt_vom_Kommersieren">Ernsthafte Predigt vom Kommersieren</h2> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span></p> - -<div class="chapintro"> -<p> -Motto: -</p> -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Solche Brüder müssen wir haben,<br /></span> -<span class="i0">Die versaufen, was sie haben.<br /></span> -</div></div> -</div> - -<p class="center">Liebe Brüder!</p> - -<p class="drop">Es sind einige unter euch in Briefen wider mich -aufgestanden mit beweglichen Klagen, daß ich in -meiner tiefgründigen Abhandlung »Vom Essen und -Trinken« das Essen bevorzugt und das Trinken vernachlässigt -hätte. Das Essen nähme einen viel zu -breiten Raum ein im Vergleich zum Trinken usw. -usw. Noch täglich laufen neue Briefe ein; wohl -selten hat eine Frage unser Volk so in seinen Tiefen -aufgewühlt wie diese.</p> - -<p>Leider haben es sich dabei einige der Briefschreiber -nicht versagen zu müssen geglaubt, über das -Essen im allgemeinen verächtlich zu urteilen und -dem Trinken unvergleichlich edlere Eigenschaften -zuzusprechen. Ich habe beim Lesen solcher Briefe -im stillen auf ein Stadium geschlossen, in dem der -Appetit auf feste Substanzen bereits für immer -geschwunden zu sein pflegt; aber ich behalte das für<span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span> -mich. Die Sache ist zu ernst, um nicht alles persönlich -Verletzende von ihr fernzuhalten.</p> - -<p>Aber beklagenswert bleibt es, daß man dergleichen -unduldsame Meinungen nicht zurückgehalten -hat. Schlaraffenland ist ein paritätischer Staat und -soll es, so denke ich, bleiben. Man soll es sich dreimal -überlegen, ehe man an seiner Verfassung rüttelt. -In einem gesunden Staatskörper wird die feste -Nahrung immer die geeignetste Grundlage bilden -für alle trunkhaften Bestrebungen.</p> - -<p>Es ist richtig, daß Pharao den Mundschenk begnadigte -und den Bäcker hängen ließ. Aber es ist -voreilig, daraus nun Schlüsse für das Trinken und -gegen das Essen zu ziehen. Hier handelte es sich eben -um einen Bäcker, also um Brot und Kuchen, und -daß diese viel zu viel Mehl enthalten, hat noch kein -anständiger Mensch bestritten. Aber die Aufknüpfung -des Bäckers beweist nicht das geringste gegen Roastbeef, -Rehrücken, Ente, Hummer, Kaviar usw. usw.</p> - -<p>Liebe Brüder, man soll das eine tun und das -andere nicht lassen. Zwischen Rehrücken und Rotspon -sitzen: das nenn' ich goldene Mitte. Ich hoffe -euch davon zu überzeugen, daß mir die Reize der -besseren Feuchtigkeit nicht fremd sind.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span></p> - -<p>Was den gegen mich erhobenen Vorwurf betrifft, -so muß ich doch zunächst bemerken, daß ich die -Freuden des stillen Suffs sehr objektiv gewürdigt -und mich der dampfenden Bowle <em class="antiqua">en petit comité</em> -wie immer wärmstens angenommen habe. Aber ich -gebe zu, daß ich den eigentlichen, geregelten Kultus -der Getränke mit seinem tiefsinnigen und ehrwürdigen -Ritual, daß ich das planvolle, bis zur -Bewußtlosigkeit zielbewußte Massentrinken, den -Kommers, leider übergangen habe. Wer beides, -Essen und Trinken, in <em class="gesperrt">einer</em> Abhandlung bewältigen -will, wird immer eines von beiden vernachlässigen -müssen. Dazu ist der Stoff zu weitschichtig, seine -Anordnung zu schwierig, die Konzeption zu kühn.</p> - -<p>Wenn ich übrigens den Kommers soeben als ein -Massentrinken bezeichnet habe, so ist das ganz subjektiv -gemeint, d. h. ich betrachte die Masse als -Subjekt des Komments. Versteht man unter der -Masse das Objekt, so wird im Verlaufe des Kommerses -das Objekt zum Subjekt und das Subjekt -zum Objekt, wie dann überhaupt so viele Dinge, -z. B. die Viehbub und der Saumagd und der Viehmagd -und die Saubub, miteinander vertauscht zu -werden pflegen. Ich weiß nicht, ob das klar ist.<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span> -Wem es nicht klar ist, der betrachte es als den philosophischen -Teil meiner Ausführungen.</p> - -<p>In die gemeine Bierdeutlichkeit übersetzt, soll das -aber heißen, daß der Mensch sich nicht um jeden -Preis besaufen soll. Ich bitte wohl zu bemerken: -ich sage <em class="gesperrt">nicht</em>, daß er sich nicht besaufen soll; ich -möchte hier um alles nicht mißverstanden werden; -er soll es nur nicht <em class="gesperrt">um jeden Preis</em> tun! (Ich -denke bei »Preis« nicht an Geld; denn erstens ist -das Qualitative immer selbstverständlich, und -zweitens würde ich dann »<em class="gesperrt">für</em> jeden Preis« sagen.) -Aus den Burschen, die mit der Vertilgung von -zwanzig Seideln protzen und in jedem, der es nur -auf neunzehn gebracht hat, einen fluchwürdigen -Jämmerling sehen, werden nachher nur allzu oft -jene Bürschchen, die aus dem Ueberschwang der -Jugend nichts gerettet haben als Tugend und einen -Magenkatarrh. Der Mensch soll trinken, weil es -ihm <em class="gesperrt">schmeckt</em>, darum führt er den Ehrennamen -»der schmeckende Mensch«, <em class="antiqua">homo sapiens</em>. Wem es -aber so gut schmeckt, daß er mit der unschuldsvollen, -ahnungslosen Seligkeit des Säuglings die Grenze -der Mäßigkeit überschreitet, für den werde ich -immer ein sehr mildes Urteil bereit haben. Ueberhaupt<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span> -diese Grenze der Mäßigkeit – ich weiß nicht -– es ist etwas so Merkwürdiges um diese Grenze. -Wenn man noch weit von ihr entfernt ist, sieht man -sie sehr scharf; hat man sie aber erreicht, so sieht -man sie nicht mehr. Es ist eine heimtückische, infame, -eine ganz famose Grenze!</p> - -<p>Ein Institut wie der Kommers mußte im Laufe -der Zeiten seine Feinde finden, das ist klar. Dazu -ist die Sache zu gut. Soweit sich diese Feindschaft -gegen rohe Trinksitten richtet, ist sie mir recht. Es -alteriert mich, wenn ein Kneipant keinen Bierjungen -trinken kann, ohne daß es ihm zu beiden Seiten -wieder zum Maul herausläuft; denn erstens ist -»Bluten« nach dem Komment strafbar, also unsittlich, -zweitens ist es für ein Herz, das die Gaben -der Natur mit dankbarer Liebe verehrt, eine betrübende -Stoffvergeudung, und drittens sieht es -scheußlich aus. Wer einen mäßigen Bierjungen -noch nicht mit lässiger Eleganz bewältigen kann, der -soll zu Hause, wo ihn niemand sieht, täglich einige -Stunden daran wenden und es üben. Die kleine -Mühe lohnt sich immer.</p> - -<p>Anders steht es mit einer anderen Art von -Feindschaft. Um von ihr sprechen zu können, muß<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span> -ich meinen Lesern leider eine gewisse Sorte von -Menschen ins Gedächtnis zurückrufen. Ich habe -einen Freund – d. h. er versteift sich merkwürdigerweise -darauf, daß ich ihn so nenne –, wenn ich zu -dem sage: »Kerl! Mordbube, du hast ja die ›Maine‹ -in die Luft gesprengt!«, so verneint er mit tiefem -Erstaunen und beginnt, mir ausführlich sein Alibi -nachzuweisen. Wenn es draußen gleichzeitig stürmt, -hagelt, regnet und schneit, so daß sämtliche Regenschirme -sich mit emporgeworfenen Armen gegen ihre -Bestimmung sträuben und die Luft von aufgewehten -Damenhüten erfüllt ist, und ich dann zu ihm sage: -»Prachtvolles Wetter, was?«, so erklärt er mit erfrischender -Energie, daß er das Wetter durchaus -nicht schön finde, im Gegenteil: schlecht. Der Mann -ist nicht etwa in gewöhnlichem Sinne dumm; er hat -vieles gelernt und ist in seinem Berufe tüchtig; seine -Dummheit ist eben eine ganz außergewöhnliche. -Soweit ich ihn bis jetzt vorgeführt habe, ist er ja -auch, in ganz kleinen Dosen genommen, ganz -amüsant. Aber wenn man im »Sommernachtstraum« -neben ihm sitzt und die Handwerker mit -dem kindlich-souveränen, großäugigen Shakespearehumor -ihr Schauspiel aufführen, so stößt er mit<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span> -dumpfem Ingrimm das Wort »Blech!« von sich. -Wenn man ihm ein Grimmsches Märchen vorliest -und er hört von der Madame Pabst, die eine goldene -Krone aufhatte, »die war drei Ellen hoch«, so stöhnt -er aus gekränktem Herzen das Wort »Unsinn«, und -wenn ich mich mit einem anderen Freunde, einem -<em class="gesperrt">ganz</em> anderen, an einem köstlichen Büchlein ergötze, -das lauter Verse <em class="antiqua">à la</em> Friederike Kempner enthält -und die Erhabenheit des Blödsinns mit tausend -Zungen predigt, wenn wir tränenden Blickes schwelgen -im deliziösesten Nonsens, so vermag er »einfach -nicht zu begreifen«, wie man am Lesen solcher -schlechten Gedichte Gefallen finden könne. Die schöne -Zeit solle man lieber darauf verwenden, Goethe und -andere, <em class="gesperrt">wirkliche</em> Dichter zu lesen usw. usw.</p> - -<p>Ich denke, daß meine Leser sich jetzt den Typus -vorstellen können, den mein »Freund« repräsentiert. -Stellen wir ihn wieder weg.</p> - -<p>Wenn Deutschland eine vollständige Autokratie -und ich der Autokrat wäre: <em class="gesperrt">diese</em> Leute würde ich -auf Staatskosten vergiften lassen. Denn die Monomanie -der Vernünftigkeit, diese traurigste Untergattung -der Halbidiotie, ist mehr, als ein normaler -Mensch vertragen kann und sich gefallen zu lassen<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span> -braucht. Man schimpft so oft auf die Raubmörder, -und ich gebe zu: mit einem gewissen Recht. Aber -ein Raubmörder tut doch wenigstens mal etwas -Unvernünftiges und trägt auf diese Weise sein -redliches Teil zur Bewegung bei, die die <em class="gesperrt">höchste</em> -Vernunft ist und ohne die die Welt nicht bestehen -könnte. Die »düsteren Bestien« der unentwegten -Vernünftigkeit würden die Erdachse senkrecht zur -Ekliptik stellen, um den rechten Winkel herauszukriegen -und der ewigen Zappelei mit den Jahreszeiten -ein Ende zu machen. Gottfried August -Bürger, den ich so sehr liebe, ich weihe dir ein großes, -stilles Glas, weil du aus warmblutendem Herzen -aufschriest gegen die »kalten Vernünftler«.</p> - -<p>Diese ungesalzenen Heringsseelen, diese frostigen -Zeloten der blöden Ernsthaftigkeit, diese wirklichen -Nüchterlinge der korrekten Richtigkeit und richtigen -Korrektlinge der nüchternen Wirklichkeit sehen im -Kommersieren und im Kneipstaat ein schädliches und -albernes Institut; die kindliche Freude der Kneipanten -ist ihnen kindisch und läppisch, und sie finden -abgeschmackt die weisheitsvollen Gesetze des Kneipkomments, -die, »was in schwankender Erscheinung -lebt, befestigen mit dauernden Gedanken«. O meine<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span> -Brüder! Nicht um diese seriösen Linealschlucker zu -überzeugen, was nimmer ein Sterblicher je vermöchte, -nein, um uns selbst zu stärken im Glauben -an den alleinseligmachenden Komment und in allen -guten Werken der Saufbrüderlichkeit, wollen wir -betrachtend immer tiefer uns versenken »in den -Reichtum, in die Pracht« der edlen Trinkerweisheit!</p> - -<p>Welche Fülle realpolitischen Verstandes liegt -schon in der Konstitution dieses Bierstaates!</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wer am besten saufen kann, ist König,<br /></span> -<span class="i0">Bischof, wer die meisten Mädchen küßt.<br /></span> -<span class="i0">Wer da kneipt recht brav,<br /></span> -<span class="i0">Heißt bei uns »Herr Graf«,<br /></span> -<span class="i0">Wer da randaliert, wird Polizist.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Es ist gleichsam etwas Serbisch-Montenegrinisches -in dieser Verfassung und Gesellschaftsordnung! -Und wie klug ist die Strenge jener Gesetze über Biergericht -und Bierskandal, Vor- und Nachtrinken und -<em class="antiqua">ex pleno</em>-Bieten usw. usw.; mit welcher Sicherheit -und Schwere trifft sie den gefährlichsten Feind des -Bierstaates, den unheimlichen »Knacker« und -»Glasbeißer«, der sich der allgemeinen Trinkpflicht -tückisch entziehen möchte! Den modernen Rechtsstaat -erkennt man bekanntlich daran, daß in seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span> -Bezirken möglichst viel und kräftig verdonnert wird. -So auch den Bierstaat. Ein eifriger Bursch oder gar -Präside oder Bierrichter wird immer Gelegenheit -finden, einen Kneipanten mit strengster Gerechtigkeit -und Unparteilichkeit zu verknurren, und wenn der -Verknurrte das kostspielige Rechtsmittel der Berufung -ergreift, so ist das im Interesse der Hebung -des Konsums natürlich nur mit wilder Freude zu -begrüßen. Wer den Strapazen dieses Rechtsstaates -nicht gewachsen ist, der muß sich eben rechtzeitig -weinend aus diesem Bund stehlen. Nur er, den das -allgemeine Vertrauen zum Lenker des Staatsschiffs -berufen hat und den das Gefühl von der Erhabenheit -seines Herrscherberufs und von der Infallibilität -seiner Entscheidungen erheben darf, er, der Präside, -muß als der widerstandsfähigste Schiffer auf seinem -Posten ausharren können, muß trotz Nacht und -Nebel, trotz Aus- und Abstoßen und trotz allem -Schwanken des Fahrzeugs und aller Seekrankheit -sein Schiff zu den sonnigen Gestaden der Fidulitas -lenken, muß auch das sinkende Schiff als letzter verlassen, -und bliebe ihm schließlich nichts zum Umklammern -als eine frischgeteerte Planke. Daß ein -solcher Mann mit weitgehender Macht und Autorität<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span> -ausgestattet sein muß, ist klar. Mit einer über -alle subversiven, zentrifugalen und anulkenden -Tendenzen erhabenen Schneidigkeit muß er die -Zügel straff halten können und in ernsten Augenblicken -den Mut zum skrupellosen Blödsinn besitzen. -Er muß Tempo und Rhythmus des Festes angeben, -wie er Tempo und Rhythmus der Gesänge (eine eminent -wichtige Sache!) bei aller Nachsicht gegen Melodie -und Tonart mit wachsamer Strenge bestimmt.