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-The Project Gutenberg EBook of Das Glück ist immer da!, by Otto Ernst
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Das Glück ist immer da!
- Heitere Geschichten und Plaudereien
-
-Author: Otto Ernst
-
-Release Date: October 24, 2015 [EBook #50293]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GLÜCK IST IMMER DA! ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Das Inhaltsverzeichnis befindet sich am Ende des Buches.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Endes des
- Buches.
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- Das Glück ist immer da!
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- Ullstein-Bücher
-
- Eine Sammlung
- zeitgenössischer Romane
-
-
- [Illustration]
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-
- Ullstein & Co / Berlin und Wien
-
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-
- Das Glück ist immer da!
-
- Heitere Geschichten und Plaudereien
-
- von
-
- Otto Ernst
-
-
- [Illustration]
-
-
- Ullstein & Co / Berlin und Wien
-
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-
-
-Die Marienbader Kur
-
-
-Meine Freunde haben es verschuldet. Sie haben mich so lange gereizt.
-»Eduard, du wirst zu stark, Eduard!« sagten sie täglich zu mir; die
-Gefühlloseren sagten: »zu dick«, die Gemütsrohen: »zu fett«. Ich
-leugnete das energisch; aber sie mußten sich heimlich verschworen
-haben; denn sie sagten es alle. »Ein gewisses Embonpoint ist bei
-mir hereditär, habituell, gehört sozusagen zu meiner Konstitution,«
-bemerkte ich. Dergleichen drückt sich immer am besten in Fremdwörtern
-aus. Ein rüdes Gelächter antwortete mir. »Deshalb«, fuhr ich fort,
-»verschlagen auch Entfettungskuren bei mir nicht das geringste.« »Ja,
-weil du sie nicht konsequent durchführst!« johlte die Masse in vulgärer
-Einstimmigkeit. »Ich -- nicht durchführen?« versetzte ich mit meiner
-überlegenen Ironie, »nun -- das werde ich euch beweisen!« Und so ging
-ich nach Marienbad.
-
-»Sie gehen nach Marienbad?« fragte mich ein wohlbeleibter
-Eisenbahngefährte. »Ei, da sind Sie zu beneiden! Marienbad ist
-entzückend! Und schlemmen kann man da, schlemmen --!«
-
-Ich bemerkte dem Manne mit einem sittlichen Ernste, der -- ich fühlte
-es -- mir gut stehen mußte, daß ich nicht zu schlemmen gedächte,
-sondern mich einer sehr ernsten Magerkur zu unterziehen beabsichtigte.
-
-»Ach so, Sie wollen fasten!« rief er überrascht. »Na ja -- kann man da
-auch,« fügte er nachlässig hinzu. »Dazu gehört allerdings ein starker
-Wille.«
-
-»An dem soll es nicht fehlen,« preßte ich durch die
-aufeinandergebissenen Zähne.
-
-Er maß mich von oben bis unten und dann von links nach rechts und sagte
-nichts, der unhöfliche Mensch.
-
-Vor dem Diner im Speisewagen sagte ich mir logischerweise, daß es erst
-dann einen Sinn habe, mit der Kur zu beginnen, wenn +alle+ Bedingungen
-dieser Kur gegeben seien, daß systemlose Halbheiten in solchem Falle
-sogar recht gefährlich werden können. Andrerseits war mir wohlbekannt,
-daß bei solchen Kuren ein möglichst großer Gegensatz zwischen heut
-und morgen nur zu empfehlen ist, weil nämlich der Körper auf solche
-schroffen Uebergänge mit einer beträchtlichen Gewichtsabnahme reagiert.
-Das Diner setzte sich für dieses Prinzip sehr günstig zusammen; es
-bestand aus Bouillon mit Klößen, Lachs mit Mayonnaise, Mastochsenbraten
-mit Makkaroni, Plumpudding und Butter und Käse. Um den Choc, den
-der Körper morgen erhalten sollte, zu verstärken, nahm ich dazu
-eine Flasche Bier, eine halbe Flasche Clicquot und zum Kaffee einen
-Benediktiner. Danach legte ich mich in meinem Abteil schlafen.
-
-In Marienbad angelangt, begann ich meine Kur auf dem Bahnhofe. Zwar
-meinen Hauptkoffer überwies ich einem Träger; als dieser aber auch den
-nicht unbeträchtlichen Nebenkoffer an sich nehmen wollte, sagte ich
-triumphierend: »Nein, lieber Freund, jetzt wird selbst getragen,« nahm
-meinen Koffer und schritt hinaus. Die Fiaker vor dem Bahnhof machten
-mir ihre komfortabelsten Gesichter, nannten mich »Herr Baron« und, als
-mir das nicht zu genügen schien, »Herr Graf«; ich aber versetzte ohne
-allen Adelsstolz: »Nein, meine Herren, jetzt wird gegangen!«
-
-Wenn ich einmal eine Sache angreife, so tu' ich's mit Energie.
-
-Wenn ich gewußt hätte, daß der Bahnhof so weit vom Orte entfernt
-liege und daß meine Wohnung dann auch noch ganz am entgegengesetzten,
-nördlichsten Ende der Stadt gelegen sei und daß der Weg dahin nicht
-allzu sanft ansteige, so hätte ich vielleicht doch meinen Koffer dem
-Träger übergeben und wäre gefahren. Aber während ich schwitzte, erhob
-mich doch das Wonnegefühl: »Wenigstens fünf Pfund schaffst du dir durch
-diesen Leidensweg vom Leibe. Wenn du das drei- bis viermal gemacht
-hast, bist du dein Uebergewicht los. Allerdings« -- dieser Gedanke
-erleuchtete mich blitzartig -- »das hättest du auch zu Hause haben
-können.«
-
-Meine Wohnung lag im dritten Stock. Für die Zumutung, den Fahrstuhl
-zu benutzen, hatte ich nur eine kurze, abweisende Handbewegung. Das
-Zimmer kostete wöchentlich fünfzig Kronen einschließlich Tag- und
-Nachtgeschirr. Alles andere mußte extra bezahlt werden.
-
-Sobald ich mich einigermaßen eingerichtet und umgekleidet hatte, eilte
-ich, mich wägen zu lassen. Ich fühlte mich so leicht nach meiner
-Kofferträgerarbeit!
-
-In Marienbad hat jedes zweite Haus eine allein richtige Wage. Man setzt
-sich in einen bequemen Stuhl und läßt seine Schwerkraft walten; dann
-zeigt die Wage nicht nur das Gewicht an, sie druckt es auch gleich auf
-einen kleinen Zettel. Da stand: 94,8 Kilo.
-
-»Sie sind wohl --!« rief ich unwillkürlich aus. Das Wort »verrückt«
-verschluckte ich ebenso unwillkürlich wegen der Gerichtskosten.
-
-Der Mann beteuerte, daß sein Apparat vollkommen tadellos funktioniere.
-Ich warf meine zwanzig Heller auf den Ladentisch, ließ den Zettel
-liegen und ging, Verachtung in den Zügen, hinaus.
-
-Zwanzig Schritte weiter trat ich in ein anderes Haus mit allein
-richtiger Wage. Der Zettel erschien und zeigte: 95 Kilo. Diesmal versah
-eine Dame das Wägeamt; ich konnte also nicht 'mal »Sie sind wohl --!«
-rufen.
-
-Langsam und sinnend schob ich den Zettel in die Westentasche und
-verließ das Lokal. Mir war's, als hätte ich Blei in den Gliedern.
-
-Draußen kam mir die Erleuchtung. Ah, dacht' ich, die haben dir den
-Neuling angesehen. Das sind Wagen für Ankömmlinge! Jetzt wirst du
-schlau sein. Mit elastischen Schritten betrat ich ein drittes Lokal
-und rief: »So! Zum Abschied möcht' ich nun noch einmal gewogen sein!«
-Diesmal verzeichnete der Zettel: 95,1 Kilo.
-
- »Noch mehr! Es hängt Gewicht sich an Gewicht,
- Und ihre Masse zieht mich schwer hinab.«
-
-Erdrückt von der Wucht meiner Persönlichkeit, schlich ich zum Arzt. Er
-behauptete, ich müsse morgens sechs Uhr aufstehen, zum Kreuzbrunnen
-gehen, dort drei Glas Brunnen mit Zusatz eines gewissen Salzes trinken,
-dann anderthalb Stunden spazieren gehen, danach dürfe ich frühstücken.
-Der Mann hatte eine merkwürdige Ausdrucksweise; unter »frühstücken«
-verstand er: eine Tasse Tee, ein Ei und einen Zwieback nehmen. »Ohne
-Butter!« rief der Herr Doktor begeistert. Mittags dürfe ich dann eine
-Fleischspeise, ein Gemüse, ein Kompott und eine halbe Flasche Biliner
-Wasser genießen. Und abends könne ich mir eine Fleischspeise, ein
-Gemüse +oder+ ein Kompott und, wenn es sein müsse, ein Krügel Pilsner
-gestatten. Für diese Beköstigung müsse ich aber fünf bis sechs Stunden
-täglich marschieren. Ich versicherte dem Arzte, diesen Vorschriften
-nachzukommen, sei für einen Menschen von Willenskraft ein reines
-Kinderspiel, und vollends für mich, der ich von jeher mäßig zu leben
-gewohnt sei.
-
-Morgen, gleich morgen, solle ich mit der Kur beginnen, hatte der Arzt
-befohlen. Dieser Abend war also noch mein. Ich traf in der Kaiserstraße
-einen alten Freund, der mir ein Lokal bezeichnete, in dem er jeden
-Abend mit einigen vergnügten Leuten zusammentreffe und wo es ein
-vorzügliches Pilsner Bier gebe. »Pilsner Bier hat nämlich eine mild
-laxierende Wirkung,« erklärte er mir. Und in der Tat: Pilsner Bier
-hatte mir ja sogar mein Arzt gestattet. Außerdem wäre es mir als
-unnötige Schroffheit erschienen, die Einladung dieses lieben Menschen
-abzulehnen; ich ging also mit und trank einige Krügel. Ich fühlte
-wirklich, wie mir immer leichter wurde, und wie auf Flügeln schwebte
-ich um Mitternacht nach Hause.
-
-Um sechs Uhr war ich auf den Beinen, um halb sieben am Brunnen. In
-langer Prozession wallten die Kurgäste, jeder ein Glas in der Hand, zur
-Quelle. Wo eine Lücke war, wollte ich mich anspruchslos und unauffällig
-dem Ganzen einfügen; aber sofort bedeutete mir ein Aufseher, daß ich
-mich ganz am Ende anschließen müsse. Nach zehn Minuten kam ich zur
-Quelle und erblickte dort ein merkwürdiges Naturspiel: einen Mann,
-der fortwährend pumpte und dabei untertänig grüßte. Die Leute, die
-pumpen, grüßen sonst ganz anders. Ich erhielt mein wohlgefülltes
-Glas, schüttete das vorgeschriebene Salz hinein und setzte es an den
-Mund. Mit ungeheurer Spannung kostete ich dies Getränk. Es schmeckte
-wie Niedertracht mit Gemeinheit. Es ist mir immer Grundsatz gewesen,
-widrige Dinge, die geschluckt werden müssen, mit zugedrückten Augen
-und mit einem Schluck und Druck hinunterzusetzen. Aber das war hier
-verboten. Zehn Minuten lang solle ich an dem Becher trinken, hatte
-der Arzt befohlen. In solchen zehn Minuten büßt man vieles ab.
-Freilich macht eine recht gute Kurkapelle Musik dazu. Aber es ist
-nicht das Richtige, wenn man Mozarts Champagnerlied mit auf die Weste
-herabhängenden Mundwinkeln anhört; es ergibt eine falsche Auffassung,
-wenn man sich bei dem Seufzer
-
- »O--o--o De--li--la!«
-
-nach dem Bauche greift. Nach dem ersten Glase trank ich ein zweites und
-ein drittes. Sehr sinnig schließt das Konzertprogramm regelmäßig mit
-einem Galopp.
-
-Dann kam der anderthalbstündige Spaziergang in die allerdings höchst
-anmutige und erfrischende, berg- und waldgeschmückte Umgebung
-Marienbads. Der Reiz der unbekannten Landschaft ließ mich die
-materiellen Dinge dieser Welt vergessen, bis ich durch ein nahes
-Gebüsch das Geklapper von Tassen und Teelöffeln vernahm. Die Umgebung
-von Marienbad ist mit verführerischen Cafés geschwängert; »freudig
-hingezogen« trat ich ein und bestellte mein Frühstück. Auch hier wurde
-Musik gemacht, aber nicht zur Milderung, sondern zur Verschärfung der
-Kur. Nach einer äußerst regellosen Carmen-Phantasie wollte ich gerade
-mein Ei und meinen Zwieback genießen, als ich inne ward, daß ich sie
-schon verzehrt hätte. Mit männlicher Entschiedenheit sprang ich auf und
-wanderte meiner Wohnung zu, um ein wenig zu ruhen, ein wenig an meinem
-Trauerspiel »Ugolino« zu arbeiten und mich auf das kohlensaure Bad mit
-kalter Abwaschung und Massage vorzubereiten.
-
-Beim Mittagessen saß mir gegenüber ein Mann, der jedes Mitgefühls bar
-ein Menü von sechs Gängen aß. Um mich zu kasteien, las ich das ganze
-Menü durch, einem Athleten gleich, der, mit Kopf und Füßen auf zwei
-Stühlen liegend, sich immer neue Zentnergewichte auf die Brust legt.
-Ueber dem Menü stand geschrieben:
-
- »Ohne weitere Auswahl!!!!!!!«
-
-Mit sieben Ausrufungszeichen; ich habe sie gezählt.
-
-»Kann ich für den Kalbsbraten auch was andres haben?« fragte mein
-Gegenüber.
-
-»Aber natierlich!« versetzte der Kellner.
-
-Da fragte ich mich: Wieviele Ausrufungszeichen macht man in diesem
-Lande hinter einem Gesetz, das wirklich unumstößlich ist?
-
-Den ausfallenden Mittagsschlaf mußte ich nach Anordnung des Arztes
-durch eine vierstündige Fußwanderung ersetzen. Sie durfte unterbrochen
-werden durch eine Tasse Tee. »Mit einem Zwieback,« hatte der Arzt in
-einer Anwandlung von Schwäche hinzugefügt.
-
-Ich wanderte viereinhalb Stunden, trank ein Glas Kreuzbrunnen und genoß
-zu Abend eine Fleischspeise, ein Gemüse +oder+ Kompott und ein Krügel
-Pilsner. Gehorsam ist des Christen Schmuck.
-
-Ein unvergleichlicher Trost in solchen Zeiten der Depression ist
-eine gute Hamburger oder Bremer Zigarre. Leider hatte ich mir nur
-einen winzigen Vorrat mitnehmen können, weil Zigarren an der
-österreichischen Grenze einen ungeheuren Zoll kosten.
-
-Wie ein artiges Kind schlüpfte ich gegen zehn Uhr ins Bett, und diese
-Lebensweise setzte ich fünf Tage lang ohne nennenswerte Schwankungen
-fort. Nur hatte ich mir am dritten Tage beim Frühstück gesagt: »Die
-paar Tropfen Sahne, die zum Tee serviert werden, könntest du eigentlich
-mitnehmen. Zwar: Sahne macht fett. Aber ich erinnere mich vollkommen
-deutlich, daß der Arzt nicht gesagt hat: »ohne Sahne«. Der Mann war
-sehr genau in seinen Vorschriften; hätte er die Sahne verbieten wollen,
-so hätte er es zweifellos getan. Er hat sie also erlaubt, und da ich
-mich strengstens nach seinen Vorschriften richten will, so muß ich sie
-eigentlich nehmen. Es ist zwar nur ein Fingerhütchen voll; aber es ist
-etwas mehr.« Seit diesem Tage nahm ich Sahne zum Tee.
-
-Als fünf Tage herum waren, sollte wieder gewogen werden. Ich habe in
-meinem Leben verschiedene Examina durchgemacht; aber mit so feierlicher
-Spannung, mit so freudig-banger Erregung bin ich keiner Prüfung
-entgegengegangen wie dieser. Ich schwankte lange, welcher Wage ich
-mich anvertrauen solle; endlich trat ich in einen Laden, legte Hut,
-Ueberzieher, Handschuhe, Gummigaloschen, Portemonnaie, Taschenmesser,
-Uhr und Schlüsselbund ab und bestieg den Schicksalsstuhl.
-
-»92 Kilo,« sagte die wägende Themis.
-
-»Den Zettel!« stotterte ich.
-
-Da stand es schwarz auf weiß: »92 Kilo!« Also ein Gewichtsverlust
-von 3,1 Kilo, von 6⅕ Pfund, von 3100 Gramm! Die Tugend hatte ihren
-Lohn gefunden; Geist und Wille hatten über die Erdenschwere gesiegt!
-»Hurra!« flüsterte ich auf der Straße vor mich hin. »Hurra! Darauf kann
-ein vergnügter Abend stehen!«
-
-Ich suchte meinen Freund auf und das famose Pilsner-Lokal. Ich konnte
-mein Glück nicht für mich behalten; ich mußte mich mitteilen, und noch
-eh' ich Hut und Mantel abgelegt hatte, rief ich: »Sechs Pfund! Sechs
-Pfund verloren! Der ehrliche Finder soll sie behalten! Wie steh' ich
-nun da?«
-
-»Was?« schrie mein Freund. »Sechs Pfund in fünf Tagen? Menschenskind,
-sind Sie denn des Deubels? Wissen Sie auch, daß Sie sich dabei den
-schönsten Herzklaps holen können?«
-
-Ich erschrak und griff unwillkürlich nach der Speisenkarte. Mein Auge
-fiel auf: Filetbraten mit Makkaroni. Und mir ward, als spräche der
-Herr: »Es sammle sich alles Wasser unter dem Himmel,« und mein Mund
-wäre der Sammelplatz. »Donnerwetter,« stöhnte ich, »Makkaroni ess' ich
-so gern; aber sie setzen Fett.«
-
-»Nanu?« machte mein Freund, »Makkaroni? Sie sind doch in Italien
-gewesen. Wo sieht man schlankere, sehnigere Gestalten als in Italien?
-Und das lebt den ganzen Tag von Polenta und Makkaroni.«
-
-Ich muß gestehen: ich hatte einen Augenblick den Argwohn, daß mein
-Freund mich verführen wolle; aber ich schämte mich sofort dieser
-häßlichen Regung und bestellte mir Filetbraten mit Makkaroni und
-reichlichem Käse.
-
-Als ich schwankte, ob ich mir ein drittes Glas Pilsner bestellen dürfe,
-fragte mich mein Freund:
-
-»Wieviel hat Ihnen denn Ihr Arzt erlaubt?«
-
-»Einen Krug,« versetzte ich.
-
-»Macht vier,« sagte er.
-
-»Wieso?«
-
-»Nun, wenn er Ihnen einen gestattet, so nimmt er an, daß Sie zwei
-trinken; ein guter Arzt gestattet seinem Patienten aber nur dann zwei
-Krüge Bier, wenn er weiß, daß ihm auch viere nicht schaden.«
-
-»Ja, ein guter Arzt ist er,« rief ich, »er hat auf mich den Eindruck
-eines sehr intelligenten und gewissenhaften Mannes gemacht.«
-
-»Na also!« rief mein Freund, und ich bestellte zunächst das dritte
-Glas. --
-
-Am nächsten Morgen erschien ich erst um halb neun am Brunnen, weil ich
-erst um acht Uhr aufgestanden war. Der Morgenspaziergang fiel daher
-aus; das Gefühl der Sättigung aber, das mich noch vom Abend vorher
-erfüllte, kam dem Fortgang meines »Ugolino« glänzend zustatten. Die
-Zeilen flogen nur so aufs Papier.
-
-Das Hochgefühl gelungener Arbeit regt wohl bei allen Menschen den
-Appetit an. Mein diesmaliges Gegenüber am Mittagstisch verzehrte
-ein Riesenstück von einem Karpfen auf böhmische Art. Ich fragte den
-Kellner, ob noch ein so gutes Stück da sei, und als er es bejahte,
-bestellte ich es. Im übrigen aber hielt ich mich streng an die
-Vorschrift und aß nur noch eine Fleischspeise, ein Gemüse und ein
-Kompott nebst Brot. Ebenso blieb ich am Abend streng bei meiner
-Diät, und wenn ich mir darüber hinaus eine Portion Palatschinken
-bewilligte, so wird nur der etwas darin finden, der diese Speise nicht
-kennt. Palatschinken sind ganz dünne Pfannkuchen, die mit Kompott
-oder Fruchtgelee bestrichen und dann aufgerollt werden. Wenn ich den
-Erfinder dieses Gebäcks kennte, so würde ich ihm ein Denkmal errichten,
-und wie man Gelehrte, Dichter und Staatsmänner auf ihren Monumenten
-wohl mit einer Pergamentrolle darstellt, so würde ich ihm einen
-Palatschinken in die Hand geben. Außerdem muß man wissen, wie solche
-Sachen in Oesterreich bereitet werden. Ich lobe die österreichischen
-Mehlspeisen (die man dort merkwürdigerweise »Müllspeisen« nennt)
-grundsätzlich, weil, wer das unterläßt, beim nächsten Wiederbetreten
-des Landes als lästiger Ausländer ausgewiesen wird; aber ich lobe sie
-auch aus innerster Ueberzeugung. Sie werden selbst von den Hamburger
-Köchen nicht erreicht -- ~sapienti sat~.
-
-So lebte ich abermals fünf Tage in Fasten und Kasteiungen dahin, mir
-nur hin und wieder einen kleinen Seitensprung gestattend, um das allzu
-schnelle Entfettungstempo wohltätig zu verlangsamen. Der »Herzkollaps«
-stand mir als warnendes Gespenst vor Augen. Dabei war ich so intensiv
-mit meiner Arbeit beschäftigt, daß ich mir beim Frühstück aus reiner
-Zerstreutheit zwei Eier oder Butter oder Schinken, einmal sogar
-alles zugleich kommen ließ und in Gedanken verzehrte. Am zehnten Tage
-schritt ich fröhlich zur Wage. Nach meinem Spiegelbilde und meinem
-Allgemeingefühl schätzte ich meine Gewichtsabnahme auf drei Pfund. Das
-Resultat lautete: »94,5 Kilo.«
-
-»Sie müssen sich irren!« rief ich.
-
-»Bitt' schön, schauen der Herr selbst nach,« sagte der Mann und gab mir
-den Zettel.
-
-»Dann ist Ihre Wage nicht richtig!«
-
-»Bitt' schön, das ist die genaueste Wage in ganz Marienbad.«
-
-Gewogen und zu schwer befunden, ein umgekehrter Belsazar, verließ ich
-wankend das Haus. Ich ging in eine Buchhandlung und kaufte mir das
-Heft: »Wie werde ich energisch?« und begann meine Kur von vorn.
-
-Ich trank Brunnen, daß ich zeitweilig an der fixen Idee litt, ich
-sei ein Rohr der städtischen Wasserleitung; ich knabberte morgens
-meinen einsamen Zwieback und scherzte dazu blutenden Herzens mit
-der appetitlichen Kellnerin, »ich kroch durch alle Krümmen des
-Gebirgs«, die in der Umgegend Marienbads aufzufinden sind, »den
-Durst mir stillend mit der Gletscher Milch, die in den Runsen
-schäumend niederquillt,« und schwitzte, oder, wie der Gebildete
-sagt: transpirierte, daß man die ~disjecta membra poetae~ in der
-ganzen Gemarkung hätte zusammenlesen können. Beim Mittagessen saß
-ich mit niedergeschlagenen Augen wie eine züchtige Pastorentochter,
-um die andern nicht essen zu sehen; denn, weiß der Teufel, obwohl
-ich jeden Tag anderswo saß, immer hatte ich zum Gegenüber einen
-Schlemmer und Fresser, der einen Rekord brechen zu wollen schien.
-Eine Tochter, die mir in diesen Tagen schrieb, daß man zu Hause eine
-»großartige« Aalsuppe mit Schwemmklößen gegessen habe, verstieß ich
-auf telegraphischem Wege. Mein »Ugolino« rückte natürlich nicht von
-der Stelle. Meinem »Freunde« wich ich, wenn ich ihn von weitem sah,
-in größtmöglichem Bogen aus. Ja, dieser »Freund«, er konnte lachen;
-er war ein »hagerer Wollüstling« wie Calcagno, »Bildung gefällig und
-unternehmend«; er konnte machen, was er wollte, er war und blieb
-geschmeidig wie ein Rapier. Man klagt ein langes und breites über
-die ungleiche Verteilung des Besitzes, über die ungleiche Verteilung
-der Geistesgaben, über die ungleiche Verteilung von Schönheit und
-Körperkraft; aber gibt es eine schreiendere Ungerechtigkeit, als daß
-Menschen jahraus, jahrein Diners von fünfzehn Gängen mit zugehörigen
-Weinen und Likören vertilgen, ohne auch nur um die Dicke eines
-Lindenblättchens zuzunehmen? Muß einen nicht ein darmzerfressender
-Neid durchwühlen, wenn man das ansieht und um jeden elenden
-Kartoffelschmarrn ein Pfund schwerer wird?
-
-Das Traurigste in diesen dunklen Tagen war, daß meine heimischen
-Zigarren alle geworden waren. In Oesterreich werden die Zigarren von
-der Regierung gedreht. Sie werden aus einem tabakähnlichen Stoffe
-verfertigt (ich halte es für eine Art Baumwolle), sind nicht billig,
-brennen aber vorzüglich und riechen nicht. Man kann sie Säuglingen
-geben, die die Muttermilch nicht vertragen. Der österreichische
-Patriot pflegt seine Zigarren zu verteidigen, indem er sagt: »Ja
-freilich, unsere Zigarren taugen nichts; aber das ist das Gute am
-Monopol: man kriegt sie in der ganzen Monarchie, auch im kleinsten
-Dorf, in der nämlichen Qualität!« Uebrigens stimmt das nicht einmal;
-denn in den kleinen Spezereigeschäften auf den Dörfern werden sie
-gewöhnlich zwischen Petroleum und Chlorkalk aufbewahrt, und dann
-riechen sie. Freilich halten sie auch dann keinen Vergleich aus mit
-den italienischen Zigarren. Aus einer Zigarre in Venedig roch ich
-einmal Seife, Zimt, Gorgonzola, Buchdruckerschwärze, ranziges Oel,
-Rhabarbertropfen, Kaffee und muffig gewordene Spaghetti heraus. An der
-Schweizer Grenze fragte mich ein Zollbeamter, ob ich auch italienische
-Zigarren im Koffer hätte. »Herr!« rief ich außer mir. »Wie kommen Sie
-dazu, mir Perversitäten zuzumuten?!«
-
-Warum ich mir keine Zigarren von Deutschland hereingeschmuggelt hatte?
-Ich halte mich nicht für berechtigt, einen Staat, mit dem wir einen
-Dreibund geschlossen haben, in seinen Finanzen zu schwächen. Offen
-gestanden, hatt' ich's auch vergessen.
-
-An einem dieser Tage, von denen schon die Koheleth sehr richtig
-bemerkt, daß sie uns nicht gefallen, stand ich gedankenvoll vor dem
-Stadt- und Posthause, noch beschäftigt mit einem Brief, in dem mir
-Weib und Kinder ihre Verlassenheit klagten. Wie gern wäre ich zu ihnen
-geeilt, wenn nicht Pflichten gegen das schnöde Fleisch mich an diesen
-Marterort gebannt hätten. Da fiel eine Hand auf meine Schulter, und
-neben mir stand mein Freund Calcagno.
-
-»Famos, daß ich Sie treffe!« rief er, »gerade wollt' ich Ihnen
-schreiben. Also morgen um drei Uhr kommen ein paar nette Kerle zu mir
-zu einem einfachen Mittagessen. Tun Sie mir die Liebe, mit von der
-Partie zu sein!«
-
-Ich kannte seine »einfachen Mittagessen«; Lucullus war Kasernenküche
-dagegen. Ich lehnte ab unter Hinweis auf meine Kur.
-
-»Aber, Teuerster, Ihre Kur soll nicht das geringste darunter leiden!
-Lauter leichte Sachen! Schließlich brauchen Sie ja nur zu essen, was
-sich mit Ihrer Kur verträgt! Und wenn Sie nicht wollen, essen Sie gar
-nichts! Wenn Sie nur dabei sind!«
-
-Ich bemerkte noch einmal mit vor Entschlossenheit bebender Stimme, daß
-ich fest bleiben müsse.
-
-»Aber jeder vernünftige Arzt gestattet doch Ausnahmetage; er schreibt
-sie sogar vor. ›Meide die Gewohnheit,‹ sagt Schweninger, ein Mann,
-der Bismarck entfettete! Wenn Sie sich an diese Lebensweise gewöhnen,
-werden Sie dick statt mager. Es ist eine bekannte Beobachtung, daß
-Sträflinge sogar bei der Zuchthausmenage fett werden --«
-
-»Sie haben recht!« rief ich im frohen Gefühl, eine neue Wahrheit
-gefunden zu haben. »Ich komme; ich komme bestimmt!«
-
-»Na bravo! Das ist ein Manneswort. Sie werden sehen, es wird nett!«
-
-O, ob es nett wurde! Es gab Kaviar, getrüffelte Gänseleber, Brüsseler
-Poularde, Langusten, Zungenragout, Sorbet usw. usw. Dazu 68er
-Stefansberg, 93er Hattenheimer Bildstock, 69er Lafitte Schloß-Abzug,
-47er Yquem, ganz alten Heidsieck; kurz: Weine von einem unglaublichen
-Innenleben und von einem Alter, daß man bei jedem Glase unwillkürlich
-nach dem Kopfe griff, um ehrerbietig den Hut abzunehmen. Und zu
-jedem Gericht und jedem Wein gab der Wirt nicht ohne Scharfsinn eine
-überzeugende Erklärung, warum und inwiefern sie kurgemäß wären. Von dem
-alten Heidsieck zu trinken, verbot mir gleichwohl meine Selbstzucht.
-
-»Auf Sekt will ich denn doch lieber verzichten,« erklärte ich und hielt
-die Hand übers Glas.
-
-»Warum denn gerade auf Sekt?« rief Calcagno mit grenzenlosem Erstaunen.
-»Alle Rennpferde kriegen Sekt! Haben Sie schon einmal ein korpulentes
-Rennpferd gesehen?«
-
-Für streng logische Schlüsse habe ich immer eine Schwäche besessen; ich
-zog meine Hand zurück. -- --
-
-Andern Mittags, als ich aufgestanden war, schlenderte ich über die
-Kreuzbrunnenpromenade und entdeckte dort eine automatische Wage mit der
-Ueberschrift: »Wieviel wiegen Sie?« Ich fand diese Frage zwar etwas
-dummdreist; aber ich konnte ihr doch nicht widerstehen, stieg auf,
-steckte 20 Heller in den Schlitz und konstatierte 94 Kilo.
-
-Also das war nun der ganze Erfolg nach drei Wochen des Darbens,
-Kurierens und Kasteiens! Ein ganzes Kilogramm!
-
-Halt -- an dem Automaten befand sich auch eine Tabelle, nach der man
-genau feststellen konnte, wieviel man wiegen dürfe. Ich fand, daß
-meiner Körperlänge ein Gewicht von 65 Kilo angemessen wäre. Also
-hätte ich 30 Kilo zu viel, und sie zu beseitigen, forderte 90 Wochen
-Marienbad! Es war doch geradezu lächerlich, solch einen Ort für
-Entfettungskuren zu empfehlen!
-
-Ebenso lächerlich war übrigens diese Tabelle. Als ob man so rein
-mechanistisch die Leibesstärke eines Menschen vorschreiben könnte,
-als ob sie nicht individuelle Bestimmung wäre wie meine Augen, meine
-Stimme, meine Hand, mein Temperament! Ich ging die Reihe meiner Ahnen
-durch bis ins 15. Jahrhundert -- soweit ich sie kannte, waren sie
-meistens oder doch großenteils wohlbeleibt gewesen. Es war also meine
-Bestimmung, dick zu sein. Was wußten die Aerzte von meiner Bestimmung!
-Gewiß war es vernünftig und geraten, einem Uebermaß vorzubeugen. Das
-wollt' ich ja auch, tat ich ja auch! Aber wie weit man gehen darf, das
-kann kein Automat und kein Arzt bestimmen; das muß man selbst fühlen.
-Ein vernünftiger und leidlich gebildeter Mensch soll sein eigener Arzt
-sein.
-
-Danach beschloß ich nun zu handeln, und da gerade mein Geburtstag war,
-aß ich ein Gericht Knödel, wie ich sie so sehr liebe. Ich wußte wohl,
-daß ich nach diesen Knödeln wieder Gewissensbisse fühlen würde; aber
-Gewissensbisse machen mager, und so wurde die gewünschte Wirkung auf
-einem Umwege doch erzielt.
-
-Hartnäckig wie ich in der Verfolgung eines einmal gesteckten Zieles
-bin, setzte ich bis zum Ende meines Aufenthalts meine Kur ohne
-Unterbrechung fort. Daß ich mich für das Diner meines Freundes
-revanchierte, ist selbstverständlich. Ich konnte mich unmöglich
-einladen lassen, ohne wieder einzuladen. Um Exzessen vorzubeugen, gab
-ich indessen kein Diner, sondern nur ein Frühstück; daß meine Gäste
-erst nach Mitternacht aufbrachen, ist nicht meine Schuld; ich konnte
-sie doch nicht fortschicken.
-
-So hatte sich denn unter den Mitgliedern dieses Kreises ein höchst
-erfreuliches Verhältnis herausgebildet, und dieses harmonische
-Einvernehmen fand in einem Abschiedsessen, das die Herren mir am Abend
-vor meiner Abreise gaben, seinen natürlichen Ausdruck. Die Herren
-überhäuften mich mit Aufmerksamkeiten jeglicher Art; sie hatten ein
-Menü zusammengestellt, das ausschließlich aus meinen Lieblingsspeisen
-bestand, und wollten es sich nicht nehmen lassen, mich von der
-Festtafel direkt an den Zug zu begleiten. Ich nahm dies Anerbieten mit
-Vergnügen an, ließ mich aber selbstverständlich durch allen Jubel und
-Trubel in meinem Pflichtgefühl nicht beirren. Unter dem Vorwande, daß
-ich mir noch Handschuhe kaufen müsse, trat ich auf dem Wege zum Bahnhof
-in ein Handschuhgeschäft mit allein richtiger Personenwage. Ich legte
-alles ab: Hut, Mantel, Taschenmesser usw., nur nicht das Portemonnaie
--- es war von keinem Belang mehr -- setzte mich in den Stuhl und
-machte mich so leicht wie möglich.
-
-»95,3 Kilo!«
-
-Das »weitbeschreyte« altberühmte Marienbad hatte mir also nicht
-nur nichts geholfen; es hatte mir zu meiner Fülle noch 200--300
-Gramm hinzugebürdet. Und auf diesen Schwindel war selbst ein Goethe
-hineingefallen!
-
-Daheim schilderte ich meinen Freunden bis ins Einzelne hinein die
-Marienbader Kur und ihre Vorschriften.
-
-»Und das hast du vier Wochen lang befolgt?« riefen sie wie aus einem
-Munde.
-
-»Im großen und ganzen -- und im wesentlichen ja!« versetzte ich mit
-einer großen und runden Armbewegung.
-
-Warum die Kerle sich in die Rippen stießen und mein bester, treuester
-Freund sogar laut herausprustete, ist mir noch heute ein Rätsel.
-
-
-
-
-Die Ziege
-
-
-Die Sache begann sehr harmlos. Als ich vor Jahren einmal mit Roswithen
-spazieren ging, fragte sie mich: »Vater, magst du gern Ziegen leiden?«
-
-Ich kann eigentlich nicht behaupten, daß ich die Reize der Ziegen
-überwältigend finde; es sind ja auch nicht gerade die schönsten und
-liebenswürdigsten Damen, die man als Ziegen bezeichnet. Ich antwortete
-also langsam, gedehnt und ohne jeden Schwung:
-
-»Nun jaaa -- hm, -- wie man's nimmt -- warum nicht?«
-
-»Ich schrecklich gern!« seufzte Roswitha. »So kleine junge Ziegen find'
-ich reizend!«
-
-Ja, wenn sie noch klein sind, sind sogar die Menschen reizend. Dachte
-ich, sagte ich natürlich nicht.
-
-Damit schien dieses Thema erschöpft.
-
-Wir hatten damals nur einen recht kleinen Garten, in dem freilich ein
-paar alte mächtige Bäume standen, eben deshalb aber Gras und Kräuter
-nur kümmerlich gediehen.
-
-Nach Monaten spazierten wir durch einen wunderschönen, riesengroßen
-Park, einen Park, dessen sich der reichste König nicht zu schämen
-brauchte, einen Park wie ein kleines Fürstentum, mit Hügeln und Tälern,
-Teichen und Tempeln, Rosenlauben und Wiesen.
-
-»Vater,« fragte Roswitha, »wenn der Mann, dem dieser Park zugehört, dir
-ihn abverkaufen wollte -- kauftest du ihn denn?«
-
-»Nein,« versetzte ich mit großer Klarheit. Ich wußte wohl, warum.
-
-»Aber wenn er ihn dir schenken wollte -- nähmst du ihn denn?«
-
-»Ja,« versetzte ich mit erhöhter Klarheit. Falsche Scham schien mir
-hier nicht am Platze.
-
-»Ich auch!« rief Roswitha triumphierend. »Und weißt, was ich denn täte?«
-
-»Hm?«
-
-»Denn kaufte ich mir 'ne süße kleine Ziege, und die ließ' ich auf der
-Wiese grasen. Denn hat sie doch genug zu essen, nicht?«
-
-»Ich denke doch.«
-
-Wir wurden durch den Schrei eines radschlagenden Pfauen abgelenkt,
-und ich machte keine Anstrengungen, das verlassene Thema wieder
-aufzunehmen. Und Roswitha schien zu fühlen: Für heute ist es genug. Man
-soll nichts forcieren.
-
-Die Lektüre seiner Kinder kann man nicht sorgfältig genug überwachen.
-Ich hatt' es daran fehlen lassen: Roswitha erwischte eine Geschichte
-mit einer Ziege darin. Es war »Heidi« von Johanna Spyri, gewiß eine
-nette Geschichte, wenn keine Ziege darin wäre, und wenn die nicht noch
-obendrein »Schneehöppli« hieße. Durch Namen fixieren wir die Begriffe,
-nageln wir sie in unserm Gedächtnis fest. Nun hatte Roswithens
-Sehnsucht einen Namen: »Schneehöppli«; nun saß die Sehnsucht fest.
-
-»Wenn ich verheiratet bin, dann kann ich doch tun, was ich will, nicht?«
-
-Sie nahm mein Schweigen für Bejahung.
-
-»-- und wenn ich denn Ludwig heirate, denn kauf' ich mir 'ne Ziege,
-und die soll »Schneehöppli« heißen. Wenn ich Fritz heirate, der will
-drei Kinder haben; aber wenn ich Ludwig heirate, der will keine Kinder
-haben, denn schaff' ich uns 'ne Ziege an.«
-
-Von Zeit zu Zeit rückte der Termin des Ziegenkaufes ein tüchtiges
-Stückchen vor. »Wenn ich groß bin, denn kauf' ich mir --« und so
-weiter. --
-
-»Wenn ich nicht mehr zur Schule gehe und 'n ganzen Tag frei habe, denn
-kauf' ich mir --« und so weiter.
-
-Roswithens ältere Schwester Herta verdiente seit einiger Zeit Geld.
-Das kam so. Meine Frau und ich sind übereinstimmend der Meinung, daß
-selbst eine sauber gespielte Sonate von Beethoven und die Fähigkeit,
-»~Comment vous portez-vous~« und »~I am very glad to see you~« und
-solche gebildeten Dinge zu sagen, für den Lebenskampf eines Weibes
-nicht ganz ausreichen. Unsere Töchter lernen deshalb einen richtigen
-Beruf, und Herta interessierte sich lebhaft für den Haushalt. Sie
-trat bei ihrer Mutter in die Lehre und mußte von der Pike auf dienen,
-wenn man das Gerät, mit dem der Fußboden gescheuert wird, eine Pike
-nennen kann. Sie bekam den Namen »Minna«, wurde mit »Sie« angeredet und
-erhielt fünfzig Taler Lohn ~pro anno~, und abgesehen davon, daß sie
-öfters der Herrschaft gegenüber einen etwas vertraulichen Ton anschlug
-und gelegentlich den Hausherrn küßte, füllte sie ihre Stelle redlich
-aus.
-
-»Wenn ich so groß bin wie Herta,« sagte Roswitha, »denn dien' ich auch
-bei euch, und denn verdien' ich auch Geld, und denn kauf' ich mir 'ne
-Ziege.« Sie mochte sich vorstellen, daß eine Ziege so einige tausend
-Mark koste, und wir hüteten uns schwer, dieses wohltätige Dunkel
-aufzuhellen.
-
-Gelegentlich vertauschte Roswitha die direkte Methode mit der
-indirekten. Sie redete dann nicht zu den Eltern, sondern zu den
-Geschwistern von Ziegen, natürlich nur, solange mindestens eines der
-Eltern in Hörweite war. Sie schilderte in lebendigen Farben das Werden
-und Wachsen, das Leben und Treiben, das Springen und Meckern -- kurz:
-der Ziegen über alles bezaubernde Schönheit und Anmut. Gelegentlich
-streifte mich von unten herauf ein forschender Blick, den ich auch dann
-sah, wenn ich sie nicht anblickte, den ich mit jenen Augen wahrnahm,
-die man im Rücken und an beiden Seiten hat.
-
-Als einmal wieder die Weihnacht nahe war, kam es zu einem kleinen
-Vorpostengefecht. Roswitha wurde nach ihren Wünschen gefragt.
-
-»Mein höchster Wunsch ist ja natürlich 'ne Ziege; aber --«
-
-»Aber, Liebling,« rief meine Frau, »wie sollen wir denn hier in der
-Stadt eine Ziege halten! Wenn wir so ein Tierchen anschaffen, muß es
-doch auch sein Recht haben! Wo sollen wir's denn unterbringen!«
-
-»Hm,« machte Roswitha mit nachdenklichem Gesicht, »in der Küche kann
-sie ja nicht sein.«
-
-»Nein,« erklärte meine Frau entschieden, »in der Küche kann sie nicht
-sein!« Dieser Versuchsballon war geplatzt.
-
-»Das arme Tierchen würde sich gar nicht wohl fühlen bei uns,«
-versicherte meine Frau.
-
-Damit hatte sie die richtige Stelle in Roswithens Herzen getroffen.
-Nein, wenn es sich nicht wohl fühlte, dann ging's nicht, das sah
-sie ein, sah sie wenigstens für einige Monate ein. Länger dauern
-menschliche Einsichten ja selten, weil inzwischen das Zuckerrohr der
-Wünsche wieder mächtig herangewachsen ist.
-
-Unglücklicherweise mußte sie über den Robinson geraten. Hatte Heidi
-eine Ziege gehabt, so hatte Robinson eine ganze Insel voll wilder
-Ziegen, aus denen er sich nur aussuchen konnte. Ich bin überzeugt, der
-arme Verschlagene erschien ihr als der beneidenswerteste der Menschen,
-weil er in Ziegen förmlich schlampampen konnte.
-
-Und dann kaufte ich ein Haus auf dem Lande, und noch eh' wir's beziehen
-konnten, fuhren wir täglich hinaus und erquickten uns an der frischen,
-unverbildeten Natur, an den duftenden Hainen und Hecken, an den
-saftiggrünen Wiesen, auf denen man endlich einmal wieder unbekleidetes
-Rindvieh sah. Und endlich nahmen wir Besitz von dem Hause und dem
-stattlichen Garten, der vier mehr oder minder ansehnliche Rasenplätze
-aufwies. Wenn Roswitha jetzt mit ihren Geschwistern von Heidi,
-Robinson, Polyphem und ähnlichen Glückspilzen sprach, dann hatten ihre
-Blicke etwas Bohrendes, Sengendes; sie gingen durch Rock und Hemd bis
-auf die Haut, wie die Sonnenstrahlen aus einem Brennglas.
-
-Um ein Ende zu machen, schenkten wir ihr einen Dackel namens Männe.
-Einen Hund zu beherbergen, zu pflegen und zu zügeln, dazu reichten
-unsere Erfahrungen und tierpädagogischen Talente allenfalls aus. Dieser
-Dackel verschaffte uns endlich Ruhe. Das klingt zwar widerspruchsvoll,
-ist aber doch richtig; die Seele hatte Ruhe.
-
-Ruhe für ein Jahr und fünf Monate. Dann wurde uns klar und klarer,
-daß Hunde nur als eine Abschlagszahlung auf Ziegen anzusehen
-sind. Vielmehr: Roswitha betrachtete Männe nur als die Summe der
-aufgelaufenen Zinsen; der Wechsel war so unbezahlt wie je.
-
-Ein Unglücksbengel aus dem Dorfe mußte ihr eines Tages erzählen, er
-könne ihr eine kleine Ziege für eine Mark fünfzig verkaufen.
-
-Aufgelöst kam Roswitha nach Hause.
-
-»Vater! Mutter! 'ne Ziege kostet bloß eine Mark fünfzig! Ich hab' ja
-fünf Mark in mei'm Spartopf; darf ich mir eine holen?«
-
-»Liebe Roswitha, es ist nicht wegen der Mark fünfzig; eine Ziege
-braucht doch auch einen ordentlichen Stall, und den haben wir nicht,
-können wir in unserm Garten auch gar nicht anbringen.«
-
-Damit war auch dieser Angriff abgeschlagen.
-
-Eine Woche später, auf einem Spaziergange, zwang sie mich plötzlich,
-meinen Schritt anzuhalten.
-
-»Vater, möchtest du dies Haus haben?«
-
-»Nicht geschenkt!« versetzte ich mit Nachdruck. Es war eine sogenannte
-»Villa« im denkbar schauerlichsten Maurermeisterstil.
-
-»Ich möcht' es haben!« hauchte sie sehnsuchtsvoll.
-
-»Nanu?« rief ich. Ich sah mir unwillkürlich den Zementphantasieschrank
-noch einmal an. »Warum denn?«
-
-»Dahinter ist 'n Stall,« sprach sie andachtsvoll.
-
-Das Verhängnis ging seinen Gang wie in einem Schicksalsdrama.
-Nachbarkinder, mit denen Roswitha gelegentlich spielte, bekamen eine
-Ziege zum Geschenk.
-
-Das hatte ein Gutes: wenn Roswitha weder im Hause noch im Garten zu
-finden war, wir brauchten uns nicht zu ängstigen, wir brauchten nur zu
-der nachbarlichen Ziege zu gehen, da war sie. Sie mußte von der Ziege
-weg zum Essen, sie mußte von der Ziege weg ins Bett geschleift werden.
-
-Und eines Morgens beim Frühstück begann sie:
-
-»Vater, ich weiß was. Unten im Keller haben wir doch so 'ne große
-Bücherkiste, nicht?«
-
-»Ja!«
-
-»Da machen wir einfach 'ne Tür hinein, und denn ist das 'n Ziegenstall.«
-
-Da riß mir die Geduld.
-
-»Roswitha,« sagte ich ernst, »nun hörst du endlich auf mit deiner
-Ziege, nun hab' ich's satt. Du bekommst keine Ziege, und damit basta.
-Schrumm!«
-
-»Schrumm« hätte ich vielleicht nicht sagen sollen; es paßt nicht in den
-Ernst eines Ultimatums.
-
-Aber die Absage wirkte. Roswitha sprach weder von Stall noch Ziege
-mehr, nicht einmal andeutungsweise, nicht einmal zu den Geschwistern.
-Sie ging fortan still einher, aber nicht etwa traurig, nicht etwa
-gedrückt, nein, nur mit der stolz zusammengerafften Kraft eines
-Entsagenden, der das Unvermeidliche trägt, weil es getragen werden
-muß, und sich für die verlorenen Freuden der Welt durch gesteigertes
-Innenleben entschädigt.
-
-Es war ja vielleicht etwas hart von mir, ihr die Erfüllung ihres
-sehnlichsten Wunsches zu versagen. Aber meine Frau sowohl wie ich
-haben nach Begabung und Lebensgang so entsetzlich wenig mit Viehzucht
-gemein, daß wir uns geradezu davor fürchteten, uns so ein Geschöpf
-auf den Hals zu laden. Und schließlich soll man seinen Kindern doch
-auch nicht jeden Wunsch erfüllen. Sie werden ja schon ohnedies viel zu
-sehr verwöhnt. Es kann ihnen gar nichts schaden, wenn sie einmal mit
-ungestümer Nase gegen eine verschlossene Tür rennen. Das Leben wird
-ihnen mehr solcher Türen zeigen. Roswitha schien durch ihren Verzicht
-gesetzter, ihre Augen, ihr ganzes Gesicht schien seelenvoller geworden
-zu sein.
-
-Meine Frau und ich kamen spät in der Nacht aus fröhlicher Gesellschaft
-heim und wollten uns eben zur Ruhe begeben, da sahen wir auf dem
-Nachttischchen einen Brief liegen. Auf dem Umschlag stand: »An Mammi
-und Pappi« von Roswithens Hand. Wir öffneten und lasen gemeinsam:
-
- »Meine süßen geliebten Wonne-Eltern bitte bitte schenkt mir
- doch eine ganz kleine Ziege, ich will auch gar nichts zu meinem
- Geburztag und zu Weinachten haben und ich will mir auch schrecklich
- Mühe in der Ortografi geben, Du sollst sehen, Mammi, wenn ich groß
- bin, schreib' ich gans richtich, und ich will auch ein guter
- Mensch werden und garnicht mehr heftig und jezornig sein. Ich
- bitte euch so schrecklich, schenkt mir 'ne Ziege, wenn Mutti mich
- unterrichtet denk ich immer blos an die Ziege. Tausend Billionen
- Küsse von eurer
-
- Roswitha.«
-
-Was soll ich weiter sagen -- am nächsten Morgen bewilligten wir die
-Ziege. Die Wirkung war von ungeahnter Art. Roswitha wollte auf uns
-zueilen; aber plötzlich warf sie sich auf einen Stuhl und brach in ein
-herzbrechendes Schluchzen und Wimmern aus.
-
-Entsetzt liefen wir hinzu: »Was ist denn? Was fehlt dir, Kind?«
-
-»Uuhuhuhuu, ich freu' mich so -- ich freu' mich so, uuhuhuhuuu!«
-
-Solange sie um ihre Ziege gerungen hatte, hatte sie nie -- das mußte
-man ihr lassen -- hatte sie nie versucht, durch Tränen auf meine
-Stimmung zu drücken. Jetzt brach die aufgestaute Flut mit Allgewalt
-hervor.
-
-Sobald sie sich beruhigt hatte, machte sie sich auf den Weg, um den
-Jungen mit der Fünfzehn-Groschen-Ziege zu suchen. Sie fand ihn auch,
-und er verpflichtete sich hoch und heilig, am folgenden Tage die Ziege
-zu liefern. Wenn die folgende Nacht ihr die Wiesen des Traumes zeigte,
-so waren sie gewiß alle, alle voll Ziegen.
-
-Der folgende Tag kam, aber mit ihm kein Junge und keine Ziege. Sie
-harrte geduldig bis in den sinkenden Abend und sagte dann: »Na, er hat
-wohl keine Zeit gehabt: er kommt morgen gewiß; er hat es mir ganz fest
-versprochen.«
-
-Allein der meineidige Bube kam auch am folgenden Tage nicht. Roswitha
-suchte ihn durchs ganze Dorf, viele Stunden lang, aber vergebens; nach
-seiner Wohnung hatte sie im Taumel der Freude nicht gefragt. Sie ging
-schweigend zu Bett; aber als meine Frau sie in der Frühe weckte, war
-ihr Kopfkissen naß von Tränen.
-
-»Hast du heute nacht geweint, Kind?« fragte die Mutter.
-
-»Ich weiß nicht,« antwortete Roswitha. Sie wußte es wirklich nicht.
-
-Inzwischen war ein provisorischer Stall gezimmert worden, und es
-war die Nachricht eingetroffen, ein Bauer im Dorfe habe Ziegen zu
-verkaufen. Da zogen Herta, Roswitha und Männe mit einem Blockwagen aus,
-um eine Ziege zu suchen, und fanden ein Königreich. Eine gute halbe
-Stunde später -- Männe als Läufer mit fliegender Zunge vorauf -- hielt
-Höppli (so wurde er der Kürze wegen genannt), von den beiden Mädeln
-gezogen, im Triumphblockwagen seinen Einzug. +Seinen+ Einzug; Höppli
-war nämlich ein kleiner Bock.
-
-Ich muß gestehen, daß mich bald ein Reuegefühl über meine lange,
-hartnäckige Weigerung ergriff. Es war ein schneeweißes und wirklich
-allerliebstes Tierchen; Roswitha hängte ihm ein seit Jahren bereit
-gehaltenes, gesticktes Halsband mit einem Glöckchen um, und in seinen
-Sprüngen war der ganze, entzückend ahnungslose Humor eines jungen
-Mannes. Und wenn Roswitha das Tierlein auf den Schoß nahm und ihm die
-Saugflasche gab, und Männe die vorbeifließenden Tropfen leckte, dann
-versammelte sich nicht nur die ganze Familie zu dieser feierlichen
-Handlung, nein, die Leute auf der Straße blieben staunend stehen und
-riefen: »Nein, wie ist das reizend!« Dann sprang Roswithas Herz genau
-wie das Böcklein.
-
-Wenn aber Höppli durch die Straßen spazieren sprang, dann folgte ihm
-ein Ehrengeleite von 23 Nachbarskindern, ganz wie bei einem Kaiser
-oder König, und besonders dekorativ wirkte Peter Petersen in Helm
-und Panzer der Gardekürassiere und mit dem Daumen im Munde. Höppli
-war die Sensation der Straße, war der Clou der Saison, und als das
-23er-Kollegium erklärte, Höppli sei noch viel schöner als jene
-Nachbarsziege, die inzwischen eine alte Ziege geworden war, da stand
-Roswitha auf dem Gipfel ihres Glückes.
-
-Indessen: Roswitha hatte täglich drei oder vier Stunden Unterricht bei
-der Mutter, mußte außerdem Klavier spielen, gelegentlich zum Turnen
-oder Zeichnen gehen und auch sonst allerlei außer dem Hause besorgen.
-Es fiel Höppli nicht im Traume ein, sich das stillschweigend gefallen
-zu lassen; er verlangte Gesellschaft. Zwar widmete Männe sich ihm mit
-der weisen Nachsicht und Güte eines gereiften Pädagogen; aber Höppli
-verlangte Damengesellschaft. Und wenn die nicht da war, so begann er
-augenblicklich in Zwischenräumen von vier Sekunden zu meckern. Das
-fanden wir während der ersten zehn Minuten furchtbar komisch, während
-der zweiten langweilig, während der dritten lästig und während der
-vierten zum Rasendwerden. Und Höppli wuchs, und mit ihm wuchs seine
-Stimme. An der Hand meines Chronometers stellte ich fest, daß er 15
-mal in einer Minute meckerte, das macht in der Stunde 900; wenn man
-täglich nur sechs Stunden des Alleinseins rechnete, für den Tag 5400,
-für die Woche 37800 mal.
-
-Die Klavierstunden mußten abgebrochen werden; ein Musizieren war
-natürlich nicht möglich. Meine Frau mußte mit ihrer Schülerin in den
-bombenfesten Vorratskeller flüchten. Ich zog mich, um arbeiten zu
-können, ins hintere Turmzimmer zurück, allein vergeblich; wenn ich
-auch physisch kein Meckern vernahm, mein inneres Ohr hörte pünktlich
-jede vierte Sekunde ein deutlich vernehmbares »Mäh!« Drei lyrische
-Produkte dieser Zeit kamen tot zur Welt; ein Roman starb als Embryo,
-ein Trauerspiel bereits im Keime. Nicht jeder Bocksgesang wird zur
-Tragödie: das hatte ich schon vorher an der erotischen Dramatik unserer
-Tage wahrgenommen.
-
-Aber das alles war noch Kinderspiel. Hübsch wurde es erst, als die
-Nachbarschaft -- und mit Recht -- sich empörte. Der Nachbar zu unserer
-Linken holte sein Grammophon, das er mir zu Gefallen eingewickelt
-hatte, wieder hervor, stellte es ans offene Fenster und ließ es
-zehnmal stündlich »Das Herz am Rhein« singen. Ein anderer brannte
-allabendlich Kanonenschläge ab, die sehr gut gearbeitet sein mußten.
-Ein dritter, der ein fabelhaft stimmbegabtes Baby hatte, stellte es
-in seinem Kinderwagen hart an den Zaun meines Gartens. Es schrie
-etwas abwechslungsvoller als der Ziegenbock, und das erfrischte
-vorübergehend; aber auf die Dauer wurde es doch eintönig und so lästig,
-daß ich verzweiflungsvoll zu meiner Frau sagte:
-
-»Jetzt haben wir uns gefreut, daß wir kein Babygeschrei mehr um die
-Ohren haben; aber wenn's doch den ganzen Tag brüllt, dafür können wir
-selbst eins haben!«
-
-»Ja,« sagte meine Frau.
-
-Ich hätte ja das Tier während der Nacht heimlich wegbringen und am
-Morgen sagen können, es sei entlaufen; aber vor den Augen eines Kindes
-Komödie spielen -- das ist schwer und schlimm. Es war auch nicht nötig:
-Roswitha hatte bereits eingesehen, daß Höppli sich durch sein Benehmen
-unmöglich mache. Eine ihrer Freundinnen erklärte sich mit Freuden
-bereit, das Böcklein zum Geschenk zu nehmen -- kein Augenblick meines
-Lebens hat mich freigebiger gefunden. Unverzüglich wurde Höppli zur
-Bahn befördert; wer schnell gibt, gibt doppelt.
-
-Als aber durch den Novembernebel von weitem das Weihnachtsfest
-herandämmerte, da schrieb Roswitha auf ihren Weihnachtswunschzettel:
-
- Ein Kaleidoßkob.
- Ein Indianer-Anzug.
- ×××××××Das Versprechen, das ich im Sommer
- wieder auf 14 Tage eine Ziege
- haben darf.
-
-(Die sieben Kreuze sollten diesen Wunsch entsprechend hervorheben.)
-
-Ueber eines bin ich vollkommen beruhigt: Dieses Kind wird in seinem
-Leben etwas erreichen, wenn auch vielleicht keine vollkommen tadellose
-Orthographie.
-
-Und über noch eines bin ich mir vollkommen klar: Sie ist ein Weib.
-Wenn es nicht ohnedies feststünde -- ihr Kampf um die Ziege macht ihre
-Weiblichkeit evident. Ich habe erwogen, ob ich diese kleine Geschichte
-nicht überschreiben solle:
-
- »+Die Ziege+« oder »+Das Weib+«.
-
-In Roswithen ist jenes Weibliche der Lady Macbeth, das einen rauhen
-Kriegsmann herumkriegt, jenes Weibliche der Gräfin Terzky, das ein Loch
-in einen Wallenstein bohrt, jenes Weibliche der Kriemhild, das einen
-Attila bezwingt. Gewiß: Roswithens gutes, weiches Herz wird niemals zum
-Hochverrat, wird niemals zum Königs- und Burgundenmord aufstacheln;
-aber »formal« ist sie eine Lady Macbeth. Natürlich ist ihre Weibnatur
-noch unentwickelt. Sie würde noch unumwunden zugeben, daß sie sich
-sehnlichst eine Ziege gewünscht habe. Ein vollkommenes Weib wird
-sie erst dann sein, wenn sie auf die entsprechende Vorhaltung weit
-aufgerissenen, starr blickenden Auges und nach zehn Sekunden staunenden
-Verstummens ausrufen wird:
-
-»+Ich+ mir eine Ziege gewünscht? +Ich+? Aber keine Idee, Liebling! Wie
-kommst du nur darauf?!«
-
-
-
-
-Die späte Hochzeitsreise
-
-
-Als sie sieben Jahre verheiratet waren, machten sie ihre
-Hochzeitsreise. Es ging nicht eher. Sie hatten nämlich geheiratet,
-als er ein Einkommen von fünfzehnhundert Mark jährlich hatte. Das
-kann man Frechheit nennen; man kann es aber auch Liebe nennen. Zwar
-erhielt er nach etwa einem Jahr ein Schriftstellerhonorar, für das sie
-hätten reisen können, wenn nicht ein Kind gekommen wäre und sofort die
-Hand auf dieses Geld gelegt hätte. Im nächsten Jahre aber gelang es
-ihm, als Vorleser bei einem alten Herrn einen hübschen Nebenverdienst
-zu erwerben, der gerade für das zweite Kind reichte. Da fiel ihm im
-dritten Jahre ein Preis für eine wissenschaftliche Arbeit zu, für den
-sie sicher eine Reise gemacht hätten, wenn das diesjährige Kind das
-Geisteskind nicht aufgewogen hätte. Die nächsten zwei Jahre brachten
-keinen Nebenverdienst und nur ein Kind.
-
-Als er dann aber zum zweiten Male einen Preis errang und als sein
-Gehalt um zweihundert Mark erhöht wurde, und als ihre Ehe schon zwei
-Jahre lang unfruchtbar gewesen war, da beschlossen sie, für dreihundert
-Mark eine Reise nach Thüringen zu machen.
-
-»Deutschland ist das Herz Europas«, das hatte er als kleiner Junge in
-der Schule gehört. Es klang etwas anmaßend; aber ein Deutscher mocht'
-es immerhin glauben. Thüringen mußte nach allem, was er davon gehört
-und in Bildern gesehen hatte, das deutscheste Land der Deutschen, mußte
-das Herz des Herzens sein. Und dort zog es die beiden hin.
-
-Siebenundfünfzig Abende hindurch arbeitete er an den Plänen, und bei
-allem mußte er denken: Was wird sie für Augen machen, wenn sie das
-sieht! Hätte er alle Genüsse dieser Gedankenreise bezahlen müssen --
-ein langes Leben voll Arbeit hätte nicht gereicht, die Zinsen dieser
-Schuld zu erzwingen. In den letzten Tagen ging er wirklich daran, die
-Kosten zu berechnen. Da fand sich, daß, wenn er sehr sparsam zu Werke
-gehe, etwa ein Zehntel seiner Pläne verwirklicht werden könne.
-
-Und in den letzten Tagen wurde sein tapferes Weibchen feige. Der Junge
-hatte so heiße Wangen, und das Jüngste habe in der letzten Nacht
-einmal gehustet. Ihr Herz konnte sich nicht von den Kindern lösen. Er
-stellte ihr vor, wie sehr sie einer Erholung bedürfe -- das verschlug
-gar nichts. Da spielte er mit roten Backen und glänzenden Augen den
-vollständig Abgespannten, Uebermüdeten, Niedergebrochenen. »Es gibt
-für eine Familie keine bessere Kapitalsanlage als die sorgfältigste
-Pflege des Ernährers,« machte er ihr klar. Das sah sie ein. Der
-Abschied von den Kindern, die unter der Obhut ihrer Schwester blieben,
-war nichtsdestoweniger noch eine Katastrophe und erschien ihr wie
-bethlehemitischer Kindermord.
-
-Aber in der Eisenbahn wurde sie völlig anderen Sinnes. Es ist etwas
-Eigenes um die Eisenbahn. Sie hat etwas Fortreißendes, Unerbittliches,
-Unwiderrufliches. Aussteigen während der Fahrt ist bei Schnellzügen
-nicht anzuraten, und so findet man sich schnell in das Unabänderliche.
-Auch sie erfaßte nun der ganze, springende Jubel des Losgebundenseins,
-der den Reisebeginn zu einer so unvergleichlichen Freude macht, und die
-beiden benahmen sich wie ausgerissene Schulkinder. Zwei Minuten lang
-saßen sie rechts, drei Minuten lang links; fünf Minuten lang fuhren
-sie vorwärts, vier Minuten lang rückwärts; bald saß sie auf seinem
-Schoß, bald er auf ihrem, bis sie ihn aufstöhnend fortstieß: »Uff, geh'
-weg, du dicker Mensch!« -- Dann lachten sie, dann küßten sie sich,
-dann tanzten sie, dann küßten sie sich wieder, kurz: es war ein großes
-Glück, daß sie das Abteil ganz für sich allein hatten.
-
-Als der Zug zum ersten Male hielt, öffnete ein Mann die Tür und
-machte Miene einzusteigen. Das Gesicht der jungen Frau zeigte
-grenzenlose Ueberraschung, wie wenn jemand ungerufen bei einer Königin
-eingetreten wäre; seine Augen aber schleuderten Blicke, die auch der
-eingefleischteste Optimist nicht als Einladung auffassen konnte. Ueber
-das Gesicht des Fremden huschte ein lächelndes Verstehen: Aha --
-Hochzeitsreisende! Er schloß die Tür und suchte sich einen andern Platz.
-
-»Das ist ein guter Mensch!« sprach sie mit frommer Rührung.
-
-»Ein vornehmer Charakter,« bestätigte er.
-
-Aber als sie weiterfuhren, kamen sie in eine Gegend mit gemeinen
-Charakteren, die einstiegen und lange sitzen blieben. Wann werden wir
-endlich Kupees für Hochzeitsreisende haben!
-
-Auf dem Bahnhof einer großen Station nahmen sie das Mittagsmahl ein.
-Suppe, Fisch, Braten und Pudding für eine Mark fünfundsiebzig. Er
-betastete das dicke Portemonnaie in seiner Tasche und bestellte eine
-halbe Flasche Mosel.
-
-»Hast +du+ dir das jemals träumen lassen, daß wir noch einmal wie die
-Fürsten dinieren würden?« flüsterte er ihr ins Ohr.
-
-»Nein!« sagte sie mit langsamem Kopfschütteln und blickte träumend über
-ihr Glas hinweg ins Weite.
-
-Er kam sich vor wie ein Parvenu und gelobte sich, seinen Wohlstand mit
-Geschmack zu tragen.
-
-Die Nichtswürdigkeit der Bevölkerung schien mit dem Quadrat der
-Entfernung zu wachsen; bald saß das ganze Kupee voll, und draußen
-im Schatten waren es dreißig Grad. Zwei dicke Bauernweiber saßen da
-in dicken Wollkleidern und die Köpfe in dicke Wolltücher gewickelt;
-sie wollten nicht dulden, daß ein Fenster geöffnet werde. Darüber
-geriet ein cholerischer Herr in die größte Aufregung; aber unser Paar
-vermochte kein Mitgefühl für ihn aufzubringen; denn erstens: warum
-war er eingestiegen? und zweitens: wie kann man sich ärgern, wenn man
-durch lauter Sonne fährt, wenn man sozusagen geradeswegs in die Sonne
-hineinfährt?
-
-So kamen sie nach Eisenach, und bevor sie ein Hotel suchten, suchten
-sie mit ihren Blicken die Wartburg. Da ragte sie aus Waldwipfeln empor
-ins Abendlicht. Welcher Deutsche sucht nicht schon in Kindertagen mit
-den Augen der Seele die Wartburg? Von weitem hörten sie die Stimme
-Walthers von der Vogelweide und Wolframs von Eschenbach, sahen sie
-das stille Gemach des Bibelübersetzers und sahen sie die flammenden
-Feuer der Burschenschaft wie brausenden Aufschwung junger Herzen in
-altgewordener, bittertrauriger Zeit.
-
-Und tief enttäuscht waren sie, als sie am folgenden Tage mit vielen
-andern durch die Räume der Burg geführt wurden und der »Führer« in
-schauderhaftem Deutsch allerlei ungewaschenes, unnützes Zeug schwatzte.
-Warum gab man den Besuchern nicht einen Zettel mit dem Nötigsten in
-die Hand? Wenn man ihnen schon ein Notwendiges zum Schauen nicht
-gewähren kann: Einsamkeit, warum gewährt man ihnen nicht wenigstens
-das Notwendigste: Schweigen? Wer spricht denn laut, wenn Wolfram singt
-und Dr. Martinus sinnt? Und wenn zwei Liebende das Geschenk solcher
-Stunden mit einem einzigen, einem verdoppelten Herzen empfangen, und
-wenn eines von ihnen, in der Furcht, es möchte dennoch dem andern ein
-Hauch des Glückes entgehen, den Mund auftun muß, wird er nicht flüstern
-vor der Gegenwart des Vergangenen? Wie wenig, deutsches Volk, kennst du
-deine Schätze, wenn du sie nicht besser zu zeigen verstehst!
-
-So waren sie nicht in der Wartburg, als sie drinnen waren; erst als sie
-wieder bergab stiegen und zwischen grünem Laub nach ihr zurückschauten,
-da lag sie wieder vor ihnen im Morgenrot der Sage, da wagten sie wieder
-einzutreten und ein Jahrtausend lang durch ihre Räume zu wandeln.
-
-Und Gott sei Dank! Vor dem Denkmal Johann Sebastians störte niemand den
-Zwiegesang ihrer Herzen, mischte sich niemand ein, als sie entrückten
-Ohres singen hörten: »Kommet, ihr Töchter, helft mir klagen« und »Wir
-setzen uns mit Tränen nieder«.
-
-Auf dem Markte kauften sie Kirschen, und am Abend saßen sie am offenen
-Fenster ihres Hotelzimmers, sahen den Mond aus dem Hörselberge
-hervorsteigen und schoben die besten Kirschen, die sie fanden, einander
-in den Mund. Oder sie faßte den Stiel einer Kirsche mit den Zähnen, und
-er pflückte mit dem Munde die Frucht von ihren Lippen.
-
-»Sind wir nicht viel zu verliebt für so alte Eheleute?« fragte sie
-furchtsam.
-
-»Wenn du noch einmal so etwas sagst, benehme ich mich gesetzt,« drohte
-er.
-
-»Hast du mich noch so lieb wie vor sieben Jahren?« fragte sie, die
-Hände auf seine Schultern legend.
-
-»Siebenmal so toll,« sagte er. »Und so wird es weiter wachsen mit den
-Jahren.«
-
-»Allmächtiger!« rief sie erschrocken. Aber dann schmiegte sie sich in
-seinen Arm und fragte: »Glaubst du, daß schon jemals ein Paar eine so
-schöne Hochzeitsreise gemacht hat?«
-
-»Nie!« versetzte er mit vollkommener Bestimmtheit. Und er mußte wieder
-sinnend in die Vergangenheit blicken, die im Mondlicht auf den Bergen
-lag. Er machte eine Hochzeitsreise! Mit voller Börse! An der Seite
-eines solchen Weibes sah er Thüringen, die Wartburg, sollte er Weimar
-sehen, Weimar! Und jetzt, in diesem reizenden Hotelzimmer, saß er mit
-ihr allein am Fenster! Bei solchem Mondschein! Und aß die schönsten
-Kirschen! Du lieber Gott, wie viele Menschen gab's denn, denen +das+
-zuteil wurde!
-
-»Und es ward aus Abend und Morgen ein Tag«; wer immer im Rausch ist,
-der bedarf kaum des Schlafes; sie nippten vom Schlaf wie Vögel aus dem
-Bach: ein Tröpfchen und husch -- davon! Es war nicht ein Rausch wie
-vom Wein, nein: viel leichter und darum viel seliger, ein Luftrausch,
-ein Lichtrausch, ein Lebensrausch. Sie entschlummerten spät unter
-halbgeträumten Worten, und ihr frühes Erwachen war nur ein anderer
-Traum.
-
-Freilich, im Lichtrausch kann man sich übernehmen, wenn es sich um
-physisches Licht handelt: das sollten sie erfahren. Sie hatten sich
-beim Frühstück verspätet -- es plauschte sich so unendlich gut mit ihr
-beim Morgenimbiß -- und machten sich erst um neun auf den Weg. Alles,
-wessen sie auf ihrer kurzen Reise bedurften, führten sie mit sich;
-eine strotzende Reisetasche hatte er sich umgehängt; ein Köfferchen
-trugen sie bald gemeinsam, bald trug er's allein. Sie hätten es wohl
-mit der Post vorausschicken können; aber man mußte sparsam sein. Es war
-eine seiner Schwächen, daß er sich ein Talent zum Sparen einbildete.
-So schritten sie schlank ein munteres Tal hinauf, ein Tal voll
-blinkender Wasser unter hängendem Gezweig, voll moosiger Felsen und
-blitzender Schwalben, ein Tal voll Sonntag. Die Burschen standen im
-Sonntagsputz vor den Türen zusammen und schmauchten mit feiertäglicher
-Umständlichkeit; die Mädchen schafften noch an Herd und Brunnen, im
-Gang und im Blick schon den kommenden Tanz. Was Wunder, daß unser Paar
-alsbald zu singen begann. Und was anders konnten sie singen als:
-
- »Ich hört' ein Bächlein rauschen
- Wohl aus dem Felsenquell,
- Hinab zum Tale rauschen
- So frisch und wunderhell«
-
-und
-
- »Eine Mühle seh' ich blinken
- Aus den Erlen heraus,
- Durch Rauschen und Singen
- Bricht Rädergebraus«
-
-und das seltsame Lied mit der wundersamen Stelle:
-
- »Und da sitz' ich in der großen Runde,
- In der stillen, kühlen Feierstunde,
- Und der Meister spricht zu allen:
- Euer Werk hat mir gefallen«
-
-ein Lied, das aus der Werkstatt kommt und wie aus einer Kirche klingt
-und uns mit unbegreiflichem Zauber offenbart, daß Arbeit Schönheit
-und daß Ruhe nach der Arbeit ein frommer Gesang ist. Nie begreift,
-wer es aus solchen Liedern nicht begreift, daß es ein eigenes Ding
-ist um das deutsche Vaterland. Ja, sie waren altmodisch, diese beiden
-Hochzeitsreisenden; sie sangen Franz Schubert und Wilhelm Müller, die
-man in unseren Konzerten kaum noch hört, weil sie nicht neu genug sind.
-Hier waren ihre Lieder jedenfalls neu; hier sprangen sie plätschernd
-aus dem Stein hervor; hier wuchsen sie ihnen von jedem Zweig wie
-Kirschen in den Mund; hier sang sie jeder Vogel, und jeder Fels hallte
-sie wider. Da, vor dem Tor am Brunnen, stand der Lindenbaum, und da --
-horch:
-
- »Von der Straße her das Posthorn klingt!
- Was hat es, daß es so hoch aufspringt,
- Mein Herz?«
-
-Und als der siebenjährige Ehemann im Walde sang:
-
- »Durch den Hain, durch den Hain
- Schalle heut +ein+ Reim allein:
- Die geliebte Müllerin ist mein, ist mein!«
-
-da klang es so merkwürdig, daß die zwanzig Schritt vor ihm herwandelnde
-Geliebte stehen bleiben und sich nach ihm umschauen mußte, obwohl sie
-nie in ihrem Leben Müllerin gewesen war. Er aber machte die zwanzig
-Schritt in dreien, warf den Koffer ins Moos und gab ihr einen einzigen
-Kuß, der aber unter Verliebten seine zwölfe wert war.
-
- »O Kuß in eines Walds geheimstem Grund!
- Fernoben über Wipfeln rauscht die Welt
- Und weiß es nicht, daß unten, Mund auf Mund,
- Zwei Welt- und Selbstvergessene versinken!
- Der Lippen Duft wie junges Tannengrün,
- Und tief im trunken-stillen Blick ein Licht,
- Das hoch herab von heiliger Wölbung fällt!
- O sternendunkler Abgrund, ende nicht
- Und laß uns ewig deine Dämm'rung trinken --«
-
-Indessen: der Abgrund tat ihnen nicht den Gefallen; sie traten aus dem
-Hain auf eine Chaussee. Chausseen können sehr schön sein, wenn sie
-wollen; aber gewöhnlich wollen sie nicht. Es war Mittag geworden, und
-bis zu dem Orte, wo sie die Eisenbahn erreichen wollten, waren es noch
-zwei Stunden. Nach ungefährer Schätzung mußten es jetzt einige Grade
-über dreißig im Schatten sein; aber das interessierte hier um deswillen
-nicht, weil die Chaussee keinen Schatten hatte. Immerhin konnte man,
-wenn man nicht kurzsichtig war, das Ende der Landstraße absehen, und
-dann -- überhaupt: konnte man +sie+ mit Sonnenschein schrecken? »Sonne
-ist gerade was Feines,« riefen sie und schritten mit höhnischem
-Trotz in den Zügen fürbaß. Sie schätzten die in weißglitzerndem
-Lichte vor ihnen liegende Straße auf eine gute Viertelstunde; aber
-man unterschätzt diese Landstraßen. Nach einer guten halben Stunde
-erreichten sie das Ende; aber dieses Ende war ein neuer Anfang.
-
- »So knüpfen ans fröhliche Ende
- Den fröhlichen Anfang wir an«
-
-sang er, und sie schritten weiter. Vorsichtiger geworden, schätzten
-sie das vor ihnen liegende Stück auf eine kleine halbe Stunde; aber
-man unterschätzt diese Landstraßen. Nach dreiviertel Stunden kamen sie
-endlich ans Ende; aber dieses Ende war ein neuer Anfang. Sie waren
-offenbar auf einen weiten Umweg geraten; die Augen eines jungen Weibes
-sind eben keine Landkarte. Sie schritten weiter; aber singen tat er
-nicht mehr; das Klima war der Stimme nicht günstig. Immerhin war es ein
-Trost, daß das Stück vor ihnen höchstens eine halbe Stunde sein konnte;
-aber man unterschätzt diese Landstraßen. Selbstverständlich trug der
-sparsame Mann schon seit langem das ganze Gepäck; aber das drückte
-ihn nicht; ihn drückte das Gefühl: sie überanstrengt sich. Freilich
-versicherte sie auf seine Fragen immer wieder lachenden Gesichts, sie
-fühle sich vollkommen wohl und frisch; aber das beruhigte ihn nicht;
-sie, die Wahrhaftigkeit selbst, konnte, wenn es ihm Beschwerden zu
-verbergen galt, lügen wie ein Dichter, das wußte er. Nach dreiviertel
-Stunden sahen sie Dächer. Ha, das Ziel! Als sie aber an das Dorf kamen,
-da hieß es ganz anders. Sie erfuhren, daß sie bis zu ihrem Ziel »nur«
-noch eine halbe Stunde zu gehen hätten. Er wollte sie überreden, in
-diesem allerdings wenig versprechenden Dorfe zu rasten; aber sie sagte:
-»Wenn ich jetzt sitze, steh' ich nicht wieder auf. Jetzt halten wir
-schon aus bis ans Ende.« So war sie. Wenn sie die Ausdrucksweise der
-Landbewohner besser gekannt hätten, hätten sie gewußt, daß diese immer
-nur halb mit der Sprache herauskommen. Nach einer halben Stunde sahen
-sie den ersehnten Ort aus der Ferne. Er vertrieb ihr und sich die Zeit
-mit einem anmutigen Spiel. Bei jedem fünften Schritt nickte er mit dem
-Kopfe, und dann fiel von seiner Stirn ein Schweißtropfen in den Sand.
-Eins, zwei, drei, vier, fünf -- ein Tropfen; eins, zwei, drei, vier,
-fünf -- ein Tropfen usw. Sie lachte, und so kamen sie endlich in den
-erstrebten Ort, in das erhoffte Wirtshaus, in die ersehnte schattige
-Stube und auf die in visionären Wüstenträumen erschaute Bank. So. Der
-Rest war Schweigen. Hier wollten sie den Rest ihrer Tage verbringen.
-Hier sollte man sie abholen, wenn man sie einmal begraben wollte.
-
-Sie stützten den Kopf in beide Hände und starrten einander an wie
-zwei, die sich schon irgendwo einmal gesehen haben müssen. Der Kellner
-fragte, ob die Herrschaften etwas zu speisen beliebten.
-
-»Trinken,« gurgelte er.
-
-»Wasser,« sagte sie drei Minuten später.
-
-»Mit Kognak!« fügte er nach zwei Minuten schnell hinzu.
-
-Dann schob er ihr ein Stückchen von dem dreimal wöchentlich
-erscheinenden Kreisblatt zu, das auf dem Tische lag und das heute, am
-Sonntag, mit zwei Seiten Text und vier Seiten Anzeigen erschienen war.
-Er las, daß der Bauer Henneberg ein Paar Ochsen billig verkaufen wolle.
-Sie las, daß Dr. Miquel einen Urlaub angetreten habe. Dann las er, daß
-Frau Hasenbek feine Herrenwäsche übernehme. Und dann las sie, daß der
-Amtsgerichtssekretär Ranke in den Ruhestand getreten sei. Und dann las
-er wieder, daß der Bauer Henneberg ein Paar Ochsen billig verkaufen
-wolle; denn vordem hatte er es nicht ganz erfaßt. So saßen sie zwei
-Stunden lang einander gegenüber. Dann dachten sie ans Essen und erhoben
-sich, um sich von dem Staub der Wanderung zu befreien. Als sie zur Tür
-schritten, machten sie in ihren Bewegungen jenen rührenden Eindruck,
-den wir bei Betrachtung Philemons und seiner Baucis empfangen.
-
-»An diesem Tage gingen sie nicht weiter.« Sie fuhren mit der Eisenbahn,
-und als sie in ihr Zimmer geführt wurden, erlebten sie ein Wunder.
-Unter ihrem Fenster, unter mächtigen Bäumen rauschte der Bach über ein
-breites Wehr. Da standen sie nun und waren ganz befangen von solchem
-Zauber. Der Niederdeutsche kennt kein rauschendes Wasser. Er hat
-breite, stillfließende Wasser und brüllende, donnernde Meerflut; aber
-er kennt nicht den ewigen Gesang rauschender Bäche, kennt nicht diese
-unermüdlichen Märchenerzähler des Gebirges, die von den Höhen, aus den
-Wäldern kommen mit immer neuer, nie gehörter Sage. Und so konnten sie
-sich, so müde sie waren, nicht satt trinken an diesem Gesang, aus dem
-sie immer und immer wieder deutliche Worte zu vernehmen glaubten,
-und als sie sich schon zur Ruhe gelegt hatten und sie leise vor sich
-hinsang:
-
- »Was sag' ich denn vom Rauschen?«
-
-da fiel er sogleich ein:
-
- »Das mag kein Rauschen sein!
- Es singen wohl die Nixen
- Tief unten ihren Reih'n --«
-
-und so verflocht sich ihnen der sanfte Zauber des Abends mit dem frohen
-Wanderglück der Frühe, und es ward aus Abend und Morgen ein andrer Tag.
-
-Auf der nächsten Station ihrer Reise stürzten sie nach dem Postamt. Es
-waren Briefe da von Hause! Auch einer von ihrer Schwester! Sie riß das
-Kuvert auf und las. Er stand ein wenig hinter ihr und sah, wie ihr eine
-dicke Träne die Wange herunterlief.
-
-»Ist was geschehen?« rief er.
-
-»Nein, nein,« rief sie lächelnd.
-
-Ach so! Die Schwester berichtete natürlich über die Kinder, und da
-regten sich Sehnsucht, Heimweh und Gewissen im Herzen dieser neuen
-Medea, dieser Doppel-Medea; denn sie hatte vier Kinder! Er sagte sich,
-daß er als Reisemarschall diesem Rückfall durch besondere Munterkeit
-und ein besonders hinreißendes Tagesprogramm begegnen müsse. Sie
-reichte ihm den Brief; er war zur Bestätigung der Angaben der Tante von
-sämtlichen Kindern »eigenhändig« unterzeichnet, auch vom zweijährigen.
-
-»Fabelhaft begabtes Geschlecht!« rief er.
-
-Aber die Kindesmörderin aus Vergnügungssucht reagierte nicht auf
-seinen Scherz; sie wandte sich ab und befaßte sich eingehend mit ihrem
-Schnupftuch. Und -- o weh! -- als sie wieder ins Freie traten, da
-weinte auch der Himmel über seine Kinder! Und ganz im Verhältnis ihrer
-Anzahl! Flucht ins Hotel -- das war der einzige annehmbare Gedanke.
-
-Da saßen sie nun am offenen Fenster und freuten sich am Regen und
-freuten sich, wenn die Bergkuppen aus den Wolken hervordrangen und wenn
-sie wieder verschwanden. Es gibt Menschen, die nur klare Bergspitzen
-und weite Fernsichten lieben. Und es gibt Menschen, die auch zu
-umwölkten Höhen mit ahnender Andacht hinaufschauen, die es lieben, wenn
-Berge mit Wolken ringen. Solcher Art waren sie. Stundenlang schauten
-sie hinein in das wogende Grau, das ihren Augen nichts weniger war
-denn ein Einerlei. Sie hatte leise ihre Hand in die seine gelegt; da
-mußte er daran denken, wie sie an jedem Abend seine Hand suchte, bevor
-sie entschlummerte. Er erhob sich, ging an den Tisch und begann zu
-schreiben. Nach einiger Zeit kam er mit einem Blatt zu ihr und sagte:
-»Ich hab' was.«
-
-»Ja?!« rief sie leuchtenden Auges. Sie wußte, was er habe; sie
-schmiegte sich in seinen Arm, und er las:
-
-
- +Was Ortrun sprach+
-
- Gib wie immer deine liebe Hand,
- Eh' ich eintret' in des Schlummers Land.
- Sollst im Dunkel mir zur Seite stehen,
- Mit mir durch des Traumes Garten gehen.
-
- Sieh', das ist das Süßeste vom Tag,
- Daß ich deine Hand noch fassen mag,
- Wenn des Tages Aengste von mir sinken
- Und des Schlummers milde Schatten winken.
-
- »Meine Zuflucht,« klingt in mir ein Wort,
- »Meine Zuflucht,« klingt es immerfort.
- Alle, die dich lieben, die dich hassen,
- Endlich müssen sie dich +mir+ nun lassen.
-
- Deine Hand nur fühl' ich noch allein;
- Alles andre mag verloren sein.
- Ach, in mancher Nacht war mir's verliehen,
- Dich im Traum mit mir hinwegzuziehen:
-
- Aus den Lippen noch ein Wort vom Tag --
- Leise dann des Traumes Flügelschlag --:
- Schon mit dir in schweigendem Umschlingen
- Hört' ich ewig-stumme Sterne singen.
-
- Und in fernen Himmeln noch empfand
- Ich den leisen Druck der teuren Hand
- Wie ein volles, heiliges Umfassen:
- »Schreite fest, ich will dich nicht verlassen.«
-
- Soll mir deine Hand erhalten sein,
- Tret' ich gern in jedes Dunkel ein;
- Muß es doch nach allen Schrecken bringen
- Einen Traum, in dem die Sterne singen. --
-
-Er schwieg und fragte dann zärtlich: »Ist es so?«
-
-»So ist es,« sagte sie leise, ihm voll in die Augen blickend. »Woher
-wißt ihr's nur, ihr Dichter, ihr Schrecklichen?«
-
-Als er nun sah, daß er ihr Herz getroffen hatte, da ergriff ihn
-das Lyriker-Delirium. Der gewöhnliche, friedliche Bürger hat keine
-Vorstellung von dem Freudenwahnsinn, der den Menschen ergreift,
-wenn er meint, daß ihm ein Lied gelungen sei. Ein Lyriker mag mit
-Bühnenwerken die reichsten Lorbeeren errungen, er mag für seine Romane
-alles empfangen haben, was die Mitwelt zu geben vermag; er mag als
-Staatsmann ein Reich gegründet, als Feldherr ein Dutzend Schlachten
-gewonnen und als Erfinder einen vollkommenen Flugapparat erdacht haben
--- kein Triumph und kein Flugapparat wird ihn so hoch erheben wie der
-Gedanke: ein Lied, ein Lied ist mir gelungen. Ein Lied ist ihm das
-Köstlichste, was er vom Himmel empfangen, und das Köstlichste, was
-er an seine Mitmenschen weitergeben kann. Ein großer Lyriker war es,
-der eines Tages sagte: »Wenn mir ein Gedicht geglückt ist, kann ich
-mich vor Jubel nicht fassen; ich muß etwas haben, das ich umarme, und
-wenn ich keinen Menschen habe, so nehme ich einen Stuhl und press' ihn
-ans Herz.« Man sagt, daß die Frauen nach der Geburt eines Kindes ein
-Gefühl unendlichen Jubels und seligster Ermattung überkomme. Genau so
-ist es den Lyrikern nach der Entbindung; nur daß sie durch nichts in
-der Welt zu bewegen sein würden, still zu liegen wie die Frauen. Wenn
-unser junger Ehemann ein Gedicht vollendet hatte, dann tanzte der hohe
-Wöchner von einem Zimmer ins andere, vom untern Stockwerk ins obere
-und vom oberen wieder ins untere, küßte sein Weib und seine Kinder ab,
-tanzte mit ihnen Ringelreihen, um sie plötzlich loszulassen und wieder
-abzuküssen, holte die Flasche Wein aus dem Keller, wenn sie noch da
-war, machte an dem Turnreck zwanzigmal die Bauch- und die Rückenwelle,
-spielte durch Haus und Garten Haschen mit Weib und Kindern und schrie
-dabei wie in seinen blühendsten Flegeljahren, und wenn er ausgegangen
-war, kehrte er mit Geschenken für die Seinigen beladen wieder heim. Der
-Gedanke: »Ein Denkmal habe ich mir errichtet, dauernder denn Erz,« läßt
-keine ökonomischen Bedenken aufkommen; wer ein Gedicht gemacht hat,
-ist der reichste Mann des Weltalls, wenn er sich auch achtundvierzig
-Stunden später überzeugt, daß es mit dem neuen Gedicht verteufelt wenig
-auf sich habe.
-
-Als die Tischglocke ertönte, sprangen sie Hand in Hand die Treppen
-hinunter, und da sie ihn noch immer strahlend anblickte, fragte er
-heimlich: »Also hat's dir gefallen?« Und als sie vielsagend eifrig
-nickte und ihm unter dem Tische die Hand drückte, daß es weh tat, da
-rief er:
-
-»Na, dann, Kellner, eine ganze Flasche Markobrunner!« Am Notwendigsten
-sparte er nicht gern.
-
-Der Kellner verneigte sich mit gütigem Lächeln und flüsterte dem Wirt
-ins Ohr: »Eine Markobrunner -- für die Hochzeitsreisenden.«
-
-Als der Wein eingeschenkt war, führte er sein Glas mit der Miene
-des Kenners an die Nase. Es war Markobrunner für Hochzeitsreisende;
-aber unser Freund schien von dem Resultat der Untersuchung äußerst
-befriedigt, und er sagte leuchtenden Auges:
-
-»Herz, laß uns darauf trinken, daß es unsern Kindern einmal ebenso
-ergehe. Aber« -- fügte er schnell hinzu -- »es soll ihnen nicht in
-den Schoß fallen; sie sollen sich's erkämpfen wie wir; das ist das
-Köstlichste, was wir ihnen wünschen können.«
-
-Dann brachte er ihr zu Ehren einen Damentoast aus; dann trank sie auf
-sein jüngstes Gedicht; dann tranken sie auf die Freunde, die »leider«
-nicht dabei sein könnten, und endlich rief er:
-
- »Von der Quelle bis ans Meer
- Mahlet manche Mühle;
- Und das Wohl der ganzen Welt
- Ist's, worauf ich ziele.«
-
-Und dann sprangen sie anmutig beschwipst -- es war ein kräftiger
-Markobrunner gewesen -- wieder hinauf in ihr Zimmer und holten aus
-ihrem Gepäck ein Bändchen Goethe hervor.
-
-Der Himmel schien noch heute bis auf den letzten Tropfen bezahlen
-zu wollen, was die Hitze der vorhergehenden Tage an Feuchtigkeiten
-kontrahiert hatte. Und seltsam: es war unsern Reisenden gar nicht
-mehr unlieb. Wenn zwei Liebende sechs Jahre lang von sehr lebendigen
-Kindern und sehr lebendigen Pflichten, Sorgen und Mühen umschwirrt
-gewesen sind und sich dann plötzlich in der Ferne, eingeregnet, in
-einem Hotelzimmer einander gegenüber finden, dann erwacht in ihnen
-ein seltsames, ein ungeahntes Gefühl, das Gefühl: Endlich allein!
-Eine Empfindung bemächtigt sich ihrer, daß ihre innersten Seelen seit
-langem eigentlich nicht miteinander gesprochen haben, daß sie sich
-viel und mancherlei zu sagen haben, von dem sie selbst nicht gewußt
-haben, daß es in ihnen sei. Während sie einander nahe gegenübersaßen,
-sie ihm gelegentlich sanft mit der Hand über die Stirn strich, er ihr
-gelegentlich zärtlich die schmale Hand streichelte und einer des andern
-Bild mit inniger forschendem Blick zu erfassen suchte, sprachen sie
-Ernstes und Fröhliches, Lautes und Leises, das in einsamen Stunden in
-ihnen erwacht und ihnen wohl auch auf die Lippen gekommen, dort aber
-vom schnellen Strom des täglichen Lebens hinweggeschwemmt worden war.
-Und als der Abend herannahte, da fanden sie, daß kein Tag ihrer Reise
-schöner gewesen sei als dieser »verlorene«. Und als sie wieder einmal
-gemeinsam in den Himmel schauten -- da entfuhr ihnen gleichzeitig ein
-halblauter Freudenruf: im Westen blickte durch das Grau ein winzig
-Stücklein erhellten Himmels, wie ein verweintes Auge, das, noch
-unter Tränenschleiern, zum ersten Male wieder aufmerksam ins Leben
-starrt, noch nicht wünschend, noch weniger hoffend, nur erst wieder
-betrachtend mit kaum bewußter Teilnahme. Und das himmlische Auge ward
-größer und größer, klarer und klarer, heiterer und heiterer, und unser
-Paar schritt mit aufjauchzenden Herzen hinaus in eine wiedergeborene
-schöpfungsfrohe Natur.
-
-Und diesen Abend machten sie einen Fund, der ihm köstlicher denn Gold
-und Perlen war. Sie fanden eine Wiese, an einem sanft abfallenden
-Hügelhang, von jungen und alten Bäumen umstanden. Ueber diese Wiese
-finden wir in seinem Tagebuche folgende Zeilen:
-
-»Im Thüringer Wald ist eine Wiese, die alles zur Ruhe singt, was in
-dir an Sorgen und Bangen ist. Ja, sie singt; denn ihr Grün, ihre
-Schatten und ihre Lichter, ihre Bewegung und ihr Schweigen sind ein
-ununterbrochener seliger Gesang. In diesem Gesange sah ich goldene
-Stunden meiner Vergangenheit wandeln, die ich vergessen hatte, Stunden
-und Tage mit ihrem eigensten Gesicht, ihrem eigensten Ton und Gange.
-Am Rande, im Schatten der Bäume, sah ich die höchsten und heiligsten
-Gedanken meines Lebens ruhen, sah ihre Züge, ihre Augen im Glanze
-der Minute, da ich sie empfangen, verstanden und ans Herz gedrückt
-hatte. Und über den abendlich glimmenden Wipfeln der Bäume zogen selig
-schwebend dahin meine Hoffnungen, meine Ahnungen, die aus dieser
-Erdenenge hinaufstreben in eine größere Welt. Auf dieser Wiese grünt
-der Glaube; wer sie erschaut, der trinkt sich Glauben an die Heiligkeit
-der Welt für ewige Tage. Die Welt, die solche Augen hat, kann im Grunde
-ihrer Seele nicht lügen.
-
-Ich sage nicht, wo diese Wiese liegt; denn sogleich würden Tausende
-kommen und rufen: »Wo ist das Besondere? Das können wir auch anderswo
-sehen!« O ihr Blinden! Nichts kann man auch anderswo sehen. Jedes
-Stück der Welt, das zwischen zwei Augenlidern Platz hat, ist ein Wesen
-wie ich und wie jedes von euch, mit eigener Seele und eigener Stimme,
-mit Zügen und Augen, die niemals wiederkehren. Und die doch, wenn sie
-vergangen sind, wie wir vergehen, ewig aufbewahrt bleiben im Weltall.
-Alles ist einzig, und alles ist ewig.
-
- In den morgenfrischen Bäumen
- Hing ein letzter Hauch der Nacht,
- Und die Blumen machten Augen
- Wie ein Kind, wenn es erwacht. --
-
- Holder Schreck entriß mich plötzlich
- Lächelnder Versunkenheit --:
- Eine Rose hat geduftet
- Wie ein Lied aus Kinderzeit!
-
- Eilends sucht' ich: Welche war es? --
- Duft und Blüte weit und breit! --
- Doch nicht andren Duft vernahm ich:
- Aufgetan die Seele weit,
-
- Ging ich atmend, dürstend, sehnend
- Durch des Gartens Herrlichkeit --
- Und ich hab' sie nicht gefunden,
- Die mich rief aus ferner Zeit.
-
- O, ich seh' es, euer Lachen,
- Schnell und klug zum Spott bereit!
- Seid gewiß, in regen Lüften
- Weiß mein Herz von je Bescheid.
-
- Aufgehoben bleibt im Ganzen
- Jedes Atems leises Weh'n;
- Einst an einem großen Morgen
- Wirst du's lächelnd wiederseh'n.
-
- Eine Rose hat geduftet
- Wie ein Klang aus Kinderzeit;
- Duft und Klingen, Heut' und Gestern
- Weben all' an +einem+ Kleid.
-
-Niemals hab' ich Schillers Klage um die Entgötterung der Natur
-verstanden.
-
- »Diese Höhen füllten Oreaden,
- Eine Dryas lebt' in jenem Baum,
- Aus den Urnen lieblicher Najaden
- Sprang der Ströme Silberschaum.«
-
-Ist das nicht heut' wie einst? Seht ihr's nicht wandern auf den Bergen,
-hört ihr's nicht lachen und seufzen aus jedem Baum, hört ihr's nicht
-singen an jeder Quelle mit überirdischer Stimme? Ihr vernehmt es mit
-höheren Sinnen, und mit leiblichen Sinnen vernahmen's auch die Griechen
-nicht.
-
-Nein, o nein, keine Philosophie und keine Religion kann die Natur
-entgöttern; denn sie ist selber Gott.
-
-Geht hin und suche jeder seine Himmelswiese; denn jedem liegt sie
-anderswo. Auch meinem Weibe, auch meinen Kindern, und das ist ein Weh
-in allem Glück. Aber meine Geliebte verstand mein Schweigen und ehrte
-mein Gebet.«
-
- * * * * *
-
-Als sie auf der nächsten Poststation ihre Briefe in Empfang nahmen,
-die wieder erfreuliche Nachricht von Hause brachten, da fiel ihm aus
-einer eingeschriebenen Sendung eine Banknote in die Hände. Ein Honorar!
-Fünfzig Mark, auf die er gar nicht gerechnet hatte. Er hielt ihr das
-hübsche Stück Papier vor die Augen und schrie ganz leise »Juhuhuuu!!«
-Und als sie ins Hotel zurückgekehrt waren, zog er den Wirt auf die
-Seite und redete vertraulich mit ihm. Der Wirt hörte ihm offenbar mit
-Vergnügen zu und eilte dienstbereit von dannen.
-
-»Wollen wir nicht aufbrechen?« fragte sie.
-
-Er hob geheimnisvoll den Finger, machte ein hohenpriesterliches Gesicht
-und sagte dunkel: »Noch nicht.«
-
-Als sie nach einigen Minuten wieder fragte: »Warum gehen wir denn
-nicht, du Schlingel?«, da hob er noch geheimnisvoller den Finger,
-machte ein noch hohenpriesterlicheres Gesicht und sagte noch dunkler:
-»Noch nicht.«
-
-Und dann fuhr ein schöner Landauer mit zwei tatenfrohen Braunen vor.
-Sie sah ihn mit ungläubigem Lächeln an. Er aber rief:
-
- »Jehann, nu spann de Schimmels an!
- Nu fahrt wi mit de Brut!
- Un hebbt wi nix as brune Per,
- Jehann, so is't ok gut!«
-
-und lud sie mit seiner galantesten Handbewegung zum Einsteigen ein.
-
-Während er noch mit dem Kutscher sprach, konnte sie mit den
-strahlenden Augen nicht von ihm lassen. Wer kennt nicht die herrliche
-»Hochzeitsreise« von Moritz von Schwind, kennt darin nicht den
-anmutigen Zug, wie die junge Frau zur Seite rückt und dem geliebten
-Gefährten gar bereitwillig Platz macht in Erwartung gemeinsamer
-Freude! So drückte sie sich in die Ecke und konnte kaum erwarten, daß
-er einstieg.
-
-Der Wirt, ein Mann von etwas familiärem, aber vortrefflich gemeintem
-Benehmen, wünschte ihnen noch, daß der Fortgang ihrer Ehe so fröhlich
-sein möge wie der Anfang.
-
-»Also haben Sie gemerkt, daß wir Hochzeitsreisende sind?« fragte unser
-Freund.
-
-»Freilich,« versetzte der Alte, »dafür bekommt unsereins einen Blick.«
-
-»Ja ja,« rief der Ehemann lachend, »wir sind allerdings noch in den
-ersten Flitterjahren. Hü, Kutscher!« Die Pferde zogen an.
-
-»Du ahnst nicht, wie dankbar ich dir bin,« flüsterte sie an seinem Ohr,
-»ich war ein wenig übermüdet -- nun bin ich selig!«
-
-Und freilich -- fußwandern bleibt zwar immer das Schönste -- aber
-nächstdem gibt es nichts Leib- und Seelenvergnüglicheres, als zu zweien
-im Wagen eng aneinander geschmiegt durch die Lande zu rollen. Sie
-fuhren durch stundenlangen Tannenwald; in unabsehbaren Reihen ragten
-die streng emporstrebenden Stämme in den Himmel, eine meilenlange
-Orgel, auf der der Wind das Morgenlied der Schöpfung spielte. O, ein
-geheimnisvolles Ding, mit munteren Rossen durch den tiefen Wald zu
-fahren! Dem seitwärts schweifenden Blick erschienen in fernsten, nie
-betretenen Waldgründen seltsamgestaltige Wunder, die scheu wieder ins
-Dunkel tauchten, wenn das Auge sie fester erfassen wollte; mit großen
-Augen lugte es hinter düsteren Stämmen hervor -- ein Reh? -- eine
-Dryas? -- das verzauberte Brüderlein der treuen Schwester? -- oder war
-es Schmerzenreich, das Kind der armen Pfalzgräfin? Und manchmal schaute
-zwischen fernen, fernen Tannen ein Stück des Himmels in die Schauer
-der Waldnacht herein, dann war es ihnen, sie sähen einen gotischen
-Dom mit riesenhohen, bunten Fenstern und sie wären dem Tempel nah,
-der die smaragdne Schale vom Tisch des Heilands birgt und der ewigen
-Frieden bringt denen, die ihn finden. Wenn aber der Wagen lautlos über
-moosigen Grund fuhr, dann vernahmen sie dumpfes, fernes Stimmengewirr
-versammelter Männer. Ihr wißt, daß man in stillen, dichten Wäldern die
-Stimmen einer unsichtbaren Versammlung hört. Das ist das Thing derer
-aus Niflheim und Jötunheim; sie beraten über den großen Kampf, in
-dem sie die Einherier vernichten wollen, die Einherier, die über den
-Wipfeln lächelnd dahinziehen.
-
-Als sie aber nun über eine sonnige Hochfläche fuhren und Wiesen und
-Aecker in allen Farben vor ihren Blicken lagen, da ergriff ihn ein
-lustiger Größenwahn; er sprang von seinem Sitz in die Höhe, beschrieb
-mit der Linken einen weiten Bogen und rief:
-
-»Sieh, Herz, alles unser! Alles dein! Ein Teppich für deine Füße! Wer
-kann sich das leisten!«
-
-Und sie ergriff seine Rechte, zog sie an die Lippen und flüsterte mit
-ihrem schalkhaftesten Lächeln:
-
-»Mein sparsamer Mann! Mein unverbesserlicher Geizhals! Mein Harpagon!«
-
-Und so kamen sie nach Ilmenau. --
-
- »Anmutig Tal, du immergrüner Hain,
- Mein Herz begrüßt euch wieder auf das beste!«
-
-Schon dieser Anfang hatte ihm immer zu den Wundern der Kunst gehört.
-Mit zwei Worten erschließt ein Dichter ein heiteres Gefild, und mit
-einem einzigen Griff bringt er die Harfe des Waldes zum Klingen, und
-alles horcht auf und flüstert: »Still -- still! Der da beginnt, das muß
-ein großer Meister sein!«
-
-Und die Herzen voll dieses Klangs, durchschritten sie das anmutige Tal
-und stiegen den immergrünen Hain hinauf zu jener Höhe, wo der herrliche
-Wanderer sein Nachtlied an die Wand eines Bretterhäuschens geschrieben
-hatte. An Stelle des niedergebrannten Häuschens hat man dort, in
-nachgeahmter Dürftigkeit, ein neues »altes« Häuschen errichtet. Sie
-gingen nicht hinein; sie wollten es nicht sehen; sie wandten ihm den
-Rücken zu und schauten über das abendlich beglänzte Wipfelmeer in die
-Ferne. Keines sprach ein Wort; aber im stillen Herzen sprachen's wohl
-beide:
-
- »Ueber allen Gipfeln
- Ist Ruh,
- In allen Wipfeln
- Spürest du
- Kaum einen Hauch;
- Die Vögelein schweigen im Walde.
- Warte nur, balde
- Ruhest du auch.«
-
-Einunddreißig Jahre war er alt gewesen, als sich dies Lied aus
-seiner Seele gelöst hatte, ein glückverwöhnter, blühender Mann,
-die Schöpfungsgewalt für eine neue Welt hinter der Stirn, die
-Flügelspannung eines emporschwebenden Adlers im Hirn und in der Brust.
-Groß war die Welt, groß und schön und berauschend süß. Aber vielleicht
-das Beste nach allem war die Ruhe.
-
-Sie sprachen auch nur wenige, abgebrochene Worte, während sie zu Tale
-stiegen. Das Dunkel brach herein. Da legte er den Arm um ihre Hüfte und
-sprach: »Wie wird's uns sein, wenn wir nach Weimar kommen!«
-
-Und sie kamen nach Weimar. Der Weimarer Bahnhof -- darüber kann keine
-Meinungsverschiedenheit bestehen -- hat weder etwas Imponierendes noch
-Feierliches, noch Stimmungsvolles, oder sonst Angenehmes. Aber als sie
-ihren Fuß auf den Bahnsteig setzten, hatten sie das Gefühl: »Ziehe
-deine Schuhe aus von deinen Füßen; denn das Land, darauf du stehest,
-ist ein heiliges Land.« Sie gingen schon durch die Sophienstraße, aber
-sie gingen vollends über den Viadukt und durch die Rollgasse, als das
-alte Weimar vor ihnen auftauchte, mit den zitternden Herzen der Kinder
-am Weihnachtsabend dahin. Es war auch Abend und schon so spät, daß sie
-das Hotel nicht mehr verließen. Viele Stunden lang lag er schlaflos in
-seinem Bette: er war nun da, wirklich da, er selbst, an der tausendmal
-ersehnten Stätte seines heiligsten Knaben- und Jünglingslebens; er
-atmete mit den erhabenen Genien dieses Ortes dieselbe ambrosische Luft.
-Denn das war das Seltsame: in diesem neuen Weimar stand unversehrt das
-alte und drängte jenes in den Hintergrund; was vor siebzig, vor hundert
-Jahren gestorben und untergegangen war, das lebte, stand und wandelte
-hier so gegenwärtig wie nur je -- die Häuser, Straßen und Menschen von
-heute aber waren Schatten. Es war eine schlaflose, heilige Nacht; erst
-gegen Morgen schlief er ein paar Stunden und erhob sich dann mit einem
-fröhlichen Kraftgefühl, das ihm die Geister seiner Jugend gebracht
-hatten.
-
-Die beiden machten zunächst einen Orientierungsspaziergang durch
-die Stadt, und dieser Anfang verlief nicht allzu erhebend. Vor dem
-Doppeldenkmal trat nämlich ein überaus freundlicher alter Herr mit
-höflichem Gruß auf sie zu und sagte:
-
-»Dies sind nu also die beiden kreeßten Tichter, wo wir ha'm. Links is
-Keethe, un rechts is Schiller. Schiller is, wie Se seh'n, ä bißchen
-kreeßer als Keethe; aber dafier is der Keethe widder breider in de
-Schuldern. Was se da in der Hand halten, das is ä Lorbeergranz. Keethe
-will Schillern den Lorbeergranz iberreichen; awer Schiller sagt: »Nee,
-behalt du'n.« Der Schiller is immer ä sehr edler Mensch gewäsen. --
-Da hinder den beiden säh'n Se das alde Dheader, wo noch de kreeßten
-Machwerge von den beiden sin aufgeführt wor'n.«
-
-Unser Freund dankte verbindlich für die Belehrung und lüftete zum
-Abschied höflich den Hut.
-
-Als sie an der Ecke des Theaterplatzes vor dem Wittumspalais standen,
-stand der gastliche Fremde wieder neben ihnen.
-
-»Das is nu also das sogenannte Widmungsbalais, wo de Herzogin Anna
-Amalchje dadrinn kewohnt hat.«
-
-»Soso!« machte unser Freund. »Sagen Sie mal, warum heißt es eigentlich
-»Widmungspalais«?«
-
-»Nu, das is ja sehr einfach. Das hat nämlich der tamaliche Kroßherzog,
-der hat es also der Anna Amalchje kewidmet, damit daß se drin wohnen
-soll.«
-
-»Aha!« machte unser Freund, »aha!«, lüftete abermals den Hut und sagte:
-»Adieu!«
-
-Aber der menschenfreundliche Herr nahm keine Notiz davon; er geleitete
-sie vor das Schillerhaus und sagte:
-
-»Dies is also nu das Haus, wo der unschterbliche Schiller kewohnt
-hat --«
-
-»Jawohl, jawohl!« riefen unsere beiden und schritten eilends weiter.
-Sie gelangten zum Fürstenplatz, und als sie vor dem Reiterstandbilde
-Carl Augusts standen, hörten sie hinter sich eine Stimme:
-
-»Dies is nu also der Fürscht, der wo die sämtlichen Tichter eichentlich
-erst ins Läben gerufen hat.«
-
-»Schick ihn doch weg,« flüsterte sie.
-
-»Ja, aber wie? Ich werd ihm Geld anbieten.«
-
-»Ach nein, das geht doch nicht!« flüsterte sie errötend.
-
-Aber es ging. Der gefällige Bürger steckte die dargebotene Mark
-Lösegeld ein und empfahl sich. Der Typus war ihnen ganz neu; denn in
-Norddeutschland gab es dergleichen nicht.
-
-»Endlich allein!« jubelte sie, und nun zogen sie in Frieden weiter. Nur
-noch einmal kamen sie in Gefahr, »geführt« zu werden. Im Sterbezimmer
-Schillers hörten sie einen Erklärer reden, der von der Armut Schillers
-in einem so ergreifenden Tremolo sprach, als wenn er selbst darunter
-noch heute zu leiden habe und hier daher erhöhte Trinkgelder am Platze
-seien. Unser Paar wartete, bis die betreffende »Tour« zu Ende war und
-trat dann allein in das Heiligtum.
-
-Die Deutschen haben keinen heiligeren Ort. »Wieviel Marmor,« dachte
-unser Freund, »wieviel Gold und Elfenbein, wieviel Seide, Samt und
-Edelgestein müßte wohl ein prachtliebender Fürst aufeinanderhäufen, um
-einen Raum zu schaffen von solcher Hoheit und von solchem Glanz. Wem
-hier nicht Tränen der Sehnsucht, Tränen des Triumphes ins Auge treten,
-dem ist der tiefste Quell seiner Seele versiegt. Der wahre Bettler
-ist doch einzig und allein der wahre König!« Der dies göttliche Wort
-sprach, war auch solch ein Bettler.
-
-Mit umflortem Blick betrachtete unser Paar die Gegenstände, die
-der erhabene Mann durch seine Berührung geadelt hatte. Sie hatten
-beide keine Begabung für den Fetischdienst, und gegen Götter- und
-Götzendienst empörte sich von je sein menschlicher Stolz. Aber die
-Geister, die diese Stadt erhellten, waren nicht Götter in Wohlsein und
-Müßiggang, waren nicht in Allmacht und ambrosischen Leibes geboren; sie
-hatten gelitten und gerungen, gerungen mit ihren eigenen Mängeln und
-Gebrechen und waren aus Menschen Götter geworden. Vor solchen Heiligen
-ist Verehrung nicht Erniedrigung, ist Verehrung eigener Triumph.
-
-Gerade als sie diese Stätte verlassen wollten, kam der Führer zurück
-und begann im Grabestone des fest angestellten Leidtragenden: »In
-diesem ärmlichen Gemache --«
-
-Aber unser Freund drückte schnell seine Hand in die des Mannes und
-sagte gedämpften Tones: »Ich weiß alles.«
-
-Ja, dieses Schillerhaus, dieses Goethehaus, dieses Wittumspalais,
-dieser Park mit seinem Gartenhäuschen, diese unsichtbare Stadt, vor
-der man die sichtbare nicht sah: das war Elysium. Ein besseres,
-höheres, heiligeres Elysium als das der Alten. Ein Elysium der Arbeit.
-Gewiß: das gab diesen kleinen, niedrigen, bescheidenen, selbst in
-den Schlössern bescheidenen Räumen, die an Luxus manchmal hinter der
-Wohnung eines Handwerksmeisters von heute zurückstehen: das gab ihnen
-jene unvergleichliche Vornehmheit, daß der hohe Geist der Tätigkeit
-niemals aus ihnen gewichen war; aus der seligen Welt der Gedanken fällt
-noch heute ein Strahl in diese Gemächer und Gänge und umspielt die
-bestaubten Schokoladentäßchen, die verstummten Lauten und Spinette,
-die verlassenen Spieltische und die verwaisten Maskeradenkostüme
-mit einem fernher scheinenden Sternenlicht. Das machte auch das
-Arbeitszimmer am Frauenplan, dieses andere Allerheiligste der
-Deutschen, zu einer Insel der Seligen. Fünfzig Jahre lang hatte er hier
-wirken, schaffen und ringen dürfen, fünfzig Jahre lang hatte er hier
-verkehren dürfen mit den freundlichsten und besten Geistern, die zu den
-Irdischen herniedersteigen. Kein Fleck der Erde hat ein reicheres und
-höheres Glück gesehen als dieses Zimmer. O, unsere Liebesleute wußten
-sehr wohl, daß Kleinheit und Häßlichkeit, daß Dummheit und Neid an
-diese Männer herangekrochen waren wie an andre und mehr als an andre
-Menschen; sie waren nicht unerfahren genug, um zu glauben, daß es ein
-Leben ohne Alltag gebe; es war ein kleines Nest gewesen, das Weimar von
-damals, und die Gewöhnlichkeit macht sich um so breiter, je enger sie
-mit der Größe zusammenwohnt. Aber das blieb bestehen: Kein Fleck der
-Erde hatte ein höheres und reicheres Glück gesehen als dieses Zimmer.
-
-Und dann standen sie in der Fürstengruft an den Särgen der Dioskuren.
-Es gibt ein Gedicht von Nepomuk Vogl, in dem erzählt wird, wie ein
-Mann sich vom Totengräber das Grab der Mutter zeigen läßt. Als er
-davor steht, spricht er:
-
- »Ihr irrt, hier wohnt die Tote nicht.
- Wie schlöss' ein Raum so eng und klein
- Die Liebe einer Mutter ein!«
-
-In erweitertem und erhöhtem Maße hatten sie dies Gefühl vor den
-Sarkophagen Schillers und Goethes. Das Grauen, das uns vor den Gräbern
-vergänglicher Menschen befängt -- hier hat es keine Stätte. Fast hätten
-sie gelächelt, als ihnen der alte Mann, der sie in die Gruft begleitet
-hatte, allen Ernstes versicherte, in diesen Särgen ruhten Goethe und
-Schiller. Sie kamen ja her von den Stätten, wo sie lebten und wirkten
-im Licht der Sonne. Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?
-
-Und noch an einem andern Grabe verweilten sie in freundlicher Trauer:
-an der Ruhestatt Christianens auf dem alten Jakobskirchhof. »Wenn ich
-zu befehlen hätte,« sagte unser Freund, »so ruhte sie neben ihm in der
-Fürstengruft.« Und sein junges Weib ergriff seine herabhängende Hand
-und drückte sie fest, sehr fest und gar lange. Es war das Weib, das ihm
-dankte.
-
-Als sie zum ersten Male den Park besuchten, führte sie ein
-halbidiotischer Gärtnerlehrling durch Goethes Gartenhaus. Er
-schien nur substantive Begriffe zu haben; denn er sagte nichts als
-»Arbeitszimmer!« -- »Schlafzimmer!« -- »Küche!« und stieß diese Worte
-mit einer mürrischen Vehemenz hervor. Nur als die junge Frau einmal
-fragte: »Wohin geht es denn da?«, da gebrauchte er das Adverbium
-»Raus!!«. Sie hatten sonst wohl erlebt, von Halbidioten durch die
-+Werke+ Goethes geführt zu werden; aber denen hatte der wohltuende
-Lakonismus des Gärtnerburschen gefehlt. Es fragte sich, ob die
-Verallgemeinerung dieser Einrichtung nicht zum Segen aller Besucher
-geweihter Stätten gereichen würde.
-
-Sie wanderten hinaus nach Belvedere, nach Ettersburg und vor allem
-nach Tiefurt. Der Park von Tiefurt -- wenn etwas, so gehörte er zu
-diesem Elysium. Es war ein trüber Tag, und doch -- gibt es Wolken
-oder Nebel, die den Frohsinn dieser Stätte verhüllen können? Er
-strahlt und kichert durch alle Decken hervor. Ja, das war's, was diese
-»Lustigen von Weimar«, diese prachtvolle Anna Amalie und ihren Geniehof
-kennzeichnete: ihr Wirken war nicht finstere Rastlosigkeit, ihr
-Vergnügen nicht fauler Genuß; Arbeit adelte ihren Frohsinn, Frohsinn
-adelte ihre Arbeit. So macht man das Leben zum ewigen Fest, und ein
-ewiges Fest liegt über den Bäumen und Fluren dieses Parks.
-
-Und doch mußte unser Freund fluchen, grimmig fluchen, als sie vor dem
-mächtigen Steine standen, der in Lapidarschrift den Namen
-
- +HERDER+
-
-trägt. Ein Schuft hatte seinen Namen daneben geschmiert. Die Besudelung
-des Steines ließ sich wohl entfernen; aber wer entfernte den Dreck
-aus solch einer Seele! Welch ein Abgrund naiver Gemeinheit lag in
-diesem Frevel. »Weiß Gott,« rief unser Freund, »ich bin ein Feind der
-Prügelstrafe; aber Ausnahmen gibt es doch. In diesem Falle würde ich
-mit Freuden der Vollziehende sein, und der Halunke sollte sich über
-keine Unterschlagung zu beklagen haben!«
-
-Sie hatte große Mühe, ihn zu beruhigen; aber bald verwischte ein
-seltsam freundliches Erlebnis völlig den widrigen Eindruck. Sie hatten
-sich dem Schlößchen dieses Parks genähert, und im selben Augenblick,
-als sie durch den grünumrankten Torbogen in den Schloßhof traten,
-schlug eine Turmuhr drei Schläge, und die Sonne durchbrach siegreich
-den Nebel. Glücklich überrascht sahen sie einander ins Gesicht: Hieß
-das nicht »Willkommen«?!
-
-Der letzte Abend ihres Weimarer Aufenthalts gehörte natürlich noch
-einmal dem Park »am Stern«. Die Bürger von Weimar waren ordnungsmäßig
-zum Abendessen gegangen; unsere beiden hatten den Park, hatten die
-Welt für sich allein; völlig einsam schritten sie am Gartenhause, an
-der Reitbahn vorüber auf dem breiten Wege, der nach Oberweimar führt.
-Köstliche Stille ringsum. Da standen auch sie stille -- eine Nachtigall
-schlug liebeselig aus nahem Gebüsch. Und im Osten stand ein herrlicher
-Stern, so lebendig funkelnd, als ob er zur Erde reden möchte. Da war
-die Zeit ausgelöscht -- nicht anders war die Welt gewesen, als der
-Bewohner jenes Gartenhauses noch hier wandelte -- er war gegenwärtig --
-unser Freund zeigte nach dem Stern und flüsterte: »Sieh, Herz, das ist
-Er! Die Nachtigall hat ihn erkannt.« -- -- -- -- --
-
- * * * * *
-
-Von Weimar fuhren sie heim. Sie waren sehr still auf dieser Fahrt;
-denn die Vorfreude der Heimkehr war noch größer als die Vorfreude der
-Ausfahrt. Sie hatten Hirn und Sinne voll zu tun; denn von vier Kindern
-und zwei Eltern mußten sie sich ausmalen, was sie heute dachten,
-hofften, wünschten und wie sie sich freuen würden.
-
-Als ihr Wagen in die Straße einbog, in der sie wohnten, sahen sie alle
-Viere im Sonntagskleide vor der Tür stehen.
-
-»Da sind sie!« rief er aufspringend. »Alle vier! Vier Kinder, Liebling!
-Wieviel Hochzeitsreisende gibt's denn, die sich das leisten können!«
-
-Und doch schrie er, als der Wagen vorfuhr, mit furchtbarer Stimme:
-»Zurück! Zurück! Wollt ihr zurück, alle Wetter!« Sie wären nämlich
-unter die Hufe des Pferdes und unter die Räder gerannt, um nur schnell
-in die Arme der Mutter zu fliegen.
-
-
-
-
-Die Hosentaschen des Erasmus
-
-
-Erasmus ist nämlich mein Sohn. Ich schicke voraus, daß er gesund und
-normal gestaltet ist. Aber in bekleidetem Zustande zeigt er von Zeit zu
-Zeit an den Oberschenkeln unförmliche, bedrohlich anwachsende Wülste.
-Wenn diese eine gewisse Ausdehnung erreicht haben, pflegt meine Frau
-sehr vergnügt zu mir hereinzukommen und zu sagen: »Du, wir müssen mal
-wieder seine Hosentaschen ausräumen; es hat sich schon wieder ein
-ganzes Museum darin angesammelt!«
-
-Ich darf voraussetzen, daß meinen Lesern die Hosentaschenzustände eines
-achtjährigen Buben im allgemeinen bekannt sind. Es gibt eigentlich
-kaum einen beweglichen Gegenstand, der sich nicht ganz gut in solch
-einer Tasche unterbringen ließe, und es gibt auch schwerlich einen
-Gegenstand, der nicht das Interesse solch eines verschwiegenen kleinen
-Weltbetrachters anregte. Nun muß man sich außerdem den jungen Herrn
-Erasmus als einen entschiedenen Sanguiniker vorstellen, der mit Hilfe
-seiner Phantasie an das Bruchstück eines Korkziehers die verwegensten
-Hoffnungen knüpft.
-
-Da uns bei den bisherigen Untersuchungen manches dunkel blieb und wir
-manchen Gegenstand nicht zu bestimmen vermochten, haben wir diesmal
-den geehrten Hosenbesitzer selbst zur Besichtigung mit herangezogen.
-Meine Frau hat das Kleidungsstück auf dem Schoße; für die Vertreter der
-öffentlichen Moral bemerke ich, daß der Knabe währenddessen mit einer
-anderen Hose bekleidet ist.
-
-Was meine Frau zunächst aus der Tasche hervorzieht, ist Bindfaden. Ich
-darf ebenfalls als bekannt voraussetzen, daß dieser Gegenstand sich
-bei der männlichen Jugend einer besonderen Beliebtheit erfreut und
-alle übrigen Objekte, die aus solch einer Tasche ans Licht gefördert
-werden, in einer mehr oder minder interessanten Verwickelung mit
-jenem Gegenstande zu erscheinen pflegen. An der Hand des Bindfadens
--- um mich gewählt auszudrücken -- gelangen wir sodann zu einem stark
-verrosteten, ovalen Blechschildchen, das die Inschrift »Patent« trägt.
-Das ist schon gleich ein wertvolles Stück. Ich weiß das. Ich habe den
-Maßstab für dergleichen noch ziemlich gut im Gedächtnis. Ich kann den
-Maßstab natürlich nicht so genau bestimmen; es handelt sich eben um
-Liebhaberwerte.
-
-»Was heißt denn das: ›Patent‹?« frage ich.
-
-»Wenn einer sich so fein angezogen hat.«
-
-»Rrrich--tig!!«
-
-Wir verfolgen weiter den Ariadnefaden und fördern aus dem Labyrinth
-ein Notizbuch zutage. Das ist nun etwas ganz besonders Hervorragendes.
-Notizbücher sind in diesem Alter von ganz besonderem Wert und Nutzen.
-Es ist wohl selbstverständlich, daß man sich in erster Linie das
-notiert, woran man Tag und Nacht denkt, z. B. daß man für den 9.
-Oktober zur Apfelernte bei einem Spielkameraden eingeladen ist, oder
-daß am 25. Dezember Weihnacht gefeiert wird. Auch die zehn Pfennige,
-die man geschenkt erhielt, werden ordnungsgemäß als Grundstock eines
-zu sammelnden Kapitals gebucht, leider aber gewöhnlich nicht wieder
-ausgestrichen, wenn sie nach zehn Minuten in Schokolade umgewandelt
-wurden. Freilich sind Stift und Papier bei diesem Büchelchen von einer
-Güte, die sich in Geldeswert nicht mehr ausdrücken und es immerhin
-noch ratsamer erscheinen läßt, mit einer spitzen Stahlfeder auf ein
-Flanellhemd zu schreiben; aber Erasmus verfolgt es mit sorglich
-behütenden Blicken.
-
-»Woher hast du denn das?«
-
-»Das hat Hein Stieglitz mir geschenkt.«
-
-»Weshalb denn?«
-
-»Och -- wenn ich mit ihm spielen wollte.«
-
-»Warum wollte er denn mit dir spielen?«
-
-»Och -- die andern wollten nicht mit ihm spielen.«
-
-»Warum nicht?«
-
-»Weil er der Erste geworden ist.«
-
-»Aha. -- Aber was bedeutet denn +das+ hier?« Ich habe nämlich das
-»Notizbuch« aufgeschlagen und lese auf einer Seite die höchst
-rätselhaften Worte »Käs Käse Käse la.«
-
-»Das ist Französisch,« erklärt er mit einem Anflug von Gelehrtenstolz.
-
-»Französisch??« -- -- -- Aaaaaah -- jetzt geht mir ein Licht auf!
-Er hat heut seine erste französische Stunde gehabt! Nach der neuen
-Methode! Der Lehrer hat gesprochen, aber nicht angeschrieben. Erasmus
-aber, seines Notizbuches stolz sich bewußt, hat sich's notiert.
-~Qu'est-ce que c'est que cela!~ --
-
-~Voilà ce que c'est!~
-
-Mit Hilfe des Bindfadens fördern wir nunmehr ein kleines Scharnier von
-einem Deckelseidel in inniger Verbindung mit einem Stück Schusterpech
-zutage.
-
-»Aber Erasmus! Ferkel!« ruft meine Frau und betrachtet nasrümpfend ihre
-Finger.
-
-Er aber starrt sie an mit schuldlos-erstauntem Blick, als wollte er
-sagen: »Wieso? -- Was ist denn los?«
-
-Denn er lebt und webt ja noch im lautersten, ursprünglichsten
-Pantheismus; aus +allem+, was die Erde bietet, atmet ihm -- in der
-Wärme des Herzens und der Wangen nur erst ahnungslos gefühlt -- der
-unbekannte Schöpfer entgegen, und das gewaschenste Kätzchen wie den
-pfützenbewandertsten Straßenköter drückt er mit gleicher Liebe an
-sein glückliches Herz und sein reinstes Chemisett. Er steht noch auf
-dem naiv-genialen Standpunkt der +Gleichberechtigung aller chemischen
-Verbindungen+, und die paradiesische Unschuld, die noch nicht weiß, was
-rein und schmutzig ist, ist noch nicht ganz durch unsere ästhetischen
-Engherzigkeiten verscheucht.
-
-»Was willst du denn mit diesem Stück von einem Bierglasdeckel machen?«
-
-»Och -- wenn ich den Deckel dazu finde, dann mach' ich das auf mein
-Milchseidel.«
-
-»Das 's 'ne Idee! Famos! -- Aber sag' mir Bescheid, wenn du den Deckel
-gefunden hast! -- Kannst du denn überhaupt so was machen?«
-
-»Jaaa -- das ist man ganz leicht!«
-
-»Mmmm.«
-
-Das ist richtig. Ich hab' auch als kleiner Junge sämtlichen Handwerkern
-ihre sämtlichen Künste abgeguckt. Es ging alles so nett und leicht. Ich
-wäre so gern Tischler, Schlosser, Schmied, Schuster, Maurer, Hutmacher,
-Maler und alles andere außerdem gewesen. Wenn meine Phantasie ein Werk
-entworfen hatte, so war's auch schon fertig, und ich spielte damit.
-Ich hobelte ohne Hobel, klebte ohne Leim, malte ohne Pinsel, lötete
-ohne Kolben und Flamme und beschlug die wildesten Pferde, alles in
-Gedanken. Und die Werke unserer Phantasie spielen anmutiger mit uns
-als wir mit den wirklichsten Dingen. Auch mit Ruhm und Macht und Geld
-spielt es sich ja hübscher in der Phantasie als in Wirklichkeit. »Alles
-wiederholt sich nur im Leben --«
-
-Also freu' dich nur an deinem Deckelglas.
-
-Nachdem wir nun noch aus dieser Tasche eine Mundharmonika, ein kleines
-Weingeistthermometer und einen Soldaten von der bleiernen Kavallerie
-gehoben haben, bemerken wir an der Lanze dieses Ulanen eine deutsche
-Fünfpfennigmarke -- ~pardon~: -- eine norddeutsche Fünfpfennigmarke!
-
-Eine furchtbare Ahnung spannt meine Nerven.
-
-»Was soll die denn?« frage ich.
-
-»Die sammel' ich,« erklärt er ganz unschuldig.
-
-»Mein Sohn,« spreche ich und lege mit ehrwürdig-großer Geste die
-Vaterhand auf seine Schulter, »ich will es keineswegs als unmöglich
-hinstellen, daß die Sammler von Briefmarken und Trambahnbilletts
-irgendeinen Gedanken daneben haben. Der Mensch soll nicht hochmütig
-sein: was wissen wir z. B. vom Seelenleben des Meerschweinchens
-oder des Laubfrosches! Aber bei einem Erben meines Blutes dulde
-ich Briefmarkensammeln nicht. Darin erlaube ich mir nun Despot
-zu sein. Willst du +schöne+ Dinge sammeln -- sehr gut! Willst du
-lehrreiche Dinge sammeln: Tiere, Pflanzen u. dgl. -- auch gut! Aber
-Briefmarkensammeln ist ausgesprochene Antikultur, und darauf steht
-bei mir Enterbung.« (Der Junge verfärbt sich.) »Man weiß ja, wie's
-geht: Erst kommt das Cricri und das Monokel, dann das Sammeln von
-Briefmarken und Pferdebahnzetteln und schließlich der Klerikalismus,
-ohne daß man die Uebergänge merkt!«
-
-Meine Frau hat sich inzwischen an die Erschließung der anderen
-Tasche gemacht und mit diversen Muscheln und Hosenknöpfen auch eine
-zusammengedrückte Kapsel von einer Weinflasche an den Tag gebracht.
-
-»Und was willst du damit?«
-
-»Die will ich verkaufen.«
-
-»Verkaufen?«
-
-»Ja, Willy Steinmann sagt, wenn man 'n Pfund davon hat, dann kann man
-sie verkaufen, und das Geld will ich mir dann aufsparen, und dann seh'
-ich zu, daß ich immer mehr dazu krieg', bis ich fix reich bin.«
-
-Aah -- daher pfeift der Wind! Er hat offenbar von jenen
-»gemeinnützigen« Geschichten gekostet, in denen immer erzählt wird,
-wie irgend jemand schon als sechsjähriger Knabe jede Stecknadel
-aufhob, jede Gänsedaune für ein künftiges Kopfkissen reservierte und
-so schließlich ein ungeheuer großer, reicher und berühmter Kaufherr
-wurde. Ich habe nie die Ueberzeugung loswerden können, daß diese
-Geschichten von Spekulanten, Bankdirektoren, Testamentsvollstreckern,
-Schwankdichtern und ähnlichen Leuten erfunden worden sind, um die
-andern Leute von der Fährte abzulenken. Mein Junge -- wenn du der
-Sohn deiner Eltern bist, so wirst du diesen »fremden Tropfen in
-deinem Blute« bald wieder hinauswerfen, davor ist mir nicht bange.
-Stecknadelnsammeln liegt nicht in der Familie.
-
-»Na, und wenn du nun ›fix reich‹ bist -- was dann?«
-
-»Dann kauf ich mir Kühe und Ochsen und 'n Geographiebuch.«
-
-»So.« Bei mir war es immer ein Schloß. Das wollt' ich mir bauen,
-wenn ich reich wäre. Ich sehe noch heute die breite, schimmernde
-Marmortreppe, auf deren oberster Stufe ich stehe als ein
-Grand-Seigneur, um im nächsten Augenblick mit vornehmer Gelassenheit
-hinabzusteigen. Oder ich lag auf einem Ruhebett hingestreckt und sah
-durch hohe Bogenfenster weiße Wolken durch blaue Himmelsfluren ziehen
--- langsam -- so langsam. Oder ich hielt auf der Zugbrücke hoch zu
-Pferd, die Faust auf den Schenkel gestemmt, und sah in +einem+ Blick
-Täler und Berge, Wälder und Ströme. Ich möchte fast mit Lessing
-glauben, daß es eine Wiedergeburt in +dieser+ Welt gibt, daß wir
-mehr als einmal auf dieser Erde erscheinen. Vielleicht daher diese
-leisen, fernen, geheimnisvollen Erinnerungen, die wir uns nicht
-erklären können. Und ich fürchte, ich fürchte: ich bin -- vielleicht
-im dreizehnten Jahrhundert oder so -- ein wenig beschäftigter Junker
-gewesen. Ich habe seitdem noch immer eine merkwürdige Neigung, mit dem
-Schauen nach schwebenden Wolken und mit dem Reiten durch rauschende
-Täler meinen Unterhalt zu verdienen.
-
-Während diese Erinnerungen schnell wie Schwalbenflug vor meinem inneren
-Blick vorüberziehen, stößt meine Frau plötzlich einen heftigen Schrei
-aus und springt vom Stuhl empor. Sie muß auf etwas Entsetzliches
-gestoßen sein; denn sie ist von Natur sehr mutig. Sie würde ihr Kind
-aus dem Rachen des Löwen reißen wie jene berühmte Mutter von Florenz.
-Es muß etwas Furchtbareres sein als ein Löwe. Und so ist es. Es ist
-ein »Gemeiner Mistkäfer«, ~Geotrupes stercorarius~, den meine Frau von
-ihren Fingern fortgeschleudert hat und der jetzt langsam auf den Dielen
-dahinkriecht.
-
-»Ooh, mein Käfer!« jammert Erasmus.
-
-Das Krabbeltier ist aus einer Streichholzschachtel entwischt und hat
-sich frei in der Hosentasche ergangen. Während meine Frau noch immer
-ein bißchen weiß um die Nase ist, hat Erasmus das Tierchen aufgenommen
-und läßt es mit geradezu wissenschaftlicher Kaltblütigkeit und
-Vorurteilslosigkeit über seine Finger krabbeln.
-
-»Wozu hast du den denn gefangen?«
-
-»Für 'ne Käfersammlung.«
-
-»Na -- weißt du -- das halt' ich eigentlich für unnötig. Du kannst
-ihn dir auch so ordentlich ansehen. Und dann kannst du ihn jedes Jahr
-in ungezählten Mengen wiederfinden. Wenn's was Seltenes wäre, wollt'
-ich nichts sagen. Was selten ist, muß immer dran glauben. Aber das
-verstehst du noch nicht. Also: ich denke, du läßt ihn laufen, he?
-Andere Mistkäfer wollen +auch+ leben.«
-
-Mit schnell aufblitzendem Blick sieht er mir forschend in die Augen,
-dann lächelt er und betrachtet verstohlen seine Hände. Sie sind heute
-zum zweitenmal gewaschen und zum drittenmal schmutzig. Er gebraucht
-sie ungeniert und fleißig, wenn er in Haus und Garten, Feld und Wald
-naturforschend sich ins All versenkt.
-
-An den Gegenständen, die der zweiten Tasche entstammen, zuletzt an der
-Streichholzschachtel, sowie an der rechten Hand meiner Frau ist uns
-mehr und mehr eine merkwürdig übereinstimmende Röte aufgefallen. Jetzt
-kommen wir auch dem Ursprung dieser Farbe nah: ein beträchtliches Stück
-Rötel hat offenbar schon ein paar Tage in diesem Raume zugebracht und
-dessen Wände mit einem gleichmäßigen Rot bedeckt. Endlich findet sich
-noch ein schön abgeschliffenes, eirundes Rollsteinchen vom Meeresufer.
-
-»Was ist denn das?«
-
-»Das ist 'n Glücksstein.«
-
-»Ein Glücksstein?« --
-
-Das kann stimmen. Wer sich an solch einem Steinchen freut, der ist
-glücklich.
-
-»Wo hast du denn die hübsche kleine Silbermünze gelassen, die du
-neulich hattest?«
-
-»Och, die hab ich Georg Petersen gegeben, der will mir achtzehn Fahnen
-und fünfundzwanzig Lanzen dafür geben.«
-
-Seine Augen leuchten.
-
- * * * * *
-
-Ja, das sind so Augenblicke, in denen einem das Herz ein wenig groß
-und das Auge -- Verzeihung! -- ein wenig warm wird. Denn man denkt an
-die vielen Male, daß dieser junge Mann in seinem Leben noch betrogen
-werden wird. Was wird +dem+ sein guter Glaube noch kosten! Man fragt
-sich, ob man nicht unrecht tut, wenn man einem Kinde sagt: »Sei immer
-wahr!« -- ob man es nicht wehrlos macht. Man säh es so gern das Gebot
-der Wahrhaftigkeit befolgen, und man sieht dabei alle die Leiden
-voraus, die dann seiner warten. Also dem Achtjährigen schon sagen: »Paß
-auf, daß du nicht betrogen wirst!?« -- Nein. Nein. Es lieber der Zeit
-überlassen, die schließlich doch den Arglosesten warnt. Bei manchem
-braucht's freilich viel Zeit. Und dann ist ja auch der Mensch so genial
-konstruiert, daß er einen merkwürdig großen Wert darauf legt, nicht
-aus fremdem Schaden zu lernen, sondern +selbst+ betrogen zu werden.
-Und dann ist es ja auch vorteilhaft, sich mäßig betrügen und belügen
-zu lassen. Zu viel ist freilich hier wie überall vom Uebel. Wer gar zu
-leicht zu betrügen ist, der verleitet schließlich auch honette Leute.
-Die sagen dann: »Na -- wenn er selbst nicht anders +will+ -- --« Man
-glaubt nicht, wie verderblich ein +einziger+ Vertrauensseliger für
-ein ganzes Rudel von ziemlich anständigen Menschen werden kann. Aber
-sonst --: Die Leute vom Adel haben ganz recht: Sich mäßig betrügen
-lassen, gehört zum Adel. Wer einen Rock zu vierzig Mark für fünfzig
-Mark verkauft, wer im niederen oder höheren Pferdehandel einen
-Gentleman hineinlegt oder wer das Drama eines Rivalen aus dem Spielplan
-hinausintrigiert, damit er noch ein bißchen mehr Ruhm mit Tantièmen
-ergattere -- und wer sich bei alledem steif und fest einredet, Klugheit
-und Vorteil seien auf +seiner+ Seite und +nur+ auf seiner Seite -- ja,
-wer wollte solch einem armen Teufel das kleine Vergnügen des Betruges
-nicht gönnen?! Man zahlt je nach seinen Verhältnissen die zehn Pfennig
-oder die zehn Goldstücke oder die zehn braunen Scheine, und wenn man
-den Betrug merkt, lacht man sich ins Fäustchen und freut sich, daß man
-keine Wanze ist; und was einem leid tut, ist nur der arme Kerl, der nun
-womöglich ganz stolz ist auf seinen »Coup«.
-
-Meine Frau und ich haben beschlossen, dem jungen Herrn ein eigenes
-Schubfach zur Verfügung zu stellen, damit er darin seine Kinderwelt
-baue. Nach meinem eigenen Jungentum zu schließen, wird er allerdings
-die Hosentasche vorziehen. Das Verhältnis zu den Dingen ist hier ein
-intimeres. Man hat auch alles für den ersten Griff bereit und nett
-beisammen: Kreisel, Mistkäfer, Aepfel und Schusterpech. Und dann --
-die Hauptsache! -- es liegt nicht offen vor aller Augen da. Obwohl wir
-höchst diskret verfahren sind mit dem Geheimschatz des Prinzen Erasmus
-und uns das Lachen tapfer verbissen haben -- er schien unser Vorgehen
-doch als eine Indiskretion zu empfinden. Es war eine Sache der Scham
-für ihn. Und man +soll+ auch nicht einfallen ins Land der Kinderseele,
-man soll es behutsam anstellen, daß sie einen selbst hereinziehen. Wenn
-ihr Entzücken einmal recht groß ist, tun sie's schon.
-
-Eine zartgebaute Welt, das Kinderparadies! Ein einziger rauher Hauch
-aus der kalten Welt der Erwachsenen -- und tausend Blüten fallen auf
-einmal von seinen Bäumen. Es gibt ein Wunder, das ist so groß wie
-ein Pfennig, rund wie die Sonne und mildglänzend wie der Mond; du
-bewegst es ein wenig -- und versteckte Farben leuchten daraus hervor:
-das durchsichtige Grün des Nordmeers, die Röte des Abendhimmels
-... Laß aber ein paar unrechte und grobe Finger darüber kommen und
-es verächtlich auf den Tisch werfen -- so ist es ein armseliger
-Perlmutterknopf! -- -- --
-
-
-
-
-Flieh, auf, hinaus ins weite Land!
-
-
-In den Pfingsttagen ist er wieder aufgestanden. Die Pranken hoch
-emporgestreckt zum Ansprung ...
-
-Kusch!!
-
-Und langsam, sehr langsam duckt er sich noch einmal in den Winkel.
-
-Der +Wanderdämon+.
-
-Wer stets daheim geblieben ist, in dem schläft er einen tiefen Schlaf.
-Ein solcher Mensch spricht ganz unschuldig solche Lästerungen aus wie:
-
-»Wozu soll ich reisen? Kann ich's irgendwo schöner und behaglicher
-haben als in Hamburg?«
-
-Oder: »Gehn Sie mir mit dem Reisen! Der reinste Selbstbetrug! Man
-gibt recht viel Geld aus, fühlt sich fortwährend unbehaglich und sagt
-immer ›O wie schön!‹ um sich nur zu beschwichtigen. Hab auch mal so'n
-Rundreisebillett durch 'n Harz gehabt. Bin gar nicht erst ausgestiegen.
-Gleich durchgefahren und wieder nach Hause ...«
-
-Und was dergleichen Ahnungslosigkeiten mehr sind.
-
-Aber wenn jener Dämon nur +einmal+ Blut geleckt hat ...
-
-Nehmen wir an, du machtest deine jährliche Reise im Juli, so meldet er
-sich nach der +ersten+ Reise im Juni, nach der zweiten im Mai, nach der
-dritten schon im April, und nach wenigen Jahren, wenn du gerade vor dem
-Tannenbaum stehst und eine goldene Nuß hineinhängen willst, wachsen
-sehnsüchtige Bergriesen in dir empor, und über weltweite Alpengründe
-fließt Herdengeläut und millionensternige Blumenpracht.
-
-Du schüttelst schnell den Kopf ... Still!! Kusch dich!! ... Und der
-große, machtvolle Weihnachtsfriede deckt das liebe Ungeheuer zu --
-günstigenfalls, bis der erste Star unter deinem Fenster schrillt.
-Dann regt es sich ohne Gnade, und bald darauf wieder, wenn die »neun
-Sommertage des März« kommen -- oder ausbleiben, je nachdem -- und dann
-an dem Tage, da der +eine+ große, warme Atemzug der Befreiung durch die
-Städte geht und alle Menschen, auch die in den Krankenstuben, sprechen:
-»Ja, +jetzt+ ist der Frühling +wirklich+ da!« -- und dann in immer
-kürzeren Zwischenräumen.
-
-In den Pfingsttagen richtete er sich gewaltig empor; ich spürte seinen
-heißen Atem an der Wange ...
-
-An einem heiligen Pfingstmorgen in früher Kindheit ist er ja auch zum
-erstenmal in mir geweckt worden. Damals nahm ein älterer Bruder mich
-bei der Hand und führte mich das Ufer des breiten Elbstromes hinunter.
-Und sieh: jenseits des breiten, sonnigen Glanzes lagen blaue Berge,
-denkt euch nur: +blaue+ Berge! Als mir mein Bruder dann noch sagte,
-die Bläue komme von den Heidelbeeren her, mit denen die Berge über und
-über bewachsen wären, da wuchs mein Verlangen ins Unendliche. Von jenen
-blauen Bergen kam meine Wanderlust.
-
-Nun hatt' ich gesehen, daß es noch eine Welt gab jenseits unseres
-Dorfes. Mehr noch +gefühlt+ als gesehen! Mein inneres Leben hatte
-ein Jenseits bekommen, eine nebelblaue Weite, in der meine Träume
-tanzen konnten. Von jenem Tag an gab es in meiner Seele Heimat und
-Fremde. Wir waren weit, weit gegangen, wenigstens für meine kurzen
-Kinderbeinchen, und zum erstenmal fühlt' ich den geheimnisvollen
-Zauber, den Ueberwindung des Raumes und Wechsel der Umgebung mit sich
-bringen. Ich weiß nicht, ob es anderen auch so ist: aber für mich hat
-die Ueberwindung großer Entfernungen, wie sie z. B. die Dampfkraft
-ermöglicht, etwas Anziehend-Unheimliches. So ein Handlungsreisender
--- ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mich irre, und es gibt ja
-gewiß auch andere -- spielt heute abend seinen Skat in Leipzig und
-morgen abend in Berlin, und wenn er beide Male gleiche Karten hat,
-ist es ihm ganz einerlei. Hab ich recht? Nun ja, es kann auch wohl
-nicht anders sein. Aber +ich+ sage mir in solchem Falle gedankenvoll:
-»Gestern in München -- und heute in Posen!« Und darin liegt dann so
-ein übermenschlicher Schicksalsklang wie etwa in den Worten: »Heute
-rot -- morgen tot.« Es genügen schon die Bahnhöfe solcher zwei
-Endpunkte, um Schauer der Raumüberwindung in mir zu erwecken. Es mag
-wohl daher kommen, daß alle Dinge für mich Gesichter haben, seien es
-auch nur Steinwände, eiserne Träger oder bestaubte Fensterscheiben,
-keine Menschengesichter, sondern solche Gesichter, wie sie Steinwände,
-eiserne Träger und bestaubte Fensterscheiben eben haben ...
-
-Und dann kamen alle die Pfingstfeste, da ich in der Nacht vor der
-Ausgießung des heiligen Geistes mit meiner Mutter bis zwei Uhr, bis
-drei Uhr bei der Lampe saß und seligen Blickes zusah, wie sie aus dem
-vergangenen Pfingststaat des Vaters den neuen Pfingststaat des Sohnes
-erstehen ließ. Ich sehe noch, wie auf den treuen, nimmermüden Händen
-der gelbe Lampenschimmer lag, ein Schimmer, der mir dann vor den
-stillen Augen zum gelben Sonnenschein auf Wald und Wiesenpfaden ward.
-Das schönste von allem Glück sind die geweihten Stunden der Erwartung,
-besonders die schweigend bewegten Nachtstunden, nach denen die Licht-
-und Klangfanfaren eines großen Morgens kommen sollen.
-
-In solchen Nächten braucht man keinen Schlaf. Leg dich mit der
-Erwartung von Leiden nieder, und aus dem längsten und schwersten Schlaf
-erwachst du ohne Erquickung; wiegt sich aber dein Herz auf Flügeln
-fröhlicher Hoffnung, so nippst du wie ein Vogel einen einzigen Tropfen
-aus dem Wasser der Träume und fliegst gestärkt in den Morgen hinaus.
-
-Ja, mit starken Beinen marschierten wir in allererster Frühe des
-Morgens hinaus. Die Tradition verlangte das: erste, keuscheste
-Herrgottsfrühe. »Herrgottsfrühe« -- welch ein wunderbares Wort das
-ist! Alle Menschen schlafen noch; selbst die Vögel hocken noch im
-Nest; nur der Herrgott und du sind schon wach, und du fragst ganz
-unbefangen hinauf: »Wie wird's denn heut' werden?« denn er hat noch
-Zeit, ein Wort an dich allein zu wenden. Und leichte Sommerkleider
-verlangte die Tradition, bei den Mädeln sogar helle Kleider, wenn es
-auch sanft und hartnäckig regnete und der Regen nur selten unterbrochen
-ward durch ein wenig Schnee. Was Faust vom Ostermorgen sagt, mag ja
-im sechzehnten Jahrhundert richtig gewesen sein, heutzutage stimmt es
-nicht mehr, wenigstens nicht in Norddeutschland. Am Osterfeste macht
-man Schlittenpartien, freut sich aber, wenn man wieder beim Ofen sitzen
-und Grog trinken darf. Pfingsten ist das Fest, da die Menschen aus
-ihren steinernen Gräbern auferstehen, um Licht zu trinken. Und solch
-ein Fest verregnen lassen (womöglich noch mit Schnee dazwischen), das
-kann nur der Teufel tun; denn ein Herrgott bringt dergleichen einfach
-nicht übers Herz. Pfingsten im strömenden Regen beginnen und verrinnen
-sehen, das war so, wie wenn unser bester Freund uns meuchlings einen
-Dolchstich versetzt; man stand am Fenster und sprach in sich hinein:
-
-»Das war kein Heldenstück, Oktavio!«
-
-Ich zog meine Eltern so oft ans Fenster und wiederholte so oft die
-Behauptung, es beginne jetzt im Westen »aufzuklaren«, daß sie bald ganz
-meiner Meinung wurden und die günstigsten Prognosen stellten. Auf das
-Wetter hatte das freilich keinen Einfluß. Und es rührt mich noch heute
-ganz seltsam, wenn ich Arbeiter mit ihren Frauen und Kindern in dünnen,
-weißen Pfingstgewändern, die melancholisch am Leibe herunterhängen,
-unter dem Regen fröstelnd dahinschleichen sehe. Wer sich aus jedem
-Tage einen Sonntag machen kann, der hat gut mit überlegenem Spotte zu
-lächeln: »Warum heben diese Leute sich ihren Staat und ihr Vergnügen
-nicht auf für einen späteren Tag? Ein Sonntag ist doch wie der andere!«
-
-Ganz recht: ein Sonntag ist wie der andere; aber keiner ist wie der
-Pfingstsonntag. Am Pfingstsonntag ist in diesen Leuten das Maß der
-Frühlingssehnsucht voll, und es +muß+ überströmen.
-
-Ja, Sommerkleider mußten es sein und Strohhüte, und in der Flasche
-mußte Himbeeressig sein -- für unerfahrene Zungen ein köstlicher Trank
--- und in der »Botanisier«-Dose ein Frühstück mit Schinken, Eiern oder
-noch selteneren Dingen. Ich gebe gern zu -- ich seh' nicht ein, warum
-ich mich genieren soll --, daß meine Seligkeit ein inniges Gemisch
-war von Schönheitsfreude und Schinkenhoffnung; aber ich bestreite auf
-das entschiedenste, daß sie nur aus letzterer bestanden habe, wie bei
-einigen meiner Kameraden. O nein, ich sah wohl die festliche Schönheit
-der breiten Wiesen, auf denen behende Burschen nach schlanken,
-tanzenden Mädchen haschten; ich blickte wohl mit heimlichem Entzücken
-seitwärts in grüne, heilig-dunkle Säulengänge, wo die Amseln furcht-
-und harmlos über den Weg liefen; ich sah wohl die Schönheit auf den
-Gesichtern, wenn dem blinden Geiger ein Groschen in den Hut fiel;
-ich bemerkte wohl, daß die weißen Segel auf dem Fluß so stillächelnd
-dahintändelten, als ergingen sie sich ziel- und wunschlos auf den
-Fluten der ewigen Seligkeit, und ich sah wohl, wie die Birke ihr langes
-Haar übers Gesicht fallen ließ, daß die Gräser damit spielten, und wie
-sie sich immer wieder neigte und sich immer wieder neigte und immer
-wieder, mit zärtlicher Geduld, wie eine junge Mutter. Und wenn ich
-damals gewußt hätte, daß +das+ das Glück sei, was um die flüsternden
-Zweige flimmert und über den wandernden Strömen schimmert -- wenn ich
-das geahnt hätte ...!
-
-Kann es euch wundern, daß gerade am Pfingstfest die Wandersehnsucht in
-mir aufstand, unbarmherzig, stark, wild, rauh, und dann mit einem Mal
-das ganze Innere mit lieblicher Glut erfüllend?
-
-Daß ich mit einem Mal an einen kleinen Steg über einen Arm des grünen
-Dürrensees denken mußte, an ein paar Brettlein, von denen aus man
-eine andere Welt erblickt? Denn diese ungeheure, schweigende Runde
-wildauftrotzender Felsen gehört unmöglich zu der Welt, die wir kennen
-und in der wir leben. Dies Tal der ewigen Ruhe ist von der Welt des
-Strebens geschieden durch ewige Felsen. Hier trank ich bei lebendigem
-Leib die Wollust des Sterbens. Du stehst und starrst -- und fühlst, wie
-unter dir das Tägliche versinkt; immer noch tiefer versinkt es, immer
-noch tiefer. Und starrend versinkst du selbst in unergründliche Tiefen
-der Seeleneinsamkeit. Du hast nicht Freund, nicht Weib, nicht Kind
-mehr; dein Leben ist ausgelöscht; du bist der letzte Mensch unter den
-furchtbaren Schauern steiniger Oede.
-
-Und wie dein Blick noch starrend hängt am ragenden Geklüft, da steht
-mit einem Mal auf schimmerndem Grat eine ferne Erinnerung in rosigem
-Gewande und blickt dir gerad' ins Aug'. Habt ihr's gesehen, daß auf
-den höchsten Höhen Erinnerungen wohnen? Daß sie auf leuchtenden Zinnen
-stehen, über den schneeschimmernden Grat wandeln, an grauen, drohenden
-Abgründen hangen?
-
-Ueber einem gebietenden Gipfel leuchtete mir die Erinnerung auf an den
-Tag, da ich, ein achtjähriger Bube, durch die blendend illuminierten
-Straßen meiner Heimatstadt geführt wurde und von allen Lippen das Wort
-klang: Der Friede ist geschlossen.
-
-Jenen sanften Abhang herab kam die Erinnerung, wie ich, ein Jüngling,
-fast noch ein Knabe, durch abendlich-goldene Felder ging, des Francis
-Bacon scharfes »Organon« in der Tasche, die Leiden des jungen Werther
-aber im Herzen und im Kopfe.
-
-Ueber jenen Sattel aber mußte im nächsten Augenblick Hand in Hand
-der liebliche Reigen jener Stunden heraufkommen, da ich mit Ortrun
-am Strande saß und sie mir ihre Blumen ins Gesicht warf, weil sie zu
-schüchtern war, sie mir in die Hand zu geben.
-
-So taust du allmählich wieder auf von Erstarrung und Tod und liesest
-in dem Gezack der Höhen und Abgründe die Linien eines Menschenlebens:
-Du hebst endlich wieder den Stab zu neuem Wandern, und mit dir wandern
-droben auf den Bergen die wilden, grauen Stunden deiner Kämpfe und alle
-sanften Tage deiner Liebe. --
-
-Und kann es euch wundern, daß ich Pfingsten auch an Cenzi denken
-mußte, an Cenzi von Mayrhofen im Zillertal, deren Licht uns
-gastlich entgegenleuchtete, als wir drei Wandergesellen abends nach
-zweistündigem Marsch im Regen nach diesem Dorfe gelangten, weich bis
-ins Gemüt? An Cenzi, das Mädchen mit der revolutionären Orthographie
-und dem reichen Gemüt, das uns mit einer durchaus flüssigen Suppe
-und einem sehr reservierten Kalbsbraten erquickte und auf unseren
-einstimmigen Liebesschwur erklärte, daß sie unsere Gefühle erwidere,
-alles für einen Gulden siebzig? Freilich kann ich noch heute den
-nagenden Zweifel nicht los werden, ob Cenzi unsere Gulden nicht +noch+
-inniger liebte als uns: denn wenn wir noch dabei waren, das Letzte aus
-der Flasche ins Glas zu gießen, so fragte sie schon mit Leidenschaft:
-»Mögen S' noch ane?« und wenn wir dann mit Gefühl erwiderten: »Ja,
-bringen S' noch eine Viertel«, dann sprach sie: »Mögen S' net a Halbe?«
-Eine so naive, quellfrische Guldensehnsucht findet man nur noch bei den
-unverfälschten Kindern des Gebirges.
-
-Oder nimmt es euch wunder, daß ich an Monika dachte, an Monika vom
-Mahlknechtsjoch, die in jeder Beziehung runde Monika mit den runden
-Augen, die über alles lachte? Wenn man sagte: »Monika, bestellen Sie
-mir eine Droschke!«, so lachte Monika, das Merkwürdige aber war, wenn
-man sagte: »Monika, bringen Sie mir einen Kaiserschmarren!«, so lachte
-sie auch. Am meisten aber lachte sie, als einer von uns den Lehrsatz
-aufstellte: »'n +bißchen+ dumm ist +jeder+.« Die Sache ist ja auch
-komisch. Und dann brachte sie einen niemals ganz zu bewältigenden
-Kaiserschmarren und eine Erbsensuppe, die so unendlich war wie ihre
-Fröhlichkeit, und alles stellte sie uns hin mit so mütterlicher
-Freundlichkeit, als wären wir ihre drei jüngsten Buben, die sie einmal
-gründlich durchfüttern müsse.
-
-Oder daß ich an Mali dachte in der Dominikushütten, die mordssaubere,
-blitzäugige Mali, die so freundlich und so betulich war und dann
-zu dem Buben auf dem Hof, als sie nicht wußte, daß jemand auf dem
-Altane stand und sie hörte, die eindringlichen und hochtonigen Worte
-sprach: »Willst glei die Ziegen in Ruh lass'n, du sakrischer Lauskerl,
-malefizlischer!« Sie sprach das in einer Weise, die den Gedanken an
-eine eheliche Verbindung in das Innerste der Brust selbst eines geübten
-Ritters St. Georg zurückgescheucht hätte. Oder an den Aufstieg zum
-Pfitscher Joch, am Stampflerferner vorbei und an den kleinen dunklen
-Seen, die wie schwarze Augen regungslos in den Himmel starren? Oder an
-den Abstieg in das menschenarme, melancholische Pfitschtal, wo ich, als
-wir nahe vor St. Jakob angekommen waren, immer wieder zurückschauen
-mußte nach einer Kirche, über der ein himmlisches Licht entzündet war?
-Ihr müßt dem Wort »himmlisch« erst alle die Bedeutungen ausziehen,
-die unsere kleinen Mädchen ihm aufhängen, wenn sie von »himmlischen«
-Tüllgardinen oder von »himmlischen« Zeichenlehrern sprechen. Nehmt
-einmal bitte das Wort »himmlisch« in seiner reinsten Ursprünglichkeit
-und denkt euch ein allerreinstes Licht! Ueber dem Kirchlein lag
-ein Gletscher im hellsten Mittagssonnenschein, und der Turm wies
-mitten in den Glanz. Es war ein alleinseligmachendes Kirchlein; wer
-hindurchging, der mußte unmittelbar ins ewige Licht gelangen, und
-selbst der schwärzeste Bösewicht, wenn er in den Bannkreis dieses
-Leuchtens trat, mußte sogleich erstrahlen wie der weißeste Engel.
-
-Ach, leider ist dieses himmlische Licht ein Trug; in den Köpfen
-der Menschen fanden wir nichts davon. Welch ein psychologisches
-Raffinement, welche Kunst der Mitteilung gehörte dazu, um wieder auf
-den richtigen Pfad zu gelangen, den wir im strömenden Regen verloren
-hatten, und endlich einen Wagen zu bekommen, der uns in diesem Regen
-nach Sterzing brachte. Die Fahrt dauerte drei Stunden, von denen wir
-nach ungefährer Schätzung eine auf unseren Sitzen und nur zwei in
-der Luft verbrachten. Wir waren vorurteilslos genug, über jeden Stoß
-zu lachen, wenn unser Lachen nur nicht regelmäßig durch den nächsten
-Stoß abgebrochen worden wäre. Gleichwohl war unsere Stimmung die
-ausgelassenste Heiterkeit, wenn wir auch dazwischen mitunter den
-stillen Gedanken hatten, daß unser Wägelchen im nächsten Augenblick in
-tausend Splitter zerschmettert werden oder mit Insassen und Pferden
-in den Abgrund hinunterkollern würde, wo der durch den langen Regen
-übermäßig geschwellte Pfitschbach mit Donnern und Brausen abwärts
-stürzte. Der Kutscher stieß ein »Jesus Maria!« über das andere aus.
-Es war eine jener Situationen, die man, wenn man einmal darin ist,
-mit lächelndem »Mannesmut« hinnimmt, deren Wiederholung man aber
-künftig nach Möglichkeit zu vermeiden im stillen beschließt. Der
-niedlichste von allen Humoren war aber, daß wir schließlich noch auf
-eine lange Strecke aussteigen mußten und nun zu Vieren den an allen
-Rädern gebremsten Wagen zurückhielten, damit er den Pferden nicht
-auf die Hacken falle und hübsch auf dem Weg bleibe. Es war noch ein
-wahres Glück, daß wenigstens der Regen anhielt. Wir hatten für solche
-Perioden der Trübsal einen Fundamentalsatz der Berliner Philosophie,
-den wir uns dann gegenseitig ins Herz prägten; er hieß: »Det is
-+jrade+ wat Scheenes!« Solche Sätze sind viel wert. Es ist damit wie
-mit den Salmiak-Pastillen; eigentlich sind sie scheußlich; aber man
-hat wenigstens etwas in den Mund zu nehmen und in langen Stunden eine
-Unterhaltung.
-
-Und schließlich kamen wir doch nach Sterzing in ein hübsches,
-blitzeblankes Hotel, und wer mir jetzt noch +ein Wort+ auf die Kultur
-schimpft, der hat's mit mir zu tun.
-
-Für die Natur braucht man nicht einzutreten, die verteidigt sich selbst.
-
-Die redet aller Sprachen Sprache, die aller Menschen Muttersprache ist.
-Ihre Sprache klingt in Bergen und Tälern, aus Wäldern und Strömen.
-Und was mir das Gebirge Unaussprechliches vertraut hat: in wenigen
-Wochen geh' ich und sag' es mit stummen Lippen seiner geheimnisvollen
-Schwester, dem Meer, dem tausendstimmigen und millionenäugigen, dem
-herrlichen, dem -- o, dem -- dem --
-
-Kusch!!!
-
-
-
-
-Der süße Willy
-
-
-Es war an einem Sonntag; denn der süße Willy sollte ein Sonntagskind
-werden. Der welthistorische Moment seiner Geburt war auf eine Minute
-vor zwölf Uhr mittags festgesetzt. Aber schon seit acht Uhr morgens
-waren im Schlafraum der Mutter außer der Hebamme, der Wärterin und
-der Amme sieben zukünftige Tanten und Cousinen gegenwärtig. Eine
-angeregte Unterhaltung und Pralinés sind für Wöchnerinnen im Augenblick
-ihrer Niederkunft sehr zuträglich. Von letzterwähntem, nicht genug
-zu empfehlendem Konfekt schoben abwechselnd Tante Bella und Tante
-Julchen der Leidenden ein Stück nach dem andern tröstend in den Mund.
-Tante Minka hatte es sich nicht nehmen lassen, ihren entzückenden
-Molly, einen seidenweich behaarten Choleriker, mitzubringen, der
-der Gebärenden beruhigende Laute zubellte oder fein langgezogenes
-Klagegeheul mit ihrem Wehgeschrei vereinigte. Tante Elvira dagegen,
-ein Fräulein von siebenundfünfzig, welcher nach unerforschlichem
-Ratschluß der Kindersegen versagt geblieben war, wiegte auf ihren
-Händen ein für den süßen Willy bestimmtes Puppenkerlchen, das, wenn
-man ihm nur geneigtest auf den Bauch drücken wollte, zwei Becken
-zusammenschlug und in anerkennenswerter Weise quietschte. Diese vier
-achtbaren Damen nahmen den Platz am Bette ein, der von Rechts wegen
-der Wehmutter und der Wärterin gebührte, den sie aber behaupteten in
-der richtigen Erkenntnis, daß die Nähe von Verwandten immer etwas
-Beruhigendes habe für »Frauen in solchen Umständen«.
-
-Immer näher rückte der bedeutungsschwere Moment.
-
-Frau Helmerding stieß einen furchtbaren Schrei aus; denn die Mutter des
-süßen Willy hieß Frau Helmerding.
-
--- Bäh -- -- -- bäh -- -- -- bäh -- -- --
-
-Das Unvermeidliche war geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen.
-Der süße Willy war mit beiden Füßen in etwas getreten, was man Leben
-nennt, und von nun an ein Faktor, mit dem die Welt zu rechnen hatte.
-
-Die zärtlichen Verwandten, die vor der kritischen letzten halben Stunde
-doch geflohen waren, kehrten in Prozession zurück.
-
-Damit das Seelenleben des süßen Willy ungetrübt und heiter dahinfließen
-könne von Anbeginn, hatte man seit acht Uhr ein Zuckerbeutelchen
-bereitgehalten. Der liebe Junge war nicht so bald vorhanden, als ihm
-Cousinchen Nelly mit dem Saugobjekt in den Mund fuhr. Willy lutschte
-schweigend am süßen Dasein.
-
-Nachdem er gebadet worden war, ging er von Hand zu Hand. »Wie süüüß,
-wie rraitzend, wie hiiiimlisch, wie enttt--zückend!« und zum Schluß in
-siebenstimmigem Unisono sanft versäuselnd: »Wie süüüüß!«
-
-Endlich kam die süße Last an Jungfer Elvira. Sie nahm mit sachkundiger
-Miene das Knäbchen wie ein Wäschebündel unter den linken Arm, ließ mit
-der rechten das Puppenkasperle tanzen und sang dazu ohne Schneidezähne
-das allerneueste Gassenhauerchen:
-
- »Mitten in der Elbe
- schwimmt ein Krokodil.«
-
-Dabei hätte sie aber das Bündel Weltbürgertum beinah auf den Boden
-fallen lassen, und nur einem schnellen Griff der Wärterin verdankte
-der junge Helmerding sein Fortbestehen.
-
-Der junge Helmerding war der Erstgeborene des alten. Dieser war aber
-noch gar nicht alt, zählte vielmehr erst behäbige vierzig Jahre. Mit
-neununddreißig hatte er sich verheiratet, nachdem er kurz vorher in
-einem Bauunternehmen einen kapitalen Zug getan und gleichzeitig in
-Erfahrung gebracht hatte, daß Frau Helmerding ihm vierzigtausend
-Taler mitbringen würde. Es gibt eine unkeusche Leichtfertigkeit, die
-früher heiratet, als solche Bedingungen gegeben sind, und Kinder auf
-Kinder in die Welt setzt. Wie konnte bei solchen Existenzen von jener
-wahrhaftigen, ruhigen, tief-sittlichen Vaterfreude die Rede sein,
-die er empfand, als er von der Fondsbörse zurückgekehrt war, das
-stille Glück der gestiegenen Kurse in der Tasche und das schreiende
-eines jungen Erben in den Armen! Der Junge sollte aber eine Erziehung
-genießen, daß sich der --! In die teuerste Schule, das stand fest. Wir
-haben es ja dazu.
-
-Als man der Mutter davon sprach, daß das Kind, damit es sie nicht
-störe, in einem andern Zimmer bei der Amme schlafen solle, wäre sie
-fast außer sich geraten. So die Gefühle einer Mutter zu verletzen! Ha,
-eine Löwin, der man ihr Junges rauben will! Als aber der junge Löwe
-schon die erste Nacht unausgesetzt brüllte, weil er nicht schlief,
-erteilte sie am Morgen jenem Vorschlag ihre Genehmigung.
-
-Der süße Willy machte jetzt einen nächtlichen Kursus für
-Lungengymnastik durch. Vermöge einer Ausdauer, die die beseligendsten
-Hoffnungen für seine spätere Entwickelung erwecken mußte, brachte er
-es bald dahin, daß beim Schreien sein edel gebildetes Profil hinter
-der Mundöffnung verschwand. Ein an poetischen Vergleichen reicher
-Mann würde den Mund in solchen Augenblicken einer aufgeklappten
-Zigarrenkiste nicht unähnlich gefunden haben. Was dem süßen Willy
-noch an Fülle und Rundung des Tones abging, ersetzte er durch
-Haarwurzelfeinheit des Timbres und durch warm beseelten Vortrag. Und
-in seinem noch unerhellten Bewußtsein lebte unverkennbar ein Nachklang
-aus den glücklichen Zeiten der Folter. Wenn nämlich seine Amme in die
-süße Wollust des Entschlummerns versank und sich dort befand, wo wir
-nach Egmont »aufhören, zu sein«, begann der süße Willy zu schrein,
-sicher intonierend, den ersten Ton fest und kräftig aufsetzend, wie
-die Gesanglehrer sagen. Wenn dann die Amme, durch dieses eigenartige
-Zusammentreffen natürlich auf das angenehmste überrascht und erheitert,
-das unschuldige Wurm seinen seidenen Kissen entnahm, beeilte sich
-dieses, durch ein souveränes Lächeln auszudrücken, daß es mehr als
-Beschränktheit sei, wenn man glaube, ihm fehle irgend etwas. »Im
-Gegenteil!« leuchtet' es aus seinen edel-feurigen Augen, »~toujours
-fidèle et sans souci~!« Von neuem sorgfältig zum Schlaf gebettet,
-war er so rücksichtsvoll, mit dem Beginn der zweiten Konzertnummer
-zu warten, bis das Bewußtsein der Amme wieder zu neun Zehnteilen in
-bessere Gefilde entschwebt war und nur noch mit dem Rest im schlechten
-Diesseits verweilte. Hatte sich dieser Vorgang während der Nacht
-fünf- oder sechsmal wiederholt, so war die Amme am Morgen in jener
-Stimmung, aus der die Kündigungen und schroffen Abschiede hervorzugehen
-pflegen. Befolgte aber eine andere Amme das manchen Orts gelobte
-Prinzip: »Schreien lassen, was die Lunge hergeben will«, so blieb eine
-derartig rohe und herzlose Person natürlich keine acht Tage im Hause
-der liebevollen Helmerdings. Große Männer verbrauchen die Menschen
-ihrer Umgebung schnell. Da Willy ein großer Mann werden sollte, so
-verbrauchte er schon im ersten halben Jahre seines Lebens vier Ammen.
-
-Es gehört zu den innigsten Ergötzungen eines Menschenfreundes, die
-Jugend eines großen Mannes zu durchforschen und in tausend kleinen
-Zügen eines von den trefflichsten Eltern herangebildeten kindlichen
-Charakters schon das Bild des späteren Menschen vorgebildet, in dem
-stillen Weben seiner Entfaltung schon die Kräfte seines zukünftigen
-Strebens und Wirkens tätig zu sehen. Seit Vollendung seines ersten
-Jahres wurde der süße Willy von seinen Eltern regelmäßig mit zur Tafel
-gezogen. Eine umfassende Geschmacksbildung offenbarte sich schon
-hier, und seinem strategischen Ueberblick entging kein Braten, kein
-Kompott, kein Ragout, kein Salat. Sein Verlangen, von jeder Schüssel
-zu erhalten, deutete er der Einfachheit halber durch ein mäßiges, fünf
-Sekunden langes Gebrüll an. Wurde sein Wunsch aus irgendeinem Grunde
-nicht sofort erfüllt -- an dem guten Willen der Eltern mangelte es
-gewiß nicht --, so ergriff er mit ruhiger Entschlossenheit das nächste
-Mittel, d. h. die nächste Schüssel, um sie auf den Boden zu befördern.
-Mit einem sanften Verweis legte ihm alsdann die Mutter das Gewünschte
-reichlich auf den Teller. Wir würden jedoch aus dem Charakterbilde
-des süßen Willy den wesentlichen Zug des leicht verletzten Ehrgefühls
-fortlassen, wenn wir nicht betonten, daß er auf jenen Verweis wieder
-mit einem etwas gesteigerten Gebrüll von fünf Sekunden antwortete und
-seiner Mutter mit den zierlichen Stiefelchen gegen die Beine stieß.
-
-Eine vornehme Verachtung der Magenfreuden bekundete Willy, sobald
-er satt war. Wenn er mit dem Löffel in die Suppe klatschte, daß die
-Spritzelchen umherflogen, oder wenn er den Finger in die Sauce tauchte,
-um sinnige Figuren auf das Tischtuch zu malen, so war der Vater in
-seiner philiströsen Auffassung der Kindesnatur vielleicht brutal genug,
-ihm das ernstlich zu verbieten; aber das weiche Herz der Mutter empfand
-richtiger.
-
-»Was du das Kind auch immer kommandieren mußt! Kinder sind doch Kinder!
-Das arme Wurm weiß ja noch gar nich, daß er das nich darf. Muß nich
-wiedertun, hörs, mein Süßen?«
-
-»Willy +will+ aber malen!« Und Willy malte einen Kreis, der einen Kopf
-bedeuten sollte.
-
-»Willy, du solls das nich tun!« mahnte die Mutter.
-
-Willy zeichnete den Rumpf zu dem Kopfe.
-
-»Willy, kanns du nich hörn?« fragte die Mutter.
-
-Jetzt bekam der Rumpf Arme.
-
-»Gott, Willy, nu laß das doch!« seufzte die Mutter.
-
-Und Willy fügte mit zwei genialen Strichen die Beine hinzu.
-
-»Hä, das bist du!« rief er, indem er seinen Papa mit lieblicher
-Dreistigkeit anlächelte.
-
-Und die Eltern lachten in seliger Freude.
-
-»Was doch der Junge für Einfälle hat!«
-
-Und in überwallender Freude versetzte die Mutter dem süßen Bengelchen
-einige knallende Küsse.
-
-Man hätte nun glauben sollen, daß ein so reichlich genährtes und
-mit den kräftigsten Nahrungsmitteln erzogenes Kind von Krankheiten
-verschont geblieben wäre. Seltsamerweise war dem nicht so. Der arme
-Willy mußte eine lange Reihe von Verdauungsstörungen mit deren Folgen
-durchmachen. Aber aus jedem Leiden ging sein Charakter gefestigter
-hervor; mit jeder Rekonvaleszenz nahm seine Willensstärke imposantere
-Dimensionen an. Konnte man diesem Kinde schon, wenn es gesund
-war, nichts versagen, so war es dem genesenden, »noch halbkranken
-Zuckerchen« gegenüber das einfachste Gebot der Elternliebe, die
-wiedererwachende Lebensfreude zu schüren, indem man die Wünsche des
-kleinen Herzens weckte, indem man fragte, ob es vielleicht dies wolle,
-oder ob es vielmehr das wünsche, oder ob es nach jenem Verlangen
-trage, oder -- ob es nicht etwa vorziehe, gleich alle drei Dinge zu
-erhalten. Willy zog in der Regel dieses vor. Eine entzückend geniale
-Launenhaftigkeit veranlaßte ihn dabei, das, was er noch eben verlangt
-hatte, im nächsten Augenblick nicht mehr zu goutieren und es der
-nächsten Bonne oder Wärterin an den Kopf zu werfen. Kindermädchen,
-Bonnen und Wärterinnen wechselten in seiner Umgebung immer häufiger.
-Es war offenkundig, daß alle Zärtlichkeit und alles Pflichtgefühl aus
-diesen Kreaturen geschwunden war. »Entsetzlicher Balg«, »unausstehliche
-Range« und ähnliche Blasphemien entblödeten diese Schamlosen sich
-nicht, in längeren Charakterschilderungen des kleinen Willy vor der
-Mutter anzuwenden, ja, eines der abgehenden Kindermädchen hatte
-dem armen Knaben sogar die naturgesetzliche Existenzberechtigung
-abgesprochen, indem es der Mutter mit beinahe wissenschaftlicher
-Bestimmtheit versicherte, Willy sei »ein wahres Untier«.
-
-Willy Helmerding sollte neben vielen anderen Sterblichen dazu berufen
-sein, der ärztlichen Wissenschaft wiederholt ein so glänzendes Fiasko
-zu bereiten, daß dem Verfasser der »Kreutzer-Sonate« das Herz im Leibe
-gelacht hätte, wenn er es hätte beobachten können. Da zeigte es sich
-wieder einmal klar und offenbar, daß diese Herren Doktoren nicht einmal
-imstande sind, den einfachsten Darmkatarrh zu heilen. Unleserliche
-Rezepte konnten sie schreiben; aber so weit war ihre Wissenschaft
-natürlich nicht gediehen, daß sie die Annahme in Betracht zog, Willy
-werde vielleicht beim Einnehmen der Mixturen die Zähne zusammenbeißen
-und die köstliche Flüssigkeit der Wärterin ins Gesicht prusten! Einem
-ohnehin schon geschwächten Magen diätetische Enthaltung zumuten --
-einem fiebernden Kinde eiskalte Duschen verordnen: das waren noch die
-harmlosesten Einfälle ihrer vivisektorischen Grausamkeit. Ein wahres
-Wunder, daß sich nach all den Pfuschern endlich dennoch ein Arzt
-fand, der alle Schwierigkeiten auf ebenso überraschende wie leicht
-verständliche Weise löste! Dieser Mann bemerkte den Eltern mit seinem
-Spott, daß die letzte Ursache von Willys Krankheit in ihrer Affenliebe
-zu suchen sei und daß dem Kinde nichts fehle als ein Paar weniger
-bornierte Eltern. Da sah man auf den ersten Blick: der Mann hatte
-was gelernt! Herr Helmerding und Frau hörten seinem diagnostischen
-Vortrage mit offenem Munde und einem höchst intelligenten,
-entzückt-verbindlichen Lächeln zu. Uebrigens, hatte der Arzt in seiner
-verblümten Weise weiter erklärt, könne es ihm ja einerlei sein, ob
-sie ihr Kind zur Futtertonne machen wollten oder nicht; wenn man
-aber seine Anordnungen nicht befolgen wolle, so möge man sich nicht
-unterstehen, ihn rufen zu lassen; er werde sonst ihrem Boten die Tür
-weisen. Seltsamerweise gesundete Willy nach den Rezepten dieses Arztes
-auffallend schnell, und damit war wieder einmal bewiesen, wie sehr in
-der Medizin der Gebrauch der deutschen Sprache dem der lateinischen
-vorzuziehen ist.
-
-Eine der traurigen Folgen von Willys Grundübel war auch ein länger
-andauerndes Ohrenleiden, dessen Heilung regelmäßige Einspritzungen
-erforderte. Solche Prozeduren pflegen trotz der Versicherungen der
-Aerzte niemals sehr angenehm zu sein, wie man denn überhaupt auf das
-subjektive Urteil der Aerzte in dieser Hinsicht nicht viel geben und
-es z. B. sehr wohl erleben kann, daß einem nach der mit gewinnender
-Liebenswürdigkeit gegebenen Versicherung, es handle sich um eine ganz
-leichte und schmerzlose Operation, ein Bein abgesägt wird. Immerhin
-aber erschien es übertrieben und nicht ausreichend motiviert, wenn
-Willy bei jedem Herannahen einer solchen Dusche eine Art Kannibalentanz
-ausführte und diverse Gegenstände zerschlug oder zertrat oder zerriß
-oder seine Mutter in den Finger biß. Der geschäftskluge Papa sah
-sehr bald ein, daß er bei weitem billiger »wegkomme«, wenn er seinem
-Einzigen für jede Einspritzung, die er sich hübsch gefallen lasse, eine
-Reichsmark verspreche. Und das tat er.
-
-»Erst hinlegen!« bemerkte Willy mit treuherziger Offenheit; denn er
-hatte seinen Vater längst als das Muster eines klugen Mannes kennen
-gelernt.
-
-Die Blicke der beiden Eltern begegneten sich in einem seligen Lächeln.
-Ein Blitzjunge!
-
-»Na da, da liegt es!«
-
-»Das sind ja nur zehn Pfennige!«
-
-Papa wollte sich ausschütten vor Lachen und rückte endlich mit einer
-Reichsmark heraus.
-
-Das Geld durfte Willy nach eigenem Belieben verwenden, und da er in
-jedem erreichbaren Konditor-, Viktualien-, Spielwaren- und Tabakladen
-erprobte, was er mit seiner Kasse erlangen könne, lernte er schon früh
-den Wert des Geldes schätzen.
-
-Der scharfsinnige Leser wird sich längst gesagt haben, daß Willy im
-Verkehr mit anderen Kindern von bestrickenden Umgangsformen gewesen
-sein muß. In den ersten Jahren seines Knospendaseins hatte er immer
-einen großen Heiterkeitserfolg damit erzielt, daß er der Amme, seiner
-Mutter oder seinem Vater ins Gesicht schlug. Wenn Fremde zum Besuch da
-waren, wurde der in Freiheit dressierte Willy vorgeführt.
-
-»Willy, schlag mich mal,« ermunterte die Mutter.
-
-Willy, weit entfernt, sich zu zieren, schlug sie mal.
-
-»Is das nu nich zu süß?« fragte Frau Helmerding.
-
-Kein Gast konnte umhin, zu konstatieren, daß das in der Tat +zu+ süß
-sei.
-
-Willy setzte diese Produktionen in seinen späteren Jahren mit
-wachsendem Erfolge fort. Es war ihm Bedürfnis, fremde Kinder zu
-knuffen, bei den Haaren zu zupfen und zu stoßen, daß sie auf die Nase
-fielen. Doch bewahrte er immer die pietätvolle Rücksicht, die er,
-wie er wußte, älteren und größeren Kindern schuldig war; nur kleinere
-beglückte er mit seinen Gunstbezeigungen. Mit Vorliebe führte er
-seine Angriffe hinterrücks aus, einzig aus dem Grunde, weil so die
-Ueberraschung größer wurde. Verfolgten ihn dann die Betroffenen, so
-wurde er sich seiner ganzen Hilflosigkeit bewußt, und wie rasend
-lief er davon, unausgesetzt »Mamaaa« brüllend, bis er seine Haustür
-erreicht hatte und wieder im Dunstkreis der mütterlichen Liebe atmete.
-Dann plötzlich wurde er sich seiner Würde mannhaft bewußt; er reckte
-sich zu seiner ganzen Höhe empor, ließ den Verfolger mit erhabener
-Kaltblütigkeit herankommen und spie ihm ins Gesicht. Keine Fischotter
-ist jemals behender ins Wasser geschlüpft, als Willy nach solcher
-Heldentat ins Haus glitt.
-
-»Sie woll'n mir schon wieder 'was tuuun!« heulte er alsdann seiner Mama
-mit dem ganzen Schmerz eines bedrängten Kindes entgegen. Und wehe dem
-Vater oder der Mutter, die dann zu Frau Helmerding kamen, um sich über
-Willy zu beschweren.
-
- »Höheres bildet
- Selber die Kunst nicht, die göttlich geborne,
- Als die Mutter mit ihrem Sohn,«
-
-wie sie dastanden: +sie+ »ihr Kind« -- das Wort »Kind« läßt sich mit
-so unschuldsvollem, alles verzeihendem Klange sprechen -- ihr »Kind«
-verteidigend: »+Das+ Kind? +Das+ Kind? Oh -- -- --« und +er+ hinter dem
-Rock der Mutter mit Grimassen hervorschielend.
-
-Mit derselben Leidenschaft, wenn auch natürlich aus gesellschaftlicher
-Rücksicht dezenter, kniff und puffte Willy die Kinder, die mit ihren
-Eltern bei Helmerdings zum Besuch kamen. Der Lärm, der sich darauf
-erhob, wurde regelmäßig dadurch abgeschnitten, daß die besuchenden
-Eltern, wie es sich gehört, ihre Kinder wegen ihrer Ungezogenheit
-energisch tadelten. Die Höflichkeit ist eine so gefräßige Tugend,
-daß sie oft alle andern verschlingt. Die Erwachsenen, die Willy beim
-Kommen zunächst fragte, ob sie ihm etwas mitgebracht hätten, beehrte er
-damit, daß er an ihnen emporkletterte, an ihren Kleidern seine Stiefel
-abwischte, ihnen die Brillen von der Nase riß, sie mit Zigarrenasche
-bewarf und durch höchst wißbegierige Fragen nach ihren persönlichsten
-und delikatesten Angelegenheiten unterhielt. Freilich muß konstatiert
-werden, daß die Besucher ihn in diesen Aufmerksamkeiten ermunterten,
-indem sie den zärtlich mahnenden Eltern gegenüber bemerkten, oh, das
-schade nichts, das mache nichts aus, der Rock könne leicht wieder
-gereinigt werden; sie möchten ihren Willy doch gewähren lassen; er
-mache ihnen Spaß ...
-
-So? Ob er das wirklich tue ...
-
-Natürlich tue er das. Sie würden Himmel und Seligkeit verschworen
-haben, daß er »ein lebhafter, drolliger Bursche« sei, eine Kritik, die
-sie auf dem Heimwege auch insoweit bestätigten, als sie der Meinung
-waren, daß »die guten Helmerdings sich da eine allerliebste Kreatur
-heranzögen«.