</p> - -<p>Der Gesang! Er ist die Blüte des Kommerses und -offenbart also seine höchsten Schönheiten. Ich müßte -ja ein Werk schreiben von der Dicke des »Großen -Meyer«, wollte ich das Thema »Die Studentenseele im -Lied« auch nur achtelwegs erschöpfen. Welch ein -sanguinischer Optimismus in dem herrlichen Refrain:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»O Rothschild, Rothschild,<br /></span> -<span class="i0">Rothschild, schick' Geld, schick' Geld!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Es fällt Rothschild ja gar nicht ein, Geld zu -schicken; aber das macht diese gläubige Bitte ja noch -rührender. Welch hinreißende Beweisführung in -den Versen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Bums vallera, die Welt, die Welt ist wunderschön,<br /></span> -<span class="i0">Bums vallera, die Welt ist wunderschön!«<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span></p> -<p>In sechs Worten ist hier eigentlich alles gesagt; -das »Bums vallera« ersetzt den ganzen Leibniz. Gegen -Bumsvallera gibt es keine Instanz. Nur aus -einer solchen Weltanschauung kann jene großgeistige -Ueberlegenheit erwachsen, die nirgends erhabener -zum Ausdruck gekommen ist als in den Worten:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Was man draußen von uns meint,<br /></span> -<span class="i0">Kann uns Schlacke sein,<br /></span> -<span class="i0">Ist uns auch ganz schnurz!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Aber weit gefehlt wär' es, zu glauben, daß dem -Studentenherzen die pietätvollen Gefühle fremd -wären! Man beachte in dem allbekannten »Fuchsenliede«, -mit welch zärtlichem Interesse sich der ganze -Chor nach des Fuchsen Papa und Mama, nach der -Mamsell Soeur und sogar nach dem Herrn Rektor -erkundigt, man beachte, mit welch teilnehmender -Sorge sich die ganze Korona mitten im Taumel der -Jugendlust erkundigt, ob denn der alte Hauschildt -noch lebe, und mit welcher innigen Genugtuung sie -die frohe Nachricht, daß der alte Hauschildt immer -noch lebe, ins Ungemessene wiederholt. Ueberhaupt -nimmt sich der Student mit der schönen Weitherzigkeit -der Jugend der alten Leute an, besonders da, wo -man diesen das Recht zum Trinken verkürzen will.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Olle Winkelmann, olle Winkelmann,<br /></span> -<span class="i0">Was süppst du denn so sehre?«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Und nun die Entgegnung des alten würdigen Mannes:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wat geiht di denn min Supen an,<br /></span> -<span class="i0">Wenn ick et man betahlen kann!«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Das erinnert an die wuchtigen Schlagverse einer antiken -Tragödie. Und hat er denn nicht recht, der alte -Mann? Und <em class="gesperrt">wie</em> recht hätte er erst, wenn er's nicht -bezahlen könnte! Die Frage, ob mit diesem berühmten -Dialog eine Ehrung des alten Kunsthistorikers -Winckelmann beabsichtigt sei, ist für den dichterischen -Wert ganz belanglos. Die Verse gelten eben für jeden -Winckelmann, wenn er auch <em class="gesperrt">ganz anders</em> heißt.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Ein altes Weib auf der Turmspitze saß<br /></span> -<span class="i0">Und sauren Kohl mit Käse aß« –<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">ja – wer, frage ich, würde sich mal um die alte -Frau kümmern, wenn es nicht der kommersierende -Student täte?! Und wie ungerecht ist die Beschuldigung, -daß er über dem Kneipen die Studien vernachlässige! -In den allbekannten Versen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Der Herr Professor<br /></span> -<span class="i0">Liest heut' kein Kollegium,<br /></span> -<span class="i0">Drum ist es besser,<br /></span> -<span class="i0">Wir trinken eins rum«<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span></p> -<p class="noind">ist es doch für jeden Wohlmeinenden offen ausgesprochen, -daß <em class="gesperrt">nur</em> deshalb getrunken wird, weil -der Herr Professor nicht liest, und wenn hämische -Gesellen behaupten, der Herr Professor lese eben -deshalb nicht, weil alle Studenten trinken gegangen -wären, so ist das für den Effekt ja ganz gleichgültig. -Jedenfalls zeigt das gediegene Lied:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Gennn–eral Laudon, Laudon rückt an, an, an,<br /></span> -<span class="i0">Gennn–eral Laudon, Laudon rückt an.<br /></span> -<span class="i0">Laudon rückt an, an, an,<br /></span> -<span class="i0">Laudon rückt an, an, an,<br /></span> -<span class="i0">Gennn–eral Laudon, Laudon rückt an«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">auf das deutlichste, daß die Studenten sogar bei der -Kneipe unermüdlich Geschichte repetieren, und wer -aus eigener Bemühung weiß, welch unausgesetztes -Studium es erfordert, den »Abt von Philippsbronn« -mit »Pst« und Pfiff und Schnalz- und Schnarchgetön -(im richtigen Tempo bitte!) zu singen, und wer beobachtet -hat, bis zu welcher idealen Vollkommenheit -es darin selbst schwächer begabte Talente bringen, -der kann den Studiertrieb der kommersierenden -Jugend nicht anders achten als hoch. Ist doch auch -die höchste Blüte des Erkennens, die rechte Selbsterkenntnis,<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span> -durch Worte von ewiger Geltung zum -Ausdruck gekommen, z. B. in den Worten des biederen -Mannes, der als Grobschmied und Vater inspizierenderweise -nach Halle kommt und seinem -flotten Sohn auf dessen Fragen: »Was macht die -liebe Frau Mama, was machen die zarten -Schwesterlein?« so schlicht als wahr erwidert:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Se sünd noch all recht fett und rund;<br /></span> -<span class="i0">Se seggen, du bist en Swinehund.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Wer nur sehen <em class="gesperrt">will</em>, der sieht also klar genug, -daß der Studio sich nicht schont, vielmehr die härtesten -Selbstanklagen mit Mut und Ausdauer verträgt. -Wer auch erhebt machtvoller die Stimme -der Menschlichkeit, als er es tut in den tief gemütvollen -Worten:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Reißt dem Kater den Schwanz aus,<br /></span> -<span class="i0"><em class="gesperrt">Reißt ihn aber nicht ganz aus!</em><br /></span> -<span class="i12">(Bravo!)<br /></span> -<span class="i0">Laßt 'n kleinen Stummel dran,<br /></span> -<span class="i0">Daß er wieder wachsen kann!«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Und wer macht sich zum dröhnenden Sprachrohr des -verfolgten <em class="antiqua">lepus parvulus</em> und trägt seine rührende -Klage an das Ohr der Mitwelt?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0"><em class="antiqua">»Longas aures habeo,</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Brevem caudam teneo.</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Quid feci hominibus,</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Quod me sequuntur canibus?</em><br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0"><em class="antiqua">Caro mea dulcis est.</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Pellis mea mollis est.</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Quid feci hominibus,</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Quod me sequuntur canibus?</em><br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0"><em class="antiqua">Quando reges comedunt me,</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Vinum bibunt super me.</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Quid feci hominibus,</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Quod me sequuntur canibus?«</em><br /></span> -</div></div> - -<p>Mein Freund, der Vernünftige, hat mich darauf -aufmerksam gemacht, daß die Menschen den Hasen -ja <em class="gesperrt">eben deswegen</em> verfolgten, <em class="gesperrt">weil</em> sein Fleisch -so süß und sein Fell so weich sei. O meine Brüder, -soll ich ihm 'mal eine 'runterhauen? Aber nein! -Seien wir duldsam gegen die Armen, denen nicht -geworden ist, das Farbenspiel des Lebens zu kosten, -und steigen wir als glückselige Wissende empor zu -immer höheren Höhen des Tiefsinns. <em class="antiqua">Sursum corda!</em></p> - -<p>Da gelangen wir denn zu den orphischen Worten -vom Bock, der nicht milchen will.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Mich wundert nichts, als daß, als daß<br /></span> -<span class="i0">Der Bock nicht milchen will,<br /></span> -<span class="i0">Und frißt doch allzeit Gras<br /></span> -<span class="i0">Und frißt doch allzeit Gras.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Millionen von Menschen, ganze Geschlechter von -Erdbewohnern sind achtlos an diesem Phänomen -vorübergegangen, oder wenn sie es auch beobachtet -haben, so fanden sie doch nicht den Mut, nach der -Ursache zu fragen. Erst der trinkende Student fand -diesen Mut. Gewiß: beantworten konnte auch er -diese Frage nicht, das mußte er den Professoren -überlassen, die die merkwürdige Erscheinung längst -auf die Männlichkeit des Bockes zurückgeführt haben; -aber schon der Mut, eine solche Frage zu stellen, ist -bewunderungswürdig.</p> - -<p>Die Behauptung:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Häßlichkeit entstellet immer,<br /></span> -<span class="i0">Selbst das schönste Frauenzimmer«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">erfordert schon weit weniger Mut. (Denn wenn -ein schönes Frauenzimmer durch Häßlichkeit entstellt -wird, was nützt ihm dann seine ganze Schönheit?! -Ja: kann man in einem solchen Falle <em class="gesperrt">überhaupt</em> -noch von einem »schönen Frauenzimmer« sprechen? -Mein ernsthafter Freund verneint es rundweg.)</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span></p> - -<p>Von kühnstem, bis in die Polarregionen vordringendem -Forschergeiste zeugen die sehr belehrsamen -und bildungsvollen Verse vom Eskimo.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Der Eskimo – lebt manchmal wo,<br /></span> -<span class="i0">Doch manchmal, da lebt er wo anders.<br /></span> -<span class="i0">Er trinkt den Tran – wie Bier der Mann<br /></span> -<span class="i0">Und reibet damit Salamanders.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Aber das alles, so tief es ist, ist noch seicht und -trivial im Vergleich zu dem Liede vom Frack.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»O wie bimmel, bammel, bummelt<br /></span> -<span class="i0">O wie bimmel, bammel, bummelt<br /></span> -<span class="i0">O wie bummelt mir mein Frack!<br /></span> -<span class="i0">Ich hab noch nie einen Frack gehabt,<br /></span> -<span class="i0">Der mir so sehr gebimmelbammelt hat.<br /></span> -<span class="i0">O wie bimmel, bammel, bummelt<br /></span> -<span class="i0">O wie bummelt mir mein Frack!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Dies, ich wage das schämige Geständnis, ist mir -das Höchste in der Dichtkunst. Hier ist nur Empfindung, -Beobachtung und Bericht von Tatsachen; alle -Reflexion ist vermieden. Der Dichter verzichtet auf -jegliches intellektuelle Moment, er ist ein Volldichter. -Dieses Werk konnte geschaffen und dann genossen -werden bei gänzlich exstirpiertem Gehirn, ausschließlich<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span> -mit Hilfe des <em class="antiqua">Plexus solaris</em>, jenes famosen -Gangliengeflechts in der Magengegend. Ueber den -Vortrag sei folgendes bemerkt: die Hände ruhen bis -zu den Ellbogen in den Hosentaschen, die Zigarre -hängt genau senkrecht im linken Mundwinkel, der -Blick tastet mit elegischer Zärtlichkeit am Frack hinunter -und sucht vergeblich den vorderen Teil der -Schöße. Tempo: das hartnäckigste Largo, nach -Mälzel = 1. Aber –:</p> - -<p>Jetzt kommt ein wichtiges Aber. Auch in diesem -höchsten Moment soll der Kneipant noch so viel Herrschaft -über sich besitzen, daß er mit ernster Hingabe -singt und sich im stillen über seinen Ernst unbändig -amüsiert. Der größte Blödsinn wird ernst genommen: -eben das macht den Kommers zu einem Bild -des menschlichen Lebens. Und wen solch ein Ernst -von Herzen heiter stimmt, der ist ein Herr des -Lebens. Und das soll der Kneipant sein. Wir -wollen mit dem Stumpfsinn spielen wie Brutus, -und nachher wollen wir allerlei Tyrannen zum -Teufel jagen. Sollte einer unter euch, liebe Brüder, -gewähnt haben, daß ich die Entwickelung unseres -Vaterlandes zur Bierarchie befördern helfen wolle, -so hat er geirrt. Und wenn das edelste Münchener<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span> -Bräu oder das süffigste Gold vom Rhein in Strömen -fließt: obenauf schwimme der Mensch. Ihr -sollt, liebe Brüder, euer geehrtes Innere begießen, -auf daß der <em class="gesperrt">Mensch</em> in euch zur Blüte komme.</p> - -<p>Nein, das meine ich natürlich <em class="gesperrt">nicht</em>, daß einer -ein steifes Genick haben soll, daß einer sich nie vergessen -soll, nie sich heiser singen soll, daß er für alles -Getriebe um ihn her einen kühlen Polizeiblick bewahren -soll, daß er ein dicker Klotz oder Pfahl -sein soll, der von keinem Freudenstrudel sich fortreißen -läßt. Solche Scheusale gehören in die Wolfsschlucht. -Gottlob gibt es aber noch starke Kerle, die -mitten durch Tabak- und Freudenqualm einen -freundlich-festen Blick balancieren können, denen in -seligsten Sekunden eherne Entschlüsse reifen und die, -<em class="gesperrt">wenn's nottut</em>, auf beide Füße springen und -Männer sein können.</p> - -<p>Denn bei einem rechten Kommers singt man ja -auch solche Lieder wie »Freiheit, die ich meine« mit -den selig-schönen Versen.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Auch bei grünen Bäumen in dem lust'gen Wald,<br /></span> -<span class="i0">Unter Blütenträumen ist dein Aufenthalt.<br /></span> -<span class="i0">Das ist rechtes Leben, wenn es weht und klingt,<br /></span> -<span class="i0">Wenn dein stilles Weben wonnig uns durchdringt.