-
-Es versteht sich, daß Willy den ersten Unterricht im Hause empfing,
-zu seinem Unglück jedoch von Leuten, die einer wie der andere ihrer
-Aufgabe nicht gewachsen waren, und denen Herr Helmerding ihr Gehalt --
-er trug seine Goldstücke und Kassenscheine frei in der Westentasche,
-und aus der Westentasche bezahlte er -- hinwarf mit der Frage, wie sie
-sich erdreisten könnten, sich als Erzieher »ängaschieren« zu lassen,
-da sie doch »keine blasse Ahnung« davon hätten, wie man mit Kindern
-umgehen müsse.
-
-Den sehr begreiflichen Elternwunsch, das Kind fern vom bösen Beispiel
-fremder Kinder zu erziehen, mußten sich also die Helmerdings aus dem
-Sinn schlagen.
-
-Zur Ehre des Mutterherzens muß gesagt werden, daß Willy den ersten Tag
-seines Schullebens nicht zu bestehen brauchte, ohne mit einem halben
-kalten Huhn, einem Fläschchen Rotwein, zwei Apfelsinen und einem halben
-Pfund Bonbons ausgerüstet zu sein, und nicht minder muß zur Ehre des
-Vaterherzens anerkannt werden, daß dieses Vaterherz anspannen ließ
-und seinen Liebling mit zwei Pferden der »Vorschule des Gymnasiums«
-zuführte. Die ersten Schulwochen verliefen ohne bemerkenswerten
-Zwischenfall; für alle Stunden zeigte der junge Helmerding insofern
-ein gleichmäßiges Interesse, als er in allen an die Vertilgung
-seines Frühstücks dachte und die Bewältigung dieses Stoffes ihm eine
-stets unverminderte Aufmerksamkeit abnötigte. In einem etwas anderen
-Sinne als der junge Lessing war er »ein Pferd, das doppeltes Futter
-haben muß«. Den Unterrichtsgegenständen gegenüber zeigte Willy jene
-Schwäche und Zartheit, welche die Mutter dem Lehrer von vornherein
-unter zehnmaliger Anrufung seines schonungsvollen Mitgefühls als
-die hervorragendsten Eigenschaften »des Kindes« bezeichnet hatte.
-Mit mimosenhafter Empfindlichkeit verschloß sich sein Geist vor der
-Berührung jeglicher Erkenntnis, und das »~Noli me tangere~« (zu
-deutsch: Nichts tangiert mich) war der unveränderliche Ausdruck seines
-Angesichts. Sein Gesicht gehörte freilich zu den in Romanen häufig
-erwähnten, die sich »nur in gewissen Augenblicken seltsam zu beleben
-scheinen«. Diese Augenblicke waren für Willy gekommen, sobald die
-Spielpause begonnen hatte. Auf dem Spielplatz erwarb er sich rasch eine
-allseitige Unbeliebtheit, gewann er im Sturme die Abneigung aller.
-Er bemerkte mit großem Schmerze, daß die Durchführung des Kneif-
-und Puffsystems hier auf fühlbaren Widerstand stieß. Das Verhältnis
-zwischen dem Hause Helmerding und der Schule blieb gleichwohl längere
-Zeit vorzüglich, bis -- Willy mit nicht guten und endlich gar mit
-schlechten Zeugnissen nach Hause kam.
-
-Jetzt hielt Herr Helmerding sen. den Augenblick für gekommen, da
-er dem Direktor der Schule in einer energischen Ansprache die
-kolossalen Mängel seiner Anstalt und die Grundverkehrtheit der dort
-beliebten erzieherischen Maßnahmen explizieren müsse. Er tat dies
-unter wiederholter Betonung des Umstandes, daß »sein Kind« doch das
-Kind »wohlhabender«, »gebildeter« und »angesehener Eltern« sei. Der
-Direktor, der ein so ruhiger Mann war, daß seine Ruhe immer als die
-ausgesuchteste Höflichkeit erschien, erlaubte sich die Bemerkung, daß
-es immer etwas Mißliches habe, so abschließend über Dinge zu urteilen,
-von denen irgend etwas zu verstehen man nicht die Verpflichtung habe.
-Er unterbreite Herrn Helmerding hiermit die Protokolle, in denen nur
-die gröbsten Untaten und Nachlässigkeiten des Schülers Willy Helmerding
-verzeichnet ständen, in der Ueberzeugung, daß die Statistik eine
-vorzügliche Wissenschaft sei. Uebrigens könne er Herrn Helmerding Vater
-schon jetzt die Eröffnung machen, daß Helmerding Sohn aller Voraussicht
-nach das Klassenziel nicht erreichen und deshalb zu Ostern sitzen
-bleiben werde. Worauf Herr Helmerding meinte, das werde man -- oho!
--- erst einmal abwarten, es gebe ja noch andere Schulen, in die man
-alsdann seinen Sohn bringen werde, und die wohl die »Individualität
-der Schüler« (das hatte Herr Helmerding irgendwo gehört) gerechter zu
-beurteilen verständen. Der Herr Direktor bemerkte darauf mit einem
-unsäglich betrübten Gesicht, daß er untröstlich sei, vor dieser
-Drohung nicht in dem Maße erschrecken zu können, wie es vielleicht
-wünschenswert wäre, daß seines Wissens keine Schule um träge und
-schlecht erzogene »Individualitäten« so dringend verlegen sei, und
-deshalb besonders eine staatliche Schule sich nicht in der glücklichen
-Lage sähe, den Fortgang eines Willy Helmerding mit versammeltem
-Lehrpersonal zu beweinen.
-
-Auf dem Heimwege suchte der knirschende Vater nach einem möglichst
-entwürdigenden und verachtungsvollen Ausdruck für den Direktor.
-Seine ganze, grenzenlose Geringschätzung dieses Subjekts sollte
-sich in diesem Ausdruck erschöpfen. Es währte nicht lange, bis Herr
-Helmerding diesen Ausdruck in dem Worte »hungrig« fand. Er konnte
-sich keine schimpflichere Charaktereigenschaft denken als den Hunger.
-»So'n hungriger Schulmeister!« knirschte er also, »so'n hungriger
-Schulmeister!«
-
-Zu Hause angelangt, bemühte er sich redlich und aufrichtig (jeder
-Unparteiische mußte das anerkennen), seiner Gattin und seinem Sohne
-einen klaren Begriff davon zu geben, »+wie+ er dem Herrn Direktor den
-Marsch geblasen habe«, und seine ausführliche Darlegung schloß er
-mit der an seinen Sohn gerichteten, innig-warmen, aus der Tiefe des
-Vaterherzens kommenden Mahnung, »sich man nix gefallen zu lassen«.
-
-Trotzalledem! Das Unerhörte geschah; man hatte die Stirn, dem Ehepaar
-Helmerding um Ostern mitzuteilen, daß der süße Willy sich noch einmal
-den Unbequemlichkeiten des elementarsten Unterrichts zu unterziehen
-haben werde. Jetzt aber erschien +Frau+ Helmerding im Amtszimmer des
-Direktors.
-
-Daß ihr Willy nicht versetzt sei, liege natürlich nur daran, daß
-der Lehrer seine Pflicht nicht getan habe. Der wirklich mit einer
-niederträchtigen Ruhe begabte Direktor antwortete, ohne auf den
-Tenor dieser Bemerkung einzugehen, mit einem sehr instruktiven und
-ungemein fesselnden Vortrage über Gerichtswesen im allgemeinen und
-Injurienprozesse im besonderen, wobei er besonderes Gewicht auf
-die Tatsache legte, daß solche Prozesse bedauerlicherweise nicht
-immer mit Geldstrafen, sondern gegebenen Falles auch mit einer sehr
-lästigen Unfreiheit der Bewegung für den Verurteilten endigten. Den
-herbeigerufenen Lehrer fragte das gekränkte Mutterherz, ob er ihren
-Willy wohl nicht leiden möge, daß er ihn nicht versetzt habe. Worauf
-dieser weniger ruhige, dafür aber desto derbere Herr sie fragte, ob
-sie glaube, daß er jeden verzogenen Faulpelz mit derselben Affenliebe
-behandeln könne wie die resp. Mütter? Worauf die beleidigte Mutter
-erklärte, daß sie ihren Sohn hiermit »unwiderruflich« abmelde und
-ihn nicht einen Tag länger in einer Schule belassen werde, in der er
-solchermaßen um den Lohn seines Strebens betrogen werde. Worauf der
-ruhige und schweigende Direktor sich deutlich von seinem Sessel erhob
-und wiederholt abwechselnd mit je drei Sekunden langem Verweilen auf
-Frau Helmerding und auf die Tür blickte.
-
-Willy wurde einer Privatschule übergeben -- selbstverständlich! --
-mit hohem Schulgeld -- selbstverständlich! Der Vater betonte dem
-Vorsteher gegenüber mit besonderem Nachdruck, daß für Willy Helmerding
-ein hohes Schulgeld bezahlt werde. Der Vorsteher klopfte Willy auf
-die Backen mit der Versicherung, daß er hier schon etwas lernen
-solle; dafür wolle +er+ schon sorgen, der Herr Vorsteher. Dieser Herr
-entwickelte dann vor Herrn Helmerding in aussichtsvollen Worten sein
-pädagogisches Programm, in dessen Geiste sein Lehrpersonal wohl oder
-übel arbeiten müsse -- er dulde nicht, daß auch nur ein Strich anders
-gemacht werde, als er es wünsche, das heiße: von den Lehrern; von den
-Schülern dergleichen zu fordern, bemerkte der Herr Vorsteher mit einem
-sonnigen Blick auf Willy, würde natürlich grausame Pedanterie sein. Aus
-welchem allen sich denn auch mit leichter Mühe schließen lasse -- eine
-Schlußfolgerung, die er wohl nur bescheiden anzudeuten brauche --, daß
-die großen Erfolge seiner Schule im Grunde genommen einzig und allein
-auf seine Leitung zurückzuführen seien. Keine Schule könne so sehr die
-Individualität der Schüler berücksichtigen wie die seine. Hier könne
-Herr Helmerding etwas erleben an Berücksichtigung der Individualität --
-oh -- es sei überhaupt gar nicht zu sagen, wie man hier berücksichtige.
-Hier geschehe überhaupt nichts anderes als Berücksichtigung der
-Individualität. Jeden Buchstaben, jeden Ton im Gesangunterricht,
-jeden Lehrsatz der Geometrie erzeuge resp. beweise der Zögling nach
-seiner Individualität, selbst wenn diese Individualität dahin ziele,
-den Lehrsatz +nicht+ zu beweisen. Wenn sich Herr Helmerding oder sein
-kleiner braver Willy (ein wohlgefälliges Kitzeln des vorsteherlichen
-Zeigefingers unter dem Kinn des Zweihundertmarkschülers) durch die
-Maßnahmen der »Lehrpersonen« belästigt fühlten, so möchten sie nur zu
-ihm kommen; Gerechtigkeit sei sein Lebensprinzip.
-
-Diese Schule war in gewissem Sinne das Ideal einer demokratischen
-Institution, insofern nämlich, als sie von sämtlichen Eltern geleitet
-wurde. Da die Eltern freilich ihre pädagogischen Anregungen von ihren
-Kindern erhielten, so waren im letzten Grunde diese die Herren des
-Schulorganismus. Der Disziplin, welche in dieser Anstalt herrschte,
-glaube ich kein größeres Lob aussprechen zu können, als wenn ich
-sage, daß sie eminent gemütlich war. Den Lehrern wurde stets nach
-wiederholtem Bitten bereitwillig das Wort erteilt, und es war
-keineswegs ausgeschlossen, daß man ihren Ausführungen einige Beachtung
-schenkte. Die ernsten Mahnungen und Drohungen der Lehrer wurden stets
-mit einem bescheidenen, aber unbefangenen Lächeln aufgenommen.
-
-Leider stand die Beschränktheit der Lehrer oft den besten Absichten
-des Herrn Vorstehers im Wege. Er konnt' es nicht begreifen, wie ein
-geschulter Pädagoge auch nur einen Augenblick schwanken konnte, den
-August Papendieck auf zwei Tage vom Schulbesuche zu dispensieren, wenn
-die Schwägerin seines Großonkels Geburtstag feierte.
-
-»Wollen Sie mir denn meine Schüler mit Gewalt vertreiben? Wenn wir den
-Knaben nicht auf zwei Tage dispensieren, so fehlt er vier Tage ohne
-Erlaubnis, und die Eltern sind beleidigt. Was meinen Sie, wenn die
-Papendiecks mir ihre vier Kinder aus der Schule nehmen, he? Dann sind
-achthundert Mark jährlich zum Teufel wie gar nichts, die wertvollen
-Geschenke nicht einmal gerechnet! +Sie+ geben sie mir nicht wieder.
-Die Stapelfeldts waren auch hier und beschwerten sich bitter über die
-schlechten Zeugnisse ihres Emil.«
-
-»Er hat die Zeugnisse bekommen, die er verdient.«
-
-»Ach was, Ihre Schüler haben immer schlechte Zeugnisse. Sie beurteilen
-alles viel zu streng. Wir sind doch keine staatliche Schule! Das muß
-anders werden. Das geht nicht, das geht nicht, das +geht+ nicht so
-weiter! Sie haben mir mit Ihrem finsteren Wesen schon mehrere Schüler
-vertrieben. Wo soll das hinaus? Wenn +Sie+ mir die Schule verderben,
-so bleibt +mir+ andererseits nichts übrig, als mein Lehrpersonal zu
-vermindern, seh'n Sie.«
-
-»Ich werde Ihnen die Arbeiten des Jungen zeigen --«
-
-»Ach Gott, das weiß ich ja! Schmierfink erster Klasse -- aber das hilft
-uns alles nichts, lieber Herr Müller! Die Zensuren des Jungen +müssen+
-sich bessern, sonst -- Sie sollten die Mutter kennen! Salpetersäure ist
-Mandelmilch gegen +die+!«
-
-Wer aus unserer Schilderung nur ein annähernd richtiges Bild des Herrn
-Vorstehers empfangen hat, wer nur halbwegs nachempfunden hat, wie
-lebhaft dieser Mann für seine Zöglinge fühlte, welches Interesse er
-an ihnen nahm, der wird es mehr als begreiflich finden, daß der Mann
-eine bedenkliche Neigung zur horizontalen Lage zeigte, als man ihm
-eröffnete, Willy Helmerding müsse wiederum sitzen bleiben.
-
-»Aber wissen Sie denn nicht, Herr Schulze, daß der Knabe gerade zu
-dem Zwecke zu +uns+ gebracht wurde, daß er +nicht+ sitzen bleibt?
-Willy Helmerding +wird versetzt, muß+ versetzt werden, +unter allen
-Umständen+ muß er versetzt werden; ich habe dem Vater schon längst das
-Versprechen gegeben.«
-
-»Der Knabe ist nicht halb reif für die nächste Stufe --«
-
-»Hilft nichts; Sie hören ja, daß ich gebunden bin. Die Helmerdings sind
-reiche Leute; bedenken Sie deren Einfluß. Im Handumdrehen ist meine
-Schule in Mißkredit gebracht. Wir können den Schlingel später einmal
-sitzen lassen; die Oberklassen erreicht er ja natürlich nie; aber jetzt
--- wie gesagt -- jetzt: +auf keinen Fall+.«
-
-Aber, ach, die Versetzung des süßen Willy sollte nur dazu dienen, die
-Leiden dieses schwergeprüften Kindes noch zu vermehren. Er geriet jetzt
-in die Hände eines Lehrers, der ein pädagogisches Genie war und in der
-Schule denjenigen Platz einnahm, den der Verstand des Vorstehers wegen
-dauernder Abwesenheit nicht ausfüllen konnte. Dieser unentbehrliche
-Mann hatte die üble Gewohnheit, konsequent zu sein und die Nase zu
-hoch zu halten, als daß man hätte darauf spielen können. Die an ein
-ungemein legeres Betragen gewöhnten Zöglinge, die ihm neu übergeben
-wurden, betrachteten ihn mit Furcht und Haß, was sie jedoch nicht
-hinderte, ihn bald zu vergöttern und sich am Ende des Schuljahres nicht
-von ihm trennen zu wollen. Willy war anerkennenswerterweise der erste,
-der eines Tages den rühmlichen Mut fand, die Zunge bis zur Wurzel
-herauszustrecken, als ihm der Lehrer eine Unart verwies. Dieser, der
-für solche Fälle ein prophetisches Gemüt besaß, hatte Willy nicht aus
-den Augen verloren und beobachtete dessen Zunge gerade im günstigsten
-Augenblick in ihrer ganzen Ausdehnung, obwohl Willy darauf, daß der
-Lehrer sie sehe, offenbar gar keinen Wert gelegt hatte. Und dieser
-unangenehme Mensch, anstatt dem unwissenden Kinde in liebevollen Worten
-die eigentliche Bestimmung der Zunge klarzumachen, griff zu einer
-nichts weniger als philanthropischen Maßregel. Die Maßregel, die er
-ergriff, bestand zunächst in einem Lineal, sodann in der Hose Willy
-Helmerdings und endlich in einer wiederholten gegenseitigen innigen
-Berührung dieser Gegenstände.
-
-Man kann sich denken, daß nachmittags ein Uhr fünfzehn Minuten ein
-Schrei aus gebrochenem Mutterherzen das Haus Helmerding durchgellte,
-als Willy das Geschehene berichtete. Ganz still habe er gesessen, und
-kein Wort habe er gesprochen, und dennoch habe »Er« ihn »so furchtbar«
-geschlagen. O Schmach, es auszudenken! Nur das Auge der Mutter, vom
-Strahl der Liebe wunderbar erhellt, durch den Instinkt der Zärtlichkeit
-geschärft, konnte erkennen, wie dies Bekenntnis des Kindes aus dem
-freiesten Gewissen kam. Also um nichts! Nur um seiner bestialischen
-Roheit zu frönen --
-
-Bestialische Roheit -- Frau Helmerding fuhr vom Sofa empor -- das sei
-das richtige Wort! Frau Helmerding beauftragte ihren Gatten, morgen
-früh dieses Wort sofort dem Vorsteher zu übermitteln. Im übrigen
-verlangte sie -- das beleidigte Mutterherz hatte ein Recht, alles
-zu verlangen --, daß der Lehrer sofort entlassen werde. Entweder
-der Lehrer oder Willy Helmerding. Der brutale Folterknecht oder das
-gemißhandelte Kind. ~Aut -- aut.~ Fürstenblut für Ochsenblut.
-
-»Brutaler Folterknecht« sei übrigens auch ein gutes Wort und werde
-entschieden sehr gut wirken, meinte der Vater.
-
-Nachdem die Gatten sich längere Zeit über die rhetorische und
-moralische Kraft dieser Worte unterhalten hatten (»+Das+ sagst du
-ihm, +das+ sagst du ihm, sag' ich dir; ich hätte das gesagt, sag' ihm
-nur!«), wurde beschlossen, daß beides gesagt werden solle, und daß man
-eventuell auch von einer »brutalen Roheit« und einem »bestialischen
-Folterknecht« sprechen könne.
-
-Als Herr Helmerding am folgenden Tage vergeblich seine Redefiguren
-verschwendete und der Vorsteher sich durchaus, weil die geistige Kraft
-Willys ihm doch diejenige des Lehrers nicht ersetzen konnte, nicht
-entschließen wollte, sein inniges Verhältnis zu diesem zu lösen,
-verlegte sich der gekränkte Vater aufs Handeln. Er wolle sich zufrieden
-geben, wenn der »Mensch«, der Lehrer, das Ehepaar Helmerding um
-Verzeihung bitte und deren Kinde das Zugeständnis mache, daß er sich
-geirrt und in Uebereilung gehandelt habe.
-
-Der Vorsteher ließ den Folterknecht kommen und klärte ihn über die
-Beschwerden und die Satisfaktionsbedürfnisse des Vaters auf.
-
-»Ich habe in Uebereilung gehandelt, in der Tat,« begann der Lehrer.
-
-Herrn Helmerdings Gesichtsausdruck wurde um fünfundzwanzig Prozent
-gekränkter.
-
-»Ich bedaure das.«
-
-Die Züge des Herrn Helmerding wurden um weitere fünfundzwanzig Prozent
-härter.
-
-»Ich habe Ihrem Sohne unrecht getan --«
-
-Herrn Helmerdings Antlitz zeigte den Ausdruck entschlossenster
-Impertinenz.
-
-»-- insofern, als ich ihm nicht genug gegeben habe, zumal er, wie
-ich sehe, nicht davor zurückscheut, seine Eltern mit hervorragender
-Dreistigkeit zu belügen. Wenn Sie indessen Wert darauf legen, kann das
-Versäumte noch nachgeholt werden.«
-
-Das Gesicht des Herrn Helmerding schien jetzt plötzlich nur aus einer
-Mundöffnung zu bestehen.
-
-Nur dem Umstande, daß der Vorsteher Herrn Helmerding schon vorher
-darauf aufmerksam gemacht hatte, jener Herr, der Lehrer Willys, sei
-ein sehr empfindlicher Charakter, der Benennungen wie »bestialischer
-Folterknecht« nicht gern höre, auch lasse seine Entschlossenheit nichts
-zu wünschen übrig, nur diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß Herr
-Helmerding, als er zur Tür hinausrannte, sich auf die wiederholte
-Versicherung: »Er werde ihnen schon zeigen! Er werde ihnen schon
-zeigen!« beschränkte, wobei er die Zurückbleibenden in quälendem
-Zweifel darüber zurückließ, +was+ er ihnen zeigen werde.
-
-Kaum hatte Herr Helmerding daheim zu Ende berichtet, als auch schon
-seine Gattin wie inspiriert vom Sessel emporfuhr. Anspannen lassen --
-mit dem Kinde zum Arzt fahren. Es war nun einmal die Botschaft zu ihr
-gedrungen, daß wir im humansten aller Zeitalter leben.
-
-Nach einer halbstündigen Untersuchung erklärte der Arzt (es war nicht
-der ironische Herr von damals, dem man in dieser Sache entschieden kein
-Vertrauen schenken konnte) mit triumphierender Miene, es sei ihm soeben
-gelungen, festzustellen, daß der in Betracht kommende Körperteil Willys
-noch Spuren der Züchtigung zeige oder doch noch bis vor kurzem gezeigt
-haben müsse. Der Lehrer sei »geliefert«, unrettbar »geliefert«. Das
-Recht der Züchtigung stehe ihm ja zu; diese dürfe aber nach der Ansicht
-aller ihm bekannten Staatsanwälte, Richter und Disziplinarbehörden nie
-so weit gehen, daß mit ihr eine, wenn auch nur momentane, Störung im
-Wohlbefinden des Bestraften verbunden wäre.
-
-Damit war nun freilich dem Rachebedürfnis der Frau Helmerding eine
-verlockende Perspektive, dem Erziehungsbedürfnis Willys aber noch
-keine neue Schule eröffnet. Aber auch dafür sollte Rat werden. Zum
-Glück gab es im Orte noch eine Privatschule, die sich den anderwärts
-Ausgestoßenen mit Hingebung und Aufopferung widmete, wenn bei den
-Eltern auf ein entsprechendes Maß von Hingebung und Opferwilligkeit
-gerechnet werden durfte. Diese Schule gehörte zu den idyllischen,
-anekdotenumwobenen Instituten, deren sich ehemalige Schüler noch nach
-vielen Dezennien in Stunden der höchsten Heiterkeit entsinnen, und die
-dem schnöden, prosaischen Verstaatlichungsdrange immer mehr zum Opfer
-fallen. Die Klassenzimmer dieses geweihten Bildungstempels waren von
-solchen Dimensionen, daß ihnen eine vierte wohl zu gönnen gewesen wäre.
-Dagegen konnte der Zeichen-Turn-Sing-Festsaal bescheidenen Ansprüchen
-wohl genügen, wenn die Frau Direktorin ihn nicht zum Trocknen von
-Kinderwäsche brauchte. Die Zeichenmodelle mußten stets um einige Tische
-von dem Schüler entfernt aufgestellt werden; sehr erklärlich deshalb,
-daß so durch Versehen oft Zeichnungen zustande kamen, die auf keines
-der vorhandenen Modelle mit Sicherheit zu schließen gestatteten.
-Uebrigens wurde der Turnunterricht, da an Geräten nur eine Reckstange
-ohne Reck vorhanden war, in der Regel nicht hier, sondern auf dem
-Stundenplan erteilt. Das Prinzip der Anschauung, auf dem bekanntlich
-die ganze neue Unterrichtsweise beruht, wurde hier mit Raffinement
-verfolgt. Dem geographischen Unterricht dienten nicht weniger
-als zwei Wandkarten. Auf der einen, die Europa darstellen sollte,
-erfreute sich Oesterreich noch der Lombardei, obwohl das schnellebige
-Jahrhundert schon weit über die Abtretung Elsaß-Lothringens hinaus
-war; die andere, ein Bild Afrikas, veranschaulichte durch ihre Farbe
-die rätselvolle Dunkelheit dieses Erdteils und zeigte mit Bezug auf
-das afrikanische Innere einen Grad der Unerforschtheit, der jeden
-Kongoneger mit den wehmütigsten Reminiszenzen erfüllen mußte. Um den
-physikalischen Unterricht machte sich eine betagte Luftpumpe verdient,
-die aus sämtlichen Ventilen seufzte und nur von einem Lehrer vorgeführt
-werden durfte, der eine hochentwickelte Beredsamkeit besaß und die
-Schüler auf diesem Wege überzeugen konnte, der Rezipient sitze nach
-viertelstündigem Pumpen wirklich fester als vordem. Aeußerte dennoch
-ein modern-pietätloser Schüler einen naseweisen Zweifel, so wurde er
-mit gebührender Entrüstung zurückgewiesen. Auch lebte in sämtlichen
-Lehrern der Anstalt eine durch Jahrzehnte geheiligte Tradition, daß
-die Magnetnadel unter der Einwirkung des elektrischen Stromes nur
-dann von ihrer gewohnten Richtung abweiche, wenn man zu rechter Zeit
-energisch an den Tisch stoße. Der Vollständigkeit wegen müssen wir noch
-des Naturhistorischen Museums gedenken, das jahraus, jahrein auf einem
-Schrank der Oberklasse stand, zur Rasse der ausgestopften Wildschweine
-gehörte und, wenn es nicht gerade seine wissenschaftliche Mission zu
-erfüllen hatte, mit Vorliebe eine Primanermütze auf dem linken Ohr trug
-und aus einem Kalkstummel rauchte.
-
-Ohne Zweifel würde auch diese Musteranstalt den hohen Ansprüchen Willys
-nicht genügt haben, wenn ihm noch eine Wahl geblieben wäre. So mußte er
-wohl oder übel seine Studien in diesen Mauern absolvieren. Uebrigens
-wurde sein Schulbesuch durch häufige und andauernde Krankheiten
-unterbrochen, die alle in dem Symptom übereinstimmten, daß sie sein
-Wohlbefinden nicht beeinträchtigten.
-
-Bevor wir jedoch unsern süßen Willy aus der Schule entlassen und in
-das feindliche Leben hinausstoßen, haben wir den Bericht über seinen
-gesellschaftlichen Bildungsgang nachzuholen. Es ist selbstverständlich,
-daß, während er jede wissenschaftliche Ausbildung ablehnte, er seine
-weltmännische Erziehung nicht vernachlässigte. Das eine tun und das
-andere nicht lassen, sagte er sich mit Recht. Schon mit vierzehn Jahren
-konnte er auf drei tadellos angerauchte Meerschaum-Zigarrenspitzen
-zurückblicken. Da er bereits mit fünfzehn Jahren eine militärpflichtige
-Länge und Breite aufweisen konnte, wurde es ihm nicht schwer, in
-jeder Bierkneipe eine seinen Jahren entsprechende Anzahl von Seideln
-zu erhalten. Den nicht ganz unnatürlichen Widerwillen, den der
-jugendliche Deutsche als Anfänger bei der Vertilgung des fünfzehnten
-Seidels empfindet, bekämpfte Willy mit Selbstverleugnung, wenn auch
-sein Gesicht eine interessante Blässe zeigte, und mit sechzehn
-Jahren belächelte er seiner Genossen Klagen über die Schrecken des
-Katzenjammers mit der Ruhe eines Weisen. Als seine Eltern es eines
-Abends wagten, ihm wegen späten Nachhausekommens Vorwürfe zu machen,
-ergriff er das unter diesen Umständen einzig richtige und jungen Leuten
-in seiner Lage nicht dringend genug zu empfehlende Mittel, um solche
-Eingriffe in das Recht der Jugend ebenso höflich wie entschieden
-abzulehnen: er kam die nächste Nacht überhaupt nicht nach Hause. Wer
-will das elterliche Gefühl schelten, wenn es am Morgen eifrig darob
-sorgte, daß der Stolz des Hauses nicht im Kleiderschrank zu Bette
-ging; wer will die Zärtlichkeit der Eltern verklagen, wenn sie in
-Demut schwiegen, während das volle Gefäß ihrer Hoffnungen schnarchte?
-Natürlich war ein Elternpaar wie dieses diskret genug, nie wieder ein
-Thema zu berühren, das das »feurige Gemüt« des Jünglings verletzen
-+mußte+. Zeitigte doch auch seine Entwicklung auf anderen Gebieten die
-anmutigsten Blüten! Er hatte eine Art, den Walzer und den Lancier zu
-tanzen, die man auf dem feinsten Pariser Kokottenball als ~très-chic~
-bezeichnet haben würde. Es war eine Augenweide, ihn Billard spielen
-zu sehen! Diese bei keinem Stoß außer acht gelassene graziöse Beugung
-des auf der Fußspitze ruhenden linken Beines, dieses nicht minder
-graziöse Heben der letzten Finger der rechten Hand, diese stark
-akzentuierende Herauskehrung jener ästhetisch geschwellten Muskeln,
-die zur Verlängerung des Rückens dienen: das alles erschien in einer
-Vollendung, wie sie nur eine täglich fünfstündige Uebung erzielt. Diese
-Uebungen pflog Willy gewöhnlich in der Gesellschaft von fünf oder sechs
-Altersgenossen unter der künstlerischen Leitung eines Billardkellners,
-der einen Ball über die ganze Länge des Billards zurückziehen
-konnte und zu dem Willy deshalb herzliche Beziehungen unterhielt.
-Dieser vielerfahrene Mann, der seinen jungen Freunden gegen gutes
-Trinkgeld mit vielem Humor aus dem Schatze seiner praktisch-galanten
-Weltkenntnis mitteilte und ihnen Geschichten für die reifste Jugend
-erzählte, war unbegreiflicherweise der einzige im Restaurant, der
-auf ihre Unterhaltung Wert legte. Obgleich die sechs jungen Leute
-nicht ermüdeten, in jeder Minute zwölf Witze zu machen, und sie mit
-einem Stimmaufwande zu Gehör brachten, der auch den Entferntsitzenden
-vom Genusse nicht ausschloß, bemerkte man auf den Gesichtern der
-Anwesenden, die nach jedem Bonmot sorgfältig studiert wurden, nicht die
-leiseste Spur von Beifall. Ja, es kam sogar vor, daß einzelne Gäste
-mit unverhohlenem Aerger ihr Bier austranken, das Seidel mit Betonung
-auf den Tisch setzten und nachdrücklichst aufbrachen. Daß aber ein
-dicker, freundlicher Herr mit einem Fritz-Reuter-Gesicht sie eines
-Tages mit einschmeichelnder Vertraulichkeit fragte, ob sie denn nicht
-lieber Marmel spielten, und damit ein schallendes Gelächter bei allen
-anderen Gästen entfesselte: das war entschieden mehr, als man sich
-bieten lassen konnte. Es kam zu einem sehr heftigen Auftritt, bei dem
-der schändlich undankbare Billardkellner sich erfrechte, die jungen
-Freunde unter Anwendung der unverschämtesten Redensarten, wie »grüne
-Jungen« usw., nach der Tür zu drängen, und in welchem unser Willy noch
-eben vor Verlassen des Lokals Gelegenheit fand, eine Fensterscheibe zu
-demolieren. Diese Heldentat brachte ihm die Bewunderung seiner Genossen
-und ein polizeiliches Strafmandat ein. Papa Helmerding bezahlte die
-ganze Lumperei mit Stolz und Rührung und einem Kassenschein aus der
-Westentasche.
-
-Charakterisierte jene Tat die herbe Männlichkeit des jungen Willy, so
-gaben seine frühen Beziehungen zum zarten Geschlechte die köstlichsten
-Proben von der Süße seines Wesens. Ob er Glück bei den Frauen hatte?
-»Eine nicht aufzuwerfende Frage!« Werden nicht fünfundneunzig
-Prozent unserer Mädchen dazu erzogen, daß sie Willy gefallen und
-Willy sie entzücke? Hat unsere Gesellschaft nicht für jeden süßen
-Willy eine süße Tilly? Stehen diese Damen nicht kunstbegeistert am
-Droschkenschlag, wenn der jugendliche Held und Liebhaber einsteigt,
-und werfen sie ihm nicht während des Monologs »Sein oder nicht sein«
-einen großen Blumenstrauß gegen den Bauch, wofern er hübsch ist?
-Mit einer Frühreife, die den Byronschen Don Juan mit giftigem Neide
-erfüllt hätte, empfand Willy schon im elften Jahre die leise Regung,
-daß man die Frauen nicht in den Rücken puffen, vielmehr ihnen zart
-entgegenkommen soll. Zunächst bemühte er sich, Mimi Petersen möglichst
-oft und zart entgegenzukommen und vor ihr mit den Manieren eines eben
-vollendeten Gentleman in absolut wagerechter Richtung den Hut zu
-ziehen. Mimis ebenfalls elfjähriges Herz war empfänglich für solche
-Freundlichkeiten und durch ihre Erziehung auf den gleichen Ton gestimmt
-wie das Herz unseres Helden. Ein goldener Frauen- und Jungfrauenspiegel
-leistete ihr und ihrer Mutter die wesentlichsten Dienste beim
-Erziehungsgeschäfte. Eine goldene Damenuhr von koketter Kleinheit
-unterrichtete Mimi über den langsamen Gang der Schulstunden, die sie in
-bescheidener Zurückgezogenheit auf dem letzten Klassenplatze verlebte.
-Ihre beringten Finger staken in den feinsten Seidenhandschuhen, und
-ein duftiger Spitzenparasol kreiste über dem modernsten Sommerhütchen.
-Sehr bald entdeckte Willy, daß es seinen Eindruck nicht verfehlen
-könne, wenn er ihr auf dem Heimwege von der Schule die Büchermappe
-abnehme. Schon beim zweiten Male begleitete er diese Galanterie mit
-der Ueberreichung einer kostbaren Bonbonniere, die der Westentasche
-seines Vaters fünf Mark kostete. Solange sein Vater Geld hatte, hatte
-es Willy auch. Jene Präliminarien würden nun zweifellos zu einem
-abendlichen Stelldichein geführt haben, wenn nicht ein unfreundliches
-Schicksal trennend zwischen Willy und Mimi getreten wäre. Ein von Willy
-an Mimi gerichtetes Billetdoux, in dem Grammatik, Orthographie und
-Kalligraphie in schöner Vereinigung fehlten, geriet in die Hände des
-Ehepaares Petersen, und dieses inhibierte einen weiteren Verkehr, da
-es fest entschlossen war, seine Tochter in +dieser+ Beziehung streng
-sittlich zu erziehen. Aber schon drei Tage später gaben Buchdrucker
-Löhmanns von der »Gerechtigkeit« ein Kinderfest mit Frack, Lack und
-Claque und Trüffeln und Pommery und Chartreuse, und Willy tröstete sich
-durch eine neue ~entente cordiale~. Natürlich machte er innerhalb der
-vorgeschriebenen Frist seine »Verdauungsvisite« -- Kavalier verabsäumt
-dergleichen nie. Zu Hause hatte er freilich zu Frau Helmerdings
-tiefster Indignation erzählt, bei der Gesellschaft sei einer gewesen,
-der habe »den Fisch mit's Messer gegessen«, die guten Löhmanns lüden
-sich überhaupt Krethi und Plethi ein, das passe ihm nicht. Durch
-einen Ohrenzeugen ist uns aus Willys dreizehntem Lebensjahre ein
-von ihm und mehreren Busenfreunden geführtes Gespräch erhalten, das
-durch seine kindliche Einfalt und Schlichtheit einen unvergänglichen
-Reiz behauptet. Dieses Gespräch fand statt, als Willy eines Abends
-wie gewöhnlich in der Nähe seines Hauses, von einer stattlichen
-Korona mitfühlender Genossen umgeben, auf einem Gartenzaune saß, die
-zierlichen blauen Ringe einer Havanna in die Abendluft blies und die
-des Weges kommenden zehn- bis sechzehnjährigen Beautés Revue passieren
-ließ.
-
-»Du, Willy, da geht Lina Schütze, deine alte Liebe!«
-
-»Ach, die, -- na -- das +war+ einmal,« warf Willy hin, mit
-unaussprechlicher Nonchalance die Asche von seiner Regalia knipsend.
-
-»Sie ist übrigens gar nicht übel, du!«
-
-»Ach was, Schellfischaugen!« urteilte Willy, und lautes Gelächter
-folgte seiner Kritik. »Da solltet ihr mal Olga Reimers sehen! Acht
-Tänze hab' ich neulich mit ihr getanzt. Donnerwetter, ich sag'
-euch, 'n schneidiges Mädel!« Und seine Havanna glühte im Halbdunkel
-begeistert auf.
-
-»Die Lina Schütze ist aber auch nicht wenig grimmig auf dich!«
-
-»Pah -- wat ick mir dafür koofe!« trällerte Willy. »Ist mir ja nichts
-dran gelegen, sonst -- mit'n Stück Cremeschokolade krieg' ich sie 'rum.«
-
-»Na? Ich weiß nicht so recht --«
-
-»Ach du, lehr' du mich die Weiber kennen, ja? Ich meine, wenn einer sie
-kennt, kenn' ich sie.«
-
-Willy blickte im Kreise umher -- allgemeine Zustimmung.
-
-»Für 'ne Tafel Schokolade, sag' ich dir! Wetten?«
-
-»Ja, wetten!«
-
-»Um was?«
-
-»Um zwanzig Zigaretten -- aber ›King‹!«
-
-»Abgemacht! Hau durch, Ehlers!«
-
-In diesem Augenblick rief einer der Herren: »Achtung!« -- Alles machte
-Front und riß vor Klara Meißner, einer brünetten Dame von dreizehn
-Jahren, mit einstimmigem »Ah!« die Kopfbedeckung herunter. Klara fand
-diese Huldigung so schmeichelhaft, daß sie sich umdrehte und noch
-einmal zurücklächelte, eine Liebenswürdigkeit, die die Versammelten mit
-den elegantesten Kußhändchen von der Welt beantworteten.
-
-»Junge, die kann aber Blicke schmeißen, was? Die hat was Dämonisches!«
-
-»Hm, geht an,« murmelte Willy mit Herablassung. »Wißt ihr, diese
-Brünetten haben gewöhnlich diesen gelben Teint ...« -- -- -- --
-
-Leider erstreckte sich Willys wählerischer Geschmack in späteren Jahren
-nicht in demselben Maße auf die Reinheit der Seelen wie hier auf die
-Reinheit des Teints. Sein achtzehntes Lebensjahr ist in dieser Hinsicht
-besonders bedeutungsvoll. Eine Dame, deren allgemeine Beliebtheit sich
-leider auf die Herrenwelt beschränkte und die »ihrem süßen Willy« an
-Alter und Erfahrung weit überlegen war, vermochte ihn an einem schönen
-Tage dieses Jahres, mit ihr den Zug nach Berlin zu besteigen und
-seinen Vater mit Ungewißheit über den Verbleib von fünftausend Mark
-zu erfüllen. Nachdem Willy drei Tage lang die Vorzüge der Residenz
-genossen hatte, erschien in sämtlichen großen Zeitungen Deutschlands
-folgendes Inserat:
-
- Willy!
-
- Bitte, kehre zurück! Wir ängstigen uns
- furchtbar um dich! Alles ist dir verziehen!
-
-Dieser Beweis elterlicher Zärtlichkeit rührte Willy so tief, daß er
-beschloß, sofort zurückzukehren, sobald seine Kasse erschöpft sei.
-Nach weiteren zwölf Tagen war dieses Ziel erreicht, und jetzt hielt es
-ihn nicht länger in der kalten Fremde. Er erbat sich per Telegramm von
-Papa Helmerding das Geld zur Rückreise und kehrte ohne die Wonne seines
-Herzens zurück, obschon er sich auf dem Höhepunkte der fünftausend
-Mark mit ihr verlobt hatte. Den Empfang wird sich jeder Leser, wofern
-er ein Verständnis für Familienfeste hat, selbst ausmalen können. Papa
-Helmerding würde seinem verlorenen und wiedergefundenen Sohne ein Kalb
-geschlachtet haben, und wenn es sein Leben gekostet hätte.
-
-Seit undenklichen Zeiten ist es als die größte und bewundernswürdigste
-Tat kindlicher Pietät gepriesen und in unsterblichen Romanen
-verherrlicht worden, daß ein Kind seinen Eltern zuliebe auf ein
-ganzes Liebes- und Lebensglück verzichtet. Mit staunenswerter Fassung
-und Selbstüberwindung entsagte Willy auf dringendes Bitten seiner
-Eltern seiner Verlobten sofort und für immer. Seine Geliebte, die
-von den Berliner Vergnügungen mindestens die Mittel zur Rückreise
-erübrigt hatte, zeigte bald, daß ihre Seelengröße nicht hinter der
-seinigen zurückblieb. Sie fand sich nach mehreren Monaten ein und war
-entsagungsvoll genug, ihr Glück für immer zu Grabe zu tragen und sich
-mit den Begräbniskosten zu begnügen. Sehr feinfühlig und taktvoll gab
-sie dabei zu erkennen, daß ein +kleines+ Opfer das lebhafte Gefühl der
-Helmerdings, ihr genug tun zu müssen, nicht +auf die Dauer+ befriedigen
-könne. Willy aber gab in einer großen und edlen Wallung seinem
-Vater das reuige Versprechen, in Zukunft in allen ähnlichen Affären
-vorsichtiger sein zu wollen, zumal der alte Helmerding seinem Sohne in
-einer Poloniusszene klargemacht hatte, daß man ganz dieselben Ziele mit
-weniger Kosten erreichen könne.
-
-Unter diesen und sehr ähnlichen Vorfällen kam allgemach die Zeit
-heran, da Willy seine unschätzbaren Dienste dem Vaterlande weihen
-sollte. Leider hatte das dazu in erster Linie nötige Requisit der
-Einjährig-Freiwilligen-Berechtigung noch nicht beschafft werden können.
-Selbst die »Presse« des Dr. Ritsching, eine Unterrichtsanstalt, die
-in einem halben Jahre eine ganze einjährige Intelligenz produzierte,
-hatte auf Willy nur einen unter der Schädeldecke fühlbaren dumpfen
-Druck ausgeübt, ohne daß der Verstand auf diesen Druck reagiert
-hätte. Trotzdem lagen die Verhältnisse für Willy nach Absolvierung
-des schriftlichen Examens nicht ungünstig; denn seine stilistischen
-und seine Uebersetzungsarbeiten hatten die Prüfungskommission in jene
-gehobene, humorvolle Stimmung versetzt, der die nachsichtige Milde so
-nahe liegt. Ja, gleich zu Beginn der mündlichen Prüfung, von der man
-auf inständige Verwendung des alten Helmerding nicht abgesehen hatte,
-betrachteten sich die Herren +diesen+ jungen Mann, wie es schien, mit
-einem ganz besonderen, heiteren Wohlwollen. Indessen traten im Verlaufe
-der Prüfung die körperlichen Vorzüge Willys so entschieden gegen seine
-geistigen in den Vordergrund, daß man ihm am Schlusse nach einstimmiger
-Entscheidung die Qualifikation für eine dreijährige Uebung nicht
-absprechen konnte.
-
-Zu alledem kam noch, daß der Hausarzt der Helmerdings (es war wieder
-der sarkastische Herr von damals) dem jungen Manne nach eingehendster
-Untersuchung seines Körpers erklärt hatte, er werde »unbedingt seine
-drei Jahre abreißen müssen«, ja, um jede gesundheitliche Befürchtung
-abzuschneiden, hatte er hinzugefügt, daß ihm dies gar nicht schaden
-könne. Plattfüße entdeckte er, wie wir ausdrücklich hervorheben
-müssen, an dem jungen Helmerding nicht, obwohl diese Eigentümlichkeit
-gewiß zu seiner Individualität nicht in Widerspruch gestanden hätte.
-Um so freudiger war die Ueberraschung, daß die Aushebungskommission,
-die ihn und seinen Vater allerdings besser kennen mußte, mit großer
-Einhelligkeit von der Plattfüßigkeit Willys durchdrungen war und ihn
-deshalb nur für einen leichten Ersatzreservedienst bestimmte. Und
-mit Jubel, mit inniger Glückseligkeit, mit erhabener Begeisterung
-und Freude beging man daheim, beging besonders die »von frommem Dank
-durchdrungene« Mutter das Fest der platten Füße.
-
-Unter solchen vielverheißenden Auspizien trat Willy endlich in
-jenes reife Jünglingsalter ein, das sein kühner Geist schon lange
-vorweggenommen hatte. Und daß er am Sonntage eine Minute vor Zwölf
-geboren worden war, sollte auch für die Folgezeit ein günstiges Omen
-sein. Willy kam immer zur rechten Zeit, immer, wenn der Sonntag
-auf seinem Höhepunkte stand. Daß er zur militärischen Uebung
-gar nicht einberufen wurde, weil er »überzählig« war, und sein
-späterer, partout »nationaler«, treu zu Kaiser und Reich trinkender
-Diner-Patriotismus ihm so auch nicht das geringste kostete, verdient
-kaum der Erwähnung. Aber auf dem Plan der Landeslotterie stand mit
-zollgroßen Lettern gedruckt: »Der größte Gewinn ist im glücklichsten
-Fall sechshunderttausend Mark!« und für wen konnte die Vorsehung diesen
-Fall vorgesehen haben, wenn nicht für Willy? Seit fünfunddreißig Jahren
-waren das Große Los und die Prämie nicht zusammengefallen; aber in
-der ersten Lotterie, an der sich Willy beteiligte und in der viele,
-viele Tausende von armen Schneidern, Schustern und Kesselflickern
-durchfielen, vereinigte sie ihre Nullen auf das Kind des Glücks und
-der Helmerdings. Und der Zentralbahnhof, der nach zwei Jahren in der
-Stadtverordnetensitzung beschlossen und bald darauf von der Regierung
-genehmigt wurde, erhöhte den Wert der Willy Helmerdingschen Häuser,
-weil sie ganz in der Nähe des zukünftigen Bahnhofs lagen, auf das
-Doppelte, ohne daß Willy etwas anderes hätte zu tun brauchen, als
-den Wert der Häuser mit zwei zu multiplizieren und sich dann über
-das Produkt zu freuen. An der Börse richtete sich Willy mit Vorliebe
-so ein, daß er bei Baisse kaufte und bei Hausse verkaufte. Was er
-aufgehoben hatte, das war Hausse, und was er hatte fallen lassen, das
-war Baisse.
-
-Doch befriedigte ihn der Gang der großen chemischen Fabrik nicht, an
-der er seit seinem sechsundzwanzigsten Jahre als einer der ersten
-Aktionäre beteiligt war. Das Unternehmen hielt sich -- ja -- aber nur
-so so, und an Dividenden war für lange Zeit nicht zu denken. Denn es
-bestand noch ein anderes, ebenso großes und viel älteres Unternehmen in
-der Stadt, und es mit diesem aufzunehmen, schien nachgerade unmöglich
-zu werden. Aber eines schönen Sonntags starb der alleinige Besitzer
-dieser anderen Fabrik, Herr Dr. Pfeiffer, an einem Herzschlage. Grund
-genug für Willy, in der nächsten Versammlung der Aktionäre eine
-Idee zu haben. Die andre Fabrik ankaufen! Sei der Verstorbene ein
-vorzüglicher Geschäftsmann gewesen, so verstehe seine kinderlose Witwe
-von geschäftlichen Dingen leider oder gottlob so gut wie nichts. Nur
-habgierig sei sie, und kosten werde das etwas; aber der Erfolg sei in
-seiner Großartigkeit gar nicht abzuschätzen. Und in der Tat, die Witwe
-forderte nicht wenig. Zwei Millionen, und keinen Pfennig weniger. Das
-war hart; aber Willy war härter und drang bei seinen Konsorten durch.
-
-Schon seit längerer Zeit bemerkten die Helmerdings eine auffallende
-Veränderung an ihrem Kinde. Willys Wangen schienen einzufallen;
-seine Augen waren oft starr auf einen Punkt gerichtet; eine
-düstere Melancholie umschattete sein Antlitz; dann wieder schien
-eine plötzliche Verklärung seine Züge zu umglänzen. Sein Gang war
-ungleichmäßig, bald schleppend und müde, bald hastig und aufgeregt.
-Er floh der Brüder wilden Reih'n und irrte allein, während er sonst
-in Gesellschaft geirrt hatte. Selten kam ein Wort über seine Lippen;
-nur wenn die besorgte Mutter ihm die Wangen streichelte und warnend
-sprach: »Du arbeits zu viel, mein Willy,« antwortete er ihr mit einem
-kindlichen »Ach was!«. Essen und Trinken genoß er nicht mehr mit jener
-inbrünstigen Konzentration auf Gabel und Glas, wie man sie an ihm
-gewohnt war; er betrieb das wie ein gleichgültiges Geschäft, +wenn+ er
-es überhaupt als ein Geschäft betrachtete.
-
-Eines Tages aber ging die Sonne Willys wieder strahlend auf im Hause
-Helmerding. Wer an diesem Tage vier Uhr zwanzig Minuten nachmittags
-zu den Helmerdings ins Zimmer getreten wäre, würde gesehen und gehört
-haben, wie der Papa und die Mama ihren Sohn abwechselnd umklammerten
-und unter Schnaufen und Weinen (dieses kam auf Rechnung der ewig
-weiblichen Frau Helmerding) ihrem Sohne zuriefen:
-
-»Viel Glück, mein Willy! Viel Glück, mein Willy! -- Du bist 'n gutes
-Kind, jaa, un has deinen Eltern immer Freude gemacht; jaa, un viel
-Glück auch, mein Willy!«
-
-Willy hatte nämlich seinen Eltern soeben die Mitteilung gemacht, daß
-er sich mit einer Doppelmillion verlobt habe und die Witwe des Dr.
-Pfeiffer als Mitgift erhalte, die, wie er am folgenden Abend einer
-superben Balletteuse vom Stadttheater beim Champagner erzählte, »hoch
-in den Neununddreißigern« war und noch Spuren früherer Häßlichkeit
-zeigte.
-
-Erst jetzt erkannten die Aktionäre +einstimmig+ die Rentabilität des
-Ankaufs.
-
-Die alten Helmerdings konnten sich über diesen genialen Streich ihres
-Kindes gar nicht beruhigen, und als sie in der Nacht, die diesem Tage
-folgte, erst gegen Morgen entschlummerten, sahen beide im Traum die
-gleiche Verlobungsanzeige:
-
- »Zwei Millionen
- Willy Helmerding
- Verlobte.«
-
-Aber im Traumbilde der Mutter umschlang ein lieblich grünender
-Myrtenkranz das Ganze.
-
- * * * * *
-
-»Meine Herr'n -- entschuldigen Sie -- meine Damen und Herr'n, wollte
-ich sagen,« begann auf dem Verlobungsdiner der Stadtrat Kneesen,
-»also: meine Damen und Herr'n, erlauben Sie mir, mm, zu dieser
-feierlichen Gelegenheit einige schlichte Worte, wie sie aus'm einfachen
-Freundesherzen kommen, mm, was ich nu bereits viele Jahre bin, mm, an
-Ihnen zu richten, mir erlauben werde. Mein alter Freund Helmerding, mit
-dem ich manchen Sturm erlebt habe, das is'n Mann, ich meine: 'n bessern
-Kerl -- ich bin immer 'n bischen grade weg, meine Herrschaften -- kann
-man gar nich, un wenn man noch so lange mit der Laterne sucht, mm, kann
-gar nicht gefunden werden. Er is allgemein geachtet un geliebt un hat
-was für die Stadt getan un hat 'n Herz für die Armen -- ja, ja, das
-has du, Helmerding, das laß ich mir nich nehmen! Un was die alte Mama
-Helmerding is, die hab' ich auch immer lieb gehabt -- ja, das heißt
-alles in Ehr'n, meine Herrschaften, alles in Ehr'n -- hähähähähähä --
--- Na, was wollt' ich noch sagen, also: ich will mich kurz fassen,
-meine Herrschaften. Unser verehrtes Brautpaar hat uns die Freude
-gemacht, die +große+ Freude gemacht -- mm -- sich in den heiligen Stand
-der Ehe begeben zu wollen. Un wenn ich mir da nu zuers den Bräutigam
-betrachte, da muß ich sagen: er macht seinen Eltern Ehre -- un Freude
--- un -- ja, das tut er, un kann ich nur hinzufügen, was ich so halb
-offisiell weiß, daß er wohl nächstens Stadtverorn'ter werden wird,
-na, ich meine, meine Stimme hat er, un er kriegt noch viele dazu, das
-soll'n Sie mal sehen. Denn solche Männer, ich meine, die brauchen wir,
-die durch Fleiß un Intelligenz un was sonst noch -- sich emporgewickelt
--- äh -- wollt' ich sagen: entwickelt haben, +gehören an die Spitze+!!
-Un wenn ich nu zu der lieben Braut übergehe -- djä -- was soll ich da
-anders sagen, als -- er hat sich 'ne Frau ausgesucht -- die zu ihm
-paßt! Praktisch is sie -- un -- un -- wir haben sie alle gern, un hat
-uns alle sehr leid getan, das müssen wir aufrichtig sagen, als sie
-ihren Herrn Gemahl so schmerzlich verloren hat. Aber -- ich meine --
-unser Willy, der wird sie schon trösten, hähähähä, un bitte ich Sie,
-mit mir anzustoßen: Unser Brautpaar soll leben hoch -- un noch 'n mal:
-hoch! -- un zum dritten Mal: hoch!«
-
-»Komm, mein süßen Willy, du has noch gar nich mit mir angestoßen!« rief
-die entzückte Frau Helmerding.
-
-Da trafen sich die feingeschliffenen Gläser in einem vollen Klange, und
-im Auge der Mutter schimmerte eine Träne.
-
-
-
-
-Ernsthafte Predigt vom Kommersieren
-
- Motto: Solche Brüder müssen wir haben,
- Die versaufen, was sie haben.
-
-
-Liebe Brüder!
-
-Es sind einige unter euch in Briefen wider mich aufgestanden mit
-beweglichen Klagen, daß ich in meiner tiefgründigen Abhandlung »Vom
-Essen und Trinken« das Essen bevorzugt und das Trinken vernachlässigt
-hätte. Das Essen nähme einen viel zu breiten Raum ein im Vergleich zum
-Trinken usw. usw. Noch täglich laufen neue Briefe ein; wohl selten hat
-eine Frage unser Volk so in seinen Tiefen aufgewühlt wie diese.
-
-Leider haben es sich dabei einige der Briefschreiber nicht versagen zu
-müssen geglaubt, über das Essen im allgemeinen verächtlich zu urteilen
-und dem Trinken unvergleichlich edlere Eigenschaften zuzusprechen. Ich
-habe beim Lesen solcher Briefe im stillen auf ein Stadium geschlossen,
-in dem der Appetit auf feste Substanzen bereits für immer geschwunden
-zu sein pflegt; aber ich behalte das für mich. Die Sache ist zu ernst,
-um nicht alles persönlich Verletzende von ihr fernzuhalten.
-
-Aber beklagenswert bleibt es, daß man dergleichen unduldsame Meinungen
-nicht zurückgehalten hat. Schlaraffenland ist ein paritätischer Staat
-und soll es, so denke ich, bleiben. Man soll es sich dreimal überlegen,
-ehe man an seiner Verfassung rüttelt. In einem gesunden Staatskörper
-wird die feste Nahrung immer die geeignetste Grundlage bilden für alle
-trunkhaften Bestrebungen.
-
-Es ist richtig, daß Pharao den Mundschenk begnadigte und den Bäcker
-hängen ließ. Aber es ist voreilig, daraus nun Schlüsse für das Trinken
-und gegen das Essen zu ziehen. Hier handelte es sich eben um einen
-Bäcker, also um Brot und Kuchen, und daß diese viel zu viel Mehl
-enthalten, hat noch kein anständiger Mensch bestritten. Aber die
-Aufknüpfung des Bäckers beweist nicht das geringste gegen Roastbeef,
-Rehrücken, Ente, Hummer, Kaviar usw. usw.
-
-Liebe Brüder, man soll das eine tun und das andere nicht lassen.
-Zwischen Rehrücken und Rotspon sitzen: das nenn' ich goldene Mitte.
-Ich hoffe euch davon zu überzeugen, daß mir die Reize der besseren
-Feuchtigkeit nicht fremd sind.
-
-Was den gegen mich erhobenen Vorwurf betrifft, so muß ich doch zunächst
-bemerken, daß ich die Freuden des stillen Suffs sehr objektiv gewürdigt
-und mich der dampfenden Bowle ~en petit comité~ wie immer wärmstens
-angenommen habe. Aber ich gebe zu, daß ich den eigentlichen, geregelten
-Kultus der Getränke mit seinem tiefsinnigen und ehrwürdigen Ritual, daß
-ich das planvolle, bis zur Bewußtlosigkeit zielbewußte Massentrinken,
-den Kommers, leider übergangen habe. Wer beides, Essen und Trinken,
-in +einer+ Abhandlung bewältigen will, wird immer eines von beiden
-vernachlässigen müssen. Dazu ist der Stoff zu weitschichtig, seine
-Anordnung zu schwierig, die Konzeption zu kühn.
-
-Wenn ich übrigens den Kommers soeben als ein Massentrinken bezeichnet
-habe, so ist das ganz subjektiv gemeint, d. h. ich betrachte die Masse
-als Subjekt des Komments. Versteht man unter der Masse das Objekt, so
-wird im Verlaufe des Kommerses das Objekt zum Subjekt und das Subjekt
-zum Objekt, wie dann überhaupt so viele Dinge, z. B. die Viehbub und
-der Saumagd und der Viehmagd und die Saubub, miteinander vertauscht zu
-werden pflegen. Ich weiß nicht, ob das klar ist. Wem es nicht klar
-ist, der betrachte es als den philosophischen Teil meiner Ausführungen.
-
-In die gemeine Bierdeutlichkeit übersetzt, soll das aber heißen, daß
-der Mensch sich nicht um jeden Preis besaufen soll. Ich bitte wohl
-zu bemerken: ich sage +nicht+, daß er sich nicht besaufen soll; ich
-möchte hier um alles nicht mißverstanden werden; er soll es nur nicht
-+um jeden Preis+ tun! (Ich denke bei »Preis« nicht an Geld; denn
-erstens ist das Qualitative immer selbstverständlich, und zweitens
-würde ich dann »+für+ jeden Preis« sagen.) Aus den Burschen, die mit
-der Vertilgung von zwanzig Seideln protzen und in jedem, der es nur
-auf neunzehn gebracht hat, einen fluchwürdigen Jämmerling sehen,
-werden nachher nur allzu oft jene Bürschchen, die aus dem Ueberschwang
-der Jugend nichts gerettet haben als Tugend und einen Magenkatarrh.
-Der Mensch soll trinken, weil es ihm +schmeckt+, darum führt er den
-Ehrennamen »der schmeckende Mensch«, ~homo sapiens~. Wem es aber so gut
-schmeckt, daß er mit der unschuldsvollen, ahnungslosen Seligkeit des
-Säuglings die Grenze der Mäßigkeit überschreitet, für den werde ich
-immer ein sehr mildes Urteil bereit haben. Ueberhaupt diese Grenze der
-Mäßigkeit -- ich weiß nicht -- es ist etwas so Merkwürdiges um diese
-Grenze. Wenn man noch weit von ihr entfernt ist, sieht man sie sehr
-scharf; hat man sie aber erreicht, so sieht man sie nicht mehr. Es ist
-eine heimtückische, infame, eine ganz famose Grenze!
-
-Ein Institut wie der Kommers mußte im Laufe der Zeiten seine Feinde
-finden, das ist klar. Dazu ist die Sache zu gut. Soweit sich diese
-Feindschaft gegen rohe Trinksitten richtet, ist sie mir recht. Es
-alteriert mich, wenn ein Kneipant keinen Bierjungen trinken kann, ohne
-daß es ihm zu beiden Seiten wieder zum Maul herausläuft; denn erstens
-ist »Bluten« nach dem Komment strafbar, also unsittlich, zweitens ist
-es für ein Herz, das die Gaben der Natur mit dankbarer Liebe verehrt,
-eine betrübende Stoffvergeudung, und drittens sieht es scheußlich aus.
-Wer einen mäßigen Bierjungen noch nicht mit lässiger Eleganz bewältigen
-kann, der soll zu Hause, wo ihn niemand sieht, täglich einige Stunden
-daran wenden und es üben. Die kleine Mühe lohnt sich immer.
-
-Anders steht es mit einer anderen Art von Feindschaft. Um von ihr
-sprechen zu können, muß ich meinen Lesern leider eine gewisse Sorte
-von Menschen ins Gedächtnis zurückrufen. Ich habe einen Freund -- d.
-h. er versteift sich merkwürdigerweise darauf, daß ich ihn so nenne
---, wenn ich zu dem sage: »Kerl! Mordbube, du hast ja die ›Maine‹ in
-die Luft gesprengt!«, so verneint er mit tiefem Erstaunen und beginnt,
-mir ausführlich sein Alibi nachzuweisen. Wenn es draußen gleichzeitig
-stürmt, hagelt, regnet und schneit, so daß sämtliche Regenschirme sich
-mit emporgeworfenen Armen gegen ihre Bestimmung sträuben und die Luft
-von aufgewehten Damenhüten erfüllt ist, und ich dann zu ihm sage:
-»Prachtvolles Wetter, was?«, so erklärt er mit erfrischender Energie,
-daß er das Wetter durchaus nicht schön finde, im Gegenteil: schlecht.
-Der Mann ist nicht etwa in gewöhnlichem Sinne dumm; er hat vieles
-gelernt und ist in seinem Berufe tüchtig; seine Dummheit ist eben eine
-ganz außergewöhnliche. Soweit ich ihn bis jetzt vorgeführt habe, ist
-er ja auch, in ganz kleinen Dosen genommen, ganz amüsant. Aber wenn
-man im »Sommernachtstraum« neben ihm sitzt und die Handwerker mit
-dem kindlich-souveränen, großäugigen Shakespearehumor ihr Schauspiel
-aufführen, so stößt er mit dumpfem Ingrimm das Wort »Blech!« von sich.
-Wenn man ihm ein Grimmsches Märchen vorliest und er hört von der Madame
-Pabst, die eine goldene Krone aufhatte, »die war drei Ellen hoch«, so
-stöhnt er aus gekränktem Herzen das Wort »Unsinn«, und wenn ich mich
-mit einem anderen Freunde, einem +ganz+ anderen, an einem köstlichen
-Büchlein ergötze, das lauter Verse ~à la~ Friederike Kempner enthält
-und die Erhabenheit des Blödsinns mit tausend Zungen predigt, wenn
-wir tränenden Blickes schwelgen im deliziösesten Nonsens, so vermag
-er »einfach nicht zu begreifen«, wie man am Lesen solcher schlechten
-Gedichte Gefallen finden könne. Die schöne Zeit solle man lieber darauf
-verwenden, Goethe und andere, +wirkliche+ Dichter zu lesen usw. usw.
-
-Ich denke, daß meine Leser sich jetzt den Typus vorstellen können, den
-mein »Freund« repräsentiert. Stellen wir ihn wieder weg.
-
-Wenn Deutschland eine vollständige Autokratie und ich der Autokrat
-wäre: +diese+ Leute würde ich auf Staatskosten vergiften lassen. Denn
-die Monomanie der Vernünftigkeit, diese traurigste Untergattung der
-Halbidiotie, ist mehr, als ein normaler Mensch vertragen kann und sich
-gefallen zu lassen braucht. Man schimpft so oft auf die Raubmörder,
-und ich gebe zu: mit einem gewissen Recht. Aber ein Raubmörder tut doch
-wenigstens mal etwas Unvernünftiges und trägt auf diese Weise sein
-redliches Teil zur Bewegung bei, die die +höchste+ Vernunft ist und
-ohne die die Welt nicht bestehen könnte. Die »düsteren Bestien« der
-unentwegten Vernünftigkeit würden die Erdachse senkrecht zur Ekliptik
-stellen, um den rechten Winkel herauszukriegen und der ewigen Zappelei
-mit den Jahreszeiten ein Ende zu machen. Gottfried August Bürger, den
-ich so sehr liebe, ich weihe dir ein großes, stilles Glas, weil du aus
-warmblutendem Herzen aufschriest gegen die »kalten Vernünftler«.
-
-Diese ungesalzenen Heringsseelen, diese frostigen Zeloten der
-blöden Ernsthaftigkeit, diese wirklichen Nüchterlinge der korrekten
-Richtigkeit und richtigen Korrektlinge der nüchternen Wirklichkeit
-sehen im Kommersieren und im Kneipstaat ein schädliches und albernes
-Institut; die kindliche Freude der Kneipanten ist ihnen kindisch und
-läppisch, und sie finden abgeschmackt die weisheitsvollen Gesetze des
-Kneipkomments, die, »was in schwankender Erscheinung lebt, befestigen
-mit dauernden Gedanken«. O meine Brüder! Nicht um diese seriösen
-Linealschlucker zu überzeugen, was nimmer ein Sterblicher je vermöchte,
-nein, um uns selbst zu stärken im Glauben an den alleinseligmachenden
-Komment und in allen guten Werken der Saufbrüderlichkeit, wollen wir
-betrachtend immer tiefer uns versenken »in den Reichtum, in die Pracht«
-der edlen Trinkerweisheit!
-
-Welche Fülle realpolitischen Verstandes liegt schon in der Konstitution
-dieses Bierstaates!
-
- »Wer am besten saufen kann, ist König,
- Bischof, wer die meisten Mädchen küßt.
- Wer da kneipt recht brav,
- Heißt bei uns »Herr Graf«,
- Wer da randaliert, wird Polizist.«
-
-Es ist gleichsam etwas Serbisch-Montenegrinisches in dieser Verfassung
-und Gesellschaftsordnung! Und wie klug ist die Strenge jener Gesetze
-über Biergericht und Bierskandal, Vor- und Nachtrinken und ~ex
-pleno~-Bieten usw. usw.; mit welcher Sicherheit und Schwere trifft sie
-den gefährlichsten Feind des Bierstaates, den unheimlichen »Knacker«
-und »Glasbeißer«, der sich der allgemeinen Trinkpflicht tückisch
-entziehen möchte! Den modernen Rechtsstaat erkennt man bekanntlich
-daran, daß in seinen Bezirken möglichst viel und kräftig verdonnert
-wird. So auch den Bierstaat. Ein eifriger Bursch oder gar Präside
-oder Bierrichter wird immer Gelegenheit finden, einen Kneipanten mit
-strengster Gerechtigkeit und Unparteilichkeit zu verknurren, und wenn
-der Verknurrte das kostspielige Rechtsmittel der Berufung ergreift,
-so ist das im Interesse der Hebung des Konsums natürlich nur mit
-wilder Freude zu begrüßen. Wer den Strapazen dieses Rechtsstaates
-nicht gewachsen ist, der muß sich eben rechtzeitig weinend aus diesem
-Bund stehlen. Nur er, den das allgemeine Vertrauen zum Lenker des
-Staatsschiffs berufen hat und den das Gefühl von der Erhabenheit seines
-Herrscherberufs und von der Infallibilität seiner Entscheidungen
-erheben darf, er, der Präside, muß als der widerstandsfähigste Schiffer
-auf seinem Posten ausharren können, muß trotz Nacht und Nebel, trotz
-Aus- und Abstoßen und trotz allem Schwanken des Fahrzeugs und aller
-Seekrankheit sein Schiff zu den sonnigen Gestaden der Fidulitas lenken,
-muß auch das sinkende Schiff als letzter verlassen, und bliebe ihm
-schließlich nichts zum Umklammern als eine frischgeteerte Planke. Daß
-ein solcher Mann mit weitgehender Macht und Autorität ausgestattet
-sein muß, ist klar. Mit einer über alle subversiven, zentrifugalen und
-anulkenden Tendenzen erhabenen Schneidigkeit muß er die Zügel straff
-halten können und in ernsten Augenblicken den Mut zum skrupellosen
-Blödsinn besitzen. Er muß Tempo und Rhythmus des Festes angeben, wie er
-Tempo und Rhythmus der Gesänge (eine eminent wichtige Sache!) bei aller
-Nachsicht gegen Melodie und Tonart mit wachsamer Strenge bestimmt.
-
-Der Gesang! Er ist die Blüte des Kommerses und offenbart also seine
-höchsten Schönheiten. Ich müßte ja ein Werk schreiben von der Dicke des
-»Großen Meyer«, wollte ich das Thema »Die Studentenseele im Lied« auch
-nur achtelwegs erschöpfen. Welch ein sanguinischer Optimismus in dem
-herrlichen Refrain:
-
- »O Rothschild, Rothschild,
- Rothschild, schick' Geld, schick' Geld!«
-
-Es fällt Rothschild ja gar nicht ein, Geld zu schicken; aber das macht
-diese gläubige Bitte ja noch rührender. Welch hinreißende Beweisführung
-in den Versen:
-
- »Bums vallera, die Welt, die Welt ist wunderschön,
- Bums vallera, die Welt ist wunderschön!«
-
-In sechs Worten ist hier eigentlich alles gesagt; das »Bums vallera«
-ersetzt den ganzen Leibniz. Gegen Bumsvallera gibt es keine Instanz.
-Nur aus einer solchen Weltanschauung kann jene großgeistige
-Ueberlegenheit erwachsen, die nirgends erhabener zum Ausdruck gekommen
-ist als in den Worten:
-
- »Was man draußen von uns meint,
- Kann uns Schlacke sein,
- Ist uns auch ganz schnurz!«
-
-Aber weit gefehlt wär' es, zu glauben, daß dem Studentenherzen die
-pietätvollen Gefühle fremd wären! Man beachte in dem allbekannten
-»Fuchsenliede«, mit welch zärtlichem Interesse sich der ganze Chor
-nach des Fuchsen Papa und Mama, nach der Mamsell Soeur und sogar nach
-dem Herrn Rektor erkundigt, man beachte, mit welch teilnehmender Sorge
-sich die ganze Korona mitten im Taumel der Jugendlust erkundigt, ob
-denn der alte Hauschildt noch lebe, und mit welcher innigen Genugtuung
-sie die frohe Nachricht, daß der alte Hauschildt immer noch lebe, ins
-Ungemessene wiederholt. Ueberhaupt nimmt sich der Student mit der
-schönen Weitherzigkeit der Jugend der alten Leute an, besonders da, wo
-man diesen das Recht zum Trinken verkürzen will.
-
- »Olle Winkelmann, olle Winkelmann,
- Was süppst du denn so sehre?«
-
-Und nun die Entgegnung des alten würdigen Mannes:
-
- »Wat geiht di denn min Supen an,
- Wenn ick et man betahlen kann!«
-
-Das erinnert an die wuchtigen Schlagverse einer antiken Tragödie. Und
-hat er denn nicht recht, der alte Mann? Und +wie+ recht hätte er erst,
-wenn er's nicht bezahlen könnte! Die Frage, ob mit diesem berühmten
-Dialog eine Ehrung des alten Kunsthistorikers Winckelmann beabsichtigt
-sei, ist für den dichterischen Wert ganz belanglos. Die Verse gelten
-eben für jeden Winckelmann, wenn er auch +ganz anders+ heißt.
-
- »Ein altes Weib auf der Turmspitze saß
- Und sauren Kohl mit Käse aß« --
-
-ja -- wer, frage ich, würde sich mal um die alte Frau kümmern, wenn
-es nicht der kommersierende Student täte?! Und wie ungerecht ist die
-Beschuldigung, daß er über dem Kneipen die Studien vernachlässige! In
-den allbekannten Versen:
-
- »Der Herr Professor
- Liest heut' kein Kollegium,
- Drum ist es besser,
- Wir trinken eins rum«
-
-ist es doch für jeden Wohlmeinenden offen ausgesprochen, daß +nur+
-deshalb getrunken wird, weil der Herr Professor nicht liest, und wenn
-hämische Gesellen behaupten, der Herr Professor lese eben deshalb
-nicht, weil alle Studenten trinken gegangen wären, so ist das für den
-Effekt ja ganz gleichgültig. Jedenfalls zeigt das gediegene Lied:
-
- »Gennn--eral Laudon, Laudon rückt an, an, an,
- Gennn--eral Laudon, Laudon rückt an.
- Laudon rückt an, an, an,
- Laudon rückt an, an, an,
- Gennn--eral Laudon, Laudon rückt an«
-
-auf das deutlichste, daß die Studenten sogar bei der Kneipe unermüdlich
-Geschichte repetieren, und wer aus eigener Bemühung weiß, welch
-unausgesetztes Studium es erfordert, den »Abt von Philippsbronn« mit
-»Pst« und Pfiff und Schnalz- und Schnarchgetön (im richtigen Tempo
-bitte!) zu singen, und wer beobachtet hat, bis zu welcher idealen
-Vollkommenheit es darin selbst schwächer begabte Talente bringen,
-der kann den Studiertrieb der kommersierenden Jugend nicht anders
-achten als hoch. Ist doch auch die höchste Blüte des Erkennens, die
-rechte Selbsterkenntnis, durch Worte von ewiger Geltung zum Ausdruck
-gekommen, z. B. in den Worten des biederen Mannes, der als Grobschmied
-und Vater inspizierenderweise nach Halle kommt und seinem flotten Sohn
-auf dessen Fragen: »Was macht die liebe Frau Mama, was machen die
-zarten Schwesterlein?« so schlicht als wahr erwidert:
-
- »Se sünd noch all recht fett und rund;
- Se seggen, du bist en Swinehund.«
-
-Wer nur sehen +will+, der sieht also klar genug, daß der Studio
-sich nicht schont, vielmehr die härtesten Selbstanklagen mit Mut
-und Ausdauer verträgt. Wer auch erhebt machtvoller die Stimme der
-Menschlichkeit, als er es tut in den tief gemütvollen Worten:
-
- »Reißt dem Kater den Schwanz aus,
- +Reißt ihn aber nicht ganz aus!+
- (Bravo!)
- Laßt 'n kleinen Stummel dran,
- Daß er wieder wachsen kann!«
-
-Und wer macht sich zum dröhnenden Sprachrohr des verfolgten ~lepus
-parvulus~ und trägt seine rührende Klage an das Ohr der Mitwelt?
-
- ~»Longas aures habeo,
- Brevem caudam teneo.
- Quid feci hominibus,
- Quod me sequuntur canibus?~
-
- ~Caro mea dulcis est.
- Pellis mea mollis est.
- Quid feci hominibus,
- Quod me sequuntur canibus?~
-
- ~Quando reges comedunt me,
- Vinum bibunt super me.
- Quid feci hominibus,
- Quod me sequuntur canibus?«~
-
-Mein Freund, der Vernünftige, hat mich darauf aufmerksam gemacht, daß
-die Menschen den Hasen ja +eben deswegen+ verfolgten, +weil+ sein
-Fleisch so süß und sein Fell so weich sei. O meine Brüder, soll ich ihm
-'mal eine 'runterhauen? Aber nein! Seien wir duldsam gegen die Armen,
-denen nicht geworden ist, das Farbenspiel des Lebens zu kosten, und
-steigen wir als glückselige Wissende empor zu immer höheren Höhen des
-Tiefsinns. ~Sursum corda!~
-
-Da gelangen wir denn zu den orphischen Worten vom Bock, der nicht
-milchen will.
-
- »Mich wundert nichts, als daß, als daß
- Der Bock nicht milchen will,
- Und frißt doch allzeit Gras
- Und frißt doch allzeit Gras.«
-
-Millionen von Menschen, ganze Geschlechter von Erdbewohnern sind
-achtlos an diesem Phänomen vorübergegangen, oder wenn sie es auch
-beobachtet haben, so fanden sie doch nicht den Mut, nach der Ursache zu
-fragen. Erst der trinkende Student fand diesen Mut. Gewiß: beantworten
-konnte auch er diese Frage nicht, das mußte er den Professoren
-überlassen, die die merkwürdige Erscheinung längst auf die Männlichkeit
-des Bockes zurückgeführt haben; aber schon der Mut, eine solche Frage
-zu stellen, ist bewunderungswürdig.
-
-Die Behauptung:
-
- »Häßlichkeit entstellet immer,
- Selbst das schönste Frauenzimmer«
-
-erfordert schon weit weniger Mut. (Denn wenn ein schönes Frauenzimmer
-durch Häßlichkeit entstellt wird, was nützt ihm dann seine ganze
-Schönheit?! Ja: kann man in einem solchen Falle +überhaupt+ noch von
-einem »schönen Frauenzimmer« sprechen? Mein ernsthafter Freund verneint
-es rundweg.)
-
-Von kühnstem, bis in die Polarregionen vordringendem Forschergeiste
-zeugen die sehr belehrsamen und bildungsvollen Verse vom Eskimo.
-
- »Der Eskimo -- lebt manchmal wo,
- Doch manchmal, da lebt er wo anders.
- Er trinkt den Tran -- wie Bier der Mann
- Und reibet damit Salamanders.«
-
-Aber das alles, so tief es ist, ist noch seicht und trivial im
-Vergleich zu dem Liede vom Frack.
-
- »O wie bimmel, bammel, bummelt
- O wie bimmel, bammel, bummelt
- O wie bummelt mir mein Frack!
- Ich hab noch nie einen Frack gehabt,
- Der mir so sehr gebimmelbammelt hat.
- O wie bimmel, bammel, bummelt
- O wie bummelt mir mein Frack!«
-
-Dies, ich wage das schämige Geständnis, ist mir das Höchste in der
-Dichtkunst. Hier ist nur Empfindung, Beobachtung und Bericht von
-Tatsachen; alle Reflexion ist vermieden. Der Dichter verzichtet auf
-jegliches intellektuelle Moment, er ist ein Volldichter. Dieses Werk
-konnte geschaffen und dann genossen werden bei gänzlich exstirpiertem
-Gehirn, ausschließlich mit Hilfe des ~Plexus solaris~, jenes famosen
-Gangliengeflechts in der Magengegend. Ueber den Vortrag sei folgendes
-bemerkt: die Hände ruhen bis zu den Ellbogen in den Hosentaschen, die
-Zigarre hängt genau senkrecht im linken Mundwinkel, der Blick tastet
-mit elegischer Zärtlichkeit am Frack hinunter und sucht vergeblich den
-vorderen Teil der Schöße. Tempo: das hartnäckigste Largo, nach Mälzel =
-1. Aber --:
-
-Jetzt kommt ein wichtiges Aber. Auch in diesem höchsten Moment soll der
-Kneipant noch so viel Herrschaft über sich besitzen, daß er mit ernster
-Hingabe singt und sich im stillen über seinen Ernst unbändig amüsiert.
-Der größte Blödsinn wird ernst genommen: eben das macht den Kommers zu
-einem Bild des menschlichen Lebens. Und wen solch ein Ernst von Herzen
-heiter stimmt, der ist ein Herr des Lebens. Und das soll der Kneipant
-sein. Wir wollen mit dem Stumpfsinn spielen wie Brutus, und nachher
-wollen wir allerlei Tyrannen zum Teufel jagen. Sollte einer unter
-euch, liebe Brüder, gewähnt haben, daß ich die Entwickelung unseres
-Vaterlandes zur Bierarchie befördern helfen wolle, so hat er geirrt.
-Und wenn das edelste Münchener Bräu oder das süffigste Gold vom Rhein
-in Strömen fließt: obenauf schwimme der Mensch. Ihr sollt, liebe
-Brüder, euer geehrtes Innere begießen, auf daß der +Mensch+ in euch zur
-Blüte komme.
-
-Nein, das meine ich natürlich +nicht+, daß einer ein steifes Genick
-haben soll, daß einer sich nie vergessen soll, nie sich heiser singen
-soll, daß er für alles Getriebe um ihn her einen kühlen Polizeiblick
-bewahren soll, daß er ein dicker Klotz oder Pfahl sein soll, der von
-keinem Freudenstrudel sich fortreißen läßt. Solche Scheusale gehören in
-die Wolfsschlucht. Gottlob gibt es aber noch starke Kerle, die mitten
-durch Tabak- und Freudenqualm einen freundlich-festen Blick balancieren
-können, denen in seligsten Sekunden eherne Entschlüsse reifen und die,
-+wenn's nottut+, auf beide Füße springen und Männer sein können.
-
-Denn bei einem rechten Kommers singt man ja auch solche Lieder wie
-»Freiheit, die ich meine« mit den selig-schönen Versen.
-
- »Auch bei grünen Bäumen in dem lust'gen Wald,
- Unter Blütenträumen ist dein Aufenthalt.
- Das ist rechtes Leben, wenn es weht und klingt,
- Wenn dein stilles Weben wonnig uns durchdringt.
-
- Wo sich Männer finden, die für Ehr' und Recht
- Mutig sich verbinden, weilt ein frei Geschlecht.
- Das ist rechtes Glühen, frisch und rosenrot;
- Heldenwangen blühen schöner auf im Tod«
-
-und solche Lieder wie »An der Saale hellem Strande« mit den Versen:
-
- »Drüben winken schöne Sterne,
- Freundlich lacht manch' roter Mund,«
-
-und mit fern versinkendem Blick sieht dann der Sänger alle Schönheit
-deutschen Landes: er hört den heiligen Gesang seiner Wälder und blickt
-mit sinnenden Gedanken hinauf in ihre grünen Dämmerungen und hinab in
-den bilderreichen Spiegel heimatlicher Ströme. Und wie vom Söller her
-ihm schöne Augensterne winken, steht in seinem Herzen der junge, süße
-Wirbelsturm der Liebe auf. Und schön ist in jungbrausender Seele der
-ernste Gedanke an den Tod für ein heiliges Gut.
-
-Jugend sei das vornehmste Getränk an eurem Tisch. Daß ihr aber auch im
-grauen Haar noch jubilieren möget, bewahrt in eurem Keller von diesem
-edelsten Getränke ein ungeheures Faß, das bis ans Lebensende vorhält.
-Eines der herrlichsten Gebete, die je gesprochen worden, ein Gebet
-Heinrich Heines, sprecht es täglich nach; es heißt: »Ihr Götter, ich
-bitte euch nicht, mir die Jugend zu lassen; aber laßt mir die Tugenden
-der Jugend, den uneigennützigen Groll, die uneigennützige Träne!«
-
-Und nicht so soll es sein wie in jenem spöttischen
-»Rückerinnerungslied«, wo es heißt:
-
- »Heute Kriegsgeschrei und Fehde allem, was die Lust vergällt,
- Morgen salbungsvolle Rede über diese Sündenwelt.
- Heute Feindschaft dem Philister, der gehorsamst denkt und schweigt,
- Morgen vor dem Herrn Minister demutsvoll das Haupt geneigt.«
-
-So soll es +nicht+ sein, liebe Brüder, +so nicht+! Auch sollen die
-Jungen unter euch nicht meinen, daß sie nachher mit der schneidigen
-Wurschtigkeit der Bierlogik und Bierjustiz auf den Köpfen ihrer
-Mitmenschen herumpräsidieren können. Wer vom großherzigen und
-großäugigen Jugendtrutz nichts hinüberrettet in sein Manneswerk, den
-soll, was er gekneipt hat, wiederkneipen, dem soll jeder Tropfen
-zu Gicht werden, und die soll ihm in den Hinterfüßen nur so lange
-rumoren, bis er ernstlich anderen Sinnes wird.
-
-Und wenn er dann wieder einmal mit alten und ältesten Herren
-zusammenkommt zu fröhlicher Runde und er vom Angesicht der andern
-den Wandel der Dinge liest, wenn er in eines Augenblicks Erleuchtung
-überschaut, was alles anders gekommen, wie er es einst gehofft, und
-von den Wänden ein ernstes Wort hallt: +Vergänglichkeit+ -- wenn dann
-das herrlichste und wehmutvollste aller fröhlichen Lieder steigt, das
-Lied von der dahingeschwundenen Burschenherrlichkeit, und wenn zuletzt
-der feierliche Augenblick kommt, da alles sich erhebt und einstmals
-oft verflochtene Hände sich wiederfinden: dann mag er's mit ehrlich
-bejahendem Herzen mitsingen, das schöne Bekenntnis:
-
- »Klingt an und hebt die Gläser hoch,
- Die alten Burschen leben noch,
- Es lebt die alte Treue!
- Es lebt die alte Treue!«
-
-Und nun, liebe Brüder, wollen wir trinken auf alle, die vom breiten
-Stein nicht wanken und nicht weichen. Aber auf die, die verlernt haben,
-daß es Tage gibt »von besonderem Schlag«, Tage, so schön, daß man zu
-ihnen gar nichts andres sagen kann als »~Ergo bibamus!~« -- auf die
--- auf die wollen wir auch trinken. Schon um unsertwillen. Das wäre
-ja auch noch schöner, wenn wir um deretwillen dürsten sollten! Wir
-wollen auf sie trinken in der Hoffnung, daß sie sich bessern. Aus jeden
-einzeln! Das schmeichelt ihnen; das greift ihnen an die Ehre. Dann
-gehen sie in sich.
-
-Nachher trinken wir dann noch auf die Temperenzler; das sind sie uns
-schuldig. Prost!
-
-
-
-
-Der große Irrgarten
-
-
-Kommt mit in meinen Blumen-, Irr- und Wundergarten! Er ist nicht größer
-als meine Handfläche; aber ihr werdet euch wundern. Ein Leben könnt ihr
-damit verbringen, durch seine Gänge, Lauben, Grotten und Gebüsche zu
-wandeln. Tretet ein!
-
- * * * * *
-
-Als unsere Aelteste eben zu sprechen begonnen hatte und meine Frau
-sie eines Tages fragte: »Wo ist Papa?«, da antwortete sie mit
-unvergleichlicher Gemütsruhe: »Papa puttrissen,« d. h. Papa ist
-kaputtgerissen.
-
-Meiner Frau und mir selbst war von diesem jähen Ende nichts bekannt;
-wir fragten uns also: Was kann das heißen sollen? Ich war verreist
-gewesen; das Kind hatte gehört, Papa ist verreist; reisen war ihm
-dasselbe wie reißen, verreisen soviel wie zerreißen; in seinem Kopfe
-hatte der Satz also geklungen wie »Papa ist zerreißt«, und wie die
-papiernen Bilder und Puppen, mit denen sie gelegentlich spielte, immer
-sehr bald »puttrissen« waren, so war es jetzt ihr Vater. Sie nahm sein
-grauses Schicksal mit der denkbar größten »Wurschtigkeit« hin.
-
-Als ihr Brüderchen noch am Boden kroch und spielte, hörten wir ihn
-wiederholt den Ruf »Hammelschitte!« ausstoßen. Lange suchten wir
-vergeblich nach der Uebersetzung dieses seltsamen Wortes.
-
-Endlich beobachteten wir, daß der Junge diesen Ruf jedesmal dann
-ausstieß, wenn eines seiner Stein- oder Holzgebäude zusammenstürzte
-oder wenn sich sonst eine Katastrophe ähnlicher Art ereignete. Und
-mit einem Male ging uns ein Licht auf. Wenn wir mit ihm gespielt
-hatten, so hatten wir wohl bei gleichem Anlaß gerufen: »Da ha'm wir
-die Geschichte!« Dieser Satz war ihm zu einem Wort und einem Begriff
-zusammengeschmolzen und bedeutete soviel wie Zusammenbruch, Einsturz,
-Umsturz, und da ein möglichst geräuschvoller Einsturz für die Kinder
-ein Hauptvergnügen beim Bauen, ja, sozusagen der Sinn des Bauens
-ist, so stieß er das Wort »Hammelschitte« jedesmal mit sichtlicher
-Befriedigung hervor.
-
-Ebenfalls nicht ohne weiteres, wenn auch immerhin leichter verständlich
-war mir die Nachricht unserer Jüngsten, sie habe bei den Nachbarn ein
-Bild gesehen, auf dem wäre »Jesus mit zwölf Posteljungens« gewesen.
-Sie hatte offenbar von »Aposteln« und von »Postillons« gehört und die
-beiden Berufsklassen zusammengeworfen. Vielleicht hatte auch noch das
-Wort »Jünger« hineingespielt.
-
-Als dasselbe Kind uns versicherte, es habe »solche Notbremse im Hals«,
-schenkten wir ihm keinen Glauben. Erst als wir erkannten, daß es sich
-um ein »Sodbrennen« handle, fanden wir seine Beschwerden verständlich.
-Auch als es uns erzählte, unser Wirt in der Sommerfrische füttere seine
-Schweine »mit Schleie«, fanden wir dieses kostspielige Verfahren nicht
-wahrscheinlich; mit »Kleie«: das war zu glauben.
-
-In einer Warteschule hörte ich die Kinder singen »Es regnet ohne
-Untersatz« statt »Unterlaß«. Sie wußten, daß man Gefäßen, die eine
-Flüssigkeit enthalten, wie Biergläsern, Blumentöpfen und dergleichen,
-einen Untersatz gibt, und machten wahrscheinlich mit Befremden die
-Beobachtung, daß die Natur beim Regnen diese Reinlichkeitsmaßregel
-versäume.
-
-Ihr werdet jetzt schon wissen, was ich mit meinem Irrgarten meine;
-wenn ich von seinen Schönheiten, Wunderlichkeiten und Wundern nicht
-immer die letzte Erklärung gebe, so gebt sie euch selbst; es ist das
-anmutigste und fruchtbarste Rätselraten, das ich kenne.
-
-Ein krauses und reiches Gärtlein für sich bilden allein schon die
-lautlichen Irrwege der suchenden, tastenden Kinderzunge, die doch nach
-verborgenen Gesetzen tastet und sucht. Das Kind erfindet sich ein
-geniales Erleichterungsverfahren; es assimiliert Zahn- und Lippenlaut
-und macht zwei Lippenlaute daraus; es hat »epwas« gefunden und möchte
-noch »epwas« von der Torte, die ihm schmeckt; es löst einen schwierigen
-Hiatus auf, indem es einen leichten Konsonanten einschiebt, auf den die
-Zunge schon eingestellt war, ersetzt eine schwierige Konsonantenhäufung
-durch eine leichte Konsonantenfolge, und zwar durch eine, die es
-soeben erst geübt hat; darum wollte eins unserer Kinder nichts von der
-»Servisette« wissen; darum sprach es, als es schon stark herangewachsen
-war, noch immer ahnungslos von einer »Klopdopstraße« statt von einer
-Klopstockstraße.
-
-Das Kind verkehrt die Reihenfolge der Anlaute in schwierigen Wörtern
-und erzählt uns strahlenden Auges von der »Muckerlative«, die so
-laut geschrien und geschnauft, und von dem »Wufflabomm«, den es am
-Himmel gesehen habe. Mit entschlossener Abkürzung macht es aus einem
-Delikatessenhändler einen »Delitessenhändler«; ein völlig fremdes
-Wort modelt es um nach einem, das es schon gehört hat: so verbreitete
-eines unserer Kinder die sensationelle Nachricht, daß seine Eltern in
-»Salzkamerun« wären, während wir nur bis zum Salzkammergut gekommen
-waren.
-
-Ebenso erquicklich ungeniert behandelt es die Etymologie; wo ihm
-die Vergangenheitsformen fehlen, gebraucht es den Infinitiv oder
-wenigstens seinen Vokal; es hat ein heillos verknotetes Stiefelband
-»einfach durchgeschneiden« und fragt die Mutter, ob sie die Ernte vom
-Stachelbeerbusch schon »gewiegt« habe. Die unregelmäßigen Verben und
-ihre Ablautung sind ja bekanntlich überall und überhaupt ein lustiges
-Kapitel; die rote Grütze, die in der Küche bereitet wurde, »raach« so
-wunderschön, als Roswitha im Garten »ging, nein: gang, nein: gung«; sie
-möchte sich »epwas« davon »nimmen«. Und wenn es eine »Faulheit« gibt,
-warum soll es keine »Fleißheit« geben; wenn man von Emsigkeit spricht,
-warum soll sich Irene nicht über die »Faulkeit« ihrer Puppe entrüsten?
-Ist man nicht souverän und kann man nicht einfach Plurale und Wörter
-schaffen, die es bis dahin nicht gegeben? Wenn Rosenkohl auf den Tisch
-kam, verzichtete Erasmus; er mochte »die kleinen Köhler« nicht; die
-Peitsche war ihm ein »Knallstock«, und die Kiemendeckel der Fische
-waren »Fischklappen«. Die Frauen, die im Kloster leben, heißen Nonnen,
-die Männer, die im Kloster leben, demgemäß natürlich »Nonnenmänner«,
-und wenn man die Lampe angezündet hat, so muß man sie beim Zubettgehen
-wieder »auszünden«.
-
-Muß sich der Deutsche Sprachverein nicht freuen, wenn aus dem welschen
-»Vestibül« ein deutsches »Westerbül« wird? Wenn es nach Süden liegt,
-sagt man natürlich »Süderbül«.
-
-Wurzelecht ist dieser Purismus Roswithens freilich nicht; als ich
-verschiedentlich scherzenderweise das Wort »naturellement« gebraucht
-hatte, sagte sie statt »natürlich« nur noch »natürlichrallemang«.
-
-Dagegen verfuhr sie wiederum höchst selbständig, ja tyrannisch bei
-der Transition des Tätigkeitsbegriffes auf Subjekt oder Objekt. Sie
-dichtete eines Tages bei einem ihrer Spiele, daß es regne, und spannte
-ihr Schirmchen auf. »Warum spannst du denn den Schirm auf?« fragte
-ich. »Ich beschütz den Regen,« versetzte sie.
-
-Aber dieser Irrgarten der Wörter und Laute ist nur ein kleines
-Vorgärtchen zum großen Labyrinth der Begriffe. Denkt euch, ihr
-blicktet von erhabenem Standort auf ein riesiges Manöverfeld, in
-dem eine Armee nach allen Richtungen zerstreut durcheinandergewirrt
-wäre. Da ertönt das Signal zum Sammeln, und plötzlich entsteht ein
-so heilloses Ameisengewimmel, daß ihr glaubt, es könne sich nie und
-nimmer entwirren. Aber mehr und mehr kommt Ordnung in den Haufen; immer
-deutlicher formen sich die Gruppen, und endlich steht jede Division und
-jede Kompagnie an ihrem Platze und jeder Mann in seinem Zuge an rechter
-Stelle.
-
-Daran muß ich immer denken, wenn ich das Gekribbel und Gewibbel und
-Gewusel der Vorstellungen und Begriffe in einem Kinderkopf beobachte,
-und kein Schauspiel dünkt mich wunderbarer und entzückender, als
-wie diese Begriffe und Vorstellungen sich nach und nach von selbst
-zurechtlaufen.
-
-Interessant ist schon die Chronologie der kleinen Köpfe. »Einmal«,
-so erzählte unsere Roswitha ihrer Mutter und mir, »einmal hab ich
-in Eppendorferweg 'n ganz großen Löwe gesehen!« und als wir an der
-Wahrheit dieser Erzählung zweifelten, fügte sie hinzu: »Ganz gewiß, da
-wart ihr noch gar nicht geboren.«
-
-Als sie eines Tages hörte, daß Männe, ihr geliebter Dackel, auch einmal
-sterben werde, da meinte sie nach längerem Nachsinnen: »Na ja, wenn
-er denn stirbt un wenn Kurti denn mein Mann is, denn lassen wir ihn
-ausstopfen un denn stellen wir ihn aufs Büfett.« Männe wird eben nicht
-eher sterben, als bis sie verheiratet ist und ein Büfett hat. Kinder
-sind Götter und arrangieren den Weltlauf höchstselbst. Und der Gedanke,
-daß etwas Geliebtes ganz aus ihrer Nähe verschwinden könnte, besteht
-für sie nicht.
-
-Die Kinder, die Roswitha einmal haben wird, haben sofort ein gewisses
-vorgeschritteneres Alter; die früheren Kinderjahre überspringen sie.
-Ihre Mutter wünscht das so, weil sich dann interessanter mit ihnen
-spielen läßt als mit Säuglingen und Babies.
-
-Roswithens ältere Schwester Herta kennt keinen Unterschied der Zeiten
-nach Sitten und Gebräuchen; ihre Geschichtsbilder sind ein einziger
-Anachronismus. »Mutter,« fragte sie, »wie hieß noch der Herr, der über
-die Volsker siegte?« Coriolan ist eben ein »Herr« wie der Nachbar
-Müller mit der karierten Hose und dem Zylinder. Geschichtslehrer
-sollten das bedenken.
-
-Und alle sollten wir bedenken, daß Kinder von dem, was wir ihnen sagen,
-viel weniger verstehen, als wir ahnen, wenigstens von dem, was sie
-verstehen +sollen+. Was sie erleben, verstehen sie weit besser, als
-was wir ihnen sagen. Dieselbe Herta kam mit der Theseussage nach Haus
-und erzählte frisch und munter: »Theseus hatte aus Versehen auf Kreta
-getreten.« Was mag sie sich unter Kreta vorgestellt haben! Nie haben
-wir's herausgebracht.
-
-Was mag sich unsere Jüngste jahrelang unter dem Wort »Dienstag«
-vorgestellt haben! Eines Tages sagte sie nämlich mit größter
-Entschiedenheit: »In mein ganzes Leben is noch nie Dienstag gewesen!«
-Und ein anderes Mal fragte sie: »Nich, Pappi, Eis is doch kälter als
-Winter, nich?« Wie sah der Winter aus in diesem Köpfchen? Nicht wahr,
-das ist ein Helldunkel, so geheimnisvoll, wie es keinem Rembrandt
-je gelungen ist, nicht wahr, da tun sich zauberdunkle Höhlen voll
-flimmernder Nächte auf?
-
-Zuweilen gemahnt das kindliche Tasten an den blinden Glücksgriff des
-Genies. »Was ist denn ein ›Paradies‹?« fragte ich einst ein kleines
-Mädchen. »Ein Friedhof«, antwortete es ohne Besinnen. Der Friede
-mochte das ~tertium comparationis~ sein, das die beiden Gärten in der
-Seele des Kindes zu einem gemacht hatte. Und auf der Straße hörte ich
-einst, wie hinter mir ein Büblein zum andern sagte: »Gestern ist meine
-Großmutter eingepflanzt worden.« Das ist eigentlich noch schöner als
-Schillers Verse:
-
- Noch köstlicheren Samen bergen
- Wir trauernd in der Erde Schoß ...
-
-Wir verbinden die Vorstellungen zu Begriffen, wenn sie in den
-wesentlichen Merkmalen übereinstimmen; das Kind stellt solche
-Verbindungen nach einzelnen, oft nach einem einzigen und dazu noch
-zufälligen Merkmal her. Das ergibt dann Aussprüche von merkwürdigem
-Tiefsinn und von überraschender Komik. Ein Sechsjähriger kam an seinem
-ersten Schultage mit der verwunderten Bemerkung heim: »Sie sagen in
-der Schule gar nicht ›Sie‹ zu mir.« Daß seine Verwandten und seine
-Spielkameraden und die Freunde des Hauses ihn duzten, war begreiflich;
-sie waren ja Bekannte; aber fremde Leute sagen doch »Sie« zueinander.
-
-Ein anderer Abc-Schütze berichtete mit gleicher Verwunderung: »Die
-Schulbänke sind gar nicht gepolstert.« Man sollte glauben, es sei ein
-verwöhntes Seidenpüppchen gewesen; aber das Gegenteil war der Fall; es
-war ein einfach gewöhnter, derber Junge; aber mit dem Begriff eines
-Sitzgeräts war ihm das Merkmal der Polsterung verbunden.
-
-Einer meiner Freunde ging mit seinem neunjährigen Neffen in einen
-Juwelierladen, dessen Inhaber ihm u. a. auch einen hübschen Ring für
-den Buben anstellte. Er steckte dem Knaben den Ring an den Finger und
-meinte, ob er solch einen Ring nicht haben möchte; der Junge aber
-lehnte entschieden ab. Wieder auf der Straße, sprach er mit einer
-gewissen Entrüstung zu seinem Onkel: »Ich weiß gar nicht, was der Mann
-mit seinem Ring wollte! Ich +denke+ gar nicht ans Heiraten.«
-
-Natürlich sind es vor allem die sinnlichen Merkmale der Dinge, die
-in den Kindern haften und nach denen sie diese Dinge erkennen und
-bestimmen. Roswitha hatte mit großen, vor Teilnahme ganz dunklen Augen
-das Lied von den zwei Königskindern gehört, für die das Wasser viel zu
-tief war.
-
-»Warum schwamm denn der Königssohn hinüber?« fragte ich sie. »Er konnte
-doch nicht so weit hinüberlieben,« war ihre Antwort. Lieben heißt die
-Arme um den Hals des andern schlingen, ihn drücken und küssen.
-
-Selbst die Geister denkt sich Roswitha in einer nicht zu überbietenden
-Konkretheit. Sie hatte sich im Dunkel ihres Schlafzimmers vor
-»Geistern« gefürchtet (wie sie darauf verfallen war, weiß ich nicht);
-in einer dunklen Zimmerecke argwöhnte sie solch einen Störenfried. Wir
-hatten ihr versichert, daß es Geister von der Art, die die Leute bei
-Nacht belästigen, nicht gebe (in solchem Alter gibt's die ja wirklich
-nicht), und hatten sie genau in alle Winkel schauen lassen, um sie
-von der Gespensterreinheit des Zimmers zu überzeugen. Das hatte sie
-denn auch beruhigt. Aber einige Wochen später mußten ihr doch wieder
-Zweifel aufgestiegen sein; sie rief noch spät ihre Mutter ans Bett und
-vertraute ihr ihre Befürchtungen an:
-
-»Ich weiß ja, daß es keine Geister gibt; du hast es mir ja gesagt;
-aber ich muß immer daran denken: vielleicht is doch noch einer
-nachgeblieben, un der hat sich vielleicht vermehrt.«
-
-Kann man sich Geister sinnlicher vorstellen?
-
-Und wie sie allem Geistigen einen Körper geben, so -- das ist bekannt
--- beseelen sie alles Körperliche. Weil ihnen Körper und Geist
-überhaupt noch ungetrennt sind, weil ihnen die Welt überhaupt noch
-als ein einheitliches Ganzes, nicht als eine Vielheit erscheint!
-Sie besitzen durch die Gnade der Natur noch die Synthese, die der
-Philosoph, wenn er die Welt analytisch zerbröckelt hat, vergeblich
-wieder zu erringen sucht; sie sehen die Welt noch in größeren Komplexen
-als wir. Das zeigt sich höchst charakteristisch in ihrer Orthographie;
-sie hören nicht Wörter, sondern ganze Wortkomplexe, ganze Sätze als
-eines. Als Roswitha Briefe zu schreiben begann, da schrieb sie an ihre
-Freundin nicht nur: »Dann kristu (kriegst Du) meine Puppe«, sie lud sie
-auch »aufngansentag«, d. i. auf einen ganzen Tag zu sich und berichtete
-ihr, daß Männe »gansausersich«, d. h. ganz außer sich vor Freude
-gewesen sei.
-
-Und so wenig sie die Worte und Dinge voneinander trennen, so wenig
-trennen sie sich selbst von den Dingen des Alls. »Seid umschlungen,
-Millionen,« dieses Wort im grenzenlosesten Sinne ist ihre
-Weltanschauung. Da kann es nicht wundernehmen, daß Herta fürchtete,
-ihre Puppe werde Heimweh bekommen, und daß Roswitha von ihrem Kaninchen
-»Swatti« erzählte:
-
-»Als ich Swatti fragte: ›Hast du dir wehgetan?‹, da sagte es: ›Was geht
-dich das an!‹«
-
-»Wie«, fragte ein ungeschickter Mann, »hat Swatti denn gesprochen?«
-
-Ueberrascht sah ihn Roswitha an. »Es hat +so+ gemacht,« sagte sie und
-verzog blitzschnell das Schnäuzchen, wie es die Kaninchen tun und
-wie es die Kinder machen, wenn sie maulen und trotzen. War das nicht
-Sprache genug?
-
-Alles Leben ist eins, und in einem einzigen Strome durchzieht es alle.
-Darum sprang Roswitha heftig auf, als in einer häuslichen Aufführung
-die Königin über den Tod Schneewittchens triumphierte, und rief mit
-Tränen in den Augen:
-
-»Du freche Deern, du sollts man tüchtig Haue haben!«
-
-Und darum erlebt' ich eines Tages, als ich zum hundertsten Male den
-»Tell« sah, etwas ganz Neues. Als die Rütlimänner auseinandergingen und
-die Urner wieder die Felsen hinanstiegen, da winkten sie ihren Genossen
-zum Abschied, und diese winkten zurück. Und wer winkte mit? Mein
-Töchterchen Herta, das an meiner Seite saß. Sie lebte zu Beginn des 14.
-Jahrhunderts in der Schweiz; sie hatte mitgeschworen und kehrte nun
-heim »zu ihrer Freundschaft und Genoßsame«.
-
-Und wie sie alles +sind+, was sie erblicken, so +können+ sie alles,
-was sie sehen. Daß Rudi »Seemann oder Dichter« wird, steht fest, daß
-er dabei auf Schwierigkeiten stoßen könnte, ist ausgeschlossen; daß er
-als Seemann den Nordpol finden wird, leidet keinen Zweifel. Aber das
-alles ist mit menschlicher Kraft zu erreichen. Kinder haben überdies
-noch Wunderkräfte. Wenn Roswitha mit fanatischer Gebärde ausruft: »Ich
-verzauber dich als Tier!« dann ist Rudi ein Tier, da gibt es keine
-Berufung.
-
-Und wie die Kraft, so der Glaube. Als ich einst mit Herta spazieren
-ging und wir an einem Wagen mit einem Schimmel vorbeikamen, sagte sie:
-»Das ist der siebenunddreißigste Schimmel, den ich seh.«
-
-»Zählst du denn die Schimmel?« fragte ich höchlichst überrascht.
-
-»Ja, ich zähl alle Schimmel, die ich seh, und wenn man neunundneunzig
-gesehen hat, dann kann man sich was wünschen.« Sie machte dabei
-dieselben Augen wie damals, als sie den Urnern zum Abschied winkte.
-
-Die größten Magier und Wundertäter aber sind Vater und Mutter. Ich
-erinnere mich aus meiner Kindheit einer Zeit, da ich glaubte, daß
-meine Eltern alle meine Gedanken wüßten, wie der liebe Gott. So
-haben meine Frau und ich bei Roswithen unbegrenzten Kredit. Als sie
-ihre erste, rührend einfache Weihnachtshandarbeit machte, beriet
-sie eifrigst und eingehendst mit ihrer Mutter darüber, wie sie dies
-Geschenk am besten vor ihr verbergen könne. Vieles wurde erwogen,
-vieles wieder verworfen. Endlich rief sie: »Ach was, ich leg es einfach
-in meine Puppenkommode; ich weiß ja, daß du nich darangehst!«
-
-Und ein andermal sagte sie: »Ja, ich steck ja noch immer den Daum'n in
-Mund, wenn ich einschlaf; aber du wirst mir das wohl schon abgewöhnen.«
-Dies felsenfeste Vertrauen zur Mutter beruhigte ihr Gewissen vollkommen.
-
-Wenn ich aber Roswithens Meinung von mir darstelle, so muß ich mich
-eigentlich schamroter Tinte bedienen. Als ein Bildhauer eine Büste von
-mir angefertigt hatte, da fragte ihr Bruder sie, auf die Inschrift im
-Sockel zeigend: »Was steht denn wohl drunter?«
-
-»Pappi!« versetzte sie wie etwas Selbstverständliches. Die Welt hatte
-doch nur einen Pappi, und das war ich. Dumme Frage.
-
-Als aber später einmal von Frankfurt a. M. die Rede war und ihre
-lehrfreudige Schwester Irene sagte: »Da ist der größte deutsche
-Dichter geboren. Wer ist das?«, da rief Roswitha mit derselben
-Selbstverständlichkeit: »Vater!«
-
-Sie soll einmal meine Biographie schreiben.
-
-Die nächsten im Range nach Vater und Mutter sind die Könige und
-Prinzen. Daher Roswithens tiefes Erstaunen, als sie in der biblischen
-Geschichte vernahm, daß die jüdischen Könige mit einer gewissen
-Regelmäßigkeit und Gründlichkeit sündigten.
-
-»Merkwürdig,« sprach sie eines Tages sinnend zu meiner Frau, »jeder
-König tut eine große Sünde; +aber auch jeder+!«
-
-Von den Prinzen hatte sie dagegen infolge von Schokolade eine andauernd
-gute Meinung. Ein Prinz nämlich hatte uns gelegentlich eines Besuches
-Schokolade für die Kinder gegeben, und als Roswitha ihr Teil empfing,
-fragte sie strahlenden Blicks: »Handelt der Prinz mit Schokolade?«
-
-Man muß nämlich nicht glauben, daß sie wie ein Kriegsminister denkt
-und in solchem Handel etwas Deklassierendes erblickt; im Gegenteil:
-ein Prinz, mit Degen, Barett und spanischem Mantel in einem Laden voll
-Schokolade stehend, wäre ihr ein besonders herrlicher Prinz gewesen.
-Hatte sie doch eines Tages, als ihre Geschwister ins Theater kamen und
-sie dafür durch Schokolade entschädigt wurde, triumphierend ausgerufen:
-
-»Schokolade ist besser als Theater!« Eine Wertung, der ich in manchen
-Fällen entschieden zustimme.
-
-Unmittelbar auf Könige und Prinzen folgt, was Hoheit und Macht anlangt
--- hier zeigt sich Roswithens deutsche Natur -- der Schutzmann oder
-Konstabler.
-
-»Wo ist denn Rudi?« fragte ich sie einmal, als sie etwa vier Jahre alt
-sein mochte. Rudi war der nachbarliche Spielgefährte.
-
-»Och,« versetzte sie, »wir ha'm uns doch 'n Herd gebaut, aus Sand,
-nich? Un nu woll'n wir Suppe mit Reis zu Mittag kochen, nich? Un nu
-fragt Rudi den Konstabler, ob wir das auch dürfen.«
-
-So weit muß es kommen mit der Loyalität. Nur sollten dergleichen
-Gesuche schriftlich abgefaßt und auf einem längeren Instanzenwege
-erledigt werden.
-
-Eine unbegrenzte Macht ist auch das Fünfpfennigstück. Ein köstliches
-Kerlchen von drei Jahren hatte solch ein Fünfpfennigstück bekommen und
-wollte damit stracks Laufs auf den Markt, um sich »ßwei Simmels« (zwei
-Schimmel) zu kaufen.
-
-Gelegentlich sind wir bereits aus dem intellektuellen in den
-moralischen Irrgarten getreten. Hier besteht die Verwirrung oft in der
-verblüffenden Einfachheit. So überwindet Roswitha die Illoyalitäten des
-ersten Napoleon auf eine höchst summarische Art. Als man ihr erzählte,
-daß dieser Mann Aegypten, Italien, Spanien, Deutschland, Oesterreich
-usw. erobert und mit Krieg überzogen hatte und nun auch noch Rußland
-erobern wollte, da rief sie empört: »Der is woll wahnsinnig! Der muß
-mal tüchtig was auf die Jacke haben!«
-
-So ist es denn ja auch am letzten Ende gekommen, wenn sich die Sache
-auch nicht so einfach gemacht hat, wie es Roswitha meinte.
-
-Kinder glauben an die unbedingte Wirksamkeit von Strafe und Ermahnung;
-sie beseitigen die moralischen Uebel wie der Bader einen Leichdorn. Wie
-Roswitha fest davon überzeugt war, daß ihre Mutter ihr das Lutschen
-auf dem Daumen »schon abgewöhnen« werde, so ist sie tief davon
-durchdrungen, daß ihre Kaninchen die Unart des Erdwühlens ablegen
-werden, wenn sie ihnen ermahnend zuruft: »Ihr dürft aber nicht wühlen!«
-
-Daß Roswitha bei aller Einfachheit ihrer sittlichen Begriffe in
-gehobenen Stunden gemeinsam mit Rudi das Räuberhandwerk betreibt
-und alles, was durch den Garten kommt, »überfällt«, »fesselt« und
-»beraubt«, mit besonderer Vorliebe mich, weil ich so viel in den
-Taschen trage, das kann in einem Irrgarten nicht wundernehmen.
-Verwunderlicher ist schon, daß an der Innenwand der Räuberhütte,
-in der ich schon viele Jahre als Gefangener geschmachtet habe, ein
-Abreißkalender, ein Thermometer und ein Telephonbuch hangen.
-
-Daß der Garten der Liebe für Roswitha noch im tiefsten Dunkel liegt,
-ist selbstverständlich; aber selbst dieser kimmerischen Finsternis
-entwachsen anmutige Blumen. Sie hatte öfters ein Kind in Begleitung
-einer Bonne durch unsere Straße spazieren sehen. »Das Kind gehört Dr.
-Melchers,« sagte Herta bei Gelegenheit.
-
-»Nein, das Kind gehört dem Fräulein!« rief Roswitha energisch.
-
-»Unsinn, Melchers gehört es,« wiederholte Herta, »ich weiß es doch!«
-
-»Ach, was du schnackst!« rief Roswitha. »Dem +Fräulein+ gehört es! Das
-Fräulein spielt doch immer mit ihm, nich? Un Melchers spielen nie mit
-ihm.«
-
-So verteidigte sie fanatisch das Mutterrecht des Fräuleins, worauf
-dieses wahrscheinlich gar kein Gewicht legte.
-
-So viel immerhin scheint Roswitha von der Liebe schon zu ahnen: daß
-es nicht gut sei, wenn der Mensch allein ist. Man hatte ihr erzählt,
-daß die Nonnen niemals einen Mann nehmen dürften. Das versetzte sie
-in tiefes trauerndes Nachsinnen. Dann aber fuhr sie plötzlich auf und
-rief: »Dürfen sie denn nicht +wenigstens+ die Mönche heiraten?«
-
-Was die Mönche zu diesem »wenigstens« sagen werden, bleibt abzuwarten.
-
-Nicht wesentlich anders stand es mit der zwölfjährigen Irene, als sie
-uns erzählte: »Georg hat mir gesagt, er sieht kein andres Mädchen an
-als mich.«
-
-Das war von Georg deutlich genug; aber da Irene uns die Angelegenheit
-ohne Umschweife und freiwillig mitteilte, so waren wir beruhigt.
-
-Als sie einmal unversehens in die Küche geraten war und eines der
-Dienstmädchen bei dieser Gelegenheit mit viel Empfindung Liebesbriefe
-von seinem Sergeanten vorgelesen hatte, da waren wir beunruhigt. Aber
-als sie uns dann erzählte: »Anna hat Liebesbriefe vorgelesen, das war
-+sooo langweilig+!«, da waren wir wieder beruhigt.
-
-Georg wurde übrigens zum Kaffee eingeladen, erschien ohne jegliche
-Befangenheit, aß mit derselben Unbefangenheit unglaublich viel Kuchen
-und spielte dann mit Erasmus und den Mädchen Indianer in einem sehr
-komischen Kostüm. Er dachte offenbar noch nicht ans Heiraten, sonst
-hätte er kein komisches Kostüm angelegt. Er war in dem Alter, da
-man raucht, spielt und liebt, weil es die Erwachsenen tun; er war
-Toggenburg aus Nachahmung. Nachahmung ist fast alles kindliche Tun und
-Treiben; aber von einem gewissen Alter ab ahmt man nur nach oben nach.
-Bei Erasmus und seinen Genossen ging das so weit, daß sie nicht nur
-Theater spielten (den »Faust« natürlich), sondern sich auch in einer
-handschriftlichen Zeitung gegenseitig rezensierten. Da hieß es denn:
-»Der junge Künstler erschöpfte seine Aufgabe leider nicht restlos«
-oder »Der fleißige Darsteller möge sich nur nicht durch den wohlfeilen
-Beifall der Galerie zu Unnatürlichkeiten verleiten lassen« usw.
-
-Wir lasen diese Blätter mit ernster Anteilnahme und lachten nicht;
-denn es ist etwas Heiliges an solcher Kindheit, daß sie keine Ahnung
-von ihrer Komik hat. Und doch waren diese »Künstler« so komisch wie
-Roswitha, als sie Maurer spielte und sich dazu eine Kelle geben ließ
-und eine Blechflasche, über die Schulter zu hängen, und eine Dose mit
-Kautabak, und fleißig in Lehm und Schlamm arbeitete und dabei doch ein
-rosa Kleidchen mit +Spitzenmanschetten+ trug.
-
-Ja, sie wollen es gar zu gern den Erwachsenen gleichtun, freilich
-weniger in dem, was unangenehm und schwierig, als in dem, was angenehm
-und lieblich ist. Ein kleines Mädel aus befreundeter Familie fragte
-seine Mutter: »Mama, wann kann ich eigentlich tun, was ich will?«
-
-»Ja,« lachte die Mutter, »damit hat's noch gute Weile. Warum willst
-du's denn wissen?«
-
-»Ach, dann will ich mir die Haare brennen,« versetzte das kleine Weib.
-
-Aber sie +wollen+ nicht nur erwachsen sein, sie +werden+ es allmählich
-auch. Sie werden klüger, sie erwachen; Strahl um Strahl dringt Licht
-in den großen Irrgarten, und das zu beobachten ist ein fürstliches
-Gaudium, wenn auch oft ein wehmütiges. Der erwachende Intellekt zeigt
-sich gewöhnlich zuerst als Schlauheit, und wenn er sich bei jenem
-kleinen Mädel auf die Haare warf, so wirft er sich bei andern Kindern
--- und öfter -- auf den Gaumen.
-
-»Mama, +zählt+ ihr eigentlich das Konfekt, wenn ihr es in den
-Tannenbaum hängt?« fragte ein kleines Mädchen seine Mutter. Das war ja
-nun noch eine ziemlich ungenügende Leistung in der Schlauheit; aber sie
-bringen es mit der Zeit schon weiter.
-
-Bei Roswitha -- das muß ich ihr nachsagen -- beleuchtet das
-eindringende Licht gewöhnlich größere Flächen und verbreitert sich zur
-Philosophie.
-
-»Leibweh is eignlich sehr schön,« meinte sie schon mit sechs Jahren,
-»denn bespart man sich seine Schokolade auf, un denn hat man nachher
-noch welche.« Das sind die Anfänge einer optimistischen Weltanschauung,
-die doch eigentlich darauf hinausläuft, daß man auch an Leib-, Kopf-
-und Zahnweh das »Schöne« herausfindet. (Bei Zahnweh hält es schwer;
-aber es geht auch.)
-
-»Teufel, komm un hol sie!« rief sie einmal, als sie über eine
-streitsüchtige Spielgefährtin heftig erbost war, und dann setzte sie
-resignierten Tones hinzu: »Schade, daß es keinen Teufel gibt.«
-
-Ihre Philosophie ist also freilich noch die Tochter der Wünsche; aber
-immerhin philosophiert sie schon wie Voltaire, der behauptete, wenn
-es keinen Gott gäbe, so müßte man ihn erfinden, und, wenn man's genau
-nimmt, auch wie Kant, der den lieben Gott absetzte, um ihn wieder
-einzusetzen.
-
-Ja, sie hatte schon verhältnismäßig früh sozusagen ethische Anfälle. An
-einem schönen Ostermorgen hatte sie mit bemerkenswerter Findigkeit die
-meisten Ostereier, selbst in raffinierten Verstecken, gefunden; aber
-statt sich nun wild in den Genuß zu stürzen, sagte sie: »Bitte, Mammi,
-bitte, Pappi, versteckt sie noch einmal; ich mag sie so gern suchen.«
-Hier überwog also schon die Lust des Erringens das Gelüste des Gaumens.
-Natürlich nicht für den ganzen Tag.
-
-Ihr Gehirn war damals überhaupt schon mächtig an der Arbeit. »Ich
-möcht', daß ich mal recht viel Zeit hätte!« seufzte sie eines Tages.
-
-»Nanu?« rief ich verwundert. Mehr als vierundzwanzig Stunden am Tage
-kann man doch nicht gut Zeit haben. »Wozu denn?« fragte ich.
-
-»Denn möcht' ich mal so recht über +alles nachdenken+!« Sie sagte es
-langsam, nachdrücklich und sehnsuchtsvoll. Die Welt, das Leben drang
-in allzu reicher Fülle auf sie ein; sie konnte nicht alles bewältigen;
-da war so viel, das sie nicht begriff. Es schien eine richtige Sorge
-in ihr zu sein. O ja, Kinder haben auch manchmal Sorgen, und sie nagen
-genau so scharf an ihnen wie an uns. Roswitha drängte einmal ihre
-Mutter, sie möchte ihr doch Unterricht geben.
-
-»Oh, das hat noch Zeit,« meinte die Mutter.
-
-»Aber wie soll ich denn durch die Welt kommen!« rief die Kleine
-bekümmert.
-
-Sie tanzen sorglos über Abgründe dahin und machen sich Sorgen um den
-Schatten eines Halmes. Aber es sind Sorgen. Kindereien sind für sie
-nicht Kindereien. Ich überraschte einmal einen vortrefflichen Mann und
-berühmten Gelehrten dabei, wie er den Tannenbaum für die Seinen putzte
-und dabei fortwährend hockend und kniend um den Baum herumrutschte.
-
-»Warum machen Sie denn das?« rief ich erstaunt.
-
-»Ja,« sagte er, »man muß bedenken, daß die Kleinen den Tannenbaum von
-unten sehen; man muß ihn aus der Perspektive der Kinder schmücken.«
-
-So müssen wir Sorgen und Freuden, Tränen und Lachen der Kleinen aus der
-Kinderperspektive betrachten.
-
-Wenn man das tut, wird man freilich zu Zeiten heftig überrascht von
-einem wahrhaft hellseherischen Blick der Kinder in das Leben der
-Erwachsenen. Roswitha will später einen gewissen »Kurt« heiraten, das
-steht fest. Sie werden dann in unserm Hause wohnen, und zwar hat die
-junge Frau die besseren, unteren Zimmer -- das muß man ihr lassen --
-ihren Eltern, die oberen, geringeren sich und ihrem Manne zugedacht.
-
-»Aber weißt du denn schon, ob dein Mann seine Schwiegereltern bei sich
-haben will?« fragte meine Frau.
-
-»Hach!« rief Roswitha mit unbekümmertem Lachen, »das werd' ich ihm
-schon so lange vorpredigen, bis er ja sagt.«
-
-Ist diese Kenntnis von der Macht der weiblichen Rede nicht verblüffend?
-Oder ist das nichts als weiblicher Instinkt?
-
-Und voll, gepfropft voll von rührenden und komischen Wundern ist dann
-die Zeit, da die Klarheit so weit vorgeschritten ist, daß Bewußtheit
-und Unbewußtheit das Gleichgewicht suchen und das Zünglein an der Wage
-unaufhörlich schwankt, die Zeit, da Leib und Seele die Stimme wechseln.
-Dann wollen sie beides sein, Kind und Weib, Junge und Mann. Dann sind
-zwei Seelen, ach, in ihrer Brust:
-
- »Die eine hält mit derber Liebeslust
- Sich noch ans Spiel mit klammernden Organen;
- Die andre hebt +gewaltsam+ sich vom Duft
- Zu den Gefilden hoher --«
-
-ach, so zweifelhaft »hoher« -- »Ahnen.« Dann will die vierzehnjährige
-Roswitha noch in einem höchst primitiven Indianerkostüm als
-Chingachgook im Garten umherspringen (»Das kann ich doch noch ruhig
-spielen, nicht, Mutter?«), um zwei Minuten später mit Entrüstung
-zu rufen: »Ich bin doch kein Kind mehr!« Dann benimmt sich der
-Faust-Darsteller und Hamburger Dramaturg Erasmus noch wie ein rechter
-Tertianer. Nicht im Wachen, o nein, da hält er die Ohren steif als
-Grand-Seigneur, aber im Schlaf. Er redet nämlich aus dem Traum und
-führt den Dialog weiter, wenn man ihm antwortet. Die Tür zu seinem
-Schlafzimmer stand offen, als ich vorüberging, und ich hörte ihn laut
-rufen. »Nanu!« rief er.
-
-»Was ist denn?« fragte ich.
-
-+Er+ (noch lauter und schwer entrüstet): »Nanu!!«
-
-+Ich+: »Was gibt's denn?«
-
-+Er+: »Es läutet ja gar nicht!!«
-
-+Ich+: »Warum soll es denn läuten?«
-
-+Er+: »Ist doch schon Elf!!!«
-
-Aha! Jetzt begriff ich. Er saß in der Schule, und die Lateinstunde
-wollte nicht rechtzeitig schließen. Daß so eine Lateinstunde anfängt,
-ist schon eine Gemeinheit von ihr; aber nicht rechtzeitig zu schließen
--- da kocht die Jünglingsseele. Im Schlafe war Lessing-Faust eben noch
-Pennäler.
-
-In solcher Dämmerung der Seele, in solch ambrosischer Nacht war's, daß
-Irene, die Selektanerin, die Fast-schon-Seminaristin, mit seltsamen
-Augen auf das Wunderknäul starrte, das ihre jüngste Schwester zum
-Geburtstage erhielt. Meine Frau sah diesen Blick, und als sie Irenen
-bald darauf ebenfalls ein Wunderknäul schenkte, da lag Irenen nichts
-ferner als Würde und Entrüstung und nichts näher als Freude und Lachen.
-
-Solch ein Wunderknäul ist ein Garnknäul, das einen ganzen
-Nibelungenhort von Ringen, Ketten, Seidenbändern, Schokolade usw. usw.
-in sich birgt. Wenn die Mädel nun bei fortschreitender Arbeit das Garn
-abwickeln, so kommen nacheinander alle diese Kostbarkeiten zutage. Da
-gibt es viele Ahs! und Ohs!, viel Staunen und Lachen.
-
-Die Kindheit ist solch ein Wunderknäul. Eigentlich ist das ganze Leben
-solch ein Wunderknäul; aber dann sind auch andere Sachen darin. Und ein
-Glück ist es, der Abwickelung solch eines kindlichen Wunderknäuls mit
-offenen Augen zuzuschauen.
-
-Das unsere ist diesmal zu Ende; an seinem Faden sind wir an einen
-Ausgang des großen flimmerdunklen Irrgartens gelangt --
-
--- und treten nun wieder hinaus ins helle Licht, ins grelle Licht des
-Tages.
-
-
-
-
-Im Seebade
-
-
-Fragt eine Hausfrau, was es heißt: eine fünfwöchige Badereise für
-sieben Menschen vorzubereiten! Eine Art Moltke muß sie sein, der bis
-auf den letzten Knopf und Kragen einen Feldzug organisiert.
-
-Aber alle Sorgen, Berechnungen und Aufregungen solch einer Hausfrau um
-Koffer und Kasten sind nichts gegen Hertas Aufregungen um ihren neuen
-Puppenkoffer. Ihr müßt bedenken, es ist kein gewöhnlicher Puppenkoffer.
-Er hat Abteilungen für Hüte, Leibwäsche, Kleider, Toilettengegenstände
-usw. usw. und ist beinah so groß wie ein kleiner Menschenkoffer.
-Dieser Koffer ist ihr die Badereise; ohne ihn wäre die Badereise ein
-Garten ohne Pflanzen, eine Armee ohne Soldaten, ein Beefsteak ohne
-Fleisch. Es ist der Sinn der Badereise, daß man einen Koffer mitnehmen
-kann. Ich machte mir einen Scherz und sagte mit ernstem Gesicht:
-»Dein Puppenkoffer muß zu Hause bleiben; wir haben schon viel zu viel
-Gepäck.«
-
-Da schaute aus Hertas braunen Augen ein vernichtetes Lebensglück. Das
-konnte ich keine drei Sekunden mit ansehen, und schnell sagt' ich: »Ja,
-ja, du darfst ihn mitnehmen.«
-
-Da war das Lebensglück wieder wie neu.
-
-Alle fünf großen Koffer machen meiner Frau nicht so viel Kopfzerbrechen
-wie Hertas Puppenkoffer. Sie mag im Erdgeschoß oder im ersten Stock,
-im Keller oder auf dem Boden sein -- überall wird Herta wie aus der
-Versenkung neben ihr auftauchen und sie über die Dispositionen in
-ihrem Puppenkoffer um Rat fragen. Und dabei stellt sich leider ein
-empfindlicher Mangel heraus. Auf Sylt ist die Witterung zuweilen rauh,
-auch im Sommer, und Herta hat für ihre Puppen keine Winterkleider!
-Da erklärt sich Irene bereit, ihr das Nötige zu leihen. Und da
-schlägt Herta ihrer Schwester die Arme um den Hals und küßt sie,
-und dann schaut sie sie an und sagt mit den Augen: Ich schwöre dir
-unauslöschliche Dankbarkeit und ewige Liebe über das Grab hinaus.
-
-Drei Tage darauf war's, daß Herta bei Tisch ein allgemeines Schweigen
-durch den Ausruf unterbrach: »O Gott! Ich muß jeden Tag einmal sagen,
-daß ich glücklich bin!«
-
-In ihrer Mutter Hände legt Herta überhaupt alles, was sie betrifft,
-ihr ganzes gegenwärtiges und künftiges Schicksal, auch die Wahl ihres
-dereinstigen Gatten.
-
-»Du suchst mir einen Mann aus, und dann sag' ich zu ihm: Du sollst mein
-Verliebter sein.«
-
-So denkt sie sich den Hergang. Ob er sich so einfach abspielen wird,
-bleibt abzuwarten.
-
-Was mich betrifft, so sind mir an der Badereise die Koffer nicht das
-Liebste; das Meer z. B. ist mir wesentlich lieber. Denn am Meere werd'
-ich faulenzen können! Sonst hab' ich zu dieser edlen Kunst kein Talent;
-ein verlorener Tag -- wohlverstanden: nicht ein dem Vergnügen geweihter
-Tag, nein: ein vertrödelter, zwecklos verbummelter Tag hinterläßt mir
-einen schlimmeren Katzenjammer als sieben Glas Grog von schlechtem Rum
--- wenn ich sie trinken würde, meine ich --, aber am Meere kann ich
-faulenzen. Das Meer wiegt alle Gedanken ein, auch die Gedanken, die
-nicht schlafen wollen und nicht schlafen können, alle, alle; am Meere
-glaub' ich an die Vorstellung der Wilden, daß die Seele den Körper
-verlassen und sich auf eigene Hand ergehen könne.
-
-Und ich reise diesmal mit um so größerem Behagen, als meine Tochter
-Appelschnut mich über die Kosten vollständig beruhigt hat. Als wir
-schon in der Eisenbahn saßen, sagte ich: »Ich glaube, ich habe mein
-Portemonnaie vergessen.«
-
-»Pappi, ich hab' Geld mitgenommen!« rief Appelschnut.
-
-»Wie viel?«
-
-»Fünfßehn Fennige!«
-
-»Na also!« Zu allem Ueberfluß fand ich dann auch noch mein Portemonnaie.
-
-Aber nicht nur ein Portemonnaie habe ich mitgenommen, sondern auch
-Bücher. Ich beschränke mich darin und nehme selten mehr als ein
-Dutzend Bücher mit, da ich schon zehnmal erfahren habe, daß ich nur
-in vereinzelten Fällen eins davon zu Ende lese. Nachdem im Sand des
-Ufers eine tiefe »Kuhle« ausgegraben -- so tief, wie es das Grundwasser
-erlaubt -- und ringsherum ein hoher Burgwall mit Ausblick auf das Meer
-aufgeworfen worden, bette ich mich so weich und warm wie möglich in die
-Kuhle und nehme mein Buch zur Hand. Diesmal ist es ein dickleibiges
-biologisches Werk über die Pflanzen und Tiere des Meeres. Ich befinde
-mich auf der dritten Seite der Einleitung, als ich aus weiter Ferne
-»Nuuu!« rufen höre. Ich lese weiter und höre gleich darauf lauter
-und dringlicher »Nuuu!« Da fällt mir ein, daß ich ja eigentlich mit
-meiner jüngsten Tochter Versteck spiele. In dieser Seeluft ist ein
-berauschender, benebelnder Tau, der alle Vorsätze, Versprechungen,
-Abmachungen, Hoffnungen und Befürchtungen in Traum und Dunst auflöst.
-Ich grabe mich also aus und mache mich auf, meine Tochter zu suchen.
-Ich sehe sofort ihren mächtigen roten Strandhut über einen Sandwall
-schimmern; aber ich suche sie natürlich lange und unter verzweifelten
-Ausrufen überall, wo sie nicht ist. Endlich »finde« ich sie: »Ach, da
-bist du!« Sie kreischt vor Vergnügen wie ein Seeadler und fliegt mir an
-den Hals. Auch von ihrem Munde kommt der Atem des Meeres.
-
-Nun muß ich mich verstecken. Sie drückt beide Hände vor die Augen und
-steckt den Kopf in den Sand, um nichts zu sehen. Ich nehme mein dickes
-Buch und setze mich hinter einen Strandkorb. -- --
-
-Ich befinde mich auf der vierten Seite oben, als sich zwischen mich und
-das Buch ein roter Hut schiebt.
-
-»Vater, du mußt doch ›Nu!‹ rufen!«
-
-»Ach ja, wahrhaftig, entschuldige!«
-
-In dieser Luft wird ein Cato zum Windhund, ein Regulus zum
-Wortbrecher, und ein Picus von Mirandola verliert das Gedächtnis. Ich
-sammle mich wieder auf, verstecke mich mit meinem Buch hinter der
-Dünentreppe und rufe: »Nu!«
-
-Ich bin auf der vierten Seite unten, als mir ein ganzer Mensch aufs
-Buch fällt und schreit: »Haaaa! Nu hab' ich dich!«
-
-»Nu muß du mich wieder suchen!« ruft sie und ist verschwunden wie ein
-Hauch.
-
-Man wird zugeben, daß dies nicht die Art ist, ein Dutzend Bücher zu
-bewältigen, zumal wenn man nach siebenmaligem Rufen und Verstecken
-mit Herta, der glücklichen Besitzerin des Puppenkoffers, »dritschern«
-muß. »Dritschern« heißt: einen flachen Stein so auf den Wasserspiegel
-werfen, daß er wiederholt abprallt, bevor er versinkt. Auch
-»dritschern« fördert die Lektüre nicht; aber als Vater kann man sich
-ihm nicht entziehen. Wie gut es ist, wenn man in der Jugend fleißig
-gewesen, das sehe ich jetzt: ich »dritschere« noch ziemlich schön.
-Aber Herta will es wie gewöhnlich im Anfang nicht gelingen, und daran
-ist weniger ein Mangel an Geschicklichkeit als die Ueberfülle von
-Kraft schuld, die sie an alles wendet. Wie Brunhilde im Wettkampf den
-Felsblock schleudert, so wirft sie ihr Steinchen. Aber auch die stille,
-die innere Kraft hat sie, und da gelingt es ihr schließlich doch, und
-als es ihr gelungen, da lacht sie hell mit dem Mund und heller mit
-den Augen, wirft mir die Arme um den Hals -- ich weiß nicht, ob es
-Liebkosungen oder Schläge sind -- und küßt mich.
-
-Herta, du siehst aus wie ein Symbol der Natur: Du küssest und
-zermalmst, und alles mit lachenden, unschuldsvollen Augen!
-
-Die ersten drei Jahre ihres Lebens war sie ununterbrochen krank, ein
-trauriges Würmchen, die nagende Sorge der Mutter. Da gingen wir alle
-eines Sommers in ein jütisches Fischerdorf an der Nordsee, und in
-diesem Dorf waren drei Wochen lang heulender Sturm, peitschender Regen
-und unentrinnbarer Dorschgeruch. Wir verwünschten das Dorf und reisten
-nach Hause, und von Stund' an war Herta gesund und ward fröhlich
-und stark. Wie oft verwünschen wir Toren das Glück, das wie Unglück
-aussieht!
-
-Schließlich entläßt mich Herta freilich in Gnaden zu meiner Lektüre;
-aber inzwischen hat Roswitha-Appelschnut neue Kräfte gesammelt. Als
-ich auf der fünften Seite oben bin (noch immer Einleitung!), da tritt
-sie an mich mit dem Ersuchen heran, die gewohnten Zirkuskünste mit
-ihr zu exekutieren. Ich muß mich platt in den Sand legen; sie springt
-mit zehn Schritt Anlauf auf mich zu, und ich muß sie auffangen. Nach
-diesem »Todessprung« kniet sie in meine flachen Hände, und ich muß sie
-langsam und lotrecht emporheben. Dann folgt »Appelschnut, die Königin
-der Luft«. Ich strecke einen Arm hoch; sie legt sich mit dem Bauch auf
-meine flache Hand, streckt alle Viere nach den vier Himmelsrichtungen,
-und ich muß sie drehen. Lauter Sachen, mit denen ich im Wintergarten in
-Berlin ein Heidengeld machen könnte, wenn ich wollte.
-
-Aber plötzlich ist Appelschnut verschwunden. Wie ein Traum ist sie
-entflohen. Die Kinder gehen mit der Mutter zum Baden. Darum! Sie ist
-schon ganz ferne, hinter zwanzig Sandhügeln.
-
-Vor zwei Jahren war es noch anders. Da sah sie die weiß und grünen
-Wogen auf den Strand klatschen und in die Höhe spritzen, klatschte
-in die Hände, lachte, als ob das Herz zum Halse herausfliegen wolle,
-und dachte: Ei, was ist das Meer für ein Spaßmacher! Und gar nicht
-schnell genug ging ihr das Auskleiden, gar nicht früh genug konnte
-sie dem Spaßmacher an den Hals springen! Mit offenen Armen sprang sie
-ihm jauchzend entgegen -- und im nächsten Augenblick lag sie sieben
-Meter weiter zurück mit der Nase im Sand; sie hob den Kopf, sah sich
-mit grenzenloser Verblüffung um, schnappte nach Luft, und als sie sie
-endlich hatte, brüllte sie mit der Brandung um die Wette. Es war eine
-Art Nachbildung der berühmten Arie: »Ozean, du Ungeheuer!« O dieser
-abscheuliche Grobian von einem Spaßmacher! Sie wollte ihn umarmen und
-mit ihm tanzen, und er schmiß sie auf den Strand wie einen gemeinen
-Sandfloh! Kurz, sie war dem Meer auf ewig böse.
-
-Heute aber, da sie »schon groß ist«, hat sie Poseidon verziehen;
-sie weiß ihm um den Bart zu gehen und seinen täppischen Späßen zu
-entschlüpfen, und am liebsten ginge sie im Wasser zu Bett. Wenn sie
-nicht baden darf, so streift sie Rock und Höschen auf und watet durch
-sämtliche Lagunen und Lachen, die das ebbende Wasser zurückgelassen.
-Noch gestern abend rief sie, als meine Frau sie zu Bett bringen wollte:
-»Ach Mammi, bitte, bitte, noch einen Augenblick, hier ist noch so'ne
-himmlische Pfütze!«
-
-Appelschnut, Appelschnut, was wird der »Verein zur öffentlichen Hebung
-der Moralität bei den Mitmenschen« dazu sagen, daß du von himmlischen
-Pfützen sprichst!
-
-Ja, sie ist schon so sehr mariniert, daß sie jetzt auch einen Matrosen
-zum Mann haben will.
-
-»Erst will ich Barmherzige Schwester werden, und dann werd' ich
-wohl 'n Bauern nehmen, damit ich recht viele Tiere krieg', und dann
-heirat' ich 'n Matrosen.« Es ist dabei zu bedenken, daß sie schon vier
-Spielkameraden Hoffnung auf ihre Hand gemacht hat und außerdem nach
-einer früheren Aeußerung an dem Gatten ihrer Schwester Herta teilhaben
-will. Sie wird das System Blaubart akzeptieren müssen.
-
-Und dabei sagt diese Dame, die sieben Männer haben will, noch statt
-»Badekabine«: »Kabadebine!« Jawohl, meine Frau und ich haben es
-wiederholt gehört: sie, die schon in richtigen Konjunktiven spricht und
-sogar Konzessivsätze riskiert, sagt noch »Kabadebine«. Und wir haben
-uns fein gehütet, sie zu korrigieren; das Wort war uns ein wundersam
-rührendes Ueberbleibsel aus jener Zeit, da sie noch durch die Sprache
-wie durch einen Urwald tappte und die wunderlichsten Blumen und Wege
-fand. --
-
-Also ich darf mich jetzt einer Ruhepause erfreuen. Ich habe mir in
-einem großen Eimer allerlei Seegetier gesammelt und will jetzt so lange
-hineinsehen, bis ein kleiner Seestern mit seinen Saugfüßchen vom Grunde
-des Eimers bis oben an den Rand hinaufspaziert ist. Damit kann man sehr
-gut ein paar Stunden ausfüllen. Wenn ich dies Stück Arbeit erledigt
-habe und nicht allzu müde bin, will ich einer meiner Entenmuscheln
-so lange zuschauen, bis sie fünftausendmal ihre feinen Rankenfüße
-vorgestreckt und wieder eingezogen hat. Ja, wenn nicht mein Freund und
-Duzbruder Nazi wäre!
-
-Nazi ist ein Dreijähriger; aber er ist groß und dick wie ein
-Sechsjähriger. Er hat einmal gehört, daß er zu dick sei, um schnell
-zu laufen; seitdem erklärt er, wenn er sich tummeln soll: »Kann nich,
-schu dick!« Er fiel uns schon auf der Herreise in der Eisenbahn durch
-die energische Erklärung auf, daß er nicht in der »heißen Tütbahn«
-fahren wolle, sondern in der »kalten«. Die »Tütbahn« war natürlich die
-Eisenbahn, weil sie »Tüt« macht, und »heiß« war sie, weil er das Feuer
-unter dem Kessel der Lokomotive gesehen hatte. Das war ihm unheimlich
-gewesen, und darum verlangte er, kalt zu fahren.
-
-Als ich mich kaum in die tiefsinnige Betrachtung meines Seesterns
-versenkt habe, höre ich den Ausruf: »Ich krieg' doch wasch schu eschen!«
-
-Aha, also Nazi. Als er mich einmal mit Sand beworfen hatte, rief ich:
-»Wart', du Schlingel, du kriegst heute nichts zu essen!«
-
-»Ich krieg' doch wasch schu eschen!« rief er.
-
-Ich tat, als wenn ich aufspringen wolle.
-
-Er kreischte, halb aus Furcht, halb vor Vergnügen, sprang drei Schritte
-zurück und schrie: »Ich krieg' doch wasch schu eschen!«
-
-Ich griff zähnefletschend nach einer Sandschaufel und schwang sie
-drohend.
-
-Er kreischte wieder, sprang wieder drei Schritt zurück und schrie
-abermals: »Ich krieg' doch wasch schu eschen!«
-
-Jetzt sprang ich zornbebend und wutschnaubend auf die Füße und lief
-drei Schritt auf ihn zu.
-
-Er lief sieben Schritt, blieb stehen und schrie dasselbe, und bei dem
-»doch« klappte seine Stimme jedesmal über. Auch mit diesem Spiel könnte
-ich eventuell meinen Kuraufenthalt ausfüllen; Nazi würde nichts dagegen
-haben; aber ich mach' es nur einmal vormittags und einmal nachmittags;
-dabei werde ich immer noch, da Nazi fünf Wochen zu bleiben gedenkt,
-etwa siebzigmal alle Stadien der sittlichen Entrüstung darüber, daß
-Nazi etwas zu essen kriegt, durchlaufen müssen.
-
-Nachdem ich auch diesmal mein Pensum Wut geschäumt habe, wird Nazi auf
-den Eimer aufmerksam. Er guckt hinein und fragt: »Wasch isch dasch?«
-
-Ich nenne ihm die einzelnen Tiere.
-
-»Worum tut die immer scho?« Er macht die Bewegungen der Entenmuschel
-nach.
-
-»Sie holt sich was zu essen aus dem Wasser!«
-
-»Da isch ja gar nix schu eschen.«
-
-»Doch; da ist sehr viel zu essen; das kannst du nur nicht sehen.«
-
-»Worum nich?«
-
-»Weil es zu klein ist.«
-
-»Worum isch esch schu klein?«
-
-»Junge, das weiß ich nicht.«
-
-»Och, weisch doch mal!«
-
-Dja, wenn's an meinem Willen läge, dann wüßt' ich noch ganz was anderes.
-
-»O kuck mal!« ruft er plötzlich, »der Hund wackelt mit'n Henkel!«
-
-Ich bin natürlich sehr begierig, einen Hund mit einem Henkel zu sehen.
-Richtig, da steht ein Hund mit einem aufwärts gekrümmten Schwanz,
-und mit diesem Schwanze wackelt er. Man kann den Schwanz gar nicht
-treffender bezeichnen, als ihn der Dichter Nazi bezeichnet hat.
-
-Endlich vermißt er meine Töchter, für die Nazi natürlich nächst
-Schlagsahne das Himmlischste auf der Welt ist.
-
-»Wo isch dein Mädschen?« fragt er.
-
-»Wen meinst du? Gertrud?«
-
-»Nein, Fräulein andere Gertrud!«
-
-»Irene?«
-
-»Nein, Fräulein andere Irene!«
-
-»Herta?«
-
-»Ja.«
-
-»Die sind alle zum Baden. Willst du nicht auch baden?«
-
-»Nein, kann nich, schu dick,« ruft er und stapft mit den Säulen des
-Herkules durch den Sand von dannen.
-
-Ich lese nun die fünfte Seite der Einleitung zu Ende; da ich aber zum
-Umblättern zu erschöpft bin -- ich werde hier allmählich zur Molluske
---, so streck' ich mich zunächst einmal lang in den Sand.
-
-Aaaaaaaaah -- hahaaaaaa -- -- --
-
-Und ich brate in der Sonne.
-
-Und ich sehe fern, fern am Horizont ein kleines, weißes Segel, das will
-ich betrachten, bis es verschwindet. In jenem Schifflein sitzt meine
-Seele -- ich weiß es! Und ich will meiner Seele nachschauen, bis sie in
-den veilchenblauen Himmel entschwindet.
-
-Indessen brät mein Leib in der Hölle, in dieser unsagbar molligen
-Hölle, die meinetwegen ewig sein kann. Man kann die Genüsse von Himmel
-und Hölle nicht bequemer vereinigen.
-
-Meinem Leibe ist wohl wie einem angespülten toten Seehund.
-
-Zuweilen ist es mir auch umgekehrt: dann liegt meine Seele hier am
-Strande und hat sich in Sonnenschein verwandelt, und mein Leib schwebt
-unsichtbar in den Lüften, aufgesogen von den Wolken, von der trinkenden
-und trinkbaren Luft.
-
-Meine Lungen sind vollständig betrunken von dieser Luft, und mein
-Leib schmort, und wenn ich noch ein wenig warte, wird er zu brutzeln
-anfangen.
-
-Wie es scheint, bestreut mich schon jemand mit Salz und Pfeffer;
-aber es ist nur Appelschnut, die mich mit Sand bestreut. Von unten
-anfangend, bedeckt sie mich nach und nach vollständig mit Sand. Sollte
-ich wirklich nur noch ein toter Seehund sein? Ich opponiere nicht
-einmal, als mir der Sand zwischen Hals und Kragen rieselt, obwohl dies
-kein eigentlich angenehmes Gefühl verursacht. Ein toter Seehund faßt
-keine Entschlüsse mehr.
-
-»O Pappi, laß uns mal Pferd spielen!« ruft Appelschnut plötzlich.
-
-Aber ich bin von meinen Forschungen über dem Wassereimer so
-angegriffen, daß ich ihr vorschlage, lieber Kuchen und Häuser zu
-backen, ein Geschäft, das man ohne große Veränderung der Körperlage
-etablieren kann. Sie ist sofort einverstanden, und wir backen in
-zehn Minuten eine amerikanische Großstadt mit Häusern, Kirchen
-und Kuchenläden. Allerdings bauen wir mit stetig wachsendem
-Arbeitspersonal. Nach fünf Minuten ist nahezu die ganze unmündige
-Strandbevölkerung auf der Arbeitsstätte versammelt. Und als ich nach
-abermals fünf Minuten emsig damit beschäftigt bin, in einem Garten
-sämtliche Blumen und Gemüse anzubauen, die sich aus Strandhafer
-herstellen lassen, empfinde ich um mich her eine abgrundtiefe Stille.
-Ich hebe den Blick: meine Arbeitsgenossen sind schon in weiter, weiter
-Ferne; sie haben längst ein anderes Spiel begonnen, und Appelschnut
-hüpft über die fernsten Hügel wie eine wandernde Mohnblume.
-
-Verwaist, vergessen und öde liegt die Stadt. Schon beginnt der Wind,
-sie zu verwehen, die Flut, sie zu benagen. Nie wieder wird die eben
-noch Lebendige ein Hauch des Lebens erwecken; in einer Stunde wird
-sie verschwunden sein. Wunderbare Welt des Meergestades! Selbst
-Kinderträume verwehen in dieser Luft noch schneller als drinnen im
-Land, und tiefer noch als anderswo senkt sich ins Herz das Gefühl: Auch
-deine Wünsche sind wandernder Staub. Du brauchst nicht nach Aegypten zu
-gehen: diese verlassene Stadt der Kinder ist Memphis.
-
-Aber auch die beschauliche Ruhe ist hier vergänglich; schon kommt
-Roswitha wieder herbeigesprungen.
-
-»Mutti!« ruft sie erregt.
-
-Ich wundere mich, daß sie mich als Mutter anredet, und sehe mich um --
-ach so: meine Frau liegt neben mir im Sand.
-
-»Mutti, Erna is immer so eisch; wenn wir spielen, dann macht sie immer
-Streit und wirft uns Sand ins Gesicht. Sei man gar nich mehr so nett
-mit ihr; wir sind alle von ihr weggegangen!«
-
-In diesem Augenblick geht Erna, eine von den weniger erfreulichen
-Badebekanntschaften, weinend vorüber.
-
-»Mutter, sie weint,« sagt Appelschnut, »soll ich sie mal fragen, ob sie
-wieder gut mit uns sein will?«
-
-»Ja, frag' sie nur.«
-
-Nach einer kleinen Minute wandern Erna und Appelschnut wieder Arm in
-Arm. Auch Roswithens Zorn verrinnt und verweht wie Wind und Welle.
-
-»Was spielt ihr denn?« fragt meine Frau.
-
-»Ach, wir spielen so fein! Krankenhaus! Mit unsern Puppen! Einer is
-heute schon dreimal operiert worden, un denn hat er noch Scharlach un
-Cholera!«
-
-Allmächtiger! Je verzweifelter die Fälle sind, desto vergnügter
-sind diese Barmherzigen Schwestern. Patienten mit weniger als drei
-Krankheiten scheinen gar nicht aufgenommen zu werden.
-
-»Eben is auch 'n kleines Baby geboren worden, noch kein Jahr alt und
-hat schon 'n Keuchhusten!«
-
-»Na, da habt ihr ja alle Hände voll zu tun,« ruft meine Frau lachend.
-
-»Ja!« rufen stolz die beiden wie aus einem Munde, und schon sind sie
-wieder über den Bergen bei den sieben Zwergen. --
-
-»Ich krieg' doch wasch schu eschen!« schreit es nah bei meinem Ohr.
-
-Nee, is nich, Nazi. Mein Morgenpensum ist erledigt.
-
-»Ach, da ist ja mein Nazi!« ruft meine Frau. »Komm, sag' mir mal Guten
-Tag.«
-
-»Kann nich -- schu dick!« versichert er mit Ueberzeugung.
-
-»Ja, wenn du zu dick bist, darfst du ja auch keine Schokolade essen.«
-
-Nein, nein, das ist eine mißverständliche Auffassung; für Schokolade
-ist er nicht »schu dick«.
-
-Die magnetischen Kräfte der Schokolade sind von der Wissenschaft, wie
-mir scheint, noch entfernt nicht in ihrer Gewalt erkannt. Wie aus dem
-Boden gestiegen, umstehen meine Frau im nächsten Augenblick mehrere
-eigene Kinder, zwei Schwestern des Herrn Nazi und einige weitere
-Strandbevölkerung.
-
-Als Nazi auf dem Schoß meiner Frau sitzt, guckt er ihr minutenlang in
-die Augen. Irgend etwas tieferes Philosophisches scheint sich in ihm zu
-entwickeln. »Kannsch du mit deinen Augen schehen?« fragt er schließlich.
-
-»Ja gewiß, Nazi! Warum soll ich mit meinen Augen nicht sehen können?«
-
-»Deine Augen schind ja scho dunkel!« meint er.
-
-Dieser Ausspruch Nazis ruft in der Korona seiner weiblichen Verehrer
-einen Sturm des Entzückens hervor.
-
-»Ist er nicht zu süß?« jubelt Herta. »Gott! Solch einen kleinen Bruder
-möcht' ich auch noch haben!«
-
-Aber Nazis sechsjähriges Schwesterchen spricht ein ernstes und
-passendes Wort:
-
-»Tu das lieber nich, Herta,« sagt sie, »da is viel Arbeit bei.«
-
-Meine Frau ist durchaus der gleichen Meinung und drückt ihrer
-verstehenden Mitschwester dankbar die Hand.
-
-Es ist auch zu bedenken, daß ich nicht nur schon fünf eigene Kinder
-habe, sondern daß ein allerliebstes kleines blondlockiges Mädel, ein
-Püppchen aus lauter Grazie und Spitzen, sich mir vollständig attachiert
-und mich ohne alles Verdienst mit Standhaftigkeit »Vater« nennt. Auch
-sie ist schuld, daß ich die Einleitung meines biologischen Wälzers
-nicht zu Ende lesen kann. Wenn sie ihrer Puppe das Bett macht, packt
-sie mir mit den Worten »Vater, halt' mal, bitte!« erst die Paradedecke
-aufs Buch, darauf das Deckbett, dann das Kopfkissen, hierauf das
-Bettlaken und endlich Matratze und Pfühl, und ich kann nicht eher
-weiterlesen, als bis alles in der umgekehrten Reihenfolge, gehörig
-geklopft und gelüftet, wieder in den Puppenwagen gelegt worden ist.
-Und ferner ist zu bedenken, daß ich ja schon einen Nazi habe, einen
-viel längern als diesen, nämlich den Obertertianer Erasmus. Wenn ihr
-einmal ein Füllen auf einer großen Weide beobachtet habt, dann habt
-ihr eine Vorstellung von Erasmus im Seebade. Solch ein Füllen, wie ihr
-wißt, steht in diesem Augenblicke still und nachdenklich da, um ganz
-plötzlich und unvermittelt den Kopf in den Nacken zu werfen, die Mähne
-zu schütteln und mit geblähten Nüstern, wiehernd, den Rasen stampfend
-und die Hufe gegen den Himmel werfend, zwanzigmal die weite Wiese zu
-umrasen, und in seinem Gewieher ruft es: »Ihr lächerlichen Menschen,
-wie lächerlich klein ist eure Erde!« So auch Erasmus. Wenn vom Gefäß
-seiner Jugendkraft plötzlich der Pfropfen sich löst und knallend in die
-Luft fliegt, dann wird er zum jugendlichen Steppenroß, das fliegenden
-Laufes die Dünen und Sandwüsten der Insel durchstampft, und wenn
-ihn der Hafer sticht, wiehert er mit ungemeiner Naturtreue. Es ist
-sehr wahrscheinlich, daß die Zentauren der griechischen Mythologie
-ursprünglich wildlebende Obertertianer waren.
-
-Dabei zeigt dieses Natur- und Fabelwesen zu andern Zeiten Momente
-einer überlegenen Ironie. Als er eines Morgens aus seinem Bette
-stieg, bemerkte meine Frau, daß er aus dem einen Zipfel seines langen
-Nachthemdes einen riesigen Knoten gemacht hatte.
-
-»Was soll denn das?« rief meine Frau.
-
-»Das soll mich daran erinnern, daß ich noch Cäsar präparieren muß.«
-
-Das war freilich schon stark gegen Ausgang der Ferien.
-
-Jeden Mittag um zwölf Uhr kommt Erasmus an meine Sandfeste, um mich
-zum Baden abzuholen. Bei Obertertianern muß man die Badestunde immer
-unmittelbar vor das Diner legen, weil nur eins die Kraft hat, sie
-wieder aus dem Meere hervorzulocken: die Tischglocke.
-
-Wenn wir dann zum Essen gehen, müssen wir auch an Nazis Tisch vorbei.
-Sein Vater erlaubt ihm nicht, die Versicherung, daß er doch was zu
-essen kriege, laut durch den Saal zu schreien; aber er blinzelt mir
-heimlich mit boshaftem Frohlocken zu, und ebenso heimlich schüttle ich
-grollend die Faust.
-
-Wir entwickeln alle einen ziemlich gleichmäßigen Appetit, den bekannten
-nördlichen Luft- und Meerhunger; aber Appelschnut wollte ihre Milch
-nicht trinken. Da habe ich sie dazu überredet, ihre Mutter regelmäßig
-bei Tische »anzuführen«. Ich gab ihr den teuflischen Gedanken ein, ihre
-Milch heimlich auszutrinken, dann zur Mutter zu sagen: »Ich mag keine
-Milch!«, und wenn die Mutter sie dann tadelte, ihr triumphierend das
-leere Glas zu zeigen. Das wiederholen wir nun bei jeder Mahlzeit und
--- merkwürdig! -- jedesmal fällt meine Frau wieder darauf hinein, und
-jedesmal tauschen Appelschnut und ich danach einen Blick der freudigen
-Genugtuung: »Sie ist richtig wieder auf den Leim gegangen!«
-
-Bei Tische muß ich, einem stillschweigenden Uebereinkommen gemäß, ein
-gewisses Quantum Witze für den Hausgebrauch machen, zum Beispiel wenn
-der Roquefort, der Maden hat, durch einen Camembert abgelöst wird,
-muß ich sagen: »~Le Roquefort est mort, vive le Camembert!«~ oder so
-etwas Aehnliches; der Nachmittag aber gehört dann allerdings vorwiegend
-der Ruhe. Zwar nehme ich, in der Sandgrube liegend, die Biologie der
-Meerorganismen vors Gesicht, aber doch nur in dem vollen Bewußtsein,
-daß dieses Bewußtsein schon nach Beendigung des ersten Vordersatzes
-schwinden werde.
-
-Natürlich: wenn ich von Ruhe gesprochen habe, so hat das keinen Bezug
-auf die Kinder. Kinder haben ein so ruhiges Herz, daß Haupt und Glieder
-der Ruhe nicht bedürfen. Ich habe denn auch kaum das Quantum Schlaf
-genossen, dessen man nach einem solchen Vormittage dringend bedarf, als
-mir aus Traumeshimmeln etwas ziemlich Schweres, Warm-Lebendiges auf den
-Magen fällt. Selbstverständlich Appelschnut.
-
-»O Pappi, wir spielen zu fein! Karl is der Wolf, un ich bin das Pferd,
-un denn kämpfen wir uns immer mit'nander!«
-
-Ich habe also ein Pferd auf dem Schoß. Auch in diesem Augenblick, da
-sie auf meinem Schoße sitzt, fühlt sie sich vollkommen als Pferd. Aber
-das Pferd hat einen sehr kräftigen Schmutzfleck im Kleid.
-
-»Roswitha, wie hast du das schöne neue Kleid beschmutzt!«
-
-»Ach, das war so naß geworden, und da wollt' ich es mit Sand wieder
-reinmachen, un da war es mit ein'mal so schmutzig.«
-
-Der Sand muß starke Beimengungen von rötlichem Ton gehabt haben.
-
-»Sag' es man nicht erst Mutter,« meint sie, »sie ärgert sich bloß.«
-
-Diese Besorgnis um die Mutter finde ich ergreifend.
-
-»Ich weiß ja, mein süßes Väterchen sagt nichts,« dabei wirft sie mir
-die Arme um den Hals, küßt mich und trabt mit dem Wolfe davon.
-
-Nicht einen Augenblick ist ihr der Gedanke gekommen, daß es für ein
-Pferd absurd ist, sich auf den Schoß seines Vaters zu setzen und ihn zu
-küssen.
-
-Nach einer Viertelstunde kommen Pferd und Wolf wieder auf mich
-zugerannt, und das Pferd ruft in großer Erregung: »Vater, Karl will
-nich glauben, daß die Erde sich immer so rumdreht!«
-
-Als Anhänger des Kopernikanischen Systems bestätige ich, daß die Erde
-sich immer so rumdreht.
-
-Karl wird nachdenklich.
-
-»Er meint, dann fallen wir ja alle um!« ruft Appelschnut.
-
-»Nein, die Erde hält uns fest und nimmt uns alle mit.«
-
-»Wir drehn uns auch alle!« erklärt Appelschnut.
-
-»Die Schaufel auch?« fragt Karl, auf eine im Sand steckende Schaufel
-zeigend.
-
-»Die Schaufel auch,« bestätige ich.
-
-»Der Strandkorb auch?« -- »Der Strandkorb auch.« -- »Du auch?« -- »Ich
-auch. -- Und du auch.«
-
-»Ich?« -- »Ja.«
-
-»Hähäää -- das ist nicht wahr!« ruft Karl mit überlegenem Lachen, und
-vor dieser Ueberlegenheit muß ich wie schon so oft in meinem Leben
-verstummen. Karl dreht sich nicht mit.
-
-Und so verfließt der Nachmittag, so verfließt der Tag, und gleich auf
-den ersten Tag folgt der letzte Tag. Ganz anders ist es als in den
-Tagen der Schöpfung. Da heißt es: »Es ward aus Abend und Morgen ein
-Tag.« Hier müßte es heißen: »Aus Abend und Morgen werden vierzig Tage,
-hundert Tage, tausend Tage.« Was zwischen dem ersten und dem letzten
-Tage liegt, ist ein stilles, ewiges Fließen von Wasser und Wind, von
-Atem und Traum, und so wenig du die Tropfen im Meere zählst, so wenig
-dir daran liegt, sie zu zählen, so wenig achtest du hier der Tage im
-Meere der Zeit.
-
-Wehmütig raffen die Kinder am letzten Tage den kleinen Hausrat unserer
-flüchtigen Wohnstatt zusammen; wehmütig steh ich dabei, das Werk über
-die Pflanzen und Tiere des Meeres mit seiner unausgelesenen Einleitung
-in der Hand haltend. Da höre ich aus weiter Ferne ein Krähen. Ich
-suche lange nach dem Ursprung dieses Schalles und finde endlich oben
-am Rand einer hohen Dünenklippe zwei Menschen, die wie eine Dame und
-ein Kind aussehen. Da der Wind herübersteht, so höre ich endlich mit
-angespanntestem Gehör: »Ich krieg' doch wasch schu essen!«
-
-Da reiß' ich von unserer verfallenen Strandburg einen mächtigen Pfeiler
-los, pack' ihn mit beiden Händen und schüttle ihn mit furchtbarer
-Drohung.
-
-Und der Wind trägt mir ein letztes, jauchzendes Kinderlachen zu.
-
-Und ganz zuletzt erlebe ich noch etwas Wundersam-Schönes.
-
-Mein Töchterlein hat hier eine Freundin gefunden, die heißt Else.
-Totweinen würde sie sich, wenn sie Else niemals wiedersehen solle, so
-hat Irene erklärt. Nun umwandern sie, um Hals und Hüfte innig Arm und
-Arm geschlungen, die Reste unserer Strandburg und singen.
-
-Irene singt: »Nun ade, du mein lieb Elseland, lieb Elseland, ade!«
-
-Das Land, wo sie Else kennen gelernt, ist ihr ein Elseland geworden.
-
-Else singt: »Nun ade, du mein Irenenland, Irenenland, ade!«
-
-Das Land, wo sie Irene fand, ist ihr ein Irenenland geworden.
-
-»Irene« ist »der Friede« -- das weiß Else vielleicht nicht einmal.
-
-Kinder, ihr singt ein tiefsinniges Lied.
-
-Nun ade, du mein Irenenland -- -- --!
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Die Marienbader Kur 5
-
- Die Ziege 33
-
- Die späte Hochzeitsreise 53
-
- Die Hosentaschen des Erasmus 101
-
- Flieh, auf, hinaus ins weite Land! 119
-
- Der süße Willy 137
-
- Ernsthafte Predigt vom Kommersieren 195
-
- Der große Irrgarten 221
-
- Im Seebade 253
-
-
-
-
- Von Otto Ernst erschienen ferner
- im Verlage Ullstein & Co, Berlin:
-
-
- In der Sammlung der Ullstein-Bücher
-
- Laßt Sonne herein!
-
- Eine Sammlung heiterer Geschichten und Plaudereien des bekanntesten
- und beliebtesten Humoristen unserer Zeit, ein lachender
- Sorgenbrecher, der überall willkommen ist.
-
-
- In der Sammlung der Jugendbücher
-
- Gulliver in Liliput
-
- Der Hamburger Dichter erzählt hier der Jugend die lustigen
- und zugleich lehrreichen Abenteuer des Seemannes Gulliver im
- sagenhaften Zwergenlande der Liliputaner.
-
-
- Preis 1 Mark
-
-
-
-
- Von Otto Ernst erschienen ferner:
-
-
-Im Verlag +L. Staackmann+, Leipzig:
-
- Semper der Mann, Roman. 30. Tausend.
- Semper der Jüngling, Roman. 65. Tausend.
- Asmus Sempers Jugendland, Roman. 100. Tausend.
- Appelschnut, humoristische Plaudereien, reich illustriert.
- 35. Tausend.
- Ein frohes Farbenspiel, humoristische Plaudereien. 30. Tausend.
- Vom geruhigen Leben, humoristische Plaudereien. 35. Tausend.
- Vom grüngoldnen Baum, humoristische Plaudereien. 28. Tausend.
- Aus meinem Sommergarten, humoristische Plaudereien. 21. Tausend.
- Sankt Yoricks Glockenspiel, Satiren, Schwänke, Schnurren,
- Aphorismen usw. 10. Tausend.
- Der süße Willy, Humoreske. 22. Tausend.
- Besiegte Sieger, Novellen. 6. Tausend.
- Kartäusergeschichten, Novellen. 7. Tausend.
- Gedichte. 4. Tausend.
- Glimmen des Mittags, Gedichte. 4. Tausend.
- Siebzig Gedichte. 30. Tausend.
- Bannermann, Schauspiel. 3. Tausend.
- Flachsmann als Erzieher, Lustspiel. 34. Tausend.
- Die Gerechtigkeit (Revolverjournalisten), Lustspiel. 6. Tausend.
- Die größte Sünde, Trauerspiel. 8. Tausend.
- Die Liebe höret nimmer auf, Tragikomödie. 5. Tausend.
- Jugend von heute, Lustspiel. 14. Tausend.
- Ortrun und Ilsebill, Märchenkomödie. 3. Tausend.
- Tartüff der Patriot, Lustspiel. 3. Tausend.
- Blühender Lorbeer, Aufsätze. 10. Tausend.
- Laßt uns unsern Kindern leben! Aufsätze. 10. Tausend.
- Nietzsche, der falsche Prophet. 5. Tausend.
- Gewittersegen, ein Kriegsbuch. 11. Tausend.
-
-
-Im Verlag +M. Glogau jr.+, Hamburg:
-
- Hamborger Schippergeschichten, Plattdeutsch nach Drachmann. 8. Taus.
-
-
-Jugendschriften
-
-Im Verlag +Jos. Scholz+, Mainz:
-
- Der Kinder Schlaraffenland, illustriert. 10. Tausend.
-
-Im Verlag +G. W. Dietrich+, München:
-
- Hinaus ins Freie! Illustriert. 5. Tausend.
-
-Im Verlag +Union+ Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart:
-
- Robinson Crusoe, neu erzählt und reich illustriert. 10. Tausend.
-
-
-
-
- Ullstein-Bücher
-
- Neue Bände:
-
-
-Besser Herr als Knecht
-
-von Fedor von Zobeltitz
-
-Ein deutscher Balkanfürst, eine ritterliche Phantasiefigur, ist der
-Träger der Eisernen Krone, ist der Held des Romans. Er hat die Züge
-Alexanders von Bulgarien, des Battenbergers. Sein Schicksal erhält
-durch Zobeltitz das Kolorit, die szenischen Wirkungen eines großen,
-spannenden Theaterstücks. Vom Berliner Hof des alten Kaisers, von einer
-märkischen Garnison, von der Burg eines reichsunmittelbaren deutschen
-Hauses geht es hinüber in den abenteuerlichen Halborient.
-
-
-In der Kommandantenkajüte
-
-von Hans Wilhelm Hollm
-
-Marinegeschichten, an Bord erzählt, im vertrauten Beisammensein der
-Kameraden: Erinnerungen an den Zauber der Südsee, vom Heimweh nach
-der Ferne, nach dem frohen Leichtsinn der Jugend heraufbeschworen,
-Geschichten vom Finden und Auseinandergehn, von Abschied und
-Wiederbegegnung, heitere und ernste Lebensepisoden. Ein deutscher
-Seeoffizier ist der Verfasser des prachtvoll frischen und prachtvoll
-ehrlichen Buches, das überall die Herzen höher schlagen lassen wird.
-
-
-Der belagerte Tempel
-
-von Thea von Harbou
-
-Das Werk Theas von Harbou, das mit starkem Griff hineingreift ins
-Leben, ist ein Roman der deutschen Bühne zur Kriegszeit. Alle Typen
-des Schauspielertums treten auf, inmitten ernster und froher,
-leidenschaftlicher und stiller, rauher und weihevoller Szenen. Ein
-letzter, südlicher Sommertraum unter den Zypressen Capris geht der
-wuchtig geführten Handlung voran.
-
-
- Jeder Band 1 Mark
-
-
-
-
-[Illustration:
-
- Berlin SW 68
- Ullstein & Co
-]
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
- korrigiert.
-
- Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
-
- S. 233: vel → viel
- für die das Wasser {viel} zu tief war
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Das Glück ist immer da!, by Otto Ernst
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GLÜCK IST IMMER DA! ***
-
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-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
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- The Project Gutenberg eBook of Das Glück ist immer da!, by Otto Ernst.
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-
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- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Das Glück ist immer da!, by Otto Ernst
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Das Glück ist immer da!
- Heitere Geschichten und Plaudereien
-
-Author: Otto Ernst
-
-Release Date: October 24, 2015 [EBook #50293]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GLÜCK IST IMMER DA! ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Das <a href="#Inhalt">Inhaltsverzeichnis</a> befindet sich am Ende des Buches.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am <a href="#tnextra">Endes
-des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="h2">Das Glück ist immer da!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="h2">
-Ullstein-Bücher</p>
-<p class="center">
-Eine Sammlung<br />
-zeitgenössischer Romane</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="tb p2" />
-<p class="center">
-Ullstein &amp; Co / Berlin und Wien
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<h1>
-Das Glück ist immer da!</h1>
-<p class="center">
-Heitere Geschichten und Plaudereien<br />
-von</p>
-<p class="h2">
-Otto Ernst</p>
-<div class="figcenter">
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-</div>
-<hr class="p2 tb" />
-<p class="center">
-Ullstein &amp; Co / Berlin und Wien<br />
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Marienbader_Kur">Die Marienbader Kur</h2>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Meine Freunde haben es verschuldet. Sie
-haben mich so lange gereizt. »Eduard, du
-wirst zu stark, Eduard!« sagten sie täglich zu
-mir; die Gefühlloseren sagten: »zu dick«, die Gemütsrohen:
-»zu fett«. Ich leugnete das energisch;
-aber sie mußten sich heimlich verschworen haben;
-denn sie sagten es alle. »Ein gewisses Embonpoint
-ist bei mir hereditär, habituell, gehört sozusagen zu
-meiner Konstitution,« bemerkte ich. Dergleichen
-drückt sich immer am besten in Fremdwörtern aus.
-Ein rüdes Gelächter antwortete mir. »Deshalb«,
-fuhr ich fort, »verschlagen auch Entfettungskuren bei
-mir nicht das geringste.« »Ja, weil du sie nicht
-konsequent durchführst!« johlte die Masse in vulgärer
-Einstimmigkeit. »Ich &ndash; nicht durchführen?« versetzte
-ich mit meiner überlegenen Ironie, »nun &ndash;
-das werde ich euch beweisen!« Und so ging ich nach
-Marienbad.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span></p>
-
-<p>»Sie gehen nach Marienbad?« fragte mich ein
-wohlbeleibter Eisenbahngefährte. »Ei, da sind Sie
-zu beneiden! Marienbad ist entzückend! Und
-schlemmen kann man da, schlemmen&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>Ich bemerkte dem Manne mit einem sittlichen
-Ernste, der &ndash; ich fühlte es &ndash; mir gut stehen mußte,
-daß ich nicht zu schlemmen gedächte, sondern mich
-einer sehr ernsten Magerkur zu unterziehen beabsichtigte.</p>
-
-<p>»Ach so, Sie wollen fasten!« rief er überrascht.
-»Na ja &ndash; kann man da auch,« fügte er nachlässig
-hinzu. »Dazu gehört allerdings ein starker Wille.«</p>
-
-<p>»An dem soll es nicht fehlen,« preßte ich durch
-die aufeinandergebissenen Zähne.</p>
-
-<p>Er maß mich von oben bis unten und dann von
-links nach rechts und sagte nichts, der unhöfliche
-Mensch.</p>
-
-<p>Vor dem Diner im Speisewagen sagte ich mir
-logischerweise, daß es erst dann einen Sinn habe,
-mit der Kur zu beginnen, wenn <em class="gesperrt">alle</em> Bedingungen
-dieser Kur gegeben seien, daß systemlose Halbheiten
-in solchem Falle sogar recht gefährlich werden können.
-Andrerseits war mir wohlbekannt, daß bei
-solchen Kuren ein möglichst großer Gegensatz zwischen<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-heut und morgen nur zu empfehlen ist, weil
-nämlich der Körper auf solche schroffen Uebergänge
-mit einer beträchtlichen Gewichtsabnahme reagiert.
-Das Diner setzte sich für dieses Prinzip sehr günstig
-zusammen; es bestand aus Bouillon mit Klößen,
-Lachs mit Mayonnaise, Mastochsenbraten mit Makkaroni,
-Plumpudding und Butter und Käse. Um
-den Choc, den der Körper morgen erhalten sollte, zu
-verstärken, nahm ich dazu eine Flasche Bier, eine
-halbe Flasche Clicquot und zum Kaffee einen Benediktiner.
-Danach legte ich mich in meinem Abteil
-schlafen.</p>
-
-<p>In Marienbad angelangt, begann ich meine Kur
-auf dem Bahnhofe. Zwar meinen Hauptkoffer
-überwies ich einem Träger; als dieser aber auch den
-nicht unbeträchtlichen Nebenkoffer an sich nehmen
-wollte, sagte ich triumphierend: »Nein, lieber
-Freund, jetzt wird selbst getragen,« nahm meinen
-Koffer und schritt hinaus. Die Fiaker vor dem
-Bahnhof machten mir ihre komfortabelsten Gesichter,
-nannten mich »Herr Baron« und, als mir
-das nicht zu genügen schien, »Herr Graf«; ich aber
-versetzte ohne allen Adelsstolz: »Nein, meine Herren,
-jetzt wird gegangen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span></p>
-
-<p>Wenn ich einmal eine Sache angreife, so tu' ich's
-mit Energie.</p>
-
-<p>Wenn ich gewußt hätte, daß der Bahnhof so weit
-vom Orte entfernt liege und daß meine Wohnung
-dann auch noch ganz am entgegengesetzten, nördlichsten
-Ende der Stadt gelegen sei und daß der Weg
-dahin nicht allzu sanft ansteige, so hätte ich vielleicht
-doch meinen Koffer dem Träger übergeben und
-wäre gefahren. Aber während ich schwitzte, erhob
-mich doch das Wonnegefühl: »Wenigstens fünf Pfund
-schaffst du dir durch diesen Leidensweg vom Leibe.
-Wenn du das drei- bis viermal gemacht hast, bist du
-dein Uebergewicht los. Allerdings« &ndash; dieser Gedanke
-erleuchtete mich blitzartig &ndash; »das hättest du
-auch zu Hause haben können.«</p>
-
-<p>Meine Wohnung lag im dritten Stock. Für die
-Zumutung, den Fahrstuhl zu benutzen, hatte ich nur
-eine kurze, abweisende Handbewegung. Das Zimmer
-kostete wöchentlich fünfzig Kronen einschließlich
-Tag- und Nachtgeschirr. Alles andere mußte extra
-bezahlt werden.</p>
-
-<p>Sobald ich mich einigermaßen eingerichtet und
-umgekleidet hatte, eilte ich, mich wägen zu lassen. Ich
-fühlte mich so leicht nach meiner Kofferträgerarbeit!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p>
-
-<p>In Marienbad hat jedes zweite Haus eine allein
-richtige Wage. Man setzt sich in einen bequemen
-Stuhl und läßt seine Schwerkraft walten; dann
-zeigt die Wage nicht nur das Gewicht an, sie druckt
-es auch gleich auf einen kleinen Zettel. Da stand:
-94,8 Kilo.</p>
-
-<p>»Sie sind wohl &ndash;!« rief ich unwillkürlich aus.
-Das Wort »verrückt« verschluckte ich ebenso unwillkürlich
-wegen der Gerichtskosten.</p>
-
-<p>Der Mann beteuerte, daß sein Apparat vollkommen
-tadellos funktioniere. Ich warf meine
-zwanzig Heller auf den Ladentisch, ließ den Zettel
-liegen und ging, Verachtung in den Zügen, hinaus.</p>
-
-<p>Zwanzig Schritte weiter trat ich in ein anderes
-Haus mit allein richtiger Wage. Der Zettel erschien
-und zeigte: 95 Kilo. Diesmal versah eine Dame das
-Wägeamt; ich konnte also nicht 'mal »Sie sind
-wohl &ndash;!« rufen.</p>
-
-<p>Langsam und sinnend schob ich den Zettel in die
-Westentasche und verließ das Lokal. Mir war's, als
-hätte ich Blei in den Gliedern.</p>
-
-<p>Draußen kam mir die Erleuchtung. Ah, dacht'
-ich, die haben dir den Neuling angesehen. Das sind
-Wagen für Ankömmlinge! Jetzt wirst du schlau<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-sein. Mit elastischen Schritten betrat ich ein drittes
-Lokal und rief: »So! Zum Abschied möcht' ich nun
-noch einmal gewogen sein!« Diesmal verzeichnete
-der Zettel: 95,1 Kilo.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Noch mehr! Es hängt Gewicht sich an Gewicht,<br /></span>
-<span class="i0">Und ihre Masse zieht mich schwer hinab.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Erdrückt von der Wucht meiner Persönlichkeit,
-schlich ich zum Arzt. Er behauptete, ich müsse morgens
-sechs Uhr aufstehen, zum Kreuzbrunnen gehen,
-dort drei Glas Brunnen mit Zusatz eines gewissen
-Salzes trinken, dann anderthalb Stunden spazieren
-gehen, danach dürfe ich frühstücken. Der Mann hatte
-eine merkwürdige Ausdrucksweise; unter »frühstücken«
-verstand er: eine Tasse Tee, ein Ei und
-einen Zwieback nehmen. »Ohne Butter!« rief der
-Herr Doktor begeistert. Mittags dürfe ich dann eine
-Fleischspeise, ein Gemüse, ein Kompott und eine
-halbe Flasche Biliner Wasser genießen. Und abends
-könne ich mir eine Fleischspeise, ein Gemüse <em class="gesperrt">oder</em>
-ein Kompott und, wenn es sein müsse, ein Krügel
-Pilsner gestatten. Für diese Beköstigung müsse ich
-aber fünf bis sechs Stunden täglich marschieren. Ich
-versicherte dem Arzte, diesen Vorschriften nachzukommen,<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-sei für einen Menschen von Willenskraft
-ein reines Kinderspiel, und vollends für mich, der
-ich von jeher mäßig zu leben gewohnt sei.</p>
-
-<p>Morgen, gleich morgen, solle ich mit der Kur
-beginnen, hatte der Arzt befohlen. Dieser Abend
-war also noch mein. Ich traf in der Kaiserstraße
-einen alten Freund, der mir ein Lokal bezeichnete,
-in dem er jeden Abend mit einigen vergnügten
-Leuten zusammentreffe und wo es ein vorzügliches
-Pilsner Bier gebe. »Pilsner Bier hat nämlich eine
-mild laxierende Wirkung,« erklärte er mir. Und in
-der Tat: Pilsner Bier hatte mir ja sogar mein Arzt
-gestattet. Außerdem wäre es mir als unnötige
-Schroffheit erschienen, die Einladung dieses lieben
-Menschen abzulehnen; ich ging also mit und trank
-einige Krügel. Ich fühlte wirklich, wie mir immer
-leichter wurde, und wie auf Flügeln schwebte ich um
-Mitternacht nach Hause.</p>
-
-<p>Um sechs Uhr war ich auf den Beinen, um halb
-sieben am Brunnen. In langer Prozession wallten
-die Kurgäste, jeder ein Glas in der Hand, zur Quelle.
-Wo eine Lücke war, wollte ich mich anspruchslos und
-unauffällig dem Ganzen einfügen; aber sofort bedeutete
-mir ein Aufseher, daß ich mich ganz am Ende<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-anschließen müsse. Nach zehn Minuten kam ich zur
-Quelle und erblickte dort ein merkwürdiges Naturspiel:
-einen Mann, der fortwährend pumpte und
-dabei untertänig grüßte. Die Leute, die pumpen,
-grüßen sonst ganz anders. Ich erhielt mein wohlgefülltes
-Glas, schüttete das vorgeschriebene Salz hinein
-und setzte es an den Mund. Mit ungeheurer
-Spannung kostete ich dies Getränk. Es schmeckte
-wie Niedertracht mit Gemeinheit. Es ist mir immer
-Grundsatz gewesen, widrige Dinge, die geschluckt
-werden müssen, mit zugedrückten Augen und mit
-einem Schluck und Druck hinunterzusetzen. Aber
-das war hier verboten. Zehn Minuten lang solle ich
-an dem Becher trinken, hatte der Arzt befohlen. In
-solchen zehn Minuten büßt man vieles ab. Freilich
-macht eine recht gute Kurkapelle Musik dazu. Aber
-es ist nicht das Richtige, wenn man Mozarts
-Champagnerlied mit auf die Weste herabhängenden
-Mundwinkeln anhört; es ergibt eine falsche Auffassung,
-wenn man sich bei dem Seufzer</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»O&ndash;o&ndash;o De&ndash;li&ndash;la!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">nach dem Bauche greift. Nach dem ersten Glase trank
-ich ein zweites und ein drittes. Sehr sinnig schließt
-das Konzertprogramm regelmäßig mit einem Galopp.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p>
-
-<p>Dann kam der anderthalbstündige Spaziergang
-in die allerdings höchst anmutige und erfrischende,
-berg- und waldgeschmückte Umgebung Marienbads.