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Wo sich Männer finden, die für Ehr' und Recht<br /></span> -<span class="i0">Mutig sich verbinden, weilt ein frei Geschlecht.<br /></span> -<span class="i0">Das ist rechtes Glühen, frisch und rosenrot;<br /></span> -<span class="i0">Heldenwangen blühen schöner auf im Tod«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">und solche Lieder wie »An der Saale hellem -Strande« mit den Versen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Drüben winken schöne Sterne,<br /></span> -<span class="i0">Freundlich lacht manch' roter Mund,«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">und mit fern versinkendem Blick sieht dann der -Sänger alle Schönheit deutschen Landes: er hört -den heiligen Gesang seiner Wälder und blickt mit -sinnenden Gedanken hinauf in ihre grünen Dämmerungen -und hinab in den bilderreichen Spiegel heimatlicher -Ströme. Und wie vom Söller her ihm -schöne Augensterne winken, steht in seinem Herzen -der junge, süße Wirbelsturm der Liebe auf. Und -schön ist in jungbrausender Seele der ernste Gedanke -an den Tod für ein heiliges Gut.</p> - -<p>Jugend sei das vornehmste Getränk an eurem -Tisch. Daß ihr aber auch im grauen Haar noch -jubilieren möget, bewahrt in eurem Keller von -diesem edelsten Getränke ein ungeheures Faß, das -bis ans Lebensende vorhält. Eines der herrlichsten<span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span> -Gebete, die je gesprochen worden, ein Gebet Heinrich -Heines, sprecht es täglich nach; es heißt: »Ihr Götter, -ich bitte euch nicht, mir die Jugend zu lassen; aber -laßt mir die Tugenden der Jugend, den uneigennützigen -Groll, die uneigennützige Träne!«</p> - -<p>Und nicht so soll es sein wie in jenem spöttischen -»Rückerinnerungslied«, wo es heißt:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Heute Kriegsgeschrei und Fehde allem, was die Lust vergällt,<br /></span> -<span class="i0">Morgen salbungsvolle Rede über diese Sündenwelt.<br /></span> -<span class="i0">Heute Feindschaft dem Philister, der gehorsamst denkt und schweigt,<br /></span> -<span class="i0">Morgen vor dem Herrn Minister demutsvoll das Haupt geneigt.«<br /></span> -</div></div> - -<p>So soll es <em class="gesperrt">nicht</em> sein, liebe Brüder, <em class="gesperrt">so nicht</em>! -Auch sollen die Jungen unter euch nicht meinen, -daß sie nachher mit der schneidigen Wurschtigkeit -der Bierlogik und Bierjustiz auf den Köpfen ihrer -Mitmenschen herumpräsidieren können. Wer vom -großherzigen und großäugigen Jugendtrutz nichts -hinüberrettet in sein Manneswerk, den soll, was er -gekneipt hat, wiederkneipen, dem soll jeder Tropfen -zu Gicht werden, und die soll ihm in den Hinterfüßen<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span> -nur so lange rumoren, bis er ernstlich anderen -Sinnes wird.</p> - -<p>Und wenn er dann wieder einmal mit alten und -ältesten Herren zusammenkommt zu fröhlicher -Runde und er vom Angesicht der andern den Wandel -der Dinge liest, wenn er in eines Augenblicks Erleuchtung -überschaut, was alles anders gekommen, -wie er es einst gehofft, und von den Wänden ein -ernstes Wort hallt: <em class="gesperrt">Vergänglichkeit</em> – wenn -dann das herrlichste und wehmutvollste aller fröhlichen -Lieder steigt, das Lied von der dahingeschwundenen -Burschenherrlichkeit, und wenn zuletzt der -feierliche Augenblick kommt, da alles sich erhebt und -einstmals oft verflochtene Hände sich wiederfinden: -dann mag er's mit ehrlich bejahendem Herzen mitsingen, -das schöne Bekenntnis:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Klingt an und hebt die Gläser hoch,<br /></span> -<span class="i0">Die alten Burschen leben noch,<br /></span> -<span class="i0">Es lebt die alte Treue!<br /></span> -<span class="i0">Es lebt die alte Treue!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Und nun, liebe Brüder, wollen wir trinken auf -alle, die vom breiten Stein nicht wanken und nicht -weichen. Aber auf die, die verlernt haben, daß -es Tage gibt »von besonderem Schlag«, Tage,<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span> -so schön, daß man zu ihnen gar nichts andres sagen -kann als »<em class="antiqua">Ergo bibamus!</em>« – auf die – auf die -wollen wir auch trinken. Schon um unsertwillen. -Das wäre ja auch noch schöner, wenn wir um deretwillen -dürsten sollten! Wir wollen auf sie trinken -in der Hoffnung, daß sie sich bessern. Aus jeden -einzeln! Das schmeichelt ihnen; das greift ihnen an -die Ehre. Dann gehen sie in sich.</p> - -<p>Nachher trinken wir dann noch auf die Temperenzler; -das sind sie uns schuldig. Prost!</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span></p> - -<h2 id="Der_grosse_Irrgarten">Der große Irrgarten</h2> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span></p> - -<p class="drop">Kommt mit in meinen Blumen-, Irr- und Wundergarten! -Er ist nicht größer als meine Handfläche; -aber ihr werdet euch wundern. Ein Leben -könnt ihr damit verbringen, durch seine Gänge, Lauben, -Grotten und Gebüsche zu wandeln. Tretet ein!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Als unsere Aelteste eben zu sprechen begonnen -hatte und meine Frau sie eines Tages fragte: »Wo -ist Papa?«, da antwortete sie mit unvergleichlicher -Gemütsruhe: »Papa puttrissen,« d. h. Papa ist -kaputtgerissen.</p> - -<p>Meiner Frau und mir selbst war von diesem -jähen Ende nichts bekannt; wir fragten uns also: -Was kann das heißen sollen? Ich war verreist gewesen; -das Kind hatte gehört, Papa ist verreist; -reisen war ihm dasselbe wie reißen, verreisen soviel -wie zerreißen; in seinem Kopfe hatte der Satz also -geklungen wie »Papa ist zerreißt«, und wie die<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span> -papiernen Bilder und Puppen, mit denen sie gelegentlich -spielte, immer sehr bald »puttrissen« waren, -so war es jetzt ihr Vater. Sie nahm sein grauses -Schicksal mit der denkbar größten »Wurschtigkeit« hin.</p> - -<p>Als ihr Brüderchen noch am Boden kroch und -spielte, hörten wir ihn wiederholt den Ruf »Hammelschitte!« -ausstoßen. Lange suchten wir vergeblich -nach der Uebersetzung dieses seltsamen Wortes.</p> - -<p>Endlich beobachteten wir, daß der Junge diesen -Ruf jedesmal dann ausstieß, wenn eines seiner -Stein- oder Holzgebäude zusammenstürzte oder -wenn sich sonst eine Katastrophe ähnlicher Art ereignete. -Und mit einem Male ging uns ein Licht -auf. Wenn wir mit ihm gespielt hatten, so hatten wir -wohl bei gleichem Anlaß gerufen: »Da ha'm wir die -Geschichte!« Dieser Satz war ihm zu einem Wort und -einem Begriff zusammengeschmolzen und bedeutete -soviel wie Zusammenbruch, Einsturz, Umsturz, und -da ein möglichst geräuschvoller Einsturz für die Kinder -ein Hauptvergnügen beim Bauen, ja, sozusagen der -Sinn des Bauens ist, so stieß er das Wort »Hammelschitte« -jedesmal mit sichtlicher Befriedigung hervor.</p> - -<p>Ebenfalls nicht ohne weiteres, wenn auch immerhin -leichter verständlich war mir die Nachricht unserer<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span> -Jüngsten, sie habe bei den Nachbarn ein Bild -gesehen, auf dem wäre »Jesus mit zwölf Posteljungens« -gewesen. Sie hatte offenbar von -»Aposteln« und von »Postillons« gehört und die -beiden Berufsklassen zusammengeworfen. Vielleicht -hatte auch noch das Wort »Jünger« hineingespielt.</p> - -<p>Als dasselbe Kind uns versicherte, es habe »solche -Notbremse im Hals«, schenkten wir ihm keinen -Glauben. Erst als wir erkannten, daß es sich um -ein »Sodbrennen« handle, fanden wir seine Beschwerden -verständlich. Auch als es uns erzählte, -unser Wirt in der Sommerfrische füttere seine -Schweine »mit Schleie«, fanden wir dieses kostspielige -Verfahren nicht wahrscheinlich; mit »Kleie«: -das war zu glauben.</p> - -<p>In einer Warteschule hörte ich die Kinder singen -»Es regnet ohne Untersatz« statt »Unterlaß«. Sie wußten, -daß man Gefäßen, die eine Flüssigkeit enthalten, -wie Biergläsern, Blumentöpfen und dergleichen, -einen Untersatz gibt, und machten wahrscheinlich mit -Befremden die Beobachtung, daß die Natur beim -Regnen diese Reinlichkeitsmaßregel versäume.</p> - -<p>Ihr werdet jetzt schon wissen, was ich mit -meinem Irrgarten meine; wenn ich von seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span> -Schönheiten, Wunderlichkeiten und Wundern nicht -immer die letzte Erklärung gebe, so gebt sie euch -selbst; es ist das anmutigste und fruchtbarste Rätselraten, -das ich kenne.</p> - -<p>Ein krauses und reiches Gärtlein für sich bilden -allein schon die lautlichen Irrwege der suchenden, -tastenden Kinderzunge, die doch nach verborgenen -Gesetzen tastet und sucht. Das Kind erfindet sich ein -geniales Erleichterungsverfahren; es assimiliert -Zahn- und Lippenlaut und macht zwei Lippenlaute -daraus; es hat »epwas« gefunden und möchte noch -»epwas« von der Torte, die ihm schmeckt; es löst -einen schwierigen Hiatus auf, indem es einen leichten -Konsonanten einschiebt, auf den die Zunge schon -eingestellt war, ersetzt eine schwierige Konsonantenhäufung -durch eine leichte Konsonantenfolge, und -zwar durch eine, die es soeben erst geübt hat; darum -wollte eins unserer Kinder nichts von der »Servisette« -wissen; darum sprach es, als es schon stark -herangewachsen war, noch immer ahnungslos von -einer »Klopdopstraße« statt von einer Klopstockstraße.</p> - -<p>Das Kind verkehrt die Reihenfolge der Anlaute -in schwierigen Wörtern und erzählt uns strahlenden -Auges von der »Muckerlative«, die so laut geschrien<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span> -und geschnauft, und von dem »Wufflabomm«, den -es am Himmel gesehen habe. Mit entschlossener -Abkürzung macht es aus einem Delikatessenhändler -einen »Delitessenhändler«; ein völlig fremdes Wort -modelt es um nach einem, das es schon gehört hat: -so verbreitete eines unserer Kinder die sensationelle -Nachricht, daß seine Eltern in »Salzkamerun« -wären, während wir nur bis zum Salzkammergut -gekommen waren.</p> - -<p>Ebenso erquicklich ungeniert behandelt es die -Etymologie; wo ihm die Vergangenheitsformen -fehlen, gebraucht es den Infinitiv oder wenigstens -seinen Vokal; es hat ein heillos verknotetes Stiefelband -»einfach durchgeschneiden« und fragt die Mutter, -ob sie die Ernte vom Stachelbeerbusch schon »gewiegt« -habe. Die unregelmäßigen Verben und ihre -Ablautung sind ja bekanntlich überall und überhaupt -ein lustiges Kapitel; die rote Grütze, die in -der Küche bereitet wurde, »raach« so wunderschön, -als Roswitha im Garten »ging, nein: gang, nein: -gung«; sie möchte sich »epwas« davon »nimmen«. -Und wenn es eine »Faulheit« gibt, warum soll es -keine »Fleißheit« geben; wenn man von Emsigkeit -spricht, warum soll sich Irene nicht über die »Faulkeit«<span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span> -ihrer Puppe entrüsten? Ist man nicht souverän -und kann man nicht einfach Plurale und Wörter -schaffen, die es bis dahin nicht gegeben? Wenn -Rosenkohl auf den Tisch kam, verzichtete Erasmus; -er mochte »die kleinen Köhler« nicht; die Peitsche -war ihm ein »Knallstock«, und die Kiemendeckel der -Fische waren »Fischklappen«. Die Frauen, die im -Kloster leben, heißen Nonnen, die Männer, die im -Kloster leben, demgemäß natürlich »Nonnenmänner«, -und wenn man die Lampe angezündet hat, so muß -man sie beim Zubettgehen wieder »auszünden«.</p> - -<p>Muß sich der Deutsche Sprachverein nicht freuen, -wenn aus dem welschen »Vestibül« ein deutsches -»Westerbül« wird? Wenn es nach Süden liegt, -sagt man natürlich »Süderbül«.</p> - -<p>Wurzelecht ist dieser Purismus Roswithens -freilich nicht; als ich verschiedentlich scherzenderweise -das Wort »naturellement« gebraucht hatte, sagte sie -statt »natürlich« nur noch »natürlichrallemang«.</p> - -<p>Dagegen verfuhr sie wiederum höchst selbständig, -ja tyrannisch bei der Transition des Tätigkeitsbegriffes -auf Subjekt oder Objekt. Sie dichtete eines -Tages bei einem ihrer Spiele, daß es regne, und -spannte ihr Schirmchen auf. »Warum spannst du<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span> -denn den Schirm auf?« fragte ich. »Ich beschütz den -Regen,« versetzte sie.</p> - -<p>Aber dieser Irrgarten der Wörter und Laute ist -nur ein kleines Vorgärtchen zum großen Labyrinth -der Begriffe. Denkt euch, ihr blicktet von erhabenem -Standort auf ein riesiges Manöverfeld, in dem eine -Armee nach allen Richtungen zerstreut durcheinandergewirrt -wäre. Da ertönt das Signal zum -Sammeln, und plötzlich entsteht ein so heilloses -Ameisengewimmel, daß ihr glaubt, es könne sich nie -und nimmer entwirren. Aber mehr und mehr -kommt Ordnung in den Haufen; immer deutlicher -formen sich die Gruppen, und endlich steht jede Division -und jede Kompagnie an ihrem Platze und jeder -Mann in seinem Zuge an rechter Stelle.</p> - -<p>Daran muß ich immer denken, wenn ich das -Gekribbel und Gewibbel und Gewusel der Vorstellungen -und Begriffe in einem Kinderkopf beobachte, -und kein Schauspiel dünkt mich wunderbarer und -entzückender, als wie diese Begriffe und Vorstellungen -sich nach und nach von selbst zurechtlaufen.</p> - -<p>Interessant ist schon die Chronologie der kleinen -Köpfe. »Einmal«, so erzählte unsere Roswitha ihrer -Mutter und mir, »einmal hab ich in Eppendorferweg<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span> -'n ganz großen Löwe gesehen!« und als wir an der -Wahrheit dieser Erzählung zweifelten, fügte sie hinzu: -»Ganz gewiß, da wart ihr noch gar nicht geboren.«</p> - -<p>Als sie eines Tages hörte, daß Männe, ihr geliebter -Dackel, auch einmal sterben werde, da meinte -sie nach längerem Nachsinnen: »Na ja, wenn er denn -stirbt un wenn Kurti denn mein Mann is, denn -lassen wir ihn ausstopfen un denn stellen wir ihn -aufs Büfett.