-Der Reiz der unbekannten Landschaft ließ mich die
-materiellen Dinge dieser Welt vergessen, bis ich durch
-ein nahes Gebüsch das Geklapper von Tassen und
-Teelöffeln vernahm. Die Umgebung von Marienbad
-ist mit verführerischen Cafés geschwängert;
-»freudig hingezogen« trat ich ein und bestellte mein
-Frühstück. Auch hier wurde Musik gemacht, aber
-nicht zur Milderung, sondern zur Verschärfung der
-Kur. Nach einer äußerst regellosen Carmen-Phantasie
-wollte ich gerade mein Ei und meinen
-Zwieback genießen, als ich inne ward, daß ich sie
-schon verzehrt hätte. Mit männlicher Entschiedenheit
-sprang ich auf und wanderte meiner Wohnung
-zu, um ein wenig zu ruhen, ein wenig an meinem
-Trauerspiel »Ugolino« zu arbeiten und mich auf das
-kohlensaure Bad mit kalter Abwaschung und Massage
-vorzubereiten.</p>
-
-<p>Beim Mittagessen saß mir gegenüber ein Mann,
-der jedes Mitgefühls bar ein Menü von sechs Gängen
-aß. Um mich zu kasteien, las ich das ganze Menü
-durch, einem Athleten gleich, der, mit Kopf und<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-Füßen auf zwei Stühlen liegend, sich immer neue
-Zentnergewichte auf die Brust legt. Ueber dem
-Menü stand geschrieben:</p>
-
-<p>
-»Ohne weitere Auswahl!!!!!!!«<br />
-</p>
-
-<p>Mit sieben Ausrufungszeichen; ich habe sie gezählt.</p>
-
-<p>»Kann ich für den Kalbsbraten auch was andres
-haben?« fragte mein Gegenüber.</p>
-
-<p>»Aber natierlich!« versetzte der Kellner.</p>
-
-<p>Da fragte ich mich: Wieviele Ausrufungszeichen
-macht man in diesem Lande hinter einem Gesetz,
-das wirklich unumstößlich ist?</p>
-
-<p>Den ausfallenden Mittagsschlaf mußte ich nach
-Anordnung des Arztes durch eine vierstündige Fußwanderung
-ersetzen. Sie durfte unterbrochen werden
-durch eine Tasse Tee. »Mit einem Zwieback,«
-hatte der Arzt in einer Anwandlung von Schwäche
-hinzugefügt.</p>
-
-<p>Ich wanderte viereinhalb Stunden, trank ein
-Glas Kreuzbrunnen und genoß zu Abend eine
-Fleischspeise, ein Gemüse <em class="gesperrt">oder</em> Kompott und ein
-Krügel Pilsner. Gehorsam ist des Christen Schmuck.</p>
-
-<p>Ein unvergleichlicher Trost in solchen Zeiten der
-Depression ist eine gute Hamburger oder Bremer
-Zigarre. Leider hatte ich mir nur einen winzigen<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-Vorrat mitnehmen können, weil Zigarren an der
-österreichischen Grenze einen ungeheuren Zoll kosten.</p>
-
-<p>Wie ein artiges Kind schlüpfte ich gegen zehn Uhr
-ins Bett, und diese Lebensweise setzte ich fünf Tage
-lang ohne nennenswerte Schwankungen fort. Nur
-hatte ich mir am dritten Tage beim Frühstück gesagt:
-»Die paar Tropfen Sahne, die zum Tee serviert
-werden, könntest du eigentlich mitnehmen. Zwar:
-Sahne macht fett. Aber ich erinnere mich vollkommen
-deutlich, daß der Arzt nicht gesagt hat:
-»ohne Sahne«. Der Mann war sehr genau in seinen
-Vorschriften; hätte er die Sahne verbieten wollen, so
-hätte er es zweifellos getan. Er hat sie also erlaubt,
-und da ich mich strengstens nach seinen Vorschriften
-richten will, so muß ich sie eigentlich nehmen. Es ist
-zwar nur ein Fingerhütchen voll; aber es ist etwas
-mehr.« Seit diesem Tage nahm ich Sahne zum Tee.</p>
-
-<p>Als fünf Tage herum waren, sollte wieder gewogen
-werden. Ich habe in meinem Leben verschiedene
-Examina durchgemacht; aber mit so feierlicher
-Spannung, mit so freudig-banger Erregung bin
-ich keiner Prüfung entgegengegangen wie dieser. Ich
-schwankte lange, welcher Wage ich mich anvertrauen
-solle; endlich trat ich in einen Laden, legte Hut,<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-Ueberzieher, Handschuhe, Gummigaloschen, Portemonnaie,
-Taschenmesser, Uhr und Schlüsselbund ab
-und bestieg den Schicksalsstuhl.</p>
-
-<p>»92 Kilo,« sagte die wägende Themis.</p>
-
-<p>»Den Zettel!« stotterte ich.</p>
-
-<p>Da stand es schwarz auf weiß: »92 Kilo!« Also
-ein Gewichtsverlust von 3,1 Kilo, von 6⅕ Pfund,
-von 3100 Gramm! Die Tugend hatte ihren Lohn
-gefunden; Geist und Wille hatten über die Erdenschwere
-gesiegt! »Hurra!« flüsterte ich auf der
-Straße vor mich hin. »Hurra! Darauf kann ein
-vergnügter Abend stehen!«</p>
-
-<p>Ich suchte meinen Freund auf und das famose
-Pilsner-Lokal. Ich konnte mein Glück nicht für
-mich behalten; ich mußte mich mitteilen, und noch
-eh' ich Hut und Mantel abgelegt hatte, rief ich:
-»Sechs Pfund! Sechs Pfund verloren! Der ehrliche
-Finder soll sie behalten! Wie steh' ich nun da?«</p>
-
-<p>»Was?« schrie mein Freund. »Sechs Pfund in
-fünf Tagen? Menschenskind, sind Sie denn des
-Deubels? Wissen Sie auch, daß Sie sich dabei den
-schönsten Herzklaps holen können?«</p>
-
-<p>Ich erschrak und griff unwillkürlich nach der
-Speisenkarte. Mein Auge fiel auf: Filetbraten mit<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-Makkaroni. Und mir ward, als spräche der Herr:
-»Es sammle sich alles Wasser unter dem Himmel,«
-und mein Mund wäre der Sammelplatz. »Donnerwetter,«
-stöhnte ich, »Makkaroni ess' ich so gern;
-aber sie setzen Fett.«</p>
-
-<p>»Nanu?« machte mein Freund, »Makkaroni? Sie
-sind doch in Italien gewesen. Wo sieht man schlankere,
-sehnigere Gestalten als in Italien? Und das
-lebt den ganzen Tag von Polenta und Makkaroni.«</p>
-
-<p>Ich muß gestehen: ich hatte einen Augenblick den
-Argwohn, daß mein Freund mich verführen wolle;
-aber ich schämte mich sofort dieser häßlichen Regung
-und bestellte mir Filetbraten mit Makkaroni und
-reichlichem Käse.</p>
-
-<p>Als ich schwankte, ob ich mir ein drittes Glas
-Pilsner bestellen dürfe, fragte mich mein Freund:</p>
-
-<p>»Wieviel hat Ihnen denn Ihr Arzt erlaubt?«</p>
-
-<p>»Einen Krug,« versetzte ich.</p>
-
-<p>»Macht vier,« sagte er.</p>
-
-<p>»Wieso?«</p>
-
-<p>»Nun, wenn er Ihnen einen gestattet, so nimmt
-er an, daß Sie zwei trinken; ein guter Arzt gestattet
-seinem Patienten aber nur dann zwei Krüge Bier,
-wenn er weiß, daß ihm auch viere nicht schaden.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, ein guter Arzt ist er,« rief ich, »er hat auf
-mich den Eindruck eines sehr intelligenten und gewissenhaften
-Mannes gemacht.«</p>
-
-<p>»Na also!« rief mein Freund, und ich bestellte
-zunächst das dritte Glas.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen erschien ich erst um halb
-neun am Brunnen, weil ich erst um acht Uhr aufgestanden
-war. Der Morgenspaziergang fiel daher
-aus; das Gefühl der Sättigung aber, das mich noch
-vom Abend vorher erfüllte, kam dem Fortgang
-meines »Ugolino« glänzend zustatten. Die Zeilen
-flogen nur so aufs Papier.</p>
-
-<p>Das Hochgefühl gelungener Arbeit regt wohl bei
-allen Menschen den Appetit an. Mein diesmaliges
-Gegenüber am Mittagstisch verzehrte ein Riesenstück
-von einem Karpfen auf böhmische Art. Ich fragte
-den Kellner, ob noch ein so gutes Stück da sei, und
-als er es bejahte, bestellte ich es. Im übrigen aber
-hielt ich mich streng an die Vorschrift und aß nur
-noch eine Fleischspeise, ein Gemüse und ein Kompott
-nebst Brot. Ebenso blieb ich am Abend streng bei
-meiner Diät, und wenn ich mir darüber hinaus eine
-Portion Palatschinken bewilligte, so wird nur der
-etwas darin finden, der diese Speise nicht kennt.<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span>
-Palatschinken sind ganz dünne Pfannkuchen, die mit
-Kompott oder Fruchtgelee bestrichen und dann aufgerollt
-werden. Wenn ich den Erfinder dieses Gebäcks
-kennte, so würde ich ihm ein Denkmal errichten,
-und wie man Gelehrte, Dichter und Staatsmänner
-auf ihren Monumenten wohl mit einer Pergamentrolle
-darstellt, so würde ich ihm einen Palatschinken
-in die Hand geben. Außerdem muß man wissen,
-wie solche Sachen in Oesterreich bereitet werden.
-Ich lobe die österreichischen Mehlspeisen (die man
-dort merkwürdigerweise »Müllspeisen« nennt)
-grundsätzlich, weil, wer das unterläßt, beim nächsten
-Wiederbetreten des Landes als lästiger Ausländer
-ausgewiesen wird; aber ich lobe sie auch aus innerster
-Ueberzeugung. Sie werden selbst von den Hamburger
-Köchen nicht erreicht &ndash; <em class="antiqua">sapienti sat</em>.</p>
-
-<p>So lebte ich abermals fünf Tage in Fasten und
-Kasteiungen dahin, mir nur hin und wieder einen
-kleinen Seitensprung gestattend, um das allzu
-schnelle Entfettungstempo wohltätig zu verlangsamen.
-Der »Herzkollaps« stand mir als warnendes
-Gespenst vor Augen. Dabei war ich so intensiv
-mit meiner Arbeit beschäftigt, daß ich mir beim
-Frühstück aus reiner Zerstreutheit zwei Eier oder<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-Butter oder Schinken, einmal sogar alles zugleich
-kommen ließ und in Gedanken verzehrte. Am
-zehnten Tage schritt ich fröhlich zur Wage. Nach
-meinem Spiegelbilde und meinem Allgemeingefühl
-schätzte ich meine Gewichtsabnahme auf drei Pfund.
-Das Resultat lautete: »94,5 Kilo.«</p>
-
-<p>»Sie müssen sich irren!« rief ich.</p>
-
-<p>»Bitt' schön, schauen der Herr selbst nach,« sagte
-der Mann und gab mir den Zettel.</p>
-
-<p>»Dann ist Ihre Wage nicht richtig!«</p>
-
-<p>»Bitt' schön, das ist die genaueste Wage in ganz
-Marienbad.«</p>
-
-<p>Gewogen und zu schwer befunden, ein umgekehrter
-Belsazar, verließ ich wankend das Haus. Ich
-ging in eine Buchhandlung und kaufte mir das
-Heft: »Wie werde ich energisch?« und begann meine
-Kur von vorn.</p>
-
-<p>Ich trank Brunnen, daß ich zeitweilig an der
-fixen Idee litt, ich sei ein Rohr der städtischen
-Wasserleitung; ich knabberte morgens meinen einsamen
-Zwieback und scherzte dazu blutenden Herzens
-mit der appetitlichen Kellnerin, »ich kroch durch
-alle Krümmen des Gebirgs«, die in der Umgegend
-Marienbads aufzufinden sind, »den Durst mir<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-stillend mit der Gletscher Milch, die in den Runsen
-schäumend niederquillt,« und schwitzte, oder, wie der
-Gebildete sagt: transpirierte, daß man die <em class="antiqua">disjecta
-membra poetae</em> in der ganzen Gemarkung hätte
-zusammenlesen können. Beim Mittagessen saß ich
-mit niedergeschlagenen Augen wie eine züchtige
-Pastorentochter, um die andern nicht essen zu sehen;
-denn, weiß der Teufel, obwohl ich jeden Tag anderswo
-saß, immer hatte ich zum Gegenüber einen
-Schlemmer und Fresser, der einen Rekord brechen
-zu wollen schien. Eine Tochter, die mir in diesen
-Tagen schrieb, daß man zu Hause eine »großartige«
-Aalsuppe mit Schwemmklößen gegessen habe, verstieß
-ich auf telegraphischem Wege. Mein »Ugolino«
-rückte natürlich nicht von der Stelle. Meinem
-»Freunde« wich ich, wenn ich ihn von weitem sah,
-in größtmöglichem Bogen aus. Ja, dieser »Freund«,
-er konnte lachen; er war ein »hagerer Wollüstling«
-wie Calcagno, »Bildung gefällig und unternehmend«;
-er konnte machen, was er wollte, er war
-und blieb geschmeidig wie ein Rapier. Man klagt
-ein langes und breites über die ungleiche Verteilung
-des Besitzes, über die ungleiche Verteilung
-der Geistesgaben, über die ungleiche Verteilung von<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-Schönheit und Körperkraft; aber gibt es eine schreiendere
-Ungerechtigkeit, als daß Menschen jahraus,
-jahrein Diners von fünfzehn Gängen mit zugehörigen
-Weinen und Likören vertilgen, ohne auch nur um
-die Dicke eines Lindenblättchens zuzunehmen? Muß
-einen nicht ein darmzerfressender Neid durchwühlen,
-wenn man das ansieht und um jeden elenden Kartoffelschmarrn
-ein Pfund schwerer wird?</p>
-
-<p>Das Traurigste in diesen dunklen Tagen war,
-daß meine heimischen Zigarren alle geworden
-waren. In Oesterreich werden die Zigarren von
-der Regierung gedreht. Sie werden aus einem
-tabakähnlichen Stoffe verfertigt (ich halte es für eine
-Art Baumwolle), sind nicht billig, brennen aber vorzüglich
-und riechen nicht. Man kann sie Säuglingen
-geben, die die Muttermilch nicht vertragen. Der
-österreichische Patriot pflegt seine Zigarren zu verteidigen,
-indem er sagt: »Ja freilich, unsere Zigarren
-taugen nichts; aber das ist das Gute am Monopol:
-man kriegt sie in der ganzen Monarchie, auch
-im kleinsten Dorf, in der nämlichen Qualität!«
-Uebrigens stimmt das nicht einmal; denn in den
-kleinen Spezereigeschäften auf den Dörfern werden
-sie gewöhnlich zwischen Petroleum und Chlorkalk<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-aufbewahrt, und dann riechen sie. Freilich halten
-sie auch dann keinen Vergleich aus mit den italienischen
-Zigarren. Aus einer Zigarre in Venedig roch
-ich einmal Seife, Zimt, Gorgonzola, Buchdruckerschwärze,
-ranziges Oel, Rhabarbertropfen, Kaffee
-und muffig gewordene Spaghetti heraus. An der
-Schweizer Grenze fragte mich ein Zollbeamter, ob
-ich auch italienische Zigarren im Koffer hätte.
-»Herr!« rief ich außer mir. »Wie kommen Sie dazu,
-mir Perversitäten zuzumuten?!«</p>
-
-<p>Warum ich mir keine Zigarren von Deutschland
-hereingeschmuggelt hatte? Ich halte mich nicht für
-berechtigt, einen Staat, mit dem wir einen Dreibund
-geschlossen haben, in seinen Finanzen zu schwächen.
-Offen gestanden, hatt' ich's auch vergessen.</p>
-
-<p>An einem dieser Tage, von denen schon die
-Koheleth sehr richtig bemerkt, daß sie uns nicht gefallen,
-stand ich gedankenvoll vor dem Stadt- und
-Posthause, noch beschäftigt mit einem Brief, in dem
-mir Weib und Kinder ihre Verlassenheit klagten. Wie
-gern wäre ich zu ihnen geeilt, wenn nicht Pflichten
-gegen das schnöde Fleisch mich an diesen Marterort
-gebannt hätten. Da fiel eine Hand auf meine Schulter,
-und neben mir stand mein Freund Calcagno.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span></p>
-
-<p>»Famos, daß ich Sie treffe!« rief er, »gerade
-wollt' ich Ihnen schreiben. Also morgen um drei
-Uhr kommen ein paar nette Kerle zu mir zu einem
-einfachen Mittagessen. Tun Sie mir die Liebe, mit
-von der Partie zu sein!«</p>
-
-<p>Ich kannte seine »einfachen Mittagessen«;
-Lucullus war Kasernenküche dagegen. Ich lehnte
-ab unter Hinweis auf meine Kur.</p>
-
-<p>»Aber, Teuerster, Ihre Kur soll nicht das geringste
-darunter leiden! Lauter leichte Sachen!
-Schließlich brauchen Sie ja nur zu essen, was sich
-mit Ihrer Kur verträgt! Und wenn Sie nicht
-wollen, essen Sie gar nichts! Wenn Sie nur
-dabei sind!«</p>
-
-<p>Ich bemerkte noch einmal mit vor Entschlossenheit
-bebender Stimme, daß ich fest bleiben müsse.</p>
-
-<p>»Aber jeder vernünftige Arzt gestattet doch Ausnahmetage;
-er schreibt sie sogar vor. ›Meide die
-Gewohnheit,‹ sagt Schweninger, ein Mann, der
-Bismarck entfettete! Wenn Sie sich an diese Lebensweise
-gewöhnen, werden Sie dick statt mager. Es
-ist eine bekannte Beobachtung, daß Sträflinge sogar
-bei der Zuchthausmenage fett werden&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p>
-
-<p>»Sie haben recht!« rief ich im frohen Gefühl,
-eine neue Wahrheit gefunden zu haben. »Ich
-komme; ich komme bestimmt!«</p>
-
-<p>»Na bravo! Das ist ein Manneswort. Sie
-werden sehen, es wird nett!«</p>
-
-<p>O, ob es nett wurde! Es gab Kaviar, getrüffelte
-Gänseleber, Brüsseler Poularde, Langusten, Zungenragout,
-Sorbet usw. usw. Dazu 68er Stefansberg,
-93er Hattenheimer Bildstock, 69er Lafitte
-Schloß-Abzug, 47er Yquem, ganz alten Heidsieck;
-kurz: Weine von einem unglaublichen Innenleben
-und von einem Alter, daß man bei jedem Glase unwillkürlich
-nach dem Kopfe griff, um ehrerbietig den
-Hut abzunehmen. Und zu jedem Gericht und jedem
-Wein gab der Wirt nicht ohne Scharfsinn eine überzeugende
-Erklärung, warum und inwiefern sie kurgemäß
-wären. Von dem alten Heidsieck zu trinken,
-verbot mir gleichwohl meine Selbstzucht.</p>
-
-<p>»Auf Sekt will ich denn doch lieber verzichten,«
-erklärte ich und hielt die Hand übers Glas.</p>
-
-<p>»Warum denn gerade auf Sekt?« rief Calcagno
-mit grenzenlosem Erstaunen. »Alle Rennpferde
-kriegen Sekt! Haben Sie schon einmal ein korpulentes
-Rennpferd gesehen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p>
-
-<p>Für streng logische Schlüsse habe ich immer eine
-Schwäche besessen; ich zog meine Hand zurück.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Andern Mittags, als ich aufgestanden war,
-schlenderte ich über die Kreuzbrunnenpromenade
-und entdeckte dort eine automatische Wage mit der
-Ueberschrift: »Wieviel wiegen Sie?« Ich fand diese
-Frage zwar etwas dummdreist; aber ich konnte ihr
-doch nicht widerstehen, stieg auf, steckte 20 Heller in
-den Schlitz und konstatierte 94 Kilo.</p>
-
-<p>Also das war nun der ganze Erfolg nach drei
-Wochen des Darbens, Kurierens und Kasteiens!
-Ein ganzes Kilogramm!</p>
-
-<p>Halt &ndash; an dem Automaten befand sich auch eine
-Tabelle, nach der man genau feststellen konnte, wieviel
-man wiegen dürfe. Ich fand, daß meiner Körperlänge
-ein Gewicht von 65 Kilo angemessen wäre.
-Also hätte ich 30 Kilo zu viel, und sie zu beseitigen,
-forderte 90 Wochen Marienbad! Es war doch
-geradezu lächerlich, solch einen Ort für Entfettungskuren
-zu empfehlen!</p>
-
-<p>Ebenso lächerlich war übrigens diese Tabelle.
-Als ob man so rein mechanistisch die Leibesstärke
-eines Menschen vorschreiben könnte, als ob sie nicht
-individuelle Bestimmung wäre wie meine Augen,<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-meine Stimme, meine Hand, mein Temperament!
-Ich ging die Reihe meiner Ahnen durch bis ins
-15. Jahrhundert &ndash; soweit ich sie kannte, waren sie
-meistens oder doch großenteils wohlbeleibt gewesen.
-Es war also meine Bestimmung, dick zu
-sein. Was wußten die Aerzte von meiner Bestimmung!
-Gewiß war es vernünftig und geraten,
-einem Uebermaß vorzubeugen. Das wollt' ich ja
-auch, tat ich ja auch! Aber wie weit man gehen darf,
-das kann kein Automat und kein Arzt bestimmen;
-das muß man selbst fühlen. Ein vernünftiger und
-leidlich gebildeter Mensch soll sein eigener Arzt sein.</p>
-
-<p>Danach beschloß ich nun zu handeln, und da
-gerade mein Geburtstag war, aß ich ein Gericht
-Knödel, wie ich sie so sehr liebe. Ich wußte wohl,
-daß ich nach diesen Knödeln wieder Gewissensbisse
-fühlen würde; aber Gewissensbisse machen mager,
-und so wurde die gewünschte Wirkung auf einem
-Umwege doch erzielt.</p>
-
-<p>Hartnäckig wie ich in der Verfolgung eines einmal
-gesteckten Zieles bin, setzte ich bis zum Ende
-meines Aufenthalts meine Kur ohne Unterbrechung
-fort. Daß ich mich für das Diner meines Freundes
-revanchierte, ist selbstverständlich. Ich konnte mich<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-unmöglich einladen lassen, ohne wieder einzuladen.
-Um Exzessen vorzubeugen, gab ich indessen kein
-Diner, sondern nur ein Frühstück; daß meine Gäste
-erst nach Mitternacht aufbrachen, ist nicht meine
-Schuld; ich konnte sie doch nicht fortschicken.</p>
-
-<p>So hatte sich denn unter den Mitgliedern dieses
-Kreises ein höchst erfreuliches Verhältnis herausgebildet,
-und dieses harmonische Einvernehmen fand
-in einem Abschiedsessen, das die Herren mir am
-Abend vor meiner Abreise gaben, seinen natürlichen
-Ausdruck. Die Herren überhäuften mich mit Aufmerksamkeiten
-jeglicher Art; sie hatten ein Menü
-zusammengestellt, das ausschließlich aus meinen
-Lieblingsspeisen bestand, und wollten es sich nicht
-nehmen lassen, mich von der Festtafel direkt an den
-Zug zu begleiten. Ich nahm dies Anerbieten mit
-Vergnügen an, ließ mich aber selbstverständlich durch
-allen Jubel und Trubel in meinem Pflichtgefühl
-nicht beirren. Unter dem Vorwande, daß ich mir
-noch Handschuhe kaufen müsse, trat ich auf dem
-Wege zum Bahnhof in ein Handschuhgeschäft mit
-allein richtiger Personenwage. Ich legte alles ab:
-Hut, Mantel, Taschenmesser usw., nur nicht das
-Portemonnaie &ndash; es war von keinem Belang mehr<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-&ndash; setzte mich in den Stuhl und machte mich so leicht
-wie möglich.</p>
-
-<p>»95,3 Kilo!«</p>
-
-<p>Das »weitbeschreyte« altberühmte Marienbad
-hatte mir also nicht nur nichts geholfen; es hatte mir
-zu meiner Fülle noch 200&ndash;300 Gramm hinzugebürdet.
-Und auf diesen Schwindel war selbst ein
-Goethe hineingefallen!</p>
-
-<p>Daheim schilderte ich meinen Freunden bis ins
-Einzelne hinein die Marienbader Kur und ihre Vorschriften.</p>
-
-<p>»Und das hast du vier Wochen lang befolgt?«
-riefen sie wie aus einem Munde.</p>
-
-<p>»Im großen und ganzen &ndash; und im wesentlichen
-ja!« versetzte ich mit einer großen und runden Armbewegung.</p>
-
-<p>Warum die Kerle sich in die Rippen stießen und
-mein bester, treuester Freund sogar laut herausprustete,
-ist mir noch heute ein Rätsel.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Ziege">Die Ziege</h2>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Die Sache begann sehr harmlos. Als ich vor
-Jahren einmal mit Roswithen spazieren ging,
-fragte sie mich: »Vater, magst du gern Ziegen leiden?«</p>
-
-<p>Ich kann eigentlich nicht behaupten, daß ich die
-Reize der Ziegen überwältigend finde; es sind ja
-auch nicht gerade die schönsten und liebenswürdigsten
-Damen, die man als Ziegen bezeichnet. Ich antwortete
-also langsam, gedehnt und ohne jeden Schwung:</p>
-
-<p>»Nun jaaa &ndash; hm, &ndash; wie man's nimmt &ndash;
-warum nicht?«</p>
-
-<p>»Ich schrecklich gern!« seufzte Roswitha. »So
-kleine junge Ziegen find' ich reizend!«</p>
-
-<p>Ja, wenn sie noch klein sind, sind sogar die Menschen
-reizend. Dachte ich, sagte ich natürlich nicht.</p>
-
-<p>Damit schien dieses Thema erschöpft.</p>
-
-<p>Wir hatten damals nur einen recht kleinen
-Garten, in dem freilich ein paar alte mächtige
-Bäume standen, eben deshalb aber Gras und Kräuter
-nur kümmerlich gediehen.</p>
-
-<p>Nach Monaten spazierten wir durch einen wunderschönen,
-riesengroßen Park, einen Park, dessen sich der<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-reichste König nicht zu schämen brauchte, einen Park
-wie ein kleines Fürstentum, mit Hügeln und Tälern,
-Teichen und Tempeln, Rosenlauben und Wiesen.</p>
-
-<p>»Vater,« fragte Roswitha, »wenn der Mann,
-dem dieser Park zugehört, dir ihn abverkaufen wollte
-&ndash; kauftest du ihn denn?«</p>
-
-<p>»Nein,« versetzte ich mit großer Klarheit. Ich
-wußte wohl, warum.</p>
-
-<p>»Aber wenn er ihn dir schenken wollte &ndash; nähmst
-du ihn denn?«</p>
-
-<p>»Ja,« versetzte ich mit erhöhter Klarheit. Falsche
-Scham schien mir hier nicht am Platze.</p>
-
-<p>»Ich auch!« rief Roswitha triumphierend. »Und
-weißt, was ich denn täte?«</p>
-
-<p>»Hm?«</p>
-
-<p>»Denn kaufte ich mir 'ne süße kleine Ziege, und
-die ließ' ich auf der Wiese grasen. Denn hat sie doch
-genug zu essen, nicht?«</p>
-
-<p>»Ich denke doch.«</p>
-
-<p>Wir wurden durch den Schrei eines radschlagenden
-Pfauen abgelenkt, und ich machte keine Anstrengungen,
-das verlassene Thema wieder aufzunehmen.
-Und Roswitha schien zu fühlen: Für heute
-ist es genug. Man soll nichts forcieren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span></p>
-
-<p>Die Lektüre seiner Kinder kann man nicht sorgfältig
-genug überwachen. Ich hatt' es daran fehlen
-lassen: Roswitha erwischte eine Geschichte mit einer
-Ziege darin. Es war »Heidi« von Johanna Spyri,
-gewiß eine nette Geschichte, wenn keine Ziege darin
-wäre, und wenn die nicht noch obendrein »Schneehöppli«
-hieße. Durch Namen fixieren wir die Begriffe,
-nageln wir sie in unserm Gedächtnis fest. Nun
-hatte Roswithens Sehnsucht einen Namen: »Schneehöppli«;
-nun saß die Sehnsucht fest.</p>
-
-<p>»Wenn ich verheiratet bin, dann kann ich doch
-tun, was ich will, nicht?«</p>
-
-<p>Sie nahm mein Schweigen für Bejahung.</p>
-
-<p>»&ndash; und wenn ich denn Ludwig heirate, denn
-kauf' ich mir 'ne Ziege, und die soll »Schneehöppli«
-heißen. Wenn ich Fritz heirate, der will drei Kinder
-haben; aber wenn ich Ludwig heirate, der will keine
-Kinder haben, denn schaff' ich uns 'ne Ziege an.«</p>
-
-<p>Von Zeit zu Zeit rückte der Termin des Ziegenkaufes
-ein tüchtiges Stückchen vor. »Wenn ich groß
-bin, denn kauf' ich mir &ndash;« und so weiter.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wenn ich nicht mehr zur Schule gehe und 'n
-ganzen Tag frei habe, denn kauf' ich mir &ndash;« und
-so weiter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span></p>
-
-<p>Roswithens ältere Schwester Herta verdiente
-seit einiger Zeit Geld. Das kam so. Meine Frau
-und ich sind übereinstimmend der Meinung, daß
-selbst eine sauber gespielte Sonate von Beethoven
-und die Fähigkeit, »<em class="antiqua">Comment vous portez-vous</em>«
-und »<em class="antiqua">I am very glad to see you</em>« und solche gebildeten
-Dinge zu sagen, für den Lebenskampf eines
-Weibes nicht ganz ausreichen. Unsere Töchter lernen
-deshalb einen richtigen Beruf, und Herta interessierte
-sich lebhaft für den Haushalt. Sie trat bei ihrer
-Mutter in die Lehre und mußte von der Pike auf
-dienen, wenn man das Gerät, mit dem der Fußboden
-gescheuert wird, eine Pike nennen kann. Sie bekam
-den Namen »Minna«, wurde mit »Sie« angeredet und
-erhielt fünfzig Taler Lohn <em class="antiqua">pro anno</em>, und abgesehen
-davon, daß sie öfters der Herrschaft gegenüber einen
-etwas vertraulichen Ton anschlug und gelegentlich den
-Hausherrn küßte, füllte sie ihre Stelle redlich aus.</p>
-
-<p>»Wenn ich so groß bin wie Herta,« sagte Roswitha,
-»denn dien' ich auch bei euch, und denn verdien'
-ich auch Geld, und denn kauf' ich mir 'ne Ziege.«
-Sie mochte sich vorstellen, daß eine Ziege so einige
-tausend Mark koste, und wir hüteten uns schwer,
-dieses wohltätige Dunkel aufzuhellen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p>
-
-<p>Gelegentlich vertauschte Roswitha die direkte
-Methode mit der indirekten. Sie redete dann nicht
-zu den Eltern, sondern zu den Geschwistern von
-Ziegen, natürlich nur, solange mindestens eines der
-Eltern in Hörweite war. Sie schilderte in lebendigen
-Farben das Werden und Wachsen, das Leben
-und Treiben, das Springen und Meckern &ndash; kurz:
-der Ziegen über alles bezaubernde Schönheit und
-Anmut. Gelegentlich streifte mich von unten herauf
-ein forschender Blick, den ich auch dann sah, wenn
-ich sie nicht anblickte, den ich mit jenen Augen wahrnahm,
-die man im Rücken und an beiden Seiten hat.</p>
-
-<p>Als einmal wieder die Weihnacht nahe war, kam
-es zu einem kleinen Vorpostengefecht. Roswitha
-wurde nach ihren Wünschen gefragt.</p>
-
-<p>»Mein höchster Wunsch ist ja natürlich 'ne Ziege;
-aber&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber, Liebling,« rief meine Frau, »wie sollen
-wir denn hier in der Stadt eine Ziege halten! Wenn
-wir so ein Tierchen anschaffen, muß es doch auch sein
-Recht haben! Wo sollen wir's denn unterbringen!«</p>
-
-<p>»Hm,« machte Roswitha mit nachdenklichem Gesicht,
-»in der Küche kann sie ja nicht sein.«</p>
-
-<p>»Nein,« erklärte meine Frau entschieden, »in<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-der Küche kann sie nicht sein!« Dieser Versuchsballon
-war geplatzt.</p>
-
-<p>»Das arme Tierchen würde sich gar nicht wohl
-fühlen bei uns,« versicherte meine Frau.</p>
-
-<p>Damit hatte sie die richtige Stelle in Roswithens
-Herzen getroffen. Nein, wenn es sich nicht wohl fühlte,
-dann ging's nicht, das sah sie ein, sah sie wenigstens
-für einige Monate ein. Länger dauern menschliche
-Einsichten ja selten, weil inzwischen das Zuckerrohr
-der Wünsche wieder mächtig herangewachsen ist.</p>
-
-<p>Unglücklicherweise mußte sie über den Robinson
-geraten. Hatte Heidi eine Ziege gehabt, so hatte
-Robinson eine ganze Insel voll wilder Ziegen, aus
-denen er sich nur aussuchen konnte. Ich bin überzeugt,
-der arme Verschlagene erschien ihr als der
-beneidenswerteste der Menschen, weil er in Ziegen
-förmlich schlampampen konnte.</p>
-
-<p>Und dann kaufte ich ein Haus auf dem Lande,
-und noch eh' wir's beziehen konnten, fuhren wir täglich
-hinaus und erquickten uns an der frischen, unverbildeten
-Natur, an den duftenden Hainen und
-Hecken, an den saftiggrünen Wiesen, auf denen man
-endlich einmal wieder unbekleidetes Rindvieh sah.
-Und endlich nahmen wir Besitz von dem Hause und<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-dem stattlichen Garten, der vier mehr oder minder
-ansehnliche Rasenplätze aufwies. Wenn Roswitha
-jetzt mit ihren Geschwistern von Heidi, Robinson,
-Polyphem und ähnlichen Glückspilzen sprach, dann
-hatten ihre Blicke etwas Bohrendes, Sengendes;
-sie gingen durch Rock und Hemd bis auf die Haut,
-wie die Sonnenstrahlen aus einem Brennglas.</p>
-
-<p>Um ein Ende zu machen, schenkten wir ihr einen
-Dackel namens Männe. Einen Hund zu beherbergen,
-zu pflegen und zu zügeln, dazu reichten unsere
-Erfahrungen und tierpädagogischen Talente allenfalls
-aus. Dieser Dackel verschaffte uns endlich Ruhe.
-Das klingt zwar widerspruchsvoll, ist aber doch
-richtig; die Seele hatte Ruhe.</p>
-
-<p>Ruhe für ein Jahr und fünf Monate. Dann wurde
-uns klar und klarer, daß Hunde nur als eine Abschlagszahlung
-auf Ziegen anzusehen sind. Vielmehr: Roswitha
-betrachtete Männe nur als die Summe der aufgelaufenen
-Zinsen; der Wechsel war so unbezahlt wie je.</p>
-
-<p>Ein Unglücksbengel aus dem Dorfe mußte ihr
-eines Tages erzählen, er könne ihr eine kleine Ziege
-für eine Mark fünfzig verkaufen.</p>
-
-<p>Aufgelöst kam Roswitha nach Hause.</p>
-
-<p>»Vater! Mutter! 'ne Ziege kostet bloß eine Mark<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-fünfzig! Ich hab' ja fünf Mark in mei'm Spartopf;
-darf ich mir eine holen?«</p>
-
-<p>»Liebe Roswitha, es ist nicht wegen der Mark
-fünfzig; eine Ziege braucht doch auch einen ordentlichen
-Stall, und den haben wir nicht, können wir
-in unserm Garten auch gar nicht anbringen.«</p>
-
-<p>Damit war auch dieser Angriff abgeschlagen.</p>
-
-<p>Eine Woche später, auf einem Spaziergange,
-zwang sie mich plötzlich, meinen Schritt anzuhalten.</p>
-
-<p>»Vater, möchtest du dies Haus haben?«</p>
-
-<p>»Nicht geschenkt!« versetzte ich mit Nachdruck. Es
-war eine sogenannte »Villa« im denkbar schauerlichsten
-Maurermeisterstil.</p>
-
-<p>»Ich möcht' es haben!« hauchte sie sehnsuchtsvoll.</p>
-
-<p>»Nanu?« rief ich. Ich sah mir unwillkürlich den Zementphantasieschrank
-noch einmal an. »Warum denn?«</p>
-
-<p>»Dahinter ist 'n Stall,« sprach sie andachtsvoll.</p>
-
-<p>Das Verhängnis ging seinen Gang wie in einem
-Schicksalsdrama. Nachbarkinder, mit denen Roswitha
-gelegentlich spielte, bekamen eine Ziege zum Geschenk.</p>
-
-<p>Das hatte ein Gutes: wenn Roswitha weder im
-Hause noch im Garten zu finden war, wir brauchten
-uns nicht zu ängstigen, wir brauchten nur zu der
-nachbarlichen Ziege zu gehen, da war sie. Sie mußte<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-von der Ziege weg zum Essen, sie mußte von der
-Ziege weg ins Bett geschleift werden.</p>
-
-<p>Und eines Morgens beim Frühstück begann sie:</p>
-
-<p>»Vater, ich weiß was. Unten im Keller haben
-wir doch so 'ne große Bücherkiste, nicht?«</p>
-
-<p>»Ja!«</p>
-
-<p>»Da machen wir einfach 'ne Tür hinein, und
-denn ist das 'n Ziegenstall.«</p>
-
-<p>Da riß mir die Geduld.</p>
-
-<p>»Roswitha,« sagte ich ernst, »nun hörst du endlich
-auf mit deiner Ziege, nun hab' ich's satt. Du
-bekommst keine Ziege, und damit basta. Schrumm!«</p>
-
-<p>»Schrumm« hätte ich vielleicht nicht sagen sollen;
-es paßt nicht in den Ernst eines Ultimatums.</p>
-
-<p>Aber die Absage wirkte. Roswitha sprach weder von
-Stall noch Ziege mehr, nicht einmal andeutungsweise,
-nicht einmal zu den Geschwistern. Sie ging fortan still
-einher, aber nicht etwa traurig, nicht etwa gedrückt,
-nein, nur mit der stolz zusammengerafften Kraft eines
-Entsagenden, der das Unvermeidliche trägt, weil es getragen
-werden muß, und sich für die verlorenen Freuden
-der Welt durch gesteigertes Innenleben entschädigt.</p>
-
-<p>Es war ja vielleicht etwas hart von mir, ihr die
-Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches zu versagen.<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-Aber meine Frau sowohl wie ich haben nach Begabung
-und Lebensgang so entsetzlich wenig mit
-Viehzucht gemein, daß wir uns geradezu davor
-fürchteten, uns so ein Geschöpf auf den Hals zu
-laden. Und schließlich soll man seinen Kindern doch
-auch nicht jeden Wunsch erfüllen. Sie werden ja
-schon ohnedies viel zu sehr verwöhnt. Es kann ihnen
-gar nichts schaden, wenn sie einmal mit ungestümer
-Nase gegen eine verschlossene Tür rennen. Das Leben
-wird ihnen mehr solcher Türen zeigen. Roswitha
-schien durch ihren Verzicht gesetzter, ihre Augen, ihr
-ganzes Gesicht schien seelenvoller geworden zu sein.</p>
-
-<p>Meine Frau und ich kamen spät in der Nacht
-aus fröhlicher Gesellschaft heim und wollten uns
-eben zur Ruhe begeben, da sahen wir auf dem
-Nachttischchen einen Brief liegen. Auf dem Umschlag
-stand: »An Mammi und Pappi« von Roswithens
-Hand. Wir öffneten und lasen gemeinsam:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»Meine süßen geliebten Wonne-Eltern bitte
-bitte schenkt mir doch eine ganz kleine Ziege, ich
-will auch gar nichts zu meinem Geburztag und
-zu Weinachten haben und ich will mir auch schrecklich
-Mühe in der Ortografi geben, Du sollst sehen,
-Mammi, wenn ich groß bin, schreib' ich gans<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-richtich, und ich will auch ein guter Mensch werden
-und garnicht mehr heftig und jezornig sein.
-Ich bitte euch so schrecklich, schenkt mir 'ne Ziege,
-wenn Mutti mich unterrichtet denk ich immer blos
-an die Ziege. Tausend Billionen Küsse von eurer</p>
-
-<p class="right">
-Roswitha.«
-</p></div>
-
-<p>Was soll ich weiter sagen &ndash; am nächsten Morgen
-bewilligten wir die Ziege. Die Wirkung war von ungeahnter
-Art. Roswitha wollte auf uns zueilen; aber
-plötzlich warf sie sich auf einen Stuhl und brach in
-ein herzbrechendes Schluchzen und Wimmern aus.</p>
-
-<p>Entsetzt liefen wir hinzu: »Was ist denn? Was
-fehlt dir, Kind?«</p>
-
-<p>»Uuhuhuhuu, ich freu' mich so &ndash; ich freu' mich
-so, uuhuhuhuuu!«</p>
-
-<p>Solange sie um ihre Ziege gerungen hatte, hatte sie
-nie &ndash; das mußte man ihr lassen &ndash; hatte sie nie versucht,
-durch Tränen auf meine Stimmung zu drücken.
-Jetzt brach die aufgestaute Flut mit Allgewalt hervor.</p>
-
-<p>Sobald sie sich beruhigt hatte, machte sie sich auf
-den Weg, um den Jungen mit der Fünfzehn-Groschen-Ziege
-zu suchen. Sie fand ihn auch, und er verpflichtete
-sich hoch und heilig, am folgenden Tage
-die Ziege zu liefern. Wenn die folgende Nacht ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-die Wiesen des Traumes zeigte, so waren sie gewiß
-alle, alle voll Ziegen.</p>
-
-<p>Der folgende Tag kam, aber mit ihm kein Junge
-und keine Ziege. Sie harrte geduldig bis in den
-sinkenden Abend und sagte dann: »Na, er hat wohl
-keine Zeit gehabt: er kommt morgen gewiß; er hat
-es mir ganz fest versprochen.«</p>
-
-<p>Allein der meineidige Bube kam auch am folgenden
-Tage nicht. Roswitha suchte ihn durchs
-ganze Dorf, viele Stunden lang, aber vergebens;
-nach seiner Wohnung hatte sie im Taumel der
-Freude nicht gefragt. Sie ging schweigend zu Bett;
-aber als meine Frau sie in der Frühe weckte, war
-ihr Kopfkissen naß von Tränen.</p>
-
-<p>»Hast du heute nacht geweint, Kind?« fragte die
-Mutter.</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht,« antwortete Roswitha. Sie
-wußte es wirklich nicht.</p>
-
-<p>Inzwischen war ein provisorischer Stall gezimmert
-worden, und es war die Nachricht eingetroffen,
-ein Bauer im Dorfe habe Ziegen zu verkaufen.
-Da zogen Herta, Roswitha und Männe mit
-einem Blockwagen aus, um eine Ziege zu suchen, und
-fanden ein Königreich. Eine gute halbe Stunde<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-später &ndash; Männe als Läufer mit fliegender Zunge
-vorauf &ndash; hielt Höppli (so wurde er der Kürze wegen
-genannt), von den beiden Mädeln gezogen, im
-Triumphblockwagen seinen Einzug. <em class="gesperrt">Seinen</em> Einzug;
-Höppli war nämlich ein kleiner Bock.</p>
-
-<p>Ich muß gestehen, daß mich bald ein Reuegefühl
-über meine lange, hartnäckige Weigerung ergriff.
-Es war ein schneeweißes und wirklich allerliebstes
-Tierchen; Roswitha hängte ihm ein seit Jahren
-bereit gehaltenes, gesticktes Halsband mit einem
-Glöckchen um, und in seinen Sprüngen war der
-ganze, entzückend ahnungslose Humor eines jungen
-Mannes. Und wenn Roswitha das Tierlein auf
-den Schoß nahm und ihm die Saugflasche gab, und
-Männe die vorbeifließenden Tropfen leckte, dann
-versammelte sich nicht nur die ganze Familie zu
-dieser feierlichen Handlung, nein, die Leute auf der
-Straße blieben staunend stehen und riefen: »Nein,
-wie ist das reizend!« Dann sprang Roswithas Herz
-genau wie das Böcklein.</p>
-
-<p>Wenn aber Höppli durch die Straßen spazieren
-sprang, dann folgte ihm ein Ehrengeleite von 23
-Nachbarskindern, ganz wie bei einem Kaiser oder
-König, und besonders dekorativ wirkte Peter Petersen<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-in Helm und Panzer der Gardekürassiere und
-mit dem Daumen im Munde. Höppli war die
-Sensation der Straße, war der Clou der Saison,
-und als das 23er-Kollegium erklärte, Höppli sei noch
-viel schöner als jene Nachbarsziege, die inzwischen
-eine alte Ziege geworden war, da stand Roswitha
-auf dem Gipfel ihres Glückes.</p>
-
-<p>Indessen: Roswitha hatte täglich drei oder vier
-Stunden Unterricht bei der Mutter, mußte außerdem
-Klavier spielen, gelegentlich zum Turnen oder
-Zeichnen gehen und auch sonst allerlei außer dem
-Hause besorgen. Es fiel Höppli nicht im Traume
-ein, sich das stillschweigend gefallen zu lassen; er verlangte
-Gesellschaft. Zwar widmete Männe sich ihm
-mit der weisen Nachsicht und Güte eines gereiften
-Pädagogen; aber Höppli verlangte Damengesellschaft.
-Und wenn die nicht da war, so begann er
-augenblicklich in Zwischenräumen von vier Sekunden
-zu meckern. Das fanden wir während der ersten
-zehn Minuten furchtbar komisch, während der zweiten
-langweilig, während der dritten lästig und während
-der vierten zum Rasendwerden. Und Höppli
-wuchs, und mit ihm wuchs seine Stimme. An der
-Hand meines Chronometers stellte ich fest, daß er<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-15 mal in einer Minute meckerte, das macht in der
-Stunde 900; wenn man täglich nur sechs Stunden
-des Alleinseins rechnete, für den Tag 5400, für die
-Woche 37&nbsp;800 mal.</p>
-
-<p>Die Klavierstunden mußten abgebrochen werden;
-ein Musizieren war natürlich nicht möglich. Meine
-Frau mußte mit ihrer Schülerin in den bombenfesten
-Vorratskeller flüchten. Ich zog mich, um
-arbeiten zu können, ins hintere Turmzimmer zurück,
-allein vergeblich; wenn ich auch physisch kein Meckern
-vernahm, mein inneres Ohr hörte pünktlich jede
-vierte Sekunde ein deutlich vernehmbares »Mäh!«
-Drei lyrische Produkte dieser Zeit kamen tot zur
-Welt; ein Roman starb als Embryo, ein Trauerspiel
-bereits im Keime. Nicht jeder Bocksgesang wird
-zur Tragödie: das hatte ich schon vorher an der
-erotischen Dramatik unserer Tage wahrgenommen.</p>
-
-<p>Aber das alles war noch Kinderspiel. Hübsch
-wurde es erst, als die Nachbarschaft &ndash; und mit
-Recht &ndash; sich empörte. Der Nachbar zu unserer
-Linken holte sein Grammophon, das er mir zu Gefallen
-eingewickelt hatte, wieder hervor, stellte es
-ans offene Fenster und ließ es zehnmal stündlich
-»Das Herz am Rhein« singen. Ein anderer brannte<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-allabendlich Kanonenschläge ab, die sehr gut gearbeitet
-sein mußten. Ein dritter, der ein fabelhaft
-stimmbegabtes Baby hatte, stellte es in seinem Kinderwagen
-hart an den Zaun meines Gartens. Es
-schrie etwas abwechslungsvoller als der Ziegenbock,
-und das erfrischte vorübergehend; aber auf die
-Dauer wurde es doch eintönig und so lästig, daß ich
-verzweiflungsvoll zu meiner Frau sagte:</p>
-
-<p>»Jetzt haben wir uns gefreut, daß wir kein
-Babygeschrei mehr um die Ohren haben; aber
-wenn's doch den ganzen Tag brüllt, dafür können
-wir selbst eins haben!«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte meine Frau.</p>
-
-<p>Ich hätte ja das Tier während der Nacht heimlich
-wegbringen und am Morgen sagen können, es
-sei entlaufen; aber vor den Augen eines Kindes
-Komödie spielen &ndash; das ist schwer und schlimm. Es
-war auch nicht nötig: Roswitha hatte bereits eingesehen,
-daß Höppli sich durch sein Benehmen unmöglich
-mache. Eine ihrer Freundinnen erklärte sich
-mit Freuden bereit, das Böcklein zum Geschenk zu
-nehmen &ndash; kein Augenblick meines Lebens hat mich
-freigebiger gefunden. Unverzüglich wurde Höppli
-zur Bahn befördert; wer schnell gibt, gibt doppelt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span></p>
-
-<p>Als aber durch den Novembernebel von weitem
-das Weihnachtsfest herandämmerte, da schrieb Roswitha
-auf ihren Weihnachtswunschzettel:</p>
-
-<div class="wishlist">
-<p>
-<span class="wishlist">&nbsp;</span>Ein Kaleidoßkob.</p>
-<p><span class="wishlist">&nbsp;</span>Ein Indianer-Anzug.</p>
-<p><span class="wishlist">×××××××</span>Das Versprechen, das ich im Sommer
-wieder auf 14 Tage eine Ziege
-haben darf.</p>
-</div>
-
-<p>(Die sieben Kreuze sollten diesen Wunsch entsprechend
-hervorheben.)</p>
-
-<p>Ueber eines bin ich vollkommen beruhigt: Dieses
-Kind wird in seinem Leben etwas erreichen, wenn auch
-vielleicht keine vollkommen tadellose Orthographie.</p>
-
-<p>Und über noch eines bin ich mir vollkommen
-klar: Sie ist ein Weib. Wenn es nicht ohnedies feststünde
-&ndash; ihr Kampf um die Ziege macht ihre Weiblichkeit
-evident. Ich habe erwogen, ob ich diese
-kleine Geschichte nicht überschreiben solle:</p>
-
-<p class="center">
-»<em class="gesperrt">Die Ziege</em>« oder »<em class="gesperrt">Das Weib</em>«.
-</p>
-
-<p>In Roswithen ist jenes Weibliche der Lady Macbeth,
-das einen rauhen Kriegsmann herumkriegt,
-jenes Weibliche der Gräfin Terzky, das ein Loch in
-einen Wallenstein bohrt, jenes Weibliche der<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-Kriemhild, das einen Attila bezwingt. Gewiß:
-Roswithens gutes, weiches Herz wird niemals zum
-Hochverrat, wird niemals zum Königs- und Burgundenmord
-aufstacheln; aber »formal« ist sie eine
-Lady Macbeth. Natürlich ist ihre Weibnatur noch
-unentwickelt. Sie würde noch unumwunden zugeben,
-daß sie sich sehnlichst eine Ziege gewünscht
-habe. Ein vollkommenes Weib wird sie erst dann
-sein, wenn sie auf die entsprechende Vorhaltung weit
-aufgerissenen, starr blickenden Auges und nach zehn
-Sekunden staunenden Verstummens ausrufen wird:</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Ich</em> mir eine Ziege gewünscht? <em class="gesperrt">Ich</em>? Aber
-keine Idee, Liebling! Wie kommst du nur darauf?!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_spaete_Hochzeitsreise">Die späte Hochzeitsreise</h2>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Als sie sieben Jahre verheiratet waren, machten
-sie ihre Hochzeitsreise. Es ging nicht eher. Sie
-hatten nämlich geheiratet, als er ein Einkommen von
-fünfzehnhundert Mark jährlich hatte. Das kann man
-Frechheit nennen; man kann es aber auch Liebe
-nennen. Zwar erhielt er nach etwa einem Jahr ein
-Schriftstellerhonorar, für das sie hätten reisen können,
-wenn nicht ein Kind gekommen wäre und sofort
-die Hand auf dieses Geld gelegt hätte. Im nächsten
-Jahre aber gelang es ihm, als Vorleser bei einem
-alten Herrn einen hübschen Nebenverdienst zu erwerben,
-der gerade für das zweite Kind reichte. Da
-fiel ihm im dritten Jahre ein Preis für eine wissenschaftliche
-Arbeit zu, für den sie sicher eine Reise gemacht
-hätten, wenn das diesjährige Kind das
-Geisteskind nicht aufgewogen hätte. Die nächsten
-zwei Jahre brachten keinen Nebenverdienst und nur
-ein Kind.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span></p>
-
-<p>Als er dann aber zum zweiten Male einen Preis
-errang und als sein Gehalt um zweihundert Mark erhöht
-wurde, und als ihre Ehe schon zwei Jahre lang
-unfruchtbar gewesen war, da beschlossen sie, für dreihundert
-Mark eine Reise nach Thüringen zu machen.</p>
-
-<p>»Deutschland ist das Herz Europas«, das hatte
-er als kleiner Junge in der Schule gehört. Es klang
-etwas anmaßend; aber ein Deutscher mocht' es
-immerhin glauben. Thüringen mußte nach allem,
-was er davon gehört und in Bildern gesehen hatte,
-das deutscheste Land der Deutschen, mußte das Herz
-des Herzens sein. Und dort zog es die beiden hin.</p>
-
-<p>Siebenundfünfzig Abende hindurch arbeitete er
-an den Plänen, und bei allem mußte er denken:
-Was wird sie für Augen machen, wenn sie das sieht!
-Hätte er alle Genüsse dieser Gedankenreise bezahlen
-müssen &ndash; ein langes Leben voll Arbeit hätte nicht
-gereicht, die Zinsen dieser Schuld zu erzwingen. In
-den letzten Tagen ging er wirklich daran, die Kosten
-zu berechnen. Da fand sich, daß, wenn er sehr sparsam
-zu Werke gehe, etwa ein Zehntel seiner Pläne
-verwirklicht werden könne.</p>
-
-<p>Und in den letzten Tagen wurde sein tapferes
-Weibchen feige. Der Junge hatte so heiße Wangen,<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span>
-und das Jüngste habe in der letzten Nacht einmal gehustet.
-Ihr Herz konnte sich nicht von den Kindern
-lösen. Er stellte ihr vor, wie sehr sie einer Erholung
-bedürfe &ndash; das verschlug gar nichts. Da spielte er mit
-roten Backen und glänzenden Augen den vollständig
-Abgespannten, Uebermüdeten, Niedergebrochenen.
-»Es gibt für eine Familie keine bessere Kapitalsanlage
-als die sorgfältigste Pflege des Ernährers,« machte
-er ihr klar. Das sah sie ein. Der Abschied von den
-Kindern, die unter der Obhut ihrer Schwester blieben,
-war nichtsdestoweniger noch eine Katastrophe und
-erschien ihr wie bethlehemitischer Kindermord.</p>
-
-<p>Aber in der Eisenbahn wurde sie völlig anderen
-Sinnes. Es ist etwas Eigenes um die Eisenbahn.
-Sie hat etwas Fortreißendes, Unerbittliches, Unwiderrufliches.
-Aussteigen während der Fahrt ist
-bei Schnellzügen nicht anzuraten, und so findet man
-sich schnell in das Unabänderliche. Auch sie erfaßte
-nun der ganze, springende Jubel des Losgebundenseins,
-der den Reisebeginn zu einer so unvergleichlichen
-Freude macht, und die beiden benahmen sich
-wie ausgerissene Schulkinder. Zwei Minuten lang
-saßen sie rechts, drei Minuten lang links; fünf Minuten
-lang fuhren sie vorwärts, vier Minuten lang<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-rückwärts; bald saß sie auf seinem Schoß, bald er
-auf ihrem, bis sie ihn aufstöhnend fortstieß: »Uff,
-geh' weg, du dicker Mensch!« &ndash; Dann lachten sie,
-dann küßten sie sich, dann tanzten sie, dann küßten
-sie sich wieder, kurz: es war ein großes Glück, daß
-sie das Abteil ganz für sich allein hatten.</p>
-
-<p>Als der Zug zum ersten Male hielt, öffnete ein
-Mann die Tür und machte Miene einzusteigen. Das
-Gesicht der jungen Frau zeigte grenzenlose Ueberraschung,
-wie wenn jemand ungerufen bei einer
-Königin eingetreten wäre; seine Augen aber schleuderten
-Blicke, die auch der eingefleischteste Optimist
-nicht als Einladung auffassen konnte. Ueber das
-Gesicht des Fremden huschte ein lächelndes Verstehen:
-Aha &ndash; Hochzeitsreisende! Er schloß die
-Tür und suchte sich einen andern Platz.</p>
-
-<p>»Das ist ein guter Mensch!« sprach sie mit frommer
-Rührung.</p>
-
-<p>»Ein vornehmer Charakter,« bestätigte er.</p>
-
-<p>Aber als sie weiterfuhren, kamen sie in eine
-Gegend mit gemeinen Charakteren, die einstiegen
-und lange sitzen blieben. Wann werden wir endlich
-Kupees für Hochzeitsreisende haben!</p>
-
-<p>Auf dem Bahnhof einer großen Station nahmen<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-sie das Mittagsmahl ein. Suppe, Fisch, Braten und
-Pudding für eine Mark fünfundsiebzig. Er betastete
-das dicke Portemonnaie in seiner Tasche und bestellte
-eine halbe Flasche Mosel.</p>
-
-<p>»Hast <em class="gesperrt">du</em> dir das jemals träumen lassen, daß
-wir noch einmal wie die Fürsten dinieren würden?«
-flüsterte er ihr ins Ohr.</p>
-
-<p>»Nein!« sagte sie mit langsamem Kopfschütteln und
-blickte träumend über ihr Glas hinweg ins Weite.</p>
-
-<p>Er kam sich vor wie ein Parvenu und gelobte
-sich, seinen Wohlstand mit Geschmack zu tragen.</p>
-
-<p>Die Nichtswürdigkeit der Bevölkerung schien mit
-dem Quadrat der Entfernung zu wachsen; bald saß
-das ganze Kupee voll, und draußen im Schatten
-waren es dreißig Grad. Zwei dicke Bauernweiber
-saßen da in dicken Wollkleidern und die Köpfe in
-dicke Wolltücher gewickelt; sie wollten nicht dulden,
-daß ein Fenster geöffnet werde. Darüber geriet ein
-cholerischer Herr in die größte Aufregung; aber
-unser Paar vermochte kein Mitgefühl für ihn aufzubringen;
-denn erstens: warum war er eingestiegen?
-und zweitens: wie kann man sich ärgern, wenn man
-durch lauter Sonne fährt, wenn man sozusagen
-geradeswegs in die Sonne hineinfährt?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span></p>
-
-<p>So kamen sie nach Eisenach, und bevor sie ein
-Hotel suchten, suchten sie mit ihren Blicken die Wartburg.
-Da ragte sie aus Waldwipfeln empor ins
-Abendlicht. Welcher Deutsche sucht nicht schon in
-Kindertagen mit den Augen der Seele die Wartburg?
-Von weitem hörten sie die Stimme Walthers
-von der Vogelweide und Wolframs von Eschenbach,
-sahen sie das stille Gemach des Bibelübersetzers und
-sahen sie die flammenden Feuer der Burschenschaft
-wie brausenden Aufschwung junger Herzen in altgewordener,
-bittertrauriger Zeit.</p>
-
-<p>Und tief enttäuscht waren sie, als sie am folgenden
-Tage mit vielen andern durch die Räume der
-Burg geführt wurden und der »Führer« in schauderhaftem
-Deutsch allerlei ungewaschenes, unnützes
-Zeug schwatzte. Warum gab man den Besuchern
-nicht einen Zettel mit dem Nötigsten in die Hand?
-Wenn man ihnen schon ein Notwendiges zum
-Schauen nicht gewähren kann: Einsamkeit, warum
-gewährt man ihnen nicht wenigstens das Notwendigste:
-Schweigen? Wer spricht denn laut, wenn
-Wolfram singt und Dr. Martinus sinnt? Und wenn
-zwei Liebende das Geschenk solcher Stunden mit
-einem einzigen, einem verdoppelten Herzen empfangen,<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-und wenn eines von ihnen, in der Furcht, es
-möchte dennoch dem andern ein Hauch des Glückes
-entgehen, den Mund auftun muß, wird er nicht
-flüstern vor der Gegenwart des Vergangenen? Wie
-wenig, deutsches Volk, kennst du deine Schätze, wenn
-du sie nicht besser zu zeigen verstehst!</p>
-
-<p>So waren sie nicht in der Wartburg, als sie
-drinnen waren; erst als sie wieder bergab stiegen
-und zwischen grünem Laub nach ihr zurückschauten,
-da lag sie wieder vor ihnen im Morgenrot der Sage,
-da wagten sie wieder einzutreten und ein Jahrtausend
-lang durch ihre Räume zu wandeln.</p>
-
-<p>Und Gott sei Dank! Vor dem Denkmal Johann
-Sebastians störte niemand den Zwiegesang ihrer
-Herzen, mischte sich niemand ein, als sie entrückten
-Ohres singen hörten: »Kommet, ihr Töchter, helft mir
-klagen« und »Wir setzen uns mit Tränen nieder«.</p>
-
-<p>Auf dem Markte kauften sie Kirschen, und am
-Abend saßen sie am offenen Fenster ihres Hotelzimmers,
-sahen den Mond aus dem Hörselberge
-hervorsteigen und schoben die besten Kirschen, die
-sie fanden, einander in den Mund. Oder sie faßte
-den Stiel einer Kirsche mit den Zähnen, und er
-pflückte mit dem Munde die Frucht von ihren Lippen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p>
-
-<p>»Sind wir nicht viel zu verliebt für so alte Eheleute?«
-fragte sie furchtsam.</p>
-
-<p>»Wenn du noch einmal so etwas sagst, benehme
-ich mich gesetzt,« drohte er.</p>
-
-<p>»Hast du mich noch so lieb wie vor sieben Jahren?«
-fragte sie, die Hände auf seine Schultern legend.</p>
-
-<p>»Siebenmal so toll,« sagte er. »Und so wird
-es weiter wachsen mit den Jahren.«</p>
-
-<p>»Allmächtiger!« rief sie erschrocken. Aber dann
-schmiegte sie sich in seinen Arm und fragte: »Glaubst
-du, daß schon jemals ein Paar eine so schöne Hochzeitsreise
-gemacht hat?«</p>
-
-<p>»Nie!« versetzte er mit vollkommener Bestimmtheit.
-Und er mußte wieder sinnend in die Vergangenheit
-blicken, die im Mondlicht auf den Bergen lag.
-Er machte eine Hochzeitsreise! Mit voller Börse!
-An der Seite eines solchen Weibes sah er Thüringen,
-die Wartburg, sollte er Weimar sehen, Weimar! Und
-jetzt, in diesem reizenden Hotelzimmer, saß er mit
-ihr allein am Fenster! Bei solchem Mondschein! Und
-aß die schönsten Kirschen! Du lieber Gott, wie viele
-Menschen gab's denn, denen <em class="gesperrt">das</em> zuteil wurde!</p>
-
-<p>»Und es ward aus Abend und Morgen ein
-Tag«; wer immer im Rausch ist, der bedarf kaum<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-des Schlafes; sie nippten vom Schlaf wie Vögel aus
-dem Bach: ein Tröpfchen und husch &ndash; davon! Es
-war nicht ein Rausch wie vom Wein, nein: viel
-leichter und darum viel seliger, ein Luftrausch, ein
-Lichtrausch, ein Lebensrausch. Sie entschlummerten
-spät unter halbgeträumten Worten, und ihr frühes
-Erwachen war nur ein anderer Traum.</p>
-
-<p>Freilich, im Lichtrausch kann man sich übernehmen,
-wenn es sich um physisches Licht handelt:
-das sollten sie erfahren. Sie hatten sich beim Frühstück
-verspätet &ndash; es plauschte sich so unendlich gut
-mit ihr beim Morgenimbiß &ndash; und machten sich erst
-um neun auf den Weg. Alles, wessen sie auf ihrer
-kurzen Reise bedurften, führten sie mit sich; eine
-strotzende Reisetasche hatte er sich umgehängt; ein
-Köfferchen trugen sie bald gemeinsam, bald trug er's
-allein. Sie hätten es wohl mit der Post vorausschicken
-können; aber man mußte sparsam sein. Es
-war eine seiner Schwächen, daß er sich ein Talent
-zum Sparen einbildete. So schritten sie schlank ein
-munteres Tal hinauf, ein Tal voll blinkender Wasser
-unter hängendem Gezweig, voll moosiger Felsen und
-blitzender Schwalben, ein Tal voll Sonntag. Die
-Burschen standen im Sonntagsputz vor den Türen<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-zusammen und schmauchten mit feiertäglicher Umständlichkeit;
-die Mädchen schafften noch an Herd
-und Brunnen, im Gang und im Blick schon den
-kommenden Tanz. Was Wunder, daß unser Paar
-alsbald zu singen begann. Und was anders konnten
-sie singen als:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Ich hört' ein Bächlein rauschen<br /></span>
-<span class="i0">Wohl aus dem Felsenquell,<br /></span>
-<span class="i0">Hinab zum Tale rauschen<br /></span>
-<span class="i0">So frisch und wunderhell«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">und</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Eine Mühle seh' ich blinken<br /></span>
-<span class="i0">Aus den Erlen heraus,<br /></span>
-<span class="i0">Durch Rauschen und Singen<br /></span>
-<span class="i0">Bricht Rädergebraus«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">und das seltsame Lied mit der wundersamen Stelle:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Und da sitz' ich in der großen Runde,<br /></span>
-<span class="i0">In der stillen, kühlen Feierstunde,<br /></span>
-<span class="i0">Und der Meister spricht zu allen:<br /></span>
-<span class="i0">Euer Werk hat mir gefallen«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">ein Lied, das aus der Werkstatt kommt und wie
-aus einer Kirche klingt und uns mit unbegreiflichem
-Zauber offenbart, daß Arbeit Schönheit und daß
-Ruhe nach der Arbeit ein frommer Gesang ist. Nie<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-begreift, wer es aus solchen Liedern nicht begreift,
-daß es ein eigenes Ding ist um das deutsche Vaterland.
-Ja, sie waren altmodisch, diese beiden Hochzeitsreisenden;
-sie sangen Franz Schubert und Wilhelm
-Müller, die man in unseren Konzerten kaum
-noch hört, weil sie nicht neu genug sind. Hier waren
-ihre Lieder jedenfalls neu; hier sprangen sie plätschernd
-aus dem Stein hervor; hier wuchsen sie
-ihnen von jedem Zweig wie Kirschen in den Mund;
-hier sang sie jeder Vogel, und jeder Fels hallte sie
-wider. Da, vor dem Tor am Brunnen, stand der
-Lindenbaum, und da &ndash; horch:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Von der Straße her das Posthorn klingt!<br /></span>
-<span class="i0">Was hat es, daß es so hoch aufspringt,<br /></span>
-<span class="i0">Mein Herz?«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Und als der siebenjährige Ehemann im Walde sang:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Durch den Hain, durch den Hain<br /></span>
-<span class="i0">Schalle heut <em class="gesperrt">ein</em> Reim allein:<br /></span>
-<span class="i0">Die geliebte Müllerin ist mein, ist mein!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">da klang es so merkwürdig, daß die zwanzig Schritt
-vor ihm herwandelnde Geliebte stehen bleiben
-und sich nach ihm umschauen mußte, obwohl sie
-nie in ihrem Leben Müllerin gewesen war. Er
-aber machte die zwanzig Schritt in dreien, warf den<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-Koffer ins Moos und gab ihr einen einzigen Kuß,
-der aber unter Verliebten seine zwölfe wert war.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»O Kuß in eines Walds geheimstem Grund!<br /></span>
-<span class="i0">Fernoben über Wipfeln rauscht die Welt<br /></span>
-<span class="i0">Und weiß es nicht, daß unten, Mund auf Mund,<br /></span>
-<span class="i0">Zwei Welt- und Selbstvergessene versinken!<br /></span>
-<span class="i0">Der Lippen Duft wie junges Tannengrün,<br /></span>
-<span class="i0">Und tief im trunken-stillen Blick ein Licht,<br /></span>
-<span class="i0">Das hoch herab von heiliger Wölbung fällt!<br /></span>
-<span class="i0">O sternendunkler Abgrund, ende nicht<br /></span>
-<span class="i0">Und laß uns ewig deine Dämm'rung trinken&nbsp;&ndash;«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Indessen: der Abgrund tat ihnen nicht den Gefallen;
-sie traten aus dem Hain auf eine Chaussee.
-Chausseen können sehr schön sein, wenn sie wollen;
-aber gewöhnlich wollen sie nicht. Es war Mittag
-geworden, und bis zu dem Orte, wo sie die Eisenbahn
-erreichen wollten, waren es noch zwei Stunden.
-Nach ungefährer Schätzung mußten es jetzt
-einige Grade über dreißig im Schatten sein; aber
-das interessierte hier um deswillen nicht, weil die
-Chaussee keinen Schatten hatte. Immerhin konnte
-man, wenn man nicht kurzsichtig war, das Ende der
-Landstraße absehen, und dann &ndash; überhaupt: konnte
-man <em class="gesperrt">sie</em> mit Sonnenschein schrecken? »Sonne ist<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-gerade was Feines,« riefen sie und schritten mit
-höhnischem Trotz in den Zügen fürbaß. Sie schätzten
-die in weißglitzerndem Lichte vor ihnen liegende
-Straße auf eine gute Viertelstunde; aber man unterschätzt
-diese Landstraßen. Nach einer guten halben
-Stunde erreichten sie das Ende; aber dieses Ende
-war ein neuer Anfang.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»So knüpfen ans fröhliche Ende<br /></span>
-<span class="i0">Den fröhlichen Anfang wir an«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">sang er, und sie schritten weiter. Vorsichtiger geworden,
-schätzten sie das vor ihnen liegende Stück
-auf eine kleine halbe Stunde; aber man unterschätzt
-diese Landstraßen. Nach dreiviertel Stunden kamen
-sie endlich ans Ende; aber dieses Ende war ein
-neuer Anfang. Sie waren offenbar auf einen
-weiten Umweg geraten; die Augen eines jungen
-Weibes sind eben keine Landkarte. Sie schritten
-weiter; aber singen tat er nicht mehr; das Klima
-war der Stimme nicht günstig. Immerhin war es
-ein Trost, daß das Stück vor ihnen höchstens eine
-halbe Stunde sein konnte; aber man unterschätzt
-diese Landstraßen. Selbstverständlich trug der sparsame
-Mann schon seit langem das ganze Gepäck; aber
-das drückte ihn nicht; ihn drückte das Gefühl: sie<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-überanstrengt sich. Freilich versicherte sie auf seine
-Fragen immer wieder lachenden Gesichts, sie fühle
-sich vollkommen wohl und frisch; aber das beruhigte
-ihn nicht; sie, die Wahrhaftigkeit selbst, konnte, wenn
-es ihm Beschwerden zu verbergen galt, lügen wie
-ein Dichter, das wußte er. Nach dreiviertel Stunden
-sahen sie Dächer. Ha, das Ziel! Als sie aber
-an das Dorf kamen, da hieß es ganz anders. Sie
-erfuhren, daß sie bis zu ihrem Ziel »nur« noch eine
-halbe Stunde zu gehen hätten. Er wollte sie überreden,
-in diesem allerdings wenig versprechenden
-Dorfe zu rasten; aber sie sagte: »Wenn ich jetzt sitze,
-steh' ich nicht wieder auf. Jetzt halten wir schon aus
-bis ans Ende.« So war sie. Wenn sie die Ausdrucksweise
-der Landbewohner besser gekannt hätten,
-hätten sie gewußt, daß diese immer nur halb
-mit der Sprache herauskommen. Nach einer halben
-Stunde sahen sie den ersehnten Ort aus der Ferne.
-Er vertrieb ihr und sich die Zeit mit einem anmutigen
-Spiel. Bei jedem fünften Schritt nickte er
-mit dem Kopfe, und dann fiel von seiner Stirn ein
-Schweißtropfen in den Sand. Eins, zwei, drei,
-vier, fünf &ndash; ein Tropfen; eins, zwei, drei, vier, fünf
-&ndash; ein Tropfen usw. Sie lachte, und so kamen sie endlich<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-in den erstrebten Ort, in das erhoffte Wirtshaus,
-in die ersehnte schattige Stube und auf die in visionären
-Wüstenträumen erschaute Bank. So. Der
-Rest war Schweigen. Hier wollten sie den Rest
-ihrer Tage verbringen. Hier sollte man sie abholen,
-wenn man sie einmal begraben wollte.</p>
-
-<p>Sie stützten den Kopf in beide Hände und starrten
-einander an wie zwei, die sich schon irgendwo einmal
-gesehen haben müssen. Der Kellner fragte, ob die
-Herrschaften etwas zu speisen beliebten.</p>
-
-<p>»Trinken,« gurgelte er.</p>
-
-<p>»Wasser,« sagte sie drei Minuten später.</p>
-
-<p>»Mit Kognak!« fügte er nach zwei Minuten
-schnell hinzu.</p>
-
-<p>Dann schob er ihr ein Stückchen von dem dreimal
-wöchentlich erscheinenden Kreisblatt zu, das auf
-dem Tische lag und das heute, am Sonntag, mit zwei
-Seiten Text und vier Seiten Anzeigen erschienen
-war. Er las, daß der Bauer Henneberg ein Paar
-Ochsen billig verkaufen wolle. Sie las, daß Dr.
-Miquel einen Urlaub angetreten habe. Dann las
-er, daß Frau Hasenbek feine Herrenwäsche übernehme.
-Und dann las sie, daß der Amtsgerichtssekretär
-Ranke in den Ruhestand getreten sei. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-dann las er wieder, daß der Bauer Henneberg ein
-Paar Ochsen billig verkaufen wolle; denn vordem
-hatte er es nicht ganz erfaßt. So saßen sie zwei
-Stunden lang einander gegenüber. Dann dachten
-sie ans Essen und erhoben sich, um sich von dem
-Staub der Wanderung zu befreien. Als sie zur
-Tür schritten, machten sie in ihren Bewegungen
-jenen rührenden Eindruck, den wir bei Betrachtung
-Philemons und seiner Baucis empfangen.</p>
-
-<p>»An diesem Tage gingen sie nicht weiter.« Sie
-fuhren mit der Eisenbahn, und als sie in ihr Zimmer
-geführt wurden, erlebten sie ein Wunder. Unter
-ihrem Fenster, unter mächtigen Bäumen rauschte
-der Bach über ein breites Wehr. Da standen sie nun
-und waren ganz befangen von solchem Zauber. Der
-Niederdeutsche kennt kein rauschendes Wasser. Er
-hat breite, stillfließende Wasser und brüllende, donnernde
-Meerflut; aber er kennt nicht den ewigen
-Gesang rauschender Bäche, kennt nicht diese unermüdlichen
-Märchenerzähler des Gebirges, die von
-den Höhen, aus den Wäldern kommen mit immer
-neuer, nie gehörter Sage. Und so konnten sie sich, so
-müde sie waren, nicht satt trinken an diesem Gesang,
-aus dem sie immer und immer wieder deutliche<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span>
-Worte zu vernehmen glaubten, und als sie sich schon
-zur Ruhe gelegt hatten und sie leise vor sich hinsang:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Was sag' ich denn vom Rauschen?«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">da fiel er sogleich ein:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Das mag kein Rauschen sein!<br /></span>
-<span class="i0">Es singen wohl die Nixen<br /></span>
-<span class="i0">Tief unten ihren Reih'n&nbsp;&ndash;«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">und so verflocht sich ihnen der sanfte Zauber des
-Abends mit dem frohen Wanderglück der Frühe, und
-es ward aus Abend und Morgen ein andrer Tag.</p>
-
-<p>Auf der nächsten Station ihrer Reise stürzten sie
-nach dem Postamt. Es waren Briefe da von Hause!
-Auch einer von ihrer Schwester! Sie riß das Kuvert
-auf und las. Er stand ein wenig hinter ihr und sah,
-wie ihr eine dicke Träne die Wange herunterlief.</p>
-
-<p>»Ist was geschehen?« rief er.</p>
-
-<p>»Nein, nein,« rief sie lächelnd.</p>
-
-<p>Ach so! Die Schwester berichtete natürlich über
-die Kinder, und da regten sich Sehnsucht, Heimweh
-und Gewissen im Herzen dieser neuen Medea, dieser
-Doppel-Medea; denn sie hatte vier Kinder! Er
-sagte sich, daß er als Reisemarschall diesem Rückfall
-durch besondere Munterkeit und ein besonders hinreißendes
-Tagesprogramm begegnen müsse. Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-reichte ihm den Brief; er war zur Bestätigung der
-Angaben der Tante von sämtlichen Kindern »eigenhändig«
-unterzeichnet, auch vom zweijährigen.</p>
-
-<p>»Fabelhaft begabtes Geschlecht!« rief er.</p>
-
-<p>Aber die Kindesmörderin aus Vergnügungssucht
-reagierte nicht auf seinen Scherz; sie wandte sich ab
-und befaßte sich eingehend mit ihrem Schnupftuch.
-Und &ndash; o weh! &ndash; als sie wieder ins Freie traten,
-da weinte auch der Himmel über seine Kinder! Und
-ganz im Verhältnis ihrer Anzahl! Flucht ins Hotel
-&ndash; das war der einzige annehmbare Gedanke.</p>
-
-<p>Da saßen sie nun am offenen Fenster und freuten
-sich am Regen und freuten sich, wenn die Bergkuppen
-aus den Wolken hervordrangen und wenn
-sie wieder verschwanden. Es gibt Menschen, die
-nur klare Bergspitzen und weite Fernsichten lieben.
-Und es gibt Menschen, die auch zu umwölkten Höhen
-mit ahnender Andacht hinaufschauen, die es lieben,
-wenn Berge mit Wolken ringen. Solcher Art waren
-sie. Stundenlang schauten sie hinein in das wogende
-Grau, das ihren Augen nichts weniger war denn ein
-Einerlei. Sie hatte leise ihre Hand in die seine
-gelegt; da mußte er daran denken, wie sie an jedem
-Abend seine Hand suchte, bevor sie entschlummerte.<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-Er erhob sich, ging an den Tisch und begann zu
-schreiben. Nach einiger Zeit kam er mit einem Blatt
-zu ihr und sagte: »Ich hab' was.«</p>
-
-<p>»Ja?!« rief sie leuchtenden Auges. Sie wußte, was
-er habe; sie schmiegte sich in seinen Arm, und er las:</p>
-
-<p class="center p2">
-<em class="gesperrt">Was Ortrun sprach</em>
-</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Gib wie immer deine liebe Hand,<br /></span>
-<span class="i0">Eh' ich eintret' in des Schlummers Land.<br /></span>
-<span class="i0">Sollst im Dunkel mir zur Seite stehen,<br /></span>
-<span class="i0">Mit mir durch des Traumes Garten gehen.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Sieh', das ist das Süßeste vom Tag,<br /></span>
-<span class="i0">Daß ich deine Hand noch fassen mag,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn des Tages Aengste von mir sinken<br /></span>
-<span class="i0">Und des Schlummers milde Schatten winken.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">»Meine Zuflucht,« klingt in mir ein Wort,<br /></span>
-<span class="i0">»Meine Zuflucht,« klingt es immerfort.<br /></span>
-<span class="i0">Alle, die dich lieben, die dich hassen,<br /></span>
-<span class="i0">Endlich müssen sie dich <em class="gesperrt">mir</em> nun lassen.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Deine Hand nur fühl' ich noch allein;<br /></span>
-<span class="i0">Alles andre mag verloren sein.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-<span class="i0">Ach, in mancher Nacht war mir's verliehen,<br /></span>
-<span class="i0">Dich im Traum mit mir hinwegzuziehen:<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Aus den Lippen noch ein Wort vom Tag&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Leise dann des Traumes Flügelschlag&nbsp;&ndash;:<br /></span>
-<span class="i0">Schon mit dir in schweigendem Umschlingen<br /></span>
-<span class="i0">Hört' ich ewig-stumme Sterne singen.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und in fernen Himmeln noch empfand<br /></span>
-<span class="i0">Ich den leisen Druck der teuren Hand<br /></span>
-<span class="i0">Wie ein volles, heiliges Umfassen:<br /></span>
-<span class="i0">»Schreite fest, ich will dich nicht verlassen.«<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Soll mir deine Hand erhalten sein,<br /></span>
-<span class="i0">Tret' ich gern in jedes Dunkel ein;<br /></span>
-<span class="i0">Muß es doch nach allen Schrecken bringen<br /></span>
-<span class="i0">Einen Traum, in dem die Sterne singen.&nbsp;&ndash;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Er schwieg und fragte dann zärtlich: »Ist es so?«</p>
-
-<p>»So ist es,« sagte sie leise, ihm voll in die Augen
-blickend. »Woher wißt ihr's nur, ihr Dichter, ihr
-Schrecklichen?«</p>
-
-<p>Als er nun sah, daß er ihr Herz getroffen hatte,
-da ergriff ihn das Lyriker-Delirium. Der gewöhnliche,
-friedliche Bürger hat keine Vorstellung von
-dem Freudenwahnsinn, der den Menschen ergreift,<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-wenn er meint, daß ihm ein Lied gelungen sei. Ein
-Lyriker mag mit Bühnenwerken die reichsten Lorbeeren
-errungen, er mag für seine Romane alles
-empfangen haben, was die Mitwelt zu geben vermag;
-er mag als Staatsmann ein Reich gegründet,
-als Feldherr ein Dutzend Schlachten gewonnen und
-als Erfinder einen vollkommenen Flugapparat erdacht
-haben &ndash; kein Triumph und kein Flugapparat
-wird ihn so hoch erheben wie der Gedanke: ein Lied,
-ein Lied ist mir gelungen. Ein Lied ist ihm das
-Köstlichste, was er vom Himmel empfangen, und das
-Köstlichste, was er an seine Mitmenschen weitergeben
-kann. Ein großer Lyriker war es, der eines Tages
-sagte: »Wenn mir ein Gedicht geglückt ist, kann ich
-mich vor Jubel nicht fassen; ich muß etwas haben,
-das ich umarme, und wenn ich keinen Menschen
-habe, so nehme ich einen Stuhl und press' ihn ans
-Herz.« Man sagt, daß die Frauen nach der Geburt
-eines Kindes ein Gefühl unendlichen Jubels und
-seligster Ermattung überkomme. Genau so ist es
-den Lyrikern nach der Entbindung; nur daß sie durch
-nichts in der Welt zu bewegen sein würden, still zu
-liegen wie die Frauen. Wenn unser junger Ehemann
-ein Gedicht vollendet hatte, dann tanzte der<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-hohe Wöchner von einem Zimmer ins andere, vom
-untern Stockwerk ins obere und vom oberen wieder
-ins untere, küßte sein Weib und seine Kinder ab,
-tanzte mit ihnen Ringelreihen, um sie plötzlich loszulassen
-und wieder abzuküssen, holte die Flasche
-Wein aus dem Keller, wenn sie noch da war, machte
-an dem Turnreck zwanzigmal die Bauch- und die
-Rückenwelle, spielte durch Haus und Garten Haschen
-mit Weib und Kindern und schrie dabei wie in seinen
-blühendsten Flegeljahren, und wenn er ausgegangen
-war, kehrte er mit Geschenken für die
-Seinigen beladen wieder heim. Der Gedanke: »Ein
-Denkmal habe ich mir errichtet, dauernder denn
-Erz,« läßt keine ökonomischen Bedenken aufkommen;
-wer ein Gedicht gemacht hat, ist der
-reichste Mann des Weltalls, wenn er sich auch
-achtundvierzig Stunden später überzeugt, daß es mit
-dem neuen Gedicht verteufelt wenig auf sich habe.</p>
-
-<p>Als die Tischglocke ertönte, sprangen sie Hand in
-Hand die Treppen hinunter, und da sie ihn noch
-immer strahlend anblickte, fragte er heimlich: »Also
-hat's dir gefallen?« Und als sie vielsagend eifrig
-nickte und ihm unter dem Tische die Hand drückte,
-daß es weh tat, da rief er:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p>
-
-<p>»Na, dann, Kellner, eine ganze Flasche Markobrunner!«
-Am Notwendigsten sparte er nicht gern.</p>
-
-<p>Der Kellner verneigte sich mit gütigem Lächeln
-und flüsterte dem Wirt ins Ohr: »Eine Markobrunner
-&ndash; für die Hochzeitsreisenden.«</p>
-
-<p>Als der Wein eingeschenkt war, führte er sein
-Glas mit der Miene des Kenners an die Nase. Es
-war Markobrunner für Hochzeitsreisende; aber unser
-Freund schien von dem Resultat der Untersuchung
-äußerst befriedigt, und er sagte leuchtenden Auges:</p>
-
-<p>»Herz, laß uns darauf trinken, daß es unsern
-Kindern einmal ebenso ergehe. Aber« &ndash; fügte er
-schnell hinzu &ndash; »es soll ihnen nicht in den Schoß
-fallen; sie sollen sich's erkämpfen wie wir; das ist
-das Köstlichste, was wir ihnen wünschen können.«</p>
-
-<p>Dann brachte er ihr zu Ehren einen Damentoast
-aus; dann trank sie auf sein jüngstes Gedicht; dann
-tranken sie auf die Freunde, die »leider« nicht dabei
-sein könnten, und endlich rief er:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Von der Quelle bis ans Meer<br /></span>
-<span class="i0">Mahlet manche Mühle;<br /></span>
-<span class="i0">Und das Wohl der ganzen Welt<br /></span>
-<span class="i0">Ist's, worauf ich ziele.«<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span></p>
-<p>Und dann sprangen sie anmutig beschwipst &ndash;
-es war ein kräftiger Markobrunner gewesen &ndash;
-wieder hinauf in ihr Zimmer und holten aus ihrem
-Gepäck ein Bändchen Goethe hervor.</p>
-
-<p>Der Himmel schien noch heute bis auf den letzten
-Tropfen bezahlen zu wollen, was die Hitze der vorhergehenden
-Tage an Feuchtigkeiten kontrahiert
-hatte. Und seltsam: es war unsern Reisenden gar
-nicht mehr unlieb. Wenn zwei Liebende sechs Jahre
-lang von sehr lebendigen Kindern und sehr lebendigen
-Pflichten, Sorgen und Mühen umschwirrt
-gewesen sind und sich dann plötzlich in der Ferne,
-eingeregnet, in einem Hotelzimmer einander gegenüber
-finden, dann erwacht in ihnen ein seltsames,
-ein ungeahntes Gefühl, das Gefühl: Endlich allein!
-Eine Empfindung bemächtigt sich ihrer, daß ihre
-innersten Seelen seit langem eigentlich nicht miteinander
-gesprochen haben, daß sie sich viel und
-mancherlei zu sagen haben, von dem sie selbst nicht
-gewußt haben, daß es in ihnen sei. Während sie
-einander nahe gegenübersaßen, sie ihm gelegentlich
-sanft mit der Hand über die Stirn strich, er ihr
-gelegentlich zärtlich die schmale Hand streichelte und
-einer des andern Bild mit inniger forschendem Blick<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-zu erfassen suchte, sprachen sie Ernstes und Fröhliches,
-Lautes und Leises, das in einsamen Stunden
-in ihnen erwacht und ihnen wohl auch auf die
-Lippen gekommen, dort aber vom schnellen Strom
-des täglichen Lebens hinweggeschwemmt worden
-war. Und als der Abend herannahte, da fanden sie,
-daß kein Tag ihrer Reise schöner gewesen sei als
-dieser »verlorene«. Und als sie wieder einmal gemeinsam
-in den Himmel schauten &ndash; da entfuhr
-ihnen gleichzeitig ein halblauter Freudenruf: im
-Westen blickte durch das Grau ein winzig Stücklein
-erhellten Himmels, wie ein verweintes Auge, das,
-noch unter Tränenschleiern, zum ersten Male wieder
-aufmerksam ins Leben starrt, noch nicht wünschend,
-noch weniger hoffend, nur erst wieder betrachtend
-mit kaum bewußter Teilnahme. Und das himmlische
-Auge ward größer und größer, klarer und klarer,
-heiterer und heiterer, und unser Paar schritt mit aufjauchzenden
-Herzen hinaus in eine wiedergeborene
-schöpfungsfrohe Natur.</p>
-
-<p>Und diesen Abend machten sie einen Fund, der
-ihm köstlicher denn Gold und Perlen war. Sie
-fanden eine Wiese, an einem sanft abfallenden
-Hügelhang, von jungen und alten Bäumen umstanden.<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-Ueber diese Wiese finden wir in seinem
-Tagebuche folgende Zeilen:</p>
-
-<p>»Im Thüringer Wald ist eine Wiese, die alles
-zur Ruhe singt, was in dir an Sorgen und Bangen
-ist. Ja, sie singt; denn ihr Grün, ihre Schatten und
-ihre Lichter, ihre Bewegung und ihr Schweigen sind
-ein ununterbrochener seliger Gesang. In diesem
-Gesange sah ich goldene Stunden meiner Vergangenheit
-wandeln, die ich vergessen hatte, Stunden
-und Tage mit ihrem eigensten Gesicht, ihrem
-eigensten Ton und Gange. Am Rande, im Schatten
-der Bäume, sah ich die höchsten und heiligsten
-Gedanken meines Lebens ruhen, sah ihre Züge, ihre
-Augen im Glanze der Minute, da ich sie empfangen,
-verstanden und ans Herz gedrückt hatte. Und über
-den abendlich glimmenden Wipfeln der Bäume zogen
-selig schwebend dahin meine Hoffnungen, meine
-Ahnungen, die aus dieser Erdenenge hinaufstreben
-in eine größere Welt. Auf dieser Wiese grünt der
-Glaube; wer sie erschaut, der trinkt sich Glauben an die
-Heiligkeit der Welt für ewige Tage. Die Welt, die solche
-Augen hat, kann im Grunde ihrer Seele nicht lügen.</p>
-
-<p>Ich sage nicht, wo diese Wiese liegt; denn sogleich
-würden Tausende kommen und rufen: »Wo ist das<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-Besondere? Das können wir auch anderswo sehen!«
-O ihr Blinden! Nichts kann man auch anderswo
-sehen. Jedes Stück der Welt, das zwischen zwei
-Augenlidern Platz hat, ist ein Wesen wie ich und wie
-jedes von euch, mit eigener Seele und eigener
-Stimme, mit Zügen und Augen, die niemals
-wiederkehren. Und die doch, wenn sie vergangen
-sind, wie wir vergehen, ewig aufbewahrt bleiben im
-Weltall. Alles ist einzig, und alles ist ewig.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">In den morgenfrischen Bäumen<br /></span>
-<span class="i0">Hing ein letzter Hauch der Nacht,<br /></span>
-<span class="i0">Und die Blumen machten Augen<br /></span>
-<span class="i0">Wie ein Kind, wenn es erwacht.&nbsp;&ndash;<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Holder Schreck entriß mich plötzlich<br /></span>
-<span class="i0">Lächelnder Versunkenheit&nbsp;&ndash;:<br /></span>
-<span class="i0">Eine Rose hat geduftet<br /></span>
-<span class="i0">Wie ein Lied aus Kinderzeit!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Eilends sucht' ich: Welche war es?&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Duft und Blüte weit und breit!&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Doch nicht andren Duft vernahm ich:<br /></span>
-<span class="i0">Aufgetan die Seele weit,<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Ging ich atmend, dürstend, sehnend<br /></span>
-<span class="i0">Durch des Gartens Herrlichkeit&nbsp;&ndash;<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-<span class="i0">Und ich hab' sie nicht gefunden,<br /></span>
-<span class="i0">Die mich rief aus ferner Zeit.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">O, ich seh' es, euer Lachen,<br /></span>
-<span class="i0">Schnell und klug zum Spott bereit!<br /></span>
-<span class="i0">Seid gewiß, in regen Lüften<br /></span>
-<span class="i0">Weiß mein Herz von je Bescheid.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Aufgehoben bleibt im Ganzen<br /></span>
-<span class="i0">Jedes Atems leises Weh'n;<br /></span>
-<span class="i0">Einst an einem großen Morgen<br /></span>
-<span class="i0">Wirst du's lächelnd wiederseh'n.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Eine Rose hat geduftet<br /></span>
-<span class="i0">Wie ein Klang aus Kinderzeit;<br /></span>
-<span class="i0">Duft und Klingen, Heut' und Gestern<br /></span>
-<span class="i0">Weben all' an <em class="gesperrt">einem</em> Kleid.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Niemals hab' ich Schillers Klage um die Entgötterung
-der Natur verstanden.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Diese Höhen füllten Oreaden,<br /></span>
-<span class="i0">Eine Dryas lebt' in jenem Baum,<br /></span>
-<span class="i0">Aus den Urnen lieblicher Najaden<br /></span>
-<span class="i0">Sprang der Ströme Silberschaum.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Ist das nicht heut' wie einst? Seht ihr's nicht
-wandern auf den Bergen, hört ihr's nicht lachen<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-und seufzen aus jedem Baum, hört ihr's nicht
-singen an jeder Quelle mit überirdischer Stimme?
-Ihr vernehmt es mit höheren Sinnen, und mit leiblichen
-Sinnen vernahmen's auch die Griechen nicht.</p>
-
-<p>Nein, o nein, keine Philosophie und keine Religion
-kann die Natur entgöttern; denn sie ist selber
-Gott.</p>
-
-<p>Geht hin und suche jeder seine Himmelswiese;
-denn jedem liegt sie anderswo. Auch meinem
-Weibe, auch meinen Kindern, und das ist ein Weh
-in allem Glück. Aber meine Geliebte verstand mein
-Schweigen und ehrte mein Gebet.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Als sie auf der nächsten Poststation ihre Briefe
-in Empfang nahmen, die wieder erfreuliche Nachricht
-von Hause brachten, da fiel ihm aus einer eingeschriebenen
-Sendung eine Banknote in die Hände.
-Ein Honorar! Fünfzig Mark, auf die er gar nicht
-gerechnet hatte. Er hielt ihr das hübsche Stück
-Papier vor die Augen und schrie ganz leise »Juhuhuuu!!«
-Und als sie ins Hotel zurückgekehrt waren,
-zog er den Wirt auf die Seite und redete vertraulich
-mit ihm. Der Wirt hörte ihm offenbar mit
-Vergnügen zu und eilte dienstbereit von dannen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span></p>
-
-<p>»Wollen wir nicht aufbrechen?« fragte sie.</p>
-
-<p>Er hob geheimnisvoll den Finger, machte ein hohenpriesterliches
-Gesicht und sagte dunkel: »Noch nicht.«</p>
-
-<p>Als sie nach einigen Minuten wieder fragte:
-»Warum gehen wir denn nicht, du Schlingel?«, da
-hob er noch geheimnisvoller den Finger, machte ein
-noch hohenpriesterlicheres Gesicht und sagte noch
-dunkler: »Noch nicht.«</p>
-
-<p>Und dann fuhr ein schöner Landauer mit zwei
-tatenfrohen Braunen vor. Sie sah ihn mit ungläubigem
-Lächeln an. Er aber rief:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Jehann, nu spann de Schimmels an!<br /></span>
-<span class="i0">Nu fahrt wi mit de Brut!<br /></span>
-<span class="i0">Un hebbt wi nix as brune Per,<br /></span>
-<span class="i0">Jehann, so is't ok gut!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">und lud sie mit seiner galantesten Handbewegung
-zum Einsteigen ein.</p>
-
-<p>Während er noch mit dem Kutscher sprach, konnte
-sie mit den strahlenden Augen nicht von ihm lassen.
-Wer kennt nicht die herrliche »Hochzeitsreise« von
-Moritz von Schwind, kennt darin nicht den anmutigen
-Zug, wie die junge Frau zur Seite rückt
-und dem geliebten Gefährten gar bereitwillig Platz<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-macht in Erwartung gemeinsamer Freude! So
-drückte sie sich in die Ecke und konnte kaum erwarten,
-daß er einstieg.</p>
-
-<p>Der Wirt, ein Mann von etwas familiärem, aber
-vortrefflich gemeintem Benehmen, wünschte ihnen
-noch, daß der Fortgang ihrer Ehe so fröhlich sein
-möge wie der Anfang.</p>
-
-<p>»Also haben Sie gemerkt, daß wir Hochzeitsreisende
-sind?« fragte unser Freund.</p>
-
-<p>»Freilich,« versetzte der Alte, »dafür bekommt
-unsereins einen Blick.«</p>
-
-<p>»Ja ja,« rief der Ehemann lachend, »wir sind
-allerdings noch in den ersten Flitterjahren. Hü,
-Kutscher!« Die Pferde zogen an.</p>
-
-<p>»Du ahnst nicht, wie dankbar ich dir bin,«
-flüsterte sie an seinem Ohr, »ich war ein wenig übermüdet
-&ndash; nun bin ich selig!«</p>
-
-<p>Und freilich &ndash; fußwandern bleibt zwar immer
-das Schönste &ndash; aber nächstdem gibt es nichts Leib-
-und Seelenvergnüglicheres, als zu zweien im Wagen
-eng aneinander geschmiegt durch die Lande zu rollen.
-Sie fuhren durch stundenlangen Tannenwald; in
-unabsehbaren Reihen ragten die streng emporstrebenden
-Stämme in den Himmel, eine meilenlange<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-Orgel, auf der der Wind das Morgenlied der
-Schöpfung spielte. O, ein geheimnisvolles Ding,
-mit munteren Rossen durch den tiefen Wald zu
-fahren! Dem seitwärts schweifenden Blick erschienen
-in fernsten, nie betretenen Waldgründen seltsamgestaltige
-Wunder, die scheu wieder ins Dunkel
-tauchten, wenn das Auge sie fester erfassen wollte;
-mit großen Augen lugte es hinter düsteren Stämmen
-hervor &ndash; ein Reh? &ndash; eine Dryas? &ndash; das verzauberte
-Brüderlein der treuen Schwester? &ndash; oder
-war es Schmerzenreich, das Kind der armen Pfalzgräfin?
-Und manchmal schaute zwischen fernen,
-fernen Tannen ein Stück des Himmels in die
-Schauer der Waldnacht herein, dann war es ihnen,
-sie sähen einen gotischen Dom mit riesenhohen, bunten
-Fenstern und sie wären dem Tempel nah, der
-die smaragdne Schale vom Tisch des Heilands birgt
-und der ewigen Frieden bringt denen, die ihn finden.
-Wenn aber der Wagen lautlos über moosigen Grund
-fuhr, dann vernahmen sie dumpfes, fernes Stimmengewirr
-versammelter Männer. Ihr wißt, daß man
-in stillen, dichten Wäldern die Stimmen einer unsichtbaren
-Versammlung hört. Das ist das Thing
-derer aus Niflheim und Jötunheim; sie beraten über<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-den großen Kampf, in dem sie die Einherier vernichten
-wollen, die Einherier, die über den Wipfeln
-lächelnd dahinziehen.</p>
-
-<p>Als sie aber nun über eine sonnige Hochfläche
-fuhren und Wiesen und Aecker in allen Farben vor
-ihren Blicken lagen, da ergriff ihn ein lustiger Größenwahn;
-er sprang von seinem Sitz in die Höhe, beschrieb
-mit der Linken einen weiten Bogen und rief:</p>
-
-<p>»Sieh, Herz, alles unser! Alles dein! Ein
-Teppich für deine Füße! Wer kann sich das leisten!«</p>
-
-<p>Und sie ergriff seine Rechte, zog sie an die Lippen
-und flüsterte mit ihrem schalkhaftesten Lächeln:</p>
-
-<p>»Mein sparsamer Mann! Mein unverbesserlicher
-Geizhals! Mein Harpagon!«</p>
-
-<p>Und so kamen sie nach Ilmenau.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Anmutig Tal, du immergrüner Hain,<br /></span>
-<span class="i0">Mein Herz begrüßt euch wieder auf das beste!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Schon dieser Anfang hatte ihm immer zu den
-Wundern der Kunst gehört. Mit zwei Worten erschließt
-ein Dichter ein heiteres Gefild, und mit einem
-einzigen Griff bringt er die Harfe des Waldes zum
-Klingen, und alles horcht auf und flüstert: »Still &ndash;
-still! Der da beginnt, das muß ein großer Meister sein!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span></p>
-
-<p>Und die Herzen voll dieses Klangs, durchschritten
-sie das anmutige Tal und stiegen den immergrünen
-Hain hinauf zu jener Höhe, wo der herrliche
-Wanderer sein Nachtlied an die Wand eines Bretterhäuschens
-geschrieben hatte. An Stelle des niedergebrannten
-Häuschens hat man dort, in nachgeahmter
-Dürftigkeit, ein neues »altes« Häuschen
-errichtet. Sie gingen nicht hinein; sie wollten es
-nicht sehen; sie wandten ihm den Rücken zu und
-schauten über das abendlich beglänzte Wipfelmeer
-in die Ferne. Keines sprach ein Wort; aber im
-stillen Herzen sprachen's wohl beide:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Ueber allen Gipfeln<br /></span>
-<span class="i0">Ist Ruh,<br /></span>
-<span class="i0">In allen Wipfeln<br /></span>
-<span class="i0">Spürest du<br /></span>
-<span class="i0">Kaum einen Hauch;<br /></span>
-<span class="i0">Die Vögelein schweigen im Walde.<br /></span>
-<span class="i0">Warte nur, balde<br /></span>
-<span class="i0">Ruhest du auch.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Einunddreißig Jahre war er alt gewesen, als sich
-dies Lied aus seiner Seele gelöst hatte, ein glückverwöhnter,
-blühender Mann, die Schöpfungsgewalt
-für eine neue Welt hinter der Stirn, die Flügelspannung<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-eines emporschwebenden Adlers im Hirn
-und in der Brust. Groß war die Welt, groß und
-schön und berauschend süß. Aber vielleicht das Beste
-nach allem war die Ruhe.</p>
-
-<p>Sie sprachen auch nur wenige, abgebrochene
-Worte, während sie zu Tale stiegen. Das Dunkel
-brach herein. Da legte er den Arm um ihre Hüfte
-und sprach: »Wie wird's uns sein, wenn wir nach
-Weimar kommen!«</p>
-
-<p>Und sie kamen nach Weimar. Der Weimarer
-Bahnhof &ndash; darüber kann keine Meinungsverschiedenheit
-bestehen &ndash; hat weder etwas Imponierendes
-noch Feierliches, noch Stimmungsvolles, oder
-sonst Angenehmes. Aber als sie ihren Fuß auf den
-Bahnsteig setzten, hatten sie das Gefühl: »Ziehe
-deine Schuhe aus von deinen Füßen; denn das
-Land, darauf du stehest, ist ein heiliges Land.« Sie
-gingen schon durch die Sophienstraße, aber sie gingen
-vollends über den Viadukt und durch die Rollgasse,
-als das alte Weimar vor ihnen auftauchte,
-mit den zitternden Herzen der Kinder am Weihnachtsabend
-dahin. Es war auch Abend und schon
-so spät, daß sie das Hotel nicht mehr verließen. Viele
-Stunden lang lag er schlaflos in seinem Bette: er<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-war nun da, wirklich da, er selbst, an der tausendmal
-ersehnten Stätte seines heiligsten Knaben- und
-Jünglingslebens; er atmete mit den erhabenen
-Genien dieses Ortes dieselbe ambrosische Luft. Denn
-das war das Seltsame: in diesem neuen Weimar
-stand unversehrt das alte und drängte jenes in den
-Hintergrund; was vor siebzig, vor hundert Jahren
-gestorben und untergegangen war, das lebte, stand
-und wandelte hier so gegenwärtig wie nur je &ndash; die
-Häuser, Straßen und Menschen von heute aber waren
-Schatten. Es war eine schlaflose, heilige Nacht; erst
-gegen Morgen schlief er ein paar Stunden und erhob
-sich dann mit einem fröhlichen Kraftgefühl, das
-ihm die Geister seiner Jugend gebracht hatten.</p>
-
-<p>Die beiden machten zunächst einen Orientierungsspaziergang
-durch die Stadt, und dieser Anfang verlief
-nicht allzu erhebend. Vor dem Doppeldenkmal
-trat nämlich ein überaus freundlicher alter Herr mit
-höflichem Gruß auf sie zu und sagte:</p>
-
-<p>»Dies sind nu also die beiden kreeßten Tichter,
-wo wir ha'm. Links is Keethe, un rechts is Schiller.
-Schiller is, wie Se seh'n, ä bißchen kreeßer als
-Keethe; aber dafier is der Keethe widder breider
-in de Schuldern. Was se da in der Hand halten,<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-das is ä Lorbeergranz. Keethe will Schillern
-den Lorbeergranz iberreichen; awer Schiller
-sagt: »Nee, behalt du'n.« Der Schiller is immer ä
-sehr edler Mensch gewäsen. &ndash; Da hinder den beiden
-säh'n Se das alde Dheader, wo noch de kreeßten
-Machwerge von den beiden sin aufgeführt wor'n.«</p>
-
-<p>Unser Freund dankte verbindlich für die Belehrung
-und lüftete zum Abschied höflich den Hut.</p>
-
-<p>Als sie an der Ecke des Theaterplatzes vor dem
-Wittumspalais standen, stand der gastliche Fremde
-wieder neben ihnen.</p>
-
-<p>»Das is nu also das sogenannte Widmungsbalais,
-wo de Herzogin Anna Amalchje dadrinn kewohnt
-hat.«</p>
-
-<p>»Soso!« machte unser Freund. »Sagen Sie mal,
-warum heißt es eigentlich »Widmungspalais«?«</p>
-
-<p>»Nu, das is ja sehr einfach. Das hat nämlich
-der tamaliche Kroßherzog, der hat es also der Anna
-Amalchje kewidmet, damit daß se drin wohnen soll.«</p>
-
-<p>»Aha!« machte unser Freund, »aha!«, lüftete
-abermals den Hut und sagte: »Adieu!«</p>
-
-<p>Aber der menschenfreundliche Herr nahm keine
-Notiz davon; er geleitete sie vor das Schillerhaus
-und sagte:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span></p>
-
-<p>»Dies is also nu das Haus, wo der unschterbliche
-Schiller kewohnt hat&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Jawohl, jawohl!« riefen unsere beiden und
-schritten eilends weiter. Sie gelangten zum Fürstenplatz,
-und als sie vor dem Reiterstandbilde Carl
-Augusts standen, hörten sie hinter sich eine Stimme:</p>
-
-<p>»Dies is nu also der Fürscht, der wo die sämtlichen
-Tichter eichentlich erst ins Läben gerufen hat.«</p>
-
-<p>»Schick ihn doch weg,« flüsterte sie.</p>
-
-<p>»Ja, aber wie? Ich werd ihm Geld anbieten.«</p>
-
-<p>»Ach nein, das geht doch nicht!« flüsterte sie errötend.</p>
-
-<p>Aber es ging. Der gefällige Bürger steckte die
-dargebotene Mark Lösegeld ein und empfahl sich.
-Der Typus war ihnen ganz neu; denn in Norddeutschland
-gab es dergleichen nicht.</p>
-
-<p>»Endlich allein!« jubelte sie, und nun zogen sie
-in Frieden weiter. Nur noch einmal kamen sie in
-Gefahr, »geführt« zu werden. Im Sterbezimmer
-Schillers hörten sie einen Erklärer reden, der von
-der Armut Schillers in einem so ergreifenden Tremolo
-sprach, als wenn er selbst darunter noch heute
-zu leiden habe und hier daher erhöhte Trinkgelder
-am Platze seien. Unser Paar wartete, bis die betreffende<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-»Tour« zu Ende war und trat dann allein
-in das Heiligtum.</p>
-
-<p>Die Deutschen haben keinen heiligeren Ort.
-»Wieviel Marmor,« dachte unser Freund, »wieviel
-Gold und Elfenbein, wieviel Seide, Samt und Edelgestein
-müßte wohl ein prachtliebender Fürst aufeinanderhäufen,
-um einen Raum zu schaffen von
-solcher Hoheit und von solchem Glanz. Wem hier
-nicht Tränen der Sehnsucht, Tränen des Triumphes
-ins Auge treten, dem ist der tiefste Quell seiner Seele
-versiegt. Der wahre Bettler ist doch einzig und
-allein der wahre König!« Der dies göttliche Wort
-sprach, war auch solch ein Bettler.</p>
-
-<p>Mit umflortem Blick betrachtete unser Paar die
-Gegenstände, die der erhabene Mann durch seine
-Berührung geadelt hatte. Sie hatten beide keine
-Begabung für den Fetischdienst, und gegen Götter-
-und Götzendienst empörte sich von je sein menschlicher
-Stolz. Aber die Geister, die diese Stadt erhellten,
-waren nicht Götter in Wohlsein und
-Müßiggang, waren nicht in Allmacht und ambrosischen
-Leibes geboren; sie hatten gelitten und
-gerungen, gerungen mit ihren eigenen Mängeln
-und Gebrechen und waren aus Menschen Götter<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-geworden. Vor solchen Heiligen ist Verehrung
-nicht Erniedrigung, ist Verehrung eigener Triumph.</p>
-
-<p>Gerade als sie diese Stätte verlassen wollten,
-kam der Führer zurück und begann im Grabestone
-des fest angestellten Leidtragenden: »In diesem ärmlichen
-Gemache&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Aber unser Freund drückte schnell seine Hand
-in die des Mannes und sagte gedämpften Tones:
-»Ich weiß alles.«</p>
-
-<p>Ja, dieses Schillerhaus, dieses Goethehaus, dieses
-Wittumspalais, dieser Park mit seinem Gartenhäuschen,
-diese unsichtbare Stadt, vor der man die sichtbare
-nicht sah: das war Elysium. Ein besseres,
-höheres, heiligeres Elysium als das der Alten. Ein
-Elysium der Arbeit. Gewiß: das gab diesen kleinen,
-niedrigen, bescheidenen, selbst in den Schlössern bescheidenen
-Räumen, die an Luxus manchmal hinter
-der Wohnung eines Handwerksmeisters von heute
-zurückstehen: das gab ihnen jene unvergleichliche
-Vornehmheit, daß der hohe Geist der Tätigkeit niemals
-aus ihnen gewichen war; aus der seligen Welt
-der Gedanken fällt noch heute ein Strahl in diese
-Gemächer und Gänge und umspielt die bestaubten
-Schokoladentäßchen, die verstummten Lauten und<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-Spinette, die verlassenen Spieltische und die verwaisten
-Maskeradenkostüme mit einem fernher
-scheinenden Sternenlicht. Das machte auch das Arbeitszimmer
-am Frauenplan, dieses andere Allerheiligste
-der Deutschen, zu einer Insel der Seligen.
-Fünfzig Jahre lang hatte er hier wirken, schaffen und
-ringen dürfen, fünfzig Jahre lang hatte er hier verkehren
-dürfen mit den freundlichsten und besten
-Geistern, die zu den Irdischen herniedersteigen. Kein
-Fleck der Erde hat ein reicheres und höheres Glück
-gesehen als dieses Zimmer. O, unsere Liebesleute
-wußten sehr wohl, daß Kleinheit und Häßlichkeit,
-daß Dummheit und Neid an diese Männer herangekrochen
-waren wie an andre und mehr als an andre
-Menschen; sie waren nicht unerfahren genug, um
-zu glauben, daß es ein Leben ohne Alltag gebe; es
-war ein kleines Nest gewesen, das Weimar von damals,
-und die Gewöhnlichkeit macht sich um so breiter,
-je enger sie mit der Größe zusammenwohnt. Aber das
-blieb bestehen: Kein Fleck der Erde hatte ein höheres
-und reicheres Glück gesehen als dieses Zimmer.</p>
-
-<p>Und dann standen sie in der Fürstengruft an den
-Särgen der Dioskuren. Es gibt ein Gedicht von
-Nepomuk Vogl, in dem erzählt wird, wie ein Mann<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-sich vom Totengräber das Grab der Mutter zeigen
-läßt. Als er davor steht, spricht er:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Ihr irrt, hier wohnt die Tote nicht.<br /></span>
-<span class="i0">Wie schlöss' ein Raum so eng und klein<br /></span>
-<span class="i0">Die Liebe einer Mutter ein!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>In erweitertem und erhöhtem Maße hatten sie
-dies Gefühl vor den Sarkophagen Schillers und
-Goethes. Das Grauen, das uns vor den Gräbern
-vergänglicher Menschen befängt &ndash; hier hat es keine
-Stätte. Fast hätten sie gelächelt, als ihnen der alte
-Mann, der sie in die Gruft begleitet hatte, allen
-Ernstes versicherte, in diesen Särgen ruhten Goethe
-und Schiller. Sie kamen ja her von den Stätten,
-wo sie lebten und wirkten im Licht der Sonne. Tod,
-wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?</p>
-
-<p>Und noch an einem andern Grabe verweilten
-sie in freundlicher Trauer: an der Ruhestatt Christianens
-auf dem alten Jakobskirchhof. »Wenn ich
-zu befehlen hätte,« sagte unser Freund, »so ruhte
-sie neben ihm in der Fürstengruft.« Und sein junges
-Weib ergriff seine herabhängende Hand und
-drückte sie fest, sehr fest und gar lange. Es war das
-Weib, das ihm dankte.</p>
-
-<p>Als sie zum ersten Male den Park besuchten,<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-führte sie ein halbidiotischer Gärtnerlehrling durch
-Goethes Gartenhaus. Er schien nur substantive Begriffe
-zu haben; denn er sagte nichts als »Arbeitszimmer!«
-&ndash; »Schlafzimmer!« &ndash; »Küche!« und
-stieß diese Worte mit einer mürrischen Vehemenz
-hervor. Nur als die junge Frau einmal fragte:
-»Wohin geht es denn da?«, da gebrauchte er das
-Adverbium »Raus!!«. Sie hatten sonst wohl erlebt,
-von Halbidioten durch die <em class="gesperrt">Werke</em> Goethes geführt
-zu werden; aber denen hatte der wohltuende Lakonismus
-des Gärtnerburschen gefehlt. Es fragte sich,
-ob die Verallgemeinerung dieser Einrichtung nicht
-zum Segen aller Besucher geweihter Stätten gereichen
-würde.</p>
-
-<p>Sie wanderten hinaus nach Belvedere, nach
-Ettersburg und vor allem nach Tiefurt. Der Park
-von Tiefurt &ndash; wenn etwas, so gehörte er zu diesem
-Elysium. Es war ein trüber Tag, und doch &ndash; gibt
-es Wolken oder Nebel, die den Frohsinn dieser Stätte
-verhüllen können? Er strahlt und kichert durch alle
-Decken hervor. Ja, das war's, was diese »Lustigen
-von Weimar«, diese prachtvolle Anna Amalie und
-ihren Geniehof kennzeichnete: ihr Wirken war nicht
-finstere Rastlosigkeit, ihr Vergnügen nicht fauler<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-Genuß; Arbeit adelte ihren Frohsinn, Frohsinn
-adelte ihre Arbeit. So macht man das Leben zum
-ewigen Fest, und ein ewiges Fest liegt über den
-Bäumen und Fluren dieses Parks.</p>
-
-<p>Und doch mußte unser Freund fluchen, grimmig
-fluchen, als sie vor dem mächtigen Steine standen,
-der in Lapidarschrift den Namen</p>
-
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">HERDER</em>
-</p>
-
-<p>trägt. Ein Schuft hatte seinen Namen daneben geschmiert.
-Die Besudelung des Steines ließ sich wohl
-entfernen; aber wer entfernte den Dreck aus solch
-einer Seele! Welch ein Abgrund naiver Gemeinheit
-lag in diesem Frevel. »Weiß Gott,« rief unser Freund,
-»ich bin ein Feind der Prügelstrafe; aber Ausnahmen
-gibt es doch. In diesem Falle würde ich mit
-Freuden der Vollziehende sein, und der Halunke sollte
-sich über keine Unterschlagung zu beklagen haben!«</p>
-
-<p>Sie hatte große Mühe, ihn zu beruhigen; aber
-bald verwischte ein seltsam freundliches Erlebnis
-völlig den widrigen Eindruck. Sie hatten sich dem
-Schlößchen dieses Parks genähert, und im selben
-Augenblick, als sie durch den grünumrankten Torbogen
-in den Schloßhof traten, schlug eine Turmuhr
-drei Schläge, und die Sonne durchbrach siegreich den<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-Nebel. Glücklich überrascht sahen sie einander ins
-Gesicht: Hieß das nicht »Willkommen«?!</p>
-
-<p>Der letzte Abend ihres Weimarer Aufenthalts
-gehörte natürlich noch einmal dem Park »am
-Stern«. Die Bürger von Weimar waren ordnungsmäßig
-zum Abendessen gegangen; unsere beiden
-hatten den Park, hatten die Welt für sich allein;
-völlig einsam schritten sie am Gartenhause, an der
-Reitbahn vorüber auf dem breiten Wege, der nach
-Oberweimar führt. Köstliche Stille ringsum. Da
-standen auch sie stille &ndash; eine Nachtigall schlug liebeselig
-aus nahem Gebüsch. Und im Osten stand ein
-herrlicher Stern, so lebendig funkelnd, als ob er zur
-Erde reden möchte. Da war die Zeit ausgelöscht &ndash;
-nicht anders war die Welt gewesen, als der Bewohner
-jenes Gartenhauses noch hier wandelte &ndash;
-er war gegenwärtig &ndash; unser Freund zeigte nach
-dem Stern und flüsterte: »Sieh, Herz, das ist Er!
-Die Nachtigall hat ihn erkannt.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Von Weimar fuhren sie heim. Sie waren sehr
-still auf dieser Fahrt; denn die Vorfreude der Heimkehr
-war noch größer als die Vorfreude der Ausfahrt.
-Sie hatten Hirn und Sinne voll zu tun;<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-denn von vier Kindern und zwei Eltern mußten sie
-sich ausmalen, was sie heute dachten, hofften, wünschten
-und wie sie sich freuen würden.</p>
-
-<p>Als ihr Wagen in die Straße einbog, in der sie
-wohnten, sahen sie alle Viere im Sonntagskleide
-vor der Tür stehen.</p>
-
-<p>»Da sind sie!« rief er aufspringend. »Alle vier!
-Vier Kinder, Liebling! Wieviel Hochzeitsreisende
-gibt's denn, die sich das leisten können!«</p>
-
-<p>Und doch schrie er, als der Wagen vorfuhr, mit
-furchtbarer Stimme: »Zurück! Zurück! Wollt ihr
-zurück, alle Wetter!« Sie wären nämlich unter die
-Hufe des Pferdes und unter die Räder gerannt, um
-nur schnell in die Arme der Mutter zu fliegen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Hosentaschen_des_Erasmus">Die Hosentaschen des Erasmus</h2>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Erasmus ist nämlich mein Sohn. Ich schicke
-voraus, daß er gesund und normal gestaltet ist.
-Aber in bekleidetem Zustande zeigt er von Zeit zu
-Zeit an den Oberschenkeln unförmliche, bedrohlich
-anwachsende Wülste. Wenn diese eine gewisse Ausdehnung
-erreicht haben, pflegt meine Frau sehr
-vergnügt zu mir hereinzukommen und zu sagen:
-»Du, wir müssen mal wieder seine Hosentaschen
-ausräumen; es hat sich schon wieder ein ganzes
-Museum darin angesammelt!«</p>
-
-<p>Ich darf voraussetzen, daß meinen Lesern die
-Hosentaschenzustände eines achtjährigen Buben im
-allgemeinen bekannt sind. Es gibt eigentlich kaum
-einen beweglichen Gegenstand, der sich nicht ganz
-gut in solch einer Tasche unterbringen ließe, und es
-gibt auch schwerlich einen Gegenstand, der nicht das
-Interesse solch eines verschwiegenen kleinen Weltbetrachters
-anregte. Nun muß man sich außerdem<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-den jungen Herrn Erasmus als einen entschiedenen
-Sanguiniker vorstellen, der mit Hilfe seiner Phantasie
-an das Bruchstück eines Korkziehers die verwegensten
-Hoffnungen knüpft.</p>
-
-<p>Da uns bei den bisherigen Untersuchungen
-manches dunkel blieb und wir manchen Gegenstand
-nicht zu bestimmen vermochten, haben wir diesmal
-den geehrten Hosenbesitzer selbst zur Besichtigung
-mit herangezogen. Meine Frau hat das Kleidungsstück
-auf dem Schoße; für die Vertreter der öffentlichen
-Moral bemerke ich, daß der Knabe währenddessen
-mit einer anderen Hose bekleidet ist.</p>
-
-<p>Was meine Frau zunächst aus der Tasche hervorzieht,
-ist Bindfaden. Ich darf ebenfalls als bekannt
-voraussetzen, daß dieser Gegenstand sich bei
-der männlichen Jugend einer besonderen Beliebtheit
-erfreut und alle übrigen Objekte, die aus solch einer
-Tasche ans Licht gefördert werden, in einer mehr
-oder minder interessanten Verwickelung mit jenem
-Gegenstande zu erscheinen pflegen. An der Hand
-des Bindfadens &ndash; um mich gewählt auszudrücken
-&ndash; gelangen wir sodann zu einem stark verrosteten,
-ovalen Blechschildchen, das die Inschrift »Patent«
-trägt. Das ist schon gleich ein wertvolles Stück.<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span>
-Ich weiß das. Ich habe den Maßstab für dergleichen
-noch ziemlich gut im Gedächtnis. Ich kann
-den Maßstab natürlich nicht so genau bestimmen;
-es handelt sich eben um Liebhaberwerte.</p>
-
-<p>»Was heißt denn das: ›Patent‹?« frage ich.</p>
-
-<p>»Wenn einer sich so fein angezogen hat.«</p>
-
-<p>»Rrrich&ndash;tig!!«</p>
-
-<p>Wir verfolgen weiter den Ariadnefaden und
-fördern aus dem Labyrinth ein Notizbuch zutage.
-Das ist nun etwas ganz besonders Hervorragendes.
-Notizbücher sind in diesem Alter von ganz besonderem
-Wert und Nutzen. Es ist wohl selbstverständlich,
-daß man sich in erster Linie das notiert, woran
-man Tag und Nacht denkt, z. B. daß man für den
-9. Oktober zur Apfelernte bei einem Spielkameraden
-eingeladen ist, oder daß am 25. Dezember
-Weihnacht gefeiert wird. Auch die zehn Pfennige,
-die man geschenkt erhielt, werden ordnungsgemäß
-als Grundstock eines zu sammelnden Kapitals gebucht,
-leider aber gewöhnlich nicht wieder ausgestrichen,
-wenn sie nach zehn Minuten in Schokolade
-umgewandelt wurden. Freilich sind Stift und Papier
-bei diesem Büchelchen von einer Güte, die sich in
-Geldeswert nicht mehr ausdrücken und es immerhin<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span>
-noch ratsamer erscheinen läßt, mit einer spitzen
-Stahlfeder auf ein Flanellhemd zu schreiben; aber
-Erasmus verfolgt es mit sorglich behütenden Blicken.</p>
-
-<p>»Woher hast du denn das?«</p>
-
-<p>»Das hat Hein Stieglitz mir geschenkt.«</p>
-
-<p>»Weshalb denn?«</p>
-
-<p>»Och &ndash; wenn ich mit ihm spielen wollte.«</p>
-
-<p>»Warum wollte er denn mit dir spielen?«</p>
-
-<p>»Och &ndash; die andern wollten nicht mit ihm spielen.«</p>
-
-<p>»Warum nicht?«</p>
-
-<p>»Weil er der Erste geworden ist.«</p>
-
-<p>»Aha. &ndash; Aber was bedeutet denn <em class="gesperrt">das</em> hier?«
-Ich habe nämlich das »Notizbuch« aufgeschlagen
-und lese auf einer Seite die höchst rätselhaften
-Worte »Käs Käse Käse la.«</p>
-
-<p>»Das ist Französisch,« erklärt er mit einem Anflug
-von Gelehrtenstolz.</p>
-
-<p>»Französisch??« &ndash; &ndash; &ndash; Aaaaaah &ndash; jetzt geht
-mir ein Licht auf! Er hat heut seine erste französische
-Stunde gehabt! Nach der neuen Methode! Der
-Lehrer hat gesprochen, aber nicht angeschrieben.
-Erasmus aber, seines Notizbuches stolz sich bewußt,
-hat sich's notiert. <em class="antiqua">Qu'est-ce que c'est que cela!</em>&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><em class="antiqua">Voilà ce que c'est!</em></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span></p>
-
-<p>Mit Hilfe des Bindfadens fördern wir nunmehr
-ein kleines Scharnier von einem Deckelseidel in inniger
-Verbindung mit einem Stück Schusterpech zutage.</p>
-
-<p>»Aber Erasmus! Ferkel!« ruft meine Frau
-und betrachtet nasrümpfend ihre Finger.</p>
-
-<p>Er aber starrt sie an mit schuldlos-erstauntem
-Blick, als wollte er sagen: »Wieso? &ndash; Was ist
-denn los?«</p>
-
-<p>Denn er lebt und webt ja noch im lautersten,
-ursprünglichsten Pantheismus; aus <em class="gesperrt">allem</em>, was
-die Erde bietet, atmet ihm &ndash; in der Wärme des
-Herzens und der Wangen nur erst ahnungslos gefühlt
-&ndash; der unbekannte Schöpfer entgegen, und
-das gewaschenste Kätzchen wie den pfützenbewandertsten
-Straßenköter drückt er mit gleicher Liebe
-an sein glückliches Herz und sein reinstes Chemisett.
-Er steht noch auf dem naiv-genialen Standpunkt der
-<em class="gesperrt">Gleichberechtigung aller chemischen
-Verbindungen</em>, und die paradiesische Unschuld,
-die noch nicht weiß, was rein und schmutzig ist, ist
-noch nicht ganz durch unsere ästhetischen Engherzigkeiten
-verscheucht.</p>
-
-<p>»Was willst du denn mit diesem Stück von einem
-Bierglasdeckel machen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span></p>
-
-<p>»Och &ndash; wenn ich den Deckel dazu finde, dann
-mach' ich das auf mein Milchseidel.«</p>
-
-<p>»Das 's 'ne Idee! Famos! &ndash; Aber sag' mir
-Bescheid, wenn du den Deckel gefunden hast! &ndash;
-Kannst du denn überhaupt so was machen?«</p>
-
-<p>»Jaaa &ndash; das ist man ganz leicht!«</p>
-
-<p>»Mmmm.«</p>
-
-<p>Das ist richtig. Ich hab' auch als kleiner Junge
-sämtlichen Handwerkern ihre sämtlichen Künste abgeguckt.
-Es ging alles so nett und leicht. Ich wäre
-so gern Tischler, Schlosser, Schmied, Schuster, Maurer,
-Hutmacher, Maler und alles andere außerdem
-gewesen. Wenn meine Phantasie ein Werk entworfen
-hatte, so war's auch schon fertig, und ich
-spielte damit. Ich hobelte ohne Hobel, klebte ohne
-Leim, malte ohne Pinsel, lötete ohne Kolben und
-Flamme und beschlug die wildesten Pferde, alles in
-Gedanken. Und die Werke unserer Phantasie
-spielen anmutiger mit uns als wir mit den wirklichsten
-Dingen. Auch mit Ruhm und Macht und Geld
-spielt es sich ja hübscher in der Phantasie als in
-Wirklichkeit. »Alles wiederholt sich nur im Leben&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Also freu' dich nur an deinem Deckelglas.</p>
-
-<p>Nachdem wir nun noch aus dieser Tasche eine<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-Mundharmonika, ein kleines Weingeistthermometer
-und einen Soldaten von der bleiernen Kavallerie
-gehoben haben, bemerken wir an der Lanze dieses
-Ulanen eine deutsche Fünfpfennigmarke &ndash; <em class="antiqua">pardon</em>:
-&ndash; eine norddeutsche Fünfpfennigmarke!</p>
-
-<p>Eine furchtbare Ahnung spannt meine Nerven.</p>
-
-<p>»Was soll die denn?« frage ich.</p>
-
-<p>»Die sammel' ich,« erklärt er ganz unschuldig.</p>
-
-<p>»Mein Sohn,« spreche ich und lege mit ehrwürdig-großer
-Geste die Vaterhand auf seine Schulter,
-»ich will es keineswegs als unmöglich hinstellen, daß
-die Sammler von Briefmarken und Trambahnbilletts
-irgendeinen Gedanken daneben haben. Der
-Mensch soll nicht hochmütig sein: was wissen wir
-z. B. vom Seelenleben des Meerschweinchens oder
-des Laubfrosches! Aber bei einem Erben meines
-Blutes dulde ich Briefmarkensammeln nicht. Darin
-erlaube ich mir nun Despot zu sein. Willst du
-<em class="gesperrt">schöne</em> Dinge sammeln &ndash; sehr gut! Willst du
-lehrreiche Dinge sammeln: Tiere, Pflanzen u. dgl.
-&ndash; auch gut! Aber Briefmarkensammeln ist ausgesprochene
-Antikultur, und darauf steht bei mir
-Enterbung.« (Der Junge verfärbt sich.) »Man
-weiß ja, wie's geht: Erst kommt das Cricri und das<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-Monokel, dann das Sammeln von Briefmarken und
-Pferdebahnzetteln und schließlich der Klerikalismus,
-ohne daß man die Uebergänge merkt!«</p>
-
-<p>Meine Frau hat sich inzwischen an die Erschließung
-der anderen Tasche gemacht und mit
-diversen Muscheln und Hosenknöpfen auch eine zusammengedrückte
-Kapsel von einer Weinflasche an
-den Tag gebracht.</p>
-
-<p>»Und was willst du damit?«</p>
-
-<p>»Die will ich verkaufen.«</p>
-
-<p>»Verkaufen?«</p>
-
-<p>»Ja, Willy Steinmann sagt, wenn man 'n
-Pfund davon hat, dann kann man sie verkaufen,
-und das Geld will ich mir dann aufsparen, und dann
-seh' ich zu, daß ich immer mehr dazu krieg', bis ich
-fix reich bin.«</p>
-
-<p>Aah &ndash; daher pfeift der Wind! Er hat offenbar
-von jenen »gemeinnützigen« Geschichten gekostet, in
-denen immer erzählt wird, wie irgend jemand schon
-als sechsjähriger Knabe jede Stecknadel aufhob, jede
-Gänsedaune für ein künftiges Kopfkissen reservierte
-und so schließlich ein ungeheuer großer, reicher und
-berühmter Kaufherr wurde. Ich habe nie die Ueberzeugung
-loswerden können, daß diese Geschichten<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-von Spekulanten, Bankdirektoren, Testamentsvollstreckern,
-Schwankdichtern und ähnlichen Leuten erfunden
-worden sind, um die andern Leute von der
-Fährte abzulenken. Mein Junge &ndash; wenn du der
-Sohn deiner Eltern bist, so wirst du diesen »fremden
-Tropfen in deinem Blute« bald wieder hinauswerfen,
-davor ist mir nicht bange. Stecknadelnsammeln
-liegt nicht in der Familie.</p>
-
-<p>»Na, und wenn du nun ›fix reich‹ bist &ndash; was
-dann?«</p>
-
-<p>»Dann kauf ich mir Kühe und Ochsen und 'n
-Geographiebuch.«</p>
-
-<p>»So.« Bei mir war es immer ein Schloß. Das
-wollt' ich mir bauen, wenn ich reich wäre. Ich sehe
-noch heute die breite, schimmernde Marmortreppe,
-auf deren oberster Stufe ich stehe als ein Grand-Seigneur,
-um im nächsten Augenblick mit vornehmer
-Gelassenheit hinabzusteigen. Oder ich lag auf einem
-Ruhebett hingestreckt und sah durch hohe Bogenfenster
-weiße Wolken durch blaue Himmelsfluren
-ziehen &ndash; langsam &ndash; so langsam. Oder ich hielt
-auf der Zugbrücke hoch zu Pferd, die Faust auf den
-Schenkel gestemmt, und sah in <em class="gesperrt">einem</em> Blick Täler
-und Berge, Wälder und Ströme. Ich möchte fast<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-mit Lessing glauben, daß es eine Wiedergeburt in
-<em class="gesperrt">dieser</em> Welt gibt, daß wir mehr als einmal auf
-dieser Erde erscheinen. Vielleicht daher diese leisen,
-fernen, geheimnisvollen Erinnerungen, die wir uns
-nicht erklären können. Und ich fürchte, ich fürchte:
-ich bin &ndash; vielleicht im dreizehnten Jahrhundert oder
-so &ndash; ein wenig beschäftigter Junker gewesen. Ich
-habe seitdem noch immer eine merkwürdige Neigung,
-mit dem Schauen nach schwebenden Wolken und mit
-dem Reiten durch rauschende Täler meinen Unterhalt
-zu verdienen.</p>
-
-<p>Während diese Erinnerungen schnell wie
-Schwalbenflug vor meinem inneren Blick vorüberziehen,
-stößt meine Frau plötzlich einen heftigen
-Schrei aus und springt vom Stuhl empor. Sie muß
-auf etwas Entsetzliches gestoßen sein; denn sie ist
-von Natur sehr mutig. Sie würde ihr Kind aus
-dem Rachen des Löwen reißen wie jene berühmte
-Mutter von Florenz. Es muß etwas Furchtbareres
-sein als ein Löwe. Und so ist es. Es ist ein »Gemeiner
-Mistkäfer«, <em class="antiqua">Geotrupes stercorarius</em>, den
-meine Frau von ihren Fingern fortgeschleudert hat
-und der jetzt langsam auf den Dielen dahinkriecht.</p>
-
-<p>»Ooh, mein Käfer!« jammert Erasmus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span></p>
-
-<p>Das Krabbeltier ist aus einer Streichholzschachtel
-entwischt und hat sich frei in der Hosentasche ergangen.
-Während meine Frau noch immer ein
-bißchen weiß um die Nase ist, hat Erasmus das
-Tierchen aufgenommen und läßt es mit geradezu
-wissenschaftlicher Kaltblütigkeit und Vorurteilslosigkeit
-über seine Finger krabbeln.</p>
-
-<p>»Wozu hast du den denn gefangen?«</p>
-
-<p>»Für 'ne Käfersammlung.«</p>
-
-<p>»Na &ndash; weißt du &ndash; das halt' ich eigentlich für
-unnötig. Du kannst ihn dir auch so ordentlich ansehen.
-Und dann kannst du ihn jedes Jahr in ungezählten
-Mengen wiederfinden. Wenn's was
-Seltenes wäre, wollt' ich nichts sagen. Was selten
-ist, muß immer dran glauben. Aber das verstehst
-du noch nicht. Also: ich denke, du läßt ihn laufen,
-he? Andere Mistkäfer wollen <em class="gesperrt">auch</em> leben.«</p>
-
-<p>Mit schnell aufblitzendem Blick sieht er mir
-forschend in die Augen, dann lächelt er und betrachtet
-verstohlen seine Hände. Sie sind heute zum zweitenmal
-gewaschen und zum drittenmal schmutzig. Er
-gebraucht sie ungeniert und fleißig, wenn er in Haus
-und Garten, Feld und Wald naturforschend sich ins
-All versenkt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span></p>
-
-<p>An den Gegenständen, die der zweiten Tasche
-entstammen, zuletzt an der Streichholzschachtel, sowie
-an der rechten Hand meiner Frau ist uns mehr
-und mehr eine merkwürdig übereinstimmende Röte
-aufgefallen. Jetzt kommen wir auch dem Ursprung
-dieser Farbe nah: ein beträchtliches Stück Rötel hat
-offenbar schon ein paar Tage in diesem Raume zugebracht
-und dessen Wände mit einem gleichmäßigen
-Rot bedeckt. Endlich findet sich noch ein schön abgeschliffenes,
-eirundes Rollsteinchen vom Meeresufer.</p>
-
-<p>»Was ist denn das?«</p>
-
-<p>»Das ist 'n Glücksstein.«</p>
-
-<p>»Ein Glücksstein?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das kann stimmen. Wer sich an solch einem
-Steinchen freut, der ist glücklich.</p>
-
-<p>»Wo hast du denn die hübsche kleine Silbermünze
-gelassen, die du neulich hattest?«</p>
-
-<p>»Och, die hab ich Georg Petersen gegeben, der
-will mir achtzehn Fahnen und fünfundzwanzig Lanzen
-dafür geben.«</p>
-
-<p>Seine Augen leuchten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ja, das sind so Augenblicke, in denen einem das
-Herz ein wenig groß und das Auge &ndash; Verzeihung!<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-&ndash; ein wenig warm wird. Denn man denkt an die
-vielen Male, daß dieser junge Mann in seinem Leben
-noch betrogen werden wird. Was wird <em class="gesperrt">dem</em> sein
-guter Glaube noch kosten! Man fragt sich, ob man
-nicht unrecht tut, wenn man einem Kinde sagt: »Sei
-immer wahr!« &ndash; ob man es nicht wehrlos macht.
-Man säh es so gern das Gebot der Wahrhaftigkeit
-befolgen, und man sieht dabei alle die Leiden voraus,
-die dann seiner warten. Also dem Achtjährigen
-schon sagen: »Paß auf, daß du nicht betrogen
-wirst!?« &ndash; Nein. Nein. Es lieber der Zeit überlassen,
-die schließlich doch den Arglosesten warnt. Bei
-manchem braucht's freilich viel Zeit. Und dann ist
-ja auch der Mensch so genial konstruiert, daß er einen
-merkwürdig großen Wert darauf legt, nicht aus
-fremdem Schaden zu lernen, sondern <em class="gesperrt">selbst</em> betrogen
-zu werden. Und dann ist es ja auch vorteilhaft,
-sich mäßig betrügen und belügen zu lassen. Zu viel
-ist freilich hier wie überall vom Uebel. Wer gar zu
-leicht zu betrügen ist, der verleitet schließlich auch
-honette Leute. Die sagen dann: »Na &ndash; wenn er
-selbst nicht anders <em class="gesperrt">will</em> &ndash; &ndash;« Man glaubt nicht,
-wie verderblich ein <em class="gesperrt">einziger</em> Vertrauensseliger
-für ein ganzes Rudel von ziemlich anständigen Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span>
-werden kann. Aber sonst &ndash;: Die Leute vom
-Adel haben ganz recht: Sich mäßig betrügen lassen,
-gehört zum Adel. Wer einen Rock zu vierzig Mark für
-fünfzig Mark verkauft, wer im niederen oder höheren
-Pferdehandel einen Gentleman hineinlegt oder wer
-das Drama eines Rivalen aus dem Spielplan hinausintrigiert,
-damit er noch ein bißchen mehr
-Ruhm mit Tantièmen ergattere &ndash; und wer sich bei
-alledem steif und fest einredet, Klugheit und Vorteil
-seien auf <em class="gesperrt">seiner</em> Seite und <em class="gesperrt">nur</em> auf seiner Seite
-&ndash; ja, wer wollte solch einem armen Teufel das kleine
-Vergnügen des Betruges nicht gönnen?! Man zahlt
-je nach seinen Verhältnissen die zehn Pfennig oder
-die zehn Goldstücke oder die zehn braunen Scheine,
-und wenn man den Betrug merkt, lacht man sich
-ins Fäustchen und freut sich, daß man keine Wanze
-ist; und was einem leid tut, ist nur der arme Kerl,
-der nun womöglich ganz stolz ist auf seinen »Coup«.</p>
-
-<p>Meine Frau und ich haben beschlossen, dem
-jungen Herrn ein eigenes Schubfach zur Verfügung
-zu stellen, damit er darin seine Kinderwelt baue.
-Nach meinem eigenen Jungentum zu schließen, wird
-er allerdings die Hosentasche vorziehen. Das Verhältnis
-zu den Dingen ist hier ein intimeres. Man<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span>
-hat auch alles für den ersten Griff bereit und nett
-beisammen: Kreisel, Mistkäfer, Aepfel und Schusterpech.
-Und dann &ndash; die Hauptsache! &ndash; es liegt nicht
-offen vor aller Augen da. Obwohl wir höchst diskret
-verfahren sind mit dem Geheimschatz des
-Prinzen Erasmus und uns das Lachen tapfer verbissen
-haben &ndash; er schien unser Vorgehen doch als
-eine Indiskretion zu empfinden. Es war eine Sache
-der Scham für ihn. Und man <em class="gesperrt">soll</em> auch nicht einfallen
-ins Land der Kinderseele, man soll es behutsam
-anstellen, daß sie einen selbst hereinziehen. Wenn
-ihr Entzücken einmal recht groß ist, tun sie's schon.</p>
-
-<p>Eine zartgebaute Welt, das Kinderparadies!
-Ein einziger rauher Hauch aus der kalten Welt der
-Erwachsenen &ndash; und tausend Blüten fallen auf einmal
-von seinen Bäumen. Es gibt ein Wunder, das
-ist so groß wie ein Pfennig, rund wie die Sonne und
-mildglänzend wie der Mond; du bewegst es ein
-wenig &ndash; und versteckte Farben leuchten daraus
-hervor: das durchsichtige Grün des Nordmeers, die
-Röte des Abendhimmels … Laß aber ein paar
-unrechte und grobe Finger darüber kommen und es
-verächtlich auf den Tisch werfen &ndash; so ist es ein armseliger
-Perlmutterknopf!&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span></p>
-
-<h2 id="Flieh_auf_hinaus_ins_weite_Land">Flieh, auf, hinaus ins weite Land!</h2>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span></p>
-
-<p class="drop">In den Pfingsttagen ist er wieder aufgestanden. Die
-Pranken hoch emporgestreckt zum Ansprung&nbsp;…</p>
-
-<p>Kusch!!</p>
-
-<p>Und langsam, sehr langsam duckt er sich noch
-einmal in den Winkel.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Wanderdämon</em>.</p>
-
-<p>Wer stets daheim geblieben ist, in dem schläft
-er einen tiefen Schlaf. Ein solcher Mensch spricht
-ganz unschuldig solche Lästerungen aus wie:</p>
-
-<p>»Wozu soll ich reisen? Kann ich's irgendwo
-schöner und behaglicher haben als in Hamburg?«</p>
-
-<p>Oder: »Gehn Sie mir mit dem Reisen! Der
-reinste Selbstbetrug! Man gibt recht viel Geld aus,
-fühlt sich fortwährend unbehaglich und sagt immer
-›O wie schön!‹ um sich nur zu beschwichtigen. Hab
-auch mal so'n Rundreisebillett durch 'n Harz gehabt.
-Bin gar nicht erst ausgestiegen. Gleich durchgefahren
-und wieder nach Hause&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span></p>
-
-<p>Und was dergleichen Ahnungslosigkeiten mehr
-sind.</p>
-
-<p>Aber wenn jener Dämon nur <em class="gesperrt">einmal</em> Blut
-geleckt hat&nbsp;…</p>
-
-<p>Nehmen wir an, du machtest deine jährliche
-Reise im Juli, so meldet er sich nach der <em class="gesperrt">ersten</em>
-Reise im Juni, nach der zweiten im Mai, nach der
-dritten schon im April, und nach wenigen Jahren,
-wenn du gerade vor dem Tannenbaum stehst und
-eine goldene Nuß hineinhängen willst, wachsen sehnsüchtige
-Bergriesen in dir empor, und über weltweite
-Alpengründe fließt Herdengeläut und millionensternige
-Blumenpracht.</p>
-
-<p>Du schüttelst schnell den Kopf … Still!!
-Kusch dich!! … Und der große, machtvolle
-Weihnachtsfriede deckt das liebe Ungeheuer zu &ndash;
-günstigenfalls, bis der erste Star unter deinem Fenster
-schrillt. Dann regt es sich ohne Gnade, und
-bald darauf wieder, wenn die »neun Sommertage
-des März« kommen &ndash; oder ausbleiben, je nachdem
-&ndash; und dann an dem Tage, da der <em class="gesperrt">eine</em> große,
-warme Atemzug der Befreiung durch die Städte
-geht und alle Menschen, auch die in den Krankenstuben,
-sprechen: »Ja, <em class="gesperrt">jetzt</em> ist der Frühling<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span>
-<em class="gesperrt">wirklich</em> da!« &ndash; und dann in immer kürzeren
-Zwischenräumen.</p>
-
-<p>In den Pfingsttagen richtete er sich gewaltig empor;
-ich spürte seinen heißen Atem an der Wange&nbsp;…</p>
-
-<p>An einem heiligen Pfingstmorgen in früher
-Kindheit ist er ja auch zum erstenmal in mir geweckt
-worden. Damals nahm ein älterer Bruder mich
-bei der Hand und führte mich das Ufer des breiten
-Elbstromes hinunter. Und sieh: jenseits des breiten,
-sonnigen Glanzes lagen blaue Berge, denkt euch
-nur: <em class="gesperrt">blaue</em> Berge! Als mir mein Bruder dann
-noch sagte, die Bläue komme von den Heidelbeeren
-her, mit denen die Berge über und über bewachsen
-wären, da wuchs mein Verlangen ins Unendliche.
-Von jenen blauen Bergen kam meine Wanderlust.</p>
-
-<p>Nun hatt' ich gesehen, daß es noch eine Welt gab
-jenseits unseres Dorfes. Mehr noch <em class="gesperrt">gefühlt</em> als
-gesehen! Mein inneres Leben hatte ein Jenseits
-bekommen, eine nebelblaue Weite, in der meine
-Träume tanzen konnten. Von jenem Tag an gab
-es in meiner Seele Heimat und Fremde. Wir
-waren weit, weit gegangen, wenigstens für meine
-kurzen Kinderbeinchen, und zum erstenmal fühlt' ich
-den geheimnisvollen Zauber, den Ueberwindung<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span>
-des Raumes und Wechsel der Umgebung mit sich
-bringen. Ich weiß nicht, ob es anderen auch so ist:
-aber für mich hat die Ueberwindung großer Entfernungen,
-wie sie z. B. die Dampfkraft ermöglicht,
-etwas Anziehend-Unheimliches. So ein Handlungsreisender
-&ndash; ich bitte um Entschuldigung, wenn ich
-mich irre, und es gibt ja gewiß auch andere &ndash; spielt
-heute abend seinen Skat in Leipzig und morgen
-abend in Berlin, und wenn er beide Male gleiche
-Karten hat, ist es ihm ganz einerlei. Hab ich recht?
-Nun ja, es kann auch wohl nicht anders sein. Aber
-<em class="gesperrt">ich</em> sage mir in solchem Falle gedankenvoll: »Gestern
-in München &ndash; und heute in Posen!« Und darin
-liegt dann so ein übermenschlicher Schicksalsklang wie
-etwa in den Worten: »Heute rot &ndash; morgen tot.«
-Es genügen schon die Bahnhöfe solcher zwei Endpunkte,
-um Schauer der Raumüberwindung in mir
-zu erwecken. Es mag wohl daher kommen, daß
-alle Dinge für mich Gesichter haben, seien es auch
-nur Steinwände, eiserne Träger oder bestaubte
-Fensterscheiben, keine Menschengesichter, sondern
-solche Gesichter, wie sie Steinwände, eiserne Träger
-und bestaubte Fensterscheiben eben haben&nbsp;…</p>
-
-<p>Und dann kamen alle die Pfingstfeste, da ich in<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span>
-der Nacht vor der Ausgießung des heiligen Geistes
-mit meiner Mutter bis zwei Uhr, bis drei Uhr bei
-der Lampe saß und seligen Blickes zusah, wie sie
-aus dem vergangenen Pfingststaat des Vaters den
-neuen Pfingststaat des Sohnes erstehen ließ. Ich
-sehe noch, wie auf den treuen, nimmermüden Händen
-der gelbe Lampenschimmer lag, ein Schimmer,
-der mir dann vor den stillen Augen zum gelben
-Sonnenschein auf Wald und Wiesenpfaden ward.
-Das schönste von allem Glück sind die geweihten
-Stunden der Erwartung, besonders die schweigend
-bewegten Nachtstunden, nach denen die Licht- und
-Klangfanfaren eines großen Morgens kommen sollen.</p>
-
-<p>In solchen Nächten braucht man keinen Schlaf.
-Leg dich mit der Erwartung von Leiden nieder, und
-aus dem längsten und schwersten Schlaf erwachst du
-ohne Erquickung; wiegt sich aber dein Herz auf
-Flügeln fröhlicher Hoffnung, so nippst du wie ein
-Vogel einen einzigen Tropfen aus dem Wasser der
-Träume und fliegst gestärkt in den Morgen hinaus.</p>
-
-<p>Ja, mit starken Beinen marschierten wir in allererster
-Frühe des Morgens hinaus. Die Tradition
-verlangte das: erste, keuscheste Herrgottsfrühe.
-»Herrgottsfrühe« &ndash; welch ein wunderbares Wort<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-das ist! Alle Menschen schlafen noch; selbst die
-Vögel hocken noch im Nest; nur der Herrgott und
-du sind schon wach, und du fragst ganz unbefangen
-hinauf: »Wie wird's denn heut' werden?« denn
-er hat noch Zeit, ein Wort an dich allein zu wenden.
-Und leichte Sommerkleider verlangte die Tradition,
-bei den Mädeln sogar helle Kleider, wenn es auch
-sanft und hartnäckig regnete und der Regen nur
-selten unterbrochen ward durch ein wenig Schnee.
-Was Faust vom Ostermorgen sagt, mag ja im sechzehnten
-Jahrhundert richtig gewesen sein, heutzutage
-stimmt es nicht mehr, wenigstens nicht in Norddeutschland.
-Am Osterfeste macht man Schlittenpartien,
-freut sich aber, wenn man wieder beim
-Ofen sitzen und Grog trinken darf. Pfingsten ist das
-Fest, da die Menschen aus ihren steinernen Gräbern
-auferstehen, um Licht zu trinken. Und solch ein Fest
-verregnen lassen (womöglich noch mit Schnee dazwischen),
-das kann nur der Teufel tun; denn ein
-Herrgott bringt dergleichen einfach nicht übers Herz.
-Pfingsten im strömenden Regen beginnen und verrinnen
-sehen, das war so, wie wenn unser bester
-Freund uns meuchlings einen Dolchstich versetzt;
-man stand am Fenster und sprach in sich hinein:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span></p>
-
-<p>»Das war kein Heldenstück, Oktavio!«</p>
-
-<p>Ich zog meine Eltern so oft ans Fenster und
-wiederholte so oft die Behauptung, es beginne jetzt
-im Westen »aufzuklaren«, daß sie bald ganz meiner
-Meinung wurden und die günstigsten Prognosen
-stellten. Auf das Wetter hatte das freilich keinen
-Einfluß. Und es rührt mich noch heute ganz seltsam,
-wenn ich Arbeiter mit ihren Frauen und Kindern
-in dünnen, weißen Pfingstgewändern, die
-melancholisch am Leibe herunterhängen, unter dem
-Regen fröstelnd dahinschleichen sehe. Wer sich aus
-jedem Tage einen Sonntag machen kann, der hat
-gut mit überlegenem Spotte zu lächeln: »Warum
-heben diese Leute sich ihren Staat und ihr Vergnügen
-nicht auf für einen späteren Tag? Ein Sonntag
-ist doch wie der andere!«</p>
-
-<p>Ganz recht: ein Sonntag ist wie der andere;
-aber keiner ist wie der Pfingstsonntag. Am Pfingstsonntag
-ist in diesen Leuten das Maß der Frühlingssehnsucht
-voll, und es <em class="gesperrt">muß</em> überströmen.</p>
-
-<p>Ja, Sommerkleider mußten es sein und Strohhüte,
-und in der Flasche mußte Himbeeressig sein &ndash;
-für unerfahrene Zungen ein köstlicher Trank &ndash; und
-in der »Botanisier«-Dose ein Frühstück mit Schinken,<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-Eiern oder noch selteneren Dingen. Ich gebe
-gern zu &ndash; ich seh' nicht ein, warum ich mich genieren
-soll &ndash;, daß meine Seligkeit ein inniges Gemisch war
-von Schönheitsfreude und Schinkenhoffnung; aber
-ich bestreite auf das entschiedenste, daß sie nur aus
-letzterer bestanden habe, wie bei einigen meiner
-Kameraden. O nein, ich sah wohl die festliche
-Schönheit der breiten Wiesen, auf denen behende
-Burschen nach schlanken, tanzenden Mädchen haschten;
-ich blickte wohl mit heimlichem Entzücken seitwärts
-in grüne, heilig-dunkle Säulengänge, wo die
-Amseln furcht- und harmlos über den Weg liefen;
-ich sah wohl die Schönheit auf den Gesichtern, wenn
-dem blinden Geiger ein Groschen in den Hut fiel;
-ich bemerkte wohl, daß die weißen Segel auf dem
-Fluß so stillächelnd dahintändelten, als ergingen
-sie sich ziel- und wunschlos auf den Fluten der ewigen
-Seligkeit, und ich sah wohl, wie die Birke ihr
-langes Haar übers Gesicht fallen ließ, daß die Gräser
-damit spielten, und wie sie sich immer wieder neigte
-und sich immer wieder neigte und immer wieder,
-mit zärtlicher Geduld, wie eine junge Mutter. Und
-wenn ich damals gewußt hätte, daß <em class="gesperrt">das</em> das Glück
-sei, was um die flüsternden Zweige flimmert und<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span>
-über den wandernden Strömen schimmert &ndash; wenn
-ich das geahnt hätte&nbsp;…!</p>
-
-<p>Kann es euch wundern, daß gerade am Pfingstfest
-die Wandersehnsucht in mir aufstand, unbarmherzig,
-stark, wild, rauh, und dann mit einem Mal
-das ganze Innere mit lieblicher Glut erfüllend?</p>
-
-<p>Daß ich mit einem Mal an einen kleinen Steg
-über einen Arm des grünen Dürrensees denken
-mußte, an ein paar Brettlein, von denen aus man
-eine andere Welt erblickt? Denn diese ungeheure,
-schweigende Runde wildauftrotzender Felsen gehört
-unmöglich zu der Welt, die wir kennen und in der
-wir leben. Dies Tal der ewigen Ruhe ist von der
-Welt des Strebens geschieden durch ewige Felsen.
-Hier trank ich bei lebendigem Leib die Wollust des
-Sterbens. Du stehst und starrst &ndash; und fühlst, wie
-unter dir das Tägliche versinkt; immer noch tiefer
-versinkt es, immer noch tiefer. Und starrend versinkst
-du selbst in unergründliche Tiefen der Seeleneinsamkeit.
-Du hast nicht Freund, nicht Weib, nicht
-Kind mehr; dein Leben ist ausgelöscht; du bist der
-letzte Mensch unter den furchtbaren Schauern steiniger
-Oede.</p>
-
-<p>Und wie dein Blick noch starrend hängt am<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-ragenden Geklüft, da steht mit einem Mal auf schimmerndem
-Grat eine ferne Erinnerung in rosigem
-Gewande und blickt dir gerad' ins Aug'. Habt ihr's
-gesehen, daß auf den höchsten Höhen Erinnerungen
-wohnen? Daß sie auf leuchtenden Zinnen stehen,
-über den schneeschimmernden Grat wandeln, an
-grauen, drohenden Abgründen hangen?</p>
-
-<p>Ueber einem gebietenden Gipfel leuchtete mir
-die Erinnerung auf an den Tag, da ich, ein achtjähriger
-Bube, durch die blendend illuminierten
-Straßen meiner Heimatstadt geführt wurde und
-von allen Lippen das Wort klang: Der Friede ist
-geschlossen.</p>
-
-<p>Jenen sanften Abhang herab kam die Erinnerung,
-wie ich, ein Jüngling, fast noch ein Knabe,
-durch abendlich-goldene Felder ging, des Francis
-Bacon scharfes »Organon« in der Tasche, die Leiden
-des jungen Werther aber im Herzen und im Kopfe.</p>
-
-<p>Ueber jenen Sattel aber mußte im nächsten
-Augenblick Hand in Hand der liebliche Reigen jener
-Stunden heraufkommen, da ich mit Ortrun am
-Strande saß und sie mir ihre Blumen ins Gesicht
-warf, weil sie zu schüchtern war, sie mir in die Hand
-zu geben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span></p>
-
-<p>So taust du allmählich wieder auf von Erstarrung
-und Tod und liesest in dem Gezack der Höhen
-und Abgründe die Linien eines Menschenlebens:
-Du hebst endlich wieder den Stab zu neuem Wandern,
-und mit dir wandern droben auf den Bergen
-die wilden, grauen Stunden deiner Kämpfe und
-alle sanften Tage deiner Liebe.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und kann es euch wundern, daß ich Pfingsten
-auch an Cenzi denken mußte, an Cenzi von Mayrhofen
-im Zillertal, deren Licht uns gastlich entgegenleuchtete,
-als wir drei Wandergesellen abends nach
-zweistündigem Marsch im Regen nach diesem Dorfe
-gelangten, weich bis ins Gemüt? An Cenzi, das
-Mädchen mit der revolutionären Orthographie und
-dem reichen Gemüt, das uns mit einer durchaus
-flüssigen Suppe und einem sehr reservierten Kalbsbraten
-erquickte und auf unseren einstimmigen Liebesschwur
-erklärte, daß sie unsere Gefühle erwidere,
-alles für einen Gulden siebzig? Freilich kann ich
-noch heute den nagenden Zweifel nicht los werden,
-ob Cenzi unsere Gulden nicht <em class="gesperrt">noch</em> inniger liebte
-als uns: denn wenn wir noch dabei waren, das
-Letzte aus der Flasche ins Glas zu gießen, so fragte
-sie schon mit Leidenschaft: »Mögen S' noch ane?«<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span>
-und wenn wir dann mit Gefühl erwiderten: »Ja,
-bringen S' noch eine Viertel«, dann sprach sie:
-»Mögen S' net a Halbe?« Eine so naive, quellfrische
-Guldensehnsucht findet man nur noch bei den
-unverfälschten Kindern des Gebirges.</p>
-
-<p>Oder nimmt es euch wunder, daß ich an Monika
-dachte, an Monika vom Mahlknechtsjoch, die in jeder
-Beziehung runde Monika mit den runden Augen,
-die über alles lachte? Wenn man sagte: »Monika,
-bestellen Sie mir eine Droschke!«, so lachte Monika,
-das Merkwürdige aber war, wenn man sagte:
-»Monika, bringen Sie mir einen Kaiserschmarren!«,
-so lachte sie auch. Am meisten aber lachte sie, als
-einer von uns den Lehrsatz aufstellte: »'n <em class="gesperrt">bißchen</em>
-dumm ist <em class="gesperrt">jeder</em>.« Die Sache ist ja auch komisch.
-Und dann brachte sie einen niemals ganz zu bewältigenden
-Kaiserschmarren und eine Erbsensuppe,
-die so unendlich war wie ihre Fröhlichkeit, und alles
-stellte sie uns hin mit so mütterlicher Freundlichkeit,
-als wären wir ihre drei jüngsten Buben, die sie
-einmal gründlich durchfüttern müsse.</p>
-
-<p>Oder daß ich an Mali dachte in der Dominikushütten,
-die mordssaubere, blitzäugige Mali, die so
-freundlich und so betulich war und dann zu dem<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span>
-Buben auf dem Hof, als sie nicht wußte, daß jemand
-auf dem Altane stand und sie hörte, die eindringlichen
-und hochtonigen Worte sprach: »Willst glei die
-Ziegen in Ruh lass'n, du sakrischer Lauskerl, malefizlischer!«
-Sie sprach das in einer Weise, die den
-Gedanken an eine eheliche Verbindung in das
-Innerste der Brust selbst eines geübten Ritters
-St. Georg zurückgescheucht hätte. Oder an den
-Aufstieg zum Pfitscher Joch, am Stampflerferner
-vorbei und an den kleinen dunklen Seen, die wie
-schwarze Augen regungslos in den Himmel starren?
-Oder an den Abstieg in das menschenarme, melancholische
-Pfitschtal, wo ich, als wir nahe vor St. Jakob
-angekommen waren, immer wieder zurückschauen
-mußte nach einer Kirche, über der ein himmlisches
-Licht entzündet war? Ihr müßt dem Wort »himmlisch«
-erst alle die Bedeutungen ausziehen, die unsere
-kleinen Mädchen ihm aufhängen, wenn sie von
-»himmlischen« Tüllgardinen oder von »himmlischen«
-Zeichenlehrern sprechen. Nehmt einmal bitte das
-Wort »himmlisch« in seiner reinsten Ursprünglichkeit
-und denkt euch ein allerreinstes Licht! Ueber dem
-Kirchlein lag ein Gletscher im hellsten Mittagssonnenschein,
-und der Turm wies mitten in den<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-Glanz. Es war ein alleinseligmachendes Kirchlein;
-wer hindurchging, der mußte unmittelbar ins ewige
-Licht gelangen, und selbst der schwärzeste Bösewicht,
-wenn er in den Bannkreis dieses Leuchtens trat,
-mußte sogleich erstrahlen wie der weißeste Engel.</p>
-
-<p>Ach, leider ist dieses himmlische Licht ein Trug;
-in den Köpfen der Menschen fanden wir nichts
-davon. Welch ein psychologisches Raffinement,
-welche Kunst der Mitteilung gehörte dazu, um wieder
-auf den richtigen Pfad zu gelangen, den wir im
-strömenden Regen verloren hatten, und endlich einen
-Wagen zu bekommen, der uns in diesem Regen nach
-Sterzing brachte. Die Fahrt dauerte drei Stunden,
-von denen wir nach ungefährer Schätzung eine auf
-unseren Sitzen und nur zwei in der Luft verbrachten.
-Wir waren vorurteilslos genug, über jeden
-Stoß zu lachen, wenn unser Lachen nur nicht regelmäßig
-durch den nächsten Stoß abgebrochen worden
-wäre. Gleichwohl war unsere Stimmung die ausgelassenste
-Heiterkeit, wenn wir auch dazwischen mitunter
-den stillen Gedanken hatten, daß unser
-Wägelchen im nächsten Augenblick in tausend
-Splitter zerschmettert werden oder mit Insassen und
-Pferden in den Abgrund hinunterkollern würde, wo<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-der durch den langen Regen übermäßig geschwellte
-Pfitschbach mit Donnern und Brausen abwärts
-stürzte. Der Kutscher stieß ein »Jesus Maria!« über
-das andere aus. Es war eine jener Situationen,
-die man, wenn man einmal darin ist, mit lächelndem
-»Mannesmut« hinnimmt, deren Wiederholung
-man aber künftig nach Möglichkeit zu vermeiden im
-stillen beschließt. Der niedlichste von allen Humoren
-war aber, daß wir schließlich noch auf eine lange
-Strecke aussteigen mußten und nun zu Vieren den
-an allen Rädern gebremsten Wagen zurückhielten,
-damit er den Pferden nicht auf die Hacken falle und
-hübsch auf dem Weg bleibe. Es war noch ein
-wahres Glück, daß wenigstens der Regen anhielt.
-Wir hatten für solche Perioden der Trübsal einen
-Fundamentalsatz der Berliner Philosophie, den wir
-uns dann gegenseitig ins Herz prägten; er hieß:
-»Det is <em class="gesperrt">jrade</em> wat Scheenes!« Solche Sätze sind
-viel wert. Es ist damit wie mit den Salmiak-Pastillen;
-eigentlich sind sie scheußlich; aber man
-hat wenigstens etwas in den Mund zu nehmen und
-in langen Stunden eine Unterhaltung.</p>
-
-<p>Und schließlich kamen wir doch nach Sterzing in
-ein hübsches, blitzeblankes Hotel, und wer mir jetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span>
-noch <em class="gesperrt">ein Wort</em> auf die Kultur schimpft, der hat's
-mit mir zu tun.</p>
-
-<p>Für die Natur braucht man nicht einzutreten,
-die verteidigt sich selbst.</p>
-
-<p>Die redet aller Sprachen Sprache, die aller Menschen
-Muttersprache ist. Ihre Sprache klingt in
-Bergen und Tälern, aus Wäldern und Strömen.
-Und was mir das Gebirge Unaussprechliches vertraut
-hat: in wenigen Wochen geh' ich und sag' es
-mit stummen Lippen seiner geheimnisvollen
-Schwester, dem Meer, dem tausendstimmigen und
-millionenäugigen, dem herrlichen, dem &ndash; o, dem &ndash;
-dem&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Kusch!!!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_suesse_Willy">Der süße Willy</h2>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Es war an einem Sonntag; denn der süße Willy
-sollte ein Sonntagskind werden. Der welthistorische
-Moment seiner Geburt war auf eine
-Minute vor zwölf Uhr mittags festgesetzt. Aber schon
-seit acht Uhr morgens waren im Schlafraum der
-Mutter außer der Hebamme, der Wärterin und der
-Amme sieben zukünftige Tanten und Cousinen gegenwärtig.
-Eine angeregte Unterhaltung und
-Pralinés sind für Wöchnerinnen im Augenblick
-ihrer Niederkunft sehr zuträglich. Von letzterwähntem,
-nicht genug zu empfehlendem Konfekt schoben
-abwechselnd Tante Bella und Tante Julchen der
-Leidenden ein Stück nach dem andern tröstend in
-den Mund. Tante Minka hatte es sich nicht nehmen
-lassen, ihren entzückenden Molly, einen seidenweich
-behaarten Choleriker, mitzubringen, der der Gebärenden
-beruhigende Laute zubellte oder fein langgezogenes
-Klagegeheul mit ihrem Wehgeschrei vereinigte.<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span>
-Tante Elvira dagegen, ein Fräulein von
-siebenundfünfzig, welcher nach unerforschlichem Ratschluß
-der Kindersegen versagt geblieben war, wiegte
-auf ihren Händen ein für den süßen Willy bestimmtes
-Puppenkerlchen, das, wenn man ihm nur geneigtest
-auf den Bauch drücken wollte, zwei Becken
-zusammenschlug und in anerkennenswerter Weise
-quietschte. Diese vier achtbaren Damen nahmen den
-Platz am Bette ein, der von Rechts wegen der Wehmutter
-und der Wärterin gebührte, den sie aber behaupteten
-in der richtigen Erkenntnis, daß die Nähe
-von Verwandten immer etwas Beruhigendes habe
-für »Frauen in solchen Umständen«.</p>
-
-<p>Immer näher rückte der bedeutungsschwere
-Moment.</p>
-
-<p>Frau Helmerding stieß einen furchtbaren Schrei
-aus; denn die Mutter des süßen Willy hieß Frau
-Helmerding.</p>
-
-<p>&ndash; Bäh &ndash; &ndash; &ndash; bäh &ndash; &ndash; &ndash; bäh&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das Unvermeidliche war geschehen und nicht
-mehr rückgängig zu machen. Der süße Willy war
-mit beiden Füßen in etwas getreten, was man
-Leben nennt, und von nun an ein Faktor, mit dem
-die Welt zu rechnen hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span></p>
-
-<p>Die zärtlichen Verwandten, die vor der kritischen
-letzten halben Stunde doch geflohen waren, kehrten
-in Prozession zurück.</p>
-
-<p>Damit das Seelenleben des süßen Willy ungetrübt
-und heiter dahinfließen könne von Anbeginn,
-hatte man seit acht Uhr ein Zuckerbeutelchen bereitgehalten.
-Der liebe Junge war nicht so bald vorhanden,
-als ihm Cousinchen Nelly mit dem Saugobjekt
-in den Mund fuhr. Willy lutschte schweigend
-am süßen Dasein.</p>
-
-<p>Nachdem er gebadet worden war, ging er von
-Hand zu Hand. »Wie süüüß, wie rraitzend, wie
-hiiiimlisch, wie enttt&ndash;zückend!« und zum Schluß in
-siebenstimmigem Unisono sanft versäuselnd: »Wie
-süüüüß!«</p>
-
-<p>Endlich kam die süße Last an Jungfer Elvira. Sie
-nahm mit sachkundiger Miene das Knäbchen wie ein
-Wäschebündel unter den linken Arm, ließ mit der rechten
-das Puppenkasperle tanzen und sang dazu ohne
-Schneidezähne das allerneueste Gassenhauerchen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Mitten in der Elbe<br /></span>
-<span class="i0">schwimmt ein Krokodil.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Dabei hätte sie aber das Bündel Weltbürgertum
-beinah auf den Boden fallen lassen, und nur einem<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-schnellen Griff der Wärterin verdankte der junge
-Helmerding sein Fortbestehen.</p>
-
-<p>Der junge Helmerding war der Erstgeborene des
-alten. Dieser war aber noch gar nicht alt, zählte
-vielmehr erst behäbige vierzig Jahre. Mit neununddreißig
-hatte er sich verheiratet, nachdem er kurz
-vorher in einem Bauunternehmen einen kapitalen
-Zug getan und gleichzeitig in Erfahrung gebracht
-hatte, daß Frau Helmerding ihm vierzigtausend
-Taler mitbringen würde. Es gibt eine unkeusche
-Leichtfertigkeit, die früher heiratet, als solche Bedingungen
-gegeben sind, und Kinder auf Kinder in die
-Welt setzt. Wie konnte bei solchen Existenzen von jener
-wahrhaftigen, ruhigen, tief-sittlichen Vaterfreude die
-Rede sein, die er empfand, als er von der Fondsbörse
-zurückgekehrt war, das stille Glück der gestiegenen
-Kurse in der Tasche und das schreiende eines jungen
-Erben in den Armen! Der Junge sollte aber eine
-Erziehung genießen, daß sich der &ndash;! In die teuerste
-Schule, das stand fest. Wir haben es ja dazu.</p>
-
-<p>Als man der Mutter davon sprach, daß das
-Kind, damit es sie nicht störe, in einem andern
-Zimmer bei der Amme schlafen solle, wäre sie fast
-außer sich geraten. So die Gefühle einer Mutter<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span>
-zu verletzen! Ha, eine Löwin, der man ihr Junges
-rauben will! Als aber der junge Löwe schon die
-erste Nacht unausgesetzt brüllte, weil er nicht schlief,
-erteilte sie am Morgen jenem Vorschlag ihre Genehmigung.</p>
-
-<p>Der süße Willy machte jetzt einen nächtlichen
-Kursus für Lungengymnastik durch. Vermöge einer
-Ausdauer, die die beseligendsten Hoffnungen für
-seine spätere Entwickelung erwecken mußte, brachte
-er es bald dahin, daß beim Schreien sein edel gebildetes
-Profil hinter der Mundöffnung verschwand.
-Ein an poetischen Vergleichen reicher Mann würde
-den Mund in solchen Augenblicken einer aufgeklappten
-Zigarrenkiste nicht unähnlich gefunden haben.
-Was dem süßen Willy noch an Fülle und Rundung
-des Tones abging, ersetzte er durch Haarwurzelfeinheit
-des Timbres und durch warm beseelten Vortrag.
-Und in seinem noch unerhellten Bewußtsein lebte
-unverkennbar ein Nachklang aus den glücklichen
-Zeiten der Folter. Wenn nämlich seine Amme in
-die süße Wollust des Entschlummerns versank und
-sich dort befand, wo wir nach Egmont »aufhören,
-zu sein«, begann der süße Willy zu schrein, sicher
-intonierend, den ersten Ton fest und kräftig aufsetzend,<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-wie die Gesanglehrer sagen. Wenn dann
-die Amme, durch dieses eigenartige Zusammentreffen
-natürlich auf das angenehmste überrascht und erheitert,
-das unschuldige Wurm seinen seidenen Kissen
-entnahm, beeilte sich dieses, durch ein souveränes
-Lächeln auszudrücken, daß es mehr als Beschränktheit
-sei, wenn man glaube, ihm fehle irgend etwas.
-»Im Gegenteil!« leuchtet' es aus seinen edel-feurigen
-Augen, »<em class="antiqua">toujours fidèle et sans souci</em>!« Von
-neuem sorgfältig zum Schlaf gebettet, war er so
-rücksichtsvoll, mit dem Beginn der zweiten Konzertnummer
-zu warten, bis das Bewußtsein der Amme
-wieder zu neun Zehnteilen in bessere Gefilde entschwebt
-war und nur noch mit dem Rest im schlechten
-Diesseits verweilte. Hatte sich dieser Vorgang
-während der Nacht fünf- oder sechsmal wiederholt,
-so war die Amme am Morgen in jener Stimmung,
-aus der die Kündigungen und schroffen Abschiede
-hervorzugehen pflegen. Befolgte aber eine andere
-Amme das manchen Orts gelobte Prinzip: »Schreien
-lassen, was die Lunge hergeben will«, so blieb eine
-derartig rohe und herzlose Person natürlich keine
-acht Tage im Hause der liebevollen Helmerdings.
-Große Männer verbrauchen die Menschen ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span>
-Umgebung schnell. Da Willy ein großer Mann
-werden sollte, so verbrauchte er schon im ersten
-halben Jahre seines Lebens vier Ammen.</p>
-
-<p>Es gehört zu den innigsten Ergötzungen eines
-Menschenfreundes, die Jugend eines großen Mannes
-zu durchforschen und in tausend kleinen Zügen
-eines von den trefflichsten Eltern herangebildeten
-kindlichen Charakters schon das Bild des späteren
-Menschen vorgebildet, in dem stillen Weben seiner
-Entfaltung schon die Kräfte seines zukünftigen
-Strebens und Wirkens tätig zu sehen. Seit Vollendung
-seines ersten Jahres wurde der süße Willy
-von seinen Eltern regelmäßig mit zur Tafel gezogen.
-Eine umfassende Geschmacksbildung offenbarte sich
-schon hier, und seinem strategischen Ueberblick entging
-kein Braten, kein Kompott, kein Ragout, kein
-Salat. Sein Verlangen, von jeder Schüssel zu erhalten,
-deutete er der Einfachheit halber durch ein
-mäßiges, fünf Sekunden langes Gebrüll an. Wurde
-sein Wunsch aus irgendeinem Grunde nicht sofort
-erfüllt &ndash; an dem guten Willen der Eltern mangelte
-es gewiß nicht &ndash;, so ergriff er mit ruhiger Entschlossenheit
-das nächste Mittel, d. h. die nächste
-Schüssel, um sie auf den Boden zu befördern. Mit<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span>
-einem sanften Verweis legte ihm alsdann die Mutter
-das Gewünschte reichlich auf den Teller. Wir würden
-jedoch aus dem Charakterbilde des süßen Willy
-den wesentlichen Zug des leicht verletzten Ehrgefühls
-fortlassen, wenn wir nicht betonten, daß er auf jenen
-Verweis wieder mit einem etwas gesteigerten Gebrüll
-von fünf Sekunden antwortete und seiner Mutter
-mit den zierlichen Stiefelchen gegen die Beine stieß.</p>
-
-<p>Eine vornehme Verachtung der Magenfreuden
-bekundete Willy, sobald er satt war. Wenn er mit
-dem Löffel in die Suppe klatschte, daß die Spritzelchen
-umherflogen, oder wenn er den Finger in die
-Sauce tauchte, um sinnige Figuren auf das Tischtuch
-zu malen, so war der Vater in seiner philiströsen
-Auffassung der Kindesnatur vielleicht brutal genug,
-ihm das ernstlich zu verbieten; aber das weiche Herz
-der Mutter empfand richtiger.</p>
-
-<p>»Was du das Kind auch immer kommandieren
-mußt! Kinder sind doch Kinder! Das arme Wurm
-weiß ja noch gar nich, daß er das nich darf. Muß
-nich wiedertun, hörs, mein Süßen?«</p>
-
-<p>»Willy <em class="gesperrt">will</em> aber malen!« Und Willy malte
-einen Kreis, der einen Kopf bedeuten sollte.</p>
-
-<p>»Willy, du solls das nich tun!« mahnte die Mutter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span></p>
-
-<p>Willy zeichnete den Rumpf zu dem Kopfe.</p>
-
-<p>»Willy, kanns du nich hörn?« fragte die Mutter.</p>
-
-<p>Jetzt bekam der Rumpf Arme.</p>
-
-<p>»Gott, Willy, nu laß das doch!« seufzte die Mutter.</p>
-
-<p>Und Willy fügte mit zwei genialen Strichen die
-Beine hinzu.</p>
-
-<p>»Hä, das bist du!« rief er, indem er seinen Papa
-mit lieblicher Dreistigkeit anlächelte.</p>
-
-<p>Und die Eltern lachten in seliger Freude.</p>
-
-<p>»Was doch der Junge für Einfälle hat!«</p>
-
-<p>Und in überwallender Freude versetzte die Mutter
-dem süßen Bengelchen einige knallende Küsse.</p>
-
-<p>Man hätte nun glauben sollen, daß ein so reichlich
-genährtes und mit den kräftigsten Nahrungsmitteln
-erzogenes Kind von Krankheiten verschont
-geblieben wäre. Seltsamerweise war dem nicht so.
-Der arme Willy mußte eine lange Reihe von Verdauungsstörungen
-mit deren Folgen durchmachen.
-Aber aus jedem Leiden ging sein Charakter gefestigter
-hervor; mit jeder Rekonvaleszenz nahm
-seine Willensstärke imposantere Dimensionen an.
-Konnte man diesem Kinde schon, wenn es gesund
-war, nichts versagen, so war es dem genesenden,
-»noch halbkranken Zuckerchen« gegenüber das einfachste<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-Gebot der Elternliebe, die wiedererwachende
-Lebensfreude zu schüren, indem man die Wünsche
-des kleinen Herzens weckte, indem man fragte, ob
-es vielleicht dies wolle, oder ob es vielmehr das
-wünsche, oder ob es nach jenem Verlangen trage,
-oder &ndash; ob es nicht etwa vorziehe, gleich alle drei
-Dinge zu erhalten. Willy zog in der Regel dieses
-vor. Eine entzückend geniale Launenhaftigkeit veranlaßte
-ihn dabei, das, was er noch eben verlangt
-hatte, im nächsten Augenblick nicht mehr zu goutieren
-und es der nächsten Bonne oder Wärterin an
-den Kopf zu werfen. Kindermädchen, Bonnen und
-Wärterinnen wechselten in seiner Umgebung immer
-häufiger. Es war offenkundig, daß alle Zärtlichkeit
-und alles Pflichtgefühl aus diesen Kreaturen geschwunden
-war. »Entsetzlicher Balg«, »unausstehliche
-Range« und ähnliche Blasphemien entblödeten
-diese Schamlosen sich nicht, in längeren Charakterschilderungen
-des kleinen Willy vor der Mutter anzuwenden,
-ja, eines der abgehenden Kindermädchen
-hatte dem armen Knaben sogar die naturgesetzliche
-Existenzberechtigung abgesprochen, indem es der
-Mutter mit beinahe wissenschaftlicher Bestimmtheit
-versicherte, Willy sei »ein wahres Untier«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span></p>
-
-<p>Willy Helmerding sollte neben vielen anderen
-Sterblichen dazu berufen sein, der ärztlichen Wissenschaft
-wiederholt ein so glänzendes Fiasko zu bereiten,
-daß dem Verfasser der »Kreutzer-Sonate« das
-Herz im Leibe gelacht hätte, wenn er es hätte beobachten
-können. Da zeigte es sich wieder einmal
-klar und offenbar, daß diese Herren Doktoren nicht
-einmal imstande sind, den einfachsten Darmkatarrh
-zu heilen. Unleserliche Rezepte konnten sie schreiben;
-aber so weit war ihre Wissenschaft natürlich nicht
-gediehen, daß sie die Annahme in Betracht zog,
-Willy werde vielleicht beim Einnehmen der Mixturen
-die Zähne zusammenbeißen und die köstliche
-Flüssigkeit der Wärterin ins Gesicht prusten! Einem
-ohnehin schon geschwächten Magen diätetische Enthaltung
-zumuten &ndash; einem fiebernden Kinde eiskalte
-Duschen verordnen: das waren noch die harmlosesten
-Einfälle ihrer vivisektorischen Grausamkeit. Ein
-wahres Wunder, daß sich nach all den Pfuschern
-endlich dennoch ein Arzt fand, der alle Schwierigkeiten
-auf ebenso überraschende wie leicht verständliche
-Weise löste! Dieser Mann bemerkte den Eltern
-mit seinem Spott, daß die letzte Ursache von Willys
-Krankheit in ihrer Affenliebe zu suchen sei und daß<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span>
-dem Kinde nichts fehle als ein Paar weniger bornierte
-Eltern. Da sah man auf den ersten Blick:
-der Mann hatte was gelernt! Herr Helmerding und
-Frau hörten seinem diagnostischen Vortrage mit
-offenem Munde und einem höchst intelligenten, entzückt-verbindlichen
-Lächeln zu. Uebrigens, hatte der
-Arzt in seiner verblümten Weise weiter erklärt,
-könne es ihm ja einerlei sein, ob sie ihr Kind zur
-Futtertonne machen wollten oder nicht; wenn man
-aber seine Anordnungen nicht befolgen wolle, so
-möge man sich nicht unterstehen, ihn rufen zu lassen;
-er werde sonst ihrem Boten die Tür weisen. Seltsamerweise
-gesundete Willy nach den Rezepten
-dieses Arztes auffallend schnell, und damit war
-wieder einmal bewiesen, wie sehr in der Medizin der
-Gebrauch der deutschen Sprache dem der lateinischen
-vorzuziehen ist.</p>
-
-<p>Eine der traurigen Folgen von Willys Grundübel
-war auch ein länger andauerndes Ohrenleiden,
-dessen Heilung regelmäßige Einspritzungen erforderte.
-Solche Prozeduren pflegen trotz der Versicherungen
-der Aerzte niemals sehr angenehm zu sein,
-wie man denn überhaupt auf das subjektive Urteil
-der Aerzte in dieser Hinsicht nicht viel geben und es<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span>
-z. B. sehr wohl erleben kann, daß einem nach der
-mit gewinnender Liebenswürdigkeit gegebenen Versicherung,
-es handle sich um eine ganz leichte und
-schmerzlose Operation, ein Bein abgesägt wird.
-Immerhin aber erschien es übertrieben und nicht
-ausreichend motiviert, wenn Willy bei jedem Herannahen
-einer solchen Dusche eine Art Kannibalentanz
-ausführte und diverse Gegenstände zerschlug oder zertrat
-oder zerriß oder seine Mutter in den Finger biß.
-Der geschäftskluge Papa sah sehr bald ein, daß er bei
-weitem billiger »wegkomme«, wenn er seinem Einzigen
-für jede Einspritzung, die er sich hübsch gefallen
-lasse, eine Reichsmark verspreche. Und das tat er.</p>
-
-<p>»Erst hinlegen!« bemerkte Willy mit treuherziger
-Offenheit; denn er hatte seinen Vater längst als
-das Muster eines klugen Mannes kennen gelernt.</p>
-
-<p>Die Blicke der beiden Eltern begegneten sich in
-einem seligen Lächeln. Ein Blitzjunge!</p>
-
-<p>»Na da, da liegt es!«</p>
-
-<p>»Das sind ja nur zehn Pfennige!«</p>
-
-<p>Papa wollte sich ausschütten vor Lachen und
-rückte endlich mit einer Reichsmark heraus.</p>
-
-<p>Das Geld durfte Willy nach eigenem Belieben
-verwenden, und da er in jedem erreichbaren Konditor-,<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span>
-Viktualien-, Spielwaren- und Tabakladen
-erprobte, was er mit seiner Kasse erlangen könne,
-lernte er schon früh den Wert des Geldes schätzen.</p>
-
-<p>Der scharfsinnige Leser wird sich längst gesagt
-haben, daß Willy im Verkehr mit anderen Kindern
-von bestrickenden Umgangsformen gewesen sein
-muß. In den ersten Jahren seines Knospendaseins
-hatte er immer einen großen Heiterkeitserfolg damit
-erzielt, daß er der Amme, seiner Mutter oder
-seinem Vater ins Gesicht schlug. Wenn Fremde zum
-Besuch da waren, wurde der in Freiheit dressierte
-Willy vorgeführt.</p>
-
-<p>»Willy, schlag mich mal,« ermunterte die
-Mutter.</p>
-
-<p>Willy, weit entfernt, sich zu zieren, schlug
-sie mal.</p>
-
-<p>»Is das nu nich zu süß?« fragte Frau Helmerding.</p>
-
-<p>Kein Gast konnte umhin, zu konstatieren, daß
-das in der Tat <em class="gesperrt">zu</em> süß sei.</p>
-
-<p>Willy setzte diese Produktionen in seinen späteren
-Jahren mit wachsendem Erfolge fort. Es war
-ihm Bedürfnis, fremde Kinder zu knuffen, bei den
-Haaren zu zupfen und zu stoßen, daß sie auf die
-Nase fielen. Doch bewahrte er immer die pietätvolle<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span>
-Rücksicht, die er, wie er wußte, älteren und größeren
-Kindern schuldig war; nur kleinere beglückte er mit
-seinen Gunstbezeigungen. Mit Vorliebe führte er
-seine Angriffe hinterrücks aus, einzig aus dem
-Grunde, weil so die Ueberraschung größer wurde.
-Verfolgten ihn dann die Betroffenen, so wurde er
-sich seiner ganzen Hilflosigkeit bewußt, und wie
-rasend lief er davon, unausgesetzt »Mamaaa« brüllend,
-bis er seine Haustür erreicht hatte und wieder
-im Dunstkreis der mütterlichen Liebe atmete. Dann
-plötzlich wurde er sich seiner Würde mannhaft bewußt;
-er reckte sich zu seiner ganzen Höhe empor,
-ließ den Verfolger mit erhabener Kaltblütigkeit
-herankommen und spie ihm ins Gesicht. Keine
-Fischotter ist jemals behender ins Wasser geschlüpft,
-als Willy nach solcher Heldentat ins Haus glitt.</p>
-
-<p>»Sie woll'n mir schon wieder 'was tuuun!«
-heulte er alsdann seiner Mama mit dem ganzen
-Schmerz eines bedrängten Kindes entgegen. Und
-wehe dem Vater oder der Mutter, die dann zu Frau
-Helmerding kamen, um sich über Willy zu beschweren.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i8">»Höheres bildet<br /></span>
-<span class="i0">Selber die Kunst nicht, die göttlich geborne,<br /></span>
-<span class="i0">Als die Mutter mit ihrem Sohn,«<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span></p>
-<p class="noind">wie sie dastanden: <em class="gesperrt">sie</em> »ihr Kind« &ndash; das Wort
-»Kind« läßt sich mit so unschuldsvollem, alles verzeihendem
-Klange sprechen &ndash; ihr »Kind« verteidigend:
-»<em class="gesperrt">Das</em> Kind? <em class="gesperrt">Das</em> Kind? Oh &ndash; &ndash; &ndash;«
-und <em class="gesperrt">er</em> hinter dem Rock der Mutter mit Grimassen
-hervorschielend.</p>
-
-<p>Mit derselben Leidenschaft, wenn auch natürlich
-aus gesellschaftlicher Rücksicht dezenter, kniff und
-puffte Willy die Kinder, die mit ihren Eltern bei
-Helmerdings zum Besuch kamen. Der Lärm, der
-sich darauf erhob, wurde regelmäßig dadurch abgeschnitten,
-daß die besuchenden Eltern, wie es sich
-gehört, ihre Kinder wegen ihrer Ungezogenheit energisch
-tadelten. Die Höflichkeit ist eine so gefräßige
-Tugend, daß sie oft alle andern verschlingt. Die
-Erwachsenen, die Willy beim Kommen zunächst
-fragte, ob sie ihm etwas mitgebracht hätten, beehrte
-er damit, daß er an ihnen emporkletterte, an ihren
-Kleidern seine Stiefel abwischte, ihnen die Brillen
-von der Nase riß, sie mit Zigarrenasche bewarf
-und durch höchst wißbegierige Fragen nach ihren
-persönlichsten und delikatesten Angelegenheiten
-unterhielt. Freilich muß konstatiert werden, daß
-die Besucher ihn in diesen Aufmerksamkeiten ermunterten,<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-indem sie den zärtlich mahnenden Eltern
-gegenüber bemerkten, oh, das schade nichts, das
-mache nichts aus, der Rock könne leicht wieder gereinigt
-werden; sie möchten ihren Willy doch gewähren
-lassen; er mache ihnen Spaß&nbsp;…</p>
-
-<p>So? Ob er das wirklich tue&nbsp;…</p>
-
-<p>Natürlich tue er das. Sie würden Himmel und
-Seligkeit verschworen haben, daß er »ein lebhafter,
-drolliger Bursche« sei, eine Kritik, die sie auf dem
-Heimwege auch insoweit bestätigten, als sie der
-Meinung waren, daß »die guten Helmerdings sich
-da eine allerliebste Kreatur heranzögen«.</p>
-
-<p>Es versteht sich, daß Willy den ersten Unterricht
-im Hause empfing, zu seinem Unglück jedoch
-von Leuten, die einer wie der andere ihrer Aufgabe
-nicht gewachsen waren, und denen Herr Helmerding
-ihr Gehalt &ndash; er trug seine Goldstücke und Kassenscheine
-frei in der Westentasche, und aus der Westentasche
-bezahlte er &ndash; hinwarf mit der Frage, wie
-sie sich erdreisten könnten, sich als Erzieher »ängaschieren«
-zu lassen, da sie doch »keine blasse Ahnung«
-davon hätten, wie man mit Kindern umgehen müsse.</p>
-
-<p>Den sehr begreiflichen Elternwunsch, das Kind
-fern vom bösen Beispiel fremder Kinder zu erziehen,<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-mußten sich also die Helmerdings aus dem Sinn
-schlagen.</p>
-
-<p>Zur Ehre des Mutterherzens muß gesagt werden,
-daß Willy den ersten Tag seines Schullebens
-nicht zu bestehen brauchte, ohne mit einem halben
-kalten Huhn, einem Fläschchen Rotwein, zwei Apfelsinen
-und einem halben Pfund Bonbons ausgerüstet
-zu sein, und nicht minder muß zur Ehre des Vaterherzens
-anerkannt werden, daß dieses Vaterherz
-anspannen ließ und seinen Liebling mit zwei Pferden
-der »Vorschule des Gymnasiums« zuführte. Die
-ersten Schulwochen verliefen ohne bemerkenswerten
-Zwischenfall; für alle Stunden zeigte der junge Helmerding
-insofern ein gleichmäßiges Interesse, als
-er in allen an die Vertilgung seines Frühstücks dachte
-und die Bewältigung dieses Stoffes ihm eine stets
-unverminderte Aufmerksamkeit abnötigte. In einem
-etwas anderen Sinne als der junge Lessing war er
-»ein Pferd, das doppeltes Futter haben muß«. Den
-Unterrichtsgegenständen gegenüber zeigte Willy jene
-Schwäche und Zartheit, welche die Mutter dem
-Lehrer von vornherein unter zehnmaliger Anrufung
-seines schonungsvollen Mitgefühls als die hervorragendsten
-Eigenschaften »des Kindes« bezeichnet<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span>
-hatte. Mit mimosenhafter Empfindlichkeit verschloß
-sich sein Geist vor der Berührung jeglicher Erkenntnis,
-und das »<em class="antiqua">Noli me tangere</em>« (zu deutsch: Nichts
-tangiert mich) war der unveränderliche Ausdruck
-seines Angesichts. Sein Gesicht gehörte freilich zu
-den in Romanen häufig erwähnten, die sich »nur in
-gewissen Augenblicken seltsam zu beleben scheinen«.