« Männe wird eben nicht eher sterben, -als bis sie verheiratet ist und ein Büfett hat. Kinder -sind Götter und arrangieren den Weltlauf höchstselbst. -Und der Gedanke, daß etwas Geliebtes ganz aus -ihrer Nähe verschwinden könnte, besteht für sie nicht.</p> - -<p>Die Kinder, die Roswitha einmal haben wird, -haben sofort ein gewisses vorgeschritteneres Alter; -die früheren Kinderjahre überspringen sie. Ihre Mutter -wünscht das so, weil sich dann interessanter mit -ihnen spielen läßt als mit Säuglingen und Babies.</p> - -<p>Roswithens ältere Schwester Herta kennt -keinen Unterschied der Zeiten nach Sitten und Gebräuchen; -ihre Geschichtsbilder sind ein einziger -Anachronismus. »Mutter,« fragte sie, »wie hieß -noch der Herr, der über die Volsker siegte?« Coriolan -ist eben ein »Herr« wie der Nachbar Müller mit<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span> -der karierten Hose und dem Zylinder. Geschichtslehrer -sollten das bedenken.</p> - -<p>Und alle sollten wir bedenken, daß Kinder von -dem, was wir ihnen sagen, viel weniger verstehen, -als wir ahnen, wenigstens von dem, was sie verstehen -<em class="gesperrt">sollen</em>. Was sie erleben, verstehen sie weit -besser, als was wir ihnen sagen. Dieselbe Herta -kam mit der Theseussage nach Haus und erzählte -frisch und munter: »Theseus hatte aus Versehen auf -Kreta getreten.« Was mag sie sich unter Kreta vorgestellt -haben! Nie haben wir's herausgebracht.</p> - -<p>Was mag sich unsere Jüngste jahrelang unter -dem Wort »Dienstag« vorgestellt haben! Eines -Tages sagte sie nämlich mit größter Entschiedenheit: -»In mein ganzes Leben is noch nie Dienstag gewesen!« -Und ein anderes Mal fragte sie: »Nich, -Pappi, Eis is doch kälter als Winter, nich?« Wie sah -der Winter aus in diesem Köpfchen? Nicht wahr, das -ist ein Helldunkel, so geheimnisvoll, wie es keinem -Rembrandt je gelungen ist, nicht wahr, da tun sich -zauberdunkle Höhlen voll flimmernder Nächte auf?</p> - -<p>Zuweilen gemahnt das kindliche Tasten an den -blinden Glücksgriff des Genies. »Was ist denn ein -›Paradies‹?« fragte ich einst ein kleines Mädchen.<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span> -»Ein Friedhof«, antwortete es ohne Besinnen. Der -Friede mochte das <em class="antiqua">tertium comparationis</em> sein, das -die beiden Gärten in der Seele des Kindes zu einem -gemacht hatte. Und auf der Straße hörte ich einst, -wie hinter mir ein Büblein zum andern sagte: -»Gestern ist meine Großmutter eingepflanzt worden.« -Das ist eigentlich noch schöner als Schillers Verse:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Noch köstlicheren Samen bergen<br /></span> -<span class="i0">Wir trauernd in der Erde Schoß …<br /></span> -</div></div> - -<p>Wir verbinden die Vorstellungen zu Begriffen, -wenn sie in den wesentlichen Merkmalen übereinstimmen; -das Kind stellt solche Verbindungen nach -einzelnen, oft nach einem einzigen und dazu noch -zufälligen Merkmal her. Das ergibt dann Aussprüche -von merkwürdigem Tiefsinn und von überraschender -Komik. Ein Sechsjähriger kam an seinem -ersten Schultage mit der verwunderten Bemerkung -heim: »Sie sagen in der Schule gar nicht ›Sie‹ zu -mir.« Daß seine Verwandten und seine Spielkameraden -und die Freunde des Hauses ihn duzten, war -begreiflich; sie waren ja Bekannte; aber fremde -Leute sagen doch »Sie« zueinander.</p> - -<p>Ein anderer Abc-Schütze berichtete mit gleicher -Verwunderung: »Die Schulbänke sind gar nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span> -gepolstert.« Man sollte glauben, es sei ein verwöhntes -Seidenpüppchen gewesen; aber das Gegenteil -war der Fall; es war ein einfach gewöhnter, derber -Junge; aber mit dem Begriff eines Sitzgeräts war -ihm das Merkmal der Polsterung verbunden.</p> - -<p>Einer meiner Freunde ging mit seinem neunjährigen -Neffen in einen Juwelierladen, dessen Inhaber -ihm u. a. auch einen hübschen Ring für den -Buben anstellte. Er steckte dem Knaben den Ring -an den Finger und meinte, ob er solch einen Ring -nicht haben möchte; der Junge aber lehnte entschieden -ab. Wieder auf der Straße, sprach er mit einer -gewissen Entrüstung zu seinem Onkel: »Ich weiß -gar nicht, was der Mann mit seinem Ring wollte! -Ich <em class="gesperrt">denke</em> gar nicht ans Heiraten.«</p> - -<p>Natürlich sind es vor allem die sinnlichen Merkmale -der Dinge, die in den Kindern haften und nach -denen sie diese Dinge erkennen und bestimmen. Roswitha -hatte mit großen, vor Teilnahme ganz dunklen -Augen das Lied von den zwei Königskindern gehört, -für die das Wasser <span id="corr233">viel</span> zu tief war.</p> - -<p>»Warum schwamm denn der Königssohn hinüber?« -fragte ich sie. »Er konnte doch nicht so weit -hinüberlieben,« war ihre Antwort. Lieben heißt die<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span> -Arme um den Hals des andern schlingen, ihn drücken -und küssen.</p> - -<p>Selbst die Geister denkt sich Roswitha in einer -nicht zu überbietenden Konkretheit. Sie hatte sich -im Dunkel ihres Schlafzimmers vor »Geistern« gefürchtet -(wie sie darauf verfallen war, weiß ich -nicht); in einer dunklen Zimmerecke argwöhnte sie -solch einen Störenfried. Wir hatten ihr versichert, -daß es Geister von der Art, die die Leute bei Nacht -belästigen, nicht gebe (in solchem Alter gibt's die ja -wirklich nicht), und hatten sie genau in alle Winkel -schauen lassen, um sie von der Gespensterreinheit -des Zimmers zu überzeugen. Das hatte sie denn -auch beruhigt. Aber einige Wochen später mußten -ihr doch wieder Zweifel aufgestiegen sein; sie rief -noch spät ihre Mutter ans Bett und vertraute ihr -ihre Befürchtungen an:</p> - -<p>»Ich weiß ja, daß es keine Geister gibt; du hast -es mir ja gesagt; aber ich muß immer daran denken: -vielleicht is doch noch einer nachgeblieben, un der hat -sich vielleicht vermehrt.«</p> - -<p>Kann man sich Geister sinnlicher vorstellen?</p> - -<p>Und wie sie allem Geistigen einen Körper geben, -so – das ist bekannt – beseelen sie alles Körperliche.<span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span> -Weil ihnen Körper und Geist überhaupt noch ungetrennt -sind, weil ihnen die Welt überhaupt noch als -ein einheitliches Ganzes, nicht als eine Vielheit erscheint! -Sie besitzen durch die Gnade der Natur -noch die Synthese, die der Philosoph, wenn er die -Welt analytisch zerbröckelt hat, vergeblich wieder zu -erringen sucht; sie sehen die Welt noch in größeren -Komplexen als wir. Das zeigt sich höchst charakteristisch -in ihrer Orthographie; sie hören nicht Wörter, -sondern ganze Wortkomplexe, ganze Sätze als eines. -Als Roswitha Briefe zu schreiben begann, da schrieb -sie an ihre Freundin nicht nur: »Dann kristu (kriegst -Du) meine Puppe«, sie lud sie auch »aufngansentag«, -d. i. auf einen ganzen Tag zu sich und berichtete ihr, -daß Männe »gansausersich«, d. h. ganz außer sich -vor Freude gewesen sei.</p> - -<p>Und so wenig sie die Worte und Dinge voneinander -trennen, so wenig trennen sie sich selbst von -den Dingen des Alls. »Seid umschlungen, Millionen,« -dieses Wort im grenzenlosesten Sinne ist ihre -Weltanschauung. Da kann es nicht wundernehmen, -daß Herta fürchtete, ihre Puppe werde Heimweh -bekommen, und daß Roswitha von ihrem Kaninchen -»Swatti« erzählte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span></p> - -<p>»Als ich Swatti fragte: ›Hast du dir wehgetan?‹, -da sagte es: ›Was geht dich das an!‹«</p> - -<p>»Wie«, fragte ein ungeschickter Mann, »hat -Swatti denn gesprochen?«</p> - -<p>Ueberrascht sah ihn Roswitha an. »Es hat <em class="gesperrt">so</em> -gemacht,« sagte sie und verzog blitzschnell das -Schnäuzchen, wie es die Kaninchen tun und wie es -die Kinder machen, wenn sie maulen und trotzen. -War das nicht Sprache genug?</p> - -<p>Alles Leben ist eins, und in einem einzigen -Strome durchzieht es alle. Darum sprang Roswitha -heftig auf, als in einer häuslichen Aufführung die -Königin über den Tod Schneewittchens triumphierte, -und rief mit Tränen in den Augen:</p> - -<p>»Du freche Deern, du sollts man tüchtig Haue -haben!«</p> - -<p>Und darum erlebt' ich eines Tages, als ich zum -hundertsten Male den »Tell« sah, etwas ganz Neues. -Als die Rütlimänner auseinandergingen und die -Urner wieder die Felsen hinanstiegen, da winkten sie -ihren Genossen zum Abschied, und diese winkten zurück. -Und wer winkte mit? Mein Töchterchen Herta, -das an meiner Seite saß. Sie lebte zu Beginn des -14. Jahrhunderts in der Schweiz; sie hatte mitgeschworen<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span> -und kehrte nun heim »zu ihrer Freundschaft -und Genoßsame«.</p> - -<p>Und wie sie alles <em class="gesperrt">sind</em>, was sie erblicken, so -<em class="gesperrt">können</em> sie alles, was sie sehen. Daß Rudi »Seemann -oder Dichter« wird, steht fest, daß er dabei -auf Schwierigkeiten stoßen könnte, ist ausgeschlossen; -daß er als Seemann den Nordpol finden wird, -leidet keinen Zweifel. Aber das alles ist mit menschlicher -Kraft zu erreichen. Kinder haben überdies -noch Wunderkräfte. Wenn Roswitha mit fanatischer -Gebärde ausruft: »Ich verzauber dich als Tier!« -dann ist Rudi ein Tier, da gibt es keine Berufung.</p> - -<p>Und wie die Kraft, so der Glaube. Als ich einst -mit Herta spazieren ging und wir an einem Wagen -mit einem Schimmel vorbeikamen, sagte sie: »Das -ist der siebenunddreißigste Schimmel, den ich seh.«</p> - -<p>»Zählst du denn die Schimmel?« fragte ich höchlichst -überrascht.</p> - -<p>»Ja, ich zähl alle Schimmel, die ich seh, und wenn -man neunundneunzig gesehen hat, dann kann man -sich was wünschen.« Sie machte dabei dieselben Augen -wie damals, als sie den Urnern zum Abschied winkte.</p> - -<p>Die größten Magier und Wundertäter aber sind -Vater und Mutter. Ich erinnere mich aus meiner<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span> -Kindheit einer Zeit, da ich glaubte, daß meine Eltern -alle meine Gedanken wüßten, wie der liebe Gott. -So haben meine Frau und ich bei Roswithen unbegrenzten -Kredit. Als sie ihre erste, rührend einfache -Weihnachtshandarbeit machte, beriet sie eifrigst -und eingehendst mit ihrer Mutter darüber, wie sie dies -Geschenk am besten vor ihr verbergen könne. Vieles -wurde erwogen, vieles wieder verworfen. Endlich -rief sie: »Ach was, ich leg es einfach in meine Puppenkommode; -ich weiß ja, daß du nich darangehst!«</p> - -<p>Und ein andermal sagte sie: »Ja, ich steck ja noch -immer den Daum'n in Mund, wenn ich einschlaf; -aber du wirst mir das wohl schon abgewöhnen.« -Dies felsenfeste Vertrauen zur Mutter beruhigte ihr -Gewissen vollkommen.</p> - -<p>Wenn ich aber Roswithens Meinung von mir darstelle, -so muß ich mich eigentlich schamroter Tinte bedienen. -Als ein Bildhauer eine Büste von mir angefertigt -hatte, da fragte ihr Bruder sie, auf die Inschrift -im Sockel zeigend: »Was steht denn wohl drunter?«</p> - -<p>»Pappi!« versetzte sie wie etwas Selbstverständliches. -Die Welt hatte doch nur einen Pappi, und -das war ich. Dumme Frage.</p> - -<p>Als aber später einmal von Frankfurt a. M.<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span> -die Rede war und ihre lehrfreudige Schwester Irene -sagte: »Da ist der größte deutsche Dichter geboren. -Wer ist das?«, da rief Roswitha mit derselben -Selbstverständlichkeit: »Vater!«</p> - -<p>Sie soll einmal meine Biographie schreiben.</p> - -<p>Die nächsten im Range nach Vater und Mutter -sind die Könige und Prinzen. Daher Roswithens -tiefes Erstaunen, als sie in der biblischen Geschichte -vernahm, daß die jüdischen Könige mit einer gewissen -Regelmäßigkeit und Gründlichkeit sündigten.</p> - -<p>»Merkwürdig,« sprach sie eines Tages sinnend -zu meiner Frau, »jeder König tut eine große Sünde; -<em class="gesperrt">aber auch jeder</em>!«</p> - -<p>Von den Prinzen hatte sie dagegen infolge von -Schokolade eine andauernd gute Meinung. Ein -Prinz nämlich hatte uns gelegentlich eines Besuches -Schokolade für die Kinder gegeben, und als Roswitha -ihr Teil empfing, fragte sie strahlenden -Blicks: »Handelt der Prinz mit Schokolade?«</p> - -<p>Man muß nämlich nicht glauben, daß sie wie ein -Kriegsminister denkt und in solchem Handel etwas -Deklassierendes erblickt; im Gegenteil: ein Prinz, -mit Degen, Barett und spanischem Mantel in einem -Laden voll Schokolade stehend, wäre ihr ein besonders<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span> -herrlicher Prinz gewesen. Hatte sie doch -eines Tages, als ihre Geschwister ins Theater kamen -und sie dafür durch Schokolade entschädigt wurde, -triumphierend ausgerufen:</p> - -<p>»Schokolade ist besser als Theater!« Eine Wertung, -der ich in manchen Fällen entschieden zustimme.</p> - -<p>Unmittelbar auf Könige und Prinzen folgt, was -Hoheit und Macht anlangt – hier zeigt sich Roswithens -deutsche Natur – der Schutzmann oder Konstabler.</p> - -<p>»Wo ist denn Rudi?« fragte ich sie einmal, als -sie etwa vier Jahre alt sein mochte. Rudi war der -nachbarliche Spielgefährte.</p> - -<p>»Och,« versetzte sie, »wir ha'm uns doch 'n Herd -gebaut, aus Sand, nich? Un nu woll'n wir Suppe -mit Reis zu Mittag kochen, nich? Un nu fragt Rudi -den Konstabler, ob wir das auch dürfen.«</p> - -<p>So weit muß es kommen mit der Loyalität. Nur -sollten dergleichen Gesuche schriftlich abgefaßt und -auf einem längeren Instanzenwege erledigt werden.</p> - -<p>Eine unbegrenzte Macht ist auch das Fünfpfennigstück. -Ein köstliches Kerlchen von drei Jahren -hatte solch ein Fünfpfennigstück bekommen und -wollte damit stracks Laufs auf den Markt, um sich -»ßwei Simmels« (zwei Schimmel) zu kaufen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span></p> - -<p>Gelegentlich sind wir bereits aus dem intellektuellen -in den moralischen Irrgarten getreten. -Hier besteht die Verwirrung oft in der verblüffenden -Einfachheit. So überwindet Roswitha die Illoyalitäten -des ersten Napoleon auf eine höchst summarische -Art. Als man ihr erzählte, daß dieser -Mann Aegypten, Italien, Spanien, Deutschland, -Oesterreich usw. erobert und mit Krieg überzogen -hatte und nun auch noch Rußland erobern wollte, -da rief sie empört: »Der is woll wahnsinnig! Der -muß mal tüchtig was auf die Jacke haben!