-Diese Augenblicke waren für Willy gekommen, sobald
-die Spielpause begonnen hatte. Auf dem Spielplatz
-erwarb er sich rasch eine allseitige Unbeliebtheit,
-gewann er im Sturme die Abneigung aller.
-Er bemerkte mit großem Schmerze, daß die Durchführung
-des Kneif- und Puffsystems hier auf fühlbaren
-Widerstand stieß. Das Verhältnis zwischen
-dem Hause Helmerding und der Schule blieb gleichwohl
-längere Zeit vorzüglich, bis &ndash; Willy mit nicht
-guten und endlich gar mit schlechten Zeugnissen nach
-Hause kam.</p>
-
-<p>Jetzt hielt Herr Helmerding sen. den Augenblick
-für gekommen, da er dem Direktor der Schule in
-einer energischen Ansprache die kolossalen Mängel
-seiner Anstalt und die Grundverkehrtheit der dort
-beliebten erzieherischen Maßnahmen explizieren
-müsse. Er tat dies unter wiederholter Betonung des<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-Umstandes, daß »sein Kind« doch das Kind »wohlhabender«,
-»gebildeter« und »angesehener Eltern«
-sei. Der Direktor, der ein so ruhiger Mann war,
-daß seine Ruhe immer als die ausgesuchteste Höflichkeit
-erschien, erlaubte sich die Bemerkung, daß
-es immer etwas Mißliches habe, so abschließend
-über Dinge zu urteilen, von denen irgend etwas
-zu verstehen man nicht die Verpflichtung habe. Er
-unterbreite Herrn Helmerding hiermit die Protokolle,
-in denen nur die gröbsten Untaten und Nachlässigkeiten
-des Schülers Willy Helmerding verzeichnet
-ständen, in der Ueberzeugung, daß die Statistik
-eine vorzügliche Wissenschaft sei. Uebrigens könne
-er Herrn Helmerding Vater schon jetzt die Eröffnung
-machen, daß Helmerding Sohn aller Voraussicht
-nach das Klassenziel nicht erreichen und deshalb zu
-Ostern sitzen bleiben werde. Worauf Herr Helmerding
-meinte, das werde man &ndash; oho! &ndash; erst einmal
-abwarten, es gebe ja noch andere Schulen, in
-die man alsdann seinen Sohn bringen werde, und
-die wohl die »Individualität der Schüler« (das hatte
-Herr Helmerding irgendwo gehört) gerechter zu beurteilen
-verständen. Der Herr Direktor bemerkte
-darauf mit einem unsäglich betrübten Gesicht, daß er<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span>
-untröstlich sei, vor dieser Drohung nicht in dem Maße
-erschrecken zu können, wie es vielleicht wünschenswert
-wäre, daß seines Wissens keine Schule um
-träge und schlecht erzogene »Individualitäten« so
-dringend verlegen sei, und deshalb besonders eine
-staatliche Schule sich nicht in der glücklichen Lage
-sähe, den Fortgang eines Willy Helmerding mit
-versammeltem Lehrpersonal zu beweinen.</p>
-
-<p>Auf dem Heimwege suchte der knirschende Vater
-nach einem möglichst entwürdigenden und verachtungsvollen
-Ausdruck für den Direktor. Seine ganze,
-grenzenlose Geringschätzung dieses Subjekts sollte
-sich in diesem Ausdruck erschöpfen. Es währte nicht
-lange, bis Herr Helmerding diesen Ausdruck in dem
-Worte »hungrig« fand. Er konnte sich keine schimpflichere
-Charaktereigenschaft denken als den Hunger.
-»So'n hungriger Schulmeister!« knirschte er also,
-»so'n hungriger Schulmeister!«</p>
-
-<p>Zu Hause angelangt, bemühte er sich redlich
-und aufrichtig (jeder Unparteiische mußte das anerkennen),
-seiner Gattin und seinem Sohne einen
-klaren Begriff davon zu geben, »<em class="gesperrt">wie</em> er dem Herrn
-Direktor den Marsch geblasen habe«, und seine ausführliche
-Darlegung schloß er mit der an seinen Sohn<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span>
-gerichteten, innig-warmen, aus der Tiefe des Vaterherzens
-kommenden Mahnung, »sich man nix gefallen
-zu lassen«.</p>
-
-<p>Trotzalledem! Das Unerhörte geschah; man hatte
-die Stirn, dem Ehepaar Helmerding um Ostern mitzuteilen,
-daß der süße Willy sich noch einmal den
-Unbequemlichkeiten des elementarsten Unterrichts zu
-unterziehen haben werde. Jetzt aber erschien <em class="gesperrt">Frau</em>
-Helmerding im Amtszimmer des Direktors.</p>
-
-<p>Daß ihr Willy nicht versetzt sei, liege natürlich
-nur daran, daß der Lehrer seine Pflicht nicht getan
-habe. Der wirklich mit einer niederträchtigen Ruhe
-begabte Direktor antwortete, ohne auf den Tenor
-dieser Bemerkung einzugehen, mit einem sehr instruktiven
-und ungemein fesselnden Vortrage über
-Gerichtswesen im allgemeinen und Injurienprozesse
-im besonderen, wobei er besonderes Gewicht auf
-die Tatsache legte, daß solche Prozesse bedauerlicherweise
-nicht immer mit Geldstrafen, sondern gegebenen
-Falles auch mit einer sehr lästigen Unfreiheit
-der Bewegung für den Verurteilten endigten.
-Den herbeigerufenen Lehrer fragte das gekränkte
-Mutterherz, ob er ihren Willy wohl nicht leiden
-möge, daß er ihn nicht versetzt habe. Worauf dieser<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span>
-weniger ruhige, dafür aber desto derbere Herr sie
-fragte, ob sie glaube, daß er jeden verzogenen Faulpelz
-mit derselben Affenliebe behandeln könne wie
-die resp. Mütter? Worauf die beleidigte Mutter
-erklärte, daß sie ihren Sohn hiermit »unwiderruflich«
-abmelde und ihn nicht einen Tag länger in
-einer Schule belassen werde, in der er solchermaßen
-um den Lohn seines Strebens betrogen werde.
-Worauf der ruhige und schweigende Direktor sich
-deutlich von seinem Sessel erhob und wiederholt
-abwechselnd mit je drei Sekunden langem Verweilen
-auf Frau Helmerding und auf die Tür blickte.</p>
-
-<p>Willy wurde einer Privatschule übergeben &ndash;
-selbstverständlich! &ndash; mit hohem Schulgeld &ndash;
-selbstverständlich! Der Vater betonte dem Vorsteher
-gegenüber mit besonderem Nachdruck, daß für Willy
-Helmerding ein hohes Schulgeld bezahlt werde. Der
-Vorsteher klopfte Willy auf die Backen mit der
-Versicherung, daß er hier schon etwas lernen solle;
-dafür wolle <em class="gesperrt">er</em> schon sorgen, der Herr Vorsteher.
-Dieser Herr entwickelte dann vor Herrn Helmerding
-in aussichtsvollen Worten sein pädagogisches Programm,
-in dessen Geiste sein Lehrpersonal wohl
-oder übel arbeiten müsse &ndash; er dulde nicht, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span>
-auch nur ein Strich anders gemacht werde, als er
-es wünsche, das heiße: von den Lehrern; von den
-Schülern dergleichen zu fordern, bemerkte der Herr
-Vorsteher mit einem sonnigen Blick auf Willy,
-würde natürlich grausame Pedanterie sein. Aus
-welchem allen sich denn auch mit leichter Mühe
-schließen lasse &ndash; eine Schlußfolgerung, die er wohl
-nur bescheiden anzudeuten brauche &ndash;, daß die
-großen Erfolge seiner Schule im Grunde genommen
-einzig und allein auf seine Leitung zurückzuführen
-seien. Keine Schule könne so sehr die Individualität
-der Schüler berücksichtigen wie die seine. Hier könne
-Herr Helmerding etwas erleben an Berücksichtigung
-der Individualität &ndash; oh &ndash; es sei überhaupt gar
-nicht zu sagen, wie man hier berücksichtige. Hier
-geschehe überhaupt nichts anderes als Berücksichtigung
-der Individualität. Jeden Buchstaben,
-jeden Ton im Gesangunterricht, jeden Lehrsatz der
-Geometrie erzeuge resp. beweise der Zögling nach
-seiner Individualität, selbst wenn diese Individualität
-dahin ziele, den Lehrsatz <em class="gesperrt">nicht</em> zu beweisen.
-Wenn sich Herr Helmerding oder sein kleiner braver
-Willy (ein wohlgefälliges Kitzeln des vorsteherlichen
-Zeigefingers unter dem Kinn des Zweihundertmarkschülers)<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span>
-durch die Maßnahmen der »Lehrpersonen«
-belästigt fühlten, so möchten sie nur zu ihm kommen;
-Gerechtigkeit sei sein Lebensprinzip.</p>
-
-<p>Diese Schule war in gewissem Sinne das Ideal
-einer demokratischen Institution, insofern nämlich,
-als sie von sämtlichen Eltern geleitet wurde. Da
-die Eltern freilich ihre pädagogischen Anregungen
-von ihren Kindern erhielten, so waren im letzten
-Grunde diese die Herren des Schulorganismus. Der
-Disziplin, welche in dieser Anstalt herrschte, glaube
-ich kein größeres Lob aussprechen zu können, als
-wenn ich sage, daß sie eminent gemütlich war. Den
-Lehrern wurde stets nach wiederholtem Bitten
-bereitwillig das Wort erteilt, und es war keineswegs
-ausgeschlossen, daß man ihren Ausführungen
-einige Beachtung schenkte. Die ernsten Mahnungen
-und Drohungen der Lehrer wurden stets mit
-einem bescheidenen, aber unbefangenen Lächeln aufgenommen.</p>
-
-<p>Leider stand die Beschränktheit der Lehrer oft
-den besten Absichten des Herrn Vorstehers im Wege.
-Er konnt' es nicht begreifen, wie ein geschulter
-Pädagoge auch nur einen Augenblick schwanken
-konnte, den August Papendieck auf zwei Tage vom<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span>
-Schulbesuche zu dispensieren, wenn die Schwägerin
-seines Großonkels Geburtstag feierte.</p>
-
-<p>»Wollen Sie mir denn meine Schüler mit Gewalt
-vertreiben? Wenn wir den Knaben nicht auf
-zwei Tage dispensieren, so fehlt er vier Tage ohne
-Erlaubnis, und die Eltern sind beleidigt. Was
-meinen Sie, wenn die Papendiecks mir ihre vier
-Kinder aus der Schule nehmen, he? Dann sind
-achthundert Mark jährlich zum Teufel wie gar
-nichts, die wertvollen Geschenke nicht einmal gerechnet!
-<em class="gesperrt">Sie</em> geben sie mir nicht wieder. Die Stapelfeldts
-waren auch hier und beschwerten sich bitter
-über die schlechten Zeugnisse ihres Emil.«</p>
-
-<p>»Er hat die Zeugnisse bekommen, die er
-verdient.«</p>
-
-<p>»Ach was, Ihre Schüler haben immer schlechte
-Zeugnisse. Sie beurteilen alles viel zu streng. Wir
-sind doch keine staatliche Schule! Das muß anders
-werden. Das geht nicht, das geht nicht, das <em class="gesperrt">geht</em>
-nicht so weiter! Sie haben mir mit Ihrem finsteren
-Wesen schon mehrere Schüler vertrieben. Wo soll
-das hinaus? Wenn <em class="gesperrt">Sie</em> mir die Schule verderben,
-so bleibt <em class="gesperrt">mir</em> andererseits nichts übrig, als mein
-Lehrpersonal zu vermindern, seh'n Sie.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span></p>
-
-<p>»Ich werde Ihnen die Arbeiten des Jungen
-zeigen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ach Gott, das weiß ich ja! Schmierfink erster
-Klasse &ndash; aber das hilft uns alles nichts, lieber
-Herr Müller! Die Zensuren des Jungen <em class="gesperrt">müssen</em>
-sich bessern, sonst &ndash; Sie sollten die Mutter kennen!
-Salpetersäure ist Mandelmilch gegen <em class="gesperrt">die</em>!«</p>
-
-<p>Wer aus unserer Schilderung nur ein annähernd
-richtiges Bild des Herrn Vorstehers empfangen hat,
-wer nur halbwegs nachempfunden hat, wie lebhaft
-dieser Mann für seine Zöglinge fühlte, welches Interesse
-er an ihnen nahm, der wird es mehr als begreiflich
-finden, daß der Mann eine bedenkliche Neigung zur
-horizontalen Lage zeigte, als man ihm eröffnete,
-Willy Helmerding müsse wiederum sitzen bleiben.</p>
-
-<p>»Aber wissen Sie denn nicht, Herr Schulze, daß
-der Knabe gerade zu dem Zwecke zu <em class="gesperrt">uns</em> gebracht
-wurde, daß er <em class="gesperrt">nicht</em> sitzen bleibt? Willy Helmerding
-<em class="gesperrt">wird versetzt, muß</em> versetzt werden,
-<em class="gesperrt">unter allen Umständen</em> muß er versetzt
-werden; ich habe dem Vater schon längst das Versprechen
-gegeben.«</p>
-
-<p>»Der Knabe ist nicht halb reif für die nächste
-Stufe&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span></p>
-
-<p>»Hilft nichts; Sie hören ja, daß ich gebunden
-bin. Die Helmerdings sind reiche Leute; bedenken
-Sie deren Einfluß. Im Handumdrehen ist meine
-Schule in Mißkredit gebracht. Wir können den
-Schlingel später einmal sitzen lassen; die Oberklassen
-erreicht er ja natürlich nie; aber jetzt &ndash; wie gesagt
-&ndash; jetzt: <em class="gesperrt">auf keinen Fall</em>.«</p>
-
-<p>Aber, ach, die Versetzung des süßen Willy sollte
-nur dazu dienen, die Leiden dieses schwergeprüften
-Kindes noch zu vermehren. Er geriet jetzt in die
-Hände eines Lehrers, der ein pädagogisches Genie
-war und in der Schule denjenigen Platz einnahm,
-den der Verstand des Vorstehers wegen dauernder
-Abwesenheit nicht ausfüllen konnte. Dieser unentbehrliche
-Mann hatte die üble Gewohnheit, konsequent
-zu sein und die Nase zu hoch zu halten, als
-daß man hätte darauf spielen können. Die an ein
-ungemein legeres Betragen gewöhnten Zöglinge,
-die ihm neu übergeben wurden, betrachteten ihn mit
-Furcht und Haß, was sie jedoch nicht hinderte, ihn
-bald zu vergöttern und sich am Ende des Schuljahres
-nicht von ihm trennen zu wollen. Willy war anerkennenswerterweise
-der erste, der eines Tages den
-rühmlichen Mut fand, die Zunge bis zur Wurzel<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span>
-herauszustrecken, als ihm der Lehrer eine Unart
-verwies. Dieser, der für solche Fälle ein prophetisches
-Gemüt besaß, hatte Willy nicht aus den Augen
-verloren und beobachtete dessen Zunge gerade im
-günstigsten Augenblick in ihrer ganzen Ausdehnung,
-obwohl Willy darauf, daß der Lehrer sie sehe,
-offenbar gar keinen Wert gelegt hatte. Und dieser
-unangenehme Mensch, anstatt dem unwissenden
-Kinde in liebevollen Worten die eigentliche Bestimmung
-der Zunge klarzumachen, griff zu einer
-nichts weniger als philanthropischen Maßregel.
-Die Maßregel, die er ergriff, bestand zunächst in
-einem Lineal, sodann in der Hose Willy Helmerdings
-und endlich in einer wiederholten gegenseitigen
-innigen Berührung dieser Gegenstände.</p>
-
-<p>Man kann sich denken, daß nachmittags ein Uhr
-fünfzehn Minuten ein Schrei aus gebrochenem
-Mutterherzen das Haus Helmerding durchgellte, als
-Willy das Geschehene berichtete. Ganz still habe er
-gesessen, und kein Wort habe er gesprochen, und dennoch
-habe »Er« ihn »so furchtbar« geschlagen. O
-Schmach, es auszudenken! Nur das Auge der
-Mutter, vom Strahl der Liebe wunderbar erhellt,
-durch den Instinkt der Zärtlichkeit geschärft, konnte<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span>
-erkennen, wie dies Bekenntnis des Kindes aus dem
-freiesten Gewissen kam. Also um nichts! Nur um
-seiner bestialischen Roheit zu frönen&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Bestialische Roheit &ndash; Frau Helmerding fuhr
-vom Sofa empor &ndash; das sei das richtige Wort!
-Frau Helmerding beauftragte ihren Gatten, morgen
-früh dieses Wort sofort dem Vorsteher zu übermitteln.
-Im übrigen verlangte sie &ndash; das beleidigte
-Mutterherz hatte ein Recht, alles zu verlangen &ndash;,
-daß der Lehrer sofort entlassen werde. Entweder
-der Lehrer oder Willy Helmerding. Der brutale
-Folterknecht oder das gemißhandelte Kind. <em class="antiqua">Aut &ndash;
-aut.</em> Fürstenblut für Ochsenblut.</p>
-
-<p>»Brutaler Folterknecht« sei übrigens auch ein
-gutes Wort und werde entschieden sehr gut wirken,
-meinte der Vater.</p>
-
-<p>Nachdem die Gatten sich längere Zeit über die
-rhetorische und moralische Kraft dieser Worte unterhalten
-hatten (»<em class="gesperrt">Das</em> sagst du ihm, <em class="gesperrt">das</em> sagst du
-ihm, sag' ich dir; ich hätte das gesagt, sag' ihm
-nur!«), wurde beschlossen, daß beides gesagt werden
-solle, und daß man eventuell auch von einer
-»brutalen Roheit« und einem »bestialischen Folterknecht«
-sprechen könne.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span></p>
-
-<p>Als Herr Helmerding am folgenden Tage vergeblich
-seine Redefiguren verschwendete und der
-Vorsteher sich durchaus, weil die geistige Kraft
-Willys ihm doch diejenige des Lehrers nicht ersetzen
-konnte, nicht entschließen wollte, sein inniges Verhältnis
-zu diesem zu lösen, verlegte sich der gekränkte
-Vater aufs Handeln. Er wolle sich zufrieden geben,
-wenn der »Mensch«, der Lehrer, das Ehepaar
-Helmerding um Verzeihung bitte und deren Kinde
-das Zugeständnis mache, daß er sich geirrt und in
-Uebereilung gehandelt habe.</p>
-
-<p>Der Vorsteher ließ den Folterknecht kommen
-und klärte ihn über die Beschwerden und die Satisfaktionsbedürfnisse
-des Vaters auf.</p>
-
-<p>»Ich habe in Uebereilung gehandelt, in der Tat,«
-begann der Lehrer.</p>
-
-<p>Herrn Helmerdings Gesichtsausdruck wurde um
-fünfundzwanzig Prozent gekränkter.</p>
-
-<p>»Ich bedaure das.«</p>
-
-<p>Die Züge des Herrn Helmerding wurden um
-weitere fünfundzwanzig Prozent härter.</p>
-
-<p>»Ich habe Ihrem Sohne unrecht getan&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Herrn Helmerdings Antlitz zeigte den Ausdruck
-entschlossenster Impertinenz.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span></p>
-
-<p>»&ndash; insofern, als ich ihm nicht genug gegeben
-habe, zumal er, wie ich sehe, nicht davor zurückscheut,
-seine Eltern mit hervorragender Dreistigkeit
-zu belügen. Wenn Sie indessen Wert darauf legen,
-kann das Versäumte noch nachgeholt werden.«</p>
-
-<p>Das Gesicht des Herrn Helmerding schien jetzt
-plötzlich nur aus einer Mundöffnung zu bestehen.</p>
-
-<p>Nur dem Umstande, daß der Vorsteher Herrn
-Helmerding schon vorher darauf aufmerksam gemacht
-hatte, jener Herr, der Lehrer Willys, sei ein sehr
-empfindlicher Charakter, der Benennungen wie
-»bestialischer Folterknecht« nicht gern höre, auch
-lasse seine Entschlossenheit nichts zu wünschen übrig,
-nur diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß
-Herr Helmerding, als er zur Tür hinausrannte, sich
-auf die wiederholte Versicherung: »Er werde ihnen
-schon zeigen! Er werde ihnen schon zeigen!« beschränkte,
-wobei er die Zurückbleibenden in quälendem
-Zweifel darüber zurückließ, <em class="gesperrt">was</em> er ihnen
-zeigen werde.</p>
-
-<p>Kaum hatte Herr Helmerding daheim zu Ende
-berichtet, als auch schon seine Gattin wie inspiriert
-vom Sessel emporfuhr. Anspannen lassen &ndash; mit dem
-Kinde zum Arzt fahren. Es war nun einmal die<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span>
-Botschaft zu ihr gedrungen, daß wir im humansten
-aller Zeitalter leben.</p>
-
-<p>Nach einer halbstündigen Untersuchung erklärte
-der Arzt (es war nicht der ironische Herr von damals,
-dem man in dieser Sache entschieden kein
-Vertrauen schenken konnte) mit triumphierender
-Miene, es sei ihm soeben gelungen, festzustellen, daß
-der in Betracht kommende Körperteil Willys noch
-Spuren der Züchtigung zeige oder doch noch bis vor
-kurzem gezeigt haben müsse. Der Lehrer sei »geliefert«,
-unrettbar »geliefert«. Das Recht der Züchtigung
-stehe ihm ja zu; diese dürfe aber nach der
-Ansicht aller ihm bekannten Staatsanwälte, Richter
-und Disziplinarbehörden nie so weit gehen, daß mit
-ihr eine, wenn auch nur momentane, Störung im
-Wohlbefinden des Bestraften verbunden wäre.</p>
-
-<p>Damit war nun freilich dem Rachebedürfnis
-der Frau Helmerding eine verlockende Perspektive,
-dem Erziehungsbedürfnis Willys aber noch keine
-neue Schule eröffnet. Aber auch dafür sollte Rat
-werden. Zum Glück gab es im Orte noch eine
-Privatschule, die sich den anderwärts Ausgestoßenen
-mit Hingebung und Aufopferung widmete, wenn
-bei den Eltern auf ein entsprechendes Maß von<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span>
-Hingebung und Opferwilligkeit gerechnet werden
-durfte. Diese Schule gehörte zu den idyllischen, anekdotenumwobenen
-Instituten, deren sich ehemalige
-Schüler noch nach vielen Dezennien in Stunden der
-höchsten Heiterkeit entsinnen, und die dem schnöden,
-prosaischen Verstaatlichungsdrange immer mehr zum
-Opfer fallen. Die Klassenzimmer dieses geweihten
-Bildungstempels waren von solchen Dimensionen,
-daß ihnen eine vierte wohl zu gönnen gewesen wäre.
-Dagegen konnte der Zeichen-Turn-Sing-Festsaal bescheidenen
-Ansprüchen wohl genügen, wenn die Frau
-Direktorin ihn nicht zum Trocknen von Kinderwäsche
-brauchte. Die Zeichenmodelle mußten stets
-um einige Tische von dem Schüler entfernt aufgestellt
-werden; sehr erklärlich deshalb, daß so durch Versehen
-oft Zeichnungen zustande kamen, die auf keines
-der vorhandenen Modelle mit Sicherheit zu schließen
-gestatteten. Uebrigens wurde der Turnunterricht, da
-an Geräten nur eine Reckstange ohne Reck vorhanden
-war, in der Regel nicht hier, sondern auf
-dem Stundenplan erteilt. Das Prinzip der Anschauung,
-auf dem bekanntlich die ganze neue
-Unterrichtsweise beruht, wurde hier mit Raffinement
-verfolgt. Dem geographischen Unterricht dienten<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span>
-nicht weniger als zwei Wandkarten. Auf der einen,
-die Europa darstellen sollte, erfreute sich Oesterreich
-noch der Lombardei, obwohl das schnellebige Jahrhundert
-schon weit über die Abtretung Elsaß-Lothringens
-hinaus war; die andere, ein Bild
-Afrikas, veranschaulichte durch ihre Farbe die rätselvolle
-Dunkelheit dieses Erdteils und zeigte mit
-Bezug auf das afrikanische Innere einen Grad der
-Unerforschtheit, der jeden Kongoneger mit den wehmütigsten
-Reminiszenzen erfüllen mußte. Um den
-physikalischen Unterricht machte sich eine betagte
-Luftpumpe verdient, die aus sämtlichen Ventilen
-seufzte und nur von einem Lehrer vorgeführt
-werden durfte, der eine hochentwickelte Beredsamkeit
-besaß und die Schüler auf diesem Wege überzeugen
-konnte, der Rezipient sitze nach viertelstündigem
-Pumpen wirklich fester als vordem. Aeußerte dennoch
-ein modern-pietätloser Schüler einen naseweisen
-Zweifel, so wurde er mit gebührender Entrüstung
-zurückgewiesen. Auch lebte in sämtlichen
-Lehrern der Anstalt eine durch Jahrzehnte geheiligte
-Tradition, daß die Magnetnadel unter der Einwirkung
-des elektrischen Stromes nur dann von
-ihrer gewohnten Richtung abweiche, wenn man zu<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span>
-rechter Zeit energisch an den Tisch stoße. Der Vollständigkeit
-wegen müssen wir noch des Naturhistorischen
-Museums gedenken, das jahraus, jahrein
-auf einem Schrank der Oberklasse stand, zur Rasse der
-ausgestopften Wildschweine gehörte und, wenn es
-nicht gerade seine wissenschaftliche Mission zu erfüllen
-hatte, mit Vorliebe eine Primanermütze auf dem linken
-Ohr trug und aus einem Kalkstummel rauchte.</p>
-
-<p>Ohne Zweifel würde auch diese Musteranstalt
-den hohen Ansprüchen Willys nicht genügt haben,
-wenn ihm noch eine Wahl geblieben wäre. So
-mußte er wohl oder übel seine Studien in diesen
-Mauern absolvieren. Uebrigens wurde sein Schulbesuch
-durch häufige und andauernde Krankheiten
-unterbrochen, die alle in dem Symptom übereinstimmten,
-daß sie sein Wohlbefinden nicht beeinträchtigten.</p>
-
-<p>Bevor wir jedoch unsern süßen Willy aus der
-Schule entlassen und in das feindliche Leben hinausstoßen,
-haben wir den Bericht über seinen gesellschaftlichen
-Bildungsgang nachzuholen. Es ist selbstverständlich,
-daß, während er jede wissenschaftliche
-Ausbildung ablehnte, er seine weltmännische Erziehung
-nicht vernachlässigte. Das eine tun und das<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span>
-andere nicht lassen, sagte er sich mit Recht. Schon
-mit vierzehn Jahren konnte er auf drei tadellos angerauchte
-Meerschaum-Zigarrenspitzen zurückblicken.
-Da er bereits mit fünfzehn Jahren eine militärpflichtige
-Länge und Breite aufweisen konnte, wurde es ihm
-nicht schwer, in jeder Bierkneipe eine seinen Jahren
-entsprechende Anzahl von Seideln zu erhalten. Den
-nicht ganz unnatürlichen Widerwillen, den der
-jugendliche Deutsche als Anfänger bei der Vertilgung
-des fünfzehnten Seidels empfindet, bekämpfte Willy
-mit Selbstverleugnung, wenn auch sein Gesicht eine
-interessante Blässe zeigte, und mit sechzehn Jahren belächelte
-er seiner Genossen Klagen über die Schrecken
-des Katzenjammers mit der Ruhe eines Weisen.
-Als seine Eltern es eines Abends wagten, ihm
-wegen späten Nachhausekommens Vorwürfe zu
-machen, ergriff er das unter diesen Umständen einzig
-richtige und jungen Leuten in seiner Lage nicht
-dringend genug zu empfehlende Mittel, um solche
-Eingriffe in das Recht der Jugend ebenso höflich
-wie entschieden abzulehnen: er kam die nächste Nacht
-überhaupt nicht nach Hause. Wer will das elterliche
-Gefühl schelten, wenn es am Morgen eifrig
-darob sorgte, daß der Stolz des Hauses nicht im<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span>
-Kleiderschrank zu Bette ging; wer will die Zärtlichkeit
-der Eltern verklagen, wenn sie in Demut
-schwiegen, während das volle Gefäß ihrer Hoffnungen
-schnarchte? Natürlich war ein Elternpaar
-wie dieses diskret genug, nie wieder ein Thema zu
-berühren, das das »feurige Gemüt« des Jünglings
-verletzen <em class="gesperrt">mußte</em>. Zeitigte doch auch seine Entwicklung
-auf anderen Gebieten die anmutigsten
-Blüten! Er hatte eine Art, den Walzer und den
-Lancier zu tanzen, die man auf dem feinsten Pariser
-Kokottenball als <em class="antiqua">très-chic</em> bezeichnet haben würde.
-Es war eine Augenweide, ihn Billard spielen zu
-sehen! Diese bei keinem Stoß außer acht gelassene
-graziöse Beugung des auf der Fußspitze ruhenden
-linken Beines, dieses nicht minder graziöse Heben
-der letzten Finger der rechten Hand, diese stark akzentuierende
-Herauskehrung jener ästhetisch geschwellten
-Muskeln, die zur Verlängerung des Rückens dienen:
-das alles erschien in einer Vollendung, wie sie nur
-eine täglich fünfstündige Uebung erzielt. Diese
-Uebungen pflog Willy gewöhnlich in der Gesellschaft
-von fünf oder sechs Altersgenossen unter der künstlerischen
-Leitung eines Billardkellners, der einen
-Ball über die ganze Länge des Billards zurückziehen<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span>
-konnte und zu dem Willy deshalb herzliche Beziehungen
-unterhielt. Dieser vielerfahrene Mann,
-der seinen jungen Freunden gegen gutes Trinkgeld
-mit vielem Humor aus dem Schatze seiner praktisch-galanten
-Weltkenntnis mitteilte und ihnen Geschichten
-für die reifste Jugend erzählte, war unbegreiflicherweise
-der einzige im Restaurant, der auf
-ihre Unterhaltung Wert legte. Obgleich die sechs
-jungen Leute nicht ermüdeten, in jeder Minute zwölf
-Witze zu machen, und sie mit einem Stimmaufwande
-zu Gehör brachten, der auch den Entferntsitzenden
-vom Genusse nicht ausschloß, bemerkte man auf den
-Gesichtern der Anwesenden, die nach jedem Bonmot
-sorgfältig studiert wurden, nicht die leiseste Spur
-von Beifall. Ja, es kam sogar vor, daß einzelne
-Gäste mit unverhohlenem Aerger ihr Bier austranken,
-das Seidel mit Betonung auf den Tisch
-setzten und nachdrücklichst aufbrachen. Daß aber ein
-dicker, freundlicher Herr mit einem Fritz-Reuter-Gesicht
-sie eines Tages mit einschmeichelnder Vertraulichkeit
-fragte, ob sie denn nicht lieber Marmel
-spielten, und damit ein schallendes Gelächter bei
-allen anderen Gästen entfesselte: das war entschieden
-mehr, als man sich bieten lassen konnte. Es kam zu<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span>
-einem sehr heftigen Auftritt, bei dem der schändlich
-undankbare Billardkellner sich erfrechte, die jungen
-Freunde unter Anwendung der unverschämtesten
-Redensarten, wie »grüne Jungen« usw., nach der
-Tür zu drängen, und in welchem unser Willy noch
-eben vor Verlassen des Lokals Gelegenheit fand,
-eine Fensterscheibe zu demolieren. Diese Heldentat
-brachte ihm die Bewunderung seiner Genossen und
-ein polizeiliches Strafmandat ein. Papa Helmerding
-bezahlte die ganze Lumperei mit Stolz und Rührung
-und einem Kassenschein aus der Westentasche.</p>
-
-<p>Charakterisierte jene Tat die herbe Männlichkeit
-des jungen Willy, so gaben seine frühen Beziehungen
-zum zarten Geschlechte die köstlichsten Proben von der
-Süße seines Wesens. Ob er Glück bei den Frauen
-hatte? »Eine nicht aufzuwerfende Frage!« Werden
-nicht fünfundneunzig Prozent unserer Mädchen
-dazu erzogen, daß sie Willy gefallen und Willy sie
-entzücke? Hat unsere Gesellschaft nicht für jeden
-süßen Willy eine süße Tilly? Stehen diese Damen
-nicht kunstbegeistert am Droschkenschlag, wenn der
-jugendliche Held und Liebhaber einsteigt, und werfen
-sie ihm nicht während des Monologs »Sein oder
-nicht sein« einen großen Blumenstrauß gegen den<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span>
-Bauch, wofern er hübsch ist? Mit einer Frühreife,
-die den Byronschen Don Juan mit giftigem Neide
-erfüllt hätte, empfand Willy schon im elften Jahre
-die leise Regung, daß man die Frauen nicht in den
-Rücken puffen, vielmehr ihnen zart entgegenkommen
-soll. Zunächst bemühte er sich, Mimi Petersen
-möglichst oft und zart entgegenzukommen und vor
-ihr mit den Manieren eines eben vollendeten
-Gentleman in absolut wagerechter Richtung den
-Hut zu ziehen. Mimis ebenfalls elfjähriges Herz
-war empfänglich für solche Freundlichkeiten und
-durch ihre Erziehung auf den gleichen Ton gestimmt
-wie das Herz unseres Helden. Ein goldener Frauen-
-und Jungfrauenspiegel leistete ihr und ihrer Mutter
-die wesentlichsten Dienste beim Erziehungsgeschäfte.
-Eine goldene Damenuhr von koketter Kleinheit
-unterrichtete Mimi über den langsamen Gang der
-Schulstunden, die sie in bescheidener Zurückgezogenheit
-auf dem letzten Klassenplatze verlebte. Ihre
-beringten Finger staken in den feinsten Seidenhandschuhen,
-und ein duftiger Spitzenparasol kreiste über
-dem modernsten Sommerhütchen. Sehr bald entdeckte
-Willy, daß es seinen Eindruck nicht verfehlen
-könne, wenn er ihr auf dem Heimwege von der<span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span>
-Schule die Büchermappe abnehme. Schon beim
-zweiten Male begleitete er diese Galanterie mit der
-Ueberreichung einer kostbaren Bonbonniere, die der
-Westentasche seines Vaters fünf Mark kostete. Solange
-sein Vater Geld hatte, hatte es Willy auch.
-Jene Präliminarien würden nun zweifellos zu
-einem abendlichen Stelldichein geführt haben, wenn
-nicht ein unfreundliches Schicksal trennend zwischen
-Willy und Mimi getreten wäre. Ein von Willy an
-Mimi gerichtetes Billetdoux, in dem Grammatik,
-Orthographie und Kalligraphie in schöner Vereinigung
-fehlten, geriet in die Hände des Ehepaares
-Petersen, und dieses inhibierte einen weiteren Verkehr,
-da es fest entschlossen war, seine Tochter in
-<em class="gesperrt">dieser</em> Beziehung streng sittlich zu erziehen. Aber
-schon drei Tage später gaben Buchdrucker Löhmanns
-von der »Gerechtigkeit« ein Kinderfest mit Frack,
-Lack und Claque und Trüffeln und Pommery und
-Chartreuse, und Willy tröstete sich durch eine neue
-<em class="antiqua">entente cordiale</em>. Natürlich machte er innerhalb
-der vorgeschriebenen Frist seine »Verdauungsvisite«
-&ndash; Kavalier verabsäumt dergleichen nie. Zu Hause
-hatte er freilich zu Frau Helmerdings tiefster Indignation
-erzählt, bei der Gesellschaft sei einer<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span>
-gewesen, der habe »den Fisch mit's Messer gegessen«,
-die guten Löhmanns lüden sich überhaupt Krethi
-und Plethi ein, das passe ihm nicht. Durch einen
-Ohrenzeugen ist uns aus Willys dreizehntem Lebensjahre
-ein von ihm und mehreren Busenfreunden
-geführtes Gespräch erhalten, das durch seine kindliche
-Einfalt und Schlichtheit einen unvergänglichen
-Reiz behauptet. Dieses Gespräch fand statt, als
-Willy eines Abends wie gewöhnlich in der Nähe
-seines Hauses, von einer stattlichen Korona mitfühlender
-Genossen umgeben, auf einem Gartenzaune
-saß, die zierlichen blauen Ringe einer Havanna
-in die Abendluft blies und die des Weges kommenden
-zehn- bis sechzehnjährigen Beautés Revue
-passieren ließ.</p>
-
-<p>»Du, Willy, da geht Lina Schütze, deine alte
-Liebe!«</p>
-
-<p>»Ach, die, &ndash; na &ndash; das <em class="gesperrt">war</em> einmal,« warf
-Willy hin, mit unaussprechlicher Nonchalance die
-Asche von seiner Regalia knipsend.</p>
-
-<p>»Sie ist übrigens gar nicht übel, du!«</p>
-
-<p>»Ach was, Schellfischaugen!« urteilte Willy, und
-lautes Gelächter folgte seiner Kritik. »Da solltet ihr
-mal Olga Reimers sehen! Acht Tänze hab' ich<span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span>
-neulich mit ihr getanzt. Donnerwetter, ich sag' euch,
-'n schneidiges Mädel!« Und seine Havanna glühte
-im Halbdunkel begeistert auf.</p>
-
-<p>»Die Lina Schütze ist aber auch nicht wenig
-grimmig auf dich!«</p>
-
-<p>»Pah &ndash; wat ick mir dafür koofe!« trällerte
-Willy. »Ist mir ja nichts dran gelegen, sonst &ndash;
-mit'n Stück Cremeschokolade krieg' ich sie 'rum.«</p>
-
-<p>»Na? Ich weiß nicht so recht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ach du, lehr' du mich die Weiber kennen, ja?
-Ich meine, wenn einer sie kennt, kenn' ich sie.«</p>
-
-<p>Willy blickte im Kreise umher &ndash; allgemeine
-Zustimmung.</p>
-
-<p>»Für 'ne Tafel Schokolade, sag' ich dir!
-Wetten?«</p>
-
-<p>»Ja, wetten!«</p>
-
-<p>»Um was?«</p>
-
-<p>»Um zwanzig Zigaretten &ndash; aber ›King‹!«</p>
-
-<p>»Abgemacht! Hau durch, Ehlers!«</p>
-
-<p>In diesem Augenblick rief einer der Herren:
-»Achtung!« &ndash; Alles machte Front und riß vor
-Klara Meißner, einer brünetten Dame von dreizehn
-Jahren, mit einstimmigem »Ah!« die Kopfbedeckung
-herunter. Klara fand diese Huldigung<span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span>
-so schmeichelhaft, daß sie sich umdrehte und noch
-einmal zurücklächelte, eine Liebenswürdigkeit, die
-die Versammelten mit den elegantesten Kußhändchen
-von der Welt beantworteten.</p>
-
-<p>»Junge, die kann aber Blicke schmeißen, was?
-Die hat was Dämonisches!«</p>
-
-<p>»Hm, geht an,« murmelte Willy mit Herablassung.
-»Wißt ihr, diese Brünetten haben gewöhnlich
-diesen gelben Teint&nbsp;…«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Leider erstreckte sich Willys wählerischer Geschmack
-in späteren Jahren nicht in demselben Maße
-auf die Reinheit der Seelen wie hier auf die Reinheit
-des Teints. Sein achtzehntes Lebensjahr ist in
-dieser Hinsicht besonders bedeutungsvoll. Eine Dame,
-deren allgemeine Beliebtheit sich leider auf die
-Herrenwelt beschränkte und die »ihrem süßen Willy«
-an Alter und Erfahrung weit überlegen war, vermochte
-ihn an einem schönen Tage dieses Jahres,
-mit ihr den Zug nach Berlin zu besteigen und seinen
-Vater mit Ungewißheit über den Verbleib von
-fünftausend Mark zu erfüllen. Nachdem Willy drei
-Tage lang die Vorzüge der Residenz genossen hatte,
-erschien in sämtlichen großen Zeitungen Deutschlands
-folgendes Inserat:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span></p>
-
-<div class="adv-small">
-<p class="center">
-Willy!</p>
-<p class="noind">
-Bitte, kehre zurück! Wir ängstigen uns
-furchtbar um dich! Alles ist dir verziehen!
-</p>
-</div>
-
-<p>Dieser Beweis elterlicher Zärtlichkeit rührte
-Willy so tief, daß er beschloß, sofort zurückzukehren,
-sobald seine Kasse erschöpft sei. Nach weiteren zwölf
-Tagen war dieses Ziel erreicht, und jetzt hielt es ihn
-nicht länger in der kalten Fremde. Er erbat sich per
-Telegramm von Papa Helmerding das Geld zur
-Rückreise und kehrte ohne die Wonne seines Herzens
-zurück, obschon er sich auf dem Höhepunkte der fünftausend
-Mark mit ihr verlobt hatte. Den Empfang
-wird sich jeder Leser, wofern er ein Verständnis für
-Familienfeste hat, selbst ausmalen können. Papa
-Helmerding würde seinem verlorenen und wiedergefundenen
-Sohne ein Kalb geschlachtet haben, und
-wenn es sein Leben gekostet hätte.</p>
-
-<p>Seit undenklichen Zeiten ist es als die größte
-und bewundernswürdigste Tat kindlicher Pietät gepriesen
-und in unsterblichen Romanen verherrlicht
-worden, daß ein Kind seinen Eltern zuliebe auf ein
-ganzes Liebes- und Lebensglück verzichtet. Mit
-staunenswerter Fassung und Selbstüberwindung
-entsagte Willy auf dringendes Bitten seiner Eltern<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span>
-seiner Verlobten sofort und für immer. Seine Geliebte,
-die von den Berliner Vergnügungen mindestens
-die Mittel zur Rückreise erübrigt hatte, zeigte
-bald, daß ihre Seelengröße nicht hinter der seinigen
-zurückblieb. Sie fand sich nach mehreren Monaten
-ein und war entsagungsvoll genug, ihr Glück für
-immer zu Grabe zu tragen und sich mit den Begräbniskosten
-zu begnügen. Sehr feinfühlig und taktvoll
-gab sie dabei zu erkennen, daß ein <em class="gesperrt">kleines</em>
-Opfer das lebhafte Gefühl der Helmerdings, ihr
-genug tun zu müssen, nicht <em class="gesperrt">auf die Dauer</em> befriedigen
-könne. Willy aber gab in einer großen
-und edlen Wallung seinem Vater das reuige Versprechen,
-in Zukunft in allen ähnlichen Affären
-vorsichtiger sein zu wollen, zumal der alte Helmerding
-seinem Sohne in einer Poloniusszene klargemacht
-hatte, daß man ganz dieselben Ziele mit
-weniger Kosten erreichen könne.</p>
-
-<p>Unter diesen und sehr ähnlichen Vorfällen kam
-allgemach die Zeit heran, da Willy seine unschätzbaren
-Dienste dem Vaterlande weihen sollte. Leider
-hatte das dazu in erster Linie nötige Requisit der
-Einjährig-Freiwilligen-Berechtigung noch nicht beschafft
-werden können. Selbst die »Presse« des<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span>
-Dr. Ritsching, eine Unterrichtsanstalt, die in einem
-halben Jahre eine ganze einjährige Intelligenz
-produzierte, hatte auf Willy nur einen unter der
-Schädeldecke fühlbaren dumpfen Druck ausgeübt,
-ohne daß der Verstand auf diesen Druck reagiert
-hätte. Trotzdem lagen die Verhältnisse für Willy
-nach Absolvierung des schriftlichen Examens nicht
-ungünstig; denn seine stilistischen und seine Uebersetzungsarbeiten
-hatten die Prüfungskommission in
-jene gehobene, humorvolle Stimmung versetzt, der
-die nachsichtige Milde so nahe liegt. Ja, gleich zu
-Beginn der mündlichen Prüfung, von der man auf
-inständige Verwendung des alten Helmerding nicht
-abgesehen hatte, betrachteten sich die Herren <em class="gesperrt">diesen</em>
-jungen Mann, wie es schien, mit einem ganz besonderen,
-heiteren Wohlwollen. Indessen traten im
-Verlaufe der Prüfung die körperlichen Vorzüge
-Willys so entschieden gegen seine geistigen in den
-Vordergrund, daß man ihm am Schlusse nach einstimmiger
-Entscheidung die Qualifikation für eine
-dreijährige Uebung nicht absprechen konnte.</p>
-
-<p>Zu alledem kam noch, daß der Hausarzt der
-Helmerdings (es war wieder der sarkastische Herr
-von damals) dem jungen Manne nach eingehendster<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span>
-Untersuchung seines Körpers erklärt hatte, er werde
-»unbedingt seine drei Jahre abreißen müssen«, ja,
-um jede gesundheitliche Befürchtung abzuschneiden,
-hatte er hinzugefügt, daß ihm dies gar nicht schaden
-könne. Plattfüße entdeckte er, wie wir ausdrücklich
-hervorheben müssen, an dem jungen Helmerding
-nicht, obwohl diese Eigentümlichkeit gewiß zu seiner
-Individualität nicht in Widerspruch gestanden hätte.
-Um so freudiger war die Ueberraschung, daß die Aushebungskommission,
-die ihn und seinen Vater allerdings
-besser kennen mußte, mit großer Einhelligkeit
-von der Plattfüßigkeit Willys durchdrungen war und
-ihn deshalb nur für einen leichten Ersatzreservedienst
-bestimmte. Und mit Jubel, mit inniger Glückseligkeit,
-mit erhabener Begeisterung und Freude beging man
-daheim, beging besonders die »von frommem Dank
-durchdrungene« Mutter das Fest der platten Füße.</p>
-
-<p>Unter solchen vielverheißenden Auspizien trat
-Willy endlich in jenes reife Jünglingsalter ein, das
-sein kühner Geist schon lange vorweggenommen
-hatte. Und daß er am Sonntage eine Minute vor
-Zwölf geboren worden war, sollte auch für die
-Folgezeit ein günstiges Omen sein. Willy kam
-immer zur rechten Zeit, immer, wenn der Sonntag<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span>
-auf seinem Höhepunkte stand. Daß er zur militärischen
-Uebung gar nicht einberufen wurde, weil er
-»überzählig« war, und sein späterer, partout »nationaler«,
-treu zu Kaiser und Reich trinkender Diner-Patriotismus
-ihm so auch nicht das geringste kostete,
-verdient kaum der Erwähnung. Aber auf dem Plan
-der Landeslotterie stand mit zollgroßen Lettern gedruckt:
-»Der größte Gewinn ist im glücklichsten Fall
-sechshunderttausend Mark!« und für wen konnte die
-Vorsehung diesen Fall vorgesehen haben, wenn nicht
-für Willy? Seit fünfunddreißig Jahren waren das
-Große Los und die Prämie nicht zusammengefallen;
-aber in der ersten Lotterie, an der sich Willy beteiligte
-und in der viele, viele Tausende von armen
-Schneidern, Schustern und Kesselflickern durchfielen,
-vereinigte sie ihre Nullen auf das Kind des Glücks
-und der Helmerdings. Und der Zentralbahnhof, der
-nach zwei Jahren in der Stadtverordnetensitzung
-beschlossen und bald darauf von der Regierung genehmigt
-wurde, erhöhte den Wert der Willy Helmerdingschen
-Häuser, weil sie ganz in der Nähe des
-zukünftigen Bahnhofs lagen, auf das Doppelte, ohne
-daß Willy etwas anderes hätte zu tun brauchen,
-als den Wert der Häuser mit zwei zu multiplizieren<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span>
-und sich dann über das Produkt zu freuen. An der
-Börse richtete sich Willy mit Vorliebe so ein, daß er
-bei Baisse kaufte und bei Hausse verkaufte. Was
-er aufgehoben hatte, das war Hausse, und was er
-hatte fallen lassen, das war Baisse.</p>
-
-<p>Doch befriedigte ihn der Gang der großen chemischen
-Fabrik nicht, an der er seit seinem sechsundzwanzigsten
-Jahre als einer der ersten Aktionäre beteiligt
-war. Das Unternehmen hielt sich &ndash; ja &ndash; aber
-nur so so, und an Dividenden war für lange Zeit
-nicht zu denken. Denn es bestand noch ein anderes,
-ebenso großes und viel älteres Unternehmen in der
-Stadt, und es mit diesem aufzunehmen, schien nachgerade
-unmöglich zu werden. Aber eines schönen
-Sonntags starb der alleinige Besitzer dieser anderen
-Fabrik, Herr Dr. Pfeiffer, an einem Herzschlage.
-Grund genug für Willy, in der nächsten Versammlung
-der Aktionäre eine Idee zu haben. Die andre
-Fabrik ankaufen! Sei der Verstorbene ein vorzüglicher
-Geschäftsmann gewesen, so verstehe seine
-kinderlose Witwe von geschäftlichen Dingen leider
-oder gottlob so gut wie nichts. Nur habgierig sei
-sie, und kosten werde das etwas; aber der Erfolg
-sei in seiner Großartigkeit gar nicht abzuschätzen.<span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span>
-Und in der Tat, die Witwe forderte nicht wenig.
-Zwei Millionen, und keinen Pfennig weniger. Das
-war hart; aber Willy war härter und drang bei
-seinen Konsorten durch.</p>
-
-<p>Schon seit längerer Zeit bemerkten die Helmerdings
-eine auffallende Veränderung an ihrem Kinde.
-Willys Wangen schienen einzufallen; seine Augen
-waren oft starr auf einen Punkt gerichtet; eine
-düstere Melancholie umschattete sein Antlitz; dann
-wieder schien eine plötzliche Verklärung seine Züge
-zu umglänzen. Sein Gang war ungleichmäßig,
-bald schleppend und müde, bald hastig und aufgeregt.
-Er floh der Brüder wilden Reih'n und irrte
-allein, während er sonst in Gesellschaft geirrt hatte.
-Selten kam ein Wort über seine Lippen; nur wenn
-die besorgte Mutter ihm die Wangen streichelte und
-warnend sprach: »Du arbeits zu viel, mein Willy,«
-antwortete er ihr mit einem kindlichen »Ach was!«.
-Essen und Trinken genoß er nicht mehr mit jener
-inbrünstigen Konzentration auf Gabel und Glas,
-wie man sie an ihm gewohnt war; er betrieb das
-wie ein gleichgültiges Geschäft, <em class="gesperrt">wenn</em> er es überhaupt
-als ein Geschäft betrachtete.</p>
-
-<p>Eines Tages aber ging die Sonne Willys wieder<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span>
-strahlend auf im Hause Helmerding. Wer an diesem
-Tage vier Uhr zwanzig Minuten nachmittags zu
-den Helmerdings ins Zimmer getreten wäre, würde
-gesehen und gehört haben, wie der Papa und die
-Mama ihren Sohn abwechselnd umklammerten und
-unter Schnaufen und Weinen (dieses kam auf
-Rechnung der ewig weiblichen Frau Helmerding)
-ihrem Sohne zuriefen:</p>
-
-<p>»Viel Glück, mein Willy! Viel Glück, mein
-Willy! &ndash; Du bist 'n gutes Kind, jaa, un has
-deinen Eltern immer Freude gemacht; jaa, un viel
-Glück auch, mein Willy!«</p>
-
-<p>Willy hatte nämlich seinen Eltern soeben die
-Mitteilung gemacht, daß er sich mit einer Doppelmillion
-verlobt habe und die Witwe des Dr. Pfeiffer
-als Mitgift erhalte, die, wie er am folgenden Abend
-einer superben Balletteuse vom Stadttheater beim
-Champagner erzählte, »hoch in den Neununddreißigern«
-war und noch Spuren früherer Häßlichkeit zeigte.</p>
-
-<p>Erst jetzt erkannten die Aktionäre <em class="gesperrt">einstimmig</em>
-die Rentabilität des Ankaufs.</p>
-
-<p>Die alten Helmerdings konnten sich über diesen
-genialen Streich ihres Kindes gar nicht beruhigen,
-und als sie in der Nacht, die diesem Tage folgte,<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span>
-erst gegen Morgen entschlummerten, sahen beide im
-Traum die gleiche Verlobungsanzeige:</p>
-
-<p class="center">
-»Zwei Millionen<br />
-Willy Helmerding<br />
-Verlobte.«</p>
-
-<p>Aber im Traumbilde der Mutter umschlang ein
-lieblich grünender Myrtenkranz das Ganze.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>»Meine Herr'n &ndash; entschuldigen Sie &ndash; meine
-Damen und Herr'n, wollte ich sagen,« begann auf
-dem Verlobungsdiner der Stadtrat Kneesen, »also:
-meine Damen und Herr'n, erlauben Sie mir, mm,
-zu dieser feierlichen Gelegenheit einige schlichte
-Worte, wie sie aus'm einfachen Freundesherzen
-kommen, mm, was ich nu bereits viele Jahre bin,
-mm, an Ihnen zu richten, mir erlauben werde.
-Mein alter Freund Helmerding, mit dem ich manchen
-Sturm erlebt habe, das is'n Mann, ich meine:
-'n bessern Kerl &ndash; ich bin immer 'n bischen grade
-weg, meine Herrschaften &ndash; kann man gar nich, un
-wenn man noch so lange mit der Laterne sucht, mm,
-kann gar nicht gefunden werden. Er is allgemein
-geachtet un geliebt un hat was für die Stadt getan
-un hat 'n Herz für die Armen &ndash; ja, ja, das has du,<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span>
-Helmerding, das laß ich mir nich nehmen! Un was
-die alte Mama Helmerding is, die hab' ich auch
-immer lieb gehabt &ndash; ja, das heißt alles in Ehr'n,
-meine Herrschaften, alles in Ehr'n &ndash; hähähähähähä
-&ndash; &ndash; Na, was wollt' ich noch sagen, also: ich will
-mich kurz fassen, meine Herrschaften. Unser verehrtes
-Brautpaar hat uns die Freude gemacht, die
-<em class="gesperrt">große</em> Freude gemacht &ndash; mm &ndash; sich in den
-heiligen Stand der Ehe begeben zu wollen. Un
-wenn ich mir da nu zuers den Bräutigam betrachte,
-da muß ich sagen: er macht seinen Eltern Ehre &ndash;
-un Freude &ndash; un &ndash; ja, das tut er, un kann ich nur
-hinzufügen, was ich so halb offisiell weiß, daß er
-wohl nächstens Stadtverorn'ter werden wird, na,
-ich meine, meine Stimme hat er, un er kriegt noch
-viele dazu, das soll'n Sie mal sehen. Denn solche
-Männer, ich meine, die brauchen wir, die durch
-Fleiß un Intelligenz un was sonst noch &ndash; sich
-emporgewickelt &ndash; äh &ndash; wollt' ich sagen: entwickelt
-haben, <em class="gesperrt">gehören an die Spitze</em>!! Un wenn
-ich nu zu der lieben Braut übergehe &ndash; djä &ndash; was
-soll ich da anders sagen, als &ndash; er hat sich 'ne Frau
-ausgesucht &ndash; die zu ihm paßt! Praktisch is sie &ndash;
-un &ndash; un &ndash; wir haben sie alle gern, un hat uns<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span>
-alle sehr leid getan, das müssen wir aufrichtig sagen,
-als sie ihren Herrn Gemahl so schmerzlich verloren
-hat. Aber &ndash; ich meine &ndash; unser Willy, der wird
-sie schon trösten, hähähähä, un bitte ich Sie, mit mir
-anzustoßen: Unser Brautpaar soll leben hoch &ndash; un
-noch 'n mal: hoch! &ndash; un zum dritten Mal: hoch!«</p>
-
-<p>»Komm, mein süßen Willy, du has noch gar
-nich mit mir angestoßen!« rief die entzückte Frau
-Helmerding.</p>
-
-<p>Da trafen sich die feingeschliffenen Gläser in
-einem vollen Klange, und im Auge der Mutter
-schimmerte eine Träne.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span></p>
-
-<h2 id="Ernsthafte_Predigt_vom_Kommersieren">Ernsthafte Predigt vom Kommersieren</h2>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span></p>
-
-<div class="chapintro">
-<p>
-Motto:
-</p>
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Solche Brüder müssen wir haben,<br /></span>
-<span class="i0">Die versaufen, was sie haben.<br /></span>
-</div></div>
-</div>
-
-<p class="center">Liebe Brüder!</p>
-
-<p class="drop">Es sind einige unter euch in Briefen wider mich
-aufgestanden mit beweglichen Klagen, daß ich in
-meiner tiefgründigen Abhandlung »Vom Essen und
-Trinken« das Essen bevorzugt und das Trinken vernachlässigt
-hätte. Das Essen nähme einen viel zu
-breiten Raum ein im Vergleich zum Trinken usw.
-usw. Noch täglich laufen neue Briefe ein; wohl
-selten hat eine Frage unser Volk so in seinen Tiefen
-aufgewühlt wie diese.</p>
-
-<p>Leider haben es sich dabei einige der Briefschreiber
-nicht versagen zu müssen geglaubt, über das
-Essen im allgemeinen verächtlich zu urteilen und
-dem Trinken unvergleichlich edlere Eigenschaften
-zuzusprechen. Ich habe beim Lesen solcher Briefe
-im stillen auf ein Stadium geschlossen, in dem der
-Appetit auf feste Substanzen bereits für immer
-geschwunden zu sein pflegt; aber ich behalte das für<span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span>
-mich. Die Sache ist zu ernst, um nicht alles persönlich
-Verletzende von ihr fernzuhalten.</p>
-
-<p>Aber beklagenswert bleibt es, daß man dergleichen
-unduldsame Meinungen nicht zurückgehalten
-hat. Schlaraffenland ist ein paritätischer Staat und
-soll es, so denke ich, bleiben. Man soll es sich dreimal
-überlegen, ehe man an seiner Verfassung rüttelt.
-In einem gesunden Staatskörper wird die feste
-Nahrung immer die geeignetste Grundlage bilden
-für alle trunkhaften Bestrebungen.</p>
-
-<p>Es ist richtig, daß Pharao den Mundschenk begnadigte
-und den Bäcker hängen ließ. Aber es ist
-voreilig, daraus nun Schlüsse für das Trinken und
-gegen das Essen zu ziehen. Hier handelte es sich eben
-um einen Bäcker, also um Brot und Kuchen, und
-daß diese viel zu viel Mehl enthalten, hat noch kein
-anständiger Mensch bestritten. Aber die Aufknüpfung
-des Bäckers beweist nicht das geringste gegen Roastbeef,
-Rehrücken, Ente, Hummer, Kaviar usw. usw.</p>
-
-<p>Liebe Brüder, man soll das eine tun und das
-andere nicht lassen. Zwischen Rehrücken und Rotspon
-sitzen: das nenn' ich goldene Mitte. Ich hoffe
-euch davon zu überzeugen, daß mir die Reize der
-besseren Feuchtigkeit nicht fremd sind.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span></p>
-
-<p>Was den gegen mich erhobenen Vorwurf betrifft,
-so muß ich doch zunächst bemerken, daß ich die
-Freuden des stillen Suffs sehr objektiv gewürdigt
-und mich der dampfenden Bowle <em class="antiqua">en petit comité</em>
-wie immer wärmstens angenommen habe. Aber ich
-gebe zu, daß ich den eigentlichen, geregelten Kultus
-der Getränke mit seinem tiefsinnigen und ehrwürdigen
-Ritual, daß ich das planvolle, bis zur
-Bewußtlosigkeit zielbewußte Massentrinken, den
-Kommers, leider übergangen habe. Wer beides,
-Essen und Trinken, in <em class="gesperrt">einer</em> Abhandlung bewältigen
-will, wird immer eines von beiden vernachlässigen
-müssen. Dazu ist der Stoff zu weitschichtig, seine
-Anordnung zu schwierig, die Konzeption zu kühn.</p>
-
-<p>Wenn ich übrigens den Kommers soeben als ein
-Massentrinken bezeichnet habe, so ist das ganz subjektiv
-gemeint, d. h. ich betrachte die Masse als
-Subjekt des Komments. Versteht man unter der
-Masse das Objekt, so wird im Verlaufe des Kommerses
-das Objekt zum Subjekt und das Subjekt
-zum Objekt, wie dann überhaupt so viele Dinge,
-z. B. die Viehbub und der Saumagd und der Viehmagd
-und die Saubub, miteinander vertauscht zu
-werden pflegen. Ich weiß nicht, ob das klar ist.<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span>
-Wem es nicht klar ist, der betrachte es als den philosophischen
-Teil meiner Ausführungen.</p>
-
-<p>In die gemeine Bierdeutlichkeit übersetzt, soll das
-aber heißen, daß der Mensch sich nicht um jeden
-Preis besaufen soll. Ich bitte wohl zu bemerken:
-ich sage <em class="gesperrt">nicht</em>, daß er sich nicht besaufen soll; ich
-möchte hier um alles nicht mißverstanden werden;
-er soll es nur nicht <em class="gesperrt">um jeden Preis</em> tun! (Ich
-denke bei »Preis« nicht an Geld; denn erstens ist
-das Qualitative immer selbstverständlich, und
-zweitens würde ich dann »<em class="gesperrt">für</em> jeden Preis« sagen.)
-Aus den Burschen, die mit der Vertilgung von
-zwanzig Seideln protzen und in jedem, der es nur
-auf neunzehn gebracht hat, einen fluchwürdigen
-Jämmerling sehen, werden nachher nur allzu oft
-jene Bürschchen, die aus dem Ueberschwang der
-Jugend nichts gerettet haben als Tugend und einen
-Magenkatarrh. Der Mensch soll trinken, weil es
-ihm <em class="gesperrt">schmeckt</em>, darum führt er den Ehrennamen
-»der schmeckende Mensch«, <em class="antiqua">homo sapiens</em>. Wem es
-aber so gut schmeckt, daß er mit der unschuldsvollen,
-ahnungslosen Seligkeit des Säuglings die Grenze
-der Mäßigkeit überschreitet, für den werde ich
-immer ein sehr mildes Urteil bereit haben. Ueberhaupt<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span>
-diese Grenze der Mäßigkeit &ndash; ich weiß nicht
-&ndash; es ist etwas so Merkwürdiges um diese Grenze.
-Wenn man noch weit von ihr entfernt ist, sieht man
-sie sehr scharf; hat man sie aber erreicht, so sieht
-man sie nicht mehr. Es ist eine heimtückische, infame,
-eine ganz famose Grenze!</p>
-
-<p>Ein Institut wie der Kommers mußte im Laufe
-der Zeiten seine Feinde finden, das ist klar. Dazu
-ist die Sache zu gut. Soweit sich diese Feindschaft
-gegen rohe Trinksitten richtet, ist sie mir recht. Es
-alteriert mich, wenn ein Kneipant keinen Bierjungen
-trinken kann, ohne daß es ihm zu beiden Seiten
-wieder zum Maul herausläuft; denn erstens ist
-»Bluten« nach dem Komment strafbar, also unsittlich,
-zweitens ist es für ein Herz, das die Gaben
-der Natur mit dankbarer Liebe verehrt, eine betrübende
-Stoffvergeudung, und drittens sieht es
-scheußlich aus. Wer einen mäßigen Bierjungen
-noch nicht mit lässiger Eleganz bewältigen kann, der
-soll zu Hause, wo ihn niemand sieht, täglich einige
-Stunden daran wenden und es üben. Die kleine
-Mühe lohnt sich immer.</p>
-
-<p>Anders steht es mit einer anderen Art von
-Feindschaft. Um von ihr sprechen zu können, muß<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span>
-ich meinen Lesern leider eine gewisse Sorte von
-Menschen ins Gedächtnis zurückrufen. Ich habe
-einen Freund &ndash; d. h. er versteift sich merkwürdigerweise
-darauf, daß ich ihn so nenne &ndash;, wenn ich zu
-dem sage: »Kerl! Mordbube, du hast ja die ›Maine‹
-in die Luft gesprengt!«, so verneint er mit tiefem
-Erstaunen und beginnt, mir ausführlich sein Alibi
-nachzuweisen. Wenn es draußen gleichzeitig stürmt,
-hagelt, regnet und schneit, so daß sämtliche Regenschirme
-sich mit emporgeworfenen Armen gegen ihre
-Bestimmung sträuben und die Luft von aufgewehten
-Damenhüten erfüllt ist, und ich dann zu ihm sage:
-»Prachtvolles Wetter, was?«, so erklärt er mit erfrischender
-Energie, daß er das Wetter durchaus
-nicht schön finde, im Gegenteil: schlecht. Der Mann
-ist nicht etwa in gewöhnlichem Sinne dumm; er hat
-vieles gelernt und ist in seinem Berufe tüchtig; seine
-Dummheit ist eben eine ganz außergewöhnliche.
-Soweit ich ihn bis jetzt vorgeführt habe, ist er ja
-auch, in ganz kleinen Dosen genommen, ganz
-amüsant. Aber wenn man im »Sommernachtstraum«
-neben ihm sitzt und die Handwerker mit
-dem kindlich-souveränen, großäugigen Shakespearehumor
-ihr Schauspiel aufführen, so stößt er mit<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span>
-dumpfem Ingrimm das Wort »Blech!« von sich.
-Wenn man ihm ein Grimmsches Märchen vorliest
-und er hört von der Madame Pabst, die eine goldene
-Krone aufhatte, »die war drei Ellen hoch«, so stöhnt
-er aus gekränktem Herzen das Wort »Unsinn«, und
-wenn ich mich mit einem anderen Freunde, einem
-<em class="gesperrt">ganz</em> anderen, an einem köstlichen Büchlein ergötze,
-das lauter Verse <em class="antiqua">à la</em> Friederike Kempner enthält
-und die Erhabenheit des Blödsinns mit tausend
-Zungen predigt, wenn wir tränenden Blickes schwelgen
-im deliziösesten Nonsens, so vermag er »einfach
-nicht zu begreifen«, wie man am Lesen solcher
-schlechten Gedichte Gefallen finden könne. Die schöne
-Zeit solle man lieber darauf verwenden, Goethe und
-andere, <em class="gesperrt">wirkliche</em> Dichter zu lesen usw. usw.</p>
-
-<p>Ich denke, daß meine Leser sich jetzt den Typus
-vorstellen können, den mein »Freund« repräsentiert.
-Stellen wir ihn wieder weg.</p>
-
-<p>Wenn Deutschland eine vollständige Autokratie
-und ich der Autokrat wäre: <em class="gesperrt">diese</em> Leute würde ich
-auf Staatskosten vergiften lassen. Denn die Monomanie
-der Vernünftigkeit, diese traurigste Untergattung
-der Halbidiotie, ist mehr, als ein normaler
-Mensch vertragen kann und sich gefallen zu lassen<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span>
-braucht. Man schimpft so oft auf die Raubmörder,
-und ich gebe zu: mit einem gewissen Recht. Aber
-ein Raubmörder tut doch wenigstens mal etwas
-Unvernünftiges und trägt auf diese Weise sein
-redliches Teil zur Bewegung bei, die die <em class="gesperrt">höchste</em>
-Vernunft ist und ohne die die Welt nicht bestehen
-könnte. Die »düsteren Bestien« der unentwegten
-Vernünftigkeit würden die Erdachse senkrecht zur
-Ekliptik stellen, um den rechten Winkel herauszukriegen
-und der ewigen Zappelei mit den Jahreszeiten
-ein Ende zu machen. Gottfried August
-Bürger, den ich so sehr liebe, ich weihe dir ein großes,
-stilles Glas, weil du aus warmblutendem Herzen
-aufschriest gegen die »kalten Vernünftler«.</p>
-
-<p>Diese ungesalzenen Heringsseelen, diese frostigen
-Zeloten der blöden Ernsthaftigkeit, diese wirklichen
-Nüchterlinge der korrekten Richtigkeit und richtigen
-Korrektlinge der nüchternen Wirklichkeit sehen im
-Kommersieren und im Kneipstaat ein schädliches und
-albernes Institut; die kindliche Freude der Kneipanten
-ist ihnen kindisch und läppisch, und sie finden
-abgeschmackt die weisheitsvollen Gesetze des Kneipkomments,
-die, »was in schwankender Erscheinung
-lebt, befestigen mit dauernden Gedanken«. O meine<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span>
-Brüder! Nicht um diese seriösen Linealschlucker zu
-überzeugen, was nimmer ein Sterblicher je vermöchte,
-nein, um uns selbst zu stärken im Glauben
-an den alleinseligmachenden Komment und in allen
-guten Werken der Saufbrüderlichkeit, wollen wir
-betrachtend immer tiefer uns versenken »in den
-Reichtum, in die Pracht« der edlen Trinkerweisheit!</p>
-
-<p>Welche Fülle realpolitischen Verstandes liegt
-schon in der Konstitution dieses Bierstaates!</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Wer am besten saufen kann, ist König,<br /></span>
-<span class="i0">Bischof, wer die meisten Mädchen küßt.<br /></span>
-<span class="i0">Wer da kneipt recht brav,<br /></span>
-<span class="i0">Heißt bei uns »Herr Graf«,<br /></span>
-<span class="i0">Wer da randaliert, wird Polizist.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Es ist gleichsam etwas Serbisch-Montenegrinisches
-in dieser Verfassung und Gesellschaftsordnung!
-Und wie klug ist die Strenge jener Gesetze über Biergericht
-und Bierskandal, Vor- und Nachtrinken und
-<em class="antiqua">ex pleno</em>-Bieten usw. usw.; mit welcher Sicherheit
-und Schwere trifft sie den gefährlichsten Feind des
-Bierstaates, den unheimlichen »Knacker« und
-»Glasbeißer«, der sich der allgemeinen Trinkpflicht
-tückisch entziehen möchte! Den modernen Rechtsstaat
-erkennt man bekanntlich daran, daß in seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span>
-Bezirken möglichst viel und kräftig verdonnert wird.
-So auch den Bierstaat. Ein eifriger Bursch oder gar
-Präside oder Bierrichter wird immer Gelegenheit
-finden, einen Kneipanten mit strengster Gerechtigkeit
-und Unparteilichkeit zu verknurren, und wenn der
-Verknurrte das kostspielige Rechtsmittel der Berufung
-ergreift, so ist das im Interesse der Hebung
-des Konsums natürlich nur mit wilder Freude zu
-begrüßen. Wer den Strapazen dieses Rechtsstaates
-nicht gewachsen ist, der muß sich eben rechtzeitig
-weinend aus diesem Bund stehlen. Nur er, den das
-allgemeine Vertrauen zum Lenker des Staatsschiffs
-berufen hat und den das Gefühl von der Erhabenheit
-seines Herrscherberufs und von der Infallibilität
-seiner Entscheidungen erheben darf, er, der Präside,
-muß als der widerstandsfähigste Schiffer auf seinem
-Posten ausharren können, muß trotz Nacht und
-Nebel, trotz Aus- und Abstoßen und trotz allem
-Schwanken des Fahrzeugs und aller Seekrankheit
-sein Schiff zu den sonnigen Gestaden der Fidulitas
-lenken, muß auch das sinkende Schiff als letzter verlassen,
-und bliebe ihm schließlich nichts zum Umklammern
-als eine frischgeteerte Planke. Daß ein
-solcher Mann mit weitgehender Macht und Autorität<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span>
-ausgestattet sein muß, ist klar. Mit einer über
-alle subversiven, zentrifugalen und anulkenden
-Tendenzen erhabenen Schneidigkeit muß er die
-Zügel straff halten können und in ernsten Augenblicken
-den Mut zum skrupellosen Blödsinn besitzen.
-Er muß Tempo und Rhythmus des Festes angeben,
-wie er Tempo und Rhythmus der Gesänge (eine eminent
-wichtige Sache!) bei aller Nachsicht gegen Melodie
-und Tonart mit wachsamer Strenge bestimmt.</p>
-
-<p>Der Gesang! Er ist die Blüte des Kommerses und
-offenbart also seine höchsten Schönheiten. Ich müßte
-ja ein Werk schreiben von der Dicke des »Großen
-Meyer«, wollte ich das Thema »Die Studentenseele im
-Lied« auch nur achtelwegs erschöpfen. Welch ein
-sanguinischer Optimismus in dem herrlichen Refrain:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»O Rothschild, Rothschild,<br /></span>
-<span class="i0">Rothschild, schick' Geld, schick' Geld!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Es fällt Rothschild ja gar nicht ein, Geld zu
-schicken; aber das macht diese gläubige Bitte ja noch
-rührender. Welch hinreißende Beweisführung in
-den Versen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Bums vallera, die Welt, die Welt ist wunderschön,<br /></span>
-<span class="i0">Bums vallera, die Welt ist wunderschön!«<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span></p>
-<p>In sechs Worten ist hier eigentlich alles gesagt;
-das »Bums vallera« ersetzt den ganzen Leibniz. Gegen
-Bumsvallera gibt es keine Instanz. Nur aus
-einer solchen Weltanschauung kann jene großgeistige
-Ueberlegenheit erwachsen, die nirgends erhabener
-zum Ausdruck gekommen ist als in den Worten:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Was man draußen von uns meint,<br /></span>
-<span class="i0">Kann uns Schlacke sein,<br /></span>
-<span class="i0">Ist uns auch ganz schnurz!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Aber weit gefehlt wär' es, zu glauben, daß dem
-Studentenherzen die pietätvollen Gefühle fremd
-wären! Man beachte in dem allbekannten »Fuchsenliede«,
-mit welch zärtlichem Interesse sich der ganze
-Chor nach des Fuchsen Papa und Mama, nach der
-Mamsell Soeur und sogar nach dem Herrn Rektor
-erkundigt, man beachte, mit welch teilnehmender
-Sorge sich die ganze Korona mitten im Taumel der
-Jugendlust erkundigt, ob denn der alte Hauschildt
-noch lebe, und mit welcher innigen Genugtuung sie
-die frohe Nachricht, daß der alte Hauschildt immer
-noch lebe, ins Ungemessene wiederholt. Ueberhaupt
-nimmt sich der Student mit der schönen Weitherzigkeit
-der Jugend der alten Leute an, besonders da, wo
-man diesen das Recht zum Trinken verkürzen will.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Olle Winkelmann, olle Winkelmann,<br /></span>
-<span class="i0">Was süppst du denn so sehre?«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Und nun die Entgegnung des alten würdigen Mannes:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Wat geiht di denn min Supen an,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn ick et man betahlen kann!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Das erinnert an die wuchtigen Schlagverse einer antiken
-Tragödie. Und hat er denn nicht recht, der alte
-Mann? Und <em class="gesperrt">wie</em> recht hätte er erst, wenn er's nicht
-bezahlen könnte! Die Frage, ob mit diesem berühmten
-Dialog eine Ehrung des alten Kunsthistorikers
-Winckelmann beabsichtigt sei, ist für den dichterischen
-Wert ganz belanglos. Die Verse gelten eben für jeden
-Winckelmann, wenn er auch <em class="gesperrt">ganz anders</em> heißt.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Ein altes Weib auf der Turmspitze saß<br /></span>
-<span class="i0">Und sauren Kohl mit Käse aß«&nbsp;&ndash;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">ja &ndash; wer, frage ich, würde sich mal um die alte
-Frau kümmern, wenn es nicht der kommersierende
-Student täte?! Und wie ungerecht ist die Beschuldigung,
-daß er über dem Kneipen die Studien vernachlässige!
-In den allbekannten Versen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Der Herr Professor<br /></span>
-<span class="i0">Liest heut' kein Kollegium,<br /></span>
-<span class="i0">Drum ist es besser,<br /></span>
-<span class="i0">Wir trinken eins rum«<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span></p>
-<p class="noind">ist es doch für jeden Wohlmeinenden offen ausgesprochen,
-daß <em class="gesperrt">nur</em> deshalb getrunken wird, weil
-der Herr Professor nicht liest, und wenn hämische
-Gesellen behaupten, der Herr Professor lese eben
-deshalb nicht, weil alle Studenten trinken gegangen
-wären, so ist das für den Effekt ja ganz gleichgültig.
-Jedenfalls zeigt das gediegene Lied:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Gennn&ndash;eral Laudon, Laudon rückt an, an, an,<br /></span>
-<span class="i0">Gennn&ndash;eral Laudon, Laudon rückt an.<br /></span>
-<span class="i0">Laudon rückt an, an, an,<br /></span>
-<span class="i0">Laudon rückt an, an, an,<br /></span>
-<span class="i0">Gennn&ndash;eral Laudon, Laudon rückt an«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">auf das deutlichste, daß die Studenten sogar bei der
-Kneipe unermüdlich Geschichte repetieren, und wer
-aus eigener Bemühung weiß, welch unausgesetztes
-Studium es erfordert, den »Abt von Philippsbronn«
-mit »Pst« und Pfiff und Schnalz- und Schnarchgetön
-(im richtigen Tempo bitte!) zu singen, und wer beobachtet
-hat, bis zu welcher idealen Vollkommenheit
-es darin selbst schwächer begabte Talente bringen,
-der kann den Studiertrieb der kommersierenden
-Jugend nicht anders achten als hoch. Ist doch auch
-die höchste Blüte des Erkennens, die rechte Selbsterkenntnis,<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span>
-durch Worte von ewiger Geltung zum
-Ausdruck gekommen, z. B. in den Worten des biederen
-Mannes, der als Grobschmied und Vater inspizierenderweise
-nach Halle kommt und seinem
-flotten Sohn auf dessen Fragen: »Was macht die
-liebe Frau Mama, was machen die zarten
-Schwesterlein?« so schlicht als wahr erwidert:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Se sünd noch all recht fett und rund;<br /></span>
-<span class="i0">Se seggen, du bist en Swinehund.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Wer nur sehen <em class="gesperrt">will</em>, der sieht also klar genug,
-daß der Studio sich nicht schont, vielmehr die härtesten
-Selbstanklagen mit Mut und Ausdauer verträgt.
-Wer auch erhebt machtvoller die Stimme
-der Menschlichkeit, als er es tut in den tief gemütvollen
-Worten:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Reißt dem Kater den Schwanz aus,<br /></span>
-<span class="i0"><em class="gesperrt">Reißt ihn aber nicht ganz aus!</em><br /></span>
-<span class="i12">(Bravo!)<br /></span>
-<span class="i0">Laßt 'n kleinen Stummel dran,<br /></span>
-<span class="i0">Daß er wieder wachsen kann!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Und wer macht sich zum dröhnenden Sprachrohr des
-verfolgten <em class="antiqua">lepus parvulus</em> und trägt seine rührende
-Klage an das Ohr der Mitwelt?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0"><em class="antiqua">»Longas aures habeo,</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Brevem caudam teneo.</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Quid feci hominibus,</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Quod me sequuntur canibus?</em><br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0"><em class="antiqua">Caro mea dulcis est.</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Pellis mea mollis est.</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Quid feci hominibus,</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Quod me sequuntur canibus?</em><br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0"><em class="antiqua">Quando reges comedunt me,</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Vinum bibunt super me.</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Quid feci hominibus,</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Quod me sequuntur canibus?«</em><br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Mein Freund, der Vernünftige, hat mich darauf
-aufmerksam gemacht, daß die Menschen den Hasen
-ja <em class="gesperrt">eben deswegen</em> verfolgten, <em class="gesperrt">weil</em> sein Fleisch
-so süß und sein Fell so weich sei. O meine Brüder,
-soll ich ihm 'mal eine 'runterhauen? Aber nein!
-Seien wir duldsam gegen die Armen, denen nicht
-geworden ist, das Farbenspiel des Lebens zu kosten,
-und steigen wir als glückselige Wissende empor zu
-immer höheren Höhen des Tiefsinns. <em class="antiqua">Sursum corda!</em></p>
-
-<p>Da gelangen wir denn zu den orphischen Worten
-vom Bock, der nicht milchen will.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Mich wundert nichts, als daß, als daß<br /></span>
-<span class="i0">Der Bock nicht milchen will,<br /></span>
-<span class="i0">Und frißt doch allzeit Gras<br /></span>
-<span class="i0">Und frißt doch allzeit Gras.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Millionen von Menschen, ganze Geschlechter von
-Erdbewohnern sind achtlos an diesem Phänomen
-vorübergegangen, oder wenn sie es auch beobachtet
-haben, so fanden sie doch nicht den Mut, nach der
-Ursache zu fragen. Erst der trinkende Student fand
-diesen Mut. Gewiß: beantworten konnte auch er
-diese Frage nicht, das mußte er den Professoren
-überlassen, die die merkwürdige Erscheinung längst
-auf die Männlichkeit des Bockes zurückgeführt haben;
-aber schon der Mut, eine solche Frage zu stellen, ist
-bewunderungswürdig.</p>
-
-<p>Die Behauptung:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Häßlichkeit entstellet immer,<br /></span>
-<span class="i0">Selbst das schönste Frauenzimmer«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">erfordert schon weit weniger Mut. (Denn wenn
-ein schönes Frauenzimmer durch Häßlichkeit entstellt
-wird, was nützt ihm dann seine ganze Schönheit?!
-Ja: kann man in einem solchen Falle <em class="gesperrt">überhaupt</em>
-noch von einem »schönen Frauenzimmer« sprechen?
-Mein ernsthafter Freund verneint es rundweg.)</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span></p>
-
-<p>Von kühnstem, bis in die Polarregionen vordringendem
-Forschergeiste zeugen die sehr belehrsamen
-und bildungsvollen Verse vom Eskimo.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Der Eskimo &ndash; lebt manchmal wo,<br /></span>
-<span class="i0">Doch manchmal, da lebt er wo anders.<br /></span>
-<span class="i0">Er trinkt den Tran &ndash; wie Bier der Mann<br /></span>
-<span class="i0">Und reibet damit Salamanders.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Aber das alles, so tief es ist, ist noch seicht und
-trivial im Vergleich zu dem Liede vom Frack.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»O wie bimmel, bammel, bummelt<br /></span>
-<span class="i0">O wie bimmel, bammel, bummelt<br /></span>
-<span class="i0">O wie bummelt mir mein Frack!<br /></span>
-<span class="i0">Ich hab noch nie einen Frack gehabt,<br /></span>
-<span class="i0">Der mir so sehr gebimmelbammelt hat.<br /></span>
-<span class="i0">O wie bimmel, bammel, bummelt<br /></span>
-<span class="i0">O wie bummelt mir mein Frack!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Dies, ich wage das schämige Geständnis, ist mir
-das Höchste in der Dichtkunst. Hier ist nur Empfindung,
-Beobachtung und Bericht von Tatsachen; alle
-Reflexion ist vermieden. Der Dichter verzichtet auf
-jegliches intellektuelle Moment, er ist ein Volldichter.
-Dieses Werk konnte geschaffen und dann genossen
-werden bei gänzlich exstirpiertem Gehirn, ausschließlich<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span>
-mit Hilfe des <em class="antiqua">Plexus solaris</em>, jenes famosen
-Gangliengeflechts in der Magengegend. Ueber den
-Vortrag sei folgendes bemerkt: die Hände ruhen bis
-zu den Ellbogen in den Hosentaschen, die Zigarre
-hängt genau senkrecht im linken Mundwinkel, der
-Blick tastet mit elegischer Zärtlichkeit am Frack hinunter
-und sucht vergeblich den vorderen Teil der
-Schöße. Tempo: das hartnäckigste Largo, nach
-Mälzel = 1. Aber&nbsp;&ndash;:</p>
-
-<p>Jetzt kommt ein wichtiges Aber. Auch in diesem
-höchsten Moment soll der Kneipant noch so viel Herrschaft
-über sich besitzen, daß er mit ernster Hingabe
-singt und sich im stillen über seinen Ernst unbändig
-amüsiert. Der größte Blödsinn wird ernst genommen:
-eben das macht den Kommers zu einem Bild
-des menschlichen Lebens. Und wen solch ein Ernst
-von Herzen heiter stimmt, der ist ein Herr des
-Lebens. Und das soll der Kneipant sein. Wir
-wollen mit dem Stumpfsinn spielen wie Brutus,
-und nachher wollen wir allerlei Tyrannen zum
-Teufel jagen. Sollte einer unter euch, liebe Brüder,
-gewähnt haben, daß ich die Entwickelung unseres
-Vaterlandes zur Bierarchie befördern helfen wolle,
-so hat er geirrt. Und wenn das edelste Münchener<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span>
-Bräu oder das süffigste Gold vom Rhein in Strömen
-fließt: obenauf schwimme der Mensch. Ihr
-sollt, liebe Brüder, euer geehrtes Innere begießen,
-auf daß der <em class="gesperrt">Mensch</em> in euch zur Blüte komme.</p>
-
-<p>Nein, das meine ich natürlich <em class="gesperrt">nicht</em>, daß einer
-ein steifes Genick haben soll, daß einer sich nie vergessen
-soll, nie sich heiser singen soll, daß er für alles
-Getriebe um ihn her einen kühlen Polizeiblick bewahren
-soll, daß er ein dicker Klotz oder Pfahl
-sein soll, der von keinem Freudenstrudel sich fortreißen
-läßt. Solche Scheusale gehören in die Wolfsschlucht.
-Gottlob gibt es aber noch starke Kerle, die
-mitten durch Tabak- und Freudenqualm einen
-freundlich-festen Blick balancieren können, denen in
-seligsten Sekunden eherne Entschlüsse reifen und die,
-<em class="gesperrt">wenn's nottut</em>, auf beide Füße springen und
-Männer sein können.</p>
-
-<p>Denn bei einem rechten Kommers singt man ja
-auch solche Lieder wie »Freiheit, die ich meine« mit
-den selig-schönen Versen.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Auch bei grünen Bäumen in dem lust'gen Wald,<br /></span>
-<span class="i0">Unter Blütenträumen ist dein Aufenthalt.<br /></span>
-<span class="i0">Das ist rechtes Leben, wenn es weht und klingt,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn dein stilles Weben wonnig uns durchdringt.<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Wo sich Männer finden, die für Ehr' und Recht<br /></span>
-<span class="i0">Mutig sich verbinden, weilt ein frei Geschlecht.<br /></span>
-<span class="i0">Das ist rechtes Glühen, frisch und rosenrot;<br /></span>
-<span class="i0">Heldenwangen blühen schöner auf im Tod«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">und solche Lieder wie »An der Saale hellem
-Strande« mit den Versen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Drüben winken schöne Sterne,<br /></span>
-<span class="i0">Freundlich lacht manch' roter Mund,«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">und mit fern versinkendem Blick sieht dann der
-Sänger alle Schönheit deutschen Landes: er hört
-den heiligen Gesang seiner Wälder und blickt mit
-sinnenden Gedanken hinauf in ihre grünen Dämmerungen
-und hinab in den bilderreichen Spiegel heimatlicher
-Ströme. Und wie vom Söller her ihm
-schöne Augensterne winken, steht in seinem Herzen
-der junge, süße Wirbelsturm der Liebe auf. Und
-schön ist in jungbrausender Seele der ernste Gedanke
-an den Tod für ein heiliges Gut.</p>
-
-<p>Jugend sei das vornehmste Getränk an eurem
-Tisch. Daß ihr aber auch im grauen Haar noch
-jubilieren möget, bewahrt in eurem Keller von
-diesem edelsten Getränke ein ungeheures Faß, das
-bis ans Lebensende vorhält. Eines der herrlichsten<span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span>
-Gebete, die je gesprochen worden, ein Gebet Heinrich
-Heines, sprecht es täglich nach; es heißt: »Ihr Götter,
-ich bitte euch nicht, mir die Jugend zu lassen; aber
-laßt mir die Tugenden der Jugend, den uneigennützigen
-Groll, die uneigennützige Träne!«</p>
-
-<p>Und nicht so soll es sein wie in jenem spöttischen
-»Rückerinnerungslied«, wo es heißt:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Heute Kriegsgeschrei und Fehde allem, was die Lust vergällt,<br /></span>
-<span class="i0">Morgen salbungsvolle Rede über diese Sündenwelt.<br /></span>
-<span class="i0">Heute Feindschaft dem Philister, der gehorsamst denkt und schweigt,<br /></span>
-<span class="i0">Morgen vor dem Herrn Minister demutsvoll das Haupt geneigt.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>So soll es <em class="gesperrt">nicht</em> sein, liebe Brüder, <em class="gesperrt">so nicht</em>!
-Auch sollen die Jungen unter euch nicht meinen,
-daß sie nachher mit der schneidigen Wurschtigkeit
-der Bierlogik und Bierjustiz auf den Köpfen ihrer
-Mitmenschen herumpräsidieren können. Wer vom
-großherzigen und großäugigen Jugendtrutz nichts
-hinüberrettet in sein Manneswerk, den soll, was er
-gekneipt hat, wiederkneipen, dem soll jeder Tropfen
-zu Gicht werden, und die soll ihm in den Hinterfüßen<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span>
-nur so lange rumoren, bis er ernstlich anderen
-Sinnes wird.</p>
-
-<p>Und wenn er dann wieder einmal mit alten und
-ältesten Herren zusammenkommt zu fröhlicher
-Runde und er vom Angesicht der andern den Wandel
-der Dinge liest, wenn er in eines Augenblicks Erleuchtung
-überschaut, was alles anders gekommen,
-wie er es einst gehofft, und von den Wänden ein
-ernstes Wort hallt: <em class="gesperrt">Vergänglichkeit</em> &ndash; wenn
-dann das herrlichste und wehmutvollste aller fröhlichen
-Lieder steigt, das Lied von der dahingeschwundenen
-Burschenherrlichkeit, und wenn zuletzt der
-feierliche Augenblick kommt, da alles sich erhebt und
-einstmals oft verflochtene Hände sich wiederfinden:
-dann mag er's mit ehrlich bejahendem Herzen mitsingen,
-das schöne Bekenntnis:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Klingt an und hebt die Gläser hoch,<br /></span>
-<span class="i0">Die alten Burschen leben noch,<br /></span>
-<span class="i0">Es lebt die alte Treue!<br /></span>
-<span class="i0">Es lebt die alte Treue!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Und nun, liebe Brüder, wollen wir trinken auf
-alle, die vom breiten Stein nicht wanken und nicht
-weichen. Aber auf die, die verlernt haben, daß
-es Tage gibt »von besonderem Schlag«, Tage,<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span>
-so schön, daß man zu ihnen gar nichts andres sagen
-kann als »<em class="antiqua">Ergo bibamus!</em>« &ndash; auf die &ndash; auf die
-wollen wir auch trinken. Schon um unsertwillen.
-Das wäre ja auch noch schöner, wenn wir um deretwillen
-dürsten sollten! Wir wollen auf sie trinken
-in der Hoffnung, daß sie sich bessern. Aus jeden
-einzeln! Das schmeichelt ihnen; das greift ihnen an
-die Ehre. Dann gehen sie in sich.</p>
-
-<p>Nachher trinken wir dann noch auf die Temperenzler;
-das sind sie uns schuldig. Prost!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_grosse_Irrgarten">Der große Irrgarten</h2>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Kommt mit in meinen Blumen-, Irr- und Wundergarten!
-Er ist nicht größer als meine Handfläche;
-aber ihr werdet euch wundern. Ein Leben
-könnt ihr damit verbringen, durch seine Gänge, Lauben,
-Grotten und Gebüsche zu wandeln. Tretet ein!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Als unsere Aelteste eben zu sprechen begonnen
-hatte und meine Frau sie eines Tages fragte: »Wo
-ist Papa?«, da antwortete sie mit unvergleichlicher
-Gemütsruhe: »Papa puttrissen,« d. h. Papa ist
-kaputtgerissen.</p>
-
-<p>Meiner Frau und mir selbst war von diesem
-jähen Ende nichts bekannt; wir fragten uns also:
-Was kann das heißen sollen? Ich war verreist gewesen;
-das Kind hatte gehört, Papa ist verreist;
-reisen war ihm dasselbe wie reißen, verreisen soviel
-wie zerreißen; in seinem Kopfe hatte der Satz also
-geklungen wie »Papa ist zerreißt«, und wie die<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span>
-papiernen Bilder und Puppen, mit denen sie gelegentlich
-spielte, immer sehr bald »puttrissen« waren,
-so war es jetzt ihr Vater. Sie nahm sein grauses
-Schicksal mit der denkbar größten »Wurschtigkeit« hin.</p>
-
-<p>Als ihr Brüderchen noch am Boden kroch und
-spielte, hörten wir ihn wiederholt den Ruf »Hammelschitte!«
-ausstoßen. Lange suchten wir vergeblich
-nach der Uebersetzung dieses seltsamen Wortes.</p>
-
-<p>Endlich beobachteten wir, daß der Junge diesen
-Ruf jedesmal dann ausstieß, wenn eines seiner
-Stein- oder Holzgebäude zusammenstürzte oder
-wenn sich sonst eine Katastrophe ähnlicher Art ereignete.
-Und mit einem Male ging uns ein Licht
-auf. Wenn wir mit ihm gespielt hatten, so hatten wir
-wohl bei gleichem Anlaß gerufen: »Da ha'm wir die
-Geschichte!« Dieser Satz war ihm zu einem Wort und
-einem Begriff zusammengeschmolzen und bedeutete
-soviel wie Zusammenbruch, Einsturz, Umsturz, und
-da ein möglichst geräuschvoller Einsturz für die Kinder
-ein Hauptvergnügen beim Bauen, ja, sozusagen der
-Sinn des Bauens ist, so stieß er das Wort »Hammelschitte«
-jedesmal mit sichtlicher Befriedigung hervor.</p>
-
-<p>Ebenfalls nicht ohne weiteres, wenn auch immerhin
-leichter verständlich war mir die Nachricht unserer<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span>
-Jüngsten, sie habe bei den Nachbarn ein Bild
-gesehen, auf dem wäre »Jesus mit zwölf Posteljungens«
-gewesen. Sie hatte offenbar von
-»Aposteln« und von »Postillons« gehört und die
-beiden Berufsklassen zusammengeworfen. Vielleicht
-hatte auch noch das Wort »Jünger« hineingespielt.</p>
-
-<p>Als dasselbe Kind uns versicherte, es habe »solche
-Notbremse im Hals«, schenkten wir ihm keinen
-Glauben. Erst als wir erkannten, daß es sich um
-ein »Sodbrennen« handle, fanden wir seine Beschwerden
-verständlich. Auch als es uns erzählte,
-unser Wirt in der Sommerfrische füttere seine
-Schweine »mit Schleie«, fanden wir dieses kostspielige
-Verfahren nicht wahrscheinlich; mit »Kleie«:
-das war zu glauben.</p>
-
-<p>In einer Warteschule hörte ich die Kinder singen
-»Es regnet ohne Untersatz« statt »Unterlaß«. Sie wußten,
-daß man Gefäßen, die eine Flüssigkeit enthalten,
-wie Biergläsern, Blumentöpfen und dergleichen,
-einen Untersatz gibt, und machten wahrscheinlich mit
-Befremden die Beobachtung, daß die Natur beim
-Regnen diese Reinlichkeitsmaßregel versäume.</p>
-
-<p>Ihr werdet jetzt schon wissen, was ich mit
-meinem Irrgarten meine; wenn ich von seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span>
-Schönheiten, Wunderlichkeiten und Wundern nicht
-immer die letzte Erklärung gebe, so gebt sie euch
-selbst; es ist das anmutigste und fruchtbarste Rätselraten,
-das ich kenne.</p>
-
-<p>Ein krauses und reiches Gärtlein für sich bilden
-allein schon die lautlichen Irrwege der suchenden,
-tastenden Kinderzunge, die doch nach verborgenen
-Gesetzen tastet und sucht. Das Kind erfindet sich ein
-geniales Erleichterungsverfahren; es assimiliert
-Zahn- und Lippenlaut und macht zwei Lippenlaute
-daraus; es hat »epwas« gefunden und möchte noch
-»epwas« von der Torte, die ihm schmeckt; es löst
-einen schwierigen Hiatus auf, indem es einen leichten
-Konsonanten einschiebt, auf den die Zunge schon
-eingestellt war, ersetzt eine schwierige Konsonantenhäufung
-durch eine leichte Konsonantenfolge, und
-zwar durch eine, die es soeben erst geübt hat; darum
-wollte eins unserer Kinder nichts von der »Servisette«
-wissen; darum sprach es, als es schon stark
-herangewachsen war, noch immer ahnungslos von
-einer »Klopdopstraße« statt von einer Klopstockstraße.</p>
-
-<p>Das Kind verkehrt die Reihenfolge der Anlaute
-in schwierigen Wörtern und erzählt uns strahlenden
-Auges von der »Muckerlative«, die so laut geschrien<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span>
-und geschnauft, und von dem »Wufflabomm«, den
-es am Himmel gesehen habe. Mit entschlossener
-Abkürzung macht es aus einem Delikatessenhändler
-einen »Delitessenhändler«; ein völlig fremdes Wort
-modelt es um nach einem, das es schon gehört hat:
-so verbreitete eines unserer Kinder die sensationelle
-Nachricht, daß seine Eltern in »Salzkamerun«
-wären, während wir nur bis zum Salzkammergut
-gekommen waren.</p>
-
-<p>Ebenso erquicklich ungeniert behandelt es die
-Etymologie; wo ihm die Vergangenheitsformen
-fehlen, gebraucht es den Infinitiv oder wenigstens
-seinen Vokal; es hat ein heillos verknotetes Stiefelband
-»einfach durchgeschneiden« und fragt die Mutter,
-ob sie die Ernte vom Stachelbeerbusch schon »gewiegt«
-habe. Die unregelmäßigen Verben und ihre
-Ablautung sind ja bekanntlich überall und überhaupt
-ein lustiges Kapitel; die rote Grütze, die in
-der Küche bereitet wurde, »raach« so wunderschön,
-als Roswitha im Garten »ging, nein: gang, nein:
-gung«; sie möchte sich »epwas« davon »nimmen«.
-Und wenn es eine »Faulheit« gibt, warum soll es
-keine »Fleißheit« geben; wenn man von Emsigkeit
-spricht, warum soll sich Irene nicht über die »Faulkeit«<span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span>
-ihrer Puppe entrüsten? Ist man nicht souverän
-und kann man nicht einfach Plurale und Wörter
-schaffen, die es bis dahin nicht gegeben? Wenn
-Rosenkohl auf den Tisch kam, verzichtete Erasmus;
-er mochte »die kleinen Köhler« nicht; die Peitsche
-war ihm ein »Knallstock«, und die Kiemendeckel der
-Fische waren »Fischklappen«. Die Frauen, die im
-Kloster leben, heißen Nonnen, die Männer, die im
-Kloster leben, demgemäß natürlich »Nonnenmänner«,
-und wenn man die Lampe angezündet hat, so muß
-man sie beim Zubettgehen wieder »auszünden«.</p>
-
-<p>Muß sich der Deutsche Sprachverein nicht freuen,
-wenn aus dem welschen »Vestibül« ein deutsches
-»Westerbül« wird? Wenn es nach Süden liegt,
-sagt man natürlich »Süderbül«.</p>
-
-<p>Wurzelecht ist dieser Purismus Roswithens
-freilich nicht; als ich verschiedentlich scherzenderweise
-das Wort »naturellement« gebraucht hatte, sagte sie
-statt »natürlich« nur noch »natürlichrallemang«.</p>
-
-<p>Dagegen verfuhr sie wiederum höchst selbständig,
-ja tyrannisch bei der Transition des Tätigkeitsbegriffes
-auf Subjekt oder Objekt. Sie dichtete eines
-Tages bei einem ihrer Spiele, daß es regne, und
-spannte ihr Schirmchen auf. »Warum spannst du<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span>
-denn den Schirm auf?« fragte ich. »Ich beschütz den
-Regen,« versetzte sie.</p>
-
-<p>Aber dieser Irrgarten der Wörter und Laute ist
-nur ein kleines Vorgärtchen zum großen Labyrinth
-der Begriffe. Denkt euch, ihr blicktet von erhabenem
-Standort auf ein riesiges Manöverfeld, in dem eine
-Armee nach allen Richtungen zerstreut durcheinandergewirrt
-wäre. Da ertönt das Signal zum
-Sammeln, und plötzlich entsteht ein so heilloses
-Ameisengewimmel, daß ihr glaubt, es könne sich nie
-und nimmer entwirren. Aber mehr und mehr
-kommt Ordnung in den Haufen; immer deutlicher
-formen sich die Gruppen, und endlich steht jede Division
-und jede Kompagnie an ihrem Platze und jeder
-Mann in seinem Zuge an rechter Stelle.</p>
-
-<p>Daran muß ich immer denken, wenn ich das
-Gekribbel und Gewibbel und Gewusel der Vorstellungen
-und Begriffe in einem Kinderkopf beobachte,
-und kein Schauspiel dünkt mich wunderbarer und
-entzückender, als wie diese Begriffe und Vorstellungen
-sich nach und nach von selbst zurechtlaufen.</p>
-
-<p>Interessant ist schon die Chronologie der kleinen
-Köpfe. »Einmal«, so erzählte unsere Roswitha ihrer
-Mutter und mir, »einmal hab ich in Eppendorferweg<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span>
-'n ganz großen Löwe gesehen!« und als wir an der
-Wahrheit dieser Erzählung zweifelten, fügte sie hinzu:
-»Ganz gewiß, da wart ihr noch gar nicht geboren.«</p>
-
-<p>Als sie eines Tages hörte, daß Männe, ihr geliebter
-Dackel, auch einmal sterben werde, da meinte
-sie nach längerem Nachsinnen: »Na ja, wenn er denn
-stirbt un wenn Kurti denn mein Mann is, denn
-lassen wir ihn ausstopfen un denn stellen wir ihn
-aufs Büfett.« Männe wird eben nicht eher sterben,
-als bis sie verheiratet ist und ein Büfett hat. Kinder
-sind Götter und arrangieren den Weltlauf höchstselbst.
-Und der Gedanke, daß etwas Geliebtes ganz aus
-ihrer Nähe verschwinden könnte, besteht für sie nicht.</p>
-
-<p>Die Kinder, die Roswitha einmal haben wird,
-haben sofort ein gewisses vorgeschritteneres Alter;
-die früheren Kinderjahre überspringen sie. Ihre Mutter
-wünscht das so, weil sich dann interessanter mit
-ihnen spielen läßt als mit Säuglingen und Babies.</p>
-
-<p>Roswithens ältere Schwester Herta kennt
-keinen Unterschied der Zeiten nach Sitten und Gebräuchen;
-ihre Geschichtsbilder sind ein einziger
-Anachronismus. »Mutter,« fragte sie, »wie hieß
-noch der Herr, der über die Volsker siegte?« Coriolan
-ist eben ein »Herr« wie der Nachbar Müller mit<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span>
-der karierten Hose und dem Zylinder. Geschichtslehrer
-sollten das bedenken.</p>
-
-<p>Und alle sollten wir bedenken, daß Kinder von
-dem, was wir ihnen sagen, viel weniger verstehen,
-als wir ahnen, wenigstens von dem, was sie verstehen
-<em class="gesperrt">sollen</em>. Was sie erleben, verstehen sie weit
-besser, als was wir ihnen sagen. Dieselbe Herta
-kam mit der Theseussage nach Haus und erzählte
-frisch und munter: »Theseus hatte aus Versehen auf
-Kreta getreten.« Was mag sie sich unter Kreta vorgestellt
-haben! Nie haben wir's herausgebracht.</p>
-
-<p>Was mag sich unsere Jüngste jahrelang unter
-dem Wort »Dienstag« vorgestellt haben! Eines
-Tages sagte sie nämlich mit größter Entschiedenheit:
-»In mein ganzes Leben is noch nie Dienstag gewesen!«
-Und ein anderes Mal fragte sie: »Nich,
-Pappi, Eis is doch kälter als Winter, nich?« Wie sah
-der Winter aus in diesem Köpfchen? Nicht wahr, das
-ist ein Helldunkel, so geheimnisvoll, wie es keinem
-Rembrandt je gelungen ist, nicht wahr, da tun sich
-zauberdunkle Höhlen voll flimmernder Nächte auf?</p>
-
-<p>Zuweilen gemahnt das kindliche Tasten an den
-blinden Glücksgriff des Genies. »Was ist denn ein
-›Paradies‹?« fragte ich einst ein kleines Mädchen.<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span>
-»Ein Friedhof«, antwortete es ohne Besinnen. Der
-Friede mochte das <em class="antiqua">tertium comparationis</em> sein, das
-die beiden Gärten in der Seele des Kindes zu einem
-gemacht hatte. Und auf der Straße hörte ich einst,
-wie hinter mir ein Büblein zum andern sagte:
-»Gestern ist meine Großmutter eingepflanzt worden.«
-Das ist eigentlich noch schöner als Schillers Verse:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Noch köstlicheren Samen bergen<br /></span>
-<span class="i0">Wir trauernd in der Erde Schoß&nbsp;…<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Wir verbinden die Vorstellungen zu Begriffen,
-wenn sie in den wesentlichen Merkmalen übereinstimmen;
-das Kind stellt solche Verbindungen nach
-einzelnen, oft nach einem einzigen und dazu noch
-zufälligen Merkmal her. Das ergibt dann Aussprüche
-von merkwürdigem Tiefsinn und von überraschender
-Komik. Ein Sechsjähriger kam an seinem
-ersten Schultage mit der verwunderten Bemerkung
-heim: »Sie sagen in der Schule gar nicht ›Sie‹ zu
-mir.« Daß seine Verwandten und seine Spielkameraden
-und die Freunde des Hauses ihn duzten, war
-begreiflich; sie waren ja Bekannte; aber fremde
-Leute sagen doch »Sie« zueinander.</p>
-
-<p>Ein anderer Abc-Schütze berichtete mit gleicher
-Verwunderung: »Die Schulbänke sind gar nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span>
-gepolstert.« Man sollte glauben, es sei ein verwöhntes
-Seidenpüppchen gewesen; aber das Gegenteil
-war der Fall; es war ein einfach gewöhnter, derber
-Junge; aber mit dem Begriff eines Sitzgeräts war
-ihm das Merkmal der Polsterung verbunden.</p>
-
-<p>Einer meiner Freunde ging mit seinem neunjährigen
-Neffen in einen Juwelierladen, dessen Inhaber
-ihm u. a. auch einen hübschen Ring für den
-Buben anstellte. Er steckte dem Knaben den Ring
-an den Finger und meinte, ob er solch einen Ring
-nicht haben möchte; der Junge aber lehnte entschieden
-ab. Wieder auf der Straße, sprach er mit einer
-gewissen Entrüstung zu seinem Onkel: »Ich weiß
-gar nicht, was der Mann mit seinem Ring wollte!
-Ich <em class="gesperrt">denke</em> gar nicht ans Heiraten.«</p>
-
-<p>Natürlich sind es vor allem die sinnlichen Merkmale
-der Dinge, die in den Kindern haften und nach
-denen sie diese Dinge erkennen und bestimmen. Roswitha
-hatte mit großen, vor Teilnahme ganz dunklen
-Augen das Lied von den zwei Königskindern gehört,
-für die das Wasser <span id="corr233">viel</span> zu tief war.</p>
-
-<p>»Warum schwamm denn der Königssohn hinüber?«
-fragte ich sie. »Er konnte doch nicht so weit
-hinüberlieben,« war ihre Antwort. Lieben heißt die<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span>
-Arme um den Hals des andern schlingen, ihn drücken
-und küssen.</p>
-
-<p>Selbst die Geister denkt sich Roswitha in einer
-nicht zu überbietenden Konkretheit. Sie hatte sich
-im Dunkel ihres Schlafzimmers vor »Geistern« gefürchtet
-(wie sie darauf verfallen war, weiß ich
-nicht); in einer dunklen Zimmerecke argwöhnte sie
-solch einen Störenfried. Wir hatten ihr versichert,
-daß es Geister von der Art, die die Leute bei Nacht
-belästigen, nicht gebe (in solchem Alter gibt's die ja
-wirklich nicht), und hatten sie genau in alle Winkel
-schauen lassen, um sie von der Gespensterreinheit
-des Zimmers zu überzeugen. Das hatte sie denn
-auch beruhigt. Aber einige Wochen später mußten
-ihr doch wieder Zweifel aufgestiegen sein; sie rief
-noch spät ihre Mutter ans Bett und vertraute ihr
-ihre Befürchtungen an:</p>
-
-<p>»Ich weiß ja, daß es keine Geister gibt; du hast
-es mir ja gesagt; aber ich muß immer daran denken:
-vielleicht is doch noch einer nachgeblieben, un der hat
-sich vielleicht vermehrt.«</p>
-
-<p>Kann man sich Geister sinnlicher vorstellen?</p>
-
-<p>Und wie sie allem Geistigen einen Körper geben,
-so &ndash; das ist bekannt &ndash; beseelen sie alles Körperliche.<span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span>
-Weil ihnen Körper und Geist überhaupt noch ungetrennt
-sind, weil ihnen die Welt überhaupt noch als
-ein einheitliches Ganzes, nicht als eine Vielheit erscheint!
-Sie besitzen durch die Gnade der Natur
-noch die Synthese, die der Philosoph, wenn er die
-Welt analytisch zerbröckelt hat, vergeblich wieder zu
-erringen sucht; sie sehen die Welt noch in größeren
-Komplexen als wir. Das zeigt sich höchst charakteristisch
-in ihrer Orthographie; sie hören nicht Wörter,
-sondern ganze Wortkomplexe, ganze Sätze als eines.
-Als Roswitha Briefe zu schreiben begann, da schrieb
-sie an ihre Freundin nicht nur: »Dann kristu (kriegst
-Du) meine Puppe«, sie lud sie auch »aufngansentag«,
-d. i. auf einen ganzen Tag zu sich und berichtete ihr,
-daß Männe »gansausersich«, d. h. ganz außer sich
-vor Freude gewesen sei.</p>
-
-<p>Und so wenig sie die Worte und Dinge voneinander
-trennen, so wenig trennen sie sich selbst von
-den Dingen des Alls. »Seid umschlungen, Millionen,«
-dieses Wort im grenzenlosesten Sinne ist ihre
-Weltanschauung. Da kann es nicht wundernehmen,
-daß Herta fürchtete, ihre Puppe werde Heimweh
-bekommen, und daß Roswitha von ihrem Kaninchen
-»Swatti« erzählte:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span></p>
-
-<p>»Als ich Swatti fragte: ›Hast du dir wehgetan?‹,
-da sagte es: ›Was geht dich das an!‹«</p>
-
-<p>»Wie«, fragte ein ungeschickter Mann, »hat
-Swatti denn gesprochen?«</p>
-
-<p>Ueberrascht sah ihn Roswitha an. »Es hat <em class="gesperrt">so</em>
-gemacht,« sagte sie und verzog blitzschnell das
-Schnäuzchen, wie es die Kaninchen tun und wie es
-die Kinder machen, wenn sie maulen und trotzen.
-War das nicht Sprache genug?</p>
-
-<p>Alles Leben ist eins, und in einem einzigen
-Strome durchzieht es alle. Darum sprang Roswitha
-heftig auf, als in einer häuslichen Aufführung die
-Königin über den Tod Schneewittchens triumphierte,
-und rief mit Tränen in den Augen:</p>
-
-<p>»Du freche Deern, du sollts man tüchtig Haue
-haben!«</p>
-
-<p>Und darum erlebt' ich eines Tages, als ich zum
-hundertsten Male den »Tell« sah, etwas ganz Neues.
-Als die Rütlimänner auseinandergingen und die
-Urner wieder die Felsen hinanstiegen, da winkten sie
-ihren Genossen zum Abschied, und diese winkten zurück.
-Und wer winkte mit? Mein Töchterchen Herta,
-das an meiner Seite saß. Sie lebte zu Beginn des
-14. Jahrhunderts in der Schweiz; sie hatte mitgeschworen<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span>
-und kehrte nun heim »zu ihrer Freundschaft
-und Genoßsame«.</p>
-
-<p>Und wie sie alles <em class="gesperrt">sind</em>, was sie erblicken, so
-<em class="gesperrt">können</em> sie alles, was sie sehen. Daß Rudi »Seemann
-oder Dichter« wird, steht fest, daß er dabei
-auf Schwierigkeiten stoßen könnte, ist ausgeschlossen;
-daß er als Seemann den Nordpol finden wird,
-leidet keinen Zweifel. Aber das alles ist mit menschlicher
-Kraft zu erreichen. Kinder haben überdies
-noch Wunderkräfte. Wenn Roswitha mit fanatischer
-Gebärde ausruft: »Ich verzauber dich als Tier!«
-dann ist Rudi ein Tier, da gibt es keine Berufung.</p>
-
-<p>Und wie die Kraft, so der Glaube. Als ich einst
-mit Herta spazieren ging und wir an einem Wagen
-mit einem Schimmel vorbeikamen, sagte sie: »Das
-ist der siebenunddreißigste Schimmel, den ich seh.«</p>
-
-<p>»Zählst du denn die Schimmel?« fragte ich höchlichst
-überrascht.</p>
-
-<p>»Ja, ich zähl alle Schimmel, die ich seh, und wenn
-man neunundneunzig gesehen hat, dann kann man
-sich was wünschen.« Sie machte dabei dieselben Augen
-wie damals, als sie den Urnern zum Abschied winkte.</p>
-
-<p>Die größten Magier und Wundertäter aber sind
-Vater und Mutter. Ich erinnere mich aus meiner<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span>
-Kindheit einer Zeit, da ich glaubte, daß meine Eltern
-alle meine Gedanken wüßten, wie der liebe Gott.
-So haben meine Frau und ich bei Roswithen unbegrenzten
-Kredit. Als sie ihre erste, rührend einfache
-Weihnachtshandarbeit machte, beriet sie eifrigst
-und eingehendst mit ihrer Mutter darüber, wie sie dies
-Geschenk am besten vor ihr verbergen könne. Vieles
-wurde erwogen, vieles wieder verworfen. Endlich
-rief sie: »Ach was, ich leg es einfach in meine Puppenkommode;
-ich weiß ja, daß du nich darangehst!«</p>
-
-<p>Und ein andermal sagte sie: »Ja, ich steck ja noch
-immer den Daum'n in Mund, wenn ich einschlaf;
-aber du wirst mir das wohl schon abgewöhnen.«
-Dies felsenfeste Vertrauen zur Mutter beruhigte ihr
-Gewissen vollkommen.</p>
-
-<p>Wenn ich aber Roswithens Meinung von mir darstelle,
-so muß ich mich eigentlich schamroter Tinte bedienen.
-Als ein Bildhauer eine Büste von mir angefertigt
-hatte, da fragte ihr Bruder sie, auf die Inschrift
-im Sockel zeigend: »Was steht denn wohl drunter?«</p>
-
-<p>»Pappi!« versetzte sie wie etwas Selbstverständliches.
-Die Welt hatte doch nur einen Pappi, und
-das war ich. Dumme Frage.</p>
-
-<p>Als aber später einmal von Frankfurt a. M.<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span>
-die Rede war und ihre lehrfreudige Schwester Irene
-sagte: »Da ist der größte deutsche Dichter geboren.
-Wer ist das?«, da rief Roswitha mit derselben
-Selbstverständlichkeit: »Vater!«</p>
-
-<p>Sie soll einmal meine Biographie schreiben.</p>
-
-<p>Die nächsten im Range nach Vater und Mutter
-sind die Könige und Prinzen. Daher Roswithens
-tiefes Erstaunen, als sie in der biblischen Geschichte
-vernahm, daß die jüdischen Könige mit einer gewissen
-Regelmäßigkeit und Gründlichkeit sündigten.</p>
-
-<p>»Merkwürdig,« sprach sie eines Tages sinnend
-zu meiner Frau, »jeder König tut eine große Sünde;
-<em class="gesperrt">aber auch jeder</em>!«</p>
-
-<p>Von den Prinzen hatte sie dagegen infolge von
-Schokolade eine andauernd gute Meinung. Ein
-Prinz nämlich hatte uns gelegentlich eines Besuches
-Schokolade für die Kinder gegeben, und als Roswitha
-ihr Teil empfing, fragte sie strahlenden
-Blicks: »Handelt der Prinz mit Schokolade?«</p>
-
-<p>Man muß nämlich nicht glauben, daß sie wie ein
-Kriegsminister denkt und in solchem Handel etwas
-Deklassierendes erblickt; im Gegenteil: ein Prinz,
-mit Degen, Barett und spanischem Mantel in einem
-Laden voll Schokolade stehend, wäre ihr ein besonders<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span>
-herrlicher Prinz gewesen. Hatte sie doch
-eines Tages, als ihre Geschwister ins Theater kamen
-und sie dafür durch Schokolade entschädigt wurde,
-triumphierend ausgerufen:</p>
-
-<p>»Schokolade ist besser als Theater!« Eine Wertung,
-der ich in manchen Fällen entschieden zustimme.</p>
-
-<p>Unmittelbar auf Könige und Prinzen folgt, was
-Hoheit und Macht anlangt &ndash; hier zeigt sich Roswithens
-deutsche Natur &ndash; der Schutzmann oder Konstabler.</p>
-
-<p>»Wo ist denn Rudi?« fragte ich sie einmal, als
-sie etwa vier Jahre alt sein mochte. Rudi war der
-nachbarliche Spielgefährte.</p>
-
-<p>»Och,« versetzte sie, »wir ha'm uns doch 'n Herd
-gebaut, aus Sand, nich? Un nu woll'n wir Suppe
-mit Reis zu Mittag kochen, nich? Un nu fragt Rudi
-den Konstabler, ob wir das auch dürfen.«</p>
-
-<p>So weit muß es kommen mit der Loyalität. Nur
-sollten dergleichen Gesuche schriftlich abgefaßt und
-auf einem längeren Instanzenwege erledigt werden.</p>
-
-<p>Eine unbegrenzte Macht ist auch das Fünfpfennigstück.
-Ein köstliches Kerlchen von drei Jahren
-hatte solch ein Fünfpfennigstück bekommen und
-wollte damit stracks Laufs auf den Markt, um sich
-»ßwei Simmels« (zwei Schimmel) zu kaufen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span></p>
-
-<p>Gelegentlich sind wir bereits aus dem intellektuellen
-in den moralischen Irrgarten getreten.
-Hier besteht die Verwirrung oft in der verblüffenden
-Einfachheit. So überwindet Roswitha die Illoyalitäten
-des ersten Napoleon auf eine höchst summarische
-Art. Als man ihr erzählte, daß dieser
-Mann Aegypten, Italien, Spanien, Deutschland,
-Oesterreich usw. erobert und mit Krieg überzogen
-hatte und nun auch noch Rußland erobern wollte,
-da rief sie empört: »Der is woll wahnsinnig! Der
-muß mal tüchtig was auf die Jacke haben!«</p>
-
-<p>So ist es denn ja auch am letzten Ende gekommen,
-wenn sich die Sache auch nicht so einfach
-gemacht hat, wie es Roswitha meinte.</p>
-
-<p>Kinder glauben an die unbedingte Wirksamkeit
-von Strafe und Ermahnung; sie beseitigen die
-moralischen Uebel wie der Bader einen Leichdorn.
-Wie Roswitha fest davon überzeugt war, daß ihre
-Mutter ihr das Lutschen auf dem Daumen »schon
-abgewöhnen« werde, so ist sie tief davon durchdrungen,
-daß ihre Kaninchen die Unart des Erdwühlens
-ablegen werden, wenn sie ihnen ermahnend
-zuruft: »Ihr dürft aber nicht wühlen!«</p>
-
-<p>Daß Roswitha bei aller Einfachheit ihrer sittlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span>
-Begriffe in gehobenen Stunden gemeinsam
-mit Rudi das Räuberhandwerk betreibt und alles,
-was durch den Garten kommt, »überfällt«, »fesselt«
-und »beraubt«, mit besonderer Vorliebe mich, weil
-ich so viel in den Taschen trage, das kann in einem
-Irrgarten nicht wundernehmen. Verwunderlicher
-ist schon, daß an der Innenwand der Räuberhütte,
-in der ich schon viele Jahre als Gefangener geschmachtet
-habe, ein Abreißkalender, ein Thermometer
-und ein Telephonbuch hangen.</p>
-
-<p>Daß der Garten der Liebe für Roswitha noch im
-tiefsten Dunkel liegt, ist selbstverständlich; aber selbst
-dieser kimmerischen Finsternis entwachsen anmutige
-Blumen. Sie hatte öfters ein Kind in Begleitung
-einer Bonne durch unsere Straße spazieren sehen.
-»Das Kind gehört Dr. Melchers,« sagte Herta bei
-Gelegenheit.</p>
-
-<p>»Nein, das Kind gehört dem Fräulein!« rief
-Roswitha energisch.</p>
-
-<p>»Unsinn, Melchers gehört es,« wiederholte
-Herta, »ich weiß es doch!«</p>
-
-<p>»Ach, was du schnackst!« rief Roswitha. »Dem
-<em class="gesperrt">Fräulein</em> gehört es! Das Fräulein spielt doch
-immer mit ihm, nich? Un Melchers spielen nie mit ihm.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span></p>
-
-<p>So verteidigte sie fanatisch das Mutterrecht des
-Fräuleins, worauf dieses wahrscheinlich gar kein
-Gewicht legte.</p>
-
-<p>So viel immerhin scheint Roswitha von der
-Liebe schon zu ahnen: daß es nicht gut sei, wenn der
-Mensch allein ist. Man hatte ihr erzählt, daß die
-Nonnen niemals einen Mann nehmen dürften. Das
-versetzte sie in tiefes trauerndes Nachsinnen. Dann
-aber fuhr sie plötzlich auf und rief: »Dürfen sie denn
-nicht <em class="gesperrt">wenigstens</em> die Mönche heiraten?«</p>
-
-<p>Was die Mönche zu diesem »wenigstens« sagen
-werden, bleibt abzuwarten.</p>
-
-<p>Nicht wesentlich anders stand es mit der zwölfjährigen
-Irene, als sie uns erzählte: »Georg hat
-mir gesagt, er sieht kein andres Mädchen an als
-mich.«</p>
-
-<p>Das war von Georg deutlich genug; aber da
-Irene uns die Angelegenheit ohne Umschweife und
-freiwillig mitteilte, so waren wir beruhigt.</p>
-
-<p>Als sie einmal unversehens in die Küche geraten
-war und eines der Dienstmädchen bei dieser Gelegenheit
-mit viel Empfindung Liebesbriefe von seinem
-Sergeanten vorgelesen hatte, da waren wir
-beunruhigt. Aber als sie uns dann erzählte: »Anna<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span>
-hat Liebesbriefe vorgelesen, das war <em class="gesperrt">sooo langweilig</em>!«,
-da waren wir wieder beruhigt.</p>
-
-<p>Georg wurde übrigens zum Kaffee eingeladen,
-erschien ohne jegliche Befangenheit, aß mit derselben
-Unbefangenheit unglaublich viel Kuchen und spielte
-dann mit Erasmus und den Mädchen Indianer in
-einem sehr komischen Kostüm. Er dachte offenbar
-noch nicht ans Heiraten, sonst hätte er kein komisches
-Kostüm angelegt. Er war in dem Alter, da man
-raucht, spielt und liebt, weil es die Erwachsenen tun;
-er war Toggenburg aus Nachahmung. Nachahmung
-ist fast alles kindliche Tun und Treiben; aber von
-einem gewissen Alter ab ahmt man nur nach oben
-nach. Bei Erasmus und seinen Genossen ging das
-so weit, daß sie nicht nur Theater spielten (den
-»Faust« natürlich), sondern sich auch in einer handschriftlichen
-Zeitung gegenseitig rezensierten. Da
-hieß es denn: »Der junge Künstler erschöpfte seine
-Aufgabe leider nicht restlos« oder »Der fleißige Darsteller
-möge sich nur nicht durch den wohlfeilen Beifall
-der Galerie zu Unnatürlichkeiten verleiten lassen« usw.</p>
-
-<p>Wir lasen diese Blätter mit ernster Anteilnahme
-und lachten nicht; denn es ist etwas Heiliges an
-solcher Kindheit, daß sie keine Ahnung von ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span>
-Komik hat. Und doch waren diese »Künstler« so
-komisch wie Roswitha, als sie Maurer spielte und
-sich dazu eine Kelle geben ließ und eine Blechflasche,
-über die Schulter zu hängen, und eine Dose mit
-Kautabak, und fleißig in Lehm und Schlamm
-arbeitete und dabei doch ein rosa Kleidchen mit
-<em class="gesperrt">Spitzenmanschetten</em> trug.</p>
-
-<p>Ja, sie wollen es gar zu gern den Erwachsenen
-gleichtun, freilich weniger in dem, was unangenehm
-und schwierig, als in dem, was angenehm und
-lieblich ist. Ein kleines Mädel aus befreundeter
-Familie fragte seine Mutter: »Mama, wann kann
-ich eigentlich tun, was ich will?«</p>
-
-<p>»Ja,« lachte die Mutter, »damit hat's noch gute
-Weile. Warum willst du's denn wissen?«</p>
-
-<p>»Ach, dann will ich mir die Haare brennen,«
-versetzte das kleine Weib.</p>
-
-<p>Aber sie <em class="gesperrt">wollen</em> nicht nur erwachsen sein, sie
-<em class="gesperrt">werden</em> es allmählich auch. Sie werden klüger,
-sie erwachen; Strahl um Strahl dringt Licht in den
-großen Irrgarten, und das zu beobachten ist ein
-fürstliches Gaudium, wenn auch oft ein wehmütiges.
-Der erwachende Intellekt zeigt sich gewöhnlich zuerst
-als Schlauheit, und wenn er sich bei jenem kleinen<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span>
-Mädel auf die Haare warf, so wirft er sich bei andern
-Kindern &ndash; und öfter &ndash; auf den Gaumen.</p>
-
-<p>»Mama, <em class="gesperrt">zählt</em> ihr eigentlich das Konfekt, wenn
-ihr es in den Tannenbaum hängt?« fragte ein kleines
-Mädchen seine Mutter. Das war ja nun noch
-eine ziemlich ungenügende Leistung in der Schlauheit;
-aber sie bringen es mit der Zeit schon weiter.</p>
-
-<p>Bei Roswitha &ndash; das muß ich ihr nachsagen &ndash;
-beleuchtet das eindringende Licht gewöhnlich größere
-Flächen und verbreitert sich zur Philosophie.</p>
-
-<p>»Leibweh is eignlich sehr schön,« meinte sie schon
-mit sechs Jahren, »denn bespart man sich seine
-Schokolade auf, un denn hat man nachher noch
-welche.« Das sind die Anfänge einer optimistischen
-Weltanschauung, die doch eigentlich darauf hinausläuft,
-daß man auch an Leib-, Kopf- und Zahnweh
-das »Schöne« herausfindet. (Bei Zahnweh hält es
-schwer; aber es geht auch.)</p>
-
-<p>»Teufel, komm un hol sie!« rief sie einmal, als
-sie über eine streitsüchtige Spielgefährtin heftig
-erbost war, und dann setzte sie resignierten Tones
-hinzu: »Schade, daß es keinen Teufel gibt.«</p>
-
-<p>Ihre Philosophie ist also freilich noch die Tochter
-der Wünsche; aber immerhin philosophiert sie schon<span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span>
-wie Voltaire, der behauptete, wenn es keinen Gott
-gäbe, so müßte man ihn erfinden, und, wenn man's
-genau nimmt, auch wie Kant, der den lieben Gott
-absetzte, um ihn wieder einzusetzen.</p>
-
-<p>Ja, sie hatte schon verhältnismäßig früh sozusagen
-ethische Anfälle. An einem schönen Ostermorgen hatte
-sie mit bemerkenswerter Findigkeit die meisten Ostereier,
-selbst in raffinierten Verstecken, gefunden; aber
-statt sich nun wild in den Genuß zu stürzen, sagte
-sie: »Bitte, Mammi, bitte, Pappi, versteckt sie noch
-einmal; ich mag sie so gern suchen.« Hier überwog
-also schon die Lust des Erringens das Gelüste des
-Gaumens. Natürlich nicht für den ganzen Tag.</p>
-
-<p>Ihr Gehirn war damals überhaupt schon mächtig
-an der Arbeit. »Ich möcht', daß ich mal recht viel
-Zeit hätte!« seufzte sie eines Tages.</p>
-
-<p>»Nanu?« rief ich verwundert. Mehr als vierundzwanzig
-Stunden am Tage kann man doch nicht
-gut Zeit haben. »Wozu denn?« fragte ich.</p>
-
-<p>»Denn möcht' ich mal so recht über <em class="gesperrt">alles
-nachdenken</em>!« Sie sagte es langsam, nachdrücklich
-und sehnsuchtsvoll. Die Welt, das Leben
-drang in allzu reicher Fülle auf sie ein; sie konnte
-nicht alles bewältigen; da war so viel, das sie nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span>
-begriff. Es schien eine richtige Sorge in ihr zu sein.
-O ja, Kinder haben auch manchmal Sorgen, und sie
-nagen genau so scharf an ihnen wie an uns. Roswitha
-drängte einmal ihre Mutter, sie möchte ihr
-doch Unterricht geben.</p>
-
-<p>»Oh, das hat noch Zeit,« meinte die Mutter.</p>
-
-<p>»Aber wie soll ich denn durch die Welt kommen!«
-rief die Kleine bekümmert.</p>
-
-<p>Sie tanzen sorglos über Abgründe dahin und
-machen sich Sorgen um den Schatten eines Halmes.
-Aber es sind Sorgen. Kindereien sind für sie nicht
-Kindereien. Ich überraschte einmal einen vortrefflichen
-Mann und berühmten Gelehrten dabei, wie
-er den Tannenbaum für die Seinen putzte und dabei
-fortwährend hockend und kniend um den Baum
-herumrutschte.</p>
-
-<p>»Warum machen Sie denn das?« rief ich erstaunt.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte er, »man muß bedenken, daß die
-Kleinen den Tannenbaum von unten sehen; man
-muß ihn aus der Perspektive der Kinder schmücken.«</p>
-
-<p>So müssen wir Sorgen und Freuden, Tränen
-und Lachen der Kleinen aus der Kinderperspektive
-betrachten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span></p>
-
-<p>Wenn man das tut, wird man freilich zu Zeiten
-heftig überrascht von einem wahrhaft hellseherischen
-Blick der Kinder in das Leben der Erwachsenen.
-Roswitha will später einen gewissen »Kurt« heiraten,
-das steht fest. Sie werden dann in unserm
-Hause wohnen, und zwar hat die junge Frau die
-besseren, unteren Zimmer &ndash; das muß man ihr
-lassen &ndash; ihren Eltern, die oberen, geringeren sich
-und ihrem Manne zugedacht.</p>
-
-<p>»Aber weißt du denn schon, ob dein Mann seine
-Schwiegereltern bei sich haben will?« fragte meine
-Frau.</p>
-
-<p>»Hach!« rief Roswitha mit unbekümmertem
-Lachen, »das werd' ich ihm schon so lange vorpredigen,
-bis er ja sagt.«</p>
-
-<p>Ist diese Kenntnis von der Macht der weiblichen
-Rede nicht verblüffend? Oder ist das nichts als
-weiblicher Instinkt?</p>
-
-<p>Und voll, gepfropft voll von rührenden und
-komischen Wundern ist dann die Zeit, da die Klarheit
-so weit vorgeschritten ist, daß Bewußtheit und
-Unbewußtheit das Gleichgewicht suchen und das
-Zünglein an der Wage unaufhörlich schwankt, die
-Zeit, da Leib und Seele die Stimme wechseln. Dann<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span>
-wollen sie beides sein, Kind und Weib, Junge und
-Mann. Dann sind zwei Seelen, ach, in ihrer Brust:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Die eine hält mit derber Liebeslust<br /></span>
-<span class="i0">Sich noch ans Spiel mit klammernden Organen;<br /></span>
-<span class="i0">Die andre hebt <em class="gesperrt">gewaltsam</em> sich vom Duft<br /></span>
-<span class="i0">Zu den Gefilden hoher&nbsp;&ndash;«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">ach, so zweifelhaft »hoher« &ndash; »Ahnen.« Dann will die
-vierzehnjährige Roswitha noch in einem höchst
-primitiven Indianerkostüm als Chingachgook im
-Garten umherspringen (»Das kann ich doch noch
-ruhig spielen, nicht, Mutter?«), um zwei Minuten
-später mit Entrüstung zu rufen: »Ich bin doch kein
-Kind mehr!« Dann benimmt sich der Faust-Darsteller
-und Hamburger Dramaturg Erasmus noch wie ein
-rechter Tertianer. Nicht im Wachen, o nein, da hält
-er die Ohren steif als Grand-Seigneur, aber im
-Schlaf. Er redet nämlich aus dem Traum und
-führt den Dialog weiter, wenn man ihm antwortet.
-Die Tür zu seinem Schlafzimmer stand offen, als
-ich vorüberging, und ich hörte ihn laut rufen.
-»Nanu!« rief er.</p>
-
-<p>»Was ist denn?« fragte ich.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em> (noch lauter und schwer entrüstet): »Nanu!!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Ich</em>: »Was gibt's denn?«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: »Es läutet ja gar nicht!!«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Ich</em>: »Warum soll es denn läuten?«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Er</em>: »Ist doch schon Elf!!!«</p>
-
-<p>Aha! Jetzt begriff ich. Er saß in der Schule,
-und die Lateinstunde wollte nicht rechtzeitig schließen.
-Daß so eine Lateinstunde anfängt, ist schon eine
-Gemeinheit von ihr; aber nicht rechtzeitig zu schließen
-&ndash; da kocht die Jünglingsseele. Im Schlafe war
-Lessing-Faust eben noch Pennäler.</p>
-
-<p>In solcher Dämmerung der Seele, in solch ambrosischer
-Nacht war's, daß Irene, die Selektanerin,
-die Fast-schon-Seminaristin, mit seltsamen Augen
-auf das Wunderknäul starrte, das ihre jüngste
-Schwester zum Geburtstage erhielt. Meine Frau
-sah diesen Blick, und als sie Irenen bald darauf
-ebenfalls ein Wunderknäul schenkte, da lag Irenen
-nichts ferner als Würde und Entrüstung und nichts
-näher als Freude und Lachen.</p>
-
-<p>Solch ein Wunderknäul ist ein Garnknäul, das
-einen ganzen Nibelungenhort von Ringen, Ketten,
-Seidenbändern, Schokolade usw. usw. in sich birgt.
-Wenn die Mädel nun bei fortschreitender Arbeit das
-Garn abwickeln, so kommen nacheinander alle diese<span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span>
-Kostbarkeiten zutage. Da gibt es viele Ahs! und
-Ohs!, viel Staunen und Lachen.</p>
-
-<p>Die Kindheit ist solch ein Wunderknäul. Eigentlich
-ist das ganze Leben solch ein Wunderknäul; aber
-dann sind auch andere Sachen darin. Und ein Glück
-ist es, der Abwickelung solch eines kindlichen
-Wunderknäuls mit offenen Augen zuzuschauen.</p>
-
-<p>Das unsere ist diesmal zu Ende; an seinem
-Faden sind wir an einen Ausgang des großen
-flimmerdunklen Irrgartens gelangt&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>&ndash; und treten nun wieder hinaus ins helle Licht,
-ins grelle Licht des Tages.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span></p>
-
-<h2 id="Im_Seebade">Im Seebade</h2>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Fragt eine Hausfrau, was es heißt: eine fünfwöchige
-Badereise für sieben Menschen vorzubereiten!
-Eine Art Moltke muß sie sein, der bis auf den
-letzten Knopf und Kragen einen Feldzug organisiert.</p>
-
-<p>Aber alle Sorgen, Berechnungen und Aufregungen
-solch einer Hausfrau um Koffer und
-Kasten sind nichts gegen Hertas Aufregungen um
-ihren neuen Puppenkoffer. Ihr müßt bedenken, es
-ist kein gewöhnlicher Puppenkoffer. Er hat Abteilungen
-für Hüte, Leibwäsche, Kleider, Toilettengegenstände
-usw. usw. und ist beinah so groß wie
-ein kleiner Menschenkoffer. Dieser Koffer ist ihr die
-Badereise; ohne ihn wäre die Badereise ein Garten
-ohne Pflanzen, eine Armee ohne Soldaten, ein Beefsteak
-ohne Fleisch. Es ist der Sinn der Badereise,
-daß man einen Koffer mitnehmen kann. Ich machte
-mir einen Scherz und sagte mit ernstem Gesicht:
-»Dein Puppenkoffer muß zu Hause bleiben; wir
-haben schon viel zu viel Gepäck.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span></p>
-
-<p>Da schaute aus Hertas braunen Augen ein vernichtetes
-Lebensglück. Das konnte ich keine drei
-Sekunden mit ansehen, und schnell sagt' ich: »Ja, ja,
-du darfst ihn mitnehmen.«</p>
-
-<p>Da war das Lebensglück wieder wie neu.</p>
-
-<p>Alle fünf großen Koffer machen meiner Frau
-nicht so viel Kopfzerbrechen wie Hertas Puppenkoffer.
-Sie mag im Erdgeschoß oder im ersten
-Stock, im Keller oder auf dem Boden sein &ndash; überall
-wird Herta wie aus der Versenkung neben ihr auftauchen
-und sie über die Dispositionen in ihrem
-Puppenkoffer um Rat fragen. Und dabei stellt sich
-leider ein empfindlicher Mangel heraus. Auf Sylt
-ist die Witterung zuweilen rauh, auch im Sommer,
-und Herta hat für ihre Puppen keine Winterkleider!
-Da erklärt sich Irene bereit, ihr das Nötige zu
-leihen. Und da schlägt Herta ihrer Schwester die Arme
-um den Hals und küßt sie, und dann schaut sie sie an und
-sagt mit den Augen: Ich schwöre dir unauslöschliche
-Dankbarkeit und ewige Liebe über das Grab hinaus.</p>
-
-<p>Drei Tage darauf war's, daß Herta bei Tisch
-ein allgemeines Schweigen durch den Ausruf unterbrach:
-»O Gott! Ich muß jeden Tag einmal sagen,
-daß ich glücklich bin!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span></p>
-
-<p>In ihrer Mutter Hände legt Herta überhaupt alles,
-was sie betrifft, ihr ganzes gegenwärtiges und künftiges
-Schicksal, auch die Wahl ihres dereinstigen Gatten.</p>
-
-<p>»Du suchst mir einen Mann aus, und dann sag'
-ich zu ihm: Du sollst mein Verliebter sein.«</p>
-
-<p>So denkt sie sich den Hergang. Ob er sich so
-einfach abspielen wird, bleibt abzuwarten.</p>
-
-<p>Was mich betrifft, so sind mir an der Badereise
-die Koffer nicht das Liebste; das Meer z. B. ist mir
-wesentlich lieber. Denn am Meere werd' ich
-faulenzen können! Sonst hab' ich zu dieser edlen Kunst
-kein Talent; ein verlorener Tag &ndash; wohlverstanden:
-nicht ein dem Vergnügen geweihter Tag, nein: ein
-vertrödelter, zwecklos verbummelter Tag hinterläßt
-mir einen schlimmeren Katzenjammer als sieben Glas
-Grog von schlechtem Rum &ndash; wenn ich sie trinken würde,
-meine ich &ndash;, aber am Meere kann ich faulenzen.
-Das Meer wiegt alle Gedanken ein, auch die Gedanken,
-die nicht schlafen wollen und nicht schlafen
-können, alle, alle; am Meere glaub' ich an die Vorstellung
-der Wilden, daß die Seele den Körper verlassen
-und sich auf eigene Hand ergehen könne.</p>
-
-<p>Und ich reise diesmal mit um so größerem Behagen,
-als meine Tochter Appelschnut mich über die<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span>
-Kosten vollständig beruhigt hat. Als wir schon in
-der Eisenbahn saßen, sagte ich: »Ich glaube, ich
-habe mein Portemonnaie vergessen.«</p>
-
-<p>»Pappi, ich hab' Geld mitgenommen!« rief
-Appelschnut.</p>
-
-<p>»Wie viel?«</p>
-
-<p>»Fünfßehn Fennige!«</p>
-
-<p>»Na also!« Zu allem Ueberfluß fand ich dann
-auch noch mein Portemonnaie.</p>
-
-<p>Aber nicht nur ein Portemonnaie habe ich mitgenommen,
-sondern auch Bücher. Ich beschränke
-mich darin und nehme selten mehr als ein Dutzend
-Bücher mit, da ich schon zehnmal erfahren habe, daß
-ich nur in vereinzelten Fällen eins davon zu Ende
-lese. Nachdem im Sand des Ufers eine tiefe
-»Kuhle« ausgegraben &ndash; so tief, wie es das Grundwasser
-erlaubt &ndash; und ringsherum ein hoher Burgwall
-mit Ausblick auf das Meer aufgeworfen worden,
-bette ich mich so weich und warm wie möglich
-in die Kuhle und nehme mein Buch zur Hand.
-Diesmal ist es ein dickleibiges biologisches Werk über
-die Pflanzen und Tiere des Meeres. Ich befinde
-mich auf der dritten Seite der Einleitung, als ich
-aus weiter Ferne »Nuuu!« rufen höre. Ich lese<span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span>
-weiter und höre gleich darauf lauter und dringlicher
-»Nuuu!« Da fällt mir ein, daß ich ja eigentlich mit
-meiner jüngsten Tochter Versteck spiele. In dieser
-Seeluft ist ein berauschender, benebelnder Tau, der
-alle Vorsätze, Versprechungen, Abmachungen, Hoffnungen
-und Befürchtungen in Traum und Dunst
-auflöst. Ich grabe mich also aus und mache mich
-auf, meine Tochter zu suchen. Ich sehe sofort ihren
-mächtigen roten Strandhut über einen Sandwall
-schimmern; aber ich suche sie natürlich lange und
-unter verzweifelten Ausrufen überall, wo sie nicht
-ist. Endlich »finde« ich sie: »Ach, da bist du!« Sie
-kreischt vor Vergnügen wie ein Seeadler und fliegt
-mir an den Hals. Auch von ihrem Munde kommt
-der Atem des Meeres.</p>
-
-<p>Nun muß ich mich verstecken. Sie drückt beide
-Hände vor die Augen und steckt den Kopf in den
-Sand, um nichts zu sehen. Ich nehme mein dickes
-Buch und setze mich hinter einen Strandkorb.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ich befinde mich auf der vierten Seite oben, als
-sich zwischen mich und das Buch ein roter Hut schiebt.</p>
-
-<p>»Vater, du mußt doch ›Nu!‹ rufen!«</p>
-
-<p>»Ach ja, wahrhaftig, entschuldige!«</p>
-
-<p>In dieser Luft wird ein Cato zum Windhund,<span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span>
-ein Regulus zum Wortbrecher, und ein Picus von
-Mirandola verliert das Gedächtnis. Ich sammle
-mich wieder auf, verstecke mich mit meinem Buch
-hinter der Dünentreppe und rufe: »Nu!«</p>
-
-<p>Ich bin auf der vierten Seite unten, als mir ein
-ganzer Mensch aufs Buch fällt und schreit: »Haaaa!
-Nu hab' ich dich!«</p>
-
-<p>»Nu muß du mich wieder suchen!« ruft sie und
-ist verschwunden wie ein Hauch.</p>
-
-<p>Man wird zugeben, daß dies nicht die Art ist,
-ein Dutzend Bücher zu bewältigen, zumal wenn man
-nach siebenmaligem Rufen und Verstecken mit
-Herta, der glücklichen Besitzerin des Puppenkoffers,
-»dritschern« muß. »Dritschern« heißt: einen flachen
-Stein so auf den Wasserspiegel werfen, daß er
-wiederholt abprallt, bevor er versinkt. Auch »dritschern«
-fördert die Lektüre nicht; aber als Vater
-kann man sich ihm nicht entziehen. Wie gut es ist,
-wenn man in der Jugend fleißig gewesen, das sehe
-ich jetzt: ich »dritschere« noch ziemlich schön. Aber
-Herta will es wie gewöhnlich im Anfang nicht
-gelingen, und daran ist weniger ein Mangel an
-Geschicklichkeit als die Ueberfülle von Kraft schuld,
-die sie an alles wendet. Wie Brunhilde im Wettkampf<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span>
-den Felsblock schleudert, so wirft sie ihr Steinchen.
-Aber auch die stille, die innere Kraft hat sie,
-und da gelingt es ihr schließlich doch, und als es ihr
-gelungen, da lacht sie hell mit dem Mund und heller
-mit den Augen, wirft mir die Arme um den Hals &ndash;
-ich weiß nicht, ob es Liebkosungen oder Schläge
-sind &ndash; und küßt mich.</p>
-
-<p>Herta, du siehst aus wie ein Symbol der
-Natur: Du küssest und zermalmst, und alles mit
-lachenden, unschuldsvollen Augen!</p>
-
-<p>Die ersten drei Jahre ihres Lebens war sie
-ununterbrochen krank, ein trauriges Würmchen, die
-nagende Sorge der Mutter. Da gingen wir alle eines
-Sommers in ein jütisches Fischerdorf an der Nordsee,
-und in diesem Dorf waren drei Wochen lang heulender
-Sturm, peitschender Regen und unentrinnbarer
-Dorschgeruch. Wir verwünschten das Dorf und reisten
-nach Hause, und von Stund' an war Herta gesund
-und ward fröhlich und stark. Wie oft verwünschen
-wir Toren das Glück, das wie Unglück aussieht!</p>
-
-<p>Schließlich entläßt mich Herta freilich in
-Gnaden zu meiner Lektüre; aber inzwischen hat
-Roswitha-Appelschnut neue Kräfte gesammelt. Als
-ich auf der fünften Seite oben bin (noch immer Einleitung!),<span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span>
-da tritt sie an mich mit dem Ersuchen
-heran, die gewohnten Zirkuskünste mit ihr zu
-exekutieren. Ich muß mich platt in den Sand legen;
-sie springt mit zehn Schritt Anlauf auf mich zu, und
-ich muß sie auffangen. Nach diesem »Todessprung«
-kniet sie in meine flachen Hände, und ich muß sie
-langsam und lotrecht emporheben. Dann folgt
-»Appelschnut, die Königin der Luft«. Ich strecke
-einen Arm hoch; sie legt sich mit dem Bauch auf
-meine flache Hand, streckt alle Viere nach den vier
-Himmelsrichtungen, und ich muß sie drehen. Lauter
-Sachen, mit denen ich im Wintergarten in Berlin
-ein Heidengeld machen könnte, wenn ich wollte.</p>
-
-<p>Aber plötzlich ist Appelschnut verschwunden. Wie
-ein Traum ist sie entflohen. Die Kinder gehen mit
-der Mutter zum Baden. Darum! Sie ist schon
-ganz ferne, hinter zwanzig Sandhügeln.</p>
-
-<p>Vor zwei Jahren war es noch anders. Da sah
-sie die weiß und grünen Wogen auf den Strand
-klatschen und in die Höhe spritzen, klatschte in die
-Hände, lachte, als ob das Herz zum Halse herausfliegen
-wolle, und dachte: Ei, was ist das Meer für
-ein Spaßmacher! Und gar nicht schnell genug ging
-ihr das Auskleiden, gar nicht früh genug konnte sie<span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span>
-dem Spaßmacher an den Hals springen! Mit
-offenen Armen sprang sie ihm jauchzend entgegen
-&ndash; und im nächsten Augenblick lag sie sieben Meter
-weiter zurück mit der Nase im Sand; sie hob den
-Kopf, sah sich mit grenzenloser Verblüffung um,
-schnappte nach Luft, und als sie sie endlich hatte,
-brüllte sie mit der Brandung um die Wette. Es
-war eine Art Nachbildung der berühmten Arie:
-»Ozean, du Ungeheuer!« O dieser abscheuliche
-Grobian von einem Spaßmacher! Sie wollte ihn
-umarmen und mit ihm tanzen, und er schmiß sie
-auf den Strand wie einen gemeinen Sandfloh!
-Kurz, sie war dem Meer auf ewig böse.</p>
-
-<p>Heute aber, da sie »schon groß ist«, hat sie
-Poseidon verziehen; sie weiß ihm um den Bart zu
-gehen und seinen täppischen Späßen zu entschlüpfen,
-und am liebsten ginge sie im Wasser zu Bett. Wenn
-sie nicht baden darf, so streift sie Rock und Höschen
-auf und watet durch sämtliche Lagunen und Lachen,
-die das ebbende Wasser zurückgelassen. Noch gestern
-abend rief sie, als meine Frau sie zu Bett bringen
-wollte: »Ach Mammi, bitte, bitte, noch einen Augenblick,
-hier ist noch so'ne himmlische Pfütze!«</p>
-
-<p>Appelschnut, Appelschnut, was wird der »Verein<span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span>
-zur öffentlichen Hebung der Moralität bei den
-Mitmenschen« dazu sagen, daß du von himmlischen
-Pfützen sprichst!</p>
-
-<p>Ja, sie ist schon so sehr mariniert, daß sie jetzt
-auch einen Matrosen zum Mann haben will.</p>
-
-<p>»Erst will ich Barmherzige Schwester werden,
-und dann werd' ich wohl 'n Bauern nehmen, damit
-ich recht viele Tiere krieg', und dann heirat' ich 'n
-Matrosen.« Es ist dabei zu bedenken, daß sie schon
-vier Spielkameraden Hoffnung auf ihre Hand gemacht
-hat und außerdem nach einer früheren
-Aeußerung an dem Gatten ihrer Schwester Herta
-teilhaben will. Sie wird das System Blaubart
-akzeptieren müssen.</p>
-
-<p>Und dabei sagt diese Dame, die sieben Männer
-haben will, noch statt »Badekabine«: »Kabadebine!«
-Jawohl, meine Frau und ich haben es wiederholt
-gehört: sie, die schon in richtigen Konjunktiven spricht
-und sogar Konzessivsätze riskiert, sagt noch »Kabadebine«.
-Und wir haben uns fein gehütet, sie zu
-korrigieren; das Wort war uns ein wundersam
-rührendes Ueberbleibsel aus jener Zeit, da sie noch
-durch die Sprache wie durch einen Urwald tappte
-und die wunderlichsten Blumen und Wege fand.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span></p>
-
-<p>Also ich darf mich jetzt einer Ruhepause erfreuen.
-Ich habe mir in einem großen Eimer allerlei Seegetier
-gesammelt und will jetzt so lange hineinsehen,
-bis ein kleiner Seestern mit seinen Saugfüßchen vom
-Grunde des Eimers bis oben an den Rand hinaufspaziert
-ist. Damit kann man sehr gut ein paar
-Stunden ausfüllen. Wenn ich dies Stück Arbeit
-erledigt habe und nicht allzu müde bin, will ich einer
-meiner Entenmuscheln so lange zuschauen, bis sie
-fünftausendmal ihre feinen Rankenfüße vorgestreckt
-und wieder eingezogen hat. Ja, wenn nicht mein
-Freund und Duzbruder Nazi wäre!</p>
-
-<p>Nazi ist ein Dreijähriger; aber er ist groß und
-dick wie ein Sechsjähriger. Er hat einmal gehört,
-daß er zu dick sei, um schnell zu laufen; seitdem erklärt
-er, wenn er sich tummeln soll: »Kann nich, schu
-dick!« Er fiel uns schon auf der Herreise in der
-Eisenbahn durch die energische Erklärung auf, daß
-er nicht in der »heißen Tütbahn« fahren wolle,
-sondern in der »kalten«. Die »Tütbahn« war
-natürlich die Eisenbahn, weil sie »Tüt« macht, und
-»heiß« war sie, weil er das Feuer unter dem Kessel
-der Lokomotive gesehen hatte. Das war ihm unheimlich
-gewesen, und darum verlangte er, kalt zu fahren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span></p>
-
-<p>Als ich mich kaum in die tiefsinnige Betrachtung
-meines Seesterns versenkt habe, höre ich den Ausruf:
-»Ich krieg' doch wasch schu eschen!«</p>
-
-<p>Aha, also Nazi. Als er mich einmal mit Sand
-beworfen hatte, rief ich: »Wart', du Schlingel, du
-kriegst heute nichts zu essen!«</p>
-
-<p>»Ich krieg' doch wasch schu eschen!« rief er.</p>
-
-<p>Ich tat, als wenn ich aufspringen wolle.</p>
-
-<p>Er kreischte, halb aus Furcht, halb vor Vergnügen,
-sprang drei Schritte zurück und schrie: »Ich
-krieg' doch wasch schu eschen!«</p>
-
-<p>Ich griff zähnefletschend nach einer Sandschaufel
-und schwang sie drohend.</p>
-
-<p>Er kreischte wieder, sprang wieder drei Schritt
-zurück und schrie abermals: »Ich krieg' doch wasch
-schu eschen!«</p>
-
-<p>Jetzt sprang ich zornbebend und wutschnaubend
-auf die Füße und lief drei Schritt auf ihn zu.</p>
-
-<p>Er lief sieben Schritt, blieb stehen und schrie
-dasselbe, und bei dem »doch« klappte seine Stimme
-jedesmal über. Auch mit diesem Spiel könnte ich
-eventuell meinen Kuraufenthalt ausfüllen; Nazi
-würde nichts dagegen haben; aber ich mach' es nur
-einmal vormittags und einmal nachmittags; dabei<span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span>
-werde ich immer noch, da Nazi fünf Wochen zu
-bleiben gedenkt, etwa siebzigmal alle Stadien der
-sittlichen Entrüstung darüber, daß Nazi etwas zu
-essen kriegt, durchlaufen müssen.</p>
-
-<p>Nachdem ich auch diesmal mein Pensum Wut geschäumt
-habe, wird Nazi auf den Eimer aufmerksam.
-Er guckt hinein und fragt: »Wasch isch dasch?«</p>
-
-<p>Ich nenne ihm die einzelnen Tiere.</p>
-
-<p>»Worum tut die immer scho?« Er macht die
-Bewegungen der Entenmuschel nach.</p>
-
-<p>»Sie holt sich was zu essen aus dem Wasser!«</p>
-
-<p>»Da isch ja gar nix schu eschen.«</p>
-
-<p>»Doch; da ist sehr viel zu essen; das kannst du
-nur nicht sehen.«</p>
-
-<p>»Worum nich?«</p>
-
-<p>»Weil es zu klein ist.«</p>
-
-<p>»Worum isch esch schu klein?«</p>
-
-<p>»Junge, das weiß ich nicht.«</p>
-
-<p>»Och, weisch doch mal!«</p>
-
-<p>Dja, wenn's an meinem Willen läge, dann wüßt'
-ich noch ganz was anderes.</p>
-
-<p>»O kuck mal!« ruft er plötzlich, »der Hund wackelt
-mit'n Henkel!«</p>
-
-<p>Ich bin natürlich sehr begierig, einen Hund<span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span>
-mit einem Henkel zu sehen. Richtig, da steht ein
-Hund mit einem aufwärts gekrümmten Schwanz,
-und mit diesem Schwanze wackelt er. Man kann
-den Schwanz gar nicht treffender bezeichnen, als ihn
-der Dichter Nazi bezeichnet hat.</p>
-
-<p>Endlich vermißt er meine Töchter, für die Nazi
-natürlich nächst Schlagsahne das Himmlischste auf
-der Welt ist.</p>
-
-<p>»Wo isch dein Mädschen?« fragt er.</p>
-
-<p>»Wen meinst du? Gertrud?«</p>
-
-<p>»Nein, Fräulein andere Gertrud!«</p>
-
-<p>»Irene?«</p>
-
-<p>»Nein, Fräulein andere Irene!«</p>
-
-<p>»Herta?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Die sind alle zum Baden. Willst du nicht auch
-baden?«</p>
-
-<p>»Nein, kann nich, schu dick,« ruft er und stapft
-mit den Säulen des Herkules durch den Sand von
-dannen.</p>
-
-<p>Ich lese nun die fünfte Seite der Einleitung zu
-Ende; da ich aber zum Umblättern zu erschöpft bin
-&ndash; ich werde hier allmählich zur Molluske &ndash;, so
-streck' ich mich zunächst einmal lang in den Sand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span></p>
-
-<p>Aaaaaaaaah &ndash; hahaaaaaa&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und ich brate in der Sonne.</p>
-
-<p>Und ich sehe fern, fern am Horizont ein kleines,
-weißes Segel, das will ich betrachten, bis es verschwindet.
-In jenem Schifflein sitzt meine Seele &ndash;
-ich weiß es! Und ich will meiner Seele nachschauen,
-bis sie in den veilchenblauen Himmel entschwindet.</p>
-
-<p>Indessen brät mein Leib in der Hölle, in dieser
-unsagbar molligen Hölle, die meinetwegen ewig sein
-kann. Man kann die Genüsse von Himmel und
-Hölle nicht bequemer vereinigen.</p>
-
-<p>Meinem Leibe ist wohl wie einem angespülten
-toten Seehund.</p>
-
-<p>Zuweilen ist es mir auch umgekehrt: dann liegt
-meine Seele hier am Strande und hat sich in
-Sonnenschein verwandelt, und mein Leib schwebt
-unsichtbar in den Lüften, aufgesogen von den Wolken,
-von der trinkenden und trinkbaren Luft.</p>
-
-<p>Meine Lungen sind vollständig betrunken von
-dieser Luft, und mein Leib schmort, und wenn ich
-noch ein wenig warte, wird er zu brutzeln anfangen.</p>
-
-<p>Wie es scheint, bestreut mich schon jemand mit
-Salz und Pfeffer; aber es ist nur Appelschnut, die
-mich mit Sand bestreut. Von unten anfangend,<span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span>
-bedeckt sie mich nach und nach vollständig mit Sand.
-Sollte ich wirklich nur noch ein toter Seehund sein?
-Ich opponiere nicht einmal, als mir der Sand
-zwischen Hals und Kragen rieselt, obwohl dies kein
-eigentlich angenehmes Gefühl verursacht. Ein toter
-Seehund faßt keine Entschlüsse mehr.</p>
-
-<p>»O Pappi, laß uns mal Pferd spielen!« ruft
-Appelschnut plötzlich.</p>
-
-<p>Aber ich bin von meinen Forschungen über dem
-Wassereimer so angegriffen, daß ich ihr vorschlage,
-lieber Kuchen und Häuser zu backen, ein Geschäft,
-das man ohne große Veränderung der Körperlage
-etablieren kann. Sie ist sofort einverstanden, und
-wir backen in zehn Minuten eine amerikanische
-Großstadt mit Häusern, Kirchen und Kuchenläden.
-Allerdings bauen wir mit stetig wachsendem Arbeitspersonal.
-Nach fünf Minuten ist nahezu die ganze
-unmündige Strandbevölkerung auf der Arbeitsstätte
-versammelt. Und als ich nach abermals fünf
-Minuten emsig damit beschäftigt bin, in einem
-Garten sämtliche Blumen und Gemüse anzubauen,
-die sich aus Strandhafer herstellen lassen, empfinde
-ich um mich her eine abgrundtiefe Stille. Ich hebe
-den Blick: meine Arbeitsgenossen sind schon in<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span>
-weiter, weiter Ferne; sie haben längst ein anderes
-Spiel begonnen, und Appelschnut hüpft über die
-fernsten Hügel wie eine wandernde Mohnblume.</p>
-
-<p>Verwaist, vergessen und öde liegt die Stadt.
-Schon beginnt der Wind, sie zu verwehen, die Flut,
-sie zu benagen. Nie wieder wird die eben noch
-Lebendige ein Hauch des Lebens erwecken; in einer
-Stunde wird sie verschwunden sein. Wunderbare
-Welt des Meergestades! Selbst Kinderträume verwehen
-in dieser Luft noch schneller als drinnen im
-Land, und tiefer noch als anderswo senkt sich ins
-Herz das Gefühl: Auch deine Wünsche sind wandernder
-Staub. Du brauchst nicht nach Aegypten zu gehen:
-diese verlassene Stadt der Kinder ist Memphis.</p>
-
-<p>Aber auch die beschauliche Ruhe ist hier vergänglich;
-schon kommt Roswitha wieder herbeigesprungen.</p>
-
-<p>»Mutti!« ruft sie erregt.</p>
-
-<p>Ich wundere mich, daß sie mich als Mutter anredet,
-und sehe mich um &ndash; ach so: meine Frau liegt
-neben mir im Sand.</p>
-
-<p>»Mutti, Erna is immer so eisch; wenn wir
-spielen, dann macht sie immer Streit und wirft uns
-Sand ins Gesicht. Sei man gar nich mehr so nett
-mit ihr; wir sind alle von ihr weggegangen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span></p>
-
-<p>In diesem Augenblick geht Erna, eine von den
-weniger erfreulichen Badebekanntschaften, weinend
-vorüber.</p>
-
-<p>»Mutter, sie weint,« sagt Appelschnut, »soll ich
-sie mal fragen, ob sie wieder gut mit uns sein will?«</p>
-
-<p>»Ja, frag' sie nur.«</p>
-
-<p>Nach einer kleinen Minute wandern Erna und
-Appelschnut wieder Arm in Arm. Auch Roswithens
-Zorn verrinnt und verweht wie Wind und Welle.</p>
-
-<p>»Was spielt ihr denn?« fragt meine Frau.</p>
-
-<p>»Ach, wir spielen so fein! Krankenhaus! Mit
-unsern Puppen! Einer is heute schon dreimal operiert
-worden, un denn hat er noch Scharlach un Cholera!«</p>
-
-<p>Allmächtiger! Je verzweifelter die Fälle sind,
-desto vergnügter sind diese Barmherzigen Schwestern.
-Patienten mit weniger als drei Krankheiten scheinen
-gar nicht aufgenommen zu werden.</p>
-
-<p>»Eben is auch 'n kleines Baby geboren worden,
-noch kein Jahr alt und hat schon 'n Keuchhusten!«</p>
-
-<p>»Na, da habt ihr ja alle Hände voll zu tun,«
-ruft meine Frau lachend.</p>
-
-<p>»Ja!« rufen stolz die beiden wie aus einem
-Munde, und schon sind sie wieder über den Bergen
-bei den sieben Zwergen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span></p>
-
-<p>»Ich krieg' doch wasch schu eschen!« schreit es nah
-bei meinem Ohr.</p>
-
-<p>Nee, is nich, Nazi. Mein Morgenpensum ist erledigt.</p>
-
-<p>»Ach, da ist ja mein Nazi!« ruft meine Frau.
-»Komm, sag' mir mal Guten Tag.«</p>
-
-<p>»Kann nich &ndash; schu dick!« versichert er mit Ueberzeugung.</p>
-
-<p>»Ja, wenn du zu dick bist, darfst du ja auch keine
-Schokolade essen.«</p>
-
-<p>Nein, nein, das ist eine mißverständliche Auffassung;
-für Schokolade ist er nicht »schu dick«.</p>
-
-<p>Die magnetischen Kräfte der Schokolade sind
-von der Wissenschaft, wie mir scheint, noch entfernt
-nicht in ihrer Gewalt erkannt. Wie aus dem Boden
-gestiegen, umstehen meine Frau im nächsten Augenblick
-mehrere eigene Kinder, zwei Schwestern des
-Herrn Nazi und einige weitere Strandbevölkerung.</p>
-
-<p>Als Nazi auf dem Schoß meiner Frau sitzt, guckt
-er ihr minutenlang in die Augen. Irgend etwas
-tieferes Philosophisches scheint sich in ihm zu entwickeln.
-»Kannsch du mit deinen Augen schehen?«
-fragt er schließlich.</p>
-
-<p>»Ja gewiß, Nazi! Warum soll ich mit meinen
-Augen nicht sehen können?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span></p>
-
-<p>»Deine Augen schind ja scho dunkel!« meint er.</p>
-
-<p>Dieser Ausspruch Nazis ruft in der Korona seiner
-weiblichen Verehrer einen Sturm des Entzückens
-hervor.</p>
-
-<p>»Ist er nicht zu süß?« jubelt Herta. »Gott! Solch
-einen kleinen Bruder möcht' ich auch noch haben!«</p>
-
-<p>Aber Nazis sechsjähriges Schwesterchen spricht
-ein ernstes und passendes Wort:</p>
-
-<p>»Tu das lieber nich, Herta,« sagt sie, »da is
-viel Arbeit bei.«</p>
-
-<p>Meine Frau ist durchaus der gleichen Meinung
-und drückt ihrer verstehenden Mitschwester dankbar
-die Hand.</p>
-
-<p>Es ist auch zu bedenken, daß ich nicht nur schon
-fünf eigene Kinder habe, sondern daß ein allerliebstes
-kleines blondlockiges Mädel, ein Püppchen
-aus lauter Grazie und Spitzen, sich mir vollständig
-attachiert und mich ohne alles Verdienst mit Standhaftigkeit
-»Vater« nennt. Auch sie ist schuld, daß ich
-die Einleitung meines biologischen Wälzers nicht zu
-Ende lesen kann. Wenn sie ihrer Puppe das Bett
-macht, packt sie mir mit den Worten »Vater, halt'
-mal, bitte!« erst die Paradedecke aufs Buch, darauf
-das Deckbett, dann das Kopfkissen, hierauf das<span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span>
-Bettlaken und endlich Matratze und Pfühl, und ich
-kann nicht eher weiterlesen, als bis alles in der umgekehrten
-Reihenfolge, gehörig geklopft und gelüftet,
-wieder in den Puppenwagen gelegt worden
-ist. Und ferner ist zu bedenken, daß ich ja schon
-einen Nazi habe, einen viel längern als diesen,
-nämlich den Obertertianer Erasmus. Wenn ihr
-einmal ein Füllen auf einer großen Weide beobachtet
-habt, dann habt ihr eine Vorstellung von Erasmus
-im Seebade. Solch ein Füllen, wie ihr wißt, steht
-in diesem Augenblicke still und nachdenklich da, um
-ganz plötzlich und unvermittelt den Kopf in den
-Nacken zu werfen, die Mähne zu schütteln und mit
-geblähten Nüstern, wiehernd, den Rasen stampfend
-und die Hufe gegen den Himmel werfend, zwanzigmal
-die weite Wiese zu umrasen, und in seinem
-Gewieher ruft es: »Ihr lächerlichen Menschen, wie
-lächerlich klein ist eure Erde!« So auch Erasmus.
-Wenn vom Gefäß seiner Jugendkraft plötzlich der
-Pfropfen sich löst und knallend in die Luft fliegt,
-dann wird er zum jugendlichen Steppenroß, das fliegenden Laufes
-die Dünen und Sandwüsten der Insel
-durchstampft, und wenn ihn der Hafer sticht, wiehert
-er mit ungemeiner Naturtreue. Es ist sehr wahrscheinlich,<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span>
-daß die Zentauren der griechischen Mythologie
-ursprünglich wildlebende Obertertianer waren.</p>
-
-<p>Dabei zeigt dieses Natur- und Fabelwesen zu andern
-Zeiten Momente einer überlegenen Ironie. Als
-er eines Morgens aus seinem Bette stieg, bemerkte
-meine Frau, daß er aus dem einen Zipfel seines langen
-Nachthemdes einen riesigen Knoten gemacht hatte.</p>
-
-<p>»Was soll denn das?« rief meine Frau.</p>
-
-<p>»Das soll mich daran erinnern, daß ich noch
-Cäsar präparieren muß.«</p>
-
-<p>Das war freilich schon stark gegen Ausgang der
-Ferien.</p>
-
-<p>Jeden Mittag um zwölf Uhr kommt Erasmus
-an meine Sandfeste, um mich zum Baden abzuholen.
-Bei Obertertianern muß man die Badestunde immer
-unmittelbar vor das Diner legen, weil nur eins die
-Kraft hat, sie wieder aus dem Meere hervorzulocken:
-die Tischglocke.</p>
-
-<p>Wenn wir dann zum Essen gehen, müssen wir
-auch an Nazis Tisch vorbei. Sein Vater erlaubt ihm
-nicht, die Versicherung, daß er doch was zu essen
-kriege, laut durch den Saal zu schreien; aber er
-blinzelt mir heimlich mit boshaftem Frohlocken zu,
-und ebenso heimlich schüttle ich grollend die Faust.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_277">[277]</a></span></p>
-
-<p>Wir entwickeln alle einen ziemlich gleichmäßigen
-Appetit, den bekannten nördlichen Luft- und Meerhunger;
-aber Appelschnut wollte ihre Milch nicht
-trinken. Da habe ich sie dazu überredet, ihre Mutter
-regelmäßig bei Tische »anzuführen«. Ich gab ihr
-den teuflischen Gedanken ein, ihre Milch heimlich
-auszutrinken, dann zur Mutter zu sagen: »Ich mag
-keine Milch!«, und wenn die Mutter sie dann tadelte,
-ihr triumphierend das leere Glas zu zeigen. Das
-wiederholen wir nun bei jeder Mahlzeit und &ndash;
-merkwürdig! &ndash; jedesmal fällt meine Frau wieder
-darauf hinein, und jedesmal tauschen Appelschnut
-und ich danach einen Blick der freudigen Genugtuung:
-»Sie ist richtig wieder auf den Leim
-gegangen!«</p>
-
-<p>Bei Tische muß ich, einem stillschweigenden
-Uebereinkommen gemäß, ein gewisses Quantum
-Witze für den Hausgebrauch machen, zum Beispiel
-wenn der Roquefort, der Maden hat, durch einen
-Camembert abgelöst wird, muß ich sagen: »<em class="antiqua">Le
-Roquefort est mort, vive le Camembert!«</em> oder so
-etwas Aehnliches; der Nachmittag aber gehört dann
-allerdings vorwiegend der Ruhe. Zwar nehme ich,
-in der Sandgrube liegend, die Biologie der Meerorganismen<span class="pagenum"><a id="Seite_278">[278]</a></span>
-vors Gesicht, aber doch nur in dem
-vollen Bewußtsein, daß dieses Bewußtsein schon nach
-Beendigung des ersten Vordersatzes schwinden werde.</p>
-
-<p>Natürlich: wenn ich von Ruhe gesprochen habe,
-so hat das keinen Bezug auf die Kinder. Kinder
-haben ein so ruhiges Herz, daß Haupt und Glieder
-der Ruhe nicht bedürfen. Ich habe denn auch kaum
-das Quantum Schlaf genossen, dessen man nach
-einem solchen Vormittage dringend bedarf, als mir
-aus Traumeshimmeln etwas ziemlich Schweres,
-Warm-Lebendiges auf den Magen fällt. Selbstverständlich
-Appelschnut.</p>
-
-<p>»O Pappi, wir spielen zu fein! Karl is der
-Wolf, un ich bin das Pferd, un denn kämpfen wir
-uns immer mit'nander!«</p>
-
-<p>Ich habe also ein Pferd auf dem Schoß. Auch in
-diesem Augenblick, da sie auf meinem Schoße sitzt,
-fühlt sie sich vollkommen als Pferd. Aber das Pferd
-hat einen sehr kräftigen Schmutzfleck im Kleid.</p>
-
-<p>»Roswitha, wie hast du das schöne neue Kleid
-beschmutzt!«</p>
-
-<p>»Ach, das war so naß geworden, und da wollt'
-ich es mit Sand wieder reinmachen, un da war es
-mit ein'mal so schmutzig.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_279">[279]</a></span></p>
-
-<p>Der Sand muß starke Beimengungen von rötlichem
-Ton gehabt haben.</p>
-
-<p>»Sag' es man nicht erst Mutter,« meint sie, »sie
-ärgert sich bloß.«</p>
-
-<p>Diese Besorgnis um die Mutter finde ich ergreifend.</p>
-
-<p>»Ich weiß ja, mein süßes Väterchen sagt nichts,«
-dabei wirft sie mir die Arme um den Hals, küßt mich
-und trabt mit dem Wolfe davon.</p>
-
-<p>Nicht einen Augenblick ist ihr der Gedanke gekommen,
-daß es für ein Pferd absurd ist, sich auf
-den Schoß seines Vaters zu setzen und ihn zu küssen.</p>
-
-<p>Nach einer Viertelstunde kommen Pferd und
-Wolf wieder auf mich zugerannt, und das Pferd ruft
-in großer Erregung: »Vater, Karl will nich glauben,
-daß die Erde sich immer so rumdreht!«</p>
-
-<p>Als Anhänger des Kopernikanischen Systems
-bestätige ich, daß die Erde sich immer so rumdreht.</p>
-
-<p>Karl wird nachdenklich.</p>
-
-<p>»Er meint, dann fallen wir ja alle um!« ruft
-Appelschnut.</p>
-
-<p>»Nein, die Erde hält uns fest und nimmt uns
-alle mit.«</p>
-
-<p>»Wir drehn uns auch alle!« erklärt Appelschnut.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_280">[280]</a></span></p>
-
-<p>»Die Schaufel auch?« fragt Karl, auf eine im
-Sand steckende Schaufel zeigend.</p>
-
-<p>»Die Schaufel auch,« bestätige ich.</p>
-
-<p>»Der Strandkorb auch?« &ndash; »Der Strandkorb
-auch.« &ndash; »Du auch?« &ndash; »Ich auch. &ndash; Und du auch.«</p>
-
-<p>»Ich?« &ndash; »Ja.«</p>
-
-<p>»Hähäää &ndash; das ist nicht wahr!« ruft Karl mit
-überlegenem Lachen, und vor dieser Ueberlegenheit
-muß ich wie schon so oft in meinem Leben verstummen.
-Karl dreht sich nicht mit.</p>
-
-<p>Und so verfließt der Nachmittag, so verfließt der
-Tag, und gleich auf den ersten Tag folgt der letzte
-Tag. Ganz anders ist es als in den Tagen der
-Schöpfung. Da heißt es: »Es ward aus Abend und
-Morgen ein Tag.« Hier müßte es heißen: »Aus
-Abend und Morgen werden vierzig Tage, hundert
-Tage, tausend Tage.« Was zwischen dem ersten
-und dem letzten Tage liegt, ist ein stilles, ewiges
-Fließen von Wasser und Wind, von Atem und
-Traum, und so wenig du die Tropfen im Meere
-zählst, so wenig dir daran liegt, sie zu zählen, so
-wenig achtest du hier der Tage im Meere der Zeit.</p>
-
-<p>Wehmütig raffen die Kinder am letzten Tage den
-kleinen Hausrat unserer flüchtigen Wohnstatt zusammen;<span class="pagenum"><a id="Seite_281">[281]</a></span>
-wehmütig steh ich dabei, das Werk über die
-Pflanzen und Tiere des Meeres mit seiner unausgelesenen
-Einleitung in der Hand haltend. Da höre ich
-aus weiter Ferne ein Krähen. Ich suche lange nach
-dem Ursprung dieses Schalles und finde endlich oben
-am Rand einer hohen Dünenklippe zwei Menschen,
-die wie eine Dame und ein Kind aussehen. Da der
-Wind herübersteht, so höre ich endlich mit angespanntestem
-Gehör: »Ich krieg' doch wasch schu essen!«</p>
-
-<p>Da reiß' ich von unserer verfallenen Strandburg
-einen mächtigen Pfeiler los, pack' ihn mit beiden
-Händen und schüttle ihn mit furchtbarer Drohung.</p>
-
-<p>Und der Wind trägt mir ein letztes, jauchzendes
-Kinderlachen zu.</p>
-
-<p>Und ganz zuletzt erlebe ich noch etwas Wundersam-Schönes.</p>
-
-<p>Mein Töchterlein hat hier eine Freundin gefunden,
-die heißt Else. Totweinen würde sie sich,
-wenn sie Else niemals wiedersehen solle, so hat
-Irene erklärt. Nun umwandern sie, um Hals und
-Hüfte innig Arm und Arm geschlungen, die Reste
-unserer Strandburg und singen.</p>
-
-<p>Irene singt: »Nun ade, du mein lieb Elseland,
-lieb Elseland, ade!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_282">[282]</a></span></p>
-
-<p>Das Land, wo sie Else kennen gelernt, ist ihr ein
-Elseland geworden.</p>
-
-<p>Else singt: »Nun ade, du mein Irenenland,
-Irenenland, ade!«</p>
-
-<p>Das Land, wo sie Irene fand, ist ihr ein Irenenland
-geworden.</p>
-
-<p>»Irene« ist »der Friede« &ndash; das weiß Else vielleicht
-nicht einmal.</p>
-
-<p>Kinder, ihr singt ein tiefsinniges Lied.</p>
-
-<p>Nun ade, du mein Irenenland&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_283">[283]</a></span></p>
-
-<h2 id="Inhalt">Inhalt</h2>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td>Die Marienbader Kur</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Marienbader_Kur">5</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Ziege</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Ziege">33</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die späte Hochzeitsreise</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_spaete_Hochzeitsreise">53</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Hosentaschen des Erasmus</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Hosentaschen_des_Erasmus">101</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Flieh, auf, hinaus ins weite Land!</td>
- <td class="tdr"><a href="#Flieh_auf_hinaus_ins_weite_Land">119</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der süße Willy</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_suesse_Willy">137</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Ernsthafte Predigt vom Kommersieren</td>
- <td class="tdr"><a href="#Ernsthafte_Predigt_vom_Kommersieren">195</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der große Irrgarten</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_grosse_Irrgarten">221</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Im Seebade</td>
- <td class="tdr"><a href="#Im_Seebade">253</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_285">[285]</a></span></p>
-
-<div class="adv">
-<p class="center">
-Von Otto Ernst erschienen ferner<br />
-im Verlage Ullstein &amp; Co, Berlin:<br />
-</p>
-
-<p class="center">In der Sammlung der Ullstein-Bücher</p>
-
-<p class="h2">Laßt Sonne herein!</p>
-
-<p class="noind">Eine Sammlung heiterer Geschichten und
-Plaudereien des bekanntesten und beliebtesten
-Humoristen unserer Zeit, ein lachender
-Sorgenbrecher, der überall willkommen ist.</p>
-
-<p class="center">In der Sammlung der Jugendbücher</p>
-
-<p class="h2">Gulliver in Liliput</p>
-
-<p class="noind">Der Hamburger Dichter erzählt hier der
-Jugend die lustigen und zugleich lehrreichen
-Abenteuer des Seemannes Gulliver im
-sagenhaften Zwergenlande der Liliputaner.</p>
-
-<p class="center">
-Preis 1 Mark
-</p>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_286">[286]</a></span></p>
-
-<div class="adv">
-<p class="h2">Von Otto Ernst erschienen ferner:</p>
-
-<p>Im Verlag <em class="gesperrt">L. Staackmann</em>, Leipzig:</p>
-
-<p class="adv">Semper der Mann, Roman. 30. Tausend.</p>
-<p class="adv">Semper der Jüngling, Roman. 65. Tausend.</p>
-<p class="adv">Asmus Sempers Jugendland, Roman. 100. Tausend.</p>
-<p class="adv">Appelschnut, humoristische Plaudereien, reich illustriert. 35. Tausend.</p>
-<p class="adv">Ein frohes Farbenspiel, humoristische Plaudereien. 30. Tausend.</p>
-<p class="adv">Vom geruhigen Leben, humoristische Plaudereien. 35. Tausend.</p>
-<p class="adv">Vom grüngoldnen Baum, humoristische Plaudereien. 28. Tausend.</p>
-<p class="adv">Aus meinem Sommergarten, humoristische Plaudereien. 21. Tausend.</p>
-<p class="adv">Sankt Yoricks Glockenspiel, Satiren, Schwänke, Schnurren, Aphorismen usw. 10. Tausend.</p>
-<p class="adv">Der süße Willy, Humoreske. 22. Tausend.</p>
-<p class="adv">Besiegte Sieger, Novellen. 6. Tausend.</p>
-<p class="adv">Kartäusergeschichten, Novellen. 7. Tausend.</p>
-<p class="adv">Gedichte. 4. Tausend.</p>
-<p class="adv">Glimmen des Mittags, Gedichte. 4. Tausend.</p>
-<p class="adv">Siebzig Gedichte. 30. Tausend.</p>
-<p class="adv">Bannermann, Schauspiel. 3. Tausend.</p>
-<p class="adv">Flachsmann als Erzieher, Lustspiel. 34. Tausend.</p>
-<p class="adv">Die Gerechtigkeit (Revolverjournalisten), Lustspiel. 6. Tausend.</p>
-<p class="adv">Die größte Sünde, Trauerspiel. 8. Tausend.</p>
-<p class="adv">Die Liebe höret nimmer auf, Tragikomödie. 5. Tausend.</p>
-<p class="adv">Jugend von heute, Lustspiel. 14. Tausend.</p>
-<p class="adv">Ortrun und Ilsebill, Märchenkomödie. 3. Tausend.</p>
-<p class="adv">Tartüff der Patriot, Lustspiel. 3. Tausend.</p>
-<p class="adv">Blühender Lorbeer, Aufsätze. 10. Tausend.</p>
-<p class="adv">Laßt uns unsern Kindern leben! Aufsätze. 10. Tausend.</p>
-<p class="adv">Nietzsche, der falsche Prophet. 5. Tausend.</p>
-<p class="adv">Gewittersegen, ein Kriegsbuch. 11. Tausend.</p>
-
-<p>Im Verlag <em class="gesperrt">M. Glogau jr.</em>, Hamburg:</p>
-
-<p class="adv">Hamborger Schippergeschichten, Plattdeutsch nach Drachmann. 8. Taus.</p>
-
-<p>Jugendschriften</p>
-
-<p>Im Verlag <em class="gesperrt">Jos. Scholz</em>, Mainz:</p>
-
-<p class="adv">Der Kinder Schlaraffenland, illustriert. 10. Tausend.</p>
-
-<p>Im Verlag <em class="gesperrt">G. W. Dietrich</em>, München:</p>
-
-<p class="adv">Hinaus ins Freie! Illustriert. 5. Tausend.</p>
-
-<p>Im Verlag <em class="gesperrt">Union</em> Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart:</p>
-
-<p class="adv">Robinson Crusoe, neu erzählt und reich illustriert. 10. Tausend.</p>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_287">[287]</a></span></p>
-
-<div class="adv">
-<p class="h2">Ullstein-Bücher</p>
-
-<p class="center">Neue Bände:</p>
-
-<p class="h2">Besser Herr als Knecht</p>
-
-<p class="center">von Fedor von Zobeltitz</p>
-
-<p class="noind">Ein deutscher Balkanfürst, eine ritterliche Phantasiefigur, ist
-der Träger der Eisernen Krone, ist der Held des Romans. Er
-hat die Züge Alexanders von Bulgarien, des Battenbergers.
-Sein Schicksal erhält durch Zobeltitz das Kolorit, die szenischen
-Wirkungen eines großen, spannenden Theaterstücks. Vom Berliner
-Hof des alten Kaisers, von einer märkischen Garnison,
-von der Burg eines reichsunmittelbaren deutschen Hauses
-geht es hinüber in den abenteuerlichen Halborient.</p>
-
-<p class="h2">In der Kommandantenkajüte</p>
-
-<p class="center">von Hans Wilhelm Hollm</p>
-
-<p class="noind">Marinegeschichten, an Bord erzählt, im vertrauten Beisammensein
-der Kameraden: Erinnerungen an den Zauber der
-Südsee, vom Heimweh nach der Ferne, nach dem frohen Leichtsinn
-der Jugend heraufbeschworen, Geschichten vom Finden
-und Auseinandergehn, von Abschied und Wiederbegegnung,
-heitere und ernste Lebensepisoden. Ein deutscher Seeoffizier
-ist der Verfasser des prachtvoll frischen und prachtvoll ehrlichen
-Buches, das überall die Herzen höher schlagen lassen wird.</p>
-
-<p class="h2">Der belagerte Tempel</p>
-
-<p class="center">von Thea von Harbou</p>
-
-<p class="noind">Das Werk Theas von Harbou, das mit starkem Griff hineingreift
-ins Leben, ist ein Roman der deutschen Bühne zur Kriegszeit.
-Alle Typen des Schauspielertums treten auf, inmitten
-ernster und froher, leidenschaftlicher und stiller, rauher und weihevoller
-Szenen. Ein letzter, südlicher Sommertraum unter den
-Zypressen Capris geht der wuchtig geführten Handlung voran.</p>
-
-<p>Jeder Band 1 Mark</p>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_288">[288]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="" />
-<div class="caption">Berlin SW 68<br />Ullstein &amp; Co</div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<div class="transnote" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.</p>
-
-<p>Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-
-<div class="corr">
-<p>
-S. 233: vel → viel<br />
-für die das Wasser <a href="#corr233">viel</a> zu tief war</p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Das Glück ist immer da!, by Otto Ernst
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GLÜCK IST IMMER DA! ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
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-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
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-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
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- gbnewby@pglaf.org
-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
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-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
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-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
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