«</p> - -<p>So ist es denn ja auch am letzten Ende gekommen, -wenn sich die Sache auch nicht so einfach -gemacht hat, wie es Roswitha meinte.</p> - -<p>Kinder glauben an die unbedingte Wirksamkeit -von Strafe und Ermahnung; sie beseitigen die -moralischen Uebel wie der Bader einen Leichdorn. -Wie Roswitha fest davon überzeugt war, daß ihre -Mutter ihr das Lutschen auf dem Daumen »schon -abgewöhnen« werde, so ist sie tief davon durchdrungen, -daß ihre Kaninchen die Unart des Erdwühlens -ablegen werden, wenn sie ihnen ermahnend -zuruft: »Ihr dürft aber nicht wühlen!«</p> - -<p>Daß Roswitha bei aller Einfachheit ihrer sittlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span> -Begriffe in gehobenen Stunden gemeinsam -mit Rudi das Räuberhandwerk betreibt und alles, -was durch den Garten kommt, »überfällt«, »fesselt« -und »beraubt«, mit besonderer Vorliebe mich, weil -ich so viel in den Taschen trage, das kann in einem -Irrgarten nicht wundernehmen. Verwunderlicher -ist schon, daß an der Innenwand der Räuberhütte, -in der ich schon viele Jahre als Gefangener geschmachtet -habe, ein Abreißkalender, ein Thermometer -und ein Telephonbuch hangen.</p> - -<p>Daß der Garten der Liebe für Roswitha noch im -tiefsten Dunkel liegt, ist selbstverständlich; aber selbst -dieser kimmerischen Finsternis entwachsen anmutige -Blumen. Sie hatte öfters ein Kind in Begleitung -einer Bonne durch unsere Straße spazieren sehen. -»Das Kind gehört Dr. Melchers,« sagte Herta bei -Gelegenheit.</p> - -<p>»Nein, das Kind gehört dem Fräulein!« rief -Roswitha energisch.</p> - -<p>»Unsinn, Melchers gehört es,« wiederholte -Herta, »ich weiß es doch!«</p> - -<p>»Ach, was du schnackst!« rief Roswitha. »Dem -<em class="gesperrt">Fräulein</em> gehört es! Das Fräulein spielt doch -immer mit ihm, nich? Un Melchers spielen nie mit ihm.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span></p> - -<p>So verteidigte sie fanatisch das Mutterrecht des -Fräuleins, worauf dieses wahrscheinlich gar kein -Gewicht legte.</p> - -<p>So viel immerhin scheint Roswitha von der -Liebe schon zu ahnen: daß es nicht gut sei, wenn der -Mensch allein ist. Man hatte ihr erzählt, daß die -Nonnen niemals einen Mann nehmen dürften. Das -versetzte sie in tiefes trauerndes Nachsinnen. Dann -aber fuhr sie plötzlich auf und rief: »Dürfen sie denn -nicht <em class="gesperrt">wenigstens</em> die Mönche heiraten?«</p> - -<p>Was die Mönche zu diesem »wenigstens« sagen -werden, bleibt abzuwarten.</p> - -<p>Nicht wesentlich anders stand es mit der zwölfjährigen -Irene, als sie uns erzählte: »Georg hat -mir gesagt, er sieht kein andres Mädchen an als -mich.«</p> - -<p>Das war von Georg deutlich genug; aber da -Irene uns die Angelegenheit ohne Umschweife und -freiwillig mitteilte, so waren wir beruhigt.</p> - -<p>Als sie einmal unversehens in die Küche geraten -war und eines der Dienstmädchen bei dieser Gelegenheit -mit viel Empfindung Liebesbriefe von seinem -Sergeanten vorgelesen hatte, da waren wir -beunruhigt. Aber als sie uns dann erzählte: »Anna<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span> -hat Liebesbriefe vorgelesen, das war <em class="gesperrt">sooo langweilig</em>!«, -da waren wir wieder beruhigt.</p> - -<p>Georg wurde übrigens zum Kaffee eingeladen, -erschien ohne jegliche Befangenheit, aß mit derselben -Unbefangenheit unglaublich viel Kuchen und spielte -dann mit Erasmus und den Mädchen Indianer in -einem sehr komischen Kostüm. Er dachte offenbar -noch nicht ans Heiraten, sonst hätte er kein komisches -Kostüm angelegt. Er war in dem Alter, da man -raucht, spielt und liebt, weil es die Erwachsenen tun; -er war Toggenburg aus Nachahmung. Nachahmung -ist fast alles kindliche Tun und Treiben; aber von -einem gewissen Alter ab ahmt man nur nach oben -nach. Bei Erasmus und seinen Genossen ging das -so weit, daß sie nicht nur Theater spielten (den -»Faust« natürlich), sondern sich auch in einer handschriftlichen -Zeitung gegenseitig rezensierten. Da -hieß es denn: »Der junge Künstler erschöpfte seine -Aufgabe leider nicht restlos« oder »Der fleißige Darsteller -möge sich nur nicht durch den wohlfeilen Beifall -der Galerie zu Unnatürlichkeiten verleiten lassen« usw.</p> - -<p>Wir lasen diese Blätter mit ernster Anteilnahme -und lachten nicht; denn es ist etwas Heiliges an -solcher Kindheit, daß sie keine Ahnung von ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span> -Komik hat. Und doch waren diese »Künstler« so -komisch wie Roswitha, als sie Maurer spielte und -sich dazu eine Kelle geben ließ und eine Blechflasche, -über die Schulter zu hängen, und eine Dose mit -Kautabak, und fleißig in Lehm und Schlamm -arbeitete und dabei doch ein rosa Kleidchen mit -<em class="gesperrt">Spitzenmanschetten</em> trug.</p> - -<p>Ja, sie wollen es gar zu gern den Erwachsenen -gleichtun, freilich weniger in dem, was unangenehm -und schwierig, als in dem, was angenehm und -lieblich ist. Ein kleines Mädel aus befreundeter -Familie fragte seine Mutter: »Mama, wann kann -ich eigentlich tun, was ich will?«</p> - -<p>»Ja,« lachte die Mutter, »damit hat's noch gute -Weile. Warum willst du's denn wissen?«</p> - -<p>»Ach, dann will ich mir die Haare brennen,« -versetzte das kleine Weib.</p> - -<p>Aber sie <em class="gesperrt">wollen</em> nicht nur erwachsen sein, sie -<em class="gesperrt">werden</em> es allmählich auch. Sie werden klüger, -sie erwachen; Strahl um Strahl dringt Licht in den -großen Irrgarten, und das zu beobachten ist ein -fürstliches Gaudium, wenn auch oft ein wehmütiges. -Der erwachende Intellekt zeigt sich gewöhnlich zuerst -als Schlauheit, und wenn er sich bei jenem kleinen<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span> -Mädel auf die Haare warf, so wirft er sich bei andern -Kindern – und öfter – auf den Gaumen.</p> - -<p>»Mama, <em class="gesperrt">zählt</em> ihr eigentlich das Konfekt, wenn -ihr es in den Tannenbaum hängt?« fragte ein kleines -Mädchen seine Mutter. Das war ja nun noch -eine ziemlich ungenügende Leistung in der Schlauheit; -aber sie bringen es mit der Zeit schon weiter.</p> - -<p>Bei Roswitha – das muß ich ihr nachsagen – -beleuchtet das eindringende Licht gewöhnlich größere -Flächen und verbreitert sich zur Philosophie.</p> - -<p>»Leibweh is eignlich sehr schön,« meinte sie schon -mit sechs Jahren, »denn bespart man sich seine -Schokolade auf, un denn hat man nachher noch -welche.« Das sind die Anfänge einer optimistischen -Weltanschauung, die doch eigentlich darauf hinausläuft, -daß man auch an Leib-, Kopf- und Zahnweh -das »Schöne« herausfindet. (Bei Zahnweh hält es -schwer; aber es geht auch.)</p> - -<p>»Teufel, komm un hol sie!« rief sie einmal, als -sie über eine streitsüchtige Spielgefährtin heftig -erbost war, und dann setzte sie resignierten Tones -hinzu: »Schade, daß es keinen Teufel gibt.«</p> - -<p>Ihre Philosophie ist also freilich noch die Tochter -der Wünsche; aber immerhin philosophiert sie schon<span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span> -wie Voltaire, der behauptete, wenn es keinen Gott -gäbe, so müßte man ihn erfinden, und, wenn man's -genau nimmt, auch wie Kant, der den lieben Gott -absetzte, um ihn wieder einzusetzen.</p> - -<p>Ja, sie hatte schon verhältnismäßig früh sozusagen -ethische Anfälle. An einem schönen Ostermorgen hatte -sie mit bemerkenswerter Findigkeit die meisten Ostereier, -selbst in raffinierten Verstecken, gefunden; aber -statt sich nun wild in den Genuß zu stürzen, sagte -sie: »Bitte, Mammi, bitte, Pappi, versteckt sie noch -einmal; ich mag sie so gern suchen.« Hier überwog -also schon die Lust des Erringens das Gelüste des -Gaumens. Natürlich nicht für den ganzen Tag.</p> - -<p>Ihr Gehirn war damals überhaupt schon mächtig -an der Arbeit. »Ich möcht', daß ich mal recht viel -Zeit hätte!« seufzte sie eines Tages.</p> - -<p>»Nanu?« rief ich verwundert. Mehr als vierundzwanzig -Stunden am Tage kann man doch nicht -gut Zeit haben. »Wozu denn?« fragte ich.</p> - -<p>»Denn möcht' ich mal so recht über <em class="gesperrt">alles -nachdenken</em>!« Sie sagte es langsam, nachdrücklich -und sehnsuchtsvoll. Die Welt, das Leben -drang in allzu reicher Fülle auf sie ein; sie konnte -nicht alles bewältigen; da war so viel, das sie nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span> -begriff. Es schien eine richtige Sorge in ihr zu sein. -O ja, Kinder haben auch manchmal Sorgen, und sie -nagen genau so scharf an ihnen wie an uns. Roswitha -drängte einmal ihre Mutter, sie möchte ihr -doch Unterricht geben.</p> - -<p>»Oh, das hat noch Zeit,« meinte die Mutter.</p> - -<p>»Aber wie soll ich denn durch die Welt kommen!« -rief die Kleine bekümmert.</p> - -<p>Sie tanzen sorglos über Abgründe dahin und -machen sich Sorgen um den Schatten eines Halmes. -Aber es sind Sorgen. Kindereien sind für sie nicht -Kindereien. Ich überraschte einmal einen vortrefflichen -Mann und berühmten Gelehrten dabei, wie -er den Tannenbaum für die Seinen putzte und dabei -fortwährend hockend und kniend um den Baum -herumrutschte.</p> - -<p>»Warum machen Sie denn das?« rief ich erstaunt.</p> - -<p>»Ja,« sagte er, »man muß bedenken, daß die -Kleinen den Tannenbaum von unten sehen; man -muß ihn aus der Perspektive der Kinder schmücken.«</p> - -<p>So müssen wir Sorgen und Freuden, Tränen -und Lachen der Kleinen aus der Kinderperspektive -betrachten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span></p> - -<p>Wenn man das tut, wird man freilich zu Zeiten -heftig überrascht von einem wahrhaft hellseherischen -Blick der Kinder in das Leben der Erwachsenen. -Roswitha will später einen gewissen »Kurt« heiraten, -das steht fest. Sie werden dann in unserm -Hause wohnen, und zwar hat die junge Frau die -besseren, unteren Zimmer – das muß man ihr -lassen – ihren Eltern, die oberen, geringeren sich -und ihrem Manne zugedacht.</p> - -<p>»Aber weißt du denn schon, ob dein Mann seine -Schwiegereltern bei sich haben will?« fragte meine -Frau.</p> - -<p>»Hach!« rief Roswitha mit unbekümmertem -Lachen, »das werd' ich ihm schon so lange vorpredigen, -bis er ja sagt.«</p> - -<p>Ist diese Kenntnis von der Macht der weiblichen -Rede nicht verblüffend? Oder ist das nichts als -weiblicher Instinkt?</p> - -<p>Und voll, gepfropft voll von rührenden und -komischen Wundern ist dann die Zeit, da die Klarheit -so weit vorgeschritten ist, daß Bewußtheit und -Unbewußtheit das Gleichgewicht suchen und das -Zünglein an der Wage unaufhörlich schwankt, die -Zeit, da Leib und Seele die Stimme wechseln. Dann<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span> -wollen sie beides sein, Kind und Weib, Junge und -Mann. Dann sind zwei Seelen, ach, in ihrer Brust:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Die eine hält mit derber Liebeslust<br /></span> -<span class="i0">Sich noch ans Spiel mit klammernden Organen;<br /></span> -<span class="i0">Die andre hebt <em class="gesperrt">gewaltsam</em> sich vom Duft<br /></span> -<span class="i0">Zu den Gefilden hoher –«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">ach, so zweifelhaft »hoher« – »Ahnen.« Dann will die -vierzehnjährige Roswitha noch in einem höchst -primitiven Indianerkostüm als Chingachgook im -Garten umherspringen (»Das kann ich doch noch -ruhig spielen, nicht, Mutter?«), um zwei Minuten -später mit Entrüstung zu rufen: »Ich bin doch kein -Kind mehr!« Dann benimmt sich der Faust-Darsteller -und Hamburger Dramaturg Erasmus noch wie ein -rechter Tertianer. Nicht im Wachen, o nein, da hält -er die Ohren steif als Grand-Seigneur, aber im -Schlaf. Er redet nämlich aus dem Traum und -führt den Dialog weiter, wenn man ihm antwortet. -Die Tür zu seinem Schlafzimmer stand offen, als -ich vorüberging, und ich hörte ihn laut rufen. -»Nanu!« rief er.</p> - -<p>»Was ist denn?« fragte ich.</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em> (noch lauter und schwer entrüstet): »Nanu!!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span></p> - -<p><em class="gesperrt">Ich</em>: »Was gibt's denn?«</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: »Es läutet ja gar nicht!!«</p> - -<p><em class="gesperrt">Ich</em>: »Warum soll es denn läuten?«</p> - -<p><em class="gesperrt">Er</em>: »Ist doch schon Elf!!!«</p> - -<p>Aha! Jetzt begriff ich. Er saß in der Schule, -und die Lateinstunde wollte nicht rechtzeitig schließen. -Daß so eine Lateinstunde anfängt, ist schon eine -Gemeinheit von ihr; aber nicht rechtzeitig zu schließen -– da kocht die Jünglingsseele. Im Schlafe war -Lessing-Faust eben noch Pennäler.</p> - -<p>In solcher Dämmerung der Seele, in solch ambrosischer -Nacht war's, daß Irene, die Selektanerin, -die Fast-schon-Seminaristin, mit seltsamen Augen -auf das Wunderknäul starrte, das ihre jüngste -Schwester zum Geburtstage erhielt. Meine Frau -sah diesen Blick, und als sie Irenen bald darauf -ebenfalls ein Wunderknäul schenkte, da lag Irenen -nichts ferner als Würde und Entrüstung und nichts -näher als Freude und Lachen.</p> - -<p>Solch ein Wunderknäul ist ein Garnknäul, das -einen ganzen Nibelungenhort von Ringen, Ketten, -Seidenbändern, Schokolade usw. usw. in sich birgt. -Wenn die Mädel nun bei fortschreitender Arbeit das -Garn abwickeln, so kommen nacheinander alle diese<span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span> -Kostbarkeiten zutage. Da gibt es viele Ahs! und -Ohs!, viel Staunen und Lachen.</p> - -<p>Die Kindheit ist solch ein Wunderknäul. Eigentlich -ist das ganze Leben solch ein Wunderknäul; aber -dann sind auch andere Sachen darin. Und ein Glück -ist es, der Abwickelung solch eines kindlichen -Wunderknäuls mit offenen Augen zuzuschauen.</p> - -<p>Das unsere ist diesmal zu Ende; an seinem -Faden sind wir an einen Ausgang des großen -flimmerdunklen Irrgartens gelangt –</p> - -<p>– und treten nun wieder hinaus ins helle Licht, -ins grelle Licht des Tages.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span></p> - -<h2 id="Im_Seebade">Im Seebade</h2> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span></p> - -<p class="drop">Fragt eine Hausfrau, was es heißt: eine fünfwöchige -Badereise für sieben Menschen vorzubereiten! -Eine Art Moltke muß sie sein, der bis auf den -letzten Knopf und Kragen einen Feldzug organisiert.</p> - -<p>Aber alle Sorgen, Berechnungen und Aufregungen -solch einer Hausfrau um Koffer und -Kasten sind nichts gegen Hertas Aufregungen um -ihren neuen Puppenkoffer. Ihr müßt bedenken, es -ist kein gewöhnlicher Puppenkoffer. Er hat Abteilungen -für Hüte, Leibwäsche, Kleider, Toilettengegenstände -usw. usw. und ist beinah so groß wie -ein kleiner Menschenkoffer. Dieser Koffer ist ihr die -Badereise; ohne ihn wäre die Badereise ein Garten -ohne Pflanzen, eine Armee ohne Soldaten, ein Beefsteak -ohne Fleisch. Es ist der Sinn der Badereise, -daß man einen Koffer mitnehmen kann. Ich machte -mir einen Scherz und sagte mit ernstem Gesicht: -»Dein Puppenkoffer muß zu Hause bleiben; wir -haben schon viel zu viel Gepäck.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span></p> - -<p>Da schaute aus Hertas braunen Augen ein vernichtetes -Lebensglück. Das konnte ich keine drei -Sekunden mit ansehen, und schnell sagt' ich: »Ja, ja, -du darfst ihn mitnehmen.«</p> - -<p>Da war das Lebensglück wieder wie neu.</p> - -<p>Alle fünf großen Koffer machen meiner Frau -nicht so viel Kopfzerbrechen wie Hertas Puppenkoffer. -Sie mag im Erdgeschoß oder im ersten -Stock, im Keller oder auf dem Boden sein – überall -wird Herta wie aus der Versenkung neben ihr auftauchen -und sie über die Dispositionen in ihrem -Puppenkoffer um Rat fragen. Und dabei stellt sich -leider ein empfindlicher Mangel heraus. Auf Sylt -ist die Witterung zuweilen rauh, auch im Sommer, -und Herta hat für ihre Puppen keine Winterkleider! -Da erklärt sich Irene bereit, ihr das Nötige zu -leihen. Und da schlägt Herta ihrer Schwester die Arme -um den Hals und küßt sie, und dann schaut sie sie an und -sagt mit den Augen: Ich schwöre dir unauslöschliche -Dankbarkeit und ewige Liebe über das Grab hinaus.</p> - -<p>Drei Tage darauf war's, daß Herta bei Tisch -ein allgemeines Schweigen durch den Ausruf unterbrach: -»O Gott! Ich muß jeden Tag einmal sagen, -daß ich glücklich bin!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span></p> - -<p>In ihrer Mutter Hände legt Herta überhaupt alles, -was sie betrifft, ihr ganzes gegenwärtiges und künftiges -Schicksal, auch die Wahl ihres dereinstigen Gatten.</p> - -<p>»Du suchst mir einen Mann aus, und dann sag' -ich zu ihm: Du sollst mein Verliebter sein.«</p> - -<p>So denkt sie sich den Hergang. Ob er sich so -einfach abspielen wird, bleibt abzuwarten.</p> - -<p>Was mich betrifft, so sind mir an der Badereise -die Koffer nicht das Liebste; das Meer z. B. ist mir -wesentlich lieber. Denn am Meere werd' ich -faulenzen können! Sonst hab' ich zu dieser edlen Kunst -kein Talent; ein verlorener Tag – wohlverstanden: -nicht ein dem Vergnügen geweihter Tag, nein: ein -vertrödelter, zwecklos verbummelter Tag hinterläßt -mir einen schlimmeren Katzenjammer als sieben Glas -Grog von schlechtem Rum – wenn ich sie trinken würde, -meine ich –, aber am Meere kann ich faulenzen. -Das Meer wiegt alle Gedanken ein, auch die Gedanken, -die nicht schlafen wollen und nicht schlafen -können, alle, alle; am Meere glaub' ich an die Vorstellung -der Wilden, daß die Seele den Körper verlassen -und sich auf eigene Hand ergehen könne.</p> - -<p>Und ich reise diesmal mit um so größerem Behagen, -als meine Tochter Appelschnut mich über die<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span> -Kosten vollständig beruhigt hat. Als wir schon in -der Eisenbahn saßen, sagte ich: »Ich glaube, ich -habe mein Portemonnaie vergessen.«</p> - -<p>»Pappi, ich hab' Geld mitgenommen!« rief -Appelschnut.</p> - -<p>»Wie viel?«</p> - -<p>»Fünfßehn Fennige!«</p> - -<p>»Na also!« Zu allem Ueberfluß fand ich dann -auch noch mein Portemonnaie.</p> - -<p>Aber nicht nur ein Portemonnaie habe ich mitgenommen, -sondern auch Bücher. Ich beschränke -mich darin und nehme selten mehr als ein Dutzend -Bücher mit, da ich schon zehnmal erfahren habe, daß -ich nur in vereinzelten Fällen eins davon zu Ende -lese. Nachdem im Sand des Ufers eine tiefe -»Kuhle« ausgegraben – so tief, wie es das Grundwasser -erlaubt – und ringsherum ein hoher Burgwall -mit Ausblick auf das Meer aufgeworfen worden, -bette ich mich so weich und warm wie möglich -in die Kuhle und nehme mein Buch zur Hand. -Diesmal ist es ein dickleibiges biologisches Werk über -die Pflanzen und Tiere des Meeres. Ich befinde -mich auf der dritten Seite der Einleitung, als ich -aus weiter Ferne »Nuuu!« rufen höre. Ich lese<span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span> -weiter und höre gleich darauf lauter und dringlicher -»Nuuu!« Da fällt mir ein, daß ich ja eigentlich mit -meiner jüngsten Tochter Versteck spiele. In dieser -Seeluft ist ein berauschender, benebelnder Tau, der -alle Vorsätze, Versprechungen, Abmachungen, Hoffnungen -und Befürchtungen in Traum und Dunst -auflöst. Ich grabe mich also aus und mache mich -auf, meine Tochter zu suchen. Ich sehe sofort ihren -mächtigen roten Strandhut über einen Sandwall -schimmern; aber ich suche sie natürlich lange und -unter verzweifelten Ausrufen überall, wo sie nicht -ist. Endlich »finde« ich sie: »Ach, da bist du!« Sie -kreischt vor Vergnügen wie ein Seeadler und fliegt -mir an den Hals. Auch von ihrem Munde kommt -der Atem des Meeres.</p> - -<p>Nun muß ich mich verstecken. Sie drückt beide -Hände vor die Augen und steckt den Kopf in den -Sand, um nichts zu sehen. Ich nehme mein dickes -Buch und setze mich hinter einen Strandkorb. – –</p> - -<p>Ich befinde mich auf der vierten Seite oben, als -sich zwischen mich und das Buch ein roter Hut schiebt.</p> - -<p>»Vater, du mußt doch ›Nu!‹ rufen!«</p> - -<p>»Ach ja, wahrhaftig, entschuldige!«</p> - -<p>In dieser Luft wird ein Cato zum Windhund,<span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span> -ein Regulus zum Wortbrecher, und ein Picus von -Mirandola verliert das Gedächtnis. Ich sammle -mich wieder auf, verstecke mich mit meinem Buch -hinter der Dünentreppe und rufe: »Nu!«</p> - -<p>Ich bin auf der vierten Seite unten, als mir ein -ganzer Mensch aufs Buch fällt und schreit: »Haaaa! -Nu hab' ich dich!«</p> - -<p>»Nu muß du mich wieder suchen!« ruft sie und -ist verschwunden wie ein Hauch.</p> - -<p>Man wird zugeben, daß dies nicht die Art ist, -ein Dutzend Bücher zu bewältigen, zumal wenn man -nach siebenmaligem Rufen und Verstecken mit -Herta, der glücklichen Besitzerin des Puppenkoffers, -»dritschern« muß. »Dritschern« heißt: einen flachen -Stein so auf den Wasserspiegel werfen, daß er -wiederholt abprallt, bevor er versinkt. Auch »dritschern« -fördert die Lektüre nicht; aber als Vater -kann man sich ihm nicht entziehen. Wie gut es ist, -wenn man in der Jugend fleißig gewesen, das sehe -ich jetzt: ich »dritschere« noch ziemlich schön. Aber -Herta will es wie gewöhnlich im Anfang nicht -gelingen, und daran ist weniger ein Mangel an -Geschicklichkeit als die Ueberfülle von Kraft schuld, -die sie an alles wendet. Wie Brunhilde im Wettkampf<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span> -den Felsblock schleudert, so wirft sie ihr Steinchen. -Aber auch die stille, die innere Kraft hat sie, -und da gelingt es ihr schließlich doch, und als es ihr -gelungen, da lacht sie hell mit dem Mund und heller -mit den Augen, wirft mir die Arme um den Hals – -ich weiß nicht, ob es Liebkosungen oder Schläge -sind – und küßt mich.</p> - -<p>Herta, du siehst aus wie ein Symbol der -Natur: Du küssest und zermalmst, und alles mit -lachenden, unschuldsvollen Augen!</p> - -<p>Die ersten drei Jahre ihres Lebens war sie -ununterbrochen krank, ein trauriges Würmchen, die -nagende Sorge der Mutter. Da gingen wir alle eines -Sommers in ein jütisches Fischerdorf an der Nordsee, -und in diesem Dorf waren drei Wochen lang heulender -Sturm, peitschender Regen und unentrinnbarer -Dorschgeruch. Wir verwünschten das Dorf und reisten -nach Hause, und von Stund' an war Herta gesund -und ward fröhlich und stark. Wie oft verwünschen -wir Toren das Glück, das wie Unglück aussieht!</p> - -<p>Schließlich entläßt mich Herta freilich in -Gnaden zu meiner Lektüre; aber inzwischen hat -Roswitha-Appelschnut neue Kräfte gesammelt. Als -ich auf der fünften Seite oben bin (noch immer Einleitung!),<span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span> -da tritt sie an mich mit dem Ersuchen -heran, die gewohnten Zirkuskünste mit ihr zu -exekutieren. Ich muß mich platt in den Sand legen; -sie springt mit zehn Schritt Anlauf auf mich zu, und -ich muß sie auffangen. Nach diesem »Todessprung« -kniet sie in meine flachen Hände, und ich muß sie -langsam und lotrecht emporheben. Dann folgt -»Appelschnut, die Königin der Luft«. Ich strecke -einen Arm hoch; sie legt sich mit dem Bauch auf -meine flache Hand, streckt alle Viere nach den vier -Himmelsrichtungen, und ich muß sie drehen. Lauter -Sachen, mit denen ich im Wintergarten in Berlin -ein Heidengeld machen könnte, wenn ich wollte.</p> - -<p>Aber plötzlich ist Appelschnut verschwunden. Wie -ein Traum ist sie entflohen. Die Kinder gehen mit -der Mutter zum Baden. Darum! Sie ist schon -ganz ferne, hinter zwanzig Sandhügeln.</p> - -<p>Vor zwei Jahren war es noch anders. Da sah -sie die weiß und grünen Wogen auf den Strand -klatschen und in die Höhe spritzen, klatschte in die -Hände, lachte, als ob das Herz zum Halse herausfliegen -wolle, und dachte: Ei, was ist das Meer für -ein Spaßmacher! Und gar nicht schnell genug ging -ihr das Auskleiden, gar nicht früh genug konnte sie<span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span> -dem Spaßmacher an den Hals springen! Mit -offenen Armen sprang sie ihm jauchzend entgegen -– und im nächsten Augenblick lag sie sieben Meter -weiter zurück mit der Nase im Sand; sie hob den -Kopf, sah sich mit grenzenloser Verblüffung um, -schnappte nach Luft, und als sie sie endlich hatte, -brüllte sie mit der Brandung um die Wette. Es -war eine Art Nachbildung der berühmten Arie: -»Ozean, du Ungeheuer!« O dieser abscheuliche -Grobian von einem Spaßmacher! Sie wollte ihn -umarmen und mit ihm tanzen, und er schmiß sie -auf den Strand wie einen gemeinen Sandfloh! -Kurz, sie war dem Meer auf ewig böse.</p> - -<p>Heute aber, da sie »schon groß ist«, hat sie -Poseidon verziehen; sie weiß ihm um den Bart zu -gehen und seinen täppischen Späßen zu entschlüpfen, -und am liebsten ginge sie im Wasser zu Bett. Wenn -sie nicht baden darf, so streift sie Rock und Höschen -auf und watet durch sämtliche Lagunen und Lachen, -die das ebbende Wasser zurückgelassen. Noch gestern -abend rief sie, als meine Frau sie zu Bett bringen -wollte: »Ach Mammi, bitte, bitte, noch einen Augenblick, -hier ist noch so'ne himmlische Pfütze!«</p> - -<p>Appelschnut, Appelschnut, was wird der »Verein<span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span> -zur öffentlichen Hebung der Moralität bei den -Mitmenschen« dazu sagen, daß du von himmlischen -Pfützen sprichst!</p> - -<p>Ja, sie ist schon so sehr mariniert, daß sie jetzt -auch einen Matrosen zum Mann haben will.</p> - -<p>»Erst will ich Barmherzige Schwester werden, -und dann werd' ich wohl 'n Bauern nehmen, damit -ich recht viele Tiere krieg', und dann heirat' ich 'n -Matrosen.« Es ist dabei zu bedenken, daß sie schon -vier Spielkameraden Hoffnung auf ihre Hand gemacht -hat und außerdem nach einer früheren -Aeußerung an dem Gatten ihrer Schwester Herta -teilhaben will. Sie wird das System Blaubart -akzeptieren müssen.</p> - -<p>Und dabei sagt diese Dame, die sieben Männer -haben will, noch statt »Badekabine«: »Kabadebine!« -Jawohl, meine Frau und ich haben es wiederholt -gehört: sie, die schon in richtigen Konjunktiven spricht -und sogar Konzessivsätze riskiert, sagt noch »Kabadebine«. -Und wir haben uns fein gehütet, sie zu -korrigieren; das Wort war uns ein wundersam -rührendes Ueberbleibsel aus jener Zeit, da sie noch -durch die Sprache wie durch einen Urwald tappte -und die wunderlichsten Blumen und Wege fand. –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span></p> - -<p>Also ich darf mich jetzt einer Ruhepause erfreuen. -Ich habe mir in einem großen Eimer allerlei Seegetier -gesammelt und will jetzt so lange hineinsehen, -bis ein kleiner Seestern mit seinen Saugfüßchen vom -Grunde des Eimers bis oben an den Rand hinaufspaziert -ist. Damit kann man sehr gut ein paar -Stunden ausfüllen. Wenn ich dies Stück Arbeit -erledigt habe und nicht allzu müde bin, will ich einer -meiner Entenmuscheln so lange zuschauen, bis sie -fünftausendmal ihre feinen Rankenfüße vorgestreckt -und wieder eingezogen hat. Ja, wenn nicht mein -Freund und Duzbruder Nazi wäre!</p> - -<p>Nazi ist ein Dreijähriger; aber er ist groß und -dick wie ein Sechsjähriger. Er hat einmal gehört, -daß er zu dick sei, um schnell zu laufen; seitdem erklärt -er, wenn er sich tummeln soll: »Kann nich, schu -dick!« Er fiel uns schon auf der Herreise in der -Eisenbahn durch die energische Erklärung auf, daß -er nicht in der »heißen Tütbahn« fahren wolle, -sondern in der »kalten«. Die »Tütbahn« war -natürlich die Eisenbahn, weil sie »Tüt« macht, und -»heiß« war sie, weil er das Feuer unter dem Kessel -der Lokomotive gesehen hatte. Das war ihm unheimlich -gewesen, und darum verlangte er, kalt zu fahren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span></p> - -<p>Als ich mich kaum in die tiefsinnige Betrachtung -meines Seesterns versenkt habe, höre ich den Ausruf: -»Ich krieg' doch wasch schu eschen!«</p> - -<p>Aha, also Nazi. Als er mich einmal mit Sand -beworfen hatte, rief ich: »Wart', du Schlingel, du -kriegst heute nichts zu essen!«</p> - -<p>»Ich krieg' doch wasch schu eschen!« rief er.</p> - -<p>Ich tat, als wenn ich aufspringen wolle.</p> - -<p>Er kreischte, halb aus Furcht, halb vor Vergnügen, -sprang drei Schritte zurück und schrie: »Ich -krieg' doch wasch schu eschen!«</p> - -<p>Ich griff zähnefletschend nach einer Sandschaufel -und schwang sie drohend.</p> - -<p>Er kreischte wieder, sprang wieder drei Schritt -zurück und schrie abermals: »Ich krieg' doch wasch -schu eschen!«</p> - -<p>Jetzt sprang ich zornbebend und wutschnaubend -auf die Füße und lief drei Schritt auf ihn zu.</p> - -<p>Er lief sieben Schritt, blieb stehen und schrie -dasselbe, und bei dem »doch« klappte seine Stimme -jedesmal über. Auch mit diesem Spiel könnte ich -eventuell meinen Kuraufenthalt ausfüllen; Nazi -würde nichts dagegen haben; aber ich mach' es nur -einmal vormittags und einmal nachmittags; dabei<span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span> -werde ich immer noch, da Nazi fünf Wochen zu -bleiben gedenkt, etwa siebzigmal alle Stadien der -sittlichen Entrüstung darüber, daß Nazi etwas zu -essen kriegt, durchlaufen müssen.</p> - -<p>Nachdem ich auch diesmal mein Pensum Wut geschäumt -habe, wird Nazi auf den Eimer aufmerksam. -Er guckt hinein und fragt: »Wasch isch dasch?«</p> - -<p>Ich nenne ihm die einzelnen Tiere.</p> - -<p>»Worum tut die immer scho?« Er macht die -Bewegungen der Entenmuschel nach.</p> - -<p>»Sie holt sich was zu essen aus dem Wasser!«</p> - -<p>»Da isch ja gar nix schu eschen.«</p> - -<p>»Doch; da ist sehr viel zu essen; das kannst du -nur nicht sehen.«</p> - -<p>»Worum nich?«</p> - -<p>»Weil es zu klein ist.«</p> - -<p>»Worum isch esch schu klein?«</p> - -<p>»Junge, das weiß ich nicht.«</p> - -<p>»Och, weisch doch mal!«</p> - -<p>Dja, wenn's an meinem Willen läge, dann wüßt' -ich noch ganz was anderes.</p> - -<p>»O kuck mal!« ruft er plötzlich, »der Hund wackelt -mit'n Henkel!«</p> - -<p>Ich bin natürlich sehr begierig, einen Hund<span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span> -mit einem Henkel zu sehen. Richtig, da steht ein -Hund mit einem aufwärts gekrümmten Schwanz, -und mit diesem Schwanze wackelt er. Man kann -den Schwanz gar nicht treffender bezeichnen, als ihn -der Dichter Nazi bezeichnet hat.</p> - -<p>Endlich vermißt er meine Töchter, für die Nazi -natürlich nächst Schlagsahne das Himmlischste auf -der Welt ist.</p> - -<p>»Wo isch dein Mädschen?« fragt er.</p> - -<p>»Wen meinst du? Gertrud?«</p> - -<p>»Nein, Fräulein andere Gertrud!«</p> - -<p>»Irene?«</p> - -<p>»Nein, Fräulein andere Irene!«</p> - -<p>»Herta?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Die sind alle zum Baden. Willst du nicht auch -baden?«</p> - -<p>»Nein, kann nich, schu dick,« ruft er und stapft -mit den Säulen des Herkules durch den Sand von -dannen.</p> - -<p>Ich lese nun die fünfte Seite der Einleitung zu -Ende; da ich aber zum Umblättern zu erschöpft bin -– ich werde hier allmählich zur Molluske –, so -streck' ich mich zunächst einmal lang in den Sand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span></p> - -<p>Aaaaaaaaah – hahaaaaaa – – –</p> - -<p>Und ich brate in der Sonne.</p> - -<p>Und ich sehe fern, fern am Horizont ein kleines, -weißes Segel, das will ich betrachten, bis es verschwindet. -In jenem Schifflein sitzt meine Seele – -ich weiß es! Und ich will meiner Seele nachschauen, -bis sie in den veilchenblauen Himmel entschwindet.</p> - -<p>Indessen brät mein Leib in der Hölle, in dieser -unsagbar molligen Hölle, die meinetwegen ewig sein -kann. Man kann die Genüsse von Himmel und -Hölle nicht bequemer vereinigen.</p> - -<p>Meinem Leibe ist wohl wie einem angespülten -toten Seehund.</p> - -<p>Zuweilen ist es mir auch umgekehrt: dann liegt -meine Seele hier am Strande und hat sich in -Sonnenschein verwandelt, und mein Leib schwebt -unsichtbar in den Lüften, aufgesogen von den Wolken, -von der trinkenden und trinkbaren Luft.</p> - -<p>Meine Lungen sind vollständig betrunken von -dieser Luft, und mein Leib schmort, und wenn ich -noch ein wenig warte, wird er zu brutzeln anfangen.</p> - -<p>Wie es scheint, bestreut mich schon jemand mit -Salz und Pfeffer; aber es ist nur Appelschnut, die -mich mit Sand bestreut. Von unten anfangend,<span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span> -bedeckt sie mich nach und nach vollständig mit Sand. -Sollte ich wirklich nur noch ein toter Seehund sein? -Ich opponiere nicht einmal, als mir der Sand -zwischen Hals und Kragen rieselt, obwohl dies kein -eigentlich angenehmes Gefühl verursacht. Ein toter -Seehund faßt keine Entschlüsse mehr.</p> - -<p>»O Pappi, laß uns mal Pferd spielen!« ruft -Appelschnut plötzlich.</p> - -<p>Aber ich bin von meinen Forschungen über dem -Wassereimer so angegriffen, daß ich ihr vorschlage, -lieber Kuchen und Häuser zu backen, ein Geschäft, -das man ohne große Veränderung der Körperlage -etablieren kann. Sie ist sofort einverstanden, und -wir backen in zehn Minuten eine amerikanische -Großstadt mit Häusern, Kirchen und Kuchenläden. -Allerdings bauen wir mit stetig wachsendem Arbeitspersonal. -Nach fünf Minuten ist nahezu die ganze -unmündige Strandbevölkerung auf der Arbeitsstätte -versammelt. Und als ich nach abermals fünf -Minuten emsig damit beschäftigt bin, in einem -Garten sämtliche Blumen und Gemüse anzubauen, -die sich aus Strandhafer herstellen lassen, empfinde -ich um mich her eine abgrundtiefe Stille. Ich hebe -den Blick: meine Arbeitsgenossen sind schon in<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span> -weiter, weiter Ferne; sie haben längst ein anderes -Spiel begonnen, und Appelschnut hüpft über die -fernsten Hügel wie eine wandernde Mohnblume.</p> - -<p>Verwaist, vergessen und öde liegt die Stadt. -Schon beginnt der Wind, sie zu verwehen, die Flut, -sie zu benagen. Nie wieder wird die eben noch -Lebendige ein Hauch des Lebens erwecken; in einer -Stunde wird sie verschwunden sein. Wunderbare -Welt des Meergestades! Selbst Kinderträume verwehen -in dieser Luft noch schneller als drinnen im -Land, und tiefer noch als anderswo senkt sich ins -Herz das Gefühl: Auch deine Wünsche sind wandernder -Staub. Du brauchst nicht nach Aegypten zu gehen: -diese verlassene Stadt der Kinder ist Memphis.</p> - -<p>Aber auch die beschauliche Ruhe ist hier vergänglich; -schon kommt Roswitha wieder herbeigesprungen.</p> - -<p>»Mutti!« ruft sie erregt.</p> - -<p>Ich wundere mich, daß sie mich als Mutter anredet, -und sehe mich um – ach so: meine Frau liegt -neben mir im Sand.</p> - -<p>»Mutti, Erna is immer so eisch; wenn wir -spielen, dann macht sie immer Streit und wirft uns -Sand ins Gesicht. Sei man gar nich mehr so nett -mit ihr; wir sind alle von ihr weggegangen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span></p> - -<p>In diesem Augenblick geht Erna, eine von den -weniger erfreulichen Badebekanntschaften, weinend -vorüber.</p> - -<p>»Mutter, sie weint,« sagt Appelschnut, »soll ich -sie mal fragen, ob sie wieder gut mit uns sein will?«</p> - -<p>»Ja, frag' sie nur.«</p> - -<p>Nach einer kleinen Minute wandern Erna und -Appelschnut wieder Arm in Arm. Auch Roswithens -Zorn verrinnt und verweht wie Wind und Welle.</p> - -<p>»Was spielt ihr denn?« fragt meine Frau.</p> - -<p>»Ach, wir spielen so fein! Krankenhaus! Mit -unsern Puppen! Einer is heute schon dreimal operiert -worden, un denn hat er noch Scharlach un Cholera!«</p> - -<p>Allmächtiger! Je verzweifelter die Fälle sind, -desto vergnügter sind diese Barmherzigen Schwestern. -Patienten mit weniger als drei Krankheiten scheinen -gar nicht aufgenommen zu werden.</p> - -<p>»Eben is auch 'n kleines Baby geboren worden, -noch kein Jahr alt und hat schon 'n Keuchhusten!«</p> - -<p>»Na, da habt ihr ja alle Hände voll zu tun,« -ruft meine Frau lachend.</p> - -<p>»Ja!« rufen stolz die beiden wie aus einem -Munde, und schon sind sie wieder über den Bergen -bei den sieben Zwergen. –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span></p> - -<p>»Ich krieg' doch wasch schu eschen!« schreit es nah -bei meinem Ohr.</p> - -<p>Nee, is nich, Nazi. Mein Morgenpensum ist erledigt.</p> - -<p>»Ach, da ist ja mein Nazi!« ruft meine Frau. -»Komm, sag' mir mal Guten Tag.«</p> - -<p>»Kann nich – schu dick!« versichert er mit Ueberzeugung.</p> - -<p>»Ja, wenn du zu dick bist, darfst du ja auch keine -Schokolade essen.«</p> - -<p>Nein, nein, das ist eine mißverständliche Auffassung; -für Schokolade ist er nicht »schu dick«.</p> - -<p>Die magnetischen Kräfte der Schokolade sind -von der Wissenschaft, wie mir scheint, noch entfernt -nicht in ihrer Gewalt erkannt. Wie aus dem Boden -gestiegen, umstehen meine Frau im nächsten Augenblick -mehrere eigene Kinder, zwei Schwestern des -Herrn Nazi und einige weitere Strandbevölkerung.</p> - -<p>Als Nazi auf dem Schoß meiner Frau sitzt, guckt -er ihr minutenlang in die Augen. Irgend etwas -tieferes Philosophisches scheint sich in ihm zu entwickeln. -»Kannsch du mit deinen Augen schehen?« -fragt er schließlich.</p> - -<p>»Ja gewiß, Nazi! Warum soll ich mit meinen -Augen nicht sehen können?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span></p> - -<p>»Deine Augen schind ja scho dunkel!« meint er.</p> - -<p>Dieser Ausspruch Nazis ruft in der Korona seiner -weiblichen Verehrer einen Sturm des Entzückens -hervor.</p> - -<p>»Ist er nicht zu süß?« jubelt Herta. »Gott! Solch -einen kleinen Bruder möcht' ich auch noch haben!«</p> - -<p>Aber Nazis sechsjähriges Schwesterchen spricht -ein ernstes und passendes Wort:</p> - -<p>»Tu das lieber nich, Herta,« sagt sie, »da is -viel Arbeit bei.«</p> - -<p>Meine Frau ist durchaus der gleichen Meinung -und drückt ihrer verstehenden Mitschwester dankbar -die Hand.</p> - -<p>Es ist auch zu bedenken, daß ich nicht nur schon -fünf eigene Kinder habe, sondern daß ein allerliebstes -kleines blondlockiges Mädel, ein Püppchen -aus lauter Grazie und Spitzen, sich mir vollständig -attachiert und mich ohne alles Verdienst mit Standhaftigkeit -»Vater« nennt. Auch sie ist schuld, daß ich -die Einleitung meines biologischen Wälzers nicht zu -Ende lesen kann. Wenn sie ihrer Puppe das Bett -macht, packt sie mir mit den Worten »Vater, halt' -mal, bitte!« erst die Paradedecke aufs Buch, darauf -das Deckbett, dann das Kopfkissen, hierauf das<span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span> -Bettlaken und endlich Matratze und Pfühl, und ich -kann nicht eher weiterlesen, als bis alles in der umgekehrten -Reihenfolge, gehörig geklopft und gelüftet, -wieder in den Puppenwagen gelegt worden -ist. Und ferner ist zu bedenken, daß ich ja schon -einen Nazi habe, einen viel längern als diesen, -nämlich den Obertertianer Erasmus. Wenn ihr -einmal ein Füllen auf einer großen Weide beobachtet -habt, dann habt ihr eine Vorstellung von Erasmus -im Seebade. Solch ein Füllen, wie ihr wißt, steht -in diesem Augenblicke still und nachdenklich da, um -ganz plötzlich und unvermittelt den Kopf in den -Nacken zu werfen, die Mähne zu schütteln und mit -geblähten Nüstern, wiehernd, den Rasen stampfend -und die Hufe gegen den Himmel werfend, zwanzigmal -die weite Wiese zu umrasen, und in seinem -Gewieher ruft es: »Ihr lächerlichen Menschen, wie -lächerlich klein ist eure Erde!« So auch Erasmus. -Wenn vom Gefäß seiner Jugendkraft plötzlich der -Pfropfen sich löst und knallend in die Luft fliegt, -dann wird er zum jugendlichen Steppenroß, das fliegenden Laufes -die Dünen und Sandwüsten der Insel -durchstampft, und wenn ihn der Hafer sticht, wiehert -er mit ungemeiner Naturtreue. Es ist sehr wahrscheinlich,<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span> -daß die Zentauren der griechischen Mythologie -ursprünglich wildlebende Obertertianer waren.</p> - -<p>Dabei zeigt dieses Natur- und Fabelwesen zu andern -Zeiten Momente einer überlegenen Ironie. Als -er eines Morgens aus seinem Bette stieg, bemerkte -meine Frau, daß er aus dem einen Zipfel seines langen -Nachthemdes einen riesigen Knoten gemacht hatte.</p> - -<p>»Was soll denn das?« rief meine Frau.</p> - -<p>»Das soll mich daran erinnern, daß ich noch -Cäsar präparieren muß.«</p> - -<p>Das war freilich schon stark gegen Ausgang der -Ferien.</p> - -<p>Jeden Mittag um zwölf Uhr kommt Erasmus -an meine Sandfeste, um mich zum Baden abzuholen. -Bei Obertertianern muß man die Badestunde immer -unmittelbar vor das Diner legen, weil nur eins die -Kraft hat, sie wieder aus dem Meere hervorzulocken: -die Tischglocke.</p> - -<p>Wenn wir dann zum Essen gehen, müssen wir -auch an Nazis Tisch vorbei. Sein Vater erlaubt ihm -nicht, die Versicherung, daß er doch was zu essen -kriege, laut durch den Saal zu schreien; aber er -blinzelt mir heimlich mit boshaftem Frohlocken zu, -und ebenso heimlich schüttle ich grollend die Faust.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_277">[277]</a></span></p> - -<p>Wir entwickeln alle einen ziemlich gleichmäßigen -Appetit, den bekannten nördlichen Luft- und Meerhunger; -aber Appelschnut wollte ihre Milch nicht -trinken. Da habe ich sie dazu überredet, ihre Mutter -regelmäßig bei Tische »anzuführen«. Ich gab ihr -den teuflischen Gedanken ein, ihre Milch heimlich -auszutrinken, dann zur Mutter zu sagen: »Ich mag -keine Milch!«, und wenn die Mutter sie dann tadelte, -ihr triumphierend das leere Glas zu zeigen. Das -wiederholen wir nun bei jeder Mahlzeit und – -merkwürdig! – jedesmal fällt meine Frau wieder -darauf hinein, und jedesmal tauschen Appelschnut -und ich danach einen Blick der freudigen Genugtuung: -»Sie ist richtig wieder auf den Leim -gegangen!«</p> - -<p>Bei Tische muß ich, einem stillschweigenden -Uebereinkommen gemäß, ein gewisses Quantum -Witze für den Hausgebrauch machen, zum Beispiel -wenn der Roquefort, der Maden hat, durch einen -Camembert abgelöst wird, muß ich sagen: »<em class="antiqua">Le -Roquefort est mort, vive le Camembert!«</em> oder so -etwas Aehnliches; der Nachmittag aber gehört dann -allerdings vorwiegend der Ruhe. Zwar nehme ich, -in der Sandgrube liegend, die Biologie der Meerorganismen<span class="pagenum"><a id="Seite_278">[278]</a></span> -vors Gesicht, aber doch nur in dem -vollen Bewußtsein, daß dieses Bewußtsein schon nach -Beendigung des ersten Vordersatzes schwinden werde.</p> - -<p>Natürlich: wenn ich von Ruhe gesprochen habe, -so hat das keinen Bezug auf die Kinder. Kinder -haben ein so ruhiges Herz, daß Haupt und Glieder -der Ruhe nicht bedürfen. Ich habe denn auch kaum -das Quantum Schlaf genossen, dessen man nach -einem solchen Vormittage dringend bedarf, als mir -aus Traumeshimmeln etwas ziemlich Schweres, -Warm-Lebendiges auf den Magen fällt. Selbstverständlich -Appelschnut.</p> - -<p>»O Pappi, wir spielen zu fein! Karl is der -Wolf, un ich bin das Pferd, un denn kämpfen wir -uns immer mit'nander!«</p> - -<p>Ich habe also ein Pferd auf dem Schoß. Auch in -diesem Augenblick, da sie auf meinem Schoße sitzt, -fühlt sie sich vollkommen als Pferd. Aber das Pferd -hat einen sehr kräftigen Schmutzfleck im Kleid.</p> - -<p>»Roswitha, wie hast du das schöne neue Kleid -beschmutzt!«</p> - -<p>»Ach, das war so naß geworden, und da wollt' -ich es mit Sand wieder reinmachen, un da war es -mit ein'mal so schmutzig.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_279">[279]</a></span></p> - -<p>Der Sand muß starke Beimengungen von rötlichem -Ton gehabt haben.</p> - -<p>»Sag' es man nicht erst Mutter,« meint sie, »sie -ärgert sich bloß.«</p> - -<p>Diese Besorgnis um die Mutter finde ich ergreifend.</p> - -<p>»Ich weiß ja, mein süßes Väterchen sagt nichts,« -dabei wirft sie mir die Arme um den Hals, küßt mich -und trabt mit dem Wolfe davon.</p> - -<p>Nicht einen Augenblick ist ihr der Gedanke gekommen, -daß es für ein Pferd absurd ist, sich auf -den Schoß seines Vaters zu setzen und ihn zu küssen.</p> - -<p>Nach einer Viertelstunde kommen Pferd und -Wolf wieder auf mich zugerannt, und das Pferd ruft -in großer Erregung: »Vater, Karl will nich glauben, -daß die Erde sich immer so rumdreht!«</p> - -<p>Als Anhänger des Kopernikanischen Systems -bestätige ich, daß die Erde sich immer so rumdreht.</p> - -<p>Karl wird nachdenklich.</p> - -<p>»Er meint, dann fallen wir ja alle um!« ruft -Appelschnut.</p> - -<p>»Nein, die Erde hält uns fest und nimmt uns -alle mit.«</p> - -<p>»Wir drehn uns auch alle!« erklärt Appelschnut.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_280">[280]</a></span></p> - -<p>»Die Schaufel auch?« fragt Karl, auf eine im -Sand steckende Schaufel zeigend.</p> - -<p>»Die Schaufel auch,« bestätige ich.</p> - -<p>»Der Strandkorb auch?« – »Der Strandkorb -auch.« – »Du auch?« – »Ich auch. – Und du auch.«</p> - -<p>»Ich?« – »Ja.«</p> - -<p>»Hähäää – das ist nicht wahr!« ruft Karl mit -überlegenem Lachen, und vor dieser Ueberlegenheit -muß ich wie schon so oft in meinem Leben verstummen. -Karl dreht sich nicht mit.</p> - -<p>Und so verfließt der Nachmittag, so verfließt der -Tag, und gleich auf den ersten Tag folgt der letzte -Tag. Ganz anders ist es als in den Tagen der -Schöpfung. Da heißt es: »Es ward aus Abend und -Morgen ein Tag.« Hier müßte es heißen: »Aus -Abend und Morgen werden vierzig Tage, hundert -Tage, tausend Tage.« Was zwischen dem ersten -und dem letzten Tage liegt, ist ein stilles, ewiges -Fließen von Wasser und Wind, von Atem und -Traum, und so wenig du die Tropfen im Meere -zählst, so wenig dir daran liegt, sie zu zählen, so -wenig achtest du hier der Tage im Meere der Zeit.</p> - -<p>Wehmütig raffen die Kinder am letzten Tage den -kleinen Hausrat unserer flüchtigen Wohnstatt zusammen;<span class="pagenum"><a id="Seite_281">[281]</a></span> -wehmütig steh ich dabei, das Werk über die -Pflanzen und Tiere des Meeres mit seiner unausgelesenen -Einleitung in der Hand haltend. Da höre ich -aus weiter Ferne ein Krähen. Ich suche lange nach -dem Ursprung dieses Schalles und finde endlich oben -am Rand einer hohen Dünenklippe zwei Menschen, -die wie eine Dame und ein Kind aussehen. Da der -Wind herübersteht, so höre ich endlich mit angespanntestem -Gehör: »Ich krieg' doch wasch schu essen!«</p> - -<p>Da reiß' ich von unserer verfallenen Strandburg -einen mächtigen Pfeiler los, pack' ihn mit beiden -Händen und schüttle ihn mit furchtbarer Drohung.</p> - -<p>Und der Wind trägt mir ein letztes, jauchzendes -Kinderlachen zu.</p> - -<p>Und ganz zuletzt erlebe ich noch etwas Wundersam-Schönes.</p> - -<p>Mein Töchterlein hat hier eine Freundin gefunden, -die heißt Else. Totweinen würde sie sich, -wenn sie Else niemals wiedersehen solle, so hat -Irene erklärt. Nun umwandern sie, um Hals und -Hüfte innig Arm und Arm geschlungen, die Reste -unserer Strandburg und singen.</p> - -<p>Irene singt: »Nun ade, du mein lieb Elseland, -lieb Elseland, ade!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_282">[282]</a></span></p> - -<p>Das Land, wo sie Else kennen gelernt, ist ihr ein -Elseland geworden.</p> - -<p>Else singt: »Nun ade, du mein Irenenland, -Irenenland, ade!«</p> - -<p>Das Land, wo sie Irene fand, ist ihr ein Irenenland -geworden.</p> - -<p>»Irene« ist »der Friede« – das weiß Else vielleicht -nicht einmal.</p> - -<p>Kinder, ihr singt ein tiefsinniges Lied.</p> - -<p>Nun ade, du mein Irenenland – – –!</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_283">[283]</a></span></p> - -<h2 id="Inhalt">Inhalt</h2> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td>Die Marienbader Kur</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Marienbader_Kur">5</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Ziege</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Ziege">33</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die späte Hochzeitsreise</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_spaete_Hochzeitsreise">53</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Hosentaschen des Erasmus</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Hosentaschen_des_Erasmus">101</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Flieh, auf, hinaus ins weite Land!</td> - <td class="tdr"><a href="#Flieh_auf_hinaus_ins_weite_Land">119</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der süße Willy</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_suesse_Willy">137</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Ernsthafte Predigt vom Kommersieren</td> - <td class="tdr"><a href="#Ernsthafte_Predigt_vom_Kommersieren">195</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der große Irrgarten</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_grosse_Irrgarten">221</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Im Seebade</td> - <td class="tdr"><a href="#Im_Seebade">253</a></td> -</tr> -</table> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_285">[285]</a></span></p> - -<div class="adv"> -<p class="center"> -Von Otto Ernst erschienen ferner<br /> -im Verlage Ullstein & Co, Berlin:<br /> -</p> - -<p class="center">In der Sammlung der Ullstein-Bücher</p> - -<p class="h2">Laßt Sonne herein!</p> - -<p class="noind">Eine Sammlung heiterer Geschichten und -Plaudereien des bekanntesten und beliebtesten -Humoristen unserer Zeit, ein lachender -Sorgenbrecher, der überall willkommen ist.</p> - -<p class="center">In der Sammlung der Jugendbücher</p> - -<p class="h2">Gulliver in Liliput</p> - -<p class="noind">Der Hamburger Dichter erzählt hier der -Jugend die lustigen und zugleich lehrreichen -Abenteuer des Seemannes Gulliver im -sagenhaften Zwergenlande der Liliputaner.</p> - -<p class="center"> -Preis 1 Mark -</p> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_286">[286]</a></span></p> - -<div class="adv"> -<p class="h2">Von Otto Ernst erschienen ferner:</p> - -<p>Im Verlag <em class="gesperrt">L. Staackmann</em>, Leipzig:</p> - -<p class="adv">Semper der Mann, Roman. 30. Tausend.</p> -<p class="adv">Semper der Jüngling, Roman. 65. Tausend.</p> -<p class="adv">Asmus Sempers Jugendland, Roman. 100. Tausend.</p> -<p class="adv">Appelschnut, humoristische Plaudereien, reich illustriert. 35. Tausend.</p> -<p class="adv">Ein frohes Farbenspiel, humoristische Plaudereien. 30. Tausend.</p> -<p class="adv">Vom geruhigen Leben, humoristische Plaudereien. 35. Tausend.</p> -<p class="adv">Vom grüngoldnen Baum, humoristische Plaudereien. 28. Tausend.</p> -<p class="adv">Aus meinem Sommergarten, humoristische Plaudereien. 21. Tausend.</p> -<p class="adv">Sankt Yoricks Glockenspiel, Satiren, Schwänke, Schnurren, Aphorismen usw. 10. Tausend.</p> -<p class="adv">Der süße Willy, Humoreske. 22. Tausend.</p> -<p class="adv">Besiegte Sieger, Novellen. 6. Tausend.</p> -<p class="adv">Kartäusergeschichten, Novellen. 7. Tausend.</p> -<p class="adv">Gedichte. 4. Tausend.</p> -<p class="adv">Glimmen des Mittags, Gedichte. 4. Tausend.</p> -<p class="adv">Siebzig Gedichte. 30. Tausend.</p> -<p class="adv">Bannermann, Schauspiel. 3. Tausend.</p> -<p class="adv">Flachsmann als Erzieher, Lustspiel. 34. Tausend.</p> -<p class="adv">Die Gerechtigkeit (Revolverjournalisten), Lustspiel. 6. Tausend.</p> -<p class="adv">Die größte Sünde, Trauerspiel. 8. Tausend.</p> -<p class="adv">Die Liebe höret nimmer auf, Tragikomödie. 5. Tausend.</p> -<p class="adv">Jugend von heute, Lustspiel. 14. Tausend.</p> -<p class="adv">Ortrun und Ilsebill, Märchenkomödie. 3. Tausend.</p> -<p class="adv">Tartüff der Patriot, Lustspiel. 3. Tausend.</p> -<p class="adv">Blühender Lorbeer, Aufsätze. 10. Tausend.</p> -<p class="adv">Laßt uns unsern Kindern leben! Aufsätze. 10. Tausend.</p> -<p class="adv">Nietzsche, der falsche Prophet. 5. Tausend.</p> -<p class="adv">Gewittersegen, ein Kriegsbuch. 11. Tausend.</p> - -<p>Im Verlag <em class="gesperrt">M. Glogau jr.</em>, Hamburg:</p> - -<p class="adv">Hamborger Schippergeschichten, Plattdeutsch nach Drachmann. 8. Taus.</p> - -<p>Jugendschriften</p> - -<p>Im Verlag <em class="gesperrt">Jos. Scholz</em>, Mainz:</p> - -<p class="adv">Der Kinder Schlaraffenland, illustriert. 10. Tausend.</p> - -<p>Im Verlag <em class="gesperrt">G. W. Dietrich</em>, München:</p> - -<p class="adv">Hinaus ins Freie! Illustriert. 5. Tausend.</p> - -<p>Im Verlag <em class="gesperrt">Union</em> Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart:</p> - -<p class="adv">Robinson Crusoe, neu erzählt und reich illustriert. 10. Tausend.</p> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_287">[287]</a></span></p> - -<div class="adv"> -<p class="h2">Ullstein-Bücher</p> - -<p class="center">Neue Bände:</p> - -<p class="h2">Besser Herr als Knecht</p> - -<p class="center">von Fedor von Zobeltitz</p> - -<p class="noind">Ein deutscher Balkanfürst, eine ritterliche Phantasiefigur, ist -der Träger der Eisernen Krone, ist der Held des Romans. Er -hat die Züge Alexanders von Bulgarien, des Battenbergers. -Sein Schicksal erhält durch Zobeltitz das Kolorit, die szenischen -Wirkungen eines großen, spannenden Theaterstücks. Vom Berliner -Hof des alten Kaisers, von einer märkischen Garnison, -von der Burg eines reichsunmittelbaren deutschen Hauses -geht es hinüber in den abenteuerlichen Halborient.</p> - -<p class="h2">In der Kommandantenkajüte</p> - -<p class="center">von Hans Wilhelm Hollm</p> - -<p class="noind">Marinegeschichten, an Bord erzählt, im vertrauten Beisammensein -der Kameraden: Erinnerungen an den Zauber der -Südsee, vom Heimweh nach der Ferne, nach dem frohen Leichtsinn -der Jugend heraufbeschworen, Geschichten vom Finden -und Auseinandergehn, von Abschied und Wiederbegegnung, -heitere und ernste Lebensepisoden. Ein deutscher Seeoffizier -ist der Verfasser des prachtvoll frischen und prachtvoll ehrlichen -Buches, das überall die Herzen höher schlagen lassen wird.</p> - -<p class="h2">Der belagerte Tempel</p> - -<p class="center">von Thea von Harbou</p> - -<p class="noind">Das Werk Theas von Harbou, das mit starkem Griff hineingreift -ins Leben, ist ein Roman der deutschen Bühne zur Kriegszeit. -Alle Typen des Schauspielertums treten auf, inmitten -ernster und froher, leidenschaftlicher und stiller, rauher und weihevoller -Szenen. Ein letzter, südlicher Sommertraum unter den -Zypressen Capris geht der wuchtig geführten Handlung voran.</p> - -<p>Jeder Band 1 Mark</p> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_288">[288]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="" /> -<div class="caption">Berlin SW 68<br />Ullstein & Co</div> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> - -<div class="transnote" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.</p> - -<p>Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Korrekturen:</p> - -<div class="corr"> -<p> -S. 233: vel → viel<br /> -für die das Wasser <a href="#corr233">viel</a> zu tief war</p> -</div> -</div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Das Glück ist immer da!, by Otto Ernst - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GLÜCK IST IMMER DA! *** - -***** This file should be named 50293-h.htm or 50293-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/2/9/50293/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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